0% fanden dieses Dokument nützlich (0 Abstimmungen)
34 Ansichten64 Seiten

Traumgekront Rainer Maria Rilke

Das Dokument enthält Gedichte von René Maria Rilke aus dem Jahr 1897, die in einem Band mit dem Titel 'Traumgekrönt' veröffentlicht wurden. Die Gedichte thematisieren Emotionen, Natur und die menschliche Existenz, oft in einem melancholischen und träumerischen Ton. Rilkes Werke sind geprägt von einer tiefen Sehnsucht und einem Streben nach Schönheit und Wahrheit.

Hochgeladen von

lulusubscriptions07
Copyright
© © All Rights Reserved
Wir nehmen die Rechte an Inhalten ernst. Wenn Sie vermuten, dass dies Ihr Inhalt ist, beanspruchen Sie ihn hier.
Verfügbare Formate
Als PDF, TXT herunterladen oder online auf Scribd lesen
0% fanden dieses Dokument nützlich (0 Abstimmungen)
34 Ansichten64 Seiten

Traumgekront Rainer Maria Rilke

Das Dokument enthält Gedichte von René Maria Rilke aus dem Jahr 1897, die in einem Band mit dem Titel 'Traumgekrönt' veröffentlicht wurden. Die Gedichte thematisieren Emotionen, Natur und die menschliche Existenz, oft in einem melancholischen und träumerischen Ton. Rilkes Werke sind geprägt von einer tiefen Sehnsucht und einem Streben nach Schönheit und Wahrheit.

Hochgeladen von

lulusubscriptions07
Copyright
© © All Rights Reserved
Wir nehmen die Rechte an Inhalten ernst. Wenn Sie vermuten, dass dies Ihr Inhalt ist, beanspruchen Sie ihn hier.
Verfügbare Formate
Als PDF, TXT herunterladen oder online auf Scribd lesen

PT 2635

.12 T77
1897

Rene Maria Rilke.

Traumgekrönf.

Heue Gedichte,
Traumgekrönt.
BAND 1.

raun

Heue Sedichfe
von

Ren6 ]VTaria Kilke.

Motto
„Pfadschaffend naht sich eine grosse
Mit neuen Göttern schwangre Zeit."
(Zoozmann Episoden.)

LEIPZIG.
VERLAG VON P. FRIESENHAHN.
1897.

Digitized by Google
Digitized by Google
Motto: „Mein ist die Welt, mein die
Gestirne . . .

(Zoozmann „Zwischen Himmel


und Erde.")

Königslied.

X)arfst das Leben mit Würde ertragen,


Nur macht es klein;
die Kleinlichen
Bettler können dir Bruder sagen
Und du kannst doch ein König sein.

Ob dir der Stirne göttliches Schweigen


Auch kein rothgoldener Reif unterbrach, —
Kinder werden sich vor dir neigen,
Selige Schwärmer staunen dir nach.

Tage weben aus leuchtender Sonne


Dir deinen Purpur und Hermelin,
Und, in den Händen Wehmut und Wonne,
Liegen die Nächte vor dir auf den Knien

Digitized by Google
Richard Zoozmann

in treuer Derehrung

zu eigen

Renö Maria Rilke.


Träumen,

Motto:
„Froh wirft im gold'nen Aethermeere
Die Phantasie die Anker aus . .

(Zoozmann, „Zwischen Himmel und


Erde.")

Digitized by Google
M ein Herz gleicht der vergessenen Kapelle;
Auf dem Altare prahlt ein wilder Mai.
Der Sturm, der übermüthige Geselle
Brach längst die kleinen Fenster schon entzwei;
Er schleicht hereia jetzt bis zur Sakristei
Und zerrt dort an der Ministrantenschelle.
Der Glocke zager Sehnsuchtsschrei
schrillen
Ruft zu der längst entwöhnten Opferstelle
Den arg erstaunten fernen Gott herbei.
Da lacht der Wind und hüpft durchs Fenster frei.

Doch der Erzürnte packt des Klanges Welle


Und schmettert an den Fliesen sie entzwei.

Und arme Wünsche knien in langer Reih


Vor'm Thor und betteln an vermooster Schwelle.
Doch längst schon geht kein Beter mehr vorbei.
- 12

II.

Ich denke an:

J^in Dörfchen schlicht in dos Friedens Prangen,


Drin Hahngekräh
Und dieses Dörfchen verloren gegangen
Im BKitenschnee.
Und drin im Dörfchen mit 8onritagsmienen
Ein kleines Haus;
Ein Blondkopf nickt aus den Tüllgardinen
Verstohlen heraus.
Rasch auf die Thüre, die angelheiser
Um Hilfe ruft, —
Und dann in der Stube ein leiser, leiser

Lavendelduft

Digitized by Google
— 13 -

III.

ist ein Häuschen war' mein Eigen;


:

Vor seiner Thüre säss ich spät.


Wenn hinter violetten Zweigen
Bei halbverhalltem Grillengeigen
Die rothe Sonne sterben geht.

Wie eine Mütze grünlich-sammten


Steht meinem Haus das moos'ge Dach,
Und dickumrammten
seine kleinen,
Und blankverbleiten Scheiben flammten
Dem Tage heisse Grüsse nach.

Ich träumte und mein Auge langte


Schon nach den blassen Sternen hin, —
Vom Dorfe her ein Ave bangte,
Und ein verlorner Falter schwankte
Im schneeig schimmernden Jasmin.

Die müde Herde trollte trabend


Vorbei, der kleine Hirte pfiff, —
Und in die Hand das Haupt vergrabend.
Empfand ich wie der Feierabend
In meiner Seele Saiten griff.

Digitized by Google
- 14 -
9

IV.

l^i ine alte Weide trauert


Dürr und fühllos in den Mai, —
Ein alte Hütte kauert
Grau und einsam hart dabei.

War ein Nest einst in der Weide,


In der Hütt' ein Glück zuhaus;
Winter kam und Weh', — und beide
Blieben aus ....

Digitized by Google
D
Gab
ie Rose hier, die

gestern mir der


gelbe
Knab\
Heut trag ich sie dieselbe
Hin auf sein frisches Grab.

An ihren Blättern lehnen


Noch lichte Tröpfchen, —
schau!
Nur heute sind es Thränen, —
Und gestern war es —
Thau . . . .
- 16 -

VI.

V\Z ir sassen beisammen im Dämmerlichte.


„Mütterchen", schmeichelte ich, „nicht wahr,
Du erzählst mir noch einmal die schöne Geschichte
Von der Prinzessin mit gold'nem Haar?" —
Seit Mütterchen tot ist, durch dämmernde Tage
Führt mich die Sehnsucht, die blasse Frau;
Und von der schönen Prinzessin die Sage
Weiss sie wie Mütterchen — ganz genau . . .

Digitized by Google
17

VII.

Ich wollt', sie hätten statt der Wiege


Mir einen kleinen Sarg gemacht,
Dann war' mir besser wol, dann schwiege
Die Lippe längst in feuchter Nacht.

Dann hätte nie ein wilder Wille


Die bange Brust durchzittert, — dann
War 's in dem kleinen Körper stille,

So still wie's niemand .denken kann.

Nur eine Kinderseele stiege


Zum Himmel hoch so sacht, — ganz sacht . . .

Was haben sie mir statt der Wiege


Nicht einen kleinen Sarg gemacht? —

Digitized by Google
- 18 -

yjn.

enc Wolke will ich neiden.


J
Die dort oben schweben darf!
Wie sie auf besonnte Haiden
Ihre schwarzen Schatten warf.

Wie die Sonne zu verdüstern


Sievermochte kühn genug.
Wenn die Erde lichteslüstern
Grollte unter ihrem Flug.
»

All diegohTnen Strahlenfluten


Jener Sonne wollt' auch ich
Hemmen ! Wennauch für Minuten !

Wolke ! Ja, icli neide dich !

ctfp

Digitized by Google
- 19 -

m .
Hat jüngst zerstört
.....
ein jäh Zerstieben,
Und mir nur ist der Weltgedanke,
Der grosse, in der Brust geblieben.

Denn so ist sie, wie ich sie dachte,


Ein jeder Zwiespalt ist vertost:
Auf gold'nen Sonnenflügeln sachte
Umschwebt mich grüner Waldestrost.
- 20 —

X.

w enn das Volk, das drohnenträge,


Trabt den altvertrauten Trott,
Möcht' ich weisse Wandelwegc
Wallen durch das Duftgehege
Ernst und einsam wie ein Gott.

Wandclnjnach den glanzdurchspriihten


Fernen, lichten Lohns bewusst; —
Um die Stirne kühle Blüten
Und von kinderkeuschen Mythen
Voll die sabbathstille Brust.

Digitized by Google
- 21 -

XI.

VV h
e * ss lc denn we mr
* ' geschieht?
In den Lüften Düftequalmen
Und in bronzebraunen Halmen
Ein verlornes Grillenlied.

Auch in meiner Seele klingt


Tief ein Klang, ein traurig-lieber, —
So hört wohl ein Kind im Fieber,
Wie die tote Mutter singt. —

Digitized by Google
- 22

xn.

l^chon blinzt aus argzerfetztem Laken


Der holde, keusche Götternacken
Der früherwachenden Natur,
Und nur in tiefentleg'nen Thalen
Zeigt hinter violetten, kahlen
Gebüschen sich mit falschem Prahlen
Des Winters weisse Sohlenspur.

Hin geh' ich zwischen Wcidenbäumen


An nassen Räderrinnensäumen
Den Fahrweg, und der Wind ist mild.
Die Sonne prangt im Glast des Märzen
Und zündet an im dunkeln Herzen
Der Sehnsucht weisse Opferkerzen
Vor meiner Hoffnung Gnadenbild.

Digitized by Google
- 23 -

XIII.

r^ablerraner Himmel, von dem jede Farbe


Bange verblich.
Weit — ein einziger lohrother Strich
Wie eine brennende Geisseinarbe.

Irre Reflexe vergehn und erscheinen.


Und in der Luft
Liegts wie ersterbender Rosenduft
Und wie verhaltenes Weinen ....
- 24 -

XIV.

D ie Nacht liegt duftschwer auf dem

Und ihre Sterne schauen still,


Parke,

Wie schon des Mondes weisse Barke


Im Lindenwipfel landen will.

Fern hör' ich die Fontäne lallen


Ein Märchen, das ich längst vergass, —
Und dann ein leises Apfelfallen
Ins hohe, regungslose Gras.

Der Nachtwind schwebt vom nahen Hügel


Und trägt durch alte Eichenreih'n
Auf seinem blauen Falterflügel
Den schweren Duft vom jungen Wein.

Digitized by Google
- 25 -

XV.

Im Schoos der silberhellen Schneenacht


Dort schlummert alles weit und breit,
Und nur ein ewig wildes Weh wacht
In einer Seele Einsamkeit.

Du fragst, warum die Seele schwiege.


Warum sie's in die Nacht hinaus
Nicht giesst? — Sie weiss, wenn's ihr entstiege
Es löschte alle Sterne aus. —

Digitized by Google
- 23 —

XYI.

^/Abendläuten. Aus den Bergen hallt es


Wieder neu zurück in immer mattern
Tönen. Und ein Lüftchen fühlst Du flattern
Von dem grünen Thalgrund her, ein kaltes.

In den weissen Wiesenquellen lallt es


Wie ein Stammeln kindischen Gebetes
Durch den schwarzen Tannenhochwald geht es
Wie ein Dämmern, ein jahrhundertaltes.

Durch Fuge eines Wolkenspaltes


die
Wirft derAbend rothe Blutcorallen
Nach den Felsenwänden. —
Und sie prallen
Lautlos von den Schultern des Basaltes.

Digitized by Google
XVII

elten weiter Wand'rer


Walle fort in Ruh' ....
Also kennt kein And'rer
Menschenleid — wie Du

Wenn mit lichtem Leuchten


Du beginnst den Lauf,
Schlägt der Schmerz die feuchten
Augen zu Dir auf.

Drinnen liegt — als riefen


Sie Dir zu: versteh!
Tief in ihren Tiefen
Eine Welt voll Weh . . .

Tausend Thränen reden


Ewig ungestillt, — — —
Und in einer jeden
Spiegelt sich Dein Bild!
- 28 -

XTIIL

M öchte mir ein blondes Glück erkiesen;


Doch vom Sehnen bin ich müd und Suchen. —
Weisse Wasser gehn in stillen Wiesen,
Und der Abend blutet in die Buchen.

Mädchen wandern heimwärts. Roth im Mieder


Kosen ferneher verklingt ihr Lachen
; . . .

Und die ersten Sterne kommen wieder


Und die Träume, die 'so traurig machen.

Digitized by Google
- 29 -

XIX,

v or mir liegt ein Felsenmeer,


Sträucher, halb im Schutt versunken,
Todesschweigen. — Nebeltrunken
Hangt der Himmel drüber her.

Nur ein matter Falter schwirrt


Kastlos durch das Land, das kranke . .

Einsam wie ein Gottgedanke


Durch die Brust des Leugners irrt.

Digitized by Google
- 30 -

XX.

D ie Fenster glühten an dem


Der ganze Garten war voll Rosendüften.
stillen Haus,

Hoch spannte über weissen Wolkenklüften


Der Abend in den unbewegten Lüften
Die Schwingen aus.

Ein Glockenton ergoss sich auf die Au . . .

Lind wie ein Ruf aus himmlischen Bezirken.


Und heimlich über flüstcrvollen Birken
»Sah ich die Nacht die ersten Sterne wirken
Ins blasse Blau.

Digitized by Google
- 31 -

XXI

IV s gibt so wunderweisse Nächte,


Drin alle Dinge Silber sind.
Da schimmert mancher Stern so lind,
Als ob er fromme Hirten brächte
Zu einem neuen Jesukind.

Weit wie mit dichtem Deraantstaubc


licstreut erscheinen Flur und Flut,
Und in die Herzen, traumgemut,
Steigt ein kapellenloser Glaube
Der leise seine Wunder thut.

Digitized by Google
- 32 -

XXII.

W ie eine Riesenwundcrblume prangt


Voll Duft die Welt, an deren Blütenspelze,
Ein Schmetterling mit blauem Schwingenschmelzc,
Die Mainacht hangt.

Nichts regt sich ; nur der Siiberfühler blinkt . . .

Dann trägt sein Flügel ihn, sein frühverblasster,


Nach Morgen, wo aus feuerrother Aster
Er Sterben trinkt ....

Digitized by Google
XXIII

jl V ie jegliches Gefühl vertiefend,


>

Ein süsser Drang die Brust bewegt,


Wenn sich die Mainacht, sternetriefend,
Auf mäuschenstille Plätze legt.

Da schleichst Du hin auf sachter Sohle


Und schwärmst zum blanken Blau hinauf.
Und gross wie eine Naehtviole
Geht Dir die dunkle Seele auf . . .

3
- 34

XXIV.

o
Wenn
gäb's doch Sterne, die nicht bleichen,
schon der Tag den Ost bes*äumt;
Von solchen Sternen ohne gleichen
Hat meine Seele oft geträumt.

Von Sternen, die so milde blinken,


Dass dort das Auge landen mag,
Das müde ward vom Sonnetrinken
An einem gold'nen Sommertag.

Und schlichen hoch ins Weltgetriebe


Sich wirklich solche Sterne ein, —
Sie müssten der verborgenen Liebe
Und allen Dichtern heilig sein.

Digitized by Google
- 35 -

XXV.

JY^jr ist so weh, so weh, als müsste

Die ganze Welt in Grau vergehn,


Als ob mich die Geliebte küsste
Und sprach: Auf Nimmerwiedersehn.

Als ob ich tot war' und im Hirne


Mir dennoch wühlte wilde Qual,
Weil mir vom Hügel eine Dirne
Die letzte, blasse Kose stahl

:
3

Digitized by Google
- 36 —

XXYI.

JV[att durch der Thale Gcqualme wankt


Abend auf goldenen Schuhn, —
Falter, der träumend am Halme hangt,
Weiss nichts vor Wonne zu thun.

Alles schlürft heil an der Stille sich. —


Wie da die Seele sich schwellt,
Dass sie als schimmernde Hülle sich
Legt um das Dunkel der Welt.

Digitized by Google
37 -

XXVII.

VjU»in Erinnern, das ich heilig heisse,


Leuchtet mir durchs innerste Gemüth,
So wie Götterbildermarmorweisse
Durch geweihter Haine Dämmer glüht.

Das Erinnern einstiger Seligkeiten,


Das Erinnern an den toten Mai, —
Weihrauch in den weissen Händen, schreiten
Meine stillen Tage dran vorbei ....

Digitized by Google
- 38 -

XXYIII.

laubt mir, dass ich, matt vom Kranken,


Keinen lauten Lenz mehr mag, —
Will nur einen sonnenblanken,
Wipfelrothen Frühherbsttag.

Will die Lust, die jubelschrille,


Nicht mehr in die Brust zurück, —
Will nur Stcrbestubenstille
Drinnen — für mein totes Glück . . .

Digitized by Google
Lieben.

Motto
„Was rollst Du Alles durch den Schädel,
Was brütet Alles nicht darin?
Jetzt fährt ein Reim, jetzt huscht ein Mädel
Jetzt geht ein Gott durch Deinen Sinn."
(Zoozmann, „Episoden".)

Digitized by Google
1.

Und wie mag die Liebe Dir kommen sein?


Kam sie wie ein Sonnen, ein Blütenschnei'n,
Kam sie wie ein Beten? - Erzähle:

Ein Glück löste leuchtend aus Himmeln sich los


Und hing mit gefalteten Schwingen gross
An meiner blühenden Seele

Digitized by Google
- 44 -

IL

D as war der Tag der weissen Chrysanthemen,


Mir bangte fast vor seiner schweren Pracht . . .

Und dann, dann kamst Du mir die Seele nehmen


Tief in der Nacht

Mir war so bang, und Du kamst lieb und leise,

Ich hatte grad' im Traum an Dich gedacht.


Du kamst —
und leis wie eine Märchenweise
Erklang die Nacht

Digitized by Google
45 -

III.

jLÜincn Maitag mit Dir beisammen sein,


Und selbander verloren ziehn
Durch der Blüten duftqualmende Flammenreih'n
Zu der Laube von weissem Jasmin

Und von dorten hinaus in den Maiblust sehaun,


Jeder Wunsch in der Seele so still, . . .

Und ein Glück sich mitten in Mailust ban n,

Ein grosses, — das ist's, was ich will . . ;

Digitized by Google
46 -

IV.

Ich weiss nicht, wie mir geschieht. . . .

Weiss nicht, was Wonne ich lausche,


Mein Herz ist fort wie im Rausche,
Und die Sehnsucht ist wie ein Lied.

Und mein Mädel hat fröhliches Blut,


Und hat das Haar voller Sonne
Und die Augen von der Madonne,
Die heute noch Wunder thut.

Digitized by Google
- 47

V.

o b Dirs noch denkst, dass ich Dir Aepfcl brachte


Und Dir das Goldhaar glattstrich leis und lind?
Weisst Du, das war, als ich noch gerne lachte,
Und Du warst damals noch ein Kind.

Dann ward ich ernst. In meinem Herzen brannte


Ein junges Hoffen und ein alter Gram ....
Zur Zeit, als einmal Dir die Gouvernante
Den „Werther" aus den Händen nahm.

Der Frühling rief. Ich küsste Dir die Wangen,


Dein Auge sah mich gross und selig an.
Das war ein Sonntag. Ferne Glocken klangen,
Und Lichter gingen durch den Tann ....

Digitized by Google
- 48 -

Tl.

w ir sassen beide in Gedanken

Im Weinblattdämmer —
Du und ich
Und über uns in duft'gen Ranken
Yersummte wo ein Hummel sich.

Reflexe hielten, bunte Kreise


In Deinem Haare flüchtig Rast . . .

Ich sagte nichts, als einmal leise-.

..Was Du für schöne Augen hast.

Digitized by Google
VII.

^ßlondköpfchen hinter den Scheiben


Hebt es sich ab so fein, —
Sternt es ins Stäubchentreiben
Oder zu mir herein?

Ist es das Köpfchen, das liebe,


Das mich gefesselt hält
Oder das Stäubchengetriebe
Dort in der sonnigen Welt?

Keins sieht zum Andern hinüber.


Heimlich, die Stirne vollRuh
Schreitet der Abend vorüber ....
Und wir? Wir sehn ihm halt zu. —
- 50 -

VIII.

D ic Liese wird heute just sechzehn Jahr\


Sie findet im Klee einen Vierling ....
Fern drängt sichs wie eine Bubenschar:
Die Löwenzähne mit blondem Haar
Betreut vom sternigen Schierling.

Dort hockt hinterm Schierling der Kiescnpan,


Der strotzige, lose Geselle.
Jetzt sieht er verstohlen die Liese nalm
Und lacht und wälzt durch den Wiesenplan
Des Windes wallende Welle ....

Digitized by Google
- 51

IX.

Ich träume tief im Weingerank


Mit meiner blonden Kleinen;
Es bebt ihr Händchen, elfenschlank,
Im heisscn Zwang der meinen.

So wie ein gelbes Eichhorn huscht


Das Licht hin im Keflexe
Und violetter Schatten tuscht
Ins weisse Kleid ihr Klexe.

In uns'rer Brust liegt glüekverschneit


Goldsonniges Verstummen.
Da kommt in seinem Sammetkleid
Ein Hummel — Segen summen ....
- 52 -

X.

Tl/s ist ein Weltmeer voller Lichte, *

Das der Geliebten Aug' umschliesst,


Wenn von der Flut der Traumgesichte
Die keusche Seele überfliesst.

Dann beb' ich vor der Wucht des Schimmers


So wie ein Kind, das stockt im Lauf,
Geht vor der Pracht des Christbaumzimmers
Die Flügelthüre lautlos auf.

Digitized by Google
- 53 -

XL

I ch war noch ein Knabe. Ich weiss, es hiess


Heut' kommt Base Olga zu Gaste.
Dann sah ich Dich nahn auf dem schimmernden Kies
Ins Kleidchen gepresst, ins verblasste.

Bei Tisch sass man später nach Ordnung und Rang


Und frischte sich massig die Kehle;
Und wie mein Glas an das Deine klang,
Da ging mir ein Riss durch die Seele.

Ich sah Dir erstaunt ins Gesicht und vergass


Mich dem Plaudern der Andern zu einen,
Denn tief im trockenen Halse sass
Mir würgend ein wimmerndes Weinen.

Wir gingen im Parke. — Du sprachst vom Glück


Und küsste8t die Lippen mir lange
Und ich gab Dir fiebernde Küsse zurück
Auf die Stirne, den Mund und die Wange.

Und da machtest Du leise die Augen zu,


Die Wonne blind zu ergründen ....
Und mir ahnte im Herzen: Da wärest Du
Am liebsten gestorben in Sünden

Digitized by Google
XII.

D
Streut
ie Nacht im Silherfunkenkleid
Träume
eine Handvoll,
Die füllen mir mit Trunkenheit
Die tiefe Seele randvoll.

Wie Kinder eine .Weihnacht sehn


Voll Glanz und gold'nen Nüssen, —
Seh ich Dich durch die Mainacht gehn
Und alle Blumen küssen.

Digitized by Google
— 00 —

XIII.

^chon starb der Tag. Der Wald war zauberhaft,


Und unter Farren bluteten Cyklamen,
Die hohen Tannen glühten, Schaft bei Schaft,
Es war ein Wind, — und schwere Düfte kamen.
Du warst von unserm weiten Weg erschlafft,
Ich sagte leise Deinen süssen Namen
Da bohrte sich mit wonnewilder Kraft
Aus Deines Herzens weissem Liliensamen
Die Feuerlilie der Leidenschaft.

Koth war der Abend —und Dein Mund so roth,


Wie meine Lippen sehnsuchtheiss ihn fanden,
Und jene Flamme, die uns jäh durchloht,
Sie leckten an den neidischen Gewauden . . .

Der Wald war stille, und der Tag war tot.


Uns aber war der Heiland auferstanden,
Und mit dem Tage starben Neid und Noth.
Der Mond kam gross an tinsern Hügeln landen,
Und leise stieg das Glück aus weissem Boot.

Digitized by Google
- 56 -

XIV.

J^s leuchteten im Garten die Syringen,


Von einem Ave war der Abend voll, —
Da war es, dass wir voneinandergingen
In Gram und Groll.

Die Sonne war in heissen Fieberträumen


Gestorben hinter grauen Hängen weit,
Und jetzt verglomm auch hinter Blütenbäumen
Dein weisses Kleid.

Ich sah den Schimmer nach und nach vergehen


Und bangte bebend wie ein furchtsam Kind,
Das lange in ein helles Licht gesehen:
Bin ich jetzt blind? —

Digitized by Google
- 57

xy.

V^/ft scheinst Du mir ein Kind, ein kleines,


Dann fühl
1
mich so ernst und alt,
ich —
Wenn nur ganz leis Dein glockenreines
Gelächter in mir wiederhallt.

Wenn dann in grossem Kinderstaunen


Dein Auge aufgeht, tief und heiss, —
1
Möcht ich Dich küssen und Dir raunen
Die schönsten Märchen, die ich weiss.

Digitized by Google
- 58 -

XVI.

N ach einem Glück ist meine Seele lüstern,


Nach einem kurzen, dummen Wunderwahn ....
Im Quellenquiiien und im Führenflüstern
Da hör' ich's nahn ....

Und wenn von Hügeln, die sieh purpurn säumen,


In bleiche Bläue schwimmt der Silberkahn, —
Dann unter schattenschweren Blütenbäumen
Seh' ich es nahn.

In weissem Kleid so wie das Lieb, das tote.


:

Am Sonntag mit mir ging durch Staub und Strauch,


Am Herzen jene Blume nur, die rothe,
Trug es die auch? .... *

Digitized by Google
XVII.

W
Vom
ir gingen unter herbstlich bunten Buchen
Abschiedsweh die Augen Beide roth ....
„Mein Liebling, komm, wir wollen Blumen suchen/
Ich sagte bang: „„Die sind schon tot.""

Mein Wort war lauter Weinen. —In den Aethern


Stand kindisch lächelnd schon ein blasser Stern
Der matte Tag ging sterbend zu den Vätern, ,

Und eine Dohle schrie von fern. —


- GO -

XVIII.

Tm Frühling oder im Traume


Bin ich Dir begegnet einst,
Und jetzt gehn wir zusamm durch den Herbsttag
Und Du drückst mir die Hand und weinst.

Weinst Du ob der jagenden Wolken?


Ob der blutrothen BLätter? Kaum.
Ich fühl' es: Du warst einmal glücklich
Im Frühling oder im Traum . . .

Digitized by Google
- 61 -

XIX.

^ie hatte keinerlei Geschichte,


Ereignislos ging Jahr um Jahr —
Auf einmal kams mit lauter Lichte . . .

Die Liebe oder was das war.

Dann plötzlich sah sie's bang zerrinnen,


Da liegt ein Teich vor ihrem Haus . . .

So wie ein Traum scheints zu beginnen


Und wie ein Schicksal geht es aus.

Digitized by Google
X.X«

M an merkte der Herbst kam. Der Tag war schnell


Erstorben im eigenen Blute.
Im Zwielicht nur glimmte die Blume noch grell
Auf der Kleinen verbogenem Hute.

Mit ihrem zerschlissenen Handschuh strich


Sie die Hand mir schmeichelnd und leise. —
Kein Mensch in der Gasse als sie und ich . . .

Und sie bangte: Du reisest? „Ich reise. u

Da stand sie, das Köpfchen voll Abschiedsnoth


In den Stoff meines Mantels vergrabend ....
Vom Hütchen nickte die Rose roth
Und es lächelte müde der Abend.
63 -

XXI.

M anchmal da ist mir


Will mich das Schicksal noch segnen,
: Nach Gram und Müh*

Wenn mir in feiernder Sonntagsfrüh


Lachende Mädchen begegnen . . .

Lachen hör' ich sie gerne.

Lange dann liegt mir das Lachen im Ohr,


Nie kann ich
?
s, wähn' ich, vergessen; —
Wenn sich derTag hinterm Hange verlor,
Will ich mir's singen .... Indessen
Singens schon oben die Sterne ....

Digitized by Google
- 64- -

XXII.

_Ü ist lang — es ist lang, ....


Wann — weiss ich gar nimmer zu sagen
Eine Glocke klang, eine Lerche sang —
Und Herz hat so selig geschlagen.
ein
Der Himmel so blank über'm Jungwaldhang,
Der Flieder hat Blüten getragen, —
Und im Sonntagskleide ein Mädchen, schlank,
Das Auge voll staunender Fragen ....
Es ist lang, — es ist lang ....

Digitized by Google
Von demselben Autor:
„Loben und Lieder", Gedichte 1894.
„Larenopfer", Gedichte 1895.
„Wegwarten« (I), Gedichte 1896.
„Jetzt und in der Stunde unseres Absterben»",
Drama 1896. (Erstaufführung „Deutsches
Volkstheater zu Prag".)

Im Erscheinen begriffen :

„Im Frühfrost", ein Stück Dämmerung in 3 Vor-


gängen (Theater- Verlag von Dr. 0. F. Eirich,
Wien.)

Mitte 1897 erscheint:

„Ein Band Prosa-Skizzen." (Verlag von Schuster


und Löffler, Berlin.)

Aus den Urteilen über „Larenopfer" (Verlag


von H. Dominicus). Die von M. G. Conrad be-
gründete „Gesellschaft" schreibt:
. Der von „Jung-Deutschland* preisgekrönte
. .

Dichter scheint unter W. Arents Einflüsse zu der


richtigen Erkenntnis gekommen zu sein, dass sein
eigentliches Feld das kleine Stimmungslied ist; das
fein ausgestattete Büchlein birgt eine Menge kleiner
Lieder mit höchstens vier Strophen. Es sind Schnitzel
in Arents Art, aber empfundener, zum Theil wirklich
vollendet. . . .

Digitized by Google
Hygiea. Ein beachtenswertes Talent tritt uns
in diesem Buche entgegen; kein landläufiges, haus-
backenes, sondern eine dichterische Individualität.»

Wiener Tagblatt. ... es ist viel Schönes und


Wertvolles in dem Buche, das entschieden Beachtung
verdient.

Politik. R. ist ein Dichter, dessen Name jedem


Litteraturfreunde, der die dichterischen Bestrebungen
Deutschlands mit aufmerksamem Auge verfolgt,
nicht unbekannt sein dürfte.

Deutsche Rundschau (Prag). diese Gedichte,


. . .

von denen man einzelne als Perlen deutscher Lyrik


bezeichnen kann

Bohemia. R. hat ein feines Gefühl für Stimmungs-


reiz, eine eigene Art zu sehen, und sein Bestreben,
diese Eigenart in Worten festzuhalten, die über-
lieferten Gleichnisse durch neue Bilder von starker
Unmittelbarkeit zu ersetzen, der unerschöpflichen
Mannigfaltigkeit der Sinneseindrücke in Colorit der
Sprache nachzueifern, gibt seinen poetischen Archi-
tektur- und Landschaftsbildern eine anziehende Origi-
nalität. ... Er hat in seinen interessanten Talent-
proben genug geboten, um viel erwarten zu lassen.

Aehnlich urtheilen viele andere Zeitungen und


Zeitschriften.

Digitized by Google
Aus den Urtheilen über die Erstaufführung von
„Jetzt und in der Stunde unseres Absterben«."

Prager Tagblatt«
Die Bearbeitung dieser
düsteren Handlung,
welche die Seele erschüttert,
zeigt unverkennbar ein ganz bedeutendes Talent.
Den Vorwurf hat der begabte junge
fürchterlichen
Dichter mit Steigerung und be-
staunenswerter
wunderungswürdiger Technik herausgearbeitet. . . .

Die Scene hatte einen durchgreifenden Erfolg.

„Wegwarten."
Deutsch-moderne Dichtungen.
Zwanglos erscheinende Sammelhefte für neue Lyrik.
Jedes Heft trägt ein neues künstlerisch ausgeführtes
Titelblatt. Preis 20 Pfennig.

Herausgegeben von
Rene Maria Rilke und Bodo Wildberg.
Mitarbeiter [Link] Arent, Hans Beur-
a. :

mann, Gustav Falke, Ludwig Jakobowski, Detlev


Freiherr von Liliencron, Christian Morgenstern, Her-
mine von Preuschen, Prinz Emil von Schönaicb-
Carolath, Richard Schaukai, Konrad Felmann, Arthur
von Wallpach.
Verlag von P. FRIESENHAHN, LEIPZIG.

Gedichte
von
-

Richard Zoozmann.

I. Band: Lieder, Romanzen und Balladen.


Vierte, vermehrte und veränderte Auflage.
eleg. cart. M. 4,—, geb. M. 5,—.
II. Bandr Neue Dichtungen. — Aus Herz und Welt.
Dritte, vermehrte und veränderte Auflage.
eleg. cart. M. 4,—, geb. M. 5,—.
III. Band: Ausgewählte Gedichte. Drei Teile.
Mit des Dichters Porträt.
eleg. cart. M. 4—, geb. M. 5, —

Die Thatsache der Notwendigkeit einer 3. resp. 4. Auflage


enthebt mich jeder besonderen Empfehlung des in den Kreisen von
Liebhabern wahrhaft gediegener Lyrik seit Jahren geschätzten
Autors. Die wirklich vornehme Ausstattung seiner Gedichte wird
ihm ohne Zweifel neue Freunde erringen.

itJSür'J ÜJBV. - S?SO*l


Sx Tu
ttlf

DO NOT REMOVE FROM POCKET

Digitized by Google
•s

I.

Digitized by Google

Das könnte Ihnen auch gefallen