Publishable de
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Legende: Walther Funk, Reichswirtschaftsminister und Präsident der Deutschen Reichsbank, erläutert 1943 seine
Vorstellungen zur Gestaltung eines europäischen Wirtschaftsraumes.
Quelle: FUNK, Walther. Europäische Wirtschaftsgemeinschaft. Verein Berliner Kaufleute und Industrieller und
Wirtschafts-Hochschule Berlin (Hrsg.). Berlin: Haude & Spenersche Verlagsbuchhandlung Max Paschke, 1943. 229 S.
Urheberrecht: (c) Haude & Spenersche Verlagsbuchhandlung Max Paschke
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Publication date: 22/10/2012
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Das wirtschaftliche Gesicht des neuen Europa
Die Völker Europas stehen heute an einer Schicksalswende. Die Probleme, die in diesem Kriege zur Lösung
drängen, haben - das kann man wohl ohne Übertreibung sagen - säkulare Bedeutung.
Welchen Sinn könnte das große Blutopfer haben, das die aufbauwilligen Kräfte Europas im Bunde mit der
zu einer einzigen gewaltigen Energie zusammengeballten Macht des Großdeutschen Reiches zu bringen
bereit sind, wenn nicht den, endlich einmal einen gesicherten Baugrund für eine wirklich soziale
Lebensordnung in Europa zu schaffen! Von den Kämpfern an der Front ergeht an uns alle, an den Politiker,
den Wirtschaftler, den Wissenschaftler Ruf und Mahnung, das große Friedenswerk der Zukunft noch mitten
im Kriege mit allen Kräften vorzubereiten.
Um einen das Thema zusammenfassenden Satz zu prägen, möchte ich sagen: das wirtschaftliche Gesicht des
neuen Europa, so wie es sich im Feuer dieses Weltkrieges formt, wird zwei wesensbestimmende Züge
tragen: Gemeinschaftsarbeit und Wirtschaftsfreiheit, freilich nicht jene Wirtschaftsfreiheit, die im
Kapitalismus verkörpert ist und in dem seltsamen Bündnis zwischen Plutokratie und Bolschewismus ihrem
Ende entgegengeht. Das Freiheitsideal der liberalistisch-kapitalistischen Wirtschaft ist den Völkern Europas
einstmals als große Verheißung aufgegangen. Heute versinkt es in Elend, Blut und Trümmern.
Was versprach nicht alles der liberalistische Freiheitsgedanke? Nach der liberalistischen Wirtschaftstheorie
entfaltet sich das Wirtschaftsleben dann am vollkommensten, wenn die einzelnen wirtschaftenden
Individuen ihren Eigennutz ungehemmt verfolgen. Der Staat kann die harmonische Entwicklung der
Volkswirtschaft dem freien Wettbewerb überlassen, durch den der Eigennutz jedes einzelnen schließlich der
Gesamtheit nützen soll.
Was den internationalen Warenaustausch anlangt, so erwartete man, daß bei völlig freiem Handel
schließlich durch die Wirksamkeit des Wettbewerbs jedes Land jene Waren erzeugen würde, die es seinen
natürlichen Erzeugungsbedingungen gemäß am besten herstellen konnte. Jede Nation konnte der Theorie
nach auf freiem Weltmarkt dort einkaufen, wo es am billigsten war, während sie selber ihre Erzeugnisse, die
sie kraft der natürlichen Bedingungen mit den geringstmöglichen Kosten herstellte, mit dem relativ größten
Nutzen abzusetzen vermochte. Die Verbraucher konnten sich theoretisch auf das reichste mit den Gütern
versorgen, die Unternehmer ungehindert ihre Kräfte einsetzen, die Arbeiter ihre Beschäftigung dort suchen,
wo sie den höchsten Lohn fanden. Der erstrebte Zustand der sogenannten sozialen Harmonie schien auf
diese Weise am sichersten erreicht zu werden. Soweit die Theorie!
Wie sah aber die Praxis aus? Die Bevölkerung Europas vermehrte sich im 19. Jahrhundert, also in der
Blütezeit des Liberalismus, von 180 auf 450 Millionen Köpfe; und diese Menschen konnten im Durchschnitt
besser gekleidet, besser genährt und mit mehr Kulturgütern versorgt werden als früher. Daran hatte freilich
die Maschine, die damals ihren Siegeszug antrat, einen entscheidenden Anteil. Immerhin kann der
Liberalismus für sich in Anspruch nehmen, kraft seines Postulats des uneingeschränkten Gewinnstrebens
den technischen Fortschritt außerordentlich vorgetrieben zu haben. Es läßt sich weiterhin mit Recht
behaupten, daß sich die liberalistisch-kapitalistische Wirtschaftsweise jahrzehntelang - faktisch bis zum
ersten Weltkriege - trotz immer mehr zutage tretender Mängel als lebensfähig erwies. Der Freihandel wurde
zwar nicht schrankenlos durchgeführt, aber die Zollvereinbarungen auf der Basis der Meistbegünstigung
beeinträchtigten den Güteraustausch kaum. Der Geld- und Kapitalverkehr kannte keine Hemmnisse, und der
Freizügigkeit der Arbeitskräfte waren keine nennenswerten Beschränkungen auferlegt. Der internationale
Goldstandard, von England fast unbemerkt manipuliert, ermöglichte einen reibungslosen Zahlungsverkehr.
Das Geld folgte dem Zinsgefälle und die Ware dem Preisgefälle. Solange alle beteiligten Wirtschaftspartner
gewillt waren, die komplizierten Spielregeln dieses Systems zu achten, schien die volle wirtschaftliche
Harmonie tatsächlich verwirklicht.
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Wenn wir uns allerdings heute rückschauend die wirtschaftlichen Verhältnisse vor Beginn des ersten
Weltkrieges vergegenwärtigen, erscheint uns diese vermeintliche Harmonie, im ganzen genommen, doch als
nichts weiter als eine ausreichende Ellenbogenfreiheit derjenigen Kräfte, die ihrer Natur nach
gegeneinander gerichtet waren. Lediglich die schier unbegrenzten Ausdehnungsmöglichkeiten, die zu jener
Zeit in jeder Beziehung noch gegeben waren, verhinderten einen früheren Zusammenprall der Kräfte.
In dem riesengroßen überseeischen Raum harrten immer neue Gebiete der Erschließung. Das
unerschöpfliche Menschenreservoir Europas stellte hierzu nicht nur die Arbeitskräfte, sondern auch zugleich
die Abnehmer für alle Erzeugnisse menschlicher Arbeit. Eine sich ständig verbessernde Technik bot immer
neue, bisher ungeahnte Entwicklungsmöglichkeiten.
Unverkennbar zogen aber auch die einzelnen Völker wie die einzelnen Gesellschaftsschichten trotz
scheinbar gleicher Chancen durchaus nicht die gleichen Vorteile aus diesem System. Die englische
Moralphilosophie eines Hobbes und Hume, die von David Riccardo noch mit einem gehörigen Schuß
jüdischen Geistes durchsetzt wurde, hat sich in erster Linie als außerordentlich sicher und unauffällig
wirkendes Mittel zur Begründung und Sicherung der britischen Weltherrschaft erwiesen. Als die Blütezeit
des Systems begann, hatten die Engländer ihre Industrie am weitesten vorgetrieben. Sie gingen mit dem
größten Kostenvorsprung ins Rennen. Da sie zudem noch die größte Handels- und Kriegsflotte der Welt
besaßen, konnten sie sich in einem derartigen Umfang in den Warenaustausch der Welt einschalten, daß ihre
wirtschaftliche und politische Macht gleichermaßen wuchs. Jede Verdichtung des Warenverkehrs warf
neuen Gewinn ab. Die ganze Welt arbeitete in englischem Solde, und die Engländer waren die Bankiers, die
Fabrikanten, die Händler, die Frachter und, last not least, die Polizisten der Welt.
Betrachten wir nun aber einmal die kontinentaleuropäischen Staaten! Diese vermochten sämtlich nicht aus
der so gepriesenen Wirtschaftsform auch nur annähernde Vorteile zu ziehen. Schon die großen Staaten
hatten unter dem beachtlichen und fest ausgebauten Konkurrenzvorsprung Englands fühlbar zu leiden. Die
kleineren waren überhaupt nur dazu da, um den Reichtum Englands zu vergrößern, und mußten damit
zufrieden sein, wenn noch ein paar Brosamen von dem englischen Tische für sie abfielen. Die
südosteuropäischen Staaten aber lagen vor dem ersten Weltkrieg für den Welthandel geradezu peripher,
obwohl sie, was die natürlichen Produktionsbedingungen anlangt, sicher nicht schlechter gestellt waren als
viele überseeische Exportländer. Aber sie konnten sich doch nicht zur Geltung bringen. Ihre
landwirtschaftliche Technik, ihre Verkehrswege wurden von der allgemeinen weltwirtschaftlichen
Entwicklung nicht in dem möglichen Maße gefördert. Es entstand eine technische Rückständigkeit
gegenüber den konkurrierenden Erzeugungsgebieten, die den Lebensstandard drückte. Es fehlten die Käufer,
die ständig bereit waren, größere Mengen zu stabilen Preisen abzunehmen und damit die Anschaffung von
Maschinen und Meliorationseinrichtungen zu ermöglichen. Auch nach dem Weltkriege haben die
kapitalistischen Weltmächte diese Staaten bewußt in ihrer wirtschaftlichen Rückständigkeit gelassen, um sie
damit in politischer Abhängigkeit zu halten. Erst unsere zielbewußte und verständnisvolle Handelspolitik
hat hier in den letzten Jahren einen grundsätzlichen Wandel geschaffen. Die Handelspolitik dieser Staaten
hat sich in den letzten Jahren außerordentlich günstig entwickelt. Diese Staaten sind sozusagen das erste
Versuchsfeld für die praktische Durchführung unserer handelspolitischen Grundsätze und Methoden
geworden. Und die Anwendung dieser Methoden ist für beide Teile - das kann man heute mit Fug und Recht
behaupten - von erheblichem Vorteil gewesen, ja schließlich überhaupt zur Sicherung der
Existenzgrundlagen dieser Länder geworden.
Aber das Schuldkonto des britisch-kapitalistischen Zeitalters ist noch wesentlich größer. Bei allen Völkern,
mochten sie zu den Favoriten oder den Stiefkindern der liberalistischen Wirtschaftsordnung gehören, zeigten
sich die Auswirkungen des Laisser-faire-Systems und insbesondere des Freihandelsprinzips in schweren
innerwirtschaftlichen Schäden. Die Krankheitssymptome waren überall die gleichen. Die Landwirtschaft der
Industriestaaten konnte sich gegen die Interessen von Industrie, Handel, Bank und Börse nicht genügend
durchsetzen. Die Nahrungsfreiheit ging verloren, die Latifundienbildung auf dem Lande nahm zu, der
Bauernstand verelendete, die Bevölkerung strömte vom Lande in die Stadt und ins Ausland ab. Eine dünne
Oberschicht von Bankiers, Industriellen und Spekulanten konnte einen ungeheuren Reichtum
zusammenraffen und sich damit eine gefährliche überstaatliche Macht verschaffen, denn für Geld konnte
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man alles kaufen, insbesondere auch die öffentliche Meinung.
Auf der anderen Seite schwoll die Masse des Industrieproletariats immer mehr an. Die wachsende
Unzufriedenheit dieser Bevölkerungsschicht trieb sie in einen pseudosozialistischen Marxismus und
Kommunismus.
Alle diese Anzeichen fanden früher vielleicht nur deswegen nicht genügend Beachtung, weil der
herrschende Zug der Zeit, „reich werden, gleichgültig, wie und wodurch", übermäßig lange den Blick für die
Tatsachen trübte.
Gewiß, der Liberalismus war ein System der „Freiheit". Wer etwa in der Heimat Arbeit und Brot nicht mehr
fand, hatte die „Freiheit", auszuwandern. Und wenn es einer Nation wirtschaftlich schlecht ging, so hatte sie
die „Freiheit", in England Schulden aufzunehmen. Aber diese Art von Freiheit war moralisch doch zu
schlecht fundiert, als daß sie hätte von Bestand sein können. Welches Danaergeschenk die englischen
Wirtschaftsphilosophen der Menschheit mit der Verkündung ihres liberalistischen Freiheitsgedankens
gemacht haben, zeigte sich erst in vollem Umfange, als der wirtschaftliche Spielraum des einzelnen wie der
Völker immer enger wurde und als die letzten kolonialen Rohstoffquellen zur Verteilung kamen und der
Kampf um die Absatzmärkte immer schärfere Formen annahm. Das in den Hochkapitalismus
hineingewachsene liberalistische System verlor zudem noch durch Kartellierung, Vertrustung,
Monopolbildung und steigende fixe Kosten der Industrie die notwendige Elastizität. Da suchten die von
Egoismus diktierten Interessengegensätze gar nicht mehr nach Ausweichmöglichkeiten, sondern prallten
hier und da mit ganzer Wucht zusammen. Wie viele Kriege sind aus dieser Geisteshaltung, aus dem
Geldsackinteresse heraus zum Verderben der Völker geführt worden! Da sind, um Beispiele zu nennen, die
spanisch-kubanischen Kämpfe, die 1868 begannen und hinter denen kubanische Spekulanten und das
nordamerikanische Zuckersyndikat standen. Der Krieg zwischen Chile und Peru ging um die reichen
Salpeterfelder. Um diesen Krieg zu ermöglichen, nahm Chile Anleihen auf, die von europäischen Bankiers
garantiert wurden. Diese Bankiers sicherten sich dadurch Vorrechte bei der Ausnutzung der Salpeterfelder.
Englands Burenkrieg soll ja ein Kolonialkrieg gewesen sein. Aber das ganz besondere Interesse, das das
Goldminensyndikat des Herrn Cecil Rhodes und die Börsianer in London an dem Ausbruch und der
Fortführung dieses Krieges nahmen, war doch zu auffällig. Nicht umsonst sprach hier der Volksmund von
einem Kriege der Börsen gegen die Buren. Der russisch-japanische Krieg 1904/05 ist hervorgerufen worden
durch die Interessen des russischen Kapitals in der Mandschurei und in Korea. Und der Weltkrieg 1914/18
schließlich war der Höhepunkt des kapitalistischen Wirtschaftssystems, aber damit gleichzeitig auch der
Anfang vom Ende.
Seit dem ersten Weltkriege sind die Völker Europas ein Menschenalter lang durch eine unerbittlich harte
Lehre gegangen, die wir alle kennen, und in der sie, die einen früher, die anderen später, die Erkenntnis
gewannen, daß das Freiheitsidol der vergangenen Epoche falsch und verderblich war. Krieg, Inflation,
schwerste Wirtschaftskrisen, Hunger, Arbeitslosigkeit haben es den Menschen wieder eingehämmert, daß
der Sinn alles Wirtschaftens nicht in dem eigensüchtigen und rücksichtslosen Profitmachen, sondern in der
Erfüllung einer sozialen Aufgabe liegt. Es ist kein Wunder, daß gerade die Menschen im mitteleuropäischen
Raum, die unter der Geißel des unsozialen Systems am meisten zu leiden hatten, zuerst ein anderes, ein
höheres sittliches Freiheitsideal aufstellten.
In der Sicherung der Nahrungs- und Rohstoffgrundlagen, in der Befreiung der Wirtschaft von
internationalen Finanzinteressen und Konjunkturabhängigkeiten sowie in der freiwilligen
Unterordnung des einzelnen unter das Primat der Volksgemeinschaft erblicken wir heute das neue
Ideal einer wahren Wirtschaftsfreiheit.
Kontinentaleuropäische Zusammenarbeit
Die autoritären Regierungen Deutschlands und Italiens gaben als erste ihren Völkern den Auftrag, alle
Kräfte in freiwilliger Zusammenarbeit unter staatlicher Direktive für das Gemeinwohl einzusetzen. Sie
schützten ihre Wirtschaft auch als erste vor der Ausbeutung durch internationale Finanzmächte. Der Kampf
um die nationale Nahrungs- und Rohstofffreiheit ist dagegen schon älteren Datums. Der letzte Weltkrieg hat
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die europäischen Völker bereits gelehrt, daß es nicht ratsam ist, ihr Schicksal rückhaltlos einer überspitzten
internationalen Arbeitsteilung anzuvertrauen. Die Industriestaaten pflügten damals den letzten Quadratmeter
unbebauten Bodens um; die vorwiegend agrarisch orientierten Länder beeilten sich, die Selbstversorgung
mit Industrieerzeugnissen durch forcierte Industrialisierung zu erreichen. In beiden Fällen blieb das Ergebnis
unbefriedigend. Besonders die Industrien der kleinen Staaten Europas fristeten in der Nachkriegszeit hinter
hohen Schutzzollmauern ein ebenso unersprießliches wie für die Gesamtheit kostspieliges Dasein. Sie
schluckten Subventionen, verstärkten unnötig den internationalen Konkurrenzkampf, verteuerten die
Lebenshaltung ihrer Völker und gerieten schließlich in den Strudel der Weltwirtschaftskrise, und das alles,
weil die natürlichen Grundlagen fast nirgends ausreichten.
Die europäischen Völker hätten schon längst erkennen können, daß sie in einer Schicksalsgemeinschaft
leben, die logischerweise nur eine Folgerung zuläßt, nämlich die kontinentaleuropäische Zusammenarbeit.
Dazu war allerdings die damalige Zeit politisch noch nicht reif. Die Siegerstaaten des ersten Weltkrieges
haben durch die Pariser Vorortverträge mit Vorbedacht in Europa so viel Sprengstoff ausgelegt, daß an eine
wesentliche Interessenabstimmung und an ein konstruktives Planen in größerem Stile nicht zu denken war.
Lediglich Pionierarbeit, wie die zielbewußte Förderung der Wirtschaftsbeziehungen Deutschlands zu dem
Südosten, konnte geleistet werden.
Erst die faschistische und dann die nationalsozialistische Revolution schufen die Grundlage für eine neue
politische und soziale Lebensordnung in Europa. Und erst Benito Mussolini und Adolf Hitler gaben Europa
die Chance, wahrhaft europäisch zu werden.
Nunmehr kommt endlich die Zeit, in der die Völker Europas in ihrem verständlichen Streben nach
wirtschaftlicher Sicherung den entscheidenden Schritt zur Zusammenarbeit weitergehen können. Nach dem
zweiten Weltkriege wird es im europäischen Raum keine Spannungen und Konfliktstoffe mehr geben, die
eine verkrampfte und deshalb nutzlose Isolierung rechtfertigen könnten. Es wird auch dann kein
Wirtschaftssystem Gültigkeit haben, das so wie das angloamerikanische den Keim zu den dramatischen
Völkerauseinandersetzungen der Menschheitsgeschichte in sich trägt. Keine Nation in Europa kann für sich
allein jenes Höchstmaß von Wirtschaftsfreiheit erreichen, das auch allen sozialen Anforderungen entspricht.
Immer muß sie sich auf die Produktionskraft ihrer näheren und weiteren europäischen Nachbarn stützen.
Der Blockadering, den heute unsere Gegner um Europa gelegt haben, zeigt deutlich, wie sehr die einzelnen
Staaten auf Gedeih und Verderb miteinander verbunden sind. Eine Schicksalsgemeinschaft hält sie
zusammen in einem großen Wirtschaftsraum. Dieser Raum aber kann sie ernähren, kleiden und mit allen
notwendigen Gütern ausreichend versorgen, insbesondere, sobald er einmal durch die Einbeziehung der
osteuropäischen Gebiete arrondiert ist. Diese Gebiete lagen bisher außerhalb der geschichtlichen
Gestaltungskräfte unseres Kontinents.
Der europäische Wirtschaftsraum der Zukunft ist blockadefest. Deshalb wird es so leicht niemand mehr
wagen, ihn anzugreifen. Ich habe kürzlich schon einmal gesagt: dann werden Wirtschaftskriege keinen Sinn
mehr haben.
Der Großraumgedanke hat allerdings, kaum, daß er ernsthaft zur Diskussion gestellt war, eine gewisse
Diskriminierung erfahren. Auch die dem englisch-plutokratischen System hörigen europäischen Politiker
nahmen damals sofort diesen Gedanken auf. Sie entwarfen auf dem Papier Großwirtschaftsräume, die keine
waren und im Grunde genommen auch gar keine sein sollten. Es lagen solchen Konstruktionen
ausschließlich machtpolitische Absichten zugrunde. Dennoch hat sich der Großraumgedanke als lebensfähig
erwiesen. Ich sehe kein Hindernis, das sich seiner Verwirklichung ernsthaft in den Weg stellen könnte, denn
die Bildung von Großwirtschaftsräumen folgt einem natürlichen Entwicklungsgesetz. Ich habe hier durchaus
nicht die Absicht, einen neuen Beitrag zu der volkswirtschaftlichen Lehre von den Wirtschaftsstufen zu
bringen. Ich möchte nur die Aufmerksamkeit auf einen wirtschaftsgeschichtlichen Vorgang lenken, der in
kleinem Maßstabe mit den heutigen Entwicklungstendenzen eine auffallende Ähnlichkeit zeigt.
[...]
Trotzdem wird die europäische Wirtschaftseinheit kommen, denn ihre Zeit ist da.
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Das europäische Leistungsvermögen und seine Ergänzung
Daß Europa tatsächlich einen allen Ansprüchen gewachsenen geschlossenen Wirtschaftsraum darstellt, wird
ersichtlich, wenn man sich einmal das natürliche Leistungsvermögen unseres Kontinents vergegenwärtigt.
Ich will hierbei nicht auf Einzelheiten eingehen, sondern nur das Wesentliche kurz streifen.
Wenn man zunächst die ehemals sowjetrussischen Gebiete gar nicht in Betracht zieht, so liefert unser
Kontinent gerade die wichtigsten Industrierohstoffe in genügender Menge, nämlich Kohle, Eisen,
Aluminium. Auch die Ernährungsgrundlage ist, geht man von den Anbaumöglichkeiten aus, völlig
ausreichend. Es mag manchem beinahe unwahrscheinlich klingen, daß im Jahre 1939 rund 464 Millionen
Doppelzentner Weizen und 248 Millionen Doppelzentner Roggen auf europäischem Boden gewachsen sind,
wobei die Produktion der Sowjetunion wiederum nicht berücksichtigt ist. Aber wir wissen ja, daß dort in
normalen Zeiten allein 10 Millionen Tonnen Getreide ausgeführt werden konnten. Wenn dort erst einmal die
agrarischen Erzeugungsmethoden überall auf einen Höchststand der Technik gebracht worden sind, werden
weit bessere Ergebnisse erzielt werden können. Da, wo die europäische Erde von der Natur allzu
stiefmütterlich behandelt worden ist, hat der Ideenreichtum ihrer Menschen immer wieder neue Auswege
gesucht und gefunden. Ich erinnere an die Zellwolle, an die Bunaherstellung, an die Benzinerzeugung aus
Kohle, auf welchen Gebieten gerade Deutschland Vorbildliches geleistet hat. Und was dann noch fehlt, das
wird durch diesen Krieg im europäischen Osten gesichert werden. Schon heute ist ein großer, und zwar der
wertvollste Teil Sowjetrußlands in unserem Besitz, und wir sind mit aller Energie dabei, diesen gewaltigen
rohstoffreichen Raum aufzuschließen. Die politische Gestaltung des Ostraums wird eine spätere Aufgabe
sein. Die Völker in diesem Riesengebiete müssen ja auch erst in den europäischen Wirtschaftsrhythmus
eingeschlossen werden. Sie sollen ja auch von den Wohltaten der europäischen Zivilisation profitieren.
Die großen Aufgaben, die hier zu lösen sind, sind wahrhaft europäische Aufgaben. Europa blickt eben heute
nach dem Osten. Die ungeheuerliche sowjetische Rüstung gibt ein Bild davon, was die Rohstoffquellen
dieses Raumes herzugeben vermögen. Wenn der überaus reiche Boden des Schwarzerdegebiets mit den
modernen Mitteln landwirtschaftlicher Technik der europäischen Ernährung nutzbar gemacht sein wird,
dann wird Europa auf alle Fälle krisen- und blockadefest sein.
Daneben werden uns die Kolonien in den tropischen Zonen Afrikas auch noch alle jene Genußmittel bieten,
die zwar nicht existenznotwendig sind, aber das Leben angenehm machen und die einem Volke mit hohem
Lebensstandard nicht vorenthalten werden sollen.
Und schließlich wird es ja auch, um kein Mißverständnis aufkommen zu lassen, noch einen Welthandel
geben. Dieser Welthandel wird allerdings anders aussehen als jener Wirtschaftsverkehr, der schließlich in
völlige Verwirrung geraten war und der lediglich dazu diente, einigen wenigen Mächten ihre internationale
Machtposition zu erhalten.
Die Probleme des osteuropäischen Wirtschaftslebens sind selbstverständlich nicht schlagartig dadurch
gelöst, daß wir diese Räume und Rohstoffquellen für uns sicherstellen. Damit haben wir zwar eine
angemessene Wirtschaftskapazität in Schaubildern, aber noch nicht in der Praxis erreicht.
Alle Rohstoffe, alle Kräfte und Energien der Wirtschaft müssen in Europa mobilisiert werden. Das ist die
Aufgabe der neuen Wirtschaftsordnung, die jetzt heranwächst. Sie kann selbstverständlich nicht von heute
auf morgen ihre beste Form finden. Aber im Laufe der Jahre wird es möglich sein, Produktion und Bedarf
im gesamten europäischen Raum weitgehend aufeinander abzustimmen, um dann planmäßig die
zweckmäßigsten Ergänzungsmöglichkeiten zu verwirklichen. Das stellt uns vor die Aufgabe, bisher
vernachlässigte Erzeugungsgebiete zu erschließen. Ich denke hier z. B. daran, daß wir in Frankreich durch
eine intensivere Bearbeitung des Landes ganz erhebliche Mehrerträge erzielt haben und weiterhin erzielen
werden.
Jene Teile Europas, die bisher noch rückständig sind, müssen zu intensiver Wirtschaft veranlaßt werden. Die
Industrialisierung dieser Gebiete, die sich unter dem Protektionismus angebahnt hat, wird sich zweifellos
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fortsetzen, aber mit dem Unterschied, daß jeder Staat sich die Industrie aufbaut, die sowohl seinen
natürlichen Produktionsbedingungen als auch den Bedürfnissen des europäischen Marktes am besten
entspricht. Nach dieser Richtung hin sind bereits eingehende Verhandlungen zwischen den wirtschaftlichen
Gruppen der verschiedenen europäischen Staaten erfolgreich geführt worden. Es wird auch das große
Problem der Rationalisierung der europäischen Wirtschaft eines Tages von uns aufgegriffen und angegriffen
werden müssen; und hier, glaube ich, werden sich, wenn die Dinge erst einmal konsolidiert sind,
Produktionssteigerungen erzielen lassen, von denen wir uns heute noch gar keine Vorstellungen machen.
Der Handelsverkehr zwischen den einzelnen Staaten wird dann noch nicht etwa als Binnenhandel anzusehen
sein, denn an eine völlige Beseitigung der Zoll- und Devisenschranken ist in der nächsten Zeit naturgemäß
nicht zu denken. Wohl aber wird er als Großraumhandel alle Vorzüge einer staatlichen Marktsteuerung
genießen. Der Bauer in Rumänien, der Holzhändler in Norwegen, der Gärtner in Holland und der dänische
Geflügelzüchter brauchen dann keine Besorgnis mehr zu hegen, daß sie ihre Erzeugnisse nicht loswerden
und auf ihnen sitzenbleiben. Sie brauchen auch keine Besorgnis zu hegen, daß sie nicht den Preis erhalten,
der ihrer Mühe und Arbeit entspricht. Sie werden dann wissen, daß Erzeugung und Absatz durch
zwischenstaatliche Verträge festgelegt und gesichert sind und daß kein Raum für Spekulanten und
Krisenrückschläge bleibt. Auch die Arbeiter an den Spinnstühlen im Protektorat und in den chemischen
Fabriken Frankreichs und in den Bergwerken Belgiens brauchen dann keinen Lohndruck und keine
Arbeitslosigkeit mehr zu befürchten. Sie können sich darauf verlassen, daß der europäische Wirtschaftsraum
noch unausgeschöpfte technische und natürliche Möglichkeiten in Überfülle in sich birgt und daß der Bedarf
an Verbrauchsgütern aller Art bei den in ihm beheimateten Völkermassen nie versiegen wird. Das Wort
Arbeitslosigkeit wird im europäischen Wirtschaftslexikon nicht mehr zu finden sein.
Auch aus Unternehmerkreisen liegen schon heute erfolgversprechende Beispiele einer zwischenstaatlichen
Gemeinschaftsarbeit vor. Denken wir nur an die enge Zusammenarbeit deutscher und italienischer
Wirtschaftskreise, an die Vereinbarungen zwischen deutschen, italienischen und französischen
Automobilindustriellen, an die deutsch-französischen Gemeinschaftsgründungen der chemischen Industrie
oder an die verschiedenen deutsch-ungarischen, deutsch-rumänischen, deutsch-finnischen, deutsch-
holländischen, deutsch-norwegischen Gemeinschaftsunternehmen. Denken wir aber auch an die - ich
möchte einmal das Wort gebrauchen - wahrhaft europäischen Vereinbarungen auf dem Gebiete der
Zellulosenprodukte, auf dem Gebiete der Kunstseide, der Zellwolle und des Papiers! Und denken wir an die
Auftragsverlagerung der deutschen Industrie nach Frankreich, Belgien, Holland, an die Auftragsbörsen, die
technischen Messen. Alle diese Formen sind Ausdruck privater Initiative. Das möchte ich vor allem mit
Nachdruck feststellen. Der unternehmerische Wille hat hier also reiche Gelegenheit gefunden, sich zu
betätigen. Ich betone dies deswegen besonders, da die Frage nach der Stellung des Unternehmers in der
gelenkten Wirtschaft heute oft, beinahe schon zu oft, aber nicht immer richtig und zweckentsprechend
erörtert wird.
Es ist zwar nicht zu verkennen, daß das System der wirtschaftlichen Gemeinschaftsarbeit weitgehend
staatlicher Direktiven bedarf, in stärkerem Maße naturgemäß, als die Unternehmer in vielen europäischen
Staaten es bisher gewohnt waren. Die soeben aufgezählten Beispiele und die bisherige innerdeutsche
Wirtschaftspraxis zeigen jedoch deutlich, daß der Staat auch in der gelenkten Wirtschaft dem Unternehmer
durchaus sein ureigenstes Betätigungsfeld belassen kann und will.
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Leistungsfähigkeit zu geben. Und nur dann kann er sie ihm geben, wenn ihm die Initiative überlassen bleibt.
Er muß allerdings dafür sorgen, daß der Verkehr nicht disziplinlos wird. Und wir müssen dafür sorgen, daß
disziplinlosen Verkehrsteilnehmern, die aus Gewissenlosigkeit oder Unverstand den wirtschaftlichen
Verkehr gefährden, der Führerschein entzogen wird.
Im übrigen findet die Unternehmerinitiative keine Einschränkung. So sehr die komplizierte Wirtschaft
unseres Jahrhunderts der staatlichen Lenkung bedarf, vermag sie doch nicht Antriebskräfte der
Unternehmerinitiative zu entbehren. Diese Initiative wird aber nicht nur - und das ist menschlich durchaus
verständlich - durch das soziale Gewissen und den Gemeinschaftssinn des Unternehmers, sondern
mindestens ebenso sehr auch durch einen nach der Leistung gemessenen Unternehmergewinn wachgerufen
und angespornt. So wie sich der Unternehmer in den Bahnen der staatlichen Wirtschaftsordnung bewegt
und die allgemeinen Verkehrsregelungen respektiert, muß daher seine individuelle Leistung auch den
entsprechenden Lohn finden.
Was die deutsche Wirtschaft anlangt, so ist in dieser Beziehung den anderen Völkern ein anschauliches
Beispiel gegeben. Es ist bei uns das Leistungsprinzip durch eine große Anzahl rechtlicher Regelungen
verwirklicht. Ich erinnere hier nur an die staatliche Preispolitik bei öffentlichen Aufträgen. Sie hat mit
Erfolg die leistungshemmende Preisgestaltung nach den Selbstkosten überwunden und durch Belohnung der
Privatinitiative in Form der Anerkennung und Belassung von Leistungsprämien bei festen Gruppenpreisen
dem Leistungsprinzip stärker als bisher Geltung verschafft. Die staatliche Wirtschaftsführung hat den nach
der Leistung geregelten Wettbewerb vielleicht nicht bis zur letzten Feinheit ausfeilen können, aber sie
kommt der zweckmäßigsten Form doch schon sehr nahe.
Das Ziel bleibt, eine besondere Leistung durch einen angemessenen Mehrgewinn zu belohnen, andererseits
aber Kostenverschwendung nicht als Leistung erscheinen zu lassen. Gerade in bezug auf den Wettbewerb
geht mein Bestreben dahin, alle die nach dieser Richtung hin sich zeigenden gegenteiligen Strömungen
zurückzudämmen und zu bekämpfen.
Nur so wird der Höchststand wirtschaftlicher Entwicklung erreicht werden können, den wir in
harmonischem Zusammenspiel staatlicher und unternehmerischer Wirtschaftskräfte anstreben und der allein
eine sichere Grundlage für den erwähnten sozialen und politischen Frieden bieten wird.
[...]
Ich möchte die Betrachtung dieses Problems nicht abschließen, ohne noch auf zwei Voraussetzungen
einzugehen, die über das rein Wirtschaftliche hinausragen, die mehr in das politische und in das ethische
Gebiet fallen, auf denen allein aber eine fruchtbare und dauerhafte europäische Wirtschaftsgemeinschaft
basieren kann.
Die eine Voraussetzung ist die Sicherung des europäischen Lebens- und Wirtschaftsraumes. Noch stehen
wir mitten im Kampf. Aber das vergangene Jahr hat uns einen wesentlichen Schritt weitergebracht. Zum
erstenmal in der Geschichte haben die Völker Kontinentaleuropas, mit wenigen Ausnahmen, in der Abwehr
der größten Gefahr, die ihrem Leben und ihrer Kultur jemals drohte, eine beispielhafte Solidarität bewiesen.
Es hat sich nicht nur fast ganz Europa zu einer nach einheitlichen Gesichtspunkten gelenkten
Kriegswirtschaft zusammengefunden, sondern es kämpfen auch seine besten Söhne Schulter an Schulter für
die gemeinsame Sache. Diesem geballten Krafteinsatz kann der politische Erfolg nicht versagt werden,
zumal diesem Kräfteeinsatz die Feinde nichts Gleichwertiges oder, sagen wir, etwas Größeres
gegenüberstellen können.
Ich betone dies ausdrücklich, weil gerade in der letzen Zeit von englischer und noch mehr von
amerikanischer Seite mit der angeblichen Überlegenheit des Materials eine geradezu groteske Propaganda
getrieben wird. Deshalb möchte ich ihr hier einmal etwas kritisch zu Leibe gehen.
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In einer seiner letzten Reden hat der Führer gesagt:
Wenn Sie manchmal in der Zeitung etwas lesen über die gigantischen Pläne anderer Staaten, was sie alles zu
tun gedenken, wenn Sie dabei von Milliardensummen hören, so erinnern Sie sich an das, was ich jetzt sage:
1. Auch wir stellen in den Dienst unseres Kampfes einen ganzen Kontinent.
2. Wir reden nicht von Kapital, sondern von Arbeitskräften, und diese Arbeitskräfte setzen wir
hundertprozentig ein.
3. Wenn wir nicht darüber reden, dann heißt das nicht, daß wir nichts tun.
Was der Führer damals hinsichtlich der feindlichen Propaganda ankündigte, ist ja nun inzwischen in einem
Maße eingetreten, das selbst für den erstaunlich bleibt, der die amerikanische Sucht, sich an Rekordzahlen
zu berauschen, seit langem kennt.
Wir wissen, die Amerikaner sollen immer das Größte, das Beste, das Dickste, das Längste, das Schnellste
usw. haben. In dieser Rekordsucht hat alle der Präsident Roosevelt überboten. Er hatte dafür allerdings
triftige Gründe, denn einmal mußte er seinen Landsleuten etwas dafür bieten, daß er ihnen mit demselben
Atemzuge eine außerordentliche Erhöhung der Steuern verkündete; und schließlich brauchte er einen Trost
für die schmerzliche Einbuße, die die Vereinigten Staaten unter den blitzartigen Schlägen der japanischen
Waffe im Stillen Ozean hinnehmen mußten. Herr Roosevelt erging sich dabei in Zahlen für alles, was die
Vereinigten Staaten in Zukunft herstellen wollen. Diese Zahlen sind nicht nur für den Fachmann, sondern
auch für jeden urteilsfähigen Beobachter auf den ersten Blick, rund herausgesagt, lächerlich. Er spekulierte
natürlich darauf, daß einer breiteren Öffentlichkeit eine Analyse der Produktionsmöglichkeit in den
Vereinigten Staaten mit konkreten Angaben schwer zugänglich zu machen ist, und der Vergleich mit unserer
Produktionskraft diese Schwierigkeiten natürlich verdoppelt, weil über jeder Erzeugung von Kriegsmaterial
naturgemäß ein Schleier des Geheimnisses liegt. Um so leichter, meint Herr Roosevelt, eine Nation
verführen zu können, die in ihrem Glauben an die absolute Überlegenheit der amerikanischen
Produktionskraft geradezu ihre Religion besitzt und es verstanden hat, diesen Glauben an die
Produktionsüberlegenheit der Vereinigten Staaten als einen Mythos auch in der übrigen Welt zu verbreiten.
Ja, Herr Churchill lebt überhaupt nur noch von diesem [Link] es gibt für die mit dem Denken
vertrauten Europäer glücklicherweise eine Menge sehr einleuchtender Anhaltspunkte für die Beurteilung des
Ziffernrausches, in dem sich der Präsident Roosevelt befindet.
Die zweite Voraussetzung - ich sprach vorhin von zwei Voraussetzungen - für eine dauernde
Wirtschaftseinheit ist nun noch eine ethische: Der Wille zur europäischen Gemeinschaftsarbeit, so wie er
jetzt unter dem harten Druck der Kriegsverhältnisse geprägt wird, muß der Leitgedanke der
herrschenden Wirtschaftsgesinnung auch in der Friedenszeit sein. Das bedeutet ein ständiges Bemühen,
die großen Zielsetzungen und die kommenden Aufgaben zu verstehen und sich darauf einzustellen. Das
bedeutet aber auch die Bereitschaft, die eigenen Interessen im gegebenen Falle denen der europäischen
Gemeinschaft unterzuordnen; und das ist das höchste Ziel, das wir von den europäischen Staaten verlangen,
das wir erstreben. Das mag im Einzelfalle Opfer bedeuten, im Gesamtergebnis werden aber alle Völker
davon Nutzen haben.
Uns liegt nicht wie England daran, unsere Handelspartner wirtschaftlich möglichst schwach zu sehen. Wir
sind im Gegenteil daran interessiert, daß sie möglichst stark sind. Wir zahlen nicht nur durch hohe Preise
bewußt ihre besonderen agrarischen Entwicklungskosten, sondern fördern ebenso sehr auch eine vernünftige
Industrialisierung, selbst wenn wir uns damit scheinbar Konkurrenten heranziehen. Aber das ist eben nur
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scheinbar. Wir tun dies, weil wir wissen, daß eine Industrie nicht nur vorübergehend Investitionsbedarf
schafft, sondern ständig neue Wünsche und neuen Bedarf weckt, den allgemeinen Lebensstandard verbessert
und damit auch wieder unserer Wirtschaft zugute kommt.
Eine solche Wirtschaftsgesinnung verlangt ein soziales Gewissen; und soziales Verantwortungsbewußtsein
ist es auch, das die Völker Europas in ihren Staatsführungen bei der Verwirklichung der neuen
Wirtschaftsordnung verlangen müssen und können.
Die neue europäische Wirtschaft wird die Erfüllung ihrer sozialen Verpflichtungen als ihre vornehmste
Aufgabe zu betrachten haben. Der Krieg unserer Tage, der nicht zuletzt um eine neue Wirtschaftsordnung
geht, ist damit zugleich das entscheidende Stadium einer sozialen Revolution. Aus der Saat edelsten Blutes
muß und wird für Europa eine bessere soziale Lebensordnung emporwachsen.
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