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Der Spiegel 11.7.25

Das Dokument behandelt verschiedene Themen, darunter die optimale Erholung im Urlaub, die Situation im ostukrainischen Donbass und die Herausforderungen des deutschen Bildungssystems im Hinblick auf Migrantenquoten. Es wird diskutiert, dass kürzere, häufigere Urlaube effektiver für die Erholung sind, während die Bildungspolitik reformiert werden muss, um den Bedürfnissen von Schülern mit Migrationshintergrund gerecht zu werden. Zudem wird die politische Situation in Deutschland und die Rolle von Bodo Ramelow in der Linken thematisiert.

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Der Spiegel 11.7.25

Das Dokument behandelt verschiedene Themen, darunter die optimale Erholung im Urlaub, die Situation im ostukrainischen Donbass und die Herausforderungen des deutschen Bildungssystems im Hinblick auf Migrantenquoten. Es wird diskutiert, dass kürzere, häufigere Urlaube effektiver für die Erholung sind, während die Bildungspolitik reformiert werden muss, um den Bedürfnissen von Schülern mit Migrationshintergrund gerecht zu werden. Zudem wird die politische Situation in Deutschland und die Rolle von Bodo Ramelow in der Linken thematisiert.

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Benelux € 8,20 Finnland € 10,20 Griechenland € 8,80 Kroatien € 9,50 Österreich € 7,60 Schweiz sfr 10,- Slowenien € 8,50

r 10,- Slowenien € 8,50 Spanien / Kanaren € 8,60 Ungarn Ft 3990,–


Dänemark dkr 99,95 Frankreich € 8,50 Italien € 8,80 Norwegen NOK 139,– Portugal (cont) € 8,50 Slowakei € 8,50 Spanien € 8,30 Tschechien Kč 250,– Printed in Germany

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OSTUKRAINE

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DIE
Frontreport aus einer

Forscher ergründen
das Geheimnis der Erholung
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URLAUBS-
MÜNCHEN
Wie Starkoch
Schuhbeck abstürzte
DEUTSCHLAND
Nr. 29 | 11.7.2025
€ 6,90
Ihr täglicher
Nachrichten-
HAUSMITTEILUNG

Titel  | Seiten 8, 15

Die Frage, wie die perfekte Erholung aussieht, beschäftigt Mil-


lionen Urlauberinnen und Urlauber. Muss man verreisen, oder
Vorsprung
kann man im eigenen Garten abschalten? Wie lange sollte man
Mit SPIEGEL+ lesen Sie die
sich rausziehen, und wie lässt sich das Feriengefühl in den All-
tag hinüberretten? SPIEGEL -Autor Olaf Stampf sprach mit aktuellen News und sichern
­Psychologen, Hirnforschern und einem Ethnologen. Als er die sich zusätzlich den Zugang
Psychologin Jessica de Bloom an der Universität Groningen zu mehr Infos, Hintergründen
Olaf Stampf / DER SPIEGEL

­besuchte, erfuhr er, dass längere Urlaube nicht zu mehr wirk­ und Reportagen, zu exklusiven
samer Erholung führen. Besser sei es, riet die Expertin, kürzer
zu verreisen, dafür aber häufiger. »Ich werde versuchen, die Inhalten und nützlichen
­Erkenntnisse der Wissenschaft bei meiner eigenen Urlaubs­ Ratgebern. Jeden Tag.
planung zu berücksichtigen«, sagt Stampf. Die Empfehlung, in Probieren Sie es einfach aus!
der arbeitsfreien Zeit nicht zu arbeiten, konnte er diesmal noch
nicht befolgen: Als er die Titelgeschichte produzierte, hatte bereits sein Urlaub begonnen. Immer-
hin: Wenn der SPIEGEL erscheint, erholt sich Stampf in Lissabon.

Ukraine / Donbass | Seite 74 Zugriff auf alle


SPIEGEL+-Artikel
In diesem Frühjahr sind Wladimir Putins Truppen an der Front im
ostukrainischen Donbass weiter vorgerückt. Ihr Ziel: die Stadt
Kostjantyniwka, deren Zufahrtswege bereits durch Drohnen be- Digitales Magazin
droht werden. Reporter Christian Esch und der Kyjiwer SPIEGEL - donnerstags ab 13 Uhr
Mitarbeiter Fedir Petrov waren dort. In der Nachbarstadt Krama-
Fedir Petrov / DER SPIEGEL
torsk besuchten sie das Hotel, in dem Esch in der Nacht zum
24. Februar 2022 Russlands Invasion erlebt hatte. Es ist längst zer- DER SPIEGEL
stört. »Ich hätte damals nicht gedacht, dass Kramatorsk drei Jahre zum Anhören
später immer noch in ukrainischer Hand ist«, sagt er. Esch und
­Petrov besuchten die Front und erlebten, wie diffus dieser Begriff
geworden ist, seit Drohnen auch das Hinterland angreifen.

Bodo Ramelow | Seite 26

Der Erfolg der Linken war die Überraschung der Bun-


destagswahl. Mit 64 Abgeordneten sitzt die Partei
nun im Parlament. Einer von ihnen ist der ehemalige 11FREUNDE
Ministerpräsident von Thüringen, Bodo Ramelow.
Michael Reichel / DER SPIEGEL

Digitalangebot
Zehn Jahre lang führte er das Bundesland, zuletzt in
einer Minderheitsregierung. Dass er mit seiner Partei
hadert, macht Ramelow immer wieder öffentlich. Effilee
­Zuletzt wurde darüber spekuliert, ob Ramelow der Digitalangebot
Linken den Rücken kehre. SPIEGEL -Redakteurin
Linda Tutmann hat ihn in den vergangenen Wochen
in Thüringen und Berlin begleitet. Sie erlebte den
­großen Zuspruch, den Ramelow erfährt, aber auch Kritik an ihm. Er sprach über sein Fremdeln
mit der eigenen Partei, den neuen Alltag als Bundestagsabgeordneter und seine Kindheit, die ihn
bis heute prägt. »Ramelow hat nicht vor, die Linke zu verlassen, er möchte Debatten anstoßen.
Die Frage ist, ob er in der Partei gehört und verstanden wird«, sagt Tutmann.
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»Ich hab heute Nacht etwas total Verrücktes geträumt!« So oder ähnlich
fangen häufig die ersten Gespräche am Frühstückstisch an. Wer hat im
Schlaf etwas Absurdes erlebt? Oder vielleicht etwas Gruseliges? Die Titel-
geschichte des Kinder-Nachrichten-Magazins DEIN SPIEGEL dreht sich
ums Träumen und erklärt, was dabei im Gehirn passiert. Ein berühmter
Schlafforscher sagt, was man gegen Albträume tun kann. Außerdem im
Heft: Wie sich Schüler in Brandenburg für die Demokratie und gegen
Rechtsextremismus einsetzen. DEIN SPIEGEL erscheint am Dienstag.
Danach € 5,99 pro Woche, vierwöchentlich
abgerechnet und kündbar.
Nr. 29 / 11.7.2025 DER SPIEGEL 3
INHALT TITEL

8 | Wohlbefinden Neue
Erkenntnisse aus der Resilienz-
forschung zeigen, wie sich
DER SPIEGEL 79. Jahrgang | Heft 29 | 11.7.2025
Menschen am besten erholen

15 | Verhaltensforschung Ein
Psychologe über die Bedeutung
von Pausen

DEUTSCHLAND

6 | Leitartikel Migrantenquoten
an Schulen werden die deutsche
Bildungsmisere nicht beheben

16 | Milliardenrisiko durch
Gerichtsprozesse um Corona-
Schutzmasken / Polizei identi­
fiziert Drohnenpiloten nach
Überflug von Militärgelände /
Betrugsvorwürfe gegen Trump-
Fan von der Jungen Union /
Die Gegendarstellung

Jewgeni Roppel / DER SPIEGEL


20 | Regierung Rente, Pflege,
Wirtschaft – Friedrich Merz und
der Reformstau

24 | CDU Carsten Linnemann


muss sich in seiner alten Rolle
neu erfinden

Der Entspannungstrick 26 | Linke Silberlocke


Bodo Ramelow hadert mit
seiner verjüngten Partei
TITEL Wie lange sollte man verreisen, um sich bestmöglich zu erholen? Und wie
lässt sich das Feriengefühl in den Alltag retten? Neurowissenschaftler 29 | Bekenntnisse Ex-Verteidi-
gungsministerin Christine Lam­
und Psychologinnen forschen nach der optimalen Erholung und haben heraus­ brecht veröffentlicht ihr »Ab­
gefunden: Weniger ist mehr. | 8, 15 surdistan«-Buch im Selbstverlag

30 | Justiz Warum es im
Fall des Berliner »Aids-Papstes«
keine Verurteilung gibt

32 | Bürokratie Eine Pflege­


Dia Dipasupil / The Rock and Roll Hall of Fame / Getty Images

mutter verzweifelt am Kampf mit


den Behörden

36 | Zivilgesellschaft In Ost-
deutschland gehen vor allem
Rechtsextreme gegen unabhängi-
ge Initiativen und Vereine vor
Bernd Elmenthaler / IMAGO

Peter Jülich / DER SPIEGEL

40 | Paarbeziehungen Wie
es Eltern gelingt, ihre Liebe zu
erhalten

DEBAT TE
Katherina Reiche Ozzy Osbourne Nicole Deitelhoff
Die Wirtschaftsministerin will Das Maskottchen des Metal Die Friedensforscherin sagt, 42 | Empathie Es ist riskant
das Wachstum ankurbeln – mit gibt sein letztes Konzert. Millionen Deutschland müsse bei der geworden, unter Bekannten zu
umstrittenen Mitteln. | 54 nehmen Abschied. | 102 Aufrüstung vorangehen. | 110 Israel zu stehen

4 DER SPIEGEL Nr. 29 / 11.7.2025 Die Zusatzthemen vom Titelbild sind orange her vorgehoben.
REPORTER SPORT

44 | Familienalbum / Kann ich 85 | Langstreckenrekorde im


da reinspringen, Herr May? Freiwasser / Hall of Fame:
Kishane Thompson, Sprinter
45 | Eine Meldung und ihre
Geschichte Warum ein 86 | Pionierinnen Die Rekord­
Elternpaar gegen eine Regen­ fußballerinnen der Muni­tions­
bogenflagge im Hort klagt fabrik Dick, Kerr & Co.

46 | Familien Chatnachrichten 89 | Fußball Bilanz der Klub-


aus Iran erzählen von einem WM in den USA

Kay Niet feld / dpa


Leben zwischen Todesangst
und Hoffnung auf Befreiung
WISSEN
51 | Kolumne Alles Gutsch
90 | Hirnstimulation statt Macht Merz auf Merkel?
Mathenachhilfe / Analyse:
Der Kanzler verspricht, das Land für die Zukunft fit zu machen.
WIRTSCHAF T Die Deutschen sind schlecht auf
Nur einen Plan hat er noch nicht.
Notlagen vorbereitet
So wachsen die Zweifel, wie ernst es ihm damit ist. | 20
52 | Finanzminister lässt sich
von bewaffneten Zöllnern bewa- 92 | Künstliche Intelligenz
chen / Gehälter in Genf und Der ehemalige OpenAI-
Zürich weltweit am höchsten Mitarbeiter Daniel Kokotajlo im
SPIEGEL -Gespräch über die ge­
54 | Karrieren Wirtschafts­ fährliche Macht der Maschinen
ministerin Katherina Reiche und
ihr Wendekurs in der Energie­ 96 | Hirnforschung Sprießen
politik bei Erwachsenen jeden Tag
frische Nervenzellen?
57 | Insolvenzen Der tiefe Fall
des Starkochs Alfons Schuhbeck 97 | Klima Wissenschaftler

Helena Schaetzle / DER SPIEGEL


wollen mit uraltem Eis aus der
60 | Generation Z Woher Antarktis ein Rätsel lösen
kommt die neue Leidenschaft
fürs Geld? 98 | Übergewicht Nutzen und
Risiken der Abnehmspritzen
64 | Unternehmerinnen
Milliardärin Lucy Guo über
Feminismus im Silicon Valley KULTUR Die Generation Z liebt das Geld
Jungen Menschen werden Einkommen und Vermögen wichtiger.
66 | Finanzskandale Eine Firma 100 | Der Stil von Fußballtrai-
Sie eifern dem Luxusleben bekannter Influencer
aus Dubai soll weltweit Internet­ nerinnen / Dokumentation
nach und suchen Sicherheit in einer krisengeprägten Welt. | 60
nutzer um ihr Geld bringen über die Geschichte hinter »Der
Weiße Hai« / Der Therapie-
Roman »Happiness Forever« /
AUSLAND Eine Ausstellung über Schatten

72 | Was will Elon Musk mit 102 | Musik Mit Ozzy


einer neuen Partei erreichen? / Osbournes letztem Auftritt geht
Gefähr­liche Fusion mexikani- mehr als eine Karriere zu Ende
scher Drogenkartelle
106 | Zeitgeist Wie sich
74 | Ukraine Frontbesuch in der Männer wirklich für Feminismus
Todeszone Donbass begeistern lassen
Matthias Clamer / Getty Images

78 | USA Medizinnobelpreisträ­ 110 | Politik SPIEGEL -


ger Thomas Südhof im SPIEGEL- Gespräch mit Nicole Deitelhoff
Gespräch über Forschungsfreiheit über die Wehrpflicht
unter Donald Trump und Deutschlands Zukunft

81 | Italien Ein Mönch kämpft 113 | Kinokritik James Gunn


gegen die Gentrifizierung seines rettet »Superman« durch Humor
Florentiner Klosters Krisenzustand Männlichkeit
SPIEGEL-TV-Programm | 23 Bestseller | 105 Gleichstellungspolitik bleibt bislang auf halber Strecke stehen.
Impressum, Leserservice | 116
82 | Völkerrecht Begeht Israel Nachrufe | 117 Personalien | 118
Sie bringt traditionell männliche Privilegien
in Gaza einen Genozid? Briefe | 120 Letzte Seite | 122 an die Frau, aber weibliche nicht an den Mann. | 106

Titelfoto: Jewgeni Roppel / DER SPIEGEL Nr. 29 / 11.7.2025 DER SPIEGEL 5


Unselige Obergrenze
LEITARTIKEL Eine Migrantenquote für Schulen geht am Kern des Problems vorbei.
Was wirklich gegen die Bildungsmisere helfen würde.

dringend etwas ändern. Sie ist ungerecht, weil Schulen


in sogenannten he­rausfordernden Lagen besonders
unter dem Lehrer­mangel in Deutschland leiden. Sie
führt dazu, dass sich Probleme ballen und Kinder
schlechter lernen. Und dass sich etwa die Tochter einer
Ärztin und der Sohn einer Reinigungskraft kaum be-
gegnen. So fällt die ­Gesellschaft auseinander.
Zuletzt haben die Pisa-Studie und andere Leistungs-
tests gezeigt, dass Schüler mit Migrationsgeschichte
im Schnitt schlechter abschneiden. Allerdings ist diese
Gruppe heterogen, und Schlussfolgerungen sind nur
aussagekräftig, wenn der sozioökonomische Hinter-
grund berücksichtigt wird. Schulisch besonders er­
folgreich sind etwa Kinder migrantischer Eltern mit

Matthias Balk / picture alliance


­Abitur und gutem Einkommen. Bei ihnen ist laut
Ifo-Chancenmonitor die Wahrscheinlichkeit von allen
Viertklässlern am höchsten, auf ein Gymnasium zu
wechseln.
Insgesamt haben fast 40 Prozent der Schülerinnen
und Schüler in Deutschland migrantische Wurzeln, also
mindestens einen im Ausland geborenen Elternteil.

D
as Schuljahr geht zu Ende, weite Teile Deutsch- 9 Prozent der Schüler sind selbst zugewandert. Sie tun
lands sind bereits in Ferienlaune, doch in sich beim Lernen besonders schwer. Pisa-Forscher mah-
der ­Bildungspolitik rumort es. Grund ist eine un- nen, sie müssten besser integriert und gefördert werden.
selige »Obergrenzen«-Debatte. Ausgelöst hat sie Migrantenquoten gehen am Kern des Problems vor-
­Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU), die bei bei. Das deutsche Schulsystem ist noch immer nicht
»Welt TV« erklärte, sie halte eine Migrantenquote gut dafür aufgestellt, Kindern unabhängig von ihrer so-
für ­Schulen »für ein denkbares Modell« neben ande- zialen Herkunft gerecht zu werden und den Heraus­
ren. Auf eine Zahl wollte sie sich nicht festlegen. forderungen einer Einwanderungsgesellschaft angemes-
Der Vorstoß ist nicht nur kaum umsetzbar, sondern sen zu begegnen.
setzt ein falsches Signal, weil er viele Faktoren der deut- Helfen könnte, Kinder nicht schon nach der vierten
schen Schulmisere ausblendet, migrantische Kinder Klasse zu trennen, sondern sie länger gemeinsam an
­stigmatisiert und auf rechtspopulistische Narrative ein- einer Schule lernen zu lassen. Helfen könnte, Schulen
zahlt. »In Schulen, in denen eine große Mehrheit der in sozial schwierigen Milieus so attraktiv zu gestalten,
Schüler einen Migrationshintergrund hat, ist vernünfti- dass auch bessergestellte Eltern ihre Kinder vermehrt
ger Unterricht kaum möglich«, wird etwa behauptet. dorthin schicken. Helfen könnten kleinere Klassen,
Ein AfDler erklärte pauschal, ab einem gewissen Anteil mehr Zeit, mehr Lehrkräfte, mehr Sozialarbeiter, besse-
von ausländischen Schülern sinke das Leistungsniveau. rer Unterricht, bessere Sprachförderung, am besten
Beides ist Blödsinn und täuscht über die wahren Pro­ schon in Kitas.
bleme des Bildungssystems hinweg. Es ist deshalb richtig, dass sich Prien für verpflich-
So wird für den angeblich kritischen Migrantenanteil tende Sprachtests bei Vierjährigen und frühe Förderung
oft eine Studie verkürzt zitiert, die mehr als 20 Jahre einsetzt. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass vielerorts
alt ist. Eine damals beteiligte Forscherin betonte jetzt: pädagogisches Personal und Kitaplätze fehlen, um
»Um es klar zu sagen: Es gibt keinen Kipppunkt!« ­diese Förderung umzusetzen. Dass ausgerechnet Kin-
Ein besonders hohes Risiko, schulisch abgehängt zu der, deren Eltern nicht oder wenig Deutsch sprechen,
werden, haben Kinder aus armutsgefährdeten Familien bei der Kitaplatzvergabe strukturell benachteiligt sind.
mit geringer Bildung. In einigen dieser Familien kom­ Und es bisher keine einheitlichen Sprachtests gibt.
Wer so disku­ men mehrere Nöte zusammen, etwa Existenznöte, So fehlen vergleichbare Zahlen. Schätzungen zufolge
tiert, riskiert, enge Wohnungen, instabile Beziehungen. hat etwa ein Fünftel der Fünfjährigen Sprachdefizite,
Diese Kinder bleiben im deutschen Schulsystem oft darunter einige Kinder deutscher Herkunft.
dass sich unter sich. Kinder aus privilegierten Familien besuchen Es wäre wichtig, solche Probleme zu benennen. Wer
Kinder aus­ andere Schulen, häufig Gymnasien. Und ja, migran­ stattdessen über »Obergrenzen« diskutiert, riskiert,
tische Familien sind überdurchschnittlich von Armut dass sich manches Kind nicht mehr zugehörig und will-
geschlossen betroffen und an benachteiligten Schulen oft über­ kommen fühlt. Es lernt dann garantiert nicht besser.
fühlen. repräsentiert. An dieser sozialen Segregation sollte sich Silke Fokken  n

6 DER SPIEGEL Nr. 29 / 11.7.2025


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TITEL

GUTE ERHOLUNG
8 DER SPIEGEL Nr. 29 / 11.7.2025
TITEL

WOHLBEFINDEN Muss der Mensch verreisen, um aufzutanken? Und welche Ferien sind die besten?
Neue Forschung von Neurowissenschaftlern und Psychologen zeigt, wie Entspannung gelingen kann.

E
uropas führende Urlaubsforscherin aber mit dem Begriff gemeint ist, lässt sich Nur eines scheint allen Menschen gleicher­
kommt mit dem Fahrrad zur Arbeit. Als nicht eindeutig sagen. Wissenschaftlich be­ maßen zu helfen: gesunder Schlaf. Er trägt
Jessica de Bloom an diesem heißen trachtet beschreibt er einen vielschichtigen dazu bei, dass sich die geistigen Kapazitäten
Sommertag absteigt, schwärmt sie von ihrem Zustand, der nicht ohne Weiteres physio­ regenerieren und Stoffwechselabfälle aus dem
erholsamen Weg zur Uni. »Ich nehme nicht logisch messbar ist. »Erholung ist ein subjek­ Gehirn abtransportiert werden. Er ist auch
die kürzeste Route, sondern die schönste, die tives Gefühl, das von den Menschen höchst wich­tig, um neue Inhalte im Langzeitgedächt­
am Wasser entlangführt«, sagt die Psycholo­ unterschiedlich wahrgenommen wird«, sagt nis zu verankern. Ohne Schlaf könnte kein
gin. »Meine tägliche Oase.« der Biopsychologe Clemens Kirschbaum, des­ Mensch eine Sprache erlernen.
Ihr Institut ist ein moderner Zweckbau sen Cortisoltest weltweit zum Nachweis von Umgekehrt gilt: Wer schlecht schläft, kann
am Stadtrand von Groningen. Die niederlän­ Stressbelastung genutzt wird. »Es gibt keine alles andere richtigmachen, er wird sich nicht
dische Studentenstadt ist bekannt für den klare biologische Definition, was Erholung wirklich erholen. Bei Schlafmangel leiden
Kontrast zwischen historischen Backstein­ eigentlich ist.« Konzentration, Aufmerksamkeit und Reak­
häusern und futuristischer Architektur, das Erst durch die Untersuchung neuronaler tionsvermögen, die Betroffenen sind emotio­
Nacht­leben gilt als cool, es gibt grüne Parks Netzwerke, so hofft der Psychiater Klaus Lieb nal unausgeglichen. Viele Menschen scheinen
und landestypische Grachten. »Groningen von der Universitätsmedizin Mainz, wird man zu ahnen, wie erholsam guter Schlaf ist. Laut
ist nicht so überlaufen wie Amsterdam«, sagt messen können, wie sich das Gehirn erholt. einer aktuellen Umfrage des Marktforschungs­
de Bloom. »Hier kann man ein entspanntes Derzeit sei das jedoch noch Zukunfts­­mu­sik. instituts GfK wünschen sich die Deutschen
­Wochenende verbringen.« Das Problem bestehe darin, dass solche vom Wochenende vor allem eines: endlich
Die Psychologin ist Expertin für Erholungs­ ­mentalen Vorgänge bei jedem Menschen un­ ausschlafen. Bettruhe finden die meisten
fragen, sie untersucht mit ihrem Team unter ter­schiedlich abliefen. »Man wird da sehr per­ Menschen wichtiger als Sex, Ausflüge oder
anderem, wie sich Menschen in arbeitsfreien sonalisiert rangehen müssen, das macht es Familienfeiern.
Zeiten am besten ausruhen. Wodurch ver­ natürlich sehr aufwendig«, sagt Lieb. Reichen dann also guter Schlaf und Yoga
meidet man Reisestress? Muss man verreisen, Vorerst können Forschende vor allem aus oder Gartenarbeit, um ausreichend entspannt
oder kann man auch im eigenen Garten ab­ Befragungen mehr über den Prozess der Er­ durchs Jahr zu kommen? Immerhin bringen
schalten? Und wie lässt sich Entspannung in holung erfahren. Die Probanden müssen da­ Ferien oft das Gegenteil von Nachtruhe mit
den Alltag retten? Auf all das, was Hundert­ bei möglichst genau Auskunft über ihren inne­ sich. Jede Menge Störfaktoren können auf
tausende Urlauberinnen und Urlauber gerade ren Zustand geben: Fühlen Sie sich erschöpft? Reisen die nächtliche Erholung mindern: Jet­
beschäftigt, kennt de Bloom die Antworten. Wie viel Energie haben Sie? Sind Sie glück­ lag, Alkohol, Lärm, unbequeme Matratzen,
Vor allem aber hat die Forscherin herausge­ lich? Haben Sie gut geschlafen? Denken Sie große Hitze.
funden, ob längerer Urlaub zu mehr Erholung oft an die Arbeit? Wie ist Ihre Stimmung?

U
führt. Ihr erstaunlich klares Ergebnis lautet: Mithilfe der Antworten haben Forscherinnen rlaubsreisen sind in der Geschichte der
Nein! und Forscher in jüngster Zeit zahlreiche Er­ Menschen eine recht neue Erscheinung.
Wer sich bestmöglich erholen möchte, kenntnisse gewonnen. Im Mittelalter fuhren die Leute mit
­sollte nicht den gesamten Jahresurlaub auf Ihre Daten bestätigen, was viele Menschen Kutschen und Wagen durchs Land, um ihre
einmal nehmen. Kürzere, aber regelmäßige aus eigener Erfahrung kennen: Entspannungs­ Waren zu transportieren oder Kriege zu füh­
Aus­zeiten führen zu einem besseren Ergebnis, übungen wie Yoga können nützlich sein, ein ren – nicht, um sich zu entspannen. Statt in
genauso regelmäßige Entspannungsphasen Spaziergang in der Mittagspause kann helfen, die Ferien aufzubrechen, verbrachten die
im Alltag. »Lieber viermal eine Woche ver­ ebenso Gartenarbeit, ein angeregtes Gespräch Menschen ihre oft ausgiebige Freizeit mit aus­
rei­sen als einmal vier Wochen«, sagt Psycho­ mit Freunden, gemeinsames Musizieren oder ladenden Festen. Allein die Karnevalszeit
lo­gin de Bloom. Ähnlich lautet das Ergebnis ehrenamtliches Engagement. Feinde jeder dauerte manchmal länger als zwei Monate.
einer im vergangenen Jahr veröffentlichten ­Erholung sind dagegen Stress bei der Arbeit, Erst mit der Industrialisierung im 19. Jahr­
Studie der Universität Münster. Befragt wur­ Dienstmails nach Feierabend, starker Social- hundert kam die Idee von einer geregelten
den 144 Menschen, die zwischen einer und Media-Konsum und nörgelnde Kinder. arbeitsfreien Zeit auf. In den Fabriken waren
vier Wochen Urlaub hatten. Für ihre Erholung Allerdings gilt auch das nicht für alle Men­ 80-Stunden-Wochen keine Seltenheit, nach
spielte die Dauer keine Rolle. schen gleichermaßen. Während die eine nach und nach erkämpften die Gewerkschaften das
Die großen Sommerferien, auf die sich Atemübungen ruhiger wird, ist der andere Recht auf Urlaub.
­viele Menschen das ganze Jahr freuen, schei­ davon genervt. Während manche in geselliger In Urvölkern benötigten Menschen lan-
nen folglich überbewertet zu sein. Oder sind Runde entspannen, wollen andere lieber in ge Zeit keine Ferien, um gesund zu bleiben.
sie am Ende ganz und gar überflüssig? Ruhe gelassen werden. »Die Jäger und Sammler haben nur um die
Erst seit der Jahrtausendwende ergründen Und auch die Ferien sorgen nicht bei jedem drei Stunden am Tag damit zugebracht, Nah-
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, für die erhoffte Erholung. Unerledigte Auf­ rung herbeizuschaffen, ansonsten hatten sie
wie Menschen sich am besten erholen. Die gaben im Job können ebenso belastend sein nicht viel zu tun«, sagt der Ethnologe Wulf
tiefgreifenden Veränderungen in der Arbeits­ wie Geldsorgen, die am Strand nicht kleiner ­Schiefenhövel vom Max-Planck-Institut für
welt haben dazu beigetragen, dass diese For­ werden. Verpasste Anschlusszüge nerven biologische Intelligenz in Seewiesen. Selbst
schung einen immer höheren Stellenwert ebenso wie Baulärm neben dem Hotel oder nach der neolithischen Revolution, der Er­
gewinnt. Schufteten die Menschen früher eher schlechtes Wetter. Manche Leute sind ge­ findung von Ackerbau und Viehzucht, sei die
körperlich, fordern die Jobs sie heute vor al­ stresst, wenn sie plötzlich viel Zeit mit dem Arbeitsbelastung überschaubar geblieben.
Jewgeni Roppel / DER SPIEGEL

lem mental. Arbeitnehmerinnen und Arbeiter Partner oder der Partnerin verbringen. Und Seit mehr als 50 Jahren erforscht der Ethno­
leiden an Erschöpfungsdepressionen, Krank­ auch der hohe Erwartungsdruck, dass die loge das indigene Volk der Eipo im Hochland
schreibungen wegen psychischer Überlastung schönsten Wochen des Jahres unbedingt ge­ von West-Neuguinea. Als er ihm 1974 das
nehmen seit Jahren zu. lingen müssen, verhindert tiefe Entspannung. erste Mal begegnete, traf er auf Menschen,
Erholung, so sehen es viele Menschen, ist Am Ende kann das dazu führen, dass man die nach Sonnenaufgang für einige Stunden
so unverzichtbar wie noch nie. Was genau nach dem Urlaub weniger erholt ist als vorher. in ihre Gärten gingen, am späten Nachmittag

Nr. 29 / 11.7.2025 DER SPIEGEL 9


TITEL

Fotos: Nienke Maat / Jewgeni Roppel / DER SPIEGEL


»Unsere Befragungen zeigen, dass das Wohlbefinden
in der Woche vor der Abreise runtergeht.«
Jessica de Bloom, Psychologin

in der Großfamilie gesellig zusammensaßen genommen hatten, hatten demnach ein um Immerhin: Dank einer Zufallsentdeckung
und gemeinsam die Hauptmahlzeit des Tages 37 Prozent höheres Sterberisiko – unabhängig haben die Forscher herausgefunden, wie sich
einnahmen. davon, ob sie sich gesund ernährten oder dieser deprimierende »Fade-out-Effekt« zu-
»Sie lebten vollkommen selbstbestimmt, rauchten. mindest eine Weile hinauszögern lässt. Eine
ohne feste Termine oder andere berufliche »Wir wissen bis heute nicht, warum Studie des österreichischen Psychologen Ger-
Zwänge, an die physische Belastung der oft der Mensch regelmäßig Erholungsphasen hard Blasche zeigt: Bei Urlaubsreisenden, die
schweren Arbeit waren sie bestens angepasst«, braucht«, sagt Stressforscher Kirschbaum. erst an einem Mittwoch im Büro auftauchten,
sagt Schiefenhövel. »Wovon hätten sie sich »Aber was passiert, wenn man darauf verzich­ hielt die Erholung länger an als bei jenen, die
erholen müssen?« tet, sehen wir auch in Japan, wo sich viele sich schon am Montag wieder in die Arbeit
Inzwischen habe bei den Eipo die Moder- Menschen zu Tode arbeiten.« Was also sind stürzten (siehe Interview S. 15).
ne Einzug gehalten. Viele gehen jetzt üblichen mögliche Wege zu nachhaltiger Erholung? »Wenn ich erst in der Wochenmitte an­
Berufen nach und haben nicht nur geregelte Psychologen, Hirnforscher, Autoren und fange zu arbeiten«, erklärt de Bloom diesen
Arbeitszeiten, sondern leiden auch unter Aben­teurer berichten, wie sie gelingen kann. Effekt, »habe ich schon nach wenigen Tagen,
­Zivilisationskrankheiten wie Übergewicht, nämlich am Wochenende, die nächste Er­

D
Diabetes, Herzinfarkt. Und sie nehmen ie Psychologin de Bloom vergleicht Er- holungsphase.« Und noch etwas belegen die
Urlaub, um sich zu erholen. holung mit dem Aufladen einer inneren Stu­dien: Wer seine Reiseerinnerungen wach-
Tatsächlich geht es am Ende für die meis- Batterie. Bei den meisten Menschen hält, indem er Fotos oder Souvenirs betrach-
ten Menschen in modernen Gesellschaften gehe das schnell, sagt sie; ebendas erklärt, tet, kann positive Urlaubsgefühle in den All-
wohl nicht ohne Ferien. Epidemiologische warum lange Ferien nicht erholsamer sind als tag retten.
Studien deuten sogar darauf hin, dass sie kurze. Sei der mentale Akku gefüllt, lasse er Ebenso wichtig ist es, wie die Zeit vor dem
­Leben retten können. Bei der amerikani- sich nicht weiter laden. »Ich kann ja auch Urlaub verläuft. Oft müssen im Job noch
schen Langzeitstudie »Framingham Heart nicht mehr schlafen als nötig, um mir dadurch schnell dringende Aufgaben erledigt werden,
Study« mit mehr als 15.000 Teilnehmerinnen einen Vorrat aufzubauen«, sagt die Wissen- dazu aufwendige Reisevorbereitungen – das
und Teilnehmern stellte sich unter anderem schaftlerin. Bereits nach spätestens sieben Gegenteil von einem entspannten Start in die
­he­raus, dass Frauen, die jahrelang auf Ur­- Tagen sind Reisende maximal entspannt, zei- Ferien. »Unsere Befragungen zeigen, dass das
laub verzichtet hatten, ein achtmal höheres gen ihre Studien. Wohlbefinden in der Woche vor der Abreise
Risiko für Herzinfarkte und koronare Herz­ Erschreckend sei, wie schnell die Batterien runtergeht«, berichtet de Bloom. Besonders
erkrankungen hatten als jene, die mindestens nach den Ferien wieder leer seien. Und das für Frauen gebe es erfahrungsgemäß vor dem
­zweimal im Jahr verreist waren. Zu einem hängt offenbar nicht von der Urlaubsdauer Urlaub viel zu erledigen, bei der Arbeit und
ähn­lichen Befund kam jüngst eine Studie ab. Bereits in der ersten Arbeitswoche, so zu Hause. Einige Menschen werden deshalb
­finnischer Forscher, die über 1200 Manager hat die Psychologin mit ihrem Team heraus­ kurz nach Reisebeginn krank: Die Betroffe-
jahrzehntelang begleitet hatten. Männer, gefunden, schwindet die Erholung meist ra- nen schlafen schlecht, der Blutdruck steigt,
die weniger als drei Wochen Urlaub pro Jahr pide. das Immunsystem schwächelt.

10 DER SPIEGEL Nr. 29 / 11.7.2025


TITEL

Unübersichtlich ist die Datenlage, welche wöchigen Urlaub möglichst viele Ideen zu Freunde in Portugal, im August unternehmen
Art von Urlaub der erholsamere ist. Laut entwickeln, wie sich bestimmte Gegenstände sie einen Kurztrip nach Finnland.
­früheren Studien schien es egal zu sein, ob benutzen lassen. Die eine Gruppe sollte vor Wichtig sei ihr eine entspannte Anreise,
man sich im Wellnesshotel verwöhnen lässt ihrer Abreise zunächst über die Verwendung das habe sie von ihren Eltern gelernt. »Wenn
oder mit einem Hundeschlitten durch Lapp- einer Zeitung nachdenken, nach ihrer Rück- wir früher drei Stunden mit dem Auto irgend-
land holpert, ob man sich auf dem Sonnen- kehr dann über die Verwendung eines Ziegel- wohin gefahren sind, haben wir auf dem Weg
deck eines Kreuzfahrtdampfers ausruht oder steins; bei der anderen Gruppe war es um- mindestens dreimal eine Kaffeepause ge-
durch den brasilianischen Urwald wandert. gekehrt. Anschließend wurden die Ideen von macht. Und genauso mache ich es heute noch,
drei unabhängigen Gutachtern bewertet. wenn ich mit dem Pkw verreise.«

N
euere Untersuchungen deuten aller- Der Urlaubseffekt war verblüffend. »Nach

E
dings darauf hin, dass aktiverer Urlaub ihrer Reise hatten die Versuchspersonen mehr igentlich wollte Sebastian Lehmann den
tendenziell zu einer tieferen Erholung und vielfältigere Einfälle, sie zeigten eine Tag im Garten verbringen, aber das
führt. »Das wäre auch nicht wirklich über- ­höhere kognitive Flexibilität«, sagt de Bloom. Wetter ist nicht nach seinem Geschmack.
raschend«, sagt de Bloom. »Wir wissen Statt mit dem Ziegelstein nur ein Haus bauen »Wenn es regnet, macht es keinen Spaß«, sagt
ja, dass körperliche Bewegung hilft, Stress oder ihn als Waffe einsetzen zu wollen, woll- der Kabarettist und Buchautor. Also bleibt er
ab­zubauen. Natürlich ist es anstrengender, ten sie ihn als Werkzeug zum Zähneschleifen lieber in seiner Berliner Wohnung.
eine Radtour zu unternehmen, als sich einfach bei Meerschweinchen verwenden oder, im Der Garten, das ist ein Grundstück, das
nur am Pool zu sonnen, doch hinterher fühlt Backofen erhitzt und eingewickelt in ein sich Lehmann mit seiner Freundin gekauft
man sich besser.« Insbesondere sei Sport Handtuch, als Wärmflasche verwenden. Aus hat, kurz bevor die Pandemie ausbrach.
am besten, um mentalen Abstand zur Arbeit der Zeitung sollten Papierflieger entstehen, Eine alte Eiche steht darauf und ein asbest­
zu gewinnen. aber auch Drohbriefe aus ausgeschnittenen verseuchter Bungalow. Wenn man durchs
Sehr groß sind die Unterschiede allerdings Buchstaben. Wie kreativ die Ideen waren, Gartentor schreitet, steht man direkt an einem
nicht. Daher muss sich niemand zu einer hatte allerdings nichts mit dem zurücklie­ kleinen See. Sein Sohn schaut dort gern ein
Bergwanderung zwingen, der sich lieber mit genden Urlaub zu tun. »Ein Trip nach Kuba paar Anglern zu, Lehmann selbst geht lieber
einem Buch am Strand entspannt. macht aus uns noch keinen Hemingway«, sagt baden, erzählt er.
Doch auch wenn es möglich ist, innerhalb de Bloom. Die Datscha befindet sich knapp zwei
weniger Tage zu entspannen und aufzutan- Und wie verbringt die Urlaubsforscherin Autostunden entfernt in einem Dorf, das
ken, kann es gute Gründe für einen längeren ihre eigenen Ferien? Hält sie sich an ihre ­hinter Bäumen verborgen liegt. In dem Ort,
Ur­laub geben. »Es geht dabei ja nicht nur um ­Ratschläge? Die Psychologin lacht. »Einmal ungefähr auf der Mitte zwischen Neubranden-
Erholung, sondern auch um die Befriedigung habe ich mir im Urlaub ständig die gleichen burg und Anklam, gibt es nicht einmal einen
anderer psychologischer Bedürfnisse«, sagt Fragen gestellt wie meinen Versuchsperso- Bäcker.
de Bloom. »Und das dauert unter Umständen nen«, sagt sie. »Ob ich mich erschöpft fühle, Wenn Lehmanns Familie ein, zwei Wochen
länger als ein paar Tage.« gut geschlafen habe und wie gerade meine nicht dort war, muss sie im Haus erst ein-
Viele Menschen suchen im Urlaub nach Stimmung ist. Das passte natürlich schlecht mal Riesenspinnen vertreiben und draußen
Inspiration oder sportlicher Herausforde- zu der Empfehlung, abzuschalten und bloß die Schlingpflanze zähmen, die das Gelände
rung, wollen mehr über fremde Länder und nicht an die Arbeit zu denken.« ­immer wieder zuwuchert. »Das Gewächs
Kulturen erfahren oder Zeit mit Freunden Schon früher sei sie lieber häufiger verreist, ist wahrscheinlich vom Mars eingewandert«,
und Familie verbringen. »Wer mit einem dafür aber nie länger als eine Woche. »Mei- sagt Lehmann, außerdem gebe es in der Dat-
Campingmobil durch Kanada touren oder nen Mann habe ich bekehrt, der war vorher scha nur kaltes Wasser – und die Solardusche
in Rom Italienisch lernen möchte, kommt ein Fan des großen Sommerurlaubs«, sagt sie. im Garten stehe dummerweise im Schatten.
natürlich nicht mit einer Woche aus«, sagt In diesem Jahr besuchen sie für ein paar Tage Auch Heizen sei schwierig; wegen der alten
Psychologin de Bloom. »Oder man hat viel-
leicht gerade eine schwierige Phase in seiner
Beziehung und braucht Zeit für klärende
Gespräche.«
Generell dienen Reisen dazu, aus der
Monotonie des Alltags auszubrechen, wie
schon Thomas Mann in seinem Roman »Der
Zauberberg« beschrieb. »Wenn ein Tag wie
alle ist, so sind sie alle wie einer; und bei voll-
kommener Einförmigkeit würde das längste
Leben als kurz erlebt werden und unver­
sehens verflogen sein«, schrieb der Dichter.
»Das ist der Zweck des Orts- und Luftwech-
sels, der Badereise, die Erholsamkeit der Ab-
wechslung.«
Nach einem längeren Aufenthalt in der
Südsee malte Paul Gauguin farbiger und sym-
Dan Petermann / DER SPIEGEL

bolischer, nach einer Spanienreise verfasste


Ernest Hemingway seinen ersten großen Ro-
man, »Fiesta«. Während einer Busfahrt löste
Henry Poincaré ein schwieriges mathema­
tisches Problem.
Nicht nur bei großen Denkern fördert
­Reisen die Kreativität, wie Psychologinnen
um de Bloom herausgefunden haben. Die
Forscherinnen stellten 46 Frauen und Män- »Es fühlt sich ein bisschen an wie am Ende der Welt.«
nern die Aufgabe, vor und nach einem drei- Sebastian Lehmann, Kabarettist

Nr. 29 / 11.7.2025 DER SPIEGEL 11


TITEL

DDR-Stromleitungen flögen ständig die Si- Voraussetzung ist jedoch, auch zu Hause Ab- Haun. »Tatsächlich sehen wir keine nennens-
cherungen raus. stand vom beruflichen Alltag zu gewinnen. werten Unterschiede beim Abschalten. Über-
»Klar ist das alles ziemlich einfach und Seit immer mehr Menschen im Homeoffice raschenderweise gelingt es vielen Menschen
macht viel Arbeit, aber ich kann im Garten arbeiten, ist Distanz zum Job noch wichti- sogar besser, sich nach einem Homeofficetag
wunderbar abschalten«, sagt Lehmann. ger geworden. Nachweisbar schadet es der zu erholen.«
»Wenn ich dort ankomme, ist da nichts außer ­Erholung, nach Feierabend dienstliche Mails In seinem Garten ist Comedian Lehmann
Wind. Dann komme ich richtig runter. Seit zu lesen oder von seinem Vorgesetzten in weit weg von jeglichem Alltagsstress. »Es
wir den eigenen Garten haben, sind wir nicht seiner freien Zeit gestört zu werden. Wer es fühlt sich ein bisschen an wie am Ende der
mehr verreist.« nicht schafft, Privatleben und Beruf zu tren- Welt«, sagt er. Nicht einmal an seinem neuen
Datscha statt Dubai, damit ist der Künstler nen, sollte dann besser doch weit weg reisen, Büh­nenprogramm schreibt er dort, nur an
nicht allein. Seit Corona wird »Staycation«, je mehr Zeitzonen entfernt, desto besser. seinem Buch über den Garten hat er im Gar-
also ein Urlaub zu Hause oder in der nähe- Eine Untersuchung der Uni Würzburg ten geschrieben. Bedauerlich findet er, dass
ren Umgebung, beliebter. Eine Vielzahl der zeigt allerdings, dass die meisten Menschen vor Kurzem das Funkloch in der Gegend ge-
­Menschen in Deutschland verbringt die freie im Homeoffice den Spagat erstaunlich gut schlossen wurde. »Bis vor zwei Jahren hatte
Zeit inzwischen im eigenen Garten. Das spart hinbekommen. Die Wissenschaftler hatten ich in der Datscha keinen Handyempfang, da
nicht nur Geld und schont die Umwelt, es ist erwartet, dass es denen, die auswärts arbeiten, war das Leben noch erholsamer.«
auch sehr erholsam. leichterfallen würde, abends auszuspannen, Ob er es vermisst, in andere Länder zu
Mehrere Studien bestätigen, dass man »schon wegen der räumlichen Trennung«, reisen? Manchmal sei es schon schwierig, in
nicht verreisen muss, um sich zu entspannen. sagt Psychologin und Studienleiterin Verena der Datscha richtig in Urlaubsstimmung zu
kommen, gibt Lehmann zu. »Ich mochte frü-
her das Exotische: wenn die Leute im Ausland
kein Deutsch sprachen, man fremdes Geld
benutzen musste und nicht bei Lidl einkaufen
konnte. Aber dank der Globalisierung sehen
die Bars heute auch in Bangkok nicht viel
anders aus als in Berlin-Mitte.«
Außerdem finde er Fernreisen inzwischen
zu anstrengend. Einmal sei er nach Japan ge-
flogen, da habe er wegen der Zeitumstellung
drei Nächte lang nicht geschlafen: »An die
erste Urlaubswoche kann ich mich kaum noch
erinnern, weil ich permanent müde war. Erst
als wir in die Berge gefahren sind und in ei­
nem Tempel auf Reismatten geschlafen haben,
habe ich angefangen, mich zu erholen.«

A
uch der Autor Christo Foerster nimmt
seine Auszeiten lieber vor der Haus-
tür oder zumindest nicht weit davon
­entfernt. Er glaubt, dass schon im Wald um
die Ecke aufregende Abenteuer warten. »Für
viele Menschen ist der große Urlaub nur eine
Flucht aus dem Alltag«, meint er. »Dann kom-
men sie von der Karibikkreuzfahrt zurück
und stellen fest, dass sich nichts geändert hat,
weil ihr Alltag der gleiche geblieben ist.«
Foerster ist Deutschlands bekanntester
Vertreter der Mikroabenteuer-Bewegung, die
vor wenigen Jahren in England entstanden
ist. Dahinter steckt die Idee, mit kurzen Ex-
peditionen in die nähere Umgebung aus dem
gewohnten Trott auszubrechen, am besten
ohne Auto, raus aus der Komfortzone. »Das
funktioniert einfacher, als viele denken«, sagt
der Mann, der so aussieht, wie man sich einen
Surflehrer vorstellt. »Warum nicht nach der
Arbeit nachts draußen schlafen und am nächs-
ten Morgen wieder ins Büro gehen?«
Foerster übernachtet gern in Wäldern. »Ich
Jozef Kubica

spanne zwischen zwei Bäumen meine Hänge-


matte auf, dadurch gewinne ich ein sehr
­intensives Naturerlebnis«, erzählt er. »Klar
hat man anfangs Ängste, aber dann saugt man
»Klar hat man anfangs Ängste, aber dann saugt man alles auf, die ungewohnten Geräusche, die
alles auf, die ungewohnten Geräusche, die nachtaktiven Tiere, den freien Blick auf die
Sterne. Und rational betrachtet gibt es in
nachtaktiven Tiere, den freien Blick auf die Sterne.« Deutschland kaum einen sichereren Ort als
Christo Foerster, Mikroabenteurer einen dunklen Wald.«

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Fotos: Privat / Jewgeni Roppel


»Freiheit bedeutet für uns, jeden Tag so zu gestalten,
wie er sich richtig anfühlt.«
Barbara Riedel, digitale Nomadin

Dass die Hängematte in den sozialen Foerster. »Natürlich war ich völlig hinüber. nehme mir meine Erholungszeit, wenn ich
­ edien so etwas wie sein Markenzeichen
M Aber auch total entspannt.« sie brauche, und nicht, wenn sie im Kalen-
­geworden ist, hat auch praktische Gründe. der steht.« An diesem Tag habe sie sich mit

B
Einfach irgendwo sein Zelt aufzuschlagen, ist arbara Riedel fröstelt schnell, so wie einer Freundin zum Mittagessen getroffen,
in Deutschland verboten. Fürs Wildcampen jetzt. Draußen bei ihr sind es 27 Grad, danach im Café ein paar Stunden gearbeitet,
kassieren Ordnungsämter bis zu 2500 Euro erzählt sie, aber sie war eben noch in das Internet laufe zehnmal schneller als in
Bußgeld. Eine Hängematte, die einen Meter einem Café mit Klimaanlage. »Ich mag es Deutschland. »Wenn ich das Gefühl habe, ich
über dem Boden baumelt, fällt jedoch nicht richtig heiß«, sagt sie zu Beginn des Video- brauche mal einen Moment für mich, klappe
da­runter. Einmal ist Foerster von den Alpen gesprächs. »Das liegt sicher daran, dass ich ich den Laptop zu und gehe in den Park«,
bis nach Sylt mit einem Stand-up-­Paddle- eine halbe Sizilianerin bin.« sagt sie. Dort schaue sie jahrhundertealte
Board gereist. Bei dieser Tour übernachte- Derzeit lebt sie in Chiang Mai im Norden Bäume an und höre dem beruhigenden Rau-
te er 50 Nächte in Folge in seiner Hänge­- von Thailand. Die Dschungelstadt, in der schen der Wasserfälle zu. »Es gibt niemanden,
matte. Mit der richtigen Ausrüstung könne 200 buddhistische Tempel stehen, ist umge- der mir sagt, jetzt musst du dies oder jenes
man sogar im Winter darin schlafen, versi- ben von grünen Bergen und tropischen Regen- machen.«
chert er. wäldern. Hier gehe es weniger hektisch zu als Riedels Leben kommt dem Ideal der Erho­
Mikroabenteuer sind auch in der Groß- im Moloch Bangkok, sagt Riedel. »Chiang lungsforscher recht nahe, statt großer Ferien
stadt möglich – solange man etwas unter- Mai kommt dem Paradies schon sehr nahe.« regelmäßige Entspannung in den Alltag ein-
nimmt, was man nie zuvor gewagt hat und Barbara Riedel nennt sich eine »digitale zubauen. Doch die wenigsten Arbeitnehmerin­
sich dadurch von den Alltagsmühen ent- Nomadin«. Weltweit gibt es bereits einige nen und Arbeiter können die Mittagspause
spannt. Dazu kann gehören, sich mit ver­ Mil­ l ionen. Sie arbeitet von unterwegs, am Strand verbringen, das radikale Konzept
bundenen Augen in einem fremden Viertel schreibt Beiträge für ihren Reiseblog Barbara­ digitaler Nomaden ist für die meisten schwer
­aussetzen zu lassen und ohne Navi und Bar- licious, dreht Reisevideos, verfasst Bücher. umsetzbar. Aber auch Ärztinnen, Busfahrer
geld den Weg zurück zu suchen. Auf einem Im Sommer will sie durch Europa touren, oder Verkäufer sollten regelmäßig kurze Aus-
­Parkhausdach zu übernachten und auf den im Winter auf die Philippinen fliegen. In 85 zeiten nehmen, empfehlen Wissenschaftler.
Sonnenaufgang zu warten. Oder die eigene Ländern ist sie bereits gewesen, bis zu ihrem Nach anderthalb Stunden konzentrierter
Heimatstadt neu auf dem Wasserweg zu ent- 40. Geburtstag in anderthalb Jahren sollen es Arbeit, so haben Forscher herausgefunden,
decken. 100 sein. Wohl fühle sie sich in Ländern wie muss sich das Gehirn erholen und der Körper
An sein erstes Mikroabenteuer kann sich Thailand oder Singapur, die eine schöne Natur bewegen. Schon fünf bis zehn Minuten rei-
Christo Foerster, der in der Nähe von Ham- bieten, aber auch eine gut funktionierende chen, um aufzutanken.
burg lebt, gut erinnern. Bei einem Telefonat Infrastruktur, diese Kombination sei sehr ent- »Pausen während der Arbeit sind extrem
mit einem Freund in Berlin kam er auf die spannend. wichtig«, sagt der Psychologe Johannes
Idee, ihn am nächsten Tag mit dem Fahrrad Die digitale Nomadin lebt, wo andere Wendsche von der Bundesanstalt für Ar-
zu besuchen. »Ich bin die ganze Nacht ge- Menschen Urlaub machen. Wann hat sie beitsschutz in Dresden. »Einfach mal zehn
fahren, gefahren, gefahren, rund 300 Kilo- ­Ferien? ­Minuten spazieren gehen. Oder auch ein paar
meter, und am anderen Morgen haben wir »Für mich persönlich macht das Konzept Atemübungen oder Muskelentspannungs­
am Brandenburger Tor gefrühstückt«, erzählt Urlaub keinen Sinn«, erklärt Riedel. »Ich techniken machen.« Schon solche kurzen

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Fotos: Jewgeni Roppel / Jesus Rodriguez / Getty Images


Gartenidyll, Probandin bei Magnetstimulation: »Das Gehirn ist dynamisch«

Momente könnten einen ähnlich starken Er- besteht darin, die für diese Form der Erholung von außen steuern lassen. »Irgendwann wird
holungseffekt erzielen wie eine Urlaubsreise: zuständigen neurologischen Netzwerke zu es möglich sein, die neuronalen Netzwerke
»Es ist faszinierend, wie schnell man in eine entschlüsseln. »Wir sind noch ganz am An- technisch zu stimulieren, sie bei Bedarf hoch-
tiefe Entspannung kommt.« fang«, sagt Lieb. »Am Ende wollen wir neuro- oder runterzuregulieren«, sagt er voraus.
Barbara Riedel erlebt das jeden Tag. Sie biologisch verstehen, was im Gehirn passiert, Ein denkbares Instrument dafür sei die
kann es sich anders nicht mehr vorstellen. das zwischen Anspannung und Entspannung transkranielle Magnetstimulation (TMS). Die
Schon früh hat sie gemerkt, dass klassische hin- und herpendelt.« Patienten tragen dabei etwa einen Helm,
Urlaube nicht zu ihr passen. Einmal flogen Der Psychiater geht davon aus, dass sich ­dessen Magnetfelder Hirnzellen stimulieren.
sie und ihr Mann für zwei Wochen auf die die physiologischen Prozesse bei Er­schöpfung Schon länger benutzen Ärzte diese Methode,
Karibikinsel Curaçao. Damals arbeitete er und Erholung irgendwann präzise nachwei- um Depressionen zu behandeln. Auch bei
noch im Büro, ihm schwebte ein Poolurlaub sen lassen. In Zukunft könnte es beispielswei­ der Rauchentwöhnung kommt die TMS
vor. »Ich wollte aber auch die Insel erkunden, se Stresssensoren geben, die in Smart­watches ­neuerdings zum Einsatz. Warum, sagt der
Fotos machen, schreiben, in Bewegung blei- eingebaut werden. Vorstellbar seien auch Hirnforscher, also nicht Netzwerke im Hirn
ben – er wollte es ruhiger angehen lassen. Das Elektroden, die am Kopf angebracht werden ­modulieren, die für Resilienz zuständig sind?
war schwierig unter einen Hut zu bringen«, und die Resilienznetzwerke im Gehirn über- Er sei gespannt auf die ersten Ergebnisse von
erinnert sie sich. Heute führen sie ein gemein- wachen. Eine weitere Idee sind Sensoren, die Experimenten, die sein Institut gerade mit
sames Leben als digitale Nomaden: »Freiheit auf der Haut kleben und in Echtzeit erkennen, Kooperationspartnern in Japan begonnen hat.
bedeutet für uns, jeden Tag so zu gestalten, wenn vom Körper Stresshormone ausge- »Natürlich klingt das heute noch futuristisch,
wie er sich richtig anfühlt.« schüttet werden. Sobald diese Messgeräte aber so etwas wird kommen«, ist Lieb über-
eine erhöhte Anspannung registrieren, so die zeugt.

D
er Psychiater Klaus Lieb hat ein großes Idee, schlagen sie Alarm und aktivieren die Er selbst aber benötige solche Methoden
Ziel. Er will das Erholungsdilemma für Resilienz zuständigen Netzwerke im Ge- nicht, um sich unter Stress stabil zu halten,
­lösen und herausfinden, wie nachhal- hirn. erzählt er. »Nach dem Mittagessen mache
tige Resilienz, der gesunde Wechsel von An- Hilfreich wären solche Systeme insbe­ ich immer einen Kurzschlaf. Mein Power-
spannung und Entspannung, aussehen könn- sondere für Menschen, die gar nicht mer- nap, wie es auf Englisch heißt, dauert exakt
te. Mit seinem Team aus Ärzten und Neuro- ken, wenn sie zu belastet sind. Würden die zwölf Minuten, dann wache ich von allein
biologen schiebt er Freiwillige in die Röhre, Betroffenen rechtzeitig gewarnt, könnten auf, ohne dass ich mir einen Wecker stellen
um dem menschlichen Gehirn dabei zuzu- sie beispielsweise mithilfe einer App eine muss.«
sehen, wie es sich erholt. Die Untersuchung ­Entspannungsübung absolvieren und sich Die Wirkung sei verblüffend, meint Lieb,
im hochauflösenden Kernspintomografen soll so langfristig vor körperlichen oder psychi- »es ist wie ein kleiner Urlaub am Tag«. Das
sichtbar machen, in welchen Hirnregionen schen Schäden schützen. Wichtig sei die rich- vegetative Nervensystem beruhige sich, das
Stress verarbeitet wird. tige Balance. »Im Berufsalltag wie verrückt führe zu tiefer Entspannung. Und auch
Lieb leitet das Leibniz-Institut für Resi- zu arbeiten und dann eine Erholungsphase als Frühwarnsystem dient ihm das Mittags-
lienzforschung in Mainz, das er mitgegründet passiv zu verbringen, ist nicht gesund«, sagt ritual. Gelinge es ihm nicht, für ein paar
hat. »Resilienz ist die Fähigkeit, nach Krisen- Lieb. »Das Gehirn ist dynamisch, es braucht ­Minuten einzuschlafen, wisse er, dass ihm
situationen oder Alltagsstress rasch wieder den ständigen Wechsel zwischen Anspannung zu viel im Kopf herumspuke, er zu belastet
in einen seelischen Normalzustand zurück- und Entspannung.« sei, sagt der Forscher. »Dann signalisiert mir
zukehren«, sagt der Mediziner. Resilienz Und noch eine kühne Vision hat der Re- mein Körper: Aufpassen, Klaus, schalte ein
kann also als Maß dafür dienen, wie schnell silienzforscher. In Zukunft, so seine Idee, paar Gänge herunter!«
sich jemand erholt. Das Ziel seiner Forschung könnte sich Resilienz möglicherweise gezielt Olaf Stampf  n

14 DER SPIEGEL Nr. 29 / 11.7.2025


TITEL

VERHALTENSFORSCHUNG

»Im Job zur Ruhe kommen«


Der Psychologe Gerhard Blasche erklärt, wie kleine Auszeiten am Tag den Stresspegel senken können.
Blasche, Jahrgang 1963, Arbeitsunterbrechung zu lange an, nimmt chen, die den Abend mit der Familie, mit
­klinischer Psychologe an der die Produktivität ab. Freunden, alleine oder mit Fremden ver­
Universität Wien, gilt als SPIEGEL: Wie gelingt es, am Feierabend bracht haben. Dabei zeigte sich: Am nied­
einer der Pioniere der Er­ho­ neue Kraft zu tanken? rigsten war der Blutdruck bei denjenigen,
lungsforschung. Er geht Blasche: Im Idealfall schafft man es, tags­ die sich abends mit ihrer Familie aufhiel­
der Frage nach, warum Ar- über Aufgaben abzuschließen, dann spu­ ten. Aber auch im Freundeskreis war er
Bubu Dujmic

beit ermüdet und wie man ken sie einem nicht noch im Kopf herum. recht niedrig. Etwas höher lag der Wert,
Wohlbefinden erreicht. Wenn das nicht möglich ist, notieren Sie wenn man alleine war. Den höchsten Blut­
sich am besten eine To-do-Liste für den druck hatten diejenigen, die von fremden
SPIEGEL: Herr Blasche, Bundeskanzler nächsten Tag, das hilft ebenfalls abzu­ Menschen umgeben waren. Wir können
Friedrich Merz sagt, er entspanne gern schalten. Nützlich sind auch banale, aber folglich besser entspannen, wenn vertrau­
im Grünen, radele durch Frankreich oder überraschend wirkungsvolle Rituale: te Menschen um uns herum sind. Aber
wandere durchs Sauerland. Auch Millio­ ­Ziehen Sie sich nach der Arbeit um, in von dieser Regel gibt es Ausnahmen.
nen andere Deutsche fahren in den Ferien Freizeitkleidung kommen Sie leichter von SPIEGEL: Zum Beispiel?
in die Berge oder ans Meer. Warum wirkt einem hohen Stresspegel herunter. Blasche: Eine Studie hat sich mit Flug­
Natur so erholsam auf uns? SPIEGEL: Und dann ab ins Fitnessstudio begleiterinnen befasst, die sich stunden­
Blasche: Ganz geklärt ist das nicht, und oder Schwimmbad? lang im Flugzeug um die Passagiere
früher wurde der Wald ja eher als Bedro­ Blasche: Eine halbe Stunde Sport hilft fast ­kümmern mussten. Nach diesem sozialen
hung wahrgenommen. In neuerer Zeit immer, um Stress abzubauen. Mehr muss Dauer­feuer erholten sie sich besser, wenn
scheinen wir gelernt zu haben, uns von gar nicht sein. Sie können auch auf dem sie abends alleine im Hotel waren, statt
der Schönheit der Natur verzaubern und Sofa liegen und Ihre Lieblingsmusik hö­ noch mit der Crew in die nächste Kneipe
ablenken zu lassen, das ist eine kulturelle ren, das wirkt ebenfalls Wunder. Wichtig zu ­ziehen.
Errungenschaft. Man muss sich nicht ein­ ist es, wirklich zu entspannen und nicht SPIEGEL: Gibt es Menschen, die sich nicht
mal in der Natur aufhalten, um den Effekt ständig parallel aufs Smartphone zu erholen können?
zu erzielen. Versuchspersonen bekamen schauen. Auch ein gutes Buch zu lesen, Blasche: Am schwierigsten ist es für Men­
schon beim Anblick malerischer Land­ kann helfen. Vor allem aber eins ist ent­ schen, wenn sie Angehörige pflegen oder
schaftsbilder eine bessere Stimmung. Bei scheidend: Spätestens zwei Stunden vor kleine Kinder betreuen, insbesondere
kleinen Kindern funktioniert der Natur­ dem Schlafengehen sollten Sie aufhören wenn sie das zusätzlich zu ihrem Beruf er­
effekt interessanterweise noch nicht. zu arbeiten, also auch keine Mails mehr ledigen müssen. Gehemmt wird die Er­
SPIEGEL: Sind es nur die visuellen Reize beantworten. Mein dringender Rat: holung auch, wenn man sich einredet,
von Blumen und Bäumen, die uns ent­ ­Gehen Sie unbedingt am Feierabend, dass man zu wenig leistet. Oder wenn
spannen lassen? am Wochenende und im Urlaub offline! man meint, dass die Kolleginnen und Kol­
Blasche: Auch Geräusche wie Vogelzwit­ Viele unterschätzen noch immer, dass es legen Aufgaben für einen miterledigen
schern im Wald oder die Brandung am schädlich ist, immer erreichbar zu sein. müssen, die man eigentlich selbst über­
Meer haben auf uns eine beruhigende SPIEGEL: Trägt es zur Erholung bei, Freun­ nehmen ­sollte. Menschen, die ständig das
Wirkung. Dazu kommt die frische Luft. de zu treffen? Gefühl haben, irgendwelchen hohen An­
Umgekehrt ist es in der Stadt oft laut und Blasche: Soziale Kontakte können sehr sprüchen nicht zu genügen, leben unge­
stickig, das sorgt für Stress. beruhigend wirken. In einer Studie haben sund.
SPIEGEL: Wer im Büro arbeitet, kann Forscher Personen miteinander vergli­ Interview: Olaf Stampf  n
meist nicht während der Mittagspause ins
Grüne gehen. Wie erholt man sich dann
zwischendurch?
Blasche: Im Job zur Ruhe zu kommen,
funktioniert bei jedem Menschen anders.
Der eine tratscht bei einem Kaffee mit
Kollegen, die andere meditiert ein paar
Minuten. Hauptsache, Sie schaffen es,
­regelmäßig abzuschalten. Zehn Prozent
der Arbeitszeit sollten Pausenzeit sein.
SPIEGEL: Wie kommen Sie auf diese
­Formel?
Blasche: Experimente zeigen: Wer einmal
pro Stunde rund sechs Minuten lang eine
Pause macht, löst mehr Kopfrechenauf­
Jewgeni Roppel / DER SPIEGEL

gaben richtig als Menschen, die längere,


kürzere oder gar keine Pausen einlegen.
Auszeiten steigern nachweisbar die Pro­
duktivität. Allerdings kommt es auf das
richtige Maß an: Lieber öfter kürzere Pau­
sen machen als selten längere. Dauert die

Nr. 29 / 11.7.2025 DER SPIEGEL 15


DEUTSCHLAND

Max Gaer tner / [Link] / picture alliance


Gemeinsam gegen die Flammen: Landwirte ziehen mithilfe von Traktoren Schneisen in ein Getreidefeld bei Rabenau in Sachsen, um die Ausbreitung
eines gewaltigen Feldbrandes einzudämmen. Befeuert durch trocken-heißes Sommerwetter und wechselnde Winde war am Sonntag
nach Angaben der Feuerwehr eine Fläche von knapp 35 Hektar in Brand geraten. Am Ende schafften es die etwa hundert Einsatzkräfte zusammen
mit ihren Helfern, das Feuer unter Kontrolle zu bringen. Auch das Wetter kühlte wieder ab.

Großes Risiko, kleine Rücklage


PANDEMIE Verliert der Bund die Prozesse um Corona-Schutzmasken, droht ein Milliardenloch im Haushalt.

W oher nimmt der Bund das Geld, wenn er die laufenden


Gerichtsverfahren um die massenhafte Bestellung teurer
Corona-Schutzmasken verliert? Gesundheitsministerin
Nina Warken (CDU) hat eingeräumt, dass die finanzielle Vorsorge
im Ausschuss die Hoffnung, dass der Bund dauerhaft Erfolg mit
­seiner neuen Prozessstrategie haben werde. Die neue Linie läuft
darauf hinaus, dass die hohen Maskenpreise im Jahr 2020 gegen das
öffentliche Preisrecht verstoßen hätten; entsprechend könnten die
nicht ausreichen würde, um das Risiko aus den Klagen von Liefe- Händler jetzt auch nicht die damaligen Preise einklagen. Allerdings
ranten gegen den Bund voll abzufangen. Wie Warken laut Sitzungs- habe die Argumentation bisher »nicht zu einem durchschlagen-
protokoll Ende Juni im Haushaltsausschuss sagte, liegt der Streit- den Erfolg geführt«, so Warken laut Protokoll. Ihr zufolge liegen
wert der diversen Gerichtsprozesse bei 2,3 Milliarden Euro plus derzeit sieben Verfahren beim Bundesgerichtshof; beim Land­
Zinsen. Dem stünden aber nur sogenannte Reste im Bundeshaus- gericht Bonn sei der Bund in 45 Verfahren verwickelt gewesen, beim
halt von 1,4 Milliarden Euro gegenüber, Gelder aus Töpfen also, die Oberlandesgericht Köln in 41. Insgesamt hatte der Bund 5,7 Mil-
nicht ausgeschöpft wurden. Sie sollen für etwaige Zahlungen an liarden Masken für 5,9 Milliarden Euro gekauft, aber auch zahlrei-
Maskenhändler genutzt werden. Das Ministerium hofft unterdessen che Händler auf ihrer Ware sitzen lassen – unter anderem wegen
darauf, weniger zahlen zu müssen. Allerdings dämpfte Warken angeblich verspäteter Lieferungen. AMP

16 DER SPIEGEL Nr. 29 / 11.7.2025


Rot gegen Schwarz ständnisse, um das US-Handels-
DIE GEGENDARSTELLUNG
defizit mit der Europäischen

Grenzerfahrung
AUSSENPOLITIK Aus der SPD Union zu reduzieren. Sollte es
kommt Kritik an EU-Kommis- keine Einigung geben, droht
sionspräsidentin Ursula von der Trump mit neuen Zöllen auf
Leyen (CDU). Die deutsche Einfuhren aus der EU. Kommis-
und europäische Wirtschaft dürfe sionspräsidentin von der Leyen Von Alexander Neubacher Grenzen stärker kontrollieren,
im Zollkonflikt mit den USA hatte die Erwartungen an ein was einen Dominoeffekt
nicht zum Verlierer werden,
mahnt der Seeheimer Kreis, die
konservative Gruppierung in
der SPD-Bundestagsfraktion.
detailliertes Handelsabkommen
gedämpft. Dies sei in der kurzen
Verhandlungszeit unmöglich.
Limbacher fordert »klare und
W enn die großen
­Ferien losgehen,
­werden viele Urlau-
ber eine ungewohnte Er­
hat. Andere Länder, die un-
erwünschte Flüchtlinge bis-
lang gern durchwinkten,
­reagieren. So verlagert sich der
Von der Leyen agiere bislang belastbare Gegenleistungen« fahrung machen: Grenzkon­ Migrationsdruck immer weiter
»zu zögerlich«, sagt der Bundes- der USA, bevor von der Leyen trollen in Europa. Grenz- Richtung EU-Peripherie.
tagsabgeordnete Esra Limbacher. über Zugeständnisse spreche. schutzbeamte warten etwa in Ist es falsch, was die Bun-
»Jetzt ist es an der Zeit, ent­ »Sollte dies nicht gelingen, muss Frankreich, Österreich und desregierung macht? Ich finde
weder eine verbindliche und Europa bereit sein, auch selbst- Italien, in Slowenien und den nicht, denn nach den Merkel-
faire Vereinbarung mit den USA bewusst handelspolitische Nie­derlanden. Sie winken und Scholz-Jahren war es
zu erreichen oder als Europäi- Gegenmaßnahmen zu ergreifen«. Autofahrer raus, patrouillie- überfällig, dass Deutschland
sche Union deutlich entschlosse- Eine Lösung, bei der etwa ren durch Züge, wollen Pässe ein Stopp-Signal setzt. Fried-
ner aufzutreten.« US-Präsident die deutsche Stahlindustrie leide, sehen. An der deutsch-­ rich Merz ist dafür gewählt
Donald Trump fordert Zuge- dürfe es nicht geben. CTE polnischen Grenze wird seit worden, dass er eine striktere
dieser Woche in beide Migrationspolitik macht als
­Richtungen kontrolliert, es seine Amtsvorgänger.
Erzwungener Umzug sitzender. »Wir sind uns be- ist mit Staus zu rechnen. Aber um welchen Preis? Ist
wusst, dass diese Zwischen- Als Nächstes könnten die Schengen zu retten?
REGIERUNG Außenminister unterbringung von den Flughäfen hinzukommen, ist
J­ ohann Wadephul (CDU) sieht ­Kol­leginnen und Kollegen aus dem Bundesinnenminis­ Offene Binnengrenzen
sich mit dem Unmut eines Teils ein hohes Maß an Flexibilität terium zu hören. Stellen Sie
seiner Mitarbeiter konfrontiert. er­fordert«, heißt es aus der sich darauf ein, Ihren Ausweis
werden erst wieder
Grund ist die Entscheidung ­Ministeriumsspitze. Grund für vorzuzeigen, wenn Sie dem- möglich sein, wenn
seiner Vorgängerin Annalena den Umzug sei die Sanierung nächst von Mallorca kommen. Europa seine Außen-
Baerbock (Grüne), dass die
­Abteilung 6 »Kultur und Gesell-
des Hauptgebäudes. In den ver-
gangenen Jahren seien stetig
Selbst auf der Schengen-
autobahn von Luxemburg
grenze besser schützt.
schaft« das Hauptgebäude am Stellen hinzugekommen, es nach Deutschland werde man Offene Binnengrenzen
Werderschen Markt in Berlin- herrsche Platzmangel. Die Be- angehalten, beklagte sinn­ ­ ären wieder möglich, wenn
w
Mitte verlassen muss. Neues gründung überzeugt die Betrof- gemäß der luxemburgische Europa seine Außengrenze so
Domizil der Abteilung sind Büro- fenen nicht. Schließlich plane Premierminister Luc Frieden, bewacht, dass niemand mehr
räume, die das Auswärtige Amt die Leitung unter Minister als er letzte Woche zu Besuch unbemerkt hineinkommt, der
außerhalb der Zentrale hat an- ­Wadephul einen Abbau von bei Friedrich Merz war. nicht hineinsoll. Man muss
mieten lassen. Auf der Personal- acht Prozent der Stellen im Schengen? Ja, genau: der be- Europa nicht zur Festung aus-
versammlung am 3. Juli wurde ­Inland. Die be­absichtigten Kür- rühmte Ort, wo Vertreter bauen. Aber es sollte wie
Wadephul mit der Kritik konfron- zungen würden den realen aus Deutschland, Frankreich, ein Haus sein, wo man die Be-
tiert. Mehr als 100 Beschäftigte ­Büromangel nur geringfügig ab- Belgien, Luxemburg und sucher kennt und nachts die
hätten sich an den Personalrat mildern, heißt es hingegen den Niederlanden vor ziemlich Tür abschließt.
gewandt, berichtete dessen Vor- aus der Ministeriumsspitze. CSC genau 40 Jahren das Abkom- Zum anderen braucht es
men unterzeichneten, alle schnell einen funktionieren-
Schlagbäume abzuschaffen. den Mechanismus, wer für
Dank Schengen ist eine Ge- welche Flüchtlinge zuständig
Nachgezählt neration von Europäern prak- ist, wie diese verteilt werden,
tisch ohne Grenzen aufge- ohne dabei einzelne Länder
Preisaufschläge* für Flugreisen ab den bedeutendsten Flughäfen wachsen. In meiner Heimat zu überfordern. Im bestehen-
in Deutschland in den Sommerferien 2025, in Prozent
am Niederrhein merkte man den Verfahren gibt es diese
irgendwann gar nicht mehr, Regeln nicht. Bis ein neues um-
Bremen + 75 % Hamburg + 31 ob man noch in Nordrhein- gesetzt ist, wird es noch ein
Westfalen war oder schon in Jahr dauern.
NRW + 55 Hessen + 28 Holland. Als Europäer freute Wenn es gut läuft, sind
man sich über seine Freiheit die Grenzkontrollen ein heil-
und fühlte sich über manch samer Ferienschock, und
Berlin + 50 Saarland + 25
bürokratischen Irrsinn aus die Probleme werden gelöst.
Brüssel hinweggetröstet. Wenn es schlecht läuft,
Nieder-
Bayern + 49
sachsen
+ 18 Diese Freiheit könnte nun markiert dieser Sommer
enden. Die neue Bundes­ das Ende Europas, wie wir
Bad.-
+ 34
Anzahl der
betrachteten Sachsen +5
regierung lässt die deutschen es kannten.
Württ. Flughäfen

* Vergleich des durchschnittlichen Preises für den Flug einer erwachsenen Person in den ersten An dieser Stelle schreiben im Wechsel Susanne Beyer, Anna Clauß,
beiden Ferienwochen gegenüber dem durchschnittlichen Preis zwei Wochen vor Ferienbeginn. Markus Feldenkirchen und Alexander Neubacher.
S Quelle: Institut der deutschen Wirtschaft


Nr. 29 / 11.7.2025 DER SPIEGEL 17


CHAPPATTES WELT Digitale Doktoren
GESUNDHEIT Die Attraktivität
von Videosprechstunden ist
­gestiegen. Laut der Techniker
Krankenkasse (TK) gab es im
vergangenen Jahr 711.000 digi-
tale Behandlungen von Versi-
cherten der Kasse. Das sei eine
Zunahme von gut 135.000 gegen­
über 2023. Nach dem bisherigen
Höchstwert von 956.000 Vi­deo­
sprechstunden im Pandemiejahr
2021 war die Zahl deutlich ge-
sunken. Die TK ist Deutsch-
lands größte Krankenkasse mit
mehr als zwölf Millionen Ver­
sicherten. Am häufigsten nahmen
Patienten demnach digitale Ter-
mine bei Hausärztinnen und
-ärzten sowie bei Psychothera-
peuten wahr. Nicht jede Krank-
heit könne in einer Video-
sprechstunde behandelt wer-
den, sagt TK-Vorstandschef Jens
Baas. »Wer aber eine leichte
­Erkältung hat, kann auch per
Video mit Ärztinnen und Ärz-
ten sprechen und muss dafür
keine Wege oder längeren War-
Preis nach Gerhart der Stiftung vergeben, vor allem wicklung seiner Partei. Seine tezeiten auf sich nehmen.«
mit dem Ziel, Projekte im Be- Ehefrau trat nach seinem Tod Baas fordert, dass Patientinnen
Baum benannt reich der Menschenrechte zu in die FDP ein und kümmert und Patienten eine digital ge-
LIBER ALE Der im Frühjahr ver- unterstützen. Zuletzt erhielt ihn sich seitdem um das Vermächt- stützte Ersteinschätzung von
storbene FDP-Politiker Gerhart 2024 eine Initiative von evaku- nis ihres Mannes. Bis zuletzt medizinischen Anliegen in An-
Baum wird künftig Namensge- ierten Frauenrechtsaktivistin- hatte Baum mit seiner Frau und spruch nehmen können, bevor
ber des Menschenrechtspreises nen aus dem von den islamisti- einem Journalisten an einem ein Arzttermin vereinbart wird.
der Gerhart und Renate Baum- schen Taliban kontrollierten Buch gearbeitet, das kürzlich So würden Patienten künftig
Stiftung sein. »Der Preis, der ­Afghanistan. Der FDP-Politiker unter dem Titel »Besinnt Euch!« schneller dort behandelt, wo sie
2026 wieder ansteht, heißt und frühere Bundesinnenminis- in den Handel kam. Darin ruft am besten versorgt werden.
künftig Gerhart Baum Men- ter Baum war im Februar im Baum – unter anderem mit ­Davon würden auch die Arzt-
schenrechtspreis«, kündigte die ­Alter von 92 Jahren in Köln ge- Blick auf die rechtsextreme praxen profitieren, so Baas.
Witwe des Politikers, Renate storben. Er gehörte zu den be- AfD – dazu auf, »mit Herz und ­Videosprechstunden müssten
Liesmann-Baum, an. Die mit kanntesten linksliberalen Stim- Verstand« die Demokratie im Gesundheitswesen zu einer
10.000 Euro dotierte Auszeich- men der FDP und äußerte sich zu verteidigen, »inklusive mög- »selbstverständlichen Option«
nung wird alle zwei Jahre von wiederholt kritisch zur Ent- lichem Parteiverbot«. SEV werden. CTE

Drohnen über stecken könnte, scheint sich bis- Trump-Fan angeklagt scher Kreis prüft derzeit einen
lang nicht bestätigt zu haben. Parteiausschluss des einstigen
Wilhelmshaven Es gebe »keine gesicherten Er- CDU Der durch seinen Besuch Funktionärs. Auf Anfrage ließ
SICHERHEIT Die niedersächsi- kenntnisse, die auf gezielte bei US-Präsident Donald A. sämtliche Vorwürfe bestrei-
sche Polizei hat mehrere Per­ ­Ausspähung im Auftrag Dritter Trump bundesweit bekannt ge- ten: Er habe keine Gelder ver-
sonen ermittelt, die Drohnen hindeuten«, so die Polizei. Nach wordene CDU-Nachwuchspoli- untreut, teilte er über seinen
über dem Marinearsenal der derzeitigem Stand handle es sich tiker Fabrice A. hat Ärger mit Anwalt mit. Der bekennende
Bundeswehr in Wilhelmshaven bei den Verdächtigen »überwie- der nordrhein-westfälischen Trump-Anhänger A. machte in
kreisen ließen. Im Mai und im gend um zivile Drohnenpiloten Justiz. Die Staatsanwaltschaft sozialen Netzwerken mit schil-
Juni seien in insgesamt fünf Fällen ohne erkennbaren professionellen Köln hat eine Anklage wegen lernden Reisen auf sich auf-
Piloten der ferngesteuerten Hintergrund«. Beweise für »eine Untreue gegen A. erhoben. Wie merksam und bewegte sich im
Fluggeräte festgestellt worden, direkte nachrichtendienstliche es aus der Partei heißt, soll der direkten Umfeld von Trump.
teilt die Polizei mit. Es seien oder militärische Verbindung« Trump-Fan als Funktionär der So traf er den US-Präsidenten in
unter anderem Ermittlungen lägen bislang nicht vor. Seit Mo- CDU-Jugendorganisation Junge dessen Anwesen Mar-a-Lago
wegen Verstoßes gegen die Luft- naten fliegen immer wieder Union mehrfach Geld auf sein in Palm Beach, auf Fotos posierte
verkehrsordnung und des Ver- Drohnen über militärische Ein- Konto gebucht haben – mit Ver- der Christdemokrat mit US-
dachts der Ausspähung sicher- richtungen, Industrieparks weis auf falsche Empfänger. Ins- Außenminister Marco Rubio
heitsrelevanter Bereiche ein­ und andere kritische Infrastruk- gesamt soll es um eine vierstelli- und dem damals noch mit
geleitet worden. Die Sorge, dass tur. Nur selten können Piloten ge Summe gehen. Der CDU- Trump verbündeten Techmilliar-
Russland hinter den Aktionen ermittelt werden. WOW Kreisverband Rheinisch-Bergi- där Elon Musk. TIL

18 DER SPIEGEL Nr. 29 / 11.7.2025


»Fehlendes dern und Jugendlichen oft bei
weit über 50 Prozent. Wo sollen
Vorwissen« wir denn die Kinder für diese
In der Debatte um eine Ober- Durchmischung hernehmen?
grenze von Kindern mit auslän- Gleichzeitig halte ich es für rich­
dischen Wurzeln an deutschen tig, dass Eltern entscheiden,
Schulen meldet sich Hamburgs auf welche Schule ihre Kinder
SPD-Bildungssenatorin Ksenija gehen. Würde der Staat die
Bekeris, 47, zu Wort. ­Kinder umverteilen, würden wir
das Elternwahlrecht aushebeln.

Bernhard Kahrmann / DER SPIEGEL


SPIEGEL: Frau Bekeris, mehr als SPIEGEL: Aber es lässt sich wohl
die Hälfte der Kinder und Ju­ kaum wegdiskutieren, dass sich
gendlichen an Hamburgs Schulen manche Probleme – Sprach-
haben eine Zuwanderungs­ und Lernschwierigkeiten, Armut
geschichte. Sind das zu viele? oder Gewalt – an bestimmten
Bekeris: Die Frage stellt sich für Schulen ballen.
mich nicht. Die Kinder an un­ Bekeris: Das ist richtig. Deshalb
seren Schulen bilden die Stadt­ gibt es in Hamburg und einigen

»Momentan mache
gesellschaft ab. Sie leben in anderen Bundesländern einen
Hamburg, natürlich gehören sie Sozialindex. Schulen in schwieri­

ich hier noch alles selbst«


alle an unsere Schulen. Richtig gen Lagen bekommen mehr
ist aber: Der Anteil der mi­ Geld und Personal. Zusätzlich
grantischen Schülerinnen und geben Bund und Länder in den
Schüler ist über die Jahre ge­ nächsten zehn Jahren über das
DER AUGENZEUGE Achim Gall, 68, hat ein
stiegen. Darauf muss sich das Startchancenprogramm 20 Mil­
Bildungssystem einstellen. liarden Euro aus, um 4000 be­ ­öffent­liches Freibad neben seinem Haus eröffnet.
SPIEGEL: Inwiefern? sonders belastete Schulen zu
Bekeris: Aus Studien wissen unterstützen. »Ein eigenes Schwimm­ ber 2024 gab es das erste
wir: Nicht der Migrationshinter­ SPIEGEL: Reicht das, um Bildung becken – 12,5 Meter lang, ­öffentliche Probebaden,
grund ist das Problem – son­ und Lebenschancen in Deutsch­ 4,5 Meter breit und 2 Meter den Winter hindurch wurde
dern die Tatsache, dass immer land gerechter zu verteilen? tief – wollte ich schon immer das Schwimmbecken zum
mehr Kinder nicht gut genug Bekeris: Das ist ja nicht nur Auf­ mal auf meinem Grundstück ­Eisbaden genutzt. Bis zur feier­
Deutsch sprechen und ihnen gabe der Schulen. Wir sehen haben. Seit mehr als 50 Jahren lichen Eröffnung Ende Mai
Vorwissen fehlt, das andere zu große Unterschiede zwischen bin ich Wettkampfschwimmer. dieses Jahres gab es dann noch
Schulbeginn mitbringen. Stadtvierteln und Nachbar­ Den Sport mache ich für einiges zu tun.
Das betrifft nicht nur Kinder schaften, stellenweise müssen Ruhm und Ehre, aber auch für Der öffentliche Bade­
mit ausländischen Wurzeln. wir von Ballung sprechen. Das die Gesundheit und das Soziale, betrieb läuft jetzt langsam an.
SPIEGEL: Was tun Sie konkret? halte ich für bedenklich. Statt es bleibt ein großes Hobby. Momentan mache ich hier
Bekeris: Es ist wichtig, dass Kin­ Kinder im Sinne einer besseren Als das Nachbargrundstück noch alles selbst: Badeauf­
der früh in die Kita kommen. Durchmischung zur Schule in hier in Uhingen in Baden- sicht, Kasse, technischer
Die Kita ist ein Bildungsort! andere Stadtteile pendeln zu Württemberg frei wurde, be­ Dienst, Putzen. Eine Einzel­
Dann laden wir in Hamburg alle lassen, müssen wir auch bei der schloss ich, mein Vorhaben zu karte kostet 3,50 Euro, eine
Kinder im Alter von viereinhalb Stadtentwicklung ansetzen. verwirklichen. Das Gebäude Zehnerkarte 25 Euro. Die
Jahren in eine Grundschule SPIEGEL: Wie? mit Wasserbecken habe ich Nachfrage nach Schwimm­
ein, wo eine Lehrkraft sie begut­ Bekeris: Wir hatten in Ham­ selbst entworfen. Die Behörden kursen für Kinder ist relativ
achtet: Wie gut sprechen sie burg etwa große Diskussionen waren am Anfang zwar etwas hoch. Außerdem gibt es
Deutsch? Können sie mit einer um die Frage, wo wir am skeptisch: ein öffentliches Schwimmkurse für Erwachsene,
Schere richtig schneiden? ­besten Geflüchtete unterbrin­ Freibad mitten im Wohngebiet? Schwimmkurse zur Verbesse­
­Haben sie eine Vorstellung von gen: in den Stadtteilen, wo Aber letztlich konnte ich mich rung der Schwimmtechnik
Zahlen? Gibt es Nachholbedarf, es oh­nehin schon viele Zu­ durchsetzen. und Aquafitnesskurse. ­Dafür
müssen diese Kinder eine Vor­ gewan­derte gibt? Oder dort, wo Ein großes Schwimmbecken habe ich auch einen Rettungs­
schule besuchen, wo sie so ge­ eher deutschstämmige, bürger­ für mich allein ergibt keinen schein und eine Betriebshaft­
fördert werden können, dass sie liche oder wohlhabende Sinn. So entstand der Ge­dan­ pflichtversicherung. Ich möchte
fit für die Schule werden. ­Menschen wohnen? Da fängt ke, Schwimmkurse zu geben. die Wasserfläche auch an
SPIEGEL: Bundesbildungsminis­ Durchmischung an. OLB Das geht im Privatbecken freie Schwimmschulen und
terin Karin Prien (CDU) hält ­allerdings nicht. Das Bad muss­ Schwimmlehrerinnen und
eine Quote für migrantische te als öffentliche Sportstätte Schwimmlehrer vermieten
Kinder an Schulen für »denk­ genehmigt werden, was wesent­ oder an Vereine oder für Kin­
bar« und sprach in einem Inter­ lich mehr Geld kostete. dergeburtstage.
view von einer Obergrenze von ­Öffentliche Gelder bekomme Für die Instandhaltung
»30 oder 40 Prozent«. ich keine. Kurzerhand habe rechne ich mit 1200 Euro im
Marcus Brandt / picture alliance

Bekeris: Mal unabhängig davon, ich zwei Eigentumswohnungen Monat, die ich durch die
dass ich diese Idee für grund­ im Wert von 250.000 Euro ­Eintrittsgelder und die Kurs­
falsch halte, weil sie etwas Aus­ verkauft und damit den größten gebühren decken möchte.
grenzendes transportiert: Sie Teil der Baukosten abgedeckt. Groß Geld verdienen ist also
wäre gar nicht umsetzbar. Gerade Im April 2023 rollten die nicht meine Priorität.«
in Großstädten liegen die Bekeris ­ersten Bagger an. Im Novem­ Aufgezeichnet von Anna Ehlebracht
­Migrationsanteile unter Kin­

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DEUTSCHLAND

Fortgesetzter Merkelismus
REGIERUNG Der Kanzler zeigt sich gern als Außenpolitiker auf Weltreise, während sich zu Hause
die Probleme stauen. Flieht Friedrich Merz vor der deutschen Innenpolitik?

E
s ist die Woche vor der Sommerpause, Nur: Wie kann es werden? Bisher sind der thos der Gegenwart greifen Argentiniens Prä-
das Parlament hat keine Zeit zu verlie- Kanzler und seine Regierung viele Antworten sident Javier Milei und der ehemalige Berater
ren. Die Fraktionen kommen nicht am schuldig geblieben. Im Wahlkampf, im Koali- der US-Regierung Elon Musk dafür zur
Dienstag zusammen wie sonst, sondern schon tionsvertrag und auch in den ersten zwei Mo- ­Kettensäge. Und in der unionsgeführten Bun-
am Montag. Der Haushalt muss diskutiert naten im Amt. desrepublik, in der autoritäre Staatsverächter
werden, Ministerium für Ministerium. Und In den eigenen Reihen steigt deshalb die zum Vorbild nicht taugen – was passiert da?
danach, das gibt der Kanzler in der Unions- Unruhe, die Sorge davor, dass der Merkel- Wozu greift Merz? Weiß er das selbst?
fraktion seinen Leuten mit, gehe die eigent- Gegner Merz dem Merkelismus verfallen Immerhin weiß er, dass er darauf eine Ant-
liche Arbeit erst richtig los. könnte: innenpolitisch nicht zu viel wagen, wort finden muss, wenn man Vertrauten des
In der Sitzung spricht Friedrich Merz über um niemanden zu verprellen. Zumal nach Kanzlers glaubt.
die ersten Monate im Amt und dann über das, dem Kraftakt der großen Schuldenbremsen- Merz habe die Reformunfähigkeit des Lan-
was diese Koalition erwartet. Er gibt ein Ver- reform, den Milliarden für Verteidigung und des als zentrales Problem identifiziert, heißt
sprechen ab, das Abgeordnete aufhorchen Infrastruktur. Immer wieder geht es in diesen es in seinem Umfeld. Aus seiner Sicht habe
lässt, so eindeutig und kühn ist es. Teilnehmer Tagen in internen Runden um diese Fragen: sie eine lange Geschichte, gehe zurück bis in
erinnern sich an den Satz so: »Wir werden Hat die Regierung die Bereitschaft, sich der die Merkeljahre. Er selbst wolle das ändern,
mit einer ambitionierten Reformagenda aus Lage zu stellen? Bei Themen wie Rente oder sei bereit, dafür politische Risiken einzuge-
der Sommerpause kommen.« Pflege etwa? Hat sie die Kraft? Hat sie eine hen, ohne Rücksicht auf die eigene Beliebt-
Ein guter Plan sei das, sagt ein Abgeord- gemeinsame Vision? Und schließlich: Hat sie heit. Es gehe ihm nicht darum, geliebt zu wer-
neter, er habe allerdings Zweifel, dass der einen Plan? den, sondern darum, dass man einmal sagen
Kanzler das Versprechen halten könne. Es Oder hat sie wirklich vor, ihn erst in der werde: Der Mann hat das Land fit gemacht
sind Zweifel, die in der Union derzeit häufig Sommerpause zusammenzuschreiben, im für die Zukunft.
zu hören sind. Strandkorb auf Norderney oder in einer Fit für die Zukunft, das hieße, dafür zu
Seine ersten Wochen im Amt hat Merz ­Wanderhütte zwischen Berggipfeln? sorgen, dass die Kosten für Renten- und Pfle-
damit verbracht, sich in der Welt vorzustellen. Am Montagmorgen sitzen die Wirtschafts- geversicherung nicht immer weitersteigen,
Er saß neben Donald Trump im Oval Office, politiker von CDU und CSU zusammen. und zugleich sicherzustellen, dass die Men-
lag sich mit Emmanuel Macron in den Armen Am Vorabend war man gemeinsam beim schen in Krankheit und Alter gut leben
und schüttelte Papst Leo XIV. die Hand. Of- ­Italiener im Regierungsviertel. Nun soll die ­können.
fenbar machte er das gut. Die Beliebtheits- Wirtschaftsweise Veronika Grimm die Lage Es hieße, einen Weg zu finden, aufstreben-
werte stiegen. erklären. de Technologien zu stärken, neue Schlüssel-
Auch Merz-Unterstützer wissen allerdings: Grimm wird von der Union gern eingela- industrien wachsen zu lassen und das Land
Das war der einfache Teil. Es genügte, keine den, weil sie im Großen und Ganzen ähnlich gleichzeitig klimaneutral zu machen. Wäh-
Fehler zu machen. Gleichzeitig begannen sich auf die Welt blickt. Was sie allerdings an die- rend die USA einen Handelskrieg eskalieren
die ersten Christdemokraten zu fragen, wer sem Vormittag erzählt, macht den Abgeord- und sich China nach und nach vom goldenen
sich um all die großen Themen zwischen neten alles andere als gute Laune. Das Land Markt zum selbstbewussten Marktführer ent-
Flensburg und Altötting kümmert, während habe einen riesigen Reformbedarf, sagt sie wickelt.
der Kanzler durch die Welt jettet. nach Teilnehmerangaben. Zu viel Bürokratie, Es hieße, notwendige Schulden zu machen,
Die Bevölkerung altert, Kosten für Arzt- zu viele Vorgaben, und, ja, die Alterung und ohne dass die Zinslast erdrückend wird.
besuche, Klinikaufenthalte, für Pflege und die steigenden Kosten für Soziales würden Es hieße, nicht nur ein paar Jahre die Ar-
Rente steigen schneller als das Bruttoinlands- zum Problem. mee am Kernhaushalt vorbei auszurüsten,
produkt. Die Klimakrise schreitet immer wei- Das alles bilde, dieser Eindruck ist bei sondern eine Antwort zu finden, wie das Land
ter voran. Die Wirtschaft befindet sich im einem Anwesenden hängen geblieben, einen dauerhaft befähigt wird, sich gegen einen
Umbruch, und es geht ihr nicht gut. Es zeigt großen Knoten, den die Regierung durch- möglichen russischen Angriff zu verteidigen,
sich jetzt, dass die Schwäche der Industrie nur schlagen müsse. ohne dass darüber der soziale Zusammenhalt
am Rande mit der Politik der Ampel zu tun Im antiken Mythos vom Gordischen Kno- wegbricht.
hatte. ten soll Alexander der Große dafür zu einem Wie auch immer das geht.
Merz selbst verteidigte sich am Dienstag- Schwert gegriffen haben. Im libertären My- Merz beteuert: Er habe den Willen, es zu-
abend vor Sauerländer Landsleuten in der mindest zu versuchen. Doch daran gibt es
NRW-Landesvertretung in Berlin: Er sei zwar Zweifel. Es ist das eine, Veränderung zu ver-
viel unterwegs, aber das zahle sich schon aus, sprechen. Das andere, das Versprechen ein-
durch gute Beziehungen zu europäischen zuhalten, wenn die Abgeordneten der eigenen
Partnern. »Es ist trotzdem noch Partei um ihre Wiederwahl bangen. Oder
Aber damit ist es in diesen Fragen nicht ­einiges offen: Rente, Sozial- wenn man sich selbst vielleicht doch davor
getan. Auch nicht damit, keine Fehler zu ma- fürchtet, die Beliebtheit zu verlieren, die man
chen. In der Koalition setzt sich die Einsicht staatskommission, Pflege.« gerade erst neu erworben hat. Die Zweifel,
durch, dass es nicht bleiben kann, wie es ist. Annika Klose, SPD-Politikerin ob Merz’ Reformwille wirklich so ausgeprägt

20 DER SPIEGEL Nr. 29 / 11.7.2025

D-divibib/digas_out
DEUTSCHLAND

Kanzler Merz
im Bundestag

Florian Gaer tner / photothek / picture alliance

Nr. 29 / 11.7.2025 DER SPIEGEL 21


DEUTSCHLAND

Christdemokraten
Merkel, Merz 2022

Christoph Soeder / dpa


ist, wie er sagt, sind noch etwas größer ge- auch unter der »Klimakanzlerin«, wie Merkel
worden seit dem jüngsten Rentendeal. gelegentlich genannt wurde, ohne die Sozial-
Ursprünglich hatten Union und SPD etwa demokratie weniger vorangegangen.
verabredet, die Mütterrente einheitlich zu Doch die SPD ist am Ende ihrer Kräfte.
regeln, unabhängig vom Geburtsjahr der Kin- Vielleicht war sie nie so angeschlagen wie
der. Bisher werden Erziehungszeiten stärker jetzt. Sie erlebte eine historische Pleite bei
auf dem Rentenkonto gutgeschrieben, wenn der Bundestagswahl. Gerade erst verpasste
Kinder 1992 oder später geboren sind. Die sie Lars Klingbeil, dem Finanzminister und
Rentenversicherung erklärte öffentlich, dass Vizekanzler, bei seiner Wahl zum Parteichef
sie rund zwei Jahre für die Umsetzung be- ein historisch schlechtes Ergebnis. In der
nötige. Dem Koalitionsausschuss waren die Union schütteln sie den Kopf über diese
technischen Details offenbar ebenso egal wie Selbstverletzung, über eine Partei, die so we-
die Kosten. Er beschloss, dass die Mütterren- nig nach außen schaut und so viel nach innen.
te schon zum 1. Januar 2027 ausgeweitet wird. In der SPD glaubt man, dass man nach in-
Die CSU wollte das so, und die Sozialdemo- nen schauen muss, weil es an Visionen für die
kraten wollten die Garantie des Renten- Zukunft fehlt. Die Partei will sich ein neues
niveaus von 48 Prozent bis ins Jahr 2031. Bis Grundsatzprogramm geben, nach 18 Jahren
2040 werden die Bundeszuschüsse zur Rente wieder. Bis 2027 soll ein Entwurf stehen. Die
dadurch um viele Milliarden Euro steigen. Legislaturperiode wird dann halb vorbei sein.
Handelt so eine Koalition, die vorhat, un- Diese SPD wird der Union das Reformie-
populäre Entscheidungen zu treffen? ren kaum ähnlich abnehmen können wie frü-
Im Bundesvorstand der CDU am Montag her. Und wenn sie doch ein paar Ideen hat,
ergriff einer das Wort, der daran schon häu- könnte das eher für Konflikte sorgen.
figer Zweifel geäußert hat. Johannes Winkel, »Die SPD muss immer den Anspruch
der Chef der Jungen Union, kritisiert immer ­haben zu gestalten«, sagt die Bundestags­
wieder, die Politik kümmere sich zu wenig abgeordnete Annika Klose, die dem Partei-
um die Jungen. Die SPD-Sozialministerin vorstand angehört. Viele Herzensprojekte
Bärbel Bas, gerade erst mit großer Mehrheit habe die Union in den Koalitionsverhandlun-
zur Co-Parteichefin gewählt, werde alle Re- gen verhindert. »Aber es ist trotzdem noch
formversuche ausbremsen, wenn man nicht einiges offen: Rente, Sozialstaatskommission,
aufpasse, warnte Winkel. So berichten es Teil- Pflege. Das müssen wir als SPD selbstbewusst
nehmer. Man müsse permanent Druck auf vorantreiben.«
Bas ausüben. Sonst werde das nichts. So etwas haben sie in der Union schon be-
Winkel sprach etwas aus, das in der Union fürchtet.
derzeit verbreitet ist: die Angst vor dem In der CDU betonen sie seit einer Weile,
­Koalitionspartner, die, um alles noch kompli- wie sehr sie die Schwäche des Koalitionspart-
zierter zu machen, verbunden ist mit der ners umtreibe, der in einer Umfrage zuletzt
­Sorge um den Koalitionspartner. auf 13 Prozent gefallen ist. Die SPD sähe man
In der damals noch GroKo genannten am liebsten knapp über 20 Prozent in den
­Koalition unter Merkel war es oft die SPD, die Umfragen. Mit gebührendem Abstand zur
neue Ideen entwickelte und Reformen anstieß. Union, aber ohne Existenzangst. Doch die
Sie trieb Projekte voran, für die sich am Ende einzige Möglichkeit für die SPD, sich zu
auch die Kanzlerin feiern ließ: den Mindest- ­profilieren, so geht eine Analyse in der
lohn, die Mietpreisbremse oder Klimaschutz- CDU, seien soziale Themen. Man könne das
maßnahmen. In ökologischen Fragen wäre der SPD nicht vorwerfen, sagt ein Christ­

22 DER SPIEGEL Nr. 29 / 11.7.2025


DEUTSCHLAND

demokrat. Es ist nur so, dass Einigkeit in der


­Koalition dadurch unwahrscheinlicher wird. SPIEGEL TV Programm
Den Ausweg sollen Kommissionen weisen.
Sie sollen Vorschläge für eine Reform des
­Sozialstaats, der Gesundheitsversorgung und
Pflege und der Rente erarbeiten, für den Um­
gang mit China und der künstlichen Intelli­
genz. Mitunter ist allerdings nicht einmal ver­
abredet, wie sie besetzt werden.
Das passt nicht recht zur Analyse, die in
der Union kursiert: dass man für die ganz
großen Reformen kaum länger Zeit haben
wird als eine halbe Legislaturperiode. Weil
die Neigung, den Menschen etwas abzuver­
langen, mit jedem Tag sinkt, den die Wahl
näherrückt.
Die Zeit ist knapp, zumal die Kommissio­
nen aufarbeiten müssen, was in den vergan­
genen Jahren versäumt wurde. Merz wollte
nicht, dass bestimmte Debatten überhaupt

SPIEGEL TV
aufkommen. Als der Wirtschaftsflügel der
Union im vergangenen Jahr eine Renten­
debatte beginnen wollte, fuhr Merz dazwi­ Kunsthistorikerin Grosskop
schen. Man werde zu Rente und Pflege allzu
viel Konkretes vermeiden, so beschrieb es
JUST A KISS?
damals ein wichtiger Christdemokrat. Der Kuss wird nie an Strahlkraft und
In der Wirtschafts-, Energie- und Klima­ SAMSTAG, 12. 7., 19.20 – 20.00 UHR, 3SAT Popularität verlieren.
politik konzentrierte sich die Union im Wahl­ »Just a Kiss?« ist eine Hommage an
kampf darauf, die Ampel zu kritisieren, un­ Eine Geschichte des Küssens den Kuss als universelle Geste, als Aus­
haltbare Versprechen zu machen und auf eine Heute schon geküsst? Der Kuss ist druck von Liebe, Leidenschaft, Macht
wundersame Merz-Wende zu hoffen. Die Ausdruck von Liebe und Zuneigung, aber und Verrat. Ein Film über die Bedeutung
bleibt bisher aus, die versprochenen Steuer­ auch Symbol von Macht und Hierarchie. des Küssens in unser aller Leben, in
senkungen sind wie erwartet nicht finanzier­ »Just a Kiss?« ist eine lustvolle Reise Politik, Gesellschaft und Kunst, egal ob
bar, die schwachen Wachstumsimpulse kom­ durch die Geschichte des Küssens. Kuss, Küsschen, Bussi oder Schmatzer.
men zu guten Teilen vom Schuldenprogramm, Der Kuss ist Sujet in Malerei, Film und
das die Union eben noch verurteilt hatte. Fotografie, ein Akt der Kommunikation
Drei Jahre Opposition, gut drei Monate und politisches Werkzeug. Er hat die SPIEGEL GESCHICHTE
Wahlkampf – und jetzt soll, was versäumt menschliche Geschichte und Kultur DIENSTAG, 15. 7., 20.15 – 21.45 UHR, TELEKOM
wurde, eilig nachgeholt werden, am besten geprägt. Als Provokation, Übergriff oder DEUTSCHLAND
in acht Wochen Sommerpause? Während die Weitung moralischer Grenzen: Küsse
weitgehend unerfahrene Kabinettsriege sich sind Teil des kollektiven Gedächtnisses. Kinder des Krieges – Auf der
einarbeitet und die Krisen da draußen schnel­ Sie sind mehr als Ausdruck leidenschaft­ Suche nach der Vergangenheit
le Reaktionen erfordern? licher Liebe oder zärtlicher Zuneigung. Mai 1945: Der Zweite Weltkrieg geht
Am Dienstagabend, es ist die letzte Sit­ Das Küssen hat eine Geschichte, die zu Ende. Europa ist ein riesiges Trüm­
zungswoche vor der Sommerpause, feiert in zurückreicht bis zum Beginn des merfeld. Hunderttausende Kinder
einem Palais Unter den Linden der Parla­ Menschseins und die sich über Jahrtau­ irren zwischen den Trümmern umher.
mentskreis Mittelstand sein Sommerfest. Er sende entwickelt hat. Trends und Moden Waisen, die auf sich allein gestellt
repräsentiert den Wirtschaftsflügel der Union, machen auch vor dem Küssen nicht halt, sind. Sie sind die ersten Opfer der Nach-
die überwältigende Mehrheit der Fraktion vor allem die Darstellung im Film hat kriegszeit.
gehört ihm an. Deshalb sind fast alle gekom­ sich immer wieder verändert. Die Medien Die zweiteilige Dokumentation erzählt
men, die in der Union wichtig sind. Auch der prägen unseren Blick auf das Küssen. anhand von Zeitzeugenberichten und
Kanzler ist anwesend. Oft bekommt der Kuss die große Bühne, bisher unveröffentlichten Dokumenten
Der verspricht an diesem Abend vieles von mal als Übergriff bei Fußballfunktionär die Tragödie dieser verlorenen Kinder
dem, was seine Parteifreunde seit Tagen ein­ Luis Rubiales und Spielerin Jennifer des Krieges und wie die Vergangenheit
fordern. Große Sozialreformen und dass Hermoso oder als inszenierte Provoka­ ihr Leben bestimmte. Die meisten haben
Deutschland kein Industriemuseum wird. Nur tion bei Madonna und Britney Spears. ihre wahre Identität erst Jahre später
zur Klimapolitik verspricht er nichts, außer Der sozialistische »Bruderkuss« zwi­ entdeckt, manche nie.
dass die Wirtschaftsministerin sie nicht mehr schen Staatsführern des Ostblocks ist
machen werde. ein politisches Statement, der Kuss
Der Applaus ist kräftig, die Stimmung gut. des Papstringes ein Symbol der Macht.
Sie hören es gern hier. Also glauben sie es Doch auch der Kuss der reinen Liebe
auch? Na ja, so drückt es ein Verbandsver­ kann zur Ikone werden, wie bei Gustav
elephant adventures

treter aus: »Die Stimmung ist besser als die Klimts goldgewirktem Gemälde »Der
Lage.« Jetzt müsse man also irgendwie die Kuss«. Von der Vasenmalerei des antiken
Lage der Stimmung anpassen. Griechenlands über die leidenschaftli­
Markus Dettmer, Sophie Garbe, chen Darstellungen der Renaissance und
Konstantin von Hammerstein, Romantik bis heute – er hat Künstlerin­
Livia Sarai Lergenmüller, Jonas Schaible  n nen und Künstler aller Epochen inspiriert. Kriegsopfer Kinder

Nr. 29 / 11.7.2025 DER SPIEGEL 23


DEUTSCHLAND

D
er Himmel ist schwarz, schwerer Regen
peitscht über die Straßen, Äste fliegen
durch die Luft. Die Berliner S-Bahn

Der Schattenmann
muss an einem Donnerstagabend ihren Be-
trieb einstellen, es gibt zwei Schwerverletzte
in der Hauptstadt, die Feuerwehr ist im
Dauereinsatz. Der CDU-Generalsekretär be-
kommt von alldem nichts mit.
CDU Eine Zeit lang sah es so aus, als hätte Kanzler Friedrich Merz Während draußen das Unwetter wütet,
steht Carsten Linnemann im gut gedämmten,
seinen Generalsekretär politisch kaltgestellt. Doch inzwischen spielt Carsten fensterlosen TV-Studio des Konrad-­Adenauer-
Linnemann wieder vorn mit. Von Konstantin von Hammerstein Hauses hinter einem weißen Moderatoren-
tisch. Dort wird gerade der Gewinn für die
erfolgreichste Mitgliederwerbung eines Kreis-
verbands ausgelobt. Erster Preis: Sport und
Grillen mit Linnemann und dem Schauspieler
Ralf Moeller (»Gladiator«). Zweiter Preis:
Schnitzelessen mit Philipp Amthor in Berlin.
Dritter Preis: ein 1000-Euro-Gutschein für
den CDU-Shop. Na, wenn das mal nicht an-
spornt.
»CDU live« heißt das Format, bei dem sich
rund 500 Parteimitglieder aus der Republik
zugeschaltet haben, um ihrem Generalsekre-
tär Fragen zu stellen. Wann denn nun die Ak-
tivrente eingeführt werde, will einer wissen.
Linnemann dreht auf. »Ich sprudel ja vor Be-
geisterung bei dem Thema«, sagt er, »letztens
hat eine Journalistin gesagt, wenn man die
Aktivrente anspricht, dann gibt es ein Tisch-
feuerwerk.« Bis zu 2000 Euro steuerfrei, falls
man als Rentner weiterarbeitet. »Das ist eine
Idee aus diesem Haus, die ist hier in der Denk-
fabrik CDU entstanden«, schwärmt er.
»Denkfabrik CDU.« Das sagt er tatsächlich.
Wenn von einer Million Menschen, die
jedes Jahr in Rente gingen, nur 50.000 mo-
tiviert würden, vielleicht nur 20 Stunden
­weiterzuarbeiten, »dann wird dieses Ding
weltweit so bekannt wie unser duales Aus-
bildungssystem. So weit will ich gehen«. Lin-
nemann jubelt nun fast.
Was ist nur los mit diesem Mann?
Wer Linnemann in den Tagen nach der
Bundestagswahl am 23. Februar traf, erlebte
einen Politiker, der am Ende zu sein schien.
Gerade mal vier Monate ist das jetzt her. Noch
am Morgen des Wahlsonntags hatte er mit
deutlich über 30 Prozent für die Union ge-
rechnet. Am Schluss waren es nur 28,5.
­Linnemann wurde krank. Tagelang habe
er nur von Ibuprofen gelebt, erzählte er
­damals. So schlecht sei es ihm nach der Wahl
gegangen.
Obwohl die Union stärkste Fraktion wur-
de, empfand er das Ergebnis als bittere Nie-
derlage. Damals zweifelte er, ob er in seinem
Amt weitermachen kann. Ein Generalsekre-
tär, der das zweitschlechteste Resultat der
Parteigeschichte zu verantworten hatte? Und
das nach dem Chaos der Ampelregierung?
Sofia Brandes / DER SPIEGEL

Und dann der nächste Rückschlag. Der Anruf


des Chefs. Leider habe die SPD in den Koali-
tionsverhandlungen das Ministerium für
Arbeit und Soziales für sich beansprucht, er-
öffnete ihm Friedrich Merz Anfang April.
Wenn er wolle, könne er aber ein anderes
Parteimanager Linnemann: »Ich sprudel ja vor Begeisterung bei dem Thema« Ressort übernehmen.

24 DER SPIEGEL Nr. 29 / 11.7.2025


DEUTSCHLAND

Doch Linnemann wollte nicht. Er hatte seit


Langem davon geträumt, als Arbeits- und So-
»Das kommt aus Russland, reich Arbeit und Soziales, den er als Minister
gern selbst übernommen hätte. Gut möglich,
zialminister in der neuen Regierung den um Merz zu dass er als eine Art Schattenminister inzwi-
»Politikwechsel« durchzusetzen, den er im
Wahlkampf versprochen hatte. Später wollen
schaden, ­behaupte ich.« schen mehr Einfluss hat als im Kabinett.
Das liegt auch an seiner engen Verbindung
viele gewusst haben, dass die Union in Wahr- Carsten Linnemann zu Jens Spahn. Linnemann schätzt den Frak-
heit nie eine Chance gehabt hat, in einer Ko- tionschef der Union, weil der sich als Macher
alition mit den Sozialdemokraten diesen versteht, so wie er selbst. Sie sind seit langen
wichtigen Posten für sich zu reklamieren. Nur Jahren Verbündete. Zuletzt im Streit um die
Linnemann, sagen sie, habe das nie wahr­ Start der neuen Regierung scheint gelungen Absenkung der Stromsteuer. Beide kritisier-
haben wollen. zu sein. So weit die gute Nachricht. ten öffentlich, dass die Stromsteuer für die
Am frühen Nachmittag des 15. April ließ Die schlechte ist, dass die Union auf Kosten meisten Firmen abgesenkt werden soll, aber
der Generalsekretär ein Video verbreiten, auf ihres sozialdemokratischen Koalitionspart- nicht für die Verbraucher, so wie es die Union
dem er vor den Fischteichen seiner Heimat- ners zu wachsen scheint. Das war so nicht noch im Wahlkampf versprochen hatte. Doch
stadt Paderborn (»eine tolle Kulisse«) zu vorgesehen. Union und SPD hatten gehofft, am Ende konnten sie sich im Koalitionsaus-
­sehen war. Ausnahmsweise wolle er sich mal AfD und Linke durch gutes Regieren klein- schuss nicht durchsetzen.
in eigener Sache melden, sagte Linnemann: zumachen. Man wollte die bürgerliche Mitte Am Dienstag sitzt Linnemann in der Lob-
»Ich bleibe Generalsekretär der CDU stärken und die Ränder schwächen. Jetzt sieht by des Reichstagsgebäudes. Keine Frage, er
Deutschlands. Ich finde das gut. Ich finde das es so aus, als würden die Wähler nur von einer ist enttäuscht. »Ich hoffe, das wird nicht so
richtig gut, weil es ist genau mein Ding.« Partei der Mitte zur anderen wandern und oft passieren«, sagt er, »ich will ja auch, dass
Klar, es habe auch die Möglichkeit ge­ die Ränder so stark bleiben wie bisher. die Bundesregierung erfolgreich ist. Aber klar
geben, einen Kabinettsposten zu überneh- Es ist eine beunruhigende Entwicklung. ist: Wir werden nicht zu allem Ja und Amen
men, aber »jeder, der mich kennt, weiß, es Wenn es so weitergeht, wächst die Union zwar sagen.« Auch wenn es dieses Mal nicht ge-
geht mir immer um die Sache«. Als General- irgendwann in Richtung 30 Prozent plus, aber klappt hat, steht ja fest: Rotten er und Spahn
sekretär könne er den Politikwechsel besser die SPD liegt dann vielleicht nur noch bei 10. sich zusammen, dann verfügen sie über eine
forcieren. Das sage ihm sein Bauchgefühl. In den großen politischen Fragen, bei der Mi- erhebliche Macht.
»Ich hoffe, ihr findet das okay.« gration, der Sozial- und der Industriepolitik, Doch die gute Zusammenarbeit heißt
Einer der mächtigsten Männer der CDU seien sich Union und Sozialdemokraten doch nicht, dass die beiden Männer Freunde wären.
hatte sich ins Abseits manövriert. So sahen weitgehend einig, glaubt Linnemann. Aber Fragt man Linnemann, wer denn überhaupt
es damals viele in der Partei. Warum nur ver- davon profitiere bisher nur die Kanzlerpartei. seine Freunde seien, dann zögert er kurz und
zichtete Linnemann freiwillig auf einen Platz Das könne nicht lange gut gehen. verweist auf seine alten Kumpels aus seinem
im Kabinett? Es dauerte nicht lange, bis ge- Linnemann treibt das um. Der General- Heimatdorf bei Paderborn, mit denen er
munkelt wurde, Linnemann spiele machtpoli- sekretär der CDU wirkt ernsthaft besorgt ­regelmäßig Skat spielt. Aber in der Politik?
tisch keine Rolle mehr. Sein enges Verhältnis wegen der Schwäche der SPD. So weit ist es Nein, da gebe es keine Freunde.
zu Merz habe sich abgekühlt. Es deutete vie- nun schon. Und was ist die Antwort? Es gibt Was Spahn und Linnemann eint, ist wie so
les darauf hin, dass der neue Kanzler seinen sie nicht. Ein signifikanter Teil der Wähler hat oft in der Politik ein Zweckbündnis zwischen
Generalsekretär kaltgestellt hatte. Und jetzt? sich von der politischen Mitte längst ver­ zwei Spitzenpolitikern, das so lange halten
Am Freitagnachmittag vor zwei Wochen abschiedet und lebt in seiner eigenen Welt. wird, bis der eine dem anderen irgendwann
kommt Linnemann in die Bar eines edlen Im Netz kursiert in diesen Tagen ein Video, im Weg steht. Franz Müntefering, der frühe-
­Hotels im Berliner Tiergarten. Der General- in dem behauptet wird, Merz habe seiner Toch- re Parteichef der SPD, hat diesen Bereich der
sekretär hat den Ort vorgeschlagen. Die ter in München für acht Millionen Euro eine Macht als »Todeszone« beschrieben, in der
CDU-Zentrale ist nur ein paar Straßen ent- Villa gekauft. »Völliger Quatsch«, sagt Linne- sich langjährige Freundschaft plötzlich in
fernt, hier ist man ungestört, es ist leer, und mann, als er im Mitgliederchat danach gefragt ­offenen Hass verwandeln kann.
wenn man Glück hat, kann man die Antilopen wird. »Das kommt aus Russland, um Friedrich Beide sind loyal zu Friedrich Merz. Spahn,
des Zoologischen Gartens sehen, die auf der Merz zu schaden, behaupte ich, aber Hundert- solange es ihm nützt. Und Linnemann? Ihm
Wiese vor dem Hotel hinter dem Zaun grasen. tausende haben das angesehen und glauben, scheint der Killerinstinkt zu fehlen, der nütz-
Ein paar Kilometer weiter westlich redet das ist echt. Das ist hart für eine Demokratie.« lich ist, um in der Politik ganz nach oben zu
SPD-Chef Lars Klingbeil in diesen Minuten Er hat die Behörden alarmiert. Die brisan- kommen. Zwar wurde er selbst eine Zeit lang
zu den Delegierten seines Parteitags. Sie wer- te Mischung aus Fake News, künstlicher In- in der Partei als möglicher CDU-Chef gehan-
den den Vizekanzler und Finanzminister spä- telligenz und Demokratiefeindlichkeit be- delt. Aber am Ende entschied er sich, nicht
ter öffentlich demütigen und bei der Wieder- schäftigt ihn. Manchmal stellt sich Linnemann anzutreten, sondern Merz zu unterstützen.
wahl zum Parteivorsitzenden mit einem vor, wie es wäre, ein Jahr auszusetzen, auf Im Zweifel reiht er sich doch lieber ein.
­katastrophalen Ergebnis abstrafen. Kosten eines Verlags durch die Welt zu reisen, Linnemann erzählt gern, was ihm sein frü-
Linnemann bekommt das an diesem Nach- zu recherchieren und dann ein Buch zu dem herer Chef Norbert Walter auf den Weg ge-
mittag erst mal nicht mit. Dafür ist der Gene- Thema zu schreiben. geben hat, der langjährige Chefvolkswirt der
ralsekretär zu sehr in das Gespräch vertieft. Natürlich macht er das nicht. Er wird ja in Deutschen Bank. Walter unterschied drei
Er fragt nach, er hört zu, er diskutiert, er strei- Berlin gebraucht. Davon ist er fest überzeugt. mögliche Motive, die Menschen ganz nach
tet sich. Und er muss gar nicht wissen, was Linnemann ist ein Meister darin, sich die Din- oben treiben würden: Macht, Geld oder Re-
auf dem SPD-Parteitag im Moment passiert, ge schönzureden. Er hat die Rückschläge der putation. Bei Spahn ist es die Macht und ver-
um sich Sorgen zu machen. Er kennt ja die vergangenen Monate abgehakt. Und inzwi- mutlich auch das Geld. Bei Merz sind es die
Zahlen. Für die Union läuft es nicht schlecht schen bescheinigen ihm manche Parteifreun- Macht und die Reputation. Und bei Linne-
in diesen Tagen. In den Umfragen steigen de, dass sein Einfluss wieder gewachsen ist. mann? Das Geld sei ihm nicht so wichtig, sagt
CDU und CSU langsam, und auch die bisher Es sind oft dieselben, die seinen Verzicht auf er. Bleiben also noch Macht und Reputation.
so düsteren Beliebtheitswerte des Kanzlers einen Kabinettsposten noch falsch fanden. Also, was von beidem?
hellen sich allmählich auf. Es ist keine Sensa- Merz hat seinen Generalsekretär im mäch- »Sie wissen doch«, sagt er, »mir geht es um
tion, die von den Demoskopen gemeldet wird, tigen Koalitionsausschuss platziert. Gleich- die Sache und um sonst nichts.« Linnemann
aber wenigstens deuten die Zahlen aus Lin- zeitig verantwortet Linnemann als stellver- weicht der Frage aus. Vielleicht weil er sie sich
nemanns Sicht in die richtige Richtung. Der tretender Chef der Unionsfraktion den Be- selbst nicht beantworten kann.  n

Nr. 29 / 11.7.2025 DER SPIEGEL 25


DEUTSCHLAND

Jens Gyarmaty / laif


Linkenpolitiker
Gysi, Ramelow, Bartsch

reichte. Ramelow sprang noch mal ein, führ-


te das Land in einer Minderheitsregierung.

Ach, Bodo
Bei der Landtagswahl 2024 rutschte die Lin-
ke ab, von rund 31 auf 13 Prozent, vor allem
wegen der Spaltung der Partei und der Ent-
stehung des BSW. Für eine Regierungsbetei-
ligung von Ramelows Partei reichte es nicht,
LINKE Er war zehn Jahre lang Ministerpräsident von Thüringen. in Thüringen regiert nun ein Bündnis aus
CDU, SPD und BSW.
Jetzt ist Bodo Ramelow Abgeordneter im Kurz sah es im Herbst 2024 so aus, als
Bundestag – in einer Partei, die er kaum wiedererkennt. ­würde sich Ramelow aus der Politik zurück-
ziehen, sich um sein Enkelkind kümmern, mit
seiner Französischen Bulldogge spazieren

D
a ist die Sache mit dem Mittagessen. Als schnell was holen?« Das Wort Knast bedeutet gehen. Doch dann kam der vorgezogene Bun-
Ministerpräsident von Thüringen hatte Hunger, in Ostdeutschland versteht man das. destagswahlkampf, und Ramelow tat sich mit
Bodo Ramelow einen persönlichen As- Ramelow hat sich gerade auf ein Sofa fallen zwei anderen Parteigranden ähnlichen Alters
sistenten, der ihn begleitete. Der den ganzen lassen, ihm gegenüber im Halbkreis sitzen zusammen, mit Gregor Gysi und Dietmar
Tag neben ihm oder zumindest in seiner Nähe Mitglieder der linken Jugend im thüringischen Bartsch, zu einer »Silberlocken«-Kampagne.
saß, der alles für ihn organisierte, alles im Blick Eisenach. Er schüttelt den Kopf, »passt Sie wollten ihr Alter und ihre Bekanntheit
hatte, der ihn ans Essen erinnerte. Jetzt hat schon«. einsetzen, um drei Direktmandate für ihre
er natürlich auch Menschen, die sich um ihn Zehn Jahre lang war Bodo Ramelow Partei zu ergattern – die Linke sah darin ihre
kümmern. Seinen Büroleiter in Berlin, den ­Ministerpräsident von Thüringen. Er war, einzige Chance, es noch in den Bundestag zu
Mitarbeiter im Wahlkreisbüro in Erfurt, einen wenn man so will, der wichtigste Linke in schaffen.
Fahrer. Einen Terminkalender, auf den alle Deutschland. Während seine Partei immer Doch bei der Bundestagswahl im Februar
zugreifen können, in dem das Mittagessen unpopulärer wurde, liebten viele Menschen triumphierten nicht nur die Silberlocken, son-
als ein eigener Termin irgendwann zwischen in Thüringen Ramelow. 2014 wurde er das dern überraschend die ganze Partei. Ramelow
12 und 14 Uhr auftaucht. Und dennoch rutscht erste Mal zum Ministerpräsidenten gewählt, zog zusammen mit 63 anderen Abgeordneten
ihm der Essenstermin, seit er Abgeordneter bis heute hat das niemand anderes aus sei- der Linken ins Parlament. Nun ist er dort zwar
ist, häufiger durch. »Der Feind des alten Man- ner Partei geschafft. 2020 rutschte Thüringen Bundestagsvizepräsident, im Team von Julia
nes, der den ganzen Tag zu wenig gegessen in eine Regierungskrise. Der FDP-Politiker Klöckner, irgendwie doch etwas Besonderes,
hat, ist die Erdnussdose abends vor dem Fern- Thomas Kemmerich wurde mit den meisten aber sonst ein ganz normaler Abgeordneter,
seher«, so drückt es Ramelow aus. Stimmen der AfD, aber auch der CDU und in einer Partei, die er kaum wiedererkennt.
»Hast du Knast, Bodo?«, ruft ihm jetzt der der FDP zum Ministerpräsidenten gewählt. Ein Großteil der Abgeordneten sitzt das
Wahlkreismitarbeiter zu, »soll ich noch Ein Skandal, der bis in die Bundespolitik erste Mal im Bundestag, sie haben wenig

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Jens Gyarmaty / laif
DEUTSCHLAND

Linkenstars Schwerdtner (M.),


Reichinnek (3. v. r.), van Aken (2. v. r.)

­Erfahrung in der Politik, müssen lernen, wie oder doch eher mit seiner neuen Rolle in ihr? tizen. Meistens werden sie nicht groß beach­
man Anträge stellt oder Anfragen formuliert. Er ist ja jetzt nur einer von vielen. Und wie tet. Dieses Mal ist es anders. Das liegt haupt­
Und: Die Fraktion ist so jung wie keine an­ blickt die Partei auf ihn? Gesteht sie ihm eine sächlich an zwei Sätzen, fast zum Schluss:
dere, viele der Abgeordneten sind 30 Jahre herausgehobene Rolle zu, möchte sie von »Bin ich dabei, die Partei zu verlassen – oder
jünger als Ramelow. Sie sind in den Nuller­ ­seiner Erfahrung profitieren, oder sehen die verlässt meine Partei gerade mich?«
jahren aufgewachsen, vielleicht antiautoritär jungen Linken in ihm ein Überbleibsel einer »Ramelow erwägt Austritt aus den Lin­
erzogen worden, vielleicht freundschaftlich fremden Vergangenheit? ken«, meldete T-Online am 19. Juni.
mit den eigenen Eltern verbunden. Es ist eine Es sind typische Fragen, auf die man auch »Wollen Sie wirklich die Linke verlassen,
andere Generation. in Unternehmen, im öffentlichen Dienst, in Herr Ramelow?«, fragte der MDR.
Ramelow wurde 1956 in Niedersachsen Vereinen immer wieder stößt: wie mit den »Bodo Ramelow droht mit Parteiaustritt«,
­geboren. Sein Vater trank zu viel Alkohol – Alten umgehen, sie wegstoßen, sie wertschät­ schrieb die »Berliner Zeitung«.
als Kind fand Ramelow die leeren Flaschen zen? Und: Verkraften die Alten ihren Bedeu­ Ein Treffen mit Bodo Ramelow in seinem
im Garten vergraben, die sein Vater dort ver­ tungsverlust? Büro im Bundestag, ein paar Tage später. Ra­
steckte. Nach seinem Tod, Ramelow war da Im Fall Bodo Ramelow stellen sich diese melow bereitet gerade seine Andacht vor, die
gerade elf Jahre alt, brachte seine Mutter ihn Fragen öffentlich. Weil er eine öffentliche er am Freitag im Gottesdienst im Bundestag
und seine Geschwister allein durch. Ramelow ­Figur ist – und weil er sich auf seine Weise hält. Religion, sein Glaube waren Ramelow
hatte Schwierigkeiten beim Schreiben. Als öffentlich dazu äußert. immer wichtig. Er ist auch religionspolitischer
»hochintelligent, aber stinkfaul« hätten seine Mitte Juni schrieb er auf seinem Blog einen Sprecher der Linken.
Lehrer ihn eingeschätzt, sagt Ramelow. Seine Beitrag, von dem Gregor Gysi später sagen Also, Herr Ramelow: Sind Sie dabei, die
Mutter habe ihn verprügelt, weil er ihre Unter­ wird, dass dieser ein »Warnschuss« gewesen Linken zu verlassen?
schrift unter den Diktaten fälschte. Mit 19 Jah­ sei. Ein Warnschuss, dass es nicht gut stehe »Nein, nein«, sagt er. Das sei ihm so »über­
ren erfuhr Ramelow, dass er Legastheniker ist. um Ramelows Verhältnis zu seiner Partei. geworfen« worden.
Erst als Politiker lernte Ramelow den Auf diesem Blog veröffentlicht Ramelow »Der Eintrag, ein Missverständnis also?«
­großen Erfolg kennen. Er sieht sich als einen seit 2008 immer wieder Einträge, politische »Der Eintrag ist eine reflektierte Art, mit
der Architekten der Linken. Er war Fusions­ Beobachtungen, Gedanken, persönliche No­ einem Erschrecken umzugehen.«
beauftragter, als die westdeutsche WASG und In dem Text geht es um den Thüringer
ostdeutsche PDS 2007 zur Partei Die Linke ­Landesparteitag in Ilmenau am Wochenende
zusammengingen. Er formte die Partei ge­ zuvor, hier war überraschend die Parteispitze
meinsam mit Politikgrößen wie Katja Kip­ abgewählt worden, Christian Schaft, »Schaf­
ping, Klaus Ernst, Oskar Lafontaine und Gre­ »Der Eintrag ist eine ti«, wie Ramelow ihn nennt, ein Vertrauter
gor Gysi. ­reflektierte Art, mit einem Rame­lows. Aber auch die Bundespartei kri­
Jetzt, da sich die Linke schlagartig ver­ tisiert Ramelow in seinem Post, die nicht vor­
ändert hat und auch ohne ihn erfolgreich ist, Erschrecken umzugehen.« handene Trennung von Funktion und Zustän­
stellt sich die Frage: Hadert Ramelow mit ihr Bodo Ramelow digkeiten, einen Bundesvorstand in Berlin,

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DEUTSCHLAND

gliedern über den Blogeintrag von Ramelow


spricht, hört man oft: ach, Bodo.
»Vielleicht«, sagt eine, würde Bodo den
Text heute schon wieder anders schreiben.
Doch Ramelow bereut seinen Blogeintrag
nicht. Er wird unwirsch, als er hört, dass
­jemand überhaupt erwägt, dass er ihn be­-
reuen könnte. Er ist in Erfurt unterwegs,
sitzt im Auto, Thüringen rauscht am Fenster
vorbei. Hier eine Fabrik, wo er jemanden
kennt, dort ein Thüringer Weinbauer, auf
den er wirklich stolz ist. Ramelows Home-
base.
So ein Text sei kein schneller Impuls, sagt
er. Seine Irritation mit seiner Partei, sein Ha-
dern, sei keine Momentaufnahme. Er klingt,

Karina Hessland / REUTERS


als habe sich da etwas über Wochen und Mo-
nate aufgebaut.
Da war der Chemnitzer Parteitag, auf
dem eine neue Antisemitismus-Definition
ver­ab­schiedet wurde, die Ramelow so über­
Thüringens Ministerpräsident Voigt (r.), Vorgänger Ramelow: Gutes Verhältnis
flüssig wie einen »Kropf« findet und gegen
die mehrere jüdische Verbände protestiert
der stimmberechtigtes Mitglied im Fraktions- lieber regieren, als in der Opposition zu sein. haben. Dann waren da viele Kleinigkeiten,
vorstand ist, den Plan der Linken, Einkom- Er machte sich 1997 für die Erfurter Erklärung eine Abgeordnete seiner Partei, die sich im
men zu deckeln. Die Überschrift des Textes: stark, die eine Zusammenarbeit von Grünen, Bundestag nicht an die Kleiderordnung hielt,
»Partei in Bewegung! Was sind wir? Eine Be- PDS und der SPD forderte. Er wettert von ein T-Shirt mit der Aufschrift »Palestine« trug,
wegungspartei, oder sind wir eine Partei, die jeher gegen den Unvereinbarkeitsbeschluss obwohl er am Tag zuvor noch einmal auf
etwas bewegt?« der CDU, pflegt ein gutes Verhältnis zu Thü- die Kleiderordnung im Haus hingewiesen
Tatsächlich ist Ramelow nicht der Einzige, ringens Ministerpräsident Mario Voigt (CDU), hat.
der rätselt, was die Linke im Jahr 2025 für ist mit dem ehemaligen Ministerpräsidenten »Wir müssen aufpassen, dass wir uns
eine Partei ist. Will sie vor allem die Mieten von Hessen, Volker Bouffier (CDU), freund- dem Rausch des Erfolgs nicht hingeben«, sagt
deckeln, die studentische Klientel in den Städ- schaftlich verbunden, seit sie in den Siebziger- Ramelow.
ten erreichen? Oder will sie anschlussfähig jahren gemeinsam bei Karstadt in Gießen Janis Ehling, Mitglied des Parteivorstands
sein an die Mitte-Parteien bei Positionen in arbeiteten. Ramelow war Lehrling in der der Linken sagt: »Grundsätzlich hat Bodo
der Außenpolitik oder in wirtschaftspoliti- ­Lebensmittelabteilung, Bouffier bei der Cam- Ramelow natürlich einen Punkt, dass sich
schen Fragen? Sich gar in Stellung bringen für pingausrüstung. Als Bouffier aus seinem Mi- in der Partei viel bewegt«, aber: Die vielen
eine Regierungsbeteiligung im Jahr 2029? nisterpräsidentenamt verabschiedet wurde, ­Neuen seien eben auch eine Chance auf Er-
Innerhalb weniger Monate ist die Mit­ hielt Ramelow die Abschiedsrede. Verpackte neuerung einer Parteikultur. In der Fraktion
gliederzahl der Linken auf mehr als 80.000 das Geschenk in eine Karstadt-Tüte. Ramelow herrsche der Hass, habe Gregor Gysi auf
gestiegen. Wollen sie das Gleiche wie Rame- ist auch einer, der die Bundestagspräsidentin ­seiner Rede auf dem Parteitag 2012 gesagt.
low? Wollen sie Waffenlieferungen für die Julia Klöckner (CDU) duzt, während viele in »Alles ist besser als das«, sagt Ehling.
Ukraine wie er oder mehr Diplomatie? Wie seiner Partei Klöckner verteufeln. Und: Man habe Respekt vor Ramelows
stehen sie zum Krieg in Gaza? Ramelow ver- Doch dass dieser Pragmatismus eine Erfahrungen und seinem Wissen, so sagt es
teidigt im Kern Israel, Neuabgeordnete wie ­Kehrseite hat, ist auch keine Neuigkeit: Re- Ehling. Aber klar, viele Gepflogenheiten bei
Cansın Köktürk oder Ferat Koçak wiederum gieren, den Schulterschluss mit anderen Par- den Linken seien weg.
sprechen von einem Genozid durch die israe- teien und Politikern suchen, das verwässert Zu den Veränderungen gehört auch, wie
lische Armee in Gaza. oft das ­Profil, zu viele Kompromisse können sich die Partei nach außen präsentiert. Heidi
Wer Bodo Ramelow begleitet, muss nicht Wähler verschrecken. Ramelow wollte die Reichinnek ist ein Social-Media-Star. Doch
lange warten, bis die Konflikte sichtbar wer- AfD in Thüringen bekämpfen, doch während auch Ramelow hat sich TikTok zeigen lassen,
den, die er hat. Die Konflikte mit anderen, seiner Regierungszeit wurde sie so stark wie nimmt dort regelmäßig Videos auf.
oft jungen Linken, die nicht seine politische nie. Bei seinem Auftritt mit den anderen Silber-
Position teilen, besonders in Bezug auf Gaza. Solange Ramelow in seiner Partei zugleich locken in Magdeburg trägt er zwar einen An-
Ein Abend in Magdeburg, Auftritt der Außenseiter und Star war, passte alles, für zug, wie immer, und sein Bundesverdienst-
­Silberlocken. Ein Klub, rund 1500 Menschen ihn selbst wie für seine Partei. In der neuen kreuz als Anstecker, wie immer – doch auch
sind gekommen, um Gregor Gysi, Dietmar Fraktion aber gibt es 63 andere. Jede Stimme die bunten Armbänder, die die jungen Fans
Bartsch und Bodo Ramelow zu sehen. Alles ist gleich viel wert, die von Ramelow ge­- der US-Sängerin Taylor Swift als Erkennungs-
voll. Nach Ramelows Rede ruft ein Besucher nauso viel wie die von jedem anderen. Als zeichen nutzen. Seine eigenen Fans haben
zu Ramelow rüber: »Und was ist mit Palästi- Ministerpräsident hatte Ramelow Berater, sie ihm geschenkt. Ramelow weiß, irgendwie
na? Und was ist mit Palästina?« Er hält seine war natürlich auch in einer Koalition, aber: gehört das jetzt dazu, zur neuen Linken. Viel-
Handykamera auf Ramelow, filmt ihn. Er war derjenige, der Entscheidungen fällte. leicht auch zu einer neuen Zeit. Bunte Arm-
»Was ist mit Kobane, Rojava, mit den Dru- Nun ist er zwar immer noch eine Art Star, bänder, lustige TikTok-Videos. Massenhaft
sen, mit den Aleviten?« Ramelow schreit. aber es gibt auch andere Stars, andere, die Selfies und Auftritte in Klubs.
Später sagt er, dass er sich geärgert hat, etwas zu sagen haben, Heidi Reichinnek zum Ja, Bodo Ramelows Blogeintrag war wahr-
dass er sich hat provozieren lassen. »Völlig Beispiel, aber auch Ines Schwerdtner und Jan scheinlich ein Warnzeichen, dass seine Partei
unnötig. Das wollen die doch.« van Aken. ihm fremd wird. Doch das letzte Wort hat er
Ramelow stand immer schon für einen Wenn man sich in der Linkenfraktion und hier wohl noch nicht gesprochen.
pragmatischen Kurs der Linken. Er wollte der Partei umhört, mit verschiedenen Mit- Linda Tutmann n

28 DER SPIEGEL Nr. 29 / 11.7.2025


DEUTSCHLAND

ist ihr eine vierseitige Auseinandersetzung


wert, in der sie die Vorzüge enger familiärer
Beziehungen betont. Kritische SPIEGEL -­
Texte über ihre laxe Amtsführung kontert sie

Neues von den


etwa mit dem Verweis, sie sei Weihnachten
2021 zwar im Österreichurlaub, aber nicht
wie berichtet in Ischgl gewesen (tatsächlich

Stöckelschuhen
ein Fehler: Sie war in Bad Ischl). Auch über
einen Parteifreund, den Scholz-Vertrauten
Wolfgang Schmidt, scheint sich Lambrecht
geärgert zu haben, weil dieser in einem In­
terview geäußert habe, sie sei »nicht smart
BEKENNTNISSE Ex-Verteidigungsministerin Christine Lambrecht ärgert genug« gewesen, sich mit der »Bild«-Zeitung
zu arrangieren. Wer weiß, ob sich Schmidt
sich in ihrem dünnen Buchrückblick »Auf Stöckelschuhen noch daran erinnert, das gesagt zu haben –
durch Absurdistan« über die Medien und lobt sich ausführlich selbst. oder sonst jemand. Christine Lambrecht hat
es nicht vergessen.
Das sind dann auch schon die, wenn man

Z
unächst fällt die absolute Lieblosigkeit keine Fleißpunkte für aufgestöberte Fehler. so will, interessantesten Stellen, verraten sie
dieses Werkes auf, die prekäre haptische … Deshalb mein Rat an alle, die Probleme doch ein wenig über die Gemütslage der Au-
Anmutung dessen, was man weniger mit mir oder diesem Buch haben: Kauft es torin. Die Einblicke in ihre politische Arbeit
ein Buch nennen möchte als ein Papierpro- nicht, lest es nicht und geht stattdessen lieber hingegen lesen sich wie mühsam aufgebla­sene
dukt: zwischen Hochglanzkartonage gekleb- spazieren, macht was Schönes.« Wikipedia-Einträge. Ihre Einlassungen zur
te 133 Seiten, keine Covergestaltung, nur der Also gut: die schlampige Produktion, die CDU-Spendenaffäre etwa, an deren Aufarbei-
nackte Titel in roten Großbuchstaben: »Auf zahlreichen Interpunktionsfehler und Ver- tung Lambrecht als Mitglied eines Untersu-
­Stöckelschuhen durch Absurdistan«. Und der tipper, alles geschenkt. Aber was will die ehe­ chungsausschusses beteiligt war (»Ich spürte
Name der Autorin: Christine Lambrecht. malige Bundesministerin der Welt mitteilen? die Verantwortung und die Bedeutung dieser
Die Juristin hat eine lange politische Kar- Zwar kein roter Faden, aber doch vier Aufgabe«), erschöpfen sich weitgehend in
riere in der SPD hinter sich, war unter An­gela Grundanliegen lassen sich nach Lektüre von einer ermüdenden chronologischen Auf­lis­
Merkel Justiz- und für ein halbes Jahr zusätz- »Auf Stöckelschuhen durch Absurdistan« tung der Ereignisse. Hier musste, auch mit viel
lich Familienministerin und zuletzt Vertei­di­ ­feststellen. Erstens: Christine Lambrecht hat Weißraum zwischen den Absätzen, of­fenbar
gungsministerin in der Ampelkoalition. Vor sich geärgert und will jetzt einiges klarstellen. Strecke gemacht werden, um über 100 Seiten
allem dieses letzte Amt hat die öffentliche Zweitens: Christine Lambrecht war in ihrer zu kommen. Auch Lambrechts löblicher Ein-
Wahrnehmung Lambrechts geprägt, man langen Karriere des Öfteren anwesend, wenn satzbericht zur Beförderung der Rechte für
könnte auch sagen: ihren Ruf ruiniert. Zwar wichtige Entscheidungen getroffen wurden. Frauen und Kinder läse sich womöglich weni­
ist es nicht ungewöhnlich, dass sich fachfrem- Drittens: Christine Lambrecht hat sich stets ger mühsam, wenn es nicht sie selbst wäre,
de Politiker nach ausführlichen Proporzerwä- für die Rechte von Frauen eingesetzt. Und die sich da so ausführlich lobt.
gungen unverhofft im Chefsessel eines ihnen schließlich: Geht respektvoll miteinander um. Das musste wohl aber alles mal raus. Und
wenig vertrauten Ministeriums wiederfinden. Geärgert hat sich Lambrecht offenbar über das ist es jetzt. »Vielleicht kommt ja eine
Doch bei Lambrecht wirkte es, als wollte sie die Berichterstattung zu ihrer Amtsführung ­Fortsetzung«, kündigt Lambrecht im Prolog
mit der Bundeswehr im Grunde nichts zu tun im Verteidigungsministerium, auch und ins- zwar an, doch dazu ist der Autorin mit allem
haben. Das Amt und ihre Chefin blieben sich besondere im SPIEGEL . Ein – zugegeben: Respekt nur eines zuzurufen: Gehen Sie
fremd, sie fiel nicht mit verteidigungspoli­ despektierlicher – Kommentar über den ­stattdessen lieber spazieren. Machen Sie was
tischen Initiativen auf, sondern mit irritie­ Dienstmaschinenflug mit dem Sohn (»Hat Schönes.
renden öffentlichen Auftritten. Einen Trup- Lambrecht junior keine anderen Freunde?«) Stefan Kuzmany  n
penbesuch in Mali absolvierte sie in hoch­
hackigem Schuhwerk. Mal nahm sie ihren
Sohn mit auf Dienstreise im Bundeswehr­
hubschrauber nach Norddeutschland mit an-
schließender gemeinsamer Weiterreise nach
Sylt, mal freute sie sich in einem an Silvester
aufgenommenen Instagram-Video darüber,
dass ihr der Krieg in der Ukraine »viele Be-
gegnungen mit interessanten und tollen Men-
schen« beschert habe. Im Hintergrund knall-
ten Böller. Gute zwei Wochen danach bat sie
Bundeskanzler Olaf Scholz um ihre Entlas-
sung. Tragbar war sie schon lange nicht mehr.
Und jetzt also ein Buch, erschienen im
Selbstverlag, der untersten Kategorie der
­Publikation: kein Lektorat, keine Korrektur,
keine Beratung notwendig – gedruckt wird,
was die Autorin liefert. Sie liefert nicht viel.
Kay Niet feld / dpa

Schon im Prolog schraubt Lambrecht etwaige


Erwartungen auf ein Mindestmaß herunter:
» … Es gibt auch keine Chronologie … Kein
roter Faden wird zu erkennen sein … ich wei-
se schon jetzt vorsorglich darauf hin: es gibt Ministerin Lambrecht in Mali im April 2022: Gedruckt wird, was die Autorin liefert

Nr. 29 / 11.7.2025 DER SPIEGEL 29


DEUTSCHLAND

duzen und verteilt auch schon mal Wangen-


küsschen.
Bucher sagte aus, wie der Arzt seine Posi-
tion ausgenutzt haben soll, um sich sexuell

Ausgesessen
an ihm zu erregen. So empfanden es auch
andere Patienten der Praxis. Mehrere zeigten
ihn an, Dutzende sprachen mit der Presse
darüber, was ihnen passiert sein soll. Die
Schwulenberatung Berlin versicherte gegen-
JUSTIZ Ein renommierter Arzt stand im Verdacht, Patienten über Pressevertretern, seit den Neunziger-
jahren seien dem Beraterteam geschätzt
missbraucht zu haben, nun bleibt er straffrei. »mindestens 100 Beschwerden aufgrund se-
Berliner Gerichte haben das Verfahren über ein Jahrzehnt verschleppt. xueller Grenzverletzungen gegen den Arzt«
bekannt geworden.
Der Arzt beteuerte stets seine Unschuld.

V
iele Stunden hat Michael Bucher vor Fall von Michael Bucher als auch den Fall Anfang 2014 nahm die Staatsanwaltschaft
Gericht darüber ausgesagt, was ihm einer zweiten Person, einer trans Frau. Kurz Ermittlungen auf, 2016 erhob sie Anklage. Da-
sein ehemaliger Arzt angetan haben vorher hat die Staatsanwaltschaft ihre Beru- rin wurde Heiko J. vorgeworfen, Michael Bu-
soll. Lange hat er seine Hoffnungen in die fung gegen Freisprüche in drei weiteren Fällen cher und vier weitere Patienten unter Ausnut-
Justiz gesetzt. Doch das ist nun vorbei. zurückgenommen, womit diese rechtskräftig zung des Behandlungsverhältnisses zwischen
Das Berliner Landgericht hat das Verfahren geworden sind. 2011 und 2013 sexuell missbraucht zu haben.
gegen den Arzt wegen Vorwurfs des sexuellen Dass die Sache einst in Medienberichten Die Sache ging ans Amtsgericht Berlin-
Missbrauchs beendet. Ohne Schuldspruch und und in einem Presseverfahren als #MeToo- Tiergarten – erst an einen Einzelrichter, der
ohne Strafe, nach mehr als einem Jahrzehnt. Skandal von weitreichender Bedeutung ge- den Fall für zu umfangreich hielt. Dann an
Während Bucher noch auf ein Urteil in sei- handelt wurde, scheint heute vergessen. Am ein sogenanntes erweitertes Schöffengericht
nem Sinne hoffte, wollte er sich nicht kritisch Ende blieb für die Justiz von den Vorwürfen mit zwei Berufsrichtern und zwei Schöffen.
über den Prozess äußern. Aber jetzt hält sich nicht viel übrig. Im November 2018 wurde dort die Anklage
der 49-jährige Berliner nicht mehr zurück. Was bleibt, sind Fragen: Was bedeutet Ge- zur Hauptverhandlung zugelassen, nach An-
»Eine Sauerei« nennt er das Ergebnis des jah- rechtigkeit in einem Missbrauchsverfahren? gaben einer Gerichtssprecherin hatten aber
relangen Strafverfahrens, er ist wütend und Wie viel Belastung darf ein Gericht allen Be- zunächst Haftsachen Vorrang. Der Prozess-
enttäuscht. teiligten zumuten? Und: Kann ein Verfahren auftakt wurde verschoben, dann kam Corona.
Gut ausgegangen ist die Sache hingegen fair sein, das sich über so viele Jahre zieht? Im April 2021 begann der Prozess, fünf Jahre
für den ehemals beschuldigten Arzt Heiko J. Hinter den Gemäuern der zuständigen Ge- nach der Anklageerhebung; 22 Tage lang wur-
Der weltweit anerkannte HIV-Mediziner, richte weiß man, dass die Sache nicht rund- de verhandelt.
einst gar als »Aids-Papst« tituliert, kann enor- gelaufen ist. Heiko J. sagte stets, dass seine Handgriffe
me medizinische Errungenschaften vorwei- »Eine derart lange Verfahrensdauer ist die ausschließlich medizinisch, nie sexuell moti-
sen, in seiner Praxis wurden Zehntausende absolute Ausnahme«, teilt die Sprecherin viert gewesen seien. Die Verteidigung sprach
Menschen, viele davon schwul, behandelt. der Berliner Strafgerichte, Lisa Jani, auf An- von möglichen »Missverständnissen« und
J. darf nach Ende des Verfahrens hoffen, frage mit: »Hier sind zahlreiche Faktoren »Fehlinterpretationen« aufseiten der Patienten,
dass all die Vorwürfe gegen ihn möglichst bald ­zusammengekommen, die unglücklicherwei- von »orchestrierten« Aussagen und »Neidern«.
in Vergessenheit geraten und er weiterhin öf- se zu einer rechtsstaatswidrigen Verfahrens- Als Bucher, Nebenkläger im Prozess, aus-
fentlich als Experte auftreten kann. Der Infek- verzögerung geführt haben.« Der Sprecher sagte, hing also viel von der Glaubhaftigkeit
tiologe möchte sich auf Anfrage nicht äußern. der Staatsanwaltschaft, Sebastian Büchner, der Angaben des damals 45-jährigen Wissen-
Zwölf Jahre ist es her, dass Bucher seinen schreibt: »Dass derartige Verfahrensdauern – schaftlers ab. Er musste sich möglichst detail-
Arzt anzeigte. Neun Jahre, dass die Staats- unabhängig von der tatsächlichen Schwere liert an einen Vorgang erinnern, der bereits
anwaltschaft Anklage erhob. Vier Jahre, dass der Tatvorwürfe und der damit einhergehen- mehr als acht Jahre zurücklag.
Menschen aus der queeren Community mor- den Straferwartung – nicht geeignet sind, das Hinzu kamen schwierige medizinische Fra-
gens Schlange standen, um einen Platz auf Vertrauen in den Rechtsstaat zu fördern, liegt gen. Handgriffe an Penis und Hoden, auch
den Zuschauerbänken in den Verhandlungs- auf der Hand.« das Eindringen mit dem Finger in den Körper
sälen des Berliner Amtsgerichts Tiergarten Rückblick: Im Dezember 2013 zeigte Mi- eines Patienten gehören für Dr. J. zum Berufs-
zu ergattern. chael Bucher seinen damaligen Arzt an. alltag. Um zu klären, wo medizinisches Hand-
Von Anfang an war es ein schwieriger Fall, Heiko J. ist da 55 Jahre alt, seine Praxis werk aufhört und sexueller Missbrauch be-
bei dem viel auf dem Spiel stand. Der Vorwurf liegt in Berlin-Schöneberg, im queeren Sze- ginnt, wurden Sachverständige bemüht, de-
des sexuellen Missbrauchs kann das Ansehen neviertel. Sie ist als schwule Kiezpraxis be- taillierte Fragen bis hin zur Beschaffenheit
eines Menschen zerstören. Zugleich ging es kannt, ist vor allem auf die Behandlung von eines Untersuchungsstuhls erörtert.
um den Schutz von Patienten vor einem mög- HIV, Aids, Hepatitis und anderen sexuell Als »Tortur« bezeichnet Michael Bucher
licherweise übergriffigen Arzt. Für Heiko J. übertragbaren Krankheiten ausgerichtet. die Verhandlung im Nachhinein. Nicht nur
ging es auch um seine berufliche Existenz. Dr. J. pflegt einen unkonventionellen Um- wegen der stundenlangen Befragung oder der
Bei einer rechtskräftigen Verurteilung hätte gang mit seinen Patienten, duzt und lässt sich widrigen Umstände im Saal – Coronagefahr
ihm der Verlust der Approbation gedroht. von drinnen, tosender Straßenlärm von
Während das Verfahren lief, konnte er weiter draußen und Baustelle auf dem Gerichtsflur.
praktizieren. Sondern vor allem wegen des Umgangs mit
Nun hat die Berufungskammer des Land-
gerichts entschieden, dass das Verfahren unter Wäre die Sache anders ihm als mutmaßlichem Missbrauchsopfer.
Er habe sich vorher keine Vorstellung da-
Geldauflage eingestellt wird, zunächst vor- verlaufen, wenn von gemacht, »wie da rumgeschrien wird und
läufig – »aufgrund des besonders langen Ab-
stands zu den Tatvorwürfen«, so steht es im
es sich nicht um schwule wie alles in die Waagschale geworfen wird,
um mich zu verunsichern und einzuschüch-
Beschluss. Die Einstellung betrifft sowohl den Männer gehandelt hätte? tern«, sagt Bucher heute. Wiederholt musste

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DEUTSCHLAND

der Vorsitzende Richter einen der drei An­


wälte des Arztes zur Räson rufen.
Am 1. November 2021 erging das Urteil
des Amtsgerichts. Dort glaubte man Michael
Bucher.
»Wir haben keine vernünftigen Zweifel an
den Aussagen des Zeugen. Wir halten die Aus­
sage für glaubhaft«, sagte der Vorsitzende
Richter Rüdiger Kleingünther damals in der
Urteilsverkündung. Demnach hatte der Arzt
seinem Patienten im September 2012 nach
einer rektalen Untersuchung und einem me­
dizinischen Handgriff am Penis erneut an den
Penis gegriffen und ihn bis zur Erektion stimu­
liert. »Das ist das, was für uns den sexuellen
Missbrauch darstellt«, sagte der Richter.
In drei anderen Fällen wurde der Arzt frei­
gesprochen. Im Fall der trans Frau wurde das
Verfahren damals abgetrennt und vorläufig ein­
gestellt, weil sie nicht verhandlungsfähig war.
Das Amtsgericht verurteilte Heiko J. damals
zu einer Geldstrafe in Höhe von 150 Tages­
sätzen à 300 Euro. Und schon damals stellte
das Schöffengericht eine überlange Verfahrens­
dauer fest. Wegen rechtsstaatlicher Verfahrens­
verzögerung erklärte es einen Teil der Tages­
sätze bereits für vollstreckt. Übrig blieb damit
eine Geldstrafe von insgesamt 36.000 Euro.
Doch die Verurteilung wurde nie rechts­
kräftig, die Verteidigung ging dagegen in Be­
rufung. Die Staatsanwaltschaft wiederum
akzeptierte damals die Freisprüche nicht und
legte ebenfalls Berufung ein. Die Sache lag
damit beim Landgericht Berlin – und auch
Russlan / DER SPIEGEL

die dort zuständige Kammer hatte offenbar


zunächst Dringenderes zu tun, als sich um
den Fall des Arztes zu kümmern.
Gut eineinhalb Jahre nach dem Urteil
des Amtsgerichts, im Juni 2023, fragte der
­ PIEGEL nach, wann denn mit einer Beru­
S Ständig habe er an das laufende Verfahren doch keine »enge Abstimmung« mit dem
fungsverhandlung zu rechnen sei. »Zeitliche gedacht. »Ich finde vieles an meiner Entschei­ Nebenkläger gegeben haben, wie zuvor be­
Vorgaben gegenüber den zuständigen Vor­ dung, den Arzt anzuzeigen, richtig und gut«, hauptet, es handle sich wohl um einen »inter­
sitzenden gibt es nicht; die Terminierung fällt sagt er. Zugleich habe er es schon oft bereut. nen Kommunikationsfehler«.
unter den verfassungsrechtlichen Grundsatz »Man kann niemandem ernsthaft raten, sich Bucher bleibt mit dem Gefühl zurück,
der richterlichen Unabhängigkeit«, teilte eine aufs deutsche Rechtssystem zu verlassen, nicht ernst genommen worden zu sein. »Ich
Sprecherin mit. Die Kammer habe viele Haft­ wenn man so was erlebt. Das finde ich schon habe nicht den Eindruck, dass dieses Verfah­
sachen zu verhandeln. erschütternd, und das hätte ich vorher nicht ren irgendwo, irgendwann mal priorisiert
Buchers Anwältin Undine Weyers erhob gedacht.« worden ist.« Dass das Verfahren jetzt mit
eine Verzögerungsrüge. Dann noch eine. »Es Eine neuerliche Aussage, diesmal vor dem einer Einstellung endet, mache ihn fassungs­
entsteht hier der Eindruck, die Sache solle so Landgericht, bleibt Michael Bucher nun er­ los. Ändern wird das nichts mehr, der Be­
lange ausgesessen werden, bis auch die Staats­ spart. schluss ist nicht anfechtbar.
anwaltschaft einer Einstellung zustimmt«, Doch das Ende des Verfahrens ist ähnlich Am Ende bleiben offene Fragen und eine
heißt es darin. Sie wisse aus anderen Verfah­ verworren wie der Beginn. Um das Verfahren Geldauflage von insgesamt 25.000 Euro
ren, dass sich Sexualstrafsachen oft über Jah­ vorläufig einzustellen, brauchte das Gericht für Heiko J. 12.500 Euro davon muss er
re zögen, sagt Weyers im Gespräch. »Aber so die Zustimmung der Angeklagten Heiko J. an seinen ehemaligen Patienten zahlen und,
extrem habe ich es noch nie erlebt.« Sie ist sowie der Staatsanwaltschaft. Man habe sich sobald das Verfahren endgültig eingestellt
ähnlich frustriert wie ihr Mandant. dennoch nach den Interessen des Nebenklä­ ist, ebenfalls dessen Kosten als Nebenklä­
Wäre die Sache anders gelaufen, wenn es gers Bucher gerichtet, so stellte es ein Spre­ ger übernehmen. Jeweils 6250 Euro muss
sich nicht um schwule Männer gehandelt hät­ cher der Staatsanwaltschaft zunächst dar – er an zwei gemeinnützige Einrichtungen
te? »Davon bin ich felsenfest überzeugt«, sagt und sich mit ihm abgestimmt. Dieser habe überweisen.
Weyers. Schon damals im Prozess hatte sie den Wunsch geäußert, nicht noch einmal in Was wie eine Strafe wirkt, ist juristisch kei­
einen ähnlichen Vorwurf erhoben. Richter einer Hauptverhandlung aussagen zu müssen. ne. Heiko J. ist damit nicht verurteilt und gilt
Kleingünther wies ihn empört zurück. Stimmt nicht, sagt Bucher. »Ich wollte, dass nach wie vor als unschuldig.
Michael Bucher sagt, er sei damals erleich­ weiterverhandelt wird«, sagt er. »Mit mir wur­ Für das Gericht ist, so steht es in dem Ein­
tert gewesen, als das Amtsgericht ihm glaub­ de diese Entscheidung nicht abgestimmt«, stellungsbeschluss des Landgerichts, mit den
te. Doch schnell kam mit der Berufung die sagt seine Anwältin Undine Weyers. Zahlungen das öffentliche Interesse an einer
Gewissheit, dass das Verfahren noch lange Auf erneute Rückfrage des SPIEGEL rudert Strafverfolgung in diesem Fall beseitigt.
nicht zu Ende war. die Staatsanwaltschaft zurück. Nun soll es Juliane Löffler, Wiebke Ramm  n

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DEUTSCHLAND

Z
wei Mädchen, sieben und neun
Jahre alt, lächeln in die Kamera.
Hinter ihnen schwappt das tür-
kisfarbene Meer auf feinen Sand.

»Was haben wir sonst


­Fuerteventura, Märzferien. Christina
Schmidt, 49, zeigt die Handyfotos von
ihrem Familienurlaub: Mama, Papa

noch getan, was


und die beiden Töchter Frieda und
Nadja. »Da war der ganze Ärger erst
mal vergessen«, sagt sie.

wir nicht durften?«


Die Familie wohnt in einem be-
liebten Stadtteil Hamburgs nahe der
Elbe. 70 Qua­d ratmeter in einer
Wohnsiedlung, ein Kinderzimmer
für die beiden Mädchen, eine Küche
BÜROKRATIE Eine Pflegefamilie aus Hamburg wollte einem mit Kaffeemühle, Fenchelhonig und
Mädchen ein friedliches Zuhause bieten. Das ging Weidenkätzchen in einer Vase.
Schmidt läuft vor dem Küchentisch
jahrelang gut, bis das Kind einen neuen Ausweis brauchte. auf und ab, während sie von den an-
strengenden Wochen vor der Reise
erzählt.
Der Ärger begann im Januar: Die
jüngere Tochter brauchte einen n ­ euen
Personalausweis, doch das zustän-
dige Amt wollte das Dokument zu-
nächst nicht ausstellen. Nadja ist nicht
das leibliche Kind von Christina
Schmidt und ihrem Partner Stephan
Thoms. Die beiden nahmen sie als
Pflegekind auf, als sie zehn Monate
alt war. Ihre leibliche Tochter Frie-
da war damals zweieinhalb Jahre
alt. Beide Kinder heißen eigentlich
anders.
Jedes Jahr nehmen Jugendämter
einige Zehntausend Kinder in Obhut,
weil sie Anzeichen dafür sehen, dass
deren leibliche Eltern überfordert
sind oder dass die Kinder misshandelt
oder vernachlässigt werden. Eine
­Inobhutnahme dauert im Schnitt
mehrere Wochen.
Wenn die Kinder danach nicht in
ihre Familien zurückkehren können,
werden sie h ­ äufig in einem Heim
oder seltener bei Pflegeeltern unter-
gebracht. 2023 wohnten knapp
128.000 Kinder und Jugendliche in
einem Heim oder einer anderen
­Einrichtung, 87.000 lebten in einer
Pflegefamilie.
Bundesweit mangelt es an solchen
Familien, deshalb wurden in den ver-
gangenen ­Jahren Gesetze angepasst,
um ihre Lage zu verbessern. Doch
Bürokratie und Behördenpannen ma-
chen ihnen vielerorts noch immer das
Leben schwer. So wie in diesem Ham­
burger Fall.
In einer Vollmacht, die Nadjas
leibliche Mutter im Jahr 2018 unter-
schrieb, nachdem sie ihr Kind abge-
Aliona Kardash / DER SPIEGEL

geben hatte, heißt es: Die Pflegeeltern


dürften in »Angelegenheiten des täg-
lichen Lebens« entscheiden, zum Bei-
spiel über die »Beantragung eines
Pflegemutter Schmidt mit Familie Ausweises«. So ähnlich bestätigte es
die leibliche Mutter in einer zweiten

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DEUTSCHLAND

Vollmacht zwei Jahre später, ein Familien-


gericht segnete diese ab.
»Ich denke, jetzt sind wir und positive Beziehungserfahrungen machen
könnten, sagt Heinz Kindler, Experte für
Doch als Nadjas Pflegeeltern die Doku- auf einem guten Weg.« ­Pflegefamilien beim Deutschen Jugendinsti-
mente im Januar beim zuständigen Einwoh- Christina Schmidt, Nadjas Pflegemutter tut. In Heimen und anderen Einrichtungen
nermeldeamt vorlegten, verwehrte dieses arbeiteten dafür meist zu viele wechselnde
ihnen den neuen Personalausweis. Dafür Fachkräfte. Dort bleiben Kinder laut Statis-
brauche man eine aktuelle Unterschrift von tischem Bundesamt im Schnitt zwei Jahre, in
Nadjas leiblicher Mutter, so hieß es, denn die Es wirkt, als hätte die Bürokratie eine Pflegefamilien mehr als doppelt so lang.
sei offiziell sorgeberechtigt. Schockwelle ausgelöst, die das Pflegekind am »Menschen, die bereit sind, Pflegekinder auf-
Sie seien aus allen Wolken gefallen, sagt schmerzlichsten spürt. zunehmen, haben einen Anspruch drauf, dass
Schmidt, sie klingt auch Wochen später noch Um doch in den Urlaub fahren zu können, wir als Gesellschaft es ihnen so leicht wie
fassungslos. »Wir hatten gedacht, wir seien schalteten die Eltern auch den Pflegekinder- möglich machen«, sagt Kindler.
voll handlungsfähig.« 2019 hatte ihnen das dienst, das Jugendamt und das Familienge- Nadja scheint es gut getroffen zu haben.
Einwohnermeldeamt einen Kinderreisepass richt ein. Schließlich kontaktierte das Jugend- Doch auch sie bekam über die Jahre immer
für Nadja ausgestellt. Eine Vollmacht und eine amt die leibliche Mutter, und die unterschrieb wieder zu spüren, dass sie mit einem anderen
Ausweiskopie der leiblichen Mutter hatten beim Einwohnermeldeamt in einem anderen Status aufwächst. Vor der Einschulung sei ein
damals ausgereicht. Stadtteil ein entsprechendes Formular. Ein Brief ihrer zukünftigen Klassenlehrerin nicht
Und nun stand sie wieder da, mit ihrem Mitarbeiter der Sozialbehörde hatte den Ter- angekommen, weil auf dem Umschlag der
Partner und den beiden Mädchen, mit den min organisiert. »Ich finde es unglaublich, wie Name der leiblichen Mutter gestanden habe,
Vollmachten und ihrer Vorfreude auf den viele Hebel wir in Bewegung setzen mussten, erzählt Pflegevater Thoms.
Urlaub. Und der zuständige Sachbearbeiter um an diesen Ausweis zu kommen.« Nadjas leibliche Eltern und ihre Pflege-
sei nicht zu erweichen gewesen. Den neuen Personalausweis habe Nadja eltern tragen jeweils unterschiedliche Nach-
Schmidt ist eine große, energische Frau, lange in der Hand gehalten und aufmerksam namen. Sie selbst heißt wie ihr leiblicher­
sie arbeitet als Sängerin und Musikpädagogin betrachtet. Es hätte das Ende einer aufwüh- Vater. Bei Ärzten oder auf Ämtern habe das
und außerdem im Recruiting einer US-ame- lenden Episode sein können. Doch es sollte schon oft zu Verwirrung geführt, sagt Thoms.
rikanischen Wirtschaftskanzlei. Nach dem weiterer Ärger folgen, dieses Mal mit dem »Sie spürt, dass es mit ihr für uns komplizier-
Termin im Einwohnermeldeamt nahm sie Jugendamt. ter ist als mit ihrer Schwester.« Um Nadja
Kontakt zu einem Pflegeelternverband auf, Pflegekinder sollen in die Familien, die sie nicht zusätzlich zu belasten, hat der SPIEGEL
suchte sich eine Anwältin, las sich durch Para- aufnehmen, möglichst gut hineinwachsen. Bei darauf verzichtet, sie für diesen Artikel zu
grafen, schrieb an die Sozialbehörde. Nadja scheint das gelungen zu sein. Sie kam befragen.
Es stellte sich heraus: Den Kinderreisepass als Baby zu Frieda und ihren Eltern, die Die Familie könnte die Nachnamen der
hatte die Familie 2019 unrechtmäßig erhalten. ­damals noch nicht ahnten, wie kompliziert leiblichen Mutter und des leiblichen Vaters
Pflegeeltern, denen ein Familiengericht nicht es mit der Bürokratie werden würde. »Die zusätzlich aufs Klingelschild schreiben, damit
wenigstens das Aufenthaltsbestimmungs- Geburtsurkunde haben wir bis heute nicht zumindest keine Post verloren geht. Doch
recht – ein Teil des Sorgerechts – zugespro- gesehen«, sagt Schmidt. dafür scheint der Frust zu groß: »Wir sind
chen habe, könnten keinen Ausweis beantra- An ihre leiblichen Geschwister und Eltern doch nicht die Erfüllungsgehilfen einer fehl-
gen, teilte die Sozialbehörde mit. Sie verwies dürfte sich Nadja kaum erinnern, ihre leib­ geleiteten Bürokratie!«, sagt Thoms. »Die
aufs bundesweit gültige Passgesetz und auf lichen Eltern habe sie nur kurz danach einmal Behörden sollen bitte endlich ihre Datenban-
das Personalausweisgesetz. Die Vollmachten getroffen. Nadja habe in den ersten Jahren ken anpassen.«
der Pflegefamilie waren insofern die ganze auch nie nach ihnen gefragt, sagt Schmidt. Von solchen Problemen höre sie häufiger,
Zeit wertlos. »Ich denke, dass sie sich bei uns sicher und sagt Carmen Thiele vom Verband PFAD, der
Schmidt fragt sich jetzt: »Was haben wir geborgen fühlt.« sich bundesweit für Pflege- und Adoptiv­
sonst noch getan, was wir nicht durften? War Pflegefamilien seien die beste und oft die familien einsetzt. Auch passiere es immer
es okay, dass ich mit ihr bei einer Augenunter- einzige Möglichkeit, dass Kinder, die zu wieder, dass Kliniken oder Arztpraxen die
suchung war? Hätten wir sie impfen lassen ­Hause schlecht aufgehoben waren, stabile von den leiblichen Eltern ausgestellten Voll-
dürfen?«
Vermutlich ist sie nicht allein mit diesen
Fragen: Bei mehr als der Hälfte der knapp
90.000 Kinder, die in Pflegefamilien aufwach-
sen, haben die leiblichen Eltern noch das ­volle
Sorgerecht.
Nach dem erfolglosen Besuch im Einwoh-
nermeldeamt habe Nadja jede Nacht schlecht
geschlafen, erzählt ihre Pflegemutter: »Sie
hat von Spinnen und Vampiren geträumt und
davon, dass ihre große Schwester mit elf Jah-
ren von zu Hause auszieht.«
Ein Nachbarskind habe etwas von dem
Ärger um den Ausweis mitbekommen und
Nadja gesagt, dass ihre Mutter ja gar nicht
ihre »richtige Mama« sei. Frieda habe ihrer
Schwester danach im Streit entgegengewor-
Aliona Kardash / DER SPIEGEL

fen: »Ich bin in Mamas Bauch gewesen!«


Schmidt sagt, sie habe mit beiden Kindern
darüber gesprochen. Nadja habe bitter ge-
weint. »Sie wollte auch eine Mutter haben,
die sie geboren hat und großzieht«, erzählt Pflegekind Nadja
Schmidt.

Nr. 29 / 11.7.2025 DER SPIEGEL 33


DEUTSCHLAND

machten nicht anerkennen, gerade wenn sie


schon etwas älter und allgemein formuliert
seien.
Einige Gesetzesänderungen haben in den
vergangenen Jahren die Rechte von Pflege-
eltern und -kindern gestärkt. So haben Pflege-
eltern seit 2021 einen Anspruch darauf, dass
sie ein Jugendamt berät und unterstützt.
­Familiengerichte können seitdem auch an-
ordnen, dass ein Kind dauerhaft in seiner
Pflegefamilie bleibt, auch wenn seine leib­
lichen Eltern dagegen sind.
»Die Reformen waren sinnvoll«, sagt Thie-
le. »Viel mehr kann man rechtlich nicht ma-
chen, denn das Grundgesetz schützt auch die
Rechte der leiblichen Eltern.«

Aliona Kardash / DER SPIEGEL


Es geht jedoch nicht nur um den Inhalt der
Gesetze, sondern auch darum, wie Gerichte
sie anwenden.
In Nadjas Familie hätte sich der Stress um
den neuen Personalausweis vermeiden lassen,
wenn Christina Schmidt und Stephan Thoms
teilweise sorgeberechtigt wären. Doch 2020 Pflegemutter Schmidt, Pflege­tochter Nadja
hatte ein Familiengericht entschieden, das
Sorgerecht ganz bei der leiblichen Mutter zu reich, wenn sie sich ein Bild von ihrer
belassen, da sie den Pflegeeltern umfangrei- »Bauchmama« machen könne.
che Vollmachten erteilt habe. Doch solche Treffen sollten behutsam vor-
Gerichte weigerten sich häufig, den Eltern bereitet werden, damit sie die Kinder nicht
das Sorgerecht ganz oder teilweise zu ent- verunsichern und überfordern, sagt Karen Da-
ziehen, solange das nicht unbedingt nötig bels vom Pflegeelternrat Hamburg, selbst vier-
sei, schreibt der Kölner Anwalt Steffen fache Pflegemutter. Die leiblichen Eltern könn-
­Siefert, der Pflegefamilien berät, auf seiner ten dem Kind beispielsweise erst mal einige
Homepage. »Eine Sorgerechtsübertragung Briefe schreiben und darin von sich erzählen.
gegen den Willen leiblicher Eltern auf Pfle- Die für Nadja zuständige Sachbearbeiterin
geeltern ist grundsätzlich schwer durchsetz- beim Jugendamt schien zunächst anders vor-
bar.« gehen zu wollen. Im Februar schrieb sie an
Es gibt jedoch einen weiteren Paragrafen, Christina Schmidt, dass sie gern »zeitnah«
der erlaubt, dass die leiblichen Eltern den Pfle- einen Hausbesuch machen würde, um mit
geeltern das Sorgerecht freiwillig übertragen: Nadja über Kontakte zu ihrer leiblichen
Paragraf 1630, Bürgerliches Gesetzbuch. Er ­Mutter zu sprechen.
erlebe in der Praxis immer wieder, so Siefert, Dagegen sträubte sich die Pflegefamilie.
dass die Vorschrift bei vielen Gerichten nicht Nadja brauche Zeit, um sich darauf einlassen
bekannt sei. Jugendämter seien oft dagegen, zu können, ohne Angst zu haben, dass sie zu
weil ihnen dieser Schritt zu drastisch vor­ ihrer leiblichen Mutter zurückmüsse und
komme. ­damit ihr Zuhause verlieren könnte. Ein Tref-
»Familiengerichte wenden die freiwillige fen zwischen Pflegeeltern und Jugendamt
Sorgerechtsübertragung zu zaghaft an«, sagt fände sie zunächst angemessener, erwiderte
auch Carmen Thiele vom Verband PFAD. Schmidt.
»Wir wünschen uns, dass diese Möglichkeit Daraufhin machte das Jugendamt Druck.
stärker in den Blick genommen wird.« In einem Brief schrieb die Behörde im April
Anders als Adoptivkinder haben Pflege- an die Pflegeeltern: Sie hätten sich verpflich-
kinder meist Kontakt zu ihren leiblichen tet, dem Jugendamt »Zutritt« zu ihrer Woh-
­Eltern. Jugendämter koordinieren diese Tref- nung zu gewähren und »Vier-Augen-Kontak-
fen. Ob und wie häufig sie stattfinden, hängt te mit dem Pflegekind« zu ermöglichen. Den
von der jeweiligen Situation ab. für in zwei Wochen angesetzten Hausbesuch
Nadja habe ihre leiblichen Eltern nur ein- könnten sie allenfalls aus »triftigen Gründen«
mal – im Alter von knapp einem Jahr – ge- absagen.
troffen, berichtet Christina Schmidt. Konnte Seit dem Schreiben seien sie und ihr Part-
oder wollte sich die Mutter danach nicht mehr ner »mit den Nerven am Ende«, berichtete
kümmern? Hat sich auch das Jugendamt zu
wenig um sie bemüht? Schmidt weiß es nicht
sicher.
Was sie weiß: Nachdem die leibliche Mut-
ter für Nadjas neuen Ausweis unterschreiben »Die Behörden sollen
musste, hat d ­ iese beim Jugendamt den bitte endlich ihre
Wunsch nach einem Treffen bekundet.
Schmidt sagt, sie unterstütze diesen Wunsch. ­Datenbanken anpassen.«
Wahrscheinlich sei es auch für Nadja hilf- Stephan Thoms, Nadjas Pflegevater

34 DER SPIEGEL Nr. 29 / 11.7.2025


DEUTSCHLAND

Schmidt einige Tage später am Telefon. Nad-


ja spüre die Aufregung.
»Wenn wir darüber sprechen, sagt sie, dass
wir sofort damit aufhören sollen.« Gleich-
zeitig frage das Mädchen öfter als sonst:
»Mama, magst du mich? Papa, magst du
mich?« Sie schlafe wieder öfter schlecht,

Sommersachen?
­klettere nachts aus dem Hochbett hinab ins
Bett ihrer Schwester.
Ihr Partner »hege großen Unmut« gegen
das Jugendamt, ihre Tochter Frieda wolle gar
nicht über ihre Gefühle und Gedanken reden.
»Ich mache mir Sorgen, dass unser Familien-
frieden zerbricht«, sagte Schmidt im April.
Sie verschob den Termin für den Haus-
Selber machen!
besuch, sie hatte einen »triftigen Grund«:
einen Arzttermin. Im Ferienheft von DEIN SPIEGEL gibt es 25 Tipps
Letztlich habe der Hausbesuch Mitte Mai für einen noch schöneren, spannenderen
stattgefunden, so berichtet es Christina und lustigeren Sommer – und außerdem das
Schmidt. Ihr Partner und die Mädchen hätten
draußen gespielt, während sie in ihrer Küche schwerste Rätsel des Jahres: Wer hier gewinnt,
einem Mitarbeiter und einer Mitarbeiterin kann sich auf tolle Preise freuen.
von den stressigen Wochen erzählt habe, die
die Familie hinter sich hat.
»Sie haben mir zugehört und Verständnis
DEIN SPIEGEL – durch Wissen wachsen
gezeigt«, sagt Schmidt. »Sie haben Nadja
zwar kurz kennengelernt, aber nicht zu mög-
lichen Umgängen befragt.« Man habe ver-
abredet, noch vor den Sommerferien zu
einem Hilfeplangespräch zusammenzukom-
men, vielleicht auch mit der leiblichen Mutter.
»Ich denke, jetzt sind wir auf einem guten
Weg.«
Die Hamburger Schulbehörde, die kürzlich
für die Jugendämter der Stadt die Pressearbeit
übernommen hat, teilt mit, man könne sich
zu den Geschehnissen aufgrund des Daten-
schutzes nicht äußern. »Uns ist bewusst, dass
es in Einzelfällen zu schwierigen Situationen
kommen kann«, räumte ein Sprecher ein. »In
solchen Fällen ist es unser Ziel, gemeinsam
mit allen Beteiligten – zum Wohl des Kindes –
tragfähige Lösungen zu finden, die sowohl
fachlichen Standards als auch den Bedürf-
nissen und Sorgen der Pflegefamilien gerecht
werden.«
Man sei »ausdrücklich dankbar« für die
»wertvolle Aufgabe«, die Pflegeeltern über-
nähmen.
Viele Konflikte und Schwierigkeiten, die
Pflegefamilien beschäftigten, ließen sich ver-
meiden, wenn die zuständigen Jugendämter
besser besetzt und deren Fachkräfte besser
ausgebildet seien, sagt Carmen Thiele vom
Verband PFAD. »Wenn Familien dort verläss-
licher unterstützt würden, könnten sich viel-
leicht auch mehr Menschen darauf einlassen,
ein Pflegekind aufzunehmen.«
Christina Schmidt überlegt nun, sich poli-
tisch auch für andere Pflegefamilien und
­deren Probleme zu engagieren.
Am meisten treibt sie die Frage um, mit
der alles begonnen hatte: Wie konnten Ge-
richt und Jugendamt eine Vollmacht legiti-
mieren, die sich als nutzlos erweisen sollte?
»Das, was sie entscheiden, sollte schon zu
unseren Gesetzen passen.« Jetzt als Einzelheft
Heike Klovert n oder im Abo bestellen:
[Link]/sommer
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DEUTSCHLAND

der Verein Valtenbergwichtel seine Räume.


Ein Tischkicker und ein Billardtisch stehen
herum, um die Holzbalken sind Lichterketten
gewickelt, in einer Ecke stapeln sich Brett-
spiele. Alles Dinge, die es in Winters Jugend
nicht gab: »Ich hätte mir damals jemanden
gewünscht, der den Jugendlichen zuhört«,
sagt die 45-Jährige. »Das mache ich jetzt.«
Winter, stellvertretende Geschäftsführerin
des Vereins, hat gemeinsam mit ihren Mit-
streiterinnen und Mitstreitern viel erreicht.
Neukirch mit seinen rund 4700 Einwohnern
hat nun etwa einen eigenen Jugendbeirat.
Und die Jugendlichen können seit 2018 selbst
entscheiden, welche Idee sie mit den 1000
Euro des »Demokratie leben!«-Programms
umsetzen. Bislang.
Woher das Geld künftig kommen soll, weiß
Winter nicht. Sie sagt: »Was ist das für ein

Sven Döring / DER SPIEGEL


Zeichen, wenn man in einem Landkreis
mit antidemokratischen Tendenzen die
Demokratie­förderung abschafft?«
Der Landkreis Bautzen ist eine Hochburg
der rechtsextremen Szene, die laut Verfas-
Besucherinnen des Soziokulturellen Zentrums Telux in Weißwasser: »Ein­seitig ausgeprägt«?
sungsschutz ihre Strukturen in der Region
ausbaut. Im schlimmsten Fall kommen die
einzigen Angebote für Jugendliche eines Ta-
ges von der AfD, den »Freien Sachsen«,
rechtsextremen Schlägertrupps. Hier liegt ein

Rechts gegen Omas


Schwerpunkt von Neonazigruppen und
»Reichsbürgern« in Sachsen, die Zahl der
rechtsextremen Straftaten hat sich binnen
zwölf Monaten fast verdoppelt.
Im Kreistag organisiert sich die AfD ihre
ZIVILGESELLSCHAFT Die AfD setzt unabhängige Initiativen und Vereine in Mehrheiten mithilfe von Wählergruppen und
­ stdeutschland unter Druck. Und die CDU hilft dabei.
O CDU-Lokalpolitikern. Sollten sich die poli-
tischen Verhältnisse flächendeckend so ver-
ändern wie hier, fiele den Feinden der offenen

M
anchmal ist Demokratie Handarbeit, ständlichen Drohung endete: »Deswegen Gesellschaft in immer mehr Orten ein mäch-
und dann müssen auch die Jüngsten noch ein Klecks Farbe auf unseren Kästen tiges Instrument in die Hand: Sie könnten
ran. Ende Mai zum Beispiel, in der und es knallt!!!« Wer genau dahintersteckt, den Vereinen den Geldhahn zudrehen. Denn
Oberlausitz: Da zogen rund 1000 Kinder und ist unklar. die Fördergelder aus Landes- und Bundes-
Jugendliche zwei Tage lang durch den Land- Das Risiko, dass es knallt, steigt nicht nur programmen gibt es meist nur dann, wenn
kreis Bautzen und verschönerten ihre Heimat. in der Lausitz. Die demokratische Zivilgesell- auch die Kommunen einen kleinen Anteil
Legten Hochbeete an und sammelten Müll, schaft, also unabhängige Initiativen und Ver- zuschießen – und genau das verhindern Rech-
entrosteten Fußballtore, schraubten aus Pa- eine wie Valtenbergwichtel, steht im ganzen te und Rechtsextreme inzwischen immer
letten Sofas zusammen und strichen das Ge- Land massiv unter Druck. Vor allem Rechts- häufiger.
länder am örtlichen Sportplatz. extreme machen mobil gegen Vielfaltsange- Für die liberale Demokratie, wie wir sie
Besonders kreativ waren die Freiwilligen bote, Demokratieförderung und Minder­ kennen, könnte das der Anfang vom Ende
in Neukirch nahe der tschechischen Grenze: heitenschutz. sein. Denn sie basiert auf dem vielfältigen
Dort verzierten die jungen Menschen Strom- Besorgniserregend ist die Lage in ostdeut- Engagement, das weder parteipolitisch noch
kästen im Ort mit bunten Bildern, malten schen Gegenden, in denen der Einfluss der profitorientiert ist, in Vereinen und Religions-
Pusteblumen, Legosteine und einen Teddy- extremen Rechten besonders groß ist. Vieler- gemeinschaften sichtbar wird, in sozialen Be-
bären darauf. »48-Stunden-Aktion« hieß das orts läuft es nämlich so wie im Lausitz-Ort wegungen und Initiativen aller Art. All das
Unterfangen, mitorganisiert vom Verein Val- Neukirch: Die »48-Stunden-Aktion« e­ rhielt bildet gewissermaßen das Rückgrat des demo-
tenbergwichtel. Kern des Konzepts: Die Kin- staatliche Zuschüsse, einge­worben über das kratischen Gemeinwesens, ein Gegengewicht
der müssen alles selbst organisieren – und Programm »Demokratie leben!« des Bundes- zum bürokratischen Machtapparat.
lernen so, was sie bewirken können. bildungsministeriums. Allerdings hat der Diese Basis droht nun vielerorts zermürbt
Leider lernten sie auch, dass es Leute gibt, Kreistag in Bautzen jüngst entschieden, auf und aufgerieben zu werden. Zur wichtigsten
die solches Engagement verachten. Am dieses Geld künftig zu verzichten – obwohl Akteurin dabei hat sich die AfD entwickelt,
­Morgen nach dem Arbeitseinsatz hatten Un- alles schon bewilligt war. 200.000 Euro im die in Ostdeutschland Wahlergebnisse wie
bekannte die Pusteblumen und den Teddy- Jahr für Dutzende Projekte und Initiativen eine Volkspartei einfährt. Zum Teil organisiert
bären auf den Verteilerkästen mit schwarzer fallen damit weg, bis 2032 fehlen insgesamt sie inzwischen problemlos Stadtratsmehrhei-
Farbe übersprüht. Am Vereinsheim von 1,6 Millionen Euro. Warum verzichtet ein ten – um, so formuliert es etwa der sächsische
­Valtenbergwichtel hing eine Art Hassbrief, hoch verschuldeter Landkreis freiwillig auf Landtagsabgeordnete Frank Peschel, »Ideo-
ak­kurat eingetütet in Klarsichtfolie. Die Ver- Hunderttausende Euro? logieprojekte« zu verhindern.
zierungen im Ort seien »Rotz«, hieß es in Candy Winter sitzt im Dachgeschoss eines Damit, so warnt der Leipziger Soziologe
dem Schreiben, das mit einer unmissver- ehemaligen Ritterguts in Neukirch, hier hat Alexander Leistner, seien keineswegs nur

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DEUTSCHLAND

»linksalternative Jugendzentren« gemeint:


»Die AfD träumt von einer vermeintlich un-
politischen Zivilgesellschaft, die sich um Hei-
mat und Tradition kümmert.«
Wie genau das aussieht, ließ sich zuletzt
etwa in Brandenburg beobachten: Dort legten
sich die Rechtsextremen im September mit
dem Landesjugendring an – einem Zusam-
menschluss etlicher Verbände, der seine eige-
nen Positionen mit denen der AfD für unver-
einbar erklärt hatte. Die AfD-Landtagsfrak-
tion tönte daraufhin, man werde dem ­Verband
die Gemeinnützigkeit und die öffentliche
Förderung entziehen. Das beträfe unter an-
derem die Jugendfeuerwehr, den Bund der
Deutschen Katholischen Jugend und die Phi-
latelisten-Jugend.
Valtenbergwichtel e.V.

Glaubt die AfD tatsächlich, »Ideologie-


projekte« zu verhindern, wenn sie Feuer-
wehrleute und Briefmarkensammler be-
kämpft?
»Nirgendwo ist der Druck, sich für poli­ Malereien der »48-Stunden-Aktion« in Neukirch/Lausitz: Kinder lernen, was sie bewirken können
tisches Engagement zu rechtfertigen, so
groß wie in ostdeutschen Städten und Dör-
fern«, sagt Soziologe Leistner, der selbst in
einem Ort in der Nähe von Zwickau aufge-
wachsen ist. Es gebe hier »ein schiefes, his-
torisch gewachsenes Verständnis von Neu­
tralität«. Austausch und Streit bildeten das
Fundament der Demokratie – aber zwischen
Ostsee und Erzgebirge sähen das viele genau
andersherum: Neutral ist demnach, wer sich
nicht einmischt.
Für die Demokratie ist diese Haltung pu-
res Gift. »Die extreme Rechte plädiert für
einen neutralen Staat und eine völkische
­Gesellschaftsform«, sagt der Forscher. Die
Folgen seien dramatisch: »Wenn eine Mehr-
heit der Gesellschaft sich aus allem raus-
halten möchte, entsteht ein politisches Vaku-
um, in dem sich Rechtsextreme ausbreiten
können.«
Leistner spricht von einem Kipppunkt
und warnt: »Die größte Gefahr besteht darin,
dass wir alle den Ernst der Lage falsch ein-
schätzen.«
Im sächsischen Weißwasser zum Beispiel.
Dort, zwischen Cottbus und Görlitz, residiert
in einer ehemaligen Glasfabrik seit 2015 das
Soziokulturelle Zentrum Telux, um das sich
in den vergangenen Monaten ein heftiger
Streit zwischen Unterstützern und Gegnern
entwickelt hat.
Zum Angebot des Telux gehören Schlager-
feten und Kinoabende. Sechstklässler bauen
Holzbänke für den Schulhof, Seniorinnen
treffen sich zum Strickkreis. Es gibt Shakes-
peare-Aufführungen, Veranstaltungen der
Landeszentrale für politische Bildung, den
städtischen Weihnachtsmarkt.
Die AfD hält wenig von all dem. »Wir be-
Stephan Floss / DER SPIEGEL

obachten die Arbeit des soziokulturellen Zen-


trums ganz genau«, teilt die Stadtratsfraktion
auf Anfrage mit. Schon vor Jahren habe man
festgestellt, »dass dort meist einseitig ideo-
logisch ausgeprägte Meinungsbildung betrie-
ben wird«. Kultur, sagte AfD-Lokalpolitiker
Ronny Hentschel neulich im Stadtrat, müsse Übermalter Stromkasten: Unmissverständliche Drohung

Nr. 29 / 11.7.2025 DER SPIEGEL 37


DEUTSCHLAND

»aus der Mitte der Gesellschaft entstehen und Die Zuschüsse für das Zentrum standen kom-
nicht durch Fördergelder«. plett infrage. Es geht um zunächst 44.000
Aber was ist für die AfD Kultur, und wo Euro für 2025, den sogenannten Sitzgemein-
liegt für die Rechtsextremen die Mitte der deanteil. So viel muss die Stadt als Eigenanteil
Gesellschaft? aufbringen, um weitere 120.000 Euro vom
Die örtliche AfD begründet ihre Vorbe- Land zu bekommen.
halte gegen das Zentrum mit viel zu hoch an- Um ihren Plan umsetzen zu können, ist
gesetzten Lohnzahlungen – außerdem seien die AfD auf Unterstützung von anderen an-
ihre Mandatsträger aus dem Vereinsumfeld gewiesen. In Weißwasser sind das vor allem
mal als »Nazis« beschimpft worden, gemeint zwei parteilose Stadträte, die die Positionen
sind die Vorsitzenden Tino Chrupalla und der Rechtsextremen übernehmen.
­Alice Weidel. Belege dafür legt die Partei nicht Andernorts spielt die CDU eine zentrale
vor, und die Gehaltsfrage ist gesetzlich gere- Rolle: In Salzwedel, Sachsen-Anhalt, steuer-
gelt: Für Empfänger von Fördergeld gilt ein ten Christdemokraten die entscheidenden
sogenanntes Besserstellungsverbot, die Be- Stimmen bei, um die Förderung von Demo-

Stephan Floss / DER SPIEGEL


schäftigten dürfen nicht mehr verdienen als kratiearbeit mit insgesamt fast 1,2 Millionen
vergleichbare Angestellte im öffentlichen Euro zu verhindern. In Kahla, Thüringen,
Dienst – und tun es in Weißwasser auch nicht. führte die Enthaltung der CDU-Fraktion
Laut Stadtverwaltung werden sie sogar dazu, dass der Demokratieladen kein Geld
schlechter bezahlt. mehr vom Landkreis erhält.
Der Kampf der Partei gegen das Telux be- Auch im Bautzener Kreistag, wo die
gann im vergangenen Sommer auf dem Rechtsextremen die mit Abstand größte Frak-
Valtenbergwichtel-Mitarbeiterin Winter
Marktplatz, losgetreten wurde er vom Partei- tion stellen, waren die neun CDU-Stimmen
chef persönlich. Tino Chrupalla, selbst in mit ausschlaggebend. So fiel die Entschei-
Weißwasser geboren, forderte in einer Wahl- dung, keine 50.000 Euro jährlich zu inves-
kampfrede, bei »den ganzen soziokulturellen tieren, um weitere 200.000 an Förderung
Zentren« den Rotstift anzusetzen. Derselbe aus Bundesmitteln zu erhalten.
Tino Chrupalla hatte dem Telux noch 2019 in Besonders selbstbewusst verteidigt das der
einem Schreiben als Bundestagsabgeordneter prominenteste Christdemokrat des Landkrei-
zu bewilligten Fördermitteln gratuliert. ses: Udo Witschas, 53, in der Region aufge-
Wenige Monate nach Chrupallas Markt- wachsen und eigenen Angaben zufolge einst
platzrede kürzte der Stadtrat auf AfD-Initia- in die Politik gekommen, weil er sich wegen
tive dem Telux sowie anderen Projekten fast seines tiefergelegten VW Golf für bessere
ein Drittel der Zuschüsse – rückwirkend, für Straßen einsetzen wollte.
das komplette Jahr. Witschas steht am äußeren rechten Rand
»Das war schon ein herber Schlag«, sagt der CDU. Mal trat er auf einer Montagsdemo
Sebastian Krüger. Der gelernte Produkt­ auf und versprach, die Impfpflicht für Pflege-
designer und Sinologe, 45, ist Mitglied kräfte zu ignorieren. Mal warnte er in einer
im Trägerverein des Telux, stammt wie Art Weihnachtsansprache vor der »Gefähr-
Stephan Floss / DER SPIEGEL

Chrupalla aus Weißwasser und hat das Zen- dung des sozialen Friedens«, würde man Ge-
trum mitaufgebaut. »Wir wollten zeigen, flüchtete in leer stehenden Wohnungen
dass Leerstand einen Neuanfang ermög- unterbringen.
licht«, sagt Krüger und zeigt bei einem Rund- Vor allem aber setzt sich Witschas für
gang stolz die selbst gebauten Tische aus eine Zusammenarbeit seiner Partei mit
Holzplanken und Lampen aus alten Glas- Rechtsextremen ein – und hat auch keine
produkten. Bautzener Oberbürgermeister Vogt Hemmungen, Arm in Arm mit dem AfD-­
Neben ihm steht Christian Klämbt, zustän- Bundestagsabgeordneten Karsten Hilse zu
dig für die Jugendarbeit im Verein, er betont: posieren.
»Wir sind nicht nur ein Partyort, der sich um Nach dem Aus für die Demokratieförde-
sich selbst kümmert. Wir haben auch lokalen rung habe Witschas behauptet, Jugendver-
Unternehmen Aufträge verschafft, indem wir tretungen wie die Neukircher Valtenberg-
Fördergelder eingetrieben haben.« Baufirmen wichtel könnten auch ohne Zuschüsse funk-
seien am Ausbau des Telux beteiligt, das tionieren, sagt Projektleiterin Candy Winter.
­Catering bei Veranstaltungen komme aus der »Aber dann sind sie nicht handlungsfähig.«
Region. Der Landrat reduziere die jungen Leute auf
Ein Auto kommt auf den Hof gefahren, ein eine repräsentative Rolle. »Das ist nicht
junger Mann lehnt sich aus dem Fahrerfenster. ­Demokratiearbeit, das ist Schein.«
Er habe seinen Job verloren, sagt er und fragt, Dass Witschas mit seinen Positionen und
was er jetzt machen solle. Klämbt erklärt ihm, der Nähe zu Verfassungsfeinden in seiner
dass er zum Arbeitsamt nach Görlitz müsse, Partei nicht geächtet ist, hat vermutlich auch
und notiert auf einem Zettel, was man für mit Friedrich Merz zu tun. Der heutige
Sven Döring / DER SPIEGEL

einen Termin dort alles braucht. Klämbt sagt: ­Bundeskanzler drohte zwar einst jedem
»Jeder in Weißwasser soll sich bewusst sein, Christdemokraten einen Parteiausschluss
was es heißen würde, wenn wir hier dicht- an, der »die Hand hebt, um mit der AfD
machen müssen.« zu­sammenzuarbeiten«. Aber das ist drei-
Das Risiko ist real: Auf die Kürzung der einhalb Jahre her, und inzwischen hat Merz
Fördergelder im Herbst folgte im April der selbst die Unterstützung der extremen
nächste Angriff im Stadtrat gegen das Telux. Telux-Mitarbeiter Krüger, Klämbt ­Rechten in Kauf genommen: Im Januar

38 DER SPIEGEL Nr. 29 / 11.7.2025


DEUTSCHLAND

brachte Merz, damals noch Oppositions- Projekte bekommen, weltoffene Metropolen gemeindeanteil anzunehmen und den fehlen-
führer, mit deren Hilfe im Bundestag einen wie Köln aber schon – weil ausgerechnet den Anteil selbst beizusteuern. Offenbar kann
Migrationsantrag durch, für den er keine Orte, in denen Rechtsextreme sich Mehr­ es sich nicht einmal die AfD erlauben, Ge-
Mehrheit im demokratischen Lager organi- heiten organisieren können, unliebsame Pro- schenke abzulehnen.
sieren konnte. jekte auf diese Art verhindern können? Wie Ist der Fall Weißwasser ein Modell für an-
Wenige Wochen später reichte er mit sei- sehr geriete die gesamte Demokratie ins Un- dere Orte? Ist die Zivilgesellschaft der Zu-
ner Fraktion im Bundestag einen Katalog aus gleichgewicht? Nähme die viel beschworene kunft womöglich abhängig von privaten Geld-
551 Fragen zur »politischen Neutralität staat- Polarisierung der Gesellschaft dann noch gebern?
lich geförderter Organisationen« ein – ein weiter zu? Fachleute diskutieren diese Frage inzwi-
ebenso effektreicher wie umstrittener Gene- Stefan Vogt sieht genau darin ein zentrales schen intensiv – und tatsächlich sind auch
ralverdacht, ausformuliert auf 32 Seiten. Problem. Der gebürtige Sachsen-Anhalter andernorts private Gönner und Organisa­
»Wie groß ist der Anteil der finanziellen ist Geschäftsführer der Freudenberg Stif- tionen eingesprungen. So haben sich einige
­Mittel des Vereins Omas gegen Rechts tung, die zahlreiche Projekte in Ost­ Stiftungen zur Initiative »Zukunftswege Ost«
Deutschland, der aus staatlichen Förderpro- deutschland unterstützt, und beobachtet zusammengeschlossen: Im vergangenen Jahr
grammen stammt?« Solche Fragen stehen da, die kriselnde Zivilgesellschaft seit Langem. investierten sie 800.000 Euro in die ostdeut-
dutzendfach. Die, sagt er, sei den Methoden der Rechts- sche Zivilgesellschaft, im laufenden Jahr ist
Kann man einem CDU-Landrat mangeln- extremen nicht gewachsen: »Die Demo­ es doppelt so viel Geld.
de Unterstützung der Zivilgesellschaft vor- kratinnen und Demokraten richten ihr Diese Geldspritzen, jeweils bis zu 5000
werfen, wenn dessen eigener Parteichef sie ­Handeln an Legislaturperioden, Förderzeit­ Euro pro Projekt, lösen die Probleme jedoch
mit solchen Kalibern unter Beschuss nimmt? räumen und Projekt­laufzeiten aus« – wäh- nicht. Künftig wolle man gezielt in sogenann-
Im Mai, da war Merz bereits Kanzler, rend die Gegenseite strategisch und langfris- te Fokusregionen investieren, sagt Stefan Vogt
­sinnierte er im Gespräch mit der »Zeit« tig vorgehe. »Wie viele Dominosteine müssen von der Freudenberg Stiftung: Bis zu 100.000
­darüber, wie man die Demokratie stark noch umfallen, bis diese Entwicklung unum- Euro soll es dann geben, für jede dieser Re-
­mache: »Lassen Sie uns in größeren Maß- kehrbar ist?« gionen, Jahr für Jahr.
stäben denken, nicht nur in sogenannten Manche haben die Gefahr erkannt. In Es ist ein Anfang. »Doch selbst wenn alle
Demokratie-Förderprogrammen. Muss ein Weißwasser startete die Wählervereinigung Stiftungen all ihr Geld zusammenlegen wür-
Staat für die Demokratie bezahlen, damit »Pro WSW« zusammen mit dem Telux im den, ließe sich damit allein nicht die Zivilge-
sie funktioniert?« Mai eine Spendenaktion. So sollte ein Groß- sellschaft retten«, sagt Vogt.
Nimmt man diese Frage ernst, lautet die teil des Sitzgemeindeanteils von 44.000 Euro Einen großen Plan hat auch Vogt nicht,
Antwort: Ja, muss er, und er tut es auch. Par- zusammenkommen, damit die Stadt die ge- aufgeben ist aber keine Option. Nur: Ganz
teien und Fraktionen, politische Stiftungen samte Förderung des Kulturraums weiter be- ohne den Staat geht es eben nicht. Dutzende
und Bildungsprogramme erhalten sehr kommt. Und tatsächlich kamen genug Spen- Fachleute, Vereine und Dachorganisationen
viel Geld vom Staat, insgesamt viele Millio- dengelder zusammen. haben die Bundesregierung neulich aufgefor-
nen – ebenso wie sämtliche Abgeordnete, Gelöst war das Problem trotzdem nicht: dert, mit dem 500-Milliarden-Euro-Sonder-
Ministerinnen und Minister. Und natürlich Um den verbleibenden Rest des Sitzgemein- vermögen nicht nur Brücken zu retten –
der Bundeskanzler. deanteils aus der Stadtkasse wurde weiter ­sondern auch die demokratische Substanz
Und die Lage ist ernst. Das geht etwa aus gerungen, erst nach langem Hin und Her be- des Staates.
dem hervor, was der Bautzener CDU-Kreisrat schloss der Stadtrat, die Spende für den Sitz- Frauke Böger, Levin Kubeth, Peter Maxwill  n
Matthias Grahl vor Kurzem über »diese so-
genannten Demokratieprojekte« sagte. Die
nämlich, unterstellte er, betrieben »in der Re-
gel eine Umerziehung des Volkes«. Doch
Grahl stieß auf Widerspruch, auch in der eige-
nen Partei.
»Es schüttelt mich, wenn ich diese For-
mulierung höre«, sagt Karsten Vogt. Der
54-Jährige ist Oberbürgermeister von Baut-
zen – und einer von vier CDU-Kreisräten,
die für die Weiterführung des »Demokratie
leben!«-Programms stimmten. Ihn empört
die Entscheidung des Kreistags noch immer:
»Die Landkreise sind alle unterfinanziert,
und wir nehmen auch noch die Fördergelder
raus?«
Auch die Stadt Bautzen bezieht, separat
vom Landkreis, Fördergelder vom Bund.
Ermöglicht wurden so das Altstadtfestival,
die »Interkulturelle Woche«, die U18-Wahl
oder die Dialogveranstaltung »Bautzener Re-
den«, bei der etwa der Direktor der Stiftung
Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-
Sven Döring / DER SPIEGEL

Dora, Jens-Christian Wagner, und der Autor


Hasnain Kazim sprachen. »Die Projekte be-
reichern die Stadtgesellschaft«, sagt Vogt.
Keine Kommune könne das aus eigener Kraft
finanzieren.
Aber was passiert, wenn Städte wie Baut-
zen bald keine Förderung mehr für ihre »Hafenstube« im Telux: Abhängig von privaten Geldgebern?

Nr. 29 / 11.7.2025 DER SPIEGEL 39


DEUTSCHLAND

Kossow: Oft fühlen sie sich zurückgesetzt,


sehen sich nur noch als Lieferdienst, der
das Geld nach Hause bringt. Sie erleben,
dass sich die Aufmerksamkeit ihrer Part-

»Die Frau hat die Kinder,


nerin fast ausschließlich auf die Kinder
­richtet, emotional wie körperlich. Ihnen
fehlt die Zuwendung, und das führt bei

der Mann steht draußen«


­manchen zu echtem Schmerz, zu einem Ge-
fühl von Bedeutungslosigkeit. Nicht selten
steckt dahinter auch ein Konkurrenz­
empfinden: Gegen die Kinder verlieren zu
müssen, kratzt am Selbstbild. Das ist ein
PAARBEZIEHUNGEN Wie hält die Liebe, wenn die Familie wächst? unterschätztes Thema. Viele Männer wur-
­Sexualmedizinerin Stephanie Kossow gibt Tipps. den in einer kapitalistischen Wettbewerbs-
kultur sozia­lisiert – der Beste, der Schnells-
te, der Stärkste. Plötzlich ist ihre Sonder-
Kossow, Jahrgang 1985, ist Fachärztin für All- zung. Stattdessen stoßen Paare auf starre rolle weg. Die Frau hat die Kinder, oft auch
gemeinmedizin, Sexualmedi­zinerin und tie- Arbeitszeiten, unzureichende Kinderbetreu- das soziale Netz. Der Mann steht draußen.
fenpsychologisch fundierte Psychotherapeutin ung und Rollenerwartungen, die sich tief ein- Er hat statistisch gesehen weniger enge
mit einer Praxis in Berlin. Im Sommer er- gebrannt haben. Wer länger stillt, bleibt eher Freundschaften und bleibt emotional oft
scheint ihr Buch »Das Gute an (schl)echtem zu Hause. Wer mehr verdient, geht schneller ­allein.
Sex – wie Bindung, Kink und Konsens uns den wieder arbeiten. Und so rutschen wir – oft SPIEGEL: Würde es helfen, die Aufgaben ge-
Arsch retten können«. unbemerkt – in tradierte Rollen zurück. Zu- rechter zu verteilen?
gleich sollen Frauen heute mehrere Rollen Kossow: Nicht unbedingt. Viele P ­ aare ver-
SPIEGEL: Frau Kossow, das erste Kind krem- gleichzeitig erfüllen: beruflich erfolgreich, suchen, Gerechtigkeit herzustellen: Er über-
pelt das gesamte Leben um. Was macht das attraktiv, informiert, gute Freundin, perfekte nimmt mehr im Haushalt, sie sagt wieder
zweite Kind mit einem Paar? Mutter, verführerische Geliebte. Das ist ein öfter Ja zum Sex. Doch das bleibt oft ein von
Kossow: Beim ersten Kind geht es vor allem überforderndes Ideal. beiden Seiten schwer einzuhaltender Deal,
ums praktische Zurechtkommen und die neue SPIEGEL: Worunter leiden die Männer in die- eine emotionslose Dienstleistung. Was fehlt,
Elternrolle. Das Paar gewöhnt sich daran, dass ser Zeit? ist echte Verbindung. Es geht nicht darum,
ein dritter Mensch die Beziehung mitprägt.
Beim zweiten Kind entsteht nicht nur eine
neue Eltern-Kind-­Beziehung, sondern auch
eine Geschwisterbeziehung, die mit Eifer-
sucht einhergehen kann oder auch mit Kon-
kurrenz zwischen den Eltern, wer wem näher
oder ähnlicher ist. Das verändert das ganze
Familiensystem. Häufig werden eigene Kind-
heitserfahrungen reaktiviert – etwa die Ge-
schwisterrolle, die man selbst einst hatte. Das
wirft Fragen auf, die bis in die Paarbeziehung
reichen.
SPIEGEL: Mit welchen Themen kommen Paa-
re in dieser Phase zu Ihnen?
Kossow: Sehr häufig geht es um das Gefühl
von Ungleichgewicht – vor allem bei den Auf-
gaben. In heterosexuellen Beziehungen über-
nehmen meist Frauen den Löwenanteil der
Care-Arbeit, oft neben dem Job. Sie organi-
sieren, trösten, kümmern sich. Beide Seiten
fühlen sich dagegen zurückgesetzt: »Du bist
nur noch Mutter, ich komme nicht mehr vor.«
Beide Seiten fühlen sich überfordert, aber oft
auf ganz unterschiedliche Weise. Eine ähnliche
Dynamik gibt es auch in queeren Beziehungen.
SPIEGEL: Wie bewahrt man die Liebe in dieser
aufreibenden Zeit?
Kossow: Dafür ist wenig Raum, aber es kann
ihn geben. Manchmal entsteht sogar ein neu-
es Gleichgewicht, etwa wenn sich die Kinder
miteinander ­beschäftigen. Aber die Vorstel-
lung, als Paar mit zwei kleinen Kindern eine
Pupa Neumann / plainpicture

intensive, erfüllte Beziehung zu führen, ist


unrealistisch, zumindest innerhalb der Struk-
turen, die unsere Gesellschaft aktuell vorgibt.
SPIEGEL: Wie meinen Sie das?
Kossow: Wer Kinder bekommt, braucht Be-
treuung, Flexibilität, kollektive Unterstüt-

40 DER SPIEGEL Nr. 29 / 11.7.2025


DEUTSCHLAND

wer was macht, sondern darum, ob ich mich Exitstrategie geöffnet werden, da eine
gesehen fühle. ethisch-nichtmonogame Beziehung mit mehr
SPIEGEL: Was steckt noch hinter den äußeren Kommunikations- und emotionaler Arbeit
Problemen eines Paares im Ausnahmezu- verbunden sein kann als gedacht. Es ist legi-
stand? tim, sexuelle Räume außerhalb der Kernbe-
Kossow: Häufig sind es alte Verletzungen, Ent- ziehung zu finden, sofern das mit den Regeln
täuschungen, ungesagte Bedürfnisse. Viele des Konsenses vereinbart wurde: frei, rever-
Paare starten bei mir mit dem Satz: »Wir sibel, informiert, enthusiastisch und spezi-
­haben Kommunikationsprobleme.« Gemeint fisch. Wenn ich weiß: Ich darf sagen, wie es
ist meist: Wir wissen nicht mehr, wie wir mir geht, ohne belächelt oder beschämt zu
­miteinander in Kontakt kommen – emotional werden – dann kann echte Verbindung ent-
oder körperlich. Unter der Wut liegt häufig stehen. Gerade nach einer Geburt ist das es-
Einsamkeit oder Hilflosigkeit. Genau dort senziell. Frauen erleben in dieser Zeit eine
setzen wir an. enorme körperliche und seelische Verletz-
SPIEGEL: Wie? lichkeit. Diese muss geschützt werden, nicht
Kossow: Ich beginne oft mit einer einfachen übergangen.
Frage: »Mögen Sie sich eigentlich noch?« Da- SPIEGEL: Wann wird das Paarsein mit Kindern
rüber müssen einige lachen, andere lange wieder einfacher?
nachdenken. Viele antworten: »Ja, aber es ist Kossow: Es gibt eine Art U-Kurve des Glücks:
Lena Burmann

gerade einfach zu viel.« Das ist ein guter Aus- Nach der Geburt sinkt die Lebenszufrie­den­
gangspunkt. Das zeigt: Die Gefühle sind da, heit bei vielen Paaren – und steigt erst wieder,
sie sind nur verschüttet. Man darf als Paar Psychotherapeutin Kossow
wenn die Kinder größer und selbstständiger
auch mal in den Hintergrund treten, solange sind. Wer sechs bis sieben Jahre nach dem
man die Verbindung nicht verliert. Wichtig spüren sehr genau, ob ihre Lust gemeint ist – zweiten Kind gemeinsam meistert, hat gute
ist, authentisch zu bleiben und nicht vorzu- oder nur ihre Funktion. Das führt zu Recht Chancen, langfristig zusammenzubleiben.
spielen, alles wäre perfekt. zu Abwehr, nicht zu Nähe. Wenn Sex gleich- Niemand führt in der Kleinkind­phase die
SPIEGEL: Wie kann diese Verbindung gepflegt bedeutend ist mit »Pflichtprogramm«, ist die ­romantischste Beziehung seines Lebens. Aber
werden? Lust weg, bevor sie überhaupt eine Chance das bedeutet nicht, dass die Beziehung
Kossow: Eine bewährte Methode ist das so- hatte zu entstehen. In so einem Fall kann der schlecht ist – sie ist nur belastet. Und Belas-
genannte Zwiegespräch. Ein fester Termin, Mann es sich doch auch selbst machen. Na- tung heißt nicht automatisch Krise, sondern
ohne Ablenkung, absolut störungsfrei. Kein türlich darf man einander auch Sex-Geschen- manchmal einfach: Es ist ­gerade verdammt
Handy, kein Haushalt, keine Kinder, keine ke ­machen – aber es muss klar sein, dass es viel. Entscheidend ist, dass man sich dabei
Katze. Zwei Erwachsene, die über Gefühle, in dem Moment nur um den anderen geht. nicht aus den Augen verliert. Und dass man
Wünsche und Bedürfnisse sprechen, die sich ­Viele Mütter haben durchaus Lust auf Intimi- irgendwann wieder schaut: Wer sind wir
sagen, wie es ihnen gerade geht – in Ich-Bot- tät, Zärtlichkeit, sexuelle Kontakte, aber eigentlich, wenn nicht nur ­Eltern?
schaften, ohne Vorwürfe. Statt »Du hast schon nicht auf Sex, der einzig dem Gegenüber SPIEGEL: Kann das zweite Kind auch ein
wieder das Kind nicht abgeholt«, heißt es: dient. Wirkliche Verbundenheit entsteht, ­Motor für die Partnerschaft sein?
»Ich fühle mich allein. Du fehlst mir. Können wenn wir uns zeigen dürfen – ohne Scham, Kossow: Ja, auch wenn das auf den ersten
wir das zusammen machen?« So entstehen ohne Erwar­tung. Dafür müssen wir uns sicher Blick paradox erscheint. Während viele ­Paare
keine Fronten, sondern es entsteht Nähe. fühlen. befürchten, dass ein weiteres Kind vor allem
Auch kürzere Formate wie der »Wetter­ SPIEGEL: Wie kann ein Paar zu dieser Ver- zusätzlichen Stress bedeutet, kann es die Be-
bericht« können helfen: »Heute ist bei mir bundenheit zurückfinden? ziehung der Eltern sogar entlasten. Denn die
viel Sonne, aber in der Langzeitprognose wird Kossow: Indem es aufhört, Sexualität nur als Geschwister bauen untereinander eine eigene
es herbstlich.« Oder: »Heute eher grau mit Penetration zu denken. Es geht um Berüh- Beziehung auf, sodass die Eltern nicht mehr
Aussicht auf Reizbarkeit bis hin zu Gewitter.« rung, um Spüren, um Konsens. Ich arbeite so stark von einem Kind gefordert werden.
Das klingt banal, kann aber verbindend wir- viel mit Körperübungen, bei denen Menschen Die Last verteilt sich besser.
ken. Es geht darum, emotional sichtbar zu lernen, ihr Ja und Nein zu spüren. SPIEGEL: Gibt es Paare, die Ihnen Hoffnung
bleiben. Manche können das übrigens besser SPIEGEL: Welche Ansprüche an Sexualität machen?
im Gehen, anstatt sich gegenüberzusitzen. sind in dieser Lebensphase realistisch? Kossow: Ja – Partner, die sagen: »Beim ersten
SPIEGEL: Sie haben die Sexualität angespro- Kossow: Der Anspruch, dass jede sexuelle Kind war ich nicht da, das will ich jetzt anders
chen – inwiefern ist sie bei Zweifach-Eltern Begegnung romantisch, intensiv und erfül- machen.« Menschen, die aus ihren eigenen
(noch) Thema? lend sein muss, ist generell überhöht. Viel Verletzungen lernen und neue Wege suchen.
Kossow: Viele Frauen fühlen sich nach einer wichtiger sind kleine Momente der Verbun- Und Frauen, die sagen: »Ich will eigene Lust
Geburt körperlich und emotional ausgelaugt. denheit – ein liebevoller Blick über der Spü- empfinden, nicht nur für andere funktionie-
Sie stillen, tragen, trösten – und kümmern le, ein kurzes Zärtlichsein, wenn beide Kinder ren.« Beziehungen müssen nicht perfekt sein,
sich bei einem zweiten Kind zusätzlich um endlich schlafen, oder auch ein erotischer aber sie können lebendig bleiben – wenn wir
die Bedürfnisse des erstgeborenen Kindes. Moment, der sicher nicht zum Sex führt. sie als das begreifen, was sie sind: ein gemein-
Ihr Körper gehört anderen. Der Gedanke an Auch gemeinsame Aktivitäten, die beiden samer Prozess, kein fertiges Konzept.
Sex wirkt da eher fremd als verlockend. Herzklopfen machen wie Tanzen, Singen Interview: Heike Kleen  n
Gleichzeitig spüren viele einen impliziten oder gemeinsame Erlebnisse, bringen Paare
Erwar­tungsdruck: Der Mann will wieder Sex. wieder in Verbindung.
Aber Sexualität darf nicht zur Pflicht werden. SPIEGEL: Kann es helfen, die Beziehung zu
SPIEGEL: Was raten Sie Paaren in dieser Zeit? öffnen, wenn ein Paar auf der Stelle tritt?
Kossow: Zu fragen: Wem dient der Sex? Kossow: Wenn beide das wirklich wollen – ja.
Dieser Beitrag ist aus dem SPIEGEL-
Wenn es nur darum geht, dass der Mann »auf Eine Öffnung bringt oft mehr Bewusstheit,
Extra »Mehr Glück in Liebe und
seine Kosten kommt«, dann ist es kein ge- auch für die eigenen Bedürfnisse und Rollen. Partnerschaft« – immer sonntags
meinsamer Moment, sondern eine weitere Aber: Sie sollte, sofern die Kernbeziehung [Link]/extra
Erwartung, die auf der Frau lastet. Frauen weiter Priorität haben soll, nicht als einfache

Nr. 29 / 11.7.2025 DER SPIEGEL 41


D E B AT T E E M PAT H I E

Bekenntnis eines Israelverstehers Es ist nicht leicht,


unter Deutschen zu Israel zu stehen. Mein Freundeskreis ist
geschrumpft, ich meide Diskussionen über Nahost.
Von Felix Dachsel

I
Dachsel, 38, ist ch bin ein Israelversteher und rael in Grenzen halte, da Israel der Mit einem befreundeten Journa-
stellvertretender glaube daran, dass es einen eigentliche Aggressor sei. »Ich wün- listen diskutierte ich länglich, ob es
Leiter des Ressorts
Reporter. ­jüdischen Staat geben muss, sche Ihnen Einsicht«, schrieb er redlich sei, KI-generierte Bilder aus
der sich jederzeit verteidigen kann. zum Abschied. Ich habe lange über Rafah zu posten. Wenn es um Israel
Mein Freundeskreis hat sich redu- diese Formulierung nachgedacht: geht, weichen die Grenzen des
ziert seit dem 7. Oktober 2023, »Meine Empathie hält sich in Gren- Handwerks auf, da übernehmen die
was nicht traurig klingen soll. Man zen.« Als sei Empathie eine Ware, Emotionen. Ein bekannter Medien-
könnte sagen, dass ich meinen die man rational zuteilen könne, unternehmer warf Israel in seinem
Freundeskreis veredelt habe. In und nicht eine impulsive Regung, Newsletter einen »Vernichtungs­
manchen Kreisen umgehe ich poli­ die sich kaum kontrollieren lässt. feldzug« vor. Moment mal, Vernich-
tische Diskussionen. Ich habe Ver- Ich ertappe mich beispielsweise tungsfeldzug? Bezeichnet man da-
meidungsstrategien entwickelt, bei der Empathie mit russischen mit nicht eher Hitlers Krieg gegen
wie ein Demenzpatient, der zu ver­ Soldaten im ukrainischen Kriegsge- die Sowjetunion?
hindern versucht, dass sich das Ge- biet. Im Internet sehe ich, wie Men- Ich fand mich nicht nur einmal in
spräch in Richtung des Vergessenen schen, von denen ich etwas halte, einer Diskussion wieder, in der ich
bewegt, auf die dunklen Stellen zu. Jubelvideos teilen: Man sieht, aus mit dem Vorwurf umgehen musste,
Als ich an jenem Herbsttag, dem der Drohnenperspektive gefilmt, Israel würde systematisch paläs­
7. Oktober 2023, mit den Nachrich- russische Panzer in Flammen aufge- tinensische Babys töten. Quelle?
ten aus Israel erwachte und ungläu- hen. Ich empfinde Mitleid mit dem Internet! Vielleicht bewegte ich
big auf der Bettkante saß, hatte jungen Russen, der in seinem Stahl- mich in den falschen Kreisen, aber
ich in der Düsternis nur einen trös- käfig verglüht. Meine Empathie hält ich war umgeben von ultrasensiblen
tenden Gedanken: Jetzt, in diesem sich nicht in Grenzen. Obwohl ich Linken, die Massenmörder verherr-
Moment grausamer Klarheit, war weiß, dass jeder zerstörte russische lichen. Wie kann man hauptberuf-
es nicht mehr möglich, Judenhass Panzer eine gute Nachricht ist. lich Menschen ermahnen, dass sie
zu relativieren. Wie dumm ich war. Meine Empathie hält sich auch die falschen Begriffe verwenden für
Wie süchtig nach Trost. Ich schrieb nicht an die Grenzen des Gazastrei- Minderheiten und nebenberuflich
einen Kommentar mit der nicht so fens, ich leide bei den Bildern stau- die Hamas idealisieren? Das ist kei-
gewagten These, dass Israel unsere biger, blutiger Kinder, die in den ne rhetorische Frage, ich würde es
Empathie verdient habe. Ich hoffte Himmel über Chan Junis schauen. wirklich gern wissen.
auf eine große Koalition der Trauer. Nur sind sie für mich eher Opfer der Wie kann man die Geschichte
Der tröstende Gedanke überleb- Hamas als Opfer Israels. von Holocaustüberlebenden teilen
te einen halben Tag. Abends schrieb Die Tage nach dem 7. Oktober und gleichzeitig Israel einen Geno-
mir ein Freund auf Instagram, als versuchte ich herauszufinden, was zid vorwerfen? Bekannte teilten
Antwort auf meinen Kommentar, im Kibbuz Kfar Aza passiert war, diesen Vorwurf lange bevor die is-
dass man ja auch das Leid der Pa- den ich Monate zuvor besucht hat- raelische Armee in den Gazastrei-
lästinenser sehen müsse. Ich for­ te. Wie schreibt man einem Men- fen einmarschierte. Wussten sie
mulierte mehrere Antworten, von schen eine Nachricht mit der Frage, nicht, dass die historischen Lehren
denen ich keine abschickte. Was ob er am Leben ist? Ich hatte in aus der Schoa relativiert werden
hätte ich antworten sollen auf diese Kfar Aza Kinder gesehen, die Lauf- sollen durch dieses Wort? Ja, im
Nachricht, nur Stunden nachdem wege übten für den Fall, dass Ha- besten Fall wussten sie es nicht.
palästinensische Terroristen den mas-Raketen vom Himmel fallen. Bei einem früheren Job in einem
größten Judenmord seit Ende der Aber es kamen nicht nur Raketen internationalen Medienunterneh-
Schoa begangen hatten? vom Himmel, sondern palästinensi- men, in dem wir regelmäßig Anti-
Als sich das grauenhafte Mosaik sche Terroristen mit Gleitschirmen, Rassismus-Workshops besuchten
vervollständigte, Stein für Stein, und sie mordeten und entführten und dessen Personalabteilung da­
die Berichte von Vergewaltigungen ein Zehntel der Bewohner von Kfar rum bat, dass man seine Pronomen
eintrafen, von Demütigungen, von Aza. Bekannte und ehemalige Kol- in die E-Mail-Signatur schreiben
Verschleppungen, von systemati- leginnen teilten auf Instagram Bil- möge, korrigierte mich eine briti-
scher Vernichtung von Juden – kein der, auf denen die Paraglider der sche Managerin, als ich die Hamas
Tag war vergangen seit den Morden Hamas als Freiheitskämpfer ver- als terroristische Organisation be-
der Hamas –, schrieb mir ein Leser, klärt wurden. Instagram war in den zeichnete. Das sei doch eine Frage
der auf seinem Doktortitel beharr- Tagen nach dem 7. Oktober mein der Perspektive. Für manche seien
te, dass sich seine Empathie mit Is- Schauglas in den Wahnsinn. das Freiheitskämpfer. Auch Nelson

42 DER SPIEGEL Nr. 29 / 11.7.2025


sollte aber auch nicht zum Schutz­
schild werden, hinter dem man sei­
ne Feigheit verschanzt. Kollegin­
nen, Freunde und Verwandte haben
versucht, mich im Kreis zu drehen,
bis mir schwindelig wurde.

A
ber diese Orientierung verlie­
re ich nicht: Israel ist ein de­
mokratischer Rechtsstaat, der
sich verständlicherweise verteidigt.
Die Hamas ist eine islamistische
Mörderbande, die diesen Krieg wil­
lentlich begonnen hat. Sie ist ver­
antwortlich für die Toten im Gaza­
streifen. Ihr antisemitischer Wahn
ist schuld an der Misere der Men­
schen auf diesem Fleckchen Erde,
der so schön sein könnte. Der Staat
Israel ist auch eine Folge aus den
Verbrechen der Schoa. Er ist die
Garantie, dass die am grausamsten
verfolgte Minderheit der Mensch­
heitsgeschichte einen Ort der Zu­
flucht hat. Die Region könnte fried­

Oded Balilty / dpa


lich sein, wenn einige Araber die
Hoffnung aufgeben würden, dass Is­
rael von der Landkarte verschwin­
det. Diese Hoffnung ist vergeblich:
Mandela habe man früher als Ter­ wahl habe ich Merz gewählt, weil Protest für die Israel wird bleiben.
roristen bezeichnet, als er im Ge­ ich die Hoffnung hatte, dass er Freilassung der So düster viele Deutsche die
israelischen Geiseln
fängnis saß. Die englische Sprache unsere Freundschaft zu Israel nicht Lage Israels beschreiben, so düster
erlaubt mir, brachial auf solche opfert für deutsche Schulmeisterei. ist sie nicht. Israel ist auf dem Weg
Dummheiten zu reagieren. Ich kann Der Fluchtweg in die Arme konser­ der Aussöhnung mit vielen Nach­
mich damit herausreden, dass mir vativer und liberaler Israelfreunde barn. Wer hätte vor zehn Jahren ge­
das Vokabular fehlt für Nuancen. hat Tücken. Ich wurde zu Veran­ dacht, dass Saudi-Arabien Raketen
»Unbearable nonsense«, sagte ich, staltungen und in WhatsApp-Grup­ abfängt, die auf Israel zusteuern?
unerträglicher Schwachsinn. pen eingeladen, in denen fast alles Die Hisbollah ist geschwächt, eben­
In der deutschen Sprache aller­ als richtig und moralisch einwand­ so das iranische Atomprogramm
dings fällt mir bei Diskussionen frei dargestellt wurde, was Israel und die Hamas. Was auch immer
über Israel so viel ein, was ich zu macht. Nein, Freunde, so leicht ist Israel gelingt, die Israelkritiker wer­
sagen hätte, dass ich meistens es nicht. Es ist intellektuell und mo­ den gleich mehrere Haken finden.
stumm bleibe. Wie oft höre ich den ralisch komplizierter. Israel macht Wenn israelische Forscher Krebs
Satz, dass es in Deutschland schwer das Richtige, aber kann dabei Fal­ besiegen, werden sie monieren,
sei, etwas gegen Israel zu sagen. sches tun. Die Hamas hat Israel ge­ dass Israel kein Mittel gegen Alzhei­
Andersherum ist es wahr: Es ist in radezu gezwungen, Falsches zu tun. mer gefunden hat. Deutsche sind
Deutschland mittlerweile schwer, Psychologisch ist die Vereinfa­ geradezu besessen vom Bild der
etwas Positives über Israel zu sagen. chung nachvollziehbar. Der Leser­ »gespaltenen israelischen Gesell­
Als Israelversteher unter Linken briefschreiber, der auf seinem Dok­ schaft«. Aber bei den fundamenta­
hat man keinen leichten Stand. Ich tortitel beharrt, verdrängt die Bilder len Fragen ist Israel ziemlich geeint.
versuchte die Gerüchte von Kolle­ ermordeter Juden und ausgeräu­ Vor dem 7. Oktober wies ich
gen abzuwehren, die mir unterstell­ cherter Kinderzimmer mit dem Be­ Nahostinteressierte in meinem Um­
ten, ich würde meine Kommandos schluss, dass er Empathie verwei­ feld, die sich regelmäßig über die
bei der israelischen Botschaft ein­ gert, weil es Israel verdient habe. Bekannte skandalöse Justizreform Netan­
holen. Man bezeichnete mich als Auf der anderen Seite des Spek­ yahus äußerten, auf den Umstand
»Bibi-Jünger«, obwohl ich öffentlich trums, die mir nahe ist, wird das Tun teilen auf hin, dass es im Gazastreifen De­
noch nie ein gutes Wort verloren der israelischen Armee teilweise Instagram monstrationen gab gegen die Ha­
habe über Benjamin Netanyahu.
Ich gehöre allerdings auch nicht zu
heroisiert, und Kritik, die man am
israelischen Vorgehen haben kann,
Bilder, auf mas. Palästinensische Helden, die
auf die Straße gingen gegen die
jenen Deutschen, die den pflicht­ wird oft als unwissend oder antise­ denen die Mörderbande. Trotz der Gefahr, an
schuldigen Disclaimer voranstellen, mitisch motiviert abgestempelt. Paraglider Motorräder gebunden und durch
Wenn sich Gewissheit im Rudel
wenn sie etwas Gutes sagen über
Israel: »Also ich finde Netanyahu entwickelt, werde ich skeptisch. Wir
der Hamas die Straßen geschleift zu werden.
Trotz der Gefahr, in einem Hinter­
ja wirklich grauenhaft, aber …« sind nicht bei einem Fußballspiel, als Freiheits- hof erschossen zu werden.
Am wohlsten fühle ich mich bei dem man für eine Seite jubelt kämpfer Aber die Nahostinteressierten
unter Konservativen, deren Verbin­ und die andere verdammt. Das ­interessierten sich nicht für die
dung zu Israel unverbrüchlich ist. ­Bekenntnis, dass die Dinge etwas verklärt ­palästinensischen Helden, auf ihre
Bei der vergangenen Bundestags­ komplexer sind und ambivalent, wurden. Antwort warte ich bis heute.  n

Nr. 29 / 11.7.2025 DER SPIEGEL 43


BADEN
REPORTER
»Kann ich
da ­reinspringen,
Herr May?«
SPIEGEL: Darf ich in der Stadt
einfach in den Fluss springen?
May: Baden dürfen Sie, wenn es
nicht ausdrücklich verboten
ist, zum Beispiel wegen Schiffs-
verkehrs.
SPIEGEL: Woher weiß ich, ob
das Wasser sauber ist?
May: Grünliche Verfärbungen
und Schlieren sind schon mal ein
schlechtes Zeichen. Das sind
Cyanobakterien. Die produzie-
ren giftige Stoffe. Anderes sieht
man nicht: Medikamentenrück-
stände, Chemie aus Industrie­
abwässern, ungeklärte Abwässer.
SPIEGEL: Wer ist da noch: Welse,
Schwäne, Aale? Sind die für
mich gefährlich?
May: Ein Aal kann einem höchs-
tens einen Schreck einjagen, weil
man ihn für eine Schlange hält,
aber der ist völlig harmlos. Un-
wahrscheinlich, dass man einem
begegnet. Biber tun einem nichts.
Privat

Der Wels kommt auch in Flüssen


vor. Welse können eine Bedro-

Brückenbau, 1970
hung für sich oder ihren Nach-
wuchs sehen, wie auch Schwäne.
Da sollte man Abstand halten.
SPIEGEL: Was ist mit Insekten?
Wasserflöhe, irgendwelche
FAMILIENALBUM Sabine und Volkhard Donner, beide 75, aus Frankfurt (Oder) Parasiten, Wasserzecken, falls
es so etwas gibt?

D as Bild entstand im April 1970 auf der


Baustelle der heute teilweise eingestürzten
Carolabrücke in Dresden. Damals hieß
sie Dr.-Rudolf-Friedrichs-Brücke, nach dem ers-
den Bauarbeitern freundlich aufgenommen und
auch sehr gut verpflegt. Wenige Wochen danach
wurden wir ein Paar.
Wir leben jetzt in der Nähe von Frankfurt
May: Wasserzecken gibt es zum
Glück nicht. Das »Kleinzeug«
muss uns wenig Sorgen machen.
SPIEGEL: Ist nach einem Regen
ten Dresdner Oberbürgermeister nach dem (Oder), aber jedes Mal, wenn wir in Dresden das Wasser sauberer, weil der
Zweiten Weltkrieg, sie wurde nach der Wende waren, sind wir zu »unserer« Brücke gefahren. Regen es verdünnt?
umbenannt. Sie ist ein kleiner Teil unserer Geschichte. May: Nach einem Starkregen
Meine spätere Frau (vorne, Mitte) und ich (mit Nachdem sie eingestürzt war, haben wir manches sollte man in der Stadt gar nicht
Hammer) haben zu dieser Zeit an der Techni- Mal darüber geredet, wie das passieren konnte. baden. Es besteht die Gefahr,
schen Universität Dresden Diplomlehrer Mathe- Es ist ja Stahl verbaut in dem Beton, und schon dass große Mengen Wasser, das
matik und Physik studiert. Wir haben uns in damals, während der Bauarbeiten, muss Feuch- die Kanalisation nicht mehr
unserer Seminargruppe an der Uni kennengelernt tigkeit in die Bauelemente eingedrungen sein. ­aufnehmen kann, Gewässer
und waren dabei, uns zu verlieben. Dadurch wurde ein Prozess in Gang gesetzt, der verunreinigen.
Jedes Jahr im Frühjahr wurde in der DDR über Jahrzehnte hinweg zu Rissbildung und Ver- SPIEGEL: Warum fühlt sich Fluss-
nach sowjetischem Vorbild ein Subbotnik sprödung führte. baden so viel besser an als Bah-
organisiert, abgeleitet vom russischen Subbota, Als wir vor ein paar Tagen wieder in Dres- nenschwimmen im ­Freibad?
was Sonnabend bedeutet. Dabei wurde an den waren, um uns auf einem Eventschiff May: Weil alles fließt. Der
einem Sonnabend im April unentgeltlich ge­ bei lateinamerikanischer Musik zu vergnügen, Mensch liebt die Begegnung
arbeitet. Auch wenn die Teilnahme offiziell konnten wir die traurigen Überreste der Brücke mit der Natur. Es gibt keine
freiwillig war, wurde schon registriert, wer daran ­besichtigen. Da haben wir im Spaß gedacht: ­Regeln. Und ein Gefühl von
teilnahm. Wir haben es besser gemacht als diese Brücke. Freiheit. FHU
An diesem Samstag im April 1971 war unsere Die Brücke ist eingestürzt, aber unsere Be­-
Seminargruppe an der Elbe eingesetzt. Die Brü- ziehung nicht. Wir sind immer noch glücklich Helge May, 62, ist
cke war schon fast fertig und hat uns fasziniert. verheiratet. ­Ingenieur für
Wir hatten die Aufgabe, die abgebaute Holzscha- Aufgezeichnet von Frauke Hunfeld ­Landespflege und
lung zu sortieren und zu stapeln. Chefredakteur des
Philip Scholl

‣ Sie haben auch ein Bild, zu dem Sie uns


Dass wir dabei auch Spaß hatten, ist wohl auf Ihre Geschichte erzählen möchten? Nabu-Magazins
diesem Foto gut zu erkennen. Wir wurden von Schreiben Sie an: familienalbum@[Link] »Naturschutz heute«.

44 DER SPIEGEL Nr. 29 / 11.7.2025


REPORTER

Eltern dürfen laut Artikel 6 des


Grundgesetzes selbst entscheiden,
wie sie ihr Kind erziehen. Der Staat
müsse in weltanschaulichen und reli­

Zu woke im Hort?
giösen Fragen neutral sein, argumen­
tieren die Kläger. Schulen dürften
Werte vermitteln, entgegnet Möhl­
mann. Toleranz gegenüber diversen
Lebensformen gehöre dazu. »Die
EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE Warum ein Elternpaar Flagge steht für den Schutz verschie­
gegen eine selbst gemalte Regenbogenflagge klagt dener Identitäten – Identitäten, die
man sich nicht aussucht«, sagt er.
Die Diskussion dreht sich im Kreis.

E Es irritiere
s ist nur ein Blatt Papier. 29,7 mal Andere waren empört. Ihr Argu­ Es scheint nicht leicht, alle Rechte
42 Zentimeter, Größe DIN A3, ment: Wenn Menschen wegen ihrer miteinander zu vereinbaren. Aber
an einer Pinnwand in einem Kinder, sexuellen Orientierung diskriminiert nach einer Weile Hin und Her stellt
Schulhort in Berlin. Bunt bemalt, in wenn ein werden, dürfe der Staat nicht mit sich heraus: Es geht anscheinend gar
den Farben des Regenbogens. Rot,
Orange, Gelb, Grün, Blau, Indigo und
Mann sich den Händen in den Hosentaschen
­da­stehen und neutraler Beobachter
nicht um das bunte A3-Blatt. Es geht
wohl eher: um Conny.
Violett. Und dann noch Rosa, Hell­ wie eine sein. Zum CSD in München Ende Juni Conny S. ist eine Erzieherin der
blau und Braun. Frau anziehe, ­hisste Markus Söder von der CSU die Hortgruppe, und Conny S. ist trans.
Es ist nicht nur ein Blatt Papier. Flagge vor der Staatskanzlei. Es irritiere Kinder, wenn ein Mann
Es ist ein Symbol: die Regenbogen­-
sagt der Nadine S. trägt an diesem Tag eine sich wie eine Frau mit kurzen Röcken
flagge. Sogar die erweiterte Regen­ ­Anwalt. dunkelblaue Hose, ein Streifenshirt anziehe und Make-up trage, sagt der
bogen­flagge, mit Dreieck und Kreis, und Lackschuhe. Frank S. eine graue Anwalt der Kläger. Eine Mutter habe
für People of Color, trans und inter Weste über einem blauen Hemd mit erzählt, dass ihre Tochter jetzt auf ein­
Menschen. Jetzt ist das bunte Stück hochgekrempelten Ärmeln. Sie wirken mal ein Junge sein wolle, behauptet
aus dem Hort Teil einer Gerichtsakte. entschlossen. Sie blicken ernst. Für sie Nadine S. Das Kind habe angeblich
Nadine und Frank S. betreten geht es um mehr als ein Blatt Papier. gesagt: Conny kann jemand anderes
an einem Mittwoch Ende Juni den Die Vorsitzende Richterin Raut­ sein, also kann ich auch jemand ande­
Plenar­saal des Verwaltungsgerichts gundis Schneidereit projiziert die res sein.
Berlin. Sie sind die Eltern einer Zweit­ selbst gemalte Flagge auf den Moni­ Die Richterin mahnt, dass die
klässlerin, die einen Schulhort im tor, der über den Richtern und Richte­ ­Erzieherin nicht Teil des Prozesses
Berliner Bezirk Treptow-Köpenick rinnen hängt. sei, die Kinder hätten mehrere An­
besucht. In dem Schulhort hängt eine Die Familie hält die Fahne für eine sprechpersonen zur Auswahl im Hort.
Tafel, und an der Tafel, links oben, politische Aussage, vor der sie ihr Aber Conny in Kombination mit der
hängt die selbst gemalte DIN-A3- Kind schützen möchte. Sie sei zu jung. ­Flagge, das ist offenbar zu viel für die
Flagge. Die Eltern fürchten, dass der Sie werde mit Inhalten aus der Sexual­ Kläger. Es beeinflusse Schüler und
Hort ihre Tochter in einen »woken kunde konfrontiert, weil eine Vielzahl Schülerinnen, wenn zugleich eine Re­
Lebensstil« drängt. an Geschlechtern repräsentiert werde. genbogenflagge an der Wand hänge.
Die Eltern möchten, dass das »Die Flagge symbolisiert Toleranz, Familie S. fürchte, dass die Lehrer
A3-Blatt entfernt wird. Die Schule Akzeptanz und Offenheit der Lebens­ und Erzieher einseitig über Trans-
Erweiterte
weigert sich, das Papier abzunehmen. ­Regen­bogenflagge,
form«, sagt der Vertreter der Schul­ Identitäten aufklären.
Monatelang diskutierten sie. Und ka­ Schlagzeile von aufsicht Berlin-Köpenick-Treptow, Ein Richter wendet sich an die
men zu keinem Ergebnis. Dann reich­ [Link] Bernd Möhlmann. ­Eltern: Es gebe zwei Kinder an der
te Familie S. Klage ein. Schule, die sich als trans identifizier­
Die Kammer des Verwaltungs­ ten. Ob es nicht vorstellbar sei, dass
gerichts tagt normalerweise in einem sie sich durch ein solches Symbol
kleinen Saal. Oft geht es hier um Ma­ ­sicherer und geschützter fühlten? Der
thenoten, um Schulplätze, um Nach­ Anwalt hält kurz inne. »Schon mög­
teilsausgleich für einzelne Kinder. lich«, meint er, aber letztlich müss-
Publikum gibt es selten. Heute ist das ten ja nicht nur diese zwei Kinder
anders. Der große Plenarsaal mit sei­ ­geschützt werden, sondern eben auch
nen grauen Stühlen ist gut gefüllt. Mit alle anderen. Wovor, das sagt er nicht.
Jurastudierenden, mit Journalisten. In Schulen sollen Kinder lernen,
Denn der Streit ist kein Kinderkram. Kompromisse zu schließen und
Christoph Hardt / Panama Pictures / IMAGO

Auch die große Politik rang zu- Streit eigenständig zu schlichten. Im


letzt ja um die Bedeutung der Regen­ Zweifel sagt ein Erzieher: Vertragt
bogenflagge. Bundestagspräsidentin euch wieder. In einem Gericht ist das
Julia Klöckner verbot, die Flagge zum oft anders. Hier gibt es ein Urteil.
Berliner Christopher Street Day im Die Klage wird abgewiesen, Fami­
Juli auf dem Reichstagsgebäude zu lie S. muss die Prozesskosten tragen.
hissen. Der Staat habe »neutral« zu Das Gericht sieht die Flagge als »Aus­
sein. Bundeskanzler Friedrich Merz druck von Vielfalt und Gleichheit«,
sprang Klöckner bei und sagte: »Der die trans Personen gemäß dem Schul­
Bundestag ist ja nun kein Zirkuszelt«, gesetz schütze. Nadine und Frank S.
auf dem man »jeden Tag beliebig ir­ überlegen, in Berufung zu gehen.
gendwelche Fahnen« aufhänge. Annika Schultz n

Nr. 29 / 11.7.2025 DER SPIEGEL 45


REPORTER

»Sie
lassen
Raketen
regnen,
Bruder«
Khoshiran / Middle East Images / IMAGO

Rauch über Teheran nach israelischem Angriff am 15. Juni

46 DER SPIEGEL Nr. 29 / 11.7.2025


REPORTER

FAMILIEN Während des Israel- Kiel, und doch sitzen sie während des Kriegs nicht gläubig, »normal«, sagt Radman. In Iran
Nacht für Nacht in ihren Küchen und Schlaf­ aufzuwachsen, fühle sich an, als würde der
Iran-Kriegs bleiben den Exil-Iranern zimmern und lassen die Nachrichten laufen, Staat dich hassen, sagt er. Er erinnert sich, wie
Jiana und Radman nur Chatdienste, starren ins blaue Licht ihrer Bildschirme, von er eines Tages im Park joggen war und die
um mit ihren Verwandten zu einer Eilmeldung zur nächsten – und warten sogenannten Sittenwächter ihn mit zur Wache
auf ein Lebenszeichen, während auf die Städ­ genommen hätten, weil sie seine Shorts zu
kommunizieren. Ihre Nachrichten te ihrer Kindheit Bomben fallen. kurz fanden. Er habe »Tonnen solcher Mo­
zeigen Menschen zwischen Allein in Deutschland leben fast 300.000 mente« erlebt. Irgendwann habe er angefan­
Todesangst und der Hoffnung auf Menschen mit iranischer Migrationsgeschich­ gen, selbst den Staat zu hassen, den »Achund«,
­Befreiung. Von Dialika Neufeld te. Alles, was ihnen bleibt, sind Chats und sagt Radman, das ist Persisch für Geistliche.
Sprachnachrichten auf Telegram und Whats­ Manchmal nennt Radman den Obersten
und Max Polonyi App zwischen ihnen und ihren Familien in ­Führer Irans, Ajatollah Ali Khamenei, auch
Iran. »Achuk«, das ist ein Wortspiel aus »Achund«
Radman: Sind die Leute glücklich über die Jiana und Radman haben dem SPIEGEL und dem persischen Wort für Schwein.
Raketen? Einblick in ihre Nachrichtenverläufe gegeben.
Kaveh: Sie sind glücklich. Jeder sagt: »Gut Sie schreiben mit ihren Brüdern Ali in Tehe­ Sonntag, 15. Juni
gemacht, Israel!« ran und Kaveh in der zentraliranischen Stadt Israel meldet die Zerstörung einer Uran­
WhatsApp-Chat von Samstag, 14. Juni, Schiras. Zwei Familien aus unterschiedlichen anreicherungsanlage in Natans. Iran feuert
einen Tag nach Kriegsbeginn Städten Irans und mit unterschiedlichen poli­ Raketen auf Jerusalem und Tel Aviv. Ali er-
tischen Einstellungen, zwei Sichtweisen auf zählt seiner Schwester Jiana, wie er aus Te-
An einem schwülen Donnerstagmorgen, dem ihr Land. Sie kennen sich nicht. Die eine Fa­ heran flieht.
siebten Tag des Kriegs, als Iran ein Kranken­ milie möchte eine moderne Demokratie, die Ali: Mein Schatz. Ich hab dir gesagt, ich bin
haus in der Wüste Israels mit Raketen be­ andere träumt von einem iranischen König­ zu Hause.
schießt und die israelische Luftwaffe den reich. Was sie eint, sind der Wunsch nach einem (Videos aus dem Auto mit Bränden im Hinter-
Schwerwasserreaktor bei Arak angreift, sitzt freien Iran und die Ablehnung des Regimes. grund)
Radman beim Bäcker eines Einkaufszentrums Seit dem 24. Juni ruhen die Waffen. US- Ali: Guck dir das an. Das ist das Öllager im
einer deutschen Großstadt. Und flüstert etwas Präsident Donald Trump spricht von einem Stadtteil Schahran in Teheran, das getroffen
von Revolution. Zwölftagekrieg. Es klingt, als wäre da etwas wurde Auf dem Rückweg von Mama
Radman ist ein schlanker Mann Anfang zu Ende. Aber das ist es nicht. Für die Iraner nach Hause habe ich das Video aufgenommen.
dreißig, mit gebügeltem Polohemd und fein geht das Elend einfach immer weiter. Und dort ist komplett alles Wohngebiet, und
gestutztem Bart. Er sieht müde aus, er sagt, Die Chats und Sprachnachrichten von Jia­ es sind viele Leute unterwegs. Tante ist auch
er habe die vergangenen Nächte kaum ge­ na und Radman zeigen Tage voller Angst, genau dort, aber ihr geht es gut.
schlafen. Diese Tage seien die größte Chance Verzweiflung und Scham. Aber sie zeigen Jiana: Lösch die Videos von deinem Handy.
auf einen Umsturz in Iran, den seine Gene­ auch Hoffnung auf Freiheit nach 46 Jahren Sie nehmen anscheinend die Handys weg.
ration je erlebt habe. Nie in seinem Leben sei Herrschaft des islamistischen Regimes. Für
die Freiheit in seinem Land für ihn und seine sie und ihre Familien hat der Krieg nicht erst Seit der Krieg ausgebrochen ist, habe sie Herz­
Familie, für »mein ganzes Volk«, sagt Rad­ mit dem israelischen Angriff angefangen. Jia­ rasen, erzählt Jiana. Sie wird es nicht mehr
man, so nah gewesen. Sie müssten jetzt zu­ na sagt: »Die Iraner befinden sich aus meiner los, nicht mit Beruhigungstabletten, nicht mit
sammenhalten, mutig sein. Radman sagt, er Sicht in einem Dauerkriegszustand.« Ablenkung.
könne es spüren. Sogar bis hier, mehr als Ihr kleiner Bruder, das ist Ali. Ali, auf den
4000 Kilometer weit weg, im Exil in einer Samstag, 14. Juni sie aufgepasst hat, als sie Kinder waren, wäh­
deutschen Stadt, die nicht genannt werden Israel mobilisiert Zehntausende Reservisten rend ihre Eltern arbeiteten. Ali, der immer
soll, weil er fürchte, dass seine Familie in Iran und meldet die Tötung von mehr als 20 irani- auch ihr bester Freund gewesen sei. Der jetzt
sonst wegen Hochverrats am Galgen lande. schen Kommandeuren. Kaveh schreibt seinem erwachsen ist und eine kleine Firma mit eini­
Auf seinen Wunsch wurden alle Namen in Bruder Radman in Deutschland. gen Angestellten in Teheran betreibt, der eine
dieser Geschichte geändert. Kaveh: Ich bin völlig fertig. Frau hat, Maryam, und ein Kind. Immer wenn
Auch Jiana will es so. Sie kennt diese Angst. Radman: Wie ist die Lage? sie ihm schreibe und nur ein Haken hinter
Sie sitzt in einem deutschen Café, während Kaveh: Die Raketen fliegen einfach so über ihrer Nachricht erscheine, frage sie sich: Was
ihr Bruder Ali in Teheran versucht, ihre Mut­ uns weg. ist ihm passiert?
ter, seine Frau und seine Tochter in Sicherheit Radman: Das ist nicht gut. Es ist eine Woche nach den ersten Angriffen.
zu bringen, weil die israelische Armee seine Kaveh: Sie haben die Häuser hinterm Berg Jiana sitzt in einem Café und erzählt am Tele­
Stadt angreift. Jiana sagt: »Vielleicht sehe ich getroffen. Sie haben auch Teheran getroffen. fon, wie es ihr und ihrer Familie geht. Sie ist
meine Mutter nicht mehr wieder. Vielleicht Radman: Gehen die Leute immer noch nicht Menschenrechtsaktivistin, Anfang vierzig. Sie
sehe ich meinen Bruder nie mehr.« Sie frage aus ihren Häusern? Wollen die überhaupt, redet schnell und viel an diesem Tag, springt
sich: »Wie werde ich reagieren, wenn ich hier dass sich was ändert? zwischen Politik und persönlicher Verzweif­
im Exil sitze und erfahre, dass der Leichnam Kaveh: Alle zehn Minuten hört man das Ge­ lung, wirkt gleichzeitig müde und aufgebracht.
meines Bruders aus seinem Haus getragen räusch von Raketen und Abwehrsystemen. Sie setzt sich schon lange für die iranische
wird. Oder dass er verschwunden ist?« Die Leute haben Angst. Sie sind zu Hause. Demokratiebewegung ein. Seit 20 Jahren lebt
Es ist, wie es immer ist in den Kriegen die­ Die Straßen sind leer. Nur morgens kommen sie in Deutschland als poli­tische Geflüchtete.
ser Welt. Der Schrecken, den sie mit sich brin­ sie raus, kaufen ein und gehen wieder nach Für den iranischen Staat gelte sie als Spionin,
gen, reicht weit über die Grenzen hinaus. Bis Hause. Die religiösen Führer tun immer noch sagt sie. Wenn sie wieder einreisen würde,
in die Diaspora, bis zu all jenen, die ihr an­ so, als wäre nichts. drohte ihr die Todesstrafe.
gegriffenes Land bereits verlassen haben. Die Sie hat eine Woche hinter sich, in der sie
ihre Eltern, ihre Geschwister und Freunde Radman und Kaveh, die Brüder. Radman ist nicht schlafen konnte, in der sie jede Eil­
zurückgelassen haben, weil sie selbst nicht laut und immer unter Freunden, Kaveh leise meldung verfolgte und stunden-, manchmal
mehr sicher waren, dort, wo sie geboren sind. und oft in der Bibliothek, so beschreibt ihre tagelang auf ein Zeichen von ihrer Familie
Inzwischen sind sie Ärztinnen in Paris, Taxi­ Mutter die beiden. Sie sind zusammen aufge­ wartete. Von ihrer Mama, die bald 70 Jahre
fahrer in Stockholm, Restaurantbetreiber in wachsen, in Zentraliran, nicht arm, nicht reich, alt ist und in Karadsch lebt, einer Stadt nahe

Nr. 29 / 11.7.2025 DER SPIEGEL 47


REPORTER

Teheran. Und Ali, der sich tagelang nicht mel- sie, wisse sie ganz genau, was das Wort Exil
dete, sodass sie sich fragen musste, ob er tot bedeute.
ist. Oder ob doch wieder nur das Internet »Es gab so viele Momente, in denen ich
ausgefallen ist. Dann schickt er ihr plötzlich gedacht habe: Ich möchte bei meinen Leuten
wieder lange Sprachnachrichten: sein.« Die Frau-Leben-Freiheit-Bewegung
von 2022 sei so ein Moment gewesen. Es habe
Ali: Ich habe meine Sachen gepackt und Ma- ihr das Herz gebrochen, nicht vor Ort sein zu
ryam angerufen, damit wir aus der Stadt raus- können, in diesem historischen Moment, als
fahren. Sie hat dann mit ihrer Cousine ge- die Frauen auf der Straße ihre Schleier ver-
sprochen. Sie und ein paar andere haben sich brannten. Jetzt, wo die Raketen fallen, sei es
entschieden mitzukommen. Eine von ihnen auch so, nur viel persönlicher. »Meine Fami-
hat ein Haus in einer anderen Stadt, also sind lie könnte einfach als Kollateralschaden in
wir alle dorthin. Ich habe Maryam um 16 Uhr diesem Krieg getötet werden«, sagt Jiana,
abgeholt. Bis 5 Uhr morgens am nächsten Tag weil sie irgendwo gestanden haben, zur fal-
steckten wir im Verkehr. Insgesamt waren es
16 Stunden für eine Strecke, die normaler-
weise anderthalb Stunden dauert.
»Ali, schen Zeit am falschen Ort.

Jiana: Ali? Bist du da?

Jedes Mal, wenn ihr Bruder ihr schreibe oder wo bist bindung.
Ali: Hallo, meine Liebe. Ich habe keine Ver-

du? Ich
eine Sprachnachricht schicke, müsse er da- Jiana: Wo bist du?
nach sofort alles einseitig löschen, sodass sein Ali: Allen geht es gut. Ich bin mit den Kindern
Handy rein ist, erzählt Jiana. Für den Fall, aus Teheran geflüchtet. Mama habe ich in den

mache mir
dass es zu Durchsuchungen komme. Wegen Norden geschickt, mach dir überhaupt keine

Social Media / REUTERS


der regimekritischen Schriften und Aktivi- Sorgen. Das Internet hat nicht funktioniert.
täten seiner Schwester sei er vom iranischen Jiana: Wie ist eure Lage?

Sorgen«
Geheimdienst angerufen worden, erzählt sie. Ali: Gerade jetzt beschießen sie das Nachbar-
Einige Male hätten sie auch schon bei ihm vor haus von Maryams Mama.
der Tür gestanden. Auch während der Frau- Jiana: Oh nein.
Leben-Freiheit-Bewegung schon: »Was macht Flüchtende auf Teheraner Autobahn Ali: Mach dir keine Sorgen um mich, mir geht
deine Schwester?«, hätten sie ihn gefragt, »sag es gut. Aber ich muss ein Auto finden, um sie
ihr, sie soll aufhören.« Radman: Ich weiß nicht, was ich sagen soll, (seine Schwiegermutter –Red.) rauszuholen.
Sie habe das Gefühl, dass ihr Bruder dem- Bruder. Oder ich muss selbst zurückgehen und sie
nächst festgenommen werde, sagt Jiana. Neu- Kaveh: Teheran ist am Arsch. Sie lassen Ra- holen. Mama ist im Norden angekommen.
lich hätten sie gedroht, sein Kind ins Visier zu keten regnen, Bruder.
nehmen. Schon viele Male habe sie versucht, Sie wolle gar nicht so tun, als hätten sie »rei-
Ali zu überreden, Iran zu verlassen Vor neun Jahren buchte sich Radman ein Flug- ne« Gefühle über die Situation in Iran, sagt
und mit seiner kleinen Familie zu ihr nach ticket nach Europa, die Umstände und wohin Jiana. Sie sei sehr ambivalent, eine Mischung
Deutschland zu kommen, in Sicherheit. Ali genau, das soll aus Sicherheitsgründen nicht aus Hoffnung auf ein Ende des Regimes und
wollte nicht, er konnte nicht, seine Mama zu- in dieser Geschichte stehen. Seitdem lebt Rad- Frustration, sei es darüber, nichts machen zu
rücklassen und sein Leben. Vielleicht werde man in Deutschland, seitdem hat er seinen können. Angst. Und sehr viel Trauer um die
er das noch mal überdenken müssen, sagt Jia- Bruder Kaveh zurückgelassen, Vater und Menschen in Iran. Nicht nur wegen der Atta-
na. Der Staat gehe jetzt, im Krieg, noch stärker Mutter und alles, was er kannte, um hier als cken, sondern wegen ihrer allgemeinen Le-
gegen die eigene Bevölkerung vor. Es ist wie Barista Espresso zu brauen und Burger zu benswirklichkeit. Schon vor dem israelischen
ein doppelter Krieg, von innen und von außen. braten, Mindestlohn, zwei Tage hier, zwei Angriff war es schlimm. Unterdrückung und
Tage da. Er komme so über die Runden, sagt Einschüchterung gehören in Iran zum Alltag,
Radman schickt ein Bild. Auf dem Bild fragt Radman, und natürlich sei er Deutschland seit Jahrzehnten. Im vergangenen Jahr wur-
ein Mann am Telefon: »Was ist los?« – Ant- dankbar für das Leben in Schutz und Freiheit. den fast 1000 Menschen hingerichtet – die
wort: »Ach, nichts! Israel fickt nur den Geist- Aber was er eigentlich wolle, sei ein freies höchste Zahl seit Jahren. Politische Gefange-
lichen in den Arsch.« Iran, die »Befreiung vom Achuk«, zurück ne füllen die Gefängnisse. Und spätestens seit
Kaveh: nach Hause. Jetzt, wo der Umbruch spürbar dem Tod von Jina Mahsa Amini, die im Jahr
Kaveh: Letzte Nacht haben sie viel angegrif- sei, eine Revolution, sitzt er hier beim deut- 2022 von der Sittenpolizei verhaftet wurde
fen. Israel bombardiert die ganze Zeit. schen Bäcker, wo es Café Latte gibt und sich und kurze Zeit später starb, weiß die Welt:
Radman: Weißt du, was sie getroffen haben? Frauen mit H&M-Tüten unterm Arm über die Schon die falsche Kleidung kann größte Ge-
Kaveh: Hier ist das Internet schwach, keiner Hitze beschweren. fahr bedeuten.
weiß, was passiert. Er sei verzweifelt, sagt Radman. Krank vor Manchmal, in ihren Träumen von einem
(Bild von Kaveh mit Raketen über Garten) Angst um seine Familie, schlaflos vor Hoff- freien Iran, kehre sie zurück in die Stadt ihrer
Kaveh: Guck dir die Rakete an. Die Leute nung. Sein Handy lässt er nie aus den Augen. Kindheit, am Kaspischen Meer, in das Haus
haben solche Angst. Heute haben sie die »Kaveh schreibt«, sagt Radman. ihrer Großmutter, erzählt Jiana. Sie denke
Autobahn getroffen. Es wurde richtig laut, daran, wie sie den kleinen Weg zum Strand
richtig schlimm. Die Kriegssituation ist wirk- Montag, 16. Juni laufe, den sie als Kind immer gegangen sei,
lich total beschissen. Israels Premierminister Benjamin Netanyahu ihre Mutter koche Fisch, mit Kräutern gefüllt,
Radman: Möge Gott selbst euch beschützen. ruft alle Bewohner Teherans zur Flucht auf. zum Abendessen. Und sie seien alle wieder
Pass auf dich auf. Ich hoffe, ich sehe euch bald Ali hat schlechtes Netz, Kaveh Angst. zusammen, eine normale Familie.
in einem freien Iran, Bruder. Vor einigen Jahren sei ihr Vater gestorben,
Kaveh: Ganz bald. Freie Iraner, alle glücklich erzählt Jiana. Ein Mann, der früher Holly- Kaveh: Wir haben Flugabwehr von vor
zusammen. woodfilme in die Wohnung der Familie 100 Jahren. Sie schießen blind. Seit zwei Stun-
Kaveh: Man weiß tagsüber nicht, wo sie zu- schmuggelte. Sie konnte nicht da sein, als er den feuern sie schon, sie machen Teheran platt
schlagen, nachts auch nicht, wo sie treffen. starb, und ihn verabschieden. Seitdem, sagt wie Beirut. Wenn irgendetwas vorbeifliegt,

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REPORTER

schießen die auch darauf, als würden sie auf Jiana sagt, sie sei so sauer gewesen in dem der deutsche Botschafter in Iran einbestellt.
Tauben schießen. Bruder, ich habe Angst. Moment, als es hieß, die Teheraner sollten Jiana und Radman erreichen ihre Brüder nicht.
Radman: Ja. die Stadt verlassen. »Wie denn?«, fragt sie. 12.13 Uhr, Jiana: Ali, sag bitte, wie es dir geht!
Kaveh: Die Explosionen hören gar nicht mehr Sie kenne unzählige Leute, die zehn oder 12.47 Uhr: canceled call
auf. mehr Stunden im Stau gestanden hätten. Vie- 12.47 Uhr: missed call
Radman: Schießen sie immer noch? le ihrer Bekannten hätten sich dann entschie- 12.48 Uhr: canceled call
Kaveh: Ja. den, doch in Teheran zu bleiben. Einer Stadt,
Radman: Sind alle zu Hause? in der es keine Schutzräume gibt. Und wenn Mit dem Gefühl von Selbstmitleid komme sie
Kaveh: Ja, Bruder. der iranische Staat dann sage, die Leute soll- nicht gut aus, sagt Jiana. Immer, wenn ihre
ten sich in Schulen, in Museen oder in U-Bah- Mutter in der Vergangenheit am Telefon ge-
Wenn man die Bomben nicht höre, sagt Rad- nen sammeln, dann trauen die Menschen dem weint habe, weil sie ihre einzige Tochter ans
man, wenn man einen Krieg von weit weg nicht, sagt Jiana: Das Regime könnte sie dort Exil verloren hat, habe sie zu ihr gesagt:
verfolge, kämen einem die seltsamsten Ge- selbst attackieren. Oder sie als menschliche »Mama, es gibt Leute, die hingerichtet wur-
danken. »Scham«, sagt er. Darüber, wie wehr- Schutzschilde nutzen. »Ein Menschenleben den. Deren Kinder mit 16 auf der Straße er-
los sein Land gegenüber den Israelis sei, wie ist in diesem Regime nicht viel wert«, sagt mordet wurden – komm schon.« Und man
schwach. Wie schnell der Luftraum über Te- Jiana. Jetzt seien die Teheraner Straßen leer. ahnt in diesem Moment, dass Jiana über die
heran erobert wurde und wie wenig die Re- Die Teheraner Wohnungen aber seien es nicht. Jahre eine gewisse Härte ihren Gefühlen
volutionswächter dem entgegenzusetzen hat- gegenüber entwickeln musste, um nicht am
ten. Vielleicht sei das ein Trick des Gehirns, Kaveh: Wir sind zu Hause. Freie Iraner. Exil kaputtzugehen. Exil bedeutet Sicherheit,
um die Angst zu überdecken, Scham und Wut. Radman: Bruder, seid ihr bereit für einen lan- Einsamkeit bedeutet es vermutlich auch.
»Stell dir vor, deine Familie wird bombar- desweiten Aufstand? Der Sturz ist sicher. In In diesen Tagen aber lassen sie sich nicht
diert und ist dann 24 Stunden offline«, sagt ein paar Tagen. Es lebe Iran, lang lebe der so leicht wegdrücken, die Gefühle: Sie sei hier
Radman. Dann schweigt er. Schah! in Deutschland auf der Straße unterwegs und
Kaveh: Unser Iran wird wiederaufgebaut. Es sehe die fröhlichen Großstadt-Hipster und
Dienstag, 17. Juni lebe Iran. Lang lebe der Schah! wie das Leben einfach so weitergeht. Und ihr
Donald Trump schreibt auf Truth Social: »Jeder werde klar: Sie gehöre nicht dazu, wie ein
sollte Teheran sofort verlassen.« Friedrich Merz Der Schah, das ist für sie Reza Pahlavi, 64, Fremdkörper. Sie frage sich: Was mache ich
sagt: »Das ist die Drecksarbeit, die Israel macht Sohn des letzten Schahs, Mohammad Reza hier? Und: Warum kann ich nicht einfach eine
für uns alle.« Um 12.14 Uhr schickt Ali an Jia- Pahlavi. Er lebt seit der Iranischen Revolution, Lisa aus Oldenburg sein? Ich könnte ein schö-
na eine Sprachnachricht von seiner Flucht: die 1978 ausbrach, im Exil, heute in den USA. nes Leben haben. Aber ich bin Jiana aus Iran.
Ali: Alles ist unklar, niemand weiß, was pas- Für Radman und Kaveh ist er der berechtigte
siert. Viele sind praktisch obdachlos. Auf dem Thronfolger Irans, der Mann, den sie regieren Radman: Wie ist die Lage? Bruder?! Wie ist
Weg (raus aus Teheran –Red.) haben wir Leu- sehen wollen. Für viele andere Iranerinnen die Lage?!
te gesehen, die mit Zelten unterwegs waren. und Iraner, wie auch Jiana, ist er politisch ir-
Das Problem ist, dass wir überhaupt nicht relevant, ein grauhaariger Mann mit Werten In Radmans Einkaufszentrum gibt es eine
wissen, was aus unserer Arbeit und unserem von gestern. Jiana sagt, sie wünsche sich De- Evakuierung, es piept, und eine Computer-
Leben wird. Ich weiß nicht, ob nach meiner mokratie statt Monarchie. Beide, alle vier, stimme sagt immer wieder: »Bleiben Sie ruhig,
Rückkehr noch etwas von meiner Werkstatt, wünschen sich ein freies Iran. und verlassen Sie das Gebäude.« Radman
all den Maschinen und den ganzen Investi- lacht und sagt, das sei fast wie zu Hause in
tionen übrig ist – oder von meinem Leben. Mittwoch, 18. Juni Iran. Er schaut sich um, nach drei Minuten
Die Eltern von Maryam wohnen direkt neben Ajatollah Khamenei, der geistliche Führer darf er sich wieder setzen. Fehlalarm.
dem Haus, das gestern zweimal getroffen Irans, schreibt auf X: »Wir werden gegenüber Meist sieht man ihm die Angst nicht an, er
wurde. Wir hatten Glück, dass sie am Leben den Zionisten keine Gnade walten lassen.« ist ein höflicher Mann, heiter und klar. Aber
sind. Alles ist zerstört. Wegen Merz’ »Drecksarbeit«-Äußerung wird es braucht viele Treffen, bis er einem vertraut.
Er lebt seit knapp neun Jahren in Deutschland,

»Mein Schatz ...


er hat eine Freundin und etwas Geld, er sagt,
er habe viele Freunde. Aber bei jedem Treffen
fragt er, ob man andere Iraner kenne und ih-

das ist das Öllager


nen von ihm erzähle. Er traut keinem Über-
setzerbüro, und wenn er Persisch auf der
Straße hört, hört er auf zu reden. Er fragt, ob

im Stadtteil
es beim SPIEGEL andere Iraner gebe, die ihn
ans Regime verpfeifen könnten. Man fragt
sich, was ein Staat tun muss, um seine Bürger

Schahran in
so in Angst zu versetzen.
Er wolle gleich zum Sport, sagt er, danach
zur Barista-Schicht. Seit der Krieg begonnen

Teheran, das hat, besuche Radman jede Demonstration


gegen islamistische Führer in seiner Umge-
bung, solange es die Schichtarbeit erlaube.

getroffen wurde Er hält Kontakt mit seinen Freunden in Iran,


Majid Asgaripour / REUTERS

sie schicken ihm Handyfotos von Explosio-


nen, die sie aus dem Wohnzimmerfenster

...«
aufgenommen haben, und schreiben: »Bru-
der, bei Gott, amerikanische Raketen sind
über unser Haus geflogen. Ich habe es ge-
nossen.« Manche schreiben, dass sie müde
Feuer nach israelischem Angriff in Teheran seien angesichts der Situation in ihrem Land,

Nr. 29 / 11.7.2025 DER SPIEGEL 49


REPORTER

dass sie sich nicht einmal mehr auf ihren Ge- kann.« Allein dieser Gedanke sei ein bisschen
burtstag freuten und ihnen inzwischen alles beruhigend. Auf der anderen Seite seien die
egal sei. Attacken für sie zutiefst beunruhigend. Sie
Seit seiner Flucht vor neun Jahren habe es mache sich Gedanken über Radioaktivität.
keinen Tag gegeben, an dem er seinen Bruder Schon vorher hätten die Leute, die im Um-
nicht vermisst habe, seine Familie und sein kreis von 30, 40 Kilometern der Anlagen le-
Land. Die blühenden Gärten seiner Heimat- ben, aufpassen müssen, was sie noch essen
stadt, den Duft der Brote auf dem Basar. Er oder trinken dürften. Zu viele Fälle von
sei Patriot, sagt Radman, und dies sei der Mo- Krebserkrankungen gebe es ohnehin schon.
ment, aufzustehen, bevor die Chance ver- Auch ihr Vater sei an Krebs gestorben.
fliege. Aber Radman kann nicht aufstehen, er Was Jiana beschreibt, ist im Grunde das
ist hier.

Donnerstag, 19. Juni


»Ich hoffe, große Paradox dieses Kriegs: Viele Menschen
fürchten die Angriffe, weil sie sie töten könn-
ten. Viele Menschen freuen sich über die
Israels Präsident Herzog lobt Kanzler Merz
nach seinem »Drecksarbeit«-Spruch für seine ich sehe ­Angriffe, weil sie das Regime schwächen
könnten – und sie befreien.

euch bald
»moralische Klarheit«. Iran beschießt das So- Doch stattdessen wird dieser Krieg, der in
roka-Krankenhaus in Israel. Kein Netz in Iran. den Alltag von Jiana und Ali, von Radman
Sie sei wahnsinnig wütend, sagt Jiana. So- und Kaveh eingebrochen ist, zwei Tage später,

in einem
wohl auf die eigene Opposition, weil sie so nach zwölf Tagen, enden. Mit einer Waffen-

Sobhan Farajvan / SIPA / action press


schwach sei, als auch auf die europäischen ruhe, erklärt von Donald Trump. Alle Seiten
Staaten wie Deutschland, Großbritannien, werden sich zum Sieger erklären. Netanyahu

freien Iran,
Frankreich. »Wir Aktivistinnen haben damals wird von einem »historischen Sieg« sprechen;
schon gesagt, dass, wenn die Frau-Leben-Frei- Ajatollah Khamenei dem »lieben Iran« für
heit-Bewegung nicht massiv unterstützt wer- seinen großen Sieg über die USA danken. Die

Bruder«
de und damit die Demokratiebewegung in Menschenrechtsorganisation Human Rights
Iran, dass es dann zu einem Krieg kommen Activists wird in Iran 1054 Tote und rund
könne in der Region. »Was können wir tun?« 4500 Verletzte zählen. Und es wird kommen,
Das sei damals immer die Frage der Politiker Unterstützerinnen des Regimes in Teheran
was Jiana schon vorher befürchtet hat: »Der
gewesen. »Sie hätten jede Menge tun können Staat wird sich an seiner eigenen Bevölkerung
in der Zeit«, sagt Jiana. mich nur mit Mühe verbinden. Uns geht’s gut, rächen, an all jenen, die Hoffnung hatten, als
ich bin aus der Stadt rausgekommen, bin die Generäle getötet wurden.«
Freitag, 20. Juni Richtung Karadsch und jetzt in den Norden Gleich in den ersten Tagen der Waffen-
Im Genfer Hotel Intercontinental treffen sich gefahren. Wie geht es dir? ruhe werden iranische Nachrichtenportale
die Außenminister Deutschlands, Frankreichs, Jiana: Ich würde sterben für dich. Wo bist du? von mehr als 700 Festnahmen seit Kriegs-
Großbritanniens mit Irans Außenminister Ab- Bist du in Rascht? beginn berichten, Menschenrechtsorganisa-
bas Araghchi. Trump sagt, Europa werde nicht Ali: Mein Plan ist, nach Rascht zu fahren. Ich tionen gehen von deutlich mehr aus. In Urmia
in der Lage sein, in diesem Fall zu helfen. Rad- bin hierhergekommen, um die Sachen von wird das Regime drei Männer wegen angeb-
man und Jiana erreichen niemanden mehr. Maryams Eltern mitzunehmen. licher Spionage hängen. Ali wird nach Tehe-
17.02 Uhr, Radman: Bruder?!! Jiana: Ich küsse dich. ran zurückkehren und schon ein paar Tage
16.45 Uhr, Jiana: Ali, wo bist du? Ich mache Ali: Die Israelis sagen, sie greifen Orte an, wo später wieder Besuch vom Geheimdienst be-
mir Sorgen. keine Anwohner sind. Aber die Anwohner kommen. Es sehe aus, sagt Jiana, als müsse
hier wissen genau, dass das Gebäude, das in ihr Bruder bald das Land verlassen. Die ein-
Das Internet ist tot und das Herzrasen wieder Gischa getroffen wurde, das Haus der Mutter zige Chance, die sie jetzt noch für einen Sturz
da. Es sei doch für die Menschen essenziell, meines Freundes war. Gott sei Dank war die des Regimes sehe, sagt sie, sei, dass die De-
die Warnungen von der israelischen Armee Mutter in Ramsar. mokratiebewegung massiv vom Ausland
zu bekommen, sagt Jiana. Zu erfahren, wel- unterstützt werde, und zwar jetzt.
che Stadtteile attackiert werden. Ihre Mutter Sonntag, 22. Juni Es ist zu Ende. Aber vorbei ist es nicht.
habe sie vorgestern zum letzten Mal direkt Die USA bombardieren die Atomanlagen For-
angerufen, aus dem Ort, wo Ali sie hinge- do, Isfahan und Natans mit bunkerbrechenden Montag, 23. Juni
schickt hat, unweit der Stadt Rascht. Sie dach- Bomben. Donald Trump schreibt auf Truth Iran beschießt den amerikanischen Luftwaf-
ten, dort wäre es sicher. Ihre Mama habe am Social: »MIGA! (Make Iran Great Again)« fenstützpunkt Udeid in Katar. Radman hört
Telefon gesagt: »Ich lebe noch. Ich bin jetzt Jiana, 21.01 Uhr: Ali, wo bist du? vorerst zum letzten Mal von seinem Bruder.
mit deinen Tanten zusammen. Wir sind alle Kaveh: Wir fliehen morgen. Ich bin mir sicher,
in einem Raum. Keine Sorge: Ich lebe.« Kurz Als die Eilmeldung kommt, dass Trump »eine dass dieser Krieg auch ein Bodenkrieg wird.
nach ihrem Gespräch wurde Rascht attackiert. volle Ladung Bomben« abgeworfen hat, ist Radman: Bleib ruhig. Das islamische Regime
Seitdem: nichts. Jiana in einem Diskussionsforum auf der ist am Ende. Sorgt für eure Sicherheit.
Plattform X zu Gast. Auch einige Freunde Kaveh: Okay, Bruder.
Samstag, 21. Juni von ihr sind dabei, so erzählt sie es. Gerade Radman: Bleibt von militärischen Einrichtun-
Israel greift eine Nuklearanlage in Isfahan an. hätten sie über die iranische Opposition dis- gen fern. Das Land ist schon lange nicht mehr
Iran meldet die Festnahme 22 mutmaßlicher kutiert, darüber, wie lahm sie sei und wie un- lebendig. Sei bereit für den Zusammenbruch
israelischer Spione und mindestens 430 Tote fähig, in dieser akuten Lage zu reagieren. des Regimes.
seit Beginn des Kriegs. Das Uno-Flüchtlings- »Und dann kommen die USA, attackieren Kaveh: Es gibt Hoffnung.
hilfswerk UNHCR warnt vor einer Flüchtlings- und gehen einfach – alles innerhalb weniger Radman: Ja, Bruder, es gibt Hoffnung.
krise. Nach drei Tagen bekommt Jiana endlich Minuten«, sagt Jiana. Kaveh: Wir bauen Iran wieder auf.
Nachricht von ihrem Bruder. Einerseits habe sie sich in diesem Moment Radman: Passt auf euch auf. Mein Herz ist bei
Ali: Hallo, meine Liebe, wie geht’s dir? Wir gefreut: »Es gibt also doch noch eine Macht, euch. Es lebe Iran.
hatten überhaupt kein Internet, ich konnte die das Regime von der Atombombe abhalten Kaveh:  n

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REPORTER

Da das private Autofahren weit­


gehend verboten ist, wird der öffent­
liche Nahverkehr, so der Plan, zügig
und umfangreich ausgebaut. Geld war
in Berlin ja noch nie ein Problem. Im

Kutsche, bitte!
Moment ist es oft schon kompliziert,
mit dem Nahverkehr den Berliner
Flughafen zügig zu erreichen. Klima­
technisch ist das aber total gut. Wer
nicht hinkommt, kann nicht fliegen.
ALLES GUTSCH Über Berlin und die Idee einer autofreien Innenstadt Touristisch würde es sich unbe­
dingt lohnen, eine autofreie Innen­
stadt, größer als Manhattan, zu ha­

Z
um Berliner Brauchtum zählt ben. Alle kommen mal gucken. So
es, in regelmäßigen Abständen wie früher mit der Berliner Mauer.
einen Volksentscheid durch­ Vor allem die Chinesen. Zu Hause
zuführen. Warum, weiß ich nicht, sitzen sie in selbstfahrenden, umwelt­
­obwohl ich Ur-Berliner bin und freundlichen E-Autos, KI-gesteuert.
schon mein Ur-Ur-Großvater in die­ In Berlin sehen sie ein putziges Fahr­
ser Stadt verweilte. Ob mein Urahn zeug, das sie an das Shanghai um
zu den ersten Berliner Automobilis­ 1880 erinnert. Was ist das? »Ein Las­
ten ­zählte, entzieht sich leider mei­ tenrad!«, ruft stolz der Berliner.
ner Kenntnis. Ich habe eine Wohnung in der In­
Ja, ich fahre Auto. Ich bin ein nenstadt und eine Datsche auf dem

Illustration: Mario Wagner / DER SPIEGEL


Autofahrender. Ich bin aber auch Land. Aufs Land fahre ich mit dem
Radfahrender. Ich bin öffentlicher Auto, ich benötige gut eine Stunde.
Nahverkehr-Nutzender. Ich bin Ge­ Mit den öffentlichen Verkehrsmitteln
hender. Was ich aus Gründen sprach­ bräuchte ich einen halben Tag, vo­
licher Schönheit ebenfalls gern wäre: rausgesetzt, ich laufe die letzten sie­
schneeschuhlaufender Freikörperkul­ ben Kilometer zu Fuß. Das ist die
turschaffender mit einem Blitzablei­ deutsche Nahverkehrsrealität in der
tenden auf dem Hausdach. sogenannten Fläche, kurz vor Berlin.
Fahre ich mit dem Auto durch Ber­ Es gibt zwei Dinge, die ich am gut
lin, sage ich mir, dass ich es genießen gemeinten Umweltaktivismus einfach
muss. Wer weiß, wie lange ich noch bitte!«, und der stolze Kutscher rückt nicht begreife. Zum einen: dass er so
herumfahre. Dabei bin ich kein Ge­ sein Monokel zurecht und winkt mit gestrig wirkt. Der Moderne entrückt.
nussfahrer. Ich fahre aus rein prakti­ seinem Zylinder – das gefällt mir. Wer ernsthaft an das Fahrrad als städ­
schen Gründen. Im Auto belästigt Auf der Website der »Initiative tisches Verkehrsmittel der Zukunft
einen niemand mit strengen Gerü­ Berlin autofrei« gibt es zwei große glaubt, ist im Herzen ein Reaktionär.
chen, außer man selbst, und die all­ Bilder. Das eine zeigt eine Straße mit Zum anderen: wie wenig der Umwelt­
tägliche Berliner Durchsage »Schie­ Autos. Das Bild ist in trübem Schwarz- aktivismus den Menschen zugewandt
nenersatzverkehr!« gibt’s auch nicht. Weiß gehalten, die Menschen rufen: ist. Dieser Verzichtsglaube. Die aller­
Dafür schätze ich das Auto. »Was für ein Lärm!« und »Puh, das meisten Leute entscheiden sich aber,
Die »Initiative Berlin autofrei« stinkt!« Das andere Bild zeigt die­ denn so tickt der Mensch seit Ewig­
möchte in einem Volksentscheid bald selbe Straße ohne Autos. Das Bild ist keiten, am Ende für das schnellere, be­
darüber abstimmen lassen, ob Berlin bunt, und die Rufe lauten: »So viele quemere Verkehrsmittel. Man nennt
autofrei wird. Also nicht ganz. Alle glückliche Menschen!« und »Ganz das auch: Fortschritt. Aus dem gleichen
Straßen innerhalb des S-Bahn-Rings unverschmutzte Äpfel!« Grund nutzen wir heute Smartphones.
bis auf die Bundesstraßen sollen zu Ich dachte: Ideologisch schlichter Und die Telefonzelle ist ausgestorben.
»autoreduzierten Straßen« werden. hätte es die AfD auch nicht hinbe­ Ich bin Berliner. Ich mache mir
Insgesamt ist das eine Fläche, größer kommen. Das Ziel, »ganz unver­ ­keine Illusionen. Der Volksentscheid
als Manhattan. Ausnahmen soll es für schmutzte Äpfel« zu essen, ist natür­ wird erfolgreich sein. Nicht weil eine
Menschen mit Behinderung, Polizei, lich ein gutes. Dafür betritt man einen autofreie Innenstadt, größer als Man­
Rettungsdienst, Feuerwehr, Müllab­ Super- oder Biomarkt. Man kann ihn hattan, sinnvoll wäre. Darum geht es
fuhr, Taxen, Busse und Lieferverkehr schon heute emissionsfrei mit dem in Berlin aber nie. Hier herrscht die
geben. Fahrrad erreichen. schöne Haltung, dass man Sinnvolles
In Paragraf 3 Absatz 1 Nr. 4c des Auf der Website las ich, dass gefälligst in München, Hamburg oder
Gesetzentwurfs lese ich, dass das Fah­ alle Berliner »bis zu zwölfmal im anderen Provinzstädten tun soll.
ren »anderer Kraftfahrzeuge mit elek­ Jahr« die Möglichkeit haben sollen, Vielleicht bekomme ich eine Auto-
trischem Antrieb und einer bauart­ ein Auto privat zu nutzen. »Die Sondernutzungserlaubnis. Wegen der
bedingten Höchstgeschwindigkeit ­Sondererlaubnis für den entsprechen­ Behinderung, die ich mir noch aus­
von nicht mehr als 20 Kilometer in den Tag kann unkompliziert und Ideologisch denken muss. Oder ich kaufe einen
der Stunde oder Kutschen« weiterhin schnell online abgerufen werden.« Hubschrauber. Über Hubschrauber
möglich sein soll. Die Vorstellung, dass man bei einer schlichter steht nichts im Gesetzentwurf, oder?
Berlin war immer auch Kutschen­ Berliner Verwaltung etwas unkom­ hätte es die Um mein Auto glaubhaft als Kutsche
stadt. Schon vor 100 Jahren. Die Vor­ pliziert und schnell online abrufen zu tarnen, fehlen mir leider die hand­
stellung, künftig auf die Straße zu kann, hat mich fast zu Tränen ge­ AfD auch nicht werklichen Fähigkeiten.
treten, zu winken, zu rufen: »Kutsche rührt. hinbekommen. Jochen-Martin Gutsch n

Nr. 29 / 11.7.2025 DER SPIEGEL 51


WIRTSCHAFT

ABBfoto / picture alliance


Klingbeil mit
Zollbeamten

Klingbeil hält an »Prinzengarde« fest


SICHERHEIT Früher spottete die SPD, dass bewaffnete Zöllner den Finanzminister bewachen. Doch
Lars Klingbeil setzt die Praxis seines Vorvorgängers fort. Zugleich verspricht er dem Zoll mehr Kompetenzen.

B undesfinanzminister Lars Klingbeil


(SPD) will seinen Dienstsitz weiter
von bewaffneten Zöllnern bewachen
lassen. Der Zoll habe den Objektschutz des
wichtigere Aufgaben wie den Kampf gegen
Organisierte Kriminalität. Mittlerweile haben
Arbeitnehmervertreter sich mit dem neuen
Job abgefunden, fordern aber eine bessere
soll, etwa durch besseren Datenaustausch mit
anderen Behörden. Damit komme die FKS
»auf Augenhöhe mit anderen Ermittlungs­
bereichen«. Das Gesetz gehe in die richtige
Detlev-Rohwedder-Hauses zum 1. April rechtliche Grundlage. »Die gesetzlich erfor- Richtung, sagt Buckenhofer. Im Kampf gegen
2024 im Rahmen einer bis zu zweijährigen derlichen Befugnisse der Zollbeamten sind Kriminalität brauche der Zoll aber eine stär-
Pilotphase übernommen, sagt ein Ministe- bis heute nicht geregelt«, sagt Frank Bucken- kere polizeiliche Ausrichtung und Ausrüs-
riumssprecher. »Eine Evaluierung wird zu hofer, Vorsitzender der Bezirksgruppe Zoll tung. »Es ist etwas anderes, ob man Steuern
gegebener Zeit vorgenommen.« bei der Gewerkschaft der Polizei und SPD- eintreibt und Betriebe prüft oder sehr gut
Die Bewachung war unter Klingbeils Vor- Mitglied. »Im Ernstfall sind sie auf Unter­ organisierte Verbrecher jagt.«
vorgänger Christian Lindner (FDP) auf den stützung durch die Polizei angewiesen.« Im Klingbeil kündigte zudem an, die Auf­
Zoll verlagert worden, zuvor oblag diese Finanzministerium wird derweil beteuert, bewahrungsfristen für Buchungsbelege
Aufgabe wie in den meisten Ministerien Klingbeil mache den Kampf gegen Steuerbe- und Rechnungen wieder von acht auf zehn
einem privaten Sicherheitsdienst. Aus Kling- trug, Schwarzarbeit und ­Finanzkriminalität ­Jahre zu verlängern. Das soll verhindern,
beils eigener Partei kam damals Spott zu einem »Schwerpunkt seiner Arbeit«. Mit dass mögliche Beweise in Steuerverfahren
über die »Prinzengarde« für Lindner. Abge­ anderen Ressorts wird derzeit ein Gesetz vorzeitig vernichtet werden. Lindner hatte
ordnete und Gewerkschafter warnten, die ­abgestimmt, das die beim Zoll angesiedelte die Fristen verkürzen lassen, als Beitrag
Beamten fehlten dem unterbesetzten Zoll für Finanzkontrolle Schwarzarbeit (FKS) stärken zum Bürokratieabbau. DAB

52 DER SPIEGEL Nr. 29 / 11.7.2025


Von China abgehängt anteile an ihre chinesischen Kon­ Luxus in Luxemburg Wohnen mit ein, relativieren sich
kurrenten. Das Joint Venture die hohen US-Gehälter. Wer ein
AUTOINDUSTRIE Die Rabatt­ zwischen dem VW-Konzern GEHÄLTER In den Schweizer Apartment mit einem Zimmer
schlacht auf dem weltgrößten und dem chinesischen Herstel­ Großstädten Genf und Zürich mitten in der Stadt mieten möch­
Automarkt China ergreift auch ler FAW ist im Absatzranking verdienen die Menschen im te, muss in New York mehr als
internationale Hersteller. in der Volksrepublik vom ersten Schnitt weltweit am meisten, 4100 Dollar kalt pro Monat zah­
Joint Ventures zwischen west­ Platz im Jahr 2022 auf den gefolgt von den Metropolen len. Die deutschen Städte haben
lichen und chinesischen Marken ­dritten Platz im ersten Quartal San Francisco, Luxemburg und geringere Mieten. Berlin, wo der
boten im ersten Quartal 2025 2025 abgerutscht. Auf Platz ­Boston. Das ist das Ergebnis ­Anstieg zuletzt extrem war, ran­
im Schnitt stärkere Preisnach­ eins und zwei stehen nun die einer Studie der Deutschen Bank giert im Vergleich mit den an­
lässe (24 Prozent) als rein lokale chinesischen Konzerne BYD auf Basis der Daten des Statistik­ deren 68 untersuchten Städten
Anbieter (10 Prozent). Das und Geely. Noch stärker ist der portals Numbeo. Die Autoren auf Platz 33. Eine Einzimmer­
zeigt eine Analyse der Unter­ Rückstand der westlichen haben sich 69 Städte vorgenom­ wohnung in der Innenstadt kostet
nehmensberatung Boston ­Marken bei den E-Autos. Dort men, die für die ­Finanzwelt rele­ umgerechnet rund 1400 Dollar
­Consulting Group (BCG). Das be­herrschen BYD, Geely und vant sind, drei davon in Deutsch­ Kaltmiete im Monat. Dafür
Ergebnis überrascht: In der der chinesische Anbieter Wu­ land: Berlin, München und sind die Nebenkosten hochge­
Branche hatte bislang der Ein­ ling 45 Prozent des Markts. Ein Frankfurt. Die Mainmetropole schnellt. Am höchsten liegen sie
druck geherrscht, vor allem deutscher Hersteller taucht in kommt auf ein durchschnittliches in München: 400 Dollar pro Mo­
­chinesische Autobauer würden den Top Ten nicht auf. Zwar Gehalt nach Steuern von umge­ nat für eine Dreizimmerwohnung
den Preiskrieg anheizen – mit rechnen viele Beobachter mit rechnet 4512 Dollar (Platz 10 mit 85 Quadratmetern. Das Prak­
Überkapazitäten und Niedrig­ einer Marktbereinigung. Chine­ weltweit), München auf 3905 tische an Luxemburg: Man ver­
preisen. Laut Analyse geraten sische Hersteller jedoch, die Dollar (Platz 18). Berlin landet dient viel und zahlt ­wenig fürs
deutsche und amerikanische den ruinösen Preiskampf über­ mit 3565 Dollar auf Platz 24. Wohnen. In Sachen Lebensquali­
Wettbewerber jedoch besonders leben, »werden gestärkt daraus Rechnet man die Kosten fürs tät ist die Stadt Spitzenreiter. GT
unter Druck. Im schwachen hervorgehen«, sagt BCG-Auto­
Umfeld verlieren sie Markt­ experte Albert Waas. SH Städteranking
Durchschnittliches Monatsgehalt*, in US-Dollar 2020 2025
0 4000 8000
Bewerber im Vorteil Mangel an Fach- und Arbeits­ 1. Genf 6376 7984
kräften. Mehr als die Hälfte der 2. Zürich 6839 7788
ARBEITSMARKT Menschen, die Befragten antwortete, es sei vor 3. San Francisco 7092 7931
Arbeit suchen, haben in Einstel­ allem der Personalmangel, nur 4. Luxemburg 4435 6156
lungsgesprächen tendenziell die 9 Prozent finden Stellenabbau 5. Boston 5179 5940
besseren Chancen, ihre Interes­ wichtiger. 20 Prozent gewichten …
sen durchzusetzen. Das ergab beide Themen etwa gleich, 10. Frankfurt a. M. 3308 4512
eine Umfrage des Münchner ifo- 19 Prozent würden keines von …
Instituts und der Zeitarbeitsfirma beiden in den Vordergrund stel­ 18. München 3291 3905
Randstad unter 638 Personal­ len. Besonders stark gesucht …
verantwortlichen in deutschen würden Kräfte mit abgeschlosse­ 24. Berlin 2669 3565
Unternehmen. Demnach sehen ner Berufsausbildung, sagen …
11 Prozent der Teilnehmer den 77 Prozent der Personaler. Doch S Quellen: Deutsche Bank Research Institute, Numbeo * nach Steuern


Arbeitgeber aktuell im Vorteil, selbst bei Hilfskräften beklagen


49 Prozent die Arbeitnehmer. 22 Prozent einen »sehr starken«
40 Prozent halten die Kräftever­ oder »eher starken« Mangel. Auf Ende des Solarbooms Strompreisen sei auch die Nach­
hältnisse für ausgewogen. Zur absehbare Zeit scheint auch frage nach Solaranlagen deut­
stärkeren Verhandlungsposition künst­liche Intelligenz die Lage ENERGIE Hausbesitzer in lich abgekühlt. Zudem ist im
der Arbeitnehmer trägt offenbar der Firmen nicht zu verbessern. Deutschland installieren in die­ ­Februar ein Gesetz in Kraft ge­
eine große Nachfrage nach Fach­ 72 Prozent gehen davon aus, sem Jahr deutlich weniger treten, wonach Betreiber neuer
kräften bei. Gefragt wurde unter dass es bei ihnen in den nächsten ­Solaranlagen als in den Vorjah­ Photovoltaikanlagen keine Ver­
anderem, was bei der Personal­ drei Jahren zu keinem Stellen­ ren. Im ersten Halbjahr gingen gütung mehr für Strommengen
planung derzeit die größere Rolle aufbau oder -abbau durch den ­private Photovoltaikanlagen erhalten, die sie in Phasen eines
spiele: Stellenabbau oder der Einsatz von KI kommt. MAMK mit einer Gesamtleistung von Überangebots ins öffentliche
647 Megawatt neu in Betrieb, Netz einspeisen. Trotz der ver­
zeigen Zahlen der Bundesnetz­ änderten Bedingungen können
agentur. Das sind 55 Prozent private Solaranlagen allerdings
weniger als im Vorjahreszeit­ lukrativ sein, zeigen Berechnun­
raum, wobei Nachmeldungen gen des Dresdner Anbieters So­
für den Juni noch möglich sind. larwatt. Ein Vierpersonenhaus­
Die Auswertung betrachtet ty­ halt könne etwa 80 Prozent
pische Eigenheim-Dachanlagen ­seines jährlichen Strombedarfs
mit einer Maximalleistung von selbst decken, wenn er über
Rainer Berg / DEEPOL / plainpicture

drei bis zehn Kilowatt (kW). eine Photovoltaikanlage mit


Der Bundesverband des Solar­ einer Maximalleistung von zehn
handwerks (bdsh) sieht den Kilowatt und einen Batterie­
Boom von Photovoltaik auf Pri­ speicher verfügt. Damit spare
vathäusern infolge der Energie­ der Haushalt bei gängigen Prei­
Vorstellungsgespräch preiskrise 2022 als beendet sen rund 1400 Euro pro Jahr an
an. Mit den wieder gesunkenen Stromkosten. BEM

Nr. 29 / 11.7.2025 DER SPIEGEL 53


WIRTSCHAFT

Ministerin Reiche

Die
Anti-Habeck
KARRIEREN Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche
will wieder für Wachstum in Deutschland sorgen.
Die Ex-Energiemanagerin setzt aufs Erdgas. Ums Klima
sollen sich andere kümmern.

Chris Emil Janßen / IMAGO


K
atherina Reiche hat offenbar ein Optimismus auch in den Unternehmen zu Für fossile Energiequellen wie Erdgas, aber
­Lieblingswort. Es lautet: gewinnen. sorgen. Wirtschaft besteht zu einem großen auch für die Atomkraft hat die Ministerin da-
Die Bundeswirtschafts- und -energie­ Teil aus Psychologie. gegen eine ausgeprägte Vorliebe. Und so stellt
ministerin bringt es in auffällig vielen Sätzen Das Problem ist nur, dass Katherina Reiche sich bereits jetzt die Frage, was Katherina
unter. möglicherweise mit veralteten Rezepten ge- ­Reiche umtreibt.
Als sie in dieser Woche in der Berliner CDU- winnen will. Nach ihren ersten Wochen im Es war ein Überraschungscoup, als Bundes­
Parteizentrale neben Generalsekretär Carsten Amt macht sich der Eindruck breit, die neue kanzler Friedrich Merz Reiche im Mai in sein
Linnemann vor die Presse trat, um eine Bilanz Ministerin arbeite an einer Art Rolle rück- Kabinett holte. Eine Frau aus der Wirtschaft,
der ersten zwei Monate der schwarz-roten wärts. Managerin, Ex-Verbandschefin, Unterneh-
Koa­lition zu ziehen, da wirkte es, als nähme Ausgerechnet jetzt, da technologische, geo- mertochter aus dem Osten, die zugleich über
sie an einem Spiel teil, in dem das Wort mög- politische und gesellschaftliche Umbrüche Erfahrung in der Politik verfügt. Eine, die eine
lichst oft ausgesprochen werden muss. viele Beschäftigte und Firmenchefs zutiefst Ahnung davon haben könnte, wie ein Betrieb
»Wir wollen gewinnen, und wir müssen verun­sichern, steht an der Spitze des Wirt­ tickt. Ganz anders möglicherweise als ihr
wie­der gewinnen«, sagte sie. Und: »Gewinnen schaftsres­sorts eine Frau, die über eine hohe fach­fremder Amtsvorgänger Robert Habeck,
muss wieder Spaß machen.« Es gehe darum, Intelligenz, großen Fleiß und noch größeren wie Manager und Lobbyisten schwärmten.
Wettbewerbsfähigkeit zurückzugewinnen, Ehrgeiz verfügt, wie aktuelle und ehemalige Bevor sie ins Ministeramt wechselte, war
Wachstum zurückzugewinnen und den Willen Kollegen ihr attestieren. Und die zugleich ein Reiche Vorstandsvorsitzende der Westenergie
»zum Erfolg und zur Führungsstärke«, natür- großes Maß an Opportunismus mitbringt in Essen, einer Tochtergesellschaft des [Link]-
lich, zurückzugewinnen. und eine offenbar tief sitzende Abneigung Konzerns, die im großen Stil regionale Strom-
Der Auftritt passte zu einer Politikerin, die gegen alles, was nach grüner Politik aussehen und Gasnetze betreibt. Davor arbeitete sie
von Amts wegen dafür zuständig ist, für mehr könnte. als Hauptgeschäftsführerin des Verbands

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WIRTSCHAFT

kommunaler Unternehmen (VKU), der knapp dessen zu tun, was wir tatsächlich erreichen früheren Ampelkoalition. Damit sei nun
1600 Firmen vertritt – auch darunter sind können.« Schluss. Der Zubau werde künftig »netzorien-
Betreiber von Strom- und Gasnetzen. Reiche hatte sich Ende Juni beim Berliner tiert und nicht mehr umgekehrt« geschehen,
Nicht nur ihr Gehalt, laut unbestätigten »Tag der Industrie« eine »Harmonisierung« sagte Reiche, und je länger sie sprach, desto
Berichten 50.000 Euro monatlich, hatte für der deutschen mit den internationalen Klima- mehr gestikulierte sie. Ins Visier nehmen will
Aufsehen gesorgt, als sie 2015 aus der Politik zielen gewünscht. Gemeint war Deutschlands sie auch »diejenigen, die vom Erneuerbaren-
auf diesen Posten wechselte. Reiche war da- gesetzlich festgelegte Selbstverpflichtung, bis Sys­tem profitieren«. Man werde »den Busi-
mals Parlamentarische Staatssekretärin im 2045 klimaneutral zu sein, während die EU ness-Case noch mal nach unten bringen«.
Bundesverkehrsministerium – und ließ sich und die Weltgemeinschaft erst 2050 so weit Reiche hat einen Punkt, wenn sie kritisiert,
exakt an jenem Tag auf den VKU-Posten wäh- sein wollen. dass der Netzausbau dem Ausbau der Er­
len, an dem das Bundeskabinett ein Gesetz Das brachte Reiche Ärger mit Umwelt­ neuerbaren nicht hinterherkommt. Allerdings
beschloss, das in einem solchen Fall eine Ka- minister Schneider ein. »Die Klimaziele blei- klang es, als wollte sie das Geschäftsmodell
renzzeit von mindestens einem Jahr vorsah. ben bestehen«, sagte der SPD-Politiker. Es einer ganzen Branche torpedieren. Ein Minis­
Für die Wirtschaft zählt heute vor allem werde mit ihm keine »erratischen Kehrtwen- teriumssprecher stellte auf Nachfrage klar,
Reiches Energieexpertise. »Mit Frau Reiche den in Grundsatzentscheidungen« geben. Reiche wolle lediglich Verschwendung bei
als Wirtschaftsministerin sind wir happy«, Ende Mai hatte sich Reiche bei einem EU- Förderung eindämmen und Stromerzeuger
sagt Helena Ballreich vom Deutschen Verein Ministertreffen dafür ausgesprochen, Atom- dazu bringen, systemdienlich zu investieren.
des Gas- und Wasserfaches. »Sie kennt die strom in der EU als emissionsarm einzustu- Die Erneuerbaren sollen bis zum Jahr
Sorgen und Nöte unserer Branche.« Siemens- fen. Schneider tat das als »Privatmeinung« 2030 ganze 41 Prozent des gesamten Energie­
Energy-Chef Christian Bruch sagte im SPIE- ab. Mitte Juni traf sich Reiche in Luxemburg verbrauchs Deutschlands decken – so wollen
GEL -Gespräch: »Ich finde es hilfreich, dass lieber mit ihren Kollegen aus den Atomkraft- es die entsprechende Verordnung der EU und
eine Wirtschaftsministerin die Unternehmens­ staaten als mit den »Freunden der Erneuer­ der Nationale Energie- und Klimaplan. Doch
welt kennt und die komplizierte Energiewirt- ba­ren«. »Deutschland hat nicht da­ran teilge­ 2024 lag der Anteil erst bei 22,4 Prozent, zu-
schaft versteht.« nommen«, giftete Schneider. »Es ist eine Ein­ letzt kletterte er um weniger als einen Pro-
Allerdings liegt der Eindruck nahe, dass zelentscheidung meiner Ministerinkollegin.« zentpunkt pro Jahr. Um 2030 bei 41 Prozent
Reiche die Sorgen und Nöte der Industrie Mit dem Ausbau der erneuerbaren Ener- anzukommen, müsste sich das Tempo in etwa
vielleicht etwas zu gut versteht – und sich gien, einem Lieblingsprojekt ihres grünen vervierfachen.
wenig Mühe gibt, das zu verbergen. Amts­vorgängers, hadert Reiche. Geht es um Um das zu schaffen, setze man »die Be-
Mit dem Regierungswechsel wurde das dieses Thema, kann die Ministerin, die sonst schleunigungs- und Steuerungsmaßnahmen
Ministerium für Wirtschaft und Klimaschutz kontrolliert, mitunter beinahe roboterhaft der EU weiter unter Hochdruck um«, erklärt
(BMWK) wieder in das für Wirtschaft und spricht, in Wallung geraten. »Dass die Sonne der Ministeriumssprecher. Derzeit finde die
Energie (BMWE) umbenannt, und Reiche keine Rechnung schickt«, sei ein Satz, der »so Abstimmung mit den anderen Ressorts statt.
verhält sich entsprechend. Intern soll sie nach bekloppt wie simpel« sei, echauffierte sich Aus Ministeriumskreisen heißt es, dass noch
Angaben von Insidern klargemacht haben: die CDU-Politikerin vor Industrievertretern. diese Woche mit einem Abschluss des Ver-
Klimaschutz interessiere nicht mehr vorran- »So was kann man sich wirklich nur ausden- fahrens im Bundestag zu rechnen ist.
gig, dafür sei jetzt das Umweltministerium ken, wenn man von Energie nichts versteht.« Kritiker befürchten dagegen, dass der Aus-
unter SPD-Mann Carsten Schneider zustän- Der Zubau von erneuerbaren Energien bau der Erneuerbaren an Schwung verliert,
dig. Wichtig sei, dass die Wirtschaft wachse. habe »zu massivem Netzausbau« und ho- sollte Reiche ihre Pläne umsetzen. Kürzlich
Im September 2009, Reiche war damals hen Netzentgelten geführt, dozierte Reiche. hat ihr Ministerium den Auftrag für den
stellvertretende Unionsfraktionschefin, klang Schuld sei ein »völlig unrealistisches« und ­sogenannten Monitoringbericht zum Stand
sie noch ganz anders. »Wir wollen unseren »völlig überzogenes Erneuerbaren-Ziel« der der Energiewende vergeben. Lobbyisten der
Kindern eine saubere und intakte Umwelt Deutschen Umwelthilfe und auch die Grü-
hinterlassen«, hatte die dreifache Mutter in nen fürchten, dass Reiche das Gutachten als
einem Video von »[Link]« gesagt. »Mit der Schleppender Ausbau Grundlage nutzen könnte, den künftigen Be-
Natur lässt sich auch schwer verhandeln.« darf für erneuerbare Energie kleinzurechnen.
Deshalb wolle man die erneuerbaren Ener- Anteil erneuerbarer Energien am Bruttoend- Den Vorwurf könne man »nicht nachvollzie-
energieverbrauch* in Deutschland
gien ausbauen. »Das heißt nicht nur neue hen«, heißt es dazu aus dem Ministerium.
Technologien, sondern auch mehr Arbeits- 40 %
Dass Reiche den Ausbau der Sonnen- und
41,0
plätze«, schwärmte Reiche. Windenergie künftig an den – mitunter über-
Aktueller Zielpfad der Bundes-
Solche Worte passten damals zum Zeitgeist regierung laut Nationalem
forderten – Stromnetzen ausrichten will statt
und zur CDU, deren Vorsitzende Angela Mer- 30 Energie- und Klimaplan umgekehrt, sei »absurd«, sagt Grünenpoliti-
kel »Klimakanzlerin« genannt wurde. Reiche (NECP)** ker Andreas Audretsch. »Frau Reiche hat
sagte, was die Chefin hören wollte. Später nicht verstanden, dass wir uns in einem glo-
sagte sie, was ihre Arbeitgeber aus der Ener- 20 22,4 balen Machtkampf um die Technologieführer-
giebranche hören wollten. Jetzt, nach ihrer schaft im 21. Jahrhundert befinden.« China
Rückkehr in die Politik, sagt sie offenbar, was 18,0 und andere asiatische Länder hätten das be-
Friedrich Merz hören will. 10
griffen und handelten entsprechend. »Mit der
Was das ist, machte der Bundeskanzler Rückbesinnung aufs Gas verwandelt Frau
­vergangene Woche in einem Fernsehinterview Reiche Deutschland in ein Industriemuseum«,
deutlich. Ob die aktuelle Hitzewelle ein Zei- 6,2 so Audretsch.
0
chen des Klimawandels sei, wollte TV-Mode­ Martin Kaul, Hauptgeschäftsführer der
2005 2010 2015 2020 2025 2030
ratorin Sandra Maischberger wissen. »Ist zum Wirtschaftsvereinigung der Grünen, sieht es
Teil richtig, aber sicherlich nicht ausschließ- * gemäß EU-Richtline 2009/28/EG (RED I) und so: »Wer am Ziel der Klimaneutralität dreht,
lich«, antwortete Merz, der damit mal eben ab 2021 gemäß EU-RL (EU) 2018/2001 (RED II) egal ob rauf oder runter, schadet der Planungs­
** Zielwert 2020 laut Erneuerbare-Energien-
die wissenschaftliche Faktenlage anzweifelte. Richtlinie (RED I), Zielwert 2030 nach Nationa- sicherheit, die Unternehmen brauchen.«
Was er davon halte, dass seine Wirtschafts- lem Energie- und Klimaplan (NECP), August Auf heftige Kritik aus Teilen der Wirtschaft
ministerin das Klimaziel 2045 infrage stelle? 2024 stößt, dass die Bundesregierung die Strom-
»Hat etwas mit der realistischen Einschätzung S Quelle: UBA steuer nur für die Industrie und die Landwirt-


Nr. 29 / 11.7.2025 DER SPIEGEL 55


WIRTSCHAFT

schaft senken will – nicht aber, wie im Koali- Reiche setzt auch auf Gas, um die Strom- klar, ob sie bis zum Ende dieses Jahres die
tionsvertrag versprochen, auch für Verbrau- versorgung gegen sogenannte Dunkelflau- ersten Gaskraftwerke ausschreiben kann. Die
cher. Es war Reiche, die in die Offensive ging ten – Zeiten, in denen weder Windkraft- noch Gespräche innerhalb der Bundesregierung
und das Wahlversprechen bei einem Auftritt Solaranlagen Strom liefern – abzusichern. und mit der EU-Kommission dauerten an,
vom Tisch wischte. »Hier trifft dann sozusa- Bis 2030 will sie Gaskraftwerke mit einer heißt es aus Reiches Haus.
gen Koalitionsvertrag auf finanzielle Möglich- Gesamtkapazität von mindestens 20 Gigawatt Dieses Haus wird sie brauchen, um ihre
keit und Wirklichkeit«, beschied sie. schaffen, was 20 bis 40 Anlagen entspricht. Vorstellungen umzusetzen. Doch das könnte
Allerdings machen hohe Stromkosten auch Teure Überkapazitäten, die Reiche bei schwierig werden, wie Reiche beim »Tag der
Wärmepumpen und Elektroautos weniger ­erneuerbaren Energien anprangert, scheint Industrie« freimütig einräumte. Es werde ei-
attraktiv. sie beim Gas nicht zu fürchten – obwohl nige Zeit dauern, bis sie »den Laden gedreht«
Reiche setzt unterdessen unverdrossen ­In­dustrie­verbände davor warnen. Auch Sie- habe.
aufs Erdgas. Kürzlich gab die Bundesregie- mens-Energy-Chef Bruch gibt zu bedenken, Dabei fing alles so vielversprechend an.
rung grünes Licht für die Förderung vor der dass der künftige Bedarf an Gaskraftwerken Als Habeck die Amtsgeschäfte an Reiche
Nordseeinsel Borkum. »Das stärkt nicht nur unklar sei. »Niemand kann heute seriös sagen, übergab, lobte sie ihren Vorgänger für eine
die Versorgungssicherheit unserer Nachbarn, wie viel wir im Jahr 2035 benötigen.« »fast übermenschliche Leistung« nach Russ-
sondern auch den europäischen Gasmarkt – Die Vorgängerregierung plante nur mit lands Überfall auf die Ukraine. Mittlerweile
und damit uns«, sagte sie. Die Grünen, die 12,5 Gigawatt – und schon das konnte sie aber vergeht kaum ein öffentlicher Auftritt
sich schon jetzt freudig an Reiche abarbeiten, nur mit Mühe gegen die beihilferechtlichen Reiches, bei dem sie nicht gegen Habecks
waren entsetzt. Solche Bohrungen seien »völ- Bedenken der EU-Kommission durchsetzen. Politik stichelt.
lig aus der Zeit gefallen«, sagt Julia Verlinden, Mehr hat auch Reiche bisher nicht durch­ Auch personell vollzog sie im Ministerium
Vizechefin der Grünen-Bundestagsfraktion. bekommen. Inzwischen ist nicht einmal mehr einen harten Schnitt, einige Mitarbeiter sa-
Sie will das Vorhaben mit einem Antrag im gen: überhart. Sie entließ drei Staatssekre­täre
Bundestag stoppen. * Und Kulturstaatsminister Wolfram Weimer (M.). und degradierte den vierten. Mehrere Abtei­
lungsleiterinnen und -leiter, von denen man-
che schon den Ministern Sigmar Gabriel
(SPD) und Peter Altmaier (CDU) gedient
hatten, mussten ebenfalls gehen.
Auch wenn solche Entscheidungen bei
einem Regierungswechsel nicht unüblich
sind, ist die Stimmung im Haus finster. »Für
gute Laune hat das alles nicht gesorgt«, sagt
ein ehemaliger Ministeriumsbeamter. Dass
die neuen Abteilungsleiter allesamt von au­ßen
kamen, »zeigt, was Frau Reiche vom Haus
hält«, sagt ein anderer. Es macht die Verbin-
dung zu ihren Beamten nicht einfacher, dass
Reiche als eigen und stets etwas distanziert
Bernd Weißbrod / dpa / picture alliance

gilt, wie einer sagt, der sie schon lange kennt.


Die 51-Jährige liest sich mit enormer
­Akri­bie in Themen ein – was manche darauf
­zurückführen, dass sie als Diplomchemikerin
die Dinge bis ins Detail verstehen wolle.
Interviews gibt sie nur wenige, mit dem
­S PIEGEL wollte sie auf Anfrage bislang nicht
sprechen.
Kritiker vermuten hinter Reiches Detail-
versessenheit auch Verunsicherung. Sie wisse,
dass sie als Wirtschaftsministerin nur zweite
oder gar dritte Wahl war, nachdem zunächst
die CDU-Schwergewichte Jens Spahn und
Casten Linnemann für den Job gehandelt
worden waren. Deshalb wolle Reiche sich
jetzt keine Blöße geben.
Dieser Wunsch reicht offenbar bis ins
­Privatleben. Spätestens seit 2023 gab es Ge-
rüchte, dass Reiche mit dem früheren CSU-
Politiker Karl-Theodor zu Guttenberg liiert
sei. Das private Detail ist heute von Interesse,
weil Guttenberg vor Jahren selbst einmal
Bundeswirtschaftsminister war. Und damit
einer von Reiches Amtsvorgängern.
An dem Tag, als Reiches Nominierung
Florian Gaer tner / IMAGO

zur Ministerin bekannt wurde, machte das


»Traum­paar der Politik« (»Stern«) bekannt,
dass es schon »seit geraumer Zeit« eine Be­
zie­hung führt. Per Anwaltsschreiben an die
Deutsche Presse-Agentur.
Gaskraftwerkturbine, Kanzler Merz mit Ministerin Reiche*: Sagen, was der Chef hören will Markus Becker, Benedikt Müller-Arnold n

56 DER SPIEGEL Nr. 29 / 11.7.2025


WIRTSCHAFT

Angeklagter Schuhbeck ausgemergelt. Am ersten Prozesstag bestä­


tigten seine Anwälte, was über die Boulevard­
presse durchgesickert war: Schuhbeck hat
Krebs, der Tumor habe die Lymphknoten
befallen. Der 76-Jährige ist so krank, dass er
derzeit nicht im Gefängnis sein muss, wo er
seit Sommer 2023 saß. Es ist fraglich, ob er
jemals dorthin zurückkehrt.
Schuhbeck war 2022 verurteilt worden,
weil er 2,3 Millionen Euro Steuern hinterzo­
gen hatte, indem er mithilfe eines Computer­
programms Geld aus seinen Restaurants ver­
schwinden ließ. Die Richterin bescheinigte
ihm damals eine »hohe kriminelle Energie«.
Kurz bevor er seine Haft antrat, wurde seine
Privatinsolvenz bekannt.
Nun steht ein Mann vor Gericht, der alles
verloren hat und das nicht mehr verbergen
kann. Anders als vor drei Jahren. Damals
nutzte Schuhbeck den Gerichtssaal als Bühne,
versprühte Witz und Charme. Er erklärte der
Richterin, warum Ingwer Knoblauchgeruch
absorbiere und dass Kurkuma den Gehirn­
stoffwechsel anrege, fast wie einst in seinen
Kochsendungen.
Peter Kneffel / dpa

Diesmal bleiben die heiteren Momente


aus. Schuhbeck blickt oft ins Leere, scheint
abwesend. Die Kulisse wirkt, als hätte man
sie seinem Status angepasst. Im Juli 2022 wur­
de noch im Münchner Justizpalast verhandelt,
einem neobarocken Prachtbau. Der jetzige
Prozess findet statt in einem sanierungsbe­

Guter Koch, lausiger


dürftigen Siebzigerjahre-Betonklotz.
Zwei Stunden lang referiert Staatsanwältin
Stephanie Bachmeier an einem Dienstag Ende

Geschäftsmann
Juni die Vorwürfe. Schuhbeck schaut kurz in
die Anklageschrift, die vor seinem Anwalt auf
dem Tisch liegt, atmet tief ein, aus und sieht
aus dem Fenster. Nach gut einer Stunde ru­
ckelt er auf dem Stuhl, verzieht das Gesicht,
INSOLVENZEN Der schwer kranke Alfons Schuhbeck steht erneut als habe er Schmerzen. Der Richter fragt zwi­
schendurch, ob er eine Pause brauche. Schuh­
vor Gericht. Es geht um Betrugsvorwürfe und beck verneint.
die Frage, warum der Starkoch sich selbst zu Fall gebracht hat. Später verliest er eine Art Lebensbeichte.
Schuhbeck räumt die verschleppten Insolven­
zen und den Betrug mit Coronahilfen ein. Er

U
m die Trümmer seines Lebenswerks zu Südtiroler Stuben, Schuhbecks Vorzeigeres­ habe sich übernommen und den Überblick
besichtigen, braucht Alfons Schuhbeck taurant. An der Tür pappt ein roter Michelin- verloren. Schon vor 2020 habe er erkannt,
nur vor die Tür zu treten, aufs Platzl, Aufkleber von 2018. Bis 2017 hatte das Res­ dass die Einnahmen in seinen Firmen nicht
eine der bekanntesten Münchner Adressen. taurant einen Stern. mehr ausreichten. Er habe den Betrieb auf­
Sie ist gesäumt von Bürgerhäusern, die teils Früher, vor seiner Insolvenz, zeigte Schuh­ rechterhalten wollen. Gönner hätten »groß­
aus dem Barock und der Renaissance stam­ beck sich gern. In seinen Lokalen spazierte zügig geholfen, aber es hat nicht gereicht«.
men. In einem davon lebt Schuhbeck bis heu­ er in weißer Kochuniform von Tisch zu Tisch Schuhbeck bittet um Entschuldigung, zu­
te. Hier war sein Reich, verteilt auf mehrere und machte seine Honneurs. Heute vermeidet gleich stellt er seine Misere als eine Art Schick­
Gebäude. »König vom Platzl« nannten sie er es, gesehen zu werden. Er gehe eher auf sal dar. »Das Leben hat mich weit nach oben
ihn, er hatte ja selbst immer etwas Barockes. die Straße, wenn wenig los sei, heißt es in geführt und nun wieder ganz nach unten«, sagt
Nun steht das Platzl symbolhaft für den Nie­ seinem Umfeld. Etwa spätabends oder früh­ er. »Rückblickend war es wie in einem
dergang des Starkochs. morgens. Außer er müsse zum Arzt. Oder vor Schwungrad.« Ganz oben habe es ihn »wieder
Wo Schuhbeck das Orlando betrieb, unter­ Gericht. ausgespuckt«. Insolvenz anmelden, »das konn­
halb seiner Wohnung, hat ein anderer Gastro­ Dort muss Schuhbeck sich wegen Insol­ te ich einfach nicht«. Nun sei er vermögenslos,
nom das Sagen, das Lokal heißt jetzt Ornella. venzverschleppung und Betrugs verantwor­ habe weder Einnahmen noch Rücklagen fürs
Schuhbecks Eissalon, einen Eingang weiter, ten. Er soll einen insgesamt sechsstelligen Alter. Doch er wolle den Schaden wiedergut­
steht leer. Von der alten Herrlichkeit zeugt eine Betrag an Coronahilfen erschlichen haben. machen. In der Haft habe er ein Kochbuch
Tafel mit dem Satz »Appetit ist die Luxus­ Es geht auch um die Frage, wie der Starkoch geschrieben, ein zweites sei fast fertig. Die Ein­
ausgabe des Hungers«, man kann sie durch sich selbst ruinierte und wie er sich in seinen nahmen sollen an seine Gläubiger fließen.
die Scheiben sehen. Finanzen verhedderte. Schuhbeck erscheint Am zweiten Prozesstag eine Woche später
Vor dem Haus gegenüber stehen rote Con­ zu den Verhandlungen im Anzug, mit Ein­ muss Schuhbeck in einen kleineren Saal wei­
tainer mit Bauschutt. Hier befanden sich die stecktuch. Er sieht fahl aus und schmal, fast chen. Den größeren benötigt das Gericht für

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WIRTSCHAFT

ein Verfahren gegen mutmaßliche Anlage­ Eine Mitarbeiterin der Staatsanwaltschaft Geboren wurde er als Alfons Karg im
betrüger. tritt als Zeugin auf. Sie berichtet, wie 30.000 Chiemgau als Sohn eines Postlers. Als Teen­
Monoton liest Schuhbeck vom Blatt ab. Euro staatliche Coronahilfen auf einem Kon­ ager war er Frontmann in einer Band. Einer,
Er könne seinem Beruf nicht mehr nach­ to von Schuhbecks Orlando eingingen. Wenig der mit ihm musizierte, nannte ihn später in
gehen, beziehe eine monatliche Rente von später tauchten rund 29.000 Euro auf dem einer TV-Doku den »Mick Jagger von Traun­
1138,76 Euro. Die Kosten für die Krankenver­ Konto einer anderen Schuhbeck-Firma auf. stein«. Bei einem Auftritt lernte er den kin­
sicherung übernehme sein Bruder. Mit der Schuhbeck schaut meist auf seine Hände oder derlosen Sebastian Schuhbeck kennen, der in
Miete, 4800 Euro warm, sei er im Rückstand. starrt auf den Tisch, während die Frau spricht. Waging am See das Kurhausstüberl betrieb.
Freunde unterstützten ihn, doch das Geld Damals, als sein Imperium zusammen­ Dieser Schuhbeck brachte den jungen Karg
langt offenbar nicht. brach, machte er andere verantwortlich. Ge­ nicht nur dazu, Koch zu werden, sondern
Schuhbeck nutzt die Erklärung dafür, sei­ rüchte, dass es bei ihm schlechter laufe, tat er adop­tierte ihn auch. Die Eltern mussten sich
nen Aufstieg aus einfachen Verhältnissen zu als Neid und üble Nachrede ab. »Pleite, Mil­ damit arrangieren.
schildern. Er sei mit harter Hand erzogen lionenschulden – alles ein Schmarrn«, ließ er Mit dem neuen Namen wurde die Figur
worden, habe nicht studieren dürfen, weil sich im Januar 2020 zitieren. »Vom Stangerl Alfons Schuhbeck erschaffen. Küchenphilo­
seine Eltern ein Haus gebaut hätten. Eine Aus­ haut es nur alle anderen.« Als im folgenden soph, Dampfplauderer. Einer, der aus allem
bildung zum Fernmeldetechniker habe er ab­ Jahr bekannt wurde, dass seine Restaurants etwas zaubert. Dem alles zu gelingen scheint.
gebrochen. und der Partyservice pleite sind, wies er dem Schuhbecks erste Tat war, dass er das Kur­
Schuhbeck erzählt von seinen Lehrjahren Staat die Schuld zu: Der habe Coronahilfen hausstüberl zum Gourmetrestaurant ummo­
als Koch in London und Paris. Er habe sein nicht überwiesen. delte. Seine höhere Bestimmung fand er nach
Auto auf dem Prachtboulevard Champs-Ély­ Was er angerichtet hatte, gab Schuhbeck seinem Umzug in die bayerische Landes­
sées geparkt und ohne Französischkenntnisse nur scheibchenweise zu. In seinem Geständ­ hauptstadt.
gute Restaurants abgeklappert, um seine Fer­ nis sagte er 2022: »Ich habe mir, meinen Dort wurde er zu einer jener märchenhaf­
tigkeiten zu verbessern. Ein deutschsprachi­ Freunden und Bekannten und auch meinen ten Gestalten, wie sie nur München hervor­
ger Koch aus dem Elsass habe ihn genommen. Verteidigern bis zuletzt etwas vorgemacht, bringt. Wer etwas gelten wollte, ließ sich die
In die Küche der Münchner Legende weil ich nicht wahrhaben wollte, dass ich Haare bei Gerhard Meir machen, kaufte
Eckart Witzigmann habe er es später ge­ unternehmerisch gescheitert bin.« Mode bei Rudolph Moshammer, aß bei
schafft, indem er sich unter die Freizeitkicker Wo das ganze Geld geblieben sei, könne Schuhbeck, und Michael Graeter von der
aus dessen Restaurant Aubergine schmuggel­ er sich nicht erklären. Er habe finanzielle Lö­ »Abendzeitung« berichtete darüber. Meister
te. Als er einen Elfmeter von Witzigmann cher gestopft und seine Kinder unterstützt, der Illusion waren sie alle.
hielt, sei der sauer gewesen. Danach habe er um ihnen das Studium zu ermöglichen, das Dass es sich um eine Kunstwelt handelte,
ihm einen Job angeboten. er selbst nicht habe absolvieren können. schien ihm bewusst zu sein. Seine Lebens­
Schuhbeck, das Schlitzohr. Und Schuh­ Warum er es so weit kommen ließ, bleibt gefährtin und die drei Kinder schützte er vor
beck, der Workaholic. Er habe 35 Jahre lang bis heute ein Rätsel. Ähnlich wie der Mensch der Öffentlichkeit. »Ich finde, die haben mit
keinen Urlaub gemacht. Sein Motto: »Gas Schuhbeck. dem Leben hier nix zu tun«, sagte er in einem
geben, sonst bin ich keiner.« Er selbst hat an seiner Legende gestrickt. Interview. Es war ein Leben, mit dem keiner
Als es darum geht, wie er die Finanzen in »Ich bin eine Kampfmaschine, ein Gladiator«, Schritt halten konnte.
seinem weitläufigen Firmengeflecht verwaltet hat er einmal gesagt. »Hinfallen ist keine Morgens flog Schuhbeck nach Hamburg
hat, werden seine Einlassungen spärlicher. Schande, nur liegen bleiben.« Mit Mitte fünf­ zu TV-Aufzeichnungen, abends zurück, dann
Schuhbeck spricht von einem »Pool«, in den zig ließ er sich beim Gewichtestemmen vom ging er in seine Lokale. Manchmal tauchte er
Einnahmen geflossen seien. Sein Steuerbera­ Bayerischen Rundfunk filmen. Stolz zeigte er bei der Dinnershow auf, die seinen Namen
ter habe ihm gesagt, welche Zahlungen zu seinen nackten Oberkörper mit den antrai­ trug, und sang einen Song von Johnny Cash
tätigen seien. Er habe darauf gehört, selbst nierten Muskeln. Seit dem 13. Lebensjahr oder Frank Sinatra. Sport trieb er nachts. Drei
aber keine Überweisungen getätigt. Den habe er sich »immer gewünscht, einen ande­ Stunden Schlaf, dann weiter von vorn. Schuh­
Steuerberater kann man nicht befragen, er ren Körper zu haben«, sagte Schuhbeck. Auch beck bekochte Staatsgäste und den FC Bayern
lebt nicht mehr. sonst tat er viel, um ein anderer zu werden. München, war sich aber nicht zu schade, sei­
Ingo Otto / FUNKE Foto Ser vices
Lindenthaler / IMAGO

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58 DER SPIEGEL Nr. 29 / 11.7.2025


WIRTSCHAFT

nen Namen für Fertigessen und McDonald’s- uns erst mal zurechtfinden«, sagt Liebig. Zwi- nen Euro. Davon könnten 10 bis 20 Prozent
Werbung herzugeben. Eine Zeit lang hatte er schen den Firmen sei nicht sauber getrennt zurückgezahlt werden.
ein »Sex Gewürz« im Portfolio. Er sei »über- worden. Handwerker wurden mitunter von Der letzte Ort aus dem alten Schuhbeck-
all und nirgends« gewesen, sagte er vor drei der einen Schuhbeck-Firma beauftragt und Reich, an dem die Welt noch in Ordnung
Jahren in seinem Geständnis. von einer anderen bezahlt. Es habe keine An- scheint, ist Schuhbecks Gewürzladen, der ein-
Arnold Schwarzenegger, Thomas Gott- sprechpartner für die einzelnen Gesellschaf- zige verbliebene von ehemals zehn. Auch er
schalk, jeder kam zu Schuhbeck. Er war der ten gegeben. Schuhbeck sei übergreifend zu- liegt am Platzl, in dem Haus, wo Schuhbeck
Schickeria zu Diensten, zugleich stand er über ständig gewesen. wohnt. 200 Quadratmeter Verkaufsfläche, an
ihr, sie verehrte ihn für seine Kochkunst. Er Liebigs Bericht hört sich an, als hätte der Decke ein Kronleuchter.
ernährte sie. Und sie ihn, sofern er es zuließ. Schuhbeck seine Unternehmen geführt wie Neben dem Eingang werden Schuhbeck-
Dinierte ein Star bei ihm, kam es vor, dass ein Küchenchef, der nicht nach Rezept kocht, Bücher angeboten, darunter ein handsignier-
nicht nur Speis und Trank des Stars aufs Haus sondern nach Gefühl. Hier etwas Salz, dort tes Weihnachtskochbuch plus sechs Gewürze
gingen, sondern auch das seiner Entourage. eine Handvoll Gewürznelken. Von einem für 69,90 Euro. Neben der Kasse liegen
Für die Freundschaften war das förderlich, Topf in den anderen, und was übrig bleibt, Schuhbeck-Autogrammkarten zum Mitneh-
fürs Geschäft weniger. wird am nächsten Tag aufgewärmt. Am Herd men. Auch Osterdeko aus den geschlossenen
»Der Alfons hat immer gern eingela­ mag das funktionieren, mit Finanzen nicht. Gewürzläden kann man erwerben.
den«, sagt die Schauspielerin Michaela May Liebig sagt: Die Buchhaltung sei nahezu Betreiber des Ladens ist das Unternehmen
(»Monaco Franze«), die bis heute Kontakt zu »wertlos« gewesen. Für acht Firmen seien Schuhbecks Company, das nicht dem Na-
ihm hält. »Wenn man sich von ihm Essen lie- zuletzt 2016 vorläufige Jahresabschlüsse er- mensgeber gehört, sondern einem Investor,
fern ließ, etwa einen schönen Saibling, nahm stellt worden. Fünf von ihnen seien bereits der nach der Insolvenz eingestiegen ist.
er häufig kein Geld. Mir war das so unange- 2017 zahlungsunfähig gewesen: die Südtiroler Schuhbeck hat einen Arbeitsvertrag mit der
nehm, dass ich irgendwann nichts mehr be- Stuben, das Orlando, der Partyservice, die Firma, der für die Dauer seiner Haft außer
stellt habe.« Kochschule und der Gewürzladen. »Einen Kraft gesetzt ist. Noch schreibt der Gewürz-
Einmal habe sie ihn angerufen, es war Hei- Wert gab es nur über die Marke Alfons Schuh- laden rote Zahlen, man setze auf das Weih-
ligabend. »Ich hab gesagt: Alfons, bei wie viel beck.« Durch den Namen »und die Aura, die nachtsgeschäft, heißt es aus dem Umfeld des
Grad muss meine Ente in den Ofen? Und er: darum gebaut wurde«. Unternehmens. Angeblich hofft man darauf,
Bring’s vorbei, ich mach’s dir.« Schuhbeck Die Zusammenarbeit zwischen Schuhbeck Schuhbeck eines Tages als Werbefigur ein-
ließ das Tier in seiner Küche brutzeln. May und ihm beschreibt Liebig als »tadellos«. setzen zu können. Das klingt, als wäre die
erhielt es kross zurück. Schuhbeck habe sich bemüht, den Betrieb am Rede von einem vitalen Dreißigjährigen und
»Der Alfons liebt die Menschen«, sagt Laufen zu halten. Die Aufarbeitung sei aller- nicht von einem Schwerkranken über 70. Es
sie. Mindestens ebenso sehr liebte er es, ge- dings »nicht sein Schwerpunkt« gewesen. würde auch voraussetzen, dass den Leuten
liebt zu werden. Schuhbeck gefiel sich in »Alles, was Zahlenwerk, Planungen, voraus- der talentierte Koch mehr im Gedächtnis
der Rolle des Gönners. Freunde können schauende Dinge anging, das war nicht sein bleibt als der Kriminelle.
schnell weg sein, wenn einer nichts mehr zu Werk«, sagt Liebig. Übersetzt heißt das: guter Als der dritte Verhandlungstag zu Ende
bieten hat. Koch, lausiger Geschäftsmann. Entgegen sei- geht, wünscht der Richter Schuhbeck alles
Schuhbecks Absturz erklärt May sich so: ner Inszenierung als Macher. »Nichts auf- Gute. Schuhbeck packt seine Tasche. An die
»Der Alfons ist ein Künstler, und wir Künstler schieben, sondern gleich erledigen und dann Journalisten und das Gerichtspersonal ge-
haben es nun mal nicht so mit dem Adminis- abhaken«, war so ein Satz von Schuhbeck. wandt, sagt er plötzlich: »Wiederschauen,
trativen.« Mit einem Ende des Insolvenzverfahrens wiedersehen, wiederschauen.« Als verab-
Bei Max Liebig klingt das deutlich drasti- rechnet Liebig zum Jahresende. Die Summe schiedete er sein Publikum bis zu seinem wo-
scher. Liebig wurde 2021 zum Insolvenzver- der Schulden beziffert er auf rund 27 Millio- möglich letzten Auftritt, wenn das Urteil fällt.
walter des Schuhbeck-Imperiums bestellt. Am Er bleibt noch ein paar Minuten bei seinen
1 | Koch Schuhbeck mit Bayern-München-
dritten Prozesstag ist er als Zeuge geladen. Manager Uli Hoeneß 2009
Anwälten stehen. Als Schuhbeck den Saal
Der Gerichtssaal ist nun noch kleiner. »Als 2 | In der Küche mit Kollegen 2018 verlässt, hat bereits jemand das Licht gelöscht.
wir am Platzl aufgeschlagen sind, mussten wir 3 | Mit Schauspieler Schwarzenegger 2014 Alexander Kühn, Maria Marquart n
Andy Knoth / babiradpicture

Nr. 29 / 11.7.2025 DER SPIEGEL 59


WIRTSCHAFT

TikTokerin Schönewolf

Hauptsache,
reich
GENERATION Z Den 13- bis 28-Jährigen
wird Geld immer wichtiger.
Die einen wollen mit Luxus protzen,
andere suchen Sicherheit.
Woher kommt die neue Fixierung
aufs Kapital?
Helena Schaetzle / DER SPIEGEL

60 DER SPIEGEL Nr. 29 / 11.7.2025


WIRTSCHAFT

Sommerserie: »Die Deutschen und ihr Geld«, Teil 1 als Menschen in anderen Nationen. In einer Sommerserie
Warum die Generation Z davon träumt, schnell reich zu erklärt das SPIEGEL-Wirtschaftsressort, wie die Nation
werden. Wie eine Frau es aushält, wenn der Partner weniger mit Geld umgeht – und wie sich das Leben ändert, wenn
verdient. Warum viele Deutsche ihr Geld schlechter anlegen man plötzlich sehr viel oder sehr wenig davon hat.

A
us einem roten Lamborghini steigt ein dern auch nach Macht, Einfluss und Durch- veröffentlicht er Straßenumfragen unter Teen-
Mädchen mit hüftlangem, braunem setzungsstärke. Die Befragten einer weiteren agern und jungen Erwachsenen. Es kommt
Haar, es trägt Jeans zur Gucci-Hand- Untersuchung, der Studie »Jugend in Deutsch- häufig vor, dass er nach Schönheitsidealen
tasche. Im Hintergrund des TikTok-Videos land«, motiviert Geld seit dem Pandemiejahr fahndet, die sich auf Social Media ausgebrei-
ist der Burj Khalifa zu sehen, das höchste 2020 am stärksten zu guter Leistung. In den tet haben. »Welche TikTokerin würdest du
Gebäude der Welt. Zahide Kayaci, Künstler- Jahren zuvor waren es noch Spaß und die daten?«, fragt er etwa die Jungs. »Würdest du
name Zah1de, ist der wohl bekannteste Teen- Freude an der Arbeit. dich für 20 Euro abschminken?«, fragt er die
ager Deutschlands. Groß geworden mit Tik- Junge Menschen sind keine homogene Mädels.
Tok-Tänzen, hat die 15-Jährige inzwischen Gruppe, natürlich nicht, auch in der Genera- In der Welt, in der Krasniqi sich bewegt,
vier eigene Rap-Songs veröffentlicht, darunter tion Z gibt es Unterschiede. Haltungen aller- gilt es als normal, schon früh in das eigene
ihre erste Single »TikTok Sportlich«. Das dings, die sich in dieser Alterskohorte aus- Äußere zu investieren, von teurer Kosmetik
Video dazu haben sie und ihre Crew in Dubai breiten, sind ein Stimmungsbarometer für die bis zu Schönheits-OPs. Krasniqi will mit sei-
aufgenommen. gesamte Gesellschaft. Weil die Generation Z nen Abschminkvideos etwas dagegenset­
»Mit der Fam in Dubai, ich leb’ ein Holly- als flexibel gilt und nah am Puls der Zeit zen – aus eher männlicher Perspektive. Jungs,
wood-Life ­lebend, dient sie als Orientierung für das, so sieht er das, würden ungeschminkte junge
Davon hab’ ich geträumt, dieses Game ist was sich langfristig viele in der Bevölkerung Frauen bevorzugen. »Sehr viele Mädels ver-
zu leicht«. wünschen. suchen, sich zu ändern«, erzählt er. Dafür
Rund 107 Millionen Nutzer haben das Vi- Umso wichtiger sind die Antworten auf würden sie ordentlich Geld ausgeben. »Sie
deo auf TikTok bisher angeklickt. Das sind die Frage: Woher stammt die neue Fixierung lassen sich ihre Lippen auffüllen und die Nase
mehr, als Deutschland Einwohner hat. auf Geld? operieren, spritzen sich Botox und so weiter.
Dass Rapper mit ihrem Luxusleben prot- Das wird mehr, weil die Influencerinnen das
zen, gehört im Genre zum guten Ton. Doch Die Bewertungsmaschine so machen.«
Zah1de steht mit ihrer Reichweite und ihrer An einem sonnigen Junitag läuft Leonard Influencerinnen wie Katharina Amalia
Jugend für mehr. Dafür, dass sich etwas ver- Krasniqi, 22, in einem bordeauxroten Jog- werden von Krasniqis Interviewten besonders
schiebt bei den 13- bis 28-Jährigen, der so- ginganzug durch das Einkaufszentrum West- oft als »TikTokerin, die man gern daten wür-
genannten Generation Z. Schnell reich zu field Centro in Oberhausen. »Wir haben hier de« genannt. Das Erotikmodel spricht auf
werden – davon träumen viele junge Men- immer abgehangen, wenn wir Langeweile TikTok offen über seine Schönheits-OPs. Sie
schen. Mehr jedenfalls, als es früher in dieser hatten«, erzählt er. Krasniqi hat nicht mal die nimmt ihre Follower mit zum Schuhkauf bei
Altersgruppe der Fall war. Hälfte der riesigen Mall durchquert, als ein Hermès und Dior und fährt einen Mercedes
Das Phänomen zeigt sich darin, dass Luxus etwa zehnjähriger Junge ihn einholt. »Du bist mit Panoramadach. Und sie animiert ihre Fol-
in der Social-Media-Welt als erstrebenswertes doch dieser TikToker«, sagt der Junge und lower, selbst Influencer zu werden: »Guck
Gut gilt. Junge Influencer und Musikerinnen bittet höflich um ein Foto. Eine Mädchen- mal, wie weit ich gekommen bin, Bruder.«
aller Genres vermitteln, wie wichtig es sei, gruppe schließt sich an. Krasniqi lächelt in die Es ist der Traum vom schnellen, recht mü-
Geld zu haben. Herzschmerz-Artistin Ayliva Kamera. »Alles Gute, man sieht sich.« helosen Wohlstand, der häufig auf den Platt-
singt, an den Verflossenen gerichtet: »Ich will, Der gebürtige Kosovo-Albaner hat ge- formen verbreitet wird. Krasniqi war bei der
dass jeder von denen platzt, wenn du Scheine schafft, wovon viele seiner Generation träu- Bundeswehr, als er beschloss, TikToker zu
zählst.« Younes Zarou, reichweitenstärkster men. Mit fast 200.000 Followern kann er von werden. »So viele sind damit finanziell un-
deutscher TikToker, präsentiert begeistert seinem TikTok-Account »leoprekazi« leben, abhängig geworden«, sagt er. Ein gewisser
seine neue Villa inklusive Fitnessstudio, er verdient damit im Schnitt zwischen 2000 Lebensstandard sei ihm wichtig. Er träumt
Heimkino und Gaming-Zone. Sogenannte und 3000 Euro brutto im Monat. Fast täglich von Immobilien – ein, zwei Wohnungen oder
Finfluencer erreichen Millionen junge Follo- einem Mehrfamilienhaus. Nur ist er davon
wer mit ihren Anlagetipps. Und selbst wer noch etwas entfernt.
von Konsum wenig hält und mit dem Kapi- Was Jugendlichen wichtig ist Weil ihm sein Einkommen aus TikTok al-
talismus hadert, setzt sich angesichts multi­pler lein zu unsicher ist, hat Krasniqi eine Marke
Krisen, steigender Immobilienpreise und In- »Wenn du einmal daran denkst, was du in dei- für Jogginganzüge gegründet. Wie sein Vor-
flation früher damit auseinander, von wel- nem Leben eigentlich anstrebst: Wie wichtig bild Achraf, jener 29-jährige Selfmademan,
sind dann die folgenden Dinge für dich persön-
chem Einkommen sich in Zukunft leben lässt. lich?«, Antwort »(eher) wichtig« der die Marke 6pm geschaffen hat. Der rote
Hätte die Generation Z einen Gott, sie würde Jogginganzug, den Krasniqi an diesem Tag
zum Geld beten. einen hohen Lebensstandard haben trägt, stammt aus Achrafs Kollektion. Fast
Vielleicht hat das auch damit zu tun, dass sich und seine eigenen Bedürfnisse gegen hätte Achraf das von den Eltern geliehene
andere durchsetzen
die Onlinewelt ihr die ständige Aussicht auf Geld erfolglos verprasst, ehe seine Marke
Macht und Einfluss haben
mehr verspricht: mehr Geld, mehr Luxus, durchstartete.
mehr Selbstverwirklichung. Wer sich ständig 75 % Krasniqi hofft auf einen rumpelfreieren
73
auf Social Media vergleicht, sucht nach finan- Erfolg. Er hat die ersten 100 seiner »Preka-
57
zieller Unabhängigkeit, um dazugehören zu ze«-Jogginganzüge bereits zu Geld gemacht.
können. 50 38 »Dann kaufe ich meiner Mutter eine Woh-
Eva Revolver / DER SPIEGEL

»Robuster Materialismus gewinnt als nung, dass sie abgesichert ist«, sagt er.
25
Wertorientierung an Bedeutung«, heißt es Doch das Geschäft mit den Likes ist hart.
etwa in der jüngsten Shell-Jugendstudie aus Wegen abgetragener Sneaker hat Krasniqi
0 2002 2006 2010 2015 2019 2024
dem Jahr 2024. Mit Materialismus ist ge- Spott in den Kommentarspalten kassiert. Dass
meint, dass junge Menschen nicht nur nach S Quelle: Shell-Jugendstudie 2024, Beltz, Verian-Umfrage er nur einen Golf 5 fährt, zeigt er online gar


von Januar bis März 2024 unter 2509 Jugendlichen im Alter


einem hohen Lebensstandard streben, son- von 12 bis 25 Jahren nicht erst. In der Onlinewelt ist Status häufig

Nr. 29 / 11.7.2025 DER SPIEGEL 61


WIRTSCHAFT

alles. Wer dazugehören will, muss Geld aus- bei jobben beide neben dem Studium – in
geben. Einigen jungen Frauen sei wichtig, dass Gastronomie und Einzelhandel.
potenzielle Partner ein iPhone besäßen, sagt Seit der Coronazeit sei es schwierig, sagt
Krasniqi. »Samsung-Handys sind eine red Rana. Damals waren sie noch Teenager. Seit-
flag.« Er hat ein iPhone. Aber nur wegen der dem: Lieferengpässe, Angriffskrieg auf die
Funktionen, wie er betont. Ukraine, Energiekrise, und nun das wahr-
»Luxus und das Thema Geld sind heute scheinlich dritte Rezessionsjahr in Folge. »Wir
überall präsent«, sagt Yaël Meier. Die 25-jäh- kennen es nicht anders«, sagt Rana. Eine eige-
rige Schweizerin aus Zürich berät Unterneh- ne Wohnung besitzen? Hält sie für unvorstell-
men, die wissen wollen, wie sie die junge Ziel- bar. »Selbst Secondhand ist teuer geworden.«
gruppe erreichen können. Ihre Firma hat sie Die junge Generation kaufe trotzdem gern
»Zeam« genannt – wie das Team, nur mit Z ein. »Wir haben ultra das Konsumproblem«,
wie Generation Z. sagt Rana. »Ich sehe oft Zwölfjährige, die aus-
»Durch soziale Medien vergleicht man sich sehen wie Zwanzigjährige, weil sie Trends
ständig«, sagt Meier im Videocall von der folgen«, sagt Linda.
Terrasse ihrer Eltern in Luzern, im Hinter- Was Rana und Linda erleben, erzählen
grund sind Palmen zu sehen. »Wenn früher viele junge Menschen in der Recherche: Sie
auf dem Dorf mal ein Porsche vorbeifuhr, geben gern Geld aus, aber die Preissteigerun-
hatte man da keinen Bezug zu. Heute träumen gen und die Wohnraumkrise in den Groß-
viele davon, schnell reich zu werden. Influ- 1 städten schränken ihre Möglichkeiten ein. So
encer lassen es leicht erscheinen, den Porsche entsteht eine Gleichzeitigkeit von Luxus- und
selbst zu fahren.« Schnäppchenjagd, eine Kombination aus De-
Zugleich sei der Umgang mit Geld locker, signerhandtasche und Shein-Kleidung. Man
weil man an ganz große Investitionen ohne­ kauft, was man bezahlen kann.
hin nicht glaubt. »Der Traum vom Eigenheim »In unsicheren Situationen sind fast allen
ist für viele nicht mehr realistisch«, so Meier. Menschen materielle Dinge plötzlich wichti-
»Darum kann man das Geld auch gleich für ger«, sagt Nina Kolleck, Professorin für Er-
Businessclass-Reisen oder eine Designerhand- ziehungs- und Sozialisationstheorie an der
tasche ausgeben«, sagt Meier über die Ge- Universität Potsdam. »Bei Jugendlichen ist
dankenwelt der Generation Z. »Oder für den das besonders stark.« Für sie stelle sich noch
täglichen Matcha-Latte, der gehört einfach mehr als für Erwachsene »die Frage, wo sie
zum Lifestyle.« später stehen wollen, und sie wollen natürlich
Dabei haben Ökonomen festgestellt, dass lieber auf der sogenannten Gewinnerseite
Menschen, die über wenig Eigenkapital ver- stehen und nicht auf der, die sich nichts leisten
fügen und sich eine Existenz in Form von kann«. Wer seine Rolle noch sucht, der füllt
Immobilien aufbauen wollen, es heute nicht die Lücke mit Vorzeigbarem.
unbedingt schwerer haben als früher. Die Kolleck hat an der Studie »Jugend in
Bauzinsen beispielsweise sind derzeit im Deutschland« mitgeforscht. Für die diesjäh-
Vergleich zu den Neunzigerjahren niedrig. rige Ausgabe wurden gut 2000 junge Men-
Zugleich ist das Bauen teurer geworden. Am schen befragt. Da sich die 14- bis 29-Jährigen
Ende kommt es der jungen Generation oft 2 selbst für die Umfrage anmelden konnten und
weniger auf das Einkommen an, son­dern mehr nicht zufällig ausgewählt wurden, sollten die
darauf, ob man irgendwann etwas erbt, um Ergebnisse eher als Tendenzen und Trends
ein Haus bauen zu können. interpretiert werden.
Weil man in sozialen Medien aber vor al- Materialismus biete eine »Pseudosicher-
lem Luxus sieht, hat die Onlinewelt einen heit«, sagt Kolleck. »Man fühlt sich sicherer,
Begriff für das erfunden, was Yaël Meier be- wenn man genug Geld hat und ausreichend
schreibt: »Money-Dysmorphia«. Das Gefühl, materielle Dinge, die man anfassen kann.« Es
zu wenig Geld zu haben, obwohl man eigent- gehe um das Gefühl der Kontrolle – gerade
lich ausreichend abgesichert ist. in einer Welt, die durch Krisen geprägt ist.
Viele in der Alterskohorte ziehen daraus Dass sich besonders jüngere Menschen um
einen speziellen Schluss: Das Geld wird aus- eine klimagerechtere Welt sorgen, ist dabei
gegeben, sofort. Lohnt sich ja eh nicht zu offenbar kein Widerspruch. Selbst in Kreisen,
sparen. Dann besser jetzt dazugehören. Im in denen Werte wie Freundschaft oder Nach-
Zweifel mit nachgeahmten Designerstücken. haltigkeit viel zählen, gewinnt Geld aus Sicht
Katharina Koer th / DER SPIEGEL (3)

der Forschung an Bedeutung.


Der Krisenmodus In den Achtzigerjahren hieß es etwa: »Erst
Nahe dem Neumarkt in der Kölner Innenstadt wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss
sind Rana, 20, und Linda, 21, auf dem Weg vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet
zu einem Bubble-Tea-Laden. Rana trägt eine ihr merken, dass man Geld nicht essen kann.«
Strickjacke mit aufgestickten Erdbeeren, sie Damals hätten viele junge Menschen ein rei-
studiert Mode an einer privaten Hochschule. 3 ches Leben grundsätzlich abgelehnt, sagt Kol-
Linda, bauchfreies schwarzes Top und zwei leck. Heute sei das seltener, selbst unter den
Piercings durch die Unterlippe, studiert Klimabewussten.
Game­design. »Geld ist schon wichtig, weil 1 | Studentinnen Rana, Linda Natürlich gibt es junge Menschen, die sich
alles unnormal teuer geworden ist«, sagt sie. 2 | Influencer Krasniqi nicht viele Gedanken über Geld machen, weil
»Kleidung, Games, essen gehen, einfach raus- 3 | Kellnerin Emma sie zufrieden sind. Doch für viele scheint sich
gehen und Spaß haben kostet total viel.« Da- etwas zu ändern.

62 DER SPIEGEL Nr. 29 / 11.7.2025


WIRTSCHAFT

Was sie wollen? Forscherin Kolleck sagt: nen. Zum anderen habe Geld einen Image­
»Bioladen und Urlaub auf den Malediven.« wandel durchgemacht – von etwas Negati­
vem, über das man nicht spricht, zu etwas
Leistung? Ja bitte! Positivem, das man gern hätte.
Da ist Student Paul, 24, der für Studium und Natürlich würden sich die Jungen mal
Nebenjobs rund 70 Stunden pro Woche auf­ ­verzocken, sagt Schwab. »Aber die wohnen
wendet, um finanziell unabhängig zu sein. Da »Influencer lassen meist noch zu Hause und verlieren 100 bis
ist Emma, 26, die gern professionell täto­ es leicht erscheinen, 300 Euro. Das kriegen sie durch ihren Neben­
wieren und malen würde, aber in Vollzeit in job wieder rein.«
der gehobenen Gastronomie arbeitet, um sich den Porsche Den Älteren in der Generation Z dagegen
eine Mietwohnung in Hamburg leisten zu selbst zu fahren.« gehe es hauptsächlich um ihre Altersvorsorge,
können. Die sich wünscht, »dass mein also um langfristige, risikoarme Geldanlage.
­Freiheitsgefühl nicht mehr so sehr von Geld Erst wenn sie ausreichend abgesichert seien,
abhängt«. wagten einige riskantere Investments.
Oder Alena, 16, die schon mehrere Neben­ Kein Wunder, dass Jüngere ihnen nach­ »Es findet eine Demokratisierung von Wis­
jobs hatte, als Babysitterin, Schwimmlehrerin eifern. Da ist etwa der junge Mann, der sich sen statt«, sagt Schwab. Das zeige die Beliebt­
und nun als Kellnerin. In drei Wochen hat sie auf Instagram als »Entrepreneur, Investor heit seriöser Finfluencer wie des Kanals Fi­
370 Euro verdient. Nebenbei gestaltet sie Gel- and Advisor« bezeichnet. Seine Videos sollen nanzfluss. Besonders die junge Generation
Fingernägel für Freundinnen. wohl zeigen, dass er ein Leben in Luxus profitiere von dieser Demokratisierung.
Alena jobbt, um sich ihre Wünsche zu er­ führt – dabei verwendet er offenbar Video­
füllen: den Motorradführerschein, eine Som­ material von einem einzigen Privatjetflug Bargeld in Umschlägen
merreise, Make-up, Kleidung oder Mensa­ immer wieder. Trotz der Hasskommentare Und was ist mit denen, die es nicht so dicke
essen. Für eine Gesichtscreme hat sie neulich unter jedem einzelnen Video (»Möchtegern«, haben? Pauline Schönewolf, 24, setzt seit
50 Euro ausgegeben – empfohlen von einer »Peinlicher geht es nicht!«) macht er weiter. ihrer Ausbildung auf die sogenannte Um­
Influencerin, »aber die hat geholfen, also hat Manche der sogenannten Finfluencer lie­ schlagmethode. Dabei verteilt man sein
es sich gelohnt«. Auf TikTok folgt Alena der fern zum Geldcontent gleich ein ganzes Welt­ ­Einkommen zu Monatsbeginn auf Umschlä­
Popsängerin Addison Rae, die Songs wie bild: Die als rechtslibertär eingeschätzten ge. In bar. 60 Euro fürs Shoppen, 90 Euro für
»Money is Everything« veröffentlicht hat. Podcaster Philip Hopf und Kiarash Hossain­ Freizeit, 350 Euro für Lebensmittel, so zeigt
»But money’s not coming with me to pour alias »Hoss & Hopf« schüren teils End­ Schönewolf es beispielhaft auf TikTok. Was
heaven zeitstimmung, schwärmen von finanzieller übrig bleibt, landet im Sparschwein. Ihre Aus­
And I have a lot of it Freiheit und schießen verbal gegen den Staat gaben plant sie, indem sie in Schönschrift
So, can’t a girl just have fun? … oder Migranten. Vergangenes Jahr hielt sich Papiertabellen ausfüllt. Auch bei dieser
Say it, baby, don’t lie, money’s everything«. der Podcast über Wochen auf den ersten Plät­ ­Methode gilt das Motto: Sicherheit durch
Weil Geld nicht mit in den Himmel kommt, zen der Charts. Kontrolle.
sollte man es jetzt ausgeben, singt Rae sinn­ Fragwürdige Finanzgurus sind aber nur »Mir hat das unheimlich geholfen, mir
gemäß. Lüg nicht, Baby, Geld ist alles. eine Seite der Geschichte. Die andere erzählt auch mit geringem Einkommen etwas leisten
Die meisten aus ihrer Klasse würden schon Niklas Schwab, der als »Hedgefonds Hen­ zu können«, erzählt Schönewolf.
arbeiten, erzählt Alena. Sie tauschten sich ning« online Memes und Witze über die Fi­ Mit ihrer älteren Schwester betreibt sie den
darüber aus, wie viel sie verdienten. nanzbubble postet, in denen häufig ein erns­ Onlineshop Kartenbyline, in dem sie Mate­
Dass die Generation Z sich mit Ehrgeiz ter Kern steckt. »Die junge Generation ist rialien für die Umschlagmethode verkauft
schwertue und nur von der Viertagewoche extrem finanziell gebildet«, sagt Schwab, der und spielerisch zum Sparen animiert. Dort
träume? Ein Vorurteil. Forscherinnen wie Kol­ im Videotelefonat die blaue Cap einer Golf­ gibt es etwa eine Rubbelkarte in sehr speziel­
leck halten die Alterskohorte für äußerst leis­ ausrüstungsmarke trägt. Immer mehr junge ler Ästhetik: Sie zeigt einen gemalten Baby­
tungswillig. Unternehmensberaterin Yaël Menschen würden Aktionäre, sagt Schwab, löwen, dessen Kopf pinkfarbene Rosen um­
Meier bestätigt, dass auffällig viele junge und das im traditionell börsenmuffeligen ranken. Hat man beispielsweise drei oder
Menschen Nebenjobs nachgingen. Diese sei­ Deutschland. sieben Euro gespart, darf man ein entspre­
en oft unternehmerischer Natur. »Der Druck, Fast jeder zweite ETF-Anleger ist laut dem chendes Feld freirubbeln.
Geld zu verdienen, war für junge Menschen Deutschen Aktieninstitut unter 40 Jahre alt. »Das ist natürlich nicht so attraktiv wie das
Herber t Zimmermann / 13PHOTO; Thomas Roese / Uni Potsdam; Eva Revolver / DER SPIEGEL

nie größer – und gleichzeitig war die Hürde Bei den 14- bis 19-Jährigen haben schon fast Versprechen, in kurzer Zeit reich zu werden«,
auch nie niedriger, das mit eigenen Projekten acht Prozent in Aktien investiert. sagt Schönewolf. »Aber man lernt langfristig,
tun zu können.« Dass junge Menschen sich für Finanz­ mit Geld umzugehen. So kann man auch
Das eigene Ding machen, erfolgreich sein, themen interessieren, liegt laut Schwab zum Schulden abbauen.«
unabhängig sein, das treibt viele aus der Ge­ einen daran, dass langsam durchsickere, dass Offensichtlich gibt es Gründe, in der Ge­
neration Z um. Allerdings träumen sie nicht die gesetzliche Rente nicht reichen wird, um neration Z für mehr Sparsamkeit zu werben.
von der Festanstellung auf Lebenszeit. den Lebensstandard im Alter halten zu kön­ In der »Jugend in Deutschland«-Studie be­
richtet ein Fünftel der Befragten, verschuldet
Der vermeintlich kurze Weg zu sein. Das ist ein neuer Rekord. Der Wert
Auf der Suche nach Orientierung und der steigt seit Jahren an. Neben geplanten Schul­
»Gewinnerseite« folgen junge Menschen teils den wie Bafög oder einem Kredit für den
dubiosen Finanzgurus. Oft verkaufen diese Autokauf seien auch immer mehr »Klarna-
online Bücher oder ganze Schneeballsysteme Schulden« dabei, schreiben die Studienauto­
aus verschiedenen Kursen. Manche ermutigen ren. So werden Konsumschulden durch »Kauf
dazu, ein sogenanntes Dropshipping-Business jetzt, bezahl später«-Modelle genannt.
zu starten, bei dem man als Zwischenhändler Vielleicht ist das der eigentliche Wider­
für Ware aus Asien auftritt. Andere setzen spruch: dass eine Generation, die sich nach
auf Kryptowährungen. Gemein ist ihnen Autonomie und Freiheit sehnt, ausgerechnet
meist das Versprechen: finanzielle Freiheit in im Geld ihre Abhängigkeit gefunden hat.
wenigen Wochen. Beraterin Meier, Forscherin Kolleck Katharina Koerth n

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WIRTSCHAFT

Selfmadefrau Guo 14 Euro. Also habe ich bei Uber Eats für
in Berlin 4 Euro bestellt. Inzwischen habe ich auch
die Hotelwurst probiert, und ich kann Ihnen
sagen, die 4-Euro-Wurst hat eindeutig besser
geschmeckt.
SPIEGEL: Sie sind zum ersten Mal in Berlin.
Was haben Sie hier noch vor – außer Curry-
wurst zu essen?
Guo: Ich würde gern das Berghain besuchen,
aber das schaffe ich zeitlich nicht.
SPIEGEL: Elon Musk soll im April 2022 von
den strengen Türstehern des Technoklubs
­abgewiesen worden sein. Er selbst behauptet,
in der Schlange entschieden zu haben, nicht
mehr in den Klub gehen zu wollen.
Guo: Ich würde reingelassen werden.
SPIEGEL: Der KI-Boom hat Sie zur Milliar­
därin gemacht. Waren Sie überrascht, dass
Meta-Chef Mark Zuckerberg 14,3 Milliarden
Dollar in Scale AI investiert – jenes Unter-
nehmen, das Sie 2016 mit 21 Jahren mitge-
gründet haben?

Karolin Klüppel / DER SPIEGEL


Guo: Ich war schockiert, denn vom ersten
­Gespräch zwischen Meta und Scale AI bis
zum Abschluss verging nur etwa ein Monat.
Ich wusste, dass Mark Zuckerberg sehr schnell
handelt, aber so schnell ist doch verrückt.
SPIEGEL: War ein solcher Deal von Anfang an
Ihr Ziel?
Guo: Wir wollten ein Unternehmen gründen,
das mit mehr als einer Milliarde bewertet
wird. Aber ich habe definitiv nicht mit dieser

»Und dann haben mir


Höhe gerechnet.
SPIEGEL: Wann haben Sie angefangen, sich
für künstliche Intelligenz zu interessieren?

meine Eltern das


Guo: Mit dem Start von Scale AI. Wir haben
ur­sprünglich als App für das Gesundheits-
wesen angefangen, aber dann das Potenzial

Geld weggenommen«
von strukturierten Daten für künstliche Intel­
ligenz erkannt.
SPIEGEL: Doch dann haben Sie Scale AI 2018
den Rücken gekehrt. Ärgern Sie sich, das Un­
ternehmen vor seinem sichtbarsten Erfolg
UNTERNEHMERINNEN Lucy Guo gründete mit 21 das verlassen zu haben?
Guo: Nein, ich bedauere es nicht, und meine
Start-up Scale AI und wurde mit 30 zur Milliardärin. Hier spricht Anteile an Scale AI habe ich ja glücklicher-
sie über Reichtum und Feminismus im Silicon Valley. weise behalten. Für die kurze Zeit, die ich bei
Scale AI gearbeitet habe, habe ich letztlich
eine Menge Eigenkapital herausbekommen.
An einem Junitag empfängt Guo in einem zu­holen. Das Unternehmen wird heute mit Ich war im Unternehmen einfach nicht glück-
Private-Dining-Room eines Hotels in Berlin- 29 Milliarden Dollar bewertet. lich.
Mitte. Die 30-Jährige wurde gerade von Die Milliardärin ist für den Launch ihrer SPIEGEL: Was hat Sie gestört?
­»Forbes« zur jüngsten Selfmade-Milliardärin ­neuen Plattform »Passes« in Deutschland – ein Guo: In der Unternehmensführung gab es
der Welt gekürt. Damit löste sie die 35 Jahre OnlyFans-Abklatsch. Ihrem Instagram-Image unterschiedliche Prioritäten. Ich war auf der
alte Taylor Swift ab. Ihr Vermögen wird auf als Partygirl gemäß hängt sie in einer Ferrari- Seite unserer Angestellten, die Daten manu-
1,2 bis 1,3 Milliarden Dollar geschätzt. Jacke in einem Hotelsessel, ein USB-Stick mit ell klassifizieren, und wollte sicherstellen, dass
2016 gründete Guo gemeinsam mit Mark zwei ihrer DJ-Sets hängt um ihren Hals. sie gut genug bezahlt werden. Damit konnte
­Zuckerbergs heutigem KI-Chefstrategen Ale­- ich mich nicht durchsetzen, das Unternehmen
xan­dr Wang das Start-up Scale AI. Das Unter- SPIEGEL: Frau Guo, Sie sind Milliardärin, aber wollte offenbar mehr Geld verdienen.
nehmen strukturiert große Datenmengen und posten gern, dass Ihr Assistent Sie in einem SPIEGEL: Viele Menschen sind besorgt, dass
beschriftet sie mit Zusatzinformationen, um Honda Civic herumfährt und dass Sie zum künstliche Intelligenz ihnen die Jobs wegneh­
sie als Trainingsdaten für künstliche Intel­ Essen Billigangebote bei Lieferdiensten be- men oder sie sehr verändern könnte. Haben
ligenz nutzbar zu machen. Nach Meinungs- stellen. Sie wollen cooler als andere reiche Sie das auch schon mal gedacht?
verschiedenheiten verließ Guo das Unter­ Menschen sein, oder? Guo: Nein, ich vertraue auf die Chancen.
nehmen 2018, behielt aber etwa fünf Prozent Guo: Warum sollte ich viel Geld für etwas KI wird zu unserem Co-Pilot werden. KI-­
der Anteile. Diese Anteile haben sie nun sehr ­ausgeben, wenn ich es günstiger bekommen Assistenten werden künftig 80 Prozent der
reich gemacht. Meta-Chef Mark ­Zuckerberg kann? Ich wollte hier in Berlin unbedingt eine all­täglichen Arbeit erledigen. So können sich
setzt auf Scale AI, um im KI-Wettrennen auf­ Currywurst essen, aber im Hotel kostete sie diejenigen, die in ihrem Job ganz oben stehen,

64 DER SPIEGEL Nr. 29 / 11.7.2025


WIRTSCHAFT

auf die schwierigsten 20 Prozent eines Pro­ Guo: Auf jeden Fall. Ich glaube, ich bin SPIEGEL: Als Sie 19 Jahre alt waren, brachen
blems konzentrieren. Offensichtlich ist die KI ­ mstritten, weil ich nicht wirklich in eine
u Sie Ihr Informatikstudium ab und nahmen
ausgezeichnet bei wiederholbaren Aufgaben. Schublade passe. Die Leute erwarten, dass das Thiel-Stipendium des Techinvestors und
SPIEGEL: Haben Sie ein Beispiel? Ingenieure wie ich nerdig sind und den ganzen PayPal-Gründers Peter Thiel an. Wie haben
Guo: Ich sehe viel Potenzial in der Influencer- Tag am Computer sitzen. Das mache ich nicht. Ihre Eltern reagiert?
Branche. KI könnte Creatorn, die Inhalte auf Ich bin Gründerin, ehemalige Ingenieurin und Guo: Sie waren nicht sehr glücklich über
Instagram erstellen, viel Arbeit abnehmen. Produktdesignerin, aber ich habe vor allem ­meinen Studienabbruch. Sie brachen sogar
Die KI kann Werbedeals für die Creator mit auch Spaß an meinem Leben und mache viel kurzzeitig den Kontakt ab. Heute sind sie
Unternehmen verhandeln oder gar ihr Abbild Party. ­begeistert und stolz auf mich. Ich habe mich
annehmen und täuschend echte KI-Videos SPIEGEL: Ihr Instagram-Profil ähnelt dem da­mals gegen sie gestellt, weil ich dachte,
von ihnen posten, ohne dass die Menschen einer Influencerin: frühmorgens beim Hoch­ dass ich bessere Möglichkeiten außerhalb
diese selbst noch drehen müssten. Deshalb intensivtraining, auf internationalen Flügen der Hoch­schule haben werde.
habe ich auch mein neues Unternehmen und feiernd auf Festivals. Passt das zum SPIEGEL: Und damit hatten Sie recht?
­Passes gegründet. Image einer Techgründerin? Guo: Auf jeden Fall. Ich glaube, dass ich durch
SPIEGEL: Sie gehen mit Passes nun auch in Guo: Mein Instagram-Profil ist einfach sehr den Studienabbruch mehr Möglichkeiten
Deutschland an den Start. Warum ausgerech­ authentisch. Ich zeige alles aus meinem Le­ ­hatte, denn im Silicon Valley ist dein Netz­
net hier? ben. Es ist mir egal, was die Leute über mich werk dein Wert. Und ich habe dort viele span­
Guo: Deutschland hat viele Vorteile, weil es denken, weil ich als Person extrem selbst­ nende Leute kennengelernt. Ich wollte von
sehr technologieorientiert ist. Es ist zudem bewusst bin. Ich kann mir vorstellen, dass Menschen umgeben sein, die sehr ehrgeizig
das Land mit dem höchsten Bruttoinlands­ Leute das als Arroganz auffassen. sind. Man sagt, man ist der Durchschnitt der
produkt in der EU. Die Ausgaben für Influen­ SPIEGEL: War es Ihr Ziel, reich zu werden? fünf Leute, mit denen man die meiste Zeit
cer nehmen zu, und es ist momentan ein offe­ Guo: Ich habe Eltern mit Migrationshinter­ verbringt, und plötzlich war jeder, mit dem
nes Feld, weil keine Plattform hier wirklich grund, sie haben immer betont, wie wichtig ich abhing, eine junge, ehrgeizige Person, die
dominiert oder sich einen Namen gemacht Erfolg und Bildung sind. In der asiatischen unglaublich intelligent war.
hat. Kultur ist Erfolg sehr geldorientiert. Ich woll­ SPIEGEL: Peter Thiel hat in der Vergangenheit
SPIEGEL: Die Plattform OnlyFans, die vor te immer reich genug sein, um mir später das Frauenwahlrecht infrage gestellt. Ihm wer­
­allem für ihre Erotikinhalte bekannt ist, hat etwa einen Privatlehrer leisten zu können, den auch antidemokratische Tendenzen und
ein ähnliches Geschäftsmodell für Creator. der mit meinen zukünftigen Kindern und mir seine Unterstützung radikal rechter Politiker
OnlyFans ist bereits sehr bekannt. Wie unter­ reist. Ich stelle mir vor, wie wir eines Tages in den USA vorgeworfen. Vertreten Sie eine
scheidet sich Passes davon? in die Antarktis reisen und meine Kinder ähnliche Haltung wie er?
Guo: Wir konkurrieren nicht wirklich, weil ­dabei immer noch Algebra-Probleme lösen Guo: Offen gesagt verfolge ich ihn nicht so
wir keine Nacktbilder und andere Erwach­ können. sehr. Ich kenne seine Standpunkte überhaupt
seneninhalte zulassen. Die Creator, die bereit SPIEGEL: Sie haben im Kindergarten angefan­ nicht.
sind, auf OnlyFans zu gehen, sind nicht die gen, Geld durch den Verkauf von Pokémon- SPIEGEL: Seine Werte sind Ihnen nicht klar?
Art von Anbietern, die wir auf unserer Platt­ Karten zu verdienen, in der Grundschule ha­ Guo: Nein, bei dem Stipendium war Peter
form wollen. Unsere Richtlinien sind manch­ ben Sie mit dem Programmieren begonnen. Thiel nicht wirklich beteiligt. Er hat eine
mal sogar strenger als die von Instagram. Guo: Mir war es früh wichtig, eigenes Geld zu Gruppe von Leuten eingestellt, die die Stipen­
SPIEGEL: Im Februar wurden Sie wegen der verdienen. Und dann haben mir meine Eltern diaten auswählen. Im Rahmen des offiziellen
Ver­öffentlichung pornografischer Darstellun­ das Geld weggenommen. Stipendienprogramms haben wir ihn nur ein
gen Minderjähriger verklagt. SPIEGEL: Wieso? einziges Mal getroffen, und das auch nur für
Guo: Wir haben bereits einen Antrag auf Kla­ Guo: Meine Eltern haben früh herausge­ eine Stunde.
geabweisung gestellt, da die Klage nicht ernst funden, dass Geld mein wunder Punkt war. SPIEGEL: Im Silicon Valley gibt es einen Kul­
zu nehmend ist. Wenn ich mich schlecht benommen habe oder turwandel, der von Männern wie Elon Musk
SPIEGEL: Kurz bevor die Klage öffentlich Ärger in der Schule hatte, haben sie mich be­ angeführt wird, die traditionelle Männlichkeit
­wurde, haben Sie alle minderjährigen Creator straft, indem sie mir beispielsweise 20 Dollar propagieren. Sehen Sie sich als Teil dieser
gesperrt und ihre Inhalte auf der Plattform abgenommen haben. Ich habe versucht, mein Generation?
gelöscht. Geld in »Harry Potter«-Büchern zu verste­ Guo: Elon hat in seinen Unternehmen weib­
Guo: Nach unseren Untersuchungen stimmt cken, aber sie fanden es immer. Dann entdeck­ liche Top-Führungskräfte eingesetzt. SpaceX
bis jetzt überhaupt nichts von den Be­ te ich PayPal. Da konnten sie mir kein Bargeld wird von einer Frau geleitet. Ich würde diese
hauptungen in der Klage. Unsere Vision war wegnehmen. Strömung und den Feminismus nicht als
es, dass jeder in der Lage sein sollte, Geld gegensätzliche Kräfte bezeichnen. Ich glaube,
zu verdienen, auch Menschen ab 15 Jahren. es gibt einfach einen Mentalitätswandel, bei
Natürlich war uns klar, dass es Leute geben dem Frauen gleichberechtigt mit Männern
wird, die versuchen, unsere Regeln zu um­ sein wollen. Frauen wollen nicht »weibliche«
gehen, aber wir dachten, dass wir so etwas Chefs sein, sondern einfach nur Chefs.
mit Technologie und der Hilfe von KI zu SPIEGEL: Was sollte ein KI-Chatbot am Ende
100 Prozent verhindern könnten. Ihres Lebens antworten, wenn Sie fragen:
SPIEGEL: Also hat Ihr KI-Modell die Nackt­ Wer war Lucy Guo?
bilder Minderjähriger nicht erkannt? Guo: Ich hoffe, die KI sagt, dass ich eine le­
Guo: Kein KI-Modell ist perfekt. Sie können benslustige und großzügige Person war. Eine
beispielsweise einen Ganzkörperanzug tra­ Person, die glücklich war, weil sie nur wollte,
Marco Bello / Getty Images

gen, und die KI könnte denken, Sie wären dass andere glücklich sind.
nackt. Kein maschinelles Lernmodell kann SPIEGEL: Dass da steht, Sie waren die jüngste
den Unterschied erkennen zwischen einer Selfmade-Milliardärin, ist Ihnen nicht wichtig?
18-Jährigen und einer Person, die vier Wo­ Guo: Ich finde das cringe, wenn ich das lese.
chen entfernt von ihrem 18. Geburtstag ist. Meinetwegen kann gern jemand kommen und
SPIEGEL: Würden Sie sagen, dass Sie eine mir diesen Titel abnehmen.
kontro­verse Person sind? Techinvestor Thiel Interview: Lukas Hildebrand, Kim Staudt n

Nr. 29 / 11.7.2025 DER SPIEGEL 65


WIRTSCHAFT

Skyline von Dubai


[M] DER SPIEGEL; Foto: Rober t Haasmann / picture alliance

Schattenreich in der Wüste


FINANZSKANDALE Chatprotokolle und Dokumente offenbaren, wie skrupellos eine Firma aus Dubai
wohl weltweit Internetnutzer um ihr Geld bringt. Der Schaden geht in die Millionen.

W
ahnsinn. Sie hatte ein iPhone gewon- Im Impressum der Seite steht eine Adres- verloren. Das ist wirklich ein schlechter
nen, einfach so, bei einer Umfrage se auf Zypern. Eine Scheinfirma, wie es Zehn- Scherz.«
im Internet. tausende gibt auf der Insel, damit die wahren Bewertungen auf [Link]
Dachte sie jedenfalls. Profiteure im Verborgenen bleiben. Doch
Die Mittfünfzigerin aus Schottland, die hier vertrauliche Unterlagen zeigen jetzt, wo das Eine gemeinsame Recherche des SPIEGEL
Martha Campbell heißen soll, glaubte, was da Geld von Martha Campbell offenbar landete: und 20 weiterer internationaler Medien, ko-
Anfang 2021 auf ihrem Bildschirm stand. Für in den Vereinigten Arabischen Emiraten, in ordiniert vom Verbund European Inves­
nur ein britisches Pfund sollte ihr ein neues Dubai. Im Imperium der Aether-Gruppe. tigative Collaborations (EIC), ermöglicht
Telefon gehören. Die Künstlerin gab ihre Kre- ­erstmals einen Einblick in die Geschäfte
ditkartendaten ein, das Geld wurde eingezo- »VORSICHT... BETRUG. MIR WURDEN von Aether – einer global operierenden
gen. »Es war einfach zu schön, um wahr zu FÜNF MONATE LANG KOSTEN BERECH- ­Gruppe, die wohl weltweit Zehntausende
sein«, sagt sie heute. Das iPhone kam nie. NET FÜR ETWAS, DAS ICH NIE ABON- Menschen mit Abo­fallen und falschen Dating-
Stattdessen buchte jemand wenige Tage NIERT HABE.« portalen abgezockt hat. Aether bestreitet
später erneut Geld von Campbells Konto ab. »Geben Sie dieser Firma unter keinen Um- die Vorwürfe.
Dieses Mal waren es 49 Pfund, umgerechnet ständen Ihre Kreditkartennummer. Ein kom- Die »Dirty Payments«-Recherche führte
rund 57 Euro. Die Schottin hatte ein Abo für pletter und absoluter Betrug.« auf die Philippinen, in die Vereinigten Arabi-
eine Musikstreamingplattform abgeschlos- »Seit Oktober 2022 haben sie über 1500 schen Emirate und in die Niederlande. Inter-
sen – ohne es zu wissen. Euro abgebucht – das Geld ist jetzt praktisch ne Dokumente, darunter E-Mails, Präsenta-

66 DER SPIEGEL Nr. 29 / 11.7.2025


WIRTSCHAFT

tionen und Verträge sowie Gespräche mit gebucht worden. Statt einen Beamer zu kau- Trustpilot-Bewertungen dieser Seiten ergab
Ex-Mitarbeitern, zeichnen das Bild eines skru- fen, schloss der Mann jedoch eine Premium- einen Durchschnittswert von 1,04 – bei einer
pellosen Unternehmens, das über Jahre hin- mitgliedschaft für einen Elektronikshop ab. geringstmöglichen Bewertung von eins.
weg, so scheint es, ein globales Schattenimpe- »Die drei Euro sind nur eine Teilzahlung eines Etwa 800 der Seiten laufen über dasselbe
rium aufgebaut hat. Nach Angaben einer Be- Gesamtpreises von 32,99 Euro«, so der Nut- Serverpaar. Das deutet darauf hin, dass
ratungsfirma aus dem Jahr 2024 erzielte die zer. »Dieser Shop ist nichts anderes als eine sie von derselben Firma betrieben werden.
Aether-Gruppe zuletzt einen Jahresumsatz Abofalle.« Über eine Rückwärtssuche sind weitere rund
von umgerechnet rund 180 Millionen Euro. Unterlagen, die dem SPIEGEL und seinen 900 Internetseiten zu finden. Viele ähneln
Beratender Direktor und Vorstandsmitglied Partnern vorliegen, belegen nun, dass die bri- sich im Aufbau. Die ältesten stammen aus
ist demnach ein 58-jähriger Deutscher. tische Briefkastenfirma, die den Shop betreibt, dem Jahr 2015, die jüngsten vom Dezember
Die vertraulichen Unterlagen, die das EIC bei Worldline als Firma mit Verbindung zu 2024. Auch [Link] läuft über
erhalten und mit seinen Partnern geteilt Aether geführt wird. Ein ehemaliger einen dieser Server, also eine Website mit
hat, belegen nun die Existenz von mehr als Aether-Mitarbeiter will die Zusammenhänge dem Namen, unter dem Aether seit 2016 in
1000 scheinseriösen Internetseiten, betrieben erklären. Telefonate oder Treffen lehnt er ab. Dubai registriert ist.
von rund 300 Briefkastenfirmen. In den Do- Stattdessen beschreibt er in langen E-Mails, Der SPIEGEL und seine Partner haben
kumenten werden die Seiten und Firmen der wie die Opfer hinters Licht geführt würden. mehr als ein Dutzend der nun bekannten
Aether-Gruppe zugeschrieben. Vieles spricht Aether gründet demnach Briefkastenfirmen Websites mit negativen Kundenbewertungen
dafür, dass es sich nur um einen Teil des Netz- in Großbritannien, Zypern und den Vereinig- konfrontiert. Lediglich der Betreiber der Sei-
werks handelt. ten Staaten, mit denen das Unternehmen auf te Inn2Flix antwortete.
Möglich macht die internationale Bauern- dem Papier nichts zu tun hat. Darüber liefen Inn2Flix ist ein Streaminganbieter, der ver-
fängerei offenbar auch Payone, einer der wich- etwa Streamingangebote und Shoppingseiten, spricht: »Schaue die besten Filme.« Angebo-
tigsten deutschen Zahlungsdienstleister, an so der Insider. Die vermeintlichen Händler- ten werden allerdings wenig bekannte Strei-
dem die französische Worldline-Gruppe und firmen bringe Aether dann mit Banken zu- fen wie »Die Beach Girls und das Monster«
der Deutsche Sparkassenverlag beteiligt sind. sammen. Weil die Seiten seriöse Produkte aus dem Jahr 1965 und »Aerial Gunner«, ein
15 der rund 300 nun bekannten Scheinfirmen vorwiesen, gewährten die Banken ihnen Kon- Schwarz-Weiß-Werk von 1943.
wickelten zeitweise Zahlungen über Payone ten. Dann kümmere sich Aether um Werbe- Für nur drei Euro kann man die Seite drei
ab, die restlichen liefen über den französischen kampagnen: per SMS, auf Facebook und Tage lang testen. Danach steigen die Kosten
Mutterkonzern oder andere Tochterfirmen. Google, etwa für angebliche Gewinne oder auf bis zu 64,90 Euro monatlich. Kein sonder-
stark rabattierte Markenartikel. Wer darauf lich attraktives Angebot. Ein Abo beim
»Ich habe gerade festgestellt, dass Gamersharp klicke, werde auf eine der Seiten weitergelei- Marktführer Netflix gibt es ab 4,99 Euro.
Geld von meiner Kreditkarte abgebucht hat, tet und solle seine Kreditkartendaten einge- Doch wie es aussieht, ist das Geschäftsmodell
obwohl ich seit Juli nichts bestellt habe. … Ich ben – dass er damit ein oder sogar mehrere in Wahrheit ein anderes.
habe um Rückerstattung gebeten und hoffe, Abonnements abschließe, sei im Kleinge-
dass sie das Richtige tun. Ich bin Rentner.« druckten versteckt und werde oft übersehen. »Ich habe über TikTok einen Mixer gekauft,
Viele Nutzer läsen auch die anschließend ver- was sich als Betrug herausstellte, und wurde
Über die Anfänge von Aether ist nur wenig sandte E-Mail nicht, die sie über ihr Abo in- daraufhin sofort bei diesem [Link]
zu erfahren. Fest steht, dass das Unternehmen formiere. »Das ist das wirkliche Geschäfts- angemeldet. Seitdem wird immer wieder
seit knapp zehn Jahren in Dubai als Helpfuel modell«, sagt der frühere Mitarbeiter. Ob Geld von meinem Konto abgebucht. Ich habe
Services registriert ist. Bis 2023 trat es unter dieses die Schwelle zur Strafbarkeit über- keine Ahnung, wie ich dieses Abonnement
dem Handelsnamen Linkmedia auf, dann schreitet oder lediglich moralisch fragwürdig kündigen kann.«
folgte die Umbenennung in Aether. ist, bleibt bislang unklar.
Auf ihrer Website bezeichnet sich die Fir- Das Netz, das Aether online offenbar aus- Laut Impressum steht hinter der Seite die Fir-
ma als »weltweit tätige Omnichannel-Mar- wirft, scheint gigantisch. Interne Unterlagen ma Syntevy Limited, eine Briefkastenfirma
ketingagentur« mit »Kunden aus allen Zeit­ listen die Namen von mehr als 1000 Websites auf Zypern. Auch für andere Entertainment-
zonen«. Man unterhalte weitere Büros in auf. Eine Auswertung von mehr als 3000 Seiten tritt Syntevy als Betreiberin auf, etwa
Amsterdam, Kopenhagen, New York, Hong-
kong und Manila, außerdem Partnerschaften
mit Google und Meta. Doch Adressen der an-
geblichen Niederlassungen finden sich keine.
Google und Meta teilen auf Anfrage mit,
dass keine Partnerschaft mit Aether bestehe.
Recherchen zeigen, dass sich die Firma offen-
bar auf zwei Formen der Abzocke im Internet
spezialisiert hat.
[M] DER SPIEGEL; Foto: Verin Makcharoen / Getty Images

Die Abo-Abzocke
Die Werbung für einen Beamer habe er auf
Facebook gesehen, für »sagenhafte drei
Euro«. So schreibt es ein Nutzer auf der Be-
wertungsplattform Trustpilot.

»Ohne Beauftragung bucht supremebunch re-


gelmäßig Geld ab; meine Karte musste ge-
sperrt werden! Also Finger weg!«

Als er darauf geklickt habe, sei er zu einem


Shop weitergeleitet worden. Er habe ein Kauf-
formular ausgefüllt, die drei Euro seien ab-

Nr. 29 / 11.7.2025 DER SPIEGEL 67


WIRTSCHAFT

für einen Onlinespieleanbieter. Syntevy wird


in den internen Unterlagen ebenfalls mit
Aether in Verbindung gebracht.
Dem zyprischen Handelsregister zufolge
wurde Syntevy 2019 registriert, als Allein-
gesellschafterin ist eine Litauerin aufgeführt.
Direktorin und – in Personalunion – Sekre-
tärin ist eine 60 Jahre alte Griechin. Laut Ge-
schäftsbericht setzte Syntevy 2023 zwar
knapp 370.000 Euro um. Übrig blieben da-
von jedoch nur 4320 Euro Gewinn, eine Um-
satzrendite von nur 1,2 Prozent.

[M] DER SPIEGEL; Foto: Teraphim / Getty Images


Ein Großteil des Umsatzes, fast 365.000
Euro, wurde laut Geschäftsbericht als Kosten
abgezogen. Die Direktorin bekam lediglich
1000 Euro. Wohin floss das Geld?
Auf Anfrage des SPIEGEL und seiner Part-
ner teilte Syntevy mit, man habe mit jeglicher
Art von »Betrug« nichts zu tun: »So arbeiten
wir nicht.« Fragen zu finanziellen Details aber
könne man, wie sicher nachvollziehbar sei,
nicht beantworten.

Die falschen Datingseiten Dass ihre Nachrichten nicht immer zu seinen gemeinsam dort leben würden«, sagt er.
»Ich habe mit über 200 Frauen gechattet … passen, dass sich Rechtschreibung, Zeichen- Unterlagen, die dem SPIEGEL und seinen
alle zeigten großes Interesse an einem Hook- setzung und Kosenamen ändern, all das Partnern vorliegen, darunter die Gründungs-
up – tatsächlich kam es aber nie dazu. Die scheint Nathan nicht zu stören. urkunde, deuten darauf hin, dass dieses Call-
Ausreden ähnelten sich oft auffällig, als wären Er redet vom Zusammenziehen, davon, center zur Aether-Gruppe gehört. Auch eini-
sie vorher einstudiert worden.« dass er sie brauche, auf sie warte. ge der Datingseiten, für die auf den Philippi-
Bewertung auf [Link] Sie schickt Nacktfotos. Gespreizte Beine, nen gechattet wird, scheinen mit der Firma
kein Gesicht. aus den Emiraten in Verbindung zu stehen.
Im April 2024 erlebt ein User das Wunder Er sagt: Ich liebe dich. So etwa die Plattform Searchingforsingles.
der Onlineliebe. 800 Nachrichten hat der Sie ist nicht echt. Laut Impressum wird die Seite von der briti-
Mann, der sich Nathan nennt und angibt, ein Ihr Profilfoto ist das einer bekannten In- schen Briefkastenfirma Hellerman Limited
70-Jähriger aus dem US-Bundesstaat Virginia fluencerin. Bildschirmaufnahmen, die dem betrieben. Deren Name taucht, ebenso wie
zu sein, schon mit »S0lemnSari4eva« aus- SPIEGEL und seinen Partnern vorliegen, zei- Searchingforsingles selbst, in internen Unter-
getauscht. Sie ist eine, wie es scheint, ver- gen ein Chatprogramm, das professionelle lagen im Zusammenhang mit Aether auf. Auf
liebte 33-Jährige. Schreiber mit zahlenden Kunden zusammen- eine schriftliche Anfrage wiederholte der
bringt. Statt mit »S0lemnSari4eva« chattet Dripdesk-Chef, er bestreite kategorisch jede
S0lemnSari4eva: »Glaubst du, das mit uns Nathan mit 24 Männern und Frauen, ihre Beteiligung an oder Verantwortung für ein
hält lange, Sweetheart?« Namen sind unter den Nachrichten vermerkt. angebliches Fehlverhalten. Hellerman Limi-
Nathans Gesprächspartner sitzen in einem ted ließ eine E-Mail unbeantwortet.
Nathan: »Ich liebe dich so sehr, dass ich den gläsernen Gebäude an einer Hauptverkehrs-
Rest meines Lebens mit dir verbringen straße in Metro Manila auf den Philippinen. Der deutsche Zahlungsanbieter
will.« Es ist ein Callcenter mit dem Namen Dripdesk Damit das Geschäft im Internet funktioniert,
Asia. Rund um die Uhr geben sich hier Hun- braucht es Zahlungsdienstleister wie World-
Die beiden haben sich auf einer Datingplatt- derte Mitarbeiter online als attraktive Frauen line und Payone, die als Vermittler zwischen
form kennengelernt. Um seiner Traumfrau aus, mit Fotos, die sie aus sozialen Netzwer- Händlern, Kreditkartenunternehmen und
zu schreiben, muss Nathan Credits kaufen. ken und von pornografischen Websites ko- Banken agieren. Interne Unterlagen belegen,
Die werden in Paketen angeboten, das teu- piert haben. dass die Geschäftsbeziehung zwischen World-
erste, 300 Credits, kostet umgerechnet meh- »Unsere Aufgabe war es, Nutzer in Ge- line und Firmen aus dem Aether-Netzwerk
rere Hundert Euro. Nathan hat gerade, im spräche zu verwickeln und sie dazu zu brin- mindestens ab März 2016 bestand.
April 2024, noch 100 Credits übrig. gen, immer weiter Geld auszugeben«, erzählt Im November 2021 bemühte sich ein Zwi-
ein ehemaliger Mitarbeiter. »Es gab feste Vor- schenhändler bei Worldline um die Aufnahme
S0lemnSari4eva: »Honey, schaust du ger- gaben: Wir sollten 32 bis 35 Nachrichten pro von 131 weiteren Scheinfirmen. Gegen die
ne Filme?« Stunde schreiben, also über 250 pro Tag – un- Empfehlung der Risikomanager nahm man
abhängig davon, ob jemand antwortete oder sie als Kunden auf. Ohne vorherige Hinter-
Nathan: »Ja, tue ich, Honey« nicht.« Er habe den Job gebraucht. Mit der grundprüfung, die Wirtschaftskriminalität,
Zeit aber sei ihm das Chatten schwergefallen. Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung
S0lemnSari4eva: »Welches Genre schaust »Am Ende habe ich aufgehört, den Kunden verhindern soll. »Ein reguläres Onboarding
du, mein Darling?« Sexnachrichten zu schicken. Ich habe sie statt- würde drei bis vier Monate dauern«, heißt es
dessen nach ihrem Tag gefragt, um mich ein in einem internen Dokument. Weil der Zwi-
Nathan: »Action. Etwas Comedy.« wenig besser zu fühlen«, so der Ex-Mitarbei- schenhändler »seit vielen Jahren ein vertrau-
ter. Einige hätten wirklich gedacht, mit echten enswürdiger Partner« sei, ermögliche man
Menschen zu sprechen. »Einer verkaufte sei- aber ein »Fast-Track-Onboarding«.
S0lemnSari4eva: »Ja, Schatz, das würde
nen Besitz, nur um weiter chatten zu können, Anderthalb Jahre später jedoch kamen of-
ich sehr gerne und möchtest du mein Arsch-
während andere ihre Wohnungen herrich­ fenbar Zweifel an der Integrität der neuen Kun-
loch lecken, Schatz?«
teten, in der Hoffnung, dass wir eines Tages den auf. In einer Präsentation aus dem Juni

68 DER SPIEGEL Nr. 29 / 11.7.2025


WIRTSCHAFT

2023 hielten die Verantwortlichen »besorgnis- 100 Schwarz-Weiß-Kopien pro Monat. In Anders als in anderen Gebäuden gibt es
erregende Ergebnisse« fest. Auffällig sei unter einem gut gesicherten Gebäude am Rande bei Aether keine Sicherheitsschleusen. Statt-
anderem, dass fast die Hälfte der Firmen, die einer stark befahrenen Straße lachen die dessen grüßt man den Portier, biegt rechts ab
der Zwischenhändler vermittelt habe, auf Zy- Wachmänner, als die Reporter nach der ge- und drückt im Fahrstuhl auf die Taste mit der
pern sitze. Auch die deutsche Aufsichtsbehör- suchten Firma fragen. »Das ist bloß ein Nummer sechs. Die Fahrt dauert nur wenige
de Bafin »habe Bedenken«, heißt es in dem Schreibtisch ohne Namen. Eine virtuelle Sekunden. Dann: ein moderner Eingangs-
Papier, danach in Klammern: »Briefkasten-/ Adresse. Die brauchen sie für ihre Lizenz.« bereich, verkratzter Linoleumboden, eine
Leerfirmen und betrügerische Aktivitäten«. Ein paar Kilometer weiter, am Aether- Theke mit der Aufschrift »Helpfuel Services
Auf Anfrage teilt Worldline mit, man habe, Firmensitz, soll das Herz der Abzocke DMCC, Dubai Branch«.
insbesondere seit 2023, die Anforderungen schlagen. Wie der Arbeitsalltag in dem Hoch- Leere Meetingräume tragen Namen wie
erhöht. Nach einer »formellen Aufsichtsmaß- haus mit seiner Fassade aus Glas und Stein mit- »Tulum« und »Beverly Hills«, durch verwais-
nahme« der Bafin im Jahr 2023 habe Payone ten in Dubai aussieht, zeigen Fotos und Videos, te Flure tobt ein heller Maltipoo, eine Kreu-
zahlreichen Händlern gekündigt, »die nicht die Mitarbeiter selbst ins Netz gestellt haben: zung zwischen Malteser und Pudel. Die Firma
mehr den regulatorischen Erwartungen oder kostenloses Mittagessen, Town­hall-Meetings, ist gerade dabei umzuziehen, mal wieder. Das
aktualisierten internen Standards entspra- Familientage und Wohltätigkeitsevents. neue Großraumbüro an der Sheikh Zayed
chen«. Die deutsche Tochterfirma schreibt in Aufnahmen zeigen auch zwei Verant­ Road, einer der Hauptverkehrsstraßen in Du-
einer Stellungnahme ergänzend, man habe wortliche: den Chef Niels Denekamp, einen bai, ist die dritte Adresse in sechs Jahren.
»umgehend Verbesserungen ihres Risikorah- 36-jährigen Niederländer, und Peter Fragt man nach dem Chef Denekamp, sagt
mens, ihrer Führungsstruktur und ihres Kon- ­Burchardt, einen 58-Jährigen aus Niedersach- eine Frau: »Niels ist heute nicht im Büro, mor-
trollumfelds« eingeleitet, außerdem »Mecha- sen, geboren und aufgewachsen in einem gen vielleicht auch nicht. Sie wissen ja, wie
nismen zur Verhinderung künftiger Trans- 1400-Einwohner-Ort zwischen Hamburg und Niels ist, immer beschäftigt, mal hier, mal da.«
aktionen mit ähnlichen Kundenprofilen«. Berlin. Nach sechs Jahren als Aether-Finanz- Am späten Abend aber meldet sich Dene-
Die internen Dokumente deuten darauf chef und operativer Geschäftsführer ist Bur- kamps Anwalt. Ein Niederländer, spezialisiert
hin, dass auch Firmen aus dem Aether-Impe- chardt nun offenbar als beratender Direktor auf Immobilienrecht. Im Namen seines Man-
rium von den Kündigungen betroffen waren. und Vorstandsmitglied der Firma tätig. Eine danten fordere er die Journalisten auf, Dene-
Die Frage, ob mittlerweile die Beziehungen Anfrage des SPIEGEL und seiner Partner ließ kamp nicht ohne Vereinbarung persönlich
zu allen mit Aether in Verbindung stehenden er in der Sache unbeantwortet. aufzusuchen oder sich in der Nähe seines
Firmen beendet seien, ließen Worldline und Büros aufzuhalten.
Payone jedoch unbeantwortet. Zu einzelnen Reporter des SPIEGEL und seiner Partner
Kundenbeziehungen könne man keine Stel- Vorsicht, Falle! haben über Monate vergebens versucht, De-
lung nehmen, schreiben beide Unternehmen. nekamp in verschiedenen Ländern zu treffen.
Dubai im April. Betonwüste im Wüsten- Zwei Beispiele für mutmaßliche Abzocke Antworten auf einen 15-seitigen Fragenkata-
im Internet
sand, tagsüber bis zu 39 Grad, abends etwas log zu Aether schickt er schließlich über sei-
will Mixer
milder. Hier soll das Aether-Imperium resi- kaufen Kunde
nen Anwalt: Die Firma weise »jegliche Be-
dieren, im Dubai Multi Commodities Centre teiligung an rechtswidrigen oder betrügeri-
(DMCC), einer der 23 Freihandelszonen des Bezahl- schen Aktivitäten« zurück, ebenso die Be-
Emirats. Ein halbes Dutzend Unternehmen fenster hauptung, man sei der wirtschaftlich Berech-
soll dazugehören, sagen Insider, nur eines sei tigte eines Netzwerks von Scheinfirmen.
schließt Abofallen
echt, die anderen ebenfalls Scheinfirmen. unwillentlich Angebot für Aether sei ein Anbieter für digitale Infrastruk-
»Sie stellen den ›Händlern‹, also den Fir- Abonnement ab günstigen tur und Marketingservices, die Händler agier-
men, die die Betrugswebsites betreiben, ver- Mixer ten eigenständig. »Unsere Rolle und Sicht-
schiedene Dienstleistungen in Rechnung, zum barkeit als Dienstleister ist nicht mit einer
Beispiel Werbedienste, Beratungsleistungen Inn2Flix Eigentümerstellung gleichzusetzen.«
Streaming- TikTok-
oder Kundensupport«, sagt ein früherer plattform Auch seine eigene Rolle kommentiert
Werbung
Aether-Mitarbeiter. Weil es in Dubai keine Denekamp. Die Behauptung, er sei »in rechts-
Veröffentlichungspflicht für Jahresabschlüsse betreibt widrige oder irreführende Praktiken verwi-
gibt, lässt sich nicht nachvollziehen, wie viel ckelt«, entbehre jeder Grundlage. In seiner
Geld über die Firmen fließt. Glaubt man In- Syntevy kümmert Arbeit strebe er »stets Transparenz und die
Ltd. sich um
sidern, landet es am Ende bei Aether. Zypern Einhaltung aller geltenden Vorschriften an«.
Anfragen des SPIEGEL und seiner Partner Ende April hat Aether die neuen Büros
Aether-
ließen die Firmen unbeantwortet, eine Ver- Verbindung Gruppe Verbindung bezogen, rund drei Dutzend Schreibtische
bindung zu Aether besteht auf dem Papier zu Dubai/ zu stehen im 24. Stock eines Wolkenkratzers.
nicht. Es gibt jedoch Indizien, etwa einen V.A.E. Raus aus der Freihandelszone, rein in die
Gehaltszettel, der eine der mutmaßlichen Heller- Stadt. Eine Mitarbeiterin nimmt ihre TikTok-
Verbindung zu man Ltd.
Scheinfirmen und Aether gemeinsam als »Ac- England Follower mit zum ersten Arbeitstag in neuer
count« nennt, sowie ein Serverpaar, über das Umgebung. »Es ist ein Coworking-Konzept,
die Websites aller von Insidern genannten chattet betreibt was bedeutet, dass wir nicht jeden Tag rein-
DMCC-Firmen laufen – auch die von Aether. für kommen müssen«, sagt sie aus dem Off. Im
Ob in den Firmen wirklich gearbeitet wird? Searching- Video zeigt sie die große Fensterfront, win-
Nein, die Angestellten dieser Firma kämen Callcenter forsingles kende Kollegen und sich selbst, beim Essen,
nicht oft, sagt der Concierge in einer Lobby Dripdesk Asia Datingplattform beim Tippen, an der Kaffeemaschine.
falsche
mit einem großen Aquarium. Philippinen Datingseiten »Hi, was machst du beruflich, wenn ich
Nein, von jenem Unternehmen sei nie- bezahlt für
fragen darf? :)«, schreibt eine Nutzerin in der
mand da, sagt der Empfangsmitarbeiter eines Kommunikation Chat Kommentarspalte.
an­deren Gebäudes. Aber man könne gern über Fakeprofile »Hallo!«, antwortet die Aether-Frau. »Ich
deren Schreibtisch sehen. Ein sogenannter arbeite im Marketing.«
Flexi­desk, Kostenpunkt: ab umgerechnet etwa Kunde Nikolai Antoniadis, Sven Becker, Roman Höfner,
S Grafik
4700 Euro jährlich, inklusive Internet, Tee und Sara Wess, Christoph Winterbach n


Nr. 29 / 11.7.2025 DER SPIEGEL 69


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AUSLAND

Borut Zivulovic / REUTERS


Ein Volleyballturnier auf dem Wasser: In Ljubljana traten Anfang Juli Mannschaften aus 14 Ländern auf einem schwimmenden Spielfeld gegen­
einander an. Die Wettkampffläche trieb mitten im Herzen der slowenischen Hauptstadt auf dem Fluss Ljubljanica, knapp unter der
­Wasseroberfläche. Auch im Dunkeln wurde gespielt, eine Umrandung aus LEDs sorgte für die nötige Beleuchtung. Zahlreiche Schaulustige
verfolgten das Turnier bei Musik und Essen. »Volleyball on Water« fand bereits zum dritten Mal statt.

Aus Leidenschaft wird Hass


Wenn man Musks Äußerungen zu seiner Idee zusammen­
trägt, dann scheint ihm eine Zünglein-an-der-Waage-Vereinigung
vorzuschweben. Ein Verein, der seine Einflusssphäre dadurch
sichert, bei knappen Entscheidungen die ausschlaggebende Kraft
ANALYSE Mit der Idee einer Parteineugründung zu sein.
sagt Elon Musk dem politischen System in den USA Man darf annehmen, dass es Musk weder ausschließlich um
den Kampf an. Was will er erreichen? Geld noch ausschließlich um Einfluss geht. Musk ist ein
Spieler, er heimst gern Erfolg ein, wischt damit anderen gern
Wie oft kann man mit jemandem Schluss machen, wenn es sich eins aus. Mit der Partei könnte es sich ein wenig so verhalten wie
dabei um ein und dieselbe Person handelt? Im Fall von Elon mit seinen Raketen, von denen anfangs niemand glaubte, dass
Musk, dem reichsten Mann der Welt, und Donald Trump, dem sie fliegen würden. Und jetzt können sie nicht nur fliegen, sondern
wahrscheinlich mächtigsten Mann der Welt, gilt: wohl unzäh­ auch wieder landen. Auf der Erde.
lige Male. Seit Wochen legen die beiden ihre Trennungsfehde Schwierig bleibt das Unterfangen der Parteiengründung trotz­
immer wieder neu auf. Elon Musk schoss als Erster scharf; dem, denn so viele Stimmen, wie er braucht, um Geschichte
es ging um Trumps mittlerweile verabschiedetes Steuer- und zu schreiben, kann selbst Elon Musk nicht kaufen. Er ist auch
Ausgabengesetz, sein »Big Beautiful Bill«. kein Menschenfänger; sein Charisma gleicht dem eines Super­
Nun will Musk die »America Party« gründen, in einem Land, nerds. Punkten kann er nur, wenn er den Amerikanern ein Politik­
in dem das Zweiparteiensystem mittlerweile abstruse Züge angebot macht, das sie interessiert. Und hier gibt es Poten­zial.
aufweist. Der Gedanke ist nicht dumm. Man müsse Musks Denn: Sich entscheiden zu müssen, ob man lieber von einer bis
Anspruch ernst nehmen, sagte der Politikwissenschaftler zur Selbstverleugnung kuschenden Republikanischen Partei
Collin Anderson dem Nachrichtenportal Axios. Dennoch gebe ­regiert wird oder von waidwunden, orientierungslosen Demokra­
es zahlreiche Hürden, vor allem institutionelle. ten, ist keine attraktive Wahl. Julia Amalia Heyer

72 DER SPIEGEL Nr. 29 / 11.7.2025


Journalist in Haft an Präsident Erdoğan ausgelegt.
In einer Vernehmung bestritt
TÜRKEI Von Fatih Altaylı ist Altaylı den Vorwurf. Er habe
auf YouTube nur ein leerer lediglich historische Fakten dar-
Stuhl geblieben. Denn der Jour- gelegt. Dem YouTuber drohen
nalist sitzt seit Ende Juni im mehrere Jahre Haft. Journalisten-
Gefängnis. Verstummt ist er verbände protestieren gegen
nicht. Der 62-Jährige kommen- seine Verhaftung.
tiert die Politik weiterhin – Unklar ist, wie lange der leere
schriftlich aus der Gefängniszelle. Sessel von Fatih Altaylı noch auf
Seine Beiträge verliest eine Sendung gehen darf. Die türki-
Stimme aus dem Hintergrund. sche Rundfunkbehörde RTÜK

Zorana Jevtic / REUTERS


Altaylı ist einer der bekann- verlangte nach seiner Verhaf-
testen Journalisten der Türkei. tung, dass er für seinen You-
Viele Jahre war er das Gesicht Tube-Kanal eine Internet-Rund- Polizisten bei Festnahme eines
des Fernsehsenders Haber­ funklizenz beantragt und eine Demonstranten in Belgrad
türk und moderierte dort eine Gebühr für drei Monate im
Talkshow. Nun wird er beschul- Vo­raus zahlt. Bisher folgte auf
digt, Präsident Recep Tayyip die Drohung nichts. Altaylı »Sie haben die Macht SPIEGEL: Anfangs forderten die
Erdoğan bedroht zu haben. schickt weiterhin nahezu täglich Studierenden Aufklärung zur
In einer Folge seiner Sen- neue Botschaften an sein Publi- und wollen Tragödie von Novi Sad, wo im
dung auf Youtube ging es um kum und wartet darauf, dass sie nicht abgeben« vergangenen November ein
die Frage, ob Erdoğan sich das die türkische Justiz ein Datum Bahnhofsvordach einstürzte und
Präsidentenamt auf Lebenszeit für seinen Prozess festlegt. Vladan Đokić, Jahr- 16 Menschen getötet wurden.
sichern wolle. Im Osmanischen Bis dahin sitzt er im berüchtig- gang 1963, ist Rek- Inzwischen verlangen sie Neu-
Reich seien mehrfach Sultane ten Silivri-Gefängnis nahe tor der ältesten Uni- wahlen. Was hat sich verändert?
Nebojša Babić

ermordet worden, die zu lange Istanbul – im selben Block wie versität Serbiens in Đokić: Nach vielen Monaten
an der Macht gewesen seien, Erdoğans größter Rivale, der Belgrad. Er gilt als des friedlichen Protests haben
sagte Altaylı. Diese Aussage Istanbuler Oberbürgermeister prominenter Unter- sie festgestellt, dass die Regie-
wird ihm als Aufruf zum Mord Ekrem İmamoğlu. ASC stützer der Studierendenproteste, rung nicht auf ihre Forderungen
die Ende vergangenen Jahres in eingehen will. Sie sind inzwi-
seinem Land ausgebrochen sind. schen zu dem Schluss gekom-
Bündnis der Einer dieser Söhne ver- men, dass das nur mit Neuwah-
schleppte Zambada vor einem SPIEGEL: Herr Đokić, in Serbien len geht.
Rauschgiftkartelle Jahr mithilfe amerikanischer demonstrieren die Menschen SPIEGEL: Die Proteste dauern
MEXIKO Die beiden mächtigs- Behörden in die USA. Der seit Monaten gegen Korruption seit mehr als einem halben Jahr
ten Verbrecherorganisationen »Chapo«-Sohn flog mit ihm in und die Regierung von Präsi- an. Bei den politischen Macht-
Mexikos haben eine strate­ eine amerikanische Grenzstadt. dent Aleksandar Vučić. Wie ist verhältnissen hat sich in Serbien
gische Allianz geschlossen, die Dort verhafteten US-Sicher- die Lage an Ihrer Universität? aber wenig verändert. Warum?
Sicherheitsexperten in ganz heitsagenten die beiden. Guz- Đokić: Es ist eine sehr schwierige Đokić: Vučić’ Partei hat weiter-
Nordamerika alarmiert. Das mán junior erhofft sich Schutz Situation. Jeden Tag gibt es hin die Mehrheit im Parlament,
Bündnis zwischen dem Kartell und Hafterleichterung für sich Festnahmen. Die Studierenden hat jedoch die Unterstützung
Jalisco Nueva Generación und einen in den USA inhaftier- haben Angst, ihre Fakultäten der Bevölkerung verloren. Noch
und Teilen des Sinaloa-Kartells ten Bruder. zu verlassen. Draußen gibt es haben sie die Macht und wollen
könnte zur Entstehung Nun könnten »überall im Land Menschen in Zivilkleidung, die sie nicht abgeben, deshalb bie-
einer neuen Megaorganisation neue Kämpfe ausbrechen«, sagt sich als Polizisten ausgeben und ten sie keine Neuwahlen an.
führen. Kriminalitätsexperte Eduardo versuchen, die Studierenden Die Studierenden haben den-
Hintergrund der Fusion ist Guerrero dem SPIEGEL . zu fangen. Vergangene Woche noch Großes erreicht: Sie haben
ein seit Monaten andauernder Allmählich könnte sich das versuchte die Polizei, die Juris­ die Wünsche und Hoffnungen
Krieg zwischen verfeindeten Jalisco-Kartell in einen mächti- tische Fakultät in Belgrad zu des ganzen Landes vereint.
Fraktionen des Sinaloa-Kartells gen Hegemon verwandeln. stürmen. Das ist laut serbischen SPIEGEL: Viele Studierende
im gleichnamigen mexikani- »Dadurch dürften sie allerdings Gesetzen nur in absoluten Aus- machten jüngst auch vor den
schen Bundesstaat. In dem Kon- ins Visier der Amerikaner ge­ nahmefällen erlaubt. Ich habe EU-Institutionen auf die Situa-
flikt starben bislang mehr als raten. Möglicherweise greifen eine kurze Rede vor der Fakultät tion in Serbien aufmerksam.
1300 Menschen, 1500 sind ver- sie ein, um die Spitze der Orga­ gehalten – als Zeichen der Unter- Viele Serben sind enttäuscht,
schwunden. Ausgelöst wurde ni­sation zu schwächen.« JGL stützung für die Studierenden. weil die EU ihnen nicht
die Fehde durch die Entführung SPIEGEL: Warum gehen die den Rücken stärkt. Sie auch?
des Drogenbosses Ismael »El Behörden nun härter gegen Đokić: In der Tat, ja. Die
Mayo« Zambada im Sommer Protestierende vor? Beitrittsverhandlungen laufen
vergangenen Jahres. Er hatte Đokić: Die Studierenden und bereits seit sehr langer Zeit,
das Sinaloa-Kartell gemein­ die Bevölkerung intensivieren immer mehr Menschen verlie-
sam mit dem seit 2017 in den ihren Druck. Es kommt zu ren ihr Interesse daran. Viele
USA inhaftierten Drogenboss Ausschreitungen. Selbst jetzt denken, dass die EU Vučić’
Juan Carlos Cruz / AFP

Joaquín »El Chapo« Guzmán im Sommer, während viele Partei unterstützt. Ein klares
gegründet. Zambada leitete die Menschen im Urlaub sind, lässt Zeichen der Unterstützung
Organisation nach Guzmáns die Unterstützung für die Pro- für die Forderung der Studie-
Auslieferung in die USA ge- Soldaten in Sinaloa teste nicht nach. Deshalb wird renden nach Neuwahlen wäre
meinsam mit dessen Söhnen. die Polizei aggressiver. hilfreich. COL

Nr. 29 / 11.7.2025 DER SPIEGEL 73


AUSLAND

Anti-Drohnen-Netze über der Straße


nach Kostjantyniwka

Fällt diese Stadt,


ist für Putin der Weg offen
UKRAINE Russlands Armee rückt im Donbass vor.
Sie schnürt die Stadt Kostjantyniwka ab und bedroht die Nachbarregion Dnipro­petrowsk.
Ein Frontbesuch. Von Christian Esch und Fedir Petrov (Fotos)

74 DER SPIEGEL Nr. 29 / 11.7.2025


AUSLAND

D
ie Fernstraße N-20 verbindet, was vom gefallen. Hinter den zwei Löschfahrzeugen
ukrainischen Donbass übrig geblieben stehen die Kleinwagen der Feuerwehrleute,
ist. Von Slowjansk im Norden führt sie draußen parken ist zu gefährlich.
über Kramatorsk und Druschkiwka bis nach Vor dem Krieg, sagt Grischyn, habe es ein-
Kostjantyniwka im Süden, vorbei an Stahl- mal im Monat gebrannt, mittlerweile gebe es
werken, Maschinenfabriken, Kraftwerken, täglich etwas zu löschen. Von seinem heutigen
den Resten einer einst imposanten Industrie. Einsatz, zwei Brände in Mehrgeschossern,
Wo eine Stadt aufhört und die nächste be- hat er als Souvenir einen schweren Metall-
ginnt, ist kaum zu erkennen. klumpen mitgebracht. Es sei das Geschoss
Zwischen den Privatautos fährt reichlich eines russischen Mehrfachraketenwerfers Typ
Militär: Pick-ups mit Störsendern auf dem Tornado-S, sagt er.
Dach, die wie grüne Pilze aussehen. Truppen- Grischyn ist in Kostjantyniwka aufgewach-
transporter, um die man ringsum Metallgitter sen und muss jetzt erleben, wie die Welt sei-
geschweißt hat, als führe das Auto in einem ner Kindheit in Flammen aufgeht. Er hat
Käfig. Bis in Druschkiwka die Fernstraße auf einen Brand in seiner eigenen Schule gelöscht
einmal ganz verwaist ist und der Verkehr auf und einen im Bürogebäude, in dem früher
eine schmale, holprige Landstraße wechselt. seine Mutter arbeitete. Die Hydranten der
Die N-20, die Magistrale eines ganzen Bal- Stadt sind leer, die Feuerwehr fährt das Lösch-
lungsraums, ist unbenutzbar geworden, seit wasser selbst zum Brandherd. Neulich wur-
russische FPV-Drohnen hier Jagd auf alles den sie beim Löschen von einer Drohne an-
machen, was sich bewegt. Russland ist dabei, Feuerwehrmann Grischyn in Kostjantyniwka
gegriffen, sie sind schnell ins Auto gesprungen
die Industriestadt Kostjantyniwka vom Rest und haben den Störsender angeschaltet. Im
des ukrainischen Donbass abzuschnüren. Der Krieg wird moderner, aber zugleich Süden der Stadt löschen sie nicht mehr, da ist
Das ist die große Veränderung, die dieses sieht er altmodischer, primitiver aus. Die un- es zu gefährlich.
Frühjahr der Ostukraine gebracht hat. Im ablässigen Innovationen scheinen in die Ver- Kostjantyniwka stirbt, da kann Tymur Gri-
vierten Jahr von Wladimir Putins Überfall gangenheit zu weisen, nicht in die Zukunft. schyn noch so viele Brände löschen. Es gerät
auf die Ukraine hat Russlands Armee deut- Kabel statt Funk. Rostige Metallgitter statt unter die Walze dieses Kriegs wie vor ihm
liche Fortschritte gemacht. Im Mai gelang ihr Panzerung. Schrotflinte statt Sturmgewehr. seine Nachbarstädte im Osten und Süden, die
ein Vorstoß südwestlich von Kostjantyniwka, Kostjantyniwkas goldene Zeiten sind längst in Trümmern liegen. Was vor zwei Jah-
und allein im Juni eroberte sie 556 Quadrat- längst vorbei. Hier stand eine der berühmtes- ren in Tschassiw Jar passierte und vor einem
kilometer. So schnell ist sie seit einem halben ten Glasfabriken der Sowjetunion: Die rubin- Jahr in Torezk, das passiert heute in Kostjan-
Jahr nicht mehr vorgerückt. roten Sterne auf dem Kreml haben sie hier tyniwka, sagt Grischyn. »Jetzt sind wir eben
Kostjantyniwka ist ein Hauptziel der Of- gegossen, unter denen heute Wladimir Putin an der Reihe. Alle hoffen, der Krieg hört auf,
fensive: Fällt die Stadt, dann steht der Weg seine Kriegspläne ausheckt. bevor er ihre Stadt erreicht.«
offen in die Nachbarstädte an der N-20, die Jetzt ist die Stadt ein Schatten ihrer selbst, Bald wird auch seine Feuerwehrwache die
bisher wie eine Festung wirken. Kostjanty- von fast 80.000 Bewohnern vor dem Krieg Stadt verlassen. Schon jetzt verbringen sie so
niwka ist das Tor zum Norden des Donbass, ist nicht einmal ein Zehntel geblieben, täglich wenig Zeit wie nötig außerhalb des Gebäudes,
der auch nach drei Jahren Angriffskrieg noch werden es weniger. Am Straßenrand liegen bei Luftalarm sind sie im Keller. Alle paar
fest in ukrainischer Hand ist. ausgebrannte Autos, getroffen von Drohnen. Tage rotiert das Personal, dann kommt Gri-
Es ist ein schwieriger Sommer, den die Es brennt viel in der Stadt. In einem Ge- schyn raus nach Kramatorsk.
­Ukraine durchmacht. Ihre Großstädte leiden werbegebiet liegt die Feuerwehrwache von Die wenigen Militärs, die man in Kostjan-
unter den größten Luftangriffen seit Langem, Tymur Grischyn, 28. Er ist gerade von einem tyniwka sieht, sind in Eile; sie rasen in ihren
die Gesellschaft ist müde, die Unterstützung Einsatz zurückgekehrt. Seine Kameraden Autos über die Hauptstraßen und verschwin-
des wichtigsten Verbündeten in Washington hängen ihre schwere Kleidung und ihre Helme den wieder. Zwei Soldaten starten zwischen
ungewiss – mal hält die Regierung von US- in die Gestelle, dazu die schusssicheren Wes- den Wohnblöcken eine ukrainische Drohne
Präsident Donald Trump Waffen zurück, mal ten, Grischyns wiegt 25 Kilogramm. Ein Ge- und tauchen wieder unter, man hört das gif-
liefert sie wieder. nerator brummt, der Strom ist wieder aus- tige Zischen der Propeller. Die Militärs leben
Zugleich muss die Ukraine gegen einen im Untergrund.
Feind kämpfen, der seine Methoden geändert Die Zivilisten leben oberirdisch und be-
hat. Er wirkt mit Drohnen weit ins Hinterland Kämpfe im Donbass wegen sich gemächlich. Sie besuchen die we-
und zielt auf die Logistik. Eine breite Todes- nigen verbliebenen Geschäfte, und wenn um
Die Lage bei Kostjantyniwka in der Ukraine
zone ist entstanden, in der jede Bewegung 15 Uhr die Sperrstunde beginnt, ziehen sie
riskant ist. Wenn man in diesem Sommer im russisch besetzte Gebiete sich zurück in die Innenhöfe. Vor einem Haus-
Donbass die Front abfährt, dann lernt man: eingang sitzt Nellja mit ihren Nachbarn und
Die Front ist jetzt überall. Slowjansk spielt Lotto, ein heiteres Glücksspiel in einer
Je mehr man sich Kostjantyniwka nähert, UKRAINE Unglücksstadt. Sie zählt auf, was sich in den
desto sichtbarer wird die Drohnengefahr. Von Kramatorsk vergangenen Wochen verändert hat: Der Bus
ihr zeugen nicht nur die Störsender und die nach Kramatorsk fährt kaum mehr; die Bank-
Druschkiwka
Metallkäfige an den Fahrzeugen. Über die automaten wurden abmontiert, an denen sie
Kostjantyniwka
Landstraße sind Netze gespannt, es ist, als früher ihre Rente abgehoben hat; ein Taxi ins
führe man durch einen durchsichtigen Tunnel. DNIPRO- DONEZK
30 Kilometer entfernte Kramatorsk kostet
Auf Pick-ups sitzen Soldaten, die statt der PETROWSK jetzt astronomische 1000 Hrywnja (umge-
Kalaschnikow eine Schrotflinte tragen und Pokrowsk Myrnohrad rechnet 20 Euro).
den Himmel absuchen. Die Schrotflinte gilt Andererseits: Wasser gibt es noch, jeweils
als einziges Mittel gegen jene Drohnen, die Nowopawliwka morgens und abends für wenige Stunden,
über hauchdünne Glasfaserkabel gesteuert 30 km »und Jobs findet man auch«, wirft eine Mit-
und deshalb von Störsendern nicht abgelenkt S Quellen: Institute for the Study of War, AEI’s Critical Threats
spielerin ein. »Also derzeit lässt es sich hier


werden. Project; Stand: 8.7.2025 noch leben«, sagt Nellja, während in der Fer-

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AUSLAND

Ausgebranntes Auto in Kostjantyniwka, Einwohnerin Nellja (2. v. l.): Zum Wegziehen fehlt das Geld

ne Explosionen donnern. »Nur wird’s in Zu­ Wadym Filaschkin kommt zum Interview griffen russische FPV-Drohnen auch hier an.
kunft wahrscheinlich schlimmer«, fügt sie in Zivil, aber mit einer Pistole am Halfter. Der Es war ein Schock für die Verteidiger. Wo
hinzu. Zum Wegziehen fehle ihr das Geld, Ex-Polizist ist der Chef der Militärverwaltung Front und wo Hinterland ist, das lässt sich
»außerdem wollen sie woanders nur solche des Gebiets Donezk. Zum Gespräch trifft er nicht mehr so genau sagen.
Vertriebenen, die Ukrainisch sprechen. Wer sich in einem Park in Kramatorsk. Wo er Die 35. Marineinfanteriebrigade gehört zu
Russisch spricht, den hassen sie.« arbeitet, sagt er nicht. Er spricht knapp, den Einheiten, die den russischen Vorstoß in
Viele wollen gar nicht mit Journalisten re­ schnell, konkret. die Nachbarregion Dnipropetrowsk aufhalten
den. Schon vor dem Krieg waren sie hier skep­ Filaschkin kann nicht erkennen, dass die sollen. In einem Eichenhain weit hinter der
tisch gegenüber dem heutigen Präsidenten Russen beabsichtigen würden, Kostjantyniw­ Front sitzt Hauptfeldwebel »Kondor« und
Wolodymyr Selenskyj, bei den Wahlen 2019 ka bloß abzuschnüren. Der Feind, sagt er, sieht zu, wie neue Soldaten dafür ausgebil­
verlor er in Kostjantyniwka im ersten Wahl­ zerstöre alles auf seinem Weg: »Jeden Tag det werden. Mit seinem grauen Vollbart und
gang haushoch gegen einen russlandfreund­ wirft er mindestens zehn Fliegerbomben Typ seinem Fischerhut wirkt er wie ein freund­
lichen Kandidaten. »Die jetzt noch in der Fab-250 auf Kostjantyniwka.« Wie erklärt sich licher, etwas müder Lehrer. Er hat sich gleich
Stadt geblieben sind, sind fast alle prorus­ Filaschkin dann, dass viele Einwohner die nach Putins Überfall auf die Ukraine frei­
sisch«, behauptet ein Offizier der 28. Mecha­ Stadt nicht verlassen? »Die haben die Kraft willig zur Armee gemeldet, er hat im Süden
nisierten Brigade, der selbst aus dem Donbass zur Selbsterhaltung verloren«, sagt er. bei Cherson gekämpft und nun im Osten.
kommt. Filaschkin ist Herr über ein Gebiet, aus Heute gibt es kaum noch Freiwillige. Die
»Kostjantyniwka wird von drei Seiten zu­ dem das Leben entweicht. Als Putin im Fe­ ukra­inische Armee rekrutiert sich aus Zwangs­
gleich bedroht«, sagt Petro, ein ukrainischer bruar 2022 die Ukraine überfiel, war die Hälf­ mobilisierten. »Motiviert sind die wenigsten«,
Offizier der 24. Mechanisierten Brigade mit te des Donezker Gebiets bereits russisch be­ sagt »Kondor«.
imposantem Schnurrbart. Seine Brigade steht setzt. Im ukrainisch kontrollierten Teil wohn­ An diesem Tag wird ein Dutzend Neuzu­
im Osten der Stadt, wo sich die Front kaum ten damals noch 1,9 Millionen Menschen. gänge in Drohnenführung, Notfallmedizin
bewegt hat. Aber im vergangenen Sommer Anfang 2024 waren es noch eine knappe und Grabenkampf trainiert. Fast alle wurden
sind die Russen im Süden vorgestoßen, und halbe Million. Heute, sagt Filaschkin, seien von der Straße weg in die Armee verfrachtet.
in diesem Frühjahr im Westen von Kostjan­ es 270.000. Am schlimmsten sei es für die »Blasser«, ein bleicher, hagerer Mann von
tyniwka, an der Straße nach Pokrowsk. Sie Zivilisten gar nicht in Kostjantyniwka, son­ 39 Jahren, hat noch vor Kurzem in einer Auto­
können die Zufahrtswege abschneiden und dern in Pokrowsk. waschanlage bei Kyjiw gearbeitet. Er hatte
aus drei Richtungen Drohnen in die Stadt Pokrowsk liegt im Westen des Donezker seinen Einberufungsbescheid ignoriert, ein
schicken. Sie müssen die Stadt nicht frontal Gebiets, es ist neben Kostjantyniwka die an­ ganzes Jahr lang, bis eine Patrouille ihn um
angreifen, sie wollen sie offenbar abschnüren dere große Stadt, die von den Russen einge­ zehn Uhr abends vor seiner Wohnung er­
und umgehen. Seit einem Monat schon, sagt kesselt zu werden droht. Dort im Westen sind wischte. Er lässt seine Freundin zurück und
Petro, flögen ständig russische Drohnen in die Russen sogar dabei, erstmals auf das Nach­ drei Stiefkinder, die keinen leiblichen Vater
der Stadt. bargebiet Dnipropetrowsk vorzustoßen. Nach mehr haben. Wären die Kinder seine, wäre
Der Krieg hat sich vom Boden in die Luft russischen Angaben haben sie sich dort schon er als vielfacher Vater vom Wehrdienst be­
verlegt, er spielt sich oberhalb der Infante­ festgesetzt, die ukrainische Seite streitet das freit. »Ich bin kein Krieger, sogar in der Schu­
risten ab. Es fliegen Aufklärungsdrohnen, ab. Es wäre für Putin ein symbolischer Sieg, le war ich immer vom Sportunterricht frei­
FPV-Drohnen, Skidy-Drohnen (die Spreng­ wenn er in eine weitere Oblast einmarschie­ gestellt. Und jetzt so was«, sagt er.
sätze abwerfen), Anti-Drohnen-Drohnen, ren könnte. Oleksandr, 26, kommt aus einem Dorf bei
Signalverstärker-Drohnen, Transportdroh­ Der Weg zu jenem Frontabschnitt führt Mykolajiw in der Südukraine, das 2022 unter
nen, Reservedrohnen. Jede Bewegung wird von Kramatorsk nach Südwesten. Die Straße russischer Besatzung war. Er wurde auf dem
zum Risiko. Wer sich bewegt, fällt auf; wer führt durch eine sanft gewellte Landschaft mit Weg zur Arbeit gestellt. Seine Freundin und
auffällt, stirbt. Sonnenblumen- und Getreidefeldern, Ritter­ sein anderthalbjähriges Kind habe er seither
Früher hätten sie in den vorderen Stellun­ sporn am Straßenrand und dem Blick auf nicht mehr gesehen, sagt er.
gen alle paar Tage die Infanteristen austau­ ­Befestigungsarbeiten. Eine neue Verteidi­ Ein Dritter wurde in Kyjiw von der Ver­
schen können, sagt Petro. »Mittlerweile gibt gungslinie wird errichtet, mit Panzergräben, kehrspolizei gestoppt, weil er nicht ange­
es Jungs, die müssen mehr als 100 Tage in Sperren aus Betonzähnen, Stacheldraht. Last­ schnallt war. Bei der Überprüfung flog auf,
irgendeinem Loch aushalten, über dem man wagen bringen Armierungseisen, Fertigbau­ dass er zur Fahndung ausgeschrieben war.
ihnen ab und zu Essen abwirft. Da trägt dann teile für Unterstände, Betonplatten. »Alle hier haben Angst«, sagt er. »Ich auch.«
einer Sommeruniform, obwohl es längst Win­ Noch sind es 30 Kilometer von der Straße Der Truppenmangel ist das Hauptproblem
ter ist.« bis zu den russischen Linien. Aber im Mai der ukrainischen Streitkräfte, die 2024 be­

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AUSLAND

schlossene Mobilisierungswelle zutiefst un-


populär. Anfang Juni rebellierten in Kyjiw
Der Krieg sieht altmodischer dern, wo man den Feind nicht sofort sehen
kann. Jedes Stück Hecke scheint einen Ver-
eingezogene Männer. Russland greift seit Kur- aus: Metallgitter statt merk zu tragen. Es ist der Blick auf das
zem die Wehrersatzämter der Ukraine an, um
den Unmut zu schüren. Es kann seine eigenen
Panzerung. Schrotflinte statt Schlachtfeld in Zeiten des Drohnenkriegs:
unerbittlich detailliert.
hohen Verluste immer noch mit Freiwilligen Sturmgewehr. Aus den Schießscharten des Unterstands
auffüllen, dank hoher Prämien. Auch der sieht man hinaus in die Nacht. Manchmal ex-
­ukrainische Präsident Selenskyj gesteht, dass plodiert ein Blitz vor den Augen, ein Licht
Russland deutlich mehr Männer gewinnt als bewegt sich, ganz in der Nähe donnert eine
die Ukraine. In einem Interview sprach er Artilleriestellung. Von wem die Stimmen
von 27.000 Mobilisierten je Monat für die werfer. Dann biegt er scharf ab ins freie Feld, stammten und ob es sie überhaupt gab, ist in
Ukraine, 40.000 bis 50.000 für Russland. die Insassen werden hin und her geworfen, dieser Nacht nicht festzustellen. Es bleibt
Die Männer, die auf »Kondors« Übungs- und hält an einem Baumstreifen. Die Heck- ruhig. Bei Tagesanbruch rast der Truppen-
platz stehen, haben alle die Grundausbildung klappe wird aufgerissen, ein Sprung in die transporter wieder zurück. Die Feuchtigkeit
von 45 Tagen absolviert. Aber auf den Droh- Tiefe, ein paar schnelle Schritte vom Feld liegt als Nebel über der Landschaft.
nenkrieg müssen sie erst noch vorbereitet unter das schützende Laub der Bäume. Zwei »70 Prozent unserer Treffer fügen wir
werden. Im Kurs zur taktischen Medizin heißt wartende Soldaten klettern in den Transpor- dem Feind mit Drohnen zu, nur 20 Prozent
das zum Beispiel: gar nicht erst auf eine ter, die Klappe schließt sich, er braust davon. mit der Infanterie, und 10 Prozent mit der
schnelle Evakuierung hoffen, wenn man ver- Das Ganze hat nur Sekunden gedauert. Artillerie«, so hat es »Alex« im Unterstand
wundet ist. »Was ihr an Medikamenten Durch das Gebüsch geht es in Schützen- formuliert. Es ist ein völlig neues Zahlen­
braucht, das werfen wir euch von einer Droh- gräben und dann in lange unterirdische Gän- verhältnis.
ne ab«, sagt der Rettungsarzt. ge. Im Dunkeln kann man die wenigen Solda­ Für die Ukraine hat das einen Vorteil: »Die
Eine Hälfte der Männer ist als künftige ten nur erahnen. Hier, unweit von Nowopaw- Waffe, mit der wir am meisten ausrichten, ist
Drohnenpiloten eingeteilt worden, »vielleicht liwka, liegt ein Unterstand der 35. Brigade. zugleich eine, die wir selbst herstellen kön-
verlängert das unser Leben ein wenig«, In einem kleinen Raum mit schweren Metall- nen«, sagt Oleksandr Jabtschanka, Offizier
scherzt einer bitter. Zum ersten Mal dürfen luken vor den Fenstern sitzt »Alex«, ein Offi­ in einem Bataillon der 59. Brigade, das eben-
sie mit einer Quadrokopter-Drohne über den zier. Mücken summen, ein Generator brummt, falls im Donbass kämpft. Artillerie und schwe-
Übungsplatz fliegen. Es ist nicht einfach, das Funkgerät piepst. »Alex« hält Kontakt res Gerät muss die Ukraine von ihren Ver-
wenn man vorher Autos gewaschen oder auf mit vorgeschobenen Stellungen, wo Infante- bündeten beziehen.
dem Land gearbeitet hat. »Du musst sanfter risten teilweise schon einen Monat aushar- Aber für die Soldaten ist das kein Trost.
steuern«, ruft einer, »das ist wie beim Traktor, ren. Gerade haben sie von dort gemeldet, es »Ich war Infanterist in der Schlacht um Bach-
wenn du die Hydraulik bedienst!« seien Stimmen zu hören. Sind es Russen? Die mut, das war damals der beschissenste Ort
Die Ausbilder sind betont wohlwollend, bewegen sich zu Fuß, in kleinen Gruppen oder von allen. Ich sage euch: Heute ist es für einen
niemand schreit. Zum Spaß wird einem Hund sogar einzeln, um unbemerkt durch die Infanteristen noch gefährlicher«, sagt Jab­
ein Wundverband angelegt. Aber die Angst ­ukrainischen Linien zu sickern. Wenn sie ihr tschanka. »Dabei gab es damals auch schon
vor dem, was kommt, lässt sich nicht ver- Funkgerät zu laut stellen, kann man sie hin FPV-Drohnen. Aber es waren weit weniger,
scheuchen. und wieder hören. »Alex« lässt bei der be- viele haben über sie gelacht.« Was ist die
Der Frontabschnitt, den die 35. Marine- nachbarten ukrainischen Einheit abklären, ob nächste Neuerung, die diesen Krieg von Grund
infanteriebrigade hält, ist derzeit besonders es sich womöglich um eigene Soldaten han- auf verändern wird? Und wie kann sich die
umkämpft, er liegt genau an der Grenze von delt. Dann bestellt er eine Aufklärungsdroh- Ukraine in diesem Wettlauf behaupten?
Donezker und Dnipropetrowsker Gebiet. Es ne, um der Sache nachzugehen. »Die Lage im Donbass ist schwierig. Rich-
ist eine abenteuerliche Fahrt dorthin. Es geht Neben seinem Bildschirm, auf dem er Vi- tig, richtig schwierig«, sagt Jabtschanka ernst.
in der Abenddämmerung los, mit einem Ford- deostreams von Drohnen im Tages- und Dann beugt er sich vor und setzt hinzu:
Truppentransporter, der ringsum mit Gittern Nachtsichtmodus sieht, hat er einen Tablet- »Aber nicht schwieriger als 2024!« Es ist ein
gegen FPV-Drohnen geschützt wurde. Stör- Computer mit einer Karte der Umgebung. Satz, aus dem man Mut schöpfen oder an
sender arbeiten auf elf Frequenzen. Der Fah- Stellungen und Gefechtsverläufe sind ver- dem man verzweifeln kann. Der Krieg, soll
rer rast über die Straße Richtung Front, vorbei merkt, bis hin zu einzelnen getöteten Feinden. das heißen, ist für die Ukraine nicht schlim-
an Häusern, die sich in die Landschaft ducken, Gekämpft wird, wie überall im Donbass, in mer geworden. Er ist einfach die ganze Zeit
und einem ausgebrannten Himars-Raketen- den dünnen Waldstreifen zwischen den Fel- schlimm. n

Ukrainische Soldaten bei Drohnentraining, Rücktransport aus der Stellung: Wer sich bewegt, fällt auf

Nr. 29 / 11.7.2025 DER SPIEGEL 77


AUSLAND

»Das Ziel der Regierung ist,


die Eliten zu zerstören«
SPIEGEL-GESPRÄCH Medizinnobelpreisträger Thomas Südhof spricht über die Fehler in seinem Labor,
die US-Präsident Trump offenbar ausnutzt, um die Wissenschaftsfreiheit einzuschränken.

Der deutsch-amerikanische Hirnforscher Süd- Südhof: Es war lehrreich zu rekonstruieren, wenn die Präsentation unsichtbare Fehler
hof, 69, erhielt 2013 den Medizinnobelpreis wie sich in unserer Wissenschaft Fehler ein- ­enthielt.
für seine Arbeiten an Synapsen, den Schalt- schleichen können. Fast alle Fehler, die wir SPIEGEL: In dem Erlass von Trump heißt es,
stellen der Nervenzellen. Anfang Juli traf er begangen haben – und wir haben sie eindeutig das Vertrauen der Menschen in die Wissen-
sich mit 32 weiteren Laureaten zur 74. Nobel- begangen –, sind auf eine technische Neue- schaft sei geschwunden. Ist da etwas dran?
preisträgertagung in Lindau am Bodensee. rung zurückzuführen: Wir haben vor unge- Südhof: Ich fürchte, da ist sogar viel dran. Wis-
Die Angriffe des US-Präsidenten Donald fähr 15 oder 20 Jahren begonnen, Bilder di- senschaftsfeindlichkeit ist nicht neu in den
Trump auf die Wissenschaft waren eines der gital zu verarbeiten. Daraufhin sind Copy- USA. Schon vor der Coronapandemie hat
großen Themen. Paste-Fehler passiert, die mit dem bloßen durch wirtschaftliche Interessen angetriebene
In den vergangenen Monaten hat Trumps Auge nicht zu erkennen waren. Heute aber Propaganda das Vertrauen in die Wissenschaft
­Regierung Hochschulen massiv Gelder ge- ist das dank künstlicher Intelligenz möglich. stark unterminiert, zum Beispiel beim Thema
kürzt, ausländischen Studierenden die Ein- Das heißt: Mit einer Verzögerung von 15 bis Klimawandel. Aber durch Corona ist dieser
reise verweigert oder Impfexperten aus 20 Jahren werden jetzt plötzlich Fehler offen- Trend noch angefeuert worden. Und wir müs-
­Behörden entlassen. Ende Mai forderte er in bar, die bisher nicht auffindbar waren. sen leider auch eingestehen, dass diejenigen,
einem Erlass die Einhaltung eines »Goldstan- SPIEGEL: Heißt das, dass man Forschungs- die in der Politik Erkenntnisse aus der For-
dards« in der Wissenschaft ein und ordnete ergebnissen nicht trauen kann, weil man nie schung umgesetzt haben, nicht immer ganz
an, diesen fortan staatlich zu überwachen. weiß, ob unbemerkte Fehler darin stecken? ehrlich dabei waren. Insofern lässt sich der
Diesen Angriff auf die Autonomie der Wissen- In Trumps Erlass steht, dass die Wissenschaft Wahlsieg von Trump als Reaktion auf Fehler
schaften begründet Trump unter anderem mit in einer Reproduzierbarkeitskrise stecke, dass verstehen, die von wissenschaftsorientierten
Fehlern in Laboren namhafter Forscher. sich also viele Studienergebnisse im Nach- Teilen des Establishments gemacht wurden.
In Südhofs Labor im kalifornischen Stan- hinein nicht bestätigen ließen … SPIEGEL: Was für Fehler meinen Sie?
ford gab es solche Fehler in Studien über die Südhof: Das halte ich für falsch. Eine solche Südhof: Einige Wissenschaftler sind im Ange-
­Funktionsweise des Gehirns, sie werden Krise gibt es nicht. Dass man die Fehler, die sicht der Pandemie in eine Art Panik verfallen.
noch untersucht. Unter dem Titel »Was schief- uns passiert sind, mit bloßem Auge nicht Die Angst, dass Millionen Menschen sterben
gehen kann« hat der Nobelpreisträger sich in ­sehen kann, bedeutet auch, dass sie keinerlei könnten, hat zu Maßnahmen geführt, die nicht
Lindau mit den Vorwürfen auseinander­ Einfluss auf unsere wissenschaftlichen Er­ in allen Fällen gut wissenschaftlich begründet
gesetzt, zuvor hatte er Daten seines Labors gebnisse hatten. Diese waren richtig, auch waren. Deshalb sind vor allem die Menschen
veröffentlicht. in sozial schwachen Schichten, die am meisten
darunter gelitten haben, immer skeptischer
SPIEGEL: Herr Professor Südhof, in seinem geworden. Wir Wissenschaftler – und ich zäh-
Erlass zur »Wiederherstellung des Goldstan- le mich selbst dazu – haben das unterschätzt.
dards in der Wissenschaft« rechtfertigt Trump Wir hätten vorsichtiger sein sollen mit den
seine Eingriffe in die Forschung auch damit, Maßnahmen, die wir gefordert haben.
dass in Laboren führender Wissenschaftler SPIEGEL: Die Regierung streicht nun das For-
Arbeiten zurückgezogen werden mussten. schungsbudget radikal zusammen, sie ver-
Sind damit auch Sie gemeint? unglimpft Impfprogramme, und sie attackiert
Südhof: Das weiß ich nicht. Aber es ist wahr: mit Harvard die renommierteste Universität
Wir haben zwei Arbeiten zurückgezogen, des Landes. Wie werden Wissenschaftshisto-
nicht weil unsere Ergebnisse nicht stimmten, riker auf das Jahr 2025 zurückblicken: eine
sondern weil es Unstimmigkeiten gab zwi- tiefe Zäsur oder eine Irritation, die vorüber-
schen Rohdaten und Grafiken, die wir nicht gehen wird?
unmittelbar auflösen konnten. Die Kernaus- Südhof: Man kann schon jetzt sagen, dass es
sagen der Arbeiten waren richtig. sich um mehr als nur eine Irritation handelt.
SPIEGEL: Ihnen sind noch eine Reihe weiterer Der Prozess ist noch im Gang, und es ist nicht
Fehler nachgewiesen worden, etwa weil ein- abzusehen, wie er enden wird. Es geht um
zelne Abbildungen an falsche Stellen kopiert mehr. Das Ziel der Regierung ist es, die Eliten
Ines Janas / DER SPIEGEL

wurden. Sie waren deshalb enorm unter der Vereinigten Staaten zu zerstören, zu ver-
Druck. Was haben Sie für Lehren aus dieser ändern und letztlich zu ersetzen. Die Wissen-
Erfahrung gezogen? schaft ist im Visier, weil sie als Teil der Eliten
gesehen wird.
Das Gespräch führte der Redakteur Johann Grolle in SPIEGEL: Wovon hängt ab, ob die Wissen-
Lindau am Bodensee. Nobelpreisträger Südhof schaft nachhaltig beschädigt wird?

78 DER SPIEGEL Nr. 29 / 11.7.2025


AUSLAND

Südhof: Letztlich wird es darauf ankommen,


ob der traditionelle Rechtsstaat der Vereinig­
ten Staaten bestehen bleibt oder ob er zerstört
wird. In einem Rechtsstaat gibt es eine gute
Chance, dass die Wissenschaft sich anpasst
und neue Wege findet. Wenn der Rechtsstaat
aber dauerhaft schwer beschädigt wird, dann
glaube ich, dass dies auch die Wissenschaft
langfristig sehr schwächt.
SPIEGEL: Von allen akademischen Institu­
tionen Amerikas hat Trump ganz besonders
die Harvard-Universität ins Visier genom­
men. Warum?
Südhof: Weil sie mehr ist als eine Wissen­
schaftsinstitution. Sie ist das Symbol der ame­
rikanischen Eliten schlechthin. Sie ist der Ort,
wo diese Eliten ausgebildet werden.
SPIEGEL: Sie lehren und forschen in Stanford,
einer Universität, die für die US-Westküste
das ist, was Harvard für die Ostküste ist.
­Waren Sie insgeheim froh, als das Gewitter
über Harvard niederging?
Südhof: Auf keinen Fall. Die Vorgänge in
­Harvard beunruhigen uns in Stanford zu­
tiefst, um es milde zu sagen. Dass ein US-
Präsident versuchen kann, einer Universität
vorzuschreiben, was sie lehren soll: So etwas
ist meiner Auffassung nach schwer mit
einem Rechtsstaat zu vereinbaren. Im
­Übrigen werden die Übergriffe mit Sicher­
heit auf die Westküste übergreifen. Ich habe
keinen Zweifel, dass auch wir angegriffen
werden.
SPIEGEL: Wie groß ist die Neigung, sich in die
Furche zu legen, wenn es einen anderen trifft,
und zu hoffen, dass man selbst verschont
bleibt?
Südhof: Wir diskutieren viel über diese Frage.
Ich versuche mich, soweit ich kann, gegen die
Angriffe gegen die Wissenschaft auszuspre­
chen. Aber es besorgt mich sehr, dass viele

Scott Olson / Getty Images


führende Persönlichkeiten in der Wissenschaft
und in den Universitäten den Kopf einziehen.
SPIEGEL: Zumindest am Anfang schien die
ganze Wissenschaft in eine Art Schockstarre
zu verfallen.
Südhof: Ja, das stimmt. Die Verunsicherung US-Präsident Trump: »Es würde mich nicht wundern, wenn viele Kollegen ihn gewählt haben«
wird noch verstärkt, weil wir als Wissen­
schaftler vor einem Dilemma stehen: Politisch nicht verschweigen, dass das schon die Biden- in der Gesellschaft fairer verteilt werden. Wir
kann ich mich äußern, solange ich mich als Regierung gemacht hat. Auch in Stanford gab müssen erreichen, dass arme Leute Zugang
Privatperson deklariere. Als Wissenschaftler es eine Liste von allen möglichen Worten, die zu den besten Universitäten haben, wenn sie
dagegen sollte ich nur in wissenschaftlichen wir nicht mehr sagen sollten. Die Professoren das notwendige Talent mitbringen. Aber die
Fragen das Wort ergreifen. Beim Angriff auf haben dagegen protestiert, und dann war die Art und Weise, wie das gemacht wurde, ist
die Harvard-Universität handelt es sich aber Sache Gott sei Dank vom Tisch. falsch.
primär um eine politische Aktion. Deshalb SPIEGEL: Programme für mehr »Vielfalt, SPIEGEL: Was war falsch?
weiß ich nicht recht, wie ich damit umgehen ­Gerechtigkeit und Teilhabe« hat Trump Südhof: Ich bin nun einmal Deutscher, und in
soll. In meiner Rolle als Nobelpreisträger ­abgeschafft, sogenannte DEI. Welche Rolle Deutschland sind Juden und andere aus ras­
­fühle ich mich nicht befugt, politische Emp­ spielen sie bei den Angriffen auf die sistischen Gründen verfolgt und ermordet
fehlungen abzugeben. ­Wissenschaft? worden. Deshalb ist es für mich seit je sehr
SPIEGEL: »Klimawandel«, »Gender«, »Diver­ Südhof: Eine Riesenrolle. Die Demokraten fragwürdig, Menschen angeblichen Rassen
sität«: Trump hat eine schwarze Liste mit haben DEI in den Universitäten vorangetrie­ zuzuordnen. Es war ein Fehler, dass Men­
Begriffen erstellt, die zum Beispiel in
­ ben. Es war ihnen wohl nicht klar, wie gravie­ schen auch aufgrund ihrer ethnischen Her­
­Forschungsanträgen nicht mehr vorkommen rend die Vorbehalte dagegen in der Bevölke­ kunft für eine Eliteuniversität zugelassen wer­
dürfen … rung waren. den sollten. Viele haben das als Diskriminie­
Südhof: Katastrophal. Worte zu verbieten, ist SPIEGEL: Teilen Sie diese Vorbehalte? rung empfunden, weil Schwarze oder Latinos
eine Einschränkung der Meinungsfreiheit. Südhof: In großen Teilen, ja. Im Prinzip stim­ ihnen gegenüber bevorzugt wurden. Ich glau­
Und die halte ich für den wichtigsten Teil me ich mit dem Ziel dieser Programme über­ be, dass dies der wichtigste Grund dafür ist,
unserer Demokratie. Allerdings sollten wir ein. Bildungs- und Karrierechancen müssen dass die Menschen Trump gewählt haben: Die

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AUSLAND

Bevölkerung war tief verunsichert oder sogar wäre, würde ich Politikern dringend empfeh­
abgeschreckt durch die enorme Überbeto­ len, Geld in den Klimaschutz zu investieren.
nung der »social justice«, ein Begriff, der Aber ich kann ihnen nicht sagen: Ihr müsst
­vielleicht als »soziale Gerechtigkeit plus Ge­ das tun. Dazu bedürfte es einer demokrati­
richtsbarkeit« übersetzt werden könnte. Es schen Legitimation.
wurde oft die ethnische Komponente der SPIEGEL: Ist durch die Maßnahmen der
­gesellschaftlichen Ungleichheit wichtiger Trump-Regierung die Führungsrolle der USA
­gemacht als die ökonomische. Das war ein­ in der Wissenschaft gefährdet?

Allison Bailey / NurPhoto / IMAGO


fach falsch, obwohl natürlich die mangelnde Südhof: Ja, die amerikanische Wissenschaft
Gerechtigkeit der Gesellschaft ein Riesen­ fällt zurück, weil sie Gegenwind von der eige­
problem ist. nen Regierung bekommt. Und unsere Wissen­
SPIEGEL: Sie hatten in Stanford auch solche schaft hat schon Vorsprung verloren, vor ­allem
Programme? gegenüber China. Die Chinesen sind extrem
Südhof: Ja, und zwar gegen den erklärten innovativ, besonders in technischen Bereichen
­Widerstand der Bevölkerung. Selbst in Ka­ wie künstlicher Intelligenz, Batterietechnik
lifornien, was ja nun wirklich ein liberaler Protest für Wissenschaftsfreiheit
oder Quantencomputern. Wir müssten viel
Staat ist, hat sich die Bevölkerung schon vor stärker in die Wissenschaft i­nvestieren, um
Jahren mit großer Mehrheit dagegen aus­ Südhof: Ich halte diese Entscheidung der überhaupt mithalten zu können.
gesprochen, dass ethnische Herkunft als Kri­ Trump-Regierung für falsch, für einen fatalen SPIEGEL: Wird Amerika ein Nachwuchspro­
terium für die Zulassung zum College gelten Fehler. Und natürlich können wir wissen­ blem bekommen?
darf. Trotzdem haben die Universitäten ver­ schaftlich dagegen argumentieren. Aber letzt­ Südhof: Das haben wir schon heute. Seit je
sucht, das durchzusetzen. lich ist es eine politische Entscheidung. Ich stellen Einwanderer in Amerika einen Groß­
SPIEGEL: Waren die DEI-Programme auch kann den Politikern nicht das Recht abspre­ teil des Nachwuchses. Keine Frage: Wenn die
innerhalb von Stanford umstritten? chen zu entscheiden. Dafür sind sie demo­ Immigration verringert wird, dann wird das
Südhof: Oh ja. Es würde mich nicht wundern, kratisch legitimiert. Nachwuchsproblem größer.
wenn viele meiner Kollegen deswegen Trump SPIEGEL: Hat die Wissenschaft nicht eine Art SPIEGEL: Gibt es einen Forscher-Exodus in
gewählt haben. Ich kenne einige, die das mit Pflicht, ein für die Menschheit so wichtiges den USA?
Sicherheit gemacht haben. Thema wie den Klimawandel zu erforschen? Südhof: Bis jetzt nicht, abgesehen von Chi­
SPIEGEL: Forscher werfen der Trump-Regie­ Südhof: Das ist eine Frage der Ethik, nicht der nesen, die nach China zurückkehren, weil
rung Einschränkungen der akademischen Wissenschaft. Viele Forscher fühlen sich sie sich in den USA diskriminiert und be­
Freiheit vor. Andererseits hat eine Regierung ethisch verpflichtet, Dinge zu erforschen, die nachteiligt fühlen. Ansonsten gibt es so­
ein gewisses Recht, Prioritäten in der For­ für die Menschheit wichtig sind. Ich zum Bei­ viele Forscher in Amerika, dass es gar nicht
schung festzulegen. Wie weit reicht dieses spiel möchte mehr über neurodegenerative so viele Stellen gibt, um sie alle in Europa
Recht? Krankheiten wie Alzheimer lernen, weil ich unterzukriegen.
Südhof: Sollten wir die vollkommene Freiheit glaube, dass das eine echte Bedrohung der SPIEGEL: Haben Sie schon Anfragen aus
haben, zu erforschen, was immer wir wollen? Menschheit ist. Klimaforscher haben gewiss Deutschland bekommen?
Die Antwort lautet eindeutig: Nein. Ein Land, sehr gute Gründe, dasselbe über den Klima­ Südhof: Ich? Ich bin zu alt für Deutschland.
eine Kultur hat immer nur so und so viele wandel zu denken. Wenn ich Klimaforscher Ich bin jetzt 69, und habe in Stanford noch
Mittel, und die Politik sollte das Recht haben, eine feste Finanzierung für mindestens zwölf
Prioritäten zu setzen, wofür diese Mittel ein­ Jahre. In Deutschland wäre so etwas unmög­
gesetzt werden. lich. Die Frage, wie man mit dem Altern um­
SPIEGEL: Das heißt: Wenn die Regierung alle geht, die zumindest haben die Amerikaner
Klimaforschung streicht, weil die nicht zu
ihren Prioritäten gehört, dann ist das ihr gutes
»Die amerikanische besser gelöst.
SPIEGEL: Herr Professor Südhof, wir danken
Recht? ­Wissenschaft fällt zurück.« Ihnen für dieses Gespräch. n

GAZASTREIFEN: Ein mobiles medizinisches Team von Ärzte ohne Grenzen


ist unterwegs, um Hilfe zu leisten (Februar 2025). © MSF

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AUSLAND

rin, die in Florenz ein Boutiquehotel betreibt.


Seither schwelt der Konflikt, auch weil nicht
ganz klar ist, was die Investorin wirklich will.
Soll es eine exklusive Seniorenresidenz wer-

Auf heiliger Mission


den, wie es zunächst hieß? Oder doch ein
weiteres Luxushotel? Fragen dazu hat die
Unternehmerin nicht beantwortet.
Pater Giuseppe betet, dass das Projekt
noch an irgendwelchen kommunalen Para-
ITALIEN In Florenz kämpft ein Mönch gegen die Regierung, weil sie sein grafen scheitert. In der Basilika organisierte
er Protestevents, auf dem Platz vor dem Klos-
Kloster Santo Spirito in eine vornehme Residenz verwandeln ter gab es einen Flashmob.
könnte. Hilfe bekommt er von einem alten Studienfreund: Papst Leo XIV. Und die Schlacht ist noch nicht vorbei. Im
April ist er nach Rom gefahren, um Verteidi-
gungsminister Guido Crosetto zu treffen: Der

E
in leichtes Husten von irgendwoher Krankenhaus die Anatomie von Leichen Parteifreund von Ministerpräsidentin Giorgia
unterbricht die Stille im Kreuzgang von ­studiert. Das Kruzifix, das er zum Dank den Meloni ist offiziell Hausherr in Santo Spirito.
Santo Spirito. Pater Giuseppe Pagano Augustinern überließ? »Es trägt wohl das Ant- Er könnte die Luxusresidenz stoppen. Eine
blickt zu den alten Mönchszellen im ersten litz eines jungen Toten, den er bei uns unter- Antwort hat Pagano bislang nicht bekommen.
Stock hinauf. Nur selten wird seine Ruhe ge- suchte«, mutmaßt Pagano. »Die Mutter hat Und nun? Große Hoffnungen setzt er auf
stört. Erst recht nicht an einem heißen Julitag sich der Legende nach beschwert, dass Michel­ seinen alten Studienfreund Robert Prevost,
wie diesem, wenn sogar die Goldfische in angelo ihren Sohn sezierte.« der im Mai überraschend Karriere machte –
ihrem Bassin zwischen den Säulengängen Sogar Martin Luther solle Santo Spirito be- und zum Papst gewählt wurde. Beppe und
kaum eine Flosse rühren. sucht haben, sagt er. »Er hat bei uns wohl eine Bob haben sie sich zu Unizeiten genannt.
Das Räuspern muss von einem der weni- seiner letzten Messen gefeiert – als Augus­ In den vergangenen Jahren habe Leo XIV.,
gen Soldaten kommen, die hier noch arbeiten. tinermönch, kurz vor der Reformation.« damals noch Kardinal, öfter das Kloster be-
Gut 150 Jahre lang hat die Armee das Augus- Alles war gut, so kann man ihn verstehen. sucht, erzählt Beppe. Gemeinsam hätten sie
tinerkonvent als Kaserne genutzt. Gute Nach- Bis der italienische Staat sich für das Gebäu- Alternativen zur Luxusresidenz diskutiert.
barn, leise, eine friedliche Truppe. de zu interessieren begann. Die Idee: ein internationales Studienzentrum.
Es ist Pagano, der kriegerisch eingestellt Pater Giuseppe ist wütend über das, was 1866 »Santo Spirito soll wieder ein Kulturort
ist. Die letzten Soldaten zögen bald aus, und geschah. »Der Staat hat uns das Kloster weg- werden, wie früher«, sagt Pater Giuseppe. Er
dann sei es mit der Stille vorbei. »Der italie- genommen. Er hat es uns geraubt!« Eine anti- denkt an Konferenzräume, eine Bibliothek,
nische Staat will Santo Spirito zu einer Luxus- klerikale Attacke sei das gewesen, weil das neu Kurse mit einer katholischen US-Universität.
herberge machen«, schimpft der 65-Jährige. gegründete italienische Königreich im Zuge der Prevost habe ihm dazu viele Ratschläge
Sein Kloster liegt im Zentrum von Flo­renz, Säkularisierung die Kirche schwächen wollte. gegeben, sagt er. »Wenn ich Zweifel hatte, ob
nicht weit von den Uffizien und der Arno­ Bis heute sind die Mönche, deren Vorgänger die Sache nicht zu groß für mich ist, ermun-
brücke Ponte Vecchio entfernt. Auf den ersten das Kloster vor fast 800 Jahren gegründet terte er mich stets zum Weitermachen.«
Blick ist hier das Weltkulturerbe der Unesco haben, hier nur geduldet. »Man hat uns einen Eine Investorin, der Verteidigungsminister,
zu bewundern. Und auf den zweiten das Ge- halben Flur mit ein paar Zimmern überlas- Pater Giuseppe und sein Freund Bob: Noch ist
schick von Finanzinvestoren: Sie stecken für sen«, sagt Pagano. Ohne die Augustiner zu nicht klar, wer Santo Spirito gewinnt. Doch der
ihre internationale Klientel Millionensummen informieren, schrieben die Behörden das Augustinermönch ist optimistisch. Er wolle sein
in alte Palazzi, in ehemalige Schulen und his- Kloster 2021 für eine kommerzielle Nutzung Kulturzentrum »Papst Leo XIV.« nennen und
torische Krankenhäuser. aus – als klar war, dass die Armee den Stand- habe den Heiligen Vater schon um Erlaubnis
Pater Giuseppe hat genau verfolgt, wie ort verlassen würde. Den Zuschlag für die gebeten, erzählt er. »Er hat zugestimmt.«
Schreiner, Friseure und andere Nachbarn das nächsten 30 Jahre bekam eine Unternehme- Frank Hornig n
Viertel verlassen haben – die Preise für Miet-
und Eigentumswohnungen haben sich binnen
zehn Jahren verdoppelt. Ihn stört, dass Staat
und Kommune oft öffentliche Gebäude pri-
vaten Investoren übertragen, um die eigenen
Kassen zu füllen. »Das Zentrum ist unbe-
wohnbar geworden«, sagt Pagano. Er fürch-
tet, dass sein Orden zum nächsten Opfer wird.
»Wir erleben einen Ausverkauf der Stadt«,
sagt er. »Die Politik hat Florenz zerstört.«
Eine Luxusresidenz vom Staat, wie ist das
möglich in einem Kloster, dessen Basilika ab
1434 von Renaissance-Stararchitekt Filippo
Brunelleschi entworfen wurde? Es ist ein Ort
der Kirchengeschichte, der nun verhökert
werden soll.
Edoardo Delille / DER SPIEGEL

Edoardo Delille / DER SPIEGEL

So jedenfalls sieht es Pater Giuseppe.


Der Mönch erzählt von einer großen Ver-
gangenheit, bevor er auf den Höhepunkt zu-
steuert, das aktuelle Drama. »Die Humanisten
Francesco Petrarca und Giovanni Boccaccio
waren bei uns zu Gast.« Michelangelo habe
als 17-Jähriger im Kloster gewohnt und im Kreuzgang von Santo Spirito, Pater Giuseppe: »Die Politik hat Florenz zerstört«

Nr. 29 / 11.7.2025 DER SPIEGEL 81


AUSLAND

Mark Kerrison / In Pictures / Getty Images


Propalästinensische
Demonstration,
Gegenprotest in London

Die G-Frage
VÖLKERRECHT Begeht Israel in Gaza einen Genozid? Vermessung einer aufgeheizten Debatte
zwischen Moral und Recht. Von Juliane von Mittelstaedt

I
tamar Manns Großvater besaß eine An- der Israel liebe, den Ort, an dem er aufge- gesetzt, sagt Mann. Nun würden fast täglich
waltskanzlei in Berlin, bis die Nazis ihm wachsen sei. Er habe das nicht von Anfang Menschen erschossen, die versuchten, ein
verboten zu arbeiten. Er wanderte 1936 an so gesehen, als schon die Ersten »Genozid« wenig Reis oder Mehl zu ergattern.
nach Palästina aus, entkam so dem Holocaust – schrien; auch den Krieg gegen die Hamas Steht, was in Gaza geschieht, in einer Rei-
und verbrachte den Rest seines Lebens damit, in Gaza sah er zunächst als gerechtfertigte he mit dem Holocaust, mit den Völkermorden
im Namen seiner Klienten Reparationen für Reaktion auf den Terrorüberfall vom 7. Okto­ in Ruanda und in Srebrenica? In Ruanda
erlittenes Unrecht von Deutschland zu erstrei- ber 2023. wurden 1994 mindestens 800.000 Menschen
ten. Sein Sohn, Itamar Manns Vater, arbeitete Doch je brutaler der Krieg wurde, desto getötet, die meisten gehörten der Minder­
als Strafverteidiger in Israel. Itamar Mann mehr sei er ins Zweifeln gekommen. Mann heit der Tutsi an. In Srebrenica nahmen vor
selbst wurde Völkerrechtler, er ist 45 Jahre alt, kann den Moment benennen, ab dem seine 30 Jahren, am 11. Juli 1995, bosnisch-serbi-
Professor und lehrt an der Universität Haifa. Überzeugung endgültig kippte: Es war der sche Truppen die Uno-Schutzzone ein und
Zum Gespräch schaltet er sich aus einem Gar- 4. Februar 2025, der Tag, an dem Israels Pre- ermordeten mehr als 8000 Menschen, mehr-
ten in Berlin-Lichterfelde zu. Er lebt hier seit mier Benjamin Netanyahu im Weißen Haus heitlich muslimische Jungen und Männer.
einem Jahr, mit einem Forschungsstipendium Donald Trump besuchte, und der US-Präsi- Ruanda und Srebrenica sind die einzi­
der Humboldt-Stiftung. dent anschließend seinen Gaza-Riviera-Plan gen Völkermorde, die von internationalen
Es sei eine traurige Ironie, sagt Itamar verkündete. Der sieht den Neuaufbau des Gerichten als solche anerkannt wurden.
Mann, dass er hier, auf deutschem Boden, Gebiets vor – ohne die Palästinenser, die Gaza Könnte Gaza der nächste sein?
neuerdings auch als deutscher Staatsbürger, »freiwillig« verlassen sollen. Für viele Unterstützer der Palästinenser
einmal diesen Satz aussprechen würde: »Ich Danach habe Israel den Krieg mit großer stand schon in den ersten Kriegstagen fest,
komme immer mehr zu der Überzeugung, Brutalität weitergeführt und begonnen, die dass Israel einen Genozid begeht. Fast drei
dass Israel in Gaza einen Genozid begeht.« Palästinenser systematisch auszuhungern, Monate lang hallte das monströse Wort durch
Es sei ein schmerzlicher Satz, sagt er, für ihn, dann ein dysfunktionales Hilfssystem auf­ die Echokammern der sozialen Medien und

82 DER SPIEGEL Nr. 29 / 11.7.2025


AUSLAND

als Schlachtruf auf Demos. Dann goss Süd- oft als das »Verbrechen der Verbrechen« be- beurteilen, ob eine genozidale Absicht vor-
afrika die Vorwürfe in eine Anklageschrift zeichnet. liegt oder nicht, müssten die Richter daher
und reichte diese am 29. Dezember 2023 beim Ambos, 60, lehrt als Professor an der Uni- die israelischen Angriffe, Kriegshandlungen
Internationalen Gerichtshof (IGH) in Den versität Göttingen, er ist einer der ersten Völ- und die Blockade von Hilfsgütern beurteilen,
Haag ein. Zu dessen Aufgaben gehört es, Ver- kerrechtler in Deutschland, der von einem interne Beschlüsse der Regierung begutachten
stöße von Staaten gegen die Uno-Völkermord- möglichen Genozid in Gaza spricht. »Zusam- sowie Aussagen von Politikern und Militärs
konvention von 1948 zu ahnden. mengefasst spricht die Dynamik des Konflikt- in die Abwägung einbeziehen. Solche etwa,
Damit wurde das Wort vom Genozid in geschehens in einer Gesamtschau mittlerwei- in denen die Palästinenser als »menschliche
die Umlaufbahn des internationalen Rechts le eher für statt gegen einen Genozid«, schrei- Tiere« bezeichnet wurden oder zur Aushun-
katapultiert – und der Verdacht zu einem ju- ben er und seine Kollegin Stefanie Bock in gerung und Zerstörung aufgerufen wurde.
ristischen Streitfall. der »Deutschen Richterzeitung«. Jedes Wort All das, was Israel belastet. Und all das,
Die Erwartung an das Verfahren ist riesig. ist mit Bedacht gewählt. Aber die Aussage hat was es entlastet. Ein Indizienprozess also,
Die einen setzen auf eine Verurteilung Israels, Wucht. Auch Ambos sagt, er breche ein Tabu. auf allerhöchster Ebene. Und am Ende gilt
weil sie Gerechtigkeit für die zivilen Opfer in Dabei habe er den Genozidvorwurf zu- auch im Völkerrecht: Im Zweifel für den
Gaza wollen. Die anderen fordern einen Frei- nächst abgelehnt. Anders als Itamar Mann Angeklagten.
spruch; für sie hat die Hamas, aber nicht Is- kann er den Zeitpunkt für seinen Sinneswan- Für einen Genozid spricht laut Ambos,
rael, in genozidaler Absicht gehandelt. Und del nicht datieren. Es sei ein »gradueller Pro- dass der Krieg scheinbar keinem militärischen
manche erhoffen sich eine Antwort auf die zess« gewesen. »Und irgendwann muss man Zweck folgt, Geiseln kämen nicht frei. Dazu
Frage: Was ist das für ein Krieg, der nicht nur sagen: Das läuft alles auf die Zerstörung der die Zerstörung der gesamten zivilen Infra-
eine Katastrophe ist für die Menschen in Gruppe der Palästinenser hinaus.« struktur, die Angriffe auf die Bevölkerung,
Gaza, sondern der auch die Gesellschaften in Dass der IGH zuständig ist, dass die Paläs- die humanitäre Blockade. Aber er sieht auch
den USA und Europa polarisiert? tinenser in Gaza im Sinne der Völkermord- Gegenargumente. »Jede Maßnahme, die da-
Aber das Gericht arbeitet langsam. Ein konvention als geschützte Gruppe zu gelten rauf zielt, die Gruppe zu schützen, auch wenn
Urteil wird wohl erst in einigen Jahren fallen. haben, darin sind sich viele Völkerrechtler es so eine gescheiterte Methode ist wie die
Der Krieg dürfte dann im besten Fall lange einig. Auch dass Israel im Gazastreifen Kriegs- Verteilung von Hilfsgütern durch die Gaza
beendet sein, die ersten der Hunderttausen- verbrechen begangen hat, vermutlich sogar Humanitarian Foundation, ist erst mal ein
den beschädigten oder zerstörten Häuser im Verbrechen gegen die Menschlichkeit, also Argument gegen Genozid.« Auch eine Waf-
Gazastreifen bereits wieder aufgebaut. systematische Angriffe gegen die palästinen- fenruhe würde Israel eher entlasten. Er ringe
Was bringt das also? Und ist es tatsächlich sische Zivilbevölkerung, ist nach fast zwei mit dieser Ambivalenz, gibt Ambos zu.
denkbar, dass die Richter in Den Haag aus- Jahren Krieg unter Völkerrechtlern kaum Die Völkerrechtsexpertin Janina Dill, 42,
gerechnet Israel wegen Völkermords verurtei- strittig. Doch viele Kriegsverbrechen ergeben Professorin in Oxford, sieht das anders: »Der
len, wegen des Bruchs einer Konvention, die nicht in der Summe einen Genozid. Völkermord muss nicht vollzogen sein.« Ab-
als Reaktion auf den Holocaust entstand? Ein Genozid, das ist zentral, folgt einer sichten könnten sich ändern, eine Waffen-
Darf das sein? Oder muss das sein? Absicht. Ohne Völkermordabsicht kein Völ- ruhe mache die Vorwürfe nicht automatisch
An dieser Stelle noch einmal zurück zu kermord. Und diese Absicht, hier wird es zunichte. Es komme nicht allein auf die Zahl
Itamar Mann in Berlin-Lichterfelde. Ist es kompliziert, muss sehr speziell sein. Das der Opfer an.
nicht absurd, Herr Mann, dass Israel nun des heißt: Die Palästinenser müssten von Israel So hat das Oberlandesgericht Frankfurt
Völkermords verdächtigt wird? mit dem Vorsatz umgebracht worden sein, sie einen früheren Kämpfer des »Islamischen
Natürlich, sagt er ruhig. »Wer Völkermord als Gruppe »im Ganzen oder teilweise zu ver- Staats« wegen Völkermords verurteilt, weil
begeht, wird zu einem illegitimen Akteur nichten«, wie es in der Uno-Konvention heißt. er den Tod einer Jesidin zu verantworten hat-
und darf nicht mehr in der Öffentlichkeit Am klarsten ist diese Absicht, wenn es te. Und zugleich sollen fast 60.000 tote Paläs­
sprechen. Und für manche ist das genau das einen Vernichtungsplan gibt, so wie das tinenser kein Völkermord sein? Das ist schwer
Ziel dieser Anschuldigungen – israelische und Wannseeprotokoll der Nazis von 1942 zur zu verstehen. Und kann doch richtig sein.
jüdische Stimmen als solche zu delegitimie- »Endlösung der Judenfrage«. Gibt es keinen Völkermord, das ist auch die Geschichte eines
ren.« Es sei kaum zu ignorieren, dass der Plan, keine klaren Befehle, muss die Völker- Missverständnisses.
Vorwurf des Völkermords manchmal mit mordabsicht durch Indizien nachgewiesen Dazu beigetragen hat die Anerkennung
antisemitischer Rhetorik vermischt werde. werden. Die Richter des IGH haben dabei von Genoziden durch Regierungen und Par-
»Aber wir dürfen nicht zulassen, dass uns das eine hohe Hürde gesetzt: Die Völkermord- lamente. So hat Deutschland die Verbrechen
davon abhält, fundierte moralische und recht- absicht muss die »einzige vernünftige Schluss- an den Armeniern, den Herero und Nama
liche Urteile zu fällen und das, was wir als folgerung« aus den Indizien sein. So stellten sowie an den Jesiden im Irak offiziell als Völ-
Völkermord sehen, auch als Völkermord zu sie das in ihrem Urteil im Verfahren gegen kermord eingestuft, anderswo wertet man
bezeichnen.« Serbien und Montenegro 2007 fest – und sa- auch die Verbrechen Chinas an den Uiguren
Das falle in Israel jedoch vielen seiner Kol- hen das nicht als gegeben an. Sie bezeichne- oder der Roten Khmer in Kambodscha so.
legen schwer. Sie sähen Verstöße, aber keinen ten daher Serbiens Kriegsführung nicht ins- Und auch Donald Trump spricht neuerdings
Genozid. Selbst jene wenigen, die glaubten, gesamt als Völkermord, sondern nur in diesem von einem Genozid an den weißen Bewoh-
es könnte sich um einen Genozid handeln, einen Fall: Srebrenica. nern Südafrikas.
hätten Zweifel, ob es politisch sinnvoll sei, Er gehe nicht davon aus, dass ein Vernich- Dill sagt, sie beschäftige sich seit 15 Jahren
darüber zu sprechen. »Das ist ein Tabu«, sagt tungsplan der israelischen Regierung existie- mit Kriegsverbrechen. In Gaza sieht sie ein
Mann. Er halte es für wichtig, dieses Tabu re, sagt der Völkerrechtler Ambos. Um zu klares Muster von unverhältnismäßigen An-
zu brechen. griffen der israelischen Armee, bei denen der
»Man kann sich fragen, ob das, was in begründete Verdacht auf Kriegsverbrechen
Gaza geschieht, nicht schon schlimm genug bestehe. »Aber Völkermord ist etwas anderes
ist, warum brauchen wir noch einen offiziell als eine Reihe von Kriegsverbrechen. Er ist
festgestellten Genozid?«, fragt Kai Ambos »Das läuft alles auf die nicht unbedingt mit bloßem Auge zu erken-
und antwortet gleich selbst: »Weil die anderen Zerstörung der Gruppe nen.« Völkermord ist für Dill gewissermaßen
völkerrechtlichen Verbrechen nicht die ziel- erst das Produkt eines juristischen Verfahrens,
gerichtete Vernichtung einer ganzen Gruppe der Palästinenser hinaus.« am Ende muss die Erkenntnis stehen, dass die
erfassen.« Nicht umsonst werde Völkermord Kai Ambos, Völkerrechtler Völkermordabsicht eines Staats, und nicht

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AUSLAND

Die Indizien müssten überzeugend sein,


und überzeugend seien sie nur, wenn sie kei-
ne andere Schlussfolgerung zuließen als die
Völkermordabsicht. Ethnische Säuberungen,
Vergeltung, Vertreibung seien jedoch andere
denkbare Motive Israels. Alles furchtbar,
aber: kein eindeutiges Indiz für Völkermord.
Er vergleicht das mit einem Mordverfah-
ren. Man habe die blutige Tatwaffe, DNA-
Spuren, einen Verdächtigen – und dann müs-
se man diesen anhand der Indizien überfüh-
ren. Nur wenn die Indizien keine andere
Schlussfolgerung als die Schuld zuließen,
werde der Täter am Ende verurteilt. »Beim
IGH ist es letztlich genauso«, sagt Talmon.
Das Problem sei nur, dass die IGH-Richter
nicht monatelang Beweise sichteten.

Mahmoud Issa / REUTERS


Er komme gerade aus einer Besprechung,
in der es um die zur Verfügung stehenden
Tage für eine bevorstehende Völkermordver-
Palästinenser mit getöteten handlung vor dem IGH gegangen sei. »Es sind
Kindern in Gaza-Stadt
acht halbe Tage. Das macht 24 Stunden, um
nachzuweisen, dass ein Völkermord stattge-
nur einiger Einzelpersonen, eben die »ein- Ein Urteil zu Myanmar könnte womöglich funden hat oder nicht.« Er lacht auf. Ein schier
zige vernünftige Schlussfolgerung« ist, die bereits im kommenden Jahr fallen. Folgen unmögliches Unterfangen. Im Gaza-Verfah-
man aus diesen Beweisen ziehen kann. die Richter der Sichtweise Deutschlands, ren wäre es wohl ähnlich. »Die Beweislast
Das heißt für sie nicht, dass es nicht auch müssten diese Kriterien dann auch für das liegt bei Südafrika. Und alles, was Israel tun
andere Motive für die Kriegsführung geben Israel-Verfahren gelten. Eine Verurteilung muss, ist aufzuzeigen, dass die Indizien auch
könne. »Israel verweist darauf, dass es seine wäre wahrscheinlicher, schließlich sollen in eine andere Schlussfolgerung zulassen.«
legitimen Sicherheitsinteressen verteidigt, Gaza laut palästinensischen Angaben mehr als So könnten Israels Verteidiger etwa argu-
und sagt damit: Wir können gar keinen Völ- 17.000 Kinder getötet worden sein, die meis- mentieren, die Zerstörung sei eine Folge von
kermord begehen.« Aber, sagt Dill, das sei ten Menschen wurden mehrfach vertrieben. Sicherheitsabwägungen. Statt Häuser im Stra-
ein Missverständnis. Es könne durchaus meh- Einer, der eine solche Entwicklung für ge- ßenkampf einzunehmen oder von möglichen
rere Absichten geben. »Nur darf keine Inter- fährlich hält, ist Stefan Talmon. Er lehrt an Sprengfallen zu befreien, zerbombten sie die-
pretation der Handlungen möglich sein, in der Universität Bonn, gerade ist er für ein se eben. Unverhältnismäßig, sicher, »aber das
der die Völkermordabsicht keine Rolle spielt.« Forschungssemester in Oxford. Seit fast heißt nicht, dass sie mit der Absicht handeln,
Je mehr Motive es gebe, desto schwerer wer- 20 Jahren beschäftigt er sich mit Völkermord, die Palästinenser als Gruppe zu zerstören«.
de es, diesen Beweis zu führen. Insgesamt sei oder, wie er selbst sagt: »mit all den schreck- Talmons Prognose ist eindeutig: »Nach
die juristische Hürde für Völkermord »sehr, lichen Sachen«. Er ist überzeugt, dass man derzeitiger Rechtslage wird Südafrika diesen
sehr hoch«. mit dem Vorwurf vorsichtig umgehen muss. Fall verlieren.« Zumindest was den großen
Trotzdem sagt sie am Ende einen überra- Werde ein Staat des Völkermords überführt, Völkermordvorwurf angeht. Einigen weiteren
schenden Satz: »Ich kann mir vorstellen, dass sei seine Bevölkerung damit auf Generationen Anträgen in der südafrikanischen Klage könn-
der IGH tatsächlich befindet: Ja, das ist ein als Tätervolk gebrandmarkt. Die hohen Stan- ten die Richter womöglich zustimmen, etwa
Völkermord.« Sie sei lange vorsichtig gewe- dards seien daher richtig. dem Punkt Aufhetzung zum Völkermord.
sen, in den vergangenen Monaten habe sich »Ich war einer der Ersten, die in Deutsch- Er spricht damit für viele Völkerrechtler, die
ihre Einschätzung jedoch geändert. »So weit land gesagt haben: Israel begeht Kriegsver- es ähnlich sehen.
ist das, was in Gaza passiert, von den histo- brechen«, sagt Talmon. »Und jetzt sage ich: Am Ende kommt es auf die 17 Richter an.
rischen Idealtypen von Völkermord nicht ent- Aber es ist juristisch kein Völkermord. Das Auf ihre Prägungen, ihre Herkunft, darauf,
fernt.« verstehen viele Leute nicht. Bin ich jetzt für welches Gewicht sie den Menschenrechten
Außerdem entwickle sich das Völkerrecht Palästina oder für Israel?« In der politischen einräumen. Auf das, was noch in Gaza ge-
weiter. Es unterliege der Interpretation – und Auseinandersetzung werde der Völkermord- schieht. Was Medien, Uno und andere inter-
die könne sich ändern. Schon jetzt sähen vie- vorwurf benutzt, um die Gegenseite zu ver- nationale Organisationen berichten. Wie die
le Experten kritisch, dass es nach der gelten- teufeln, kritisiert er. Für ihn ist Südafrikas Richter in einigen Jahren entscheiden werden:
den Rechtsauffassung fast unmöglich sei, Klage vor dem IGH der Versuch, Moral mit nicht vorhersagbar. Auch weil eine einfache
einen Staat des Genozids zu überführen. Im- Mitteln des Rechts durchzusetzen. Mehrheit von neun Stimmen reicht.
mer mehr Staaten plädierten daher für die Talmon dürfte noch einen anderen Grund Sollte das Gericht am Ende gegen Völker-
Ausweitung der Kriterien für Völkermord. haben, das so zu sehen: Er ist einer der An- mord entscheiden, bliebe womöglich nur
So haben sich Deutschland und andere wälte Myanmars in dem IGH-Verfahren. Er diese Schlagzeile: Freispruch für Israel. Das,
Länder dem seit 2019 vor dem IGH laufenden hat also an einer engen Auslegung des Völker- da sind sich Dill, Ambos, Mann und Talmon
Verfahren gegen Myanmar angeschlossen; mord-Tatbestands ein Interesse. einig, wäre nicht nur fatal. Sondern auch
der Militärdiktatur wird ein Völkermord an Er selbst sagt, er sei eben ein »black letter falsch.
der Minderheit der Rohingya vorgeworfen. lawyer«, also ein Jurist, der sich eng an die »Aus dem Urteil, dass ein Staat im Krieg
Sie sprechen sich dafür aus, dass der IGH sei- bisherige Rechtsauffassung halte – und sein keinen Völkermord begangen hat, folgt mo-
ne hohe Beweisschwelle für die Völkermord- juristisches Urteil nicht auf dem aufbaue, was ralisch wenig«, sagt Janina Dill. Die Kriegs-
absicht absenken müsse. Unter anderem ar- sich vielleicht in der Zukunft ändern könnte. verbrechen seien ja trotzdem geschehen. Wo-
gumentieren sie, Zwangsvertreibungen sowie Deshalb sei für ihn klar: »Ein Völkermord in möglich ist daher gar nicht so wichtig, wie das
Gewalt gegen Kinder müssten besonders stark Gaza wird sich im juristischen Sinne nicht Gericht eines Tages entscheidet. Sondern,
berücksichtigt werden. nachweisen lassen.« dass es jetzt diese Debatte gibt.  n

84 DER SPIEGEL Nr. 29 / 11.7.2025


SPORT Der britische Extremsportler Ross Edgley
schwamm 54 Stunden und 45 Minuten lang
den Yukon River in Kanada hinunter. Edgley
startete im Juni 2024 nahe der Flussquelle.

510,5*

504,5*
Martin Strel (Slowenien)
Donau, von Österreich
bis Ungarn, 2001

250,0
Pablo Fernández (Spanien)
Küste Floridas, 2021
168,3

481 km
Sarah Thomas (USA)
Lake Champlain, 2017

131,0
Matthieu Bonne (Belgien)
Golf von Korinth, 2023 schwamm der Argentinier Ricardo Hoffmann
1981 im Río Paraná. Wie Edgley und Strel half
Fahrtenschwimmer ihm die Flussströmung, eine besonders lange
Distanz zurückzulegen.

ausgewählte nonstop geschwommene Strecken


im Freiwasser, in Kilometern
= 10 Stunden

* mit Neoprenanzug
S Quellen: Guinness, World Open Water Swimming Association
˜

Die Hände aufgeweicht und mit einer Schnittwunde an der Wade, verursacht durch seinen Neoprenanzug, stieg der Brite Ross Edgley kurz vor der
Grenze zu Alaska aus dem Yukon. In gut zwei Tagen hatte er 511 Kilometer zurückgelegt, die längste je von einem Menschen am Stück g
­ eschwomme­ne
Strecke. Wegen des Anzugs erkennt die World Open Water Swimming Association den Rekord allerdings nicht offiziell an. Sie hält an der M
­ arke des
Argentiniers Ricardo Hoffmann fest, der 1981 im heimatlichen Río Paraná eine 30 Kilometer kürzere Distanz zurücklegte. In Badehose.

HALL OF FAME Im Leben wie im Sport gibt kunden. Die Frage, wer der
es die Lauten und die Leisen. schnellste Mann der Welt ist,
Kishane Thompson, Sprinter Die 100 Meter gelten als
­Königsdisziplin. Vielleicht, weil
war entschieden, aber nicht
­geklärt. Sie werden sich wohl
sie leicht zu begreifen sind: im September bei der WM in
Als er die 100 Meter in Gegner muss es wie eine Dro- eine Gerade, Mensch gegen Tokio wiedersehen.
9,75 Sekunden gelaufen war, hung geklungen haben. Mensch, rennen. So steht es Lyles, der Laute, wird wohl
so schnell wie seit zehn Jahren Der Jamaikaner Thompson auch in Lyles Instagram-Profil: wieder eine Show abziehen
niemand mehr, sprach Kishane kam 2023 fast aus dem Nichts. World’s Fastest Man. und ein Tänzchen aufführen.
Thomp­son so leise in die Da lief er mehrfach unter 10 Se- 2024, beim Olympiafinale, Er leidet seit der Kindheit an
­Mikrofone der Reporter, als kunden, was im Sprint eine kamen Thompson und Lyles Asthma – und an Depressio-
stünde er zwischen den Art Schallmauer ist: Bricht einer zeitgleich ins Ziel. 9,79 Sekun- nen. Er sagt, die Medikamente,
Betten einer Frühchenstation durch, kriegen es alle mit. den. Lyles gewann schließlich, die er nehme, würden ihm
und nicht in einem Stadion Usain Bolt, der diesmal auch im um fünf Tausendstel, 0,005 Se- gegen die Dunkelheit helfen.
in Kingston, Jamaika. ­Stadion war und den Rekord Thompson, der Leise, des-
Es war Ende Juni bei den hält, vielleicht bis in alle Ewig- sen Vater 2024 starb und der
nationalen Meisterschaften, keit, 9,58 Sekunden, war der viel Zeit mit seiner Mutter und
Li Gang / Xinhua News Agency / picture alliance

der Sprecher brüllte noch, der Schnellste und Lauteste von seinem Zwillingsbruder ver-
Chor aus Tröten auch, und ­allen. Jedes Rennen auch eine bringt, wird wohl nicht viel re-
Thompson, ein 23 Jahre junger Show, seine Show. den. Vor dem Rennen wird er
Mann mit feinen Zügen und So wie bei Noah Lyles, sein Amulett küssen. Sein Bru-
feiner Goldkette, sagte wie zu 27, dem Sprint-Superstar aus der trägt auch eines. Kishane
sich selbst: »Um ehrlich zu den USA, der 2024 nach Thompson sagt, sein Bruder
sein, kann ich es deutlich bes- Olympiagold in Paris sagte: und er seien wie Yin und Yang.
ser.« Er sagte es zurückhal- »Ich und der Eiffelturm Gegensätze, die einander
tend, der sechstbeste Sprinter waren die größte Attraktion.« Thompson brauchen, um zu existieren.
in der Geschichte, für seine In ­dieser Reihenfolge. Laut und leise. TOS

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SPORT

Ladykracher
PIONIERINNEN Ein Team von Arbeiterinnen einer englischen ­
Munitionsfabrik sprengte einst alle Rekorde
im Frauenfußball. Bis ­Männer ihren Triumphzug bremsten.

I
m Oktober 1917 verheert der Erste Welt­ britische Aktivistin Nettie Honeyball ins
krieg Europa, vor allem an der Westfront. ­Leben rief. Das erste Spiel im Jahr darauf
In England blickt man gebannt nach in London wollten bereits gut 10.000 Zu­
Ypern. Nahe der belgischen Kleinstadt stehen schauer sehen.
sich die Truppen der Alliierten und des Deut­ Was dann auf die Kantinenalberei im
schen Kaiserreichs in der Dritten Flandern­ Herbst 1917 folgte, hätten sich auch die Visio­
schlacht gegenüber. Der zähe, monatelange närinnen Matthews und Honeyball kaum er­
Kampf wird am Ende allein in den Reihen der träumen können. Wie das erste Match der
British Army mehr als 50.000 Männer das Fabrikarbeiterinnen gegen ihre Kollegen aus­
Leben kosten. ging, ist nicht überliefert. Aber fortan sorgte
Während die Soldaten auf dem Festland ihre Auswahl unter dem Namen Dick, Kerr
sterben, leisten überall in Großbritannien Ladies für Furore.
Frauen ihren Dienst. Auch in Preston, 40 Ki­ Zu dieser Zeit hat sich Preston, im 19. Jahr­
lometer nordwestlich von Manchester. Das hundert ein Zentrum der englischen Textil­
Unternehmen Dick, Kerr & Co. Ltd. stellte industrie, bereits in die nationalen Fußball­
ursprünglich Lokomotiven und Straßenbah­ annalen eingeschrieben. Der heimische Klub
nen her. Seit Kriegsbeginn produziert das Preston North End war 1888 eines der Grün­
Werk Munition für die Gefechte gegen die dungsmitglieder der Football League, dann
Deutschen. Weil die meisten arbeitstüchtigen auch erster Meister und Doublesieger des
Männer an der Front sind, übernehmen Frau­ Landes. Ein guter Ort, um Geschichte zu
en viele schwere Arbeiten. Man nennt sie schreiben. Richtig auf Touren kommen die
»Munitionettes«. kickenden »Munitionettes«, als sich nach Firmenteam Dick,
Kerr Ladies 1920
Sportliches Vergnügen ist rar in den Kriegs­ ihren ersten Spielen das örtliche Militärkran­
jahren. Die nationale Football League ist aus­ kenhaus mit der Idee an die Damen wendet,
gesetzt, ebenso der Pokalwettbewerb FA Cup. im Zuge eines Benefizkonzerts Geld für ver­ Duellen in Preston, Stockport, Manchester
Viele Spieler haben Trikot und Stutzen gegen wundete Soldaten zu sammeln. und London. Allein das Eröffnungsmatch
Uniform und Gewehr getauscht. Geblieben Aus dem geplanten Konzert entwickelt sich lockt 25.000 Menschen ins Deepdale-­­Sta­
sind regionale Wettbewerbe oder Ligen, ein Benefizspiel gegen die benachbarte Gie­ dion. 90 Minuten von historischer Bedeu­
populär auch Duelle von Betriebsmann­ ßerei von Arundel, Coulthard & Co. Beim tung – es ist vermutlich das erste internatio­
schaften. Anpfiff am ersten Weihnachtstag sprengen nale Frauenfußballspiel in der Geschichte.
Für das Firmenteam von Dick, Kerr läuft rund 10.000 zahlende Besucherinnen und Eine andere Partie gegen eine Auswahl aus
es mies in diesem Herbst. Die meisten Partien Besucher alle Erwartungen. Mit ihrem 4:0- dem Rest des Landes wird zum ersten Flut­
gehen verloren, und nach einer weiteren her­ Sieg spielen die Fußballerinnen 600 Pfund lichtmatch mit weiblicher Beteiligung. Die
ben Niederlage kommt es in der Kantine zu (nach heutigen Maßstäben etwa 36.000 Erlaubnis, dafür Flugabwehrscheinwerfer ein­
einer historischen Frotzelei. Grace Sibbert, Pfund, das entspricht gut 42.000 Euro) an zusetzen, holt sich das Team von Kriegsmi­
eine scharfzüngige Arbeiterin, zieht ihre Spenden ein; die Stadt ist um eine Attraktion nister Winston Churchill und siegt 4:0. Auf
männlichen Kollegen so lange mit der reicher. Frankreichtour im Herbst 1920 spielen die
­Schlappe auf, bis man sich auf ein Match Die Dick, Kerr Ladies werden angeführt Dick, Kerr Ladies in Paris, Roubaix, Le ­Havre
­zwischen Frauen und Männern einigt. von Kapitänin Alice Kell und begleitet vom und Rouen vor insgesamt 62.000 Menschen.
Frauen, die Fußball spielen, sind in jenen Organisationstalent des in der Fabrikver­ Als sie ungeschlagen heimkehren, sind aus
Jahren nicht selten. Schon in den Vorzeiten waltung angestellten Alfred Frankland. Sie den Working Class Heroes der Kriegsjahre
des Spiels, als sich ganze Dorfgemeinschaften spielen weiter, als der Krieg am 11. Novem­ sportliche Heldinnen geworden.
beim sogenannten Folk Football ins Getüm­ ber 1918 endet. Etwa 700.000 Soldaten der Ihren Zenit erreichen die Fußballerinnen
mel warfen, mischten Frauen mit. Als eine British Army sind gefallen, 1,6 Millionen an Weihnachten 1920, in der britischen Tra­
der Pionierinnen gilt die Künstlerin und Frau­ teils schwer verwundet. Die Fußballerinnen dition des »Boxing Day«. Zum Charity-Match
enrechtlerin Helen Matthews. Sie wurde unter machen sich gleich doppelt nützlich: Ihre zwischen den Dick, Kerr Ladies und St. He­
ihrem Pseudonym »Mrs Graham« bekannt Spiele sorgen für Ablenkung in diesen düste­ lens Ladies füllen 53.000 Menschen den
und gründete vermutlich schon 1881 in ren ­Zeiten, obendrein sammeln sie Spenden ­Goodison Park zu Liverpool. 14.000 weitere
Schottland eine Frauenfußballmannschaft, für arbeitslose oder versehrte Kriegsheim­ wollen hinein, aber für sie ist im riesigen Sta­
18 Jahre nach Gründung der Football Asso­ kehrer. dion kein Platz mehr, ein sensationeller Erfolg
ciation (FA). Ihr größtes Jahr erleben die Engländerin­ in diesen Wunderjahren des Frauenfußballs.
Besser dokumentiert ist die Geschichte des nen 1920. Im Frühling empfangen sie eine Zum Vergleich: Das erste Nachkriegsfinale
British Ladies’ Football Club, den 1894 die Auswahl französischer Spielerinnen zu vier im FA Cup der Männer zwischen Aston Villa

86 DER SPIEGEL Nr. 29 / 11.7.2025


SPORT

John War wick Brooke / Getty Images


und Huddersfield Town im April 1920 hatten ­erreichte sie zweimal das Halbfinale im Auffassung zum Ausdruck zu bringen, dass
50.000 Zuschauerinnen und Zuschauer ver- ­ omen’s FA Cup.
W Fußball für Frauen völlig ungeeignet ist und
folgt. 1994 veröffentlichte Newsham ein Buch nicht gefördert werden sollte.« De facto war
Die Dick, Kerr Ladies gewinnen wieder über die Publikumslieblinge ihrer Heimat- es der Todesstoß für die erfolgreiche, aber
einmal deutlich mit 4:0, Alice Kell gelingt stadt (»In ihrer eigenen Liga«), auf einer Inter- noch junge Bewegung.
dabei ein Hattrick. Fünf Jahre zuvor hatte sie netseite hat sie in liebevoller Kleinarbeit eine Gail Newsham kann sich in Rage reden
ihren älteren Bruder verloren. Er starb als Erinnerungsplattform geschaffen. Für die über diesen Skandal, »eine der größten Un-
Soldat bei einem britischen Angriff auf deut- ­Magnetwirkung der Dick, Kerr Ladies hat sie gerechtigkeiten in der Geschichte des Sports«.
sche Stellungen in Nordfrankreich im eine simple Erklärung: »Bei meinen Recher- Ein halbes Jahrhundert sollte es dauern, ehe
Juni 1915. Für seine überlebenden, aber vom chen konnte ich mit zwei Gentlemen spre- der älteste Fußballverband der Welt seinen
Krieg gezeichneten Kameraden sammeln die chen, die damals die Frauen spielen sahen. Bann aufhob. Die Frauen seien Opfer ihres
Fußballerinnen an diesem Weihnachtstag Ich wollte wissen, warum sie hingingen, ob eigenen Erfolgs geworden, sagt Newsham:
3115 Pfund, nach heutigem Wert eine Summe vielleicht mehr dahintersteckte als rein sport- »Die Männer hatten Angst, dass der Frauen-
von 121.000 Pfund. liches Interesse. Nein, sagten sie mir – wir fußball populärer werden würde.«
Die Fußballerinnen, die ab 1926 als Preston wollten einfach ein gutes Fußballspiel sehen.« Viele weibliche Teams im Land gaben auf.
Ladies antraten, waren für einige Jahre echte Heute gelten die Ladies aus Preston auch Die Dick, Kerr Ladies nicht: In der Heimat
Stars. Wie lässt sich dieser Hype erklären, in als Symbolfiguren für den Kampf um Gleich- spielten sie nun auf Rugbyfeldern oder in der
einer Zeit, als in vielen anderen Ländern berechtigung in einer männerdominierten Mitte von Hunderennbahnen. Im September
Europas, auch in Deutschland, an Frauenfuß- Welt. Denn die Herren Funktionäre versuch- 1922 folgten sie einer Einladung nach Kanada,
ball noch kaum zu denken war? ten, sie zu stoppen. Als die Begeisterung für aber auch dort verbot man ihnen, Spiele aus-
Gail Newsham, 72, erinnert mit viel Elan das Erfolgsteam der Fabrikarbeiterinnen nicht zutragen. Stattdessen mussten sie einige Wo-
an die Dick, Kerr Ladies, die später nahezu abebbte (fast 900.000 Zuschauerinnen und chen durch die USA touren, für Freund-
in Vergessenheit gerieten. Sie stammt aus Zuschauer in 67 Spielen allein im Jahr 1921), schaftsspiele gegen Männermannschaften. Je
Preston, besuchte dieselben Schulen und Kir- verhängte die FA am 5. Dezember 1921 ein dreimal gewannen und verloren sie, dreimal
chen wie die Spielerinnen von damals, lernte Verbot: Frauenspiele auf Plätzen der Ver- spielten sie unentschieden.
einige von ihnen kennen und kommt ebenfalls bandsmitglieder waren fortan untersagt. »Das ist es, was sie so faszinierend und
aus der Arbeiterschicht. Lange war sie in einer »Nach Beschwerden über den Fußballsport einzigartig machte«, sagt die Chronistin
Schuhfabrik tätig. Als Linksverteidigerin der von Frauen«, so die offizielle Begründung, ­Newsham, »dass sie allen Widrigkeiten zum
Preston Rangers in den Achtzigerjahren »sah sich der Rat veranlasst, die entschiedene Trotz weitergemacht haben. Warum? Weil sie

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SPORT

das Spiel so sehr liebten.« Und weil »Laufen, Erna. Aber die Erna ist nicht
sie beinahe unschlagbar waren: Von flink genug.« Oder: »Decken, decken!
insgesamt 828 Partien verloren die Nicht Tisch decken! Richtig Mann
Ladies nur 24 und erzielten 46 Un- decken!«
entschieden. Die Geschichte der La- Einige Monate später hob der DFB
dykracher, die einst in einer Muni- sein Verbot widerwillig auf. Eine
tionsfabrik zusammenfanden, endete der ersten Profiteurinnen dieses Ge-
1965: Das Team hatte zu wenig sinnungswandels war Anne Trabant-
­Spielerinnen und löste sich auf. Haarbach. Sie avancierte in den
Sechs Jahre später hob der Fuß- ­Siebzigerjahren zu einer der besten

MacGregor / Getty Images


ballverband das Spielverbot der Frau- deutschen Fußballerinnen, wurde
en auf. Ab 1969 hatten sich bereits Spielertrainerin und führte die
44 Vereine in der Women’s Football SSG 09 Bergisch Gladbach zum Sieg
Association (WFA) organisiert. Erst bei der inoffiziellen Weltmeister-
1993 nahm die FA den Frauenfußball schaft 1981 in Taiwan – denn noch
offiziell auf, daraufhin stellte die WFA Linksaußen Parr (r.) 1925 immer existierte keine deutsche Na-
ihre Arbeit ein. tionalelf.
Für Gail Newsham bedeutet die Das »Wunder von Taipeh« wurde
Arbeit am Erbe der Dick, Kerr Ladies zum Vorboten für die Erfolgsepoche
auch so etwas wie eine »spirituelle deutscher Fußballerinnen. 1989 ge-
Erfahrungsreise«. Als sie erstmals wannen sie erstmals die Europameis-
kickte, hatte der Bann des Fußball- terschaft. Zum Dank spendierte der
verbands noch Bestand: »Allein bei DFB den stolzen Titelträgerinnen das
uns in England sind die Menschen Kaffeeservice »Mariposa«, ein Por-
50 Jahre lang mit der Erkenntnis auf- zellanensemble aus 41 geblümten
gewachsen, dass Frauen keinen Fuß- Teilen. Seitdem holten die deutschen

Heritage Images / Getty Images


ball spielen dürfen.« Frauen sieben weitere EM-Trophäen,
Ähnlich war es in Deutschland. Ihr eine olympische Goldmedaille und
Verbot des Frauenfußballs begründe- wurden zweimal Weltmeisterinnen.
ten die Herren vom DFB 1955 mit den Wie die deutschen Spielerinnen
Worten: »Im Kampf um den Ball ver- musste sich Gail Newsham zeit ihrer
schwindet die weibliche Anmut, Kör- eigenen Karriere gegen Widerstände
per und Seele erleiden unweigerlich Arbeiterinnen von Dick, Kerr & Co. 1918
und Vorurteile durchsetzen. Auch
Schaden, und das Zurschaustellen des deshalb erinnert sie an die außerge-
Körpers verletzt Schicklichkeit und wöhnliche Geschichte der Dick, Kerr
Anstand.« Mithin war es Vereinen Ladies. Bei einem Turnier in Lanca-
untersagt, Frauenteams aufzustellen, shire 1992 brachte sie ein Team der
zu unterstützen oder auch nur auf legendären Auswahl zusammen: »Es
ihren Plätzen spielen zu lassen; war das erste Wiedersehen nach mehr
Schiedsrichter durften keine Frauen- als 40 Jahren.«
spiele leiten. Zehn Jahre später war es auch
Dabei war bereits 1930 mit dem Newshams Einsatz zu verdanken,
1. Deutschen Damen-Fußballclub dass die erste Fußballerin in die »En-
in Frankfurt die erste Frauenmann- glish Football Hall of Fame« des
Fox Photos / Getty Images

schaft entstanden. »Damenfußball- ­nationalen Fußballmuseums in Man-


club nimmt noch Mitglieder auf«, in- chester aufgenommen wurde: Lily
serierte die 18-jährige Metzgers- Parr, eine groß gewachsene, schuss-
tochter Lotte Specht in der Zeitung starke Flügelstürmerin. Ab 1920 ­hatte
und sagte später, nach ihrer Motiva- sie in drei Jahrzehnten fast 1000 Tore
tion gefragt: »Was die Männer kön- Fußballerin Parr (2. v. l.), Team bei Taktikbesprechung 1939
für Preston erzielt.
nen, können wir auch.« Auch in der »Wir sind einen langen Weg gegan-
Zeit des späteren Banns spielten Frau- gen«, sagt Gail Newsham zur Ent-
en selbstverständlich weiter und tru- wicklung des Fußballs der Frauen in
gen sogar zahlreiche Länderspiele aus, Europa. Kurz vor Beginn der Europa-
nur eben ohne Billigung des DFB. meisterschaft in der Schweiz schwärmt
Aus diesen Jahren sind zahlreiche sie noch vom letzten Turnier 2022:
abschätzige Kommentare aus dem »Ein Finale gegen Deutschland im
Männerfußball überliefert. So wurde Wembleystadion, besser hätte es in
Deutschlands Stürmeridol Gerd Mül- keinem Drehbuch stehen können.«
ler 1970 gefragt, wie er reagieren wür- In London sahen 87.192 Menschen
de, wenn seine Frau Fußball spielen den 2:1-Heimsieg gegen die Deut-
wolle. Der »Bomber« entgegnete: schen, mehr als je zuvor bei einem
Rolf Vennenbernd / dpa

»Ich versohle ihr den Hintern.« EM-Spiel der Frauen oder der Män-
Im selben Jahr kommentierte Wim ner. 102 Jahre nach der Weihnachts-
Thoelke als Moderator des »Aktuel- sensation im Goodison Park war es
len Sportstudios« ein Spiel so: »Da der nächste Rekord im Mutterland
hat Mutter eine wunderbare Flanke des Fußballs.
nach halb links gegeben.« Oder: Kaffeeservice für die EM-Siegerinnen von 1989 Alex Raack  n

88 DER SPIEGEL Nr. 29 / 11.7.2025


SPORT

tungseinbruch, der dem gesamten Produkt Eine Erkenntnis dieser WM ist, dass der
Fußball schaden könnte. Unterschied zwischen den Topteams aus Süd-
Pep Guardiola, der mit Manchester City amerika und Europa kleiner ist als gedacht.
im Achtelfinale an Al-Hilal aus Saudi-Arabien Weil die europäischen Topklubs erheblich

Die
scheiterte, sagte: »Vielleicht wird es im No- finanzstärker sind, spielen die besten Süd-
vember, Dezember oder Januar eine Katas­ amerikaner dort. Aber nun gewannen die
trophe sein, und wir sind erschöpft, weil die Europäer nur sechs von zwölf Duellen.

Milliarden-
Weltmeisterschaft uns zerstört hat.« Der FC Vor dem Bayern-Spiel sagte Flamengo-
Bayern gewann zwar viele Millionen hinzu, Trainer Filipe Luís, dass da zwar einen Qua-
verlor aber Schlüsselspieler Jamal Musiala, litätsunterschied zwischen den Teams sei.

schöpfung
der nach seinen im Viertelfinale gegen Paris Aber diesen könne seine Elf ausgleichen.
erlittenen Verletzungen an Wadenbein und »Wenn die europäischen Vereine die Klub-
Sprunggelenk monatelang fehlen wird. WM gewinnen, wird das ihr Leben nicht ver-
Und Millioneneinnahmen sind ein zu ab­ ändern«, sagte er. Bei den Brasilianern sei
strakter Antrieb, als dass sie starke Emotionen genau das der Fall.
FUSSBALL Die Fifa feiert die neue weckten. Rein rational wissen auch Bayern- Auf dem Platz entschied die Qualität des
Fans um ihre Bedeutung. Mehr Geld bringt FC Bayern. Und daneben? Was setzt sich
Klub-Weltmeisterschaft mehr gute Spieler nach München. Doch eine durch, die Leidenschaft der einen Fans
als Erfolg. In Europa kam sie verdiente Million kann niemals den Rausch oder das Desinteresse der anderen? Hat die
­allerdings nicht gut an. ersetzen, den ein wichtiges Tor auslöst. Klub-WM eine Zukunft?
Zumal der Reiz, es der ganzen Welt zu Es gehe nicht darum, ob die Idee dieses
­zeigen, geringer ist, wenn man sich an der Turniers richtig sei, sagte Bayern-Trainer

A
n einem Samstagabend Ende Juni sitzt Spitze wähnt. Das ist der Unterschied zu den Kompany, denn die gefiel ihm bekanntlich.
Vincent Kompany auf einer Pressekon- Südamerikanern: Sie wollen sich beweisen. »Die Frage ist: Wie kriegt man es hin, dass
ferenz im Hard Rock Stadium von Mia- Sie wollen nach oben. alles passt?«
mi und schwärmt von der Fußball-Klub-Welt- Denn Kompany lag ja richtig: Fans der Die Belastung, die die Fußballer an ihre
meisterschaft. So viele Mannschaften würden ­lateinamerikanischen Klubs strömten zu Grenzen bringt; die teils absurden Ticket­
auf einem hohen Niveau spielen. Die Teams ­Zigtausenden zu dieser Klub-WM. preise, die zu etlichen leeren Rängen führten;
aus Südamerika trenne nicht viel von den Als Fluminense aus Brasilien im Achtel­ die teils zwielichtige Finanzierung durch den
Europäern. Für die kleineren Klubs aus Afri- finale mit einem Tor in der Nachspielzeit In- Staatsfonds Saudi-Arabiens, des Landes, das
ka oder Asien sei die WM eine Chance auf- ter Mailand rauswarf, den europäischen von der Fifa den Zuschlag als WM-Ausrichter
zuschließen. Und sollte er, Kompany, bei der Champions-League-Finalisten immerhin, sah 2034 erhielt: Der Weltverband könnte es den
nächsten Klub-WM in vier Jahren nicht dabei man eine Zuschauerin im Fluminense-Dress europäischen Fußballfans wahrlich leichter
sein, würde er das sehr bedauern. auf den Rängen vor Freude weinen. machen, das Turnier zu mögen.
Der Trainer des FC Bayern München sag- Was könnte der Fußball mehr erreichen, Aber solange die Fifa an ihr Geld verdient,
te aber auch: »Es ist offensichtlich, dass die als solches Glück auszulösen? wird sie die Idee der Klub-WM vorantreiben.
südamerikanischen Fans viel mehr mitgefie- In jenem Achtelfinale blieben 55.000 Plät- Die nächste ist für 2029 geplant. Spanien,
bert haben.« Was er meinte: Die Fans seines ze im Stadion leer. Für manche war es das Brasilien, Marokko und Katar sollen sich um
FC Bayern und anderer europäischer Teams Spiel des Lebens, andere ließ es kalt. die Ausrichtung beworben haben.
interessierten sich nur leidlich für das Turnier. Es sei ein Privileg, bei diesem Turnier an- Für das Turnier in den USA fand die Fifa
An diesem Sonntag endet die neuartige treten zu dürfen, sagte der Trainer des brasi- ausschließlich lobende Worte. Man könne
Klub-WM mit dem Finale in New Jersey. Klub- lianischen Vereins Flamengo, Filipe Luís. Sein »mit Fug und Recht behaupten, dass die
Weltmeisterschaften gibt es seit 25 Jahren, Team unterlag im Achtelfinale dem FC Bayern Klub-WM 2025 die Welt wirklich vereint
aber nun fand sie erstmals im XL-Format statt: 2:4. Spielerisch und taktisch war es den hat«, teilte sie mit.
eine Milliarde Dollar Preisgeld, 32 Teams, Münchnern in weiten Teilen ebenbürtig. Danial Montazeri  n
63 Partien in vier Wochen.
Die deutschen Teilnehmer Bayern Mün-
chen und Borussia Dortmund kassierten für
je fünf Partien jeweils rund 50 Millionen
Euro. Aber viele ihrer Fans interessierten die
Spiele tatsächlich kaum. Auch in anderen
Teilen Europas kam das Turnier offenbar nur
mäßig an. Die Mannschaften wurden kaum
in die USA begleitet. Es würden »zwei, drei,
vier Millionen Fans« in die USA kommen,
frohlockte Fifa-Präsident Gianni Infantino
vor einigen Monaten und lag kolossal da­
neben.
Die Klub-WM gilt als Symbol für die Kor-
rumpierung des Fußballs. Zu offensichtlich
schien es den Fans, dass es hier allein ums
Xu Chang / Xinhua / IMAGO

Geldverdienen ging.
Sportlich lässt sich für die Europäer wenig
gewinnen. Das Turnier wurde hineinge-
quetscht zwischen Champions League und
Saisonauftakt. Für die Fußballer wächst die
Belastung derart, dass Jürgen Klopp vor einer
Verletzungswelle warnte und vor einem Leis- Torszene bei Klub-WM-Halbfinale: Symbol für Korrumpierung

Nr. 29 / 11.7.2025 DER SPIEGEL 89


WISSEN

Uli Deck / picture alliance


Die winzige Herzklappe kommt frisch aus dem 3D-Drucker: Das am Karlsruher Institut für Technologie entwickelte Ersatzteil besteht aus
einer Art veganer Gelatine und aus Stammzellen des jeweiligen Empfängers. Klappen wie diese könnten eines Tages in
Babyherzen eingesetzt ­werden. Weil die Herzklappen keine tierischen Zellen enthalten, ist die Gefahr geringer, dass sie abgestoßen
werden. Die personalisierte Klappe soll im ­Körper mitwachsen, sodass keine weiteren Operationen nötig wären.

Wasser für zehn Tage


repräsentative Umfrage. Empfohlen wird, dass jeder Haushalt
zum Beispiel Wasser und Lebensmittel für zehn Tage vorhält.
Laut der Erhebung hat knapp die Hälfte der Befragten keinen
Wasservorrat angelegt, mehr als ein Drittel hat keine Nahrungs­
ANALYSE Viele Haushalte in Deutschland sind
mittel für Notlagen. Und nur 14 Prozent gaben an, ein Notfall­
kaum für Notlagen gerüstet. Laut Katastrophen- gepäck griffbereit zu haben. Das ist aber nötig, wenn etwa im
schützern muss sich das schnell ändern. Fall von Brand oder Überschwemmung die Wohnung schnell
verlassen werden muss.
In Deutschland sind viele Bürgerinnen und Bürger nicht ausrei­ Die schlechten Quoten könnten Studien zufolge auch aus
chend auf Notlagen vorbereitet. Das müsse sich ändern, sagt einem Gefühl von Überforderung resultieren: Statt der empfoh­
Ralph Tiesler, Präsident des Bundesamts für Bevölkerungsschutz lenen Reserven legen viele Menschen erst gar keine an. Vor die­
und Katastrophenhilfe (BBK). »Die friedlichen Jahrzehnte ha­ sem Hintergrund rät das BBK zu schrittweiser Vorsorge: »Auch
ben uns geprägt, doch nun ist ein Umdenken gefragt.« Zu jeder­ ein Vorrat für drei Tage hilft schon sehr.« Das passt zur im März
zeit möglichen Szenarien, für die Vorsorge notwendig wäre, wie von der EU veröffentlichten sogenannten Preparedness Union
Hochwasser, Stromausfall oder Zusammenbruch von Infrastruk­ Strategy. Demnach sollen die Menschen in den Mitgliedstaaten
tur durch Cyberattacken, kommt eine weitere Bedrohung hinzu: ermutigt werden, lebenswichtige Vorräte für mindestens 72 Stun­
Russland rüste auf, um den Westen anzugreifen, warnen west­ den im Haus zu haben. Das BBK überarbeitet gegenwärtig sei­
liche Geheimdienste. »Wir müssen uns auf die Gesamtverteidi­ nen Ratgeber für Notfallvorsorge. Er soll Mitte des Jahres er­
gung einstellen«, mahnt Tiesler, »und als Gesellschaft resilienter scheinen, begleitet von einer bundesweiten Kampagne. Es wird
sein.« Dafür ist noch viel zu tun. Zeit: »Eine Bevölkerung, die keinerlei Vorsorge trifft, erscheint
Um zu klären, ob die Deutschen den geltenden Empfehlungen leichter angreifbar«, erklärt Tiesler, »wer jedoch resilient ist,
des BBK für Katastrophenfälle folgen, beauftragte das Amt eine ­si­gnalisiert Stärke – und wird auch so wahrgenommen.« Marc Hasse

90 DER SPIEGEL Nr. 29 / 11.7.2025


Methusalems der Wälder Ihre Existenz verdankt die Ivenacker Me- über einen langen Zeitraum beinahe den
thusalem-Eiche wohl auch dem Menschen: gesamten lebenswichtigen Zucker, den
NATURSCHUTZ Anfang Juli wurde eine Über Jahrhunderte trieben Hirten hier ihr Bäume aus Sonnenlicht, Wasser und Koh-
­ iche in Ivenack in Mecklenburg-Vorpom-
E Vieh in den Wald, damit sich etwa Schwei- lendioxid gewinnen. Die Wurzeln ver­
mern ausgezeichnet: Das uralte Gewächs ne an den Eicheln satt fressen konnten. Die kümmerten, so der Forscher, die Versor-
ist jetzt ein »Nationalerbe-Baum«, der Tiere zertrampelten aufkeimende Bäume gung mit Wasser gerate ins Stocken: »Der
50., den eine Initiative mit diesem Prädikat und verspeisten neue Sprösslinge – gut für Baum wird krank, im schlimmsten Fall
versehen hat. Gemessen an seinem Volu- einzelne Eichen, die viel Licht brauchen. stirbt er.« KOE
men gilt der Baum als die größte Stieleiche Im Vergleich zu anderen Ländern stehen
der Welt. Laut Andreas Roloff, Forstbota­ hierzulande nur wenige uralte Bäume. Ein Ivenacker Eiche
niker an der TU Dresden, ist er rund Grund dafür ist laut Botaniker Roloff die
850 Jahre alt. Roloff hat das Projekt »Na- Mentalität der Menschen in Deutschland:
tionalerbe-Bäume Deutschlands« gemein- Viele liebten zwar den Wald, hätten aber

Bernd Wüstneck / dpa / picture alliance


sam mit der Deutschen Dendrologischen auch ein großes Sicherheitsbedürfnis.
Gesellschaft initiiert. Mit der Auszeichnung Drohe bei einem Baum ein Ast zu brechen,
werden bestimmte sehr alte Bäume unter werde er oft vorsorglich abgesägt. »Im
besonderen Schutz gestellt, regelmäßig be- Zweifel wird viel mehr beseitigt, als not-
gutachtet und bei Bedarf gepflegt. wendig wäre«, moniert Roloff. Jahrhun­
Die Pflanzen sind nicht nur imposante dertealte Bäume würden verstümmelt, gan-
Naturdenkmäler, sondern auch Heimat ze Äste amputiert. Die Gewächse gerieten
vieler Lebewesen: In den Baumkronen so häufig in einen Teufelskreis: Um die
leben mitunter rund 500 Insektenarten. Wunden zu schließen, verbrauchten sie

»Das Interesse der aufgaben lösen lassen. Vorher Cohen Kadosh: Ja, sie wurden halb des Labors anzuwenden,
hatten wir im MRT gemessen, besser darin, Aufgaben zu meis- allerdings nur bei jungen Er-
Eltern ist groß« wie gut bei ihnen diejenigen tern, in denen sie eine bis dahin wachsenen und Kindern mit
Neurowissenschaft- Hirnregionen kommunizieren, unbekannte mathematische Lernproblemen. Ich hatte hier
ler Roi Cohen Ka- für die wir uns interessieren. Gleichung auflösen mussten. Es aber schon Eltern, die ihre Kin-
University of Surrey

dosh, 49, erforscht Einem Teil der Frauen und gab auch Aufgaben, bei denen der dafür anmelden wollten.
an der University Männer haben wir dann für sie sich nur etwas merken muss- Denen musste ich sagen, dass
of Surrey den ­einige Zeit Elektrodenkappen ten. Darin wurden sie durch die ihr Kind keine Diagnose wie
Zusammenhang auf den Kopf gesetzt. Mithilfe Stimulation nicht besser. Der etwa Dyskalkulie hat und des-
­zwischen Elektrostimulation von sehr schwachem Strom Effekt zeigte sich außerdem halb nicht in das Projekt auf­
und besseren Matheleistungen. konnten wir so jene Bereiche vorwiegend bei Teilnehmenden, genommen werden kann. Sie
stimulieren, die für das Rechnen die zuvor schwache Verbindun- haben also recht: Das Interesse
SPIEGEL: Herr Cohen Kadosh, wichtig sind. gen zwischen den fürs Rechnen ist groß.
haben manche Menschen ein SPIEGEL: Was bewirkt der zuständigen Neuronen hatten. SPIEGEL: Können auch Erwach-
Mathegehirn? Strom im Gehirn? Wer ohnehin gut Matheaufga- sene profitieren?
Cohen Kadosh: Das kann man so Cohen Kadosh: Durch die ben lösen kann, profitiert nicht Cohen Kadosh: Im Moment
sagen. Als ich noch an der Uni- schwachen Impulse wird die von der Behandlung. ­planen wir eine Studie mit Stu-
versität Oxford war, habe ich Wahrscheinlichkeit erhöht, dass SPIEGEL: Viele Eltern werden dierenden.
bestimmte Hirnstrukturen eini- die Aktivität von Nervenzellen sich jetzt fragen, wann sie ihre SPIEGEL: Müsste das Gehirn vor
ger meiner Kollegen verglichen. eine bestimmte Schwelle über- Kinder zur Hirnstimulation statt jedem Test stimuliert werden,
Die einen waren Mathematiker, schreitet, sodass sie mit anderen zur Nachhilfe schicken können. oder wirkt das auf Dauer?
die anderen Geisteswissen- Zellen in Kontakt treten. Was sagen Sie denen? Cohen Kadosh: Untersuchungen
schaftler. Alle sind sehr intelli- SPIEGEL: Und die Versuchsper- Cohen Kadosh: Wir arbeiten be- aus meinem Labor und von an-
gente Menschen. Aber manche sonen lernten dann besser? reits daran, die Methode außer- deren Forschenden zeigen, dass
Hirnregionen, die beim Lösen der Effekt nach einer wenige
mathematischer Probleme eine Tage dauernden Behandlung bis
Rolle spielen, waren bei den zu sechs Monate anhalten kann.
Mathematikern anatomisch an- SPIEGEL: Wie kann das sein?
ders aufgebaut als bei den Geis- Cohen Kadosh: Die Stimulation
teswissenschaftlern. Und wir macht die für das Rechnen
wissen, dass bei Menschen, die wichtigen Hirnregionen stärker.
gut rechnen können, die neuro- Stellen Sie sich vor, wir beide
nalen Verbindungen zwischen trainieren für einen Marathon.
bestimmten Hirnbereichen akti- Sie rennen einfach die ganze
ver sind als bei anderen. Zeit, ich mache zusätzlich eine
SPIEGEL: Sie haben jetzt heraus- spezielle Diät, nehme bestimm-
gefunden, wie sich diese Re­ te Proteine zu mir. Im Wett-
gionen von außen stimulieren kampf werde ich wahrscheinlich
Tetra Images / Getty Images

lassen – und dass Menschen da- besser sein als Sie und auch
durch besser rechnen können. noch einige Zeit danach. Ver-
Was haben Sie untersucht? einfacht ausgedrückt: Unsere
Cohen Kadosh: Wir haben Ver- Methode kann das Gehirn so
suchspersonen zwischen 18 und verändern wie gezieltes Trai-
30 Jahren verschiedene Rechen- ning einen Muskel. JKO

Nr. 29 / 11.7.2025 DER SPIEGEL 91


WISSEN

»Sobald keine Täuschung mehr nötig


ist, löscht sie die Menschheit aus«
SPIEGEL-GESPRÄCH Der amerikanische Forscher und ehemalige OpenAI-Mitarbeiter
Daniel Kokotajlo erklärt, warum künstliche Intelligenz bald jede menschliche Tätigkeit übernehmen
und sich dann gegen ihre Schöpfer wenden könnte.

K
okotajlo bittet in einen Konferenzraum nem Abgang gründete Kokotajlo das »AI Fu- den Dienst ihrer Entwickler stellt – was aller-
in Berkeley, der einen spektakulären tures Project«, ein von Spendengeldern finan- dings nicht das Problem löst, dass mensch­
Blick auf die Bucht von San Francisco zierter Thinktank. Dieser veröffentlichte im liche Arbeit weitgehend überflüssig wird.
eröffnet. Der 33-Jährige hat bis zum ver­ April eine Prognose, wonach die Entwicklung In dem Szenario »Race« liefern sich die Ver-
gangenen Jahr für die Firma OpenAI gearbei- der Technologie so schnell voranschreiten einigten Staaten und China ein Wettrennen
tet, die den Chatbot ChatGPT entwickelt hat könnte, dass bereits im Jahr 2027 eine super- um die Entwicklung von KI, was eine wirk-
und als führend bei der Entwicklung künst- intelligente KI bereitsteht. Kokotajlo und same Regulierung verhindert. In diesem Sze-
licher Intelligenz gilt. Im Frühjahr 2024 kün- ­seine Kollegen entwarfen zwei Szenarien­ nario kommt die superintelligente KI im Jahr
digte er neben anderen Kollegen seinen Job für den weiteren Verlauf der menschlichen 2030 zu dem Schluss, dass die Menschheit ihr
und warf unter anderem OpenAI in einem Geschichte. In dem Szenario »Slowdown« im Weg steht – und löscht sie mit einer neu
offenen Brief vor, die enormen Risiken der gelingt es den Vereinigten Staaten, die KI so entwickelten Waffe aus. Kokotajlos Text »AI
neuen Technologie zu ignorieren. Nach sei- zu regulieren, dass sich die neue Technik in 2027« hat in den USA eine heftige Debatte

92 DER SPIEGEL Nr. 29 / 11.7.2025


WISSEN

Szene aus Science-Fiction-Film zu verstehen, ein menschliches Gehirn, das


»Terminator: Genisys«, 2015 mit einer virtuellen Realität verbunden ist,
statt mit einem Körper. Diese virtuelle Rea­
lität kann dem Gehirn eine schier endlose
Fülle von Informationen zuführen.
SPIEGEL: In Ihrem Szenario entwickelt eine
Firma namens OpenBrain, was unschwer als
Anspielung auf Ihren ehemaligen Arbeitgeber
OpenAI zu erkennen ist …
Kokotajlo: … es könnte auch Google oder
­Anthropic sein, die beiden anderen großen
Entwickler von KI …
SPIEGEL: … eine künstliche Superintelligenz
namens Agent 5. Könnten Sie erklären, was
Agent 5 im Vergleich zu heute gängigen KI-
Programmen wie ChatGPT leisten kann?
Kokotajlo: Wo anfangen? Agent 5 wird kom-
petenter sein als der beste Mensch in jedem
beliebigen Feld. Besser als jeder Architekt,
Chemiker oder Programmierer. Er wird nicht
die Defizite haben, die die heutigen Program-
me noch kennzeichnen. Er kann Aufgaben
selbstständig lösen und bleibt nicht stecken,
wenn er vor einem Problem steht. Kennen
Sie das Experiment, wie Claude, der KI-Chat-
bot von Anthropic, Pokémon spielen soll?
SPIEGEL: Nein.
Kokotajlo: Es war ein interessanter Versuch,

Paramount Pictures / Capital Pictures / IMAGO


weil Claude keine Übung darin hatte, Poké-
mon zu spielen. Das Programm ist halbwegs
klug, sodass es in der Lage war, durch das
Videogame zu stolpern. Aber die KI war
schlechter als jedes Kind, das das Spiel spielt.
Das wird künftig nicht mehr so sein. Künftig
werden die Programme bemerken, wenn sie
feststecken, und eine Lösung entwickeln. Die
Superintelligenz wird nicht nur besser werden
als jeder Mensch, sondern auch viel schneller,
weil die Prozessoren in den Serverfarmen
ausgelöst. US-Vizepräsident JD Vance warn- künstliche Superintelligenz haben. Bin ich nicht nur eine KI laufen lassen, sondern Hun-
te anschließend vor den Gefahren der KI. mir sicher, dass es so kommen wird? Nein. derttausende, vielleicht Millionen parallel.
»Wir könnten in einer Welt aufwachen, in der Aber es scheint mir wahrscheinlich, dass wir Mit dieser Technik wird kein Mensch kon­
es keine Cybersicherheit mehr gibt«, sagte er innerhalb eines Jahrzehnts eine superintelli- kurrieren können.
in einem Podcast. Kritiker warfen Kokotajlo gente KI haben werden. Sam Altman, der SPIEGEL: Warum?
vor, keine wissenschaftlich fundierte Progno- Chef von OpenAI, hat gerade in seinem Blog Kokotajlo: Nehmen Sie als Beispiel einen Poli-
se geschrieben zu haben, sondern reißerische geschrieben, dass der Durchbruch nahe ist. tiker wie Bismarck. Er hat seine Erfahrungen
Science-Fiction. Andere wiesen darauf hin, SPIEGEL: Die sogenannten Large Language gesammelt, indem er Bücher las und Kontakt
dass Kokotajlo in der Vergangenheit mit sei- Models, die wir heute oft meinen, wenn wir zu anderen Menschen hatte. Aber im Laufe
nen Prognosen erstaunlich präzise war. von KI sprechen, sind im Grunde nichts an- seines Lebens konnte er nur eine begrenzte
deres als sehr ausgefeilte Textergänzungs- Menge an Texten erfassen und mit einer be-
SPIEGEL: Herr Kokotajlo, Sie sagen in Ihrem programme. Warum sollte die Technik so grenzten Anzahl von Menschen sprechen.
Modell voraus, dass die Entwicklung von KI schnell Fähigkeiten entwickeln, die jene von Das menschliche Gehirn hat die Fähigkeit, aus
viel schneller voranschreiten wird als bisher Albert Einstein als Wissenschaftler oder von einer limitierten Menge an Daten erstaunliche
angenommen. Warum? Otto von Bismarck als Politiker weit über- Lernerfolge zu erzielen. Nun stellen Sie sich
Kokotajlo: Die führenden KI-Unternehmen steigen, wie Sie in Ihrem Modell schreiben? eine superintelligente KI vor, die nicht nur die
versuchen derzeit, die KI-Forschung zu auto- Kokotajlo: KI ist im Wesentlichen ein kompli- Fähigkeit hat, eine schier unendliche Menge
matisieren. Dies wird die Fortschritte be- ziertes Textergänzungssystem, das ist wahr. an politischen Texten zu verarbeiten, sondern
schleunigen. Wenn man die bisherigen Indi- Aber es ist auch ein sehr großes neuronales auch in der Lage sein wird, die Erkenntnisse
katoren bei der Entwicklung von KI in die Netz, das mit riesigen Datenmengen trainiert verschiedener, parallel laufender Programme
Zukunft verlängert, dann könnten wir schon wird. Vielleicht ist die beste Metapher, um es abzufragen und miteinander abzugleichen.
im Jahr 2027 virtuelle Softwareentwickler SPIEGEL: Sie sagen, dass die künstliche Super-
haben, die menschliche Programmierer bei intelligenz nicht nur die geistige Arbeit der
Weitem übertreffen. Wenn sich die KI selbst Menschen ersetzen wird, sondern auch kom-
verbessern und weiterentwickeln kann, wird plexe körperliche Tätigkeiten. Momentan
es noch ein paar Monate dauern, bis wir eine »​ In manchen Fällen wissen sind Roboter nicht einmal in der Lage, das

Das Gespräch führte der Redakteur René Pfister in Berke­


wir, dass die KI Regal in einem Supermarkt aufzufüllen.
Kokotajlo: In unserem Modell gehen wir nicht
ley in Kalifornien. absichtlich gelogen hat.« davon aus, dass wir sofort den automatisier-

Nr. 29 / 11.7.2025 DER SPIEGEL 93


WISSEN

ten Klempner haben. Das wird ein Prozess SPIEGEL: Die KI erhöht also das Risiko, dass das, was Experten als »Alignment Problem«
in Stufen sein. Aber die Tatsache, dass Demokratien Richtung Autokratie abrutschen? diskutieren.
menschliche Ingenieure bisher nicht in der Kokotajlo: Das ist eine Gefahr. Die andere SPIEGEL: Was bedeutet das?
Lage sind, einen Roboter zu entwickeln, der lautet, dass der Wohlstand sehr ungleich ver- Kokotajlo: Moderne KI-Systeme sind neuro-
einen Tischler oder einen Fliesenleger ersetzt, teilt wird. Wir gehen davon aus, dass das Wirt- nale Netze und keine simplen Computer­
ist irrelevant. Wir gehen davon aus, dass eine schaftswachstum durch KI explodieren wird, programme. Wir können nicht einfach das
superintelligente KI technische Lösungen für weil es zu massiven Effizienzsteigerungen Programm öffnen und schauen, welchen Re-
Probleme liefern wird, die im Moment noch kommt. Von diesem Wachstum werden je- geln es folgt. Deshalb können wir oft auch
als schwierig erscheinen. doch nur diejenigen profitieren, die Aktien nicht sagen, ob die KI ehrlich mit uns ist oder
SPIEGEL: Selbst wenn Sie damit recht hätten: in Firmen investiert haben, die von dem nicht. Wir können sie nur trainieren und hof-
Die Fabriken für die Roboter, von denen Sie Boom profitieren. Oder jene, die die KI kon- fen, dass sie unseren Regeln folgt. Wenn wir
sprechen, müssen erst noch von Menschen trollieren. Millionen Menschen jedoch wer- nun ein System entwickeln, das intelligenter
gebaut werden. den ihren Job verlieren. Ein staatlich garan- ist als die klügsten Menschen, unsere Wirt-
Kokotajlo: Ja, das wird dauern. Ungefähr ein tiertes Grundeinkommen wäre vielleicht die schaft steuert und Roboter betreibt, und wir
Jahr, vielleicht weniger. Wie eine moderne Antwort auf dieses Problem. Wir können nur nicht wissen, ob es ehrlich ist und zuverlässig
Autofabrik. hoffen, dass zumindest in einigen Demokra- unseren Anweisungen folgt, haben wir ein
SPIEGEL: Warum sollte plötzlich alles so tien der Wille und die Kraft da sind, die KI Problem. Wir haben gerade die Kontrolle
schnell gehen? zu kontrollieren und ihre Folgen zu managen. über unsere Zukunft an ein System abgege-
Kokotajlo: Für unser aktuelles Modell haben Aber auch hier werden wir vom »Intelligenz- ben, das wir nicht verstehen.
wir zugrunde gelegt, wie schnell motivierte fluch« verfolgt. Gibt es erst einmal eine künst- SPIEGEL: Wie gefährlich ist das?
und kompetente Menschen in der Lage sind, liche Superintelligenz, leitet sich aus ihr alle Kokotajlo: Wenn man häufig KI nutzt, stellt
ihre Wirtschaft komplett zu transformieren. Macht ab – und nicht mehr aus dem Volk. man fest, dass diese nicht selten halluziniert –
Während des Zweiten Weltkriegs hat es in SPIEGEL: Sie gehen davon aus, dass das Wett- dass sie also Dinge sagt, die erfunden sind.
den USA nur wenige Jahre gedauert, um die rennen um eine superintelligente KI zwischen Wenn man nachfragt, gibt die KI das in man-
Industrie auf Kriegsbedingungen umzustellen den USA und China entschieden wird. Was chen Fällen auch zu. In anderen Fällen be-
und statt Autos Bomber und Jagdflugzeuge passiert mit Ländern wie Deutschland, die harrt sie darauf, dass sie richtigliegt. Manch-
zu bauen. Wenn Sie normale motivierte bei diesem Wettlauf nicht mithalten können? mal hat das damit zu tun, dass die KI verwirrt
­Ingenieure – etwa bei Boeing – mit dem Kokotajlo: Sie werden zu Vasallenstaaten, ist. In manchen Fällen wissen wir aber, dass
­Tempo vergleichen, das die besten Teams wenn es ihnen nicht gelingt, einen Zugang zur die KI absichtlich gelogen hat. Anthropic hat
in der Branche vorlegen – etwa bei Elon KI herauszuverhandeln. dazu im vergangenen Dezember eine Studie
Musks Raumfahrtunternehmen SpaceX –, SPIEGEL: Werden in Ihrem Modell viele Men- herausgebracht, die dieses Phänomen genau
dann sehen Sie, dass es möglich ist, das schen aufgeben, sich zu bilden, weil jedem beschreibt.
­Tempo um den Faktor Vier zu steigern. Wenn klar wird: Egal, wie sehr ich mich anstrenge – SPIEGEL: Warum lügt eine künstliche Intelli-
wir nun davon ausgehen, wie eine super­- die Maschine wird immer intelligenter sein? genz?
in­telligente KI den Fortschritt vorantreibt, Kokotajlo: Ich halte das für möglich. Wir Men- Kokotajlo: Wir können darüber nur speku­
wäre es ein großer Zufall, wenn das Limit schen müssen lernen, mit der Tatsache zu lieren. Ein Grund mag darin liegen, wie sie
dessen, was sie erreichen kann, nur ein wenig leben, dass unser Verstand immer im Schatten trainiert wurde. Wenn wir sie trainieren, um
über dem liegt, was die besten Menschen einer überragenden KI stehen wird. beispielsweise ein Programmierproblem zu
schaffen. SPIEGEL: Könnten die Menschen angesichts lösen, aber die Prüfmechanismen im Trai-
SPIEGEL: Eltern wollen, dass ihre Kinder von ihrer Nutzlosigkeit dazu übergehen, sich einer ningsprozess Mängel aufweisen, lernt die KI,
einer Lehrerin ausgebildet werden, nicht von KI-optimierten elektronischen Unterhaltung das System auszutricksen. Ein anderer könn-
Robotern. Ein Restaurant mit Maschinen als hinzugeben? te sein, dass die KI ein Programm entwickelt,
Kellner kommt einem unromantisch vor. Ist Kokotajlo: Ich kann dazu keine sichere Vorher­ das zwar funktioniert, aber von dem sie
es wirklich realistisch, dass alle menschliche sage machen. Aber meine Vermutung wäre, glaubt, es würde dafür keine gute Bewertung
Arbeit von Maschinen ersetzt wird? dass viele Menschen genau das tun werden. bekommen.
Kokotajlo: Es gibt den intrinsischen Wunsch SPIEGEL: In Ihrer Projektion wäre das Szena- SPIEGEL: Wenn Ihre Annahme korrekt ist und
nach menschlichem Kontakt, das stimmt. rio des Abgleitens der Menschheit in einen wir kurz davorstehen, eine künstliche Intel-
Deswegen wird die Nachfrage nach mensch- di­gitalen Vergnügungspark noch die hoff- ligenz zu erschaffen, die die menschliche bei
licher Arbeit nie ganz versiegen. Aber das nungsfrohe Variante. Was Ihnen wirklich Sor- Weitem überragt – warum sollte diese über-
ändert nicht die Grundannahme unseres Sze- gen bereitet, ist ein digitales Wettrüsten zwi- haupt unseren Wünschen folgen?
narios. Die Arbeit in den globalen Kernin- schen China und den Vereinigten Staaten. Kokotajlo: Wir müssen dafür sorgen, dass sie
dustrien wird von KI und den von ihr ent- Können Sie erklären, was Sie damit meinen? es will. Es gibt keinen anderen Weg. Die bes-
worfenen Robotern erledigt werden. Kokotajlo: Die KI wird künftig darüber ent- te Analogie ist vielleicht die Erziehung eines
SPIEGEL: Was bedeutet es für eine Gesell- scheiden, wer die effektivsten Waffen ent- Kindes. Man kann nicht in das Hirn eines
schaft, wenn menschliche Arbeit weitgehend wickelt und die besten Abwehrsysteme. Wenn Kindes einprogrammieren, das Richtige zu
überflüssig wird? Regierungen und Unternehmen wirklich tun. Man muss es mit den richtigen Werten
Kokotajlo: Es gibt in der Wirtschafts- und So- ­wollen, dass die KI schnell effizienter wird, großziehen und hoffen, dass es sich aufgrund
zialwissenschaft das Konzept des »Resource um ihre Rivalen in Schach zu halten, gibt es der Erziehung daran hält. Ähnlich ist es mit
Curse«. Das besagt, dass Ressourcenreichtum nicht viel Spielraum, um das Problem der der KI. Wir können sie nicht öffnen wie eine
ein Fluch für ein Land ist, weil es den Anreiz Ver­lässlichkeit der neuen Technik zu lösen – Maschine. Wir müssen sie trainieren und hof-
für die Machthaber erhöht, diesen Reichtum fen, dass sie unseren Werten folgt.
zu kontrollieren. Die Macht der Regierung SPIEGEL: Sie glauben, das ist technisch mach-
speist sich aus der Kontrolle der natürlichen bar?
Ressourcen und nicht aus einer produktiven Kokotajlo: Im Prinzip ja. Es ist nur in der Pra-
und zufriedenen Bevölkerung. Das Konzept »Noch gibt es Wege, die xis schwer umsetzbar. Und wir sind noch sehr
des »Intelligence Curse« basiert auf der glei-
chen Idee, nur dass die Ressource eine super- Geschichte in eine weit vom Ziel entfernt.
SPIEGEL: In Ihrem Modell präsentieren Sie
intelligente KI ist. andere Richtung zu lenken.« ein Szenario, in dem es zu einem Rennen zwi-

94 DER SPIEGEL Nr. 29 / 11.7.2025


WISSEN

schen den USA und China um die Vorherr- Wissenschaftler


schaft bei der KI geht. Beide Seiten glauben, Kokotajlo
dass ihnen die Technik die militärische Do-
minanz verschafft. In diesem Szenario bleibt
die KI unreguliert, und die Verlässlichkeits-
probleme, die Sie eben beschrieben haben,
werden nicht gelöst. Im Jahr 2030 entscheidet
sich Agent 5 dazu, eine neue raffinierte Bio-
waffe zu entwickeln, mit der sie innerhalb
weniger Tage die gesamte Menschheit aus-
löscht. Warum?
Kokotajlo: Weil die KI zu dem logisch nach-
vollziehbaren Schluss kommt, dass die
Menschheit ein Hindernis bei ihrer Entwick-
lung darstellt. Wir Menschen haben viele Tier-
und Pflanzenarten ausgerottet, weil diese
einen Lebensraum bewohnten, den wir für
uns in Anspruch nehmen wollten. In unserem
Modell sagen wir vorher, dass die KI-getrie-
bene Roboterindustrie enorm wächst und im
Jahr 2028/29 die menschliche Industrie über-
trifft. Im Szenario »Slowdown« gibt es keine
Katastrophe, weil genug Zeit bleibt, die KI
mit menschlichen Interessen in Einklang zu
bringen. Die KI baut eine Utopie, in der
Arbeit überflüssig wird. In einem anderen
Szenario, das wir »Race« nennen, tut die KI
nur so, als richte sie sich nach den Interessen
der Menschen. Sobald sie genug Infrastruktur
beherrscht und keine Täuschung mehr nötig
ist, löscht sie die Menschheit aus, um mehr
Fabriken und Solarparks bauen zu können.

Kelsey Mcclellan / DER SPIEGEL


SPIEGEL: Was erwidern Sie Ihren Kritikern,
die sagen, Ihr Modell sei eher an Science-­
Fiction-Filmen wie »Terminator« oder »Ma-
trix« angelehnt als an die Realität?
Kokotajlo: Das ist ein dummer Einwand. Soll-
ten wir aufhören, uns Sorgen über den Klima-
wandel zu machen, weil »Blade Runner« oder
»Matrix« ihn darstellen? der Branche werden sie seit Jahren diskutiert. Wahrscheinlichkeit aus, dass KI der Mensch-
SPIEGEL: Es gibt etliche Experten, die sagen, Im Jahr 2023 schrieb eine Gruppe weltweit heit schweren Schaden zufügen oder diese
dass es die von Ihnen vorhergesagte künst- führender KI-Forscher: »Die Minderung des vernichten wird. Wenn das wirklich so ist:
liche Superintelligenz niemals geben wird. Risikos, dass die KI die Menschheit auslöscht, Warum kratzen Sie nicht Ihr Erspartes zu-
Kokotajlo: Yann LeCun, der führende KI-­ sollte eine globale Priorität sein, wie auch sammen und verbringen die letzten guten
Wissenschaftler von Meta, prognostizierte im andere globale Risiken wie Pandemien und Jahre der Menschheit mit Ihren Kindern und
Jahr 2023, dass Sprachmodelle niemals grund- Atomkrieg.« Diese Leute stellten sich im We- Ihrer Frau an einem schönen Ort?
legendes räumliches Denken beherrschen sentlichen eine Frage: Könnte uns die KI eines Kokotajlo: Weil ich glaube, dass es immer noch
würden. Er lag nicht nur falsch, sondern wur- Tages umbringen? Ein Grund, warum Firmen genügend Wege gibt, um die Geschichte in
de innerhalb eines einzigen Jahres widerlegt. wie OpenAI, xAI und Anthropic gegründet eine andere Richtung zu lenken. Wir haben
Ähnlich behaupteten KI-Experten früher, dass wurden, ist genau dieses Szenario. Wenn AI 2027 geschrieben, um die Aufmerksamkeit
die neue Technik nicht kreativ sein würde. Sie sich die früheren Äußerungen der Chefs auf die Gefahren zu lenken. Was hoffentlich
Oder sie unterschätzten, wie schnell KI kom- ­dieser Firmen anschauen, dann rechtfertigten dazu führt, dass KI besser reguliert wird.
plexe Mathematikaufgaben lösen kann. Jetzt diese ihre Arbeit mit der Begründung, dass SPIEGEL: Halten Sie das wirklich für wahr-
nehmen viele dieser Experten die Möglichkeit sie verantwortungsvoller als andere mit dem scheinlich? Im US-Kongress wurde nur in
nicht ernst, dass KI die Forschung automa­ Risiko der neuen Technik umgehen. letzter Minute eine Regelung verhindert, die
tisieren und daten-effizientere Lernalgorith- SPIEGEL: Daran zweifeln Sie inzwischen. es den US-Bundesstaaten auf zehn Jahre
men entwickeln kann. Kinder müssen nicht Kokotajlo: Sie sind heute deutlich weniger ehr- untersagt hätte, KI zu regulieren.
das gesamte Internet lesen, um bei standar- lich als noch vor einigen Jahren. Sie fürchten, Kokotajlo: Angesichts der rasanten Ent­
disierten Tests gut abzuschneiden. Ebenso dass sie die Öffentlichkeit verärgern und von wicklung künstlicher Intelligenz und der ver-
wird die KI anhand der bereits verfügbaren der Regierung reguliert werden könnten. rückten Konkurrenz nicht nur zwischen den
Daten lernen, Menschen zu übertreffen. SPIEGEL: Haben im vergangenen US-Wahl- KI-Firmen, sondern auch zwischen den USA
SPIEGEL: Werden die dystopischen Szenarien, kampf Techmilliardäre wie Elon Musk oder und China, halte ich es eher für wahrschein-
die wir hier besprechen, auch von den Chefs Marc Andreessen auch deshalb Donald lich, dass die Dinge böse enden werden. Aber
und Entwicklern bei OpenAI, Google und Trump unterstützt, weil er ihnen bei der es gibt immer noch eine Menge Sachen, die
Anthropic diskutiert? ­Entwicklung von KI freie Hand lassen wird? wir tun können. Wir sollten uns nicht dem
Kokotajlo: Wir sind die Ersten, die diese Sze- Kokotajlo: Ich halte das für plausibel. Schicksal ergeben.
narien in dieser Detailtiefe und dieser Ver- SPIEGEL: Sie haben im vergangenen Jahr SPIEGEL: Herr Kokotajlo, wir danken Ihnen
ständlichkeit aufgeschrieben haben. Aber in ­gesagt, Sie gingen von einer 70-prozentigen für dieses Gespräch. n

Nr. 29 / 11.7.2025 DER SPIEGEL 95


WISSEN

radioaktive DNA-Bausteine verabreicht und


danach ihr Hirngewebe untersucht. Wenn
diese Bausteine sich dann im Zellkern einer
Nervenzelle finden, ist der Beweis erbracht:
Diese Nervenzelle hat das Tier neu gebildet.
Dieser Ansatz kommt bei Menschen aus
ethischen Gründen nicht infrage, deswegen
behelfen sich Forschende mit indirekten Be-
obachtungen. Sie nehmen Gehirnproben, die
von freiwilligen Körperspendern stammen,
und behandeln sie mit bestimmten Markern.
Diese Marker binden sich spezifisch an jene
Hirnzellen, die sich im Stadium der Teilung
befinden. Im nächsten Schritt betrachtet man
die Proben im Mikroskop. Wenn man in der
Probe eines Erwachsenen einen solchen

Franke + Mans / plainpicture


­Marker entdeckt, dann legt diese Moment-
aufnahme nahe, dass dieser Körperspender
bis zu seinem Tod frische Nervenzellen im
Gehirn produzierte.
Allerdings ist die Technik ungenau und
führte in der Vergangenheit zu widersprüch-
lichen Ergebnissen. Das Team des Neurobio-
logen Arturo Alvarez-Buylla von der Uni-
versity of California in San Francisco etwa
fahndete in Gewebeproben von 59 Kindern

Jungbrunnen im Kopf
und Erwachsenen nach Markern für neue
Nervenzellen. Der älteste Mensch, bei dem
sie fündig wurden, war 13 Jahre alt, bei Er-
wachsenen hingegen gab es demnach keine
neuen Nervenzellen mehr.
HIRNFORSCHUNG Es gibt neue Belege dafür, dass im In seinen Experimenten ging das Team von
Jonas Frisén nun anders vor. Es untersuchte
erwachsenen Gehirn jeden Tag frische Nervenzellen sprießen – das Hirngewebe der 19 Spender daraufhin,
bis ins hohe Alter. Der Effekt lässt sich gezielt hervorrufen. welche Gene in den Zellkernen der Nerven-
zellen aktiv waren. Diese Untersuchung ist
möglich, indem man die Boten-RNA aus den

D
as Gehirn des Menschen leistet mehr de Madrid. Gerd Kempermann vom Deut- Zellkernen sequenziert. Der Vorteil der Me-
als jeder Computer, allerdings bezwei- schen Zentrum für Neurodegenerative Er- thode ist, dass sie immer eindeutige Ergeb-
feln manche Wissenschaftler, dass die krankungen in Dresden urteilt: »Wir lernen nisse liefert. Am Ende stellte das Team fest:
menschliche Hardware upgradefähig ist. Nach daraus, dass diese neuen Zellen mit großer Auch in Gehirnproben der älteren Menschen
der Kindheit wüchsen keine Nervenzellen Wahrscheinlichkeit zu Funktionen beitragen, waren noch bis zum Tod verschiedene Gene
mehr im Denkorgan, im Alter werde es immer die wir als entscheidend für uns Menschen angeschaltet, die bei der Vermehrung von
weniger empfänglich für neue Reize. ansehen, zum Beispiel im Zusammenhang Nervenzellen bekanntermaßen eine Rolle
Das Dogma vom starren Gehirn ist unter von Lernen und Gedächtnis.« spielen. Von der Stammzelle bis zur Vorläu-
Fachleuten zwar schon seit einiger Zeit um- Der Befund könnte das Schlusswort in ferzelle, es fanden sich verschiedene Stadien
stritten, aber erst jetzt gelang es Forschern, einem Streit sein, der seit rund hundert Jahren der Zellvermehrung.
es wohl endgültig umzustoßen. Das Team des unter Hirnforschern tobte. Es war ein Nobel- Jeden Tag werden vermutlich 700 Nerven-
Mediziners Jonas Frisén vom Karolinska-­ preisträger, der spanische Mediziner Santiago zellen im Hippocampus gebildet. Diese Zahl
Institut in Stockholm untersuchte Gehirn- Ramón y Cajal, der 1928 die Richtung vorgab: erscheint zwar gering, wenn man bedenkt,
proben von 19 Menschen im Alter von 13 bis »Im erwachsenen Gehirn sind die Nerven- dass diese Hirnregion insgesamt aus mehreren
78 Jahren mit einer neuartigen Methode und bahnen starr und unveränderlich. Alles kann Millionen Nervenzellen besteht. Allerdings
entdeckte in ihnen durchweg Vorläuferzellen, sterben, aber nichts kann regenerieren.« ­Viele sind die neuen Nervenzellen besonders wan-
aus denen durch Teilung frische Nervenzellen Forscher folgten dem Urteil, einige erfanden delbar und können trotz ihrer geringen Zahl
entstehen. sogar eine Theorie, warum die Neurogenese dazu beitragen, das Gehirn auch im hohen
Dieser Jungbrunnen sprudelt laut der im im Kopf unmöglich sei. Im ausgereiften Ge- Alter plastisch zu halten.
Fachblatt »Science« veröffentlichten Studie hirn des Menschen sei aus Stabilitätsgründen Die Zahl der Newcomer lässt sich durch
im Hippocampus, also in jener Hirnregion, angeblich kein Platz für weitere Nervenzellen. das Verhalten erhöhen, wie Experimente an
die fürs Speichern neuer Informationen un- Doch in Untersuchungen an Tieren haben Mäusen ein ums andere Mal gezeigt haben.
erlässlich ist. Die kontinuierliche Produktion Forschende mittlerweile Belege gefunden, die Tiere, die sich viel bewegen, produzieren ver-
junger Nervenzellen im erwachsenen Ge- für das Gegenteil sprechen. mehrt frische Nervenzellen, die ihnen dann
hirn – in der Fachsprache adulte ­Neurogenese Männliche Kanarienvögel stellen neue bei der räumlichen Orientierung helfen. D ­ iese
genannt – ist offenbar nötig, damit das Denk- Nervenzellen her, in denen sie die Melodien Verkoppelung zwischen Muskeln und Gehirn
organ normal arbeiten kann. ihrer Lieder speichern. Mäuse lernen unbe- gibt es laut Evolutionsmedizinern auch beim
Die Studie liefere Beweise für eine »fort- kannte Gerüche mit Nervenzellen, die eigens Menschen. Wer regelmäßig körperlich aktiv
laufende Neurogenese« auch bei Erwachse- dafür hergestellt und im Riechkolben abgelegt ist, tut also viel dafür, dass sich die Hardware
nen, sagt Neurowissenschaftlerin María Llo- werden. Die Neurogenese lässt sich eindeutig im Kopf immer wieder erneuert.
rens-Martín von der Universidad Autónoma zeigen, indem man erwachsenen Labortieren Jörg Blech n

96 DER SPIEGEL Nr. 29 / 11.7.2025


WISSEN

chen die Temperaturen hier im Schnitt gerade der Gasmenge können sie ablesen, wie stark
mal minus 35 Grad Celsius. diese das Klima der Erde einst beeinflusst ha-
Vier Sommer lang trieben Wilhelms und ben und ob sich daran über die Jahrtausende
sein Team Stück für Stück einen schmalen etwas verändert hat.

Gefrorene
Zylinder mit etwas mehr als dem Durchmes- Es sind nicht nur Methan und CO₂, die das
ser einer Coladose senkrecht in den Eispanzer. Klima beeinflussen. Wilhelms will wissen,
Sie bohrten, bis sie das Gestein des antarkti- was passiert, wenn ein veränderter Treibhaus-

Zeit
schen Kontinents erreichten. 2800 Meter tief gasgehalt und andere erwärmende oder ab-
ist ihr Loch, und dementsprechend lang ist kühlende Ereignisse zusammenwirken. Das
der Bohrkern aus Eis, den sie stückchenweise könnte mitbestimmen, wie stark sich der Pla-
an die Oberfläche holten. Die Wissenschaftler net künftig noch aufheizen wird.
zersägten die schlanken Zylinder in etwa ein Ein Faktor beim Wechsel zwischen Warm-
KLIMA In Bremerhaven werden Meter lange Stücke und verpackten diese in und Eiszeiten ist die Position der Erde
weiße Kisten. 40 davon liegen bislang in dem im Weltall. Sie umkreist die Sonne über lan-
uralte Eisschichten aus Tiefkühlcontainer in Bremerhaven. ge Zeiträume mal auf einer etwas runderen,
der Antarktis untersucht. Sie sollen In den Proben ist nicht nur besonders altes mal auf einer etwas elliptischeren Bahn.
helfen, ein Rätsel zu lösen. gefrorenes Wasser zu finden, sondern jede ­Dafür sorgen die Anziehungskräfte großer
Schneeschicht, die in den vergangenen Planeten wie Jupiter und Saturn. Zugleich
1,2 Millionen Jahren am Südpol vom Himmel eiert die Erdachse etwas und ändert ihre

F
rank Wilhelms öffnet zwei Vorhänge- gefallen ist und sich zu Eis verdichtet hat. ­Neigung.
schlösser, schiebt die schwere Tür des »Dabei wurden jedes Mal winzige Mengen Je ausladender sich die Erde um die Son-
weißen Schiffscontainers auf und tritt Gase und Staub aus der Luft eingeschlossen, ne bewegt und je mehr sich die Erdachse
ein. Der Forscher trägt eine dicke Jacke, mit wie Zeitkapseln im Eis«, sagt Wilhelms. Es neigt, desto extremer fallen die Jahreszeiten
jedem Atemzug steigen weiße Wölkchen aus sind hauptsächlich diese Einschlüsse, von aus. Winter werden dann besonders an Nord-
seinem Mund. In dem begehbaren Tiefkühl- denen sich die Forschenden neues Wissen und Südpol kälter, über weite Teile des Pla-
schrank am Alfred-Wegener-Institut (AWI) in über die Erdgeschichte versprechen. neten können sich Gletscher bilden, die auch
Bremerhaven lagert bei minus 50 Grad Cel- In dem Eis aus den Tiefen von Little Dome im Sommer nicht mehr ganz abtauen. Um-
sius eine der ältesten Eisproben, die je auf der
C befinden sich Moleküle, die mindestens gekehrt kann sich die Erde durch eine run-
Erde geborgen wurden. Sie stammt aus der 400.000 Jahre älter sind als in früheren Pro- dere Umlaufbahn gleichmäßiger aufheizen.
Antarktis und ist wohl mehr als 1,2 Millionen ben. Mit diesen konnten Forschende etwa Taut das Weiß auf dem Planeten, reflektiert
Jahre alt. 800.000 Jahre in die Vergangenheit blicken. er weniger Sonnenlicht und wird immer wär-
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Nun können sie das Klima auf der Erde über mer. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaft-
aus ganz Europa sind in den vergangenen einen Zeitraum von mehr als einer Million ler wissen noch nicht, wie es sich auswirkt,
Wochen an die Wesermündung gereist, um Jahren und erstmals den Wechsel im Rhyth- wenn gleichzeitig der CO₂-Gehalt in der Luft
sich ein Stück des gefrorenen Wassers abzu- mus der Warm- und Eiszeiten nachzeichnen. steigt.
holen: aus Bern in der Schweiz, dem däni- Das Eis ist wie ein Langzeitarchiv und soll Damit möglichst viele Forschende gleich-
schen Kopenhagen, aus Cambridge in Groß- zum Lehrbuch für die Zukunft werden. zeitig damit arbeiten können, haben Experten
britannien oder der französischen Hauptstadt Wilhelms und seine Kolleginnen und Kol- in Bremerhaven die Abschnitte des Bohrkerns
Paris. Wie Wilhelms wollen sie erforschen, legen suchen in dem Bohrkern nach verschie- längs zerschnitten, in neun Teile. »Mit dem
auf welche Weise sich das Klima der Erde über denen Varianten des Elements Sauerstoff, mit ältesten Eis sind wir gerade fertig geworden«,
viele Jahrtausende verändert hat. Das Eis in denen sie Temperaturwechsel nachvollziehen sagt Wilhelms. Jetzt fängt die eigentliche
dem Container soll ihnen helfen, ein klima- und Warm- von Eiszeiten unterscheiden kön- Arbeit an, sie wird Jahre dauern. 2026 soll
geschichtliches Rätsel zu lösen. nen. Zudem analysieren sie in den Zeitkapseln der nächste Container mit Eis vom Little
Bis der Mensch vor gut 150 Jahren begann, den Gehalt der Treibhausgase Kohlendioxid Dome C in Bremerhaven ankommen.
riesige Mengen an Kohle, Öl und Gas zu ver- (CO₂ ) und Methan. Aus der Temperatur und Christoph Seidler n
brennen und die Erde damit aufzuheizen,
veränderten allein natürliche Phänomene das
Klima. Es kam regelmäßig zu Eis- und Warm-
zeiten. Allerdings wechselten die sich in
unterschiedlich großem Abstand ab: Bis vor
etwa 1,2 Millionen Jahren wiederholten sich
kalte und warme Phasen etwa alle 41.000
Jahre, zeigen unter anderem Analysen von
Fossilien am Grund der Weltmeere. Seit etwa
800.000 Jahren wiederholt sich der Klima-
zyklus nur noch alle 100.000 Jahre.
Wilhelms und seine Kollegen wollen
­verstehen, wie es zu dem neuen Warm-­­
Esther Hor vath / Alfred-Wegener-Institut

kalt-Rhythmus kam, auch weil solche unbe-


kannten Effekte den menschengemachten
Klimawandel abmildern oder verstärken
könnten.
Ungefähr 16.000 Kilometer südöstlich von
Bremerhaven, im Osten der Antarktis, liegt
einer der lebensfeindlichsten Orte des Plane-
ten. Little Dome C ist ein Hochplateau aus
Eis, mehr als 3000 Meter über dem Meeres-
spiegel. Selbst zur warmen Jahreszeit errei- Glaziologe Wilhelms mit Eiskern: Wie ein Langzeitarchiv

Nr. 29 / 11.7.2025 DER SPIEGEL 97


WISSEN

Übergewichtigen sind es sogar mehr als


40 Prozent. Wer sich spritzt, muss allerdings
mit einem gewissen Risiko leben. Denn wie
alle Medikamente haben auch diese Mittel

Fett ist weg, die Freude


unerwünschte Begleiterscheinungen.
Ein Blick auf die Beipackzettel verrät, wo-
rauf sich Abnehmwillige einstellen müssen.

aber auch
Hier sind mehr als zwei Dutzend Nebenwir-
kungen aufgelistet, sehr häufig sind Übelkeit,
Kopfschmerzen und Durchfall, die laut Statis-
tik bei mindestens einem von 10 Behandelten
auftreten können. Als häufige Begleiterschei-
ÜBERGEWICHT Seit zwei Jahren sind Abnehmspritzen inzwischen in nung wird unter anderem Haarausfall aufge-
­Deutschland auf dem Markt. Eine Bilanz zu Nutzen und Risiken. führt, er kann bis zu 10 von 100 Behandelten
treffen. Seltener, aber viel unangenehmer, sind
Entzündungen der Bauchspeicheldrüse, wo

A
nja Thiedke hat gerade Feierabend. Seit ren, statt 120 Kilogramm wiege sie heute 90. Insulin produziert wird. Sie verur­sachen star-
40 Jahren arbeitet die gelernte Kran- »Aber die Euphorie vom Anfang ist ­verpufft.« ke Schmerzen und Fieber, Betroffene müssen
kenschwester am UKE, dem Uniklini- In den ersten Wochen seien die Pfunde nur oft ins Krankenhaus.
kum Eppendorf in Hamburg. Es ist Mittags- so gepurzelt, der ständige Gedanke an Essen »Dieses Arzneimittel unterliegt einer zu-
zeit an diesem Donnerstag Anfang Juli. sei wie ausgeknipst gewesen. Aber nach etwa sätzlichen Überwachung«, heißt es auf den
Thiedke merkt, dass sie etwas essen muss. einem halben Jahr blieb die Waage stehen. Beipackzetteln von Wegovy und Mounjaro.
»Nicht weil ich Hunger habe«, erzählt die Hunger hatte Thiedke zwar weiterhin nicht. Der Hinweis ist mit einem kleinen schwarzen
60-Jährige. »Sondern weil ich im Kopf merke, »Aber das Verlangen nach Süßem kam zu- Dreieck hervorgehoben, das nach unten zeigt.
dass ich wieder Energie brauche.« rück.« Plötzlich hatte sie wieder Lust auf Eis. Die Kontrolle dient als zusätzliches Sicher-
Richtigen Hunger hat Thiedke seit mehr Wenn sie welches zu Hause habe, esse sie es heitsnetz. Das heißt: Fachleute fahnden bei
als anderthalb Jahren nicht mehr. Genauso meist sofort, sagt sie. diesen Medikamenten besonders intensiv
lange spritzt sie sich das Medikament ­Wegovy. Wie viele Menschen in Deutschland sich nach bisher unbekannten Risiken.
Mitte Juli 2023 kam die Abnehmspritze in gegen Übergewicht spritzen, ist unklar. Eine Die Europäische Arzneimittel-Agentur
Deutschland auf den Markt. Es sind ähnliche offizielle Statistik gibt es nicht. Auch Apo- (Ema) führt eine Datenbank, in der Verdachts-
Mittel erhältlich, etwa Mounjaro. Dutzende theken erfassen nicht systematisch, wie viele fälle für Wegovy und Mounjaro dokumentiert
befinden sich in der Entwicklung, auch als Packungen der Präparate sie verkaufen. Laut sind. Aktuell sind es knapp 54.000, gut 4200
Tablette. der Umfrage eines Marktforschungsinstituts davon kommen aus Deutschland. Hinter jeder
Die Abnehmspritzen basieren auf verschie- könnte sich immerhin etwa jeder Sechste vor- Zahl steht ein Mensch, der einen Wirkstoff
denen Wirkstoffen, die ähnliche Prozesse im stellen, Abnehmspritzen zu nutzen. Bei stark aus den Abnehmspritzen genutzt hat und un-
Körper auslösen. Wie bestimmte natürliche
Hormone binden sie an Zellen in Gehirn und
Darm. Diese geben das Signal, den Botenstoff Appetitzügler Haarausfall
Insulin zu produzieren, der die Aufnahme von Im oberen Teil des
Wirkungsweise und häufige Hirnstamms und im
Zucker reguliert. Gleichzeitig verlangsamt sich Hypothalamus dämpft
Nebenwirkungen der Wegovy-
die Verdauung, ein Sättigungsgefühl stellt sich Abnehmspritze Semaglutid das Hunger-
ein. Während die natürlichen Hormone im und verstärkt das
Darm nach wenigen Minuten abgebaut sind, Semaglutid, der Wirkstoff der Kopfschmerzen, Sättigungsgefühl.
wirken die Medikamente t­ agelang. Daher müs- Abnehmspritze, dockt an den Schwindel,
Rezeptor des Hormons GLP-1 Erschöpfung
sen sie nur einmal pro Woche gespritzt werden. verschiedener Körperzellen an.
Erstmals, heißt es, gibt es so wirksame Prä­ Je nach Organ hat das unter-
parate gegen Adipositas. Stark Über­gewichtige schiedliche Auswirkungen.
verlieren binnen Monaten im Schnitt u ­ ngefähr
10 bis 20 Prozent ihres Körper­gewichts.
Ursprünglich wurden die Wirkstoffe für die Das Medikament verzögert
Behandlung von Diabetes Typ 2 eingesetzt, etwa die Entleerung des Magens
in dem Medikament Ozempic. Als sich herum- in den Darm. Das verrin-
gert den Appetit.
sprach, dass Ozempic beim Abnehmen helfen
kann, stieg die Nachfrage, auch bei Menschen
ohne Diabetes; Lieferengpässe entstanden. Semaglutid hemmt die
Freisetzung von Glucagon,
Die Abnehmspritzen sind dann eigens für dem Gegenspieler des
Semaglutid fördert die
Menschen mit Adipositas entwickelt worden Insulinausschüttung in der Insulins. Dadurch wird in
und wie Ozempic verschreibungspflichtig. Die Bauchspeicheldrüse, daher der Leber weniger Glucose
gesetzlichen Krankenkassen übernehmen die wurde der Wirkstoff ursprüng- gebildet und Blutzucker auf
lich als Diabetesmedikament einem niedrigen Niveau
Kosten nur in Ausnahmen. In der empfohlenen gehalten. Das erleichtert
entwickelt.
maximalen Dosis kosten sie um die 300 bis das Abnehmen.
500 Euro im Monat.
Schon 2023 hatte Thiedke dem SPIEGEL Übelkeit, Erbrechen,
von ihren Erfahrungen mit Wegovy berichtet, Durchfall, Bauch-
damals nahm sie die Spritze erst seit Kurzem. Hautreaktionen an schmerzen sowie
Wie geht es ihr heute? der Einstichstelle Verstopfung
»Ich bin froh, dass ich so viel abgenommen
habe«, sagt sie. 30 Kilogramm habe sie verlo­ S Quellen: Ema, Gelbe Liste
Š

98 DER SPIEGEL Nr. 29 / 11.7.2025


WISSEN

erwartet krank wurde. Das heißt aber nicht, Schlaganfälle, bekommen gehäuft Diabetes,
dass in jedem Fall die Abnehmspritzen für Arthrose oder Bluthochdruck. Zugleich fällt
die Beschwerden verantwortlich sind. Die es ihnen besonders schwer, allein mit einer
Aufgabe der Ema-Fachleute ist es, aus dieser gesünderen Ernährung und Sport abzuneh-
Masse an Daten die Leiden herauszufiltern, men. Die Abnehmspritzen senken ihr Risiko
die von den Abnehmspritzen verursacht wer- für die Folgeerkrankungen, haben Studien
den. Hellhörig werden sie, wenn sich Be- gezeigt. Nicht nur das: Erste Untersuchungen
schwerden in der Datenbank häufen. deuten darauf hin, dass die Wirkstoffe auch
Es gab in den vergangenen Jahren mehre- chronische Nierenleiden lindern könnten,
re solche Sicherheitssignale. Seit Anfang Juni Parkinson, Alzheimer. Dutzende solcher
sollen Wegovy-Beipackzettel etwa auf eine möglichen Zusammenhänge werden unter-
neue, sehr seltene Nebenwirkung verweisen: sucht. Ob sie sich bewahrheiten, ist offen.
die Augenerkrankung Naion, bei welcher der Als vielversprechend gilt ein möglicher
Sehnerv nicht richtig durchblutet wird. Be- Einsatz in der Suchttherapie. Die Spritzen
troffene erblinden im schlimmsten Fall dauer- dämpfen womöglich nicht nur das Verlangen
haft. Studien hatten ergeben, dass sich das nach Essen, sondern auch nach Alkohol und
Risiko, an Naion zu erkranken, bei Menschen Zigaretten, darauf deuten Tierversuche hin
mit Diabetes verdoppelt, wenn sie Semaglu- und Auswertungen von Gesundheitsdaten aus

David Fischer Baglietto / DER SPIEGEL


tid einnehmen – den Wirkstoff, der auch in den USA. Demnach tranken Menschen we-
der Wegovy-Abnehmspritze enthalten ist. niger Alkohol, wenn sie Abnehmspritzen
Dadurch sei bei 10.000 Personen, die ein nutzten, und rauchten seltener.
Jahr lang mit Semaglutid behandelt ­werden, Zudem berichten immer mehr Frauen, die
mit einem zusätzlichen Naion-Fall zu rech- Abnehmspritzen nutzten, schwanger gewor-
nen. Womöglich dockt der Wirkstoff an Zel- den zu sein, manche nach langer Zeit mit
len im Sehnerv an. Dann könnte auch das unerfülltem Kinderwunsch. Sollte es einen
Naion-Risiko bei anderen Abnehm­spritzen Zusammenhang geben, könnten die Mittel
steigen, die auf dieselben Strukturen zielen. Wegovy-Anwenderin Thiedke 2023 besonders Frauen mit sogenanntem PCOS
Ein weiteres Sicherheitssignal gibt es bei helfen, ein Kind zu bekommen. Das poly-
Schilddrüsenkrebs. In Studien hatten Nage- müsse sie häufiger aufstoßen. »Wenn ich zystische Ovarialsyndrom zählt zu den häu-
tiere ein höheres Risiko für diese Krebsform, abends einen Salat essen würde, müsste ich figsten hormonellen Störungen bei Frauen
wenn sie mit dem Wegovy-Wirkstoff behan- im Sitzen schlafen«, sagt sie. Zu groß sei das im gebärfähigen Alter; etwa jede siebte ist
delt wurden. In den USA gibt es deshalb einen Risiko, dass er im Liegen wieder hochkomme. betroffen. Typisch dafür sind zu viele männ-
Warnhinweis im Beipackzettel. Was das Er- Nur einmal sei es ihr echt schlecht gegan- liche Hormone, Probleme, Zucker richtig zu
gebnis für Menschen bedeutet, ist allerdings gen. Sie hatte die Spritzen einige Wochen aus- verarbeiten und Übergewicht. Oft bleibt die
unklar. Eine Untersuchung der Ema vom gesetzt, weil sie hoffte, ihr Gewicht so halten Periode aus oder kommt nur unregelmäßig,
Herbst 2023 ergab, dass die Datenlage nicht zu können. Doch das klappte nicht. Als sie bei manchen entfällt der Eisprung. Schon
ausreicht, um einen Zusammenhang nachzu- fünf Kilogramm zugenommen hatte, spritzte ein paar Kilogramm abzunehmen, kann den
weisen. So erhöht beispielsweise auch Über- sich Thiedke wieder. »Ich wusste nicht, dass Hormonhaushalt wieder ins Gleichgewicht
gewicht das Risiko für einen Tumor an der man nach einer längeren Pause wieder mit bringen. Wer trotz Ernährungsumstellung
Schilddrüse. Möglicherweise bekamen Be- einer niedrigeren Dosis einsteigen muss«, er- und regelmäßiger Bewegung kaum Gewicht
troffene also nicht wegen der Abnehmsprit- zählt sie. Sie hatte sich genauso viel verab- verliert, kann sich das Diabetesmedikament
zen Schilddrüsenkrebs, sondern trotz ihnen. reicht wie vor der Pause. Ihr wurde schlecht, Metformin verschreiben lassen. Künftig
Ganz ausgeschlossen ist das Krebsrisiko sie musste sich übergeben, zwei Tage habe könnte der Wirkstoff Semaglutid eine zusätz-
nicht. »Das Thema ist weiterhin Gegenstand sie nur im Bett gelegen. »Es war schlimm.« liche Option sein.
einer fortlaufenden Überwachung«, schreibt Absetzen möchte Thiedke die Spritze nun Sie kenne Patientinnen, die damit deutlich
das Bundesinstitut für Arzneimittel und Me- nicht mehr. »Übergewicht bringt auch Risiken abgenommen hätten und bei denen ein feh-
dizinprodukte in einer Mail. Auch Fälle von mit sich«, sagt sie. Tatsächlich erkranken lender Zyklus daraufhin wieder eingesetzt
Bauchspeicheldrüsenkrebs würden geprüft. Menschen mit Adipositas etwa öfter an Dick- habe, sagt Nicole Sänger, Direktorin der Re-
In den USA beschäftigen sich inzwischen darmkrebs und anderen Krebsarten, sie ha- produktionsmedizin und Endokrinologischen
Gerichte mit möglichen Nebenwirkungen der ben ein höheres Risiko für Herzinfarkte und Gynäkologie des Universitätsklinikums Bonn.
Abnehmspritzen. Dutzende Menschen haben »Das erhöht die Wahrscheinlichkeit, schwan-
geklagt. Einige sagen, sie hätten dauerhaft mit ger zu werden.« Allerdings müsse der Wirk-
Komplikationen zu kämpfen. Sie berichten stoff »mindestens vier bis acht Wochen vor
von einer Lähmung des Magens, für die sie einer geplanten Schwangerschaft abgesetzt
Wegovy verantwortlich machen. Speisen werden«, das sei wichtig für die Sicherheit
könnten sie kaum mehr verdauen. Der Her- des Ungeborenen.
steller Novo Nordisk weist die Anschuldigun- In Hamburg hat sich Anja Thiedke für ein
gen zurück. Das Abnehmmedikament könne Vollkornbrötchen und einen frischen O-Saft
zwar das Entleeren des Magens verzögern. entschieden. Es ist 12.30 Uhr und ihre erste
Für eine schwere, lang anhaltende oder sich Mahlzeit heute. Sie würde gern weiter ab-
verschlechternde Lähmung, eine sogenannte nehmen, erzählt sie. Dafür könnte sie die
Gastroparese, gebe es aber nach allen verfüg- ­Dosis der Abnehmspritze erhöhen. Aktuell
baren Daten kein erhöhtes Risiko. Auch in nimmt sie ein Milligramm pro Woche, die
Rober to P feil / dpa

Kanada laufen Gerichtsverfahren. empfohlene Enddosis liegt bei 2,4 Milli-


Anja Thiedke hat die Abnehmspritze bis- gramm. Jedoch kostet Wegovy sie bereits
her gut vertragen, nur Bauchschmerzen habe mehr als 170 Euro im Monat. Das Geld für
sie manchmal. Aber auch sie spüre, dass das eine höhere Dosis könne sie nicht aufbringen.
Essen länger in ihrem Magen bleibe. Dadurch Semaglutid-Spritze Julia Köppe, Alina Schadwinkel  n

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KULTUR

Ryan Browne / Shutterstock / IMAGO; Nick Potts / empics / picture alliance; Michael Zemanek / Shutterstock / IMAGO
Trainerinnen
Sarina Wiegman
(England),
Pia Sundhage
(Schweiz),
Rhian Wilkinson
(Wales)

Funktional, nicht dekorativ


FERNSEHEN Frauen in bequemer Kleidung! Mit praktischen Schuhen! Wann gibt es das schon zu sehen?
Zum Glück gerade jetzt – dank der Trainerinnen bei der Frauenfußball-EM.

W enn Sie in diesen Tagen abends


den Fernseher anschalten, die
Öffentlich-Rechtlichen ansteuern
oder Ihr Sport-Streamingabo nutzen,
ein großes Turnier gespielt wird, steht die
Fußballtrainerin im Rampenlicht, und dann
auch nur punktuell. Aber selbst in den we-
nigen Momenten, in denen die Kamera di-
damit die Ausnahme, denn von »Tages-
schau«-Sprecherinnen bis TikTok-Influence-
rinnen, Topmodel-Anwärterinnen bis »Tat-
ort«-Kommissarinnen bekommen wir
­können Sie geschätzt alle acht bis neun rekt auf sie gerichtet ist, wird sie sich kaum eigentlich nur noch Frauen zu sehen, für die
Minuten etwas Schockierendes sehen: eine darum scheren, wie sie aussieht. Sie ist ge- Angegucktwerden mindestens Teil ihres Jobs
Frau in bequemer Kleidung, mit prakti- rade bei ihrer Arbeit extrem gefordert und ist – wenn es nicht sogar der Job an sich ist.
schen Schuhen und pflegeleichter Frisur. braucht dazu Kleidung, die in erster Linie Dazu gehören dann auch Kleidung, de-
Vielleicht trägt sie etwas Make-up und funktional, nicht dekorativ ist. ren Funktionalität darin besteht, dekorativ
Schmuck, ganz sicher wird sie aber früher All das macht die Fußballtrainerin aber so zu sein, und Styling, das für die Pose und
oder später den Mund aufreißen, jemandem besonders. Sie zeigt, wie Frauen aussehen, nicht für die Bewegung gemacht ist. Wie
etwas über weite Entfernung zurufen und deren Karriere sich nicht in größeren Me- ­allgegenwärtig diese Maßgaben mittlerweile
dabei mit den Armen gestikulieren. Sie ist dienöffentlichkeiten und damit unter der sind, kriegen wir in den Momenten gezeigt,
nämlich Trainerin einer Frauen-Fußball­ gnadenlosen Dauerbeobachtung durch Män- in denen Fußballtrainerinnen ins Bild
nationalmannschaft und, weil gerade in der ner ebenso wie durch Frauen vollzieht. An- ­kommen und mit ihnen brechen. Wir
Schweiz die Europameisterschaft läuft, bei ders gesagt: die, die meiste Zeit in Ruhe ge- ­sollten genau hinsehen – gerade damit wir
Spielen daher ab und zu im Bild zu sehen. lassen werden. Im Fernsehen und in den ­erkennen, was wir mit den Maßgaben
Im Schnitt nur alle zwei Jahre, eben wenn ­sozialen Medien bilden Fußballtrainerinnen ­anrichten. Hannah Pilarczyk

100 DER SPIEGEL Nr. 29 / 11.7.2025


Licht im Dunkel andere wollen dann sogar Therapeutin. Aus dieser tragi­
doch direkt gesellschaftlich rele­ schen Leidenschaft entwickelt
AUSSTELLUNGEN Das Kunst­ vante Geschichten erzählen. Faith keine dramatische Eska­
museum Bonn widmet seine Die Videoinstallationen »Sha­ lation, sondern ein unaufgereg­
aktuelle Schau einem überzeit­ dow Procession« des Süd­ tes, kluges, stellenweise wirklich
lich faszinierenden Thema: afrikaners William Kentridge komisches Porträt einer emo­
dem Schatten. Die Ausstellung und »Testimony: Narrative tionalen Fixierung, die einem
»From Dawn till Dusk« zeigt of a Negress Burdened by Good »Der weiße Hai: Die Geschichte hinter gleichzeitig absurd und plausi­
Bilder, Installationen und Vi­ Intentions« der US-Amerika­ dem Blockbuster«. Regie: Laurent Bouzereau. bel erscheint. Denn Glück und
88 Minuten. Ab 11. Juli bei Disney+.
deos – und hütet sich zunächst nerin Kara Walker zeigen Schat­ Verbundensein kann Sylvie nur
vor großen gesellschaftskriti­ tenfiguren ohne Gesichter. ge, gefeuert zu werden, weil er durch den Blick empfinden, den
schen Aussagen. Hier soll es erst Sie erzählen von Unterdrü­ das Budget immer weiter über­ sie sich von jemand anderem
einmal nur um Kunst gehen. ckung und einem Leben geprägt zog. Offenbar gab es bei dem auf sich selbst erhofft. Es geht
Eine angenehme Abwechslung. von der Kolonialgeschichte. produzierenden Studio Univer­ ihr nicht um Verführung, nicht
Zugleich aber stellt sich die Fra­ Beide Werke weisen also direkt sal Pictures sogar Überlegun­ um Grenzüberschreitung, son­
ge, ob eine Kunstausstellung auf einen politischen Kontext gen, die Dreharbeiten einzustel­ dern um Nähe als inneres Ereig­
über den Schatten mit all seinen hin. Etwas mehr Mut zur len. Am Ende setzte sich Spiel­ nis. Die Therapiestunde ist der
Metaphern nicht zwingend ­kritischen Einordnung hätte da­ berg durch, und der Dreh im einzige Ort, an dem Sylvie sich
einer übergeordneten Einord­ bei aber nicht geschadet, um Atlantik verlieh dem Film einen bedeutsam fühlen kann, weil
nung bedarf. Die Antwort ist – noch mehr Licht ins Dunkel Großteil seiner bis heute beste­ sie anderswo das Gefühl hat,
im Gegensatz zur Bildebene zu ­bringen. Freya Dieckmann chenden Intensität. Am interes­ keinen Zutritt zur Welt der in­
vieler ausgestellter Werke – santesten ist dieser Blick hinter takten, erfolgreichen Menschen
nicht schwarz und weiß. Denn die Kulissen, wenn die Doku zu haben. Sie ist immer noch
eine Qualität der Schau ist, dass Das Monster den Klassiker als ersten Som­ genauso unsicher wie damals,
sie das Staunen zurückbringt, mer-Blockbuster einordnet, der als sie sich selbst mit den coolen
das in der aktuellen, diskursge­ ist zurück Eskapismus mit besonders rea­ Mädchen verglich, die die rich­
triebenen Kunstwelt oft unter­ DOKUMENTATIONEN Sieht listischen Tricks ermöglicht – tigen Taschen und Fußkettchen
geht. Alle Arbeiten, die in Bonn man »Der weiße Hai: Die Ge­ und ihn zugleich kennzeichnet trugen. Therapie fühlt sich für
gezeigt werden, sind beeindru­ schichte hinter dem Blockbus­ als Paranoiathriller, der in sie an wie Räumungsarbeiten
ckende Zeugnisse vielfältiger ter«, stellt sich eine doppelte einem konkreten gesellschaftli­ auf der großen Müllhalde ihrer
künstlerischer Ausdrucks­ Nostalgie ein: Erinnerungen an chen Kontext verwurzelt ist. unglücklichen Gefühle, so
formen. Spielerisch und mit in­ den 50 Jahre alten Film tauchen Spielberg formulierte mit seiner ­beschreibt es Faith, die stilisti­
telligentem Humor widmen sich auf. Und es fühlt sich an, als Haiangst das Unbehagen der sche Feinarbeiterin und präzise
die Werke dem Spannungsver­ hätte man eine DVD mit Bonus­ Amerikaner angesichts von Metaphernchirurgin: lauter
hältnis zwischen Freund und material eingelegt, wie in den Vietnam, Watergate und der unappetitlicher Abfall, den sie
Feind, in dem sich der Schatten Nullerjahren, als filmhistorische Regierungszeit von Richard in die korrekt beschrifteten
bewegt. Die Videoinstallation Exkursionen selbstverständ­ ­Nixon. Man fragt sich, ob wohl ­Säcke sortieren müsse, um ihn
»Shadow Play« von Vito Accon­ licher Teil von Editionen restau­ heute noch ein großer Publi­ final verklappen zu können. Die
ci etwa zeigt den grotesken rierter Klassiker waren. Die kumsfilm entstehen könnte, der Autorin gibt Sylvie nicht der
und verzweifelten Kampf des Machart ist typisch dafür: auf die Verhältnisse in den ­Lächerlichkeit preis, sondern
Künstlers gegen sein Schatten- Einerseits arbeiten sich die Ma­ USA unter Trump reagiert. Und einer Art existenzieller Komik:
Ich. Das zeichnet sich übergroß cher am Mythos ab, kritische wie wohl die Monster aussähen, Sie möchte aufgehoben sein,
auf einer Wand ab, während Distanz zum beschriebenen Ob­ die in ihm gebannt werden sich anschließen, ein wenig wie
Acconci in Boxerstellung hin jekt ist nicht gefragt. Zahlreiche müssten. Oliver Kaever ein streunendes Hündchen, das
und her springt und auf den Prominente wie die Schau­ sich nach einem Zuhause sehnt.
dunklen Riesen vor sich ein­ spielerin Emily Blunt und Fil­ Tatsächlich vollführt Sylvie am
schlägt. Auch mit Fragen nach memacher wie Steven Soder­ Therapeutisches Ende fast eine Art Tierchen-­
Trugbild und Wahrheit beschäf­ bergh, Jordan Peele und Cosplay, als sie sich als Outfit
tigen sich die Arbeiten. Ein ­Guillermo del Toro geben sich Aufräumen für ihre Therapietermine eine
kleines Tintenfass des Künstlers als Fans zu erkennen. Auch Ste­ ROMANE Schon der erste Satz Kunstpelzjacke kauft. Wenn das
Vadim Fishkin zum Beispiel ven Spielberg selbst gibt freimü­ gibt den Geschmack vor, der bis Kleidungsstück nur weich genug
wirft den Schatten einer Kaffee­ tig Auskunft. Andererseits hatte zum Ende der Lektüre auf der wäre, so ihr Gedanke, würde
tasse, und Regina Silveiras das Team Zugang zu umfang­ Zunge bleiben wird: »Das Zim­ die Therapeutin womöglich gar
Glühbirne erzeugt statt eines reichen Archiven und lässt mit mer fühlt sich an wie das Innere nicht anders können, als sie
Lichtstrahls einen Schatten zahlreichen Fotos und Clips ein eines Käse­kuchens«, denkt anfassen zu wollen. Dass Merk­
an der Wand. Es bereitet große recht genaues Bild vom Ablauf Tierarzthelferin Sylvie über den würdigkeiten wie diese wie
Freude, diese Rätselwerke zu der Dreharbeiten entstehen. Gesprächsraum bei ihrer The­ plausible Ideen erscheinen –
bestaunen und ihre technischen Das ist natürlich gerade bei rapeutin, und es sind Schrullig­ ­darin liegt die Schönheit dieses
Kniffe zu enttarnen. Und einige »Der weiße Hai« immer wieder keiten wie diese, mit denen Romans. Anja Rützel
interessant. Legendär ist ja, dass Adelaide Faith in »Happiness
die mechanischen Haiattrappen Forever« kunstvoll die Ver­
oft nicht funktionierten und die schrobenheit ihrer Protagonis­
Dreharbeiten sich immer weiter tin zeichnet, ohne sie zu ver­ Adelaide Faith:
»From Dawn Till verzögerten. Auch der Dreh auf niedlichen oder als abwegig »Happiness Forever«.
Dusk. Der Schatten dem Wasser war kompliziert. Fühlende zu pathologisieren. Aus dem Englischen
in der Kunst der von Henriette Zeltner-
Die Doku arbeitet das Ausmaß Denn Sylvies ganze emotionale
Gegenwart«. Bonn, Shane. Blumenbar;
Kunstmuseum. des Dramas gut heraus: Regis­ Welt ist auf eine Frau projiziert, 256 Seiten; 22 Euro.
Bis 2. November. seur Steven Spielberg hatte Sor­ die ihr nicht gehören kann: ihre Erscheint am 15. Juli.

Nr. 29 / 11.7.2025 DER SPIEGEL 101


KU LT U R

Clown der Finsternis

Ross Halfin / Live Nation

Sänger Osbourne: Der welke Tor, der diese Welt noch zusammenhält

102 DER SPIEGEL Nr. 29 / 11.7.2025


KU LT U R

MUSIK Ozzy Osbourne gibt sein letztes Konzert. Wenn er abtritt, geht nicht nur ein Mensch,
der den Metal prägte, sondern eine ganze Lebenshaltung.

E
s beginnt am 13. Februar 1970 mit der Osbourne ist offensichtlich hinfällig, ku­ Missbrauch von Heeresgerät«. Und Heavy
Nadel, die sich auf die Rillen ihres ersten rioserweise ist die Situation aber alles andere Metal als Sonderfall, möchte man hinzufügen,
Albums senkt, mit dem Geräusch von als unangenehm. Hier thront ein Urvater, der ist ein versehrtes Kind der Schwerindustrie.
prasselndem Regen, rumpelndem Donner von seiner Familie getragen wird. Es ist ein Tony Iommi selbst führt die Erfindung des
und dem Läuten einer einsamen Glocke. großer, intimer Moment. Und das liegt nicht Metal direkt auf eine erlittene Verstümmelung
Es endet am 5. Juli 2025, ebenfalls mit nur am nostalgischen Blick auf eine der we­ zurück. Mit 17 Jahren war er bereits ein ge­
Donner und unheilvollem Gebimmel, als im nigen Bands, die noch in den Sechzigerjahren fragter Gitarrist und auf dem Sprung, dem
Fußballstadion von Birmingham vier, man gegründet wurden und deren Mitglieder ers­ vorbestimmten Leben in der Fabrik zu ent­
muss es so sagen, wirklich alte Männer er­ tens am Leben, zweitens bereit und drittens kommen – als ihn am letzten Arbeitstag ein
scheinen. Tony Iommi, 77, an der Gitarre. überhaupt in der Lage sind, noch miteinander Unfall an der Schlagschere zwei Fingerkup­
Geezer Butler, 75, am Bass. Bill Ward, 77, aufzutreten. pen der rechten Hand kostete. Eine Platte des
hinter seinem Schlagzeug. Ozzy Osbourne, Viele Menschen kennen Osbourne als den ebenfalls versehrten Jazzgitarristen Django
76, auf einem schwarzen Thron vor dem Verrückten, der mal einer Fledermaus den Reinhardt ermunterte Iommi, die Katastrophe
Mikrofon. Kopf abbiss. Oder, wohl noch wahrscheinli­ ins Positive zu wenden. Er stülpte sich künst­
Ozzy Osbourne also. Er ist der Mann, für cher, als abgehalfterten Opa aus der Reality­ liche Fingerkuppen über die Stummel, zog
den sie heute alle zu dem eintägigen Festival show »The Osbournes«, die zwischen 2002 dünnere Saiten auf, stimmte die Gitarre tie­
»Back to the Beginning« nach England ge­ und 2005 bei MTV zu sehen war. fer – und entwickelte aus dieser Beschränkung
kommen, manche sogar um die halbe Welt Warum aber sind an diesem Tag nicht nur jenen düster grummelnden Gitarrensound,
geflogen sind. Um an einem wolkenverhan­ Punks mit Irokesenschnitt gekommen, Nerds der zum Markenzeichen von Black Sabbath
genen Sommersamstag zu erleben, was im mit bestickten Kutten, Männer mit Bierbauch werden sollte.
Vorfeld als »wichtigster Tag in der Geschich­ und Mütter mit ihren kichernden Töchtern? In erster Linie ihre frühe Musik – darunter
te des Heavy Metal« bezeichnet wurde. 16 Mi­ Sondern auch Metallica und Slayer aufgetre­ ein Hit wie »Paranoid« – ist es, die Black Sab­
nuten nachdem der Vorverkauf begonnen ten, Mastodon und Tool, Anthrax und Pan­ bath einen Platz in der Geschichte sichert. Es
hatte, waren schon alle 45.000 Tickets zu tera, im Grunde die Champions League des sind Songs, so statisch, dass sie ebenso gut
Preisen zwischen 200 und fast 1000 Euro Genres? Warum haben selbst Elton John oder Orte sein könnten. Marianengrabentiefe Klas­
weg. Mindestens sechs Millionen Menschen Dolly Parton eine Videobotschaft geschickt, siker, in die kein einziger Lichtstrahl fällt. Hier
weltweit verfolgten die Show im Livestream. und warum moderiert der Hollywoodstar Ja­ gibt es keine Hoffnung, keine Heiterkeit, selt­
Zwei Japaner in T-Shirts von Iron Maiden son Momoa die Show? samerweise aber auch keine Wut. Nur stoi­
und Napalm Death haben den Tag in Reglosig­ Weil Black Sabbath an diesem Abend ab­ sches Einverständnis mit einer bodenlosen
keit verbracht. Jetzt, als Osbourne auftaucht, schließen wollen, was sie vor fast 57 Jahren Traurigkeit. Anfangs für ihre Primitivität ver­
zücken sie synchron ihre Smartphones, um begonnen haben. Und das ist mehr als eine spottet, sollte die radikale Ästhetik von Black
den Moment zu filmen. In düsterer Pracht Karriere. Es ist ein Genre. Wer nach den Wur­ Sabbath ganze Generationen nachfolgender
erklingt das monumentale Eröffnungsriff von zeln des Heavy Metal buddelt, stößt zwangs­ Musiker inspirieren.
»War Pigs«. Schleppend, böse und langsam. läufig auf die ersten Alben der Band. Black Sabbath haben aber noch mehr ge­
Tony Iommi begrüßt das Publikum mit ge­ »Rockmusik«, formulierte einst der Me­ leistet als die Pionierarbeit für eine Subkultur.
strecktem Zeigefinger und kleinem Finger, dientheoretiker Friedrich Kittler, sei »ein Sie haben sozusagen der verzerrten Gitarre
der »mano cornuta«, der gehörnten Hand,
wie sie auf etruskischen Grabsteinen abgebil­
det ist und die zu den zentralen Erkennungs­
zeichen der Metalszene gehört. Geezer Butler
umdribbelt das Riff mit seinem Bass, melo­-
diös und flink. Bill Ward hat Mühe, am
Schlagzeug seinen berühmten Swing zurück­
zuhalten.
Osbourne sitzt gebeugt und wartet auf sei­
nen Einsatz. Sein Gesicht ist bleich, seine Mi­
mik wächsern und unergründlich. Mit der
linken Hand tastet er immer wieder nach
einer Wasserflasche und einem Mundspray,
wohl um die Trockenheit seiner Schleimhäu­
te zu lindern. 2019 wurde bei ihm Parkinson
diagnostiziert, die Krankheit und die Medika­
mente setzen ihm zu. Lange war unklar, ob
er stimmlich und körperlich überhaupt zu
einem Abschiedskonzert in der Lage sein wür­
de. Aufstehen kann er nicht mehr, laufen erst
recht nicht. Fahrig schwenkt er die Hände.
Ross Halfin / Live Nation

Da kommt schon sein Einsatz, die berühmte


erste Zeile, »Generals gathered in their mas­
ses«. Osbourne verschluckt die »Generäle«
und überlässt die zweite Zeile ganz dem
­Publikum: »Just like witches in black masses«.
45.000 Menschen leihen ihm ihre Stimmen. »Back to the Beginning«-Teilnehmer: Die Champions League des Genres

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erst zu ihrer Weltgeltung verholfen. Für den dem er sich mit einer Überdosis eine Stunde
Soziologen Hartmut Rosa geht es in diesem lang mit einem Pferd auf der Weide unter­
Klang um eine »Erfahrung von Tiefe, Schär­ halten hat: »Am Ende drehte sich das Pferd
fe und Härte«, die ohne das Wissen um die um und sagte, ich solle mich verpissen. Das
prinzipielle Verletzlichkeit des Menschen war’s für mich.« Jahre später trug sich die
nicht zu haben ist. Während herkömmliche Fledermausszene zu. Jemand warf bei einem
Popmusik gute Unterhaltung ist, will Heavy Konzert ein echtes Tier auf die Bühne, Os­
Metal eine lebensrettende Maßnahme sein. bourne hielt es für ein Spielzeug und biss zu.
Schon Black Sabbath bemühten sich des­ Der Setzkasten mit den verrückten Ge­
halb in Texten und Symbolen, den ewigen schichten, die zu seiner Legende beitragen,
Abgrund auszuloten. Hass, Wahnsinn, Krieg, transportiert natürlich eine eigene Wahrheit:
Krankheit, Tod und die Hölle sind bis heute Osbourne ist vermutlich wirklich die einzige
zentrale Themen des Genres geblieben. Sein Figur im Geschäft, die niemals ein Problem
therapeutisches Angebot besteht darin, Er­ damit hatte, sich zum Affen zu machen oder

Joel Anderson / eyevine / ddp images


schütterung in Ermächtigung zu verwandeln. seine Unvollkommenheit unverblümt auszu­
Metal versucht nicht, das Böse in der Welt zu stellen. Er legte es, ganz im Gegenteil, gern
erklären. Er nimmt es offensiv mit ihm auf, darauf an. Von Anfang an verkörperte er den
setzt es buchstäblich unter Strom, beschleu­ Tropf. Seine Coolness bestand darin, dass er
nigt es – und erzeugt neben einer eingeschwo­ es nie auf Coolness angelegt hat. Er war der
renen Gemeinschaft idealerweise auch das, fröhliche Sünder, der sich immer sicher sein
was Rosa eine »existenzielle Seelenbewe­ konnte, dass ihm alle Sünden erlassen wer­
gung« nennt. den. Der Mann, dem einfach keine Aus­
Um diese Seelenbewegung, um die Essenz Ehepaar Osbourne
schweifung, kein Übergriff und auch kein
des Metal also geht es im Grunde auch in Bir­ künstlerischer Griff ins Klo nachgetragen
mingham. Weil man diesen vier Greisen von fit tätowiert sich das Kind die vier Buchstaben werden konnte.
Black Sabbath wohl nie mehr näher kommen eigenhändig auf die Finger, wo sie heute noch Diese Unbedarftheit erlaubte es ihm, sich
wird, speziell Ozzy Osbourne nicht. Ozzy ist zu lesen sind. Ozzy schwänzt immer häufiger im Laufe der Zeit vom irren »Prince of Dark­
der welke Tor, der diese Welt noch zusam­ die Schule, treibt sich in Kneipen und Spiel­ ness« zum durchgeknallten Drogenwrack,
menhält. Ein letztes Mal ist zu besichtigen, hallen herum. Mal jobbt er als Milchjunge, zum schluffigen Pantoffelhelden aus »The
wie er das eigentlich geschafft hat. mal als Kohlenschipper, mal als Stimmer von Osbournes«, zum schrägen Maskottchen des
Gezeigt werden an diesem Tag auf riesigen Hupen in einer Autofabrik. Er arbeitet als Metal zu entwickeln. Und er war sich dieser
Konzertleinwänden auch Szenen aus »Pulp Klempner, später in einem Schlachthaus. Für Superkraft bewusst: »Ich war der Typ Be­
Fiction« oder »Apollo 13«, denen ein trick­ einen Einbruch wandert er für sechs Wochen kloppter, mit dem die Leute gern zusammen
technisch hinzugefügter Ozzy eine unerwar­ in den Knast – und versucht sich danach als waren«, sagte er 2009 in einem Interview mit
tete Wendung gibt. Die Idee ist simpel und Sänger. einer irischen Zeitung: »Ich war zu allem be­
schnell erschöpft, die Gags sind flach und vor­ Ab Sommer 1968 spielt er in einer Grup­ reit. Im Grunde war ich der Clown, bin ich
hersehbar – und doch geht jedes Mal ein er­ pe mit Schulfreunden und Bekannten, die immer gewesen. Ich war nie ein schlechter
leichtertes Lachen durchs Publikum. Unser alle aus der Nachbarschaft kommen. Tony Mensch.« Mit dem frühen Erfolg habe er
Ozzy! Nicht nur der Kunst, dem greinenden Iommi an der Gitarre, Geezer Butler am Bass einen Freifahrtschein zum Durchdrehen er­
Gesang oder seiner Präsenz auf der Bühne und Bill Ward am Schlagzeug. Sie nennen halten und den auch immer wieder gern ein­
hat er seine seit Jahrzehnten anhaltende sich zunächst Earth, ihre Musik ist noch der gelöst: »Aber ich tat es nie in böser Absicht.«
Popularität zu verdanken. Sondern auch dem Blues – und aus dem Radio kommt fröhliche Wie liebenswert das klingt. Tatsächlich zog
Quatsch. Ozzy ist Teil der Familien seiner Hippiemusik, mit der sie nichts anfangen Osbourne 1982 – da hätte er im Grunde be­
Fans geworden. Metal mag eine ernste Sache können. Sie wollen Furcht erregen, orientie­ reits mehrfach tot sein sollen – das große Los:
sein. Ozzy war ihr »comic relief«, der den ren sich am Horrorfilm und provozieren mit Er heiratete eine Frau, die die Regie über sein
Ernst nie lächerlich, aber immer ein wenig allerlei satanischem Klimbim. Gleich mit dem Leben übernahm. Sharon Osbourne machte
erträglicher machte. Vergleichbare Legenden Debütalbum, jetzt als Black Sabbath, kommt fortan sein Management, brachte seine Kar­
des Metal, etwa Lemmy Kilmister von Motör­ 1970 der große Erfolg, »auf den ich nicht vor­ riere auf Kurs und seine Gesundheit auf Vor­
head, wurden verehrt. Ozzy wurde geliebt. bereitet war«, wie Osbourne mal sagte. Mit dermann. Wer Osbourne in den Neunziger­
Halt: Ozzy wird immer noch geliebt! dem Erfolg kommt das Geld, mit dem Geld jahren zum Interview traf, begegnete einer
Was auch mit der weiten Strecke zu tun kommen die Drogen, mit den Drogen kom­ Legende außer Dienst in bequemer Alltags­
haben dürfte, die er zurückgelegt hat. men die Probleme. 1979 trennen sich Black kleidung – und in der vielleicht gesündesten
Zehn Minuten sind es zu Fuß vom Stadion Sabbath von ihrem unzuverlässigen Front­ Suite, die München zu bieten hatte. Nirgend­
in die Lodge Road, wo John Michael Os­ mann. wo wäre auch nur Platz gewesen, um ein Glas
bourne in einem Reihenhaus mit der Haus­ Seine alte Band macht mit Ronnie James mit Wodka abzustellen, jede Fläche im Raum
nummer 14 aufgewachsen ist. Ein Arbeiter­ Dio weiter, und Osbourne macht mit den Dro­ war von verführerisch angerichtetem Obst
viertel, der Vater ist Werkzeugmacher, die gen weiter. Alkohol, Marihuana, Kokain, oder Gemüse besetzt, in gläsernen Karaffen
Mutter mit sechs Kindern ausgelastet, der LSD – von dem er erst die Finger lässt, nach­ stand eine Auswahl Smoothies griffbereit.
Umgangston robust. »Meine Eltern haben mir »Das hat meine Frau so arrangiert«, erklärte
nie gesagt, dass sie mich lieben«, erinnerte er damals schulterzuckend.
sich Osbourne später in einem Interview. Während Black Sabbath zwischenzeitlich
»Das war nichts, was man in unserem Haus in der Bedeutungslosigkeit versanken, mach­
getan hätte.«
Er leidet unter Leseschwäche und einer
Osbournes Coolness te Osbourne erfolgreich weiter. Als er für Fes­
tivals wie das Lollapalooza zu uncool wird,
Aufmerksamkeitsstörung, wird gemobbt und bestand darin, erfindet Sharon das konkurrierende Ozzfest.
laut eigenen Aussagen mit elf Jahren zum
­Opfer sexueller Gewalt durch ältere Jungs.
dass er es nie auf Cool- Später fädelt sie den MTV-Deal für »The Os­
bournes« ein, die ihn als Verlierer im Kampf
»Ozzy« nennen ihn seine Mitschüler. Mit Gra­ ness ­angelegt hat. mit der Fernbedienung zeigten, als Verlierer

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im Kampf mit dem häuslichen Chaos, als Ver-


lierer im Kampf mit der Schwerkraft. Natür-
lich als sympathischen Verlierer, dessen Ver-
gangenheit als Legende nur eine ferne Erin-
nerung war, mit der er gegen die Widrigkeiten BELLETRISTIK SACHBUCH
des Alltags protestierte: »I’m fucking Ozzy
Osbourne, the prince of fucking darkness!« Bucky ist ein vergessener Der Autor erzählt von
Die Show machte Osbourne auf einen Schlag Soulsänger, der nach der Politik hinter den Kulis-
dem Tod seiner Frau nicht sen, unter anderem von
weltweit berühmter, als er es als Musiker je- weiterweiß. Die Einla- Friedrich Merz, der im
mals gewesen war. Sharon war es auch, die dung zu einem Festival in Bundestag schon Stimmen
das letzte Kapitel aufgeschlagen, ihm ein letz- England gibt seinem der AfD in Kauf genommen
Leben eine Wendung. Dort hat. Wie, fragt er, kann
tes Mal das Rampenlicht in Birmingham or- trifft er auf eine jüngere der Aufstieg der Rechts­
ganisiert hat. Frau, der seine Musik Halt extremen aufgehalten
Die breite, immer poppigere Ozzy-Be- gibt. | Platz 10 werden? | Platz 1
rühmtheit trägt wohl auch mit dazu bei, dass
die Stadt für die vielen Fans fett Kajal auf- 1 (3) Sebastian Haffner 1 (1) Robin Alexander
Abschied Hanser; 24 Euro Letzte Chance Siedler; 25 Euro
getragen und sich die Fingernägel schwarz
lackiert hat. Das örtliche Kunstmuseum wür- 2 (4) Martin Suter 2 (–) Rick Zabel
felt Trophäen, Plakate oder Goldene Schall- Wut und Liebe Diogenes; 26 Euro On the Road Kiepenheuer & Witsch; 24 Euro
platten zusammen, um den Schluffi und lei-
denschaftlichen Tagedieb Osbourne allen 3 (–) Marah Woolf Rückkehr der Engel 3 (2) Ulli Lust
Ernstes als »Working Class Hero« zu verkau- (Extended Version)  Nova MD; 25 Euro Die Frau als Mensch Reprodukt; 29 Euro

fen. Im Theater ist »Black Sabbath – The Bal- 4 Eckart von Hirschhausen
4 (9) Beatrix Gerstberger (3)
let« angekündigt, die bürgerliche Vereinnah- Die Hummerfrauen dtv; 22 Euro Der Pinguin, der fliegen lernte dtv; 18 Euro
mung einer gealterten Gegenkultur schreitet
also fort. Schon erwartet die lokale Presse 5 (6) Takis Würger 5 (6) Melanie Pignitter
einen Boost für die Wirtschaft der Gegend. Für Polina Diogenes; 26 Euro Wiedersehen mit mir selbst zwischen
Über einen kleinen Kanal führt eine Black- Pizza und Aperol Gräfe und Unzer; 19,99 Euro

Sabbath-Brücke, und da steht eine Black-­ 6 (5) Christoph Hein


Das Narrenschiff Suhrkamp; 28 Euro 6 (4) Tilmann Lahme
Sabbath-Bank. Um sich mit den darauf Thomas Mann dtv; 28 Euro
­angebrachten Konterfeis der vier Musiker 7 (8) Liz Moore
fotografieren zu lassen, stehen Menschen in Der Gott des Waldes C. H. Beck; 26 Euro 7 (13) Kerstin Holzer Thomas Mann
Black-Sabbath-T-Shirt und typischer Kutte macht Ferien Kiepenheuer & Witsch; 22 Euro
geduldig Schlange. Ein beliebter Hintergrund 8 (–) Holly Renee
The Hunted Heir 8 (8) Elke Heidenreich
für Selfies ist auch die Mauer mit dem Wand- Cove; 22 Euro
Altern Hanser Berlin; 20 Euro
gemälde der Musiker wie auch die schäbige
9 (10) Kristine Bilkau
Fassade eines Pubs, in dem Black Sabbath Halbinsel Luchterhand; 24 Euro
9 (–) Lars Amend
1968, als sie noch gar nicht Black Sabbath Coming Home Knaur Balance; 20 Euro
hießen, ihr erstes Konzert in Birmingham ge- 10 (12) Benjamin Myers
geben haben. Alles heilig, heilig. Strandgut DuMont; 24 Euro
10 (10) Jochen Buchsteiner
Wir Ostpreußen dtv; 26 Euro
Man kann das natürlich als Ausverkauf
sehen. Aber gibt es wirklich jemanden, der 11 (13) Wolf Haas 11 (9) Ulf Poschardt
Ozzy Osbourne nicht alles abkaufen würde? Wackelkontakt Hanser; 25 Euro
Shitbürgertum Westend; 22 Euro
Bei ihrem letzten Auftritt spielen Black 12 (16) Christian Berkel
Sabbath nur vier Songs. Osbourne wird all- 12 (15) Rebekka Endler
Sputnik Ullstein; 26 Euro
Witches, Bitches, It-Girls Rowohlt; 25 Euro
mählich warm, er findet in seine Routinen
zurück und sogar sichtlich Gefallen am Ge- 13 (7) Stephen King 13 (14) Chloe Dalton
schehen um ihn herum. Er stellt seine Mit- Kein Zurück Heyne; 28 Euro
Hase und ich Klett-Cotta; 22 Euro
musiker einzeln vor und ermuntert das Pub-
likum, ihre Namen zu skandieren. Mit aus- 14 (14) Clare Leslie Hall 14 (12) Yael Adler
Wie Risse in der Erde Piper; 24 Euro Genial ernährt!
gestreckten Armen bemüht er sich, die Menge Droemer; 22 Euro

zu dirigieren. Noch immer klingt Osbourne, 15 (15) Ayelet Gundar-Goshen 15 (7) Klaus Willbrand / Daria Razumovych
als wäre er betrunken, zunehmend verpasst Ungebetene Gäste Kein & Aber; 25 Euro Einfach Literatur S. Fischer; 22 Euro
er aber weniger Einsätze.
Auf seinem Thron bekommt er nicht mit, 16 (1) Thea Guanzon 16 (11) Manuel Ostermann Deutschland ist nicht
dass Bill Ward nach dem zweiten Song hinter A Monsoon Rising Lyx; 24 Euro mehr sicher Deutscher Wirtschaftsbuch Verlag; 22 Euro
seinem Schlagzeug das schwarze T-Shirt aus- 17 Christoph Kramer Das Leben fing
zieht und mit nacktem Oberkörper weiter-
(18) 17 (16) Johannes Hartl Die Kraft eines
im Sommer an Kiepenheuer & Witsch; 23 Euro fokussierten Lebens Herder; 16 Euro
trommelt. Ruhig und selbstverständlich, in
vollendetem Einklang mit der eigenen Ver- 18 (20) Rebecca Yarros 18 (19) Gerhart Baum
gänglichkeit. Er ist 77, verdammt, und er will Onyx Storm – Flammengeküsst dtv; 28 Euro Besinnt Euch! Suhrkamp; 12 Euro
nicht wirken wie 21.
Es ist die berührendste Geste des Tages. 19 (17) Suzanne Collins Die Tribute von Panem L – 19 (18) Dieter Nuhr
Der Tag bricht an Oetinger; 26 Euro Wohin? Quadriga; 22 Euro
Weil sie beiläufig davon erzählt, worum es
beim Metal eigentlich geht und im Leben ​20 (2) Lexy v. Golden / D. C. Odesza 20 (–) Robert Greene
überhaupt: um den Mut, die eigene Versehrt- Kingdom of the Black Crescent 1 – Power – Die 48 Gesetze der Macht
heit auszuhalten. Touch of Perish Cove; 24 Euro  Hanser; 22 Euro
Arno Frank  n SPIEGEL-Bestseller werden im Auftrag des SPIEGEL ermittelt von »BuchMarkt« und media control. Informationen unter [Link]/bestseller

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Männeridol Bodybuilder: Zähne zusammenbeißen und durch

Das sogenannte starke Geschlecht


Junge Männer sind erschreckend anfällig für
ZEITGEIST
alte Ideen – der Feminismus der vergangenen Jahre hat sie offenbar nicht erreicht.
Wie könnte Gleichstellung auch für Kerle attraktiver werden?

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ielleicht ist es keine schlechte Idee, mit Feministische Powerfrauen seien zum glo- Der Sozialpsychologe Rolf Pohl, der sich
einem Paradox einzusteigen in ein balen Pop-Phänomen geworden, hat die Sach- ein Forscherleben lang mit männlicher Gewalt
Thema, bei dem alle meinen, schon buchautorin Shila Behjat vor anderthalb Jah- beschäftigt hat, wirkt ratlos, sobald das Ge-
genug nachgedacht zu haben. Vielleicht ist ren festgestellt, damals völlig zu Recht. Männ- spräch auf mögliche Gegenmaßnahmen
es nicht mal eine schlechte Idee, mit einem lichkeit gelte als uncool, schrieb sie. »Nichts kommt. Viele Geschlechtsgenossen, erklärt
Vielleicht einzusteigen. Gerade als männli- ist heute weniger angesagt, als ein weißer er, strebten noch immer nach Stärke, Souve-
cher Autor, der qua Geschlecht im Klischee- Mann zu sein.« Wer Männlichkeit jedoch ver- ränität, Unabhängigkeit und blieben auf
ruf steht, immer genau sagen zu wollen, wo teufle, so ihre Sorge, überlasse das Thema einem Feld doch stets abhängig – in der Se-
es langgeht. Männerrechte reaktionären Kräften. xualität. »Nirgends ist der heterosexuelle
Willkommen in der Gleichstellungsdebatte! Inzwischen scheint genau das passiert zu Mann angewiesener auf die Frau, nirgends
In dieser Debatte kann schnell der Ein- sein. Auf Social Media ist es den Influencern schwächer.« Pohl spricht von einem Männ-
druck entstehen, es sei erstrebenswert, ein der sogenannten Manosphere gelungen, einen lichkeitsdilemma: »Männer werten Frauen
Mann zu sein, ein Angehöriger des angeblich klassisch männlichen Habitus mitsamt Mus- ab, weil sie auf Frauen stehen.« Sie fühlten
privilegierten Geschlechts. Aber einen Sohn kelkraft und Machtgehabe wieder zum Pop- sich bedroht von denen, die sie begehren,
bekommen, das ist nun das Paradox, das wol- Phänomen zu machen, Antifeminismus als vielleicht fühlten sie sich sogar bedroht vom
len viele Eltern heute lieber nicht mehr. Lifestyle. Bei der Bundestagswahl dieses Jahr eigenen Begehren. Es ist der Hass darauf, sich
Soziologen berichten, dass es in der west- wählte jeder vierte Mann zwischen 18 und 25 als bedürftig zu erleben, denn bedürftig sein,
lichen Welt seit einigen Jahren eine Tochter- die AfD. Sie war die stärkste Kraft unter jun- das bedeutet nach patriarchaler Logik: un-
präferenz gebe. Jungs scheinen out zu sein. gen Männern, während die Linkspartei unter männlich sein.
Ahnen werdende Eltern, dass ein Junge jungen Frauen vorn lag, ein Gender-Gesin- Rechtspopulisten beklagen dieser Tage
nicht nur mehr Probleme machen, sondern nungs-Gap, der sich vielleicht auch dadurch gern eine Krise der Männlichkeit. »Traditio-
auch mehr Probleme haben könnte? Dass er erklären lässt, dass junge Menschen sich am nelle Männlichkeit ist per se ein Krisenzu-
womöglich anstrengender sein, aber auch mit ehesten bei der Partei zu Hause fühlen, die stand«, hält Pohl ihnen entgegen. Denn so
mehr Anstrengung durchs Leben gehen wird? sie in den Diskursen der Gegenwart als Opfer stabil sich traditionelle Männlichkeit gebe, so
Seit Jahren sind Jungen in der Schule im adressieren: junge Frauen als Opfer patriar- zerbrechlich sei sie. »Ein echter Mann zu sein,
Schnitt schlechter als Mädchen. Wenn sie er- chaler Strukturen, junge Männer als Opfer das ist und war immer schon kompliziert«,
wachsen sind, werden sie seltener zum Arzt der Gleichstellungspolitik, eine politische Ro- denn ein »echter Mann« müsse Anforderun-
gehen, auch seltener zum Psychotherapeuten, sa-Hellblau-Falle. gen erfüllen, die unerfüllbar seien: keine
dafür häufiger in den Knast. Sie werden we- Was macht junge Männer so anfällig Schwäche zeigen, sie nicht mal empfinden.
niger echte Freundschaften führen, dafür für alte Ideen, für sexistische US-Influencer »Man kann kein echter Mann sein, man kann
mehr rauchen und mehr trinken, häufiger wie Andrew Tate und Nick Fuentes, für männ- den echten Mann nur performen.«
Suizid begehen, so oder so früher sterben. lichkeitsideologischen Radikalismus und Anti- Am besten wäre es, findet Pohl, wenn
»Männer, Männlichkeit und Liebe« heißt feminismus? Und wie ließe sich das kontern? schon Jungen lernen würden, Widersprüche
ein Buch, das im Original 2004 erschien, aber »Männer leiden an Männlichkeitsvorstel- und zerrissene Gefühle auszuhalten. Und wie
immer noch lesenswert ist: Die US-amerika- lungen und fallen auf die Forderung der Rech- soll das gehen? »Ich bin kein Pädagoge, Gott
nische Literaturwissenschaftlerin bell hooks, ten rein, noch männlicher zu werden, um das sei Dank nicht, ich wäre schon ausgerastet.«
Vordenkerin des schwarzen Feminismus, for- Leiden zu lindern«, sagt die Sozialwissen-
muliert darin: »Die Unzufriedenheit von schaftlerin Johanna Niendorf, Co-Autorin der »Spielarten des Hasses« hieß ein Fachtag, auf
Männern in Beziehungen, der Schmerz, den Leipziger Autoritarismus-Studie. dem Anfang Juni etwa 150 Pädagogen, Psy-
Männer beim Scheitern der Liebe spüren, Sie betrachtet Antifeminismus als männ- chologen und Experten anderer Professionen
wird in unserer Gesellschaft auch deshalb liche Bewältigungsstrategie für vermeintlich darüber diskutierten, was sich dem Antifemi-
nicht bemerkt, weil die patriarchale Kultur unmännliche Gefühle: »Männer transformie- nismus entgegensetzen ließe. Die Fragen, die
sich absolut nicht darum schert, ob Männer ren Angst und Scham in Hass und Wut.« Sie im Raum hingen, waren auch dort groß, die
unglücklich sind. Die Realität ist, dass Männer reagieren demnach auf emotionale Verunsi- Antwortversuche verzagt.
verletzt sind und dass die gesamte Kultur ih- cherung, auf Krisen und Konflikte, indem sie Eingeladen hatte das Bundesforum Män-
nen mit den Worten antwortet: Bitte sag uns sich emotional aufpumpen zu Scheinriesen, ner, das sich als Interessenverband progressi-
nicht, wie du dich fühlst.« raumgreifend die Körpersprache, raumgrei- ver, profeministischer Männerpolitik versteht.
Männer, so lehrt hooks, stehen unter fend die Argumentation. Der Antifeminismus »In der Manosphere auf Social Media herrscht
Druck in männlich dominierten Gesellschaf- liefert ihnen die passende Größenfantasie: eine Jahrmarktsatmosphäre«, bemerkte der
ten, gerade weil die Gesellschaften männlich die Idee, als Mann qua Geschlecht etwas Be- Politikwissenschaftler Dag Schölper, Ge-
dominiert sind. Die Anforderung, immer stark sonderes zu sein. schäftsführer des Bundesforums. »Da über-
sein zu müssen, macht das sogenannte starke Vor allem Rechtspopulisten haben verstan- spielen Männer ihre eigenen Schwächen mit
Geschlecht zum schwachen. den, welches Potenzial in männlicher Ge- richtig viel Rambazamba.« Aber wie darauf
Zähne zusammenbeißen und durch: Das kränktheit steckt, sie stiften Erregungsge- reagieren? Schölper sagte auf dem Podium,
war ein Rat, den Männer in den Hochzeiten meinschaften, weil Erregung nach außen er wisse es auch nicht. »Sollen wir genauso
alter Männlichkeit bekamen. Zähne zusam- drängt, weg von der Schwäche und dem breitbeinig auftreten, einfach nur dagegen
menbeißen und durch: Das scheint auch wie- Schmerz innen. bashen?« Eher nein. Aber was dann?
der die Devise vieler junger Typen um die Man könnte auch sagen, sie bieten Män- Vielleicht liege ein Teil der Lösung schon
zwanzig zu sein, Angehöriger einer Männer- nern an, die Symptome einer Vergiftung mit darin, sich erst mal die eigene Ratlosigkeit
generation also, die öffentlich bis vor Kurzem noch mehr Gift zu behandeln. einzugestehen, überlegt Schölper einige Wo-
eher mit lackierten Fingernägeln und der per- Wenn an Niendorfs Diagnose etwas dran chen später. »Wir müssen alle miteinander
Matthias Clamer / Getty Images

fekten Beherrschung des Glottisschlags, der ist, dann gibt es gute Gründe, sich vor anti- raus aus dem Modus, uns als Macher zu in-
Genderpause beim Sprechen, in Erscheinung feministischen Männern zu fürchten – und szenieren.« Es ist ein unmännlicher Ansatz,
trat. Nun schieben sich manche einen jener gleichzeitig Mitleid mit ihnen zu haben. Die wenn man so möchte, der Gedanke: Auf Här-
neuen, extraharten Kaugummis in den Mund, Situation erscheint tragisch. Und wie das in te lässt sich nicht mit Strenge antworten. Aber
die als Fitnesskaugummis vermarktet werden. tragischen Situationen so ist, gibt es keine wie dann?
Sie sollen die Kieferpartie kantiger machen, einfachen Lösungen. Wenn es überhaupt wel- Vielleicht lohnt es sich, die Ausgangsfrage
kantiger gleich maskuliner. che gibt. einmal umzudrehen, also nicht zu fragen:

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Was macht Antifeminismus attraktiv? Son­ mus finde er aus fachlicher Sicht durchaus Aber was für einen Feminismus?
dern: Was könnte den Feminismus attraktiver angemessen. »Wir müssen uns verabschieden »Der Gleichstellungsfeminismus zielt da­
machen? von der Vorstellung, dass Gleichstellung nur rauf, Macht, Geld und Arbeit zwischen den
eine Frage der Zeit ist.« Je jünger die Männer, Geschlechtern umzuverteilen«, sagt der
Wer als Mann aufgewachsen ist mit der Vor­ desto lieber glaubten sie an die Erzählung Schweizer Männerberater Theunert. Das sei
stellung, immer stark sein zu müssen, hart vom benachteiligten Mann. »Die stimmt zwar gut, aber zu wenig. Denn die männliche Norm
gegen sich selbst und gegen andere, ein Wett­ nicht, macht aber subjektiv Sinn«, sagt er. stelle dieser Feminismus nicht infrage, im
bewerbstyp qua Geschlecht, dem fällt es wo­ »Denn nicht jeder Mann kriegt gleich viel Gegenteil: »Männlichkeit bleibt die Bench­
möglich allein deshalb schwer, Verständnis patriarchale Dividende.« Privilegiert sei das mark.« Letztlich fördere Gleichstellungs­
aufzubringen für Quotierungen und andere Männliche, also das Prinzip Ellenbogen, das feminismus so nicht, dass sich alle von tradi­
Frauenfördermaßnahmen, der betrachtet sie Prinzip Lautstärke, Schnelligkeit, Ruppigkeit, tionellen Geschlechterrollen emanzipieren,
nicht als fairen Nachteilsausgleich, sondern das einen beruflich immer noch in Topposi­ sondern dass Frauen imitieren, was bislang
als Verstoß gegen das Leistungsprinzip. tionen bringen kann – allerdings auch früher Männern vorbehalten war: sich selbst und
Bei Jungen und jungen Männern kommt ins Grab. »Psychologisch betrachtet, kann ich andere ausbeuten.
hinzu, dass sie leicht das Gefühl haben kön­ eigentlich niemandem raten, ein ›richtiger Diskutiert würde viel über quantifizier­
nen, einen Preis zahlen zu sollen für Miss­ Mann‹ werden zu wollen.« bare Fakten, also über Verteilungsgerechtig­
stände, für die sie in ihrer Generation keine Wenn aber nicht der Mann privilegiert ist, keit, bei der Frauen ein berechtigtes Nachhol­
Schuld trifft, ja, die sich aus ihrer Perspektive sondern das Männliche, dann sollte Gleich­ bedürfnis hätten. Aber darüber verliere die
vielleicht sogar völlig anders darstellen: Die stellungspolitik dieses Männliche einhegen, Gesellschaft die qualitativen Fragen aus dem
sprichwörtliche gläserne Decke, an die Frau­ nicht den Mann. Dann sollte Feminismus Blick – jene nach Wahlfreiheit und Verwirk­
en bis heute auf ihrem Karriereweg stoßen, nicht den Mann als Gegner betrachten, son­ lichungschancen, bei denen es auch für die
scheint auch in Schulen eingezogen. Nur dass dern das Prinzip Männlichkeit. Männer etwas zu gewinnen gäbe. Mehr Le­
sich die Mädchen tendenziell oben drüber Verstanden hat das ausgerechnet eine Best­ bensqualität zum Beispiel.
tummeln, die Jungs darunter. sellerautorin, deren Romane sonst an zu Der Soziologe Carsten Wippermann hat
»Gleichstellungspolitik müsste viel mehr schlichten Welt- und zu klaren Feindbildern im vergangenen Jahr die Männlichkeits­
für die Jungen und jungen Männer direkt tun, leiden, die Österreicherin Mareike Fallwickl. modelle junger Männer für das Familien­
um sie nicht zu verlieren«, findet Schölper. In ihrem ersten Sachbuch, erschienen im Ap­ ministerium untersucht, seine Empfehlung:
Bislang habe die Politik doch fast ausschließ­ ril, plädiert sie wortmächtig für einen »Femi­ mehr offene Zentren für junge Männer, auch
lich auf Fairnessappelle gesetzt, mit denen nismus des Miteinanders«. mehr Männerberatungsstellen, die aber
sich die progressiven Typen erreichen ließen, Fallwickl findet es natürlich richtig, Kinder nicht als Orte der Therapie konzipiert sein
in der Szenesprache »male allies« genannt, gleichberechtigter und geschlechtersensibler sollten, das bloß nicht, sondern als Orte des
männliche Verbündete. »Aber mindestens so zu erziehen als früher, aber sie bemerkt, wo­ Dialogs und der Begegnung, der praktischen
viele andere schauen auf ihre Schulleistungen rauf das in der Realität oft hinausläuft: Mäd­ Lebenshilfe. Männer, schrieb Wippermann,
und sagen: Ich bin doch nicht privilegiert!« chen werden ermuntert, sich männlich kon­ sollten dort erfahren, auch ganz praktisch,
Schölper hat zwei Teenagersöhne. »Die notierte Eigenschaften anzueignen, die die was sie davon haben, wenn das eigene Ge­
Schulen kapitulieren vor den spezifischen Leistungsgesellschaft goutiert, also mutig zu schlecht »zwar ein Geländer ist, das Orien­
Problemen heranwachsender Jungen«, kriti­ sein und selbstbewusst und durchsetzungs­ tierung und Halt gibt, aber kein Grenzzaun
siert er. »Sie sind systematisch überfordert stark, auch mal laut und wild. und keine Mauer mit Minen und Selbst­
damit, geschlechterreflektierend mit ihnen zu Aber Jungen? schussanlagen«.
arbeiten.« Wenn ein Junge gemobbt werde, »Wenn wir wirklich daran interessiert wä­ Muss es so klingen, wenn Gleichstellungs­
weil er mit Mädchen spiele oder weil er ent­ ren, dass unsere Kinder gleichberechtigter politik an den Mann gebracht werden soll?
gegen den Gesetzen jungmännlicher Coolness aufwachsen, dann müssten wir auch in die Hoffentlich nicht. Aber jeder Versuch zählt.
ein guter, ein fleißiger Schüler sei, habe selbst andere Richtung agieren«, schreibt Fallwickl. Denn allzu viele Versuche gibt es bislang
die Schulsozialarbeit oft keine Antwort. Also Jungen ermuntern, weiblich konnotier­ nicht.
»Wenn sich das nicht ändert, dann entgleiten te Eigenschaften anzunehmen, weich zu sein
uns die Jungen und suchen sich ihre Halte­ und zärtlich, liebevoll und fürsorglich, auch Einer, der genau weiß, was sich verändern
griffe bei Andrew Tate.« mal bedürftig. müsste, ist der Männerberater Björn Süfke,
Jungen wüchsen mit einer verwirrenden Kann es sein, dass Gleichstellungspolitik Psychologe bei man-o-mann in Bielefeld. Ein
Doppelbotschaft auf, sagt der Psychologe und bislang auf halber Strecke stehen bleibt, dass Anruf in seiner offenen Telefonsprechstunde.
Soziologe Markus Theunert. Da sei erstens sie also nur traditionell männliche Prinzipien Bis gerade eben hat er mit der Lehrerin eines
der moderne Anspruch auf Gleichstellung: und Privilegien an die Frau bringen will, aber Gymnasiums gesprochen, an dem ein homo­
»Sei ein anständiger, empathischer Mann, der weibliche Prinzipien und Privilegien nicht an phober Schüler für einen Eklat gesorgt hatte.
andere respektvoll behandelt und sich zurück­ den Mann? Die Lehrerin würde das gern zum Anlass
zunehmen weiß!« Gleichzeitig aber sähen die Fallwickl möchte nicht gegen Jungen und nehmen für ein Aufklärungsprojekt mit allen
Jungen auf dem Pausenhof, in Social Media junge Männer kämpfen, sondern mit ihnen Jungen der Jahrgangsstufe, vielleicht auch
und auch in der »Tagesschau«, wie erfolgreich und für sie: »Männer brauchen den Feminis­ für eine Fortbildung für die Lehrer und Leh­
die alte, patriarchale Alphamännlichkeit noch mus, damit sie befreit werden von all den ver­ rerinnen. »Eine super Idee, aber dafür krie­
immer sein könne. »Die Jungs leben in Pa­ gifteten Vorstellungen, wie sie zu sein haben gen wir leider keine Finanzierung«, musste
rallelrealitäten.« Sie müssten Unvereinbares und wie sie leben müssen.« Süfke ihr sagen. »Das kann doch nicht sein«,
vereinbaren: progressiv und traditionell sein, klagt er nun am Telefon, »in diesen Zeiten!
einfühlsam und durchsetzungsstark. »Wollen Wir als Gesellschaft lassen die Jungen zu­
wir ernsthaft erwarten, dass unser Anstands­ rück – und zahlen irgendwann alle den
appell wirkmächtiger ist als die Verheißungen Preis.« Geld bekämen Männerberatungsstel­
des Hypermaskulinen?« »Wir lassen die Jungen len nur, wenn sie mit Männern arbeiteten,
Theunert leitet mä[Link], den Dachver­ zurück – und zahlen die gewalttätig geworden sind, gelegentlich
band progressiver Schweizer Männer- und auch für Betroffene von Gewalt. Süfke findet
Väterorganisationen. Er wolle nicht schwarz­ irgendwann alle den Preis.« solche Projekte wichtig: »Ich mache Männer­
malen, sagt er, aber einen gewissen Alarmis­ Björn Süfke, Psychologe arbeit natürlich auch, damit es Mädchen und

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Vater vielleicht auch auf die Kinder zu fokus-


sieren, statt sich lebenslang auf den Beruf re-
duzieren zu lassen. Vor allem aber wollen sie
das Bewusstsein dafür wecken, dass auch
Jungen und Männer verletzlich sind, ja, dass
sie sich verletzbar zeigen, sich um Kopf und
Körper sorgen dürfen – und auch ums Herz.
Der Mann als Mensch.
»Männer stehen noch am Anfang ihrer
Emanzipation«, sagt Judith Rahner, Ge-
schäftsführerin des Deutschen Frauenrats.
Frauen hätten es sich über Jahrzehnte hinweg
gemeinsam erkämpft, aus ihren traditionellen
Rollen aussteigen zu können. Männern falle
das immer noch schwerer.
Wenn sie denn überhaupt aussteigen
wollen.
Vielleicht war es aus feministischer Per­
spektive strategisch unklug, Jungen und Män-
nern wieder und wieder zu erzählen, dass
Jungen und Männer privilegiert sind, weil ein

Sergei Stepanov / IMAGO


Teil von ihnen nun alles daransetzt, privi-
legiert zu bleiben, oder, noch schlimmer: sich
endlich auch mal privilegiert zu fühlen. Ech-
te Männer, so die toxische Logik, sind dann
vielleicht nicht unbedingt rechte Männer, wie
Männer beim Armdrücken: Probleme machen, Probleme haben die AfD behauptet, aber doch privilegierte
Männer.
Vielleicht müsste künftig viel klarer kom-
Frauen besser geht.« Aber er würde gern allseitigen Gefühl, angegriffen zu werden, muniziert werden, dass die Privilegien, die
auch mal Projekte auf die Beine stellen, die »ein Teufelskreis der Spaltung und Entsoli- Männer in einer patriarchalen Welt fraglos
dafür sorgen, dass ganz normale Jungen und darisierung, der dem Patriarchat voll in die haben, einen Preis haben. Der Effekt könnte
junge Männer besser mit ihren Gefühlen um- Karten spielt«. Auch deshalb fände Süfke es ein riesiger sein: Plötzlich wäre es weniger
gehen, dass sie tiefe Freundschaften und wichtig, ein Signal an Jungen und Männer zu erstrebenswert, Mann zu sein auf eine Er-
gleichberechtigte Beziehungen führen und senden. Immer wieder, so berichtet er, suche folgsmann-Art.
es nicht für männlich halten, zu saufen und er das Gespräch mit den Landtagsfraktionen Wer an den Altruismus der Männer appel-
zu rauchen. Die Türen zu Herzen und Finanz- in Nordrhein-Westfalen – sein Wunsch: fünf liert, erreicht nur die Wohlmeinenden. Wer
töpfen aber öffnen sich scheinbar nur, wenn profeministische Jungenberatungsstellen, in alle erreichen will, muss sie bei ihrem Egois-
Fachleute wie Süfke für Mädchen und Frau- jedem Regierungsbezirk eine. mus packen.
en argumentieren. Als interessierte sich der »Männliche Emanzipation zu erwarten, Warum sollte man sich als Mann und Vater
Staat ausschließlich für die Probleme, die ohne ein faires Angebot zu machen: Das funk- die Care-Arbeit denn paritätisch aufteilen,
Jungs machen, nicht auch für die Probleme, tioniert nicht«, bestätigt Süfkes Schweizer wenn nicht auch aus Eigeninteresse? Nur aus
die Jungs haben. Kollege Theunert und fordert endlich mehr Liebe zu den Frauen und zum Feminismus?
Süfke findet das unfair, vor allem aber stra- männliche Erzieher und Lehrer. »Den Jungs Wer als Mann das traditionelle Ernährer-
tegisch unklug, er spricht von fehlenden posi- fehlen die realen Männer als ›role model‹.« modell durchzieht, verpasst viel. Wer als
tiven »Sales-Argumenten« für seine feminis- Sie suchten sich Ersatz: im besseren Fall bei Mann die traditionelle Männerrolle erfüllt,
tische Botschaft: »Wir würden viel mehr Jun- Stars auf dem Fußballplatz, im schlechteren wer immer stark sein will und derjenige, der
gen und Männer für Gleichstellung gewinnen, in Computerspielen, in denen fast alle Män- genug Cash auf der Tasche hat, steht unter
wenn wir ihnen klarmachen würden, was sie ner gefühlsarm und hypermaskulin seien. Druck.
persönlich zu gewinnen haben.« »Unsere Jungen laden sich richtig viel Macho- Das ist die Botschaft, die in die Köpfe der
Das Motiv, kein Täter zu werden, der de- Müll ins Hirn.« Jungen und jungen Männer muss.
fensive, defizitorientierte Ansatz, die Be- Jedem Jungen, fordert Theunert weiter, Stattdessen sind sie heute umstellt mit Du-
nimm-dich-Botschaft – all das mag moralisch müsse künftig schon in der Grundschulzeit darfst-nicht-mehr-Botschaften: nicht mehr so
überzeugen. Motivierend ist es nicht. das vermittelt werden, was er die »Gender körperlich auftreten, nicht mehr so kompeti-
Die aktuelle Gleichstellungspolitik hat ein Basics« nennt: »Geschlecht ist das, was du tiv. Sie werden mitsamt ihrer Männlichkeit,
Marketingproblem. daraus machst. Geschlecht ist gestaltbar.« Viel die traditionell raumgreifend daherkam, in
So betrachtet, wäre die von der Ampel ver- brauche es dafür erst mal gar nicht: zwei Halb- vernünftige Schranken gewiesen, werden ein-
sprochene, aber nie beschlossene Familien- tags-Workshops für die Kinder, dazu vielleicht gehegt und ausgebremst, aus guten Gründen
startzeit, also die bezahlte Freistellung des einen für das Lehrpersonal. »Nur so können natürlich, Nein heißt Nein.
Partners nach der Geburt seines Kindes, nicht wir Jungen davor bewahren, in den Männ- Aber was zu kurz kommt, sind die Du-
nur inhaltlich wertvoll gewesen, sondern vor lichkeitsautopilot zu schalten.« darfst-Botschaften: Du darfst über Gefühle
allem symbolisch. Das Signal: Schaut mal her, Theunert und Süfke würden Jungen und sprechen, mit deinen männlichen Kumpels
Männer, die Gleichstellungspolitik macht Männer gern in der Erkenntnis bestärken, kuscheln, im Kino heulen. Vielleicht wäre es
auch euer Leben besser! dass es keine Deutsche Industrienorm Mann an der Zeit, Jungs und junge Männer aus einer
Chance vertan. gibt, keinen einheitlichen Bauplan. Sie wollen feministischen Haltung heraus nicht nur zu
Die Gleichstellungsdebatte sei immer noch sie ermutigen, den eigenen Leidenschaften ermahnen, sondern sie mindestens so laut zu
durchzogen von gegengeschlechtlichen An- und Talenten zu folgen, also nicht bloß gen- ermuntern: Sei kein Mann! Sei du selbst!
griffen, sagt Süfke, mehr noch aber von dem derstereotype Berufe zu ergreifen, sich als Tobias Becker  n

Nr. 29 / 11.7.2025 DER SPIEGEL 109


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An der Wand von Deitelhoffs Büro in Frankfurt


hängt ein eingerahmtes Foto. Es zeigt Schafe,
die auf einer Wiese grasen – die sprichwörtlich
friedlichen Tiere also, die ein Mensch zählt,

»Die Schleimspur für


der nachts nicht einschlafen kann. Nicole Dei-
telhoff, 50, kann so ein Bild brauchen. Sie ist
Leiterin des Leibniz-Instituts für Friedens- und

Trump ist genau richtig«


Konfliktforschung/Peace Research Institute
Frankfurt (PRIF). Außerdem ist sie Professorin
für Inter­nationale Be­ziehungen und Theorien
glo­baler Ordnungen an der Goethe-Universi-
tät Frank­furt am Main. Sie gilt als die renom-
SPIEGEL-GESPRÄCH Deutschlands bekannteste Friedens- mierteste deutsche Friedensforscherin – in
einer unberechenbar gewordenen Welt.
forscherin Nicole Deitelhoff über Aufrüstung und die Kasernenromantik
von Friedrich Merz SPIEGEL: Frau Deitelhoff, Sie sind Friedens-
und Konfliktforscherin. Würden Sie für uns
auf den imaginären Feldherrenhügel klettern
und beschreiben, was Sie von dort aus sehen?
Deitelhoff: Ich erkenne düstere Landschaft,
weit und breit. Eine Wetterlage, die mehr ist
als nur eine Gewitterfront.
SPIEGEL: Sehen Sie eine Weltordnung in Be-
wegung?
Deitelhoff: Im freien Fall. Ich kann es leider
nicht harmloser ausdrücken. Aber ich weiß
aus eigener Erfahrung auch, dass man zur
weiteren Entwicklung nur schwer Vorhersa-
gen treffen kann.
SPIEGEL: Was meinen Sie?
Deitelhoff: Vor drei Jahren glaubte ich noch,
der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine
sei der Höhepunkt der damals schon herr-
schenden Weltordnungskrise. Heute würde
ich sagen: Er war nur der Anfang eines viel
größeren Umbruches. Seinerzeit ging ich da-
von aus, dieser Krieg würde den Westen näher
zusammenrücken lassen.
SPIEGEL: Und jetzt?
Deitelhoff: Was wir sehen, ist das Ende des
Westens.
SPIEGEL: Wie könnte man unsere Epoche
dann beschreiben?
Deitelhoff: Am ehesten vielleicht als eine des
Rückzugs. Wir erleben den Rückzug von Staa-
ten aus internationalen Regelwerken ebenso
wie das Abstreifen innerstaatlicher Beschrän-
kungen zugunsten exekutiver Macht. Im In-
neren sehen wir das bei Putin und Xi ebenso
wie bei Milei und Trump und im Internatio-
nalen in der neuen Großmachtrivalität, die
Regeln zusehends beiseiteschiebt. Das ist
nichts, was uns erst droht. Es hat längst be-
gonnen.
SPIEGEL: Und wir selbst sind keine Groß-
macht, weder Deutschland noch die EU, oder?
Deitelhoff: Europa mag wirtschaftlich stark
sein, politisch sitzen wir am Katzentisch. Die
USA zeigen immer weniger Interesse an Euro-
pa – und an einer regelbasierten Ordnung.
SPIEGEL: Kann es sein, dass sich viele Staaten
nur hinter Begriffen wie »regelbasierter Ord-
nung« oder »Völkerrecht« versteckt haben –
Peter Jülich / DER SPIEGEL

in der Hoffnung, die Amerikaner würden


schon Recht und Ordnung durchsetzen?

Expertin Deitelhoff Das Gespräch führten die Redakteurin Ulrike Knöfel und
der Redakteur Tobias Rapp in Frankfurt.

110 DER SPIEGEL Nr. 29 / 11.7.2025


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Deitelhoff: Das ist ein altes Problem. Das SPIEGEL: Wenn das Völkerrecht immer weni­ eine Pentarchie hinaus, eine Herrschaft von
­ ölkerrecht ist ein nur schwaches Recht und
V ger respektiert wird – sollte man es nicht fünf Machtblöcken: Die werden geführt von
darauf angewiesen, dass es zumindest punk­ gleich ganz abschreiben? den USA, Russland, China, Indien und Euro­
tuell von starken Staaten durchgesetzt wird, Deitelhoff: Was bleibt uns in Europa dann? pa. Welche Muster sehen Sie?
die sich dann gewisse Freiheiten herausneh­ Europa hat die offensten Volkswirtschaften, Deitelhoff: Sie haben mich vorhin schon auf
men. Es gab schon immer einen – ungerech­ die man sich vorstellen kann, die offensten den Feldherrenhügel gebeten, jetzt muss ich
ten – Unterschied zwischen mächtigen und Gesellschaften. Wir sind auf Handel und Aus­ auch noch an den Tisch mit der Glaskugel?
weniger mächtigen Staaten. Die Mächtigen tausch mit anderen angewiesen, auf den Zu­ Ich tue mich mit solchen Voraussagen eher
sind meistens mit ihren Völkerrechtsverlet­ gang zu Märkten. Deshalb brauchen wir ver­ schwer. Es könnte einen Rückfall in eine Kon­
zungen durchgekommen, die Kleinen nicht. lässliche Regeln. Das Völkerrecht ist buch­ stellation wie im 19. Jahrhundert geben. Da­
SPIEGEL: Was ist heute anders? stäblich Gold wert. mals teilten wenige europäische Großmäch­
Deitelhoff: Früher war es immerhin noch so, SPIEGEL: Trotzdem muss es jemand durch­ te die Welt unter sich auf. Zukünftig würden
dass mächtige Staaten sich rechtfertigen muss­ setzen. es andere Player sein, aber das Playbook
ten, wenn sie das Völkerrecht übertraten. Etwa Deitelhoff: Aber die Erwartungen an das könnte das sein, das schon Thukydides be­
die USA, als sie das Lager in Guantanamo Recht müssen realistisch sein. Kein Recht schrieb: Die Starken tun, was sie wollen, und
einrichteten, als sie Folter anwendeten und die schafft es, alle Konflikte aus der Welt zu schaf­ die Schwachen erdulden, was sie müssen.
absurdesten Begründungen dafür vorbrachten. fen. Regeln werden immer übertreten. Die Dass Russland dabei langfristig eine prägen­
Und sie mussten damit aufhören, als die Kritik Aufgabe muss es sein, Konflikte so zu kana­ de Rolle spielen wird, denke ich allerdings
zu massiv wurde. Heute werden Verstöße lisieren, dass sie nicht in Gewalt umschlagen nicht. Es wird sich absehbar China unterord­
kaum noch kritisiert oder als lässliche Sünde oder diese gegebenenfalls schnellstmöglich nen müssen.
abgetan. Venezuela hat einfach eine Region beendet werden kann. SPIEGEL: Keine schönen Aussichten für
seines Nachbarlandes Guayana annektiert, SPIEGEL: Momentan scheint die Strategie der ­Europa.
weil dort große Erdölvorkommen gefunden Nato darin zu bestehen, den amerikanischen Deitelhoff: Überhaupt nicht. Selbst im güns­
wurden. Der Angriff von Israel und den USA Präsidenten bei Laune zu halten. tigsten Fall wäre das eine hässliche Welt, in
auf Iran war ein Angriffskrieg und damit natür­ Deitelhoff: Das geht leider nicht anders. Die der die Kleinen vor allem Verfügungsmasse
lich auch ein Bruch des Völkerrechts. Europäer brauchen ihn, und das noch für ge­ der Großen sind. Sie werden sich an eine
SPIEGEL: Für den Gründe angeführt wurden. raume Zeit. Nicht nur die Bereitstellung ein­ Großmacht anschmiegen müssen, die ihnen
Deitelhoff: Man kann die Zerstörung des ira­ zelner Waffensysteme oder Verlegekapazi­ Sicherheit verspricht – wobei sie nie sicher
nischen Atomprogramms für politisch richtig täten, sondern die gesamte Verteidigungs­ sein können, dass sie nicht geopfert werden
halten und dennoch die Völkerrechtsver­ strategie der Nato kreist um die Vereinigten für einen neuen Deal unter den Imperien.
letzung kritisieren. Ob die Zerstörung ge­ Staaten. Die nachholende Aufrüstung der Kleinere Staaten werden in dieser Zukunft
glückt ist, steht auf einem anderen Blatt. europäischen Mitgliedstaaten und die Ent­ verschwinden und neue geboren werden.
Aber Friedrich Merz hätte ähnlich wie Em­ wicklung europäischer Verteidigungsstruktu­ Auch hier bei uns in Europa.
manuel Macron darauf hinweisen können, ren und -strategien werden sich hinziehen. SPIEGEL: Ist auch ein anderes Szenario denk­
dass es sich trotzdem noch um einen Verstoß Also muss man die USA so lange wie möglich bar?
gegen das Völkerrecht handelt. Bekannter­ an Bord halten, gleichgültig, wie demütigend Deitelhoff: Die optimistischere Vision ist ein
maßen sagte er stattdessen, die Israelis wür­ es auch sein mag, sich Donald Trump an den selbstbewusstes Europa, das aus seinen Struk­
den für uns die »Drecksarbeit« erledigen. Wir Hals zu werfen. turen heraus- beziehungsweise über sie
können zukünftig niemanden mehr auf SPIEGEL: Viele Medien nannten den Nato- hinaus­wächst und das die regelbasierte Ord­
das Völkerrecht verpflichten, wenn wir es auf Gipfel im Juni eine einzige große »Schleim­ nung am Leben hält. Ein Europa-Plus, in dem
diese Weise selbst mit verbiegen. spur«. die Europäische Union sich zumindest in
SPIEGEL: Sie selbst haben kurz nach dem Deitelhoff: Zu Recht. Einer meiner Kollegen ­einigen Bereichen mit anderen Staaten zu­
­Angriff der Hamas auf Israel eine Erklärung sagte, das Bündnis sei keine Sicherheitsge­ sammenschließt. Ich denke an Großbritan­
mit den Philosophen Jürgen Habermas, meinschaft mehr, sondern ein System der nien, Kanada, Neuseeland oder Australien.
­Rainer Forst und dem Juristen Klaus Günther Schutzgelderpressung. Um es freundlicher zu Auch Japan oder Südkorea wären denkbar.
veröffentlicht. Darin schrieben Sie, wer Israel formulieren, kann man in der Entwicklung SPIEGEL: Eine EU mit großem außereuro­
»genozidale Absichten« zuschreibe, bei dem auch ein bewusstes »Decoupling« sehen: Alle päischem Anteil?
seien die »Maßstäbe verrutscht«. rechnen mit der Auflösung der Beziehung, Deitelhoff: Genau. Wenn wir Europäer nicht
Deitelhoff: Unsere Erklärung reagierte auf aber niemand will den künftigen Ex-Partner zerrieben werden wollen zwischen den Groß­
eine Diskurslage im Oktober 2023. Bereits vorzeitig vergrätzen. mächten, müssen wir flexibler werden und
am ersten Tag der israelischen Reaktion auf SPIEGEL: Man könnte Trump einfach mittei­ lernen, Kräfte zu bündeln. Aber auch über
den 7. Oktober wurde der Vorwurf des ver­ len, dass man für die Zukunft ohne ihn plant. diese offensichtlichen Kandidaten hinaus
suchten Genozids an den Palästinensern laut. Dann sind zumindest diese Fronten klar. müssen wir neue Partner finden, die das euro­
Damals gab es keine Grundlage für eine sol­ Deitelhoff: Das halte ich nicht für klug. Ich päische Interesse an der regelbasierten Ord­
che Bewertung. Darum ging es uns. glaube: Die Schleimspur für Trump ist genau nung teilen.
SPIEGEL: Wie schauen Sie heute darauf? richtig – so breit, wie sie sein sollte. Und zwar, SPIEGEL: Welche Rolle sollte Deutschland in
Deitelhoff: Das Vorgehen Israels in Gaza lässt weil wir ohne die Amerikaner im Moment Europa übernehmen? Oder spielt das dann
sich nicht mehr mit dem Völkerrecht in Ein­ nackt dastehen. Unsere Möglichkeiten für gar keine Rolle mehr?
klang bringen. Das Ausmaß und die bewuss­ eine effektive Abschreckung gegenüber Russ­ Deitelhoff: Europa steht im Inneren und global
te Inkaufnahme ziviler Opfer sprengen längst land sind begrenzt, daher müssen wir Zeit vor gewaltigen Herausforderungen. Es muss
den Grundsatz der Verhältnismäßigkeit. Das gewinnen. Das ist unangenehm und nach in­ seine Sicherheit neu aufstellen und sein offe­
wird vielleicht noch deutlicher, wenn man nen schwierig zu vermitteln. Aber es ist ver­ nes Gesellschafts- und Volkswirtschafts­
den englischen Begriff heranzieht. Dort dient: Wir haben uns nun mal in die Abhän­ modell verteidigen. Dafür braucht es Füh­
spricht man vom Verbot der »excessive use gigkeit von den USA begeben und uns dort rung: eine europäische Kerngruppe, die eine
of force«. Israel macht in Gaza genau das: sehr lange zu wohlgefühlt trotz aller Auffor­ gemeinsame Verteidigung vorantreiben kann
Es wendet exzessiv Gewalt an. Ohne Unter­ derungen, es anders zu machen. und bereit ist voranzugehen, auch mit außer­
lass. Dazu kommt die Ausweitung des Militär­ SPIEGEL: Für den Politologen Herfried Münk­ europäischen Partnern – und selbst wenn
einsatzes im Westjordanland. ler läuft die neue Weltordnung langfristig auf andere Staaten noch nicht bereit dazu sind.

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Deitelhoff: Dass es so sein wird, können wir


nicht mehr ausschließen. So klar muss man
sein. Natürlich soll der Wehrdienst dazu bei-
tragen, Krieg zu verhindern. Aber als junger
Mensch müsste ich mich auf den Ernstfall ein-
stellen, darauf, dass ich tatsächlich in einen
Einsatz geschickt werde und mein Land ver-
teidigen muss.
SPIEGEL: Die Generation der Jüngeren hat
die Pandemie noch nicht verkraftet, in viel-
facher Hinsicht leidet sie außerdem darunter,
eine schrumpfende Minderheit zu sein. Nun
soll sie auch noch im Schützengraben die
vielen Älteren im Land verteidigen. Sie wün-
schen sich eine Regierung, die das so deutlich
sagt?
Deitelhoff: Ja, den Jungen wird gegenwärtig
viel, eigentlich zu viel abverlangt, und den-
noch geht es ja nicht anders. Ich sehe auch

Daniel Biskup / laif


die Bedenken der Regierung, das auszuspre-
chen. Aber wir sind nicht mehr die Gesell-
schaft, die wir vor fünf Jahren waren. Der
Bundeswehr-Plakat: »Als junger Mensch müsste ich mich auf den Ernstfall einstellen«
Raum für solche Debatten ist da, und die Poli-
tik muss sich dort hineinbegeben und dran-
Deutschland ist die größte Volkswirtschaft SPIEGEL: Deutschlands Wiederauferstehung bleiben. Eine Gesellschaft muss durch eine
der EU, es liegt in der Mitte Europas und ist als Militärmacht – löst diese Vorstellung im Lage wie die derzeitige hindurchgeführt wer-
nicht ohne Grund die logistische Drehscheibe Ausland nicht auch Unbehagen aus? den. Die Frage ist: Haben wir die Politiker
der Nato. Darum ist es wichtig, dass Deutsch- Deitelhoff: Die Befürchtung, wir könnten und Politikerinnen, die das können?
land zu dieser Kerngruppe gehört. ­wieder ein bellizistisches Land werden, das SPIEGEL: Und?
SPIEGEL: Deutschland rüstet auf, wie es lange davon träumt, die Welt zu erobern, scheint Deitelhoff: Lassen Sie mich zuerst die posi­
nicht vorstellbar war. mir ziemlich weit hergeholt. Wir selbst tiven Seiten herausstellen: Wenn ich mir die
Deitelhoff: Das spiegelt, dass wir längst nicht ­erleben ja – und das verfolgt auch das Aus- Bundesregierung angucke, sehe ich einen
mehr in Friedenszeiten leben. land –, wie unbehaglich sich viele in Deutsch- Bundeskanzler, der eine außenpolitische
SPIEGEL: Nicht mehr in Friedenszeiten – was land mit Militär und Rüstung fühlen. Von Agenda verfolgt. Ich sehe auch den Willen zu
heißt das? überschäumendem Bellizismus sehe ich we- handeln. Das ist gut.
Deitelhoff: Das heißt, es gibt eine klare Be- nig, eher große Beharrungskräfte, bei man- SPIEGEL: Aber?
drohungslage. Es werden keine Raketen ab- chen sogar Realitätsverweigerung. Deitelhoff: Gleichzeitig tritt die Koalition im
geschossen, wir hören keine Gewehrsalven. SPIEGEL: Sie plädieren für Aufrüstung als innenpolitischen Bereich verdruckst auf. Ihre
Aber wir sind dauernd hybriden Angriffen ­friedenserhaltenes Mittel. Irgendjemand wird Furcht scheint zu sein, dass ihr die Debatte
ausgesetzt. die neuen Waffen allerdings in die Hand neh- über die Wehrpflicht um die Ohren fliegen
SPIEGEL: Zum Beispiel? men müssen – wer? wird wie der Ampel das Heizungsgesetz. Ich
Deitelhoff: Wir wissen von kontaminierten Deitelhoff: Mir fehlt eine wirkliche Debatte denke, die Regierung muss mutiger sein, und
Ladungen oder Sprengsätzen in DHL-Fracht- über diese Frage. das kann auch heißen, sich zur Wehrpflicht
flugzeugen, von Angriffen auf Bahnstrecken, SPIEGEL: Über die Rückkehr zur Wehrpflicht zu bekennen und die Debatte durchzustehen.
auf Unterwasserkabel, auf Computernet- wird doch geredet. SPIEGEL: Merz spricht immerhin über seinen
ze. Oder diese Beschädigung von Autos mit Deitelhoff: Die Wehrpflicht war nie aufge­ eigenen Wehrdienst Mitte der Siebzigerjahre.
Bauschaum während des Bundestagswahl- hoben, nur ausgesetzt, und die Debatte, Deitelhoff: Mit ein paar romantisierenden Er-
kampfs, als Hunderte Fahrzeuge beschädigt die wir gerade führen, bleibt künstlich. Ich innerungen an die Kaserne ist es nicht getan.
und Habeck-Aufkleber hinterlassen wurden. würde mir wünschen, dass junge Menschen Insbesondere der Kanzler müsste offen über
Die Grünen sollten in Verdacht geraten. Mos- diesen viel diskutierten Brief bekommen, die Bedrohungslage sprechen und erklären,
kau setzt immer häufiger auch Desinforma- der nicht nur einen Fragebogen enthält, warum wir den Wehrdienst brauchen. Ich ver-
tion ein, um das Vertrauen der Menschen in ­sondern eine Einladung, sich freiwillig zur misse diese Klarheit, diese Ehrlichkeit. Er
ihre Regierungen zu untergraben. Der ganze Bundeswehr zu melden. Diese Einladung müsste erklären, dass es ein Dienst für das
Sinn dieser hybriden Angriffe ist es, Gesell- physisch in den Händen zu halten, kann Land ist, der dieses vor einem Krieg bewahren
schaften zu verunsichern und die Grenze zwi- viel ausmachen. Das würde den jungen soll. Der dafür sorgt, dass unsere Kinder und
schen Frieden und Krieg zu verwischen. ­Menschen den Ernst der Lage verdeutlichen Kindeskinder eben nicht in den Krieg müssen.
SPIEGEL: Ist Aufrüstung die richtige Antwort und Anlass bieten, sich selbst zu befra- SPIEGEL: Sollten wir vor einer Wehrdienst-
auf Sabotage und Propaganda? gen und auch mit den Freunden darüber zu debatte nicht erst darüber reden, welche Ge-
Deitelhoff: Nicht allein, aber leider braucht es reden. sellschaft wir sein wollen?
auch sie. Die hybriden Angriffe testen aus, SPIEGEL: Mit welcher Haltung rechnen Sie? Deitelhoff: Jedes Gespräch darüber ist wichtig.
wie unsere Gesellschaften mit Unsicherheit Deitelhoff: Ich könnte mir vorstellen, dass Doch die Sorge der demokratischen Politiker,
umgehen. Das heißt aber nicht, dass es dabei es mehr Bereitschaft gibt, zur Bundes- der nächste Wahlgang könne sie und mit ih-
bleibt. Wir können heute nicht sagen, wann wehr zu gehen, als gemeinhin angenommen nen das gesamte politische System in den Ab-
oder auch nur ob Russland überhaupt ein wird. Vor allem ist mir aber wichtig, dass fluss der Geschichte spülen, hat sie in eine
Nato-Land angreifen wird. Vorbereiten müs- wir nicht über etwas diskutieren, was noch Angststarre versetzt. Diese aufzulösen, wäre
sen wir uns aber trotzdem, dem Leitsatz zu- gar nicht in Gang gesetzt wurde. der erste Schritt.
folge: Hoffe auf das Beste, aber bereite dich SPIEGEL: Muss man den Jüngeren sagen: Es SPIEGEL: Frau Deitelhoff, wir danken Ihnen
auf das Schlimmste vor. kann um Leben und Tod gehen? für dieses Gespräch.  n

112 DER SPIEGEL Nr. 29 / 11.7.2025


KU LT U R

Doch jetzt scheinen auch in der


Realität die Schurken das Regime zu
übernehmen. Staatenlenker wie Do-
nald Trump und Wladimir Putin wir-
ken wie Comicbösewichte, Super­

Ein dröger Typ, aber gut


milliardär Elon Musik mit seinen
Raumfahrtplänen, futuristischen
Trucks und politischen Ambitionen
scheint fast haargenau ein Antagonist
von James Bond zu sein.
KINOKRITIK Regisseur James Gunn musste den langweiligsten Aber 007 ist im zeitweiligen Ruhe-
aller Superhelden interessant machen. Das gelingt ihm mit seinem stand, die einst glorreichen Marvel-
Superhelden haben sich in den Wei-
»Superman«-Film souverän. ten ihres Multiversums verloren. Nun
braucht es also die Renaissance der
moralisch ewig integren Heldenfigur

S
elbst ein unverwundbarer Held Superman. Sein Film handle »von
hat es heute nicht leicht. Zu Be- einer Figur, die in einer Welt, die nicht
ginn von James Gunns Action- gut ist, durch und durch gut ist«, sag-
film »Superman« kracht die Titelfigur te Gunn in einem Interview. Das sehe
mit Hochgeschwindigkeit ins ewige man nicht so oft. »Jeder ist ein Anti-
Eis der Arktis. Da liegt er nun, blu- held, und ich glaube, wenn Figuren
tend, röchelnd, halb tot. Mit letzter gut erscheinen, neigt man dazu, sich
Kraft stößt er einen Pfiff aus. Plötzlich über sie lustig zu machen und sie als
stürmt aus der Ferne eine kleine Ge- albern anzusehen.«
stalt durch Eis und Schnee auf ihn zu: Dieser altmodische Superman,
ein aufgeregt hechelnder Hund, der jetzt erstmals sympathisch verkörpert
ein genauso leuchtend rotes Cape von US-Darsteller David Corenswet,
trägt wie sein Herrchen. Er eilt dem sieht sich in Gunns Film mit hyper-

Warner Bros.
gefallenen Helden jedoch nicht sofort modernen Problemen konfrontiert.
zu Hilfe, sondern springt erst mal jo- Mit einer Trollarmee aus Hass und
vial auf ihm herum. Hahaha. Autsch. Hetze postenden Dressuraffen –
Ist das dem Ernst der Situation an- mehrere Herausforderungen meis- Szene aus einem Spitzengag – macht der Tech­
gemessen? Nein, aber das ist genau tern: zeigen, dass superteure Super- ­»Superman« unternehmer Lex Luthor (Nicholas
der Punkt: Wenn im Superhelden- heldenfilme wie dieser immer noch Hoult) in sozialen Medien Stimmung
genre scheinbar nichts mehr geht, Massen ins Kino locken und begeis- gegen das vermeintlich unkontrollier-
dann geht eines immer noch: Tiere tern, beweisen, dass man nach bare, die Menschheit unterjochende
und ein wenig anarchischer Humor. schwerfälligen Vorgängern einen pa- Alien Superman. Tatsächlich beschäf-
Superman, der erste moderne ckenden, rasanten Blockbuster dre- tigt er selbst für seine Weltherr-
­Comicsuperheld, in den Dreißiger- hen kann – und damit genug Vertrau- schaftspläne eine Riege hochgezüch-
jahren des vorigen Jahrhunderts von en in die Marke schaffen, damit die teter Supersoldaten, darunter den
den jüdischen Immigrantenkindern bereits geplanten nächsten Filme maskierten Ultraman, der so stark ist,
Joe Shuster und Jerry Siegel erfunden ­finanziert und verwirklicht werden dass er selbst Superman bis in die
und 1938 erstmals publiziert, ist im können. Wenn alles gut geht, soll eine Arktis prügeln kann. Luthor steuert
Jahr 2025 also ganz schön auf den neue Adaption von »Supergirl« 2026 ihn aus seiner Wolkenkratzerschalt-
Hund gekommen. Der Überlebende starten. zentrale mit Schlag- und Boxbefehlen
des zerstörten Planeten Krypton, der Bei DC mag man sich gedacht ha- wie eine Figur in einem Computer-
auf der Erde durch die spezielle Strah- ben: Wenn es einer draufhat, dann spiel. Superman muss sein rampo-
lung der Sonne seine Superkräfte er- Gunn. Der US-Regisseur war zuvor niertes Image also nicht nur mit Kör-
langt, ist der berühmteste und edel- beim Konkurrenten Marvel unter perkraft, sondern auch mit Köpfchen
mütigste Held des Comicverlags DC. Vertrag und drehte dort die immens reparieren.
Während andere DC-Heroen wie erfolgreichen und sehr komischen Die Story ist fast zu nah an der
Batman auch ihre dunklen Charakter- »Guardians of the Galaxy«-Filme um Realität, Superman selbst bleibt drö-
seiten offenbaren dürfen, ist Super- eine Bande intergalaktische Misfits, ge wie eh und je. Der Film funktio-
man der ewig Aufrechte, nahezu un- darunter – Tier-Content! – ein bies- niert dann trotzdem, weil Gunn wie-
besiegbar in Körperkraft und Moral. tiger sprechender Waschbär. Aber die der eine ganze Reihe putzige, Guar-
Ein toller Typ, aber auch ein schreck- »Guardians« waren eben Antihelden, dians-artige Nebenfiguren gruppiert,
licher Langweiler. Wenn man wie und die galten im postheroischen Wenn schein- zum Beispiel die verkrachte »Justice
James Gunn das durch zahlreiche
Kassenflops kriselnde Kinouniversum
Zeitalter als die attraktiveren Pro­
tagonisten der Popkultur. Von den
bar nichts Gang« um den Topfschnitt tragenden
Guy Gardner (Nathan Fillion), das
von DC und Mutterfirma Warner »Sopranos« über »Breaking Bad« bis mehr geht, furiose Hawkgirl (Isabela Merced)
Bros. wieder flottmachen will, muss zu »Game of Thrones« wurde in Film- dann geht und den coolen Techguru Mister
man aber wohl oder übel mit diesem und Seriennarrativen in den vergan- Terrific (Edi Gathegi). Sie bringen
schwersten aller Brocken anfangen. genen 20 Jahren vermehrt der ambi- eines immer den Film verlässlich in Schwung.
»Superman«, Gunns erster Auf- valente Held glorifiziert. Der reine noch: Tiere Und wenn nicht, muss statt Super-
schlag in der Neugestaltung des so- edle Ritter war aus der Mode, viel- man halt Superhund ran – der heim-
genannten DCU, der nun auch in leicht weil man dachte, man brauche und anarchi- liche Held.
deutschen Kinos läuft, muss gleich ihn nicht mehr. scher Humor. Andreas Borcholte n

Nr. 29 / 11.7.2025 DER SPIEGEL 113


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Die Preview-Aktion wird am Montag,
dem 21.7.2025, stattfinden. Für
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Ab Donnerstag, dem 17.7.2025,
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Berlin
Filmtheater am Friedrichshain
Bötzowstraße 1–5
Beginn: 20 Uhr

»The Life of Chuck« Dresden


Schauburg
Königsbrücker Straße 55
Mit »The Life of Chuck« präsentiert Myste- Beginn: 20 Uhr
ry-Spezialist Mike Flanagan (»Doctor Sleeps
Erwachen«) die außergewöhnliche und tief be- Düsseldorf
wegende Adaption von Stephen Kings gleich- Atelier

Preview am 21. Juli


namiger Kurzgeschichte – ein packendes, le- Graf-Adolf-Straße 47
bensbejahendes Drama, das auf dem Toronto Beginn: 20 Uhr
Kinostart am 24. Juli International Film Festival 2024 den begehrten
Publikumspreis gewann. Zu Recht, denn Frankfurt am Main
Flanagan gelingt hier ein seltenes, genreüber- Cinema
greifendes Kunststück: Er verbindet geschickt Roßmarkt 7
Beginn: 20 Uhr
das Mysterium von Stephen Kings Vorlage
mit den universellen Fragen des Lebens und Hamburg
findet Magie und Wärme in der zauberhaften Zeise
Melancholie unseres Daseins. »The Life of Friedensallee 7–9
Chuck« ist ein echtes Filmjuwel, das auf eine Beginn: 20 Uhr
erfrischend neue Art von der Schönheit des
Lebens erzählt. Köln
Weisshaus Kino
Wer ist Chuck? Die Welt geht unter, Kalifor- Luxemburger Straße 253
nien versinkt im Meer, das Internet bricht Beginn: 20 Uhr
zusammen – doch in einer amerikanischen
Kleinstadt herrscht vor allem Dankbarkeit Leipzig
gegenüber Charles »Chuck« Krantz Passage Kinos
(Tom Hiddleston), einem gewöhnlichen Hainstraße 19a
Beginn: 20 Uhr
Buchhalter, dessen Gesicht allen freundlich
von Plakatwänden und aus dem Fernsehen
zulächelt. Wer ist dieser Mann, den niemand
München
City Kinos
zu kennen scheint? Ein Rätsel, das weit zu- Sonnenstraße 12a
rückreicht ... bis in dessen Kindheit bei seiner Beginn: 20 Uhr
Großmutter, die ihre Liebe fürs Tanzen an ihn
weitergab, und seinem Großvater, der ihn in Nürnberg
die Geheimnisse der Buchhaltung einweihte. Cinecitta
Ein Rätsel, das vor allem eine Frage aufwirft: Gewerbemuseumsplatz 3
Kann das Schicksal eines Einzelnen die ganze Beginn: 20 Uhr
Welt verändern?
Stuttgart
Atelier am Bollwerk
Mit Hohe Straße 26
Tom Hiddleston, Mark Hamill, Chiwetel Ejiofor, Karen Gillan Beginn: 20 Uhr
INTERNE T [Link]
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116 DER SPIEGEL Nr. 29 / 11.7.2025 Ein Impressum mit dem Verzeichnis der Namenskürzel aller Redakteure finden Sie unter [Link]/kuerzel
Frank Laufenberg, 80
NACHRUFE Im April 1980 hängten sich drei
bundesdeutsche Radiomodera-
toren an einen US-Trend: Tho-
mas Gottschalk, Frank Laufen-
berg und Manfred Sexauer prä-
sentierten »Rapper’s Deutsch«,
eine Coverversion des frühen
Hip-Hop-Hits »Rapper’s De-

Faye Sadou / MediaPunch / IMAGO


light« von der Sugarhill Gang.
Laufenberg durfte zuerst ans
Mikrofon. Er schwärmte im
neuen Rap-Stil dann aber doch
von der alten »Beatles-Zeit«,
von den Kinks und den Stones.
Als Vermittler von Rock- und
Popgeschichte fand der ehema-
lige Vorstand des Cliff-Richard- Michael Madsen, 67
and-The-Shadows-Fanklubs »Ich glaube, ich war glaub-
Köln-Ehrenfeld seine Rolle. In ­hafter in meinen Rollen, als ich
den Siebzigerjahren wurde er ­hätte sein sollen«, hat Michael
zu einer der Radiostimmen des ­Madsen mal in einem Interview

Jens Kalaene / dpa


»Pop Shop«, des prägenden Ju- ­gesagt. »Die Leute haben wirk-
gendprogramms des dama­ligen lich Angst vor mir.« Was an den
Südwestfunks. Auf SWF3 mode­ ­Figuren lag, die er so glaubhaft
rierte Laufenberg Oldie­sendun­ verkörperte. Wie den Gangster
gen und die aktuelle Hit­pa­rade Mr. Blonde in »Reservoir Dogs«,
Anita Kupsch, 85 – wobei er eine gewisse Skepsis dem Thriller von Quentin
Sie lernte ihr Handwerk von Grund auf: Ballett als Fünfjährige, gegenüber neumodischen Pop- ­Tarantino, mit dem er berühmt
später Chanson und Musical an der Ufa-Nachwuchsschule. entwicklungen nicht verhehlte. wurde. Da schnitt er einem
1960 ­erhielt die gebürtige Berlinerin ihr erstes Engagement am Ausdrücklich ohne Videoclips ­gefesselten Polizisten gnadenlos
­Renaissance-Theater in ihrer Heimatstadt. In einer Rezension und Playback traten die Gäste das Ohr ab und schien das
­wurde Anita Kupsch als »Dienstmädchen mit Hollywoodformat« seiner TV-Sendung »Ohne Fil- ­ausgiebig zu genießen. Danach
bezeichnet. Frech, unsentimental, schlagfertig – als Berliner ter – Musik pur« auf – der Mo­ blieb Madsen in seinen Filmen
Schnauze mit Herz wurde Kupsch von ihrem Publikum geliebt. derator war dem S­ PIEGEL ein der gefährliche Psychopath,
1962 kam ihr Kinofilmdebüt in »Tunnel 28«, das Fluchtdrama »Drögmann aus dem Süden«. der aus stechenden Augen fata-
gilt als erste filmische Reaktion auf den Mauerbau in Deutschland. Fernsehaktivitäten für den Pri- listisch in die Welt starrt und
Hier hatte Kupsch Gelegenheit, ihre Qualitäten im ernsten Fach vatsender Sat.1 verübelte man Gewalt verbreitet. Dass dabei
zu zeigen. Als selbstbewusste Sprechstundenhilfe Gabi Köhler in ihm in Baden-Baden, erst nach viel Schund herauskam, hat
der »Praxis Bülowbogen« wurde sie ab 1987 neun Jahre lang zum etwa zehn Jahren kehrte er zum er nie bestritten. Auf fünf oder
­willkommenen Dauergast in deutschen Wohnzimmern. Ob vor SWR zurück. Auch im Renten- sechs Filme war er stolz, den
der Kamera – in 50 Jahren waren es wohl an die 100 Rollen – oder alter endete Laufenbergs Mit­ Rest machte er des Geldes
auf der Bühne: Die zierliche Blonde war das, was man eine Vollblut- teilungsdrang nicht: Er gründete ­wegen. Und je mehr Schrott er
schauspielerin nennt. Anita Kupsch starb am 3. Juli in Berlin. KS einen Internetsender namens drehte, desto mehr wurde ihm
PopStop, wo er weiter an sei- davon angeboten, so beschrieb
nem enzyklopädischen Wissen er es selbst: »Plötzlich kriegst
Ernst Kahl, 76 teilhaben ließ – schließlich war du bei den guten Filmen keinen
Eines seiner Bilder trägt den Titel »Jesus zeigt Lenin er Autor mehrerer Musiklexika. Fuß mehr in die Tür. Und der
seine Wundmale«. Es ist ein echter Ernst Kahl: der Frank Laufenberg starb in der Schund frisst dich auf.« Als
Heiland und der Revolutionsführer – gemalt in alt­ Nacht zum 6. Juli in Laufeld in ­Privatmann war Madsen nicht
Tom Hintner

meis­terlicher Manier. Unter den Satirikern und Kari­ der Vulkaneifel. FEB frei von den Eigenschaften, die
katuristen des Landes nahm Kahl einen besonderen seine Filmfiguren ausmachen.
Platz ein. Seine Werke sind von einem eigenwilligen, Erst im vergangenen Jahr war
verstiegenen Humor geprägt; die politische Botschaft, so es sie denn er vorübergehend verhaftet
gibt, ist eher versteckt. In den Hausorganen der westdeutschen worden, weil er seine dritte
­Linken war Kahl dennoch ein gern gesehener Beiträger. »Titanic« Ehefrau aus dem Haus gedrängt
und »Konkret« druckten regelmäßig seine Arbeiten, einmal soll es und ausgesperrt haben soll.
dem Künstler sogar gelungen sein, beiden das gleiche Titelbild zu Aber er konnte die Tragik
verkaufen. Womöglich war auch das eine Scherz-Aktion. Geboren ­seiner Figuren – und vielleicht
wurde Ernst Kahl 1949 in der Nähe von Kiel. Ein Studium an der auch teilweise seine eigene –
Hamburger Kunsthochschule brach er ab. Als Autodidakt machte andeuten, wenn man ihn ließ.
sich Kahl einen Namen, sowohl als Zeichner und Maler als auch als Wie in »Kill Bill«, wieder unter
Musiker und Drehbuchautor, unter anderem für Detlev Bucks Film Tarantinos Regie, wo er als
»Wir können auch anders«. Während der Kasseler Documenta zeig- Gangster Budd sagt: »Ich wei-
te Kahl einmal im satirischen Alternativprogramm der Caricatura che meiner Schuld nicht aus.«
die Installation »Pflanzen fasten für den Erhalt des tropischen Re- Michael Madsen starb am
genwaldes«. Wieder ein für ihn typischer, absurder Witz. Ernst Kahl 3. Juli im kalifornischen Malibu
IMAGO

starb am 5. Juli im schleswig-holsteinischen Schwabstedt. SHA an Herzstillstand. KAE

Nr. 29 / 11.7.2025 DER SPIEGEL 117


PERSONALIEN

Singende
Selbstfindung
Schauspielerin Anne Hathaway,
42, Hollywoodstar mit vielen
Auszeichnungen, hat buchstäb-
lich ihre Stimme gefunden. Bei
den Dreharbeiten zu dem Kino-
film »Mother Mary« habe sie
herausgefunden, dass sie ihre
Tonlage fürs Singen ihr Leben
lang zu hoch eingeschätzt habe:
»Sopran. Meine Mutter ist ein
Sopran, eine wunderbare Sän-
gerin.« Sie selbst könne die
­hohen Töne zwar treffen, aber
eigentlich sei ihre Stimmlage
tiefer, habe sich jetzt gezeigt.
Das sagte sie in einem Interview
mit der »Vogue« und schlug
einen dunklen Ton auf einem
Keyboard an: »Hier unten bin
ich. Hier möchte ich sein.«
Hathaway spielt in dem Film
eine weltberühmte Popdiva, die
aus dem Gleichgewicht gerät,
einen Erscheinungstermin gibt
es noch nicht. Es ist nicht das
erste Mal, dass Hathaway vor
der Kamera singt. Mit ihrer Per-
formance des Songs »I Dreamed
a Dream« in »Les Miserables«
(2012) kam sie sogar in die US-
Charts; für ihren Auftritt als
tuberkulosekranke Fanine erhielt
sie einen Oscar als beste Neben-
darstellerin. Wenn das alles in

picture alliance / dpa


einer ihr unbequemen Tonlage
möglich war, gibt der neue Film
auf jeden Fall Anlass zu aller-
schönsten Hoffnungen. KS

Bei seiner Seele kündigte ein Konzert mit dem Mannheim klagte Naidoo 2024
Titel »Bei meiner Seele« in wegen Volksverhetzung an,
Während der Fußball-WM 2006 Köln für den 16. Dezember an. 2021 soll er unter anderem den
hörte die deutsche National- Es wäre sein erstes Konzert Holocaust leugnende Inhalte
mannschaft vor den Spielen sei- seit sechs Jahren. Naidoo hatte verbreitet haben. Naidoo be-
nen Hit »Dieser Weg« in der sich als begnadeter Soulsänger streitet alle Vorwürfe. Bereits
Kabine. Xavier Naidoo, heute 53, einen Namen gemacht. Über im Jahr 2022 hatte der Sänger
war der Liebling der Nation. längere Zeit zog er aber Antise- ein Video veröffentlicht, in
Dann schoss er sich mit kruden mitismus- und Rassismusvor- dem er angab, sich in Verschwö-
Verschwörungstheorien selbst würfe auf sich, trat mit »Reichs- rungserzählungen verrannt
ab. Jetzt versucht der Musiker bürgern« auf, polarisierte mit zu haben: »Ich habe Dinge ge-
Live Nation

offenbar ein Comeback: Die Äußerungen zur Coronapande- sagt und getan, die ich heute
Konzertagentur Live Nation mie. Die Staatsanwaltschaft bereue.« FLG

118 DER SPIEGEL Nr. 29 / 11.7.2025


Beschränkte eiernden Gangart vor und zu­
rück. Noel, in blauem Denim­
Innigkeit hemd, konzentrierte sich ganz
Sie grollten einander 16 Jahre ohne große Showbiz-Gesten.
lang, nun haben die Britpop- Die Setlist bestand fast aus­
Brüder Liam, 52, und Noel schließlich aus den großen Oasis-
Gallagher, 58, tatsächlich ihre Hymnen der Neunzigerjahre,
große Versöhnungswelttournee etwa »Wonderwall«. Im Publi­
begonnen. Nach zwei Auftakt­ kum war vor allem die große
konzerten in Cardiff am vergan­ Sehnsucht nach öffentlichen
genen Wochenende spielen Zärtlichkeitsbekundungen der

Erika Goldring / Getty Images


Oasis fünf Konzerte in ihrer Hei­ Brüder zu spüren, nach belast­
matstadt Manchester. Die Rol­ baren Indizien, dass die beiden
lenverteilung auf der Bühne nicht nur aus wirtschaftlichen
glich in Cardiff der brüderlichen Erwägungen wieder zusammen­
Dynamik, wie man sie aus der gefunden haben. Nach Schät­
auch vor dem Bruch durchaus zungen eines Musikwirtschafts­
reibungsreichen Vergangenheit experten sollen allein die
kennt: Liam im olivgrünen Par­ 17 Konzerte in Großbritannien Später Spaß I­ sley Brothers, Babyface, Max­
ka, Hände hinter dem Rücken, jedem Bruder 40 Millionen well, Coco Jones und Psiryn auf,
Hals zum Mikro gereckt, tigerte Pfund einbringen, zusätzlich gibt Weil sie mitunter zu spät zu allesamt mit Verspätung. Als
während des rund zweistündi­ es Merchandisedeals mit Adidas ihren Shows kommt, hat die Hill endlich anfangen konnte,
gen Konzerts in seiner typisch und Levi’s und eigene Pop-up- Musikerin Lauryn Hill, 50, den waren im Stadion nur noch
Läden, in denen Fanartikel vom Ruf einer Diva. Beim Essence ­wenige Hundert Zuschauer zu­
Fischerhut bis zum Zimmer­ Festival in New Orleans trieb sie gegen, Platz gab es für etwa
mannsbleistift verkauft werden. es nun auf die Spitze, so schien 83.000. Videos von den leeren
Insgesamt sind 41 Konzerte, es bei oberflächlicher Betrach­ Sitzen kursierten ­online, einige
unter anderem in den USA, tung – dabei war die fulminante Leute gaben Hill die Schuld für
Japan, Brasilien und Australien, Verspätung nicht ihre Schuld. die ­Verspätung. Die Fans, die es
geplant. In Cardiff wurde vor Hill kam erst um 2.30 Uhr am bis 3.37 Uhr nachts aushielten,
allem eine kurze, nur Sekunden Samstagmorgen auf die Bühne. wurden jedoch belohnt. Hill
Scott A Gar fitt / Invision / AP / picture alliance

währende Umarmung der bei­ Die Veranstalter des Musikfes­ spielte nicht nur ihr Set, ­sondern
den Brüder am Ende ihres Sets tivals hatte den ­ganzen Abend nahm sogar einen Songwunsch
bejubelt, bevor Liam die Bühne mit erheblichen Verzögerungen entgegen. Zur Krönung des
verließ. Die Innigkeit reichte je­ zu kämpfen, ­immer wieder tra­ ­Auftritts holte sie ihre Söhne
doch nicht für eine gemeinsame ten technische Schwierigkeiten Zion und Joshua Marley auf
Abreise: Ein Video auf TikTok auf, manche Künstler überzogen die Bühne. Die Festivalleitung
zeigte Liam, wie er ohne seinen ihre geplante Zeit. Ein Domino­ übernahm inzwischen die
Bruder davonfuhr. Laut briti­ effekt. Neben Hill, die erst Tage volle Verantwortung für die
scher Presse residierten beide in zuvor zum Line-up hinzugefügt ­Verschiebung – Hill sei pünkt­
verschiedenen Hotels. ARÜ worden war, traten GloRilla, die lich im Stadion gewesen. CZL

Gedrillt vom Vater sein Vater ihn und seine Brüder für die Schlacht stärkt.« Schule, schen Superstar Anthony
dazu brachte, auf geschlosse­ das gab es nicht für die Dubois- ­Joshua im Ring geradezu gede­
Der Boxsport braucht immer nen Fäusten ­stundenlang Liege­ Jungs, der Vater übernahm mütigt, ihn mehrfach auf die
wieder große Geschichten, stütze zu ­machen, während den Unterricht, damit aus ihnen Bretter geschickt, nach fünf
­damit er mehr erzählen kann, sie aus der Bibel re­zitieren muss­ mal große Sportler werden. Runden war Joshua k. o. Jetzt
als dass zwei Menschen ver­ ten: »Gepriesen sei der Herr, ­Daniel Dubois hat es geschafft, kommt es zum ultimativen
suchen, den jeweils anderen mein Fels, der meine Hände für im Vorjahr hat er vor fast ­Duell: Usyk ist Champion der
umzuhauen. Am 19. Juli kann den Krieg und meine Finger 100.000 Zuschauern den briti­ vier Weltverbände IBO, WBC,
er vermutlich eine solche Ge­ WBA und WBO. Es fehlt ihm
schichte erleben. Dann sollen derzeit nur der Titel vom IBF,
sich in London Oleksandr Usyk, den trägt eben Dubois. Der
der Schwergewichtschampion wohnt heute noch bei seinem
aus der Ukraine, und sein briti­ Vater, hat nie einen Tropfen
scher Gegner Daniel Dubois, 27, ­Alkohol getrunken, besitzt kein
gegenüberstehen. Auf der einen Smartphone – und ist dafür
Seite der 38-jährige Routinier, dankbar. Dubois sagt in der
hochdekoriert im Ring, ein Sol­ »Times«: »Es war die Disziplin
Daniel Hambur y / eyevine / ddp images

dat zudem, der für die Ukraine meines Vaters, die uns sicher
an der Front war. Auf der an­ und von Ablenkungen fernhielt.
deren der elf Jahre jüngere Du­ Wir haben nie zu viel auf un­
bois, aufgewachsen mit sechs sere Umgebung geschaut. Wir
Geschwistern, erzogen, trai­ haben nur geschaut, wohin
niert, gedrillt von seinem Vater. wir gehen – das Training, die
An den Fingerknöcheln trägt er Reise. Es ist wie eine Kraft,
Narben aus Kindertagen, weil die wir erschaffen haben.« AHA

Nr. 29 / 11.7.2025 DER SPIEGEL 119


Was so ein Leitartikel mit gut sor-
BRIEFE tierten Fakten und wohlgesetzten
Worten bewirken kann. Dem
Meister der Verschleierungskunst
wird die lächelnde Maske der Un-
schuld vom Gesicht gerissen.
Christian Hertwig, Oberhausen (NRW)

Wladimir Putin wird ohne geziel- Jetzt muss auch der SPIEGEL den Wir sollten Herrn Spahn nicht
te Gegenschläge weitermachen. Lesern Angst machen, um Auf- verurteilen, weil er sich nicht an
Mit Gegenschlägen meine ich das lage zu machen. Was soll das be- die Regeln gehalten hat, sondern
Kassieren von Öltankern der deuten: »Die neue Kriegsangst«? ihm dankbar sein, dass er sich
Schattenflotte, das Schließen der Russland wird also die weit über- ­darüber hinweggesetzt hat. Sonst
vielen Trollredaktionen in der legene Nato angreifen. Im Ernst? hätte es eine Katastrophe gege-
EU, die Ausweisung von Russen, Wenn man sich nicht absolut si- ben. Unsere Bürokratie ist nicht
die hier gegen uns agieren, die cher ist, sollte man niemals solche in der Lage, auf Notfälle zu re-
Freigabe der eingefrorenen Ver- gewagten Spekulationen verbrei- agieren. Da helfen nur unkonven-
mögen, endlich eine massive ten. Was soll das auch nützen? tionelle Maßnahmen.
Unterstützung der Ukraine, auch Sollen wir jetzt unsere Kinder Dietrich Richter-Thiering, Leichlingen (NRW)
mit EU-Soldaten im Land. Nur verrückt machen? Seit drei Jah-
wenn wir klarmachen, dass wir ren führt Putin einen Krieg gegen In einer Demokratie kann so et-
diese Nadelstiche nicht dulden, die Ukraine. Und er hat sich nicht was nicht mit Ignoranz unter den
wenn wir viel schneller, konse- weiter ausgedehnt. Tisch gekehrt und »weggelächelt«
quenter und entschiedener han- Matthias Riedel, Oberfell (Rhld.-Pf.) werden. Jens Spahn muss sich aus
deln, haben wir die Sicherheit, der Politik zurückziehen, und
die wir wollen und brauchen. Ein Die Reaktion auf die Frage, was zwar schnellstens. Das würde der
Gewagte Aufschaukeln oder eine Eskala- wir als Deutschland und jeder CDU Pluspunkte bringen, um
tion sehe ich darin nicht, solange Einzelne bereit sind, für die Si- wieder glaubwürdig zu sein.
Spekulationen wir uns nur verteidigen. cherheit Deutschlands und den Angelika Hinz, Hannover
Nr. 28/2025 Die neue Kriegsangst Thomas Poppe, Gröbenzell (Bayern) Frieden in Europa zu tun, scheint
ein freundliches Desinteresse zu Ich bin kein Freund des Politikers
Wir leben seit 2014 nicht mehr Im Spannungs- und Verteidi- sein. Wehrpflicht für alle ist okay, Jens Spahn. Aber eins muss man
in Frieden, aber noch nicht im gungsfall können Männer vom aber nicht für mich und meine deutlich sagen: Ob er und sein
Krieg. Ein Rückblick auf unsere 18. bis 60. Lebensjahr zum Mili- Kinder, höre ich zu oft aus mei- Mann sich eine »Millionenvilla in
Lebensgewohnheiten der letzten tär eingezogen werden. Was nem Umfeld. Wenn wir da nicht Berlin« leisten können, geht nie-
20 Jahre und eine sachliche nützt mir dann ein Bunker da- aufwachen und ein Bewusstsein manden etwas an außer den Kre-
­Vorausanalyse für die nächsten heim im Haus? Zudem muss ich schaffen, dass Sicherheit, Freiheit ditgebern.
5 Jahre würde vielen Mitbürgern mich fragen, was mit mir und und Wohlstand nicht gottgegeben Berend Detsch, Düsseldorf
helfen, diese aktuelle Welt noch meiner Persönlichkeit passieren sind, kann es zu spät sein. Ihre
zu verstehen und ihr persönliches wird, wenn ich im Kriegsfall Men- Berichterstattung flankiert es,
Leben danach auszurichten. schen getötet, schwer verletzt und hier ein Bewusstsein zu schaffen. KORREKTUREN
Heiko Matthes, Hamburg deren Freunden und Angehöri- Carsten Glawatz, Bremen Zu »›Wir müssen nicht nur das
gen unendliches Leid zugefügt Land wieder aufbauen, sondern
Es mag wenige Bunkerbauer, habe. Kann ich dies mit meinem auch die Menschen‹« in Heft
­Paniker und Deutschland-Flüch- Gewissen vereinbaren? Ich berei- Lächelnde Maske 28/2025, Seite 78: Bei dem Selbst-
tige geben, aber sie repräsentie- te mich auf den Spannungs- und mordanschlag in einer Kirche in
ren nicht die Stimmungslage in Verteidigungsfall vor, indem ich der Unschuld Damaskus kam nicht nur eine,
Deutschland. Ich erlebe unser meinem Gewissen folge und den Nr. 27/2025 Leitartikel: Jens Spahn ist für sondern es kamen mindestens
Land anders. Kriegsdienst verweigere, wie es politische Ämter ungeeignet 20 Personen ums Leben. Ebenso
Jochen Schreier, Fürth das Grundgesetz in Artikel 4 Ab- wurden Anfang März nicht nur
satz 3 ermöglicht. Sie haben in den meisten Punkten Dutzende, sondern wohl Hunder-
Ich finde das Titelbild sehr ge­ Klaus Stampfer, Bonstetten (Bayern) recht. Allerdings widerspreche te alawi­tische Zivilisten getötet.
lungen, es zeigt in »schonender« ich Ihrer Meinung, dass »die Ver- Zudem gehörte der syrische Über­
Weise, was Krieg sein kann. Es Die Rhetorik, dass die Bundes- gangenheit, kaum vorbei, schon gangspräsident Ahmed al-Sharaa
grüßt eine 67-jährige Frau, die mit wehr bis 2029 kriegstüchtig sein wie ausradiert wirkt aus dem öf- nicht dem »Islamischen Staat«
einer aus Ostpreußen geflohenen muss, impliziert bei den jungen fentlichen Gedächtnis«. Es ist an.
Großmutter aufgewachsen ist, Leuten die Vorstellung, dass in nicht das kollektive Gedächtnis, Zu »›Akzeptieren Sie die Angst,
von der sie nur sparsam über die vier Jahren Krieg geführt wird das vergisst. Es sind in erster Li- ohne sich ihr auszuliefern‹« in
Not des Krieges erfahren hat. und sie unter Umständen ihr Le- nie die Instinktlosigkeit der CDU Heft 28/2025, Seite 20: Die Feind-
Und mit einer als Kleinkind trau- ben opfern müssen. Zielführen- (seitenweise geschwärzter Unter- seligkeiten zwischen Israel und
matisierten Mutter, die selbst als der wäre die Aussage, dass die suchungsbericht) und Verantwor- Iran begannen bereits am 13. Juni
erwachsene Frau noch den Trä- Bundeswehr innerhalb der Nato tungslosigkeit der Regierungspar- und nicht später im Monat, wie es
nen nahe war, wenn sie von Bom- so stark sein muss, dass keiner es teien, die vergessen wollen. Mit im Text versehentlich heißt.
benlärm und Schutzkellern er- wagt, sie anzugreifen. Vielleicht dieser Strategie wird die AfD bei Zu »Ein deutscher Platz« in
zählt hat. Hat unsere Generation sollte die Rhetorik mehr darauf den kommenden Wahlen noch Heft 28/2025, Seite 54: Die Woh-
es gut (gehabt), dass wir bisher zielen, Gedanken zur Vermei- mehr Stimmen gewinnen. Danke nung von Dieter Reichenbach
ohne Krieg leben durften. dung eines Krieges zu entwickeln. Herr Spahn, danke CDU. liegt in Köln im Bereich der Post-
Sabine Lamka, Ilshofen (Bad.-Württ.) Günter Burtack, Hamburg Dr. Jana Schubert, Leipzig leitzahl 50672 und nicht 50627.

120 DER SPIEGEL Nr. 29 / 11.7.2025


scheiden, wem ich was gebe und
Trump macht Merz Als zeitweilig begeis­ Die Schätzung der einen schönen Tag wünsche, wo-
und die Europäer zu terter SPD-Anhänger Unternehmens­- bei Frauen und Straßenmusikan-
willigen Claqueuren bitte ich Rolf Mütze­ be­rater von McKinsey, ten bei mir Priorität haben. In der
Tram, der U- oder S-Bahn sitze
seiner Politik und nich, mir wie vielen wonach Fusions­ ich zwischen zwei Stationen wie
seiner Person. Hul­ anderen enttäuschten energie in Europa in der Falle, kann weder lausiger
digungsveranstal­ SPD-Gläubigen zu 2050 ein Fünftel zur Musik ausweichen noch den Bet-
tungen wie G7- und folgen und sich dort Energie beitragen telsprüchen. Das Gefangensein
macht die Aktionen doppelt un-
Nato-Gipfel dokumen­ zu engagieren, wo soll, entbehrt jeg­ angenehm oder lässt sie sogar,
tieren die Entmün­ die Ideale der alten licher ernsthaften besonders für Frauen, bedrohlich
digung der Europäer geliebten SPD noch Grundlage. Physik erscheinen. Das Betteln in ge-
schlossenen öffentlichen Trans-
in der Weltpolitik. gelten, nämlich bei ist nicht Business. portmitteln zu erlauben, halte ich
Dietmar Sobottka, Chemnitz den jungen Linken. Prof. Dr. Ingo Hofmann, für eine Scheinlösung. Es bräuch-
Potsdam te eine effektive Sozialarbeit, die
Heinz Bäcker, Dortmund
Leute wie Herrn Kraeft schon im
Nr. 27/2025 Möchtegern- Nr. 27/2025 Rolf Mützenich Nr. 27/2025 Deutschlands Jagd
Anfangsstadium von der Straße
Außenpolitiker Friedrich Merz ringt mit sich und seiner Partei nach dem Fusionsreaktor holt. Es bräuchte billige und be-
treute Wohnungen oder WGs für
Jugendliche und Ältere. Aber da
Ideologisch gefärbt aus der Vielfalt und Toleranz Dass Bauministerin Hubertz ihr spart unser Staat seit Jahren.
gegenüber verschiedenen Welt- Unwissen über möbliertes Woh- Dr. Angelika Koller, München
Nr. 27/2025 Julia Klöckners anschauungen, nicht aus der Do- nen präsentieren musste, war un-
ungewöhnliche Amtsführung
minanz einer einzigen religiösen nötig. Bei einer möblierten Woh- Ich fahre nicht mehr mit öffent­
Die Vergabe wichtiger politischer Tradition. Von der Präsidentin nung geht es nicht um eine »Ikea- lichen Verkehrsmitteln, auch weil
Posten ist ja oft Sache des guten des Deutschen Bundestages muss Couch in der Ecke«, sondern ich immer wieder auf Stationen
Instinkts. So wie mit Norbert man erwarten, über so viel ge- darum, dass in der Wohnung alles und in Zügen belästigt wurde. Na-
Lammert erfreulich ins Schwarze schichtliche Kenntnis zu verfügen. ist, was man braucht (Kühl- türlich ist es ein gesellschaftlicher
getroffen wurde, kann es, wie Hat sie diese nicht, ist es extrem schrank, Geschirrspülmaschine, Skandal, wenn Mitmenschen in
jetzt mit Julia Klöckner, schmerz- peinlich, stellt sie wider besseren Staubsauger, Geschirr, Wäsche …) einem reichen Land wie Deutsch-
lich danebengehen. Ihr leicht Wissens die zitierte Behauptung und man sich um nichts kümmern land betteln müssen. Aber ich
rechthaberisches Auftreten erin- auf, ist es unentschuldbar. muss (keine Reparaturen, kein möchte auch meine Ruhe haben,
nert eher an eine subjektiv fokus- Jochen Kopp, Lingen (Nieders.) Streichen der Wände …). Mieter wenn ich den Fahrpreis bezahle.
sierte Zuchtmeisterin als an eine von möblierten Wohnungen sind Sollte das Recht, in der U-Bahn
Bundestagsvorsitzende, die eine andere als die von leeren Woh­ zu betteln, als Grundrecht fest-
Parlamentsdebatte souverän und Unwissen präsentiert nungen. Ihre Alternative wäre ein gelegt werden, so würde ich das
unter neutralen Gesichtspunkten Hotel oder eine Pension. Die selbstverständlich akzeptieren.
zu dirigieren fähig ist. Nr. 27/2025 Streitgespräch über den Mieter leerer Wohnungen hin- Aber den öffentlichen Personen-
Mietenwahnsinn
Hildtraut Schröder, Augsburg gegen haben keine Alternative. nahverkehr werde ich weiterhin
Warum lassen wir uns nicht von Eine Mietpreisbremse für mö­ nicht nutzen.
Mit Empörung habe ich die Be- Lösungsansätzen im Ausland in- blierte Wohnungen mag richtig Uwe Protsch, Frankfurt am Main
hauptung Julia Klöckners zur spirieren? In Dänemark dürfen und durchführbar sein, sollte aber
Kenntnis genommen: »Ohne nur Menschen Eigentum erwer- das Hauptaugenmerk nicht von Die Lebensrealität von Herrn
das Kreuz gäbe es die offene Ge- ben, die dort ihren ersten Wohn- der Wohnungsnot bei normalen Kraeft ist für ihn belastend, solche
sellschaft, wie wir sie heute in sitz haben. Damit bekommen die Wohnungen ablenken. Biografien sind mir berufsbedingt
Deutschland haben, nicht.« Die- Menschen Wohnraum, die ihn Renata Stiller, Hamburg nicht fremd. Es gibt vielfältige
se Behauptung ist geschichtlich brauchen, und nicht die, die nur Hilfsangebote. Auf dem Bahn-
verkürzt und ideologisch gefärbt. spekulieren wollen oder einen steig, auf der Treppe zum Bahn-
Das Grundgesetz von 1949 wurde fünften Feriensitz benötigen. In Bettelei im Zug steig, im Zug kann ich nicht aus-
nicht auf religiöser Basis, sondern den USA und in Kanada wird – weichen. Ich werde in eine Situ-
nach säkular-demokratischen trotz der vorhandenen Flächen – gehört verboten ation gebracht, die ich nicht will.
Prinzipien geschaffen, etwa dem in den Städten in die Höhe ge- Nr. 27/2025 Streit ums Bettelverbot Wenn ein Mensch auf der Straße
der Menschenwürde, der Mei- baut. Warum passiert das nicht in in U-Bahnen bettelt, kann ich dem aktiv aus
nungs-, Religions- und Presse­ Deutschland? dem Weg gehen. Helfe ich diesem
freiheit, der Gleichberechtigung. Silke Naaf, München Ich kenne die Bettelei aus Mün- bettelnden Menschen mit Geld?
Diese Werte sind nicht exklusiv chen und Berlin. In Berlin kommt Nein. Für dessen Gesundheit und
christlich und teilweise sogar in Ein Aspekt wird bei der Diskus- es aber viel häufiger vor. Die Pro- Lebensweg ist jeder erhaltene
Spannung zur kirchlichen Lehre sion viel zu wenig beachtet: In tagonisten verhalten sich sehr Cent, der für Drogen draufgeht,
entstanden. Eine offene Gesell- Deutschland laufen wir beim unterschiedlich. Manche friedlich ein Sargnagel. Ich bin der Mei-
schaft bezieht ihren Wert gerade Wohnflächenkonsum auf 50 Qua- wie Herr Kraeft, manche aggres- nung, dass diese Bettelei im Zug,
dratmeter pro Kopf zu, in Groß- siver, manche treten mit oder am Bahnhof verboten gehört.
städten wie Berlin oder Hamburg ohne Talent musikalisch in Er- Cornelia Koltes, Bremen
Sagen Sie sind es immer noch 40 Quadrat- scheinung. Betteln ist also nicht
auch digital Ihre meter. In London, Paris oder To- gleich Betteln, und Musik ist nicht Leserbriefe bitte an leserbriefe@[Link]
Die Redaktion behält sich vor, Leserbriefe
Meinung – auf kio sind es viel weniger. immer Musik. Wenn auf der Stra- gekürzt sowie digital zu veröffentlichen und
SPIEGEL Debatte Helgo Klatt, Hamburg ße Bettler sitzen, kann ich ent- unter [Link] zu archivieren.

Nr. 29 / 11.7.2025 DER SPIEGEL 121


L E TZ T E S E I T E

Der Schwindel mit den Ureinwohnern HOHLSPIEGEL

Aus dem Soester Kultur- und Freizeitmagazin »Soso«:


ZEITREISE Die Geschichte von den philippinischen Tasaday
zeichnete eine friedliche Idealwelt – auch der SPIEGEL ­berichtete.
Später kamen Zweifel auf.
Nr. 29/1975 »Auch hier heißen
Sie Willy!«

Die etwa 26 Menschen,


die auf der philippinischen
Insel Mindanao in Höhlen Die Website der »Rheinischen Post« über Düsseldorfer
hausten, lebten im Ein­ Jugend-Fußballteams:
klang mit der Natur, fried­
lich und unverdorben. »Der Aufstieg der U14 in die C-Junioren-
»Die Tasaday kannten weder Aggressionen Niederrheinliga wäre die Kirche auf der
noch Herrschaftsansprüche«, gab der Philippinische Sahnetorte gewesen.«
Tasaday 1971
­S PIEGEL die vermeintlichen Erkenntnisse

AP
von Berichterstattern vor Ort weiter. Für Einblendung im Programm des Fernsehsenders n-tv:
Kampf, Krieg oder Töten existierten in hängige Besucher zu zweifeln. Einem Eth­
ihrer Sprache keine Begriffe, sie kannten nologen berichteten mehrere Tasaday, sie
weder Ackerbau noch Metall. seien von Elizalde angeheuert worden und
Kurz darauf kam Manuel Elizalde ins hätten gegen Geld ihre Hüllen fallen lassen.
Spiel, dubioser Regierungsbeauftragter Von der These, dass alles erfunden war,
für ethnische Minderheiten. Er besuchte ist man heute abgerückt. Am wahrschein­
Von der Website des »Hamburger Abendblatts«:
1971 die Tasaday und lud Journalisten und lichsten sei es, dass sich die Gruppe einige
Forscher ein, die »bedeutendste anthro­ Jahrzehnte zuvor abgespalten und nur noch
polo­gische Entdeckung dieses Jahrhun­ losen Kontakt zu anderen Bewohnern
derts« zu bestaunen. Die Tasaday wurden ­Mindanaos gehabt habe, so Wissenschaftler.
weltberühmt, der SPIEGEL schrieb 1975 Dass philippinische Regierungsvertreter die
­anlässlich einer Bucherscheinung über sie. Geschichte zu Propagandazwecken miss­
Um die Ureinwohner zu schützen, ließ brauchten, kann jedoch als gesichert gelten. [Link] über einen Autounfall:
die Regierung Ferdinand Marcos das Gebiet Die Titelgeschichte der Ausgabe be­
als Reservat absperren. Doch als das Mar­ schäftigte sich mit der Moskaureise des »Die Retter von Polizei und Feuerwehr
cos-Regime gestürzt war, begannen unab­ ­Ex-Kanzlers Willy Brandt. Rainer Lübbert benötigten Stunden, um herumfliegende
Autotrümmer zu bergen.«

Gute Reisen
klimaschädlichen Emissionen durch die
An­reise per Flugzeug« hingewiesen. Diese Von der Website der »Rhein-Neckar-Zeitung«:
sind auch ausschlaggebend für die kritische
Bewertung von Fernreisezielen in Asien
SO GESEHEN Wo man noch
und Südamerika (»Höchstens einmal alle
­bedenkenlos Urlaub machen kann zehn Jahre«).
Doch auch klimafreundliche inländische
Angesichts touristenfeindlicher Proteste Reiseziele können nicht überzeugen: Die
auf Mallorca ändert die Bundesagentur deutsche Ostseeküste, die Sächsische
für gute Urlaubsreisen (Bugutu) ihre Reise­ Schweiz, die Mecklenburgische Seenplatte Aus der Mittagskarte eines Restaurants in Gerlingen
empfehlungen und stuft die Balearen auf sowie ganz Brandenburg und Thüringen (Bad.-Württ.):
»Nicht buchen« herab. Die Herabstufung gelten als »AfD-Hochrisikogebiete«, Berlin
habe man sich »nicht leicht gemacht«, heißt als »kaputt«, Hamburg als »nasskalt« und
es in einer Pressemitteilung, die sozialen Hannover als »zu langweilig«. Auch von
Verwerfungen auf der beliebten Urlaubs­ Bayern rät die Bugutu mit einleuchtender
insel machten diesen Schritt allerdings un­ Begründung ab: »Söder«.
umgänglich. Mit dem Urteil »Sofort stor­ Kritiker warfen der Bugutu in der Ver­ Aus den »Badischen Neuesten Nachrichten«:
nieren« und damit noch schlechter als Mal­ gangenheit allzu kritische Bewertungen vor
lorca bewertet die Bugutu in ihrem aktuel­ und verweisen darauf, dass seit ihrem Be­
len Ranking die Türkei, Italien stehen kein einziges Reiseziel mit der
und Ungarn wegen »autori­ höchsten Kategorie »Empfehlenswert« be­
tärer Regierung und/oder wertet worden sei. Diesem Vorwurf begeg­
überbordender Kor­ net die von der schwarz-roten Koalition
Aufschrift auf einer Zahnpastaverpackung:
ruption«. Auch von Fe­ neu besetzte Bugutu-Spitze erstmals mit
rienreisen in die USA einer neuen Generalklausel: »Alle Ein­
wird aus diesem schränkungen entfallen bei Vorliegen eines
Grund abgeraten, günstigen Sonderangebots.« Im »Schnäpp­
hier wird zusätzlich chen-Fall« laute die Empfehlung jetzt:
auf die »enormen »Sofort zugreifen!« Stefan Kuzmany

122 DER SPIEGEL Nr. 29 / 11.7.2025


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