Bibliotheksverbund

Bibliotheksverbünde (Abkürzung: BV) sind Zusammenschlüsse von mehreren Bibliotheken in Form eines Verbundes. Ein Verbund kann als eigene Körperschaft eigenständig arbeiten.
Verbünde betreiben meist einen eigenen Verbundkatalog, koordinieren die Fernleihe in einem geographischen Gebiet und nehmen oft zentrale Aufgaben der Datenverarbeitung, Fortbildung und andere Dienstleistungen wahr.
Verbundkataloge
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Sie sind Zentralkataloge und entstanden in den 1970er Jahren nach US-amerikanischem Vorbild als Katalogisierungsverbünde. Das hat den Vorteil, dass eine Titelaufnahme im Verbund nur einmal aufgenommen wird und andere Bibliotheken ihre Exemplare nur hinzufügen müssen. Es gibt Vereinbarungen der teilnehmenden Bibliotheken über die arbeitsteilige Katalogisierung bestimmter Fachgebiete. Es existieren Vereinbarungen darüber, welche Bibliotheken Titelaufnahmen verändern dürfen. Die Verbundzentrale koordiniert die Arbeiten und entscheidet im Zweifelsfall.
Deutschland
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Für die Durchführung des überregionalen Leihverkehrs ist die Bundesrepublik Deutschland in Leihverkehrsregionen eingeteilt. Leihverkehrsregionen und Verbundregionen sind in der Regel identisch. Für die Koordinierung des Leihverkehrs in den Regionen sind Leihverkehrszentralen zuständig. Die Leihverkehrsregionen bzw. Verbundregionen wurden nach dem Zweiten Weltkrieg gebildet.
Bibliotheksverbund Bayern (BVB)
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Dem Verbund gehören mehr als 135 überwiegend wissenschaftliche Bibliotheken aus Bayern an, darunter die Bayerische Staatsbibliothek, 11 Universitätsbibliotheken, 17 Fachhochschulbibliotheken sowie 10 regionale staatliche Bibliotheken. Ein offizielles Gründungsdatum gibt es nicht; der Start im Offline-Verbund war 1970, im Online-Verbund 1987. Die Verbundszentrale ist bei der Bayerischen Staatsbibliothek in München angesiedelt. Sie betreut neben der zentralen Verbunddatenbank das Internetportal Gateway Bayern, den dynamischen Linkresolver SFX, die BVB-Aufsatzdatenbank, die Online-Fernleihe, den gemeinsamen CD-ROM-Server sowie das Multimediasystem DigiTool.
Gemeinsamer Bibliotheksverbund (GBV)
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Dem GBV gehören über 430 Bibliotheken an, darunter alle wissenschaftlichen und zahlreiche öffentliche Bibliotheken in Niedersachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen, Hamburg, Bremen, Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern sowie die Bibliotheken der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Die Hauptaufgabe des GBV ist die Kooperation und Organisation von Dienstleistungen von und für Bibliotheken im Verbundgebiet. Dazu gehören vor allem das zentrale Bibliothekssystem (CBS) zur kooperativen Katalogisierung sowie die lokalen Bibliothekssysteme (LBS).
Hochschulbibliothekszentrum des Landes Nordrhein-Westfalen (hbz)
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Das hbz ist eine zentrale Dienstleistungs- und Entwicklungseinrichtung für die Hochschulbibliotheken in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz. Auf Basis vertraglicher Vereinbarungen übernimmt das hbz seit 40 Jahren Aufgaben für Bibliotheken und Einrichtungen innerhalb und außerhalb von Nordrhein-Westfalen. Es hat seinen Sitz in Köln.
Hessisches BibliotheksinformationsSystem (hebis)
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]hebis ist der elektronische Informations- und Dienstleistungsverbund der wissenschaftlichen Bibliotheken in Hessen und der Region Rheinhessen in Rheinland-Pfalz. Organisatorisch ist hebis eingebunden in die Hochschulen des Landes; federführend ist die Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main. Die Abteilung hebis-Informationstechnologie ist das technische Servicecenter (bis 2007 als „Abteilung Bibliotheksdatenverarbeitung“ Teil des Hochschulrechenzentrums und daher in dessen Räumlichkeiten beheimatet). Die hebis-Verbundzentrale ist das bibliothekarische Servicecenter, beheimatet in den Räumlichkeiten der UB.
Kooperativer Bibliotheksverbund Berlin-Brandenburg (KOBV)
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Der KOBV ist der Zusammenschluss aller Hochschulbibliotheken, aller öffentlichen Bibliotheken und vieler Spezialbibliotheken in Berlin und Brandenburg. Im Gegensatz zu den anderen deutschen Bibliotheksverbünden beschränkt sich die Zusammenarbeit auf eine Minimallösung. Die Titeldaten werden getrennt erfasst, und eine der größten Berliner Bibliotheken, die Staatsbibliothek zu Berlin, arbeitet statt mit dem KOBV mit dem GBV zusammen.
Südwestdeutscher Bibliotheksverbund (SWB)
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Im SWB erschließen etwa 1.200 Bibliotheken der Länder Baden-Württemberg, Sachsen und Saarland, der Goethe-Institute und einer Vielzahl von Max-Planck-Instituten sowie weitere bibliothekarische Einrichtungen aus dem In- und Ausland ihre Medienbestände in der gemeinsamen SWB-Datenbank, die das Bibliotheksservice-Zentrum Baden-Württemberg (BSZ) fachlich und technisch mit zusätzlichen Dienstleistungen betreibt (Datenlieferung und -tausch, Meta-, Fremd- und Normdatenbereitstellung usw.). Bereits 1990 traten die wissenschaftlichen Bibliotheken Sachsens dem SWB-Verbund aufgrund der Partnerschaft Baden-Württemberg – Sachsen bei.
Verbund der Öffentlichen Bibliotheken Berlins (VÖBB)
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Der VÖBB wurde als Gemeinschaftsprojekt der 12 Berliner Bezirke, der Stiftung Zentral- und Landesbibliothek Berlin (ZLB) und der Senatsverwaltung für Wissenschaft, Forschung und Kultur 1995 ins Leben gerufen. Seine Titeldaten können auch über das Portal des KOBV recherchiert werden.
Österreich
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Der Österreichische Bibliothekenverbund ist ein Katalogisierungs- und Dienstleistungsverbund für Österreichs wissenschaftliche und administrative Bibliotheken. Den Kern bilden die Österreichische Nationalbibliothek und die Universitätsbibliotheken.
Schweiz
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die Verbundlandschaft der wissenschaftlichen Bibliotheken in der Schweiz wurde mit der Einführung der nationalen Bibliotheksplattform swisscovery grundlegend neu geordnet. Die von der Swiss Library Service Platform (SLSP) betriebene Plattform nahm am 7. Dezember 2020 mit 470 angeschlossenen Bibliotheken den Betrieb auf; gegenwärtig bündelt sie wissenschaftliche Informationen aus rund 500 Bibliotheken und weist gedruckte, elektronische und digitale Medien nach.[1][2]
Für den Bereich der wissenschaftlichen Bibliotheken ersetzte swisscovery mehrere zuvor getrennte Verbund- und Rechercheplattformen. Dazu gehörten insbesondere NEBIS, die Teilverbünde des Informationsverbunds Deutschschweiz und die wissenschaftlichen Bibliotheken des Westschweizer Verbunds RERO. Der IDS und NEBIS bestehen daher nicht mehr als eigenständige aktive Verbünde.[3][4]
Neben swisscovery bestehen weiterhin regionale und kantonale Bibliotheksverbünde.
Swiss Library Service Platform (SLSP) und swisscovery
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die SLSP ist eine Dienstleisterin für Bibliotheken und betreibt gemeinsam mit den angeschlossenen Einrichtungen die Rechercheplattform swisscovery. Neben der gemeinsamen Recherche bietet die Plattform unter anderem eine zentrale Benutzerregistrierung und einen Bibliothekskurier zwischen teilnehmenden Einrichtungen.[1][2]
St. Galler Bibliotheksnetz (SGBN)
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Das St. Galler Bibliotheksnetz umfasst 27 Bibliotheken in den Kantonen St. Gallen und Appenzell Ausserrhoden. Sie betreiben eine gemeinsame Verbunddatenbank mit dem Bibliothekssystem Aleph sowie einen gemeinsamen Katalog für Recherchen und Bestellungen. Der Verbund wird von der Kantonsbibliothek Vadiana geführt.[5]
RERO+
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Der frühere Westschweizer Bibliotheksverbund RERO wurde nach dem Wechsel seiner wissenschaftlichen und akademischen Bibliotheken zu SLSP neu organisiert. Seit 2021 besteht RERO+ als gemeinnützige Stiftung und Kompetenz- und Dienstleistungszentrum für Bibliotheken.[6][7]
RERO+ entwickelt und betreibt das quelloffene Bibliotheksverwaltungssystem RERO ILS. Zu dessen Nutzern gehören RERO+ Wallis mit 26 Bibliotheken, das Netzwerk der Bibliotheken von Neuenburg und Jura mit 32 Bibliotheken sowie drei Bibliotheken in Bulle.[8][9]
Renouvaud
Der 2016 gegründete Verbund Renouvaud umfasst mehr als 150 Bibliotheken des Kantons Waadt. Dazu gehören wissenschaftliche, öffentliche, schulische, medizinische, juristische, museale und auf Kulturgüter ausgerichtete Einrichtungen sowie Archive. Der Verbund wird von der Kantons- und Universitätsbibliothek Lausanne im Auftrag des Kantons Waadt betrieben.[10]
Sistema bibliotecario ticinese (Sbt)
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Das Sistema bibliotecario ticinese ist das Koordinationsorgan der vom Kanton Tessin geführten Bibliotheken. Es koordiniert 74 öffentliche, schulische, spezialisierte und auf die Erhaltung von Kulturgut ausgerichtete Bibliotheken sowie Archive. Rechtliche Grundlagen sind das Tessiner Bibliotheksgesetz vom 11. März 1991 und dessen Ausführungsverordnung vom 15. Oktober 2019.[11]
Bibliotheksverbünde im nicht-deutschsprachigen Ausland
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]In der Europäischen Union gibt es in allen größeren Ländern Bibliotheksverbünde wie beispielsweise Copac in England, SUDOC in Frankreich, SBN in Italien, LIBRIS in Schweden und REBIUN in Spanien. Die europäischen Nationalbibliotheken sind über die European Library vernetzt. In den USA gibt es keine Bibliotheksverbünde, die mit den Verbünden Deutschlands vergleichbar wären. Die bestehenden Bibliotheksverbünde sind oft kleiner und wurden zum Zwecke des Austausches ihrer Medien eingerichtet. Darüber hinaus wird der Leihverkehr zwischen den Bibliotheken von diesen selbst organisiert. Die Dienstleistungen der Library of Congress sind weitestgehend kostenfrei. Das Online Computer Library Center (OCLC) dessen Hauptsitz in Dublin (Ohio) ist, arbeitet nicht profitorientiert, verlangt aber von den Bibliotheken zur Finanzierung der angebotenen Dienstleistungen und Software Gebühren.
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Bibliothekarische Verbünde grundlegend reformieren. WR-Empfehlungen zur Reform. Gemeinsame Erklärung mit der DFG. Wissenschaftsrat, 3. Februar 2011, abgerufen am 6. Februar 2011.
- Empfehlungen zur Zukunft des bibliothekarischen Verbundsystems in Deutschland. (PDF; 396 kB) Wissenschaftsrat, 28. Januar 2011, abgerufen am 6. Februar 2011.
- Tobias Viegener: Die Schweizer Verbundlandschaft – ein Hemmnis für die Entwicklung der Bibliotheken? 027.7. Zeitschrift für Bibliothekskultur 1,2 (2013): Die Farbe des Katalogs, S. 74–80, abgerufen am 24. Mai 2014.
- Karsten Schuldt, Rudolf Mumenthaler: Vor welchen Veränderungen steht die schweizerische Verbundslandschaft? 027.7. Zeitschrift für Bibliothekskultur 2,1 (2014): Konsortien & Konsorten / Consortia, S. 5–11, abgerufen am 5. Juli 2014.
Siehe auch
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Deutschland
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- BVB Bibliotheksverbund Bayern
- GBV Gemeinsamer Bibliotheksverbund
- K10plus (Datenpool von GBV und SWB)
- hbz Hochschulbibliothekszentrum des Landes Nordrhein-Westfalen
- hebis Hessisches Bibliotheksinformationssystem
- KOBV Kooperativer Bibliotheksverbund Berlin-Brandenburg
- SWB Südwestdeutscher Bibliotheksverbund
- VÖBB Verbund der öffentlichen Bibliotheken Berlins
Österreich
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Schweiz
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- 1 2 Swiss Library Service Platform: swisscovery. Zürich. Abgerufen am 24. Juli 2026.
- 1 2 ETH Zürich: A library platform for all of Switzerland. 7. Dezember 2020. Abgerufen am 24. Juli 2026.
- ↑ Marty, Thomas; Küssow, Jürgen: SLSP and swisscovery – a Swiss success story on how to create a multilingual, national library network. Abgerufen am 24. Juli 2026 (englisch).
- ↑ Wittwer, B. (2021): Von NEBIS zu SLSP: Wie die Datenmigration des grössten Schweizer Verbundes umgesetzt wurde. O-bib, 8(3), 1-15. Abgerufen am 24. Juli 2026.
- ↑ Kanton St. Gallen: Kantonsbibliothek Vadiana: St. Galler Bibliotheksnetz. Abgerufen am 24. Juli 2026.
- ↑ Fondation RERO+: Die RERO+ Stiftung. Abgerufen am 24. Juli 2026.
- ↑ Fondation RERO+: Die RERO+ Stiftung ist geboren. Martigny, 2021. Abgerufen am 24. Juli 2026.
- ↑ Fondation RERO+: RERO ILS. Abgerufen am 24. Juli 2026.
- ↑ Fondation RERO+: Unsere Kunden. Abgerufen am 24. Juli 2026.
- ↑ Bibliothèque cantonale et universitaire – Lausanne: Renouvaud network. Abgerufen am 24. Juli 2026 (englisch).
- ↑ Repubblica e Cantone Ticino: Sistema bibliotecario ticinese. Abgerufen am 24. Juli 2026 (italienisch).