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Geschichte Mexikos

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Landkarte Mexikos aus dem Jahr 1845
Sprachen in Mexiko

Die Geschichte Mexikos umfasst die Entwicklungen auf dem Gebiet der heutigen Vereinigten Mexikanischen Staaten seit der ersten menschliche Besiedlung in der Zeit nach dem Höhepunkt der letzten Eiszeit. Erst mit dem Anbau von Mais begann ein Prozess, ähnlich der neolithischen Revolution, in deren Verlauf die Kulturen der Jäger, Sammler und Fischer weitgehend verschwanden und an ihre Stelle produzierende Gesellschaften traten. Als erste Hochkultur auf mexikanischem Gebiet gilt die der Olmeken zu Beginn des letzten vorchristlichen Jahrtausends. Weitere mesoamerikanische Hochkulturen vor dem ersten Kontakt mit Europäern waren die Maya auf Yucatán sowie ab etwa dem 14. Jahrhundert n. Chr. die Azteken.

Das zu Beginn des 16. Jahrhunderts in Zentralmexiko dominierende Aztekenreich wurde ab 1519 von den spanischen Neuankömmlingen um Hernán Cortés zerstört, die Mexiko als Herzstück des Vizekönigreichs Neuspanien für die spanische Krone in Besitz nahmen. Die indigene Bevölkerung wurde durch koloniale Gewalt und eingeschleppte Krankheiten dezimiert, während das Vizekönigreich Neuspanien für das Mutterland zu einem wichtigen Silberproduzenten wurde, dessen ökonomische Verselbstständigung von Madrid unterbunden wurde. Die Kolonialstrukturen blieben bis zu den napoleonischen Kriegen zu Beginn des 19. Jahrhunderts bestehen.

In den 1810er Jahren wurde das Vizekönigreich vom Unabhängigkeitskrieg erfasst, der im Jahr 1821 zur Gründung des kurzlebigen Ersten Mexikanischen Kaiserreichs führte. Das Kaisertum wurde bereits 1824 durch eine Republik ersetzt, in der sich heftige Konflikte zwischen Liberalen und Konservativen sowie wiederholte autoritäre Machtergreifungen durch Männer wie Antonio López de Santa Anna oder Benito Juárez ereigneten – mit Letzterem wurde erstmals ein Indigener Präsident der Republik. Im Zuge der französischen Intervention der 1860er-Jahre versuchte Paris, ein Zweites Kaiserreich zu etablieren, welches jedoch ähnlich kurzlebig war wie das erste. Die wiedererrichtete Republik fiel schon bald unter den langjährigen Autoritarismus von Porfirio Díaz, der von 1877 bis 1911 im sogenannten Porfiriat der Machthaber war.

Die Mexikanische Revolution löste das Porfiriat schließlich ab, jedoch wurde die Republik nach zwei Jahrzehnten der Instabilität sogleich in einen weiteren Autoritarismus überführt, da die Partido Revolucionario Institucional (PRI) zwischen 1929 und 2000 eine Parteiendiktatur etablierte. Die Partei konnte zwischen den 1940er und den 1970er Jahren viele wirtschaftliche Erfolge erzielen, die als Mexikanisches Wunder bekannt sind. Das PRI-System geriet ab den 1970er-Jahren unter zunehmenden inneren Liberalisierungsdruck, der ab den späten 1980er Jahren erste politische Erfolge für die Opposition erlaubte. Bei der Präsidentschaftswahl von 2000 wurde Vicente Fox gewählt, dessen Wahlsieg als Wiedergeburt der mexikanischen Demokratie gesehen wird.

Wiederkehrende Muster der Geschichte des unabhängigen Landes sind die Rivalität zwischen Liberalen und Konservativen, der Wechsel zwischen Demokratie und Autokratie, politische Gewalt (insbesondere politische Morde), der Kampf gegen die politische Korruption, eine Tradition von Bürgerkriegen und Putschen, der Einfluss regionalistischer und separatistischer Aufstandsbewegungen verschiedener politischer Richtungen, auch indigener, die Streitfrage um die Trennung von Kirche und Staat sowie um den politischen und gesellschaftlichen Einfluss der weit verbreiteten römisch-katholischen Kirche, das organisierte Verbrechen (seit dem 20. Jahrhundert insbesondere die Drogenkartelle) und nicht zuletzt die Wirtschafts- und Machtbeziehungen zum nördlichen Nachbarn, den Vereinigten Staaten.

Voreuropäische Geschichte (bis ins 16. Jahrhundert)

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Indigene Bevölkerung Mexikos, 2020

Die Schwerpunkte der Geschichte Mexikos, vor allem die Einbeziehung der Geschichte vor der Ankunft der Europäer, findet ihre Begründung nicht nur in der Verantwortung des heutigen Staates und seiner Institutionen für diesen überlangen historischen Abschnitt und seine Artefakte, wie sie jedem Staat obliegt, sondern auch in der Tatsache, dass die indigene Bevölkerung auf 30 % der über 100 Millionen Mexikaner geschätzt wird. Mestizen machen weitere 60 % der Gesamtbevölkerung aus.[1]

Vorschriftliche Kulturen

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Speerspitze von Nuevo Laredo

Die Besiedlung Amerikas durch Menschen begann spätestens am Ende der Letzten Kaltzeit. Hierbei wanderten die Vorfahren der indigenen Bevölkerung aus Nordasien entweder auf dem Landweg über die Landbrücke Beringia oder über das Meer kommend im Nordwesten Nordamerikas ein. Diese frühe Urbevölkerung des amerikanischen Doppelkontinents (Paläoindianer) breitete sich bis spätestens gegen 8000 v. Chr. bis zur Südspitze Südamerikas aus.[2] Eine der ältesten Fundstätten stellt die 2018 beschriebene paläoindianische Cueva de los Hacheros[3] dar, ein Felsüberhang bei Turicato in der Tierra caliente. Die Radiokohlenstoffdatierung ergab Werte von 12.039–11.399 BP.[4] Die auffälligste Eigenschaft dieser Jäger- und Sammlerkulturen ist die Tatsache, dass in den nacheiszeitlichen Steppengebieten die zugehörige Megafauna bejagt wurde – allen voran Mammute –, die mit der zunehmenden klimatischen Erwärmung und dem Vordringen von Wäldern und anderen Tierarten aus dem Süden verschwand.

Dieser im ariden Norden Mexikos verbreiteten Clovis-Kultur mit ihren Jagdspeeren, die mit charakteristischen großen Spitzen ausgestattet waren, folgte die Archaische Periode, die in Mexiko in die Zeit zwischen 8000 und 2000 v. Chr. datiert wird. Neben der Jagdbeute, die nunmehr aus sehr viel kleineren Tieren bestand, rückten Mais, Bohnen und Kürbis in den Vordergrund, insbesondere in den Tälern von Tehuacán und Oaxaca. Sie wurden im Zuge einer sich über mehrere Jahrtausende erstreckenden Entwicklung zu den ersten Kulturpflanzen dieser Region. Während sich das Schwergewicht der Nahrungsmittelgewinnung von der Jagd auf die Kultivierung von Pflanzen verlagerte – aber auch Wildpflanzen wie die Kaktus-Frucht, die Hülsenfrüchte des Mesquite-Baumes, die Maguey-Agave sowie Grassamen, Eicheln und Nüsse, schließlich verschiedene Obstsorten, spielten eine bedeutende Rolle –, fanden sich die Menschen zunehmend in kleinen Siedlungen zusammen. Am Ende der archaischen Periode bestanden in weiten Teilen Mexikos bäuerliche, nunmehr dauerhafte Ansiedlungen, deren Bewohner sich überwiegend pflanzlich ernährten, und deren Gesellschaften egalitär gewesen sein dürften. Agavenfasern gestatteten die Herstellung von Kleidern und von Beuteln, die Schale von Flaschenkürbissen diente der Lagerung von Flüssigkeiten. Insgesamt war die Region dennoch sehr spärlich besiedelt. Wichtigste Fundstätte von der Periode der Paläoindianer zur Archaischen Periode ist die Höhle von Coxcatlán im Tal von Tehuacán, deren unterste Schichten aus der Zeit zwischen dem 9. Jahrtausend und 7000 v. Chr. stammen. Während man in der Ajuerado-Phase noch Großsäuger jagte, die bald verschwanden, jagten die Kleingruppen nunmehr Hirsche, Pferde und Antilopen.[5]

Eingang zur Höhle von Guilá Naquitz

Im Tal von Oaxaca, im südlichen Hochland gelegen, fanden sich in der Höhle von Guilá Naquitz zahlreiche Geräte und Überreste von Nahrungsmitteln aus der Zeit zwischen 8500 und 6500 v. Chr. Es zeigte sich, dass Obstbäume sowie Kakteen und Agaven im Mittelpunkt standen, ebenso wie Eicheln, aber auch Mais und Bohnen, schließlich, neben den oben genannten Pflanzen auch Avocados, vielleicht auch schon Chili und Kürbis, die noch heute die Küche kennzeichnen. Zwar waren die Pflanzen noch nicht kultiviert, doch fanden sich bereits Mahlsteine neben Herdstellen. Möglicherweise zeigt sich in den verschiedenen Arealen der Höhle bereits geschlechtsspezifische Arbeitsteilung, Männer zerlegten die Jagdbeute, Frauen kümmerten sich um die Pflanzenverarbeitung.

Das weiter nordwestlich gelegene, deutlich aridere Tal von Tehuacán bot Mesquite-Bäume, die in der Regenzeit nahrhafte Hülsenfrüchte boten, dann oberhalb des Tales Kakteenfrüchte. Die von Wasserläufen durchzogene Landschaft bot zahlreiche Kleintiere, wie Hasen, so dass sich hier eine starke Anpassung der Bewohner an die natürlichen Lebensbedingungen erwies. Seine Bewohner sahen sich wegen der schwindenden Wildtierbestände gezwungen, ihre Nahrung auf das Pflanzenangebot umzustellen. In der El-Riego-Phase zwischen 7000 und 5000 v. Chr. erschienen neben den Kleingruppen auch größere Verbände, und die saisonalen Lagerplätze wurden nun ganzjährig genutzt, erstmals wurden Pflanzen womöglich nicht nur abgeerntet, sondern auch angepflanzt. In der Höhle von Coxcatlán fanden sich die ältesten Reste von Matten und Körben, ebenso wie von Holzartefakten wie Speere oder Tierfallen. Zudem fanden sich Gräber und erste Hinweise auf Menschenopfer.

Dieser El-Riego-Phase folgte die Coscatlán-Etappe zwischen 5000 und 3400 v. Chr., die im Tal von Tehuacán der mittleren Archaischen Periode entspricht. Die Zahl der Großverbände nahm deutlich zu, wahrscheinlich nahm die Bevölkerungszahl gleichfalls zu. Als gesichert gilt aber vor allem die Domestizierung von Pflanzen. Wildpflanzen, wie die Borstenhirse, spielten allerdings immer noch eine Rolle. Die pflanzliche Ernährungsgrundlage erforderte eine stetigere Ortsfestigkeit zwischen Aussaat, Ernte und Verarbeitung. Als gesichert gilt, dass Mais um 4000 v. Chr. bereits domestiziert war. Die Kultivierung von Bohnen begann erst später. Der Maisanbau gestattete die Aufsiedlung neuer Regionen Mexikos, wie etwa Yucatán.

Schließlich folgte die Abejas-Phase der späten Archaischen Periode von 3400 bis 2900 v. Chr. Die Niederlassungen erstreckten sich nunmehr auf den Terrassen oberhalb der Flusstäler, die Ernährung hing endgültig von domestizierten Pflanzen ab. Die Lagerung von Nahrungsmitteln schlug sich in zahlreichen Funden von Körben, Steinbehältnissen und Kürbisgefäßen nieder. Neben Höhlenfunden trugen zu diesen Erkenntnissen ab dieser Zeit auch Freilandplätze bei, an denen bereits grubenartige Behausungen entstanden.

39,8 cm hohe und 17,7 cm breite Figurine aus der Zeit um 1200 bis 900 v. Chr.
Tlatico-Gefäß

In der sich anschließenden Patrón-Phase von etwa 2900 bis 1500 v. Chr. lieferten Kulturpflanzen bereits ein Drittel der Nahrungsmenge. Nun setzte eine frühbäuerliche Kultur ein, mit Garten- und Feldwirtschaft. Zum ersten Mal wurde grobe Keramik hergestellt, ihre Form ähnelte derjenigen der vorhergegangenen Phase. Wildpflanzen, wie die besagte Borstenhirse, verschwanden aus dem Nahrungsspektrum.

Als eine der bäuerlichen Kulturen Mexikos, also eine, die sich von der aneignenden zur produzierenden Lebensweise entwickelt hatte, gilt die Mokaya-Kultur ab dem frühen 2. Jahrtausends v. Chr., deren Angehörige als erste in Dörfern lebten und dauerhaft sesshaft waren. Auch gewannen sie spätestens um 1900 v. Chr. als erste in Amerika Kakao. Zudem stellten die Angehörigen dieser Kultur Keramik her, die allerdings nicht zum Kochen geeignet war, sondern der Lagerung von Flüssigkeiten diente, etwa von Kakao, aber auch von chicha (Maisbier), das bei rituellen Zusammenkünften eine wichtige Rolle spielte und Prestige verlieh, ebenso wie atole, eine Mischung aus Mais und Kakao.[6]

Wichtige Fundorte des prähistorischen Mexiko waren Tlatilco, Tlapacoya und Coapexco.[7.1] Diese Fundorte werden der Tlatilco-Kultur zugeordnet, die sich zwischen 1250 und 800 v. Chr. entfaltete.[8.1]

Das zentrale Hochland

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Die Figurine von Zohapilco, die eine schwangere Frau darstellen soll, ist die älteste Tonfigurine Mexikos (frühes 3. Jahrtausend v. Chr.). Dieser Stil prägte denjenigen späterer Darstellungen des Menschen.

Die Bewohner des zentralen Hochlands, das seit Jahrtausenden von Wildbeutergruppen bewohnt war, bevorzugten die Gewässer des Gebietes. Zu den wichtigsten Fundplätzen gehört Zohapilco, wo sich Überreste aus der Frühen, Mittleren und Späten Archaischen Periode fanden; zu letzterer gehört die älteste Tonfigurine Mexikos. Zwar wurde bereits Mais konsumiert, ob dieser aber vor der Formativen oder prä-klassischen Periode (etwa 2000 v. – 300 n. Chr.[9]) angebaut wurde, ist noch unklar.

In den Küstengebieten lassen sich für die spätere Archaische Periode, die dort um 3200–2400 v. Chr. angesetzt wird, dauerhafte Siedlungen und der Anbau von Maniok nachweisen. Zudem ging man in den Jahrhunderten um 3000 v. Chr. zur Brandrodung über, um waldfreie Flächen für Mais, aber auch Wildpflanzen zu gewinnen. Zudem stieg die Bevölkerungszahl deutlich an. Diese Entwicklung stieß die ersten Hochkulturen, etwa die der Olmeken, an.[10]

Olmeken, frühe Schrift (?), Monumentalbauten, hierarchische Gesellschaft

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Das Olmekengebiet in der Zeit um 900 v. Chr.
… und um 600 v. Chr.
Replikat des Cascajalsteins

Die Kultur der Olmeken dominierte während des 2. und 1. Jahrtausends v. Chr. Sie rückte bereits früh in den Mittelpunkt der Forschung zu den Kulturen Mexikos. Der Zeitraum von 2000 bis 1450 v. Chr. gilt dabei als die frühe Phase der Olmekenkultur,[11] die sich an der zentralnördlichen Küste im Gebiet des Bundesstaats Veracruz ausbreitete. Als ferne Vorfahren der Olmeken gelten die als Paläoindianer bezeichneten Gruppen, die vor mindestens 15.000 Jahren aus Asien über Beringia eingewandert waren.[12] Dieser Konsens ist nicht selbstverständlich, da auch die Herkunft von anderen Kontinenten mitunter heftig diskutiert wurde.

Die Kultur der Olmeken erlebte von 1450 bis 1000 v. Chr. eine erste Hochphase, während der San Lorenzo Tenochtitlan zu ihrem Zentrum wurde.[13] Siedlungszentren mit abhängigen Dörfern sind kennzeichnend für die formative Periode; sie baren öffentliche oder rituelle Strukturen sowie imposante Bauten. Gleichzeitig verstärkte sich die Arbeitsteilung – die Nachfrage nach Prestigegütern nahm zu – und steilere Hierarchien entstanden. Bestimmte Steinscheiben, die vor der Stirn getragen wurden, kennzeichneten dabei die Herrenschicht. Das Empfinden von Territorialitä (Parzinger, S. 622) wurde ausgeprägter, es entstanden von bestimmten Häuptlingen geführte sogenannte chiefdoms, die Allianzen bildeten.

Etwa ab 1000 v. Chr. verschob sich das Zentrum der olmekischen Kultur von San Lorenzo nach La Venta, wo die Olmeken zwischen 1000 und 400 v. Chr. dominierten, bevor die Bevölkerung von La Venta im 5. und 4. Jahrhundert v. Chr. stark zurückging, wovon andere Zentren wie Tres Zapotes profitierten.

Monumentaler Olmekenkopf, Museo Nacional de Antropología
Herrscherstatue aus der mittleren formativen Phase der Olmekenkultur, also um 900 bis 500 v. Chr.

Ob die hierarchisierte Olmekengesellschaft eine Schrift entwickelte, ist durchaus umstritten; der bisher nicht entzifferte Cascajal-Stein, der insgesamt 62 Zeichen teilweise ikonographischen Typs zeigt, gilt den Befürwortern dieser These als stärkstes Indiz. Bisher ist der Cascajal-Stein jedoch das einzige Fundstück dieser Art.[14]

Zwar behielten Jagd und Sammeln ihren hohen Stellenwert – Fischfang, Vogel- und Kleintierjagd sowie Wildpflanzen und Früchte spielten weiterhin eine wichtige Rolle und die Sumpflandschaften von Veracruz und Tabasco boten den Olmeken Zugang zu entsprechenden Nahrungsquellen wie Fischen, Schildkröten, Schalentieren und Wasservögeln.[15] Der Maisanbau, der zu diesem Zeitpunkt in Zentralmexiko bereits seit mindestens drei Jahrtausenden praktiziert wurde, nahm bei den Olmeken eine besonders zentrale soziokulturelle Rolle ein,[13] sodass sich Maisdarstellungen häufig auch in den Menschen- und Götterdarstellungen der olmekischen Kunst finden.[16]

Die Olmeken erzeugten eine große Variationsbreite keramischer und steinerner Kunstwerke, von denen die monumentalen Olmekenköpfe die bekanntesten sind. Neben der Herstellung dieser mitunter mehr als 20 Tonnen schweren Häupter waren die Olmeken dabei in der Lage, das Terrain für die Aufstellung der Statuen einzuebnen und dauerhaft zu stabilisieren und die Monumente über kilometerweite Distanzen zu transportieren.[17] Neben den großen Steinköpfen schufen die Olmeken auch kleine Keramik- und Steinfiguren sowie Holzmasken und -büsten.[18]

Die Religion der Olmeken ist kaum zu rekonstruieren, doch umfasste sie ein Pantheon von Göttern mit teilweise tierischem Äußerem sowie eine besondere Verehrung für Süßwasserquellen. Auch sind im olmekischen Pantheon, etwa beim Regengott, Kontinuitäten zu späteren mesoamerikanischen Gottheiten wie Tlaloc zu erkennen.[19]

Im 20. Jahrhundert wurde meist angenommen, die olmekische Kultur sei um 400 v. Chr. untergegangen, weshalb für jüngere Objekte auch die Zuordnung zu den Epi-Olmeken, also einer separaten Nachfolgekultur, verbreitet ist. Jedoch haben neuere Forschungen gezeigt, dass es sich bei diesen eher um eine Transformation und Fortsetzung der olmekischen Kultur handelt als um eine separate kulturelle Einheit, weshalb auch die Annahme eines völligen Untergangs der Olmeken im 5. und 4. Jahrhundert v. Chr. als überholt gilt. Stattdessen werden stärker die Kontinuitäten zu jüngeren Kulturen in Zentral- und Südmexiko hervorgehoben,[13] etwa zu den Maya, deren frühe Gemeinden bereits seit etwa 1000 bis 700 v. Chr. mit den Olmeken interagierten und einige architektonische und kunsthandwerkliche Elemente von ihnen übernahmen.[20]

Karte der nach-klassischen Expansion der Zapoteken
Zapotekischer Ballspielplatz, Monte Albán

Die Kultur der Zapoteken entwickelte sich im 2. vorchristlichen Jahrtausend zunächst in der Form kleiner Dörfer an der Südküste zwischen dem Tal von Mexiko und dem heutigen Bundesstaat Chiapas. Diese Siedlungen betrieben miteinander Handel und tauschten Muscheln, Obsidian, Keramik und Jade, bildeten aber keine größeren zusammenhängenden politischen Strukturen.[21.1]

Spätestens um 1000 v. Chr. gab es innerhalb der zapotekischen Kultur erbliche Positionen und starke soziale Differenzierungen, was eine frühere eher egalitäre soziale Struktur innerhalb der Dörfer ablöste.[21.2] In der Folge bildeten sich insbesondere in Oaxaca konföderative Strukturen zwischen den Siedlungen, wobei in San José Mogote eines der frühesten bekannten staatsähnlichen Gebilde in Mittelamerika entstand.[22.1] San José Mogote rivalisierte im 5. Jahrhundert v. Chr. mit zwei anderen Konföderationszentren, Yeguih und San Martín Tilcajete.[21.3]

Zum wichtigsten Zentrum der Zapoteken wurde das etwa 500 v. Chr. durch Bewohner von San José Mogote gegründete Monte Albán,[22.1] welches in den folgenden Jahrhunderten zum bedeutendsten Machtzentrum Südmexikos wurde. Monte Albán führte mehrere Eroberungskriege, um benachbarte Siedlungen und Konföderationen in seinen Machtbereich zu zwingen.[21.3] Während der Expansion nach Norden traf Monte Albán kurz nach der Zeitenwende auf die Ausläufer des mittelmexikanischen Zentrums Teotihuacán (siehe unten), wobei eine Art Pufferzone zwischen den beiden Reichen entstand. Monte Albán und Teotihuacán betrieben miteinander Handel.

Skulptur aus Teotitlán del Camino, Oaxaca, im Ethnologischen Museum zu Berlin, den Gott Macuilxochitl darstellend

Die Zapoteken sind die früheste mesoamerikanische Kultur, für die als gesichert gilt, dass sie ein komplexes Schriftsystem entwickelt hat, welches spätestens um 600 v. Chr. in Gebrauch war.[23.1] Außerdem ist für die Zapoteken die Nutzung zwei separater Kalendersysteme mit jeweils 365 bzw. 260 Tagen belegt, die späteren mesoamerikanischen Kalendern ähnelte. Anhand von Inschriften kann gezeigt werden, dass die Zapoteken einige ihrer Monumente datierten oder darauf die Namen ihrer Herrscher sowie Gefangener festhielt, auch wenn ein Großteil der Zapotekenschrift noch nicht entziffert werden kann.[21.4] Jedenfalls dienten die Inschriften schon früh propagandistischen Zwecken, in denen die Erfolge der zapotekischen Führungsschicht und ihre Herrschaft sowohl gegenüber der Elite als auch gegenüber der Masse der Bevölkerung herausgestrichen wurden.[21.5]

Monte Albán blieb ein Jahrtausend lang das beherrschende Zentrum und gliederte zwischenzeitlich viele umliegende Siedlungen an seinen Machtbereich an.[22.2] Doch erlebte es in der zweiten Hälfte des 1. Jahrtausends einen Niedergang.[22.3] Spätestens ab 900 n. Chr. war Monte Albán nicht mehr in der Lage, seine vormaligen Satellitenstädte zu kontrollieren, was die Voraussetzung für die in Oaxaca ausgebildete Postklassik (900–1500) war. Jedoch gilt die im 20. Jahrhundert verbreitete These eines plötzlichen Zusammenbruchs des Reiches von Monte Albán als überholt; stattdessen wird ein schrittweiser Machtverlust an die peripheren Satellitenstädte für wahrscheinlicher gehalten. Die miteinander rivalisierenden Stadt- und Kleinstaaten, die sich von Monte Albán loslösten, fielen im 16. Jahrhundert an die spanischen Eroberer.

Mayareiche, ausgeprägte Schriftkultur

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Kurzer Filmbeitrag aus einer Terra-X-Dokumentation
Tempel der Inschriften, Palenque
Stuckfries von Campeche

In der präklassischen Periode (1500 v. Chr. bis 200 n. Chr.) betrieben die Maya Ackerbau und lebten in größeren Dörfern. Sie bauten Mais, Kakao und Baumwolle an und nutzten über die Flüsse Hondo, Usumacinta und Grijalva per Kanu auch den Golf von Mexiko.

Auf die präklassische oder formative Periode folgte die klassische Periode (250–900 n. Chr.), die sich in eine Früh-, Spät- und Endphase einteilen lässt (250–600, 600–800, 800–900).[24.1] Zu den wichtigsten Fundorten der Maya-Klassik gehörte neben Tikal (Guatemala) und Copán (Honduras) auch das mexikanische Palenque.[25.1] Andere wichtige Mayastätten in Mexiko sind Yaxchilán und Uxmal.[24.1]

Als ab den 1970er-Jahren die Schriftsprache der Maya in einem überaus bedeutenden Durchbruch weitgehend übersetzt werden konnte,[24.2] gestatteten historische Methoden völlig andere Fragestellungen. Die Maya-Stelen sind dabei die wichtigsten Schrifterzeugnisse.

Das mindestens seit 431 bewohnte Palenque erreichte seine Blütezeit etwa in der Zeit zwischen Pakal dem Großen (ab 615), K’inich Kan Bahlam II. und K’inich K’an Joy Chitam II. (bis spätestens 721). Im Jahr 1949 wurde das Grab von Pakal dem Großen im großen Tempel der Inschriften in Palenque gefunden. Die Palenque-Herrscher verloren bis zum Ende des 8. Jahrhunderts weitgehend ihre Bedeutung.[24.3]

Die Spiritualität der Maya äußerte sich im Ahnenkult, aber auch Aderlasse und in geringerem Umfang Menschenopfer spielten eine Rolle. Für rituelle Verstümmelungen nutzten die Maya scharfe Obsidianklingen, die saubere Schnitte ermöglichten.[24.3]

Teotihuacán: urbanes Zentrum

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Teotihuacán

Eine wichtige Wiege der späteren Aztekenkultur war Teotihuacán, das erste städtisch geprägte staatsähnliche Gebilde im heutigen Zentralmexiko, auch wenn die genaue Zugehörigkeit seiner Einwohner zum späteren kulturellen und linguistischen Einflussgebiet der Azteken unklar ist. Der Name „Teotihuacán“ ist eine retroaktive Zuschreibung aztekischen Ursprungs (etwa: ‚Ort der Götter‘), der Originalname der Stadt ist unbekannt.[24.4]

Teotihuacán in Zentralmexiko florierte für etwa acht Jahrhunderte zwischen 50 v. Chr. und 750 n. Chr. und beeinflusste sowohl die Azteken als auch die Tolteken. Bis spätestens 500 n. Chr. war Teotihuacán zum wichtigsten städtischen Zentrum in Mittelamerika geworden. Die späteren Hauptstädte der Tolteken und Azteken, Tollán und Tenochtitlan, folgten später dem Stil von Teotihuacán, welches anders als das zapotekische Monte Albán entlang eines rechteckigen Grundrisses aufgebaut wurde. Zur Stadt gehörten Wohnhäuser, Werkstätten und religiöse Kultorte. Teotihuacán war vermutlich der Ursprungsort des Kults um die göttliche gefiederte Schlange Quetzalcoatl, die später auch von den Azteken verehrt wurde.[24.4]

Der Niedergang von Teotihuacán ist ins frühe 8. Jahrhundert n. Chr. zu datieren. Etwa um 750 wurde Teotihuacán von seinen Bewohnern aufgegeben und verfiel. Die archäologische Ausgrabung und Erforschung der Stätte begann in den 1920ern. Einer der ersten westlichen Besucher war der britische Schriftsteller D. H. Lawrence, der Teotihuacán in der Folge als ‚beeindruckender als Rom oder Pompeji‘ bezeichnete.[24.5]

Tolteken: zunächst Priester-, dann Militärstaat

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Schlachtgemälde, Cacaxtla

Das späte erste Jahrtausend und insbesondere das 8. Jahrhundert brachten in kurzer Folge den Zusammenbruch mehrerer Kulturzentren mit sich: Das zapotekische Monte Albán, das große Regionalzentrum Teotihuacán und auch die wichtigen Mayastätten verloren an Bedeutung.

In der folgenden Übergangsphase war Mexiko von kleineren Kulturzentren umkämpft, von denen keines eine klare Hegemonialstellung erlangen konnte. Zu den wichtigsten Kulturstätten dieser Übergangsphase gehören El Tajín, Cacaxtla und Xochicalco. Auch diese Kulturen gehörten eindeutig in den größeren mesoamerikanischen Kontext, da sich die typischen Ballspielplätze sowie Kultorte für Gottheiten wie die gefiederte Schlange Quetzalcoatl auch hier belegen lassen.[24.6]

Tlahuizcalpantecuhtli-Pyramide, Tollán

Zwischen 950 und 1170 gelang es den Tolteken, von denen die Azteken glaubten abzustammen, zumindest eine gewisse Vormachtstellung für sich zu erkämpfen. Allerdings bestand schon seit etwa 600 ein kleineres Herrschaftsgebiet um die spätere Hauptstadt. Dieser Hauptort der Tolteken war Tollán. Das religiöse Leben des Zentrums, das um wenige Kilometer verlegt worden war, wie Ausgrabungen nachweisen konnten, vermischte den überregional typischen Quetzalcoatl-Mythos mit der eigenen Geschichte und erhob den frühen Priesterkönig Cē Acatl Tōpīltzin zu einer Inkarnation der gefiederten Schlange. Der Mythos wurde außerdem um Mixcoatl erweitert, der als halbgöttlicher Vater Quetzalcoatls eine wichtige Rolle in der Gründung der Tolteken-Kultur eingenommen haben soll. Es ist sehr wahrscheinlich, dass sich die Machthaber in Tollán bewusst am untergegangenen Teotihuacán orientierten, um ihre eigene Machtposition herzuleiten und zu legitimieren.

Der von der toltekischen Priesterkaste vertretene Kult wurde jedoch in einem internen Machtkampf von der militärischen Kriegerkaste beseitigt, die mit Tezcatlipoca ihre eigene Gottheit vertrat. Diese Kriegerkaste setzte sich letztlich gegen die Priester durch, was das religiöse Leben in Richtung von Tezcatlipoca verschob. Die wichtigste mit dieser religiösen Werteverschiebung verknüpfte Veränderung war die stark vergrößerte Bedeutung von Menschenopfern, die sich im toltekischen und später im aztekischen religiösen Leben zeigte.[24.7]

Das bedeutendste Schriftdokument ist die Historia Tolteca Chichimeca, ein Schriftstück, verfasst in Nahuatl im 16. Jahrhundert anlässlich eines Grenzstreites, das die französische Nationalbibliothek 1898 erwarb.[26] Es wurde im Jahr 2023 erneut ediert.[27] Darin ist der Führer der Tolteken (Quetzatehueyac) dargestellt, aus dem sich die wichtigste Gottheit der Azteken entwickelte, nämlich Quetzalcoatl. Vielleicht um 544 waren die Toltek-Chichimekten und die zu ihnen gehörenden und symbolisch dargestellten Nonoalca-Chichimeken nomadisch und sie wurden von Huastec unterworfen, von denen sie die Bodenbewirtschaftung übernahmen. Nach langer Zeit, vielleicht hundert Jahren, konnten sie sich befreien. Nach einem anderen Dokument mit Piktogrammen, den verschollenen Anales de Cuautitlán, geschaffen von Azteken, wurde Tula zu einem schwer bestimmbaren Zeitpunkt gegründet, vielleicht 674 oder 726. Auf der Grundlage archäologischer Nachweise wurde die Zeit um 650 vorgeschlagen. Um ihre in geringem Ansehen stehende chichimekische Herkunft zu kaschieren, ließen sich die Könige im prestigeträchtigen Cholula krönen, unweit von Puebla, sie legten ihre Jagdwaffen ab, erhielten Piercings und sie erhielten neue Namen. Unklar ist, ob die Nonoalca und die Tolteken nunmehr gemeinsam gegen Cholula kämpften. Offenbar übernahmen sie von den Huastec die Hinrichtung von Kriegsgefangenen. Schließlich erscheint Ce Acatl Topiltzin Quetzalcoatl, tlatoani (Führer), eine mythische Heldenfigur. Noch im 20. Jahrhundert fühlten sich die Staatspräsidenten José López Portillo und Pascual Ortiz Rubio berufen, den Geburtsort des Helden zu bestimmen, bzw. den hl. Nikolaus durch ihn zu ersetzen (1930). Die Datierung seiner Herrschaftszeit bereitet große Schwierigkeiten, doch fiel sie wohl in das letzte Drittel des 9. Jahrhunderts. Tula wurde in seiner Zeit massiv ausgebaut, insbesondere der Kriegstempel. Angenommen wird eine längere Pax Tolteca, eine längere Friedenszeit.

Vielleicht kam es zu einem Nachfolgekrieg, möglicherweise einem erneuten Aufflammen der Konflikte zwischen Tolteken und Nonoalca. Möglicherweise mussten die Tolteken Chula verlassen, die sich vielleicht Veracruz als neue Hauptstadt wählten, und eine Insel als heilige Stätte. Sie zogen von dort weiter nach Chichén Itzá.

Die toltekische Kultur von Tula erlitt einen schweren Rückschlag, als die Hauptstadt Tollán von den nomadischen Chichimeken zerstört wurde. Bereits in der Zeit von 1149 bis 1167 wurde sie von einer extremen Trockenphase getroffen. Spätestens 1175 brannten die Tolteken ihren Palast nieder.[28] Vielleicht um die gleiche Zeit oder wenig später ging Chichen Itza unter.

Chichén Itzá und die Maya-Tolteken

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Pyramide des Kukulcán, Chichén Itzá

Tolteken- und Maya-Einflüsse hatten sich abseits von Tollán bereits ab ca. 950 teilweise vermischt, wodurch eine Tolteken-Maya-Phase (ca. 950–1250) entstand, deren mit Abstand wichtigste und berühmteste archäologische Fundstätte die Ruinenstadt Chichén Itzá auf der Halbinsel Yucatán ist. Chichén Itzá hatte den Niedergang mehrerer anderer großer Maya-Stätten (Uxmal, Palenque, Bonampak, Tikal, Copán) überdauert und konnte spätestens im 11. Jahrhundert zur wichtigsten Mayastätte werden. Inwieweit sich die beiden Kulturgruppen der Maya und Tolteken tatsächlich zu den „Maya-Tolteken“ vermischten, ist dabei umstritten.[24.8]

Chichén Itzá war das mächtigste der bisherigen Mayazentren. Die Herrscher von Chichén Itzá entwickelten deutliche proto-imperialistische Ambitionen und bauten ein auf Chichén Itzá ausgerichtetes Allianznetzwerk in Yucatán auf. Zwischen 850 und 950 entstand dort der Kriegertempel, der möglicherweise zur Feier des Sieges in Nordyucatán errichtet worden war.[24.9]

Ein bezeichnender Aspekt der spätmayanischen Kultur in Yucatán war die Nutzung von Cenote-Karsthöhlen als Wasserquelle.[24.8]

Azteken: von Kleinstaaten zum Großreich

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Nach dem Untergang von Tollán im Jahr 1170 war eine große Zahl von Menschen ins Tal von Mexiko eingewandert, wo sich ein neues Stadtstaatensystem etablierte. Bis zum Ende des 13. Jahrhunderts bildeten sich hier bis zu fünfzig urbane Zentren mit autonomer Verwaltung und separaten religiösen und politischen Stätten. Mehr als ein Dutzend dieser Zentren wuchs bis zum Ende des 15. Jahrhunderts auf jeweils über 10.000 Einwohner an. Zu den wichtigen zentralmexikanischen Zentren dieser Zeit gehörten Texcoco, Nezahualcóyotl und Nezahualpilli. Die Bevölkerung der Region bildete die Ethnie der Nahua. Politisch organisierten sich die Staaten zumeist monarchisch-hierarchisch, mit der Herrscherfigur eines Tlatoani an der Spitze.[24.10]

Aztekische Goldartefakte

Die mit Abstand wichtigste Stadt im Zentralmexiko kurz vor Ankunft der Spanier war jedoch das im Jahr 1325 gegründete Tenochtitlan, Hauptstadt des Aztekenreiches. Noch vor Ankunft der Europäer wuchs diese Stadt auf über 150.000 Einwohner und möglicherweise bis zu 200.000 Einwohner an und war damit die mit Abstand größte Stadt in Mittelamerika. Die Azteken hatten in den 1370er-Jahren das Tlatoani-System angenommen und wurden ab 1426 dynastisch regiert. Die Aztekenherrscher beriefen sich auf die Tolteken, um ihre eigene Herrschaft zu legitimieren, ersetzten aber den Quetzalcoatl-Kult größtenteils mit dem Kriegsgott Huitzilopochtli, als dessen auserwähltes Volk sie sich verstanden. Der aztekischen Gesellschaft stand eine elitäre Schicht („Pipiltin“) vor, die an spezialisierten Schulen in der Schrift- und Zeichenkunst unterrichtet wurde. Außerdem bildete sich eine Schicht von teilweise auf den Fernhandel spezialisierten Kaufleuten („Pochteca“) heraus, welche die wirtschaftlichen Macht des Aztekenreiches steigerte und auch innerhalb der Gesellschaft einflussreich war. Im dichten Stadtleben von Tenochtitlan kam es zu einer vergleichsweise hohen Spezialisierung; ein wichtiger Teil der städtischen Infrastruktur waren Gepäckträger („Tlamemeh“) und Kanufahrten.[24.11]

Aztekenkrieger im Codex Florentinus

Itzcóatl (h. 1427–1440) war der erste Herrscher, unter dem die Azteken militärisch sehr aggressiv wurden. Der im Jahr 1428 geschlossene aztekische Dreibund der mächtigen Städte Tenochtitlan, Tlatelolco und Tlacopan ermöglichte ein schnelles Ausgreifen der aztekischen Truppen entlang der großen Handelsstraßen auf ihre schwächeren Nachbarn. Das Aztekenreich dominierte die anderen Stadtstaaten in Zentralmexiko durch hegemonialen Druck, verzichtete aber zumeist auf direkte Eroberung, sondern ließ stattdessen die etablierten Strukturen bestehen und erzwang stattdessen Tribute der kleineren Nachbarn. Die Aztekenherrscher versuchten, nach Möglichkeit größere und langwierige Kriege zu vermeiden und stattdessen durch Erpressung und Einschüchterung das Einlenken der Nachbarstaaten zu erzwingen. Immer wieder sahen die Azteken sich genötigt, Aufstände der abhängigen Stadtstaaten niederzuschlagen oder Tributzahlungen mit Gewalt einzutreiben. Sie verzichteten dabei auf ein stehendes Heer und waren damit in ihrer Kriegsführung an die Jahreszeiten gebunden, wobei Feldzüge auf den Frühling und Herbst beschränkt waren.

Die großen Feldzüge der Azteken begannen im letzten Viertel des 14. Jahrhunderts mit Invasionen der heutigen Bundesstaaten Puebla und Morelos. Bis zum Ende der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts waren aztekische Armeen und Strafexpeditionen bis Tollán im Norden, Tulacingo im Nordosten und bis ins heutige Guerrero im Südwesten vorgedrungen. In der Herrscherzeit von Moctezuma I. (h. 1440–1469) und Axayacatl (h. 1469–1481) setzten die Azteken ihre Vorherrschaft in Puebla, im nördlichen Oaxaca und an der Golfküste durch.[24.12]

Aztekisches Menschenopfer im Codex Magliabechiano

Die Religion der Azteken, die stets darauf bedacht waren, ihren unterlegenen Nachbarn auch die Aufnahme der Aztekengötter ins jeweilige Pantheon aufzuzwingen,[24.13] umfasste besonders in der Spätphase des Aztekenreiches eine ungewöhnliche und ausgeprägte Betonung von Menschenopfern zur Besänftigung der Aztekengötter, deren Missgunst in Form von Missernten und Pandemien die Aztekenpriester vermeiden wollten. Das Reich stand hierbei in einer längeren Tradition sowohl von Menschenopfern als auch von mesoamerikanischen Kosmologien, die durch ritualisierte Handlungsweisen auf die Vermeidung von Unheil bedacht waren.[24.14] Die Intensität und Ausprägung der aztekischen Menschenopfer wurde später ein wichtiger Vorwand für die von den Spaniern betriebene Zerschlagung des Aztekenreiches, für welche die europäischen Invasoren viele willige Verbündete unter den anderen Mittelamerikanern fanden, die das Joch der aztekischen Tribute und Menschenopfer abwerfen wollten.[24.15]

Im Angesicht der aztekischen Expansion entstanden entlang der Grenzen des Reiches Allianzen zwischen Mixteken und Zapoteken sowie unbeugsame Rivalen wie Tlaxcala und Michoacán. Die Herrschaftszeiten von Ahuitzotl (1486–1502) und Moctezuma II. (1502–1520) waren von zahlreichen Feldzügen gegen Huitzo, gegen Guiengola und in Richtung Oaxaca geprägt. In Oaxaca entstand im frühen 16. Jahrhundert durch den steigenden Einfluss der Azteken ein komplexes Gemisch zapotekischer, mixtekischer und aztekischer Einflüsse, welche zum Zeitpunkt der Ankunft der Europäer einen Höhepunkt der ethnischen Komplexität Mesoamerikas darstellte.[24.16]

Der Norden: nomadische Chichimeken, Chalchihuitenkultur

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Sprachen um 1500
Die Votivpyramide von La Quemada

Auch wenn die Kulturen im heutigen Nordmexiko nicht den gleichen kulturellen Einfluss wie die Hochkulturen in Zentral- und Südmexiko erreichten, lebten auf dem Gebiet der Bundesstaaten Durango, Zacatecas und San Luis Potosí nichtsdestotrotz sesshafte Völker, die spätestens ab dem 2. Jahrhundert n. Chr. intensiv mit den südlicheren Kulturen verknüpft waren.

Die Chalchihuiten-Kultur mit ihrer wichtigen Fundstätte La Quemada florierte im mittleren bis späten 1. Jahrtausend. Der Zusammenbruch des im Süden gelegenen wichtigen überregionalen Zentrums Teotihuacán im Jahr 750 (siehe oben) hatte jedoch auch einen negativen Effekt auf die Kulturen in Zentralnordmexiko und stärkte die nomadischen Chichimeken, welche die sesshaften Kulturen der Region bedrohten. Die Chichimeken hielten den zentralmexikanischen Hegemonialkulturen (Tolteken, Azteken), die durchaus expansionistischer Natur waren, stand.[24.17]

Spanische Eroberung Mexikos (1519–1535)

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Ankunft der Spanier (ab 1517)

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Herrschaftsgebiete im südlichen Mexiko vor der Ankunft der Spanier
Expedition von Hernández de Córdoba, 1517

Im Jahr 1517 landete der spanische Konquistador Hernández de Córdoba im Auftrag des spanischen Gouverneurs von Kuba, Diego Velázquez, erstmals an der Küste von Yucatán. Kurz darauf schickte Velázquez den Konquistador Juan de Grijalva westwärts entlang der mexikanischen Küste, wo Grijalva auf dem Gebiet des heutigen Bundesstaates Tabasco an Land ging. Hier ermittelte Grijalva erstmals, dass weiter westlich im Landesinneren ein größeres Reich existierte, stellte aber persönlich keinen Kontakt zu den Azteken her. Daraufhin beauftragte Velázquez einen dritten Konquistador, Hernán Cortés, mit der Erkundung des Landesinneren. Cortés stach am 10. Februar 1519 mit knapp über 500 Besatzungsmitgliedern von Kuba aus in See und nahm Kurs auf Mexiko.[29.1]

Zerschlagung des Aztekenreiches

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Hernán Cortés (sitzend) mit seiner Dolmetscherin Doña Marina in einer Darstellung um 1550

Nachdem Hernán Cortés im Jahr 1519 in Mexiko gelandet war, traf er dort auf einen Spanier, Gerónimo de Aguilar, der seit dem Jahr 1511 auf dem mesoamerikanischen Festland festgesessen hatte und in der Zwischenzeit die Sprache der örtlichen Maya gelernt hatte. Kurz darauf nahm seine Expedition auch örtliche Maya-Frauen mit, von denen mindestens eine, die von den Spaniern später Doña Marina getauft wurde, die Aztekensprache Nahuatl sprach. Durch seine beiden Dolmetscher hatte Cortés damit eine Sprachbrücke zwischen Spanisch und Nahuatl und konnte sich mit Azteken verständigen. Im Namen des spanischen Königs gründete Cortés außerdem die erste spanische Stadt in Zentralmexiko, Veracruz im gleichnamigen Bundesstaat.[29.2]

Die Azteken erfuhren durch verschiedene Mittelsmänner vermutlich in den 1510er-Jahren, dass bisher unbekannte und oftmals bärtige Fremde gelegentlich das mittelamerikanische Festland betraten. Unter den Aztekenpriestern herrschte Unsicherheit, ob die Spanier möglicherweise die Inkarnation der Gottheit Quetzalcoatl sein könnten. Der Quetzalcoatl-Mythos, den die Gründer des Aztekenreiches zugunsten von Huitzilopochtli selbst zurückgedrängt hatten, gab den Azteken jetzt Grund zur Sorge, dass die gekränkte Gottheit sich in Form der Spanier rächen wollen könnte.[29.3]

Die Spanier gewannen Verbündete unter den Feinden des Aztekenreiches, während dessen Herrscher aufgrund ihrer religiösen Vorbehalte zunächst mit Beschwichtigung und Passivität gegenüber den Spaniern auftraten. Dem spanischen Feldzug von Veracruz in Richtung Tenochtitlan setzten sie zunächst keinen Widerstand entgegen. Die Spanier ermutigten die tributpflichtigen Vasallenstädte, sich den aztekischen Forderungen zu widersetzen. Nachdem die Totonaken sich den Spaniern angeschlossen hatten, liefen auch andere bisher tributpflichtige Städte zur spanischen Seite über und erklärten ihre Opposition gegen die Tributforderungen. Die Spanier gerieten kurzzeitig mit dem alten Feind der Azteken, den Tlaxcalteken, in Konflikt, konnten sie aber besiegen, woraufhin sich die Tlaxcalteken zum Seitenwechsel bereit erklärten. Im Oktober 1519 begingen die spanischen Truppen das Massaker von Cholula, bevor sich Cortés am 8. November 1519 mit Moctezuma II. an den Zugängen zu Tenochtitlan traf. Die beiden Männer versicherten sich gegenseitig ihrer freundschaftlichen Intentionen, aber die Spanier machten den Azteken deutlich, dass das doppelte Ziel ihrer Expedition in der Erbeutung von Gold sowie in der Christianisierung Mittelamerikas läge. Die Spanier blieben für mindestens vier Tage in Tenochtitlan und nahmen dann Moctezuma gefangen.[29.4] Es folgte ein weiteres Massaker in Tenochtitlan unter der Führung von Pedro de Alvarado im Sommer 1520.[24.15] Moctezumas Neffe Cuauhtémoc wurde der letzte Aztekenherrscher, konnte aber den Niedergang seines Reiches nicht mehr abwenden.[30.1] Bis 1521 war die spanische Eroberung von Tenochtitlan abgeschlossen, was dem Aztekenreich ein Ende setzte.[24.18] Das Geschichtswerk Wahrhafte Geschichte der Eroberung von Neuspanien von Bernal Díaz del Castillo wurde zu einer wichtigen Quelle der Eroberung des Aztekenreiches.[24.19]

Nach der Eroberung, den Massakern und der Zerstörung Tenochtitlans entschied sich Cortés, auf den Ruinen die Hauptstadt für die spanische Kolonialregierung zu bauen. So entstand die Hauptstadt von Mexiko, Mexiko-Stadt.[31]

Anfänge der Christianisierung

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Früh zeigte sich der religiöse Aspekt der spanischen Eroberung Zentralamerikas, da sich die Spanier die Einführung des Katholizismus in ihren neuen Besitztümern zum Ziel gesetzt hatten. Die seit 1480 in Spanien aktive Inquisition sowie die seit Mitte der 1520er in Zentralamerika tätigen Franziskaner waren mächtige Institutionen. Juan de Zumárraga setzte als erster Erzbischof von Mexiko in den 1530ern die Missionsarbeit der Franziskaner fort. Für die in Amerika ankommenden Priester waren die Naturreligionen und Ahnenkulte der mesoamerikanischen Indigenen ein fremdes und unterentwickeltes Heidentum, welches sich in dieser Hinsicht auch deutlich vom Islam unterschied, den viele dieser Männer in den vorherigen Jahrzehnten in Südspanien und Nordafrika bekämpft hatten und der eine auf dem Bereich der Institutionalisierung dem Christentum sehr ähnliche und klar strukturierte Religion war.[24.20]

Der Erfolg der Christianisierung in den frühen Jahrzehnten war zweifelhaft: Die Mesoamerikaner übernahmen häufig ohne größere Widerstände einige optische und rituelle Bräuche des Christentums, ohne dessen tiefere Doktrin zu beachten. Noch im Jahr 1562 stellte eine Untersuchung der Franziskaner fest, dass die Maya von Yucatán auch nach über vierzig Jahren Kontakt mit spanischen Missionaren viele ihrer ursprünglichen religiösen Gebräuche behalten hatten.[24.21]

Vizekönigreich Neuspanien (1535–1822)

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Kolonialstrukturen

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Girolamo Ruscelli: Karte Neuspaniens von 1561

Im Jahr 1529 wurde als spanisches Verwaltungsorgan eine Audiencia für das spätere Neuspanien eingerichtet. Im Jahr 1535 errichteten die Spanier offiziell das neue Vizekönigreich Neuspanien, welches als Kolonialstruktur der präexistenten komplexen Struktur von diversen mesoamerikanischen Volksgruppen mit verschiedenen politischen, religiösen und kulturellen Institutionen übergestülpt wurde.[24.22] Die Spanier bemächtigten sich in der Durchsetzung ihrer Herrschaft auch der Kaziken (spanisch caciques), also einheimischen Dorf- und Stammesführern.[24.23] Das Vizekönigreich bestand von 1535 bis in die 1820er-Jahre.[24.22] Antonio de Mendoza (h. 1535–1550) wurde der erste Vizekönig von Neuspanien.[24.24]

Die Ankunft von mehr und mehr europäischen Eroberern, Missionaren und Siedlern erforderte immer komplexere Kolonialstrukturen. Die brutalen Eroberungszüge der Konquistadoren wurden durch das aus der spanischen Karibik übernommene System der persönlichen Bereicherung (encomienda) entlohnt, unter welchem der Vertragsnehmer der Krone, der encomendero, die Aufgabe erhielt, eine bestimmte Gruppe der Indigenen zu christianisieren und im Gegenzug berechtigt wurde, sich der Arbeitsleistung und Tributzahlungen seiner Schutzbefohlenen zu ermächtigen. Zwar wurden die Betroffenen im Zuge der encomienda nicht im Wortsinn Sklaven des jeweiligen encomendero, aber waren in Form ihrer Arbeitskraft der Weg zu dessen persönlichem Reichtum. Schon bald wurden die encomenderos eine Art Ersatzadel für Neuspanien und gerieten in Konflikt mit der Krone, von der sie sich immer größere Autonomie in der Durchsetzung der spanischen Herrschaft in Neuspanien erhofften, während die Krone im Gegenteil ihre frühe privilegierte Position in der Kolonie nicht aufgeben wollte. Fragen nach der Zahl, der Größe und der Erblichkeit von encomiendas prägten die Kolonialpolitik des frühen bis mittleren 16. Jahrhunderts.[24.25]

Im Namen des Königs von Spanien kam eine wachsende Schicht spanischer Staatsbeamter (corregidores) nach Neuspanien, die eine vom spanischen Staat geleitete Kolonialherrschaft durchsetzen sollten. Der Machtkampf zwischen den privatwirtschaftlichen Eroberungen der encomenderos und den staatlich gelenkten corregidores zeigte sich daran, dass letztere nicht zuletzt damit beschäftigt waren, die encomiendas zu überwachen und zu beschränken, was bei den encomenderos große Ressentiments auslöste.[24.26] Die Krone stellte bereits in den 1520ern ihre Macht unter Beweis, als Karl V. Cortés aus Neuspanien abberief und ihm die Rückkehr auf seinen Gouvernoursposten verwehrte.[29.5]

Mitte des 16. Jahrhunderts entstanden in Mexiko-Stadt sowohl ein Erzbistum Mexiko (1546) als auch eine Universität (1551). Im Jahr 1569 wurde in Mexiko ein spezielles Inquisitionstribunal eingerichtet, um Protestantismus, Judentum, Hexerei, Sodomie und andere für das katholische Establishment störende Faktoren in Neuspanien zu verfolgen. Im Jahr 1585 wurde in Mexiko-Stadt das dritte Provinzialkonzil der Kirchenprovinz abgehalten, um das Konzil von Trient umzusetzen.[31]

Vizekönigreich Spanien in den Grenzen nach 1763, inklusive der von Neuspanien verwalteten Philippinen

Die ab dem 16. Jahrhundert betriebene spanische Kolonisierung und Christianisierung der Philippinen wurde von Neuspanien aus betrieben.[24.27] Die pazifische Erkundungsfahrt von Miguel López de Legazpi begann 1564 von Mexiko aus und gipfelte 1571 in der Gründung der philippinischen Hauptstadt Manila.[31] Ab den 1560er-Jahren brachte auch die jährliche Manila-Galeone eine Schiffsladung mexikanischen Silbers von Acapulco nach Manila. Diese Seeroute hatte bis 1813 jährlichen Bestand. Die spanische Krone ergriff Schritte, um die Vermischung der Handelssystem der beiden separaten Systeme Vizekönigreich Neuspanien (inklusive der Philippinen) einerseits sowie Vizekönigreich Peru andererseits zu vermeiden, um die Dominanz im eigenen Handelssystem nicht zu gefährden. Die Einfuhr peruanischen Silbers in die neuspanischen Philippinen wurde ab den 1590ern beschränkt und in den Jahren 1631 sowie 1634 explizit verboten.[24.27]

Auch wirtschaftlich orientierte sich Neuspanien am Mutterland: Die aus Spanien bekannte Hazienda wurde bis zum Ende des 16. Jahrhunderts zur wichtigsten privatwirtschaftlichen Einheit der neuspanischen Landwirtschaft. Auf den Haziendas waren oft Lohnarbeiter (spanisch peones) beschäftigt.[24.28] In den Gebieten Puebla, Bajío, Michoacán und Guadalajara entwickelte sich eine auf den Eigenbedarf ausgerichtete Textilproduktion. Das aus Spanien importierte System der Textilwerkstätten (spanisch obrajes) fand auch in Mexiko weite Verbreitung.[24.29] Der wichtigste Wirtschaftszweig Neuspaniens war aber der Silberabbau, da die spanische Krone in Neuspanien sowie in Spanisch-Peru die wichtigsten Silbervorkommen des weltweiten Handelssystems kontrollierten.[24.30] 1546 wurden in Zacatecas und 1548 in Guanajuato große Silbervorkommen entdeckt.[31] Den Höhepunkt seiner relativen Wichtigkeit im weltweiten Silberhandel erreichte das heutige Mexiko im frühen 17. Jahrhundert, da die Silberproduktion in Peru zu- und die Nachfrage für europäische Produkte in Neuspanien abnahm. Um koloniale Monopole zu umgehen, florierte der Schmuggel von Silbermünzen aus Neuspanien.[24.31]

Ethnische Hierarchie

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Darstellung eines mestizo-Kindes eines weißen Spaniers und einer Indigenen

Demographisch begann im Verlauf der spanischen Kolonisierung Zentralamerikas eine Vermischung der europäischen Spanier, der mesoamerikanischen Indigenen sowie der von den Spaniern mitgebrachten afrikanischen Sklaven. Es entstand eine neue ethnische Mischbevölkerung zwischen Weißen und Indigenen, deren Mitglieder als mestizos bezeichnet wurden. In Neuspanien bildete sich eine herkunftsgebundene Hierarchie, wobei die auf der iberischen Halbinsel geborenen Spanier (peninsulares) den in Neuspanien geborenen Spaniern (creoles) als überlegen galten. Obwohl zwischen diesen beiden Gruppen ethnischer Europäer keine visuellen Unterschiede feststellbar waren, wurden die peninsulares in der Vergabe hoher kolonialer Ämter in Neuspanien bevorzugt. Manche Frauen begaben sich während ihrer Schwangerschaft auf die lange Schiffsreise nach Spanien, sodass ihre Kinder den Status der Zugehörigkeit zu den peninsulares gewinnen könnten. Der Antagonismus zwischen peninsulares und creoles beeinflusste auch die Loyalität der Bevölkerung des Vizekönigreichs zur spanischen Krone sowie den Verlauf der späteren mexikanischen Unabhängigkeitsbewegung. Trotzdem waren die creoles aufgrund ihrer weißen Hautfarbe zumindest gegenüber den mestizos, den Afrikanern und den Indigenen im Vorteil, da sie Zugang zu kirchlichen Ämtern, zu den unteren Rängen der königlichen Bürokratie sowie zu lokalen Regierungsämtern hatten.[29.6] Nachdem die creoles im frühen 18. Jahrhundert große Fortschritte in der Besetzung höherer Staatsämter gemacht hatten, wurde dieser Trend ab 1750 durch den bourbonischen Reformkurs, der die peninsulares bevorzugte, wieder größtenteils rückgängig gemacht, was die Ressentiments der creoles in der vorrevolutionären Zeit verschärfte.[29.7]

Die ethnischen Mischlinge bildeten das dritte Glied der ethnischen Hierarchie. Für die vielfältigen sexuellen Verbindungen des neuspanischen Lebens gab es eine entsprechend komplexe Unterteilung der ethnischen Mischgruppenː Kinder von Weißen und Indianern wurden zumeist als mestizos bezeichnet, Kindern von Weißen und mestizos als castizos, Kinder von Schwarzen und mestizos als afrotizos, Kinder von Weißen und Schwarzen als mulattos.[29.5]

Die unterste Stufe der ethnischen Hierarchie in Neuspanien nahm die indigene Bevölkerung ein.[29.5]

Niedergang der indigenen Bevölkerung

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Darstellung von Nahua mit Pocken im Codex Florentinus

Die steigende Zahl von Europäern in Mittelamerika brachte einen beispiellosen Bevölkerungszusammenbruch der Indigenen mit sich, der vor allem durch die von den Europäern eingeschleppten Krankheiten ausgelöst wurde.[24.32] Die Bevölkerung der Mixtekengebiete fiel zwischen 1520 und 1620 von 350.000 auf 35.000 und auch danach wurde bis 1675 kein Wachstum festgestellt. Die Mixteken hatten sich in zwei größeren Aufständen (1528–1531 sowie 1548) gegen die Spanier erhoben, worauf die Krone mit noch größerer Repression antwortete.[24.33] Bis zu den 1620er-Jahren fiel die Bevölkerung der Indigenen in Neuspanien auf ca. 1.200.000, was mit einer schwindenden Bedeutung der indianischen Gemeinden für die Nahrungsmittelproduktion in Neuspanien einherging, die immer stärker von den Haziendas übernommen wurde.[24.34]

Die politischen Strukturen der Indigenen, die zuvor in auf Nahuatl altepetl genannten Gebietskörperschaften gelebt hatten, wurden in die spanischen pueblos (wörtlich „Dörfer“) überführt. Die indigene Lebensweise wurde von den Kolonialbehörden unter dem Schlagwort der república de indios zusammengefasst und studiert, wobei die Spanier jedoch stets europäische Vergleichsmuster heranzogen, die auf die Mittelamerikaner eigentlich nicht anwendbar waren. Trotz der Anpassungen und auch einer wachsenden Hispanisierung nutzten viele mittelamerikanische Volksgruppen zunächst ihre eigenen Sprachen weiter, was von den Spaniern durch die Bereitstellung von Dolmetschern für spanische Gerichtshöfe zumindest teilweise sogar unterstützt wurde. Im Jahr 1550 richtete die spanische Krone im Zuge ihrer Bekämpfung der encomenderos das Amt eines Indianer-Generalstaatsanwalts (spanisch Procurador General de Indios) für die audiencia von Neuspanien ein, damit die Indigenen eine bessere Gelegenheit erhalten könnten, sich über Rechtsbrüche zu beschweren.[24.35]

Wiederholte Konflikte gab es zwischen den indigenen Gruppen und den christlichen Missionaren, da die Missionare oft versuchten, die religiösen Rituale der Indigenen zu beschränken und abzuschaffen.[24.36]

Widerstand gegen die Eroberung Nordmexikos, Aufstände und Missionen

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Während die zentralmexikanischen Gebiete nach dem Zerfall des Aztekenreiches in den 1520er Jahren vergleichsweise schnell in den spanischen Einflussbereich eingegliedert wurden, widersetzte sich die Bevölkerung Nordmexikos wesentlich länger. Die Yaqui in Nordwestmexiko wehrten in den 1530er Jahren einen spanischen Eroberungsversuch ab und ließen sich erst in den 1610er Jahren auf einen Kompromiss mit dem Jesuitenorden ein, der daraufhin über 50 Missionen in den Tälern entlang des Sonora-Flusses errichtete. Die Opata in der Sierra Madre wurden Verbündete der Spanier. Die Jesuiten zogen mit ihrer Gegnerschaft zu indigenen Schamanen auch deren Missgunst auf sich.[24.37]

Noch weiter nördlich trafen die Spanier schließlich in der Apacheria, einem nach den Apachen benannten Gebiet, ein. Hier trafen sie auf ein komplexes Gemisch der vielfach miteinander verfeindeten Apachen, Comanchen und Pueblo-Indianer.[24.37]

Pueblo-Revolte von 1680 in einer Wandmalerei von 1936

Der Versuch der spanischen Missionare, die Indigenen vom jahreszeitlich halbnomadischen in den sesshaften Lebensstil zu überführen, rief starken Widerstand hervor. Im Jahr 1616 erhoben sich die Tepehuán mit Unterstützung der Tarahumara gegen die spanischen Siedlungen in Nordwestmexiko. Die Tarahumara führten in den Jahren 1650, 1652, 1689 und 1696/1697 weitere Aufstände durch, in deren Verlauf Jesuitenmissionen zerstört wurden. Die Tarahumara wehrten sich wie im Fall anderer Indianeraufstände gegen die Unterdrückung ihrer Rituale, gegen den Verlust der Autonomie lokaler Siedlung und gegen die von den Spaniern praktizierte gewinnorientierte und privatwirtschaftliche Landnahme. Der Aufstand von 1696/1697, der weite Teile der heutigen Bundesstaaten Sonora und Sinaloa erfasste, führte zur Vernichtung von sieben Jesuitenmissionen und drängte die Spanier für mehrere Jahrzehnte aus diesem Gebiet zurück. Im Jahr 1680 kam ein von den Tarahumara-Aufständen separater Aufstand der Pueblos dazu, bei dem mindestens 380 spanische Siedler sowie 21 Franziskanerpriester getötet und weitere 2.000 Siedler zur Flucht gezwungen wurden. Die Zahl der indigenen Opfer ist unbekannt. Die Flüchtlinge zogen sich ins im Jahr 1659 gegründete und heute jenseits der mexikanischen Nordgrenze gelegene El Paso zurück. Der große Puebloaufstand von 1680 war auf Streitigkeiten über deren Arbeitspflichten, die Korruption spanischer Beamter sowie den Angriff der Franziskaner auf die religiösen Gebräuche der Indigenen zurückzuführen. Erst 1692 versuchten die Spanier eine erneute Inbesitznahme der Pueblo-Gebiete. Auffällig an den Aufständen der Pueblos und Tarahumara war, dass sie sich gegenseitig befeuerten und dass die indigenen Völker auch überregionale Allianzen zum Schutz gegen spanische Machtausübung gründeten.[24.38]

Jesuitenmission San Ignacio Kadakaamán, Niederkalifornien

Die Entdeckung der Álamos-Minen in Sonora gab der Besiedlung Nordwestmexikos erhöhte wirtschaftliche Priorität. Zwischen 1685 und 1700 gründeten die Jesuiten 25 neue Missionen im Pimería-Gebiet, zu denen auch San Xavier del Bac und San Agustín del Tucsón (Gründungszelle der Großstadt Tucson) gehörten, die beide jedoch im Jahr 1853 mit dem Gadsden-Kauf an die Vereinigten Staaten übergehen sollten. Im Jahr 1697 wurde Loreto als erste spanische Siedlung auf der Halbinsel Niederkalifornien gegründet. 1718 folgte mit San Antonio de Béxar (Gründungszelle der Großstadt San Antonio) auch eine Festung im heutigen zentralen Texas.[24.39]

Das nördliche Grenzgebiet Neuspaniens blieb im späten 17. und frühen 18. Jahrhundert sehr dünn besiedelt, da die Bevölkerung um 1760 auf etwa 233.000 beziffert werden kann, von denen weniger als die Hälfte Indigene waren. Etwa 54.000 Indigene bewohnten den heutigen Bundesstaat Sonora und weitere 47.000 die historische Teilprovinz Nueva Vizcaya. Die spanische Herrschaft blieb durch Aufstände bedroht. Weder die Gründung einer neuen Verwaltungsstruktur in Coahuila im Jahr 1687 noch die königlichen Regularien für die Nordgrenze im Jahr 1729 konnte die Besiedlung des lebensfeindlichen Nordens Neuspaniens attraktiver machen; das heutige Texas blieb die am dünnsten besiedelte Region der Nordgrenze. Im frühen 18. Jahrhundert wurde die Situation sogar noch gefährlicher für die Siedler, da sich die Indianerkriege zwischen den Comanchen und Apachen intensivierten und weitere Aufstände an der Küste von Sonora (1725/1726) sowie auf der Halbinsel Niederkalifornien (1730er/1740er) die spanischen Siedlungen bedrohten. Im Jahr 1740 versammelten die Yaqui eine Allianz befreundeter Völker und führten einen weiteren Aufstand gegen die Spanier an, um ihr Recht auf externen Handel, Waffenbesitz und Minenarbeit nach eigenen Bedingungen der Lohnarbeit zu erzwingen. Der Aufstand von 1740–1742 war für die Jesuitenmissionen in der Region eine Demütigung und stellte das gesamte Missionsprojekt in Frage, zumal sich das Volk der Seri bereits 1748 zu einer weiteren Rebellion sammelte.[24.40]

Spanische Kultur im Vizekönigreich Neuspanien

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Cristóbal de Villalpando: Lactación de Santo Domingo, 1684

Der Barockstil, der sich im späten 16. Jahrhundert in Europa stark ausbreitete, kam mit einigen Jahrzehnten Verspätung auch in den spanischen und portugiesischen Kolonien Mittel- und Südamerikas an. Zu den wichtigeren Künstlern in Neuspanien gehörten Juan Rodríguez Juárez, José de Ibarra und Juan Correa. Den Höhepunkt fand der neuspanische Barock aber in den zahlreichen Werken von Cristóbal de Villalpando, der zwischen den 1670er und 1710er Jahren tätig war. Später im 18. Jahrhundert folgte Miguel Cabrera, der in den 1750er-Jahren zum offiziellen Maler des Erzbistums Mexiko wurde und im Jahr 1756 sein einflussreiches Werk Maravilla Americana veröffentlichte. Die Kunst in Neuspanien war stark religiös geprägt, was sich in einer extensiven Kirchenmalerei niederschlug. Häufig wiederkehrende Motive der neuspanischen Kunst waren die unbefleckte Empfängnis, Mariä Aufnahme in den Himmel, die Dreifaltigkeit, die Eucharistie, der Leidensweg Jesu Christi und das Leben katholischer Heiliger.[24.41]

Basilika Unserer Lieben Frau von Guadalupe in Mexiko-Stadt

Die Marienverehrung wurde früh einer der wichtigsten Aspekte des Katholizismus in Neuspanien und ist seit spätestens dem mittleren 17. Jahrhundert fest etabliert.[24.42] Die Jungfrau von Guadalupe, die im Jahr 1531 dem katholischen Heiligen Juan Diego erschienen sein soll, wurde nach 1635 zu einer für Mexiko sehr wichtigen Marienerscheinung.[31] Die Verehrung dieses Marienbilds wird auch guadalupanismo genannt. Nachdem die Anrufung der Jungfrau von Guadalupe im Jahr 1737 vor dem Hintergrund einer Epidemie in Mexiko-Stadt die Heilung der Hauptstadt gebracht zu haben schien, nahm der guadalupanismo in Zentralmexiko universelle Züge an.[24.42] Im Jahr 1709 wurde in Mexiko-Stadt die Basilika von Guadelupe errichtet.[31] Der guadalupanismo wirkt bis in die Gegenwart fort und hat Kulturschaffende wie Octavio Paz und Guillermo Gómez-Peña beeinflusst.[32.1] Andere wichtige Marienbilder in Mexiko sind die Jungfrau der Einsamkeit (Oaxaca), die Jungfrau von Ocotlán und die Jungfrau von Pueblitos (Querétaro).[24.42]

Zu den wichtigsten Intellektuellen Neuspaniens gehörten der Mathematiker Diego Rodríguez und der jesuitische Gelehrte Carlos de Sigüenza y Góngora. Unter den gelehrten Frauen Neuspaniens sticht die Nonne Juana Inés de la Cruz hervor, die trotz ihres Geschlechts und ihrer unehelichen Abstammung zur geschlechtsübergreifend wichtigsten Dichterin des neuspanischen Barocks wurde, bevor sie im Jahr 1693 gezwungen wurde, ihre intellektuellen Tätigkeiten zu beenden.[24.43]

Niedergang des Vizekönigreichs

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Der Verfall spanischer Macht ab dem 17. Jahrhundert stärkte die regionalen Kolonialeliten in Neuspanien, die sich größere Autonomie und wirtschaftlichen Gewinn sichern konnten. Der Spanisch-Niederländische Krieg brachte wiederholte niederländische Angriffe auf neuspanische Handelsschiffe und Seehäfen mit sich. Als Juan de Palafox y Mendoza in den 1640er Jahren nach Neuspanien kam und ab 1642 als Vizekönig versuchte, die Autonomie des Jesuitenordens, der sich zwischenzeitlich in Neuspanien stark bereichert hatte, zu beschränken, löste dies heftige politische Konflikte aus, die schließlich zu Palafox’ Abberufung im Jahr 1649 führten. Da die Krone sich aufgrund des immer in Geldnöten befindlichen Fiskus gezwungen sah, Ämter in der audiencia zu verkaufen, konnten sich vermehrt mächtige regionale Figuren in die neuspanische Regierung einkaufen und die audiencia wandelte sich von einer Bastion des monarchistischen Absolutismus hin zu einer Interessenvertretung des kolonialen Autonomismus.[24.44]

Der Spanische Erbfolgekrieg (1700–1715), mit dem die Bourbonen die Habsburger als herrschende Dynastie Spaniens ablösten, brachte für Neuspanien einige Reformversuche des neuen Königshauses, welches versuchte, die Kolonialstruktur an das französische Vorbild anzupassen. 1742 wurde das Handelsverbot zwischen den Vizekönigreichen Neuspanien und Peru durch Handelslizenzen bestimmter Schiffe stark aufgeweicht.[24.45] Die Gründung der Real Compañía de La Habana in Kuba war ein weiterer Schachzug der Krone, um den neuspanischen Handelseinfluss zugunsten der spanischen Zentralregierung zu beschränken.[31]

Die fortschreitende Schwächung der Zentralregierung, die sich besonders im späten 18. Jahrhundert zeigte, vermischte sich ab 1789 mit dem Chaos der Französischen Revolution und der Revolutionskriege, von denen besonders der napoleonische Spanienfeldzug (1808–1814) die Autorität der Madrider Regierung vernichtend schwächte. Bereits ab 1796 war Spanien auf Unterstützungszahlungen aus Neuspanien angewiesen. Zwischen 1795 und 1821 ist deshalb auch für das Vizekönigreich ein deutlicher Machtverfall feststellbar.[24.46] Der Silberabbau, der im 18. Jahrhundert nach wie vor einen zentralen Wirtschaftszweig darstellte, konnte mit dem von der Zentralregierung verlangten Silberexport nicht mehr mithalten, während gleichzeitig die neuspanische Landwirtschaft stagnierte und für die starken Wetterschwankungen Zentralamerikas nur wenig gewappnet war.[24.47] Ein königliches Konsolidierungsgesetz im Winter 1804, welches der Krone die Beschlagnahmung und den Weiterverkauf von kirchlichen Ländereien erlaubte, erregte in Neuspanien große Empörung.[29.8]

Als die napoleonische Intervention im Frühling 1808 die Bourbonen vom spanischen Thron stürzte und Ferdinand VII. zur zeitweiligen Abdankung zwang, stand der neuspanische Vizekönig José de Iturrigaray vor der Frage, ob künftig den bourbonischen oder den napoleonischen Autoritäten in Spanien zu folgen sei.[24.48] Die Übergabe der spanischen Krone an Joseph Bonaparte wurde von der neuspanischen Elite, die weiterhin Ferdinand VII. unterstützte, als Vertragsbruch gegenüber dem Vizekönigreich aufgefasst.[33.1] Iturrigaray versuchte stattdessen, die politische Autorität über Neuspanien endgültig von Madrid nach Mexiko-Stadt zu verlagern und damit für das Vizekönigreich die politische Autonomie zu sichern. Sein sezessionistischer Ansatz wurde jedoch in der Nacht vom 15. September 1808 durch einen Staatsstreich spanientreuer Gruppen beendet,[24.48] da die konservativen peninsulares befürchteten, dass Iturrigaray sich mit den creoles verbünden würde.[29.8] Die Angst vor einer Wiederholung der Wirren der Französischen Revolution sowie der Haitianischen Revolution trieb die Konservativen zusätzlich zur Verschwörung gegen Iturrigaray. Die von den konservativen Peninsulares gestützte Regierungsgewalt ging nun an einen alten General, Pedro de Garibay, über.[33.2] Dies verlagerte die separatistischen Tendenzen der mexikanischen Gesellschaft weg von der Hauptstadt und in die Provinzen und die unteren Ränge des Staatsdienstes, während der Unabhängigkeitsprozess vergleichbarer südamerikanischer Staaten eher von hauptstädtischen Eliten geprägt war.[24.48] Garibay konnte sich nicht lange als Vizekönig halten und sein Amt ging an den Erzbischof Francisco Javier de Lizana y Beaumont über, der den Putschisten, die kurz zuvor Iturrigaray abgesetzt hatten, misstraute und deshalb kurz darauf selbst abgesetzt wurde. Sein Nachfolger wurde Francisco Javier Venegas.[33.3]

Mexikanischer Unabhängigkeitskrieg

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Erste Phase der Rebellion (1810–1811)

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Miguel Hidalgo con estandarte.jpg
Miguel Hidalgo y Costilla

Im September 1810 begann unter der Führung des Priesters Miguel Hidalgo y Costilla der Kampf um die mexikanische Unabhängigkeit.[24.49] Er gab am 16. September eine aufrührerische Ansprache, den Schrei von Dolores, in dem sich Hidalgo zwar auf König Ferdinand VII. als rechtmäßiges Staatsoberhaupt berief, aber gleichzeitig die Großgrundbesitzer und die Korruption der neuspanischen Regierung denunzierte.[29.9] Hidalgo berief sich in seiner aufständischen Ideologie auf den Marienkult des guadalupanismo, um der Rebellion eine religiös-mexikanische Note zu geben.[24.50] Hidalgo trug entscheidend zur Verbreitung des guadalupanismo in Mexiko bei.[32.2] Zu den frühen Unterstützern Hidalgos gehörten Ignacio Allende, die Aldama-Brüder Juan und Ignacio, Josefa Ortiz de Domínguez sowie weitere Intellektuelle aus der Schicht der creoles.[32.3]

Der erste größere Gewaltakt der Rebellion war die Plünderung des Granaditas-Kornspeichers in Guanajuato.[29.10] In der ersten Phase breitete sich der Aufstand zwischen September 1810 und Januar 1811 im zentralen Neuspanien aus. Lokalregierungen und lokale Priester liefen vielerorts zu den Rebellen über und viele peninsulares wurden durch creoles verdrängt. Als Reaktion auf den sich ausbreitenden Aufstand stellten die Königstreuen des Vizekönigreichs eine neue „Zentralarmee“ unter dem Befehl von General Félix María Calleja del Rey mit Oberst Manuel de Flón als rechter Hand auf.[33.4] Hingegen war die gewaltige Aufstandsbewegung von bis zu ca. 100.000 Bauern und Landarbeitern, die sich oft nur mit Macheten, Erntewerkzeug und Behelfswaffen ausgerüstet um Hidalgo scharten, eine ungeordnete und unerfahrene Masse, die gegen die Berufssoldaten der mexikanischen Armee im Gefecht keine Chance hatte.[32.4] Am 7. November 1810 fügten die Royalisten den Rebellen in der Schlacht bei Aculco eine Niederlage zu, wofür sich die Führer der Rebellion gegenseitig die Schuld gaben. Der sehr fähige royalistische Heerführer Calleja ließ diesem ersten Triumph sodann am 16. Januar 1811 einen weiteren Sieg in der Schlacht um die Calderón-Brücke folgen. Die Rebellenführer mussten das Schlachtfeld in einer chaotischen Flucht räumen und ließen dabei ihre Artilleriegeschütze, ihren Nachschub und ihre Verwundeten zurück. Die Hauptgruppe der Rebellenführer um Hidalgo wurde auf der Flucht in Richtung der amerikanischen Grenze von Royalisten gefasst und am 30. Juli 1811 kurzerhand hingerichtet.[33.5]

Zweite Phase der Rebellion (1811–1815)

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Die Rebellion wurde mit der Hinrichtung ihrer frühen Führer nicht niedergeschlagen, da sich die Rebellenarmee unter der Führung von Ignacio Rayón neu formieren konnte.[33.6] Geistliche wie José María Morelos griffen Hidalgos religiöse Rhetorik auf und übernahmen die spirituelle Führerschaft der Rebellion.[32.4] In der Nähe von Zitácuaro errangen die Royalisten am 11. November 1811 einen weiteren Sieg, woraufhin die Siedlung von den Royalisten als Strafe für ihre pro-republikanische Haltung geschleift wurde: Zwanzig Dorfbewohner wurden exekutiert und die Ortschaft sowie umliegende Indianerdörfer in Brand gesteckt. Im Februar 1812 stellten die Royalisten eine weitere Rebellengruppe unter der Führung von Morelos in der Nähe von Cuautla. Die siegessicheren Royalisten unterschätzten ihre Gegner nicht zuletzt wegen der Hautfarbe der mehrheitlich schwarzen und mulattischen Aufständischen unter Morelos’ Befehl. Die Kämpfe gegen die bei Cuautla verschanzten Rebellen dauerten über einen Monat und erregten in ganz Mexiko die Aufmerksamkeit der Unterstützer beider Seiten. Da die anderen Rebellengeneräle (Ignacio Rayón, Francisco Osorno, Julián Villagrán) den belagerten Truppen in Cuautla nicht zu Hilfe kamen, verlagerte die Ankunft frischer royalistischer Truppen in Form der aus Spanien nach Mexiko verlegten Lobera- und Asturias-Regimenter das Kräfteverhältnis zugunsten der Royalisten. Die Rebellen entzogen sich in einer gewagten nächtlichen Flucht jedoch dem Zugriff der Belagerer. Die Royalisten betraten die belagerte Stadt und ersparten ihr schließlich das ursprünglich von Calleja befohlene Schicksal der Vernichtung.[33.6]

Die politischen Wirren in Spanien, wo im Jahr 1812 die liberale Verfassung von Cádiz verabschiedet wurde, brachte dem spanischen Befehlshaber Calleja, der in Anerkennung seiner Leistungen auch das Amt des Vizekönigs von Neuspanien erhielt, neue Aufgaben. Viele ehemalige Rebellen erklärten sich im Gegenzug für eine Amnestie bereit, zu den Royalisten überzulaufen und unter den Bedingungen der Verfassung von 1812 königstreue Verwaltungsdistrikte zu bilden. Zwischen 1812 und 1814 konzentrierte der Vizekönig seine Macht zunehmend und etablierte eine Art Militärdiktatur unter seiner persönlichen Führung.[33.7]

Kongress von Chilpancingo (1813), rechts stehend José Morelos

Die Unabhängigkeitsbewegung versuchte, sich im Kongress von Chilpancingo (September 1813) sowie in Form der Verfassung von Apatzingán (Oktober 1814) eine republikanische Staatsform mit liberalen Prinzipien wie der Gleichheit vor dem Gesetz zu geben, wodurch die Mexikaner die spanische Verfassung von 1812 teilweise imitierten.[24.51] Zu den wichtigsten Figuren der mexikanischen Unabhängigkeitsbewegung gehörten der im Jahr 1815 exekutierte General Morelos sowie dessen Nachfolger Vicente Guerrero.[24.52]

Calleja verfügte um 1814 über etwa 8000 erfahrene Expeditionssoldaten, die an den napoleonischen Kriegen teilgenommen hatten und jetzt über Neuspanien verteilt zur Bekämpfung der Rebellen zur Verfügung standen. In dieser Phase der Revolution lag das Hauptaugenmerk auf General Morelos, dem Rebellenführer bei der Belagerung von Cuautla, da er der vizeköniglichen Regierung als Hauptfeind galt. Morelos wurde nach der Schlacht von Temalaca am 5. November 1815 gefangen genommen und nach Mexiko-Stadt gebracht, wo er sowohl vor ein Militär- als auch vor ein Kirchengericht gestellt, zum Tode verurteilt und am 22. Dezember 1815 hingerichtet wurde.[33.7] Die Niederlage der Rebellen zum Jahresende 1815 nahm den Aufständischen den Großteil ihres verbliebenen Momentums, sodass Mexiko im Jahr 1816 einigermaßen befriedet war.[34]

Dritte Phase der Rebellion (1820–1821)

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Flagge der Armee der drei Garantien

Die Wiederherstellung der spanischen Verfassung von 1812 im Jahr 1820 fachte in Mexiko die Rebellion wiederum an. Der bisher royalistische General Agustín de Iturbide wechselte die Seite und verkündete am 24. Februar 1821 den Plan von Iguala, der die Ausschaltung der liberalen neuspanischen cortes und die Wiedererrichtung des Absolutismus unter Ferdinand VII. vorsah, der entweder selbst oder vertreten durch ein Familienmitglied der Kaiser Neuspaniens werden sollte.[33.8] Iturbide gab mit dem Plan die ‚drei Garantien‘ ab: Unabhängigkeit, Katholizismus als Staatsreligion und Gleichheit vor dem Gesetz.[34] Die Armee der drei Garantien, die aus den Iturbide-treuen Truppen bestand, die den Plan von Iguala unterstützten,[29.11] führte eine weiß-grün-rote Flagge mit Diagonalstreifen, deren Farbgebung im November 1821 zum Vorbild der im französischen Stil vertikal grün-weiß-roten mexikanischen Nationalflagge werden sollte.[35]

Die konservativen Unterstützer des Iguala-Plans unterteilten sich in konservative Konstitutionalisten einerseits und Unterstützer eines monarchischen Absolutismus andererseits. Die absolutistische Fraktion versammelte sich zeitweise um den Feldmarschall Francisco Novella und putschte gegen den Vizekönig Juan Ruiz de Apodaca.[33.9]

Auch wenn die Unabhängigkeit Mexikos von Spanien bereits 1810 erklärt worden war, wurde sie erst durch den Vertrag von Córdoba im August 1821 besiegelt, der im mexikanischen Córdoba von Juan O’Donojú als Vertreter der Krone und Agustin de Iturbide als Vertreter Neuspaniens unterzeichnet wurde und den Plan von Iguala ratifizierte. Der Vertrag sah zunächst vor, dass ein neues separates Kaiserreich in Neuspanien etabliert, aber in Personalunion unter Ferdinand VII. von Spanien als Kaiser regiert werden würde.[24.53] Iturbide zog in einem Triumphzug am 27. September 1821 in Mexiko-Stadt ein.[33.9] Statt einer stabilen Überführung in einen spanisch geführten Staatenbund folgte für Mexiko jedoch stattdessen eine chaotische Phase mit mindestens 50 verschiedenen Regierungen, die sich allein zwischen 1821 und 1857 anschickten, das Land tatsächlich oder vermeintlich zu kontrollieren.[29.12]

Erstes Kaiserreich (1821–1823)

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Ausdehnung Mexikos im Jahr 1821
Flagge Mexikos vom 2. November 1821–14. April 1823

Nachdem Iturbide am 27. September 1821 die Kontrolle in Mexiko-Stadt übernommen hatte, etablierte er zunächst einen „nationalen souveränen Regierungsrat“ (spanisch Soberana Junta Nacional Gubernativa). Statt den Vertrag von Córdoba umzusetzen und einen europäischen Monarchen zu suchen, wurde General Agustín de Iturbide im Mai 1822 als „Agustín I.“ selbst Kaiser von Mexiko. Dieses erste Kaiserreich Mexiko wurde bereits im März 1823 wieder gestürzt, nachdem bereits im Februar 1822 erste Konflikte zwischen Legislative und Exekutive aufgetreten waren.[24.54] Agustín I. floh ins Exil, woraufhin die Offiziere Nicolás Bravo, Guadalupe Victoria und Pedro Celestine Negrete zunächst in Form einer Junta die Macht übernahmen. Die Generäle beriefen für November 1823 eine verfassunggebende Nationalversammlung ein, welche die Verfassung von 1824 ausarbeitete.[29.13]

Während des kurzen Bestehens des Kaiserreiches befand sich die Hafenstadt Veracruz weiterhin unter der Kontrolle spanientreuer Truppen, die sich nach dem Unabhängigkeitskrieg in der Inselfestung San Juan de Ulúa verschanzt hatten und damit den Außenhandel des jungen Mexiko behinderten. In den Jahren 1820/1821 konkurrierten die Spanier unter Führung von Francisco Lemaur, die Iturbide-treuen Truppen von José Antonio de Echávarri sowie die Soldaten von General Antonio López de Santa Anna um die Kontrolle von Veracruz.[33.10] Kaiser Agustín I. wurde am 19. Juli 1824 von mexikanischen Republikanern erschossen.[34]

Im Jahr 1823 spalteten sich 17 der 18 Provinzen im Süden des Kaiserreiches von Mexiko ab und proklamierten ihre Unabhängigkeit als Vereinigte Provinzen von Zentralamerika.[34]

Erste Republik (1824–1864)

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Föderative Republik 1824–1835

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Guadalupe Victoria, erster Präsident Mexikos

Am 4. Oktober 1824 wurde Mexiko Republik und erhielt eine bundesstaatliche Verfassung, Guadalupe Victoria wurde ihr erster Präsident.[29.14] Seine Regierungszeit war von der wachsenden Spaltung zwischen den Föderalisten und den Zentralisten geprägt, die sich in den größeren Trend der mexikanischen Geschichte einer Spaltung zwischen Liberalen und Konservativen einfügt. Trotzdem gab es politische Ähnlichkeiten zwischen Liberalen und Konservativen, die beide ihre Führungsschichten aus den urbanen Mittel- und Oberschichten rekrutierten, eine elitäre Herablassung für die Durchschnittsmexikaner an den Tag legten und die landwirtschaftlichen Haziendas als mächtige Gesellschaftsinstitution erhalten wollten. Es war deshalb für Politiker möglich, zwischen den politischen Fraktionen zu wechseln.[30.2]

Die Beziehungen zwischen Spaniern und verschiedenen mexikanischen Fraktionen wurden durch die politische Krise im spanischen Mutterland noch verkompliziert, da dort im Jahr 1823 durch die Französische Invasion in Spanien die im Jahr 1820 wiedereingesetzte Verfassung von 1812 wiederum eliminiert und das spanische Trienio Liberal beendet wurde. Am 23. September 1823 nahm die spanische Besatzung der Küstenfestung San Juan de Ulúa die Stadt Veracruz unter Beschuss und versetzte die Zivilbevölkerung in Panik. Die Mexikaner antworteten mit einer Blockade der Festung, die von 1823 bis 1825 andauerte. Bis zum 1. November 1825 schrumpfte die Garnison der Festung nach 341 Todesopfern auf nur noch 70 Soldaten zusammen. Die Mexikaner nahmen die Kapitulation am 18. November 1825 endgültig entgegen, aber der spanische König Ferdinand VII. erkannte die mexikanische Unabhängigkeit nie an. Dieser Schritt wurde erst im Jahr 1836 von seiner Witwe, der Regentin Maria Christina unternommen.[33.11]

Im Jahr 1828 wurde Victoria kurzzeitig durch Manuel Gómez Pedraza abgelöst, gegen den jedoch ein Putsch zugunsten von Vicente Guerrero erfolgte. Guerrero wurde jedoch kurz darauf wiederum von der katholisch-konservativen Gruppe aus dem Amt gedrängt.[30.3] Sein ehemaliger Vizepräsident Anastasio Bustamante, der mit den konservativen Offizieren paktierte, wurde 1830 an Guerreros Stelle neuer Präsident. Guerrero floh, fiel aber im Hafen von Acapulco einer Verschwörung zum Opfer und wurde nach Mexiko-Stadt verschleppt, wo ihm wegen Hochverrats der Prozess gemacht wurde. Guerrero wurde am 14. Januar 1831 hingerichtet.[36.1]

Im Jahr 1829 unternahmen spanische Truppen den Versuch, die Kontrolle über Mexiko wiederherzustellen. Der mexikanische Befehlshaber Antonio López de Santa Anna schaffte es, die Invasoren ohne direkte Gefechte im Raum Tampico nahe Veracruz in Schach zu halten, wo durch Gelbfieber und Malaria den spanischen Truppen große Verluste zufügten. Santa Anna als Sieger über die Spanier konnte sein Profil schärfen, während sich Bustamante in die Hinrichtung von Guerrero verstrickte.[36.1]

Mit seinem neuen Image als Retter der Nation wurde Santa Anna im Jahr 1833 zum Präsidenten gewählt, überließ die Regierungsgeschäfte aber schon bald seinem Vizepräsidenten Valentín Gómez Farías und zog sich, vermeintlich aus Gesundheitsgründen, auf seine Hazienda zurück. Gómez Farías betrieb in Santa Annas Abwesenheit die Beschränkung der militärischen und kirchlichen Macht und plante eine Verkleinerung der Armee sowie die Säkularisierung der Schulbildung. Die Regierung schloss die ausschließlich von Priestern geleitete Königlich-Pontifikale Universität von Mexiko in Mexiko-Stadt, löste die bisherige gesetzliche Pflicht zur Kirchenspende auf und erlaubte Priestern und Nonnen den Bruch ihrer Gelübde und die Rückkehr ins Zivilleben. Auf das Reformpaket der Gómez Farías-Regierung folgte eine reaktionäre Gegenbewegung des klerikalen und militärischen Establishments. Die Rebellen nahmen Santa Anna gefangen, ließen ihn dann aber im Gegenzug gegen das ungewöhnliche Versprechen frei, die Rebellen gegen die von Santa Anna selbst organisierte Regierung anzuführen. Santa Anna wechselte tatsächlich die Seiten, setzte sich an die Spitze der reaktionären Kräfte und wirkte entscheidend an der Zentralisierung von 1835 mit.[36.2]

Zentralistische Republik 1835–1846

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Aufteilung Mexikos in „Departements“ und Sezessionsbewegungen 1835–1846

Am 23. Oktober 1835 wurde mit den „Sieben Gesetzen“ (Siete Leyes) eine neue Verfassung eingeführt, die den Föderalismus durch einen neuen Zentralismus ablöste.[24.55] Aus den vormaligen Bundesstaaten wurden Departements und der Präsident wurde in seinen Befugnissen gestärkt.[30.4] Diese von konservativen Kräften erzwungene Verfassungsänderung rief Widerstände hervor, wie in Zacatecas, einem Zentrum des Silberbergbaus, wo es zu einem Aufstand kam, als die bundesstaatliche Miliz aufgelöst werden sollte. 1840 bildete sich aus den nordöstlichen Departements die kurzlebige Republik Rio Grande. Yucatan erlangte über mehrere Jahre ab 1841 die Unabhängigkeit. Autonomiebewegungen gab es auch in anderen Departments (Tabasco, Kalifornien, Neu-Mexiko u. a.).

Die zentralistischen Tendenzen förderten auch die Autonomie-Bestrebungen der von Sam Houston geführten englischsprachigen Kolonisten in Texas.[34] General Santa Anna stellte im Winter 1835/1836 eine Streitmacht auf, um die texanische Sezession zu beenden und kam im März 1836 in San Antonio an, wo die Mexikaner die Texaner in der Alamo-Festung belagerten und schließlich niedermetzelten.[29.15] Nach der Niederlage der mexikanischen Armee am Fluss San Jacinto am 21. April 1836 wurde Texas faktisch unabhängig.[34] Santa Anna wurde von den Texanern gefangen genommen und musste eine Kapitulation unterzeichnen, die jedoch vom mexikanischen Parlament nicht ratifiziert wurde. Der in die Heimat zurückgekehrte Santa Anna unterstützte sogleich das Parlament und erklärte den von ihm selbst unterzeichneten Vertrag für ungültig. Mexiko erkannte die neue „Republik Texas“ nie an, aber die Vereinigten Staaten eröffneten im Jahr 1837 diplomatische Beziehungen mit Texas, was in Mexiko das Misstrauen schürte, dass die US-Regierung Annexionspläne für Texas haben könne.[29.16]

Die französische Regierung verlangte von der mexikanischen Regierung in einem Ultimatum eine Strafzahlung für eine von mexikanischen Soldaten geplünderte Bäckerei. Im Jahr 1838 brach daraufhin der Kuchenkrieg aus, bei dem sich der im Krieg gegen Texas gedemütigte General Santa Anna rehabilitieren konnte, wenngleich er bei einem Gefecht bei Veracruz seinen Unterschenkel verlor. Das abgetrennte Körperteil wurde ein nationales Kultsymbol und wurde 1842 in Mexiko-Stadt feierlich beigesetzt. Santa Anna wurde durch die Wiederherstellung seines Ansehens bei der Bevölkerung wiederum zu einer politischen Gefahr für Präsident Bustamante.[29.17]

Mexikanisch-Amerikanischer Krieg

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  • Gebietsverluste 1848
    (Vertrag von Guadalupe Hidalgo)
  • Gebietsverluste 1853
    (Gadsden-Kauf)
  • In den USA wurde der mexikofeindliche James K. Polk im März 1845 Präsident. Nachdem die Vereinigten Staaten am 29. Dezember 1845 das seit 1836 de facto von Mexiko unabhängige Texas als Bundesstaat in die USA aufgenommen hatten, brach im April 1846 der Mexikanisch-Amerikanische Krieg aus.[34]

    Mexikanische Truppen unter Mariano Arista erlitten am 8. und am 9. Mai 1846 zwei Niederlagen gegen die amerikanischen Truppen unter Zachary Taylor, als sie zuerst bei Palo Alto und dann bei Resaca de la Palma besiegt wurden. Besonders die amerikanische Artillerie fügte der hauptsächlich aus Infanterie bestehenden mexikanischen Streitmacht schwerste Verluste zu. Nach diesen beiden Niederlagen konnten amerikanische Truppen das Gebiet zwischen dem Rio Grande und dem Nueces River besetzen, welches die US-Regierung tatsachenwidrig als Teil der Ende 1845 annektierten Republik Texas deklariert und damit für die USA beansprucht hatte. Am 11. Mai 1846 stimmte der Kongress einer formellen Kriegserklärung gegen Mexiko zu. Ab dem 17. Mai zogen sich die Mexikaner unter schweren Verlusten aus Matamoros zurück und mussten im damals zu Mexiko gehörenden Kalifornien zunächst Monterrey und San Francisco und schließlich am 13. August 1846 auch Los Angeles den Amerikanern überlassen. Am 17. August ergab sich Manuel Armijo einer etwa 850 Mann starken Streitmacht und übergab den späteren Bundesstaat New Mexico an die gegnerischen Truppen. In Kalifornien stießen die Amerikaner unter Stephen W. Kearny am 12. Dezember 1846 gegen San Diego vor und konnten damit die letzte wichtige mexikanische Stellung in Kalifornien erobern. Die Amerikaner mussten sich im Januar und Februar 1847 zwar noch mit örtlichen Aufständen mexikanischer Loyalisten um Los Angeles sowie um Taos auseinandersetzen, jedoch konnten diese Verzweiflungstaten die amerikanische Überlegenheit im Krieg nicht ernsthaft gefährden.[24.56]

    Vor dem Hintergrund dieser Niederlagen an der nördlichen Front brach die innere Ordnung in Mexiko zusammen. Am 6. August 1846 übernahm José Mariano Salas in der Hauptstadt die Macht und befahl als eine seiner ersten Amtshandlungen die Abschaffung des zentralistischen Systems von 1835/1836 und die Wiedereinführung des Föderalismus im Sinne der Verfassung von 1824. Diese Strukturänderung in der Mitte eines katastrophalen Krieges destabilisierte Mexiko noch weiter, was Valentín Gómez Farías und Antonio López de Santa Anna zum Anlass nahmen, sich über Mariano Salas hinwegzusetzen und Santa Anna erneut als Rettungsfigur und als Staatspräsidenten zu installieren.

    Santa Anna reiste am 28. September 1846 zur Front ab, als zwei verschiedene amerikanische Invasionsheere bereits jeweils bei Monterrey sowie in Chihuahua und Coahuila auf dem Gebiet des heutigen Mexiko standen. Am 16. November 1846 eroberten diese Truppen Saltillo, welches Santa Anna zum Jahresbeginn 1847 zurückerobern wollte. Im Februar 1847 marschierten 21.000 mexikanische Soldaten nach Coahuila, von denen allein 4.000 während des Marsches umkamen oder desertierten. In der Schlacht von Buena Vista am 22./23. Februar 1847 erlitt das mexikanische Heer eine weitere schwere Niederlage, für die wiederum die Überlegenheit der gegnerischen Artillerie mitverantwortlich war.[24.57]

    Santa Anna musste sich auf einen beschwerlichen Rückzug in sein Hauptquartier nach San Luis Potosí begeben, auf dem seine Truppen wiederum schmerzhafte Verluste erlitten. Die amerikanischen Verbände hatten ihrerseits unter den schweren Bedingungen in Nordmexiko zu leiden, sodass von den 104.556 nachweislich eingesetzten Soldaten mindestens 13.768 zu Tode kamen. Dies war die höchste Todesrate aller bisherigen Kriegseinsätze der USA. Diese Verluste trugen insbesondere im Norden der USA zur Opposition gegen den Krieg bei, wie sie etwa die junge Republikanische Partei um Politiker wie Abraham Lincoln vertrat, da sie im Krieg ein primär auf die Interessen des amerikanischen Südens zugeschnittenes Expansionsprojekt vermuteten. Der Krieg zog sich in die Länge, da die mexikanische Regierung trotz ihrer Rückschläge Friedensverhandlungen ablehnte. Daraufhin eröffneten die Amerikaner bei Veracruz eine weitere Front und bombardierten die Stadt in die Kapitulation, die am 28. März 1847 erfolgte. Das mexikanische Heer stellte hastig eine Ostarmee von etwa 10.000 bis 12.000 Soldaten auf, der es aber nicht gelang, den amerikanischen Marsch in Richtung der Hauptstadt am Cerro Gordo-Pass nahe Xalapa aufzuhalten.[24.58]

    Am 15. Mai 1847 besetzten die Amerikaner Puebla, wodurch erstmals in der Geschichte des mexikanischen Staates die Besetzung der Hauptstadt drohte. Am 19. und 20. August 1847 errangen die Amerikaner bei Padierna und bei Churubusco weitere Erfolge. Am 23. August wurde ein vorläufiger Waffenstillstand vereinbart, dem am 1. September 1847 ein amerikanisches Friedensangebot folgte. Die Mexikaner lehnten die Bedingungen ab, woraufhin die Kampfhandlungen am 7. September fortgesetzt wurden. Am 8. und 12. September folgten zwei weitere schwere Niederlagen bei Molino del Rey sowie bei Chapultepec. Am 13. September 1847 rückten die amerikanischen Truppen in Mexiko-Stadt ein. Santa Anna trat am 16. September von seinem Amt zurück und die letzten Heeresverbände stellten am 17. September den Widerstand endgültig ein.[24.59]

    Am 2. Februar 1848 unterzeichnete die mexikanische Regierung den Vertrag von Guadalupe Hidalgo,[24.59] wodurch große Teile der späteren US-Bundesstaaten Texas, Kalifornien, New Mexico, Arizona, Nevada, Utah, Wyoming und Colorado von Mexiko abgetrennt und den USA zugeschlagen wurden. Die mexikanische Legislative war gezwungen, den Vertrag zu ratifizieren.[30.5] Besonders amerikanische Südstaatler forderten noch größere Gebietsgewinne in Chihuahua, Sonora, Niederkalifornien oder in Form der Kontrolle über den Isthmus von Tehuantepec in Südmexiko, aber diese Maximalziele fanden letztlich keinen Eingang in den Friedensvertrag von 1848.[24.60]

    In Mexiko waren Liberale wie Konservative von dem Friedensschluss brüskiert, zogen aber verschiedene Schlüsse: Liberale forderten noch stärker als zuvor eine demokratische säkuläre Bundesrepublik mit starken autonomen Institutionen und einem stärkeren Zusammenhalt, während die Konservativen sich für die Auflösung regionalistischer und autonomistischer Strömungen in der Peripherie sowie für eine starke, kirchlich geprägte Staatsform aussprachen.[30.6]

    Machtkämpfe der Nachkriegszeit (1848–1855)

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    In der Spätphase des Mexikanisch-Amerikanischen Krieges begann mit dem Aufstand von 1847 ein jahrzehntelanger bewaffneter Konflikt in Yucatán. Dieser Konflikt, der auch als Kastenkrieg bezeichnet wird, bündelte die Empörung der Maya gegen Einbußen ihres Ackerlands, Ernteausfälle, die hohe Steuerlast und den Verlust ihrer Autonomierechte. Der Staat antwortete im Verlauf der nächsten Jahrzehnte mit schweren Repressionen.[37]

    Die Kriegsniederlage von 1848 führte in Mexiko zu einer politischen, aber auch einer wirtschaftlichen und kulturellen Krise, die gewaltigen Gebietsverluste veränderten das Selbstbild. José Joaquín de Herrera übernahm zwischen Juni 1848 und Januar 1851 ein zweites Mal die Präsidentschaft und beaufsichtigte in dieser Zeit nicht weniger als sechzehn verschiedene Finanzminister, von denen Manuel Payno der fähigste war. Payno schätzte im Juli 1848 die Summe der Inlands- und Auslandsschulden des Staates auf 56,3 Mio. Pesos und versuchte in den Jahren 1850/1851 eine Reorganisation der Staatsfinanzen, denen eine Grundsteuer von 5 % auf alle städtischen und ländlichen Besitztümer zu Grunde liegen sollte. Die Doyle-Konvention des Jahres 1851 sollte die Wiedereingliederung Mexikos in den internationalen Finanzmarkt ermöglichen und die Wiederaufnahme der Zahlungen für die im Jahr 1828 eingefrorenen Auslandsschulden beinhalten, jedoch wurde die internationale Glaubwürdigkeit des mexikanischen Staates durch Korruption und durch die häufigen und gewaltsamen politischen Machtwechsel unterminiert. Die Stabilität des Staatshaushalts, die sich stets nur temporär herstellen ließ, hing zu sehr vom Silberexport ab, doch blieb die internationale Nachfrage immerhin hoch. Zwischen 1826 und 1851 wurden jährlich ca. 8 Millionen Pesos in legalen Gold- und Silberexporten verdient, wobei der jährliche Wert illegaler Ausfuhren bei etwa 10 Millionen Pesos sogar noch etwas höher gelegen haben dürfte.[24.61]

    Santa Anna war im März 1848 ins venezolanische Exil gegangen und kehrte erst im März 1853 zurück, um wiederum im Auftrag der Konservativen die Präsidentschaft zu übernehmen.[29.18] Am 30. Dezember 1853 finalisierte Santa Anna während seiner letzten Amtszeit als Präsident den Gadsden-Kauf, womit die amerikanisch-mexikanische Grenze erneut zugunsten der Vereinigten Staaten verschoben wurde. Dieses Entgegenkommen gegenüber dem vormaligen Kriegsgegner delegitimierte Santa Anna und trug zu seinem endgültigen Sturz im Jahr 1855 bei.[34]

    Reformkrieg und Juárez-Ära

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    Benito Juárez, um 1860

    Im März 1854 lehnten sich die Liberalen mit dem Plan von Ayutla gegen die Autokratie des Präsidenten Santa Anna auf und forderten eine föderale Struktur. Im Jahr 1855 kam die liberale Fraktion unter Präsident Juan Álvarez Benítez wieder an die Macht, dessen mehrheitlich aus Liberalen zusammengesetztes Kabinett eine säkuläre, föderalistische und regionalistische Politik verfolgte. Der Justizminister war Benito Juárez, ein Zapoteke, der später zur dominierenden Figur seiner Generation des mexikanischen Liberalismus werden sollte.[30.7] Álvarez übergab nach einigen Wochen das Präsidentenamt an den liberalen Offizier Ignacio Comonfort.[29.19]

    Während Comonforts Präsidentschaft wurde eine neue Verfassung erarbeitet. Die Verfassung von 1857, an welcher der spätere liberale Präsident Juárez großen Anteil hatte, wurde wegen der antiklerikalen Stoßrichtung der Comonfort-Regierung von den Konservativen abgelehnt. Trotzdem gewann Comonfort die Präsidentschaftswahl im September 1857, geriet aber schon bald zwischen die Fronten der Liberalen und der Konservativen, die ihn als Unterstützer des jeweils anderen Lagers nicht nur misstrauisch beäugten. Konservative Truppen unter der Führung von Félix María Zuloaga besetzten Mexiko-Stadt und zwangen Comonfort zum Amtsrücktritt. Die Soldaten okkupierten das Abgeordnetenhaus und verhafteten mehrere liberale Politiker.[29.20]

    Soldaten im Reformkrieg
    Bundesstaaten im Reformkrieg (1858–1861)
  • Liberale
  • Konservative
  • Die Liberalen unter Führung von Benito Juárez, der am 19. Januar 1858 zum von den Liberalen unterstützten Präsidenten wurde,[34] implementierten die Reformperiode (reforma) von 1857 bis 1861, während derer sie sich besonders für die strenge Trennung von Kirche und Staat einsetzten und versuchten, den großen Einfluss des katholischen Klerus in sozialen, ökonomischen und politischen Fragen zurückzudrängen.[38.1] Dies führte zum Reformkrieg (spanisch guerra de reforma), der bis 1861 andauerte.[34] Der Bürgerkrieg wurde immer grausamer und blutiger und polarisierte das gesamte Land. Viele der Gemäßigten wechselten zu den Liberalen über, überzeugt, dass die große Macht der Kirche beschnitten werden müsse. Zeitweise gab es getrennte Regierungen der Konservativen und der Liberalen; die Konservativen residierten unter der Führung von Zuloaga in Mexiko-Stadt und die Liberalen unter der Führung von Juárez in Veracruz. Den zunächst militärisch überlegenen Konservativen gelang es in zwei Angriffen unter dem Befehl von General Miguel Miramón nicht, die Liberalen aus Veracruz zu vertreiben. Die Liberalen konnten im Gegenteil den militärischen Rückstand aufholen und den Konservativen im Spätsommer 1860 zwei Niederlagen bei Oaxaca und Guadalajara zufügen. Am 22. Dezember 1860 ergab sich Miramón an der Spitze der konservativen Armee, und die Liberalen besetzten die Hauptstadt am 1. Januar 1861.[29.21]

    Der Krieg endete schließlich mit einem Sieg der Liberalen, und deren Präsident Benito Juárez verlegte seine Residenz nach Mexiko-Stadt. Allerdings hatte der Bürgerkrieg dem Land wirtschaftlich schwer geschadet.[34]

    Interventionen Frankreichs, Zweites Kaiserreich (1864–1867)

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    Staatsflagge Mexikos vom 18. Juni 1864–15. Juli 1867

    Da die Regierung unter der Führung des zwischenzeitlich vom Kongress mit diktatorischen Vollmachten ausgestatteten Juárez die Rückzahlung der Auslandsschulden aufgrund der schlechten wirtschaftlichen Lage für zwei Jahre auszusetzen plante, entsandten Spanien, Großbritannien und Frankreich 1861 ein Expeditionskorps, um die Schuldenzahlungen zu erzwingen. Nach dem Abzug der spanischen und britischen Verbände 1862 drangen die Franzosen in das mexikanische Hochland vor, wo sie in der Schlacht bei Puebla am 5. Mai 1862 besiegt wurden.[34] Der Sieg der von Ignacio Zaragoza geführten mexikanischen Truppen konnte den französischen Vormarsch nicht umkehren, aber der Jahrestag des Sieges am 5. Mai wurde nichtsdestotrotz zum mexikanischen Nationalfeiertag Cinco de Mayo.[29.22]

    Der französische Kaiser Napoleon III. wollte in Mexiko ein mit Frankreich politisch und wirtschaftlich eng verbündetes Reich errichten (Panlatinismus) und setzte Maximilian, Bruder des österreichischen Kaisers Franz Joseph I., unter dem Namen Maximilian I. als Kaiser von Mexiko ein. Maximilian, der nur unter der Bedingung der Zustimmung des mexikanischen Volkes Kaiser werden wollte, wurde mit einem von den Konservativen gefälschten Plebiszit besänftigt und erhielt von Napoleon III. die Zusicherung der Waffenhilfe, musste aber im Gegenzug in der Konvention von Miramar deren Bezahlung und Versorgung garantieren, was schon vor seiner Abreise den Etat seines künftigen Kaiserreiches belastete.[29.23]

    Am 12. Juni 1864 traf Kaiser Maximilian in der Hauptstadt und in seiner Residenz Schloss Chapultepec ein, nachdem er im Mai 1864 in Veracruz an Land gegangen war. Von Anfang an sah er sich jedoch mit einer starken republikanischen Opposition und einem sehr kühlen Empfang der wenig enthusiastischen Volksmasse konfrontiert. Durch die Adoption und Ernennung der Iturbide-Enkel zu seinen Thronfolgern („Dynastie Habsburg-Iturbide“) sowie der Ernennung des Ex-Diktators Santa Anna zum Reichsmarschall versuchte er, seine Macht zu festigen.[29.23]

    Die mit Maximilian verfeindete Gegenregierung der Liberalen um Benito Juárez hatte sich vor der französischen Besetzung von Mexiko-Stadt retten müssen, war aber in San Luis Potosí und später in Ciudad Juárez weiterhin handlungsfähig. Einflussreiche Persönlichkeiten wie Porfirio Díaz und Juan Álvarez Benítez opponierten in ihren jeweiligen Hochburgen gegen die neue Monarchie.[29.24]

    Maximilian favorisierte die Bildung einer konstitutionellen Monarchie, die sich die Macht mit einem demokratisch gewählten Kongress teilen sollte. Er verspielte sich allerdings schon früh mit vergleichsweise liberalen Ansichten die Neigungen der Konservativen, während die Liberalen eine republikanische Grundhaltung vertraten und deshalb die Monarchie als solche ablehnten.[29.25]

    Der Amerikanische Bürgerkrieg (1861–1865), welcher die europäische Intervention in Mexiko zu Beginn des Jahrzehnts mit der Nichtdurchsetzung der amerikanischen Monroe-Doktrin vereinfacht hatte und während dessen sich die Regierung von Abraham Lincoln aufgrund des eigenen Kriegseinsatzes nicht auf Mexiko konzentrieren konnte, endete 1865 mit dem Sieg der Regierungstruppen. Die US-Präsidenten Lincoln und sein Nachfolger Andrew Johnson unterstützen nun wieder die liberale Juárez-Regierung in Mexiko und schickten Waffen und Munition über die Grenze. Darüber hinaus kamen 3000 kampferfahrene Veteranen nach Mexiko, um in den Jahren 1865/1866 für die Juárez-Regierung zu kämpfen.[29.26]

    Édouard Manet: Die Erschießung Kaiser Maximilians von Mexiko

    1866 sahen sich die Franzosen aufgrund des Drucks der amerikanischen Regierung gezwungen, ihre Truppen aus Mexiko abzuziehen. Kaiser Maximilian entschloss sich, in Mexiko zu bleiben.[34] Er wurde mit seinen Truppen von den Truppen unter Juárez’ Führung in der Schlacht von Cerro de las Campanas bei Querétaro am 14. Mai 1867 vernichtend geschlagen und gefangen genommen. Einige europäische Regierungen baten die siegreichen Liberalen, den besiegten Kaiser ins europäische Exil zu entlassen, aber Juárez befahl vor dem Hintergrund eines von Maximilian im Oktober 1865 ausgegebenen Exekutionsbefehls für gefangene liberale Kämpfer schließlich die Hinrichtung des Monarchen. Maximilian wurde am 19. Juni 1867 gemeinsam mit hochrangigen mexikanischen Konservativen durch ein Erschießungskommando hingerichtet.[29.27]

    Zweite Republik (1867–1910)

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    Bond der Vereinigten Staaten von Mexico vom 1. April 1895

    Ende der Juárez-Ära

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    Benito Juárez hatte die republikanische Regierung während der monarchistischen Periode in Funktion erhalten. 1867 wurde die Regierung wiederhergestellt. Bis zu seinem Tod im Jahr 1872 blieb Juárez die Führungsfigur der Liberalen.[24.62] Im Oktober 1867 gewann er seine dritte Amtszeit als Präsident, was ihm von einigen seiner Unterstützer aufgrund der Aversion des Liberalismus gegen Wiederwahlen übel genommen wurde, auch wenn Juárez und seine Verteidiger dies mit Verweisen auf die ausländischen Interventionen der vorherigen Jahre verteidigten.[29.27]

    Juarez wurde 1872 zunächst vorübergehend von Sebastián Lerdo de Tejada abgelöst.[24.63] Nach dem Sieg über die Monarchie bestanden unter den Konservativen starke Vorbehalte gegenüber Juárez, dem sie zu große Machtkonzentration und das Anstreben einer erneuten Wiederwahl vorwarfen. So rebellierte schließlich einer der Generäle, Porfirio Díaz, gegen die Regierung und erklärte 1876 den Plan von Tuxtepec.[24.64]

    Porfirio Díaz wurde schließlich 1877 neuer Präsident. Zwischen 1876 und 1911 war er der führende Staatsmann in Mexiko, dessen System auch als „Porfiriat“ (spanisch porfiriato) bezeichnet wird.[29.28] Porfirio Díaz versuchte mit einer öffentlichen Erklärung im Januar 1877, den Streit der Regierung mit der katholischen Kirche beizulegen und sich damit eine größere Unterstützerbasis im Klerus zu verschaffen.[24.65] Damit rückte er vom Säkularismus der Juárez-Zeit ab.

    Porfirio Díaz hatte seinen Vorgänger Lerdo ursprünglich mit Verweis auf die Verfassung von 1857 und der Regel gegen Wiederwahl aus dem Amt gedrängt, wollte nun aber selbst das Amt nicht an seinen zu erwartenden Nachfolger Justo Benítez abgeben, den er nicht kontrollieren zu können glaubte. Als im Jahr 1880 das verfassungsmäßige Ende seiner ersten Amtszeit näherrückte, vollendete Diaz seine Abkehr von Benítez und erhob stattdessen den politisch völlig unerfahrenen General Manuel González zu seinem Nachfolger. González hatte bei den Liberalen keinen Rückhalt und war während des Reformkriegs selbst ein Konservativer gewesen, weshalb die Liberalen sich jetzt von Porfirio Díaz hintergangen fühlten. Díaz gehörte dem González-Kabinett als Entwicklungsminister an und wartete das Ende der Amtszeit ab.[24.65] Im Jahr 1884 konnte er die Präsidentschaftswahlen ohne einen stärkeren Herausforderer gewinnen und versuchte mit verschiedenen Anschuldigungen, seinen vormaligen Verbündeten González politisch kaltzustellen.[24.66]

    In der zweiten Amtszeit zwischen 1884 und 1888 baute Porfirio Díaz bereits erkennbar eine persönliche Diktatur auf, in der Manuel Romero Rubio, dessen damals neunzehnjährige Tochter Carmen Romero Rubio der 53-jährige Porfirio Díaz im Dezember 1883 geheiratet hatte, als Innenminister für die Polizei und die innere Sicherheit zuständig war. Mit Bestechung und politischer Korruption sollten Kritiker des Regimes und die freie Presse mundtot gemacht werden. Im Jahr 1887 erlaubte die Legislative die Wiederwahl des Präsidenten, weshalb sich viele frühere Unterstützer angesichts der Umgehung des Wiederwahlverbots hintergangen fühlten und sich von Porfirio Díaz abwandten. Innerhalb seines Kabinetts spielte der Präsident seine Minister gegeneinander aus, indem er mehrere von ihnen gleichzeitig zu potenziellen Nachfolgern aufbaute.[24.67]

    Dank der Reform von 1887 konnte Díaz bei der Präsidentschaftswahl von 1888 direkt antreten. Sein politischer Rivale Ramón Corona wurde im Jahr 1889 ermordet.[24.68]

    Die Regierung verstand es, durch Kontrolle des Zeitungswesens auch Intellektuelle wie Salvador Díaz Mirón und Manuel Gutiérrez Nájera für die eigenen Zwecke zu nutzen und für pro-porfiriatische Propaganda einzusetzen. Die regierungstreue Intellektuellenschicht, zu der auch Journalisten und Zeitungsredakteure zählten, wurde auch als científicos bezeichnet.[24.69]

    Am 20. Dezember 1892 verabschiedete die Díaz-Regierung einen weiteren Verfassungszusatz, der den vorherigen Verfassungszusatz von 1887 seiner Eindeutigkeit beraubte und damit die Beschränkung der Amtszeiten im Präsidentenamt abschaffte. Daraufhin konnte Porfirio Díaz sich auch im Jahr 1896 wieder um das Präsidentenamt bewerben, bei der Präsidentschaftswahl des Jahres 1900 folgte die fünfte Wiederwahl und 1904 gar die sechste. Er hatte für die Wahlperiode nach der Wahl 1904 die Amtszeit des Präsidenten zunächst vorläufig auf sechs statt vier Jahre verlängern lassen, wodurch er in seiner siebten Amtszeit von 1904 bis 1910 regierte. Der Diktator stellte sich auch für eine siebte Wiederwahl in der Wahl von 1910 auf, die jedoch statt der erwarteten Amtsbestätigung zum Beginn der Mexikanischen Revolution wurde.[24.70]

    Mexikanische Revolution

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    Ende des Porfiriato

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    Im Jahr 1910 beschloss der 80-jährige Díaz, eine weitere Wahl durchzuführen. Er war überzeugt, die Opposition in Mexiko eliminiert zu haben. Allerdings beschloss Francisco Ignacio Madero González, ein Akademiker aus reichem Elternhaus, gegen ihn anzutreten. Dieser erhielt große öffentliche Unterstützung, obwohl Díaz ihn gefangensetzen ließ.[36.3] Als das offizielle Wahlergebnis verkündet wurde, hieß es, Díaz habe die Wahl fast ohne Gegenstimmen gewonnen und Madero habe im ganzen Land lediglich ein paar hundert Stimmen erhalten. Dieser Wahlbetrug war aber zu offensichtlich, als dass die Bevölkerung ihn akzeptiert hätte. Aufstände brachen aus. Madero veröffentlichte am 5. Oktober 1910 den Plan von San Luis Potosí, in welchem er die Bevölkerung am 20. November 1910 aufrief, zu den Waffen zu greifen und gegen die Regierung Díaz vorzugehen.[24.71] Madero wurde zwar in San Antonio (Texas) inhaftiert, doch sein Plan wurde durchgeführt. Die Regierungstruppen wurden von den Rebellen im Mai 1911 bei Ciudad Juárez eingekesselt und sie mussten sich ergeben.[29.29] Porfirio Díaz wurde am 17. Mai 1911 mit dem Vertrag von Ciudad Juárez nach 35 Jahren zum Rücktritt gezwungen – er ging mit seiner Familie und seinen engen Beratern ins Exil nach Paris. Madero übernahm das Präsidentenamt in den Jahren 1911 bis 1913.

    Der konservative General Victoriano Huerta putschte im Februar 1913 gegen den Präsidenten Francisco Madero und baute nach dessen Tod ein eigenes Kabinett auf.

    Präsident Madero wurde im Februar 1913 im Verlauf einer Verschwörung konterrevolutionärer Konservativer ermordet. Der konservative General Victoriano Huerta, der an der Verschwörung gegen Madero führend beteiligt war, wurde von den Verschwörern ins Präsidentenamt gehoben, fand aber einen Gegner im eher liberalen Gouverneur von Coahuila Venustiano Carranza, der den „Plan von Guadalupe“ vom 26. März 1913 proklamierte. Die konservative Huerta-Regierung fand die Anerkennung aller Großmächte außer der Vereinigten Staaten und wurde vom kaiserlich-deutschen Botschafter Paul von Hintze zunächst enthusiastisch unterstützt, bis Hintze der deutschen Regierung über Korruption und Ineffizienz der neuen Regierung berichtete.[24.72]

    Der amerikanische Botschafter Henry Lane Wilson verhielt sich gegenüber der neuen Huerta-Regierung zunächst neutral, hatte aber Sympathien für die Konterrevolution, die Liberale ihm später übel nehmen würden. Trotzdem neigte der im Frühjahr 1913 vereidigte neue Präsident Woodrow Wilson eindeutig den Liberalen zu und kritisierte die putschistische Regierung Huertas. Als dieser sich im Frühjahr 1914 um deutsche Hilfslieferungen bemühte, begann die US-Marine eine Blockade von Veracruz, um einen deutschen Bruch der Monroe-Doktrin zu verhindern. Amerikanische Truppen gingen am 21. April 1914 an Land, die Marineinfanterie besetzte Veracruz. Dieser von Wilson als Unterstützung für Carranza beabsichtigte Handstreich vereinigte prompt alle mexikanischen Fraktionen gegen die USA inklusive der Liberalen. 19 US-Marines wurden getötet und 72 verwundet, woraufhin die Marine Veracruz bombardierte. Das Bombardement forderte in der Stadt 126 Menschenleben, 95 wurden verletzt. Die Amerikaner zogen sich schließlich ohne greifbare Erfolge am 23. November 1914 aus Veracruz zurück.[24.72] Die radikalen Unterstützer Carranzas hatten sich als Ergebnis der Veracruz-Landung zu extremen Antiamerikanisten entwickelt, die im Plan von San Diego einen Einmarsch in die südlichen USA und die Abtrennung mehrerer südwestlicher Bundesstaaten sowie die Ermordung aller weißen Amerikaner in diesen Gebieten forderten. Als Washington von diesen Forderungen erfuhr, erhöhte die US-Armee ihre Truppenpräsenz an der Grenze massiv.[39.1]

    Zwischen 1913 und 1914 brach die von der Zentralregierung kontrollierte Armee größtenteils zusammen, sodass in den nächsten zwei Jahrzehnten regionale caudillos, parteipolitische Milizen sowie Rebellen und Paramilitärs die bewaffnete Macht in Mexiko stellten.[24.73] Im Juli 1914 wurde Huerta durch die sich verschlechternde militärische Lage im Bürgerkrieg gezwungen, am 15. Juli sein Amt niederzulegen und am 20. Juli von Puerto Mexico aus ins Exil zu gehen.[40]

    Ländliche Revolutionäre

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    Die Rebellenführer Pancho Villa (links) und Emiliano Zapata (rechts) mit dem von ihnen gestützten Präsidenten Eulalio Gutiérrez (Mitte)

    In der Konvention von Aguascalientes (10. Oktober 1914 – 10. Oktober 1915) versuchten die verschiedenen anti-putschistischen Kräfte, die jeweils Huerta bekämpft hatten, eine gemeinsame Linie zu finden. Stattdessen resultierte die Konvention lediglich in einer Allianz der villistas von Pancho Villa im Norden und der zapatistas von Emiliano Zapata im Süden, die beide den liberalen Präsidenten Carranza bekämpfen wollten.[24.74] Um 1914/1915 verfügten die zapatistas über etwa 20.000 Bewaffnete, die villistas um den Oktober 1914 über etwa 40.000. Beide Rebellenfraktionen profitierten von einer bis dato beispiellosen Mobilisierung der Landbevölkerung, deren langjährige Ressentiments gegen die miteinander rivalisierenden urbanen Eliten sich nun entluden.[24.75] Am 30. Oktober 1914 erklärte die Konvention Carranza für abgesetzt und rief Eulalio Gutiérrez zum Staatspräsidenten aus, woraufhin Carranza mit seinen Getreuen, den „Konstitutionalisten“, kurz darauf ins von den Amerikanern erst kürzlich geräumte Veracruz auswich. Die villistas und zapatistas besetzten daraufhin Mexiko-Stadt. Die Allianz der beiden Rebellenfraktionen hielt bis Dezember 1914, doch konnte sie die nur an Südmexiko interessierten zapatistas danach nur noch wenig begeistern. Die Konstitutionalisten nutzten diese Gelegenheit für eine erneute Offensive gegen die villistas, die weiterhin gesamtmexikanisch dachten und mit ihrer größeren Streitmacht auch eine größere Gefahr für Carranza darstellten. Im April 1915 erlitt Pancho Villa in der Schlacht von Celaya eine schwere Niederlage durch die Konstitutionalisten und musste sich wieder in seine Machtbasis in Nordmexiko zurückziehen.[29.30] Zapata wurde 1919 von Carranza-treuen Truppen ermordet.[29.31]

    Carranza-Ära (1913–1920)

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    Carranza versuchte, während der Kampfhandlungen seinen Reformkurs fortzusetzen und durch Anpassungen seines Plans von Guadelupe vom März 1913 zugunsten der Landarbeiter und Bauern den Rebellenbewegungen die Rekrutierungsbasis zu entziehen. Konstitutionalistische Gouverneure führten in ihren Provinzen vereinzelt Begrenzungen der täglichen Arbeitszeit sowie Mindestlöhne ein. Die vom im Februar 1913 ermordeten Madero gegründete Arbeiterorganisation Casa del Obrero Mundial stellte sich am 9. Februar 1915 hinter Carranza. Am 20. Februar schlossen die Casa und die Konstitutionalisten eine Allianz, woraufhin mehr Industriearbeiter in die konstitutionalistischen Einheiten strömten. Schon bei der Schlacht von Celaya gegen Pancho Villa im April 1915 waren solche Arbeiterverbände auf der Seite der Konstitutionalisten beteiligt, auch wenn ihr Wert eher symbolisch war.[29.30]

    Soldaten der US-Strafexpedition, 1916

    Der vom Angriff auf seine Truppen in Veracruz 1914 brüskierte Woodrow Wilson unterstützte im Jahr 1915 den Pancho Villa im Machtkampf in Nordmexiko, gab diese Politik jedoch nach dessen Niederlage auf und baute am 19. Oktober 1915 Beziehungen zur Carranza-Regierung auf. Zu diesem Zeitpunkt war der Großteil des US-Heeres an der mexikanischen Grenze aufgestellt.[24.76] Am 9. März 1916 attackierte Pancho Villa mit etwa 500 Kämpfern die amerikanische Stadt Columbus, woraufhin mit dem Tod von 18 Amerikanern erstmals seit dem Krieg von 1812 US-Bürger auf US-Gebiet durch fremdes Militär getötet wurden.[39.1] Daraufhin entsandte Washington eine Strafexpedition nach Nordmexiko.[34] Villa hatte genau diese Reaktion provozieren wollen, da er durch eine amerikanische Invasion die Carranza-Regierung delegitimieren und zu Fall bringen wollte. Die besagte Expeditionstruppe bestand aus zunächst 14.000 Soldaten und betrat mexikanischen Boden ohne Zustimmung der Carranza-Regierung. Darüber hinaus stellte die US-Regierung insgesamt weitere 140.000 Mann der Armee und der US-Nationalgarde nördlich der Grenze bereit. Es kam zu mehreren Gefechten zwischen den Expeditionssoldaten und mexikanischen Regierungstruppen. Anders als eine Intervention in Europa war ein Krieg gegen Mexiko im US-Kongress und im Kabinett durchaus populär, woraufhin Präsident Wilson sich aus Sorge um einen langen Kriegseinsatz mit Carranza auf die Einsetzung einer Vermittlungskommission und schließlich auf den Rückzug der Strafexpedition zum 5. Februar 1917 einigte. Dieser Verhandlungserfolg wurde für den Wahlkampf der Präsidentschaftswahl von 1916 in den populären Wilson-Slogan he kept us out of war umgemünzt.[39.2] In Mexiko erreichte der ohnehin traditionell starke Antiamerikanismus der Bevölkerung vor dem Hintergrund der Interventionen neue Höhen.[41.1]

    Die Revolution fachte auch Religionskonflikte wieder an, da sich konservative Ultramontanisten wie die Partido Católico Nacional (PCN) die Wiedereinführung der Privilegien der katholischen Kirche erhofften. Die PCN unterstützte in den Jahren 1913/1914 den konservativen Victoriano Huerta, wurde nach dessen Sturz jedoch in die Defensive gedrängt und schließlich verboten. Die Verfassung von 1917 hatte wiederum eine stark säkularistische Konzeption des Staates, verbot katholischen Priestern jedwede parteipolitische Einflussnahme, legte die staatlich-säkuläre Schulbildung fest und unterstellte das Eigentum der katholischen Kirche staatlicher Aufsicht.[38.2]

    Im September 1916 rief Präsident Carranza Wahlen für den nächsten Monat aus, um eine verfassunggebende Versammlung zu bilden. Die villistas und zapatistas waren von der Wahl ausgeschlossen. Die Konvention von Querétaro trat gegen Jahresende 1916 zusammen und arbeitete auf der Basis der Verfassung von 1857 die neue Verfassung von 1917 aus. Neu waren einige Zugeständnisse an die Arbeiterklasse, die jedoch den Linken nicht weit genug gingen. Der neue Verfassungsartikel 123 rief die Regierung zur Bildung von „Schlichtungs- und Schiedsausschüssen“ auf, um Konflikte zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern beizulegen. Artikel 27 verschaffte dem Staat viel Landbesitz und verbot es den meisten Ausländern, Land in Mexiko zu besitzen oder dessen unterirdischen Bodenschätze, insbesondere Erdöl, in Besitz zu nehmen. Artikel 130 verstärkte die antiklerikale Stoßrichtung der Verfassung von 1857 (siehe oben). Viele katholische Würdenträger verließen das Land in Richtung USA und versuchten, die Regierung durch einen Kirchenstreik zur Rücknahme des Artikels 130 zu zwingen.[29.32]

    Im Frühjahr 1917 versuchte Deutschland, Mexiko als Verbündeten gegen die USA zu gewinnen, falls diese auf Seiten der Alliierten in den Ersten Weltkrieg eintreten sollten: Mexiko sollte seine 1848 verlorenen Gebiete zurückerhalten. Das geheime Telegramm, die Zimmermann-Depesche vom März 1917, wurde allerdings von britischer Seite aufgezeichnet und führte letztlich (mit) zum Kriegseintritt der USA. Mexiko blieb bis Kriegsende trotz amerikanischen diplomatischen Drucks neutral.[29.33] Die Sorge um die Verfügbarkeit der US-Truppen für einen möglichen Krieg gegen Deutschland war für Wilson im Jahr 1916 einer der Gründe gewesen, den Abzug der Strafexpedition aus Mexiko zu verhandeln.[39.3]

    Im März 1917 gewann Carranza die Präsidentschaftswahl und trat seine neue Amtszeit am 1. Mai an. Die Aktivität der villistas und zapatistas belastete seine Regierung weiterhin.[29.34] Im Jahr 1918 wurde ein nationaler Gewerkschaftsbund, die Confederación Regional Obrera Mexicana (CROM) gegründet, die intern in eine regierungsfreundliche Fraktion der „Unionisten“ sowie in zwei regierungskritische Fraktionen von Sozialisten und Anarcho-Syndikalisten gespalten war.[29.33] Schon früh brachen jedoch auch Streiks gegen die neue Regierung aus, da die in der neuen Verfassung im Artikel 123 versprochenen Zugeständnisse an die Gewerkschaften nicht eingehalten wurden. Carranzas Zurückhaltung auf dem mit dem Artikel 27 angeschnittenen Feld der Landreform provozierte die zapatistas in Südmexiko, deren Führer Zapata im März 1919 einen drohenden Brief an den Präsidenten richtete. Carranza einigte sich daraufhin mit seinem Gefolgsmann Jesús Guajardo auf eine Verschwörung, während derer sich Guajardo zunächst als Zapata-Sympathisant ausgab und dann am 10. April 1919 Zapata zu einem Treffen überreden konnte, bei dem Zapata von Guajardos Soldaten ermordet wurde.[29.31]

    Im Jahr 1919 entschied sich Carranza, Ignacio Bonillas als seinen künftigen Nachfolger zu fördern. Unter der Führung von Álvaro Obregón, der von Plutarco Elías Calles und Adolfo de la Huerta unterstützt wurde, bildete sich jetzt jedoch eine Verschwörung gegen Carranza. Die Verschwörer verkündeten am 23. April 1920 ihren Plan von Agua Prieta, in dem sie den Präsidenten zum sofortigen Rücktritt aufforderten. Große Teile der Landarbeiter, des Militärs und der Industriearbeiter sympathisierten mit den Verschwörern, die die Machtkonzentration des Präsidenten fürchteten. Der neue Gewerkschaftsbund CROM stellte sich auf die Seite der Verschwörung. Gouverneure mussten sich für die eine oder andere Seite entscheiden, wodurch die Republik wiederum politisch gespalten wurde. Schließlich sah Carranza die Hoffnungslosigkeit seiner Lage ein, stahl eine große Menge mexikanischen Goldes und versuchte zunächst, per Zug nach Veracruz zu entkommen. Noch vor der Ankunft wechselte er aufs Pferd, wurde aber von einem seiner vermeintlichen Unterstützer erschossen.[29.35]

    Der Weltkrieg und die Mexikanische Revolution verstärkten die amerikanische Hegemonialstellung gegenüber dem südlichen Nachbarn und verminderte den britischen Resteinfluss auf den Märkten Lateinamerikas. Zwischen 1913 und 1927 stieg der Anteil des US-Markts an mexikanischen Importen von 49,7 auf 66,7 %, während der britische Anteil sich im selben Zeitraum von 13 auf 6,5 % halbierte.[39.4] Washingtons Beziehungen zu Mexiko hatten sich vor dem Hintergrund der Revolution und der Landung amerikanischer Marineinfanteristen bei Veracruz im Jahr 1914 erheblich verschlechtert, sodass 1916 ein amerikanischer Kriegseinsatz gegen Mexiko für die Zeitgenossen wahrscheinlicher erschien als eine US-Intervention im europäischen Krieg.[39.5]

    Mexiko in den 1920er-Jahren

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    Zwischen Juni und Dezember 1920 war der an der Verschwörung gegen Carranza beteiligte Adolfo de la Huerta interimsmäßig der Staatspräsident. Der Verschwörungsführer Álvaro Obregón gewann schließlich die Präsidentschaftswahl von 1920 und wurde neuer Präsident. Seine Amtseinführung war der erste einigermaßen stabile Machtwechsel seit 1910, sodass nach zwischen 1,5 und 2 Millionen Toten des Revolutionsjahrzehnts erstmals eine gewisse Stabilität erkennbar war. Pancho Villa hatte seine Waffen ebenfalls niedergelegt. Die Volkswirtschaft war vom Bürgerkrieg zerrüttet.[29.36] Hunderttausende Mexikaner waren während der 1910er-Jahre in die USA geflohen, um der Gewalt in Mexiko zu entkommen.[39.6] Ein Lichtblick war zumindest der Status des Landes als drittgrößter Ölproduzent der Welt.[29.36]

    Aufstandsgebiet der cristeros, 1926–1929
  • Zentrales Aufstandsgebiet
  • Sekundäre Aufstände
  • Sporadische Aufstände
  • Zwischen 1926 und 1929 führten konservative Katholiken in der Bajío-Region einen regionalen Bürgerkrieg gegen den Säkularismus des neuen Staates.[38.3] Die Rebellion erfasste zunächst die Bundesstaaten Michoacán, Guanajuato und Jalisco, breitete sich aber bis Ende 1926 nach Zacatecas, Colima und Querétaro aus. Die rebellierenden cristeros, dörfliche und kleinstädtische Landbevölkerung, führten einen Guerillakampf gegen die Regierungstruppen, den sie zur Erntezeit unterbrachen, um auf ihre Bauernhöfe zurückzukehren. Ihre zunehmend revolutionäre Stimmung alarmierte das katholische Establishment, welches um seine eigene Stellung und um den Grundbesitz besorgt war. Der amerikanische Sondergesandte Dwight Morrow, der sich ab November 1927 für Ölverhandlungen in Mexiko aufhielt, vermittelte zwischen dem Klerus und der republikanischen Regierung. Am 21. Juni 1929 erreichten die Fraktionen den Kompromiss, einerseits den säkularistischen Artikel 130 in der Verfassung zu belassen, aber andererseits bestimmte Beschränkungen des kirchlichen Lebens in der Praxis zu unterlassen. Einige mit den Verhandlungen unzufriedene cristeros setzten den Kampf gegen die Regierung bis in die 1930er-Jahre hinein fort und schlossen sich später auch einem zweiten cristero-Aufstand (1933–1937) an.[24.77]

    Álvaro Obregón gewann die Präsidentschaftswahl vom 1. Juli 1928, wurde aber bereits am 17. Juli Opfer eines Attentats. Der populäre Intellektuelle José Vasconcelos ging als aussichtsreicher Kandidat ins Rennen. Innerhalb der Fraktion des ermordeten Obregón setzte sich Plutarco Elías Calles durch, der durch das im Jahr 1910 von Madero vorgeschlagene Prinzip des Wiederwahlverbots sowie die Gründung einer Staatspartei die politischen Gewinne der Revolutionselite sichern wollte. Calles übergab sein Amt im Dezember 1928 interimsmäßig an Emilio Portes Gil, blieb jedoch als Jefe Máximo die wichtigste Figur der Revolutionselite. Unter Portes Gil blieb Calles als Kriegsminister im Kabinett. Die Phase zwischen 1928 und 1934, während der Calles hinter den Kulissen die Politik lenkte, ist auch als das Maximato bekannt.[24.78]

    Dominanz der PRI (1929–2000)

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    Ende des Maximato (1929–1935)

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    Plutarco Elías Calles gründete im Jahr 1929 die spätere Partido Revolucionario Institucional, die bis ins Jahr 2000 ununterbrochen den mexikanischen Staatspräsidenten stellte.

    1929 gründete Plutarco Elías Calles die Nationale Revolutionspartei (PNR).[24.79] Die neue Staatspartei sollte ein Sammelbecken für verschiedene Gesellschaftsgruppen werden und die Revolutionäre, hohen Offiziere, Agrarführer, Gewerkschafter und Staatsbeamten politisch vereinen. Außerdem sollte die PNR das Präsidentenamt strikt auf eine einzelne sechsjährige Amtszeit beschränken.[36.4] Die Staatspartei wurde später zeitweise in Mexikanische Revolutionspartei (PRM) umbenannt,[36.5] nur um 1946 mit einer weiteren Umbenennung ihren endgültigen Namen Institutionalisierte Revolutionspartei (spanisch Partido Revolucionario Institucional, PRI) zu erhalten.[24.80]

    Die Große Depression, die mit dem Schwarzen Dienstag der Börse an der Wall Street am 24. Oktober 1929 begann, machte sich in der mexikanischen Wirtschaft spätestens ab Juli 1930 bemerkbar. Das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts, welches zwischen 1900 und 1910 bei jährlichen Raten von 3,3 % und zwischen 1910 und 1925 immerhin noch bei jährlichen 2,5 % gelegen hatte, fiel für den Zeitraum von 1925 bis 1940 auf jährliche 1,6 %, was geringer war als das jährliche Bevölkerungswachstum von 1,8 %. Zwischen 1929 und 1932 sanken die Staatseinnahmen aus Exporten um 29 %. Als Reaktion auf die steigende Arbeitslosigkeit deportierte die US-Regierung zwischen 1930 und 1933 etwa 310.000 mexikanische Arbeitskräfte nach Mexiko. Um den eigenen Markt zu schützen, schränkte die US-Regierung Einfuhren aus Mexiko ein. Die Arbeitslosigkeit in Mexiko verdreifachte sich.

    Erst ab 1933 begann eine langsame wirtschaftliche Erholung, obwohl die Wirtschaftskraft im Jahr 1934 immer noch hinter der des Jahres 1929 zurückblieb. Die weltweite wirtschaftliche Erholung erhöhte die Nachfrage nach Öl und Silber, wodurch Mexiko sowohl den Umfang als auch den Kaufpreis seiner Exporte wieder steigern konnte.

    Die politische Dominanz des Jefe Máximo Calles, der sukzessive drei Präsidenten (Emilio Portes Gil, Pascual Ortiz Rubio, Abelardo L. Rodríguez) kontrolliert hatte, wurde in den Jahren 1934–1936 und insbesondere ab Mai 1935 durch den ambitionierten Lázaro Cárdenas del Río beendet.[24.81]

    Cárdenas-Ära (1934–1940)

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    Die Staatspartei PNR wählte im Mai 1933 Lázaro Cárdenas del Río zum Präsidentschaftskandidaten, der zusätzlich einen Sechsjahresplan an die Hand bekam. Dieser Plan war ursprünglich federführend vom Jefe Máximo Calles, der nach wie vor die Zügel im Staat in der Hand hielt, ausgearbeitet worden, weshalb Cárdenas zunächst als vierter Marionettenpräsident unter Calles' Knute galt. Cárdenas etablierte jedoch schon während seines Wahlkampfs der Jahre 1933/1934 eine eigene Machtbasis unter der Landbevölkerung und bereitete damit eine unabhängige politische Führung vor. Cárdenas gewann wie erwartet die Präsidentschaftswahl vom 1. Juli 1934 und begann mit einem Reformprogramm, welches vor allem die Landbevölkerung stützen sollte.[24.82] Als erster mexikanischer Präsident nutzte er das Radio als Massenmedium. Er verschrieb sich den allgemeinen Bürgerrechten sowie dem Frauenwahlrecht.[36.6]

    Cárdenas schmiedete Allianzen mit anderen politischen Figuren wie dem in San Luis Potosí einflussreichen Saturnino Cedillo, mit dem Gewerkschaftsführer Vicente Lombardo Toledano, den ehemaligen Präsidenten Emilio Portes Gil und Pascual Ortiz Rubio. Über Cedillo hatte Cárdenas Einfluss auf das Militär, über Lombardo auf den Gewerkschaftsbund CTM und über Portes und Ortiz auf den Parteiapparat.

    Im Mai 1935 kam es zum Bruch zwischen Cárdenas und Calles: Calles' Einfluss in der Partei wurde gestutzt und seine Unterstützer (callistas) aus dem Parlament und aus den Gouverneursämtern verdrängt. Calles und der mit ihm verbündete Gewerkschaftsführer der CROM Luis Morones Negrete gingen im April 1936 ins US-amerikanische Exil. Im August 1936 hinterging Cárdenas seinen vormaligen Verbündeten Portes Gil und verdrängte ihm aus der PNR-Führung. Zwischen 1936 und 1938 entmachtete er sukzessive mehrere regionale caudillos und verdrängte zuletzt auch seinen ehemaligen Verbündeten Cedillo aus seiner Machtposition in San Luis Potosí. Bei der Bekämpfung der regionalen caudillos tat sich besonders der Verteidigungsminister Manuel Ávila Camacho hervor, der dieses Prestige später nutzen würde, um Cárdenas als Präsident zu beerben.[24.83]

    Das althergebrachte privatwirtschaftliche Hazienda-System stand in bestimmten Landesteilen Mexikos einem gemeinschaftlichen System von ejido-Kommunen gegenüber, die Cárdenas förderte. Seine kollektivistische Wirtschaftspolitik erweiterte er auf die Industriearbeiter, denen er syndikalistische Politik als Gegenmittel gegen den unkontrollierten Kapitalismus erleichtern wollte, sowie auf das Eisenbahnnetz aus, dessen Verstaatlichung er im Juni 1937 durchsetzte, wonach er es zum 1. Mai 1938 der Kontrolle der Bahnarbeitergewerkschaft übergab. Zwischen 1934 und 1940 erzwang die Cárdenas-Regierung die Umverteilung von 17,9 Millionen Hektar Ackerland, wodurch das ejido-System im Jahr 1940 etwa die Hälfte des kultivierten Bodens in Mexiko ausmachte.[24.82]

    Auf dem Gebiet der bis in die 1930er-Jahre durch ausländische Firmen mitbestimmten mexikanischen Ölindustrie betrieb die Cardenás-Regierung im Jahr 1935 die Gründung des zunächst wenig auffälligen Staatsbetriebs Petróleos de México, der nach dem Ende privatwirtschaftlicher Pachtverträge die jeweiligen Ölfelder wieder übernehmen sollte. Gleichzeitig erzwang die Regierung die Vereinigung der intern weit zersplitterten Ölarbeitergewerkschaften in eine einzige Zentralorganisation, die ab dem Jahr 1936 gegen die Ölkonzerne in die Offensive ging und für den 28. Mai 1937 schließlich zu einem Generalstreik aufrief. Die Regierung stellte sich auf die Seite der streikenden Ölarbeiter und wurde darin im Dezember 1937 auch vom obersten Gerichtshof bestärkt, welcher die ausländischen Ölkonzerne mit Verweis auf Artikel 123 der Verfassung aufforderte, das Wohl ihrer Arbeiter nicht zu vernachlässigen. Gegen diese Ölkonzerne, die auf militärische Intervention ihrer Heimatstaaten hofften, setzte die Regierung am 18. März 1938 die Verstaatlichung der mexikanischen Erdölindustrie durch.[24.84] Um den damit verbundenen Rückzug der besagten Ölkonzerne aus Mexiko auszugleichen, gründete die Regierung den Staatskonzern PEMEX.[36.6]

    Die Verstaatlichung der Ölindustrie stieß bei der politischen Linken wegen ihrer staatssozialistischen Stoßrichtung und bei der politischen Rechten wegen ihrer Zurückweisung ausländischer Einflussnahme auf Zustimmung. Die Nationalisierung des Erdöls galt als bedeutender politischer Sieg gegen die einflussreichen ausländischen Großmächte. Im Ausland nahm insbesondere die britische Regierung die Verstaatlichung mit Empörung auf, aber eine militärische Intervention scheiterte letztlich an Franklin D. Roosevelt, der eine Intervention seines eigenen Landes ablehnte, zumal die politische Krise in Kontinentaleuropa sich 1938 zuspitzte und die britische Regierung damit ablenkte:[24.85] Die mexikanische Regierung konnte den Anschluss Österreichs (11./12. März 1938) als Ablenkung von der Ölverstaatlichung nutzen.[42.1] Mexiko war dennoch der einzige Mitgliedsstaat im Völkerbund, der gegen den Anschluss Österreichs formell Protest einlegte, wofür dem Land später mit der Benennung des Mexikoplatzes in Wien gedankt wurde.[43]

    Vom 12./13. Mai 1938 bis 1947 brach Großbritannien aus Protest die diplomatischen Beziehungen zu Mexiko ab.[24.86] In den USA waren das Außenministerium und das Finanzministerium erbitterte Gegner der mexikanischen Verstaatlichung, während der Botschafter in Mexiko-Stadt Josephus Daniels mit der mexikanischen Regierung sympathisierte und um Kompromisse bemüht war. Die Verstaatlichung der Ölindustrie drückte mexikanische Ölexporte von 24,9 Millionen bl. im Jahr 1937 auf 14,5 Millionen im Jahr 1938, obwohl eine Abwertung des Peso zum US-Dollar (von 3,5:1 auf 5:1) mexikanische Exporte günstiger machte. Hauptabnehmer mexikanischen Öls waren in den Jahren 1938/1939 Deutschland, Japan, Italien sowie die anderen Staaten Lateinamerikas.[24.85]

    Die linksgerichtete Cárdenas-Präsidentschaft zog wiederum den Zorn der Konservativen auf sich, die sich in den Jahren 1934 bis 1938 in einer anti-säkulären Revolte gegen seine Regierung erhoben, auch wenn diese wesentlich kleiner war als der Bürgerkrieg der Jahre 1926 bis 1929.[38.3] Die linke Orientierung der Regierung zeigte sich auch darin, dass sie dem aus der Sowjetunion ausgewiesenen Leo Trotzki in Mexiko Zuflucht gewährte oder nach der Niederlage der linksgerichteten Regierung im Spanischen Bürgerkrieg (1936–1939) gegen die rechtsgerichteten Putschisten Francos die Exilregierung der Spanischen Republik in Mexiko aufnahm. Cárdenas kritisierte den Staatssozialismus der Sowjetunion, warnte aber, dass der internationale Faschismus die größte Bedrohung für die Errungenschaften der Mexikanischen Revolution sei.[24.87] Im Jahr 1938 reformierte Cárdenas die Staatspartei PNR, indem er ihr den neuen Namen Mexikanische Revolutionspartei (spanisch Partido de la Revolución Mexicana, PRM) gab und sie in vier Sektoren (Arbeiterbewegung, Bauerngewerkschaft, Armee, Volkssektor) aufteilte. Diese vier Sektoren sollten vorgeblich gemeinsam den Präsidentschaftskandidaten der Partei bestimmen, de facto blieb es jedoch bei der Praxis, dass jeder Präsident seinen eigenen Nachfolger bestimmte. Cárdenas teilte die regierungstreue Gewerkschaftsbewegung CTM durch die Abspaltung der Bauerngewerkschaft CNC auf, um seinen ehemaligen Verbündeten Lombardo Toledano zu schwächen, dessen Forderungen nach einer Volkswirtschaft sowjetischen Stils er ablehnte.[24.88]

    Kurz vor Ende seiner Amtszeit stellte sich Cárdenas in der Frage des im September 1939 in Europa ausgebrochenen Zweiten Weltkriegs weitgehend an die Seite der USA. Wie der nördliche Nachbar blieb Mexiko zunächst im Krieg neutral, aber zeigte eine deutliche Feindseligkeit gegenüber den Achsenmächten.[44.1]

    Die Präsidentschaftswahl 1940 gewann Cárdenas' Verteidigungsminister Manuel Ávila Camacho, der sich im Kampf gegen die regionalen caudillos in den späten 1930ern ausgezeichnet hatte.[24.89] Die Partei trieb ihre Staatsbeamten und Schulmeister zur Propaganda für Ávila Camacho an, während die Schwäche der linksoppositionellen sinarquistas sowie die geringere Bedeutung religiöser Konflikte der Regierung in die Hände spielte. Letztlich konnte die Korruption, Wahlfälschung und Gewalt der Regierungspartei den erwartbar deutlichen Wahlsieg sichern. Ávila Camacho diente in der Folge von 1940 bis 1946 als mexikanischer Staatspräsident.[24.90]

    Mexiko im Zweiten Weltkrieg (1942–1945)

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    US-amerikanisches Propagandaplakat des Zweiten Weltkriegs, welches das Bündnis zu Mexiko hervorhebt

    Der Zweite Weltkrieg sorgte bereits kurz nach Ausbruch für komplexe Probleme im weltweiten Seehandel,[29.37] wurde aber spätestens nach dem US-amerikanischen Kriegseintritt (Dezember 1941) auch für Mexiko äußerst relevant, da der Bedarf der amerikanischen Kriegsindustrie die Ölexporte steigerte. Die US-Regierung unterbrach ihren von der Verstaatlichung von 1938 provozierten Boykott und kaufte ab Juni 1942 mexikanischen Öl für die Marine. Die mexikanische Regierung hatte es den US-Luftstreitkräften bereits im Juli 1941 und damit vor dem Kriegseintritt der USA erlaubt, mexikanische Flugplätze für den Transfer von Flugzeugen zwischen dem US-amerikanischen Mutterland und der Kanalzone zu nutzen.[24.91] Wenige Wochen vor dem japanischen Angriff auf die USA unterzeichneten die Regierungen im November 1941 ein neues Kooperationsabkommen, wodurch der amerikanische Warenboykott eingeschränkt und die Kreditvergabe an die mexikanische Regierung fortgesetzt werden konnten.[44.1]

    Die Regierung verhielt sich im Dezember 1941 noch neutral. Präsident Ávila Camacho und sein Außenminister Ezequiel Padilla Peñaloza stellten sich früh rhetorisch hinter den amerikanischen Kriegseinsatz. Mexiko brach sukzessive die Beziehungen zu Japan, Deutschland und Italien und schließlich zu mehreren kleineren Staaten der Achsenmächte (Bulgarien, Rumänien, Ungarn) ab. Der marxistische Gewerkschaftsführer Lombardo Toledano glorifizierte den amerikanischen Kriegseintritt und mobilisierte innerhalb des Lateinamerikanischen Arbeiterverbands (CTAL) für die Unterstützung der lateinamerikanischen Proletarier für die Alliierten. Diplomatisch zahlte sich jetzt aus, dass Roosevelt und sein Botschafter Daniels im Jahr 1938 vergleichsweise milde auf die Verstaatlichung der mexikanischen Ölindustrie reagiert hatten. Im Jahr 1942 konnte der mexikanische Außenminister Padilla Peñaloza die amerikanisch-mexikanische Grenze als eine ‚Vereinigungs- statt einer Trennlinie‘ bezeichnen und damit für die beiden Staaten ein seit dem Krieg von 1846 eigentlich undenkbares Freundschaftsverhältnis proklamieren.[44.2] Der Abbruch der Beziehungen zu den Achsenmächten hatte zumindest in Mexiko-Stadt regierungsfreundliche Demonstrationen zur Folge und insbesondere die Linke drängte immer offener auf einen Kriegseintritt gegen die Achsenmächte. Selbst die linksradikalen Marxisten waren vor dem Hintergrund des deutschen Angriffes auf die Sowjetunion im Juni 1941 bereit, die kapitalistische Regierung in einem solchen Krieg zu unterstützen. Dem gegenüber waren die konservativen Katholiken häufiger neutralistisch gesinnt und zeigten sich den Kriegen in Ostasien und Europa gegenüber oft eher gleichgültig.[44.1]

    In einer Ansprache vom 9. Dezember 1941 erklärte Präsident Ávila Camacho, dass das Heer und die Marine im Falle eines feindlichen Angriffs zur Verteidigung bereitstünden, aber dass die Hauptaufgabe des Volkes vor dem Hintergrund des Weltkriegs die Steigerung der Produktion sei, um den ‚Kampf der pan-amerikanischen Solidarität‘ gewinnen zu können. Diese Stoßrichtung hatte auch eine Ansprache vom Februar 1942. In der Konferenz von Rio de Janeiro im Januar 1942 stellte sich die Regierung klar hinter den US-Kurs und forderte die anderen lateinamerikanischen Staaten zur Solidarität auf.[44.3]

    Zur Abwehr feindlicher Spione und Saboteure wurden die Sicherheitsvorkehrungen entlang Bahnlinien, auf Ölfeldern und in Bergwerken erhöht. Das Amateurradio wurde zensiert und Ausländer zur Selbstregistrierung verpflichtet. Die Diplomaten der Achsenstaaten hatten Mexiko bereits nach dem Abbruch der Beziehungen verlassen müssen, aber nun kamen auch prominente Mitglieder der Diaspora ins Visier der Behörden. Wichtige Deutsch-Mexikaner, denen Verbindung zu Achsenagenten vorgeworfen wurden, wurden ab den ersten Monaten des Jahres 1942 verhaftet.[44.4] Die japanische Diaspora an der Pazifikküste und in Chiapas wurde in Kooperation mit den US-Behörden, die eine ähnliche Politik gegen Japanisch-Amerikaner verfolgten, deportiert. Insbesondere männliche Japaner galten als potenzielle feindliche Spione. Obwohl es zu vielen kleineren Akten der Solidarität der mexikanischen Bevölkerung mit den Deportierten kam, wurde die Politik bis 1945 weiterverfolgt. Die Deportierten wurden enteignet, entrechtet, vielfach traumatisiert oder körperlich misshandelt und starben in Einzelfällen an den Folgen.[45.1]

    Mexiko erklärte im Mai 1942 den Achsenmächten den Krieg.[29.38] Auslöser der Kriegserklärung waren die Versenkung der beiden Tanker Potrero del Llano am 13. Mai und Faja de Oro am 21. Mai durch deutsche U-Boote.[42.2]

    Mexikanischer Pilot des 201. Geschwaders mit drei Mechanikern, Pazifikraum 1945

    Die Streitkräfte blieben, von Sicherungsfahrten der mexikanischen Marine vor der eigenen Küste abgesehen, für zwei Jahre an den Kampfhandlungen unbeteiligt, bis am 24. Juli 1944 eine 300 Mann starke Expeditionstruppe in Mexiko-Stadt aufbrach, um sich in den Vereinigten Staaten auf den Luftwaffeneinsatz an der Pazifikfront vorzubereiten. Das 201. Geschwader, auch als die „Aztekenadler“ bekannt, schloss die Ausbildung im März 1945 ab und wurde zum 30. April 1945 in die Manilabucht verlegt, um dort an der Rückeroberung der Philippinen mitzuwirken. Das 201. Geschwader absolvierte 59 Missionen mit mehr als 1200 Flugstunden im Kampfeinsatz. 20 mexikanische Luftwaffensoldaten erhielten amerikanische Auszeichnungen, sieben Piloten wurden im Gefecht getötet. Nach dem Kriegsende im August/September 1945 wurde das 201. Geschwader zum 13. November 1945 in San Pedro ausgeschifft. Am 18. November kehrten die Veteranen nach Mexiko-Stadt zurück und wurden dort empfangen. Die Teilnahme mexikanischer Truppen am Zweiten Weltkrieg war, unabhängig von der geringen Größe des Kampfverbands, ein Quell mexikanischen Nationalstolzes und wurde ein beliebtes Motiv im Nationalismus.[42.3]

    Das Mexikanische Wunder (1940er–1970er)

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    Der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs und die ab 1941 verzeichneten gewaltigen Anstiege der Nachfrage in der US-Schwerindustrie gehörten zu den Faktoren, mit denen das als Mexikanisches Wunder bekannte Wirtschaftswachstum in den 1940er-Jahren begann. Das Mexikanische Wunder hielt bis in die 1970er-Jahre an. Mexikos Urbanisierungsrate verschob sich von 1930 bis 1960 von 33,5 % der Bevölkerung auf 50,7 % der Bevölkerung. Der Primärsektor machte 1940 noch 19,4 % des Bruttoinlandsprodukts aus, schrumpfte bis 1976 aber auf 8,9 %. Die Lebenserwartung wuchs rasant und steigerte sich von ca. 33–38 Jahren in den Krisenjahren 1925–1940 auf 62 Jahre im Jahr 1970. Die Analphabetenrate der mexikanischen Bevölkerung fiel von 42 % (1950) auf 16 % (1970). Das mexikanische Pro-Kopf-Einkommen verdoppelte sich zwischen 1950 und 1970 auf 600 US-Dollar, auch wenn es noch weit hinter den 3000 US-Dollar des nördlichen Nachbarn zurückblieb.[24.92]

    Das mexikanische Wirtschaftswunder endete in den 1970er-Jahren, in denen sich die Wachstumsraten der Volkswirtschaft deutlich abflachten. Besonders unter jungen Mexikanern stieg in der Folge der Emigrationsdruck in Richtung des US-amerikanischen Arbeitsmarktes. Da der US-Kongress in den 1960ern und 1970ern das Einwanderungsrecht restriktiv reformierte und Mexiko nur eine geringe Einwanderungsquote zuwies, sprang in der Folge die illegale Migration von Mexiko in die USA drastisch an.[46.1]

    PRI-Dominanz im frühen Kalten Krieg (1945–1970er)

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    Im Jahr 1946 wurde die regierende PRM in Institutionelle Revolutionspartei (Partido Revolucionario Institucional, PRI) umbenannt. Der Namenswechsel ging mit dem Machtverlust der Gewerkschaften in der Staatspartei einher; der marxistische Gewerkschaftsführer Lombardo Toledano brach schließlich mit der PRI und gründete die oppositionelle Sozialistische Volkspartei (PPS). Unter Ávila Camacho wandte sich die Regierung von der Gewerkschaftsbewegung ab und maß den mexikanischen sowie internationalen Geschäftsleuten und Großkonzernen größere Bedeutung zu.[24.93]

    Miguel Alemán Valdés (1946–1952) war der erste zivile Staatspräsident nach einer Reihe von Revolutionsgenerälen im Präsidentenamt. Die Valdés-Regierung setzte auf eine Industrialisierungspolitik, hatte aber mit starker Korruption im Verwaltungsapparat zu kämpfen.[47] Im Jahr 1947 trat Mexiko dem Rio-Pakt bei, der den amerikanischen Doppelkontinent in ein Verteidigungsbündnis umwandeln sollte. Ein wichtiges Motiv war hierbei, weitere Interventionen der USA in Lateinamerika unwahrscheinlicher zu machen.[41.2]

    Auf Valdés folgten die Präsidenten Adolfo Ruiz Cortines (1952–1958) und Adolfo López Mateos (1958–1964). Beide setzten den wirtschaftlichen Transformationsprozess bei hohen Wachstumsraten fort, investierten in öffentliche Infrastruktur und öffneten Mexiko für ausländische Touristen. Während der López Mateos-Präsidentschaft kam es auch zu einer größeren Landverteilung und zur Nationalisierung mehrerer Industriezweige.[47]

    Im Jahr 1958 wurde der Gewerkschaftsführer Demetrio Vallejo wegen des Versuchs der Gründung einer unabhängigen Bahnarbeiter-Gewerkschaft als Kommunist denunziert und festgenommen. Über 10.000 Bahnarbeiter wurden entlassen und tausende verhaftet.[30.8]

    Studentenprotest in Erinnerung an das Massaker von Tlatelolco, 2004

    Die Regierung unter Gustavo Díaz Ordaz (1964–1970) setzte die Landumverteilung, den Infrastrukturausbau und die Industrialisierungspolitik seiner Amtsvorgänger fort.[47] Am 14. Februar 1967 unterzeichnete die Regierung den lateinamerikanischen Vertrag von Tlatelolco zum Verbot von Kernwaffennutzung, -tests und -besitz im lateinamerikanischen und karibischen Raum.[47]

    Im Juli 1968 kam es zu schweren Studentenunruhen und zu Massendemonstrationen in Mexiko-Stadt, die am 2. Oktober 1968 im Massaker von Tlatelolco mit hunderten Toten gipfelten.[47] Auf Díaz Ordaz folgte sein Innenminister, der für das Massaker von 1968 mitverantwortliche Luis Echeverría Álvarez als Staatspräsident (1970–1976). Álvarez war der erste PRI-Präsident, der leichte Demokratisierungstendenzen zeigte, wie sich bei Achtungserfolgen der Opposition in den Zwischenwahlen von 1973 zeigte. Außerdem versuchte er, durch eine Zuwendung zu den blockfreien Staaten die Abhängigkeit von den USA zu vermindern.[47]

    Langsamer Niedergang der Staatspartei (1970er–1990er)

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    Wirtschaftskrise der 1970er und 1980er

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    Nach der Präsidentschaftswahl 1976 ließ der neue Präsident José López Portillo (1976–1982) am 31. August 1976 den mexikanischen Peso nach 22 Jahren der paritätischen Kursbindung an den US-Dollar freigeben, woraufhin die Währung in kurzer Zeit um 40 % abgewertet wurde. Die resultierende Wirtschaftskrise konnte durch steigende Ölexporte jedoch teilweise abgefedert werden. Bis ins Jahr 1980 wuchs die Bevölkerung, die in den Jahren 1940 und 1970 noch ca. 20 Millionen bzw. 50 Millionen gezählt hatte, auf 70 Millionen Menschen an.[47]

    Im Jahr 1982 wurde Miguel de la Madrid Hurtado (1982–1988) zum Präsidenten. Noch kurz vor seinem Amtsantritt war der amtierende Präsident López Portillo jedoch zu einem Krisenpaket gezwungen, welches etwa 50 Banken verstaatlichte und eine Devisenkontrolle einführte. Der Staat stand angesichts hoher Auslandsschulden vor dem Bankrott. Am 29. Dezember 1983 schloss die Hurtado-Regierung ein Umschuldungsabkommen mit ausländischen Banken, welches durch US-Kredite zusätzlich abgestützt wurde, um der katastrophalen Finanzsituation zu entrinnen. Am 1. September 1984 kündigte der Präsident ein Öffnungsprogramm der Wirtschaft an, welches durch Entstaatlichung und Deregulierung den Staatshaushalt verschlanken und die Einnahmen erhöhen sollte.[47] Am 24. August 1986 wurde Mexiko das 92. Vollmitglied des Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommens (GATT).[47]

    Das große Erdbeben von Mexiko-Stadt 1985 resultierte in tausenden Toten und Vermissten und strapazierte die Ressourcen der Rettungskräfte aufs Äußerste. Bei den Aufräumarbeiten wurde die Korruption und die Inkompetenz der PRI offensichtlich.[24.94]

    In den Wahlen von 1988 wurde die PRI durch eine interne Abspaltung des linken Parteiflügels geschwächt, der PRI-Kandidat gewann nur 50,3 % der Stimmen.[47] Die Präsidentschaft von Salinas de Gortari (1988–1994) war wegen des knappen Ergebnisses darauf fixiert, die Beliebtheit der regierenden PRI nicht zuletzt bei Katholiken zu erhöhen, weshalb einige der antiklerikalen Artikel der Verfassung reformiert werden sollten. Die Verfassungsreformen von 1992 entschärften viele dieser Passagen, behielten aber das Verbot explizit konfessioneller Parteipolitik bei.[38.4] Am 7. April 1990 verabschiedete die Regierung eine Umstrukturierung der hohen Auslandsschulden und verhandelte gleichzeitig das Nordamerikanische Freihandelsabkommen (NAFTA), dessen Verhandlungen am 12. August 1992 abgeschlossen wurden und welches am 1. Januar 1994 in Kraft treten sollte.[47]

    Nordamerikanisches Freihandelsabkommen

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    1992 schloss Mexiko zusammen mit den USA und Kanada das Nordamerikanische Freihandelsabkommen, das am 1. Januar 1994 in Kraft trat. Die Auswirkungen dieses Abkommens auf Mexiko sind ambivalent, da nicht zuletzt ein Zustrom kanadischer und amerikanischer Agrarerzeugnisse die mexikanische Landwirtschaft gefährdete.[32.5] Die mexikanischen Subsistenzbauern wurden durch die neuen Nahrungsimporte am stärksten in ihrer Existenz bedroht.[48.1] Ob das Abkommen eher zur Deindustrialisierung der USA oder sogar zur Deindustrialisierung Mexikos beiträgt, ist unter Ökonomen umstritten.[29.39]

    Zwischen 1993 und 2012 wuchs der Warenhandel zwischen Mexiko und den USA um mehr als 500 %. Die mexikanische Warenausfuhr konnte zwischen 1994 und 2011 versiebenfacht werden, die durchschnittliche jährliche Wachstumsrate von mexikanischen Industrieexporten in die USA betrug in den Jahren nach Inkrafttreten mehr als 75 %. Das Abkommen konnte so zu einer Diversifizierung der mexikanischen Ausfuhren beitragen, die zum Ende der 1980er-Jahre noch zu zwei Dritteln aus Ölexporten bestanden.[48.1] Mexiko konnte sich zeitweise als günstiger Produktionsort für den US-Markt in Stellung bringen, geriet jedoch schon einige Jahre später durch den Beitritt der Volksrepublik China zur Welthandelsorganisation und dem damit verbundenen einfacheren Zugang chinesischer Waren zum nordamerikanischen Markt in heftige Konkurrenz. Generell zeigte die US-Regierung eher die Tendenz, den Markt zugunsten der amerikanischen Wareneinfuhr auch anderen Staaten und Regionen zu öffnen – so etwa den karibischen Staaten der Caribbean Basin Initiative (CBI) –, während Mexiko solche Öffnungen eher ablehnte, um seine eigene Warenausfuhr zu sichern.[49.1]

    Aufstand der Zapatisten in Chiapas

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    EZLN-Befehlshaber Subcomandante Marcos (links) und Comandante Tacho, Chiapas, Oktober 1999

    Am 1. Januar 1994, dem Tag des Inkrafttretens des NAFTA-Abkommens, erhob sich im südöstlichen Bundesstaat Chiapas die Zapatistische Armee der Nationalen Befreiung (spanisch Ejército Zapatista de Liberación Nacional, EZLN) in einem Guerillakampf gegen die Regierung.[47] In ihrer Namenswahl berief sich die EZLN auf den ländlichen Revolutionär der 1910er-Jahre Emiliano Zapata. Die Gruppierung besteht vornehmlich aus Angehörigen der indigenen Völker Südostmexikos, auf deren Leidensgeschichte sie sich regelmäßig als Motivation für ihre Rebellion beruft.[24.95] Die heftigste Phase der Kämpfe konnte mit einem vom Bischof von San Cristóbal Samuel Ruiz García vermittelten Waffenstillstandsabkommen am 2. März 1994 beendet werden.[47] Seitdem kontrolliert die EZLN weiträumige Gebiete in den abgelegenen Teiles des Bundesstaats Chiapas, die seit 1994 keine mexikanische Regierung dauerhaft in ihren Einflussbereich zurückzwingen konnte.[24.95] Im Sommer 1994 plante das Verteidigungsministerium, einen Gegenaufstand unter regierungstreuen Bauern und Indigenen anzuzetteln, um die EZLN zurückzudrängen.[24.96]

    Zwischen dem 13. und 16. September 1997 gründete die in Chiapas aktive EZLN ihren parteipolitischen Arm, die Zapatistische Nationale Befreiungsfront (spanisch Frente Zapatista de Liberación Nacional, FZLN). Die Gewalt in Chiapas wurde am 22. Dezember 1997 durch ein von rechtsextremen mexikanischen Paramilitärs an indianischen Flüchtlingen in einem EZLN-Flüchtlingslager begangenes Massaker zusätzlich angeheizt.[47]

    Aufstieg der Drogenkartelle

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    Die jahrzehntelange korrupte Herrschaft der PRI hatte den staatlichen Sicherheitsapparat unterhöhlt. Sowohl die Polizei als auch die Gerichtsbarkeit verfügten nicht über die Mittel, das Personal oder die Motivation, gegen die entlang der nordamerikanischen Drogenschmuggelrouten stärker werdenden Drogenkartelle effektiv vorzugehen.[48.2] Eine der wichtigsten Routen war der Kokainschmuggel von Kolumbien durch Zentralamerika in die Vereinigten Staaten.[50.1] Zwischen 1986 und 2000 wuchs die US-amerikanische Grenzpatrouille von 2.000 auf 12.200 Beamte, um die Grenze stärker überwachen zu können.[46.2] Die mächtigsten Drogenkartelle Lateinamerikas befanden sich im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts zunächst in Kolumbien, wo das Medellín-Kartell in den späten 1980ern und das Cali-Kartell in den frühen 1990ern zu den gefährlichsten kriminellen Organisationen der Welt zählten. Der Niedergang der beiden kolumbianischen Großkartelle beschleunigte den Aufstieg der lokalen Kartelle, die sich in der Zwischenzeit auch in Mexiko gebildet hatten: Das Guadalajara-Kartell war seit mindestens den 1970er Jahren aktiv und es folgten in den 1990er Jahren das Tijuana-Kartell und das Golf-Kartell. Um die Jahrtausendwende wurde schließlich das Sinaloa-Kartell sehr mächtig.[51]

    Am 3. März 1998 wurde der ehemalige Leiter der Drogenbekämpfungsbehörde, General Jesús Gutiérrez Rebollo, wegen Amtsmissbrauch und Kooperation mit Drogenkartellen zu einer hohen Haftstrafe verurteilt. Mitte Mai 1998 wurde aufgedeckt, dass mindestens zwölf der größten 19 mexikanischen Banken in den illegalen Drogenhandel involviert waren.[47]

    Andere gewalttätige Gruppen der 1990er-Jahre

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    Am 18. Juni 1996 erhob sich die Revolutionäre Volksarmee (spanisch Ejército Popular Revolucionario, EPR) gegen die Regierung und rief zu deren Sturz auf. Das mexikanische Militär bekämpfte die überregional aktive Guerillagruppe jedoch mit einigen Erfolgen.[47]

    Am 23. März und 28. September 1994 wurde die Regierungspartei durch die Morde am PRI-Präsidentschaftskandidaten Luis Donaldo Colosio Murrieta sowie am PRI-Generalsekretär José Francisco Ruiz Massieu erschüttert. Die Täter konnten nie endgültig ermittelt werden. Letztlich wurde in der Präsidentschaftswahl vom 21. August 1994 der PRI-Kandidat Ernesto Zedillo zum Präsidenten gewählt.[47]

    Denkmal für acht um ca. 1996 ermordete Opfer der Frauenmorde von Ciudad Juárez, 2007

    Zwischen 1993 und 2003 wurde mindestens 300 Frauen und Mädchen allein in Ciudad Juárez zum Opfer der Frauenmorde von Ciudad Juárez, denen üblicherweise Vergewaltigungen vorausgingen und die Verstümmelung und demütigende Entsorgung der Leichen folgten.[49.2]

    Ende der PRI-Herrschaft, Rückkehr zur Demokratie

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    Im Jahr 1995 stand Präsident Zedillo einer ökonomischen Krise gegenüber, die mit einem starken Kursverlust des Peso im Dezember 1994 begonnen hatte.[47]

    In den Zwischenwahlen, die am 6. Juli 1997 abgehalten wurden,[47] bildeten die Oppositionsparteien eine Koalition und konnten erstmals die absolute PRI-Mehrheit in der Legislative brechen,[48.3] obgleich die PRI die stärkste Kraft im Parlament blieb.[47]

    Als Ergebnis der fortwährenden Unzufriedenheiten wurde der Präsidentschaftskandidat der oppositionellen PAN, Vicente Fox, in der Wahl vom 2. Juli 2000, auch wenn die PRI mit 207 von 500 Sitzen die größte Fraktion im Abgeordnetenhaus blieb.[47] Damit endete die insgesamt 71 Jahre währende Herrschaft der PRI.[29.40] Der PRI-Kandidat Francisco Labastida Ochoa, der erstmals in der Geschichte seiner Partei durch eine offene Vorwahl am 7. November 1999 anstatt durch Befehl seines Amtsvorgängers aufgestellt worden war,[47] hatte erfolglos versucht, sich vom korrupten Image seiner Partei zu distanzieren. Präsident Ernesto Zedillo erkannte die Niederlage zur Enttäuschung einiger Hardliner in seiner eigenen Partei an, womit er den friedlichen Machttransfer im Jahr 2000 beschleunigte.[29.40] Fox trat sein Amt am 1. Dezember 2000 an.[47] Das Jahr 2000 gilt in der vergleichenden Politikwissenschaft als der Zeitpunkt der Rückkehr Mexikos vom PRI-dominierten Autoritarismus zur Demokratie.[48.4]

    Mexikanische Kultur im 20. Jahrhundert

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    Wandmalerei von Diego Rivera mit historischem Aztekenmotiv im Palacio Nacional, Mexiko-Stadt

    In den 1930ern entwickelte sich in Mexiko ein eigener Stil der Wandgemälde (spanisch murales) mit oftmals historischer Inspiration in kontrastreichen Farben. Zu den wichtigsten Wandmalern dieser Schule gehörten Diego Rivera, David Alfaro Siqueiros und José Clemente Orozco. Die oftmals politischen Wandmalereien mit ihrer Glorifizierung der mexikanischen Geschichte wurden von der Regierung finanziell gefördert. Diego Rivera war mit der geschlechtsübergreifend bekanntesten Künstlerin dieser Ära der lateinamerikanischen Kunst, Frida Kahlo, verheiratet, die sich insbesondere auf Selbstporträts mit feministischem Subtext spezialisierte.[32.6]

    Black-Power-Protest bei den Olympischen Spielen 1968

    Im Jahr 1968 war Mexiko-Stadt Austragungsort der Olympischen Sommerspiele, womit der Wettbewerb erstmals in einem spanischsprachigen Staat der neuen Welt ausgetragen wurde.[30.8] Mit der mexikanischen Leichtathletin Enriqueta Basilio durfte erstmals eine Frau das Olympische Feuer entzünden.[32.7] Die Díaz Ordaz-Regierung investierte etwa 150 Mio. US-Dollar, um die Spiele vorzubereiten.[30.8] Erst mit dem Wettbewerb in Rio de Janeiro im Jahr 2016 kehrten die Olympischen Spiele nach Lateinamerika zurück. Die Olympischen Spiele 1968 umfassten mehrere ikonische Momente, zu denen der Black-Power-Protest der US-amerikanischen Sprinter Tommie Smith und John Carlos gehörte. Innerhalb Mexikos wurden die Spiele jedoch noch vor Beginn der Wettkämpfe vom brutalen Massaker von Tlatelolco überschattet, mit dem die Regierung die mexikanische Studentenbewegung zerschlagen wollte.[32.7]

    Im Jahr 1943 entstand im Fußball die mexikanische Profiliga, später war Mexiko der Austragungsort der Fußball-Weltmeisterschaft 1970 sowie der Fußball-Weltmeisterschaft 1986.[52]

    Im Jahr 1990 gewann der mexikanische Schriftsteller Octavio Paz, der in seinem Labyrinth der Einsamkeit die mexikanische Nationalkultur im Schatten der unvollkommenen Revolution von 1910 ergründete, den Nobelpreis für Literatur. Ein weiterer hochproduktiver mexikanischer Autor des 20. Jahrhunderts war Carlos Fuentes.[32.8]

    Mexiko im 21. Jahrhundert

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    Fox-Regierung (2000–2006)

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    Vicente Fox, 2004

    Der neue Staatspräsident Vicente Fox gab sich weniger autoritär, er verzichtete auf den traditionellen Anzug mit Krawatte und bevorzugte stattdessen offene Hemden und Cowboystiefel.[29.41] Er präsentierte sich stärker als seine PRI-Vorgänger als gläubiger Katholik.[38.4]

    Fox als erster Präsident außerhalb der PRI seit 1929 setzte zunächst den bisherigen Wirtschaftskurs fort, der eine enge Anbindung Mexikos an die Volkswirtschaft der Vereinigten Staaten vorsah.[29.41] Fox pflegte zunächst eine sehr gute Geschäftsbeziehung mit seinem Amtskollegen George W. Bush, die sich ab 2002/2003 mit der Verweigerung einer Unterstützung des amerikanischen Irakkrieges aber abkühlte. Versuche, mexikanische Unterstützung für den Kriegseinsatz im Nahen Osten zu gewinnen, scheiterten nicht zuletzt wegen der in der Bevölkerung von Anfang an weit verbreiteten Opposition gegen den US-Einsatz. Immer wieder kam es zu kleineren bilateralen Streitigkeiten über den Status illegaler mexikanischer Immigranten in den USA oder über den Einfluss der US-Ölindustrie in Mexiko. Fox schirmte den Staatskonzern PEMEX vor amerikanischen Privatisierungsangeboten ab. Er verteidigte im September 2004 seine Politik, den privatwirtschaftlichen Zugriff auf den mexikanischen Rohstoffsektor großflächig einzuschränken.[29.42] Die Beziehungen wurden vom grenzübertretenden Drogen- und Menschenschmuggel zusehends belastet. Die Anschläge vom 11. September 2001 verstärkten in den USA die nativistische und rechtsradikale Migrationsfeindlichkeit zusätzlich. Bis 2007 entstanden in den USA mindestens 144 paramilitärische Bürgermilizen, die sich dem Grenzschutz verschrieben und dabei mitunter einen deutlichen Antimexikanismus erkennen ließen, der sich von rassistischen Äußerungen bis hin zu rituellen Verbrennungen der mexikanischen Nationalflagge erstreckte. Gleichzeitig wuchs auch das politische Engagement mexikanischer Immigranten in den USA, deren Anträge auf die US-amerikanische Staatsbürgerschaft alleine zwischen 2005 und 2006 um 54 % anstiegen.[46.3]

    In den frühen 2000er Jahren kam es verstärkt zu Beschwerden und Protesten über die Umweltverschmutzung in Mexiko, dessen Hauptstadt in den 1990er-Jahren als Stadt mit der schlimmsten Luftverschmutzung der Welt festgestellt worden war. Im Jahr 2008 wurden dort Umweltpolizisten (spanisch ecoguardas) eingesetzt, um vorschriftswidrige Kraftfahrzeuge aus dem Verkehr zu ziehen.[29.41]

    EZLN-Straßenschild, 2006. Auf den unteren vier Zeilen steht: „Du befindest dich im zapatistischen Gebiet, welches sich in Rebellion befindet[.] Das Volk herrscht, die Regierung gehorcht.“

    In den ersten Jahren seiner Amtszeit war Fox mit dem seit 1994 in Chiapas herrschenden Konflikt mit den Zapatistas belastet. Nachdem er als Kandidat versprochen hatte, ‚die Angelegenheit in fünfzehn Minuten zu lösen‘, organisierte er als Präsident größere Rückzüge des Militärs aus der Krisenregion, stellte die Bestrafung von ausländischen Zapatista-Unterstützern ein und stellte die indigene Politikerin Xóchitl Gálvez als Beraterin für indigene Fragen an. Die Fox-Regierung machte auf dem Feld der geforderten Autonomie und Selbstverwaltung für indigene Gemeinden größere Zugeständnisse, woraufhin die Zapatista-Führung einen Unterstützungsmarsch für die Reformen für den März 2001 ankündigte. Der Marsch wurde von Fox als Symbol einer „erwachsenen Demokratie“ gewürdigt. Er lud den berühmten Zapatista-Anführer Subcomandante Marcos in den Präsidentenpalast ein, was aber von Marcos abgelehnt wurde.[29.43] Die von Fox angestrebten Verfassungsreformen wurden in der Legislative abgeschwächt und letztlich von der EZLN für unzureichend erklärt.[48.5] Der Zapatista-Konflikt konnte nicht beigelegt werden, zumal Angriffe auch in den frühen 2000ern fortgesetzt wurden.[29.43]

    Fox’ Zustimmungsrate sank von 80 % zwei Monate nach seinem Wahlsieg im Jahr 2000 auf 54 % im Jahr 2004. Die Rivalitäten der Parteien PAN, PRI und PRD erschwerten die von Fox versprochenen Fiskal-, Arbeits- und Energiesektorreformen. Die von ihm versprochenen neuen Arbeitsplätze konnten nur teilweise realisiert werden und die jährliche Wachstumsrate der Volkswirtschaft fiel in den ersten drei Jahren der Amtszeit auf 1 %.[29.44] In den Zwischenwahlen des Jahres 2003 straften die Wähler die PAN mit einer niedrigen Wahlbeteiligung (ca. 42 %) und einem schlechten Ergebnis ab: Die PAN schrumpfte von 206 auf 151 Sitze, während sich PRI und PRD von 208 und 55 auf 222 und 95 Sitze steigern konnten.[29.45] Trotzdem konnte die Wirtschaft auch Erfolge verzeichnen: Ausländische Investitionen stiegen auf 14 Milliarden Pesos im Jahr 2002 und der aus dem Irakkrieg von 2003 resultierende Anstieg der Ölpreise und den stark erhöhten Einnahmen stimulierte die Volkswirtschaft auf ein Jahreswachstum von ca. 4 % im Jahr 2004. So konnte die PAN noch vor dem Wahljahr 2006 ein positives Gesamtbild zeichnen und Fox’ parteiinternen Nachfolger Felipe Calderón in Stellung bringen.[29.44]

    Die Innenpolitik der PAN folgte in Grundzügen den Eckpfeilern eines katholischen Konservatismus, ohne sich explizit dazu zu bekennen. Die Partei passte sich der mehrheitlich katholischen Bevölkerung Mexikos an und vertrat ablehnende Haltungen gegenüber Fragen wie der gleichgeschlechtlichen Ehe oder Schwangerschaftsabbrüchen.[38.5]

    Im Kampf um Fox’ Nachfolge bei der Präsidentschaftswahl von 2006 wurde Calderón vom politisch erfahrenen PRI-Gouverneur Roberto Madrazo sowie vom für die linksgerichtete PRD kandidierenden ehemaligen Bürgermeister von Mexiko-Stadt Andrés Manuel López Obrador herausgefordert, wobei letzterer sich Versuchen der PAN und PRI ausgesetzt sah, ihn von der Wahl ausschließen zu lassen.[29.46] Massenproteste in der Hauptstadt ab dem 29. August 2004 hatten schließlich die Regierung zum Einlenken gezwungen; Fox machte den zuständigen Generalstaatsanwalt zum Sündenbock der Blockadetaktik der Regierung.[47] Letztlich traten alle drei Kandidaten an und mehr als 41 Millionen Mexikaner gaben ihre Stimmen in der knappsten Präsidentschaftswahl der Geschichte ab, in welcher der Kandidat der amtierenden PAN Calderón mit weniger als 250.000 Stimmen Vorsprung vor seinem PRD-Rivalen López Obrador gewann. Obrador organisierte Massenproteste, lehnte den Wahlsieg Calderóns ab und kündigte an, sich am symbolischen Revolutionstag, dem 20. November, zum Präsidenten der Republik vereidigen zu lassen. Seine PRD wurde in der Folge zu hohen Strafzahlungen verurteilt.[29.46] López Obrador bildete eine einflusslose „Gegenregierung“, konnte den Amtsantritt seines Rivalen Calderón am 1. Dezember 2006 jedoch nicht verhindern.[47]

    Calderón-Regierung (2006–2012)

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    Von rechts: Mexikos Staatspräsident Felipe Calderón mit seinen Amtskollegen Sebastián Piñera (Chile), Alan García (Peru) und Juan Manuel Santos (Kolumbien), Dezember 2010

    Die Sozialpolitik des neuen Präsidenten Felipe Calderón setzte die bisherige Linie seines Vorgängers und Parteigenossen Fox fort. Die Zentralregierung geriet im Jahr 2007 in Streit mit der linken Stadtverwaltung von Mexiko-Stadt, die innerhalb der Stadtgrenzen das Abtreibungsrecht liberalisieren wollte. Der Versuch, dort Abtreibungen im ersten Trimester zu entkriminalisieren, sorgte bei katholischen Konservativen für Empörung.[38.6] Auch Papst Benedikt XVI. schaltete sich ein und drohte Politikern, die diese Politik unterstützten, mit der Exkommunikation.[29.47] Die Regierung unterstützte eine Klage gegen die Reform vor dem obersten mexikanischen Gerichtshof, der den konservativen Abtreibungsgegnern jedoch mit der Ablehnung der Verfassungsklage im Jahr 2008 eine Niederlage beibrachte. Die regierende PAN begann daraufhin, in anderen Bundesstaaten das Abtreibungsverbot in den Staatsverfassungen festzuschreiben. Solche Verfassungszusätze wurden bis Ende 2008 von 14 Bundesstaaten verabschiedet, wonach die Zahl bis 2013 noch einmal auf 17 anstieg. Die konservative PAN reagierte weniger stark auf die Versuche der hauptstädtlichen Verwaltung in den Jahren 2006 und 2009, die Geschlechtlichkeit des Heiratsgesetzes aufzuheben und damit die gleichgeschlechtliche Ehe auf regionaler Ebene einzuführen. Zwar protestierte die PAN-Parteiführung gemeinsam mit dem Erzbischof von Mexiko-Stadt Norberto Rivera Carrera, doch es kam nicht zur gleichen konservativen Massenmobilisierung gegen die Homo-Ehe wie gegen Abtreibung. Eine Verfassungsklage der Regierung gegen die gleichgeschlechtliche Ehe scheiterte, da der Gerichtshof die Liberalisierung des Ehegesetzes in Mexiko-Stadt nicht nur verteidigte, sondern allen anderen Bundesstaaten im gleichen Verfassungsurteil aufzwang, in Mexiko-Stadt geschlossene gleichgeschlechtliche Ehen auch auf dem eigenen Gebiet anzuerkennen.[38.6]

    Die mexikanische Wirtschaft wurde im Jahr 2008 von einer neuerlichen Weltwirtschaftskrise erfasst. Calderóns Finanzminister Agustín Carstens musste im Januar 2009 die Wachstumsziele der Volkswirtschaft kürzen, da zum Jahresende 2008 bereits 250.000 mexikanische Fabrikarbeiter als Ergebnis der Wirtschaftskrise ihre Anstellung verloren hatten. Rücküberweisungen der Emigranten sanken zwischen April 2008 und April 2009 um 18 %. Die Finanzkrise überlagerte sich zusätzlich mit dem allgemeinen Trend des Wirtschaftswachstums der Volksrepublik China, deren Exportwirtschaft die traditionelle Abhängigkeit der USA von mexikanischen Exporten verminderte und damit mexikanische Ausfuhrgewinne beschnitt. Als Antwort auf die Finanzkrise setzte die mexikanische Regierung stärker als zuvor auf den Tourismussektor, der vom Wertverfall des Peso profitierte. Der Kurs des Peso zum US-Dollar fiel von 10:1 im August 2008 auf 14:1 im Januar 2009.[29.48]

    EZLN-Wachtposten in Chiapas, 2009

    Calderón setzte den Kurs seines Amtsvorgängers Fox gegen die rebellierenden Zapatistas fort und versuchte, die von der EZLN kontrollierten Bergregionen im äußersten Südosten des Landes politisch weiter zu isolieren. Die Zapatistas lehnten es wiederum ab, mit der neuen Regierung zu verhandeln, die sie als nicht ausreichend indigen bezeichneten.[29.49]

    Mexikanische Soldaten im Drogenkrieg, Michoacán 2007

    Auch vor dem Hintergrund der Finanzkrise wurden die Drogenkartelle gefährlicher, brutaler und staatsfeindlicher. Zwischen 2006 und 2016 wurden im Drogenkrieg in Mexiko mindestens 100.000 Menschen getötet.[32.9] Die Kartelle wurden besonders im „goldenen Dreieck“ zwischen den Bundesstaaten Durango, Sinaloa und Chihuahua aktiv, wo sie Gegner ermordeten und Staatsbeamte, Polizisten sowie in Einzelfällen sogar katholische Priester mit Bestechungsgeldern auf ihre Seite zogen. Im Jahr 2008 wurden 6300 Menschen im Zuge des Drogenkriegs getötet, wobei allein in Ciudad Juárez (Chihuahua) auf der mexikanischen Seite des Grenzübergangs ins US-amerikanische El Paso etwa 1600 mexikanische Staatsbürger ermordet wurden. Hohe Kartellfunktionäre wie Joaquín Guzmán („El Chapo“) schafften es, auch im Fall einer Gefangennahme aus den Gefängnissen wieder auszubrechen. Im Mai 2009 verkleideten sich etwa zwei Dutzend Kartellangehörige als Polizisten und holten über 50 ihrer Gefangenen aus dem Gefängnis von Cieneguillas im Bundesstaat Zacatecas.[29.50]

    Die Calderón-Regierung reagierte mit erhöhter Aggression auf die Provokationen und brachte 45.000 Soldaten gegen die Hochburgen der Kartelle in Stellung. Allein in Ciudad Juárez befanden sich im Mai 2009 etwa 8.000 Soldaten der mexikanischen Streitkräfte. Die amerikanische Bush-Regierung unterstützte die mexikanischen Anstrengungen im Drogenkrieg mit einer Hilfszahlung von 1,4 Milliarden US-Dollar. Auch Bushs Nachfolger, der ab dem Januar 2009 amtierende Präsident Barack Obama, drückte seine Unterstützung für die Linie der Calderón-Regierung aus und sagte im Mai 2009 weitere 700 Millionen US-Dollar an Hilfen zu. Die mexikanische Außenministerin Patricia Espinosa rief im Frühjahr 2009 in einer Ansprache im US-amerikanischen McAllen dazu auf, die Kooperation beider Staaten im Krieg gegen die Drogenkartelle weiter zu intensivieren. In den USA wurde zumindest von demokratischen Politikern wiederholt gefordert, als Antwort auf den mexikanischen Drogenhandel die Entkriminalisierung bestimmter Drogen in den USA in Betracht zu ziehen, um die Nachfrage nach der Schmuggelware der Kartelle zu reduzieren. Die Drogenbarone sind indes in Mexiko selbst keineswegs nur verhasst, da sie in der nordmexikanischen Peripherie mitunter unter Nutzung ihres illegalen Reichtums auch zur Verbesserung der Infrastruktur beitragen.[29.50]

    Mexikanischer Soldat verteilt während der H1N1-Pandemie Gesichtsmasken, 22. April 2009

    Im März 2011 lösten die WikiLeaks-Enthüllungen eine politische Krise zwischen den USA und Mexiko aus, die mit dem Rücktritt des US-Botschafters Carlos Pascual endete.[48.6][53]

    Auf dem Gebiet der Wahlrechtsreform scheiterte die Regierung im Dezember 2009 mit dem Projekt, ein System mit zwei Wahldurchgängen durchzuführen.[48.7] Die Präsidentschafts- und Parlamentswahl in Mexiko 2012 endete für die PAN nach zwei Amtszeiten (2000–2012) mit einer Wahlniederlage,[38.6] wonach in Form des jungen und charismatischen Enrique Peña Nieto erstmals seit 2000 wieder ein Kandidat der einst regierenden PRI das mexikanische Präsidentenamt besetzte.[48.2] Die PRI hatte sich nach den Niederlagen von 2000 und 2006 zunächst unter der Führung von Beatriz Paredes Rangel ab 2007 stabilisiert und noch vor der Präsidentschaftswahl von 2012 mehrere Regional- und Kommunalwahlen gewonnen.[47]

    Peña Nieto-Regierung (2012–2018)

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    Auf dem Feld der Sozialpolitik bewarb Peña Nieto die volle Anerkennung der gleichgeschlechtlichen Ehe in Form einer Verfassungsänderung, die vom katholischen Klerus, der konservativen PAN sowie sogar von Konservativen in seiner eigenen PRI bekämpft wurde. Sie organisierten eine Kampagne, die Peña Nieto zur Aufgabe seiner Verfassungsreform zwang.[38.6]

    Auf dem Feld der Wirtschaftspolitik verabschiedete die Nieto-Regierung im Dezember 2013 eine sehr kontroverse Verfassungsreform, die erstmals seit über 70 Jahren ausländische und privatwirtschaftliche Investitionen im Gas- und Ölsektor erlaubte. Der Staatskonzern PEMEX, der in den 2010ern mit sinkenden Gewinnen und steigenden Kosten zu kämpfen hatte, verlor im Austausch gegen niedrigere Steuern sein Benzinmonopol. Die Ölarbeitergewerkschaft STPRM wurde aus dem Aufsichtsrat der PEMEX entfernt, um dem Ölkonzern eine größere Flexibilität in der Auswahl der eigenen Arbeitskräfte zu verschaffen.[48.8]

    Graffiti für die in der Massenentführung in Iguala entführten Studenten, Guerrero 2014

    Der Drogenkrieg ging auch in den 2010er Jahren mit großer Härte weiter. Die Massenentführung in Iguala 2014, bei der 43 Studenten von mit Drogenkartellen kooperierenden korrupten Polizisten entführt wurden und spurlos verschwanden, wurde zu einem cause celebré der mexikanischen Zivilgesellschaft.[48.9] Die Drogenkartelle nahmen Aktivisten mit unveränderter Härte ins Visier; im Jahr 2017 wurde der unabhängige Journalist Javier Valdez ermordet.[48.10]

    Im äußersten Südosten Mexikos befanden sich einige abgelegene Berggemeinden weiterhin unter Kontrolle der seit den 1990ern aktiven Zapatisten.[48.5]

    Die Zivilgesellschaft hatte nach Jahrzehnten des PRI-Autoritarismus sowie nach der krisenbehafteten Rückkehr zur Demokratie eine misstrauische Haltung gegenüber der auf allen Ebenen und in allen Regionen von Korruption und Ineffizienz geschwächten Regierung entwickelt. Im Jahr 2015 gaben lediglich 20 % der Bevölkerung an, mit der Demokratie ‚sehr zufrieden‘ oder auch nur ‚teilweise zufrieden‘ zu sein. Damit lag die Demokratiezufriedenheit in Mexiko unter 18 befragten lateinamerikanischen Staaten auf dem letzten Platz. Lediglich 47 % der Mexikaner bekannten sich explizit zur Demokratie als bestem System. 70 % zeigten ‚wenig Interesse‘ oder ‚kein Interesse‘ an der Politik, wobei Männer ein höheres Engagement für Politik an den Tag legten als Frauen. Politikverdrossenheit ist bei Unterstützern des politischen Zentrums und der politischen Rechten höher als bei Unterstützern der politischen Linken.[48.11]

    Staatspräsident Enrique Peña Nieto (links) mit US-Präsident Donald Trump, G20-Gipfel in Hamburg, Juli 2017

    Die US-Präsidentschaftswahl 2016 endete mit einem Wahlsieg des republikanischen Kandidaten Donald Trump, der im Wahlkampf gegen NAFTA Stimmung gemacht, sich negativer Stereotype von Mexikanern in den Vereinigten Staaten bedient und den Bau einer Grenzmauer versprochen hatte.[48.6]

    Die Präsidentschaftswahl 2018 mündete in eine Koalitionsbildung, da sich die konservative PAN mit der linksprogressiven PRD und die linkspopulistische Morena mit der ultrakonservativen Encuentro Social verbündeten. Beide Parteien wurden in ihren jeweiligen Spektren scharf kritisiert und vermieden in der Folge starke sozialpolitische Stellungnahmen, um den jeweiligen Koalitionspartner nicht zu verärgern. Der Morena-Kandidat Andrés Manuel López Obrador, der bereits in den Wahlen von 2006 den zweiten Platz belegt hatte, ging aus der Wahl als Sieger hervor.[38.7]

    Obrador war der erste Präsident seit 90 Jahren, der weder der PRI noch der der PAN angehörte.[30.9] Sein Wahlsieg war ungewöhnlich deutlich, da er als erster Präsidentschaftskandidat seit dem Neubeginn der freien Wahlen im Jahr 2000 eine absolute Mehrheit auf sich vereinen konnte.[54.1]

    López Obrador-Regierung (2018–2024)

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    Präsident Andrés Manuel López Obrador mit seiner späteren Nachfolgerin, der damaligen Bürgermeisterin von Mexiko-Stadt Claudia Sheinbaum, Juni 2019

    Die Regierungszeit von López Obrador war von einer Stärkung der Exekutive geprägt.[55] Die linksgerichtete Regierung verfolgte das Ziel, wirtschaftliche und politische Macht voneinander zu trennen und den Einfluss von Großkonzernen in der Politik zurückzudrängen. Das ambitionierte Reformprogramm erlitt mit dem Verlust der absoluten Parlamentsmehrheit in den Zwischenwahlen 2021 einen Rückschlag, jedoch erfreute sich die anti-neoliberale Linie der Regierung besonders bei der armen Bevölkerung nach wie vor großer Beliebtheit.[56]

    Der Kampf gegen die Drogenkartelle wurde von Rückschlägen wie dem „Culiacánazo“ im Jahr 2019 gezeichnet, als das Sinaloa-Kartell die mexikanische Regierung durch ein massives paramilitärisches Aufgebot erpresste, den gefangenen Ovidio Guzmán freizulassen.[57]

    Trotz des leichten Rückschlags in der Zwischenwahl 2021, aus der die regierende Morena nichtsdestotrotz als stärkste Kraft hervorging, konnte sich die Regierungspartei in der Präsidentschaftswahl 2024 wiederum durchsetzen, womit sich die Partei endgültig als wichtigste Kraft der politischen Linken im Parteiensystem festgesetzt haben dürfte.[54.2] Die Morena-Kandidatin und ehemalige Bürgermeisterin von Mexiko-Stadt Claudia Sheinbaum wurde mit weit über 50 % der Stimmen gewählt, während ihre stärkste Herausforderin Xóchitl Gálvez nicht einmal 30 % verzeichnen konnte.[58]

    Sheinbaum-Regierung (seit 2024)

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    Präsidentin Claudia Sheinbaum mit dem guatemaltekischen Staatspräsidenten Bernardo Arévalo, 16. August 2025

    Claudia Sheinbaum wurde mit ihrem Wahlsieg in der Präsidentschaftswahl 2024 zur ersten Frau im Präsidentenamt.[58] Sie erfreute sich ungewöhnlich hoher Zustimmungsraten und bekräftigte die Politik ihres Vorgängers, sich nicht weiterhin neoliberalen Wirtschaftsansätzen verschreiben zu wollen.[59] Sheinbaum bewirbt eine vorausschauende Klimapolitik und hat in Anbetracht der sich insbesondere in Nordmexiko verschärfenden Wasserknappheit für die Jahre 2024 bis 2030 einen ‚nationalen Wasserplan‘ sowie vor dem Hintergrund des immer noch zu 75 % auf fossilen Brennstoffen aufbauenden mexikanischen Energiesektors einen verstärkten Ausbau erneuerbarer Energien zugesagt, der die Energieerzeugung auf den Gebieten der Sonnenenergie, Geothermie und Biokraftstoffe stärken soll. Andererseits hat sie sich der Stärkung des staatlichen Ölkonzerns PEMEX verschrieben.[60]

    Dass der zwischenzeitlich abgewählte ehemalige US-Präsident Donald Trump in der US-Präsidentschaftswahl von 2024 wiedergewählt wurde, stellte die Sheinbaum-Regierung vor neuerliche Herausforderungen. Die Trump-Regierung designierte am 19. Februar 2025 sechs mexikanische Drogenkartelle als „ausländische Terrororganisationen“ (englisch foreign terrorist organizations, FTOs), womit sich die Trump-Regierung unter amerikanischem Recht eine Handhabe für unilaterale Militäraktionen auf mexikanischem Gebiet gab.[57]

    Mexikanische Kultur des 21. Jahrhunderts

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    Die mexikanischen Regisseure Guillermo del Toro (links) und Alfonso Cuarón (Mitte) mit dem mexikanischen Filmschauspieler Diego Luna (rechts) bei einer Kundgebung zugunsten vermisster Opfer des Drogenkriegs, August 2012

    Die mexikanische Filmindustrie hat mehrere Regisseure von internationalem Rang hervorgebracht, zu denen Guillermo del Toro, Alejandro González Iñárritu und Alfonso Cuarón gehören.[32.10] Diese drei Regisseure werden gemeinsam als die „drei Amigos des Films“ (englisch three amigos of cinema) bezeichnet und gewannen zwischen 2014 und 2019 in sechs aufeinanderfolgenden Jahren insgesamt fünfmal den weltweit wichtigsten Regiepreis den Academy Award für die beste Regie, für Gravity (Cuarón, 2014), Birdman (Iñárritu, 2015), The Revenant – Der Rückkehrer (Iñárritu, 2016), Shape of Water – Das Flüstern des Wassers (del Toro, 2017) und Roma (Cuarón, 2019).[61.1] Andere wichtige Figuren der mexikanischen Filmindustrie der Gegenwart sind die Kameramänner Emmanuel Lubezki und Rodrigo Prieto sowie die Filmschauspieler Diego Luna, Gael García Bernal, Salma Hayek und Yalitza Aparicio.[61.2]

    Die mexikanische Kultur des 21. Jahrhunderts ist von der Verarbeitung der äußerst gewalttätigen mexikanischen Zeitgeschichte und Tagespolitik geprägt. Mexikanische Kinofilme haben häufig soziohistorische Themen und referenzieren den Drogenkrieg, die politische Korruption und die wechselhaften diplomatischen und kulturellen Beziehungen mit den USA.[61.3] Zu den wichtigsten mexikanischen Filmen des 21. Jahrhunderts gehören das Guerilladrama El Violín und der Drogenkriegsfilm El Narco – Willkommen in der Drogenhölle.[61.4]

    Historiographie

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    Die Historiographie der mexikanischen Geschichte ist insbesondere in Mexiko selbst politischen Zäsuren unterworfen gewesen. Die zwischen 1929 und 2000 dominante PRI versuchte, die Nationalgeschichtsschreibung durch die Gründung zentraler Institutionen wie des Instituto Nacional de Antropología e Historia (1939) oder des Colegio de México (1940) zu lenken. Zu den für das Mexiko des frühen 20. Jahrhunderts prägenden Historikern gehörten der Mexikaner Silvio Zavala sowie dessen Lehrer, der Exilspanier Rafael Altamira, der infolge des Spanischen Bürgerkriegs nach Mexiko-Stadt übersiedelte. Innerhalb des Colegio de México fanden historische Strömungen wie der auf die Lehren des deutschen Historikers Leopold von Ranke aufbauende Positivismus sowie der Historismus Verbreitung, wobei bei den Historisten besonders Edmundo O’Gorman hervortrat, der die Positivisten kritisierte und dessen Buch Die Erfindung von Amerika einer der Klassiker des Postkolonialismus wurde. Ab den 1960er-Jahren wurden die mexikanischen Intellektuellen vor dem Hintergrund der Kubanischen Revolution (1959) und insbesondere des Massakers von Tlatelolco (1968) deutlich kritischer gegenüber der PRI-Regierung. Um aus dem von der Regierung präferierten Korsett der positivistischen Nationalgeschichte auszubrechen, öffnete sich die mexikanische Geschichtsschreibung unter dem Einfluss von Historikern wie den Mexikanern Enrique Florescano und Luis González y González sowie des Italieners Ruggiero Romano neueren geschichtswissenschaftlichen Strömungen wie der Annales-Schule, der Sozialgeschichte und der Mikrogeschichte. Die gebürtige Spanierin und Neuspanien-Expertin Pilar Gonzalbo Aizpuru trieb am Beispiel der mexikanischen Kolonialgeschichte die Kulturgeschichte und Mentalitätsgeschichte voran. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts waren globalgeschichtliche Tendenzen sowie ein Rückgang der im 20. Jahrhundert dominanten großen Erzählungen (Marxismus, Funktionalismus, Nationalgeschichte) zu erkennen.[62]

    Wissenschaftliche Einrichtungen

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    • William H. Beezley: Mexico in World History. Oxford University Press, 2011, ISBN 978-0-19-515381-1.
    • Dieter Geiß (Hrsg.): Der Große Ploetz. Die Enzyklopädie der Weltgeschichte. 35. Auflage. Herder, 2008, ISBN 978-3-451-80892-0, S. 1303–1311, 1317–1319, 1822–1824.
    • Brian Hamnett: A Concise History of Mexico. Cambridge University Press, 2006, ISBN 0-511-03867-4.
    • Alex Roberto Hybel, Elise Hope Dunn, Zander Weisman Mintz: The Challenges of State Creation and Democratization in Mexico. In: Alex Roberto Hybel (Hrsg.): The Challenges of Creating Democracies in the Americas: The United States, Mexico, Colombia, Venezuela, Costa Rica, and Guatemala. Palgrave Macmillan, 2019, ISBN 978-3-030-21233-9, S. 91–136.
    • Burton Kirkwood: History of Mexico. Greenwood Press, 2010, ISBN 978-0-313-36602-4.
    • Luis Felipe Mantilla: Religion and Political Parties in Mexico. In: Jeffrey Haynes (Hrsg.): The Routledge Handbook to Religion and Political Parties. Routledge, 2020, ISBN 978-1-351-01247-8, S. 213–223.
    • Teresa A. Meade: A History of Modern Latin America. 1800 to the Present. Wiley-Blackwell, 2016.
    • Juan Ortiz Escamilla: Mexico: From Civil War to the War of Independence, 1808–1825. In: Wim Klooster (Hrsg.): The Iberian Empires (= Cambridge History of the Age of Atlantic Revolutions. Band 3). Cambridge University Press, 2023, ISBN 978-1-108-59824-8, S. 154–175.
    • Christopher A. Pool, Carl J. Wendt (Hrsg.): The Oxford Handbook of the Olmecs. Oxford University Press, Oxford 2025, ISBN 978-0-19-090030-4.
    Commons: Geschichte Mexikos – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

    Einzelnachweise

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    1. Diese Angaben nach CIA World Factbook, Februar 2009 (Memento vom 11. März 2009 im Internet Archive)
    2. Brian M. Fagan & Nadia Durrani: People of the Earth: An Introduction to World Prehistory. Routledge, 2019, ISBN 978-1-351-75764-5, S. 133–137.
    3. José Luis Punzo Díaz, Dante Bernardo Martínez Vázquez: La Cueva de los Hacheros: un probable sitio del Pleistoceno tardío y Holoceno temprano, Michoacán, México, in: Arqueología Iberoamericana 40 (2018) 3–8.
    4. Eduardo Williams: Ancient West Mexico in the Mesoamerican Ecumene, Archaeopress Pre-Columbian Archaeology, 2020, S. 89.
    5. Dies und das Folgende nach Hermann Parzinger: Die Kinder des Prometheus. Eine Geschichte der Menschheit vor der Erfindung der Schrift, 3. durchgesehene Auflage, C. H. Beck, München 2015, S. 607–620.
    6. Terry G. Powis, W. Jeffrey Hurst, María del Carmen Rodríguez, Ponciano Ortíz C., Michael Blake, David Cheetham, Michael D. Coe, John G. Hodgson: Oldest chocolate in the New World, in: Antiquity 81,314 (2007) 1–5.
    7. Michael Love: The Archaic and Formative Periods of Mesoamerica. In: Colin Renfrew & Paul G. Bahn (Hrsg.): The Cambridge World Prehistory. Cambridge UP, 2014, ISBN 978-0-521-11993-1, S. 955–969.
      1. S. 960.
    8. Travis F. Doering: Mesoamerica in the Preclassic Period: Early, Middle, Late Formative. In: Claire Smith (Hrsg.): Encyclopedia of Global Archaeology. Springer Reference, 2014, ISBN 978-1-4419-0465-2, S. 4783–4802.
      1. S. 4790.
    9. Hermann Parzinger: Die Kinder des Prometheus. Eine Geschichte der Menschheit vor der Erfindung der Schrift, 3. durchgesehene Auflage, C. H. Beck, München 2015, S. 621.
    10. Hermann Parzinger: Die Kinder des Prometheus. Eine Geschichte der Menschheit vor der Erfindung der Schrift, 3. durchgesehene Auflage, C. H. Beck, München 2015, S. 618 f.
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