Einführung in die Semantik
Malte Zimmermann
Universität Potsdam
LEXIKALISCHE SEMANTIK: KONZEPTE UND
SINNRELATIONEN
1. EINLEITUNG: LEXIKALISCHE SEMANTIK
Lexikalische Semantik ⇒ konzeptuellen und grammatische Bedeutungs-
komponenten einzelner Wörter und Ausdrücke
• Fragestellungen in der lexikalischen Semantik:
i. Was ist der abstrakte Sinngehalt eines Wortes ?
Was für abstrakte kognitive Konzepte verbergen sich hinter (lexikalischen)
Ausdrücken wie Tasse, Tiger, hüpfen etc. Und wie lassen sie sich darstellen?
konzeptuelle/ intensionale Bedeutung
ii. Was für Beziehungen gibt es zwischen verschiedenen Wortbedeutungen, z.B.
zwischen Schwein und Haustier?
Sinnrelationen
iii. Referenz: Worauf verweist ein Wort in der Welt ?
Extensionale Bedeutung
• Grammatikalische und konzeptuelle Aspekte der lexikalischen Bedeutung:
Konzeptuelle Bedeutung: konzeptuelle Definition
grammatische Bedeutung: syntaktisch-semantische Kombinations-
möglichkeiten
2. INTENSIONEN / KONZEPTE
• Extension vs. Intension (cf. Frege 1892: Über Sinn und Bedeutung)
(1) Der Morgenstern ist der Abendstern.
Extension:
der Gegenstand (die Menge der Gegenstände) in der Welt, die dieser Begriff
bezeichnet.
Intension:
der Begriffsinhalt; die Intension ist die Art der Bezugsnahme auf einen bestimmten
Gegenstand; sie ermöglicht uns die Identifikation des/der Referenten eines Begriffs
durch Angabe der Menge von Eigenschaften und Merkmalen, die ein unter den
Begriff fallender Gegenstand aufweisen muss.
(2) a. Extension von Abendstern Venus
b. Intension von Abendstern der Himmelskörper, der abends als erstes
aufgeht (in unserer Welt zufällig Venus)
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Die Art der Bezugsnahme (Intension) eines Begriffs stellt eine Eigenschaft oder
oft ein Bündel von Eigenschaften zur Verfügung, mit deren Hilfe die Extension
eines Begriffs identifiziert werden kann.
Die Intension bleibt konstant, die Extension verändert sich in Abhängigkeit von
der Welt bzw. der Äußerungssituation:
(3) a. [[ US-Präsident]](1999) = Bill Clinton
b. [[ US-Präsident]](2002) = George W. Bush jr.
Exkurs: Zum Verhältnis von Extension und Intension
In der letzten Sitzung wurde gezeigt, dass man beide Bedeutungsdimensionen
benötigt und nicht eine auf die andere zurückgeführt werden kann. Es wurde
auch gesagt, dass zwei Ausdrücke eine verschiedene Intension haben, wenn sie
zu unterschiedlichen Äußerungszeitpunkten eine unterschiedliche Extension
haben, vgl. (3ab). Der Umkehrschluss, nach dem zwei Ausdrücke dieselbe
Intension haben, wenn Sie zu allen Äußerungszeitpunkten dieselbe Extension
haben, ist allerdings nicht zulässig. Als Beispiel betrachte man Ausdrücke wie
eckiger Kreis oder die größte Primzahl welche mathematisch unmögliche
Objekte beschreiben und deren Extension daher zu allen Äußerungszeitpunkten
die leere Menge ∅ ist. Nichtsdestotrotz möchte man wohl sagen, dass beide
Begriffe auf unterschiedliche Arten von unmöglichen Objekten verweisen.
Die mit der Intension verknüpften Eigenschaftsbündel werden in der kognitiven
und konzeptuellen Semantik auch als Konzept bezeichnet.
(vgl. Jackendoff 1983, Semantics and Cognition, Jackendoff 1989, “What is a
Concept, that a Person May Grasp It?”)
Q: i. Auf Grundlage welcher Kriterien bzw. Eigenschaften bezeichnen wir ein
Tier als Hund? = Was verbirgt sich hinter dem Konzept Hund?
ii. Was ist der konzeptuelle Gehalt der Worte schweben, treiben, schwimmen in
(Q1)?
(Q1) a. Der Ballon schwebte am Himmel. b. Auf dem See trieb/ schwamm ein Holz.
iii. Wie sind diese Konzepte formal darstellbar?
2.1 Komponentenanalyse / Merkmalssemantik
• Das Problem der Infinitheit bei finiter Gehirnkapazität: Der prinzipiell
unbeschränkten Menge an möglichen Konzepten steht ein beschränkter
Speicherapparat (das Gehirn) zur Verfügung
Konzepte bestehen aus kleineren miteinander kombinierbaren Einheiten.
Wortbedeutungen müssen zerlegt werden: Komponentenanalyse
(4) Bsp.: a. Frau b. Mann c. Junge
[+ menschlich ] [+ menschlich ] [+ menschlich ]
[+ weiblich ] [- weiblich ] [-weiblich ]
[+ erwachsen ] [+ erwachsen ] [- erwachsen ]
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• Komponentenanalyse (Markeresisch)
(cf. Katz/Postal 1964: An integrated theory of linguistic description)
Grundannahmen:
i. Die Bedeutung von Worten kann in kleinere Bestandteile (= semantische
Merkmale) zerlegt werden. Die jeweilige Bedeutung eines Wortes ergibt sich
aus der unterschiedlichen Merkmalskombination im Vergleich zu anderen
Worten.
(5) [[Junggeselle]] = - weiblich
- verheiratet
+ erwachsen
+ menschlich
ii. die semantischen Merkmale sind primitiv (nicht weiter zerlegbar) und universal,
d.h. aus ihnen lassen sich Worte beliebiger Sprachen bilden.
iii. semantische Merkmale sollten sprachlich motiviert sein:
(6) a. Henne – Hahn, Kuh – Bulle [+/- weiblich]
b. Wen vs. Was hast du gesehen? [+/- belebt]
Hypothese: mit einem begrenzten Inventar universell gültiger Merkmale lässt sich
das Gesamtlexikon jeder beliebigen Sprache beschreiben;
die Bedeutung von Wortverbindungen ergibt sich durch
Merkmalsamalgamierung = FUSION
• Probleme für die Komponentenanalyse
P1. Gibt es wirklich eine endliche und unabhängig (z.B. psychologisch-kognitiv)
motivierbare universale Menge semantischer Primitiva?
P2. Zirkularität: die verwendeten Marker müssen selbst wieder Bedeutung haben:
Ein Merkmal von Katze ist sicher [+Tier], aber [Tier] hat auch eine Bedeutung.
P3. Neben universalen Merkmalen, sind auch sogenannte Unterscheider ohne
echten semantischen Gehalt nötig. Vgl. z.B. den Unterschied zwischen Schaf,
Rind, Pferd, Esel, … (Löbner 2003: 205)
P4. Anwendungsgebiet beschränkt:
Was ist die Merkmalsbedeutung von funktionalen Ausdrücke wie z.B. Artikel
(der, die), Quantoren (alle, jeder, viele), von Farbtermini, wie z.B. rot, und
Eigennamen ? Problem: Zirkularität
P5. falsche Vorhersage für Prozessierung: generelle Oberbegriffe mit weniger
Merkmalen sollten schneller verarbeitet werden als spezifischere Unterbegriffe
mit mehr Merkmalen: Fahrzeug vs. Fahrrad
ABER: Verarbeitung von Fahrrad schneller als die von Fahrzeug
P6. Die Ermittlung der Bedeutung komplexer Ausdrücke? Merkmalsamalgamierung
oder -fusion funktioniert nur bei Modifikation (7a), aber nicht für V-Argument-
Relationen (7b):
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(7) a. [[ männliches Pferd ]] = [-weiblich] + [+belebt, + huftier, + domestiziert,...]
b. [[ Fahrrad ölen ]] ≠ [- belebt, +fahrzeug] + [+tätigkeit, ...]
bei der konzeptuellen Bedeutung der VP Fahhrad ölen, kann es sich nicht
gleichzeitig um ein ‚Fahrzeug’ und um eine ‚Tätigkeit’ handeln
Q: i. Wie analysiert man das konzeptuell komplexe Verb ölen ?
ii. Wie sind die semantischen Beziehungen zwischen den verschiedenen
Varianten von öffnen in (Q2) darzustellen? (Löbner 2003: 216)
(Q2) y öffnet x ⇒ x öffnet sich ⇒ x wird offen sein
• Dekompositionelle Semantik à la Dowty (1979) und Jackendoff (1983) :
Merkmalsbündel + Operatoren
Die Bedeutung von funktionalen, d.h. ungesättigten, Ausdrücken wie z.B.
Verben ist nicht flach (= Merkmalsmatrix), sondern strukturiert, und kann neben
den diskutierten Merkmalen eine Reihe von möglicherweise universellen
Operatoren wie z.B. GO, BECOME, CAUSE, etc. und Leerstellen für die
Argumente beinhalten
(7) a. [[offen]] = open(x) = Merkmalsliste
b. [[ sich öffnen ]] = BECOME (open(x) )
c. [[ öffnenTRA ]] = CAUSE ( y, BECOME (open(x) )
(8) [[ölen ]] = CAUSE ( y, GO (Öl, TO (AT x) )
• Ein weiteres Problem: Abstufungen und Unschärfen
Die klassische Komponentenanalyse lässt nur kategorische Urteile zu: Sie sagt
vorher, dass ein Gegenstand eindeutig entweder unter einen Begriff fällt (wenn
er die entsprechenden Merkmale hat) oder nicht.
ABER: Wortbedeutungen sind oft verschwommen (fuzzy), lassen Abstufungen
(gradations) und Ausnahmen zu (cf. Jackendoff 1983:Kap.7 & 8)
i. [[ tiger ]] = [+belebt, +säugetier, + orange, +streifen…]
Aber: Albino-Tiger sind nicht orange, aber Tiger
obwohl die Eigenschaft, ein oranges Fell mit Streifen zu haben, sehr wichtig für
Tigerhaftigkeit ist (dies ist auch ersichtlich an der Tatsache, dass gestreifte
Katzen ‘getigert’ genannt werden), ist sie nicht essentiell.
ii. Vase oder Tasse? Das Problem der Abstufung (s. Tafelbild)
iii. Die Bedeutung des Wortes Spiel Wittgenstein’s Konzept der verwandtschaft-
lichen Ähnlichkeit (1953: 31-32):
(9) 66. Consider for example the proceedings that we call “games”. I mean
board-games, card-games, ball-games, Olympic games and so on. What is
common to them all? Don’t say: “There must be something common, or they
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would not be called ‘games’” – but look and see whether there is anything
common to all. For if you look at them you will not see something that is
common to all, but similarities, relationships, and a whole series of them at that.
To repeat: don’t think, but look!…Are they all “amusing”? Compare chess with
noughts and crosses. Or is there always winning and losing, or competition
between players? Think of patience. In ball games there is winning and losing,
but when a child throws his ball at the wall and catches it again, this feature has
disappeared. Look at the parts played by skill and luck; and at the difference
between skill in chess and skill in tennis. Think now of games like ring-a-ring-a-
roses; here is the element of amusement, but how many other characteristic
features have disappeared! And we can go through the many, many other groups
of games in the same way; we can see how similarities crop up and disappear.
And the result of this examination is: we see a complicated network of
similarities overlapping and criss-crossing: sometimes overall similarities,
sometimes similarity of detail.
67. I can think of no better expression to characterize these similarities than
“family resemblances”; for the various resemblances between members of a
family: build, features, colour of eyes, gait, temperament, etc. etc. overlap and
criss-cross in the same way. – And I shall say: ‘games’ form a family.
2.2 Prototypentheorie (Rosch 1973/75)
• Kernannahmen:
i. Die Bedeutung eines Ausdrucks besteht nicht aus einer endlichen Liste von
notwendigen Merkmalen, sondern wird durch einen besonders repräsentativen
Prototyp realisiert.
ii. Diese Prototypen (typische oder zentrale Instanzen einer Kategorie) werden
beim Erwerb der Bedeutung eines Wortes erworben.
iii. Um zu entscheiden, ob ein bestimmter Gegenstand unter einen Begriff fällt oder
nicht, wird er mit dem entsprechenden Prototypen abgeglichen.
Die Prototypentheorie erklärt warum viele Begriffe verschwommen sind
und Abstufungen und Ausnahmen zulassen.
Die Prototypentheorie erklärt, warum die Verarbeitungszeiten von Prototypen
am schnellsten sind.
• Probleme für die Prototypentheorie (s. Löbner 2003: 9.4)
i. Das Problem der Mittelebene
Die Prototypentheorie funktioniert richtig gut nur bei (konkreten) Begriffen, die
auf sinnlich-wahrnehmbare Gegenstände, Individuen oder Prozesse verweisen.
(10) Motorrad Cabrio
Fahrzeug Auto Coupé
LKW Kombi
Fahrrad
Flugzeug
Schiff
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Während es relativ leicht ist, sich einen Prototypen für die fettgedruckten
Basisausdrücke in der mittleren Spalte und die noch spezifischeren
Unterklassen ganz rechts vorzustellen, so ist dies für den links-stehenden
Oberbegriff viel schwieriger:
Ist ein prototypisches Fahrzeug ein Auto, oder ein Zug, oder ein Schiff etc.?
Q: Was ist ein prototypisches Tier ?
ii. Abgleich mit dem Prototyp: das Schärfeproblem
Wölfe sind keine Hunde, aber sie sind viel hundeähnlicher als Kühe (30-
prozentige Hunde?), und noch hundeähnlicher als Krebse (90-prozentige
Hunde?), und noch mehr als Kartoffeln (99-prozentige Hunde?)
Pinguine haben wenig Ähnlichkeit im Äußeren und im Verhalten mit dem in
psychologischen Experimenten nachgewiesenen Vogelprototyp, dem
Rotkehlchen, aber trotzdem sind Pinguine Vögel, da sie einige entscheidende
Merkmale mit Rotkehlchen teilen: [+tier, +schnabel, +eierlegen, - säuger]
Wir brauchen also doch Merkmale …
iii. Abstraktere Oberbegriffe wie z.B. Fahrzeug sind vielfach funktional bestimmt
( Fahrzeug = Transportmittel, um Personen und Dinge zu transportieren).
Diese funktionale Bestimmung lässt sich am besten mit Hilfe von abstrakten
Merkmalen erfassen.
Wir brauchen also doch Merkmale ...
2.3 Wortbedeutung als konzeptuelle Struktur (Jackendoff 1983)
• Grundannahmen:
i. Die Bedeutung eines Wortes setzt sich zusammen aus einer Reihe von (teils sehr
allgemeinen) Bedingungen oder Merkmalen, nämlich notwendigen und nicht-
notwendigen, aber typischen Merkmalen.
(11) a. notwendige Bedingungen für [[ tiger]]: [belebt, +säuger, raubkatze, ...]
b. notwendige Bedingungen für [[ vogel]]: [belebt, -säuger, eierleger, flügel]
ii. Nichtnotwendige Bedingungen/Merkmale sind verletzbar (z.B. ‚orange sein’ bei
Albino-Tigern, oder ‚Vierpfoter’ bei versehrten Tigern)
Q: Was ist ein verletzbares typisches Merkmal von [[ vogel ]] ?
iii. Nichtnotwendige Bedingungen teilen sich in:
a. Zentralitätsbedingungen, die einen zentralen Wert in einem Spektrum für
abstufbare Bedeutungen angeben (z.B. bei Farbtermini) und
b. typische Bedingungen, die sich auf Form, Funktion, Zweck, Persönlichkeit,
oder anderes beziehen (z.B. ‘gestreift sein’ bei Tigern).
Die typischen Bedingungen sind untereinander in einem Präferenzregelsystem
geordnet, d.h., einigen Bedingungen kommt in widersprüchlichen Fällen mehr
Gewicht zu als anderen.
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(12) Beispiel für das Wirken eines Präferenzregelsystems:
Interaktion der Bedingungen ‘Henkel-haben’ und dem ‘Durchmesser-Höhe-
Verhältnis’ für die Bedeutung von Tasse (Labov 1973, Jackendoff 1983:137).
• Fazit:
i. Die konzeptuelle Bedeutung eines Wortes setzt sich zusammen aus einer
heterogenen Sammlung von notwendigen und nichtnotwendigen
Bedingungen/Eigenschaften, die sich auf Form, Funktion, Zweck, etc. eines
bestimmten Konzepts beziehen.
ii. Die Annahme nicht-notwendiger, d.h. verletzbarer Bedingungen als Teil der
Wortbedeutung erklärt dass Wortbedeutungen Abstufungen, Ausnahmen und
Undeutlichkeit zulassen.
iii. Die Bedeutung von funktionalen Ausdrücken wie Verben ist strukturiert und
beinhaltet neben Merkmalen auch eine Reihe von universellen abstrakten
Operatoren: GO, BECOME, TO, AT, CAUSE
iv. Die genauere Ermittlung dieser Bedingungen ist eher Aufgabe der Psycho- und
kognitiven Semantik, als der formalen Semantik. Im Verlauf des Seminars werden
wir den konzeptuellen Anteil von Wortbedeutungen als gegeben annehmen.
3. SINNRELATIONEN
Verschiedene Begriffe können aufgrund ihrer konzeptuellen Bedeutung zueinander in
bestimmten notwendigen Sinnrelationen stehen.
3.1 Synonymie
Zwei Wörter sind synonym genau dann, wenn man in jedem Kontext, in dem A(B)
vorkommt, an Stelle von A(B) B(A) setzen kann, ohne dass sich dadurch inhaltlich
etwas ändert.
(13) a. Beerdigungsunternehmen – Bestattungsinstitut
b. Befehlshaber, Kommandeur, Kommandant
c. Streichholz/ Zündholz
d. Bürgersteig/ Gehweg
e. Sonnabend/Samstag
Q: Sind die Ausdrücke in (13a-d) wirklich vollständig synonym?
Totale (expressive und denotative) Synonymie bei Wörtern scheint durch das
Prinzip der Sprachökonomie ausgeschlossen.
• Entstehung von Synonymie:
S. entsteht durch das Nebeneinander dialektaler und hochsprachlicher,
umgangssprachlicher und fachsprachlicher Varianten, durch euphemistische
Beschreibungstendenzen (sterben – entschlafen), Sprachlenkung
(Weihnachtsengel - Jahresendfigur), durch Übernahme von Fremdwörtern
(Etage – Stockwerk).
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Synonymie ist symmetrisch (i.) und transitiv (ii.):
i. wenn A synonym zu B ist, dann ist B synonym zu A;
ii. wenn A synonym zu B ist, und B synonym zu C, dann ist A synonym zu C.
3.2 Hyponymie und Hyperonymie
Hyponymie = Unterordnung, inhaltsmässige Spezifizierung
Hyperonymie = Überordnung, Verallgemeinerung
Beispiele für Hyponymie und Hyperonymie:
(14) Hyponym Hyperonym
Apfel, Birne, Banane Obst
Schwimmer Sportler
Python Schlange
Schlange Reptil
weinrot rot
Hyponymie und Hyperonomie sind transitiv, aber nicht symmetrisch.
3.3 Inkompatibilität
Zwei Ausdrücke A und B heißen inkompatibel, falls nichts gleichzeitig sowohl unter
den durch A als auch unter den durch B ausgedrückten Begriff fallen kann.
(15) a. nüchtern vs. sternhagelvoll
b. müde vs. hellwach
c. Apfel vs. Banane
(16) a. #Der Lehrer war ein alter junger Mann. inkompatibel
b. Der Lehrer war ein freundlicher junger Mann. kompatibel
3.4 Komplementarität:
Zwei Begriffe A und B sind zueinander komplementär, falls sie miteinander
inkompatibel sind und alles entweder unter den durch A bezeichneten Begriff oder
unter den durch B bezeichneten Begriff fällt. Spezialfall von Inkompatibilität
echte Beispiele für Komplementarität sind schwierig zu finden
gute Beispiele: abwesend – anwesend, schwarzweiß – farbig
Theologie: gut – böse, dar al-islam - dar al-harb
schlechte Beispiele: verheiratet – ledig, nüchtern – besoffen, dick – dünn
Q: Sind die folgenden Begriffspaare komplementär?
(Q3) a. männlich - weiblich
b. natürlich – künstlich
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3.5 Ambiguität: Homonymie vs. Polysemie
Worte können ambig zwischen zwei oder mehreren Bedeutungen sein, aber die
Ambigutität kann entweder auf zufälliger Homonymie (17a) oder
systematischer Polysemie (17b) beruhen:
(17) a. Bank
b. Seite
der Unterschied kann deutlich gemacht werden mit Hilfe des Konzepts Lexem:
Lexem/Lexikoneinheit = selbständige Einheiten mit Lautform, einer grammatischen
Kategorie, inhärenten grammatischen Eigenschaften , bestimmten grammatischen
Formen, und einer lexikalischen Bedeutung.
Homonymie = zwei unterschiedliche Lexeme mit unterschiedlicher Bedeutung und
möglicherweise unterschiedlichen Eigenschaften, aber zufällig
gleicher Lautform.
(18) die Banken vs. die Bänke
Polysemie = ein Lexem mit einer Reihe von systematisch miteinander
verbundenen Bedeutungsvarianten.
Fazit:
Verschiedene Wortbedeutungen stehen aufgrund ihres konzeptuellen Sinngehalts
zueinander in Beziehung.
Literatur:
Frege, G. 1892. Über Sinn und Bedeutung. In: Zeitschrift für Philosophie und
philosophische Kritik, NF 100, 25-50. [Neuabdruck in Frege. 1969. Funktion,
Begriff, Bedeutung. Fünf logische Studien. Vandenhoeck u. Ruprecht. 40-65.
Jackendoff, R. 1983. Semantics and Cognition. Cambridge, Mass.: MIT Press.
Jackendoff, R. 1989. What is a Concept, that a Person May Grasp It? In: Mind and
Language 4. 68-102
Katz, G. & Postal, P. 1964. An Integrated Theory of Linguistic Descriptions.
Cambridge, Mass.: MIT Press.
Labov, W. 1973. The Boundaries of Words and their Meanings. In: C.-J. N. Bailey &
R.W. Shuy (eds.), New Ways of Analyzing Variation in English, Vol.1.
Washington: Georgetown University Press.
Rosch, E. 1973. Natural Categories. In: Cognitive Psychology 4. 328-350.
Rosch, E. 1975. Cognitive Reference Points. In: Cognitive Psychology 7. 532-547.
Wittgenstein, L. 1953. Philosophische Untersuchungen. Oxford: Blackwell.