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Gegenstand und Aufgaben einer deutschen Lexikologie
1.1. Der Wortschatz als integrative Komponente
des Sprachsystems
Lexikologie als Bezeichnung einer linguistischen Disziplin ist gebildet aus griech.
lexikós - ,sich auf das Wort beziehend' und logos - ,Lehre'. Als relativ junge
sprachwissenschaftliche Disziplin sieht die Lexikologie ihren wissenschaftlichen
Gegenstand im Inventar lexikalischer Zeichen (Morphemen, Wörtern und festen
Wortgruppen), im Aufbau des Wortschatzes und im Regelsystem, das Wortge-
brauch und -verstehen bestimmt. Sie untersucht und beschreibt den Wortbestand
einer Sprache, seine Schichtung und Struktur, Bildung, Bedeutung und Funktionen
seiner Elemente. Sie ist die Theorie des lexikalischen Teilsystems, des Lexikons.
Mit dem Wort erlernen und übernehmen wir die in unserer Sprache üblichen Zu-
ordnungen einer Bezeichnung zu den Sachverhalten und Gegenständen der Reali-
tät und ihren ideellen Abbildern, aber auch die mit sprachlichen Zeichen verbunde-
nen Verallgemeinerungen, Begriffe, Wertungen und verdichteten Urteile und Vor-
urteile. Das kleine Kind lernt schon „gute" von „schlechten" Wörtern zu unter-
scheiden. Mit den Wörtern erwirbt es Wissen von der Welt und damit auch vom
Denken, Fühlen und Wollen seiner Umwelt. So vermittelt ein Wort wie Miez dem
Kleinkind erste Begriffe, erste Merkmale des Tieres. Das Kind verbindet seine
Sinneserfahrungen mit gesellschaftlichen Verallgemeinerungen, auf die sich das
Wort bezieht. Es lernt mit Hilfe der Wörter auch die Dinge seiner Umwelt vonein-
ander zu scheiden, aus dem Kontinuum der Ereignisse kann es Objekte ausgrenzen.
Allmählich wendet es selbst die Bezeichnungen richtig an, nachdem es zunächst
alles Weiche, Wuschlige, Fellige Miez genannt hatte. Schließlich erkennt es auch,
daß Miez, Katze, Kätzchen dasselbe bedeuten und daß man mit diesen Wörtern
diese Tiere rufen, über sie erzählen, von ihnen reden kann. Es lernt, worauf sich die
Wörter beziehen und wie man sie gebrauchen kann - es eignet sich die B e z u g s -
und G e b r a u c h s r e g e l n seiner Sprache an, indem es lernt, mit Wörtern zu operie-
ren, etwas darzustellen und auf Menschen einzuwirken.
Das L e x i k o n oder den W o r t s c h a t z betrachten wir als das strukturierte Inven-
tar der Lexeme. Das sind Benennungseinheiten, Wörter und feste Wortverbindun-
gen, die als relativ feste Zuordnungen von Formativ und Bedeutung reproduzierbar
sind, gespeichert werden und Basiselemente für die Bildung von Sätzen und Texten
sind. Sie sind „Werk der Nation und der Vorzeit" (HUMBOLDT), sprachlicher Aus-
druck von Verallgemeinerungen und Wertungen, von rationalen und emotionalen
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Bewußtseinsinhalten. Sie sind gleichermaßen Werkzeug der kommunikativen und
der kognitiven Tätigkeit. Als Elemente des Sprachsystems treten sie dem Einzelnen
als „objektiv", als „gesellschaftlich" gegenüber. Mit ihnen übernimmt er gesell-
schaftliches Wissen, mit ihnen objektiviert er seine Denkresultate.
Lexeme haben untrennbar miteinander verbundene Funktionen: Mit ihnen ver-
weisen wir auf das Einzelne und benennen den Begriff, das Allgemeine - wir ordnen
sie entsprechend den Bezugsregeln dem Bezeichneten zu. Sie sind Mittel der Über-
nahme und Aneignung gesellschaftlichen Wissens, gesellschaftlicher Wertungen,
Urteile und Klischees; sie sind Medium der Kommunikation und dienen damit dem
A u s d r u c k unserer Einschätzungen, Intentionen, Wünsche und Aufforderungen.
Das Wort ist das wichtigste Mittel der K u n d g a b e sozialer Einstellungen und der
Herstellung sozialen Kontaktes. Das Wort ist Träger kognitiver Einheiten und
dient der D a r s t e l l u n g von S a c h v e r h a l t e n . Wörter geben auch Auskunft über
ihre Nutzer, über soziale Gruppen oder Individuen, indem sie Merkmale ihrer Zeit,
ihrer Region tragen. So erkennt man u.U. am Wortgebrauch den Beruf des Spre-
chers, sein Alter oder seine Herkunft. Insofern haben Wörter eine I n d i z f u n k -
t i o n . Sie können den Sprecher/Schreiber als Mitglied einer sozialen Gruppe aus-
weisen oder symptomatisch für eine bestimmte Kommunikationssituation sein. So
werden herumlümmeln, Luder, Sauwetter in der Alltagskommunikation verwen-
det, Datenträger, Staubpartikel, Diskette gehören zur fachsprachlichen Lexik.
Wir bezeichnen den Wortschatz als eine i n t e g r a t i v e K o m p o n e n t e des
Sprachsystems. Damit wird ihm eine zentrale Stellung in unserem Sprachbesitz
zugeschrieben. Empirische Befunde vom Spracherwerb bezeugen das: Beim Er-
werb der Muttersprache wie auch später von Fremdsprachen erlernen wir mit den
Wörtern/Vokabeln nicht allein die Bedeutungen, sondern auch die Regeln der
Aussprache, der grammatischen Formung und Verbindung, die Regeln der Ver-
wendung in bestimmten Kommunikationssituationen. Die lexikalischen Kenntnis-
se sind mit phonetisch-phonologischen, syntaktischen, morphologischen und prag-
matischen verbunden. Beim Erlernen der Sprache spielt die Aneignung der Lexik
eine fundamentale Rolle: zuerst erwerben wir die Wörter, erst dann erfolgt die
Entfaltung der Grammatik. Mit dem Lexem erwerben und speichern wir die Regeln
seiner lautlichen und graphischen Repräsentation, die Regeln seiner Abwandlung,
seine morphologischen Kategorien, die Regeln seiner Fügbarkeit und die Möglich-
keiten seiner Verwendung in kommunikativen Situationen unter bestimmten kom-
munikativen Rahmenbedingungen, d.h. seine pragmatischen Eigenschaften. Wir
erlernen Präferenzen (Vorschriften) und Restriktionen (Verbote, Einschränkun-
gen) der Wortverwendung. Daraus kann man die Schlußfolgerung ziehen, daß das
Lexikon eine integrative Rolle spielt, daß viele Bereiche unseres sprachlichen Wis-
sens lexikalisch organisiert sind. Das Lexikon enthält die Liste aller Morpheme
einer Sprache, alle usuellen Wörter und festen Verbindungen; im Lexikon sind die
Regeln der Wortbildung gespeichert und die Paradigmen der Abwandlung.
Diese integrative Funktion ist auch bestimmend für den großen Anteil lexikali-
schen Wissens am Sprachwissen überhaupt. Wir wollen das am Beispiel des Lexems
Bekanntschaft zeigen:
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1. Das Formativ - phonologische Charakterisierung: Unter Formativ verstehen
wir das gesellschaftlich invariante Abbild von Lauteinheiten, das der Materialisa-
tion durch Laut- oder Schriftkörper zugrunde liegt und dem Bedeutungen zugeord-
net werden. Bekánntschaft trägt den Wortakzent auf dem Basismorphem. Dieser
Akzent ist durch die Regel festgelegt, daß bei Derivationen mit -schaft der Akzent
auf dem Basismorphem liegen muß: Bekánntschaft, Errungenschaft.
2. Grammatische Charakterisierung: Bekanntschaft ist ein Derivat, -schaft leitet
ein Substantiv von einem Partizip ab. Mit diesem Suffix ist das Genus des Substan-
tivs als Femininum festgelegt. Damit ist es regelmäßig in ein Wortbildungsparadig-
ma eingeordnet: Feindschaft, Freundschaft.
3. Semantisch gehört es, bedingt durch das Suffix -schaft, zu den Abstrakta. Es
kann jedoch semantisch variieren. Auch hierin folgt es einer Regel. Diese semanti-
sche Variation korreliert mit der Nutzung der morphologischen Kategorien:
a) Ihre Bekanntschaft besteht seit Jahren - sie sind seit Jahren bekannt - ohne
Plural: * ihre Bekanntschaften
b) Ihre Bekanntschaften nahmen sie voll in Anspruch - bekannte Menschen - Plural
ist möglich: Bekanntschaften
In Abhängigkeit von der semantischen Variante ist auch die Fähigkeit, Konstituen-
te einer Wortbildungskonstruktion zu sein, ausgeprägt. Es kann Grundwort eines
Determinativkompositums sein, dessen Bestimmungswort die begleitende Größe
bezeichnet: Herrenbekanntschaft, Damenbekanntschaft; das Bestimmungswort
kann auch lokale Bedeutungen herstellen (wo die Bekanntschaft zustande kam):
Reisebekanntschaft, Straßenbekanntschaft, Badebekanntschaft. Die erste Konstitu-
ente kann sich auf eine Zeitangabe beziehen (wann die Bekanntschaft zustande
kam): Ferienbekanntschaft. Mit Bekanntschaft sind somit Wortbildungsregularitä-
ten gespeichert, deren Kenntnis es auch erlaubt, Bildungen zu verstehen, die zu-
nächst okkasionell auftreten, wie z.B. Gaststättenbekanntschaft (.Bekanntschaft
aus einer Gaststätte'), Weihnachtsbekanntschaft (Bekanntschaft, zu Weihnachten
geschlossen).
4. Bekanntschaft, abgeleitet von bekannt, übernimmt vom Basiswort syntaktische
Eigenschaften, wenn es in der Variante ,bekannt sein', also ein Verhältnis bezeich-
nend, auftritt. Die Fähigkeit, die begleitende Größe durch ein präpositionales Ob-
jekt auszudrücken (bekannt sein mit X) prägt die syntaktische Verbindbarkeit: die
Bekanntschaft mit X.
Bekanntschaft kann in enger Verbindung mit bestimmten Verben auftreten und
wird so zu einer Konstituente eines bestimmten Funktionsverbgefüges. Es gewinnt
phraseologischen Charakter: Bekanntschaft schließen.
Mit dem Wort Bekanntschaft sind semantische, grammatische, phonologische Cha-
rakteristika gespeichert. Nicht alle seine Merkmale sind auf dieses Einzelwort
beschränkt. Sie ergeben sich vielmehr aus dem Regelsystem der Grammatik und
Semantik, das wir auf das Wort Bekanntschaft anwenden. Aufgrund eines seiner
Merkmale läßt sich ein anderes voraussagen. Die Grammatiktheorie spricht hier
von R e d u n d a n z r e g e l n . Das gilt in unserem Fall für die Angabe, daß Bekannt-
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schaft ein feminines Wort ist; denn dieses Wissen ist schon damit gegeben, daß es
ein Derivat mit dem Suffix -schaft ist. Damit ist auch festgelegt, daß bei Bekannt-
schaft unter den Bedingungen der Pluralbildung die Bedeutung .bekannte Men-
schen', .Bekanntenkreis' aktualisiert wird. Unser lexikalisches Wissen umschließt
also Kenntnisse allgemeiner Regeln und die Kenntnis spezifischer, an das Einzel-
wort gebundener Merkmale.
Der Wortschatz ist eine integrative Komponente. Daher weisen ihm moderne
Grammatiktheorien einen zentralen Platz zu:
Die grundlegenden Prinzipien für phonologische, syntaktische und semantische Strukturen
sind voneinander und wohl auch von den Prinzipien des Lexikons unabhängig, aber der
Aufbau einzelner Repräsentationen ist vom Lexikon aus organisiert (HANDBUCH 1985,13).
Das Lexikon steht mit anderen Teilsystemen in Wechselbeziehungen und wirkt im
sprachlichen Handeln mit ihnen zusammen. Lexikoneinheiten stellen aber kein
statisches Inventar dar, unser lexikalisches Wissen umschließt neben stationärem
auch prozedurales Wissen, Regelkenntnisse der Variation, Veränderung und An-
wendung der Lexikoneinheiten. Daher wollen wir als G e g e n s t a n d der Lexikolo-
gie den Wortschatz und seine Einheiten als Medium, Voraussetzung und Resultat
sprachlicher Tätigkeit verstehen. Die Lexikologie untersucht das lexikalische Teil-
system als gesellschaftlich determiniertes Inventar lexikalischer Zeichen, die Nor-
men und Regeln seines Aufbaus und der Verwendung in der kommunikativen
Tätigkeit; die Wechselbeziehungen mit anderen Kenntnissystemen.
Sie fragt nach
- dem Wesen der lexikalischen Einheiten,
- ihren Funktionen im Erkenntnis- und Kommunikationsprozeß,
- ihren Eigenschaften, auf denen Kommunikationseffekte beruhen,
- den Veränderungen von Lexemen und Lexikon und deren Triebkräften, Ursa-
chen und Bedingungen.
Dazu ist es notwendig, das Wort als sprachliche Grundeinheit von anderen Einhei-
ten, wie Morphem und Satz, abzugrenzen und dabei die Eigenschaften zu ermitteln,
die wir als lexikalische Eigenschaften bezeichnen wollen.
Die Lexikologie kann ihr Objekt in seiner Komplexität nur betrachten, wenn sie
diese Eigenschaften zunächst isoliert: Sie untersucht die Lexeme als Benennungs-
einheiten in ihrem Zusammenhang mit lexikalischen Bedeutungen und ermittelt die
Bedeutung der Wörter, die keine Benennungsfunktion haben, wie z.B. Funktions-
wörter, Partikeln und kommunikative Formeln (auf, doch, Guten Tag). Sie be-
schreibt das Wort als Element des Sprachsystems und Teil der Rede/Konstituente
des Satzes. Sie stellt die historische, regionale, funktionale und soziale Schichtung
des Wortschatzes dar.
Dazu ist es notwendig, das Lexem als begriffstragendes Element der Sprache zu
begreifen, zu dessen Erforschung und Beschreibung Erkenntnisse der Psychologie
und Soziologie und unser Wissen von der Welt, enzyklopädisches Wissen, genutzt
werden müssen. Schon die Vielfalt der Untersuchungsaufgaben macht deutlich,
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daß die Lexikologie einerseits spezielle Methoden und Disziplinen entwickeln muß-
te und andererseits in engen Wechselbeziehungen mit anderen Wissenschaften und
Wissenschaftsdisziplinen steht, die ebenfalls im Wort einen ihrer Gegenstände se-
hen: mit der Grammatik, der Stilistik, der Sozio- und Psycholinguistik. Es wird auch
darüber zu sprechen sein, daß Wissenschaften, die sich speziell mit einzelnen
Aspekten des Lexems und des Wortschatzes beschäftigen, im Laufe der Wissen-
schaftsentwicklung ihre Selbständigkeit erworben haben und nicht oder nur bedingt
als Disziplinen der Lexikologie betrachtet werden können, wie die Wortbildungs-
theorie, die Phraseologie und - wenn schon mit einer langen Tradition der eigen-
ständigen Entwicklung - die Lexikographie. Sie betrachten wir als Nachbarwissen-
schaften. Wir unterscheiden
- Allgemeine und spezielle Lexikologie
Die allgemeine Lexikologie versucht, solche Klassifizierungen vorzunehmen und
solche Sachverhalte aufzudecken und zu beschreiben, die für viele Sprachen gelten.
Die spezielle Lexikologie untersucht Wort und Wortschatz einer Sprache, ist somit
Bestandteil der Theorie einer Sprache. So sprechen wir z.B. von der englischen,
russischen, deutschen Lexikologie.
- Historische Lexikologie
Die historische Lexikologie ist wie die historische Lautlehre oder die historische
Grammatik eine sprachgeschichtliche Disziplin. Auch sie berücksichtigt die Dialek-
tik von Synchronie und Diachronie, um den Zustand des Wortschatzes als Resultat
seiner Entwicklung im Zusammenhang mit und in Abhängigkeit von seinen Funk-
tionen im sprachlichen Handeln zu beschreiben.
- Lexikologie als Komponente der Forschungen zur Künstlichen Intelligenz
Mit der Entwicklung der Forschungen der Künstlichen Intelligenz entstand auch
eine Forschungsrichtung, die das Lexikon untersucht, das „KI-Lexikon". Ihr Ge-
genstand sind die kognitiven Fähigkeiten des Menschen und der Ablauf sprachli-
cher Prozesse beim Wortgebrauch. Es werden formale Modelle der Speicherung
und der Verwendung lexikalischer Einheiten entwickelt, Wissensklassen abge-
grenzt, die als lexikalisches Wissen Subklassen menschlichen Wissens darstellen.
Lexikalisches Wissen im (weiteren) Sinne der KI umfaßt neben lexikalischem Wissen im
engeren Sinne auch Weltwissen (enzyklopädisches Wissen). Aus Sicht der KI ist lexikologi-
sche Forschung untrennbar verknüpft mit Forschung über Modelle der Wissensrepräsenta-
tion (HANDBUCH, 1985, 469).
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1.2. Wortschatz und Grammatik
In den verschiedenen Grammatikmodellen wird das Verhältnis von Wortschatz und
Grammatik unterschiedlich abgebildet. Das hängt in erster Linie mit der Auffas-
sung von „Grammatik" zusammen.
Einmal wird Grammatik im weitesten Sinne gefaßt - als das sprachliche Wissen
vom Regelsystem einer Sprache überhaupt. Eine Theorie der Grammatik ist dann
eine Hypothese über die Fähigkeit, eine Sprache zu gebrauchen. Eine solche weite
Auffassung der Grammatik führt zur Annahme interagierender Teilsysteme: des
phonologisch-phonetischen, des morphologischen, syntaktischen und semanti-
schen Teilsystems, die mit der pragmatischen Komponente zusammenwirken.
(Als „pragmatische Komponente" wird hier das Sprachhandlungswissen aufge-
faßt, das aus kommunikativen Situationen, Bedingungen, Partnerkonstellationen,
Sprachhandlungstypen abgeleitet wird und solche Kenntnisse umfaßt, die die Zei-
chenverwendung steuern, wie das soziokulturelle Hintergrundwissen, Präsupposi-
tionen, die Kenntnis der Kontext- und Situationsabhängigkeit sprachlicher Zei-
chen. Pragmatik bezieht sich auf sprachliches Handeln. Zur Diskussion des Prag-
matik-Begriffes vgl. GREWENDORF/HAMM/STERNEFELD 1987, 374ff.)
Danach besteht eine Grammatik aus einer Menge von Regeln und Bedingungen,
die als Anweisungen zum Aufbau von Sätzen und Texten zu verstehen sind. Eine
Beschreibung der Grammatik soll die Regeln rekonstruieren, die diç Bildung gram-
matisch korrekter Sätze erlauben und die Interpretation steuern. Nach dieser Auf-
fassung stellt das Lexikon eine Komponente der Grammatik dar, die als integrative
Komponente (s. 1.1.) mit den übrigen Komponenten verbunden ist. Eine Beschrei-
bung des Lexikons ist damit Bestandteil der Beschreibung der Grammatik. Sie
enthält nicht allein die Liste aller Wörter und Morpheme, sondern auch die Angabe
der internen Struktur der Wörter, ihre morphologischen Regeln und die Merkmale
der syntaktischen Bedingungen ihres Einsatzes. Die Morphologie kann somit Teil
des Lexikons sein, das in diesem Verständnis alle Morpheme und usuellen Bildun-
gen, morphologische Regeln der Formenbildung, Wortbildung und der Interpreta-
tion usueller Bildungen enthält. Eine solche Auffassung des Lexikons vertritt die
generative Grammatik. Sie benutzt auch für die Wortbildung das methodische
Inventar der Konstituentenanalyse und verwendet die Phrasenstrukturregeln zur
Bildung von Wörtern. Diesen werden syntaktische Strukturen zugeordnet. Man
spricht von der Wortsyntax.
Zum anderen ist nach einer älteren, traditionell engeren Auffassung eine Gram-
matik das morphosyntaktische Regelsystem einer Sprache. Ihre Beschreibung er-
folgt durch Morphologie und Syntax. So versteht sie auch EISENBERG (1989): „Tra-
ditionell umfaßt die Grammatik eine Lautlehre, Formenlehre und Satzlehre, häufig
noch eine Wortbildungslehre [ . . . ] Die Morphosyntax gilt allgemein als das Kern-
gebiet einer Grammatik" (S. 21). Der Wortschatz stellt nach dieser Auffassung eine
Basiskomponente dar, die mit dem morphosyntaktischen Regelsystem „zusam-
menwirkt".
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Im kommenden Abschnitt betrachten wir den Wortschatz - das Lexikon - als
eine Komponente des Sprachsystems, deren Einheiten, die Lexeme, in einem rela-
tiv selbständigen Subsystem funktional und strukturell geordnet sind. Wir verfügen
über lexikalisches Wissen, über Wissen von Lexemen und Regeln ihrer Verwen-
dung, das mit phonologischen und morphosyntaktischen Kenntnissystemen zusam-
menwirkt. Das bedeutet, daß mit Wortwissen morphologisches und syntaktisches
Regelwissen gespeichert ist, das nicht allein das einzelne Wort, sondern die jeweili-
ge semantische und grammatische Wortklasse betrifft.
Lexikalische Bedeutung und morphologische Kategorien
Jedes Wort kann einer Wortart zugerechnet werden und hat damit auch Anteil an
den morphologischen Kategorien des Paradigmas seiner Wortart. Lexisch-semanti-
sche Klassen können auch gemeinsame morphologische Merkmale haben. Dieser
Zusammenhang von lexikalischer Semantik und Morphologie soll an einigen Bei-
spielen vorgestellt werden.
So können semantische Gruppen von Substantiven weitgehend das gleiche Ge-
nus haben: die Benennungen der Monate und Wochentage sind Maskulina (auch
der Mittwoch - die Mitte der Wochel), die Benennungen der Bäume sind zum
größten Teil Feminina (die Tanne, Buche, Lärche, aber: der Ahorn oder Komposita
mit Baum als zweiter Konstituente: der Affenbrotbaum). Offensichtlich ist der
Zusammenhang von Wortbildungssuffix und Genus der Substantive: -heitl-keit-
Affigierungen sind Feminina, ebenso die Ableitungen mit -ung. -er ordnet den
Maskulina zu (der Bohrer, der Fleischer), während Ge - e Neutra bilden. Nutzt ein
Lexem die Klassen seines Paradigmas unvollständig aus, ist das meist durch die
Wortbedeutung, die lexikalische Semantik, determiniert.
Substantive können nach Kasus und Numerus abgewandelt werden. Es ist se-
mentiseli begründet, wenn ein Substantiv oder eine seiner lexisch-semantischen
Varianten nicht pluralfähig ist. Substantive bestimmter semantischer Klassen ver-
schließen sich der Pluralbildung. Dazu gehören Stoffbenennungen, wie Öl, Wasser,
Kohle, Holz• Wird dennoch ein Plural gebildet, wird eine spezifische Bedeutung
aktualisiert: Hölzer benennt entweder Gegenstände aus Holz (Streichhölzer) oder
spezielle Holzarten (edle Hölzer). Die Pluralbildung ist dann nicht möglich, wenn
das Denotat die amorphe Masse ist. Der Plural signalisiert bei diesen Substantiven
entweder Gegenstände aus dem betreffenden Stoff oder spezielle Arten, vgl. öle,
Wässer, Zemente usw.
Gleiches Verhalten zeigen auch Nomina qualitatis. Während die Qualitätsbe-
zeichnung nicht pluralfähig ist, bilden die Bezeichnungen der Qualitätsträger den
Plural: die Aufmerksamkeit auf jemanden lenken - kleine Aufmerksamkeiten erhal-
ten die Freundschaft.
Einige Gruppen der Abstrakta verschließen sich überhaupt der Pluralbildung:
*die Lieben, *die Zorne, *die Glücke.
Bestimmte Gruppen der Kollektiva sind ebenfalls außerstande, den Plural zu
bilden, denn hier ist die pluralische Bedeutung in der lexikalischen Semantik ent-
halten: *die Gelächter, *die Geäste, *die Gebrülle.
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Ähnliches trifft auch für Adjektive zu. Semantische Gruppen können z.B. alle
Stufen des Komparationsparadigmas bilden, andere wiederum sind nicht steiger-
bar, wie Herkunfts- und Stoffadjektive. Diese semantisch bedingte Restriktion wird
dann aufgehoben, wenn eine metaphorische Variante aktualisiert wird: eisernes Tor
- eiserner studieren. Gleiches gilt auch für Herkunftsadjektive: preußische Gebiete -
aber: preußischer als die Preußen.
Verben legen Anzahl und semantische Subklassen ihrer Partner fest. Damit
kann auch die Nutzung der Klassen des Paradigmas eingeschränkt sein. Witte-
rungsverben können z.B. kein personales Subjekt haben: *du regnest. Wird den-
noch eine Personalform gebildet, wird eine metaphorische Variante aktualisiert:
du schneist herein; er donnert los. regnen hat keine Leerstelle für ein personales
Subjekt. In die Bedeutung ist /Regen/ eingeschlossen. Daher kann Regen unspezi-
fiziert nicht als logisch begründetes Subjekt erscheinen: *Regen regnet, auch nicht
mit grammatisch begründetem es: *es regnet Regen. Wird dennoch die Subjektpo-
sition besetzt, wird eine metaphorische Variante aktualisiert: es regnet Blumen, es
regnet Wein. Die Bedeutung von regnen als Naturprozeß erlaubt nur, nähere Be-
stimmungen als Adverbialbestimmungen einzubringen: es regnet heute, im Nor-
den, in Strömen.
Das gilt auch für die Fähigkeit des Verbs, das Genusparadigma auszunutzen. Die
Möglichkeit, ein Vorgangspassiv zu bilden, ist letztlich durch die Verbbedeutung
bestimmt. Verben, wie z.B. Witterungsverben, entziehen sich der Bildung des
Vorgangspassivs: *wird geregnet, * wird geblitzt; *wird gegangen bestätigt wieder-
um unsere Auffassung, daß eine Verletzung der Strukturregeln Auswirkungen auf
die Interpretation der lexikalischen Bedeutung hat: wird gegangen meint: ein
Mensch wird genötigt zu gehen, d. h. meist: seine Arbeit aufzugeben.
Verbvalenz und lexikalische Bedeutung
Die Verbsemantik determiniert, welche Aktanten (Mitspieler) ein Verb haben
kann. So bestimmt die Bedeutung von sitzen, daß dieses Verb außer dem Subjekt
(wer sitzt) eine präpositonale Angabe des Ortes (wo sitzt wer) an sich bindet (ersitzt
im Zimmer). Wird eine solche obligatorische Bestimmung nicht gegeben, wird die
Bedeutung ,im Gefängnis sein' aktualisiert. Die Forderung nach Aktanten ergibt
sich letztlich aus der denotativen Bedeutung der Verben, die verallgemeinernd
Sachverhalte abbilden.
Den lexisch-semantisch begründeten Leerstellenstrukturen entsprechen syntak-
tische Grundmodelle der Leerstellenverteilung: wir sprechen von ein-, zwei-, drei-
und auch vierwertigen Verben (vgl. dazu EISENBERG 3.2.), je nachdem, wieviele
obligatorische Mitspieler durch die Verbbedeutung gefordert werden. Das Verb
stellen fordert ein Subjekt, eine Ergänzungsangabe (Objekt) und eine Adverbialbe-
stimmung des Ortes (Lokalbestimmung) : Ich stelle die Vase auf den Tisch. Läßt man
einen der Mitspieler aus, wird der Satz ungrammatisch: *Ich stelle die Vase; *Ich
stelle auf den Tisch.
Verbvalenz und Verbsemantik stehen in Wechselbeziehungen zueinander.
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Heute spielen die semantischen Kasusrollen in der linguistischen Diskussion eine
große Rolle. Eingeführt wurde diese Kategorie der „Tiefenkasus" durch FILLMO-
RE. Nach HELBIG bilden die semantischen Kasus eine vermittelnde Instanz zwi-
schen Argumenten und Aktanten, „einerseits eine Abstraktion aus der Vielfalt der
semantischen Komponenten, andererseits (damit verbunden) ein Indiz, das der
Identifizierung semantischer Strukturen dienen kann" (1985, 47). Als semantische
Kasus - Unklarheit herrscht sowohl über ihre Anzahl als auch über die Kriterien
ihrer Abgrenzung - können auf jeden Fall für Tätigkeits verben Agens- und Patiens-
größen angenommen werden. So stehen z.B. bei bearbeiten, ergreifen, besitzen
Agens- und Patiensgrößen. Psychologische Forschungen haben ergeben, daß sol-
che lexisch-semantisch begründeten Partner auch als Muster, als syntaktische Rah-
menstrukturen gespeichert sind.
Dieser untrennbare Zusammenhang von lexikalischer Semantik und syntakti-
schen Regularitäten, Lexikon und Syntax, wird besonders bei der Betrachtung der
Verbvalenz sichtbar.
Vgl. dazu EISENBERG 1989, insbes. 3.2.2. Valenz und Bedeutung.
Funktional-semantische Felder
Ein anderer Gedanke zum Verhältnis von Wortschatz und Grammatik kommt zum
Tragen, wenn der funktionale Aspekt berücksichtigt wird. Fragt man nach sprachli-
chen Mitteln, durch die eine Aussage absieht realisiert wird, so wirken immer lexi-
kalische und grammatische Mittel zusammen. Eine semantische Klasse oder Kate-
gorie kann sowohl durch grammatische als auch durch lexikalische Mittel ausge-
drückt werden. Es bestehen dann synonymische Beziehungen.
Soll z.B. ein .künftiges Geschehen' mitgeteilt werden, so kann das geschehen
durch das Futur I des Verbs: Er wird kommen oder durch Adverbien wie morgen,
bald, Substantivgruppen in Zukunft, Adjektive künftig und Präsens des Verbs - er
kommt bald, künftig, in Zukunft. Das Temporalfeld umfaßt dann die für Temporal-
angaben vorhandenen lexikalischen Einheiten und grammatischen Kategorien und
die Regeln ihres Zusammenwirkens. Dazu gehören auch Restriktionen; denn die
lexikalische Bedeutung kann die Verwendung eines Wortes im Zusammenhang mit
einer bestimmten Tempusform verhindern: *Er wird gestern kommen.
Vgl. zu funktional-semantischen Feldern 8.3.4. und die Literatur, die im Rahmen
der funktional-kommunikativen Sprachbeschreibung in den vergangenen Jahren
entstanden ist: BONDARKO 1977; >Funktional-kommunikative Sprachbeschrei-
bung< 1981. Eine erste Darstellung geben GULYGA, E. V./SENDELS, E.I. 1969:
>Grammatiko-leksiCeskie polja ν sovremennom nemeckom jazyke<.