Kapila Vatsyayan

Kapila Vatsyayan (Hindi कपिला वात्स्यायन; * 25. Dezember 1928 in Delhi; † 16. September 2020 in Neu-Delhi) war eine indische Wissenschaftlerin auf dem Gebiet der Künste und des Tanzes sowie eine Politikerin.
Leben
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Kindheit
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Kapila Vatsyayan fing mit acht Jahren an, Tanzarten zu lernen, die sie lebenslang weiter lernte, darunter Kathak, Manipuri und Odissi bei bekannten Lehrern und Gurus,[1] da zunächst ihre Mutter Satyawati Malik, eine indische Schriftstellerin, dies als nötig erachtete, später auch sie selbst.[2]
Studium
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Vatsyayan erwarb einen Master-Abschluss in englischer Literatur an der Universität Delhi, wo sie Techniken des modernen Tanzes und der Literaturwissenschaft kennenlernte und praktischen Tanz gleichzeitig bei professionellen Tänzern in Chennai lernte, wie zum Beispiel den Shantiniketan-Stil von Rabindranath Tagore und Rukmani Devi’Arundale. So konnte sie Hintergrundwissen und Strukturen zum praktischen Können entwickeln.[3] Durch das Lesen der Upanishaden und von Kulturphilosophen wie Ananda Coomaraswamy entwickelte sie ein Verständnis für Tanz als Weg zur Selbsterkenntnis.[4]
Anschließend absolvierte sie einen zweiten Master-Studiengang in Pädagogik an der University of Michigan in Ann Arbor. Sie promovierte danach an der Banaras Hindu University in Tanz und Skulptur und verknüpfte so ihre Verbundenheit zur indischen Tradition mit wissenschaftlichem Denken.[4]
Sie vertiefte auch ihre schon vorhandenen Grundlagen in Sanskrit, Indologie und Archäologie.[2]
1950er Jahre bis zur Jahrtausendwende
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Vatsyayan unterrichtete nach dem Studium an den Universitäten von Delhi, Banaras, Philadelphia und Kalifornien.[5]
Im Jahr 1954 wurde sie nach der Wahl von der Union Public Service Commission (UPSC) stellvertretende Bildungsberaterin im Bildungsministerium und wurde im Anschluss daran Staatssekretärin für Kunst.[6]
Im selben Jahr trat sie in einer Ballettaufführung am nationalen Tanzfestival auf.[1]
Sie heiratete den Hindi Schriftsteller S.H. Vatsyayan (Künstlername Ajneya) und trennte sich 1969 wieder.[6]
Vatsyayan unterstützte 1967 das Errichten des zentralen Instituts für höhere Tibetanische Studien in Sarnath-Varanasi, ebenso 1977 das Indira Gandhi Rashtriya Manav Sangrahalaya in Bhopal, das Zentrum für kulturelle Ressourcen und Training in Delhi im Jahr 1979 und das nationale Indira Gandhi Zentrum für Kunst (= Indira Gandhi National Centre for the Arts, IGNCA) in Delhi im Jahr 1985, das sie erfolgreich leitete. Ihr gelang die Überführung von einem System jährlicher Zuschüsse zu einer Stiftungsfinanzierung, um die institutionelle Eigenständigkeit, Rechenschaftspflicht und Autonomie des Zentrums dauerhaft zu sichern.[6]
Sie wurde Mitglied der Sangeet Natak Akademi im Jahr 1970 und der Lalit Kala Akademie im Jahr 1995.[2]
1986[4] bzw. 1987 wurde sie Gründungsmitglied des Kuratoriums und Geschäftsführerin des Indira Gandhi National Centre for the Arts in Delhi.[3][5] Im Jahr 1993 wurde sie zur akademischen Direktorin ernannt, ein Amt, das sie bis zum Jahr 2000 innehatte, als sie von einer von der Bharatiya Janata Party (BJP) geführten Mitte-Rechts-Regierung in den Ruhestand versetzt wurde.[6]
Von 1997 bis 2001 war sie Präsidentin des India International Centre (IIC)[6] und hatte 1997 auch eine kleine Rolle in einem Hindi-Film namens Swara Mandal.[1]
Jahrtausendwende bis 2020
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Ab 2003 war sie Vorsitzende des IIC-Asien-Projekts, das 2016 in „Internationale Forschungsabteilung“ umbenannt wurde.[6]
Außerdem war sie Vizepräsidentin des Indischen Rates für kulturelle Beziehungen.[3]
Kapila Vatsyayan vertrat Indien im Exekutivrat der Organisation der Vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur bei der UNESCO von 2004 bis 2009.[1]
Als 2005 eine vom Indischen Nationalkongress geführte Mitte-Links-Regierung, die United Progressive Alliance (UPA) an die Macht gekommen war, wurde sie zur Vorsitzenden der Einrichtung ernannt, 2007 aber wieder ersetzt. Sie blieb weiterhin Mitglied des Kuratoriums.[6]
Während der aktiven Zeit unterstützte sie eine Vielzahl nationaler Hochschulen, wie die Nationale Akademie für Musik und Theater (= National Academy of Music and Drama), die Nationale Akademie der Bildenden Künste (= National Academy of Fine Arts) und die Nationale Akademie für Literatur (= National Academy of Literature).[3]
Sie wurde 2006 als Mitglied des Oberhauses des indischen Parlaments, des Rajya Sabha, nominiert, trat jedoch im März 2006 zurück[6] und wurde im April 2007 erneut inn das Parlament berufen. Ihre Amtszeit endete im Februar 2012.[6]
Tod
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Kapila Vatsyayan starb am 16. September 2020 im Alter von 92 Jahren in ihrem Haus in Neu-Delhi.[1]
Schwerpunkte
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Kunst
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Vatsyanyan war bekannt für ihre Zusammenarbeit mit großen Künstlern wie Koodiyattam-Meister Guru Mani Madhava Chakyar und spielte eine entscheidende Rolle bei der Bewahrung des Erbes klassischer indischer Kunstformen.[3]
Vatsyayans Kunstverständnis war interdisziplinär. Sie bezog bei ihren Tanztheorien ihr Wissen aus Literatur, Bildhauerei, Malerei, Musik und Theater mit ein. Da sie sich für klassische Tanzformen begeisterte, studierte sie Volks- und Stammestänze. Für sie waren alle Formen gleichwertig und die Balance zwischen Tradition und Moderne ein zentrales Anliegen.[2]
Politik
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Zu Lebzeiten war Vatsyayan als Abgeordnete in Indien tätig und gehörte ihr Leben lang dem Kuratorium des Indian International Centre an. Außerdem beriet sie mehrere Regierungen, darunter Pandit Jawaharlal Nehru, Indira, and Rajiv Gandhi[4] unter anderem in Fragen der Bildung und Kultur[1] und bekleidete verschiedene Ämter in der indischen Regierung sowie in Institutionen wie der Sangeet Natak Akademi und dem Indira Gandhi National Centre for the Arts, dessen Gründungsdirektorin sie war.[2]
Während ihrer ca. 50-jährigen Tätigkeit handelte sie für die indische Regierung um die 50 Vereinbarungen mit anderen Ländern aus, was auch durch persönliche Kontakte zu anderen möglich war. Sie gab an, über 2.000 Personen von Rang und Bedeutung zu ihren Bekannten zu zählen.[4]
Vatsyayan wurde dafür gelobt, das traditionelle Indien zu fördern und gleichzeitig offen für die Moderne zu sein. Es gelang ihr, ein Kontinuum zwischen den Zeiten herzustellen. Zusätzlich hatte sie einen Blick für ihr Land Indien und das Ausland gleichzeitig.[4]
Akademische Leistungen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Vatsyayan verfasste über 200 Forschungsarbeiten und 20 Bücher und lehrte im Laufe ihrer Karriere an Universitäten im In- und Ausland.[2]
Positionen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Für Vatsyayan war es wichtig, den wissenschaftlichen Aspekt von Kunst und Tanz mit den entsprechenden Ausführungen zu verbinden und so geistigen und körperlichen Nutzen gleichzeitig zu erzielen. Sie wollte einerseits Tanz emotional erlebt und andererseits in einzelnen Schritten erklärt und verstanden wissen. Vollständigkeit in der Betrachtungsweise war ihr wichtig. Sie verband traditionelle und aktuelle Vorstellungen von Tanz.[3]
Auszeichnungen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- 1970: Stipendium der Sangeet Natak Akademi und Stipendium des John D. Rockefeller III. Fonds für das Forschen über zeitgenössische Kunst in den Vereinigten Staaten und Indonesien[2][1]
- 1975: Jawaharlal-Nehru-Stipendium[7]
- 1992: Ehrung für herausragende Leistungen im Bereich Tanz und Kunst durch den Asian Cultural Council.[8]
- 1995: Lalit-Kala-Akademi-Stipendium von der Lalit-Kala-Akademi, Indiens nationaler Akademie für bildende Künste[2]
- 1998: Preis vom indischen Kongress für außergewöhnliche Leistungen bei der Recherche zum Tanz und beim Tanz selbst[1]
- 2000: Rajiv Gandhi National Sadbhavana Preis[6]
- 2011: Padma Vibhushan durch die indische Regierung[2]
- 2012: Thalia Preis durch die Internationale Vereinigung der Theaterkritiker[3]
Schriften (Auswahl)
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- (Zusammen mit Jayadeva:) Jāur Gīta-Govinda: a dated sixteenth century Gīta-Govinda from Mewar. National Museum, 1980.
- Dance Sculpture in Sarangapani Temple. Society for Archaeological, Historical, and Epigraphical Research 1982.
- Traditions of Indian folk dance. Clarion Books associated with Hindy Pocket Books 1987, ISBN 978-8-1851-2022-5.
- Concepts of Space: Ancient and Modern. Abhinav Publications 1991, ISBN 978-8-1701-7252-9.
- Indian classical dance. Publications Division, Ministry of Information and Broadcasting, Government of India 1992, ISBN 978-8-1230-2957-3.
- (Zusammen mit Baidyanath Saraswati, Subhash Chandra Malik, Madhu Khanna:) Art, the Integral Vision: A Volume of Essay in Felicitation of Kapila Vatsyayan. D. K. Print World (P) Limited 1994, ISBN 978-8-1246-0029-0.
- Prakŗti: The Integral Vision. D K Printworld (P) Limited 1995, ISBN 978-8-1246-0036-8.
- The Square and the Circle of the Indian Arts. Abhinav Publications 1997, ISBN 978-8-1701-7362-5.
- Dance in Indian Painting. Abhinav Publications 2004, ISBN 978-8-1701-8153-8.
- BharataThe Natyasastra. Sahitya Akademi 2006, ISBN 978-8-1260-1808-6.
- Transmissions and Transformations: Learning Through the Arts in Asia. Primus Books 2011, ISBN 978-9-3806-0714-6.
- (Zusammen mit Kapila Vatsyayan:) Asian Dance: Multiple Levels. B.R. Rhythms 2011, ISBN 978-81-88827-23-7.
- Plural Cultures and Monolothic Structures. Primus Books 2013, ISBN 978-9380607450.
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Kapila Vatsyayan: The Paradox of Art: Part 1 auf YouTube, 2021, 24:39 Min.
- Kapila Vatsyayan: The Paradox of Art: Part 2 auf YouTube, 2021, 22:50 Min.
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- 1 2 3 4 5 6 7 8 Kapila Vatsyayan: The keeper of Indian art, culture and education. HindustanTimes.com, 17. September 2020, abgerufen am 23. Juli 2026 (englisch).
- 1 2 3 4 5 6 7 8 9 Cultural Matriarch of India | University of Michigan Marsal Family School of Education. University of Michigan, 2026, abgerufen am 23. Juli 2026 (englisch).
- 1 2 3 4 5 6 7 Ravi Chaturvedi: Critical Stages/Scènes critiques - The IATC journal/Revue de l'AICT – December/Décembre 2020: Issue No 22-Kapila Vatsyayan: A Legend of Indian Culture. In: Critical Stages/Scènes critiques. 3. November 2020, abgerufen am 23. Juli 2026 (amerikanisches Englisch).
- 1 2 3 4 5 6 criticalcollective.in. In: Critical Collective. Abgerufen am 23. Juli 2026.
- 1 2 Kapila Vatsyayan: A "Tireless Promoter" Of Arts. In: Press Trust of India (Hrsg.): NDTV.com. 17. September 2020 (ndtv.com [abgerufen am 23. Juli 2026]).
- 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 Suhas Borker: Kapila Vatsyayan: Polymath of the arts. In: Frontline.thehindu.com. THG Publishing PVT Ldt., 22. September 2020, abgerufen am 23. Juli 2026 (englisch).
- ↑ Jawaharlal Nehru Memorial Fund. Jawaharlal Nehru Memorial Fund, abgerufen am 3. August 2026.
- ↑ Asian Cultural Council — ACC Impact. Asian Cultural Council, 2026, abgerufen am 3. August 2026.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Vatsyayan, Kapila |
| KURZBESCHREIBUNG | indische Künstlerin, Tänzerin und Politikerin |
| GEBURTSDATUM | 25. Dezember 1928 |
| GEBURTSORT | Delhi |
| STERBEDATUM | 16. September 2020 |
| STERBEORT | Neu-Delhi |