05 - Ein Hauch Von Untergang
05 - Ein Hauch Von Untergang
Redaktion
Elias Moussa
Autoren
Muna Bering, Franz Janson, Michael Masberg,
Albin Rentenberger, Chewie Unteregger, Stefan Unteregger,
Eike Wendland und Anton Weste
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SPIELE
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Impressum
Umschlaggestaltung, Graphische Konzeption und Satz
RalfBerszuck
Produktion
Mario Truant
Lektorat
Gero Ebling, Chris Gosse, Vii Lindner
Boxredaktion
Vii Lindner
Gesamtredaktion
Thomas Römer
ISBN 978-3-940424-69-3
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Inhalt
Im Her~en Blems
9
,Mulugtn
2B
Der Unsterbliche
BB
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-elegische Preisung des tlun-Horus
non Stefun Unteregger
Dein war der Sieg, wo immer des Reiches Legionen auch kämpften :
Schnell lag der Gegner im Staub, Sklave zu sein, war sein Los.
Selbst seine Götter entrissest Du, Horas, den steinernen Hallen,
Führtest sie heim im Triumph, machtlos in Ketten gelegt.
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Sitten aus uralter Zeit, Gebräuche der magischen Künste,
Treu nach der Götter Gebot, formtest Du ehern zu Recht.
Ordnetest Handel und Handwerk, gewährtest auch Schutz und Gedeihen,
Dass jede fleißige Hand mehrte den Reichtum des Reichs.
Bosparans Jugend, sie suhlt sich im Schlamm mit Schweinen und Affen,
Nun, da die strafende Hand züchtigend nicht mehr sie trifft.
Ordnung und Recht sind verloren, der Künste Schaffen vergangen,
Goldene Mauern von einst bröckeln zu stinkendem Staub.
Höre mein Fleh'n, 0 Horas, und lasse Dein Reich nicht zerfallen!
Kehre als Herrscher zurück von Deinem Throne im Licht.
Bringe die Ordnung, die Furcht, die Dein Name so trefflich verbreitet
Gleich einem flammenden Schwert zu Deinen Völkern zurück!
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Im Herzen Blems
"Don JVlunu "BeTing
Cuslicum, 2. Tag der Nona Quatra des Serens im Jahr 1285 nach Horas' Erscheinen
( ... ) Den Hohen Mächten sei Dank, Domina Lucia hat uns angeheuert!
Aber wie hätte die ehrenwerte Comita sich auch gegen uns entscheiden kön-
nen, nachdem ich ihr in derart überzeugenden Worten sowohl die meinigen
als auch die vielen Qualitäten meiner Gefährten geschildert hatte? ( ... ) mei-
ne durchaus nennenswerte Heilkunst und Ethanas astrale Kräfte, nicht zu
vergessen Gerissenheit und Heimlichkeit, beides trefflich vereint in unserem
stillen Pavos. Und dazu Ftaihif und Nime, die noch im Halbschlaf todbrin-
gend mit ihren Klingen umzugehen wissen ( ... ).
Elem, 4. Tag der Nona Secunda des Dilucens im Jahr 1286 nach Horas' Erscheinen
( .. . ) wir sind in die Falle gegangen! Hätten wir diesem Schurken Achnan
doch nur mehr Arg entgegengebracht! Ftaihifhatte von Anfang an Recht.
Folgendes hat sich ereignet seit meinem letzten Eintrag: Trotz intensiver
Suche blieb Domina Lucia, die wir über den Sinus ascionis, das Mare me-
ridianum und das Mare elemi um bis in den hiesigen Hafen begleitet hat-
ten, verschwunden . Nachfragen bei ihren elemitischen Handelspartnern
brachten uns nichts als dreiste Lügen und sogar Drohungen ein. Selbst die
Besatzung ( ... )
Inmitten dieser Wirren - genauer: vor einer halben None - geschah es
dann, dass ein gewisser Nezahet al-Achnan uns in seinen Palast einlud. Ach-
nan erwies sich als kleiner, runder, glatzköpfiger Mann, edel gewandet, mit
dürren Armen und Beinen und wässrigen Augen. Er hätte uns ein Geschäft
vorzuschlagen - wie er auf uns aufmerksam geworden sei, täte nichts zur
Sache. Ob wir etwas für ihn entwenden könnten, eine Sammlung wertvoller
Pergamente? Als Gegenleistung würde er uns mit Mitteln und Beziehungen
ausstatten, die uns die Heimreise ermöglichen würden.
Da nach Comita Lucias Verschwinden die Frage unserer Heimfahrt tat-
sächlich unsere drückendste Sorge war, gingen wir auf den Handel ein. Al-
lein Ftaihif äußerte Bedenken ( ... )
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( ... ) Der Einbruch in das prunkvolle Anwesen des fremden Kophta, ei-
nes dieser e1emischen Magier, erwies sich, unseren Erwartungen gemäß, als
schwierig. Der Weg bis in die Schatzkammer ( ... ) mit gefährlichen Fallen.
Lebende Steinstatuen und grässliche Wachdaimoniden stellten sich uns in
den Weg ( ... ) doch trotz dieses finstersten Zauberwerks erfolgreich. Ehe wir
unsere Beute aushändigten, warfEthana einen Blick in die vergilbten Perga-
mente und zeigte sich darob verstört; die Schrift offenbare Einblicke in die
astralen Künste mächtiger Kophtanim. Krude kristallomantische Praktiken
würden darin beschrieben, die Macht des Blutes beschworen, fremdartigen
Wesenheiten gehuldigt - mit einem gleichermaßen ehrgeizigen wie in mei-
nen Augen widerwärtigen Ziel: der Erschaffung von Mischwesen, Chimären!
- die lebenden Totgeburten Calinarius', des irrsinnigen Bruders der ewigen
Mutter Tzaia! ( ... )
( ... ) nahmen die Einladung an. Das Essen erwies sich als Festmahl,
köstlich und im wahrsten Wortsinn berauschend. Als wir wieder zu uns
kamen, in diesen Gemächern, die Achnan uns als Gefängnis auserkoren
hat, - auf weichen Lagern, in Seide gekleidet -, war es bereits Morgen .
Unsere Schädel dröhnten. Man hatte uns unserer Klingen sowie Ethanas
Stab entledigt. Um Handgelenke und Hals der Maga waren schwere eiser-
ne Reife geschlagen.
Ftaihif tobte - und wer kann es ihm verdenken? Der ehemalige Gladiator,
der sich einst seine Freiheit erkämpfte, wütete wie ein gewaltiges Tier, brül-
lend, die dicken Muskeln zum Zerreißen gespannt ( ... )
( ... ) und Achnan, in Begleitung zweier Leibwächter - da war Ftaihif, Mut-
ter Tzaia sei Dank, noch benommen. Ethana, Nime, Pavos und ich äußerten
zornige Empörung und verlangten unsere sofortige Freilassung. Unser Ent-
führer jedoch zeigte sich ungerührt. Wir dürften uns bitte nicht als Gefangene
fühlen, sondern als seine Gäste. Im Übrigen wolle er uns zu unserer eigenen
Sicherheit noch eine kleine Weile bei sich wissen - denn jener, den wir be-
stohlen hätten, ließe bereits in der Stadt nach uns suchen. Des Weiteren sei
er selbst, Nezahet al-Achnan, höchst beeindruckt von unseren Fähigkeiten
und ( ... )
( ... ) Es mangelt uns an nichts. Sklaven bringen uns täglich Speisen, Wein
und Wasser. Zu unseren Gemächern gehören ein Badebecken und ein Rauch-
salon. Es ist uns sogar gestattet, uns innerhalb der Palastanlage frei zu bewe-
gen, allerdings nur in Begleitung von Wächtern - stumme Riesen, die uns
trotz ihrer beachtlichen Leibesmasse lautlos wie Schatten folgen.
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Ich schreibe diese Zeilen an einem Pult mit Blick aus einem schmalen
Fenster. Wir sind in einem Turm untergebracht, und unter mir erstreckt
sich Achnans kolossales Anwesen - labyrinthisch verschachtelte Gebäu-
de, dazwischen grüne Gärten -, flirrend und strahlend in feuchter Hit-
ze. Und weit dahinter, uns umschließend, hinter Außenmauern, die selbst
unser findiger Pavos noch nicht hat ausmachen können, blendet das Herz
dieser verderbten Stadt: prunkvolle Tempel, goldene Zikkurate, silberne
Kuppeln, lilienweiße Villen, das alles funkelnd von Glas und Edelsteinen
und träge umflossen vom grüngelben Band des Szinto. Mich schaudert,
wenn ( ... ) denn über dieser Pracht liegt eine gärende Dunstglocke aus
Schweiß und Fäulnis. Die filigranen Bogenbrücken biegen sich ( ... ), und
über marmorne Tempelschwellen rinnt dunkles Blut auf goldene Pflaster-
steine ( ... )
( ... ) in der Ferne, am Ende von Szinto und Götzenstraße, weit hinter Elems
Hafen und dem dunklen, schmutzigen Ring der elenden Außenviertel ( ... ),
glitzert das Mare elemium unter einem klaren, unendlichen Himmel. Weiße
Punkte leuchten darin wie Irrlichter, angeblich die krötengestaltigen Herren
von Waiad auf ihren Unterwassergaleeren. ( ... )
Eiern, 7. Tag der Nona Secunda des Diiucens im Jahr 1286 nach Horas' Erscheinen
Achnan ließ mich rufen und führte mir einige kranke Sklaven vor, die zu
behandeln er mich bat. Empört fragte ich ihn ( ... ) er antwortete: "Weigert Ihr
Euch, werter Ciberius, dann sei es so. Mir schadet Ihr damit am wenigsten.
Sterben diese Tiere, kaufe ich mir neue. ( ... ) tut, um was ich Euch bitte, desto
rascher werdet Ihr in Eure Heimat segeln."
Später
( ... ) Nime und Ftaihif gebeten, ihre sinnlosen Handgemenge mit den Wa-
chen aufzugeben, ehe man sie noch in Ketten legt ( ... ) schimpfte mich ei-
nen verkopften Feigling, einen Schwächling. Er, Ftaihifibn Fajim al-Ankhra,
wolle mit einem räudigen Bastard wie Achnan gar nicht verhandeln, ganz
davon abgesehen ( ... )
Eiern, 8. Tag der Nona Secunda des Dilucens im Jahr 1286 nach Horas' Erscheinen
Ethana und ich sind heute auf einen Garten gestoßen, dessen wundersame
Schrecken mich noch immer zittern machen.
Ihr Mächte! Dass so etwas unter Eurem Antlitz wandeln darf!
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Anfangs spazierten wir arglos, deuchten uns in einem der zahllosen Gärten
des Palastes, obgleich dieser außerordentlich großzügig angelegt war. Leucht-
ende Blumenbänke fassten helle Kiessteinwege ein, Muskatbäume und Pal-
men spendeten tanzende Schatten. ( ... )
An einem von Hibiskus umwölkten Teich rasteten wir. Unsere Bewacher
verharrten in höflicher Distanz. ( . .. ) leises Lachen, die Wärme, der Blüten-
duft, das Spiel von Sonne und Wasser ... (darf ich es sagen?) beinah war mir
wohl, beinah friedlich zumute, trotz unserer misslichen Lage - bis Ethana
plötzlich zusammenfuhr und zitternd auf den Teich zu unseren Füßen deu-
tete. Und da sah ich es auch: In dessen ewigem Zwielicht schwebten schil-
lernde, purpurne Fische - Fische, die zitrusgelbe Federschweife hinter sich
herzogen und aus deren Flanken Flügel sprossen. Zwischen ihren glotzen-
den Fischaugen öffneten und schlossen sich unentwegt goldene Schnäbel.
( ... ) als habe sich ein Schleier von meinen Augen gehoben: Die milchi-
gen, das Grün des Teichs sprenkelnden Seerosen wuchsen aus den Rücken
zarthäutiger, lichtblauer Frösche. Durch die Lüfte taumelten glühend bunte
Kreaturen, halb Orchidee, halb Falter. Zwischen den hellroten Schmetter-
lingsblüten eines Korallenbaums lugte schnatternd das gesprenkelte Pelzge-
sicht einer Echse hervor.
( . .. ) wie im Traum, bis zum Abend. ( .. . ) im Halbschatten trippelten
Schwäne auf anmutigen Gazellenbeinen, gewundene Hörner entsprossen
ihren Häuptern. Hinter Silberstäben unter Purpurfarnen lauerte ein m e-
liertes Ross mit Bernsteinaugen und Reißzähnen ( . . . ). In einer tiefen Gru-
be döste ein riesiges, borstiges Krokodil, das entsetzliche Maul mit Dornen
gespickt. ( ... ) im verblassenden Licht wimmelten ekle Mischwesen aus
Ratte und Skorpion hervor, und faustgroße Spinnen mit ledernen Schwin-
gen ergossen sich in die Dämmerung, in der sie schmatzend nach Insekten
schnappten. ( ... ) Oh Herrin Tzaia, diese Stadt kennt kein Maß mehr, sie
schaffen Unleben nicht mal aus einem bestimmten Ziel heraus, sie tun es
nur, weil sie es können!
( ... ) ein Grauen, welch ein Wahnsinn! Nezahet al-Achnans "Kunst" ist
schreiender Frevel wider die göttliche Ordnung Mutter Tzaias und ihres
milden Sohnes Bezorus! Und doch, diese unwirklichen Geschöpfe - halb
Traum, halb Albdruck, wie aus Märchen, wie aus fiebrigem Wahn und ( . .. )
( ... ) mir zittern die Finger beim Anblick des nächtlichen Elems dort
drunten, wenn ich mit kaltem Grauen denke daran, dass Achnans Chi-
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märengarten lange, lange nicht der einzige in dieser Stadt ist! ( .. . ) krau-
chen, krabbeln und gleiten gerade jetzt, da ich hier sitze und schreibe,
keckernd, wispernd, schabend, fauchend, ungezählt, durch die drückende
Finsternis? ( ... )
( . .. ) die wirre Vorstellung bemächtigt sich meiner, ein Sphärenriss klaffe
durch EIern; dieser goldene Moloch sei auf unvorstellbare Art der Wirklich-
keit entrückt und ich selbst schon nicht mehr Teil der wachen Welt, nach der
ich mich sehne.
Eiern, 9. Tag der Nona Secunda des Dilucens im Jahr 1286 nach Horas' Erscheinen
Ich bin davon überzeugt, dass Achnan uns Rauschmittel verabreicht. Diese
zunehmende, nervöse Gier, mit der wir mittlerweile der nächsten Mahlzeit
entgegenfiebern, kann kein gewöhnlicher Hunger oder Durst sein, und diese
lähmende, zuweilen gar euphorische Trägheit, die sich nach jeder Speisung
einstellt, ist sehr viel mehr als satte Müdigkeit. Dazu die Kopfschmerzen,
Sinnestrübungen und wirren Träume. Letzte Nacht war mir, als liege ich
über und über bedeckt mit jenen grässlichen geflügelten Spinnen. Ichfühlte
ihre haarigen Beine auf meiner Haut, härte ihre harten Körper sich wispernd
aneinander reiben ( ... )
Wir fasten seit gestern - werden dies aber nicht lange tun müssen: Pavos
hat endlich einen Weg bis an eine Außenmauer gefunden! Ftaihif und Nime
schmieden Fluchtpläne ( ... ).
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Eiern, Messisa 1286 nach Horas' Erscheinen
Es ist spät. Am schwarzen Himmel hängt die nächtliche Sichel. Ich komme
nicht zur Ruhe, weil Nime wieder rastlos schläft, versunken in wirren, rausch-
haften Träumen und den Abgründen ihrer Seele. Sie lässt sich nicht wecken.
Neben ihrem Bett fand ich einen Becher, in dem noch ein Rest jenes milchigen,
nach Lakritze duftenden Saftes klebte, den sie trinkt, seit sie für Achnan arbeitet
-seit sie in manchen Nächten an der Spitze einiger Söldner in der Stadt Jagd auf
"Material" für Achnans chimärologische Experimente macht - Ob er sie zwingt
oder ob sie nur endlich wieder eine Klinge führen wollte, vermag ich nicht zu
sagen ( ... ) kaum noch, weicht uns aus - aus Scham? Aus Verachtung?
"Im Nest werden wir immer fündig, Fadim", höre ich sie nebenan murmeln,
seufzen, wimmern. "Dieses ekle Gewirr- faulige Hütten, Sumpflöcher, finst-
re Tunnel, kalte Augen starren reglos aus Dunkelheit! ... schuppige Glieder
verschwinden rasselnd in den Schatten, horch! ein Schnappen, ein Knacken
... kommt näher - wer hier verloren geht, wird nie mehr gesucht. - Fadim!
Der Junge dort ist unser Köder ( .. . ) Maden und Schimmel auf seinem aufge-
blähten Leib ... er atmet noch ... im fragenden Blick das leuchtende Spiegel-
bild der fernen inneren Stadt - Fadim, der Maru! Rasch, das Netz!"
Sie fangen ihre Opfer lebend. Echsen, auch Menschen. Sie bringen sie in
die Gewölbe tief unter ( ... )
Meine Gedanken verwirren sich ( . .. )
14
Elem, 1286 nach Horas
Nime ist tot. Schrieb ich das bereits? Eines Morgens trieb sie im kalten Ba-
debecken, umflort von ihrem blonden Haar, ein Lächeln und den Duft von
Lakritz auf den Lippen -
Ihr Tod rüttelte Ethana und mich für eine kurze Weile auf, erinnere ich
mich. Wir verweigerten Speisen, Wasser, Rauschkraut ( .. . ) tranken unseren
Urin, und ich stahl meinen Kranken Essen. Ethana nahm Organe von Op-
fertieren, die wir, würgend, roh verschlangen. Einmal brachte sie auch ein
Messer ( ... )
( ... ) längst wieder aufgegeben. Ich ertrage es nicht mehr, wach zu sein!
( ... ) Hilflosigkeit, Scham und eine endlose Sehnsucht nach Freiheit, Heimat
und meinen toten Gefährten. Allein der Rausch befreit mich von dieser Qual,
schenkt mir Frieden ( ... )
Morgen Abend findet hier im Palast ein Fest statt. Achnan brachte uns vorhin
edle Kleider und teilte uns mit, dass wir als seine "Ehrengäste" daran teilneh-
men würden.
o ihr Götter, was ist gestern Nacht - war es gestern Nacht? vorgestern Nacht? -
geschehen?! Was ist Ethana zugestoßen, dass sie so -?
Ich en'nnere mich nicht! Mein pochender Schädel offenbart nichts als einen
verschwommenen Bilderreigen ( ... )
Zu Beginn der Feier waren wir noch zusammen. Unsicher wie Kinder irr-
ten wir durch die gedrängt belebten Festsäle. Zuckende Flammen spiegelten
sich tausendfach auf Marmor, Mohagoni und Silber, in Glas und Wasser-
fontänen. Verschleierte Körper wirbelten zu kraftvoller Musik durch süße,
schwere Rauchschwaden. ( . .. ) auch Geschuppte unter den Gästen: Achaz,
krötengesichtige Krakonier und zu meinem Entsetzen sogar eine Wüt-Echse!
( ... ) aromatisch gewürzte Fleisch- und Fischgerichte, zu denen feingliedrige
Sklavinnen und Sklaven Wein, Obst und kandierte Blütenblätter reichten.
Eine Gruppe Krakonier vergnügte sich unter Palmwedeln in einem großen,
runden Wasserbecken - (der schatten einer erinnerung: eine der kröten zieht
einen zappelnden sklavenjungen wollüstig zu sich und - 0 Götter, nein! Nein!)
Wann habe ich Ethana verloren?
Einmal unterhielt ich mich länger mit einem anderen Gast, das weiß ich
noch, einem Kophta mit Namen Khaiz. Er stellte mir starr lächelnd viele
wirre Fragen und bot mir von seiner Wasserpfeife an . Ich bin mir sicher, dass
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Ethana zu diesem Zeitpunkt nicht mehr bei mir war. Und danach - ver-
schwimmt alles endgültig. Was bleibt, sind verstörende Fragmente unaus-
sprechlicher Obszönitäten, von denen ich weder sagen kann noch will, was
Wirklichkeit und was Halluzination war-
- wogende verschlungene keuchende körper wo immer die berauschenden
schwaden sich lüften ein marus wühlt sich wohlig durch dutzende leiber zerrisse-
ner sklaven wesen halb krebs halb mensch krabbeln sirrend wände hoch vor einer
monströsen fangarmigen götzenstatue fließt opferblut in (. .. ) ekstatischer chor
ssrzzt'ku! ssrzzt'ku! gal'k'zuul! dahinter unentwegt murmeln wispern wie leise
brandung sz'yss'ssar tochter h'szints sohn amazeroths verschleierte (. .. ) wird euch
gefallen ciberius kommt das becken der krakonier ist rot geforbt sie drängen sich
alle um etwas in ihrer mitte ein bereifter arm greift ins leere schreie -
Nein, nicht mehr, bitte nicht mehr. Ich will mich nicht erinnern
Später
Ihr Zustand ist unverändert. Nackt kauert sie auf ihrem Lager, stumm, ihr
Blick der einer Toten. Rücken, Hals und Schenkel sind zerkratzt, vielleicht
zerbissen. ( ... ) nicht an sie heran, um sie zu versorgen. Sie gebärdet sich wie
toll, wenn ich mich ihr nähere.
Ich habe selbst einige Blessuren mitgenommen, wie es scheint. Nichts Erns-
tes: Druckstellen, mehrere kleine ( . .. ) warum Blut unter meinen Fingernä-
geln klebt-
Mein Kopf dröhnt.
Ich würde morden für eine Prise Cheriacha.
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Gal'k'zuul! Lob as'Sefalothl Ssrzzt'ku, Ssrzzt'ku!
Ich sah sie! Ich sah SIE! Schnappend und stampfend entstieg die Gepanzerte
Schnitterin, Stieläugige Zerteilerin Des Lebenden Fleisches, den flackern-
den Schatten und dem dampfendem Blut unzähliger Opferkehlen. Achnan
erwartete SIE aufrecht, mit ausgebreiteten Armen, IHR mit kreischendem
Singsang huldigend ( ... ). Ssrzzt'ku, h'tkar! H'tkar! ( ... ) mit IHRER Macht
brachte er endlich seine jüngste, seine grässlichste Kreatur hervor, die
der unterleib eines riesigen marus mit peitschendem schwanz -
als sie sich aus dem Dunkel schälte
aus dessen seiten lange, trommelnde krabben beine sprießen -
mir einen würgenden Schrei des Entsetzens entlockte
der rumpf aber -
( ... ) brennende Blicke flogen herauf zu mir, taumelnd ließ ich die Ba-
lustrade ( ... )
der horngepanzerte rumpf aber, dem außer zwei muskulösen menschlichen ar-
men auch schartige scherenhände entwachsen - und der kopfl das gesicht! - sind
die eines Menschen - eines Mannes - Ftaihifs/ -
Achnans dröhnendes Lachen begleitete meine panische Flucht.
WARUM dulden Mutter Tzaia, Berzorus und alle Hohen Mächte, dass
solch frevlerische Unsagbarkeiten hier auf Dere geschehen?! WIE KANN
ES SEIN, dass dieser Palast, diese Brutstätte des schwärzesten Bösen, diese
ganze verderbte Stadt ( ... )
Sind sie so schwach?
Der wütende Stier holte mit seinen gewaltigen Hörnern aus, bereit zum Stoß.
Im letzten Augenblick gelang es Nargazz Blutfaust, sich rechtzeitig auf die
Seite zu werfen, um nicht auf blutige Weise aufgespießt zu werden. Trotz
seiner schweren Rüstung erhob sich der oberste Orkhäuptling behände vom
Boden und fletschte seine Hauer. Das rote Monstrum senkte sein Haupt ein
weiteres Mal, scharrte mit den Hufen und schnaubte wütend.
Von seinem sicheren Versteck aus beobachtete Kheharrai Takai, aufstrebender
Tairach-Schamane der Ghorinchai, wie sein Häuptling seinen wohl größten
Kampf ausfocht. Der mysteriöse Stier war wie ein roter Blitz aus dem knorrigen
Wald herausgebrochen, wobei weder Baum noch Ork ihn aufhalten konnten.
Schnurstracks war er aufNargazz zugestürmt und hatte auf dem Weg mehrere
todesmutige Leibwächter, die sich der Gefahr stellen wollten, in den Erdboden
gestampft. Doch Blutfaust hatte nur eine Sekunde gezögert, bevor er die heilige
Keule Xarvlesh gezogen und sich der Herausforderung gestellt hatte. Wieder
und wieder waren die beiden Kontrahenten aufeinander geprallt, doch keinem
war es gelungen, einen entscheidenden Vorteil aus dem Zweikampf zu ziehen.
Takai und die anwesenden Orkkrieger standen wie kleine Kinder um das Ge-
schehen, die Augen vor Schrecken und Ehrfurcht weit geöffnet. Keiner wagte
in dieses Kräftemessen einzugreifen, denn sie spürten den Hauch des göttli-
chen Stieres - sie fühlten instinktiv, dass hier ein Kampf ausgefochten wurde,
dessen Tragweite weit jenseits ihres Horizonts zu erahnen war.
Nargazz Blutfaust tänzelte nun vor dem riesenhaften Stier herum, wobei er
seine Keule immer wieder spielerisch hin- und herschwang. Takai spürte die
viel gerühmte Kampfeslust seines Herrn und wusste um seine Gefährlich-
keit in diesem Zustand. Der Blutdurst, der den einzelnen Orkkrieger aus der
Steppe bis an die Spitze des größten aller Heere geführt hatte, war endgültig
wieder erwacht.
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Urplötzlich stürmte der Stier los, doch anstatt dem Tier diesmal auszuwei-
chen, setzte Nargazz seinerseits zu einem Sturmlauf an. Die Zeit schien still
zu stehen, als der Orkkrieger sich vom Boden abstieß, Xarvlesh zum Hieb
erhoben. Takai hielt den Atem an. Tairachs heilige Keule, die Nargazz unter
großen Schmerzen errungen hatte, blitzte im Mondlicht kurz auf und prallte
mit einem Krachen auf das Haupt des Stiers.
Die Erde bebte, Takai wurde von einem rötlichen Blitz geblendet und warf
sich ehrfürchtig zu Boden. Als er nach Augenblicken der Furcht den Blick vor-
sichtig wieder hob, sah er seinen Häuptling aufrecht und stolz vor dem liegen-
den Stier stehen. Schwach hob sich der Brustkorb des Tiers, der Schädel war
von einer gewaltigen Wunde gezeichnet. Doch es war noch am Leben! Mit
letzter Kraft versuchte der Stier sich noch einmal auf die Beine zu stellen, nur
um sofort wieder nach vorne einzusacken. Takai konnte sich des Eindrucks
nicht erwehren, dass dieser Stier, das heilige Tier des Brazoragh seine Demut
vor Nargazz der Blutfaust bekunden wollte. Eine seltsame Stille breitete sich
aus, die erwartungsschwangere Luft erschwerte Takai das Atmen. Er spürte-
ja er wusste, die nächsten Momente würden allesentscheidend sein.
Nargazz Blutfaust, oberster Heerführer der Orks, hob seine rechte, gepan-
zerte Faust gen Himmel und schmetterte seinem Feind einen Triumphschrei
entgegen. Doch anstatt die Niederlage seines Gegners zu akzeptieren und
den Triumph auszukosten, ließ er seine Faust herabsausen, immer und im-
mer wieder. Der Blutdurst des Herrn der Orks kannte keine Grenzen.
Die Bewegungen des Stiers erlahmten und als Nargazz schließlich nur noch
aufKnachenstücke einschlug, wo sich einst der Schädel des Stiers befand, da
war jegliches Leben aus dem Leib des Tiers gewichen. Er hatte den Kampf
gegen den Gesandten des wilden Brazoragh gewonnen! Trotzdem sträubte
sich etwas in Takai, sich dem Siegesschrei seines Häuptlings anzuschließen
und auch die umstehenden Okwach zeigten sich verunsichert. Der spürbare
göttliche Hauch der das blutige Duell begleitet hatte, war verschwunden und
hinterließ eine enttäuschende Leere.
»Ich habe gesiegt! Ich bin der Krieger Brazoraghs, Herr des Krieges! Ich
bin der Streiter Tairachs, Herrscher des Todes! Ich bin der Aikar Brazoragh,
Gottgesandter!« brüllte Nargazz herausfordernd in die Nacht hinein und
nun endlich fielen seine Krieger in seinen Siegestaumel mit ein, dem sich
auch Takai nicht entziehen konnte.
Gerade wollte er sich der feiernden Horde anschließen, als sein Blick auf
die einsame Gestalt auf einer nahen Hügelkuppe fiel: Assai Riak Burchai,
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der oberste Tairach-Schamane und Mentor Nargazz'. Takai konnte seinen
Gesichtsausdruck auf die Distanz zwar nicht erkennen, doch als sich die Ge-
stalt plötzlich abwandte und in die Nacht verschwand, erahnte Takai, dass
der machtvollste Schamane mit seinem Zögling nicht zufrieden war. Takai
schauderte.
Die kalten Gemäuer des Tempels der Glatthäute warfen das Gegrunze der
feiernden Orkkrieger dumpf zurück. Dort wo früher die schwächlichen Men-
schen sich vor ihren Götzen im Staub wälzten, wurden nun Hammel über
Feuern gebraten; einige der Ghorinchai-Krieger saßen auf der zerborstenen
Statue eines einst prachtvollen Raben während sie dem erbeuteten Gebraut-
en ausgiebig zusprachen und die Gefangenen marterten, deren Schreie selbst
in den Ruinen der Häuser außerhalb zu hören sein mussten.
Die Stadt des Glatthaut-Häuptlings war gefallen, seine Krieger getötet oder
gefangen, ihre Häuser geplündert und ihre Bewohner versklavt. Ein weiterer
großartiger Sieg.
Kheharrai Takai lächelte, als er den Dolch aus dem leblosen Körper der
unseligen Glatthaut zog, die er als Opfergabe für den blutsaufenden Geister-
häuptling auserkoren hatte. Die Stadt der Menschlinge war keine Heraus-
forderung für den obersten Herrn der Orks und seine Khurkach gewesen,
ganz zu schweigen von ihrem lächerlichen Anführer, dessen aufgespießter,
blutverschmierter Kopf am Fuße des Thrones lag. Seinem Kopf würde nicht
die Ehre zu Teil werden, am Gürtel des Häuptlings der Häuptlinge zu bau-
meln, wo er die Gesellschaft der stärksten Feinde Nargazz' hätte genießen
können.
»Alles lief nach Plan«, gratulierte sich Takai, während er gedankenverloren
mit seinen blutigen Fingern über die Kupferscheibe um seinen Hals strich.
Seit er zum ersten Tairach-Priester des 'Köniks des Nortreisches' aufgestie-
gen war, hatten sie einen Sieg nach dem anderen errungen und nun lag nur
noch ihre Festung, die die Blankhäute Veratia nannten, zwischen ihnen und
dem endgültigen Triumph über die schwächlichen Glatthäute.
Takai hatte es weit gebracht, er war nun die rechte Hand des Aikar Bra-
zoragh, des Auserwählten der Götter! Kein anderer Tairachi wagte es mehr,
sich ihm in den Weg zu stellen - selbst der große Assai Riak Burchai war
keine Gefahr mehr, seit dieser den Kriegszug verlassen und ins Orkland zu-
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rückgekehrt war. Wie hatte Nargazz geflucht und gewütet und seinem eins-
tigen Lehrmeister alle Geisterkrieger und Blutdiener Tairachs an den Hals
gewünscht.
Takais schmieriges Lächeln erstarb auf seinen Lippen und mit ihm die Lau-
te der feiernden Okwach, als das Portal des Tempels sich geräuschvoll öffnete
und ein eiskalter Lufthauch die Nackenhaare des Tairachi zum Ersträuben
brachte. Eine einzelne gebückte Gestalt betrat die monumentale Halle. Un-
ruhiges Gemurmel breitete sich aus, als die Elitekrieger den Buckligen mit
dem aschgrauen Pelz erkannten.
»Assai . . . « zischte Takai und spie auf den Boden aus, wie um einen widerli-
chen Geschmack im Mund loszuwerden.
Der ehemalige Lehrmeister Nargazz' und einstige oberste Tairach-Scha-
mane marschierte trotz seines Alters schnellen Schrittes auf den knöchernen
Thron des Aikars zu. Dieser erwartete seinen früheren Mentor scheinbar
gelassen, doch Takai entging nicht die Anspannung, die auf seinem Häupt-
ling lag. Seine Leibwächter, vier gigantische Minotauren, schienen die Un-
ruhe ihres Herrn und Meisters ebenfalls zu spüren, denn sie schnaubten den
Neuankömmling herausfordernd an und schabten mit ihren Hufen über den
Steinboden.
»Sei gegrüßt, Nargazz, den man die Blutfaust nennt! « unterbrach Assai
Riak Burchai die Gedankengänge seines Nachfolgers mit seiner tiefen Stim-
me. »Ich bin zurückgekehrt.«
Der Aikar Brazoragh musterte den greisen Schamanen von seinem Thron
herab, seine mächtige Keule Xarvlesh lag noch immer auf seinen Knien. Sei-
ne gewaltigen Muskeln spannten sich so, dass Takai glaubte, seine archaische
Rüstung würde jeden Moment zerreißen. Aber es waren weder Kraft, noch
Kampfeskunst, die Nargazz zum gefahrlichsten Ork Aventuriens machte.
Die Steppen der Schwarz pelze hatten in der Vergangenheit manch größeren
und geschickteren Krieger hervorgebracht. Es war sein Blick, der jeden an-
deren Ork inklusive Takai zum Erstarren brachte und in jedem vernünftigen
Geist das unmittelbare Bedürfnis weckte, sich im nächstbesten Erdloch zu
verkriechen. Eine derartige Grausamkeit, gepaart mit einem überbordenden
Ehrgeiz hatte Takai in noch keinen anderen Augen gelesen, als in denen des
Aikar Brazoragh. Und nun durchbohrte dieser sengende, hasserrullte Blick
seinen ehemaligen Mentor. Doch der graupelzige Schamane hielt dem Blick
mühelos stand, obwohl er seinem Gegenüber im Kampf nicht nur haushoch
unterlegen war, sondern dieser ihn auch gleich um zwei Köpfe überragte.
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»Du bist zurückgekehrt, das sehe ich«, antwortete Nargazz nach einer län-
geren, unangenehmen Pause und fast schien es, als hätte er bei dem Blickdu-
ell mit dem alten Ork den Kürzeren gezogen. »Was willst du?«
»Ich bin gekommen, um dich zu warnen. Du darfst diese Stadt der Blank-
häute nicht angreifen! « Ein Raunen ging durch die Okwach des Aikar Brazo-
ragh. Niemand wagte es ungestraft, sich Nargazz Blutfaust zu widersetzen,
geschweige denn, ihm Befehle zu erteilen. Die Leichen derer, die es versucht
hatten, lagen verstreut und grausam verstümmelt in der ganzen staubigen
Steppe des Orklandes.
Mit einem gewaltigen Satz sprang Nargazz abrupt auf, sodass sein Thron
nach hinten umstürzte und die angeketteten Sklavinnen gleich mitriss. Nur
wenige Finger vor dem Gesicht des Schamanen hielt er inne und blickte be-
drohlich auf sein Gegenüber herab.
»Ich bin der Aikar Brazoragh. Ich befehle. Du dienst!« Die letzten Worte
hatte er Assai entgegen gebrüllt. Noch nie hatte Takai den Häuptling so wü-
tend gesehen - und sein Gegenüber den nächsten Moment überleben ...
»Das bist du nicht«, antwortete der alte Ork in einem fast versöhnlichen Ton.
»Und du weißt es. Du hast viel erreicht. Unsere Schamanen werden noch in
Jahrhunderten ihren Schülern und Sippen von deinen Taten berichten. Sei
damit zufrieden.« Und mit einem knurrenden, bedrohlichen Unterton fügte
Assai hinzu: »Aber führst du deine Krieger jetzt weiter, dann schwächst du
auflange Jahre unser Volk.«
Die Anspannung im Tempel schien fast körperlich greifbar zu sein. Für
einen kurzen Moment glaubte Takai, Nargazz Blutfaust würde sich umdre-
hen und den Befehl geben, zurück nach Norden zu ziehen. In seinen Augen
loderte kurz etwas Neues auf: Verunsicherung?
»Du bist nicht der Aikar Brazoragh«, fügte Assai sanfter hinzu und wollte
seine Hand auf die Schulter des Häuptlings aller Stämme legen, die aufmun-
ternde Geste eines alten Meisters zu seinem begriffsstutzigen Schüler.
Damit hatte er sein Schicksal besiegelt. Blitzschnell packte Nargazz den
graupelzigen Ork, seine kräftigen Finger schlossen sich um seinen Schädel.
Dann hob er ihn mit einer Leichtigkeit in die Höhe, die Takai vor Ehrfurcht
erstarren ließ und Assai wie ein Orkjunges in den Händen eines Ogers er-
scheinen ließ.
»Ich habe den roten Stier besiegt. Ich habe die Geisterwelten bereist. Ich
habe Xarvlesh, den Fleischreißer, errungen und in göttliches Blut getaucht.
Ich habe hinterhältige Spitzohren, widerwärtige Zwerge und schwächliche
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Blankhäute in jeder Schlacht besiegt und unterworfen. Glaubt noch jemand
hier, ich sei nicht der Auserwählte?« brüllte Nargazz herausfordernd in die
Runde. Stille. Keiner der anwesenden Orkkrieger schien in diesem Moment
auch nur den Mut aufzubringen zu atmen. Nur das schmerzerfüllte Stöhnen
des Schamanen war zu hören.
»Ich werde die Glatthäute vernichten! Ich werde unser Volk zum Sieg füh-
ren! Ich werde herrschen!« setzte Nargazz triumphierend nach und während
er sprach, ertönte ein widerliches Knirschen. Der gewaltige Krieger hatte mit
seinem Daumen die Stirn des alten Orks durchstoßen und wurde mit einem
Schwall austretenden Blutes dafür belohnt. Unter dem tosenden Beifall und
Gejohle seiner Ghorinchai warf er den erschlaffenden Körper Assais achtlos
zur Seite, leckte sich genüsslich seine blutüberströmte Hand ab und stapfte
schwer atmend auf seinen Thron zu, den einige Krieger hastig wieder auf-
stellten. Er wollte sich gerade setzen - da erstarrte er mitten in seiner Bewe-
gung.
Assai Riak Burchai stand aufrecht vor dem Orkkönig, ein rundes Loch in
seiner Stirn, aus dem sich noch immer Blut wie aus einer unermüdlichen
Quelle über das Gesicht des Schamanen ergoss. Seine Augen waren gen
Himmel verdreht, nur die weißen Augäpfel starrten in Richtung des Throns.
Sofort verstummten die Okwach. Eine gespenstische Stille breitete sich im
ehemaligen Tempel aus.
»Höre, Nargazz Blutfaust! « erschallte hohl die Stimme Assais. »Dies ist das
Ende deiner Herrschaft. Jahrhunderte werden wir wegen deiner Gier und
deinem Stolz nun auf den Gottgesandten warten müssen! Dein Tod wird
elend und qualvoll sein. Ai Kattach, Nargazz! «
Danach drehte sich der Tairachschamane um und verließ mit langsamen
Schrittes den Tempel. Niemand wagte es, ihm den Weg zu versperren.
Und als Takai zu seinem Häuptling aufblickte da, entdeckte er etwas völlig
Neues in dessen Augen; etwas, womit er nie gerechnet hätte: A n g s t.
24
JY1alugin
uon )'Yltchuel)'Ylusberg
mit l)Qnk Qn Simone Gründken, 1?mnzJQnson,
ElliQS ~OUSSQ und l)Qniel Simon "RtchteT
Unzählige Mosaiksteine, einige von ihnen Splitter von Spiegeln oder buntem
Glas, bildeten auf dem Boden des Gewölbes einen Stern, dessen acht Spitzen
jeweils auf eine kunstvoll gearbeitete Statue wiesen. Mit Waffen bewehrt und
Schmuck behangen standen dort die Heroen der Vergangenheit. Es wirkte, als
drückten sie sich dezent in ihre Nischen, um jenem Mann den ihm gebührenden
Raum zu geben, der nun in die Mitte des unterirdischen Rundsaales schritt. Er
trug Stab und Schwert als Zeichen seines Standes, das schöne Haupt schmückte
und schützte gleichermaßen eine mit Arkaniumplättchen besetzte Kappe, unter
der die dunklen Locken verschwanden, und um seine breite Brust legte sich in
geschmiedeten Bändern der Harnisch aus einer Endurium-Legierung. Darauf
ruhte, an mondsilberner Kette, ein faustgroßer, kunstvoll geschliffener Almadin.
Er war Malugin Kouramon, Centurio-Magus der Prätorianer-Garde, Er-
oberer Cuslicums - und mein Herr. Mehr noch als sein Legionär war ich sein
Schüler, von ihm in seiner Kunst ausgebildet. Und eines Tages würde ich sein
Erbe sein. So war es sein Wille und derjenige der Sterne.
Als sein Decurio-Adeptus wich ich nicht von seiner Seite, während die an-
deren Magi und Legionäre gebührenden Abstand hielten. Nur ein weiterer
hatte zu uns aufgeschlossen, ein großer, schlanker Mann mit bronzefarbe-
ner Haut. Er trug ein schlicht geschnittenes, rotes Gewand, aber das eigen-
tümlichste an ihm waren seine Augen. Sie hatten unterschiedliche Farben:
das eine grün wie Smaragd, das andere blau wie Saphir. Sein Name war Jal
Stenan. Er bezeichnete sich selbst als Verkünder der Drachen und war unser
wichtigster Verbündeter, den zersetzenden Verfall des Imperiums aufzuhal-
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ten, der seit der Dämonenschlacht vor den Toren Gareths und der darauf
folgenden Untätigkeit des Horas wie eine Seuche um sich griff.
Schließlich standen wir vor der ornamentverzierten Säule, die sich in der
Mitte des Sterns erhob. Über uns spannte sich eine Kuppeldecke, deren
Fresken in leuchtenden Farben Cuslicums Menschen im Bund mit allerlei
Echsen- und Schlangenkreaturen zeigten. Auf der Säule darunter ruhte ein
schwarz glänzender, völlig ebener Stein von 10 Fingern Durchmesser.
»Der Umbilicus«, sprach Jal Stenan. »Er wird das Zeichen unserer Herr-
schaft sein, Legat, und unserer Freundschaft. Bewahrt ihn, schützt ihn - und
gemeinsam werden wir eine neue, stärkere Ordnung schaffen.«
»Im Zeichen der Drachen«, flüsterte Malugin und strich fasziniert über die
dunkle Kugel.
Jal Stenans Augen funkelten im Schein meiner magischen Fackel wie Edel-
steine. Ich dachte an die Drachen, die sein Orden Malugin geschenkt hatte,
und warf dann einen Blick zu unseren Gefangenen, die in ihren grünen To-
gen bei der Marmortreppe kauerten.
»Wie verfahren wir mit den Schlangenpriestern, Centurio? «, fragte ich.
Malugin wandte sich den Wänden zu. »Sie lügen, wenn sie vorgeben, uns
die Wahrheit zu erzählen. Sie sprechen mit gespaltener Zunge. « Er sah zu Jal
Stenan. »Wir sollten sie ihnen rausreißen, was meint Ihr? «
Der Drachensprecher besah sich die Gefangenen mit seinen eigentümli-
chen Augen. »Schlangen sind minderwertige Wesen. Ihr Blut ist kalt. «
»Eine sinnige Bemerkung. Wir sollten ihnen das Blut erwärmen.« Malug-
in lachte und der tiefe Bass seiner Stimme brummte angenehm. »Madanus!
Kümmere dich darum, dass die Kriecher an die Drachen verfüttert werden.«
Ich nickte und ging zu den Hilfstruppen, um sie anzutreiben, den Wunsch
des Centurios auszuführen. Dabei fielen mir die bernsteinfarbenen Katzenau-
gen auf, die mich aus dem mondblassen Elfengesicht abschätzig musterten.
»Wenn einer den Befehl gehört hat, dann du, Spitzohr«, fuhr ich Nilaidin
an. »Stehe nicht herum, sondern führe ihn aus! «
»Es ist unnötig, sie zu töten«, sagte der Zauberweber mit singender Stimme.
Nervös blickte ich zum Centurio, ob er die Ungehorsamkeit gehört hatte, doch
Malugin war bereits wieder in ein Gespräch mit Jal Stenan vertieft. Ich schätzte
Nilaidin Finkenfarn für seine Fähigkeiten und die merkwürdige Distanz, mit der
er die Dinge betrachtete, doch mit Äußerungen wie diesen bewegte er sich auf
einem schmalen Grad. Ich würde ihn nicht schützen, sollte er Malugins Zorn
erregen. Nilaidin wusste dies, doch es schien ihn nicht zu kümmern.
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»Die Welt zerbricht und einzig die Starken können den Zerfall aufhalten«,
erklärte ich, was er längst wusste. »Bemerkenswerte Heroen wie der Centu-
rio-Magus werden bewahren, was von der alten Ordnung geblieben ist. Sie
sind unsere Leuchtfeuer in der Dunkelheit und werden uns in eine Zeit neu-
er Größe führen. « Nilaidin blieb ungerührt, weswegen ich hinzufügte: »Wir
können nicht zulassen, dass Aufrührer wie die Schlangenpriester unsere Be-
mühungen mit ihren Lügen zersetzen. Als Drachenopfer werden sie unsere
Sache stärken. «
»Daran glaubst du, Rosenohr? «
»Ja.«
»Ich glaube dir nicht.«
Mit diesen Worten ließ er mich stehen und half den anderen, die gefange-
nen Kultisten nach draußen zu führen, wo die nach den Kämpfen hungrigen
Drachen bereits warteten.
Getragen vom Westwind glitten die vier schlanken Drachenleiber auf ihren
blau schimmernden Schwingen über die Dächer Cuslicums. Garamkyrra,
das prächtige Weibchen, stieß einen schrillen Schrei aus, der alle Bürger wis-
sen ließ, dass der 'Legatus draconis', wie sie Malugin nannten, in der Stadt
weilte.
Er hatte in aller Frühe den Umbilicus-Tempel verlassen, der in den letzten
Monden zu seiner Residenz geworden war, um wie stets zu Madas Blüte über
Delinquenten zu richten und die rituellen Drachenfeuer zu entzünden. Vom
Balkon der Stadtfeste aus betrachtete Malugin den
Tanz der Drachen, während ich ihn darüber unterrichtete, was in den letz-
ten Tagen geschehen war.
»Die Baustelle des Umbracor-Tempels wurde abermals überfallen. Anhän-
ger des wimmelnden Shinxir, desertierte Legionäre, hatten sich zusammen-
gerottet.« Nicht alle waren bereit, den neuen Glauben an die Großen Dra-
chen anzunehmen.
»Haben wir gesiegt?«
»Selbstverständlich, Legat.«
»Sollte ihnen das nicht Zeichen genug sein, Madanus? Der wievielte An-
griff war dies in den letzten vier Monaten? Und jedes Mal haben sie verloren.
Die Macht der Drachen ist nicht zu brechen.« Malugin wandte sich zu mir
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um. »Allerdings werden sie lästig. Es wird Zeit, diese Käfer zu zerquetschen.
Haben wir Gefangene? « Ich nickte. »Ordne an, dass die Drachen ihre leben-
digen Leiber über der Stadt zerreißen und die Überreste herabregnen lassen
sollen.«
Wie zur Bestätigung schallte ein weiterer Drachenschrei über den Himmel.
Ich dachte an ein Gespräch mit Nilaidin, das ich vor kurzem geführt hatte.
Keine Gemeinschaft wird überdauern, die mit Blut genährt wird. Sie wird einen
Hunger entwickeln, der sie eines Tages sich selbst verschlingen lässt.
»Furcht«, sagte Malugin. »ist der Schlüssel zur Herrschaft. Gebe ihnen et-
was, das sie fürchten können. Dann beweise ihnen, dass du es beherrscht -
und du wirst sie beherrschen. Der Horas hat diese Maxime verstanden. Doch
er scheiterte an ihrer Ausführung. «
Mit Schaudern dachte ich an die Gerüchte aus Bosparan. Seit seiner Rück-
kehr von den Blutfeldern vor Gareth lebte der Horas zurückgezogen in ei-
nem Turm, ohne Speisen und Trank, und nur seine wahnsinnigen Schreie
zeugten davon, dass er noch am Leben war.
»Das Volk hat vergessen, ihn zu fürchten «, fuhr Malugin fort. »Seine Statt-
halter, Offiziere und Beamten haben vergessen, ihn zu fürchten. Und deswe-
gen zerfällt das Imperium. Wir aber, mein Freund, werden sie neue Furcht
lehren.«
Diese Worte überraschten mich. In den letzten drei Nonen hatte ich Ma-
lugin kaum gesehen, da mich die Aufgaben in Cuslicum beschäftigen und
er eine Reise zu unseren Verbündeten in Yaquiria Superior unternommen
hatte. Mit welchen Gedanken war er zurückgekehrt? Sein Gesicht war
noch das gleiche, edle, doch über seine Augen hatte sich ein fiebriger Glanz
gelegt.
»Ich werde dir etwas anvertrauen, Madanus. Die Tage von Fran-Horas sind
gezählt. Wir werden auf den Tag seiner letzten Reise vorbereitet sein. Ich
habe dies mit Jal Stenan besprochen.« Eine unheilvolle Ahnung befiel mich,
als der Name des Drachensprechers fiel. Seit der Eroberung Cuslicums war
sein Einfluss auf Malugin in einem Maß gewachsen, das mich mehr und
mehr beunruhigte. »Ich werde den Titel Draco-Horas tragen. «
Für einen Herzschlag war ich zu überrascht, um zu antworten. »Scheint
dir dies für meine Person nicht angemessen?«, hakte Malugin nach.
Ich fing mich und versicherte dem Legaten meine Treue, doch in mir über-
schlugen sich die Gedanken. Seit der Dämonenschlacht, deren unheilvollem
Ende wir entgangen waren, weil man uns in Bosparan die Wacht über des
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Horas Adoptivtochter Menkirdes anvertraut hatte, und dem Fluch, der über
den Horas gefallen war, wetzten die Usurpatoren im ganzen Reich ihre Mes-
ser. Doch in Malugin hatte ich nie einen von ihnen vermutet.
Ich ließ ihn mit seinen Träumen allein, um die Rebellen den hungrigen
Drachen vorzuwerfen. Als uns die Nachricht von der Schlacht vor Gareth
erreicht hatte, hatten wir, die letzten Prätorianer, uns geschworen, das Im-
perium zu bewahren. Unsere Treue galt Fran - dem Heliodan, dem Magus
maximus, dem Horas -, dem wir uns in Leben und Tod verschrieben hatten.
Malugin würde nach Rang und Macht der Erste unter uns. In Cuslicum rot-
teten wir den Widerstand aus und unterbanden die aufrührerischen Lehren
der Schlangenkultisten. Mit Hilfe unserer Verbündeten sollte den Yaquir auf-
wärts ein mächtiger Schutz für die Kernlande entstehen. Doch nun wurde
unser Werk zu einer Gefahr für das, was wir schützen wollten.
Aus dem Palast hinaus trat ich in das wärmende Licht der Herbstsonne.
Über mir kreischte Garamkyrra.
Ich wusste, was zu tun war.
Über ein Jahr war vergangen. Ich hatte Cuslicum verlassen und überlebt.
Doch damit war es nicht vorbei. Ich wusste nun, mit was ich es zu tun hatte.
Und mittlerweile wusste ich auch, wie es aufzuhalten war.
Mein Versuch, Jal Stenan zu töten, den Quell von Malugins Hybris, hätte
mich fast das Leben gekostet. Ich sah sein wahres Antlitz, das sich hinter
der Menschenmaske verbarg. Nur seinen grausamen Launen verdanke ich,
noch nicht tot zu sein. Er wollte, dass Malugin selbst über mich richtet - und
mein Legat ließ mich fallen. Man riss mir die Zunge heraus und warf mich
in den Kerker, um mich später den Drachen zum Fraß vorzuwerfen. So wäre
es auch geschehen, hätte nicht einer meiner Wächter mich befreit und wäre
mit mir zusammen geflohen.
»Dein Weg ist noch nicht zu Ende«, war Nilaidins einzige Erklärung gewesen.
Ich machte mich auf eine lange Reise, um mehr über meinen Feind zu er-
fahren. Weit jenseits der Grenzen des Imperiums suchte ich nach dem Wissen,
das der Nährboden meiner Rache werden sollte. Der Elf wich dabei nicht von
meiner Seite. Er lehrte mich, meine Gedanken mit anderen zu teilen, und
half mir, Verbündete zu finden. Jeder von ihnen war ein mächtiger Zauberer
und jeder hatte seinen Grund, gegen die Herrschaft Malugins vorzugehen.
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Keiner kannte jedoch meine Beweggründe. Ich war der 'stumme Legionär'
und mein Zustand alleine schien als Begründung ausreichend.
Nun hatten wir Sechs uns versammelt, um den entscheidenden Schlag
durchzuführen.
»Ich muss abermals anregen, den thalassokratischen Schiffen einen Angriff
auf Cuslicum zu ermöglichen, um Malugins Aufmerksamkeit und Kräfte zu
binden«, hauchte Aerelaos aus Hylpia einer alten Diskussion neues Leben
ein. Der würdevolle, alte Cyclopäer hatte viele Jahre Fran-Horas' Adoptiv-
tochter Menkirdes gedient und war ihr immer noch in Treue verbunden,
auch wenn Intrigen ihn vom Hof verbannt hatten.
»Bei Brajanos, ich denke nicht, dass wir uns eines Zöglings des Blutkai-
sers bedienen sollten, um den anderen auszurotten«, donnerte der massige
Occam aus den Nordmarken, den man auch 'Sonnenträger' nannte. Er war
der Bruder des gefallenen Praefecten Hhlthar von Gratia Lapis, unerschüt-
terlich im Glauben an den lebensspendenden Sonnengott Brajanos - und
wahrscheinlich einer der fcihigsten Elementaristen unserer Zeit, auch wenn
er eine eigentümliche Naturzauberei praktizierte.
Ehe ein handfester Streit ausbrach, nickte ich Nilaidin zu. Der Zaubersän-
ger erhob sich und brachte durch diese stille Geste die anderen zum Schwei-
gen. »Politik ist nicht Gegenstand dieser Stunde. Sie wird nicht von uns
entschieden. Dieser Zirkel fand sich zusammen, um sich einer Bedrohung
zu stellen, die größer ist als jede Frage nach der Rechtmäßigkeit einer Herr-
schaft. Ein Schrecken, der Zeiten entstammt, an die selbst wir fey uns kaum
noch erinnern.«
»Das Drachenkind«, wisperte Ern Barrat, der bleiche Geisterrufer aus
EIern, der sein Gesicht hinter einer vieläugigen Totenmaske verbarg. Selbst
bis in seine götterverlassene Heimat hatten uns unsere Reisen geführt, und
dort hatten wir einige der wichtigsten Antworten erhalten.
Wie ein Echo zischelte die Schlange, die sich um Syrdallahs Hals wand.
Die grünäugige Alhanierin - eine fremdartige Animistin mit unbändigen,
grauen Haaren und einem Umhang aus abgelegter Schlangenhaut -, vervoll-
ständige unseren Zirkel. Ihr Blut war so kalt wie das eines Reptils, ihr Blick
starrend, ihr Gesicht ohne jegliche Regung. »Wir werden uns das Haus Hes-
hinjas zurückholen.« Die Entschlossenheit ihrer Stimme ließ keinen Zweifel
daran, dass genau dies geschehen würde. Sie trieb einzig, den Frevel zu süh-
nen, den Malugin in ihren Augen begangen hatte, als er die Verehrung der
Schlangengöttin unterband.
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Ich schloss die Augen und konzentrierte mich auf den Zauber, den Nilaidin
mich gelehrt hatte. Still spürte ich meiner eigenen Melodie nach und erfand
Klänge und Töne für meine Verbündeten: ein geisterhaftes Summen für den
Kophtanim Ern Barrat, einen hypnotischen Singsang für Syrdallah, einen
kraftvollen Seelenklang für üccam, bedachte Töne für Aerelaos - und das
vertraute Lied meines Freundes Nilaidin, das von unseren Abenteuern er-
zählte. Dies alles verschmolz ich zu einem Lied, dem Lied unseres Zirkels.
Wir kennen den Feind, dachte ich und dachte es in den Köpfen aller. Ich
beschwor das Bild Jal Stenans, so wie er sich mir offenbart hatte. Wir kennen
sein Begehr. Die unmenschliche Gestalt wich einer schwarzen Kugel, dem
U mbilicus. Sorgen wir dafür, dass er ihn nicht länger haben kann.
Und dann reißen wir Jal Stenan jede Schuppe einzeln aus dem Leib.
62
Genuu nuch l?lun
uon Chewie und SteFun Unteregger
Der junge Amtsschreiber seufzte und bahnte sich einen Weg zwischen dem
Stand eines elemi tischen Seifenhändlers und einer Gruppe von wichtig, aber
nutzlos umherstehenden Scholaren hindurch. »Sehen wir lieber zu, dass wir
dem Befehl der Curatrix nachkommen!«, erklärte er so amtlich wie möglich.
»Wird besser sein, Herr!«, grinste der Sklave und schnupperte im Vorbei-
gehen an einem Lavendelbund. »Die hochedle Braidana versteht keinen
Spaß, oh nein! Angeblich hat sie auch gar keinen, wenn Ihr versteht, was
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ich meine ... « Tiro ignorierte das unverschämte Zwinkern, biss sich auf die
Zunge und nahm sich zum wiederholten Mal vor, in Erfahrung zu brin-
gen, wie das Procedere für die Züchtigung von aufsässigen Amtssklaven
aussah. Aber in einem hatte der unverschämte Kerl recht: Für besonderer
Leutseligkeit war Braidana Valeres in der Tat nicht bekannt, Schmeichelei-
en erregten ihren Zorn, und angeblich lehnte sie sogar die ganz üblichen
Bestechungen ab.
Das mulmige Gefühl in Tiros Bauch wurde stärker, je länger sie die bunt
glasierte Mauer der Isiz-Horas-Therme entlanggingen. Der Secretarius zupf-
te nervös an seiner schlichten, hellblauen Kappe, dann schritt er entschlossen
weiter auf das Südtor zu, an dem sich zwei tulamidisch aussehende Tagedie-
be gerade ein heftiges Wortgefecht mit den Torwachen lieferten und dabei
schon eine Menge interessierter Zuhörer angelockt hatten. Plötzlich fiel ihm
auf, dass er Flaccus an einen Kastanienhändler verloren hatte, der seine frisch
geröstete Ware mit lauter Stimme anpries. Fluchend machte Tiro kehrt, um
den Taugenichts am Ohr auf den rechten Weg zurückzuführen, und stieß
dabei fast mit einer Gestalt im grauen Kapuzenumhang zusammen, die sei-
ne gemurmelte Entschuldigung ignorierte und in einem Hauseingang ver-
schwand.
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das in den Mauern der Stadt aus gutem Grund nicht geduldet wurde. Ein
Drecksloch, wo ein Leben weniger zählte als in den Hallen des Horaspalas-
tes. »Bosparanien wachsen nicht im Mist!«, so sagte man in Anspielung auf
das Symbol der Horasstadt auf den Mänteln der Garde, die man hier nicht
einmal tagsüber zu sehen bekam.
»Das ist doch sinnlos, Flaccus! « Missmutig angelte Tiro in seiner Schüssel
nach einem winzigen Stückchen, von dem er hoffte, dass es sich um Speck
handelte. »Man kann einfach keine Karte von Haldurias anfertigen! Schon
gar nicht zu zweit. Ich frage mich ... « In dem verräucherten Schankraum der
Garküche tief im Straßen gewirr des Elendsviertels drängten sich Tagelöhner
an den niedrigen Tischen. In einer Ecke würfelten ein paar heruntergekom-
mene Gladiatoren. Die Ausdünstungen der Gäste zusammen mit dem Ge-
ruch dessen, was man hier als Eintopf verkaufte, waren derart abschreckend,
dass ein neuer Gast, dessen Gesicht unter einer grauen Kapuze verborgen
war, nur kurz den Kopf zur Tür hereinstreckte und dann sogleich wieder nach
draußen huschte. Der junge Beamte sah dem seltsam vertraut wirkenden Ka-
puzenmantel nach, aber das Schmatzen seines Begleiters lenkte ihn ab. »Die
Curatrix will's aber so, Herr! «, mampfte Flaccus. »Die Ordnung Bosparans
ist die Ordnung des Horas, und die Erstellung eines Stadtplans dient dem
Erhalt Seiner göttlichen Ordnung«, ahmte er Braidanas näselnden Tonfall
nach. »Und Ihr habt doch schon mit einer Liste der Häuser angefangen, das
ist ja mal besser als nichts. Werdet seh'n, Herr, in ein paar Wochen . .. «
Tiro verdrehte die Augen. Schon in ein paar Tagen würde er so mit Dreck
überzogen sein, dass Liora aus der Registratur ihn nicht einmal eines Blickes
würdigen würde- was zugegebenermaßen kein großer Unterschied zu bisher
wäre. »Wenn meine Vorgänger wenigstens bessere Arbeit geleistet hätten! Aus
den alten Aufzeichnungen im Magistrat geht gerade mal der Verlauf von ein
paar Straßen hervor, die Lage der Plätze ist schon nur mehr Glückssache, und
nicht einmal die Brunnen sind richtig eingezeichnet! Neben der Insula mit
den neuen Fensterläden, bei der wir vorhin waren, sollte einer sein, aber weit
und breit ist nicht einmal eine Pfütze, geschweige denn ein Ziehbrunnen!« Der
Sklave schaute nachdenklich auf seine Fingernägel. »Aber Herr, so ein Brun-
nen kann doch nicht einfach verschwinden . . . «, meinte er. Entschlossen schob
Tiro die Schüssel von sich. »Recht hast du. Also los - gehen wir ihn suchen!«
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Als sie die stinkende Enge der Schankstube hinter sich gelassen hatten, at-
mere der Secretarius tief durch, bis er daran erinnert wurde, dass 'frische
Luft' in Haldurias ein äußerst dehnbarer Begriff war: Zerkochter Kohl und
feuchtes Holz gehörten noch zu den angenehmeren Gerüchen, die ihm in
die Nase stachen. Die Gasse führte zwischen niedrigen Hütten hindurch,
die aussahen, als würde das nächste Unwetter sie dem Erdboden gleichma-
chen, fiel dann leicht ab und verbreiterte sich. Nun wurden die Gebäude an
beiden Seiten höher und ragten wie schiefe Festungsmauern auf: Insulae,
Mietskasernen, in denen diejenigen Armen, die noch ein wenig Geld hatten,
es Reicheren in den Rachen warfen, um in schimmligen, engen Wohnungen
hausen zu dürfen. »Hier irgendwo sollte doch dieser Brunnen sein, nicht
wahr, Herr?«, fragte Flaccus und fuhr mit der Hand über die Mauer zu sei-
ner Rechten. Kleine graue Krümel lösten sich, der Verputz war noch frisch,
wie Tiro erstaunt feststellte. Ausbesserungsarbeiten waren das Letzte, was
er hier erwartet hatte, aber scheinbar zogen manche der hiesigen Ausbeuter
es vor, ein wenig Geld zu investieren, bevor ihr Kapital einstürzte und ihre
Kundschaft unter sich begrub. Nachdenklich nahm er das Haus genauer in
Augenschein. Der frische Verputz reichte bis in eine Höhe von vier Schritt,
darüber erstreckte sich die typische, klapprige Mischung aus billigen Bret-
tern, Bruchsteinen, getrocknetem Lehm und Göttervertrauen. Stabiles, hel-
les Holz verschloss die schmalen Fenster.
»Schau mal, Flaccus - neue Fensterläden! « Der Sklave nahm die Entde-
ckung seines Herrn mit verständnislosem Blick zur Kenntnis. »Na und? «
»Holz ist teuer. Würdest du hier schweres Silber ausgeben, damit es bei dei-
nen Mietern nicht zieht? Außerdem habe ich solche Läden schon mal gese-
hen. Findest du zu der Insula zurück, die ich in die Liste eingetragen habe,
bevor wir zum Essen gegangen sind? « »Klar, Herr! Die ist hier gleich um
die Ecke! Wir müssen nur an dem Bretterverschlag vorbei und links in die
Gasse.« Tatsächlich stand dort eine weitere Mietskaserne mit neuen Fens-
terläden, die durch den Bretterverschlag mit der anderen Insula verbunden
war. »Haben diese Häuser keine Innenhöfe? Vielleicht ist der Brunnen dort! «
»Normalerweise schon, Herr, aber dann gibt's immer einen Zugang von der
Straße.« Suchend gingen die beiden an der Fassade entlang, stießen aber nur
auf einen schmalen Durchlass. Sie quetschten sich hindurch und landeten
wieder auf einer Gasse, wo sich linker Hand eine Reihe von Hütten mit
vernagelten Türen aneinanderdrängte. »Diese Bretter hier sind auch recht
neu!«, wunderte sich Tiro. »Es sieht fast so aus, als hätte jemand den ganzen
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Häuserblock hier ausgebessert.« »Und dabei dicht gemacht!«, fügte Flaccus
hinzu und deutete auf eine Stelle zwischen zwei Hütten. »Seht dort - die
Mauer steht auch noch nicht lang!«
Tiro schritt auf die grob gefügten Steine zu, hinter denen die Rückseite ei-
ner Insula aufragte. »Bei Praianos' strafender Hand, du hast -« Ein greller
Pfiffließ den Secretarius zusammenzucken und herumfahren. Er sah gerade
noch, wie zehn Schritt hinter ihm eine graue Kapuze hinter einem Stapel al-
ter Bretter verschwand, als mit ohrenbetäubendem Krachen ein Holzbalken
vom Dach der Mietskaserne stürzte und ihn um Haaresbreite verfehlte. Lei-
chenblass taumelte Tiro ein paar Schritte zurück, während Flaccus besorgt an
seine Seite eilte. »Alles in Ordnung, Herr? « »Ich denke schon ... «, murmelte
er. »Aber wenn ich nicht stehen geblieben wäre, hätte das Ding mir den Schä-
del zertrümmert! « Der Sklave schaute sich angestrengt um. »Der Pfiff war
also eine Warnung? « »Möglich .. . oder das Zeichen, den Balken loszulassen.«
Flaccus runzelte die Stirn. »Ihr meint, das war kein Unfall, Herr?« »Ich glau-
be nicht! Vielleicht sind hier auf etwas gestoßen, das jemandem nicht in den
Kram passt! « In Tiros Herz regte sich die Abenteuerlust und verdrängte alle
beamtete Vorsicht. War das vielleicht die Chance, einmal etwas Bedeutende-
res zu erleben als seine üblichen, langweiligen Pflichten im Magistrat? »Dem
gehen wir auf den Grund! «, erklärte er entschlossen, und Flaccus seufzte
schicksal ergeben. »Solang wir dabei nicht zugrunde gehen ... «
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aus, aber sie ist auch neu, darauf wette ich!« Voller Eifer eilte der junge Mann
näher und kratzte an der Mauer. »Das gehört auch zu diesem Bau - hier hat
sich jemand eine richtige Burg gebaut, mit eigener Wasserversorgung, mitten
in der Stadt!«
Hinter ihm waren plötzlich schwere Schritte zu hören. Das Hochgefühl,
das der Secretarius verspürte, wich einer bösen Vorahnung, die durch eine
raue Männerstimme zur magen umdrehenden Gewissheit wurde. »Ganz
recht, du Schnüffler. Meine Burg. Die Warnung war dir wohl nicht genug,
was?«
Langsam wandte Tiro sich um. Ein feister Kerl, dessen Kleider sich zwar
nicht durch Sauberkeit auszeichneten, aber zu teuer für diese Gegend wirk-
ten, betrachtete ihn mit kalten Augen. Auf seinen Wink hin kamen ein paar
grobschlächtige Gestalten in die Sackgasse, deren dreckiges Grinsen und
blanke Kurzschwerter nichts Gutes vermuten ließen. Hilfesuchend sah Tiro
sich nach Flaccus um, doch der war wie vom Erdboden verschluckt. Die Ge-
danken des Beamten überschlugen sich. 'Ich bring den Kerl um! Wenn ich
ihn verloren habe, muss ich ihn bezahlen!', schoss es ihm durch den Kopf,
doch dann verdrängte die unmittelbare Todesgefahr den Zorn auf den Skla-
ven. Ob es mit der Würde eines Secretarius vereinbar war, auf Knien um sein
Leben zu flehen? Oder wurde von ihm erwartet, sich in sein Schwert zu stür-
zen? Dazu müsste man aber eines haben, nicht nur einen lächerlich kurzen
Dolch, wie er an seinem Gürtel hing.
Der erste der Schläger kam langsam auf ihn zu, zeigte ein zahnlückiges,
gelb-braunes Gebiss und hob eine Faust, an der ein stachelbewehrter Schlag-
ring blitzte. Der junge Mann versuchte auszuweichen, aber der Hieb traf ihn
in die Seite. Gleißender Schmerz fuhr durch seinen Leib, als die Dornen
seine Haut zerfetzten und sich tief in sein Fleisch bohrten. Er krümmte sich
und ging zu Boden, und fast gleichzeitig traf ein schmutziger Schuhabsatz
seine Schläfe. Sie standen zu dritt um ihn herum, und alles, was Tiro übrig
blieb, war, zu hoffen, dass es schnell gehen würde.
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goldenen Mänteln flankiert, den Schauplatz betrat. Tiro hob seinen Kopf aus
dem Unrat der Straße. »Curatrix Valeres?«, krächzte er fassungslos. Seine
Vorgesetzte bedachte ihn mit einem knappen Wink. »Später, Tiro.« Sie blickte
voller Genugtuung auf den dicken Mann, der sich im Griff der Büttel wand,
hinab. »Bolkur, genannt 'der Große'. Ich verhafte dich im Namen des Horas
wegen des Angriffs auf einen Beamten des Magistrats. Und ich bin mir sicher,
wenn wir uns ausführlicher unterhalten, werden dir noch viele Dinge einfal-
len, die dein Gewissen belasten!«, lächelte sie. Auf ihr Nicken hin schleiften
die Büttel den sich sträubenden Bolkur fort. Dann ging die hagere Frau zu
Tiro hinüber, der sich abmühte, sich zumindest auf die Knie hochzurappeln.
»Gute Arbeit, Secretarius. Bolkur steht seit geraumer Zeit im Verdacht, in
allerlei üble Machenschaften verwickelt zu sein. Aber er hielt sich immer im
Hintergrund. Dein eifriges Forschen hat ihn aus seinem Bau gelockt - genau
nach Plan.« Der junge Mann spuckte etwas Blut aus und schnappte nach
Luft. »Ich war als Köder hier? «, stieß er hervor, und nur Braidanas Blick hielt
ihn davon ab, seine Karriere durch ein oder zwei ausgesuchte Beurteilungen
der Situation in die Latrine zu kippen. »Du hattest deine Rolle, genau wie
dein Helfer«, erklärte seine Vorgesetzte kühl. Verstehen blitzte in Tiros Augen
auf. »Natürlich! Der Beobachter mit dem Kapuzenmantel! Verzeiht, Domina
- wie konnte ich denken, Ihr hättet mich hier ohne Bedeckung hergeschickt!
Und er war gut - er hat mich vor dem ersten Anschlag gerettet und Euch jetzt
rechtzeitig alarmiert.«
Braidana sah ihn zweifelnd an. »Kapuzenmantel? Was redest du? Flac-
cus war dein Helfer. Er hat dich auf Bolkurs Spur gesetzt, und er hat uns
hergeführt. Und jetzt komm endlich! Stört dich der Gestank hier denn gar
nicht? « Der Secretarius griff nach dem Arm eines Büttels, der ihn unsanft in
die Höhe zog, versuchte vergeblich, Dreck und Blut von seiner Kleidung zu
wischen und stolperte verwirrt hinter seiner Herrin her.
Ein vornehm gekleideter Mann lehnte lässig an einer Säule auf dem Yulag-
Horas-Forum und grinste sein Gegenüber selbstgefällig an. »Mir scheint, als
hätte ich gewonnen! «, erklärte er. Die Frau, an die seine Worte gerichtet wa-
ren, strich ihren grauen Mantel glatt und nickte. »Ein hervorragender Zug,
das muss ich anerkennen. Ich hätte nicht gedacht, dass man Bolkur so leicht
schlagen kann. Er war eine starke Figur, zahlte an fast alle Curatores!« Der
Unterstütz den Verlag, kauf die Werke auch!
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Mann lächelte. ,.Man braucht nur die richtigen Mittel. Und Ihr dachtet, man
könne Valeres nicht manipulieren! Aber merkt Euch: Bei einer Unbestechli-
chen genügt es, sie glauben zu lassen, sie täte das Richtige.«
Die Frau senkte den Kopf. »Ihr seid ein meisterlicher Spieler. Der Punkt
geht fraglos an Euch.«, sagte sie. Ihr Gesprächspartner klopfte ihr gönnerhaft
auf die Schulter. »Ihr lernt das auch noch. Ich spiele jetzt doch schon seit Jah-
ren - was soll man auch sonst gegen die Langeweile tun? Aber wenn Euch
nach einer Revanche gelüstet - jederzeit. Nur sollten wir vielleicht den Ein-
satz erhöhen. Rennpferde habe ich nun wirklich genug!« Die Frau im Ka-
puzenmantel nickte lächelnd. »Uns wird schon etwas einfallen, das Euch zu
reizen vermag. Es ist eine Freude, gegen einen Meister zu verlieren«, hauchte
sie. Sie schenkte ihm einen geheimnisvollen Blick, streifte die Kapuze wieder
über ihre ebenholzschwarzen Haare und ging über das Forum davon.
40
fius den Schutten
1Jon Bike Wendlund
mit LlQnk. Qn SqluiQ llnderson und f!S.Qrc Jenne!)en.
sowie meine Bchsperten Stefa.n 1(üppers und LQfs Ret!)ig
41
Bewohner aus der Stadt geflohen waren. Jene, die ausharrten, lernten die Si-
cherheit ihrer Behausungen neu zu schätzen. Weniger Trubel bedeutete auch
weniger lohnende Gelegenheiten.
Asmar schlenderte ziellos umher, wie so oft, seit seine Familie vor einigen
Jahren zu Verwandten nach Yasra gezogen war und sie ihn hier 'vergessen '
hatten. Nun, auch ohne sie war er mit Aveshas Hilfe über die Runden ge-
kommen, und ohnehin fühlte er sich hier in Karum, in 'seinem' Viertel, zu-
hause, nicht im fernen Yasra, wo auch immer das sein mochte. Das Leben
war selbst in diesen Zeiten aufregend hier in der Nähe des Basars, mit all den
weit gereisten Händlern und den Zugezogenen aus den fernsten Gegenden
des Sultanats oder bisweilen noch entlegeneren Orten.
Seine Miene hellte sich auf, als er seinen Freund Shansherib erspähte, der
gerade einige Sklaven dabei beaufsichtigte, mit Korn gefüllte Tonkrüge von
einem Karren zu laden. Shansherib stand als Schreiber in Diensten eines rei-
chen Händlers und hatte Asmar schon des Öfteren aus der Patsche geholfen
oder ihm etwas zugesteckt, wenn er wieder einmal Hunger litt.
»Aveshas Segen mit dir, Shansherib! « Asmar trat an die Seite des Schreibers
und versuchte einen Blick über dessen Schulter auf die Tontafel zu erhaschen,
die sein Freund da in der Hand hielt. Nicht, dass er hätte lesen können, was
darauf stand, aber Asmar mochte das Erscheinungsbild der Zeichen, die fast
so aussahen, als sei ein Vogel darüber hinweg gelaufen .
»Ab, Du bist es.« Nun, sonderlich leicht zu begeistern war Shansherib
noch nie gewesen. »Brauchst du wieder irgendetwas? Hast du Hunger? « Der
Schreiber wies auf einen kleinen Korb, der etwas abseits im Schatten stand,
und fuhr fort, den Vorgang mit seinem bronzenen Griffel auf der Tafel fest-
zuhalten.
»Nein, mein geschäftiger Freund.«Asmar beschloss, Shansherib etwas zu fra-
gen, das ihn schon den ganzen Tag beschäftigte. »Wie mag er wohl aussehen? «
»Wer?«
»Der Sultan natürlich. Niemand bekommt ihn je zu Gesicht. Es könnte ihn
auch überhaupt nicht geben, nach allem, was wir wissen. Ist er denn niemals
außerhalb seines Palastes? «
»Nun, morgen zur Mittagsstunde wird das Atvarkitu stattfinden. Der Sul-
tan selbst wird dieses Fest zu Ehren Atvaryas im Tempel begehen, um den
Segen der Götter für seine Herrschaft, Lebenskraft und Fruchtbarkeit für
alle seine Lande zu erwirken. Dazu muss er natürlich auch die Diamante-
ne Stadt verlassen«, antwortete der Ältere leicht abwesend, während er einen
Unterstütz den Verlag, kauf die Werke auch!
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Krug inspizierte. Dann ging ihm auf, dass Asmar verdächtig still war. Er hielt
inne, wandte sich um und schüttelte entschieden den Kopf.
»Oooh nein, du Sohn der Unverfrorenheit! Denke gar nicht erst daran! Die
Stadt der Götter ist an diesem Tage nur dem Sultan und seinen Diamantenen
vorbehalten. Sie werden dir erst die Augen ausbrennen,' weil du es gewagt
hast, den Sultan mit deinem unwürdigen Blick zu besudeln, und dich dann
für deinen Frevel in eine Grube voller Krokodile werfen!«
Asmar grinste spitzbübisch. »Dazu müssten sie mich erstmal erwischen! Kei-
ne Sorge, mein Freund, ich werde gewandt sein wie der Mungo selbst. Nie-
mand wird mich sehen. Wann sonst sollte ich je eine Antwort darauf finden?«
Der Schreiber legte zweifelnd die Stirn in Falten. Dann seufzte er schwer.
Er wusste, dass er den Jungen eh nicht von seinem Vorhaben würde abbrin-
gen können. »Du bist viel zu leichtsinnig, Asmar, weißt du das? Neugieriger
als ein Mungo, das bist du! «
In den tiefsten Stunden der Nacht, noch einige Zeit, bevor sich die Sonne wie-
der über dem Inneren Meer zeigen und das Reich der Tulamiden in ihr rötli-
ches Licht tauchen würde, näherte sich ein viel zu neugieriger Straßenjunge
behutsam der Lehmziegelmauer, welche die Stadt der Götter umschloss. As-
mar dankte Feqz, mehr noch aber den Gepflogenheiten seiner Mitmenschen
und der Platznot vergangener Tage, welchen er die niedrigen Wohnhäuser
und verschachtelten Gassen Yol'Tulams, welche bis dicht an den Fuß des
Walls heranreichten, verdankte. Er hielt noch einige Augenblicke inne, um
zu lauschen, ob nicht doch jemand sein Vorhaben stören könnte, dann griff er
in die erste Fuge und begann behände mit dem Aufstieg. Auf der Mauerkrone
holte er kurz Atem.
Die Stadt der Götter vor ihm lag still da, in das blasse Licht des Sternen-
schleiers des Feqz getaucht, das die glänzende Kuppel des Sternentempels
vielfach verstärkt auf die Stadt zurückwarf. Vorsichtig ließ sich der Junge auf
der anderen Seite herab und setzte seinen Weg fort, dabei geschickt die De-
ckung der unzähligen Tempel und verfallenen Ruinen nutzend. Doch das
schien kaum nötig, denn keine Wachen zeigten sich auf den breiten, pracht-
vollen Straßen.
Schließlich gelangte Asmar an die kleine verlassene Zikkurat, mehr ein we-
nige Schritt hohes Podest mit einem kleinen Gebäude darauf, an die er sich
Unterstütz den Verlag, kauf die Werke auch!
von früheren Besuchen erinner-
te. Die ungebrannten Lehm-
ziegel waren von unzähligen
Regenfällen rundgewaschen
und schienen schon beim blo-
ßen Anblick zu zerfallen. Von
dort hätte er die Hohe Pforte
und die großen Tempel gut im
Blick, ohne dass jemand auf den
ungebetenen Beobachter achten
würde. Asmar erklomm die Stu-
fen, als er aus dem Augenwinkel
eine Bewegung wahrnahm. Er
wandte den Blick hinüber zum
Sternen tempel, doch dieser lag
ebenso schlafend da wie die üb-
rigen Gebäude. Nach kurzem
Zögern entschloss sich Asmar,
weiter zu gehen. Behutsam trat
er durch den Eingang. In der
Finsternis tastete der Junge in
seinem Beutel nach dem kleinen verkorkten Öllämpchen, und bald darauf
erleuchtete ein schwaches flackerndes Licht die Umgebung. Das Innere des
Raums war recht schmucklos, und von dem einstmals in leuchtendem Grün
und Rot bemalten weißen Putz waren nur noch Reste vorhanden. Auf Po-
desten entlang der Längswände standen kleine Tonfiguren, die an der Stifter
statt für die Gunst des Gottes beten sollen. Viele jedoch waren umgeworfen
oder lagen zerbrochen auf dem Boden. Rechts neben dem Eingang befand
sich ein Tonbecken, an dem man sich einstmals sicher hatte waschen können,
bevor man vor den Gott trat. Seine Basaltstatue war etwa einen Schritt hoch
und erhob sich auf einem Podest an der Stirnseite des Raumes. Jemand hatte
ihr den Kopf von den Schultern geschlagen, der nun zu Füßen des Standbil-
des lag. Die gehörnten Züge des Hauptes wirkten fremdartig und länglich,
fast erinnerten sie an einen Ziegenbock.
Der Junge ließ sich auf ein Knie herab und hob zum Zeichen der Ehr-
erbietung Daumen und Zeigefinger der rechten Hand an die Stirn. Er
wusste nicht, welcher Gott hier verehrt worden war, und sonderlich mäch-
Unterstütz den Verlag, kauf die Werke auch!
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tig schien er auch nicht mehr zu sein, aber es konnte sicher nicht schaden,
ihm Respekt zu zollen, wenn Asmar es sich schon in seiner Wohnung ge-
mütlich machte.
Dann kauerte sich der Straßenjunge in eine Ecke und wartete. Die Zeit
kroch zähflüssig dahin, und schon bald war er eingeschlafen.
Asmar erwachte, als die Hitze des Tages auch im Schatten des Gebäudes
unerträglich zu werden begann. Erschrocken fuhr er hoch. Ein rascher Blick
nach draußen zeigte ihm, dass die Sonne bereits hoch am Himmel stand. Die
Zeremonie würde sicherlich bald beginnen. Bereits jetzt säumten hunderte
Menschen die Straße, zuvorderst die Diamantengarde in ihren blinkenden
Spiegelpanzern. Scheinbar waren fast alle Diamantenen des Palastes anwe-
send und harrten der Ereignisse in gespannter, ja fast banger Erwartung.
Etwa eine Stunde später öffneten sich langsam die mächtigen Flügel der
Hohen Pforte, und heraus ritt eine Reihe schwer gerüsteter Kataphrakten.
Ihre Panzer und die ihrer Pferde, auch die Spitzen ihrer langen Stoßlanzen
glänzten so sehr im Sonnenlicht, dass Asmar der Anblick schmerzte. Er kniff
die Augen zusammen, um sich nicht blenden zu lassen und so womöglich
etwas zu verpassen.
Es folgten fünf bis auf einen Wickel rock unbekleidete Sklaven. Sie trugen
bronzene Gestelle, auf denen Räucherwerk brannte, dessen Gerüche bis zu
Asmar herüberwehten. Es roch muffig und leicht süßlich, nach Verfall, nach
Grab und Tod. Fast greifbar waren die Bilder, die der wahrscheinlich magische
Rauch heraufbeschwor. So greifbar gar, dass ungewollt würgende Geräusche
Asmars Kehle entwichen. Er hoffte inständig, dass der Klang nicht bis unten
zu hören war. Dann folgte für einige Augenblicke niemand, lange genug für
den ungebetenen Beobachter, um zu bemerken, dass das alles sich in fast völ-
liger Stille abspielte. Kein Hörnerklang, keine weittragenden Lobpreisungen
des Sultans. Selbst der Hufschlag, das Geklirr der Panzer und das Schnau-
ben der Pferde erklang nur gedämpft, als wagte es niemand, die Heiligkeit
der Zeremonie durch profane Laute zu stören. Dann endlich durchschritt
eine einzelne Gestalt die Hohe Pforte. Sie war in ein eng anliegendes, mit
Mondsilberfäden durchwirktes Gewand gehüllt, dessen Besatz aus unzäh-
ligen Edelsteinen es fast wie ein Schuppenkleid wirken ließen. Es wies eine
starre, etwa bodenlange Schleppe auf, nein, mehr eine Art Röhre schien es zu
Unterstütz den Verlag, kauf die Werke auch!
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sein. Asmar musste grinsen. Es machte den Eindruck, als besäße der Sultan
einen Schwanz ... Das Haupt des göttlichen Herrschers war tief verschleiert
und sein blasses, edles Antlitz dahinter nur zu erahnen. Er trug eine hohe Ti-
ara, ähnlich der Kopfbedeckung vieler Kophtanim, nur dass diese aus einem
eigentümlich matten hellgrauen Metall bestand und über und über mit Ada-
manten besetzt war. Die spöttischen Gedanken Asmars wichen rasch, denn
erhaben wirkte es schon, und wahrhaft ein Stück weit überderisch, wie sich
der Diamantene Sultan gemessenen Schrittes über die Prozessionsstraße be-
wegte. Es hätte Asmar kaum noch gewundert, wenn seine Füße den Boden,
auf dem sie vorgeblich wandelten, in Wirklichkeit gar nicht berührten. Ihm
folgten, mit gebührendem Abstand, weitere Sklaven und je fünf Kophtanim
und Mudramulim. Sie alle hatten den Blick gesenkt. Weitere Kataphrakten,
sicherlich noch einmal ein halbes Satabam, bildeten den Abschluss.
Die Prozession bewegte sich auf den gedrungenen, mit Ranken und blü-
henden Gewächsen überwucherten Atvarya-Tempel zu und teilte sich dort,
um dem Sultan Platz zu machen. Am Eingang des Tempels erwarte ihn eine
junge Frau, von schlankem Wuchs und vollkommen nackt. Auch sie hatte
den Blick gesenkt, als sie den Sultan in das Innere führte.
»Eindrucksvoll, nicht wahr? Und doch sind sie alle verdorben.« Erschrocken
fuhr Asmar herum. Dort im Halbschatten, neben einem kleinen Durchgang,
stand ein Mann, in einfache braune Tücher gehüllt, die auch vom Gesicht
nicht viel mehr als die wachsamen Augen frei ließen. Wie lange mochte er
schon hier sein? Asmar fluchte innerlich. Er hatte seine Sinne zu sehr von
dem Schauspiel draußen einlullen lassen. Seine Augen suchten einen Weg,
sich an dem Fremden vorbei zu drücken.
Der musste dies bemerkt haben, schüttelte aber nur sacht den Kopf. »Wenn
du jetzt den Schutz dieses Tempels verlässt und draußen entdeckt wirst, Jun-
ge, dann bist du des Todes. Vertrau mir, nicht du bist es, dem meine Feind-
schaft und die meines Herrn gilt.«
»Wie ... Was tu-« Asmar brach ab, noch immer sichtlich verunsichert.
»Was ich hier tue? Nun, vielleicht möchte auch ich dem Ritual beiwohnen
und mich seiner Falschheit vergewissern. Oder das Eindringen eines dreisten
Knaben in die Stadt der Götter ist doch nicht so unbemerkt geblieben, wie er
es gedacht hat.« Ein leichter Anflug von Spott hatte sich in die Stimme des
Mannes gemischt. Er trat an Asmars Seite und blickte hinüber zum Tempel
des Lebens. »Schau sie dir an, Junge, wie sie ihre Hoffart zelebrieren, zu Eh-
ren der Götter. Sie berufen sich auf die Traditionen unserer Väter, und doch
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stehen sie dem geschuppten Feinde näher als den althergebrachten Sitten der
Kinder Tulams. Nicht dem Weg Rashtuls und Bastrabuns folgen sie, sondern
dem der falschen Schlange Shon'mi Nessh. Das muss ein Ende haben.«
Asmar wusste nicht, von wem der Fremde da sprach, und verstand auch
ansonsten recht wenig. Er nahm seinen Mut zusammen.
»Was meinst du damit, Sahib?« Doch der Verhüllte schwieg und bedeutete
Asmar zu warten.
Nach einer Weile zeigte sich der Sultan wieder im Tempeleingang, die jun-
ge Priesterin an seiner Seite. An der Innenseite ihrer Schenkel lief ein dünner
Blutfaden herab. Der Herrscher ließ den Blick langsam über seinen Hofstaat
schweifen, der bis zum letzten Sklaven den Atem anhielt. Dann nickte er
würdevoll, und es schien, als ginge ein Aufatmen durch die Wartenden, als
fiele alle Ungewissheit von ihnen ab. Der Diamantene Sultan stieg langsam
die Stufen herab und begab sich auf den Rückweg, während die Sklaven neu-
es Räucherwerk entzündeten. Es roch süß und würzig zugleich, wie ein vor
Leben pulsierender Garten. Und noch etwas mischte sich in den Wohlgeruch
hinein - frisches Blut.
Asmar roch es nicht nur, er konnte es förmlich spüren, wie es durch seine
Adern rauschte, die unbändige Macht des Lebens selbst. Für diesen einen
Augenblick war es ihm klar, ein unumstößliche Wahrheit, dass dies neue Le-
benskraft bedeutete, einen neuen Anfang. Andere Diener ließen einen Blü-
tenregen auf die Straßen niedergehen, durch den die Prozession sich langsam
in die Diamantene Stadt zurückzog. Dies alles war noch immer von eine
seltsamen Stille begleitet, bis sich die riesigen Torflügel krachend hinter ih-
nen schlossen.
Noch immer leicht betäubt von dieser Pracht wandte Asmar sich an den
Fremden. Doch dieser war verschwunden.
Das muss ein Ende haben. Die Worte des Meisters, vor so vielen Jahren gespro-
chen, hallten in Asmars Geist nach. Vielleicht hatte es das nun tatsächlich. Er
strich sich über den in Locken gelegten Bart, bevor er das braune Tuch wieder
zurecht rückte, mit dem er sein Gesicht eingehüllt hatte. Meister Sahil hatte
ihn nach jenem Tag oft aufgesucht, ihn zunächst mit kleinen, dann immer
größeren Aufgaben betraut, ihn begleitet, geprüft und die Wege des Mungos
gelehrt. Bis Asmar schließlich selbst von Feqz auserkoren worden war, der ge-
Unterstütz den Verlag, kauf die Werke auch!
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schuppten Gefahr zu begegnen und einer seiner Schatten krieger zu werden.
Und gekämpft hatte er in den Schatten, diesen Tag herbeizuführen.
Aus dem Schatten der schmalen Gasse heraus musterte Asmar die Men-
schenmassen, die den Sultan von Al'Guriya bejubelten wie einen Erlöser.
Mustafa al'Guriyan selbst überragte die Menge deutlich, die Füße sicherlich
einen halben Schritt über dem Pflaster der Straße, getragen von Wirbeln aus
schimmernder Luft, die einen Hauch des Rots des Mahammadats in sich
trugen. Unnachgiebig wie der Fels und stolz war sein Blick auf das eine Ziel,
die Diamantene Stadt gerichtet, und stolz wirkte auch seine kleine Schar an
Begleitern, von denen einige offenbar einen weiten Weg hinter sich hatten.
Der gorische Sultan trug die prächtige Tiara eines Groß-Kophta auf dem
Haupt und in den Händen das von einem Bergkristall gekrönte Szepter aus
dem feinen grauen Marmor des Rashtulswalles.
Ein großer, ein eindrucksvoller Mann, dachte Asmar. Ja, vielleicht würde
sich nun wirklich vieles ändern. Zeit war es nun, aus den Schatten zu treten.
»Dies sind die Zeichen des Assaf Bel-Yogoth, und dies waren die Worte des Musta-
fa: Den Thronräuber und Echsendiener von Yashaley warf ich nieder und brachte
Frieden der Stadt Khunchom und Tulamidistan. Ich errichtete die Hohe Pforte
neu, den Göttern zu gefaUen, dass sie dem Diamantenen Reich Wohlstand und
Glück gewähren mögen. «
-Eintrag aus dem Buch Mustafa der Diamantenen Chronik. 304 v.BF
48
fius den 13riefen des
Centario RubeUus Fuystdtus
uus dem 130SPUYCillO übertrugen uon FrunzJunson
Im Tal des Phecadis, 8. Tag der Nona Secunda des Dilucens, Anno XIII Jeli
Erst wenige Wochen sind vergangen seit wir uns trennen mussten und
doch scheine ich nunmehr in einer ganz anderen Welt zu leben als mit dir
und den Eltern, möge G,SJldara sie behüten. Das Heerlager hat immense
Ausmaße und die soldaten hier stammen aus dem ganzen Reich, so dass
im täglichen z..usammenleben stets unterschiedliche regionale 5räuche
und GepRogenheiten auteinandertretten, man in Streit über die bevor-
zugten Gottheiten gerät oder die Färbung der verschiedenen Dialekte tür
Missverständnisse sorgt. Natürlich versuchen wir Offiziere diese KonRikte
zu schlichten soweit es in unserer Macht steht, doch ich muss gestehen
auch zwischen den Decurii, Centurii und Strategi kommt es immer wieder
zu Streitereien. Doch sollte uns das wundern? Was haben wir beide, die
söhne eines angesehen 5rajanos-Priesters, gemein mit der Tochter eines
Dominus aus 5elenas, die zu einem ziegengesichtigen Götzen mit Fleder-
mausRügein betet? Und doch sollen wir hier Seite an Seite kämpten und
unseren Legionären ein gutes 5eispiel in Einheit und z..usammenhalt sein.
Nur eine Sache gibt es, die uns alle hier verbindet: Die Treue zum 50s-
paranischen Reich, das dereinst alle Lande des Erdkreises beherrschte
und überstrahlte. Und bald wird es das wieder, denn die abtrünnigen Pro-
vinzen werden nach und nach alle wieder tallen und sich der Herrschaft
50sparans unterwerfen, bis unsere Legionen wieder den gesamten Kon-
t inent unter ihre Kontrolle gebracht haben. In den Nordmarken wird es
beginnen und ich bin froh und stolz, dass ich die Möglichkeit habe ein Teil
des glorreichen Wiedererstarkens unseres Reiches zu sein.
Verzeih, lieber 5ruder, wenn ich ins Schwärmen gerate, doch die Worte
des Horas, der heute Morgen zu uns gesprochen hat, klingen noch immer
Unterstütz den Verlag, kauf die Werke auch!
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in mir nach. Auch wenn ich nur unzureichend wiedergeben konnte, was er
uns zu sagen hatte, hoffe ich, dir einen Eindruck der 5egeisterunggege-
ben zu haben, die dieser große Mann in uns allen geweck.t hat. Man merkt
ihm seine Zeit als Strategus in Ya9uiria superior an, denn er versteht die
Sorgen und Nöte der einfachen Legionäre und vermag es in ihrer Sprache
zu sprechen. Jeder in diesem Heer wäre bereit tür unseren Horas freudig
sein Leben zu geben, denn keiner zweitelt daran, dass auch er es tun wür-
de, wenn er mit uns kämpft.
Mein T eurer, ich vermeine dein sorgenvolles Antlitz vor mir zu sehen,
wenn du meine Wort liest,jedoch rate ich dir, treudigwie ich in die z.u ku nft
zu sehen. Nicht die Gefahren und Fährnisse des Feldzugs sollen deine Ge-
danken bestimmen, halte dich test an den glanzvollen Taten, die ich zur
Ehre des Reiches vollbringen werde, und den unsterbliche Ruhm, den zu
erringen sich mir die Möglichkeit eröffnet. So bitte ich dich , beruhige auch
das Gemüt der Mutter, die sicher voller Angst ist, nach dem Gemahl nun
auch den ältesten Sohn zu verlieren. Auch sie soll den Tag herbeisehnen,
wo ich sie mit den erbeuteten Reichtümern der Nordlande überschütte
und die triste Z.eit der Trennung vorüber ist.
BO
nie mit Freudentränen in den Augen in die Arme geschlossen haben
mag. oh unglückseliges Schicksal, welches uns in diesen Momenten
nicht gewähren will beisammen zu sein. Während ihr im behaglichen
Heim sicher vor den Unbilden des Winters seid, bin ich an die harte
Liege des Krankenlagers getesselt und höre die Schreie der Legio-
näre, denen die erfrorenen Lehen amputiert werden müssen . .Bald
jedoch werde ich wieder wohlaut sein und so kann ich deine Sorgen
zerstreuen, beinahe ehe sie ob der letzten Worte in deinen Gedan-
ken autgetaucht sein mögen .
.Bevor ich allerdings schreibe, aus welchem Grund ich siech da-
niederlag, muss ich dir zuvor schildern wie es uns sonst ergangen ist
seit ich dir zum letzten Mal schrieb.
Nach den schnellen Siegen über die Autständischen am oberlaut
des Phecadis, von denen ich dir bereits austührlich berichtete, und
der großen Schlacht im Tal des Fluvius magnus, in der wir über die
die autständischen Siedler und ihre druidischen Antührer siegten,
hatten die Legaten beschlossen ein großes betestigtes Lager zu
errichten. Die Nachrichten über die Errichtung Jelenvinias sind si-
cherlich auch bis zu dir gedrungen und ich muss nicht austührlich
berichten, wie hier in wenigen Monden mit der Arbeitskraft der un-
terworfenen Siedler und vieler Sklaven eine komplette Stadt zu Eh-
ren unseres großen Horas entstanden ist. Lwar kann sich der neu
gebaute Wehrtemp'el des Brajanos noch nicht mit unseren T emp'eln
zuhause messen, doch hier inmitten der unsäglichen Götzen-Anbe-
ter ist er ein Fanal des Glaubens an die rechten Götter.
Die .Betriedung des Umlandes gestaltet sich jedoch schwierig,
beinahe täglich werden unsere Spähtruppen und Patrouillen von
kleinen ReSeIlengruppen überfallen, die sich in den dichten Wäl-
dern verbergen und obwohl wir ihnen an z.ahl und .Bewaffnung
deutlich überlegen sind, ist es ein schmerzhafter Blutzoll, den wir
zahlen müssen. Und der Kampt scheint beinahe aussichtslos, denn
die Autständischen sind keine einheitliche Gruppe, die man unter
Autbietung der nötigen Kräfte bekämpten und vernichten kann. Sie
scheinen vielmehr einer der vielköpHgen .Bestien aus den alten Ge-
schichten zu ähneln, bei denen türjeden abgeschlagenen Kopt zwei
neue nachwachsen.
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Die schlimmsten von allen aber sind die Kultisten des widder-
köpfj~en Götzen Rasaragha. ohne Rücksicht aut die Unversehrt-
helt ihres eigenen Lebens unternehmen sie wilde Angritte aut unsere
Legion und- machen selbst vor den Wällen der stadt nicht halt. Um
zumindest diese übelsten Auswüchse des Widerstands ausrotten zu
können, war meine Kohorte in den letzten Monaten im Vorgebirge
des Vindehac unterwegs und tatsächlich gelang es uns einen großen
Teil ihrer Gemeinschaft in einem abgelegenen Tal ausfindig zu ma-
chen. Sie hausten dort wie die Tiere unCl ebenso wie solche haben
wir s!e bis a,ut den le:zten Mann niedersem,a cht. I~h selbst stel,lte ei-
nen Ihrer wilden Antuhrer und konnte Ihn Im Lwelkampt bezwingen.
Hierbei erlitt ich zwar die Wunden, die mich bisjetzt ans Bett tesseln ,
doch wie das Glück ja 50 oft zweigesichtig ist, brachte mir dieser
Kampt auch die Betörderung zum Centurio ein, da mein Vorgänger
in der Schlacht getallen war.
Nun warten wir alle aut den Frühling und aut das Ende von Hunger
und Kälte. Wenn die Wege wieder trei sind, werden wir weiter in den
Norden vorstoßen und endlich die letzten Siedlungen unserer recht-
mäßigen Herrschaft unterwerfen . Alle hotten, dass es nicht mehr
lange dauert, denn die Legionäre murren und die Vorräte werden
knapp- Während die Priesterjedoch ihre Augen wartend gen Him-
mel richten bis das Antlitz Braianos' durch Clie wolken bricht und
uns die Huld der Götter ottenbart, bete ich darum, dass es nicht
soweit ist, bis ich völlig geheilt bin und meinem Manipel tapter vor-
anschreiten kann. Denn dort ist mein Platz, wenn wir den Rest der
Nordmarken tür das Reich zurückzugewinnen werden.
Den Segen aller Götter wünsche ich dir und der Mutter und emp-
tehle mich euren Gebeten an.
02
Vor den Mauern von Gratia Lapis,
4. Tag der Nona Prima des Ludens, Anno XVI Jeli
Noch Jahrhunderte später findet sich unter Moos und Ranken verborgen
nahe der Stadt Gratenfels ein großer G edenkstein aus dem Jahre 314 v.BF
mit der Aufschrift:
Der Atem des Sieges. Karas nahm den Hörnerhelm ab und sog langsam die
Luft ein. Er genoss diesen Atem. Er wehte herbei vom Lager seiner Legi-
on, wo erste Hymnen erklangen. Von den Bäumen der Obsthaine, die ihr
gelbes Laub fortschüttelten, als wollten sie den Winter willkommen heißen.
Von den Gassen der Stadt, wo der weiße Rauch der Kapitulierenden in den
Himmel stieg. Von den Türmen der Festung, wo das flatternde Löwenban-
ner erschlaffte, als es seine Decurii einholten. Luring war sein. Die Macht
Drauthins war endlich zerstoben in alle Winde.
Er war diesem Banner schon so oft gegenübergestanden. Diesem roten, kraft-
vollen Löwen mit seinem höhnenden Blick. Es hatte sich aufrecht aus den
Baumschatten des Mittwalds geschält. Es hatte über dem Heerwurm der Lu-
ringer auf den Rakull-Höhen getanzt. Es hatte sich über den Belagerungsring
um Veratia erhoben, den die Luringer gezogen hatten, um ihm, den Legaten
des Speeres, den Dolch der Niederlage ins Herz zu stoßen. Doch Veratia hat-
te standgehalten. Auf den Rakull-Höhen hatten Karas' Hermetiker die Strei-
ter Drauthins im magischen Feuer verbrannt. Und im Mittwald waren es die
Todesschreie der Luringer, die zum Chor der Sterbenden zusammengefunden
hatten. Ihr Löwenbanner war schwach. Das wusste Karas jetzt mit Gewissheit.
Hörner erschallten. Der Kriegsherr ging den Hügel hinab zum Heerlager,
wo sich die Untergebenen versammelt hatten, um ihn zu ehren. Die erwar-
tungsvollen Blicke der Streiter begleiteten seine Schritte. Demonstrativ fielen
der Erste Centurio, der Shinxir-Priester und die alhanische Schlangenbe-
schwörerin vor seinem Feldherrenthron auf die Knie. Beinschienen knirsch-
ten. Schuppenpanzer rasselten. Die Alhanierin sah Karas aus glühenden Au-
gen an. Sie hatte ihm diesen Sieg aus der Morgenröte gelesen. Sie würde ihre
Belohnung erhalten.
Karas trank aus dem Becher des Triumphes, dem ihn der Priester darbot. Er
wischte sich den süßen Wein aus dem struppigen Bart und schleuderte den
goldenen Becher fort. Er hob den Legatenspeer, den einst Belen-Horas per-
sönlich in den Boden gerammt hatte, um den Machtanspruch des Imperiums
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auf die nördlichen Provinzen zu verdeutlichen. Seine Legionäre jubelten.
Ihre Hochrufe schwollen an, rollten über die Ebene und mussten bis an die
himmlische Feldherrenzelt Shinxirs branden. Im Geschrei lag Freude, Er-
leichterung, Müdigkeit. Die langen Kriegszüge hatten ein Ende gefunden.
Es würde Frieden sein.
Der Kampf um die alte Provinz Garetia war ein ewiger. Seit Karas die Legion
ruhrte, kämpfte sie gegen die Abtrünnigen, Verblendeten, Verlorenen. Jahre des
Misserfolgs und Jahre des Erfolgs kamen und gingen wie die Gezeiten. Doch
die Ordnung und Disziplin der Legion bewährte sich. Sie marschierte im Na-
men Bosparans, der fernen Kaiserstadt. Karas schlug den schwachen Herzog
von Gareth. Er jagte die hochmütigen Bestienjäger in die Berge und verbrannte
ihre Kultstätten. Er sperrte die Zauberer von Ash'Grabaal in ihre Türme, Flü-
che und Gegenflüche blitzten nachts über die Dämonenbrache. Garetia war
im Chaos gefangen, im Würgegriff kleiner Herrschaften und wilder Barbaren.
Karas brachte die Ordnung zurück, die Einigkeit, den gleichen Blick rur alle in
das Kommende. Garetia war einst ein reiches, stolzes Land gewesen, eine Perle
des bosparanischen Imperiums. Und unter seinem Diktat, unter dem Segen
Shinxirs und Brajans, würde es das nun wieder werden.
Am längsten hatte ihm Drauthins Agritanus aus Luring widerstanden.
Drauthins nannte sich einen König Garetias. Er und seine ungeordneten
Haufen beteten zur Blutlöwin Randra und zollten Shinxir nicht den gebüh-
renden Respekt. Sie besudelten das Schlachtgeschehen mit dünnen Gesän-
gen und ließen sich von ihrer Göttin zu taktischem Unfug hinreißen: Weder·
attackierten sie den Tross, noch legten sie Hinterhalte. Darur standen sie wie
die Ölgötzen vor einem und wollten nur das offene Gefecht gelten lassen.
Und dennoch kämpfte ihr Haufen verwegen, voller Mut. Zorn flackerte in
Karas' Geist beim Gedanken an diese Feinde. Unter ihren Söldnern waren
baburische Streitwagenfahrer und saramanische Axtkämpfer. Drauthins
selbst fuhr einen Wagen, der Blitz und Himmelsbeben brachte und den die
Randra-Knechte den Donnersturm nannten. Er wurde gezogen von vier un-
verletzbaren Pferdehybriden. Karas musste manchen Rückzug antreten, ehe
ihm seine eisernen Kohorten und der undurchdringliche Schildwall den Sieg
brachten. Er verbündete sich mit ferkinischen Speerwerfern, um die Randra-
Knechte in unwegsamem Gelände zu überraschen. Er warb mit vielen Talen-
ten Gold Geschützmeister aus dem Diamantenen Sultanat an, damit deren
Hammerwerfer die Mauern der Luringer zermürbten. Doch den Triumph
brachte ihm letztlich der geschlossene und unteilbare Sinn seiner Manipel,
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die er mit den Gaben Shinxirs zu führen vermochte. Die stammelnden Ran-
dra-Winsler fielen unter den Schwertern und Speeren der Legion. Die Zahl
derjenigen, die Drauthins Agritanus folgten, wurde geringer und geringer.
Das Kriegsjahr neigte sich seinem dunklen und kalten Ende zu.
Nun, da der Kampf geendet hatte und die Waffen gescheidet worden waren,
kam die Zeit, ein Zeichen zu setzen. Drauthins hatte nach langer Belagerung
Lurings endlich versprochen, sich in seiner letzten verbliebenen Festung zu
ergeben. Noch an diesem Abend würde Karas dem blonden Hünen in der
großen Donnerhalle gegenüberstehen, wo Drauthins mit seinen Streitern
und Dienern darauf wartete, ihm, Karas, dem Legat des Speeres, die Waffen
entgegenstrecken zu können. Darauf wartete, dass er die Kapitulation akzep-
tierte und gnadenvoll war. Dass er nur die Hälfte von den Schätzen Lurings
raubte. Dass er den Kriegern ihre Waffen nahm, nicht aber ihre prunkvol-
len Brünnen. Dass er den Schobern und Kellern das Heu und das Getreide
nahm, aber nicht so viel, dass Luring verhungern musste. Dass er die ihm
angebotenen acht Jungfrauen und Jünglinge als Opfer rur Shinxir annahm
und darur das Leben der anderen Bewohner verschonte. All das hatte Karas
ihnen zugesichert.
Die Stunde war da. Die Kohorten waren zum Ehrenspalier angetreten. Die
Schilde der Legionäre bildeten eine lange Gasse, die sich wie eine Schlange die
Straße bis hinauf zu Stadt und Festung wand. Die Legionäre schlugen mit ih-
ren Schwertern auf die Schilde. Der Herzschlag des Sieges. Die Centurii, De-
curii und Priester schritten an Karas' Seite. Die Schildträger senkten den Schild
und der Kriegsherr stellte sich auf ihn. Er wurde über all seine Untergebenen
erhoben. Sein Blick glitt über die versammelte Heerschar. Macht des Eisens.
Macht der Furcht. Schwach leuchtete über ihm das Sternbild der Hornisse.
»Euer Exzellenz«, flüsterte der Shinxir-Priester. »Alles ist bereit. Wollt Ihr ... ?«
Karas holte tief Luft, zog sein Schwert und sprach zu ihnen als ihr Strategus.
Schon als Karas seine Hand auf den Schwertgrifflegte, wusste der Priester,
was er sagen würde. Er wusste, dass er seinen Rat befolgen würde.
»Legionäre! Die Schlacht ist geschlagen. Der Sieg gehört uns. Doch eines
bleibt noch, ehe die Klingen ruhen, ehe unser Stiefelschritt verhallt: Gebt den
Verlierern, was des Verlierers ist! Gebt den Fürchtenden, was sie rurchten!
Gebt den Hunden Randras, was ihnen gebührt!
Geht in die große Donnerhalle und versenkt eure Waffen in Drauthin Agri-
tanus und in alle, die mit ihm sind. Wer ihm die Hände reichte, soll sie abge-
hauen bekommen. Wer rur ihn die Waffe erhob, soll seinen rechten Arm ver-
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lieren. Wer für ihn marschierte, soll seine Füße im Feuer verbrennen sehen,
bis das Fleisch von den Knochen herabfällt. Wer mit Worten für ihn einstand,
soll mit seiner Zunge büßen. Wer ihm sein Herz schenkte, soll das Herz he-
rausgetrennt bekommen. Und bevor ihr ihnen das Leben nehmt, geht in die
Häuser und Hütten und zeigt ihnen ihre Kinder, auf dass sie wissen, dass ihr
Samen mit ihnen stirbt. Erschlagt jedes Kind, mag es auch kleiner sein, als
das Schwert lang ist. Erschlagt sie alle. Werft um die Standbilder der Ran-
dra. Zertrümmert ihre Schreine. Legt Feuer an ihre Tempel. Nicht länger
sollen sie den Blick Shinxirs beleidigen. Werft die Priester der Löwengötzin
vom höchsten Turme und bietet ihre zerschmetterten Leiber den Krähen dar.
Türmt die Schädel der Erschlagenen zu Pyramiden und pflastert mit ihren
Rippen die Straßen.
Und habt ihr euer Werk vollendet, so tötet alle Hunden und Katzen der
Stadt, denn in ihnen überdauern zornige Geister. Achtet darauf, dass das Blut
der Erschlagenen nicht in die Äcker sickert, denn den Unmut der Erdriesin
wollen wir meiden.
Und glaubt ihr, ich hätte den Luringer Bastarden Gnade versprochen, so
höret: Nur einem wahren Gläubigen, einem Verehrer Shinxirs, schulde ich
mein Wort. Nicht aber einem Hunde Randras.
Dies ist die Botschaft des Karas an alle Völker Garetias. Wer sich fügt, wird
willkommen sein im Reiche Shinxirs. Wer trotzt, wird gebrochen werden. «
Der Kriegsherr wies mit dem Schwert gen Luring.
» Karrrasss! Karrrasss! Karrrasss! «, skapdierten die Legionäre im Chor.
Und die Legion ging hin und formte aus seinen Worten Taten.
Die Nacht war warm, doch der Altar, auf den Karas seine Hände legte, war
kalt. Die steinerne Büste Brajans blickte ihn an. Brennende Ölschalen erhell-
ten sie von allen Seiten.
»König der Götter, Gott der Könige«, sprach Karas zu ihm. »Merke dir
mein Antlitz gut. Bald bin auch ich dein gesalbter Herrscher auf Deren.«
Er lächelte. Was für ein närrisches Ritual, hier auf dem Brajatin, einem der
sechs Hügel Bosparans. Der Pavillon mit dem verwitterten Altar Brajans stand
abseits vom Tempel des Sonnengottes. Nicht diese Nacht vor der Salbung und
Königskränzung, die er der Tradition gemäß allein verbringen soll, wird ihn den
Göttern näher bringen. Nicht das heilige Öl und nicht der goldene Kranz aus
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Greifenfedern. Nicht die Hände und Worte des Horas, dieses blassen, teigigen
Tropfes auf dem Adlerthron. Nein. Ihn hat Entschlossenheit hierher gebracht,
Grausamkeit, Größe. Und ohne Zweifel Vorsehung. Shinxir sei sein Zeuge.
In den vergangenen Jahren hatte der Kriegsherr Garetia den angekündig-
ten Frieden gebracht. Wo sich ein Dorf, eine Burg oder eine Stadt weiger-
te, wurden die Bewohner niedergemacht. Wo ein Tempel der Randra Klage
erhob, wurde er geschleift. Wo sich aber die Feinde ohne Kampf ergaben,
wurde ihr Blut geschont. Furcht war eine mächtige Waffe. Und seit langen
Jahren wurde nichts so sehr gefürchtet wie der Legat des Speeres und seine
Manipel, die Beleniten.
Karas hatte das Land geeint,
für die Ordnung, für das Im-
perium, für Shinxir. Es war an
der Zeit, den nächsten Schritt
zu tun. Seine Legionäre hatten
ihn auf den Schild erhoben,
aber er brauchte den Segen des
Horas. Kaiserlichen Segen. An
der Spitze seiner Manipel war
er nach Bosparan gezogen, für
das er so lange gekämpft hatte,
ohne es je gesehen zu haben.
Doch was musste er schauen,
als er sein Feldzeichen zu den
Mauern der Hunderttürmigen
brachte? In den Lagern der Le-
gionen schliefen die Legionäre
in weichen Betten. Die Waffen
verstaubten und verrosteten,
entbehrten ihres regelmäßigen
Bades in Blut. Die Offiziere hat-
ten das Gesicht Shinxirs vergessen. In der Stadt herrschten eitle Prunksucht,
endlose Orgien und erbärmlichster Jammer Tür an Tür. Der Horaspalastwar
nichts anderes als das größte Bordell des Weltenkreises und der Kaiser ein
weicher Lüstling, der sich mit geschminkten Knaben, wasserköpfigen Grol-
men und elemitischen Zauberinnen umgab. Sein Blick war trüb, sein Fleisch
schwitzig. Der Adler war nurmehr ein müder, kranker Geier.
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Karas blickte zum Himmel, über den wenige vom Mond beschienene Wol-
ken zogen. Er suchte das Sternenmal Shinxirs, doch Chrysirius' Boten ver-
deckten es. Irgendwo am Fuß des Hügels waren die Stimmen seiner Traban-
ten zu hören, die sich etwas zuriefen.
Der Kriegsherr erinnerte sich an die Angst, die er beim Horas verspürt hatte.
War Karas nicht der Herr von vielen tausend kampferprobten Streitern, die
unten am Pater Yaquiro lagerten? Wie der Furor Garetica würden sie über die
Capitale kommen. Könnte er nicht seine Hand nach dem Horasthron aus-
strecken, wenn er nur wollte? Er könnte es. Wie sollten ihn die von Rausch-
kraut und elemitischen Abszinth verwelkten Legionäre Bosparans hindern?
Den Bürgern wäre es gleich, wenn ihr tatenloser Horas stürzte. Ja, er würde
ein Herrscher sein, der wieder göttergefällige Ordnung brachte - so wie er
sie der Provinz Garetia gebracht hatte. Er würde die Saumseligen zu Tode
peitschen, die Verruchten schächten, die Lüsternen pfählen, die Verräter vier-
teilen, die Dummen köpfen. Wer nicht dazu beitrug, die Ordnung wieder
aufzurichten, der war nutzlos. Sein Regiment wäre streng, blutig und voller
Furcht. Furcht war Macht. Fran-Horas wusste das. Er hatte mit dem Szepter
des Schreckens geherrscht. Er hatte Tausende und Abertausende rur Straßen,
Türme, Akademien, Heiligtümer und Eroberungen geopfert. Auf den Kno-
chen dieser Opfer hatte das Imperium in nie dagewesener Größe gestanden
- und war danach in unaussprechliche, dunkle Tiefen gefallen.
Karas' Taten in der Nordprovinz hatten seinen Ruhm bis Bosparan getra-
gen. Die Kindstötungen, die Massaker, die Tempelentweihungen. Er hatte
die Köpfe der Menschen beherrscht, noch ehe er angekommen war. Sein
Nimbus machte ihn unangreifbar. Wie weit würde sein Ruf, sein Ruhm, sein
Schrecken reichen, wenn er der Horas wäre? Wieviele Jahrhunderte und
Jahrtausende würde man sich seines Werks erinnern? Ein Werk, das zweifels-
ohne groß wäre. Das jenes des Fran-Horas überträfe, dem des Belen-Horas
gleichkäme und gleich nach dem des Ersten Horas genannt würde.
Er wäre unsterblich.
Ein Schatten trat vor eine Ölschale. Karas blickte auf. Er zuckte vor Überra-
schung zurück. Die umgestoßene Brajans-Büste fiel und zerschellte klirrend
auf den Steinen.
»Das kann nicht sein.«
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»Traue deinen Augen. Es wird zum Letzten gehören, was sie sehen.« Die
hünenhafte Gestalt schlug die Kapuze zurück. Das Gesicht war von Nar-
ben gezeichnet. Das blonde Haar ergraut. Aber Karas erkannte seinen Wi-
dersacher.
»Drauthins. «
Weitere sechs Schatten stellten sich vor die Feuerschalen. Jeder Flammen-
schein wich von Karas' Antlitz. Die Gestalten trugen Klingen. Karas verharr-
te. Die Furcht war zu ihm gekommen.
»Du wirst kein König werden« teilte ihm Drauthins mit. »Nicht alle star-
ben, als du Luring hinschlachten ließest, auch wenn man es dir so berichtete.
Ich und einige Getreue flohen. Doch keiner deiner Untergebenen wagte es,
dir davon Kunde zu bringen. Zu groß ist die Angst, die du gesät hast. Zu
groß, um zu herrschen.«
»Du kannst mich nicht töten. Meine Legion würde Bosparan in Flammen
aufgehen lassen.« Karas sprach diese Worte, doch ihm war bereits, als würde
ein anderer sie sagen.
»Der Horas weiß von dieser Zusammenkunft. Ja, er fürchtet dich. Er fürch-
tet dich sehr. Du bist zu schnell zu mächtig geworden. Die Horaslegionen
haben das Lager deiner Manipel bereits umstellt. Die meisten deine Streiter
ergaben sich. Nur dein erster Centurio schlug sich durch die Reihen und
floh - fort aus Bosparan. Deine Priester und deine alhanische Hexe werden
morgen im Yaquiro ertränkt. Deine Trabanten liegen am Fuße dieses Hügels
im eigenen Blute. Du bist allein. «
Karas zog sein Schwert, um es gegen sich selbst zu richten. Eine der Gestal-
ten sprang herbei und schlug es ihm aus der Hand.
»Diese Ehre wird dir nicht zuteil werden. « Drauthins sprach nun mit zit-
ternder Stimme. Er hatte lange auf diesen Moment der Rache gewartet. »Du
hast geschändet, entweiht, massakriert. Abermals und abermals. Was du ta-
test war Meintat und Meintat soll dir vergolten werden.«
Karas lachte. »So soll es sein. Los nur, wetzt eure Klingen. Ich ertrage alles,
was Hände mir antun können. Shinxirs Segen ruht auf mir.«
»Es gibt nicht genug Blut in deinem Leib, um dasjenige zu sühnen, das du
vergossen hast, Karas. Aber du wirst deine gerechte Strafe erhalten. Was dir
angetan wird, wird des Menschen Geist dir antun. Du wirst getilgt werden
von dieser Welt und aus dem Gesichte der Götter. Wer dir eng ergeben war,
wird hingeschlachtet. Was du aufgebaut und gesetzt hast in deinen Jahren in
Garetia wird abgerissen und widerrufen werden. Deine Standbilder werden
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gestürzt, deine Inschriften zerschlagen. Dein Name wird aus allen Chroni-
ken gestrichen und es wird verboten sein, ihn auszusprechen. Die Geschichte
wird dich nie gekannt haben.«
Verzweiflung verschluckte Karas. »Nein. Niemals! Das könnt ihr nicht! «
Sein gestählter Körper bäumte sich auf. Er wollte über Drauthins herfallen.
Doch Schläge sandten ihn zu Boden. Blut floss aus seinem Mund.
Drauthins beugte sich über ihn. »Dies wird das letzte Mal sein, dass Aven-
turien deinen Namen vernimmt: Karas! Damnatio memoriae!« Der Kriegs-
herr wollte schreien, aber sein Atem gebar nur ein Röcheln. Der Atem der
Niederlage.
Ganz nah an seinem Ohr waren nun die Lippen Drauthins. »Was wir aber
nun mit deinem Leib, deinem Geist, deiner Seele tun werden, das spottet die-
ser Welt und darf nicht laut ausgesprochen werden.« Die Lippen flüsterten.
Und was Karas hörte, machte ihn lahm, machte ihn stumm, machte ihn taub,
machte ihn blind.
Kein Buchstabe getraute sich mehr von seinem weiteren Schicksal zu kün-
den, keine Schrift wagte es, davon zu berichten. Der Legat des Speeres, der
Schlächter von Garetia, hat niemals existiert.
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