Modul 2: Förderung der mündlichen Kommunikation (Hörverstehen)
Mündliche Kommunikation
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DIE THEMEN:
Sie können
• die Teilkompetenzen des Hörverstehens (z. B. selektives, detailliertes, globales Verstehen)
benennen und voneinander abgrenzen.
• didaktische Prinzipien der Förderung des Hörverstehens (z. B. Vorentlastung, mehrphasige
Aufgabenstruktur) erläutern.
• Kriterien zur Auswahl geeigneter Hörmaterialien formulieren (z. B. Sprechtempo,
Akzentvielfalt, Textlänge).
• Herausforderungen lernendenseitig (z. B. Unsicherheiten, Prüfungsangst, kulturell bedingte
Hörgewohnheiten) identifiyieren und darauf angemessen reagieren.
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FÖRDERUNG DER MÜNDLICHEN KOMMUNIKATION
Laut wissenschaftlichen Studien wird das Hörverstehen als Teil der alltäglichen Kommunikation oft
als die am häufigsten verwendete Fertigkeit bezeichnet (45-55%), gefolgt vom Sprechen mit 23-30%,
Lesen mit 13-16% und Schreiben mit 9% . Dies gilt zugleich für die Kommunikation in der
Fremdsprache: Wer an einem Gespräch erfolgreich teilnehmen will, muss nicht nur sprechen, sondern
auch hören und verstehen lernen. Ein Fremdsprachenunterricht mit dem Schwerpunkt „Entwicklung
der kommunikativen Kompetenz“ muss sich deswegen nicht nur mit der Förderung der
Sprechkompetenz, sondern auch mit dem Hörverstehen beschäftigen.
Hören und Sprechen sind wie ein Ping-Pong-Spiel: Einer
wirft den Ball zu, der andere schlägt ihn zurück. Hören und
Sprechen sind die Grundbasis der mündlichen
Kommunikation. Das Hörverstehen ist Grundbedingung für
jede Art von sprachlicher Kommunikation, deshalb hat es in
den verschiedensten Kommunikationsvorgängen eine sehr
bedeutende Rolle. Mündliche Kommunikation ist der direkte
Austausch von Informationen zwischen Personen durch
gesprochenes Wort. Sie erfordet daher Hören und Sprechen.
Diese Einteilung hilft uns, die verschiedenen Aspekte des Spracherwerbs und der Sprachnutzung
besser zu verstehen. Die Fertigkeiten werden auch in rezeptiv und produktiv eingeteilt:
Rezeptive Fertigkeiten beziehen sich auf das Aufnehmen und Verstehen von Informationen. Es geht
darum, sprachliche Inhalte zu empfangen und zu verarbeiten. (Input). Dementsprechend bedeutet
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Hören Verstehen von gesprochener Sprache. Lesen weist auf Verstehen von geschriebener Sprache
hin
Produktive Fertigkeiten hingegen sind mit der aktiven Produktion von Sprache verbunden. Hier geht
es darum, eigene sprachliche Äußerungen zu produzieren (Output).
Definition: Hörverstehen und Hören
Hören bedeutet das Aufnehmen und Dekodieren von gesprochenen Inhalten von den Lauten und
deren Kombination bis hin zu ganzen Worten und deren Aneinanderreihung müssen einerseits
festgestellt und andererseits interpretiert werden. Früher wurde das Hören als passive Fertigkeit
gesehen, jedoch ist durch Forschung klar geworden, dass das Hören keineswegs ein passiver Vorgang
ist, sondern der Hörende sich aktiv daran beteiligen muss, um Hörverstehen zu erreichen.
Hörverstehen umfasst folgenden Stufen
1. Wiedererkennen:
Dies ist die erste und einfachste Stufe. Es geht darum, bekannte sprachliche Elemente wie Laute,
Wörter und einfache Sätze zu identifizieren.
2. Das Verstehen
Hier geht es nicht nur um das Identifizieren, sondern um das Verstehen des gesamten Inhalts. Es wird
die globale Bedeutung eines Textes erfasst.
3. Das analytische Verstehen
Hier wird der Text genauer analysiert und interpretiert. Es geht um das Verstehen von
Zusammenhängen, impliziten Botschaften und der Absicht des Sprechers.
4. Evaluation
Hier wird das Gehörte bewertet und in einen größeren Kontext gestellt. Es geht um eine persönliche
Stellungnahme und die Verknüpfung mit eigenen Erfahrungen und Wissen.
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Hören vs. Verstehen
Hörverstehen ist also ein komplexer Prozess. Im Gegensatz zum Lesen, bei dem Lernende eine Pause
machen, eine Stelle mehrmals lesen oder ein unbekanntes Wort nachschlagen können, ist das Gehörte
zudem flüchtig. Hörende müssen Töne und Inhalt sofort wahrnehmen und darauf reagieren. Im
Gegensatz zum Leseverstehen wird beim Hörverstehen die Geschwindigkeit des Hörens und der
damit verbundenen Textverarbeitung nicht selbst gewählt.
Schwierigkeiten beim Hören
Der Hörprozess wird aber auch noch durch weitere Faktoren erschwert: Gesprächspartnerinnen und
Gesprächspartner oder Vorlesende lesen in einem bestimmten Tempo, das in den meisten Fällen nicht
beeinflussbar ist (außer in dialogischen Situationen oder mit technologischer Unterstützung). Vor
allem Anfängerinnen und Anfänger klagen häufig darüber, dass Sprechende der Zielsprache zu
schnell oder zu undeutlich sprächen. Auch mögliche Nebengeräusche können die Kommunikation
beeinträchtigen. Sie können zwar auch zusätzliche Informationen zur Gesprächssituation beisteuern,
erschweren dabei jedoch häufig gleichzeitig das Verstehen des Gesagten. Zusammenfassend können
die Faktoren sein:
• Schnelles Tempo (Geschwindigkeit)
• Undeutliche Aussprache
• Dialekte
• laute Nebengeräusche
• Ein unbekannter Wortschatz
• Ein komplexer Satzbau
• Sehr lange Sätze
• Eine hohe Informationsdichte
• Eine geringe Explizitheit der Information
• Ein langer, wenig gegliederter Text
• Ein wenig bekannter oder unbekannter Gegenstand, über den sich der Text äußert
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Die Hörstrategien
Beim Sprachenlernen ist es nicht nur wichtig, viel zu hören, sondern auch zu wissen, wie man beim
Hören vorgeht. Es gibt bestimmte Strategien, die einem dabei helfen können, auch schwierige Texte
zu verstehen. Eine gute Strategie hilft beim Sprachenlernen enorm. Strategie ist ein Plan, den man im
Kopf hat, wenn man etwas Neues hört, um den Erfolg des Hörverstehens zu erhöhen So kann man
besser verstehen, was gesagt wird, auch wenn es am Anfang noch schwierig ist. In den Nächtsten
Abschnitten werden Hörstrategien vorgestellt.
Zu kognitiven Hör-Strategien gehören folgende Vorgehensweisen:
• schwierige Wörter genau analysieren (z.B. bei Komposita aus den Teilen der Wörter
Bedeutungen herzuleiten)
• den Kontext nutzen, um unbekannte Wörter zu erschließen
• unbekannte Wörter ignorieren, sofern sie für das Verstehen des Textes nicht relevant
sind
• Textstellen erneut hören, um Bezüge innerhalb des Textes zu verstehen
• Informationen zusammenfassen und systematisieren
• Informationen visualisieren
• Kontextinformationen wie Statistiken, Bilder usw. nutzen, um Vermutungen zu bilden
oder zu überprüfen
• neue Informationen mit schon vorhandenem eigenem Wissen verknüpfen
Die Höraufgaben
Damit Lernende ihre Verständnisfähigkeiten Schritt für Schritt entwickeln können, sollten Übungen
des Hörverstehens regelmäßig sowie gezielt und strukturiert erfolgen. Am Anfang sollten viele
Verständnishilfen zur Verfügung gestellt werden; diese können dann allmählich reduziert werden.
Auch sollten erst einfache Aufgaben angeboten werden, die dann nach und nach komplexer werden
können. Generell wird Lehrenden empfohlen, möglichst viele unterschiedliche Texte einzusetzen und
von einfachen zu komplexeren Texten überzugehen.
Es gibt eine klassiche Aufteilung der Höraufgaben, die nach dem Zeitpunkt die Höraufgaben
klassifiziert hat, folgende Abbildung veranschaulicht die Klassifizierung der Aufgaben.
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Höraufgaben
Vor dem Während des Nach dem
Hören Hörens Hören
Tatsächlich wird bei der Förderung des Hörverstehens häufig in Phasen gearbeitet, d.h. man gibt den
Lernenden vor dem Hören, während des Hörens und nach dem Hören (unterschiedliche) Aufgaben.
Die Einteilung in Vor-Während-Nach erscheint also didaktisch wenig sinnvoll. Sowohl für Lehrende
als auch für Lernende ist es aber wichtig zu wissen, welches Ziel die zu bearbeitenden Aufgabe
während des Hörens eigentlich hat – und was der/die Lernende dementsprechend erreichen sollte.
Aufgaben können je nach dem Ziel aufgeteilt werden, folgende Abbildung veranschaulicht die
Klassifizierung der Aufgaben je nach dem Ziel:
Diskussion
vorbereiten unterstützen kontrollieren
anregen
Aufgaben zur Vorbereitung der Lernenden auf den Hörtext
Die Vorentlastung dient dazu, die Lernenden auf das Hören eines bestimmten Hörtextes
vorzubereiten. Dazu gehört, dass geklärt wird, welche Art von Hörtext die Lernenden erwartet
(Textsorte oder Gesprächssituation, Thema, Länge etc.). Es werden zudem Aufgaben eingesetzt, die
das Ziel haben, das Vorwissen der Lernenden zum Thema bzw. Inhalt des Hörtextes zu aktiveren:
Durch visuelle Impulse (Bilder, Fotos), kleine Texte oder akustische Impulse (Geräusche, Musik,
Stimmen) werden die Lernenden dazu angeregt sich bewusst zu machen, was sie zu einem
bestimmten Thema, zu einer bestimmten Textsorte usw. schon wissen. Zum Vorwissen gehören
Erfahrungen, allgemeines Weltwissen, aber auch fachliches Wissens wie z.B. schon vorhandenes
fremdsprachliches Wissen.
Aufgaben zur Vorbereitung können den Lernenden aber auch dabei helfen, Hypothesen zum Hörtext
zu bilden und sich damit auf das Hören einzustimmen. Zudem werden in den Aufgaben zur
Vorentlastung Wortschatz, Redemittel und andere sprachliche Strukturen aktiviert oder eingeführt,
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die im Hörtext vorkommen. Informationen können dabei in einer Form von Assoziogrammen oder
Mindmaps gesammelt werden.
Aufgaben, die das Verstehen unterstützen
Um den Verstehensprozess der Lernenden beim Hören zu unterstützen, ist es wichtig, Lernende durch
gute Aufgaben zu einem gezielten und effektiven Hören anzuregen. Die reine Anweisung „bitte gut
zuzuhören“ reicht dafür nicht aus. In der Regel führt solch ein allgemeiner Hörauftrag zu einem wenig
fokussierten Hören. Stattdessen sollte ein klarer Hörauftrag formuliert werden und es sollte
sichergestellt werden, dass alle Lernenden die Aufgabenstellung und das Ziel des Hörens verstanden
haben. Sie können dabei helfen, sowohl das globale Verständnis als auch das detaillierte Verständnis
zu fördern.
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Aufgaben, die das Verstehen kontrollieren
Aufgaben, die das Verstehen kontrollieren, dienen dazu, herauszufinden, ob Lernende den gelernten
Stoff wirklich verstanden haben. Sie dienen dazu, nicht nur das bloße Wiedergeben von
Informationen zu überprüfen, sondern auch die Fähigkeit, diese Informationen zu verstehen und
anzuwenden. Sie können dabei helfen, das detaillierte Verständnis zu fördern. Sie können erst nach
dem zweiten Hören bearbeitet werden.
Aufgaben, die zur Diskussion anregen
Aufgaben, die zur Diskussion anregen, sind ein wichtiger Bestandteil des Lernprozesses. Sie fördern
nicht nur das reine Faktenwissen oder Wiedergabe der Informationen, sondern auch das kritische
Denken, die Kommunikationsfähigkeit und die Fähigkeit, verschiedene Perspektiven einzunehmen.
Die Hörstile
Man unterscheidet zwischen drei Hörstilen: global, selektiv und detailliert. Im Alltag überschneiden
sich die Stile immer, sie entsprechen einfach unserem Verständnisprozess, bei dem ständig Wichtiges
beachtet und weniger Wichtiges ausgeblendet wird. So hört man etwa nebenbei Radio und bekommt
nicht viel mit, bis man etwas Interessantes wahrnimmt und die gesamte Aufmerksamkeit auf das
Hören richtet, um alle Informationen zu verstehen. Im Fremdsprachenunterricht werden die drei Stile
oft separat und gezielt geübt, um sie besser trainieren zu können.
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Hörstile
Global Selektiv Detailliert
• Beim globalen Hören wollen die Hörer erkennen, worum es im gehörten Text geht. Diese Art
von Hören ist wichtig, um sich einen ersten Eindruck vom Inhalt des Textes zu verschaffen.
• Beim selektiven Hören werden diejenigen Informationen aus einem Text herausgefiltert, die
für die Rezipienten relevant bzw. interessant sind. Bei diesem Vorgehen ignorieren die Hörer
alles, was aus ihrer Sicht nicht relevant oder interessant oder generell nicht wichtig ist.
• Im Gegensatz zu diesen beiden Stilen steht das detaillierte Hören, bei dem der Inhalt und meist
auch die Form möglichst vollständig erfasst werden sollen.
Aufgabe: Ordnen Sie die Aufgaben den Hörstilen zu.
• das Thema des Textes zu nennen
• eine passende Überschrift oder ein passendes Bild aus mehreren Varianten auszusuchen
• Dialoge und Fotos zuzuordnen
• Richtig-Falsch-Aufgaben
• Zuordnung von Informationen
• Ergänzung von Informationen
• Beantworten von Fragen
• das Ergänzen von kleinen Details
• Orientierung auf einem Stadtplan
• Pantomime
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Die Förderung des Hörverstehens stellt eine zentrale Voraussetzung für eine erfolgreiche mündliche
Kommunikation im DaF-Unterricht dar. Hörverstehen ist nicht nur die Grundlage für das Verstehen
und Reagieren im Gespräch, sondern auch ein komplexer kognitiver Prozess, der unterschiedliche
sprachliche und außersprachliche Kompetenzen umfasst. Effektive Fördermaßnahmen, die auf
authentischen, vielfältigen Hörsituationen basieren und sowohl rezeptive als auch produktive
Strategien einbeziehen, unterstützen die Lernenden darin, ihre Hörkompetenz systematisch zu
entwickeln.
Die Rolle der Lehrkräfte ist dabei entscheidend: Sie müssen gezielt Hörverständnisstrategien
vermitteln, passende Hörmaterialien auswählen und den Lernprozess durch strukturierte
Aufgabenstellungen begleiten. Nur so können Lernende schrittweise Sicherheit im Umgang mit
gesprochenem Deutsch gewinnen und ihre mündliche Kommunikationsfähigkeit verbessern.
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LITERATUR
• Brünner, G. (2004). Hörverstehen im Fremdsprachenunterricht: Eine Untersuchung zur
Entwicklung und Förderung rezeptiver Fertigkeiten. Peter Lang.
• Funk, H., Koenig, E., & Leupold, E. (Hrsg.). (2020). Methodik und Didaktik Deutsch als
Fremd- und Zweitsprache (3. Aufl.). UTB.
• Grießhaber, W. (2010). Sprachverstehen im DaF-Unterricht: Strategien, Aufgaben,
Diagnostik. In H. Funk & M. König (Hrsg.), Handbuch Fremdsprachendidaktik (pp. 87–94).
Klett.
• Kühn, B. (2000). Hörverstehen im Unterricht Deutsch als Fremdsprache. Langenscheidt.
• Lehner, C. (2020). Hörverstehen trainieren: Materialien und Strategien für Deutsch als
Fremdsprache. Klett.
• Müller-Hartmann, A., & Schocker-von Ditfurth, M. (2021). Fremdsprachen lehren und lernen
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• Schmitz, H. (2013). Digitale Hörverstehenstools im DaF-Unterricht: Ein Überblick.
Zeitschrift für Interkulturellen Fremdsprachenunterricht, 18(2). https://zif.tujournals.ulb.tu-
darmstadt.de/index.php/zif/article/view/823
• Siebert-Ott, G. (2001). Hörverstehen im Fremdsprachenunterricht: Grundlagen –
Überlegungen – Vorschläge. Narr Francke Attempto.
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