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5 ULLA FIX
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Literaturwissenschaft und Linguistik.
9 Das Projekt »LiLi« aus heutiger linguistischer Sicht
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Die Bume der Literaturwissenschaft und der
Sprachwissenschaft, das wissen wir wohl nach ber
12 200 Jahren Fachgeschichte, wachsen nicht so einfach
13 in den Himmel, auch nicht, oder gerade nicht, wenn
14 sie allein wachsen. Beide wachsen in der Landschaft
15 der Sprache, auf der Wortheide.
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(Haubrichs 2008, 103)1
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1. Eine Zeit der Zusammenarbeit – das »LiLi-Projekt«2
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Es gehçrt zum Selbstverstndnis des Faches Germanistik, dass es einmal als eine
21 Einheit von Sprach- und Literaturbetrachtung ins Leben getreten ist. Als selbstn-
22 dige Wissenschaft und universitrer Lehrgegenstand hat sie sich, wie wir wissen,
23 von Beginn des 19. Jahrhunderts an sowohl der deutschen Sprache als auch
24 ihrer Literatur, sowohl der Volkskunde als auch der Rechtsgeschichte zugewandt
25 und sich in ihren diesbezglichen Bemhungen im weiteren Verlauf jenes Jahrhun-
26 derts mit Blick auf eine deutsche Kulturnation und spter unter nationalstaatlicher
27 Perspektive stabilisiert. Im damaligen Kontext war es eine Selbstverstndlichkeit,
28 dass Sprach- und Literaturbetrachtung im philologischen Sinne ineinander griffen.
29 So sind die Arbeiten jener »Grndungsphase« (Harth 1984, 240) nicht Ergebnis
30 des Interesses an der rekonstruierenden und vergleichenden Betrachtung der Spra-
31 che allein. Die Erforschung von Gesetzmßigkeiten der Grammatik und die Er-
32
1
33 ›Wortheide‹ bezieht sich auf Gottfrieds von Straßburg »Tristan«.
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34 Um Missverstndnissen vorzubeugen: Mein Anliegen ist es nicht, einen vollstndigen berblick
ber die wissenschaftsgeschichtliche Aufarbeitung der Germanistik zu geben. Das ist im Rahmen
35 dieses Beitrags weder mçglich noch gewollt. Wollte man einen umfassenden berblick, htte man,
36 um nur ein Beispiel von vielen zu nennen, die Verçffentlichungen der Reihe »Marbacher Wissen-
37 schaftsgeschichte«, herausgegeben von der Arbeitsstelle fr die Erforschung der Geschichte der
38 Germanistik im Deutschen Literaturarchiv Marbach, zur Kenntnis zu nehmen. Ebenso die auch dort
39 herausgegebene Zeitschrift »Geschichte der Germanistik«. Mein Ansatz ist aber vielmehr, den
Diskurs zwischen den Teildisziplinen daraufhin zu verfolgen, wie er sich in der Zeitschrift »Lite-
40 raturwissenschaft und Linguistik« entfaltet hat. Notwendigerweise treten dadurch Namen wie Hardt
41 und Haubrichs in den Vordergrund, whrend andere fr den Gesamtdiskurs wichtige wie Voßkamp,
42 Haß und Gardt nur kurz erwhnt oder wie Barner gar nicht genannt werden.
1 schließung alten Wortschatzes gehen vielmehr mit der Rekonstruktion und Edition
2 literarischer Zeugnisse zusammen. Das genaue Wissen ber die Sprache sollte, so
3 war die Vorstellung, dem besseren Verstndnis literarischer Texte, d. h. vor allem
4 deren verlsslicher Edition und Kommentierung dienen (Haubrichs 2008, 100).
5 Sprachgeschichtliche Untersuchungen, Beschftigung mit historischer Grammatik
6 wie mit dem althochdeutschen und mittelhochdeutschen Wortschatz standen da-
7 mals also im Kontext der Auseinandersetzung mit literarischen Texten. Von einem
8 solchen Standpunkt aus, den wir heute »kulturwissenschaftlich« nennen kçnnten,
9 erbrigte sich die Frage, ob Sprach- und Literaturbetrachtung zusammengehen
10 sollten. Wre sie gestellt worden, htte sie sich mit der beschriebenen Aufgabenstel-
11 lung von selbst beantwortet. Als ein exemplarisches Beispiel sei fr die »Grn-
12 dungsphase« auf das Grimmsche Wçrterbuch verwiesen. In ihm »vereinigen sich
13 Geschichte, Kultur, Sprache und Literatur« (ebd., 97) auf beeindruckende Weise.
14 Auch in der Zeit des Positivismus finden wir ein zusammenfhrendes Bestre-
15 ben, vor allem verkçrpert von Hermann Paul, der »streng formale Linguistik, his-
16 torische Germanistik und kulturwissenschaftliche Offenheit […] in einen Zusam-
17 menhang gebracht [hat]« (Haß 2000, 106). »Htte man Hermann Paul nach den
18 Fchergrenzen gefragt er htte auf den Gegenstand Sprache in Literatur verwie-
19 sen, dessen angemessene Erforschung akademisch gezogene Zune nicht respektie-
20 re.« (ebd., 105) Dass Harth fr diese zweite Epoche, die er die »Phase der Profes-
21 sionalisierung« nennt, »epochemachende Differenzierungen« mit einer »vom Posi-
22 tivismus abhngige[n…] Methodik« ansetzt (Harth 1984, 240), ist dennoch zu-
23 treffend. Sprach-, Literatur- und Geschichtsforschung sind in der Zeit des Positi-
24 vismus von einander geschiedene Bereiche, wenn sie auch »in eine Wechselbezie-
25 hung gegenseitiger Erkenntnisgewißheit« (ebd.) treten kçnnen. Die Differenzie-
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rung der Germanistik in einen sprach- und einen literaturwissenschaftlichen Posi-
27
tivismus hatte eine klare Aufgabentrennung zur Folge. Obwohl sich beide dem
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»Tatschlichen«, den »harten Fakten« zuwenden, fhrt dieses Prinzip die Teildiszi-
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plinen nicht mehr zusammen; denn »Literaturgeschichte wird zu einer Zusammen-
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fassung der ußeren Gegebenheiten, die zur Entstehung der Werke und ihrer Wir-
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kung gefhrt haben« (Baasner 1996, 48). Die philologische Grndlichkeit bei der
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editorischen Textherstellung, die in der Literaturwissenschaft gepflegt wurde, hatte
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nichts zu tun mit den Bestrebungen der positivistischen Sprachwissenschaft, die
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mit zunehmender Betonung der ußeren Sprachform, mit naturwissenschaftlich
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angelegter minutiçser Detailarbeit die Inhalte zurckstellte. Eine wie auch
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immer geartete Zusammenarbeit zwischen den beiden Vorgehensweisen war
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nicht mehr zu erwarten. Das hat sich im Wesentlichen bis heute so gehalten.
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Zunchst aber sind Literatur- und Sprachwissenschaft im 20. Jahrhundert noch
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einmal fr eine gewisse Zeit davon ausgegangen, dass sie bereinstimmende Inter-
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essen, und in der Sprache des literarischen Textes wenigstens partiell einen
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gemeinsamen Gegenstand, nmlich die Sprache des literarischen Textes, haben
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Literaturwissenschaft und Linguistik 21
1 und sich in der Bemhung um diese treffen sollten.3 In diesem Kontext stellen sich
2 eine Reihe von Fragen: Was motivierte die Vertreter des Zusammengehens? Was
3 haben sie gemeinsam unternommen? Inwiefern ist das Unternehmen woran
4 es wohl keinen Zweifel gibt aber doch gescheitert? Vor allem aber geht es um
5 die Frage, ob es vernnftige Grnde gibt, die »alten« Bemhungen heute wieder
6 aufzunehmen. Diese berlegung wird gegenwrtig schließlich von verschiedenen
7 Seiten wieder angestellt (vgl. u. a. Adamzik 2008, Fix 2003, 2003b, Hausendorf
8 2008, Hoffmann/Keßler 2003, Klein 2008, Winko 2008). Was waren die Motive
9 fr den Versuch des Zusammengehens? Da ist zunchst und vor allem der von Spit-
10 zer (1961; vgl. Thoma 1976, 118 ff.) unternommene Versuch zu nennen, den
11 sprachwissenschaftlichen Positivismus durch eine neo-idealistische hermeneuti-
12 sche Herangehensweise abzulçsen, die die Vertreter von Sprach- und Literaturwis-
13 senschaft gleichermaßen anspricht. Spitzer kritisierte den sprachwissenschaftlichen
14 Positivismus zwar als Selbstzweck, als Methode verwarf er ihn jedoch nicht und
15 schlug daher vor, die mittlerweile positivistisch gesicherten Forschungsergebnisse
16 und Verfahren der Sprachwissenschaft und die dadurch ermçglichte genaue Be-
17 schreibung »sprachlicher Neuerungen großer Sprachgebraucher« (Spitzer 1961,
18 502), d. h. der Schriftsteller, fr die literaturwissenschaftliche Interpretation,
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also fr eine Texthermeneutik, zu nutzen. Anders als die Strukturalisten betrachtete
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er die literarische Sprache, »die Wortkunst« (ebd., 516), von der alles Innovative in
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der Sprachentwicklung herkme, als die eigentliche Sprache und die »Allgemein-
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sprache« (»nichts als ein Durchschnitt von Individualsprachen«, ebd., 517) als Ab-
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weichung davon. Fr ihn war die Sprachgestalt, genauer der Stil eines Textes, der
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gemeinsame Ansatzpunkt beider Teildisziplinen. Der Stilistik schrieb er im Falle
25
einer Zusammenarbeit die Fhigkeit zu, zwischen beiden eine Brcke zu schlagen.
26
Diesem erfolgreichen, aber auch stark kritisierten Vorschlag Spitzers folgten Seidler
27
(1953, 1978), Kerkhoff (1962) und andere Vertreter der Stilistik vor allem.
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Harth (1984, 240) betrachtet dies als die dritte Phase, »die kaum mit einem ein-
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zigen Schlagwort zu beschreiben« sei. Nun erlebe, so Harth, die Hermeneutik
30
»die lngst fllige Rehabilitierung, jedoch zunchst auf Kosten der Sprachtheorie«
31
32
(ebd.).
33
Das damalige Zusammengehen betrifft neben diesem idealistischen aber auch
34
den strukturalistischen Zugriff, bei dem ber einen Mangel an Theorie nun freilich
35
nicht zu klagen war. Gemeint ist der etwa zur gleichen Zeit ablaufende Versuch, ein
36
Zusammenarbeiten der Teildisziplinen aus strukturalistischer Perspektive zu erpro-
37 ben, wie er sich in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts als textbezogene struktu-
38 ralistische Stilistik4 etabliert hat und wie er sich in der 1971 gegrndeten Zeitschrift
39 »Literaturwissenschaft und Linguistik« (LiLi) besonders deutlich widerspiegelt.
40 3
Ich nehme in diesem Zusammenhang Gedankengnge aus den Aufstzen Fix 2003, 2003b, 2008,
41 2009, 2009b auf.
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42 Vgl. u. a. LiLi 22, 1976.
22 Ulla Fix
1 Mit dem ›scientific turn‹ der 60er Jahre erleben beide Literatur- wie Sprachwis-
2 senschaft einen Paradigmenwechsel. An die Stelle bzw. an die Seite der werkim-
3 manenten Methode5 trat nun der unter szientistischem Vorzeichen unternommene
4 Versuch, die beiden Teildisziplinen zu »mathematisieren«. Es ging um die Objek-
5 tivierung der Beschreibung literarischer Texte mithilfe linguistisch-strukturalisti-
6 scher Methoden, von denen sich die Literaturwissenschaft die Vermeidung des
7 Subjektiven, d. h. einen Gewinn an Exaktheit, Nachprfbarkeit und Vergleichbar-
8 keit, und die Sprachwissenschaft eine Erweiterung ihres Gegenstandes versprach
9 (vgl. Kreuzer 1965, 7). Mit dieser Belebung der Beziehung zwischen Sprach-
10 und Literaturwissenschaft wurde auch hier der Stilbegriff, nun gebunden an die
11 Vorstellung vom Text als struktural geprgter Einheit, wieder wichtig.6 Ausgangs-
12 punkt war die Sprachlichkeit der Texte. Es dominierte die Vorstellung, dass poeti-
13 sche Sprache,7 dass der Stil eines Artefakts als Abweichung von einer wie auch
14 immer verstandenen »Normalsprache« zu betrachten sei, ganz im Gegensatz zu
15 Spitzer, der die »Normalsprache« (»Allgemeinsprache«) als Abweichung von der li-
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terarischen verstanden hat. Die Erforschung der »poetischen« Abweichungen, so
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war die Auffassung, kçnne dem Verstndnis literarischer Texte auf die Sprnge hel-
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fen. Und das Arsenal exakter Methoden, das die Sprachwissenschaft damals zur
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Verfgung stellte, kçnne der Literaturwissenschaft dazu verhelfen, sich den fr
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das Textverstndnis, fr die Interpretation notwendigen Zugang zur sprachlichen
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Oberflche professionell zu erschließen. Wenn der Topos der Unschrfe des Stil-
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begriffs wie berall so auch in diesem Kontext bemht wurde, versuchte man
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doch zugleich unverdrossen, dieser Unschrfe eben mit dem Rckgriff auf lin-
24
guistische Methoden entgegenzuwirken. Letztlich lief es, ganz gleich, wer auch
25
immer sich damals wie auch immer auf Stil bezog und wie der Bezug jeweils theo-
26
retisch begrndet wurde, doch stets auf das hinaus, was Franz Schmidt in einem
27
28
Beitrag zum Band Mathematik und Dichtung (1965) zusammenfasst:
29 Unter ›sprachlichem Stil‹ versteht man das Ganze der Gestaltungsweisen, die fr ein Werk, einen
30 Schriftsteller, eine Gattung, einen Zeitabschnitt typisch sind, d. h. an bezeichnenden Stellen
wiederkehren; oder kurz: Stil ist das Ganze, der fr ein Werk usf. charakteristischen Formge-
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bungen. [… Die stilistische Bedeutung der Ausdrucksmittel] wird nur unter der doppelten Vor-
32 aussetzung greifbar, daß man sie untereinander ins Verhltnis setzt und daß man mit ihnen auf
33 den Inhalt Bezug nimmt. (Schmidt 1965, 166)
34
35
Stil wird also zunchst als Typisches, festen Regularitten Folgendes, Ganzheitli-
36
ches verstanden. Nur vor diesem Hintergrund kann man die stilistischen Abwei-
37
chungen analytisch erfassen, die, so die Auffassung, Literarizitt erst konstituieren.
38 Die Formelapparate, wie sie in verschiedenen Varianten zum Gebrauch vorlagen
39 und denen man Beschreibungs- und Erklrungskraft zuschrieb, waren dieser Auf-
40 5
Die freilich auch einer strukturalistischen Grundidee folgte (Jauß 1972).
41 6
Reprsentativ fr Arbeiten jener Zeit sind z. B. Ihwe 1972, 1973 und LiLi 22 (1976).
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42 Gemeint ist die Sprache literarischer Texte allgemein.
Literaturwissenschaft und Linguistik 23
1 gabe durchaus gewachsen, wenn auch ein beraus großer Aufwand damit verbun-
2 den war (s. u., Abschnitt 2.).
3 Ein exemplarisches Beispiel fr diese Bemhungen ist die Grndung der Zeit-
4 schrift »Literaturwissenschaft und Linguistik« (vgl. Haubrichs 2008, 102), deren
5 Titel Programmatisches versprach und deren Herausgeber und Beiratsmitglieder
6 fr Internationalitt, vor allem aber fr Interdisziplinaritt standen. Bei der Etablie-
7 rung der Zeitschrift im Jahr 1971 spielten Einflsse der Prager Schule, d. h. des
8 Strukturalismus mit seinen Mçglichkeiten der exakten Analyse, an die man hoff-
9 nungsvoll glaubte, ebenso eine Rolle wie der Wille, der eigenen Disziplin einen
10 neuen berdisziplinren Antrieb zu geben. Beides ließ sich, so meinte man,
11 durch den gemeinsamen Gebrauch der neu entwickelten mathematischen und ky-
12 bernetisch-informationstheoretischen Methoden verwirklichen. In der (Doppel-)
13 Nummer, die die Reihe erçffnet, wird das im Titel formulierte programmatische
14 Anliegen, Literaturwissenschaft mit Linguistik zusammenzufhren, nicht eigens
15 erçrtert, im Vorwort heißt es aber, wenn auch knapp, so doch eindeutig genug:
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Sie [die Zeitschrift] erçffnet einen Spielraum fr die Ausprgung des Methodenbewußtseins in
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der aktiven Forschung, auch fr die Erprobung von Brcken zwischen Literaturwissenschaft
18 und Linguistik, zwischen diesen beiden und der Soziologie und der Psychologie, der Kultur-
19 theorie und sthetik, mathematischen und technischen Disziplinen.
20 (Klein/Kreuzer 1970, 5)
21
Dieses erste Heft vereint Beitrge, die das Vorhaben umsetzen, exakte Methoden
22
auf literarische Texte anzuwenden. Deutlicher und ausfhrlicher noch kann man
23
dies im Heft 3 (1971) verfolgen. Es ist der deskriptiven Metrik »als methodisch
24
progressivste[m] Teil der Stilistik« gewidmet, »welche die Resultate des russischen
25
Formalismus, der Phonologie und zuletzt auch der generativen Grammatik« ver-
26
arbeitet (Haubrichs 1971, Einleitung). Gerade auf diesem Feld, so war die Auffas-
27
sung, kçnne man die Textmerkmale der Poesie am besten ermitteln, Strukturen von
28
Texten aufdecken und damit Konstituenten der sprachlichen Wirklichkeit dieser
29
Texte erfassen.8 Die Hoffnung, der mit der Begrndung dieser Zeitschrift so deut-
30
lich Ausdruck verliehen wurde und die sich in vielen anderen Arbeiten auch aus-
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drckte, erfllte sich jedoch nicht. Schon 1974 wird das Scheitern des Vorhabens
33
festgestellt (s.u., Abschnitt 2.).
34
Ebenso wie der Strukturalismus war die sich entwickelnde, aus einer pragma-
35
tisch angelegten Sprachbetrachtung hervorgegangene Textlinguistik und die
36
damit verbundene Diskussion von Gattungs- und Textsortenfragen in den 60er
37 und 70er Jahren des 20. Jahrhunderts noch einmal ein Anlass, das Zusammengehen
38 der Teildisziplinen zu erproben.9 Ein ganz entscheidender Anstoß dafr war der
39 Umstand, dass sich beide Disziplinen zwangslufig immer wieder im analytischen
40 8
»Metrik war und ist fr die meisten Literaturwissenschaftler die einzige Brcke zur Sprachwissen-
41 schaft.« (Kloepfer 1971, 82).
9
42 Hier sind Namen wie Hempfer, Voßkamp, Lmmert, Glich und Raible zu nennen.
24 Ulla Fix
1 Zugriff auf ihren Gegenstand die Textbasis literarischer Werke begegnen, auch
2 wenn sich die Fragen, die sie an den Gegenstand richten, sehr unterscheiden
3 mçgen. Diese Begegnungen waren in einer Situation unvermeidbar, in der »der Be-
4 griff des Textes […] im bergang von den 60er Jahren zu den 70er Jahren dieses Jhs.
5 […] zu einem ›Leitbegriff in der Sprach- und Literaturwissenschaft‹ aufgestiegen«
6 war (Kurz 2000, 209).
7 Parallel dazu entwickelte sich ein strukturalistisch-semiotischer Ansatz, wie ihn
8 Mukařovský (1989) und Lotman (1973) mit – wenn auch zeitlich versetzter gro-
9 ßer Resonanz vertraten. Auch dieser Ansatz wird in LiLi, z. B. in Heft 22, diskutiert.
10 Die Vorstellung von Kultur als einem hierarchisch organisierten Zeichensystem
11 hatte die Untersuchung der »sekundren Systeme« – also auch von Kunst- und
12 Sprachwissenschaft – zur Folge. An die Zeichen sahen die Autoren kulturelle Be-
13 deutung und sozialen Wert gebunden, so dass der Text nicht auf Sprachliches re-
14 duziert werden kann, sondern sprachliche ußerungen erst durch ihre besondere
15 kulturelle Signifikanz zum Text werden. Die funktionale Korreliertheit der ver-
16 schiedenen Zeichensysteme, deren Abgrenzbarkeit und deren Bezge sind dem-
17 nach von beiden Seiten her zu untersuchen. Die Frage der Anwendbarkeit lingu-
18 istischer Methoden in der Literaturwissenschaft stellte sich hier also auch, wurde
19 aber nicht auf das Instrumentale reduziert. Anders als beim szientistisch-struktu-
20 ralistischen Ansatz, von dem nur einzelne Methoden brig geblieben sind, lebt die-
21 ser semiotisch-kulturwissenschaftliche Zugriff in sprachwissenschaftlichen Stilisti-
22 ken, die von der Zeichenhaftigkeit des Stils ausgehen, mit zunehmender Kraft fort
23 (vgl. Abschnitt 3.). Damit sind pragmatische (Sandig 1978, 1986, 2006) und se-
24 miotisch angelegte Stilauffassungen (Fix 2007, Lerchner 1984) gemeint, von denen
25 letztere Traditionen aufnehmen, die an die russische semiotische Schule von Jurij
26 M. Lotman (1973) und an die tschechischen Traditionen z. B. von Mukařovský
27 (1982, 1989) anknpfen (vgl. Abschnitt 3.).
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2. »Doch die Verhltnisse, sie sind nicht so.«10
32 Woran ist das Projekt gescheitert?
33
34 Aus heutiger Sicht kann man es nachvollziehen und durchaus ›locker nehmen‹, dass
35 die Vertreter der Literaturwissenschaft auf Dauer strukturalistische Verfahren nicht
36 bernehmen wollten. Dies geschah allein schon aus çkonomischen Grnden, denn
37 die Lektre strukturalistisch angelegter Arbeiten11 verlangte ein solch hohes Maß
38 an Zeit und Kraft fr die Einarbeitung in Methoden und Terminologie, die sich
39 beide außerdem von Beitrag zu Beitrag erheblich unterscheiden konnten, dass die-
40 10
Um den zum geflgelten Wort gewordenen Satz des Peachum aus Brechts »Dreigroschenoper« zu
41 verwenden.
11
42 Man nehme nur die Beitrge in Heft 1 – 2 von LiLi.
Literaturwissenschaft und Linguistik 25
1 ser Aufwand im Verhltnis zu dem, was man am Schluss ber das vor der Lektre
2 schon Gewusste oder Erahnte hinaus zustzlich erfahren konnte, viel zu groß er-
3 schien. Kaum jemand – das machen mndliche ›Zeitzeugenberichte‹ von Literatur-
4 wissenschaftlern deutlich wollte sich dem auf Dauer unterziehen, wie ja brigens
5 auch die Mehrheit der Linguisten nicht.
6 Hinzu kommt, dass das Zusammengehen die Fragestellungen nicht, wie eigent-
7 lich angestrebt, vertieft, sondern eher verkrzt zu haben scheint. Auf der einen Seite
8 konnte man eine Instrumentalisierung der Sprachwissenschaft und nicht etwa
9 Interdisziplinaritt feststellen, dann nmlich, wenn sie lediglich das Instrumen-
10 tarium fr die Analyse liefern sollte, die Autoritt fr deren Auswertung jedoch al-
11 lein bei der Literaturwissenschaft lag. Auf der anderen Seite bestand die Gefahr,
12 dass die literaturwissenschaftlichen Fragestellungen auf linguistische reduziert wer-
13 den, wenn sich die mathematisierte Linguistik als Leitwissenschaft versteht und
14 theoretische Vorgaben wie Methoden bestimmt.
15 Dass die Literaturwissenschaft, wie der Nachvollzug damaliger Debatten zeigt,
16 vieles Verwertbare, das durchaus schon Anknpfungspunkte geboten htte, auch
17 einfach nicht zur Kenntnis genommen hat, mag eine weitere Ursache fr das Schei-
18 tern der Zusammenarbeit gewesen sein. Das betrifft vor allem die in den siebziger
19 Jahren entwickelten, das Konzept der ›Abweichung‹ berwindenden Auffassungen
20 moderner Stilistik, die sehr wohl Anstze fr eine Zusammenarbeit geboten htten
21 und heute zum Teil – in aktualisierter, erweiterter Form noch bieten. Das der
22 Stildiskussion gewidmete LiLi-Heft 22 (1976) zeigt, dass Stilistikkonzepte wie
23 das handlungstheoretisch-pragmatische von Sandig (1972), das in seinen Anfn-
24 gen in den siebziger Jahren bereits vorlag, und die funktionalen strukturalistische
25 Anstze weiterentwickelnden ebenfalls in den siebziger Jahren verçffentlichten
26 Vorschlge von Riesel/Schendels (1975) und Fleischer/Michel (1975), die beide
27 literarische Texte einbeziehen und in der Hinsicht ausbaufhig gewesen wren,
28 gar nicht wahrgenommen worden sind.
29 Das Auseinanderdriften hatte natrlich auch inhaltliche Grnde. In den
30 1960er/1970er Jahren erhielt das strukturalistische Paradigma Konkurrenz
31 durch ein pragmatisches. Mit dessen Durchsetzung vollzog sich ein Wechsel, der
32 von der innersprachlichen Strukturbetrachtung zur Einbeziehung außersprachli-
33 cher Faktoren fhrte. Die Betrachtung von Sprache als Handeln ist nun der Nen-
34 ner, auf den man seither auch die textlinguistischen und stilistischen Anstze brin-
35 gen kann. Neue Fragestellungen wurden wichtig, unter anderem die nach dem Text
36 in seinen kommunikativen und kulturellen Zusammenhngen und damit auch die
37 nach seiner Klassifizierung. Der Leitbegriff ›Text‹ (Kurz 2000, 209) brachte die er-
38 neute zeitweise Zuwendung beider Disziplinen mit sich. Wenn auch nicht explizit,
39 spielten auch Stilmerkmale der Texte und Textsorten, ihre Form also, eine nicht
40 unbedeutende Rolle. Die Stilistik zuerst die Funktionalstilistik (Riesel/Schendels
41 1975) weitete, was vor dem Hintergrund der hermeneutischen wie der struktu-
42 ralistischen Anstze als ziemlich revolutionr gelten konnte, ihren Textbegriff auf
26 Ulla Fix
1 So war der Versuch der Zusammenarbeit Ende der sechziger Jahre und in den
2 siebziger Jahren nicht von langer Dauer. Das Scheitern ist den Akteuren sehr bald
3 bewusst geworden. Bereits im Heft 14 von LiLi (1974) findet sich eine grundstz-
4 liche Auseinandersetzung mit den Grnden. Plett (1974) prft die Linguistik auf
5 ihre Tauglichkeit, der Spezifik literarischer Texte gerecht zu werden, mit dem Er-
6 gebnis, dass sie sich entweder selbst abschaffen, zu einer Hilfswissenschaft mutieren
7 oder einen neuen eigenen Begriff von Literatur entwickeln msse. So, wie sie exis-
8 tiere, werde sie dem Gegenstand ›Literatur‹ nicht gerecht. Die Begrndung: Sie
9 schaffe sich selbst, gleichsam knstlich, die Bedingungen, die die Invarianz ihrer
10 Untersuchungsergebnisse sichern. Sie isoliere ihr Objekt Sprache von allem, was
11 Nichtsprache ist. Sie beseitige die historische Dimension und schaffe damit
12 einen statischen Gegenstand. Sie strebe Prdiktabilitt, Allgemeinheit und Prfbar-
13 keit an und bediene sich eines hufig nichtsprachlichen Symbolinventars, so dass
14 das Untersuchungsobjekt und die Wissenschaftssprache verschiedenen Zeichen-
15 systemen angehçren. Das alles widerstehe dem, was die Beschftigung mit litera-
16 rischen Texten ausmacht. Plett gibt jedoch nicht auf und fragt: »Wie muß sich die
17 Linguistik ndern, damit sie der Vorkommensart des literarischen Gegenstandes
18 gerecht wird?« (1974, 18) Mit der Beantwortung dieser Frage sind wir bei der Ge-
19 genwart angekommen.
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23 3. Das »LiLi-Projekt« heute?
24
Zusammenarbeit unter vernderten Bedingungen
25
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Nachdem der Strukturalismus anfangs euphorisch betrachtet, kurze Zeit spter
27
aber einer heftigen Kritik unterzogen wurde, sollte schon in den 1970er und
28
1980er Jahren eine entspannt gefhrte theoretische Auseinandersetzung folgen.
29
Pletts Beitrag in LiLi 4 (1974) ist zwar kritisch, markiert aber dennoch den Beginn
30
einer entspannter gefhrten Auseinandersetzung in den 1970er Jahren. Er erteilt
31
dem Projekt der Zusammenarbeit durchaus keine endgltige Absage, da doch
32
eben den Teildisziplinen die Sprachlichkeit ihrer Erkenntnisgegenstnde gemein-
33
sam sei und es folglich beiden darum gehen msse, diesem Phnomen von der
34
einen und der anderen Seite her auf die Spur zu kommen. Mit einem engen Text-
35
begriff, wie Plett ihn in der Sprachwissenschaft vorfand, der historische und soziale
36
Komponenten12 außer Acht ließ, und mit einem Vorgehen, das allein den Prinzi-
37
pien der Allgemeingltigkeit, Einfachheit, Prdiktabilitt (Plett 1974, 20 f.) folgte,
38
werde man dem Anliegen jedoch nicht gerecht (vgl. Abschnitt 2., auch Klein 2008,
39
16 f.). Damit die Sprachwissenschaft ihren Beitrag zur Betrachtung literarischer
40
Texte liefern kçnne, msse sie sich in Richtung einer »kommunikativen Einbet-
41
12
42 z. B. Verfasser, Rezipient, Geschichte, Wirklichkeit.
28 Ulla Fix
1 tung« wandeln. Dies sei unter den folgenden (knapp referierten) Bedingungen
2 mçglich (Plett 1974, 27 f.):
3
1. Die Sprachwissenschaft muss dem speziellen Gegenstand dem literarischen
4
Text als singulre Erscheinung, als poetische Performanz (vgl. ebd., 17) ge-
5
recht werden, indem sie nicht sprachliche Einzelphnomene wie Wort und Satz,
6
sondern das Gesamtphnomen Text zum Gegenstand macht.
7
2. Sie muss sich auf ihren historisch-hermeneutischen Charakter besinnen, d. h.
8
die synchrone mit der diachronen Dimension verbinden.
9
10
3. Sie muss zu einer kooperativen Wissenschaft werden und z. B. mit der Kommu-
11
nikationswissenschaft zusammenarbeiten, die den wichtigen Faktor des Rezipi-
12
enten (hearer, observer) wieder eingefhrt hat.
13 Auch fr Harth (1984) ist zehn Jahre spter relevant, wie man der spezifischen
14 Sprachlichkeit literarischer Texte Rechnung tragen kann. Die »Sprachen der Poe-
15 sie« werden von »der an Sprache interessierten Literaturtheorie« (ebd., 225) in
16 zweierlei Weise verstanden: zum einen im Sinne der strukturalistischen Derivati-
17 onstheorie, zum anderen als Theorie, die »in der literarischen Sprache (vorzugswei-
18 se der Poesie) das Fundament aller Sprachen […] Reichtum und Flle der mçgli-
19 chen, komplexen Zeichenbeziehungen« erkennt. Verglichen mit der literarischen
20
Sprache erscheine »die wissenschaftliche oder logische Sprachverwendung als
21
etwas Reduziertes« (ebd.). Harths Forderung lautet, zusammengefasst: Die Lingu-
22
istik muss vom einengenden Derivationsbegriff wieder zu einem Ansatz gelangen,
23
der es erlaubt, dem vollen Reichtum der Texte gerecht zu werden. Statt von Zei-
24
chen- ist von Textfunktionen, statt von Bedeutung ist von Sinn zu sprechen. ber-
25
sprachliches ist einzubeziehen.
26
hnlich liest man es knapp 35 Jahre spter wieder bei Klein (2008):
27
28 Literarische Texte haben Eigenschaften, die zwar auf den rein sprachlichen aufbauen: alle Texte
29 bestehen aus Wçrtern und Stzen. Aber sie gehen in einem wesentlichen Punkt darber hinaus:
es sind Kunstwerke. Die sprachlichen Eigenschaften erzeugen sthetische Eigenschaften.
30
[Diese] sind nicht beschreibbar, wenn man sich nicht auf die sprachliche Form des Textes be-
31 zieht. (Klein 2008, 31)
32
33 Die Nhe dieser zeitlich weit auseinander liegenden Auffassungen verwundert
34 nicht, handelt es sich doch jeweils um die unhintergehbare zentrale Frage, die
35 sich immer stellt, wenn sich die Fcher annhern wollen, nmlich die nach dem
36 Spezifischen des literarischen Textes und nach dessen Beschreibbarkeit. Dass es
37 dabei um Sprachliches gehen muss, versteht sich (vgl. ebd., 11, 15). Die Forderung
38 Pletts, die moderne Sprachwissenschaft habe die mimetische (fiktionale) und die
39 kommunikative (rezeptionssthetische) Komponente sprachlicher Kunstwerke
40 ernst zu nehmen, ist heute erfllt. Die Sprachwissenschaft ist lngst vom Abwei-
41 chungstopos abgerckt und zur Betrachtung dessen gelangt, was Harth mit der
42 Auffassung von literarischer Sprache als »fundamental« bezeichnet, nmlich die un-
Literaturwissenschaft und Linguistik 29
1 eingeschrnkte Ausnutzung aller Potentiale: der konsequente Bezug auf den Text
2 bei gleichzeitiger ffnung des Textbegriffs, die Einbeziehung der Situationen von
3 Texten, die Bercksichtigung der Beziehungen von Text, Kontext und Intertextua-
4 litt, der Blick auf die semantische Potenz von Texten, die Betrachtung von Texten
5 unter dem Aspekt des Handelns sowie nach ihrer Zeichenhaftigkeit, darin einbe-
6 zogen der Textstil als zeichenhaftes Phnomen das alles sind zentrale Vorstellun-
7 gen und Kategorien der Sprachwissenschaft geworden. Es verwundert nicht, dass
8 sich auch die Methoden verndert haben. Das hngt zum einen mit den vernder-
9 ten Fragestellungen, zum anderen mit neuen technischen Mçglichkeiten zusam-
10 men.13 Auf ausgewhlte Schwerpunkte gehe ich nun ein, um zu zeigen, welche
11 Wege der Zusammenarbeit die Sprachwissenschaft heute erçffnet. Ich stelle drei
12 Konzepte und ein neues Methodeninventar kurz vor: einen weiten Text- und Stil-
13 begriff, das neue Interesse an der Hermeneutik, die Etablierung einer Textsorten-
14 linguistik und die Arbeit mit der Korpuslinguistik.
15
16
17
18 Ein weiter Text- und Stilbegriff
19
20 Folgt man der Tradition, liegt es nahe, sich zunchst mit dem Stilbegriff zu befas-
21 sen. Wenn sich die beiden Teildisziplinen am Anfang in ihrer Hinwendung zum
22 Stil, also zur sprachlichen Seite der Texte, getroffen haben, wenn sie sich aber
23 auch genau an dieser Stelle am letztlich ungeeigneten strukturalistischen Stilkon-
24 zept wieder entzweit haben, ist es interessant, aktuelle Auffassungen von ›Stil‹ auf
25 gemeinsame Anknpfungspunkte hin zu prfen. Man findet heute kaum noch den
26 traditionell rhetorischen bzw. den rein sprachbezogenen Stilbegriff, dem die Ableh-
27 nung der Stilistik auch heute noch meist gilt, sondern man begegnet text- und
28 handlungsbezogenen, diskurslinguistischen, semiotischen Auffassungen.14 Ebenso
29 findet man nicht mehr den Textbegriff der Anfangszeit, also nicht mehr die Vor-
30 stellung von einem strukturell und inhaltlich abgeschlossenen, thematisch einheit-
31 lichen, eindeutig intendierten Text, sondern man geht vom semantisch offenen,
32 prozesshaften, handlungsbezogenen und rezipientenabhngigen Charakter der
33 Texte allgemein und der literarischen Texte im besonderen aus. Da sich dies
34 alles nur durch die Sprachlichkeit des Textes konstituiert, ist Stil bei einer solchen
35 Auffassung als Textoberflchenphnomen immer schon mitgedacht. Zugleich
36 bleibt man aber dabei, dass der Text trotz seiner Offenheit eine eigene Grçße dar-
37 stellt und sich bei aller mçglichen Vagheit nicht etwa in Nichts auflçst. Eine vçllige
38 Entgrenzung des Textbegriffs ist allein deshalb aus sprachwissenschaftlicher Sicht
39 nicht denkbar, weil es sich bei der Produktion wie bei der Rezeption von Texten um
40 13
Das zeigt sich konstatierend und auffordernd schon in dem der »Wissenschaftsgeschichte der Phi-
41 lologien« gewidmeten Heft 53/54 von LiLi (1984) und im »Jubilumsheft« 150 (2008).
14
42 So z. B. Fix 2007, 2008, Hoffmann 2003, Lerchner 1984, Sandig 2006, Spillner 1982.
30 Ulla Fix
1 zeichenbezogene Prozesse handelt und die sprachlichen Zeichen, um die es vor allem
2 geht, arbitrre Phnomene darstellen, die auf Vereinbarung beruhen und daher in
3 einem gewissen Maße Stabilitt in den Text einbringen. Wie lsst sich die gegen-
4 wrtig dominierende pragmatisch-semiotische Stil- und Textauffassung in ihren
5 wesentlichen Zgen zusammenfassen? Wo lge ein Ansatzpunkt fr literaturwis-
6 senschaftliche Zugriffe? Es folgen Thesen:
7 1. Jeder Text, besonders aber der literarische, ist auf Sichtbarkeit, Wahrnehmbar-
8 keit hin angelegt. Alles, was wir inhaltlich erfassen, mitteilen und rezipieren wollen,
9 bedarf der sinnlich wahrnehmbaren Darbietung. Dieses sinnlich wahrnehmbar
10 (und zugleich Sinn vermittelnde) Geformte/Gestaltete, Dargebotene ist der Stil
11 eines Artefakts, Element sthetisierenden Handelns.
12 2. Die Zeichenhaftigkeit der beteiligten Zeichen, die Tatsache also, dass sie in
13 einen Text immer schon Bedeutung mitbringen, gleich, was mit dieser ›Vorbelas-
14 tung‹ in der Rezeption auch geschieht, ist in Analyse und Interpretation einzube-
15
ziehen. In dem neuen komplexen Zeichen, das ein Text darstellt, sind die vorgege-
16
benen Bedeutungen mit enthalten und in einem gewissen Sinne unhintergehbar,
17
gleich, ob man sie im konkreten Gebrauch bernehmen oder von ihnen abweichen
18
mçchte, da das Abweichen nur vor dem Hintergrund der Ausgangsbedeutung Sinn
19
ergibt.
20
3. Stil ist weder Hlle noch Schmuck, sondern an der Gestalt sichtbar gemachter
21
sozialer und/oder sthetischer (Zweit-) Sinn. Man dringt ber die Gestalt eines Textes
22
nicht un-informiert zum ›eigentlichen Inhalt‹ vor, sondern man weiß, dass durch
23
die Art und Weise, wie sprachliche (und andere) Zeichen eingesetzt sind, ein
24
›Zweitsinn‹ angeboten wird. Im Fall literarischer Texte wird ber das sthetische
25
26
das Sinnangebot des Textes berhaupt erst hergestellt. Der Stil eines Textes gibt
27
zudem Hinweise darauf, welcher Gattung/Textsorte er zuzuordnen ist, in welchem
28
gattungsbezogenen ›Licht‹ man das Mitgeteilte sehen soll.
29 4. Stil und Text bilden eine Einheit. Stil ist textbezogen. Text ist stilbezogen. Ei-
30 nerseits kann es Stil ohne das Gesamt des Artefakts, ohne Text, nicht geben. Der
31 Text ist die Einheit, in der die sprachlichen Mittel erst ihre stilistische Funktion ent-
32 falten. Stilmittel kçnnen außerhalb dieses Gesamts als solche nicht erkannt, ge-
33 schweige denn zu- und eingeordnet werden. Andererseits ist die reale Existenz
34 eines Textexemplars auch vom Vorhandensein eines einheitlichen Stils abhngig.
35 Ohne diesen sind die Textualitt eines Textes und dessen Textsorten-/Gattungszu-
36 gehçrigkeit nicht zu erkennen.
37 5. Wenn Stil Zeichencharakter und damit eine semiotische Qualitt zugespro-
38 chen wird, bringt das die Einbeziehung auch anderer als sprachlicher Zeichen und
39 anderer als sprachlicher Artefakte mit sich. Stil wird so gesehen zu einer durchge-
40 henden semiotischen Grçße. Alle am Text und seiner materialen Darbietung betei-
41 ligten Elemente von Bildern ber Proportionen, Farben, Linien bis hin zur Ty-
42 pographie und zu den Papiersorten tragen zum Sinnangebot des Textes bei.
Literaturwissenschaft und Linguistik 31
1 ist ein kulturelles Phnomen. Es kann in enger Beziehung zur Gattungslehre gese-
2 hen werden, die literarische Gattungen »nach Form und/oder Inhalt und/oder
3 Funktion und/oder Kommunikationssituation und/oder Distribution, nach Art
4 und Grad der Stilisierung […]« (Zymner 2007, 262) unterscheidet. Dass Kulturen
5 verschiedene Textsorten fr die gleichen Bedrfnisse entwickelt haben kçnnen und
6 dass anscheinend gleiche Textsorten je nach der Kultur, in der sie gebraucht werden,
7 unterschiedlich ausgefhrt sein kçnnen, ist ein weiteres kulturelles Phnomen, be-
8 ziehbar auch auf die Herausbildung und Entwicklung von Gattungen. Die Ausein-
9 andersetzung mit der Kulturgeprgtheit von Textsorten gehçrt zu den aktuellsten
10 und fr interdisziplinre Zusammenarbeit offensten Fragestellungen der Textsor-
11 tenlinguistik.15
12 Eng verbunden mit ihrer kulturellen Geprgtheit ist die Eigenschaft der Text-
13 sorten, ›Bndel‹ geronnenen Wissens zu sein. Die (im kognitionspsychologischen
14 Sinne verstandenen) Muster, die dem sprachlich-kommunikativen Handeln mit
15 Texten bestimmter Textsorten zugrunde liegen, sind Schnittstellen zwischen ver-
16 schiedenen fr dieses Handeln relevanten Wissensbestnden, zu denen neben en-
17 zyklopdischem (Welt-) Wissen, Wissen von Handlungsnormen und Sprachwis-
18 sen auch Kulturwissen gehçrt. Dieses umfasst u. a. die Kenntnis der Geschichte
19 von Textsorten und deren kulturell verfestigte Form (z. B. Funktion und Form
20 der Bekenntnisschrift ber die Jahrhunderte), ber deren kulturelles Prestige
21 (z. B. gelten literarische Texte traditionell mehr als Alltagstexte), ber den Wert,
22 der dem Medium zugesprochen wird (gegenwrtig: Vernderung der Schriftlich-
23 keit hin zur Mndlichkeit). Und es umfasst auch die gesellschaftliche Funktion,
24 den »Sitz im Leben« (Gunkel 1986, Jauß 1972), der einer Textsorte mit ihrem Mus-
25 ter eigen ist. Gemeint ist damit eben jene Tatsache, dass Textsorten jeweils eine spe-
26 zifische Lçsung fr Probleme der Lebenswirklichkeit ermçglichen. Ein Zusam-
27 mengehen von Sprach- und Literaturwissenschaft wre hier gut denkbar. Die
28 immer wieder diskutierte Frage, was denn ein literarischer Text sei und was ihn
29 von allen anderen Texten unterscheide, kçnnte mit dem auch linguistisch vertre-
30 tenen kulturwissenschaftlichen Ansatz mçglicherweise erfolgreicher als bisher auf-
31 gegriffen werden. Hier schließt sich ein weiterer Ansatz zur gemeinsamen Beschf-
32 tigung mit Textsorten (Fix 2008, 2009b) an, der die Textoberflche, die Materia-
33 litt des Textes also, ins Zentrum rckt. Es geht um das Phnomen, dass bestimmte
34 Textoberflchen typisch sind fr bestimmte Verwendungszusammenhnge und die
35 in diesen Zusammenhngen blichen Textsorten. Es zeigt sich, dass man, wenn
36
man Textsorten/Gattungen klassifizieren will, auch die verschiedenen Arten und
37
Grade von Festigkeit dieser Oberflchen bercksichtigen muss. Eine fr die Text-
38
linguistik vçllig neue Fragestellung, die durch eine Diskussion mit Vertretern der
39
anderen Teildisziplin nur gewinnen kçnnte. Mit Blick auf die Festigkeit der Text-
40
oberflche und auf ihren Gebrauchsmodus hat man drei Gruppen vor sich:
41
15
42 Sie hat zur Entwicklung einer kontrastiven Textologie (Adamzik 2001) gefhrt.
Literaturwissenschaft und Linguistik 33
1 von sehr unterschiedlichen Ausgangspositionen her erprobt (Fix 2003 und 2003b).
2 Autoren sind der Frage nach mçglichen Zugngen zu literarischen Texten aus neo-
3 idealistischer, strukturalistischer, textlinguistischer, zeichentheoretischer und dis-
4 kursanalytischer Perspektive nachgegangen. Sie taten es in dem Bemhen, einen
5 methodisch gesicherten Zugang zu den semantisch komplexen Einheiten zu be-
6 kommen, die Texte, zumal literarische, stets bilden. Nachdem dieses Bemhen,
7 was die idealistischen und strukturalistischen Anstze betrifft, spter als ›subjekti-
8 vistisch‹ und ›mechanistisch‹ in Misskredit geraten war und die anderen Anstze
9 nur geringe Resonanz gefunden hatten, gibt es nun einen gezielten sprachwissen-
10 schaftlichen Versuch, die Beschftigung mit Textverstehen und -interpretieren auf
11 der Basis neuen Wissens ber Kognition und Verstehensprozesse wieder in das Zen-
12 trum der Aufmerksamkeit zu rcken. In dem programmatisch angelegten Band
13 Linguistische Hermeneutik (Hermanns/Holly 2007) wird dieser Notwendigkeit
14 theoretisch und empirisch in aller Konsequenz mit einem Pldoyer fr eine verste-
15 hensorientierte Sprachwissenschaft nachgegangen mit der Begrndung, dass das
16 Verstehen die Grundbedingung jeglichen sprachlichen Verhaltens sei und sich die
17 Sprachwissenschaft daher endlich als eine »Sprachverstehenswissenschaft« begrei-
18 fen msse, die das Verstehen, wie es in anderen Kultur- und Verstehenswissenschaf-
19 ten schon geschehe, wissenschaftlich ernst nehmen msse; denn »(fast) die gesamte
20 Linguistik [hat] ihre Basis in kommunikativer, also hermeneutischer Erfahrung«
21 (Hermanns/Holly 2007, 1). Biere (2007) zeichnet stimmfhrend fr die »neue
22 Hermeneutik« das Bild einer ›linguistischen Hermeneutik‹ die
23
24
sprachlich-kommunikative Prozesse grundstzlich zu verstehen und zu beschreiben [habe] als
Prozesse der (permanenten) Sinnkonstitution, also als Prozesse der Semiose oder konstruk-
25 tivistisch ausgedrckt als Prozesse der Bedeutungs- bzw. Sinnkonstruktion (ebd., 13)
26
27 Ein Teil dieses Vorgangs ist das Textverstehen, der Prozess, in dem Leser aus den Ele-
28 menten der textlichen Oberflche eine den Einzelsatz bergreifende Bedeutungs-
29 struktur aufbauen und vor dem Hintergrund von Weltwissen und Erwartungen, in
30 Beziehung zum schon Erfahrenen, d. h. auch zu allen vom Rezipienten bereits pro-
31 duzierten und rezipierten Texten, eine semiotisch-pragmatische Zuordnung vor-
32 nehmen. Nun liegt vor dem Verstehen in jedem Fall die Textgestalt, die als Rezep-
33 tionsangebot zunchst einmal fr jeden Rezipienten gleich ist. Nicht nur die situa-
34 tiven Faktoren, nicht nur Wissensvoraussetzungen, Erfahrungen und Erwartungen
35 der Rezipienten, die individuell verschieden sein werden, bilden die Basis fr das
36 Verstehen, sondern natrlich in erster Linie die mit Bedacht gewhlten und auf-
37 grund ihrer Arbitraritt in einem gewissen Maße ›feststehenden‹ Zeichen des Tex-
38 tes, die mit dem, was sie an Bedeutung in den Text ›mitbringen‹, einen bestimmten
39 Grad an bereinstimmung im Verstehen fordern bzw. ermçglichen. Die sprachli-
40 che Seite des Textes, sein Stil, ist demnach eine Grçße im Verstehensprozess, die
41 grundstzlich nicht vernachlssigt werden darf. Dies gilt ganz besonders fr litera-
42 rische Texte, deren Oberflchen in der Regel vom Produzenten mehr als das sonst
Literaturwissenschaft und Linguistik 35
1 Anders gesagt bedeutet dies, dass immer dann, wenn eine Irritation in einem mçg-
2 lichen Verstehensprozess auftritt, z. B. eine syntaktische oder semantische Abwei-
3 chung oder eine Widersprchlichkeit in der Aussage, die ußerung noch einmal
4 aufgenommen und bearbeitet wird. Der Rezipient will den Umstand, dass da
5 etwas anders als erwartet ist, verstehen und fragt nach den Intentionen/Grnden
6 fr diese Andersheit. Damit ist eine fr beide Seiten brauchbare Unterscheidung
7 der Kategorien gewonnen.16
8
9
10
Neue Methoden: Korpuslinguistik
11
12
Ganz neue Mçglichkeiten des Aufeinander-Zugehens von Sprach- und Literatur-
13
wissenschaft sind durch neue, die Sprachwissenschaft nahezu revolutionierende
14
Analysemethoden gegeben, die auf der Nutzung großer elektronischer Korpora be-
15
ruhen. An die Stelle von per Hand zusammengestellter, begrenzter Korpora, wie
16
man sie aus frheren Arbeiten mit Textkonvoluten in der Sprachwissenschaft
17
und Editionsarbeit kennt, treten in der Korpuslinguistik manuell berhaupt
18
nicht mehr zu bewltigende enorme Mengen von online zugnglichen, also elek-
19
tronisch dokumentierten Texten, in der Mehrzahl der Flle zusammengestellt nach
20
bestimmten Fragen bzw. Themen. Die elektronische Speicherung und die elektro-
21
nischen Zugriffsmçglichkeiten (z. B. Arbeiten mit der Suchmaschine) machen es
22
mçglich, eine im Vergleich zu frheren von Hand bearbeiteten Korpora fast un-
23
berschaubar erscheinende Menge von Texten genau und vollstndig zu analysie-
24
ren und so systematisch Zusammenhnge aufzuzeigen, wo frher zufllige Befunde
25
auftreten mochten. So kann man z. B. die blichen Verbindungen (Kollokationen)
26
zwischen Wçrtern, die man frher eher nach dem Sprachgefhl beurteilt hat, nun
27
in quantitativen Befunden genau zeigen. Es ist etwa mçglich, um ein Minimalbei-
28
spiel zu nennen, den unsicher gewordenen Gebrauch von Prpositionen zu beob-
29
achten: In welchem Verhltnis steht z. B. der Gebrauch von Beitrag zur Lçsung des
30
Problems oder Beitrag fr die Lçsung des Problems? Wird das eine dem anderen vor-
31
gezogen? Muss das andere als falsch gelten? Die Sprachwissenschaft nutzt diese Me-
32
thode im großen Maßstab in der Lexikologie z. B. fr das Feststellen von Ge-
33
brauchshufigkeiten, Wortfeldern, semantischen Netzen, letztlich fr die Erarbei-
34
tung von Wçrterbchern, in der Pragmalinguistik z. B. fr Textvergleiche nach
35
ihren intertextuellen Bezgen, nach ihrer thematischen grçßeren oder geringeren
36
Nhe u. . Hier kçnnte man sich Hilfe fr Werkeditionen und deren Kommentie-
37
rung versprechen, ebenso fr die inhaltliche und sprachliche Erschließung von
38
kunsttheoretischen und literarischen Diskursen einer Zeit. Die Zusammenarbeit
39
der Teildisziplinen kçnnte hier ansetzen. Als Beispiel soll ein korpusgesttzes Pro-
40
41 16
Vorausgesetzt man nimmt die Vorstellung eines Nacheinanders der Vorgnge nicht wçrtlich und
42 kann sich beide auch in einem simultanen Prozess vorstellen.
Literaturwissenschaft und Linguistik 37
1 jekt vorgestellt werden, das sich mit literarischen Texten befasst. Geplant ist von Br
2 (2010)17 die Erarbeitung eines begriffshistorischen Nachschlagewerks mit dem
3 Titel: »Zentralbegriffe der klassisch-romantischen ›Kunstperiode‹ (1760 – 1840).
4 Wçrterbuch zur Literatur- und Kunstreflexion der Goethezeit«. Es ist angelegt
5 auf fnf Bnde 800 Druckseiten, davon vier Bnde Wçrterbuch, ein Band »Be-
6 griffsbuch«. Parallel dazu wird ein Online-Wçrterbuch mit zustzlichen Artikeln
7 erarbeitet. Es liegen einschlgige Studien des Autors (u. a. 1998, 2000) vor, so
8 dass ein Ausblick auf das Gesamtprojekt mçglich ist. Br sucht Fahnenwçrter
9 auf, also Wçrter, die in den geistigen Auseinandersetzungen einer Zeit Symptom-
10 funktion haben. Er geht davon aus, dass das Lexem Kunst ein zentrales Fah-
11 nenwort des intellektuellen Diskurses zwischen ca. 1760 und ca. 1840 ist und
12 damit fr die auf diese Zeit bezogene geisteswissenschaftliche Forschung von be-
13 sonderer Relevanz. Folgerichtig lenkt er sein Interesse auf die Verwendung dieses
14 Lexems hinsichtlich seiner gesamten Semantik, also auch seiner vermutlich hoch-
15 gradigen Polysemie in theoretischen und literarischen Texten der deutschen Ro-
16 mantik. Das geschieht unter der Perspektive, das Konzept von KUNST im Diskurs
17 jener Zeit zu erfassen, indem das komplexe semantische System des Diskurses auf
18 die »gedankliche Behandlung bestimmter Themen oder Gegenstnde, durch die sie
19 in topische Zusammenhnge mit bestimmten anderen Themen oder Gegenstn-
20 den gebracht […] werden«, untersucht wird (Vortrag Heidelberg 2010, Handout).
21 Die Gegenstnde sind manifestiert in sprachlichen ußerungen, die nach be-
22 stimmten Kriterien ausgewhlt das Untersuchungskorpus bilden. Untersucht
23 wird nicht nur das Lexem Kunst allein, sondern der gesamte Diskursausschnitt,
24 fr den es als Fahnenwort steht. D.h. es geht darum, das Konzept von KUNST als
25 einzelwortbergreifende Grçße zu erfassen und linguistisch zu beschreiben
26 durch das Erfassen von Wortfeldern (Kunst, Poesie, Musik, Malerei, Plastik, Philo-
27 sophie u. a.) und Wortfamilien (Knstler, knstlich, Kunstwerk, Baukunst, Dicht-
28 kunst, Redekunst u. a.) sowie von Polysemie (z. B. 22 Bedeutungen des Lexems Poe-
29 sie, Br 1999). Das Hauptkorpus besteht aus Texten von 195 Autoren mit 1417
30 Zitiereinheiten (in 27 797 Einzeltexten) und 306 252 Bildschirmseiten. Behandelt
31 werden 350 – 400 Lexeme (Einzelwçrter), z. B. Abbild, absolut, abstrakt, Ahnung,
32 alt, Anmut, Anschauung, antik, Architektur, Ausdruck. Außerdem werden etwa 50
33 Begriffe bercksichtigt, z. B. ERHABEN / DAS E RHABENE (Paradigma: erhaben, groß,
34 sublim, hoch, Erhabenheit …), KUNST (Paradigma: Kunst, Kultur, knstlich, Male-
35 rei, Plastik, Architektur, Geschmack …). Mit dieser Art von sprachwissenschaftli-
36
chem Vorgehen wird Wissen ber Vielfalt, Differenziertheit und Gebrauch von
37
Fahnenwçrtern einer Epoche erschlossen, das anders nicht zugnglich wre, und
38
auf diesem Wege ein Einblick in die Differenziertheit der Auffassungen einzelner
39
Vertreter der Kunstepoche mçglich gemacht, der literaturwissenschaftliche Ein-
40
sichten erçffnet, die anders nicht zu gewinnen wren.
41
17
42 Erscheinen fr 2018 bei de Gruyter vereinbart.
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