Morton Kate Der Verborgene Garten
Morton Kate Der Verborgene Garten
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Inhaltsverzeichnis
Widmung
Teil eins
1 London England, 1913
2 Brisbane Australien, 1930
3 Brisbane Australien, 2005
4 Brisbane Australien, 2005
5 Brisbane Australien, 1976
6 Maryborough Australien, 1913
7 Brisbane Australien, 2005
8 Brisbane Australien, 1975
9 Maryborough Australien, 1914
10 Brisbane Australien, 2005
11 Indischer Ozean vierhundert Meilen jenseits des
Kaps der Guten Hoffnung, 1913
12 Über dem Indischen Ozean 2005
13 London England, 1975
14 London England, 1900
15 London England, 2005
16 London England, 1900
17 London England, 2005
18 London England, 1975
19 London England, 2005
20 London England, 1900
Teil zwei
21 Cornwall England, 1900
22 Cornwall England, 2005
23 Blackhurst Manor Cornwall, 1900
24 Cliff Cottage Cornwall, 2005
25 Tregenna Cornwall, 1975
26 Blackhurst Manor Cornwall, 1900
3
27 Tregenna Cornwall, 1975
28 Blackhurst Manor Cornwall, 1900
29 Hotel Blackhurst Cornwall, 2005
30 Blackhurst Manor Cornwall, 1907
31 Blackhurst Manor Cornwall, 1907
32 Cliff Cottage Cornwall, 2005
33 Tregenna Cornwall, 1975
Kapitel 34
Deine dich liebende Cousine Rose
Deine Dich ewig liebende Cousine Rose
35 Hotel Blackhurst Cornwall, 2005
36 Pilchard Cottage Tregenna, 1975
Teil drei
37 Blackhurst Manor Cornwall, 1907
38 Cliff Cottage Cornwall, 2005
39 Blackhurst Manor Cornwall, 1909
40 Tregenna Cornwall, 2005
41 Cliff Cottage Cornwall, 1975
42 Blackhurst Manor Cornwall, 1913
43 Cliff Cottage Cornwall, 2005
44 Tregenna Cornwall, 1975
45 Cliff Cottage Cornwall, 1913
46 Polperro Cornwall, 2005
47 Brisbane Australien, 1976
48 Blackhurst Manor Cornwall, 1913
49 Cliff Cottage Cornwall, 2005
50 Blackhurst Manor Cornwall, 1913
51 Tregenna Cornwall, 2005
Epilog Greenslopes Hospital Brisbane, 2005
Danksagung
Copyright
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Für Oliver und Louis die mir kostbarer sind als alles im Märchenland gesponnene
Gold
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»Aber warum soll ich drei Locken von der Feenkönigin mitbringen?«, fragte der junge
Prinz das alte Weiblein. »Warum gerade
drei? Warum nicht zwei oder vier?«
Das alte Weiblein beugte sich vor, ohne seine Spinnarbeit zu unterbrechen. »Es gibt
keine andere Zahl, mein Kind.
Drei ist die Zahl der Zeit, denn sprechen wir nicht von der Vergangenheit, der
Gegenwart und der Zukunft? Drei ist die Zahl der
Familie, denn sprechen wir nicht von Mutter, Vater und Kind?
Drei ist die Zahl der Feen, denn suchen wir sie nicht zwischen
Eichen, Eschen und Dornen?«
Der junge Prinz nickte, denn die weise Alte sprach die Wahrheit.
»Und deswegen brauche ich drei Locken, um meinen magischen
Zopf zu flechten.«
Aus Der magische Zopf von Eliza Makepeace
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Teil eins
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Seine Gedanken waren nur ein Ablenkungsmanöver. Immer
noch versuchte er, sich vor der Verantwortung zu drücken. Er war
drauf und dran, wieder einen Rückzieher zu machen.
Zwei schwarze Fledermäuse flogen lautlos durch den Nachthimmel, als Hamish die
wackeligen Holzstufen hinunterstieg und
durch das taunasse Gras ging. Sie musste ihn gehört oder vielleicht gespürt haben,
denn sie drehte sich um und lächelte ihm
entgegen.
Sie habe gerade an ihre Mutter gedacht, sagte sie, als er neben
sie trat, und sich gefragt, von welchem Stern sie wohl auf sie herabschaute.
Hamish hätte weinen können, als sie das sagte. Musste sie ausgerechnet jetzt Lil
ins Spiel bringen, verdammt. Ihn daran erinnern, dass sie zuschaute und ihm übel
nahm, was er vorhatte.
Vielleicht hatte sie ja sogar recht. Vielleicht musste es nicht sein.
Sie könnten einfach so weiterleben wie bisher. Lils Stimme klang
in seinen Ohren, zählte all die alten Argumente auf.
Nein. Er musste die Sache in die Hand nehmen und er hatte
seine Entscheidung getroffen. Schließlich war er es gewesen, der
das alles angefangen hatte. Es mochte nicht seine Absicht gewesen sein, aber er
hatte den Schritt getan, der sie auf diesen Weg
geführt hatte, und nun lag es an ihm, die Dinge richtigzustellen.
Geheimnisse kamen immer irgendwann ans Tageslicht, und es
war besser, sie erfuhr die Wahrheit von ihm.
Er nahm Nells Hände, hauchte auf jede einen Kuss. Drückte ihre zarten Finger fest
mit seinen von harter Arbeit schwieligen
Händen.
Seine Tochter. Seine Älteste.
Sie lächelte ihn an. Sie wirkte so strahlend in ihrem duftigen,
spitzenbesetzten Kleid.
Auch er lächelte.
Dann führte er sie zu einem umgestürzten Gummibaum, und
sie setzten sich nebeneinander auf den glatten, weißen Stamm. Er
beugte sich zu ihr und flüsterte ihr das Geheimnis ins Ohr, das er
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und ihre Mutter siebzehn Jahre lang gehütet hatten. Wartete auf
das Zeichen, dass sie verstand, auf eine wenn auch noch so winzige Veränderung in
ihrem Gesichtsausdruck, als sie begriff, was
er ihr da offenbarte. Sah zu, wie der Boden sich unter ihr auftat
und der Abgrund die Person, die sie bis dahin gewesen war, verschluckte.
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und machte sich daran, das Bettzeug zu richten und Nell ordentlich zuzudecken.
»Sie hat noch gar nichts zu trinken bekommen«, sagte Cassandra. Ihre eigene Stimme
klang fremd in ihren Ohren. »Den
ganzen Tag noch nicht.«
Die Schwester blickte auf, überrascht, dass sie angesprochen
wurde. Über ihre Brille hinweg schaute sie Cassandra an, die, eine zerknitterte
blau-grüne Krankenhausdecke auf den Knien, auf
einem Sessel saß. »Gott, haben Sie mich erschreckt«, sagte sie.
»Sie sind schon den ganzen Tag hier, nicht wahr? Ist wahrscheinlich auch gut so, es
wird nämlich nicht mehr lange dauern.«
Cassandra ging nicht auf die Anspielung ein. »Sollten wir ihr
nicht etwas zu trinken geben? Sie hat doch bestimmt Durst.«
Die Schwester schlug die Laken um und steckte sie unter Nells
dünnen Armen fest. »Machen Sie sich keine Sorgen. Diese Infusion sorgt dafür, dass
sie genug Flüssigkeit bekommt.« Sie überprüfte etwas auf Nells Krankenblatt und
sagte ohne aufzublicken:
»Am Ende des Korridors steht ein Automat, da können Sie sich
einen Tee zubereiten, wenn Sie wollen.«
Als die Schwester gegangen war, sah Cassandra, dass Nell die
Augen geöffnet hatte und sie anstarrte.
»Wer bist du?«
»Ich bin Cassandra.«
Verwirrung. »Kenne ich dich?«
Obwohl der Arzt sie darauf vorbereitet hatte, schmerzte es sie,
dass ihre Großmutter sie nicht erkannte. »Ja, Nell.«
Nell schaute sie mit ihren grauen, wässrigen Augen an. Sie
blinzelte verunsichert. »Ich kann mich nicht erinnern …«
»Schsch … Ist schon gut.«
»Wer bin ich?«
»Du heißt Nell Andrews«, sagte Cassandra sanft und nahm ihre
Hand. »Du bist fünfundneunzig Jahre alt, und du wohnst in einem
alten Haus in Paddington.«
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Nells Lippen zitterten - sie konzentrierte sich, versuchte, den
Sinn der Worte zu begreifen.
Cassandra zog ein Kleenex aus einer Schachtel auf dem Nachttisch und wischte Nell
vorsichtig einen Speichelfaden vom Kinn.
»Du hast einen Stand auf dem Antiquitätenmarkt auf der Latrobe
Terrace«, fuhr sie leise fort. »Wir beide teilen uns den Stand und
verkaufen dort alte Sachen.«
»Ich kenne dich«, sagte Nell schwach. »Du bist Lesleys Tochter.«
Cassandra blinzelte verblüfft. Sie sprachen fast nie von ihrer
Mutter. In all den Jahren, als sie bei ihrer Großmutter aufgewachsen war, und in
den zehn Jahren, seit sie zurückgekehrt und in die
kleine Wohnung im Untergeschoss von Nells Haus gezogen war,
hatten sie sie kaum jemals erwähnt. Es war eine unausgesprochene Abmachung zwischen
ihnen, nicht an eine Vergangenheit zu
rühren, die sie beide aus unterschiedlichen Gründen lieber vergessen wollten.
Nell zuckte zusammen. Ängstlich musterte sie Cassandras Gesicht. »Wo ist der Junge?
Hoffentlich nicht hier. Ist er hier? Ich
will nicht, dass er meine Sachen anfasst. Er macht nur alles kaputt.«
Cassandra wurde schwindlig.
»Meine Sachen sind wertvoll. Pass auf, dass er sie nicht anfasst.«
»Nein … Nein«, stotterte Cassandra. »Ich passe schon auf.
Keine Sorge, Nell. Er ist nicht hier.«
Später, als ihre Großmutter wieder in die dunklen Gewässer
des Schlafs eingetaucht war, dachte Cassandra über die grausame
Fähigkeit des Gehirns nach, Schnipsel aus der Vergangenheit in
Erinnerung zu bringen. Warum meldeten sich an ihrem Lebensende Stimmen von Menschen
im Kopf ihrer Großmutter, die
längst nicht mehr da waren? War das immer so? Suchten diejenigen, die die Überfahrt
auf dem lautlosen Schiff des Todes antra-
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ten, alle den Kai nach den Gesichtern derer ab, die ihnen vorausgereist waren?
Cassandra musste eingeschlafen sein, denn als sie die Augen
aufschlug, hatte sich die Stimmung im Krankenhaus wieder geändert. Sie waren noch
tiefer in den Tunnel der Nacht eingedrungen. Das Licht im Korridor war gedämpft,
und von überall her
waren die Geräusche des Schlafs zu vernehmen. Sie saß in sich
zusammengesunken in ihrem Sessel, ihr Hals war steif, und ein
Fuß war ganz kalt, weil die dünne Decke verrutscht war. Es
musste sehr spät sein, und sie war hundemüde. Was hatte sie bloß
geweckt?
Nell. Ihr Atem ging laut. Sie war wieder wach. Cassandra
stand auf und setzte sich auf die Bettkante. Im gedämpften Licht
wirkten Nells Augen glasig, bleich und trüb wie Wasser, in dem
man einen Farbpinsel ausgewaschen hat. Ihre Stimme, ein dünner
Faden nur, drohte jeden Augenblick zu zerreißen. Zuerst konnte
Cassandra sie gar nicht hören und dachte, dass sich nur ihre Lippen um Worte
herumbewegten, die sie vor langer Zeit ausgesprochen hatte. Dann wurde ihr klar,
dass Nell mit ihr redete.
»Die Dame hat mir gesagt, ich soll warten …«
Cassandra streichelte Nells warme Stirn und strich ihr ein paar
Strähnen aus dem Gesicht, die einst geglänzt hatten wie aus Silberfäden gesponnen.
Die rätselhafte Dame schon wieder. »Sie
wird dir bestimmt nicht böse sein«, sagte Cassandra. »Die Dame
wird es dir nicht übel nehmen, wenn du gehst.«
Nell presste die zitternden Lippen aufeinander. »Ich darf mich
nicht von der Stelle rühren. Sie hat gesagt, ich soll warten, hier
auf dem Schiff.« Ihre Stimme war nur noch ein Flüstern. »Die
Dame … die Autorin … Erzähl niemandem davon.«
»Schsch«, sagte Cassandra sanft. »Ich werde niemandem davon erzählen, Nell, auch
nicht der Dame. Du darfst ruhig gehen.«
»Sie hat gesagt, sie würde mich abholen, aber ich bin weggegangen. Ich bin nicht
geblieben, wo ich sollte.«
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Der Atem ihrer Großmutter ging jetzt sehr schwer, sie geriet in
Panik.
»Bitte mach dir keine Sorgen, Nell, bitte. Es ist alles in Ordnung. Ich verspreche
es dir.« Nells Kopf fiel zur Seite. »Ich kann
nicht gehen … Ich sollte nicht … Die Dame …«
Cassandra drückte auf den Notrufknopf, aber über dem Bett
ging kein Licht an. Sie zögerte, lauschte auf herbeieilende Schritte auf dem
Korridor. Nells Lider flatterten, sie dämmerte weg.
»Ich hole eine Schwester …« »Nein!« Blind tastete Nell nach
Cassandra und versuchte, sie festzuhalten. »Lass mich nicht allein.« Sie weinte
lautlos, Tränen schimmerten auf ihrer bleichen
Haut.
Cassandra biss sich auf die Lippe. »Es ist alles in Ordnung,
Grandma. Ich hole nur Hilfe. Ich bin gleich wieder da. Versprochen.«
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»Also, ich finde, es ist großartig gelaufen«, sagte Phyllis, die
Älteste nach Nell und bei Weitem die Dominanteste. »Nell hätte
es gefallen.«
Cassandra wandte sich ab.
»Na ja«, sagte Phyllis und hielt kurz inne beim Abtrocknen.
»Jedenfalls nachdem sie sich darüber ausgelassen hätte, dass sie
eigentlich keine Trauerfeier haben wollte.« Dann fuhr sie in einem mütterlichen
Tonfall fort: »Und du? Wie kommst du mit alldem zurecht?«
»Ganz gut.«
»Du siehst mager aus. Isst du auch ordentlich?«
»Dreimal täglich.«
»Du könntest ein paar Pfund mehr auf den Rippen gebrauchen.
Morgen Abend kommst du zum Tee, ich lade die ganze Familie
ein und mache meine Hackfleischpastete.«
Cassandra widersprach nicht.
Phyllis schaute sich argwöhnisch in der alten Küche um und
betrachtete die schief hängende Dunstabzugshaube. »Du fürchtest
dich nicht, allein hier im Haus?«
»Nein, eigentlich …«
»Aber du bist einsam«, fiel Phyllis ihr ins Wort und zog übertrieben mitfühlend die
Nase kraus. »Natürlich. Das ist ganz normal. Schließlich habt ihr beide euch gut
verstanden, du und Nell,
nicht wahr?« Ohne eine Antwort abzuwarten, legte sie Cassandra
eine sommersprossige Hand auf den Unterarm und sagte aufmunternd: »Du wirst bald
darüber hinwegkommen, und ich sage dir
auch, warum. Es ist immer traurig, wenn man einen geliebten
Menschen verliert, aber wenn derjenige schon sehr alt war, ist es
nicht so schlimm. Das ist der Lauf der Dinge. Viel schlimmer ist
es, wenn ein junger Mensch …« Sie unterbrach sich mitten im
Satz, die Schultern angespannt, das Gesicht gerötet.
»Ja«, sagte Cassandra hastig, »das ist viel schlimmer.« Sie
nahm die Hände aus dem Spülwasser und schaute durch das
Fenster in den Garten. Schaum lief ihr über die Finger, über den
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goldenen Ehering, den sie immer noch trug. »Ich sollte rausgehen
und ein bisschen Unkraut jäten. Wenn ich nicht aufpasse, wuchert
die Kapuzinerkresse noch über den ganzen Weg.«
Dankbar stürzte sich Phyllis auf das neue Thema. »Ich werde
Trevor herschicken, der kann dir helfen.« Ihre knorrigen Finger
verstärkten den Druck auf Cassandras Arm. »Nächsten Samstag,
einverstanden?«
In diesem Augenblick schlurfte Tante Dot mit einem Tablett
voller benutzter Teetassen aus dem Wohnzimmer herüber.
Scheppernd stellte sie das Tablett auf der Bank ab und fasste sich
mit ihrer fleischigen Hand an die Stirn.
»Geschafft«, sagte sie, während sie Cassandra und Phyllis
durch ihre dicken Brillengläser anschaute. »Das waren die letzten.« Sie watschelte
an die Anrichte und lugte in einen runden
Tortenbehälter aus Kunststoff. »Von so viel Arbeit kriegt man
ordentlich Hunger.«
»Himmel, Dot«, sagte Phyllis, froh, ihre Verlegenheit in einen
Tadel ummünzen zu können, »du hast doch gerade erst gegessen.«
»Das war vor einer Stunde.«
»Bei deinen Gallenproblemen! Ich dachte, du würdest auf dein
Gewicht achten.«
»Mach ich auch«, erwiderte Dot, richtete sich auf und legte die
Hände um ihre umfangreiche Taille. »Seit Weihnachten hab ich
drei Kilo abgenommen.« Während sie den Tortenbehälter wieder
verschloss, bemerkte sie Phyllis’ zweifelnden Blick. »Ehrlich.«
Cassandra unterdrückte ein Lächeln und fuhr fort, die Tassen
zu spülen. Phyllis war kein bisschen schlanker als Dot, die Tanten
waren alle kugelrund. Das hatten sie von ihrer Mutter geerbt, und
die hatte es von ihrer Mutter. Nell, die auf ihren hageren irischen
Vater kam, war diesem Familienfluch als Einzige entgangen. Sie
waren immer ein lustiger Anblick gewesen: die große, dünne Nell
und ihre pummeligen Schwestern.
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Phyllis und Dot kabbelten sich immer noch, und wenn es Cassandra nicht gelang, sie
abzulenken, das wusste sie aus Erfahrung, dann würde der Streit eskalieren, bis
eine der beiden ein
Geschirrtuch auf den Boden warf und empört aus der Küche
stürmte. Sie hatte das schon oft genug miterlebt, und doch verblüffte es sie immer
wieder, wie bestimmte Worte, bestimmte
Anspielungen oder ein Blickkontakt, der eine Winzigkeit zu lange dauerte, einen
Jahre zurückliegenden Streit wieder aufflammen lassen konnte. Als Einzelkind fand
Cassandra die ausgetretenen Pfade der Geschwisterkommunikation zugleich
faszinierend und erschreckend. Zum Glück waren die anderen Tanten
bereits von ihren Familien abtransportiert worden und konnten
nicht auch noch ihren Senf dazugeben.
Cassandra räusperte sich. »Ich wollte euch die ganze Zeit
schon etwas fragen.« Sie hatte schon fast ihre Aufmerksamkeit
gewonnen und hob ein wenig die Stimme. »Es hat was mit Nell
zu tun. Mit etwas, das sie im Krankenhaus gesagt hat.«
Phyllis und Dot wandten sich ihr zu, die Wangen gerötet. Die
Erwähnung ihrer Schwester schien sie zu beruhigen. Es erinnerte
sie daran, warum sie hier waren und Teetassen abtrockneten.
»Etwas mit Nell?«
Cassandra nickte. »Kurz vor ihrem Tod hat sie von einer Frau
gesprochen. Die Dame hat sie sie genannt, die Autorin. Es war,
als wähnte sie sich auf einer Art Schiff.«
Phyllis kniff die Lippen zusammen. »Ach, da war sie schon
nicht mehr ganz richtig im Kopf, sie wusste nicht, was sie sagt.
Wahrscheinlich handelt es sich um eine Figur aus irgendeiner
Fernsehshow. Gab es da nicht mal so eine Serie mit einem Schiff,
die sie sich immer angesehen hat?«
»Ach Phyll«, sagte Dot kopfschüttelnd.
»Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie öfter davon gesprochen
hat …«
»Ich bitte dich, Phyll«, fiel Dot ihr ins Wort. »Nell ist nicht
mehr da. Das kannst du dir alles sparen.«
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Phyllis verschränkte die Arme vor der Brust und schnaubte
verunsichert.
»Wir sollten es ihr sagen«, drängte Dot sanft. »Es kann nicht
schaden. Jetzt nicht mehr.«
»Was solltet ihr mir sagen?« Cassandra schaute die Tanten nacheinander an. Ihre
Frage war eine Präventivmaßnahme gewesen,
um einen größeren Streit zu verhindern, nie hätte sie erwartet,
damit so eine Heimlichtuerei aufzudecken. Die Tanten waren so
aufeinander fixiert, dass sie Cassandras Anwesenheit offenbar
ganz vergessen hatten. »Was solltet ihr mir sagen?«
Dot, den Blick immer noch auf Phyllis geheftet, hob die Brauen. »Besser, sie
erfährt es von uns, als dass sie es auf andere Weise herausfindet.«
Phyllis nickte kaum merklich und lächelte grimmig. Ihr gemeinsames Wissen machte
sie erneut zu Verbündeten.
»Komm, am besten setzen wir uns hin«, sagte Phyllis schließlich. »Dotty, Liebes,
würdest du Wasser aufsetzen und uns einen
Tee aufgießen?«
Cassandra folgte ihrer Tante ins Wohnzimmer und nahm auf
Nells Sofa Platz. Phyllis machte es sich mit ihrem breiten Gesäß
am anderen Ende bequem und begann, an einem losen Faden zu
spielen. »Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Es ist schon so
lange her, dass ich das letzte Mal über all das nachgedacht habe.«
Cassandra war verblüfft. Was bedeutete all das?
»Was ich dir erzählen werde, ist das große Geheimnis unserer
Familie. Jede Familie hat ein Geheimnis, keine Frage, aber manche haben halt ein
besonders großes.« Stirnrunzelnd blickte sie in
Richtung Küche. »Herrgott noch mal, wo bleibt Dot denn so lange?«
»Worum geht es überhaupt, Phyll?«
Sie seufzte. »Ich hatte mir geschworen, niemals jemandem davon zu erzählen. Die
ganze Sache hat unsere Familie so entzweit,
dass es leichter wäre, einfach so zu tun, als wäre es nie geschehen. Ich jedenfalls
wünschte mir inständig, Dad hätte es für sich
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behalten. Aber der arme Kerl hat geglaubt, er würde das Richtige
tun.«
»Was hat er denn getan?«
Phyllis tat, als hätte sie die Frage nicht gehört. Das war ihre
Geschichte, und sie würde sie auf ihre Weise erzählen und sich
dafür so viel Zeit lassen, wie sie brauchte. »Wir waren eine
glückliche Familie. Wir besaßen nicht viel, aber wir waren zufrieden. Ma und Pa und
wir Mädchen. Nellie war die Älteste, wie
du weißt, dann kam eine Lücke von zehn Jahren, wegen des
Kriegs, und dann kamen wir anderen.« Sie lächelte. »Du würdest
es nicht glauben, aber damals war Nellie das Herz und die Seele
der Familie. Wir haben sie alle bewundert, für uns Kinder war sie
wie eine Mutter, vor allem, als Ma krank wurde. Nell hat sich
immer so liebevoll um sie gekümmert.«
Cassandra konnte sich vorstellen, dass Nell ihre todkranke
Mutter gepflegt hatte, aber dass ihre kratzbürstige Großmutter das
Herz und die Seele der Familie gewesen sein sollte? »Und was ist
dann passiert?«
»Lange Zeit hat niemand von uns etwas geahnt. Nell wollte es
so. Alles war plötzlich anders in der Familie, und niemand wusste, warum. Unsere
große Schwester hatte sich in einen anderen
Menschen verwandelt, es war, als hätte sie aufgehört, uns zu lieben. Nicht über
Nacht, so dramatisch war es nicht. Sie hat sich
einfach immer mehr zurückgezogen und von uns anderen abgesondert. Es war uns ein
Rätsel, und es hat so wehgetan, aber Pa
war nicht bereit, sich dazu zu äußern, sosehr wir ihn auch bedrängten.
Es war mein Mann, Gott hab ihn selig, der uns schließlich die
Augen geöffnet hat. Nicht absichtlich, wohlgemerkt, er hatte sich
nicht vorgenommen, Nells Geheimnis zu lüften. Er hat sich bloß
für Ahnenforschung interessiert, das ist alles. Nachdem Trevor
auf die Welt gekommen war, wollte er einen Familienstammbaum erstellen. Das war
1947, im selben Jahr, als deine Mutter
geboren wurde.« Sie unterbrach sich und schaute Cassandra
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durchdringend an, wie um zu sehen, ob ihre Nichte bereits ahnte,
was auf sie zukam. Aber das war nicht der Fall.
»Eines Tages kam er in die Küche - ich weiß es noch, als wäre
es gestern gewesen - und sagte, er könnte im Geburtenregister
nichts über Nellies Geburt finden. ›Natürlich nicht‹, sage ich,
›Nellie wurde ja auch in Maryborough geboren, und später sind
meine Eltern dann mit ihr nach Brisbane gezogen.‹ Doug nickte
und meinte, das hätte er auch angenommen, aber er hatte das Amt
in Maryborough angeschrieben und um die Unterlagen gebeten,
und zur Antwort erhalten, es wäre kein entsprechender Eintrag
vorhanden.« Phyllis warf Cassandra einen vielsagenden Blick zu.
»Das bedeutet, dass es Nell gar nicht gab. Jedenfalls nicht offiziell.«
Cassandra blickte auf, als Dot aus der Küche kam und ihr eine
Tasse Tee reichte. »Das verstehe ich nicht.«
»Natürlich nicht, Liebes«, sagte Dot, während sie sich in einem
Sessel neben Phyllis niederließ. »Und lange Zeit haben wir es
auch nicht verstanden.« Sie schüttelte den Kopf und seufzte. »Bis
wir mit June gesprochen haben. Das war auf Trevors Hochzeit,
nicht wahr, Phyllis?«
Phyllis nickte. »1975. Ich war sauer auf Nell. Pa war erst kürzlich gestorben, und
mein ältester Sohn heiratete, immerhin Nellies Neffe, und sie fand es nicht mal
nötig, zur Hochzeit zu erscheinen. Hat es vorgezogen, in Urlaub zu fahren. Deswegen
hab
ich mit June geredet. Ich schäme mich nicht zuzugeben, dass ich
ganz schön über Nell hergezogen bin.«
Cassandra war verwirrt. Es war ihr noch nie gelungen, einen
Überblick über das weitläufige Netz aus Freunden und Verwandten zu gewinnen, über
das die Tanten verfügten. »Wer ist June?«
»Eine unserer Cousinen«, sagte Dot. »Mütterlicherseits. Die
hast du doch bestimmt mal kennengelernt, oder? Sie war ungefähr ein Jahr älter als
Nell, und die beiden waren als Mädchen
unzertrennlich.«
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»Sie müssen sich wirklich sehr nahegestanden haben«, bemerkte Phyllis. »June war
die Einzige, der Nell sich anvertraut
hat, als es passiert ist.«
»Als was passiert ist?«, fragte Cassandra.
Dot beugte sich vor. »Pa hat Nell gesagt …«
»Pa hat Nell etwas gesagt, das er nie hätte aussprechen dürfen«, fiel Phyllis ihr
hastig ins Wort. »Aber er hielt es für das
Richtige, der Arme. Und dann hat er es sein Leben lang bereut,
denn von da an war es nie wieder wie früher zwischen den beiden.«
»Dabei war Nell immer sein Lieblingskind gewesen.«
»Er hat uns alle geliebt«, fauchte Phyllis.
»Ach Phyll«, sagte Dot und verdrehte die Augen. »Selbst jetzt
kannst du es nicht zugeben. Nell war sein Liebling, Punkt, aus.
Im Nachhinein betrachtet eigentlich ziemlich paradox.«
Als Phyll nichts entgegnete, fuhr Dot - froh, das Ruder übernehmen zu können - mit
der Geschichte fort. »Es war an ihrem
einundzwanzigsten Geburtstag«, sagte sie. »Nach der großen Party …«
»Es war nicht hinterher«, unterbrach sie Phyllis, »sondern während der Party.« Sie
wandte sich wieder an Cassandra. »Wahrscheinlich dachte er, es wäre genau der
richtige Moment, um es
ihr zu sagen, wo sie am Anfang eines neuen Lebens stand und
alles. Sie war verlobt, weißt du. Aber nicht mit deinem Großvater, sondern mit
einem anderen jungen Mann.«
»Wirklich?« Cassandra war überrascht. »Davon hat sie nie was
erwähnt.«
Phyllis nickte bedächtig. »Das war ihre große Liebe, wenn du
mich fragst. Ein Bursche von hier, nicht wie Al.«
Den Namen des Letzteren sprach Phyllis mit einer Spur Verachtung aus. Dass die
Tanten Nells amerikanischen Mann nicht
gemocht hatten, war kein Geheimnis. Es war nichts Persönliches,
eher eine grundsätzliche Abneigung gegen die amerikanischen
GIs, die während des Zweiten Weltkriegs mit viel Geld, feschen
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Uniformen und einem charmanten Akzent in Brisbane eingetroffen waren, nur um sich
kurz darauf mit einem Gutteil der örtlichen jungen Frauen aus dem Staub zu machen.
»Und was ist passiert? Warum hat sie ihn nicht geheiratet?«
»Ein paar Wochen nach der Party hat sie die Verlobung aufgelöst«, sagte Phyllis.
»Gott, war das schrecklich. Wir mochten
Danny alle so gern, und ihm hat es das Herz gebrochen, dem armen Kerl. Irgendwann
hat er dann eine andere geheiratet, kurz
vor dem Zweiten Weltkrieg. Aber das hat ihm auch kein Glück
gebracht, er ist im Krieg gegen die Japaner gefallen.«
»Wollte euer Vater nicht, dass sie den Mann heiratete?«, fragte
Cassandra. »War es das, was er ihr an dem Abend gesagt hat?
Dass sie Danny nicht heiraten sollte?«
»Wohl kaum«, schnaubte Dot. »Pa hielt große Stücke auf Danny, da konnte keiner von
unseren Ehemännern später mithalten.«
»Aber warum hat sie die Verlobung dann aufgelöst?«
»Das hat sie nicht gesagt, nicht mal Danny hat sie eine Erklärung gegeben. Wir
haben uns alle den Kopf zerbrochen«, antwortete Phyllis. »Wir wussten nur, dass
Nell weder mit Pa noch mit
Danny reden wollte.«
»Mehr wussten wir nicht, bis Phyll mit June gesprochen hat«,
sagte Dot.
»Fast fünfundvierzig Jahre später.«
»Und was hat June gesagt?«, wollte Cassandra wissen. »Was
ist damals auf der Party passiert?«
Phyllis trank einen großen Schluck Tee und sah Cassandra mit
hochgezogenen Brauen an. »Pa hat Nell eröffnet, dass sie keine
leibliche Tochter von ihm und Ma war.«
»Sie haben sie adoptiert?«
Die Tanten tauschten einen kurzen Blick aus. »Nicht direkt«,
bemerkte Phyllis.
»Eher gefunden«, sagte Dot.
»Mitgenommen.«
»Und behalten.«
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Cassandra runzelte die Stirn. »Wo haben sie sie denn gefunden?«
»Am Kai von Maryborough«, sagte Dot. »Da, wo die großen
Schiffe aus Europa anlegten. Inzwischen fahren die Schiffe natürlich die größeren
Häfen an, und heutzutage reisen die meisten
Leute ja sowieso per Flugzeug …«
»Pa hat sie gefunden«, fiel Phyllis ihr ins Wort. »Sie war noch
ganz klein. Das war kurz vor dem Ersten Weltkrieg. Die Leute
haben Europa scharenweise verlassen, und wir haben sie mit offenen Armen hier in
Australien aufgenommen. Alle zwei Tage
kam so ein großes Schiff im Hafen an. Pa war damals Hafenmeister, und seine Aufgabe
bestand darin, die Papiere der Leute zu
überprüfen und sich zu vergewissern, dass sie am richtigen Ort
angekommen waren. Manche von denen konnten fast kein Englisch.
Soweit ich weiß, hat es dann eines Tages ein ziemliches Theater gegeben. Ein Schiff
aus England legte im Hafen an, das eine
schreckliche Reise hinter sich hatte. Unterwegs war eine Typhusepidemie
ausgebrochen, einige Passagiere hatten einen Hitzschlag erlitten, was weiß ich, und
bei der Überprüfung im Hafen
gab es plötzlich überzählige Gepäckstücke und Personen, die
nicht auf der Passagierliste standen. Es war alles ein Riesendurcheinander. Pa hat
natürlich alles geregelt - er hatte ein Händchen dafür, Ordnung zu schaffen -, aber
dann ist er länger als gewöhnlich im Büro geblieben, um dem Nachtwächter zu
berichten,
was vorgefallen war, und ihm zu erklären, warum diese Gepäckstücke im Büro
rumstanden. Und während er auf den Nachtwächter wartete, hat er gesehen, dass noch
immer jemand am Kai war.
Ein kleines Mädchen von höchstens vier Jahren, das auf einem
Kinderkoffer saß.«
»Und meilenweit keine Menschenseele«, fügte Dot kopfschüttelnd hinzu. »Sie war ganz
allein.«
»Pa hat versucht, aus ihr rauszubekommen, wer sie war, aber
sie wollte es ihm nicht sagen. Sie hat immer nur gesagt, sie weiß
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es nicht, sie kann sich nicht erinnern. Am Koffer war kein Namensschild befestigt,
und auch in dem Koffer hat Pa nichts gefunden, was ihm hätte weiterhelfen können.
Es war spät, es wurde schon dunkel, und ein Unwetter zog auf. Pa sagte sich, dass
die Kleine Hunger haben musste, und am Ende wusste er sich
nicht anders zu helfen, als sie mit nach Hause zu nehmen. Was
hätte er auch sonst tun sollen? Er konnte sie ja schlecht die ganze
Nacht im Regen am Kai sitzen lassen, oder?«
Cassandra schüttelte den Kopf und versuchte, das erschöpfte,
einsame kleine Mädchen aus Phyllis’ Geschichte mit der Nell in
Übereinstimmung zu bringen, die sie gekannt hatte.
»So wie June es dargestellt hat, ist Pa am nächsten Tag zur Arbeit gegangen in der
Erwartung, dort verzweifelte Angehörige,
die Polizei und sonst jemanden vorzufinden, der Nachforschungen anstellte …«
»Aber es war niemand da«, sagte Dot. »Ein Tag nach dem anderen verging, ohne dass
sich jemand nach dem Kind erkundigte.«
»Es war, als hätte sie keine Spur hinterlassen. Natürlich haben
sie versucht, in Erfahrung zu bringen, wer sie war, aber bei den
vielen Menschen, die Tag für Tag am Hafen eintrafen … Da waren so viele Papiere
auszufüllen, dass ganz leicht etwas übersehen
werden konnte.«
»Oder jemand.«
Phyllis seufzte. »Also haben sie sie behalten.«
»Was blieb ihnen denn auch anderes übrig?«
»Und sie haben sie glauben lassen, sie wäre ihre Tochter.«
»Und unsere Schwester.«
»Bis zu ihrem einundzwanzigsten Geburtstag«, sagte Phyllis.
»Da hat Pa sich entschlossen, ihr die Wahrheit zu sagen. Dass sie
ein Findelkind war und es nichts als einen Koffer gab, anhand
dessen man sie womöglich hätte identifizieren können.«
33
Schweigend versuchte Cassandra, das alles zu verdauen. Sie
legte eine Hand um ihre warme Teetasse. »Sie muss sich schrecklich verlassen
gefühlt haben.«
»Ja, bestimmt«, pflichtete Dot ihr bei. »Die ganze Reise über
allein. Monatelang auf diesem großen Schiff, nur um auf einem
menschenleeren Kai zurückgelassen zu werden.«
»Und die ganze Zeit danach.«
»Was meinst du damit?«, fragte Dot stirnrunzelnd.
Cassandra presste die Lippen zusammen. Ja, was meinte sie eigentlich damit? Dann
fiel es ihr wie Schuppen von den Augen.
Nells Einsamkeit. Als hätte sie in diesem Augenblick eine wichtige Eigenschaft von
Nell erblickt, die sie noch nie zuvor gesehen
hatte. Plötzlich verstand sie eine Seite an Nell, die ihr sehr vertraut war. Ihre
Verschlossenheit, ihre Selbstständigkeit, ihre
Kratzbürstigkeit. »Sie muss sich vollkommen allein gefühlt haben, als ihr mit einem
Mal klar wurde, dass sie nicht die war, für
die sie sich immer gehalten hatte.«
»Ja«, sagte Phyllis überrascht. »Ich muss gestehen, dass ich das
anfangs gar nicht begriffen habe. Als June mir die ganze Geschichte erzählt hat,
konnte ich nicht nachvollziehen, warum sich
deswegen alles geändert hat. Ich konnte beim besten Willen nicht
verstehen, warum Nell sich die Geschichte so zu Herzen genommen hat. Ma und Pa
haben sie geliebt, und wir jüngeren Mädchen
haben unsere große Schwester bewundert; eine bessere Familie
hätte sie sich nicht wünschen können.« Sie stützte sich auf die
Stuhllehne, führte die Hand zum Kopf und rieb sich die Schläfe.
»Aber mit der Zeit ist mir bewusst geworden - so was dauert
manchmal, nicht wahr? -, dass die Dinge, die wir als selbstverständlich hinnehmen,
oft sehr wichtig sind. Du weißt schon: Familie, Blutsbande, die Vergangenheit … Das
sind die Dinge, die
uns zu dem machen, was wir sind, und das alles hat Pa Nell weggenommen. Er hat es
nicht gewollt, aber dennoch hat er es getan.«
34
»Aber für Nell muss es doch eine Erleichterung gewesen sein,
als ihr es endlich erfahren habt«, entgegnete Cassandra. »Das
muss es doch für sie einfacher gemacht haben.«
Phyllis und Dot sahen einander an.
»Du hast es ihr doch gesagt?«
Phyllis runzelte die Stirn. »Ein paarmal war ich drauf und dran,
aber dann hab ich nie die richtigen Worte gefunden, ich konnte es
Nell einfach nicht antun. Sie hatte es so lange vor uns allen geheim gehalten,
hatte ihr ganzes Leben um ihr Geheimnis herum
aufgebaut, alles darangesetzt, es zu hüten. Es kam mir … ich
weiß nicht … beinahe grausam vor, diese Mauern einzureißen.
Als würde ich ihr zum zweiten Mal den Boden unter den Füßen
wegziehen.« Sie schüttelte den Kopf. »Andererseits ist das vielleicht auch alles
Geschwätz. Nell konnte ganz schön heftig werden, wenn sie wollte. Wahrscheinlich
hat mir letztendlich der
Mut gefehlt.«
»Das hat nichts mit Mut zu tun«, widersprach Dot bestimmt.
»Wir waren uns alle einig, dass es besser so war, Phyll. Nell hat
es so gewollt.«
»Ja, du hast recht«, sagte Phyllis. »Trotzdem fragt man sich natürlich. Es war ja
nicht so, dass es keine Gelegenheit gegeben hätte. Der Tag zum Beispiel, als Doug
ihr den Koffer gebracht hat.«
»Kurz bevor Pa gestorben ist«, erklärte Dot Cassandra. »Da hat
er Phyllis’ Mann gebeten, Nell den Koffer zu bringen. Natürlich
ohne ein Wort darüber zu verlieren, was es damit auf sich hatte,
wohlgemerkt. Was Geheimnisse anging, war Pa genauso schlimm
wie Nell. Er hatte den Koffer die ganzen Jahre über in einem
Versteck aufbewahrt, weißt du. Mitsamt Inhalt, genauso, wie er
war, als er Nell vor all den Jahren gefunden hatte. Er hatte ihn
irgendwo verstaut, wo ihn höchstens die Ratten und Schaben finden würden.«
»Komisch«, sagte Phyllis. »Als ich damals den Koffer gesehen
habe, musste ich sofort an die Geschichte denken, die June mir
erzählt hatte. Das konnte nur der Koffer sein, mit dem Pa Nell vor
35
einer Ewigkeit am Kai gefunden hatte. Aber die ganzen Jahre, die
er auf Pas Speicher gestanden hatte, hab ich nie einen Gedanken
daran verschwendet. Ich habe ihn nie mit Nell und ihrer Herkunft
in Verbindung gebracht und mich höchstens mal gefragt, was Ma
und Pa mit so einem merkwürdigen Koffer wollten. Der war ganz
klein, ein Kinderkoffer eben. Aus weißem Leder, mit glänzenden,
silbernen Schnallen …«
Phyllis fuhr fort, den Koffer zu beschreiben, doch Cassandra
hörte gar nicht mehr zu, denn sie wusste genau, wie der Koffer
aussah.
Und vor allen Dingen wusste sie, was er enthielt.
38
Nell hatte mit ihrer Beschreibung des Durcheinanders nicht übertrieben. Auf dem
Fußboden türmten sich Berge von zerknülltem
Zeitungspapier, auf dem Tisch, der wie eine Insel aus dem Papiermeer ragte, waren
zahllose Teller, Tassen und Gläser aufgereiht. Nippes, dachte Cassandra und freute
sich insgeheim darüber, dass sie sich an das seltsame Wort erinnerte.
»Ich setze Teewasser auf«, verkündete Lesley und verschwand
in der Küche.
Nell und Cassandra blieben allein zurück, und die alte Frau
musterte ihre Enkelin auf ihre gewohnt unheimliche Art.
»Du bist groß geworden«, sagte sie schließlich. »Aber du bist
immer noch zu dünn.«
Cassandra nickte. Die Kinder in der Schule sagten ihr das auch
immer.
»Ich war früher auch so dünn wie du«, sagte Nell. »Weißt du,
wie mein Vater mich immer genannt hat?«
Cassandra zuckte die Achseln.
»Spinnebein.« Nell nahm ein paar Tassen vom Haken an einem
altmodischen Geschirrschrank. »Trinkst du Tee oder Kaffee?«
Cassandra schüttelte entgeistert den Kopf. Sie war zwar im
Mai zehn geworden, aber sie war immer noch ein kleines Mädchen und nicht daran
gewöhnt, dass Erwachsene ihr Erwachsenengetränke anboten.
»Ich habe weder Saft noch Limo«, erklärte Nell, »noch sonst
irgendwelche neumodischen Getränke.«
Cassandra fand ihre Sprache wieder. »Ich trinke gern Milch.«
Nell blinzelte. »Die steht im Kühlschrank, ich habe immer
welche für die Katzen im Haus. Die Flasche ist wahrscheinlich
glitschig, lass sie nicht auf den Boden fallen.«
Nachdem der Tee eingeschenkt war, schickte Lesley ihre
Tochter nach draußen. Es sei ein sonniger Tag, da sollten Kinder
nicht in der Stube hocken, sagte sie. Grandma Nell fügte hinzu,
sie könne unten spielen, ermahnte sie jedoch, nichts anzurühren
und auf keinen Fall das Souterrain zu betreten.
39
Seit Tagen herrschte eine für die südliche Hemisphäre typische
trockene Hitzewelle, bei der man das Gefühl hat, die Tage gehen
ohne Unterbrechung ineinander über. Ventilatoren bewegen lediglich die heiße Luft
ein bisschen, Zikaden verbreiten einen ohrenbetäubenden Lärm, allein das Atmen ist
schon anstrengend,
und man möchte am liebsten nur auf dem Rücken liegen und warten, bis der Januar und
der Februar vorübergehen, die Märzgewitter endlich einsetzen und die ersten
Aprilstürme aufkommen.
Aber das wusste Cassandra nicht. Sie war ein Kind und besaß
die kindliche Unempfindlichkeit gegen extreme Klimaschwankungen. Es würde noch zehn
Jahre dauern, bis die unerträgliche,
erstickende Hitze des australischen Sommers ihr zu schaffen
machte.
Sie ließ die Fliegengittertür hinter sich zuschlagen und ging in
den Garten. Jasminblüten, die von den Sträuchern gefallen waren,
lagen überall schwarz und vertrocknet auf dem Weg. Cassandra
zertrat sie mit den Füßen und genoss es, wie sich schwarze
Schmierflecken auf dem hellen Beton bildeten.
Sie setzte sich auf die schmiedeeiserne Gartenbank, ganz oben
am Ende des kleinen Grundstücks, und fragte sich, wie lange sie
sich wohl allein in dem seltsamen Garten ihrer geheimnisvollen
Großmutter beschäftigen sollte. Sie betrachtete das Haus. Worüber mochten ihre
Mutter und Großmutter sich gerade unterhalten,
und warum waren sie ausgerechnet heute zu Besuch gekommen?
Egal, wie oft sie die Fragen im Kopf hin und her wendete, von
wie vielen Seiten aus sie sie auch betrachtete, sie fand einfach
keine Antwort darauf.
Nach einer Weile konnte sie der Anziehungskraft des Gartens
nicht länger widerstehen. Sie vergaß ihre Fragen und begann unter den wachsamen
Augen einer schwarzen Katze, prall gefüllte
Samenkapseln von Fleißigen Lieschen zu ernten. Als sie eine ordentliche Menge
beisammen hatte, kletterte sie, die Kapseln in
der Hand, auf den niedrigsten Ast des Mangobaums, der neben
der Bank stand, und begann, sie eine nach der anderen aufzubre40
chen. Es gefiel ihr, die kühlen, feuchten Samenkörner auf der
Haut zu spüren, und sie amüsierte sich über die Katze, die jedes
Mal, wenn eine leere Kapsel zwischen ihren Pfoten landete,
glaubte, eine Heuschrecke vor sich zu haben, und diese zu fangen
versuchte.
Nachdem alle Kapseln verbraucht waren, wischte Cassandra
sich die Hände an den Shorts ab und ließ den Blick schweifen.
Auf der anderen Seite des Maschendrahtzauns stand ein großes,
weißes Gebäude. Es war das Kino von Paddington, aber Cassandra wusste, dass es
geschlossen war. Irgendwo in der Nähe betrieb
ihre Großmutter einen Secondhandladen. Bei einem ihrer unangekündigten Besuche in
Brisbane war Cassandra schon einmal da
gewesen. Lesley hatte sie dort abgeliefert, weil sie irgendjemanden treffen wollte,
und Nell ließ sie zum Zeitvertreib ein silbernes
Teeservice polieren. Es hatte Cassandra großen Spaß gemacht,
den Geruch des Silberputzmittels einzuatmen und zuzusehen, wie
das Tuch sich schwarz färbte und das Silber zu glänzen begann.
Nell hatte ihr sogar erklärt, was die Stempel bedeuteten, ein Löwe
bedeutete Sterling, ein Leopardenkopf stand für London, und ein
Buchstabe gab das Herstellungsjahr an. Es war wie ein geheimer
Code. Als sie wieder zu Hause waren, hatte Cassandra überall
nach etwas aus Silber gesucht, das sie für Lesley polieren könnte,
aber nichts gefunden. Erst jetzt fiel ihr wieder ein, wie viel Freude ihr diese
Tätigkeit bereitet hatte.
Als die Sonne hoch am Himmel stand, die Mangoblätter in der
Hitze schlaff zu werden begannen und den Elstern ihr Gekrächze
im Hals stecken blieb, ging Cassandra zurück zum Haus. Mum
und Nell saßen immer noch drinnen - sie konnte ihre Gestalten
undeutlich durch das Fliegengitter erkennen -, und so folgte sie
dem Weg weiter um das Haus herum. In der seitlichen Wand befand sich eine große,
hölzerne Schiebetür auf Rollen, und als
Cassandra am Griff zog, öffnete sich ein kühler, großer Raum
unter dem Haus.
41
Die Dunkelheit bildete einen derart krassen Kontrast zu dem
grellen Sonnenlicht, dass es schien, als würde sie die Schwelle zu
einer anderen Welt überschreiten. Mit vor Aufregung klopfendem
Herzen trat Cassandra ein und schaute sich um. Der Raum war
groß, aber Nell hatte keine Mühe gescheut, ihn zu füllen. An drei
Wänden waren Kartons und Kisten unterschiedlicher Größe vom
Boden bis zur Decke gestapelt, und an der vierten Wand lehnten
lauter Fenster und Türen, deren Scheiben teilweise zerbrochen
waren. Die einzige freie Stelle befand sich vor einer Tür in der
hinteren Wand, die in das Zimmer führte, das Nell »das Souterrain« nannte. Als
Cassandra hineinspähte, sah sie, dass es etwa
die Größe eines Schlafzimmers hatte. An zwei Wänden lehnten
behelfsmäßige Regale voller alter Bücher, an der hinteren Wand
stand ein Klappbett mit einem rot-weißen Quilt als Überwurf.
Durch ein kleines Fenster fiel etwas Licht in das Zimmer, aber
jemand hatte ein paar Bretter davorgenagelt. Wahrscheinlich zum
Schutz gegen Einbrecher, dachte Cassandra. Andererseits konnte
sie sich nicht vorstellen, was ein Einbrecher in so einem Zimmer
suchen könnte.
Am liebsten hätte Cassandra sich auf das Bett gelegt, den kühlen Quilt auf der Haut
gespürt, aber Nell hatte sich deutlich ausgedrückt - sie dürfe unten spielen, aber
auf keinen Fall das Souterrain betreten -, und Cassandra war ein gehorsames
Mädchen.
Anstatt in das Zimmer zu gehen und sich auf dem Bett auszustrecken, machte sie
kehrt und ging zu der Stelle, wo vor langer Zeit
einmal ein Kind ein Himmel-und-Hölle-Spiel auf den Betonboden gemalt hatte. Sie sah
sich nach einem passenden Stein um,
legte mehrere nach eingehender Prüfung wieder beiseite und entschied sich
schließlich für einen, der ziemlich glatt war und keine
unregelmäßigen Ecken hatte, die ihn aus der Bahn bringen würden.
Cassandra warf den Stein - er landete perfekt in der Mitte des
ersten Rechtecks - und begann zu hüpfen. Sie war bei Nummer
sieben angekommen, als die Stimme ihrer Großmutter scharf wie
42
eine Glasscherbe durch die Decke zu ihr nach unten drang. »Was
bist du nur für eine Mutter?«
»Keine schlechtere, als du eine gewesen bist.«
Cassandra blieb mitten in einem Rechteck auf einem Bein stehen und lauschte. Es war
Stille eingekehrt, zumindest, soweit
Cassandra das beurteilen konnte. Wahrscheinlich hatten sie nur
die Stimmen gesenkt, weil ihnen eingefallen war, dass die Nachbarn zu beiden Seiten
nur wenige Meter weit entfernt wohnten.
Wenn Len und Lesley sich stritten, wies Len Cassandras Mutter
jedes Mal darauf hin, dass Fremde nicht unbedingt von ihren
Problemen erfahren mussten. Dass Cassandra jedes Wort mitbekam, schien die beiden
dagegen nicht zu stören.
Cassandra begann zu wackeln, verlor das Gleichgewicht und
setzte den zweiten Fuß ab. Aber nur für eine Sekunde, dann hob
sie ihn gleich wieder. Selbst Tracy Waters, die unter den
Fünftklässlern in dem Ruf stand, die strengste Himmel-undHölle-Schiedsrichterin zu
sein, hätte das durchgehen lassen und
ihr erlaubt weiterzuspielen, aber Cassandra war die Lust vergangen. Der Tonfall
ihrer Mutter hatte sie beunruhigt und machte ihr
Bauchweh.
Sie stieß ihren Stein mit dem Fuß fort und gab das Spiel auf.
Um wieder nach draußen zu gehen, war es zu heiß. Am allerliebsten würde sie ein
Buch lesen, in den Zauberwald entfliehen,
auf den Traumbaum klettern oder mit den Fünf Freunden eine
Schmugglerhöhle erforschen. Sie dachte an ihr Buch, das sie am
Morgen neben dem Kopfkissen hatte liegen lassen. Dumm von
dir, es nicht mitzunehmen, hörte sie im Geist Lens Stimme sagen,
wie immer, wenn sie etwas Törichtes getan hatte.
Dann fielen ihr die alten Bücher in Nells Souterrain ein. Nell
hätte doch bestimmt nichts dagegen, wenn sie sich eins aus dem
Regal nahm und darin las. Sie würde sehr vorsichtig sein und
nichts in Unordnung bringen.
Im Souterrain roch es muffig nach altem Staub. Cassandra ließ
ihren Blick über die roten, grünen und gelben Buchrücken wan43
dern auf der Suche nach einem Titel, der ihre Neugier weckte.
Auf dem dritten Regalbrett, in einem Streifen Sonnenlicht, lag
eine getigerte Katze auf der schmalen Kante vor den Büchern.
Cassandra hatte sie vorher gar nicht gesehen und fragte sich, wie
sie hereingekommen war, ohne dass sie es bemerkt hatte. Die
Katze, die offenbar spürte, dass sie kritisch betrachtet wurde,
stützte sich auf ihre Vorderpfoten und schenkte Cassandra einen
majestätischen Blick. Dann sprang sie mit einem eleganten Satz
auf den Boden und verschwand unter dem Bett.
Cassandra hätte gern gewusst, wie es war, sich so mühelos und
geschmeidig bewegen zu können, so spurlos zu verschwinden.
Sie blinzelte. Ganz so spurlos war das vielleicht doch nicht geschehen. Wo die
Katze unter dem Quilt hindurchgeschlüpft war,
lugte jetzt etwas hervor. Es war klein und weiß. Und rechteckig.
Cassandra kniete sich hin, hob den Quilt an und schaute unter
das Bett. Es war ein kleiner, alter Koffer. Der Deckel war nicht
richtig geschlossen, sodass man ein bisschen von dem Inhalt sehen konnte. Papiere,
weißer Stoff, eine blaue Schleife.
Ganz plötzlich überkam sie der unwiderstehliche Drang zu erfahren, was sich in dem
Koffer verbarg. Mit pochendem Herzen
zog sie ihn unter dem Bett hervor, klappte ihn auf und betrachtete
die Dinge, die sich darin befanden. Eine silberne Haarbürste, alt
und bestimmt wertvoll, mit einem kleinen, unterhalb der Borsten
eingestanzten Leopardenkopf, dem Zeichen für London. Ein weißes Kleid, klein und
wunderschön, ein altmodisches Kleid, wie
Cassandra noch nie eins gesehen, geschweige denn getragen hatte
- die Mädchen in der Schule würden sie auslachen, wenn sie in so
einem Aufzug erschiene. Ein Bündel Papiere, von einem blassblauen Band
zusammengehalten. Vorsichtig zog Cassandra die
Schleife auf und schob die Enden des Bands auseinander, um die
Sachen näher in Augenschein zu nehmen.
Ein Bild, eine Zeichnung in Schwarz-Weiß. Die schönste Frau,
die Cassandra je gesehen hatte, stand unter einem Gartentor.
Nein, es war kein Gartentor, sondern der Anfang eines Lauben44
gangs. Ein Labyrinth, schoss es Cassandra durch den Kopf, ein
merkwürdiges Wort, das ihr ganz plötzlich in den Sinn gekommen war.
Lauter feine schwarze Linien, die sich wie auf magische Weise
zu einem Bild zusammenfügten. Was es wohl für ein Gefühl sein
mochte, solch eine Zeichnung herzustellen, dachte Cassandra.
Das Gesicht kam ihr irgendwie bekannt vor, auch wenn sie sich
zunächst nicht erklären konnte, wie das möglich war. Dann wusste sie es mit einem
Mal - die Frau sah aus wie eine Figur aus einem Märchenbuch, wie aus einem alten
Märchen, in dem ein
Bettlermädchen sich in eine Prinzessin verwandelt, als der schöne
Prinz unter ihren hässlichen Kleidern ihr reines Herz erkennt.
Sie legte die Zeichnung neben sich auf den Boden und nahm
sich den Rest des Bündels vor. Es bestand aus einer Reihe von
Briefen in Umschlägen und einem Notizheft, dessen Seiten jemand mit einer großen,
geschwungenen Handschrift gefüllt hatte.
Soweit Cassandra das beurteilen konnte, war alles in einer fremden Sprache
geschrieben. Ganz hinten in dem Heft steckten mehrere aus Zeitschriften
herausgerissene Seiten und ein altes Foto
von einem Mann und einer Frau und einem kleinen Mädchen mit
langen Zöpfen. Cassandra kannte sie alle nicht.
Unter dem Heft lag das Märchenbuch. Der Einband war aus
grünem Karton mit goldener Schrift: Zauberhafte Märchen für
Mädchen und Jungen von Eliza Makepeace. Cassandra flüsterte
den Namen der Autorin vor sich hin, spürte die geheimnisvollen
Laute an ihren Lippen. Ehrfürchtig schlug sie das Buch auf. Auf
der ersten Seite befand sich eine weitere Zeichnung von derselben Frau, auch wenn
sie auf diesem Bild anders aussah, weniger
lebendig, irgendwie altmodischer. Als Cassandra das erste Märchen aufschlug, stoben
lauter Silberfischchen zwischen den Seiten hervor, die mit der Zeit vergilbt und an
den Rändern leicht
ausgefranst waren. Das Papier fühlte sich staubig an, und als Cassandra am Eselsohr
einer Seite rieb, schien es unter ihren Fingern
beinahe zu zerfallen.
45
Sie konnte nicht widerstehen. Sie legte sich auf die Pritsche,
rollte sich ein und begann zu lesen. Das Souterrain war der perfekte Ort zum Lesen,
kühl, still und abgeschieden. Cassandra versteckte sich immer zum Lesen, auch wenn
sie nicht hätte erklären
können, warum. Irgendwie wurde sie den Verdacht nicht los, dass
Lesen faul sein bedeutete, dass es bestimmt sündhaft war, sich
einer Sache hinzugeben, die sie so sehr genoss.
Und sie gab sich mit Leib und Seele hin. Sie ließ sich in das
Kaninchenloch fallen und in ein Märchen entführen, las von einer
Prinzessin, die zusammen mit einem blinden alten Weiblein in
einem Häuschen im finsteren Wald lebte. Sie war eine mutige
Prinzessin, viel mutiger, als Cassandra jemals sein würde, eine
Prinzessin, die auf der Suche nach einem kostbaren Gegenstand
durch Länder reiste und Meere überquerte.
Sie war auf der vorletzten Seite angelangt, als Schritte über ihr
sie aufschrecken ließen.
Sie kamen.
Hastig setzte Cassandra sich auf und schwang die Beine aus
dem Bett. Sie wollte das Märchen so gern zu Ende lesen, erfahren, was am Ende mit
der Prinzessin passierte, ob es ihr gelingen
würde, dem blinden Weiblein sein Augenlicht zurückzugeben,
und ob sie fortan glücklich und zufrieden leben würde. Aber daraus wurde jetzt
leider nichts. Sie glättete die Briefe, legte alles
zurück in den kleinen Koffer und schob ihn unters Bett. Beseitigte alle Spuren
ihres Ungehorsams.
Leise schlüpfte sie aus dem Souterrain, nahm einen Stein in die
Hand und ging wieder zu dem Himmel-und-Hölle-Spiel.
Als Mum und Nell in der Schiebetür erschienen, sah es so aus,
als wäre Cassandra den ganzen Nachmittag über in ihr Spiel vertieft gewesen und gar
nicht erst auf den Gedanken gekommen,
das Souterrain zu betreten.
»Komm her, Kleines«, sagte Lesley.
46
Cassandra klopfte den Staub von ihren Shorts und ging zu ihrer
Mutter, die ihr zu ihrer Verwunderung einen Arm um die Schultern legte.
»Hast du Spaß gehabt?«
»Ja«, antwortete Cassandra vorsichtig. Waren sie ihr etwa auf
die Schliche gekommen?
Aber ihre Mutter war kein bisschen sauer. Im Gegenteil, sie
schien regelrecht in Hochstimmung zu sein. Sie schaute Nell an.
»Hab ich’s dir nicht gesagt? Sie kann sich wunderbar allein beschäftigen.«
Als Nell nichts darauf erwiderte, fuhr Cassandras Mutter fort:
»Du wirst eine Weile bei Grandma Nell bleiben, Cassie. Das wird
bestimmt abenteuerlich werden.«
Cassandra war überrascht. Anscheinend hatte ihre Mutter etwas Wichtiges in Brisbane
zu erledigen. »Bekomme ich denn hier
auch ein Mittagessen?«
Lesley lachte laut auf. »Na, das wollen wir doch hoffen, jeden
Tag! Bis ich dich holen komme.«
Plötzlich wurde Cassandra sich der scharfen Kanten an dem
Stein bewusst, den sie in der Hand hielt, spürte, wie die Spitzen
sich in ihre Fingerkuppen bohrten. Sie schaute erst ihre Mutter,
dann ihre Großmutter an. War das ein Spiel? Scherzte ihre Mutter? Sie wartete
darauf, dass Lesley in lautes Gelächter ausbrechen würde.
Doch die schaute Cassandra nur mit ihren großen blauen Augen an.
Cassandra wusste nicht, was sie sagen sollte. »Ich hab meinen
Schlafanzug nicht dabei«, brachte sie schließlich heraus.
Endlich lächelte ihre Mutter, strahlte sie erleichtert an, und
Cassandra spürte, dass es keinen Zweck hatte zu protestieren.
»Mach dir darüber keine Gedanken, Dummerchen. Ich hab deine
Sachen in einer Tasche im Auto. Du hast doch nicht etwa geglaubt, ich würde dich
ohne deine Sachen hierlassen, oder?«
47
Die ganze Zeit über hatte Nell stumm und steif danebengestanden und Lesley
beobachtet. Cassandra entdeckte Missbilligung in
ihrem Blick. Wahrscheinlich wollte ihre Großmutter nicht, dass
sie bei ihr blieb. Kleine Mädchen waren einem dauernd im Weg,
wie Len immer wieder betonte.
»Hier, Kleines«, sagte Lesley und warf Cassandra ihre Reisetasche hin. »Da ist eine
Überraschung für dich drin. Ein neues
Kleid. Len hat mir geholfen, es auszusuchen.«
Sie richtete sich auf und sagte zu Nell: »Nur eine oder zwei
Wochen, ich versprech’s dir. Bis Len und ich uns wieder zusammengerauft haben.«
Lesley zauste Cassandras Haare. »Deine
Grandma Nell freut sich darauf, dich bei sich zu haben. Das werden richtig tolle
Sommerferien in der großen Stadt. Da wirst du
deinen Freundinnen eine Menge zu erzählen haben, wenn die
Schule wieder anfängt.«
Cassandras Großmutter lächelte, aber es war kein glückliches
Lächeln. Cassandra glaubte zu wissen, wie einem zumute war,
wenn man so lächelte. Sie selbst tat es jedes Mal, wenn ihre Mutter ihr versprach,
ihr einen Herzenswunsch zu erfüllen, und Cassandra im selben Augenblick wusste,
dass es nie dazu kommen
würde.
Lesley hauchte ihr einen Kuss auf die Wange, drückte ihr die
Hand, und dann war sie plötzlich verschwunden, ehe Cassandra
dazu kam, sie zu umarmen, ihr eine gute Fahrt zu wünschen oder
sie zu fragen, wann genau sie sie wieder abholen würde.
Später bereitete Nell das Abendessen - fette Schweinswürste,
Kartoffelpüree und matschige Erbsen aus der Dose -, das sie in
dem schmalen Zimmer neben der Küche zu sich nahmen. Nell
hatte keine Fliegengitter an den Fenstern so wie Lesley in ihrem
Haus in Burleigh Beach, dafür lag auf der Fensterbank immer
eine Fliegenklatsche aus Plastik griffbereit. Wenn eine Fliege
oder eine Mücke sich in ihre Nähe wagte, schlug Nell augenblicklich zu. Ihre
Angriffe waren so schnell, so routiniert, dass die
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Katze, die auf ihrem Schoß schlief, nicht einmal zusammenzuckte.
Der klobige Standventilator auf dem Kühlschrank bewegte die
schwere, feuchte Luft hin und her, während sie aßen; so höflich
wie möglich beantwortete Cassandra die Fragen ihrer Großmutter, und irgendwann war
das qualvolle Abendessen beendet. Cassandra half beim Geschirrspülen, dann führte
Nell sie ins Badezimmer und ließ lauwarmes Wasser in die Wanne laufen.
»Das Einzige, was noch schlimmer ist als ein kaltes Bad im
Winter«, bemerkte Nell trocken, »ist ein heißes Bad im Sommer.« Sie zog ein braunes
Handtuch aus dem Schrank und legte
es auf den Toilettenspülkasten. »Du kannst das Wasser abstellen,
wenn es diese Linie hier erreicht.« Sie zeigte auf einen feinen
Riss in der grünen Porzellanwanne, richtete sich auf und strich ihr
Kleid glatt. »Kommst du allein zurecht?«
Cassandra nickte und lächelte die ganze Zeit und hörte erst
damit auf, als ihre Großmutter die Badezimmertür schloss. Sie
hoffte bloß, dass sie die richtige Antwort gegeben hatte; Erwachsene konnten
manchmal ganz schön kompliziert sein. Meistens
mochten sie es nicht, wenn Kinder ihren Gefühlen Ausdruck verliehen, zumindest
nicht, wenn es sich um schlechte Gefühle handelte. Len ermahnte Cassandra immer
wieder, dass brave Kinder
gefälligst lächeln und ihre finsteren Gedanken für sich behalten
sollten. Aber Nell war anders. Cassandra konnte sich selbst nicht
recht erklären, woher sie das wusste, aber sie spürte, dass bei Nell
andere Regeln galten. Trotzdem war es besser, erst einmal auf
Nummer sicher zu gehen.
Deswegen hatte sie die Zahnbürste nicht erwähnt, oder besser
das Fehlen einer Zahnbürste. Solche Dinge vergaß Lesley jedes
Mal, wenn sie für eine Weile verreisten, aber Cassandra wusste,
dass eine oder zwei Wochen ohne Zahnbürste sie nicht umbringen würden. Sie nahm
ihre Haare und band sie oben auf dem
Kopf mit einem Gummiband zusammen. Zu Hause setzte sie zum
Baden die Duschhaube ihrer Mutter auf, aber sie wusste nicht, ob
49
Nell so etwas besaß, und wollte auch nicht fragen. Sie stieg in die
Wanne, setzte sich in das lauwarme Wasser, umschlang die Knie
mit den Armen und schloss die Augen. Saß da und lauschte auf
das Plätschern des Wassers am Wannenrand, das Summen der
Glühbirne und einer Mücke irgendwo über ihr.
Eine ganze Weile blieb sie so sitzen und kletterte schließlich
widerwillig aus der Wanne, weil sie sich sagte, dass Nell bestimmt kommen und nach
ihr sehen würde, wenn sie noch länger
im Bad blieb. Sie trocknete sich ab, hängte das Handtuch sorgfältig über die
Vorhangstange und zog ihren Schlafanzug an.
Sie fand Nell im Wintergarten, wo sie gerade dabei war, das
Schlafsofa zu beziehen.
»Eigentlich ist es nicht zum Schlafen geeignet«, sagte Nell,
während sie das Kopfkissen aufschüttelte. »Die Matratze ist nicht
besonders bequem, und die Federung ist ziemlich hart, aber du
bist ja ein Fliegengewicht, für dich wird es reichen.«
Cassandra nickte ernst. »Es ist ja nicht für lange, nur für eine
oder zwei Wochen. Bis Mum und Len sich wieder zusammengerauft haben.«
Nell lächelte grimmig. Es war ein Gesichtsausdruck, den sie
offensichtlich selten aufsetzte, denn die Muskeln um ihren Mund
herum schienen sich zu sträuben. Sie sah sich im Wintergarten
um, dann schaute sie Cassandra an. »Brauchst du sonst noch irgendwas? Ein Glas
Wasser? Eine Lampe?«
Cassandra schüttelte den Kopf. Sie überlegte, ob Nell womöglich eine zusätzliche
Zahnbürste besaß, brachte es jedoch nicht
fertig, danach zu fragen.
»Also dann, ab in die Falle«, sagte Nell und hielt die Bettdecke
hoch.
Nachdem Cassandra gehorsam ins Bett geschlüpft war, deckte
Nell sie zu. Die Laken waren überraschend weich, angenehm verschlissen, und
verströmten einen fremden, aber sauberen Duft.
Nell zögerte. »Na dann. Gute Nacht.«
»Gute Nacht.«
50
Im nächsten Augenblick ging das Licht aus, und Cassandra war
allein.
Seltsame Geräusche wurden durch die Dunkelheit verstärkt. Der
Verkehr auf einer fernen Straße, ein Fernseher in einem der
Nachbarhäuser, Nells Schritte auf dem Holzboden im Nebenzimmer und das Windspiel
draußen vor dem Fenster. Anfangs
war es nur ein sanftes Klimpern, aber während Cassandra dort im
Dunkeln lag, sich fragte, wo ihre Mum sein mochte, warum sie
sie hier in diesem seltsamen Haus zurückgelassen hatte, und sich
dabei die ganze Zeit mit der Zunge über ihre pelzigen Zähne fuhr,
wurde der Wind stärker. Das Windspiel klimperte immer lauter,
und Cassandra stieg der Geruch nach Eukalyptus und Teer in die
Nase. Ein Gewitter braute sich zusammen.
Cassandra rollte sich unter ihrer Decke ein. Sie mochte keine
Gewitter, da wusste man nie, was auf einen zukam. Hoffentlich
zog es einfach vorbei. Sie traf eine Abmachung mit sich selbst:
Wenn sie bis zehn zählen konnte, ehe das nächste Auto über den
nahe gelegenen Hügel brummte, würde alles gut gehen. Dann
würde das Gewitter vorüberziehen, und ihre Mum würde sie in
einer Woche wieder abholen.
Eins. Zwei. Drei. … Sie schummelte nicht, sondern zählte in
einem gleichmäßigen Rhythmus. … Vier. Fünf. … Alles ruhig
bisher. Die Hälfte war geschafft. … Sechs. Sieben. … Sie lauschte angestrengt, aber
es war immer noch kein Auto zu hören. Fast
in Sicherheit. … Acht Plötzlich setzte sie sich auf. Die Reisetasche hatte ein paar
kleine Innentaschen. Wahrscheinlich hatte ihre Mum die Zahnbürste gar nicht
vergessen, sondern sie bloß in eine der Innentaschen gesteckt.
Cassandra schlüpfte aus dem Bett. Im selben Augenblick
schlug eine heftige Bö das Windspiel gegen die Fensterscheibe.
Auf nackten Füßen schlich sie über den Holzboden, der sich
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überraschend kühl anfühlte, als ein Luftzug durch die Ritzen zwischen den Dielen
pfiff.
Am Himmel über dem Haus grollte es bedrohlich, dann wurde
es plötzlich ganz hell. Es fühlte sich gefährlich an und erinnerte
Cassandra an das Gewitter in dem Märchen, das sie am Nachmittag gelesen hatte, an
den Sturm, der der kleinen Prinzessin zu der
Hütte des alten Weibleins gefolgt war.
Cassandra kniete sich auf den Boden und durchsuchte die Seitentaschen eine nach der
anderen in der Hoffnung, die Zahnbürste
zu ertasten.
Dicke, fette Regentropfen begannen auf das Wellblechdach zu
prasseln, anfangs nur vereinzelt, doch dann wurden es so viele,
dass ein ohrenbetäubendes Rauschen alle anderen Geräusche
übertönte.
Wo sie schon einmal dabei war, konnte es nicht schaden, alle
Fächer der Tasche gründlich zu durchsuchen. Eine Zahnbürste
war immerhin ein ziemlich kleiner Gegenstand, vielleicht steckte
sie so tief unter den anderen Sachen, dass sie sie beim ersten Mal
übersehen hatte. Sie schob ihre Hände tief in die Tasche hinein
und nahm schließlich, um ganz sicherzugehen, alle Sachen heraus. Die Zahnbürste war
nicht da.
Cassandra hielt sich die Ohren zu, als ein weiterer Donnerschlag das Haus
erschütterte. Dann stand sie auf, umschlang sich
mit den Armen, spürte flüchtig, wie dünn und klein sie war, eilte
zurück zum Bett und kroch unter die Decke.
Regen trommelte aufs Dach, lief in Strömen an den Fenstern
entlang und sprudelte aus den schiefen Dachrinnen, die solchen
Wassermassen nicht gewachsen waren.
Cassandra lag reglos unter ihrer Decke, die Arme immer noch
um den Körper geschlungen. Trotz der warmen, schwülen Luft
hatte sie eine Gänsehaut. Eigentlich sollte sie schlafen, denn
wenn sie nicht schlief, würde sie am nächsten Morgen völlig
übermüdet sein, und niemand hatte Lust, sich mit schlecht gelaunten kleinen Mädchen
abzugeben.
52
Aber sosehr sie sich auch bemühte, sie fand keinen Schlaf. Sie
zählte Schäfchen, sang in Gedanken Lieder von gelben U-Booten
und Orangen und Zitronen und Gärten auf dem Meeresgrund, erzählte sich Märchen.
Aber die Nacht schien kein Ende zu nehmen.
Der Regen prasselte, es blitzte und donnerte, und Cassandra
begann zu weinen. Lange zurückgehaltene Tränen durften unter
dem dunklen Regenschleier endlich vergossen werden.
Wie viel Zeit war vergangen, bis sie die dunkle Gestalt in der
Tür wahrnahm? Eine Minute? Zehn?
Cassandra unterdrückte ein Schluchzen, bis ihr der Hals brannte.
Ein Flüstern, Nells Stimme. »Ich wollte nur nachsehen, ob das
Fenster zu ist.«
Im Dunkeln hielt Cassandra den Atem an und wischte sich die
Augen mit einem Zipfel des Lakens.
Nell stand jetzt dicht am Bett, Cassandra spürte die seltsame
Spannung, die entsteht, wenn ein Mensch ganz in der Nähe ist.
»Was ist denn?«
Cassandras Kehle war so zugeschnürt, dass sie kein Wort herausbrachte.
»Ist es das Gewitter? Hast du Angst?«
Cassandra schüttelte den Kopf.
Nell setzte sich steif auf die Bettkante und zog den Gürtel ihres
Morgenmantels fester. Als ein Blitz das Zimmer erhellte, sah
Cassandra das Gesicht ihrer Großmutter, erkannte darin die leicht
nach unten geneigten Augenwinkel ihrer Mutter.
Endlich brach der Schluchzer sich Bahn. »Meine Zahnbürste«,
sagte Cassandra unter Tränen. »Ich hab meine Zahnbürste nicht
dabei.«
Nell schaute sie einen Moment lang verblüfft an, dann nahm
sie sie in die Arme. Zuerst zuckte Cassandra zusammen, überrascht von der
unerwarteten Geste, doch dann überließ sie sich
ihren Gefühlen. Sie ließ sich gegen Nells weichen, nach Lavendel
53
duftenden Körper sinken und weinte heiße Tränen in Nells
Nachthemd.
»Ist ja gut«, flüsterte Nell, während sie Cassandras Kopf streichelte. »Mach dir
keine Sorgen. Morgen kaufen wir dir eine
neue.« Sie schaute zum Fenster, betrachtete eine Weile den Regen, der an der
Scheibe herunterlief, dann legte sie ihre Wange
auf Cassandras Haar. »Du bist eine Kämpfernatur, hörst du? Es
wird dir nichts geschehen. Alles wird gut.«
Und obwohl Cassandra sich nicht vorstellen konnte, dass jemals wieder alles gut
werden würde, fühlte sie sich von Nells
Worten ein wenig getröstet. Etwas in der Stimme ihrer Großmutter sagte ihr, dass
sie nicht allein war, dass Nell sie verstand. Dass
sie wusste, wie furchtbar Angst einflößend es war, eine Gewitternacht allein an
einem fremden Ort zu verbringen.
56
»Ja, ist schon gut, Liebes. War nur eine Frage.« Er schüttelte
den Kopf. »Es fällt mir nur so schwer zu glauben, dass sie so einfach ihren Namen
vergessen haben soll.«
»Davon hab ich schon mal gehört, man nennt es Amnesie.
Ruth Halfpennys Vater hatte das auch, nachdem er von der
Deichsel gefallen war. Durch so etwas wird es ausgelöst, Stürze
und Ähnliches.«
»Du meinst, sie ist vielleicht gestürzt?«
»Ich konnte keine blauen Flecken an ihr entdecken, aber möglich wäre es doch,
oder?«
»Na ja«, sagte Haim, als ein Blitz das Zimmer erhellte. »Ich
werde mich morgen darum kümmern.« Er drehte sich auf den
Rücken und starrte an die Decke. »Zu irgendjemandem muss sie
doch gehören«, murmelte er.
»Ja.« Lil löschte das Licht und hüllte sie beide in Dunkelheit.
»Irgendjemand macht sich bestimmt fürchterliche Sorgen um
sie.« Wie jeden Abend rollte sie sich auf die Seite, wandte Hamish den Rücken zu
und schloss ihn von ihrem Kummer aus. Ihre
Stimme wurde durch das Laken gedämpft: »Aber ich sage dir,
wer auch immer sie vermisst, hat sie nicht verdient. Was für eine
verdammte Achtlosigkeit. Wie kann ein Mensch bloß ein Kind
verlieren?«
Vom Fenster aus schaute Lil zu, wie die beiden kleinen Mädchen
im Garten unter der Wäscheleine hin und her liefen und ausgelassen lachten, wenn
die kühlen Laken ihre Gesichter streiften. Sie
sangen eins von Nells Liedern. Die Lieder, und sie kannte so viele, waren ihrem
Gedächtnis nicht entfallen.
Nell. So nannten sie sie inzwischen, nach Lils Mutter Eleanor.
Irgendwie mussten sie sie ja schließlich anreden. Die seltsame
Kleine konnte ihnen immer noch nicht ihren Namen sagen. Jedes
Mal, wenn Lil sie danach gefragt hatte, hatte sie sie nur mit großen Augen
angeschaut und behauptet, sie könne sich nicht erinnern.
57
Nach ein paar Wochen hatte Lil aufgehört zu fragen. Im Grunde genommen war es ihr
sogar ganz recht, den Namen der Kleinen nicht zu kennen. Sie wollte sich Nell mit
keinem anderen
Namen vorstellen als mit dem, den sie ihr gegeben hatten. Nell.
Er passte wirklich gut zu ihr, das sagten alle. Beinahe, als hätte
sie ihn schon seit ihrer Geburt.
Sie hatten ihr Bestes getan, um in Erfahrung zu bringen, wer
sie war und wohin sie gehörte. Mehr konnte wirklich niemand
von ihnen verlangen. Zwar hatte Lil sich anfangs immer wieder
gesagt, sie würden sich nur vorübergehend um Nell kümmern, sie
nur so lange unter ihren Schutz nehmen, bis jemand sie abholte,
aber mit jedem Tag, der verging, gelangte Lil mehr und mehr zu
der Überzeugung, dass niemand kommen würde.
Inzwischen hatten sie sich an den Alltag zu dritt gewöhnt.
Morgens frühstückten sie gemeinsam, dann ging Hamish zur Arbeit, während Lil und
Nell sich an die Hausarbeit machten. Lil
stellte fest, dass es ihr gefiel, sie um sich herum zu haben, dass es
ihr Freude bereitete, Nell Dinge zu zeigen, ihr zu erklären, wie sie
funktionierten und warum. Nell fragte ihr Löcher in den Bauch,
wollte wissen, warum die Sonne nachts verschwand, warum die
Flammen des Feuers nicht aus dem Kamin sprangen, warum es
dem Fluss nicht langweilig wurde, immer in dieselbe Richtung zu
fließen, und Lil genoss es, ihr all die Fragen zu beantworten und
Nells kleines Gesicht zu beobachten, wenn sie etwas begriff. Zum
ersten Mal in ihrem Leben kam Lil sich nützlich vor, zum ersten
Mal fühlte sie sich gebraucht und heil. Auch mit Hamish verstand
sie sich wieder besser. Die Spannungen, die sich in den vergangenen Jahren zwischen
ihnen aufgebaut hatten, lösten sich allmählich. Sie hatten aufgehört, so verdammt
höflich miteinander
umzugehen und sich fast an ihren sorgfältig gewählten Worten zu
verschlucken wie zwei Fremde, die man zusammen eingesperrt
hat. Sie lachten sogar wieder, entspannt und ungezwungen, so
wie früher.
58
Und Nell hatte sich an das Leben mit Haim und Lil gewöhnt
wie ein Entenküken an den Teich, an dem es aus dem Ei geschlüpft ist. Die Kinder in
der Nachbarschaft hatten schnell herausgefunden, dass jemand Neues in ihrer Mitte
aufgetaucht war,
und Nell geriet völlig aus dem Häuschen bei der Aussicht, mit
anderen Kindern spielen zu können. Die kleine Beth Reeves von
nebenan kam neuerdings fast jeden Tag irgendwann über den
Zaun. Lil liebte es, die beiden kleinen Mädchen draußen spielen
zu hören. Sie hatte so lange darauf gewartet, sich so darauf gefreut, dass eines
Tages im Garten Kinderstimmen erklingen würden.
Und Nell war ein ausgesprochen einfallsreiches Kind. Immer
wieder bekam Lil mit, wie sie lange, komplizierte Geschichten
erfand. In Nells Fantasie verwandelte sich der große Garten in
einen Zauberwald mit Dornengestrüpp und Labyrinthen und mit
einem Haus am Rand einer Klippe. Die Orte, die Nell beschrieb,
entsprachen denen aus dem Märchenbuch, das sie in Nells weißem Koffer gefunden
hatten. Lil und Hamish wechselten sich ab,
Nell abends daraus vorzulesen. Anfangs waren die Märchen Lil
viel zu Angst einflößend erschienen, aber Haim hatte sie vom
Gegenteil überzeugen können. Und Nell schien sich kein bisschen von den Geschichten
erschrecken zu lassen.
Vom Küchenfenster aus beobachtete Lil, wie die beiden Mädchen mal wieder eine Szene
aus einem der Märchen nachspielten.
Beth hörte mit großen Augen zu, während Nell in ihrem weißen
Kleid herumflitzte, die roten Zöpfe golden im Sonnenlicht, und
sie durch ein imaginäres Labyrinth führte.
Beth würde Nell fehlen, wenn sie nach Brisbane zogen, aber
sie würde bestimmt bald neue Freunde finden. So waren Kinder
nun mal. Und der Umzug war unumgänglich. Lange konnten Lil
und Haim den Leuten nicht mehr erzählen, Nell sei eine Nichte
aus dem Norden. Früher oder später würden die Nachbarn anfangen zu fragen, warum
Nell nicht wieder nach Hause fuhr. Wie
lange sie noch bei ihnen bleiben würde. Nein, für Lil stand fest,
59
dass es sein musste. Sie würden zu dritt einen Neuanfang machen, irgendwo, wo sie
niemand kannte. In einer großen Stadt,
wo die Leute keine Fragen stellten.
61
»Allein krieg ich nie genug Geld zusammen.« Cassandra nagte
an ihrer Unterlippe. »Wenn ich nur jemanden wüsste, der bereit
wäre, mir einen Kredit zu geben, jemanden, der mich genug liebt,
um mich bei der Verwirklichung meiner Träume zu unterstützen
…«
Nell hob die Kiste mit dem Porzellan auf, die sie mit auf die
Auktion nehmen wollte. »Ich lasse mich von dir nicht in die Ecke
drängen, meine Liebe.«
Cassandra witterte einen feinen Riss in der Schutzmauer. »Wir
reden also später noch mal darüber?«
Nell verdrehte die Augen. »Ich fürchte, ja. Und dann noch mal
und noch mal.« Sie seufzte, um klarzustellen, dass das Thema
vorerst beendet war. »Hast du alles, was du brauchst, um die
Rückwand zu streichen?«
»Du kannst ja nachsehen.«
»Vergiss nicht, den neuen Pinsel zu benutzen. Ich habe keine
Lust, die nächsten fünf Jahre Pinselhaare an der Hauswand kleben zu sehen.«
»Ja, Nell. Und ich werde auch darauf achten, den Pinsel vor
dem Anstreichen in die Farbe zu tauchen.«
»Sei nicht so frech.«
Als Nell am Nachmittag vom Antiquitätenmarkt zurückkam,
ging sie ums Haus herum, blieb vor der Rückwand stehen und
warf einen kritischen Blick auf die frische Farbe.
Cassandra trat von ihrem Werk zurück und hielt sich die Hand
vor den Mund, um nicht laut loszuprusten. Und wartete.
Das Zinnoberrot war beeindruckend, aber was Nell entgeistert
anstarrte, war ein Detail in Tiefschwarz, das Cassandra in einer
Ecke eingefügt hatte. Die Ähnlichkeit war verblüffend: Nell in
ihrem Lieblingssessel, in der Hand eine Tasse dampfenden Tee.
»Tja, offenbar bist du doch in der Ecke gelandet, Nell. Das war
nicht geplant, es ist einfach so über mich gekommen.«
Nell schüttelte den Kopf mit einem Gesichtsausdruck, den
Cassandra nicht deuten konnte.
62
»Gleich daneben werde ich noch ein Bild von mir hinzufügen,
um dich daran zu erinnern, dass wir zusammengehören, auch
wenn ich irgendwann in Melbourne wohne.«
Dann hatten Nells Lippen kaum merklich gezittert. Sie hatte
erneut den Kopf geschüttelt, die Kiste abgestellt, die sie von ihrem Stand
mitgebracht hatte, und einen tiefen Seufzer ausgestoßen. »Du bist wirklich ein
freches Mädchen«, hatte sie gesagt.
Und dann hatte sie unwillkürlich gelächelt und Cassandras Gesicht in beide Hände
genommen. »Aber du bist mein freches
Mädchen, und ich würde dich kein bisschen anders haben wollen.«
Ein Geräusch, und die Vergangenheit löste sich auf wie Rauch,
verscheucht durch die hellere, lautere Gegenwart. Cassandra
blinzelte und fuhr sich über die Augen. Hoch über ihr dröhnte ein
Flugzeug, ein weißer Punkt in einem Meer von hellem Blau. Unmöglich, sich
vorzustellen, dass Menschen darin saßen, die miteinander schwatzten und lachten und
aßen, und dass einige von
ihnen herunterschauten, während Cassandra nach oben schaute.
Noch ein Geräusch, diesmal viel näher. Schlurfende Schritte.
»Hallo, Cassandra.« Eine vertraute Gestalt kam um die Hausecke, blieb einen
Augenblick stehen, um Atem zu holen. Ben war
früher einmal ein hochgewachsener Mann gewesen, aber die Zeit
verwandelte die Menschen in Gestalten, die sich selbst fremd
waren, und Ben sah mittlerweile aus wie ein Gartenzwerg. Sein
Haar war weiß, sein Bart drahtig, und seine Ohren leuchteten rot.
Cassandra lächelte, froh, ihn zu sehen. Nell hatte kaum Freunde gehabt und nie
einen Hehl aus ihrer Abneigung gegen die
meisten Menschen gemacht und gegen ihren neurotischen Drang,
sich Verbündete zu suchen. Aber Ben und Nell waren sich sehr
ähnlich gewesen. Auch er war Antiquitätenhändler und hatte einen Stand auf dem
Antiquitätenmarkt. Nachdem seine Frau gestorben war, die Kanzlei, in der er als
Anwalt arbeitete, ihm den
Ruhestand nahegelegt hatte und seine Sammlung an alten Möbeln
63
ihm kaum noch Platz in seinem eigenen Haus übrig ließ, hatte er
kurzerhand sein Hobby zum Beruf gemacht.
Während Cassandras Kindheit und Jugend war er für sie eine
Art Vaterfigur gewesen, hatte ihr kluge Ratschläge gegeben, die
sie sich teils dankbar angehört und teils verschmäht hatte, aber
seit sie wieder bei Nell wohnte, war er auch ihr Freund geworden.
Ben zog einen verschossenen Liegestuhl hinter der Waschwanne aus Beton hervor und
klappte ihn vorsichtig neben Cassandra auf. Als junger Mann hatte er im Zweiten
Weltkrieg eine
Knieverletzung davongetragen, die ihm immer noch zu schaffen
machte, besonders, wenn das Wetter umschlug.
Er zwinkerte ihr über seine runde Brille hinweg zu. »Du
machst es richtig. Das ist ein schönes Fleckchen hier, gemütlich
und geschützt.«
»Es war Nells Platz.« Ihre eigene Stimme klang merkwürdig in
ihren Ohren, und sie fragte sich, wann sie zuletzt mit jemandem
gesprochen hatte. Das war bei dem Abendessen bei Phyllis vor
einer Woche gewesen, fiel ihr ein.
»Klar. Deine Großmutter hat sich immer den besten Platz ausgesucht.«
Cassandra lächelte. »Möchtest du eine Tasse Tee?«
»Gern.«
Sie ging durch die Hintertür in die Küche und setzte den Wasserkessel auf. Das
Wasser war noch warm von vorhin, als sie sich
einen Tee aufgegossen hatte.
»Wie geht’s dir denn so?«
Sie zuckte die Achseln. »Ganz gut.« Sie ging wieder nach
draußen und setzte sich auf die Betonstufe neben seinem Liegestuhl.
Ben lächelte, sodass sein Schnurrbart den Kinnbart berührte.
»Hat deine Mutter sich gemeldet?«
»Sie hat eine Karte geschickt.«
»Na dann …«
64
»Sie schreibt, sie wäre gern gekommen, aber sie und Len hätten viel zu tun. Caleb
und Marie -«
»Natürlich. Teenager können einen ganz schön auf Trab halten.«
»Die sind doch keine Teenager mehr. Marie ist gerade einundzwanzig geworden.«
Ben pfiff durch die Zähne. »Wie schnell die Zeit vergeht.«
Der Wasserkessel zischte.
Cassandra ging in die Küche, hängte den Teebeutel in die Tasse, goss Wasser darüber
und sah zu, wie es sich braun färbte. Eine Ironie des Schicksals, dass Lesley sich
beim zweiten Anlauf
zu einer so fürsorglichen Mutter entwickelt hatte. Was einmal
mehr bewies, dass es bei vielen Dingen im Leben einfach nur auf
den richtigen Zeitpunkt ankam.
Sie gab einen Schuss Milch in den Tee, überlegte kurz, ob sie
überhaupt noch gut war, fragte sich, wann sie sie gekauft hatte.
Wahrscheinlich vor Nells Tod. Das Haltbarkeitsdatum lautete 14.
September. War es bereits überschritten? Sie war sich nicht sicher. Jedenfalls roch
die Milch noch nicht sauer. Sie nahm die
Tasse mit nach draußen und reichte sie Ben. »Tut mir leid … Die
Milch …«
Er trank einen Schluck. »Der beste Tee, den ich heute getrunken habe.«
Er schaute sie an, als sie sich setzte, schien etwas sagen zu
wollen, überlegte es sich anders. Dann räusperte er sich. »Cass,
ich bin heute nicht nur zu Besuch hier, sondern auch in einer offiziellen
Angelegenheit.«
Dass dem Tod offizielle Angelegenheiten folgten, wunderte
Cassandra nicht, und dennoch fühlte sie sich unangenehm überrascht, und ihr wurde
leicht schwindlig.
»Nell hat mich vor Jahren gebeten, ihr Testament aufzusetzen.
Du weißt ja, wie sie war, sie wollte ihre persönlichen Angelegenheiten keinem
Fremden anvertrauen.«
Cassandra nickte. Typisch Nell.
65
Ben zog einen weißen Umschlag aus der Innentasche seines
Blazers. Er sah alt aus und war an den Ecken vergilbt.
»Es ist schon eine ganze Weile her, dass sie ihr Testament gemacht hat.« Blinzelnd
betrachtete er den Umschlag. »Genauer
gesagt, es war 1981.« Er schwieg, als wartete er auf einen Kommentar. Als sie
nichts sagte, fuhr er fort: »Im Großen und Ganzen
ziemlich eindeutig abgefasst.« Er nahm den Inhalt aus dem Umschlag, ohne einen
Blick darauf zu werfen, beugte sich vor und
stützte sich mit den Armen auf den Knien ab, Nells Testament in
der rechten Hand. »Deine Großmutter hat dir alles vermacht,
Cass.«
Cassandra war nicht überrascht. Gerührt vielleicht und ganz
plötzlich und seltsamerweise einsam, aber nicht überrascht. Wem
sonst hätte Nell etwas vererben sollen? Sicherlich nicht Lesley.
Cassandra hegte schon lange keinen Groll mehr auf ihre Mutter,
Nell dagegen hatte ihr nie verziehen. Ein Kind im Stich zu lassen,
hatte sie einmal zu Tante Phyllis gesagt, als sie glaubte, Cassandra sei außer
Hörweite, sei gefühlskalt und gedankenlos und absolut unverzeihlich.
»Das Haus natürlich, etwas Geld auf dem Sparkonto und die
Antiquitäten.« Ben zögerte und musterte Cassandra, als versuchte
er einzuschätzen, ob sie das, was noch auf sie zukommen sollte,
verkraften würde. »Und noch etwas.« Er warf einen Blick auf die
Papiere in seiner Hand. »Nachdem deine Großmutter letztes Jahr
ihre Diagnose erfahren hatte, hat sie mich eines Morgens zum
Tee eingeladen.«
Cassandra erinnerte sich daran. Als sie an dem Morgen mit
dem Frühstück ins Zimmer gekommen war, hatte Nell ihr erklärt,
sie erwarte Ben zu Besuch und wolle mit ihm unter vier Augen
sprechen. Und dann, obwohl sie schon seit Jahren keine aktive
Rolle mehr an dem Stand spielte, hatte sie Cassandra gebeten, im
Antiquitätenmarkt ein paar Bücher für sie zu katalogisieren.
»An dem Tag hat sie mir etwas gegeben«, sagte Ben. »Einen
versiegelten Umschlag. Sie hat mich gebeten, ihn zu ihrem Tes66
tament zu legen und erst zu öffnen, wenn … wenn sie …« Er
schluckte den Kloß in seinem Hals herunter. »Na, du weißt
schon.«
Cassandra nickte und erschauerte leicht, als eine kühle Brise
ihre Arme streifte.
Ben wedelte mit den Papieren, sagte jedoch nichts.
»Worum geht’s denn?«, fragte Cassandra, während sich ein
vertrauter Knoten in ihrer Magengegend bemerkbar machte. »Du
kannst es mir ruhig sagen, ich verkrafte das schon.«
Überrascht blickte er auf und brach zu ihrer Verblüffung in
lautes Lachen aus. »Keine Sorge, Cass, es ist nichts Schlimmes.
Eigentlich im Gegenteil.« Er überlegte. »Eher ein Rätsel als eine
Katastrophe.«
Cassandra atmete hörbar aus. Dass er jetzt auch noch anfing,
von Rätseln zu sprechen, trug nicht gerade zu ihrer Entspannung
bei.
»Ich habe getan, worum sie mich gebeten hat, und den Umschlag weggelegt. Erst
gestern habe ich ihn geöffnet - und bin fast
in Ohnmacht gefallen.« Er lächelte und hob eine buschige Braue.
»Zum Vorschein kam die Besitzurkunde für ein weiteres Haus.«
»Wessen Haus?«
»Nells.«
»Nell hat kein zweites Haus.«
»Offenbar doch. Und jetzt gehört es dir.«
Cassandra mochte keine Überraschungen, sie kamen ihr allzu
plötzlich. Während sie früher noch Unerwartetes hatte über sich
ergehen lassen, löste mittlerweile schon die bloße Andeutung auf
der Stelle Panik in ihr aus, eine körperliche Reaktion auf unerwartete
Veränderungen. Sie hob ein vertrocknetes Blatt auf, das
neben ihrem Fuß lag, und faltete es nachdenklich wieder und
wieder zur Hälfte.
In all den Jahren, die sie zusammengelebt hatten, als Cassandra
aufgewachsen war, und auch später, nachdem sie zurückgekehrt
war, hatte Nell nie ein anderes Haus erwähnt. Warum nicht?
67
Warum hätte sie so etwas geheim halten sollen? Und warum hätte
sie sich ein zweites Haus kaufen sollen? Als Geldanlage? In den
Cafés an der Latrobe Terrace hatte Cassandra schon häufig Leute
über steigende Immobilienpreise, Kapitalanlagen und dergleichen
diskutieren hören, aber Nell? Nell hatte sich immer nur über die
städtischen Yuppies lustig gemacht, die ein Vermögen bezahlten
für die kleinen hölzernen Arbeiterhäuser in Paddington.
Außerdem hatte Nell schon vor Jahren das Rentenalter erreicht.
Wenn dieses andere Haus eine Investition gewesen war, warum
hatte sie es dann nicht verkauft und von dem Geld gelebt? Mit
Antiquitäten zu handeln, mochte ganz interessant sein, aber lukrativ war es schon
lange nicht mehr. Nell und Cassandra hatten gerade genug verdient, um ihren
Lebensunterhalt zu bestreiten, aber
mehr nicht. Es hatte Zeiten gegeben, da wäre ein Investitionsobjekt wirklich ein
Segen gewesen, aber Nell hatte nie ein Wort
darüber verloren.
»Dieses Haus«, sagte Cassandra schließlich, während sie ihre
Hände aneinanderrieb, um die Blattkrümel zu entfernen, »wo befindet es sich? Hier
in der Nähe?«
Ben schüttelte den Kopf und lächelte gedankenverloren. »Das
ist das Rätselhafteste an der ganzen Sache, Cass«, sagte er und
stieß einen tiefen Seufzer aus. »Das Haus steht in England.«
»In England?«
»Großbritannien, Europa, am anderen Ende der Welt.«
»Ich weiß, wo England liegt.«
»Genauer gesagt in Cornwall, in einem Dorf namens Tregenna.
Ich habe nur die Besitzurkunde, aber es ist eingetragen als ›Cliff
Cottage‹. Nach der Adresse zu urteilen, nehme ich an, dass es
ursprünglich zu einem größeren Anwesen gehört hat. Ich kann
mich erkundigen, wenn du möchtest.«
»Aber warum sollte sie …? Wie ist es möglich …?« Cassandra
atmete aus. »Wann hat sie es gekauft?«
»Die Urkunde trägt das Datum 26. Oktober 1975.«
68
Cassandra verschränkte die Arme vor der Brust. »Sie ist doch
nie in England gewesen.«
Diesmal war Ben überrascht. »Doch. Sie war Mitte der Siebzigerjahre in England. Hat
sie denn nie davon erzählt?«
Cassandra schüttelte langsam den Kopf.
»Ich kann mich noch gut daran erinnern. Damals kannte ich sie
noch nicht lange, das war ungefähr ein halbes Jahr, bevor du aufgetaucht bist, als
sie noch den kleinen Laden in der Nähe der
Stafford Street hatte. Über die Jahre habe ich immer mal wieder
etwas bei ihr gekauft, und wir haben uns damals mehr oder weniger angefreundet. Sie
war gut zwei Monate weg. Das weiß ich
noch, weil ich vor ihrer Abreise einen Schreibtisch aus Zedernholz angezahlt hatte,
ein Geschenk für meine Frau - jedenfalls
hatte ich vor, ihn ihr zu schenken, auch wenn es nie dazu gekommen ist. Aber jedes
Mal, wenn ich den Schreibtisch abholen
wollte, war der Laden geschlossen.
Ich brauche dir wohl nicht zu sagen, dass mich das ziemlich
genervt hat. Es war Janices fünfzigster Geburtstag, und der
Schreibtisch war das perfekte Geschenk. Als ich ihn angezahlt
habe, hat Nell kein Wort davon erwähnt, dass sie eine Reise geplant hatte. Im
Gegenteil, sie hat mir genau die Zahlungsmodalitäten erklärt, darauf bestanden,
dass ich meine wöchentlichen Raten pünktlich zahlen und den Schreibtisch nach einem
Monat abholen sollte. Sie meinte, sie betreibe keine Lagerhalle und sie
bräuchte den Platz für neue Ware.«
Cassandra lächelte, das passte zu Nell.
»Und weil sie so darauf bestanden hat, habe ich mich sehr gewundert, als der Laden
dann die ganze Zeit geschlossen war. Erst
hab ich mich ziemlich aufgeregt, aber irgendwann hab ich angefangen, mir Sorgen zu
machen. Ich war drauf und dran, die Polizei einzuschalten.« Er machte eine
wegwerfende Geste. »Aber
das brauchte ich dann doch nicht. Als ich zum vierten oder fünften Mal zu dem Laden
ging, bin ich der Nachbarin über den Weg
gelaufen, die sich um Nells Post gekümmert hat. Die hat mir dann
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erzählt, dass Nell sich in England aufhielt, aber als ich wissen
wollte, warum sie so plötzlich abgereist war und wann sie zurückkommen würde, hat
sie ziemlich ungehalten reagiert und mir
erklärt, sie würde nur tun, worum Nell sie gebeten hatte, und
mehr könne sie mir nicht sagen. Also bin ich immer wieder zu
dem Laden gegangen, der Geburtstag meiner Frau war längst
vorbei, und irgendwann war Nell wieder da.«
»Und auf dieser Reise hat sie ein Haus gekauft.«
»Offenbar.«
Cassandra zog ihre Strickjacke enger um sich. Das ergab alles
keinen Sinn. Warum hätte Nell aus heiterem Himmel eine solche
Reise antreten, ein Haus kaufen und dann nie wieder nach England zurückkehren
sollen? »Und sie hat dir gegenüber nie ein
Wort davon erwähnt?«
Ben hob die Brauen. »Wir reden von Nell. Die hat sich selten
jemandem anvertraut.«
»Aber ihr beide habt euch immerhin ziemlich nahegestanden.
Sie hat doch bestimmt irgendwann darüber gesprochen.« Ben
schüttelte den Kopf, doch Cassandra ließ nicht locker: »Aber als
sie zurückkam, als du endlich deinen Schreibtisch abholen konntest, hast du sie da
nicht gefragt, warum sie so plötzlich verschwunden ist?«
»Klar hab ich sie gefragt, jahrelang bin ich immer wieder darauf zurückgekommen.
Ich wusste, dass es etwas Wichtiges gewesen sein musste, denn als sie zurückkam,
hatte sie sich verändert.«
»Inwiefern?«
»Sie war irgendwie abwesend, geheimnistuerisch. Und ich bin
mir sicher, dass ich das nicht nur im Nachhinein so sehe. Ein paar
Monate später wäre ich beinahe dahintergekommen, was los war.
Ich war gerade zu Besuch in ihrem Laden, als sie einen Brief mit
Poststempel aus Truro erhielt. Ich hatte zufällig den Briefträger
vor der Tür getroffen, da hab ich ihr den Brief mit reingenommen. Sie hat sich
bemüht, sich ganz lässig zu geben, aber mitt70
lerweile kannte ich sie ein bisschen besser und ich habe genau
gespürt, dass sie völlig aus dem Häuschen war wegen des Briefs.
Sie konnte es gar nicht erwarten, mich unter irgendeinem Vorwand loszuwerden.«
»Was für ein Brief war das denn? Von wem kam er?«
»Ich muss gestehen, dass die Neugier mich übermannt hat. Den
Brief selbst hab ich nicht gelesen, aber bei einer anderen Gelegenheit, als der
Umschlag auf ihrem Schreibtisch lag, hab ich ihn
umgedreht, um zu sehen, woher er kam. Ich hab mir den Absender gemerkt und später
einen ehemaligen Kollegen in England
gebeten, ein paar Nachforschungen für mich anzustellen. Der Absender war ein
Ermittler.«
»Du meinst, so etwas wie ein Privatdetektiv?«
Ben nickte.
»So was gibt es wirklich?«
»Sicher.«
»Aber was kann Nell von einem englischen Detektiv gewollt
haben?«
Ben zuckte die Achseln. »Keine Ahnung. Ich nehme an, es gab
ein Geheimnis, dem sie auf den Grund gehen wollte. Eine Zeit
lang hab ich versucht, mithilfe von Anspielungen etwas aus ihr
herauszulocken, aber es war zwecklos. Irgendwann hab ich’s
dann aufgegeben und mir gesagt, jeder hat das Recht auf ein Geheimnis, und Nell
würde mir schon davon erzählen, wenn sie es
für angebracht hielte. Eigentlich hatte ich auch ein schlechtes
Gewissen wegen meiner Schnüffelei.« Er schüttelte den Kopf.
»Ich muss zugeben, ich würde es zu gern wissen, es hat mich einfach so lange
beschäftigt, und das hier …« Er wedelte mit der
Besitzurkunde. »Das setzt dem Ganzen die Krone auf. Selbst jetzt
schafft deine Großmutter es noch, mich völlig zu verblüffen.«
Cassandra nickte abwesend. Sie war mit den Gedanken woanders, versuchte,
Zusammenhänge herzustellen. Dass Ben die ganze Zeit von Rätseln redete, seine
Vermutung, dass Nell wahrscheinlich versucht hatte, eins zu lösen, hatte sie ins
Grübeln ge71
bracht. All die Geheimnisse, die seit dem Tod ihrer Großmutter
aufgetaucht waren, begannen, sich zu einem Bild zusammenzufügen: Nells rätselhafte
Herkunft, ihre Ankunft als Kind allein in
einem Überseehafen, der Koffer, die mysteriöse Reise nach England, dieses
geheimnisvolle Haus …
»Na ja.« Ben schüttete den Rest seines Tees in einen Topf mit
Nells roten Geranien. »Ich muss mich auf die Socken machen. In
einer Viertelstunde kommt ein Kunde, der sich eine Anrichte aus
Mahagoni ansehen will, und ich wäre froh, diesen alten Ladenhüter endlich
loszuwerden. Soll ich irgendwas für dich erledigen,
wenn ich schon mal im Antiquitätenzentrum bin?«
Cassandra schüttelte den Kopf. »Ich fahre am Montag selbst
rüber.«
»Das hat alles keine Eile, Cass. Ich hab dir ja neulich schon gesagt, dass es mir
nichts ausmacht, mich um deinen Stand zu
kümmern, solange es nötig ist. Falls irgendwas an Geld reingekommen ist, bringe ich
es dir heute Nachmittag vorbei, sobald ich
Feierabend mache.«
»Danke Ben«, sagte sie. »Für alles.«
Er nickte, stand auf, klappte den Liegestuhl zusammen und
stellte ihn zurück an seinen Platz. Die Besitzurkunde schob er
unter die Teetasse und wandte sich zum Gehen. An der Hausecke
blieb er noch einmal stehen und drehte sich um. »Pass gut auf
dich auf, hörst du? Damit du nicht fortgepustet wirst, wenn der
Wind noch heftiger wird.«
Er wirkte ehrlich besorgt, und Cassandra fiel es schwer, seinem
Blick standzuhalten. In seinen Augen war allzu deutlich zu erkennen, was er dachte,
und sie konnte es kaum ertragen, zu sehen, wie er sich daran erinnerte, wie sie
früher einmal gewesen
war.
»Cass?«
»Ich passe schon auf mich auf.« Sie winkte ihm zum Abschied
zu und lauschte dem sich langsam entfernenden Motorengeräusch. Seine Anteilnahme,
so lieb sie gemeint sein mochte,
72
schien immer irgendwie einen Vorwurf zu beinhalten. Die Enttäuschung darüber, dass
sie unfähig - oder nicht willens - gewesen war, wieder ganz die Alte zu werden. Ihm
schien gar nicht in
den Sinn zu kommen, dass es ihre Entscheidung gewesen war, so
zu bleiben. Dass das, was er als Reserviertheit und Einsamkeit
auffasste, für Cassandra Selbsterhaltung bedeutete, dass sie sich
sicherer fühlte, wenn sie weniger zu verlieren hatte.
Sie scharrte mit der Schuhspitze auf dem Betonweg und schob
die traurigen alten Gedanken beiseite. Dann nahm sie die Besitzurkunde noch einmal
in die Hand. Zum ersten Mal fiel ihr der
kleine Notizzettel auf, der an die vordere obere Ecke geheftet
war. Etwas in Nells zittriger Handschrift stand darauf, fast unleserlich. Cassandra
hielt sich den Zettel dichter vor die Augen,
dann wieder ein Stück weiter weg, und entzifferte ganz langsam
die einzelnen Wörter. Für Cassandra, stand da. Sie wird verstehen, warum.
74
ohne lange nachzudenken Schleifpapier und Schellack besorgt
und ihn wieder zum Leben erweckt.
Hamish hatte ihr seinerzeit beigebracht, alte Möbel wieder aufzuarbeiten. Nachdem
er aus dem Krieg zurückgekehrt war und
die kleinen Schwestern nach und nach geboren wurden, hatte Nell
angefangen, die Wochenenden mit ihm zu verbringen. Sie war
seine Helferin geworden, hatte gelernt, eine Schwalbenschwanzverbindung von einer
einfachen Zapfenverbindung, Schellack
von Firnis zu unterscheiden, hatte ihre Freude daran gehabt, Dinge
auseinanderzunehmen und wieder zusammenzusetzen. Allerdings war das alles schon so
lange her, dass sie es ganz vergessen
hatte, und erst beim Anblick des alten Tischs war ihr wieder eingefallen, dass sie
diese Art von Schönheitschirurgie beherrschte.
Sie hätte weinen können, als sie den Schellack in die gedrechselten Beine
einmassierte, die vertrauten Düfte einatmete, doch sie
war keine Frau, der schnell die Tränen kamen.
Erst als ihr Blick auf eine halb verwelkte Gardenie neben ihrem Koffer fiel, wurde
ihr plötzlich bewusst, dass sie überhaupt
niemanden gebeten hatte, in ihrer Abwesenheit den Garten zu
wässern. Das Nachbarmädchen hatte sich bereit erklärt, die Katzen zu füttern, und
sie hatte eine Bekannte beauftragt, die Post im
Laden abzuholen, aber an die Blumen hatte sie gar nicht gedacht.
Dass sie ihren Garten vergessen konnte, der ihr ganzer Stolz war,
zeigte einmal mehr, dass sie ihre Gedanken nicht beisammen hatte. Sie würde vom
Flughafen oder womöglich vom anderen Ende
der Welt aus eine ihrer Schwestern anrufen müssen. Das würde
ihnen einen Schock versetzen und ihnen etwas geben, worüber sie
tuscheln konnten. Aber nichts anderes erwarteten sie ja von ihrer
großen Schwester Nell.
Kaum zu glauben, dass sie sich früher einmal so nahegestanden
hatten. Das Geständnis ihres Vaters hatte sie um vieles gebracht,
aber der Verlust ihrer Schwestern hatte die tiefste Wunde in ihr
hinterlassen. Nell war schon elf gewesen, als die Erste zur Welt
kam, aber gleich vom ersten Moment an hatte sie eine tiefe Ver75
bundenheit empfunden. Ohne dass ihre Mutter es aussprechen
musste, hatte Nell gewusst, dass es ihre Pflicht sein würde, auf
ihre kleinen Schwestern aufzupassen. Der Lohn für ihre Aufopferung war die
hingebungsvolle Liebe gewesen, die sie ihr entgegenbrachten. Wenn sie sich wehgetan
hatten, waren sie zu ihr gekommen, um sich trösten zu lassen; wenn sie aus einem
Albtraum
aufgewacht waren, hatten sie bei Nell Schutz gesucht und sich zu
ihr unter die Bettdecke gekuschelt.
Aber Pas Geheimnis hatte alles verändert. Sie konnte ihre kleinen Schwestern nicht
mehr anschauen, ohne sich ihrer eigenen
Fremdheit bewusst zu werden, und doch brachte sie es nicht fertig, ihnen die
Wahrheit zu sagen. Hätte sie das getan, hätte sie
damit etwas zerstört, an das sie vorbehaltlos glaubten. Lieber
wollte Nell in Kauf nehmen, dass ihre Schwestern sie für verschroben hielten, als
sie wissen zu lassen, dass sie eine Fremde
war.
Ein schwarz-weißes Taxi bog in die Straße ein. Nell hob einen
Arm und winkte es zu sich heran. Während der Fahrer ihr Gepäck
im Kofferraum verstaute, machte sie es sich auf dem Rücksitz
bequem.
»Wo soll’s denn hingehen?«, fragte der Mann, als er die Tür
zuschlug.
»Zum Flughafen.«
Er nickte, und kurz darauf fuhren sie durch die gewundenen
Straßen von Paddington.
An ihrem einundzwanzigsten Geburtstag hatte ihr Vater ihr das
Geständnis ins Ohr geflüstert, das sie ihrer Identität beraubt hatte.
»Aber wer bin ich?«, hatte sie gefragt.
»Du bist du. Dieselbe wie immer. Du bist Nell, meine Nellie.«
Sie hatte gespürt, wie sehr er sich wünschte, dass es so wäre,
aber sie hatte gewusst, dass es unmöglich war. Die Wirklichkeit
hatte sich um ein paar Grad verschoben und sie von allen anderen
abgesondert. Die Person, für die sie sich immer gehalten hatte,
existierte gar nicht. Es gab keine Nell Andrews.
76
»Wer bin ich wirklich?«, hatte sie ihn Tage später gefragt.
»Sag’s mir, Pa.«
Er hatte den Kopf geschüttelt und war ihrem Blick ausgewichen, hatte erschöpft
gewirkt und plötzlich um viele Jahre gealtert. »Ich weiß es nicht, Nellie. Deine
Mum und ich haben es nie
herausgefunden. Und es ist uns auch nie wichtig gewesen.«
Sie hatte versucht, es auch nicht so wichtig zu nehmen, aber es
war ihr nicht gelungen. Alles hatte sich geändert, und sie konnte
ihrem Vater nicht mehr in die Augen sehen. Nicht dass sie ihn
nicht mehr geliebt hätte, aber die Unbeschwertheit war verschwunden. Die Zuneigung
zu ihm, die sie immer als selbstverständlich empfunden und nie infrage gestellt
hatte, hatte plötzlich
eine Stimme bekommen, die jedes Mal, wenn sie ihn anschaute,
flüsterte: »Du bist gar nicht seine Tochter.« Egal, wie oft er es ihr
auch beteuerte, sie konnte einfach nicht glauben, dass er sie genauso liebte wie
ihre Schwestern.
»Aber natürlich tue ich das«, hatte er geantwortet, als sie ihn
danach gefragt hatte, und die Verblüffung in seinen Augen hatte
verraten, wie sehr ihn die Frage verletzte. Er nahm sein Taschentuch und wischte
sich über den Mund. »Dich habe ich als Erste
kennengelernt, dich liebe ich schon viel länger als die anderen.«
Aber es war nicht genug. Sie war eine lebende Lüge, und das
wollte sie nicht länger sein.
Im Laufe der darauffolgenden Monate hatte ihr in einundzwanzig Jahren entstandenes
Leben sich systematisch aufgelöst. Sie
hatte ihre Stelle in Mr Fitzsimmons’ Zeitungsladen aufgegeben
und angefangen, als Platzanweiserin im neuen Plaza-Kino zu arbeiten. Sie hatte ihre
Kleider in zwei kleine Koffer gepackt und
war zu der Freundin einer Freundin gezogen. Und sie hatte ihre
Verlobung mit Danny gelöst. Sie hatte sich nicht sofort von ihm
getrennt, dazu hatte ihr der Mut gefehlt, sondern die Beziehung
über mehrere Monate hinweg immer mehr abkühlen lassen, war
ihm weitgehend aus dem Weg gegangen und hatte sich, wenn sie
sich doch getroffen hatten, abweisend verhalten. Ihre Feigheit
77
hatte ihren Selbsthass noch verstärkt und sie in dem Verdacht bestätigt, dass ihr
alles, was passierte, recht geschah und sie nichts
Besseres verdient hatte.
Sie hatte lange gebraucht, um die Trennung von Danny zu
überwinden, sein wettergegerbtes Gesicht zu vergessen, seine
ehrlichen Augen, sein unbeschwertes Lachen. Natürlich hatte er
wissen wollen, warum, aber sie hatte es nicht über sich gebracht,
es ihm zu erzählen. Es gab einfach keine Worte, mit denen sie
ihm hätte erklären können, dass die Frau, die er liebte, die er zu
heiraten gehofft hatte, nicht mehr existierte. Wie konnte sie von
ihm erwarten, dass er sie weiterhin wertschätzte, dass er sie immer noch lieben
würde, wenn er erfuhr, dass sie ein unerwünschtes Kind war? Dass ihre eigene
Familie sie ausgesetzt hatte?
Das Taxi bog in die Albion Street ein und fuhr nach Osten in
Richtung Flughafen. »Wo soll’s denn hingehen?«, fragte der Fahrer und schaute sie
im Rückspiegel an.
»Nach London.«
»Haben Sie dort Verwandte?«
Nell schaute aus dem schmuddeligen Fenster. »Ja«, sagte sie.
Hoffentlich.
Nicht einmal Lesley hatte sie von ihrer geplanten Reise erzählt.
Sie hatte es in Erwägung gezogen, sich vorgestellt, wie sie den
Telefonhörer aufnehmen und die Nummer ihrer Tochter wählen
würde - die neueste in einer Liste, die sie an den Rand ihres Adressbuchs
gekritzelt hatte -, aber dann hatte sie die Idee immer
wieder verworfen. Wahrscheinlich würde sie sowieso längst wieder zurück sein, ehe
Lesley auffiel, dass sie überhaupt verreist
war.
Nell brauchte sich nicht den Kopf darüber zu zerbrechen, was
sie bei Lesley falsch gemacht hatte, sie wusste es nur allzu gut.
Sie waren von Anfang an nicht miteinander zurechtgekommen.
Die Geburt war ein Schock gewesen, die gewaltsame Ankunft
eines strampelnden, schreienden Energiebündels. Nacht für Nacht
hatte Nell in dem Krankenhaus in Amerika wach gelegen und
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darauf gewartet, dass sie endlich die innige Zuneigung zu ihrem
Kind empfinden würde, von der die Leute immer redeten, die
Gewissheit, dass sie unwiderruflich und unzertrennlich mit dieser
kleinen Person verbunden sein würde, die in ihr gewachsen war.
Aber das Gefühl wollte sich einfach nicht einstellen. Egal, wie
sehr sie sich bemühte, egal, wie sehr sie es herbeisehnte, Nell
fühlte sich getrennt von der kleinen Wildkatze, die an ihren Brüsten saugte und
riss und kratzte und immer mehr haben wollte, als
Nell zu geben vermochte.
Al dagegen war völlig hingerissen gewesen. Ihm schien gar
nicht aufzufallen, dass das Baby eine furchtbare Nervensäge war.
Im Gegensatz zu den meisten Männern seiner Generation riss er
sich geradezu darum, seine Tochter herumzutragen, sie in den
Armen zu wiegen und mit ihr auf den breiten Straßen von Chicago spazieren zu gehen.
Manchmal schaute Nell ihm mit einem
höflichen Lächeln zu, wie er sein kleines Mädchen liebestrunken
anhimmelte, und wenn er sich ihr dann mit verklärtem Blick zuwandte, spiegelte sich
ihre eigene Leere in seinen Augen.
Lesley war als Wildfang auf die Welt gekommen, aber nach
Als Tod im Jahr 1961 war es mit ihrer Zuversicht vorbei. Als
Nell ihr die Nachricht überbrachte, sah sie, wie sich ein Schleier
der Leere über Lesleys Augen legte. Im Lauf der folgenden Monate hatte sich Lesley,
die Nell von Anfang an ein Rätsel gewesen
war, immer tiefer in ihren Kokon aus jugendlichem Trotz zurückgezogen und ihre
Überzeugung kultiviert, dass sie ihre Mutter
verachtete und nichts mehr mit ihr zu tun haben wollte.
Das war natürlich verständlich, wenn nicht sogar akzeptabel schließlich war sie
vierzehn, ein sehr sensibles Alter, und ihr Vater war ihr Ein und Alles gewesen.
Die Rückkehr nach Australien
hatte auch nicht zur Verbesserung der Situation beigetragen, wie
Nell im Nachhinein klar geworden war. Aber Nell war keine
Frau, die wegen rückblickend gewonnener Erkenntnisse in
Schuldgefühlen versank. Sie hatte getan, was ihr damals als das
Beste erschienen war: Sie war keine Amerikanerin, Als Mutter
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war einige Jahre zuvor gestorben, und im Grunde genommen
waren sie völlig allein. Fremde in einem fremden Land.
Als Lesley mit siebzehn von zu Hause weggegangen und quer
durch Australien nach Sydney getrampt war, hatte Nell sie erleichtert ziehen
lassen. Wenn Lesley erst einmal aus dem Haus
war, hatte sie sich gesagt, würde sie vielleicht endlich den
schwarzen Schatten loswerden, der ihr seit siebzehn Jahren im
Nacken saß und ihr einflüsterte, natürlich sei sie eine Rabenmutter, sie brauche
sich nicht zu wundern, dass ihre Tochter sie nicht
ausstehen könne, das sei nun mal ihre Natur, Kinder habe sie sowieso nicht
verdient. Haim und Lil mochten sie noch so liebevoll
großgezogen haben, Nell stammte aus einer Linie schlechter Mütter, die mir nichts
dir nichts ihre Kinder im Stich ließen.
Und am Ende war alles gar nicht so schlimm gekommen. Inzwischen, zwölf Jahre
später, wohnte Lesley mit ihrem neuesten
Kerl und ihrer kleinen Tochter Cassandra ganz in der Nähe an der
Gold Coast. Nell hatte ihre Enkeltochter bisher nur ein paarmal
gesehen. Der Himmel wusste, wer ihr Vater war, und Nell hütete
sich nachzufragen. Auf jeden Fall musste er einigermaßen Grips
im Kopf gehabt haben, denn Cassandra hatte nicht viel von der
Zügellosigkeit ihrer Mutter geerbt. Eher das Gegenteil war der
Fall. Cassandra war ein Kind, dessen Seele vorzeitig gealtert zu
sein schien, still, geduldig, nachdenklich, und sie hielt zu Lesley ein wunderbares
Kind, das Nell an eine der Nymphen von Waterhouse erinnerte. Die Kleine besaß eine
tiefe Ernsthaftigkeit, traurige blaue Augen, deren äußere Winkel ein wenig nach
unten gezogen waren, und einen hübschen Mund, der ausgesprochen
schön sein könnte, wenn sie nur einmal unbefangen lachen würde.
Das schwarz-weiße Taxi hielt vor dem Flughafen Qantas, und
nachdem Nell den Fahrer bezahlt hatte, schob sie alle Gedanken
an Lesley und Cassandra beiseite.
Sie hatte sich oft genug in ihrem Leben von Reue überwältigen
lassen und war in Unwahrheiten und Ungewissheiten ertrunken.
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Jetzt war es an der Zeit, Antworten zu finden und in Erfahrung zu
bringen, wer sie wirklich war. Sie stieg aus dem Taxi und schaute
zu einem Flugzeug auf, das gerade über den Airport hinwegdröhnte.
»Guten Flug«, sagte der Taxifahrer, als er Nells Koffer auf einen Trolley stellte.
»Ja, danke.«
Es würde ein guter Flug werden, davon war sie überzeugt.
Endlich waren die Antworten greifbar nahe. Nachdem sie ein Leben lang als Schatten
existiert hatte, würde sie nun ein Mensch
aus Fleisch und Blut werden.
Der kleine weiße Koffer war der Schlüssel gewesen, oder vielmehr dessen Inhalt. Das
Märchenbuch, das 1913 in London herausgegeben worden war, das Bild von der Frau auf
dem Deckblatt. Nell hatte sie sofort erkannt. Ein uralter Teil ihres Gehirns
hatte die Namen ausgespuckt, noch ehe ihr Verstand sich hatte
einschalten können, Namen, von denen sie geglaubt hatte, dass
sie zu einem Spiel aus ihrer Kindheit gehörten. Die Dame. Die
Autorin. Und sie wusste auch, dass es die Dame tatsächlich gegeben hatte: Eliza
Makepeace.
Ihr erster Gedanke war natürlich gewesen, dass diese Eliza
Makepeace ihre Mutter war. Sie war in die Bibliothek gegangen,
um nachzuforschen, und hatte mit geballten Fäusten dagesessen
und gewartet, hatte gehofft, dass die Bibliothekarin ihr verkünden
würde, dass Eliza Makepeace ein Kind verloren und bis an ihr
Lebensende nach ihrer vermissten Tochter gesucht hatte. Aber
das wäre eine allzu einfache Erklärung gewesen. Die Bibliothekarin hatte ziemlich
wenig über Eliza herausgefunden, aber immerhin so viel, dass die Schriftstellerin
kinderlos gewesen war.
Auch die Passagierlisten hatten nicht viel ergeben. Nell hatte
jedes Schiff überprüft, das im Jahr 1913 von London nach Maryborough gefahren war,
aber auf keiner Liste war der Name Eliza
Makepeace aufgetaucht. Immerhin bestand die Möglichkeit, dass
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es sich bei dem Namen Eliza Makepeace um ein Pseudonym
handelte und dass die Autorin eine Schiffspassage unter ihrem
richtigen oder einem erfundenen Namen gebucht hatte, aber Hamish hatte Nell nicht
gesagt, auf welchem Schiff sie nach Australien gekommen war, und ohne diese
Information ließ sich die Liste der Möglichkeiten nicht eingrenzen.
Nell ließ sich dennoch nicht beirren. Eliza Makepeace hatte irgendeine wichtige
Rolle in ihrer Vergangenheit gespielt. Sie
konnte sich an Eliza erinnern, wenn auch nur verschwommen. Es
waren alte, tief vergrabene Erinnerungen, aber sie waren da. Sie
war auf einem Schiff gewesen. Hatte gewartet. Sich versteckt.
Gespielt. Nach und nach fielen ihr noch weitere Einzelheiten ein.
Es war, als hätte die Erinnerung an die Autorin eine Art Deckel
gelüftet. Stück für Stück tauchten immer mehr Erinnerungsfetzen
auf: ein Labyrinth, eine alte, Furcht einflößende Frau, eine lange
Reise übers Meer. Über Eliza würde sie sich selbst finden, da war
Nell sich ganz sicher, und um Eliza zu finden, musste sie nach
London.
Gott sei Dank besaß sie genug Geld, um sich den Flug leisten
zu können. Eigentlich müsste sie ihrem Vater dafür danken, denn
der hatte mehr damit zu tun als Gott. In dem weißen Koffer hatte
Nell außer dem Märchenbuch, der Haarbürste und dem Kleidchen
einen Brief von Hamish gefunden, der zusammen mit einem Foto
und einem Scheck in einem Umschlag steckte. Es war kein Vermögen - Hamish war kein
wohlhabender Mann gewesen -, aber
doch eine recht stattliche Summe. In seinem Brief hatte Haim geschrieben, er wolle
ihr etwas Geld zukommen lassen, ohne dass
die anderen Mädchen davon erfuhren. Er hatte alle seine Töchter
stets finanziell unterstützt, Nell jedoch hatte sein Geld immer abgelehnt. Wenn er
es ihr auf diese Weise gab, so meinte er, konnte
sie nicht Nein sagen.
Dann hatte er seine Hoffnung ausgedrückt, dass sie ihm eines
Tages würde vergeben können, auch wenn er sich selbst nie verziehen habe.
Vielleicht sei es ihr ein Trost, zu erfahren, dass er
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sein Leben lang unter Schuldgefühlen gelitten hatte. Er habe sich
immer und immer wieder gewünscht, er hätte ihr nie die Wahrheit gesagt. Wenn er ein
mutigerer Mann gewesen wäre, hätte er
sich gewünscht, sie nie bei sich aufgenommen zu haben, aber das
hieße, sich zu wünschen, sie wäre nie Teil seines Lebens gewesen, und da lebe er
lieber mit seiner Schuld.
Das Foto hatte sie schon einmal gesehen, wenn auch nur kurz.
Es war ein Schwarz-Weiß-Foto - oder eher braun-weiß -, aufgenommen vor dem Ersten
Weltkrieg. Eine Aufnahme von Hamish,
Lil und Nell, bevor sie eine Großfamilie geworden waren und die
Schwestern das Haus mit ihrem Lachen und ihrem mädchenhaften Gekreische erfüllt
hatten. Es war eine von diesen Atelieraufnahmen, auf denen die Personen aussehen,
als hätten sie sich gerade fürchterlich erschrocken, als hätte man sie aus dem
richtigen
Leben herausgerupft, auf Miniaturformat verkleinert und in ein
mit seltsamen Requisiten gefülltes Puppenhaus gesetzt. Als sie es
aus dem Koffer nahm, meinte sie sich sogar daran zu erinnern,
wie es aufgenommen worden war. Sie hatte nicht viele Erinnerungen an ihre Kindheit,
aber sie wusste noch genau, dass sie sich
in diesem Atelier spontan unwohl gefühlt hatte und wie sehr ihr
der Gestank der Chemikalien zuwider gewesen war. Dann hatte
sie das Foto weggelegt und den Brief ihres Vaters noch einmal
gelesen.
Egal, wie oft sie ihn las, sie wunderte sich jedes Mal wieder
über Hamishs Wortwahl: seine »Schuld«. Wahrscheinlich meinte
er damit, dass er Schuld auf sich geladen hatte, als er sie mit seinem Geständnis
aus der Bahn geworfen hatte, und dennoch kam
ihr das Wort merkwürdig vor. Bedauern vielleicht, oder Reue,
aber Schuld? Es kam ihr so unpassend vor. Denn auch wenn Nell
sich noch so oft gewünscht hatte, das alles wäre nie geschehen,
und obwohl es ihr unmöglich gewesen war, ein Leben weiterzuführen, das eine Lüge
war, hatte sie ihre Eltern nie für schuldig
gehalten. Schließlich hatten sie nur getan, was sie für das Beste
gehalten hatten und was das Beste gewesen war. Sie hatten ihr ein
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Zuhause und Liebe gegeben. Dass ihr Vater sich für schuldig
hielt und fürchtete, dass sie ebenso dachte, beunruhigte sie zutiefst. Doch jetzt
war es zu spät, um ihn danach zu fragen.
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Queen Street wohnte und so eine ungewöhnliche Art zu sprechen
hatte, verdammt viel Ähnlichkeit mit dem vermissten Kind hatte.
Nein, er konnte nicht zulassen, dass jemand den Brief zu Gesicht bekam. Hamish
bemerkte, dass seine Hand ein wenig zitterte. Er faltete den Brief säuberlich
einmal, dann noch einmal und
steckte ihn in seine Jackentasche. Damit war das Problem fürs
Erste gelöst.
Er setzte sich. So, jetzt fühlte er sich schon wieder besser. Er
brauchte nur ein bisschen Zeit, um nachzudenken und sich zu
überlegen, wie er Lil beibringen würde, dass es an der Zeit war,
Nell zurückzugeben. Sicher, der Umzug nach Brisbane war längst
geplant. Lil hatte ihrem Vermieter bereits angekündigt, dass sie
ausziehen würden, sie hatte angefangen, ihre Habseligkeiten zu
packen und in der Stadt herumerzählt, dass Haim in Brisbane eine
gute Stelle angeboten worden war und sie dumm sein müssten,
diese Chance nicht wahrzunehmen.
Aber Pläne konnten natürlich geändert werden, sie mussten
manchmal geändert werden. Denn jetzt wussten sie schließlich,
dass jemand nach Nell suchte, und das änderte alles, oder nicht?
Er wusste genau, was Lil zu dem Brief sagen würde: Diese
Leute hatten Nell nicht verdient, dieser Mann, Henry Mansell, der
sie jetzt auf einmal als vermisst angab. Sie würde Haim anflehen,
ihm ins Gewissen reden, dass sie Nell unmöglich jemandem ausliefern könnten, der so
verantwortungslos war. Aber Hamish
würde ihr entgegenhalten, dass sie beide das nicht zu entscheiden
hatten, dass Nell nicht ihr Kind war und nie gewesen war, dass
sie zu einer anderen Familie gehörte. In Wirklichkeit hieß sie ja
nicht einmal Nell, und sie hatte ein Recht auf ihren eigenen Namen.
Als Hamish am Nachmittag die Treppe zur Haustür hochstieg,
blieb er einen Augenblick stehen, um sich zu sammeln. Er atmete
den beißenden Rauch ein, der aus dem Kamin kam, ein angenehmer Geruch, denn er kam
von dem Feuer, das sein Heim wärmte.
Eine unsichtbare Kraft schien ihn daran zu hindern, weiterzuge85
hen. Er hatte das vage Gefühl, vor einer Schwelle zu stehen, deren Überschreiten
alles ändern würde.
Er holte tief Luft und öffnete die Tür. Seine beiden Mädchen
drehten sich um und schauten ihn an. Sie saßen am Feuer, Nell
auf Lils Schoß. Ihr langes, rotes Haar war nass, und Lil war gerade dabei, es
auszukämmen.
»Pa!«, rief Nell aufgeregt, die Wangen von der Wärme gerötet.
Lil lächelte ihn über den Kopf der Kleinen hinweg an. Dieses
Lächeln war schon immer sein Untergang gewesen. Von dem Tag
an, als er sie zum ersten Mal gesehen hatte, wie sie vor dem
Bootsschuppen ihres Vaters die Taue aufrollte. Wie lange war es
her, dass er dieses Lächeln zuletzt gesehen hatte? Das war vor
den Babys gewesen, da war er sich sicher. Vor ihren Babys, die
einfach nicht geboren werden wollten.
Hamish erwiderte Lils Lächeln, stellte seine Aktentasche ab,
langte in seine Jacke, in die der Brief unaufhaltsam ein Loch
brannte, befühlte das glatte Papier. Dann trat er an den Herd, auf
dem ein großer Topf mit Fischsuppe vor sich hin dampfte. »Mm,
riecht das gut.« Verdammter Frosch in seinem Hals.
»Das Rezept ist von meiner Mutter«, sagte Lil, während sie
geduldig Nells Haare entwirrte. »Du wirst mir doch nicht etwa
krank?«
»Hä?«
»Am besten, ich mache dir gleich ein Glas heiße Zitrone mit
Honig.«
»Ach, das ist nur ein Kratzen im Hals«, sagte Haim. »Mach dir
keine Umstände.«
»Aber das sind doch keine Umstände. Nicht, wenn ich’s für
dich tue.« Wieder lächelte sie ihn an, während sie Nell die Schulter tätschelte.
»So, mein Kleines, Mama muss jetzt aufstehen und
Wasser aufsetzen. Du bleibst schön hier sitzen, bis deine Haare
trocken sind. Wir wollen doch nicht, dass du dich auch noch erkältest wie dein Pa«,
ermahnte sie Nell und schaute Hamish dabei
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so stolz und glücklich an, dass es ihm beinahe das Herz brach und
er sich abwenden musste.
Während des Abendessens lag der Brief schwer in seiner Tasche
und sorgte dafür, dass er nicht vergessen wurde. Wie ein Magnet
zog er Hamishs Hand immer wieder an. Haim konnte kein einziges Mal sein Messer
ablegen, ohne dass seine Hand wieder nach
dem Brief langte und über das glatte Papier strich, das Todesurteil für ihr Glück.
Der Brief von einem Mann, der Nells Familie
kannte. Oder es zumindest behauptete …
Plötzlich richtete Hamish sich auf. Wunderte sich über die
Naivität, mit der er die Behauptungen dieses Fremden sofort akzeptiert hatte. Er
rief sich den Inhalt des Briefs in Erinnerung,
ging in Gedanken die Zeilen durch, um nach einem Anhaltspunkt
zu suchen. Dann atmete er erleichtert auf. Der Brief enthielt nicht
den geringsten Beweis dafür, dass der Absender die Wahrheit
sagte. Es gab weiß Gott genug Leute auf der Welt, die alle möglichen komplizierten
Betrügereien ausheckten. In manchen Ländern wurden kleine Mädchen verkauft, das
wusste Hamish,
überall waren Sklavenhändler auf der Suche nach kleinen Mädchen, die sie verkaufen
konnten …
Aber das war lächerlich. Noch während er sich verzweifelt an
derartige Möglichkeiten klammerte, wusste er, wie abwegig sie
waren.
»Haim?«
Hastig blickte er auf. Lil musterte ihn auf merkwürdige Weise.
»Du hast geträumt.« Kopfschüttelnd legte sie ihm eine warme
Hand auf die Stirn. »Hoffentlich bekommst du kein Fieber.«
»Nein, es geht mir gut«, erwiderte er ungehaltener als beabsichtigt. »Es geht mir
wirklich gut, Liebes.«
Sie nickte, presste die Lippen zusammen. »Ich sagte gerade,
ich bringe mal eben die junge Dame ins Bett. Sie hat einen langen
Tag gehabt und ist hundemüde.«
Wie aufs Stichwort gähnte Nellie ausgiebig.
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»Gute Nacht, Pa«, sagte sie zufrieden, als sie zu Ende gegähnt
hatte. Ehe er sich’s versah, war sie auf seinem Schoß, schmiegte
sich an ihn und schlang ihm die Arme um den Hals. Nie war er
sich seiner rauen Haut und der Stoppeln auf seinen Wangen so
bewusst gewesen. Er drückte Nell, die sich unter seinen Händen
so zart anfühlte wie ein kleines Vögelchen, an sich und schloss
die Augen.
»Gute Nacht, Nellie, mein Schatz«, flüsterte er in ihr Haar.
Er schaute den beiden nach, als sie im Nebenzimmer verschwanden. Seine Familie.
Auch wenn er es sich nicht erklären konnte, verlieh dieses
Kind, ihre kleine Nell mit den langen, roten Zöpfen, ihrer Ehe
Stabilität. Sie waren jetzt eine richtige Familie, ein unzertrennlicher Dreierbund,
und nicht mehr nur zwei einsame Seelen, die
sich entschlossen hatten, ihr Schicksal zu teilen.
Und er war drauf und dran, das alles zu zerstören …
Ein Geräusch aus dem Flur riss Hamish aus seinen Gedanken,
und er blickte auf. Lil stand im Türrahmen und beobachtete ihn.
Das Kaminfeuer zauberte einen roten Schimmer auf ihr Haar und
ein Glühen tief in ihre Augen, schwarze Monde unter langen
Wimpern. Eine Gefühlsregung umspielte ihre Mundwinkel, und
auf ihren Lippen erschien ein Lächeln voller Empfindungen, die
zu stark waren, um sie mit Worten auszudrücken.
Zögernd erwiderte Haim ihr Lächeln, während seine Finger
noch einmal in seine Jackentasche fuhren und den Brief befühlten. Sein Mund öffnete
sich leicht, und die Worte, die er nicht
aussprechen, aber auch nicht richtig zurückhalten konnte, kribbelten ihm auf den
Lippen.
Dann war Lil bei ihm. Ihre Finger auf seinem Handgelenk
sandten heiße Wellen bis in seinen Hals, ihre warme Hand lag auf
seiner Wange. »Komm ins Bett.«
Ach, konnte es zärtlichere Worte geben als diese? In ihrer
Stimme lag eine süße Verheißung, und damit stand sein Entschluss plötzlich fest -
einfach so.
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Er schob seine Hand in ihre, hielt sie fest und folgte ihr in
Richtung Schlafzimmer.
Im Vorbeigehen warf er das glatte Blatt Papier in den Kamin
und beobachtete aus dem Augenwinkel heraus, wie es knisternd
Feuer fing und der kurze Anflug von schlechtem Gewissen mit
verbrannte. Aber Hamish blieb nicht stehen, er ging einfach weiter, ohne einen
Blick zurückzuwerfen.
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deckt, und hinter dem Giebel erhob sich ein gemauerter Schornstein, aus dem zwei
Kaminrohre ragten, eines davon kaputt.
Natürlich brauchte sie nicht zu fragen, um welches Haus es
sich handelte, sie wusste es sofort.
»Ich hab mal ein bisschen nachgeforscht«, sagte Ben. »Ich
konnte es einfach nicht lassen. Meine Tochter in London hat das
Foto gefunden und es mir gemailt.«
So sah also Nells großes Geheimnis aus. Das Haus, das sie aus
einer Laune heraus gekauft und all die Jahre über geheim gehalten hatte. Seltsam,
wie das Foto auf sie wirkte. Cassandra hatte
die Besitzurkunde das ganze Wochenende über auf dem Küchentisch liegen lassen,
hatte sie jedes Mal betrachtet, wenn sie daran
vorbeigegangen war, hatte kaum noch an etwas anderes denken
können, aber jetzt, wo sie das Foto vor sich hatte, erschien es ihr
zum ersten Mal als etwas Reales. Alles stand plötzlich ganz deutlich vor ihr: Nell,
die gestorben war, ohne wirklich zu wissen,
wer sie war, die in England ein Haus gekauft und es Cassandra
vererbt hatte, weil sie glaubte, ihre Enkelin würde verstehen,
warum.
»Ruby hat schon immer ein Talent dafür gehabt, Dinge rauszufinden, deswegen hab ich
sie gebeten, sich mal nach den ehemaligen Besitzern zu erkundigen. Ich dachte mir,
wenn wir erst mal
wissen, von wem deine Großmutter das Haus gekauft hat, könnte
uns das helfen zu verstehen, was sie dazu bewogen hat.« Ben zog
ein kleines Spiralheft aus seiner Brusttasche und rückte seine
Brille zurecht. »Sagen dir die Namen Daniel und Julia Bennett
etwas?«
Cassandra, die noch immer das Foto betrachtete, schüttelte den
Kopf.
»Ruby sagt, Nell hat das Haus von Mr und Mrs Bennett übernommen, die es 1971
gekauft hatten, und zwar zusammen mit
dem Herrenhaus, das sie in ein Hotel umgewandelt haben. Es
heißt Hotel Blackhurst.« Er schaute Cassandra erwartungsvoll an.
Erneut schüttelte sie den Kopf.
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»Bist du sicher?«
»Nie gehört.«
»Tja«, sagte Ben und ließ die Schultern hängen. »Na dann.« Er
klappte das Heft zu und stützte sich auf ein Regal. »Ich fürchte,
das ist alles, was meine Schnüffelei ergeben hat.« Er kratzte sich
den Bart. »Typisch Nell, so ein Riesengeheimnis zu hinterlassen.
Das ist doch einfach verrückt, oder? Ein geheimes Haus in England.« Er winkte einem
anderen Händler zu und fuhr leise fort:
»Sieh mal, da geht Clarence. Betty sagt, er ist stinksauer, weil ich
letzte Woche einem Kunden einen Rabatt auf eins von seinen
Akkordeons gegeben hab.« Er grinste. »Geschäftssinn ist nicht
jedem gegeben.«
Cassandra lächelte. »Danke für das Bild, und richte auch deiner Tochter meinen Dank
aus.«
»Du kannst dich selbst bei ihr bedanken, wenn du am anderen
Ufer des großen Teichs bist.« Er schüttelte seinen Kaffeebecher
und spähte in die Trinköffnung, um nachzusehen, ob er leer war.
»Wann hast du vor zu fliegen?«
Cassandras Augen weiteten sich. »Du meinst, nach England?«
»Na ja, ein Foto ist gut und schön, aber die Hütte mit eigenen
Augen zu sehen, ist doch was ganz anderes, oder nicht?«
»Findest du, ich sollte nach England reisen?«
»Warum nicht? Wir leben schließlich im einundzwanzigsten
Jahrhundert, du könntest in einer Woche wieder zurück sein, und
dann hättest du eine bessere Vorstellung davon, was du mit dem
Haus anfangen willst.«
Obwohl die Besitzurkunde auf ihrem Tisch lag, hatte sie die
ganze Zeit nur über die theoretische Möglichkeit nachgegrübelt,
dass Nell ein Haus besaß, und war gar nicht auf die Idee gekommen, sich das Ganze
einmal praktisch vorzustellen: dass in England ein Haus stand und auf sie wartete.
Sie lugte durch ihren Pony und grinste Ben an. »Meinst du, ich sollte es
verkaufen?«
»Schwere Entscheidung, solange du noch nicht einmal einen
Fuß hineingesetzt hast.« Ben warf seinen leeren Kaffeebecher in
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die fast volle Mülltonne neben dem Schreibtisch aus Zedernholz.
»Kann doch nicht schaden, mal einen Blick drauf zu werfen,
oder? Offenbar hat es Nell viel bedeutet, wenn sie es so lange behalten hat.«
Cassandra überlegte. Einfach so aus heiterem Himmel nach
England fliegen, ganz allein? »Aber der Stand …«
»Pah! Die Leute hier vom Markt werden sich schon um deine
Verkäufe kümmern, und ich bin ja auch noch da.« Er zeigte auf
die vollen Regale. »Du hast genug Ware, um die nächsten zehn
Jahre zu überleben.« Dann fügte er etwas sanfter hinzu: »Was
spricht denn gegen so eine Reise, Cass? Es würde dir nicht schaden, mal ein
bisschen rauszukommen. Ruby hat eine kleine Wohnung in Kensington und arbeitet im
Victoria and Albert Museum.
Sie wird sich um dich kümmern und dir ein bisschen die Stadt
zeigen.«
Sich um sie kümmern: Dauernd erboten sich irgendwelche
Leute, sich um sie zu kümmern. Vor einer Ewigkeit war Cassandra selbst einmal eine
verantwortungsvolle Erwachsene gewesen,
die sich um andere gekümmert hatte.
»Außerdem: Was hast du schon zu verlieren?«
Nichts, sie hatte nichts und niemanden zu verlieren. Plötzlich
war Cassandra das Thema leid. Sie rang sich ein mattes Lächeln
ab und sagte: »Ich überleg’s mir.«
»So gefällst du mir schon besser.« Ben klopfte ihr auf die
Schulter und wandte sich zum Gehen. Dann drehte er sich noch
einmal um. »Beinahe hätte ich’s vergessen. Ich hab doch noch
was Interessantes rausgefunden. Hat zwar nicht direkt was mit
Nell und ihrem Haus zu tun, trotzdem ist es ein merkwürdiger
Zufall bei deiner Geschichte und all den Zeichnungen, die du früher angefertigt
hast.«
Es verschlug Cassandra regelrecht den Atem, wie Ben ihr Leben und ihre
Leidenschaften so eindeutig der Vergangenheit zuordnete, und es gelang ihr nur mit
Mühe, ihr Lächeln beizubehalten.
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»Das Anwesen, auf dem Nells Haus steht, gehörte früher der
Familie Mountrachet.«
Der Name sagte Cassandra nichts, und sie schüttelte den Kopf.
Ben hob eine Braue. »Die Tochter, Rose, hat einen gewissen
Nathaniel Walker geheiratet.«
Cassandra runzelte die Stirn. »Maler … War das nicht ein
Amerikaner?«
»Ganz genau. Hat hauptsächlich Porträts gemalt, du kennst das
ja. Lady Soundso und ihre sechs Lieblingspudel. Ruby sagt,
1910, kurz vor dessen Tod, hat er sogar König Edward porträtiert.
Das war der Höhepunkt von Walkers Karriere, würde ich sagen,
aber Ruby war nicht besonders von ihm beeindruckt. Sie meinte,
Porträts waren eigentlich nicht seine Stärke, sie seien ziemlich
leblos.«
»Es ist schon eine Weile her, seit ich …«
»Sie findet seine Zeichnungen wesentlich besser, aber das ist
wieder mal typisch Ruby, die ist schon immer gern gegen den
Strom der allgemeinen Meinung geschwommen.«
»Zeichnungen?«
»Illustrationen für Bücher und Zeitschriften. Alle in SchwarzWeiß.«
Cassandra zuckte zusammen. »Die Sammlung mit den ländlichen Szenen.«
Ben schüttelte den Kopf und hob die Schultern.
»Ach, Ben, die Zeichnungen waren - sind großartig. So unglaublich detailliert.« Es
war so lange her, dass sie sich mit
Kunstgeschichte beschäftigt hatte, und sie wunderte sich darüber,
wie präsent ihr all diese Dinge mit einem Mal wieder waren. Seltsam, wie etwas, das
einmal einen so großen Raum in ihrem Leben eingenommen hatte, dass sie geglaubt
hatte, nicht ohne es
leben zu können - Jahre des Studiums, ein geliebter Beruf -, völlig aus ihrem
Alltag hatte verschwinden können.
»Nathaniel Walker wurde kurz in einem Seminar über Aubrey
Beardsley und seine Zeitgenossen behandelt, an dem ich mal teil94
genommen habe«, sagte sie. »Soweit ich mich erinnere, war er
ziemlich umstritten, aber ich weiß nicht mehr genau, warum.«
»Das hat Ruby auch gesagt, du wirst dich gut mit ihr verstehen.
Als ich seinen Namen erwähnte, war sie plötzlich ganz aufgeregt.
Sie meinte, sie hätte ein paar von seinen Illustrationen in ihrer
neuen Ausstellung im Museum, offenbar sind die sehr selten.«
»Er hat nicht viele gemacht«, sagte Cassandra, die sich auf
einmal wieder erinnerte. »Ich nehme an, er hatte zu viel mit den
Porträts zu tun, die Illustrationen waren eher ein Hobby. Aber
die, die er angefertigt hat, wurden sehr geschätzt.« Sie richtete
sich auf. »Ich glaube, wir haben sogar eins von seinen Bildern
hier«, sagte sie. »In einem von Nells Büchern.« Sie stieg auf einen umgedrehten
Milchkasten und fuhr mit dem Zeigefinger an
den Buchrücken auf einem Regal entlang. An einem weinroten
Buch mit verblasster Goldprägung hielt sie an.
Immer noch auf dem Milchkasten stehend, nahm sie das Buch
aus dem Regal, schlug es auf und blätterte vorsichtig die ersten
Seiten um. »Hier ist es.« Ohne den Blick von dem Buch abzuwenden, stieg sie von der
Kiste. »Die Klage des Fuchses.«
Ben trat neben sie und rückte seine Brille zurecht. »Sehr aufwendig, nicht wahr?
Nicht gerade mein Geschmack, aber es ist
zweifellos Kunst. Ich kann verstehen, was du daran bewundernswert findest.«
»Es ist wunderschön und irgendwie traurig.«
Ben beugte sich tiefer über das Buch. »Traurig?«
»Voller Melancholie und Sehnsucht. Besser kann ich es nicht
erklären, es ist etwas im Gesicht des Fuchses, es hat so etwas Entrücktes.« Sie
schüttelte den Kopf. »Ich kann’s nicht erklären.«
Ben drückte ihren Arm, murmelte etwas davon, dass er ihr zum
Mittagessen ein Sandwich mitbringen würde, dann war er verschwunden und auf dem Weg
zu seinem Stand, oder eher zu dem
Kunden an seinem Stand, der gerade einen WaterfordKronleuchter zum Klimpern
brachte.
95
Cassandra betrachtete die Zeichnung und fragte sich, wieso sie
sich so sicher war, dass das Gesicht des Fuchses Trauer ausdrückte. Natürlich lag
es an der ausgefeilten Technik des Künstlers, an
seiner Fähigkeit, durch die präzise Anordnung feiner, schwarzer
Linien so komplexe Gefühlsregungen zum Ausdruck zu bringen
…
Sie schürzte die Lippen. Die Zeichnung erinnerte sie an den
Tag, an dem sie Nells Märchenbuch entdeckt hatte, während ihre
Mutter eine Etage über ihr sich darauf vorbereitete, sie allein zurückzulassen. Im
Rückblick war Cassandra klar, dass ihre Liebe
zur Kunst von diesem Buch ausgelöst worden war. Sie hatte es
aufgeschlagen und war in die Welt der wundervollen, Furcht einflößenden,
zauberhaften Bilder versunken. Damals hatte sie sich
gefragt, wie es sein mochte, den engen Grenzen der Worte zu
entkommen und sich mithilfe einer so frei fließenden Sprache
ausdrücken zu können.
Und später, als sie älter war, hatte sie es eine Zeit lang erfahren: den
alchemistischen Sog des Bleistifts, das glückselige Gefühl, wenn die Zeit jede
Bedeutung verlor, während sie über ihren
Zeichenblock gebeugt saß. Ihre Liebe zur Kunst hatte dazu geführt, dass sie zum
Studium nach Melbourne gezogen war, hatte
dazu geführt, dass sie Nicholas geheiratet hatte, und zu allem anderen, was danach
gekommen war. Merkwürdig der Gedanke,
dass ihr ganzes Leben anders verlaufen wäre, wenn sie den Koffer nie zu Gesicht
bekommen hätte, wenn sie nicht den unwiderstehlichen Drang verspürt hätte, ihn zu
öffnen und seinen Inhalt in
Augenschein zu nehmen …
Cassandra hielt abrupt inne. Warum war sie nicht eher darauf
gekommen? Plötzlich wusste sie genau, was sie zu tun hatte, wo
sie suchen musste. Mit einem Mal war ihr sonnenklar, wo sie die
nötigen Hinweise finden würde, die ihr Aufschluss über Nells
geheimnisvolle Herkunft geben konnten.
96
Womöglich hatte Nell den Koffer längst weggeworfen, schoss es
Cassandra durch den Kopf, doch dann verwarf sie den Gedanken
entschieden. Erstens war ihre Großmutter eine Antiquitätenhändlerin gewesen, eine
leidenschaftliche Sammlerin, ein menschlicher Laubenvogel. Etwas, das alt und
wertvoll war, einfach wegzuwerfen, hätte überhaupt nicht zu ihr gepasst.
Zweitens, und das war viel wichtiger: Wenn es stimmte, was
die Tanten erzählt hatten, dann stellte der Koffer weit mehr als
nur eine Antiquität dar - er war ein Anker, Nells einzige Verbindung zu ihrer
Vergangenheit. Cassandra kannte die Bedeutung
eines Ankers, sie wusste nur zu gut, was mit einem Menschen
passierte, wenn diese Verbindung zur Vergangenheit gekappt
wurde. Sie selbst hatte schon zweimal ihren Anker verloren. Das
erste Mal als Zehnjährige, als Lesley sie im Stich gelassen hatte,
und das zweite Mal als junge Frau (war das wirklich erst zehn
Jahre her?), als ihr Leben sich im Bruchteil einer Sekunde von
Grund auf geändert hatte und sie erneut auf einem Meer ohne Horizont ausgesetzt
worden war.
Als sie später noch einmal auf jene Ereignisse zurückblickte,
wurde ihr bewusst, dass es der Koffer gewesen war, der den Weg
zu ihr gefunden hatte, genau wie beim ersten Mal. Dass er auf sie
gewartet hatte und sich bemerkbar gemacht hätte, egal, ob sie
nach ihm gesucht hätte oder nicht.
Nachdem sie fast die ganze Nacht damit zugebracht hatte,
Nells vollgestopfte Zimmer zu durchsuchen, und sich trotz ihrer
besten Absichten immer wieder von dem einen oder anderen Gegenstand hatte ablenken
lassen, war sie unglaublich erschöpft.
Und zwar nicht nur körperlich, sondern auch psychisch. Das Wochenende hatte seinen
Tribut gefordert. Wie in einem Märchen
kam die Müdigkeit ganz plötzlich über sie, wie eine magische
Sehnsucht, sich dem Schlaf hinzugeben.
Anstatt nach unten in ihr Zimmer zu gehen, schlüpfte sie vollständig angezogen
unter Nells Bettdecke und ließ ihren Kopf auf
97
das weiche Kopfkissen sinken. Der Geruch war atemberaubend
vertraut - Lavendelpuder, Silberpolitur und PalmolivWaschmittel -, und es fühlte
sich fast so an, als würde sie ihren
Kopf an Nells Brust drücken.
Sie schlief wie ein Stein, tief und traumlos. Und als sie am
nächsten Morgen aufwachte, war ihr, als hätte sie viel länger als
eine Nacht geschlafen.
Helles Sonnenlicht fiel durch den Spalt zwischen den Vorhängen ins Zimmer - wie das
Licht eines Leuchtturms -, und sie beobachtete vom Bett aus, wie die Staubkörnchen
in dem Lichtstrahl
tanzten. Sie hätte eine Hand ausstrecken und ein paar davon mit
den Fingerspitzen einfangen können, doch sie tat es nicht. Stattdessen folgte ihr
Blick dem Lichtstrahl bis zu dem Punkt, an dem
er endete, einem Punkt hoch oben auf dem Kleiderschrank, dessen Türen sich über
Nacht einen Spaltbreit geöffnet hatten. Dort
oben auf dem obersten Fachboden, unter lauter mit alten Kleidungsstücken
vollgestopften Plastiktüten für das Rote Kreuz, lag
ein alter, weißer Koffer.
100
»Verstecken, wieso?« Die Frau winkte das kleine Mädchen zu
sich. »Wovor versteckst du dich denn, Kleine?«
Aber das Mädchen schüttelte nur stumm den Kopf.
»Wo ist ihre Familie?«
»Ich glaub, sie hat keine, hab jedenfalls niemanden gesehen.
Sie hockte in ihrem Versteck, als ich sie gefunden hab.«
»Stimmt das, Kind? Bist du allein?«
Das kleine Mädchen dachte über die Frage nach und kam zu
dem Schluss, dass es besser war, mit Ja zu antworten, als etwas
über die Autorin zu erzählen. Es nickte.
»Ach, sieh mal einer an. So ein kleines Ding mutterseelenallein
auf einer Reise übers Meer.« Ma schüttelte den Kopf und tätschelte das schreiende
Baby. »Ist das da dein Koffer? Gib ihn mir
mal, damit ich einen Blick hineinwerfen kann.«
Das kleine Mädchen sah zu, wie Ma die Schlösser des Koffers
öffnete und den Deckel anhob. Wie sie das Märchenbuch und das
zweite neue Kleid zur Seite schob und darunter der Umschlag
zum Vorschein kam. Die Autorin hatte den Umschlag an jenem
Vormittag in den Koffer gesteckt, aber das Mädchen wusste
nicht, was er enthielt. Ma brach das Siegel, öffnete ihn und nahm
ein kleines Bündel Papier heraus.
Wills Augen weiteten sich. »Geldscheine.« Er warf dem kleinen Mädchen einen kurzen
Blick zu. »Was sollen wir denn jetzt
mit ihr machen, Ma? Sollen wir dem Steward Bescheid sagen?«
Ma schob die Geldscheine zurück in den Umschlag, faltete ihn
zusammen und steckte ihn in ihren Ausschnitt. »Es hat nicht viel
Sinn, irgendwem hier auf dem Schiff Bescheid zu sagen«, antwortete sie schließlich.
»Das ist jedenfalls meine Meinung. Sie
bleibt einfach bei uns, bis wir am anderen Ende der Welt ankommen. Dann werden wir
ja sehen, wer dort auf sie wartet und
ob diese Leute sich uns gegenüber dankbar dafür erweisen, dass
wir uns um sie gekümmert haben.« Sie lächelte, und zwischen
ihren Zähnen zeigten sich dunkle Lücken.
101
Das kleine Mädchen hatte nicht viel mit Ma zu tun, und darüber war es froh. Ma war
viel zu sehr mit den Babys beschäftigt,
von denen immer eins vorn an ihr dranzuhängen schien. Sie wurden gesäugt, das
behauptete zumindest Will, aber so etwas hatte
das kleine Mädchen noch nie gehört. Zumindest nicht im Zusammenhang mit Menschen.
Auf den Bauernhöfen, die zu dem
Anwesen gehörten, hatte es hin und wieder Tierbabys gesehen,
die gesäugt wurden. Diese beiden Menschenbabys, dachte das
kleine Mädchen, waren wie zwei kleine Ferkel, die den ganzen
Tag nichts anderes taten als trinken und quieken. Und während
die Babys ihre Mutter auf Trab hielten, sorgten die anderen Kinder für sich selbst.
Das waren sie gewöhnt, erklärte Will dem
Mädchen, denn zu Hause hatten sie es auch nicht anders gekannt.
Sie stammten aus einem Ort namens Little Bolton, und wenn sie
nicht gerade ein Baby zu versorgen hatte, arbeitete ihre Mutter
den ganzen Tag in einer Baumwollfabrik. Deswegen hustete sie
so viel. Das kleine Mädchen verstand: Seine Mutter war auch
kränklich, nur dass sie nicht so viel hustete wie Ma.
Abends hockte das kleine Mädchen zusammen mit den anderen
Kindern in einer Ecke, wo sie der Musik lauschten, die vom oberen Deck kam, und dem
Geräusch von vielen Füßen, die über den
glänzenden Boden glitten. Auch jetzt saßen sie in einer dunklen
Ecke und spitzten die Ohren. Anfangs hatte das kleine Mädchen
immer nach oben gehen und zusehen wollen, was dort vor sich
ging, aber die anderen Kinder hatten es nur ausgelacht und ihm
erklärt, dass ihresgleichen auf den oberen Decks unerwünscht
war und dass sie nicht näher an das Deck der feinen Pinkel herankommen würden als
bis zu der Stelle am Fuß der Treppe.
Das kleine Mädchen hatte nichts dazu gesagt. Solche Regeln
waren ihm noch nie untergekommen. Zu Hause durfte es - mit
einer einzigen Ausnahme - überall hingehen, wo es wollte. Der
einzige Ort, der dem Mädchen verboten war, war das Gartenhaus
am Ende des Labyrinths, oben auf der Klippe. Das Haus, in dem
die Autorin wohnte. Aber auf dem Schiff war alles anders, und es
102
fiel dem Mädchen schwer zu verstehen, was der Junge meinte.
Ihresgleichen? Kinder? Vielleicht war es ja nur Erwachsenen gestattet, die oberen
Decks zu betreten.
Nicht dass es jetzt gerade große Lust gehabt hätte, nach oben
zu gehen. Das kleine Mädchen war hundemüde, und das schon
seit Tagen. So müde, dass seine Beine sich anfühlten wie Baumstämme, und die Stufen
doppelt so hoch erschienen, wie sie in
Wirklichkeit waren. Außerdem war ihm schwindlig und es
schwitzte, und sein Atem fühlte sich heiß an, wenn er die Lippen
streifte.
»Kommt«, sagte Will, der genug von der Musik hatte. »Gehen
wir rauf und halten Ausschau nach Land.«
Im nächsten Augenblick waren alle Kinder auf den Beinen.
Das kleine Mädchen richtete sich mühsam auf und versuchte, das
Gleichgewicht zu halten. Will und Sally und die anderen lachten
und schnatterten durcheinander. Das kleine Mädchen versuchte
zu verstehen, was die Kinder sagten, aber ihm zitterten die Beine,
und etwas in seinen Ohren dröhnte und rauschte.
Auf einmal war Wills Gesicht ganz nah, und seine Stimme
klang sehr laut. »Was ist los? Geht’s dir nicht gut?«
Das Mädchen öffnete den Mund, um etwas zu antworten, doch
da gaben die Beine unter ihm nach, und es fiel zu Boden. Das
Letzte, was es sah, ehe sein Kopf auf der hölzernen Stufe aufschlug, war der helle
Vollmond, der oben am Himmel leuchtete.
Das kleine Mädchen öffnete die Augen. Ein Mann stand über
ihm. Er sah sehr ernst aus, und seine grauen Augen betrachteten
das Mädchen kritisch. Sein Gesichtsausdruck änderte sich auch
nicht, als er näher kam, ein kleines, flaches Stäbchen aus seiner
Hemdtasche zog und sagte: »Mund auf.«
Ehe das Mädchen wusste, wie ihm geschah, drückte der Mann
ihm mit dem Stäbchen die Zunge nach unten und schaute ihm in
den Mund.
103
»Ja«, sagte er. »Gut.« Er zog das Stäbchen wieder heraus und
richtet sich auf. »Tief Luft holen.«
Das Mädchen gehorchte, und er nickte. »Es geht ihr gut«, sagte
er. Er gab dem jüngeren Mann, dem mit dem strohblonden Haar,
der so nett zu dem kleinen Mädchen gewesen war, ein Zeichen.
»Sie lebt. Schaffen Sie sie um Himmels willen aus der Krankenstation raus, ehe sich
das ändert.«
»Aber Sir«, sagte der andere Mann aufgeregt. »Das ist die
Kleine, die sich den Kopf aufgeschlagen hat, als sie ohnmächtig
geworden ist. Sollte sie sich nicht lieber noch ein bisschen ausruhen …«
»Wir haben nicht genug Betten, ausruhen kann sie sich in ihrer
Kabine.«
»Aber Sir, ich weiß eigentlich gar nicht, zu wem sie gehört …«
Der Arzt verdrehte die Augen. »Dann fragen Sie sie, Mann.«
Der Mann mit den strohblonden Haaren senkte die Stimme.
»Sir. Das ist die Kleine, von der ich Ihnen erzählt habe. Sie
scheint ihr Gedächtnis verloren zu haben, wahrscheinlich ist es
bei dem Sturz passiert.«
Der Arzt schaute das kleine Mädchen an. »Na, wie heißt du?«
Das kleine Mädchen dachte über die Frage nach. Es hörte die
Worte, verstand, was der Mann wollte, aber wusste nicht, was es
antworten sollte.
»Nun?«, drängte der Mann.
Das kleine Mädchen schüttelte den Kopf. »Ich weiß es nicht.«
Der Arzt seufzte frustriert. »Für so etwas habe ich weder Zeit
noch ausreichend Betten. Ihr Fieber ist vorbei. So wie sie riecht,
kommt sie aus dem Zwischendeck.«
»Aye, Sir.«
»Also, dann wird ja wohl da unten jemand sein, der sie vermisst.«
»Aye, Sir, draußen steht der Junge, der sie hergebracht hat. Er
ist gerade eben gekommen, um nach ihr zu sehen. Ein Bruder
wahrscheinlich.«
104
Der Arzt streckte den Kopf aus der Tür, um sich den Jungen
anzusehen. »Und wo sind die Eltern?«
»Der Junge sagt, sein Vater ist in Australien, Sir.«
»Und die Mutter?«
Der andere Mann räusperte sich und beugte sich näher zu dem
Arzt.
»Die dient irgendwo am Kap der Guten Hoffnung den Fischen
als Futter, Sir. Sie ist vor drei Tagen gestorben, als wir aus dem
Hafen ausgelaufen sind.«
»Fieber?«
»Aye.«
Der Arzt legte die Stirn in Falten und seufzte. »Also, dann holen Sie ihn rein.«
Ein spindeldürrer Junge mit Augen so schwarz wie Kohlen
wurde hereingeführt. »Gehört dieses Mädchen zu dir?«, fragte der
Arzt.
»Ja, Sir«, antwortete der Junge. »Das heißt, sie …«
»Das reicht, ich habe keine Zeit, mir ihre Lebensgeschichte anzuhören. Ihr Fieber
ist abgeklungen, und die Beule an ihrem Kopf
ist auch verheilt. Sie redet im Moment noch nicht besonders viel,
aber sie wird sich schon bald wieder erholen. Wahrscheinlich
versucht sie nur, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, wenn
man bedenkt, was mit eurer Mutter passiert ist. Das kommt vor,
besonders bei Kindern.«
»Aber, Sir …«
»Schluss jetzt.«
»Ja, Sir.«
»Nimm sie mit.« Dann wandte er sich an den Steward. »Geben
Sie das Bett jemand anderem.«
Das kleine Mädchen saß an der Reling und schaute aufs Wasser.
Blaue Wellenkämme mit weißer Gischt, die von den Windböen
zerzaust wurden. Das Meer war rauer als gewöhnlich, und das
Mädchen wiegte sich im Rhythmus des schlingernden Schiffs. Es
105
fühlte sich irgendwie unwohl, nicht mehr richtig krank, aber dennoch seltsam. Als
hätte sich sein Kopf mit einem feinen, weißen
Nebel gefüllt, der nicht mehr fortgehen wollte.
Es fühlte sich so, seit es auf der Krankenstation aufgewacht
war, seit der merkwürdige Mann es untersucht und dann mit dem
Jungen fortgeschickt hatte. Der Junge hatte das Mädchen mit
nach unten genommen, in einen dunklen Raum voller Kojen und
Matratzen und mehr Menschen, als es je auf einem Haufen gesehen hatte.
»Hier«, sagte jemand hinter dem Mädchen, und es drehte sich
um. Es war der Junge. »Nicht, dass du deinen Koffer am Ende
noch vergisst.«
»Mein Koffer?« Das kleine Mädchen betrachtete das weiße
Gepäckstück, das er ihr hinhielt.
»Klar!«, antwortete der Junge mit einem verblüfften Blick.
»Du spinnst ja tatsächlich, und ich dachte schon, du hättest nur
wegen dem Arzt so getan. Sag bloß, du erinnerst dich nicht mal
an deinen eigenen Koffer? Den hast du während der ganzen Reise
unter Einsatz deines Lebens gehütet und uns fast die Augen ausgekratzt, wenn wir
ihn auch nur angesehen haben. Und das alles
bloß, damit deine tolle Autorin sich nicht aufregt.«
Das seltsame Wort knisterte zwischen ihnen, und das kleine
Mädchen hatte ein Gefühl, als würde seine Haut kribbeln. »Autorin?«
Aber der Junge beachtete es gar nicht mehr. »Land!«, schrie er
und stürzte an die Reling. »Da ist Land. Siehst du es?«
Das kleine Mädchen trat neben ihn, den weißen Koffer in der
Hand. Argwöhnisch betrachtete es die sommersprossige Nase des
Jungen, dann schaute es in die Richtung, in die er zeigte. Am Horizont entdeckte es
einen Streifen Land mit Bäumen, die aus der
Ferne hellgrün schimmerten.
»Das ist Australien«, sagte der Junge mit leuchtenden Augen.
»Da wartet mein Pa auf uns.«
106
Australien, dachte das kleine Mädchen. Noch ein Wort, das es
nicht kannte.
»Hier werden wir ein neues Leben anfangen, mit einem eigenen Haus und allem Drum
und Dran, sogar einem Stück Land.
Das schreibt mein Pa immer in seinen Briefen. Er sagt, wir werden das Land
bearbeiten und unser Leben selbst in die Hand
nehmen. Und das werden wir ganz bestimmt, auch wenn Ma
nicht mehr bei uns ist.« Den letzten Satz hatte er ziemlich leise
gesagt und dann schwieg er eine Weile. Schließlich schaute er
das kleine Mädchen an und zeigte mit einer Kopfbewegung in
Richtung Küste. »Wartet dein Pa auch dort auf dich?«
Das kleine Mädchen dachte über diese Frage nach. »Mein Pa?«
Der Junge verdrehte die Augen. »Dein Vater«, sagte er. »Der
Mann, der zu deiner Ma gehört. Du weißt schon, dein Pa.«
»Mein Pa«, wiederholte das kleine Mädchen, aber der Junge
hörte gar nicht mehr zu. Er hatte eine seiner Schwestern entdeckt,
rannte auf sie zu und rief immer wieder: »Land in Sicht!«
Das kleine Mädchen nickte. »Mein Pa«, sagte sie unsicher.
»Mein Pa ist auch da.«
Überall auf dem Schiff ertönten inzwischen laute Rufe: »Land
in Sicht!«, und während sich immer mehr Menschen an der Reling versammelten, nahm
das kleine Mädchen den weißen Koffer
und ging zu einer Stelle hinter einem Stapel von Fässern, von der
es sich aus unerklärlichen Gründen magisch angezogen fühlte. Es
setzte sich auf den Boden und öffnete den Koffer in der Hoffnung, etwas Essbares
darin zu finden. Er enthielt jedoch nichts,
womit das Mädchen seinen Hunger stillen konnte, und so nahm
es sich stattdessen das Märchenbuch vor, das ganz obenauf lag.
Während das Schiff sich der Küste näherte und aus winzigen
Punkten in der Ferne Möwen wurden, schlug das kleine Mädchen
das Buch auf und betrachtete die wunderschönen Schwarz-WeißZeichnungen von einer
Frau und einem Reh, die nebeneinander
auf einer Lichtung in einem dornigen Wald standen. Und irgendwie, obwohl es noch
nicht lesen konnte, wusste das kleine Mäd107
chen, dass es das Märchen kannte, das zu diesem Bild gehörte. Es
handelte von einer Prinzessin, die eine weite Reise über das Meer
unternahm, um einen kostbaren, verborgenen Gegenstand zu finden, der jemandem
gehörte, den sie liebte.
112
DIE AUGEN DES ALTEN WEIBLEINS
Von Eliza Makepeace
In einem Land jenseits des glitzernden Meers lebte einmal eine
Prinzessin, die nicht wusste, dass sie eine Prinzessin war, denn
als sie ein kleines Kind war, war ihr Königreich überfallen und
geplündert und die königliche Familie ermordet worden. Der Zufall hatte es gewollt,
dass die kleine Prinzessin an jenem Tag außerhalb der Schlossmauern spielte und von
dem Gemetzel nichts
mitbekam. Und als die Dunkelheit sich über die Erde legte und
die Prinzessin ihre Spielsachen einsammelte und nach Hause
ging, fand sie, wo zuvor das Schloss gestanden hatte, nur noch
Ruinen vor. Ganz allein wanderte die kleine Prinzessin umher,
bis sie am Rand eines finsteren Waldes an ein Häuschen kam. Als
sie an die Tür klopfte, öffnete der Himmel, zornig über die Verwüstung, die er
beobachtet hatte, seine Schleusen und spie peitschenden Regen auf die Erde.
In dem Häuschen lebte ein blindes altes Weiblein, das Mitleid
mit der Prinzessin hatte und beschloss, sie bei sich aufzunehmen
und wie ihre eigene Tochter großzuziehen. Im Haus des alten
Weibleins gab es viel Arbeit zu verrichten, doch die Prinzessin
ließ nie eine Klage hören, war sie doch eine wahre Prinzessin mit
einem reinen Herzen. Glücklich sind die, die fleißig arbeiten,
denn ihnen bleibt keine Zeit, sich mit Kummer zu belasten. Und
so wuchs die Prinzessin im Haus des alten Weibleins glücklich
und zufrieden auf. Sie liebte den Wechsel der Jahreszeiten und
fand Erfüllung im Säen und Ernten. Von Jahr zu Jahr wurde sie
schöner, doch das wusste sie nicht, denn das blinde Weiblein besaß weder einen
Spiegel noch kannte es Eitelkeit, und so lernte
die Prinzessin weder das eine noch das andere kennen.
Eines Tages, als die Prinzessin sechzehn Jahre alt war, saß sie
mit dem alten Weiblein in der Küche beim Abendessen. »Was ist
mit deinen Augen passiert, liebes altes Weiblein?«, fragte die
Prinzessin, die sich darüber schon lange wunderte.
113
Das alte Weiblein wandte sich der Prinzessin zu. Wo seine
Augen hätten sein sollen, war nur runzlige Haut zu sehen. »Mir
wurde das Augenlicht genommen.«
»Von wem?«
»Vor vielen Jahren, als ich ein junges Mädchen war, liebte
mein Vater mich so sehr, dass er mir die Augen herausnahm, damit ich den Tod und
die Zerstörung auf der Welt nicht zu sehen
brauchte.«
»Aber liebes Weiblein, so kannst du auch keine Schönheit sehen«, sagte die
Prinzessin und dachte daran, welche Freude ihr
der Anblick des blühenden Gartens bereitete.
»Ja, da hast du recht«, stimmte das alte Weiblein zu. »Und ich
würde dich so gern heranwachsen sehen, meine Schöne.«
»Könnten wir uns nicht auf die Suche nach deinen Augen machen?«
Das alte Weiblein lächelte traurig. »Meine Augen sollten mir
an meinem sechzigsten Geburtstag von einem Boten zurückgebracht werden, aber in der
vorgesehenen Nacht bist du, meine
Schöne, hier eingetroffen und hast einen schrecklichen Sturm
mitgebracht, sodass ich den Boten nicht empfangen konnte.«
»Können wir ihn nicht suchen gehen?«
Das alte Weiblein schüttelte den Kopf. »Der Bote konnte leider
nicht warten, und so wurden meine Augen in einen tiefen Brunnen im Land der
verloren gegangenen Dinge geworfen.«
»Könnten wir nicht dorthin reisen?«
»Nein«, antwortete das Weiblein. »Denn der Weg ist weit und
gepflastert mit Gefahr und Entbehrungen.«
Die Zeit verging, die Jahreszeiten zogen vorüber, und das alte
Weiblein wurde immer schwächer und blasser. Eines Tages, als
die Prinzessin unterwegs war, um Äpfel für den Winter zu sammeln, sah sie plötzlich
das alte Weiblein weinend in der Astgabel
des Apfelbaums sitzen. Die Prinzessin blieb verblüfft stehen,
denn sie hatte das Weiblein noch nie eine einzige Träne vergießen sehen. Dann hörte
sie, dass das Weiblein mit einem weißen
114
Vogel sprach. »Meine Augen, meine Augen«, sagte es. »Mein
Ende naht, ohne dass mir mein Augenlicht wiedergegeben wurde.
Sag mir, weiser Vogel, wie soll ich meinen Weg in der nächsten
Welt finden, wenn ich mich selbst nicht sehen kann?«
Still eilte die Prinzessin zurück ins Haus, denn sie wusste, was
sie zu tun hatte. Das alte Weiblein hatte auf ihr Augenlicht verzichtet, um ihr
Schutz zu gewähren, und für diese Großzügigkeit
musste sie sich erkenntlich zeigen. Die Prinzessin war noch nie
jenseits des Waldrands gewesen, doch sie zögerte keinen Augenblick. Ihre Liebe zu
dem alten Weiblein war so groß, dass alle
Sandkörner des Meers nicht ausgereicht hätten, um sie aufzuwiegen.
Beim ersten Morgengrauen stieg die Prinzessin aus dem Bett,
machte sich auf durch den dunklen Wald und hielt erst inne, als
sie die Küste erreichte. Dort stach sie in See und fuhr über den
weiten Ozean ins Land der verloren gegangenen Dinge.
Die Reise war lang und beschwerlich, und die Prinzessin war
verwirrt, denn der Wald im Land der verloren gegangenen Dinge
sah ganz anders aus als alles, was sie kannte. Die Bäume waren
krumm und bizarr, die Tiere schauerlich, und selbst das Vogelzwitschern ließ die
Prinzessin zusammenfahren. Ihre Angst wurde immer größer, und sie lief schneller
und immer schneller, bis
sie schließlich mit pochendem Herzen stehen blieb. Die Prinzessin hatte sich
verirrt und wusste nicht, wohin sie sich wenden
sollte. Sie war der Verzweiflung nahe, doch plötzlich erschien der
weiße Vogel. »Das alte Weiblein hat mich geschickt«, sprach der
Vogel, »damit ich dich sicher zu dem Brunnen der verloren gegangenen Dinge führe,
wo du deinem Schicksal begegnen wirst.«
Erleichtert folgte die Prinzessin dem Vogel. Ihr knurrte der
Magen, denn in diesem seltsamen Land hatte sie nichts zu essen
finden können. Unterwegs traf sie auf eine alte Frau, die auf einem umgestürzten
Baumstamm saß. »Wie geht es dir, du Schöne?«, fragte die Alte.
115
»Ich bin so hungrig«, antwortete die Prinzessin, »aber ich weiß
nicht, wo ich etwas zu essen finden soll.«
Die alte Frau deutete in den Wald, und da sah die Prinzessin,
dass an den Ästen der Bäume lauter Beeren und Nüsse hingen.
»Vielen Dank, du gütige Frau«, sagte die Prinzessin.
»Ich habe nichts getan«, entgegnete die Alte. »Ich habe dir nur
die Augen geöffnet, damit du Dinge siehst, von denen du wusstest, dass sie da
sind.«
Gesättigt folgte die Prinzessin weiter dem weißen Vogel, doch
plötzlich schlug das Wetter um, und ein kalter Wind kam auf.
Wieder traf die Prinzessin auf eine alte Frau, die auf einem
umgestürzten Baumstamm saß. »Wie geht es dir, meine Schöne?«
»Mir ist so kalt, aber ich weiß nicht, wo ich warme Kleider
finden soll.«
Die Alte deutete in den Wald, und plötzlich entdeckte die Prinzessin lauter wilde
Rosenranken voller weicher, samtiger Blüten.
Sie bedeckte sich mit den Rosen, und schon wurde ihr warm.
»Vielen Dank, du gütige Frau«, sagte sie.
»Ich habe nichts getan«, entgegnete die Alte. »Ich habe dir nur
die Augen geöffnet, damit du Dinge siehst, von denen du wusstest, dass sie da
sind.«
Gesättigt und gegen die Kälte geschützt, folgte die Prinzessin
weiter dem weißen Vogel durch den Wald, doch bald taten ihr
vom vielen Wandern die Füße weh.
Da traf die Prinzessin wieder auf eine alte Frau, die auf einem
umgestürzten Baumstamm saß. »Wie geht es dir, meine Schöne?«
»Ich bin so müde, aber ich weiß nicht, wo ich nach einer Kutsche suchen soll.«
Die Alte deutete in den Wald, und da entdeckte die Prinzessin
ein glänzend braunes Reh mit einem goldenen Halsband. Das Reh
blinzelte die Prinzessin mit seinen dunklen, nachdenklichen Augen an, und weil die
Prinzessin ein gutes Herz hatte, streckte sie
die Hand nach ihm aus. Da kam das Reh zu ihr und senkte den
Kopf, damit sie auf seinen Rücken steigen konnte.
116
»Vielen Dank, du gütige Frau«, sprach die Prinzessin.
»Ich habe nichts getan«, entgegnete die Alte. »Ich habe dir nur
die Augen geöffnet, damit du Dinge siehst, von denen du wusstest, dass sie da
sind.«
Die Prinzessin und das Reh folgten dem Vogel und wanderten
immer tiefer in den Wald hinein, und nach einigen Tagen lernte
die Prinzessin die Sprache des Rehs zu verstehen. In ihren nächtlichen Gesprächen
erfuhr sie, dass das Reh vor einem heimtückischen Jäger auf der Flucht war, dem
eine böse Hexe aufgetragen
hatte, es zu töten. Die Prinzessin aber war dem Reh so dankbar
für seine Freundlichkeit, dass sie sich vornahm, es vor seinen
Peinigern zu beschützen.
Gute Vorsätze jedoch ebnen den Weg ins Verderben, und als
die Prinzessin am nächsten Morgen erwachte, lag das Reh nicht
wie gewöhnlich am Lagerfeuer. Im Baum über ihrem Lager zwitscherte der weiße Vogel
aufgeregt, und die Prinzessin sprang auf,
um ihm zu folgen. Als sie sich einem dichten Dornengestrüpp
näherte, hörte sie das Reh leise weinen. Sie eilte zu ihm und sah,
dass ein Pfeil in seiner Flanke steckte.
»Die Hexe hat mich gefunden«, sprach das Reh. »Als ich gerade dabei war, Nüsse für
den Reiseproviant zu sammeln, hat sie
ihren Jägern befohlen, auf mich zu schießen. Ich bin gerannt, so
schnell ich konnte, aber weiter als bis zu dieser Stelle bin ich
nicht gekommen.«
Die Prinzessin kniete sich neben das Reh, und beim Anblick
von dessen Schmerzen begann sie zu weinen, und ihre in aufrichtiger Trauer
vergossenen Tränen heilten die Wunden des Rehs.
Während der darauffolgenden Tage pflegte die Prinzessin das
Reh, und als es wieder bei Kräften war, setzten sie ihre Wanderung durch den
unermesslich tiefen Wald fort. Als sie endlich den
Waldrand erreichten und ins Freie traten, lag vor ihnen die Küste
und dahinter das glitzernde Meer. »Nicht weit von hier im Norden«, sprach der
Vogel, »steht der Brunnen der verloren gegangenen Dinge.«
117
Der Tag neigte sich dem Ende zu, und es wurde allmählich
dunkel, aber die Kieselsteine am Strand glitzerten silbern im
Mondlicht und leuchteten ihnen den Weg. Sie gingen in Richtung
Norden, bis sie auf einem zerfurchten schwarzen Felsbrocken den
Brunnen der verloren gegangenen Dinge erblickten. Der weiße
Vogel, der seine Pflicht erfüllt hatte, verabschiedete sich von ihnen und flog
davon.
Als die Prinzessin und das Reh bei dem Brunnen ankamen, tätschelte die Prinzessin
ihrem edelmütigen Gefährten den Hals.
»Du kannst nicht mit mir in den Brunnen hinuntersteigen, mein
liebes Reh«, sagte sie, »denn das muss ich allein tun.« Dann
nahm sie all ihren Mut zusammen, sprang in den Brunnen und
fiel tief hinab bis auf den Grund.
Bald darauf erwachte die Prinzessin aus einem unruhigen
Schlaf und wanderte über ein Feld, auf dem die Sonne das Gras
schimmern und die Bäume singen ließ.
Plötzlich erschien ihr eine schöne Fee mit langem, lockigem
Haar so fein wie Gold. Als die Fee ihr ein strahlendes Lächeln
schenkte, empfand die Prinzessin tiefen Frieden.
»Du hast eine weite Reise zurückgelegt, müde Wanderin«,
sprach die Fee.
»Ich bin gekommen, um einer lieben Freundin ihre Augen
wiederzubringen. Hast du die Augäpfel gesehen, die ich meine,
schöne Fee?«
Wortlos öffnete die Fee ihre Hand, und darin lagen zwei Augen, die schönen Augen
eines jungen Mädchens, das nichts Böses
auf der Welt gesehen hatte.
»Du kannst sie mitnehmen«, sprach die Fee, »aber dein altes
Weiblein kann sie nicht mehr gebrauchen.«
Ehe die Prinzessin fragen konnte, was die Fee damit meinte,
schlug sie die Augen auf und entdeckte, dass sie oben am Brunnenrand neben ihrem
lieben Reh lag. In ihren Händen hielt sie ein
kleines Päckchen, in dem sich die Augen des alten Weibleins befanden.
118
Drei Monate dauerte die Wanderung durch das Land der verloren gegangenen Dinge und
die Fahrt über das tiefe, blaue Meer
bis in das Heimatland der Prinzessin. Als die Prinzessin und das
Reh sich dem Häuschen des alten Weibleins näherten, das am
Rand des dunklen, vertrauten Waldes stand, hielt ein Jäger sie an
und bestätigte die Weissagung der Fee. Während die Prinzessin
durch das Land der verloren gegangenen Dinge gewandert war,
war das alte Weiblein friedlich entschlafen und in die nächste
Welt hinübergegangen.
Als sie diese Nachricht hörte, begann die Prinzessin zu weinen,
denn ihre lange Reise war vergeblich gewesen. Doch das Reh,
das nicht nur gut, sondern auch weise war, bat sie, mit dem Weinen aufzuhören. »Es
ist nicht wichtig, denn sie brauchte ihre Augen nicht, um zu wissen, wer sie war.
Durch deine Liebe hat sie
es erfahren.«
Vor Dankbarkeit über die Güte des Rehs streichelte die Prinzessin ihm den Hals. In
dem Augenblick verwandelte sich das
Reh in einen schönen jungen Prinzen, sein goldenes Halsband
wurde zu einer Krone, und er erzählte der Prinzessin, dass eine
böse Hexe ihn verzaubert und dazu verdammt hatte, als Reh zu
leben, bis eine schöne Jungfrau ihn so sehr lieben würde, dass sie
über sein Schicksal weinte.
Der Prinz und die Prinzessin heirateten und lebten glücklich
und zufrieden in dem Häuschen des alten Weibleins, dessen Augen in einem Glas auf
dem Kaminsims über ihr Glück wachten.
121
die Frage, warum sie Nell im Jahr 1913 nach Australien begleitet
hatte.
Nell richtete sich zu voller Größe auf, schritt über den Dielenboden zu Mr
Snelgrove und blieb neben ihm stehen. Sie räusperte
sich vernehmlich und wartete ab.
Er ließ nicht erkennen, ob er sie bemerkt hatte, und ordnete
weiter seine Bücher ins Regal. »Sie sind noch da.« Eine Feststellung.
»Ja«, erwiderte Nell mit Nachdruck. »Ich habe einen langen
Weg zurückgelegt, um Ihnen etwas zu zeigen, und ich habe nicht
vor wegzugehen, ehe ich das getan habe.«
»Ich fürchte, Madam«, sagte er seufzend, »dass Sie Ihre Zeit
vergeudet haben, ebenso, wie Sie jetzt meine vergeuden. Ich verkaufe nichts auf
Kommission.«
Ärger schnürte ihr die Kehle zu. »Ich will mein Buch auch gar
nicht verkaufen. Ich möchte Sie lediglich bitten, einen Blick darauf zu werfen,
damit ich die Meinung eines Fachmanns erfahre.«
Ihre Wangen glühten, ein ungewohntes Gefühl. Sie errötete nicht
so leicht, im Gegenteil, sie war immer in der Lage gewesen, sich
vor solch unerwünschten, verräterischen Gefühlssignalen zu
schützen.
Mr Snelgrove wandte sich um und bedachte sie mit einem kühlen, missmutigen Blick.
Irgendeine Gefühlsregung (welche, hätte
sie nicht sagen können) ließ seinen Mundwinkel zucken, dann
deutete er mit einer kaum wahrnehmbaren Geste zu dem kleinen
Büro hinter seiner Ladentheke.
Ohne zu zögern ging Nell durch die Tür. Diese Art von winzigem Entgegenkommen
konnte einem viel zu leicht die Entschlusskraft rauben. Eine Träne der
Erleichterung schickte sich
an, ihre Verteidigungslinien zu durchbrechen, und Nell kramte in
ihrer Handtasche in der Hoffnung, noch ein altes Papiertaschentuch zu finden, mit
dem sie den Verräter in seine Schranken weisen konnte. Was, zum Teufel, war mit ihr
los? Sie war nicht gefühlsduselig, nein, sie war in der Lage, sich zu beherrschen.
Zu122
mindest war es bisher immer so gewesen. Bis vor Kurzem, bis
Doug ihr diesen Koffer gebracht und sie darin das Buch mit den
Geschichten und dem Bild auf dem Deckblatt gefunden hatte. Bis
sie angefangen hatte, sich wieder an Dinge und Menschen zu
erinnern, wie zum Beispiel an die Autorin; an Fragmente ihrer
Vergangenheit, erspäht durch kleine Löcher in der Hülle ihres
Gedächtnisses.
Mr Snelgrove schloss die Glastür hinter sich und schlurfte über
einen Perserteppich, dessen Farben stumpf waren von altem
Schmutz. Er bahnte sich den Weg durch ein Labyrinth aus Bücherstapeln und ließ sich
in einen Ledersessel auf der anderen
Seite des Schreibtischs fallen. Klaubte eine Zigarette aus einem
zerknautschten Päckchen und zündete sie an.
»Nun …«, das Wort kam zusammen mit einer Rauchwolke aus
seinem Mund, »dann lassen Sie mich mal einen Blick auf Ihr
Buch werfen.«
Nell hatte das Buch in ein Geschirrtuch gewickelt, bevor sie in
Brisbane aufgebrochen war.
Eine vernünftige Idee - schließlich war das Buch alt und wertvoll und musste
geschützt werden -, doch hier, in dem Dämmerlicht von Mr Snelgroves Fundgrube, war
ihr die hausfrauliche
Verpackung auf einmal peinlich. Nachdem sie die Schnur entfernt und das rot-weiß
karierte Tuch aufgeschlagen hatte, musste
sie sich zusammenreißen, um es nicht tief unten in ihrer Handtasche verschwinden zu
lassen. Dann drückte sie das Buch über den
Tisch hinweg in Mr Snelgroves ausgestreckte Hand.
Schweigen breitete sich aus, nur unterbrochen vom Ticken einer verborgenen Wanduhr.
Nell wartete ängstlich gespannt, während er langsam die Seiten umblätterte.
Er schwieg noch immer.
Vielleicht erwartete er ja weitere Erklärungen. »Was ich mir
erhofft habe …«
123
»Ruhe.« Eine bleiche Hand hob sich auf der anderen Seite des
Tischs. Die Zigarette, die zwischen seinen Fingern klemmte,
drohte, ihre Aschenspitze zu verlieren.
Nell blieben die Worte im Hals stecken. Zweifellos war er der
ungehobeltste Mann, mit dem sie sich je hatte abgeben müssen,
und angesichts des Charakters einiger ihrer Geschäftspartner unter den
Antiquitätenhändlern hieß das schon einiges. Nichtsdestotrotz stellte er ihre beste
Chance dar, an die Informationen zu
gelangen, die sie brauchte. Ihr blieb nicht viel anderes übrig als
dazusitzen, wie abgestraft abzuwarten und zuzusehen, wie der
weiße Körper der Zigarette sich in einen langen Aschezylinder
verwandelte.
Schließlich löste sich die Asche von der Zigarette und rieselte
auf den Boden, wo sie sich zu den anderen staubigen Leichen gesellte, die einen
ähnlich stillen Tod gestorben waren. Nell, die
alles andere als eine pingelige Hausfrau war, erschauerte.
Mr Snelgrove zog noch ein letztes Mal gierig an seiner Zigarette und drückte die
Kippe dann im überquellenden Aschenbecher
aus. Nachdem eine Ewigkeit vergangen zu sein schien, sagte er,
begleitet von einem rasselnden Husten: »Wo haben Sie das her?«
Bildete sie sich das neugierige Beben in seiner Stimme nur
ein? »Es wurde mir geschenkt.«
»Von wem?«
Was sollte sie darauf antworten? »Von der Autorin persönlich,
nehme ich an. Ich kann mich nicht genau erinnern, es wurde mir
geschenkt, als ich noch ein kleines Kind war.«
Er schaute sie durchdringend an. Seine Lippen spannten sich
an und zitterten ein wenig. »Ich habe natürlich davon gehört, aber
ich muss gestehen, dass ich bisher noch nie ein Exemplar zu Gesicht bekommen habe.«
Inzwischen lag das Buch zugeklappt auf dem Tisch, und Mr
Snelgrove fuhr sanft mit der Hand über den Einband. Er schloss
die Augen und seufzte wohlig wie ein Wüstenwanderer, dem endlich Wasser gereicht
wird.
124
Verblüfft über diese plötzliche Veränderung in seinem Verhalten räusperte Nell sich
und suchte nach Worten. »Es ist also sehr
selten?«
»Oh ja«, erwiderte Mr Snelgrove sanft und öffnete die Augen.
»Außergewöhnlich selten sogar. Es gibt überhaupt nur eine Ausgabe. Und die
Illustrationen sind von Nathaniel Walker. Das ist
wahrscheinlich das einzige Buch, das er je illustriert hat.« Er
schlug das Buch noch einmal auf und betrachtete das Deckblatt.
»Es handelt sich in der Tat um ein sehr seltenes Exemplar.«
»Und was ist mit der Autorin? Wissen Sie etwas über Eliza
Makepeace?« Nell hielt den Atem an, als er seine alte Schrumpelnase rümpfte. Sie
schöpfte Hoffnung. »Über sie scheint kaum
etwas bekannt zu sein. Ich konnte nur spärliche Einzelheiten über
sie in Erfahrung bringen.«
Mit einem sehnsüchtigen Blick auf das Buch erhob sich Mr
Snelgrove ächzend und ging zu einem kleinen hölzernen Aktenschrank. Als er eine der
flachen Schubladen öffnete, sah Nell,
dass sie bis obenhin mit rechteckigen Kärtchen gefüllt war, die er
vor sich hin murmelnd durchblätterte, bis er schließlich eins hervorzog.
»Da haben wir’s ja!« Seine Lippen bewegten sich, während er
die Karte studierte. »Eliza Makepeace … Kurzgeschichten in verschiedenen
Zeitschriften erschienen … Nur eine veröffentlichte
Sammlung«, er tippte mit dem Finger auf Nells Buch, »die uns
hier vorliegt … Nur wenig über sie bekannt … bis auf … Ah, ja.«
Nell richtete sich kerzengerade auf. »Was denn? Was haben
Sie gefunden?«
»Ein Buch, in dem Ihre Eliza erwähnt wird. Es enthält eine
kurze Biografie, wenn ich mich recht erinnere.« Er schlurfte zu
einem Bücherregal, das vom Fußboden bis zur Decke reichte.
»Relativ neu, vielleicht neun Jahre alt. Nach meinen Notizen sollte es hier
irgendwo stehen.« Er glitt mit einem Finger über das
vierte Regal, zögerte, suchte weiter, hielt inne. »Hier.« Brummend zog er ein Buch
hervor und pustete den Staub von dem
125
Einband. Dann drehte er es um und betrachtete blinzelnd den
Buchrücken. »Märchen und Geschichten der Jahrhundertwende von Doktor Rodger
MacWilliams.« Er befeuchtete einen Finger, schlug das Inhaltsverzeichnis auf und
ging die einzelnen Kapitel durch. »Na bitte: Eliza Makepeace, Seite
siebenundvierzig.«
Er schob Nell das offene Buch hin.
Ihr Herz raste, und das Blut pulsierte unter ihrer Haut. Ihr wurde fürchterlich
heiß. Nervös suchte sie die Seite siebenundvierzig
und entdeckte Elizas Namen in der Überschrift.
Endlich, endlich konnte sie einen Fortschritt verzeichnen, eine
Biografie, die versprach, der Person Gestalt zu verleihen, mit der
sie in irgendeiner Verbindung stand. »Danke«, sagte sie mit vor
Aufregung krächzender Stimme. »Danke.«
Mr Snelgrove nickte, peinlich berührt von ihrer Dankbarkeit.
Er neigte den Kopf in Richtung des Märchenbuchs. »Gehe ich
recht in der Annahme, dass Sie kein neues Zuhause für dieses
Buch suchen?«
Nell lächelte zaghaft und schüttelte den Kopf. »Ich fürchte, davon kann ich mich
nicht trennen. Es ist ein Familienerbstück.«
Die Glocke bimmelte. Ein junger Mann stand vor der gläsernen
Bürotür und betrachtete unsicher die vollgestopften Regale. Mr
Snelgrove nickte knapp. »Nun gut, sollten Sie Ihre Meinung ändern, wissen Sie ja,
wo Sie mich finden.« Über seine Brille hinweg schaute er zu dem neuen Kunden
hinüber und schnaubte:
»Warum müssen die Leute nur immer die Tür offen lassen?« Er
schlurfte zurück in den Laden. »Märchen und Geschichten kostet
drei Pfund«, sagte er, als er an Nells Stuhl vorbeiging. »Sie können es sich gern
eine Weile bequem machen und noch darin
schmökern, aber vergessen Sie nicht, wenn Sie gehen, die drei
Pfund auf den Tresen zu legen.«
Nell nickte, und nachdem sich die Tür hinter Mr Snelgrove geschlossen hatte, begann
sie mit klopfendem Herzen zu lesen.
Eliza Makepiece, Schriftstellerin aus dem ersten Jahrzehnt des
zwanzigsten Jahrhunderts, ist vor allem bekannt für ihre Mär126
chen, die in den Jahren 1907-1913 regelmäßig in verschiedenen
Zeitschriften erschienen. Im Allgemeinen werden ihr fünfunddreißig Geschichten
zugeschrieben; allerdings sind die Quellen
unzuverlässig, und so wird die tatsächliche Anzahl ihrer Werke
wohl immer im Dunkeln bleiben. Eine mit Illustrationen versehene Sammlung von Eliza
Makepeaces Märchen wurde Ostern 1913
vom Londoner Verlag Hobbins & Co. veröffentlicht. Der Band
verkaufte sich gut und erhielt hervorragende Kritiken.
Die Times beschrieb die Geschichten als »ein ungewöhnliches
Vergnügen, das beim Rezensenten erhebende und manchmal auch
beängstigende Gefühle aus der Kindheit wachrief«. Besonders
hervorgehoben wurden die Illustrationen von Nathaniel Walker,
die vermutlich zu seinen besten Arbeiten gehören. Sie stellen eine
Abweichung von seinen Ölporträts dar, für die er in erster Linie
bekannt ist.
Elizas Geschichte begann mit dem 1. September 1888, als sie
in London das Licht der Welt erblickte. Aus der Geburtsurkunde
geht hervor, dass Eliza als Zwilling geboren wurde. Ihre ersten
Lebensjahre verbrachte sie in einer Mietskaserne in der Battersea Bridge Road 35.
Elizas Stammbaum ist weit komplexer, als
ihre bescheidene Herkunft vermuten lässt. Ihre Mutter Georgiana
war die Tochter einer Aristokratenfamilie, die das Blackhurst
Manor in Cornwall bewohnte. Georgiana Mountrachet provozierte einen Skandal, als
sie im Alter von siebzehn Jahren mit einem jungen Mann aus bescheidenen
Verhältnissen durchbrannte.
Elizas Vater Jonathan Makepeace wurde 1866 in London als
Sohn eines mittellosen Straßenhändlers und dessen Frau geboren. Er war das fünfte
von neun Kindern und wuchs im Elendsviertel hinter den Londoner Docks auf. Obwohl
er im Jahr 1888
noch vor Elizas Geburt starb, scheinen Elizas veröffentlichte Geschichten
Ereignisse umzudeuten, die der junge Jonathan Makepeace vermutlich während seiner
Kindheit am Fluss erlebt hat. In
»Der Fluch des Flusses« zum Beispiel beruht die Beschreibung
der toten Männer an den Galgen höchstwahrscheinlich auf Sze127
nen, deren Zeuge Jonathan Makepeace als Junge in der Nähe der
Execution Docks wurde. Wir müssen davon ausgehen, dass Eliza
diese Geschichten von ihrer Mutter Georgiana erfahren hat möglicherweise in
ausgeschmückter Form - und sie in ihrem Gedächtnis bewahrt hat, bis sie begann,
ihre eigenen Märchen zu
schreiben.
Wie der Sohn eines armen Straßenhändlers die adelige Georgiana Mountrachet
kennenlernen und sich in sie verlieben konnte,
bleibt ein Rätsel. Entsprechend ihrer heimlichen Flucht hat
Georgiana keinerlei Hinweise auf die Ereignisse hinterlassen, die
zu ihrem Verschwinden führten. Jegliche Versuche, die Wahrheit
aufzudecken, wurden zusätzlich erschwert durch die angestrengten Bemühungen ihrer
Familie, den Skandal zu vertuschen. In
den Zeitungen wurde nur wenig berichtet, und man muss an anderer Stelle suchen, in
zeitgenössischen Briefen und Tagebüchern, um Hinweise auf den Klatsch in jener Zeit
zu finden, der
mit Sicherheit mit lüsternen Anzüglichkeiten gespickt war. Als
Beruf wird auf Jonathans Todesurkunde »Matrose« angegeben,
allerdings bleibt die Art seines Beschäftigungsverhältnisses im
Dunkeln. Der Verfasser dieser Zeilen kann nur spekulieren, dass
Jonathan Makepeaces Leben auf den Meeren ihn vielleicht für
eine kurze Zeitspanne auch an die Felsenküste Cornwalls geführt
hat. Und dass vielleicht der Zufall Lord Mountrachets Tochter,
im ganzen County berühmt als rothaarige Schönheit, in der Bucht
des elterlichen Anwesens hat auf den jungen Jonathan Makepeace treffen lassen.
Unter welchen Umständen sie sich auch kennengelernt haben
mögen, es kann kein Zweifel daran bestehen, dass sie einander
geliebt haben. Leider waren dem jungen Paar keine Jahre des
Glücks beschieden. Jonathans plötzlicher und letztlich unerklärlicher Tod weniger
als zehn Monate nach ihrem Durchbrennen
muss Georgiana Mountrachet einen verheerenden Schlag versetzt
haben, denn sie war allein in London, unverheiratet, hoch128
schwanger, ohne Familie und völlig mittellos. Georgiana ließ
sich jedoch nicht aus der Bahn werfen. Sie hatte die strengen Regeln ihrer sozialen
Schicht hinter sich gelassen, legte nach der
Geburt ihrer Kinder den Namen Mountrachet ab und nahm eine
Arbeitsstelle als Schreibkraft bei der Anwaltskanzlei HJ Blackwater and Associates
in Lincoln’s Inn, Holborn, an.
Es gibt Hinweise darauf, dass Georgianas hervorragende
Schreibkünste eine Fähigkeit waren, die sie schon während ihrer
Jugend ausreichend hatte zum Ausdruck bringen können. Die
Familienbücher der Mountrachet, im Jahr 1950 der British Library vermacht,
enthalten eine Anzahl von TheaterProgrammheften, die in sorgsam ausgeführter
Handschrift geschrieben und dazu mit hervorragenden Illustrationen versehen
sind. In jedem Heft hat die »Künstlerin« in einer Ecke mit winzigen Buchstaben
ihren Namen hinterlassen. Laientheater waren
natürlich zu jener Zeit in vielen Adelshäusern gang und gäbe, die
Programmhefte für jene in Blackhurst in den 1880er-Jahren jedoch zeichnen sich
dadurch aus, dass sie mit größerer Regelmäßigkeit erschienen und mit mehr
Ernsthaftigkeit gestaltet waren
als sonst vielleicht üblich.
Wenig ist bekannt über Elizas Kindheit in London, abgesehen
von dem Haus, in dem sie geboren wurde und in dem sie ihre frühe Kindheit verbracht
hat. Man kann allerdings davon ausgehen,
dass ihr Leben vom Diktat der Armut und von den Schwierigkeiten zu überleben
bestimmt wurde. Höchstwahrscheinlich litt
Georgiana schon seit Mitte der 1890er-Jahre an Tuberkulose, an
der sie schließlich sterben sollte. Falls ihr Krankheitszustand den
in den letzten Jahren des neunzehnten Jahrhunderts üblichen
Verlauf genommen hatte, werden Kurzatmigkeit und allgemeine
Schwäche die Ausübung einer regelmäßigen Arbeit verhindert
haben. Die Lohnabrechnungen von HJ Blackwater jedenfalls bestätigen diese Annahme.
Es existieren keine offiziellen Belege dafür, dass Georgiana
wegen ihrer Krankheit einen Arzt aufgesucht hat, allerdings war
129
zur damaligen Zeit die Angst vor ärztlicher Behandlung weit verbreitet. Um 1880
wurde Tuberkulose zu einer meldepflichtigen
Krankheit erklärt, und Ärzte wurden gesetzlich dazu verpflichtet,
Krankheitsfälle den staatlichen Behörden mitzuteilen. Aus Furcht
jedoch, in ein Sanatorium geschickt zu werden (das meist einem
Gefängnis gleichkam), schreckten die Armen davor zurück, medizinische Hilfe in
Anspruch zu nehmen. Die Krankheit ihrer Mutter muss erhebliche Auswirkungen auf
Eliza gehabt haben, sowohl in praktischer als auch in kreativer Hinsicht. Mit
ziemlicher
Sicherheit wurde von der Tochter verlangt, dass sie ihren Beitrag
zu den Haushaltskosten leistete. Im viktorianischen London waren Mädchen nahezu in
allen untergeordneten Stellungen beschäftigt - als Hausmädchen, Straßenhändlerinnen
oder Apfelsinenverkäuferinnen, die ihre Waren in Theatern feilboten -, und Elizas
Darstellung von Mangeln und Waschbottichen in einigen ihrer Märchen legt die
Vermutung nahe, dass sie sehr vertraut war
mit der Arbeit als Wäscherin. Die vampirähnlichen Wesen in
Die Feenjagd könnten ebenfalls die Vorstellung aus dem frühen
neunzehnten Jahrhundert widerspiegeln, nach der Tuberkulosekranke Vampire waren:
Lichtempfindlichkeit, geschwollene gerötete Augen, sehr bleiche Haut und der
typische blutige Husten
waren Symptome, die diesen Glauben nährten.
Ob Georgiana, als sich ihr Gesundheitszustand nach Jonathans Tod verschlechterte,
je einen Versuch unternommen hat,
wieder Kontakt zu ihrer Familie aufzunehmen, ist nicht bekannt.
Dem Verfasser dieser Zeilen erscheint dies jedoch unwahrscheinlich. Ein Brief von
Linus Mountrachet an einen Geschäftspartner
vom Dezember 1900 lässt darauf schließen, dass er erst kurz zuvor von seiner
kleinen Londoner Nichte Eliza erfahren hatte und
von dem Gedanken schockiert war, dass sie mehr als ein Jahrzehnt lang unter solch
erbärmlichen Umständen hatte leben müssen. Womöglich hatte Georgiana befürchtet,
die Familie Mountrachet würde ihr niemals verzeihen, dass sie seinerzeit mit ihrem
130
Geliebten durchgebrannt war. Der Brief ihres Bruders jedoch
lässt eine solche Befürchtung als völlig unbegründet erscheinen:
Mir vorzustellen, dass meine geliebte Schwester in all den Jahren, in denen ich den
halben Erdball nach ihr abgesucht habe,
ganz in meiner Nähe gewesen ist! Und dass sie unter solchen
Entbehrungen gelebt hat! Sie sehen, dass ich Ihnen die Wahrheit
über ihr Naturell gesagt habe. Wie wenig es ihr offenbar bedeutet
hat, dass wir sie von Herzen liebten und uns nur danach sehnten,
dass sie sicher wieder nach Hause zurückkehrte …
Auch wenn Georgiana nie zurückkehrte, war es Eliza bestimmt,
in den Schoß der Familie ihrer Mutter aufgenommen zu werden.
Georgiana Mountrachet starb Ende 1900, als Eliza zwölf Jahre
alt war. Der Totenschein gibt als Todesursache Tuberkulose und
ihr Alter mit dreißig Jahren an. Nach dem Tod ihrer Mutter wurde Eliza an die Küste
von Cornwall zur Familie ihrer Mutter gebracht. Es ist nicht bekannt, wie diese
Familienzusammenführung
zustande kam, man kann jedoch mit ziemlicher Sicherheit davon
ausgehen, dass trotz der unglücklichen Umstände, die dieser vorausgegangen waren,
der Ortswechsel für die junge Eliza ein
Glücksfall war. Die Umsiedlung nach Blackhurst Manor mit seinen ausgedehnten
Ländereien und Gartenanlagen bot ihr nach
den Gefahren, denen sie auf den Londoner Straßen ausgesetzt
war, Freiheit und Sicherheit. In ihren Märchen wurde das Meer
zum Motiv der Erneuerung und Erlösung.
Eliza hat erwiesenermaßen bis zu ihrem vierundzwanzigsten
Lebensjahr bei der Familie ihres Onkels mütterlicherseits gelebt.
Wo sie sich danach aufgehalten hat, bleibt jedoch nach wie vor
weitgehend ein Rätsel. Es existieren mehrere Theorien über ihr
Leben nach 1913, von denen allerdings noch keine bewiesen
werden konnte. Einige Historiker vermuten, dass sie dem Scharlachfieber zum Opfer
fiel, das 1913 in Cornwall wütete. Andere,
verblüfft über die rätselhafte Veröffentlichung ihres letzten Märchens, Der Flug
des Kuckucks in der Zeitschrift Literary Lives im
Jahr 1936, spekulieren, dass sie ihr Leben mit Reisen verbrachte,
131
stets auf der Suche nach Abenteuern, die sie in ihren Märchen
verarbeitete. Diese verlockende Theorie bedarf noch ernsthafter
wissenschaftlicher Untersuchung. Solange nichts bewiesen ist,
bleibt das Schicksal von Eliza Makepeace bis hin zu ihrem unbekannten Todesdatum
eines der Rätsel in der Literaturwelt.
Es existiert eine Kohlezeichnung von Eliza Makepeace von der
Hand des bekannten edwardianischen Porträtkünstlers Nathaniel
Walker. Die Zeichnung wurde nach seinem Tod zwischen seinen
unvollendeten Arbeiten entdeckt und hängt heute unter dem Titel Die Autorin in der
Walker Collection der Tate Gallery in
London. Auch wenn Eliza Makepeace nur eine einzige Märchensammlung veröffentlicht
hat, sind ihre Arbeiten reich an metaphorischem und soziologischem Gehalt und
würden sich sehr gut
für literaturwissenschaftliche Studien eignen. Während frühere
Geschichten wieDer goldene Käfig stark von der europäischen
Märchentradition beeinflusst sind, tragen spätere Geschichten
wie Die Augen des alten Weibleins eher individuelle, man könnte
sogar sagen autobiografische Züge. Wie viele andere Schriftstellerinnen der ersten
Dekade des zwanzigsten Jahrhunderts fiel
Eliza Makepeace jedoch den kulturellen Umbrüchen zum Opfer,
die die gewaltigen Weltereignisse Anfang des Jahrhunderts nach
sich zogen (der Erste Weltkrieg und die Suffragettenbewegung,
um nur zwei zu nennen), und die Leserschaft verlor das Interesse
an ihr. Viele ihrer Geschichten sind während des Zweiten Weltkriegs für die
Wissenschaft verloren gegangen, als die British
Library kompletter Sammlungen eher unbedeutender Zeitschriften beraubt wurde. Aus
diesem Grund sind Eliza und ihre Märchen heutzutage relativ unbekannt. Ihre
Arbeiten - ebenso wie die
Schriftstellerin selbst - sind dem Lauf der Zeit zum Opfer gefallen
und für uns, wie so viele andere Geister des letzten Jahrhunderts,
für immer verloren.
132
14 London England, 1900
Hoch oben über Mr und Mrs Swindells Pfandleihe in dem schmalen Haus an der Themse
lag ein winziges Zimmer. Kaum mehr
als ein Wandschrank. Es war dunkel und feucht und roch modrig
(kein Wunder bei dem maroden Abwasserrohr und der mangelnden Lüftung), hatte
fleckige Außenwände, die im Sommer aufplatzten und im Winter die Feuchtigkeit
hereinließen, und einen
Kamin, dessen Schornstein schon so lange verstopft war, dass es
beinahe eine Unverschämtheit schien anzunehmen, es müsste anders sein. Doch trotz
der Armseligkeit war der Raum oben im
Haus der Swindells das einzige Zuhause, das Eliza Makepeace
und ihr Zwillingsbruder Sammy je kennengelernt hatten, und es
bot ihnen wenigstens ein bisschen Sicherheit und Geborgenheit,
die sie in ihrem Leben ansonsten hatten entbehren müssen. Sie
waren in dem Herbst auf die Welt gekommen, als in London die
Angst umging, und je älter Eliza wurde, desto überzeugter war sie
davon, dass diese Erfahrung mehr als jede andere sie zu dem
machte, was sie war. Der Ripper war der erste Feind in einem
Leben, in dem es von Widersachern nur so wimmeln sollte.
Was Eliza an ihrem Dachzimmer am besten gefiel - eigentlich das
Einzige, abgesehen von der Tatsache, dass es ihr Unterschlupf
bot -, war der Spalt zwischen zwei Mauersteinen über dem alten
Holzregal. Sie war ewig dankbar dafür, dass die Schludrigkeit des
alten Swindell und der Zahn der Zeit einen ordentlichen Zwischenraum in der
Mörtelfuge hatten entstehen lassen. Wenn Eliza
sich bäuchlings auf das Regal drückte, den Kopf drehte und, das
Gesicht gegen die Mauersteine gepresst, durch den Spalt spähte,
konnte sie bis zur nahe gelegenen Flussbiegung sehen. Von ihrem
geheimen Aussichtspunkt aus beobachtete sie das geschäftige
Auf und Ab des täglichen Lebens da draußen. So konnte sie zwei
Fliegen mit einer Klappe schlagen: Sie sah, ohne selbst gesehen
zu werden. Denn obwohl ihre Neugier keine Grenzen kannte,
133
setzte sie sich ungern fremden Blicken aus. Die Erfahrung hatte
sie gelehrt, dass es gefährlich war, bemerkt zu werden, und man
bereits wegen allzu neugieriger Blicke schon für einen Dieb gehalten werden konnte.
Elizas Lieblingsbeschäftigung bestand darin, Bilder in ihrem Kopf aufzubewahren, um
sie nach Belieben
hervorzuholen und mit Stimmen und Farben auszustatten. Sie in
böse Geschichten einzuweben, in Flüge der Fantasie, die diejenigen, die
unwissentlich Elizas Inspiration angestachelt hatten, in
Angst und Schrecken versetzt hätten.
Und es gab so viele Menschen, bei denen sie sich bedienen
konnte. Das Leben an Elizas Flussbiegung stand nie still. Die
Themse war Londons Lebensader, die mit den Gezeiten anschwoll und wieder
zurückging, segensreich und grausam zugleich, in die Stadt hinein und wieder aus
ihr heraus. Eliza gefiel
es, wenn die Kohlefrachter bei Flut hereinkamen und die Fährleute die Menschen hin-
und herruderten, wenn die Fracht aus den
Kohlegruben gebracht wurde. Aber erst bei Ebbe erwachte der
Fluss wirklich zum Leben. Wenn der Wasserpegel so tief sank,
dass Mr Hackman und sein Sohn damit beginnen konnten, Leichen aus dem Fluss zu
ziehen, deren Taschen geleert werden
mussten; wenn die Mudlarks, die Schlammwühler, Position bezogen, um den Schlick
nach Seilen, Knochen und Kupfernägeln
zu durchwühlen, nach allem, was sich irgendwie verscherbeln
ließ. Mr Swindell verfügte über ein eigenes Team
von Mudlarks und ein eigenes Revier, ein Stückchen Flussufer
mit Faulschlamm, das er so gut bewachte, als beherbergte es die
Kronjuwelen. Wer es wagte, die Grenze zu seinem Revier zu
überschreiten, musste damit rechnen, dass bei der nächsten Ebbe
seine aufgeweichten Hosentaschen von Mr Hackman gefilzt wurden.
Mr Swindell wollte unbedingt, dass Sammy sich seinem
Trupp Mudlarks anschloss.
Er behauptete, es sei die Pflicht des Jungen, die Wohltätigkeit
seines Mietsherrn nach Kräften zu vergelten. Denn auch wenn es
134
Sammy und Eliza gelang, genug zusammenzukratzen, um die
Miete zu bezahlen, ließ Mr Swindell sie nie vergessen, dass ihre
Freiheit nur auf seiner Bereitschaft beruhte, die kürzlich eingetretene Veränderung
ihrer Lebensumstände nicht den Behörden zu
melden. »Diese Wohltäterinnen, die hier rumschnüffeln, würden
sich freuen zu erfahren, dass zwei Waisenkinder wie ihr sich ganz
allein in der großen, weiten Welt durchschlagen müssen«, drohte
er ihnen ein ums andere Mal. »Von Rechts wegen hätte ich euch
melden müssen, als eure Mutter ihren letzten Atemzug getan
hat.«
»Ja, Mr Swindell«, sagte Eliza dann. »Danke, Mr Swindell.
wirklich sehr freundlich von Ihnen, Mr Swindell.«
»Dass ihr mir das nicht vergesst«, knurrte er. »Bloß weil ich
und meine Frau so gute Seelen sind, seid ihr überhaupt noch
hier.« Seine Nase bebte, und pure Verschlagenheit sprach aus
seinen verengten Pupillen. »Und wenn dieser pfiffige Bengel sich
in meinem Schlammrevier einfinden würde, könnte mich das davon überzeugen, dass es
sich lohnt, euch noch länger zu behalten.
Eine bessere Spürnase ist mir noch nie untergekommen.«
Er hatte recht. Sammy besaß ein Talent für das Aufspüren von
Schätzen. Das war schon immer so gewesen, und man hätte meinen können, dass hübsche
Dinge sich ihm absichtlich in den Weg
legten. Mrs Swindell behauptete zwar, das sei das Glück des
Dummen, und mit Schwachköpfen und Verrückten meine es der
Herrgott eben besonders gut, aber Eliza wusste, dass das nicht
stimmte. Sammy war kein Schwachkopf, er sah einfach mehr als
die meisten anderen, weil er keine Zeit mit Reden verschwendete.
Kein Wort. Nicht ein einziges Mal in seinen zwölf Lebensjahren.
Er brauchte nicht zu sprechen, jedenfalls nicht mit Eliza. Sie
wusste stets genau, was er dachte und fühlte, das war schon immer so gewesen.
Schließlich waren sie Zwillinge, zwei Hälften
eines Ganzen.
Deshalb wusste sie auch, dass er sich vor dem Flussschlamm
fürchtete, und auch wenn sie seine Angst nicht teilte, konnte Eliza
135
ihn verstehen. Die Luft war anders, wenn man näher ans Wasser
ging. Irgendetwas in den Dämpfen, die aus dem Schlamm aufstiegen, die Sturzflüge
der Vögel, die merkwürdigen Geräusche,
die von den Befestigungsmauern widerhallten, mit denen die früheren Flussufer
begradigt worden waren …
Eliza wusste auch, dass sie für Sammy verantwortlich war, und
das nicht nur, weil ihre Mutter ihr das eingeschärft hatte. (Ihre
Mutter war seltsamerweise davon überzeugt gewesen, dass ein
böser Mann - wer das war, hatte sie nicht gesagt - ihnen auf den
Fersen war.) Schon als sie noch ganz klein gewesen waren, hatte
Eliza begriffen, dass Sammy sie mehr brauchte als sie ihn, noch
bevor er das Fieber bekommen hatte und beinahe gestorben wäre.
Irgendetwas an seiner Art machte ihn verletzlich. Die anderen
Kinder hatten es gewusst, als sie noch klein gewesen waren, und
Erwachsene wussten es jetzt auch. Sie spürten irgendwie, dass er
keiner von ihnen war.
Und das war er auch nicht, er war ein Wechselbalg. Über
Wechselbälger wusste Eliza Bescheid. Sie hatte darüber gelesen
in dem Märchenbuch, das eine Zeit lang in der Pfandleihe gelegen hatte. Es waren
auch Bilder darin gewesen. Von Feen und
Kobolden, die genauso aussahen wie Sammy mit seinen dünnen,
rötlichen Haaren, den langen, dürren Gliedmaßen und seinen runden, blauen Augen.
Nach dem, was ihre Mutter erzählt hatte, war
Sammy schon als Baby anders gewesen als andere Kinder, arglos
und still. Sie hatte immer gesagt, dass Sammy im Gegensatz zu
Eliza, die mit hochrot angelaufenem Kopf gebrüllt hatte, wenn sie
hungrig war, nie geweint hatte. Er hatte still in seiner Schublade
gelegen und gelauscht, als würde irgendeine wunderschöne Musik mit der Brise
hereingetragen, die niemand außer ihm hören
konnte.
Eliza war es schließlich gelungen, ihre Vermieter davon zu
überzeugen, dass Sammy ihnen mehr einbrachte, wenn er für Mr
Suttborn Schornsteine fegte. Seit es gesetzlich verboten war,
Kinder in die Schornsteine zu schicken, gebe es nicht mehr viele
136
Jungen in Sammys Alter, die diese Arbeit verrichteten, argumentierte sie, und
niemand könne die engen Schornsteine über den
Dächern von Kensington so gut reinigen wie so ein magerer
Knirps mit spitzen Ellbogen, die wie gemacht seien für das Erklimmen dunkler,
rußiger Kamine. Dank Sammy waren Mr Suttborns Auftragsbücher immer voll, und ein
regelmäßiger Lohn sei
doch sicherlich viel mehr wert als die vage Hoffnung, dass Sammy vielleicht hin und
wieder etwas Brauchbares im Schlamm
entdecken könnte.
So weit zeigten die Swindells Einsicht - sie waren hocherfreut
über jede Münze, die Sammy nach Hause brachte, ebenso wie sie
das Geld von Sammy und Elizas Mutter gern genommen hatten,
als sie noch lebte und Schreibarbeiten für Mr Blackwater erledigte -, aber Eliza
wusste nicht, wie lange das noch gut gehen würde.
Vor allem Mrs Swindell kannte nichts als ihre Geldgier und sie
genoss es, versteckte Drohungen vor sich hin zu murmeln über
Wohltäterinnen, die ständig herumschnüffelten, um Gesindel von
der Straße ins Armenhaus zu befördern.
Mrs Swindell hatte immer schon Angst vor Sammy gehabt. Sie
gehörte zu der Sorte Menschen, die auf alles, was sie sich nicht
erklären konnten, mit Angst reagierten. Eliza hatte einmal gehört,
wie sie Mrs Barker, der Frau des Kohlenträgers, zuflüsterte, sie
habe von Mrs Tether, der Hebamme, die bei den Zwillingen Geburtshilfe geleistet
hatte, gehört, Sammy sei mit der Nabelschnur
um den Hals auf die Welt gekommen. Er hätte die erste Nacht
nicht überlebt und sein erster Atemzug wäre sein letzter gewesen,
wären da nicht dunkle Mächte am Werk gewesen. Teufelswerk,
sagte sie, die Mutter des Jungen habe mit dem da unten einen
Handel ausgemacht. Man brauche ihn doch nur anzusehen - die
Art, wie seine Augen tief in einen hineinsähen, die Stille in seinem Körper, so
anders als all die anderen Jungen seines Alters -,
also wirklich, irgendwas stimme hinten und vorn nicht mit diesem Sammy Makepeace.
137
Solche verrückten Geschichten sorgten dafür, dass Eliza Sammy noch
leidenschaftlicher beschützte. Manchmal, wenn sie
nachts im Bett lag und die Swindells schimpfen und deren kleine
Tochter Hatty wie am Spieß brüllen hörte, malte sie sich gern lauter schreckliche
Dinge aus, die Mrs Swindell zustoßen könnten.
Dass sie beim Waschen ins Feuer fiel oder auf dem glitschigen
Boden ausrutschte, unter die Wäschemangel geriet und zerquetscht wurde oder
kopfüber in einen Waschbottich mit kochender Lauge stürzte und nur die dürren Beine
als Beweis ihres grausamen Endes aus dem Bottich ragten …
Wenn man vom Teufel spricht, ist er nicht weit. Um die Ecke
zur Battersea Bridge Road bog Mrs Swindell, über der Schulter
einen prall mit Diebesgut gefüllten Beutel. Sie kehrte zurück nach
einem ertragreichen Tag, den sie mit der Jagd auf hübsch gekleidete kleine Mädchen
zugebracht hatte. Eliza schob sich auf dem
Regal von dem Mauerspalt weg und hangelte sich an der Schornsteinkante entlang auf
den Fußboden hinunter.
Es war Elizas Aufgabe, die Kleider zu waschen, die Mrs Swindell mit nach Hause
brachte. Manchmal, wenn sie die Sachen im
heißen Waschwasser umrührte und achtgab, dass sie nicht die
spinnennetzartige Spitze beschädigte, fragte sich Eliza, was die
kleinen Mädchen wohl denken mochten, wenn sie Mrs Swindell
näher kommen und mit der Konfekttüte wedeln sahen, der Tüte,
die gefüllt war mit bunten Glasscherben. Nicht dass die Mädchen
jemals nah genug an die Tüte herankamen, um die Täuschung zu
durchschauen. Keine Sorge. Sobald sie die Mädchen erst einmal
allein in eine Gasse gelockt hatte, riss Mrs Swindell ihnen die
hübschen Kleidchen so schnell vom Leib, dass sie nicht einmal
Zeit hatten zu schreien. Bestimmt hatten sie danach Albträume,
dachte Eliza, so ähnlich wie sie selbst von Träumen verfolgt wurde, in denen Sammy
in einem Schornstein stecken blieb. Einerseits taten ihr die Mädchen leid - Mrs
Swindell auf der Jagd
konnte Angst und Schrecken verbreiten -, andererseits waren sie
selbst schuld. Was mussten sie auch so gierig sein und immer
138
noch mehr haben wollen, als sie sowieso schon besaßen. Eliza
wunderte sich immer wieder darüber, dass junge Mädchen aus
reichem Haus, die mit schicken Kinderwagen und Spitzenkleidchen aufwuchsen, Mrs
Swindell wegen einer Tüte Süßigkeiten
zum Opfer fielen. Sie konnten von Glück reden, dass sie nicht
mehr als ein Kleidchen und ein bisschen Seelenfrieden verloren.
In Londons dunklen Gassen konnte man weit schlimmere Verluste erleiden.
Unten im Haus wurde die Tür zugeschlagen.
»Wo steckst du denn, du Göre?« Die Stimme kam die Treppe
heraufgerollt, ein heißer Ball aus Gift. Eliza zuckte zusammen,
als sie begriff: Die Jagd war nicht erfolgreich gewesen, eine Tatsache, die für
alle Bewohner des Hauses Battersea Bridge Road
35 nichts Gutes verhieß. »Komm runter und mach das Essen fertig, sonst setzt es
eine Tracht Prügel.«
Eliza eilte die Treppe hinunter in den Laden. Ihr Blick glitt
über die undeutlichen Silhouetten, ein Sammelsurium aus Flaschen, Schachteln und
Kleidern, in der Dunkelheit auf bizarre
geometrische Formen reduziert. Neben dem Tresen bewegte sich
eine dieser Silhouetten. Wie eine Schlammkrabbe stand Mrs
Swindell über ihre Tasche gebeugt und kramte Spitzenkleidchen
hervor. »Steh nicht rum und glotz wie dieser Schwachkopf von
deinem Bruder; zünd die Laterne an, du dummes Gör.«
»Der Eintopf steht auf dem Ofen, Mrs Swindell«, erwiderte
Eliza und beeilte sich, die Gaslampe anzuzünden. »Und die Kleider sind schon fast
trocken.«
»Das will ich auch hoffen. Schließlich ist Wäschewaschen deine einzige
Beschäftigung, während ich mich tagein, tagaus da
draußen abrackere, um ein bisschen Geld zu verdienen. Manchmal denke ich, ich wäre
besser dran, wenn ich mich selbst darum
kümmern und dich und deinen Bruder rauswerfen würde.« Sie
seufzte angewidert und setzte sich auf ihren Stuhl. »Komm her
und zieh mir die Schuhe aus.«
139
Während Eliza auf dem Boden kniete und die engen Schuhe
lockerte, ging die Tür erneut auf. Es war Sammy, von Kopf bis
Fuß schwarz vom Kohlenstaub. Wortlos streckte Mrs Swindell
ihre knochige Hand aus.
Sammy wühlte in der Brusttasche seiner Latzhose. Zog zwei
Goldmünzen hervor und gab sie gehorsam ab. Mrs Swindell beäugte sie misstrauisch,
trat Eliza mit ihrem schweißfeuchten Fuß
aus dem Weg und humpelte zu ihrer Geldschatulle. Mit einem
schlitzäugigen Blick über die Schulter zog sie den Schlüssel aus
der Brusttasche ihrer Bluse und steckte ihn in das Schloss. Legte
die beiden Münzen zu den anderen und überschlug gierig
schmatzend die Gesamtsumme.
Sammy trat an den Herd, während Eliza zwei Schalen holte.
Sie aßen nie gemeinsam mit den Swindells. Damit die beiden,
wie Mrs Swindell sich ausdrückte, nicht auf die Idee kamen, sie
könnten zur Familie gehören. Schließlich seien sie nur bezahlte
Hilfskräfte, eher Bedienstete als Mieter. Eliza teilte Sammy eine
Portion Eintopf zu, wobei sie jedoch ein Sieb über die Schalen
hielt, wie Mrs Swindell es verlangte, weil sie das gute Fleisch
nicht für so undankbare Taugenichtse vergeuden wollte.
»Du bist müde«, flüsterte Eliza. »Du bist heute Morgen schon
so früh losgegangen.«
Sammy schüttelte den Kopf, er mochte es nicht, wenn sie sich
Sorgen machte.
Eliza warf einen kurzen Blick zu Mrs Swindell hinüber, vergewisserte sich, dass sie
ihnen immer noch den Rücken zukehrte,
und gab ein kleines Stückchen Haxe in Sammys Schale.
Er schaute Eliza mit seinen großen Augen an und riskierte ein
zaghaftes Lächeln. Als sie ihn so dasitzen sah, mit hängenden
Schultern von der schweren Arbeit, das Gesicht voller Ruß aus
den Schornsteinen reicher Leute, dankbar für ein Stückchen ledriger Haxe, hätte sie
seinen schmalen Körper am liebsten in die
Arme genommen und ihn nie mehr losgelassen.
140
»Sieh mal einer an, was für ein rührender Anblick«, sagte Mrs
Swindell und klappte den Deckel der Schatulle zu. »Der arme Mr
Swindell muss sich da draußen abrackern und nach was Verwertbarem im Schlamm
wühlen, bloß um eure undankbaren Mäuler
zu stopfen« - sie fuchtelte mit ihrem knubbligen Finger vor
Sammys Nase -, »während so ein Rotzbengel wie du in seinem
Haus herumlungert. Das kann ja wohl nicht angehen, und das
dulde ich nicht, lass es dir gesagt sein. Wenn diese Wohltäterinnen das nächste Mal
hier auftauchen, bist du reif.«
»Hat Mr Suttborn morgen wieder Arbeit für dich, Sammy?«,
fragte Eliza hastig.
Sammy nickte.
»Und übermorgen?«
Wieder nickte er.
»Das sind noch mal zwei Goldmünzen diese Woche, Mrs
Swindell.«
Wie gut es ihr gelang, ihrer Stimme einen unterwürfigen Ton
zu verleihen!
Und wie wenig es nützte.
»Frechheit! Wie kannst du es wagen, Widerworte zu geben?
Wenn Mr Swindell und ich nicht wären, hätten sie euch Rotznasen längst ins
Armenhaus gesteckt und würden euch dort die
Fußböden schrubben lassen.«
Eliza holte tief Luft. In einer der letzten Anstrengungen, die ihre Mutter vor
ihrem Tod unternommen hatte, war es ihr gelungen,
Mrs Swindell die Zusicherung abzuringen, dass Sammy und Eliza
als Mieter weiterhin unter ihrem Dach bleiben könnten, solange
sie die Miete aufbrachten und Haushaltsgeld zahlten. »Aber Mrs
Swindell«, erwiderte Eliza vorsichtig, »Mutter hat gesagt, Sie
hätten sich verpflichtet …«
»Verpflichtet? Verpflichtet?« In ihren wutverzerrten Mundwinkeln bildeten sich
Speichelbläschen. »Ich besorg dir gleich
verpflichtet. Ich habe mich dazu verpflichtet, dir den Hintern zu
141
versohlen, bis du nicht mehr sitzen kannst.« Sie sprang auf und
langte nach einem Lederriemen, der neben der Tür hing.
Eliza blieb tapfer stehen, auch wenn ihr Herz wie verrückt
klopfte.
Mrs Swindell trat einen Schritt vor, dann blieb sie plötzlich
stehen, und ein grausamer Zug legte sich um ihren Mund. Wortlos drehte sie sich zu
Sammy um. »Du da«, sagte sie. »Komm
her.«
»Nein«, rief Eliza mit einem Blick in Sammys Richtung.
»Nein, es tut mir leid, Mrs Swindell. Es war wirklich unverschämt von mir, Sie
haben recht. Ich … ich werde es wiedergutmachen. Morgen werde ich im Laden Staub
wischen und die Eingangstreppe schrubben. Ich werde … ich werde …«
»Das Klo scheuern und den Dachboden von Ratten befreien.«
»Ja«, nickte Eliza. »Das mache ich alles.«
Mit beiden Händen zog Mrs Swindell den Riemen vor sich
straff und blickte mit zusammengekniffenen Augen über den ledernen Horizont hinweg
von Eliza zu Sammy. Schließlich ließ sie
ein Ende los und hängte den Riemen wieder an seinen Platz neben der Tür.
»Danke, Mrs Swindell«, flüsterte Eliza, der vor Erleichterung
beinahe schwindlig wurde.
Mit zittrigen Händen reichte sie Sammy die Schale mit Eintopf
und ergriff die Schöpfkelle, um sich selbst eine Portion zu nehmen.
»Stopp!«, fauchte Mrs Swindell.
Eliza blickte auf.
»Du«, sagte Mrs Swindell und zeigte auf Sammy. »Du putzt
die neuen Flaschen und räumst sie ins Regal. Eintopf gibt’s erst,
wenn du damit fertig bist.« Dann wandte sie sich an Eliza. »Und
du, verschwinde nach oben und mach, dass du mir aus den Augen
kommst.« Ihre schmalen Lippen zitterten. »Du gehst heute Abend
leer aus, zur Strafe für deine Aufsässigkeit.«
142
Als kleines Mädchen hatte Eliza sich oft vorgestellt, dass ihr Vater eines Tages
kommen und sie retten würde. Nach ihrer Mutter
und dem Ripper eignete sich ihr Vater als tapferer Held hervorragend für Elizas
Geschichten. Manchmal, wenn ihr das Auge
schon vom Druck gegen den Spalt in der Mauer schmerzte,
streckte sie sich oben auf dem Regalbrett aus und träumte von
ihrem heldenhaften Vater. Dann redete sie sich ein, dass ihre
Mutter sich geirrt hatte, dass er in Wirklichkeit gar nicht ertrunken, sondern auf
eine wichtige Entdeckungsreise geschickt worden war und eines Tages zurückkehren
würde, um sie von den
Swindells zu befreien.
Sie wusste, dass es nur ein Wunschtraum war, der sich ebenso
wenig erfüllen würde, wie damit zu rechnen war, dass Feen und
Kobolde aus den Mauerritzen am Kamin sprangen, doch das
minderte ihr Vergnügen, sich die Rückkehr ihres Vaters in allen
Farben auszumalen, nicht im Geringsten. Er würde vor dem Haus
der Swindells auftauchen - hoch zu Ross natürlich. Er würde
nicht in einer Kutsche sitzen, sondern als Reiter auf einem
schwarzen Pferd mit glänzender Mähne und langen, muskulösen
Beinen erscheinen. Und die Leute auf der Straße würden alles
stehen und liegen lassen, um diesen Mann zu bestaunen, ihren
Vater, in seinem schmucken schwarzen Reiterkostüm. Mrs Swindell mit ihrem
verhärmten, verkniffenen Gesicht würde über ihre
Wäscheleine lugen, über all die hübschen Kleidchen hinweg, die
sie am Morgen geraubt hatte, und sie würde Mrs Barker zurufen,
sie solle herkommen und sich ansehen, was geschah. Und alle
würden wissen, wer dieser Mann war, dass er Elizas und Sammys
Vater war, der kam, um seine Kinder zu retten. Und er würde mit
ihnen zum Fluss hinunterreiten, wo sein Schiff vor Anker lag,
und sie würden über die Meere segeln in ferne Länder, von denen
sie noch nie etwas gehört hatte.
Manchmal, wenn es Eliza gelungen war, sie dazu zu überreden,
mit ihr zusammen Geschichten zu erfinden, hatte ihre Mutter vom
Meer erzählt. Denn sie hatte es mit eigenen Augen gesehen und
143
konnte ihre Geschichten mit magischen Geräuschen und Gerüchen untermalen -
krachende Brecher und salzige Luft und feiner
weißer Sand, ganz anders als die schwarzen Ablagerungen im
Flussschlamm. Leider kam es nur selten vor, dass ihre Mutter
sich aufs Geschichtenerzählen einließ. Denn im Grunde mochte
sie keine Geschichten, schon gar nicht die von Elizas heldenhaftem Vater. »Du musst
lernen, zwischen Märchen und Wahrheit
zu unterscheiden, Liebes«, sagte sie immer wieder. »Märchen
haben die Angewohnheit, zu früh zu enden. Man erfährt nie, was
hinterher geschieht, nachdem der Prinz und die Prinzessin glücklich entschwunden
sind.«
»Was meinst du damit, Mama?«, fragte Eliza.
»Was geschieht mit ihnen, wenn sie sich in der Welt zurechtfinden müssen? Wenn sie
Geld verdienen und sich den Fährnissen des Lebens stellen müssen?«
Eliza konnte das nicht verstehen. Die Frage kam ihr albern vor,
auch wenn sie das ihrer Mutter nicht sagte. Es ging um Prinzen
und Prinzessinnen, die brauchten sich nicht in der Welt zurechtzufinden, die
mussten bloß bis in ihr Zauberschloss gelangen.
»Du darfst nicht darauf warten, dass jemand kommt, um dich
zu retten«, fuhr ihre Mutter dann fort, den Blick in die Ferne gerichtet. »Ein
Mädchen, das auf einen Retter wartet, lernt nicht,
auf eigenen Füßen zu stehen. Selbst wenn es die Mittel hat, fehlt
ihm der Mut. So darfst du nicht werden, Eliza. Du musst den Mut
finden, für dich selbst zu sorgen, du darfst dich nicht auf andere
verlassen.«
Allein in ihrem Dachzimmer, kochend vor Wut auf Mrs Swindell und voller Zorn über
ihre eigene Machtlosigkeit, kletterte
Eliza in den unbenutzten offenen Kamin. Vorsichtig, ganz langsam, machte sie sich
so lang, wie sie konnte, ertastete den losen
Ziegelstein und zog ihn heraus. In der kleinen Nische dahinter
berührten ihre Finger den vertrauten Deckel des kleinen tönernen
Senfkrugs, seine kühle Oberfläche und die abgerundeten Ecken.
Darauf bedacht, nur ja kein Geräusch zu machen, das durch den
144
Kamin nach unten und an Mrs Swindells Ohren dringen konnte,
nahm sie den Krug aus seinem Versteck.
Der Krug hatte ihrer Mutter gehört, und er war jahrelang ihr
Geheimnis gewesen. Wenige Tage vor ihrem Tod hatte sie Eliza
in einem ihrer seltenen wachen Momente von dem Versteck erzählt und sie gebeten,
ihr zu bringen, was sich darin befand. Eliza
hatte ihr den Tonkrug ans Bett gebracht, voller Verwunderung
über den rätselhaften, geheimen Gegenstand.
Vor Aufregung kribbelten Eliza die Fingerspitzen, während sie
darauf wartete, dass ihre Mutter den Deckel entfernte. In den letzten Tagen waren
Mamas Bewegungen unbeholfen geworden, zudem klebte der Deckel an einem Wachsrand
fest. Doch schließlich gelang es ihr, ihn zu lösen.
Eliza blieb vor Verblüffung beinahe das Herz stehen. Sie hatte
so viele Fragen, und dennoch brachte sie kein einziges Wort heraus. In dem Krug
befand sich eine Brosche, bei deren Anblick
Mrs Swindell heiße Tränen über das verhärmte Gesicht gelaufen
wären. Sie war so groß wie ein Penny, und der Rand war mit
Edelsteinen besetzt, roten, grünen und funkelnden weißen.
Elizas erster Gedanke war, dass die Brosche gestohlen sein
musste, auch wenn sie sich nicht vorstellen konnte, dass ihre
Mutter so etwas tun könnte. Aber wie sonst sollte sie in den Besitz eines solch
prächtigen Schatzes gelangt sein? Wo konnte er
herkommen?
So viele Fragen, doch Eliza wagte nicht, sie auszusprechen,
und hätte sie etwas gesagt, hätte ihre Mutter sicher sowieso nichts
gehört, denn sie war mit einem Gesichtsausdruck in den Anblick
der Brosche versunken, den Eliza noch nie zuvor bei ihr gesehen
hatte.
»Diese Brosche bedeutet mir sehr viel«, stieß ihre Mutter hervor, »sehr, sehr
viel.« Sie drückte Eliza den Tonkrug in die Hand,
so als könnte sie es nicht länger ertragen, ihn zu berühren.
145
Der glasierte Topf fühlte sich glatt und kühl an. Eliza wusste
nicht, wie sie sich verhalten sollte. Die Brosche, der seltsame Gesichtsausdruck
ihrer Mutter … es kam alles so plötzlich.
»Weißt du, was das ist, Eliza?«
»Eine Brosche, Mama. Ich habe schon öfter elegante Damen
gesehen, die so etwas tragen.«
Ihre Mutter lächelte schwach, sodass Eliza schon glaubte, die
falsche Antwort gegeben zu haben.
»Oder vielleicht ein Anhänger? Der sich von der Kette gelöst
hat?«
»Die erste Antwort war schon richtig, Eliza. Es ist eine Brosche, und zwar eine
ganz besondere.« Sie rang die Hände. »Weißt
du, was das ist hinter dem Glas?«
Eliza betrachtete das Muster aus rot-gold gewirkten Fäden.
»Vielleicht eine Stickerei?«
Wieder lächelte ihre Mutter. »In gewisser Weise ja, aber nicht
aus Fäden hergestellt.«
»Aber ich sehe die Fäden. Sie sind zu einer Schnur geflochten.«
»Es sind Haarsträhnen, Eliza, von den Frauen meiner Familie.
Von meiner Großmutter, meiner Urgroßmutter und meiner Ur
urgroßmutter. Das ist eine Tradition. Eine solche Brosche wird
Trauerbrosche genannt.«
»Warum?«
Ihre Mutter streichelte zärtlich über Elizas Zopf. »Weil sie uns
an diejenigen erinnert, die von uns gegangen sind. Die vor uns da
waren und uns zu dem gemacht haben, was wir sind.«
Eliza nickte feierlich, weil sie spürte, auch wenn ihr nicht ganz
klar war, warum, dass ihre Mutter ihr etwas Wichtiges anvertraute.
»Die Brosche ist sehr wertvoll, Eliza, doch ich habe es nie
übers Herz bringen können, sie zu verkaufen. Ich bin immer wieder Opfer meiner
Sentimentalität geworden, aber das sollte dich
nicht aufhalten.«
146
»Was meinst du damit?«
»Ich bin sehr, sehr krank, mein Kind. Eines Tages wirst du für
Sammy und dich selbst sorgen müssen. Es könnte notwendig
werden, die Brosche zu verkaufen.«
»Nein, Mama …«
»Es könnte notwendig werden, und du wirst dich entscheiden
müssen. Lass dich nicht von meinen Gefühlen beeinflussen, hörst
du?«
»Ja, Mama.«
»Aber wenn du sie verkaufen musst, Eliza, sei sehr vorsichtig.
Sie darf nicht offiziell verkauft werden, es darf darüber keine Unterlagen geben.«
»Warum denn nicht?«
Ihre Mutter schaute sie an. Eliza kannte den Blick, so hatte sie
Sammy schon oft angesehen, wenn sie überlegt hatte, wie viel sie
ihm sagen konnte.
»Weil meine Familie es herausfinden würde.« Eliza schwieg.
Es kam äußerst selten vor, dass ihre Mutter über ihre Familie oder
über ihre Vergangenheit sprach. »Ich fürchte, meine Familie hat
die Brosche als gestohlen gemeldet.«
Eliza hob erschrocken die Brauen.
»Fälschlicherweise, Liebes, denn sie gehört mir. Meine Mutter
hat sie mir zu meinem sechzehnten Geburtstag geschenkt, sie ist
ein Erbstück, das sich schon lange im Besitz unserer Familie befindet.«
»Aber wenn sie dir doch gehört, warum darf dann niemand
wissen, dass du sie hast?«
»Der Verkauf würde unseren Aufenthaltsort verraten, und das
darf nicht geschehen.« Sie nahm Elizas Hand, die Augen geweitet, das Gesicht blass
von der Mühe, die ihr das Sprechen bereitete. »Hast du das verstanden?«
Eliza nickte, sie hatte verstanden. Zumindest halbwegs. Ihre
Mutter machte sich Sorgen wegen des bösen Mannes, vor dem sie
die Kinder immer wieder warnte. Der überall sein konnte, hinter
147
Ecken lauerte und darauf wartete, sie zu fangen. Eliza hatte diese
Geschichten immer gemocht, auch wenn ihre Mutter nie genug
Einzelheiten beschrieb, um ihre Neugier zu befriedigen. Es blieb
Eliza überlassen, die Warnungen ihrer Mutter mit Details auszuschmücken, dem Mann
ein Glasauge zu verpassen und einen
Korb mit Schlangen sowie einen geifernden Mund, wenn er höhnisch lachte.
»Soll ich dir deine Medizin holen, Mama?«
»Ach, Eliza, du bist ein gutes Mädchen.«
Eliza stellte den Tonkrug neben ihre Mutter aufs Bett und holte
die kleine Flasche mit dem Laudanum. Als sie zurückkam, berührte ihre Mutter eine
Strähne, die sich aus Elizas Zopf gelöst
hatte.
»Sorge gut für Sammy«, sagte sie. »Und pass auf dich selbst
auf. Denk immer daran, dass auch der scheinbar Schwache etwas
verändern kann. Du musst tapfer sein, wenn ich … falls mir irgendetwas zustoßen
sollte.«
»Natürlich, Mama, aber dir wird nichts zustoßen.« Eliza glaubte ihren eigenen
Worten nicht, und ihre Mutter ebenso wenig. Jeder wusste, was mit Leuten geschah,
die an Schwindsucht litten.
Mit Mühe nahm ihre Mutter einen Schluck von ihrer Medizin
und lehnte sich dann erschöpft zurück. Ihr rotes Haar breitete sich
auf dem Kopfkissen aus, sodass die Narbe an ihrem bleichen Hals
zu sehen war, die feine Linie, die nie schwächer geworden war
und die Eliza zu ihrer Geschichte von der Begegnung ihrer Mutter mit dem Ripper
inspiriert hatte. Eine von vielen Geschichten,
die sie ihrer Mutter nie erzählte.
Mit noch immer geschlossenen Augen sprach ihre Mutter jetzt
hastig und stoßweise: »Eliza, meine Kleine, ich sage es nur einmal. Wenn er dich
findet und du fliehen musst, dann, und nur
dann, nimm den Krug. Geh mit der Brosche nicht zu Christie’s,
auch nicht zu den anderen großen Auktionshäusern. Die bewahren alle Unterlagen auf.
Geh einfach um die nächste Straßenecke
und frag im Haus von Mr Baxter. Er wird dir sagen, wie du Mr
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John Picknick findest. Mr Picknick wird wissen, was zu tun ist.«
Ihre Augenlider zitterten von der Anstrengung, die sie die Worte
gekostet hatten. »Hast du verstanden?«
Eliza nickte.
»Hast du verstanden?«
»Ja, Mama, ich habe verstanden.«
»Bis es so weit ist, vergiss einfach, dass die Brosche überhaupt
existiert. Fass sie nicht an, zeig sie auch nicht Sammy, erzähl keiner
Menschenseele davon. Und, Eliza?«
»Ja, Mama?«
»Sieh dich immer vor dem Mann vor, von dem ich dir erzählt
habe.«
Und Eliza hatte Wort gehalten. Wenigstens weitgehend. Sie hatte
den Krug nur zweimal hervorgeholt, und das auch nur, um die
Brosche anzuschauen. Um leicht mit den Fingerspitzen über die
Oberseite zu fahren, genau wie ihre Mutter es getan hatte, um ihre Magie, ihre
unschätzbare Kraft zu spüren, dann hatte sie den
Deckel wieder sorgsam mit Wachs versiegelt und den Krug an
seinen Ort zurückgestellt.
Aber als sie den Krug diesmal erneut herausnahm, tat sie es
nicht, um die Trauerbrosche ihrer Mutter zu betrachten. Eliza
bewahrte mittlerweile selbst etwas in dem Krug auf. Ihren eigenen Schatz, ihre
eigene Vorsorge für die Zukunft. Sie hob den
kleinen Lederbeutel heraus und umfasste ihn fest mit ihrer Hand.
Zog Kraft aus seiner Festigkeit. Sammy hatte das Beutelchen auf
der Straße gefunden und ihr geschenkt. Das Spielzeug irgendeines reichen Kindes,
verloren und vergessen, gefunden und wieder
zum Leben erweckt. Eliza hatte es sofort versteckt. Sie wusste
genau, dass die Swindells, falls sie es zu Gesicht bekämen, große
Augen machen, es ihr abnehmen und in ihren Laden bringen
würden. Aber Eliza wollte dieses Kleinod für sich behalten. Es
war ein Geschenk, und es gehörte jetzt ihr. Es gab nicht viel, wovon sie das hätte
behaupten können.
149
Sie brauchte ein paar Wochen, bis sie eine Verwendung dafür
fand, als Versteck für ihre geheimen Münzen, die der Rattenfänger Matthew Rodin ihr
gezahlt hatte und von denen die Swindells
nichts wussten. Eliza besaß großes Geschick im Rattenfangen,
auch wenn sie es nur widerstrebend tat. Schließlich versuchten
die Ratten auch nur, so gut es ging in einer Stadt zu überleben,
die weder etwas für die Sanftmütigen noch für die Schwachen
übrig hatte. Sie versuchte nicht daran zu denken, was ihre Mutter
davon halten würde - sie hatte immer ein Herz für Tiere gehabt -,
und sagte sich, dass ihr einfach nichts anderes übrig blieb. Wenn
sie und Sammy je eine Chance haben wollten, dann brauchten sie
eigenes Geld. Geld, von dem die Swindells nichts ahnten.
Eliza saß am Rand des Kamins, den Tonkrug auf dem Schoß,
und wischte sich die rußigen Hände an der Innenseite ihres Rocks
ab. Es wäre nicht gut, sie dort abzuwischen, wo Mrs Swindell es
bemerken würde. Sie durfte auf keinen Fall deren Verdacht erregen.
Als Eliza überzeugt war, dass ihre Hände sauber genug waren,
löste sie das seidene Band an dem Beutelchen, weitete vorsichtig
die Öffnung und lugte hinein.
Sorg für dich selbst, hatte ihre Mutter ihr aufgetragen, und
kümmere dich um Sammy. Und genau das hatte Eliza vor. In dem
Beutel befanden sich vier Münzen. Zwölf Pence. Noch drei Pence, und sie hätte
genug, um fünfzig Apfelsinen kaufen zu können.
Das war alles, was sie brauchten, um als Apfelsinenverkäufer anzufangen. Von dem
Geld, das sie dabei verdienen würden, könnten sie sich neue Apfelsinen kaufen, und
dann würden sie eigenes
Geld verdienen. Sie hätten ihr eigenes kleines Geschäft. Und
dann hätten sie die Freiheit, sich ein neues Zuhause zu suchen,
wo sie sicher wären vor den habgierigen, bösartigen Blicken der
Swindells und vor der immerwährenden Gefahr, den Wohltäterinnen ausgeliefert und
ins Armenhaus gesteckt zu werden …
Schritte auf dem Treppenabsatz.
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Eliza verstaute die Münzen schnell wieder, zog den kleinen
Beutel zu und schob ihn in den Tonkrug. Mit klopfendem Herzen
stellte sie den Krug zurück in den Schornstein; sie würde ihn später versiegeln.
Gerade rechtzeitig gelang es ihr, sich auf ihr klappriges Bett zu setzen, als wäre
nichts geschehen.
Als sich die Tür öffnete, stand Sammy da, von Kopf bis Fuß
rußgeschwärzt.
In der dunklen Tür, eine schwach brennende Kerze in der
Hand, kam er Eliza so dünn vor, dass sie zuerst dachte, es läge
am Zwielicht. Als sie ihn anlächelte, trat er zu ihr, langte in seine
Tasche und holte eine kleine Kartoffel hervor, die er aus Mrs
Swindells Vorratsschrank stibitzt hatte.
»Sammy!«, schalt sie ihn und nahm die weiche Kartoffel. »Du
weißt doch genau, dass sie sie immer abzählt. Sie kann sich ausrechnen, dass du sie
genommen hast.«
Sammy zuckte die Achseln und begann, sich in der Waschschüssel neben dem Bett das
Gesicht zu reinigen.
»Danke«, sagte Eliza und verstaute die Kartoffel schnell in ihrem Nähkorb, als
Sammy wegsah. Sie würde sie am nächsten
Morgen zurücklegen.
»Es wird kalt«, sagte sie und zog ihre Kittelschürze aus, unter
der sie nur einen Unterrock trug. »Dieses Jahr kommt die Kälte
ziemlich früh.« Zitternd legte sie sich ins Bett unter die dünne
graue Decke.
In Unterhemd und Unterhose schlüpfte Sammy zu Eliza unter
die Decke. Seine Füße waren eiskalt, und sie versuchte sie mit
ihren eigenen zu wärmen.
»Alles wird gut werden«, sagte Eliza in Gedanken an ihr ledernes Beutelchen und an
die zwölf Pence, die sich darin befanden.
»Ich werde dafür sorgen, Sammy, ich versprech es dir.«
Schweigen.
»Soll ich dir eine Geschichte erzählen?«
Sie spürte, wie sich sein Kopf bewegte und seine Haare ihre
Wange kitzelten, als er nickte. Und so begann sie mit ihrer Lieb151
lingsgeschichte: »Es war einmal vor langer Zeit, die Nacht war
kalt und dunkel, und die junge Prinzessin war ganz allein auf der
Straße unterwegs. Die Zwillinge in ihrem Bauch strampelten und
wanden sich, als sie hinter sich Schritte vernahm. Sofort wusste
sie, welch böse Gestalt ihr nachstellte …«
Diese Geschichte erzählte sie schon seit Jahren, allerdings
nicht, wenn ihre Mutter in der Nähe war, die immer fürchtete, sie
würde Sammy mit solchen Schauergeschichten bloß Angst einjagen. Ihre Mutter
verstand nicht, dass Kinder keine Angst vor Geschichten hatten, dass sie in der
Realität weitaus beängstigendere
Dinge erlebten, als in diesen Märchen je vorkamen.
156
16 London England, 1900
Der Nebel war dick und so gelb wie Pastinaken und Maissuppe.
Er war über Nacht hereingekrochen, auf dem Fluss entlanggerollt
und hatte sich schwer über die Straßen gelegt, hüllte die Häuser
ein und quoll durch die Türritzen. Eliza lugte durch den Spalt
zwischen den Mauersteinen. Unter dem reglosen Mantel aus Nebel verwandelten sich
Häuser, Gaslaternen und Mauern in riesige
Schatten, die hin und her schwankten, während die schwefligen
Wolken sich um sie herumschoben.
Mrs Swindell hatte ihr einen Stapel Wäsche hingelegt, aber
soweit Eliza sehen konnte, war es sinnlos, bei diesem Nebel zu
waschen - was weiß war, würde bis zum Abend grau sein. Genauso gut konnte sie die
Sachen einfach nass aufhängen, ohne sie
vorher zu waschen, und genau das hatte sie getan. Das sparte Seife, ganz zu
schweigen von ihrer Zeit. Denn Eliza wusste Besseres
zu tun, wenn so dichter Nebel herrschte - bei einem solchen Wetter konnte man sich
noch besser verstecken und anschleichen.
Der Ripper war eins ihrer Lieblingsspiele. Anfangs hatte Eliza
sich noch allein damit vergnügt, aber mit der Zeit hatte sie auch
Sammy die Regeln beigebracht, und jetzt spielten sie abwechselnd die Rollen
»Mutter« und »Ripper«. Eliza wusste selbst
nicht so genau, welche Rolle sie bevorzugte. Den Ripper, dachte
sie manchmal, wegen seiner Macht. Die Mischung aus Schuldbewusstsein und Erregung
verursachte ihr eine Gänsehaut, wenn
sie sich von hinten an Sammy heranschlich, und sie musste sich
jedes Mal das Kichern verkneifen, wenn sie kurz davor war, ihn
zu schnappen …
Aber die Rolle der Mutter hatte auch ihren Reiz. Schnell zu
gehen, aufzupassen, sich nicht umzudrehen, sich zu beherrschen,
um nicht zu laufen und dennoch schneller zu sein als die Schritte
hinter ihr, während ihr Herz immer lauter klopfte, bis es alles an-
157
dere übertönte und sie die Warnsignale nicht mehr hören konnte.
Die Angst jagte ihr köstliche Schauer über die Haut.
Obwohl die Swindells gerade beide auf Beutejagd waren (Nebel war ein Geschenk für
die Sorte Flussanwohner, die sich mit
skrupellosen Mitteln durchschlugen), schlich Eliza auf leisen
Sohlen die Treppe hinunter, vorsichtig darauf bedacht, die knarrende vierte Stufe
zu vermeiden, denn Sarah, das Mädchen, das
auf Hatty, die Tochter der Swindells, aufpasste, machte sich gern
bei den Hausherren beliebt, indem sie Eliza verpetzte.
Am Fuß der Treppe blieb Eliza kurz stehen und ließ ihren
Blick über die vollgestopften Regale des Ladens wandern. Der
Nebel war durch die Ritzen gekrochen, hatte sich schwer über
alles gelegt und bildete eine gelbliche Wolke um die flackernde
Gasflamme. Sammy saß in der hinteren Ecke auf einem Hocker
und putzte Flaschen, den Eliza so vertrauten Ausdruck im Gesicht, den er nur
aufsetzte, wenn er seinen Tagträumen nachhing.
Nachdem sie sich kurz vergewissert hatte, dass Sarah nicht
lauschte, ging Eliza auf Zehenspitzen zu ihm.
»Sammy!«, flüsterte sie.
Keine Reaktion, offenbar hatte er sie nicht gehört.
»Sammy!«
Sein Knie hörte auf zu wippen, er beugte sich vor und lugte
hinter dem Tresen hervor. Die glatten Haare hingen ihm strähnig
ums Gesicht.
»Draußen ist Nebel.«
Sein leerer Gesichtsausdruck sagte ihr, dass ihm das nichts
Neues war. Er zuckte nur die Achseln.
»Dick wie die Brühe im Rinnstein, die Straßenlaternen sind
kaum noch zu sehen. Perfekt für den Ripper.«
Damit hatte sie seine Neugier geweckt. Einen Moment lang
dachte er nach, dann schüttelte er den Kopf. Zeigte auf Mr Swindells Sessel mit dem
fleckigen Kissen, das an der Stelle klebte,
wo sein Rücken sich Abend für Abend hineindrückte, wenn er
aus der Kneipe heimkehrte.
158
»Der merkt doch gar nicht, dass wir nicht da sind. Der kommt
noch lange nicht zurück, und sie auch nicht.«
Wieder schüttelte er den Kopf, allerdings schon etwas weniger
nachdrücklich.
»Die haben den ganzen Nachmittag zu tun und lassen sich
doch die Gelegenheit nicht entgehen, was zu erbeuten.« Eliza
spürte, dass sein Widerstand schwand. Er war schließlich ein Teil
von ihr, und sie war schon immer in der Lage gewesen, seine Gedanken zu lesen.
»Komm, wir bleiben nicht lange weg. Wir gehen nur bis zum Fluss und dann kehren wir
wieder um. Du darfst
dir auch aussuchen, wer du sein willst.«
Das zog, sie hatte es gewusst. Sammys ernste Augen sahen sie
an. Er hob die Hand, ballte sie zu einer kleinen, bleichen Faust,
als würde er ein Messer umklammern.
Während Sammy an der Tür stand und die zehn Sekunden abwartete, die derjenige, der
die Mutter spielte, als Vorsprung bekam,
schlich Eliza sich davon. Geduckt lief sie unter Mrs Swindells
vollgehängten Wäscheleinen hindurch, vorbei am Karren des
Lumpensammlers und weiter in Richtung Fluss. Die Erregung
ließ ihr Herz schneller schlagen. Köstlich, dieses Gefühl der Gefahr. Angst
prickelte unter ihrer Haut, während sie weitereilte,
vorbei an Menschen, Karren, Hunden und Kinderwagen, deren
Umrisse im Nebel verschwammen. Sie hielt die Ohren gespitzt,
lauschte auf Schritte, die sich von hinten anschlichen, näher und
näher kamen.
Im Gegensatz zu Sammy liebte Eliza den Fluss. Er gab ihr das
Gefühl, ihrem Vater nahe zu sein. Ihre Mutter hatte nicht viele
Informationen über ihre Vergangenheit preisgegeben, aber einmal
hatte sie Eliza erzählt, dass ihr Vater an einer anderen Biegung
desselben Flusses aufgewachsen war. Dass er seine Seemannsknoten auf einem
Kohlenschiff gelernt hatte, bevor er auf einem
anderen Schiff angeheuert hatte und zur See gefahren war. Eliza
malte sich gern aus, was er an seiner Flussbiegung alles gesehen
haben mochte, in der Nähe des Execution Docks, wo die Galgen
159
standen. Wo Piraten an Ketten aufgehängt wurden, bis die Gezeiten sie dreimal
hintereinander überschwemmt hatten und sie
den Hempen Jig tanzten, so hatten die Leute das früher genannt.
Eliza erschauerte, stellte sich die leblosen Körper vor, fragte
sich, wie es sich wohl anfühlte, den letzten Atemzug zu tun, der
einem aus dem Hals gewürgt wurde, dann schalt sie sich selbst
dafür, dass sie sich ablenken ließ. Das war genau der Fehler, dem
Sammy meist zum Opfer fiel. Was Sammy betraf, war das ja in
Ordnung, aber Eliza wusste, dass sie vorsichtiger sein musste.
Wo blieben Sammys Schritte? Sie lauschte angestrengt und
konzentrierte sich. Spitzte die Ohren … Möwen am Fluss, schlagende Schiffstaue,
ächzende Masten, ein vorbeirollender Karren,
der Verkäufer von Fliegenfängern, der rief: »Fangt sie lebendig«,
die raschen Schritte einer vorübereilenden Frau, der Zeitungsjunge, der die
neuesten Nachrichten ausrief …
Plötzlich hinter ihr ein Krachen. Ein Pferd wieherte auf. Ein
Mann brüllte irgendetwas.
Elizas Herz pochte, beinahe hätte sie sich umgedreht. Die Versuchung, nachzusehen,
was da los war, war groß, aber sie beherrschte sich noch rechtzeitig. Das war gar
nicht so einfach. Sie
war von Natur aus neugierig, das hatte ihre Mutter auch immer
gesagt und dabei den Kopf geschüttelt, mit der Zunge geschnalzt
und sie ermahnt, dass sie, wenn es ihr nicht gelänge, ihre Gedanken zu bremsen,
eines Tages gegen einen Berg aus ihren Fantastereien rennen würde. Aber wenn Sammy
in der Nähe war und
mitbekam, dass sie sich umdrehte, hatte sie verloren, und sie hatte
schon fast den Fluss erreicht. Der Gestank des Themseschlamms
vermischte sich mit dem schwefligen Geruch des Nebels. Der
Sieg war ihr beinahe sicher, sie musste es nur noch ein Stückchen
weiter schaffen.
Irgendwo hinter ihr waren jetzt ein aufgeregtes Stimmengewirr
und das Bimmeln einer näher kommenden Glocke zu hören.
Wahrscheinlich hatte wieder irgendein blödes Pferd den Karren
des Scherenschleifers gerammt; im Nebel drehten die Pferde im160
mer durch. So ein Mist! Wie sollte sie Sammy bei dem Lärm hören, wenn er sie jetzt
angriff?
Die Steinmauer am Flussufer tauchte auf, nur ein verschwommener Umriss ohne feste
Konturen.
Eliza grinste und legte die letzten paar Meter rennend zurück.
Genau genommen verstieß es gegen die Regeln loszulaufen,
aber sie konnte nicht anders. Quietschend vor Vergnügen klatschte sie mit der Hand
an die glitschige Mauer. Sie hatte es geschafft, sie hatte gewonnen, den Ripper
wieder einmal ausgetrickst.
Eliza zog sich auf die Mauer hoch und schaute triumphierend
die Straße hinunter, aus der sie gekommen war. Während sie die
Beine baumeln ließ, sodass ihre Hacken rhythmisch gegen die
Mauer schlugen, wartete sie darauf, dass Sammy aus dem dichten
Nebel auftauchte. Der arme Sammy. Er war bei Spielen nie so gut
gewesen wie sie, brauchte länger, die Regeln zu lernen, und es
fiel ihm schwer, die ihm zugewiesene Rolle auszufüllen. Sich zu
verstellen, lag ihm nicht, ganz im Gegensatz zu Eliza, die als
Schauspielerin ein Naturtalent war.
Als Eliza sich von ihren Gedanken losriss, drangen die Gerüche und Geräusche der
Straße wieder auf sie ein. Mit jedem
Atemzug schmeckte sie den öligen Nebel, und das Glockengebimmel, das sie zuvor
schon gehört hatte, wurde lauter und kam
immer näher. Die Leute um sie herum wirkten auf einmal ganz
aufgeregt und eilten in die Richtung, in die sie immer rannten,
wenn der Sohn des Lumpensammlers wieder einmal einen epileptischen Anfall bekam
oder der Leierkastenmann dem Viertel einen Besuch abstattete.
Natürlich! Der Leierkastenmann, das war die Erklärung für
Sammys Ausbleiben. Eliza sprang so hastig von der Mauer, dass
sie sich den Schuh an einem vorspringenden Stein aufscheuerte.
Sammy konnte Musik nicht widerstehen, wahrscheinlich stand
er beim Leierkastenmann, bestaunte mit offenem Mund die Orgel
und hatte den Ripper und das Spiel längst vergessen.
161
Sie folgte den laut durcheinanderrufenden Menschen, von denen jetzt immer mehr
zusammenströmten. Die Glocke war schon
ganz nahe, und plötzlich erkannte Eliza den Klang. Es war die
Glocke des Ambulanzwagens. Vielleicht hatte es den Sohn des
Lumpenhändlers wieder einmal erwischt.
Dann kam der Wagen auch schon um die Flussbiegung geprescht in Richtung der Menge.
Der Mann auf dem Kutschbock
läutete mit der Glocke und schrie den Leuten zu, sie sollten aus
dem Weg gehen und den Wagen durchlassen.
Eliza rannte schneller. Beim Anblick des Ambulanzwagens
hatte eine undefinierbare Angst sie gepackt, und sie schob sich
mit wild pochendem Herzen durch die Menschenmenge. Elegante
Damen in Ausgehkleidern, Herren im Frack, Straßenjungen,
Waschfrauen, Büroangestellte. Unter Einsatz ihrer Ellbogen
kämpfte sie sich vorwärts, nur von dem einen Gedanken beseelt,
Sammy zu finden. Von weiter vorn drangen die ersten Informationen zu ihr durch.
Eliza schnappte Fetzen auf von dem, was
sich die Leute um sie herum über ihren Kopf hinweg aufgeregt
zuflüsterten: ein schwarzes Pferd war plötzlich aus dem Nebel
aufgetaucht; ein kleiner Junge, der es nicht hatte kommen sehen;
der furchtbare Nebel …
Nicht Sammy, redete sie sich ein, es konnte nicht Sammy sein.
Er war doch direkt hinter ihr gewesen, sie hatte auf seine Schritte
gelauscht …
Sie näherte sich dem Ort des Geschehens, konnte beinahe
schon etwas erkennen im dichten Nebel. Mit angehaltenem Atem
drängte sie sich durch die erste Reihe der Schaulustigen, bis sie
die grausige Szene vor sich sah. Sie nahm alles mit einem Blick
wahr, begriff auf der Stelle. Das schwarze Pferd, der Sanitäter,
der auf dem Boden kniete, der schmächtige Körper des Jungen.
Rötliches, blutverklebtes Haar auf dem Kopfsteinpflaster. Die
Brust aufgerissen von einem Pferdehuf, die blauen Augen leer.
Der Sanitäter schüttelte den Kopf. »Der ist hinüber. Der Kleine
hatte keine Chance.«
162
Eliza betrachtete das Pferd. Es war nervös, verängstigt von
dem Nebel, der Menschenmenge, dem Lärm. Aus den Nüstern
stieß es heiße Atemwolken aus.
»Kennt irgendjemand den Jungen?«
Bewegung kam in die Menge, als die Leute einander fragend
anschauten, mit den Schultern zuckten und die Köpfe schüttelten.
»Irgendwie kommt er mir bekannt vor«, sagte eine Stimme unsicher.
Eliza fing den Blick aus den glänzenden Augen des Pferds auf.
Während die Welt mit all ihren Geräuschen sich um sie zu drehen
schien, stand das Pferd reglos da. Sie sahen einander an, und in
diesem Augenblick hatte sie das Gefühl, es könnte in sie hineinsehen. Als erblickte
es die Leere, die sich plötzlich aufgetan hatte
und die sie bis an ihr Lebensende nie mehr würde füllen können.
»Irgendwer muss ihn doch kennen«, sagte der Sanitäter.
Schweigen legte sich über die Menge, was die Atmosphäre
noch unheimlicher machte.
Eigentlich müsste sie diesen schwarzen Gaul hassen, dachte
Eliza, seine kräftigen Beine und die glatten harten Schenkel, aber
sie tat es nicht. Auge in Auge mit ihm empfand sie fast eine Art
Erkennen, als würde das Pferd, wie niemand sonst es vermochte,
die Leere in ihr verstehen.
»Also gut«, sagte der Sanitäter. Auf seinen Pfiff hin sprangen
zwei junge Burschen von dem Wagen. Einer hob die Leiche des
Jungen hinauf, der andere kippte einen Eimer Wasser auf die
Straße und begann, das blutverschmierte Pflaster zu schrubben.
»Ich glaube, er wohnt in der Battersea Bridge Road«, sagte jemand mit langsamer,
gleichmäßiger Stimme. Eine Stimme wie
von einem der Männer aus der Anwaltskanzlei, nicht direkt ein
feiner Pinkel, aber vornehmer als die übrigen Flussanrainer.
Der Sanitäter hob den Blick, um festzustellen, von wem diese
Erklärung gekommen war.
163
Ein hochgewachsener Mann mit einem Kneifer und einem
gepflegten, wenn auch abgetragenen Gehrock trat aus dem Nebel
vor. »Ich habe ihn erst kürzlich dort gesehen.«
Gemurmel setzte ein, als die Umstehenden diese Information
verdauten und noch einmal einen Blick auf die übel zugerichtete
Leiche des Jungen warfen.
»Irgendeine Ahnung, in welchem Haus, Sir?«
Der große Mann schüttelte nur den Kopf. »Das kann ich Ihnen
leider nicht sagen.«
Der Sanitäter nickte, dann gab er seinen Helfern ein Zeichen.
»Wir bringen ihn in die Battersea Bridge Road und hören uns um.
Irgendwer muss ihn ja kennen.«
Das Pferd nickte Eliza dreimal zu, dann wandte es sich mit einem Seufzer ab.
Eliza blinzelte. »Warten Sie«, sagte sie, beinahe flüsternd.
Der Sanitäter schaute sie an. »Was gibt’s?«
Alle starrten sie an, dieses magere Mädchen mit dem langen,
rotblonden Zopf. Eliza streifte kurz den Blick des Mannes mit
dem Kneifer. Die Gläser glänzten weiß, sodass sie seine Augen
dahinter nicht sehen konnte.
Der Sanitäter hob die Hand, um die Menge zum Schweigen zu
bringen. »Also gut, Kind. Wie heißt denn dieser Unglücksrabe?«
»Er heißt Sammy Makepeace«, sagte Eliza, »und er ist mein
Bruder.«
Für ihre Beerdigung hatte ihre Mutter etwas zur Seite gelegt, für
ihre Kinder jedoch hatte sie keine solche Vorkehrung getroffen.
Das war nur verständlich, denn welche Eltern würden so etwas
für nötig halten?
»Er bekommt ein Armenbegräbnis draußen auf St. Bride’s«,
verkündete Mrs Swindell später am selben Nachmittag. Sie
schlürfte etwas Suppe, dann zeigte sie mit ihrem Löffel auf Eliza,
die auf dem Fußboden saß. »Sie machen die Grube am Mittwoch
wieder auf. Bis dahin werden wir ihn wohl oder übel hierbehalten
164
müssen.« Sie kaute mit vorgeschobener Unterlippe. »Oben natürlich, das fehlte mir
noch, dass der Gestank die Kunden vergrault.«
Eliza hatte schon von den Armenbegräbnissen auf St. Bride’s
gehört. Die große Grube, die jede Woche einmal geöffnet wurde,
die Stapel von Leichen, der Geistliche, der hastig ein paar Gebete
herunterleierte, um dem fürchterlichen Gestank des Viertels möglichst schnell
wieder zu entkommen. »Nein«, sagte sie, »nicht St.
Bride’s.«
Die kleine Hatty hörte auf, ihr Brot zu kauen. Sie schob sich
den abgebissenen Brocken in die Backe und schaute mit weit geöffneten Augen erst
ihre Mutter, dann Eliza an.
»Nein?« Mrs Swindells dünne Finger umklammerten den Löffel.
»Bitte, Mrs Swindell«, sagte Eliza. »Er soll ein richtiges Begräbnis bekommen. Wie
Mutter.« Sie biss sich auf die Zunge, um
nicht in Tränen auszubrechen. »Ich möchte, dass er bei Mutter
liegt.«
»Ach ja, das möchtest du? Vielleicht auch noch einen von
Pferden gezogenen Leichenwagen? Und wie wär’s mit einem
professionellen Grabredner? Und dann sollen Mr Swindell und
ich natürlich für das schicke Begräbnis aufkommen?« Sie
schnaubte gierig, genoss ihre giftigen Worte. »Im Gegensatz zur
allgemeinen Meinung, kleine Miss, sind wir nicht die Wohlfahrt,
also wenn du nicht selbst das Geld dafür aufbringen kannst, wird
dein Bruder seine letzte Ruhestätte auf St. Bride’s finden. Das ist
für seinesgleichen weiß Gott gut genug.«
»Ich möchte gar keine Kutsche, Mrs Swindell, und auch keinen
Grabredner. Einfach nur ein Begräbnis, ein eigenes Grab.«
»Und wer soll das deiner Meinung nach ermöglichen?«
Eliza schluckte. »Mrs Barkers Bruder ist Leichenbestatter,
vielleicht kann er das ja übernehmen. Wenn Sie ihn fragen, Mrs
Swindell, macht er das bestimmt …«
165
»Ich soll mich wohl für dich und diesen Schwachkopf von deinem Bruder einsetzen?«
»Er ist kein Schwachkopf.«
»Er war immerhin blöd genug, sich von einem Gaul tottrampeln zu lassen.«
»Es war nicht seine Schuld, es war der Nebel.«
Mrs Swindell schlürfte noch etwas Suppe über ihre Unterlippe.
»Er wollte nicht mal rausgehen«, sagte Eliza.
»Natürlich wollte er das nicht«, sagte Mrs Swindell. »Von allein wär der nie auf
solche Ideen gekommen. Das hast du ihm
eingeflüstert.«
»Bitte, Mrs Swindell, ich kann es selbst bezahlen.«
Mrs Swindell hob die buschigen Brauen. »So so. Du kannst das
also selbst bezahlen. Und womit? Mit Versprechungen und Luftschlössern?«
Eliza dachte an den kleinen Lederbeutel, in dem sich mittlerweile fünfzehn Pence
befanden. »Ich … ich habe ein bisschen
Geld.«
Mrs Swindell blieb der Mund offen stehen, und ein Tropfen
Suppe lief ihr übers Kinn.
»Ein bisschen Geld?«
»Nur ein bisschen.«
»Du raffiniertes kleines Luder.« Ihre Lippen kräuselten sich
wie der Rand eines Geldbeutels. »Und wie viel?«
»Fünfzehn Pence.«
Mrs Swindell kreischte laut vor Lachen; ein fürchterliches Geräusch, so fremdartig,
so grob, dass ihre kleine Tochter zu heulen
anfing. »Fünfzehn Pence?«, spottete sie. »Für fünfzehn Pence
kriegst du nicht mal die Sargnägel.«
Mutters Brosche, sie könnte die Brosche verkaufen, dachte Eliza. Sicher, sie hatte
ihrer Mutter versprechen müssen, sich erst
davon zu trennen, wenn der böse Mann gefährlich wurde, aber in
einer solchen Situation …
166
Mrs Swindell hustete, erstickte beinahe an ihrer eigenen Schadenfreude. Sie schlug
sich auf die knochige Brust, dann setzte sie
die kleine Hatty auf den Fußboden, die sofort loskrabbelte. »Verschon mich endlich
mit diesem albernen Gerede, ich kann ja keinen klaren Gedanken fassen.«
Einen Moment lang saß sie schweigend da und musterte Eliza
mit zusammengekniffenen Augen, nickte ein paarmal, während
sie einen Entschluss fasste. »Als Lohn für deine Quengelei werde
ich persönlich dafür sorgen, dass der Junge nichts Besseres bekommt, als er
verdient hat. Er kriegt ein Armenbegräbnis.«
»Bitte …«
»Und die fünfzehn Pence gibst du mir für den Ärger, den du
mir machst.«
»Aber Mrs Swindell -«
»Halt den Mund. Das wird dir eine Lehre sein. Heimlich Geld
sparen. Warte nur, bis Mr Swindell nach Hause kommt und das
erfährt, dann kannst du was erleben.« Sie reichte Eliza die Suppenschüssel. »Jetzt
tu mir noch Suppe auf, dann bringst du Hatty
ins Bett.«
Nachts war es am schlimmsten. Die Straßengeräusche klangen
schriller als sonst, Schatten huschten grundlos hin und her, und
zum ersten Mal in ihrem Leben allein in dem winzigen Zimmer
wurde Eliza Opfer ihrer Albträume. Albträume, die viel schrecklicher waren als
alles, was sie sich in ihren Geschichten je ausgemalt hatte.
Tagsüber war es, als hätte sich die Welt von innen nach außen
gestülpt wie ein Wäschestück auf der Leine. Alles hatte die gleiche Form, Größe und
Farbe und war dennoch völlig falsch. Und
auch wenn Elizas Körper nach außen hin genauso funktionierte
wie immer, streiften ihre Gedanken durch die endlose Landschaft
ihrer Angst. Immer und immer wieder sah sie Sammy vor ihrem
geistigen Auge mit verdrehten Gliedern auf dem Grund des Armengrabs von St. Bride’s
liegen, wo man ihn zu den namenlosen
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Toten geworfen hatte. Gefangen unter der Erde, die Augen, die
sich öffnen wollten, der Mund, der rufen wollte, dass alles ein
Irrtum war.
Denn Mrs Swindell hatte ihren Willen durchgesetzt, und Sammy hatte nur ein
Armenbegräbnis bekommen. Eliza hatte die
Brosche aus ihrem Versteck genommen und war sogar zu John
Picknicks Haus gegangen, aber am Ende hatte sie es nicht übers
Herz gebracht, sie zu verkaufen. Gut eine halbe Stunde hatte sie
vor der Tür gestanden und versucht, zu einer Entscheidung zu
gelangen. Wenn sie die Brosche verkaufte, hätte sie genug Geld,
um Sammy ordentlich beerdigen zu können. Aber sie wusste
auch, dass Mr und Mrs Swindell sie zur Rede stellen und dann
gnadenlos dafür bestrafen würden, dass sie ihnen so einen wertvollen Gegenstand
vorenthalten hatte.
Aber letztlich war es weder die Angst vor den Swindells, die
zu ihrer Entscheidung geführt hatte, noch die Stimme ihrer Mutter, die sich laut
meldete und sie an das Versprechen erinnerte,
die Brosche nur dann zu verkaufen, wenn der Phantommann sie
bedrohte.
Es war ihre eigene Angst, dass die Zukunft womöglich noch
Schlimmeres bereithielt als die Vergangenheit. Dass vielleicht
irgendwo im Nebel der Zukunft eine Situation lauerte, in der die
Brosche ihre einzige Überlebenschance sein würde.
Ohne einen Fuß in Mr Picknicks Haus gesetzt zu haben, hatte
sie sich schließlich umgedreht und war in Swindells Pfandleihe
zurückgeeilt, während die Brosche in ihrer Hosentasche brannte
wie das leibhaftige schlechte Gewissen. Aber sie sagte sich, dass
Sammy sie verstehen würde, dass er ebenso wie sie gewusst hatte, wie teuer das
Leben an der Flussbiegung war. Dann rollte sie
die Erinnerung an ihn liebevoll zu einer kleinen Kugel, umwickelte sie mit mehreren
Lagen von Gefühlen - Freude, Liebe, Zugehörigkeit -, für die sie keine Verwendung
mehr hatte, und verschloss sie tief in ihrem Inneren. Bar solcher Erinnerungen und
Gefühle zu sein, fühlte sich besser an. Denn seit Sammys Tod
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war Eliza nur noch ein halber Mensch. Wie ein Zimmer, in dem
man das Kerzenlicht gelöscht hatte, war ihre Seele kalt, dunkel
und verloren.
Wann war ihr die Idee eigentlich zum ersten Mal gekommen?
Später war sich Eliza nicht mehr sicher. Der fragliche Tag war
nichts Besonderes gewesen. Eliza war aufgewacht wie jeden
Morgen. Sie öffnete die Augen im Dämmerlicht des winzigen
Zimmers, lag still da und kehrte nach einer langen qualvollen
Nacht langsam in ihren Körper zurück.
Sie schlug ihre Seite der Bettdecke zurück und stellte die nackten Füße auf den
Boden. Ihr langer Zopf fiel über eine Schulter.
Es war kalt; der Herbst war dem Winter gewichen, und der Morgen war so dunkel wie
die Nacht. Eliza zündete ein Streichholz
an und hielt es an den Kerzendocht, dann betrachtete sie die Kittelschürze, die an
der Tür hing.
Woher kam der Impuls? Was brachte sie dazu, an ihrem Kittel
vorbei nach dem Hemd und der Kniehose zu greifen? Und sich
Sammys Kleider anzuziehen?
Sie wusste es nicht, wusste nur, dass es ihrem Gefühl entsprach, als wäre es das
einzig Richtige. Das Hemd roch so vertraut wie ihre eigenen Kleider und doch
anders, und als sie die
Kniehose anzog, genoss Eliza das eigenartige Gefühl nackter
Knöchel, spürte die kühle Luft an der Haut, die an Strümpfe gewöhnt war. Sie setzte
sich auf den Boden und zog sich Socken
und Schuhe an, alles passte perfekt.
Dann stellte sie sich vor den kleinen Spiegel und betrachtete
sich. Schaute richtig hin, während die kleine Kerze neben ihr flackerte. Ein
blasses Gesicht starrte sie an. Lange Haare, feuerrot,
blaue Augen mit bleichen Brauen. Ohne den Blick abzuwenden,
nahm Eliza die Nähschere, die im Wäschekorb lag, und hielt ihren Kopf zur Seite.
Ihr Zopf war dick und fest wie ein Seil, und
sie musste ihn regelrecht durchhacken. Schließlich hatte sie es
geschafft. Nicht länger zusammengebunden fielen ihr die nur
noch halblangen Haare ins Gesicht. Sie schnitt so lange weiter,
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bis sie so kurz waren wie Sammys, dann setzte sie sich die Mütze
auf den Kopf.
Eliza wusste, dass sie Sammy sehr ähnlich sah, schließlich
waren sie Zwillinge, dennoch stockte ihr der Atem. Sie lächelte,
nur ganz leicht, und Sammy lächelte zurück. Sie streckte die
Hand aus und berührte den kalten Spiegel. Sie war nicht länger
allein.
Tock … Tock …
Mrs Swindell pochte mit dem Besenstiel an die Decke, das tägliche Zeichen, sich an
die Arbeit zu machen und mit dem Wäschewaschen anzufangen.
Eliza hob ihren langen roten Zopf vom Boden auf, der sich
dort, wo sie ihn abgeschnitten hatte, zu lösen begann, und umwickelte das Ende mit
einem Stück Zwirn. Später würde sie ihn in
dem Versteck verstauen, wo sie die Brosche ihrer Mutter aufbewahrte. Sie brauchte
ihn nicht mehr, er gehörte der Vergangenheit an.
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»Sie sagte, sie hätte sie zwischen den Sachen ihrer Mutter gefunden«, erwiderte
Ruby. »Ihre Mutter Mary war zu Clara gezogen, nachdem sie Witwe geworden war, und
hat bis zu ihrem Tod
Mitte der Sechzigerjahre bei ihr gewohnt. Beide waren verwitwet,
und sie haben sich offenbar gut verstanden. Jedenfalls war Clara
ganz glücklich darüber, in mir ein Opfer gefunden zu haben, das
sie mit Geschichten über ihre geliebte Mutter beglücken konnte.
Als ich mich verabschieden wollte, hat sie darauf bestanden,
mich über eine halsbrecherische Treppe nach oben zu führen und
mir Marys Zimmer zu zeigen.« Ruby beugte sich zu Cassandra
vor. »Und das war vielleicht eine Überraschung! Mary war schon
seit vierzig Jahren tot, aber das Zimmer sah aus, als könnte sie
jeden Moment nach Hause kommen. Es war richtig unheimlich,
aber auf eine irgendwie angenehme Weise: ein schmales Bett,
perfekt bezogen, auf dem Nachttisch eine gefaltete Zeitung mit
einem nur halb gelösten Kreuzworträtsel auf der obersten Seite.
Und unter dem Fenster stand eine kleine verschlossene Truhe ich war völlig aus dem
Häuschen.« Sie fuhr sich mit den Fingern
durch ihr wildes graues Haar. »Ich schwöre dir, ich musste mich
derart zusammenreißen, um mich nicht daraufzustürzen und das
Schloss mit bloßen Händen aufzureißen.«
»Und? Hat sie Truhe aufgemacht? Hast du gesehen, was drin
war?«
»Leider nicht. Ich habe mich bescheiden zurückgehalten, und
im nächsten Augenblick wurde ich auch schon wieder hinauskomplimentiert. Ich musste
mich mit den Zeichnungen von Nathaniel Walker zufriedengeben und mit Claras
Beteuerungen,
dass sie weiter nichts in dieser Art unter den Sachen ihrer Mutter
gefunden hat.«
»War Mary denn auch Künstlerin?«, fragte Cassandra.
»Nein, Dienstmädchen. Zumindest anfangs. Während des Ersten Weltkriegs hat sie in
einer Munitionsfabrik gearbeitet, wahrscheinlich war sie danach nicht wieder als
Dienstmädchen in
Stellung. Oder wie man’s nimmt: Sie hat dann nämlich einen
175
Schlachter geheiratet und den Rest ihrer Tage damit verbracht,
Blutwurst herzustellen und Hackbretter zu schrubben. Ich weiß
wirklich nicht, was schlimmer ist.«
»Trotzdem«, wandte Eliza stirnrunzelnd ein, »wie in aller Welt
hat sie diese Sachen in die Finger bekommen? Nathaniel Walker
war bekannt für seine Geheimnistuerei, und es existieren fast keine Zeichnungen von
ihm. Er hat sie nie herausgerückt und sich
geweigert, Verträge mit Verlegern zu unterschreiben, die die
Rechte auf die Originale erwerben wollten, und dabei ging es nur
um fertiggestellte Arbeiten. Ich kann mir nicht vorstellen, was ihn
dazu veranlasst haben könnte, sich von unvollendeten Zeichnungen wie diesen hier zu
trennen.«
Ruby zuckte die Achseln. »Vielleicht hat sie sich die Blätter
ausgeliehen? Oder gekauft? Oder auch gestohlen. Keine Ahnung.
Und ehrlich gesagt, es ist mir auch völlig schnuppe. Ich hake es
einfach als eins der schönsten Rätsel des Lebens ab. Und ich bin
heilfroh, dass sie sie in die Finger bekommen hat, ohne zu ahnen,
wie wertvoll sie sind. Sie ist nie auf die Idee gekommen, sie auszustellen, und so
haben sie heil und unbeachtet das ganze zwanzigste Jahrhundert überlebt.«
Cassandra beugte sich näher über die Bilder. Auch wenn sie sie
zuvor nie gesehen hatte, erkannte sie sie auf Anhieb. Sie waren
unverwechselbar: frühe Skizzen der Illustrationen zu dem Märchenbuch. Hastig
gezeichnet, die Linien ungeduldig hingekritzelt
voller Erwartung, voll der anfänglichen Begeisterung des Künstlers für ein neues
Thema. Cassandra kannte das Gefühl, und ihr
Puls beschleunigte sich, als sie sich daran erinnerte, wie es ihr
früher jedes Mal ergangen war, wenn sie eine neue Zeichnung in
Angriff genommen hatte. »Unglaublich, die Chance zu bekommen, ein Kunstwerk in
seiner Entstehung zu sehen. Manchmal
denke ich, dass so etwas mehr über den Künstler aussagt, als das
vollendete Werk es je könnte.«
»Wie die Skulpturen von Michelangelo in Florenz.«
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Cassandra schaute Ruby von der Seite an, froh, von ihr verstanden zu werden. »Als
ich zum ersten Mal ein Bild von diesem
Knie gesehen habe, wie es aus dem Marmor wächst, habe ich eine Gänsehaut gehabt.
Als wäre die Figur in dem Material gefangen und wartete nur auf jemanden, der sie
daraus befreit.«
Ruby strahlte. »Hey«, sagte sie. Offenbar war ihr eine spontane
Idee gekommen, »du bist doch nur noch eine Nacht in London,
was hältst du davon, richtig gepflegt essen zu gehen? Eigentlich
bin ich mit meinem Freund Grey verabredet, aber der wird das
schon verstehen. Oder ich bringe ihn einfach mit, dann ist es noch
lustiger, schließlich …«
»Entschuldigen Sie, Ma’am«, sagte jemand mit amerikanischem Akzent, »arbeiten Sie
hier?«
Ein hochgewachsener Mann mit schwarzem Haar stand plötzlich zwischen den beiden
Frauen.
»Ja«, erwiderte Ruby, »was kann ich für Sie tun?«
»Meine Frau und ich sind mächtig hungrig, und einer der Jungs
oben hat mir gesagt, hier unten gäbe es ein Café.«
Ruby warf Cassandra einen kurzen Blick zu und verdrehte die
Augen. »Wir sehen uns dann um sieben im Carluccio’s. Ich muss
wieder an die Arbeit.« Dann rang sich ein schmales Lächeln ab.
»Hier entlang, Sir. Ich zeige Ihnen den Weg.«
Nachdem sie das Museum verlassen hatte, machte sich Cassandra
auf die Suche nach einem Ort für ein verspätetes Mittagessen.
Die letzte ordentliche Mahlzeit, die sie zu sich genommen hatte,
war das Abendessen im Flugzeug gewesen, danach nur noch eine
Handvoll von Rubys Lakritzkonfekt und eine Tasse Tee. Kein
Wunder, dass sich ihr Magen lautstark bemerkbar machte. Nells
Notizbuch enthielt einen Taschenstadtplan von Londons Zentrum, der auf der
Innenseite angeklebt war, und soweit Cassandra
beurteilen konnte, würde sie überall etwas zu essen finden, egal,
welche Richtung sie einschlug. Beim Studieren des Stadtplans
fiel ihr ein kaum sichtbares Kreuzchen auf, wo Nell mit einem
177
Kugelschreiber eine Straße in Battersea auf der anderen Seite der
Themse markiert hatte. Das Kreuz bezeichnete eine bestimmte
Stelle, aber welche genau?
Zwanzig Minuten später kaufte sie sich in einer Trattoria auf
der Kings Road ein Thunfischsandwich und eine Flasche Wasser,
dann ging sie die Flood Street in Richtung Themse hinunter. Auf
der anderen Seite des Flusses reckten sich die vier hohen Schlote
des Battersea-Kraftwerks kühn in den Himmel. Eine eigentümliche Erregung überkam
Cassandra, als sie Nells Spuren folgte.
Die Herbstsonne war hinter den Wolken aufgetaucht und warf
silbrige Sprenkel auf das Wasser des Flusses. Die Themse. Was
der Fluss schon alles gesehen hatte: unzählige Menschen, die entlang seiner Ufer
gelebt hatten, aber auch zahllose Tote. Und von
diesem Fluss aus hatte vor langen Jahren ein Schiff abgelegt, mit
der kleinen Nell an Bord. Hatte sie ihrem vertrauten Leben entrissen und in eine
ungewisse Zukunft entführt. Eine Zukunft, die
bereits Vergangenheit war, ein Leben, das längst vorüber war.
Und doch spielte es noch eine Rolle, es hatte für Nell eine Rolle
gespielt und jetzt spielte es für Cassandra eine Rolle. Dieses Rätsel war ihr Erbe.
Mehr noch, es lag in ihrer Verantwortung, das
Rätsel zu lösen.
180
»Das kann man wohl sagen«, antwortete die Alte stolz. »Ich
bin hier geboren, und zwar genau in dem Haus, für das du dich da
eben interessiert hast.«
»Hier geboren?« Nell hob die Brauen. Es gab nicht viele Menschen, die von sich
behaupten konnten, sie hätten ihr ganzes Leben in ein und derselben Straße gewohnt.
»Wann war das denn?
Vor ungefähr sechzig, siebzig Jahren?«
»Vor achtundsiebzig Jahren, wohlgemerkt.« Die Alte reckte
das Kinn vor, sodass das silberne Haar im Sonnenlicht leuchtete.
»Und keinen Tag weniger.«
»Achtundsiebzig Jahre«, wiederholte Nell langsam. »Und Sie
haben die ganze Zeit hier gewohnt. Seit …« Hastig rechnete sie
es im Kopf aus. »Seit 1897?«
»Seit Dezember 1897. Ich bin ein Christkind.«
»Haben Sie noch Erinnerungen an damals? An Ihre Kindheit,
meine ich.«
Die Alte kicherte. »Manchmal kommt es mir so vor, als wären
das die einzigen Erinnerungen, die ich überhaupt noch habe.«
»Damals muss es hier völlig anders ausgesehen haben.«
»Worauf du dich verlassen kannst«, sagte die Alte seufzend.
»Die Frau, über die ich Informationen sammle, hat auch hier in
dieser Straße gewohnt. Vielleicht können Sie sich an sie erinnern?« Nell öffnete
den Reißverschluss ihrer Aktenmappe und
nahm das Bild heraus, das sie aus dem Märchenbuch kopiert hatte. »So hat sie als
Erwachsene ausgesehen. Als sie hier gewohnt
hat, wird sie aber noch ein Kind gewesen sein.«
Die alte Frau streckte eine knorrige Hand aus, nahm das Bild
entgegen und kniff die Augen zusammen, sodass sich um ihre
Augen tausend winzige Fältchen bildeten. Dann kicherte sie in
sich hinein.
»Sie kennen Sie?« Nell hielt den Atem an.
»Ja, die kenne ich sogar sehr gut, und ich werde sie mein Lebtag nicht vergessen.
Die hat mich immer halb zu Tode erschreckt,
als ich noch klein war. Hat mir alle möglichen Gruselgeschichten
181
erzählt, wenn meine Ma nicht da war und sie nicht fürchten musste, eine Tracht
Prügel zu beziehen und aus dem Haus gejagt zu
werden.« Sie schaute Nell fragend an und legte die Stirn in Falten. »Elizabeth?
Ellen?«
»Eliza«, sagte Nell hastig. »Eliza Makepeace. Sie ist später
Schriftstellerin geworden.«
»Davon weiß ich nichts, ich lese nicht viel. All die vielen Seiten - ist mir zu
anstrengend. Ich weiß nur, dass das Mädchen auf
dem Bild da Geschichten erzählt hat, die einem die Haare zu Berge stehen ließen. Am
Ende hatten alle Kinder hier Angst im Dunkeln, und trotzdem sind wir immer wieder
zu ihr gegangen, um
uns noch mehr Geschichten erzählen zu lassen. Möchte wissen,
wo sie all das her hatte.«
Nell betrachtete noch einmal das Haus und versuchte, etwas
von der jungen Eliza zu erspüren. Eine unverbesserliche Geschichtenerzählerin, die
den kleineren Kindern mit ihren Gruselmärchen Angst einjagte.
»Sie hat uns gefehlt, nachdem sie weggeholt wurde.« Die alte
Frau schüttelte traurig den Kopf.
»Ich hätte gedacht, Sie wären froh gewesen, dass sie Ihnen
keine Angst mehr einjagen konnte.«
»Ach was«, entgegnete die alte Frau. Ihre Lippen bewegten
sich, als kaute sie an ihrem zahnlosen Gaumen herum. »Alle Kinder genießen es, sich
ab und zu richtig zu gruseln.« Sie bohrte
ihren Krückstock in eine Stelle an der Treppe, wo der Mörtel bröckelte, dann
schaute sie Nell mit zusammengekniffenen Augen
an. »Aber die Kleine selbst hat den größten Schrecken abgekriegt, viel schlimmer
als alles, womit sie uns ins Bockshorn gejagt hat. Sie hat ihren Bruder verloren,
im dichten Nebel. Keine
einzige von den Geschichten, die sie uns erzählt hat, war so
schlimm wie das, was ihm passiert ist. Es war ein großes,
schwarzes Pferd, hat ihm mit den Hufen das Herz zerquetscht.«
Die Alte schüttelte den Kopf. »Danach war sie nicht mehr dieselbe. Ist ziemlich
durchgedreht, wenn du mich fragst. Hat sich die
182
Haare abgeschnitten und angefangen, Hosen zu tragen, wenn ich
mich recht erinnere!«
Nell bekam Herzklopfen. Das war neu.
Die alte Frau räusperte sich, zog ein Taschentuch hervor und
spuckte hinein. Dann fuhr sie fort, als sei nichts geschehen: »Es
ging das Gerücht, man hätte sie ins Armenhaus gesteckt.«
»Nein, das stimmt nicht«, sagte Nell. »Sie wurde zu Verwandten nach Cornwall
geschickt.«
»Cornwall.« Im Haus begann ein Kessel zu pfeifen. »Dann hat
sie’s also gut gehabt, was?«
»Ich glaube schon.«
»Na ja«, sagte die alte Frau mit einer Kopfbewegung in Richtung Küche. »Der Tee ist
fertig.« Das klang so selbstverständlich,
dass Nell einen Augenblick lang glaubte, die Alte würde sie zum
Tee einladen und ihr noch viele weitere Anekdoten über Eliza
Makepeace erzählen. Doch als die Tür langsam zuging, die Alte
auf der einen und Nell auf der anderen Seite, löste sich die schöne
Vorstellung in Wohlgefallen auf.
»Warten Sie«, sagte sie und streckte eine Hand aus.
Die alte Frau ließ die Tür einen Spaltbreit offen, während in
der Küche der Kessel vor sich hin pfiff.
Nell zog einen Zettel aus ihrer Handtasche und schrieb etwas
auf. »Wenn ich Ihnen die Adresse und Telefonnummer meines
Hotels gebe, würden Sie sich bei mir melden, falls Ihnen noch
etwas über Eliza einfällt? Egal was?«
Die Alte hob eine silberne Braue und musterte Nell. Dann
nahm sie den Zettel entgegen. Als sie antwortete, klang ihre
Stimme plötzlich anders. »Wenn mir noch etwas einfällt, gebe ich
dir Bescheid.«
»Vielen Dank, Mrs …«
»Swindell«, sagte die alte Frau. »Miss Harriet Swindell. Bin
nie einem Mann begegnet, den ich heiraten wollte.«
Nell hob eine Hand zum Abschied, aber Miss Swindells Tür
hatte sich bereits geschlossen. Als der Kessel in der Küche end183
lich Ruhe gab, schaute Nell auf ihre Armbanduhr. Wenn sie sich
beeilte, würde sie es noch in die Tate Gallery schaffen, um sich
Nathaniel Walkers Porträt von Eliza anzusehen, das Bild, dem er
den Titel Die Autorin gegeben hatte. Sie nahm den kleinen Touristenstadtplan aus
ihrer Handtasche und fuhr mit dem Finger am
Fluss entlang, bis sie den Uferabschnitt Millbank fand. Ein roter
Bus rumpelte durch die Straße. Nell warf einen letzten Blick auf
die viktorianischen Häuser, die die Kulisse für Elizas Kindheit
abgegeben hatten, dann machte sie sich auf den Weg.
Dort, an der Wand der Tate Gallery, hing ihr Porträt. Die Autorin. Genau so, wie
Nell sie in Erinnerung hatte. Ein dicker Zopf,
der ihr auf der linken Schulter lag, weiße Spitzenbluse, bis zum
Hals zugeknöpft, Hut auf dem Kopf. Der Hut unterschied sich
deutlich von denen, die die Damen in der edwardianischen Zeit
gewöhnlich trugen. Seine Form war männlicher, er saß keck zur
Seite geschoben, und im Gesichtsausdruck seiner Trägerin lag
eine gewisse Respektlosigkeit, auch wenn Nell sich nicht ganz
sicher war, was diesen Eindruck hervorrief. Sie schloss die Augen. Wenn sie sich
anstrengte, konnte sie sich beinahe sogar an
die Stimme erinnern. Sie klang ihr hin und wieder ganz unerwartet in den Ohren,
eine helltönende Stimme, geheimnisvoll und
zauberhaft. Aber ehe Nell sie mit einer Erinnerung verbinden und
sich zu eigen machen konnte, war sie schon wieder verklungen.
Hinter ihr entstand plötzlich ein Gedränge, und sie öffnete die
Augen. Wieder sah sie Die Autorin vor sich und trat näher an das
Bild heran. Es war ein ungewöhnliches Bild, eine Kohlezeichnung, eher eine Studie
als ein Porträt. Auch die Perspektive war
interessant. Das Modell schaute nicht wie üblich den Betrachter
an, sondern es schien, als hätte Eliza sich bereits zum Gehen gewandt, sich im
letzten Moment noch einmal umgedreht, und als
hätte der Künstler genau diesen Augenblick eingefangen. Ihre
großen Augen hatten etwas Gewinnendes, ihre Lippen waren
leicht geöffnet, als wäre sie drauf und dran, etwas zu sagen.
184
Gleichzeitig lag etwas Beunruhigendes in ihrem Gesichtsausdruck. Es war das
gänzliche Fehlen auch nur der leisesten Spur
eines Lächelns. Sie wirkte beinahe überrascht, als fühlte sie sich
beobachtet. Ertappt.
Wenn du nur sprechen könntest, dachte Nell. Dann könntest du
mir vielleicht erzählen, wer ich bin und was ich mit dir zu tun
hatte. Warum wir zusammen auf diesem Schiff waren und warum
du mich nicht abgeholt hast.
Die Enttäuschung lag auf Nell wie eine Last, auch wenn sie
nicht hätte sagen können, welche Offenbarungen sie sich von
dem Porträt erwartet hatte. Oder eher erhofft, korrigierte sie sich.
Ihre ganze Suche basierte allein auf Hoffnung. Die Welt war
schrecklich groß, und es war nicht leicht, einen Menschen zu finden, der vor
sechzig Jahren verloren gegangen war, selbst wenn
es sich bei diesem Menschen um einen selbst handelte.
Der Walker-Saal leerte sich allmählich, und auf einmal fand
Nell sich von allen Seiten umgeben von den stummen Blicken
längst Verstorbener. Sie alle beobachteten sie auf diese seltsame,
melancholische Weise, wie Porträts es an sich haben; auf ewig
wachsame Augen folgen dem Betrachter durch den Raum. Sie
schauderte und zog sich ihre Jacke über.
Das zweite Porträt fiel ihr auf, als sie schon fast an der Tür
war. Als sie das Gemälde der dunkelhaarigen Frau mit der blassen Haut und den
vollen Lippen erblickte, wusste Nell sofort, wer
sie war. Tausend Erinnerungsfetzen fügten sich in einem einzigen
Augenblick zusammen, sie spürte die Gewissheit in jeder Körperzelle. Der Name Rose
Elizabeth Mountrachet, der auf einem
Schild auf dem Rahmen eingraviert war, sagte ihr nichts. Es war
mehr, und es war zugleich viel weniger. Nells Lippen begannen
zu zittern, und etwas tief in ihrer Brust zog sich zusammen. Sie
bekam kaum noch Luft. »Mama«, flüsterte sie und fühlte sich
gleichzeitig dumm und beglückt und verletzlich.
185
Glücklicherweise war die Westminster-Bibliothek noch geöffnet,
denn Nell hätte unmöglich bis zum nächsten Tag warten können.
Endlich kannte sie den Namen ihrer Mutter: Rose Elizabeth
Mountrachet. Später sollte sie diesen Augenblick in der Tate Gallery als eine Art
Wiedergeburt betrachten. Mit einem Mal, ohne
Vorwarnung oder Formalitäten, war sie jemandes Tochter. Immer
und immer wieder murmelte sie den Namen ihrer Mutter vor sich
hin, während sie durch die dunkler werdenden Straßen eilte.
Es war nicht das erste Mal, dass sie diesen Namen gehört hatte.
In dem Buch mit dem Kapitel über Eliza, das sie von Mr Snelgrove gekauft hatte,
wurde die Familie Mountrachet erwähnt. Elizas Onkel mütterlicherseits, niederer
Adel, Besitzer des Landsitzes Blackhurst in Cornwall, wohin man Eliza nach dem Tod
ihrer
Mutter geschickt hatte. Das war die Verbindung, nach der Nell
gesucht hatte. Das Band, das die Autorin aus Nells Erinnerung
mit dem Gesicht verband, das sie jetzt als das ihrer Mutter erkannt hatte.
Die Frau am Tresen in der Bibliothek erinnerte sich noch vom
Vortag an Nell, als sie dort nach Informationen über Eliza nachgefragt hatte.
»Sie haben Mr Snelgrove also angetroffen?«, fragte sie lächelnd.
»Ja, hab ich«, antwortete Nell atemlos.
»Und Sie haben es überlebt.«
»Er hat mir ein Buch verkauft, das mir sehr weitergeholfen
hat.«
»Ja, ja, der gute alte Snelgrove, der verkauft jedem etwas.« Die
Frau schüttelte anerkennend lächelnd den Kopf.
»Vielleicht könnten Sie mir bitte noch einmal behilflich sein«,
sagte Nell. »Ich brauche Informationen über eine bestimmte
Frau.«
Die Bibliothekarin blinzelte. »Da brauche ich aber etwas genauere Angaben.«
186
»Natürlich. Die Frau wurde gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts geboren. Um 1890
herum.«
»War sie auch Schriftstellerin?«
»Nein, zumindest nehme ich das nicht an.« Nell atmete tief aus
und versuchte, sich zu sammeln. »Sie hieß Rose Mountrachet und
stammte aus einer irgendwie adeligen Familie. Ich dachte, ich
könnte vielleicht etwas in einem dieser Bücher finden, Sie wissen
schon, wo alles Mögliche über Adlige drinsteht.«
»Wie das Debrett’s zum Beispiel. Oder das Who’s who.«
»Ja, genau.«
»Zumindest lohnt es sich, mal einen Blick in diese Bücher zu
werfen«, sagte die Bibliothekarin. »Womöglich gibt es keinen
gesonderten Eintrag über sie, aber wenn Sie Glück haben, wird
sie in einem Eintrag über jemand anderen erwähnt, in dem ihres
Vaters beispielsweise oder dem ihres Ehemannes. Sie wissen
nicht zufällig, wann sie gestorben ist?«
»Nein, warum?«
»Da Sie nicht wissen, wann sie eingetragen wurde, wäre es einfacher, zuerst im
Who’s who nachzuschlagen, aber dafür müssten
Sie ihr Todesdatum kennen.«
Nell schüttelte den Kopf. »Ich habe nicht die leiseste Ahnung.
Wenn Sie mir in etwa sagen, wo ich anfangen kann, gehe ich
das Who’s who einfach durch - Ich fange mit einem bestimmten
Jahr an und suche so lange, bis ich etwas über sie finde.«
»Das kann ziemlich lange dauern, und wir schließen bald.«
»Ich beeile mich.«
Die Bibliothekarin zuckte die Achseln, nahm einen kleinen
Notizblock, der neben ihrer Schreibmaschine lag, schrieb eine
Signatur auf und reichte Nell den Zettel. »Fahren Sie mit dem
Aufzug in den dritten Stock, dann sehen Sie das Regal direkt vor
sich. Die Einträge sind alphabetisch geordnet.«
187
Endlich, im Jahrgang 1935, wurde Nell fündig. Es war zwar
nicht Rose, aber es war ein Mountrachet, und zwar Linus, der
Onkel, der Eliza nach dem Tod ihrer Mutter Georgiana zu sich
genommen hatte. Nell überflog den Eintrag:
MOUNTRACHET, Lord Linus Saintjohn Henry, * 11. Januar
1858, Sohn von Lord Saintjohn Luke Mountrachet † und Margret
Elizabeth Mountrachet †, 17. Juli 1888 Adeline Langley. Ei-ne
Tochter, Rose Elizabeth Mountrachet †, Nathaniel Walker †.Rose
hatte also Nathaniel Walker geheiratet. Das bedeutete doch, dass
Walker ihr Vater war, dachte Nell. Sie las den Eintrag noch ei
mal. Rose Elizabeth Mountrachet †, Nathaniel Walker †. Sie waren also beide vor
1935 gestorben. War sie, Nell, deswegen in Elizas Obhut gewesen? War Eliza zu ihrem
Vormund bestimmt
worden, weil ihre Eltern beide tot waren?
Ihr Vater - also Hamish - hatte sie 1913 am Kai von Maryborough gefunden. Wenn
Eliza nach dem Tod ihrer Eltern zu ihrem
Vormund bestimmt worden war, dann bedeutete das doch, dass
sie vor 1913 gestorben sein mussten.
Und wenn sie nun Nathaniel Walker unter dem Jahrgang 1913
im Who’s who nachschlug? Er hatte bestimmt einen eigenen Eintrag. Oder noch besser:
Wenn ihre Theorie stimmte und er schon
1913 nicht mehr gelebt hatte, sollte sie lieber gleich im Who was
who nachschlagen. Hastig trat sie an das lange Regal und zog den
Band 1897-1915 heraus. Mit zitternden Fingern blätterte sie von
hinten nach vorn. Z, Y, X, W. Da war er.
WALKER, Nathaniel James, * 22. Juli 1883, † 1. September
1913, Sohn von Anthony Samuel Walker und Mary Walker,
17. Juli 1907 Hon. Rose Elizabeth Mountrachet †. Eine Tochter,
Ivory Walker †.
188
Nell zuckte zusammen. Eine Tochter, das stimmte, aber wieso
war sie als verstorben eingetragen? Sie war doch nicht tot, im
Gegenteil, sie fühlte sich lebendiger denn je.
Plötzlich wurde Nell bewusst, wie überheizt die Bibliothek
war, und sie konnte kaum noch durchatmen. Sie fächelte sich
Luft zu und rieb sich den Nacken. Dann betrachtete sie noch einmal den Eintrag.
Was hatte das zu bedeuten? Sollten die sich etwa geirrt haben?
»Haben Sie sie gefunden?«
Nell blickte auf. Die Frau vom Empfangstresen. »Kann es passieren, dass hier
falsche Angaben drinstehen?«, fragte Nell.
»Kommt so was vor?«
Die Frau schürzte nachdenklich die Lippen. »Na ja, die Angaben basieren nicht
gerade auf den verlässlichsten Quellen, würde
ich sagen. Sie stammen von den beschriebenen Personen selbst.«
»Und was ist, wenn die Person tot ist?«
»Wie bitte?«
»Im Who was who werden doch nur Personen eingetragen, die
bereits verstorben sind. Wer stellt denn in dem Fall die Informationen zur
Verfügung?«
Die Frau zuckte die Achseln. »Die Angehörigen, nehme ich an.
Das meiste wird wahrscheinlich von dem letzten Fragebogen
übernommen, den der Verstorbene selbst ausgefüllt hat. Dann
wird das Todesdatum hinzugefügt und fertig.« Sie wischte einen
Fussel von einem Regalbrett. »Wir schließen in einer Stunde.
Geben Sie mir Bescheid, falls ich Ihnen bei irgendetwas behilflich sein kann.«
Es war ein Fehler, das war alles. Das kam sicherlich häufig
vor, schließlich kannte der Setzer in der Druckerei die Personen
überhaupt nicht. Außerdem war es durchaus möglich, dass ein
Setzer bei der Arbeit mal mit den Gedanken woanders war und
aus Versehen ein Kreuz hinter einen Namen setzte. Ein Fremder,
für tot erklärt für die Augen der Nachwelt?
189
Was auch immer da passiert sein mochte, sie wusste jetzt, wessen Tochter sie war -
und sie war überaus lebendig. Jetzt brauchte
sie nur noch eine Biografie von Nathaniel Walker zu finden, dann
konnte sie beweisen, dass der Eintrag fehlerhaft war. Sie hatte
jetzt einen Namen, sie war einst auf den Namen Ivory Walker
getauft worden. Und wenn er ihr nicht vertraut erschien, wenn er
ihr nicht passte wie ein alter Mantel, dann war das eben so. Auf
das Gedächtnis war einfach kein Verlass, man konnte nie wissen,
was haften blieb und was nicht.
Plötzlich fiel ihr das Buch ein, das sie auf dem Weg zur Tate
Gallery gekauft hatte, ein Buch über Walkers Gemälde. Das
enthielt garantiert eine Kurzbiografie. Sie nahm es aus ihrer Tasche und schlug es
auf.
Nathaniel Walker (1883-1913) wurde als Sohn polnischer
Einwanderer in New York geboren. Sein Vater schlug sich als
Hafenarbeiter durch, während seine Mutter Wäsche in Auftrag
nahm und sechs Kinder großzog. Nathaniels Kindheit war von
Armut geprägt. Zwei seiner Geschwister starben früh, und Nathaniel sollte
eigentlich in die Fußstapfen seines Vaters treten
und Hafenarbeiter werden, als einem Passanten ein Bild auffiel,
das er in New York auf der Straße gezeichnet hatte. Der Mann,
Walter Irving Junior, Erbe des Irving Ölkonzerns, ließ sich von
Walker porträtieren. Unter den Fittichen seines Mentors entwickelte sich Nathaniel
zu einem bekannten Mitglied der jungen
New Yorker Gesellschaft. Auf einer Party in Irvings Haus im Jahr
1906 lernte Nathaniel Walker die Ehrenwerte Rose Mountrachet
aus Cornwall kennen, die zu Besuch in New York weilte. Die beiden heirateten ein
Jahr später auf Blackhurst, dem Anwesen der
Mountrachets in der Nähe von Tregenna, Cornwall. Nach der
Eheschließung und seiner Übersiedlung nach Großbritannien
konnte Walker sein Ansehen weiter steigern. Den Höhepunkt seiner Karriere bildete
im Jahr 1910 der Auftrag für ein Porträt von
König Edward VII., das dessen letztes werden sollte.
190
Nathaniel und Rose Walker hatten eine Tochter, Ivory Walker,
geboren 1909. Seine Frau und seine Tochter waren Walkers
Lieblingsmodelle, die er immer wieder darstellte, und als eines
seiner besten Porträts gilt das Bild mit dem Titel Mutter und
Kind. Das junge Paar kam 1913 bei einem tragischen Unfall ums
Leben, als der Ais-Gill-Schnellzug kurz vor der schottischen
Grenze mit einem anderen Zug zusammenstieß und in Flammen
aufging. Ivory Walker starb kurz nach dem Tod ihrer Eltern an
Scharlach.
Das ergab keinen Sinn. Nell wusste, dass sie die Tochter der
Personen war, die in dem Eintrag beschrieben wurden. Rose und
Nathaniel Walker waren ihre Eltern. Sie erinnerte sich an Rose,
sie hatte sie sofort wiedererkannt. Und die Daten stimmten: Ihr
Geburtsjahr, selbst ihre Reise nach Australien passten zu gut zum
Todesdatum von Rose und Nathaniel, um Zufall sein zu können.
Ganz zu schweigen von dem zusätzlichen Verbindungsdetail,
dass Rose und Eliza offenbar Cousinen waren.
Nell schlug das Inhaltsverzeichnis auf und fuhr mit dem Finger
über die alphabetische Liste. Bei Mutter und Kind hielt sie inne
und blätterte mit klopfendem Herzen nach vorn bis zu der angegebenen Seite.
Ihre Unterlippe zitterte. Sie mochte vielleicht keine Erinnerung
daran haben, dass man sie Ivory genannt hatte, aber nun bestand
kein Zweifel mehr. Sie wusste, wie sie als Kind ausgesehen hatte.
Das kleine Mädchen dort auf dem Bild, das war sie. Auf dem
Schoß ihrer Mutter, gemalt von ihrem Vater.
Warum galt sie dann für die offizielle Geschichtsschreibung als
tot? Woher hatte das Who was who diese Angaben? Hatte jemand
absichtlich falsche Informationen weitergegeben, oder hatte derjenige sie für tot
gehalten, weil er nicht wusste, dass eine mysteriöse Märchenschreiberin sie auf
eine Schiffsreise nach Australien mitgenommen hatte?
»Du darfst niemandem deinen Namen sagen. Das gehört zu
dem Spiel, das wir spielen.« Das hatte die Autorin zu ihr gesagt.
191
Plötzlich war es Nell, als hörte sie die helle Stimme der Autorin,
die wie eine Meeresbrise an ihre Ohren drang. »Es ist unser Geheimnis. Du darfst
deinen Namen nicht verraten.«
Nell fühlte sich wieder wie das vierjährige Mädchen von damals, empfand die Angst,
die Verunsicherung, die Aufregung.
Nahm den Geruch des schlammigen Flusses wahr, der so anders
roch als der weite, blaue Ozean, hörte das Kreischen der hungrigen Themsemöwen, die
Rufe der Seeleute. Zwei Fässer, ein
dunkles Versteck, ein Streifen Sonnenlicht, in dem lauter Staubkörner tanzten …
Die Autorin hatte sie mitgenommen. Sie war gar nicht im Stich
gelassen worden. Sie war entführt worden, und ihre Großeltern
hatten nichts davon gewusst. Deswegen hatten sie auch nicht
nach ihr suchen lassen. Sie hatten sie für tot gehalten.
Aber aus welchem Grund hatte die Autorin sie entführt? Und
warum war sie dann verschwunden und hatte Nell allein auf dem
Schiff zurückgelassen? Mutterseelenallein auf der Welt?
Nells Vergangenheit war wie eine russische Puppe, jede Frage
enthielt eine weitere Frage.
Was sie brauchte, um all diese neuen Rätsel zu lösen, war ein
Mensch aus Fleisch und Blut. Sie brauchte jemanden, mit dem sie
reden konnte, der sie womöglich selbst als Kind gekannt hatte
oder ihr so jemanden nennen konnte. Jemanden, der ihr etwas
über die Autorin erzählen konnte, über die Mountrachets und
über Nathaniel Walker.
Aber diesen Jemand, sagte sich Nell, würde sie nicht in den
verstaubten Sälen der Bibliothek finden. Sie musste sich ins Zentrum des Rätsels
begeben und nach Cornwall fahren, in dieses
Dorf namens Tregenna. Zu dem riesigen, dunklen Herrenhaus
Blackhurst, wo ihre Familie einmal gelebt und wo sie als kleines
Mädchen gespielt hatte.
192
19 London England, 2005
Ruby verspätete sich zum Abendessen, aber das machte Cassandra nichts aus. Der
Kellner hatte ihr einen Tisch an einem großen
Fenster gegeben, und sie beobachtete gestresste Pendler, die nach
Hause eilten. Gleich vor dem Fenster befand sich eine Haltestelle
der Buslinie 25, und gegenüber lag die South-Kensington-Station
der U-Bahn mit ihren hübschen Art-déco-Fliesen. Hin und wieder
schwappte eine vom Strom des Verkehrs erzeugte Welle windzerzauster Leute ins
Restaurant, die sich an Tischen niederließen
oder an der Theke auf ihr in weißen Kartons verpacktes Abendessen zum Mitnehmen
warteten.
Cassandra fuhr mit dem Daumen über den weichen, abgegriffenen Rand von Nells
Notizheft und ließ sich die Aufzeichnung
noch einmal durch den Kopf gehen, in der Hoffnung, sie irgendwann verdauen zu
können. Nells Vater war Nathaniel Walker der Nathaniel Walker, der die königliche
Familie porträtiert hatte,
der Künstler, dem in der Tate Gallery ein Extrasaal gewidmet
war. Und er war Cassandras Urgroßvater.
Nein, die Wahrheit war, genauso wie am Nachmittag, als sie
sie entdeckt hatte, immer noch ein Brocken, der sich kaum schlucken ließ. Sie hatte
auf einer Bank am Themseufer gesessen und
Nells fast unleserlichen Bericht über den Tag entziffert, an dem
sie zuerst das Haus in Battersea aufgesucht hatte, in dem Eliza
Makepeace geboren war, und anschließend in die Tate Gallery
gegangen war, wo die Porträts von Nathaniel Walker hingen.
Nach einer Weile war von der Themse her Wind aufgekommen,
und Cassandra war drauf und dran gewesen, ihren Platz auf der
Bank aufzugeben, als ihr Blick auf ein paar dick unterstrichene
Zeilen auf der nächsten Seite des Hefts gefallen war. Dort
stand: Rose Mountrachet war meine Mutter. Ich erkenne sie auf
dem Port rät und ich erinnere mich an sie. Dann ein Pfeil zu einem Buchtitel, Who
was who, unter dem einige Bemerkungen
aufgelistet waren:
193
• Rose Mountrachet hat den Maler Nathaniel Walker 1907 geheiratet
• eine Tochter! Ivory Walker (geboren 1909) (wg. Scharlach nachforschen)
• Rose und Nathaniel beide 1913 bei einem Zugunglück in Ais Gill,
Schottland, ums Leben gekommen (dasselbe Jahr, in dem ich verschwunden bin.
Zusammenhang?)
Hinten in dem Heft steckte ein zusammengefaltetes Blatt Papier,
eine Fotokopie aus einem Buch mit dem Titel Schwere Eisenbahnunfälle im Zeitalter
der Dampflokomotiven. Cassandra nahm
die Kopie aus ihrer Tasche und glättete sie auf dem Tisch. Das
Papier war dünn und der Druck verblasst, aber es hatte zum
Glück keine Schimmelflecken wie der Rest des Notizhefts. Die
Überschrift oben auf der Seite lautete: »Die Eisenbahntragödie
von Ais Gill«. Umgeben von anheimelndem Stimmengemurmel
im Restaurant las Cassandra den knappen, aber leidenschaftlichen
Bericht noch einmal durch.
In den frühen Morgenstunden des 1. September 1913 rollten
zwei Züge aus dem Bahnhof Carlisle mit dem Reiseziel St. Pancras, und keiner der
Passagiere konnte ahnen, dass er in sein Verderben fuhr. Für die Strecke, die aus
den schottischen Tälern steil
auf die Pässe hinaufführt, waren die Lokomotiven hoffnungslos
zu schwach. Die Summe zweier Faktoren besiegelte schließlich
das Schicksal der Züge: Die Lokomotiven verfügten nicht über
die notwendige Leistung für die steilen Anstiege und wurden zudem mit
minderwertiger Kohle befeuert.
Der erste Zug verließ Carlisle um 1:38 Uhr. Auf dem Weg zum
Ais-Gill-Pass ließ der Dampfdruck nach, und der Zug kam zum
Stehen. Es ist anzunehmen, dass die Passagiere sich über den
Halt so kurz nach der Abfahrt wunderten, aber sie werden sich
keine Sorgen gemacht haben. Sie wähnten sich in guten Händen,
und der Schaffner hatte ihnen versichert, es bestehe kein Grund
zur Beunruhigung, sie würden die Fahrt in wenigen Minuten fortsetzen.
194
Aber die Überzeugung des Schaffners, dass es sich nur um eine
kurze Unterbrechung der Fahrt handelte, war einer der tödlichen
Fehler, die in jener Nacht begangen wurden. Normalerweise hätte der Schaffner sich
informieren müssen, wie lange der Lokführer und der Heizer noch brauchen würden,
den Feuerrost zu reinigen und den Dampfdruck erneut aufzubauen, dann hätte er
Zündkapseln abfeuern oder mit einer Laterne ein Stück die
Schienen zurückgehen müssen, um nachfolgende Züge zu warnen.
Doch das tat er leider nicht, und damit war das Schicksal der
Passagiere in jener Nacht besiegelt.
Denn der nachfolgende Zug hatte ebenfalls Schwierigkeiten. Er
zog zwar eine leichtere Last, aber die zu schwache Lokomotive
und die minderwertige Kohle bereiteten auch diesem Lokführer
Probleme. Wenige Meilen vor dem Ais-Gill-Pass, kurz vor Mallerstang, traf der
Lokführer die tödliche Entscheidung, während
der Fahrt den Führerstand zu verlassen und bewegliche Teile der
Lokomotive abzuschmieren. Ein solches Verhalten mag uns heutzutage als gefährlich
erscheinen, doch zu jener Zeit war es gang
und gäbe. Während also der Lokführer nicht auf seinem Platz
war, wurde zu allem Unglück auch der Heizer mit Schwierigkeiten konfrontiert: Die
Injektorpumpe funktionierte nicht, und der
Dampfdruck fiel. Nachdem der Lokführer zurückgekehrt war,
nahm die Reparatur die beiden Männer so stark in Anspruch,
dass sie, als der Zug die Signalstation in Mallerstang passierte,
die rote Laterne nicht sahen, die zur ihrer Warnung geschwenkt
wurde.
Als sie endlich die Probleme behoben hatten und ihre Aufmerksamkeit wieder auf den
Schienenstrang richteten, war der
erste liegen gebliebene Zug nur noch wenige Meter entfernt, und
es gab keine Möglichkeit mehr, rechtzeitig zu bremsen. Man kann
sich vorstellen, dass der Schaden extrem groß war und die Tragödie unerwartet viele
Opfer forderte. Durch den Zusammenprall
löste sich eins der Gepäckwagendächer, wurde über die zweite
Lokomotive geschleudert und bohrte sich in den Schlafwagen der
195
ersten Klasse. Das Gas der Beleuchtungsanlage entzündete sich,
und Feuer breitete sich in den zerstörten Abteilen aus, dem mehrere Passagiere zum
Opfer fielen.
Cassandra bekam eine Gänsehaut, als sie sich die Ereignisse in
jener Nacht im Jahr 1913 vor Augen führte: Die Fahrt in die steilen Berge hinauf,
der Blick aus dem Fenster auf die nächtliche
Landschaft, die Verwunderung, als der Zug plötzlich stehen
blieb. Sie fragte sich, was Rose und Nathaniel im Augenblick des
Zusammenstoßes wohl gerade gemacht hatten. Hatten sie in ihrem Abteil geschlafen
oder sich unterhalten? Vielleicht sprachen
sie sogar gerade über ihre Tochter Ivory, die zu Hause auf ihre
Rückkehr wartete. Voller Mitgefühl faltete sie den Bericht zusammen und schob ihn
wieder zurück in das Notizheft. Wie seltsam, dass das Schicksal ihrer Vorfahren,
von deren Existenz sie
doch gerade erst erfahren hatte, sie so bewegte. Und wie schrecklich musste es für
Nell gewesen sein, ihre Eltern endlich zu finden, nur um sie auf so grausame Weise
gleich wieder zu verlieren.
Die Tür des Carluccio’s wurde aufgerissen, und kühle, mit Abgasen vermischte Luft
strömte herein. Als Cassandra aufblickte,
sah sie Ruby auf sich zukommen, gefolgt von einem hageren
Mann mit Glatze.
»Was für ein Nachmittag!« Ruby ließ sich Cassandra gegenüber auf einen Stuhl
fallen. »Eine nicht enden wollende Busfahrt.
Ich dachte schon, ich komm da nie mehr weg.« Sie zeigte auf den
dünnen, gepflegten Mann, der steif hinter ihr stand. »Das ist
Grey, er ist unterhaltsamer, als er aussieht.«
»Ruby, Schätzchen, was für eine charmante Art, mich vorzustellen.« Er streckte
Cassandra eine weiche Hand entgegen. »Graham Westerman. Ruby hat mir alles über Sie
erzählt.«
Cassandra lächelte. Das war eine interessante Vorstellung in
Anbetracht der Tatsache, dass sie bisher ganze zwei Stunden mit
Ruby zugebracht hatte. Aber falls es irgendjemanden gab, der ein
196
solches Wunder vollbringen konnte, dann war es wahrscheinlich
Ruby.
Graham nahm Platz. »Was für ein Glücksfall, ein Haus zu erben.«
»Ganz zu schweigen von dem dazugehörigen Familiengeheimnis.« Ruby winkte einen
Kellner heran und bestellte Vorspeisen
für sie alle.
Bei der Erwähnung des Familiengeheimnisses zuckte Cassandra zusammen. Ihre neu
gewonnenen Erkenntnisse über die Identität von Nells Eltern lagen ihr auf der
Zunge, doch das Geheimnis
schnürte ihr die Kehle zu.
»Ruby sagt, ihre Ausstellung hat Ihnen gefallen«, bemerkte
Grey mit funkelnden Augen.
»Na klar hat sie ihr gefallen, sie ist schließlich ein Mensch«,
sagte Ruby. »Und außerdem Künstlerin.«
»Kunsthistorikerin«, korrigierte Cassandra errötend.
»Dad hat mir erzählt, dass Sie tolle Zeichnungen machen. Sie
haben ein Kinderbuch illustriert, stimmt’s?«
Cassandra schüttelte den Kopf. »Nein. Ich hab früher mal gezeichnet, aber es war
nur ein Hobby.«
»Also, nach allem, was ich gehört hab, war das mehr als ein
Hobby. Dad sagt …«
»Als junges Mädchen bin ich immer mit einem Zeichenblock
rumgelaufen, aber das ist lange her. Ich hab schon seit Jahren
nichts mehr gezeichnet.«
»Hobbys haben es an sich, mit der Zeit verloren zu gehen«,
bemerkte Grey diplomatisch. »Ein gutes Beispiel dafür ist Rubys
Gott sei Dank nur kurzlebige Begeisterung fürs Tanzen.«
»Ach, Grey, bloß weil du zwei linke Füße hast …«
Während die beiden über Rubys Begeisterung für das Salsatanzen diskutierten, gab
Cassandra sich der Erinnerung an jenen viele Jahre zurückliegenden Nachmittag hin,
als Nell einen Zeichenblock und eine Schachtel 2B-Bleistifte auf den Tisch gelegt
hatte,
197
an dem Cassandra gerade über ihren Mathe-Hausaufgaben brütete.
Damals wohnte sie seit einem Jahr bei ihrer Großmutter, sie
war gerade auf die Highschool gekommen, und Freunde zu finden fiel ihr ebenso
schwer, wie ihre Gleichungen zu lösen.
»Ich kann nicht zeichnen«, hatte sie verblüfft und verunsichert
gesagt.
Unerwartete Geschenke hatten sie schon immer argwöhnisch
gemacht. Wenn ihre Mutter oder Len ihr überraschenderweise ein
Geschenk machten, folgte gewöhnlich irgendetwas Unangenehmes.
»Du wirst es schon lernen«, sagte Nell. »Du hast Augen und
Hände. Zeichne, was du siehst.«
Cassandra seufzte geduldig. Nell steckte voller verrückter Einfälle. Sie war ganz
anders als die Mütter anderer Kinder, und sie
war erst recht anders als Lesley, aber sie meinte es gut, und Cassandra wollte sie
nicht verletzen. »Ich glaube, zum Zeichnen gehört ein bisschen mehr, Nell.«
»Unsinn. Du musst einfach nur lernen zu sehen, was wirklich
da ist, und nicht, was du zu sehen glaubst.«
Cassandra hob zweifelnd die Brauen.
»Alles besteht aus Linien und Formen. Es ist wie ein Code, du
brauchst nur zu lernen, wie man ihn entziffert und deutet.« Nell
zeigte auf eine Lampe. »Die Lampe da. Sag mir, was du siehst.«
»Äh … eine Lampe?«
»Siehst du, da hast du das Problem«, sagte Nell. »Wenn du
nichts als eine Lampe siehst, wirst du nie lernen, sie zu zeichnen.
Aber wenn du siehst, dass es sich um ein Dreieck und ein Rechteck handelt und dass
beide durch ein dünnes Rohr miteinander
verbunden sind, dann hast du schon die halbe Miete.«
Cassandra zuckte die Achseln.
»Tu mir den Gefallen. Versuch’s einfach.«
Cassandra seufzte - zum Zeichen, dass sie sich in ihr Schicksal
fügte.
198
»Wer weiß, vielleicht wirst du dich noch selbst überraschen.«
Und das hatte sie getan. Nicht dass sie von Anfang an ein außerordentliches Talent
bewiesen hätte. Die Überraschung war
vielmehr die Tatsache gewesen, dass es ihr so viel Spaß machte.
Wenn sie dasaß, den Zeichenblock auf den Knien und den Bleistift in der Hand,
konnte sie die Zeit und alles um sich herum vergessen …
Der Kellner kam und stellte einen Korb mit Brot und eine kleine Schale mit einer
dunklen Paste auf den Tisch. Er nickte, als
Ruby eine Flasche Sekt bestellte. Nachdem er gegangen war,
fischte Ruby sich ein Stück warmes Knoblauchbrot aus dem
Korb, zwinkerte Cassandra zu und zeigte auf die Schale. »Probier
mal die Tapenade. Sie ist absolut köstlich.«
Cassandra strich sich etwas von der dunklen Olivenpaste auf
ein Stück Brot.
»Kommen Sie schon, Cassandra«, ermunterte sie Grey. »Erlösen Sie ein altes,
unverheiratetes Paar von seinen Kabbeleien und
erzählen uns, was Sie heute in Erfahrung gebracht haben.«
Cassandra klaubte ein Stückchen Olive von der Papiertischdecke. Rieb mit dem Daumen
über den dunklen Fleck.
»Ja, war irgendwas Aufregendes dabei?«, fragte Ruby.
Cassandra hörte sich sagen: »Ich weiß jetzt, wer Nells leibliche
Eltern waren.«
Ruby quiekte vor Begeisterung. »Was? Wer denn? Wie hast du
das denn rausgefunden?«
Cassandra biss sich auf die zitternde Lippe und schaffte es, ein
selbstbewusstes Lächeln zustande zu bringen. »Rose und Nathaniel Walker.«
»Ach du lieber Himmel, der heißt ja genauso wie mein Maler,
Grey! Was für ein Zufall, wir haben doch heute noch über ihn
gesprochen, und er hat sogar mal auf demselben Landsitz …«
Ruby unterbrach sich und erbleichte. »Hast du wirklich Nathaniel
Walker gesagt?« Sie schluckte. »Dein Urgroßvater war Nathaniel
Walker?«
199
Cassandra nickte und musste unwillkürlich grinsen. Sie kam
sich irgendwie lächerlich vor.
Ruby fiel regelrecht die Kinnlade herunter. »Und du hattest
keinen Schimmer? Ich meine, als wir uns heute in der Gallery
getroffen haben?«
Cassandra, die immer noch grinste wie eine Närrin, schüttelte
den Kopf.»Ich hab’s erst heute Nachmittag erfahren, als ich in
Nells Notizheft gestöbert habe.«
»Ich kann nicht fassen, dass du nicht sofort mit der Neuigkeit
rausgeplatzt bist, als wir uns an den Tisch gesetzt haben!«
»Du hast dich doch die ganze Zeit übers Salsatanzen ausgelassen, da ist sie gar
nicht zu Wort gekommen«, bemerkte Grey.
»Und abgesehen davon, liebe Ruby, gibt es tatsächlich Leute, die
ihr Privatleben nicht gern vor aller Welt ausbreiten.«
»Ach, komm schon, Grey, kein Mensch behält gern ein Geheimnis für sich. Das einzig
Spannende an einem Geheimnis ist
zu wissen, dass man es eigentlich nicht hätte verraten dürfen.«
Ruby schaute Cassandra kopfschüttelnd an. »Du bist also mit Nathaniel Walker
verwandt. Wahnsinn!«
»Es kommt mir irgendwie komisch vor, und vor allem so
unerwartet.«
»Sagenhaft«, seufzte Ruby. »Da durchforsten alle möglichen
Leute die Geschichtsbücher in der Hoffnung, irgendeinen Beweis
dafür zu finden, dass sie entfernt mit jemandem wie ScheißWinston-Churchill
verwandt sind, und dir fällt das Glück in Gestalt eines berühmten Malers einfach so
in den Schoß.«
Cassandra lächelte, sie kam nicht dagegen an.
Der Kellner kam wieder an den Tisch und schenkte allen ein
Glas Sekt ein.
»Auf das Lüften von Geheimnissen«, sagte Ruby und hob ihr
Glas.
Sie stießen an und tranken einen Schluck.
»Verzeihen Sie mir meine Unwissenheit«, sagte Grey, »ich bin
in Kunstgeschichte nicht so bewandert, wie ich es sein sollte, aber
200
wenn Nathaniel Walker eine Tochter hatte, die verschwunden ist,
dann hätte es doch bestimmt eine Riesensuchaktion gegeben,
oder?« Er hob eine Hand, als Cassandra etwas sagen wollte. »Ich
will ja nicht die Nachforschungsergebnisse Ihrer Großmutter infrage stellen, aber
wie, zum Teufel, kann die Tochter eines berühmten Künstlers verschwinden, ohne dass
jemand etwas davon
mitbekommt?«
Ausnahmsweise hatte Ruby darauf keine Antwort parat. Sie
schaute Cassandra an.
»Nach dem, was ich aus Nells Aufzeichnungen entnehmen
kann, geht aus den Registern hervor, dass Ivory Walker im Alter
von vier Jahren gestorben ist. Und Nell war vier Jahre alt, als sie
in Australien eintraf.«
Ruby rieb sich die Hände. »Du glaubst also, sie wurde entführt,
und die Entführer haben es dann so aussehen lassen, als wäre sie
gestorben? Wie aufregend! Aber wer kann das getan haben? Und
warum? Was hat Nell denn darüber in Erfahrung gebracht?«
Cassandra lächelte verlegen. »Diesen Teil des Rätsels hat sie
anscheinend nie lösen können. Jedenfalls nicht mit Sicherheit.«
»Was soll das heißen? Wie kommst du darauf?«
»Ich hab die letzten Seiten ihrer Aufzeichnungen gelesen. Nell
hat es nicht rausgefunden.«
»Aber irgendwas muss sie doch rausgefunden haben. Hat sie
nicht wenigstens eine Theorie gehabt?« Ruby wirkte beinahe verzweifelt. »Bitte sag
mir, dass sie eine Theorie hatte! Hat sie uns
irgendeinen Hinweis hinterlassen, an dem wir anknüpfen können?«
»Es gibt einen Namen«, sagte Cassandra. »Eliza Makepeace.
Ich habe vorher noch nie von ihr gehört, aber ich glaube, sie war
damals ziemlich bekannt. Es gibt einen Koffer, der irgendwie in
Nells Besitz gelangt ist, und dieser Koffer enthielt unter anderem
ein Märchenbuch, das offenbar einige Erinnerungen wachgerufen
hat. Möglicherweise hat diese Eliza Nell ja tatsächlich auf das
201
Schiff gebracht, aber sie selbst ist nie in Australien angekommen.«
»Was ist denn aus ihr geworden?«
Cassandra hob die Schultern. »Es gibt nichts Offizielles. Es ist,
als hätte sie sich genau zu der Zeit, als Nell sozusagen nach Australien
›verschifft‹ wurde, in Luft aufgelöst. Was auch immer Eliza vorgehabt haben mag, es
muss am Ende schiefgelaufen sein.«
Der Kellner füllte ihre Gläser nach und fragte, ob sie jetzt das
Essen bestellen wollten.
»Gute Idee«, sagte Ruby. »Geben Sie uns noch fünf Minuten?«
Entschlossen schlug sie die Speisekarte auf und seufzte. »Gott, ist
das aufregend. Wenn ich mir vorstelle, dass du morgen nach
Cornwall fahren und endlich das geheimnisvolle Haus sehen
wirst! Wie kannst du das bloß aushalten!«
»Werden Sie in dem Haus wohnen?«, wollte Grey wissen.
Cassandra schüttelte den Kopf. »Der Anwalt, der den Schlüssel
hat, sagt, es ist eigentlich nicht bewohnbar. Ich habe ein Zimmer
im Hotel Blackhurst gebucht, das liegt ganz in der Nähe. In dem
Haus hat früher die Familie Mountrachet gewohnt, Nells Familie.«
»Deine Familie«, bemerkte Ruby.
»Ja.« Daran hatte Cassandra noch gar nicht gedacht. Ohne,
dass sie es wollte, verzogen sich ihre Lippen wieder zu einem zitternden Lächeln.
Ruby schüttelte sich theatralisch. »Ich sterbe vor Neid. Ich
würde alles dafür geben, so ein Geheimnis in meiner Familiengeschichte zu haben, so
was Aufregendes, dem ich auf die Spur
kommen müsste.«
»Für mich ist das alles tatsächlich ziemlich aufregend. Es lässt
mich gar nicht mehr los. Dauernd sehe ich dieses kleine Mädchen
vor mir, die kleine Nell, die ihrer Familie entrissen wurde und
ganz allein am Kai auf ihrem Koffer sitzt. Ich kriege das Bild
nicht mehr aus dem Kopf. Ich wüsste so gern, was wirklich passiert ist, wie es
möglich ist, dass sie mutterseelenallein am ande202
ren Ende der Welt gelandet ist.« Plötzlich war Cassandra ganz
verlegen, hatte das Gefühl, zu viel geredet zu haben. »Das ist
wahrscheinlich ziemlich albern.«
»Nein, ganz und gar nicht. Ich finde es absolut verständlich.«
Etwas an Rubys mitfühlendem Ton ließ Cassandra erschauern.
Sie wusste, was als Nächstes kommen würde. Ihr Magen zog sich
zusammen, und sie suchte nach Worten, um das Thema zu wechseln. Aber sie war nicht
schnell genug.
»Ich kann mir nicht vorstellen, wie das ist, ein Kind zu verlieren«, sagte Ruby
sanft. Ihre Worte durchbrachen die dünne
Schutzschicht über Cassandras Trauer, und plötzlich hatte sie
Leos Gesicht, sein Kinderlachen vor Augen.
Mit Mühe gelang es ihr zu nicken, ein schwaches Lächeln aufzusetzen und ihre
Erinnerungen zu unterdrücken, als Ruby ihre
Hand nahm.
»Nach dem, was mit deinem kleinen Sohn passiert ist, ist es
doch kein Wunder, dass du unbedingt rausfinden willst, was deiner Großmutter
zugestoßen ist.« Ruby drückte ihre Hand. »Ich
finde das vollkommen nachvollziehbar: Du hast ein Kind verloren und jetzt versuchst
du, ein anderes wiederzufinden.«
206
Und mit einem Mal wusste sie, was sie zu tun hatte. Ohne ein
Wort zu verlieren, rannte sie zur Tür.
Die alte Miss Sturgeon, überraschend behände und noch dazu
größer und kräftiger, stellte sich ihr in den Weg, während Mrs
Swindell flugs die zweite Verteidigungslinie bildete.
Eliza senkte den Kopf, rammte ihn Miss Sturgeon in den
Schenkel und biss zu, so fest sie konnte. Die alte Frau stieß einen
schrillen Schrei aus und fasste sich ans Bein. »Oh, du kleines
Biest!«
»Oh Gott, Tante, bestimmt hat sie dich mit der Tollwut angesteckt!«
»Ich hab Ihnen ja gleich gesagt, dass man sich vor der in Acht
nehmen muss«, bemerkte Mrs Swindell. »Kümmern Sie sich
nicht um die Kleider, sehen wir lieber zu, dass wir die kleine Hexe nach unten
schaffen.«
Sie packten sie an den Armen und schleiften sie nach unten,
obwohl sie sich mit Händen und Füßen wehrte, während die junge Miss Sturgeon
unbeholfen und überflüssigerweise vor Stufen
und Türrahmen warnte.
»Halt still, du ungezogenes Gör!«, fauchte die alte Miss Sturgeon.
»Hilfe!«, schrie Eliza, der es beinahe gelungen war, sich zu befreien. »Hilfe!«
»Du kriegst eine Tracht Prügel«, zischte Mrs Swindell, als sie
den Fuß der Treppe erreichten.
Dann, plötzlich, ein unerwarteter Verbündeter.
»Eine Ratte! Ich hab eine Ratte gesehen!«
»In meinem Haus gibt’s keine Ratten!«
Die junge Miss Sturgeon kreischte, sprang auf einen Stuhl und
warf ein halbes Dutzend grüne Flaschen um, die krachend zu Boden fielen.
»Du kleines Biest! Alles, was kaputtgeht, bezahlst du mir!«
»Selbst schuld, wenn Sie Ratten im Haus haben.«
207
»Hier gibt’s keine Ratten! In meinem Haus hat sich noch nie
eine …«
»Tante, ich hab sie selbst gesehen. Ein grauenhaftes Vieh, so
groß wie ein Hund, mit schwarzen Knopfaugen und langen,
scharfen Krallen …« Die junge Miss Sturgeon brachte den Satz
nicht zu Ende und ließ sich kraftlos gegen die Stuhllehne sinken.
»Ich glaube, ich werde ohnmächtig. Solche Schrecken verkrafte
ich nicht.«
»Ganz ruhig, Margaret, Kopf hoch. Denk an die vierzig Tage
und Nächte, die unser Herr Jesus in der Wüste verbracht hat.«
Die alte Miss Sturgeon stellte ihre robuste Natur unter Beweis,
indem sie die strampelnde Eliza fest im Griff hielt, während sie
gleichzeitig ihre Nichte stützte, die gerade schniefte: »Aber die
kleinen Knopfaugen und die ekelhafte schnüffelnde Nase …« Sie
schnappte nach Luft. »Iiihhh, da ist sie wieder!«
Alle schauten in die Richtung, in die Margaret zeigte. Hinter
einer dicken Whiskyflasche kauerte eine zitternde Ratte. Eliza
wünschte ihr, dass sie entkommen würde.
»Komm her, du kleines Mistvieh!« Mrs Swindell schnappte
sich einen Lappen und jagte die Ratte damit kreuz und quer durch
den Laden.
Margaret kreischte, die alte Miss Sturgeon versuchte, sie zu beruhigen, Mrs
Swindell jagte laut fluchend nach der Ratte, Glas
ging zu Bruch. Dann, wie aus dem Nichts, ertönte mitten in dem
Tohuwabohu eine neue Stimme. Laut und tief.
»Sofort aufhören!«
Alle verstummten, und Eliza, Mrs Swindell und die beiden
Misses Sturgeon drehten sich gleichzeitig um, um zu sehen, woher die Stimme kam. In
der offenen Tür stand ein ganz in
Schwarz gekleideter Mann, hinter dem eine glänzende Kutsche
wartete. Lauter Kinder umringten das elegante Gefährt, berührten
staunend die großen Räder und die blank geputzten Laternen,
während der Mann die Szene betrachtete, die sich im darbot.
»Miss Eliza Makepeace?«
208
Eliza nickte verdattert, brachte jedoch keinen Ton heraus. Sie
war viel zu bestürzt darüber, dass ihre Flucht nunmehr vereitelt
war, um sich zu fragen, wer der Fremde sein könnte, der ihren
Namen kannte.
»Tochter von Georgiana Mountrachet?« Der Mann reichte Eliza ein Foto. Es war ein
Bild von ihrer Mutter in jungen Jahren,
gekleidet wie eine vornehme Dame. Elizas Augen weiteten sich.
Verwirrt nickte sie noch einmal.
»Ich bin Finneus Newton. Ich komme im Auftrag von Lord Linus Mountrachet in
Blackhurst, um Sie abzuholen, Miss, und Sie
auf das Anwesen der Familie zu bringen.«
Nicht nur Eliza, sondern auch die beiden Misses Sturgeon
starrten den Mann mit aufgerissenen Augen an. Mrs Swindell
sank auf einen Stuhl, als hätte sie der Schlag getroffen. Sie klappte den Mund auf
und zu wie ein gestrandeter Fisch und stammelte: »Lord Mountrachet …? Blackhurst …?
Anwesen …?«
Die alte Miss Sturgeon straffte sich. »Mr Newton, ich fürchte,
ich kann Ihnen nicht gestatten, einfach hier hereinzuplatzen und
dieses Kind mitzunehmen, ohne dass Sie eine offizielle Vollmacht vorlegen können.
Wir von der Pfarrgemeinde nehmen unsere Verantwortung sehr …«
»Dies hier dürfte alle nötigen Erklärungen enthalten.« Er reichte ihr ein Dokument.
»Mein Dienstherr hat die Vormundschaft für
diese Minderjährige beantragt, und sie wurde ihm übertragen.« Er
wandte sich an Eliza, ohne sich von ihrem ärmlichen Äußeren
abschrecken zu lassen. »Kommen Sie, Miss. Es zieht ein Gewitter
auf, und wir haben einen weiten Weg vor uns.«
Eliza brauchte nicht lange zu überlegen. Es spielte keine Rolle,
dass sie noch nie von einem Linus Mountrachet oder einem Anwesen namens Blackhurst
gehört hatte, und es war ihr egal, ob
dieser Mr Newton die Wahrheit sagte. Es spielte keine Rolle, dass
ihre Mutter nie ein Wort über ihre Familie verloren hatte und dass
sich jedes Mal ein Schatten über ihr Gesicht gelegt hatte, wenn
Eliza versucht hatte, ihr etwas über ihre Vergangenheit zu entlo209
cken. Alles war besser als das Arbeitshaus. Und wenn sie dem
Mann seine Geschichte abkaufte und dadurch den Klauen der
beiden Misses Sturgeon entkommen und sich von den Swindells
und ihrem kalten, einsamen Dachzimmer verabschieden konnte,
war das mindestens genauso gut, wie wenn es ihr gelungen wäre,
sich loszureißen und aus der Tür zu rennen.
Sie eilte an Mr Newtons Seite, brachte sich hinter seinem weiten Mantel in
Sicherheit und riskierte einen Blick auf sein Gesicht. Aus der Nähe betrachtet,
wirkte er gar nicht mehr so riesig
wie vorher, als er im Türrahmen erschienen war. Er war ziemlich
korpulent und mittelgroß. Seine Haut war gerötet, und unter seinem schwarzen
Zylinderhut lugten braune und silberne Haare
hervor.
Während die beiden Misses Sturgeon das Vormundschaftsdokument studierten, gewann
Mrs Swindell allmählich ihre Fassung
zurück. Sie trat mit erhobenem Kinn vor und unterstrich mit ihrem ausgestreckten,
schmutzigen Zeigefinger jedes Wort: »Das
ist doch bloß ein gemeiner Trick, und Sie, Sir, sind ein Betrüger.«
Sie schüttelte den Kopf. »Ich weiß ja nicht, was Sie mit dem
Mädchen vorhaben, auch wenn ich es mir lebhaft vorstellen kann,
aber ich lasse mir die Kleine nicht von Ihnen abluchsen.«
»Ich versichere Ihnen, Madam«, antwortete Mr Newton sichtlich angewidert, »dass
hier kein Betrug vorliegt.«
»Ach nein?« Ihre Brauen hoben sich, und ihre Lippen verzogen
sich zu einem schleimigen Lächeln. »Ach nein?« Sie wandte sich
triumphierend an die beiden Misses Sturgeon. »Es ist alles
Schwindel, und er ist ein Lügner. Diese Göre hat gar keine Familie, die ist ein
Waisenkind. Ein Waisenkind, ist das klar? Sie gehört mir, und ich kann mit ihr tun,
was mir gefällt.« In der Gewissheit, dass ihre Position unanfechtbar war, verzog
sie siegessicher den Mund. »Ihre Mutter hat sie mir auf dem Totenbett überlassen,
weil sie keine andere Bleibe für sie wusste.« Triumphierend hielt sie inne. »Genau
so ist es, ihre Mutter hat es mir selbst
gesagt: Sie hatte überhaupt keine Familie. In den ganzen dreizehn
210
Jahren, die sie bei mir gewohnt hat, hat sie nicht ein einziges Mal
was von einer Familie erwähnt. Dieser Mann ist ein Gauner.«
Eliza schaute zu Mr Newton auf, der einen Seufzer ausstieß
und die Brauen hob. »Auch wenn es mich nicht wundert, dass
Elizas Mutter es vorgezogen hat, die Existenz ihrer Familie zu
verschweigen, ändert das nichts an der Tatsache, dass es diese
Familie gibt.« Er wandte sich an die ältere Miss Sturgeon. »Es
steht alles hier in den Unterlagen.« Dann trat er aus dem Haus
und öffnete die Tür der Kutsche. »Miss Eliza?«, sagte er und bedeutete ihr
einzusteigen.
»Ich hole meinen Mann«, rief Mrs Swindell.
Eliza trat unschlüssig von einem Fuß auf den anderen.
»Miss Eliza?«
»Mein Mann wird Ihnen schon zeigen, wer hier im Recht ist!«
Wie auch immer die Wahrheit über ihre Familie aussehen
mochte, Eliza stand vor einer einfachen Entscheidung: die Kutsche oder das
Arbeitshaus. Im Moment hatte sie keine andere
Möglichkeit, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Ihr
blieb nichts anderes übrig, als sich in die Hände einer der anwesenden Personen zu
begeben. Sie holte tief Luft und trat auf Mr
Newton zu. »Ich habe nichts gepackt …«
»Jemand soll Mr Swindell holen!«
Mr Newton lächelte grimmig. »Ich kann mir nicht vorstellen,
dass es hier irgendetwas gibt, was Sie mit nach Blackhurst nehmen sollten.«
Inzwischen hatten sich alle möglichen Leute aus der Nachbarschaft vor dem Haus
eingefunden. Auf der einen Seite stand Mrs
Barker, den Mund weit offen, einen Korb mit feuchter Wäsche
vor dem Bauch, auf der anderen Sarah mit der kleinen Hatty, die
ihr verrotztes Gesicht an das Kleid des großen Mädchens drückte.
»Wenn Sie so freundlich wären, Miss Eliza.« Mr Newton trat
zur Seite und zeigte auf die Kutschentür.
211
Eliza warf einen letzten Blick auf die keuchende Mrs Swindell
und die beiden Misses Sturgeon, dann kletterte sie über die heruntergelassene
Trittleiter in die Kutsche.
Erst als die Tür hinter ihr zugeschlagen wurde, bemerkte Eliza,
dass sie nicht allein war. Auf der mit dunklem Stoff bezogenen
Bank ihr gegenüber saß ein Mann, den sie schon einmal gesehen
hatte. Ein Mann mit einem Kneifer, der einen eleganten Anzug
trug. Vor Schreck blieb ihr beinahe das Herz stehen. Sie wusste
sofort, dass das der böse Mann war, vor dem ihre Mutter sie gewarnt hatte, und ihr
war klar, dass sie vor ihm fliehen musste.
Aber als sie gerade die Kutschentür aufreißen wollte, schlug der
böse Mann mit der flachen Hand gegen die Wand hinter ihm, und
die Kutsche setzte sich in Bewegung.
212
Teil zwei
21 Cornwall England, 1900
Während sie die Battersea Bridge Road entlangrasten, betrachtete
Eliza eingehend die Kutschentür. Vielleicht, wenn sie an einem
Knauf drehte oder auf eine Vertiefung drückte, würde die Tür
sich öffnen, und sie konnte hinausspringen und sich in Sicherheit
bringen. Andererseits war fraglich, wie viel Sicherheit sie finden
würde. Falls sie den Sprung überlebte, würde sie eine Möglichkeit finden müssen,
dem Arbeitshaus zu entgehen, aber das war
vermutlich immer noch besser, als von dem Mann entführt zu
werden, vor dem ihre Mutter so große Angst gehabt hatte.
Ihr Herz flatterte wie ein gefangener Spatz in ihrer Brust, als
sie vorsichtig die Hand ausstreckte, ihre Finger den Knauf umschlossen und …
»Das würde ich an deiner Stelle nicht tun.«
Erschrocken blickte Eliza auf.
Der Mann, dessen Augen von den Gläsern seines Kneifers vergrößert wurden,
beobachtete sie. »Du wirst unter die Kutsche fallen, und die Räder werden dich
mittendurch schneiden.« Er lächelte dünn und entblößte einen Goldzahn. »Und wie
sollte ich
das deinem Onkel erklären? Wenn ich dich, nachdem ich dich
zwölf Jahre lang gesucht habe, in zwei Hälften abliefere?« Dann
machte er ein schmatzendes Geräusch, das Eliza, weil er dabei
die Mundwinkel leicht nach oben zog, als Lachen deutete.
So abrupt, wie es begonnen hatte, verstummte das Geräusch,
und der Mund des Mannes nahm wieder einen mürrischen Aus213
druck an. Er strich sich über den buschigen Schnurrbart, der über
seiner Oberlippe lag wie zwei Eichhörnchenschwänze. »Mein
Name ist Mansell.« Er lehnte sich zurück, schloss die Augen und
verschränkte seine bleichen, feucht wirkenden Hände auf dem
polierten Knauf seines Spazierstocks. »Ich arbeite für deinen Onkel und ich habe
einen sehr leichten Schlaf.«
Die Räder der Kutsche holperten mit einem metallischen Knirschen über das
Kopfsteinpflaster. Backsteinhäuser flogen vorbei,
alles grau in grau, so weit das Auge reichte. Eliza blieb stocksteif
auf ihrem Platz sitzen, um nur ja den schlafenden bösen Mann
nicht zu wecken.
Sie versuchte, ihren Atem dem Rhythmus der galoppierenden
Pferde anzupassen. Versuchte, ihre wirren Gedanken zu ordnen.
Konzentrierte sich auf das kühle Leder der Bank, auf der sie saß,
um gegen das Zittern in ihren Beinen anzukämpfen. Sie kam sich
vor wie eine Figur aus einem Märchenbuch, die aus einer Geschichte, deren Rhythmus
und Inhalt ihr bekannt waren, ausgeschnitten und achtlos in eine andere, unbekannte
hineingeklebt
worden war.
Als sie aus dem Häuserdschungel hinausfuhren und den weniger dicht besiedelten
Stadtrand von London erreichten, konnte
Eliza den wütenden Himmel sehen. Die Pferde taten ihr Bestes,
den grauen Wolken davonzurennen, aber welche Chance hatten
die Tiere gegen den Zorn Gottes? Die ersten Regentropfen schlugen gehässig auf das
Kutschendach, und die Welt außerhalb der
Kutsche verschwand hinter einer weißen Decke, während der Regen gegen die Fenster
prasselte und durch die feinen Ritzen oberhalb der Türen hereindrang.
So ging die Fahrt noch stundenlang weiter. Eliza suchte Zuflucht in ihren Gedanken,
bis sie um eine Kurve fuhren und ein
Schwall eisiges Wasser auf ihren Kopf tropfte. Es dauerte einen
kurzen Augenblick, bis Eliza begriff, was geschehen war. Sie
blinzelte mit ihren triefenden Wimpern und betrachtete den nassen Fleck auf ihrem
Schoß. Sie musste sich zusammennehmen,
214
um nicht zu weinen. Seltsam, dass an einem so ereignisreichen
Tag etwas so Harmloses wie ein bisschen kaltes Wasser einen
fast in Tränen ausbrechen lassen konnte. Aber sie würde nicht
weinen, nicht hier, nicht, solange der Böse Mann ihr gegenübersaß. Sie schluckte
den dicken Kloß herunter, der in ihrem Hals
steckte.
Scheinbar ohne die Augen zu öffnen zog der Mann ein weißes
Taschentuch aus seiner Brusttasche, hielt es Eliza hin und bedeutete ihr, es zu
nehmen.
Sie tupfte sich das Gesicht trocken. »So ein Theater«, sagte er
so leise, dass seine Lippen sich kaum öffneten. »So ein Riesentheater.«
Zuerst dachte Eliza, er meinte sie. Das kam ihr ungerecht vor,
denn sie hatte weiß Gott wenig Theater gemacht, wagte jedoch
nicht, etwas darauf zu entgegnen. »So viele Jahre geopfert«, fuhr
Mr Mansell fort, »und so ein armseliger Lohn.« Er öffnete die
Augen, musterte sie mit abschätzigem Blick. Sie spürte, wie ihr
die Angst in die Glieder kroch. »Ein gebrochener Mann ist zu allem bereit.«
Eliza fragte sich, wer der gebrochene Mann sein mochte, wartete darauf, dass Mr
Mansell sich eindeutiger dazu äußerte. Doch
der hüllte sich wieder in Schweigen. Ließ sich lediglich sein Taschentuch
zurückgeben, das er mit spitzen Fingern entgegennahm
und dann auf den Sitz neben sich fallen ließ.
Die Kutsche machte einen plötzlichen Schlenker, sodass Eliza
sich festhalten musste. Die Pferde hatten ihre Gangart geändert,
die Kutsche fuhr jetzt langsamer und blieb schließlich stehen.
Waren sie am Ziel? Eliza schaute aus dem Fenster, konnte jedoch keine Häuser
entdecken, nur ein riesiges, aufgeweichtes
Feld und daneben ein kleines Steinhaus mit einem von Wind und
Wetter ausgebleichten Schild über der Tür. MacCleary’s Inn, Salisbury stand darauf.
»Ich muss mich jetzt um andere Dinge kümmern«, sagte Mr
Mansell. »Newton wird dich abliefern.« Dann öffnete er die Kut215
schentür, und der Regen verschluckte den Befehl, den er Newton
zurief. Als die Tür zugeschlagen wurde, schnappte Eliza die Worte auf: »Bringen Sie
das Mädchen nach Blackhurst.«
Eine scharfe Biegung, und Eliza wurde gegen die kalte, harte
Wand geworfen. So unsanft aus dem Schlaf gerissen, brauchte sie
eine Weile, um zu begreifen, wo sie sich befand, warum sie allein
in einer dunklen Kutsche saß, die sie einem unbekannten Schicksal entgegentrug.
Bruchstückhaft und schwerfällig kehrte die
Erinnerung an den Tag zurück. Der Bote ihres geheimnisvollen
Onkels, die Rettung aus den Klauen von Mrs Swindells Wohltäterinnen, Mr Mansell …
Sie wischte eine Stelle am beschlagenen
Kutschenfenster frei und lugte nach draußen. Es war schon fast
dunkel. Offenbar hatte sie eine ganze Weile geschlafen, aber wie
lange genau, konnte sie nicht einschätzen. Es hatte aufgehört zu
regnen, und durch die tief hängenden Wolken waren vereinzelte
Sterne zu erkennen. Die Laternen der Kutsche, die im Rhythmus
der rumpelnden Kutsche schaukelten, konnten gegen die tiefe
ländliche Dunkelheit nichts ausrichten. In dem spärlichen Licht,
das sie verbreiteten, konnte Eliza undeutlich große Bäume ausmachen, Äste, die sich
schwarz gegen den Himmel abzeichneten,
dann ein hohes schmiedeeisernes Tor. Sie fuhren in einen Tunnel
aus dichtem Dornengestrüpp, die Kutschenräder rumpelten durch
tiefe Pfützen, sodass schlammiges Wasser gegen die Fenster
klatschte.
In dem Tunnel war es stockfinster, das Gestrüpp war so dicht,
dass kein Abendlicht es zu durchdringen vermochte. Mit angehaltenem Atem wartete
Eliza auf den Moment, da sie abgeliefert
werden würde, wartete darauf zu sehen, was hinter dem Tunnel
lag. Blackhurst. Sie konnte ihr Herz schlagen hören, kein Spatz
mehr wie zuvor, sondern ein riesiger Rabe mit kräftigen Schwingen, die gegen ihre
Brust schlugen.
Unvermittelt gelangten sie ins Freie.
216
Vor ihnen lag ein steinernes Haus, das größte, das Eliza je gesehen hatte. Größer
sogar als die Hotels in London, in denen die
feinen Leute ein und aus gingen. Das Haus war von dichtem Nebel umhüllt, und
dahinter ragten große Bäume empor, deren Äste
sich ineinanderwanden. In einigen der unteren Fenster flackerte
Lampenlicht. Das konnte doch unmöglich das Haus sein, oder?
Eine Bewegung, und Elizas Blick wanderte zu einem Fenster
hoch oben. Ein Gesicht, bleich im Kerzenlicht, schaute zu ihr herunter. Eliza
rückte näher ans Fenster, um besser sehen zu können, doch da war das Gesicht schon
wieder verschwunden.
Die Kutsche fuhr an dem Gebäude vorbei, die metallbeschlagenen Räder knirschten auf
den Pflastersteinen. Sie fuhren durch
einen steinernen Torbogen, dann blieb die Kutsche mit einem
Ruck stehen.
Eliza straffte sich, wartete, beobachtete, fragte sich, ob sie vielleicht aus der
Kutsche steigen und selbst den Weg ins Haus finden sollte.
Im nächsten Augenblick wurde die Tür geöffnet, und Mr Newton, trotz seines
Regenmantels völlig durchnässt, reichte ihr eine
Hand. »Kommen Sie, kleine Miss, wir sind schon spät dran. Wir
haben keine Zeit zum Trödeln.«
Eliza nahm die ihr angebotene Hand und stieg aus der Kutsche.
Während sie geschlafen hatte, waren sie dem Regen davongefahren, aber dem Himmel
nach zu urteilen würde er sie schon bald
wieder einholen. Dunkle, graue Wolken lagen dräuend über dem
Land, und die Luft darunter war von dichtem Nebel erfüllt, der
ganz anders war als der Londoner Nebel, kälter, weniger ölig. Er
roch nach Salz und Laub und Wasser. Und sie hörte ein Geräusch, das sie nicht
einordnen konnte, wie von einem vorbeifahrenden Zug. Tschtschsch … Tschtschsch …
Tschtschsch …
»Sie sind spät dran. Die Mistress hatte das Mädchen schon um
halb vier erwartet.« In der Tür stand ein Mann, der ein bisschen
wie einer von diesen feinen Pinkeln gekleidet war. Und er redete
auch wie einer, und doch wusste Eliza, dass er keiner war. Seine
217
steife Haltung und seine demonstrative Überlegenheit verrieten
ihn. Niemand, der als feiner Mann geboren war, musste sich so
anstrengen.
»War nicht zu ändern, Mr Thomas«, sagte Newton. »Mistwetter den ganzen Tag. Wir
können von Glück reden, dass wir’s
überhaupt geschafft haben, jetzt, wo der Tamar Hochwasser
führt.«
Mr Thomas war unbeeindruckt. Er ließ seine Taschenuhr zuschnappen. »Die Mistress
ist sehr verstimmt. Sie wird Sie morgen
früh zur Rede stellen.«
Die Stimme des Kutschers klang verdrießlich. »Ja, Mr Thomas. Zweifellos, Sir.«
Als Mr Thomas Eliza erblickte, verzog er das Gesicht. »Was
ist das?«
»Das Mädchen, das ich abholen sollte, Sir.«
»Das ist doch kein Mädchen.«
»Doch, Sir, das ist ein Mädchen.«
»Aber die Haare … die Kleider …«
»Ich tue nur, was man mir aufträgt, Mr Thomas. Falls Sie irgendwelche Fragen haben,
wenden Sie sich bitte an Mr Mansell.
Er war dabei, als ich die Kleine abgeholt habe.«
Diese Information schien Mr Thomas etwas zu beruhigen. Er
stieß einen schmallippigen Seufzer aus. »Ich nehme an, wenn Mr
Mansell überzeugt war …«
Der Kutscher nickte. »Wenn das alles ist, bringe ich die Pferde
in den Stall.«
Eliza überlegte, ob sie Mr Newton und den Pferden hinterherlaufen und sich im Stall
in Sicherheit bringen sollte. Vielleicht
konnte sie sich in einer Kutsche verstecken und irgendwie zurück
nach London gelangen, aber als sie in seine Richtung schaute,
hatte der Nebel Mr Newton und die Pferde bereits verschluckt.
»Komm«, sagte Mr Thomas, und Eliza tat, wie ihr geheißen.
Drinnen war es kühl und feucht, allerdings wärmer und trockener als draußen. Eliza
folgte Mr Thomas durch einen kurzen Flur,
218
bemüht, beim Gehen kein lautes Geräusch auf den grauen Fliesen
zu machen. Es duftete nach gebratenem Fleisch, und Eliza spürte,
wie ihr Magen knurrte. Wann hatte sie zuletzt etwas gegessen?
Am Abend zuvor eine Schale von Mrs Swindells Brühe … Ihre
Lippen wurden ganz trocken vor Hunger.
Als sie durch die riesige, dampferfüllte Küche gingen, wurde
der Duft intensiver. Mehrere Hausmädchen und eine fette Köchin
brachen ihr Gespräch ab und beäugten sie neugierig. Kaum hatten
Eliza und Mr Thomas die Küche verlassen, ertönte aufgeregtes
Flüstern. Eliza kamen fast die Tränen bei dem Gedanken, so nah
an etwas Essbarem gewesen zu sein, und das Wasser lief ihr im
Mund zusammen.
Am Ende des Korridors trat eine dünne Frau mit einer mageren
Taille und Gesichtszügen, die steife Förmlichkeit ausdrückten,
aus einer Tür. »Ist das die Nichte, Mr Thomas?« Unverhohlen
musterte sie Eliza von Kopf bis Fuß.
»Jawohl, Mrs Hopkins.«
»Es handelt sich nicht um einen Irrtum?«
»Bedauerlicherweise nein, Mrs Hopkins.«
»Verstehe.« Sie atmete langsam ein. »Man sieht jedenfalls,
dass sie aus London kommt.«
Eliza spürte deutlich, dass das nicht gerade vorteilhaft für sie
war.
»In der Tat, Mrs Hopkins«, sagte Mr Thomas. »Ich habe schon
überlegt, ob wir sie vielleicht baden sollten, ehe wir sie präsentieren.«
Mrs Hopkins kniff die Lippen zusammen, dann stieß sie einen
kurzen, entschlossenen Seufzer aus. »Ich teile Ihre Meinung, Mr
Thomas, aber ich fürchte, dafür reicht die Zeit nicht. Sie hat bereits ihren Unmut
darüber zum Ausdruck gebracht, dass man sie
warten lässt.«
Sie. Eliza fragte sich, wer sie wohl sein mochte.
Ihr fiel auf, dass Mrs Hopkins jedes Mal von einer gewissen
Erregung ergriffen wurde, wenn dieses Wort fiel. Hastig strich sie
219
zum Beispiel ihren tadellos sitzenden Rock glatt. »Das Mädchen
soll in den Salon geführt werden. Sie wird das Kind dort in Empfang nehmen. In der
Zwischenzeit lasse ich ein Bad einlaufen,
dann wollen wir mal sehen, ob es uns gelingt, vor dem Abendessen ein bisschen von
dem Londoner Dreck abzuwaschen.«
Es würde also ein Abendessen geben. Und schon so bald. Eliza
wurde beinahe schwindlig vor Erleichterung.
Als sie hinter sich ein Kichern hörte, drehte sie sich um und
sah gerade noch ein Hausmädchen mit einem Lockenkopf zurück
in die Küche huschen.
»Mary!«, sagte Mrs Hopkins und ging dem Mädchen nach.
»Du wirst noch eines Morgens aufwachen und über deine eigenen
Ohren stolpern, wenn du nicht aufhörst, sie ständig auszufahren!«
Am Ende des Flurs führte eine schmale Treppe in einem
leichten Bogen zu einer Holztür. Eliza folgte Mr Thomas, der mit
forschen Schritten voranging. Durch die Tür traten sie in einen
großen Raum.
Der Boden war mit hellen, quadratischen Fliesen bedeckt, und
von der Mitte des Raums führte eine breite, geschwungene Treppe nach oben. An der
hohen Decke hing ein Kronleuchter, dessen
Kerzen den gesamten Raum mit warmem Licht erfüllten.
Mr Thomas durchquerte die Eingangshalle und ging auf eine
glänzend rot lackierte Tür zu. Mit einer Kopfbewegung bedeutete
er Eliza, zu ihm zu kommen.
Er schürzte seine bleichen Lippen, als er sie musterte, und um
seine Mundwinkel bildeten sich kleine Fältchen. »Die Mistress,
deine Tante, wird in einer Minute hier sein, um dich zu begrüßen.
Achte auf deine Aussprache und sprich sie nur mit ›Mylady‹ an,
solange sie dir nichts anderes befiehlt.«
Eliza nickte. Sie war also ihre Tante.
Mr Thomas schaute sie unverwandt an. Ohne den Blick abzuwenden schüttelte er den
Kopf. »Ja«, sagte er leise. »Ich sehe die
Ähnlichkeit mit deiner Mutter. Du bist ein schmuddeliges kleines
Gör, kein Zweifel, aber die Ähnlichkeit ist nicht zu übersehen.«
220
Ehe Eliza die erfreuliche Feststellung, dass sie ihrer Mutter ähnelte, verdauen
konnte, hörte sie oben auf der breiten Treppe ein Geräusch. Mr Thomas zuckte
zusammen und straffte die Schultern.
Dann gab er Eliza einen sanften Schubs, und sie stolperte allein
über die Schwelle in einen großen Raum mit weinroter Tapete
und einem knisternden Feuer im offenen Kamin.
Auf den Tischen flackerten Gaslampen, denen es jedoch trotz
all ihrer Mühe nicht gelang, den riesigen Raum ausreichend zu
erhellen. Dunkelheit wisperte in den Ecken, Schatten huschten
über die Wände. Hin und her, hin und her …
Ein Geräusch von hinten, und die Tür ging abermals auf. Ein
kühler Luftzug ließ das Feuer im Kamin flackern. Gezackte
Schatten tanzten über die Wände.
Erwartungsvoll drehte Eliza sich um.
Eine Frau, groß und dünn wie eine in die Länge gezogene Sanduhr, stand in der Tür.
Ihr langes, eng anliegendes Seidenkleid
war tiefblau wie der nächtliche Himmel.
Neben ihr stand ein riesiger Jagdhund. Er tänzelte unruhig auf
seinen langen Beinen und drückte sich an ihren Rock. Hin und
wieder hob er seinen schmalen Kopf und rieb ihn an ihrer Hand.
»Miss Eliza«, verkündete Mr Thomas, der der Frau in den
Raum gefolgt und abwartend hinter ihr stehen geblieben war.
Nachdem die Frau Eliza eine ganze Weile schweigend gemustert hatte, sagte sie in
einem herablassenden Tonfall: »Ich werde
morgen mit Newton sprechen müssen. Sie ist eine halbe Stunde
später als erwartet eingetroffen.« Die Frau sprach so langsam und
dabei so bestimmt, dass Eliza die scharfen Kanten ihrer Worte
spüren konnte.
»Jawohl, Mylady«, sagte Thomas errötend. »Soll ich jetzt den
Tee servieren, Mylady? Mrs Hopkins hat …«
»Nicht jetzt, Thomas.« Ohne sich umzudrehen, wedelte sie
kurz mit ihrer bleichen, schmalen Hand. »Sie müssten doch wissen, dass es für Tee
viel zu spät ist.«
221
»Sehr wohl, Mylady.«
»Wenn sich herumsprechen würde, dass auf Blackhurst Manor
der Tee nach fünf serviert wird …« Ein gepresstes Lachen, das
Glas hätte zerspringen lassen können. »Nein, wir werden auf das
Abendessen warten.«
»Im Speisesaal, Mylady?«
»Wo sonst, Thomas?«
»Soll ich für zwei decken, Mylady?«
»Ich werde allein speisen.«
»Und Miss Eliza, Ma’am?«
Die Tante atmete scharf ein. »Ein leichtes Abendessen.«
Elizas Magen knurrte. Sie konnte nur hoffen, dass zu ihrem Essen ein bisschen
warmes Fleisch gehören würde.
»Sehr wohl, Mylady«, sagte Mr Thomas und zog sich mit einer
Verbeugung zurück.
Die Tante holte tief Luft und schaute Eliza an. »Komm her,
Kind. Lass mich dich ansehen.«
Eliza gehorchte, trat vor die Tante und bemühte sich, ihren
Atem zu beruhigen.
Aus der Nähe betrachtet, war die Tante sehr schön. Es war eine
Art Schönheit, die in Einzelheiten deutlich zur Geltung kam, aber
durch den Gesamteindruck wieder beeinträchtigt wurde. Ihr Gesicht wirkte wie
gemalt. Haut so weiß wie Schnee, Lippen so rot
wie Blut, die Augen blassblau. In ihre Augen zu schauen war, als
würde man in einen Spiegel sehen, auf den ein Lichtstrahl gerichtet ist. Ihr
dunkles Haar war glatt und glänzend und oben auf dem
Kopf zu einem kunstvollen Knoten zusammengefasst.
Die Wimpern der Tante zuckten kaum merklich, während sie
Elizas Gesicht musterte. Kalte Finger hoben Elizas Kinn, um einen noch besseren
Blick auf sie zu bekommen. Eliza, unsicher,
wo sie hinsehen sollte, blinzelte in die undurchdringlichen Augen
der Tante. Der riesige Hund, der immer noch neben der Tante
stand, hechelte warmen, feuchten Atem gegen Elizas Arme.
222
»Ja«, sagte die Tante. Ein Nerv zuckte an ihrem Mundwinkel.
Es war, als beantwortete sie eine Frage, die niemand gestellt hatte. »Du bist ihre
Tochter. Völlig heruntergekommen, aber du bist
ihr Kind.« Sie schauderte kaum merklich, als eine Bö den Regen
gegen die Fenster prasseln ließ. Das schlechte Wetter hatte sie
eingeholt. »Wir können nur hoffen, dass du nicht den gleichen
Charakter hast wie sie. Dass wir, wenn wir zur rechten Zeit mit
deiner Erziehung beginnen, ähnliche Neigungen im Keim ersticken können.«
Eliza fragte sich, was das für Neigungen sein konnten. »Meine
Mutter …«
»Nein«, die Tante hob eine Hand. »Nein.« Sie schlug sich mit
der Hand vor den Mund und rang sich ein Lächeln ab. »Deine
Mutter hat Schande über den Namen der Familie gebracht, hat
alle beleidigt, die in diesem Haus leben. Hier wird nicht über sie
gesprochen. Niemals. Das ist die erste und wichtigste Bedingung
für deine Unterbringung auf Blackhurst Manor. Haben wir uns
verstanden?«
Eliza biss sich auf die Lippe.
»Haben wir uns verstanden?« Überraschenderweise zitterte die
Stimme der Tante.
Eliza nickte, eher vor Verblüffung als zustimmend.
»Dein Onkel ist ein Gentleman. Er kennt seine Pflichten.«
Unwillkürlich richtete die Tante den Blick auf ein Porträt neben
der Tür. Ein Mann in mittleren Jahren mit rötlichem Haar und
einem Gesichtsausdruck, der Eliza an einen Fuchs erinnerte. Abgesehen von seinem
roten Haar, hatte er keinerlei Ähnlichkeit mit
Elizas Mutter. »Du darfst nie vergessen, was für ein unglaubliches Glück dir
beschieden ist. Gib dir große Mühe, damit du vielleicht eines Tages die
Großzügigkeit deines Onkels verdienst.«
»Ja, Mylady«, sagte Eliza, die sich gemerkt hatte, was Mr
Thomas ihr eingeschärft hatte.
Die Tante drehte sich um und betätigte einen kleinen, silbernen
Hebel an der Wand.
223
Eliza schluckte. Wagte, etwas zu sagen. »Verzeihung, Mylady«, sagte sie leise.
»Werde ich meinen Onkel kennenlernen?«
Die linke Braue der Tante hob sich. Feine Fältchen bildeten
sich auf ihrer Stirn, die sich schnell wieder glättete und wie aus
Alabaster gemacht schien. »Mein Gatte hält sich gerade in
Schottland auf, um die Kathedrale von Brechin zu fotografieren.«
Als sie näher trat, konnte Eliza die Anspannung spüren, die von
ihrem Körper ausging. »Dein Onkel hat sich zwar erboten, dich in
seinem Haus aufzunehmen, aber er ist ein viel beschäftigter
Mann, ein wichtiger Mann, der keine Zeit hat, um sich von Kindern ablenken zu
lassen.« Sie presste die Lippen so fest zusammen, dass die Farbe aus ihnen wich.
»Du darfst ihn niemals stören. Es reicht, dass er die Liebenswürdigkeit besitzt,
dich herzuholen. Also hüte dich, mehr zu verlangen. Verstanden?« Die Lippen der
Tante zitterten. »Hast du verstanden?«
Eliza nickte hastig.
Zum Glück ging die Tür wieder auf, und Mr Thomas trat ein.
»Sie haben geläutet, Mylady?«
Der Blick der Tante ruhte immer noch auf Eliza. »Das Kind
braucht ein Bad.«
»Sehr wohl, Mylady. Mrs Hopkins hat bereits alle Vorbereitungen getroffen.«
Die Tante schüttelte sich. »Sie soll dem Badewasser etwas
Karbolseife zugeben. Etwas Kräftiges, das diesen Londoner
Dreck abwäscht.« Dann fügte sie kaum hörbar hinzu: »Ich
wünschte, wir könnten gleich auch alles andere abwaschen, mit
dem sie besudelt ist, wie ich fürchte.«
Immer noch mit dem Gefühl, wund geschrubbt zu sein, folgte Eliza Mrs Hopkins’
flackernder Laterne eine kalte Holztreppe hoch
und dann einen Flur hinunter. Längst verstorbene Männer in vergoldeten Rahmen
verfolgten sie mit lüsternen Blicken. Wie
schrecklich es sein musste, porträtiert zu werden, dachte Eliza, so
lange still sitzen zu müssen, nur damit man der Nachwelt eine
224
Schicht von sich selbst hinterlassen konnte auf einem Stück
Leinwand, das dann für immer einsam in einem dunklen Korridor
hing.
Sie verlangsamte ihre Schritte. Auf dem letzten Bild war ein
Gesicht, das sie wiedererkannte. Es sah anders aus als das in dem
unteren Raum, auf diesem Bild war der Mann noch jünger. Sein
Gesicht war voller, und von dem Fuchs, der ihm mit der Zeit seine Züge verleihen
sollte, war noch nichts zu sehen. In diesem
Porträt, im Gesicht des jungen Mannes, sah Eliza ihre Mutter.
»Der da ist dein Onkel«, sagte Mrs Hopkins. »Du wirst ihm
noch früh genug in Fleisch und Blut begegnen.« Das Wort
Fleisch machte Eliza auf die rosa- und cremefarbenen Farbtupfer
aufmerksam, die auf dem Porträt in den dick aufgetragenen letzten Pinselstrichen
des Künstlers haften geblieben waren. Bei dem
Gedanken an Mr Mansells feuchte Finger lief ihr ein Schauer
über den Rücken.
Am Ende eines dunklen Flurs blieb Mrs Hopkins stehen, und
Eliza, die immer noch Sammys Kleider umklammert hielt, eilte
ihr nach. Mrs Hopkins angelte einen großen Schlüssel aus den
Falten ihres Kleids und schob ihn ins Schloss. Sie öffnete die Tür
und ging mit erhobener Laterne voraus.
Das Zimmer lag im Dunkeln, und die Laterne warf nur ein
schwaches Licht über die Schwelle. In der Mitte des Raums
konnte Eliza ein Bett aus glänzendem, schwarzem Holz ausmachen, mit vier Pfosten,
an denen geschnitzte Gestalten emporkletterten.
Auf dem Nachttisch stand ein Tablett mit einem Stück Brot
und einer Schale Suppe, die längst aufgehört hatte zu dampfen.
Leider konnte sie kein Fleisch entdecken, aber in der Not durfte
man nicht wählerisch sein, wie ihre Mutter sie immer wieder ermahnt hatte.
Heißhungrig machte Eliza sich über die Suppe her
und schlang sie so schnell herunter, dass sie beinahe einen
Schluckauf davon bekommen hätte. Zum Schluss tunkte sie mit
dem Stück Brot auch noch den letzten Tropfen auf.
225
Mrs Hopkins, die ihr einigermaßen verblüfft zugesehen hatte,
enthielt sich jeden Kommentars. Steif stellte sie die Laterne auf
einer Kiste am Fußende des Betts ab und schlug die schwere Decke zurück. »So, ab
ins Bett mit dir. Ich hab nicht die ganze
Nacht Zeit.«
Eliza tat, wie ihr geheißen. Die Laken fühlten sich kalt und
feucht an ihren Beinen an, die nach dem heftigen Schrubben immer noch ein bisschen
empfindlich waren.
Mrs Hopkins nahm die Laterne wieder an sich, und gleich darauf hörte Eliza, wie die
Tür geschlossen wurde. Dann war sie allein in dem stockfinsteren Zimmer. Die müden,
alten Knochen
des Hauses ächzten unter der prächtigen äußeren Hülle.
Die Dunkelheit des Schlafzimmers hatte eine eigene Stimme,
dachte Eliza. Wie ein tiefes, fernes Grollen. Allgegenwärtig, bedrohlich, nie nah
genug, um sich als etwas Harmloses zu erweisen.
Und dann fing es wieder an zu regnen, ein plötzlicher Wolkenbruch. Eliza fuhr
zusammen, als ein Blitz den Himmel in zwei
Hälften teilte und die Welt für einen Augenblick in grelles Licht
tauchte. In diesen kurzen Momenten, bevor ein Donner folgte, der
das riesige Haus erzittern ließ, betrachtete Eliza die Wände des
Zimmers eine nach der anderen, um sich ein Bild von ihrer Umgebung zu machen.
Blitz … Donner … Dunkler Holzschrank neben dem Bett.
Blitz … Donner … Offener Kamin an der gegenüberliegenden
Wand.
Blitz … Donner … Alter Schaukelstuhl vor dem Fenster.
Blitz … Donner … Eine breite Fensterbank.
Auf Zehenspitzen lief Eliza über die kalten Dielen. Wind drang
durch die Ritzen im Holz und fegte über den Fußboden. Sie kletterte auf die
Fensterbank und schaute in die Dunkelheit hinaus.
Wütende Wolken verhüllten den Mond, und der Garten lag unter
einem Mantel aus stürmischer Nacht. Regen prasselte auf den
durchtränkten Boden.
226
Ein weiterer Blitz erhellte das Zimmer. Ehe es wieder in der
Dunkelheit versank, erhaschte Eliza einen Blick auf ihr Spiegelbild. Ihr Gesicht,
Sammys Gesicht.
Eliza streckte eine Hand aus, doch das Bild war schon wieder
verschwunden, und ihre Finger berührten nur das eisige Glas. In
diesem Augenblick wurde ihr zum ersten Mal richtig bewusst,
wie weit weg sie von zu Hause war.
Sie schlüpfte zurück zwischen die klammen, unvertrauten Bettlaken. Legte ihren Kopf
auf Sammys Hemd. Schloss die Augen
und glitt sanft in das Reich des Schlafs.
Plötzlich fuhr sie hoch.
Ihr Magen zog sich zusammen, und ihr Herz begann zu rasen.
Die Brosche ihrer Mutter. Wie war es möglich, dass sie sie
vergessen hatte? In der Eile, in dem ganzen Durcheinander, hatte
sie sie zurückgelassen. Hoch oben in der Lücke im Kamin, im
Haus von Mr und Mrs Swindell, lag der Schatz, den ihre Mutter
so lange gehütet hatte, und wartete.
228
Zum zweiten Mal war Nell Cassandras Retterin gewesen. Sie
war sofort mit Ben gekommen, und Ben hatte Cassandra vorsichtig beigebracht, was
passiert war, hatte ihr alles mit Worten erklärt, die ihr aus dem Mund des
Polizisten völlig sinnlos erschienen waren: ein Unfall, ein ausweichender Laster,
ein Zusammenstoß. Eine grauenhafte Verkettung von Ereignissen, die so alltäglich,
so normal waren, dass sie sich unmöglich vorstellen konnte,
davon betroffen zu sein.
Nell hatte nicht gesagt, es würde alles wieder gut werden. Sie
hatte sich gehütet, so etwas zu behaupten, denn sie wusste, dass
es nie, niemals wieder gut werden würde. Stattdessen hatte sie ein
Beruhigungsmittel mitgebracht, damit Cassandra schlafen konnte.
Sie hatte Cassandras rasenden Gedanken mit einem erlösenden
Schlag Einhalt geboten, und sei es nur für ein paar Stunden. Und
sie hatte Cassandra mit zu sich nach Hause genommen.
In Nells Haus war sie besser aufgehoben, dort konnten ihre
Geister es sich nicht so gemütlich machen, denn Nell hatte ihre
eigenen Dämonen, da konnten die, die Cassandra mitbrachte, sich
nicht ganz so frei entfalten.
An die erste Zeit danach hatte sie nur verschwommene Erinnerungen, eine Mischung
aus Trauer und Entsetzen, und einen Albtraum, der sich beim Aufwachen nicht
abschütteln ließ. Sie wusste nicht, was schlimmer gewesen war, die Nächte, in denen
Nicks
Geist sie heimsuchte und immer wieder fragte: Warum hast du
uns fortgeschickt? Warum hast du darauf bestanden, dass ich Leo
mitnehme? Oder die Nächte, in denen der Geist nicht kam, wenn
sie ganz allein war, die dunklen Stunden sich endlos hinzogen
und die erlösende Dämmerung schneller vorüber war, als sie sie
wahrnehmen konnte. Und dann der Traum. Diese furchtbare Wiese mit der Verheißung,
ihre Liebsten irgendwo finden zu können.
Tagsüber war es Leo, der sie verfolgte, das Geräusch seiner
Spielsachen, ein Jauchzen, eine kleine Hand, die sich an ihrem
Rock festklammerte, damit sie ihn auf den Arm nahm. Ach, das
Aufflackern dieses Glücksgefühls, kurz und bruchstückhaft, und
229
dennoch ganz real. Der Sekundenbruchteil, in dem sie vergaß.
Und dann das böse Erwachen, wenn sie sich umdrehte, um ihn
hochzuheben, und er nicht da war.
Sie hatte versucht auszugehen, hatte gehofft, ihren Geistern auf
diese Weise entkommen zu können, aber es hatte nicht funktioniert. Es gab so viele
Kinder, überall, wo sie hinkam. In den
Parks, in den Schulen, in den Geschäften. Hatte es schon immer
so viele gegeben? Schließlich war sie im Haus geblieben, hatte
die Tage in Nells Garten verbracht, auf dem Rücken unter dem
alten Mangobaum gelegen und zugesehen, wie die Wolken vorüberzogen. Hatte den
blauen Himmel über den Blättern des Tempelbaums betrachtet, die in der Brise
bebenden Palmwedel, die
winzigen, sternförmigen Samenkörner, die der Wind auf den Weg
regnen ließ.
Und an nichts gedacht. Versucht, an nichts zu denken. An alles
gedacht.
Dort unter dem Baum hatte Nell sie eines Nachmittags angetroffen. Es war
Spätsommer, die größte Hitze war vorbei, und die
Luft duftete schon nach Herbst. Cassandras Augen waren geschlossen.
Dass Nell neben ihr stand, spürte sie daran, dass die Sonne die
Haut an ihren Armen nicht mehr wärmte und dass sich ein Schatten über ihre Augen
legte.
Dann Nells Stimme. »Hab ich mir doch gedacht, dass ich dich
hier finden würde.«
Cassandra sagte nichts.
»Meinst du nicht, es wird allmählich Zeit, dass du etwas unternimmst, Cass?«
»Bitte, Nell. Lass mich einfach.«
Langsamer, die einzelnen Wörter betonend: »Du musst irgendetwas tun …«
»Bitte …« Einen Bleistift in die Hand zu nehmen, verursachte
ihr Übelkeit. Und wenn sie einen Zeichenblock auch nur auf-
230
schlug … Wie konnte sie es riskieren, dass ihr Blick auf eine rosige Wange fiel,
auf eine Nasenspitze, auf zarte Babylippen …?
»Du musst etwas tun.«
Nell versuchte nur, ihr zu helfen, und dennoch hätte Cassandra
am liebsten geschrien, ihre Großmutter gepackt und geschüttelt
und dafür bestraft, dass sie sie einfach nicht verstand. Stattdessen
seufzte sie nur. Ihre immer noch geschlossenen Lider flatterten
leicht. »Das höre ich oft genug von Doktor Harvey. Ich hab keine
Lust, mir das auch noch von dir anzuhören.«
»Ich rede nicht von Beschäftigungstherapie, Cass.« Dann, nach
kurzem Zögern: »Du musst anfangen, deinen Teil beizutragen.«
Cassandra öffnete die Augen und hob eine Hand gegen die
grelle Sonne. »Was?«
»Ich bin nicht mehr die Jüngste, meine Liebe. Ich brauche Hilfe. Im Haushalt, im
Laden. Ich brauche finanzielle Unterstützung.«
Die schockierenden Worte schimmerten in der klaren Luft, ihre
scharfen Kanten wollten nicht verschwinden. Wie konnte Nell
nur so kaltherzig sein? So gedankenlos? Cassandra fröstelte. »Ich
habe meine Familie verloren«, brachte sie schließlich heraus. Vor
lauter Anstrengung tat ihr der Hals weh. »Ich trauere.«
»Das weiß ich«, sagte Nell und setzte sich neben Cassandra ins
Gras. Sie nahm ihre Hand. »Das weiß ich doch, Liebes. Aber inzwischen ist ein
halbes Jahr vergangen. Und du bist nicht tot.«
Cassandra hatte angefangen zu weinen. Weil Nell es laut ausgesprochen hatte, konnte
sie ihre Tränen nicht länger zurückhalten.
»Du bist noch da«, sagte Nell leise und drückte Cassandras
Hand. »Und ich brauche Hilfe.«
»Ich kann nicht.«
»Doch, du kannst.«
»Nein …« Ihr dröhnte der Schädel; sie war müde, so schrecklich müde. »Ich meine,
ich kann nicht. Ich kann nichts geben.«
231
»Du brauchst mir nichts zu geben. Ich möchte nur, dass du mit
mir kommst und tust, worum ich dich bitte. Du kannst doch ein
Poliertuch halten, oder?«
Nell strich Cassandra ein paar tränennasse Strähnen aus dem
Gesicht. Dann sagte sie leise und in einem unerwartet stählernen
Ton: »Du wirst darüber hinwegkommen. Ich weiß, dass du dir
das nicht vorstellen kannst, aber du wirst es schaffen. Du bist eine
Kämpfernatur.«
»Ich will das nicht überleben.«
»Auch das weiß ich«, hatte Nell gesagt. »Und es ist nur verständlich. Aber manchmal
bleibt einem keine andere Wahl.«
Der Wasserkocher im Hotelzimmer schaltete sich mit einem
triumphierenden Klicken ab, und Cassandra goss mit zitternder
Hand kochendes Wasser in ihre Tasse. Blieb einen Moment stehen und ließ den Tee
ziehen. Mittlerweile wusste sie, dass Nell
sie wirklich verstanden hatte, dass sie nur zu gut gewusst hatte,
was für eine schreckliche Leere sich um einen herum auftat,
wenn man plötzlich ganz allein auf der Welt war.
Sie rührte in ihrem Tee und seufzte, während Nick und Leo vor
ihrem geistigen Auge verblassten. Zwang sich, sich auf die Gegenwart zu
konzentrieren. Sie befand sich im Hotel Blackhurst in
Tregenna, Cornwall, und lauschte den Wellen eines fremden
Meeres, die an einen ihr unvertrauten Strand rollten.
Hinter den hohen Bäumen zog eine Möwe wie ein schwarzer
Schatten über den dunkelblauen Himmel, und der Mondschein
schimmerte auf dem fernen Meer. Winzige Lichter blinkten entlang der Küste.
Wahrscheinlich Fischerboote, dachte Cassandra.
Tregenna war schließlich ein Fischerdorf. Seltsam. In der modernen Welt wunderte
man sich, wenn man an einen Ort geriet, wo
alles noch auf altmodische Art gemacht wurde, in einem überschaubaren Rahmen, so
wie die Menschen es seit Generationen
gewöhnt waren.
Cassandra trank einen Schluck Tee und atmete tief aus. Sie war
in Cornwall, genau wie Nell damals. Und wie Rose und Nathaniel
232
und Eliza Makepeace vor ihr. Als sie all die Namen vor sich hin
flüsterte, spürte sie ein seltsames Kribbeln auf der Haut. Wie
kleine Fäden, die alle gleichzeitig gezogen wurden. Sie hatte hier
eine Aufgabe zu erledigen, und die bestand nicht darin, in ihrer
eigenen Vergangenheit zu wühlen.
»Da bin ich, Nell«, flüsterte sie. »Ist es das, was du von mir
wolltest?«
235
Eliza dachte an die Geschichten, die ihre Mutter erzählt hatte,
von Sand und silbernen Kieseln und von Wind, der nach Salz
schmeckte. »Könnte ich mir das Meer wohl mal ansehen, Mary?«
»Das nehme ich doch an. Hauptsache, du bist zurück, wenn die
Köchin zum Mittagessen läutet. Die Mistress ist den ganzen
Vormittag außer Haus, die wird also nichts davon mitbekommen.« Als sie die Mistress
erwähnte, verfinsterte sich Marys
Miene. »Und sorg dafür, dass du vor ihr zurückkommst, hörst du?
Sie legt Wert auf Zucht und Ordnung und duldet keinen Widerspruch.«
»Wie komme ich denn zum Meer?«
Mary bedeutete ihr, ans Fenster zu treten. »Komm her, ich
zeig’s dir.«
Die Luft war anders hier, und auch der Himmel. Er wirkte heller
und weiter. Ganz anders als die graue Decke, die über London lag
und immer drohte, die Stadt zu ersticken. Der Seewind hob den
Himmel hoch wie ein großes, weißes Laken an der Wäscheleine,
das sich immer höher bauschte.
Eliza stand oben auf der Klippe über der Bucht und schaute auf
das tiefe, blaue Meer hinaus. Das Meer, über das ihr Vater gesegelt war, der
Strand, an dem ihre Mutter als kleines Mädchen gespielt hatte.
Der Sturm der vergangenen Nacht hatte Treibholz an die Küste
geworfen. Schöne, knorrige Äste, weiß und glatt geschliffen im
Lauf der Zeit, ragten aus dem Kieselstrand wie Geweihe von
geisterhaften Ungeheuern.
Eliza schmeckte das Salz in der Luft, genau wie ihre Mutter es
ihr immer beschrieben hatte. Außerhalb der Enge dieses seltsamen Hauses fühlte sie
sich mit einem Mal leicht und frei. Sie holte tief Luft und stieg die Stufen
hinunter, lief immer schneller und
schneller, weil sie es kaum erwarten konnte, dem Meer nah zu
sein.
236
Unten am Strand setzte sie sich auf einen glatten Stein und
band sich so hastig die Schuhe auf, dass ihre Finger sich beinahe
in den Schnürsenkeln verfingen. Dann rollte sie Sammys Hosenbeine bis über die Knie
hoch und ging vorsichtig bis ans Wasser.
Die Steine, manche glatt, andere spitz, fühlten sich warm unter
ihren Füßen an. Einen Moment lang blieb sie stehen und sah zu,
wie die blauen Wassermassen heranrollten und wieder zurückwichen.
Schließlich atmete sie noch einmal ganz tief die salzige Luft
ein und wagte sich weiter vor, bis sie knietief im Wasser stand.
Sie ging am Strand entlang, lachte über die kühlen Bläschen, die
zwischen ihren Füßen aufstiegen, hob hier und da eine Muschel
auf, die ihr gefiel, und ein Stückchen Strandgut, das aussah wie
ein Stern.
Die Bucht war klein und länglich, und Eliza brauchte nicht
lange, um bis ans andere Ende zu gelangen. Dort angekommen,
konnte sie nun aus der Nähe etwas genauer erkennen, das aus der
Entfernung gewirkt hatte wie ein großer dunkler Fleck: Es war
ein riesiger schwarzer Felsen, der aus der Klippe ins Meer hinausragte. Er sah aus
wie eine gewaltige, wütende, schwarze
Rauchwolke, die zu Stein erstarrt und zu ewiger Reglosigkeit
verdammt war, sodass er weder zum Land noch zum Meer noch
zur Luft zu gehören schien.
Der Felsen war glitschig, doch er hatte einen kleinen Vorsprung, der gerade so
breit war, dass Eliza darauf stehen konnte.
Sie suchte nach Stellen, wo sie Halt fand, und begann zu klettern,
und sie hielt erst inne, als sie oben angelangt war. Der Felsen war
so hoch, dass sie nicht nach unten sehen konnte, ohne das Gefühl
zu haben, ihr Kopf wäre mit Luftblasen gefüllt. Auf Händen und
Knien kroch sie vorwärts. Der Felsen wurde schmaler und schmaler, bis sie
schließlich an seinem spitzen Ende angelangt war. Sie
setzte sich auf die hochgereckte Faust des Felsens und brach in
lautes Gelächter aus.
237
Es war, als säße sie auf dem Bug eines großen Schiffs. Unter
ihr der weiße Schaum der sich brechenden Wellen, vor ihr das
offene Meer. Die Sonne ließ Hunderte von Lichtern auf der Wasseroberfläche
glitzern, die bis zum Horizont im Wind auf den
Wellen tanzten. Direkt gegenüber, das wusste Eliza, lag Frankreich. Jenseits von
Europa lagen Ostindien, Ägypten, Persien und
lauter andere exotische Länder, deren Namen sie gehört hatte,
wenn die Themseschiffer davon erzählten. Und jenseits davon,
am anderen Ende der Welt, lag der Ferne Osten. Während sie so
dasaß und das Meer und das Sonnenlicht betrachtete und an ferne
Länder dachte, überkam sie ein nie gekanntes Gefühl. Eine tiefe
Ruhe, als öffnete sich ihr Herz ohne jeden Argwohn den Möglichkeiten des Lebens …
Sie beugte sich vor und kniff die Augen zusammen. Der Horizont war keine
ungebrochene Linie mehr. Etwas war aufgetaucht:
ein großes, schwarzes Schiff, das alle Segel gesetzt hatte, balancierte auf der
Linie, wo Meer und Himmel sich trafen, als würde
es gleich vom Rand der Welt fallen. Eliza schloss kurz die Augen, und als sie sie
wieder öffnete, war das Schiff nicht mehr zu
sehen. Es war einfach verschwunden, wahrscheinlich in die weite
Ferne, dachte sie. Wie schnell Schiffe auf dem offenen Meer fahren mussten, wie
stark sie waren mit ihren großen, weißen Segeln. Auf so einem Schiff war bestimmt
ihr Vater gefahren.
Sie hob den Blick zum Himmel. Über ihr, vor dem weißen
Himmel kaum zu erkennen, zog eine Möwe kreischend ihre Kreise. Eliza folgte ihr mit
dem Blick, bis etwas oben auf der Klippe
ihre Aufmerksamkeit erregte. Ein kleines Haus. Es war fast ganz
hinter Bäumen verborgen, aber sie konnte das Dach sehen, aus
dem ein komisches, kleines Fenster ragte. Sie fragte sich, wie es
sein mochte, in so einem Haus zu wohnen, so am Rand der Welt.
Würde man immer das Gefühl haben, gleich von der Klippe ins
Meer zu stürzen?
Eliza zuckte zusammen, als ihr kaltes Wasser ins Gesicht
spritzte. Sie schaute hinunter in die Brandung. Die Flut hatte ein238
gesetzt, und das Wasser stieg schnell. Der Vorsprung, auf den sie
zuerst geklettert war, lag schon unter Wasser.
Sie kroch zurück und stieg vorsichtig an der Seite des Felsens
hinunter, wobei sie darauf achtete, dass sie immer Stellen fand,
an denen sie sich festklammern konnte.
Kurz bevor sie die Wasseroberfläche erreichte, hielt sie inne.
Von dieser Stelle aus konnte sie sehen, dass der Felsen kein kompakter Block war,
sondern eine Öffnung besaß, als hätte jemand
ein Loch hineingeschnitzt.
Eine Höhle, ja genau. Eliza musste an Marys Tregenna-Piraten
und deren verborgene Wege denken. Was sie da entdeckt hatte,
war eine Piratenhöhle, da war sie sich ganz sicher. Hatte Mary
nicht gesagt, die Piraten hätten ihre Beute in einem Gewirr aus
Höhlen versteckt, die unterhalb der Klippen verliefen?
Eliza hangelte sich um die Vorderseite des Felsens und kletterte auf eine glatte
Plattform. Vorsichtig wagte sie sich ein paar
Schritte in die Höhle hinein. Drinnen war es dunkel und feucht.
»Hallo-o-o!«, rief sie. Die Höhlenwände warfen das Echo ihrer
Stimme zurück, bis sie verklang.
Obwohl sie nicht tief in die Höhle hineinsehen konnte, war sie
plötzlich ganz aufgeregt. Ihre eigene Höhle. Sie nahm sich vor,
demnächst noch einmal mit einer Laterne herzukommen, um sie
genauer zu erkunden …
Ein rumpelndes Geräusch. Noch war es weit weg, aber es kam
näher. Ka-rumm, ka-rumm, ka-rumm … Immer lauter.
Langsam kletterte sie zurück zur Felswand.
Elizas erster Gedanke war, dass es aus dem Inneren der Höhle
kam. Starr vor Schreck überlegte sie, was für ein Meeresungeheuer sie da holen kam.
Ka-rumm, ka-rumm, ka-rumm … Das Geräusch wurde noch
lauter.
Und dann sah sie zwei glänzende, schwarze Pferde, die an der
Klippe entlanggaloppierten und eine Kutsche hinter sich herzogen. Es war also gar
kein Meeresungeheuer gewesen, sondern
239
Newton, der mit seiner Kutsche die Küstenstraße entlangfuhr,
und die Felswände der Bucht hatten das Geräusch verstärkt.
Eliza erinnerte sich an Marys Ermahnung. Die Tante war am
Vormittag weggefahren, wurde jedoch zum Mittagessen zurückerwartet, und Eliza
sollte sich hüten, zu spät zu erscheinen.
Sie kletterte den Felsen hinunter, sprang auf den Kiesstrand
und lief durch das seichte Wasser zurück zu der Stelle, wo sie
ihre Schuhe ausgezogen hatte. Hastig band sie sich die Schnürsenkel zu und rannte
die Stufen hinauf. Ihre Hosenbeine waren
nass und schlugen gegen ihre Knöchel, als sie zwischen den
Bäumen hindurch zum Haus zurückeilte. Die Sonne war inzwischen höher gestiegen, und
der Weg war jetzt kühl und schattig.
Es war, als liefe sie durch einen Tunnel, einen geheimen Laubengang aus
Dornengestrüpp, wo Feen und Elfen und Kobolde hausten. Aus ihren Verstecken heraus
beobachteten sie Eliza, wie sie
durch ihre Zauberwelt huschte. In der Hoffnung, eines der Wesen
zu Gesicht zu bekommen, behielt sie im Laufen das Unterholz im
Auge und bemühte sich, dabei nicht zu blinzeln. Schließlich
wusste jeder, dass eine Fee demjenigen, der sie erblickte, drei
Wünsche erfüllte.
Ein Geräusch ließ Eliza erstarren. Sie hielt den Atem an. Auf
der Lichtung vor ihr saß ein Mann, ein echter, lebendiger Mann.
Der mit dem schwarzen Bart, den sie am Morgen von ihrem
Fenster aus gesehen hatte. Er hockte auf einem Baumstamm und
wickelte gerade ein Stück Fleischpastete aus einem karierten Küchentuch.
Eliza drückte sich in den Schatten der Bäume und beobachtete
den Mann. Die Spitzen kleiner Zweige streiften ihr kurzes Haar,
als sie auf einen niedrig hängenden Ast kletterte, um eine bessere
Sicht zu haben. Neben dem Mann stand eine mit Erde gefüllte
Schubkarre. So sah es zumindest aus. Aber Eliza wusste, dass das
bloß eine List war, dass er unter der Erde seine Schätze versteckt
hatte. Denn er war natürlich der Piratenkönig. Einer der Tregenna-Piraten oder
zumindest der Geist eines Piraten. Ein untoter
240
Seefahrer, der auf eine Gelegenheit wartete, den Tod seiner Kameraden zu rächen.
Ein Geist, der noch eine Aufgabe zu erledigen hatte und in seinem Versteck kleinen
Mädchen auflauerte, die
er mit nach Hause nehmen konnte, damit seine Frau sie zu
Fleischpastete verarbeitete. Ihm gehörte das Schiff, das sie am
Horizont gesehen hatte, das große, schwarze Segelschiff, das verschwunden war, als
sie geblinzelt hatte. Es war ein Geisterschiff,
und er …
Der Ast, auf dem sie saß, brach, und Eliza landete in einem
Haufen feuchten Laubs.
Der bärtige Mann zuckte kaum mit der Wimper. Sein rechtes
Auge blickte kurz in Elizas Richtung, während er in aller Ruhe
weiterkaute.
Eliza stand auf, klopfte sich den Dreck von den Knien und
zupfte sich ein trockenes Blatt aus den Haaren.
»Du bist also die neue kleine Miss«, sagte der Mann langsam
mit vollem Mund. »Ich hab gehört, dass du kommen würdest. Allerdings siehst du mit
dieser Jungshose und den kurzen Haaren
nicht gerade aus wie eine Miss, wenn ich das mal bemerken
darf.«
»Ich bin gestern Abend angekommen. Ich hab das Gewitter
mitgebracht.«
»Ziemlich beachtliche Leistung für so ein kleines Ding, wie du
es bist.«
»Mit einem starken Willen kann auch ein Schwacher Macht
ausüben.«
Eine seiner Augenbrauen, die aussahen wie haarige Raupen,
zuckte kurz. »Wer hat dir das denn erzählt?«
»Meine Mutter.«
Zu spät erinnerte Eliza sich daran, dass sie ihre Mutter eigentlich nicht erwähnen
durfte. Mit klopfendem Herzen wartete sie
ab, wie der Mann reagieren würde.
Er musterte sie kauend. »Ich muss sagen, deine Mutter wusste,
wovon sie redete. Aber das haben die meisten Mütter so an sich.«
241
Ein warmes Prickeln der Erleichterung. »Meine Mutter ist gestorben.«
»Meine auch.«
»Ich wohne jetzt hier.«
Er nickte. »Sieht so aus.«
»Ich heiße Eliza.«
»Und ich Davies.«
»Du bist ziemlich alt.«
»So alt wie mein kleiner Finger und ein bisschen älter als meine Zähne.«
Eliza holte tief Luft. »Bist du ein Pirat?«
Er lachte. Es war ein tiefes, puffendes Geräusch wie von
Rauch, der aus einem schmutzigen Kamin aufsteigt. »Da muss
ich dich leider enttäuschen, meine Kleine. Ich bin nur der Gärtner, so wie mein
Vater es früher war. Genauer gesagt, der Labyrinthgärtner.«
Eliza zog die Nase kraus. »Labyrinthgärtner?« »Ich halte das
Labyrinth in Schuss.« Als Eliza noch immer verständnislos
dreinblickte, deutete er auf zwei große Hecken hinter sich, zwischen denen sich ein
schmiedeeisernes Tor befand. »Das ist ein
aus Hecken gemachtes Rätsel. Es geht darum, seinen Weg hindurchzufinden, ohne sich
zu verirren.«
Ein Rätsel, das man betreten konnte? Von so etwas hatte Eliza
noch nie gehört. »Und wo führt der Weg hin?«
»Ach, hin und her und im Kreis herum. Wenn man Glück hat
und den richtigen Weg findet, kommt man am anderen Ende des
Anwesens wieder raus. Wenn man Pech hat«, seine Augen weiteten sich dramatisch,
»kann es einem passieren, dass man verhungert, ehe einen jemand vermisst.« Er
beugte sich vor und fuhr leise fort: »Ich finde immer wieder Knochen von solchen
Unglücksraben.«
Eliza war so aufgeregt, dass sie nur flüstern konnte. »Und
wenn es mir gelänge, hindurchzukommen? Was würde ich am
anderen Ende finden?«
242
»Noch einen Garten, einen ganz besonderen Garten. Und ein
kleines Haus, das direkt am Rand der Klippe steht.«
»Das kleine Haus hab ich schon gesehen. Vom Strand aus.«
Er nickte. »Ja, von dort kann man es sehen.«
»Wem gehört das Haus? Wer wohnt da drin?«
»Zurzeit niemand. Lord Archibald Mountrachet, das müsste
dein Urgroßvater gewesen sein, hat es damals bauen lassen. Es
heißt, es war als Ausguck gedacht, als eine Art Signalposten.«
»Für die Schmuggler? Die Tregenna-Piraten?«
Davies lächelte. »Aha, du hast dich also schon mit Mary Martin unterhalten.«
»Darf ich mir das Haus ansehen?«
»Das findest du sowieso nicht.«
»Doch, ich finde es.«
Mit verschmitzt funkelnden Augen sagte er: »Niemals, du
wirst nie den Weg durch das Labyrinth finden. Und selbst wenn,
wirst du nicht herausfinden, wie man das geheime Gartentor öffnet und in den Garten
gelangt, der zu dem Haus gehört.«
»Doch! Lass es mich wenigstens versuchen! Bitte, Davies!«
»Ich fürchte, das geht nicht, Miss Eliza«, sagte Davies etwas
ernster. »Es ist schon lange niemand mehr bis ans Ende des Labyrinths vorgedrungen.
Ich pflege und beschneide die Hecken, aber
nur bis zu einer bestimmten Stelle, weiter ist es mir nicht erlaubt.
Dahinter ist inzwischen sicherlich alles überwuchert.«
»Warum geht denn niemand mehr bis ans Ende?«
»Dein Onkel hat das Labyrinth vor langer Zeit schließen lassen, und seitdem hat es
niemand mehr betreten.« Er beugte sich
zu ihr hinunter. »Aber deine Mutter, die kannte das Labyrinth wie
ihre Westentasche. Beinahe so gut wie ich.«
In der Ferne bimmelte eine Glocke.
Davies nahm seinen Hut ab und wischte sich die verschwitzte
Stirn. »Du solltest jetzt lieber wie ein geölter Blitz nach Hause
flitzen, Miss, denn das war die Glocke, die zum Mittagessen läutet.«
243
»Kommst du auch mit zum Essen?«
Er lachte. »Die Bediensteten bekommen kein Mittagessen,
Miss Eliza, das gehört sich nicht. Die bekommen jetzt schon ihr
Abendessen.«
»Kommst du denn mit zum Abendessen?«
»Ich esse schon lange nicht mehr im Haus.«
»Warum nicht?«
»Ich fühle mich dort nicht wohl.«
Eliza verstand überhaupt nichts. »Warum denn nicht?«
Davies kratzte sich den Bart. »Ich bin lieber bei meinen Pflanzen, Miss Eliza.
Manche Leute sind gern in Gesellschaft von
Menschen, andere nicht. Ich gehöre zur letzteren Sorte: Ich hocke
am liebsten auf meinem eigenen Misthaufen.«
»Aber warum?«
Er atmete langsam aus wie ein müder Riese. »Es gibt Orte, die
lassen einem die Haare zu Berge stehen, die behagen einem einfach nicht. Verstehst
du, was ich meine?«
Eliza dachte an ihre Tante, wie sie am Abend zuvor in dem
Zimmer mit der weinroten Tapete gestanden hatte, an den Jagdhund und die Schatten,
die im Kerzenlicht über die Wände gehuscht waren. Sie nickte.
»Die kleine Mary, die ist ein nettes Mädchen. Die wird schon
auf dich aufpassen da oben im Haus.« Er runzelte die Stirn. »Es
ist nicht gut, den Menschen allzu leicht zu vertrauen. Das ist
überhaupt nicht gut, hörst du?«
Eliza nickte feierlich, weil ihr das angebracht schien.
»Und jetzt ab mit dir, sonst kommst du noch zu spät, und dann
wird die Mistress dein Herz zum Abendessen servieren. Sie mag
es nicht, wenn man gegen ihre Regeln verstößt, merk dir das.«
Eliza lächelte, obwohl Davies ein ernstes Gesicht machte. Sie
wandte sich zum Gehen, blieb jedoch wieder stehen, als sie etwas
in einem der oberen Fenster sah, etwas, das sie schon am Abend
zuvor gesehen hatte. Ein Gesicht, klein und wachsam.
»Wer ist das?«, fragte sie.
244
Davies drehte sich um und schaute mit zusammengekniffenen
Augen zum Haus hinüber. Mit einer Kopfbewegung deutet er auf
das Fenster. Ohne die Pfeife aus dem Mund zu nehmen, die zwischen seinen Zähnen
klemmte, sagte er: »Ich nehme an, das ist
Miss Rose.«
»Miss Rose?«
»Deine Cousine. Die Tochter von deinem Onkel und deiner
Tante.«
Elizas Augen weiteten sich. Ihre Cousine?
»Früher war sie überall auf dem Landgut zu sehen, aber dann
ist sie krank geworden, und seitdem ist es damit vorbei. Die Mistress opfert all
ihre Zeit und eine Menge Geld, um rauszufinden,
was mit der Kleinen los ist, und der junge Arzt aus dem Dorf
kommt fast jeden Tag.«
Eliza schaute immer noch zu dem Fenster hinüber. Langsam
hob sie die Hand, die Finger gespreizt wie die Seesterne am
Strand. Dann winkte sie und sah zu, wie das Gesicht am Fenster
im Dunkeln verschwand. Ein Lächeln huschte über Elizas Gesicht. »Rose«, sagte sie
und genoss den süßen Geschmack des
Worts. Wie der Name einer Prinzessin in einem Märchen.
247
»Sie hat sich geschworen, in jedem historisch bedeutenden
Haus im ganzen Land einmal Tee zu trinken.«
»Ich lebe seit meiner Geburt hier im Dorf, aber in dieses alte
Haus habe ich noch nie einen Fuß gesetzt.« Robyn lächelte, und
ihre Wangen glänzten. »Ich gebe zu, ich sterbe vor Neugier.«
»Darauf wären wir nie gekommen, meine Liebe«, sagte Henry
müde und zeigte den Hügel hinauf. »Jetzt müssen wir zu Fuß
weitergehen, die Straße hört hier auf.«
Robyn, die vorausging, schritt entschlossen über den schmalen
Pfad. Nachdem sie ein Stück des Anstiegs bewältigt hatten, fielen
Cassandra die Vögel auf. Massenhaft kleine, braune Schwalben,
die zwitschernd in den Bäumen hin und her hüpften. Seltsamerweise fühlte sie sich
plötzlich beobachtet, als drängelten die Vögel sich in den Bäumen, um die
menschlichen Eindringlinge im
Auge zu behalten. Ein leichter Schauer überlief sie, doch dann
schalt sie sich innerlich, weil sie sich so kindisch benahm und
selbst in der Natur etwas Geheimnisvolles witterte.
»Mein Vater hat für Ihre Großmutter den Hauskauf abgewickelt«, sagte Henry, der
sich hatte zurückfallen lassen, um neben
Cassandra herzugehen. »Das war 1975. Ich hatte gerade erst angefangen, in dem
Immobilienbüro zu arbeiten, trotzdem erinnere
ich mich noch gut daran.«
»Jeder erinnert sich daran«, bemerkte Robyn. »Es war der letzte Teil des alten
Landguts, der verkauft wurde. Es gab Leute im
Dorf, die geschworen hatten, dass das Cottage sich nie verkaufen
würde.«
Cassandra schaute aufs Meer hinaus. »Und warum? Von dem
Haus aus muss man doch eine fantastische Aussicht haben …«
Henry schaute Robyn an, die atemlos stehen geblieben war, eine Hand auf der Brust.
»Das stimmt allerdings«, sagte er. »Aber
…«
»Im Ort sind böse Geschichten umgegangen«, sagte Robyn
keuchend. »Gerüchte über die Vergangenheit und so …«
»Was denn für Gerüchte?«
248
»Ach, alles dummes Geschwätz«, sagte Henry bestimmt. »Lauter Unsinn, wie man ihn
sich in jedem englischen Dorf erzählt.«
»Es heißt, dass es in dem Haus spukt«, raunte Robyn bedeutungsvoll.
Henry lachte. »Zeig mir ein Haus in Cornwall, in dem es nicht
spukt.«
Robyn verdrehte ihre blassblauen Augen. »Mein Mann ist ein
unverbesserlicher Pragmatiker.«
»Und meine Frau ist eine Romantikerin«, sagte Henry. »Das
Haus auf der Klippe besteht aus Stein und Mörtel wie jedes andere Haus in Tregenna.
Es ist ebenso wenig verwunschen wie ich.«
»Und du willst tatsächlich aus Cornwall stammen?« Robyn
schob sich eine Strähne hinters Ohr und blinzelte in Cassandras
Richtung. »Glauben Sie an Gespenster, Cassandra?«
»Eigentlich nicht.« Cassandra musste an das seltsame Gefühl
denken, das die Vögel bei ihr verursacht hatten. »Jedenfalls nicht
an solche, die mit einer Kugel am Arm in Schlössern rumspuken.«
»Sehr vernünftig«, sagte Henry. »In den vergangenen dreißig
Jahren hat niemand das Haus betreten, außer vielleicht ein paar
Jungs aus dem Dorf, die sich ein bisschen gruseln wollten.« Er
zog ein Taschentuch mit aufgesticktem Monogramm aus der Hosentasche, faltete es
einmal und betupfte sich die Stirn. »Komm,
Robyn, wir brauchen noch den ganzen Tag, wenn wir nicht weitergehen, und die Sonne
ist ganz schön heiß. Diese Woche ist der
Sommer noch mal zurückgekommen.«
Der Anstieg und der immer schmaler werdende Weg machten
eine Unterhaltung schwierig, und so gingen sie die letzten hundert Meter schweigend
hintereinander her. Zarte, bleiche Grashalme wiegten sich im Wind.
Endlich, nachdem sie sich durch dichtes Gestrüpp gearbeitet
hatten, erreichten sie eine steinerne Mauer. Sie war mindestens
zwei Meter hoch und wirkte irgendwie fehl am Platz, nachdem
sie so weit gegangen waren, ohne auch nur irgendetwas von
249
Menschenhand Geschaffenes zu Gesicht zu bekommen. Ein
schmiedeeiserner Bogen umrahmte das Eingangstor, dünne Ranken hatten sich durch die
Zwischenräume geschlängelt und waren
mit der Zeit verholzt. Ein Schild, das früher einmal an dem Tor
festgeschraubt gewesen war, hing jetzt nur noch an einer Ecke
fest. Hellgrüne und braune Flechten bedeckten das Schild wie
Schorf und klammerten sich an die geschwungenen Buchstaben.
Cassandra neigte den Kopf, um die Worte besser lesen zu können: Betreten auf eigene
Gefahr.
»Die Mauer ist noch ziemlich neu«, bemerkte Robyn.
»Mit neu meint meine Frau, dass die Mauer erst hundert Jahre
alt ist. Das Haus ist etwa dreimal so alt.« Henry räusperte sich.
»Jetzt begreifen Sie sicher, dass das alte Gemäuer ziemlich baufällig ist.«
»Ich habe ein Foto.« Cassandra nahm es aus ihrer Handtasche.
Henry betrachtete es mit hochgezogenen Brauen. »Aufgenommen, bevor es zum Verkauf
stand, würde ich mal sagen.
Seitdem hat es sich ziemlich verändert. Es kümmert sich niemand
darum, wissen Sie.« Er schob das schmiedeeiserne Tor auf und
machte eine auffordernde Kopfbewegung. »Wollen wir?«
Ein mit Steinen gepflasterter Weg führte durch einen Laubengang aus uralten,
verholzten Rosenbüschen, und es wurde spürbar
kühl, als sie den Garten betraten. Schummrig und düster. Und
über allem lag eine seltsame Stille. Selbst das unentwegte Rauschen des Meers
wirkte hier oben gedämpft. Es war, als läge alles, was sich innerhalb der
Steinmauer befand, in tiefem Schlaf
und wartete darauf, von etwas oder jemandem geweckt zu werden.
»Cliff Cottage«, sagte Henry, als sie das Ende des Wegs erreicht hatten.
Cassandras Augen weiteten sich. Sie stand vor einem Gewirr
aus dichten Dornenranken. Efeu mit tiefgrünen, gezackten Blättern wucherte an den
Mauern hoch, sodass nicht einmal mehr die
250
Fenster zu sehen waren. Wenn sie nicht gewusst hätte, dass hier
ein Haus stand, wäre sie nie darauf gekommen.
Henry hüstelte und errötete verlegen. »Es ist ziemlich sich
selbst überlassen worden.«
»Ein gründlicher Hausputz, dann sieht das schon wieder ganz
anders aus«, verkündete Robyn mit einer gezwungenen Zuversicht, die selbst ein
untergegangenes Schiff noch hätte retten können. »Kein Grund, den Mut zu verlieren,
Sie haben doch bestimmt schon mal gesehen, was die in diesen Renovierungsshows
machen, oder? Haben Sie so was auch in Australien?«
Cassandra, den Blick auf das Dach geheftet, nickte abwesend.
Henry holte den Schlüssel aus seiner Hosentasche und reichte
ihn Cassandra. »Nach Ihnen.«
Der Schlüssel war überraschend lang und schwer, mit einem
Griff aus Messing. Als Cassandra ihn entgegennahm, hatte sie
das Gefühl, ihn wiederzuerkennen. So einen Schlüssel hatte sie
schon einmal in der Hand gehalten. Wann konnte das gewesen
sein? Und wo? An ihrem Antiquitätenstand? Das Bild war überdeutlich, und doch
wollte die Erinnerung sich nicht einstellen.
Cassandra trat auf die Stufe vor der Tür. Sie konnte das
Schloss sehen, aber es war von Efeu überwuchert.
»Das haben wir gleich«, verkündete Robyn und förderte eine
Gartenschere aus ihrer Handtasche. »Sieh mich nicht so an, Liebling«, sagte sie,
als Henry verwundert die Brauen hob. »Ich bin
ein Mädchen vom Land, und wir sind immer vorbereitet.«
Cassandra nahm das ihr angebotene Werkzeug entgegen und
schnitt die Ranken eine nach der anderen ab. Als sie alle lose herunterhingen,
hielt sie einen Moment lang inne und fuhr mit der
Hand über die vom Salz angegriffene Holztür. Etwas in ihr
sträubte sich dagegen weiterzumachen, wollte den Augenblick
auf der Schwelle der Erkenntnis noch ein wenig genießen, doch
als sie sich umdrehte, nickten Henry und Robyn ihr aufmunternd
zu. Cassandra steckte den Schlüssel ins Schloss, fasste ihn mit
beiden Händen und drehte ihn um.
251
Als Erstes schlug ihr der Geruch nach Feuchtigkeit und Fruchtbarkeit entgegen, und
es stank nach Tierkot. Ähnlich wie der
Regenwald in Australien, dessen Laubdach eine eigene Welt
feuchter Fruchtbarkeit verbarg. Ein geschlossenes Ökosystem,
allem Fremden gegenüber misstrauisch.
Sie machte einen zaghaften Schritt in den Flur. Durch die offene Haustür fiel
gerade genug Licht, dass man moosige Flöckchen
erkennen konnte, die in der schalen Luft trudelten, zu leicht und
zu träge, um zu fallen. Der Boden bestand aus Holzdielen, auf
denen Cassandras Schuhe ein Geräusch machten, als wollte sie
sich für jeden Schritt entschuldigen.
Cassandra erreichte das erste Zimmer und lugte um die Ecke
durch die Tür. Es war dunkel, die Fenster blind von jahrzehntealtem Schmutz.
Nachdem ihre Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten, erkannte sie, dass es
sich um die Küche handelte.
In der Mitte standen ein heller Holztisch mit schiefen Beinen und
zwei Stühle, die ordentlich unter den Tisch geschoben waren. In
einer Nische auf der gegenüberliegenden Seite befand sich ein
schwarzer Herd, bedeckt mit einem pelzigen Vorhang aus
Spinnweben. Ein Geschirrschrank war gefüllt mit altem Kochgeschirr, und in einem
Spinnrad in der Ecke hing immer noch ein
Stück dunkle Wolle.
»Das ist ja wie ein Museum«, flüsterte Robyn. »Nur verstaubter.«
»Ich fürchte, ich werde Ihnen nicht so bald eine Tasse Tee anbieten können«,
bemerkte Cassandra.
Henry war zu dem Spinnrad hinübergegangen und zeigte auf
eine holzverkleidete Nische. »Da ist eine Treppe.«
Eine schmale Stiege führte steil nach oben und machte an einem Absatz eine Biegung.
Cassandra stellte einen Fuß auf die
unterste Stufe, um sie zu testen. Sie wirkte stabil. Vorsichtig stieg
sie die Treppe hoch.
252
»Schön aufpassen«, sagte Henry, der hinter ihr herging und ihr
eine Hand in den Rücken hielt, eine unbeholfene, aber freundlich
gemeinte, beschützende Geste.
Auf dem kleinen Absatz blieb Cassandra stehen.
»Was ist?«, fragte Henry.
»Ein Baum. Ein riesiger Baum versperrt den Weg. Er ist direkt
durchs Dach gestürzt.«
Henry lugte über ihre Schulter hinweg. »Ich glaube kaum, dass
wir den mit Robyns Gartenschere wegkriegen«, bemerkte er. »Da
müssen Sie schon einen Holzfäller kommen lassen.« Er drehte
sich um und rief: »Fällt dir jemand ein, Robyn? Wen würdest du
anrufen, um einen umgestürzten Baum wegzuschaffen?«
Als Cassandra die Treppe herunterkam, sagte Robyn gerade:
»Bobby Blakes Sohn, der kann so was.«
»Ein junger Mann aus dem Dorf«, erklärte Henry mit einem
Nicken in Cassandras Richtung. »Der hat einen Gartenbaubetrieb.
Er erledigt auch fast alle Arbeiten für das Hotel, und das ist die
beste Empfehlung, die man sich wünschen kann.«
»Soll ich ihn mal anrufen?«, fragte Robyn, »und ihn fragen,
wie es Ende der Woche bei ihm aussieht? Ich geh einfach raus
auf die Klippe und seh mal, ob ich da Empfang habe. Mein Handy gibt keinen Ton mehr
von sich, seit wir das Haus betreten haben.«
Henry schüttelte den Kopf. »Es ist über hundert Jahre her, seit
Marconi sein Signal empfangen hat, und wohin hat die Technik
uns gebracht? Sie wissen doch sicher, dass das Signal von einer
Bucht ganz hier in der Nähe gesendet wurde, nicht wahr? Von
Poldhu Cove aus?«
»Ach, wirklich?« Cassandra dämmerte allmählich, in was für
einem baufälligen Zustand sich das Haus befand, und sie fühlte
sich regelrecht erschlagen. Auch wenn sie Henry dankbar war für
seine Hilfsbereitschaft, war ihr im Augenblick nicht danach, so
zu tun, als würde sie sich für einen Vortrag über die Geschichte
der Telekommunikation interessieren. Sie wischte ein Geflecht
253
aus Spinnweben fort, lehnte sich gegen die Wand und schenkte
ihm ein stoisches Lächeln.
Henry schien zu spüren, was in ihr vorging. »Es tut mir
schrecklich leid, dass das Haus sich in so einem desolaten Zustand befindet«, sagte
er. »Ich kann mir nicht helfen, irgendwie
fühle ich mich verantwortlich dafür, immerhin bin ich derjenige,
der den Schlüssel und die Unterlagen aufbewahrt hat.«
»Sie hätten nichts machen können, da bin ich mir ziemlich sicher. Vor allem, wo
Nell Ihren Vater gebeten hat, nichts zu unternehmen.« Sie lächelte. »Außerdem hängt
ein Schild am Tor,
das ausdrücklich vor dem Betreten des Grundstücks warnt.«
»Stimmt. Und Ihre Großmutter hat uns ausdrücklich untersagt,
Handwerker kommen zu lassen. Sie meinte, das Haus sei ihr sehr
wichtig, und sie würde sich um die Renovierung selbst kümmern.«
»Ich glaube, sie hatte vor, hierherzuziehen«, sagte Cassandra.
»Und zwar für immer.«
»Ja«, erwiderte Henry. »Ich habe mir vor unserem Treffen heute Morgen noch einmal
die alten Akten angesehen. In all ihren
Briefen schreibt sie, dass sie hierherkommen will, und dann kam
Anfang 1976 ein Schreiben, in dem sie uns erklärte, die Umstände hätten sich
geändert und sie würde vorerst nicht wieder nach
England kommen können. Allerdings bat sie meinen Vater, den
Schlüssel in Verwahrung zu nehmen, damit sie wusste, wo sie ihn
gegebenenfalls finden würde.« Er schaute sich im Zimmer um.
»Aber dann ist es nie dazu gekommen.«
»Nein«, sagte Cassandra.
»Aber jetzt sind Sie ja hier«, sagte er mit neuer Zuversicht.
»Ja.«
An der Tür war ein Geräusch zu hören, und sie blickten beide
auf. »Ich habe Michael erreicht«, sagte Robyn, während sie das
Handy einsteckte. »Er sagt, er kommt am Mittwochmorgen mal
vorbei, um sich anzusehen, was zu machen ist.« Sie wandte sich
an Henry. »Komm, Liebling, Marcia erwartet uns zum Mittages254
sen, und du weißt ja, wie sie sich aufregen kann, wenn man zu
spät kommt.«
Henry verdrehte die Augen. »Unsere Tochter verfügt ja über
eine Menge Tugenden, aber Geduld gehört leider nicht dazu.«
Cassandra lächelte. »Danke für alles.«
»Nicht dass Sie auf die Idee kommen, den Baum selbst wegschaffen zu wollen«, sagte
er. »Egal, wie sehr Sie darauf brennen,
sich in der oberen Etage umzusehen.«
»Keine Sorge.«
Auf dem Weg zum Tor drehte Robyn sich noch einmal zu Cassandra um. »Sie sehen ihr
ähnlich, wissen Sie.«
Cassandra blinzelte.
»Ihrer Großmutter. Sie haben die gleichen Augen.«
»Sie haben Sie gekannt?«
»Aber ja, selbstverständlich. Ich kannte sie schon, bevor sie
das Haus gekauft hat. Sie kam eines Tages in das Museum, in
dem ich damals arbeitete, und hat mir Fragen über die Geschichte
der Gegend gestellt. Vor allem über einige der alten Familien.«
Henrys Stimme ertönte von der Klippe her. »Komm jetzt, Robyn. Marcia wird es uns
nie verzeihen, wenn der Braten anbrennt.«
»Über die Familie Mountrachet?«
Robyn winkte Henry zu. »Ja, genau. Die haben früher oben im
Herrenhaus gewohnt. Und über die Walkers. Über den Maler und
seine Frau und über die Schriftstellerin, die diese Märchen geschrieben hat.«
»Robyn!«
»Ja, ja, ich komm ja schon.« Sie verdrehte die Augen. »Mein
Mann hat etwa so viel Geduld wie ein gezündeter Knallkörper.«
Dann eilte sie hinter ihm her und rief Cassandra über die Schulter
hinweg zu, sie könne sich jederzeit an sie wenden.
255
25 Tregenna Cornwall, 1975
Das Fischerei- und Schmuggelmuseum von Tregenna befand sich
in einem kleinen, weiß gekalkten Haus am Rand des Außenhafens, und obwohl ein
Schild im Fenster eindeutige Angaben über
die Öffnungszeiten enthielt, dauerte es drei Tage, bis Nell endlich
drinnen ein Licht brennen sah.
Sie drehte den Knauf und drückte die niedrige, mit Spitzengardinen versehene Tür
auf. Eine Frau mit schulterlangem braunem
Haar saß steif hinter dem Empfangstresen. Jünger als Lesley,
dachte Nell, obwohl sie wesentlich älter wirkt. Als die Frau aufsprang, blieb die
gehäkelte Tischdecke an ihren Oberschenkeln
hängen, sodass sie die Papiere, die darauf lagen, auf sich zu zog.
Sie wirkte wie ein Kind, das beim Naschen erwischt wurde. »Ich
… ich hatte nicht mit Besuchern gerechnet«, stotterte sie, während sie Nell über
ihre große Brille hinweg beäugte.
Und sie schien auch nicht sonderlich erfreut über diesen unerwarteten Besuch. Nell
streckte ihr die Hand hin. »Nell Andrews.«
Sie warf einen Blick auf das Namensschild auf dem Tisch. »Sie
sind also Robyn Martin?«
»Hier kommen nicht viele Besucher her, vor allem in der
Nachsaison. Ich hole den Schlüssel.« Sie ordnete die Papiere auf
ihrem Tisch und schob sich eine Strähne hinters Ohr. »Die
Schaukästen sind ein bisschen verstaubt«, sagte sie mit einem
vorwurfsvollen Unterton. »Hier geht’s lang.«
Nell schaute in die Richtung, in die Robyn zeigte. Hinter der
verschlossenen Glastür befand sich ein kleiner Raum, in dem
Netze, Haken und Angelruten ausgestellt waren. An den Wänden
hingen Schwarz-Weiß-Fotos von Fischkuttern, Seeleuten und
kleinen Buchten.
»Eigentlich«, sagte Nell, »suche ich nach ganz bestimmten Informationen. Der Mann
auf der Post meinte, Sie könnten mir vielleicht weiterhelfen.«
»Mein Vater.«
256
»Wie bitte?«
»Mein Vater ist der Postmeister.«
»Ah«, sagte Nell. »Also, er meinte jedenfalls, Sie könnten mir
helfen. Die Informationen, die ich brauche, haben nichts mit Fischerei oder
Schmuggelei zu tun, wissen Sie. Es geht eher um
Heimatkunde. Genauer gesagt um Familiengeschichte.«
Sofort änderte sich Robyns Gesichtsausdruck. »Warum haben
Sie das nicht gleich gesagt? Ich arbeite hier im Fischereimuseum,
um mich in der Gemeinde nützlich zu machen, aber die Geschichte von Tregenna ist
mein Lebensinhalt. Hier.« Sie ging die
Unterlagen durch, mit denen sie beschäftigt gewesen war, und
drückte Nell ein Blatt Papier in die Hand. »Das ist der Text für
die Touristenbroschüre, die ich gerade zusammenstelle. Außerdem arbeite ich an
einem Entwurf für einen kleinen Artikel über
die Herrenhäuser hier in der Gegend. Ein Verleger in Falmouth
interessiert sich bereits dafür.« Sie warf einen Blick auf ihre silberne
Armbanduhr. »Ich würde mich liebend gern mit Ihnen unterhalten, aber ich muss
unbedingt …«
»Bitte«, sagte Nell. »Ich bin weit gereist. Ich werde Ihre Zeit
nicht lange in Anspruch nehmen. Hätten Sie nicht wenigstens ein
paar Minuten?«
Robyn presste die Lippen zusammen und betrachtete Nell mit
ihrem Mäuseblick.
»Ich habe eine bessere Idee«, sagte sie mit einem entschlossenen Nicken. »Ich nehme
Sie mit.«
Dichter Nebel war mit der Flut hereingekommen und sorgte zusammen mit der Dämmerung
dafür, dass alle Farben in der Stadt
verblassten. Während sie durch die schmalen Straßen bergauf
gingen, legte sich ein grauer Schleier über alles. Die veränderte
Situation hatte Robyns Lebensgeister geweckt. Sie schritt so
forsch aus, dass Nell, die selbst eigentlich gut zu Fuß war, Mühe
hatte mitzuhalten. Obwohl Nell gern gewusst hätte, wohin sie so
eilig gingen, brachte sie vor Anstrengung kein Wort heraus.
257
Am oberen Ende der Straße angekommen, blieben sie vor einem kleinen, weißen Haus
stehen. Ein Schild verkündete: Pilchard Cottage. Robyn klopfte an die Tür und
wartete. Im
Haus brannte kein Licht, und sie sah noch einmal auf ihre Uhr.
»Immer noch nicht zu Hause. Dabei sagen wir ihm immer, er soll
früher zurückkommen, wenn es Nebel gibt.«
»Wer?«
Robyn schaute Nell an, als hätte sie ganz vergessen, dass sie da
war. »Gump, mein Großvater. Er geht jeden Tag an den Hafen,
um die Schiffe zu beobachten. Er war früher selbst Fischer, wissen Sie. Seit
zwanzig Jahren ist er jetzt schon Rentner, aber er ist
nicht zufrieden, wenn er nicht weiß, wer rausgefahren ist und wo
ein großer Fang gemacht wurde.« Ihr versagte beinahe die Stimme. »Wir reden immer
auf ihn ein, er soll nach Hause gehen,
wenn der Nebel steigt, aber er will einfach nicht hören …«
Sie brach ab und spähte mit zusammengekniffenen Augen in
die Ferne.
Nell folgte ihrem Blick und sah, wie der Nebel sich an einer
Stelle verdunkelte. Dann tauchte eine Gestalt vor ihnen auf.
»Gump!«, rief Robyn.
»Reg dich nicht auf, Mädel«, ertönte eine Stimme aus dem Nebel. »Reg dich bloß
nicht auf.« Der alte Mann kam näher, stieg
die drei Stufen zu seinem Haus hoch und schloss die Tür auf.
»Nun steht nicht da rum wie zwei begossene Pudel«, sagte er
über seine Schulter hinweg. »Kommt rein, dann trinken wir einen
schönen heißen Tee.«
Im engen Flur half Robyn dem alten Mann aus seinem salzverkrusteten Regenmantel und
aus seinen schwarzen Gummistiefeln,
die sie auf einer niedrigen Holzbank abstellte. »Du bist ja ganz
nass, Gump«, schalt sie, während sie an seinem Hemd fühlte.
»Zieh dir erst mal was Trockenes an.«
»Pah«, grummelte der Alte und tätschelte die Hand seiner Enkelin. »Ich setze mich
einfach ans Feuer, und bis du mir den Tee
servierst, bin ich schon wieder knochentrocken.«
258
Robyn hob die Brauen und warf Nell einen Blick zu, als Gump
ins Wohnzimmer ging, der besagte: Sehen Sie, womit ich mich
herumplagen muss?
»Gump ist fast neunzig, aber er weigert sich, aus seinem Haus
auszuziehen«, flüsterte sie. »Wir Angehörigen kochen ihm abwechselnd sein
Abendessen. Ich bin montags bis mittwochs
dran.«
»Für neunzig wirkt er aber noch ziemlich fit.«
»Seine Augen lassen nach, und er hört nicht mehr so gut, aber
er lässt es sich trotzdem nicht nehmen, sich jeden Abend persönlich zu
vergewissern, dass ›seine Jungs‹ sicher in den Hafen zurückkehren. Gott steh mir
bei, falls ihm mal was passiert, wenn
ich gerade an der Reihe bin, auf ihn aufzupassen.« Sie lugte
durch das Fenster in der Tür und zuckte zusammen, als ihr Großvater auf dem Weg zu
seinem Sessel über den Teppich stolperte.
»Es wäre wohl zu viel verlangt … Äh, ich meine, könnten Sie
vielleicht bei ihm bleiben, während ich das Feuer anzünde und
den Wasserkessel aufsetze? Ich bin erst beruhigt, wenn er wieder
trocken ist.«
Bei der verlockenden Aussicht darauf, endlich etwas über ihre
Familie zu erfahren, war Nell zu fast allem bereit. Sie nickte, Robyn atmete
erleichtert auf und eilte ins Wohnzimmer zu ihrem
Großvater.
Gump hatte es sich in einem ledernen Sessel bequem gemacht
und einen alten Quilt über die Knie gelegt. Nell musste an all die
Quilts denken, die Lil für sie und ihre Schwestern angefertigt hatte. Sie fragte
sich, was ihre Mutter wohl von ihren Nachforschungen halten würde, ob sie verstehen
würde, warum es ihr so wichtig war, die ersten vier Jahre ihres Lebens zu
rekonstruieren.
Wahrscheinlich nicht. Lil war immer der Meinung gewesen, dass
es die Pflicht eines jeden sei, das Beste aus der Situation zu machen, in die das
Schicksal ihn geführt hatte. Es hat keinen Zweck,
sich zu fragen, was hätte sein können, hatte sie immer gesagt, das
259
Einzige, was zählt, ist das, was ist. Was natürlich für Lil, die
wusste, woher sie stammte, leicht gesagt war.
Robyn richtete sich auf. Im offenen Kamin hinter ihr sprangen
frische Flammen von Papierknäuel zu Papierknäuel. »Ich setze
jetzt den Tee auf, Gump, und fange an zu kochen. Während ich in
der Küche zu tun habe, wird meine Freundin …« Sie schaute Nell
fragend an. »Verzeihen Sie …«
»Nell. Nell Andrews.«
»… wird Nell dir Gesellschaft leisten, Gump. Sie ist in Tregenna zu Besuch und
interessiert sich für die hier ansässigen Familien. Vielleicht kannst du ihr ein
bisschen von früher erzählen?«
Der alte Mann breitete die Hände aus, an denen Jahrzehnte des
Tauziehens und des Einfädelns von Angelhaken ihre Spuren hinterlassen hatten.
»Fragen Sie mich, was Sie wollen«, sagte er.
»Ich sage Ihnen alles, was ich weiß.«
Nachdem Robyn durch eine niedrige Tür verschwunden war,
sah Nell sich nach einer Sitzgelegenheit um. Sie setzte sich in einen grünen
Ohrensessel am Kamin und genoss die Wärme des
Feuers.
Gump blickte von der Pfeife auf, die er sich gerade stopfte und
hob fragend die Brauen. Offensichtlich wartete er auf ihre Fragen.
Nell räusperte sich und scharrte mit den Füßen auf dem Teppich, während sie
überlegte, wo sie anfangen sollte. Sie kam zu
dem Schluss, dass es keinen Zweck hatte, um den heißen Brei
herumzureden. »Ich interessiere mich für die Familie Mount rachet.«
Gumps Streichholz flammte auf, und er zog mehrmals an seiner Pfeife.
»Ich habe mich schon im Dorf erkundigt, aber niemand scheint
etwas über sie zu wissen.«
260
»Ach, die Leute wissen natürlich alle etwas über die Mountrachets«, sagte er,
während er seinen Rauch ausblies. »Sie wollen
nur nicht über sie reden.«
Nell schaute ihn verwundert an. »Und warum nicht?«
»Die Leute in Tregenna erzählen sich gern Geschichten, aber
die meisten hier sind auch ziemlich abergläubisch. Wir plaudern
eigentlich gern über jedes erdenkliche Thema, aber sobald die
Rede auf die Geschehnisse hier oben auf der Klippe kommt, verstummen alle
schlagartig.«
»Ja, das ist mir auch schon aufgefallen«, sagte Nell. »Liegt das
daran, dass die Mountrachets Adelige waren? Dass sie der Oberklasse angehörten?«
Gump schnaubte verächtlich. »Die hatten Geld, kein Zweifel,
aber von Klasse keine Spur.« Er zog heftig an seiner Pfeife und
beugte sich vor. »Den Titel haben sie sich mit dem Blut von Unschuldigen erkauft.
Das war 1724. Eines Nachmittags ist ein
fürchterlicher Sturm aufgekommen, der schlimmste seit Jahren.
Er hat das Dach vom Leuchtturm gerissen und die neue Öllampe
ausgepustet wie eine Kerze. Es war Neumond, und die Nacht war
kohlrabenschwarz.« Seine bleichen Lippen umschlossen den
Pfeifenstiel. Er tat einen langen, kräftigen Zug, allmählich kam er
in Fahrt. »Die meisten Fischkutter waren rechtzeitig in den Hafen
zurückgekehrt, aber ein Schiff war noch draußen, ein Zweimaster
mit Freibeutern an Bord.
Die Mannschaft des Kaperschiffs hatte keine Chance. Es heißt,
die Wellenkämme hätten die halbe Höhe der Sharpstone-Klippe
erreicht. Der Kahn wurde hin und her geworfen wie ein Spielzeug
und gegen die Felsen geschleudert, sodass er auseinanderbrach,
noch ehe er die Bucht erreichte. Es hat Zeitungsberichte gegeben
und eine von der Regierung angeordnete Untersuchung, aber von
dem Schiff ist nicht viel mehr übrig geblieben als ein paar rote
Planken vom Rumpf. Natürlich wurden sofort die ortsansässigen
Freibeuter verdächtigt.«
»Freibeuter?«
261
»Schmuggler«, sagte Robyn, die gerade mit einem Tablett mit
Tee hereinkam.
»Aber nicht die Schmuggler haben das Wrack geplündert«,
sagte Gump. »Oh nein. Das war die Familie, das waren die
Mountrachets.«
Nell nahm die Teetasse entgegen, die Robyn ihr reichte. »Die
Mountrachets waren Schmuggler?«
Gump stieß ein trockenes Lachen aus und trank einen Schluck
Tee. »Nein, nein, so ehrenhaft waren die nicht. Schmuggler erleichtern Schiffe, die
in Seenot geraten, um ihre überbesteuerte
Ware, das ist richtig, aber sie retten auch Seeleute in Not. Was
damals in jener Nacht in der Bucht von Blackhurst passiert ist,
war das Werk von Dieben. Von Dieben und Mördern. Die haben
die gesamte Mannschaft umgebracht, die Ladung gestohlen und
am nächsten Morgen, ehe irgendjemand etwas davon mitbekommen konnte, das Wrack
mitsamt den Toten auf dem offenen Meer
versenkt. Die haben einen richtigen Schatz erbeutet: Kisten voller
Perlen und Elfenbein, kostbare seidene Fächer aus China, Juwelen aus Spanien.«
»In den darauffolgenden Jahren wurde Blackhurst von Grund
auf renoviert«, nahm Robyn den Faden auf. Sie hockte inzwischen auf der Fußbank vor
dem Sessel ihres Großvaters. »Ich habe gerade für meine Broschüre ›Die Herrenhäuser
von Cornwall‹
einen Artikel darüber geschrieben. Damals hat man das dritte
Stockwerk hinzugefügt und prächtige Gärten angelegt. Und Mr
Mountrachet wurde vom König geadelt.«
»Erstaunlich, was man mit ein paar sorgfältig ausgewählten
Geschenken alles erreichen kann.«
Nell schüttelte den Kopf. Es wäre ein schlechter Zeitpunkt gewesen zu erwähnen,
dass sie mit diesen Dieben und Mördern
verwandt war. »Ich finde es vor allem erstaunlich, dass sie damit
davonkommen konnten.«
Robyn schaute Gump an, der sich räusperte. »Tja«, sagte er
schließlich. »So würde ich das nicht sehen.«
262
Nell blickte verwirrt von einem zum anderen.
»Glauben Sie mir, es gibt schlimmere Strafen als solche, die
das Gesetz vorsieht.« Gump atmete tief aus. »Seit den Vorkommnissen in der Bucht
lag ein Fluch auf der Familie, und zwar
auf jedem einzelnen Familienmitglied.«
Nell lehnte sich enttäuscht zurück. Ein Familienfluch. Ausgerechnet in dem
Augenblick, als sie glaubte, endlich etwas Konkretes zu erfahren.
»Erzähl ihr von dem Schiff, Gump«, sagte Robyn, die Nells
Enttäuschung zu spüren schien. »Von dem schwarzen Schiff.«
Jetzt war Gump ganz in seinem Element. »Die Mountrachets
mögen das Schiff versenkt haben, aber damit sind sie es nicht
losgeworden, jedenfalls nicht für lange. Es taucht immer noch
manchmal am Horizont auf. Meistens vor oder nach einem Gewitter. Ein großes,
schwarzes Segelschiff, ein Phantomschiff, das
die Bucht belauert und die Nachkommen der Täter in Angst und
Schrecken versetzt.«
Nells Augen weiteten sich. »Haben Sie es schon mal gesehen?
Das Schiff?«
Der alte Mann schüttelte den Kopf. »Einmal dachte ich, ich
hätte es gesehen, aber ich hatte mich Gott sei Dank geirrt.« Er
beugte sich vor. »Ein schlechter Wind lässt das Schiff auftauchen. Es heißt, wer
das Phantomschiff sieht, muss für seinen Untergang büßen. Wenn man es sieht, sieht
es einen auch. Ich weiß
nur, dass jeder, der es gesehen hat, mehr Unglück auf sich zieht,
als ein Mensch aushalten kann. Das Schiff trug den Namen Jacquard, aber wir
Einheimischen nennen es The Black
Hearse, Schwarzer Sarg.«
»Blackhurst«, sagte Nell. »Ich nehme an, das ist kein Zufall?«
»Deine Freundin ist ein helles Köpfchen«, sagte Gump lächelnd zu Robyn. »Es gibt
tatsächlich Leute, die behaupten, dass
das Anwesen seinen Namen daher hat.«
»Aber Sie nicht?«
263
»Ich glaube eher, dass der Name etwas mit dem großen
schwarzen Felsen in der Bucht zu tun hat. Es gibt einen Tunnel,
der mitten hindurchführt. Früher gelangte man durch ihn von der
Bucht zu einer Stelle auf dem Landgut und weiter ins Dorf. Ein
Glücksfall für die Schmuggler, aber ziemlich gefährlich. Es hat
was mit den Windungen des Tunnels zu tun: Wenn die Flut höher
stieg als erwartet, hatte jemand, der sich gerade in der Höhle befand, kaum eine
Chance zu überleben. Dieser Felsen ist über die
Jahre für manch tapfere Seele zum Grab geworden. Wenn Sie
mal einen Blick auf den Strand des Anwesens geworfen haben,
müssten Sie ihn eigentlich gesehen haben. Ein riesiges, zerklüftetes Monster.«
Nell schüttelte den Kopf. »Ich habe die Bucht noch nicht gesehen. Gestern wollte
ich das Haus besichtigen, aber das Tor war
verriegelt. Morgen gehe ich noch mal hin und werfe eine Karte in
den Briefkasten. Ich hoffe, dass die Eigentümer mir gestatten, mir
das Haus anzusehen. Wissen Sie vielleicht, was das für Leute
sind?«
»Neu Zugezogene«, sagte Robyn. »Leute von außerhalb. Sie
wollen aus dem ehemaligen Herrenhaus ein Hotel machen.« Sie
beugte sich vor. »Es heißt, die junge Frau sei Schriftstellerin, sie
schreibt Liebesromane und solche Sachen. Sie ist eine schillernde
Persönlichkeit, und ihre Bücher sind ziemlich gewagt.« Aus dem
Augenwinkel sah sie kurz zu ihrem Großvater hinüber und errötete. »Nicht, dass ich
eins davon gelesen hätte.«
»Im Schaufenster eines Immobilienmaklers im Ort habe ich
gesehen, dass ein Teil des Anwesens zum Verkauf angeboten
wird«, sagte Nell. »Ein kleines Haus namens Cliff Cottage.«
Gump lachte heiser. »Das können sie zum Verkauf anbieten,
bis sie schwarz werden, sie werden keinen finden, der dumm genug ist, es zu kaufen.
Um das Haus von allem Übel, was es erlebt
hat, reinzuwaschen, braucht man mehr als einen neuen Anstrich.«
»Was für Übel?«
264
Gump, der bis dahin seine Geschichten freimütig zum Besten
gegeben hatte, verstummte plötzlich. Etwas schien in seinen Augen aufzuflackern.
»Das Haus hätte man schon vor Jahren niederbrennen sollen. Da haben sich schlimme
Dinge zugetragen.«
»Was denn für Dinge?«
»Ach, das ist nicht so wichtig«, sagte Gump mit zitternden
Lippen. »Glauben Sie’s mir einfach. Manche Häuser kann man
eben selbst mit einer frischen Schicht Farbe nicht wieder sauber
kriegen.«
»Ich hatte ja gar nicht vor, es zu kaufen«, erwiderte Nell, verblüfft über seine
heftige Reaktion. »Ich dachte nur, es gäbe eine
Möglichkeit, mal einen Blick auf das Anwesen zu werfen.«
»Um einen Blick auf die Bucht zu werfen, brauchen Sie nicht
über das Blackhurst-Anwesen zu gehen, die können Sie von der
Klippe aus sehen.« Er zeigte mit seiner Pfeife in Richtung Küste.
»Folgen Sie dem Weg vom Dorf um die Landzunge herum in
Richtung Sharpstone, dann sehen Sie die Bucht unten liegen. Die
hübscheste kleine Bucht in ganz Cornwall, wenn dieser schreckliche Felsen nicht
wäre. Von dem Blut, das da vor langer Zeit
vergossen wurde, ist heute keine Spur mehr zu sehen.«
Inzwischen duftete es köstlich nach Rindfleisch und Rosmarin,
und Robyn nahm Besteck und Geschirr aus dem Schrank. »Sie
bleiben doch zum Abendessen, nicht wahr, Nell?«
»Selbstverständlich bleibt sie zum Essen«, sagte Gump und
lehnte sich in seinem Sessel zurück. »Wir können sie doch nicht
in so einen Nebel rausschicken. Da draußen sieht man die eigene
Hand nicht vor den Augen.«
Der Eintopf war köstlich, und Nell musste nicht lange zu einer
zweiten Portion überredet werden. Anschließend zog Robyn sich
zum Spülen in die Küche zurück, und Nell und Gump waren wieder allein. Inzwischen
hatte sich eine wohlige Wärme im Zimmer
ausgebreitet, und Gumps Wangen waren gerötet. Er spürte Nells
Blick und nickte gut gelaunt.
265
Nell fühlte sich unbeschwert in William Martins Gesellschaft,
fühlte sich geschützt in seinem kleinen Wohnzimmer. Es war, als
hätte eine Zauberformel die Zeit aufgehoben und sie von ihren
alltäglichen Sorgen befreit. Es war das Geschick des Märchenerzählers, dachte sie.
Die Fähigkeit, Farben heraufzubeschwören,
sodass alles andere verblasste. Und William Martin war der geborene
Märchenerzähler, daran bestand kein Zweifel. Die Frage war
nur, wie viel von dem, was er erzählte, man ihm auch glauben
konnte. Zweifellos besaß er das Talent, aus Stroh Gold zu spinnen, dennoch war er
wahrscheinlich der einzige Mensch, der die
Zeit, die sie interessierte, noch erlebt hatte. »Sagen Sie mal«, begann sie. Das
Feuer wärmte sie wohlig von der Seite. »Haben Sie
als junger Mann vielleicht Eliza Makepeace gekannt? Sie war
Schriftstellerin und das Mündel von Linus und Adeline Mount
rachet.«
William zögerte merklich. Dann murmelte er durch seinen
Schnurrbart: »Jeder kannte Eliza.«
Nell atmete tief ein. »Wissen Sie, was aus ihr geworden ist?«,
fragte sie hastig. »Am Ende, meine ich. Wie und wo sie gestorben
ist?«
Er schüttelte den Kopf. »Nein, das weiß ich nicht.«
Mit einem Mal wirkte der alte Mann zurückhaltend und argwöhnisch. Diese Beobachtung
erfüllte sie zwar einerseits mit
Hoffnung, andererseits wusste sie, dass sie äußerst vorsichtig
vorgehen musste. Auf keinen Fall wollte sie, dass er sich in sein
Schneckenhaus zurückzog, nicht ausgerechnet jetzt. »Und was ist
mit der Zeit, als sie auf Blackhurst wohnte? Können Sie mir darüber etwas
erzählen?«
»Ich habe sie zwar gekannt, aber nur flüchtig. Ich war in dem
vornehmen Haus nicht willkommen; die da oben das Sagen hatten, wären nicht erfreut
gewesen, mich dort zu sehen.«
Nell ließ nicht locker. »Nach allem, was mir bisher bekannt ist,
wurde Eliza zuletzt im Jahr 1913 in London gesehen. Sie hatte
ein kleines Mädchen bei sich, Ivory Walker, Rose Mountrachets
266
Tochter, die damals vier Jahre alt war. Können Sie sich irgendeinen Grund
vorstellen, der Eliza dazu veranlasst haben könnte, mit
dem Kind anderer Leute eine Reise nach Australien zu planen?«
»Nein.«
»Oder können Sie sich vorstellen, warum die Familie Mountrachet ihre Enkelin für
tot erklärte, obwohl sie noch lebte?«
Sein Tonfall wurde scharf. »Nein.«
»Sie wussten also, dass Ivory entgegen der offiziellen Darstellung noch lebte?«
Das Feuer knisterte. »Das konnte ich nicht wissen, weil es
nicht so war. Das Kind ist an Scharlach gestorben.«
»Ja, ich weiß, dass das damals behauptet wurde«, sagte Nell.
Ihr Gesicht war heiß, ihr Schädel pochte. »Aber ich weiß auch,
dass es nicht stimmt.«
»Woher wollen Sie das denn wissen?«
»Weil ich das Kind bin«, antwortete Nell mit zitternder Stimme. »Ich bin mit vier
Jahren in Australien angekommen. Eliza
Makepeace hat mich auf ein Schiff gesetzt, während alle glaubten, ich wäre tot, und
anscheinend kann mir niemand erklären,
warum.«
Williams Gesichtsausdruck war schwer zu deuten. Er schien
etwas sagen zu wollen, ließ es jedoch bleiben.
Stattdessen stand er auf und streckte sich, sodass sein Bauch
sich vorwölbte. »Ich bin müde«, knurrte er. »Zeit, mich in die
Falle zu hauen.« Dann rief er: »Robyn?« Noch einmal, diesmal
lauter: »Robyn!«
»Ja, Gump?« Robyn kam mit einem Geschirrtuch in der Hand
aus der Küche. »Was ist denn?«
»Ich gehe schlafen.« Er ging auf die schmale Treppe zu, die
vom Zimmer aus nach oben führte.
»Willst du nicht noch eine Tasse Tee? Wir sitzen doch gerade
so gemütlich zusammen.« Verwirrt schaute sie Nell an.
267
William legte Robyn im Vorbeigehen eine Hand auf die Schulter. »Sei so gut und mach
die Tür hinter dir zu, wenn du rausgehst, damit der Nebel nicht reinkommt.«
Während Robyn ihn mit vor Verwunderung geweiteten Augen
ansah, nahm Nell ihren Mantel. »Ich sollte jetzt lieber gehen.«
»Es tut mir furchtbar leid«, sagte Robyn. »Ich weiß gar nicht,
was plötzlich in ihn gefahren ist. Er ist sehr alt, er wird schnell
müde …«
»Natürlich.« Nell knöpfte ihren Mantel zu. Eigentlich hätte sie
sich entschuldigen müssen, schließlich war es ihre Schuld, dass
der alte Mann so aus dem Häuschen geraten war, aber sie brachte
es nicht fertig. Die Enttäuschung schnürte ihr die Kehle zu.
»Danke, dass Sie sich Zeit für mich genommen haben«, brachte
sie mühsam hervor, als sie in den dichten Nebel hinaustrat.
Am unteren Ende der steilen Straße angekommen, drehte Nell
sich noch einmal um. Robyn schaute ihr immer noch nach. Als
die junge Frau ihr zuwinkte, winkte sie zurück.
William Martin mochte alt und müde sein, aber sein plötzlicher
Rückzug hatte einen anderen Grund. Nell musste es wissen, denn
sie hatte ihr dorniges Geheimnis lange genug gehütet, um einen
Leidensgenossen zu erkennen. William wusste mehr, als er zugab, und Nells
Bedürfnis, die Wahrheit zu erfahren, überwog bei
Weitem ihren Respekt vor seiner Privatsphäre.
Sie presste die Lippen zusammen und senkte den Kopf zum
Schutz gegen den Wind, entschlossen, den Alten dazu zu bringen,
dass er ihr alles erzählte, was er wusste.
268
26 Blackhurst Manor Cornwall, 1900
Eliza hatte recht: »Rose« war ein passender Name für eine Märchenprinzessin, und
Rose Mountrachet war zweifellos vom
Schicksal mit dem Privileg der gesellschaftlichen Stellung und
der ungewöhnlichen Schönheit gesegnet, die es brauchte, um eine
solche Rolle ausfüllen zu können. Leider waren die ersten zwölf
Lebensjahre der kleinen Rose alles andere als märchenhaft gewesen.
»Weit aufmachen.« Dr. Matthews nahm einen Holzspatel aus
seinem ledernen Koffer und drückte Rose’ Zunge herunter. Als er
sich vorbeugte, um ihren Hals zu inspizieren, kam sein Gesicht
dem ihren so nah, dass Rose das unfreiwillige Vergnügen hatte,
seine Nasenhaare zu begutachten. »Hmm«, brummte er, und die
kleinen Härchen erzitterten.
Rose hustete schwach, als der Spatel sie in der Kehle kratzte.
»Nun, Doktor?« Mama trat aus dem Schatten, ihre langen,
dünnen Finger hoben sich blass von ihrem dunkelblauen Kleid
ab.
Dr. Matthews richtete sich zu voller Größe auf. »Es war richtig, dass Sie mich
gerufen haben, Lady Mountrachet. Es handelt
sich in der Tat um eine Entzündung.«
Mama seufzte. »Dachte ich’s mir doch. Haben Sie eine Arznei
mitgebracht?«
Während Dr. Matthews seine Behandlungsmethode erläuterte,
wandte Rose den Kopf zur Seite und schloss die Augen. Gähnte
ein bisschen. Seit sie denken konnte, wusste sie, dass ihr nicht
viel Zeit auf dieser Welt vergönnt sein würde.
In schwachen Momenten erlaubte sie es sich hin und wieder,
sich auszumalen, wie ihr Leben sein könnte, wenn sie nicht wüsste, dass ihr ein
baldiges Ende beschieden war, wenn es vor ihr
läge wie eine lange, gewundene Straße, die zu einem ihr unbekannten Ziel führte,
mit Meilensteinen wie einem Debütantinnenball, einem Ehemann, Kindern, einem
vornehmen Haus, mit dem
269
sie andere Damen beeindrucken konnte. Ach, wie sehr sie sich im
Grunde ihres Herzens nach einem solchen Leben sehnte.
Aber solchen Tagträumen gab sie sich nicht oft hin. Was nützte
es, zu jammern und zu klagen? Stattdessen wartete sie geduldig,
erholte sich, arbeitete an ihren Zeichnungen. Las, wenn ihr Gesundheitszustand es
erlaubte, von Orten, die sie niemals sehen
würde, sammelte Stoff für Gespräche, die sie nie führen würde.
Wartete auf den nächsten, unvermeidlichen Zwischenfall, der sie
dem Ende näher bringen würde, hoffte, dass die nächste Krankheit interessanter
verlaufen würde. Mit weniger Schmerzen und
mehr Trost. Wie das eine Mal, als sie Mamas Fingerhut verschluckt hatte.
Das war natürlich keine Absicht gewesen. Wenn der Fingerhut
nicht so prächtig in seiner silbernen Halterung geglitzert hätte,
wäre sie gar nicht auf die Idee gekommen, ihn überhaupt in die
Hand zu nehmen. Aber so war es nun mal gewesen. Welche
Achtjährige hätte der Verlockung widerstehen können? Sie hatte
versucht, den Fingerhut auf der Zungenspitze zu balancieren, so
ähnlich wie der Clown in ihrem Zirkusbuch, der einen roten Ball
auf seiner dicken, roten Nase balancierte. Eine ziemliche Dummheit eigentlich, aber
sie war schließlich noch ein Kind, und außerdem hatte sie das Kunststück schon
einige Monate lang vollbracht, ohne dass ein Unglück passiert wäre.
Der Zwischenfall mit dem Fingerhut war jedenfalls ein voller
Erfolg gewesen. Man hatte sofort nach dem Arzt geschickt, einem jungen Mann, der
erst kürzlich die Praxis im Dorf übernommen hatte. Er hatte ihren Körper befühlt
und betastet, wie
Ärzte das eben so taten, und dann mit zitternder Stimme vorgeschlagen, einen
neuartigen Apparat zu Hilfe zu nehmen, der eine
genauere Diagnose ermöglichte, einen fotografischen Apparat,
der es ihm erlaubte, direkt in Roses Bauch hineinzuschauen, ohne
ein Skalpell auch nur in die Hand nehmen zu müssen. Alle hatten
seinen Vorschlag freudig begrüßt: Vater, der als erfahrener Fotograf das moderne
Gerät bedienen sollte, Dr. Matthews, dem ge270
stattet wurde, die Bilder in einer speziellen Zeitschrift namens The Lancetzu
veröffentlichen, und Mama, weil die Veröffentlichung in ihren gesellschaftlichen
Kreisen für Aufregung
sorgte.
Rose hatte den Fingerhut etwa achtundvierzig Stunden später
(äußerst unschicklich) einfach ausgeschieden, und sie war sich
ganz sicher, dass es ihr endlich einmal gelungen war, das, wenn
auch kurzlebige, Wohlwollen ihres Vaters zu gewinnen. Nicht
dass er etwas dergleichen ausgesprochen hätte, das war nicht seine Art, aber Rose
besaß ein untrügliches Gespür für die Stimmungen ihrer Eltern (auch wenn sie deren
jeweilige Ursachen
noch nicht durchschaute). Und die Freude ihres Vaters hatte Roses Herz vor Glück
jubilieren lassen.
»Gestatten Sie, dass ich meine Untersuchung fortsetze, Lady
Mountrachet?«
Rose seufzte, als Dr. Matthews ihr Nachthemd hochschob und
ihren Bauch freilegte. Sie drückte die Augen fest zu, als kalte
Finger ihre Haut betasteten, und dachte an ihren Zeichenblock.
Seit Mama ihr aus London eine Zeitschrift mit Bildern der neuesten Brautmode
besorgt hatte, war Rose dabei, mit Spitzen und
Seidenbändern zu basteln. Die Braut in ihrem Zeichenblock wurde von Tag zu Tag
prächtiger ausgestattet: ein Schleier aus belgischer Spitze, winzige Perlchen am
Rocksaum, ein Strauß aus gepressten Blumen. Der Bräutigam stellte für sie eine weit
schwierigere Aufgabe dar, mit Gentlemen kannte sie sich nicht aus.
(Und das war auch richtig so, denn über so etwas Bescheid zu
wissen, gehörte sich nicht für junge Mädchen.) Aber die Details
an der Aufmachung des Bräutigams waren nicht so wichtig, fand
Rose, Hauptsache, die Braut war hübsch und rein.
»Es sieht alles zufriedenstellend aus«, sagte Dr. Matthews,
während er Roses Nachthemd wieder in Ordnung brachte. »Zum
Glück handelt es sich nicht um eine schlimme Entzündung. Darf
ich jedoch vorschlagen, Lady Mountrachet, dass wir uns ausführlich über die weitere
Behandlung unterhalten?«
271
Rose öffnete die Augen gerade rechtzeitig, um zu sehen, wie
Dr. Matthews ihre Mama unterwürfig anlächelte. Wie lästig er
war, immer darauf aus, sich eine Einladung zum Tee zu erschleichen, um noch mehr
Angehörigen des Landadels vorgestellt zu
werden, denen er sich als Arzt andienen konnte. Die veröffentlichten Fotos von dem
Fingerhut in Roses Bauch hatten ihm unter
den Gutbetuchten des Landes ein gewisses Ansehen verschafft,
und er hatte es verstanden, daraus seinen Profit zu ziehen. Als er
sein Stethoskop nahm und es mit seinen feingliedrigen Fingern
sorgfältig in seiner Tasche verstaute, schlug Roses Langeweile in
Ärger um.
»Bin ich also noch nicht auf dem Weg in den Himmel, Doktor
Matthews?«, fragte sie und blickte direkt in sein errötendes Gesicht. »Ich arbeite
nämlich an einem Bild für meine Sammelmappe, und es wäre eine Schande, wenn ich es
nicht mehr fertigstellen könnte.«
Dr. Matthews lachte affektiert und schaute Roses Mama an.
»Na, na, meine Kleine«, stammelte er. »Da brauchst du dir keine
Sorgen zu machen. Irgendwann werden wir alle an Gottes Tafel
sitzen …«
Eine Zeit lang lauschte Rose seinem ausführlichen Vortrag
über Leben und Tod, bis sie sich schließlich abwandte, um ihr
Lächeln zu verbergen.
Die Aussicht auf einen frühen Tod hat auf jeden Betroffenen
andere Auswirkungen. Bei manchen führt sie zu einer Reife, die
über ihr Alter und ihre Erfahrungen hinausgeht: Gelassen akzeptieren sie ihr
Schicksal und entwickeln einen sanften und edelmütigen Charakter. Andere dagegen
entwickeln ein Herz aus Eis,
das zwar nicht immer sichtbar ist, aber niemals schmilzt.
Obwohl Rose sich gern zu den Ersteren gezählt hätte, wusste
sie tief in ihrem Inneren, dass sie zu Letzteren gehörte. Nicht dass
sie bösartig gewesen wäre, aber sie neigte zu einer gewissen Gefühlskälte, sie
besaß die Fähigkeit, aus sich herauszutreten und
Situationen völlig frei von störenden Gefühlen zu beobachten.
272
»Doktor Matthews.« Mamas Stimme unterbrach die zunehmend verzweifelte Beschreibung
des Arztes von Gottes kleinen
Engeln. »Gehen Sie doch schon mal nach unten und warten im
Wintergarten auf mich. Thomas wird Ihnen einen Tee servieren.«
»Sehr wohl, Lady Mountrachet«, sagte er, erleichtert, sich aus
dem peinlichen Gespräch zurückziehen zu dürfen. Ohne Rose
noch einmal anzusehen, verließ er das Zimmer.
»Das war ungehörig von dir, Rose«, sagte Mama.
Mama war viel zu besorgt, um sie wirklich zu tadeln, und Rose
wusste, dass sie keine Strafe zu befürchten hatte. Wer würde
schon ein kleines Mädchen bestrafen, das auf den Tod wartete?
Rose seufzte. »Das weiß ich, Mama, und es tut mir leid. Aber ich
fühle mich so benommen, und wenn ich Doktor Matthews zuhöre, wird es nur noch
schlimmer.«
»Von kränklicher Natur zu sein, ist eine große Last, ich weiß.«
Mama nahm Roses Hand. »Aber du bist eine junge Dame, eine
Mountrachet. Und Krankheit ist keine Entschuldigung für
schlechte Manieren.«
»Ja, Mama.«
»Ich muss jetzt gehen und mit dem Arzt sprechen«, sagte sie,
während sie Roses Wangen mit ihren kühlen Fingerspitzen berührte. »Wenn Mary dir
dein Essen gebracht hat, komme ich noch
einmal, um nach dir zu sehen.«
Sie ging zur Tür, und ihre Röcke raschelten, als sie vom Teppich auf den
Holzfußboden trat. »Mama?«, rief Rose ihr nach.
Ihre Mutter drehte sich um. »Ja?«
»Ich wollte dich noch etwas fragen.« Rose zögerte, wusste
nicht recht, wie sie ihre merkwürdige Frage formulieren sollte.
»Ich habe einen Jungen im Garten gesehen. Er hat sich hinter
dem Rhododendronbusch versteckt.«
Mamas linke Braue hob sich. »Einen Jungen?«
»Heute Morgen. Ich hab ihn vom Fenster aus gesehen, als Mary mich in meinen Sessel
gesetzt hat. Er stand hinter dem Kame-
273
lienstrauch und redete mit Davies. Er hatte struppige, rote Haare
und er kam mir ziemlich frech vor.«
Mama fasste sich an den bleichen Hals und atmete langsam
aus, was Rose nur noch neugieriger machte. »Das war kein Junge, Rose.«
»Wie meinst du das?«
»Das war deine Cousine Eliza.«
Rose’ Augen weiteten sich. Das war eine unerwartete Neuigkeit. Denn eigentlich
konnte das gar nicht sein. Mama hatte doch
gar keine Geschwister, und seit Großmamas Tod waren Mama,
Papa und Rose die letzten Überlebenden des Geschlechts der
Mountrachets. »Ich hab doch überhaupt keine Cousine.«
Mama richtete sich auf und antwortete ungewöhnlich hastig:
»Leider doch. Sie heißt Eliza und wohnt ab jetzt auf Blackhurst.«
»Für wie lange denn?«
»Für immer, fürchte ich.«
»Aber Mama …« Rose wurde so schwindlig wie noch nie. Wie
konnte so eine schmuddelige Range ihre Cousine sein? »Ihre
Haare … Und wie sie sich benommen hat … Ihre Sachen waren
ganz nass, und sie war schmutzig und vom Wind zerzaust …«
Rose schüttelte sich. »Sie war von oben bis unten voll mit Laub
…«
Mama legte einen Finger an ihre Lippen. Als sie sich zum
Fenster umwandte, bebte die dunkle Locke in ihrem Nacken. »Sie
hat kein anderes Zuhause mehr, deswegen haben dein Vater und
ich uns bereit erklärt, sie bei uns aufzunehmen. Ein Akt christlicher
Nächstenliebe, den sie nicht zu schätzen weiß und erst recht
nicht verdient hat, aber man muss ja immer zeigen, dass man ein
rechtschaffenes Leben führt.«
»Aber was soll sie denn hier tun, Mama?«
»Sie wird uns zweifellos viel Ärger bereiten. Aber wir konnten
sie schlecht abweisen. Es hätte gar keinen guten Eindruck gemacht, wenn wir nicht
entsprechend reagiert hätten, also haben
wir uns entschlossen, aus der Not eine Tugend zu machen.« Ihre
274
Worte hörten sich ziemlich gequält an, und sie schien selbst zu
spüren, wie hohl sie klangen, denn sie verstummte.
»Mama?«, fragte Rose vorsichtig.
»Du wolltest wissen, was sie hier tun soll?« Mama schaute Rose an und sagte mir
einem scharfen Unterton: »Ich vertraue sie dir
an.«
»Du vertraust sie mir an?«
»Damit du eine Aufgabe hast. Sie wird dein Schützling sein.
Wenn du wieder gesund genug bist, wirst du ihr beibringen, wie
man sich benimmt. Sie ist halb wild, zeigt keine Spur von Anmut
oder Charme. Eine Waise, die kaum oder nie Unterweisung in
Umgangsformen genossen hat.« Mama atmete aus. »Natürlich
mache ich mir keine Illusionen und erwarte kein Wunder von
dir.«
»Ja, Mama.«
»Eine Katze lässt das Mausen nicht, und ein Gassenkind wird
nie zu einer Rose erblühen. Aber wir müssen tun, was wir können, sie muss geläutert
werden. Welchen schlimmen Einflüssen
diese Waise ausgesetzt war, mein Kind, können wir nur ahnen.
Sie ist in London in einem von Dekadenz und Sünde geprägten
Umfeld aufgewachsen.«
Da wusste Rose auf einmal, wer dieses Mädchen war. Diese
Eliza war das Kind von Papas Schwester, der geheimnisvollen
Georgiana, deren Porträt Mama auf den Dachboden verbannt hatte und über die niemand
zu sprechen wagte.
Niemand außer Großmama.
Als die alte Frau wie eine verwundete Bärin nach Blackhurst
zurückgekehrt war und sich in ein Turmzimmer zurückgezogen
hatte, um zu sterben, war sie immer wieder halb aus ihrem Dämmerzustand erwacht und
hatte in hastig ausgestoßenen Worten
von zwei Kindern namens Linus und Georgiana gesprochen. Rose wusste, dass mit Linus
ihr Vater gemeint war, und schloss daraus, dass es sich bei Georgiana um seine
Schwester handeln
musste. Die Tante, die vor Rose’ Geburt verschwunden war.
275
Damals hatte das Schicksal es gewollt, dass Rose sich vergleichsweise guter
Gesundheit erfreute, und Mama hatte sie immer wieder dazu ermuntert, ihrer Großmama
Gesellschaft zu leisten. Es sei überaus wichtig, hatte sie erklärt, dass eine junge
Dame lernte, sich um Kranke und Sterbende zu kümmern. Zwar hatte Rose den Verdacht,
dass Mamas Wunsch, Rose möge sich um
ihre Großmutter kümmern, eher daher rührte, dass sie sich selbst
nicht überwinden konnte, der alten Frau beizustehen, doch sie
protestierte nicht. Denn Rose mochte es, am Bett ihrer Großmama zu sitzen. Ihr beim
Schlafen zuzusehen in dem Bewusstsein,
dass jeder Atemzug ihr letzter sein konnte.
Es war ein Sommermorgen, und Rose saß im Sessel am Fenster, wo eine warme
Meeresbrise ihren Nacken streichelte, als
Großmama plötzlich die Augen öffnete und blinzelte. Rose, die
gedankenverloren die Schweißperlen auf der Stirn der alten Frau
betrachtet hatte, atmete scharf ein.
Die alten Augen waren groß und blass, ausgebleicht von einem
Leben voller Verbitterung. Einen Moment lang starrte Großmama
sie an, schien sie jedoch nicht zu erkennen und ließ den Blick zur
Seite wandern, anscheinend fasziniert von den vom Wind gebauschten Gardinen.
Instinktiv wollte Rose schon nach Mama
klingeln - es war Stunden her, dass Großmama zuletzt aufgewacht war -, aber als sie
gerade die Hand nach der Glocke ausstrecken wollte, stieß die alte Frau einen
Seufzer aus, so tief, dass
alle Luft aus ihr zu weichen schien und ihre Knochen scharf hervortraten.
Dann, wie aus dem Nichts, umfasste eine runzlige Hand Roses
Handgelenk. »Was für ein hübsches Mädchen«, sagte Großmama
so leise, dass Rose sich über sie beugen musste, um sie zu verstehen. »Viel zu
hübsch, es war ein Fluch. Alle jungen Männer drehten sich nach ihr um. Er konnte
nicht anders, hat ihr überall nachgestellt. Dachte, wir wüssten nichts davon. Dann
ist sie fortgelaufen und nie wieder zurückgekommen. Nie wieder ein Wort von
meiner Georgiana …«
276
Rose Mountrachet war ein artiges Mädchen, und sie kannte die
Regeln. Von klein auf mit nur wenigen Unterbrechungen ans
Krankenbett gefesselt, hatte sie sich immer und immer wieder die
Vorträge ihrer Mutter über die Benimmregeln und die ungeschriebenen Gesetze der
feinen Gesellschaft anhören müssen. Rose wusste genau, dass eine Dame vormittags
niemals Perlen oder
Diamanten tragen und unter gar keinen Umständen einen Gentleman allein besuchen
durfte. Und vor allem wusste Rose, dass es
galt, um jeden Preis einen Skandal zu vermeiden, denn ein Skandal war ein Übel, das
eine Dame auf der Stelle vernichten konnte.
Oder zumindest ihren guten Ruf.
Aber die Erwähnung ihrer auf Abwege geratenen Tante, der
peinigende Ruch eines Familienskandals, beunruhigte Rose keineswegs, sondern jagte
ihr prickelnde Schauer über den Rücken.
Zum ersten Mal seit Jahren klopfte ihr Herz vor Aufregung. Sie
beugte sich noch dichter über Großmama, hoffte, dass sie fortfahren würde,
begierig, ihren Worten zu lauschen, die in dunkle, unbekannte Gewässer führten.
»Wer, Großmama?«, drängte Rose. »Wer hat ihr nachgestellt,
mit wem ist sie davongelaufen?«
Aber Großmama antwortete nicht. Was für Bilder es auch sein
mochten, die in ihrem Kopf auftauchten, sie ließen sich nicht manipulieren.
Vergeblich versuchte Rose es noch mehrmals. Am
Ende musste sie sich damit zufrieden geben, allein über ihre Fragen nachzugrübeln.
Dieser Zeitvertreib erwies sich als äußerst erquicklich, und
nach einer Weile hatte sie sich für die skandalöse Georgiana diverse Biografien
ausgedacht. Für Rose bedeutete diese geheimnisvolle Tante eine Lebensader. Manchmal
flüsterte sie den Namen immer und immer wieder vor sich hin wie ein Mantra. Genoss
es, den geheimnisvollen Klang der Silben über ihre Zunge
rollen zu lassen. Auch später, in Zeiten der Krankheit oder der
Langeweile, beschwor sie den Namen herauf. Dann lag sie im
Bett, schloss die Augen, um die Welt um sich herum auszuschlie277
ßen, und flüsterte: »Georgiana … Georgiana … Georgiana …«
Für sie wurde der Name zum Symbol für düstere, harte Zeiten.
Für alles Ungerechte und Böse in der Welt …
»Rose?« Mamas Brauen zogen sich zu einem Stirnrunzeln zusammen, das sie zu
verbergen suchte, doch Rose hatte einen geübten Blick. »Hast du etwas gesagt, mein
Kind? Du hast vor dich
hin geflüstert. Wie fühlst du dich?«
Sie legte Rose eine Hand auf die Stirn, um ihre Temperatur zu
fühlen.
»Es geht mir gut, Mama, ich war nur ein bisschen in Gedanken.«
»Du wirkst erhitzt.«
Rose fasste sich an die Stirn. War sie erhitzt? Sie konnte es
nicht feststellen.
»Ich werde Doktor Matthews noch einmal herschicken, bevor
er sich verabschiedet«, sagte Mama. »Man kann gar nicht vorsichtig genug sein.«
Rose schloss die Augen. Noch ein Besuch von Dr. Matthews,
der zweite an ein und demselben Nachmittag. Das war zu viel.
»Du bist heute zu schwach, um deine neue Aufgabe in Angriff
zu nehmen«, sagte Mama. »Ich werde mit dem Arzt sprechen,
und wenn er es für vertretbar hält, werde ich dir Eliza morgen
vorstellen. Eliza! Stell dir bloß mal vor, dass die Tochter eines
Seemanns den Familiennamen der Mountrachets trägt!«
Ein Seemann, das war eine interessante Neuigkeit. Rose riss
die Augen auf. »Wie bitte?«
Mama errötete. Sie hatte mehr gesagt als beabsichtigt, ein ungewöhnlicher
Ausrutscher. »Der Vater deiner Cousine war Seemann, wir sprechen nicht über ihn.«
»Mein Onkel war ein Seemann?«
Mama schlug sich die schmale Hand vor den Mund. »Er war
nicht dein Onkel, Rose, er hatte weder für dich noch für mich eine Bedeutung. Er
war ebenso wenig mit deiner Tante Georgiana
verheiratet wie ich.«
278
»Aber Mama!« Das war ja noch skandalöser, als Rose es sich
auszumalen gewagt hätte. »Wie meinst du das?«
»Eliza mag deine Cousine sein, Rose«, sagte Mama leise, »und
uns bleibt nichts anderes übrig, als sie bei uns aufzunehmen. Aber
sie ist von niedriger Geburt, vergiss das nicht. Sie kann sich
glücklich schätzen, dass der Tod ihrer Mutter sie nach Blackhurst
zurückgeführt hat, nach all der Schande, die diese Frau über die
Familie gebracht hat.« Sie schüttelte den Kopf. »Als sie damals
weggelaufen ist, wäre dein Vater beinahe vor Gram gestorben.
Ich wage gar nicht, mir vorzustellen, was passiert wäre, wenn ich
ihm nicht während der Zeit des Skandals beigestanden hätte.« Sie
schaute Rose in die Augen. Dann fuhr sie mit leicht zitternder
Stimme fort: »Eine Familie kann nur ein gewisses Maß an
Schande überleben, Rose, bis ihr Name endgültig beschmutzt ist.
Deswegen ist es von so großer Bedeutung, dass wir beide, du und
ich, ein makelloses Leben führen. Deine Cousine Eliza wird eine
Herausforderung für dich sein, daran gibt es keinen Zweifel. Sie
wird nie eine von uns sein, aber indem wir unser Bestes geben,
retten wir sie wenigstens aus der Londoner Gosse.«
Rose tat, als betrachtete sie die Rüschen an den Ärmeln ihres
Nachthemds. »Kann man einem Mädchen von niedriger Geburt
denn nicht beibringen, sich wie eine Lady zu benehmen?«
»Nein, mein Kind.«
»Nicht einmal, wenn sie von einer adeligen Familie aufgenommen wird?« Rose schaute
Mama aus dem Augenwinkel an.
»Oder wenn sie einen Gentleman heiratet?«
Mama sah sie durchdringend an, dann sagte sie langsam: »Es
wäre natürlich möglich, dass ein sehr außergewöhnliches Mädchen aus armem, aber
anständigem Hause, das unermüdlich an
sich arbeitet, mit der Zeit einen edleren Charakter erwirbt.« Sie
holte kurz Luft, um ihre Fassung wiederzugewinnen. »Aber ich
fürchte, im Fall deiner Cousine ist das aussichtslos. Wir dürfen
keine hohen Erwartungen an sie stellen, Rose.«
»Selbstverständlich, Mama.«
279
Der wirkliche Grund für Mamas Verlegenheit stand unausgesprochen zwischen ihnen,
obwohl Mama, wenn sie geahnt hätte, dass Rose das wusste, vor Scham im Erdboden
versunken wäre. Es handelte sich um ein weiteres Familiengeheimnis, das Rose
ihrer Großmutter entlockt hatte. Ein Geheimnis, das so vieles erklärte: die
Animositäten zwischen den beiden Matriarchinnen und
vor allem Mamas Besessenheit in Bezug auf gute Manieren, die
Zwanghaftigkeit, mit der sie die Regeln der Gesellschaft befolgte,
und ihr Drang, stets ein Muster an Wohlanständigkeit zu sein.
Lady Adeline Mountrachet mochte vielleicht vor langer Zeit alles
darangesetzt haben, die Wahrheit zu vertuschen - die meisten derjenigen, die
Bescheid wussten, waren so eingeschüchtert worden,
dass sie dieses Wissen aus ihrem Gedächtnis gestrichen hatten,
und die anderen waren so sehr darauf bedacht, ihre gesellschaftliche Stellung nicht
zu gefährden, dass ihnen niemals auch nur ein
einziges Wort über Lady Mountrachets Herkunft über die Lippen
kommen würde -, aber Großmama hatte wenig Hemmungen gehabt. Sie hatte sich gern an
das junge Mädchen aus Yorkshire
erinnert, dessen fromme, aber verarmte Eltern nicht gezögert hatten, als sich die
Gelegenheit bot, sie als Schützling der ruhmreichen Georgiana Mountrachet nach
Blackhurst Manor, Cornwall,
zu schicken.
An der Tür blieb Mama noch einmal stehen. »Noch etwas, Rose, das Allerwichtigste.«
»Ja, Mama?«
»Das Mädchen darf deinem Vater auf keinen Fall unter die
Augen kommen.«
Diese Aufgabe würde leicht zu bewältigen sein. Rose konnte
die Gelegenheiten, an denen sie ihren Vater im Lauf des vergangenen Jahres gesehen
hatte, an einer Hand abzählen. Doch der
Nachdruck, mit dem ihre Mutter die letzte Ermahnung ausgesprochen hatte, erstaunte
sie. »Aber warum denn nicht?«
Ein Zögern, das Rose mit wachsendem Interesse registrierte,
dann eine Antwort, die mehr Fragen aufwarf, als sie beantworte280
te. »Dein Vater ist ein viel beschäftigter Mann, eine wichtige Persönlichkeit. Er
muss nicht ständig an die Schande erinnert werden, die dem Namen seiner Familie
zugefügt wurde.« Sie atmete
hastig ein, dann fuhr sie flüsternd fort: »Glaub mir, Rose, es wird
niemandem in diesem Haus zur Freude gereichen, sollte das
Mädchen in Vaters Nähe gelangen.«
Vorsichtig drückte Adeline ihre Fingerspitze, beobachtete, wie
der rote Blutstropfen heraustrat. Es war das dritte Mal in drei Minuten, dass sie
sich in den Finger gestochen hatte. Normalerweise
übte die Stickerei eine beruhigende Wirkung auf sie aus, aber
diesmal lagen ihre Nerven einfach blank. Sie legte die Stickarbeit
beiseite. Das Gespräch mit Rose hatte sie irritiert, ebenso die
verwirrende Unterhaltung mit Dr. Matthews, aber der eigentliche
Grund war natürlich die Ankunft von Georgianas Tochter. Mochte sie auch nur ein
Kind sein, so hatte sie doch etwas mitgebracht.
Etwas Unsichtbares, etwas wie die Veränderung in der Atmosphäre, die einem
schlimmen Sturm vorausgeht. Und dieses Etwas
drohte alles zu zerstören, wofür Adeline so mühsam gearbeitet
hatte, ja, es hatte sein heimtückisches Werk bereits begonnen:
Schon den ganzen Tag über konnte Adeline an nichts anderes
denken als an ihre eigene Ankunft auf Blackhurst. Erinnerungen,
die sie längst verdrängt hatte, verfolgten sie nun auf Schritt und
Tritt. Und das, nachdem sie so hart daran gearbeitet hatte, alles zu
vergessen und dafür zu sorgen, dass auch alle anderen vergaßen.
Als sie im Jahr 1886 auf Blackhurst eingetroffen war, hatte sie
ein scheinbar unbewohntes Haus vorgefunden. Und was für ein
Haus. Größer als alle, in die sie je einen Fuß gesetzt hatte. Nachdem der Kutscher
ihre Koffer abgestellt hatte, stand sie mindestens zehn Minuten herum und wartete
darauf, dass jemand sie in
Empfang nahm. Schließlich erschien ein junger, förmlich gekleideter Mann mit
arroganter Miene in der Eingangshalle, blieb mit
281
erstaunt hochgezogener Braue stehen und warf einen Blick auf
seine Taschenuhr.
»Sie sind zu früh«, sagte er in einem Ton, der keinen Zweifel
daran ließ, was er von Leuten hielt, die früher als erwartet eintrafen. »Wir hatten
erst zum Tee mit Ihnen gerechnet.«
Adeline, die nicht wusste, was man von ihr erwartete, stand nur
stumm da.
Der Mann schnaubte. »Warten Sie hier, ich schicke jemanden,
der Sie auf Ihr Zimmer führt.«
Adeline hatte das Gefühl, dem Mann lästig zu sein. »Ich könnte auch ein bisschen im
Garten spazieren gehen, wenn Ihnen das
lieber ist«, sagte sie kleinlaut. Mehr denn je war sie sich ihres
nordländischen Akzents bewusst, der hier in dieser mit weißem
Marmor ausgekleideten Halle noch stärker zu klingen schien.
Der Mann nickte knapp. »Tun Sie das.«
Pfarrer Lambert hatte bei seinen nachmittäglichen Besuchen
bei Adeline und ihren Eltern häufig vom Reichtum und Ansehen
der Mountrachets gesprochen. Es sei eine Ehre für die gesamte
Diözese, hatte er immer wieder feierlich betont, dass eine von
ihnen dazu auserwählt worden war, so eine bedeutende Pflicht
auszuüben. Sein Kollege in Cornwall habe unter Anweisung der
Dame des Hauses überall nach der am besten geeigneten Kandidatin gesucht, und nun
müsse Adeline beweisen, dass sie einer
solchen Ehre würdig war. Hinzu kam die großzügige Summe, die
Adelines Eltern für ihren Verlust gezahlt wurde. Und Adeline war
fest entschlossen, ihre Aufgabe erfolgreich zu erfüllen. Auf dem
ganzen Weg von Yorkshire hierher hatte sie sich selbst kleine
Vorträge gehalten zu Themen wie »Vornehmheit zeigt sich in der
Erscheinung« und »Eine Dame ist, was sie tut«, aber in dem großen, leeren Haus
hatten ihre halbherzigen Überzeugungen sich in
Wohlgefallen aufgelöst.
Ein lautes Kreischen über ihr ließ sie aus ihren Gedanken aufschrecken, und sie sah
eine Gruppe schwarzer Krähen über den
Himmel ziehen. Plötzlich ließ sich einer der Vögel im Sturzflug
282
fallen, dann folgte er den anderen zu einer Ansammlung hoher
Bäume in einiger Entfernung. Da sie kein bestimmtes Ziel hatte,
ging Adeline den Krähen nach und hielt sich dabei innerlich einen kleinen Vortrag
darüber, was es bedeutete, einen neuen Anfang zu machen.
Adeline war so sehr mit ihrer stillen Tirade beschäftigt, dass
ihr gar keine Zeit blieb, die herrlichen Gartenanlagen von Blackhurst zu bewundern.
Noch ehe sie bis zu den Themen »Standesgemäßes Verhalten« und »Aristokratie«
gelangt war, hatte sie das
kühle Wäldchen durchquert. Am Rand der Klippe blieb sie stehen. Um sie herum
raschelte das vertrocknete Gras, und vor ihr
lag das tiefblaue Meer wie eine große, samtene Decke.
Adeline klammerte sich an einem Ast fest. Sie hatte schon immer unter Höhenangst
gelitten, und ihr Herz raste wie wild.
Als sie vorsichtig einen Blick nach unten riskierte, entdeckte
sie ein kleines Boot in der Bucht. Ein junger Mann ruderte es,
während eine junge Frau aufrecht darin stand und es mit den Füßen zum Schaukeln
brachte. Ihr weißes Kleid war bis zur Taille
nass und klebte ihr auf eine Weise an den Beinen, die Adeline
nach Luft schnappen ließ.
Adeline hatte das Gefühl, sich abwenden zu müssen, konnte
sich jedoch von dem Anblick nicht losreißen. Die junge Frau hatte langes, leuchtend
rotes Haar, das ihr in feuchten Strähnen über
die Schultern hing. Der Mann trug einen Strohhut, und um seinen
Hals hing an einem Riemen eine Art schwarzer Kasten. Er lachte
und spritzte die junge Frau nass. Dann kroch er auf allen vieren
auf sie zu und streckte die Hand aus, um nach ihren Beinen zu
greifen. Das Boot geriet immer mehr ins Schaukeln, und kurz bevor er sie zu packen
bekam, drehte die junge Frau sich um und
machte einen eleganten Kopfsprung ins Wasser.
Schockiert atmete Adeline ein. Nichts in ihrem Leben hatte sie
auf ein derartiges Verhalten vorbereitet. Was war bloß in diese
junge Frau gefahren, dass sie so etwas tat? Und wo war sie jetzt?
Adeline reckte den Hals. Suchte mit den Augen das glitzernde
283
Wasser ab, bis sie schließlich eine weiße Gestalt entdeckte, die in
der Nähe des schwarzen Felsens an die Oberfläche kam. Die junge Frau zog sich an
dem Felsen aus dem Wasser, das Kleid klebte
ihr am ganzen Körper. Klatschnass wie sie war, kletterte sie, ohne
sich noch einmal umzudrehen, auf den Felsen und verschwand
über einen steilen Pfad, der zu einem kleinen Haus oben auf der
Klippe führte.
Adeline rang nach Luft. Sie schaute zu dem jungen Mann hinüber, der musste doch
ebenso schockiert sein wie sie. Auch er
hatte gesehen, wohin die junge Frau verschwunden war, und ruderte zurück in die
Bucht. Er zog das Boot auf den Kiesstrand,
nahm seine Schuhe und stieg die Stufen hinauf. Adeline fiel auf,
dass er hinkte und einen Gehstock benutzte.
Obwohl der Mann ganz dicht an Adeline vorbeiging, bemerkte
er sie nicht. Er pfiff leise vor sich hin, eine Melodie, die Adeline
nicht kannte. Eine heitere, fröhliche Melodie, voller Sonne und
Salz. Das Gegenteil des düsteren Yorkshire, dem zu entfliehen
Adeline sich so verzweifelt wünschte. Dieser junge Mann wirkte
doppelt so groß wie die Burschen zu Hause und dazu noch viel
gescheiter.
Wie sie da so allein auf der Klippe stand, wurde ihr mit einem
Mal bewusst, wie schwer und warm ihr Reisekostüm war. Das
Wasser in der Bucht wirkte so kühl, und der schändliche Gedanke
hatte sich ihrer bemächtigt, ehe sie es verhindern konnte: Wie
mochte es sich anfühlen, ins Meer zu springen und klatschnass
wieder aufzutauchen, wie die junge Frau es gerade getan hatte?
Wie Georgiana es getan hatte?
Später, viele Jahre später, als Linus’ Mutter, die alte Hexe, im
Sterben lag, gestand sie Adeline, aus welchem Grund sie gerade
sie als Georgianas Schützling ausgewählt hatte. »Ich habe nach
dem langweiligsten, möglichst frommen Mauerblümchen gesucht, das ich finden konnte,
in der Hoffnung, dass etwas von
dieser Person auf meine Tochter abfärben würde. Nie im Leben
hätte ich gedacht, dass mein Paradiesvogel davonfliegen und das
284
Mauerblümchen den Platz meiner Tochter einnehmen könnte.
Eigentlich sollte ich dir gratulieren. Am Ende hast du gewonnen,
nicht wahr, Lady Mountrachet?«
Und das hatte sie. Von niedriger Geburt, war Adeline durch
harte Arbeit und dank ihres unbeugsamen Willens in der Welt
aufgestiegen, höher, als ihre Eltern es sich je hätten träumen lassen, als sie sie
damals in ein unbekanntes Dorf in Cornwall gehen
ließen.
Und selbst nach ihrer Heirat und ihrem Aufstieg zur Lady
Mountrachet hatte sie nicht aufgehört, hart zu arbeiten. Sie hatte
ein strenges Regime geführt und dafür gesorgt, dass, auch wenn
noch so viel Schmutz geworfen wurde, nichts davon an ihrer Familie, ihrem vornehmen
Haus hängen blieb. Und das würde auch
so bleiben. Georgianas Tochter wohnte bei ihnen, daran ließ sich
nichts ändern. Jetzt war es an Adeline, sicherzustellen, dass das
Leben auf Blackhurst Manor wo weiterging wie immer.
Sie musste sich nur von der nagenden Angst befreien, dass Rose durch Elizas
Anwesenheit Schaden nahm …
Adeline schüttelte die bösen Vorahnungen ab und konzentrierte sich darauf, ihre
Fassung wiederzugewinnen. Was Rose betraf,
war sie schon immer überempfindlich gewesen, aber das war nur
natürlich, wenn man ein derart kränkliches Kind hatte. Neben ihr
winselte McLennan, ihr Hund. Auch er war schon den ganzen
Tag nervös. Adeline streichelte seinen Kopf. »Schsch«, sagte sie.
»Es wird alles gut.« Sie kratzte ihm die hochgezogenen Brauen.
»Dafür werde ich sorgen.«
Es gab nichts zu befürchten, denn welche Gefahr konnte dieser
Eindringling, dieses magere, kleine Mädchen mit dem kurz geschorenen Haar und der
von einem Leben in Armut bleichen Haut
schon für Adeline und ihre Familie darstellen? Man brauchte Eliza doch nur
anzusehen, um zu wissen, dass sie keine Georgiana
war, Gott sei’s gedankt. Vielleicht war diese innere Unruhe gar
keine Angst, sondern Erleichterung. Erleichterung darüber, dass
ihre schlimmsten Ängste sich in Wohlgefallen aufgelöst hatten.
285
Denn Elizas Ankunft bedeutete zugleich die Gewissheit, dass
Georgiana wirklich und endgültig fort war und nie wieder zurückkehren würde. An
ihrer Stelle war ein verwahrlostes Kind
gekommen, das keine Spur der seltsamen Gabe ihrer Mutter besaß, anderen mühelos
ihren Willen aufzuzwingen.
Die Tür ging auf, und ein Luftzug ließ das Feuer knistern.
»Das Abendessen ist serviert, Ma’am.«
Wie Adeline Thomas verachtete, wie sie sie alle verachtete. Sie
konnten noch so oft »Ja, Ma’am« und »Nein, Ma’am« und »Das
Abendessen ist serviert, Ma’am« sagen, sie wusste genau, was sie
in Wirklichkeit von ihr hielten, was sie immer von ihr gehalten
hatten.
»Seine Lordschaft?«, fragte sie in ihrem kühlsten, herrischsten
Ton.
»Lord Mountrachet war in der Dunkelkammer und ist auf dem
Weg hierher, Ma’am.«
Die vermaledeite Dunkelkammer, dort hatte er also mal wieder
gesteckt. Sie hatte seine Kutsche vorfahren hören, während sie
das Teegespräch mit Dr. Matthews über sich hatte ergehen lassen.
Hatte auf den unverkennbaren Schritt ihres Gatten in der Eingangshalle gelauscht -
schwer, leicht, schwer, leicht -, aber nichts
hatte sich gerührt. Sie hätte sich denken können, dass er sich
schnurstracks in seine teuflische Dunkelkammer begeben hatte.
Thomas beobachtete sie noch immer, und Adeline richtete sich
zu voller Größe auf. Eher würde sie sich von Luzifer höchstpersönlich foltern
lassen, als Thomas die Genugtuung zu gönnen,
dass er von ihrer ehelichen Missstimmung etwas mitbekam. »Gehen Sie«, sagte sie mit
einer entsprechenden Handbewegung.
»Kümmern Sie sich persönlich darum, dass die Stiefel Seiner
Lordschaft von dem scheußlichen schottischen Schlamm befreit
werden.«
Linus saß bereits am Tisch, als Adeline eintrat. Er hatte schon
angefangen, seine Suppe zu löffeln, und blickte nicht auf, sondern
286
konzentrierte sich auf die Schwarz-Weiß-Fotos, die an seinem
Ende des langen Tischs vor ihm ausgebreitet lagen: Moos und
Schmetterlinge und Ziegelsteine, die Ausbeute seiner letzten Reise.
Sein Anblick ließ eine Hitzewelle in Adeline aufsteigen. Was
würden andere sagen, wenn sie wüssten, dass auf Blackhurst solche Manieren bei
Tisch geduldet wurden? Aus dem Augenwinkel
warf sie einen Blick zur Seite. Thomas und der Lakai schauten
stur auf die hintere Wand. Aber das konnte Adeline nicht täuschen, sie wusste, was
in ihren Köpfen ablief: Sie beobachteten,
beurteilten und merkten sich alles, um ihren Kollegen brühwarm
zu berichten, wie auf Blackhurst Manor die Sitten verfielen.
Adeline nahm steif am Tisch Platz und wartete, während der
Lakai ihr die Suppe servierte. Sie nahm einen Löffel davon und
verbrannte sich prompt die Zunge. Sah zu, wie Linus mit gesenktem Kopf seine Abzüge
betrachtete. Die kleine Stelle auf seinem
Hinterkopf wurde immer kahler. Es sah aus, als hätte ein Spatz
angefangen, sich dort ein neues Nest zu bauen.
»Ist das Mädchen hier?«, fragte er, ohne aufzublicken.
Adeline spürte ein Prickeln auf der Haut: das vermaledeite
Mädchen. »Ja.«
»Hast du sie schon gesehen?«
»Selbstverständlich. Sie wurde im ersten Stock untergebracht.«
Endlich hob er den Kopf. Trank einen Schluck Wein. Dann
noch einen. »Und ist sie … Ist sie wie …?«
»Nein«, antwortete Adeline kühl. »Nein, ist sie nicht.« Auf ihrem Schoß ballten
ihre Hände sich zu Fäusten.
Linus stieß einen kurzen Seufzer aus, brach ein Stück Brot ab
und begann zu kauen. Er redete mit vollem Mund, wahrscheinlich, um sie zu ärgern.
»Mansell war derselben Meinung.«
Wenn irgendjemand die Schuld daran trug, dass das Kind jetzt
in ihrem Hause war, dann war es dieser Henry Mansell. Linus
mochte immer auf Georgianas Rückkehr gewartet haben, aber es
war Mansell gewesen, der dafür gesorgt hatte, dass er die Hoff287
nung nie aufgab. Der Detektiv mit seinem säuberlich gestutzten
Schnurrbart und seinem Kneifer hatte Linus’ Geld genommen
und ihm regelmäßig Bericht erstattet. Jeden Abend hatte Adeline
gebetet, Mansell möge erfolglos bleiben, Georgiana möge nie
wieder auftauchen und Linus möge lernen, sie zu vergessen.
»Ist deine Reise zu deiner Zufriedenheit verlaufen?«
Keine Antwort. Er war wieder mit seinen Fotografien beschäftigt.
Adelines Stolz verbot ihr einen weiteren Seitenblick zu Thomas hinüber. Sie setzte
eine entspannte, zufriedene Miene auf
und probierte es noch einmal mit der Suppe. Sie war etwas abgekühlt. Adeline konnte
mit Linus’ Zurückweisung leben - das hatte
schon kurz nach der Hochzeit angefangen -, aber dass er von Rose überhaupt nichts
wissen wollte, war unerträglich. Sie war
schließlich sein Kind, sein Blut floss in ihren Adern, das Blut seiner adeligen
Familie. Wie er dieses Kind so ganz und gar ablehnen konnte, war ihr unbegreiflich.
»Doktor Matthews war heute wieder da«, sagte sie. »Sie hat
schon wieder einen Infekt.«
Linus hob den Kopf, den Blick auf vertraute Weise von Desinteresse verschleiert. Aß
noch ein Stück Brot.
»Nichts Besorgniserregendes, Gott sei Dank«, sagte Adeline,
ermutigt, dass er überhaupt reagiert hatte.
Linus schluckte das Brot herunter. »Morgen fahre ich nach
Frankreich. Vor Notre Dame gibt es ein Tor …« Er sprach den
Satz nicht zu Ende. Weiter ging sein Bedürfnis nicht, Adeline
über seine Aktivitäten auf dem Laufenden zu halten.
Adelines linke Braue zuckte, doch sie hatte sich schnell wieder
unter Kontrolle. »Interessant«, antwortete sie und verzog ihren
Mund zu einem schmallippigen Lächeln. »Ich freue mich schon
auf die Fotos, wenn du aus Paris zurückkehrst.«
288
27 Tregenna Cornwall, 1975
Das war er, der schwarze Felsen aus der Geschichte von William
Martin. Vom Klippenrand aus betrachtete Nell die weißen
Schaumkronen, die um den Felsen brandeten, bevor die Wellen in
die Höhle strömten und wieder zurück ins Meer gesaugt wurden.
Man brauchte nicht viel Fantasie, um sich die Bucht als Schauplatz tosender Stürme,
sinkender Schiffe und nächtlicher
Schmuggelaktionen vorzustellen.
Entlang der Klippe stand eine Reihe von Bäumen gerade wie
Soldaten und versperrte Nell den Blick auf das Herrenhaus von
Blackhurst, das Haus, in dem ihre Mutter gelebt hatte.
Nell schob die Hände tiefer in die Manteltaschen. Der Wind
blies heftig hier oben, und sie brauchte ihre ganze Kraft, um das
Gleichgewicht halten zu können. Ihr Hals fühlte sich rau an, und
ihre Wangen waren abwechselnd heiß von den Kratzern im Gesicht und kalt vom Wind.
Sie drehte sich um und folgte dem Pfad
aus niedergetretenem Gras, der von der Klippe wegführte. Die
Straße führte nicht bis hier oben, und der Weg war schmal. Nell
konnte nur langsam gehen, denn ihr Knie war geschwollen und
mit blauen Flecken übersät nach ihrem ziemlich improvisierten
Eindringen in das Blackhurst-Anwesen am Tag zuvor. Eigentlich
hatte sie vorgehabt, einen Brief in den Kasten zu werfen, einen
Brief, in dem sie sich als Antiquitätenhändlerin aus Australien
vorstellte und darum bat, das Haus zu einem Termin, der den Eigentümern genehm sei,
besichtigen zu dürfen. Aber als sie vor
dem hohen schmiedeeisernen Tor gestanden hatte, war etwas in
sie gefahren, ein drängender Wunsch, der beinahe ebenso stark
war wie die Notwendigkeit zu atmen. Das Nächste, woran sie
sich erinnern konnte, war, dass sie, ohne einen Gedanken an ihre
Würde zu verschwenden, am Tor hochgeklettert war und unbeholfen versuchte, mit den
Füßen in den geschwungenen Verzierungen Halt zu finden.
289
Ein lächerliches Verhalten selbst für eine halb so alte Frau wie
sie es war, aber es ließ sich nicht mehr ändern. So nah an ihrem
Elternhaus zu stehen, ihrem Geburtsort, und nicht einmal einen
Blick hineinwerfen zu können, das war ein unerträglicher Gedanke gewesen.
Bedauernswert nur, dass ihre körperliche Verfassung
nicht mit ihrer Entschlusskraft mithalten konnte. Sie war gleichermaßen verlegen
und froh gewesen, als Julia Bennett sie zufällig bei ihrem Einstiegsversuch
erwischt hatte. Gott sei Dank
hatte die neue Eigentümerin von Blackhurst Nells Erklärung akzeptiert und sie
eingeladen, sich umzusehen.
Es war ein merkwürdiges Gefühl gewesen, das Haus zu betreten. Eigenartig, aber
nicht auf die Weise, wie sie es erwartet hatte. Vor Aufregung hatte es Nell die
Sprache verschlagen. Sie hatte die Eingangshalle durchquert, war die Treppe
hochgestiegen,
hatte in die Zimmer gesehen, sich immer wieder gesagt:Deine
Mutter hat hier gesessen, ist hier herumgelaufen und hat hier geliebt, und dabei
die ganze Zeit darauf gewartet, von einem überwältigenden Gefühl ergriffen zu
werden. Hatte damit gerechnet,
dass die Wände all ihr Wissen über sie ergießen und ihr die tiefe
Gewissheit geben würden, endlich zu Hause angekommen zu
sein. Aber nichts dergleichen war geschehen. Eine törichte Erwartung, die
eigentlich überhaupt nicht zu Nell passte. Dennoch
war es genau so gewesen. Selbst die pragmatischste Person konnte irgendwann einmal
ihren eigenen Sehnsüchten zum Opfer fallen. Aber zumindest konnte sie jetzt die
Erinnerungen, deren
Bruchstücke sie zusammenzusetzen versuchte, auf eine Realität
beziehen, und zuvor noch imaginäre Gespräche konnten jetzt in
realen Räumen stattfinden.
Im hohen, schimmernden Gras entdeckte Nell einen Stock, der
genau die richtige Länge hatte. Es musste ein unermessliches
Vergnügen bereiten, mithilfe eines solchen Stocks zu gehen, er
würde dem Vorwärtskommen Zielstrebigkeit verleihen. Nicht
zuletzt konnte er den Druck auf ihr geschwollenes Knie mindern.
Sie hob den Stock auf und ging an der hohen Steinmauer entlang
290
vorsichtig den Abhang hinunter. Am Eingangstor befand sich
über dem Hinweisschild: Betreten auf eigene Gefahr ein weiteres
Schild mit der Aufschrift: Zu verkaufen und eine Telefonnummer.
Das also war das Cottage, das zum Blackhurst-Anwesen gehörte, das Cottage, das
William Martin am liebsten dem Erdboden
gleichgemacht hätte, weil es Zeuge unnatürlicher Dinge geworden war, was auch immer
er damit gemeint haben mochte. Nell beugte sich zum Tor vor, um mehr sehen zu
können. Das
Haus machte ganz und gar keinen bedrohlichen Eindruck. Der
Garten war zugewuchert, und die Abenddämmerung legte sich in
Erwartung der Nacht in jeden Winkel. Ein kleiner Pfad führte zur
Haustür, bog davor nach links ab und wand sich weiter durch den
Garten. Vor der gegenüberliegenden Gartenmauer stand eine einzelne, von grünen
Flechten bedeckte Statue. Ein kleiner nackter
Junge in einem Gartenbeet, den Blick für immer auf das Haus
gerichtet.
Nein, das war kein Beet, der Junge stand in einem Fischteich.
Das wusste sie plötzlich mit einer solchen Gewissheit, dass sie
vor Verblüffung das Gartentor fester umklammerte. Woher wusste sie es?
Mit einem Mal veränderte sich der Garten vor ihren Augen.
Unkraut und Brombeeren, die seit Jahrzehnten dort wucherten,
verschwanden. Das Laub hob sich vom Boden und legte Wege,
Blumenbeete und eine Gartenbank frei. Licht durchströmte den
Garten und spiegelte sich im Wasser des Teichs. Und dann befand sie sich an zwei
Orten gleichzeitig: eine fünfundsechzigjährige Frau mit einem wunden Knie, die sich
an ein rostiges Gartentor klammerte, und ein kleines Mädchen, die langen Haare zu
einem dicken Zopf gebunden, das im weichen, kühlen Gras saß und
die Füße im Teich baumeln ließ …
Der dicke Fisch stieß wieder an die Oberfläche, sein Bauch
leuchtete golden, und das Mädchen musste laut lachen, als der
Fisch sein Maul öffnete und an ihrem großen Zeh knabberte. Sie
liebte den Teich, hätte zu Hause auch gern einen gehabt, aber ihre
291
Mutter fürchtete, sie könnte hineinfallen und ertrinken. Mama
hatte häufig Angst, besonders wenn es um Dinge ging, die das
kleine Mädchen betrafen. Wenn Mama wüsste, dass sie jetzt hier
waren, würde sie ziemlich böse werden. Aber Mama wusste
nichts davon, sie fühlte sich unpässlich, lag in ihrem dunklen
Schlafzimmer, ein feuchtes Tuch auf der Stirn.
Das kleine Mädchen hörte ein Geräusch und blickte auf. Papa
und die Dame waren wieder nach draußen gekommen. Sie standen eine Weile da, während
Papa etwas zu der Dame sagte. Etwas, das das Mädchen nicht hören konnte. Er
berührte sie am
Arm, worauf die Dame langsam auf das Mädchen zuging und es
auf eine merkwürdige Weise musterte, die das Mädchen an die
Statue des Jungen erinnerte, die Tag für Tag im Teich stand und
nie blinzelte. Die Dame lächelte, es war ein magisches Lächeln,
und das kleine Mädchen zog die Füße aus dem Wasser und wartete, neugierig, was die
Dame wohl sagen würde …
Eine Krähe flog knapp über Nells Kopf hinweg und holte sie in
die Gegenwart zurück. Die Brombeeren und das Unkraut wucherten, das Laub fiel zu
Boden, und der Garten war wie zuvor ein
feuchter Ort, den die Abenddämmerung gnädig verhüllte. Der
kleine Junge war wieder von grünen Flechten bedeckt, wie es
sein sollte.
Nells Knöchel schmerzten. Sie ließ das Gartentor los und beobachtete die Krähe, die
mit weit ausholendem Flügelschlag in den
Wipfeln der Bäume verschwand. Am westlichen Himmel wurden
die Wolkengebirge beleuchtet und hoben sich rosafarben gegen
den dunklen Abendhimmel ab.
Nell betrachtete benommen den Garten. Das kleine Mädchen
war verschwunden. Oder nicht?
Als sie den Stock wieder aufnahm und sich auf den Weg ins
Dorf machte, folgte ihr ein ganz merkwürdiges, durchaus angenehmes Gefühl der
Dualität.
292
28 Blackhurst Manor Cornwall, 1900
Am nächsten Morgen, als die bleiche Wintersonne durch das
Fenster des Kinderzimmers fiel, strich Rose ihr langes, dunkles
Haar glatt. Mrs Hopkins hatte es gekämmt, bis es glänzte, genau
so, wie Rose es mochte, und nun lag es perfekt auf der Spitze ihres schönsten
Kleids, dem neuen, das Mama aus Paris hatte
kommen lassen. Rose fühlte sich müde und ein bisschen reizbar,
aber an diesen Zustand war sie inzwischen gewöhnt. Von kleinen,
kränklichen Mädchen erwartete niemand, dass sie immer fröhlich
waren, und Rose hatte nicht die Absicht, sich in irgendeiner Weise untypisch zu
verhalten. Im Grunde genommen genoss sie es
sogar, wenn die Menschen um sie herum einen Eiertanz aufführten: Sie fühlte sich
weniger elend, wenn andere mitlitten. Außerdem hatte Rose heute allen Grund, müde
zu sein. Sie hatte die
ganze Nacht wach gelegen, hatte sich wie die Prinzessin auf der
Erbse hin und her gewälzt, nur dass es keine Erbse unter der Matratze gewesen war,
die sie am Schlafen gehindert hatte, sondern
Mamas erstaunliche Neuigkeiten.
Nachdem ihre Mutter gegangen war, hatte Rose angefangen,
sich den Kopf darüber zu zerbrechen, worin genau der Schandfleck bestand, der den
guten Namen ihrer Familie beschmutzte,
welches Drama sich wohl abgespielt hatte, nachdem ihre Tante
Georgiana vor Haus und Familie geflüchtet war. Die ganze Nacht
lang hatte sie über ihre verdorbene Tante nachgegrübelt und auch
nicht damit aufgehört, als der Morgen graute. Während des
Frühstücks und später, als Mrs Hopkins sie angezogen hatte,
selbst jetzt noch, während sie im Kinderzimmer wartete, kreisten
die Gedanken in ihrem Kopf. Sie betrachtete gerade das Feuer im
Kamin und fragte sich, ob das orangefarbene Glühen wohl dem
Tor zur Hölle ähnelte, durch das ihre Tante sicherlich gegangen
war, dann hörte sie plötzlich Schritte auf dem Korridor!
Rose zuckte kurz zusammen. Sie glättete die Wolldecke auf ihren Knien und ordnete
ihre Züge zu einem Ausdruck der perfek293
ten Gelassenheit, wie sie es von Mama gelernt hatte. Genoss den
Schauer der Erregung, der ihr über den Rücken kroch. Was für
eine wichtige Aufgabe ihr übertragen worden war! Man hatte ihr
einen Schützling zugewiesen. Ihr eigenes Waisenkind, das sie
nach ihrem Vorbild formen würde. Rose hatte noch nie eine
Freundin gehabt, und man hatte ihr auch kein eigenes Haustier
erlaubt (Mama war viel zu besorgt wegen der Tollwutgefahr).
Und trotz Mamas warnender Worte hegte sie, was ihre Cousine
anging, große Hoffnungen. Sie würde sie zu einer Dame erziehen
und sie zu ihrer Gefährtin machen, die ihr die Stirn trocknete,
wenn sie krank war, die ihre Hand tätschelte, wenn sie reizbar
war, die ihr besänftigend übers Haar strich, wenn sie sich ärgerte.
Und sie würde Rose zutiefst dankbar sein, sie würde so glücklich
darüber sein, dass man sie lehrte, sich wie eine Dame zu verhalten, dass sie immer
tun würde, was Rose von ihr verlangte. Sie
würde die perfekte Freundin sein, eine, die nie Streit suchte, nie
lästig wurde, es nie wagte, eine unliebsame Meinung zu äußern.
Die Tür ging auf, das Feuer knisterte ärgerlich im Kamin, und
Mama rauschte in einem blauen Kleid herein. Sie strahlte heute
eine Unruhe aus, die Roses Neugier weckte, etwas an der Art, wie
sie das Kinn vorreckte, bestätigte Roses böse Vorahnung, dass
das Projekt größer und vielschichtiger war, als Mama zugab.
»Guten Morgen, Rose«, sagte Mama knapp.
»Guten Morgen, Mama.«
»Gestatte mir, dir deine Cousine … Eliza vorzustellen.«
Und dann, wie aus dem Nichts, tauchte hinter Mamas Röcken
der magere Knabe auf, den Rose am Tag zuvor vom Fenster aus
beobachtet hatte.
Unwillkürlich drückte Rose sich etwas tiefer in ihren Sessel.
Sie musterte das seltsame Kind von Kopf bis Fuß, das kurze,
struppige Haar, die scheußlichen Kleider (Eliza trug eine Hose!),
die abgetragenen Schnürschuhe. Die Cousine brachte kein Wort
heraus, nicht mal ein einfaches »Guten Morgen«, sondern starrte
nur einfach mit großen Augen vor sich hin, ein Verhalten, das
294
Rose als extrem unhöflich empfand. Ihre Mutter hatte recht. Natürlich erwartete sie
nicht von Rose, das Mädchen als ihre Cousine zu betrachten, aber diesem Kind waren
nicht einmal die einfachsten Umgangsformen beigebracht worden.
Schließlich gewann Rose ihre Fassung wieder. »Es freut mich,
dich kennenzulernen.« Das hatte ein bisschen schwach geklungen, aber ein Nicken von
Mama sagte ihr, dass sie sich richtig
verhalten hatte. Sie wartete darauf, dass Eliza ihren Gruß erwiderte, doch die
blieb stumm. Rose schaute Mama an, die ihr zu
verstehen gab, dass sie fortfahren durfte. »Nun, Cousine Eliza«,
sagte sie, »gefällt es dir bei uns?«
Eliza schaute sie an, wie man ein seltenes Tier im Londoner
Zoo beglotzen würde, dann nickte sie.
Wieder waren auf dem Korridor Schritte zu hören, sodass Rose
kurz aufatmen konnte. Es war wirklich äußerst anstrengend, mit
dieser seltsamen, stummen Cousine ins Gespräch zu kommen.
»Verzeihen Sie die Störung, Mylady«, ertönte Mrs Hopkins’
Stimme von der Tür her, »aber Doktor Matthews ist unten im
Wintergarten. Er sagt, er hat die neue Tinktur mitgebracht, um
die Sie ihn gebeten hatten.«
»Sagen Sie ihm, er soll sie einfach abgeben, Mrs Hopkins. Ich
bin im Augenblick anderweitig beschäftigt.«
»Selbstverständlich, Mylady, das habe ich ihm bereits nahegelegt, aber Doktor
Matthews besteht darauf, sie Ihnen persönlich
zu übergeben.«
Mamas Lider flatterten kaum merklich, und nur jemand, zu
dessen Lebensaufgabe es gehörte, ihr Verhalten zu beobachten,
konnte es überhaupt wahrnehmen. »Danke, Mrs Hopkins«, sagte
sie grimmig. »Richten Sie Doktor Matthews aus, dass ich sofort
nach unten komme.«
Während Mrs Hopkins’ Schritte sich entfernten, wandte Mama
sich der Cousine zu und befahl ihr: »Du wirst still auf dem Teppich sitzen und dir
Roses Unterweisungen aufmerksam anhören.
Beweg dich nicht, sag kein Wort und rühr nichts an.«
295
»Aber Mama …« Rose hatte nicht damit gerechnet, so bald alleingelassen zu werden.
»Vielleicht könntest du deine Erziehung damit beginnen, dass
du deiner Cousine etwas dazu sagst, wie man sich anständig kleidet.«
»Ja, Mama.«
Dann war das bauschige blaue Kleid verschwunden, die Tür
wurde geschlossen, und das Feuer hörte auf zu knistern. Rose
schaute ihre Cousine an. Jetzt waren sie allein, und sie konnte ihr
Werk in Angriff nehmen.
»Leg das wieder hin. Sofort.« Es lief ganz und gar nicht so, wie
Rose sich das vorgestellt hatte. Das Mädchen hörte einfach nicht
auf sie und gehorchte nicht einmal, wenn Rose ihr mit Mamas
Zorn drohte. Seit mindestens fünf Minuten schlenderte Eliza nun
schon durch das Zimmer, nahm etwas in die Hand, betrachtete es,
legte es wieder zurück. Wahrscheinlich hinterließ sie überall
klebrige Fingerabdrücke. Jetzt gerade schüttelte sie das Kaleidos
kop, das irgendeine Großtante Rose im vergangenen Jahr zum
Geburtstag geschickt hatte. »Das ist wertvoll«, sagte Rose gereizt. »Ich bestehe
darauf, dass du das wieder hinlegst. Du weißt
ja nicht einmal, wie man damit umgeht.«
Zu spät erkannte Rose, dass sie das Falsche gesagt hatte. Jetzt
kam die Cousine auf sie zu und hielt ihr das Kaleidoskop hin. Sie
kam ihr so nah, dass Rose den Dreck unter ihren Fingernägeln
sehen konnte, den gefürchteten Dreck, vor dem Mama sie gewarnt hatte, weil er sie
krank machen würde.
Vor lauter Angst wurde Rose ganz flau. Sie drückte sich tiefer
in ihren Sessel. »Nein«, krächzte sie. »Schsch! Geh weg!«
Eliza blieb neben dem Sessel stehen und schien drauf und dran,
sich auf die Lehne zu setzen.
»Geh weg, hab ich gesagt!« Rose versuchte, Eliza mit ihrer
blassen, schwachen Hand zu verscheuchen. Verstand dieses Wesen etwa kein Englisch?
»Du darfst dich nicht neben mich setzen!«
296
»Warum denn nicht?«
Es konnte also sprechen. »Du warst draußen. Du bist nicht
sauber. Ich könnte mir etwas einfangen.« Rose sank gegen ihr
Kissen. »Mir ist ganz schwindlig, und das ist alles deine Schuld.«
»Es ist nicht meine Schuld«, entgegnete Eliza trocken ohne die
geringste Spur der angemessenen Unterwürfigkeit. »Mir ist auch
schwindlig. Das liegt daran, dass es hier drin so heiß ist wie in
einem Backofen.«
Ihr war auch schwindlig? Rose war sprachlos. Schwindel war
ihre spezielle Waffe, die sie geschickt einzusetzen wusste. Und
was tat die Cousine jetzt? Sie ging auf das Fenster zu. Mit vor
Angst weit aufgerissenen Augen sah Rose ihr zu. Sie würde doch
nicht versuchen …
»Ich mache mal das Fenster auf.« Eliza rüttelte am Griff.
»Dann kommt ein bisschen frische Luft rein.«
»Nein«, japste Rose. »Nein!«
»Du wirst dich viel besser fühlen.«
»Aber es ist Winter. Draußen ist es grau und düster. Am Ende
erkälte ich mich noch.«
Eliza zuckte die Achseln. »Vielleicht auch nicht.«
Rose war so schockiert über die Frechheit dieses Mädchens,
dass die Empörung größer war als die Angst. Sie ahmte Mamas
Ton nach: »Ich verlange, dass du das sein lässt.«
Elisa zog die Nase kraus und schien über den Befehl nachzudenken. Mit angehaltenem
Atem sah Rose, wie Eliza den Fenstergriff losließ. Wieder zuckte sie die Achseln,
aber diesmal wirkte es nicht ganz so unverschämt. Als sie in die Mitte des Zimmers
zurückkam, meinte Rose, eine gewisse Mutlosigkeit an ihren
Schultern ablesen zu können. Schließlich blieb Eliza auf dem
Teppich stehen und zeigte auf das Rohr auf Roses Schoß.
»Kannst du mir zeigen, wie das Ding funktioniert? Das Teleskop?
Ich konnte nichts damit erkennen.«
Rose atmete erschöpft aus, erleichtert und zugleich zunehmend
verwirrt über dieses merkwürdige Geschöpf. Dass sie einfach so
297
wieder auf dieses alberne Ding zu sprechen kam, also wirklich!
Aber die Cousine war folgsam gewesen und hatte sich eine kleine
Aufmunterung verdient … »Erstens«, sagte Rose seufzend, »ist
das gar kein Teleskop, sondern ein Kaleidoskop. Es ist nicht dazu
gedacht, damit etwas zu erkennen. Man schaut hinein und sieht
ein sich ständig veränderndes Muster.« Sie hielt es hoch und
führte vor, wie es funktionierte, dann legte sie es auf den Boden
und rollte es auf ihre Cousine zu.
Eliza hob es auf, hielt es sich ans Auge und drehte es. Als die
bunten Glasstückchen hin und her kullerten, breitete sich ein Lächeln auf ihrem
Gesicht aus, und dann fing sie an, laut zu lachen.
Rose blinzelte verwundert. Sie hatte noch nicht oft Leute lachen hören, nur die
Diener und Dienstmädchen lachten laut,
wenn sie sich unbeobachtet fühlten. Es hörte sich angenehm an.
Glücklich, leicht und mädchenhaft, und es schien so gar nicht zu
der seltsamen Erscheinung ihrer Cousine zu passen.
»Warum trägst du so komische Kleider?«, fragte Rose.
Eliza schaute weiter durch das Kaleidoskop. »Weil es meine
sind«, sagte sie schließlich. »Sie gehören mir.«
»Sie sehen aus, als gehörten sie einem Jungen.«
»Früher haben sie auch mal einem Jungen gehört. Aber jetzt
sind es meine.«
Das überraschte Rose. Alles wurde immer wunderlicher.
»Welchem Jungen haben sie denn gehört?«
Sie erhielt keine Antwort, hörte nur das Rascheln des Kaleidoskops.
»Ich habe dich gefragt, welchem Jungen sie gehört haben«,
wiederholte Rose etwas lauter.
Langsam ließ Eliza das Spielzeug sinken.
»Es gehört sich nicht, jemanden einfach zu ignorieren.«
»Ich ignoriere dich nicht«, sagte Eliza.
»Warum antwortest du mir dann nicht?«
Schon wieder dieses Achselzucken.
298
»Es ist unhöflich, so mit den Schultern zu zucken. Wenn jemand dich etwas fragt,
musst du eine Antwort geben. Und jetzt
erklär mir, warum du meine Frage nicht beantwortet hast.«
Eliza blickte auf. Während Rose sie ansah, schien sich etwas
im Gesicht ihrer Cousine zu verändern. »Ich habe nichts gesagt,
weil ich nicht wollte, dasssie erfährt, wo ich bin.«
»Wer, sie?«
Vorsichtig, ganz langsam, kam Eliza näher. »Die andere Cousine.«
»Welche andere Cousine?« Das Mädchen redete wirklich
dummes Zeug. Allmählich gewann Rose den Eindruck, dass sie
ein bisschen einfältig war. »Ich weiß nicht, wovon du redest«,
sagte sie. »Es gibt keine andere Cousine.«
»Es ist ein Geheimnis«, flüsterte Eliza hastig. »Sie haben sie in
einem Zimmer im ersten Stock eingesperrt.«
»Das denkst du dir doch bloß aus. Warum sollte jemand hier
etwas geheim halten?«
»Mich haben sie doch auch geheim gehalten, oder?«
»Aber sie haben dich nicht eingesperrt.«
»Das liegt daran, dass ich nicht gefährlich bin.« Eliza schlich
auf Zehenspitzen zur Tür, öffnete sie einen Spaltbreit und lugte
hinaus. Plötzlich zuckte sie zusammen.
»Was ist?«, fragte Rose.
»Schsch!« Eliza hielt einen Finger an ihre Lippen. »Sie darf
nicht wissen, dass wir hier drin sind.«
»Warum nicht?« Roses Augen weiteten sich.
Eliza schlich zurück zu Roses Sessel. Das flackernde Feuer
verlieh ihrem Gesicht einen unheimlichen Schimmer. »Unsere
andere Cousine«, flüsterte sie, »ist wahnsinnig.«
»Wahnsinnig?«
»Komplett übergeschnappt.« Eliza schaute sie mit großen Augen an und flüsterte so
leise, dass Rose sich vorbeugen musste,
um ihre Worte zu verstehen: »Sie ist da oben eingesperrt, seit sie
ganz klein war, aber jemand hat sie rausgelassen.«
299
»Wer?«
»Einer von den Geistern. Der Geist einer alten, sehr fetten
Frau.«
»Großmama«, hauchte Rose.
»Schsch!«, machte Eliza. »Horch! Da kommen Schritte.«
Rose spürte, wie ihr armes, schwaches Herz wie ein Frosch in
ihrem Brustkorb hüpfte.
Eliza sprang auf Roses Sessellehne. »Sie kommt!«
Als die Tür aufging, stieß Rose einen Schrei aus. Eliza grinste,
und Mama schnappte nach Luft.
»Was machst du da, du unverschämtes Gör?«, zischte sie, während ihr Blick von Eliza
zu Rose huschte. »Eine junge Dame sitzt
nicht rittlings auf Möbelstücken. Ich hatte dir doch befohlen, dich
nicht von der Stelle zu rühren.« Sie atmete hörbar. »Bist du verletzt, Liebes?«
Rose schüttelte den Kopf. »Nein, Mama.«
Einen ganz kurzen Moment lang schien ihre Mutter nicht zu
wissen, was sie tun sollte, und Rose fürchtete schon, sie würde in
Tränen ausbrechen. Dann packte sie Eliza am Arm und bugsierte
sie zur Tür. »Du unverschämtes Gör! Du gehst heute ohne
Abendessen ins Bett!« Ihre Stimme klang wieder auf vertraute
Weise unterkühlt. »Und du bekommst erst wieder ein Abendessen, wenn du gelernt hast
zu tun, was man dir sagt. Ich bin die
Herrin dieses Hauses, und du wirst mir gehorchen …«
Die Tür schloss sich, und Rose war wieder allein, verwundert
über alles, was sich ereignet hatte. Die Erregung, die Elizas Geschichte bei ihr
ausgelöst hatte, die seltsame, köstliche Angst, die
ihr über den Rücken gekrochen war, die andere Cousine, das
furchterregende, herrliche Schreckgespenst. Aber was sie am
meisten faszinierte, war der Riss in Mamas normalerweise unerschütterlicher
Haltung. Denn in diesem Augenblick waren die
festen Grenzen von Roses Welt ins Wanken geraten.
300
Nichts war mehr, wie es gewesen war. Und dieses Wissen ließ
ihr Herz vor unerwarteter, unerklärlicher und unverfälschter
Freude hüpfen.
301
Julia lächelte sie mit strahlenden Augen an. »Ich erkenne Ihre
Großmutter in Ihnen wieder. Aber das hören Sie wahrscheinlich
ständig.«
Hinter Cassandras höflichem Lächeln türmten sich eine Menge
Fragen auf. Woher wusste diese Fremde, wer sie war? Woher
kannte sie Nell? Wie hatte sie die Verbindung zwischen ihnen
hergestellt?
Julia lachte und beugte sich verschwörerisch vor. »Ein Vögelchen hat mir gesungen,
dass die Australierin, die das Cottage
geerbt hat, sich in der Stadt aufhält. Tregenna ist ein kleiner Ort,
und wenn einer auf der Sharpstone-Klippe niest, hört es der ganze
Hafen.«
Cassandra konnte sich gut vorstellen, wie das Vögelchen hieß.
»Robyn Jameson.«
»Sie war gestern hier, um mich für das nächste Festkomitee
anzuwerben«, erwiderte Julia. »Und wo sie schon mal da war,
konnte sie natürlich nicht widerstehen, mich mit dem allerneuesten Klatsch zu
versorgen. Ich habe einfach zwei und zwei zusammengezählt und Sie mit der Dame in
Verbindung gebracht,
die vor ungefähr dreißig Jahren hier aufgetaucht ist und meine
Haut gerettet hat, indem sie mir das Cottage abkaufte. Ich habe
mich immer gefragt, wann Ihre Großmutter wiederkommen würde, und habe eine Zeit
lang die Augen nach ihr offen gehalten.
Sie gefiel mir. Sie war anscheinend eine, die gern Nägel mit Köpfen machte, nicht
wahr?«
Die Beschreibung war so zutreffend, dass Cassandra nicht umhin konnte, sich zu
fragen, was Nell wohl gesagt oder getan haben mochte, um diesen Eindruck zu
hinterlassen.
»Als ich Ihre Großmutter das erste Mal gesehen habe, hing sie
in einer Glyzinie neben dem Tor zu unserer Einfahrt.«
»Wie bitte?«, fragte Cassandra mit großen Augen.
»Sie war über die Mauer geklettert und kam auf der anderen
Seite nicht wieder herunter. Zum Glück hatte ich mich gerade mit
meinem Mann gestritten, ungefähr zum hundertsten Mal an je302
nem Tag, und war in den Garten gegangen, um mich zu beruhigen. Nicht auszudenken,
wie lange sie sonst dort gehangen hätte.«
»Wollte sie sich das Haus ansehen?«
Julia nickte. »Sie sagte, sie sei Antiquitätenhändlerin und interessiere sich für
Dinge aus der viktorianischen Epoche, und fragte,
ob sie einen Blick ins Haus werfen dürfte.«
Bei der Vorstellung, wie Nell, entschlossen zu bekommen, was
sie wollte, über Mauern kletterte und Halbwahrheiten erzählte,
wurde Cassandra ganz warm ums Herz.
»Ich habe ihr gesagt, sobald sie genug davon hätte, in der Glyzinie herumzuturnen,
könne sie gern hereinkommen.« Julia lachte. »Das Haus befand sich in einem ziemlich
miserablen Zustand,
es hatte jahrzehntelang leer gestanden, und nachdem Dan und ich
mit den Renovierungsarbeiten angefangen hatten, sah es noch
schlimmer aus als vorher, aber das schien Ihrer Großmutter überhaupt nichts
auszumachen. Sie ist herumgegangen, hat sich jedes
einzelne Zimmer angesehen. Es war, als versuchte sie, sich alles
genau einzuprägen.«
Oder es sich in Erinnerung zu rufen. Cassandra fragte sich, wie
viel Nell Julia über den wahren Grund ihres Interesses an dem
Haus erzählt haben mochte. »Haben Sie ihr auch das Cottage gezeigt?«
»Nein, aber ich habe ihr davon erzählt, darauf können Sie Gift
nehmen. Und dann habe ich ein Stoßgebet gen Himmel geschickt
und uns alle verfügbaren Daumen gedrückt.« Sie lachte. »Wir
suchten damals verzweifelt nach einem Käufer! Wir steuerten auf
die Pleite zu, als hätten wir ein Loch unter das Haus gegraben
und jeden Penny, den wir besaßen, hineingeworfen. Wissen Sie,
wir hatten das Cottage schon eine ganze Zeit lang zum Verkauf
angeboten. Zweimal haben wir mit Interessenten aus London
verhandelt, die ein Ferienhaus suchten, aber beide Male kam es
nicht zum Vertrag. Einfach Pech. Dann sind wir mit dem Preis
runtergegangen, aber niemand wollte das Haus haben, nicht für
303
Geld und gute Worte. Eine unbezahlbare Aussicht, aber wegen
irgendwelcher albernen, alten Gerüchte hat sich keiner dafür
interessiert.«
»Robyn hat mir davon erzählt.«
»Irgendwas stimmt nicht mit Ihrem Häuschen, womöglich
spukt es sogar darin«, sagte Julia gut gelaunt. »Wir haben hier im
Hotel unseren eigenen Hausgeist. Aber das wissen Sie ja, denn
wie ich höre, haben Sie schon Bekanntschaft mit ihm gemacht.«
Cassandra stand die Verwirrung ins Gesicht geschrieben, als
Julia fortfuhr: »Samantha von der Rezeption hat mir berichtet, Sie
hätten einen Schlüssel in Ihrer Tür gehört.«
»Ach so«, erwiderte Cassandra. »Ja. Ich dachte erst, es wäre
ein anderer Gast gewesen, aber es war wohl der Wind. Ich wollte
kein Aufhebens …«
»Das war unser Hausgeist.« Julia musste über Cassandras verblüfften
Gesichtsausdruck lachen. »Keine Sorge, er, oder besser
gesagt sie, ist völlig harmlos. Sie ist kein böser Geist. So einen
würden wir uns hier nicht halten.«
Cassandra hatte das Gefühl, dass Julia sie auf den Arm nahm.
Andererseits hatte sie seit ihrer Ankunft in Cornwall mehr von
Geistern reden hören als auf ihrer ersten Pyjamaparty, an der sie
im Alter von zwölf Jahren teilgenommen hatte. »Ich nehme an,
jedes alte Haus braucht einen Geist«, sagte sie.
»Richtig«, erwiderte Julia. »Die Leute erwarten das. Ich hätte
glatt einen erfinden müssen, wäre da nicht schon einer gewesen.
In so einem historischen Hotel ist ein eigener Hausgeist genauso
wichtig für die Gäste wie saubere Handtücher.« Sie beugte sich
vor. »Unserer hat sogar einen Namen: Rose Mountrachet. Die
Mountrachets haben früher hier gewohnt, Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts. Na ja,
vorher natürlich auch, wenn man bedenkt, dass es sich immerhin um eine Familie mit
einer jahrhundertealten Geschichte handelt. Im Foyer neben dem Bücherregal
hängt ein Porträt von ihr, die junge Frau mit der blassen Haut und
den dunklen Haaren. Haben Sie es gesehen?«
304
Cassandra schüttelte den Kopf.
»Sie müssen es sich unbedingt ansehen«, sagte Julia. »John
Singer Sargent hat es gemalt, einige Jahre, nachdem er die
Schwestern Wyndham porträtiert hat. Was für eine Schönheit sie
war, unsere Rose, und so ein tragisches Leben! Ein kränkliches
Kind, das schließlich gesund geworden ist, nur um dann mit vierundzwanzig Jahren
bei einem schrecklichen Unfall ums Leben
zu kommen.« Sie seufzte theatralisch. »Sind Sie schon mit dem
Frühstück fertig? Dann kommen Sie mit, ich zeige Ihnen das
Gemälde.«
Rose Mountrachet war im Alter von achtzehn Jahren tatsächlich ausgesprochen schön
gewesen: weiße Haut, die dunkle Haarpracht zu einem losen Zopf zusammengebunden,
und der volle
Busen nach damaliger Mode zur Geltung gebracht. Sargent war
für seine Fähigkeit bekannt, die Persönlichkeit seiner Modelle
erfasst und wiedergegeben zu haben, und Roses Blick war
schwermütig. Die roten Lippen entspannt und leicht geöffnet,
aber die Augen wachsam auf den Künstler gerichtet. Der ernste
Gesichtsausdruck einer jungen Frau, die wegen ihrer kränklichen
Natur ihre ganze Kindheit über ans Haus gefesselt war, dachte
Cassandra.
Sie beugte sich vor. Die Komposition des Porträts war interessant. Rose saß auf
einem Sofa, ein Buch auf dem Schoß. Das Sofa stand in einem solchen Winkel zum
Betrachter, dass Rose auf
der rechten Seite in den Vordergrund gerückt war; die Wand hinter ihr war mit
grüner Tapete bedeckt, sonst gab es keinen Wandschmuck. Die Art, wie die Wand
dargestellt war, ließ die junge
Frau blass und zart erscheinen, eher impressionistisch im Gegensatz zu dem
Realismus, für den Sargent bekannt war. Es war
durchaus vorgekommen, dass Sargent gewisse impressionistische
Techniken angewandt hatte, aber dieses Gemälde wirkte irgendwie leichter als seine
anderen Arbeiten.
305
»Ist sie nicht eine Schönheit?«, sagte Julia, die vom Rezeptionstresen herüberkam.
Cassandra nickte gedankenversunken. Das Bild stammte aus
dem Jahr 1906, bald danach hatte der Künstler der Porträtmalerei
abgeschworen. Ob es ihm vielleicht schon zu jener Zeit Verdruss
bereitet hatte, die Gesichter der Wohlhabenden abzubilden?
»Wie ich sehe, hat sie Sie bereits in ihren Bann gezogen. Jetzt
verstehen Sie vielleicht, warum wir sie unbedingt als unseren
Hausgeist anwerben wollten.« Sie lachte, dann fiel ihr auf, dass
Cassandra ernst blieb. »Alles in Ordnung? Sie wirken ein bisschen blass. Soll ich
Ihnen ein Glas Wasser bringen?«
Cassandra schüttelte den Kopf. »Nein, danke. Es ist einfach
das Bild …« Sie presste die Lippen zusammen. Dann hörte sie
sich sagen: »Rose Mountrachet war meine Urgroßmutter.«
Julia schaute sie verblüfft an.
»Ich habe es erst kürzlich erfahren.« Cassandra lächelte verlegen. Auch wenn es die
Wahrheit war, kam sie sich vor wie eine
Schauspielerin in einer billigen Seifenoper. »Verzeihen Sie. Es ist
das erste Mal, dass ich ein Bild von ihr sehe. Es kommt alles ein
bisschen plötzlich.«
»Ach, meine Liebe«, sagte Julia. »Ich sage es nur ungern, aber
ich fürchte, da liegt ein Irrtum vor. Rose kann gar nicht Ihre Urgroßmutter sein,
sie kann niemandes Urgroßmutter sein. Ihre einzige Tochter ist als ganz kleines
Kind gestorben.«
»An Scharlach.«
»Das arme kleine Ding, gerade mal vier Jahre alt …« Sie warf
Cassandra einen Seitenblick zu. »Wenn Sie von der Krankheit
wissen, müsste Ihnen doch auch bekannt sein, dass Roses Tochter
gestorben ist.«
»Ja, das ist die offizielle Version, aber ich weiß, dass sie nicht
der Wahrheit entspricht. So kann es gar nicht gewesen sein.«
»Ich habe den Grabstein auf dem Friedhof des Anwesens gesehen«, entgegnete Julia
sanft. »Sehr poetische Inschrift und sehr
traurig. Wenn Sie möchten, kann ich Ihnen das Grab zeigen.«
306
Cassandra spürte, wie sie errötete, wie immer, wenn sich eine
Auseinandersetzung anbahnte. »Es mag ja sein, dass es einen
Grabstein gibt, aber in dem Grab liegt kein kleines Mädchen. Jedenfalls nicht Ivory
Mountrachet.«
In Julias Gesichtsausdruck spiegelten sich abwechselnd Neugier und Besorgnis.
»Erzählen Sie weiter.«
»Als meine Großmutter einundzwanzig war, hat sie erfahren,
dass ihre Eltern nicht ihre leiblichen Eltern waren.«
»Sie war ein Adoptivkind?«
»Mehr oder weniger. Sie wurde in einem Hafen in Australien
an einem Kai aufgefunden, da war sie vier Jahre alt und hatte
nichts bei sich als einen kleinen Kinderkoffer. Aber erst mit fünfundsechzig hat
sie von ihrem Vater diesen Koffer ausgehändigt
bekommen und konnte endlich anfangen, Nachforschungen über
ihre Vergangenheit anzustellen. Sie ist nach England gereist, hat
mit den verschiedensten Leuten gesprochen und Informationen
gesammelt. All das hat sie in einem Tagebuch festgehalten.«
Julia lächelte wissend. »Das Sie jetzt besitzen.«
»Genau. Deshalb weiß ich auch, dass sie herausgefunden hat,
dass Roses Tochter nicht gestorben ist.«
Julias blaue Augen musterten Cassandra. Ihre Wangen waren
leicht gerötet. »Aber wenn sie entführt wurde, hätte es da nicht
eine groß angelegte Suchaktion geben müssen? Hätte das nicht in
allen Zeitungen gestanden? Wie bei dem Lindbergh-Baby?«
»Nicht, wenn die Angehörigen die Sache geheim halten wollten.«
»Aber warum hätten sie das tun sollen? Sie hätten doch sicherlich ein Interesse
daran gehabt, dass jeder davon erfährt.«
Cassandra schüttelte den Kopf. »Nicht, wenn sie einen Skandal
vermeiden wollten. Die Frau, die sie entführt hat, war das Mündel
von Lord und Lady Mountrachet, Roses Cousine.«
Julia stockte der Atem. »Eliza hat Roses Tochter entführt?«
Jetzt war es an Cassandra, verblüfft zu sein. »Sie wissen von
Eliza?«
307
»Natürlich, sie ist hier in der Gegend ziemlich bekannt.« Julia
schluckte. »Also lassen Sie mich das noch mal klarstellen: Sie
glauben also, Eliza hat Roses Tochter nach Australien entführt?«
»Sie hat sie auf das Schiff nach Australien gebracht, ist aber
selbst nicht mitgefahren. Eliza ist irgendwo zwischen London
und Maryborough verschwunden. Als mein Urgroßvater Nell gefunden hat, stand sie
mutterseelenallein am Kai. Deshalb hat er
sie mit zu sich nach Hause genommen, so ein kleines Mädchen
konnte er schließlich nicht allein dort zurücklassen.«
Julia schnalzte mit der Zunge. »Das muss man sich mal vorstellen, ein kleines
Mädchen einfach so allein zu lassen. Ihre arme
Großmutter, wie furchtbar, nicht zu wissen, wo man herkommt.
Jetzt verstehe ich, warum sie sich hier alles so genau ansehen
wollte.«
»Nur aus diesem Grund hat Nell damals das Cottage gekauft«,
erwiderte Cassandra. »Nachdem sie herausgefunden hatte, wer
sie war, wollte sie ein Stück ihrer Vergangenheit besitzen.«
»Ja, natürlich.« Julia hob die Hände und ließ sie wieder sinken.
»Das finde ich absolut nachvollziehbar, aber alles andere - ich
weiß nicht.«
»Was meinen Sie damit?«
»Na ja, selbst wenn das, was Sie sagen, stimmt, wenn Roses
Tochter überlebt hat, entführt wurde und in Australien aufgewachsen ist, kann ich
einfach nicht glauben, dass Eliza etwas damit zu tun gehabt haben soll. Rose und
Eliza haben sich sehr nahegestanden. Sie waren eher Schwestern als Cousinen, die
allerbesten Freundinnen.« Einen Augenblick lang schwieg sie nachdenklich, dann
atmete sie entschlossen aus. »Nein, ich kann einfach nicht glauben, dass Eliza zu
einem solchen Verrat fähig gewesen sein soll.«
Das war kein sachlicher Kommentar von jemandem, der eine
historische Hypothese diskutiert; offenbar glaubte Julia fest an
Elizas Unschuld. »Was macht Sie da so sicher?«
308
Julia wies auf zwei Korbstühle vor dem Erkerfenster. »Wollen
wir uns einen Augenblick hinsetzen? Ich lasse uns von Samantha
Tee bringen.«
Cassandra warf einen Blick auf ihre Uhr. Ihre Verabredung mit
dem Gärtner rückte näher, aber die Leidenschaft, mit der Julia
über Eliza und Rose sprach, als wären sie alte Freundinnen, hatte
sie neugierig gemacht. Sie nahm auf dem angebotenen Stuhl
Platz, während Julia bei Samantha Tee bestellte.
Nachdem Samantha sich wieder entfernt hatte, fuhr Julia fort:
»Als wir Blackhurst damals gekauft haben, war es völlig heruntergekommen. Wir
hatten schon immer von so einem Hotel geträumt, aber am Anfang ist es eher in einen
Albtraum ausgeartet.
Sie glauben ja gar nicht, wie viel bei einem Haus dieser Größe
schiefgehen kann. Wir haben drei Jahre gebraucht, um überhaupt
einen Fuß auf die Erde zu bekommen. Es war unglaublich harte
Arbeit, und darüber wäre beinahe unsere Ehe in die Brüche gegangen. Nichts kann ein
Paar so schnell entzweien wie feuchtes
Gemäuer und zahllose Löcher im Dach.«
Cassandra lächelte. »Das kann ich mir lebhaft vorstellen.«
»Es ist wirklich traurig, die Familie Mountrachet hat das Haus
so lange bewohnt und mit viel Liebe instand gehalten, aber seit
dem Ersten Weltkrieg hat es nur noch leer gestanden. Vor die
Fenster waren Bretter genagelt, die Kamine zugemauert, ganz zu
schweigen von den Schäden, die die Soldaten angerichtet haben,
die hier in den Vierzigerjahren gehaust haben.
Wir haben jeden Penny, den wir besaßen, in das Haus gesteckt.
Damals war ich noch Schriftstellerin, in den Sechzigern habe ich
eine Reihe Liebesromane geschrieben. Ich war zwar keine Jackie
Collins, aber ich habe gut verdient. Mein Mann war im Bankgeschäft tätig, und wir
glaubten, über ausreichend Mittel zu verfügen, um das Haus renovieren und als Hotel
betreiben zu können.«
Sie lachte. »Wir haben es völlig unterschätzt. Total. Als das dritte
Weihnachtsfest nahte, war uns das Geld fast ausgegangen, und
wir hatten nicht viel mehr vorzuweisen als eine Ehe, die nur noch
309
an einem seidenen Faden hing. Wir hatten bereits einen Großteil
des Grundstücks verkauft, und am Heiligabend 1974 standen wir
kurz davor, das Handtuch zu werfen und reumütig nach London
zurückzukehren.«
Samantha erschien mit einem vollbeladenen Tablett, stellte es
auf dem Tisch ab und schaute Julia zögernd an.
»Ich schenke uns ein, Sam«, sagte Julia lachend und verscheuchte sie mit einer
Handbewegung. »Ich bin ja nicht die
Queen. Noch nicht.« Sie zwinkerte Cassandra zu. »Zucker?«
»Danke, gern.«
Julia füllte zwei Tassen mit Tee, der kaum gezogen hatte,
reichte Cassandra eine, trank einen Schluck aus ihrer Tasse und
fuhr fort. »Es war bitterkalt an jenem Heiligabend. Ein Sturm fegte vom Meer her
und wütete auf der Landzunge. Der Strom war
ausgefallen, und unser Truthahn vergammelte im warmen Eisschrank. Wir konnten uns
nicht erinnern, wo wir die Schachtel
mit den frischen Kerzen hingelegt hatten, und waren gerade dabei, in einem der
oberen Zimmer danach zu suchen. Plötzlich
wurde das Zimmer von einem Blitz taghell erleuchtet - und da
haben wir die Wand entdeckt.« Sie rieb sich die Lippen in Vorfreude auf die eigene
Pointe. »In der Wand befand sich ein
Loch.«
»Ein Mauseloch?«
»Nein, ein viereckiges Loch.«
Cassandra runzelte verständnislos die Stirn.
»Da fehlte ein Stein im Gemäuer«, erklärte Julia. »Ein Loch in
der Wand, wie ich es mir als Kind immer erträumt habe, wenn
mein Bruder mal wieder meine Tagebücher entdeckt hatte. Es
war hinter der Tapete verborgen gewesen, die der Maler einige
Tage zuvor abgerissen hatte.« Sie schlürfte an ihrem Tee. »Ich
weiß, das klingt albern, aber dieses Versteck zu finden, wirkte
wie ein Glücksbringer. So als hätte das Haus gesagt: ›Also gut,
ihr habt euch hier lange genug abgerackert. Ihr habt bewiesen,
dass ihr es ernst meint, ihr könnt bleiben.‹ Und ich sage Ihnen,
310
von dem Zeitpunkt an ging alles viel leichter. Ihre Großmutter
kam und wollte unbedingt das Cliff Cottage kaufen, ein Mann
namens Bobby Blake brachte unsere Gartenanlage in Ordnung,
und dann begannen einige Busunternehmen damit, uns Touristen
zum Nachmittagstee zu bringen.«
Sie schwelgte lächelnd in der Erinnerung, sodass es Cassandra
beinahe leidtat, sie zu unterbrechen. »Aber was haben Sie denn
dort gefunden? Was befand sich in dem Versteck?«
Julia blinzelte.
»War es etwas, das Rose gehört hat?«
»Ja.« Julia schluckte vor Aufregung. »Ja, ganz genau. Eine
Sammlung von Tagebüchern, mit einem Bändchen zusammengehalten. Eins für jedes Jahr
von 1900 bis 1913.«
»Tagebücher?«
»Viele junge Mädchen führten damals Tagebuch. Ein Hobby,
das von den Sittenwächtern der damaligen Zeit freimütig geduldet wurde - eins der
wenigen! Es war eine Form der Selbstverwirklichung, die es einer jungen Dame
erlaubte, ihren Gefühlen
freien Lauf zu lassen, ohne dass man fürchten musste, dass sie
ihre Seele an den Teufel verkaufte.« Sie schüttelte den Kopf.
»Also, Roses Tagebücher unterscheiden sich nicht sonderlich von
denen, die man im Museum oder auf Dachböden im ganzen Land
findet - sie sind voll mit Stofffetzen, Zeichnungen, Bildchen, Einladungen, kleinen
Anekdoten -, aber als ich sie fand, habe ich
mich so sehr mit dieser jungen Frau identifiziert, die vor hundert
Jahren hier gelebt hat, mit ihren Hoffnungen, Träumen und Enttäuschungen, dass ich
sie in mein Herz geschlossen habe. Für
mich ist sie wie ein Schutzengel, der über uns wacht.«
»Sind die Tagebücher noch hier?«
Julia nickte schuldbewusst. »Eigentlich hätte ich sie längst einem Museum oder
einem Heimatverein vermachen sollen, aber
ich bin ziemlich abergläubisch und kann mich nicht davon trennen. Eine Zeit lang
hatte ich sie in der Eingangshalle ausgestellt,
in einer der Vitrinen, aber jedes Mal, wenn mein Blick darauf
311
fiel, bekam ich ein schlechtes Gewissen, als hätte ich etwas ganz
Persönliches öffentlich zugänglich gemacht. Jetzt befinden sie
sich in einer Schachtel, die ich in meinem Zimmer aufbewahre,
und warten auf eine bessere Verwendung.«
»Dürfte ich sie mir ansehen?«
»Selbstverständlich, meine Liebe. Sie werden sie zu sehen bekommen.« Julia schenkte
Cassandra ein strahlendes Lächeln.
»Ich erwarte eine Reisegruppe innerhalb der nächsten halben
Stunde, und Robyn hat meinen Terminkalender für den Rest der
Woche mit Festivalvorbereitungen gespickt. Wie wär’s am Freitag mit einem
Abendessen in meiner Wohnung? Danny wird in
London sein, und wir machen uns einen gemütlichen Frauenabend. Dann können wir in
Roses Tagebüchern schmökern und
dabei jede Menge Tränen vergießen. Was halten Sie davon?«
»Großartig«, erwiderte Cassandra und lächelte ein wenig unsicher. Es war das erste
Mal, dass jemand sie zum gemeinsamen
Weinen einlud.
312
Wie sehr sich Rose mit der Dame von Shalott identifizierte!
Verdammt dazu, eine Ewigkeit in ihren Gemächern zu verbringen, immer dazu
gezwungen, die Welt nur aus der Ferne zu erleben. War sie selbst, Rose, nicht auch
fast ihr ganzes Leben eingesperrt gewesen?
Aber die Zeiten waren vorbei! Rose hatte einen Entschluss gefasst: Sie würde sich
nicht länger von den düsteren Prognosen
eines Dr. Matthews und der allgegenwärtigen Sorge ihrer Mutter
ans Bett fesseln lassen. Zwar war sie nach wie vor anfällig, aber
mittlerweile hatte sie begriffen, dass Schwäche krank machte,
dass nichts so sehr zu Schwindel und Unwohlsein führte wie immerwährendes
erstickendes Eingesperrtsein. Sie würde die Fenster öffnen, wenn ihr warm war -
vielleicht würde sie sich erkälten, vielleicht aber auch nicht. Sie wollte ein
normales Leben führen, heiraten, Kinder bekommen und alt werden. Und endlich, an
ihrem achtzehnten Geburtstag, würde sie einen Blick auf ihr Camelot werfen können.
Mehr noch: Sie würde Camelot erkunden.
Denn nach jahrelangem Flehen und Betteln hatte Mama endlich
nachgegeben. Heute, zum ersten Mal seit fünf Jahren, würde Rose Eliza in die Bucht
von Blackhurst begleiten dürfen.
Seit sie vor sechs Jahren nach Blackhurst gekommen war, erzählte Eliza ihr
Geschichten von der Bucht. Wenn Rose in ihrem
warmen, dunklen Zimmer lag und die abgestandene Luft ihrer
jüngsten Krankheit einatmete, platzte Eliza ins Zimmer, und Rose
konnte beinahe das Meer auf ihrer Haut riechen. Dann legte sie
sich neben Rose, drückte ihr eine Muschel, einen vertrockneten
Tintenfisch oder einen Kieselstein in die Hand und fing an zu erzählen, bis Rose
das blaue Meer vor sich sah, die warme Brise in
ihren Haaren fühlte und den heißen Sand unter ihren Füßen spürte.
Manche der Geschichten dachte Eliza sich selbst aus, andere
schnappte sie woanders auf. Das Dienstmädchen Mary hatte Brüder, die zur See
fuhren, und Rose hatte den Verdacht, dass Mary
lieber schwatzte anstatt zu arbeiten. Natürlich nicht mit Rose,
313
aber bei Eliza war das etwas anderes. Alle Dienstboten behandelten Eliza anders.
Ziemlich ungebührlich, fast so, als wähnten sie
sich als ihre Freunde.
Seit einiger Zeit argwöhnte Rose, dass Eliza sich außerhalb des
Anwesens herumtrieb, vielleicht sogar mit Fischern im Dorf
sprach, denn ihre Geschichten hatten eine andere Färbung bekommen. In ihnen
wimmelte es neuerdings von Schiffen und Reisen übers Meer, von Nixen und
versunkenen Schätzen, von
Abenteuern in fernen Ländern. Sie bediente sich nicht nur einer
anschaulicheren Sprache, die Rose insgeheim genoss, sondern in
ihren Augen lag ein überzeugenderer Ausdruck als zuvor, so als
hätte sie die verruchten Begebenheiten, von denen sie berichtete,
selbst erlebt.
Auf jeden Fall wäre Mama außer sich vor Wut, wenn sie erführe, dass Eliza im Dorf
gewesen war und sich unter das gemeine
Volk gemischt hatte. Es ärgerte Mama bereits genug, dass Eliza
mit dem Dienstpersonal redete - schon allein deswegen war Rose
bereit, Elizas Freundschaft mit Mary zu ertragen. Käme Mama
auf die Idee, Eliza zu fragen, wohin sie ginge, würde Eliza sicherlich nicht lügen,
wobei fraglich blieb, was Mama tun konnte.
Obwohl sie es seit sechs Jahren versuchte, hatte sie keine Strafe
gefunden, die Eliza aufzuhalten vermochte.
Dass ihr Verhalten als ungehörig betrachtet wurde, konnte Eliza nicht beeindrucken.
In den Wandschrank unter der Treppe gesperrt zu werden, verschaffte ihr lediglich
Zeit und Ruhe, sich
wieder neue Geschichten auszudenken. Ihr neue Kleider zu verweigern - was für Rose
tatsächlich eine Strafe wäre -, würde Eliza
nicht einmal ein Seufzen entlocken. Sie war vollkommen damit
zufrieden, Roses abgelegte Kleider aufzutragen. In Bezug auf
Strafen war sie wie die Heldin in einer ihrer Geschichten geschützt durch einen
Feenzauber. Mamas vergebliche Bemühungen hinsichtlich der Bestrafungen
mitzuerleben, verschaffte Rose
klammheimliches Vergnügen. Jede Zurechtweisung wurde von
Eliza mit einem unschuldigen Blick, einem sorglosen Achselzu314
cken und einem ungerührten »Ja, Tante« quittiert. So als könnte
sich Eliza tatsächlich nicht vorstellen, dass ihr Verhalten irgendwie anstößig war.
Vor allem das Achselzucken trieb Mama zur
Weißglut. Sie hatte längst jede Hoffnung aufgegeben, Rose könne
Eliza zu einer jungen Dame erziehen, und war schon froh, dass es
Rose gelungen war, ihre Cousine zu halbwegs angemessener
Kleidung zu überreden. (Rose hatte Mamas Lob angenommen
und ihre innere Stimme zum Schweigen gebracht, die ihr zuflüsterte, dass Eliza sich
erst von ihrer schäbigen Hose getrennt hatte,
als diese ihr nicht mehr passte.) Etwas in Eliza sei zerbrochen,
meinte Mama, wie eine Spiegelscherbe in einem Teleskop, die
ein korrektes Funktionieren unmöglich machte. Und Eliza davon
abhielt, sich zu schämen, wie es sich gehörte. Elizas Gerede von
Magie und Feengestalten war Öl auf Mamas Feuer: Sie sei ein
gottloses Kind, schimpfte sie, was ja kein Wunder sei bei einem
Mädchen, das in heidnischen Verhältnissen aufgewachsen sei.
Als hätte sie Roses Gedanken gelesen, bewegte sich Eliza neben ihr auf dem Sofa.
Sie hatten fast eine Stunde still gesessen,
und allmählich regte sich ihr Widerstand. Mehrere Male hatte Mr
Sargent sie ermahnen müssen, nicht die Stirn zu runzeln und die
Position beizubehalten, während er arbeitete. Rose hatte am Tag
zuvor mitgehört, wie er sich bei Mama beklagt hatte, dass das
Bild längst fertig wäre, wenn dieses Mädchen mit den roten Haaren lange genug still
sitzen könnte.
Mama hatte sich angewidert geschüttelt, als er das sagte. Sie
hätte lieber nur Rose porträtieren lassen, aber Rose hatte ihren
Willen durchgesetzt: Eliza sei ihre Cousine, ihre einzige Freundin,
selbstverständlich müsse sie mit auf das Porträt. Und dann
hatte Rose noch ein bisschen gehustet, während sie Mama unter
ihren Wimpern hindurch beobachtete, und das Thema war erledigt.
Rose genoss es, Mama zu ärgern, aber als sie darauf bestanden
hatte, sich gemeinsam mit Eliza porträtieren zu lassen, war das
tatsächlich ihr aufrichtiger Wunsch gewesen. Bevor ihre Cousine
315
zu ihnen ins Haus kam, hatte sie nie eine Freundin gehabt. Es hatte sich keine
Gelegenheit dazu geboten, und selbst wenn, was hätte ein Mädchen, das nicht mehr
lange zu leben hatte, von Freundinnen gehabt? Wie die meisten Kinder, die an
körperliches Leiden gewöhnt sind, war auch Rose der Auffassung, dass sie nur
wenig mit anderen Mädchen ihres Alters gemein hatte. Sie hatte
weder Interesse daran, mit Reifen zu spielen, noch Puppenhäuser
einzurichten. Es langweilte sie, sich lang und breit über ihre Lieblingsfarbe, -
zahl und -musik zu unterhalten.
Aber ihre Cousine Eliza war nicht wie die anderen Mädchen.
Das hatte Rose sofort gemerkt, als sie sie kennenlernte. Eliza hatte eine Art, die
Welt zu sehen, die Rose immer wieder verblüffte.
Sie tat immer wieder völlig unerwartete Dinge. Dinge, die Mama
auf die Palme brachten.
Das Beste an Eliza, noch besser als ihre Fähigkeit, Mama zu
ärgern, war allerdings ihre Gabe zu erzählen. Sie kannte so viele
wunderbare Geschichten, die Rose noch nie gehört hatte. Beängstigende Geschichten,
die ihr heiße und kalte Schauer über die
Haut jagten. Sie handelten von der anderen Cousine, dem Fluss in
London und von einem bösen Mann mit einem blitzenden Messer. Und natürlich von dem
schwarzen Schiff, das in der Bucht
von Blackhurst sein Unwesen trieb. Auch wenn Rose wusste,
dass Eliza sich das alles nur ausgedacht hatte, ließ sie sich diese
Geschichte besonders gern erzählen. Das Phantomschiff, das
manchmal am Horizont auftauchte, das Schiff, das Eliza angeblich mit eigenen Augen
gesehen hatte und auf dessen Erscheinen
sie an den vielen Sommertagen, die sie in der Bucht verbrachte,
stundenlang wartete.
Das Einzige, was Rose Eliza nie hatte entlocken können, waren
Geschichten über ihren Bruder Sammy. Ein einziges Mal war ihr
der Name herausgerutscht, aber als Rose sie gedrängt hatte, mehr
zu erzählen, war sie verstummt; Mama hatte ihr irgendwann erklärt, dass Eliza
einmal einen Zwillingsbruder gehabt hatte, der
auf tragische Weise ums Leben gekommen war.
316
Im Lauf der Jahre hatte Rose Gefallen daran gefunden, sich
abends, wenn sie allein in ihrem Bett lag, seinen Tod vorzustellen, den Tod dieses
Jungen, der das Unmögliche bewirkt hatte:
Eliza, der Geschichtenerzählerin, die Worte zu rauben. »Sammys
Tod« hatte »Georgianas Flucht« als Roses Lieblingstagtraum abgelöst. Mal stellte
sie sich vor, wie er ertrank, ein andermal, wie
er in einen Abgrund stürzte oder wie er langsam dahinsiechte,
dieser arme kleine Junge, der den ersten Platz in Elizas Herzen
einnahm.
»Sitz gefälligst still«, sagte Mr Sargent und zeigte mit dem
Pinsel auf Eliza. »Hör auf herumzuzappeln. Du bist ja schlimmer
als Lady Asquiths Hund.«
Rose blinzelte, bemüht, ihren Gesichtsausdruck nicht zu verändern, als sie merkte,
dass ihr Vater das Zimmer betreten hatte.
Er stand hinter Mr Sargents Staffelei und sah dem Künstler gebannt bei der Arbeit
zu. Die Stirn gerunzelt und den Kopf geneigt, um den Pinselstrichen folgen zu
können. Rose wunderte
sich, denn sie hätte nie gedacht, dass ihr Vater sich für die schönen Künste
interessierte. Seine einzige Leidenschaft galt der Fotografie, und selbst das war
bei ihm langweilig. Nie fotografierte
er Menschen, immer nur Käfer und Pflanzen und Steine. Aber
jetzt stand er dort, fasziniert vom Porträt seiner Tochter. Rose
richtete sich etwas mehr auf.
Nur zweimal hatte Rose im Lauf ihrer Kindheit Gelegenheit
gehabt, ihren Vater aus nächster Nähe zu betrachten. Das erste
Mal, als sie den Fingerhut verschluckt hatte und man ihren Vater
gerufen hatte, um das Foto für Dr. Matthews zu machen. Das
zweite Mal hatte sie weniger angenehm in Erinnerung.
Sie war damals neun Jahre alt gewesen. Dr. Matthews wurde
erwartet, und weil sie sich nicht schon wieder untersuchen lassen
wollte, hatte sie sich versteckt. Und zwar an dem einzigen Ort,
wo Mama sie nie suchen würde: in der Dunkelkammer ihres Vaters.
317
Rose hatte es sich mit einem Kissen unter dem großen Schreibtisch bequem gemacht.
Und es wäre recht gemütlich gewesen,
wenn es nur nicht so ekelhaft gestunken hätte, so ähnlich wie die
Reinigungsmittel, die die Dienstboten für den Frühjahrsputz benutzten.
Sie befand sich seit ungefähr einer Viertelstunde in der Dunkelkammer, als die Tür
geöffnet wurde. Ein dünner Lichtstrahl
fiel durch ein winziges Astloch in der Rückwand des Schreibtischs. Rose hielt den
Atem an und lugte durch das Loch, voller
Angst, Mama und Dr. Matthews zu sehen, die sie holen kamen.
Aber weder Mama noch der Arzt erschienen in der Tür, sondern ihr Vater in seinem
langen, schwarzen Reiseumhang.
Roses Kehle war wie zugeschnürt. Auch ohne dass man ihr das
ausdrücklich gesagt hatte, wusste sie, dass die Schwelle zur Dunkelkammer ihres
Vaters nicht übertreten werden durfte.
Ihr Vater blieb einen Moment lang stehen, seine schwarze Silhouette hob sich gegen
den hellen Hintergrund ab. Dann kam er
herein, legte seinen Umhang ab und hängte ihn über die Stuhllehne. Im selben
Augenblick erschien Thomas, das Gesicht bleich
vor Angst.
»Ihre Lordschaft«, sagte Thomas und atmete tief durch. »Wir
haben Sie erst nächste …«
»Meine Pläne haben sich geändert.«
»Das Mittagessen wird gerade zubereitet, Sir«, fuhr Thomas
fort, während er die Gaslampen an der Wand entzündete. »Ich
werde für zwei Personen decken und Lady Mountrachet darüber
informieren, dass Sie zurückgekehrt sind.«
»Nein.«
Die Schärfe, mit der dieser Befehl ausgesprochen wurde, ließ
Rose zusammenzucken.
Thomas drehte sich so abrupt zu ihrem Vater um, dass das
Streichholz zwischen seinen behandschuhten Fingern erlosch.
»Nein«, wiederholte ihr Vater. »Ich habe eine lange Reise hinter mir, Thomas. Ich
muss mich ausruhen.«
318
»Wünschen Sie Tee, Sir?«
»Ja, und eine Karaffe Sherry.«
»Sehr wohl, Sir.« Thomas nickte und verschwand durch die
Tür. Seine Schritte verklangen.
Dann vernahm Rose ein leichtes Klopfgeräusch. Sie legte ihr
Ohr an den Schreibtisch, fragte sich, ob irgendein rätselhafter
Gegenstand, der ihrem Vater gehörte, in der Schublade tickte.
Doch plötzlich wurde ihr klar, dass es ihr Herz war, das wie verrückt pochte. Als
fürchtete es um sein Leben.
Aber es gab keinen Ausweg. Nicht, solange ihr Vater in seinem
Sessel neben der Tür saß.
Und so blieb Rose, wo sie war, die Knie eng gegen das ängstliche Herz gedrückt, das
sie zu verraten drohte.
Es war das erste Mal, soweit sie sich erinnern konnte, dass sie
mit ihrem Vater allein war. Ihr fiel auf, dass seine Gegenwart den
ganzen Raum ausfüllte und die Atmosphäre, die vorher so angenehm gewesen war, jetzt
wie aufgeladen schien von Gefühlen
und Emotionen, die Rose nicht verstand.
Schwere Schritte auf dem Teppich, dann ein schweres männliches Ausatmen, das ihr
eine Gänsehaut verursachte.
»Wo bist du?«, fragte ihr Vater leise, dann noch einmal mit zusammengebissenen
Zähnen. »Wo bist du nur?«
Rose hielt den Atem an und presste die Lippen zusammen.
Sprach er mit ihr? Hatte ihr allwissender Vater irgendwie erraten,
dass sie sich an einem Ort versteckt hielt, der ihr verboten war?
Ein Seufzen ihres Vaters - aus Kummer? Liebe? Müdigkeit? -,
und dann sagte er: »Mein Püppchen.« So sanft, so ruhig, die gebrochene Stimme eines
gebrochenen Mannes. »Mein Püppchen«,
sagte ihr Vater noch einmal. »Wo bist du, meine Georgiana?«
Rose atmete aus. Erleichtert darüber, dass er ihre Anwesenheit
nicht bemerkt hatte, und bekümmert, weil dieser sanfte Tonfall
nicht ihr galt.
319
Und während sie die Wange gegen den Schreibtisch presste,
schwor sie sich, dass eines Tages irgendjemand ihren Namen auf
dieselbe Weise aussprechen würde …
»Nimm deine Hand herunter!« Mr Sargent war mit seiner Geduld am Ende. »Wenn du
nicht endlich still hältst, dann verpasse
ich dir drei Hände, und die Nachwelt wird dich so in Erinnerung
behalten.«
Eliza stieß einen Seufzer aus, dann verschränkte sie die Hände
hinter dem Rücken.
Rose brannten die Augen von der Anstrengung, denselben
Blick beizubehalten, und sie blinzelte ein paar Mal. Ihr Vater hatte inzwischen das
Zimmer verlassen, doch seine Anwesenheit lag
noch in der Luft, die Aura des Leidens, die er immer hinterließ.
Rose lugte noch einmal nach ihrem Tagebuch. Das eingeklebte
Stückchen Stoff hatte einen hübschen rosafarbenen Ton, der gut
zu ihren dunklen Haaren passen würde.
Während all der Jahre, die sie krank in ihrem Zimmer verbracht hatte, hatte Rose
sich immer nur eins gewünscht, nämlich
erwachsen zu werden. Den Einschränkungen der Kindheit zu entfliehen und endlich zu
leben, sei es noch so kurz und erbärmlich,
wie Milly Theale es in dem Buch von Henry James ausgedrückt
hatte. Sie sehnte sich danach, sich zu verlieben, zu heiraten und
Kinder zu bekommen. Blackhurst zu verlassen und ein eigenes,
selbstbestimmtes Leben zu führen. Weg von diesem Haus, weg
von diesem Sofa, auf dem sie, weil Mama es so wollte, immer
liegen musste, selbst wenn es ihr ganz gut ging. »Roses Sofa«,
nannte Mama es. »Leg ein neue Decke auf Roses Sofa. Etwas,
das sie etwas weniger blass aussehen lässt und den Glanz ihrer
Haare mehr zur Geltung bringt.«
Und der Tag ihrer Flucht rückte immer näher, davon war Rose
überzeugt. Endlich war Mama zu der Einsicht gelangt, dass Rose
gesund genug war, Verehrer zu empfangen. Während der vergangenen Monate hatte Mama
eine ganze Reihe infrage kommender
junger (und auch weniger junger!) Männer nach Blackhurst ein320
geladen. Es waren durch die Bank Dummköpfe gewesen - Eliza
hatte Rose nach jedem Besuch stundenlang damit unterhalten, die
Charaktere nachzuahmen -, aber sie boten ihr Gelegenheit, ihrem
Auftreten den letzten Schliff zu geben. Denn der perfekte Gentleman war irgendwo da
draußen und wartete auf sie. Er würde
ganz anders sein als ihr Vater, er würde ein Künstler sein, mit
dem Gespür des Künstlers für Schönheit und Vielfalt, einer, dem
Reichtum und Herkunft nichts bedeuteten. Der offen wäre und
unkompliziert, und dessen Leidenschaften und Träume seine Augen zum Leuchten
brächten. Und der sie lieben würde, nur sie
allein.
Neben ihr schnaubte Eliza ungeduldig. »Wirklich, Mr Sargent«, sagte sie, »ich
könnte mich selbst schneller porträtieren.«
Ihr Ehemann würde sein wie Eliza, dachte Rose, und ein Lächeln huschte über ihr
entspanntes Gesicht. Der Gentleman, den
sie suchte, wäre eine männliche Inkarnation ihrer Cousine.
Endlich ließ ihr Zuchtmeister sie frei. Tennyson hatte recht,
schon in jungen Jahren zu rosten, war unvorstellbar langweilig.
Eliza riss sich das lächerliche Kleid vom Leib, das ihr Tante Adeline für das
Porträt aufgedrängt hatte. Es war eins von Roses
Kleidern der vorigen Saison - Spitze, die kratzte, Satin, der an der
Haut klebte, und ein Rotton, dass Eliza sich wie eine verpackte
Erdbeere vorkam. Was für eine sinnlose Zeitverschwendung, einen ganzen Vormittag
mit einem mürrischen alten Mann zu verbringen, der sie auf die Leinwand bannen
wollte, nur damit sie
wie all die anderen einsam an irgendeiner kühlen Wand aufgehängt werden konnte.
Eliza ließ sich auf Hände und Knie fallen und spähte unter ihr
Bett. Hob die Ecke der Fußbodendiele an, die sie schon vor langer Zeit gelöst
hatte. Langte in den Hohlraum und zog die Geschichte hervor: Der goldene Käfig.
Ließ ihre Hand über den
schwarz-weißen Umschlag gleiten und spürte die Abdrücke ihrer
Handschrift unter ihren Fingerspitzen.
321
Davies hatte sie auf die Idee gebracht, ihre Geschichten aufzuschreiben. Sie hatte
ihm dabei geholfen, neue Rosen zu pflanzen,
als ein grau-weißer Vogel mit gestreiften Schwanzfedern sich auf
einem niedrig hängenden Zweig in der Nähe niedergelassen hatte.
»Ein Kuckuck«, hatte Davies gesagt. »Der überwintert in Afrika und kehrt im
Frühling hierher zurück.«
»Ich wünschte, ich wäre ein Vogel«, hatte Eliza erwidert.
»Dann würde ich an der Klippe Anlauf nehmen und losfliegen.
Nach Afrika oder Indien. Oder nach Australien.«
»Australien?«
Dieses Land beflügelte neuerdings ihre Fantasie. Marys ältester
Bruder war kürzlich mit seiner jungen Familie dorthin ausgewandert. Sie wohnten
jetzt in einem Ort namens Maryborough, wo
ihre Tante Eleanor sich einige Jahre zuvor angesiedelt hatte. Mary gefiel die
Vorstellung, dass über diese familiäre Verbindung
hinaus auch der Name für die Wahl des Orts ausschlaggebend
gewesen war, und sie ließ sich nicht zweimal bitten, Einzelheiten
über dieses exotische Land zu erzählen, das in einem fernen
Ozean auf der anderen Seite des Erdballs schwamm. Eliza hatte
Australien im Unterrichtsraum auf einer Landkarte gefunden, ein
merkwürdiger, riesiger Kontinent im Indischen Ozean mit zwei
Ohren, einem aufgestellten und einem abgeknickten.
»Ich kenne einen, der nach Australien gegangen ist«, sagte Davies und unterbrach
kurz seine Arbeit. »Hat sich eine Farm mit
tausend Morgen Land gekauft, nur um dann festzustellen, dass
auf dem Land da überhaupt nichts wächst.«
Eliza biss sich auf die Lippe, um ihre Erregung im Zaum zu
halten. Diese Extreme passten zu ihrem Bild von dem Land.
»Mary sagt, es gibt dort Riesenkarnickel. Sie heißen Kängurus
und haben Füße so lang wie Männerbeine.«
»Ich weiß nicht, was Sie an einem solchen Ort anfangen würden, Miss Eliza. Und auch
nicht in Afrika oder in Indien.«
Eliza wusste genau, was sie dort anfangen würde. »Ich werde
Geschichten sammeln. Uralte Geschichten, von denen hier noch
322
nie jemand etwas gehört hat. Ich werde es wie die Gebrüder
Grimm machen, von denen ich Ihnen erzählt habe.«
Davies runzelte die Stirn. »Warum Sie unbedingt so sein wollen wie diese grimmigen
alten Deutschen, geht mir über den Verstand. Sie sollten Ihre eigenen Geschichten
aufschreiben, nicht
die von anderen.«
Und das hatte sie getan. Als Erstes hatte sie eine Geschichte für
Rose geschrieben, ein Geburtstagsgeschenk, ein Märchen über
eine Prinzessin, die durch Zauberei in einen Vogel verwandelt
worden war. Es war die erste Geschichte, die sie auf Papier festgehalten hatte, und
es war ganz eigenartig gewesen, ihre Gedanken und Ideen in schriftlicher Form vor
sich zu sehen. Ihre Haut
fühlte sich plötzlich ungewöhnlich empfindlich an, irgendwie
entblößt und verletzlich. Der Wind kam ihr kühler vor, die Strahlen der Sonne
wärmer. Sie wusste nicht recht, ob ihr das Gefühl
angenehm war oder ob es sie störte.
Aber Rose hatte Elizas Geschichten immer geliebt, und da ein
Märchen das Beste war, was Eliza zu geben hatte, war es das perfekte Geschenk. Denn
in den Jahren, seit man Eliza aus ihrem
einsamen Leben in London herausgeholt und in das großartige
und mysteriöse Blackhurst gebracht hatte, waren Rose und Eliza
Seelenverwandte geworden. Sie hatten gemeinsam gelacht und
geträumt, und nach und nach hatte Rose Sammys Platz eingenommen, hatte das tiefe,
schwarze Loch ausgefüllt, das zurückbleibt, wenn ein Zwilling stirbt. Und es gab
nichts, was Eliza
nicht für Rose tun, was sie ihr nicht geben oder für sie schreiben
würde.
DER GOLDENE KÄFIG
Von Eliza Makepeace
Vor langer, langer Zeit, als die Welt noch von Magie erfüllt war,
lebte einmal eine Königin, die sich sehnlichst ein Kind wünschte.
323
Sie war eine traurige Königin, denn der König war oft auf Reisen
und ließ sie allein zurück in ihrem riesigen Schloss, wo ihr nichts
anderes übrig blieb, als über ihre Einsamkeit zu grübeln und sich
zu fragen, wie ihr Ehemann, den sie so sehr liebte, es ertragen
konnte, so häufig und für so lange Zeit von ihr getrennt zu sein.
Vor vielen Jahren hatte der König den Thron von seiner rechtmäßigen Eigentümerin,
der Feenkönigin, gestohlen, und das
schöne, friedliche Feenreich hatte sich über Nacht in ein freudloses Land
verwandelt, wo Magie nicht länger blühte und das Lachen verstummt war. Darüber war
der König so erzürnt, dass er
kurzerhand beschloss, die Feenkönigin zu fangen und sie gewaltsam ins Königreich
zurückzuholen. Ein goldener Käfig wurde
gebaut, in den der König die Feenkönigin einsperren wollte, damit sie ihn mit ihrer
Magie erfreute.
An einem Wintertag, als der König wieder einmal unterwegs
war, saß die Königin mit ihrem Nähzeug am offenen Fenster und
schaute auf die schneebedeckte Landschaft hinaus. Sie weinte
bitterlich, denn der trostlose Winter erinnerte sie immer an ihre
Einsamkeit. Während sie die karge Winterlandschaft betrachtete,
dachte sie an ihren nutzlosen Schoß. »Ach, wie sehr ich mir ein
Kind wünsche!«, rief sie aus. »Eine schöne Tochter mit einem
aufrichtigen Herzen und Augen, die sich nie mit Tränen füllen.
Dann werde ich nie wieder einsam sein.«
Der Winter verging, und die Welt erwachte wieder zu neuem
Leben. Die Vögel kehrten ins Königreich zurück und bauten ihre
Nester, Rehe grasten auf den Feldern an den Waldrändern, und an
allen Bäumen des Königreichs zeigten sich zarte Knospen. Als
die ersten Feldlerchen sich in die Lüfte erhoben, begann das
Kleid der Königin um die Taille herum zu spannen, und da erkannte sie, dass sie ein
Kind in sich trug. Der König war nicht im
Schloss gewesen, und so wusste die Königin, dass es nur eine Fee
gewesen sein konnte, die verborgen im winterlichen Garten ihr
Weinen gehört und ihr durch Zauberkraft ihren innigsten Wunsch
erfüllt hatte.
324
Der Bauch der Königin wurde immer runder, der nächste Winter kam, und als sich am
Heiligabend eine dichte Schneedecke
über das Land legte, wurde die Königin von starken Schmerzen
gequält. Viele Stunden lag sie in den Wehen, und als die Uhr Mitternacht schlug,
gebar sie eine Tochter. Endlich konnte die Königin das Gesicht ihres Kindes
betrachten. Sie wollte es kaum glauben, dass dieses wunderschöne Kind mit der
makellos weißen
Haut, dem dunklen Haar und dem Mund wie eine rote Rosenknospe ganz ihr gehörte!
»Rosalind«, sagte die Königin. »Ich
werde sie Rosalind nennen.«
Die Königin liebte ihre Tochter über alles und ließ Prinzessin
Rosalind nie mehr aus den Augen. Die Einsamkeit hatte die Königin verbittert
gemacht, die Verbitterung hatte sie egoistisch
gemacht, und ihr Egoismus hatte sie misstrauisch gemacht. Hinter
jeder Ecke vermutete die Königin einen Bösewicht, der auf der
Lauer lag, um ihre Tochter zu rauben. Sie hat mich gerettet, dachte die Königin,
und deshalb soll sie für immer mir allein gehören.
An dem Tag, als Prinzessin Rosalind getauft werden sollte,
waren die weisesten Frauen aus dem ganzen Land eingeladen,
dem Kind ihren Segen zu geben. Viele Stunden lang sah die Königin zu, wie eine nach
der anderen ihrer Tochter Anmut, Klugheit und Weisheit wünschte. Als schließlich
die Nacht über dem
Königreich heraufzog, entließ die Königin die weisen Frauen. Sie
hatte sich nur kurz abgewandt, und als sie sich wieder zu ihrem
Kind umdrehte, sah sie, dass ein Gast geblieben war. Eine Gestalt
in einem langen Gewand stand am Bettchen und betrachtete die
schlafende Prinzessin.
»Es ist schon spät, weise Frau«, sagte die Königin. »Die Prinzessin ist gesegnet
worden und hat jetzt ihren Schlaf verdient.«
Als die Frau ihren Umhang zurückschlug, stockte der Königin
der Atem, denn ihr Gesicht war nicht das einer schönen weisen
Frau, sondern das eines alten Hutzelweibs mit einem zahnlosen
Lächeln.
325
»Ich komme mit einer Botschaft von der Feenkönigin«, sagte
das Hutzelweib. »Das Mädchen gehört uns, und deshalb muss ich
es mitnehmen.«
»Nein«, schrie die Königin und stürzte zum Bettchen der Prinzessin. »Sie ist meine
Tochter, mein kostbares kleines Mädchen.«
»Deine Tochter?«, entgegnete das alte Weib. »Dieses prächtige
Kind?« Und sie stieß ein so grässliches Lachen aus, dass die Königin mit Entsetzen
vor ihr zurückwich. »Sie gehörte dir nur so
lange, wie wir es zugelassen haben. Tief in deinem Herzen hast
du von Anfang an gewusst, dass sie aus Feenstaub geboren ist,
und jetzt musst du sie hergeben.«
Die Königin begann zu weinen, denn die Worte des alten
Weibs waren das, wovor sie sich immer am meisten gefürchtet
hatte. »Ich kann sie nicht hergeben«, sagte sie. »Hab Mitleid mit
mir, altes Weib, und lass sie mich noch eine Weile behalten.«
Aber dem alten Weib gefiel es, Unheil zu stiften, und bei den
Worten der Königin breitete sich ein Lächeln auf ihrem Gesicht
aus. »Du hast die Wahl«, sagte das Weib. »Gib das Kind jetzt heraus, dann wird es
in der Obhut der Feenkönigin ein langes und
glückliches Leben führen.«
»Oder?«, fragte die Königin.
»Oder du behältst sie bei dir. Aber nur bis zum Morgen ihres
achtzehnten Geburtstags, wenn die Stunde ihrer wahren Bestimmung schlägt und sie
dich für immer verlassen wird. Überleg es
dir gut«, sagte sie, »denn je länger sie bei dir bleibt, desto mehr
wirst du sie lieben.«
»Ich brauche nicht zu überlegen«, erwiderte die Königin. »Ich
wähle die zweite Möglichkeit.«
Als die Alte lächelte, waren die dunklen Lücken zwischen ihren Zähnen deutlich zu
sehen. »Dann gehört sie also dir, aber
denk daran - nur bis zum Morgen ihres achtzehnten Geburtstags.«
In diesem Augenblick begann die Prinzessin zum ersten Mal
zu weinen. Die Königin hob ihr Kind in die Arme, und als sie
sich wieder umdrehte, war das Hutzelweib verschwunden.
326
Die Prinzessin wuchs zu einem schönen, heiteren Mädchen heran. Sie verzauberte das
Meer mit ihrem Gesang und entlockte
allen Menschen im Land ein Lächeln. Allen außer der Königin,
denn vor lauter Angst um ihre Tochter konnte sie sich nicht an ihr
erfreuen. Wenn das Mädchen sang, hörte die Königin es nicht,
wenn sie tanzte, sah die Königin es nicht, und wenn ihre Tochter
sie anfasste, spürte sie nichts, so sehr war sie damit beschäftigt,
die verbleibende Zeit zu berechnen, bis ihr Kind ihr genommen
würde.
Während die Jahre ins Land gingen, wuchs die Angst der Königin vor dem
schrecklichen Ereignis, das ihr bevorstand. Ihr
Mund vergaß, wie es war, zu lächeln, und Falten gruben sich immer tiefer in ihre
Stirn. Eines Nachts hatte sie einen Traum, in
dem ihr das Hutzelweib erschien. »Deine Tochter ist schon fast
zehn«, sprach das Weib. »Vergiss nicht, dass sie an ihrem achtzehnten Geburtstag
ihrer wahren Bestimmung zugeführt wird.«
»Ich habe es mir anders überlegt«, sagte die Königin. »Ich
kann sie nicht gehen lassen und ich werde es auch nicht tun.«
»Du hast dein Wort gegeben«, erwiderte das alte Weib, »und
zu deinem Wort musst du stehen.«
Am nächsten Morgen, nachdem sie sich vergewissert hatte,
dass die Prinzessin in sicherer Obhut war, legte die Königin ihr
Reitkostüm an und ließ ein Pferd satteln. Auch wenn die Magie
aus dem Schloss vertrieben war, so gab es doch einen Ort, an dem
Wunder und Zauberei vielleicht noch zu finden waren. In einer
dunklen Höhle am Rand des verzauberten Meeres lebte eine Fee,
die weder gut noch böse war. Sie war von der Feenkönigin bestraft worden, weil sie
ihre Magie unklug angewendet hatte, und
sie hatte sich dort versteckt, als alle anderen Feen geflohen waren. Die Königin
wusste, dass es gefährlich war, von der Fee Hilfe
zu erbitten, aber sie war ihre einzige Hoffnung.
Drei Tage und drei Nächte ritt die Königin, und als sie schließlich die Höhle
erreichte, wurde sie schon von der Fee erwartet.
327
»Komm«, sagte die Fee, »und lass mich wissen, was du begehrst.«
Die Königin berichtete getreulich von dem Besuch des Hutzelweibs, von seiner
Drohung, am achtzehnten Geburtstag der
Prinzessin zurückzukehren, und die Fee hörte ihr aufmerksam zu.
Dann, als die Königin geendet hatte, sagte die Fee: »Ich kann den
Fluch des alten Weibs nicht rückgängig machen, aber ich kann
dir vielleicht dennoch helfen.«
»Ich befehle es dir«, sagte die Königin.
»Ich muss dich warnen, meine Königin. Wenn du meinen Vorschlag hörst, wirst du mir
vielleicht nicht dankbar sein für meine
Hilfe.« Dann beugte die Fee sich vor und flüsterte der Königin
etwas ins Ohr.
Die Königin zögerte nicht, denn gewiss war alles besser, als ihr
Kind an das Hutzelweib zu verlieren. »So soll es also geschehen.«
Darauf reichte die Fee der Königin einen Zaubertrank und trug
ihr auf, der Prinzessin an drei Abenden je drei Tropfen davon zu
geben. »Alles wird so sein, wie ich es erklärt habe. Das alte
Weiblein wird dich nie wieder belästigen, denn nur ihre wahre
Bestimmung wird die Prinzessin finden.«
Die Königin eilte nach Hause, zum ersten Mal seit der Taufe
ihrer Tochter war ihr leicht ums Herz, und an den nächsten drei
Abenden gab sie heimlich jeweils drei Tropfen des Zaubertranks
in die Milch des Mädchens. Als die Prinzessin am dritten Abend
von ihrem Glas trank, begann sie zu würgen. Dann fiel sie vom
Stuhl und verwandelte sich augenblicklich in einen schönen Vogel, genau wie die Fee
es der Königin vorhergesagt hatte. Der
Vogel flatterte im Zimmer umher, und die Königin rief nach ihrer
Dienerin, um sich den goldenen Käfig aus dem Zimmer des Königs bringen zu lassen.
Der Vogel wurde eingesperrt, die goldene
Tür geschlossen, und die Königin atmete erleichtert auf. Denn der
König war klug gewesen, und sein Käfig ließ sich, nachdem er
einmal geschlossen worden war, nicht wieder öffnen.
328
»So, meine Schöne«, sagte die Königin. »Jetzt bist du in Sicherheit, und niemand
wird dich mir wegnehmen.« Dann hängte
die Königin den Käfig an einen Haken im höchsten Turmzimmer
des Schlosses.
Aber nachdem die Prinzessin in ihrem Käfig gefangen war,
wich alles Licht aus dem Königreich, ewiger Winter legte sich
über das Land und seine Bewohner, die Ernte verfaulte, und die
Erde wurde unfruchtbar. Das Einzige, was die Menschen davon
abhielt, in tiefe Verzweiflung zu verfallen, war der Gesang des
Prinzessinnenvogels - traurig und wunderschön -, der aus dem
Turmfenster drang und bis in den letzten Winkel des trostlosen
Reiches zu hören war.
Die Zeit verging, und über die Jahre kamen Prinzen, angestachelt von ihrer Gier,
von nah und fern, um die Prinzessin zu befreien. Denn es hieß, im ausgedorrten
Feenreich gebe es einen
goldenen Käfig von unermesslichem Wert, und in dem Käfig sei
ein Vogel eingesperrt, bei dessen wunderschönem Gesang Goldstücke vom Himmel
fielen. Doch alle, die versuchten, den Vogel
zu befreien, fielen tot um, sobald sie den goldenen Käfig nur berührten. Die
Königin, die Tag und Nacht in ihrem Schaukelstuhl
saß und den Käfig bewachte, damit niemand ihren Schatz stehlen
konnte, schüttelte sich beim Anblick der toten Prinzen vor Lachen, denn Angst und
Misstrauen hatten ihr mittlerweile den Verstand geraubt.
Einige Jahre später kam der jüngste Sohn eines Holzfällers aus
einem fernen Land in das Königreich. Während er im Wald arbeitete, trug der Wind
eine Melodie an sein Ohr, die so lieblich
klang, dass er nicht anders konnte als zu lauschen, und mitten in
einem Axthieb innehielt, als wäre er zu Stein erstarrt. Und weil er
dem Gesang nicht zu widerstehen vermochte, legte er seine Axt
nieder und machte sich auf die Suche nach dem Vogel, der so
traurig und so herrlich singen konnte. Auf seinem Weg durch den
überwucherten Wald kamen ihm Vögel und andere Tiere zu Hilfe, und der Sohn des
Holzfällers dankte ihnen dafür, denn er hatte
329
ein sanftes Wesen und konnte sich mit allen Lebewesen verständigen. Er kletterte
durch Brombeergestrüpp, lief über Felder,
stieg auf Berge, schlief nachts in Baumhöhlen, ernährte sich von
Beeren und Nüssen, bis er endlich vor den Schlossmauern stand.
»Wie bist du in dieses verlassene Land gekommen?«, fragte
der Wächter.
»Ich bin dem Gesang eures wunderschönen Vogels gefolgt.«
»Kehr um, wenn dir dein Leben lieb ist«, sagte der Wächter.
»Denn über diesem Königreich liegt ein Fluch, und wer auch
immer den Käfig des traurigen Vogels berührt, ist verloren.«
»Ich besitze nichts und ich habe auch nichts zu verlieren«, erwiderte der Sohn des
Holzfällers. »Und ich muss unbedingt mit
eigenen Augen sehen, wer diesen wunderschönen Gesang hervorbringt.«
Just zu dieser Zeit war die Prinzessin achtzehn Jahre alt geworden und stimmte ihr
traurigstes und schönstes Lied an, in dem
sie den Verlust ihrer Jugend und ihrer Freiheit beklagte.
Der Wächter trat beiseite, und der junge Mann ging ins Schloss
und stieg die Stufen in das oberste Turmzimmer hinauf.
Als der Sohn des Holzfällers den gefangenen Vogel in seinem
Käfig erblickte, ging ihm das Herz über vor Mitleid, denn er
konnte es nicht ertragen, einen Vogel oder ein anderes Lebewesen eingesperrt zu
sehen. So groß war sein Mitgefühl, dass er
nichts mehr sah als den Vogel hinter den Gitterstäben. Er streckte
die Hand nach der Tür des Käfigs aus, und als er sie berührte,
sprang sie auf, und der Vogel war frei.
Im selben Augenblick verwandelte sich der Vogel in eine
wunderschöne Frau mit wallendem langem Haar und einer Krone
aus glänzenden Muscheln auf dem Kopf. Von weit her kamen
Vögel und überschütteten sie aus ihren Schnäbeln mit glitzerndem Feuerstein, bis
sie ganz in Silber gekleidet war. Die Tiere
kehrten ins Königreich zurück, und auf dem verdorrten Boden
wuchsen wieder Pflanzen und Blumen.
330
Als am nächsten Tag die Sonne über dem Meer aufging, ertönte lautes Hufgetrappel,
und vor dem Schlosstor erschienen sechs
verzauberte Pferde, die eine goldene Kutsche zogen. Die Feenkönigin stieg aus der
Kutsche, und alle Untertanen verbeugten sich.
Hinter ihr stand die Fee aus der Bucht, die sich als eine gute Fee
erwiesen hatte, da sie die Bitten ihrer wahren Königin erfüllt und
dafür gesorgt hatte, dass Prinzessin Rosalind bereit war, als sie
ihrer wahren Bestimmung folgen musste.
Unter den wachsamen Augen der Feenkönigin heirateten die
Prinzessin und der Sohn des Holzfällers, und die Freude des jungen Paars war so
groß, dass die Magie ins Land zurückkehrte,
und alle Bewohner des Feenreichs fortan frei und glücklich lebten.
Ausgenommen natürlich die Königin, die spurlos verschwunden war. An ihrer Stelle
fand man einen großen, hässlichen Vogel, der so entsetzlich krächzte, dass allen,
die ihn hörten, das
Blut in den Adern gefror. Der Vogel wurde aus dem Land gejagt
und flog in einen weit entfernten Wald, wo der König, den seine
niederträchtige und fruchtlose Jagd nach der Feenkönigin in
Wahnsinn und Verzweiflung getrieben hatte, ihn tötete und verspeiste.
332
Onkel Linus sah sie über den Rand seiner Brille hinweg an.
Nicht zum ersten Mal fragte sich Eliza, wie es sein konnte, dass
dieser hässliche alte Mann mit ihrer wunderschönen Mutter verwandt war. Die Spitze
seiner blassen Zunge erschien zwischen
seinen Lippen. »Mir ist zu Ohren gekommen, dass du im Unterricht gute Leistungen
erbracht hast.«
»Ja, Sir«, erwiderte Eliza.
»Und nach Einschätzung meines Gärtners Davies hast du eine
Vorliebe für die Gartenarbeit.«
»Ja, Onkel.« Bereits am Tag ihrer Ankunft in Blackhurst hatte
sich Eliza in das Anwesen verliebt. Inzwischen waren ihr die
Pfade, die am Fuß der Klippen entlangführten, die Wege durch
den freigelegten Teil des Labyrinths und die ausgedehnten Gartenanlagen ebenso
vertraut wie es einst die nebligen Straßen von
London gewesen waren. Und so weit sie das Gelände auch erkundete, der Garten wuchs
und veränderte sich mit jeder Jahreszeit, sodass es immer etwas Neues zu entdecken
gab.
»Das liegt in unserer Familie. Deine Mutter …« Ihm versagte
die Stimme. »Deine Mutter war als kleines Mädchen auch ganz
vernarrt in den Garten.«
Eliza versuchte, diese Information mit den eigenen Erinnerungen an ihre Mutter in
Verbindung zu bringen. Durch den Zeittunnel erschienen Fragmente vor ihrem
geistigen Auge: Mutter in
dem fensterlosen Zimmer über dem Laden der Swindells; der
kleine Blumentopf mit dem duftenden Kraut. Die Pflanze war
bald eingegangen, denn in dem düsteren Loch konnte kaum etwas
überleben.
»Tritt näher, mein Kind«, sagte der Onkel und winkte Eliza zu
sich. »Komm ins Licht, damit ich dich ansehen kann.«
Eliza ging um den Schreibtisch herum und blieb neben ihm
stehen. Der Geruch im Zimmer war intensiver geworden, beinahe
als würde ihr Onkel selbst ihn ausdünsten.
333
Er streckte eine leicht zitternde Hand aus und streichelte Eliza
über das lange rote Haar. Nur leicht, ganz zart. Dann zog er die
Hand wieder zurück, als hätte er sich verbrannt.
Er schüttelte sich.
»Ist Ihnen nicht gut, Onkel? Solch ich jemanden zu Hilfe holen?«
»Nein«, erwiderte er hastig. »Nein.« Noch einmal streichelte er
ihr das Haar, schloss die Augen. Eliza stand so nah bei ihm, dass
sie die Bewegung der Augäpfel unter seinen Lidern sehen, die
winzigen Schluckgeräusche in seiner Kehle hören konnte. »Wir
haben so lange gesucht, überall, um deine Mutter … um unsere
Georgiana nach Hause holen zu können.«
»Ja, Sir.« Mary hatte ihr davon erzählt. Von Onkel Linus’ Liebe zu seiner jüngeren
Schwester, wie es ihm das Herz gebrochen
hatte, als sie verschwand, von seinen häufigen Fahrten nach London. Von der Suche,
die seine Jugend und seine ohnehin spärliche
gute Laune verzehrt hatte, von dem Eifer, mit dem er jedes Mal
von Blackhurst aufgebrochen war, und der unvermeidlichen Niedergeschlagenheit bei
seiner Rückkehr. Wie er sich in die Dunkelkammer zurückgezogen, sich dem Sherry
hingegeben und jeden guten Rat zurückgewiesen hatte, selbst den von Tante Adeline,
bis Mr Mansell wieder einmal mit einer neuen Spur erschienen war.
»Wir sind zu spät gekommen.« Sein Streicheln wurde heftiger,
er wickelte sich Elizas Haare wie ein Band um die Finger. Er zog
so heftig an ihren Haaren, dass sie sich an der Schreibtischkante
festhalten musste, um nicht umzufallen. Sein Gesicht zog sie völlig in seinen Bann,
es war das Gesicht des verwundeten Märchenkönigs, den seine Untertanen verlassen
hatten. »Wir sind zu
spät gekommen. Aber jetzt bist du hier. Durch Gottes Gnade habe
ich eine neue Chance erhalten.«
»Wie bitte?«
Ihr Onkel ließ seine Hand in den Schoß fallen, und seine Augenlider öffneten sich.
Er deutete auf eine kleine, mit einem cre334
mefarbenen Musselinteppich geschmückte Bank an der gegenüberliegenden Wand. »Setz
dich«, sagte er.
Eliza blinzelte ihn verständnislos an.
»Setz dich.« Er humpelte zu einem schwarzen Stativ, das an
der Wand stand. »Ich will dich fotografieren.«
Eliza war noch nie fotografiert worden, und sie war auch nicht
interessiert daran. Sie war gerade im Begriff, ihm das zu sagen,
als die Tür geöffnet wurde.
»Das Geburtstagsessen ist serv…« Tante Adelines Satz endete
in einem schrillen Ton. Sie schlug sich die dürre Hand an die
Brust. »Eliza!« Heftig atmend sagte sie: »Was denkst du dir eigentlich, Mädchen? Ab
nach oben. Rose möchte dich sehen.«
Eliza nickte und eilte zur Tür.
»Und hör auf, deinen Onkel zu belästigen«, zischte Tante Adeline, als Eliza an ihr
vorbeiging. »Siehst du nicht, dass er erschöpft ist von seiner Reise?«
Der Tag war also gekommen. Adeline hatte nicht gewusst, welche Form er annehmen
würde, aber die Drohung hatte ständig in
der Luft gelegen, an dunklen Orten gelauert und verhindert, dass
sie sich jemals wirklich hatte entspannen können. Zähneknirschend unterdrückte sie
ihre Wut, bis ihr der Hals schmerzte.
Zwang sich, das Bild wieder zu verdrängen. Georgianas Tochter,
das lange Haar offen, für jeden sichtbar ein Geist aus der Vergangenheit, und dazu
der Ausdruck auf Linus’ Gesicht, die alten Züge verzerrt vom Verlangen eines jungen
Mannes. Unfassbar, dass
er das Mädchen fotografieren wollte! Was er für Adeline nie getan hatte. Nicht
einmal für Rose.
»Schließen Sie bitte die Augen, Lady Mountrachet«, sagte ihre
Zofe. Adeline tat, wie ihr geheißen. Den warmen Atem der Frau
zu spüren, die ihr die Augenbrauen kämmte, hatte etwas seltsam
Tröstliches. Ach, wenn sie doch immer so dasitzen könnte, den
warmen, süßen Atem dieser einfachen, fröhlichen jungen Frau im
335
Gesicht und frei von all den quälenden Gedanken. »Sie können
die Augen wieder aufmachen, Ma’am, ich hole Ihre Perlen.«
Die Zofe eilte davon, und Adeline war allein. Sie beugte sich
vor. Ihre Brauen waren geglättet, ihr Haar war ordentlich frisiert.
Sie zwickte sich in die Wangen, vielleicht heftiger, als notwendig
war, dann lehnte sie sich wieder zurück, um das Gesamtergebnis
zu begutachten. Wie grausam war es doch zu altern! Kleine Veränderungen, die
unbemerkt eintraten und nicht aufzuhalten waren. Der Nektar der Jugend rann durch
ein Sieb, dessen Löcher
immer größer wurden. »Und so wurdest du vom Freund zum
Feind«, flüsterte Adeline dem erbarmungslosen Spiegel zu.
»So, Ma’am«, sagte die Zofe. »Das Collier mit den Rubinen
am Verschluss. Für diesen glücklichen Anlass genau das Richtige. Wer hätte das
gedacht? Ein Festessen zu Miss Roses achtzehntem Geburtstag! Das nächste Fest wird
bestimmt eine Hochzeit, glauben Sie mir …«
Während ihre Zofe munter vor sich hin plapperte, wandte Adeline den Blick vom
Spiegel ab, um nicht länger ihren eigenen
Verfall betrachten zu müssen.
Das Foto hing an seinem angestammten Platz neben ihrem Frisiertisch. Wie gut sie in
ihrem Brautkleid aussah, wie vollkommen. Niemand hätte angesichts dieses Fotos
geahnt, wie viel
Selbstbeherrschung es sie gekostet hatte, nach außen hin dieses
Beispiel an Gelassenheit abzugeben. Linus seinerseits sah vom
Scheitel bis zur Sohle wie der perfekte Bräutigam aus. Ein bisschen missmutig
vielleicht, aber so wollte es nun einmal der
Brauch.
Ein Jahr nach Georgianas Verschwinden hatten sie geheiratet.
Vom Zeitpunkt ihrer Verlobung an hatte Adeline Langley hart
daran gearbeitet, sich neu zu definieren. Sie war fest entschlossen, sich des
großartigen, alten Namens Mountrachet als würdig
zu erweisen: Sie hatte sich ihren Akzent aus dem Norden und ihre
kleinstädtischen Eigenheiten abgewöhnt, Mrs Beetons Benimmregeln verschlungen und
sich sowohl in den verwandten Künsten
336
des Hochmuts und der Vornehmheit geschult. Wenn ihre Herkunft in Vergessenheit
geraten sollte, das wusste Adeline, dann
musste sie mehr als eine perfekte Dame werden.
»Hätten Sie gern Ihre grüne Haube, Lady Mountrachet?«, fragte die Zofe. »Sie passt
einfach so gut zu Ihrem Kleid, und Sie
werden einen Hut brauchen, wenn Sie sich auf den Weg in die
Bucht machen.«
Ihre Hochzeitsnacht war nicht im Entferntesten so gewesen,
wie Adeline es sich vorgestellt hatte. Sie war sich nicht ganz sicher, und danach
zu fragen, war undenkbar, aber sie vermutete,
dass Linus ebenfalls enttäuscht war. Danach hatten sie nur noch
selten das Ehebett geteilt, und noch weniger, nachdem Linus damit begonnen hatte
herumzureisen. Um zu fotografieren, hatte er
gesagt, aber Adeline kannte die Wahrheit.
Wie wertlos sie sich fühlte. Wie gescheitert als Frau und als
Gattin. Noch schlimmer, gescheitert als Dame der Gesellschaft.
Denn trotz aller Bemühungen wurden sie nur selten eingeladen.
Linus, wenn er sich einmal in Blackhurst aufhielt, war ein erbärmlicher
Gesellschafter, blieb meist für sich und beantwortete
Fragen nur, wenn es unumgänglich war, und auch nur mit feindseligen Bemerkungen.
Als Adeline schließlich zu kränkeln begann und blass und erschöpft aussah, schrieb
sie das ihrer Verzweiflung zu. Erst als ihr Bauch immer dicker wurde, begriff sie,
dass sie schwanger war.
»So, Lady Mountrachet. Jetzt sind Sie bereit für das Fest.«
»Danke, Poppy.« Adeline rang sich ein schmallippiges Lächeln
ab. »Ich brauche dich dann nicht mehr.«
Als sich die Tür schloss, legte Adeline ihr Lächeln ab und betrachtete sich erneut
im Spiegel.
Rose war die rechtmäßige Erbin des Mountrachet-Ruhms. Dieses Mädchen, Georgianas
Tochter, war nichts als ein Kuckuck,
geschickt, um den Platz von Adelines Kind einzunehmen. Es aus
dem Nest zu stoßen, das Adeline mit so viel Mühe zu ihrem eigenen gemacht hatte.
337
Eine Zeit lang hatte sich die Ordnung aufrechterhalten lassen.
Adeline hatte Rose mit den neuesten Kleidern geschmückt und
ihr Zimmer mit einem hübschen Sofa ausstatten lassen, während
Eliza Roses abgelegte Kleider aus der Vorsaison tragen musste.
Roses Umgangsformen und dazu ihr feminines Naturell waren
perfekt, wohingegen Eliza sich allen Erziehungsbemühungen widersetzte. Adeline
konnte beruhigt sein.
Aber als die Mädchen älter wurden und unaufhaltsam zu Frauen heranwuchsen, änderten
sich die Dinge und entglitten Adelines Kontrolle. Elizas Fleiß beim Unterricht war
eine Sache - niemand mochte eine intelligente Frau -, aber da sie sich häufig im
Freien an der frischen Seeluft aufhielt, strotzte sie vor Gesundheit, ihr Haar, das
verfluchte rote Haar, trug sie lang und offen,
und sie besaß mittlerweile deutlich weibliche Formen.
Erst kürzlich hatte Adeline im Vorbeigehen eins der Dienstmädchen schwärmen hören,
wie schön Miss Eliza sei, schöner
noch als ihre Mutter. Adeline war vor Schreck erstarrt, als sie
Georgianas Namen vernommen hatte. Nachdem sie jahrelang
Ruhe davor gehabt hatte, lauerte der Name nun wieder hinter jeder Ecke. Verspottete
sie und erinnerte sie an ihre eigene Minderwertigkeit, ihr eigenes Versagen, von
der feinen Gesellschaft
ganz akzeptiert zu werden, obwohl sie so viel härter daran gearbeitet hatte als
Georgiana.
Adeline spürte ein dumpfes Pochen in ihren Schläfen. Sie
drückte leicht mit der Hand dagegen. Irgendetwas stimmte nicht
mit Rose. Diese Stelle an ihrer Schläfe war Adelines sechster
Sinn. Seit Roses frühester Kindheit hatte Adeline die Krankheiten
ihrer Tochter immer im Voraus erspüren können. Es war ein unzerstörbares Band, das
Band zwischen Mutter und Tochter.
Und jetzt war da wieder dieses Pochen in der Schläfe. Entschlossen presste Adeline
die Lippen zusammen. Sie betrachtete
ihre strenge Stirn, als gehörte sie einer Fremden, der Dame eines
vornehmen Hauses, einer Frau, die alles unter Kontrolle hatte. Sie
holte tief Luft und sog mit dem Atem Kraft in die Lunge dieser
338
Frau. Rose musste beschützt werden, die arme Rose, die nicht
einmal merkte, dass Eliza eine Gefahr für sie darstellte.
Eine Idee nahm in Adelines Kopf Gestalt an. Sie konnte Eliza
nicht wegschicken, das würde Linus niemals zulassen, und Rose
würde es viel zu großen Kummer bereiten. Außerdem war es besser, den Feind in der
Nähe zu wissen, aber vielleicht würde es
Adeline ja gelingen, unter irgendeinem Vorwand eine Zeit lang
mit Rose ins Ausland zu reisen. Nach Paris oder vielleicht sogar
nach New York? Ihr die Möglichkeit zu geben zu glänzen, ohne
das störende grelle Licht, mit dem Eliza jedermanns Aufmerksamkeit auf sich zog und
Rose damit aller Chancen beraubte …
Adeline glättete ihren Rock und ging zur Tür. Eins war gewiss,
es würde heute keinen Ausflug in die Bucht geben. Es war ein
törichtes Versprechen, das sie in einem schwachen Augenblick
gegeben hatte. Gott sei Dank blieb ihr noch Zeit, ihren Fehler zu
korrigieren. Sie würde nicht zulassen, dass Elizas Verderbtheit
auf Rose abfärbte.
Adeline schloss die Tür hinter sich und ging mit raschelnden
Röcken den Korridor hinunter. Was Linus betraf, den würde sie
schon beschäftigen. Sie war schließlich seine Frau, und es war
ihre Pflicht, dafür zu sorgen, dass er keine Gelegenheit bekam,
sich mit seiner Triebhaftigkeit selbst zu schaden. Er würde nach
London verfrachtet werden, Adeline würde einige Ministerfrauen
darum bitten, seine Dienste in Anspruch zu nehmen und ihn zu
Fotoaufnahmen an abgelegene, exotische Orte zu schicken. Sie
konnte nicht zulassen, dass durch Satans nutzlose Hände Unheil
angerichtet wurde.
Linus lehnte sich auf seinem Gartenstuhl zurück und hakte seinen
Spazierstock unter der verzierten Armlehne ein. Die Sonne ging
unter, und die Dämmerung legte sich mit ihrem orangeund rosafarbenen Licht über den
westlichen Rand des Anwesens. Den
ganzen Monat über hatte es viel geregnet, und der Garten glitzerte in all seiner
Pracht. Aber Linus interessierte das alles nicht.
339
Seit Jahrhunderten hatten die Mountrachets sich als eifrige
Gartengestalter hervorgetan. Linus’ Vorfahren waren um die ganze Welt gereist auf
der Suche nach exotischen Pflanzen, mit denen sie ihren Garten verschönern konnten.
Linus hatte dieses
gärtnerische Geschick nicht geerbt. Die Gärtnerin in der Familie
war seine kleine Schwester gewesen …
Na ja, das war nicht die ganze Wahrheit.
Zwar lag es lange zurück, aber es hatte eine Zeit gegeben, da
hatte er den Garten geliebt. Als Junge hatte er Davies bei seinen
Runden begleitet, hatte die stachligen Blumen im Antipodengarten und die
Ananasstauden im Gewächshaus bestaunt und voller
Verwunderung die winzigen Pflänzchen betrachtet, die über
Nacht an Stellen aufgetaucht waren, wo er zuvor mitgeholfen hatte, die Samen
auszusäen.
Das Wunderbarste jedoch war gewesen, dass Linus in den Gartenanlagen gelernt hatte,
sich nicht mehr zu schämen. Den Pflanzen, Bäumen und Blumen war es egal gewesen,
dass sein linkes
Bein zu früh aufgehört hatte zu wachsen und mehrere Zentimeter
kürzer war als das rechte. Dass sein linker Fuß nur ein nutzloses
Anhängsel war, verkümmert und krumm, absonderlich. In den
Gartenanlangen von Blackhurst war Platz für alles und jeden.
Dann, im Alter von sieben Jahren, hatte Linus sich im Labyrinth verirrt. Davies
hatte ihn davor gewarnt, allein hineinzugehen, ihm erklärt, dass der Weg lang und
dunkel sei, voller Hindernisse, aber Linus war so stolz auf seine sieben Jahre
gewesen,
hatte sich groß und unverwundbar gefühlt. Das Labyrinth mit seinen dichten, üppigen
Wänden, mit der Verheißung von Abenteuer, hatte ihn unwiderstehlich angelockt. Er
war ein edler Ritter,
bereit, es mit dem wildesten Drachen im ganzen Land aufzunehmen, und er würde
triumphierend aus der Schlacht hervorgehen.
Und den Weg zum Ausgang auf der anderen Seite finden.
Linus hatte nicht vorhersehen können, wie dunkel es im Laby
rinth werden würde und wie schnell das ging. Im Dämmerlicht
begannen die Umrisse ein Eigenleben zu entwickeln, grinsten ihn
340
bösartig aus ihren Verstecken an, hohe Hecken verwandelten sich
in hungrige Ungeheuer, niedrige Hecken führten ihn in die Irre:
Sooft er glaubte, auf dem richtigen Weg zu sein, war er in Wirklichkeit im Kreis
gelaufen. Oder doch nicht?
Bis zur Mitte war er gekommen, ehe die Verzweiflung ihn völlig übermannt hatte.
Dann, als wäre alles noch nicht schlimm genug, war er über einen Messingring
gestolpert, der auf einer Bodenplattform angebracht war, und so unglücklich
gestürzt, dass er
sich den gesunden Knöchel völlig verrenkt hatte. Ihm war nichts
anderes übrig geblieben, als mit schmerzendem Knöchel dazusitzen, während ihm heiße
Tränen der Wut über die Wangen liefen.
Linus hatte gewartet und gewartet. Aus der Dämmerung wurde
Dunkelheit, aus Kühle Kälte, und seine Tränen trockneten. Später
erfuhr er, dass sein Vater sich geweigert hatte, jemanden zu schicken, um ihn zu
suchen. Er sei schließlich ein Junge, sagte sein
Vater, und behindert oder nicht, ein richtiger Junge würde aus
eigener Kraft den Weg aus dem Labyrinth herausfinden. Schließlich habe er selbst -
Saintjohn Luke - es geschafft, als er gerade
mal vier Jahre alt gewesen war. Sein Sohn solle gefälligst nicht so
zimperlich sein.
Linus hatte die halbe Nacht vor Kälte gezittert, bis schließlich
seine Mutter den Vater dazu überreden konnte, Davies nach Linus suchen zu lassen.
Es hatte eine Woche gedauert, bis Linus’ Knöchel wieder verheilt war, aber danach
hatte sein Vater ihn zwei Wochen lang jeden Tag ins Labyrinth geschickt. Hatte von
ihm verlangt, seinen
Weg hindurchzufinden, und ihn jedes Mal für sein unvermeidliches Scheitern
gescholten. Linus begann, nachts vom Labyrinth
zu träumen und tagsüber aus dem Gedächtnis Lagepläne von dem
Irrgarten zu zeichnen. Er arbeitete daran wie an einem mathematischen Problem, denn
er wusste, es musste eine Lösung geben.
Wenn er ein richtiger Junge war, dann würde er sie auch finden.
Nach zwei Wochen gab sein Vater auf. Am fünfzehnten Morgen, als Linus zu seinem
Test erschien, ließ sein Vater nicht ein341
mal die Zeitung sinken. »Du bist eine einzige Enttäuschung«,
sagte er, »ein Dummkopf, der es nie zu etwas bringen wird.« Er
blätterte eine Seite um, strich sie glatt und überflog die Überschrift. »Geh mir
aus den Augen.«
Linus hatte sich nie wieder auch nur in die Nähe des Labyrinths begeben. Unfähig,
seinen Eltern die Schuld an seinem
schändlichen Versagen zu geben - sie hatten ja recht, welcher
richtige Junge würde nicht seinen Weg durch ein Labyrinth finden? -, machte er den
Garten verantwortlich. Er begann, kleine
Äste von Sträuchern abzubrechen, Blumen auszurupfen und
Schösslinge niederzutrampeln.
Jeder Mensch wird von Dingen geprägt, die außerhalb seines
Einflusses liegen, von ererbten Charakterzügen und von erlernten
Eigenschaften. Was Linus prägte, war das Bein, das nicht weiter
wachsen wollte. Seine Behinderung ließ ihn schüchtern werden,
aus Schüchternheit begann er zu stottern, und er wuchs zu einem
unausstehlichen Jungen heran, der begriffen hatte, dass er nur
Aufmerksamkeit auf sich lenken konnte, indem er sich schlecht
benahm. Er weigerte sich, das Haus zu verlassen, was dazu führte, dass seine Haut
blass wurde und sein gesundes Bein immer
dünner. Er warf seiner Mutter Insekten in den Tee, steckte Dornen in die Hausschuhe
seines Vaters und ließ ohne Murren jede
Bestrafung über sich ergehen. Und so war der weitere Verlauf
seines Lebens vorherbestimmt.
Als er zehn Jahre alt war, wurde seine kleine Schwester geboren.
Linus verachtete sie vom ersten Augenblick an. So weich und
hübsch und gesund. Und, wie Linus bei einem Blick unter ihr
langes Spitzenkleidchen entdeckte, perfekt ausgebildet. Beide
Beine gleich lang. Hübsche kleine Füße, kein Stück nutzloses,
verschrumpeltes Fleisch zu sehen.
Aber schlimmer noch als ihre körperliche Vollkommenheit war
ihre gute Laune. Ihr rosiges Lächeln, ihr helles Lachen. Wie kam
342
sie dazu, so glücklich zu sein, während er, Linus, sich so elend
fühlte?
Linus beschloss, etwas dagegen zu unternehmen. Immer wenn
er sich von seinem Kindermädchen entfernen konnte, schlich er
sich ins Kinderzimmer und kniete sich vor das Bettchen. Wenn
das Baby schlief, machte er unverhofft ein lautes Geräusch, um es
zu erschrecken. Wenn es nach einem Spielzeug greifen wollte,
brachte er es außer Reichweite. Wenn die Kleine die Arme ausbreitete, verschränkte
er seine. Wenn sie lächelte, zog er eine
fürchterliche Grimasse.
Sie ließ sich davon jedoch überhaupt nicht beeindrucken.
Nichts, was Linus anstellte, brachte sie zum Weinen, nichts konnte ihr sonniges
Gemüt beeinträchtigen. Das verwirrte ihn, und so
begann er, heimtückische und besondere Bestrafungen für seine
kleine Schwester zu erfinden.
Als Linus zum Jugendlichen heranwuchs, wurde er noch linkischer, seine Arme waren
lang und schlaksig, und aus seinem
pickligen Kinn sprossen merkwürdige rötliche Härchen. Georgiana erblühte zu einem
hübschen Kind, das von allen geliebt wurde.
Selbst den verbittertsten Pächtern entlockte sie ein Lächeln,
Bauern, die seit Jahren kein freundliches Wort für die Familie
Mountrachet übrig gehabt hatten, schickten körbeweise Äpfel in
die Küche des Hauses, um Miss Georgiana zu erfreuen.
Eines Tages, als Linus auf der Fensterbank saß und mit seinem
geliebten neuen Vergrößerungsglas Ameisen zu Asche verbrannte, rutschte er ab und
fiel auf den Boden. Er selbst blieb unverletzt, doch sein kostbares Glas
zersplitterte in hundert Teile. So
wütend über den Verlust seines wertvollen Spielzeugs und so
sehr daran gewöhnt, sich selbst zu enttäuschen, brach er trotz seiner dreizehn
Jahre in Tränen aus und begann, hemmungslos zu
schluchzen. Er erging sich in Selbstmitleid, hasste sich selbst dafür, dass er so
ungeschickt gefallen war, dass er nicht klug genug
war, keine Freunde hatte, nicht geliebt wurde und behindert auf
die Welt gekommen war.
343
Blind vor Tränen hatte er nicht bemerkt, dass sein Sturz beobachtet worden war. Es
wurde ihm erst klar, als er spürte, dass
jemand seinen Arm berührte. Er blickte auf und sah seine kleine
Schwester dort stehen, die ihm etwas entgegenhielt. Es war Claudine, ihre
Lieblingspuppe.
»Linus traurig«, sagte sie. »Armer Linus. Claudine macht Linus glücklich.«
Linus verschlug es die Sprache, er nahm die Puppe und schaute
seine kleine Schwester an, die sich neben ihn setzte.
Mit einem erst unsicheren, dann höhnischen Grinsen drückte er
eins von Claudines Augen ein. Dann musterte er seine Schwester,
um festzustellen, welche Wirkung seine Zerstörungswut auf sie
hatte.
Sie nuckelte am Daumen, den Blick fest auf ihn gerichtet, die
großen blauen Augen voller Mitgefühl. Nach einem Augenblick
nahm sie die Puppe und drückte ihr das andere Auge ein.
Von dem Tag an waren sie ein Herz und eine Seele. Klaglos,
ohne die Miene zu verziehen, nahm sie die Wutanfälle ihres Bruders hin, seinen
grausamen Humor, die boshaften Charakterzüge,
die er aufgrund des Mangels an Liebe entwickelt hatte. Sie ertrug
seine Streitsucht, ließ sich von ihm beschimpfen und später auch
liebkosen.
Wenn man sie nur damit in Ruhe gelassen hätte, hätte sich alles
zum Guten wenden können. Aber weder der Vater noch die Mutter konnten es dulden,
dass jemand Linus liebte. Er hörte sie tuscheln - zu viel Zeit zusammen, gehört
sich nicht, schadet der
Gesundheit -, und wenige Monate später wurde er in ein Internat
abgeschoben.
Seine Noten waren katastrophal, dafür hatte Linus gesorgt,
aber da sein Vater früher mit dem Leiter des Balliol-College auf
die Jagd gegangen war, wurde schließlich für Linus ein Platz in
Oxford gefunden. Das einzig positive Ergebnis seines Studiums
war die Entdeckung der Fotografie. Ein einfühlsamer junger Eng-
344
lischlehrer hatte ihn seine Kamera benutzen lassen und ihn anschließend beim Kauf
einer eigenen Kamera beraten.
Im Alter von dreiundzwanzig Jahren war Linus nach Blackhurst zurückgekehrt. Wie
groß sein Püppchen geworden war! Erst
dreizehn und so hochgewachsen. Das längste rote Haar, das er je
gesehen hatte. Anfangs war er ihr gegenüber ganz schüchtern: Sie
hatte sich sehr verändert, und er musste sie neu kennenlernen.
Aber eines Tages, als er in der Nähe der Bucht Fotos machte, hatte er sie in seinem
Sucher entdeckt. Sie saß oben auf dem
schwarzen Felsen, das Gesicht dem Meer zugewandt. Die Meeresbrise wehte durch ihr
Haar, sie hatte die Arme um die Knie
geschlungen, und ihre Beine waren nackt.
Linus stockte der Atem. Er blinzelte und beobachtete, wie sie
langsam den Kopf drehte und in seine Richtung schaute. Während andere Menschen, die
fotografiert wurden, das Wissen um
die Tatsache, dass sie beobachtet wurden, nicht aus ihrem Blick
verbannen konnten, war Georgiana vollkommen unbefangen. Sie
schien durch die Kamera hindurch direkt in seine Augen zu sehen. In ihrem Blick lag
dasselbe Mitgefühl wie damals vor all den
Jahren, als er so geweint hatte. Ohne nachzudenken, drückte er
auf den Auslöser. Ihr Gesicht, dieses perfekte Gesicht, und nur er
würde es mit der Kamera einfangen.
Vorsichtig nahm Linus das Foto aus seiner Manteltasche. Er berührte es ganz
behutsam, denn es war mittlerweile alt, die Ränder
brüchig. Die Sonne war zwar schon fast untergegangen, aber
wenn er das Foto im richtigen Winkel hielt …
Wie oft hatte er schon so dagesessen und es gedankenversunken betrachtet, nachdem
sie verschwunden war? Es war der einzige Abzug, den er besaß, denn nachdem
Georgiana fort war, hatte sich jemand - seine Mutter? Adeline? Oder einer ihrer
Lakaien? - in seine Dunkelkammer geschlichen und die Negative entfernt. Es gab nur
dieses eine Foto, und es war auch nur deshalb
noch erhalten, weil Linus es immer bei sich trug.
345
Aber jetzt gab es diese zweite Chance, und die würde er sich
nicht entgehen lassen. Er war kein Kind mehr, sondern der Herr
von Blackhurst. Mutter und Vater lagen längst in ihren Gräbern.
Nur seine Ehefrau, diese lästige Person, und ihre kränkelnde
Tochter waren noch da, und von denen würde er sich keine Steine
in den Weg legen lassen. Er hatte Adeline nur den Hof gemacht,
um seine Eltern für Georgianas Flucht zu bestrafen, und die Verlobung war für die
Eltern ein so brutaler, tödlicher Schlag gewesen, dass die ständige Unterbringung
dieser Frau in seinem Haus
ihm als ein vergleichsweise geringer Preis erschienen war. Und
so war es gewesen. Sie ließ sich leicht ignorieren. Er war der
Hausherr, und was er wollte, würde er bekommen.
Eliza. Sehnsüchtig flüsterte er ihren Namen und ließ ihn langsam verklingen. Seine
Lippen zitterten so sehr, dass er sie fest
zusammenpressen musste.
Er würde ihr ein Geschenk machen. Ein Geburtstagsgeschenk.
Etwas, das ihm ihre Dankbarkeit sichern würde. Etwas, von dem
er wusste, dass es ihr gefallen würde, und wie sollte es anders
sein, wo es doch ihrer Mutter vor langer Zeit so sehr gefallen hatte?
348
gendwie vertrauter, wie ein Ort, an dem sie vor langer Zeit schon
einmal gewesen war.
Sie setzte sich in einen alten Schaukelstuhl. Cassandra kannte
sich mit alten Möbeln aus und wusste, dass er nicht zusammenbrechen würde, dennoch
war sie vorsichtig. Als wäre der rechtmäßige Besitzer des Stuhls irgendwo in der
Nähe und könnte jeden
Augenblick auftauchen und einen Eindringling auf seinem Platz
vorfinden.
Während sie den Apfel an ihrem T-Shirt blank rieb, schaute sie
durch das staubige Fenster. Ranken hatten vor der Scheibe ein
grünes Geflecht gebildet, aber durch die Lücken konnte sie in den
verwilderten Garten sehen. Sie entdeckte eine kleine Skulptur, die
ihr vorher gar nicht aufgefallen war, ein Kind, ein kleiner Junge,
der auf einem Stein hockte und mit großen Augen das Haus betrachtete.
Cassandra biss in ihren Apfel und genoss den süßen Duft. Ein
Apfel von einem Baum in ihrem eigenen Garten, einem vor langer, langer Zeit
gepflanzten Baum, der immer noch Früchte trug.
Jahrein, jahraus. Der Apfel schmeckte unglaublich süß. Schmeckten Äpfel immer so
süß?
Sie gähnte. Die Sonne hatte sie schläfrig gemacht. Sie würde
noch ein bisschen hier sitzen bleiben, nur ein Weilchen, bis der
Gärtner kam. Sie nahm noch einen großen Bissen. Im Zimmer
schien es jetzt wärmer zu sein als zuvor. Als würde ein Feuer im
Herd brennen, als wäre jemand in der Küche und dabei, das Mittagessen zuzubereiten.
Ihre Lider wurden schwer, und sie schloss
die Augen. Irgendwo sang ein Vogel eine einsame, liebliche Melodie, vom Wind
getriebene Blätter schlugen zart gegen die Fensterscheibe, und in der Ferne atmete
das Meer in regelmäßigem
Rhythmus, ein und aus, ein und aus …
… ein und aus, ein und aus, den ganzen Tag. Cassandra ging in
der Küche auf und ab, blieb vor dem Fenster stehen, verbot sich
jedoch einen weiteren Blick nach draußen. Schaute stattdessen
349
noch einmal auf ihre Uhr. Er verspätete sich. Er hatte gesagt, um
halb würde er da sein. Sie überlegte, ob seine Verspätung etwas
zu bedeuten hatte, ob er aufgehalten worden war oder ob er es
sich anders überlegt hatte. Ob er noch kommen würde.
Ihre Wangen glühten. Es war fürchterlich warm im Haus. Sie
trat an den Herd und schaltete die Hitze herunter. Fragte sich, ob
sie etwas hätte kochen sollen.
Ein Geräusch draußen vor dem Haus.
Ihre Ruhe war dahin. Er war eingetroffen.
Sie öffnete die Tür, und er trat wortlos ein.
Er wirkte so groß in dem engen Flur, und obwohl sie ihn gut
kannte, war sie plötzlich ganz schüchtern und konnte ihm nicht in
die Augen sehen.
Auch er war nervös, das war deutlich zu spüren, obgleich er
sich alle Mühe gab, es sich nicht anmerken zu lassen.
Sie setzten sich einander gegenüber an den Küchentisch, die
Lampe über ihnen flackerte. Ein seltsamer Ort, um an solch einem Abend
zusammenzusitzen, aber so war es nun mal. Sie betrachtete ihre Hände, unsicher, wie
sie sich verhalten sollte. Anfangs schien alles so einfach zu sein. Aber jetzt sah
sie auf einmal
lauter Fallstricke vor sich. Vielleicht verliefen solche Begegnungen immer so?
Er streckte eine Hand aus.
Sie erschrak, als er eine Strähne ihres Haars mit zwei Fingern
nahm und sie, wie es ihr vorkam, eine Ewigkeit lang betrachtete.
Dabei schien er sich weniger für ihre Haare zu interessieren als
sich darüber zu wundern, dass er ihre Haare zwischen seinen Fingern hielt.
Schließlich hob er den Kopf, und ihre Blicke begegneten sich.
Zärtlich legte er ihr seine Hand an die Wange. Dann lächelte er,
und sie erwiderte sein Lächeln. Sie seufzte vor Erleichterung und
noch aus einem anderen Grund. Er öffnete den Mund und sagte
…
350
»Hallo?« Ein lautes Klopfen. »Hallo? Ist hier jemand?«
Cassandra öffnete die Augen. Der Apfel in ihrer Hand fiel zu
Boden.
Sie hörte schwere Schritte, und dann stand plötzlich ein Mann
in der Tür, groß, kräftig gebaut, etwa Mitte vierzig. Dunkles
Haar, dunkle Augen, breites Lächeln.
»Hallo«, sagte der Mann und breitete die Hände mit einer Geste aus, als wollte er
sich ergeben. »Sie machen ja ein Gesicht, als
hätten Sie ein Gespenst gesehen.«
»Sie haben mich erschreckt«, sagte Cassandra verlegen und
stand auf.
»Tut mir leid.« Er trat auf sie zu. »Die Tür war offen. Ich
wusste nicht, dass Sie ein Nickerchen machen.«
»Hab ich auch nicht, ich meine, doch, hab ich, aber das war
nicht vorgesehen. Ich wollte mich nur ein bisschen in dem Sessel
ausruhen, und …« Cassandra ließ den Satz unvollendet, als ihr
der Traum wieder einfiel. Es war sehr lange her, dass sie etwas
auch nur entfernt Erotisches geträumt hatte. Seit Nicks Tod nicht
mehr. Wo in aller Welt war das bloß auf einmal hergekommen?
Der Mann grinste und reichte ihr die Hand. »Ich bin Michael
Blake, der berühmte Landschaftsgärtner. Und Sie sind sicherlich
Cassandra.«
»Richtig.« Sie errötete, als seine große, warme Hand die ihre
umschloss.
Er schüttelte lächelnd den Kopf. »Mein Kumpel behauptet,
Australierinnen seien die schönsten Frauen der Welt, aber ich hab
ihm nie geglaubt. Jetzt weiß ich, dass er recht hat.«
Cassandra wusste vor Verlegenheit gar nicht, wohin sie ihren
Blick richten sollte, und entschied sich schließlich für einen
Punkt jenseits seiner linken Schulter. Selbst wenn sie völlig entspannt war, machte
es sie nervös, wenn jemand so offen mit ihr
flirtete, aber ihr Traum hatte sie dazu noch völlig durcheinander-
351
gebracht. Sie spürte ihn immer noch, ihr war, als hockte er in den
Zimmerecken.
»Ich hab gehört, Sie haben ein Problem mit einem Baum?«
»Ja.« Cassandra blinzelte und nickte, während sie den Traum
verdrängte. »Ja, das ist richtig. Danke, dass Sie gekommen sind.«
»Wenn eine Frau in Not ist, bin ich sofort zur Stelle.« Wieder
lächelte er sein breites, unbefangenes Lächeln.
Cassandra zog ihre Strickjacke fester um sich. Sie versuchte,
sein Lächeln zu erwidern, kam sich dabei jedoch ziemlich steif
vor. »Er ist da drüben. Auf der Treppe.«
Michael folgte ihr durch den Flur, stieg ein paar Stufen hinauf
und beugte sich vor dem Absatz vor, um um die Ecke sehen zu
können. Er pfiff leise durch die Zähne. »Eine von den alten Kiefern. Sieht so aus,
als würde sie schon eine ganze Weile da liegen. Ist wahrscheinlich bei dem
schlimmen Sturm fünfundneunzig umgefallen.«
»Können Sie den Baum entfernen?«
»Aber sicher können wir das.« Michael schaute über die Schulter an Cassandra
vorbei. »Chris, kannst du mir die Kettensäge
holen?«
Cassandra drehte sich um. Sie hatte gar nicht bemerkt, dass
sich noch jemand anders im Haus befand. Ein zweiter Mann
stand hinter ihr, schmaler als der andere, ein bisschen jünger und
mit aschblonden Locken, die seinen Nacken umspielten. »Christian«, sagte er. Er
streckte die Hand aus, zögerte, wischte sie sich
an seinen Jeans ab, streckte sie ihr erneut entgegen.
Cassandra schüttelte ihm die Hand.
»Die Kettensäge, Chris«, sagte Michael. »Los, beeil dich ein
bisschen.«
Nachdem Chris gegangen war, sah Michael Cassandra mit
hochgezogenen Brauen an. »Ich muss ungefähr in einer halben
Stunde im Hotel sein, aber keine Sorge, ich werde das meiste
schaffen, und mein zuverlässiger Gehilfe kann dann den Rest erledigen.« Er lächelte
und schaute Cassandra so direkt an, dass sie
352
sich abwenden musste. »Das Haus gehört also Ihnen. Ich wohne
schon mein ganzes Leben hier im Dorf und hab nie gedacht, dass
es jemandem gehört.«
»Ich muss mich selbst noch an die Vorstellung gewöhnen.«
Michael sah sich in dem baufälligen Haus um. »Was will denn
eine nette Australierin wie Sie mit so einer Bruchbude?«
»Ich hab sie geerbt. Meine Großmutter hat sie mir hinterlassen.«
»Ihre Großmutter war Engländerin?«
»Australierin. Sie hat es in den Siebzigerjahren gekauft, als sie
hier in Urlaub war.«
»Als Souvenir? Gab es denn kein besticktes Geschirrtuch, das
ihr gefiel?«
Christian erschien mit einer großen Kettensäge in der Tür. »Ist
das die richtige?«
»Es ist eine Säge mit einer Kette«, sagte Michael mit einem
Augenzwinkern in Cassandras Richtung. »Ich würde sagen, es ist
die richtige.«
Cassandra drückte sich gegen die Wand, um den Mann mit der
Kettensäge in dem engen Flur vorbeizulassen. Anstatt ihn anzusehen, tat sie so, als
interessierte sie sich für eine lose Fußleiste.
Irgendetwas an der Art, wie Michael mit Christian redete, machte
sie verlegen.
»Chris ist noch neu im Gewerbe«, bemerkte Michael, der von
Cassandras Betretenheit nichts mitbekam. »Der kennt noch nicht
den Unterschied zwischen einer Kettensäge und einer Kappsäge.
Der Junge ist noch ziemlich feucht hinter den Ohren, aber wir
werden schon noch einen ordentlichen Holzfäller aus ihm machen.« Er grinste. »Er
ist schließlich ein Blake, das liegt bei uns
im Blut.« Er knuffte seinen Bruder spielerisch in die Rippen,
dann machten die beiden sich an die Arbeit.
Cassandra atmete erleichtert auf, als die Kettensäge angeworfen wurde und sie
endlich in den Garten flüchten konnte. Eigent
lich täte sie besser daran, die Efeuranken abzuschneiden, die ins
353
Haus hineinwucherten, aber die Neugier war stärker. Sie war entschlossen, einen
Durchgang durch diese Mauer zu finden, und
wenn sie den ganzen Tag dafür brauchen würde.
Die Sonne stand inzwischen hoch am Himmel, und es gab kaum
noch Schatten. Cassandra zog ihre Strickjacke aus und legte sie
auf einem Felsbrocken ab. Sonnenstrahlen tanzten über ihre Haut,
und schon bald fühlte sich ihr Haar ganz heiß an. Sie wünschte,
sie hätte sich einen Hut mitgebracht.
Während sie die Brombeerhecke absuchte, ihre Hand vorsichtig in jede Öffnung schob,
immer darauf bedacht, sich nicht an
den Dornen zu stechen, musste sie wieder an ihren Traum denken. Er war ganz
besonders deutlich gewesen, und sie konnte sich
an jede Einzelheit erinnern - an die Bilder, die Gerüche, ja selbst
an die unbestreitbar erotische Stimmung, das Gefühl der verbotenen Lust.
Cassandra schüttelte den Kopf, um die verwirrenden, unerwünschten Empfindungen
loszuwerden, und konzentrierte sich
auf Nells Geheimnis. Am Vorabend hatte sie noch bis in die
Nacht hinein in ihrem Notizheft gelesen, nach wie vor ein
schwieriges Unterfangen. Als hätte der Schimmel die Sache nicht
schon schlimm genug gemacht, war Nells ohnehin schon schwer
leserliche Schrift noch krakeliger geworden, als sie nach Cornwall gekommen war.
Manches war kaum mehr als Kritzelei,
wahrscheinlich in aller Hast aufs Papier geworfen.
Dennoch gelang es ihr, die Zeilen zu entziffern. Sie war völlig
fasziniert gewesen von Nells wiederkehrenden Erinnerungen, ihrer Gewissheit, dass
sie als kleines Mädchen schon einmal in dem
Haus gewesen war. Cassandra konnte es kaum erwarten, die Notizhefte zu lesen, die
Julia entdeckt hatte, die Tagebücher, denen
Nells Mutter einst ihre geheimsten Gedanken anvertraut hatte.
Darin würde sie garantiert etwas Erhellendes über Nells Kindheit
finden und womöglich sogar Hinweise darauf, wie und warum
Nell mit Eliza Makepeace zusammen verschwunden war.
354
Ein Pfeifen, laut und schrill. Cassandra blickte auf in der Erwartung, irgendeinen
Vogel zu erblicken.
Michael stand an der Hausecke und beobachtete sie. Er deutete
auf die Brombeerhecke. »Das ist ja ein eindrucksvolles Gestrüpp!«
»Ich schneide es ein bisschen runter, dann geht’s schon«, sagte
sie und richtete sich unbeholfen auf. Hatte er sie schon länger beobachtet?
»Wenn Sie dem Zeug beikommen wollen, müssen Sie ihm
schon mit der Kettensäge zu Leibe rücken«, sagte er grinsend.
»Ich fahre jetzt zum Hotel.« Mit einer Kopfbewegung deutete er
zum Haus hinüber. »Das Gröbste ist geschafft. Ich lasse Chris
hier, der kann den Rest erledigen. Das kriegt er schon hin, aber
vielleicht sollten Sie darauf achten, dass er alles so hinterlässt,
wie Sie es gern hätten.« Er lächelte wieder auf seine unbefangene
Art. »Sie haben doch meine Nummer, nicht wahr? Rufen Sie
mich an, dann zeige ich Ihnen ein bisschen die Gegend, solange
Sie hier sind.«
Es war keine Frage. Cassandra lächelte zaghaft und bereute es
auf der Stelle. Sie hatte den Verdacht, dass Michael zu der Sorte
Menschen gehörte, die jede Reaktion als Zustimmung auffasste.
Prompt zwinkerte er ihr zu, als er zurück zum Haus ging.
Seufzend wandte sie sich wieder der Hecke zu. Christian war
durch das Loch geklettert, das der Baum ins Dach geschlagen
hatte, hockte auf dem Dach und war dabei, mit einer Handsäge
die Äste zu zerkleinern. Während Michael völlig lässig war,
strahlte Christian bei allem, was er tat und anfasste, eine unglaubliche Intensität
aus. Als er seine Sitzposition veränderte, wandte
Cassandra den Blick ab und tat, als würde sie sich nur für ihre
Hecke interessieren.
So arbeiteten sie jeder für sich weiter, und die konzentrierte
Stille, die sich über sie legte, verstärkte alle anderen Geräusche:
das Schnarren von Christians Säge, das Trippeln der Vögel auf
den Dachschindeln, das leise Plätschern eines entfernten Rinn355
sals. Normalerweise genoss Cassandra es, schweigend zu arbeiten, sie war es
gewöhnt, allein zu sein, und bevorzugte es sogar
meistens. Nur jetzt war sie nicht allein, und je länger sie so tat, als
sei sie es doch, desto mehr Spannung schien in der Luft zu liegen.
Schließlich hielt sie es nicht länger aus. »Hinter dieser Hecke
befindet sich eine Mauer«, sagte sie lauter und schärfer als beabsichtigt. »Ich hab
sie heute Morgen entdeckt.«
Christian blickte von seiner Arbeit auf. Schaute Cassandra an,
als hätte sie soeben das Periodensystem aufgesagt.
»Aber ich weiß nicht, was sich dahinter verbirgt«, fuhr sie hastig fort. »Ich kann
keinen Durchgang finden, und auf dem Lageplan, den meine Großmutter beim Kauf des
Grundstücks bekommen hat, ist nichts eingezeichnet. Es ist alles von Ranken
überwuchert, aber vielleicht können Sie ja von da oben was sehen?«
Christian betrachtete seine Hände, schien etwas sagen zu wollen.
Cassandra dachte: Er hat schöne Hände. Dann schob sie den
Gedanken gleich wieder beiseite. »Können Sie sehen, was sich
hinter der Mauer befindet?«
Er presste die Lippen zusammen, wischte sich die Hände an
seinen Jeans ab und nickte schüchtern.
»Wirklich?« Damit hatte sie nicht gerechnet. »Was ist denn
da? Können Sie es mir beschreiben?«
»Ich hab eine bessere Idee«, sagte er und schickte sich an, vom
Dach herunterzuklettern. »Kommen Sie, ich zeig’s Ihnen.«
Das Loch war klein, ganz unten in der Mauer und hinter Gestrüpp
verborgen, sodass Cassandra noch ein Jahr lang danach hätte suchen können, ohne es
zu finden. Christian kniete auf dem Boden
und legte den engen Durchgang frei. »Ladys first«, sagte er und
machte ihr Platz.
Cassandra schaute ihn an. »Ich dachte, es gäbe vielleicht ein
Tor.«
»Wenn Sie eins finden, komme ich mit.«
356
»Ich soll also …« Sie betrachtete das Loch in der Mauer. »Ich
weiß nicht, ob ich das kann, ob ich überhaupt weiß, wie man das
macht …«
»Auf dem Bauch. Es ist nicht so eng, wie es aussieht.«
Da war Cassandra sich nicht so sicher. Es sah ziemlich eng
aus. Aber ihre vergebliche Suche hatte ihre Entschlossenheit verstärkt: Sie musste
einfach wissen, was hinter der Mauer lag. Sie
ging auf die Knie, lugte durch das Loch, dann drehte sie sich
noch einmal zu Christian um. »Sind Sie sicher, dass das ungefährlich ist? Sind Sie
schon mal da durchgekrochen?«
»Mindestens hundertmal.« Er kratzte sich am Hals. »Na ja,
damals war ich natürlich noch jünger und schmaler, aber …«
Seine Mundwinkel zuckten. »Nein, das war ein Scherz, tut mir
leid. Keine Angst, das geht schon.«
Als sie mit dem Kopf auf der anderen Seite war und erkannte,
dass sie nicht mit den Schultern stecken bleiben würde - jedenfalls nicht beim
Hineinkriechen -, fühlte sie sich schon etwas besser. So schnell wie möglich kroch
sie ganz durch das Loch und
richtete sich auf der anderen Seite wieder auf. Wischte sich den
Dreck von den Händen und sah sich mit großen Augen um.
Sie befand sich in einem von einer Mauer umgebenen Garten.
Einem vollkommen überwucherten Garten, dessen Strukturen
jedoch noch erkennbar waren. Irgendwann einmal hatte jemand
diesen Garten liebevoll gepflegt. Die Überreste von zwei schmalen Wegen
schlängelten sich wie die ineinander verflochtenen
Borten eines irischen Tanzschuhs durch Gras und Unkraut. An
den Mauern entlang wuchs Spalierobst, und kreuz und quer über
den Garten hinweg waren Drähte von Mauer zu Mauer gespannt,
an denen sich hungrige Glyzinienranken entlangwanden und ein
Laubdach gebildet hatten.
An einer Seite, direkt vor der Mauer, entdeckte Cassandra einen alten, knorrigen
Baum. Als sie näherging, stellte sie fest, dass
es sich um den Apfelbaum handelte, dessen Ast über die Mauer
ragte. Sie berührte einen der goldenen Äpfel. Der Baum war etwa
357
fünf Meter hoch und so geformt wie der japanische Bonsai, den
Nell ihr zum zwölften Geburtstag geschenkt hatte. Der kurze
Stamm hatte sich über die Jahre zur Seite geneigt, und jemand
hatte sich die Mühe gemacht, ihn mit einer Art Krücke zu stützen.
Eine Brandnarbe in der Mitte des Stammes ließ darauf schließen,
dass irgendwann ein Blitz den Baum getroffen hatte. Cassandra
betastete die schwarze Stelle.
»Dieser Platz hat etwas Magisches, nicht wahr?« Christian
stand mitten im Garten neben einer verrosteten schmiedeeisernen
Bank. »Das hab ich schon als Junge so empfunden.«
»Sind Sie öfter hierhergekommen?«
»So oft ich konnte. Das war mein Geheimnis, niemand sonst
wusste davon.« Er zuckte die Achseln. »Na ja, jedenfalls kaum
jemand.«
Hinter Christian, an der gegenüberliegenden Mauer, sah Cassandra etwas zwischen den
Ranken hindurchschimmern. Sie ging
näher heran, um es genauer in Augenschein zu nehmen. Metall,
das in der Sonne glänzte. Ein Tor. Taudicke, ineinander verschlungene Ranken
verdeckten es wie ein Spinnennetz den Eingang zum Schlupfwinkel der Spinne. Oder
den Ausgang, je nachdem.
Gemeinsam mit Christian entfernte sie einen Teil der dornigen
Ranken. An dem Tor befand sich eine über die Jahre schwarz angelaufene
Messingklinke. Cassandra rüttelte daran. Das Tor war
verriegelt.
»Möchte wissen, wohin es führt.«
»Dahinter liegt ein Labyrinth, das sich fast bis zum Hotel erstreckt«, sagte
Christian. »Michael arbeitet schon seit ein paar
Monaten daran, es wieder in Ordnung zu bringen.«
Das Labyrinth, natürlich. Wo hatte sie noch mal etwas darüber
gelesen? In Nells Notizheft? In einem der Reiseprospekte im Hotel?
358
»Warum hat Ihre Großmutter das Haus gekauft?«, fragte Christian, während er ein
vertrocknetes Blatt von seinem Ärmel klaubte.
»Sie ist hier in der Gegend geboren.«
»Im Dorf?«
Cassandra zögerte, unsicher, wie viel sie ihm erzählen konnte.
»Nein, auf dem Anwesen. Blackhurst. Aber das hat sie erst mit
Anfang sechzig erfahren, als ihr Adoptivvater gestorben ist. Ihre
leiblichen Eltern waren Rose und Nathaniel Walker. Er war …«
»Künstler, ich weiß. Ich habe ein Buch mit Illustrationen von
ihm, ein Märchenbuch.«
»Zauberhafte Märchen für Mädchen und Jungen?«
»Ja, genau.« Er schaute sie überrascht an.
»Ich habe auch ein Exemplar.«
Er hob die Brauen. »Das war eine ganz kleine Auflage, wissen
Sie, jedenfalls nach heutigen Maßstäben. Wussten Sie übrigens,
dass Eliza Makepeace hier in diesem Haus gewohnt hat?«
Cassandra schüttelte den Kopf. »Ich wusste nur, dass sie auf
dem Anwesen aufgewachsen ist …«
»Sie hat die meisten ihrer Geschichten hier in diesem Garten
geschrieben.«
»Sie scheinen ja eine ganze Menge über Eliza Makepeace zu
wissen.«
»Ich habe neulich ihre Märchen noch einmal gelesen. Als Junge habe ich mir das Buch
auf dem Wohltätigkeitsbasar der Gemeinde gekauft und die Märchen verschlungen. Sie
hatten eine
regelrecht magische Wirkung auf mich.« Er trat mit dem Fuß
nach einem Erdklumpen. »Ziemlich merkwürdig, nicht? Ein erwachsener Mann, der
Kindermärchen liest.«
»Nein, finde ich überhaupt nicht.« Cassandra sah, wie er, die
Hände in den Hosentaschen, die Schultern kreisen ließ. Beinahe,
als wäre er nervös. »Welches war denn Ihr Lieblingsmärchen?«
Er legte den Kopf schief und blinzelte in die Sonne. »Die Augen des alten
Weibleins.«
359
»Wirklich? Warum?«
»Es kam mir immer anders vor als die anderen Märchen. Irgendwie bedeutungsvoller.
Außerdem hab ich mich als Achtjähriger fürchterlich in die Prinzessin verliebt.« Er
lächelte schüchtern. »Wie soll man auch ein Mädchen nicht mögen, dem das
Schloss zerstört, die Untertanen abgeschlachtet und das Königreich verwüstet wurden
und das trotz allem den Mut aufbringt,
sich auf die Suche nach den Augen des alten Weibleins zu machen?«
Cassandra musste auch lächeln. Das Märchen von der tapferen
Prinzessin, die nicht wusste, dass sie eine Prinzessin war, war das
erste in Eliza Makepeaces Buch, das sie gelesen hatte. An jenem
heißen Tag in Brisbane, als sie als Zehnjährige das Verbot ihrer
Großmutter missachtet und den Koffer unter dem Bett entdeckt
hatte.
Christian vergrub seine Hände noch tiefer in den Hosentaschen. »Ich nehme an, Sie
werden versuchen, das Haus zu verkaufen?«
»Warum? Wären Sie daran interessiert?«
»Von dem Geld, das Mike mir zahlt?« Ihre Blicke begegneten
sich ganz kurz. »Machen Sie sich lieber keine Hoffnungen.«
»Ich weiß nicht, wie ich es renovieren soll«, sagte Cassandra.
»Ich hatte ja keine Ahnung, dass sich hier alles in einem derart
desolaten Zustand befindet. Der Garten, das Haus selbst.« Sie
zeigte über die Mauer hinweg. »Im Dach ist ein Riesenloch!«
»Wie lange sind Sie noch hier?«
»Ich habe im Hotel für zwei Wochen ein Zimmer gebucht.«
Er nickte. »Das dürfte reichen.«
»Meinen Sie?«
»Sicher.«
»Sie Optimist. Warten Sie ab, bis Sie mich mit einem Hammer
hantieren sehen.«
Er reckte sich, um eine herabhängende Glyzinienranke zwischen die anderen zu
flechten. »Ich helfe Ihnen.«
360
Cassandra wurde verlegen - anscheinend hatte er ihre Bemerkung als versteckte
Aufforderung verstanden. »Ich meinte nicht
… Ich wollte nicht …« Sie seufzte. »Ich habe überhaupt kein
Geld für solche Restaurierungsarbeiten.«
Zum ersten Mal lächelte er übers ganze Gesicht. »Bei meinem
Bruder verdiene ich auch fast nichts, da arbeite ich doch lieber für
gar nichts an einem Haus, das mir am Herzen liegt.«
361
Nell stützte sich auf die Fensterbank und spürte das vom Salz
aufgeraute Holz unter ihren Händen. Inzwischen war sie sich
ganz sicher, dass sie als Kind in diesem Haus gewesen war. Genau hier an dieser
Stelle hatte sie schon gestanden, in diesem
Zimmer, und hatte auf das Meer hinausgeschaut. Sie schloss die
Augen und versuchte, ihre Erinnerungen deutlicher heraufzubeschwören.
Ein Bett hatte an der Stelle gestanden, wo sie sich jetzt befand,
ein schmales, einfaches Bett mit Messingrahmen und Knöpfen an
den Kopf- und Fußteilen, die lange nicht poliert worden waren.
Von der Decke hing ein trichterförmiges Netz, weiß wie der Nebel am fernen
Horizont, wenn ein Sturm das Meer aufpeitschte.
Eine Steppdecke, kühl unter ihren Knien, Fischerboote, die auf
den Wellen schaukelten, Blütenblätter im Gartenteich.
An dieser Dachgaube zu sitzen, war so, als würde man an einer
hohen Klippe hängen, so wie die Prinzessin in einem ihrer Lieblingsmärchen, die in
einen Vogel verwandelt worden war und in
ihrem schaukelnden goldenen Käfig hockte …
Von unten drangen Stimmen zu ihr herauf, die lauter geworden
waren. Ihr Papa und die Autorin.
Ihr Name, Ivory, scharf und kantig wie ein mit spitzer Schere
aus Pappkarton ausgeschnittener Stern. Ihr Name als Waffe.
Böse Worte wurden hin und her geschleudert. Warum schrie
Papa die Autorin an? Papa, der sonst nie ein lautes Wort von sich
gab.
Das kleine Mädchen hatte Angst, wollte das alles nicht hören.
Aber Nell presste die Augen fester zu und versuchte die Worte
zu verstehen.
Das kleine Mädchen hielt sich die Ohren zu, sang in Gedanken
Lieder, erzählte Geschichten, dachte an den goldenen Käfig, der
an der Klippe hing, an die Vogelprinzessin, die in dem Käfig
hockte und wartete.
Nell bemühte sich, das Kinderlied auszublenden, das Bild von
dem goldenen Käfig. In den kalten Tiefen ihrer Erinnerung lauer362
te die Wahrheit, wartete darauf, dass Nell sie zu packen bekam
und ans Tageslicht zerrte …
Aber nicht heute. Sie öffnete die Augen. Der Tang war zu glitschig, das Wasser zu
trüb.
Nell stieg über die enge Treppe wieder nach unten.
Die Maklerin verriegelte das Tor, dann gingen sie schweigend
den Weg hinunter zu der Stelle, wo sie den Wagen geparkt hatten.
»Und? Wie gefällt es Ihnen?«, fragte die Frau beiläufig, als
wüsste sie die Antwort auf die Frage im Voraus.
»Ich möchte es kaufen.«
»Vielleicht kann ich Ihnen noch ein anderes …« Die Frau, die
gerade das Auto hatte aufschließen wollen, blickte verblüfft auf.
»Sie wollen es kaufen?«
Nell schaute noch einmal auf das stürmische Meer hinaus, betrachtete den
nebelverhangenen Horizont. Für ihren Geschmack
konnte das Wetter ruhig ab und zu ein bisschen rau werden.
Wenn die Wolken tief hingen und Regen drohte, fühlte sie sich
geheilt. Dann konnte sie tiefer atmen, klarer denken.
Sie hatte keine Ahnung, wie sie das Haus bezahlen sollte, was
sie würde verkaufen müssen, um den Kaufpreis aufzubringen.
Aber sie zweifelte keinen Augenblick daran, dass sie es besitzen
musste. Sie wusste es seit dem Moment, als sie sich an das kleine
Mädchen am Fischteich erinnert hatte, an das kleine Mädchen,
das sie in einem anderen Leben gewesen war.
Während der ganzen Fahrt zurück zum Tregenna Inn versicherte
die Immobilienmaklerin ihr immer wieder atemlos, sie würde den
Kaufvertrag bringen, sobald sie ihn aufgesetzt hatte. Sie konnte
Nell auch einen guten Notar empfehlen. Nell schlug die Wagentür zu und betrat das
Foyer. Sie war so sehr damit beschäftigt, die
Zeitdifferenz auszurechnen - musste sie drei Stunden abziehen
oder addieren? - und zu überlegen, wann sie bei ihrer Bank anrufen konnte, um ihrem
Sachbearbeiter zu erklären, warum sie sich
363
aus heiterem Himmel entschlossen hatte, in Cornwall ein Haus zu
kaufen, dass sie die Person, die auf sie zukam, erst sah, als sie
fast mit ihr zusammenstieß.
»Oh, Verzeihung«, sagte Nell und blieb wie angewurzelt stehen.
Robyn Martin blinzelte hinter ihrer Brille.
»Haben Sie auf mich gewartet?«, fragte Nell.
»Ich hab Ihnen was mitgebracht.« Robyn reichte Nell ein paar
zusammengetackerte Blätter. »Das sind die Informationen, die
ich für meinen Artikel über die Familie Mountrachet zusammengetragen habe.« Sie
trat verlegen von einem Fuß auf den anderen.
»Ich hab gehört, wie Sie Gump nach der Familie gefragt haben,
und ich weiß, dass er Ihnen keine Antwort … Dass er Ihnen nicht
weiterhelfen konnte.« Sie seufzte und glättete ihr bereits perfekt
frisiertes Haar. »Es ist ein ungeordnetes Sammelsurium, aber ich
dachte, es könnte von Interesse für Sie sein.«
»Danke«, sagte Nell und sie meinte es aufrichtig. »Und es tut
mir leid, wenn ich …«
Robyn nickte.
»Ist Ihr Großvater …?«
»Er hat sich wieder beruhigt. Ich wollte Sie sogar fragen, ob
Sie nicht nächste Woche noch mal zum Abendessen kommen
wollen. Bei Gump.«
»Vielen Dank für die Einladung«, antwortete Nell, »aber ich
glaube nicht, dass Ihr Großvater begeistert sein würde.«
Robyn schüttelte den Kopf, sodass ihre Haare mitschwangen.
»Nein, nein, Sie haben mich nicht richtig verstanden.«
Nell hob die Brauen.
»Es war sein Vorschlag«, sagte Robyn. »Er meinte, er müsste
Ihnen noch etwas erzählen. Über das Haus und über Eliza Makepeace.«
364
34
Miss Rose Mountrachet,
Lusitania, Reederei Cunard
Miss Eliza Mountrachet
Blackhurst Manor
Cornwall, England
9. SEPTEMBER 1907
Meine liebste Eliza!
Ach, wie herrlich es ist auf der Lusitania! Ich sitze auf dem
Oberdeck, liebe Cousine - an einem zierlichen, kleinen Tisch im
Veranda-Café -, und schaue auf den weiten, blauen Atlantik hinaus, während unser
großartiges, schwimmendes Hotel uns wie
auf magische Weise nach New York bringt.
Auf dem ganzen Schiff herrscht eine festliche Stimmung, und
alle hoffen inniglich, dass die Lusitania den Deutschen das Blaue
Band abjagen wird. Als das große Schiff in Liverpool ganz langsam von seinem
Ankerplatz ablegte und zu seiner Jungfernfahrt
aufbrach, haben alle am Kai »Britons never, never shall say die«
gesungen und Fähnchen geschwungen, es waren so viele, dass
ich sogar noch von Weitem, als die Menschen im Hafen nur noch
als winzige Punkte zu erkennen waren, die wehenden Fahnen sehen konnte. Ich muss
gestehen, als die Schiffe im Hafen zum Abschied ihre Hörner ertönen ließen, hat es
mir eine Gänsehaut
verursacht und mein Herz vor Stolz höher schlagen lassen. Was
für ein Glück, an so einem bedeutsamen Ereignis teilnehmen zu
dürfen! Ob die Geschichte sich wohl an uns erinnern wird? Ich
hoffe es doch - ach, sich vorzustellen, dass man Teil eines solchen
365
Ereignisses ist und dadurch die Grenzen eines einzelnen Menschenlebens
überschreitet!
Ich weiß, was Du in Bezug auf das Blaue Band sagen wirst dass es ein törichtes
Wettrennen ist, erfunden von törichten Männern, die nur beweisen wollen, dass ihr
Schiff schneller ist als
eins, das noch törichteren Männern gehört! Aber, liebste Eliza,
dabei zu sein, die Aufregung und den Sportsgeist mitzuerleben ich kann nur sagen,
das ist äußerst anregend. So lebendig wie
jetzt habe ich mich schon seit Ewigkeiten nicht mehr gefühlt, und
auch wenn ich weiß, dass Du die Augen verdrehen wirst, musst
Du mir gestatten, meinem tiefen Wunsch Ausdruck zu verleihen,
dass wir diese Reise in Rekordzeit zurücklegen und den uns
rechtmäßig zustehenden Platz zurückerobern werden.
Das ganze Schiff ist so großartig ausgestattet, dass man
manchmal ganz vergisst, dass man sich auf dem Meer befindet.
Mama und ich teilen uns eine der beiden »Königssuiten« an
Bord, das heißt, wir haben zwei Schlafzimmer, ein Wohnzimmer,
ein Speisezimmer, ein Bad, ein WC und eine Ankleidekammer.
Und alles ist so wundervoll eingerichtet, es erinnert mich an die
Bilder von Versailles in Miss Trantons Buch, das sie vor so vielen
Jahren im Sommer mit ins Schulzimmer gebracht hat.
Neulich hörte ich eine elegant gekleidete Dame sagen, dass
das Schiff mehr einem Hotel ähnelt als jedes andere, auf dem sie
bisher gereist ist. Ich weiß nicht, wer die Dame war, aber ich bin
davon überzeugt, dass sie eine sehr wichtige Persönlichkeit ist,
denn Mama hat es tatsächlich die Sprache verschlagen, als wir
feststellten, dass sie sich ebenfalls unter den Passagieren der ersten Klasse
befindet. Aber keine Sorge, es hat nicht lange vorgehalten - niemand bringt Mama
auf Dauer zum Schweigen. Sie hat
ihre Sprache schnell wiedergefunden und macht seitdem mehr als
wett, was sie versäumt hat. Unsere Mitreisenden stellen ein veritables Who’s who
der Londoner Gesellschaft dar, wie Mama mir
versichert, und deswegen muss sie sich natürlich ganz besonders
ins Zeug legen. Ich habe strikte Anweisung, mich stets von meiner
366
allerbesten Seite zu zeigen - zum Glück habe ich zwei Schränke
voller Rüstungen, mit denen ich in die Schlacht ziehen kann! Und
ausnahmsweise sind Mama und ich mal einer Meinung, auch
wenn wir keineswegs denselben Geschmack haben! Sie macht
mich immer wieder auf einen bestimmten Gentleman aufmerksam, den sie für eine gute
Partie hält, und bringt mich manchmal
in eine ziemlich peinliche Lage. Aber genug - ich fürchte, ich
strapaziere Deine Geduld, liebste Cousine, wenn ich mich zu lange mit solchen
Themen aufhalte.
Also zurück zum Schiff. Ich unternehme immer wieder gewisse
Erkundungstouren, die meine Eliza mit Stolz erfüllen würden.
Gestern Morgen ist es mir gelungen, Mama für einen Augenblick
zu entkommen und eine wunderbare Stunde im Dachgarten zu
verbringen. Dort musste ich an Dich denken, meine Liebste. Wie
würdest Du staunen, wenn Du sehen könntest, dass solche Pflanzen auf einem Schiff
wachsen. Überall stehen Pflanzkübel mit
Bäumen und wunderschönen Blumen. Es war ein beglückendes
Gefühl, zwischen all dem Grün zu sitzen (niemand kennt die heilende Kraft eines
Gartens besser als ich), und ich habe mich ganz
selig meinen Tagträumen hingegeben. (Du wirst Dir sicherlich
vorstellen können, auf welchen Traumpfaden ich gewandelt bin
…)
Ach, und wie sehr wünschte ich mir, Du hättest nachgegeben
und uns begleitet, Eliza. Ich erlaube mir, diesbezüglich einen kurzen, wenn auch
liebevollen Tadel auszusprechen, denn ich kann
es einfach nicht verstehen. Schließlich hast Du damals als Erste
davon gesprochen, dass wir beide vielleicht eines Tages gemeinsam nach Amerika
reisen würden, um die Wolkenkratzer von New
York und die Freiheitsstatue mit eigenen Augen zu sehen. Ich begreife nicht, warum
Du die Gelegenheit nicht beim Schopf gepackt, sondern Dich stattdessen entschieden
hast, auf Blackhurst
zu bleiben, wo nur Vater Dir Gesellschaft leistet. Du bist und
bleibst mir ein Rätsel, meine Teuerste, aber ich kenne Dich zu
gut, um mich noch mit Dir zu streiten, nachdem Du einmal einen
367
Entschluss gefasst hast, meine liebe, dickköpfige Eliza. Ich möchte Dir nur sagen,
dass Du mir jetzt schon fehlst und dass ich mir
oft ausmale, was wir alles zusammen aushecken könnten, wenn
Du hier bei mir wärst. (Die arme Mama würde einen Nervenzusammenbruch bekommen!) Es
ist seltsam, mir vorzustellen, dass
es einmal eine Zeit gegeben hat, als ich Dich noch nicht kannte,
so sehr kommt es mir vor, als wären wir beide schon immer
Freundinnen und die Zeit auf Blackhurst vor deiner Ankunft nicht
mehr als eine schreckliche Wartezeit gewesen.
Ah, Mama ruft nach mir. Offenbar erwartet man uns mal wieder im Speisesaal. (Die
Mahlzeiten, Eliza! Ich muss zwischen den
Mahlzeiten jedes Mal einen Spaziergang an Deck machen, um
mich zu erholen und mich für die nächste Sitzung zu wappnen!)
Zweifellos ist es Mama gelungen, den Grafen von Soundso oder
den Sohn eines reichen Industriellen für mich als Tischherrn zu
angeln. Die Pflichten einer Tochter sind nie getan, und in einem
Punkt muss ich ihr recht geben: Wenn ich mich nicht zeige, werde
ich den mir von meinem Schicksal bestimmten Mann niemals finden.
Damit verabschiede ich mich also von Dir, meine liebste Eliza,
und ich versichere Dir: Auch wenn Du nicht in Fleisch und Blut
bei mir bist, so begleitest Du mich doch stets in meinem Herzen.
Wenn ich die Freiheitsstatue zum ersten Mal sehe, die berühmte
Dame, die über ihren Hafen wacht, dann werde ich die Stimme
meiner Cousine Eliza hören, die mir zuruft: »Schau sie dir gut an
und denk daran, was sie schon alles gesehen hat!«
371
Ein Donnerschlag hallte zwischen den Klippenwänden wider,
als Eliza oben ankam. Der Himmel wurde immer dunkler, und
der Regen nahm zu. Auf der Lichtung stand ein kleines Haus, und
Eliza erkannte sofort, dass es das Haus hinter dem von einer
Mauer umgebenen Garten war, den zu bepflanzen Onkel Linus
ihr erlaubt hatte. Sie brachte sich unter dem kleinen Vordach in
Sicherheit, drückte sich gegen die Haustür, während der Regen
um sie herum immer heftiger herunterprasselte.
Es war zwei Monate her, dass Rose und Tante Adeline zu ihrer
Reise nach New York aufgebrochen waren, und obwohl ihr die
Zeit jetzt lang wurde, war der erste Monat wie im Flug vergangen. Das Wetter war
herrlich gewesen, und Eliza hatte sich spannende neue Geschichten ausgedacht. Sie
hatte ihre Tage jeweils
zur Hälfte an ihren beiden Lieblingsorten verbracht: auf dem
schwarzen Felsen unten in der Bucht, auf dessen Spitze die Gezeiten über die
Jahrhunderte hinweg ein zum Sitzen geeignetes
Plateau ausgewaschen hatten, und in dem ummauerten Garten,
ihrem Garten am Ende des Labyrinths. Was für eine Wonne es
war, einen Ort für sich allein zu haben, einen ganzen Garten, in
dem man sein konnte, wie man wollte. Manchmal saß Eliza stundenlang still auf der
schmiedeeisernen Bank und lauschte den Geräuschen um sich herum: das Rascheln der
Blätter, wenn der
Wind durchs Laub fuhr, das ferne Ein- und Ausatmen des Meers,
das Zwitschern der Vögel, die ihre Geschichten trällerten.
Manchmal, wenn sie mucksmäuschenstill war, meinte sie beinahe
zu hören, wie die Blumen der Sonne wohlig ihren Dank entgegenseufzten.
Aber heute war alles anders. Die Sonne war verschwunden,
und jenseits der Klippe verschwammen Himmel und Meer zu einer grauen aufgewühlten
Masse. Der Regen ließ nicht nach, und
Eliza sagte sich seufzend, dass es im Moment keinen Zweck hatte, durch den Garten
und das Labyrinth nach Hause zu laufen,
wenn sie nicht bis auf die Haut durchnässt und mit einem aufgeweichten Notizbuch
dort ankommen wollte. Wenn sie nur einen
372
hohlen Baum finden könnte, um darin Schutz zu suchen! Eine
Geschichte flackerte in Elizas Fantasie auf. Sie versuchte, sie zu
fassen zu bekommen, sie festzuhalten, bis sie Gestalt annahm.
Sie zog den Bleistift heraus, den sie immer unter ihrem Leibchen versteckt bei sich
trug, riss das braune Packpapier auf, legte
das Notizbuch auf ihren Oberschenkel und begann zu schreiben.
Der Wind blies kräftiger hier oben im Reich der Vögel, und der
Regen, der seinen Weg in ihr Versteck gefunden hatte, spuckte
dicke Tropfen auf die jungfräulichen Seiten. Eliza drehte sich zur
Tür hin, doch der Regen fand sie auch dort.
Das war ja furchtbar! Wo sollte sie bloß schreiben, wenn erst
das für die Jahreszeit typische nasse Wetter einsetzte? Die Bucht
und der Garten würden ihr dann keinen Schutz mehr bieten. Natürlich war da noch das
Haus ihres Onkels mit seinen vielen
Zimmern, aber Eliza fiel es schwer zu schreiben, wenn sich ständig jemand in der
Nähe aufhielt. Manchmal wähnte man sich allein, nur um plötzlich festzustellen,
dass ein Dienstmädchen vor
dem Kamin hockte und das Feuer schürte. Oder ihr Onkel, der
stumm in einer dunklen Ecke in einem Sessel saß.
Regen klatschte auf Elizas Füße. Sie schlug ihr Notizheft zu
und stampfte ärgerlich auf dem Steinboden auf. Sie musste einen
geschützteren Ort finden. Sie betrachtete die rote Haustür hinter
ihr. Wieso war es ihr nicht schon eher aufgefallen? Im Türschloss
steckte ein großer, kunstvoll gefertigter Messingschlüssel. Ohne
zu zögern, drehte Eliza ihn um. Das Schloss reagierte. Sie ergriff
den Türknauf, der sich weich und seltsamerweise ganz warm anfühlte, und drehte ihn.
Ein Klicken, und die Tür öffnete sich wie
durch Zauberhand.
Eliza trat über die Schwelle in das dunkle, trockene Haus.
Linus saß unter einem schwarzen Regenschirm und wartete. Er
hatte Eliza den ganzen Tag nicht gesehen und wurde zunehmend
nervös. Aber sie würde kommen, daran bestand kein Zweifel.
Davies hatte gesagt, sie habe in den Garten gehen wollen, und
von dort führte nur ein Weg zurück. Linus schloss die Augen und
373
gab sich der Erinnerung an eine Zeit hin, als Georgiana jeden Tag
im Garten verschwunden war. Immer und immer wieder hatte sie
ihn gebeten, mitzukommen und sich anzusehen, was sie alles
gepflanzt hatte, doch er hatte ihr den Wunsch jedes Mal abgeschlagen. Aber er hatte
auf sie gewartet, hatte Wache gehalten,
bis sein Püppchen wieder aus den Hecken aufgetaucht war. Was
für eine köstliche Empfindung war es doch gewesen, diese seltsame Mischung aus
Schamgefühl und Freude, wenn seine
Schwester aus den Hecken auftauchte.
Er öffnete die Augen und holte tief Luft. Dachte zuerst, er wäre
Opfer seines eigenen Wunschdenkens geworden, doch nein, es
war Eliza, die, tief in Gedanken versunken, auf ihn zukam. Sie
hatte ihn noch nicht bemerkt. Seine trockenen Lippen hatten
Schwierigkeiten, das Wort zu formen, das er aussprechen wollte.
»Kind«, rief er.
Sie blickte verwundert auf. »Onkel«, sagte sie mit einem zaghaften Lächeln. Sie
ließ die Arme hängen, in einer Hand hielt sie
ein braunes Päckchen. »Es hat ganz plötzlich angefangen zu regnen.«
Ihr Rock war nass, und der durchsichtige Saum klebte ihr an
den Unterschenkeln. Linus konnte sich von dem Anblick nicht
losreißen. »Ich - ich hatte schon befürchtet, du wärst von dem
Unwetter überrascht worden.«
»Das wäre auch um ein Haar passiert. Aber ich konnte mich in
dem kleinen Haus in Sicherheit bringen, in dem Haus am anderen
Ende des Labyrinths.«
Nasses Haar, nasser Rock, nasse Knöchel. Linus schluckte,
stemmte seinen Gehstock in die feuchte Erde und erhob sich.
»Wohnt jemand in dem kleinen Haus, Onkel?« Eliza trat näher.
»Es wirkte so unbewohnt.«
Sie duftete nach Regen, Salz und Erde. Er musste sich auf seinen Stock lehnen, um
nicht zu stürzen. Sie stützte ihn. »Der Garten, mein Kind, erzähl mir vom Garten.«
374
»Ach, Onkel, wie dort alles wächst und gedeiht! Du musst
demnächst einmal mitkommen und dich auf die Bank zwischen
den Blumen setzen. Dann kannst du sehen, was ich alles gepflanzt habe.«
Ihre Hände an seinem Arm waren warm, ihr Griff fest. Er würde den Rest seines
Lebens dafür hergeben, wenn er diesen Augenblick für immer anhalten könnte, er und
seine Georgiana …
»Lord Mountrachet!« Thomas kam aufgeregt aus dem Haus
gelaufen. »Seine Lordschaft hätten mir sagen sollen, dass Sie Hilfe brauchen!«
Dann war es nicht länger Eliza, die ihn stützte, sondern Thomas. Und Linus konnte
nur zusehen, wie sie die Stufen erklomm
und die Eingangshalle betrat, kurz stehen blieb, um die Morgenpost durchzusehen,
und dann in seinem Haus verschwand.
7. NOVEMBER 1907
Meine liebste Eliza!
Was für aufregende Zeiten! Es ist so viel passiert, seit wir uns
zuletzt gesehen haben, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen
soll. Als Erstes möchte ich dich bitten, mir zu verzeihen, dass ich
in den vergangenen Wochen so wenig geschrieben habe. Der
Monat, den wir in New York verbracht haben, ist vorübergegangen wie im Flug, und
nachdem ich Dir kurz nach unserer Abreise
geschrieben habe, sind wir von einem solchen Sturm überrascht
375
worden, dass ich mich beinahe wieder zu Hause in Cornwall
wähnte. Der Donner und der heftige Regen! Ich war zwei Tage
lang in unserer Kabine ans Bett gefesselt, selbst Mama war ganz
grün im Gesicht und brauchte ständig Pflege. Stell dir das bloß
vor, was für eine verkehrte Welt: Mama liegt danieder, und die
kränkliche Rose muss sie pflegen.
Nachdem der Sturm sich endlich gelegt hatte, herrschte tagelang Nebel, der um das
Schiff herumwaberte wie ein riesiges
Meeresungeheuer. Ich musste die ganze Zeit an Dich denken,
liebste Eliza, und an die Geschichten, die Du Dir immer ausgedacht hast, als wir
Kinder waren, Geschichten von Meerjungfrauen und versunkenen Schiffen.
Jetzt, wo wir uns England nähern, hat der Himmel sich aufgehellt.
Aber nein. Warum schreibe ich einen Wetterbericht, wenn es
doch so viel anderes zu erzählen gibt? Die Frage kann ich beantworten: Ich schreibe
um den heißen Brei herum, zögere, Dir
die große Neuigkeit zu offenbaren. Aber ach, wo soll ich bloß anfangen …
Du erinnerst Dich vielleicht, liebe Eliza, aus meinem letzten
Brief, dass Mama und ich die Bekanntschaft gewisser bedeutender Persönlichkeiten
gemacht haben? Eine, Lady Dudmore, hat
sich tatsächlich als wichtig für uns entpuppt, ja, sie hat einen
richtigen Narren an mir gefressen. Sie hat Mama und mir eine
Reihe von Empfehlungsschreiben mitgegeben, und so wurden wir
in die feinsten Kreise der New Yorker Gesellschaft eingeführt. Du
ahnst ja nicht, was für schillernde Schmetterlinge wir waren und
wie wir von einer Party zur anderen geflattert sind …
Aber ich schweife schon wieder ab - ich brauche Dich weiß
Gott nicht mit Berichten über jede Soiree und jede Bridgepartie
zu langweilen! Eliza, meine Teuerste, ich werde es ohne weitere
Umschweife zu Papier bringen: Ich bin verlobt! Und, liebste Eliza, vor lauter
Glückseligkeit wage ich es kaum, den Mund zu öffnen, vor lauter Angst, dass mir
nichts Besseres einfällt, als von
376
meiner Liebe zu schwärmen. Und das werde ich nicht tun - nicht
hier, nicht jetzt. Ich werde meine tiefen Gefühle nicht mindern,
indem ich versuche, sie mit unzureichenden Worten zu beschreiben. Nein, lieber
werde ich warten, bis wir uns wiedersehen, und
dann werde ich Dir alles erzählen. Möge es Dir vorerst reichen,
wenn ich Dir versichere, liebe Cousine, dass ich auf einer großen, glitzernden
Wolke des Glücks schwebe.
Noch nie in meinem Leben habe ich mich so großartig gefühlt,
und das habe ich Dir zu verdanken, meine liebste Eliza - von
Cornwall aus hast Du Deinen Zauberstab geschwenkt und mir
meinen innigsten Wunsch erfüllt! Denn mein Verlobter (wie aufregend, diese beiden
Worte niederzuschreiben: mein Verlobter!)
ist vielleicht kein Mann, wie Du ihn Dir vorstellst. Zwar ist er gut
aussehend, klug und gütig, aber in finanzieller Hinsicht ist er mittellos. (Jetzt
wirst Du schon ahnen, warum ich Dich für eine
Hellseherin halte …) Er ist genauso wie der Mann, den Du in
dem Märchen Der goldene Käfig für mich ersonnen hast! Woher
hast Du bloß gewusst, dass mir einmal ein solcher Mann den
Kopf verdrehen würde?
Die arme Mama befindet sich in einem Schockzustand (auch
wenn sie bereits dabei ist, sich zu erholen). Nachdem ich ihr von
meiner Verlobung berichtet habe, hat sie mehrere Tage lang kein
Wort mehr mit mir gesprochen. Natürlich hatte sie einen Mann
für mich ins Auge gefasst, der eine viel bessere Partie gewesen
wäre, und sie will nicht einsehen, dass ich weder auf Geld noch
auf einen Adelstitel Wert lege. Das sind Dinge, die sie sich für
mich wünscht, und auch wenn ich gestehen muss, dass ich ihre
Träume einst geteilt habe, so tue ich das heute nicht mehr. Wie
soll ich auch, wenn mein Prinz zu mir gekommen ist und die Tür
zu meinem goldenen Käfig geöffnet hat?
Ich sehne mich danach, Dich wiederzusehen, Eliza, und mein
Glück mit Dir zu teilen. Du fehlst mir schrecklich.
379
ten, wie es sich für eine anständige junge Dame einfach nicht gehörte.
Auch Adeline fühlte sich regelrecht verfolgt von Nathaniels
Gesicht. Bei jedem Dinner, jeder Lesung und auf jeder Party, an
der sie teilnahmen, schaute sie sich als Allererstes unter den Anwesenden nach ihm
um. Die Angst hatte in ihrem Kopf eine
Schablone entstehen lassen, in der nur sein Gesicht deutlich zu
erkennen war, während alle anderen verschwammen. Manchmal
sah sie ihn sogar, wenn er gar nicht da war. Nachts träumte sie
von Werften und Schiffen und armen Familien. Manchmal spielten die Träume in
Yorkshire, und ihre eigenen Eltern traten darin
in der Rolle von Nathaniels Eltern auf. Ach, wie schrecklich verwirrt sie war. Wer
hätte gedacht, dass ihr so etwas jemals widerfahren würde?
Dann, eines Abends, geschah die Katastrophe. Sie hatten einen
Ball besucht, und während der ganzen Fahrt mit der Kutsche zurück zum Hotel war
Rose ungewöhnlich schweigsam gewesen.
Es war das typische Schweigen, an dem man erkennt, dass jemand im Begriff steht,
einen wichtigen Entschluss zu fassen, sich
über etwas Klarheit zu verschaffen. Oder aber über ein lange gehütetes Geheimnis
nachgrübelt, ehe er es in die Welt entlässt, wo
es dann großen Schaden anrichtet.
Der schreckliche Augenblick kam, als Rose sich zum Zubettgehen bereit machte.
»Mama«, sagte sie, während sie sich das Haar bürstete, »ich
möchte dir etwas mitteilen.« Dann die Worte, die gefürchteten
Worte. Unsterbliche Liebe … Schicksal … für immer und ewig
…
»Du bist noch jung«, fiel Adeline Rose hastig ins Wort. »Es ist
verständlich, dass du eine herzliche Freundschaft für Liebe
hältst.«
»Ich empfinde nicht nur Freundschaft, Mama.«
Adeline brach der Schweiß aus. »Das kann nur in einer Katastrophe enden. Er bringt
nichts mit in die …«
380
»Er bringt sich selbst mit in die Ehe, und das ist alles, was ich
brauche.«
Diese Beharrlichkeit, diese unfassbare Zuversicht. »Ein Beweis
für deine Naivität, meine liebe Rose, und für dein jugendliches
Alter.«
»Ich bin nicht zu jung, um zu wissen, was ich will, Mama. Ich
bin inzwischen neunzehn. Hast du mich nicht mit nach New York
genommen, damit ich den Mann finde, den das Schicksal für
mich bestimmt hat?«
»Dieser Mann ist dir nicht vom Schicksal bestimmt«, erwiderte
Adeline gepresst.
»Woher willst du das wissen?«
»Ich bin deine Mutter.« Wie kläglich das klang. »Du bist eine
solche Schönheit, stammst aus einer angesehenen Familie, und
doch gibst du dich freiwillig mit so wenig zufrieden?«
Rose seufzte leise, und es klang, als wolle sie das Gespräch
damit beenden. »Ich liebe ihn, Mama.«
Adeline schloss die Augen. Die Jugend! Was konnten die vernünftigsten Argumente
gegen die Macht dieser drei Worte ausrichten? Dass ihre Tochter, ihr kostbarster
Trumpf, sie so leicht
aussprechen konnte, noch dazu in Bezug auf einen derartigen
Mann!
»Und er liebt mich auch, Mama. Er hat es mir gesagt.«
Adeline blieb vor Schreck beinahe das Herz stehen. Die über
alles geliebte Tochter, geblendet von törichter Leidenschaft. Wie
sollte sie ihr beibringen, dass man das Herz eines Mannes nicht
so leicht gewinnen und erst recht nicht leicht behalten konnte?
»Du wirst schon sehen«, sagte Rose. »Ich werde bis an mein
Lebensende glücklich und zufrieden leben, genau wie die Prinzessin in Elizas
Märchen. Sie hat es aufgeschrieben, weißt du,
fast als hätte sie geahnt, dass es so kommen würde.«
Eliza! Adeline kochte vor Wut. Selbst hier, so weit weg von
England, stellte das Mädchen noch eine Gefahr dar. Ihr Einfluss
reichte bis über den Ozean hinaus, ihre bösen Einflüsterungen
381
ruinierten Roses Zukunft und verleiteten sie dazu, den größten
Fehler ihres Lebens zu begehen.
Adeline presste die Lippen zusammen. Sie hatte ihrer Tochter
nicht zahllose Male bei der Genesung von allen möglichen
Krankheiten beigestanden, nur um jetzt tatenlos mit anzusehen,
wie Rose sich für eine Ehe mit einem mittellosen Mann wegwarf.
»Du musst die Beziehung aufgeben. Er wird das verstehen. Er
muss von Anfang an gewusst haben, dass wir das nie und nimmer
gestatten würden.«
»Wir sind verlobt, Mama. Er hat um meine Hand angehalten,
und ich habe Ja gesagt.«
»Du wirst die Verlobung lösen.«
»Nein, das werde ich nicht.«
Adeline musste sich gegen die Wand lehnen. »Du wirst von
der Gesellschaft gemieden werden und im Haus deines Vaters
nicht mehr willkommen sein.«
»Dann bleibe ich eben hier, wo ich willkommen bin. Im Haus
von Nathaniels Familie.«
Wie hatte es so weit kommen können, dass ihre Rose solche
Dinge sagte? Dinge, die ihrer Mutter das Herz brachen. In Adelines Kopf drehte sich
alles, und sie musste sich hinsetzen.
»Tut mir leid, Mama«, sagte Rose ruhig, »aber ich werde meinen Entschluss nicht
rückgängig machen. Ich kann es nicht. Bitte,
verlang das nicht von mir.«
Danach hatten sie tagelang kein Wort miteinander gewechselt,
bis auf kleine höfliche Floskeln, die zu unterlassen für sie beide
undenkbar gewesen wäre. Rose glaubte, Adeline würde schmollen, aber das war nicht
der Fall. Vielmehr war sie tief in Gedanken versunken. Adeline war schon immer in
der Lage gewesen,
ihren Gefühlen mit Logik beizukommen.
Die Gleichung, mit der sie es hier zu tun hatte, war nicht lösbar, und deshalb
musste irgendein Faktor geändert werden. Wenn
das nicht Roses Entschluss war - und das erschien ihr zunehmend
unwahrscheinlich -, dann musste es der Verlobte sein. Er musste
382
in einen Mann verwandelt werden, der die Hand ihrer Tochter
verdiente, in jemanden, von dem die Leute mit Bewunderung
sprachen und möglichst sogar mit Neid. Und Adeline hatte das
Gefühl, dass sie genau wusste, wie sie das bewerkstelligen konnte.
Im Herzen jedes Mannes befindet sich eine Schwachstelle, ein
Abgrund des Begehrens, und der Drang, dieses Verlangen zu stillen, ist so
übermächtig, dass er alles andere im Leben eines Mannes überlagert. Adeline
vermutete, dass Nathaniel Walkers
Schwachstelle der Stolz war, und zwar von der gefährlichsten
Sorte, es war der Stolz des armen Mannes. Der Ehrgeiz, sich
selbst zu beweisen, nach Höherem zu streben und etwas Besseres
zu werden als sein Vater. Auch ohne die Angaben über seine Lebensgeschichte, die
Mrs Hastings ihr so süffisant unterbreitet hatte, war sich Adeline mit jedem Tag,
an dem sie Nathaniel Walker
erlebte, sicherer, dass sie mit ihrer Vermutung richtig lag. Sie sah
es an seinem Gang, an seinen sorgfältig blank gewienerten Schuhen, seinem
eilfertigen Lächeln und seinem lauten Lachen. Es
waren untrügliche Zeichen, die ihn als einen Mann verrieten, der
aus kleinen Verhältnissen stammte und an der glitzernden Welt
der besseren Kreise geschnuppert hatte. Einen Mann, dessen elegante Kleidung die
Haut der Armut verbarg.
Adeline durchschaute ihn so gut, weil sie dieselbe Schwachstelle besaß wie er. Und
sie wusste genau, was sie zu tun hatte.
Sie musste dafür sorgen, dass er jede nur erdenkliche Möglichkeit
erhielt. Sie würde seine glühendste Fürsprecherin werden, sie
würde ihn in die höchsten Kreise der Gesellschaft einführen und
seine Kunst anpreisen, bis er zum offiziellen Porträtmaler der Elite aufstieg. Mit
ihrer leidenschaftlichen Unterstützung, seinem
Charme und seinem guten Aussehen - ganz zu schweigen von
seiner Ehefrau Rose - würde er zweifellos Eindruck machen.
Und Adeline würde ihn nie vergessen lassen, in wessen Händen sein Glück lag.
383
Eliza ließ den Brief neben sich aufs Bett fallen. Rose war verlobt, würde bald
heiraten. Eigentlich hätte sie die Nachricht nicht
besonders überraschen sollen. Rose hatte oft von ihren Zukunftsträumen gesprochen,
ihrem Wunsch zu heiraten und eine Familie
zu gründen, ein eigenes Haus und eine eigene Kutsche zu besitzen. Und dennoch
überkam Eliza ein merkwürdiges Gefühl.
Sie schlug ihr neues Notizbuch auf und fuhr mit den Fingerspitzen leicht über die
erste Seite, die im Regen nass geworden
war und sich gewellt hatte. Mit dem Bleistift zeichnete sie eine
Linie quer über das Blatt und beobachtete abwesend, wie sie
dunkel wurde an den Stellen, wo das Papier feucht war, und hell,
wo es trocken war. Sie begann, eine Geschichte zu schreiben,
doch nach einer Weile legte sie ihr Heft wieder weg.
Schließlich lehnte sie sich zurück. Es hatte keinen Zweck, es
zu leugnen, sie hatte ein merkwürdiges Gefühl: Etwas lag ihr im
Magen, kantig und schwer und bitter. Sie fragte sich, ob sie sich
vielleicht eine Krankheit eingefangen hatte. Vielleicht lag es am
Regen? Mary hatte sie schon oft davor gewarnt, zu lange im
feuchten Wetter draußen zu bleiben.
Eliza starrte die Wand an. Rose, ihre Cousine, ihre Spielkameradin, ihre
Mitverschwörerin, würde heiraten. Wer würde Eliza in
ihrem geheimen Garten Gesellschaft leisten? Wem würde sie ihre
Geschichten erzählen? Mit wem würde sie ihr Leben teilen? Wie
konnte es sein, dass eine Zukunft, die sie sich so lebhaft ausgemalt hatten - Jahre
des gemeinsamen Reisens, erfüllt von Abenteuern und Geschichtenschreiben -, sich so
plötzlich und unwiderruflich als Trugbild entpuppte? Wie das Sonnenlicht in der
Abenddämmerung hatte sich ihre Zukunft mit einem leisen Seufzer einfach in
Wohlgefallen aufgelöst.
Ihr Blick fiel auf den kühlen Spiegel über der Frisierkommode.
Eliza schaute nicht oft in den Spiegel, und seit sie ihr Ebenbild
das letzte Mal betrachtet hatte, war etwas verloren gegangen. Sie
setzte sich auf und beugte sich vor. Musterte sich.
384
Dann plötzlich wurde ihr alles klar. Sie wusste, was ihr abhanden gekommen war. Das
Spiegelbild gehörte einer Erwachsenen,
in ihren Zügen konnte Sammy sich nirgendwo mehr verstecken.
Er war fort.
Und jetzt würde Rose sie auch verlassen. Wer war dieser
Mann, der ihr im Handumdrehen die beste Freundin gestohlen
hatte?
Schlimmer hätte Eliza sich nicht fühlen können, wenn sie eine
von den mit Gewürznelken gespickten Apfelsinen geschluckt hätte, die Mary immer als
Weihnachtsschmuck herstellte.
Neid war der Name des Klumpens in ihrem Magen. Sie beneidete den Mann, der Rose so
glücklich machte, dem mühelos gelungen war, worum sich Eliza so verzweifelt
bemühte, der es fertiggebracht hatte, dass ihre Rose sich plötzlich und gänzlich
von
ihr ab- und ihm zugewandt hatte. Neid. Eliza flüsterte das Wort
vor sich hin und spürte sein Gift in ihrem Mund.
Sie wandte sich wieder vom Spiegel ab, schloss die Augen und
versuchte mit aller Kraft, den Brief und die schreckliche Nachricht, die er
enthielt, zu vergessen. Sie wollte nicht neidisch sein,
wollte diesen kantigen Klumpen nicht ständig in sich spüren.
Denn Eliza wusste aus ihren eigenen Märchen, welches Schicksal
neidische Schwestern erwartete.
392
»In einem Garten. Den habe ich angelegt. Du hättest mal das
ganze Unkraut sehen sollen, als ich angefangen habe mit dem
Bepflanzen. Wir haben hier richtig geschuftet, stimmt’s, Davies?«
»Das stimmt allerdings, Miss Eliza«, sagte Davies und stellte
den Topf mit der Pflanze an der Gartenmauer ab.
»Das wird unser Garten, Rose, er wird dir und mir gehören.
Ein geheimer Ort, wo wir zu zweit ungestört sein können, genauso, wie wir es uns
als kleine Mädchen immer erträumt haben. Eine Mauer rundherum, zwei Tore mit dicken
Schlössern, unser eigenes kleines Paradies. Selbst wenn du krank bist, kannst du
herkommen, Rose. Die Mauer schützt vor dem rauen Seewind, und
dann kannst du die Vögel zwitschern hören, den Duft der Blumen
schnuppern und die Sonne im Gesicht spüren.«
Ihre Begeisterung war so ansteckend, dass ich unwillkürlich
anfing, mich nach einem solchen Garten zu sehnen. Als ich die
sorgfältig angelegten Beete betrachtete und die Pflanzen, die gerade angefangen
hatten zu knospen, konnte ich mir das Paradies,
das Eliza mir ausmalte, genau vorstellen. »Als ich noch ganz
klein war, habe ich manchmal Leute von einem geheimen Garten
auf dem Anwesen reden hören«, sagte ich, »aber ich habe das
immer für ein Märchen gehalten.«
»Es ist kein Märchen«, erwiderte Eliza mit leuchtenden Augen.
»Er ist immer da gewesen, und jetzt werden wir ihn zu neuem Leben erwecken.«
Die beiden mussten tatsächlich hart gearbeitet haben. Wenn
sich wirklich niemand um den Garten gekümmert hatte, wenn er
seit … Dann fiel mir wieder ein, was ich als Kind über den Garten gehört hatte, und
plötzlich wusste ich genau, wessen Garten
das gewesen war.
»Ach, Eliza«, sagte ich hastig. »Du musst vorsichtig sein, wir
beide müssen vorsichtig sein. Lass uns ganz schnell von hier verschwinden und nie
wieder herkommen. Wenn Vater erfährt, dass
…«
»Der weiß doch längst Bescheid«, fiel Eliza mir ins Wort.
393
Ich war völlig entgeistert und habe sie wohl etwas schärfer angesehen als
beabsichtigt. »Was willst du damit sagen?«
»Onkel Linus persönlich hat Davies angewiesen, mir den Garten zu überlassen. Er hat
Davies gebeten, das Gestrüpp vor dem
Tor zu entfernen, damit wir uns an die Arbeit machen konnten.«
»Aber Vater hat jedem im Haus verboten, den Garten hinter
der Mauer zu betreten.«
Eliza zuckte die Achseln, diese Geste, die so typisch für sie ist
und die Mama so verabscheut. »Dann hat er eben seinem Herzen
einen Ruck gegeben und es sich anders überlegt.«
Seinem Herzen einen Ruck gegeben. Wie merkwürdig das
klang im Zusammenhang mit Vater. Es war das Wort Herz. Bis
auf das eine Mal, als ich mich unter seinem Schreibtisch versteckt
hatte und hörte, wie er um seine Schwester, um sein Püppchen
weinte, kann ich mich nicht erinnern, Vater auch nur ein einziges
Mal in einer Verfassung erlebt zu haben, die darauf schließen
ließe, dass er ein Herz besitzt. Dann wurde mir auf einmal alles
klar, und ich spürte einen seltsamen Klumpen im Magen. »Weil
du ihre Tochter bist.«
Aber Eliza hat mich gar nicht gehört. Sie war bereits dabei,
den großen Blumentopf auf ein Loch zuzuschieben, das sie vor
der Mauer ausgehoben hatte.
»Das hier ist unser erster Baum«, rief sie mir zu. »Wir werden
das Ereignis mit einer Zeremonie begehen. Deswegen war es mir
so wichtig, dass du heute hier bist. Dieser Baum wird immer weiterwachsen, egal, wo
das Leben uns hinführt, und er wird uns nie
vergessen: Rose und Eliza.«
Davies kam und reichte mir einen kleinen Spaten. »Es ist Miss
Elizas Wunsch, dass Sie als Erste einen Spaten voll Erde auf die
Wurzeln des Baums werfen, Miss Rose.«
Miss Elizas Wunsch. Wie hätte ich mich einer solchen Macht
widersetzen sollen?
»Was für ein Baum ist es denn überhaupt?«, fragte ich.
»Ein Apfelbaum.«
394
Ich hätte es mir denken können. Eliza hat schon immer etwas
für Symbole übrig gehabt, und Äpfel sind schließlich die ersten
Früchte des Paradieses.
Julia blickte auf, und eine Träne lief ihr über die Wange. Sie
schniefte lächelnd. »Ich habe Rose so in mein Herz geschlossen.
Geht es Ihnen nicht auch so, dass Sie ihre Gegenwart spüren?«
Cassandra erwiderte das Lächeln. Sie hatte einen Apfel von
dem Baum gegessen, den ihre Urgroßmutter vor fast hundert Jahren zusammen mit Eliza
Makepeace gepflanzt hatte. Sie errötete
leicht, als der Gedanke an den Apfel ihre Erinnerung an den seltsamen Traum wieder
weckte. Die ganze Woche über, während
sie Seite an Seite mit Christian gearbeitet hatte, war es ihr gelungen, den Traum
zu verdrängen, und sie hatte schon geglaubt, sie
wäre ihn losgeworden.
»Und jetzt sind Sie diejenige, die den Garten wieder in Ordnung bringt. Wie
wunderbar. Was Rose wohl sagen würde, wenn
sie das wüsste?« Julia zog ein Papiertaschentuch aus einer
Schachtel neben dem Sessel und schnäuzte sich die Nase. »Verzeihen Sie«, sagte sie,
während sie sich die Augen wischte. »Es
ist einfach alles so romantisch.« Sie musste lachen. »Schade, dass
Sie nicht auch einen Davies haben, der Ihnen bei der Arbeit
hilft.«
»Er ist zwar kein Davies, aber es gibt jemanden, der mir hilft«,
sagte Cassandra. »Seit einer Woche kommt er jeden Nachmittag
und packt mit an. Ich habe ihn und seinen Bruder Michael kennengelernt, als sie
einen umgestürzten Baum weggeschafft haben.
Ich glaube, sie kennen die beiden. Robyn Jameson meinte, die
Brüder würden auch Ihre Gartenanlagen pflegen.«
»Ach, die Brüder Blake. Ja, das stimmt allerdings, und ich
muss gestehen, es ist eine Freude, ihnen bei der Arbeit zuzusehen. Dieser Michael
ist ein ziemlicher Charmeur, nicht wahr?
Wenn ich nicht aufgehört hätte, Bücher zu schreiben, würde Michael mir als Vorbild
für einen Frauenheld dienen.«
395
»Und Christian?« Obwohl sie sich sehr bemühte, die Frage
ganz beiläufig klingen zu lassen, spürte Cassandra, wie sie errötete.
»Der wäre in meinem Roman auf jeden Fall der jüngere, klügere, stillere Bruder, der
am Ende alle mit seinem Mut überrascht
und das Herz der Heldin gewinnt.«
Cassandra lächelte. »Welche Rolle ich in Ihrem Buch spielen
würde, frage ich lieber erst gar nicht.«
»Dafür sage ich Ihnen, welche Rolle mir zufallen würde.« Julia
stieß einen tiefen Seufzer aus. »Ich wäre die alternde Schönheit,
die sowieso keine Chance hat, den Helden für sich zu gewinnen,
und deshalb der Heldin zu ihrem Glück verhilft.«
»Das Leben wäre so viel einfacher, wenn alles wie im Märchen
verlaufen würde«, sagte Cassandra, »und jeder seine festgelegte
Rolle hätte.«
»Aber genauso ist es doch, wir glauben nur alle, es wäre nicht so.
Selbst wer steif und fest behauptet, dass so etwas wie eine festgelegte Rolle nicht
existiert, entspricht einem Klischee: dem des
trockenen Pedanten, der auf seine Einzigartigkeit pocht!«
Cassandra trank einen Schluck Wein. »Sie glauben also nicht,
dass es so etwas wie Einzigartigkeit gibt?«
»Jeder ist einzigartig, nur auf andere Weise, als wir uns das
vorstellen.« Julia lächelte und machte eine Handbewegung, die
ihre Armbänder zum Klimpern brachte. »Gott, wenn man mich
reden hört - natürlich gibt es unterschiedliche Charaktere. Christian Blake zum
Beispiel, der ist gar nicht Gärtner von Beruf, wissen Sie. Er arbeitet in Oxford im
Krankenhaus. Hat er jedenfalls
bis vor Kurzem. Er ist Arzt, mit welchem Fachgebiet, hab ich
vergessen. Die Bezeichnungen für die einzelnen Fachärzte sind
so kompliziert, dass man sie sich kaum merken kann, nicht
wahr?«
Cassandra richtete sich auf. »Wie kommt denn ein Arzt dazu,
Bäume zu fällen?«
396
»Genau das frage ich mich auch. Als Michael mir mitteilte,
dass sein Bruder neuerdings für ihn arbeiten würde, habe ich keine Fragen gestellt,
aber neugierig hat es mich schon gemacht.
Was bringt einen jungen Mann dazu, so mir nichts dir nichts den
Beruf zu wechseln?«
Cassandra schüttelte den Kopf. »Vielleicht hat er es sich einfach anders überlegt?«
Julia legte den Kopf schief. »Ziemlich extreme Entscheidung,
würde ich sagen.«
»Vielleicht ist ihm irgendwann klar geworden, dass ihm der
Arztberuf keinen Spaß macht.«
»Möglich, aber darauf hätte er doch in all den Jahren des Studiums schon kommen
können.« Julia lächelte hintersinnig. »Ich
glaube, sein Berufswechsel hat einen ganz anderen Grund. Allerdings war ich mal
Schriftstellerin, und alte Angewohnheiten sind
hartnäckig. Ich kann nicht verhindern, dass meine Fantasie immer
wieder mit mir durchgeht.« Sie zeigte auf Cassandra, ohne ihr
Ginglas abzustellen. »Geheimnisse, meine Liebe, machen einen
Menschen interessant.«
Cassandra musste an Nell denken und an die Geheimnisse, die
sie gewahrt hatte. Wie hatte sie das aushalten können, endlich
herauszufinden, wer sie war, und keiner Menschenseele davon zu
erzählen? »Ich wünschte, meine Großmutter hätte die Tagebücher
lesen können, bevor sie starb. Sie hätten ihr so viel bedeutet, es
wäre für sie bestimmt beinahe so gewesen, als könnte sie die
Stimme ihrer Mutter hören.«
»Ich denke schon die ganze Woche über Ihre Großmutter
nach«, sagte Julia. »Seit Sie mir diese Geschichte erzählt haben,
frage ich mich, was Eliza dazu gebracht haben kann, die kleine
Ivory zu entführen.«
»Und? Zu welchem Schluss sind Sie gekommen?«
»Neid«, sagte Julia. »Je länger ich mir den Kopf darüber zerbreche, umso mehr bin
ich davon überzeugt. Neid ist ein sehr
überzeugendes Motiv, und Eliza hatte weiß Gott genug Gründe,
397
auf Rose neidisch zu sein: Roses Schönheit, ihr talentierter Ehemann, ihr
Geburtsrecht. Ihre ganze Kindheit über muss Eliza Rose als ein Mädchen erlebt
haben, das alles besaß, was sie selbst
nicht hatte: wohlhabende Eltern, ein großartiges Haus, eine Liebenswürdigkeit, für
die sie von den Leuten verehrt wurde. Und
dann zu erleben, wie Rose, kaum dass sie erwachsen ist, so plötzlich heiratet, noch
dazu einen Mann, der äußerst attraktiv gewesen sein muss, und schließlich eine süße
kleine Tochter zur Welt
bringt … Lieber Himmel, selbst ich könnte auf Rose neidisch
werden! Stellen Sie sich bloß mal vor, wie das für Eliza gewesen
sein muss - die nach allem, was man über sie weiß, wohl ein
ziemlich schräger Vogel war.« Sie trank ihr Glas aus und stellte
es mit Nachdruck ab. »Ich versuche nicht zu rechtfertigen, was
sie getan hat, ganz und gar nicht, ich sage nur, dass es mich nicht
wundert.«
»Es ist zumindest die nächstliegende Antwort, nicht wahr?«
»Und die nächstliegende Antwort ist gewöhnlich die richtige.
Es steht alles in den Tagebüchern - na ja, man kann es finden,
wenn man weiß, wonach man sucht. Von dem Augenblick an, als
Rose erfahren hat, dass sie schwanger ist, hat Eliza sich immer
mehr von ihr zurückgezogen. Und nach Ivorys Geburt erwähnt
Rose Eliza kaum noch. Es muss Rose sehr bedrückt haben - Eliza
war für sie wie eine Schwester, und plötzlich, in einer Zeit, die
für Rose so etwas ganz Besonderes ist, zieht sie sich zurück.
Packt ihre Sachen und verschwindet.«
»Wohin denn?«, fragte Cassandra verwundert.
»Irgendwo nach Übersee, glaube ich.« Julia runzelte die Stirn.
»Obwohl ich mir jetzt, wo Sie danach fragen, nicht mehr ganz
sicher bin, dass Rose ausdrücklich schreibt …« Sie machte eine
wegwerfende Handbewegung. »Aber das ist eigentlich auch egal.
Tatsache ist, dass sie fortging, als Rose schwanger war, und erst
nach Ivorys Geburt zurückgekehrt ist. Die Freundschaft zwischen
den beiden Frauen war nie wieder wie früher.«
398
Cassandra gähnte und rückte ihr Kopfkissen noch einmal zurecht. Ihre Augen
schmerzten vor Müdigkeit, aber sie war fast am
Ende des Jahres 1907 angelangt und wollte das Tagebuch nicht
weglegen, wo doch nur noch wenige Seiten zu lesen blieben. Außerdem, je eher sie
sie las, desto besser. Zwar war Julia freundlicherweise bereit gewesen, ihr die
Hefte auszuleihen, aber sie
wusste nicht, für wie lange. Zum Glück war Roses Handschrift
im Gegensatz zu Nells gleichmäßig und deutlich. Cassandra trank
einen Schluck von ihrem mittlerweile nur noch lauwarmen Tee,
überschlug ein paar Seiten, die nur eingeklebte Stückchen Stoff,
Seidenband und Tüll und schwungvolle Unterschriftsproben
enthielten: Mrs Rose Mountrachet Walker, Mrs Walker, Mrs Rose
Walker. Cassandra musste lächeln - manche Dinge änderten sich
nie - und nahm sich die letzte Seite vor.
Ich habe gerade Tess von den d’Urbervilles noch einmal gelesen.
Es ist ein verwirrender Roman, von dem ich nicht behaupten
kann, dass er mir wirklich gefällt. Hardys Bücher enthalten so
brutale Stellen, das ist für meinen Geschmack einfach zu viel:
Letztlich bin ich trotz bester Absichten die Tochter meiner Mutter. Dass Angel zum
Christentum konvertiert, seine Heirat mit
Liza-Lu, der Tod des armen kleinen Sorrow - diese Dinge irritieren mich alle. Warum
bekommt Sorrow kein christliches Begräbnis? Kinder müssen doch nicht für die Sünden
ihrer Eltern büßen,
oder? Findet Hardy Angels Konversion richtig oder hat er seine
Zweifel? Und wie ist es möglich, dass Angel plötzlich nicht mehr
Tess, sondern ihre Schwester liebt?
Na ja, diese Dinge haben schon größere Geister ins Grübeln
gebracht, und ich habe die tragische Geschichte von der traurigen Tess nicht noch
einmal gelesen, um Literaturkritik zu üben.
Ich muss gestehen, dass ich den guten Mr Thomas Hardy zurate
gezogen habe in der Hoffnung, etwas darüber zu erfahren, was
mich erwartet, wenn Nathaniel und ich verheiratet sind. Genauer
gesagt, was wohl von mir erwartet wird. Ach, wie mir die Wan399
gen glühen, wenn ich an solche Fragen nur denke! Niemals würde ich es wagen, sie
auszusprechen. (Wenn ich mir vorstelle, was
Mama für ein Gesicht machen würde!)
Leider habe ich bei Mr Hardy nicht die erhofften Antworten
gefunden. Ich hatte die Stelle falsch in Erinnerung - Tess’ Entehrung wird nicht
sehr detailreich beschrieben. Es ist also nicht zu
ändern. Wenn mir kein anderer einfällt, an den ich mich Rat suchend wenden kann
(weder Mr James noch Mr Dickens werden
mir helfen können), bleibt mir nichts anderes übrig, als mich
blind in diesen dunklen Abgrund zu stürzen. Meine größte Angst
ist, dass Nathaniel Grund haben könnte, meinen Bauch zu betrachten. Ich kann nur
hoffen, dass das nicht der Fall ist. Eitelkeit
ist eine Sünde, ich weiß, aber ich kann mir nicht helfen. Denn
meine Male sind so hässlich, und er liebt doch meine helle Haut
so sehr.
Cassandra las die letzten Zeilen noch einmal. Was konnten das
für Male sein, von denen Rose schrieb? Muttermale vielleicht?
Oder Narben? Hatte irgendetwas anderes in dem Tagebuch gestanden, das einen Hinweis
darauf geben konnte? Sosehr sie sich
auch den Kopf zerbrach, sie konnte sich einfach nicht erinnern.
Es war zu spät am Abend, und sie war inzwischen so müde, dass
sie kaum noch einen klaren Gedanken fassen konnte.
Sie gähnte, rieb sich die Augen und schlug das Tagebuch zu.
Wahrscheinlich würde sie es nie erfahren, und vielleicht spielte es
auch gar keine Rolle. Noch einmal befühlte Cassandra den weichen Ledereinband,
genau wie Rose es sicherlich immer wieder
getan hatte, dann legte sie das Tagebuch auf ihrem Nachttisch ab
und schaltete das Licht aus. Schloss die Augen und glitt in einen
vertrauten Traum über hohes Gras, eine endlose Wiese und plötzlich, unerwartet, ein
Haus auf einer Klippe am Meer.
400
36 Pilchard Cottage Tregenna, 1975
Nell wartete vor der Tür, überlegte, ob sie noch einmal klopfen
sollte. Sie stand jetzt schon seit fünf Minuten hier, und allmählich
kam ihr der Verdacht, dass William Martin nichts von ihrer bevorstehenden
Anwesenheit an seinem Abendbrottisch ahnte, dass
die Einladung nichts weiter war als eine List von Robyn, mit der
sie wiedergutmachen wollte, was bei der letzten Begegnung
schiefgelaufen war. Sie konnte sich gut vorstellen, dass Robyn zu
der Sorte Menschen gehörte, die Missstimmungen, egal, welche
Ursache sie haben mochten, einfach nicht ertragen konnten.
Nell klopfte noch einmal. Setzte eine unbekümmerte Miene auf
für den Fall, dass irgendeiner von Williams Nachbarn sich über
diese merkwürdige Frau wundern sollte, die den ganzen Abend
lang vor der Tür stand und klopfte.
Schließlich machte William selbst ihr auf. Mit einem Küchentuch über der Schulter
und einem hölzernen Kochlöffel in der
Hand sagte er: »Ich habe gehört, Sie haben das Cottage gekauft.«
»Gute Nachrichten verbreiten sich schnell.«
Er musterte sie mit zusammengekniffenen Lippen. »Sie sind
verdammt stur, das hab ich meilenweit gegen den Wind gerochen.«
»So hat der Herrgott mich nun mal gemacht.«
Er nickte und schnaubte. »Also, dann kommen Sie mal rein,
sonst erfrieren Sie mir noch.«
Nell schälte sich aus ihrer regendichten Jacke und hängte sie an
einen Haken. Dann folgte sie William ins Wohnzimmer.
Küchendämpfe erfüllten das ganze Haus, und es roch zugleich
appetitlich und widerlich. Nach Fisch und Salz und noch irgendetwas.
»Ich habe einen Topf Fischsuppe auf dem Herd stehen«, sagte
William und schlurfte in die Küche. »Hab Sie bei all dem Blubbern und Brutzeln
nicht klopfen hören.« Lautes Klappern von
Töpfen und Pfannen, dann ein Fluchen. »Robyn wird gleich hier
401
sein.« Erneutes Geklapper. »Hat sich von diesem Kerl aufhalten
lassen.«
Die letzten Worte kamen ziemlich verächtlich. Nell ging in die
Küche und sah ihm zu, wie er in der dicken Suppe rührte. »Sie
mögen Robyns Verlobten nicht besonders?«
Er legte den Rührlöffel ab, tat den Deckel auf den Topf und
nahm seine Pfeife. Klaubte ein Stückchen Tabak vom Rand des
Pfeifenkopfs. »Nein, an dem Mann ist nichts auszusetzen. Außer
dass er nicht vollkommen ist.« Während er mit einer Hand seinen
gekrümmten Rücken stützte, ging er ins Wohnzimmer. »Haben
Sie Kinder? Enkelkinder?«, fragte er, als er sich an Nell vorbeischob.
»Eine Tochter, eine Enkelin.«
»Na, dann wissen Sie ja, wovon ich rede.«
Nell lächelte düster vor sich hin. Zwölf Tage waren vergangen,
seit sie aus Australien aufgebrochen war; sie fragte sich, ob Lesley überhaupt
schon bemerkt hatte, dass sie fort war. Wahrscheinlich nicht. Trotzdem nahm sie
sich vor, ihr eine Postkarte zu schicken. Die kleine Cassandra würde sich freuen.
Kinder konnten
sich für solche Dinge begeistern.
»Kommen Sie, Mädel«, rief William aus dem Wohnzimmer.
»Leisten Sie einem alten Mann ein bisschen Gesellschaft.«
Nell, ein Gewohnheitstier, wählte denselben Sessel, in dem sie
beim letzten Mal gesessen hatte. Sie nickte William zu.
Er erwiderte ihr Nicken.
Eine Weile saßen sie in freundschaftlichem Schweigen da. Der
Wind war stärker geworden und rüttelte an den Fenstern, wie um
die Stille im Raum zu unterstreichen. Nell zeigte auf das Gemälde über dem offenen
Kamin, ein Bild von einem Fischerboot mit
einem rot-weiß gestreiften Rumpf und dem Namen in schwarzen
Lettern auf der Seite. »Ist das Ihr Boot? Die Piskie Queen?«
»Allerdings«, sagte William. »Die Liebe meines Lebens, denke
ich manchmal. Wir beide haben einige schlimme Stürme gemeinsam durchgestanden.«
402
»Haben Sie das Boot immer noch?«
»Nein, seit ein paar Jahren nicht mehr.«
Wieder legte sich Schweigen über sie. William tätschelte seine
Brusttasche, dann zog er einen Beutel mit Tabak heraus und begann, seine Pfeife zu
stopfen.
»Mein Vater war Hafenmeister«, sagte Nell. »Ich bin mit
Schiffen aufgewachsen.« Plötzlich sah sie Haim vor sich, wie er
kurz nach dem Krieg in Brisbane am Kai stand, die Sonne im
Rücken, sodass seine Gestalt vor dem hellen Hintergrund wie ein
Schattenriss erschien mit seinen langen, irischen Beinen, den
großen, kräftigen Händen. »Das hat man irgendwann im Blut,
nicht wahr?«
»Ja, da haben Sie recht.«
Die Fensterscheiben klapperten, und Nell seufzte. Genug ist
genug, jetzt oder nie und ähnliche Redewendungen kamen ihr in
den Sinn: Sie mussten reinen Tisch machen, und diese Aufgabe
würde Nell zufallen, denn sie konnte sich nicht weiter mit solch
belanglosem Geplauder begnügen. »William«, sagte sie und
beugte sich vor. »Was ich neulich abends gesagt habe. Ich wollte
Ihnen nicht …«
Er hob eine schwielige Hand, die leicht zitterte. »Kein Problem.«
»Aber ich hätte nicht …«
»Nichts passiert.« Er klemmte sich die Pfeife zwischen die
Zähne, und damit war das Thema erledigt. Dann zündete er ein
Streichholz an.
Nell lehnte sich wieder in ihrem Sessel zurück: Wenn er es so
wollte, bitte sehr, aber sie war fest entschlossen, diesmal nicht zu
gehen, ohne ein weiteres Stück des Puzzles ergattert zu haben.
»Robyn meinte, Sie wollten mir etwas sagen.«
Der süße Duft des Pfeifentabaks breitete sich aus, als William
seine Pfeife anzündete. Er nickte. »Ich hätte es Ihnen schon letztes Mal sagen
sollen.« Sein Blick ruhte auf einem Punkt hinter
Nell, und sie musste sich beherrschen, um sich nicht umzudrehen
403
und nachzuschauen, was es war. »Aber Sie haben mich so überrumpelt. Es ist schon
lange her, dass jemand ihren Namen ausgesprochen hat.«
Eliza Makepeace. Die unausgesprochenen Laute schwebten
wie auf silbernen Flügeln zwischen ihnen.
»Es ist mehr als sechzig Jahre her, aber ich sehe sie heute noch
von dem Haus da oben herunterkommen und mit entschlossenen
Schritten ins Dorf gehen, das offene Haar im Wind.« Er hatte die
Lider beim Sprechen geschlossen, doch jetzt öffnete er die Augen
wieder und schaute Nell an. »Ich nehme an, das sagt Ihnen nicht
viel, aber damals - na ja, es kam nicht oft vor, dass jemand aus
dem Herrenhaus sich in die Niederungen des Dorfs begab. Aber
Eliza«, er räusperte sich. »Eliza benahm sich, als wäre es das Natürlichste auf der
Welt. Die war nicht wie die anderen da oben.«
»Sie haben sie also gekannt?«
»Ich habe sie gut gekannt, zumindest so gut, wie man ihresgleichen kennen konnte.
Ich habe sie kennengelernt, als sie gerade
siebzehn war. Meine kleine Schwester Mary arbeitete damals
oben im Herrenhaus und hat Eliza einmal, als sie ihren freien
Nachmittag hatte, mitgebracht.«
Nell musste sich sehr beherrschen, um sich ihre Aufregung
nicht anmerken zu lassen. Endlich mit jemandem zu sprechen,
der Eliza persönlich gekannt hatte. Der ihr sogar eine Beschreibung von ihr geben
konnte, die das heimliche Gefühl bestätigte,
das nur verschwommen in ihrer Erinnerung existierte. »Wie war
sie denn so, William?«
Er kratzte sich am Kinn, und das Geräusch, als er sich durch
seinen Bart strich, berührte etwas in Nell. Für den Bruchteil einer
Sekunde war sie wieder fünf Jahre alt und saß auf Haims Schoß,
den Kopf an sein stacheliges Kinn gelehnt. William lächelte und
zeigte dabei seine großen, vom Tabak gebräunten Zähne. »Anders als alles, was man
kannte. Sie war einzigartig. Wir alle hier
im Dorf erzählen gern Geschichten, aber die Geschichten, die sie
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sich immer ausdachte, waren einfach unglaublich. Sie war lustig,
mutig, überraschend.«
»War sie schön?«
»Ja, und schön war sie auch.« Ihre Blicke begegneten sich
flüchtig. »Sie hatte rotes Haar, so lang, dass es ihr bis zur Taille
reichte.« Er zeigte es mit seiner Pfeife an. »Sie saß gern auf dem
großen, schwarzen Felsen in der Bucht und schaute aufs Meer
hinaus. An klaren Tagen konnten wir sie dort sitzen sehen, wenn
wir in den Hafen zurückkehrten. Dann hat sie uns immer zugewinkt und sah wahrhaftig
aus wie die Königin der Kobolde.«
Nell lächelte. »Die Königin der Kobolde - Die Piskie Queen.«
William tat, als interessierte er sich intensiv für die Rillen im
Stoff seiner Cordhose und grunzte vor sich hin.
Plötzlich wurde Nell klar: Das war kein Zufall.
»Robyn müsste jeden Augenblick hier sein«, sagte William,
ohne zur Tür zu sehen. »Dann trinken wir eine Tasse Tee.«
»Haben Sie Ihr Boot nach ihr benannt?«
Williams Mund öffnete sich und schloss sich wieder. Er seufzte. Es war der Seufzer
eines jungen Mannes.
»Sie waren in sie verliebt.«
Er ließ die Schultern hängen. »Sicher war ich in sie verliebt«,
antwortete er trocken. »Wie jeder junge Mann, der sie je zu Gesicht bekommen hat.
Ich sagte ja bereits, sie war anders als alle
anderen. Die Regeln, die für uns normale Menschen galten, interessierten sie nicht
die Bohne. Sie hat immer nach dem gehandelt,
was ihre Gefühle ihr sagten - und sie hatte eine Menge Gefühle.«
»Und war sie, ich meine, waren Sie mit ihr …«
»Ich war mit einer anderen verlobt.« Sein Blick wanderte zu
einem gerahmten Foto an der Wand, einem Bild von einem jungen Paar in
Hochzeitskleidung, sie sitzend, er hinter ihr stehend.
»Cecily und ich waren damals schon seit mehreren Jahren ein
Paar. So ist das halt auf dem Dorf. Man wächst neben einem
Mädchen auf, man spielt zusammen auf den Klippen, und ehe
man sich’s versieht, ist man schon drei Jahre verheiratet, und das
405
zweite Kind ist unterwegs.« Er stieß einen tiefen Seufzer aus, der
seine Schultern zusammensacken und seinen Pullover plötzlich
zu groß aussehen ließ.»Als ich Eliza kennenlernte, geriet für mich
die Welt aus den Angeln. Besser kann ich es nicht beschreiben.
Es war, als hätte sie mich verhext, ich konnte an nichts anderes
mehr denken.« Er schüttelte den Kopf. »Ich hatte Cecily wirklich
sehr lieb, aber für Eliza hätte ich sie auf der Stelle verlassen.« Er
schaute Nell kurz an, wandte sich dann wieder ab. »Ich bin nicht
stolz darauf, es klingt verdammt treulos. Und das war es auch, ja,
das war es.« Er wandte sich Nell wieder zu. »Aber man kann einem jungen Mann seine
Gefühle nicht vorwerfen, oder?«
Als er sie mit seinem Blick durchbohrte, spürte Nell, dass sich
etwas in ihr sträubte. Sie verstand: Er sehnte sich schon so lange
nach einer Absolution. »Nein«, sagte sie. »Nein, das kann man
nicht.«
William seufzte erneut und sagte so leise, dass Nell sich vorbeugen musste, um ihn
zu verstehen: »Manchmal will der Körper
Dinge, die der Verstand nicht erklären, sich nicht einmal bewusst
machen kann. Ich habe nur noch an Eliza gedacht, ich konnte
nicht anders. Es war wie, es war wie eine …«
»Sucht?«
»Ja, genau. Ich hatte das Gefühl, nur mit ihr glücklich werden
zu können.«
»Hat sie dasselbe für Sie empfunden?«
Er hob die Brauen und lächelte wehmütig. »Wissen Sie, eine
Zeit lang dachte ich tatsächlich, es wäre so. Sie hatte so eine gewisse Art, so
eine intensive Ausstrahlung, und wenn man mit ihr
zusammen war, gab sie einem das Gefühl, dass es keinen Ort auf
der ganzen Welt gab, an dem sie sich in dem Moment lieber aufhalten würde, und
niemanden, mit dem sie lieber zusammen gewesen wäre.« Er lachte, und es klang ein
wenig bitter. »Ich habe
meinen Irrtum schon bald einsehen müssen.«
»Was ist passiert?«
406
Er schürzte die Lippen, und eine Schrecksekunde lang fürchtete Nell schon, er würde
nichts mehr preisgeben. Als er fortfuhr,
atmete sie erleichtert auf. »Es war an einem Winterabend. Muss
1908 oder 1909 gewesen sein. Ich hatte einen harten Tag auf dem
Kutter hinter mir, hatte einen großen Fang eingefahren und anschließend mit ein
paar Kumpels ordentlich gefeiert. Der Alkohol
hatte mich mutig gemacht, und dann bin ich auf die Klippe rauf.
Ziemlich riskant, der Weg war verdammt schmal damals. Das
war noch keine Straße und eigentlich nur was für eine Bergziege,
aber das war mir egal. Ich hatte mir in den Kopf gesetzt, ihr einen
Heiratsantrag zu machen.« Seine Stimme zitterte. »Aber als ich
beim Haus ankam, sah ich durchs Fenster …«
Nell beugte sich vor.
Er lehnte sich zurück. »Na ja, die Geschichte werden Sie ja
kennen.«
»Jemand anders war bei ihr?«
»Und zwar nicht irgendjemand anders.« Er brachte die Worte
nur schwer heraus. »Es war ein Verwandter von ihr.« William
rieb sich ein Auge, betrachtete seinen Finger, als suchte er nach
einem Staubkörnchen. »Sie waren gerade dabei …« Er schaute
Nell an. »Sie können sich schon denken, was ich meine.«
Ein Geräusch von draußen, gefolgt von einem kühlen Luftzug.
Dann ertönte Robyns Stimme von der Tür her: »Es wird allmählich richtig kalt
draußen.« Sie betrat das Wohnzimmer. »Tut mir
leid, dass ich so spät dran bin.« Erwartungsvoll schaute sie erst
William, dann Nell an, während sie sich mit der Hand über ihr
vom Nebel feuchtes Haar fuhr. »Alles in Ordnung hier?«
»Könnte nicht besser sein, meine Liebe«, sagte William mit einem kurzen Seitenblick
in Nells Richtung.
Nell nickte. Sie hatte nicht die Absicht, das Geheimnis eines
alten Mannes auszuplaudern.
»Ich wollte gerade die Suppe auftragen«, verkündete William.
»Komm und lass dich mal von dem alten Gump ansehen.«
407
»Gump! Ich hatte dir doch gesagt, dass ich den Tee machen
würde. Ich hab alles mitgebracht.«
Gump knurrte etwas in seinen Bart und stand ächzend auf.
»Wenn du erst mal mit diesem Kerl zugange bist, weiß man doch
nie, wann der alte Gump dir wieder in den Sinn kommt. Ich hab
mir gesagt, wenn ich mich nicht selbst um alles kümmere, krieg
ich heute Abend womöglich überhaupt nichts zwischen die Zähne.«
»Ach, Gump«, schalt Robyn ihn liebevoll, als sie ihre Tasche
mit den Einkäufen in die Küche trug. »Du bist vielleicht eine
Marke. Wann hätte ich dich denn jemals vergessen?«
»Du nicht, mein Kind.« Er schlurfte hinter ihr her. »Aber dein
Verehrer. Der ist ein Schaumschläger wie alle Anwälte.«
Während die beiden sich über Henrys Tauglichkeit als Robyns
Verlobter kabbelten und darüber, ob William noch rüstig genug
war, um sich selbst eine Fischsuppe zu kochen, ging Nell noch
einmal alles durch, was der alte Mann ihr erzählt hatte. Inzwischen begriff sie,
warum er behauptete, das Haus sei irgendwie
mit einem Makel behaftet, denn für ihn verhielt es sich zweifellos
so. Aber sein Geständnis hatte William von seiner Geschichte
abgebracht, und Nell musste ihn irgendwie wieder auf den richtigen Pfad lenken.
Dabei spielte es eigentlich gar keine Rolle, mit
wem genau Eliza an jenem Abend zusammen gewesen war, so
neugierig Nell auch sein mochte, es zu erfahren. Wenn sie William zu sehr drängte,
würde er sich nur sperren. Das durfte sie auf
keinen Fall riskieren, nicht ehe sie in Erfahrung gebracht hatte,
was Eliza dazu veranlasst haben könnte, Rose und Nathaniel
Walker ihr Kind - nämlich sie, Nell - wegzunehmen und nach
Australien in ein völlig anderes Leben zu schicken.
»So, jetzt gibt’s was zu essen.« Robyn erschien mit drei dampfenden Suppentellern
auf einem Tablett.
William folgte ihr leicht verlegen und ließ sich in seinen Sessel
sinken. »Ich mache immer noch die beste Fischsuppe diesseits
von Polperro.«
408
Robyn sah Nell mit hochgezogenen Brauen an. »Niemand hat
je daran gezweifelt, Gump«, sagte sie, während sie Nell einen
Teller reichte.
»Nur an meiner Fähigkeit, sie von der Küche ins Wohnzimmer
zu tragen«, knurrte er.
Robyn seufzte theatralisch. »Mensch, Gump, wir wollen dir
doch nur ein bisschen helfen.«
Nell knirschte mit den Zähnen. Sie musste unbedingt verhindern, dass es zu einem
richtigen Streit zwischen den beiden kam
und William sich wieder zurückzog. »Köstlich«, sagte sie laut,
nachdem sie einen Löffel von der Suppe probiert hatte. »Die perfekte Menge an
Worcestershiresoße.«
William und Robyn starrten sie an, die Löffel halb gehoben.
»Was ist?« Nell blickte von einem zum anderen. »Was ist
los?«
Robyn öffnete und schloss den Mund wie ein Fisch. »Die
Worcestershiresoße.«
»Das ist unsere geheime Zutat«, sagte William. »Schon seit
Generationen ein Familiengeheimnis.«
Nell hob entschuldigend die Schultern. »Meine Mutter hat
Fischsuppe gekocht und meine Großmutter ebenfalls, und da gehörte immer
Worcestershiresoße hinein. Wahrscheinlich war es
auch unsere geheime Zutat.«
William atmete langsam und geräuschvoll ein, und Robyn biss
sich auf die Lippe.
»Aber die Suppe schmeckt köstlich«, sagte Nell und nahm
noch einen Löffel. »Der Trick besteht darin, genau die richtige
Menge zu treffen.«
»Sagen Sie mal, Nell«, fragte Robyn und räusperte sich, bemüht, Williams Blick
auszuweichen. »Haben Sie in den Unterlagen, die ich Ihnen gegeben habe, irgendwas
Brauchbares gefunden?«
409
Nell lächelte dankbar. Robyn hatte sie gerettet. »Sie waren sehr
interessant. Vor allem der Zeitungsartikel über den Stapellauf
der Lusitania hat mir gefallen.«
Robyn strahlte. »Es muss ja so aufregend gewesen sein, auf so
einem wichtigen Dampfer mitzufahren. Sich vorzustellen, was
mit dem prächtigen Schiff passiert ist, einfach schrecklich.«
»Die Deutschen«, knurrte Gump mit vollem Mund. »Das war
ein Sakrileg, eine verdammte Barbarei.«
Nell konnte sich vorstellen, dass die Deutschen dasselbe über
die Bombardierung von Dresden sagen würden, aber das war weder der richtige Ort
noch der angemessene Zeitpunkt, um eine
solche Diskussion vom Zaun zu brechen. Also biss sie sich auf
die Zunge und unterhielt sich höflich mit Robyn über die Geschichte des Dorfs und
des Herrensitzes, bis Robyn sich entschuldigte, den Tisch abräumte und in die Küche
ging, um das
Dessert zu holen.
Nell sagte sich, dass dies ihre letzte Chance sein würde, mit
William allein zu reden, und nachdem Robyn außer Hörweite
war, ergriff sie die Gelegenheit beim Schopf. »William«, sagte
sie. »Ich muss Sie noch etwas fragen.«
»Schießen Sie los.«
»Sie haben Eliza doch gekannt …«
Er zog an seiner Pfeife, nickte kurz.
»Haben Sie irgendeine Erklärung dafür, warum sie mich entführt hat? Hat sie sich
selbst ein Kind gewünscht? Was meinen
Sie?«
William blies eine Rauchwolke aus, dann klemmte er sich die
Pfeife zwischen die Backenzähne. »Kann ich mir nicht vorstellen.
Sie war ein Freigeist. Nicht der Typ Frau, der von häuslichem
Glück mit Mann und Kind träumt, ganz zu schweigen davon, eines zu stehlen.«
»Wurde im Dorf darüber geredet? Hatte irgendjemand eine
Theorie?«
410
Er zuckte die Achseln. »Wir haben alle geglaubt, das Kind äh, Sie - wären an
Scharlach gestorben. Das hat überhaupt niemand jemals infrage gestellt.« Er zog an
seiner Pfeife. »Und was
Elizas Verschwinden angeht, dabei hat sich auch niemand groß
was gedacht. Es war schließlich nicht das erste Mal.«
»Nicht?«
»Sie war ein paar Jahre zuvor schon mal abgehauen.« Er schüttelte den Kopf, schaute
kurz zur Küche hinüber und flüsterte, ohne Nell anzusehen: »Hab mir immer ein
bisschen die Schuld daran gegeben. Es war kurz nach - kurz nach dem, was ich Ihnen
eben erzählt habe. Ich habe sie zur Rede gestellt, ihr gesagt, was
ich gesehen hatte, sie beschimpft. Sie hat mich schwören lassen,
niemandem davon zu erzählen, hat mir gesagt, ich würde das
nicht verstehen, es wäre nicht so, wie es ausgesehen hätte.« Er
lachte verbittert. »Das Übliche, was Frauen halt behaupten, wenn
man sie in flagranti erwischt.«
Nell nickte.
»Aber ich habe mein Versprechen gehalten und das Geheimnis
gewahrt. Kurz darauf hab ich dann im Dorf gehört, dass sie fortgegangen war.«
»Wohin denn?«
Er hob die Schultern. »Als sie schließlich zurückkam - ungefähr ein Jahr später -,
hab ich sie immer wieder danach gefragt,
aber sie wollte es mir nicht sagen.«
»Es gibt gleich Nachtisch!«, rief Robyn aus der Küche.
William beugte sich vor, nahm die Pfeife aus dem Mund und
zeigte damit auf Nell. »Deswegen habe ich Robyn gebeten, Sie
heute Abend hierher einzuladen, das wollte ich Ihnen sagen: Finden Sie raus, wo
Eliza war, ich schätze, dann werden Sie der Lösung des Rätsels ein ganzes Stück
näher kommen. Denn eins
kann ich Ihnen versichern: Wo auch immer sie gewesen ist, als
sie zurückkam, war sie ein anderer Mensch.«
»Inwiefern?«
411
Er schüttelte den Kopf. »Einfach anders, nicht mehr sie selbst.«
Er atmete aus, die Pfeife zwischen den Zähnen. »Irgendwas an ihr
war verloren gegangen, und sie ist nie wieder dieselbe gewesen
wie zuvor.«
412
Teil drei
37 Blackhurst Manor Cornwall, 1907
An dem Morgen, an dem Rose von ihrer New-York-Reise zurückerwartet wurde, ging
Eliza schon früh in den geheimen Garten. Die Novembersonne war noch nicht
vollständig erwacht, und
es war noch dämmrig, gerade hell genug, dass man das vom Tau
silbrige Gras erkennen konnte. Sie ging schnell, die Arme gegen
die Kälte vor der Brust gekreuzt. Es hatte in der Nacht geregnet,
und die Wege waren voll tiefer Pfützen, die sie mied, so gut es
ging. Sie öffnete das quietschende Tor zum Labyrinth und
schlüpfte hindurch. Zwischen den hohen Hecken war es noch
dunkler, aber Eliza hätte sich selbst im Schlaf noch in dem Labyrinth
zurechtgefunden. Normalerweise liebte sie die Stunde des
Zwielichts, wenn die Nacht der Dämmerung wich, aber diesmal
war sie zu sehr in Gedanken vertieft, um darauf zu achten. Seit
Rose ihr in ihrem letzten Brief von ihrer Verlobung berichtet hatte, kämpfte Eliza
mit ihren Gefühlen. Ein Stachel der Eifersucht
saß in ihrem Inneren und ließ sie keine Ruhe mehr finden. Jeden
Tag, wenn sie an Rose dachte, wenn sie den Brief wieder und
wieder las und sich die Zukunft ausmalte, kam die Angst und erfüllte sie mit ihrem
Gift.
Denn mit Roses Brief hatte Elizas Welt eine andere Farbe angenommen. Wie in dem
Kaleidoskop im Kinderzimmer, das sie
einst so entzückt hatte, hatten all die bunten Splitter sich mit einer
einzigen Drehung zu einem völlig neuen Bild zusammengesetzt.
Hatte sie sich eine Woche zuvor noch ganz sicher gefühlt, einge413
bettet in die Gewissheit, dass sie und Rose unzertrennlich waren,
fürchtete sie jetzt, wieder ganz allein zu sein.
Als sie den Garten erreichte, sickerte das erste Licht durch das
herbstlich dünne Laubdach. Eliza holte tief Luft. Sie war in den
Garten gekommen, weil sie sich hier beruhigen konnte, und an
diesem Tag hoffte sie mehr denn je, dass er diesen Zauber auf sie
ausüben würde.
Sie wischte mit der Hand über die kleine, noch regennasse
Gartenbank und setzte sich auf die Kante. Der Apfelbaum hing
voll mit glänzenden, orangeroten Früchten. Sie könnte ein paar
Äpfel für die Köchin pflücken, vielleicht auch Unkraut jäten oder
die Wicken hochbinden. Sich mit irgendetwas beschäftigen, das
sie von Roses Ankunft ablenken, ihr die nagende Angst nehmen
könnte, dass Rose bei ihrer Rückkehr nicht mehr dieselbe sein
würde.
Denn seit Roses Brief angekommen war und Eliza mit ihrer Eifersucht gerungen hatte,
war ihr bewusst geworden, dass es nicht
der Mann war, Nathaniel Walker, den sie fürchtete, nein, es war
Roses Liebe zu ihm. Dass Rose heiraten würde, konnte sie ertragen, aber nicht die
Vorstellung, dass Rose ihre Liebe von nun an
Nathaniel schenken würde. Elizas größte Angst war, dass Rose,
die sie immer geliebt hatte, einen Ersatz für sie gefunden hatte
und keine Cousine mehr brauchte.
Sie zwang sich, durch den Garten zu schlendern und ihre
Pflanzen zu begutachten. Die Glyzinie warf ihre Blätter ab, der
Jasmin war verblüht, aber der Herbst war mild, und die rosafarbenen Rosen standen
noch immer in voller Blüte. Eliza trat näher,
nahm eine halb geöffnete Rose zwischen die Finger und betrachtete lächelnd den
Regentropfen, der zwischen den Blütenblättern
hängen geblieben war.
Plötzlich kam ihr ein Gedanke. Sie musste einen Strauß pflücken, ein
Willkommensgeschenk für Rose. Ihre Cousine liebte
Blumen, aber vor allem würde Eliza Blumen aussuchen, die ihre
Freundschaft symbolisierten. Die eichblättrige Geranie für
414
Freundschaft, rosafarbene Rosen für Glück, Vergissmeinnicht für
gemeinsame Erinnerungen …
Eliza wählte jede Blume mit großer Sorgfalt aus, achtete darauf, nur solche zu
pflücken, die einen tadellosen Stängel und eine
perfekte Blüte besaßen, dann band sie den kleinen Strauß mit einem rosafarbenen
Seidenfaden zusammen, den sie aus ihrem
Rocksaum gezogen hatte. Sie war gerade dabei, den Strauß noch
einmal zurechtzuzupfen, als sie das vertraute Geräusch von metallbeschlagenen
Rädern auf dem mit Steinen gepflasterten Weg
zum Haus hörte.
Sie waren wieder da. Rose war nach Hause zurückgekehrt.
Das Herz im Hals klopfend, raffte Eliza mit der freien Hand ihre am Saum feuchten
Röcke und rannte los. Lief im Zickzack
durch das Labyrinth, trat in ihrer Hast in Pfützen, während ihr
Puls im Rhythmus mit den Pferdehufen hämmerte.
Sie kam gerade rechtzeitig durch das Tor, um die Kutsche auf
dem Wendekreis vor dem Haus anhalten zu sehen. Einen Moment
lang blieb sie stehen, um Atem zu schöpfen. Onkel Linus saß wie
immer auf der Gartenbank neben dem Tor zum Labyrinth, neben
sich die kleine, braune Kamera. Er rief sie, doch Eliza tat, als hörte sie ihn
nicht.
Als sie den Wendekreis erreichte, war Newton gerade dabei,
die Kutschentüren zu öffnen. Er zwinkerte ihr zu, und Eliza winkte ihm zum Gruß.
Wartete mit zusammengepressten Lippen.
Seit sie Roses Brief erhalten hatte, waren die langen Tage in
endlose Nächte übergegangen, und jetzt war es endlich so weit.
Die Zeit schien beinahe stillzustehen: Eliza hörte ihren keuchenden Atem, spürte
ihren rasenden Puls in den Ohren rauschen.
Bildete sie sich die Veränderung in Roses Gesichtsausdruck, in
ihrer Haltung nur ein?
Der Strauß rutschte Eliza aus den Fingern, und sie hob ihn vom
nassen Rasen auf.
415
Sie mussten die Bewegung aus dem Augenwinkel wahrgenommen haben, denn Rose und
Adeline drehten sich gleichzeitig
um. Die eine lächelte, die andere nicht.
Langsam hob Eliza die Hand und winkte. Ließ sie wieder sinken.
Rose hob verblüfft die Brauen. »Na, willst du mich denn gar
nicht begrüßen, liebe Cousine?«
Erleichterung durchflutete Eliza. Ihre Rose war heimgekehrt,
und alles würde gut werden. Sie breitete die Arme aus und rannte
ihr entgegen. Umschlang sie und drückte sie an sich.
»Lass das, Eliza!«, fauchte Tante Adeline. »Du bist ja völlig
verdreckt, du wirst Roses Kleid noch ruinieren.«
Als Rose lächelte, spürte Eliza, wie ihre Angst nachließ. Natürlich war Rose immer
noch ganz die Alte. Schließlich war sie nur
zweieinhalb Monate fort gewesen. Eliza war das Opfer ihrer eigenen Ängste geworden
und hatte eine Veränderung in Roses
Gesicht entdeckt, wo gar keine war.
»Cousine Eliza! Wie sehr ich mich freue, dich wiederzusehen!«
»Und ich erst!« Eliza reichte ihr die Blumen. »Die habe ich für
dich gepflückt.«
»Wie wunderschön!« Rose hob den Strauß an ihre Nase. »Aus
deinem Garten?«
»Vergissmeinnicht für die Erinnerungen, eichblättrige Geranien für Freundschaft …«
»Ja, ja, und Rosen, natürlich. Wie liebenswürdig von dir, Eliza.« Rose drückte
Newton die Blumen in die Hand. »Sagen Sie
Mrs Hopkins, sie soll sie in eine Vase stellen, ja?«
»Ich muss dir so viel erzählen, Rose«, sagte Eliza. »Du wirst
nie erraten, was passiert ist. Eine von meinen Geschichten wurde
…«
»Lieber Himmel!« Rose lachte. »Ich habe noch nicht mal die
Haustür erreicht, und meine Eliza fängt schon an, mir Märchen zu
erzählen.«
416
»Hör auf, deine Cousine zu belästigen«, sagte Tante Adeline
herrisch. »Rose muss sich ausruhen.« Als sie ihre Tochter anschaute, schlich sich
eine leichte Verunsicherung in ihre Stimme.
»Du solltest in Erwägung ziehen, dich eine Weile hinzulegen.«
»Selbstverständlich, Mama. Ich werde mich sofort auf mein
Zimmer zurückziehen.«
Die Veränderung war kaum wahrnehmbar, doch Eliza fiel sie
sofort auf. In Tante Adelines Vorschlag hatte etwas ungewöhnlich Vorsichtiges
gelegen, und Roses Reaktion war einen Hauch
weniger nachgiebig gewesen als sonst.
Eliza grübelte immer noch über ihre Beobachtung nach, als
Tante Adeline im Haus verschwand, und Rose ihr im Vorbeigehen zuflüsterte: »Komm
nach oben Liebste. Ich muss dir so viel
erzählen.«
Und Rose erzählte. Beschrieb detailreich jeden Augenblick, den
sie in Nathaniel Walkers Gesellschaft verbracht hatte, und noch
ausführlicher die qualvollen Zeiten, in denen sie sehnsüchtig auf
ihn gewartet hatte. Das Epos begann an jenem Nachmittag und
wurde tage- und nächtelang fortgeführt. Anfangs gelang es Eliza
noch, Interesse vorzutäuschen - zu Beginn hatte sie tatsächlich
interessiert zugehört, denn die Gefühle, die Rose beschrieb, hatte
sie selbst noch nie erlebt -, aber mit der Zeit, als die Tage zu Wochen wurden,
begann sie, sich zu langweilen. Vergeblich versuchte sie, Rose für andere Dinge zu
begeistern - einen Besuch in
ihrem Garten, die neueste Geschichte, die sie geschrieben hatte,
einen Ausflug in die Bucht -, aber Rose hatte nur noch Ohren für
Geschichten über Liebe und Duldsamkeit und große Gefühle. Vor
allem ihre eigenen.
Und so kam es, dass Eliza, als die Tage kälter wurden und der
Winter einzog, immer häufiger die Bucht, den geheimen Garten,
das Cottage aufsuchte. Orte, an denen sie sich verstecken konnte,
wo die Diener sie nicht mit den gefürchteten Nachrichten aufzuschrecken vermochten,
die immer gleich lauteten: Miss Rose
417
wünscht Miss Eliza in einer äußerst dringenden Angelegenheit zu
sprechen. Denn obwohl es Eliza nicht im Geringsten gelang, Begeisterung für die
Auswahl eines Brautkleids zu heucheln, wurde
Rose nicht müde, sie mit solchen Dingen zu quälen.
Eliza redete sich ein, dass sich das alles wieder geben würde,
dass Rose einfach nur aufgeregt war: Sie hatte schon immer ein
ausgesprochenes Faible für Mode und Putz besessen, und jetzt
bot sich ihr die Gelegenheit, die Märchenprinzessin zu spielen.
Wenn Eliza nur genug Geduld aufbrachte, würde es irgendwann
zwischen ihnen wieder so werden, wie es einmal war.
Dann kam das neue Jahr und mit ihm der Frühling. Die Vögel
kehrten zurück, Nathaniel traf aus New York ein, es wurde Hochzeit gefeiert, und
ehe Eliza sich versah, winkte sie einer Kutsche
zum Abschied, die das frischvermählte Paar nach London und auf
ein Schiff nach Europa brachte.
Als sie an jenem Abend in dem stillen Haus im Bett lag, vermisste
Eliza ihre Cousine schmerzlich. Eins wusste sie inzwischen mit
Bestimmtheit: Rose würde nie wieder nachts zu ihr ins Zimmer
kommen, und Eliza würde nie wieder Roses Zimmer aufsuchen.
Sie würden nie wieder gemeinsam unter die Decke kriechen und
kichern und einander Geschichten erzählen, während alle anderen
im Haus schliefen. In einem abgelegenen Flügel des Herrenhauses wurde gerade ein
Zimmer für das junge Paar hergerichtet.
Eliza drehte sich auf die Seite. In der Dunkelheit wurde ihr ganz
deutlich bewusst, wie unerträglich es sein würde, mit Rose unter
einem Dach zu wohnen und nicht in ihrer Nähe sein zu dürfen.
Am nächsten Tag suchte Eliza ihre Tante auf. Sie saß im Wintergarten an ihrem
kleinen Schreibtisch und erledigte ihre Korrespondenz. Obwohl Tante Adeline sie
nicht zur Kenntnis nahm,
ergriff Eliza das Wort. »Wäre es vielleicht möglich, mir ein paar
von den Sachen auf dem Dachboden zu überlassen?«
»Welche Sachen?«, fragte Tante Adeline, ohne von ihrem
Brief aufzublicken.
418
»Ich brauche nur einen Schreibtisch, einen Stuhl und ein Bett.«
»Ein Bett?« Adelines dunkle Augen verengten sich zu Schlitzen, als sie Eliza
schließlich von der Seite anschaute.
In der vergangenen Nacht war Eliza klar geworden, dass es
besser war, selbst für Veränderung zu sorgen, anstatt Schäden
reparieren zu wollen, die durch die Entscheidungen anderer entstanden waren.
»Jetzt, wo Rose verheiratet ist, habe ich den Eindruck, dass meine Anwesenheit hier
im Haus nicht mehr so wichtig ist. Deswegen würde ich gern ins Cliff Cottage
ziehen.«
Eliza machte sich keine großen Hoffnungen. Tante Adeline bereitete es immer eine
ganz besondere Genugtuung, anderen etwas
zu verweigern. Sie sah zu, wie ihre Tante einen Brief mit ihrer
sorgfältigen Unterschrift versah und ihrem Windhund mit spitzen
Fingernägeln den Kopf kraulte. Dann verzog Adeline ihren Mund
zu einem schmallippigen Lächeln, stand auf und läutete dem Butler.
Am ersten Abend in ihrem neuen Heim saß Eliza am Fenster im
ersten Stock und betrachtete das Meer, das wie ein riesiger Tropfen Quecksilber im
Mondlicht auf und ab wogte. Rose befand
sich irgendwo jenseits dieses Ozeans. Zum zweiten Mal hatte ihre
Cousine eine Seereise angetreten und Eliza zurückgelassen. Aber
eines Tages würde sie selbst auch zu einer großen Reise aufbrechen. Die Zeitschrift
zahlte ihr nicht viel für ihre Märchen, aber
wenn sie fleißig schrieb und die Honorare ein Jahr lang zurücklegte, würde sie sich
die Reise irgendwann leisten können. Dann
war da natürlich noch die mit Edelsteinen besetzte Brosche ihrer
Mutter. Eliza hatte die Brosche, die sie im Kamin der Swindells
zurückgelassen hatte, nie vergessen. Eines Tages würde sie dorthin fahren und sie
aus ihrem Versteck holen.
Sie dachte an die Anzeige, die sie eine Woche zuvor in der
Zeitung entdeckt hatte. Schiffspassagen nach Queensland, hatte
dort gestanden. Kommen Sie und beginnen Sie ein neues Leben.
Mary erzählte Eliza oft von den Abenteuern ihres Bruders in ei419
ner Stadt namens Maryborough. So wie Mary es beschrieb, musste Aust ralien ein
großes, weites, von gleißender Sonne beschienenes Land sein, wo kaum jemand sich um
die Regeln der Gesellschaft scherte und sich für alle, die einen Neuanfang machen
wollten, die Gelegenheit dazu bot. Eliza hatte sich immer vorgestellt, dass sie und
Rose eines Tage gemeinsam nach Australien
reisen würden, sie hatten doch oft davon gesprochen. Oder nicht?
Im Nachhinein wurde Eliza bewusst, dass Rose immer sehr
schweigsam geworden war, wenn sie ihr ausgemalt hatte, was sie
auf solchen Reiseabenteuern erleben würden.
Von nun an schlief Eliza nur noch in ihrem kleinen Haus. Sie
kaufte sich Lebensmittel auf dem Markt im Dorf, ihr Freund, der
junge Fischer William, versorgte sie immer mit frischem Fisch,
und Mary brachte ihr fast jeden Abend auf dem Heimweg von
Blackhurst eine Portion Suppe oder ein paar Reste kaltes Fleisch
und Neuigkeiten von der Familie mit.
Abgesehen von diesen kurzen Besuchen, war Eliza zum ersten
Mal in ihrem Leben wirklich allein. Anfangs irritierten sie die
fremdartigen nächtlichen Geräusche, aber mit der Zeit wurden sie
ihr immer vertrauter: das Tappen von weichen Pfoten auf dem
Dach, das Knistern im Herd, das Knarren der Bodendielen in der
kühlen Nachtluft. Ihr einsames Leben brachte ihr sogar unerwarteten Gewinn: Eliza
stellte fest, dass die Figuren ihrer Geschichten mutiger wurden, wenn sie allein in
ihrem Haus war. Feen
spielten in den Spinnweben, Insekten flüsterten einander auf den
Fensterbänken Zaubersprüche zu, Feuerkobolde spuckten und
zischten im Kamin. Manchmal saß Eliza ganze Nachmittage lang
in ihrem Schaukelstuhl und lauschte all diesen Wesen. Und spätabends, wenn sie alle
schliefen, spann sie das Gehörte in ihre
Geschichten ein.
An einem Morgen in der vierten Woche nahm Eliza ihr
Schreibheft mit in den Garten und setzte sich an ihre Lieblingsstelle, das kleine
Fleckchen Gras unter dem Apfelbaum. Die Idee
für ein Märchen hatte sie gepackt, und sie begann, die Geschichte
420
aufzuschreiben: von einer tapferen Prinzessin, die auf ihr Geburtsrecht verzichtete
und ihre Gefährtin auf eine lange, beschwerliche Reise in ein wildes, verwunschenes
Land begleitete,
wo überall Gefahren lauerten. Eliza wollte ihre Heldin gerade in
die von Spinnweben verhangene Höhle eines besonders boshaften
Kobolds schicken, als ein Vogel sich auf einem Zweig über ihr
niederließ und zu singen begann.
»Ach, wirklich?«, fragte Eliza und legte ihren Stift weg.
Der Vogel zwitscherte.
»Stimmt, ich habe auch großen Hunger.« Sie pflückte einen
Apfel aus dem Baum, rieb ihn an ihrem Kleid blank und biss hinein. »Köstlich«,
sagte sie, als der Vogel aufflog. »Du darfst gern
auch einen probieren.«
»Darauf komme ich vielleicht einmal zurück.«
Eliza hielt mitten im Kauen inne und starrte auf die Stelle, wo
der Vogel gesessen hatte.
»Ich hätte mir einen Apfel mitbringen sollen, aber ich hatte eigentlich gar nicht
vor, mich so lange hier aufzuhalten.«
Eliza schaute sich im Garten um und blinzelte, als sie einen
Mann auf der kleinen Bank sitzen sah. Er wirkte so vollkommen
fehl am Platz, dass sie ihn im ersten Augenblick nicht einordnen
konnte. Das dunkle Haar, die dunklen Augen, das freundliche Lächeln … Eliza atmete
erschrocken ein. Das war Nathaniel Walker, der Mann, der Rose geheiratet hatte. Saß
einfach
in ihrem Garten.
»Der Apfel scheint dir ja sehr gut zu schmecken«, sagte er.
»Dir zuzusehen ist beinahe so, als würde ich selbst einen essen.«
»Ich mag es nicht, wenn man mich beobachtet.«
Er lächelte. »Dann werde ich meine Augen abwenden.«
»Was machst du hier?«
Nathaniel hielt einen nagelneuen Roman hoch. »Der kleine
Lord. Schon gelesen?«
Sie schüttelte den Kopf.
421
»Ich auch nicht, obwohl ich es schon seit Stunden versuche leider vergeblich. Und
dafür mache ich dich zum Teil verantwortlich, Cousine Eliza. Dein Garten lenkt mich
einfach zu sehr ab.
Ich sitze jetzt schon den ganzen Vormittag hier und bin noch
nicht einmal über das erste Kapitel hinausgekommen.«
»Ich dachte, ihr wärt in Italien.«
»Waren wir auch. Wir sind eine Woche früher als geplant zurückgekommen.«
Ein kühler Schatten legte sich über Elizas Haut. »Rose ist wieder zu Hause?«
»Natürlich.« Nathaniel lächelte sie unbekümmert an. »Oder
hast du vielleicht gedacht, ich hätte meine Frau an die Italiener
verloren?«
»Aber wann ist sie …« Eliza schob sich ein paar Haarsträhnen
aus der Stirn, versuchte zu begreifen. »Wann seid ihr denn zurückgekommen?«
»Montagnachmittag. Nach einer ziemlich turbulenten Überfahrt.«
Drei Tage. Sie waren schon seit drei Tagen wieder da, und Rose hatte ihr keine
Nachricht zukommen lassen. Elizas Magen
krampfte sich zusammen. »Und Rose? Geht es ihr gut?«
»So gut wie nie. Das Mittelmeerklima hat ihr gutgetan. Wir
wären noch eine Woche geblieben, aber sie wollte sich die Gartenparty nicht
entgehen lassen.« Er hob theatralisch die Brauen.
»Wenn ich Rose und ihre Mutter höre, muss das ja ein fantastisches Ereignis
werden.«
Eliza biss noch einmal in ihren Apfel, um ihre Verwirrung zu
überspielen, dann warf sie den Rest weg. Sie hatte von einer geplanten Gartenparty
gehört, jedoch angenommen, es handle sich
um eine von Adelines gesellschaftlichen Veranstaltungen, nichts,
womit Rose etwas zu tun hatte.
Nathaniel hob sein Buch. »Daher die Wahl meiner Lektüre.
Mrs Hodgson Burnett wird unter den Gästen sein.« Seine Augen
weiteten sich. »Ich nehme an, du kannst es kaum erwarten, sie
422
kennenzulernen. Es wird doch bestimmt interessant für dich sein,
dich mit einer Schriftstellerkollegin zu unterhalten.«
Eliza fuhr nervös mit den Fingern über die Seite ihres Notizhefts, auf der sie ihr
Märchen angefangen hatte, und sagte, ohne
Nathaniel dabei anzusehen: »Ja … das wäre sicherlich interessant.«
Zögernd erwiderte er: »Du kommst doch zu dem Fest, oder?
Ich bin mir ganz sicher, gehört zu haben, wie Rose davon gesprochen hat. Die Party
wird am Sonntagmorgen um zehn auf dem
ovalen Rasen stattfinden.«
Eliza zeichnete mit fahrigen Strichen eine Efeuranke an den
Rand ihrer Heftseite. Rose wusste, dass sie sich nicht für Partys
interessierte, wahrscheinlich war das die Erklärung. Rücksichtsvoll, wie sie war,
wollte sie Eliza das Theater um Tante Adelines
Gesellschaft ersparen.
»Rose spricht oft von dir, Cousine Eliza«, sagte Nathaniel
sanft. »Es kommt mir schon fast so vor, als würde ich dich gut
kennen.« Er machte eine Handbewegung. »Sie hat mir von deinem Garten erzählt,
deswegen bin ich heute hergekommen. Ich
wollte mit eigenen Augen sehen, ob er wirklich so wunderschön
ist, wie sie ihn mir beschrieben hat.«
Ihre Blicke begegneten sich kurz. »Und?«
»Er übertrifft meine Erwartungen bei Weitem. Wie gesagt, der
Garten ist schuld daran, dass ich mit dem Lesen nicht vorankomme. Die Art, wie das
Licht hier einfällt, ist so wunderbar,
dass ich es am liebsten gleich auf dem Papier festhalten würde.
Ich habe schon die ganze Titelseite vollgekritzelt.« Er lächelte.
»Aber bitte Mrs Hodgson Burnett nichts verraten.«
»Ich habe den Garten für Rose und mich angelegt.« Elizas
Stimme klang merkwürdig in ihren Ohren, so sehr hatte sie sich
daran gewöhnt, hier allein zu sein. Und sie schämte sich für die
Gefühle, die sie so offen zeigte, und konnte sie doch nicht verbergen. »Es sollte
ein geheimer Ort für uns beide sein, ein Ort,
423
wo uns niemand findet. Wo Rose sich im Freien aufhalten kann,
auch wenn sie sich krank fühlt.«
»Rose kann sich wirklich glücklich schätzen, eine Cousine zu
haben, die sich so um sie sorgt. Ich werde dir ewig dankbar dafür
sein, dass du sie so gut für mich gepflegt hast. In gewisser Weise
sind wir beide ein Team, du und ich, meinst du nicht?«
Nein, dachte Eliza, das sind wir nicht. Rose und ich sind ein
Paar, ein Team. Du bist nur dazugestoßen. Vorübergehend.
Nathaniel stand auf, klopfte sich etwas Staub von der Hose und
drückte das Buch an die Brust. »Jetzt muss ich mich verabschieden. Roses Mutter ist
sehr streng, was ihre Regeln betrifft, und
ich fürchte, sie würde es mir sehr übel nehmen, wenn ich mich
zum Abendessen verspätete.«
Eliza begleitete ihn zum Tor und schaute ihm nach. Dann setzte sie sich auf die
Kante der Gartenbank, darauf bedacht, nicht die
Stelle zu berühren, die er mit seinem Körper angewärmt hatte. Es
gab keinerlei Grund, Nathaniel nicht zu mögen, und genau deshalb konnte sie ihn
nicht leiden. Das Gespräch mit ihm lag ihr
wie Blei auf der Brust. Die Unbefangenheit, mit der er über die
Gartenparty gesprochen hatte und über Rose und deren Gefühle
für Eliza, an denen er offenbar nicht den geringsten Zweifel hegte. Die
Dankbarkeit, die er ihr gegenüber ausgesprochen hatte,
schürte, auch wenn sie von Herzen kam, in Eliza den Verdacht,
dass er sie als Anhängsel betrachtete. Und dass er in ihren Garten
eingedrungen war, so leicht den Weg durch das Labyrinth gefunden hatte - Eliza
schüttelte den Gedanken ab. Sie würde sich wieder ihrem Märchen zuwenden. Die
Prinzessin war gerade drauf
und dran, ihrer treuen Dienerin in die Höhle des Kobolds zu folgen. Wenn Eliza sich
wieder in ihre Geschichte vertiefte, würde
sie die beunruhigende Begegnung mit Nathaniel schon bald vergessen haben.
Aber sosehr sie sich auch bemühte, ihre Begeisterung war verflogen und mit ihr die
Inspiration. Die Handlung, die sie anfangs
mit freudiger Ungeduld erfüllt hatte, erwies sich plötzlich als
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dürftig und durchsichtig. Eliza strich alles aus, was sie geschrieben hatte. Es
taugte nichts. Egal, wie sie ihre Handlung drehte
und wendete, es kam einfach keine sinnvolle Geschichte heraus,
denn welcher Prinzessin würde ihre Dienerin schon wichtiger
sein als ihr Prinz?
Die Sonne schien so herrlich, als hätte Adeline das schöne Wetter
beim Herrgott persönlich bestellt. Die Lilien waren rechtzeitig
eingetroffen, und Davies hatte die Arrangements mit exotischen
Blumen aus den Gartenanlagen vervollständigt. Der Regenschauer am Vorabend, der
Adeline beinahe um den Schlaf gebracht hätte, verhalf dem Garten zu zusätzlichem
Glanz, jedes
Blatt sah aus, als wäre es extra poliert worden. Auf dem frisch
gemähten Rasen waren Stühle mit weichen Sitzkissen geschickt
angeordnet. Speziell für den Anlass angestellte Kellner standen in
einer Reihe neben der Treppe, wahre Muster an Ruhe und Gelassenheit, während in der
Küche, verborgen vor den Blicken der
Gäste, mit Hochdruck gearbeitet wurde.
Seit einer Viertelstunde trafen nach und nach die Gäste ein, die
von Adeline persönlich begrüßt und in Richtung Rasen dirigiert
wurden. Wie großartig die Damen aussahen mit ihren eleganten
Hüten - wobei natürlich keiner davon auch nur annähernd so extravagant war wie der,
den Adeline für Rose aus Mailand hatte
kommen lassen.
Von ihrer Stelle in der Einfahrt aus, gut verborgen hinter einem
riesigen Rhododendron, ließ Adeline den Blick über ihre Gäste
schweifen. Lord und Lady Ashfield saßen mit Lord Irving-Brown
zusammen, Sir Mornington nippte an seinem Tee und sah den
jungen Churchills beim Krocketspielen zu, Lady Susan Heuser
war im vertrauten Gespräch mit Lady Caroline Aspley vertieft.
Adeline lächelte vor sich hin. Sie hatte alles richtig gemacht.
Die Gartenparty war nicht nur ein passender Anlass, die Frischvermählten nach ihrer
Hochzeitsreise willkommen zu heißen,
sondern bot darüber hinaus auch eine gute Gelegenheit, unter den
425
sorgfältig ausgewählten Kunstkennern, Klatschmäulern und Aufsteigern die Nachricht
zu verbreiten, dass Roses Ehemann ein
hervorragender Porträtmaler war. Sie hatte Thomas damit beauftragt, Nathaniels
beste Werke in der Eingangshalle aufzuhängen,
und nach dem Tee würde sie ihre Gäste nach und nach durchs
Haus führen. Auf diese Weise würde ihr Schwiegersohn für die
Federn der eifrigen Kunstkritiker und für die Gespräche der
Trendsetter der Gesellschaft zum Thema werden.
Und Nathaniel brauchte nichts weiter zu tun, als den Charme,
mit dem er Roses Herz erobert hatte, unter den Gästen zu versprühen. Adeline
entdeckte ihre Tochter zusammen mit Nathaniel
und dieser Amerikanerin, Mrs Hodgson Burnett. Die Entscheidung, Mrs Hodgson Burnett
einzuladen, war ihr wirklich schwergefallen, denn eine Scheidung war schon traurig
genug, aber danach noch einmal eine Ehe einzugehen, war geradezu skandalös.
Andererseits verfügte die Schriftstellerin zweifellos über sehr gute Beziehungen
auf dem Kontinent, und so hatte Adeline sich
schließlich gesagt, dass ihre potenzielle Unterstützung wichtig
genug war, um über ihre Gottlosigkeit hinwegzusehen.
Ihre Tochter jetzt über etwas lachen zu hören, was die Frau gesagt hatte, erfüllte
Adeline mit tiefer Genugtuung. Rose war eine
strahlende Schönheit, so prächtig wie die üppige Rosenhecke, vor
der sie saß. Sie wirkt glücklich, dachte Adeline, so wie es sich für
eine junge Frau gehört, die erst vor wenigen Wochen ihr Ehegelübde abgelegt hat.
Ihre Tochter lachte erneut, und Nathaniel zeigte auf das Labyrinth. Adeline hoffte
inständig, dass sie keine wertvolle Zeit mit
Plaudereien über den geheimen Garten oder irgendwelche anderen von Elizas Flausen
vergeudeten, anstatt mit Mrs Hodgsen
Burnett über Nathaniels Porträtkunst zu sprechen. Welch glückliche Fügung war
Elizas unerwarteter Umzug ins Cliff Cottage
gewesen! Während der wochenlangen Planung und Vorbereitung
der Gartenparty hatte Adeline viele Nächte wach gelegen und
426
sich den Kopf darüber zerbrochen, wie sie verhindern konnte,
dass ihre Nichte ihr diesen wichtigen Tag verdarb.
Sie hatte ihr Glück kaum fassen können, als Eliza eines Morgens an ihrem
Schreibtisch erschienen war und darum gebeten
hatte, sich in dem weit abgelegenen Cottage einrichten zu dürfen.
Gott sei Dank war es ihr gelungen, ihre Erleichterung vor ihrer
Nichte zu verbergen. Elizas Unterbringung in dem alten Haus war
eine bessere Lösung, als Adeline sie sich je hätte ersinnen können, und der Auszug
aus dem Herrenhaus war komplett vollzogen
worden. Sie hatte nicht die geringste Spur hinterlassen, das ganze
Haus wirkte mit einem Mal viel sonniger und weitläufiger. Endlich, nach acht endlos
langen Jahren, fühlte Adeline sich befreit
von der erstickenden Gegenwart dieses Mädchens.
Die größte Hürde war gewesen, Rose davon zu überzeugen,
dass Elizas Ausschluss von dem Fest für alle das Beste war. Die
arme Rose hatte sich von Anfang an von ihrer Cousine blenden
lassen und nie die Gefahr gespürt, die von ihr ausging. Tatsächlich hatte sie sich
nach ihrer Rückkehr von der Hochzeitsreise als
Erstes danach erkundigt, warum Eliza fort war. Auf Adelines
wohlüberlegte Erklärung für Elizas Umzug ins Cottage hatte Rose die Stirn gerunzelt
- das komme so plötzlich und unerwartet,
hatte sie gemurmelt - und sich dann vorgenommen, Eliza gleich
am nächsten Vormittag einen Besuch abzustatten.
Das musste natürlich unter allen Umständen verhindert werden, wenn Adelines kleine
Täuschung aufgehen sollte. Und so
begab sich Adeline am Morgen gleich nach dem Frühstück zu
Rose in ihr neues Zimmer. Ihre Tochter war gerade dabei, ein
hübsches Blumengesteck zu arrangieren, und während sie eine
cremefarbene Clematis auswählte, bemerkte Adeline betont beiläufig: »Meinst du, wir
sollten Eliza auch zu der Gartenparty einladen?«
Rose drehte sich um, vom Stängel der Clematis tropfte Wasser.
»Natürlich muss sie dabei sein, Mama. Eliza ist meine liebste
Freundin.«
427
Adeline presste die Lippen zusammen. Es war die Antwort, mit
der sie gerechnet hatte und auf die sie vorbereitet war. Der Anschein von
Nachgiebigkeit ist ein kalkuliertes Risiko, das Adeline
geschickt einsetzte. Sie hatte sich ihre Worte vorher genau zurechtgelegt und so
oft vor sich hin geflüstert, dass sie ihr ganz
natürlich über die Lippen kamen. »Selbstverständlich, meine Liebe. Und wenn du ihre
Anwesenheit wünschst, dann soll es so
sein. Wir werden kein Wort mehr darüber verlieren.« Erst nach
diesem großzügigen Zugeständnis hatte sie sich einen wehmütigen kleinen Seufzer
erlaubt.
Rose stand mit dem Rücken zu ihr, in der Hand einen Zweig
Jasmin. »Was ist los, Mama?«
»Ach nichts, mein Kind.«
»Bitte, Mama.«
Zögernd antwortete Adeline: »Ich habe nur gerade an Nathaniel gedacht.«
Daraufhin drehte Rose sich zu ihr um, die Wangen gerötet.
»Was ist denn mit Nathaniel, Mama?«
Adeline stand auf, glättete ihren Rock und lächelte ihre Tochter
an. »Ach, nichts. Ich bin sicher, dass sich für ihn alles zum Besten ergeben wird,
auch wenn Eliza anwesend ist.«
»Selbstverständlich.« Rose zögerte kurz, ehe sie den Jasminzweig in das Gesteck
einfügte. Sie wandte sich ihrer Mutter nicht
zu, aber das brauchte sie auch nicht. Adeline konnte sich genau
vorstellen, wie sie verunsichert die Brauen zusammenzog. Und
wie erwartet kam die vorsichtige Frage: »Inwiefern sollte Elizas
Abwesenheit Nathaniel von Nutzen sein?«
»Ich hatte nur gehofft, Nathaniel und seine Kunst in den Mittelpunkt rücken zu
können, und die gute Eliza versteht es immer,
die Aufmerksamkeit aller auf sich zu lenken. Ich hätte mir gewünscht, dass der Tag
Nathaniel und dir gehört, mein Schatz.
Aber wenn es dir ein Anliegen ist, werden wir Eliza natürlich einladen.« Dann hatte
sie gelacht, ein leichtes, bis zur Perfektion
einstudiertes Lachen. »Außerdem wird Eliza, sobald sie erfährt,
428
dass ihr eine Woche eher als geplant zurückgekehrt seid, sowieso
jeden Tag hier sein, und früher oder später wird irgendein Hausmädchen eine
Bemerkung über die bevorstehende Gartenparty
machen. Und auch wenn sie solche gesellschaftlichen Anlässe
verabscheut, ist sie dir so ergeben, meine Liebe, dass sie auf einer
Einladung bestehen wird.«
Dann hatte Adeline ihre Tochter allein gelassen, ein triumphierendes Lächeln auf
den Lippen. Ihr war nicht entgangen, wie Rose die Schultern gestrafft hatte, ein
eindeutiges Zeichen, dass ihre
Worte den gewünschten Erfolg gehabt hatten.
Wie erwartet, war Rose am Nachmittag in Adelines Boudoir
erschienen. Da Eliza sich nichts aus Partys mache, hatte sie gesagt, sei es
vielleicht angebracht, ihr die Teilnahme an diesem
gesellschaftlichen Ereignis zu ersparen. Dann, etwas bedrückter,
hatte sie hinzugefügt, sie habe sich entschlossen, ihren Besuch
bei ihrer Cousine auf den Tag nach der Gartenparty zu verschieben, wenn wieder Ruhe
eingekehrt war und sie sich mehr Zeit
nehmen könne.
»Gute Entscheidung, mein Schatz«, sagte Adeline. »Sehr rücksichtsvoll von dir. Die
Entscheidung einer liebevollen, treu sorgenden Ehefrau. So ist es für alle
Beteiligten das Beste.«
Gelächter auf dem Krocketrasen erregte Adelines Aufmerksamkeit. Sie klatschte in
die behandschuhten Hände, setzte ein geselliges Lächeln auf und überquerte den
Rasen. Als sie sich der Gartenbank näherte, stand Mrs Hodgson Burnett gerade auf
und
spannte einen weißen Sonnenschirm auf. Sie nickte Rose und Nathaniel zum Abschied
zu und ging in Richtung Labyrinth. Adeline konnte nur hoffen, dass sie nicht
versuchen würde hineinzugehen. Sie hatte das Tor zum Labyrinth schließen lassen, um
ihre
Gäste von einer Erkundungstour abzuhalten, aber Amerikaner
scherten sich häufig nicht um Umgangsformen. Sie beschleunigte
ihre Schritte ein wenig - es fehlte ihr gerade noch, dass man einen
Gast suchen musste, der sich zwischen den Hecken verirrt hatte -
429
und fing Mrs Hodgson Burnett gerade rechtzeitig ab. Sie setzte
ein strahlendes Lächeln auf. »Guten Tag, Mrs Hodgson Burnett!«
»Ach, guten Tag, Lady Mountrachet. Und was für ein wundervoller Tag in der Tat.«
Dieser Akzent! Adeline lächelte nachsichtig. »Einen schöneren
Tag hätten wir uns für unsere Party nicht wünschen können. Sie
haben sich bereits mit dem glücklichen Paar unterhalten?«
»Ich habe die beiden wohl eher vollgequasselt. Ihre Tochter ist
ein göttliches Geschöpf!«
»Danke. Sie liegt mir sehr am Herzen.«
Höfliches Lachen auf beiden Seiten.
»Und ihr Mann ist ja völlig in sie vernarrt«, sagte Mrs Hodgson Burnett. »Ist junge
Liebe nicht etwas Wunderbares?«
Adeline lächelte. »Ich bin entzückt über ihre Wahl. So ein talentierter junger
Gentleman. Nathaniel hat doch sicherlich mit
Ihnen über seine Porträts gesprochen?«
»Nein, hat er nicht. Aber ich fürchte, ich habe ihm auch keine
Chance dazu gelassen, denn ich habe ihn mit Fragen nach dem
geheimen Garten gelöchert, der sich angeblich auf Ihrem Anwesen befindet.«
»Ach, der ist nicht der Rede wert. Ein paar von einer Mauer
umgebene Blumenbeete, weiter nichts. So einen Garten gibt es
auf jedem Anwesen in England.«
»Aber garantiert keinen, um den sich solche romantischen Geschichten ranken. Ein
Garten, der aus Ruinen geschaffen wurde,
um einem kränklichen jungen Mädchen zur Gesundung zu verhelfen!«
Adeline lachte gekünstelt. »Ach, du liebe Güte! Meine Tochter
und ihr Mann haben Ihnen ja ein richtiges Märchen erzählt! Rose
verdankt ihre Gesundheit den Bemühungen eines fähigen jungen
Arztes, und ich versichere Ihnen, der Garten stellt wirklich nichts
Besonderes dar. Nathaniels Porträts dagegen …«
430
»Trotzdem würde ich ihn mir liebend gern ansehen. Den Garten, meine ich. Was die
beiden mir erzählt haben, hat mich neugierig gemacht.«
»Das wird leider nicht möglich sein, fürchte ich.« Adeline gelang es nur noch mit
äußerster Mühe, die Form zu wahren. »Der
einzige Weg zu dem Garten führt durch das Labyrinth, und mein
Mann hat heute das Tor schließen lassen, weil der derzeitige Zustand der Hecken zu
wünschen übrig lässt.«
»Ach, wie schade«, antwortete Mrs Hodgson Burnett. »Na,
dann werde ich eben vom Tor aus einen Blick riskieren.«
Dagegen konnte Adeline kaum etwas einwenden. Sie rang sich
ein Lächeln ab, während sie insgeheim fluchte.
Adeline wollte gerade zu Rose und Nathaniel gehen, um ihnen
eine ordentliche Standpauke zu halten, als sie aus dem Augenwinkel wahrnahm, wie
etwas Weißes durch das Tor des Labyrinths huschte. Sie drehte sich um und sah, wie
Eliza in dem Augenblick, als Mrs Hodgson Burnett sich näherte, das Tor öffnete.
Adeline schlug sich mit der Hand vor den Mund und schaffte
es gerade noch, einen Schrei zu unterdrücken. Ausgerechnet an
einem solchen Tag. Dieses Mädchen - stets in Eile, stets schlecht
gekleidet, stets unwillkommen. Wie immer unverschämt gesund,
mit geröteten Wangen, offenem Haar, einem hässlichen Hut und,
wie Adeline entsetzt bemerkte, ohne Handschuhe. Zum Glück
trug sie wenigstens Schuhe an den Füßen.
Adelines Mund verzog sich zu einer dünnen Linie wie auf dem
Gesicht einer hölzernen Puppe. Hastig blickte sie sich um, versuchte das Ausmaß des
Zwischenfalls einzuschätzen. Ein Diener
war Mrs Hodgson Burnett zur Seite geeilt und bot ihr einen Stuhl
an. Ansonsten wirkte alles ruhig, noch war der Tag nicht ruiniert.
In der Tat hatte nur Linus, der unter dem alten Ahornbaum saß
und Lord Applebys Redefluss über sich ergehen ließ, Elizas Auftritt Beachtung
geschenkt. Eliza schaute konsterniert in Roses
431
Richtung. Zweifellos war sie überrascht, ihre Cousine zu sehen,
die sie noch auf Hochzeitsreise wähnte.
Adeline fuhr herum, entschlossen, ihre Tochter vor Ungemach
zu bewahren.
Doch Rose und Nathaniel waren so sehr miteinander beschäftigt, dass sie den
Eindringling noch gar nicht bemerkt hatten. Nathaniel war auf seinem Stuhl nach
vorn gerückt, sodass seine
Knie beinahe die von Rose berührten (oder konnte es sein, dass
sie es tatsächlich taten?). Zwischen Daumen und Zeigefinger hielt
er eine Erdbeere am Stängel und drehte sie vor Roses Lippen hin
und her, zog sie wieder zurück, um sie ihr gleich wieder vor den
Mund zu halten. Jedes Mal lachte Rose laut auf und warf den
Kopf in den Nacken, wodurch das Sonnenlicht auf ihren nackten
Hals fiel.
Adeline brach der Schweiß aus. Sie hielt sich den Fächer vors
Gesicht, um ihr Entsetzen zu verbergen. Wie äußerst unschicklich! Was würden die
Leute denken? Wahrscheinlich würde dieses Klatschweib Caroline Aspley das zu Papier
bringen, sobald
sie wieder zu Hause war.
Es war ihre Pflicht, dieses ungehörige Verhalten zu unterbinden, und dennoch … Sie
senkte den Fächer ein wenig. Sosehr sie
sich auch bemühte, sie konnte sich von dem Anblick nicht losreißen. Solche
Verliebtheit! Das Bild zog sie völlig in seinen Bann.
Obwohl sie wusste, dass Eliza hinter ihrem Rücken Chaos stiftete, und obwohl Roses
Ehemann vor ihren Augen auf sträfliche
Weise jeden Anstand vergaß, war es Adeline, als würde die Welt
sich plötzlich langsamer drehen und sie allein stünde mit klopfendem Herzen in der
Mitte. Ihre Haut kribbelte, ihre Beine
schienen unter ihr nachzugeben, ihr Atem wurde flach. Der Gedanke war da, ehe sie
ihn unterdrücken konnte: Wie musste es
sich anfühlen, so sehr geliebt zu werden?
Der Geruch nach Quecksilberdampf drang in seine Nase, und Linus atmete ihn tief
ein. Hielt die Luft an, spürte das Dröhnen im
432
Kopf, das Brennen in den Ohren, atmete aus. Allein in seiner
Dunkelkammer war Linus der Mann, der er sein wollte: groß und
mit zwei langen, gesunden Beinen. Mit seiner silbernen Pinzette
schob er das Fotopapier in der Lösung hin und her und beobachtete, wie das Bild
langsam Gestalt annahm.
Sie würde sich nie darauf einlassen, für ein Foto zu posieren.
Anfangs hatte er insistiert, dann sie angefleht, doch schließlich
hatte er das Spiel begriffen. Sie genoss es, gejagt zu werden, und
es war nun an Linus, sich eine andere Taktik auszudenken.
Und das hatte er getan. Er hatte Mansell nach London geschickt, um ihm eine Eastman
Kodak-Brownie zu besorgen, ein
hässlicher, kleiner Apparat, den Amateure benutzten und dessen
fotografische Möglichkeiten nicht an seine Camera obscura heranreichten. Aber der
Apparat war leicht und tragbar, und allein
darauf kam es an. Solange Eliza mit ihm Fangen spielte, war das
seine einzige Möglichkeit, sie zu erwischen.
Ihr Umzug ins Cottage war ein mutiger Schritt gewesen, für
den Linus sie bewunderte. Er hatte ihr den Garten überlassen in
der Hoffnung, dass sie ihn genauso lieben würde, wie ihre Mutter
ihn einst geliebt hatte - nichts hatte die Augen seines Püppchens
so zum Leuchten bringen können wie dieser von Mauern umgebene Garten -, aber dass
der Garten sie so vollkommen vereinnahmen würde, damit hatte Linus nicht gerechnet.
Seit Wochen
war Eliza nicht mehr in der Nähe des großen Hauses gesehen
worden. Tag für Tag wartete Linus am Tor zum Labyrinth, doch
sie quälte ihn unentwegt mit ihrer Abwesenheit.
Und jetzt, als wäre alles nicht schon kompliziert genug, musste
Linus feststellen, dass er einen Gegner hatte. Als er vor drei Tagen wie üblich am
Tor gesessen und gewartet hatte, hatte sich
ihm ein höchst unangenehmer Anblick geboten. Wer war anstelle
seiner geliebten Eliza aus dem Labyrinth geschlendert? Dieser
Maler, Roses junger Ehemann. Linus war schockiert. Was fiel
dem Mann ein, durch dieses Tor zu gehen? Keck einen Weg zu
beschreiten, den Linus sich selbst verbot? Tausend Fragen gingen
433
Linus durch den Kopf. Hatte er sie getroffen? Mit ihr gesprochen? Ihr in die Augen
gesehen? Unvorstellbar, dass dieser Maler
seiner Prinzessin hinterherschnüffelte.
Aber am Ende hatte Linus gewonnen. Heute hatte seine Geduld
sich endlich ausgezahlt.
Er atmete tief ein. Die Konturen des Bilds traten deutlicher
hervor. Er beugte sich vor, um bei dem schummrigen Rotlicht
besser sehen zu können. Dunkler Hintergrund - die Hecken des
Labyrinths -, aber in der Mitte, wo sie vor seine Linse gestolpert
war, eine hellere Stelle. Sie hatte ihn sofort bemerkt, und Linus
war ganz warm ums Herz geworden. Ihre großen Augen, ihre
leicht geöffneten Lippen, wie ein Tier, dem plötzlich der Fluchtweg abgeschnitten
ist.
Mit zusammengekniffenen Augen betrachtete Linus das Foto
in der Entwicklerflüssigkeit. Da war sie. Ihr weißes Kleid, die
schmale Taille - ach, wie sehnte er sich danach, seine Hände um
ihre Taille zu legen, ihren ängstlich flatternden Atem unter den
Rippenbögen zu spüren. Und dieser Hals, der blasse Hals, unter
dessen zarter Haut ihr Blut sichtbar pulsierte, ganz wie bei ihrer
Mutter. Linus schloss die Augen und dachte an den Hals seiner
Schwester mit der schmalen roten Narbe. Auch sie hatte versucht,
ihn zu verlassen.
Als sie ihn damals zum letzten Mal aufgesucht hatte, war er in
der Dunkelkammer gewesen. Er war gerade dabei, Passepartouts
für seine neueste Fotosammlung zu schneiden: Grashüpfer aus
den westlichen Grafschaften. Die Fotos hatten ihn begeistert, er
hatte sogar überlegt, seinen Vater zu fragen, ob er ihm eine kleine
Ausstellung gestatten würde, und er war so in seine Arbeit vertieft, dass er
normalerweise keine Störung geduldet hätte. Aber
für Georgiana hatte er immer Zeit.
Wie ätherisch, wie vollkommen sie aussah, als sie plötzlich in
der Tür stand, das Gesicht vom Schein der Gaslampe beleuchtet.
Sie legte einen Finger an die Lippen, zum Zeichen, dass er
schweigen möge, dann zog sie leise die Tür hinter sich zu. Lang434
sam kam sie auf ihn zu, ein leichtes Lächeln auf den Lippen. Die
Heimlichkeit erregte ihn zutiefst, allein mit seiner Schwester zu
sein, gab ihm ein aufreizendes Gefühl von Verschwörung, außergewöhnlich für Linus,
der kaum Zeit für andere hatte. Für den
andere kaum Zeit hatten.
»Du wirst mir doch helfen, Linus, nicht wahr?«, fragte sie ihn
mit großen Augen, ohne zu ahnen, wie sehr sie ihn quälte. Dann
erzählte sie ihm von einem Mann, den sie kennengelernt hatte,
einem Seemann. Sie liebten sich, sagte sie, würden heimlich zusammen fortgehen, er
würde ihr doch ganz bestimmt helfen? Diese flehenden Augen, unfähig, seinen Schmerz
zu erfassen. Ihm
war, als würde die Zeit stehen bleiben, ihre Worte drehten sich in
seinem Kopf, dehnten sich aus und zogen sich wieder zusammen,
wurden lauter und wieder leiser, ein ganzes Leben in Einsamkeit
tat sich vor ihm auf.
Ohne nachzudenken, hob er die Hand mit dem Federmesser,
zog es über ihre milchweiße Haut, ließ sie seinen Schmerz spüren…
Mit einer Pinzette hielt Linus den Abzug unters Licht. Kniff die
Augen zusammen, blinzelte. Verflucht! Wo Elizas Gesicht hätte
sein sollen, war nur ein verschwommener, grau-weißer Fleck zu
sehen. Sie hatte sich genau in dem Augenblick bewegt, als er den
Auslöser betätigte. Er war nicht schnell genug gewesen, und sie
war ihm unter der Fingerspitze entwischt. Linus ballte die Faust.
Erinnerte sich wie immer in Momenten extremer Frustration an
das kleine Mädchen, das in der Bibliothek auf dem Fußboden gesessen und ihm seine
Puppe und damit die Verheißung ihres eigenen Körpers dargeboten hatte. Und das ihn
dann enttäuscht hatte.
Egal. Es war ein kleiner Rückschlag, weiter nichts, eine vorübergehende
Komplikation in dem Spiel, das sie miteinander spielten, dem Spiel, das er schon
mit ihrer Mutter gespielt hatte. Damals hatte er verloren. Nach dem Vorfall mit dem
Federmesser
435
war seine Georgiana verschwunden und nie wieder zurückgekehrt. Aber diesmal würde
er umsichtiger vorgehen.
Was auch immer es ihn kosten würde, wie lange er auch würde
warten müssen, diesmal würde Linus sein Ziel erreichen.
Rose zupfte nacheinander alle weißen Blütenblätter von einem
Gänseblümchen: Junge, Mädchen, Junge, Mädchen, Junge, Mädchen. Lächelnd umschloss
sie das goldene Herz des Gänseblümchens mit der Hand. Eine kleine Tochter für sie
und Nathaniel,
und später vielleicht noch ein Sohn und noch eine Tochter und
noch ein Sohn.
Seit sie denken konnte, wünschte Rose sich eine eigene Familie. Eine ganz andere
als die von Kälte und Einsamkeit bestimmte
Familie, die sie als Kind gekannt hatte, bis Eliza nach Blackhurst
gekommen war. Das Verhältnis zwischen den Eltern würde von
Nähe geprägt sein und, ja, auch von Liebe, und ihre vielen Kinder
würden sich gut miteinander vertragen und aufeinander aufpassen.
Das alles wünschte sie sich, aber sie hatte auch schon genug
Gespräche unter erwachsenen Damen mitbekommen, um zu wissen, dass Kinder ein Segen
waren, ihre Zeugung hingegen eine
unangenehme Prozedur sein konnte. Folglich hatte sie in ihrer
Hochzeitsnacht mit dem Schlimmsten gerechnet. Als Nathaniel
ihr das Hochzeitskleid ausgezogen hatte, das mit der Spitze, die
Mama extra aus Brüssel hatte kommen lassen, hatte Rose mit angehaltenem Atem sein
Gesicht beobachtet. Sie war schrecklich
nervös. Die Angst vor dem Unbekannten und die Furcht, Nathaniel könnte ihre Male
sehen, hatten sie völlig erstarren lassen.
Reglos wartete sie darauf, dass er etwas sagte, und fürchtete sich
zugleich davor. Schweigend legte er erst ihr Kleid beiseite, dann
den Unterrock. Wich ihrem Blick aus. Betrachtete sie langsam
und eingehend wie ein Kunstwerk, von dem man sich schon immer gewünscht hat, es
einmal zu Gesicht zu bekommen. Seine
dunklen Augen waren konzentriert, seine Lippen leicht geöffnet.
436
Als er eine Hand hob, begann Rose zu zittern. Mit einer Fingerspitze fuhr er ganz
langsam über das größere Mal. Die Berührung
jagte Schauer über ihren Bauch und über die Innenseite ihrer
Schenkel.
Als sie sich später liebten, stellte Rose fest, dass die Damen
recht gehabt hatten. Es tat weh. Aber Schmerzen waren Rose vertraut, sie hatte
gelernt, in solchen Situationen aus sich herauszutreten, sodass sie zur
Beobachterin wurde und den Schmerz kaum
noch spürte. Sie konzentrierte sich auf Nathaniels Gesicht, so
dicht über ihrem - seine geschlossenen Augen, die dunklen Wimpern. Sein Atem ging
schneller und schwerer, und Rose entdeckte, dass sie Macht besaß. In all den
Jahren, die sie mit Krankheiten verbracht hatte, hatte sie sich nie als einen
Menschen wahrgenommen, der in irgendeiner Form Macht hatte. Sie war immer
nur die arme, zarte, schwache Rose gewesen. Aber in Nathaniels
Gesicht sah sie Verlangen, und dieses Verlangen verlieh ihr
Macht.
Auf ihrer Hochzeitsreise war es ihr vorgekommen, als spielte
die Zeit gar keine Rolle mehr. Minuten und Stunden existierten
nicht länger, nur noch Tage und Nächte, Sonne und Mond. Es
war ein Schock, als sie nach England zurückkehrten und feststellten, dass die
Verbindlichkeiten der Zeit sie dort erwarteten. Und
das Leben auf Blackhurst wieder aufzunehmen, war ebenfalls ein
Schock. In Italien hatte Rose sich daran gewöhnt, ein Privatleben
zu haben, und mit einem Mal fühlte sie sich von der Anwesenheit
anderer gestört. Immer war jemand in der Nähe - die Diener,
Mama, ja selbst Eliza. Ständig musste sie damit rechnen, dass
jemand um die Ecke kam und ihre Aufmerksamkeit von Nathaniel ablenkte. Rose hätte
gern ein eigenes Haus gehabt, wo sie
niemand stören würde, aber sie wusste, dass das noch Zeit
brauchte. Und Mama hatte recht: Auf Blackhurst hatte Nathaniel
bessere Gelegenheiten, die richtigen Leute kennenzulernen, und
zudem war das Haus so groß, dass zwanzig Menschen bequem
dort leben konnten.
437
Sei’s drum. Rose legte zärtlich eine Hand auf ihren Bauch. Sie
hatte das Gefühl, dass sie, ehe das neue Jahr begann, ein Kinderzimmer brauchen
würden. Den ganzen Morgen fühlte sie sich
schon so seltsam, wie jemand, der ein ganz besonderes Geheimnis hütet. Sie war sich
ganz sicher, dass ein solch bedeutsames
Ereignis sich so anfühlte, dass eine Frau sofort um das Wunder
eines neuen Lebens in ihrem Körper wusste. Das goldene Herz
ihres Gänseblümchens fest in der Hand ging Rose zum Haus zurück, spürte die
Sonnenwärme im Rücken. Sie fragte sich, wann
sie Nathaniel die frohe Botschaft verkünden sollte. Lächelte bei
dem Gedanken. Wie er sich freuen würde! Denn erst mit einem
Kind würden sie wirklich ganz sein.
439
»Ich.« An der Stelle in der Mitte des Gartens, die sie freigeräumt hatten, kniete
Christian sich vor den Campingkocher und
füllte einen kleinen Topf mit Wasser aus seiner Trinkflasche.
Cassandra setzte sich vorsichtig auf die Gartenbank. Nach all
der schweren körperlichen Arbeit waren ihre Muskeln steif.
Nicht, dass ihr das etwas ausgemacht hätte, im Gegenteil, ihre
schmerzenden Glieder verschafften ihr Genugtuung, denn sie
machten ihr ihre Körperlichkeit bewusst. Sie besaß Muskeln, die
ihr wehtaten, weil sie zum Einsatz gekommen waren. Sie fühlte
sich nicht mehr unsichtbar oder zerbrechlich, sie spürte wieder ihr
Gewicht und fürchtete nicht länger, von jedem Windstoß davongetragen zu werden.
Abends schlief sie schnell ein, und wenn sie
morgens aufwachte, fühlte sie sich frisch und frei von Albträumen.
»Wie geht’s denn mit dem Labyrinth voran?«, fragte sie, nachdem Christian den Topf
auf den Campingkocher gestellt hatte.
»Drüben beim Hotel?«
»Ganz gut. Mike meint, bis zum Winter müssten wir damit fertig sein.«
»Auch wenn Sie so viel Zeit hier verbringen?«
Christian lächelte. »Wie Sie sich denken können, ist Michael
davon nicht gerade begeistert.« Er schüttete die Teereste weg, die
noch vom Morgen in den Tassen waren, und hängte in jede einen
frischen Beutel.
»Ich hoffe, Sie bekommen keinen Ärger, weil Sie mir helfen?«
»Jetzt fangen Sie bloß nicht an, sich meinen Kopf zu zerbrechen.«
»Ich bin Ihnen wirklich dankbar für alles, was Sie für mich getan haben,
Christian.«
»Ach, nicht der Rede wert. Ich habe versprochen, Ihnen zu helfen, und das war ernst
gemeint.«
»Das weiß ich und ich bin froh darüber.« Sie zog ihre Handschuhe aus. »Aber ich
könnte es verstehen, wenn Sie wichtigere
Dinge zu tun hätten.«
440
»Sie meinen, bei meinem eigentlichen Job?« Er lachte. »Keine
Sorge, Michael kommt schon nicht zu kurz.«
Sein eigentlicher Job. Plötzlich war das Thema da, über das
Cassandra sich schon den Kopf zerbrochen, das anzusprechen sie
bisher jedoch nicht gewagt hatte. Aber irgendwie hatte die Gartenarbeit sie in eine
Stimmung versetzt, die sie an Nells direkte
Wesensart erinnerte. Mit dem Absatz zog sie einen Bogen in den
Boden. »Christian?«
»Ja?«
»Es gibt etwas«, sagte sie, während sie einen zweiten, spiegelbildlich geformten
Bogen zog, »wonach ich Sie schon immer fragen wollte, etwas, das Julia Bennett
erwähnt hat.« Einen kurzen
Moment lang begegneten sich ihre Blicke, dann schaute sie zu
Boden. »Warum arbeiten Sie hier in Tregenna für Michael, anstatt in Oxford als Arzt
tätig zu sein?«
Als Christian nicht gleich antwortete, traute sie sich, ihn wieder anzuschauen.
Sein Gesichtsausdruck war schwer zu durchschauen. Er zuckte die Achseln, lächelte
zaghaft. »Warum sind
Sie hier in Tregenna und renovieren ohne Ihren Mann ein Haus?«
Cassandra fuhr erschrocken zusammen. Unwillkürlich begann
sie, ihren Ehering zu befingern. »Ich … Ich bin …« Alle möglichen ausweichenden
Antworten lagen ihr auf der Zunge, doch
dann hörte sie sich sagen, in einer Stimme, die ihr selbst fremd
klang: »Ich habe keinen Mann. Ich hatte mal einen, aber ich …
Es hat einen Unfall gegeben, und Nick wurde …«
»Verzeihen Sie. Sie müssen meine Frage nicht beantworten,
ich wollte Sie nicht …«
»Ist schon in Ordnung, ich …«
»Nein, ist es nicht.« Christian fuhr sich durch das Haar, dann
hob er eine Hand. »Ich hätte nicht fragen dürfen.«
»Es ist in Ordnung. Ich hab zuerst gefragt.« Und seltsamerweise, auch wenn sie sich
das nicht erklären konnte, war sie froh,
dass sie versucht hatte, Christians Frage zu beantworten. Nicks
Namen auszusprechen, erleichterte sie, irgendwie nahm es ihr
441
dieses Gefühl von Schuld, weil sie immer noch lebte und er nicht.
Dass sie jetzt mit Christian in diesem Garten saß.
Der Topf wackelte auf dem Campingkocher, das Wasser brodelte. Christian füllte ihre
Henkeltassen, gab in jede einen Löffel
Zucker und rührte um. Dann reichte er Cassandra ihren Tee.
»Danke.« Sie umfasste die heiße Tasse mit beiden Händen und
pustete über den Tee.
Christian trank einen Schluck, verzog das Gesicht, als er sich
die Zunge verbrannte.
Schwer breitete sich das Schweigen zwischen ihnen aus, und
Cassandra suchte vergeblich nach einem Gesprächsfaden, um die
Unterhaltung wieder aufzunehmen.
Schließlich sagte Christian: »Ich glaube, für Ihre Großmutter
war es ein Glück, dass sie nichts von ihrer Vergangenheit wusste.«
Mit dem kleinen Finger fischte Cassandra ein Stück eines heruntergefallenen Blatts
aus ihrem Tee.
»Meinen Sie nicht, dass es ein Geschenk ist, wenn man nur
nach vorn und nie zurückschauen kann?«
Sie tat, als untersuchte sie das gerettete Blatt. »In manchen Fällen ja.«
»In den meisten Fällen.«
»Aber gar nichts über seine Vergangenheit zu wissen, ist doch
schrecklich, oder?«
»Warum?«
Verstohlen schielte sie zu ihm hinüber, um festzustellen, ob er
das wohl ernst meinte. Aber sein Gesichtsausdruck war ernst.
»Weil es dann so wäre, als hätte es die Vergangenheit gar nicht
gegeben.«
»Aber es hat sie gegeben, daran kann man nichts ändern.«
»Richtig, aber man würde sich nicht daran erinnern.«
»Na und?«
442
»Na ja …« Cassandra warf das Blatt weg und zuckte die Achseln. »Man braucht doch
Erinnerungen, um die Vergangenheit am
Leben zu halten.«
»Genau das sage ich ja: Ohne Erinnerungen könnte man einfach sein Leben genießen.«
Cassandras Wangen wurden ganz heiß, was sie zu verbergen
suchte, indem sie einen Schluck Tee trank. Dann noch einen.
Wollte Christian ihr nahelegen, die Vergangenheit zu vergessen?
Dass Nell und Ben das taten, daran hatte sie sich inzwischen gewöhnt, sie hatte
gelernt, ernst zu nicken, wenn eine der Tanten
ähnliche Überlegungen äußerte, aber das hier war etwas anderes.
Sie hatte sich so gut gefühlt, so viel leichter als gewöhnlich, klarer und weniger
verwirrt. Sie hatte sich wohlgefühlt. Sie fragte
sich, wann genau er sie als hoffnungslosen Fall eingestuft hatte,
der Hilfe brauchte. Die ganze Situation war ihr peinlich, und irgendwie war sie
enttäuscht.
Sie trank noch einen Schluck Tee und schaute Christian aus
dem Augenwinkel an. Er war damit beschäftigt, welke Blätter mit
einem spitzen Stöckchen aufzuspießen. Cassandra beobachtete
ihn. Sie konnte seinen Gesichtsausdruck nicht deuten. Er wirkte
gedankenverloren, mehr noch, er erschien ihr irgendwie abwesend und einsam.
»Christian …«
»Ich bin Nell einmal begegnet, wissen Sie?«
Cassandra war wie vom Donner gerührt. »Meiner Großmutter
Nell?«
»Ich nehme an, dass sie es war. Jedenfalls wüsste ich nicht,
wer es sonst gewesen sein sollte, und das Datum kommt ungefähr
hin. Damals war ich elf, es muss also 1975 gewesen sein. Ich war
hierhergekommen, um allein zu sein, und wollte gerade durch das
Loch in der Mauer kriechen, als mich jemand am Fuß packte.
Erst dachte ich, dass meine Brüder recht gehabt hatten, als sie mir
erzählten, hier würde es spuken, und ich fürchtete schon, ein
Geist oder eine Hexe hätte mich erwischt und würde mich in ei443
nen Giftpilz verwandeln.« Seine Lippen verzogen sich zu einem
angedeuteten Lächeln, während er ein trockenes Blatt in der Faust
zerdrückte und die Krümel auf den Boden streute. »Aber es war
kein Geist, sondern eine alte Frau mit einem seltsamen Akzent
und einem traurigen Gesicht.«
Cassandra stellte sich Nells Gesicht vor. War es traurig gewesen? Eindrucksvoll,
ja, und eher hart, aber traurig? Sie wusste es
nicht, Nells Gesicht war ihr einfach zu vertraut, um das wirklich
beurteilen zu können.
»Sie hatte silbergraues Haar«, sagte Christian, »und sie trug es
hochgesteckt.«
»Zu einem Knoten.«
Er nickte lächelnd, dann schüttete er den Rest seines Tees weg.
Warf das Stöckchen mit den aufgespießten Blättern fort. »Sind
Sie dem Geheimnis Ihrer Großmutter inzwischen auf die Spur
gekommen?«
Cassandra seufzte. Diesmal brachte Christian sie wirklich ganz
durcheinander. Seine Stimmung erinnerte sie an die flimmernden
Lichtstreifen, die durch die Ranken fielen, sie war irgendwie
nicht greifbar, wechselhaft, sprang von einem Punkt zum anderen. »Eigentlich nicht.
In Roses Tagebüchern habe ich nichts
Aufschlussreiches finden können.«
»Kein Kapitel mit der Überschrift: ›Warum Eliza eines Tages
mein Kind entführen könnte‹?« Er lächelte.
»Leider nicht.«
»Zumindest hatten Sie eine interessante Bettlektüre.«
»Wenn ich nur nicht immer gleich einschlafen würde, sobald
mein Kopf auf dem Kissen liegt.«
»Das macht die Meeresluft«, sagte Christian, stand auf und
nahm seinen Spaten. »Die tut der Seele gut.«
Ja, den Eindruck hatte Cassandra tatsächlich. Sie stand ebenfalls auf. »Christian«,
sagte sie, während sie sich die Handschuhe
anzog. »Was diese Tagebücher betrifft.«
»Ja?«
444
»Ich bin da auf etwas gestoßen, bei dem Sie mir vielleicht weiterhelfen können.«
»Ach?«
Unsicher, weil er dem Thema vorhin ausgewichen war, schaute
sie ihn an. »Es geht um etwas Medizinisches.«
»Okay.«
Cassandra atmete aus. »Rose erwähnt irgendwelche Male an
ihrem Bauch. Sie müssen ziemlich groß gewesen sein, jedenfalls
hat sie sich dafür geschämt, und ganz zu Anfang berichtet sie,
dass ihr Arzt Ebenezer Matthews sie mehrmals deswegen aufgesucht hat.«
Christian hob bedauernd die Schultern. »Haut war eigentlich
nicht mein Spezialgebiet.«
»Sondern?«
»Onkologie. Macht Rose denn noch irgendwelche näheren Angaben zu den Malen? Farbe,
Größe, Art, Anzahl?«
Cassandra schüttelte den Kopf. »Sie beschränkt sich meist auf
sehr vage Umschreibungen.«
»Typisch viktorianische Prüderie.« Nachdenklich klopfte er
mit dem Spaten auf den Boden. »Es kann sich um alles Mögliche
gehandelt haben. Narben, Pigmentstörungen - erwähnt sie etwas
von einer Operation?«
»Soweit ich mich erinnere, nicht. Um was für eine Operation
könnte es sich denn gehandelt haben?«
Christian hob eine Hand. »Tja, so ad hoc würde ich sagen, es
käme eine Blinddarmentfernung infrage oder eine Operation an
Nieren oder Lunge.« Er hob die Brauen. »Womöglich litt sie auch
an Wasserbläschen. Kann es sein, dass sie sich häufiger in der
Nähe von Bauernhöfen aufgehalten hat?«
»Es hat zumindest Bauernhöfe auf dem Anwesen gegeben.«
»Wasserbläschen waren jedenfalls der häufigste Grund für
Operationen bei Kindern in der viktorianischen Zeit.«
»Was genau ist das denn?«
445
»Eine Infektionskrankheit, die durch die Finnen eines Bandwurms ausgelöst wird. Der
Parasit befällt normalerweise Hunde,
manchmal auch Schafe, kann aber auch auf den Menschen übertragen werden und in
verschiedene Organe gelangen, meist in die
Nieren oder die Leber, seltener sogar in die Lunge.« Er schaute
sie an. »Es würde passen, aber ich fürchte, wenn Sie nicht mehr
Informationen in den Tagebüchern finden, werden Sie es wohl
nie erfahren.«
»Ich kann heute Nachmittag noch mal einen Blick hineinwerfen. Vielleicht habe ich
ja etwas übersehen.«
»Ich werde auch noch ein bisschen darüber nachdenken.«
»Danke. Aber machen Sie sich nicht zu viel Mühe, es ist wirklich bloß reine
Neugier.« Sie zog ihre Handschuhe wieder an und
schob die Finger ineinander, damit sie sich dichter anlegten.
Christian stieß den Spaten mehrmals ins Erdreich. »Es war zu
viel Tod um mich herum.«
Cassandra schaute ihn fragend an.
»Bei meinem Job. Onkologie. Es war einfach so gnadenlos.
Die Patienten, die Angehörigen, all das Leid. Anfangs dachte ich,
ich könnte damit umgehen, aber es wurde immer schlimmer.«
Cassandra musste an Nells letzte Tage denken, an den scheußlichen
Krankenhausgeruch, die kahlen, trostlosen Wände.
»Ich war der Aufgabe nie gewachsen. Eigentlich ist mir das
schon während des Studiums klar geworden.«
»Haben Sie nie überlegt, Ihr Studienfach zu wechseln?«
»Ich wollte meine Mutter nicht enttäuschen.«
»Wollte sie denn unbedingt, dass Sie Arzt werden?«
»Das weiß ich nicht.« Ihre Blicke begegneten sich. »Sie ist gestorben, als ich noch
klein war.«
Cassandra verstand. »Krebs.« Begriff jetzt auch, warum er die
Vergangenheit so gern hinter sich lassen wollte. »Das tut mir leid,
Christian.«
Er nickte und schaute nach oben, als ein schwarzer Vogel über
sie hinwegflog. »Sieht nach schlechtem Wetter aus. Wenn die
446
Krähen solche Sturzflüge machen, gibt es bald Regen.« Er lächelte verlegen, wie um
sich für den abrupten Themenwechsel zu entschuldigen. »Unsere Bauernregeln sind
wesentlich zuverlässiger
als die Meteorologie.«
Cassandra nahm ihre Harke. »Ich würde sagen, wir arbeiten
noch eine halbe Stunde, dann machen wir Feierabend.«
Plötzlich senkte Christian den Blick und trat mit der Fußspitze
nach einem Erdklumpen. »Ich wollte auf dem Heimweg noch auf
ein Bier in den Pub gehen.« Er sah sie schüchtern an. »Ich dachte
… Ich meine, hätten Sie vielleicht Lust, mitzukommen?«
»Sicher«, hörte sie sich sagen. »Warum nicht?«
Christian lächelte und er schien sich zu entspannen. »Großartig.«
Ein Windstoß brachte feuchte, salzige Luft mit sich und ließ
ein großes Ahornblatt auf Cassandras Kopf landen. Sie schlug es
fort und wandte sich wieder ihrem Farnbeet zu, hieb ihre Harke in
den Boden und kämpfte mit einer langen, dünnen Wurzel. Und
lächelte in sich hinein, ohne recht zu wissen, warum.
Im Pub hatte eine Band gespielt, deshalb waren sie länger geblieben und hatten sich
etwas zu essen bestellt. Christian erzählte
selbstironisch davon, wie es war, wieder mit seinem Vater und
seiner Stiefmutter zusammenzuleben, und Cassandra beschrieb
einige von Nells Schrullen: dass sie sich geweigert hatte, einen
Kartoffelschäler zu benutzen, weil man damit die Kartoffeln nicht
so dünn schälen konnte wie mit einem Messer, dass sie die Angewohnheit hatte, die
Katzen anderer Leute zu adoptieren, und
dass sie Cassandras Weisheitszähne in Silber einfassen ließ und
dann an einer Halskette trug. Christian hatte herzhaft gelacht, und
sie war spontan eingefallen.
Als er sie schließlich vor dem Hotel absetzte, war es schon
dunkel und so neblig, dass seine Scheinwerfer gelb schimmerten.
»Danke«, sagte Cassandra und stieg aus dem Wagen. »Das hat
Spaß gemacht.« Es stimmte. Sie hatte sich amüsiert und wohlge447
fühlt. Ihre Geister waren zwar wie immer bei ihr gewesen, aber
nicht ganz so nah wie sonst.
»Ich bin froh, dass Sie mitgekommen sind.«
»Ich auch.« Cassandra lächelte ihn an, dann schlug sie die Tür
zu. Winkte ihm nach, als das Auto im Nebel verschwand.
»Jemand hat für Sie angerufen«, sagte Samantha und wedelte
mit einem Zettel, als Cassandra die Eingangshalle betrat. »Waren
Sie aus?«
»Ja, im Pub.« Ohne Samanthas hochgezogene Brauen zu beachten, nahm Cassandra den
Zettel entgegen.
Anruf von Ruby Davies, stand darauf. Komme am Montag nach
Cornwall. Habe im Hotel Blackhurst ein Zimmer gebucht. Erwarte Erfolgsbericht!
Cassandra wurde ganz warm ums Herz. Sie würde Ruby das
Haus und die Tagebücher und den geheimen Garten zeigen. Ruby
würde verstehen, was ihr all dies bedeutete. Und Christian würde
ihr auch gefallen.
»Jemand hat sie hergefahren, was? Sah aus wie der Wagen von
Christian Blake.«
»Danke für die Nachricht«, sagte Cassandra lächelnd.
»Genau konnte ich es natürlich nicht erkennen«, rief Samantha
ihr nach, als sie die Treppe hochging. »Ich habe ja schließlich
nicht auf der Lauer gelegen.«
Cassandra ging auf ihr Zimmer, ließ sich ein heißes Bad einlaufen und gab etwas von
dem Lavendelbadesalz zu, das Julia ihr
gegen ihren Muskelkater besorgt hatte. Dann breitete sie ein trockenes Handtuch auf
dem Boden neben der Wanne aus und legte
die Tagebücher darauf. Vorsichtig darauf bedacht, sich die Hände
nicht nass zu machen, damit sie die Seiten umblättern konnte, ließ
sie sich ins heiße Wasser gleiten und stieß einen wohligen Seufzer aus. Dann lehnte
sie sich zurück und schlug das erste Tagebuch auf in der Hoffnung, einen Hinweis zu
entdecken, der ihr
Aufschluss über Roses geheimnisvolle Male geben konnte.
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Selbst als das Wasser sich nur noch lauwarm anfühlte und ihre
Füße schon halb aufgeweicht waren, hatte Cassandra noch nichts
Brauchbares gefunden. Immer nur Roses verschleierte Hinweise
auf Male, für die sie sich schämte.
Aber etwas anderes Interessantes war Cassandra aufgefallen.
Es hatte zwar nichts mit den Malen zu tun, war aber dennoch
sonderbar. Es waren nicht nur die Worte, sondern die Ausdrucksweise, die Cassandras
Aufmerksamkeit geweckt hatte. Sie
wurde das Gefühl nicht los, dass irgendetwas Bedeutsames zwischen den Zeilen stand.
März 1909. Die Arbeiten an der Gartenmauer haben begonnen.
Zu Recht meinte Mama, dass man es am besten machen lässt, solange Eliza fort ist.
Das Cottage ist zu ungeschützt. Früher, als es
schändlichen Zwecken diente, machte das nichts, aber heute muss
man es nicht mehr vom Meer aus sehen können. Im Gegenteil:
Niemand hier möchte, dass etwas bemerkt wird. Und man kann
gar nicht vorsichtig genug sein: Wo viel zu gewinnen ist, da ist
auch viel zu verlieren.
450
de auf dem Nachttisch abgestellt - dann eine sanfte Stimme ganz
dich an ihrem Ohr. »Ich habe Ihnen Ihr Frühstück gebracht …«
Mary schon wieder. Als würde es nicht reichen, dass Mary die
mit dem blutigen Beweis befleckten Laken gesehen hatte.
»Sie dürfen nicht den Mut verlieren, Mrs Walker.«
Mrs Walker. Bei diesen Worten zog sich Rose der Magen zusammen. Wie sehr hatte sie
sich danach gesehnt, Mrs Walker zu
sein. Nachdem sie Nathaniel in New York kennengelernt hatte,
nachdem sie mit klopfendem Herzen von einem Ball zum anderen gegangen war, den Saal
nach ihm abgesucht, den Atem angehalten hatte, bis ihre Blicke sich endlich
begegneten und seine
Lippen sich zu einem Lächeln öffneten, für sie ganz allein.
Nun gehörte ihr der Name, doch sie hatte sich als unwürdig
erwiesen, ihn zu tragen. Eine Frau, die nicht einmal die grundlegendste eheliche
Pflicht erfüllen konnte, die ihrem Mann nicht
das geben konnte, was er von einer guten Ehefrau erwartete: Kinder. Gesunde,
glückliche Kinder, die in den Gartenanlagen herumtollen, am Strand Sandburgen
bauen, sich vor ihren Kindermädchen verstecken würden.
»Sie dürfen nicht weinen, Mrs Walker. Irgendwann wird es
auch bei Ihnen klappen.«
Jedes wohlmeinende Wort traf sie bis ins Mark. »Meinst du
wirklich, Mary?«
»Aber selbstverständlich, Ma’am.«
»Wie kannst du dir da so sicher sein?«
»Irgendwann muss es doch passieren, oder? Es bleibt doch
keine Frau davon verschont. Jedenfalls nicht lange. Ich kenne genug Frauen, die was
darum geben würden, wenn sie wüssten, wie
sie es vermeiden könnten.«
»Undankbare Geschöpfe«, sagte Rose, die Wangen heiß und
nass. »Solche Frauen haben es nicht verdient, ein Kind zu bekommen.«
Marys Augen verdunkelten sich, aus Mitleid, wie Rose annahm. Anstatt dem
pausbäckigen Dienstmädchen eine Ohrfeige
451
zu verpassen, wandte Rose sich ab und verkroch sich unter ihrer
Decke. Suhlte sich in ihrem Kummer. Umgab sich mit der dunklen, leeren Wolke ihres
Verlusts.
»Vielleicht haben Sie recht, Mrs Walker«, sagte Mary und fuhr
zögernd fort: »Und jetzt essen Sie ein bisschen was zum Frühstück, Ma’am. Sie
sollten wirklich dafür sorgen, dass Sie bei Kräften bleiben.«
Nathaniel hätte es im Schlaf zeichnen können. Das Gesicht seiner
Frau war ihm so vertraut, dass er manchmal das Gefühl hatte, es
besser zu kennen als seine eigene Hand. Er zog eine Linie und
verwischte sie leicht mit dem Daumen. Kniff die Augen zusammen und legte den Kopf
schräg. Sie war schön, daran bestand
kein Zweifel. Das dunkle Haar, die blasse Haut, der rote Mund.
Und doch bereitete ihre Schönheit ihm keine Freude.
Er schob die Porträtskizze in seine Mappe. Rose würde sich
darüber freuen wie jedes Mal. Sie drängte ihn immer so sehr,
noch ein Porträt von ihr zu zeichnen, dass er ihr die Bitte nie abschlagen konnte.
Wenn er ihr nicht alle paar Tage ein neues Bild
präsentierte, brach sie meist in Tränen aus und flehte ihn an, ihr
seine Liebe zu versichern. Inzwischen zeichnete er sie fast nur
noch aus dem Gedächtnis. Sie für ihn Modell sitzen zu lassen,
war zu quälend. Seine Rose hatte sich in ihren Schmerz zurückgezogen. Die junge
Frau, die er in New York kennengelernt hatte,
war vor Kummer vergangen, und geblieben war dieser Schatten
von Rose mit vom Schlafmangel dunkel geränderten Augen, bleicher Haut und nervösen
Händen. Hatte jemals ein Dichter auf
adäquate Weise die erbärmliche Hässlichkeit einer geliebten Frau
beschrieben, deren Gesicht von Kummer gezeichnet war?
Nacht für Nacht gab sie sich ihm hin, und er ließ sich darauf
ein. Aber Nathaniels Begierde war verflogen. Was ihn einst erregt hatte, erfüllte
ihn jetzt mit Angst und, schlimmer noch, mit
Schuldgefühlen. Schuldgefühle, weil er sie beim Liebesakt nicht
mehr ansehen konnte. Schuldgefühle, weil er ihr nicht geben
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konnte, was sie sich wünschte. Schuldgefühle, weil er ihre Sehnsucht nach einem
Kind nicht teilte. Nicht dass Rose ihm das
glauben würde. Egal, wie oft Nathaniel ihr versicherte, dass sie
ihm genug war, sie ließ sich nicht überzeugen.
Und als wäre das alles nicht schon schlimm genug, war
schließlich auch noch ihre Mutter in sein Atelier gekommen. Hatte auf ihre steife
Art seine Porträts unter die Lupe genommen und
sich dann in den Sessel neben seiner Staffelei gesetzt, um ihm
einen Vortrag zu halten. Rose sei sehr zart, hatte sie gesagt, sie
sei schon als Kind kränklich gewesen. Die animalischen Gelüste
eines Ehemannes könnten ihr großen Schaden zufügen, und es
wäre für alle das Beste, wenn er sich eine Weile zurückhalten
könnte. Ein solches Gespräch mit seiner Schwiegermutter zu führen, hatte ihn
dermaßen irritiert, dass er keine Worte gefunden
hatte, ihr seine Situation zu erläutern.
Er hatte nur stumm genickt und sich seitdem angewöhnt, sich
in die Abgeschiedenheit des Gartens zurückzuziehen, anstatt in
seinem Atelier zu arbeiten. Die Gartenlaube war jetzt sein Arbeitsplatz. Es war
März und immer noch ziemlich kühl, aber Nathaniel war gern bereit, auf
Annehmlichkeiten zu verzichten. Bei
dem Wetter war es umso unwahrscheinlicher, dass jemand auf die
Idee kam, ihn hier aufzusuchen. Endlich konnte er frei atmen.
Der Winter im Haus mit Roses Eltern und der Bedürftigkeit seiner Frau, die ihm
schier die Luft zum Atmen raubte, war erdrückend gewesen. Ihr Kummer und ihre
Enttäuschung hatten die
Wände, die Teppiche, die Stores durchdrungen. Es war ein Totenhaus: Linus, der sich
in seiner Dunkelkammer einschloss, Rose, die sich in ihrem Schlafzimmer verkroch,
Adeline, die in den
Korridoren lauerte.
Nathaniel beugte sich vor, betrachtete das fahle Sonnenlicht,
das durch das Laub des Rhododendronbuschs fiel. Es juckte ihn
in den Fingern, am liebsten hätte er gleich versucht, das faszinierende Spiel von
Licht und Schatten einzufangen. Aber er hatte
keine Zeit. Vor ihm auf der Staffelei stand das unfertige Porträt
453
von Lord Mackelby, der Bart war fertig, die geröteten Wangen,
die gefurchte Stirn, nur die Augen fehlten noch. An der Aufgabe,
Augen in Öl zu malen, scheiterte Nathaniel jedes Mal.
Er wählte einen Pinsel aus und entfernte ein loses Haar. Als er
gerade die Farbe auftragen wollte, spürte er ein Kribbeln im Arm,
sein merkwürdiger sechster Sinn, der ihm sagte, dass es aus war
mit der Einsamkeit. Er blickte sich um. Siehe da, ein Diener stand
hinter ihm. Nathaniels Nackenhaare sträubten sich.
»Himmelherrgott, Mann«, sagte er. »Schleichen Sie sich gefälligst nicht so an. Wenn
Sie mir etwas zu sagen haben, treten Sie
vor mich hin. Was soll diese Heimlichtuerei?«
»Lady Mountrachet lässt ausrichten, dass die Kutsche nach
Tremayne Hall heute Nachmittag um zwei Uhr abfährt, Sir.«
Nathaniel fluchte innerlich. Tremayne Hall hatte er ganz vergessen. Schon wieder
irgendwelche von Adelines reichen Freunden, die ihre Wände mit dem eigenen Abbild
zu schmücken
wünschten. Wenn er richtig Glück hatte, wurde womöglich auch
noch gewünscht, dass er ein Porträt der drei kleinen, putzigen
Hunde der Hausherrin malte!
Wenn er nur daran zurückdachte, wie begeistert er anfangs gewesen war, wenn Adeline
ihn wieder einmal in ein Haus eingeführt hatte, wie er es genossen hatte, dass sein
Status stieg wie
das Segel an einem neuen Schiff. Er war ein blinder Narr gewesen, hatte nicht
geahnt, welchen Preis er für diese Art von Erfolg
würde zahlen müssen. Er bekam zwar immer mehr Aufträge, aber
seine Kreativität hatte in gleichem Maß nachgelassen. Er produzierte Porträts mit
einer Zuverlässigkeit wie diese neuen Massenproduktionsfabriken, von denen die
Geschäftsleute immer
sprachen und sich dabei vergnügt die Hände rieben. Keine Zeit,
um Luft zu holen, seine Technik zu verbessern, neue Methoden
auszuprobieren. Seine Werke waren nicht die eines Künstlers,
seine Pinselstriche drückten weder Würde noch Menschlichkeit
aus.
454
Das Schlimmste war, dass er bei all der Porträtmalerei gar
nicht mehr dazu kam, sich seiner wahren Leidenschaft, dem
Zeichnen, zu widmen. Seit er auf Blackhurst lebte, hatte er nur
eine einzige Zeichnung angefertigt und ein paar Skizzen des Hauses und seiner
Bewohner. Seine Hände, sein Geschick, seine Inspiration, alles war verkümmert.
Inzwischen war ihm klar, dass er die falsche Entscheidung getroffen hatte. Wenn er
nur auf Rose gehört und nach der Hochzeit
ein eigenes Haus für sie beide gesucht hätte, wäre vielleicht alles
anders gekommen. Dann wären sie inzwischen womöglich eine
glückliche und zufriedene kleine Familie, und seine Fingerspitzen
wären bereit für kreatives Schaffen.
Vielleicht wäre aber auch alles genauso wie jetzt. Sie würden
dieselben Qualen erleiden, nur unter weniger erdrückenden Umständen. Und das war
der Haken. Wie konnte man von einem
Mann, der als Junge in Armut gelebt hatte, erwarten, dass er sich
für den weniger glanzvollen Weg entschied?
Und jetzt hatte Adeline wie Eva im Paradies angefangen, von
der Möglichkeit zu flüstern, den König persönlich zu porträtieren.
Obwohl er das Porträtieren leid war, obwohl er sich selbst dafür
verabscheute, seine Leidenschaft so verraten zu haben, lief ihm
allein bei dem Gedanken ein Schauer über den Rücken.
Er legte seinen Pinsel beiseite und rieb einen Farbfleck von
seinem Daumen. Wollte sich gerade zum Mittagessen begeben,
als sein Blick auf seine Mappe fiel. Er warf einen kurzen Blick in
Richtung Haus, dann nahm er die geheimen Zeichnungen heraus.
Seit zwei Wochen, seit er unter Roses Sachen die Märchen ihrer
Cousine Eliza entdeckt hatte, arbeitete er nun schon in unregelmäßigen Abständen
daran. Obwohl die Märchen für Kinder geschrieben waren, einfache Erzählungen von
Tapferkeit und Tugend, hatten sie ihn nicht mehr losgelassen. Die Figuren hatten
sich in seine Gedanken geschlichen, waren dort zum Leben erwacht, und ihre einfache
Weisheit war Balsam für seine gequälte
Seele, für seine hässlichen Erwachsenensorgen. Unwillkürlich
455
hatte er angefangen, Linien zu zeichnen, aus denen wie von selbst
ein altes Weiblein an einem Spinnrad geworden war, eine Feenkönigin mit langem,
dickem Zopf, eine in einen Vogel verhexte
Prinzessin in ihrem goldenen Käfig.
Und aus den anfänglichen Kritzeleien fertigte er jetzt Zeichnungen an. Fügte
Schattierungen ein, verstärkte die Linien, arbeitete die Gesichtszüge deutlicher
heraus. Er betrachtete die Zeichnungen noch einmal, darauf bedacht, nicht auf das
Wasserzeichen
in dem Papier zu achten, das Rose ihm kurz nach der Hochzeit
geschenkt hatte, und versuchte, nicht an diese glücklicheren Zeiten zurückzudenken.
Die Zeichnungen waren noch nicht ganz fertig, doch sie gefielen ihm. Es war in der
Tat das einzige Projekt, das ihm noch
Freude bereitete, das ihm half, die Heimsuchung zu vergessen, zu
der sein Leben sich entwickelt hatte. Mit klopfendem Herzen befestigte Nathaniel
die Pergamentblätter am oberen Rand seiner
Staffelei. Nach dem Mittagessen würde er es sich herausnehmen,
ein bisschen zu zeichnen, einfach so, ohne Ziel, wie er es als Junge getan hatte.
Lord Mackelbys düstere Augen konnten warten.
Endlich, mit Marys Hilfe, war Rose angezogen. Sie hatte den
ganzen Morgen in ihrem Sessel gesessen, sich aber schließlich
doch entschlossen, ihr Zimmer zu verlassen. Wie lange hatte sie
in diesen vier Wänden gehockt? Zwei Tage? Drei? Als sie aufstand, wurde ihr so
schwindlig und so flau im Magen, dass sie
beinahe umgefallen wäre, ein Gefühl, das ihr aus ihrer Kindheit
vertraut war. Damals hatte Eliza sie mit ihren Märchen aufgemuntert, die sie sich
in der Bucht ausgedacht hatte. Wenn es doch
nur eine solch simple Medizin für Erwachsenenleiden gäbe.
Rose hatte Eliza schon eine ganze Weile nicht mehr gesehen.
Hin und wieder erblickte sie sie flüchtig vom Fenster aus, sah sie
durch den Garten streifen oder auf der Klippe stehen, ein ferner
Punkt mit wehendem rotem Haar. Ein paarmal hatte Mary an die
Tür geklopft und ihr ausgerichtet, Miss Eliza sei unten und wünsche sie zu
sprechen, aber Rose hatte jedes Mal abgelehnt. Sie
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liebte ihre Cousine, aber der Kampf, den sie gegen Kummer und
Hoffnung führte, raubte ihr alle Energie. Und Eliza war so temperamentvoll, so
sprühend vor Leben und Gesundheit. Das war
mehr, als Rose ertragen konnte.
Leicht wie ein Geist schwebte Rose durch den mit Teppich
ausgelegten Flur, eine Hand auf dem Handlauf, um ihr Gleichgewicht zu halten. Am
Nachmittag, wenn Nathaniel von Tremayne
Hall zurückkehrte, würde sie ihn in seiner Laube aufsuchen. Zwar
war es kühl draußen, aber sie würde sich von Mary warm einpacken lassen, und Thomas
konnte ihr einen Sessel und eine Decke
bringen. Nathaniel musste sich einsam fühlen dort im Garten und
er würde sich freuen, sie endlich wieder an seiner Seite zu haben.
Sie würde sich zurücklehnen und sich von ihm zeichnen lassen.
Er liebte es so sehr, sie zu porträtieren, und es war ihre Pflicht als
Ehefrau, ihrem Mann Trost zu spenden.
Kurz bevor sie die Treppe erreichte, hörte Rose Stimmen von
unten.
»Sie will es nicht melden, sie sagt, das geht nur sie was an.«
Die Worte wurden begleitet vom regelmäßigen Klopfen eines Besens gegen die
Fußleiste.
»Die Mistress wird nicht begeistert sein, wenn sie davon erfährt.«
»Sie wird es nicht erfahren.«
»Die Mistress hat doch Augen im Kopf. Es ist schließlich nicht
zu übersehen, wenn ein Mädchen einen dicken Bauch kriegt.«
Rose schlug sich die kalte Hand vor den Mund, schlich auf Zehenspitzen weiter,
strengte die Ohren an, um mehr zu hören.
»Also, sie sagt, die Frauen in ihrer Familie bekämen keinen dicken Bauch. Deswegen
meint sie, sie kann es unter ihren Kleidern verbergen.«
»Dann hoffen wir mal für sie, dass sie recht behält, denn wenn
nicht, ist sie schneller hier raus, als sie gucken kann.«
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Rose erreichte den Treppenabsatz gerade rechtzeitig, um zu
sehen, wie Daisy im Dienstbotentrakt verschwand. Sally dagegen
hatte weniger Glück.
Das Dienstmädchen schrak zusammen, und auf ihren Wangen
bildeten sich hässliche rote Flecken. »Verzeihen Sie, Ma’am.«
Sie machte einen unbeholfenen Knicks, bei dem sich der Besen in
ihrem Rock verfing. »Ich habe Sie gar nicht kommen sehen.«
»Von wem habt ihr gesprochen, Sally?«
Die roten Flecken breiteten sich bis zu den Ohren der jungen
Frau aus.
»Sally«, sagte Rose. »Ich verlange eine Antwort. Wer ist
schwanger?«
»Mary, Ma’am«, flüsterte Sally.
»Mary?«
»Ja, Ma’am.«
»Mary ist schwanger?«
Sally nickte hastig, und es war ihr anzusehen, dass sie es kaum
erwarten konnte, die Flucht zu ergreifen.
»Verstehe.« Ein bodenloses, schwarzes Loch hatte sich in Roses Bauch aufgetan und
drohte, sie in die Tiefe zu reißen. Diese
dumme Gans mit ihrer widerlichen, billigen Fruchtbarkeit. Die
sie auch noch unverschämt zur Schau stellte. Tat so, als wollte sie
Rose trösten, versicherte ihr, alles würde gut werden, nur um hinter ihrem Rücken
über sie zu spotten. Und sie war noch nicht
einmal verheiratet! Das würde in diesem Haus nicht geduldet
werden. Blackhurst Manor war seit Generationen ein moralisch
untadeliges Haus, und Rose würde dafür sorgen, dass das so
blieb. Vorsichtig atmete sie aus. »Danke, Sally. Du kannst gehen.«
Adeline ließ die Bürste durch ihr Haar gleiten, immer und immer
wieder. Mary war entlassen. Zwar bedeutete das, dass ihnen für
die Party am kommenden Wochenende Personal fehlte, aber dafür mussten sie eben eine
Lösung finden. Normalerweise sah sie
458
es nicht gern, wenn Rose ohne Rücksprache mit ihr Entscheidungen in Bezug auf das
Dienstpersonal traf, aber sie befand sich in
einer außergewöhnlichen Lage, und Mary war ein kleines Biest.
Dazu unverheiratet, was die ganze Sache noch skandalöser machte. Nein, Rose hatte
instinktiv richtig gehandelt, auch wenn sie
nicht die beste Methode gewählt hatte.
Die arme Rose. Dr. Matthews hatte Adeline Anfang der Woche
um ein Gespräch gebeten. Er hatte ihr im Wintergarten gegenübergesessen und wie
immer, wenn es um etwas Besorgniserregendes ging, sehr leise gesprochen. Rose gehe
es nicht gut, hatte
er gesagt (als wüsste Adeline das nicht selbst), und er mache sich
große Sorgen.
»Leider beschränken sich meine Befürchtungen nicht allein auf
ihren körperlichen Zustand, Lady Mountrachet. Es gibt …« Er
hüstelte in seine kleine Faust. »… noch andere Gründe.«
»Andere Gründe, Doktor Matthews?« Adeline reichte ihm eine
Tasse Tee.
»Emotionale Probleme, Lady Mountrachet.« Dr. Matthews lächelte schmallippig und
nippte an seinem Tee. »Als ich sie zu den
körperlichen Aspekten ihres Ehelebens befragte, beschrieb mir
Mrs Walker eine Neigung zu fleischlichen Gelüsten, die ich aus
meiner Sicht als Arzt als ungesund bezeichnen muss.«
Adeline spürte, wie sich ihre Lunge ausdehnte, sie hielt den
Atem an und zwang sich, langsam und ruhig auszuatmen. Da ihr
die Worte fehlten, gab sie einen weiteren Zuckerwürfel in ihren
Tee und rührte um. Ohne Dr. Matthews anzusehen, bat sie ihn
fortzufahren.
»Seien Sie getrost, Lady Mountrachet. Auch wenn es sich um
ein merkwürdiges Phänomen handelt, ist Ihre Tochter nicht die
Einzige, die davon betroffen ist. Derzeit treten unter den jungen
Damen gehäuft Fälle von erhöhter fleischlicher Begierde auf, und
ich bin mir sicher, dass sie das mit der Zeit überwinden wird. Allerdings mache ich
mir Sorgen, dass ihre Veranlagung zu ihren
wiederholten Fehlschlägen beiträgt.«
459
Adeline räusperte sich. »Fahren Sie fort, Doktor Matthews.«
»Als Arzt bin ich der Meinung, dass Ihre Tochter vorübergehend auf die
geschlechtliche Vereinigung mit ihrem Ehemann
verzichten sollte, damit ihr armer Körper sich erholen kann. Denn
es hängt alles miteinander zusammen, Lady Mountrachet, es
hängt alles zusammen.«
Adeline hob ihre Tasse an die Lippen und schmeckte die Bitterkeit des feinen
Porzellans. Sie nickte kaum merklich.
»Die Wege des Herrn sind unergründlich, und das gilt auch für
den menschlichen Körper, den er erschaffen hat. Man kann mit
Recht von der Hypothese ausgehen, dass eine junge Dame mit
erhöhtem … fleischlichem Verlangen«, er lächelte um Entschuldigung heischend, die
Augen zusammengekniffen, »kaum der
Idealvorstellung einer Mutter entspricht. Der Körper weiß diese
Dinge, Lady Mountrachet.«
»Wollen Sie damit sagen, Doktor Matthews, dass meine Tochter eine größere Chance
hätte, wenn sie weniger Versuche unternähme?«
»Es ist zumindest eine Überlegung wert, Lady Mountrachet.
Ganz abgesehen davon, dass Enthaltsamkeit sich ganz allgemein
positiv auf ihren Gesundheitszustand und ihr Wohlbefinden auswirken würde. Stellen
Sie sich beispielsweise einen Windsack
vor.«
Adeline hob die Brauen und fragte sich nicht zum ersten Mal,
warum sie Dr. Matthews all die Jahre über die Treue gehalten
hatte.
»Wenn man einen Windsack jahrelang am Mast hängen lässt,
ohne ihn ausruhen zu lassen oder ihn zu reparieren, werden die
rauen Winde unweigerlich Löcher ins Gewebe reißen. Auch Ihre
Tochter, Lady Mountrachet, braucht Zeit, um sich zu erholen.
Man muss sie vor den rauen Winden schützen, die drohen, ihre
Gesundheit gänzlich zu ruinieren.«
Windsack hin oder her, Dr. Matthews’ Worte enthielten eine
gewisse Logik. Rose war schwach und kränklich, und wenn man
460
ihr keine Zeit gönnte, in der sie wieder zu Kräften kommen konnte, war nicht zu
erwarten, dass sie jemals vollständig genas. Doch
ihre heftige Sehnsucht nach einem Kind zehrte sie auf. Adeline
hatte sich lange den Kopf darüber zerbrochen, wie sie ihre Tochter davon überzeugen
konnte, dass ihrer eigenen Gesundheit Vorrang gebührte, und schließlich war sie zu
dem Schluss gekommen, dass sie Nathaniel in die Sache mit einbeziehen musste. So
peinlich ihr ein solches Gespräch mit ihrem Schwiegersohn auch
sein mochte, sie konnte sich darauf verlassen, dass er auf sie hörte. Im Verlauf
der vergangenen zwölf Monate hatte Nathaniel gelernt, sich Adelines Wünschen zu
fügen, und jetzt, wo die Aussicht bestand, den König porträtieren zu dürfen,
bestand kaum ein
Zweifel, dass er ihr beipflichten würde.
Obwohl es Adeline gelang, sich äußerlich gelassen zu geben,
kochte sie innerlich vor Wut. Warum sollte es anderen jungen
Frauen vergönnt sein, Kinder zu gebären, wenn Rose keines bekommen konnte? Warum
war sie kränklich, während andere vor
Gesundheit strotzten? Wie viele Qualen würde Roses schwacher
Körper noch erleiden müssen? In ihren düstersten Momenten
fragte sich Adeline, ob sie selbst womöglich an allem schuld war.
Ob Gott sie womöglich bestrafte. War sie zu stolz gewesen, hatte
sie zu häufig mit Roses Schönheit, ihren tadellosen Umgangsformen, ihrem Liebreiz
geprahlt? Denn welche Strafe konnte
schlimmer sein, als mit ansehen zu müssen, wie das geliebte Kind
Qualen litt?
Sich vorzustellen, dass Mary, dieses unverschämt gesunde
Weibsbild mit ihrem breiten, strahlenden Gesicht und ihrem ungekämmten Haar,
schwanger war! Noch dazu ungewollt schwanger, während anderen, die sich sehnlichst
ein Baby wünschten,
dieses Glück versagt blieb. Es war einfach ungerecht. Kein Wunder, dass Rose die
Nerven verloren hatte: Sie war jetzt an der
Reihe. Die frohe Botschaft, dass sie schwanger war, müsste Rose
gelten, nicht Mary.
461
Wenn es bloß eine Möglichkeit gäbe, Rose ein Kind zu schenken, ohne dass sie
körperliche Strapazen durchmachen musste.
Das war natürlich unmöglich. Wenn es eine solche Lösung gäbe,
würden die Frauen Schlange stehen.
Adeline hielt mitten im Haarebürsten inne. Schaute ihr Spiegelbild an, ohne etwas
zu erkennen. Sie war mit ihren Gedanken
woanders, sah eine achtlose junge Frau ohne mütterlichen Ins
tinkt neben einer zarten jungen Dame, deren Körper sich ihrer
Sehnsucht nach Mutterschaft verweigerte …
Sie legte die Haarbürste zur Seite, verkrampfte die kalten Hände in ihrem Schoß.
War es möglich, sich eine solche Widersprüchlichkeit zunutze
zu machen?
Es würde nicht einfach sein. Als Erstes müsste man Rose davon überzeugen, dass es
das Beste für sie war. Dann würde man
das Mädchen zu der Einsicht bringen müssen, dass es ihre Pflicht
war. Dass sie der Familie Mountrachet nach so vielen Jahren guten Willens diesen
Dienst schuldig war.
Schwierig, aber nicht unmöglich.
Langsam erhob sich Adeline. Sie machte sich auf den Weg in
Roses Zimmer, während ihr Plan in ihrem Kopf immer deutlicher
Gestalt annahm.
Das wichtigste Werkzeug zum Veredeln von Rosen war das Messer. Rasiermesserscharf
müsse es sein, sagte Davies, so scharf,
dass sie sich damit die Haare von den Armen rasieren könne. Eliza hatte ihn im
Gewächshaus angetroffen, und er war sofort bereit
gewesen, ihr dabei zu helfen, für ihren Garten eine Hybride zu
züchten. Er hatte ihr gezeigt, wo sie den Schnitt ansetzen musste,
wie man dafür sorgte, dass keine Splitter oder Knoten oder Verunstaltungen
entstanden, die verhindern könnten, dass das Pfropfreis an dem neuen Stamm anwuchs.
Sie war den ganzen Vormittag geblieben und hatte Davies dabei geholfen, die
Pflanzen für
den Frühling umzutopfen. Es war ein Genuss, die Hände in die
462
warme Erde zu tauchen, die Verheißungen einer neuen Jahreszeit
an den Fingerspitzen zu spüren.
Danach war sie den ganzen langen Weg zurückgegangen. Es
war ein kühler Tag, dünne Wolken zogen in den höheren Luftschichten ihre schnelle
Bahn, und nach der feuchten Wärme im
Gewächshaus fühlte die frische Brise sich angenehm an im Gesicht. In der Nähe des
Hauses musste sie wie immer an ihre Cousine denken. Mary hatte ihr berichtet, dass
Rose in letzter Zeit
sehr niedergeschlagen war, und obwohl Eliza nicht damit rechnete, zu ihr
vorgelassen zu werden, konnte sie nicht umhin, es wenigstens zu versuchen. Sie
klopfte an die Dienstbotentür und wartete, bis jemand öffnete.
»Guten Tag, Sally. Ich bin gekommen, um Rose zu besuchen.«
»Das geht nicht, Miss Eliza«, sagte Sally mit einem mürrischen
Gesicht. »Mrs Walker ist gerade sehr beschäftigt und für Gäste
nicht zu sprechen.« Wie mechanisch leierte sie die Worte herunter.
»Komm schon, Sally«, sagte Eliza mit einem gequälten Lächeln. »Ich bin doch kein
Gast. Wenn du Rose Bescheid sagst,
dass ich hier bin …«
Aus dem Hausinneren ertönte Tante Adelines Stimme: »Sally
hat vollkommen recht. Mrs Walker ist beschäftigt.« Die wie eine
dunkle Sanduhr geformte Gestalt tauchte aus dem Schatten auf.
»Wir werden in Kürze zu Mittag essen. Wenn du eine Visitenkarte hinterlassen
möchtest, wird Sally Mrs Walker ausrichten, dass
du um einen Gesprächstermin gebeten hast.«
Sally senkte den Kopf, ihre Wangen waren gerötet. Zweifellos
war irgendetwas vorgefallen, und Eliza würde später von Mary
die Einzelheiten erfahren. Ohne Mary und deren regelmäßige Berichte würde Eliza
kaum noch etwas von dem mitbekommen, was
im Haus vor sich ging.
»Ich habe keine Visitenkarten«, erwiderte Eliza. »Würdest du
Rose bitte ausrichten, dass ich hier war, Sally? Sie weiß, wo sie
mich finden kann.«
463
Mit einem Nicken in Richtung ihrer Tante wandte Eliza sich
zum Gehen. Als sie den großen Rasen überquerte, drehte sie sich
noch einmal kurz um und schaute zum Fenster von Roses neuem
Schlafzimmer hinauf, das im Licht der Frühlingssonne weißlich
glänzte. Mit einem Mal musste sie wieder an Davies’ Messer
denken, und ein Schauer lief ihr über den Rücken: Wie mühelos
man mithilfe eines hinreichend scharfen Messers Teile von einer
Pflanze abschneiden konnte, ohne dass auch nur der kleinste
Hinweis auf die frühere Verbindung blieb …
Eliza ging am Springbrunnen vorbei und weiter, bis sie die
Gartenlaube erreichte. Wie so häufig neuerdings waren Nathaniels Malutensilien dort
aufgebaut. Er selbst war nirgendwo zu
sehen, wahrscheinlich war er zum Mittagessen ins Haus gegangen, aber er hatte ein
paar Blätter mit Zeichnungen an der Staffelei befestigt.
Eliza erstarrte.
Die Zeichnungen waren unverkennbar.
Betroffen erkannte sie, dass auf dem Zeichenpapier die Produkte ihrer eigenen
Fantasie Gestalt angenommen hatten. Figuren, die bisher nur in ihrem Kopf
herumgespukt waren, hatten
sich wie durch Zauberhand in gezeichnete Bilder verwandelt. Eliza lief es zugleich
heiß und kalt über den Rücken.
Sie trat näher an die Staffelei heran. Ließ ihren Blick über die
Zeichnungen wandern. Unwillkürlich musste sie lächeln. Es war,
als würde einem ein eingebildeter Freund plötzlich leibhaftig gegenüberstehen. Die
Gestalten waren denen in ihrer Vorstellung so
ähnlich, dass sie sie auf der Stelle erkannte, und dennoch sahen
sie irgendwie anders aus. Die von seiner Hand geschaffenen Figuren wirkten düsterer
als in ihrer Fantasie, stellte sie fest, und
das gefiel ihr. Ohne nachzudenken, löste sie die Blätter von der
Staffelei.
Dann eilte sie nach Hause - durchs Labyrinth, durch den geheimen Garten, durch das
Tor in der Mauer -, konnte an nichts
anderes denken als an die Bilder. Wann hatte er sie gezeichnet?
464
Warum? Was hatte er damit vor? Erst als sie ihre Jacke und ihren
Hut im kleinen Flur des Cottage an die Garderobe hängte, fiel ihr
der Brief wieder ein, den sie kürzlich von dem Londoner Verleger erhalten hatte. Mr
Hobbins hatte sein Schreiben mit einem
großen Lob für ihre Geschichten begonnen. Er habe eine kleine
Tochter, schrieb er, die stets mit angehaltenem Atem auf das
nächste Märchen von Eliza Makepeace wartete. Schließlich hatte
er ihr nahegelegt, doch eine mit Illustrationen versehene Sammlung herauszugeben,
und sie gebeten, sich an ihn zu wenden,
wenn es so weit war.
Zwar hatte Eliza sich geschmeichelt gefühlt, aber sie war dennoch nicht gänzlich
überzeugt gewesen. Aus irgendeinem Grund
war die Idee ein abstraktes Konzept in ihrem Kopf geblieben.
Aber nachdem sie jetzt Nathaniels Zeichnungen gesehen hatte,
konnte sie sich mit einem Mal ein solches Buch vorstellen, konnte beinahe schon
sein Gewicht in ihren Händen spüren. Eine gebundene Ausgabe ihrer Lieblingsmärchen,
ein Buch, das Kinder
faszinieren würde. Genauso ein Buch wie jenes, das sie vor all
den Jahren in Mrs Swindells Pfandleihhaus entdeckt hatte.
Zum Honorar hatte Mr Hobbins sich nicht geäußert, aber sicherlich konnte Eliza mit
einem etwas höheren Betrag rechnen
als bisher. Ein ganzes Buch war zweifellos viel mehr wert als eine einzelne
Geschichte. Vielleicht würde Eliza endlich genug
Geld für ihre ersehnte Reise übers Meer zusammenbekommen …
Ein lautes Klopfen an der Tür riss sie aus ihren Gedanken.
Nathaniel, schoss es ihr durch den Kopf, der kam, um sich seine Zeichnungen
zurückzuholen, doch dann schob sie diesen irrationalen Gedanken wieder beiseite.
Natürlich war er das nicht. Er
kam nie zum Cottage, außerdem würde es noch Stunden dauern,
ehe er merkte, dass seine Bilder verschwunden waren.
Trotzdem rollte Eliza die Blätter vorsichtshalber zusammen
und verstaute sie in ihrer Jackentasche.
Sie öffnete die Tür. Vor ihr stand Mary mit tränenüberströmtem Gesicht.
465
»Bitte, Miss Eliza, helfen Sie mir.«
»Mary! Was ist passiert?« Eliza ließ die junge Frau eintreten
und warf noch einen kurzen Blick nach draußen, ehe sie die Tür
wieder schloss. »Bist du verletzt?«
»Nein, Miss Eliza«, schluchzte Mary. »Es ist was ganz anderes.«
»Erzähl mir, was los ist.«
»Es geht um Mrs Walker.«
»Rose?« Eliza schlug das Herz bis zum Hals.
»Sie hat mich entlassen«, sagte Mary mit bebender Stimme.
»Sie hat mir gesagt, ich soll auf der Stelle meine Sachen packen.«
In die Erleichterung darüber, dass Rose nichts zugestoßen war,
mischte sich Verwunderung. »Aber warum denn, Mary?«
Mary ließ sich auf einen Stuhl sinken und wischte sich mit dem
Handrücken die Tränen fort. »Ich weiß nicht, wie ich es ausdrücken soll, Miss
Eliza.«
»Dann sag es mit ganz einfachen Worten, Mary, ich bitte dich,
und erzähl mir, was in aller Welt passiert ist.«
Erneut brach Mary in Tränen aus. »Ich bin schwanger. Ich
kriege ein Kind. Ich dachte, ich könnte es geheim halten, aber
Mrs Walker hat es rausgefunden, und jetzt sagt sie, sie will mich
nie wieder in ihrem Haus sehen.«
»Ach Mary.« Eliza setzte sich auf den Stuhl neben Mary und
nahm ihre Hand. »Bist du dir ganz sicher, dass du ein Kind erwartest?«
»Ja, ganz sicher, Miss Eliza. Ich wollte es nicht, aber es ist einfach passiert.«
»Und wer ist der Vater?«
»Ein junger Mann aus der Nachbarschaft. Bitte, Miss Eliza, er
ist kein schlechter Kerl, und er sagt, er will mich heiraten, aber
zuerst muss ich ein bisschen Geld verdienen, sonst haben wir
nichts, um eine Wohnung zu bezahlen und dem Kind was zu essen zu geben. Ich darf
meine Stellung nicht verlieren, Miss Eliza,
noch nicht, und ich kann immer noch gut arbeiten.«
466
Mary wirkte so verzweifelt, dass Eliza nicht anders konnte, als
zu sagen: »Ich werde mal sehen, was ich tun kann.«
»Werden Sie mit Mrs Walker sprechen?«
Eliza füllte ein Glas mit Wasser und reichte es Mary. »Ich
werde es zumindest versuchen. Aber du weißt ja selbst, dass es
nicht leicht ist, zu einem Gespräch mit Rose vorgelassen zu werden.«
»Bitte, Miss Eliza, Sie sind meine einzige Hoffnung.«
Eliza nickte und lächelte mit einem Ausdruck von Zuversicht,
die sie in Wahrheit nicht empfand. »Ich werde ein paar Tage abwarten, bis Rose sich
wieder beruhigt hat, dann spreche ich mit
ihr. Ich bin mir sicher, dass ich sie zur Einsicht bringen kann.«
»Vielen Dank, Miss Eliza. Sie wissen, dass ich das nicht gewollt habe, ich habe mir
alles selbst vermasselt. Ich wünschte, ich
könnte es alles ungeschehen machen.«
»So etwas hat sich jeder irgendwann schon mal gewünscht«,
sagte Eliza. »Und jetzt geh nach Hause und versuche, dir keine
allzu großen Sorgen zu machen. Es wird alles gut werden, daran
glaube ich ganz fest. Ich gebe dir Bescheid, sobald ich mit Rose
gesprochen habe.«
Adeline klopfte sachte an die Tür und öffnete sie dann. Rose saß
in ihrem Sessel am Fenster und starrte nach draußen. Ihre Arme
waren so dünn, ihr Gesicht so hager. Das ganze Zimmer schien
vor lauter Mitgefühl in Apathie verfallen zu sein - die Kissen
waren lustlos eingesunken, die Vorhänge hingen starr und mutlos.
Selbst die von fahlem Sonnenlicht gestreifte Luft wirkte abgestanden.
Rose ließ nicht erkennen, ob sie Adelines Kommen bemerkt
hatte oder sich dadurch gestört fühlte, und so trat Adeline hinter
sie und schaute aus dem Fenster, um zu sehen, was ihre Tochter
so faszinierte.
467
Nathaniel saß in der Laube vor seiner Staffelei und ging die
Blätter in seiner Mappe durch. Er wirkte hektisch, als hätte er ein
wichtiges Werkzeug verlegt.
»Er wird mich verlassen, Mama.« Rose’ Stimme klang so matt
wie das Sonnenlicht. »Warum sollte er bei mir bleiben?«
Dann drehte sie sich um und schaute Adeline an, die sich alle
Mühe gab, sich nicht anmerken zu lassen, welchen Eindruck der
beklagenswerte Zustand ihrer Tochter auf sie machte. Sie legte
eine Hand auf Roses knochige Schulter. »Es wird alles gut, mein
Kind.«
»Ach, wirklich?«
Sie klang so verbittert, dass Adeline zusammenzuckte.
»Selbstverständlich.«
»Ich weiß nicht, wie das möglich sein soll, denn offenbar bin
ich nicht in der Lage, ihn zum Mann zu machen. Ich kann ihm
keinen Erben schenken, ein eigenes Kind.« Rose wandte sich
wieder dem Fenster zu. »Deswegen wird er mich verlassen. Und
ohne ihn werde ich dahinsiechen.«
»Ich habe mit Nathaniel gesprochen, Rose.«
»Ach, Mama …«
Adeline legte Rose einen Finger auf die Lippen. »Ich habe mit
Nathaniel gesprochen, und ich bin davon überzeugt, dass er sich,
ebenso wie ich, nichts anderes wünscht, als dass du wieder gesund wirst. Kinder
werden kommen, wenn du wieder bei Kräften
bist, aber du musst Geduld haben. Nimm dir Zeit, dich zu erholen.«
Rose schüttelte den Kopf, ihr Hals war so dünn, dass Adeline
ihr am liebsten den Kopf gestützt hätte. »Ich kann nicht warten,
Mama. Ohne Kind kann ich nicht weiterleben. Ich würde alles
geben für ein Kind, selbst meine Gesundheit. Eher würde ich
sterben, als noch lange zu warten.«
Adeline setzte sich neben ihre Tochter und nahm ihre Hand.
»So weit muss es nicht kommen.«
468
In Roses großen, traurigen Augen flackerte Hoffnung auf. Die
Hoffnung, die ein Kind nie ganz aufgibt, das Vertrauen, dass eine
Mutter oder ein Vater helfen kann.
»Ich bin deine Mutter, und ich muss auf deine Gesundheit
achten, auch wenn du selbst nicht dazu bereit bist, und deswegen
habe ich lange und gründlich über deine Zwangslage nachgedacht. Es könnte eine
Möglichkeit für dich geben, ein Kind zu
bekommen, ohne dadurch deine Gesundheit in Gefahr zu bringen.«
»Aber wie denn, Mama?«
»Du wirst dich vielleicht zunächst dagegen sträuben, aber ich
bitte dich, deine Vorbehalte beiseitezulassen.« Sie senkte die
Stimme. »Hör gut zu, Rose, hör dir an, was ich dir zu sagen habe.«
Schließlich war es Rose, die den Kontakt zu Eliza aufnahm. Fünf
Tage nach Marys Besuch ließ Rose ihr einen Brief zukommen.
Noch verblüffender war, dass sie Eliza in dem geheimen Garten
zu treffen wünschte.
Als sie ihre Cousine erblickte, war Eliza froh, dass sie daran
gedacht hatte, ein paar Kissen auf die schmiedeeiserne Gartenbank zu legen, denn
die liebe Rose war nur noch ein Schatten ihrer selbst. Mary hatte Andeutungen über
ihren geschwächten Zustand gemacht, aber damit hatte Eliza nicht gerechnet, und
offenbar war es ihr nicht gelungen, ihr Entsetzen zu verbergen.
»Du wunderst dich über mein Erscheinungsbild, liebe Cousine«, sagte Rose mit einem
Lächeln, das ihre Wangenknochen
spitz hervortreten ließ.
»Nein, ganz und gar nicht«, log Eliza. »Ich dachte nur, ich …«
»Ich kenne dich zu gut, Eliza, ich kann deine Gedanken lesen
als wären es meine eigenen. Es stimmt, mir geht es nicht gut. Ich
fühle mich schwach. Aber wie immer werde ich mich wieder erholen.«
Eliza nickte. Sie spürte, wie ihre Augen brannten.
469
Rose lächelte erneut, aber sosehr sie sich auch bemühte, Zuversicht auszustrahlen,
wirkte sie doch nur traurig. »Komm«, sagte sie, »setz dich zu mir. Ich möchte meine
liebe Cousine an meiner Seite haben. Erinnerst du dich noch, wie du mich zum ersten
Mal mit hierher in den Garten genommen hast? Wie wir gemeinsam den Apfelbaum
gepflanzt haben?«
Eliza nahm Roses magere, kalte Hand. »Natürlich erinnere ich
mich. Und sieh dir unseren Baum nur an!« Der Apfelbaum war so
gut gediehen, dass er schon fast so hoch war wie die Gartenmauer. Nackte Äste
breiteten sich nach allen Seiten aus, und frische Zweige reckten sich gen Himmel.
»Wie schön er ist«, seufzte Rose. »Wenn man sich vorstellt,
dass wir ihn nur in die Erde zu setzen brauchten, und er wusste
genau, was er zu tun hatte.«
Eliza lächelte. »Er hat nur getan, wofür die Natur ihn geschaffen hat.«
Rose biss sich so heftig auf die Lippe, dass ein kleiner, dunkler
Fleck zurückblieb. »Wenn ich hier sitze, fühle ich mich beinahe
wieder, als wäre ich siebzehn, kurz vor meiner Reise nach New
York, voller Aufregung und freudiger Erwartung.« Sie schaute
Eliza an. »Es kommt mir vor, als wäre es eine Ewigkeit her, dass
wir beide allein hier gesessen haben, so wie früher, als wir noch
halbe Kinder waren.«
Eine Welle der Wehmut ließ Eliza alle Eifersucht und Enttäuschung vergessen. Sie
drückte Roses Hand. »Ja, das stimmt.«
Rose hustete, und ihr zerbrechlicher Körper krümmte sich bei
der Anstrengung. Als Eliza ihr gerade anbieten wollte, ihr eine
Stola zu holen, sagte Rose: »Hast du in letzter Zeit Neuigkeiten
aus dem Haus erfahren?«
Verwundert über den abrupten Themenwechsel antwortete Eliza vorsichtig: »Ich habe
mit Mary gesprochen.«
»Dann weißt du es also.« Ihre Blicke begegneten sich, und
nach einer Weile schüttelte Rose traurig den Kopf. »Sie hat mir
keine Wahl gelassen, Eliza. Ich weiß, dass ihr beide euch immer
470
gemocht habt, aber in einem solchen Zustand konnten wir sie
unmöglich auf Blackhurst Manor behalten. Das wirst du doch
verstehen, oder?«
»Mary ist zuverlässig und loyal, Rose«, entgegnete Eliza sanft.
»Sie hat sich unbesonnen verhalten, kein Zweifel, aber du könntest doch noch einmal
einlenken, oder? Sie verdient jetzt kein
Geld mehr, aber das Kind, das in ihrem Bauch wächst, wird sie
irgendwann ernähren müssen. Bitte, denk noch einmal darüber
nach, Rose. Stell dir mal ihre Notlage vor.«
»Ich versichere dir, dass ich in den letzten Tagen an kaum etwas anderes gedacht
habe.«
»Dann siehst du ja vielleicht ein …«
»Hast du je von etwas geträumt, Eliza, dich nach etwas so sehr
gesehnt, dass du ohne es nicht mehr würdest leben können?«
Eliza dachte an die Seereise, von der sie träumte. Ihre Liebe zu
Sammy. Ihre Zuneigung zu Rose. Aber sie schwieg.
»Es gibt nichts auf der Welt, was ich mir so sehr wünsche wie
ein Kind. Mein Herz verzehrt sich ebenso danach, wie meine
Arme es tun. Manchmal habe ich das Gefühl, als könnte ich das
Gewicht des Kindes, nach dem ich mich sehne, in meinen Armen
spüren, das warme Köpfchen, das sich an meinen Busen
schmiegt, wenn ich es wiege.«
»Bestimmt wirst du eines Tages …« »Ja, ja. Eines Tages.« Roses schwaches Lächeln
strafte ihre optimistischen Worte Lügen.
»Aber ich kämpfe schon so lange darum. Seit dreizehn Monaten,
Eliza, und ich erlebe nur Enttäuschung und Verzweiflung. Jetzt
erklärt mir Doktor Matthews, dass ich zu schwach bin. Du kannst
dir sicherlich vorstellen, wie ich mich gefühlt habe, als Marys
kleines Geheimnis herausgekommen ist. Dass sie durch ein Malheur mit dem beglückt
wird, wonach ich mich vergeblich sehne.
Dass sie, die nichts zu geben hat, bekommen soll, was mir, die
ich bereit bin, alles zu geben, versagt bleibt. Du wirst doch begreifen, dass das
ungerecht ist, oder? So etwas kann Gott doch
nicht wollen!«
471
Roses Verzweiflung war so groß, und ihre geschwächte Erscheinung stand so im
Widerspruch zu ihrem leidenschaftlichen
Kinderwunsch, dass Marys Wohlergehen plötzlich für Eliza nur
noch eine nebensächliche Rolle spielte. »Wie kann ich dir helfen,
Rose? Sag mir, was kann ich für dich tun?«
»Es gibt tatsächlich etwas, das du für mich tun könntest, liebe
Cousine. Ich brauche deine Hilfe, um etwas zu tun, das letztlich
auch das Beste für Mary sein wird.«
Endlich. Eliza hatte immer gewusst, dass es eines Tages so
weit sein würde. Endlich hatte Rose begriffen, dass sie Eliza
brauchte. Dass nur Eliza ihr helfen konnte. »Selbstverständlich,
Rose«, sagte sie. »Ich tue alles für dich. Sag mir einfach, worum
es sich handelt, und ich werde es tun.«
478
fort. In der Küche fuhr sie leicht mit den Fingerspitzen über den
alten Herd.
»Was hattest du denn in Polperro zu tun?«, wollte Cassandra
wissen, die im Schneidersitz auf dem Küchentisch hockte.
»Meine Ausstellung ist letzte Woche zu Ende gegangen, und
ich hab die Walker-Zeichnungen zu ihrer Eigentümerin zurückgebracht. Es hat mir
fast das Herz gebrochen, mich davon zu
trennen, das kann ich dir sagen.«
»Besteht denn keine Chance, dass die Frau sie dem Museum
als Dauerleihgabe überlässt?«
»Großartige Idee.« Rubys Kopf war in der Herdnische verschwunden, und ihre Stimme
klang gedämpft. »Vielleicht kannst
du sie ja dazu überreden.«
»Ich? Ich kenne sie doch gar nicht.«
»Noch nicht. Aber ich habe mit ihr über dich gesprochen. Hab
ihr alles über deine Großmutter erzählt, dass sie mit den Mountrachets verwandt war
und hier in Blackhurst geboren wurde, und
wie sie aus Australien hergekommen ist und das Cottage gekauft
hat. Clara fand das alles äußerst spannend.«
»Wirklich? Warum sollte sie sich dafür interessieren?«
Als Ruby sich aufrichtete, stieß sie sich den Kopf. »Aua!« Sie
rieb sich die schmerzende Stelle. »Verdammter Mist.«
»Alles in Ordnung?«
»Ja, ja, nichts passiert. Ich halte eine Menge aus.« Sie blinzelte. »Claras Mutter
hat als Dienstmädchen auf Blackhurst gearbeitet, erinnerst du dich? Das war diese
Mary, die später einen
Metzger geheiratet hat.«
»Ja, stimmt, jetzt erinnere ich mich wieder. Und wie kommst
du darauf, dass Clara sich für Nell interessiert? Was hat sie gesagt?«
Ruby öffnete die Ofenklappe. »Sie meinte, es gibt etwas, worüber sie mit dir reden
möchte. Etwas, das ihre Mutter ihr kurz
vor ihrem Tod gesagt hat.«
479
Cassandra spürte ein Prickeln auf der Haut. »Was denn? Hat
sie dir gesagt, worum es geht?«
»Nein, und mach dir keine allzu großen Hoffnungen. So wie
die ihre Mutter verehrt hat, erzählt sie dir womöglich, die Jahre,
die Mary als Dienstmädchen auf Blackhurst verbracht hat, wären
die besten ihres Lebens gewesen, oder dass Rose sie mal dafür
gelobt hat, wie schön sie das Silber polieren konnte.« Ruby
machte die Ofenklappe zu und schaute Cassandra an. »Ich nehme
nicht an, dass der Herd noch funktioniert, oder?«
»Doch, das tut er. Wir konnten es auch nicht glauben.«
»Wir?«
»Christian und ich.«
»Und wer ist Christian?«
Cassandra fuhr mit der Hand über die Tischplatte. »Ach, ein
Freund. Jemand aus dem Dorf, der mir hier beim Aufräumen
hilft.«
Ruby hob die Brauen. »Ach, ein Freund? So so.«
»Ja«, antwortete Cassandra so beiläufig wie möglich und zuckte die Achseln.
Ruby grinste. »Wie schön, wenn man gute Freunde hat.« Sie
ging an dem Fenster mit der kaputten Scheibe vorbei zu dem alten Spinnrad. »Wirst
du ihn mir vorstellen?« Sie drehte an dem
Rad.
»Pass auf«, sagte Cassandra, »dass du dir nicht in den Finger
stichst.«
»Ich werd mich hüten.« Ruby fuhr fort, das Spinnrad zu inspizieren. »Nachher bin
ich schuld, wenn wir beide in einen hundertjährigen Schlaf sinken.« Sie schaute
Cassandra mit funkelnden
Augen an. »Aber dann hätte dein Freund Gelegenheit, uns zu retten.«
Cassandra spürte, wie sie errötete. Sie versuchte, sich möglichst gelassen zu
geben, während Ruby die Deckenbalken, die
blauweißen Fliesen um den Herd und die breiten Bodendielen
480
begutachtete. »Und?«, fragte sie schließlich. »Was sagst du zu
dem Haus?«
Ruby verdrehte die Augen. »Das weißt du doch ganz genau ich bin grün vor Neid! Es
ist großartig!« Sie stützte sich mit den
Händen auf dem Tisch ab. »Hast du immer noch vor, es zu verkaufen?«
»Eigentlich ja.«
»Du bist stärker als ich.« Ruby schüttelte den Kopf. »Ich könnte mich niemals von
so was trennen.«
Wie aus dem Nichts meldete sich bei Cassandra der Besitzerstolz, den sie sofort
unterdrückte. »Mir bleibt nichts anderes übrig. Ich kann mir nicht leisten, es zu
unterhalten, vor allem, wo
ich am anderen Ende der Welt lebe.«
»Du könntest es als Ferienhaus behalten und vermieten, wenn
du nicht hier bist. Dann hätten wir immer ein schönes Plätzchen
an der Küste, wenn wir ein bisschen Meerluft schnuppern wollen.« Ruby lachte. »Ich
meine natürlich, du hättest ein schönes
Plätzchen.« Sie knuffte Cassandra in die Rippen. »Komm, zeig
mir, wie es oben aussieht. Ich wette, von da aus hat man einen
bombenmäßigen Ausblick.«
Sie stiegen die schmale Treppe hoch. Im Schlafzimmer lehnte
Ruby sich auf die Fensterbank und schaute aufs Meer hinaus.
»Mensch, Cass«, sagte sie. »Die Leute würden Schlange stehen,
um hier Urlaub machen zu dürfen. Ein Haus in unberührter Natur,
nah genug am Dorf, um sich mit allem versorgen zu können, weit
genug weg, um sich ungestört zu fühlen. Wie schön muss es sein,
von hier aus einen Sonnenuntergang zu beobachten oder nachts
die Fischerboote wie kleine Sterne auf dem Meer funkeln zu sehen.«
Rubys Worte freuten Cassandra und machten ihr zugleich
Angst, denn sie entsprachen einem geheimen Wunsch, dessen sie
sich bisher gar nicht bewusst gewesen war. Sie würde das Cottage tatsächlich am
liebsten behalten, auch wenn ihr natürlich klar
war, dass es vernünftiger wäre, es zu verkaufen. Die Atmosphäre
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des Hauses hatte es ihr angetan. Und es war mehr als nur die
Verbindung zu Nell. Wenn sie sich in dem Haus oder im Garten
aufhielt, kam es ihr vor, als wäre alles gut. Sie fühlte sich im
Frieden mit der Welt und mit sich selbst. Zum ersten Mal seit
zehn Jahren fühlte sie sich ganz und stabil, wie ein geschlossener
Kreis, wie ein klarer Gedanke.
»Genau!« Ruby drehte sich um und packte Cassandras Handgelenk.
»Was ist?«, fragte Cassandra entgeistert. »Was ist passiert?«
»Mir ist gerade eine fantastische Idee gekommen!« Sie
schluckte und gestikulierte mit der Hand, während sie nach Luft
schnappte. »Wir übernachten hier!«, stieß sie schließlich hervor.
»Du und ich, wir beide schlafen heute Nacht hier im Cottage!«
Cassandra hatte ihre Einkäufe auf dem Markt erledigt und trat
gerade aus einem Laden, wo sie Kerzen und Streichhölzer erstanden hatte, als ihr
Christian über den Weg lief. Seit ihrem gemeinsamen Abendessen im Pub waren drei
Tage vergangen, und seitdem hatten sie sich nicht wiedergesehen oder gesprochen. Es
hatte das ganze Wochenende über geregnet, und an die Fortsetzung
der Arbeiten im geheimen Garten war nicht zu denken gewesen.
Sie war plötzlich nervös, spürte, wie ihre Wangen schon wieder
heiß wurden.
»Fahren Sie ins Zeltlager?«
»So was Ähnliches. Eine Freundin von mir ist zu Besuch, und
sie will unbedingt im Cottage übernachten.«
Er hob die Brauen. »Dann lassen Sie sich mal nicht von den
Gespenstern beißen!«
»Ich werd mir Mühe geben.«
»Oder von den Ratten.« Er lächelte verlegen.
Sie erwiderte sein Lächeln, wusste aber nicht, was sie ihm entgegnen sollte. Das
Schweigen dehnte sich wie ein Gummiband
und drohte zu zerreißen. Schüchtern sagte sie: »Hören Sie, äh …
Hätten Sie nicht Lust, mit uns zu Abend zu essen? Es gibt nichts
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Besonderes, aber es macht bestimmt Spaß. Ich meine, wenn Sie
Zeit haben. Ruby würde Sie sicher gern kennenlernen.« Cassandra schluckte. »Das
könnte doch ein lustiger Abend werden.«
Er nickte und schien über ihren Vorschlag nachzudenken. »Ja«,
sagte er schließlich. »Sicher. Klingt gut.«
»Super.« Cassandra spürte ihr Herz pochen. »Sagen wir, so gegen sieben? Und Sie
brauchen nichts mitzubringen - wie Sie sehen, habe ich mich mit allem Nötigen
eingedeckt.«
»Kommen Sie, geben Sie mir das.« Christian nahm Cassandra
den Karton mit den Kerzen und den Streichhölzern ab. Sie ließ
die Griffe ihrer schweren Einkaufstüte in seine Hand gleiten und
rieb sich die rote Stelle am Handgelenk, die sie hinterlassen hatten. »Ich fahre
Sie eben zum Haus rauf«, sagte er.
»Ich möchte Ihnen keine Umstände machen.«
»Das tun Sie nicht. Ich war sowieso auf dem Weg zu Ihnen,
um über die Male an Roses Bauch zu sprechen.«
»Ich habe leider keine weiteren Hinweise in den Tagebüchern
…«
»Macht nichts. Ich weiß jetzt, worum es sich handelt und wo
Rose diese Male her hatte.« Er zeigte auf seinen Wagen. »Kommen Sie, wir können uns
im Auto unterhalten.«
Christian manövrierte den Wagen aus der engen Parklücke in
der Nähe des Hafens und bog auf die Hauptstraße ein.
»Und?«, fragte Cassandra, während sie sich die Einkaufstüte
zwischen die Beine klemmte, um zu verhindern, dass die Suppendosen das Brot
zerdrückten. »Was haben Sie rausgefunden?«
Christian wischte mit der Handfläche über die beschlagene
Windschutzscheibe. »Als Sie mir neulich von Rose erzählt haben,
kam mir irgendwas bekannt vor. Es war der Name des Arztes,
Ebenezer Matthews. Ich konnte mich beim besten Willen nicht
erinnern, wo ich den Namen schon mal gehört hatte, aber am
Samstagmorgen ist es mir plötzlich eingefallen. An der Uni habe
ich mal ein Seminar über medizinische Ethik belegt, und um ei-
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nen Schein zu bekommen, mussten wir eine Arbeit über den Einsatz neuer Technologien
im Lauf der Geschichte schreiben.«
Kurz vor einer Kreuzung drosselte Christian das Tempo und
fummelte an der Heizung herum. »Tut mir leid, die spinnt
manchmal. Aber es müsste gleich warm werden.« Er schaltete
den Blinker ein und bog nach links in die steile Küstenstraße.
»Dass ich wieder in meinem Elternhaus wohne, hat den Vorteil,
dass ich leicht an die Kisten rankomme, in denen meine Stiefmutter meine
Vergangenheit verstaut hat, als sie mein Zimmer in einen Gymnastikraum umgemodelt
hat.«
Cassandra lächelte und musste an die Kisten voller peinlicher
Highschool-Erinnerungen denken, die sie vorgefunden hatte, als
sie nach dem Unfall wieder zu Nell gezogen war.
»Ich hab eine ganze Weile gebraucht, aber schließlich habe ich
die Seminararbeit gefunden, und wie erwartet tauchte der Name
Ebenezer Matthews darin auf. Ich hatte ihn in die Untersuchung
einbezogen, weil er aus dem Dorf stammte, in dem ich aufgewachsen bin.«
»Und? Stand auch was über Rose in der Arbeit?«
»Nein, nein, aber nachdem ich wusste, wer dieser Doktor Matthews war, der Rose
behandelt hat, habe ich einer Freundin in
Oxford, die in der Bibliothek der medizinischen Fakultät arbeitet,
eine E-Mail geschickt. Sie war mir einen Gefallen schuldig und
hat mir alles zukommen lassen, was sie über Matthews’ Patienten
in den Jahren 1888 bis 1913, also von Roses Geburt bis zu ihrem
Tod, in Erfahrung bringen konnte.«
Eine Freundin. Ein unerwartetes Gefühl der Eifersucht versetzte Cassandra einen
Stich. Sie schob den Gedanken sofort beiseite.
»Und?«
»Der gute Doc war ein ziemlich umtriebiger Bursche. Anfangs
nicht, er stammte aus sehr einfachen Verhältnissen und machte in
einer kleinen Stadt in Cornwall das, was man als junger Arzt eben
so tut. Sein großer Durchbruch kam offenbar, als er Adeline
Mountrachet kennenlernte. Ich habe keine Ahnung, warum sie,
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als ihre kleine Tochter krank wurde, ausgerechnet einen jungen
Dorfarzt zurate gezogen hat. Normalerweise haben die Adligen
damals denselben alten Knacker konsultiert, der schon Großonkel
Finnegan als Kind behandelt hatte, aber aus irgendeinem Grund
hat Adeline Ebenezer Matthews ans Krankenbett ihrer Tochter
gerufen. Der Doc muss sich von Anfang an gut mit Adeline verstanden haben, denn von
da an hat er Rose immer behandelt, und
zwar sogar noch, nachdem sie schon verheiratet war.«
»Aber woher wissen Sie das? Wie ist Ihre Freundin an diese
Informationen gekommen?«
»Damals haben die meisten Ärzte darüber Buch geführt, wen
sie behandelt haben, wer ihnen Geld schuldete, über die Medikamente, die sie
verschrieben, Artikel, die sie veröffentlicht haben
und so weiter. Viele von diesen mit Aufzeichnungen gefüllten
Büchern wurden später von den Nachkommen der Ärzte an Bibliotheken verschenkt oder
verkauft.«
Sie hatten das Ende der Straße erreicht, wo der Schotter dem
Grasland wich, und Christian hielt auf dem schmalen Parkstreifen
am Aussichtspunkt. Der Wind hatte zugenommen, und kleine
Wasservögel kauerten verdrießlich auf den Vorsprüngen der
Klippe. Christian schaltete den Motor ab und schaute Cassandra
an. »In den letzten zehn Jahren des neunzehnten Jahrhunderts ist
Doktor Matthews zu einigem Ansehen gekommen. Anscheinend
war er mit seiner Rolle als Landarzt nicht zufrieden, obwohl seine
Patientenkartei das reinste Who’s who der gehobenen Kreise hier
in der Gegend war. Er hat angefangen, zu verschiedenen medizinischen Themen
Aufsätze zu veröffentlichen. Ich brauchte diese
Aufsätze nur mit den Aufzeichnungen aus seiner Praxis zu vergleichen, um
rauszufinden, dass mit Miss RM Rose Mountrachet
gemeint war. Ab 1896 wird sie immer wieder erwähnt.«
»Was ist denn in dem Jahr passiert?« Cassandra merkte, dass
sie vor lauter Aufregung den Atem anhielt.
»Im Alter von acht Jahren hat Rose einen Fingerhut verschluckt.«
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»Warum das denn?«
»Keine Ahnung, ich nehme an, es war ein Unfall, aber das
spielt auch keine Rolle. Es war nichts Besonderes - Kinder verschlucken alles
Mögliche aus Versehen, Münzen zum Beispiel.
Aber die kommen irgendwann unten wieder raus, wenn man nur
lange genug wartet.«
Cassandra schaute ihn mit großen Augen an. »Aber Doktor
Matthews hat nicht gewartet, sondern eine Operation durchgeführt.«
Christian schüttelte den Kopf. »Noch schlimmer.«
Cassandras Magen zog sich zusammen. »Was hat er denn getan?«
»Er hat ein Röntgenbild anfertigen lassen, mehrere sogar, und
dann hat er die Bilder in der Zeitschrift The Lancet veröffentlicht.« Christian
langte auf den Rücksitz, zog eine
Fotokopie aus einer Mappe und reichte sie Cassandra.
Sie warf einen Blick auf den Artikel und zuckte die Achseln.
»Na und? Was ist daran verwerflich?«
»Das Schlimme ist nicht die Tatsache, dass er sie hat röntgen
lassen, sondern die Strahlenmenge, der er sie ausgesetzt hat.« Er
zeigte auf einen Streifen am oberen Rand der Seite. »Doktor Matthews hat Rose
sechzig Minuten lang durchleuchten lassen. Ich
schätze, er wollte auf Nummer sicher gehen, dass er ein gutes
Bild bekam.«
Plötzlich spürte Cassandra, wie die Kälte von draußen durch
das geschlossene Fenster hereinkroch. »Aber was bedeutet das?«
»Röntgenbilder entstehen durch Strahlung. Ist Ihnen noch nie
aufgefallen, wie Ihr Zahnarzt, wenn er ein Röntgenbild von Ihren
Zähnen anfertigt, fluchtartig den Raum verlässt, ehe er auf den
Knopf drückt? Wenn Doktor Matthews und sein Fotograf sie eine
ganze Stunde lang durchleuchtet haben, dann haben sie ihre
Eierstöcke und alles, was sich darin befand, restlos verbrannt.«
»Ihre Eierstöcke?« Cassandra starrte Christian entgeistert an.
»Aber wie ist sie dann schwanger geworden?«
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»Genau das versuche ich ja, Ihnen zu sagen. Sie war nie
schwanger. Zumindest hätte sie unmöglich ein gesundes Kind zur
Welt bringen können. Seit 1896 war Rose Mountrachet vollkommen unfruchtbar.«
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»Aber ich glaube schon.« Nell hatte das Gefühl, sich entschuldigen zu müssen, und
schalt sich sogleich dafür. Sie brauchte sich
keine Vorwürfe zu machen, bloß weil sie nicht wusste, was im
Kopf von Lesleys Tochter vorging. »Ich sehe sie nicht so oft.«
»Wohnt sie denn weit weg von Ihnen?«
»Nein, eigentlich nicht.«
»Warum sehen Sie sie denn dann nicht oft?«
Nell musterte den Jungen, unsicher, ob sie seine Frechheit als
charmant empfinden sollte. »Manchmal ist das einfach so.«
So wie der Junge sie ansah, kam ihm die Erklärung offenbar
ebenso fadenscheinig vor wie ihr selbst. Aber manche Dinge
konnte man eben nicht so leicht erklären, vor allem nicht kleinen
Jungen, die in fremde Gärten eindrangen.
Nell rief sich in Erinnerung, dass der kleine Rotzbengel erst
kürzlich seine Mutter verloren hatte. Gerade sie selbst wusste
doch nur zu gut, dass man ziemlich unausstehlich werden konnte,
wenn einem der Boden unter den Füßen weggezogen wurde. Sie
atmete aus. Das Leben konnte verdammt grausam sein. Warum
musste dieser Junge ohne Mutter aufwachsen? Warum musste
irgendeine arme Frau jung sterben und diesen kleinen Kerl zurücklassen, der seinen
Weg in die Welt jetzt ohne sie finden
musste? Als Nell die dünnen Arme und Beine des Jungen betrachtete, zog sich ihr
Magen zusammen. Etwas ruppig, aber
freundlich fragte sie: »Was wolltest du denn eigentlich in meinem
Garten?«
»Ich wollte keinen Unsinn anstellen, ehrlich. Ich sitze einfach
gern da rum.«
»Und auf diesem Weg kommst du da rein? Unter der Mauer
hindurch?«
Der Junge nickte.
Nell betrachtete die Öffnung. »Ich glaube nicht, dass ich da
durchpasse. Wo ist das Tor?«
»Es gibt keins.«
Nell runzelte die Stirn. »Ich habe einen Garten ohne Eingang?«
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Wieder nickte der Junge. »Früher war da mal ein Tor, von innen kann man sehen, wo
es zugemauert wurde.«
»Warum sollte denn jemand auf die Idee kommen, ein Gartentor zuzumauern?«
Als der Junge mit den Achseln zuckte, ergänzte Nell in Gedanken ihre Liste der
erforderlichen Verbesserungen. »Vielleicht
kannst du mir ja ein bisschen von dem Garten erzählen, damit ich
weiß, was ich verpasse?«, sagte sie. »Da ich nun mal nicht selbst
nachsehen kann. Was zieht dich ausgerechnet in diesen Garten?«
»Für mich ist er der schönste Ort auf der Welt«, antwortete
Christian ernst. »Ich sitze gern da und spreche mit meiner Mum.
Sie hat Gärten so geliebt, vor allem diesen hier. Sie hat mir gezeigt, wie man da
reinkommt. Wir wollten den Garten gemeinsam in Ordnung bringen, und dann ist sie
krank geworden.«
Nell schaute ihm in die Augen. »Ich fliege in ein paar Tagen
nach Australien, aber in einem oder zwei Monaten komme ich
wieder hierher zurück. Könntest du vielleicht so lange für mich
auf meinen Garten aufpassen, Christian?«
Er nickte feierlich. »Ja, das mach ich.«
»Dann weiß ich ja, dass er in guten Händen ist.«
Christian richtete sich auf. »Und wenn Sie zurückkommen,
helfe ich Ihnen, den Garten in Ordnung zu bringen und wieder
schön zu machen. So wie mein Dad es drüben beim Hotel
macht.«
Nell lächelte. »Kann gut sein, dass ich dich beim Wort nehme.
Ich nehme längst nicht von jedem Hilfe an, aber ich habe das Gefühl, dass du genau
der richtige Mann für den Job sein könntest.«
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42 Blackhurst Manor Cornwall, 1913
Rose zog ihre Stola fester um die Schultern und verschränkte die
Arme gegen die Kälte, die ihr in die Glieder kroch. Als sie in den
Garten gegangen war, um ein bisschen in der Sonne zu sitzen,
hatte sie am wenigsten damit gerechnet, Eliza anzutreffen. Während sie in ihr
Tagebuch schrieb und hin und wieder aufblickte,
um nach Ivory zu sehen, die zwischen den Blumenbeeten herumtollte, hatte nichts
darauf hingedeutet, dass der Frieden dieses
schönen Tages auf so brutale Weise zerstört werden könnte. Irgendein sechster Sinn
hatte sie zum Tor des Laby rinths hinübersehen lassen, und bei dem Anblick, der
sich ihr dort bot, war ihr
das Blut in den Adern gefroren. Wie hatte Eliza ahnen können,
dass sie Rose und Ivory allein im Garten antreffen würde? Hatte
sie sie beobachtet und auf den richtigen Moment gewartet? Aber
warum gerade jetzt? Warum tauchte sie nach drei Jahren ausgerechnet in diesem
Augenblick auf? Wie ein Schreckgespenst aus
einem Albtraum war sie über den Rasen gekommen mit dem
vermaledeiten Päckchen in der Hand.
Rose schaute zur Seite. Da lag es, als wäre es völlig harmlos.
Aber Rose wusste, dass es das nicht war. Sie brauchte das braune
Papier nicht aufzureißen, um zu sehen, was in dem Päckchen
lauerte, ein Gegenstand, der an einen Ort, eine Zeit, eine Freundschaft erinnerte,
die Rose nur noch vergessen wollte.
Sie raffte ihre Röcke, glättete sie wieder, versuchte, so viel
Raum wie möglich zwischen sich und dem Ding zu schaffen.
Ein Schwarm Spatzen flog auf, und Rose hob den Blick. Mama
in einem dunklen Kleid, die aus dem Haus kam, McLennan, den
alten Windhund, auf den Fersen. Vor Erleichterung wurde Rose
beinahe schwindlig. Mama war ein Anker in der Gegenwart, der
sie in einer sicheren Welt festhielt, wo alles so war, wie es sein
sollte. Als Adeline sich näherte, verlor Rose die Beherrschung.
»Ach, Mama«, rief sie aus. »Sie war hier! Eliza war hier!«
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»Ich habe alles vom Fenster aus gesehen. Was hat sie gesagt?
Hat die Kleine irgendetwas gehört, was nicht für ihre Ohren bestimmt war?«
Rose versuchte, sich ins Gedächtnis zu rufen, was geschehen
war, aber vor lauter Sorge und Angst war ihre Erinnerung verschwommen, und sie
wusste nicht mehr, welche Worte gefallen
waren. Unglücklich schüttelte sie den Kopf. »Ich weiß es nicht.«
Adeline betrachtete das Päckchen, dann nahm sie es so vorsichtig von der Bank, als
könnte sie sich die Finger daran verbrennen.
»Mach es nicht auf, Mama, bitte. Ich kann den Anblick nicht
ertragen«, flüsterte Rose kaum hörbar.
»Ist es …?«
»Ganz bestimmt.« Rose presste ihre kalten Finger an die Wangen. »Sie hat gesagt, es
sei für Ivory.« Als Rose ihre Mutter anschaute, wurde sie erneut von Panik erfasst.
»Warum tut sie so
etwas, Mama? Warum?«
Adelines Züge verhärteten sich.
»Was beabsichtigt sie damit?«
»Ich glaube, es ist an der Zeit, dass du etwas Distanz zwischen
dir und deiner Cousine schaffst.« Adeline setzte sich neben Rose
auf die Bank und legte sich das Päckchen auf den Schoß.
»Distanz, Mama?« Roses Wangen wurden ganz kühl, und sie
flüsterte ängstlich: »Du glaubst doch nicht, dass sie … dass sie
noch einmal wiederkommt?«
»Sie hat heute bewiesen, dass sie sich nicht an die Vereinbarungen hält.«
»Aber Mama, du glaubst doch nicht etwa …«
»Ich bin nur um dein Wohlergehen besorgt.« Als Ivory auf sie
zugelaufen kam, rückte Adeline so dicht an sie heran, dass Rose
ihre Oberlippe am Ohr spürte. »Wir dürfen nie vergessen, mein
Schatz«, flüsterte sie, »dass ein Geheimnis nie sicher ist, solange
andere davon wissen.«
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Rose nickte unsicher. Mama hatte natürlich recht. Es war töricht gewesen
anzunehmen, alles würde immer so weitergehen.
Adeline erhob sich und winkte McLennan bei Fuß. »Thomas
ist dabei, den Tisch für das Mittagessen zu decken. Beeil dich. Du
musst den Tag nicht noch schlimmer machen, indem du dich erkältest.« Dann legte sie
das Päckchen wieder auf die Bank und
raunte Rose zu: »Und sieh zu, dass Nathaniel das hier verschwinden lässt.«
Fußgetrappel über ihr, wo sie sich auch aufhielt. Adeline stieß
einen ungehaltenen Seufzer aus. Sie konnte noch so viele Vorträge über eine gute
Kinderstube und die Erziehung von jungen
Damen halten, bei diesem Kind waren Hopfen und Malz verloren. Es war natürlich zu
erwarten gewesen: Egal, wie hübsch Rose ihre Tochter verpackte, sie war von
niedriger Geburt, und daran ließ sich nichts ändern. Wangen, die zu rosig glühten,
ein Lachen, das durch die Korridore schallte, Locken, die sich nicht
bändigen ließen - sie war das genaue Gegenteil von Rose.
Aber Rose liebte die Kleine abgöttisch. Und so hatte Adeline
sie akzeptiert, hatte gelernt, sie anzulächeln, ihren unverschämten
Blick zu ertragen, ihren Lärm zu tolerieren. Was würde Adeline
nicht für Rose tun? Was hatte sie nicht schon alles für ihre Tochter getan? Aber
sie war sich auch darüber im Klaren, dass sie unnachgiebig bleiben musste, denn
dieses Kind würde eine strenge
Erziehung brauchen, wenn man es vor den Fallstricken seiner
niederen Herkunft bewahren wollte.
Der Kreis derjenigen, die die Wahrheit kannten, war klein, und
das musste auch unbedingt so bleiben, wollte man keinen Skandal
riskieren. Und deswegen mussten Mary und Eliza genau im Auge
behalten werden.
Anfangs hatte Adeline gefürchtet, dass Rose das nicht begreifen würde, dass das
unschuldige Mädchen glauben würde, alles
könne so weitergehen wie immer. Aber in dieser Hinsicht hatte
ihre Tochter sie angenehm überrascht. In dem Augenblick, als
495
man ihr Ivory in die Arme gelegt hatte, war in Rose eine tiefe
Veränderung vorgegangen: Seitdem war sie nur noch von dem
Wunsch beseelt, ihr Kind zu schützen. Rose war sofort mit Adeline einer Meinung
gewesen, dass Mary und Eliza von Blackhurst
ferngehalten werden mussten, und zwar weit genug, um zu verhindern, dass ihnen
tägliche Besuche auf dem Anwesen möglich
waren, und zugleich doch so nah, dass sie sich noch immer in
Adelines Einflussbereich befanden. Nur auf diese Weise konnte
sichergestellt werden, dass keine von beiden ausplauderte, was
sie über das Kind auf Blackhurst Manor wusste. Adeline hatte
dafür gesorgt, dass Mary sich in Polperro ein kleines Haus kaufen
konnte, und Eliza hatte sie das Cottage überlassen. Auch wenn
Adeline die ständige Nähe ihrer Nichte nur schwer ertragen konnte, so betrachtete
sie die Lösung als das geringere von zwei
Übeln, und Roses Glück hatte in jedem Fall Vorrang.
Die liebe, gute Rose. Sie hatte so blass gewirkt, wie sie da ganz
allein auf der Gartenbank gesessen hatte. Beim Mittagessen hatte
sie kaum etwas angerührt. Dann war sie auf ihr Zimmer gegangen, um sich auszuruhen
und zu verhindern, dass die Migräne
zurückkehrte, die sie die ganze Woche über geplagt hatte.
Adeline öffnete die in ihrem Schoß ruhenden Fäuste und bewegte nachdenklich ihre
steifen Finger. Als alles arrangiert worden war, hatte sie die Regeln klipp und
klar festgelegt: Weder
Mary noch Eliza durften je wieder einen Fuß auf das Anwesen
setzen. Die Regel war klar und einfach, und bisher hatten sich
beide daran gehalten. Man hatte sich sicher gefühlt, und das Leben auf Blackhurst
war ruhig und friedlich gewesen.
Was dachte Eliza sich also dabei, jetzt plötzlich ihr Wort zu
brechen?
Nathaniel wartete, bis Rose sich ins Bett gelegt hatte und Adeline
zu einem Besuch aufgebrochen war. Keine der beiden, sagte er
sich, brauchte je zu erfahren, auf welche Weise er dafür sorgte,
dass Eliza sich weiterhin vom Haus fernhielt. Seit er von dem
496
Vorfall erfahren hatte, zerbrach er sich den Kopf darüber, wie er
die Sache wieder in Ordnung bringen konnte. Seine Frau in einem solchen Zustand zu
erleben, ließ ihn mit Schrecken daran
denken, dass trotz allem, was sie erreicht hatten, trotz Roses
wundersamer Verwandlung nach Ivorys Geburt, die andere, die
kränkliche, ängstliche, nervöse, unberechenbare Rose ständig unter der Oberfläche
lauerte. Er hatte sofort gewusst, dass er mit
Eliza sprechen musste, ihr irgendwie begreiflich machen musste,
dass sie nie wieder zurückkommen durfte.
Es war schon eine Weile her, seit er das letzte Mal durch das
Labyrinth gegangen war, und er hatte ganz vergessen, wie düster
es zwischen den Dornenhecken war, für welch kurze Zeitspanne
dem Sonnenlicht hier Zugang gewährt war. Er bewegte sich langsam, versuchte sich zu
erinnern, an welchen Stellen er abbiegen
musste. Kein Vergleich zu damals vor vier Jahren, als er, nachdem er das Fehlen
seiner Zeichnungen bemerkt hatte, wutentbrannt durch das Labyrinth gerannt war.
Außer Atem und mit pochenden Schläfen von der ungewohnten Anstrengung war er am
Cottage eingetroffen und hatte die Blätter zurückverlangt. Sie gehörten ihm, hatte
er erklärt, sie seien ihm wichtig, er brauche sie.
Und als ihm keine Argumente mehr eingefallen waren, hatte er
keuchend dagestanden und auf Elizas Reaktion gewartet. Er
wusste selbst nicht, was er erwartet hatte - ein Geständnis, eine
Entschuldigung, die widerstandslose Herausgabe der Zeichnungen oder vielleicht
alles zusammen -, aber nichts davon war eingetreten. Stattdessen hatte Eliza ihn
überrascht. Nachdem sie ihn
eine Weile betrachtet hatte wie eine Kuriosität, hatte sie mit ihren
blassen, ständig den Ausdruck verändernden Augen, die er so
gern einmal gezeichnet hätte, mehrmals geblinzelt und ihn gefragt, ob er Lust
hätte, ein Märchenbuch zu illustrieren.
Ein Geräusch riss Nathaniel aus seinen Gedanken. Das Herz
schlug ihm bis zum Hals. Er drehte sich um und spähte in das
Halbdunkel. Eine einzelne Schwalbe schaute daraus hervor und
flog dann mit einem kleinen Zweig im Schnabel davon.
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Warum war er so schreckhaft? Er benahm sich, als hätte er ein
schlechtes Gewissen, was lächerlich war, denn schließlich tat er
nichts Unrechtes. Er wollte sich lediglich mit Eliza unterhalten,
von ihr fordern, dass sie das Tor des Labyrinths als Grenze akzeptierte. Und er tat
das alles nur für Rose, aus Sorge um die Gesundheit und das Wohlergehen seiner
Frau.
Er ging schneller und redete sich ein, dass er Gefahr witterte,
wo es keine gab. Er mochte seinen Plan heimlich durchführen,
aber er tat nichts Verbotenes. Das war immerhin ein gravierender
Unterschied.
Er hatte sich einverstanden erklärt, das Buch zu illustrieren.
Wie hätte er der Versuchung widerstehen können und warum hätte er das auch tun
sollen? Das Zeichnen war seine große Leidenschaft, und indem er Elizas Märchen
illustrierte, konnte er in eine
Welt eintauchen, in der gewisse Enttäuschungen in seinem Leben
keine Rolle spielten. Die Arbeit an den Zeichnungen war wie ein
geheimer Rettungsanker gewesen, der ihm die langen Tage der
Porträtmalerei erträglich machte. Wenn Adeline ihn wieder einmal irgendeinem
reichen, adeligen Langweiler vorstellte, und er
genötigt war, zu lächeln und leutselig zu tun wie ein dressierter
Hund, tröstete er sich mit dem Gedanken, dass er mit seinen
Zeichnungen die zauberhafte Welt von Elizas Märchen zum Leben erweckte.
Er hatte nie eine fertige Zeichnung in seinem Besitz gehabt.
Als das Buch veröffentlicht wurde, war ihm klar geworden, dass
das auf Blackhurst äußerst ungern gesehen worden wäre. Ganz
am Anfang beging er den großen Fehler, Rose von dem Buchprojekt zu erzählen. Er
hatte angenommen, sie würde sich freuen
über die Freundschaft zwischen ihrem Mann und ihrer geliebten
Cousine, aber da hatte er sich getäuscht. Nie würde er ihren Gesichtsausdruck
vergessen, aus dem eine Mischung aus Schock,
Wut und Angst gesprochen hatte. Er habe sie verraten, hatte sie
gesagt, er liebe sie nicht, er wolle sie verlassen. Nathaniel hatte
überhaupt nichts mehr verstanden und getan, was er in solchen
498
Situationen immer tat, er hatte Rose seine Liebe versichert und
ihr angeboten, noch ein Porträt von ihr zu malen, das sie ihrer
Sammlung hinzufügen konnte. Von da an hatte er nicht mehr
über das Projekt gesprochen. Aber er hatte es nicht aufgegeben,
das hätte er nicht übers Herz gebracht.
Nach Ivorys Geburt war Rose aufgeblüht, und sein Leben hatte
sich wieder normalisiert. Seltsam, wie ein kleines Kind wieder
Leben an einen toten Ort bringen konnte, wie es das Leichentuch
zu entfernen vermochte, das sich über alles gelegt hatte - über
Rose, ihre Ehe, Nathaniels Seele. Natürlich war das nicht von
heute auf morgen geschehen. Anfangs hatte er sich dem Kind gegenüber sehr
zurückhaltend gegeben, sich von Roses Verhalten
leiten lassen, immer von der Furcht bestimmt, dass die Herkunft
der Kleinen sich als unüberwindliches Problem erweisen könnte.
Erst als er miterlebte, dass Rose das Kind wie eine eigene Tochter
liebte und nicht wie einen Kuckuck behandelte, war auch sein
Herz weich geworden. Die göttliche Unschuld dieses kleinen
Wesens hatte seine müde und verwundete Seele geheilt, und er
hatte seine kleine Familie und die Kraft, die das Kind ihr verlieh,
mit Freuden angenommen.
Nach und nach war ihm die Arbeit an dem Buch immer unwichtiger geworden, und er
hatte sich ganz den Interessen der
Familie Mountrachet verschrieben; er hatte so getan, als existierte
Eliza nicht, und als Adeline ihn bat, das Porträt von John Singer
Sargent entsprechend zu ändern, hatte er bereitwillig die Schande
auf sich genommen und am Werk des großen Künstlers herumgepfuscht. Inzwischen hatte
er sich von so vielen Prinzipien verabschiedet, die ihm einst als unabdingbar
erschienen waren, dass
es auf ein weiteres auch nicht mehr ankam …
Als Nathaniel die Lichtung im Zentrum des Labyrinths durchquerte, musterten ihn
zwei Pfauenhähne. Vorsichtig umging er
den Metallring, der leicht zur Stolperfalle werden konnte, und
nahm den Weg, der zu dem ummauerten Garten führte.
499
Plötzlich blieb er wie angewurzelt stehen. Zweige knackten unter leisen Schritten.
Das konnten nicht die Pfauenhähne sein.
Hastig drehte er sich um. Da - etwas Weißes. Jemand folgte
ihm.
»Wer ist da?«, krächzte er, räusperte sich und fügte mit fester
Stimme hinzu: »Ich verlange, dass Sie sich zeigen!«
Einen Augenblick später trat seine Verfolgerin aus dem Schatten.
»Ivory!«, rief er zugleich erleichtert und verblüfft. »Was
machst du denn hier? Du weißt doch, dass du nicht ins Labyrinth
gehen darfst.«
»Bitte, Papa«, sagte das kleine Mädchen. »Nimm mich mit.
Davies sagt, hinter dem Labyrinth gibt es einen Garten, wo alle
Regenbogen anfangen.«
Das Bild gefiel ihm. »Mit so was kennt er sich aus?«
Ivory nickte mit dem kindlichen Ernst, der Nathaniel immer
wieder so faszinierte. Er warf einen Blick auf seine Taschenuhr.
Adeline würde in einer Stunde zurück sein und sehen wollen, wie
er mit Lord Haymarkets Porträt vorankam. Ihm blieb keine Zeit,
Ivory zum Haus zu bringen und dann noch einmal zurückzukehren. Andererseits konnte
man nie wissen, wann sich wieder eine
Gelegenheit bot, Eliza unbemerkt aufzusuchen. Er kratzte sich
das Ohr und seufzte. »Also gut, meine Kleine, dann komm mit.«
Sie folgte ihm dicht auf den Fersen und summte beim Gehen
ein Lied vor sich hin - »Apfelsinen und Zitronen«. Wusste der
Himmel, von wem sie es gelernt hatte. Jedenfalls nicht von Rose,
die konnte sich kein einziges Lied merken, und auch nicht von
Adeline, die hatte nicht viel für Musik übrig. Wahrscheinlich hatte eins der
Dienstmädchen es ihr beigebracht. Da sie kein eigenes
Kindermädchen hatte, verbrachte seine Tochter viel Zeit mit den
Bediensteten von Blackhurst Manor. Man konnte nur ahnen, was
sie da sonst noch alles aufschnappte.
»Papa?«
»Ja.«
500
»Ich habe mir noch ein Bild ausgedacht, wie du es mir beigebracht hast.«
»Ach?« Nathaniel schob eine Brombeerranke zur Seite, damit
Ivory weitergehen konnte.
»Es war ein Schiff mit Captain Ahab drauf. Und der Wal ist
neben dem Schiff hergeschwommen.«
»Welche Farbe hatten die Segel?«
»Weiß natürlich.«
»Und der Wal?«
»So grau wie das Metall, aus dem man Kanonen macht.«
»Und wonach hat es auf deinem Schiff gerochen?«
»Nach Salz und Schweiß und schmutzigen Stiefeln.«
Nathaniel hob amüsiert die Brauen. »Das kann ich mir gut vorstellen.« Es war eins
ihrer Lieblingsspiele, mit dem sie sich häufig vergnügten, wenn Ivory den
Nachmittag bei ihm im Atelier
verbrachte. Nathaniel hatte sich über sich selbst gewundert, als er
feststellte, wie sehr er die Gesellschaft der Kleinen genoss. Sie
brachte ihn dazu, die Dinge anders zu sehen, einfacher, auf eine
Weise, die seine Porträts mit neuem Leben füllte. Ihre ständigen
Fragen danach, was er gerade tat und warum er es tat, zwangen
ihn, Dinge zu erklären, die er längst für selbstverständlich gehalten hatte: dass
man zeichnen muss, was man sieht, und nicht das,
was man sich vorstellt, dass jedes Bild aus nichts anderem als
Strichen und Formen besteht, dass Farbe dazu dient, zu offenbaren und zu verbergen.
»Warum gehen wir durch das Labyrinth, Papa?«
»Auf der anderen Seite wohnt jemand, den ich besuchen
muss.«
Ivory überlegte. »Ist es ein Mensch?«
»Natürlich ist es ein Mensch. Hast du etwa gedacht, dein Papa
würde ein Ungeheuer besuchen?«
Während sie kurz nacheinander um mehrere Ecken bogen,
fühlte Nathaniel sich an die Marmorkugel in der Kugelbahn in
Ivorys Zimmer erinnert. Sie folgte dem Weg, ohne Kontrolle über
501
ihr Schicksal zu haben. Ein alberner Vergleich, sagte er sich. Was
er heute vorhatte, bewies doch, dass er ein Mann war, der sein
Schicksal selbst in die Hand nahm.
Schließlich standen sie vor dem Tor zu dem geheimen Garten.
Nathaniel hockte sich vor seine Tochter und legte ihr die Hände
auf die kleinen Schultern. »So, Ivory«, sagte er vorsichtig, »ich
habe dich heute mit bis ans andere Ende des Labyrinths genommen.«
»Ja, Papa.«
»Aber du darfst nie wieder ins Labyrinth gehen, erst recht nicht
allein. Und ich glaube, es wäre das Beste, wenn … wenn das mit
diesem Ausflug unter uns …«
»Keine Sorge, Papa, ich erzähle Mama nichts davon.«
In Nathaniels Magengrube mischte sich Erleichterung mit einem schlechten Gewissen,
weil er sich mit seiner Tochter gegen
seine Frau verbündete.
»Und Großmama sag ich auch nichts, Papa.«
Nathaniel nickte und rang sich ein Lächeln ab. »So ist es das
Beste.«
»Es ist ein Geheimnis.«
»Ja, ein Geheimnis.«
Nathaniel öffnete das Tor zum geheimen Garten und schob
Ivory vor sich her. Er hatte damit gerechnet, dass Eliza wie die
Feenkönigin auf der kleinen Rasenfläche unter dem Apfelbaum
sitzen würde, aber der Garten war still und menschenleer. Nur
eine Eidechse saß auf dem kleinen gepflasterten Platz in der Mitte
und beobachtete argwöhnisch, wie Nathaniel und Ivory den gewundenen Pfad
entlanggingen.
»Ach, Papa«, sagte Ivory, während sie sich staunend umsah.
Sie hob den Kopf und betrachtete die Ranken, die sich von einer
Mauer kreuz und quer zur anderen hinüberwanden. »Das ist ja ein
Zaubergarten.«
Wie seltsam, dass ein kleines Kind so etwas wahrnahm. Nathaniel fragte sich, was es
mit Elizas Garten auf sich hatte, dass
502
jeder Besucher den Eindruck gewann, eine solche Pracht könne
nicht auf natürliche Weise entstanden sein. Dass beim Zustandekommen eines solchen
Gartens ein paar Geister die Hand im
Spiel gehabt haben mussten.
Er führte Ivory durch das Tor in der gegenüberliegenden
Mauer und den Weg entlang, der sich um das Haus herumschlängelte. Trotz der frühen
Stunde war es im Vorgarten dank der
Mauer, die Adeline hatte bauen lassen, kühl und dunkel. Nathaniel legte eine Hand
zwischen Ivorys Schulterblätter, ihre Feenflügel. »Hör mir gut zu«, sagte er. »Papa
geht jetzt in das Haus,
aber du musst hier draußen warten.«
»Ja, Papa.«
Er zögerte. »Und dass du mir nicht davonläufst.«
»Oh nein, Papa«, antwortete sie so unschuldig, als würde sie
nie im Leben auf so eine Idee kommen.
Mit einem Nicken ging Nathaniel zur Tür. Er klopfte an und
richtete sich die Manschetten, während er darauf wartete, dass
Eliza öffnete.
Dann ging die Tür auf, und sie stand vor ihm. Als hätte er sie
erst gestern gesehen. Als wären nicht inzwischen vier Jahre vergangen.
Nathaniel setzte sich auf einen Küchenstuhl, während Eliza ihm
gegenüber stehen blieb, eine Hand an der Tischkante. Sie schaute
ihn auf ihre typische Art an, ganz ohne das gesellschaftlich übliche Lächeln, mit
dem man zu erkennen gab, dass man sich freute,
jemanden zu sehen. War es Eitelkeit, die ihn hatte annehmen lassen, sie würde sich
tatsächlich über seinen Besuch freuen? Das
Rot ihres Haars wirkte noch leuchtender als gewöhnlich, im Gegenlicht glitzerte es
so fein, als wäre es aus Feengold gesponnen.
Nathaniel schalt sich innerlich - wie albern, sein Bild von Eliza
vom Inhalt ihrer Geschichten beeinflussen zu lassen.
Eine Weile herrschte betretenes Schweigen. Es gab so viel zu
sagen, und doch fiel ihm nichts ein. Seit die ganze Sache arran503
giert worden war, sahen sie sich zum ersten Mal wieder. Er räusperte sich, griff
unwillkürlich nach ihrer Hand, doch sie drehte
sich plötzlich zum Herd um.
Nathaniel lehnte sich zurück. Er wusste nicht, wo er anfangen,
welche Worte er wählen sollte. Schließlich sagte er: »Du weißt,
warum ich hier bin.«
Ohne sich umzudrehen: »Selbstverständlich.«
Er betrachtete ihre Finger, diese langen, schmalen Finger, als
sie den Wasserkessel aufsetzte. »Dann weißt du also auch, was
ich dir zu sagen habe?«
»Ja.«
Von draußen trug der Wind die lieblichste Stimme herein:
»Apfelsinen und Zitronen und braune Kaffeebohnen …«
Eliza straffte sich, sodass Nathaniel die Wirbel an ihrem Rücken erkennen konnte.
Wie bei einem Kind. Sie fuhr herum. »Die
Kleine ist hier?«
Es bereitete Nathaniel auf perverse Weise Genugtuung, Elizas
Gesichtsausdruck zu sehen - sie wirkte wie ein Tier in der Falle.
Am liebsten hätte er das Bild gleich zu Papier gebracht, die geweiteten Augen, die
blassen Wangen, die gespannten Lippen. Er
nahm sich vor, es gleich zu versuchen, sobald er wieder in seinem
Atelier war.
»Du hast das Kind mit hergebracht?«
»Sie ist mir gefolgt. Ich habe es erst gemerkt, als es schon zu
spät war.«
Der Schrecken in Elizas Gesicht wich einem schwachen Lächeln. »Ein schlaues
Mädchen.«
»Manche würden sie als frech bezeichnen.«
Eliza setzte sich auf einen Stuhl. »Es gefällt mir, dass die Kleine Spaß am Spielen
hat.«
»Ivorys Mutter ist nicht gerade begeistert vom Abenteuergeist
ihrer Tochter.«
Elizas Lächeln war unmöglich zu deuten.
»Und ihre Großmutter ganz sicher auch nicht.«
504
Das Lächeln wurde breiter. Nathaniel wandte sich ab. »Eliza«,
seufzte er kopfschüttelnd. Dann setzte er an zu sagen, was er sich
vorgenommen hatte: »Als du vor ein paar Tagen …«
»Als ich vor ein paar Tagen gekommen bin, war ich froh zu
sehen, dass es dem Kind gut geht«, fiel sie ihm hastig ins Wort,
als wollte sie das Gespräch, das er anstrebte, verhindern.
»Natürlich geht es Ivory gut. Es fehlt ihr an nichts.«
»Der Anschein von Überfluss kann trügerisch sein, es bedeutet
nicht immer, dass es einem Menschen gut geht. Frag deine Frau.«
»Deine Bemerkung ist unpassend und grausam.«
Ein knappes Nicken. Bestätigung ohne jegliche Spur des Bedauerns. Unwillkürlich
fragte sich Nathaniel, ob sie keine Moral
besaß, doch er wusste zugleich, dass dem nicht so war. Sie schaute ihn unverwandt
an. »Du bist wegen meines Geschenks gekommen.«
»Es war dumm von dir, es Rose zu bringen«, sagte er leise.
»Du weißt doch, was sie davon hält.«
»Ja, das weiß ich. Aber ich dachte, was kann es schon schaden,
ihr so ein harmloses Geschenk zu machen.«
»Du weißt genau, welchen Schaden es anrichtet, und als Roses
Freundin wirst du ihr keinen Kummer bereiten wollen. Als meine
Freundin …« Plötzlich kam er sich albern vor. »Ich muss dich
bitten, nicht wieder zu kommen, Eliza. Rose hat nach deinem Besuch schrecklich
gelitten. Sie verkraftet es nicht, erinnert zu werden.«
»Die Erinnerung ist eine grausame Dame, mit der wir alle zu
tanzen lernen müssen.«
Ehe Nathaniel dazu kam, etwas darauf zu entgegnen, hatte Eliza sich schon wieder
dem Herd zugewandt. »Möchtest du eine
Tasse Tee?«
»Nein«, sagte er und fühlte sich geschlagen, auch wenn er
nicht hätte sagen können, auf welche Weise. »Ich muss wieder
zurück.«
»Rose weiß also nicht, dass du hier bist.«
505
»Ich muss jetzt gehen.« Er setzte seinen Hut auf und wandte
sich zur Tür.
»Hast du es gesehen? Ich finde, es ist sehr schön geworden.«
Nathaniel blieb stehen, drehte sich jedoch nicht um. »Adieu,
Eliza, wir werden uns nicht wiedersehen.« Er zog seine Jacke
über und schob seine nagenden, diffusen Zweifel beiseite.
Als er gerade die Haustür öffnen wollte, hörte er Eliza hinter
sich. »Warte«, sagte sie, inzwischen etwas unsicherer. »Lass
mich das Kind noch einmal ansehen. Roses Tochter.«
Nathaniel umklammerte den kühlen Türknauf und dachte mit
starrem Blick über ihr Ansinnen nach.
»Ein letztes Mal.«
Wie hätte er ihr solch eine simple Bitte abschlagen können?
»Aber nur für einen kurzen Augenblick. Dann muss ich sie nach
Hause bringen.«
Zusammen gingen sie in den Garten. Ivory saß an dem kleinen
Teich, die Füße im Wasser, und sang vor sich hin, während sie
ein einzelnes Blatt auf der Wasseroberfläche hin und her schob.
Als Ivory aufblickte, legte Nathaniel eine Hand auf Elizas Arm
und schob sie vorwärts.
Der Wind hatte zugenommen, und Linus musste sich auf seinen
Gehstock stützen, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. In der
Bucht war die sonst so ruhige See aufgewühlt gewesen, und kleine Wellen mit weißen
Schaumkronen waren auf die Küste zugefegt. Die Sonne verbarg sich hinter einer
dicken Wolkendecke kein Vergleich zu den vollkommenen Sommertagen, die er damals
hier mit seinem Püppchen verbracht hatte.
Das kleine Holzboot hatte Georgiana gehört, ein Geschenk ihres Vaters, aber sie
hatte nichts dagegen gehabt, es mit ihm gemeinsam zu benutzen. Egal, was Vater
sagte, sie wäre nie auf die
Idee gekommen, wegen seines schwachen Beins Bedenken zu
äußern. An warmen Nachmittagen waren sie gemeinsam in die
Mitte der Bucht hinausgerudert. Hatten still dagesessen und den
506
Wellen gelauscht, die sanft gegen den Bootsrumpf schlugen, und
nichts anderes gebraucht als einander. Das hatte Linus jedenfalls
geglaubt.
Als sie gegangen war, hatte sie dieses Gefühl der Zusammengehörigkeit mit sich
genommen, das ihm so wichtig gewesen war.
Das Gefühl, dass er etwas zu bieten hatte, auch wenn seine Eltern
ihn für einen dummen, nichtsnutzigen Jungen hielten. Ohne
Georgiana war ihm der Sinn des Lebens abhanden gekommen.
Und deswegen hatte er beschlossen, dass sie zurückgeholt werden
musste.
Linus hatte einen Mann angeheuert. Henry Mansell, ein dunkler, zwielichtiger
Charakter, dessen Name in den Pubs von Cornwall geflüstert wurde und den Linus vom
Kammerdiener eines
befreundeten Grafen erfahren hatte. Es hieß, der Mann sei in der
Lage, Dinge zu regeln.
Linus erzählte Mansell von Georgiana und von dem Kummer,
den er litt, seit dieser Mann sie entführt hatte, der Mann, der auf
den Schiffen arbeitete, die im Londoner Hafen anlegten.
Kurz darauf erfuhr Linus, dass der Seemann tot war. Ein Unfall, sagte Mansell ohne
jede Gefühlsregung, ein äußerst bedauerlicher Unfall.
Ein seltsames Gefühl überkam Linus an jenem Nachmittag.
Auf seinen Befehl hin war ein Menschenleben ausgelöscht worden. Er besaß die Macht,
anderen seinen Willen aufzuzwingen, er
fühlte sich wie berauscht.
Er zahlte Mansell eine stattliche Summe, dann hatte dieser sich
verabschiedet und sich auf die Suche nach Georgiana gemacht.
Linus war voller Hoffnung gewesen, denn offenbar gab es nichts,
was dieser Mann nicht bewerkstelligen konnte. Seine geliebte
Schwester würde schon bald wieder nach Hause zurückkehren
und ihrem Bruder dankbar sein für ihre Rettung. Alles würde
wieder so sein wie früher …
Der schwarze Felsen wirkte heute feindselig. Linus blieb fast
das Herz stehen, als er daran dachte, wie sein Püppchen auf die507
sem Felsen gesessen hatte. Er zog das Foto aus seiner Rocktasche
und glättete es mit dem Daumen.
»Georgiana«, flüsterte er kaum hörbar. Mansell hatte sie nie
gefunden. Er hatte ganz Europa nach ihr abgesucht, Spuren in
London verfolgt, alles ohne Ergebnis. Linus hatte nie wieder ein
Wort von seiner Schwester gehört, bis Ende 1900 aus London die
Nachricht eintraf, dass ein Kind gefunden worden war. Ein Mädchen mit rotem Haar
und den Augen ihrer Mutter.
Linus schaute zum Rand der Klippe hoch, die die Bucht auf der
linken Seite begrenzte. Von dort, wo er stand, konnte er gerade
die Ecke der neuen Steinmauer erkennen.
Wie er frohlockt hatte, als die Nachricht von dem Kind eingetroffen war. Um seine
Schwester zu retten, war es zu spät gewesen, aber durch dieses Mädchen würde er sie
wieder bei sich haben.
Doch dann war alles anders gekommen als erwartet. Eliza hatte
sich ihm widersetzt, hatte nie begriffen, dass er sie hatte nach
Blackhurst bringen lassen, um ihr zu beweisen, dass sie zu ihm
gehörte.
Und jetzt quälte es ihn zu wissen, dass sie dort in dem verfluchten Cottage
eingesperrt war. So nah und doch … Vier Jahre
war es her, dass sie zuletzt das Labyrinth durchquert hatte. Warum war sie so
grausam? Warum verweigerte sie sich ihm immer
und immer wieder?
Ein plötzlicher Windstoß drohte Linus den Hut vom Kopf zu
wehen. Als er ihn instinktiv festhielt, flog ihm das Foto aus der
Hand.
Während Linus hilflos dastand, trug der Wind das Bild seiner
geliebten Schwester davon. Auf und ab trudelte es, schimmerte
weiß im grellen Widerschein der Wolken, flatterte provozierend
vor seiner Nase, bis es schließlich aufs Meer hinaussegelte.
Einmal mehr war ihm seine Schwester zwischen den Fingern
entglitten.
508
Seit Elizas Besuch konnte Rose sich gar nicht wieder beruhigen.
Tag und Nacht zerbrach sie sich den Kopf darüber, wie sie dem
Dilemma entkommen könnte. Eliza durch das Tor des Labyrinths
kommen zu sehen, war ein Schock gewesen, denn sie hatte ganz
plötzlich begriffen, dass sie sich in Gefahr befand. Schlimmer
noch, ihr war bewusst geworden, dass die Gefahr schon lange
lauerte. Die Mischung aus Panik und Erleichterung, die sie überkam, machte sie ganz
benommen - Erleichterung darüber, dass so
lange alles gutgegangen war, und Panik, weil sie wusste, dass ein
solches Glück nicht von Dauer sein konnte. Nachdem Rose alle
Möglichkeiten durchgegangen war, die ihnen blieben, war ihr
eins klar geworden: Mama hatte recht, sie mussten irgendwohin,
mussten einen größtmöglichen Abstand zwischen sich und Eliza
bringen.
Rose konzentrierte sich auf ihre Stickerei und bemühte sich um
einen möglichst beiläufigen Ton: »Ich habe noch einmal über den
Besuch der Autorin nachgedacht.«
Nathaniel blickte von dem Brief auf, den er gerade schrieb.
Beeilte sich, ein sorgloses Gesicht aufzusetzen. »Zerbrich dir
nicht den Kopf darüber, Liebste. Es wird nicht wieder vorkommen.«
»Wie kannst du dir da so sicher sein? Wer von uns hätte denn
mit diesem plötzlichen Besuch neulich gerechnet?«
»Sie wird nicht wiederkommen«, entgegnete er bestimmt.
»Woher weißt du das?«
Nathaniels Wangen wurden heiß. Die Rötung war kaum wahrnehmbar, doch Rose entging
sie nicht. »Nate? Was ist los?«
»Ich habe mit ihr gesprochen.«
Roses Herz begann zu pochen. »Du hast dich mit ihr getroffen?«
»Mir blieb nichts anderes übrig. Ich habe es für dich getan,
Liebste. Ihr Besuch hatte dich so aufgewühlt, und ich habe getan,
was ich konnte, um dafür zu sorgen, dass es nicht wieder geschieht.«
509
»Aber ich wollte nicht, dass du sie triffst.« Das war ja noch
schlimmer, als Rose befürchtet hatte. Ihr brach der Schweiß aus,
und sie war mehr denn je davon überzeugt, dass sie von Blackhurst fort mussten. Sie
alle. Dass Eliza für immer aus ihrem Leben verschwinden musste. Rose atmete tief
durch und zwang
sich, ihre Züge zu entspannen. Wenn Nathaniel merkte, dass sie
schon wieder in Panik geriet, würde er annehmen, dass sie unvernünftige
Entscheidungen traf. »Mit ihr zu sprechen, reicht nicht,
Nate. Die Zeiten sind vorbei.«
»Was können wir denn sonst tun? Wir können sie ja schlecht
im Cottage einsperren.« Er hatte einen Scherz machen, sie zum
Lachen bringen wollen, aber sie zuckte mit keiner Wimper.
»Ich denke an New York.«
Nathaniel hob die Brauen.
»Wir haben doch schon mehrmals überlegt, eine Zeit lang auf
der anderen Seite des Atlantiks zu leben. Ich finde, wir sollten
unsere Pläne in die Tat umsetzen.«
»Du meinst, wir sollten England verlassen?«
Rose nickte.
»Aber ich habe hier Aufträge. Wir wollten doch für Ivory ein
Kindermädchen einstellen.«
»Ja, ja«, sagte Rose ungehalten. »Aber wir sind nicht länger in
Sicherheit.«
Nathaniel erwiderte nichts, aber das brauchte er auch nicht.
Sein Gesicht sprach Bände. Roses Herz gefror zu Eis. Er würde
ihr schon noch zustimmen, wie immer. Vor allem, wenn er befürchten musste, dass sie
wieder in Verzweiflung verfiel. Es war
bedauerlich, dass sie seine Liebe zur ihr so ausnutzen musste,
aber ihr blieb nun mal nichts anderes übrig. Rose hatte ihr Leben
lang davon geträumt, eine Familie und ein Kind zu haben, und
das alles würde sie um nichts auf der Welt aufs Spiel setzen. Als
man Ivory das erste Mal in ihre Arme gelegt hatte, war es, als
hätte man ihnen allen einen Neuanfang gewährt. Seitdem waren
sie und Nathaniel wieder ein glückliches Paar, und sie hatten nie
510
mehr über die Zeit davor gesprochen. Die Vergangenheit existierte nicht mehr.
Jedenfalls nicht, solange Eliza sich von ihnen fernhielt.
»Ich habe diesen Auftrag in Schottland angenommen«, hielt
Nathaniel ihr entgegen. »Ich habe schon mit den Entwürfen begonnen.« In seiner
Stimme nahm Rose die feinen Risse wahr, die
sie noch weiter verstärken würde, bis sein Widerstand endgültig
gebrochen war.
»Den Auftrag musst du selbstverständlich zu Ende bringen«,
sagte sie. »Wir werden die Sache so bald wie möglich anpacken
und nach unserer Rückkehr aus Schottland sofort abreisen. Ich
habe drei Plätze auf der Carmania gebucht.«
»Du hast also schon alles arrangiert.«
»Es ist das Beste für uns alle, Nate«, sagte Rose etwas sanfter.
»Das musst du doch einsehen. Nur dort werden wir in Sicherheit
sein. Und denk doch nur, was das für deine Karriere bedeutet.
Womöglich bringt die New York Times sogar einen Bericht über
dich. Es wäre die triumphale Heimkehr eines der erfolgreichsten
Söhne der Stadt.«
Ivory hockte unter Großmamas Lieblingssessel und flüsterte die
Worte vor sich hin. »New York.« Ivory wusste, wo New York
lag. Einmal, als sie mit Mama und Papa nach Schottland gefahren
war, hatten sie einen Abstecher nach York gemacht und ein paar
Tage im Haus von Großmamas Freunden verbracht. Bei einer
sehr alten Dame mit einer Brille und Augen, die immer so aussahen, als würde sie
weinen. Aber diesmal hatte Mama nicht von
York gesprochen, Ivory hatte ihre Worte deutlich gehört. New York, hatte sie
gesagt, sie würden bald nach New York
reisen. Und Ivory wusste, dass es die Stadt am anderen Ende des
Meeres war, die Stadt, in der Papa geboren worden war und über
die er ihr schon so viele Geschichten erzählt hatte. Geschichten
von Wolkenkratzern und Musik und Automobilen. Eine Stadt, wo
alles glänzte und glitzerte.
511
Ein paar Hundehaare kitzelten sie in der Nase, und sie musste
ein Niesen unterdrücken. Die Kunst, ihr Niesen aufzuhalten, beherrschte sie
perfekt, und auch deswegen war sie so gut im Verstecken. Ivory versteckte sich so
gern, dass sie es manchmal nur
tat, um sich zu vergnügen. Selbst wenn sie allein war, versteckte
sie sich, weil sie das Gefühl genoss, dass selbst das Zimmer sie
vergessen und seine übliche Leere wieder angenommen hatte, als
gehörte sie zum Mobiliar.
Diesmal allerdings hatte Ivory einen Grund, sich unsichtbar zu
machen. Großpapa benahm sich in letzter Zeit außerordentlich
merkwürdig. Normalerweise war er immer gern für sich allein,
aber neuerdings tauchte er immer dort auf, wo Ivory sich gerade
befand, und beanspruchte sie für sich. Und jedes Mal hatte er seine kleine braune
Kamera dabei und wollte sie zusammen mit seiner kaputten Puppe fotografieren. Ivory
konnte die kaputte Puppe
mit den grässlichen Augen nicht leiden. Und deswegen versteckte
sie sich jetzt, obwohl Mama ihr gesagt hatte, es wäre eine große
Ehre, fotografiert zu werden, und sie solle tun, was Großpapa von
ihr verlangte.
Weil allein der Gedanke an die Puppe sie schaudern ließ, versuchte sie, an etwas
anderes zu denken. An etwas, das sie froh
stimmte, wie der abenteuerliche Tag, an dem sie mit Papa durch
das Labyrinth gegangen war. Ivory hatte draußen im Garten gespielt, als sie gesehen
hatte, wie Papa aus dem Haus gekommen
war. Er war mit schnellen Schritten gegangen, und zuerst dachte
sie, er würde in die Kutsche steigen, um zu jemandem zu fahren,
den er porträtieren sollte. Aber er hatte seine Malsachen gar nicht
bei sich, und außerdem war er ganz anders angezogen als sonst,
wenn er zu einem wichtigen Treffen fuhr. Ivory hatte beobachtet,
wie er den Rasen überquerte, und als er sich dem Tor zum Labyrinth näherte, wusste
sie sofort, was er vorhatte. Ihr Papa war
nicht besonders geschickt darin, sich zu verstellen.
Ohne zu zögern, war sie ihm durch das Tor in die dunklen, engen Tunnel des
Labyrinths gefolgt. Denn sie wusste, dass die
512
Dame mit dem roten Haar, die Dame, die das Geschenk für sie
gebracht hatte, auf der anderen Seite des Labyrinths wohnte.
Und jetzt, nachdem sie mit Papa dort gewesen war, wusste sie
auch, wer die Dame war. Sie hieß die Autorin, und Papa behauptete zwar, sie sei ein
ganz normaler Mensch, aber Ivory wusste es
besser. Sie hatte schon etwas geahnt, als die Autorin durch das
Tor gekommen war, aber nachdem sie ihr in ihrem Garten in die
Augen gesehen hatte, war sie sich ganz sicher.
Die Autorin besaß magische Kräfte. Ivory war sich noch nicht
ganz sicher, ob sie eine Hexe oder eine Fee war, aber sie wusste
genau, dass sie so jemandem noch nie zuvor begegnet war.
513
»Na ja, hat sie denn weiterhin ihre … Sie wissen schon … ihre
Periode bekommen?«
Christian zuckte die Achseln. »Ich nehme es an. Ihre
Fortpflanzungsorgane werden wohl weiterhin funktioniert und
jeden Monat ein Ei ausgestoßen haben. Aber die Eier selbst waren geschädigt.«
»So sehr, dass sie richtig unfruchtbar war?«
»Also, sollte sie tatsächlich schwanger geworden sein, dann
wäre der Fötus so stark missgebildet gewesen, dass sie eine Fehlgeburt gehabt
hätte. Oder sie hätte ein extrem behindertes Kind
zur Welt gebracht.«
Cassandra schob ihren halb leer gegessenen Teller von sich
weg. »Das ist ja furchtbar. Warum hat dieser Arzt das bloß gemacht?«
»Wahrscheinlich wollte er einfach zu den Ersten gehören, die
diese neue Technologie einsetzten, und sich mit einer Veröffentlichung Ruhm
erwerben. Aus medizinischer Sicht gab es jedenfalls keinen Grund, eine
Röntgenaufnahme zu machen. Die Kleine hatte bloß einen Fingerhut verschluckt.«
»So was machen doch alle Kinder«, bemerkte Ruby, während
sie mit einem Stück Brot ihren Teller leer wischte.
»Aber warum eine Stunde lang? Das war doch bestimmt nicht
nötig.«
»Natürlich nicht«, erwiderte Christian. »Aber damals wusste
man das noch nicht, da hat man so was häufig gemacht.«
»Wahrscheinlich haben sie sich gesagt, wenn sie nach einer
Viertelstunde ein gutes Bild bekommen, wird es nach einer Stunde noch besser«,
sagte Ruby.
»Damals waren die Gefahren noch nicht bekannt. Die Röntgenstrahlung war erst 1895
entdeckt worden, das heißt also, der
gute Doktor Matthews war absolut auf der Höhe der Zeit. Anfangs hat man tatsächlich
geglaubt, Röntgenstrahlen hätten eine
positive Wirkung und man könnte damit Krebs, krankhafte Hautveränderungen und sonst
noch alles Mögliche heilen. Selbst in
514
Schönheitskliniken hat man damit gearbeitet. Es hat Jahre gedauert, bis die
negativen Nebenwirkungen entdeckt wurden, die
Verbrennungen und Infektionen, bis man schließlich erkannt hat,
dass die Strahlung selbst sogar krebserregend ist.«
»Jetzt wissen wir auch, was das für Male an Roses Bauch waren«, sagte Cassandra.
»Das waren Brandnarben.«
Christian nickte. »Ganz genau.«
Der Wind peitschte dünne Zweige gegen die Fensterscheiben,
und ein Luftzug ließ die Kerzen flackern. Ruby stellte ihren Teller in Cassandras
und wischte sich den Mund mit einer Serviette.
»Wenn Rose also unfruchtbar war, wer war dann Nells Mutter?«
»Die Frage kann ich dir beantworten«, sagte Cassandra.
»Wirklich?«
Sie nickte. »Es steht alles in den Tagebüchern. Ich nehme an,
dass es das ist, was Clara mir sagen will.«
»Wer ist denn Clara?«, fragte Christian.
Ruby holte tief Luft. »Dann muss Nell ja Marys Kind gewesen
sein!«
»Und wer ist Mary?« Christian schaute erst Ruby, dann Cassandra an.
»Elizas Freundin«, sagte Cassandra. »Die Mutter von Clara.
Sie hat als Dienstmädchen auf Blackhurst gearbeitet, bis Rose sie
Anfang 1909 gefeuert hat, weil sie schwanger war.«
»Rose hat sie entlassen?«
Cassandra nickte. »In ihrem Tagebuch schreibt sie, sie kann es
nicht ertragen, dass jemand, der es überhaupt nicht verdient hat,
ein Kind bekommt, während sie sich vergeblich danach sehnt.«
Ruby trank einen Schluck Wein. »Aber warum sollte Mary Rose ihr Kind gegeben
haben?«
»Ich bezweifle, dass sie es ihr einfach so gegeben hat.«
»Du glaubst also, Rose hat ihr das Kind abgekauft?«
»Es wäre doch möglich, oder? Leute haben schon Schlimmeres
getan, um an ein Kind zu kommen.«
»Glaubst du, Eliza hat davon gewusst?«
515
»Schlimmer noch«, sagte Cassandra. »Ich glaube, dass sie sogar Hilfe dabei
geleistet hat. Ich nehme an, dass sie deswegen
fortgegangen ist.«
»Schuldgefühle?«
»Genau. Sie hat Rose dabei unterstützt, ihre Machtstellung
auszunutzen und jemandem, der dringend Geld brauchte, ein
Kind abzuluchsen, und ich kann mir nicht vorstellen, dass Eliza
sich dabei wohlgefühlt hat. Immerhin war sie mit Mary befreundet. Das schreibt Rose
auch in ihrem Tagebuch.«
»Du gehst also davon aus, dass Mary das Kind wollte«, sagte
Ruby. »Dass sie sich dagegen gesträubt hat, es herzugeben.«
»Ich gehe davon aus, dass die Entscheidung, ein Kind herzugeben, nie einfach ist.
Vielleicht brauchte Mary Geld, vielleicht
war sie ungewollt schwanger geworden, womöglich hat sie sich
sogar gesagt, das Kind würde es bei Rose besser haben, aber trotz
allem wird es für sie sehr schlimm gewesen sein.«
Ruby hob die Brauen. »Und Eliza hat ihr geholfen.«
»Und dann ist sie fortgegangen. Das bringt mich zu der Überzeugung, dass das Kind
nicht freiwillig abgegeben wurde. Ich
glaube, dass Eliza fortgegangen ist, weil sie es nicht ertragen
konnte, Rose mit Marys Kind zu sehen. Wahrscheinlich war die
Trennung von Mutter und Kind ein traumatisches Erlebnis und
belastete Elizas Gewissen.«
Ruby nickte nachdenklich. »Das würde auch erklären, warum
Rose nach Ivorys Geburt kaum noch Kontakt zu Eliza hatte, warum die Freundschaft
der beiden eingeschlafen ist. Rose muss gewusst haben, wie es ihrer Cousine erging,
und sie wird befürchtet
haben, dass Eliza irgendetwas tun könnte, das ihr neu gefundenes
Glück zerstörte.«
»Zum Beispiel, ihr Ivory wieder wegnehmen«, bemerkte
Christian.
»Was sie ja am Ende tatsächlich getan hat.«
516
»Ja«, sagte Ruby, »was sie am Ende getan hat.« Sie schaute
Cassandra mit großen Augen an. »Wann bist du denn mit Clara
verabredet?«
»Sie hat mich für morgen Vormittag um elf zu sich eingeladen.«
»Mist. Ich reise um neun Uhr ab. Die Arbeit ruft. Am liebsten
hätte ich dich ja begleitet, ich hätte dich sogar hinfahren können.«
»Ich fahre Sie hin«, sagte Christian. Er war dabei, an den
Knöpfen des Petroleumofens zu drehen, um die Flamme höher zu
stellen, und der Petroleumgeruch war stärker geworden.
Cassandra tat, als würde sie Rubys Grinsen nicht bemerken.
»Wirklich? Sind Sie sicher?«
Er lächelte sie an. »Sie kennen mich doch, ich helfe immer
gern, wo ich kann.«
Cassandra erwiderte sein Lächeln, dann, als sie spürte, dass sie
errötete, senkte sie den Blick und betrachtete die Tischplatte. In
Christians Gegenwart kam sie sich manchmal vor wie eine Dreizehnjährige. Und es war
so ein schönes, wehmütiges Gefühl, als
würde das Leben noch vor ihr liegen, dass sie es am liebsten gar
nicht mehr loslassen würde. Dass sie am liebsten ihr schlechtes
Gewissen vergessen würde, das ihr einredete, Christians Gegenwart zu genießen, sei
treulos gegenüber Nick und Leo.
»Was glauben Sie, warum Eliza bis 1913 gewartet hat?« Christian schaute die beiden
Frauen an. »Bis sie sich Nell zurückgeholt
hat, meine ich. Warum hat sie es nicht schon eher getan?«
Cassandra fuhr mit der Hand über die Tischplatte. Betrachtete
die Muster, die das flackernde Kerzenlicht auf ihre Haut malte.
»Ich glaube, sie hat es getan, weil Rose und Nathaniel bei diesem
Eisenbahnunglück ums Leben gekommen waren. Ich vermute,
dass sie trotz aller widerstrebenden Gefühle bereit war, sich zurückzuhalten,
solange Rose glücklich war.«
»Aber nachdem Rose tot war …«
»Genau.« Sie schaute Christian an. Etwas an der Ernsthaftigkeit seines
Gesichtsausdrucks berührte sie sehr. »Nachdem Rose
517
tot war, konnte sie es mit ihrem Gewissen nicht länger vereinbaren, Nell auf
Blackhurst zu lassen. Ich nehme an, sie wollte Mary
ihre Tochter zurückgeben.«
»Und warum hat sie es dann nicht getan? Warum hat sie das
Kind auf ein Schiff nach Australien gesetzt?«
Cassandra seufzte, und ihr Atem ließ die Kerzenflamme vor ihr
flackern. »Auf die Frage habe ich noch keine Antwort gefunden.«
Und sie wusste auch immer noch nicht, was und wie viel William Martin gewusst
hatte, als er 1975 mit Nell gesprochen hatte.
Mary war immerhin seine Schwester - hätte er dann nicht wissen
müssen, dass sie schwanger gewesen war? Dass sie ein Kind geboren und nicht
großgezogen hatte? Und wenn er von der
Schwangerschaft wusste und von der Rolle, die Eliza bei der inoffiziellen Adoption
gespielt hatte, dann hätte er Nell doch sicherlich davon erzählt. Denn wenn Mary
Nells Mutter war, dann
war William schließlich ihr Onkel. Cassandra konnte sich nicht
vorstellen, dass er geschwiegen hätte, wenn eine lange verloren
geglaubte Nichte plötzlich bei ihm vor der Tür stand.
Aber in Nells Notizbuch stand nichts von einer solchen Offenbarung durch William.
Cassandra hatte lange über den Seiten gebrütet auf der Suche nach Hinweisen, die
sie vielleicht übersehen
haben könnte. William hatte nichts gesagt oder getan, was darauf
schließen ließe, dass er in Nell eine Verwandte erkannt hatte.
Natürlich war es möglich, dass William nichts von Marys
Schwangerschaft mitbekommen hatte. Aus Zeitschriftenartikeln
und aus amerikanischen Talkshows wusste Cassandra, dass so
etwas tatsächlich vorkam, dass Frauen eine Schwangerschaft die
ganzen neun Monate über geheim hielten. Und es war anzunehmen, dass Mary das getan
hatte. Damit alles reibungslos ablaufen
konnte, hatte Rose mit Sicherheit auf Diskretion bestanden, denn
auf keinen Fall durfte das ganze Dorf erfahren, dass ihr Kind
nicht ihr eigenes war.
Aber war es wirklich möglich, dass eine junge Frau schwanger
wurde, sich mit dem Vater des Kindes verlobte, ihre Arbeitsstelle
518
verlor, das Neugeborene weggab und dann ihr Leben wieder aufnahm, als wäre nichts
geschehen - ohne dass jemand von alldem
etwas bemerkte? Es musste einfach irgendetwas geben, das Cassandra noch nicht
durchschaut hatte, anders konnte es gar nicht
sein.
»Es ist irgendwie genauso wie in Elizas Märchen, nicht wahr?«
Cassandra schaute Christian an. »Was?«
»Die ganze Geschichte: Rose, Eliza, Mary, das Kind. Erinnert
Sie das nicht an das Märchen Das goldene Ei?«
Cassandra schüttelte den Kopf. Den Titel kannte sie nicht.
»Es steht in dem Buch Zauberhafte Märchen für Mädchen und
Jungen.«
»In meinem nicht. Wir müssen verschiedene Ausgaben haben.«
»Es gibt nur eine Ausgabe. Deswegen sind die Exemplare ja so
selten.«
Cassandra hob die Schultern. »Ich kenne es nicht.«
Ruby wedelte mit der Hand. »Egal, wen interessiert es schon,
wie viele Ausgaben existieren? Erzählen Sie uns das Märchen,
Christian. Wie kommen Sie darauf, dass es von Mary und dem
Kind handelt?«
»Es ist ein ziemlich merkwürdiges Märchen, finde ich. Anders
als die restlichen, trauriger, und die Moral ist irgendwie schräg.
Es handelt von einer bösen Königin, die eine Jungfrau dazu überredet, ein goldenes
Zauberei herauszurücken, das die kranke
Prinzessin heilen soll. Anfangs sträubt sich die Jungfrau, denn es
ist ihre Aufgabe, das Ei zu hüten - ich glaube, im Märchen heißt
es, es ist ihr Geburtsrecht -, aber die Königin lässt nicht locker,
und am Ende gibt die Jungfrau nach, weil sie zu der Überzeugung
gelangt, dass die Prinzessin andernfalls ewig leiden muss und das
Königreich zu ewigem Winter verdammt ist, wenn sie das Ei
nicht hergibt. Dann kommt noch eine Figur in dem Märchen vor,
die als Vermittlerin auftritt, eine Dienerin. Sie arbeitet für die
Prinzessin und die Königin, aber am Ende versucht sie, die Jung519
frau dazu zu überreden, sich nicht von dem Ei zu trennen. Sie begreift, dass das Ei
zu der Jungfrau gehört, dass sie ohne das Ei
ihren Lebenssinn verliert. Und genau das passiert: Sie gibt der
Königin das Ei, und damit ruiniert sie ihr Leben.«
»Und Sie meinen, die Dienerin ist Eliza?«, fragte Cassandra.
»Würde doch passen, oder?«
Ruby stützte das Kinn in die Hand. »Also, lassen Sie mich mal
rekapitulieren. Das Ei ist demnach das Kind? Nell?«
»Ja.«
»Und Eliza hat das Märchen geschrieben, um ihr Gewissen zu
erleichtern?«
Christian schüttelte den Kopf. »Nein, das Märchen handelt
nicht von Schuld, sondern von Trauer. Um sie selbst und um Mary. Und irgendwie auch
um Rose. Alle Figuren in dem Märchen
tun das, was sie für das Richtige halten, aber es kann nicht für
alle gut ausgehen.«
Cassandra biss sich auf die Lippe. »Glauben Sie wirklich, ein
Kindermärchen kann autobiografisch sein?«
»Nicht wirklich autobiografisch, jedenfalls nicht im wörtlichen
Sinn, es sei denn, Eliza hat ziemlich schlimme Erfahrungen gemacht.« Er überlegte.
»Ich nehme einfach an, dass sie ihr Leben
zumindest zum Teil durch das Schreiben der Märchen verarbeitet
hat. Tun das denn nicht die meisten Schriftsteller?«
»Ich weiß nicht. Tun sie das?«
»Ich bringe das Buch morgen mit«, sagte Christian. »Dann
können Sie sich selbst ein Urteil bilden.« Das dunkelgelbe Kerzenlicht betonte
seine Wangenknochen, brachte seine Haut zum
Leuchten. Plötzlich breitete sich ein schüchternes Lächeln auf
seinem Gesicht aus. »Die Märchen sind die einzige Stimme, die
Eliza heute noch hat. Wer weiß, was sie uns sonst noch alles zu
sagen versucht?«
Nachdem Christian sich verabschiedet hatte, breiteten Ruby und
Cassandra ihre Schlafsäcke auf den Isomatten aus, die er ihnen
520
mitgebracht hatte. Sie hatten sich entschlossen, ihr Schlaflager im
Erdgeschoss aufzuschlagen, um die Wärme des Herds auszunutzen. Der Wind fegte durch
die Ritzen unter den Türen und zwischen den Bodendielen hindurch. Noch mehr als
tagsüber fiel
Cassandra der Geruch nach feuchter Erde auf, der das ganze Haus
erfüllte.
Ruby drehte sich in ihrem Schlafsack zu Cassandra um. »Jetzt
müssten wir uns eigentlich Gespenstergeschichten erzählen«,
flüsterte sie grinsend. Ihr Gesicht wirkte gruselig verzerrt im flackernden Licht.
»Gott, ist das aufregend. Hab ich dir schon mal
gesagt, was für ein Glückspilz du bist? Wahnsinn - ein verwunschenes Haus auf einer
Klippe am Meer zu erben!«
»Ja, das hast du. Ein- oder zweimal.«
Ruby lächelte verschmitzt. »Und auch, was du für ein Glück
hast, einen so gut aussehenden und klugen und fürsorglichen
Freund wie Christian zu haben?«
Cassandra konzentrierte sich auf den Reißverschluss ihres
Schlafsacks und zog ihn mit übertriebener Sorgfalt zu.
»Einen ›Freund‹, der offenbar findet, dass die Sonne aufgeht,
wenn du auftauchst?«
»Ach Ruby«, sagte Cassandra kopfschüttelnd. »Das ist doch
Quatsch. Es macht ihm einfach Spaß, mir bei der Gartenarbeit zu
helfen.«
Ruby hob die Brauen. »Natürlich liebt er den Garten. Deswegen ist er auch bereit,
zwei Wochen lang ohne einen Penny zu
arbeiten.«
»Ja, das stimmt!«
»Selbstverständlich.«
Cassandra verkniff sich ein Lächeln und antwortete mit gespielter Empörung: »Ob du
es glaubst oder nicht, der geheime
Garten ist ihm sehr wichtig. Er hat schon als Junge dort gespielt.«
»Und diese Leidenschaft für den Garten erklärt wahrscheinlich
auch, warum er dich morgen nach Polperro fährt.«
521
»Er ist einfach ein netter, hilfsbereiter Mensch. Das hat nichts
mit mir zu tun oder mit dem, was er für mich empfindet. Jedenfalls ist es nicht so,
dass er in mich verknallt wäre oder so was.«
Ruby nickte weise. »Ja, du hast recht. Was soll man an dir
auch schon mögen?«
Cassandra musste lächeln. »Aha«, sagte sie. »Du findest also,
dass er gut aussieht.«
Ruby grinste. »Träum schön, Cassandra.«
»Gute Nacht, Ruby.«
Cassandra blies die Kerze aus, aber das Licht des Vollmonds
sorgte dafür, dass es im Raum nicht ganz dunkel wurde. Ein silbriger Schimmer lag
auf allem. Im Halbdunkel ließ Cassandra die
Stücke des Puzzles vor ihrem geistigen Auge Revue passieren:
Eliza, Mary, Rose, und hin und wieder, ganz unerwartet, tauchte
Christian auf, ihre Blicke begegneten sich kurz, dann wandte er
sich wieder ab.
Nach wenigen Minuten begann Ruby leise zu schnarchen. Cassandra lächelte. Sie hätte
sich denken können, dass Ruby einen
gesunden Schlaf hatte. Sie schloss die Augen und spürte, wie ihre
Lider immer schwerer wurden.
… Sie war im geheimen Garten, saß unter dem Apfelbaum im
weichen Gras. Es war ein warmer Tag, und eine Biene summte
eine Weile in den Apfelblüten herum, ehe sie sich vom Wind davontragen ließ.
Sie hatte großen Durst, hätte gern etwas Wasser getrunken.
Vergeblich versuchte sie aufzustehen. Ihr Bauch war dick geschwollen, die Haut
unter ihrem Kleid war gespannt und juckte.
Sie war schwanger.
Das Gefühl war ihr vertraut. Sie spürte ihren Herzschlag, die
Wärme an ihrer Haut. Dann begann das Kind zu strampeln …
»Cass.«
… trat so heftig, dass sich ihr Bauch an einer Stelle ausbeulte,
und sie versuchte, den kleinen Fuß zu fassen zu bekommen …
»Cass.«
522
Sie öffnete die Augen. Mondlicht an den Wänden. Das Knistern im Herd.
Ruby stützte sich auf einen Ellbogen und rüttelte sie an der
Schulter. »Alles in Ordnung? Du hast ganz laut gestöhnt.«
»Ja, alles in Ordnung.« Cassandra setzte sich auf. Betastete ihren Bauch. »Gott,
was für ein seltsamer Traum. Ich hab geträumt,
ich wäre schwanger, hochschwanger. Ich hatte einen riesigen,
harten Bauch, und es war so real.« Sie rieb sich die Augen. »Ich
war gerade im Garten, und das Kind fing an zu strampeln.«
»Das kommt davon, dass wir die ganze Zeit über Marys Kind
und Rose und goldene Eier geredet haben, das hast du in deinem
Traum alles vermischt.«
»Und der Wein hat das Seine dazu beigetragen.« Cassandra
gähnte. »Aber es fühlte sich so echt an. Ich hab mich so unbeholfen gefühlt und
verschwitzt, und als das Kind strampelte, hat es
richtig wehgetan.«
»Das klingt ja sehr verlockend«, antwortete Ruby. »Da bin ich
echt froh, dass ich nie versucht hab, schwanger zu werden.«
Cassandra lächelte. »In den letzten Monaten ist es nicht besonders angenehm, aber
letztlich ist es die Mühe wert. Der Augenblick, wenn du ein winziges neues
Menschlein in den Armen
hältst, das ist einfach unbeschreiblich.«
Nick hatte im Kreißsaal geweint, aber Cassandra nicht. Sie war
viel zu sehr Teil des Geschehens gewesen, um mit Tränen zu reagieren. Zu weinen
hätte bedeutet, dass sie sich gefühlsmäßig auf
eine andere Ebene hätte begeben und alles von außen, in einem
größeren Kontext hätte betrachten müssen. Dazu war die Erfahrung viel zu intensiv
gewesen. Sie war von einem schwindelerregenden Glücksgefühl beseelt, als könnte sie
besser sehen und hören als je zuvor. Sie hatte ihren eigenen Puls gehört, das
Summen
der Lampen, den Atem des Neugeborenen.
»Ich bin tatsächlich mal schwanger gewesen«, bemerkte Ruby.
»Aber nur ungefähr fünf Minuten lang.«
523
»Ach Ruby«, sagte Cassandra voller Mitgefühl. »Hast du das
Kind verloren?«
»Na ja, ich war jung, es war ein Fehler, wir waren uns einig,
dass es keinen Zweck hatte, das Kind zu bekommen. Ich hab mir
damals gesagt, dass ich später noch genug Zeit hätte, um Kinder
zu kriegen.« Sie hob die Schultern und glättete den Schlafsack
über ihren Beinen. »Das einzige Problem war, dass mir, als es
dann so weit war, dass ich mich auf ein Kind hätte einlassen können, die nötigen
Zutaten fehlten.«
Cassandra sah sie fragend an.
»Sperma, meine Liebe. Ich weiß nicht, vielleicht war ich in
meinen Dreißigern dauernd mit dem prämenstruellen Syndrom
geschlagen, aus irgendeinem Grund jedenfalls bin ich mit den
meisten Männern nicht zurechtgekommen. Als ich schließlich
einen kennengelernt hab, mit dem ich zusammenleben wollte,
war es mit dem Kinderkriegen vorbei. Wir haben es eine Weile
versucht«, sagte sie mit einem Achselzucken, »aber gegen die
Natur kann man nichts machen.«
»Das tut mir leid, Ruby.«
»Ist schon in Ordnung, das braucht dir nicht leidzutun. Ich habe einen Job, der mir
Spaß macht, und gute Freunde.« Sie zwinkerte Cassandra zu. »Und du hast ja meine
Wohnung gesehen. Da
würde sowieso kein Kind reinpassen.«
Cassandra lächelte.
»Man lebt mit dem, was man hat, nicht mit dem, was einem
fehlt.« Ruby legte sich wieder hin und kuschelte sich in ihren
Schlafsack. »Schlaf schön.«
Cassandra blieb noch eine Weile sitzen und schaute den Schatten zu, die über die
Wände tanzten, während sie über das nachdachte, was Ruby gesagt hatte. Über das
Leben, das sie, Cassandra, auf den Dingen und den Menschen aufgebaut hatte, die ihr
fehlten. Hatte Nell es genauso gemacht? Hatte sie das Leben und
die Familie, in der sie aufgewachsen war, aufgegeben, um sich
auf das Leben zu konzentrieren, das ihr verweigert worden war?
524
Cassandra legte sich hin und schloss die Augen. Lauschte den
nächtlichen Geräuschen, um sich von ihren beunruhigenden Gedanken abzulenken. Das
Atmen des Meers, das Krachen der Wellen gegen den schwarzen Felsen, das Trappeln
der Tiere auf dem
Dach, das Rascheln des Laubs im Wind …
Nachts war das Haus noch einsamer als tagsüber. Die Straße
führte nicht bis oben auf die Klippe, das Tor zum geheimen Garten war zugemauert
worden, und jenseits des Gartens lag das Labyrinth, in dem man sich verirren
konnte. Hier konnte man ewig
wohnen, ohne einer Menschenseele zu begegnen.
Plötzlich kam Cassandra ein Gedanke, und sie fuhr hoch. »Ruby«, sagte sie. Dann
noch einmal etwas lauter: »Ruby!«
»Ich schlafe«, murmelte Ruby.
»Aber ich hab es gerade kapiert.«
»Ich schlafe trotzdem.«
»Ich weiß jetzt, weshalb sie die Mauer gebaut haben und warum Eliza fortgegangen
ist. Deswegen hatte ich auch diesen
Traum - mein Unterbewusstsein hat es durchschaut und wollte es
mich wissen lassen.«
Ein Seufzer. Ruby drehte sich zu ihr um und stützte sich auf
den Ellbogen. »Du hast gewonnen, ich bin wach. Ein bisschen
jedenfalls.«
»Mary hat hier im Haus gewohnt, als sie mit Nell - ich meine
mit Ivory - schwanger war. Hier im Cottage. Darum hat William
nichts von ihrer Schwangerschaft mitbekommen.« Cassandra
beugte sich dichter zu Ruby vor. »Deswegen ist Eliza fortgegangen: Weil Mary hier
gewohnt hat. Sie haben sie hier versteckt
und die Mauer hochgezogen, damit sie niemand zufällig zu Gesicht bekommen konnte.«
Ruby rieb sich die Augen und setzte sich auf.
»Sie haben aus diesem Haus einen Käfig gemacht, bis das
Kind geboren war und Rose zur Mutter werden konnte.«
525
44 Tregenna Cornwall, 1975
Am Nachmittag vor ihrer Abreise ging Nell noch einmal zum
Cliff Cottage. Sie nahm den kleinen, weißen Koffer mit, in dem
sie ihre Unterlagen und Aufzeichnungen aufbewahrte, die sie
während ihres Aufenthalts gesammelt hatte. Sie wollte ihre Notizen noch einmal
durchgehen, und das konnte sie genauso gut im
Cottage tun. Zumindest redete sie sich das ein, als sie sich auf den
steilen Weg dorthin machte. Natürlich stimmte es nicht, jedenfalls nicht ganz. Zwar
wollte sie sich tatsächlich noch einmal ihre
Notizen ansehen, aber das war nicht der Grund, warum sie hergekommen war. Sie war
gekommen, weil sie einfach nicht widerstehen konnte.
Sie schloss die Tür auf und trat ein. Der Winter nahte, und es
war kühl im Haus, die abgestandene Luft hing dick und schwer in
dem kleinen Flur. Nell ging nach oben. Sie genoss den Blick auf
das silbrige Meer, und bei ihrem letzten Besuch hatte sie in der
Ecke des Zimmers einen alten Rohrstuhl entdeckt, den sie gebrauchen konnte. Das
Rohrgeflecht an der Lehne war kaputt, aber
das machte nichts. Nell stellte den Stuhl vor das Fenster, setzte
sich vorsichtig darauf und öffnete den weißen Koffer.
Nachdenklich blätterte sie in ihren Unterlagen: Da waren Robyns Aufzeichnungen über
die Familie Mountrachet, die Berichte
des Detektivs, den sie beauftragt hatte, nach Eliza zu forschen,
die Korrespondenz mit dem Anwalt, der den Kauf des Cliff Cottage für sie
abgewickelt hatte. Nell suchte das Schreiben, in dem
es um die Grundstücksgrenzen ging, und betrachtete den Lageplan. Es war deutlich zu
erkennen, dass es sich bei dem Teil des
Grundstücks, von dem der kleine Christian gesprochen hatte, um
einen Garten handelte. Sie fragte sich, wer in aller Welt das Tor
zugemauert haben könnte - und warum.
Während sie vor sich hin grübelte, glitt ihr das Blatt aus der
Hand und segelte auf den Boden. Als sie sich bückte, um es aufzuheben, fiel ihr
etwas auf. Die Fußleiste hatte sich durch die
526
Feuchtigkeit leicht verzogen, sodass sie sich ein Stück von der
Wand gelöst hatte. Dahinter klemmte ein Stück Papier. Nell
packte es an einer Ecke und zog es vorsichtig heraus.
Ein kleines, von Stockflecken verunstaltetes Stück Pappe mit
einer Zeichnung von einem Frauengesicht. Nell erkannte die Frau
von dem Porträt, das sie in London gesehen hatte. Es war Eliza
Makepeace, aber diese Zeichnung war ganz anders. Im Gegensatz
zu dem Bild von Nathaniel Walker, auf dem sie so unberührbar
wirkte, strahlte dieses Porträt etwas Intimeres aus. Etwas in ihren
Augen ließ darauf schließen, dass der Künstler Eliza besser gekannt hatte als
Nathaniel. Kräftige Striche, schwungvolle Linien
und vor allem der Ausdruck: Der Blick faszinierte und berührte
sie. Nell meinte sich zu erinnern, dass diese Augen sie auf genau
dieselbe Weise angeschaut hatten, so als könnten sie in einen hineinsehen.
Nell glättete das Bild. Unglaublich, dass es dort so lange gelegen hatte. Sie nahm
das Märchenbuch aus dem Koffer. Eigentlich
hatte sie gar nicht recht gewusst, warum sie es überhaupt mitgenommen hatte, nur
dass es ihr ein Bedürfnis gewesen war, die
Märchen an den Ort zurückzubringen, an dem Eliza Makepeace
sie vor vielen Jahren geschrieben hatte. Völlig albern und sentimental. Aber jetzt
war sie froh, dass sie das Buch zur Hand hatte.
Sie schlug es auf und legte die Porträtzeichnung hinein. Da war
sie sicher aufgehoben.
Nell lehnte sich auf dem Stuhl zurück und fuhr mit der Hand
über den Einband des Buchs, über das weiche Leder mit dem erhaben aufgedruckten
Bild von einem Mädchen mit einem Reh. Es
war ein schönes Buch, ebenso schön wie viele, die Nell an ihrem
Antiquitätenstand verkauft hatte. Und es war so gut erhalten; in
den Jahrzehnten, die es in Haims Obhut gewesen war, hatte es
keinen Schaden erlitten. Das warme Klima eines Dachbodens in
Brisbane stellte offenbar optimale Bedingungen dar.
Obwohl sie sich eigentlich mit viel weiter zurückliegenden
Ereignissen beschäftigen wollte, kehrten Nells Gedanken immer
527
und immer wieder zu Haim zurück. Vor allem musste sie an die
vielen Abende denken, an denen er ihr aus dem Märchenbuch
vorgelesen hatte. Lil hatte sich gesorgt, die Märchen könnten für
ein kleines Mädchen zu Furcht einflößend sein, aber Haim hatte
es besser gewusst. Nach dem Abendessen, wenn Lil mit Aufräumen und Abwasch
beschäftigt war, hatte Haim sich in seinen
Korbsessel sinken lassen und Nell auf den Schoß genommen. Sie
erinnerte sich, wie seine starken, warmen Arme sich um sie gelegt hatten, als er
das Buch in die Hände nahm, an den leichten
Geruch nach Tabak in seinem Hemd, an seine rauen Bartstoppeln, die sich in ihrem
Haar verfangen hatten.
Nell seufzte ein ums andere Mal. Haim war gut zu ihr gewesen, und Lil auch. Dennoch
verscheuchte sie die Gedanken an die
beiden und ging weiter in ihrer Erinnerung zurück. Es gab eine
Zeit vor Haim, eine Zeit vor der Schiffsreise nach Maryborough,
die Zeit auf Blackhurst mit dem Cottage und der Autorin.
Da - ein weißer Gartenstuhl, Sonne, Schmetterlinge. Nell
schloss die Augen, gab sich der Erinnerung hin und ließ sich von
ihr in einen warmen Sommertag tragen, in einen Garten, wo kühler Schatten auf einen
saftigen Rasen fiel. Wo die Luft erfüllt war
vom Duft nach Sommerblumen …
Das kleine Mädchen spielte, es sei ein Schmetterling. Ein
Blumenkranz schmückte sein Haar, und es lief mit ausgebreiteten
Armen im Kreis herum, ließ sich von der Sonne die Flügel wärmen. Die Kleine fühlte
sich großartig, als ihr weißes Kleid in der
Sonne silbern schimmerte.
»Ivory.«
Die Kleine reagierte nicht gleich, denn Schmetterlinge beherrschen die
Menschensprache nicht. Sie singen süße Lieder mit
wundervollen Versen, die Erwachsene nicht verstehen. Nur Kinder hören ihren Ruf.
»Ivory, komm her.«
Mamas Stimme klang jetzt strenger, und das kleine Mädchen
flatterte zu der weißen Gartenbank hinüber.
528
»Komm, komm«, sagte Mama, streckte die Arme aus und
winkte mit ihren bleichen Fingerspitzen.
Glücklich kletterte das kleine Mädchen auf ihren Schoß. Mama
umschlang sie mit den Armen und drückte ihre kühlen Lippen auf
die Haut unter ihrem Ohr.
»Ich bin ein Schmetterling«, sagte das kleine Mädchen. »Die
Gartenbank ist mein Kokon …«
»Schsch. Sei still.« Mamas Gesicht war ganz nah, und das
kleine Mädchen merkte, dass sie nach etwas Ausschau hielt. Die
Kleine drehte sich um, weil sie sehen wollte, was Mama so faszinierte.
Eine Dame kam auf sie zu. Die Kleine kniff die Augen zusammen, um aus dieser Fata
Morgana schlau zu werden. Denn
diese Dame sah ganz anders aus als die Damen, die sonst zu Mama und Großmama zu
Besuch kamen, um mit ihnen Tee zu trinken oder Bridge zu spielen. Diese Dame sah
irgendwie aus wie
ein zu groß geratenes Mädchen. Sie trug ein weißes Baumwollkleid, und ihr rotes
Haar war nur lose zusammengehalten.
Das kleine Mädchen schaute sich nach der Kutsche um, die die
Dame gebracht haben musste, aber es war keine zu sehen. Es war,
als wäre sie wie durch Zauberei erschienen.
Dann wusste die Kleine plötzlich Bescheid. Voller Staunen
hielt sie den Atem an. Die Dame kam nicht vom Eingangstor her,
sie kam aus dem Labyrinth.
Das Labyrinth war Ivory verboten. Mama und Großmama
wurden nicht müde, sie vor den dunklen Gängen und vor unbekannten Gefahren zu
warnen. Das Verbot war so streng, dass
nicht einmal Papa, der sich zu fast allem erweichen ließ, jemals
gewagt hatte, es zu übertreten.
Die Dame kam immer näher. Sie hatte etwas unter dem Arm,
ein in braunes Papier gewickeltes Päckchen.
Mama drückte Ivory inzwischen so fest an sich, dass sie kaum
noch Luft bekam.
Die Dame blieb vor ihnen stehen.
529
»Guten Tag, Rose.«
Das war Mamas Name, aber Mama sagte nichts.
»Ich weiß, dass ich eigentlich nicht herkommen dürfte.« Eine
silbrige Stimme wie ein Spinnfaden, den Ivory gern zwischen den
Fingern gehalten hätte.
»Warum bist du dann hier?«
Die Dame hielt das Päckchen hin, aber Mama nahm es nicht
an. Stattdessen hielt sie ihre Tochter noch fester. »Ich will nichts
von dir.«
»Es ist nicht für dich.« Die Dame legte das Päckchen auf die
Gartenbank. »Es ist für die Kleine.«
Das Päckchen hatte das Märchenbuch enthalten, daran erinnerte
sich Nell jetzt wieder. Später hatten ihre Eltern sich deswegen
gestritten, ihre Mutter hatte darauf bestanden, dass das Buch verschwand, und ihr
Vater hatte es mitgenommen. Aber er hatte es
nicht weggeworfen. Er hatte es in seinem Atelier neben der abgegriffenen Ausgabe
von Moby Dick ins Regal gestellt. Und er hatte
Nell daraus vorgelesen, wenn ihre Mutter krank im Bett lag und
nichts davon mitbekam.
Ergriffen von der Erinnerung streichelte Nell den Einband. Das
Buch war ein Geschenk von Eliza gewesen. Vorsichtig schlug sie
es an der Stelle auf, wo seit sechzig Jahren ein Stück Seidenband
als Lesezeichen steckte. Das Band war tiefviolett und an dem Ende, wo es
abgeschnitten war, nur ein bisschen ausgefranst. Das
Märchen, das auf der gekennzeichneten Seite begann, trug den
Titel Die Augen des alten Weibleins. Nell las die Geschichte von
der Prinzessin, die nicht wusste, dass sie eine Prinzessin war, die
über das Meer in das Land der verloren gegangenen Dinge reiste,
um dem alten Weiblein sein Augenlicht wiederzubringen. Sie
konnte sich schwach an den Inhalt erinnern, wie man sich an ein
Lieblingsmärchen aus der Kindheit erinnert. Nell legte das Lesezeichen an die neue
Stelle, schlug das Buch zu und legte es auf
die Fensterbank.
530
Stirnrunzelnd betrachtete sie es dort einen Augenblick und
beugte sich dann noch einmal über das Buch. Wo einst das Lesezeichen gesteckt
hatte, klaffte noch immer eine kleine Lücke.
Als Nell das Buch wieder aufschlug, öffneten sich die Seiten
von ganz allein an der Stelle, wo das Märchen Die Augen des alten Weibleins begann.
Sie fuhr mit dem Finger über die Mitte …
Da fehlten ein paar Seiten. Nicht viele, nur fünf oder sechs, sodass man es leicht
übersehen konnte.
Jemand hatte die Seiten sehr sorgfältig direkt an der Bindung
herausgetrennt, wahrscheinlich mit einem Federmesser.
Nell überprüfte die Seitenzahlen. Nach fünfundfünfzig ging es
gleich bei einundsechzig weiter.
Es fehlte ein komplettes Märchen …
DAS GOLDENE EI
Von Eliza Makepeace
Vor langer, langer Zeit, als Suchen noch dasselbe wie Finden bedeutete, lebte
einmal eine Jungfrau in einer winzigen Hütte am
Rand eines großen, blühenden Königreichs. Die Jungfrau war
arm, und ihre Hütte lag tief im Wald versteckt. Einst hatten die
Menschen von der kleinen Hütte mit dem gemauerten Kamin gewusst, aber die waren
längst gestorben, und Mutter Zeit hatte einen Schleier des Vergessens über die
Hütte gelegt. Bis auf die
Vögel, die auf ihrem Fenstersims sangen, und die Waldtiere, die
an ihrem Feuer Wärme suchten, war die Jungfrau allein. Und
doch fühlte sie sich nie einsam oder unglücklich, sie hatte einfach
zu viel zu tun, um sich nach Gesellschaft zu sehnen, die sie nie
gehabt hatte.
Denn in der Hütte, verborgen hinter einer besonderen Tür mit
einem blank polierten Schloss, befand sich ein wertvoller Gegenstand. Es war ein
goldenes Ei mit einem so wundersamen
Glanz, der alle, die es erblickten, sogleich erblinden ließ. Das
goldene Ei war so alt, dass niemand mehr sein Alter kannte, und
531
die Familie der Jungfrau war seit Generationen damit beauftragt,
es zu hüten.
Die Jungfrau akzeptierte diese Verantwortung fraglos als ihr
Schicksal. Das Ei musste gehütet werden, und niemand durfte
von seiner Existenz erfahren. Vor vielen, vielen Jahren, kurz nach
der Gründung des Königreichs, waren um den Besitz des Eis
Kriege geführt worden, denn der Legende nach besaß es Zauberkräfte, die seinem
Besitzer jeden Wunsch erfüllten.
Und so wachte die Jungfrau über das goldene Ei. Tagsüber saß
sie mit ihrem Spinnrad am Fenster und sang mit den Vögeln, die
ihr bei der Arbeit zusahen. Nachts gewährte sie ihren Freunden
unter den Tieren Schutz und gab ihnen in der Wärme der Hütte
ein Nachtlager. Und nie vergaß sie, dass es nichts Wichtigeres
gab, als sein Geburtsrecht zu schützen.
Es begab sich aber, dass weit, weit weg im Königsschloss eine
Prinzessin lebte, die brav und anmutig, aber sehr unglücklich war.
Sie war schwach und krank, und die Königin hatte im ganzen
Land nach Heilmitteln und Zaubertränken suchen lassen, doch
nichts konnte die Prinzessin gesund machen. Im Königreich wurde gemunkelt, ein
böser Apotheker hätte die Prinzessin bei ihrer
Geburt mit einem Fluch belegt, aber niemand wagte, so etwas
laut auszusprechen. Denn die Königin war eine grausame Herrscherin, deren Zorn ihre
Untertanen zu Recht fürchteten.
Aber die Prinzessin war der Königin Ein und Alles. Jeden
Morgen trat sie an das Bett ihrer Tochter, und jeden Morgen bot
sich ihr derselbe Anblick: Die Prinzessin war bleich, schwach
und erschöpft. »Ach, Mutter«, flüsterte sie, »ich möchte so gern
im Schlossgarten spazieren gehen, in den Springbrunnen baden
und auf den Bällen im Schloss tanzen. Ich wünsche mir nichts
sehnlicher, als gesund zu sein.«
Die Königin besaß einen Spiegel, in dem sie sehen konnte, was
in ihrem Reich vor sich ging. Jeden Tag fragte sie aufs Neue:
»Spieglein mein, Spieglein mein, wer kann beenden meiner
Tochter Pein?«
532
Und jeden Tag erhielt sie dieselbe Antwort: »Niemand, oh Königin, im ganzen Land,
kann ihr helfen mit heilender Hand.«
Eines Tages war die Königin so verzweifelt über den Anblick
ihrer Tochter, dass sie vergaß, dem Spiegel ihre gewohnte Frage
zu stellen. Sie weinte und schluchzte und sagte: »Spieglein mein,
ach sag mir an, wie ich meiner Tochter Herzenswunsch erfüllen
kann!«
Der Spiegel antwortete nicht gleich, doch auf einmal entstand
in seiner Mitte ein Bild von einer ärmlichen Hütte mitten im tiefen Wald. Rauch
quoll aus dem kleinen Schornstein, und am
Fenster saß eine Jungfrau an einem Spinnrad und sang mit den
Vögeln.
»Was zeigst du mir da?«, fragte die Königin verwundert. »Ist
diese junge Frau eine Heilerin?«
Mit tiefer, ernster Stimmer antwortete der Spiegel: »Im tiefen
Wald am Rand des Königreichs steht eine kleine Hütte. In der
Hütte befindet sich ein goldenes Ei, das seinem Besitzer jeden
Wunsch erfüllt. Die Jungfrau am Fenster ist die Hüterin des Eis.«
»Wie kann ich das Ei von ihr bekommen?«, fragte die Königin.
»Was die Jungfrau tut, tut sie zum Wohl des Königreichs«,
antwortete der Spiegel. »Es wird nicht leicht sein, sie zur Herausgabe des Eis zu
bewegen.«
»Was muss ich tun?«
Aber der Spiegel war verstummt, und das Bild von der Hütte
verschwand. Die Königin reckte ihr Kinn vor und schaute ihrem
Spiegelbild in die Augen, bis sich ein Lächeln auf ihren Lippen
bildete.
Am nächsten Tag bei Morgengrauen ließ die Königin die Zofe
der Prinzessin zu sich rufen. Das Mädchen lebte seit seiner Geburt im Königreich
und war eine treue Dienerin, die alles tun
würde, um die Prinzessin glücklich zu machen. Die Königin trug
ihr auf, das goldene Ei herbeizuschaffen.
Und so machte die Zofe sich auf den Weg ans Ende des Königreichs. Drei Tage und
drei Nächte lang wanderte sie gen Osten,
533
und als sich am dritten Abend die Dämmerung über das Land legte, erreichte sie den
Waldrand. Sie stieg über abgefallene Äste
und kämpfte sich durch Dornengestrüpp, bis sie schließlich eine
Lichtung erreichte. Und in der Mitte der Lichtung stand eine
kleine Hütte, aus deren Schornstein lieblich duftender Rauch
quoll.
Die Zofe klopfte an und wartete. Nach einer Weile ging die
Tür auf, und eine Jungfrau stand vor ihr, die, obwohl sie sich über
den Besuch wunderte, freundlich lächelte und die Zofe eintreten
hieß. »Du bist müde von der weiten Reise«, sagte die Jungfrau.
»Komm und wärme dich an meinem Herd.«
Die Zofe betrat die Hütte und nahm auf einem Kissen vor dem
Feuer Platz. Nachdem die Jungfrau ihr eine Schüssel mit heißer
Brühe gebracht hatte, setzte sie sich still an ihr Spinnrad. Das
Feuer knisterte im Kamin, und die Wärme in der Hütte machte
die Zofe schläfrig. Der Wunsch zu schlafen war so übermächtig,
dass die Zofe beinahe ihren Auftrag vergessen hätte, wenn die
Jungfrau nicht gesagt hätte: »Du bist in meiner Hütte willkommen, Fremde, aber
verzeih mir, wenn ich frage, was dich hierherführt.«
»Die Königin hat mich geschickt«, antwortete die Zofe. »Sie
braucht deine Hilfe, damit ihre Tochter, die Prinzessin, wieder
gesund wird.«
Die Jungfrau hatte schon von den Waldvögeln von der schönen, guten Prinzessin
gehört, die im Schloss wohnte. »Ich werde
tun, was ich kann«, sagte sie. »Auch wenn ich nicht verstehe,
warum die Königin nach mir schickt, denn ich bin keine Heilerin.«
»Die Königin hat mir befohlen, ihr etwas zu bringen, was sich
in deiner Obhut befindet«, sagte die Zofe. »Einen Gegenstand,
der seinem Besitzer jeden Wunsch erfüllt.«
Da wusste die Jungfrau, dass die Zofe von dem goldenen Ei
sprach. Traurig schüttelte sie den Kopf. »Ich tue alles, um der
Prinzessin zu helfen, nur eins nicht, nämlich, worum du mich bit534
test. Das goldene Ei zu hüten, ist mein Geburtsrecht, und es gibt
nichts, was wichtiger ist. Heute Nacht gewähre ich dir Unterkunft
und Schutz vor der Kälte und den Gefahren des Waldes, aber
morgen früh musst du zurückkehren und der Königin berichten,
dass ich das goldene Ei nicht herausgeben darf.«
Am nächsten Tag machte die Zofe sich auf den Weg zurück.
Sie wanderte drei Tage und drei Nächte, bis sie das Schloss erreichte, wo die
Königin sie schon ungeduldig erwartete.
»Wo ist das goldene Ei?«, verlangte die Königin zu wissen, als
sie die leeren Hände der Zofe erblickte.
»Ich konnte meinen Auftrag nicht erfüllen«, antwortete die Zofe, »denn die Jungfrau
in der Hütte hat sich auf ihr Geburtsrecht
berufen.«
Die Königin richtete sich zu voller Größe auf, und ihr Gesicht
wurde dunkelrot. »Du wirst noch einmal zurückkehren«, sagte sie
und zeigte mit ihrem langen Finger auf die Zofe, »und der Jungfrau erklären, dass
es ihre Pflicht ist, dem Königreich zu dienen.
Wenn sie sich weigert, soll sie zu Stein erstarren und auf ewig als
Standbild im königlichen Hof stehen.«
Und so machte die Zofe sich erneut auf den Weg gen Osten,
wanderte drei Tage und drei Nächte, bis sie wieder vor der Tür
der kleinen Hütte stand. Sie klopfte an und wurde von der Jungfrau mit einer
Schüssel heißer Brühe empfangen. Wieder saß die
Jungfrau an ihrem Spinnrad, während die Zofe ihre Suppe aß.
Dann sagte sie: »Du bist in meiner Hütte willkommen, Fremde,
aber verzeih mir, wenn ich dich frage, was dich hierhergeführt
hat.«
»Die Königin hat mich abermals geschickt«, antwortete die
Zofe. »Sie braucht deine Hilfe, damit ihre Tochter, die Prinzessin,
wieder gesund wird. Es ist deine Pflicht, dem Königreich zu dienen. Wenn du dich
weigerst, so sollst du zu Stein erstarren und
auf ewig als Standbild im königlichen Hof stehen.«
Die Jungfrau lächelte traurig. »Das goldene Ei zu hüten, ist
mein Geburtsrecht«, sagte sie. »Ich darf es nicht herausgeben.«
535
»Möchtest du zu Stein erstarren?«
»Nein«, antwortete die Jungfrau, »und das wird auch nicht geschehen. Denn ich diene
meinem Königreich, indem ich das goldene Ei hüte.«
Die Zofe widersprach nicht, denn sie erkannte, dass die Jungfrau die Wahrheit
sagte. Am nächsten Tag machte sich die Zofe
auf den Rückweg zum Schloss, und als sie dort eintraf, erwartete
sie die Königin schon an der Schlossmauer.
»Wo ist das goldene Ei?«, verlangte die Königin zu wissen, als
sie die leeren Hände der Zofe erblickte.
»Ich konnte meinen Auftrag wieder nicht erfüllen«, antwortete
die Zofe. »Denn die Jungfrau in der Hütte hat sich auf ihr Geburtsrecht berufen.«
»Hast du der Jungfrau gesagt, dass es ihre Pflicht ist, dem Königreich zu dienen?«
»Ja, das habe ich, Eure Majestät«, erwiderte die Zofe. »Und sie
hat geantwortet, dass sie dem Königreich dient, indem sie das
goldene Ei hütet.«
Die Königin kochte vor Wut, und ihr Gesicht wurde ganz grau.
Wolken zogen am Himmel auf, und die Raben des Königreichs
brachten sich in Sicherheit.
Dann fielen der Königin die Worte des Spiegels wieder ein »Was sie tut, tut sie zum
Wohl des Königreichs« -, und ihre Lippen verzogen sich zu einem bösen Lächeln. »Du
wirst noch einmal zurückkehren«, sagte sie zu der Zofe, »und diesmal wirst du
der Jungfrau Folgendes ausrichten: Wenn sie das goldene Ei nicht
herausgibt, trägt sie die Schuld daran, dass die Prinzessin bis ans
Ende ihrer Tage trauert und das ganze Land in einen ewigen Winter fällt.«
Und so machte die Zofe sich zum dritten Mal auf den Weg gen
Osten, wanderte drei Tage und drei Nächte, bis sie vor der Hütte
stand. Sie klopfte und wurde von der Jungfrau mit einer Schüssel
heißer Brühe willkommen geheißen. Die Jungfrau saß am Spinnrad, während die Zofe
ihre Suppe aß, dann sagte sie: »Du bist in
536
meiner Hütte willkommen, Fremde, aber verzeih mir, wenn ich
dich frage, was dich hierhergeführt hat.«
»Die Königin hat mich abermals geschickt«, antwortete die
Zofe. »Sie braucht deine Hilfe, damit ihre Tochter, die Prinzessin,
wieder gesund wird. Es ist deine Pflicht, dem Königreich zu dienen. Wenn du dich
weigerst, das goldene Ei herauszugeben,
trägst du die Schuld daran, dass die Prinzessin bis ans Ende ihrer
Tage trauert und das ganze Land in ewigen Winter fällt.«
Lange schwieg die Jungfrau. Dann nickte sie langsam. »Um
des Wohls der Prinzessin und um des Wohls des Landes willen
werde ich das goldene Ei herausgeben.«
Die Zofe erschauerte, als sich Stille über den Wald legte und
ein kalter Wind durch den Spalt unter der Tür hereinkam und das
Feuer flackern ließ. »Nichts ist wichtiger, als dein Geburtsrecht
zu schützen«, sagte sie. »Es ist deine Pflicht, zum Wohl des Landes das goldene Ei
zu hüten.«
Die Jungfrau lächelte. »Aber welchen Dienst erweise ich meinem Land, wenn ich es
durch meine Pflichterfüllung in ewigen
Winter versinken lasse? Wenn das Land gefriert und es keine
Vögel und keine Tiere und keine Ernte mehr gibt? Jetzt erfülle
ich meine Pflicht, indem ich das goldene Ei herausgebe.«
Die Zofe schaute die Jungfrau traurig an. »Nichts ist wichtiger,
als dein Geburtsrecht zu erfüllen«, sagte sie. »Das goldene Ei ist
ein Teil von dir, und deswegen musst du es hüten.«
Aber die Jungfrau hatte einen großen, goldenen Schlüssel von
einem Band genommen, das sie um den Hals trug, und steckte ihn
in das Schloss der besonderen Tür. Als sie den Schlüssel umdrehte, stieg ein
Stöhnen aus dem Boden der Hütte auf, die Kaminsteine klapperten, und die Dachbalken
seufzten. In der Hütte
wurde es dunkel, doch aus dem geheimen Zimmer drang ein
Leuchten. Die Jungfrau verschwand in dem Zimmer, und als sie
wieder hervorkam, hielt sie in den Händen einen von einem Tuch
bedeckten Gegenstand, der so kostbar war, dass selbst die Luft
vor Ehrfurcht zu summen schien.
537
Gemeinsam verließen sie die Hütte, und am Rand der Lichtung
übergab die Jungfrau der Zofe ihr Geburtsrecht. Als sie zu ihrer
Hütte zurückging, sah sie, dass es dunkel geworden war. Plötzlich
hatte das Licht nicht mehr genug Kraft, um das dichte Laubdach
des Waldes zu durchdringen. Und ohne das Glühen des goldenen
Eis wurde es in der Hütte immer kälter.
Die Tiere hörten auf, die Jungfrau zu besuchen, die Vögel flogen fort, und die
Jungfrau erkannte, dass ihr Leben keinen Sinn
mehr hatte. Sie vergaß zu spinnen, ihre Stimme war nur noch ein
Flüstern, und nach einer Weile spürte sie, wie ihre Glieder steif
und schwer wurden. Mit der Zeit legte sich eine Staubschicht
über alle Gegenstände in der Hütte und über die reglose Jungfrau
selbst. Da hörte sie sogar auf zu blinzeln und schloss die Augen,
während sie in der Kälte und Stille versank.
Einige Jahre später begab es sich, dass die Prinzessin zusammen mit ihrer Zofe am
Waldrand entlangritt. Die Prinzessin, die
lange Jahre krank im Bett gelegen hatte, war auf wundersame
Weise genesen und hatte einen schönen, jungen Prinzen geheiratet. Sie lebte
glücklich und zufrieden, ging im Schlossgarten spazieren, tanzte auf den Bällen,
die im Schloss stattfanden, und erfreute sich bester Gesundheit. Sie gebar eine
Tochter, die von allen geliebt wurde und reinen Honig aß und den Tau von
Rosenblüten trank und mit kostbaren Schmetterlingen spielte.
Als die Prinzessin und ihre Zofe nun an jenem Tag am Waldrand entlangritten,
verspürte die Prinzessin plötzlich den unwiderstehlichen Wunsch, in den Wald
einzudringen. Sie hörte nicht
auf die Warnungen ihrer Zofe und lenkte ihr Pferd in den kalten,
dunklen Wald. Tiefe Stille herrschte dort, kein Vogel, kein Tier
und kein noch so zarter Hauch störten die kühle Luft, und nur das
Getrappel ihres Pferdes war zu hören.
Nach einer Weile gelangten sie an eine Lichtung mit einer von
Dornenranken überwucherten Hütte. »Was für ein hübsches kleines Haus«, rief die
Prinzessin aus. »Wer mag wohl darin wohnen?«
538
Die Zofe, die vor Kälte zitterte, wandte sich ab. »Niemand,
Prinzessin. Das Königreich blüht, aber es gibt kein Leben mehr
im Wald.«
541
Eliza nickte. »Ja, sie sind gerade in Schottland und werden
morgen zurückerwartet.«
William wurde ernst. »Sie kommen auch morgen zurück, Miss
Eliza, aber nicht, wie Sie glauben.« Er seufzte und schüttelte den
Kopf. »Das ganze Dorf weiß Bescheid, es steht in der Zeitung.
Dass Ihnen niemand etwas gesagt hat. Ich wäre selbst zu Ihnen
gekommen, nur …« Er nahm ihre Hände, eine unerwartete Geste,
die ihr Herzklopfen verursachte wie alles, was mit Nähe zu tun
hatte. »Es hat ein Unglück gegeben, Miss Eliza. Zwei Züge sind
zusammengestoßen. Einige Passagiere - Mr und Mrs Walker …«
Er schaute sie an. »Ich fürchte, sie sind beide ums Leben gekommen, Miss Eliza. In
einem Ort namens Ais Gill.«
Er sagte noch mehr, aber Eliza hörte gar nicht mehr zu. In ihrem Kopf hatte sich
ein grellrotes Licht ausgebreitet, das alle
Empfindungen, alle Geräusche, alle Gedanken überdeckte. Sie
schloss die Augen und stürzte blind in einen tiefen, schwarzen
Abgrund.
Adeline bekam kaum noch Luft. Die Trauer war so tief, dass sie
ihr die Luft zum Atmen raubte. Die Nachricht war am späten
Dienstagabend per Telefon eingetroffen. Da Linus sich wieder
einmal in seiner Dunkelkammer eingeschlossen hatte, war Lady
Mountrachet an den Apparat gerufen worden. Ein Polizist am anderen Ende der
Leitung, dessen Stimme aufgrund der großen Entfernung zwischen Cornwall und
Schottland kaum zu verstehen
war, hatte ihr den vernichtenden Schlag versetzt.
Adeline war ohnmächtig geworden, oder zumindest glaubte sie
das, denn als Nächstes war sie in ihrem Bett aufgewacht, auf der
Brust ein schweres Gewicht. Nach einem Augenblick der Verwirrung war die Erinnerung
zurückgekehrt, und das Entsetzen hatte
sie erneut gepackt.
Es war gut, dass eine Beerdigung organisiert werden musste,
dass Maßnahmen ergriffen werden mussten, sonst wäre Adeline
in ihrem Kummer versunken. Denn auch wenn ihr Herz leer und
542
ausgehöhlt und nur noch eine trockene, wertlose Hülle übrig geblieben war, wurden
gewisse Dinge von ihr erwartet. Als trauernde Mutter musste sie sich der
Verantwortung stellen. Das war sie
Rose, ihrer geliebten Tochter, schuldig.
»Daisy.« Ihre Stimme klang heiser. »Bring mir Schreibpapier.
Ich muss eine Liste aufstellen.«
Nachdem Daisy aus dem schwach erleuchteten Zimmer geeilt
war, ging Adeline in Gedanken die Liste durch. Die Churchills
mussten natürlich eingeladen werden, ebenso Lord und Lady
Huxley. Die Astors, die Heusers … Nathaniels Angehörige konnte sie später noch
benachrichtigen. Diese Sorte konnte Adeline
weiß Gott bei Roses Begräbnis nicht verkraften.
Und auch Ivory durfte nicht an der Trauerfeier teilnehmen: Ein
Kind mit ihrem Charakter hatte bei so einer ernsten Gelegenheit
nichts zu suchen. Hätte sie doch nur mit ihren Eltern in diesem
Zug gesessen, hätten sie sie doch bloß nicht wegen einer Erkältung zu Hause
gelassen. Denn was sollte Adeline jetzt mit dem
Mädchen tun? Das Letzte, was sie in dieser Situation gebrauchen
konnte, war ein Kind, das sie tagtäglich daran erinnerte, dass ihre
Rose nicht mehr da war.
Sie schaute aus dem Fenster in Richtung Bucht. Starrte auf die
Bäume, die die Klippe säumten, und auf das Meer, das sich bis in
die Unendlichkeit erstreckte.
Adeline hütete sich davor, ihren Blick nach links wandern zu
lassen. Das Cliff Cottage war nicht zu sehen, aber allein zu wissen, dass es sich
dort befand, reichte schon. Seine grauenhafte
Anziehungskraft ließ Adeline das Blut in den Adern gefrieren.
Eins stand fest: Eliza würde erst nach der Beerdigung informiert werden. Adeline
würde es nicht ertragen, zu sehen, dass
dieses Mädchen lebte, während Rose hatte sterben müssen.
Drei Tage später, als Adeline und Linus und die Dienerschaft
sich auf dem Friedhof versammelten, machte Eliza einen letzten
Rundgang durch das Cottage. Sie hatte bereits eine Kiste voraus543
geschickt, sie hatte also wenig Gepäck. Nur eine kleine Reisetasche mit ihrem
Notizheft und ihren persönlichen Sachen. Der Zug
fuhr um zwölf in Tregenna ab, und Davies, der eine Pflanzenlieferung aus London
abholen musste, hatte sich erboten, sie zum
Bahnhof zu fahren. Davies war der Einzige, dem sie gesagt hatte,
dass sie England verlassen würde.
Eliza warf einen Blick auf ihre kleine Taschenuhr. Es blieb
noch Zeit für einen letzten Besuch im geheimen Garten. Den Garten hatte sie sich
bis zuletzt aufgehoben und sich absichtlich wenig Zeit gelassen, aus Furcht, dass
sie sich, wenn sie dort zu lange
verweilte, nie würde losreißen können.
Aber so würde es sein. So musste es sein.
Eliza ging ums Haus herum bis zum Eingang ihres Gartens.
Wo einmal ein Tor gewesen war, befand sich nun eine klaffende
Lücke in der Mauer. Neben einem Loch im Boden lag ein Stapel
riesiger Sandsteine, die darauf warteten, verarbeitet zu werden.
Es war in der vergangenen Woche geschehen. Eliza war gerade
beim Unkrautjäten gewesen, als plötzlich zwei kräftige Männer
ums Haus herumgekommen waren. Zuerst dachte sie, die beiden
hätten sich verirrt, doch dann war ihr sofort das Absurde an dem
Gedanken klar geworden. Niemand verirrte sich zum Cliff Cottage.
»Lady Mountrachet schickt uns«, erklärte der Größere.
Eliza stand auf, wischte sich die Hände an ihrem Rock ab und
wartete darauf, dass der Mann fortfuhr.
»Sie sagt, dieses Tor muss weg.«
»Ach?«, erwiderte Eliza. »Komisch, das ist mir neu.«
Der kleinere Mann kicherte, während der Große verlegen
dreinblickte.
»Und warum muss das Tor weg?«, fragte Eliza. »Wird ein
neues eingesetzt?«
»Nein, wir sollen die Lücke zumauern«, antwortete der Große.
»Lady Mountrachet sagt, ein Zugang vom Cottage würde nicht
544
mehr gebraucht. Wir sollen ein Loch graben und ein neues Fundament legen.«
Natürlich. Eliza hätte sich denken können, dass ihr Auftritt vor
zwei Wochen ein Nachspiel haben würde. Als vor vier Jahren
alles geplant und beschlossen wurde, waren die Regeln klipp und
klar festgelegt worden. Mary war mit ausreichend Mitteln ausgestattet worden, um
sich in Polperro ein kleines Haus zu kaufen,
und Eliza war es verboten worden, vom geheimen Garten aus
durch das Labyrinth zu gehen. Aber am Ende hatte sie einfach
nicht widerstehen können.
Gut, dass Eliza beschlossen hatte, England zu verlassen. Wenn
sie nicht mehr in ihren Garten konnte, würde sie es auf Blackhurst nicht länger
ertragen. Erst recht nicht, wo Rose nicht mehr
war.
Sie stieg über den Bauschutt, ging um die Grube herum und
betrat den Garten. Es duftete stark nach Jasmin und Apfelblüten.
Die Ranken, die von einer Mauer zur anderen reichten, bildeten
ein dichtes, grünes Laubdach.
Davies würde sich hin und wieder um den Garten kümmern,
aber es würde nicht dasselbe sein. Er hatte genug zu tun mit den
Gartenanlagen und dem Labyrinth und konnte ihrem Garten nicht
dieselbe Aufmerksamkeit und Liebe schenken wie Eliza. »Was
wird nur aus dir werden?«, sagte sie leise.
Als sie den Apfelbaum betrachtete, durchfuhr sie ein stechender Schmerz, als würde
ihr das Herz brechen. Sie musste an den
Tag denken, als sie den Baum zusammen mit Rose gepflanzt hatte. Damals waren sie so
voller Hoffnung gewesen, so voller
Überzeugung, dass alles gut werden würde. Allein der Gedanke,
dass Rose nicht mehr auf dieser Welt weilte, war Eliza unerträglich.
Plötzlich fiel ihr etwas auf. Ein Stück Stoff zwischen dem
Laub unter dem Apfelbaum. Hatte sie ein Taschentuch hier vergessen? Sie hockte sich
hin und schob den tief hängenden Ast
beiseite.
545
Ein kleines Mädchen, Roses Tochter, lag schlafend im Gras.
Als besäße sie einen sechsten Sinn, rührte sich die Kleine mit
einem Mal, öffnete die Augen und schaute Eliza an.
Sie erschrak nicht, noch zeigte sie irgendeine andere Reaktion,
die man von einem Kind hätte erwarten können, das von einem
beinahe fremden Erwachsenen erwischt wird, sondern lächelte
entspannt. Dann gähnte sie und kam unter dem Ast hervorgekrochen.
»Guten Tag«, sagte sie, als sie vor Eliza stand.
Eliza betrachtete sie, zugleich erstaunt und erfreut darüber, wie
wenig das Kind sich um Manieren scherte. »Was machst du denn
hier?«
»Ich lese.«
Eliza hob die Brauen. Das Kind war erst vier. »Du kannst
schon lesen?«
Nach kurzem Zögern nickte Ivory.
»Zeig’s mir.«
Auf allen vieren krabbelte Ivory zurück unter den Ast und kam
gleich darauf mit dem Märchenbuch zurück. Es war das Märchenbuch, das Eliza ihr vor
zwei Wochen als Geschenk gebracht
hatte. Ivory schlug das Buch auf und las fehlerfrei die erste Seite
von Die Augen des alten Weibleins vor, wobei sie mit dem Zeigefinger die Zeilen
entlangfuhr.
Eliza unterdrückte ein Lächeln, als ihr auffiel, dass die Fingerspitze und die
vorgelesenen Worte nicht übereinstimmten. Als
kleines Mädchen hatte sie auch alle ihre Lieblingsmärchen auswendig gekannt. »Und
warum bist du jetzt hier?«, fragte sie.
»Alle sind weggefahren«, antwortete Ivory. »Ich hab vom
Fenster aus gesehen, wie all die vielen, schwarzen Kutschen die
Einfahrt hinuntergefahren sind wie dicke Ameisen auf einer
Ameisenstraße. Ich wollte nicht allein im Haus bleiben, und da
bin ich hergekommen. Hier bin ich am liebsten. In deinem Garten.« Schuldbewusst
senkte sie den Blick.
»Weißt du, wer ich bin?«, fragte Eliza.
546
»Du bist die Autorin.«
Eliza lächelte.
Ivory wurde mutiger. Sie legte den Kopf schief, sodass ihr dicker Zopf über ihre
Schulter fiel. »Warum bist du so traurig?«
»Weil ich Abschied nehme.«
»Von wem denn?«
»Von meinem Garten. Von meinem alten Leben.« Eliza war
wie gebannt von Ivorys forschendem Blick. »Ich breche zu einer
Abenteuerreise auf. Magst du Abenteuer?«
Ivory nickte. »Ich gehe auch bald auf eine Abenteuerreise mit
meiner Mama und meinem Papa. Wir fahren nach Amerika, auf
einem riesengroßen Schiff, noch größer als das von Captain
Ahab.«
»Nach New York?« Eliza zögerte. War es denn möglich, dass
Ivory gar nichts vom Tod ihrer Eltern wusste?
»Wir fahren über das Meer, und Großmama und Großpapa
kommen nicht mit. Und auch nicht die schreckliche kaputte Puppe.«
War das der richtige Augenblick? War das der Punkt, von dem
es kein Zurück mehr gab? Eliza schaute das ernste kleine Mädchen an, das nicht
wusste, dass seine Eltern tot waren, dem ein
Leben unter der Vormundschaft von Tante Adeline und Onkel
Linus bevorstand.
Wenn Eliza später noch einmal an die Situation zurückdachte,
kam es ihr so vor, als wäre es gar nicht ihre Entscheidung gewesen, als hätte das
Leben die Entscheidung schon vorher für sie
getroffen. Auf jeden Fall war ihr sofort klar gewesen, dass sie das
Kind unmöglich allein auf Blackhurst zurücklassen konnte.
Sie streckte ihre Hand aus, betrachtete ihre auf das Kind gerichtete Handfläche,
die von allein zu wissen schien, was sie zu
tun hatte. »Ich habe von eurer Abenteuerreise gehört, und man
hat mich geschickt, um dich abzuholen.« Die Worte kamen ihr
ganz leicht über die Lippen, als gehörten sie zu einem lange vor-
547
bereiteten Plan, als entsprächen sie der Wahrheit. »Ich begleite
dich ein Stück.«
Ivory blinzelte.
»Komm«, sagte Eliza. »Nimm meine Hand. Wir nehmen einen
ganz besonderen Weg, einen geheimen Weg, den nur wir beide
kennen.«
»Und wo wir hingehen, wartet Mama da auf uns?«
»Ja«, antwortete Eliza mit zitternder Stimme. »Deine Mama
wartet dort auf uns.«
Ivory überlegte. Schließlich nickte sie. Sie hatte ein Grübchen
in ihrem hübschen kleinen Kinn. »Ich möchte mein Buch mitnehmen.«
»Selbstverständlich. Komm jetzt, wir müssen uns beeilen. Wir
wollen doch nicht zu spät kommen.«
Adeline war nahe daran, hysterisch zu werden. Am späten
Nachmittag war Alarm geschlagen worden. Daisy, die dumme
Pute, hatte an die Tür von Adelines Boudoir geklopft, dann hatte
sie herumgestottert, war von einem Fuß auf den anderen getreten
und hatte schließlich gefragt, ob die Mistress vielleicht Miss Ivory gesehen habe.
Ihre Enkelin war bekannt dafür, dass sie gern umherstrolchte,
und deswegen war Adeline zunächst nur verärgert gewesen. Typisch für das ungezogene
Gör, sich gerade diesen Zeitpunkt auszusuchen. Ausgerechnet heute, nachdem sie ihre
geliebte Rose zu
Grabe getragen hatte, musste sie sich um die Suche nach diesem
Kind kümmern. Nur mit großer Mühe gelang es Adeline, sich zu
beherrschen und nicht zu schreien und zu fluchen.
Das Dienstpersonal hatte das gesamte Haus durchkämmt, in
jedem Winkel nachgesehen, aber ohne Erfolg. Nachdem eine
weitere Stunde fruchtlos verstrichen war, sah Adeline sich gezwungen, die
Möglichkeit in Betracht zu ziehen, dass Ivory sich
weiter vom Haus entfernt hatte. Adeline und Rose hatten dem
Kind immer wieder verboten, sich der Bucht oder dem Labyrinth
548
zu nähern, aber Gehorsam gehörte nicht gerade zu den Tugenden
der Kleinen. Ivory war ausgesprochen eigenwillig, ein beklagenswerter Charakterzug,
den Rose noch gefördert hatte, indem
sie vor Bestrafung zurückgeschreckt war. Aber Adeline war nicht
so nachsichtig. Sobald man das Mädchen gefunden hatte, würde
sie es zur Einsicht bringen, sodass es in Zukunft parieren würde.
»Verzeihen Sie, Ma’am.«
Adeline fuhr herum, und ihre Röcke raschelten bei der Bewegung. Es war Daisy,
endlich aus der Bucht zurückgekehrt.
»Und? Wo ist sie?«, fragte Adeline.
»Ich konnte sie nicht finden, Ma’am.«
»Hast du auch überall nachgesehen? Auf dem schwarzen Felsen, auf dem Hügel?«
»Oh nein, Ma’am, ich habe mich nicht in die Nähe des schwarzen Felsens getraut.«
»Und warum nicht?«
»Er ist so groß und glitschig und …« Das Mädchen errötete
wie ein reifer Pfirsich. »Es heißt, er ist verwunschen. Der
schwarze Felsen.«
Am liebsten hätte Adeline das Mädchen grün und blau geprügelt. Schlimm genug, dass
sie ihren Anweisungen nicht gefolgt
war und dafür gesorgt hatte, dass das Kind im Bett blieb! Garantiert hatte sie sich
heimlich verdrückt und in der Küche mit dem
neuen Lakai geflirtet … Aber Daisy zu bestrafen, hatte keinen
Zweck. Noch nicht. Am Ende würde man noch denken, Adeline
wüsste nicht mehr, wo ihre Prioritäten lagen.
Adeline wandte sich abrupt ab, raffte ihre Röcke und trat ans
Fenster. Schaute in die Dämmerung hinaus. Es war einfach alles
zu viel. Normalerweise beherrschte Adeline die Kunst, in jeder
Lage die Contenance zu wahren, aber heute gelang es ihr fatalerweise nicht, die
besorgte Großmutter zu spielen. Sie wünschte
einfach, dass irgendjemand das Mädchen fand, tot oder lebend,
verletzt oder unversehrt, und es zurückbrachte. Dann konnte Ade-
549
line die Sache vergessen und sich wieder der Trauer um ihre
Tochter hingeben.
Aber anscheinend würde es eine so einfache Lösung nicht geben. In einer Stunde
würde es dunkel werden, und noch immer
gab es keine Spur von dem Kind. Und Adeline konnte die Suche
natürlich nicht abblasen, bis alle Möglichkeiten ausgeschöpft
waren. Die Dienstboten beobachteten sie, und es bestand kein
Zweifel daran, dass sie alle ihre Reaktionen in der Küche durchhecheln würden, und
deswegen würde sie die Suche fortsetzen.
Davies musste her. Wo war dieser Tölpel nur, wenn man ihn
brauchte? Wahrscheinlich in irgendeiner entfernten Ecke des
Anwesens gerade damit beschäftigt, Ranken an einer Pergola zu
befestigen oder eine ähnlich sinnlose Arbeit zu verrichten.
»Wo ist Davies?«, fragte sie.
»Heute ist sein freier Nachmittag, Ma’am.«
Natürlich. Das Dienstpersonal war einem ständig im Weg, und
wenn einer von ihnen tatsächlich mal gebraucht wurde, war er
nirgendwo zu finden.
»Ich nehme an, dass er zu Hause ist, Mylady, oder zu Besuch
bei jemandem im Dorf. Ich glaube, er hat gesagt, dass er am
Bahnhof eine Lieferung Pflanzen abholen muss.«
Es gab nur einen Menschen, der sich auf dem Anwesen so gut
auskannte wie Davies.
»Dann hol Miss Eliza her«, sagte Adeline widerwillig. »Und
bring sie sofort zu mir.«
Eliza betrachtete das schlafende Kind. Lange Wimpern lagen auf
den weichen Wangen, die rosigen Lippen waren zu einem niedlichen Schmollmund
verzogen, die kleinen Fäuste im Schoß. Wie
vertrauensselig Kinder waren, dass sie in einer solchen Situation
schlafen konnten, und wie verletzlich. Vor Rührung kamen Eliza
beinahe die Tränen.
Was hatte sie sich eigentlich dabei gedacht, mit Roses Kind in
einen Zug nach London zu steigen?
550
Nichts, gar nichts hatte sie gedacht, und deswegen hatte sie es
getan. Denn Nachdenken bedeutete, den Farbpinsel des Zweifels
in das klare Wasser der Gewissheit zu tauchen. Sie war sich ganz
sicher gewesen, dass sie Ivory auf keinen Fall in der Obhut von
Onkel Linus und Tante Adeline zurücklassen konnte, und sie hatte entsprechend
gehandelt. Sie hatte bei Sammy versagt, aber Ivory würde sie nicht im Stich lassen.
Die Frage war nur, was sie jetzt mit Ivory tun sollte, denn bei
sich behalten konnte sie sie auf keinen Fall. Die Kleine hatte etwas Besseres
verdient. Sie brauchte Eltern, Geschwister, ein
glückliches Zuhause voller Zuneigung, an das sie sich ihr Leben
lang gern erinnern würde.
Und doch hatte Eliza das Gefühl, dass ihr nichts anderes übrig
bliebe, als sie mitzunehmen. Ivory durfte nicht in der Nähe von
Cornwall bleiben, sonst bestand die Gefahr, dass man sie entdecken und
schnurstracks nach Blackhurst zurückbringen würde.
Nein, bis ihr eine bessere Lösung einfiel, würde sie das Kind
bei sich behalten. Zumindest vorerst. Es blieben noch fünf Tage
Zeit, bis das Schiff nach Australien ablegte, das Schiff, das sie
nach Maryborough bringen würde, wo Marys Bruder und ihre
Tante Eleanor lebten. Mary hatte ihr die Adresse gegeben, und
Eliza hatte vor, nach ihrer Ankunft sofort Kontakt zur Familie
Martin aufzunehmen. Und natürlich würde sie Mary schreiben
und ihr berichten, was sie getan hatte.
Eliza besaß bereits eine Fahrkarte, sie hatte die Überfahrt unter
falschem Namen gebucht. Es mochte abergläubisch sein, aber als
sie die Reservierung vorgenommen hatte, war sie ganz plötzlich
von dem Gedanken besessen gewesen, dass sie für einen Neuanfang, für einen klaren
Bruch mit ihrer Vergangenheit, einen neuen Namen brauchte. Sie wollte in dem
Buchungsbüro keine Spur
hinterlassen, keine Verbindung zwischen ihrer alten und ihrer
neuen Welt. Und deswegen hatte sie ein Pseudonym benutzt. Was
sich jetzt als Glücksfall erwies.
551
Denn sie würden bestimmt nach ihr suchen. Eliza wusste zu
viel über die Herkunft von Roses Kind, als dass Tante Adeline sie
einfach so davonkommen lassen konnte. Sie musste sich darauf
einstellen, dass sie sich würde verstecken müssen, am besten in
einem kleinen Gasthaus in der Nähe des Hafens, wo man einer
armen Witwe mit ihrem Kind, die zu ihren Verwandten in der
Neuen Welt reiste, ein Zimmer vermieten würde. Ob es wohl
möglich war, so kurzfristig noch eine Fahrkarte für das Kind zu
kaufen? Oder gab es eine Möglichkeit, das Kind mit an Bord zu
nehmen, ohne dass jemand es bemerkte?
Ivory würde nach ihren Eltern fragen, und Eliza würde ihr eines Tages die Wahrheit
sagen. Auch wenn sie noch nicht wusste,
wie sie ihr alles erklären sollte. Ihr war aufgefallen, dass die Seiten mit dem
Märchen, das ihr die Situation hätte begreiflich machen können, aus dem Buch
herausgetrennt worden waren. Wahrscheinlich hatte Nathaniel sie entfernt. Rose und
Adeline hätten
das ganze Buch verschwinden lassen, nur Nathaniel konnte das
eine Märchen, in dem seine Taten angedeutet wurden, herausgerissen und das Buch
aufgehoben haben.
Zu den Swindells würde sie als Allerletztes gehen. Zwar glaubte sie nicht, dass sie
eine Gefahr darstellten, aber sie wollte sich
lieber vorsehen. Wenn es eine Möglichkeit gab, aus etwas Profit
zu schlagen, würden die Swindells sie sich nicht entgehen lassen.
Irgendwann hatte Eliza überlegt, auf den Besuch bei den Swindells zu verzichten,
hatte sich gefragt, ob das Risiko nicht viel zu
groß war, doch dann hatte sie sich entschlossen, es darauf ankommen zu lassen. Sie
würde die Edelsteine aus der Brosche
brauchen, um in der Neuen Welt nicht mittellos dazustehen, außerdem waren die
geflochtenen Haare viel zu kostbar. Sie waren
ihre Familie, ihre Vergangenheit, ihre Verbindung zu sich selbst.
Noch einmal betrachtete Eliza das schlafende Kind. Zärtlich
streichelte sie seine Wange. Zog die Hand wieder zurück, als Ivory zusammenzuckte,
die kleine Nase krauszog und sich noch tiefer in den Sitz kuschelte.
552
So lächerlich es ihr auch erschien, aber Eliza meinte etwas von
Rose in dem Kind zu sehen, Rose als kleines Mädchen, als Eliza
sie kennengelernt hatte …
Die Zeit wollte einfach nicht vergehen, als Adeline auf Daisys
Rückkehr wartete. Es war Elizas Schuld, dass Rose tot war. Ihr
ungebetener Besuch hatte dafür gesorgt, dass die Reise nach New
York übereilt beschlossen worden war und deshalb die Fahrt nach
Schottland vorgezogen werden musste. Hätte Eliza sich wie vereinbart von Blackhurst
ferngehalten, hätte Rose nie in diesem
Zug gesessen.
Adeline fuhr zusammen, als die Tür geöffnet wurde. Endlich
war Daisy zurück. Sie hatte Blätter im Haar, und ihr Rock war am
Saum mit Schlamm beschmutzt, aber sie war allein.
»Wo ist sie?«, fragte Adeline. Hatte sie sich womöglich bereits
auf die Suche gemacht? Hatte Daisy ausnahmsweise einmal ihren
Verstand benutzt und Eliza auf direktem Weg in die Bucht geschickt?
»Ich weiß es nicht, Ma’am.«
»Du weißt es nicht?«
»Als ich beim Cottage ankam, war alles abgeschlossen. Ich hab
durch alle Fenster gelugt, aber es war nichts zu sehen.«
»Du hättest eine Weile warten sollen. Vielleicht ist sie im Dorf
und wäre bald zurückgekommen.«
Daisy war so unverschämt, den Kopf zu schütteln. »Das glaub
ich nicht, Ma’am. Der Kamin war sauber gefegt, und die Regale
waren leer.« Daisy blinzelte wie eine Kuh. »Ich glaube, sie ist
fort, Ma’am.«
Da begriff Adeline. Und das Verstehen schlug in unbändige
Wut um.
»Ist Ihnen nicht gut, Mylady? Möchten Sie sich hinsetzen?«
Nein, Adeline brauchte sich nicht zu setzen. Im Gegenteil. Sie
musste mit eigenen Augen nachsehen. Sich von der Undankbarkeit dieser Person
überzeugen.
553
»Führ mich durch das Labyrinth, Daisy.«
»Ich kenne den Weg durch das Labyrinth nicht, Ma’am. Den
kennt niemand außer Davies. Ich bin die Straße entlanggegangen
und über den Pfad an der Klippe.«
»Dann sag Newton Bescheid, er soll die Kutsche vorfahren lassen.«
»Aber es wird bald dunkel, Ma’am.«
Adelines Augen verengten sich zu Schlitzen, als sie sich zu
voller Größe aufrichtete. »Sag Newton Bescheid und bring mir
eine Laterne. Auf der Stelle.«
Das Cottage war aufgeräumt, aber nicht leer. In der Küche hingen noch immer
verschiedene Kochutensilien, aber der Tisch war
sauber gewischt. Am Kleiderhaken neben der Tür hing kein Mantel. Adeline wurde
schwindlig, und sie bekam kaum noch Luft.
Immer noch spürte sie die Gegenwart dieser Person, schwer und
erdrückend. Sie hielt die Laterne hoch und stieg die schmale
Treppe hinauf. Oben gab es zwei Zimmer, spartanisch eingerichtet, aber sauber. In
dem einen stand das Bett vom Dachboden,
darauf ein alter Quilt, ordentlich glatt gestrichen. In dem anderen
standen ein Schreibtisch, ein Stuhl und ein mit Büchern gefülltes
Regal. Alle Gegenstände auf dem Schreibtisch waren säuberlich
gestapelt. Adeline stützte sich mit den Fingerspitzen auf dem
Schreibtisch ab und beugte sich vor, um aus dem Fenster zu sehen.
Das letzte Abendlicht spiegelte sich in rotem Glanz auf dem
Meer, und die fernen Wellen hoben und senkten sich und schimmerten golden und
purpurrot.
Rose ist tot.
Der Gedanke kam wie aus dem Nichts.
Hier, endlich allein und unbeobachtet, konnte Adeline für einen Moment aufhören,
ihre Rolle zu spielen. Sie schloss die Augen, und ihre Schultern entspannten sich.
554
Sie wünschte, sie könnte sich einfach auf dem Boden zusammenrollen, die kühlen
Holzdielen an der Wange spüren und nie
wieder aufstehen. In einen hundertjährigen Schlaf sinken. Nie
wieder ein Vorbild sein müssen. Frei atmen können …
»Lady Mountrachet?«, rief Newton von unten. »Es wird dunkel, Mylady. Die Pferde
werden auf dem steilen Weg scheuen,
wenn wir nicht bald aufbrechen.«
Adeline holte tief Luft. Gleich würde sie sich wieder im Griff
haben. »Ich komme sofort.«
Sie öffnete die Augen und legte eine Hand an die Stirn. Rose
war tot, und von dem Verlust würde Adeline sich nie wieder erholen, aber es galt,
andere Gefahren abzuwenden. Einerseits wäre
es Adeline am liebsten gewesen, wenn Eliza und Ivory einfach
aus ihrem Leben verschwinden würden, aber die Sache war etwas
komplizierter. Wenn die beiden vermisst wurden, und sie waren
garantiert gemeinsam unterwegs, musste Adeline damit rechnen,
dass die Leute im Dorf die Wahrheit erfuhren. Dass Eliza den
Mund nicht halten würde. Und das musste unter allen Umständen
verhindert werden. Um der Erinnerung an Rose willen, um des
guten Namens der Familie Mountrachet willen musste Eliza gefunden, zurückgeholt und
zum Schweigen gebracht werden.
Als Adeline noch einmal die Gegenstände auf dem Schreibtisch betrachtete, fiel ihr
ein Zettel auf, der unter einem Bücherstapel hervorlugte. Ein Wort stand darauf,
das sie schon einmal
gesehen zu haben meinte. Sie zog den Zettel heraus. Es handelte
sich anscheinend um eine Liste von Dingen, die Eliza vor ihrer
Abreise erledigen wollte. Ganz unten auf der Liste
stand: Swindell. Wahrscheinlich ein Name, dachte Adeline, auch
wenn sie nicht sagen konnte, wie sie darauf kam.
Ihr Herz begann zu pochen. Sie faltete den Zettel zusammen
und steckte ihn ein. Auch wenn sie noch nicht genau wusste, woher sie den Namen
kannte, war sie sich ganz sicher, dass sie die
Spur gefunden hatte, die sie brauchte. Sie würde Eliza finden,
555
und das Kind, Roses Tochter, würde dorthin zurückgebracht werden, wo es hingehörte.
Und Adeline wusste genau, mit wessen Hilfe sie das bewerkstelligen konnte.
558
geben. »Ihre Mutter Mary hat doch auf Blackhurst Manor gearbeitet, nicht wahr?«
Clara trank einen großen Schluck Tee. »Sie hat dort gearbeitet,
bis sie entlassen wurde, das war 1909. Sie war schon als junges
Mädchen dorthin gekommen, mit fast zehn Jahren. Sie musste
gehen, weil sie schwanger war.« Clara sprach im Flüsterton weiter. »Sie war nicht
verheiratet, und damals ging so was nicht.
Aber sie war kein schlechtes Mädchen, meine Mum. Sie war ehrlich und anständig. Am
Ende hat mein Vater sie geheiratet, und
alles hatte seine Ordnung. Er hätte es schon früher getan, aber er
hatte eine schwere Lungenentzündung. Hätte es beinahe nicht auf
seine eigene Hochzeit geschafft. Und als sie dann hierher nach
Polperro gezogen sind, da hatten sie ein bisschen Geld und haben
die Fleischerei aufgemacht.«
Sie nahm ein kleines längliches Buch in die Hand, das neben
dem Teetablett lag. Das Deckblatt war mit Geschenkpapier und
Stoffschnipseln und Knöpfen geschmückt, und als Clara es öffnete, erkannte
Cassandra, dass es sich um ein altes Fotoalbum handelte. Clara schlug eine Seite
auf, die mit einem Bändchen gekennzeichnet war, und reichte Cassandra das Album
über die
Truhe hinweg. »Das da ist meine Mutter.«
Cassandra betrachtete die junge Frau mit den üppigen Locken
und noch üppigeren Kurven und versuchte, Nell in ihren Gesichtszügen zu entdecken.
Ihr Mund hatte vielleicht etwas von
Nell, ein Lächeln, das auf ihren Lippen spielte, wenn sie es am
wenigsten beabsichtigte. Aber das war das Trügerische an Fotos:
Je länger Cassandra hinschaute, desto mehr meinte sie eine Ähnlichkeit mit Tante
Phyllis zu entdecken. Sie gab Christian das Album und lächelte Clara an. »Sie war
wohl sehr hübsch, nicht
wahr?«
»Ja, wirklich«, erwiderte Clara mit einem kessen Augenzwinkern. »Auffallend hübsch.
Viel zu hübsch für ein Hausmädchen.
Sie konnte von Glück reden, dass die Männer aus dem Haus ihr
nicht nachgestellt haben.«
559
»Wissen Sie, ob sie gern auf Blackhurst gearbeitet hat? Tat es
ihr leid, dass sie gehen musste?«
»Sie war froh, von dem Haus wegzukommen, aber traurig darüber, ihre Mistress zu
verlassen.«
Das war neu. »War sie eng mit Rose befreundet?«
Clara schüttelte den Kopf. »Von einer Rose weiß ich nichts.
Sie hat immer von Eliza geredet. Miss Eliza hier, Miss Eliza
dort.«
»Aber Eliza war nicht die Mistress auf Blackhurst.«
»Nein, offiziell nicht, aber sie war der Augenstern meiner Mutter. Sie sagte immer,
Miss Eliza sei der einzige Lichtblick an einem toten Ort gewesen.«
»Warum fand sie, dass es ein toter Ort war?«
»Weil die, die dort wohnten, wie Tote waren, hat meine Mum
gesagt. Alle bedrückt aus dem einen oder anderen Grund. Alle
wollten irgendetwas, das sie nicht haben durften oder konnten.«
Cassandra dachte über diesen Einblick in das Leben auf Blackhurst nach. Es deckte
sich nicht mit dem Eindruck, den sie durch
die Lektüre von Roses Tagebüchern gewonnen hatte, wobei Rose,
die sich in erster Linie für neue Kleider und die Eskapaden ihrer
Cousine Eliza interessierte, nur eine von vielen Stimmen war in
dem Haus, in dem es von Menschen gewimmelt hatte. Aber so
war Geschichtsschreibung nun einmal: fiktiv, parteiisch, nicht
überprüfbar, aufgezeichnet von den Siegern.
»Ihre Herrschaft, der Lord und die Lady, waren gleichermaßen
widerlich nach Meinung von Mum. Aber die haben ja dann am
Ende bekommen, was sie verdient haben, nicht wahr?«
Cassandra runzelte die Stirn. »Wer?« »Na, die beiden. Lord
und Lady Mountrachet. Sie ist einen oder zwei Monate nach ihrer
Tochter an Blutvergiftung gestorben.« Clara schüttelte den Kopf,
senkte verschwörerisch die Stimme und fügte beinahe schadenfroh hinzu: »Ganz
scheußlich. Nach allem, was meine Mutter von
den Dienstboten gehört hat, muss sie zum Schluss einen furchterregenden Anblick
geboten haben. Das Gesicht zu einer Fratze
560
verzerrt, ist sie aus ihrem Krankenbett geflohen und mit einem
großen Schlüsselring durch die Flure geschlichen, hat alle Türen
abgeschlossen und irgendwas von einem Geheimnis fantasiert,
von dem niemand etwas erfahren durfte. Sie war vollkommen
wahnsinnig am Ende, und er nicht minder.«
»Lord Mountrachet hatte auch eine Blutvergiftung?«
»Oh nein, der nicht. Der hat sein Vermögen durch seine vielen
Reisen in exotische Länder verloren.« Erneut senkte sie die
Stimme. »Wo Voodoo-Priester ihr Unwesen trieben. Es heißt, er
hätte Souvenirs mitgebracht, dass es einen nur so grauste. Nach
allem, was man hört, ist er immer mehr durchgedreht. Das gesamte Personal ist
weggegangen bis auf ein Küchenmädchen und
einen Gärtner, der sein ganzes Leben dort gearbeitet hatte. Meine
Mum hat erzählt, als der Alte schließlich gestorben ist, war keiner
mehr da, und man hat ihn erst Tage später gefunden.« Clara lächelte so breit, dass
sich ihre faltigen Augenlider beinahe schlossen. »Aber Eliza ist davongekommen,
nicht wahr? Mit dem
Schiff übers Meer, hat meine Mum gesagt. Darüber war sie immer so erleichtert.«
»Aber nicht nach Australien«, sagte Cassandra.
»Ehrlich gesagt, weiß ich nicht, wohin«, erwiderte Clara. »Ich
weiß nur, was meine Mum mir erzählt hat, dass Eliza rechtzeitig
aus diesem schrecklichen Haus geflohen ist. Sie ist weggegangen,
als hätte sie es schon immer geplant, und ist nie wieder zurückgekommen.« Sie hob
einen Finger. »Daher stammen auch diese
Zeichnungen, die es der Frau vom Museum so angetan haben. Sie
gehörten Eliza. Sie befanden sich unter ihren Sachen.«
Cassandra lag die Frage auf der Zunge, ob Mary sie von Eliza
gestohlen hätte, aber sie behielt sie für sich, denn die Unterstellung, Claras
geliebte Mutter könnte ihrer Arbeitgeberin wertvolle
Kunstwerke entwendet haben, kam ihr plötzlich ungehörig vor.
»Unter welchen Sachen?«
»In den Kisten, die meine Mum gekauft hat.«
561
Jetzt war Cassandra tatsächlich verwirrt. »Sie hat von Eliza
Kisten gekauft?«
»Sie hat sie nicht von ihr gekauft. Sie gehörten Eliza, und sie
hat sie gekauft, nachdem Eliza fort war.«
»Wem hat sie sie denn abgekauft?«
»Es gab einen großen Verkauf im Herrenhaus. Ich kann mich
sogar noch daran erinnern. Meine Mum hat mich damals mitgenommen. Das war 1934, da
war ich vierzehn. Nachdem der alte
Lord gestorben war, beschloss ein entferntes Familienmitglied
aus Schottland, das Anwesen zu verkaufen, zweifellos in der
Hoffnung, während der Depression an Geld zu kommen. Jedenfalls hat meine Mum davon
in der Zeitung gelesen und so erfahren, dass auch kleinere Dinge aus dem Nachlass
verkauft werden
sollten. Wahrscheinlich gefiel meiner Mum die Vorstellung, ein
kleines Stückchen von dem Ort zu besitzen, an dem man sie so
schlecht behandelt hatte. Sie hat mich mitgenommen, weil sie
meinte, es wäre gut für mich zu sehen, wo sie als junge Frau in
Stellung gewesen war. Dass ich dann dankbar wäre, nicht als
Dienstmädchen arbeiten zu müssen, und mich in der Schule ein
bisschen mehr anstrengen würde, damit ich es später einmal besser als sie hätte.
Nicht dass es funktioniert hätte, aber es hat mich
schon ziemlich schockiert. So etwas hatte ich noch nie gesehen.
Ich hatte wirklich keine Ahnung, dass es Leute gibt, die so leben.
Heutzutage gibt’s so was ja kaum noch.« Sie nickte, wie um zu
unterstreichen, dass sie das auch richtig fand, dann schaute sie an
die Decke. »Also, wo war ich stehen geblieben?«
»Sie haben uns von den Kisten erzählt«, sagte Christian. »Die
Ihre Mutter in Blackhurst gekauft hat.«
Sie hob einen zittrigen Finger. »Ach ja, genau, in dem Herrenhaus in Tregenna. Sie
hätten ihr Gesicht mal sehen sollen, als sie
die Kisten gesehen hat. Aufgebaut auf einem Tisch zwischen lauter anderem Krempel -
Lampen, Briefbeschwerer, Bücher und so
weiter. Für mich sah das nicht nach was Besonderem aus, aber
Mum wusste sofort, dass das Elizas Sachen waren. Sie hat meine
562
Hand genommen, das erste Mal in meinem Leben, glaube ich,
und es war, als würde sie plötzlich keine Luft mehr kriegen. Ich
hab mir schon Sorgen gemacht und versucht, sie zu einem Stuhl
zu bugsieren, aber davon wollte sie nichts wissen. Dann hat sie
sich auf die Kisten gestürzt. Es war, als hätte sie Angst wegzugehen, weil sie
sonst jemand anders kaufen könnte. Es kam mir
nicht sehr wahrscheinlich vor, wie gesagt, die sahen nach nichts
aus, aber Schönheit hängt ja bekanntlich vom Standpunkt des Betrachters ab.«
»Und die Zeichnungen von Nathaniel Walker waren in einer
der Kisten?«, fragte Cassandra. »Zusammen mit Elizas Sachen?«
Clara nickte. »Seltsam, jetzt fällt’s mir wieder ein. Mum war
so glücklich, als sie die Sachen gekauft hatte, aber kaum waren
wir zu Hause, musste Dad sie auf den Dachboden schaffen, und
danach habe ich nie wieder etwas von den Kisten gehört. Nicht,
dass ich mir viele Gedanken darüber gemacht hätte. Ich war ja
erst vierzehn. Wahrscheinlich war ich in irgendeinen Jungen aus
dem Dorf verknallt und hab mich nicht die Bohne für ein paar
alte Kisten interessiert, die meine Mutter gekauft hatte. Bis sie zu
mir gezogen ist und mir auffiel, dass sie die Kisten mitbrachte.
Das war wirklich merkwürdig, und da ist mir klar geworden, was
sie ihr bedeuteten, denn viel hatte sie nicht mitgenommen. Und
erst, als sie hier bei mir wohnte, hat sie mir erzählt, was es mit
den Kisten auf sich hatte, warum sie ihr so wichtig waren.«
Cassandra musste an Rubys Worte über das Zimmer im ersten
Stock denken, das immer noch voll war mit Marys persönlichen
Sachen. Wie viele wertvolle Spuren mochten sich noch da oben
in den Kisten befinden, Dinge, die sie nie zu Gesicht bekommen
würde? Sie schluckte. »Haben Sie irgendwann mal einen Blick
hineingeworfen?«
Clara trank von ihrem Tee, der mittlerweile längst kalt sein
musste, und befingerte den Henkel ihrer Tasse. »Ich muss zugeben, ja.«
563
Cassandra schlug das Herz bis zum Hals; sie beugte sich vor.
»Und?«
»Hauptsächlich Bücher und eine Lampe, wie gesagt.« Sie zögerte einen Augenblick und
errötete.
»War noch mehr drin?«, fragte Cassandra so behutsam wie
möglich.
Eine Weile betrachtete Clara ihre Schuhspitze, die Muster in
den Teppichboden zeichnete, dann blickte sie auf. »Ich habe auch
einen Brief darin gefunden, gleich obenauf. Adressiert an meine
Mum, geschrieben von einem Verleger in London. Das war ein
Schock fürs Leben, sag ich Ihnen. Ich hatte nie geahnt, dass meine Mutter
Schriftstellerin war.« Clara gackerte wieder. »Und das
war sie natürlich auch nicht.«
»Was für ein Brief war es denn?«, fragte Christian. »Aus welchem Grund hatte der
Verleger an Ihre Mutter geschrieben?«
Clara blinzelte. »Nun, es scheint, dass meine Mutter ihm eine
von Elizas Geschichten zugeschickt hat. Soweit ich dem Brief
entnehmen konnte, muss sie sie in der Kiste zwischen Elizas Sachen gefunden und
sich gedacht haben, dass es sich lohnen würde, sie zu veröffentlichen. Es stellte
sich heraus, dass Eliza sie
geschrieben hatte, kurz bevor sie fortgegangen war. Eine hübsche
Geschichte, voller Hoffnung und mit einem glücklichen Ende.«
Cassandra musste an die Fotokopie des Artikels denken, der in
Nells Notizbuch steckte. »Der Flug des Kuckucks«, sagte sie.
»Genau«, rief Clara erfreut aus, so als hätte sie die Geschichte
eigenhändig geschrieben. »Sie haben sie also gelesen?«
»Ich habe nur darüber gelesen, die Geschichte selbst kenne ich
nicht. Sie ist erst Jahre nach den anderen erschienen.«
»Das nehme ich an. Es muss 1936 gewesen sein, nach dem Datum des Briefs zu
urteilen. Meine Mum hat sich bestimmt über
diesen Brief sehr gefreut. Er wird ihr das Gefühl gegeben haben,
dass sie etwas für Eliza getan hatte. Sie hat sie so sehr vermisst,
nachdem sie weggegangen war, das können Sie mir glauben.«
564
Cassandra nickte. Die Lösung von Nells Rätsel war zum Greifen nah. »Die beiden
haben sich sehr gemocht, nicht wahr?«
»Ja, das stimmt.«
»Was, glauben Sie, hat sie so miteinander verbunden?« Cassandra presste die Lippen
zusammen, sie musste sich beherrschen.
Clara verschränkte die gichtigen Finger in ihrem Schoß und
senkte die Stimme. »Die beiden waren an etwas beteiligt, wovon
sonst niemand wusste.«
Irgendetwas in Cassandras Innerem begann sich zu lösen. Ihre
Stimme klang schwach. »Was war es? Was hat Ihnen Ihre Mum
erzählt?«
»Es war kurz vor ihrem Tod. Sie sagte, dass etwas Schreckliches passiert war und
dass die, die es getan hätten, glaubten, sie
wären ungeschoren davongekommen. Das hat sie immer und
immer wieder gesagt.«
Cassandras Puls raste. »Und was, glauben Sie, hat sie damit
gemeint?«
»Zuerst habe ich dem gar keine besondere Bedeutung beigemessen. Am Ende hat sie
öfter mal komische Sachen von sich
gegeben. Hat unsere alten Freunde beleidigt. Sie war wirklich
nicht mehr sie selbst. Aber sie hat immer wieder davon angefangen. ›Es steht alles
in der Geschichte‹, sagte sie dauernd. ›Sie haben es der jungen Frau weggenommen,
und dann haben sie sie
fortgeschickt.‹ Ich hatte überhaupt keine Ahnung, wovon sie redete, um welche
Geschichte es sich handelte. Aber am Ende hat
es auch keine Rolle mehr gespielt, denn sie hat mir schließlich
alles erzählt.« Clara holte tief Luft und schaute Cassandra kopfschüttelnd und
traurig an. »Rose Mountrachet war nicht die leibliche Mutter dieses kleinen
Mädchens, sie war nicht die Mutter
Ihrer Großmutter.«
Cassandra atmete erleichtert auf. Endlich kam die Wahrheit
ans Licht. »Ich weiß«, sagte sie und nahm Claras Hände. »Nell
565
war Marys Kind, und weil Mary schwanger war, wurde sie entlassen.«
Claras Gesichtsausdruck war schwer zu deuten. Sie sah abwechselnd von Christian zu
Cassandra, ihre Augenwinkel zuckten, sie blinzelte verwirrt und fing schließlich
an, laut zu lachen.
»Was ist?«, fragte Cassandra beunruhigt. »Was ist denn so
komisch?«
»Meine Mum war zwar schwanger, aber sie hat kein Kind bekommen. Damals jedenfalls
nicht. Sie hat es im vierten Monat
verloren.«
»Wie bitte?«
»Das versuche ich Ihnen ja gerade zu erklären. Nell war nicht
das Kind meiner Mutter, sie war Elizas Kind.«
»Eliza war schwanger.« Cassandra nahm ihren Schal ab und legte
ihn auf ihre Tasche, die hinter dem Beifahrersitz stand.
»Eliza war schwanger.« Christian trommelte mit den behandschuhten Fingern auf das
Lenkrad.
Die Heizung surrte und tickte, während sie Polperro hinter sich
ließen. Mittlerweile war Nebel aufgekommen, und von der Küstenstraße aus waren die
gedämpften Lichter der gespenstisch auf
den Wellen schaukelnden Fischerboote zu sehen.
Cassandra starrte ins Leere, ihr Kopf war genauso benebelt wie
die Welt draußen. »Eliza war schwanger. Sie war Nells Mutter.
Deshalb hat sie sie mitgenommen.« Wenn sie es nur oft genug
sagte, würde es vielleicht einen Sinn ergeben.
»So muss es wohl gewesen sein.«
Sie legte den Kopf zur Seite und rieb sich den Nacken. »Aber
ich verstehe es nicht. Als wir Mary für Nells Mutter hielten, hat
das alles einen Sinn ergeben. Aber Eliza … Ich kann mir nicht
vorstellen, wie Rose an Ivory gekommen ist. Warum hat Eliza sie
ihr überlassen? Und wieso wusste niemand davon?«
»Außer Mary.«
»Außer Mary.«
566
»Wahrscheinlich haben sie es geheim gehalten.«
»Elizas Angehörige?«
Er nickte. »Sie war jung, unverheiratet und das Mündel der
Mountrachets, was bedeutet, dass die für sie verantwortlich waren. Und dann wurde
sie schwanger. Das hätte gar nicht gut ausgesehen.«
»Und wer war der Vater?«
Christian zuckte die Achseln. »Ein Kerl aus dem Ort? Hatte sie
denn einen Freund?«
»Keine Ahnung. Sie war mit Marys Bruder William befreundet; das steht in Nells
Notizbuch. Sie hatten eine enge Beziehung,
bis sie sich wegen irgendetwas zerstritten haben. Vielleicht war er
der Vater?«
»Wer weiß. Wahrscheinlich ist es auch gar nicht so wichtig.«
Er warf ihr einen kurzen Blick zu. »Ich meine, natürlich ist es
wichtig, für Nell und für Sie, aber im Moment ist nur von Belang,
dass Eliza schwanger war und nicht Rose.«
»Also hat man Eliza dazu überredet, Rose ihr Kind zu überlassen.«
»Es wäre für alle Beteiligten einfacher gewesen.«
»Darüber kann man geteilter Meinung sein.«
»Ich meine in gesellschaftlicher Hinsicht. Dann ist Rose gestorben …«
»Und Eliza hat ihr Kind wieder zu sich genommen. Das würde
einen Sinn ergeben.« Cassandra betrachtete die Nebeldecke, die
sich über dem hohen Gras entlang der Straße ausgebreitet hatte.
»Aber warum ist sie nicht mit Nell zusammen auf das Schiff nach
Australien gegangen? Warum holt eine Frau erst ihr Kind wieder
zu sich und schickt es dann ganz allein auf eine lange und gefährliche Schiffsreise
in ein fremdes Land?« Cassandra stieß einen
tiefen Seufzer aus. »Je mehr wir erfahren, desto verworrener wird
die Geschichte.«
567
»Vielleicht ist sie ja mit ihr zusammen gefahren. Vielleicht ist
ihr unterwegs etwas zugestoßen, vielleicht ist sie krank geworden
oder so. Clara war sich jedenfalls sicher, dass sie gefahren ist.«
»Aber Nell konnte sich daran erinnern, dass Eliza sie aufs
Schiff gebracht und ihr befohlen hat zu warten, dass sie dann
weggegangen und nicht wieder zurückgekommen ist. Es war eins
der wenigen Dinge, dessen sie sich wirklich ganz sicher war.«
Cassandra kaute an ihrem Daumennagel. »Was für ein Frust. Ich
hatte gehofft, wir würden heute endlich ein paar Antworten bekommen. Stattdessen
tun sich nur neue Fragen auf.«
»Aber eins steht immerhin fest. In dem Märchen Das goldene
Ei geht es nicht um Mary. Eliza hat es über sich selbst geschrieben. Sie war die
Jungfrau im Cottage.«
»Arme Eliza«, sagte Cassandra, während die dämmrig-träge
Außenwelt an ihr vorbeizog. »Das Leben der Jungfrau, nachdem
sie das Ei weggegeben hat, ist so …«
»Trostlos.«
»Ja.« Cassandra schüttelte sich. Nur zu gut kannte sie den Verlust, der einem
Menschen den Lebenssinn raubt und ihn bleich
und leer zurücklässt. »Kein Wunder, dass sie Nell zurückgeholt
hat, als sich ihr die Gelegenheit bot.« Was hätte Cassandra nicht
für eine zweite Chance gegeben?
Als sie das Ortseingangsschild von Tregenna passierten, bog
Christian von der Hauptstraße ab. »Wollen Sie meine Meinung
hören?«
»Sie machen mich neugierig«, erwiderte Cassandra.
»Wir sollten im Pub etwas essen gehen und alles noch einmal
durchsprechen. Vielleicht fällt uns bei einem Bier ja mehr dazu
ein.«
Cassandra lächelte. »Also gut, Bier hilft mir immer enorm dabei, einen klaren Kopf
zu bekommen. Könnten wir vorher kurz
zum Hotel fahren, damit ich mir meine Jacke holen kann?«
568
Christian nahm die Straße durch den Wald und bog in die Einfahrt zum Hotel
Blackhurst ein. Wegen des immer noch dichten
Nebels musste er besonders vorsichtig fahren.
»Bin gleich wieder da«, sagte Cassandra und schlug die Wagentür zu. Sie stürmte die
Treppe hinauf ins Foyer. »Hallo, Sam«,
sagte sie und winkte Samantha an der Rezeption zu.
»Hallo, Cass. Sie werden schon erwartet.«
Cassandra hielt mitten im Lauf inne.
»Robyn Jameson wartet schon ungefähr eine halbe Stunde auf
Sie.«
Cassandra warf einen Blick nach draußen. Christian war mit
dem Autoradio beschäftigt. Er würde es ihr nicht übel nehmen,
wenn sie sich einen Moment lang aufhielt. Cassandra konnte sich
nicht vorstellen, was Robyn ihr zu erzählen hatte, aber es würde
sicherlich nicht viel Zeit in Anspruch nehmen.
»Hallo«, sagte Robyn, als sie Cassandra näher kommen sah.
»Ein Vögelchen hat mir erzählt, dass Sie sich heute Morgen
ziemlich lange mit meiner entfernten Cousine Clara unterhalten
haben.«
Das Netzwerk des ländlichen Klatschs funktionierte offenbar
einwandfrei. »Stimmt.«
»Ich nehme an, es war sehr nett.«
»Das war es wirklich, danke. Ich hoffe, Sie haben nicht zu lange warten müssen.«
»Nein, nein. Ich habe etwas für Sie. Ich hätte es auch an der
Rezeption abgeben können, aber ich denke, ich sollte ein paar
erklärende Worte dazu sagen.«
Cassandra hob die Brauen.
»Am Wochenende habe ich meinen Vater im Seniorenheim besucht. Er möchte immer gern
auf dem Laufenden gehalten werden, was sich so tut im Ort - er war früher
Postmeister, wissen Sie
-, und ich habe ihm beiläufig erzählt, dass Sie hier sind und das
Cottage wieder in Schuss bringen, das Ihre Großmutter Ihnen hinterlassen hat. Da
hat er mich plötzlich ganz komisch angesehen.
569
Er mag ja alt sein, aber geistig ist er topfit, genau wie sein Vater
früher. Er hat mich am Arm gepackt und gesagt, es gibt noch einen Brief, der an Sie
adressiert ist.«
»An mich?«
»Genau genommen an Ihre Großmutter, aber da sie nicht mehr
unter uns weilt, geht er jetzt an Sie.«
»Was denn für ein Brief?«
»Bevor Ihre Großmutter aus Tregenna abgereist ist, hat sie
meinen Dad aufgesucht und ihm erzählt, sie würde in die Stadt
zurückkehren und ins Cliff Cottage einziehen, und sie hat ihn gebeten, alle Post
für sie aufzubewahren. Sie hat sich klipp und klar
ausgedrückt, meinte er, und als ein Brief für sie kam, hat er sich
an ihre Anweisung gehalten und ihn auf der Post für sie deponiert. Alle paar Monate
ist er mit dem Brief zum Cottage raufgegangen, aber es war nie jemand da. Die
Brombeeren waren jedes
Mal ein Stück höher gewuchert, die Staubschicht wurde immer
dicker, und das Haus wirkte völlig verlassen. Schließlich ist er
nicht mehr raufgegangen, seine Knie machten ihm zu schaffen,
und er dachte sich, Ihre Großmutter würde ihn sicherlich auf der
Post aufsuchen, wenn sie zurückkäme. Normalerweise hätte er
den Brief an den Absender zurückgeschickt, aber Ihre Großmutter hatte ausdrücklich
darauf bestanden, dass er das auf keinen
Fall tun sollte, also hat er den Brief weggelegt und bis heute aufbewahrt.
Er hat mich gebeten, in den Keller zu gehen, wo er seine Sachen gelagert hat, und
den Karton mit nicht zugestellten Sendungen aufzumachen. Darin würde ich einen an
Nell Andrews, Tregenna Inn, adressierten Brief mit Eingangsdatum November 1975
finden. Und er hatte recht. Der Brief war noch da.«
Sie langte in ihre Handtasche, zog einen kleinen grauen Briefumschlag hervor und
reichte ihn Cassandra. Das Papier war billig, so dünn, dass es fast transparent
war. Der Brief war in einer
altmodischen, ziemlich krakeligen Handschrift an ein Hotel in
570
London adressiert und von dort ans Tregenna Inn nachgesendet
worden. Cassandra betrachtete die Rückseite.
Dort war in derselben Handschrift der Absender vermerkt: Miss Harriet Swindell,
Battersea Bridge Road 37, Battersea, London.
Cassandra erinnerte sich an einen Eintrag in Nells Notizbuch.
Harriet Swindell war die Frau, die Nell in London aufgesucht hatte, die alte Frau,
die im selben Haus geboren und aufgewachsen
war wie Eliza. Warum mochte sie Nell einen Brief geschrieben
haben?
Mit zitternden Fingern öffnete Cassandra den Umschlag. Das
dünne Papier war ganz rissig. Sie entfaltete den Brief und begann
zu lesen.
3. NOVEMBER 1975
Liebe Mrs Andrews,
ich muss Ihnen ehrlich sagen, dass ich seit Ihrem Besuch, bei
dem Sie mich nach der Märchenschreiberin gefragt haben, kaum
noch an etwas anderes denken kann. Wenn Sie erst mal so alt
sind wie ich, werden Sie feststellen, dass die Vergangenheit zu
einer guten Freundin wird. Die Sorte Freundin, die ungebeten
hereinschneit und nicht wieder gehen will! Ich erinnere mich
nämlich an diese Frau, müssen Sie wissen, ich erinnere mich sogar sehr gut, nur
haben Sie mich völlig unvorbereitet angetroffen,
als Sie da in der Tür standen, ausgerechnet zur Teezeit. Ich war
mir nicht sicher, ob ich mit einer Fremden über die Vergangenheit reden wollte.
Meine Tochter Nancy meint aber, ich soll es
ruhig machen, weil alles schon so lange her ist, dass es jetzt keine
große Rolle mehr spielt. Also habe ich mich entschlossen, Ihnen
zu schreiben, schließlich haben Sie mich ja darum gebeten. Denn
Eliza Makepeace ist noch mal hergekommen, um meine Ma zu
besuchen. Nur einmal, aber ich erinnere mich noch gut daran.
Ich war damals sechzehn, es muss also 1913 gewesen sein.
571
Ich weiß noch, wie ich von Anfang an ein komisches Gefühl
hatte. Sie war ja vielleicht wie eine vornehme Dame gekleidet,
aber irgendwas stimmte nicht daran. Mehr noch, irgendwas an
ihr sagte mir, dass sie viel eher zu uns in der Battersea Bridge
Road 35 passte. Sie war ganz anders als die vornehmen Damen,
die man damals auf den Straßen zu Gesicht bekam. Sie stand auf
einmal im Laden, ein bisschen aufgeregt vielleicht, und sie wirkte, als hätte sie
es eilig und wollte nicht gesehen werden. Sie benahm sich irgendwie misstrauisch.
Sie nickte meiner Ma zu, als
würde sie sie kennen, und Ma lächelte tatsächlich, was bei ihr
ziemlich selten vorkam. Wer auch immer diese Dame sein mochte, dachte ich damals,
meine Ma wusste offenbar, dass sie an ihr
was verdienen konnte.
Sie hatte eine klare, melodische Stimme, und daran habe ich
erkannt, dass ich ihr schon mal begegnet war. Die Stimme war
mir vertraut. Eine Stimme, der Kinder gern zuhören, die so eindringlich von Elfen
und Kobolden erzählt, dass man ihr alles
glaubt.
Sie bedankte sich bei meiner Ma, dass sie bereit war, sie zu
empfangen, und sagte, sie würde England verlassen und in den
nächsten Jahren nicht zurückkommen. Ich kann mich noch erinnern, dass sie unbedingt
nach oben gehen und das Zimmer sehen
wollte, wo sie damals gewohnt hatte, eine schmuddelige Kammer
unterm Dach. Kalt, mit einem Kamin, der nicht mehr funktionierte, und düster, nicht
mal ein Fenster, das den Namen verdient
hätte. Aber sie meinte, es sei wegen der alten Zeiten.
Zufällig hatte Ma damals keinen Mieter - mit dem letzten hatte
es nur Scherereien gegeben -, deswegen konnte sie der Dame erlauben, sich das
Zimmer anzusehen. Ma meinte, sie solle ruhig
raufgehen und sich Zeit lassen. Sie hat sogar Teewasser aufgesetzt. Das hatte ich
bei meiner Ma noch nie erlebt.
Nachdem die Dame die Treppe hinaufgestiegen war, winkte
Ma mich hastig zu sich. Geh hinter ihr her, sagte sie, und sorg
dafür, dass sie nicht so bald wieder runterkommt. Ich war daran
572
gewöhnt, Mas Anweisungen zu befolgen, und auch an die Strafen,
wenn ich mich widersetzte, also hab ich gehorcht und bin nach
oben gegangen.
Als ich auf dem Treppenabsatz ankam, hatte sie die Tür schon
hinter sich zugezogen. Ich hätte mich also einfach hinsetzen und
aufpassen können, dass sie nicht zu schnell wieder nach unten
ging, aber ich war neugierig. Ich konnte mir einfach nicht erklären, warum sie die
Tür hinter sich zugemacht hatte. Wie gesagt,
es gab ja keine Fenster in dem Zimmer, und nur durch die Tür
kam Licht rein.
Am unteren Rand hatten die Ratten ein Loch in die Tür gefressen, also habe ich mich
flach auf den Bauch gelegt und sie beobachtet. Sie stand mitten im Zimmer und
schaute sich um. Dann
ging sie zu dem alten, kaputten Kamin, setzte sich auf das Sims
und langte mit dem Arm in den Abzug. Es kam mir vor, als würde
sie eine Ewigkeit so dasitzen. Als sie den Arm endlich wieder
rauszog, hatte sie einen kleinen Tonkrug in der Hand. In dem Augenblick muss ich
wohl ein Geräusch gemacht haben - vor lauter
Verblüffung -, denn sie fuhr plötzlich herum, die Augen weit aufgerissen. Ich hielt
den Atem an, aber nach einer Weile beruhigte
sie sich wieder, drückte sich den Krug ans Ohr und schüttelte ihn
ein bisschen. An ihrem Gesicht konnte ich ablesen, dass sie damit
zufrieden war, was sie hörte. Dann hat sie den Krug in einer speziellen Tasche
verstaut, die in ihr Kleid eingenäht war.
Als sie auf die Tür zukam, bin ich schnell die Treppe runtergelaufen und hab Ma
Bescheid gesagt, dass sie unterwegs nach unten war. Ich wunderte mich, dass mein
kleiner Bruder Tommy an
der Tür stand und keuchte, als wäre er gerannt, aber ich hatte
keine Zeit, ihn zu fragen, wo er gewesen war. Ma behielt die
Treppe im Auge, also tat ich es auch. Die Dame kam wieder runter, bedankte sich bei
meiner Ma, dass sie vorbeikommen durfte,
und meinte, sie könnte nicht zum Tee bleiben, da sie es eilig hätte.
Als sie die letzte Stufe erreicht hatte, sah ich im Schatten neben
der Treppe einen Mann stehen. Einen Mann mit einer komischen
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kleinen Brille - eine Brille ohne Bügel, nur mit einem kleinen Steg
in der Mitte, der auf die Nase geklemmt wird. Er hielt einen
Schwamm in der Hand, und als die Dame die unterste Stufe erreichte, hat er ihr den
Schwamm unter die Nase gedrückt, und sie
ist zusammengebrochen, einfach so, und in seine Arme gesackt.
Ich muss geschrien haben, denn meine Mutter hat mir eine schallende Ohrfeige
verpasst.
Der Mann hat mich gar nicht beachtet und die Dame wortlos
zur Tür geschleppt. Mit Pas Hilfe hat er sie in eine Kutsche gehoben, dann hat er
meiner Ma zugenickt, einen Umschlag aus
seiner Brusttasche gezogen und den Pferden die Peitsche gegeben.
Als ich meiner Ma später erzählte, was ich gesehen hatte, bekam ich die nächste
Ohrfeige. Warum hast du mir das nicht
gleich erzählt, du dummes Gör, schrie meine Ma. Bestimmt war
es was Wertvolles. Das hätten wir für unsere Mühe gebrauchen
können. Es hätte keinen Zweck gehabt, meine Ma daran zu erinnern, dass der Mann mit
den schwarzen Pferden sie ja für die
Dame schon reichlich bezahlt hatte. Meine Ma konnte nie genug
Geld haben.
Ich habe die Dame nie wieder gesehen, und ich weiß auch
nicht, was aus ihr geworden ist, nachdem sie uns verlassen hat.
An unserer Flussbiegung sind schon immer Dinge passiert, die
man am liebsten vergisst.
Ich weiß nicht, ob dieser Brief Ihnen bei Ihren Nachforschungen nützt, aber meine
Nancy meinte, er könnte auch nicht schaden. Also habe ich ihn geschrieben. Ich
hoffe, Sie finden, wonach
Sie suchen.
Mit freundlichen Grüßen
Miss Harriet Swindell
574
47 Brisbane Australien, 1976
Die Fairyland-Lustre-Vase war ihr Lieblingsstück. Nell hatte sie
vor Jahrzehnten auf einem Trödelmarkt erstanden. Jeder Antiquitätenhändler weiß,
dass alles seinen Preis hat, aber diese Vase
war etwas Besonderes. Es war nicht so sehr ihr materieller Wert,
der tatsächlich ziemlich hoch war, es war das, was sie repräsentierte: das erste
Mal, dass Nell an einem unwahrscheinlichen Ort
einen Glückstreffer gelandet hatte.
Und wie ein Goldgräber, der seinen ersten Goldklumpen für
sich behält, auch wenn er noch wertvollere findet, hatte Nell sich
nie von der Vase trennen können. Sie bewahrte sie eingewickelt
in ein Handtuch auf, sicher verstaut in einer Ecke ganz oben zwischen der
Bettwäsche im Wandschrank, und immer wieder holte
sie sie hervor und wickelte sie aus, um sie zu betrachten. Ihre
Schönheit, das Muster aus dunkelgrünen Ranken, die goldenen
Linien, die das Muster durchzogen, die Art-Nouveau-Feen, die
sich in dem Blätterwerk verbargen, all das übte eine beruhigende
Wirkung auf sie aus.
Dennoch war Nell entschlossen. Sie hatte einen Punkt erreicht,
an dem sie ohne die Vase leben konnte. Ohne all ihre wertvollen
Dinge. Sie hatte eine Entscheidung getroffen, und damit basta.
Sie wickelte die Vase in eine weitere Lage Zeitungspapier ein
und legte sie behutsam in die Schachtel zu den anderen wertvollen Stücken. Am
Montag würde alles in den Laden wandern und
mit Preisschildern versehen werden. Und sollte sie dennoch von
Zweifeln geplagt werden, brauchte sie sich nur ihr Ziel ins Gedächtnis zu rufen:
Sie musste über ausreichende Mittel verfügen,
um in Tregenna neu anfangen zu können.
Sie konnte es kaum erwarten zurückzukehren. Ihr Rätsel wurde
immer verworrener. Endlich hatte sie eine Nachricht von diesem
Detektiv, Ned Morrish, erhalten. Er hatte ihr einen Bericht über
die Ergebnisse seiner Nachforschungen geschickt. Ein neuer
Kunde, Ben Soundso, hatte ihr den Brief in den Laden gebracht.
575
Beim Anblick der ausländischen Briefmarken und der gestochen
deutlichen Handschrift, die aussah, als wäre sie an einem Lineal
entlanggeschrieben worden, hatte sie sofort eine Gänsehaut bekommen. Am liebsten
hätte sie den Brief gleich an Ort und Stelle
aufgerissen, aber sie hatte sich beherrscht, sich in einem geeigneten Moment
entschuldigt und war mit dem Brief in die kleine
Küche hinter dem Laden gegangen.
Der Bericht war knapp gehalten, Nell hatte nur wenige Minuten gebraucht, um ihn zu
lesen, und war anschließend verwirrter
denn je. Nach Mr Morrishs Erkenntnissen war Eliza Makepeace
in den Jahren 1909 und 1910 nirgendwohin gefahren, sondern
hatte sich die ganze Zeit über im Cottage aufgehalten. Mr Morrish hatte mehrere
Unterlagen beigefügt, um seine Schlussfolgerung zu untermauern - eine Befragung,
die er mit jemandem
durchgeführt hatte, der behauptete, auf Blackhurst gearbeitet zu
haben, verschiedene Briefwechsel mit einem Londoner Verleger,
die in Anschrift und Absender die Adresse des Cliff Cottage
enthielten - aber diese Unterlagen hatte Nell erst später gelesen.
Die Nachricht, dass Eliza nie weggegangen war, hatte sie viel zu
sehr verblüfft. Dass sie die ganze Zeit über im Cottage gewesen
war. Aber William war sich so sicher gewesen. Sie sei aus dem
Blickfeld der Öffentlichkeit verschwunden, hatte er gesagt, ungefähr ein Jahr lang.
Als sie wieder auftauchte, sei sie verändert
gewesen, als wäre das Leuchten aus ihren Augen verschwunden.
Nell konnte sich nicht erklären, wie Williams Erinnerungen zu
Mr Morrishs Entdeckung passten. Sobald sie wieder in Cornwall
war, würde sie noch einmal mit William reden und ihn fragen, ob
er sich einen Reim darauf machen konnte.
Nell wischte sich die Stirn mit dem Handrücken ab. Ein fürchterlicher Tag, aber so
war Brisbane im Januar. Noch leuchtete der
Himmel so blau wie eine Kuppel aus makellosem Glas, aber am
Abend würde es garantiert ein Gewitter geben. Sie hatte lange
genug gelebt, um zu spüren, wann sich die Wolken zu einem
Unwetter zusammenbrauten.
576
Nell hörte, wie vor dem zur Straße gelegenen Fenster ein Auto
seine Fahrt verlangsamte. Es klang nicht wie eins von den Nachbarn: zu laut für
Howards Mini, zu hochtourig für den großen
Ford der Hogans. Plötzlich gab es einen lauten Rums, als der
Wagen zu schnell auf den Bordstein fuhr. Nell schüttelte den
Kopf, froh darüber, keinen Führerschein gemacht und auch nie
ein Auto gebraucht zu haben. Autos brachten die schlechtesten
Eigenschaften der Menschen zum Vorschein.
Whiskers setzte sich aufrecht und machte einen Buckel. Die
Katzen, die würde Nell allerdings vermissen. Natürlich würde sie
sie mitnehmen, aber die Zollbestimmungen verlangten, dass sie
sechs Monate lang in Quarantäne blieben, bevor sie sie zu sich in
ihr neues Zuhause holen konnte.
»Na, du neugierige Nase«, sagte Nell und kraulte ihrer Katze
den Hals. »Bloß weil da draußen ein Auto Krach macht, brauchst
du doch nicht nervös zu werden.«
Whiskers miaute, sprang vom Tisch und sah Nell an.
»Was ist? Glaubst du, da kommt uns jemand besuchen? Ich
wüsste nicht, wer, meine Kleine. Wir sind nicht gerade der Mittelpunkt der Welt,
falls du das noch nicht gemerkt hast.«
Die Katze schlich geduckt zur Hintertür. Nell legte den Stapel
Zeitungen zur Seite. »Also gut, Madame«, sagte sie, »du hast gewonnen. Ich werd mal
nachsehen.« Sie kratzte Whiskers den
Rücken, dann öffnete sie die Tür und folgte ihr nach draußen auf
den schmalen Betonweg. »Du kommst dir jetzt wohl ganz besonders schlau vor, dass du
mir deinen Willen aufzwingst …«
An der Ecke blieb Nell stehen. Der Wagen, ein Kombi, parkte
tatsächlich vor ihrem Haus. Eine Frau mit einer riesigen, verspiegelten
Sonnenbrille und in knappen Shorts kam die Zementstufen
hoch. Hinter ihr her trottete ein dürres Kind mit hängenden
Schultern.
Einen Moment lang standen sie alle drei stumm da und musterten einander.
577
Nell fand als Erste ihre Sprache wieder, wenn ihr auch die richtigen Worte fehlten.
»Ich dachte, wir hätten ausgemacht, dass du
in Zukunft anrufst, bevor du herkommst.«
»Wir freuen uns auch, dich zu sehen, Mum«, sagte Lesley und
verdrehte die Augen, wie sie es schon als Fünfzehnjährige gemacht hatte. Eine
Angewohnheit, die Nell damals wie heute auf
die Palme brachte.
Nell spürte den alten Groll wieder in sich aufsteigen. Sie war
Lesley keine gute Mutter gewesen, das wusste sie, aber es ließ
sich nicht mehr rückgängig machen. Was vorbei war, war vorbei,
und aus Lesley war schließlich doch noch etwas geworden. Und
zwar in jeder Hinsicht. »Ich bin gerade dabei, Kartons für eine
Versteigerung zu packen«, sagte Nell und schluckte den Kloß in
ihrem Hals herunter. Das war jetzt nicht der richtige Zeitpunkt,
ihren Umzug nach England zu erwähnen. »Es steht im Moment
alles voll, es gibt kaum Platz zum Sitzen.«
»Macht überhaupt nichts.« Lesley zeigte auf das Mädchen.
»Deine Enkelin hat Durst, es ist verdammt heiß hier draußen.«
Nell betrachtete das Mädchen, ihre Enkelin. Lange Gliedmaßen, knubbelige Knie, den
Kopf eingezogen, um möglichst nicht
wahrgenommen zu werden. Manche Kinder hatten einfach das
Pech, mit zu vielen Problemen auf die Welt zu kommen.
Irgendwie kam ihr in diesem Augenblick das Bild von Christian in den Sinn, dem
kleinen Jungen, den sie in ihrem Garten in
Cornwall entdeckt hatte. Der mutterlose Junge mit den ernsten
braunen Augen. Mag Ihre Enkelin auch Gärten?, hatte er gefragt,
und sie, Nell, hatte keine Antwort gewusst.
»Also gut«, sagte sie. »Dann kommt mal rein.«
578
48 Blackhurst Manor Cornwall, 1913
Die Hufe der Pferde trommelten auf die kalte, trockene Erde, sie
waren unterwegs in Richtung Westen, nach Blackhurst, aber Eliza hörte sie nicht. Mr
Mansells Schwamm hatte seine Wirkung
getan, und Eliza, betäubt vom Chloroform, lag zusammengesunken in der dunklen
Kutsche …
Roses Stimme, leise und gebrochen: »Es gibt etwas, das ich brauche, etwas, das nur
du für mich tun kannst. Mein Körper versagt
mir wie immer seine Dienste, aber deiner, liebste Cousine, ist
stark. Ich möchte, dass du ein Kind für mich bekommst, Nathaniels Kind.«
Und Eliza, die so lange gewartet hatte, die es sich so verzweifelt wünschte,
gebraucht zu werden, die sich immer nur als eine
Hälfte auf der Suche nach der anderen gefühlt hatte, musste nicht
lange nachdenken. »Natürlich«, erwiderte sie. »Natürlich helfe
ich dir, Rose.«
Eine Woche lang kam er jede Nacht. Tante Adeline berechnete
mit Dr. Matthews’ Hilfe die passenden Zeitpunkte, und Nathaniel
tat, worum man ihn gebeten hatte. Nahm den Weg durch das Labyrinth um das Cottage
herum zu Elizas Tür.
In der ersten Nacht wartete Eliza im Haus, ging unruhig in der
Küche auf und ab, fragte sich, ob er kommen würde und ob sie
irgendwelche Vorbereitungen hätte treffen müssen. Fragte sich,
wie man sich in einer solchen Situation verhielt. Sie hatte Roses
Bitte ohne zu zögern zugestimmt und in den folgenden Wochen
nur wenig darüber nachgedacht, was eine solche Verpflichtung
beinhaltete. Sie war zu sehr von Dankbarkeit erfüllt gewesen,
dass Rose sie endlich wieder brauchte. Erst als der Zeitpunkt
immer näher rückte, begann ihr zu dämmern, dass aus der Möglichkeit Wirklichkeit
werden würde.
Und dennoch, es gab nichts, was sie nicht für Rose tun würde.
Immer und immer wieder redete sie sich ein, dass das, was sie im
579
Begriff war zu tun, das Band zwischen ihnen für ewig festigen
würde, egal, wie grässlich der unbekannte Akt sein würde. Sie
machte es sich zu einer Art Mantra: Rose und sie würden verbunden sein wie nie
zuvor. Rose würde sie mehr lieben als je zuvor, würde sich nie wieder von ihr
zurückziehen. Sie tat das alles
nur für Rose.
Als es in jener ersten Nacht klopfte, wiederholte Eliza im Stillen ihr Mantra,
öffnete die Tür und ließ Nathaniel eintreten.
Er blieb eine Weile im Flur stehen, bis Eliza auf den Kleiderhaken zeigte. Er zog
den Mantel aus und lächelte sie beinahe
dankbar an. Da begriff sie, dass er ebenso nervös war wie sie.
Er folgte ihr in die Küche, ging zum Tisch, bestrebt, dort einen
sicheren Halt zu finden, und setzte sich auf die Kante eines
Stuhls.
Eliza stand auf der anderen Seite, wischte sich die sauberen
Hände am Rock ab, wusste nicht, was sie sagen, wie es weitergehen sollte.
Sicherlich wäre es das Beste, einfach nur zu tun, was
notwendig war, es hinter sich zu bringen. Es gab keinen Grund,
das Unbehagen noch weiter auszudehnen. Sie hob gerade an, ihre Gedanken
auszusprechen, aber Nathaniel kam ihr zuvor.
»Ich dachte, du würdest vielleicht gern einen Blick darauf werfen. Ich arbeite
schon seit einem Monat daran.«
Erst da bemerkte sie, dass er eine Ledermappe bei sich hatte.
Er legte sie auf den Tisch und nahm einen Stapel Blätter heraus. Zeichnungen,
stellte Eliza fest.
»Ich habe mit der Feenjagd begonnen.« Er hielt ihr ein Blatt
hin, und als sie es entgegennahm, fiel ihr auf, dass seine Hände
zitterten.
Sie betrachtete das Bild: schwarze und weiße Linien, schraffierte Schatten. Eine
bleiche, dünne Frau, ausgestreckt auf einem
steinernen Lager in einem kalten, dunklen Turm. Das Gesicht der
Frau war mit schmalen, langen Linien dargestellt. Sie war schön,
zauberhaft, entrückt, so wie sie in Elizas Märchen beschrieben
war. Und dennoch lag etwas anderes in Nathaniels Darstellung
580
des Gesichts der gejagten Fee, etwas, das Eliza verblüffte. Die
Frau auf dem Bild sah aus wie ihre Mutter. Nicht im wörtlichen
Sinn, es lag eher am Schwung ihrer Lippen, den kühlen Mandelaugen, den hohen
Wangenknochen. Auf undefinierbare Weise,
wie durch ein Wunder, hatte Nathaniel Georgiana erfasst in seiner Darstellung der
leblosen Glieder der Fee, ihrer Erschöpfung,
der Resignation in ihren Gesichtszügen. Das Seltsamste: Eliza
wurde zum ersten Mal klar, dass sie in ihrer Geschichte von der
gejagten Fee ihre eigene Mutter beschrieben hatte.
Sie schaute ihn an, musterte seine dunklen Augen, die irgendwie in ihre Seele
geschaut hatten. Während ihre Blicke sich begegneten, wurden ihre Gesichter vom
warmen Schein des Feuers
erleuchtet.
Die Umstände schienen alles zu verstärken: ihre Stimmen waren
zu laut, ihre Bewegungen zu abrupt, die Luft zu kühl. Der Akt
selbst war gar nicht so grässlich, wie sie befürchtet hatte, und
auch nicht gewöhnlich. Und es lag etwas Unerwartetes in seiner
Durchführung, das sie zu ihrer Verwunderung genoss. Eine Nähe, eine Intimität, die
ihr so lange verwehrt gewesen war. Sie
fühlte sich als Teil eines Paars.
Natürlich stimmte das nicht, und es wäre ein Verrat an Rose,
so etwas auch nur zu denken, und dennoch … Seine Fingerkuppen auf ihrem Rücken,
ihren Lenden, ihren Schenkeln. Die Wärme, wo sich ihre nackten Körper berührten.
Sein Atem an ihrem
Hals …
Irgendwann öffnete sie die Augen und betrachtete sein Gesicht,
in dem sie seine Empfindungen lesen konnte wie in einem offenen
Buch. Und als er auch die Augen öffnete und sie einander ansahen, fühlte sie sich
plötzlich und unerwartet als körperliches Wesen. Geerdet, stabil, real.
Und dann war es vorüber, sie lösten sich voneinander, und das
Band der körperlichen Nähe verschwand. Sie zogen sich wieder
an, und sie begleitete ihn die Treppe hinunter. An der Haustür
581
plauderten sie über die jüngste Überschwemmung und über die
Wahrscheinlichkeit, dass sich in den kommenden Wochen das
Wetter verschlechtern würde. Ein höfliches Gespräch, als wäre er
nur vorbeigekommen, um sich ein Buch auszuleihen.
Schließlich griff er nach dem Türknauf, und das Schweigen
legte sich schwer über sie. Das Gewicht dessen, was sie getan
hatten. Er zog die Tür auf und schob sie wieder zu. Drehte sich zu
ihr um. »Danke«, sagte er.
Sie nickte.
»Rose möchte … sie braucht …«
Sie nickte noch einmal, und ein Lächeln erschien auf seinen
Lippen. Dann öffnete er die Tür und verschwand in der Nacht.
Im Lauf der Woche wurde das Ungewöhnliche zur Normalität,
und sie gewöhnten sich daran. Nathaniel erschien jeweils mit seinen neuesten
Skizzen, und sie diskutierten über die Geschichten
und die Illustrationen. Er brachte sogar seine Bleistifte mit und
nahm während der Gespräche Änderungen vor. Wenn die Zeichnungen fertig waren,
plauderten sie über andere Dinge.
Auch wenn sie in Elizas schmalem Bett lagen, redeten sie miteinander. Nathaniel
erzählte von seinen Eltern, von denen Eliza
angenommen hatte, sie seien tot, von den Entbehrungen, unter
denen er aufgewachsen war, von seinem Vater, der sich als Hafenarbeiter
durchgeschlagen hatte, von den Händen seiner Mutter, die vom Wäschewaschen ganz
rissig gewesen waren. Und
Eliza sprach über Dinge, die sie bisher nie jemandem anvertraut
hatte, geheime Dinge von früher: über ihre Mutter, den Vater,
den sie nie gekannt hatte, ihre Träume, ihm aufs Meer hinaus zu
folgen. Die eigentümliche und unerwartete Intimität brachte sie
sogar dazu, über Sammy zu sprechen.
So verging die Woche, und in der letzten Nacht kam Nathaniel
früher als sonst. Es war, als sträubte er sich plötzlich zu tun, was
getan werden musste. Sie saßen sich am Tisch gegenüber wie in
ihrer ersten Nacht, doch diesmal schwiegen sie. Dann, ganz un582
vermittelt, langte Nathaniel über den Tisch und hob eine Strähne
von Elizas langem Haar an, und durch das Kerzenlicht verwandelte sich das Rot in
Gold. Konzentriert betrachtete er die Haarsträhne zwischen seinen Fingern. Dunkles
Haar warf einen
Schatten auf seine Wangen, und in seinen großen schwarzen Augen lagen
unausgesprochene Gedanken. Plötzlich war Eliza ganz
beklommen zumute.
»Ich möchte nicht, dass es vorbei ist«, sagte er schließlich leise. »Es ist
unvernünftig, ich weiß, aber ich …«
Er unterbrach sich, als Eliza ihm einen Finger auf die Lippen
legte. Ihn zum Schweigen brachte.
Ihr Herz pochte wie wild, und sie betete, dass er es nicht merkte. Er durfte diesen
Satz nicht zu Ende aussprechen - auch wenn
eine verbotene Regung in ihr sich danach sehnte -, denn Worte
besitzen Macht, und das wusste Eliza besser als die meisten Menschen. Sie hatten
schon zu viele Gefühle zugelassen, und Gefühle
waren in ihrem Arrangement nicht vorgesehen.
Sie schüttelte leicht den Kopf, und schließlich nickte er. Starrte
vor sich hin auf den Tisch. Und während er schweigend an seinen
Skizzen arbeitete, unterdrückte Eliza den überwältigenden Drang,
ihm zu sagen, dass sie es sich anders überlegt hatte.
Nachdem er in jener Nacht fortgegangen war, kamen Eliza die
Wände des Cottage ungewöhnlich still und leblos vor. Sie fand
ein Stückchen Karton, wo Nathaniel gesessen hatte, drehte es um
und erblickte ihr eigenes Gesicht. Eine Zeichnung. Und plötzlich
störte sie es überhaupt nicht mehr, auf Papier festgehalten zu
werden.
Noch ehe ein Monat vergangen war, wusste Eliza, dass sie
schwanger war. Ein unerklärliches Gefühl, nicht allein zu sein,
selbst wenn niemand zugegen war. Als dann ihre Blutung ausblieb, hatte sie
Gewissheit. Mary, die ihr Kind verloren hatte, war
vorläufig wieder in Blackhurst eingestellt worden mit dem Auftrag, die Verbindung
zwischen Haus und Cottage aufrechtzuer583
halten. Als Eliza ihr mitteilte, dass wahrscheinlich ein neues Leben in ihr wuchs,
schüttelte Mary seufzend den Kopf, dann machte sie sich auf den Weg, um Tante
Adeline die Nachricht zu überbringen.
Eine Mauer wurde um das Cottage herum errichtet, damit
niemand sehen konnte, dass Elizas Bauch immer dicker wurde.
Im Dorf verbreitete man, Eliza habe Cornwall verlassen, und das
Cottage verschwand aus den Augen der Welt. Die simpelsten Lügen sind die
überzeugendsten, und diese Lüge wurde von allen
akzeptiert. Es war allgemein bekannt, dass Eliza schon lange davon träumte, auf
Reisen zu gehen. Den Leuten fiel es nicht schwer
zu glauben, dass sie ohne ein Wort des Abschieds aufgebrochen
war und zurückkehren würde, wenn die Zeit dafür reif war. Mary
wurde jeden Abend mit Lebensmitteln zu ihr geschickt, und Dr.
Matthews, Tante Adelines Arzt, suchte sie jede zweite Woche im
Dunkel der Nacht auf, um sich des positiven Verlaufs der
Schwangerschaft zu vergewissern.
Während ihrer neunmonatigen Gefangenschaft bekam Eliza
kaum jemand anderen zu Gesicht, und dennoch fühlte sie sich
nicht allein. Sie sang dem Kind in ihrem Bauch Lieder vor, erzählte ihm
Geschichten, hatte merkwürdige und lebhafte Träume.
Das Cottage schien zu einem warmen, alten Mantel um sie herum
zu schrumpfen.
Und der Garten, ein Ort, an dem Elizas Herz immer jubiliert
hatte, war prächtiger denn je. Die Blumen dufteten süßer, leuchteten bunter,
wuchsen schneller. Einmal, als Eliza unter dem Apfelbaum saß und warme Sommerluft
sie liebkoste, fiel sie in tiefen
Schlaf. Sie träumte so lebendig, als hätte sich ein durchreisender
Fremder neben ihr niedergelassen und ihr seine Geschichte ins
Ohr geflüstert. Sie handelte von einer jungen Frau, die ihre Ängste überwand und zu
einer langen, beschwerlichen Reise aufbrach, um einem geliebten alten Menschen die
Wahrheit zu
enthüllen.
584
Eliza erwachte in der Gewissheit, dass der Traum wichtig war
und dass sie ihn in ein Märchen einweben musste. Anders als die
meisten Trauminspirationen brauchte sie die Geschichte nur wenig zu ändern. Auch
das Kind in ihrem Bauch war zentraler Bestandteil der Geschichte. Eliza hätte nicht
erklären können, warum, aber sie war sich auf eigenartige Weise ganz sicher, dass
das
Kind eine wichtige Rolle spielte, ja, dass sie es ihm verdankte,
dass sie die Geschichte so klar und vollständig in Erinnerung behalten hatte.
Noch am selben Nachmittag schrieb Eliza die Geschichte auf
und gab ihr den Titel: Die Augen des alten Weibleins. Während
der folgenden Wochen fragte sie sich immer wieder, wer die traurige alte Frau sein
mochte, der man die Wahrheit geraubt hatte.
Auch wenn sie Nathaniel seit jener letzten Nacht nicht mehr gesehen hatte, wusste
Eliza, dass er immer noch an den Illustrationen zu ihrem Buch arbeitete, und sie
sehnte sich danach, die Gestalten zu sehen, zu denen ihr neuestes Märchen ihn
inspirieren
würde. Eines Abends, als Mary ihr wie gewohnt die Lebensmittel
brachte, erkundigte Eliza sich nach ihm. Um einen beiläufigen
Ton bemüht, fragte sie Mary, ob sie ihm wohl ausrichten könne,
er möge sie demnächst noch einmal besuchen. Doch Mary schüttelte nur den Kopf.
»Mrs Walker wird es nicht zulassen«, sagte sie leise, obwohl
sie allein im Cottage waren. »Ich habe gehört, wie sie sich bei
der Mistress bitterlich beklagt hat, und dann hat die Mistress gesagt, es gehört
sich nicht, dass er durch das Labyrinth zu Ihnen
kommt. Erst recht nicht nach allem, was geschehen ist.« Sie betrachtete Elizas
dicken Bauch. »Sie findet, man darf die Dinge
nicht durcheinanderbringen.«
»Aber das ist doch lächerlich«, erwiderte Eliza. »Nathaniel
und ich, wir lieben Rose beide, wir haben doch nur getan, worum
sie uns gebeten hat, um ihr ihren sehnlichsten Wunsch zu erfüllen.«
585
Mary, die nie mit ihrer Meinung hinter dem Berg gehalten hatte über das, was Eliza
getan hatte und was sie zu tun beabsichtigte, wenn das Kind erst einmal geboren
war, hüllte sich in
Schweigen.
Eliza seufzte frustriert. »Ich möchte einfach nur mit ihm über
die Illustrationen zu meinen Märchen sprechen.«
»Auch darüber ist Mrs Walker gar nicht erfreut«, sagte Mary.
»Ihr gefällt es nicht, dass er für Ihre Geschichten zeichnet.«
»Was kann sie denn dagegen haben?«
»Eifersüchtig, das ist sie, wie verrückt. Sie erträgt es nicht,
dass er seine Zeit und Energie opfert, um über Ihre Geschichten
nachzudenken.«
Von da an wartete Eliza nicht mehr auf Nathaniel, gab jedoch
Mary die handschriftliche Version von Die Augen des alten
Weibleins mit, die - gegen jede Vernunft, wie sie sagte - versprach, sie ihm zu
übergeben. Einige Tage später brachte ein Kurier ein Geschenk, eine Statue für
ihren Garten. Es war ein kleiner Junge mit einem engelhaften Gesicht. Auch ohne den
Begleitbrief zu lesen wusste Eliza, dass Nathaniel dabei an Sammy gedacht hatte. In
dem Brief entschuldigte er sich dafür, dass er sie
nicht besuchte, erkundigte sich nach ihrer Gesundheit, dann kam
er ohne Umschweife darauf zu sprechen, wie sehr ihm die neue
Geschichte gefiel, wie ihre Magie ihn beschäftigte, und dass er an
nichts anderes mehr denken könne als an die passenden Illustrationen.
Rose besuchte sie einmal im Monat, aber Eliza empfing ihre
Cousine nur noch mit gebührender Vorsicht. Anfangs war die
Stimmung immer gut, Rose lächelte freudig, wenn sie Eliza sah,
fragte, wie es ihr ging, und betastete Elizas Bauch, um zu fühlen,
wie das Kind sich darin bewegte. Aber jedes Mal kam ein Moment, an dem Roses
Stimmung ganz abrupt umschlug. Dann saß
sie händeringend da, wollte Elizas Bauch nicht mehr berühren,
konnte es nicht ertragen, sie anzusehen, und zupfte an ihrem
586
Kleid herum, das mit einem Kissen ausgestopft war, um eine
Schwangerschaft vorzutäuschen.
Nach dem sechsten Monat stellte Rose ihre Besuche ganz ein.
Vergeblich wartete Eliza an dem vereinbarten Tag auf sie, und
fragte sich verwirrt, ob sie sich vielleicht im Datum geirrt hatte.
Aber sie hatte es in ihrem Tagebuch eingetragen.
Zuerst fürchtete sie, dass Rose krank geworden war, denn was
sonst sollte sie von ihrem Besuch abhalten. Als Mary das nächste
Mal mit ihrem Korb voller Lebensmittel kam, konnte Eliza nicht
mehr an sich halten.
Mary stellte den Korb ab und setzte einen Kessel Wasser auf.
Und schwieg.
»Mary?«, sagte Eliza und krümmte den Rücken, um das Kind
zu bewegen, das gegen ihre Lenden drückte. »Du brauchst mich
nicht zu schonen. Wenn es Rose nicht gut geht …«
»Das ist es nicht, Miss Eliza.« Mary drehte sich zu ihr um.
»Mrs Walker findet es zu bedrückend, Sie zu besuchen.«
»Bedrückend?«
Mary wich Elizas Blick aus. »Sie hat das Gefühl, versagt zu
haben, noch mehr als früher. Sie kann nicht schwanger werden,
während Sie rumlaufen wie ein reifer Pfirsich. Nach ihren Besuchen bei Ihnen fühlt
sie sich tagelang unwohl. Dann will sie Mr
Walker nicht sehen, faucht die Mistress an und stochert in ihrem
Essen herum.«
»Dann freue ich mich jetzt schon auf die Geburt. Wenn ich das
Kind abliefere, wenn Rose endlich Mutter wird, dann wird sie all
diese Gefühle vergessen.«
Und auf diese Weise gerieten sie wieder in vertrautes Fahrwasser: Mary schüttelte
den Kopf und Eliza rechtfertigte ihre
Entscheidung. »Es ist nicht richtig, Miss Eliza. Eine Mutter kann
nicht einfach ihr Kind weggeben.«
»Es ist nicht mein Kind, Mary. Es gehört Rose.«
»Vielleicht werden Sie das anders sehen, wenn es so weit ist.«
»Das glaube ich nicht.«
587
»Sie wissen nicht …«
»Ich werde es nicht anders sehen, weil ich es nicht kann. Ich
habe mein Wort gegeben. Wenn ich meine Meinung ändern sollte,
würde Rose das niemals ertragen.«
Mary hob die Brauen.
»Ich werde Rose das Kind übergeben, und dann wird sie wieder glücklich sein«, sagte
Eliza nachdrücklich. »Wir werden zusammen glücklich sein, so wie wir es früher
waren. Verstehst du
das denn nicht, Mary? Das Kind, das ich trage, wird mir meine
Rose zurückgeben.«
Mary lächelte traurig. »Vielleicht haben Sie recht, Miss Eliza«,
sagte sie, aber es klang nicht sehr überzeugt.
Dann, nach Monaten, in denen die Zeit still zu stehen schien,
setzten die Wehen ein. Eine Woche eher als erwartet. Schmerzen,
nichts als Schmerzen, der Körper wie eine Maschine, die sich in
Betrieb setzt, um die Aufgabe zu erfüllen, für die sie vorgesehen
ist. Mary, die die Anzeichen der bevorstehenden Geburt erkannt
hatte, versicherte Eliza, sie werde zur Stelle sein. Ihre Ma hatte
mehrere Kinder zur Welt gebracht, und Mary wusste, was zu tun
war.
Die Geburt verlief problemlos, und das Kind war das schönste,
das Eliza je gesehen hatte, ein Mädchen, mit winzigen, hübsch
anliegenden Ohren und zarten, blassen Fingern, die bei jedem
Lufthauch zuckten.
Obwohl Mary den Auftrag hatte, unverzüglich über jedes Anzeichen der bevorstehenden
Geburt zu berichten, ließ sie sich
mehrere Tage Zeit. Sie sprach nur mit Eliza und beschwor sie,
noch einmal darüber nachzudenken, was es bedeutete, diesen
schrecklichen Pakt einzuhalten. Denn es sei nicht rechtens, flüsterte Mary immer
wieder, dass man von einer Frau verlangte, ihr
Kind zu opfern.
Drei Tage und Nächte lang war Eliza mit ihrem Neugeborenen
allein. Wie seltsam es war, den kleinen Menschen vor sich zu ha588
ben, der in ihrem Körper herangewachsen war. Die winzigen
Hände und Füße zu streicheln, die sie gefühlt hatte, als sie von
innen gegen ihren Bauch gestrampelt hatten. Die kleinen Lippen
zu betrachten, geschürzt, als wollten sie etwas sagen. Ein Ausdruck unendlicher
Weisheit, als ob dieser kleine Mensch bereits
das Wissen eines ganzen Lebens in sich trug.
Mitten in der dritten Nacht stand Mary vor der Tür und sprach
die gefürchteten Worte aus. Am kommenden Abend würde Dr.
Matthews Eliza aufsuchen. Dann ergriff Mary Elizas Hände und
flüsterte, falls sie doch zu der Überzeugung gelangt sei, das Kind
zu behalten, müsse sie sofort aufbrechen. Sie solle ihr Kind nehmen und fliehen.
Aber obwohl der Gedanke an Flucht schon Elizas Herz ergriffen hatte, obwohl er an
ihr zerrte und sie zum Handeln drängte,
ließ sie ihn schnell wieder fallen. Ohne den fürchterlichen
Schmerz in ihrer Brust zu beachten, versicherte sie Mary noch
einmal, sie wisse, was sie tue. Sie betrachtete ihr Kind, das perfekte kleine
Gesicht, versuchte zu begreifen, dass sie es zur Welt
gebracht hatte, dass sie dieses wunderbare Wesen geschaffen
hatte, bis der pochende Schmerz in ihrem Kopf, ihrem Herzen,
ihrer Seele unerträglich wurde. Und dann, als beobachtete sie
sich selbst aus weiter Ferne, tat sie, was sie versprochen hatte:
legte das winzige Kind in Marys Arme und ließ zu, dass sie es
mitnahm. Schloss die Tür hinter ihr und blieb allein im stillen,
leblosen Cottage zurück. Und als die Morgendämmerung sich
über den Garten legte und die Wände des Cottage wieder zurücktraten, wurde Eliza
bewusst, dass sie nie zuvor in ihrem Leben
das schwarze Grauen der Einsamkeit gekannt hatte.
Auch wenn sie Linus’ Faktotum Mansell verachtete und seinen
Namen verflucht hatte, als er Eliza in ihr Leben geholt hatte,
konnte Adeline nicht bestreiten, dass der Mann wusste, wie man
Leute aufspürte. Erst drei Tage waren vergangen, seit er nach
London geschickt worden war, und an diesem Nachmittag, als
589
Adeline im Wintergarten saß und so tat, als wäre sie mit Stickarbeiten beschäftigt,
wurde sie ans Telefon gerufen.
Mansell am anderen Ende der Leitung war Gott sei Dank diskret. Man konnte nie
wissen, ob nicht an einem anderen Apparat
jemand mithörte. »Ich rufe an, Lady Mountrachet, um Ihnen mitzuteilen, dass ich
jetzt einige der Waren, die Sie bestellt haben,
besorgen konnte.«
Adeline stockte der Atem. So bald schon? Vorfreude, Hoffnung und Nervosität
verursachten ihr ein Kribbeln in den Fingerspitzen. Sie schluckte. »Und darf ich
fragen, ob es sich um den
größeren oder den kleineren Gegenstand handelt, der sich in Ihrem Besitz befindet?«
»Um den größeren.«
Adeline schloss die Augen. Sie bemühte sich, sich weder ihre
Erleichterung noch ihre Freude anmerken zu lassen. »Und wann
kann ich mit der Lieferung rechnen?«
»Wir verlassen London unverzüglich. Ich werde heute Abend
auf Blackhurst eintreffen.«
Und Adeline hatte gewartet. Und immer noch wartete sie. Lief
auf dem Orientteppich hin und her, glättete ihren Rock und
kommandierte die Dienstboten herum, während sie fieberhaft
überlegte, wie sie Eliza aus dem Weg räumen könnte.
Eliza hatte sich einverstanden erklärt, nie wieder in die Nähe des
Hauses zu kommen, und das tat sie auch nicht. Aber sie hielt die
Augen offen. Und sie spürte, dass sie, obwohl sie genügend Geld
gespart hatte, um eine Schiffsreise in ein fernes Land zu buchen,
etwas davon abhielt. Es war, als hätte sich mit der Geburt des
Kindes der Anker, den Eliza ihr ganzes Leben lang gesucht hatte,
in den Boden von Blackhurst versenkt.
Das Kind übte eine magnetische Anziehungskraft aus, und so
blieb sie. Dennoch löste sie ihr Versprechen gegenüber Rose ein
und hielt sich vom Haus fern. Suchte sich neue Verstecke, von
denen aus sie das Haus beobachten konnte. So wie sie es als
590
Mädchen getan hatte, wenn sie auf dem Regal in Mrs Swindells
winzigem Zimmer unter dem Dach gelegen hatte. Und beobachtete, wie sich die Welt um
sie herum bewegte, während sie selbst
sich reglos verhielt, außerhalb des Geschehens.
Denn mit dem Verlust des Kindes war sie mitten in ihr altes
Leben zurückgefallen, in ihr früheres Selbst. Sie hatte ihr Geburtsrecht aufgegeben
und damit den Sinn ihres Lebens verloren.
Sie schrieb kaum noch, lediglich ein Märchen, das sie für würdig
erachtete, in die Sammlung aufgenommen zu werden. Die Geschichte über eine junge
Frau, die allein in einem dunklen Wald
lebte, die aus dem richtigen Grund die falsche Entscheidung traf
und so nach und nach ihr Leben zerstörte.
Aus tristen Monaten wurden lange Jahre, dann, eines Sommermorgens im Jahr 1913,
traf das fertige Märchenbuch vom
Verlag ein. Eliza lief damit ins Haus, riss die Verpackung auf, um
den ledergebundenen Schatz freizulegen. Sie setzte sich in ihren
Schaukelstuhl, schlug die Titelseite auf und hielt sich das Buch
vors Gesicht. Es roch nach frischer Druckerschwärze und nach
Leim, genau wie ein richtiges Buch. Und innendrin standen ihre
Geschichten, ihr mit Herzblut geschriebenes Werk. Sie blätterte
die eng bedruckten, frischen Seiten um, bis sie zu Die Augen des
alten Weibleins kam. Beim Lesen des Märchens fiel ihr wieder
der eigenartige, lebhafte Traum im Garten unter dem Apfelbaum
ein, der in ihr das alles durchdringende Gefühl hinterlassen hatte, dass das Kind
in ihrem Bauch für die Geschichte wichtig war.
Und plötzlich wusste Eliza, dass das Kind, ihr Kind, das Märchen besitzen musste,
dass die beiden irgendwie miteinander verbunden waren. Also wickelte sie das Buch
in Packpapier, wartete
eine passende Gelegenheit ab, und schließlich tat sie das, was sie
versprochen hatte, niemals zu tun: Sie durchschritt das verbotene
Tor des Labyrinths und näherte sich dem Haus.
591
Unzählige Staubpartikel tanzten in einem Streifen Sonnenlicht,
der zwischen zwei Fässern hindurchfiel. Das kleine Mädchen lächelte, und die
Autorin, die Klippe, das Labyrinth, Mama, all das
war mit einem Mal vergessen. Es streckte einen Finger aus, versuchte, ein Staubkorn
zu erwischen. Lachte darüber, wie nah die
Körnchen dem Finger kamen, bevor sie davonschwebten.
Die Geräusche in der Umgebung änderten sich. Das kleine
Mädchen hörte Fußgetrappel, aufgeregtes Stimmengewirr. Es
beugte sich in den Lichtschleier vor und legte die Wange an das
kühle Holz des Fasses. Spähte mit einem Auge auf das Deck.
Beine und Schuhe und Rocksäume. Bunte Luftschlangen, die
im Wind flatterten. Gewitzte Möwen, die das Deck nach Krumen
absuchten.
Das riesige Schiff schlingerte, und tief aus seinem Bauch ertönte ein lang
gezogenes Stöhnen. Die Deckplanken vibrierten,
dass das kleine Mädchen es bis in die Fingerspitzen spürte. Ein
kurzer Augenblick der Ungewissheit, das Mädchen hielt den
Atem an, stützte sich mit den Handflächen am Boden ab, dann
hob und senkte sich das Schiff und entfernte sich vom Kai. Die
Schiffssirene heulte auf, großer Jubel und »Bon Voyage!«-Rufe
erklangen, und sie waren unterwegs.
Sie kamen am späten Abend in London an. Die Dunkelheit lag
dicht und schwer über dem Straßengewirr, als sie den Weg vom
Bahnhof zum Fluss einschlugen. Das kleine Mädchen war müde Eliza hatte es wecken
müssen, als sie die Endstation erreichten -,
aber es beschwerte sich nicht. Es hielt Elizas Hand und folgte
ihren klappernden Absätzen.
An diesem Abend teilten sie sich in ihrem Zimmer eine Suppe
mit Brot. Beide waren müde von der Reise und sprachen kaum,
beäugten sich nur neugierig über ihren Löffel hinweg. Das kleine
Mädchen fragte nach seiner Mutter und seinem Vater, aber Eliza
antwortete nur, dass sie dort, wo sie hinfuhren, auf sie warten
würden. Es war die Unwahrheit, aber Eliza war zu dem Schluss
592
gekommen, dass es nicht anders ging: Sie würde Zeit brauchen,
um sich zu überlegen, wie sie der Kleinen beibringen würde, dass
Rose und Nathaniel nicht mehr lebten.
Nach dem Abendessen fiel Ivory sofort auf dem einzigen Bett
im Zimmer in tiefen Schlaf, während Eliza im Sessel am Fenster
saß. Sie betrachtete abwechselnd die dunkle Straße, auf der es
von Menschen nur so wimmelte, und das schlafende Kind, das
sich ab und zu unter dem Laken regte. Mit der Zeit rückte Eliza
immer näher an das Kind heran, beobachtete das kleine Gesicht
mehr und mehr aus der Nähe, bis sie sich schließlich vorsichtig
neben das Bett kniete, so nah, dass sie den Atem der Kleinen in
ihrem Haar spüren und die winzigen Sommersprossen auf ihren
Wangen zählen konnte. Und was für ein perfektes Gesicht das
war, wie prächtig die elfenbeinfarbene Haut und die Rosenknospen-Lippen. Es war
dasselbe Gesicht, derselbe weise Ausdruck,
den Eliza schon in den ersten Tagen nach der Geburt wahrgenommen hatte. Dasselbe
Gesicht, das ihr seitdem so oft in ihren
nächtlichen Träumen begegnet war.
Und mit einem Mal überkam sie ein überwältigendes Gefühl,
ein Verlangen, das nur Liebe sein konnte, so heftig, dass jede Pore ihres Körpers
mit Gewissheit gefüllt war. Es war, als würde
ihr Körper dieses Kind erkennen, das sie so selbstverständlich
auf die Welt gebracht hatte, so wie sie ihre eigene Hand, ihr eigenes Gesicht im
Spiegel und ihre Stimme in der Dunkelheit erkannte. Ganz vorsichtig legte sich
Eliza aufs Bett und schmiegte
sich an das schlafende Mädchen. Wie sie sich in anderen Zeiten,
in einem anderen Zimmer, an den warmen Körper ihres Bruders
Sammy geschmiegt hatte.
Endlich war Eliza zu Hause.
An dem Tag, als das Schiff ablegen sollte, waren Eliza und Ivory
schon frühzeitig unterwegs, um Einkäufe zu erledigen. Eliza kaufte einige
Kleidungsstücke, eine Haarbürste und einen kleinen
Koffer, um die Sachen unterzubringen. Ganz unten im Koffer ver593
staute sie einen Briefumschlag, der einige Banknoten und einen
Zettel mit Marys Adresse in Polperro enthielt - für alle Fälle. Der
Koffer hatte genau die richtige Größe, dass ein Kind ihn tragen
konnte, und Ivory war begeistert. Sie hielt ihn fest umklammert,
während Eliza sie durch die Menschenmenge auf dem Dock führte.
Überall herrschte emsiges Treiben und Lärm: pfeifende Lokomotiven, Rauchwolken,
Kräne, die Kinderwagen, Fahrräder und
Grammofone an Bord hievten. Ivory musste lachen, als sie an einer Herde blökender
Ziegen und Schafe vorbeikamen, die in den
Schiffsbauch verfrachtet wurden. Sie trug das hübschere der beiden Kleider, die
Eliza ihr gekauft hatte, und sah aus wie das typische kleine Mädchen aus
wohlhabendem Haus, das seine Tante
auf eine lange Schiffsreise verabschiedet. Als sie die Landungsbrücke erreichten,
hielt Eliza dem Offizier ihre Bordkarte hin.
»Willkommen an Bord, Madam«, sagte er und nickte, dass seine Uniformmütze hüpfte.
Eliza erwiderte das Nicken. »Es ist mir ein Vergnügen, eine
Reise auf Ihrem prächtigen Schiff gebucht zu haben«, sagte sie.
»Meine Nichte ist genauso aufgeregt wie ihre Tante. Sehen Sie,
sie hat sogar ihr eigenes Köfferchen mitgebracht, so als würde
sie selbst auf Reisen gehen.«
»Dir gefallen wohl große Schiffe, was, kleine Miss?«, bemerkte
der Offizier.
Ivory nickte und lächelte, sagte aber nichts. Genau wie Eliza es
ihr aufgetragen hatte.
»Mein Bruder und meine Schwägerin warten da unten am
Kai«, sagte Eliza und winkte in Richtung der anwachsenden
Menge. »Sie haben doch bestimmt nichts dagegen, wenn ich meine kleine Nichte mal
kurz mit an Deck nehme, um ihr meine Kabine zu zeigen?«
Der Offizier warf einen Blick auf die Schlange der Passagiere,
die immer länger wurde.
594
»Es dauert nicht lange«, sagte Eliza. »Es würde dem Kind eine
solche Freude bereiten.«
»Na meinetwegen«, erwiderte er. »Bringen Sie sie nur rechtzeitig wieder zurück.« Er
zwinkerte Ivory zu. »Ich fürchte, deine
Eltern würden dich vermissen, wenn du ohne sie verreisen würdest.«
Eliza nahm Ivory an der Hand und ging die Landungsbrücke
hinauf.
Überall Menschen, laute Stimmen, klatschende Wellen, Nebelhörner. Das
Schiffsorchester spielte eine schwungvolle Melodie
auf dem Deck, während Zimmermädchen in alle Richtungen eilten, Postjungen
Telegramme zustellten und blasierte Pagen mit
wichtigtuerischer Miene Schokolade und kleine Präsente für die
Passagiere herumtrugen.
Anstatt dem Chefsteward ins Innere des Schiffs zu folgen, führte Eliza Ivory über
das Deck zu einem Stapel hölzerner Fässer.
Sie bugsierte die Kleine hinter die Fässer und hockte sich vor sie,
sodass ihre Röcke sich auf den Deckplanken ausbreiteten. Ivory
war völlig fasziniert. Noch nie hatte sie so viele Menschen gesehen und ein so
geschäftiges Treiben erlebt und sie blickte aufgeregt in alle Richtungen.
»Du musst hier warten«, sagte Eliza. »Rühr dich nicht von der
Stelle. Ich bin bald wieder zurück.« Sie zögerte und warf einen
Blick zum Himmel. Über ihnen kreisten die Möwen mit aufmerksamen schwarzen Augen.
»Warte hier auf mich, hörst du?«
Ivory nickte.
»Du bist doch gut im Verstecken, oder?«
»Natürlich.«
»Das ist ein Spiel, das wir spielen.« Als Eliza diese Worte aussprach, sah sie
Sammy vor ihrem geistigen Auge, und ihr lief ein
Schauer über den Rücken.
»Ich spiele gern.«
595
Eliza schluckte und verscheuchte das Bild. Dieses kleine Mädchen war nicht Sammy.
Sie spielten nicht den Ripper. Alles würde
gut werden. »Ich komme bald wieder zu dir zurück.«
»Wohin gehst du?«
»Ich muss mich noch von jemandem verabschieden und etwas
abholen, bevor das Schiff ablegt.«
»Was denn?«
»Meine Vergangenheit«, sagte sie. »Meine Zukunft.« Sie lächelte kurz. »Meine
Familie.«
Während die Kutsche in Richtung Blackhurst holperte, lichtete
sich der Nebel in Elizas Kopf. Allmählich kam sie wieder zu sich:
Schaukeln, dumpfes Hufgetrappel, muffiger Geruch.
Sie zwang sich, die Augen zu öffnen, blinzelte. Schwarze
Schatten lösten sich in staubigen Lichtstrahlen auf. Als sie versuchte, ihren Blick
zu fokussieren, wäre sie beinahe wieder ohnmächtig geworden.
Es war jemand bei ihr, ein Mann, der ihr gegenübersaß. Sein
Kopf war seitlich gegen den Ledersitz gelehnt, und sein regelmäßiger Atem wurde
manchmal von leichtem Schnarchen unterbrochen. Er war klein und rundlich, und auf
seinem Nasenrücken
klemmte eine bügellose Brille.
Eliza holte tief Luft, sie war wieder zwölf Jahre alt, sie war aus
ihrer vertrauten Umgebung herausgerissen worden und fuhr einer
ungewissen Zukunft entgegen. Sie war eingesperrt in einer Kutsche mit dem bösen
Mann, von dem ihre Mutter ihr immer erzählt
hatte. Mansell.
Und dennoch … irgendwie schien es nicht zu stimmen. Irgendetwas wollte ihr nicht
einfallen, eine dunkle summende Wolke
am Rande ihres Denkens. Irgendetwas Wichtiges, irgendetwas,
das sie tun musste.
Sie atmete schwer. Wo war Sammy? Er müsste eigentlich bei
ihr sein, sie musste ihn beschützen …
596
Hufgetrappel draußen. Das Geräusch machte ihr Angst und
verursachte ihr Übelkeit, auch wenn sie nicht wusste, warum. Die
dunkle Wolke begann zu wirbeln. Sie kam näher.
Elizas Blick fiel auf ihren Rock und die im Schoß gefalteten
Hände. Ihre Hände, und doch überhaupt nicht ihre.
Helles Licht bahnte sich den Weg durch ein Loch in der Wolkendecke: Sie war gar
nicht mehr zwölf, sie war eine erwachsene
Frau …
Aber was war geschehen? Wo war sie? Warum war Mansell
bei ihr?
Ein Cottage hoch auf den Klippen, ein Garten, das Meer …
Ihre Atemzüge wurden jetzt lauter, brannten ihr in der Kehle.
Eine Frau, ein Mann, ein Kind …
Panik erfasste sie.
Immer mehr Licht … die Wolke verschwand, löste sich auf …
Worte, Bedeutungsfetzen: Maryborough … ein Schiff … ein
Kind, nicht Sammy, ein kleines Mädchen …
Elizas Kehle brannte. Ein Loch öffnete sich in ihr und füllte
sich rasch mit schwarzer Angst.
Das kleine Mädchen war ihre Tochter.
Klarheit, die so grell brannte: Ihre Tochter war allein auf einem
Schiff, das bald ablegen würde.
Die Panik durchdrang all ihre Poren. Ihr Puls raste und hämmerte gegen ihre
Schläfen. Sie musste fliehen, zurück zum Schiff.
Eliza spähte seitlich zur Tür.
Die Kutsche fuhr schnell, aber es war ihr egal. Das Schiff würde heute ablegen, und
das kleine Mädchen war an Bord. Das
Kind, ihr Kind, ganz allein.
Mit schmerzender Brust und dröhnendem Kopf streckte Eliza
die Hand aus.
Mansell regte sich. Seine trüben Augen öffneten sich, erblickten Elizas Arm, die
Finger, die den Türgriff umklammerten.
Ein grausames Lächeln zeigte sich auf seinen Lippen.
597
Sie drückte den Griff herunter: Er wollte sich auf sie stürzen,
um sie aufzuhalten, aber Eliza war schneller. Ihre Not war letztendlich größer.
Und sie fiel, die Tür der Kutsche hatte sich geöffnet, und sie fiel,
fiel, fiel in Richtung der kalten, dunklen Erde. Die Zeit verschmolz in einen
Moment, Vergangenheit war Gegenwart war
Zukunft. Eliza schloss die Augen nicht, sie sah die Erde näher
kommen, der Geruch nach Schlamm, Gras, Hoffnung - und sie
flog mit ausgebreiteten Flügeln über den Boden, immer höher,
ließ sich vom Wind tragen, das Gesicht kühl, der Kopf ganz klar.
Und Eliza wusste, wohin es ging. Sie flog zu ihrer Tochter, zu
Ivory. Zu dem Menschen, den sie ihr ganzes Leben gesucht hatte,
ihrer anderen Hälfte. Endlich war sie wieder ganz und auf dem
Weg nach Hause.
600
»Ich meine, wenn sie etwas hätte sagen können, hätte sie es getan. Oder etwa
nicht?«
Christian nickte langsam und hob die Brauen, als ihm die Implikationen dieses
Gedankens bewusst wurden. Dann stieß er die
Schaufel in das Loch.
Der Wurzelstock war so dick, dass Cassandra erst das Unkraut
daneben wegräumen musste, um ihn weiter freilegen zu können.
Sie lächelte in sich hinein. Die Pflanze mochte verwildert sein
und kaum noch Blätter haben, aber Cassandra erkannte sie, denn
in Nells Garten in Brisbane hatte sie ähnliche Arten gesehen. Es
war ein zäher alter Rosenstock, und er wuchs hier schon seit
Jahrzehnten, wenn nicht sogar länger. Der Stamm der Pflanze
war so dick wie ihr Unterarm, mit Ranken voller Dornen. Aber er
lebte noch, und bei einiger Pflege würde er wieder anfangen zu
blühen.
»Oh Gott.«
Cassandra blickte von ihrer Rose auf. Christian kniete auf allen
vieren und beugte sich in das Loch hinunter. »Was ist?«, fragte
sie.
»Ich habe was entdeckt.« Sein Tonfall war irgendwie merkwürdig, schwer zu deuten.
Cassandra war wie elektrisiert. »Was Beängstigendes oder was
Aufregendes?«
»Ich glaube eher, was Aufregendes.«
Sie kniete sich neben ihn und spähte in das Loch. Ihr Blick
folgte der Richtung seines Zeigefingers.
Mitten im feuchten Erdreich ragte etwas aus dem Boden. Ein
kleiner Gegenstand, braun und glatt.
Christian legte den Gegenstand mit den Händen frei und zog
einen Tonkrug hervor, die Art, in der man früher Senf und anderes Eingemachtes
aufbewahrte. Er wischte die Erde von dem
Krug und reichte ihn Cassandra. »Ich glaube, der Garten hat soeben sein Geheimnis
gelüftet.«
601
Der Ton fühlte sich kühl an ihren Fingern an, und der Krug
war erstaunlich schwer. Cassandra schlug das Herz bis zum Hals.
»Sie muss ihn hier vergraben haben«, sagte Christian. »Der
Mann, der sie in London entführt hat, muss sie zurück nach
Blackhurst gebracht haben.«
Aber warum hätte Eliza den Tonkrug vergraben sollen, nachdem sie ein solches Risiko
eingegangen war, ihn sich zu beschaffen? Warum hätte sie riskieren sollen, ihn
erneut zu verlieren?
Und wenn sie Zeit hatte, den Krug zu vergraben, warum hatte sie
dann nicht Kontakt mit dem Schiff aufgenommen? Und die kleine Ivory geholt?
Die Erkenntnis kam plötzlich. Etwas, das die ganze Zeit vor
ihnen gelegen hatte, wurde deutlich. Cassandra atmete heftig ein.
»Was ist?«
»Ich glaube nicht, dass sie den Krug vergraben hat«, flüsterte
Cassandra.
»Aber wer soll es dann getan haben?«
»Niemand, glaube ich, ich vermute eher, dass der Krug mit ihr
zusammen vergraben wurde.« Und jetzt lag sie hier seit neunzig
Jahren und wartete darauf, dass jemand sie fand. Dass Cassandra
sie fand und ihr Geheimnis aufdeckte.
Christian starrte mit weit aufgerissenen Augen in das Loch. Er
nickte langsam. »Das würde auch erklären, warum sie nicht zu
Ivory, zu Nell zurückgegangen ist.«
»Sie konnte es nicht, denn sie war bereits hier.«
»Aber wer hat sie hier vergraben? Ihr Entführer? Ihre Tante
oder ihr Onkel?«
Cassandra schüttelte den Kopf. »Ich weiß es nicht. Nur eins ist
sicher: Wer auch immer es getan hat, wollte nicht, dass es jemand
erfährt. Es gibt keinen Grabstein, nichts, um die Stelle zu markieren. Eliza sollte
verschwinden, und die Wahrheit über ihren Tod
für immer verborgen bleiben. Vergessen, genau wie ihr Garten.«
602
50 Blackhurst Manor Cornwall, 1913
Adeline wandte sich vom Kamin ab und sog so heftig die Luft
ein, dass ihre Taille noch schmaler wurde. »Was soll das heißen,
es ist nicht alles nach Plan verlaufen?«
Es war inzwischen dunkel, und die Wälder am Rand des Anwesens waren näher gerückt.
Kalte Schatten, die dem Kerzenlicht
widerstanden, lagen in den Ecken des Zimmers.
Mr Mansell rückte seinen Kneifer zurecht. »Es hat einen Sturz
gegeben. Sie hat sich aus der Kutsche geworfen. Die Pferde sind
außer Kontrolle geraten.«
»Ein Arzt«, rief Linus aus. »Wir müssen einen Arzt rufen.«
»Ein Arzt kann ihr nicht mehr helfen«, sagte Mr Mansell ungerührt. »Sie ist bereits
tot.«
Adeline schnappte nach Luft. »Was?«
»Tot«, wiederholte er. »Die Frau, Ihre Nichte, ist tot.«
Adeline schloss die Augen, ihre Knie gaben nach. Die Welt um
sie herum drehte sich, sie fühlte sich plötzlich ganz leicht, ohne
Schmerzen, frei. Wie war es möglich, dass eine solche Last so
unerwartet von ihr genommen wurde? Dass ein tödlicher Sturz
sie von ihrem ärgsten und ältesten Widersacher befreien konnte,
Georgianas Erbe?
Adeline trauerte nicht. Ihre Gebete waren erhört worden, die
Welt hatte sich aus eigener Kraft ins Lot gebracht. Das Mädchen
war tot. Fort. Das war das Einzige, was zählte. Zum ersten Mal
seit Roses Tod konnte sie wieder frei atmen. Ein warmer Schauer
des Glücks strömte in ihre Adern. »Wo?«, fragte sie. »Wo ist
sie?«
»In der Kutsche …«
»Sie haben sie hergebracht?«
»Viel mehr konnte ich nicht tun.«
»Das Kind …«, ließ sich Linus aus seinem Sessel vernehmen.
Sein Atem ging kurz und flach. »Wo ist das kleine rothaarige
Mädchen?«
603
»Die Frau hat ein paar Worte gemurmelt, ehe sie sich aus der
Kutsche gestürzt hat. Sie war benommen, und ich konnte sie
kaum verstehen, aber sie hat etwas von einem Schiff gesagt. Sie
war aufgeregt, wollte unbedingt rechtzeitig am Hafen sein, ehe es
ablegte.«
»Gehen Sie«, befahl Adeline. »Warten Sie an der Kutsche. Ich
werde die notwendigen Vorkehrungen treffen, dann werde ich Sie
rufen lassen.«
Mansell nickte knapp und machte dann auf dem Absatz kehrt.
Nahm das letzte bisschen Wärme mit, als er das Zimmer verließ.
»Was ist mit dem Kind?«, stieß Linus hervor.
Adeline, die bereits krampfhaft nach einer Lösung suchte, beachtete ihn nicht.
Natürlich durfte niemand vom Dienstpersonal
etwas erfahren. Aber die Bediensteten glaubten sowieso alle, dass
Eliza Cornwall verlassen hatte, nachdem sie erfahren hatte, dass
Rose und Nathaniel planten, nach New York überzusiedeln. Es
war ein Segen, dass Eliza so oft von ihrem Wunsch gesprochen
hatte, eine große Reise zu unternehmen.
»Was ist mit dem Kind?«, fragte Linus noch einmal. Mit zitternden Fingern fummelte
er an seinem Kragen herum. »Mansell
muss die Kleine finden, das Schiff ausfindig machen. Wir müssen
sie wiederbekommen, sie muss gefunden werden.«
Adeline schluckte ihren Abscheu herunter, als sie seine schlaffe Gestalt
betrachtete. »Warum?«, fragte sie kühl. »Warum muss
sie gefunden werden? Was bedeutet sie uns schon?« Dann beugte
sie sich vor und flüsterte: »Begreifst du denn nicht? Wir sind
frei.«
»Sie ist unsere Enkelin.«
»Aber sie ist nicht von unserem Blut.«
»Sie ist von meinem Blut.«
Adeline überhörte seine Antwort. Sie hatte keine Zeit, sich mit
solchen Sentimentalitäten abzugeben. Nicht jetzt, wo sie endlich
in Sicherheit waren. Sie wandte sich ab und begann, im Zimmer
auf und ab zu gehen. »Wir werden den Leuten erzählen, dass das
604
Kind an Scharlach erkrankt war, als wir es endlich hier auf dem
Anwesen gefunden haben. Das wird kein Misstrauen erregen,
denn wir hatten ja schon verlauten lassen, dass sie krank im Bett
liegt. Wir werden dem Dienstpersonal erklären, dass nur ich allein sie pflege, dass
Rose es so gewollt hätte. Und nach einer
Weile, wenn alle Welt glaubt, dass wir alles darangesetzt haben,
die Krankheit zu bekämpfen, wird es eine feierliche Bestattung
geben.«
Ja, Ivory würde ein Begräbnis bekommen, wie es sich für eine
geliebte Enkelin geziemte, aber Adeline würde dafür sorgen, dass
Eliza schnell und unbemerkt beseitigt wurde. Auf keinen Fall
würde sie auf dem Familienfriedhof beigesetzt werden, so viel
stand fest. Der gesegnete Boden, in dem Rose ihre letzte Ruhe
gefunden hatte, würde nicht besudelt werden. Sie musste irgendwo begraben werden,
wo sie niemand finden konnte. Wo niemand jemals nach ihr suchen würde.
Am nächsten Morgen ließ Adeline sich von Davies durch das Labyrinth führen. Ein
grässlicher, feuchter Ort. Der Geruch nach
modrigem Unterholz, das nie einen Sonnenstrahl abbekam, war
überwältigend. Der Saum ihres schwarzen Trauerkleids schleifte
über den Boden, und abgefallene Blätter blieben wie Kletten daran hängen. Sie sah
aus wie ein riesiger schwarzer Vogel, der seine Federn aufplusterte, um den kalten
Winter zu überstehen, der
sich seit Roses Tod über sie gelegt hatte.
Als sie den ummauerten Garten erreichten, schob Adeline Davies beiseite und ging
mit schnellen Schritten über den schmalen
Gartenpfad. Kleine Vögel flogen auf und zwitscherten wütend in
ihren neu gefundenen Verstecken. Sie ging so schnell, wie die
Etikette es gerade noch erlaubte, bestrebt, sich nur so lange wie
unbedingt nötig an diesem verfluchten Ort aufzuhalten, dessen
Geruch nach dampfender Fruchtbarkeit ihr die Sinne betäubte.
Am hinteren Ende des Gartens blieb Adeline stehen.
605
Ihre Lippen verzogen sich zu einem schmalen Lächeln. Sie hatte gefunden, wonach sie
gesucht hatte.
Ein Schauder überlief sie, dann drehte sie sich um. »Ich habe
genug gesehen«, sagte sie. »Meine Enkelin ist schwer krank, und
ich muss wieder zurück an ihr Bett.«
Als Davies sie einen Moment zu lange anschaute, machte sich
plötzlich ein Gefühl der Beklommenheit in ihrer Brust breit. Entschlossen schob sie
es beiseite. Was konnte er schon von ihren
Plänen wissen? »Führen Sie mich zurück zum Haus.«
Auf dem Rückweg durchs Labyrinth hielt Adeline sich einige
Schritte hinter dem grobschlächtigen Mann. Alle paar Meter zog
sie die Hand aus ihrer Rocktasche und ließ ein paar glitzernde
Steinchen aus Ivorys Sammlung fallen, die sie im Kinderzimmer
gefunden hatte.
Der Nachmittag wollte einfach nicht vergehen, die Abendstunden
zogen sich in die Länge, aber dann war es endlich Mitternacht.
Adeline erhob sich von ihrem Bett, zog ihr Kleid und ihre
Schnürstiefel an. Schlich auf Zehenspitzen die Treppe hinunter,
durch den Korridor und in die Nacht hinaus.
Es war Vollmond, und sie hielt sich im Schatten der Bäume
und Sträucher, als sie den Rasen überquerte. Das Tor zum Labyrinth war geschlossen,
aber es bereitete Adeline keine Mühe, das
Schloss zu öffnen. Sie betrat das Labyrinth und lächelte, als sie
die ersten Steinchen auf dem Weg entdeckte, die im Mondlicht
silbrig schimmerten.
Sie folgte den Steinchen, bis sie das hintere Tor erreichte, hinter dem der geheime
Garten lag.
Innerhalb der hohen Mauern schien der ganze Garten zu summen. Das Mondlicht hatte
das Laub mit einem silbernen Film
überzogen, und in der leichten Brise schienen die Blätter leise zu
klimpern, als wären sie aus Metall. Wie Harfenmusik.
Adeline hatte das merkwürdige Gefühl, heimlich beobachtet zu
werden. Sie sah sich in dem mondbeschienenen Garten um, er606
schrak, als sie in einer Astgabel zwei große Augen erblickte.
Dann erkannte sie die Federn der Eule, ihren runden Körper, den
scharfen Schnabel.
Doch sie fühlte sich kaum erleichtert. Etwas Seltsames lag im
Blick des Vogels. Ein Ausdruck des Wissens um die irdischen
Dinge. Diese großen, wachsamen, urteilenden Augen.
Sie wandte sich ab. Von so einem Vogel würde sie sich nicht
ins Bockshorn jagen lassen.
Dann ein Geräusch. Aus dem Cottage. Adeline duckte sich hinter die Gartenbank. Sah,
wie zwei dunkle Gestalten aus dem Haus
kamen. Mansell, dachte sie. Aber wen hatte er bei sich?
Die Gestalten bewegten sich langsam, sie schienen etwas
Schweres zu tragen. Sie legten ihre Last hinter der Mauer ab,
dann trat eine der Gestalten über die Grube in den geheimen Garten.
Ein Zischen, als Mansell ein Streichholz anriss, dann das Aufblitzen eines warmen
Lichts: ein orangefarbenes Herz, umgeben
von einem bläulichen Kranz. Er hielt das brennende Streichholz
an den Docht der Lampe und drehte an der Einstellschraube, um
die Flamme größer und heller werden zu lassen.
Adeline erhob sich und ging auf Mansell zu.
»Guten Abend, Lady Mountrachet«, sagte er.
Sie zeigte auf den zweiten Mann und erwiderte kühl: »Wer ist
das?«
»Slocombe«, sagte Mansell. »Mein Kutscher.«
»Was hat er hier zu suchen?«
»Die Klippe ist steil und das Paket schwer.« Das Licht der Laterne spiegelte sich
in seinem Kneifer. »Er kann schweigen.« Er
hielt die Lampe so, dass Adeline die untere Hälfte von Slocombes
Gesicht sehen konnte. Der Unterkiefer des Mannes war grauenhaft entstellt, wo
Lippen hätten sein sollen, befanden sich nur
knotige Narben.
Während die Männer die Grube vergrößerten, die die Arbeiter
angefangen hatten, betrachtete Adeline das dunkle Leichentuch
607
unter dem Apfelbaum. Endlich würde das Mädchen der Erde
übergeben werden. Sie würde verschwinden und vergessen werden, es würde sein, als
hätte sie nie existiert. Und mit der Zeit
würden die Leute vergessen, dass es sie je gegeben hatte.
Adeline schloss die Augen, bemühte sich, weder auf die vermaledeiten Vögel, die
leise zu zwitschern begonnen hatten, noch
auf das Rascheln des Laubs zu hören. Konzentrierte sich auf das
Geräusch der weichen Erde, die auf das Leichentuch fiel. Ein
kühler Luftzug streifte ihr Gesicht. Adeline riss die Augen auf.
Eine dunkle Gestalt kam auf sie zu, direkt in Augenhöhe.
Ein Vogel? Eine Fledermaus?
Dunkle Schwingen vor dem nächtlichen Himmel.
Adeline wich zurück.
Ein Stich, und ihr gefror das Blut in den Adern. Kochte. Wurde
wieder kalt.
Als die Eule über die Mauer davonflog, spürte Adeline ein Pochen in der Handfläche.
Sie musste einen Schrei ausgestoßen haben, denn Mansell legte
seine Schaufel nieder und leuchtete mit der Laterne in ihre Richtung. In dem
flackernden gelben Licht entdeckte Adeline einen
langen Zweig einer Kletterrose, der sich aus dem Spalier gelöst
und in ihrem Kleid verfangen hatte. Ein dicker Dorn steckte in
ihrer Hand.
Mit Daumen und Zeigefinger der anderen Hand zog sie ihn heraus. Ein Blutstropfen
quoll aus der Stichwunde, rund und glänzend wie eine Perle.
Adeline zog ein Taschentuch aus dem Ärmel. Drückte es auf
die Wunde und beobachtete, wie es sich langsam rot färbte.
Sie hatte sich nur an einer Rose gestochen. Dass ihr Blut sich
anfühlte wie Eis in ihren Adern, lag an dem Schrecken. Die
Wunde würde verheilen, und alles würde gut werden.
Aber diese Kletterrose würde als Erste dran glauben, wenn
Adeline den Garten dem Erdboden gleichmachen ließ.
608
Was hatte eine Rose in den Gartenanlagen von Blackhurst zu
suchen?
609
besser als eine Wilde« bezeichnete. Das Mädchen, das sein Haar
so kurz geschnitten trug wie ein Junge.
Zum Schluss nahm Cassandra sich die Brosche vor. Sie war
rund und passte genau in ihre Handfläche. Um den Rand herum
war sie mit Edelsteinen besetzt, während die Mitte aussah wie ein
winziger Gobelin. Aber das war keine Stickerei. Cassandra hatte
lange genug mit Antiquitäten zu tun gehabt, um zu erkennen, um
was für eine Art Brosche es sich handelte. Sie drehte sie um und
fuhr mit dem Finger über die Gravur auf der Rückseite. Für
Georgiana Mountrachet, stand da in winzigen Buchstaben, zum
sechzehnten Geburtstag. Vergangenheit. Zukunft. Familie.
Das war die Erklärung. Das war der Schatz, dessentwegen Eliza noch einmal zu den
Swindells gegangen war, wo ihr der Fremde aufgelauert und ihre Flucht nach
Australien vereitelt hatte. Der
Tonkrug war der Grund, warum Eliza und Ivory getrennt wurden,
der Grund für alles, was danach geschehen war, der Grund, warum Ivory zu Nell
geworden war.
»Was ist das?«
Cassandra schaute Christian an. »Eine Trauerbrosche.«
Er runzelte die Stirn.
»Die Viktorianer ließen sie aus dem Haar ihrer Familienmitglieder herstellen. Diese
hier hat Georgiana Mountrachet gehört,
Elizas Mutter.«
Christian nickte bedächtig. »Das erklärt, warum sie Eliza so
wichtig war. Warum sie noch mal zurückgegangen ist, um sie zu
holen.«
»Und warum sie es nicht wieder zurück aufs Schiff geschafft
hat.« Cassandra betrachtete Elizas Schätze in ihrem Schoß. »Ich
wünschte, Nell hätte das hier sehen können. Sie hat sich immer so
verlassen gefühlt, nie erfahren, dass Eliza ihre Mutter war, dass
sie geliebt worden war. Sie hat sich immer so sehr danach gesehnt zu erfahren, wer
sie war.«
»Aber sie wusste doch, wer sie war«, entgegnete Christian.
»Sie war Nell, deren Enkelin Cassandra sie so sehr geliebt hat,
610
dass sie bereit war, ans andere Ende der Welt zu reisen, um ihr
Geheimnis zu lüften.«
»Aber sie weiß doch gar nicht, dass ich hierhergekommen
bin.«
»Woher wollen Sie wissen, dass sie es nicht weiß? Vielleicht
sieht sie ja die ganze Zeit von oben zu.« Er hob die Brauen. »Und
natürlich hat sie gewusst, dass Sie eines Tages herkommen würden. Warum sonst hätte
sie Ihnen das Cottage vermachen sollen?
Was stand noch mal in dem Brief bei ihrem Testament?«
Wie seltsam ihr der Brief vorgekommen war, wie wenig sie
begriffen hatte, als Ben ihn ihr überreichte. »Für Cassandra. Sie
wird verstehen, warum.«
»Und? Verstehen Sie es?«
Natürlich verstand sie. Nell, die ein so tiefes Bedürfnis gehabt
hatte, ihre Vergangenheit zu erforschen, um sich von ihr befreien
zu können, hatte in Cassandra eine verwandte Seele gesehen. Eine Frau, die ebenso
wie sie zum Opfer der Umstände geworden
war. »Ja, sie wusste, dass ich herkommen würde.«
Christian nickte. »Sie wusste, wie sehr Sie sie liebten, und dass
Sie zu Ende führen würden, was sie begonnen hatte. Es ist wie in
dem Märchen Die Augen des alten Weibleins, wo das Reh zu der
Prinzessin sagt, dass das alte Weiblein seine Augen am Ende
nicht mehr brauchte, weil es durch die Liebe der Prinzessin erfahren hatte, wer es
war.«
Cassandras Augen brannten. »Sehr weise gesprochen von dem
Reh.«
»Außerdem war es schön und mutig.«
Sie musste lächeln. »Jetzt wissen wir es also. Wir wissen, wer
Nells Mutter war, warum Nell allein auf dem Schiff war, was mit
Eliza passiert ist.« Und sie wusste auch, warum der Garten ihr so
wichtig war, warum sie das Gefühl hatte, hier Wurzeln geschlagen zu haben, die mit
jeder Minute, die sie innerhalb der Gartenmauern verbrachte, tiefer in diesen Boden
eindrangen. In dem
Garten fühlte sie sich zu Hause, denn sie spürte, dass auch Nell
611
hier war. Und Eliza. Und sie, Cassandra, war die Hüterin der Geheimnisse der beiden
Frauen.
Christian schien ihre Gedanken zu lesen. »Und?«, fragte er.
»Wollen Sie es immer noch verkaufen?«
Cassandra sah, wie der Wind einen Schauer gelber Blätter niederrieseln ließ. »Ich
habe mir überlegt, dass ich eigentlich noch
ein bisschen länger hierbleiben könnte.«
»Im Hotel?«
»Nein, hier im Cottage.«
»Werden Sie sich nicht einsam fühlen?«
Es war etwas, das sie fast nie tat, aber diesmal öffnete Cassandra den Mund und
sprach ohne nachzudenken oder zu zögern
genau das aus, was sie in dem Moment empfand: »Ich glaube
nicht, dass ich allein sein werde. Jedenfalls nicht immer.« Sie
spürte, wie sie zu erröten begann, und fügte hastig hinzu: »Ich
möchte zu Ende bringen, was wir angefangen haben.«
Er hob die Brauen.
Inzwischen war sie puterrot. »Hier im Garten, meine ich.«
»Ich weiß, was du meinst.« Er schaute ihr in die Augen, dann
ganz kurz auf ihren Mund. Während Cassandras Herz wie verrückt zu pochen begann,
ließ er seine Schaufel fallen und nahm
ihr Kinn in beide Hände. Er beugte sich zu ihr hinunter, und sie
schloss die Augen. Und dann küsste er sie, und sie war überwältigt von seiner Nähe,
seiner Kraft, seinem Geruch nach Erde und
Sonne.
Als Cassandra die Augen wieder öffnete, wurde ihr bewusst,
dass sie weinte. Aber sie war nicht traurig, es waren Tränen der
Freude darüber, dass jemand sie begehrte und dass sie endlich
wieder ein Zuhause gefunden hatte. Sie schloss ihre Hand um die
Brosche. Vergangenheit. Zukunft. Familie. Ihre Vergangenheit
war gefüllt mit schönen, kostbaren, traurigen Erinnerungen. Zehn
Jahre lang hatte sie mit diesen Erinnerungen gelebt, sie mit in den
Schlaf genommen, sie bei der Arbeit um sich gehabt. Aber etwas
hatte sich verändert - sie hatte sich verändert. Sie war nach
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Cornwall gekommen, um Nells Vergangenheit zu erforschen, ihre
Familie zu finden, und am Ende hatte sie ihre eigene Zukunft gefunden. Hier in
diesem wunderbaren Garten, den Eliza angelegt,
den Nell in Besitz genommen und den sie, Cassandra, für sich
entdeckt hatte.
Christian streichelte ihr übers Haar und schaute sie mit einer
Gewissheit an, die sie erschauern ließ. »Ich habe auf dich gewartet«, sagte er
schließlich.
Cassandra nahm seine Hand. Sie hatte auch auf ihn erwartet.
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Epilog Greenslopes Hospital Brisbane, 2005
Etwas Kühles auf ihren Lidern, ein Gefühl, als würden Ameisen
darauf herumkrabbeln.
Eine vertraute Stimme. »Ich hole eine Schwester …«
»Nein!« Nell streckte eine Hand aus, konnte nichts sehen, griff
blind nach irgendetwas, woran sie sich festhalten konnte. »Lass
mich nicht allein.« Ihr Gesicht war schweißnass und kühl von der
Luft.
»Es ist alles in Ordnung, Grandma. Ich hole nur Hilfe. Ich bin
gleich wieder da. Versprochen.«
Grandma. Ja, jetzt erinnerte sie sich, das war sie. Sie hatte viele
Namen gehabt in ihrem Leben, so viele, dass sie einige davon
vergessen hatte, aber erst als sie den letzten bekam, Grandma,
hatte sie gewusst, wer sie war.
Eine zweite Chance, ein Segen, eine Retterin. Ihre Enkelin.
Und jetzt holte Cassandra Hilfe.
Nells Augen schlossen sich. Sie war wieder auf dem Schiff.
Spürte das Wasser unter sich, spürte die sanften Bewegungen des
Decks. Fässer, Sonnenlicht, Staub. Lachen, fernes Lachen.
Die Geräusche wurden leiser. Die Lichter gingen aus. Wie das
Licht im Plaza-Kino, ehe der Hauptfilm anfing. Zuschauer, die
auf ihren Plätzen herumrutschten, flüsterten, warteten …
Schwärze.
Stille.
Dann war sie plötzlich irgendwo anders. An einem kalten,
dunklen Ort. Allein. Spitze Zweige überall um sie herum. Das
Gefühl, als würden Mauern, hoch und dunkel, von allen Seiten
näher rücken. Jetzt war wieder etwas Licht da, nicht viel, aber
genug, dass sie den fernen Himmel sehen konnte, wenn sie den
Hals reckte.
Ihre Beine bewegten sich. Sie ging mit seitlich ausgestreckten
Armen, ihre Hände berührten das Laub an den Zweigen.
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Eine Ecke. Sie bog ab. Dichte Hecken. Ein Geruch nach feuchter Erde.
Plötzlich war es wieder da. Das Wort, ein altes, vertrautes
Wort. Labyrinth. Sie befand sich in einem Labyrinth.
Und dann wusste sie mit tiefer Gewissheit: Am Ende des Labyrinths lag ein
herrlicher Ort. Ein Ort, wo sie in Sicherheit sein und
Ruhe und Frieden finden würde.
Sie kam an eine Weggabelung.
Bog ab.
Sie kannte den Weg. Sie erinnerte sich. Hier war sie schon
einmal gewesen.
Sie ging immer schneller. Etwas in ihr trieb sie voran. Sie
musste ans andere Ende gelangen.
Licht am Ende des Wegs. Sie war fast am Ziel.
Nur noch ein paar Schritte.
Dann trat eine Gestalt aus dem Schatten ins Licht. Die Autorin.
Sie streckte ihr die Hand entgegen. Sagte mit silberheller Stimme:
»Ich habe auf dich gewartet.«
Als die Autorin zur Seite trat, sah Nell, dass sie das Tor erreicht hatte.
Das andere Ende des Labyrinths.
»Wo bin ich?«
»Du bist zu Hause.«
Nell holte tief Luft und folgte der Autorin über die Schwelle in
den schönsten Garten, den sie je gesehen hatte.
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Und endlich wurde der Fluch der bösen Königin gebrochen,
und die Prinzessin, die durch ihre Grausamkeit im Körper
eines Vogels gefangen war, wurde aus ihrem Käfig befreit.
Die Tür des Käfigs öffnete sich, und der Kuckuck fiel und fiel
und fiel, bis seine Flügel sich endlich ausbreiteten und die
Prinzessin feststellte, dass sie fliegen konnte. Sie ließ sich vom
Wind emportragen, flog über den Rand der Klippe und über das
Meer. In ein Land der Hoffnung, der Freiheit und des Lebens.
Zu ihrer anderen Hälfte. Nach Hause.
Aus Der Flug des Kuckucks von Eliza Makepeace
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Danksagung
Ich möchte allen danken, die mir dabei geholfen haben, Der verborgene Garten ins
Leben zu rufen:
Meiner Nana Connelly, deren Geschichte mich zu dem Buch
inspiriert hat; Selwa Anthony für ihre Klugheit und Sorgfalt; Kim
Wilkins, Julia Morton und Diane Morton, die die ersten Entwürfe
gelesen haben; Kate Eady, die vertrackte historische Fakten aufgestöbert hat; Danny
Kretschmer, der mir rechtzeitig Fotos zur
Verfügung gestellt hat; und Julias Kolleginnen, die mir Fragen zu
umgangssprachlichen Eigenheiten beantworten konnten. Für Rechercheunterstützung -
bei archäologischen, entomologischen und
medizinischen Fragen - möchte ich mich bedanken bei Dr. Walter
Wood, Dr. Natalie Franklin, Katharine Parkes und besonders bei
Dr. Sally Wilde; und für die Hilfe bei spezifischen Details bei
Nicole Ruckels, Elaine Wilkins und Joyce Morton.
Ich habe das Glück, dass meine Bücher weltweit von außergewöhnlichen Menschen
verlegt werden, und bin jedem dankbar,
der dabei geholfen hat, meine Geschichten in Bücher zu verwandeln. Für ihre
einfühlsame und unermüdliche redaktionelle Unterstützung bei Der verborgene Garten
verdienen besondere Erwähnung: Catherine Milne, Clara Finley und die wundervolle
Annette Barlow bei Allen & Unwin, Australien, sowie Maria Rejt
und Liz Cowen bei Pan Macmillan, England. Besten Dank an Julia Stiles und Lesley
Levene für ihre Sorgfalt in Bezug auf Details.
Mein Dank gebührt ebenfalls den Autoren von Kinderbüchern.
Schon früh zu erkennen, dass hinter schwarzen Zeichen auf weißen Seiten Welten
unvergleichlichen Schreckens, aber auch der
Freude und Aufregung lauern, ist eins der größten Geschenke des
Lebens. Ich bin all jenen Autoren unendlich dankbar, deren Arbeiten während meiner
Kindheit meine Fantasie beflügelt und in
mir die Liebe zu Büchern und zum Lesen geweckt haben, die
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seitdem meine treue Begleiterin ist. Der verborgene Garten ist,
zumindest teilweise, eine Hommage an sie.
Und nicht zuletzt bin ich wie immer meinem Mann David Patterson und meinen beiden
Söhnen Oliver und Louis, denen diese
Geschichte gewidmet ist, zu unendlichem Dank verpflichtet.
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Die Originalausgabe erschien 2008 unter dem Titel
The Forgotten Garden bei Allen & Unwin, Crows Nest, Australien
[Link]
[Link]
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