Jugendsprache
immer neu und doch ganz alt?
Jugendsprache: ein neues altes
Phänomen?
1)
„Ey, voll krass, die aufgedonnerte Alte da! Und der Schwachmat neben der –
voll der Tatterich – voll Blamage ey!“
2)
„Alder, wo soll isch fahrn dem Benz, Alder?“
„Was guckstu. Bin isch Kino, oder was?!“
„Isch geh Schule, wie isch Bock hab!“
„Dem Ampeln is grun, abern wenn rot is, fahr isch trotzdem druber, isch
schwör, Alder!“
Jugendsprache: ein neues altes Phänomen?
• Im 16. Jahrhundert: Burschensprache, Soziolekt von Studenten
Deutsch-lateinische und deutschgriechische Wortmischungen wurden
häufig verwendet
Nicht nur bildungsnahe Begriffe hielten Einzug in die
Studentensprache. Um sich gegen bürgerliche Normen abzugrenzen,
wurden Begriffe für den studentischen Alltag entwickelt:
Geld und Spiel (Moneten, Moos, pumpen, einen guten Riecher
haben)
Schimpfnamen (Schickse= „unreine“ Frau, Petze=Hündin)
Sexualität (Schnalle=Prostituierte, Besen=männlicher Intimbereich)
Jugendsprache: ein neues altes
Phänomen?
• Die Studentensprache des 18. (und 19. Jahrhunderts), das Rotwelsch (der
Jargon der Gauner und heimatlosen Gesellen), die Soldatensprache und die
Seemannssprache hatten einen ähnlichen Einfluss.
• Blamage, Schwachmat(ikus), paffen, krass, fidel aufgedonnert, Tatterich, Ulk,
mogeln, oder pomadig
• (an)pumpen, abknöpfen, blechen, bluten erinnern an die ewige Geldnot
junger Menschen,
• vermöbeln, ledern, Randal, Tumult und vom Leder ziehen zeigen, dass
Prügeleien und Aufruhr zum Studentenalltag gehörten und Ausdrücke wie
knülle oder Kater entstammen der Trinkkultur,
• „Katarrh“ als Tarnwort: „Ich habe einen Katarrh“ klang seriöser als „Ich habe
zu viel gesoffen“. Irgendwann wurde dann aus dem Katarrh ein Kater
Beispiel: Kümmeltürken
„Jugendwort des Jahres 1781“
Studenten der Universität Halle
bezeichneten nämlich
Kommilitonen, die aus der
näheren Umgebung der Stadt
stammten und denen ihre Mütter
regelmäßig Essen brachten, wenn
sie nicht gar noch zu Hause
wohnten.
• Kümmel war ein Studentenwort für „Lebensmittel“.
• Der Kümmeltürke als Abgrenzungswort: Er zog eine
Linie innerhalb der Studentenschaft – zwischen
denjenigen, die man heute cool nennen würde und den
eher Uncoolen.
• So gut versorgt die Kümmeltürken waren, so verächtlich
blickten ihre Kommilitonen auf sie herab.
• Schon damals sahen aufgewecktere Naturen den Sinn eines
Studiums darin, sich von zu Hause abzunabeln und nicht weiter im
Hotel Mama zu wohnen.
• Kümmeltürken blieben entweder die Trägen oder diejenigen, die zu
arm waren, um einen eigenen Hausstand fern der Heimat zu
gründen.
• E. T. A. Hoffmann: Das ist der Hintergrund der Klage des Studenten
Anselmus in der Novelle „Der Goldene Topf“: „Ist es denn nicht ein
schreckliches Verhängnis, dass ich, als ich denn doch nun dem Satan
zum Trotz Student geworden war, ein Kümmeltürke sein und bleiben
musste?“
Jugendsprache: ein neues altes
Phänomen?
• Im 20. Jahrhundert: neue Dimension, Verbreitung und
Nachahmung von Jugendsprache durch das Aufkommen der
Massenmedien (Werbung und Populärkultur)
• Bsp.: Sprachgebrauch der Jugendlichen in den 50er, 60er und
70 er Jahren
• In den 50er Jahren hielt der Rock`n-Roll
Einzug in Deutschland, Begriffe wie
hotten für schnelles Tanzen, eine Schau
machen entstehen.
• In den 60er Jahren wurde Jugendlichkeit
erstmals durch Wirtschaft und Medien
vermarktet, Begriffe wie Teenager und
Twen für Jugendliche kamen in Mode.
Jugendsprache: ein neues altes Phänomen?
• Ende der 60er und in den 70er Jahren: Die Sprechweise Jugendlicher ist geprägt
von der aufkommenden Studentenbewegung.
Gehäufte Bildungen von Verb und Präposition sind üblich (zum Beispiel Sit-In, Love-In)
sowie aggressivere Benennungen von Autoritätspersonen (Autoritätsbonze, autoritärer
Scheißer für Lehrer)
• Mit den Studentenprotesten wurde auch die Wirkung von Sprache auf das
Bewusstsein in der Öffentlichkeit thematisiert
• Seit den 80er Jahren: Vielfalt, kleinere Gruppen und Kulturszenen, Schwierigkeit
einer einheitlichen Sprechweise der Jugendlichen zu erkennen
Jugendsprache: Zeitströmungen und Einflüssen
Nach 1945: Einfluss der britischen und amerikanischen Popkultur.
In der 60er Jahre : Popkultur, eine Nutzung von Anglizismen in der deutschen
Sprache zu, was damals als Zeichen für Progressivität stand.
Die 68er Generation: Einfluss der damaligen Linkspolitisierung auf die
Jugendkultur und somit auch die Sprache der Jugend. So erhielten einige
politisch geprägte Ausdrücke Einzug in die Umgangssprache.
Ab Mitte der 80er Jahre: entwickelte sich die Jugendkultur in eine kaum
noch von politischem Interesse beherrschte Richtung. Jugendgruppierungen
entstanden um Musik, Sport, Freizeitgestaltung und Mode (z.B. Techno, Hip
Hop, Skateboard, Computer).
Heute beschäftigt sich die Jugendforschung vor allem mit den Subkulturen
(Jugendszenen) und ihren speziellen Sprachen sowie mit den Einflüssen,
Früher war alles besser! Oder?
Früher
Jugendsprache drückt häufig Abneigung gegenüber herrschenden
gesellschaftlichen Verhältnissen aus.
Je stärker die provokativen Äußerungen waren, desto heftiger wurde der
Sprachgebrauch der Jugendlichen von der Öffentlichkeit angegriffen.
Heute:
Begriffe aus der Jugendsprache beinhalten so gut wie keine
gesellschaftskritischen oder politischen Wertungen, stattdessen steht der Faktor
Spaß im Mittelpunkt.
Jugendsprache: das Phänomen, die
Besonderheiten, die Funktionen
• "Jugendliche grenzen sich mit ihrem Sprachstil von
Älteren ab, durchaus aber auch von Jüngeren und
Gleichaltrigen." Eva Neuland, Soziolinguistin
Gegenüberstellung Wir vs. Die Anderen
Sprache als Aussortierungsinstrument (Schibboleth)
Sprache als Identitätsmarker (Identitätsbildung)
Sprache als Grenzziehung
Jugendsprache: linguistische Merkmale,
• Regionale Varietäten (Unterschiede)
• Wortneuschöpfungen (Neologismen)
• Entlehnungen bzw. Einfluss von Fremdsprachen (von
Latein bis Englisch, Französisch, Türkisch, Arabisch,
usw.)
• Das Übertragen von Begriffen in einen anderen
Kontext (Bricolage/Mapping) und das Vermischen
verschiedener Sprachen (‚Stilbastelei‘)
• Sprachökonomie
Jugendsprache: linguistische Merkmale
• Umdeutung ( Wörter bekommen eine neue
Bedeutung)
• Neukreationen bei denen Wörter zu einem
neuen Ausdruck verschmolzen sind.
• Morphologische Merkmale (Wortverkürzung)
Jugendsprache: linguistische Merkmale
• Kombinierung : Verben mit Nomen
("Hast du U-Bahn?" "Nein, ich habe
Fahrrad"
• Der Sprachmix höre sich zwar chaotisch
an, habe aber Regeln und Strukturen:
geregeltes und strukturiertes
Chaos→→→→→→→→→→→→Code-
Switching/Codeswitching
Jugendsprache: linguistische Merkmale
• Verstärkungspartikel wie "echt„
• Typologisierende Begriffe für andere Leute wie "Emo"
(emotionaler Mensch),
• Wertungsausdrücke wie "fett" (für großartig)
• Bildhaft-ironische Neukreationen wie "Friedhofsgemüse" (für
Senioren).
Jugendwort des Jahres
• 2018: Der Langenscheidt-Verlag hat die Initiative
"Jugendwort des Jahres" ins Leben gerufen.
• Die Kreativität der schnelllebigen Jugendsprache
soll so dokumentiert werden.
• Jugendliche konnten Begriffe einsenden und auf
der Webseite jugendsprache.de ihre Favoriten
küren.
• Aus den 15 beliebtesten Worten wählte eine Jury
die fünf Worte des Jahres.
Jugendsprache: Die neue Welle
• Backup-Friend: eine Person, mit der man nur spricht oder unternimmt, wenn ihre wirklichen Freunde
nicht da sind.
• Bauern-Metal: Volksmusik
• Bierkules: Mensch der viel Bier trinkt und verträgt
• Schwörer: eine Person, die die Sätze mit „ich schwör“zur Bekräftigung einer Aussage schließt
• Campusmaut: Studiengebühren
• Dickdarm-Disko: Blähungen, Durchfall
• Pommespanzer: Dicker Mensch
• Googlefisch: jemand, der nicht mehr in Büchern nachschlägt
• Graspflücker: Vegetarier
• Jahresringe: Speckrollen an Hüfte oder Bauch
• Rentnerbarbie: aufgedonnerte, nicht mehr junge Frau
• Unlügbar: Unbestritten
• Teilzeittarzan: jemand, der sich zeitweise, wie ein Affe verhält
• Lasagne: Pferd
• Tinderjährig: derjenige, der alt genug ist, um die Dating-App Tinder zu nutzen
Sprache ist im Fluss, viele Einflüsse kommen aus der
Jugendkultur, zum Beispiel oft und vielfach aus dem Hip-
Hop, der Literatur, usw.
Jugendsprache : jede
Epoche seiner Realität. (Junge) Leute schauen öfter (amerikanische, britische, usw.)
Filme und Serien im Originalton, was ebenfalls einen
Beitrag dazu leisten dürfte, dass sie sich anders als ihren
Eltern oder Großeltern ausdrucken.
Sprachwandel bzw.
Sprachdynamik
(Kulturelle) Globalisierung,
Jugendsprache im Wandel:
gesellschaftliche Migrationen (Mobilität,
Hintergrunde. Konnektivität, usw.)
und Generationen
Sprachwandel: das Jugendwort des Jahres
Gommemode - unendlich SIU (UUU) - Ausruf, wenn Smash - Mit jemandem
stark, unbesiegbar, etwas unfassbar etwas anfangen; vom Spiel wild wyld - heftig, krass
gottähnlich Gutes/Cooles passiert "Smash or Pass"
Slay (wenn jemand
Macher - jemand, der/die selbstbewusst aussieht,
Digga/Diggah - Kumpel, bodenlos - schlecht, mies,
Dinge umsetzt ohne zu selbstbewusst handelt oder
Freund / Freundin unglaublich
zögern etwas Spektakuläres macht
oder erreicht)
Sus - suspekt, verdächtig; Bre/Bra/Bro/Bruder -
vom Spiel "Among Us" Kumpel, Freund/Freundin
Sprachwandel: das Jugendwort des Jahres
2018:
2021: cringe - peinlich, 2020: lost - ahnungslos,
2019: kein Jugendwort Ehrenmann/Ehrenfrau -
zum Fremdschämen verwirrt
guter Mensch
2015: Smombie - 2014: Läuft bei dir - Gut
2016: fly sein - besonders
2017: I bims - Ich bin's Zusammensetzung aus gemacht! Du hast es
abgehen
Smartphone und Zombie drauf! Cool!
2013: Babo - Boss, 2012: YOLO - You only
Chef:in live once
Adstrat
sprachen, die mit anderen Sprachen in
Kontakt stehen bzw. Einfluss, auf andere
Sprachen ausüben.
Einfluss einer Sprache auf eine andere oder
Jugendsprache: Exkurs gegenseitige Beeinflussung => kulturelle
Vorherrschaft.
„Adstratwirkung“: der wechselseitige
sprachlich-kulturelle Einfluss ist hier
gemeint.