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ZGR Hans Gehl

Die rumäniendeutsche Literatur wird als Minderheitenliteratur betrachtet, die besonderen Herausforderungen und Wertungsproblemen ausgesetzt ist, insbesondere hinsichtlich ihrer historischen und kulturellen Kontexte. Der Beitrag diskutiert die Notwendigkeit, diese Literatur zu erforschen und zu würdigen, indem er die Rolle von politischen und sozialen Faktoren sowie die Wechselwirkungen zwischen verschiedenen Kulturen und literarischen Traditionen hervorhebt. Es wird argumentiert, dass eine differenzierte Wertung notwendig ist, um die einzigartigen Beiträge dieser Literatur zu erkennen und zu verstehen.

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Die rumäniendeutsche Literatur wird als Minderheitenliteratur betrachtet, die besonderen Herausforderungen und Wertungsproblemen ausgesetzt ist, insbesondere hinsichtlich ihrer historischen und kulturellen Kontexte. Der Beitrag diskutiert die Notwendigkeit, diese Literatur zu erforschen und zu würdigen, indem er die Rolle von politischen und sozialen Faktoren sowie die Wechselwirkungen zwischen verschiedenen Kulturen und literarischen Traditionen hervorhebt. Es wird argumentiert, dass eine differenzierte Wertung notwendig ist, um die einzigartigen Beiträge dieser Literatur zu erkennen und zu verstehen.

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DEUTSCHE SPRACHE UND DEUTSCHSPRACHIGE

LITERATUR IN RUMÄNIEN
RUMÄNIE N

DIE RUMÄNIENDEUTSCHE LITERATUR:


Sonderstatus und Wertungsproblematik

Raluca Rădulescu

Die Beschäftigung mit der rumäniendeutschen Literatur als Minderheitenliteratur ist vom
Anfang an vielen Gefahren ausgesetzt, vor allem fachwissenschaftlicher Natur. Die Aus-
einandersetzungen, ob es eine deutsche Literatur des Auslands überhaupt gäbe, und wenn
schon, wie man sie bezeichnen und mit welchen Mitteln bewerten sollte, zeugen von der Un-
sicherheit der Literaten, die leider auch im Bereich der Mentalität verwurzelt und nicht nur
methodologisch angelegt ist. Man stellt sich die Frage, warum man sie erforscht, wenn ihr den
angeborenen Konservativismus und den Mangel an den absoluten Maßstäben deutscher
Literatur angemessenem künstlerischem Wert vorgeworfen wird. Trotzdem sollte man im Zei-
chen der heute aufgerufenen Toleranz annehmen, daß „es im Haus der Kunst viele Wohnungen
gibt, daß jede Literatur, so geringfügig sie sich auf den ersten Blick auch ausnimmt, eine ein-
1
zigartige und unersetzliche Gesamtheit von Werten repräsentiert.“
Zu den ersten Versuchen, unter den Bedingungen der relativ aufgelockerten Zensuraufsicht
der 80er Jahre, als bereits vage Anzeichen eines – zumindest im Falle deutschsprachig vor-
gelegter Untersuchungen – lascheren Umgangs mit Forschungsergebnissen in der Luft zu liegen
schienen, einen sachlich-informativen Überblick der in den rumänischen Gebieten ent-
standenen deutschen bzw. deutschsprachigen Literatur von den Anfängen bis zur Entstehung
Großrumäniens 1918 zu didaktischen Zwecken zu bieten, gehört George Gu]us Abriß der
2
Geschichte der rumäniendeutschen Literatur. Der Verfasser ging von der – als selbstverständ-
lich angenommenen – Voraussetzung aus, daß ein jedes Phänomen, so auch die unbestritten
existente rumäniendeutsche Literatur, auf eine Geschichte zurückblickt, die als solche in Be-
tracht gezogen werden muß. Genauso wie beispielsweise die Geschichte Deutschlands oder
eines jeden anderen Landes mit der vorgeschichtlichen Zeit, als es noch kein „Deutschland“ gab,
ansetzt und dem entsprechend als ein Gewordenes auch erforscht wird, ja werden muß. Selbst
der Begriff „rumäniendeutsch“, der sich vor allem in den 30er Jahren als Gegenstück zum
nazistisch infizierten „alldeutsch“ durchzusetzen begann, sei das Ergebnis einer geschichtlichen
Genesis. Um so mehr der damit bezeichnete Gegenstand.

1
Stefan Sienerth: Rumäniendeutsche Literaturgeschichtsschreibung. Erkenntnisse der letzten zwanzig Jahre. In: NL (=
Neue Literatur. Bukarest), 8/1986, S. 11f.
2
George Gu]u: Abriß der Geschichte der rumäniendeutschen Literatur. (I. Teil: Von den Anfängen bis 1918). Tipografia
Universită]ii din Bucure[ti, Bukarest 1986; neue Auflage in vorbereitung. Siehe auch George Gu]u: Insulare Differenz
und grenzgängerische Identität. Deutsche Literaturen in Rumänien im Überblick. In: Identität und Alterität. Imago-
logische Materialien für den Landeskundeunterricht (Hrsg. George Gu]u und Mihaela Zaharia), Bukarest 2004, S. 143-
186. (GGR-Beiträge zur Germanistik, 11.)
Raluca Rădulescu

Vorliegender Beitrag setzt sich mit der Frage der Wertung einer solchen Literatur aus-
einander, die ihre Produktions- und Wirkungszusammenhänge zu berücksichtigen hätte.
Gleichzeitig fungiert er als Argument dafür, warum man der rumäniendeutschen Literatur als
Minderheitenliteratur eine besondere Aufmerksamkeit widmen sollte. Um die Lage und den
Sonderstatus des Literaturbetriebs zu veranschaulichen, wurden kritische Stimmen neueren
Datums (Motzan, Csejka, Stiehler), sowie welche seit den Anfängen der siebenbürgischen
Literaturkritik (Neugeboren, Albert, Leonhardt, Buchholzer) ausgewählt. Ihr gemeinsames An-
liegen besteht darin, daß alle sich mit der Sondersituation dieser Literatur und infolgedessen
mit der dadurch entstandenen Problematik der Maßstäbe beschäftigen. Wie diese Sonderlage
der Literatur und Literaturkritik am Schnittpunkt mehrerer Kulturen im Laufe der Zeit wahr-
genommen wurde, oder in welcher Weise man auf die ausländischen Einflüsse reagierte,
welche Rolle die Geschichte bei ihrer Mitformung spielt, wird im folgenden näher analysiert.
Der Verlauf der historischen Ereignisse, die die deutsche Minderheit auf rumänischem Ge-
biet in ungünstige Lagen der Unterwürfigkeit gebracht haben, läßt eine Geschichte der Zensur
entstehen, die die ständige Instrumentalisierung ihrer Literatur zu ethnischen und politischen
Zwecken registriert. Andererseits leidet die rumäniendeutsche Literatur unter den ihr in der
Nazi-Zeit und im kommunistischen Regime aufgezwungenen doppelt ideologisierten Vor-
stellungen, die Stereotype und Tabuisierungen im Kollektivgedächtnis der binnendeutschen
Germanisten bewirkt haben, und so wurde die deutsche Minderheit für das zweite Mal in ihrer
3
Geschichte mit einer „Kollektivschuldthese“ abgestempelt.
Als Literaturen der Sprachminderheiten entstehen Minderheitenliteraturen in einem spezi-
fischen Kontext und sind von einer „sprachlich allgemein kulturellen Minderheitensituation
4
eines Bevölkerungsteils in einer geschlossenen besiedelten Region“ abhängig. An den inner-
und „interkulturellen, intersprachlichen und interliterargeschichtlichen“ Beziehungen zu den
zwei dominanten Kulturen, der des Heimatraumes und der des Nationalstaates, in deren
Spannungsfeld sie sich zu behaupten versuchen, muß man die Ursachen ihrer Entwicklung und
die Gründe für die im Laufe der Zeit getroffenen ästhetischen Entscheidungen suchen. Ihr
Sonderstatus „zwischen zwei Nationalliteraturen“ prägt auch ihren „Charakter [...], von der
Kondition her labil, unsicher, verunsichert durch die Stärke... und natürliche Gleichgültigkeit der
5
beiden anderen ihr gegenüber.“ So wird eine kleine Literatur, deren genetisch-sprachliche und
kulturelle Verwandtschaft mit der „Mitte“ wesentlich für ihr Dasein ist, zu einer des „doppelten
Randes“, den politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Umwälzungen der „beiden Mitten“
6
verpflichtet.

3
Vgl. auch Peter Motzan: Die rumäniendeutsche Lyrik nach 1944. Problemaufriss und historischer Überblick. Cluj-
Napoca: Dacia 1980, S. 8; Alexander Ritter: Germanistik als Deutschwissenschaft. Zur NS - ideologischen Funktio-
nalisierung „Auslanddeutscher Literatur“ im „Dritten Reich“ (1994). In: A.R.: Deutsche Minderheitenliteraturen.
Regionalliterarische und interkulturelle Perspektiven der Kritik. Mit einer Bibliographie zur Forschung 1970-2000.
München: Südostdeutsches Kulturwerk 2001, S. 333-348.
4
Alexander: Germanistik ohne schlechtes Gewissen . Unterbrochener Diskurs zur Minderheitenliteratur und die Er-
neuerung wissenschaftlicher Rezeption. (1985). In: Deutsche..., Anm. 3, S. 46-69, hier S. 66f.
5
Gerhard Csejka: Eigenständigkeit als Realität und Chance. Zur Situation der rumäniendeutschen Literatur. In: Neuer
Weg, 20.03.1971.
6
Motzan, Die Szenerien des Randes: Region, Insel, Minderheit. Die deutsch(en) Literatur(en) in Rumänien nach 1918 -
ein kompilatorisches Beschreibundmodell. In: E. Grunewald / S. Sienerth (Hg.): Deutsche Literatur im östlichen und süd-

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Die rumäniendeutsche Literatur: Sonderstatus und Wertungsproblematik

Norbert Mecklenburg setzt den Begriff der Interkulturalität in Verbindung mit „Kultur-
7
differenz, -austausch und -konflikt“. An erster Stelle fällt im Falle einer solchen Literatur, die
„literarische Subkultur in anderskultureller Umgebung ist“, das „interkulturelle Potential“ auf,
nicht nur in der von Mecklenburg umrissenen Bedeutung vom „Vermögen, für Kulturunter-
schiede zu sensibilisieren, Vorurteile und Stereotype abzubauen“, also nicht unbedingt ihr
Wirkungszusammenhang, sondern das, was sich dem Leser als seelischen Ausdruck einer Ethnie
und ihrer Begleiter darbietet.
Einen Schritt weiter unternimmt George GuŃu, der in die kulturwissenschaftliche und inter-
kulturelle Diskussion den umfassenderen Begriff „Interreferentialität“ einbringt, um kulturelle,
intertextuelle Austauschprozesse in ihrer konkreten Ausgestaltung besser dokumentieren und
erklären, also nachweisen zu können – wie er am Beispiel Paul Celans paradigmatisch und ein-
8
prägsam aufzeigt.
Eine Minderheitenliteratur, deren wesentliche Funktion „kulturelle Leistung“ im Zeichen der
9
„innenpolitischen Existenzsicherung“ , d.h. „kulturelle Beharrungsleistung“10 ist, und deren
„quantitativen wie qualitativen Erscheinung auf diesen Voraussetzungen beruht“, bezeichnen
Ritter und Mecklenburg als „literarische Kultur“. Die von Harald Krasser beschriebene für die
rumäniendeutschen literarische Szene typische Schwankung zwischen „Heimatkunst“ und
11
„Bildungsdichtung“ kann man mit Ritters Termini erfassen, zwar als Konfliktsituation des
12
Autors, also „das ganze schwankende Selbstbewußtsein eines geborenen Outsiders“ , „den Zu-
fallswirkungen im politischen und kulturellen Raum ausgeliefert“, „zwischen Min-
derteitenanspruch auf existenzbestätigende Dokumentation und eigenem Anspruch auf
13
Kunst“. Rezeptionsforderungen der Leser und Veröffentlichungschancen auf dem deutschen
Literaturmarkt steuern zusätzlich „Themenwahl, Stoffsuche, Textsortenentscheidung und den
Grad der künstlerischen Transformation.“ Diese Faktoren, die dem Autor von außen auf-
gezwungen werden, und die im Zusammenhang mit den politischen Ereignissen wechseln,
sollen bei ihrer Berücksichtigung zu einer „relativierenden Weise“ der literarischen Wertung
14
solcher Produkte beitragen.

östlichen Europa. München: Südostdeutsches Kulturwerk 1997, S. 73-102, hier S. 99f.


7
Norbert Mecklenburg: An Stelle einer Einleitung. Ein Generalist des Besonderen. Zu Alexander Ritters Studien über
Literatur deutschsprachiger Minderheiten. In: A.R, Anm. 4 , S. 22ff. Vgl. Ders. Rettung des Besonderen. Zur Analyse und
Kritik deutschsprachiger Minderheitenliteratur. In: N.M.: Die grünen Inseln. Zur Kritik des literarischen Heimat-
komplexes. München 1986, S. 281f.
8
George GuŃu: Paul Celan - între intertextualism şi plagiat sau Creativitatea interreferenŃialităŃii, in: Paradigma,
Revistă multilingvă de cultură (ConstanŃa), anul 11, nr. 3-4 / 2003, p. 4-5. Ders.: Paul Celan - zwischen Intertextualität
und Plagiat oder interreferentielle Kreativität. In: TRANS, Internetzeitschrift für Kulturwissenschaft, Wien, 15, Mai 2004
([Link]
9
Ritter, Anm. 3, S. 68f.
10
Ders.: Neun Bukarester Thesen: Minderheitenliterarische Entwicklung und Forschungsperspektiven (1990). In:
Deutsche..., Anm. 2, S. 103-116, hier S. 109.
11
Harald Krasser: Die deutsche Dichtung Siebenbürgens in unserer Zeit. In: KL 7, 1935, S. 280-282.
12
Gerhard Csejka: Eigenständigkeit als Realität und Chance. Zur Situation der rumäniendeutschen Literatur. In: Neuer
Weg, 20.03.1971.
13
Ritter, ebd., S. 110f.
14
Ritter, Germanistik...., Anm. 3, S. 68f.

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Raluca Rădulescu

Peter Motzan ermahnt ebenfalls zu der Wahrnehmung der Minderheitenliteraturen „in ihrer
15
Verflechtung mit regionaler Kultur- und Sozialgeschichte“ , auf die vorherrschende Rolle der
politischen Geschichte in ihrem Entstehungs- und Wirkungszusammenhang hinweisend: „Ihr
enger Raum bewirkt, daß sich jede individuelle Angelegenheit unmittelbar mit Politik verknüpft.
[...] Was der einzelne Schriftsteller schreibt, konstituiert bereits ein gemeinsames Handeln, und
was er sagt, ist bereits politisch, auch wenn die anderen ihm nicht zustimmen. Das Politische
16
hat jede Aussage angesteckt.“
17
Die Funktionalisierung im Sinne von „gruppenkultureller Selbsterhaltung“ könnte m.E. die
Ursache sein, warum die Autoren „mittelmäßige Talente“ seien, weil man ihnen nicht erlaubt,
reine Kunst zu schaffen, was ihnen angeboren und genetisch an dem Minderheitlerstatus ge-
bunden sein könnte. Wie Gerhard Csejka bestätigt, bewirkt „die vielstrapazierte Sondersituation
unserer Literatur am Schnittpunkt verschiedener Kulturkreise“ ein „mangelndes
Selbstbewußtsein der Schriftsteller“, deren Entwicklung vorbestimmt ist. Csejkas Begriff von
18
„Determiniertheit“ findet Anwendung auch darin, was das soziopolitische Ausgeliefertsein des
Minderheitlers angeht, der zu „Isolierung, Assimilation und Abwanderung prädestiniert“ 19
sozusagen per definitionem ist. Die Wertungsprinzipien müssen die Funktionsprämisen, d.h. die
20
rezeptionsästhetischen und sozialgeschichtlichen Bedingungen in Betracht ziehen.
Ritter verzeichnet drei möglichen Herangehensweisen bei der Wertung der Minderhei-
tenliteratur. Aus der Binnenperspektive, „sämtliche Äußerungen in deutscher Sprache als
Literatur“ betrachtend, kann man sie als „Dokumente zur Erhaltung der eigenen Kultur“ ver-
stehen, indem man keinen großen Wert auf „die ästhetischen Ansprüche zu Gunsten der kultur-
21
politischen Funktionalisierung von Literatur“ legt. Aus der Außenperspektive untersucht man
die „Modernität der Texte, Authentizität und Avantgardeleistung“, während die interkulturelle
Wirklichkeitserfahrung „Authentizität und Welterkenntnis“ von den Werken verlangt. Meines
Erachtens wäre eine Synthese von diesen kritischen Grundhaltungen sehr ergiebig für die
weitere Forschung. Sie sollte „die Mitte zwischen Ästhetizismus und Realitätsbezogenheit, die
Mitte zwischen rumäniendeutscher spezifischer Literatur und Literatur im deutschen Sprach-
22
raum [...] finden und spezifisch Rumäniendeutsches im Allgemeinen aufgehen [...] lassen“ , zu
dem noch die interkulturelle Dimension hinzufügbar wäre. Indem man die politischen,
kulturellen, kommunikativen Faktoren, die sozialintegrative Funktion sowie die Produktions-
und Rezeptionsverhältnisse nicht außer Acht läßt, behandelt man das literarische Phänomen in

15
Peter Motzan: Die Szenerien des Randes, Anm. 5, S. 85.
16
Gilles Deleuze, Felix Guattari: Kafka. Für eine kleine Literatur. Frankfurt a. Main: Suhrkamp 1976, S. 25f., nach
Motzan, Die Szenerien..., Anm. 5, S. 85.
17
Ritter, Neun.., Anm. 10, S. 112.
18
Gerhard Csejka: Über den Anfang. In: NL 5/1970, S. 17.
19
Ritter: Von der Güte des Dichterwortes. Über deutschsprachige Literatur des Auslands und des Literaturwissen-
schaftlers Not mir der Bewertung (1993). In: A. R., Anm. 3, S. 117-139, hier S. 125.
20
Ebd., S. 136.
21
Ebd., S. 122ff.
22
H. Schuster in: Strukturalismus und Kerwei. NL-Rundtischgespräch über aktuelle Probleme der deutschen Literatur-
kritik in Rumänien. In: NL, 8/1970,S. 46-63, hier S. 59.

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Die rumäniendeutsche Literatur: Sonderstatus und Wertungsproblematik

seiner Komplexität, darauf eine „kulturwissenschaftliche Perspektive contra ästhetische


23
Wertung“ anwendend.
Die kulturelle Identität einer solchen Literatur ist „Teil des historischen Bewußtseins“ und
wird durch die Bewahrung des Eigenen und Rezeption des Fremden geprägt. Weil die politisch-
geschichtlichen Faktoren ihre Daseins- und Entwicklungsbedingungen bestimmen, ist die Ver-
ankerung in der Geschichte und deren Aufarbeitung in den literarischen Texten typisch für eine
Minderheitenliteratur. Die Geschichte spielt also eine entscheidende Rolle in der Themen- und
Stoffwahl, sie hinterläßt eine deutliche Spur auch im Entstehen und der Rezeption einer
Strömung. Man stellt sich aber die Frage, wie Geschichte literarisch verarbeitet wird, ob mit
traditionellen oder modernen Mitteln, bzw. ob sie weitgehend thematisiert wird. Warum man
über geschichtliche Ereignisse und ihre Folgen schreibt, ist zumindest klar geworden: es wird
dadurch eine „selbstreferentielle ethnozentrische“ der Minderheitenwelt dokumentierende, be-
24
legende und absichernde „Funktion“ erfüllt . Die „Korrelation von Geschichtsschreibung und
kollektiver Identität-Vergegenwärtigung“ stellt eine Strategie der Selbsterhaltung dar, die die
„vergangenheitsbezogene Rekonstruktion und gegenwartsbezogene Systematisierung“ voraus-
25
setzt.
Die Vergangenheit kann man im Foucaultschen Sinne von archivartigem Bewahren
mehrerer Arten von Geschichten und Diskursen verstehen, es gibt aber darunter einige ur-
sprüngliche, zu denen man in den literarischen Texten immer wieder rekuriert, eine Art identi-
tätsstiftende Tradition, wie im Falle der rumäniendeutschen Literatur der Mythos von den sieg-
reichen, privilegierten siebenbürgisch-sächsischen Ansiedlern. Bis zu Meschendörfers Roman
Leonore (1908) wurde die idealisierte Darstellung der Vergangenheit dieser Minderheit nie in
Frage gestellt, nie ethnointerne Elemente kritisiert; die neue literarische und ethische Haltung
des erwähnten Schriftstellers ist in Verbindung mit der programmatisch vorausgesetzten
Offenheit zu Europa anzusehen. Trotzdem wurden auch in den 30er Jahren, und auffälliger
nach dem Ende der im Zeichen der Rezeption der Moderne (Mitte der 60er bis zu den 80er)
stehenden Periode traditionelle Themen und Techniken wiederaufgenommen.
Die Geschichte der deutschen Literatur in Rumänien ist zweifelsohne eine „Geschichte der
Einwirkungen [...] aus dem geschlossenen deutschen Sprachraum“ und eine „der Selektions-
26
mechanismen im interliterarischen Dialog“. Daß die Geschichte der rumäniendeutschen
Literatur mit einer Geschichte der Zensur und auch einer der Tradition und des Traditions-
bruches, von Diskontinuitäten in der Kontinuität, überlappt, ist eine Hypothese, anhand derer
versucht werden wird, warum der Rückgriff zur Tradition eine wesentliche Dimension ihrer
Untersuchung ist, und zu welchen Momenten dieser erfolgt und warum.
Die Reflexion über das Erbe als „spezifische kulturelle Überlieferung als Teil allgemeiner
Tradition“ ist in zwei Fällen als „Überprüfung“ festzustellen: einerseits als „Symptom einer Krise
des brüchig empfundenen kulturellen Kontinuums“ und andererseits als „Vergewisserung des

23
Ritter: Kulturengrenze und Textgeschichte. Bedingungen und Probleme der minderheitenliterarischen Literatur-
geschichtsschreibung (1996). In: A. R., Anm. 3, S. 140-162, hier S.153.
24 Ebd., S. 141.
25 Ebd., S. 155.
26 Motzan: Die Szenerien..., Anm. 5, S. 100. Vgl. auch ders: Externe Einflüsse und endogene Traditionslinien. In: Die
rumäniendeutsche Lyrik, Anm. 2, S. 29-37.

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Raluca Rădulescu
27
Identitätsbewußtseins.“ Eine solche Literatur reagiert eher als agiert, die Hinwendung zur
Tradition ist ein Abwehrreflex der Selbstverteidigung. Wie schon betont wurde, ist sie an-
lehnungsbedürftig, sie muß an etwas anknüpfen, sie muß sich an etwas orientieren, sonst wird
sie mit dem Verschwinden bedroht. Deswegen die verklärte Selbsterhaltungskampf, der der
Literatur folgende Züge prägt: „Didaktik, gemeinnütziger Breitenwirksamkeit, Konservativismus,
28
Hypertrophie des Historischen und egozentrischer Selbstaffirmation.“
Diese „Zwitterstellung“ führt zur Vertreibung einer Minderheitenliteartur „ins Niemandsland
29
zwischen jenen beiden Nationalliteraturen“ , besser gesagt in einen Unbestimmtheitsraum in
der Art eines „black hole“, indem keine von diesen bereit zu sein scheint, ihre Zugehörigkeit
oder Verwandtschaft zu ihnen anzuerkennen. Die Koordinaten dieser Sonderlage werden von
Oskar Pastior in der Kongruenz von staatlichen und linguistischen Faktoren geschildert: „Man
lebt hier, man [...] ist Bürger dieses ...Staates, man ist materiell und ideel an seine Heimat [...]
gebunden. Man schreibt deutsch. Man gehört zu einer bestimmten Zahl deutscher Lyriker [...].
Man hat eine Geschichte, man hat eine Vergangenheit. Es gibt bei und eine literarische
Tradition in deutscher Sprache [...], es gibt eine deutsche Literatur [...] es gibt eine rumänische
30
Literatur in rumänischer Sprache, die an unserem literarischen Bewußtsein mitformt...“
Die Zugehörigkeit wird an einem Abhängigkeitsgrad von der Herkunftskultur bzw. an dem
Selbständigkeitsgrad der staatlich-nationalen gegenüber gemessen. Daß die Rumänien-
deutschen immer wieder Identifikationsmuster im westlichen germanischen/ deutschsprachigen
Raum gefunden haben, steht außer Frage. Auch wenn sie innerhalb ihrer Geschichte zwischen
der regionalen (siebenbürgisch-sächsischen, banat-schwäbischen oder bukowinadeutschen)
Identität und der stammesgeschichtlichen deutschen gependelt haben, bleibt der deutsche
Einfluß vorherrschend, obwohl die Bruderschaftslage offensichtlicher ab nationalsozialistischer
Zeit instrumentalisiert worden ist: ob Untertanen im Habsburgerreich, geistige Mitglieder im
Hitler-Deutschland, oder Genossen in der Volksrepublik Rumänien, wurde der deutschen
Minderheit nie einen de facto gleichberechtigten politisch-sozialen Status zugesprochen, der
den politischen Interessen verschont blieb.
Ein weiterer für die Sonderstellung der rumäniendeutschen Literatur relevanter Faktor ist
die geopolitische Lage, die diesen Raum isoliert und eine wirksame Rezeption deutscher
Kulturwerte erschwert hat. Die Unmöglichkeit einer gleichzeitigen Entwicklung mit dem west-
31
lichen Bruder hat Minderwertigkeitskomplexe, sogar eine „chronische Identitätskrise“ ver-
ursacht, die eine Nachholreaktion mit sich gebracht haben, die z.B. die rumäniendeutschen
Varianten der Experimentalliteratur erklärt.
Eine nächste Folge der frustrierenden politischen Ereignisse, denen die deutsche Minderheit
ausgeliefert war, ist die natürliche Neigung zum Überleben in dieser ethnischen Form, zur Be-

27 Ebd., S. 155ff.
28 Michael Markel: „Ich wohne in Europa/ Ecke Nummer vier“: Identitätsprobleme einer Minderheitenliteratur im
Spiegel der siebenbürgisch-deutschen Literaturgeschichte. In: Schwob, A. (Hg.): Die deutsche Literatur Ostmittel- und
Südosteuropas von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis heute. Forschungsschwerpunkte und Defizite. München: Südost-
deutsches Kulturwerk 1992, S. 166.
29 Gerhard Csejka: Bedingtheiten der rumäniendeutschen Literatur. Versuch einer soziologisch-historischen Deutung.
In: Neue Literatur 24(1973), H. 8, S. 25-31, hier S. 25.
30 Oskar Pastior: Rundtischgespräch zur Standortbestimmung unserer Lyrik. In: NL 3-4/1967, S. 112-127, hier S. 114.
31
Gerhard Csejka: Eigenständigkeit als Realität und Chance. In: Neuer Weg, 20. März 1971.

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Die rumäniendeutsche Literatur: Sonderstatus und Wertungsproblematik

wahrung und Bestätigung ihrer stammesgeschichtlichen Identität im Spannungsfeld der Be-


ziehungen zu anderen Völkerschaften. Aus einer Art Selbsterhaltungstrieb entstehend, hat sie
eine konservative Haltung im literarischen Schaffen bewirkt, die zu den ständigen dieser
Literatur gemachten Vorwürfen gehört. Der verzweifelte Versuch, identitätsstiftende Mythen in
das Kollektivgedächtnis einzufügen, geriet wenigstens bis zum Zweiten Weltkrieg in die
Schöpfung von trügerischen Selbstverherrlichungsstereotypen der eigenen Geschichte oder
spezifischen Gemeinschaftstugenden, die literaturgeschichtlich chronologisch sehr spät in
Frage gestellt werden. Konservativ und pragmatisch waren diese literarischen Schöpfungen als
Widerspiegelung der geistigen Prägung einer Minderheit, so darf die ästhetische Hinwendung
zu den Mitteln des Realismus nicht wundern.
In der rückwärtsorientierten Haltung zur Erhaltung des Eigenen stellt man die Neigung zum
Sich-Eingrenzen von den äußerlichen Antrieben fest, die man mit dem oft kritisierten
Provinzialismus der rumäniendeutschen Kultur verbindet. Die Gleichschaltungsmethoden zur
Uniformisierung der ganzen Bevölkerung Rumäniens nach 1949, egal ob nach sozialen oder
minderheitenspezifischen Kriterien, haben die beschränkende Beharrungstendenz und Rück-
besinnung auf die alten konservierten Werte, deren Unvergänglichkeit die Zeit bestätigt hatte,
verstärkt, nicht im Sinne der Versenkung in die Tradition, sondern in der klaren Abgrenzung –
ab den 60er Jahren - von den durch die Kulturpolitik des kommunistischen Staates vor-
geschriebenen Dogmen, die im Gegensatz zu dieser Epoche in der rumäniendeutschen Literatur
sehr selten gesprengt wurden.
*
Eine erste Bestandsaufnahme der schriftstellerischen Tätigkeiten in Siebenbürgen, die zu-
gleich als Programm oder literarisches Manifest, das die von ihm mit herausgegebene Sieben-
bürgische Quartalschrift einleitete, ist der Beitrag von Daniel Georg Neugeboren Ueber die Lage
32
und die Hindernisse der Schriftstellerei in Siebenbürgen (1790). Der Artikel ist ein Versuch, der
sich mit den modernistischen Beiträgen ab Meschendörfer und bis zu Motzan und Csejka ver-
gleichen läßt, da der Verfasser die Situation des siebenbürgischen Literaturbetriebs als ab-
hängig von sowohl innerhalb als auch außerhalb der Landesgrenzen einwirkenden Faktoren
darstellt. Den Mangel an mit den aus dem deutschen Binnenraum literarisch gleichzusetzenden
Schriftstellern und die Kargheit ihres Buchangebots begründet Neugeboren durch die Inter-
ferenz geschichtlicher, politischer, sozialer, wirtschaftlicher und konfessioneller Voraus-
setzungen und Bedingtheiten. Als einer der ersten macht er auf die in Siebenbürgen vor-
handene interkulturelle Atmosphäre aufmerksam, indem er kritisch die Kehrseite der Medaille
ans Licht treten läßt, die sich in diesem Kontext auch als hindernd im geistigen Leben ausweist:
„Die sonderbare Mischung der verschiedensten Nationen und Religionen, welche die Einwohner
Siebenbürgens, zwar nicht trennt, aber doch in mehr als einer Rücksicht unterscheidet; seine
33
physische Lage; die Geschichte seiner Staatsveränderungen [...]“. Türkenkriege und
konfessionelle Auseinandersetzungen, bürgerliche Unruhen und die „äußerst verfallene Land-
wirtschaft“ haben ein Fortschreiten der Kultur unmöglich gemacht.

32
Siebenbürgische Quartalschrift,1. Jg., 1790, Erstes Quartal, S. 1-28. In: Sienerth: Kritische Texte zur sienbenbürgisch-
deutschen Literatur. Vom Ende des 18. Jahrhunderts bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts. München: Südostdeutsches
Kulturwerk 1996, S. 67-74.
33
Ebd., S. 69.

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Raluca Rădulescu

Eine nüchterne Analyse einer zur Ruine verurteilten Zeit, die dem siebenbürgisch-deutschen
Geist entgegengesetzt wird. Denn „selbst unter diesem Drucke wirkte der Nationalgeist, ge-
nährt durch ihre kirchliche und politische Verfassung, ununterbrochen auf sie fort [...]“.
Neugeboren behauptet sogar, „daß sie von den ältesten Zeiten her ihre Brüder in Nieder-
34
Deutschland aufgesucht, und immer zum Muster genommen haben. “ Eine rhetorische Geste,
die nicht unbedingt beleidigend durch die Verherrlichung des eigenen Stammes wirken sollte,
sondern als Bestätigung siebenbürgischer Beständigkeit in diesem Raum im Laufe der
Geschichte. Die Zugehörigkeit zum Deutschtum zeugt von der stammesbiologischen, auf dem
Herkunftsmythos der Sachsen beruhenden Identitätssuche, und die Minderwertigkeitskomplexe
- zumindest im Vergleich mit den anderen mitwohnenden Minderheiten - auslöst und zum
Weiterbestehen herausfordert.
Neugeborens Beitrag könnte heute deswegen als soziologisch-historisch angelegte Studie
zur Minderheitenproblematik gutgeheissen werden, da sie die außerliterarischen Bedingungen,
die auf das literarische Leben wirken, in nuce enthält und deren Zusammenhang erklärt. Was
die literarischen Produkte anbelangt, findet man hier einen gelungenen Ausgleich, so
Neugeborens Vorschlag, einen Mittelweg zwischen konstruktiver Verarbeitung „ausländischer
35
Meisterstücke“ und Bewahrung des „Vaterlandsgeistes“ zu finden. Klare ästhetische Maßstäbe
führt er nicht ein, doch plädiert für eine natürliche, von fremden Vorbildern sich nicht ein-
schüchtern lassende Literaturschreibung. Wieder ist er den heutigen Forschern im Feld der
Minderheitenliteraturen dadurch nahe, daß er bei der Beurteilung der Werke extreme Ein-
stufungen zu Meisterstücken oder wertlosen Produktionen vermeidet, was auch einer kleinen
Literatur wie der siebenbürgisch-deutschen einen gerechten Platz absichert. Das Publikum ver-
lange und suche „immer Meisterstücke und ausgezeichnete Werke [...]. Muß da nicht jeder ehr-
liche Mann, der mit dem Wachsthume der Literatur nicht unbekannt und von der
Schriftstellerwuth nicht besessen ist, jeden Versuch, der bei der Vergleichung mit den
36
Produkten des Auslands verlieret, zurückhalten.“
Auch in Michael Alberts Beitrag Schwarzburg (Historische Erzählung aus dem Siebenbürger
37
Sachsenlande von Traugott Teutsch) – 1882 wird die Problematik des überwältigenden Ein-
flusses der deutschen Literatur auf die sächsische aufgegriffen: „in ihrem Geiste leben wir; sie
bestimmt durchaus unsere Geschmacksbildung, in ihrer Beleuchtung sehen wir die ästhetische
38
Seite der Dinge [...]“. Ihre Verwandtschaft ist eine biologischer Natur, „unter ihren Griffen
schwimmt und tönt unser Gemüth einer Saite gleich, die auf den Grundton desselben
Instruments gestimmt ist – so ist eben auch unsere Literatur“. An ihren Maßstäben gemessen,
ist die einheimische „unter dem Maße; zu jung, zu schwach für den Dienst Apollos!“
Trotzdem nimmt der Siebenbürger die deutschen Einflüsse als „stolz und fremd“ wahr, des-
wegen die Mahnung zum Nichtvergessen regionaler Besonderheiten. „Mag sie vorläufig auch
oft unter dem ästhetischen Maße zurückbleiben; ihr Vorzug ist, daß sie ein Kind unseres Geistes

34
Ebd, S. 69f.
35
Ebd., S. 74.
36
Ebd., S. 73.
37
Michael Albert: Schwarzburg (Historische Erzählung aus dem Siebenbürger Sachsenlande von Traugott Teutsch). In:
Tageblatt, Nr. 2653, 8. Sept.1882. In: Sienerth, Anm. 30, S. 104-106.
38
Ebd., S. 104.

326 ZGR 1-2 (25-26) / 2004, 1-2 (27-28) / 2005


Die rumäniendeutsche Literatur: Sonderstatus und Wertungsproblematik
39
ist“. An die Vorläufer Lessings und Klopstocks erinnernd, beweist Albert, daß man zu Großem
erst danach kommt, nachdem man das Eigene, auch wenn am Anfang schwach, nicht ver-
nachlässigt hat. Dadurch setzt er sich für die Wiederbehauptung des Nationalgeistes ein, „um
uns aufrecht zu halten in schwankende Zeit“. Wie leicht festzustellen ist, spielen auch für
Alberts Literaturverständnis die Geschichte und die Minderheitenstellung eine führende Rolle.
Literatur soll demnach Identität und den bestimmten vorwiegend ethnisch-sozialen Status be-
stätigen und verstärken, deswegen tritt ihre ästhetische Funktion aus dem Vordergrund aus. Die
Einbeziehung des politisch-sozialen Kontextes in die literarische Wertung verlangt besondere
Maßstäbe, die im Einklang damit erschaffen werden müssen.
Johann Leonhardt erstellt in seinem Aufsatz Ein siebenbürgisch-sächsischer Schriftsteller-
40
Verband (1902) einen Katalog der „Hindernisse einer freien Literaturentfaltung“. Die scharfe
Kritik richtet sich im wesentlichen gegen die Mitglieder des literarischen Feldes: Schriftsteller,
Leser und Kritiker, die hauptsächlich wegen politisch-geschichtlicher Ereignisse auf
Kompromißhaltungen eingehen, ohne ästhetische Prinzipien zu beachten. Der Verfasser beklagt
41
ein „im Dienste der Volksverteidigung und Volksverherrlichung“ stehendes Schriftstellertum ,
das auf der Darstellung idealisierter Menschentypen beharrt: „Die Charaktere [...] dürfen keine
42
bösen sein; denn alles, was dieserart in die Öffentlichkeit tritt, könnte compromittieren; und
das dürfen wir nicht dulden, weil sonst handhaben für unsere politischen Gegner geschaffen
43
werden“. Zum Schluß nimmt Leonhardt die Kritik unter die Lupe und wirft ihr vor, aus-
ländisches Übernehmen zu tolerieren, ohne an der Schaffung echter Maßstäben beizutragen:
„wir sind zwar sehr modern, aber dichterisch nicht mehr lebens- und entwicklungsfähig ge-
44
worden...“.
45
Ernst Buchholzer Heimatkunst und die Kunst unserer Heimat. Aus einem Vortrag (1904)
charakterisiert die literarische Entwicklung im 19. Jahrhundert durch die Allwesenheit der
Nachahmungen. Weder die Kritik noch die Leser scheinen dadurch gestört zu sein, da es sich
um ein Publikum handelt, „das gewöhnlich das darin zu sehen fähig ist, was seine Klatschsucht
46
befriedigt.“ Gegen die kritische Rezeption moderner literarischer Strömungen richtet er keine
Einwände, fordert sogar die Hinwendung zum damals populären Realismus als Heimatkunst.
Was die Wertungskriterien rumäniendeutscher Literatur angeht, plädiert Buchholzer für
eine „relative Beurteilung“, wobei man „überall [...] die Kleinheit unserer Verhältnisse [...] bei
47
der Betrachtung und Abmessung [...] “ zu berücksichtigen hat. Die historische und psycho-

39
Ebd., S. 105.
40
Johann Leonhardt: Ein siebenbürgisch-sächsischer Schriftsteller-Verband. In: Schäßburger Zeitung, Nr. 5, 26.
Jan.1902. In: Sienerth, Anm. 30, S. 188-190.
41
Ebd., S. 188.
42
Hervorhebung im Original.
43
Ebd., S. 189.
44
Ebd., S. 190.
45
Ernst Buchholzer Heimatkunst und die Kunst unserer Heimat. Aus einem Vortrag. In: Tageblatt (Unterhaltungsblatt),
Nr. 9149, 24. Jan. 1904.(Auch im Sammelband: Aus sechs Jahrhunderten. Hundert Aufsätze aus den sechzig ersten
Jahrgängen des Siebenbürgisch-Deutschen Tageblatts, Hermannstadt, 1935, S. 112-118). In: Sienerth, Anm. 30, S. 191-
195.
46
Ebd., S. 194.
47
Ebd., S. 193f.

ZGR 1-2 (25-26) / 2004, 1-2 (27-28) / 2005 327


Raluca Rădulescu

logische Erklärung „eines gewissen Mangels an Kunst und Kunstverständnis“ kann nur als für
jene Zeit emanzipierte Denkweise begrüßen, die dem Verfasser einen Ehrenplatz unter den Vor-
läufern der Anwendung soziologisch-geschichtlicher Methoden in der Literatur einnehmen läßt.
Emil Neugeboren setzt sich 1904 in dem Essay Dichtung, Publikum und Kritik 48 mit Buch-
holzers Begriff vom „relativen Maßstab“ auseinander. Davon behält er die Erkenntnis, daß man
nach einem „absoluten Maßstab“ urteilend und die einheimische Kunst zur gesamten deutsch-
sprachigen einordnend, zur Schlußfolgerung käme, eine Literatur von niedriegem Rang wäre
keiner Beachtung wert. Was der Verfasser neu bei der kontextualisierenden Beurteilung der
Literatur deutscher Minderheit einführt bzw. hervorhebt, ist die Voraussetzung, daß es aber,
metaphorisch ausgedrückt, „echtes Gold sein muß“, und keine „chemische Mischung“ mehrerer
49
Bestandteile. Obwohl seiner Ansicht nach dem geistigen sächsischen Boden an Edelmetall
mangele, das heißt natürliche Begabung schwer zu finden sei, sollte man auf hohe ästhetische
Ansprüche nicht verzichten, sonst könnten die Literatur und Literturkritik zu einer Nachahmer-
Kompromißgesellschaft werden.
Wie in dem programmatischen Artikel das Ziel angestrebt wird, einen Überblick über die
50
Aufgaben der Zeitschrift zu schaffen, betont Meschendörfer (Die „Karpathen“ - 1910) den
interkulturellen Austausch zwischen Deutschen, Ungarn und Rumänen im geistigen Leben, diese
51
das „Deutschtum in seiner Entwicklung am meisten beeinflussenden Völker“. Die Zeitschrift
strebt eine „moderne Betrachtung der Vergangenheit, Gegenwart und der zukünftigen Kultur-
aufgaben der Deutschen in Ungarn [Siebenbürger Sachsen]“. Keinesfalls empfiehlt Meschen-
dörfer eine unvernünftige Übernahme westlichen Gedankenguts, hingegen sollte dieses an die
einheimischen Formen angepaßt werden. Die Rumäniendeutschen sollten im eigenen Auftrag
auf eigenem Boden eine ähnlich moderne, doch spezifische Reform durchführen.
Damit beantwortet der Verfasser den Konservativen die „nichts Modernes“ bräuchten, da
die „Vorfahren [...] eine eigene siebenbürgisch-deutsche Volkskultur geschaffen, die [...] voll-
52
kommen genügt, an der nicht zu ändern [...]. wäre“. Laut Meschendörfer sei die Zeit der Ge-
schlossenheit vorbei; auch die Privilegien, „unser materielles Fundament, wurde zertrümmert“,
und so fanden sich plötzlich die Sachsen wie alle mitwohnenden Nationen mitten in den Über-
lebenskampf hineingeworfen. Eine sehr nüchterne Einsicht in eine Realität, die der um 1200
nicht mehr entsprach.
Genauso wie er die nostalgisch konservativen Kunstauffassungen der Zeitgenossen mit den
Argumenten der Wirklichkeit entwaffnet hat, so radikal verfährt Meschendörfer auch im Be-
53
reich der Wertungsmaßstäbe (Traugott Teutsch und die „Karpathen“ - 1913). Man könne
wegen „unserer bescheidenen Verhältnisse“ eine minderwertige Literatur nicht tolerieren („Als

48
Emil Neugeboren: Dichtung, Publikum und Kritik. In: Tageblatt (Unterhaltungsblatt), Nr. 9155, 31. Jan. 1904. In:
Sienerth, Anm. 30, S. 199-204.
49
Ebd., S. 202.
50
Adolf Meschendörfer: Die „Karpathen“. In: Karpathen, 4. Jg., H. 1, S. 3-8 und H. 2, S. 40-43. Auch in Sienerth, Anm.
30, S. 238-241.
51
Ebd., S. 238.
52
Ebd., S. 239f.
53
Adolf Meschendörfer: Traugott Teutsch und die „Karpathen“. In: Karpathen, 6. Jg., 1913, H. 23, S. 708-726. In:
Sienerth, Anm.53, S. 245-247.

328 ZGR 1-2 (25-26) / 2004, 1-2 (27-28) / 2005


Die rumäniendeutsche Literatur: Sonderstatus und Wertungsproblematik
54
wenn ausgerechnet für die siebenbürgisch-sächsische Literatur andere Gesetze gelten...“ ),
sondern müßte sie an echten ästhetischen Maßstäben, die den ganzen politischen und
literarischen Kontext in Betracht ziehen, gemessen werden. Auch wenn radikal ausgedrückt,
entsprang die Mahnung zur Schöpfung wertvoller Werke dem Bedürfnis, die siebenbürgische
Literaturbühne so schnell wie möglich zu modernisieren und mit der binnendeutschen gleich-
zuschalten.
55
Ein paar Jahrzehnte später beklagen Peter Motzan und Emmerich Reichrath den Mangel
an „Synthesenarbeiten, panoramahaften Überblicken, monographisch angelegten Studien, von
56
methodischen Anweisungen und richtungweisenden Situationserhellungen“ . Dieser Mangel
zeugte von einer Lage, die Dieter Schlesak mit radikaler Nüchternheit zusammenfaßt: „[...] der
57
Hauptmangel unserer Literaturkritik besteht darin, daß sie eigentlich gar nicht existiert.“ Er
weist auf Heinz Stǎnescus erstes und damals einziges nach 1944 vom Standpunkt der
58
Literaturkritik geschriebenes Buch hin , aber außer diesem seien fachliche Studien dieser Art
nicht vorhanden, sondern nur „gelegentlich auf Bestellung geschriebene Rezensionen für ver-
schiedene Zeitungen oder Zeitschriften“. Schlußfolgernd fügt er hinzu: „Wir haben keine
Literaturkritiker. Und ohne Literaturkritiker - keine Literaturkritik. Wir haben zu unserer
deutschsprachigen Literatur nur eine Kritik ad hoc.“59
Was auch Reichrath (Die Rezension zwischen Journalistik und Literaturkritik. Überlegungen
zur Buchbesprechung in der deutschen Tages- und Literaturkritik) - 1973 bestätigt, indem er
die Unfähigkeit zum Unterscheiden zwischen Zeitungsrezension und Literaturkritik bloßstellt.
Weiterhin beschreibt er drei verschiedene grundsätzliche Haltungen im Bereich der Urteils-
findung, unter denen die letzte als Vorschlag angenommen wird. Entweder tendierte die Kritik
zur „modernen Literatur der deutschsprechenden Länder als Bezugspunkt“ oder betrachtete
man „jedes Buch einheimischer Produktion für sich allein“, ohne es „in [...] Zusammenhänge“
zu stellen und es „an seinen eigenen Ansprüchen“ zu messen. Der Idealfall wäre Reichraths An-
sicht nach die Erfassung „rumäniendeutscher Literatur in ihrer speziellen soziologisch-
kulturellen Determiniertheit“, um „daraus die Kriterien für ihre ästhetische Beurteilung abzu-
leiten.“
Die Schwierigkeiten der Anfänge einer literaturwissenschaftlichen Tätigkeit erwähnt
Motzan als Argument für die Notwendigkeit einer vernünftigen Kritikform, die kein „pauschales
60
Verdammungsurteil“ fallen sollte. Das Problem der Maßstäbe müßte folglich mit Vorsicht be-
trachtet werden, da sie geschichtlich relativierbar sind. Der Verfasser leugnet die wohl-
bekannten Schwächen, denen die rumäniendeutsche Literatur beschuldigt wird, wie
„Konservativismus, übersteigertes Nationalgefühl, Tendenz zur Abkapselung“ nicht, plädiert

54
Ebd., S. 247.
55
Emmerich Reichrath: Die Rezension zwischen Journalistik und Literaturkritik. Überlegungen zur Buchbesprechung in
der deutschen Tages- und Literaturkritik. In: NL 9/1973.
56
Peter Motzan: Überlegungen zu einer Geschichte der rumäniendeutschen Lyrik nach 1945. In: Reflexe. Kritische Bei-
träge zur rumäniendeutschen Gegenwartsliteratur. Hg. v. Emmerich Reichrath. Bukarest: Kriterion 1977, S. 21.
57
Dieter Schlesak in: Vom Beschreiben zum Urteilen – vom Urteil zur Wirkung. Neue Literatur-Rundtischgespräch zu
Fragen der deutschen Literaturkritik. In: NL 3-4/1968, S. 8-31, hier S. 9.
58
Heinz Stǎnescu: Berichte, Bukarest 1967.
59
Schlesak, ebd.
60
Motzan, Anm. 54, S. 22.

ZGR 1-2 (25-26) / 2004, 1-2 (27-28) / 2005 329


Raluca Rădulescu

jedoch für eine Methode, die das Verhältnis von Historizität und Aktualität dialektisch be-
leuchtet.
61
Motzan rekuriert auf Csejkas Studie Eigenständigkeit als Realität und Chance , in der „die
Wechselwirkung von gesellschaftlicher und literarischer Entwicklung“ im politisch-
soziologischen Aktionsfeld als Steuerungsfaktor im Literaturprozeß angenommen wird. Csejka
spricht sogar von einer „Kongruenz von sozialem Status, psychischen und linguistischen Be-
sonderheiten und Wortkunstwerk“. Maßstäbe entstünden in Csejkas Sicht im Rahmen „der sich
bildenden Tradition“, indem man darunter eine Synchronie in der Diachronie zu verstehen hat,
62
wobei die Vergangenheit eine mitformende Funktion auf die Gegenwart ausübt.
Es gehört zum Sonderstatus der neueren rumäniendeutschen Literatur, daß sie die Einflüsse
der beiden größeren Literaturen, der deutschen und der rumänischen, katalytisch verarbeitet
und verwertet, und sich weniger auf ihre einheimischen Vorbilder besonnen hat. Zum Beispiel
ist es fragwürdig, ob die „Klassiker“ Alfred Margul-Sperber, Oskar Walter Cisek oder Adolf
Meschendörfer die Nachkriegszeitautoren wesentlich beeinflußt haben, oder ob Wolf
Aichelburg oder Franz Liebhardt ihnen näher als Marin Sorescu oder Brecht waren, und zwar
aus dem Grunde, weil diese Literatur „nicht so renommierte Vorläufer besaß“ , immerhin nicht
solche, auf die man „bauen“ konnte. Der seit 1965 erfolgte Einbruch der Moderne und deren
Übernahme, zu der auch Hugo Friedrichs Struktur der modernen Lyrik beigetragen hatte, wird in
der epigonalen Form ebenfalls in Frage gestellt, und in Verbindung mit Harald Krassers Aus-
sage, die rumäniendeutsche Kunst schwanke zwischen „der Enge einer Heimatkunst ... und
63
einer übernommenen Bildungsdichtung“ , das heißt zwischen Provinzialismus und unkritischer
Aneignung fremder Einflüsse. Ohne sich diesen Extremfällen zu unterwerfen, sollte sie in ihren
spezifisch-einheimischen Elementen das Überholte und bloß Importierte vermeiden.
Dies wird auch vo einem Kritiker verlangt, der eine „angewandte Ästhetik“ betreiben muß.
Er sollte sich von der Vorbestimmtheit durch seine Leseerfahrungen aus den deutschen
Nationalliteraturen nicht beirren lassen, und „immer auch den zeitgeschichtlichen Moment mit
64
einbeziehen, auf dem die Literatur wächst“. Eine solche „Rezeptionsästhetik“ nehme sowohl
die „Bedingtheiten des Rezipierenden wie auch des Rezipierten“ wahr. Die Anwendung einer
literatursoziologischen Methode garantiert eine außerliterarische Erhellung des Werkes, das
Ästhetische mit den sozialen, politischen, wirtschaftlichen Kontexterscheinungen verbindet.
Solchermaßen besteht nicht mehr die Gefahr einer einseitigen Urteilsfindung, sondern werden
die ästhetischen Kriterien durch die Erfahrung der Geschichte relativiert. Genauso wie man
historische Ereignisse in bestimmten Rahmen betrachtet, so muß man auch die Entstehungs-
und Wirkungsbedingungen der literarischen Produkte untersuchen, indem man ästhetische
Maßstäbe kontextualisiert und Akzentverschiebungen möglich werden. Nicht umsonst zitiert
Motzan Robert Minders für die moderne Minderheitenforschung geeigneten Standpunkt gegen
den Schluß seines Beitrags: „Die Wege wandeln sich; andere ästhetische Gruppierungen setzen
65
andere Wertakzente, Verborgenes tritt ans Licht und reißt uns mit“.

61
Gerhard Csejka: Eigenständigkeit als Realität und Chance. In: Neuer Weg, 20. März 1971.
62
Motzan, S. 24f.
63
Harald Krasser: Die deutsche Dichtung Siebenbürgens in unserer Zeit. In: KL 7, 1935, S. 280-282.
64
Motzan, Anm. 54, S. 28.
65
Robert Minder: Wozu Literatur, Reden und Essays. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1971, S. 63.

330 ZGR 1-2 (25-26) / 2004, 1-2 (27-28) / 2005


Die rumäniendeutsche Literatur: Sonderstatus und Wertungsproblematik

Sowohl die Literatur als auch die Kritik „werden von dem Gesellschaft- und Kommuni-
kationsraum [...] mitgeprägt“, wiederholt Motzan in dem Beitrag Rumäniendeutsche Lyrik-
66
Reflexion (1944-1974) - 1975 , auf eine Feststellung von Walter Hinderer verweisend, der auf
67
die soziologischen „Funktionserwartungen“ besteht. Der Verfasser betont seine rezeptions-
ästhetische Auffassung wieder, indem er die Interaktion zwischen Literatur-Kritik-Publikum in
den Vordergrund seiner Analyse stellt, die die Ausarbeitung einer „Bewertungsaxiomatik“ bei
einer richtigen Erfassung aller Determinationen der Gegenwartsliteratur benötigt.
Was nicht die Richtung nach dem Geschmack der Leser voraussetzt, wenigstens nicht eine
im Sinne der Vorliebe des Publikums für unakzeptable Pseudovorbilder wie Krimis und Trivial-
68
literatur. „Der Kritiker muß also [...] Distanz sowohl zum Autor als auch zum Leser wahren“.
Das von Krasser umrissene Dilemma der rumäniendeutschen Kunst nimmt Motzan neu auf
und veranschaulicht anhand der literarischen Entwicklung in der Nachkriegszeit Akzentver-
schiebungen in dem schwankenden Verhältnis zwischen „Heimatkunst“ und „Bildungs-
dichtung“, ohne jedoch ihr Weiterbestehen ganz zu leugnen, aus der Sicht, daß „Heimat und
69
Bildung wesentlich neue Inhalte haben“.
Einer ähnlichen entscheidenden Frage des Pendelns zwischen Extrempunkten wird auch die
Kritik ausgesetzt: „Vorsicht im Bemängeln, Übermaß im Lob der einheimischen Leistungen,
70
zwischen diesen beiden Polen bewegt sich [...] unsere ganze Kritik“. Die Gründe liegen in
demselben Minderwertigkeitskomplex, auf dem die unsichere Haltung dem Einheimischen und
Deutschen gegenüber beruht. Anders ausgedrückt, hat das Fehlen einer literaturkritischen
Tradition, in der rumänischen Literatur durch berühmte Namen vertreten – Cǎlinescu,
Maiorescu, Lovinescu, Vianu – die Ansetzung an einem Nullpunkt dringend verlangt. Erkennt-
nisse von Richard Csaki oder Karl Kurt Klein wurden nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs als
ideologisch befrachtet und reaktionär verdammt und beseitigt und durch neu ideologisierende
Vorschriften ersetzt. Die steuernde Funktion der Kritik, die Literatur in ihrem Werden begleitet
und mitformt, war in der kommunistischen Zeit zu einem bloßen Wunschbild geworden. In der
Tat waren beide Institutionen – Literatur und Kritik - zu Instrumenten der Parteipolitik ver-
urteilt, deswegen überrascht die blind lobende Haltung der Kritiker nicht, weil sie die Utopien
in sozialistisch realistischer Form bestätigen mußten. Man erklärt sich leicht, warum Mitte der
60er Jahre, da die Tauwetterperiode mit ihrer Liberalisierung einsetzte, die Kritiker mit der dop-
pelten Auslösung von Normen sowie aus der NS- als auch denen von Anfängen der
sozialistischen Epoche zu rechnen hatten. Folglich mußten neue Vorschriften geschaffen
werden, aber auch diesmal bestand die Gefahr, in die andere Richtung zu gelangen und zu
scharf und elitär zu wirken. Völlig gerechtfertigt ist die Annahme einer solchen Lage ebenfalls,
die ihren Ausdruck in der Entlehnung des kritischen Instrumentariums aus den deutschen
Nationalliteraturen findet. Doch wurde die Kritik unter diesen Bedingungen bedroht, „zur

66
Peter Motzan: Rumäniendeutsche Lyrik-Reflexion (1944-1974). In: NL 26 (1975), H. 8, S. 18-29 u. H.9, S. 83-109.
67
Ebd., S. 21.
68
Schlesak, Anm. 55, S. 27.
69
Ebd., S. 22.
70
Horst Anger: Schriftsteller und Publikum. In: Karpathenrundschau, 45 /6. Nov./1970, nach Motzan, S. 25.

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Raluca Rădulescu
71
permanenten Zernichtung“ und ihren Wirkungsaufgaben, ein mißtrauisches Publikum zu er-
reichen und den Schriftstellern zur Selbsterkenntnis zu verhelfen, nicht gerecht zu werden.
Weil diese gegensätzlichen Vorgangsweisen als Folgen der Sondersituation und Zwischen-
stellung der rumäniendeutschen Literatur erscheinen, muß der Kritiker als „rezipierendes
Bewußtsein“ sie besonders erwägen. Den Kontakt mit den rumänischen und ausländischen Er-
rungenschaften empfiehlt ihr die Literaturwissenschaft, aber „übernommene Wertungs-
72
prinzipien [...] dürfen [...] nicht unreflektiert“ übertragen werden. Die besonderen Be-
dingungen und das Potential darf man nicht übersehen, den „eigenen Gegebenheiten“ sollte
das „fremde“ Fachgut angepaßt werden.
Um das Verhältnis zwischen Sonderstatus und der Problematik einer angemessenen
Wertung besser zu schildern, hebt Motzan wieder die Rolle des soziologischen Elementes
hervor. Diesbezüglich führt er Erkenntnisse der damals neusten Kritikströmungen ein. Auf Rita
73 74
Schobers und Hermann Kählers Auffassungen beruhend, in denen „das literarische Werk als
Widerspiegelung der Wirklichkeit“ oder „künstlerisches Gleichnis“ und demzufolge die not-
wendige Berücksichtigung von der Kritik dieses zweidimensionalen Aspekts der Literatur-
75
„Kunstcharakter und Realitätsbezug [...] als dialektische Einheit“ - postuliert werden. Damit
fordert der Verfasser die Schaffung von an der Wirklichkeit messenden Maßstäben.
76
Die außerliterarische Realität als „Prämisse und Grundlage ästhetischer Transformationen“
ermöglicht eine von ausschließlich rein formalen Einschätzungen befreite Wertung. Eine an-
gemessene Kritik soll jedoch beides: Form und Inhalt berücksichtigen, und das Verhältnis von
Wirklichkeitsbezug und ästhetischer Stimmigkeit bzw. Innovation untersuchen.
Da kritisches Verstehen historisch bedingt ist, wird der Kritiker zum Mitschreibenden am
literarischen Leben und so kann Kritik im wirklich gestalterischen Sinne als sozial engagiert
werden.
Heinrich Stiehler (Deutschsprachige Dichtung Rumäniens zwischen Utopie und Idylle (1974)
bestätigt die von Motzan und Csejka umrissenen Zusammenhänge vom Literaturauftrag und
literaturkritischen Analyse. Die rumäniendeutsche Literatur kann „nicht in eine Vergleichsebene
gerückt werden [...] mit der Literatur, die heute zwischen Basel und Weimar, zwischen
Hamburg und Wien entsteht, weil die Schreibenden aus diesem Raum sich mit anderen Pro-
77
blemen sowohl inhaltlicher wie formaler Art auseinanderzusetzen haben“.
Minderheitenliteraturen müssen „in ihrem spezifischen Kontext von Entstehung und Rezeption,
in ihren soziokulturellen, schreibpsychologischen und sprachlichen Determinanten“ verstanden
werden.

Literatur :

71
Peter Motzan: Rumäniendeutsche Lyrik-Reflexion, Anm. 64, S.25.
72
Ebd., S. 26.
73
Rita Schober: Zum Problem der literarischen Wertung. In: Weimarer Beiträge, 7/1973, S. 10-53.
74
Hermann Kähler: Der kalte Krieg der Kritiker, Berlin, 1974, S. 120.
75
Motzan, Anm. 64, S. 26.
76
Ebd., S. 27.
77
Vgl. Heinrich Stiehler: Deutschsprachige Dichtung Rumäniens zwischen Utopie und Idylle. In: Akzente 21 (1974), H.1,
S. 21-52, hier S. 21. Stiehler zitiert an dieser Stelle Alfred Kittner.

332 ZGR 1-2 (25-26) / 2004, 1-2 (27-28) / 2005


Die rumäniendeutsche Literatur: Sonderstatus und Wertungsproblematik

1. CSEJKA, GERHARD: Eigenständigkeit als Realität und Chance. Zur Situation der rumäniendeutschen Li-
teratur. In: Neuer Weg, 20.03.1971.
2. CSEJKA, GERHARD: Über den Anfang. In: NL 5/1970.
3. CSEJKA, GERHARD: Bedingtheiten der rumäniendeutschen Literatur. Versuch einer soziologisch-
historischen Deutung. In: NL 8/1973.
4. DELEUZE, G./ GUATTARI, F.: Kafka. Für eine kleine Literatur. Frankfurt a. Main: Suhrkamp 1976.
5. Die deutsche Literatur Siebenbürgens. Hg.v. J. Wittstock/ S. Sienerth, 2 Bde., München: Südost-
deutsches Kulturwerk 1999.
6. GRUNEWALD, ECKHARD; SIENERTH, STEFAN (Hg.): Deutsche Literatur im östlichen und südöstlichen Europa.
München: Südostdeutsches Kulturwerk 1997.
7. GUłU, GEORGE: Abriß der Geschichte der rumäniendeutschen Literatur. (I. Teil: Von den Anfängen bis
1918). Tipografia Universită]ii din Bucure[ti, Bukarest 1986.
8. GUłU, GEORGE: Paul Celan - între intertextualism şi plagiat sau Creativitatea interreferenŃialităŃii, in:
Paradigma, Revistă multilingvă de cultură (ConstanŃa), anul 11, nr. 3-4 / 2003, p. 4-5.
9. GUłU, GEORGE: Paul Celan - zwischen Intertextualität und Plagiat oder interreferentielle Kreativität.
In: TRANS, Internetzeitschrift für Kulturwissenschaft, Wien, 15, Mai 2004 ([Link]
[Link]/trans/15Nr/03_6/[Link]).
10. GUłU, GEORGE / Zaharia, Mihaela (Hrsg.): Identität und Alterität. Imagologische Materialien für den
Landeskundeunterricht. Editura Universită]ii din Bucure[ti, Bukarest 2004, S. 143-186 (GGR-Beiträge
zur Germanistik, 11)
11. MARKEL, MICHAEL: „Ich wohne in Europa/ Ecke Nummer vier“: Identitätsprobleme einer Minderhei-
tenliteratur im Spiegel der siebenbürgisch-deutschen Literaturgeschichte. In: Schwob, A. (Hg.): Die
deutsche Literatur Ostmittel- und Südosteuropas von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis heute. For-
schungsschwerpunkte und Defizite. München: Südostdeutsches Kulturwerk 1992.
12. MECKLENBURG, NORBERT: Rettung des Besonderen. Zur Analyse und Kritik deutschsprachiger Min-
derheitenliteratur. In: N.M.: Die grünen Inseln. Zur Kritik des literarischen Heimatkomplexes. Mün-
chen 1986.
13. MOTZAN, PETER: Die rumäniendeutsche Lyrik nach 1944. Problemaufriss und historischer Überblick.
Cluj-Napoca: Dacia 1980.
14. MOTZAN, PETER: Die Szenerien des Randes: Region, Insel, Minderheit. Die deutsche(n) Literatur(en) in
Rumänien nach 1918 – ein kompilatorisches Beschreibungsmodell. In: Grunewald, Eckhard; Sienerth,
Stefan (Hg.): Deutsche Literatur ..., a.a.O.
15. MOTZAN, PETER: Überlegungen zu einer Geschichte der rumäniendeutschen Lyrik nach 1945. In:
Reflexe. Kritische Beiträge zur rumäniendeutschen Gegenwartsliteratur. Hg. v. Emmerich Reichrath.
Bukarest: Kriterion 1977.
16. Reflexe. Kritische Beiträge zur rumäniendeutschen Gegenwartsliteratur. Hg. v. Emmerich Reichrath.
Bukarest: Kriterion 1977.
17. RITTER, ALEXANDER: Germanistik als Deutschwissenschft. Zur NS- ideologischen Funktionalisierung
„Auslanddeutscher Literatur“ im „Dritten Reich“. (1994) In: A.R.: Deutsche Minderheitenliteraturen.
Regionalliterarische und interkulturelle Perspektiven der Kritik. Mit einer Bibliographie zur Forschung
1970-2000. München: Südostdeutsches Kulturwerk 2001.
18. RITTER, ALEXANDER: Germanistik ohne schlechtes Gewissen. Unterbrochener Diskurs zur Minderhei-
tenliteratur und die Erneuerung wissenschaftlicher Rezeption. (1985). In: Deutsche...; siehe oben.
19. RITTER, ALEXANDER: Neun Bukarester Thesen: Minderheitenliterarische Entwicklung und Forschungs-
perspektiven (1990). In: Deutsche...; siehe oben.

ZGR 1-2 (25-26) / 2004, 1-2 (27-28) / 2005 333


Raluca Rădulescu

20. RITTER, ALEXANDER: Von der Güte des Dichterwortes. Über deutschsprachige Literatur des Auslands und
des Literaturwissenschaftlers Not mir der Bewertung (1993). In: Deutsche...; siehe oben.
21. RITTER, ALEXANDER: Kulturengrenze und Textgeschichte. Bedingungen und Probleme der minderhei-
tenliterarischen Literaturgeschichtsschreibung (1996). In: Deutsche...; siehe oben.
22. Rundtischgespräch zur Standortbestimmung unserer Lyrik. In: NL 3-4/1967.
23. SCHWOB, A. (Hg.): Die deutsche Literatur Ostmittel- und Südosteuropas von der Mitte des 19. Jahr-
hunderts bis heute. Forschungsschwerpunkte und Defizite. München: Südostdeutsches Kulturwerk
1992.
24. SIENERTH, STEFAN: Rumäniendeutsche Literaturgeschichtsschreibung. Erkentnisse der letzten zwanzig
Jahre. In: NL 8/1986, S. 10-21.
25. SIENERTH, STEFAN: Kritische Texte zur sienbenbürgisch-deutschen Literatur. Vom Ende des 18. Jahr-
hunderts bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts. München: Südostdeutsches Kulturwerk 1996.
26. STIEHLER, HEINRICH: Deutschsprachige Dichtung Rumäniens zwischen Utopie und Idylle. In: Akzente
1/1974.
27. Strukturalismus und Kerwei. NL-Rundtischgespräch über aktuelle Probleme der deutschen Literatur-
kritik in Rumä[Link]: NL, 8/1970.
28. Vom Beschreiben zum Urteilen – vom Urteil zur Wirkung. Neue Literatur-Rundtischgespräch zu Fra-
gen der deutschen Literaturkritik. In: NL 3-4/1968.

334 ZGR 1-2 (25-26) / 2004, 1-2 (27-28) / 2005


DIE KULTURELLE EINHEIT EUROPAS
Franz Hutterer und die Besessenheit vom Südosten

Hans Bergel

Der Germanist und Historiker Franz Hutterer (1925-2002), mit Studium an der Münchner Lud-
wig-Maximilians-Universität, war von 1985 bis zu seinem Tod Präsident der Forschungsstelle „Südost-
deutsches Kulturwerk“, München, aus dem vor einiger Zeit das „Institut für deutsche Kultur und
Geschichte Südosteuropas“ hervorging. In Novi Sad in der serbischen Provinz Wojwodina geboren und
Schüler des dortigen ehemaligen deutschen Gymnasiums, wurde der Kulturraum des europäischen Süd-
ostens für ihn zum Lebensprogramm. Der Verbindung zu Persönlichkeiten, Universitäten und Akademien
in den geistigen Zentren der südosteuropäischen Länder über alle politischen Divergenzen hinweg,
widmete er während der letzten zwei Lebensjahre seine Kraft.
Dabei wurde ihm der aus Rumänien stammende Schriftsteller und Publizist Hans Bergel, Herausgeber
der Zeitschrift „Südosteuropäische Vierteljahresblätter“, München, zum Partner mit dem gleichen An-
liegen; die beiden gaben der Münchner Forschungsstelle in diesem Sinn eine Neuorientierung, die zur
Grundlage des heutigen Institus wurde. – In einem z. T. persönlich gehaltenen Aufsatz erinnert sich Dr.
h. c. Hans Bergel der gemeinsamen Arbeit mit Franz Hutterer. (Anm. d. Red.)
*
Trotz der rund fünf Jahrzehnte, die er in Bayern verbrachte – als Student, Buchautor und
Lehrer, als Ehemann, Familien- und Großvater, als gern zur Kenntnis genommener wacher
Geist, unkonventioneller wie enorm belesener Anreger und Anstoßer in Gremien didaktischer
uns wissenschaftlicher Einrichtungen -, blieb er bis zuletzt das Kind der Landschaft „am linken
Unfer der großen Donaubiegungen vor Belgrad“, wie er sagte – der Wojwodina, in der er 1925
das Licht und Dunkel der Welt erblickt hatte, des vielgesichtigen europäischen Südostens, jener
über das Ende der Habsburger hinaus habsburgisch gefärbten Lebensräume zwischen Adria,
Donau und Südkarpaten, mit denen der Mittel- und Westeuropäer so verzweifelt wenig
beginnen kann.
Sein Zorn auf die bismarcksche Balkanpolitik, wie sie im sogenannten Berliner Frieden von
1878 ihren Niederschlag mit den vorsehbaren späteren Spannungen gefunden hatte, seine Wut
auf nationalistische Positionen, Programme und deren Autoren vermochte ihn, den im Grunde
sanften, konzilianten Mann, zu Ausbrüchen zu treiben, die ihm die wenigsten zutrauten. Er war
und blieb sein Leben lang der Sohn jener Vielvölker-, Vielkulturen- und Vielsprachengeo-
graphien, denen wir alle, die wir dorther kommen, trotz unserer westlichen Aufgeklärtheit auf
eine fast magische Weise verfallen sind. Bei Franz Hutterer gewann das Bewußtsein solcher
Herkunft in den Konsequenzen, die er daraus zog, den Charakter eines grundsätzlichen Ent-
wurfs des Kulturverständnisses. In einem umfangreichen Doppel-Essay, den wir in einander
ergänzender Übereinstimmung im Jahr 1999 unter dem Titel „Europas kontrapunktische Ein-
heit“ im Blick auf Südosteuropa gemeinsam veröffentlichten, gefielen ihm an meinem Text be-
zeichnenderweise vor allem die Zeilen, in denen ich von der Vielfalt der Sprachen, Tänze und
Lieder, der Idiome, Lebensweisen und Volkstemperamente als einer Ganzheit gesprochen hatte,
deren Charakteristika in die Individualität eines jeden von uns einflossen.
Franz Hutterer war ein meisterhafter Erzähler. Dabei habe ich nicht sosehr seine überaus
erfolgreichen Jugendbücher vor Augen, die er etwa zwischen dem dreißigsten und vierzigsten
Lebensjahr veröffentlichte – ehe ihn der pädagogische und didaktische Eros übermannte – und
die erstaunlich oft übersetzt wurden, wie z. B. „Treue findet ihren Lohn“, von dem es Fassungen
in fast eienm Dutzend europäischer Sprachen gibt. Sondern ich denke an spätere novellistische
Hans Bergel

Erzählungen wie etwa „Djordje“, die ich für einen der besten von deutschsprachigen Autoren
Südosteuropas im 20. Jahrhundert geschriebenen Kurzprosatexte halte, auf dem Niveau etwa
der „Tatarin“ von Oskar Walter Cisek (1896-1966), des „Brautschmucks des Sebastian Hann“
von Andreas Birkner (1911-1998), der „Verfolgung“ von Erwin Wittstock (1899-1962), einiger
Episoden aus den „Maghrebinischen Geschichten“ des Gregor von Rezzori (1914-1998) oder der
„Bärin“ von Otto Alscher (1880-1944). Was Architektur, Spannungsgeflecht, epische
Atmosphäre, inhaltliche wie formale Konsequenz und Luzidität der Sprache angeht, ist
„Djordje“ jedem der genannten Texte vergleichbar.
Vom Tag der Lektüre an mahnte und drängte ich Franz Hutterer, sich des erzählerischen
Genius zu besinnen, mit dem er gesegnet war. Vergebens. Er hörte mir gelassen zu und sagte:
„Die Magnetkraft des Erziehungsgedankens stellte sich eines Tags als stärker heraus. Immanuel
Kants Axiom ‚Der Mensch wird durch Erziehung’ hat mich so fasziniert, daß alles andere in den
Hintergrund trat. Oder kannst du mir sagen, was es Wichtigeres und Befriedigenderes gibt als
die gestaltende Einwirkung auf junge Menschen?“ Nein, das konnte ich nicht.
Über lange Jahre hinweg Mitglied der angesehenen Bayerischen Schulbuch-Kommission,
schuf er sich über den Fachkreis hinaus einen Ruf im Umgang mit dem Komplex Bildung und
Erziehung, über den mir der Münchner Verleger Oldenburg bei einer Buchpräsentation sagte,
mit dem Namen des Historikers und Germanisten Franz Hutterer verbinde sich – so wörtlich -
„bei Kennern der Materie in Deutschland die Vorstellung des qualitativ anspruchsvollen Schul-
lehrbuchs“. Hutterer war von der Idee des „sachlich ausgeglichenen, gedanklich und emotionell
ansprechenden und anregenden“ Unterrichtsbuchs geradezu besessen, wie mir in ungezählten
Diskussionen besonders während der ersten Jahre unserer Bekanntschaft klar wurde.
Wir lernten uns in der ersten Hälfte der 1980-er Jahre näher kennen, als er immer mehr in
den Mittelpunkt der Erörterungen um die Wahl des Vorsitzenden des Münchner „Südost-
deutschen Kulturwerks“ rückte - aus dem das heutige „Institut für deutsche Kultur und
Geschichte Südosteuropas“ hervorging – und unser beider künftige Aufgabe als Herausgeber
der Zeitschrift „Südosteuropäische Vierteljahresblätter“. Beiden war uns die Überfälligkeit einer
Korrektur in der Orientierung der seit 1951 bestehenden verdienten Einrichtung ein Anliegen, ja
sie erschien uns als unumgänglich; das waren damals fast ketzerische Erwägungen. Das heißt,
wir strebten trotz des rigorosen kulturpolitischen Nationalismus in den zu unseren Aufgaben-
bereich gehörenden kommunistischen Ländern Südosteuropas einen Kurs des übernationalen –
in der Funktionärssprache: des „grenzübergreifenden“ - Kontaktes und Dialogs an. Durch die
hermetische Isolation, mit der sich diese Länder abschotteten, und den Chauvinismus, mit dem
die Regierungen in Staaten wie Jugoslawien, Ungarn, Rumänien die historisch gewachsenen
deutschen Kulturpotentiale zum einen Teil zerstört, zum anderen ausgehöhlt hatten, waren die
Leiter des „Kulturwerks“ als auch die redaktionellen Betreuer der Zeitschrift gelegentlich der
Versuchung einer Reaktion auf gleicher Ebene erlegen.
Hutterer hielt den auf schiere Konfrontation angelegten Disput über die Grenzen hinweg
aus den sich vor dem Hintergrund der KSZE-Vereinbarungen abzeichnenden Veränderungen
heraus für ebenso fragwürdig wie ich, weil perspektivlos. Die Erlahmung des Kalten Kriegs zu-
gunsten keimender Gesprächsansätze erkannten wir als Chance. In ausgiebigen Erörterungen in
meiner Münchner Zeitungsredaktion suchten wir in den Jahren 1982 bis 1985 einen Weg, der
im Kontext der kontinentalen Entwicklung auch unsere kleine Institution aus der beiderseitigen
Erstarrung hinausführen sollte. Hutterer bestand darauf, ohne mich diesen Weg nicht ein-
schlagen zu wollen. 1985 wurde er Vorsitzender der Forschungsstelle „Kulturwerk“. Wie unsere
Programmvorstellungen aussahen, konnte als Ergebnis unserer Gespräche und Zusammenarbeit
336 ZGR 1-2 (25-26) / 2004, 1-2 (27-28) / 2005
Die kulturelle Einheit Europas. Franz Hutterer und die Besessenheit vom Südosten
in einem von mir verfaßten Text erst im März-Heft 1989 der „Südosteuropäische Vierteljahres-
blätter“ veröffentlicht werden, als ich die Mitherausgeberschaft übernahm; es ist das erste
Heft, in dem ich im Impressum der Herausgeber namentlich genannt werde. In diesem
Programmtext heißt es, daß „die europäische Perspektive der Zeitschrift künftig deutlicher
herauszustellen ist als bisher“; es ist von „der Einbindung südostdeutscher Themata in die Ein-
heit des multikulturellen Europa“ die Rede, außerdem von der „europäisierenden Tendenz des
Kulturlebens“ und von der „zunehmend deutlicheren Akzentuierung der europäischen
Komponente im Durchdenken und Begreifen unserer südostdeuschen Themenstellungen“, u. ä.
m. Die Botschaft war eindeutig. Schon nur aus der kurzen Distanz von fünfzehn jahren fällt es
schwer, sich die Brisanz der Richtungsänderung vorzustellen.
Obgleich wir uns seit Jahren kannten, kamen wir uns erst in diesen „Redaktionsgesprächen“
menschlich nahe – wie Hutterer unsere Begegnungen im Redaktionsraum in der
Sendligerstraße nannte – und merken, wie verwandt, ja wie gleichlautend die Vorstellungen des
aus der Wojwodina und des aus Siebenbürgen nach Bayern verschlagenen Südosteuropäers
waren. Der Deutsche aus der einst von Prinz Eugen den Europäern wiedergewonnenen Land-
schaft am linken Donauufer „vor Belgrad“ und der Deutsche aus der einst ordensritterlichen
Terra Borza in Transsilvanien nördlich der Südkarpaten trauten sich den Diskurs mit Personen,
Akademien und Universitäten durch den Eisernen Vorhang hindurch zu, weil sie beide die
Möglichkeit der Rückwendung in die südöstliche Komponente ihrer eigenen Persönlichkeit
längst vermißten und daher mit Ehrlichkeit den Gesprächspartnern jenseits der politischen
Grenze zu begegnen bereit waren.
Von unschätzbarem Vorteil bei dieser Begegnungssuche war – und blieb bis heute – die
intime und genaue Kenntnis nicht nur der Sprache, Literatur und Kultur der fraglichen Länder,
sondern ebenso die ihrer Lebens- und gesellschaftlichen Atmosphäre, ihres spezifischen Kultur-
verständnisses, der Tonlage ihres privaten und wissenschaftlichen Geprächs.
Im Blick auf die jugoslawischen Länder gehörte Franz Hutterer der letzten Generation an,
die diese Voraussetzungen mitbrachte. Das Serbokroatische war ihm vertraut wie eine zweite
seelische und geistige Heimat – was etwa seine Verbindung zum Germanisten der Belgrader
Universität Professor Zoran Žiletič, seine Interviews in dortigen Periodika oder seine Über-
setzungen serbokroatischer Lyrik ins Deutsche belegen. Ja mich erstaunte nicht selten die Ein-
dringlichkeit der privaten Note seines Pledoyers für den Dialog mit dem gesamten serbo-
kroatischen Kulturraum. Er war, gleich mir, erzürnt über die generelle deutsche Unfähigkeit des
Gesprächs mit dem Südosten, die von der serbischen Literaturwissenschaftlerin Jelena Volič
1995 in einem aufsehenerregenden Essay mit der zusammenfassenden Feststellung in bitterem
Ton beklagt wurde: Wir haben bei euch in Deutschland keinen Gesprächspartner. „Unser Ruf in
die Ferne“, heißt es darin wörtlich, unser „Bedürfnis nach einem Austausch zwischen Gleich-
denkenden...“
Von uns beiden, die wir demselben Jahrgang angehören, war in diesen Zusammmenhängen
ich der Glücklichere – ich muß dies sagen, um die Lage am Vergleich deutlich zu machen. Des
Rumänischen fast ebenso mächtig wie des Deutschen, bewege ich mich auf der „lateinischen
Insel“ nördlich, östlich und südlich der Karpaten vom Bukarester Vorstadtjargon bis zur Sprache
des literarischen Disputs nicht nur auf bekanntem, sondern mir von Kind an zugewachsenem
heimatlichen Boden – nicht nur mit einer Anzahl von Buchübersetzungen und Medienauftritten
im Bewußtsein rumänischer Kulturkreise gelegentlich präsent, sondern – wie Victor Meier 1977
in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ feststellte – schon vor 1989/90 mit Buchtexten, die
als Samisdatliteratur unter Rumänen in Umlauf waren. Aber ich bin im Unterschied zu Franz

ZGR 1-2 (25-26) / 2004, 1-2 (27-28) / 2005 337


Hans Bergel

Hutterer nicht der letzte einer Generation, erst die nach mir Kommenden werden es sein.
Gleiches wie für Hutterer gilt aber auch hinsichtlich der mit einem bedeutenden deutschen
Kulturerbe ausgestatteten Slowakei, wo wir im Literaturchronisten und Buchautor Gerhard
Tischler den letzten nicht allein seiner Zipser Herkunftsgemeinschaft verbundenen, sondern
gleichermaßen im slowakischen Kulturboden wurzelnden Vertreter haben. Das gilt ebenso für
den Sprachwissenschaftler Kurt Rein im Blick auf die Bukowina. Usw. Ich sehe daher mit Sorge
dem Zeitpunkt entgegen, da die lebendige Unmittelbarkeit dieses west-südöstlichen Diwans
endgültig ersetzt sein wird durch den menschlich unverbindlichen blutleeren, ausschließlich
akademischen Austausch von Gedanken, über deren „Blässe“ sich Shakespeare bekanntlich aus-
ließ.
Franz Hutterer teilte diese Sorge. Ich bedauere es, daß er – bis zu seinem Tod im Jahr 2002
oberster Chef des „Kulturwerks“ in schwieriger, unser beider enges Freundschaftsverhältnis
zeitweilig überschattender Umbruchsphase – nicht mehr dazu kam, anstelle der „erstickenden
Verwaltungspest“, wie er sich unter vier Augen ungehalten Luft machte, die persönliche Be-
ziehung zu seinem auf schmerzhafte Weise geliebten Südosten zu pflegen und zu bereichern.
Diese Liebe machte ihn niemals blind für die historischen Belastungen und die gegenwärtige
bedrückende Thematik seines Herkunftsraumes. So wie er mit Eloquenz über Danilo Kišs
moderne serbische Romanwelt und über Alexander Tišmas sensible wojwodinische Seelenent-
hüllungen feinfühlig und kenntnisreich sprechen und schreiben konnte, so hart ging er mit den
geschichtlichen Verursachern und jüngsten Vorantreibern etwa der „ethnischen Säuberungen“
zu Gericht. Er wies ihnen deren Praxis schon im Umgang mit den Deutschen jener Landstriche
um die Mitte des vorigen Jahrhunderts nach. Aber zu seinem Weg des klärenden, Spannungen
abbauenden und all die erschreckend fest betonierten Vorurteile auflösenden Dialogs sehe ich
keine Alternative. Er ist die einzige Chance, über die Wirtschaft und das Geld hinaus unsere
immanente europäische Einheit widerstandsfähig herzustellen.
Franz Hutterer war nach Anlage seines Rezeptions- und Kommunikationsbedürfnisses ein
eher der lateinischen Ausformung des homme de lettres zugehöriger Geist als ein Repräsentant
des weitgehend dogmatisierten deutschen Literaturverständnisses. Lateinisch erschien mir an
ihm die Selbstverständlichkeit der Synthese aus literarischer und politischer – nicht ideo-
logischer! – Vernunft und Weltbetrachtung, die genuine Gleichzeitigkeit von profund
realistischer und ästhetischer Lebenswahrnehmung, die Natürlichkeit, die Unverkrampftheit der
intellektuellen Artikulationssicherheit, die bei den lateinischen Völkern quer durch die Gesell-
schaftsschichten zu beobachten ist; sie haben, befand Nietzsche gelegentlich, „die genuine
Beziehung zum Geist“. Es wäre reizvoll, die Herkünften dieser Persönlichkeitssubstanz Franz
Hutterers nachzuforschen, die sich trotz Studiums an der bayerischen Ludwig-Maximilians-
Universität erhielt und trotz der süddeutschen Klangfarbe seines Hochdeutsch im Alter an
Deutlichkeit gewann. Der Art nach lateinisch war an ihm auch die Präsenz des Historischen in
der Erörterung selbst der aktuellen Frage. Auf ihn angewendet, erlaubt das alte Wort: daß die
Franzosen nicht vergessen können, die Deutschen hingegen zu leicht vergessen, keine andere
Zuordnung. In einem Gespräch ereiferte er sich über die Haltung des ungarischen Grafen
Andrássy, der sich als Vertreter Wiens auf dem Berliner Kongreß mit dem Plan des militärischen
Eingriffs in Bosnien-Herzegowina gegen Fürst Bismarck durchgesetzt hatte, so sehr, daß ich ihn
mit dem Hinweis beschwichtigen mußte, es sei doch seither mehr als ein Jahrhundert ver-
strichen, und andere hätten dort mittlerweile weit größeres Unheil angerichtet.
Zu seiner „lateinischen“ Natur gehörte auch der Hunger nach dem, was die Franzosen
„l´information quotidienne“ nennen: der Hunger nach Kenntnis dessen, was sich soeben an

338 ZGR 1-2 (25-26) / 2004, 1-2 (27-28) / 2005


Die kulturelle Einheit Europas. Franz Hutterer und die Besessenheit vom Südosten
Wissenswertem auf der Welt zuträgt. Das machte ihn zum ausschweifenden Zeitungsleser.
Hutterer gehörte ja, abgesehen davon, jenen jüngeren Generationen der Deutschen an, die sich
nach Krieg und Kriegsteilnahme vollsaugten mit den vorenthaltenen amerikanischen,
französischen, englischen und anderen Autoren von Faulkner bis Bernanos, Camus und Sartre
bis Silone, Thomas Clayton Wolfe bis Hemingway. Döblin mit der Zeitschrift „Das Goldene Tor“,
Friedrich Sieburgs glänzende Aufsätze und Essays, Erich Kästners messerscharfe Texte in der
„Neuen Zeitung“, die „Frankfurter Hefte“, der „Merkur“, die Diskussionen der „Gruppe ´47“,
Weissmanns Zeitschrift „Die Fähre“ und Autoren wie Edzard Schaper und Reinhold Schneider
standen mit kaum noch vorstellbarer Faszination im deutschen Bereich für die neuen,
postbellischen Besinnungs- und Orientierungsmarken. Hinzu kamen für diese Generationen
Entdeckungen wie die Malerei Schmidt-Rottluffs, Kirchners, Noldes, die Skulptur Barlachs und
vieles andere...
Bei den Diskussionen über all dies, deren wir endlose führten, brachte der auch französisch
und englisch lesende Hutterer immer wieder den historischen Aspekt ins Spiel. Bei der Debatte
über Walsers letzten Roman murmelte es ebenso Schopenhauers Befindung über die Wertlosig-
keit des momentanen Applauses vor sich hin wie die Bemerkung des kolumbianischen Philo-
sophen Nicolás Gómes Dávilas: „Die Lautstärke des Beifalls besagt nichts.“ Und ich erinnere
mich eines Gesprächs über die Administration des Vereinten Europa, in dem er mit dem 1828
von Eckermann notierten Urteil aufwartete: „Unsere Zustände in Europa sind viel zu künstlich
und kompliziert“ – als stünde Goethe neben ihm.
Es trieb ihn also mehr als die nur journalistische Neugierde beim Griff nach der Zeitung um.
Ihm ließ vielmehr die Frage keine Ruhe, was unsere „Welt im Innersten zusammenhält“.
Vielleicht auch die traumatische Angst, aus Mangel an Information als Deutscher noch einmal
die falsche Entscheidung zu treffen.
Diese Informationsversessenheit machte ihn wohl auch zum Zauderer. Nicht nur als Leiter
einer Arbeitssitzung neigte er dazu, sich fast chaotisch im Endlosen seiner weitverstreuten
Bezugspunkte zu verlieren; er war daher auch lenkbar durch den strafferen Willen. Ich habe
kaum je wieder einen Menschen gekannt, der sich erkennbarer als Franz Hutterer ständig im
Licht der Goethe-Anmerkung bewegte: „Der Gedanke weitet, aber er lähmt, die Tat befreit, aber
sie verengt.“
Doch seine unwiderstehliche Neigung, nichts Wesentliches zu übersehen, machte ihn
andererseits auch fähig, den kleinen Kosmos der Region in überzeugender Weise in den grö-
ßeren Kosmos der kontinentalen Kulturschau einzufügen. Und ich kenne nur wenige, die mit
seiner sachlichen Argumentationseloquenz darüber zu sprechen vermögen.
Dies vor allem macht mir die Erinnerung an ihn zur Kostbarkeit: daß er bei seinem sowohl
ins Historische als auch ins Philosophische ausgeweiteten Horizont das Nächste nie vergaß –
die Landschaft Wojwodina an der großen Donaubiegung nach Südosten.

ZGR 1-2 (25-26) / 2004, 1-2 (27-28) / 2005 339


ZUM BEZIEHUNGSGEFLECHT DER CZERNOWITZER DICHTER ∗1)
Aus dem Nachlass von Rose Ausländer: „Lieber Sperber! Ich wollte, ich
könnte einmal in einer hellseherischen Anwandlung die Mysterien Ihres
periodischen Schweigens ergründen.. “1

Helmut Braun

Rose Ausländer hat einen ungewöhnlich umfangreichen Nachlass hinterlassen: 20.000


Seiten Manuskripte und Typoskripte, 12.000 Briefe – davon 4.000 Durchschläge eigener Briefe -
, 800 Bücher aus ihrer Handbibliothek, Dokumente und Fotos. Die deutschsprachigen Gedichte,
somit etwa 19.000 Seiten der Manus- und Typoskripte, die Briefe und die Handbibliothek sind
2
mittlerweile edv-mäßig dokumentiert und können im Heinrich-Heine-Institut in Düsseldorf
eingesehen werden.
Hinzu kommen etwa 3.000 Seiten Manuskripte und Typoskripte, 250 Fotos, Briefe und eine
Vielzahl Dokumente, die von Rose Ausländer sind oder sie betreffen, aus dem Nachlass von Max
Scherzer, ihrem Bruder, sowie von verschiedensten Personen stammen, mit denen die Dichterin
3
in Kontakt war und die dem Archiv der Rose Ausländer-Stiftung in Köln übergeben wurden.
Naturgemäß machen die Materialien aus der Zeit bis 1946 den geringeren Teil des Nach-
lassbestandes aus. Trotzt der Shoa und des 2. Weltkrieges konnte Rose Ausländer aber
Manuskripte, Briefe, Fotos und Bücher anderer Bukowiner Dichter teilweise retten, so dass sich
ihre Beziehungen zu diesen, beziehungsweise deren Beziehungen untereinander, wenn auch
rudimentär aufzeigen lassen.
Zunehmend gibt es Bemühungen, die Bestände verschiedener Nachlässe abzugleichen und
wo es sinnvoll ist, auch in Kopie oder Druck zusammenzuführen. Eine Goldgrube hiefür ist
∗2
zweifelsohne der von George GuŃu verwaltete und zunehmend erschlossene Nachlass von
4
Alfred Margul-Sperber im Literaturmuseum in Bukarest.
Wenn demnächst eine umfangreiche Auswahl aus den Briefwechseln mit Margul-Sperber
5
erscheint, werden auch die Briefe Rose Ausländers aus dem Margul-Sperber-Nachlass mit den
Briefen Margul-Sperbers aus dem Ausländer-Nachlass vereint vorliegen. Deshalb wird in dem

∗1)
Zu vorliegendem Aufsatz siehe die Anmerkungen der Redaktion auf der letzten Seite des Aufsatzes. (Anm. d. ZGR-
Red.)
1
Brief Ausländers an Margul-Sperber vom 19. August 1939, Sperber-Nachlass Nr. 25002-339, Literaturmuseum
Bukarest. Die Briefe und Karten von Ausländer an Margul-Sperber wurden in Neue Literatur, Bukarest, Jg. 39 (1988),
Heft 8 u. 9, veröffentlicht.
2
Heinrich-Heine-Institut, Bilker Str. 12 – 14, 40221 Düsseldorf. Zuständig für Ausländer-Nachlass: Frau Köster. Der
Nachlass ist nach vorheriger Terminabsprache einsehbar.
3
Rose Ausländer-Stiftung, Blücherstr. 10, 50733 Köln. Der Ausländer-Nachlass ist nach vorheriger Terminabsprache
einsehbar. e-mail: RoseAuslaender-Stiftung@[Link]
∗2
Verwaltet wird der Nachlass wie das gesamte Museum von der Leitung des Museums für Rumänische Literatur in
Bukarest. Zugang zu dem Nachlass hatten und haben alle Interessenten. (A. d. ZGR-Red.)
4
Der Sperber-Nachlass ist nach vorheriger Terminabsprache im Literaturmuseum Bukarest einsehbar.
5
Die Sperber-Briefwechsel erscheinen im Verlag des Instituts für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas,
München, voraussichtlich 2005. Herausgeber George GuŃu, Peter Motzan, Stefan Sienerth.
Zum Beziehungsgeflecht der Czernowitzer Dichter. Aus dem Nachlass von Rose Ausländer

folgenden Text nur in einem Exkurs und mit Querverweisen auf diesen Briefwechsel ein-
gegangen.
Die sich im Ausländer-Nachlass befindenden sehr interessanten Materialien zu Paul Celan,
6
werden im Frühjahr 2004 in einem Buch ausführlich vorgestellt und sollen ebenso wenig
7
Gegenstand dieser Ausführungen sein, wie auch der Briefwechsel mit Alfred Kittner und der
Briefwechsel mit der – im Czernowitzer Kontext bisher nicht beachteten – jiddischen Autorin,
8
Übersetzerin und Herausgeberin Vera Hacken, da beide ebenfalls in Kürze in Buchform vor-
∗3
liegen werden.
Im Ausländer-Nachlass finden sich Materialien zu Alfred Margul-Sperber, Moses Rosen-
kranz, Alfred Kittner, David Goldfeld, Georg Droszdowski, Kubi Wohl, Siegfried Laufer, Vera
Hacken, Ewald Ruprecht Korn, Hanna Kawa, Eliezer Steinbarg, Itzik Manger, Helios Hecht und
zu Paul Celan, Immanuael Weissglas und Alfred Gong.
Im Folgenden werden die Briefe von David Goldfeld an Rose Ausländer vorgestellt, daran
schließt sich ein notwendiger Exkurs Alfred Margul-
Margul-Sperber an; es folgen Briefe – Rose Aus-
Aus-
länder, Hanna Kawa, Ewald Ruprecht Korn -, die einen lebensrettenden Einsatz für Rose Aus-
∗4
länder während der Shoa 1943/44 dokumentieren und schließlich die Nachträge 1-3 : Rose
Ausländer – Moses Rosenkranz.

Briefe von David Goldfeld an Rose Ausländer


Ausländer
Im Nachlass von Rose Ausländer haben sich vier handschriftliche Briefe und ein Brieffrag-
ment von David Goldfeld erhalten, die er zwischen dem 26.10.1939 und dem 02.04.1940 an die
Dichterin geschrieben hat. Die Antwortbriefe Rose Ausländers sind nicht erhalten, bzw. bis
heute nicht aufgefunden. Allerdings gibt es in zwei Briefen Ausländers an Margul-Sperber aus
dem Jahre 1935 Hinweise auf Goldfeld, die darauf schließen lassen, dass sie diesen Dichter
bereits etwas länger, vermutlich aus der Zeit von 1931 – 1933, als sie in Czernowitz lebte,
kannte. Zur Zeit des Briefwechsels lebt Rose Ausländer in Bukarest, David Goldfeld in
Czernowitz.

6
Braun, Helmut: Du hast mit deinen Sternen nicht gespart. Zum Verhältnis von Rose Ausländer und Paul Celan. Erscheint
im Okt. 2004 im Dittrich Verlag, Köln.
7
Das Gerhart-Hauptmann-Haus, Bismarckstr. 90, 40210 Düsseldorf, hat eine Ausstellung zu Alfred Kittner. Diese wird
2004 deutlich erweitert und es erscheint dazu ein Begleitbuch im Rimbaud Verlag, Aachen. Herausgeber Walter Engel
und Helmut Braun.
8
Der Briefwechsel Ausländer/Hacken erscheint im März 2005 in der Schriftenreihe der Rose Ausländer-Stiftung.
Herausgeber Helmut Braun.
∗3
Briefe von Rose Ausländer an Alfred Kittner, die sich im Kittner-Nachlass des Bukarester Zentrums für Geschichte
der Jüden in Rumänien, Aktenbündel VIII 73/A) befindet, wurden von George GuŃu veröffentlicht in: „Stundenwechsel.”
Neue Perspektiven zu Alfred Margul-Sperber, Rose Ausländer, Paul Celan, Immanuel Weissglas. Hrsg. V. Andrei Corbea
Hoişie, George GuŃu, Martin A. Hainz, Editura Paideia, Bucureşti / Editura UniversităŃii “Al. I. Cuza”, Iaşi / Hartung-Gore
Verlag, Konstanz 2002, S. 393-402. (A. d. ZGR-Red.)
∗4
Zu Nachtrag 3 siehe die Anmerkungen der Redaktion am Ende des Aufsatzes. (A. d. ZGR-Red.)
ZGR 1-2 (25-26) / 2004, 1-2 (27-28) / 2005 341
Helmut Braun
9
Der Bukowiner Lyriker Goldfeld wurde 1902 geboren. Er veröffentlichte Anfang 1940 den
Gedichtband Der Brunnen im Verlag Literaria in Czernowitz. Wie alle Bücher, die in diesem Ver-
lag erschienen, handelte es sich um eine vom Autor vorfinanzierte Buchausgabe. Goldfeld hat
auch gelegentlich in Czernowitzer Tageszeitungen und Anthologien publiziert. Er starb 1942 im
Getto von Czernowitz an Tuberkulose. Ausländer besaß seinen Gedichtband und schätzte seine
Lyrik.
Ein erster Verweis auf Goldfeld findet sich auf einer an Margul-Sperber und seine Frau ge-
richteten Postkarte Ausländers aus Bukarest vom 1. April 1935. Sie teilt ihre Freude über ein
bevorstehendes Treffen mit den „lieben Freunden“ mit, so die Anrede der Karte und fügt hinzu:
10
Herr Goldfeld freut sich nicht minder auf Ihr Kommen: Sie dürfen uns wirklich nicht enttäuschen!
Wir wissen nicht, wo das Treffen stattfand; Czernowitz kommt in Frage, da Goldfeld in
Czernowitz lebte, und Ausländer häufiger dort bei ihrer Mutter zu Besuch war. Wir wissen auch
nicht, welches Ergebnis das Treffen erbrachte. Nahe liegt aber, dass Goldfeld Margul-Sperber
Gedichte übergab, denn in ihrem nächsten Brief vom 24. Juli 1935 an Margul-Sperber geht
Ausländer auf Gedichte Goldfelds ein:
Lieber Freund Sperber! Erst heute ist es mir möglich, diese paar Zeilen an Sie zu schreiben. Durch
Goldfeld höre ich, dass ein Brief an mich verloren gegangen sein soll. Das schmerzt mich –
11
umsomehr als Sie mir so gut wie nie schreiben. ... Ich höre, Sie sind von Goldfelds Arbeiten be-
geistert. Die wenigen Gedichte, die er mir einmal vorgelesen hat, hatten ein besonderes Aroma, eine
tiefe und strömende Musikalität, ja fast schon Melodien in sich. Mir sagt seine Art weit besser zu
12
als die Dichtung des gewiss sehr bedeutenden Rosenkranz. Die allzu geschliffene, architektonische
Form d.(es) R.(osenkranz) erinnert doch zu sehr an den Germanen St. George, der, bei aller reinen
13
Schönheit des Gestalteten, mich doch kalt ließ.
Ende Juli 1939 erscheint Rose Ausländers erstes Buch Der Regenbogen im Czernowitzer
Literaria-Verlag. An David Goldfeld sendet sie ein Widmungsexemplar. In seinem Dankesbrief
vom 26.10.1939 schildert Goldfeld welchen Eindruck die Gedichte dieses Bandes auf ihn
machen.

9
Mit Ein Bukowiner Lyriker war die Rezension des Gedichtbandes Der Brunnen von Goldfeld durch Margul-Sperber
überschrieben, die im Czernowitzer Morgenblatt 1940 erschien.
10
Zitiert nach ...das Ohr an die Quellen legen, Briefe von Rose Ausländer an Alfred Margul-Sperber. Zusammengestellt
von Horst Schuller-Anger und George GuŃu, [Link], in Neue Literatur, Bukarest, Jg. 39 (1988), Heft 9, S. 54.
11
Ausländer mahnt immer wieder Antworten auf ihre Briefe bei Margul-Sperber an. Dieser erklärt mehrfach, Briefe von
ihm an Ausländer seien verloren gegangen.
12
Moses Rosenkranz (1904 – 2003), Bukowiner Lyriker. Die Einschätzung Ausländers bezieht sich offensichtlich auf
dessen Buch Leben in Versen, das 1930 erschien. 1936 veröffentlichte Rosenkranz den Band Gemalte Fensterscheiben
und 1940 folgte die Gedichtsammlung Die Tafeln. Rosenkranz lebte seit 1961 in Deutschland. Er starb im Mai 2003 in
Kappel/Lenzkirch im Schwarzwald.
13
Siehe Anmerkung 1, ebenda.

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Zum Beziehungsgeflecht der Czernowitzer Dichter. Aus dem Nachlass von Rose Ausländer

CernăuŃi, 26.X.39.
Liebe Frau Ausländer,
Sie werden auf mich gewiss schon sehr böse sein. Ich weiß auch wirklich kaum, was mich ent-
schuldigen könnte, außer etwa meine Krankheit, die ich aber nur für einen Teil der verstrichenen
Zeit als Milderungsgrund heranziehen kann. Der wahre Grund, warum ich auf Ihr schönes Geschenk
solange nicht Dank gesagt habe, dürfte doch der sein, dass es mir in der letzten Zeit immer
schwerer wird, mich schriftlich auszusprechen, umso schwerer, je mehr ich zu sagen hätte. Lassen
Sie mich also, wenn auch spät, von ganzem Herzen für Ihre Zuwendung danken. Ich lese viel in
Ihren Gedichten und sie sind mir dauernd eine Freude und ein Genuss. Besonders die Abteilung
Rausch des Herzens und Des Geliebten Nächte zu entzünden gehören zum schönsten, was ich seit
langem las. Sie haben in Ihren Gedichten die Dichterin Else Lasker-Schüler an Gestaltung und
visionärer Bewegtheit weit übertroffen. Aber darüber hinaus besitzen Sie im ersten Teil des Bandes
herrliche Formungen und Lieder Ihres Weltgefühls, welche dem Liebesthema in vollendeter Weise
die Wage halten. Ich habe es immer als Mangel an Objektivität und Reife empfinden müssen, wenn
dichtende Frauen um jeden Preis jedem ihrer Erzeugnisse den Stempel des Weiblichen weithin
sichtbar aufdrückten und dabei vergaßen, dass auch die Frau gewiss einen großen Teil ihres Lebens
außerhalb der Sphäre ihrer Gattungsbestimmung zubringt und das dieser Teil ihres Lebens gewiss
nicht weniger intensiv gefühlt und erlebt wird:
Bei Ihren Schöpfungen hatte ich die Freude zu sehen, dass Ihre dichterische Kraft Sie über solche
Begrenztheit hinaustrug ...
Gedichte wie Bald, Eine Weile und Träume, die mich hingerissen haben, ferner An ein Blatt, Das
Auge, Die Spiegel und viele andere, stehen auf der hohen, klar umleuchteten Ebene alles Mensch-
lichen, das je einer dichterischen Seele sich entrang. Und wenn es ein Ziel der schöpferischen Frau
ist, ihr Werk in Bezug auf geistige Objektivität dem des Mannes gleichzustellen (und ich glaube, es
müsste ein solches Ziel geben) so haben Sie es durchaus erreicht...

Soll ich Ihnen noch sagen, dass Ihre Gedichte gerade meiner Auffassung über das Gedicht und das
Lied im Gedicht durchaus entsprechen?
Ich glaube, Sie wissen es. Aber außer all diesem ist mir Ihr Buch auch eine Ermunterung und eine
Bestärkung. Immer wieder nehme ich es zur Hand und auf dem dunklen Hintergrunde unserer Zeit
blühen mir Ihre Gedichte umso schöner ins Gemüt.
Alles Gute und Freude für weiter, wünscht Ihnen
Ihr
GOLDFELD
Meine Frau grüßt Sie herzlich.
Ende Januar 1940 erscheint auch das Buch Der Brunnen von David Goldfeld. Rose Ausländer
hatte, um diese Buchausgabe zu unterstützen, Subskriptionen bei Freunden und Bekannten in
Bukarest gesammelt. Goldfeld geht in seinem Brieffragment vom 03.02.1940 darauf ein.
CŃi. (CernăuŃi), 3. II. (1940)
Liebe Frau Ausländer,

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Helmut Braun

Endlich ist das Buch fertiggestellt und ich konnte heute die ersten Exemplare nach Bukarest senden.
Ich schickte sie an die Netti Langsam, und habe auch das Buch für Sie beigelegt. Mit großer Freude
hatte ich seinerzeit gehört, dass Sie für mich Subskriptionen sammeln, dass Sie also meine Sachen
einer solchen Bemühung wert hielten. Ich danke Ihnen von ganzem Herzen für Ihre Hilfe, die mir
besonders wertvoll war, auch darum, weil mein Freund Rosenkranz mir hier durch eine groß an-
gelegte Gegenaktion jede Sammlung unmöglich machte. Er entschloss sich nämlich seinen neuen
Band Die Tafeln, der bereits seit 1937 druckbereit ist, gerade jetzt zu veröffentlichen und dies ob-
wohl es besprochen war, dass er zuerst das Erscheinen meines Buches abwarten werde. Auch sonst
hat er es in jeder Weise versucht, mir Hindernisse in den Weg zu legen und war in seinen Mitteln
dazu – wie gewöhnlich – nicht wählerisch. Zum Glück wurde aber in Bukarest für mich um so mehr
getan. (Nicht entzifferbar) allerdings weiß ich jetzt, nachdem ich meinen Gedichten bei der Auswahl
so kritisch ins Gesicht gesehen habe als es möglich ist, nicht, ob ich recht daran getan habe, meine
Freunde so in Anspruch genommen zu haben. Mir kommt es vor, dass ich über ein mehr oder
weniger geschmackvoll betriebenes Dilettieren nicht hinauskomme. Zu partikulär, zu tagebuchartig
erscheinen mir meine Verse und ich weiß zum Schluss nicht, ob ich nicht doch mein Herz an ein
Nichts gehängt habe in all den Jahren. Ganz besonders drängt sich mir dies alles auf, wenn ich an
die Gedichte Rosenkranzens denke. (Der Rest des Briefes liegt nicht vor.)
Mehrfach hatte Rose Ausländer Alfred Margul-Sperber gebeten, ihr Adressen von Re-
14
zensenten und Dichtern zur Verfügung zu stellen. Aus unbekannten Gründen tat er dies nicht.
Schließlich hilft Goldfeld mit seinem Adressenbestand, den er von Alfred Kittner bekommen
hatte, aus.
CernăuŃi [Link].40
Liebe Frau Ausländer,
Ich kann es Ihnen nicht ausdrücken wie sehr mich die Vorgangsweise des Sp.[erbers], ganz be-
sonders in Bezug auf die Adressen, empört hat. Ich hatte ja nie auch Gelegenheit ihn näher kennen
zu lernen, aber jetzt habe ich auch gar keine Lust mehr dazu.
Ich schicke Ihnen heute 3 Listen. An die unter I. angeführten Adressen habe ich gesendet; und zwar
rekomandiert da mir gesagt wurde, dass es sonst unweigerlich verloren geht. Auch an die unter III.
genannten Herren habe ich geschickt. Liste II. ist vorläufig nicht raus[ge]schickt worden.
An Else Lasker-Schüler habe ich nicht geschickt, besitze aber auch nur die von Ihnen angeführte
Adresse.
Mir hat Kittner die Adressen besorgt. In kürze hoffe ich auch die Anschrift der Ricarda Huch zu er-
halten und werde sie Ihnen dann auch einsenden.
Haben Sie an die Deutsche Bücherei, Leipzig auch geschrieben? Dorthin müssen 2 Belegexemplare
geschickt werden. Sie müssten außerdem ungefähr schreiben, dass Sie die Bücher geschickt haben
und ersuchen, das Buch mit einem Preis von sagen wir RM 2,- in dem Täglichen Verzeichnis der
Neuerscheinungen anzukündigen. Auf diese Weise hat nämlich Sperber Bestellungen aus Deutsch-
land erhalten.
Mit dem fehlenden Exemplar verhält es sich so, dass mir Netti Langsam seinerzeit schrieb, ich
möchte ein Buch aus Ihrer Liste zurückbehalten, es werde bei mir persönlich abgeholt werden.

14
Siehe hierzu Ausländers Briefe an Margul-Sperber aus dem Jahre 1939 in der in Anmerkung 1 genannten Brief-
sammlung.

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Zum Beziehungsgeflecht der Czernowitzer Dichter. Aus dem Nachlass von Rose Ausländer

Deshalb schickte ich bloß 13. Ich sende das Buch heute an die gewünschte Adresse. Für Enric
Furtuna können Sie bei Herrn Josef Fleischer, Korrespondent bei der Sora Buc., der einige Bücher
zum Verkauf hat, ein Buch abholen lassen und in meinem Name jede Widmung die Ihnen einfällt
hineinschreiben lassen, und es ihm zusenden.
Uri Bernador ist mir adânc unsympathisch. Ich werde noch sehen. Den anderen rumänische(n)
Leute(n) zu senden habe ich nur geringes Interesse, da ich wenig Bücher habe.
(Nachträglich am Kopf der Seite notiert:) Ich besitze noch eine ganze Anzahl von Adressen jun-
ger deutscher Dichter und deutscher Literaturzeitungen, die ich Ihnen wenn Sie es wünschen geben
kann.
Mit der Gesundheit geht es letztens besser. Die Temperatur ist auf 37‘3 gesunken und verlässt mich
für Tage sogar ganz. Allerdings müsste ich jetzt, um mich richtig auszuruhen und um wieder ein
wenig Luftkur zu machen, wieder irgendwohin hinausfahren und hoffe, dass ich die Mittel bald auf-
gebracht haben werde. Der erwähnte J. Fleischer und ebenso auch Rea Schlomink (?) haben sich
bereit erklärt, für mich dort noch eine (?) Bücher zu verkaufen was (?) sehr erwünscht käme.
Hoffentlich werden sie bald etwas erreicht haben, denn (?) kaum was draus, da, wie ich höre,
R.[osenkranz] mit seiner Verkaufsaktion auch in Buk. begonnen hat (er fährt auch in den nächsten
Tagen hin) und seiner Geschäftstüchtigkeit ist man nur schwer gewachsen. Dabei kollidiert ja unser
Bekanntenkreis beträchtlich.
Ihren Brief wegen der Anthologie werde ich Kittner zeigen. Ich glaube kaum, dass sie zustande
kommt, da ich mit ihren Grundlinien gar nicht einverstanden bin und auch Sie werden gewiss die
Auswahl und die Verteilung kaum billigen können. Vernehmen Sie bloß vorläufig, dass in der Aus-
wahlliste des Kittners R.(osenkranz) mit 25, Sp.(erber) mit 30, ich mit 20, Kittner mit ebensoviel und
Sie und Drosdowski mit sage und schreibe je 4 (!!) Gedichten bedacht sind. Bitte halten Sie diese
Mitteilung vorläufig noch verschwiegen; (da ja letzten Endes nicht alles von Kittner abhängt und
man ja noch abwarten muss was Sp.(erber) meint) ich habe ihm jedenfalls schon gesagt, dass ich
bei solcher Aufteilung nicht mittue.
Ich danke Ihnen für Ihr Wünsche.
Seien Sie herzlichst gegrüßt von
Ihrem Goldfeld
Bei der geplanten Anthologie, von der Goldfeld am Ende seines Briefes spricht, kann es sich
wohl nur um die zweite angedachte Fassung von Die Buche handeln. Margul-Sperber versuchte
seit 1932 diese Anthologie mit Gedichten jüdischer Dichter aus der Bukowina herauszu-
∗5 15
bringen. Das Projekt konnte aus den bekannten Gründen nicht verwirklicht werden. Der Auf-
forderung, ihr Buch Der Regenbogen an die Deutsche Bücherei in Leipzig zu schicken, ist Rose

∗5
Ausführlich zur Geschichte dieser Anthologie in: George GuŃu, "Die Buche". Geschichte einer Anthologie. In: Deutsche
Regionalliteraturen der Zwischenkriegszeit in Rumänien. Positionsbestimmungen, Forschungswege, Fallstudien. Inter-
nationale Tagung - III. Kongreß der rumänischen Germanisten, Neptun/Schwarzmeerküste (Hg. P. Motzan, S. Sienerth),
München 1997, S. 149-176. (Anm. d. Red.)
15
Eine Darstellung der Geschichte der geplanten Anthologie Die Buche findet sich in: In der Sprache der Mörder, Aus-
stellungsbuch zur gleichnamigen Ausstellung des Literaturhauses Berlin, Hg. Wiesner und Wichner, S. 179 ff, Ber lin
1992.
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Helmut Braun

Ausländer nachgekommen. Der Band wurde 1939 unter der laufenden Nummer A 18811
registriert – Preis RM 3,- - und ist heute noch im Bestand vorhanden.
Aus dem nächsten Brief Goldfelds vom 26.03.1940 scheint zunächst wieder die Konkurrenz
mit Rosenkranz auf. Es scheinen sich in dieser Phase Anfang 1940, kleine Gruppen gebildet zu
haben – einerseits Goldfeld und Ausländer, andererseits Margul-Sperber, Kittner und Rosen-
kranz -, die sich konkurrierend bis ablehnend gegenüber standen. (Ich verweise auf den noch
folgenden Exkurs Ausländer/Margul-Sperber und die Nachträge Ausländer/Rosenkranz.)
Geradezu anrührend sind die Überlegungen Goldfelds, der sich offensichtlich der bedrohten
Situation der jüdischen Schriftsteller, ich denke der Juden insgesamt, bewusst ist, wenn er es
für wichtig hält, die Bücher der Bukowiner Lyriker bei deutschen Dichtern in Deutschland und
im Ausland zu hinterlegen, damit:
... unsere Gedichte an den richtigen Orten bereitliegen, für den Fall, wenn sich einmal etwas ändert
und wir vielleicht die Möglichkeit erlangen, vor einen größeren Leserkreis in Deutschland zu treten...
und ... trotzdem ist es ein gutes Gefühl, sein Buch Dichtern gleichsam in Verwahrung gegeben zu
haben...
Bitter ist hierzu anzumerken, dass keiner der namhaften Dichter, die die Bücher von Aus-
länder, Goldfeld, Rosenkranz, Kittner und Margul-Sperber erhielten, damals oder später ihre
Stimme öffentlich für einen der jüdischen Lyriker aus der Bukowina erhoben haben.
CernăuŃi, 26.3.40
Liebe Frau Ausländer,
Ich schicke Ihnen heute alle Adressen die ich noch besitze. Dass R[osenkranz] rät, nichts zu ver-
senden, sieht ihm ganz ähnlich. Ich glaube, man sollte es unbedingt tun und bedaure es nur, dass
ich leider zu wenige Exemplare drucken ließ. Denn abgesehen davon, dass der eine oder andere
doch irgendwie antwortet und man, wenn auch nur andeutungsweise, eine Art von objektiver
Stellungnahme erfährt, ist es gut, wenn unsere Gedichte an den richtigen Orten bereitliegen, für
den Fall, wenn sich einmal etwas ändert und wir vielleicht die Möglichkeit erlangen, vor einem
größeren Leserkreis in Deutschland zu treten. Mir haben bis jetzt außer Thiesfelder allerdings nur
drei Dichter geschrieben: Manfred Hausmann, Robert Faesi (?) (der mir auch sein neuestes Werk,
eine Kantate einsandte) und Max Hermann (dzt. London) und ich kann auch nicht sagen, dass ich
(außer bei Thiesfelder, der etwas eingehender war) für die richtige Abschätzung meiner Sachen
etwas gewonnen hätte, aber trotzdem ist es ein gutes Gefühl, sein Buch Dichtern gleichsam in Ver-
wahrung gegeben zu haben, auch wenn wir – wegen unserer jüdischen Namen – weniger Aussicht
haben auf ein Mehr, als zum Beispiel Sp.[erber]. –
Dass R[osenkranz] lügt, indem er sagt, dass er nichts versendet habe, durchschauen Sie wohl selbst.
Auch ... brauche ich Ihnen wohl kaum richtig zu stellen, welches seine eigentliche Haltung zu Ihrem
Buch hier war. Es gibt wohl kaum ein herabsetzendes und beleidigendes Wort – bis zum niedrigsten
Schimpfwort - dass er im Zusammenhang mit Ihren Versen, vor mir und allerorten, nicht gebraucht
hätte. R[osenkranz] war es auch, der den Kittner dahin gebracht hat, seine ursprünglich objektive
und gute Meinung über Sie vollkommen zu ändern. Was seine Versprechungen in Bezug auf die
Auswahl der Gedichte für die Anthologie betrifft, kann ich Ihnen nur soviel sagen, dass er nichts
anderes, als Ihre prinzipielle Einwilligung haben will.

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Zum Beziehungsgeflecht der Czernowitzer Dichter. Aus dem Nachlass von Rose Ausländer

Gedruckt wird dann ganz gewiss nur das, was ihm und den anderen für richtig erscheint, denn auch
K[ittner] hat hier sehr „freie“ Ansichten.
Über die Kritik des Sp[erber] habe ich mich sehr geärgert. Ich hätte gern auf die Bezeichnung
großer Lyriker und dergleichen mehr, verzichtet, wenn ich an Stelle solcher übertriebener, verlogen
journalistischer Phrasen eine sachliche Berichterstattung gelesen hätte, denn, dass man sich bei
einem Gedichtband Rosinen klauben muss ist nun einmal ein Problem der Lyrik überhaupt und es
war hinterlistig und niederträchtig darauf in einer Weise hinzudeuten, als verhielt es sich nur bei
meinem Buche so. Nehmen Sie die alte Mörike-Ausgabe zur Hand (Reclam): Unter 250 Gedichten
suchen Sie mit Mühe 60 vollkommene heraus und deshalb bleibt Mörike noch immer ein wahrer,
großer Dichter. Dass aber Sp[erber] sich soweit versteigen konnte, einfach zusammenzählen zu
wollen, wie viele Gedichte ihm gefallen haben (oder nach seiner Meinung gut sind) ist (abgesehen
davon, dass er sich selber Lügen straft, denn ich besitze eine schriftliche Auswahl von ihm, die weit
über sechzig Gedichte enthält) niederträchtig und das Mittel, ein Buch herabwürdigen zu wollen
und als kritischer Behelf einfach unerhört. Missverstehen Sie mich nicht: Ich weiß, dass man der
Lumperei eines jeden Feder führenden Ignoranten ausgesetzt ist, im Augenblick, in welchem man
sich entschlossen hat, etwas zu drucken. Was mich hier kränkt ist, dass Sp[erber] gegen eigenes
Besserwissen mir zum Vorwurf macht, was ausnahmslos jeden trifft, der Gedichte schreibt, nämlich,
dass er nicht lauter Meisterwerke zustande bringt (selbst die großen Rilke, Heine, George nicht),
weiter die Tatsache, dass Sp[erber] der vor dem Druck das vollständige Manuskript las und es mir
mit den Worten: Hier ist kein Gedicht zu viel zurückgab und später aus Burdujeni eine Liste von 63
vollkommenen Gedichte einsandte, so heuchlerisch und erzschuftisch vorgehen konnte. Ich will
schon garnicht reden von der unausgesprochenen Gegenüberstellung meiner Gedichte irgend-
welchen Meisterwerken in welchen der Eingeweihte sofort die des R.[osenkranz] erkennt. Das zeigt
ja nur von einer geistigen Hörigkeit.
Mich hat ein tüchtiger Ekel gepackt, nach all diesem. Vorläufig will ich mit diesen Leuten nichts
mehr zu tun haben, und habe den Kittner verständigt, dass ich bei der Anthologie nicht mittue. Es
wird ja eine umfangreiche Einleitung zum Buche von R.[osenkranz] und Sp.[erber] konziliert werden
und ich will nicht mehr für diese Herren Besprechungsobjekt sein. Wenn sie trotzdem über mich
schreiben, so habe ich wenigstens nicht dazu mitgeholfen. Ebenso wie ich es nicht werde verkünden
können, dass Sp.[erber] bei der demnächst über die Tafeln erscheinenden Rezension mich gewiss in
herabsetzender Gegenüberstellung verwenden wird, denn so ist es ja bekanntlich am leichtesten zu
16
loben.
Jetzt ist es aber ein gewaltiger Brief geworden.
Ich schließe.
Herzliche Grüße
Ihr
Goldfeld
Die Adresse des T. Mann ist, wie mir K.[ittner] versichert, bestimmt richtig. Er hätte sie
mehrmals gesehen; dort wohne auch Einstein. Wo A. Zweig wohnt, wissen wir nicht; auch die
Adresse der R. Huch habe ich noch nicht. Um den Ärger des David Goldfeld über die Margul-
Sperbersche Kritik nachvollziehbar zu machen – ich zweifle nicht, dass seine Ausführungen

16
Zur Ehrenrettung Margul-Sperbers: auf diese befürchtete Gegenüberstellung hat er verzichtet.
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Helmut Braun

bezüglich der Äußerungen Margul-Sperbers zu seinen Gedichten richtig sind – soll an dieser
Stelle die Rezension vom 02.03.1940 aus dem Czernowitzer Morgenblatt, die nicht leicht zu-
gänglich ist, vorgestellt werden.

Alfred Margul-
Margul-Sperber:
Sperber: Ein Bukowiner Lyriker
Es gibt Gedichtbücher, deren Substanz so komprimiert ist, dass es genügt, jede beliebige Verszeile in Prosa
aufzulösen, um den Stimmungsgehalt eines ganzen Gedichtes zu erhalten. Solche Bücher wiegen schwer,
aber sie sind dem Durchschnittsleser in der Regel auch schwer zugänglich: in ihnen stellt jedes Gedicht
die Summe vielfacher und sehr verschiedenartiger lyrischer Erlebnisse und das Resultat einer auch auf das
Worterlebnis gerichteten sprachlichen Bemühung vor. Von einer Stimmung schlechthin kann bei solchen
Gedichten kaum die Rede sein, sondern nur von einem Lebensgefühl oder Weltgefühl, ebenso wie der sie
auslösende Anlass niemals ein Einfall oder Eindruck sein kann, sondern nur eine seelische Erfahrung. Ge-
dichte dieser Art sind mühevoll geworden, aber sie geben sich auch nur spröde der werbenden An-
näherung des Lesers.
Dann gibt es wieder Gedichtbücher, die zu der ganzen Welt sprechen, In ihnen überwiegt die poetische
Redensart, der lyrische Tonfall des Allzumenschlichen und der Weg des dichterischen Erlebnisses führt
darin oft über die haarscharfe Schneide zwischen Ergriffenheit und Banalität, Trauer und Sentimentalität.
Ihr Gefühl geht mehr in die Breite, als in die Tiefe. Ihre Dichter erliegen allzu leicht der Lockung des
lyrischen Einfalls, haben selten den starken Atem, um mit unverminderter Intensität die Länge eines
ganzen Gedichts durchzuhalten; bis es soweit ist, hat sich der schöpferische Ansatz längst verpufft.
Schöne Stellen, einprägsame Gedichtanfänge und –schlüsse sind geradezu typisch für diese Art der
Dichtung, zu der, ihrem Wesen nach, die Lyrik gerade der stimmungsstärksten, innerlichsten und
musikalischesten Dichtung gehört. Das lyrische Lebenswerk eines Paul Verlaine zum Beispiel bedarf, wenn
man echten Erlebnisgehalt und bleibende Substanz als Maßstäbe zugrunde legt, einer ungemein strengen
Sichtung, während aus dem einzigen zu Baudelaires Lebzeiten erschienenen Gedichtbande sich kein Ge-
dicht missen lässt.
Das Gedichtbuch von David Goldfeld (Der Brunnen) gehört nun zu jenen lyrischen Sammlungen, bei denen
man sich die Rosinen aus dem Kuchen klauben muss. Es gibt darin eine stattliche Anzahl von Gedichten,
die, von den anderen gesondert betrachtet, einen der stärksten und nachhaltigsten lyrischen Eindrücke der
Zeit zu vermitteln vermöchten. Für den anspruchsvollen Lyrikleser aber, der nicht genug Geduld besitzt,
um durchhalten zu können, erstickt das Übermaß, des mitaufgenommenen Zufälligen, Gelegentlichen und
Belanglosen den immerhin großen Bestand an echter und ganz großer Lyrik in diesem Bande. Unter diesen
Gedichten gibt es wieder Verse, die geradezu erschüttern durch die bezwingende Gewalt, die Klarheit,
Reinheit und Schlichtheit des hergeborenen und klanggewordenen Gefühls oder Erlebnisses. Ich denke
hier an Verse wie die nachstehenden: Stimme aus der Höhe.
Lass die Zeit nur flüchten, stürmen: / bange nicht, denn Einer ist, / der dich lieben wird und
schirmen / wenn dich alles einst vergisst. // Aus den blinden Daseinswegen / führt zu ihm ein
dünner Pfad; / wirst das Haupt zur Ruhe legen / das noch nicht gerastet hat. // Deine Hände wirst
du falten, / abgelöst vom Baum der Welt, / Und ein Schlummer wird dich halten, / wie ein Herz die
Liebe hält.

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Zum Beziehungsgeflecht der Czernowitzer Dichter. Aus dem Nachlass von Rose Ausländer

Hier ist das Todeserlebnis, dem das ganze Buch seine entscheidenden Anregungen verdankt, aus einem
mit dem unwendbaren Schicksal versöhnten Herzen her und zur Einheit mit aller werdenden und ver-
gehenden Natur und Kreatur erlöst, Gedicht und Gestalt geworden. Gerade das Anspruchslose und Unbe-
absichtigte der sprachlichen Formung macht die Stärke des Gedichtes aus, es wäre manches zu sagen
über die lyrische Gewalt einer Metapher, die selten so glücklich gelingt wie diese: Und ein Schlummer wird
dich halten, wie ein Herz die Liebe hält.
Oder man lasse den ganzen Zauber einer von Geheimnis umwitterten, mondentrückten Frühlingsland-
schaft auf sich wirken:
Stern in klarer Frühlingsnacht, / was hat dich so schön entfacht? // Wiesen sanft und schattenstill, /
fühlt ihr, was euch nahen will? // Was hat zart den Baum umweht / und den Strauch, der dunkel
steht? // Hinter blauer Berge Wall / tönt des Mondes Silberfall: // Alles ahnt ihn, wie er steigt, / alles
tiefer, tiefer schweigt...
Hier ist das große Schweigen in die Wortkargheit des Gedichtes eingegangen; nur das Herz spricht, da
alles schweigt. Man hört das Tönen der Stille und sieht den aufsteigenden Springbrunnen des Mondes.
Das Zarteste, Unaussprechliche ist hier Wort geworden, gerade noch laut genug, um hörbar zu sein und
leise genug, um die Andacht der Natur nicht zu stören.
Enthielte nun der Band David Goldfelds lauter Gedichte dieser Qualität, er wäre das große lyrische Ereig-
nis unserer Tage. Aber der Dichter hat sich nicht darauf beschränkt uns eine kostbare Auslese der Früchte
beglückter und erfüllter Stunden zu bescheren; er wollte uns einen umfassenden Überblick über sein
gesamtes lyrisches Schaffen geben. Viele, sehr viele der Gedichte tragen den peinlichen Erdenrest des
Ringens um Form und Ausdruck, sind Vorstufen, Skizzen, Nebenwerk, die gekräuselten Schnitzel seiner
dichterischen Werkstatt. Aber wenn man mit dem gehörigen Maß von Wohlwollen, das diesem in seinen
besten Stunden unzweifelhaft echten und großen Lyriker gebührt, den ganzen Band gelesen hat, dann
bleibt immerhin noch ein stattlicher Strauß von über dreißig sehr schönen Gedichten in der Hand, ein
Ertrag, der den Dichter in den vordersten Rang der edlen und beseelten Sänger unserer Landschaft stellt.
Ich denke, dass man, außer den zitierten beiden Stücken, die Gedichte S. 21/I, II, 22/I, 29, 37, 39, 42, 43,
44, 46, 49, 50/ I, 52, 53, 56, 73, 77, 81, 87, 92, 99, 111, 112, 114, 121, 122, 124, 125, 126, 133, 136, und
137 zu den bleibenden des Bandes rechnen darf, der, alles in allem genommen, David Goldfeld sicherlich
unter den Freunden der Dichtung eine stetig wachsende, treue Lesergemeinde sichern wird. Es war mir
schon vor Jahren eine besondere Freude, in einem Prager jüdischen Almanach als Erster öffentlich auf
unseren Dichter hinzuweisen und so beglückwünsche ich ihn auch jetzt herzlich zu der Verwirklichung
seines Entschlusses, vor der Öffentlichkeit über sein bisheriges poetisches Wirken in der Stille Rechen-
17
schaft abzulegen.
Der letzte erhaltene Brief von David Goldfeld ist undatiert. Er muss, wie sich aus dem Inhalt
ergibt, kurz nach dem 30.03.1940 geschrieben worden sein.
ohne Datum
Liebe Frau Ausländer,

17
Margul-Sperber, Alfred: Ein Bukowiner Lyriker, in: Czernowitzer Morgenblatt, [Link]., Nr. 6392, 2.März 1940.
Wiedergegeben nach dem Abdruck in: Neue Literatur, Bukarest, Jg.25 (1974), Heft 6, S. 54f.
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Sie werden gewiss (im Morgenblatt v. 30.3.) den Artikel über Ihre Gedichte gelesen haben. Er ist
sehr schön und drückt ganz das aus, was ich und viele andere über Ihr Buch denken. Herr Weinberg,
der Verfasser, ist mein Freund und jetzt kann ich es Ihnen erzählen, dass wir uns seit mehr als 4
Wochen um die Aufnahme der Rezension, die ich ins deutsche übersetzt habe, bemüht haben. Sie
können sich kaum denken, welche elenden Zustände dies bezüglich bei den hiesigen Zeitungen
herrschen und wenn wir uns am Ende entschlossen haben, die Kritik rumänisch drucken zu lassen,
so nur aus dem Grunde, um allen verlogenen Quertreibereien unserer Freunde zum Trotz doch
öffentlich aussprechen zu können, was wir denken. Es genüge Ihnen zu erfahren, dass man dem
Redakteur
Weinstein den Inhalt Ihres Buches als staatsfeindlich schilderte, nur um ihn abzuhalten, etwas
darüber zu drucken.
Und jetzt eine Bitte. Weinberg hat sein eigenes Exemplar dem Weinstein gegeben; senden Sie ihm,
bitte ein anderes. Weiter bitte ich Sie an meine Adresse außerdem ein Buch für Dr. Traian Chelom
(mit Widmung) einzusenden. Herr Ch. ist ein großes Tier an der hiesigen Universität und außerdem
Chefredakteur im „Glasul Bucovinei“(?). Er wird in kürze in einer größeren Besprechung alle in der
letzten Zeit erschienen Gedichtbände erwähnen und so auch Ihres. Ich habe ihm vorläufig mein
Buch geborgt; die Gedichte gefallen ihm sehr gut.
Haben Sie an die Martha Kern seinerzeit geschickt? Wenn nicht, tun Sie es.
Ich habe mich gefreut, dass es nun gelungen ist, den Schweige-Bann den „Freund“
Sp.[erber] über Ihr Buch ausgesprochen hat, zu brechen. Vielleicht habe ich einmal Gelegenheit,
Ihnen mündlich alles zu erzählen, was dazu notwendig war.

Herzlichst
Ihr Goldfeld
Bitte, senden Sie die Bücher bald!
Die mit L. Vainberg unterzeichnete Besprechung des Bandes Der Regenbogen erschien in
rumänischer Sprache. Die Gedichtzitate waren allerdings deutsch wiedergegeben. Ins Deutsche
übersetzt lautet diese Buchkritik:

L. Vainberg: Die Lyrik der Rose Scherzer-


Scherzer-Ausländer
Ein Buch voller Gefühle und Wünsche, ausgedrückt in einer edlen Form. Die Sinnesfrische des Gedicht-
bandes von Rose Ausländer ist so tiefdringend, dass man an jeder Stelle die Gefühle, die ein Frauenherz
erwärmt haben, spürt.
Schon diese Besonderheit erteilt dem Band eine persönliche Note. Die Dichterin hat ihre ganze seelische
Erregung – und ich behaupte die eines jeden von uns – ausgedrückt, denn diese Verse sind uns nicht
fremd.
Ihre Schaffenskraft findet Form und Ausdruck für alle Feinheiten der menschlichen Sensibilität. Deshalb

18
Vainberg, L.: Lirica d-nei Rose Scherzer-Ausländer, in: Czernowitzer Morgenblatt vom 20. März 1940. Deutsche Über-
setzung: Ilinca Macarie.

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Zum Beziehungsgeflecht der Czernowitzer Dichter. Aus dem Nachlass von Rose Ausländer

enthält dieser Band die schönsten Zeilen über die Liebe, die Sehnsucht, die Hoffnung, das Schweigen und
die Einsamkeit, über die Einsamkeit, in der das Echo des Schweigens ertönt. Ich wage es dies so auszu-
drücken, weil eine mutige Rezension die passenste Belohnung für das Schaffen einer Autorin ist, deren
Ausdrucksvermögen die Grenzen, die Poesie in melodischen Versen ohne emotionale Kraft erstarren
lassen, sprengt.
Wenn häufig im lyrischen Dichten, anders als bei Shakespeare, Dante oder Milton, der Mut des Schaffens,
der Plan die üblichen Dimensionen zu überragen fehlt, wenn die Lyrik häufig nicht mehr das Echo der
Emotion ist, so trägt doch das Dichten der Rose Ausländer den Mut des Ausdrucks, den Verdienst der Ver-
vielfältigung der künstlerischen Intensität in sich.
In einer Notiz über den Mut zum Expressiven zitiert Puskin berühmte Autoren, um einige gewagte Aus-
drucksmöglichkeiten zu wiederholen, die er zugleich für eine Befreiung von jeglichem Vorurteil in der
Kunst hält. Rose Ausländers Gedichtband enthält ganze Gedichte, die sich durch solchen Mut
charakterisieren. Dies erhöht nicht nicht nur deren Wert, sondern vervielfacht auch die Kraft des Echos im
Leser.
Wir reichen uns der Liebe rote Beeren
Gereift am Glühen unsrer Leidenschaft.
Ich will mit Inbrunst deinen Leib verzehren,
und iß du mich mit aller Liebeskraft.
und
Mund des Geliebten, du mein roter Kahn,
lockst mich hinweg aus meinem Land der Ruh!
Ich treibe wie ein weißer, schlanker Schwan
dem süßen Abgrund meines Wahnes zu.
Solche Metaphern sind wir in den üblichen Gedichten nicht gewohnt. Es sind ganze Welten der Gefühle
und Leidenschaften, die uns Leser mit der Kraft einer Zauberin nahe gebracht werden.
Es verbietet sich, aus einem Band mit solchen Eigenschaften nur stückweise zu zitieren, da man aus jedem
Gedicht etwas vorstellen müsste, um ihm gerecht zu werden. Da wir zudem nicht entscheiden können,
was nicht wiederzugeben sei – insbesondere aus den Liebesgedichten, die uns mit der Fülle ihrer Schön-
heit überwältigen – kann der Leser getrost das Buch willkürlich aufschlagen, er wird niemals enttäuscht
sein.
Zu dieser Form der Dichtung – Liebesdichtung – muss ich bemerken, dass die Ausdruckskraft der Poetin
viele uns bekannte, gelungene Werke hinter sich lässt und der Vers Eines nur macht uns stumm: das Un-
sagbare aus dem Gedicht Bald exotisch anmutet in diesem Band, da für diese Dichterin nichts unsagbar
ist.
Der Vergleich mit anderen Dichtern konstituiert eine Banalität, die keinen Künstler mit Persönlichkeit ehrt,
aber es fällt uns schwer die Größe eine Talentes zu erkennen, ohne dessen Schaffen auf das Bekannte aus
der Tradition zu beziehen. Erlauben Sie mir deshalb hinzuzufügen, dass Rose Ausländer in ihrer kreativen
Schöpfung eine Sensibilität gleich der von S. J. Nadson und eine Ausdruckskraft wie die von S. Esenin
erreicht.
Um dem Leser dieser Rezension nicht die Freude an der Lektüre eines Gedichtes, das charakteristisch für
die Sensibilität dieser Dichterin ist, vorzuenthalten, gebe ich, wider meinen Willen, folgende Verse wieder:

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Helmut Braun

Des Geliebten Nächte zu entzünden,


Will ich augenspendend süß erblinden.

Des Geliebten Atem zu umkosen,


wandelt sich mein Blut in tausend Rosen.

Des Geliebten Liebe zu erhalten,


möcht´ ich mich in tausend Frauen spalten,
dass er tausendfach nur mich begehre,
alle liebend nur mir angehöre!
Diese Gedichte beinhalten den Traum der Liebe für unser ganzes Leben. In ihnen wird unsere Sehnsucht
nach dem Menschen, den wir ein ganzes Leben suchen und nie finden, kristallisiert. Sie enthalten unseren
Liebestraum, vereitelt durch das unvermeidliche Unglück oder die unausweichliche Trennung.
Die Gedichte der Rose Ausländer sind nicht nur gebündelte Inspiration, sondern auch ein Buch der
Emotionen, die so intensiv wiedergegeben sind, dass sie den Leser versklaven. Es scheint uns beim Lesen
dieser Verse, dass sich unser Leid in fallendem Schnee befindet: doch wir wussten es nicht; dass unsere
Einsamkeit dichte Dunkelheit ist: aber wir konnten es nicht wahrnehmen; dass unsere unerwiderte Sehn-
sucht und Liebe ein Leiden sind: und wir kannten seinen Namen nicht. Bis wir dieses magische Buch ge-
öffnet haben, wo jeder unserer Schmerzen in einem Vers vorhanden ist, den wir wie Balsam trinken
können.
Rose Ausländer hat, der Empfehlung Goldfelds entsprechend, ein Exemplar ihres Buches Der
Regenbogen Martha Kern zugesandt. Die Rezension, die im Nachlass von Ausländer vorhanden
ist, erschien im Czernowitzer Morgenblatt.

Martha Kern: Der Regenbogen


Ein eigenartiges, eindrucksvolles Profil zeigen die Verse von Rose Scherzer-Ausländer, welche unter dem
Titel Der Regenbogen in einem hiesigen Verlage erschienen sind. Obwohl die Dichterin heute in Bucuresti
lebt und einige Jahre in Amerika verbracht hat, scheint sie geistig bei uns beheimatet zu sein. Was dem
interessanten Kapitel Bucoviner Lyrik entschieden zum Vorzug gereicht. Meisterhaft beherrschte Sprache
und künstlerisch vollendete Form sind heute fast selbstverständliche Voraussetzung bei jemand, der es
unternimmt, die innerlich reiche deutsche Literatur um einen neuen Gedichtband zu vermehren. Strengste
Auswahl, sowie ein hoher künstlerischer Maßstab sind von vornherein geboten.
Was den Vorzug dieser Verse ausmacht, ist, dass man hinter all dem Männlichgekonnten und Menschlich-
gefühlten die Frau spürt, die anders erlebt und anders reagiert als der Mann, der – bewusst oder un-
bewusst – doch immer ihr Vorbild bleibt. Gewiss, viele ihrer Gedichte könnten ebenso gut von Männern
erfunden und gestaltet worden sein. Es spricht der Mensch, der staunend das Wunder Leben in Aug und
Seele aufnimmt. Impressionistisch nachgeschaffen, wie von einem Claude Monet, erscheint zum Beispiel
die Verzauberung einer nüchternen Häuserzeile durch einen späten Sonnenstrahl in Herbstlicher Aus-
schnitt. Wo der Frühling spinnt ruft uns das Gemälde eines Nazareners vor Augen. Otto Runges Frühling
könnte die Verse von Rose Ausländer als Überschrift tragen. Die liebevolle Versenkung in die dünnen,
krausen Linienbäche in das holde Netzwerk eines grünen Blattes, erinnert an die Arbeit der geduldigen

352 ZGR 1-2 (25-26) / 2004, 1-2 (27-28) / 2005


Zum Beziehungsgeflecht der Czernowitzer Dichter. Aus dem Nachlass von Rose Ausländer

alten Niederländer, die am geringsten Gegenstand die ganze Pracht der Schöpfung offenbaren konnten.
In ihrer ureigensten Gestalt tritt uns jedoch Rose Ausländer entgegen, da sie in ihr eigenes Herz taucht
und aus den Wunden einer großen Liebe die roten Rosen holt, die den tragischen Hauch einer einmaligen
Leidenschaft atmen. Vom ungläubigen Tasten und Staunen der ersten Begegnung in weißer Einsamkeit
zum Jubelruf der vollkommenen Hingabe, da sieben Himmel mit Sternen und Regenbogen nicht zuviel sind
und der Liebe rote Beeren zum Symbol einer mystischen Verschmelzung werden, führt uns eine Folge von
Sonetten zum Abschluss.
Es kamen Winde und verwirrten Dich
Da kamen Falter und entführten Dich
Und ließen mich im Stoppelfeld zurück.
Die Frage, Was fängst Du jetzt noch an mit Deinen Tagen geht durch jedes Herz.
Auch die Reihe Des Geliebten Nächte zu entzünden trägt den Stempel echter Weiblichkeit. Die Verse
Des Geliebten Liebe zu erhalten,
möcht ich mich in tausend Frauen spalten,
dass er tausendfach nur mich begehre,
alle liebend nur mir angehöre!
können nur von einer Frau geschrieben sein.
Unrecht wäre es, diese Besprechung abzuschließen, ohne der beiden originellen Dichterbildnisse Er-
wähnung zu tun, die Rose Scherzer-Ausländers Talent von einer neuen Seite zeigen. Besonders geglückt
ist die Nachzeichnung von Elieser Steinbarg, dessen geniale Fülle, die naive Vertrautheit mit Stern und
Stein wunderbar erfasst ist. Die Worte Ein Vater starb, es starb ein Kind umfassen eigentlich alles, was das
Werk dieses außerordentlichen Geistes kennzeichnet. Aber auch der Dämonie des jiddischen Balladen-
dichters Manger wird sie gerecht. Seine zwiespältige Natur, die Gott und Tier in einer Gestalt vereint,
bannt sie in das eindrucksvolle Bild, da der Dichter nach einer durchzechten Nacht den Mond im Arm ver-
zückt nach Hause strömt.
In starken, vollen Akkorden klingt die Melodie der Welt aus den Versen dieser Frau auf. Ihre Lieder Die
19
goldenen Vögel bringen unserem grauen Dasein Glanz und Farbe, Sinn und Trost.

Der Briefwechsel mit Goldfeld bricht zu diesem Zeitpunkt ab. Ausländer befand sich etwa
ab Anfang Mai 1940 in Czernowitz zur Pflege ihrer an Herzasthma erkrankten Mutter. Am 28.
Juni 1940 wurde die Stadt durch sowjetische Truppen besetzt. Ausländer und Goldfeld waren in
Czernowitz gefangen. Sich Briefe zu schreiben, erübrigte sich, da persönliche Kontakte möglich
waren.
Die sowjetische Besetzung geht am 5. und 6. Juli 1941 nahtlos in eine rumänisch-deutsche
Besetzung über. Die Verfolgung und Vernichtung der Juden der Bukowina beginnt. Der seit
längerem an Tuberkulose erkrankte Goldfeld stirbt 1942 im Getto von Czernowitz. Ausländer
begleitete sein Sterben. Als Nachtrag sollen hier die beiden Gedichte aufgeführt werden,
welche die Dichterin zur Erinnerung an David Goldfeld schrieb. Dass sie dies tat, zeigt auch ihre

19
Kern, Martha: Der Regenbogen, in: Czernowitzer Allgemeine Zeitung vom [Link] 1940. Der Artikel (Ausriss) ist im
Original im Archiv der Rose Ausländer-Stiftung vorhanden.
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Helmut Braun

Wertschätzung für Goldfeld. Sehen wir von ihren Celan-Gedichten ab, schrieb sie solche Er-
innerungsgedichte nur noch für Steinbarg und Manger.
Der sterbende Poet wurde von ihr zwischen 1956 und 1963, also in ihrer ersten deutschen
Schreibphase nach Krieg und Shoa, notiert:

20
Der sterbende Poet
In memoriam David Goldfeld

Er lag und litt. Ich saß an seinem Sterben und dichtete für ihn die Lüge Leben.
Ich grub mich in seine Qual, tief-tiefer, bis die Quelle sprang. Berge kamen, umringten sein Bett.
Ich beschwor die Rose herauf – das Aroma Leben beschwor den Apfel
die Rebe – eine Lunge aus Atem und Blut
»Sie sind meine Rettung. Sie lassen IHN nicht herein, nicht wahr?« Nach der Morphiumspritze blühte
sein Blick auf, ein glänzendes Vergißmeinnicht. Er machte eine leichte Bewegung mit der Hand und
hauchte: »Diese Welle schwemmt weg den Schmerz. Ich lebe«
Als ich am nächsten Tag sein Zimmer betrat, lag sein Körper unter dem schwarzen Leichentuch

In Memoriam D. Goldfeld schrieb Rose Ausländer Mitte der 1970er Jahre.


21
In Memoriam D. Goldfeld
Goldfeld

Mit dem lungenkranken Dichter


litt ich im Ghetto
Bruderschaft

Meine Mutter siech


fremd die Verwandten
wir froren und darbten

Auf dem Weg zum Kranken


schwebte über mir
ein Engel aus Schnee

Ich lächelte
es wird Ihnen bald
viel besser gehen
glauben Sie mir

20
Ausländer, Rose: Der sterbende Poet, Erstdruck in: Gesammelte Werke Bd. 2, Frankfurt/Main 1985, auch in: Gesamt-
werk Bd. 4, S.14, Frankfurt/Main 1993.
21
Ausländer, Rose: In Memoriam D. Goldfeld, Erstdruck in: Es ist alles anders, Pfaffenweiler 1977, auch in: Gesamtwerk
Bd. 8, S.11, Frankfurt/Main 1994.

354 ZGR 1-2 (25-26) / 2004, 1-2 (27-28) / 2005


Zum Beziehungsgeflecht der Czernowitzer Dichter. Aus dem Nachlass von Rose Ausländer

Er glaubte mir
und starb

David Goldfeld gilt es in Deutschland noch zu entdecken; er gehört zur Zeit zu den ver-
gessenen Dichtern aus der Bukowina.

Exkurs:
Exkurs: Alfred Margul-
Margul-Sperber
∗6
Rose Ausländer und Alfred Margul-Sperber lernten sich Ende 1923 in New York kennen.
Beide arbeiteten damals in Bankhäusern, so dass möglicherweise über berufliche Kontakte der
Grundstein für die jahrzehntelange Bekanntschaft – oder Freundschaft? – gelegt wurde. Als
Margul-Sperber Ende 1924 nach Europa zurückging, hatte er Gedichte Ausländers im Gepäck
und 1928 wies er als erster in einem Zeitungsartikel auf Ausländer hin:
da wir schon einmal beim Entdecken halten, sei hier eine ganz unmaßgebliche Vermutung aus-
gesprochen: Dass die zwei stärksten Begabungen unter den Bukowinaer Lyrikern, ja vielleicht die
stärksten Begabungen in der zeitgenössischen Frauendichtung, von Else Lasker-Schüler abgesehen,
zwei Bukowinerinnen sind, deren Gedichtmanuskripte sich gegenwärtig in meinem Besitze be-
finden: Rose Scherzer-Ausländer und Salome Mischel. Von ihnen soll zu einer gelegeneren Zeit aus-
22
führlich die Rede sein.
Im Sperber-Nachlass dokumentieren neun Briefkarten und sechzehn Briefe von Ausländer
und eine Karte ihrer Mutter Kathi Scherzer an Margul-Sperber die Beziehung zwischen der
Dichterin und dem Dichter in der Zeit von 1931 – 1939. Vier Antwortbriefe und ein Brieffrag-
ment Margul-Sperbers finden sich im Ausländer-Nachlass. Ersichtlich ist, dass der erhaltene
Briefwechsel beiderseitig erhebliche Lücken aufweist. Beim Textabgleich werden diese Lücken
deutlich. Viele Briefe der Beiden müssen zur Zeit als verloren gelten.
Margul-Sperber, der wesentlich schreibfauler als Ausländer gewesen zu sein scheint, nutzt
immer wieder die Ausrede, Briefe von ihm seien verlorengegangen. Dies glaubte ihm Ausländer
offensichtlich nicht. 1939 schreibt sie:
Lieber Sperber! Ich wollte, ich könnte einmal in einer hellseherischen Anwandlung die Mysterien
ihres periodischen Schweigens ergründen! Dies ist leider für mich nicht zu erhoffen und für Sie
nicht zu befürchten! Unter solch normalen Umständen bleibt mir nichts anderes übrig, als Sie selbst
um Aufklärung zu bitten. Von Ihrem seit Äonen angekündigten ausführlichen Brief ist noch kein
23
Zipfelchen zu erblicken. ..... Sonst keinen Gruß, keinen Bescheid, keine Antwort ...
Insgesamt fällt auf, wie zweckgerichtet die Briefe sind. Von wenigen Ausnahmen ab-
gesehen, spielen private Dinge keine Rolle. Vielmehr geht es um die Zusammenstellung einer

∗6
Siehe zum Verhältnis beider Dichter: George GuŃu, Alfred Margul-Sperber und seine Mentorenrolle für Rose Aus-
länder und Paul Celan. In: Zeitschrift der Germanisten Rumäniens, 1-2(21-22)/2002, 1-2 (23-24)/2003, S. 57-77. (A. d.
ZGR-Red.)
22
Margul-Sperber, Alfred: Entwurf eines Grundrisses des deutschen Schrifttums in der Bukowina, VII. Folge, Czerno-
witzer Morgenblatt, 04. August 1928.
23
Brief von Ausländer an Margul-Sperber vom 19. August 1939, a.a.O., S. 64.
ZGR 1-2 (25-26) / 2004, 1-2 (27-28) / 2005 355
Helmut Braun

Anthologie, um die Bewertung eigener und fremder Gedichte und insbesondere um die Heraus-
gabe des Ausländer-Buches Der Regenbogen. Margul-Sperber berät nicht nur in Fragen des
Druckes, liest Korrektur und ähnliches, nein, er nimmt erheblichen Einfluss auf die Auswahl der
Gedichte. Warum er dies tut, begründet er in einem handschriftlichen Brief, von dem nur ein
24
Fragment – Seite 5 – erhalten ist und der aus dem Zeitraum März bis Mai 1939 stammt.
... Ich möchte an Ihr Buch, das Buch das jetzt in Druck kommt, die höchsten und strengsten
Forderungen stellen, ungleich strengere, als ich sie an mich selbst stelle. Ich fühle, dass diese
Publikation etwas Entscheidendes nicht nur für Sie, sondern für uns alle ist. Ich halte Ihre Gedichte
für ungleich bedeutsamer als die Rosenkranzischen, von mir selber schon gar nicht zu reden. Wie
soll ich es also verantworten, etwas unterlassen zu haben, was die Beeinträchtigung der makellosen
und eigentlichen Substanz und Gestalt Ihrer dichterischen Aussage durch störendes Daneben und
25
Zuviel verhindern könnte? ...
Margul-Sperber setzt sich mit seinen Argumenten durch, in Der Regenbogen erscheinen nur
Gedichte, die er auswählt.
Vergleichen wir schriftliche und mündlich überlieferte Äußerungen Margul-Sperbers zu Ge-
dichten der Bukowiner Dichter, so ist ein gewisser Wankelmut – verbunden mit großer,
spontaner Begeisterungsfähigkeit – unverkennbar. Gelangen ihm Gedichte von Goldfeld auf den
26
Schreibtisch, ist er davon begeistert ; veröffentlicht Rosenkranz ein Buch, singt Margul-
27
Sperber darauf Lobeshymnen ; geht es um das Buch Ausländers, hält er – siehe oben – deren
Gedichte für ungleich bedeutsamer als die Rosenkranzischen von mir selber schon gar nicht zu
reden. Diejenige oder derjenige, mit deren oder dessen Gedichten sich Margul-Sperber aktuell
beschäftigt, scheint immer die oder der wichtigste, beste und bedeutsamste Dichterin oder
Dichter zu sein.
Allerdings verwundert es doch, dass Margul-Sperber sich zu Ausländers Buch Der Regen-
bogen, zu dessen Gedichten er sich im Vorfeld der Veröffentlichung so enthusiastisch äußerte,
nach dessen Erscheinen nicht nur nicht öffentlich äußerte, sondern auch Hilfestellungen, wie
die Herausgabe von Adressen von Rezensenten und bekannten Dichtern, die Widmungs-
28
exemplare erhalten sollten, verweigerte. Goldfeld schreibt in diesem Zusammenhang von
29
einem Schweigebann Margul-Sperbers, der gebrochen werden musste. Mit Befremden reagiert

24
In dieser Zeit wurde die Endauswahl für den Band Der Regenbogen getroffen. Das Fragment fügt sich in den Brief-
wechsel Ausländer/Margul-Sperber aus dem Jahre 1939 ein.
25
Das handschriftliche Brieffragment befindet sich im Ausländer-Nachlass.
26
Brief Ausländers an Sperber vom 24. Juli 1935, siehe Anmerkung 1.), ebenda.
27
Margul-Sperber, Alfred: Brief an einen Dichter (zum Gedichtband Leben in Versen von Moses Rosenkranz), in:
Czernowitzer Morgenblatt, 13. Jg., Nr. 3699, 21. Dezember 1930. Margul-Sperber, Alfred: Die Tafeln (zum gleich-
namigen Buch von Moses Rosenkranz), in: Czernowitzer Morgenblatt, 23. Jg., Nr. 6417, 2. April und Nr. 6418, 3. April
1940.
28
Mehrfach hat Ausländer Margul-Sperber um diese Adressen gebeten, z.B. in Karten und Briefen vom 3. August 1939,
19. August 1939, 26. August 1939. Abdruck der Briefe, a.a.O., S. 64 f.
29
Brief von Goldfeld an Ausländer vom 30. März 1940.

356 ZGR 1-2 (25-26) / 2004, 1-2 (27-28) / 2005


Zum Beziehungsgeflecht der Czernowitzer Dichter. Aus dem Nachlass von Rose Ausländer
30
Ausländer gegenüber Margul-Sperber , der in seinem Antwortbrief vom 29. März 1940 um
Verständnis bittet und mitteilt:
Liebe, gute Freundin,
wenn Sie mich in Ihrem Herzen abgeurteilt und verflucht haben, dann werden Sie
stelle oft an Menschen, die mir gut und nahe sind, Ansprüche übermenschlicher Geduld. Am Ende
bin ich aber doch wieder bei Ihnen, unauslöschbar und treu wie am ersten Tag. Was ich über Ihre
Gedichte zu sagen habe, ist mehr und herzensheimlicheres, als die Natur einer landesüblichen
Buchrezension verträgt – und darum ist diese Rezension schon hundertmal geschrieben worden und
dennoch ungeschrieben geblieben. Ich könnte Sie sofort aufsetzen, in einem prachtvollen
Schwunge, wenn Sie mir gestatteten, Ihnen im Rahmen eines langen Aufsatzes einen Gegenspieler
zu stellen: Alfred Kittner. Es ist ein Spiel der Polarität, das mich ungemein reizt. Ja, bitte, wollen Sie
mir die Zustimmung dazu erteilen?
Beigeschlossen sende ich Ihnen eine Rezension, die im Berner Bund über Ihren Regenbogen er-
schienen ist. Ich bin mit dem Geschmiere ganz und gar nicht einverstanden, dass so beharrlich an
dem Wesentlichen (Sprache! Leidenschaft! Naturhaftes!) Ihres Buches vorbeiredet, nur um zu
zeigen, dass der Rezensent Einiges über rumänische Lyrik und Malerei aufgeschnappt hat. Aber da
der Versuch immerhin gutgemeint ist, nehme ich ihn als verheißungsvolles Vorzeichen Ihres
Ruhmes.
Herzlichst wie immer Ihr Sperber
31
Haben Sie sonst etwas an Rezensionen und Briefen über Ihr Buch?
Es ist schon erstaunlich, dass Sperber Ende März 1940 noch an den Ruhm einer deutsch-
sprachigen, jüdischen Lyrikerin glauben will, wo doch die Bücher jüdischer Schriftsteller in
Deutschland nicht mehr publiziert oder verkauft werden dürfen und sowjetische Truppen schon
bereitstehen die Bukowina zu besetzen.
Ob Rose Ausländer dem Vorschlag von Margul-Sperber zugestimmt hat, wissen wir nicht.
Wenn ja, kam das Vorhaben nicht mehr zum Tragen. Krieg und Shoa rollten über die Bukowina
und ihre Dichter hinweg. Für das Loben von Gedichten war dies keine Zeit mehr.
Dass aber Margul-Sperber trotz seiner bescheidenen Möglichkeiten und den damit ver-
bundenen Gefahren zu denen gehört, die für Rose Ausländer und ihrer Mutter lebensrettend
32
waren , ehrt ihn und zeigt seine Verbundenheit mit der Dichterin um vieles deutlicher, als es
jede Lobeshymne auf ihre Gedichte hätte tun können. Gleichwohl hatte Margul-Sperber noch
einmal die Möglichkeit, Ausländer gebührend zu würdigen. Gemeinsam mit Dr. Zaloziecki und
Alfred Kittner organisierte er für sie im August 1946 eine Lesung im Dalles-Saal in Bukarest.
Gedacht als Begrüßung wurde es zum Abschied. Nur vier Wochen später emigrierte die
Lyrikerin in die USA. Margul-Sperber nutzte die Einführung zur Lesung zu einer Rede, die ein
gewaltiger Hymnus ist:

30
Siehe Anmerkung 28.
31
Brief von Margul-Sperber an Ausländer vom 29. März 1940, im Nachlass Ausländer als Fotoreproduktion vorhanden.
32
Siehe die Hilfsaktion Kawa, Margul-Sperber, Korn im folgenden Kapitel.
ZGR 1-2 (25-26) / 2004, 1-2 (27-28) / 2005 357
Helmut Braun

Alfred Margul-
Margul-Sperber: Die Lyrik Rose Ausländers
Die Dichterin Rose Scherzer-Ausländer bedarf keiner Einführung mehr bei einem Gedichte liebenden
Publikum, dem die Veröffentlichung ihres Versbuches Der Regenbogen den vollen Klang ihrer lyrischen
Stimme und die kühne Eindringlichkeit ihrer dichterischen Aussage vermittelt hat. Aber weil nun einmal
und wie erst in erbarmungslosen Zeiten gleich den unseren, der Gesang des Dichters leicht übertönt wird
vom Röcheln der Not und vom Schrei des Grauens, gilt es die Erinnerung wachzurufen an das Werk dieser
schwarzen Sappho unserer östlichen Landschaft.
Ich kenne in der Dichtung der Gegenwart kein schlagenderes Beispiel zur Erhärtung des alten Satzes, dass
alles Erhabene und Schöne einfacher Art sei, als das Werk Rose Scherzers. Die Dichter unserer Tage bevor-
zugen das Ungewöhnliche, Unerhörte, Komplizierte und Differenzierte, das um jeden Preis Neuartige und
Überraschende in Idee und Ausdruck und vergessen allzu leicht, dass die großen Offenbarungen der
Schönheit in der Natur – und Dichtung soll ja Natur sein – zu ihrer vollen und tiefen Wirkung durchaus
keiner Kommentare bedürfen. Das Gedicht Rose Scherzers aber spricht das Natürlichste, Selbstverständ-
lichste und Menschlichste so aus, dass es neu und zum ersten Male gesagt erscheint. Sie ist den Grund-
mächten verhaftet und nicht den Modemächten. Ihre Sprache, klar, ungekünstelt und bündig, folgt der
großen Tradition und Ehrfurcht vor der Sprache bestimmt den Ausdruck. Seine Schlichtheit ist oft er-
schütternd und wie tiefe Wirkung erzielt, welche Ahnungen des Schicksals und der Grunderlebnisse be-
schwört in einem ihrer Liebesgedichte beispielsweise der Satz und alles wird dann anders sein...! Und dabei
stammt ihre dichterische Eigenart durchaus nicht aus Bezirken des Emotionellen oder verdankt ihre
Wirkung Mitteln der ästhetischen Bezauberung, also etwa musikalischen oder malerischen Elementen. Es
ist eine geistige Landschaft in ihr, die seelisch erschüttert, ein denkendes Herz, das singt. Wie Ophelia, die
sirenengleich dunkle, alte Weisen sang und es klang wie ein Volkslied, so gestaltet Rose Scherzer das
ewige Erlebnis des Frauenschicksals in Formen von erschütternder Einfachheit. Denn das Herzstück ihres
Werkes ist das Liebesgedicht und in ihm erschöpft sie auch alle Tiefen und Fernen ihres künstlerischen
und menschlichen Erlebnisses. Ihr Liebesruf ist ein Naturlaut und der Echtheit ihres Bekenntnisses ist nur
die Leidenschaftlichkeit ebenbürtig, mit der es ausgesprochen wird. Man übersehe nicht, dass ihr lyrisches
Erlebnis aus dunklen Quellen des Elementaren und Dämonischen gespeist wird und es sind oft gefährliche
Spannungen, aus denen sich Rose Scherzer zur Klarheit und Ausgeglichenheit ihres Gedichtes erlöst. Man
verkenne auch nicht den Zug der Schwermut, der das Gedicht Rose Scherzers überschattet:
Nur aus der Trauer Mutterinnigkeit
strömt mir das Vollmaß des Erlebens ein.
Es ist die tragische Bestimmung aller Liebenden, das Unmögliche zu wollen: die Dauer des Vergänglichen
und die Flamme zu lieben, die sie verzehrt. Von dieser, wenn man will, erotischen Grundeinstellung ihres
dichterischen Erlebnisses aus ist das Werk Rose Scherzers auch in allen seinen übrigen Aspekten zu er-
fassen und zu bestimmen. Sie bestimmt ihre Einstellung zum Natur- und Landschaftsgedicht, das überall
ein auf das Naturerlebnis projiziertes und in ihm sublimiertes Liebeserlebnis bleibt. In ihr sind auch die
Wurzeln ihrer dichterisch gestalteten Traumerlebnisse zu suchen, ihrer Gleichnisse, Visionen und
Legenden. Ja selbst das Gedankengedicht, dessen Vorrat Rose Scherzer um ein paar wirklich dichterisch
gestaltete und gültige Stücke dieser sonst in der Lyrik so problematischen Gattung bereichert hat, beruht
ihr auf Voraussetzungen erotischer Art.
Es liegt auf der Hand, dass eine dichterische Natur wie Rose Scherzer nur auf ihrer eigenen starken
Persönlichkeit beruhen, den Gesetzen, wonach sie angetreten, gehorchen und sich nur in einer ihrem

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Zum Beziehungsgeflecht der Czernowitzer Dichter. Aus dem Nachlass von Rose Ausländer

Temperament gemäßen Art dichterisch ausleben kann. Man darf es aber keinesfalls von ihr erwarten, dass
sie sich den Satzungen einer zeitbedingten Literaturströmung, einer Dichterschule oder Koterie oder selbst
den sogenannten Forderungen der Zeit verschreibe. Aber wir haben es nicht zu bedauern, dass die
Dichtung Rose Scherzers eben nur Dichtung ist und, dem Wesen und der Form nach, sich nicht unter dem
Namen irgendeiner der land- und zeitläufigen Literaturströmungen - Expressionismus, Neue Sachlichkeit
oder Surrealismus – einordnen lässt. Denn für die Kunst gilt ganz besonders das Wort Shakespeares: Was
33
ist ein Name? Was uns Rose heißt, wie es auch hieße, würde lieblich duften!
Nach der Einreise der Dichterin in die USA riss der Kontakt zu Margul-Sperber ab. Ausländer
wagte nicht, ihm zu schreiben, um ihn im kommunistischen Rumänien nicht zu gefährden. Sie
sandte über Bekannte und Freunde Grüße. Antwort kam allerdings nicht. Als Margul-Sperber
1967 starb, sendete der Österreichische Rundfunk ORF – Studio Wien - einen Nachruf von Rose
Ausländer:

Rose Ausländer: Nachruf auf Alfred Margul-


Margul-Sperber
Am 4. Januar 1967 ist in Bukarest der Nestor deutscher Lyrik Alfred Margul-Sperber im Alter von 68
Jahren gestorben.
Der in Storozynetz, Bukowina, geborene Dichter war in den zwanziger Jahren längere Zeit als Redakteur
bei der Czernowitzer Tageszeitung Morgenblatt tätig und bis zum Ausbruch des letzten Weltkrieges Mit-
arbeiter deutscher Zeitungen und literarischer Zeitschriften in Rumänien und im Ausland. Bis 1940 hat
Alfred Margul-Sperber zwei Gedichtbände im Verlag Literaria, Czernowitz, Gleichnisse der Landschaft und
Geheimnis und Verzicht veröffentlicht. Von 1951 bis 1966 sind acht Bücher seiner eigenen Lyrik und zwei
Übersetzungsbände aus rumänischen Volksdichtungen in Bukarest erschienen, für welche er mit dem 1.
Staatspreis ausgezeichnet wurde. Von den zwei Bänden Nachdichtungen der Lyrik des bedeutensten
rumänischen Dichters, Tudor Arghezi, erschien ein Band vor etwa sechs Jahren im Bergland Verlag, Wien.
Vor dem letzten Weltkrieg war Alfred Margul-Sperber als eine zentrale Figur deutscher Publizistik in
Rumänien und Österreich sehr geschätzt und galt in den letzten Jahren als der einheimische Poeta
laureatus.
Den Anschluß an die Moderne hat er in seinen eigenen Arbeiten nicht ganz ge-funden, aber es gibt wohl
keinen altmodischen Dichter, der wie Sperber für alle – alte und neue – Lyrik solch ein leidenschaftlich
einfühlsames Interesse bekundete. Er war auch einer der wenigen, die schon 1944-45 die frühen Verse
Paul Celans mit heller Begeisterung begrüßte und in ihm den größten kommenden Dichter erkannte. Paul
Celan widmete ihm sein Gedicht Der Pfeil der Artemis.
Was Alfred Margul-Sperber in hohem Maße auszeichnete, war sein ungewöhnlicher Persönlichkeits-
zauber, dem keiner sich entziehen konnte, und seine lebenslänglichen selbstlosen Bemühungen im Auf-
spüren von neuen Talenten. Kein noch so verstohlen schreibender Dichter männlichen oder weiblichen
Geschlechts in der Bukowina blieb dem Sperber unentdeckt. Er nahm sich ihrer Arbeiten hinge-bungsvoll
an, sprach über sie in Vorträgen, stellte sie in Lesungen vor und schrieb über sie im Morgenblatt, im Tag,
in Wiener Zeitungen und in in- und ausländischen literarischen Zeitschriften. Er war ihr Kritiker, Freund

33
Die Rede ist als Originalmanuskript von Margul-Sperber im Ausländer-Nachlass vorhanden. Der Abdruck erfolgt nach
der Wiedergabe in: Rose Ausländer – Materialien zu Leben und Werk, Hg. Braun, Helmut, Frankfurt/Main, 31997.
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Helmut Braun

und Berater und in einzelnen Fällen auch ihr Herausgeber.


Einige Tage vor seinem Ableben schrieb er ein schlichtes, ergreifendes Gedicht auf seinen bevorstehenden
34
Tod. Ihm trauern zwei Generationen deutscher Dichter, Literaten und Freunde aus seiner Heimat nach.

Und als Kittner ihr 1976 den von ihm herausgegebenen Sammelband Geheimnis und Ver-
35
zicht ) von Margul-Sperber zuschickte, antwortete sie:
...heute erhielt ich den imposanten Sperber-Band - Geheimnis und Verzicht -. Ihre Widmung und
sein Foto haben mich zu Tränen gerührt. Lebhaft gedenke ich seiner, er steht vor mir, der –gute
36 37
Riese -, mein erster – Entdecker -.

Exkurs: Rose Ausländer - Hanna Kawa – Ewald Ruprecht Korn


Zu berichten ist von einer Episode, allerdings einer überlebenswichtigen Episode aus dem
Leben Rose Ausländers in den Jahren 1943/44, in der Zeit der Judenverfolgung in Czernowitz.
Das Judengetto wurde Ende Februar 1942 aufgelöst. An die 40.000 jüdische Menschen waren
aus der Stadt nach Transnistrien deportiert. Die im Getto verbliebenen etwa 15.000 Juden
kehrten in ihre Wohnungen zurück. Sie durften die Stadt nicht verlassen; es galt für sie eine
strenge Ausgangssperre. Sie mussten den gelben Stern tragen, mussten arbeiten und wurden
zeitweise zu Zwangsarbeiten in der Stadt eingesetzt. Ihre Versorgung mit Lebensmitteln,
Kleidung, Medikamenten war erbärmlich.
38
Im Juni 1942 werden die Juden mit Popovici-Autorisation – etwa 5.000 Menschen – nach
Transnistrien deportiert. Im Juli wird für die jüdischen Männer zwischen 18 und 50 Jahren ein
Arbeitsdienst in rumänischen Lagern eingerichtet. Wer keine Arbeitsstelle nachweisen kann,
39
wird zu dieser Zwangsarbeit eingezogen. Danach ist Ausländer die einzige der uns bekannten
Dichterinnen und Dichter, die noch in der Stadt lebt. Sie hatte eine sogenannte Calotescu-
40
Aufenthaltsbewilligung und war in der Liste der Arbeitenden als Krankenschwester in einer
Augenklinik registriert.

34
Ausländer, Rose: Nachruf auf Alfred Margul-Sperber, ORF, Wien, Januar 1967. Als Typoskript im Ausländer-Nachlass
vorhanden.
35
Margul-Sperber, Alfred: Geheimnis und Verzicht. Das lyrische Werk in Auswahl. Hrsg. von Alfred Kittner. Bukarest
1975.
36
Ausländer verwendet hier ein Zitat aus dem Gedicht Margul, der gute Riese von Rosenkranz. Aus: Die Tafeln,
Czernowitz 1940, S. 20.
37
Brief von Ausländer an Kittner vom 1. März 1976. Kopie im Ausländer-Nachlass.
38
Die Aufenthaltserlaubnis, die der rumänische Bürgermeister Popovici an etwa 5.000 Juden ausstellte, schützte diese
nur bis zum Juni 1942 vor der Deportation. Zu den Opfern dieser zweiten Deportationswelle gehörten auch die Eltern
Celans und Selma Meerbaum-Eisinger, sowie der überlebende Immanuel Weissglas und seine Familie.
39
Zu den Zwangsarbeitern, die bis Februar 1944 im Straßenbau eingesetzt waren, gehörten Celan und Rosenkranz.
40
Calotescu war Gouverneur des Regierungsbezirkes Czernowitz. Seine Autorisation schützte in Verbindung mit der
Liste der Arbeitenden – in die Juden eingetragen wurden, deren Arbeitsleistung für die Infrastruktur der Stadt
Czernowitz wichtig war, u.a. Ärzte, Krankenschwestern – vor der Deportation nach Transnistrien.

360 ZGR 1-2 (25-26) / 2004, 1-2 (27-28) / 2005


Zum Beziehungsgeflecht der Czernowitzer Dichter. Aus dem Nachlass von Rose Ausländer
41
Am 17. Februar 1943 schreibt Hanna Kawa aus Bukarest einen handschriftlichen Brief,
welcher nachdem er die rumänische Zensur nach diversen Schwärzungen passiert hatte, wenig
∗7
später die Dichterin erreicht und sich heute in deren Nachlass befindet.
Bucarest, [Link].43
Sehr geehrte gnädige Frau.
42
Ein Kreis Ihrer Anhänger, von Sperber und Korn inspiriert, haben sich entschlossen, um Ihnen
einen kleinen Beweis ihrer Freundschaft zu geben, eine monatliche .... Da es mir bisher nicht ge-
lungen ist Sie ausfindig zu machen, ...
Falls es Ihnen so nicht entspricht, teilen Sie mir, bitte, eine ev. Änderung mit.
Eine meiner Bekannten hat mir auch für Sie eine hübsche dünne Pelzjacke gegeben. Leider wie? ich
aber keinen Weg und habe keine Möglichkeit sie ...
finden Sie etwas. Bei dieser Gelegenheit ...
stehend die Namen ...
dennoch Sie in Verbindung waren und eine Ablenkung finden können, wenn Sie wollen. Es ist mir
eine moralische Genugtuung Ihnen dienen zu können, weil ich mich auch literarisch betätige und
zwar in polnischer Sprache, denn ich bin ein Flüchtling aus Warschau. Die besten Grüße von uns
allen und viele gute Wünsche, Ihre Hanna Kawa ...

bei Frau Somogyi Bucureşti ...


Meine Freunde: Litrig und Frau (deren Anschrift habe ich nicht bei mir.) Leon Schenkel und seine
Frau, str. Tudor Vladimirescu 7/2
Die beiden Familien sind miteinander bekannt.
[Link].43
also viele freudige ....
Die zarte Antwortkarte an Frau Kava Ausländers ist verloren gegangen oder aber zur Zeit
43
nicht auffindbar. Eine Briefkarte von Ewald Ruprecht Korn aus Bukarest an Ausländer –
Adresse: D-rei Leonore Neumann, (Für Rose Ausländer), CernăuŃi, str. Balş, No.11 – datiert auf
den 7. März 1943 setzt die Korrespondenz fort.

41
Hanna Kawa war Polin. Sie flüchtete 1939 über Czernowitz nach Bukarest. Als wohlhabende Witwe förderte Sie in
Bukarest KünstlerInnen. Sie war Jüdin, was in Bukarest den Behörden nicht bekannt war. Kawa schrieb in polnischer
Sprache Gedichte.
∗7
Zu Hanna Kawas Tätigkeit sowie zu ihrem von Moses Rosenkranz ins Deutsche übersetzten Konvolut von Gedichten,
das durch die Kriegswirren nicht mehr erscheinen konnte und zu dem der Übersetzer ein ausführliches Vorwort ge-
schrieben hatte, siehe erste Informationen in: George GuŃu, "...aus dem Traum … reisst mich diese dürre Wirklichkeit." Zu
Rose Ausländers früher Lyrik. In: Rose Ausländer, Der Traum hat offene Augen - Vis cu ochii deschişi. Zweisprachige
Ausgabe. EdiŃie bilingvă. Traduceri de / Übersetzung von George GuŃu. Editura FundaŃiei Culturale Române, Bucureşti
2002, S. 226-238. (A. d. ZGR-Red.)
42
Margul-Sperber lebte seit 1940 bis zu seinem Tode im Jahre 1967 mit seiner Frau in Bukarest.
43
Ewald Ruprecht Korn stammt aus der Bukowina. Er lebte in Bukarest und veröffentlichte dort zwei schmale Lyrik-
bände.
ZGR 1-2 (25-26) / 2004, 1-2 (27-28) / 2005 361
Helmut Braun

Bukarest, den 7. März (1)943


Verehrte, gnädige Frau!
Ihre zarte Antwortkarte an Frau Kava habe ich gelesen, als einer der fremden Freunde – wie Sie so
schön sagen – die Ihnen Frau Kava in ihrem Brief genannt.
Wir haben uns vorgenommen, jeden Monat solch ein Brieflein unserer Verehrung Ihrer Verse zu
schreiben, um dem Menschen so nahe wie der Dichterin zu sein. Das mein Gedichtband in dem
selben Jahr erschienen, hier in den Buchhandlungen so nah dem Ihrigen lag, schon dies freute mich.
Immer wieder sage ich ihre Verse Bekanntesten und Bekannten, und so weilen Sie oft unter uns und
vielleicht erleben Sie dort unsere Zwiegespräche mit Ihnen. Besonders liebe ich das Gedicht Rose
und Schmetterling. Und so bitte ich, dem die Handschrift so viel sagt, mir eine handschriftliche Ab-
schrift des Gedichtes zu schicken. Und neige mich dankend über die begnadeten Hände, die es ge-
schrieben.
44
Ewald Korn
45
Auf diese Karte antwortet Ausländer per handschriftlichem Brief vom 13. März 1943.
Sehr geschätzter, lieber Herr Korn!
Ihre herzlichen Worte sind ein Fest meinem Herzen, das lange keinen Feiertag hatte. Doch jetzt
kann ich die Wonne solchen Erlebens nicht erschöpfend auskosten. Ein harter Schlag traf mich
gestern: ich bin von der Liste der Arbeitenden (die allein hier Lebensberechtigung haben) gestrichen
worden. So erlebe ich die Schönheit Ihres Sprechens zu mir durch einen dichten Schleier von Weh-
mut. Aber auch durch dieses Gewebe schimmert sie hell und trostreich. Was soll nun werden? Wird
es mir vergönnt sein, Eure monatlichen Grüße zu bekommen und mich ihrer würdig zu freuen?
So nehmen Sie dies mein gedämpftes Gefühl. Wissen Sie denn, was mir jetzt und hier Euer Nahesein
bedeutet? Gewiss fühlen Sie es; da Sie wie ein Engel in mein Schattenreich traten, um das tiefe
Dunkel aufzuhellen. Es ist traumhaft wunderbar – und nur Träume sind die Wirklichkeit – die Wirk-
lichkeit aber ist weniger als ein
Traum in ihrer schalen Einförmigkeit und mörderischen Entpersönlichung. Traum: das ist Raum ohne
Grenzen. Und nur wo die Begrenzung aufhört, beginnt erst die Kunst.
Lieber Freund, erfreuen und erfrischen Sie mich bald wieder durch Ihr belebendes Wort. Ich entsinne
mich nicht Ihres Namens, glaube nicht, jemals von Ihnen Verse gelesen zu haben. Und täte es so
gern!
Frau Kawa wird Ihnen erklären, warum ich Sie bitte, nicht an die alte Adresse zu schreiben. Frau K.
wird Ihnen alles darüber mitteilen. Sie können mir immer durch sie Ihre guten Wünsche senden –
und auf diese Weise weit ungezwungener schreiben. Rose und Schmetterling ziehen mit. Ach, dieser
Frühling – wird er mir Verse bringen? Oder nur neues namenloses Leid?
In aller Innigkeit
Ihre Rose A.

44
Die Briefkarte befindet sich im Ausländer-Nachlass.
45
Der Brief wird zitiert nach dem Beitrag von Martin, Uwe: Bruchstücke, in: Neue Literatur, Bukarest, Nr. 4 aus 1981,
S. 82 – 87.

362 ZGR 1-2 (25-26) / 2004, 1-2 (27-28) / 2005


Zum Beziehungsgeflecht der Czernowitzer Dichter. Aus dem Nachlass von Rose Ausländer
46
Entgegen der Mitteilung im Brief war nicht wie gewünscht Rose und Schmetterling als
47
Gedichthandschrift beigefügt, sondern das Gedicht An einen Schmetterling.

An einen Schmetterling

Einst warst du Blume, Glanz und Stille,


Die Farben bogen sich dir zu,
und legten sich in Lockenfülle
um deine sanfte Sommerruh.

Es wuchs der Schmelz auf deinen Wangen,


die Süßigkeit lag wie ein Kern
in deinem goldnen Duft gefangen
und koste mit dem Morgenstern.

Da riß dich eine Vogelkehle


heraus aus deinem kleinen Schauen
und spannte deine Seidenseele
zu Flügeln über bunten Auen.

Zunächst muss festgehalten werden, dass Ausländer, wie sie mitteilt, am 12. März 1943 von
der Liste der Arbeitenden gestrichen wurde. Das heißt, sie verlor die Arbeitsstelle in der Augen-
klinik, die bis dahin in Verbindung mit der Calotescu-Autorisation die Lebensversicherung für
sie und ihre Mutter war. Die Folge ist eine entscheidende Änderung der Lebenssituation: Der
Aufenthalt der beiden Frauen in Czernowitz ist jetzt illegal, die Deportation droht unmittelbar.
Um dem zu entgehen, tauchen sie bei verschiedenen – auch nichtjüdischen – Freunden
unter und verbergen sich mehrfach in einem Kellerversteck.
Dies erschwert nachhaltig die Sicherstellung des notwendigsten Lebensunterhaltes. Al-
lerdings hatte Kawa in der Zwischenzeit Ausländer aufgesucht. Sie war mit der Eisenbahn von
Bukarest nach Czernowitz gefahren und hatte im Bukarester Freundeskreis gesammeltes Geld,
48
Lebensmittel und Kleidung für Ausländer und deren Mutter mitgebracht. Bei diesem Besuch
war auch vereinbart worden, dass keine Briefe und Karten mehr vom Bukarester Freundeskreis
nach Czernowitz per Post geschickt werden sollten, damit Ausländer nicht unnötig gefährdet
werde. Kawa wollte solche schriftlichen Grüße, wie auch die Antworten darauf, persönlich
49
überbringen. So ist denn wohl auch der Brief Korns vom 22. März 1943 – ohne Adresse und
Umschlag – auf diese Weise überbracht worden.
22. März 1943

46
Rose und Schmetterling, in: Ausländer, Rose, GW, Bd.1 / 78
47
An einen Schmetterling, in: Ausländer, Rose, GW, Bd. 1 / 77
48
Diese und folgende Ausführungen zu den Hilfstransporten von Hanna Kawa fußen auf den Angaben, die Ausländer in
den Jahren 1978 – 1987 in mehreren Gesprächen mit dem Verfasser gemacht hat. Sie hat immer betont, Kawa sei ihre
Lebensretterin gewesen.
49
Der handschriftliche Brief befindet sich im Ausländer-Nachlass.
ZGR 1-2 (25-26) / 2004, 1-2 (27-28) / 2005 363
Helmut Braun

Verehrteste, gnädige Frau!


Durch Ihre Handschrift ward mir Ihr Schmetterlings-Gedicht noch näher. Ihre Züge entführen mich
in ein(en) Bereich üppiger Phantasie und sind von einem Adel der Form überglänzt, dass ich mich
immer wieder darein versenke. Also Dank! Auch ihre Worte über den Traum und die Poesie haben
mich tiefer ins Verstehen Ihrer Gedichte geleitet. So viele Ihrer Gedichte sind ja Traumgedichte und
die Worte Ihres Briefes streifen ganz nahe an das Gedicht: Wunder des Traums heran.
Für die Schwere des Schlages wären Trostworte zu billig, wenn sie auch meine Teilnahme zur Schau
trügen. Doch Sie haben hier Freunde – Darf ich Sie bitten, dass dieser Glaube Sie für den Augenblick
emportrage?
Und dann der Ausklang Ihres Briefes: über alles Schmerzliche mit meinem Hoffen auf Verse hinweg-
siegend, wie es mich entzückte! Da ich so gerne Ihre Verse sage, vielleicht vertrauen Sie meiner
Stimme auch von den Ungedruckten manches an. Es wäre ein Fest für Ihre Freunde. Und auch die
ganz neuen, denen noch der Duft der Frische entströmt.
Einen Frühling der Verse wünschend
freundlichst
Ihr EK
Auch wenn Korn in Bezug auf die Streichung aus der Liste der Arbeitenden anmerkt: Für die
Schwere des Schlages wären Trostworte zu billig, wenn sie auch meine Teilnahme zur Schau
trügen, scheint er doch nicht wirklich begriffen zu haben, wie extrem gefährdet die Dichterin
jetzt war. Wie sonst könnte er so nachhaltig auf Gedichtabschriften – dazu noch möglichst
unveröffentlichter, neuer Gedichte – bestehen und einen Frühling der Verse wünschen?
50
Die als erste Antwort folgende Karte Ausländers an Korn vom 12. April 1943 wurde gegen
die Absprache mit der Post gesendet; Ausländer war kurzzeitig der Kontakt zu Kawa verloren
gegangen.
12.4.43
Sehr geehrter, lieber Herr Korn!
Ich hoffe Ihnen bald ausführlicher schreiben zu können und will Ihnen jetzt nur ein Wort warmen
Dankes zurufen für das Schöne und Innige, dass Sie mir sagen.
Darf ich Sie bitten unsere gute K. zu besuchen und mir mitzuteilen, ob sie gesund ist? Mir wurde
gesagt, sie sei krank und da ich seit mehreren Wochen keine Nach-richt von ihr habe, quält mich
die Sorge um sie. Sagen Sie ihr bitte, es würde mich freuen, wenn sie sich mit dem Mediziner T. in
Verbindung setzen wollte, ehe er abreist (vor den Feiertagen).
Herzlichst
R.A.
Der letzte vorliegende Brief aus dieser Korrespondenz ging von Ausländer an Korn; er war
51
undatiert und wurde ihm, wie er notierte, am 2. Mai 1943 von Kawa überbracht.
Sehr geehrter, lieber Herr Korn!

50
Martin, Uwe, a.a.O., S.84 und Angabe Ausländers in Ergänzung zur Publikation von Uwe Martin.
51
Siehe Anmerkung 50.

364 ZGR 1-2 (25-26) / 2004, 1-2 (27-28) / 2005


Zum Beziehungsgeflecht der Czernowitzer Dichter. Aus dem Nachlass von Rose Ausländer

Gewiß trägt mich der Glaube an meine Bukarester Freunde empor – nicht nur für den Augenblick,
wie Sie so bescheiden bitten. Schön und liebreich sprechen Sie – auch dies ist mir Dichtung. Ich er-
lebe die Poesie dieser unbekannten Freundschaft mit jenem Enthusiasmus, mit dem ich eine
Beethovensonate, eine zarte Blumen form, einen taumelnden Käfer umarme. Meine Dankbarkeit
kann nur in diesem Geständnis zum Ausdruck kommen.
Neue Gedichte? Ach, dies ist ein gar tragisches Kapitel, mein Guter. Fast alles, was seit dem Er-
scheinen des R(egenbogen) bis 41 entstanden, ist verloren gegangen. In den apokalyptischen Tagen
des Ghetto (vor eineinhalb Jahren) habe ich alles, was sich noch an Manuskripten, Briefen, Tage-
büchern, Entwürfen in meinen Händen befand (in einer Art ruhiger Raserei) in Flammen aufgehen
lassen. Nur eine Mappe, alte Entwürfe und Notizen enthaltend, entging zufällig diesem Schicksal. –
Und seitdem? Nein, es waren keine Frühlinge der Verse! Es war uns ist ein Zauberschlaf, in dem
schwarze Träume umhergeistern u. in den sich auch einmal ein Traum von Frühling und Flieder ver-
irrt. Was trotzdem in Versen entstand, spiegelt das Fragmentarische und die Zerrissenheit des Ge-
fühls. Ich habe zu diesen Versuchen keine rechte Beziehung, möchte sie noch ruhen lassen, bis sie
vielleicht ein-mal noch Wurzeln schlagen in mir. Hier ist das zwingende Bedürfnis, Ihnen Freude zu
spenden, mit der Hemmung, jene Verse aus der Hand zu geben, in Konflikt geraten – werden Sie es
mir verargen, wenn diese sich als mächtiger erweisen sollte? Dies gilt für den Augenblick – morgen
mag alles verwandelt sein. Wenn sich der Krampf löst, wird sich auch die Zunge lösen – und dann
fließen meine Lieder Ihnen zu, lieber Freund. Vielleicht bringe ich es doch über mich, das eine und
andere Bruchstück eines Gedichtes mitzuschicken. (Die Feder ist unerträglich!)
Bleiben Sie mir weiter gut und wirken Sie das Wunder heiliger Freundschaft!.
Freude wünsche ich Ihnen, schöpferische Freude.
Innigst Ihre
R:A.
P.S. Jetzt bleibt keine Zeit mehr fürs Abschreiben. Gedulden Sie sich bis zum nächsten Brief, der
Ihnen einige Verse bringt.
Wollen Sie Ihre lyrische Anonymität nicht aufgeben und mich in Ihre Dichtung hineinlugen lassen?
Schreiben Sie mir?
R.A.
Weitere Briefe sind nicht erhalten oder zur Zeit noch nicht aufgefunden. Der Postweg über
Hanna Kawa hat aber weiter funktioniert, wie die bei Korn in Abschrift aufgefundenen drei
52
Gedichte Angst, Die Verschollenen und Die Schönheit mit der Widmung Für Hanna, Freddy und
53
Korn belegen.
Die Reihenfolge dieser Widmung mag Zufall sein oder der Höflichkeit geschuldet. Sie kann
aber auch die Gewichtigkeit der Hilfestellung der Angesprochenen ausdrücken. Zweifelsohne
übertreibt Korn, wenn er behauptet:

52
Angst I, in: Ausländer, Rose, GW Bd. 1 / 146; Die Verschollenen, in: Ausländer, Rose, GW Bd. 1 / 144; Die Schönheit,
in: Ausländer, Rose, GW Bd. 1 / 157; Diese Gedichte hat Ausländer dem 1942/43 entstandenen Gedichtzyklus Ghetto-
motive zugeordnet.
53
Martin, Uwe, a.a.O., S. 85.
ZGR 1-2 (25-26) / 2004, 1-2 (27-28) / 2005 365
Helmut Braun

....(ich) übernahm es, im Bukarester Freundeskreis Geldspenden für die Dichterin zu sammeln und
54
auf den Weg nach Czernowitz zu leiten.
Ohne seinen Beitrag zu schmälern – und den der hier nicht genannten Spender, die zum Teil
55
tatsächlich zu dem von Uwe Martin benannten Dichterkreis um Alfred Margul-Sperber und
Oskar Walter Cisek gehörten – der Initiator dieser lebensrettenden Hilfsaktion für Rose Aus-
56
länder und ihre Mutter Kathi Scherzer war, wie die Dichterin selbst berichtete , der Förderer,
Ratgeber und Freund Alfred Margul-Sperber. Und Hanna Kawa, die ihre gefährliche monatliche
Reise mit Hilfsgütern bis zum März 1944 fortsetzte, gebührt der Dank für diese höchst mutige,
beispielgebende Hilfe!
57
Rose Ausländer begegnete Hanna Kawa im August 1946 in Bukarest wieder. Und Fotos der
58
Kawa mit Widmungen a ma cher amie Ruth belegen, dass die Kontakte bis 1957 erhalten
blieben, als Rose Ausländer die zwischenzeitlich nach Paris umgesiedelte Hanna Kawa dort
letztmalig traf. Hanna Kawa soll dort noch im Jahre 1957 gestorben sein.

Zwei
Zwei Nachträge – Rose Ausländer: Moses Rosenkranz
1. Nachtrag
Rose Ausländer kannte die veröffentlichten Gedichte von Rosenkranz. Sie kannte ihn auch
persönlich, allerdings war dies, wie sich aus Informationen seiner damaligen Ehefrau ergibt,
sowohl in Czernowitz als auch in Bukarest kein intensiver oder gar freundschaftlicher Um-
59
gang. Schon in einem Brief an Margul-Sperber vom 24. Juli 1935 gab Ausländer zu erkennen,
dass sie die Gedichte von Rosenkranz nicht besonders schätzte. Sie führt aus, dass ihr die Ge-
dichte Goldfelds weit besser zu(sagen) als die Dichtung des gewiss sehr bedeutenden Rosen-
kranz. Die allzu geschliffene, architektonische Form d.(es) R.(osenkranz) erinnert doch zu sehr
an den Germanen St. George, der, bei aller reinen Schönheit des Gestalteten, mich doch kalt
60
ließ. Margul-Sperber machte aus seiner Einschätzung des Ranges der Gedichte, die er für
Ausländers Band Der Regenbogen aussuchte, kein Geheimnis. Er schrieb: Ich halte Ihre Gedichte
61
für ungleich bedeutsamer als die Rosenkranzischen….

54
Martin, Uwe, a.a.O., S. 85.
55
Martin, Uwe, a.a.O., S. 85.
56
Ausländer hat in mehreren Gesprächen mit dem Verfasser Margul-Sperber als Initiator und Motor der Hilfsaktion
benannt.
57
Kawa tat sich damals als Mäzenin des Jüdischen Theaters in Bukarest hervor. Angabe von Edith Silbermann in einem
auf Audiokassette aufgezeichneten Gespräch mit dem Verfasser vom 21. April 1988.
58
Drei Fotos aus den Jahren 1951, 1956 und 1957 befinden sich im Archiv der Rose Ausländer-Stiftung.
59
Siehe Anmerkung 70. Anni Rübner, die von 1932 – 1946 mit Rosenkranz verheiratet war, merkte an, dass sie Aus-
länder zwar dem Namen nach kannte, ihr aber weder in Czernowitz noch in Bukarest jemals persönlich begegnete. Dies
spricht gegen eine nähere Bekanntschaft von Ausländer und Rosenkranz.
60
Siehe Anmerkung 1. und 12. Brief von Ausländer an Margul-Sperber vom 24.7.1935.
61
Siehe Anmerkung 24. und 25.

366 ZGR 1-2 (25-26) / 2004, 1-2 (27-28) / 2005


Zum Beziehungsgeflecht der Czernowitzer Dichter. Aus dem Nachlass von Rose Ausländer

Im März 1940 teilte Ausländer Goldfeld mit, dass sie Rosenkranz in Bukarest getroffen
habe. Er habe behauptet, keine Widmungsexemplare seiner Bücher an bekannte Dichter ver-
62
sandt zu haben - was nachweislich falsch ist - und er habe ihr ebenfalls davon abgeraten.
Goldfeld leidet an Rosenkranz – der ihn im Vertrieb seines Buches aussticht, den Margul-
Sperber in seinen Rezensionen vorzieht, wofür Rosekranz sich dann mit ebenso guten Be-
sprechungen der Margul-Sperberschen Bücher erkenntlich zeigt. Goldfeld schreibt Ausländer
63
wie herabsetzend, ja beleidigend Rosenkranz sich über ihr Buch Der Regenbogen äußert.

2. Nachtrag
Rosenkranz, der seit 1961 in Deutschland, in der Nähe von Freiburg, lebte, schrieb 1978 an
Ausländer. Er wusste aus der Presse, dass Ausländer mittlerweile eine in Deutschland bekannte
und geschätzte Dichterin war. Er legte dem Brief einige Gedichte aus seinen in Czernowitz er-
schienenen Büchern bei. Er will seine alten Gedichte erneut publizieren und fragt an, ob Aus-
länder dabei behilflich sein kann.
Wohl eingedenk früherer Erfahrungen lehnt sie harsch ab und lässt ihm in einem Brief mit-
teilen – sie kann wegen Arthrose in den Händen nur noch unter Schmerzen schreiben - dass sie
64
ihm weder helfen kann, noch will; er solle sie in Ruhe lassen.
Rosenkranz revanchiert sich umgehend. Er verleumdet Ausländer, indem er behauptet, diese
sei während der Shoa nicht in Czernowitz gewesen. Vielmehr sei sie als amerikanische Spionin
von den USA Anfang 1940 nach New York ausgeflogen worden. Ihre Verfolgung in der Nazizeit
65
sei frei erfunden, alle Personen, auf die sie sich als Zeugen berufe, seien tot.
Diese Lügengeschichte erzählte Rosenkranz u.a. dem Freiburger Germanisten Gerhart Bau-
mann, der damals bereits seit einigen Jahren einen regelmäßigen Briefwechsel mit Ausländer
führte. Baumann glaubte Rosenkranz und brach die Kontakte zu Ausländer ab. Erst Jahre
später, nachdem ihm aufgrund verschiedener Publikationen über Ausländer bekannt wurde,
dass er einer Täuschung aufgesessen war, beschäftigte er sich wieder mit dem Werk der
Dichterin.
66
Auch Gerhart Reiter, der um 1980 an seiner Magisterarbeit über Ausländer schrieb , wurde
entsprechend falsch von Rosenkranz informiert. Er gab mir diese Informationen weiter und ich

62
Brief von Goldfeld an Ausländer vom 26.3.40. Original im Ausländer-Nachlass.
63
Ebenda.
64
Ausländer diktierte ihren Brief einer Pflegeschwester. Eine Abschrift davon und der Brief von Rosenkranz incl. Bei-
lagen befinden sich im Ausländer-Nachlass.
65
Es ist auffällig, dass Ausländer tatsächlich unter dem Vorwurf, sie sei eine amerikanische Spionin, im November
1940 durch den sowjetischen Inlandsgeheimdienst NKWD in Czernowitz verhaftet wurde und erst im Februar 1941
wieder freigelassen wurde. Siehe dazu: Rychlo, Peter: Spurenfindung: Rose Ausländer und Paul Celan in Czernowitz, in:
Wörter stellen mir nach / ich stelle sie vor – Dokumentation des Ludwigsburger Symposions: 100 Jahre Rose Ausländer,
Hg. Michael Gans, Roland Jost, Harald Vogel, S.160-167, Baltmannsweiler 2002. Vermutlich war dieser Vorfall das
Körnchen Wahrheit in den „Erzählungen“ des Rosenkranz.
66
Reiter, Gerhart: Das Eine und das Einzelne. Zur philosophischen Struktur der Lyrik Rose Ausländers, in: Hg. Helmut
Braun Rose Ausländer – Materialien zu Leben und Werk, S. 154 ff, Frankfurt / Main, 31997.
ZGR 1-2 (25-26) / 2004, 1-2 (27-28) / 2005 367
Helmut Braun

stellte Dokumente zusammen, die die Behauptungen Rosenkranzens widerlegten. Ich fand
darüber hinaus lebende Zeugen, die Ausländers Aufenthalt im Getto von Czernowitz be-
67
stätigten.
Es passt dazu, dass Rosenkranz auch keine Gelegenheit ausgelassen hat, Paul Celan zu ver-
68
leumden, den er in übelster Weise für den Tod seiner Eltern verantwortlich machte.
69
In einem Gespräch Silbermann / Kittner / Köhl / Braun nahm Alfred Kittner zu diesen Vor-
fällen Stellung: Rosenkranz war der übelste Intrigant, der jemals auf zwei Beinen in Czernowitz
herumgelaufen ist. Er war von Neid geplagt und vom Ehrgeiz zerfressen, der beste Czernowitzer
Dichter zu sein. Solche Anerkennung zu erringen, war ihm jedes Mittel recht. Edith Silbermann
stimmte dem zu.
∗8
Da seit einigen Jahren – zum Beispiel durch Wolf Biermann - versucht wird, den zwi-
∗9 ∗10
schenzeitlich verstorbenen Rosenkranz , mit einem Heiligenschein zu versehen , ist es gut zu
wissen, dass menschliche Schwächen, ganz wesentlich auch die Beziehungen der Czernowitzer
Dichter prägten. Die einzig mögliche Schlussfolgerung ist, dass unter den Czernowitzer
Dichtern ein heftiger Konkurrenzkampf bestand und das sich dabei Rosenkranz besonders un-
rühmlich hervortat. Auch scheint das kulturelle Feld, auf dem diese Dichter in Czernowitz
70
ackerten, nicht besonders ergiebig gewesen zu sein.

67
Max Scherzer, Edith Silbermann, Stella Avni, Adolf Heitner, Vera und Emanuel Hacken, Genia Grünzweig u.a.
68
Feature mit Rosenkranz-Zitaten von Dieter Schlesak im DLF, Köln 1995.
69
Das Gespräch wurde am 28.02.1992 geführt und auf Tonkassetten aufgezeichnet. Kassetten und Abschrift befinden
sich im Archiv der Rose Ausländer-Stiftung.
∗8
Siehe u.a.: 1. Harter Brocken, weicher Stein. Anmerkungen zu acht großen Versen des Dichters Moses Rosenkranz. In:
Die Welt, 23. März 2002, S. 7; 2. Über Deutschland. Unter Deutschen. Essays. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2002, S. 150
ff.; 3. Die Füsse des Dichters. Wolf Biermann zum Tod des jüdischen Dichters Moses Rosenkranz. In: Der Spiegel, Nr. 22
/ 26.5.2003, S. 150-153.
∗9
Nach Erscheinen von Moses Rosenkranz’ Kindheit. Fragment einer Autobiographie. Hrsg. von George GuŃu, unter
Mitarbeit von Doris Rosenkranz, Rimbaud Verlag, Aachen 12000, 22001, 32002, 42004, erlebte der greise Dichter (geb.
1904) kurz vor seinem Ableben (2003) einen großen, wohl verdienten, leider viel zu späten Erfolg, der ausschließlich
auf die besondere literarische und dokumentarische Qualität des Rosenkranzschen Werkes allein zurückzuführen war.
(A. d. ZGR-Red.)
∗10
An dieser Stelle muß mit verständlichem Unbehagen auf die hier eindeutig artikulierte („Heiligenschein“) Herab-
setzung des Dichters und Menschen Moses Rosenkranz, der immerhin Jahre im Arbeitslager in T`b`re[ti/ Cilibia sowie
ein ganzes Jahrzehnt im sowjetischen GULAG verbringen mußte, hingewiesen werden und dabei zu bedenken geben, ob
solche Recherchen überhaupt heuristischen und werkerläuternden Sinn stiften helfen: Bekanntlich haben sich die
Bukowiner Dichter nicht nur gegenseitig vorteilhaft in Szene gesetzt, sondern oft auch regelrecht beschimpft. (Zeit-
oder charakterbedingte) Moralische Schwachpunkte kann man bei allen antreffen – man denke nur an die sehr bedenk-
liche Äußerung von Alfred Gong über Paul Celan, die Claire Goll sofort aufgriff, um ihre unsinnigen
Plagiastanschuldigungen gegen Celan zu untermauern. (Briefe an Hans Bender. Unter redaktioneller Mitarbeit von Ute
Heimbüchel herausgegeben von Volker Neuhaus. Kulturkreis im Bundesverband der Deutschen Industrie e.V. Köln,
Hanser Verlag, München 1984, S. 115.) Derartige Querelen [wie sie zum Teil auch von Andrei Corbea-Hoi[ie: Ein
Literaturstreit in Czernowitz (1939-1940). In: Études Germaniques 58 (2003), S. 363-378, dargestellt werden] stehen
in einem geringen wissenschaftlich-epistemischen Zusammenhang mit der Qualität der Werke selbst. Siehe auch Anm.
∗9! (A. d. ZGR-Red.)
70
Margul-Sperber, Alfred: Undatiertes Vortragsmanuskript (9 maschinengeschriebene Seiten) im Margul-Sperber-

368 ZGR 1-2 (25-26) / 2004, 1-2 (27-28) / 2005


Zum Beziehungsgeflecht der Czernowitzer Dichter. Aus dem Nachlass von Rose Ausländer

*
* *
Anmerkung der Redaktion der ZGR:ZGR
Im Sinne der Freiheit, die wir unseren Beiträgern gewähren, veröffentlichen wir den uns zu-
gesandten wertvollen Beitrag von Helmut Braun, wobei zugleich folgende Bemerkungen an-
gebracht sind:
1. Für Stil, Behauptungen und Collage verschiedener Briefstellen sowie Aussagen verantwortet
der Verfasser.
2. Wegen Unnachprüfbarkeit und Unzuverlässigkeit gewisser – unserer Ansicht nach - un-
genügend belegten Aussagen sowie aus ethischen Erwägungen wurde der 3. Nachtrag aus-
gelassen.
3. Gelegentlich erwiesen sich knappe zusätzliche Informationen als unumgänglich, die wir als
Fussnoten angebracht haben, um dem Leser weiterführende Literaturhinweise zugänglich zu
machen.
Es ist durchaus zu begrüssen, dass Bemühungen unternommen werden, die Vielfalt der Bu-
kowiner literarischen Szene dokumentarisch zu belegen und zu entmythisieren. Die Übernahme
feuilletonistisch-publizistischer Methoden gewisser Bukowiner Blätter sowie des dort zeit- und
ortsüblichen Klatsch- und Tratschstils ist allerdings in einem wissenschaftlichen Fachorgan
nicht üblich.
Erfreulicherweise sprechen die Bukowiner Autoren durch ihre eigenen Werke deutlich genug für
sich.

Nachlass, Literaturmuseum Bukarest. Teilabdruck in: In der Sprache der Mörder, siehe Anmerkung 15, S. 183ff.
ZGR 1-2 (25-26) / 2004, 1-2 (27-28) / 2005 369
DIE BEDEUTUNG DONAUSCHWÄBISCHER SYMBOLE

Hans Gehl

1. Die Bedeutung von "Gedächtnisorten"


Über die Definition und Reichweite des "Gedächtnis-" oder "Erinnerungsortes" wird dis-
kutiert, seit Pierre Nora 1984 den Begriff des lieu de mémoire einführte. Untersuchungen über
symbolhafte Gedächtnisorte in Osteuropa stehen noch bevor und wurden am "Zentrum für Ost-
europastudien" an der Universität Kiel eingeleitet. Es geht um die Neubewertung von Denk-
mälern, aber auch von Jubiläumsfeiern, von literarischen Texten über Vertreibung und Um-
siedlung und um Mythologisierungen, etwa der serbischen Niederlage in der Schlacht auf dem
Kosovo 1386 zu einem "serbischen Golgotha", das bekanntlich zu einer aggressiven In-
strumentalisierung im Kosovo-Krieg führte. In Anlehnung daran bezeichnen die Donau-
schwaben ihre Entrechtung und verlustreiche Internierung auch als "Leidensweg". Im Süd-
schwarzwälder Herrischried wurde am 2. September 2001 ein „Schicksalsweg der Banater
Schwaben“ mit Etappen ihrer Geschichte eingerichtet. Gedächtnisorte sind in jedem Fall be-
wusst gesetzte Zeichen, ganz gleich, ob sie eben zu diesem Zweck geschaffen wurden wie die
Denkmäler oder ob sie erst nachträglich mit einer solchen Memorialfunktion ausgestattet
werden. Dieser willkürlich anmutende Zug gehört zu den Wesenselementen von Gedächtnis-
orten und macht zugleich deutlich, dass bei aller Betonung von Allgemeingültigkeit immer die
Vorherrschaft bestimmter Deutungsmuster mit im Spiel ist. Mit Gedächtnisorten wurde und
wird bewusst "symbolische Politik" gemacht. In Osteuropa kam es durch wiederholte Fremd-
bestimmung und viele Nachbarschaftskonflikte zu mehrfachen Brüchen in der Geschichte. Denn
je stärker die kollektiven Kränkungen der Vergangenheit ausgefallen waren, um so
unverzichtbarere sind hier "Gedächtnisorte" als Sammelpunkte kollektiven Selbstverständ-
nisses1.
1.1 Von Gedächtnisorten zu Symbolen
Im Sinne des vorhin Gesagten scheint mir der Übergang zu Symbolen als kulturelle Zeichen
ihrer Zeit gegeben. Symbole sind unverzichtbare Forschungsgegenstände der Ethnologie. Ihrer
Analyse war der 30. Deutsche Volkskundekongress in Karlsruhe vom 25. bis 29. September 1995
gewidmet. Durchblättert man den Tagungsband2, so findet man viele Parallelen zur Begrifflich-
keit der "Gedächtnisorte", beginnend vom Symbolgehalt der Grenzen, seien es die – heute
durchlässigen - Grenzen im Dreiländereck Baden-Elsass-Schweiz oder die norwegisch-
schwedische Grenze, die, abgesehen von Kriegszeiten, die benachbarten Gebiete mehr ver-
banden als trennten. Die Bevölkerung maß ihnen jedenfalls keine besondere Bedeutung bei.
Ganz anders verliefen etwa die rigorosen rumänischen Grenzkontrollen während der
kommunistischen Zeit. Ein symbolischer Gedächtnisort war immer der Rhein "ein Strom
deutschen Gefühls", der mit seiner Poesie und "Lorelei-Romantik" bereits im 19. Jahrhundert
neben der Schweizer "Rütli-Wiese" zu den wichtigsten Zielen englischer und französischer
Touristen zählte. Natürlich adelte auch das Attribut "Rheinwein" jede prosaische Flasche. Be-

1
Nach Jaworski/Kusber/Steindorff 2003, 9-14. (18 B 154)
2
Brednich/Schmitt (Hrsg, 1997).
Die Bedeutung donauschwäbischer Symbole

sondere touristische Gedächtnisorte sind auch seit langer Zeit die Ruinen deutscher und
englischer Schlösser. Zu den lokalen Symbolen zählt weiterhin die Gastfreundschaft, die
persönlich bei Besuchen und kommerzialisiert im Tourismus ausgeprägt ist.
Symbolträchtig ist die Verwendung des alten Fachwerks im heutigen Hausbau, die Ver-
zierung von Wänden und Giebeln mit Symbolen des Sonnenrads und des Lebensbaums als
Ziermotive, nachdem deren Schutzfunktion längst aus dem Bewusstsein geschwunden ist. Nicht
so das Hufeisen auf der Türschwelle, das neuerdings auch das Auto vor Unfällen schützen soll.
Ähnliche Funktionen sollen Kreuze, Rosenkränze und Maskottchen vor der Heckscheibe erfüllen,
wenngleich sie den Fahrer vom Straßenverkehr ablenken könnten.
Nach dem Zusammenbruch des Sozialismus 1989 wurden in Osteuropa neue Wappen als
Symbole der neuen Demokratien gesucht und dabei auf alte Symbole zurückgegriffen. In
Ungarn wurde die Krone des heiligen Stephan, des ersten ungarischen Königs, zum National-
wappen erkoren. Die sozialistischen Denkmäler wurden von den Straßen und öffentlichen
Plätzen entfernt, jedoch die größten und typischen Monumente in einem eigenartigen Frei-
lichtmuseum am Rande von Budapest aufgestellt. Imre Nagy, der Ministerpräsident Ungarns
während der 1956er Revolution und Miklos Horthy, der in Portugal verstorbene Reichsverweser
Ungarns, wurden feierlich wieder bestattet. Mit dem politischen Systemwechsel in Osteuropa
ging eine Umgestaltung der politischen und sozialen Symbolik einher. Neubestattungen, Denk-
mäler, Landeswappen usw. sind ritualisierte und visualisierte Formen des kollektiven sozialen
Gedächtnisses. Diese Gedächtnisräume als "Orte der Erinnerung" spielen in jeder Übergangszeit
eine große Rolle, da sie die Vergangenheit in bezug auf die Zukunft organisieren3. Allerdings
werden Symbole auch politisch überbewertet und manchmal zu grotesken Herrschafts-
ansprüchen instrumentalisiert, wenn etwa im rumänischen Klausenburg (Cluj Napoca) selbst
die Parkbänke und Gehsteige vor Repräsentationsgebäuden in den Farben der rumänischen
Trikolore bestrichen werden, um die Zugehörigkeit zu Rumänien hervorzuheben. Ausländern
mag es als Farce erscheinen, doch für einheimische Ungarn ist es eine geschmacklose Pro-
vokation, die Gegenreaktionen herausfordert.
Symbole sind Teil der Arbeiterbewegung und der Massendemokratie, der Religion und ver-
schiedener Minderheiten. Nationale Gruppen halten an ihren symbolischen Überlieferungen
und "Gedächtnisorten" fest und greifen darauf vor allem in Umbruchperioden zur Wahrung
ihrer Identität zurück.
2. Schwaben
Zu den symbolischen "Gedächtnisorten" der Donauschwaben, die auch für ihre südost-
europäischen Nachbarn von Bedeutung sind und inhaltliche Veränderungen erfahren, zählen
bereits ihre Bezeichnungen: Schwabe und danach Donauschwabe.
Die herkunfts- und entwicklungsmäßig organisch gewachsene deutsche Siedlungsgemein-
schaft in Ostmittel- und Südosteuropa wurde von ihren andersnationalen Nachbarn weit-
gehend mit dem Sammelbegriff Schwaben bezeichnet (vgl. Schwabe als ung. sváb, Pl. svábok,
rum. şvab, f. şvăboaică, serbokr. švaba, f. švabiza, Pl. švabas), wenngleich es nur teilweise

3
Niedermüller 1997, 113, 117 f.
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Hans Gehl

"Abstammungschwaben" waren, d. h. sie stammen nur zum Teil aus dem Schwabenland. Die
Mehrzahl der Siedler wanderte vielmehr aus anderen Teilen Südwest- und Westdeutschlands
(linksrheinische Kurpfalz, Kurmainz, Speyer, Kurtrier, Hessen, Fulda, Würzburg), aber auch aus
dem Elsass, aus Lothringen und aus anderen Gebieten ein. Da jedoch bis 1723 viele deutsche
Siedler aus Oberschwaben, dem nördlichen Bodenseegebiet, der oberen Donau und dem Süd-
schwarzwald in Ungarn einwanderten, wurden bereits im 18. Jh. alle nichtösterreichischen
Siedler und deren Nachkommen von den Beamten als Schwaben bezeichnet. Zu den Ursachen
für diese Bezeichnung mag auch zählen, dass viele nachtürkischen Ansiedler in den "Ulmer
Schachteln" genannten Flussbooten auf der Donau nach Ungarn gekommen sind. Die Siedler
für ungarische Grundherrschaften schifften sich in Ulm ein, die für habsburgische Kameralgüter
geworbenen Kolonisten dagegen in Ehingen oder Günzburg. Ein weiterer Grund mag sein, dass
sich unter den angesiedelten entlassenen Soldaten auch viele Schwaben befanden. Diese zum
Teil schwäbische Bevölkerung wurde von den Seuchen des 18. Jahrhunderts dezimiert und zog
zum Teil in andere Gebiete weiter. An ihre Stelle traten im Karpatenraum Bayern und Franken,
auf die der verallgemeinernde Name Schwaben übertragen wurde. Mit der Zeit übernahmen die
deutschen Siedler selbst diese Namengebung. Sie verwendeten sie zur eigenen Kennzeichnung
und nannten sogar ihre vielfältigen Mundartvarianten "schwowisch", die Sathmarer Schwaben
jedoch "schwob bisch". Im 19. Jhahrhundert wurde dieser Name zum Allgemeingut.
Man denke an Titel wie die von KARL STREIT und JOSEF ZIRENNER betreute Sammlungen
"Schwowische Gsätzle ausm Banat. Gedichte in Banater schwäbischer Mundart" (Temeswar
1969) und "Schwowisches Volksbuch. Prosa und Stücke in Banater schwäbischer Mundart"
(Verlag "Neuer Weg" 1970). Bereits 1923 veröffentlichte KARL VON MÖLLER in Temeswar das
Buch "Wie die schwäbischen Gemeinden entstanden sind". Und der "Schwabenverein für Wien,
Österreich und dem Burgenland brachte 1963 in Wien ein Büchlein für JOHANN SZIMITS (1852-
1910), dem "schwäbischen Volksdichter des Banats" heraus, der eigentlich serbischer Ab-
stammung war und sich in die schwäbische Bevölkerung seiner Heimatgtemeinde Bogarosch
(Bulgăruş) integrierte. SZIMITS selbst beschrieb den typischen Schwaben und den Serben
(Raizen) in seinem Gedicht "Banater Landsleut":
Wem dick sei Panz als wie gemäscht/ Die Backe rot, die Beenr fescht, ...
Un jedrzeit vrdient sei Lob,/ Des is dr Schwob.
Wer nor e bloe Jankl traat/ Un jedm anre "Schwaba" saat,
Wer no em Dudlsack im Krees/ Beim Kolotanze schwingt die Hees
Un juxt un singt e Lied, e fads,/ Des is e Raaz.
Natürlich wird die "schwowische Mundart" auch entsprechend differenziert, wie es etwa
JOSEF GABRIEL D. J. in seinem Gedicht "Mir Schwowe rede phälzisch" tut.
Mr heescht uns Schwowe un mir rede als
Grad wie die Leit dort owe in dr Phalz ...
De Vatterschname Schwob is unser Ehr,
Mir wäre bees, wann des net grad so wär!
Un rede tun mer unser Mottersproch,

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Die Bedeutung donauschwäbischer Symbole
4
Die liewi phälzer Sproch, die hall mer hoch!
Zu einem symbolträchtigen Gedächtnisort entwickelte sich bei den Banater Schwaben der
Nachkriegszeit die Erzählung des Schwabendichters ADAM MÜLLER-GUTTENBRUNN (1852-1923)
"Der kleine Schwab. Abenteuer eines Knaben" (erschienen 1910). Der Schriftsteller, der sich in
seinem Werk für die Erhaltung der nationalen Identität der bedrängten Donauschwaben ein-
gesetzt hatte und selbst zur Symbolfigur geworden war, beschreibt hier die Erlebnisse eines
schwäbischen Bauernjungen, der studieren will, jedoch wieder zum Pflug zurückkehrt. Der Stolz
des Schriftstellers auf seine deutsche Abstammung war eine Abwehrreaktion gegen den ver-
ächtlichen Sinn des Wortes "Schwabe" bei den damaligen Behörden und dem ungarischen
Bürgertum. Es geht ihm um das Schicksal seiner unterdrückten Ethnie in Ungarn, das den leid-
vollen Erfahrungen der rumänischen Minderheit in Ungarn ähnlich war. Deshalb erschien der
Roman auch in rumänischer Übersetzung als "Micul vab", 1978 im Temeswarer Facla Verlag.
Der 1968 eröffnete Temeswarer Literaturkreis wurde "Adam Müller-Guttenbrunn" benannt, da
dieser seinen Banater Landsleuten durch sein umfassendes literarisches Werk ein Denkmal
gesetzt hatte. Zu erwähnen ist hier auch HEINRICH LAUERs Roman von 1987: "Kleiner Schwab –
großer Krieg", der das Erlebnis des Weltkriegs als Weltuntergang, die Flucht eines kleinen
Schwaben ins Chaos und seine Heimkehr in eine fremd gewordene Welt beschreibt.
Bekannt sind pejorativ belasteten Bezeichnungen wie der ungarische Ausdruck buta svábok
'dumme Schwaben', der besonders auf die Deutschen in Ungarn und die Sathmarer Schwaben
gemünzt ist und das serbische Substantiv švabas der Nachkriegszeit, das alle jugoslawischen
Donauschwaben mit Kollektivschuld belegte und verteufelte. In einem donauschwäbischen
Erlebnisroman ist über jene Zeit zu lesen:
Jetzt mußten die Schwabos als verhaßte Deutsche für die Vergeltungsschläge der nationalen
Machtergreifung herhalten. Sie fühlten sich von aller Welt allein gelassen und dem in jener Zeit
hoch im Kurs stehenden kommunistischen Politiker Tito und seinen Schergen als Freiwild aus-
5
geliefert."
2.1 Donauschwaben
Die Bezeichnung Donauschwaben für die deutschen Siedler im südöstlichen Mittel-
europa wurde erst nach dem Vertrag von Trianon, 1922 vom Grazer Geografen ROBERT SIEGER
geprägt und anschließend von HERMANN RÜDIGER, Geograf am Deutschen Auslands-Institut
Stuttgart, verwendet. Dieser Name setzte sich in den 1930er Jahren durch. Zur Unterscheidung
von den württembergischen Schwaben wurde zunächst von den Schwaben im Osten, Schwaben
in Ungarn und Banater Schwaben gesprochen. Nach 1918 wurden die ungarländischen
Schwaben auf die Nachfolgestaaten Ungarn, Jugoslawien und Rumänien aufgeteilt, und des-
halb konnte nicht mehr von "ungarischen Schwaben" allein gesprochen werden. Um aber nicht
südslawische, Banater, Sathmarer und ungarländische Schwaben den binnendeutschen
Schwaben gegenüberzustellen zu müssen, fand man schließlich eine gemeinsame Bezeichnung
für alle diese zu einer organischen Gemeinschaft gewordenen deutschen Gruppen.

4
Aus Streit/Zirenner 1969, S. 41 f.
5
Flassak 1994, 101.
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Die Benennung Donauschwaben ist als wissenschaftliche Verallgemeinerung eines Teil-


begriff zu verstehen, ähnlich der Sammelbezeichnung Sachsen für die mittelalterlichen
deutschen Siedler in Siebenbürgen (die Privilegien, ähnlich den sächsischen Bergleuten be-
saßen). Sie sind sprachlich zumeist Moselfranken, jedoch als Siedler Deutsche: Theutonici aus
Süddeutschland und Saxones aus dem mittel- und norddeutschen Raum, aber auch Romanen
aus westlichen Gebieten. Ähnliche verallgemeinernde Bezeichnungen sind Palatines für die
deutschen Siedler (nicht nur Pfälzer) in Pennsylvanien oder französisch allemands für alle
Deutschen, nicht nur für die benachbarten Alemannen. Vergleichbar mit einer künftigen ge-
samteuropäischen Identität, die sich nur schwer und im Gegensatz zu den regionalen Be-
sonderheiten herausbilden wird, entwickelte sich auch der Begriff Donauschwaben im Wider-
spruch zu anderen, wie Donaubayern, die sich wie alle Stadtbewohner nicht als Schwaben ver-
standen, Banater bzw. Sathmarer Schwaben, die auf ihre Eigenständigkeit pochten, sowie der
Deutschen aus Ungarn und Rumänien, die in verschiedenen Gebieten wohnten und nie eine
politische oder kulturelle Einheit erreichten (mit Ausnahme des Banats 1773-1778 und 1849-
1960). Dennoch setzte sich die Bezeichnung Donauschwaben bei den Betroffenen selbst und
auch in der historischen, geografischen und ethnografischen Fachliteratur durch, etwa englisch
als The Danube Swabians, italienisch als Svevi del Danubio, ungarisch als A dunamenti svábok,
rumänisch als Şvabii dunăreni und serbokroatisch als Švaba pudunavskih, weil sie das Ge-
meinsame und Eigenartige dieser deutschen Volksgemeinschaft hervorhob.
Die Donauschwaben enstanden somit als neue Ethnie aus der Mischung mosel-, rhein- und
mainfränkischer, pfälzischer, schwäbischer, bayerischer und österreichischer, sudetendeutscher,
schlesischer u. a. Siedler, wobei auch einige französische, italienische, südslawische und
weitere Elemente aufgenommen wurden. Diese Ethnie gewann im Verlauf von etwa 250 Jahren
allmählich ihre eigene Identität durch die Mischung und Herausbildung besonderer Dialekte
und Bräuche, neuer Flur-, Siedlungs-, und Hausformen, neuer Rechtsgrundsätze, einer im
Barock verankerten vielgestaltigen Volkskunst, dsgl. durch einen besonderen Geschichtsverlauf,
durch ihre geografische Lage und eine sie prägende multiethnische Umwelt.
Dieser Sachlage tragen Publikationen Rechnung wie die von HANS DIPLICH und ALFRED
KARASEK "Donauschwäbische Sagen, Märchen und Legenden" (München 1952). HANS DIPLICH
bedankt sich am 29. Oktober 1962 in Stuttgart, im Namen seiner donauschwäbischen Lands-
leute und in seinem eigenen Namen, für die Zuerkennung des Donauschwäbischen Kultur-
preises durch das Patenland der Donauschwaben, Baden-Württemberg. Bei dieser Gelegenheit
hielt der Übersetzer rumänischer Lyrik einen Festvortrag über "Die Volksdichtung der
Rumänen"6.
Im Aufsatz von 1972 "Adam Müller-Guttenbrunn und die Donauschwaben" fasst DIPLICH das
Vermächtnis des Heimatdichters für seine Ethnie zusammen. Er sieht in Müller-Guttenbrunn
einen Treuhänder der donauschwäbischen Kultur und ihres Erbes.
In seiner Erscheinung sammelt sich die Erfahrung der vorangegangenen Kolonistengenerationen wie
in einem Brennpunkt. Alles Gewesene ordnet er sinnvoll und mit großer Macht auf seine Gegenwart
hin. Er zeigt den Schwaben die Kraftquellen ihrer gewachsenen Dorfgemeinschaften, er schenkt

6
Diplich 1975, 169-176.

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Die Bedeutung donauschwäbischer Symbole

ihnen das epische Gedicht ihrer Ansiedlung und Volkswerdung und er bindet das donauschwäbische
Schicksal an den großen geschichtlichen verlauf des 18. Jahrhunderts, das mit Prinz Eugen anhebt,
das seinen Höhepunkt in der Regierungszeit der Kaiserin und Landesmutter Maria Theresia und ihres
Sohnes Joseph findet ... Die Völker Mitteleuropas werden sich auch in der Zukunft nur auf der
Grundlage der Partnerschaft friedlich einrichten können. Auf der Kenntnis und der Duldung des
anderen beruht nach Müller-Guttenbrunn das Europabild der Zukunft. Die Donauschwaben bringen
7
hierzu die besten Eignungen mit .
Dem Schriftsteller und Kulturpolitiker ADAM MÜLLER-GUTTENBRUNN verdankt sowohl der 1968
gegründete deutsche Literaturkreis in Temeswar seinen Namen, als auch das Temeswarer
Altenheim mit dem Sitz des Demokratischen Forums der Banater Deutschen und die Grund-
schule in Guttenbrunn (Zăbrani), dem Banater Geburtsort des Schriftstellers. Im Jahre 2003
erschien in Deutschland die Nummer 1 und 2004 die Nummer 2 der Broschüre "Guttenbrunner
Bote. Literatur für die Banater- und Donauschwaben sowie alle Interessierte". Diese Literatur-
schrift wird in Sünching (Bayern) von DIETER MICHELBACH herausgegeben und erfreut sich großen
Interesses.
3. Lager
Die donauschwäbische Geschichte ist an den schicksalhaften Begriff Lager geknüpft. Dieses
Wort hat im Deutschen zahlreiche Bedeutungen entwickelt. Lager:: 1.a vorübergehende, pro-
visorische Unterkunft für eine größere Gruppe von Menschen, b. Aufenthaltsort für Menschen,
die z. B. im Krieg gefangen oder zu einer Strafe verurteilt wurden, c. Ferienaufenthalt für
Jugendliche, d. Campingurlaub, Schlafplatz, 2. Ort, an dem Waren aufgehoben werden, 3.
(Technik) Maschinenteil, das ein anderes, sich drehendes oder schwingendes Teil trägt, 4.
Gruppe von Personen, Staaten u. a., die in einer bestimmten Hinsicht einer Meinung sind, auf
derselben Seite stehen. Das Wort kommt aus mhd. leger, zu "liegen". Bis ins 17. Jahrhundert
galt die lautgerechte Form Leger, Läger, dann wurde sie durch die dialektale Form Lager (zu
Lage) ersetzt. Die verbale Ableitung belagern heißt 'mit einem Herrlager umgeben'.
Bemerkenswert ist die Verbreitung des Wortes und die Entwicklung neuer Bedeutungen.
Das donauschwäb. Substantiv Logorasch, Pl. Logoraschen 'internierter Lagerinsasse' kommt von
serbokr. logoraš 'im Lager Internierter'. Dieses ist eine Ableitung von serbokr. logor, einer Ent-
lehnung von dt. Lager, (wobei es auch das Synonym taboru gibt). Deutschen Ursprungs ist auch
rum. lagăr 'Truppenübungsplatz, Ferien-, Kriegsgefangenen-, Straflager, Gruppe gleichgesinnte
Staaten, Personen, Maschinenteil usw. Das rum. Synonym tabără, 'Truppen-, Ferienlager,
Militär, Menge, gesinnungsgleiche Gruppe' (daraus die Redewendung"a lăsa totul tabără" 'ein
Kuddelmuddel hinterlassen'), leitet sich aus slaw. taboru ab. Ung. tábor (vgl. das Komp.
kényszermunkatabór 'Zwangsarbeitslager’) wird bereits 1383 in der Bedeutung 'Heer' erwähnt.
Später kommen die Bedeutungen 'Feldlager, Quartier, Heerlager, das Lagern' u. a. hinzu.
Tábor ist ein Lehnwort, wahrscheinlich aus einer türk. Sprache, vgl. osmanisch (veraltet)
tabyur 'Gürtel, Pfahlwand', tapkur 'Reihe, Wagenburg'. Es war ein weit verbreitetes Wander-
wort, vgl. mong. dapqur 'Schicht, Reihe', neupers. tāpqūr 'Schicht, Steuer' usw., mit der ver-
muteten Vorstufe *tabur. Die Zeit der Entlehnung ins Ungarische kann nicht näher bestimmt

7
Diplich 1975, 68.
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werden. Aus ung. tábor stammt bulg. tabor, poln. und russ. gleichfalls tabor usw., mit der Be-
deutung 'Lager'. Auch das heutige türk. tabur `Bataillon, geordnete Schar, Abteilung, Karree'
stammt als Rückentlehnung aus dem Ungarischen (EtWbU 1467).
Dabei haben Lager und seine entlehnten Formen neue, zumeist schlimme Neben-
bedeutungen entwickelt. In Jugoslawien gab es von 1944-1948 aufgrund der AVNOJ (Anti-
faschistischer Rat der Volksbefreiung Jugoslawiens)-Beschlüsse für die landesweit enteigneten
und entrechteten Donauschwaben berüchtigte Arbeitslager, in denen die internierten Donau-
schwaben von serbischen Partisanen bewacht und drangsaliert wurden. Arbeitsunfähige, alte
und kranke Personen sowie Kinder kamen in Sammellager, wo viele starben und in Massen-
gräbern verscharrt wurden. Im Sprachgebrauch der Betroffenen hießen sie Internierungs-,
Hunger-, und Vernichtungslager. Von den inhaftierten Deutschen starben in diesen Lagern
(bzw. wurden umgebracht) über 48.000 Menschen8 und wurden pietätslos in Massengräbern
verscharrt. Erst heute können ihnen von überlebenden Familienangehörigen würdige Gedenk-
stätten errichtet werden. Diese traumatischen Erfahrungen werden von Überlebenden sowohl
in statistischen Berichten als auch literarisch behandelt. Meine 1902 geborene Interview-
partnerin Anna Sokoli berichtete 1990 in Apatin (Batschka):
Die alte Läit un die Kinnr ware im Lager in Kruschewl (Kruševlje) un in Gakova (Gakovo), un die
was noch arwede henn kenne, die sinn eigetaalt worre iweraal hie fer uf die Arwet. Ich war in
Kärnäi (Krnjaja) im Schnitt (Weizenernte). Zu esse ware gekochti Ärbse. Die hamm rass
gschmeckt un die Kefer sin druf rumgschwumme. Brot hemmer krigt Gärschtebrot. No hemmer halt
gesse bissl Brot un die Supp. Un die Ärbse ware so hart, die hemme nausglärt, des war unser Koscht.
Awer die Arme in Gakova un Kruschewl, die alte Leit, henn jo nit emol des krigt, die sinn jo alli ver-
hungert. Kukruzschrot henn sie krigt un nit emol des manchsmol. Mei Mutter wor zwaaunsechzich
9
Jahr alt, wie sie gstarwe is .
Ein weiterer Bericht aus der Erlebnisgeneration hält u. a. fest:
Die völlige Internierung, das heißt die völlige Räumung der deutschen Dörfer von ihren deutschen
Bewohnern, vollzog das Partisanenregime in Jugoslawien in der Zeit zwischen Anfang Dezember
1944 und Ende August 1945. Der Beschluss der AVNOJ, eines provisorischen Gremiums der
Partisanenbewegung, wurde am 21. November 1944 gefaßt. Er erklärte in einem 'außergerichtlichen
Verfahren' die Deutschen zu Volksfeinden, erklärte, daß sie alle bürgerlichen Rechte verloren hätten,
und verfügte die totale Enteignung aller ihrer beweglichen und unbeweglichen Habe. Die total
Rechtlosen und Enteigneten konnte man demnach nur mehr aus ihren Häusern jagen und in
Lagern internieren; das entspricht der grausamen Logik dieses Beschlusses. So kam es zur völligen
"Lagerisierung", sie betraf 167.000 Donauschwaben. Die Arbeitsfähigen kamen in die
Arbeitslager, die Arbeitsunfähigen – die Kleinkinder, Mütter mit Kleinkinder, Kinder bis zu 14
Jahren und Kranke – in die acht Vernichtungslager.
Man sieht es ja noch immer vor seinem inneren Auge, wie es vor sich ging in den rein donau-
schwäbischen Dörfern. Wie an einem Ende des Dorfes die Partisanen anfingen, die Leute aus den
Häusern zu jagen. Man sieht ja vor sich, wie es dann auf der Hutweide beim Dorfrand zuging, wo
die drei- bis viertausend Menschen standen. Die Selektion: Auswahl der Arbeitsfähigen und ihre

8
Wildmann/Sonnleitner/Weber 1998, 313.
9
Nach: Tonband 179-A im Tonarchiv des IdGL Tübingen, Laufwerk 29.00-30.30b.

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Die Bedeutung donauschwäbischer Symbole

Trennung von denen, die ins Todeslager sollten. War das Kind zwei Jahre alt, dann ging die Mutter
zusammen mit dem Kind ab in das Todeslager. War aber das Kind drei Jahre alt, dann wurde es
von der Mutter gerissen und der Großmutter oder der Tante zugestoßen. Die Mutter ging in das
Arbeitslager,
Arbeitslager das dreijährige oder ältere Kind mit dem Transport in das Vernich
Vernichtungslager:
tungslager nach
10
Jarek; nach Gakowa, nach Rudolfsgnad (Knićanin) ...
Auch in einem autobiografischen Roman werden Erlebnisse aus dieser Zeit geschildert:
Alle Ortsinsassen wurden am nächsten Tag in einem Häuserquadrat des Dorfes, aus dem man vorher
alle Möbel entfernt und die Fußböden mit Stroh belegt hatte, untergebracht. Dieses Viertel wurde
als Internierungslager eingerichtet, von Partisanen bewacht, und kein Logorasch durfte es eigen-
mächtig verlassen. Gleich nach der Internierung hatte man auch die übrigen Häuser ausräumen
lassen, und es entstanden dort sogenannte Magazine, in denen Lebensmittel und Möbel unter-
gebracht waren. Derartige Lager wurden in allen Orten Jugoslawiens mit deutscher Bevölkerung
eingerichtet. Alle Familien wurden im Lager auseinandergerissen; die Männer, Frauen und Kinder
wurden getrennt untergebracht. Etwa 20-30 Kinder wurden von je zwei Frauen (Mütter von kleinen
Kindern) betreut. Die Logoraschen mußten Zwangsarbeit verrichten ... Lisa, die lungenkrank war,
ließ man nicht in dem gleichen Raum mit der Patin, obwohl die schwer zuckerkrank war. Nach
einigen Tagen war sie eine der ersten Toten. In einem umgebauten, sehr niedrigen Schweinestall
11
kam nun Lisa mit einigen Frauen unter ...
In gewisser Weise ähnelten diese unmenschlichen jugoslawischen Lager den berüchtigten
Konzentrationslagern der deutschen Nationalsozialisten, in denen ein einmaliger Völkermord
stattgefunden hatte. Auch die donauschwäbischen Opfer waren Zivilisten, vor allem Frauen,
Kinder und Alte, denen Verrat und Kollektivschuld unterstellt wurde. Diese unberechtigte An-
klage wurde auch noch Jahrzehnte danach erhoben. Bis in die 1990er Jahre erschienen in Jugo-
slawien hasserfüllte Bücher gegen die Donauschwaben, aber auch gegen alle Deutschen.
Erst in letzter Zeit setzte langsam ein Umdenken ein. Im Vorwort des Bandes "Ein Volk an
der Donau" von Nenad Stefanović, 1996 (auch in deutscher Übertragung 1998) erschienen,
schreibt der Belgrader Professor ZORAN ŽILETIĆ, dass die Donauschwaben in der Wojwodina
eigentlich nicht wegen ihrer positiven Einstellung zu Nazideutschland, sondern wegen ihrer
schönen Häuser und ihrem Besitz kollektiv als Kriegsverbrecher abgestempelt worden waren.
Diese sträfliche Politik des AVNOJ-jugoslawischen Gerichtswesens habe am 11. November 1945
im nachhinein die Internierung der deutschen Bevölkerung in bewachte Häuserblocks gerecht-
fertigt, die eigentlich schon ab Herbst 1944 durchgeführt worden war, um Titos Kolonisten, als
Dank für Verdienste im Partisanenkrieg, in die donauschwäbischen Häuser einweisen zu
können. Titos Gefolgsleute und Geschichtsfälscher haben diese Rechtsbeugung und die Ver-
nichtung der Donauschwaben 50 Jahre lang vor ihrem Volk verheimlicht. Heute suchen
allerdings junge Intellektuelle aus der Wojwodina die Wahrheit über ihre Geschichte, an der die
Donauschwaben 250 Jahre als gute Nachbarn teilhatten12.
Das Substantiv Lager erhielt eine weitere schlimme Bedeutung als bewachte 'Ver-
schleppungslager' in der Sowjetunion, vor allem in Kohlerevieren der Ukraine, in denen 74.000

10
Wildmann 1996, 154 f.
11
Flassak 1994, 138 f.
12
Binder 1997, 62.
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Rumäniendeutsche von 1945 bis 1948 (odar gar bis 1952) Zwangsarbeit verrichten mussten. In
diesen Lagern entstand ein Volkslied mit vielen Varianten, das die verzweifelten Menschen bis
zur Heimkehr auf die bekannte Melodie von "Wolga, Wolga ..." sangen:
Tief in Russland an der Wolga (bei Stalino)/ Liegt ein Lager, streng bewacht,
Drinnen wohnen deutsche Mütter,/ Aus der Batschka hergebracht ...
Für uns gibt es bloß noch Arbeit,/ Oft im eisigkalten Wind,
Und wir müssen viel ertragen,/ Weil wir eben Deutsche sind ...
Und die Lieben in der Heimat/ Sind seit langem schon allein;
Kinder haben keinen Vater/ Und jetzt auch kein Mütterlein ...
Sollt ich hier im Lager sterben sterben,/ Im fremden Land begraben sein,
Grüßt mir noch die ferne Batschka/ Und die Lieben all daheim!13
Als Lager angesehen wurde auch der Zwangsaufenthalt von mehr als 10.000 Banater
Deutschen, Serben und Ungarn in der Bărăgan-Steppe, während der Deportation von 1951-
1955. Auch dazu klagten die verzweifelten menschen inr "Leid im Lied":
O Bărăgan, o Bărăgan,/ jetzt sind wir in der Wüste dran,
Der Wind weht heiß, der Staub fliegt hoch,/ Die Menschen hausen tief im Loch ...
O Bărăgan, o Bărăgan,/ Ein stiller Friedhof fängt hier an ...14
Und schließlich wurde das Wort Lager von den geflüchteten und ausgesiedelten Donau-
schwaben nach 1945 im Sinne von 'Flüchtlings-, Auffang- und Übergangslager' in Deutschland
und Österreich gebraucht. Darin verbrachten die Neuankömmlinge die erste Zeit auf engstem
Raum. Der 1914 geborene Jakob Deh aus Neu Pasua (Syrmien) beschrieb mir 1988 seine Lager-
aufenthalte nach der Ankunft in Deutschland:
Vun Esterreich simmer uf Deutschland riewekomme, no simmer ins Lager Biberach komme. No ware
mer dort acht Teg, no semmer nach Niedernau ins Lager, aa acht Teg, un no senn mir do
riewekomme nach Reitlingen. Nor mei Schwager un ich, mir senn weger dem Gepeck in dem Lager
15
zurickgebliewe .
Ein autobiografischer Roman von 1986 beschreibt das Leben in den Wohnbaracken des
Flüchtlingslagers bis zur Erbauung eines Eigenheims:
Hier erfuhr ich, daß sich in Feuerbach (bei Stuttgart, Anm. d. Verf.) ein Flüchtlingslager befand, und
ich besuchte noch am Abend das Lager und traf hier einen weitläufigen Bekannten. Sie hatten an
der Wohnbaracke eine Art Küche angebaut, und auf der Eßbank hatte ich mir eine Schlafstelle er-
richtet ... So verbrachte ich einige Monate in der Schlotwiese. Es war ein ehemaliges russisches
Kriegsgefangenenlager und dann ein Flüchtlingslager. Da man um das Lager herum den Wald ab-
holzte, damit die Lagerwache eine bessere Übersicht hatte, rodeten die Insassen den Boden und
legten Gemüsegärten an. Die Baumstämme wurden zu Brennholz zersägt. Sie pflanzten außer
Kartoffeln auch Mohn und Mais. Aus dem Mohn wurde Mohnstrudel gebacken, und der Mais wurde

13
Habenicht 1996, 179 f; vgl. auch 176-206.
14
Habenicht 1996, 223.
15
Nach: Tonband 129-A im Tonarchiv des IdGL Tübingen, Laufwerk 550-565.

378 ZGR 1-2 (25-26) / 2004, 1-2 (27-28) / 2005


Die Bedeutung donauschwäbischer Symbole

als Futter verwendet. Fast jeder Lagerinsasse hatte sich ein Stück Land eingezäunt und hatte
Hühner, Enten und Gänse, ja manche hatten sogar noch Schweine gemästet ... Um dem Lagerleben
ein Ende zu bereiten, gründete der Banater Bischof Hein eine Wohnungsbaugesellschaft, "Neues
Heim" mit dem Ziel, Wohnungen zu errichten ... So bekam auch mein Gastgeber im März 1951 eine
neue Wohnung ... In der Kaserne befand sich das Staatliche Flüchtlingslager. Hier wurden sie
registriert und bekamen Unterkunft und Verpflegung. Ich ging meiner Arbeit nach und abends fuhr
ich nach Kornwestheim. Der Lagerführer reichte ein Gesuch an die Stadt Stuttgart ein, damit diese
16
meine Familie aufnimmt, da ich dort gemeldet und auch beschäftigt war .
Auch die Spätaussiedler, vor allem jene aus Rumänien, Russland und Kasachstan, wurden
seit den 1970er Jahren bis zur Gegenwart in Übergangslager des Bundes und danach jenes
Landes der Bundesrepublik untergebracht, dem sie zugeteilt wurden. In dieser, zwar auch be-
engten, doch durchaus komfortablen Unterkunft (meist drei-Zimmer-Appartements, je ein
Zimmer für eine andere Familien, mit gemeinsamer Küchen- und Badbenutzung) verbrachte
man die erste Zeit, bis man von der Stadt eine Sozialwohnung zugeteilt erhielt oder sich eine
Wohnung mieten, ggf. auch mit einem staatlichen Aufbaudarlehen selbst bauen konnte. Die an
die früheren Zwangsunterkünfte während der Vertreibung und Deportation anknüpfende Be-
zeichnung "Lager" ist für die staatlich geförderten (Übergangs)wohnheime, in denen deutsche
Spätaussiedler untergebracht wurden, sicherlich nicht mehr angemessen.
4. Heimat als Erinnerungskult
Der Begriff Heimat ist berechtigt, wird jedoch im Schlepptau hoch schlagender patrioti-
schen Wellen oft überstrapaziert. In der kommunistischen Periode Rumäniens wurden die
nationalen Minderheiten ständig mit der Metapher "das Land, wo deine Wiege stand" kon-
frontiert, um die Bindung ans Vaterland und die einheitliche sozialistische Nation zu ver-
stärken. In Westeuropa, besonders in Deutschland, hat "Heimat" für manche links gerichtete
Gruppierungen etwas Verdächtiges und wird nur zu gern in die "rechte Ecke" gerückt. Die Be-
deutungen des verschiedenartig interpretierten Heimatbegriffs können zusammengefasst
werden, Heimat sei:
- gelebter bzw. erlebter und von Menschen geschaffener Raum;
- erlebte und überlebte Zeit, also Erinnerung;
- der Ort der Arbeit und der Tätigkeit;
- Kommunikation, Bekanntschaft, Freundschaft und Liebe.
Jeder Einzelne muss sich am besten selbst darüber klar werden, was Heimat für ihn wirklich
bedeutet, besonders, wenn er unverschuldet fern der Heimat weilen muss. Ein Volkslied klagt:
Wer die teure Heimat nie verlassen muß,
Weiß auch nicht, wie bitter Heimweh ist.
Wen die Sehnsucht drücket Tag und Nacht am Herz,
Der kann erst empfinden, was ist Heimatschmerz!17

16
Schurr 1986, 90-92.
17
Nmbn

ZGR 1-2 (25-26) / 2004, 1-2 (27-28) / 2005 379


Hans Gehl

Für die Donauschwaben bedeutet Heimat gemeinsam erlebte Geschichte, deren Erinnerung
im kollektiven Gedächtnis der Gruppe weiterlebt. Die Zeit des Großen Schwabenzuges wird
ihnen häufig ins Gedächtnis gerufen, denn das Wissen um eine gemeinsame Herkunft gibt den
Gruppenmitgliedern ein Gefühl der Sicherheit nach innen und der Solidarität nach außen. Die
Gemeinschaft, aus der sie herausgerissen wurden - zumeist eine Dorfgemeinde - ist bis heute
ein wichtiges Element für die Heimatauffassung der Vertriebenen, weil sie mit ihren Sitten,
ihrer Lebensweise und Hierarchie das ganze Leben der Dorfbewohner bestimmte. Die dort an-
geeignete Lebenseinstellung zeigt sich auch in Deutschland an den Verhaltensweise der Ver-
triebenen. Die traditionelle Gemeinschaft gab einerseits ein Sicherheitsgefühl: Man gehörte zur
Gemeinschaft und konnte in der Not auf ihre Hilfe rechnen. Andererseits führte diese Ein-
bindung in eine Dorfgemeinschaft auch in eine Art Gefangenschaft, weil man sich von der ge-
erbten Umgebung mit seinen Grenzen nur schwer befreien konnte.
Nach dem Zweiten Weltkrieg hätte sich die traditionelle soziale und Wirtschaftsstruktur der
Batschka oder der Schwäbischen Türkei auch ohne die Vertreibung der Deutschen aufgelöst,
wie es im Banat und im Sathmarer Gebiet infolge der restlosen Enteignung der Deutschen, ihrer
Deportation in die Sowjetunion und der Zuwanderung rumänischer Kolonisten aus anderen
Landesteilen geschehen ist. Dies ist jedoch vielen Heimatvertriebenen nicht bewusst, und so
konnte später ein idealisiertes Heimatbild geschaffen werden. Der Verlust der Heimat war um
so schmerzlicher, weil die Menschen nicht nur ihr ganzes Vermögen verloren hatten, sondern
auch ihr ganzes menschliches Beziehungssystem umstellen mussten. Die Zeit heilt alle Wunden
und im Verlauf der Jahrzehnte wurden viele Unannehmlichkeiten verdrängt und das Heimatbild
verklärt, weil es mit schönen Erlebnissen aus der Jugendzeit verbunden war. Für die erste und
zweite Generation der Vertriebenen blieben auch in Deutschland weiterhin die verwandtschaft-
lichen Beziehungen und die in der alten Heimat gültige Hierarchie bestimmend, was aus den
bis heute veranstalteten Heimattreffen der ehemaligen Dorfbewohner ersichtlich wird. Die
dritte Generation, welche die Vertreibung nicht mehr oder nur als kleine Kinder erlebt hat, be-
kundet weniger Interesse an solchen Heimattreffen.
Mit dem idealisierten Heimatbild verknüpft ist die Mythenbildung um die Herkunft der
eigenen Gemeinschaft. Die Entstehung jedes Volkes wird häufig an herausragenden Helden,
historischen Schlachten und missionarischen Aufgaben fest gemacht. So gründet die My-
thisierung der Befreiung der Gebiete um Temeswar und Belgrad von den Türken bis heute im
populären Volkslied "Prinz Eugen der edle Ritter" und in der Volkssage "Der Prinz-Eugen-
Brunnen" über die Befreiungsschlacht von Temeswar 1718. Darin wird erzählt:
Als Prinz Eugen mit seinem Heer vor Temeschwar stand ... suchten seine Soldaten in der sumpfigen
Gegend vergeblich gutes Trinkwasser. Weit und breit fanden sie keinen Brunnen und keine Quelle ...
Der Feldherr ruhte am Fuße einer uralten Weide und hatte einen seltsamen Traum. Eine Stimme
sagte ihm, daß im Wurzelwerk ein verborgenes Wasser fließe. Als er hierauf erwachte, legte er die
Quelle mit seinem Schwerte frei und die Soldaten konnten das beste Wasser trinken. Sie erquickten
sich an dem frischen Labsal vor der entscheidenden Schlacht. Seither plätschert in Jahrmarkt

380 ZGR 1-2 (25-26) / 2004, 1-2 (27-28) / 2005


Die Bedeutung donauschwäbischer Symbole

[Giarmata, Anm. d. Verf.] der Prinz-Eugen-Brunnen. Die alte Weide war noch vor einigen Jahren zu
18
sehen .
4.1 Heimatstuben
Zahlreiche donauschwäbische Ortsgemeinschaften in Deutschland sammelten alte Möbel
und Gebrauchsgegenstände und stellten sie in musealen Räumen aus, um die kollektive Er-
innerung an den verlassenen Heimatort zu pflegen. Die ausgestellten Objekte besitzen für die
Gruppe eine hohe emotionale Bedeutung: Sie festigen die Erinnerung und dokumentieren den
Stolz auf den Herkunftsort. Nach HANS-WERNER RETTERATH gehört zur Aufrechterhaltung dieser
positiven Erinnerung die Glättung der Geschichte und die Ausblendung problematischer
Aspekte wie das Verhältnis zu den zugezogenen anderen Ethnien. So wie die Vergangenheits-
bewältigung nicht umfassend stattfindet, so sind auch die Bezüge zum Neuanfang und die
Auseinandersetzung mit der neuen Heimat in Deutschland nur ansatzweise vorhanden.
Allerdings räumt der Verfasser ein, dass bei Heimatstuben nicht die museale Dokumentation,
sondern die Selbststabilisierung der jeweiligen Gruppe im Vordergrund steht. Der vorgezeigte
Stolz sei eigentlich Trauerarbeit zur Bewahrung der Vergangenheit, wie er sich in den arbeits-
intensiven Modellen der Heimatstube, in den in vielen Haushalten anzutreffenden Trachten-
puppen und auch in den Jahrestreffen der früheren Ortsgemeinschaft zeigt19.
Freilich sind Heimatstuben der donauschwäbischen Heimatvertriebenen, Flüchtlingen und
Aussiedler kein Einzelfall, wenngleich die Motivation hier am besten zutage tritt. Vielmehr
dienen schwäbische, ungarische und rumänische Heimatstuben in Rumänien und den benach-
barten südosteuropäischen Ländern neben musealer Dokumentation historischer, sozialer und
ethnografischer Werte, der Sachkultur und der geistigen Volkskultur, immer auch der Er-
innerung an abgeschlossene Zeiträume, im Unterbewusstsein an eine "gute alte Zeit".
4.2 Landsleute und eine gemeinsame Kultur
HANS DIPLICH analysierte 1973 "Das Bild des Deutschen im Blickfeld des Rumänen". In den
1950er Jahren drückte der ehemalige Rektor der Klausenburger Universität, CONSTANTIN
DAICOVICIU seine Freude darüber aus, dass Diplich die Dichtungen seines Volkes in die Sprache
Goethes übersetzt hatte. Im gleichen Brief schrieb er weiter: "Ce bine-mi pare că sîntem
amîndoi bănăŃeni - lanŃmani – cum zicem noi. Eu mis depe lângă Caransebeş (Cărăvan)."
(Deutsch: Wie freut es mich, dass wir beide Banater sind - Landsleute, wie sir sagen. Ich komme
aus Cărăvan bei Karansebesch.) Diplich hält fest, dass der Begriff "lanŃmani" (rum. Pl. von
lanŃman über den gleichfalls entlehnten Begriffen pauăr 'erfolgreicher Landwirt' maistur
"Handwerksmeister' und molăr 'Zimmermaler' steht und alle Einzelpersonen und Stammes-
gruppen aus demselben Wohngebiet integriert. "Banater Landsmann" heißt, sich auf die ge-
meinsame Heimat berufen, heißt auch: Wertschätzung herüber und hinüber, die sich aufs
gleiche Herkommen berufen kann, ohne die verschiedene Abkunft zu berühren. Diplich glaubt
im Deutschenbild der Rumänen etwas wie "Heimweh nach dem Zustand von einst", nach der

18
Diplich/Karasek 1952, S. 24.
19
Vgl. Retterath 1999, 164-166.
ZGR 1-2 (25-26) / 2004, 1-2 (27-28) / 2005 381
Hans Gehl

österreichischen Ordnung, ausmachen zu können20. Und das, obgleich zwei Kriege und viele
politische Strömungen dazwischen lagen und die Sichtweise veränderten.
Es ist erfreulich, dass heute viele Ungarn und Rumänen den Beitrag ihrer – zum Großteil
weggezogenen deutschen Landsleute als Bereicherung der gemeinsamen Kultur empfinden und
in der alten Heimat zweisprachige Ausgaben der Werke von Dichtern (etwa des Hatzfelder
Dichters PETER JUNG) und Künstlern (des Malers Stefan Jäger) herausbringen. Reschitza ist heute
zu einem Zentrum der Pflege und Förderung deutscher Kultur geworden. Nachdem ich meine
sprachlichen und volkskundlichen Publikationen über die Donauschwaben der deutschen Ab-
teilung der Reschitzaer Kreisbibliothek "Paul Iorgovici" zugeschickt hatte, erhielt ich einen
offiziellen Dankesbrief des Direktors Nicolae Sârbu, der mir daraufhin seinen bemerkenswerten
und emotionalen Essayband über das Banat zusandte. Der Abschnitt "Unsere Deutschen und
ihre Heimat" (NemŃii noştri – Heimat-ul lor) war schon im Juli 2002 in der 13. Ausgabe der vom
Demokratischen Forum der Deutschen des Kreises Karasch-Severin herausgebrachten drei-
sprachigen Blattes "împreună – miteinander – együttesen" und in der Zeitschrift "Reflex", 3. Jh.,
Nr. 4-6/April-Juni 2002) in rumänischer Sprache abgedruckt worden. Ich zitiere daraus eine
bedeutungsvolle Stelle in meiner Übersetzung:
... Danach brachte derselbe Professor Dr. IoniŃă ein weiteres Bücherpaket in die Reschitzaer Biblio-
thek. Sie kamen vom Wissenschaftler Dr. Hans Gehl aus Tübingen, Deutschland. Auch er wanderte
von den Banater Schwaben aus. Ich habe Herrn Dr. Gehl einen Brief mit zwei Zeitschriften aus
Reschitza zugeschickt. Selbstverständlich erhielt ich vom Deutschen eine Antwort: Höflich, korrekt
und erfreut über die Nachrichten aus dem Banat, seiner Heimat, mit der er verbunden bleibt.
Ich möchte objektiv schreiben und kann es nicht, wenngleich das Thema eine mehr "deutsche" als
sentimentale Darstellung erfordert. Doch ich kann nicht anders als subjektiv sein, da ich doch in
einer der vielen gemischten Familien des Banats lebe. Meine Frau stammt aus einer alten deutschen
Kolonistenfamilie, Macek. Heute ist sie Erzieherin einer deutschen Gruppe in einem Reschitzaer
Kindergarten. Und selbstverständlich heißt sie Elena, nicht Helen.
Wie könnte ich teilnahmslos und objektiv schreiben, nachdem ich den überwältigenden Einfluss er-
kannte, den unsere Deutschen auf das wirtschaftliche, soziale und geistige Leben im Gebiet
Karasch-Severin ausgeübt hatten? Wie nachhaltig sie während zweier Jahrhunderte die Banater
21
Zivilisation gestaltet haben ...
5. Häuser und Kirchen
Öffentliche Gebäude können auf die Bewohner des Gebietes eine besondere Wirkung aus-
üben, ggf. sogar symbolhafte Bedeutung gewinnen und nach langen Zeitabständen zu Ge-
dächtnisorten werden. Waren es in früheren Zeiten Burgen und Schlösser, so erhielten seit dem
19. Jahrhundert auch bürgerliche Bauten eine besondere Bedeutung, und schließlich konnten
selbst Bauernhäuser und Friedhöfe – in Verbindung mit intensivem Heimatgefühl – eine
herausragende Stellung erlangen und sogar zu stummen Ansprechpartnern werden. NIKOLAUS
BERWANGER meditiert im grafisch modernen gestalteten Mundartgedicht "vorm elternhaus" über

20
Diplich 1975, 209.
21
Sârbu 2003, 142 f.

382 ZGR 1-2 (25-26) / 2004, 1-2 (27-28) / 2005


Die Bedeutung donauschwäbischer Symbole

Heimat, Elternhaus und Familiengräber und beschreibt Erinnerungen seines bisherigen Lebens,
das durch seine bevorstehende Aussiedlung abgeschlossen wird:
ich mecht mich/ verabschiede/ sei mir net bees/ morje fahr ich/ mei seel awer/
die bleibt/ die han ich do begrawe/ for alli zeite ...
vielleicht bau ich mir/ e neijes haus dort driwe/ wer kann des jetz wisse/ ich kumm mir awer so verlor
vor/ so alleenich sin ich uf eemolo/ dich wer ich nie vergesse ...
ufm friedhof/ han ich aach alles gereglt/ uf alli unser gräwer/
han ich betondeckle mache geloß/ die name/ han ich mit goldbuchstawe/
schreiwe geloß/ vielleicht gets doch noch leit/die wu hie un do/ e frischi blum/
uf den kalti beton leje
an allerheiliche/ so hann ich mirs fescht vorghol/ meecht ich jedes johr kumme/
wie lang/ des weeß ich net/awer wenn ich kumm/ dann is mei erschte wech zu dir/
vun driwe vum eck/ wer ich dir guntach zurufe/ un dann wieder gehn
ich mecht mich/ verabschiede/ sei mir net bees/ morje fahr ich/ mei seel awer/
22
die bleibt/ die han ich do begrawe/ for alli zeite
Die Erinnerung bewahrt nicht irgendein Banater Haus, sondern das Elternhaus in der
Heimatgemeinde, mit seinem überliefertem, unverkennbaren Baustil.
5.1 Hausformen, Barockgiebel, Scheune
Zusammen mit den Habsburgern hielt die Barockarchitektur im 18. und vor allem im 19.
Jahrhundert ihren Einzug in den donauschwäbischen Siedlungsgebieten in Südosteuropa,
schrieb HANS DIPLICH in einer Analyse dieser Stilrichtung. Seither zeugen auch die Werke der
Architekten, Bildhauer und Maler in zahlreichen Kathedralen, Dorfkirchen, Rathäusern, Stadt-
palästen und schließlich auch Bauernhäusern mit ihren Rundgiebeln vom Einfluss des öster-
reichischen Barock, der vom Wiener Belvedere und der Hofburg auf barocke Adelshöfe überging
und durch Wandergesellen bis in die entlegensten donauschwäbischen Dörfer verbreitet wurde.
Er ergänzte die barocken Einflüsse in der glockenförmig abstehenden Festtagstracht der Frauen
und Mädchen, in den vielfältigen Stick- und Teppichmustern, der Kirchen- und Vereinsfahnen,
in der Gestaltung der Grab-, Dorf- und Flurkreuze und in den prunkvollen Dorffesten. Die
Häuser in den schachbrettartig angelegten deutschen Dorfstraßen waren mit der Schmalseite
zur Straße ausgerichtet und trugen anfangs einen Dreieckgiebel, der im 19. Jahrhundert vom
verzierten Rundgiebel abgelöst wurde. Das Streckhaus erhielt auf der Hofseite den
charakteristischen Laubengang mit Pfeilern, und der Rundgiebel wurde mit Zierelementen wie
Lebensbaum und Sonnenrad (in Form von Sonnenwirbel, Vier- oder Sechsstern bzw. im Dreieck
das "Auge Gottes") geschmückt, neben denen häufig das Baujahr und der Name des Bauherrn
steht und Bodenluken für Durchlüftung sorgen. Der halbkreisförmige Giebelaufsatz wird von
konvexen oder konkaven Kreissegmenten fortgesetzt, die auf dem balkenstarken Gesims auf-
sitzen. Darunter ist die Vorderfront des Hauses durch plastisch wirkende Verputzformen ge-

22
Berwanger 1982, 85-93.
ZGR 1-2 (25-26) / 2004, 1-2 (27-28) / 2005 383
Hans Gehl

gliedert, so dass die Fenster durch Säulen und Kapitelle eingerahmt erscheinen. Der spät-
barocke Dekor des Giebels umfasst Schneckenwindungen, Girlanden, Laufmuster, Randleisten,
Blumen-, Kranz und Muschelornamente. Bedeutsam ist die Farbgebung. Der Sockel ist gewöhn-
lich dunkelbraun oder grün, Fassade und Giebel dagegen pastellfarben, hellgrün, ockerfarben
oder zartrosa gefärbt. Zur dörflichen Verwirklichung des Bauernbarock gehören außer dem
Haus auch der umgebende Raum, der Hof und der Blumengarten, die breiten Gasse und die
Baumreihen bis in den Dorfkern, die den Lebensraum der Dorfgemeinschaft gestalten und zu-
gleich einen sicheren Wohnbereich abgrenzen23.
WALTHER KONSCHITZKY untersuchte die Hausformen und den Fassadendekor im Banat aus
historischer und interethnischer Sicht24 und präsentierte seine Ergebnisse vor einigen Jahren in
seiner Dissertation in Klausenburg (Cluj Napoca). In einem zusammenfassenden Tagungsbeitrag
in Tübingen stellte er zur Banater Architektur fest, dass die Rezeption der europäischen Bau-
stile, vom Barock bis zum Jugendstil, in den Städten nahezu zeitgleich mit der Bauentwicklung
in Mittel- und Westeuropa stattfand, die Übernahme stilistischer Neuerungen auf dem Land
dagegen zeitversetzt und durch den Einfluss des städtischen Handwerks erfolgte. Das über-
nommene Gut wurde dem eigenen Formenreichtum eingegliedert und weit über die Zeit des
Wirkens der architektonischen Stilrichtungen, denen es entlehnt war, als quasi "zeitloses"
Ornamentrepertoire in der Fassadendekoration verwendet.
In den Dörfern der mariatheresianischen Siedlungsperiode löst am Ausgang des 18. und im
19. Jahrhundert der verzierte Rundgiebel barocker Herkunft den unverzierten Dreieckgiebel des
frühen Kolonistenhauses ab. Die verwendeten Hauptornamente sind gleichfalls dem Barock
entlehnt. An religiösen Motiven findet man das Kreuz, das Gottesauge im Strahlenkranz, das
Christusmonogramm IHS und den Engelskopf, an kosmischen Motiven Sonnenzeichen und
Sterne, an Pflanzenmotoven Lebensbaum, Blattkranz, Girlande und Blumenrosetten. Über
schwäbische Meister und Gesellen, die auf der Walz oder in Handwerkszentren des Banats mit
den Stilelementen vertraut wurden, gelangte der verzierte Giebeltypus auch in rumänische,
serbische, bulgarische und kraschowänische, später auch in tschechische, slowakische und
ungarische Ortschaften des Banats.
Die geografische Verbreitung und die Frequenz der Verwendung einzelner Giebelformen ist
im Banat sehr unterschiedlich. Nördlich der Marosch und südlich dieses Flusses, in den Ort-
schaften entlang der Straßen Arad – Lippa und Lippa – Temeswar fand vorwiegend der ge-
weißte oder in Ockernuancen getünchte Dreieckgiebel mit reicher Dekoration Anwendung; der
Rundgiebel ist hier die Ausnahme. In der fruchtbaren Ebene der Banater Heide, vor allem im
Raum Großsanktnikolaus (Sânnicolau Mare) – Hatzfeld (Jimbolia) – Temeswar beherrscht da-
gegen der reich dekorierte Rundgiebel des "späten Bauernbarock" mit unterschiedlich ge-
brochener Randlinie das Dorfbild aller Ethnien, während der Dreieckgiebel nur gelegentlich an
ärmeren Häusern zu sehen ist. Die deutschen Ortschaften in diesem Gebiet wurden fast aus-
schließlich in der Regierungszeit Maria Theresias (1763-1782) gegründet. Hier weisen auch die

23
Nach Diplich 1975: Barocke Formen des Bauernhauses in Südosteuropa. S. 30-35.
24
Konschitzky, Walther: Sonnenrad und Lebensbaum. Banater Giebelhäuser und ihre Ornamentik. 47 Beiträge in
"Neuer Weg" Bukarest, vom 7.07.1981 bis 12.03.1982.

384 ZGR 1-2 (25-26) / 2004, 1-2 (27-28) / 2005


Die Bedeutung donauschwäbischer Symbole

Fassaden der moderneren Querhäuser eine aufwendige Dekoration auf. In der josephinischen
Periode (1782-1786) wurde die ärmere Gegend südlich der Temesch besiedelt. In diesen Ort-
schaften ist statt des Rundgiebels zumeist ein unverzierter geweißter Dreieckgiebel zu sehen.
Im Raum Temeswar – Lugosch – Busiasch ist der Rundgiebel jedoch bei den Banater Rumänen
und Serben verbreitet. Für sie wurde die Fassadendekoration in Zeiten des wachsenden Wohl-
standes am Ausgang des 19. Jahrhunderts, vor allem aber in den Jahren nach dem Ersten Welt-
krieg, ein wesentliches Statussymbol mit Repräsentationsfunktion zur Kennzeichnung der
sozialen Stellung innerhalb der Dorfgemeinschaft.
Als eine regionale Gemeinsamkeit lässt sich bei allen Ethnien die mentalitätsgebundene
Haltung nachweisen, dass der Reichtum der Fassadendekoration in der Öffentlichkeit ein
Gradmesser für Wohlstand darstellt. Allerdings haben die Gruppen einzelne Ornamente ent-
lehnt und ihren Vorstellungen und Bedürfnissen angepasst. Die Fassadenverzierung hat sich im
19. Jahrhundert bei allen Ethnien des Banats als ein neues Genre der ländlichen Kultur durch-
gesetzt. Im Falle des Bauschmucks an zahlreichen rumänischen und serbischen Häusern weist
sie die Sonderform einer Volkskunst zweier Ethnien auf: die der Auftraggeber und die der
schwäbischen Handwerker, die sie ausgeführt haben. Regionale Mentalitäten können bis zur
Zuordnung von Kulturwerten als spezifisch ethnische Besonderheiten führen. Der Verfasser
verweist auf die Verwendung unterschiedlicher Giebelformen in der deutschen Ortschaft
Bakowa und in den umliegenden andersnationalen Dörfern. Die schwäbischen Handwerker aus
Bakowa haben in ihrem Ort ausschließlich Fassaden mit Dreieckgiebel und nach dem Zweiten
Weltkrieg Querhäuser mit unverzierter Fassade gestaltet, dagegen in über zwei Dutzend
rumänischen Dörfern die Mehrheit der Bauernhäuser mit straßenständiger Fassade und reich
verziertem Rundgiebel versehen. Im Sprachgebrauch der Bewohner von Bakowa wird diese bei
den benachbarten Rumänen seit Anfang des 20. Jahrhunderts so beliebte Giebelform als
"walachischer Gewl" bezeichnet und als ein für die Banater Rumänen kennzeichnendes Element
des Dorfbildes verstanden25, wenngleich aus dem Habsburgerreich kommt.
Bei den Sathmarer Schwaben herrscht der Streckhof mit unverziertem Dreieckgiebel vor. Ein
wichtiges Nebengebäude des Wirtschaftshofes ist die im Hinterhof quer stehende, aus den
oberschwäbischen Herkunftsgebieten mitgebrachte Scheune, mit einem breiten Tor zur
Straßenseite und einem Dach mit zwei Schrägen. Hier wurde immer das Getreide gedroschen,
Futtermittel, landwirtschaftliche Geräte und Transportmittel aufbewahrt. Die hohe Giebelfront
zur Straßenseite ist mit Brettern geschlossen, die mit Laubsägearbeiten und Reliefmotiven ge-
schmückt sind. Ähnliche Funktionen besitzen die sächsischen Scheunen in Siebenbürgen, doch
diese stehen senkrecht zu den entlang der Straße aufgereihten Häusern26.
5.2 Kirchen
In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts findet das Barock auch im ländlichen Raum
beim Bau und der Ausstattung der Kirchen Verwendung. Ein Vorbild für viele Dorfkirchen ist die
nach den Plänen Fischer von Erlachs erbaute, 1754 eingeweihte barocke Bischofskirche in
Temeswar. In Lenauheim wurde die Barockkirche von der Kaiserin Maria Theresia gestiftet und

25
Konschitzky 2002, 84-90.
26
Bălu 2002, 66.
ZGR 1-2 (25-26) / 2004, 1-2 (27-28) / 2005 385
Hans Gehl

die Einwohner hatten dazu eine besondere Beziehung. In den Dörfern der flachen Banater
Heide überragt die zentral gelegene Kirche die Bauernhäuser und ist schon von weitem zu
sehen. Bedingt durch die religiös geprägte Bauernkultur eines Großteils der Donauschwaben
begleitet die Kirche das Leben der Menschen von der Wiege bis zum Grab. Kirchenglocken mit
ihrem weithin vernehmbaren Klang haben als Symbol der Geborgenheit und der Lebens-
erfüllung für die Donauschwaben eine besondere Bedeutung. Die aus dem Banater Dreispitz
( agu) stammende Musikkapelle "Original Stauferland-Echo" brachte 2000 eine CD mit Musik-
stücken unter dem symbolischen Titel "Überall klingen Glocken der Heimat" heraus, wobei das
Motiv vom Titel des 1910 erschienenen Roman von ADAM MÜLLER-GUTTENBRUNN "Die Glocken der
Heimat" stammt. Beides sind "Erinnerungsorte" für die Betroffenen.
Es ist verständlich, dass bei Heimattreffen der Ausgesiedelten ein Bild der Dorfkirche im
Mittelpunkt steht und bei der Gedenkveranstaltung an die verlorene Heimat der symbol-
trächtige Klang der Heimatglocken vom Tonband zu hören ist. Bei Fahrten in die Heimat-
gemeinde gelten die ersten Wege der vertrauten Kirche und dem Dorffriedhof, um der ver-
storbenen Ahnen zu gedenken. In den periodisch herausgebrachten und den Mitgliedern bei
den Jahrestreffen überreichten "Briefen" und "Blättern" der Heimatortsgemeinschaften wird
immer wieder über den Zustand der Heimatkirche und des Friedhofs berichtet und zu Spenden
für deren Erhaltung, Renovierung und künftigen Pflege aufgerufen.
Im Jugoslawienkrieg der 1990er Jahre zerstörten die Kampfgegner neben Industriebauten
und Wohnhäusern mir Vorliebe die weithin sichtbaren Kirchen bzw. Moscheen der Feinde
wegen der religiösen Gegensätze: Die Serben sind doch Orthodoxe, die Kroaten Katholiken und
beide Ethnien in Bosnien Muslime. Die Zerstörung von Gotteshäusern, im Namen der
atheistischen Kommunisten, übten die Serben (ähnlich wie Albaner und Russen) auch schon
nach Kriegsende, als die Kirchen der entrechteten und internierten Donauschwaben in Depots
verwandelt oder einfach abrissen wurden. Mein Interviewpartner Nikolaus Hoffmann aus
Balingen schilderte 1992 die Eindrücke aus seiner Heimatgemeinde Kleck im serbischen Banat:
Ich war vor zwei Johr unte und hann en alte särwische Kamerad bsucht. Es sinn noch Rumener da
un vun dene Iwesiedler ausm Bosnische, awer vom Deitsche is nichts mäh vorhande. Die Kirch hann
sie abgetrage, die hann se zammegschmiss gleich nachm Krieg. Un im Freidhof find mer net emol
27
mähr die Grewr vun die Alti, vun die Ahne .
Gotteshäuser haben eine wichtige Funktion im Leben traditioneller Gemeinschaften. Bald
nach der Ansiedlung im alten Ungarn trachteten alle donauschwäbische Gemeinschaften, ein
Bethaus und später eine eigene Kirche zu errichten. Einer kürzlichen Fernsehreportage war zu
entnehmen, dass die von der Flucht heimgekehrte Bevölkerung einer abgelegenen Siedlung in
Afghanistan der Errichtung einer Moschee den Vorrang vor Wohnhäusern einräumt, um darin
beten und die Kinder unterrichten zu können. In Rumänien ist zu beobachten, dass nach der
Wende von 1989 die religiöse Freiheit genutzt wird, um viele orthodoxe Kirchen mit Spenden
der Gläubigen zu errichten, wobei jede größere Stadt neben den zahlreichen Kirchen auch eine
Kathedrale haben will. Dabei ist es nicht wichtig, ob die tatsächliche Zahl der Kirchenbesucher
die Neubauten rechtfertigt. Wichtiger ist die symbolische Funktion des Sakralbaus.

27
Nach: Tonband 200-A im Tonarchiv des IdGL Tübingen, Laufwerk 26.30-27.30b.

386 ZGR 1-2 (25-26) / 2004, 1-2 (27-28) / 2005


Die Bedeutung donauschwäbischer Symbole

Entsprechend dem Stellenwert der Kirche wird auch ihre Weihe und deren jährlich wieder-
kehrende Feier zum Hochfest der Dorfgemeinschaft ausgebaut.
5.3 Kirchweih
Wenn in Deutschland unserer Tage der Karneval in vielen Ausgestaltungen vom Jahresende
bis zum Aschermittwoch von einem Großteil der Dorf- und Stadtbevölkerung überschwänglich
begangen wird, so gilt bei den Donauschwaben allgemein die Kirchweih als schönstes und be-
deutendstes Schwabenfest des Jahres und hat einen hohen Stellenwert im Leben der Dorf-
gemeinschaft. Seine Symbolik hat sich bis heute sowohl in den historischen Siedlungsregionen
als auch bei den ausgesiedelten Donauschwaben erhalten28. Diesem Fest galten vor 100 Jahren
die Böllerschüsse der Schützenvereine wie nur den höchsten Kirchenfesten: Weihnachten,
Ostern, Pfingsten und Fronleichnam. Wo das weltliche Fest ausgeprägte Formen entwickelt
hatte, begannen die Vorbereitungen schon vorher, sowohl in der Kerweihgesellschaft als auch
in allen Haushalten des Dorfes.
Generell hat sich bei allen Donauschwabenn neben der kirchlichen Erinnerung an das
Weihefest, am selben Tag oder an einem anderen Termin ein weltliches Fest entwickelt;
meistens ist es als größtes Herbstfest ein Gegenstück zum Fasching, dem Karneval, aus der
Gruppe der Frühlingsbräuche, von denen es die bereits Elemente wire Kirchweihbaum und -
strauß an sich gezogen hat. Die weltliche Ausprägung des Kirchweihfestes betrifft: die Groß-
reinigung der Häuser, die Erneuerung der Kleidung, besonderes Essen, Verwandten- und Gäste-
besuch auch in der kleinsten Siedlung. Ausnahmen haben einen besonderen Grund und hängen
meist mit den Zeitumständen (Kriegs- und Notzeiten) zusammen. Wo es genügend Jugend und
eine Musikkapelle gibt, wird auch getanzt. Die Menschenansammlungen bieten günstige
Voraussetzungen für Jahrmarktbetrieb und den Absatz handwerklicher Erzeugnisse. Für die
Herausbildung einer eigenen Kirchweihtracht müssen besondere Gegebenheiten vorhanden
sein. Die Kirchweihgesellschaften müssen für Strauß, Baum und Fass aufkommen, doch nicht
immer und überall können sie das. Die Ausprägung der Kirchweihmerkmale richtet sich immer
nach der Größe des Dorfes und der Anzahl der Jugend und Jungverheirateten.
Befragungen von Wissensträgern aus allen donauschwäbischen Gebieten lassen den Schluss
zu, dass sich die Banater Kirchweihbräuche in ausgeprägtester Form mit einem genau fest-
gelegten Ablauf entwickelt haben. Fast alle Heimatbücher der einzelnen Ortsgemeinschaften
widmen dieser bedeutsamen und vielseitigen Feier ein eigenes Kapitel innerhalb der
Brauchtumsbeschreibung. Allerdings fehlen auch in manchen Banater Dörfern einige spezi-
fische Kirchweihattribute wie den Strauß. Andererseits gab es auch in anderen donau-
schwäbischen Gebieten (z. B. in Dörfern der Schwäbischen Türkei und in Vinkovci, Gebiet
Syrmien) einen Aufmarsch der Trachtenpaare, die einen Vorstrauß trugen und ihn später unter
den Kirchweihgästen versteigerten.
Ganz ähnlich ausgeprägte Brauchelemente enthält die mittelfränkische und die nieder-
österreichische Kirchweihfeier. Die vielen Ansiedler aus Rhein- und Mainfranken - vor allem in
der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts - haben sicher die Erinnerung an ihre heimatlichen
Bräuche über entbehrungs- und leidvolle Jahrzehnte des Neubeginns bewahrt und bei
günstiger wirtschaftlicher und sozialer Lage diese Feste und Bräuche wieder begangen und zu

28
Vgl. dazu das Kapitel "Kirchweih" in Gehl 2003, 157-189.
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Hans Gehl

neuer Blüte gebracht. Bekanntlich hat auch der österreichische Einfluss über 150 Jahre durch
Militär, Verwaltung, Kultur, Handel und wandernde Handwerker auf das gesamte Siedlungs-
gebiet eingewirkt. Man könnte auch den wachsenden Wohlstand seit dem 19. Jahrhundert,
besonders im Banat, in der Batschka, teilweise auch in Syrmien und in der Schwäbischen
Türkei, dank der Fruchtbarkeit des urbar gemachten Ackerlandes, als auslösender Faktor für die
besonders ausgeprägten Kirchweihbräuche annehmen.
Im Banat kommt die politische Sonderstellung im donauschwäbischen Siedlungsraum, als
kaiserliche Provinz Temescher Banat (von 1716 bis 1778) dazu. Hier kam es - im Gegensatz zu
den Verhältnissen in den alten Heimatländern der Kolonisten und in den ungarischen
Komitaten - zur Bildung eines von grundherrschaftlichen Bindungen freien Bauernstandes. Die
Planung der Ansiedlung erfolgte vornehmlich von Wien aus und von hier wurde auch die Neu-
prägung der Siedlungslandschaft entscheidend gestaltet, da die Erschließung und Neuordnung
des Landes unter Aufsicht kaiserlicher Beamten erfolgte. Die Bindung zu Wien und den Kaiser-
hof war im 18. Jahrhundert stets ein wirksames Band zwischen den Ansiedlern aus ver-
schiedenen Herkunftsländern gewesen und hatte auch im 19. und bis ins 20. Jahrhundert die
Grundeinstellung der Bevölkerung noch nachhaltig beeinflusst.
Das in großen Zügen einheitliche Banater Kirchweihbrauchtum hat sich gewiss erst mit der
Zeit herausgebildet, da die Ahnen der Banater Deutschen aus ihren Ursprungsländern nicht nur
voneinander abweichende Dialekte, sondern auch unterschiedliche Sitten und Bräuche mit-
gebracht hatten. HEINRICH LAY nimmt an, dass in jedem Dorf allgemein das kräftigste Element
zur Geltung kam, die Oberhand gewann und im Laufe der Jahrzehnte seine Sitten und Ge-
bräuche durchsetzte. Dennoch blieben auch Elemente aus anderen Herkunftsregionen erhalten.
Wohl deshalb gibt es kleine Unterschiede zwischen den Kirchweihfeiern der einzelnen Ort-
schaften29. KATHARINA WILD weist dagegen auf die Gemeinsamkeiten der Kirchweihbräuche in
der Baranya (teilweise auch in der Tolnau) mit den fuldaischen, südhessischen, zum Teil auch
oberdeutschen Herkunftsgebieten der Siedler hin. In Lantschuk (Láncsók) waren der ge-
schmückte Kirmesbaum und andere Kirmesattribute noch vor dem Zweiten Weltkrieg vor-
handen, in Großnarad (Nagynárád) waren sie auch später noch anzutreffen, wie mir die Ge-
währsperson Anna Halász in einem Interview 1994 versicherte30:
Wo Siedler aus verschiedenen Gebieten zusammentrafen, sind auch mitteldeutsche Bräuche
(wie Ein- und Ausgraben der Kirchweih, Baumaufstellen, Verlosen eines Halstuchs) neben ober-
deutschen (Hahnenschlagen, Kirchweihbock) anzutreffen. Die große Übereinstimmung in den
Kirchweihbräuchen dieses Gebietes, trotz der Herkunft der Siedler aus verschiedenen mittel-
und oberdeutschen Sprachgebieten und auch aus älteren deutschen Siedlungen der
ungarischen Nachbarkomitate könnte durch enge wirtschaftliche Kontakte und Siedler-
mischung durch Eheschließung zwischen nahe zueinander liegenden Ortschaften hervorgegan-
gen sein. Freilich ist auch hier völlige Übereinstimmung im Ablauf einzelner Bräuche nur in
wenigen, unmittelbar benachbarten Ortschaften wie Bawaz (Babarc) und Sier (Szőr), Nim-
mersch (Himesháza) und Surgetin (Szederkény) festgestellt worden31.

29
Vgl. Lay 1974, 101.
30
Nach Tonband 261-A im Tonarchiv des IdGL in Tübingen.
31
Vgl. Wild 1988, 76-79.

388 ZGR 1-2 (25-26) / 2004, 1-2 (27-28) / 2005


Die Bedeutung donauschwäbischer Symbole

5.3.1 Perspektiven der Kirchweihbräuche, Übernahme von Festen


a. Im Heimatgebiet
Wie die meisten Bräuche ist auch das Kirchweihfest wohl in seinen Grundzügen erhalten
geblieben - besonders die zeremonielle Steifheit der Tanzordnung und des Versteigerns fällt
auf, doch hat es in vielen Orten neue Elemente aufgenommen oder bestehende weiter-
entwickelt. Das gilt vor allem für das Banat, da die Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg
nicht ausgewiesen wurden und die schwäbischen Gemeinschaften bis in die 1980er Jahre
bestanden und ihre Bräuche weitergepflegt haben. Es kam zu Erneuerungen von
Brauchelementen.
Es ist bekannt, dass Strauß und Kirchweihbaum erst 1972 von Lehrerin Katharina Gal ins
Kirchweihbrauchtum von Semlak eingeführt wurden. Der kronengeschmückte Kerweihbaum in
Darowa war 1972 mit einer Kette bunter Glühbirnen geschmückt. In Guttenbrunn wurde am
Samstag vor dem Kirchweihtermin ein Fackelzug veranstaltet und beim Tanz ein Kirchweih-
kranz mit der Weinflasche an die Wirtshaustür gehängt. In Liebling gab es 1973 zwei Vor-
tänzerinnen, da ein Großvater den Strauß 1972 für seine beiden Enkelinnen ersteigert hatte.
Allerdings gab es bereits 1970 gar drei Vortänzerinnen statt einer, in Darowa einmal sogar vier.
In Liebling hat man den Kirchweihstrauß nicht versteigert, sondern mehr als 80 bebänderte
Sträußchen davon [Link] Wetschehausen (Pietroasa Mare) war der Rosmarinstrauß
1988 mit fast 200 Rosen geschmückt und wurde entsprechend hoch versteigert33.
Die Sprüche beim Straußversteigern wurden häufig vom "Kirweihstickl" der Blasmusik
unterbrochen, während die Mädchen in den Tanzpausen sangen. Gelegentlich hat man auch
"auf dem Fass" ein thematisch passendes Gedicht vorgetragen, Lieder gesungen oder Volkstänze
dargeboten. Die Tradition der Kulturprogramme und Sportfeste am Kirchweihtag wurde besonders im
evangelischen Dorf Liebling bis zuletzt gepflegt.
Durch die Wirren des Zweiten Weltkriegs und die gegen die deutsche Bevölkerung be-
sonders restriktiven Nachkriegsereignisse unterbrochen, konnten im Banat Kirchweihfeste lange
Zeit nicht stattfinden. Nach einem 1946 erfolgten Versuch wurde 1947 in Jahrmarkt (Giarmata)
die Kerweih mit acht Paaren, ohne Tracht, in einer Tischlerwerkstatt gefeiert. Selbst bei den
Verschleppten in der rumänischen Bărăgan-Steppe gab es in den fünfziger Jahren schüchterne
Versuche, wieder Kirchweih zu feiern, wenn auch nicht am überlieferten Termin, da die Neu-
siedler aus vielen Banater Gemeinden bunt zusammengewürfelt waren. Es war ein Hoffnungs-
schimmer für die vom Schicksal getroffenen Deportierten, dass man wieder wie daheim zu
feiern begann.
Seit der kriegsbedingten Unterbrechung nahmen nur mehr Jugendliche an der Ver-
anstaltung und Durchführung der Kirchweihfeier teil. Sie wurden im Laufe der Jahre immer
jünger (und durch die zunehmende Aussiedlung weniger), so dass schließlich Schüler von
kulturell interessierten Lehrern angesprochen werden mussten. Aufmarsch und Straußver-
steigerung wanderten bei Trachtenbällen auf die Bühne und wurden sogar ein Unterhaltungs-
thema für die Zuschauer. Es kam sogar einmal vor, dass ein Paar bei einem Maskenball in

32
Nach Gehl 1973, S. 188-190.
33
Nach einer Mitteilung in Neuer Weg vom 5.10.1988, S. 4.
ZGR 1-2 (25-26) / 2004, 1-2 (27-28) / 2005 389
Hans Gehl

schwäbischer Kirchweihtracht auftrat. Auch am Temeswarer Nikolaus-Lenau-Gymnasium ver-


steigern die Schüler beim jährlichen Trachtenfest einen Kirchweihstrauß und verlosen Hut und
Schultertuch: Hier sind Kirchweihelemente in eine Verkehrsinsel eingemündet, aus der es frei-
lich keine Weiterfahrt geben kann. Der Aufmarsch und die Tänze erfreuen zwar die Eltern, doch
das ist nur mehr der letzte Ausläufer der weltlichen Feier vor ihrer gänzlichen Einstellung. Die
kirchliche Feier hat sich schon längst davon getrennt.
Heute wird die Tradition der Banater Kirchweihfeste trotz der geringen deutschen Rest-
bevölkerung, auch mit der Unterstützung rumänischer, ungarischer oder andersnationaler Dorf-
bevölkerung, bis heute fortgesetzt. So fand in Billed laut einem Pressebericht im Herbst 1999
ein Kirchweihfest mit 27 Trachtenpaaren statt, davon elf aus Billed, die übrigen aus Temeswar,
Neuarad und Großsanktnikolaus (Sânnicolau Mare). In Sanktanna (Sântana) wo bis in die
1980er Jahre Kirchweihfeiern mit 50 und mehr Trachtenpaaren stattfanden, wird die ver-
bliebene Restgruppe von heute 350 Deutschen durch die Heimatortdgemeinschaft Sanktanna
unterstützt. Auch zum 26. Juli 2004 kamen zahlreiche Sanktannaer aus Deutschland in ihre
Heimatgemeinde und die Kirchweihjugend feierte das Fest in Tracht und mit dem Rosmarin-
strauß unter dem festlich geschmückten Kirchweihbaum.
Trotz dieser Hilfestellungen von außen wird sich bei den restlichen Banater Schwaben ver-
mutlich nur die kirchliche Feier erhalten; es sei denn, dass die weltliche Kirmes von der
rumänischen und andersnationalen Bevölkerung als dörfliches Volksfest der Dorfgemeinschaft
weitergeführt wird. Ansätze dafür sind festzustellen, doch der Ausgang ist ungewiss.
b. Bei den ausgesiedelten Donauschwaben
Nach der Vertreibung und Flucht Kriegsende, gefolgt von der Spätaussiedlung der Donau-
schwaben von den 1970er bis Ausgang der 1990er Jahre dauerte es wieder eine geraume Zeit,
bis sie Wurzeln schlugen, sich an ihre im ganzen Bundesgebiet verstreuten Landsleute an-
schlossen und auch mal in die alte Heimat fuhren, um in Ungarn, im Banat und im Sathmarer
Gebiet als willkommene Gäste bei den Kirchweihfeiern mitzumachen, vielleicht sogar Hut, Tuch
oder Strauß zu gewinnen und als Erinnerung an die verlorene Heimat in die Bundesrepublik
Deutschland, nach Österreich, Frankreich oder nach Übersee mitzunehmen. Hier gingen die
Deutschen aus den Donauländern neue landsmannschaftliche Bindungen ein, sie bildeten
Heimatortsgemeinschaften nach ihren Herkunftsorten, Kreis- und Landesverbände, um der ge-
meinsamen Herkunft zu gedenken, die gemeinsame, in 250 Jahren gewachsene Kultur zu
pflegen und die notleidenden Landsleute in der alten Heimat zu unterstützen.
Aus Presseberichten34 geht hervor, dass viele donauschwäbische Heimatortsgemeinschaften
ihre periodischen Treffen mit einer Kirweihfeier verbinden, die ja immer eine willkommene Ge-
legenheit zum Treffen mit auswärtigen Verwandten und Freunden geboten hat. Dutzende Ge-
meinschaften von Banater Schwaben, die ihr neues Zuhause in derselben deutschen Stadt ge-
funden haben, feiern die Kerweih auf diesen Treffen mit einem Umzug der Kirchweihpaare in
ihrer kennzeichnenden Tracht und mit festlich geschmücktem Rosmarinstrauß. Es besteht die

34
In den Periodika: "Der Donauschwabe" neuerdings "Der Donauschwabe Mitteilungen" und "Donausachwaben-
Zeitung), "Banater Post" und "Unsere Post" der Deutschen aus Ungarn.

390 ZGR 1-2 (25-26) / 2004, 1-2 (27-28) / 2005


Die Bedeutung donauschwäbischer Symbole

Tendenz, solche Kirchweihfeste wegen der Beteiligung von Landsleuten aus verschiedenen Her-
kunftsgemeinden, die jetzt ihre Heimat z. B. in Böblingen, Ingolstadt, München, Frankenthal
oder Darmstadt gefunden haben, am gemeinsam festgelegten Termin, unabhängig von den
Kirchweihterminen der einzelnen Banater Ortschaften, als allgemeine Banater Kirchweih zu
begehen. Ein Vorbild dazu lieferten schon die einvernehmlich festgelegten Kirchweihtermine in
den neu errichteten Siedlungen der Deportierten in der Bărăgan-Steppe, als man nicht alle
Termine der aus vielen Herkunftsorten zusammengewürfelten Banater Schwaben berück-
sichtigen konnte.
Mit den Worten: "Kummt un tanzt ums Fass, ihr Leit, in Speyer uff dr Kerweih!" begrüßte
der Vorsitzende der Donaudeutschen Landsmannschaft die Kerweihgäste in Speyer am 5.
November 1988, wo sie diesen rhein- und mainfränkischen Brauch bereits seit 37 Jahren im
Beisein der Speyerer Prominenz feierten. Unter Begleitung der "Donauschwäbischen
Musikanten" wurde der Kerweihstrauß versteigert und der Ehrentanz des Gewinners aus-
getragen. Gleichfalls am 5. November 1988 veranstaltete dei donauschwäbische und die
Banater Trachtengruppe in Nürnberg ihre Kirchweih, bei der ein geputzter Strauß sowie Hut
und Tuch versteigert wurden; der Strauß allerdings "amerikanisch", mit einem Wecker.
Das 39. Heimattreffen und Kirchweihfest feierten die Karlsdorfer (aus Banatski Karlovac)
am 22. Oktober 1988 in München, wobei das erste bereits fünf Jahre nach der 1944 erfolgten
Vertreibung stattgefunden hatte. Die Teilnehmer aus dem In- und Ausland unterhielten sich im
Salvatorkeller mit der Blaskapelle "Original Donauschwaben", die das "Karlsdorfer
Kirchweihstickl" spielte. Zwar gab es nur ein Kirchweihpaar, doch die Jugend nahm am Kirch-
weihaufmarsch und am Tanz teil.
Das Zusammengehörigkeitsgefühl der heute weltweit zerstreuten Donauschwaben zeigt
sich vor allem bei ihren Heimat- und Kirchweihtreffen. Die Hodschager aus Österreich,
Deutschland, Nord- und Südamerika, Asien, Afrika und Australien feierten am 10. Oktober 1999
in Wien einem wahrhaft weltumspannenden Erinnerungskirchweihfest. Das erste Hodschager
(aus Odžaci) Kirchweihfest nach der Vertreibung war im Jahre 1949 gefeiert worden. Auf der
50. Ausgabe, 1999, wurde der 243 Jahre seit der Ansiedlung des Geburtsortes in der Batschka
und des 178. Jahrestages der 1821 erbauten und dem heiligen Michael geweihten Kirche von
Hodschag gedacht. Vor dem Kirchweihtanz überbrachte die Patenstadt Moosburg ihren Gruß
und es wurde der alten Heimat gedacht.
Halb Sackelhausen (Săcălaz) lebt heute in Reutlingen, wo über 1000 Landsleute am 10.
September 1988 zum Heimattreffen zusammenkamen und im Beisein der städtischen Pro-
minenz und der Vorsitzenden der Banater und Donauschwäbischen Landsmannschaft Kirchweih
begingen. Nach dem feierlichen Gedenkgottesdienst geleitete die "Original Donauschwäbische
Blaskapelle" Reutlingen die Gemeinde mit einem Trauermarsch zum Gedenkstein der Ver-
storbenen der Heimatgemeinde Sackelhausen. Die Trachtenpaare unterhielten sich dann in der
Friedrich-List-Halle bei Walzer, Polka und "Kerweihstickle" Den Vorstrauß hat man aber nicht
versteigert, sondern ehrenhalber verschenkt. In einer Ansprache wurde mitgeteilt, dass bei der
Umgestaltung des Reutlinger Heimatmuseums auch die donauschwäbische und die Banater
Kultur in eigenen Räumlichkeiten ausgestellt wurden.
Die Vertriebenen und Aussiedler sind hier sesshaft geworden und haben im Laufe der Zeit
eine neue Heimat gefunden. Beim 4. Heimattreffen und Kirchweihfest der Banater Schwaben

ZGR 1-2 (25-26) / 2004, 1-2 (27-28) / 2005 391


Hans Gehl

aus Giseladorf und Panjowa am 8. Oktober 1988 erklangen bei der Festmesse über Lautsprecher
die Heimatglocken, und die Teilnehmer sangen zum Schluss - wie bei kirchlichen Hochfesten -
die hymnische Melodie "Großer Gott, wie loben dich" bezeichnenderweisemit einem
aktualisierten Text:
Großer Gott, wir danken dir / für die Heimat unserer Ahnen.
Jeder fand ein Plätzchen hier, / wo wir unseren Frieden haben.
Deinen Frieden ganz allein / braucht ein Mensch zum glücklich sein.
Auf diesem Heimattreffen gab es auch zwei Volkskkunstausstellungen: eine Sammlung von Aquarel-
len und Ölgemälden einer Teilnehmerin sowie maßstabgerecht nachgebildete Haus- und Wirtschafts-
geräte, die auch in sonstigen Heimatmuseen die Verbundenheit der Donauschwaben mit ihrer Lebens-
und Arbeitswelt in der alten Heimat unter Beweis stellen.
Die zahlreich ausgetragenen Kirchweihfeiern in Deutschland sind wohl etwas anders ge-
worden, als sie der alten Generation in Erinnerung ist. Das Heimat- und Zusammengehörig-
keitsgefühl rückt hier in den Vordergrund und schafft die Voraussetzungen zum gemeinsamen
Feiern der überlieferten und auch erneuerten Bräuche. Ihre soziale Funktion schafft ihnen
weitere Existenzberechtigung. Solange begeisterungsfähige Veranstalter die Jugend zum Mit-
machen gewinnen, ist die Fortdauer der donauschwäbischen Kirchweihfeier mit Trachtenpaaren
und einigen Kirchweihsymbolen - wenn auch mit veränderter Funktion - gesichert.
6. Schlussfolgerungen
Wie LUDWIG STEINDORFF ausführt, sind religiös geprägte Gedächtnisorte im Vergleich zu den
säkularen viel geschlossener und verfügen über ein verbindlicheres Arsenal an Vorstellungen
und Werten. Die traditionelle Festkultur war in die religiösen Zyklen eingebunden, da alte Ge-
meinschaften vorwiegend religiös geprägt waren. Dagegen sind säkulare Gedächtnisorte von
der Planung bis zur Gestaltung mit Handlungen und öffentlichem Diskurs verbunden, doch
danach entsteht das Problem, die Musealisierung oder ausschließliche Kommerzialisierung zu
verhindern. Feierstunden und Erinnerung sind das Außergewöhnliche und wirken auf den Un-
beteiligten eher kurios als integrierend.
Durch das von der UNESCO definierte "Weltkulturerbe" wurde ein Versuch gestartet, über
den religiösen und nationalen Gedächtnisorten ein Netz von universal gültigen Gedächtnisorten
zu stiften. Wichtig dabei ist die Begründung von Gemeinsamkeit und gemeinsamer Ver-
antwortung, unter der Voraussetzung der Gleichwertigkeit verschiedener Kulturen und Land-
schaften und der gegenseitigen Toleranz gegenüber dem Anderen35.
Die Donauschwaben sind eine kleine Ethnie, deren Bestehen in den Siedlungsgebieten durch
den Schwund der Angehörigen in Frage gestellt ist. Aus ihrer überlieferten Volkskultur werden
sich charakteristische Speisen und identitätsstiftende Symbole (wie Kirchweihstrauß, Heimat-
kirchen und Denkmäler), aber vor allem die Toleranz gegenüber anderen Gruppen - mit der Er-
wartung, selbst voll akzeptiert zu werden, das Zusammengehörigkeitsgefühl der Gemeinschaft
und die positive Lebenseinstellung erhalten, die von den Kolonistengenerationen übernommen

35
Steindorff 2003, 158-160.

392 ZGR 1-2 (25-26) / 2004, 1-2 (27-28) / 2005


Die Bedeutung donauschwäbischer Symbole

wurde und es wert ist, in das jeweilige neue Umfeld der weltweit zerstreuten Donauschwaben
und in die ihre Lebensgemeinschaften eingebracht und hier fortgeführt zu werden.
*****
Literatur:
1. BĂLU, DANIELA 2002: Volkstümliche Architektur in intetrethnisch geprägten Gemeinden des Kreises
Sathmar. Wohnhaus und Wirtschaftsbauten in Schinal (Urziceni, Csanálos) und Maitingen (Moftinul
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– Interethnik. (Materialein 13 des IdGL Tübingen). S. 59-73.
2. BERWANGER, NIKOLAUS 1982: letschte hopsepolka - lyrische texte in banatschwäbischem dialekt. Bukarest:
Kriterion Verlag.
3. BINDER, FRIEDRICH 1997: Buchbeschreibung "Ein Volk an der Donau" – Gespräche und Kommentare. In: Geschichte,
Gegenwart und Kultur der Donauschwaben. Heft 8. Sindelfingen: Landsmannschaft der Donauschwaben. Bundes-
verband, S. 62-68.
4. BREDNICH, ROLF WILHELM/SCHMITT, HEINZ (Hrsg, 1997): Symbole. Zur Bedeutung der Zeichen in der Kultur.
Münster/New York/München/Berlin: Waxmann.
5. DIPLICH, HANS 1975: Essay. Beiträge zur Kulturgeschichte der Donauschwaben. Homburg/Saar: Verlag Ermer KG.
6. DIPLICH, HANS/KARASEK, ALFRED 1952: Donauschwäbische Sagen, Märchen und Legenden. München: Verlag Christ unter-
wegs.
7. (EWbU) Etymologisches Wörterbuch des Ungarischen. 3 Bände. 1. Bd. 1993, 2. Bd. 1994, 3. Registerband 1997. Buda-
pest: Akadémiai kiadó.
8. FLASSAK, KATHARINA ELISABETH 1994: Fegefeuer Balkan. Weg eines donauschwäbischen Kindes. Sersheim: Oswald
Hartmann Verlag.
9. GEHL, HANS 1973: Besonderes und Neues auf der Kerweih. In: Hans Gehl: Heide und Hecke. Beiträge zur der
Banater Schwaben. Temeswar: Facla Verlag, S. 188-193.
10. GEHL, HANS 1989: Kirchweih bei den Donauschwaben. In: Jahrbuch für ostdeutsche Volkskunde, Bd. 32, Marburg
S.1-79.
11. GEHL, HANS 2003: Donauschwäbische Lebensformen an der Mittleren Donau. Interethnisches Zusammenleben und
Perspektiven. (Schriftenreihe der Kommission für deutsche und osteuropäische Volkskunde Bd. 85). Marburg.
12. HABENICHT, GOTTFRIED 1996: Leid im Lied, Südost- und ostdeutsche Lagerlieder und Lieder von Flucht, Verteibung
und Verschleppung. Hrsg. Johannes-Künzig-Institut für ostdeutsche Volkskunde, Freiburg.
13. JAWORSKI, RUDOLF/ KUSBER, JAN/, STEINDORFF, LUDWIG (Hrsg 2003): Gedächtnisorte in Osteuropa. Vergangenheiten auf
dem Prüfstand. (Kieler Werkstücke Reihe F: Beiträge zur osteuropäischen Geschichte, Bd. 6), Frankfurt am Main:
Peter Lang.
14. KONSCHITZKY, WALTHER 2002: Hausformen und Fassadendekor im Banat. Ethnospezifische Unterschiede und
regionale Gemeinsamkeit. In: Hans Gehl (Hg.) Regionale Volkskulturen in Ostmitteleuropa. Abgrenzung – Nach-
barschaft – Interethnik. (Materialein 13 des IdGL Tübingen). S. 75-94.
15. LAUER, HEINRICH 1987: Kleiner Schwab – großer Krieg. Innsbruck: Wort und Welt Verlag.
16. LAY, HEINRICH 1974: Kerweitraditionen im Banat. In: Forschungen zur Volks- und Landeskunde. Bd. 17/1, Bukarest.
17. MÜLLER-GUTTENBRUNN, ADAM 1973: Der kleine Schwab. Abenteuer eines Knaben. Bukarest: Kriterion.
18. MÜLLER-GUTTENBRUNN, ADAM 1978: Micul şvab. Timişoara: Editura Facla. (Übersetzung von Erwin Lessl und
Valentina Dima).
19. NIEDERMÜLLER, PETER 1997: Politik, Kultur und Vergangenheit. Nationale Symbole und politischer Wandel in Ost-
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Hans Gehl

20. RETTERATH, HANS-WERNER 1999: Heimatverlust im Spiegel musealer Darstellung: Die 'Heimatstube Liebling' in
Willstätt-Legelshurst. In: Jahrbuch für deutsche und osteuropäische Volkskunde, Bd. 42, S.146-173.
21. SÂRBU, NICOLAE 2003: De o sută de ori Banat. Patima şi pătimirile unui publicist în pustie. (Hundert Mal Banat.
Leidenschaft und Leiden eines Schriftstellers in der Einöde). Deva: Călăuza.
22. SCHURR, PHILIPP PETER 1986: Das Leben ist ein Würfelspiel. Die Erlebnisse eines Donauschwaben. Stuttgart.
23. STEFANOVIĆ, NENAD 1997: Jedan svet na Dunavu – Razgovori i komentari (Ein Volk an der Donau – Gespräche und
Kommentare) Beograd. Deutsche Ausgabe München: Donauschwäbische Kulturstiftung, 1999. Übersetzer Oskar
Feldtänzer.
24. STEINDORFF, LUDWIG 2003: Schichten der Erinnerung. In: Jaworski/Kusber/Steindorff (Hrsg 2003) S. 157-182.
25. STEUERWALD, KARL 1988: Türkisch-deutsches Wörterbuch. Türkçe-almanca sözlük. Wiesbaden: Otto Harrassowitz.
26. STREIT, KARL/ZIRENNER, JOSEF 1969: Schwowische Gsätzle ausm Banat. Gedichte in Banater schwäbischer Mundart.
Temesvar: Verlag des Hauses für Volkskunstschaffen.
27. STREIT, KARL/ZIRENNER, JOSEF [1970]: Schwowisches Volksbuch. Prosa und Stücke in Banater Schwäbischer Mundart.
Hrsg. vom Verlag Neuer Weg und den Neuen Banater Zeitung, Temesvar.
28. WILD, KATHARINA 1988: Deutsche Kirmesbräuche in Südungarn (II). In: Beiträge zur Volkskunde der Ungarn-
deutschen 7. Budapest, S. 53-80.
29. WILDMANN, GEORG 1996: Etappen des Leidensweges der Donauschwaben. In: Geschichte, Gegenwart und Kultur
der Donauschwaben. Heft 7. Sindelfingen: Landsmannschaft der Donauschwaben. Bundesverband, S. 150-163.
30. WILDMANN, GEORG/SONNLEITNER, HANS/WEBER, KARL 1998: Verbrechen an den Deutschen in Jugoslawien 1944-1948.
München: Donauschwäbische Kulturstiftung, Arbeitskreis Dokumentation.

394 ZGR 1-2 (25-26) / 2004, 1-2 (27-28) / 2005


MULTIKULTURALITÄT UND MEHRSPRACHIGKEIT
in der Banatdeutschen Presse

Kinga Gáll

Wenn über das Banat gesprochen wird, tritt eine Erscheinung in den Vordergrund, die nicht
nur untersuchungswert ist, sondern diesem Gebiet sein eigentümliches kulturelles Gepräge
verleiht. Es handelt sich um die Vielfalt der Sprachgemeinschaften und um die davon aus-
gehende Multikulturalität. Diese Völkervielfalt ist unter bestimmten geographischen und
politischen Bedingungen im Laufe der Jahrhunderte entstanden und, da die interethnischen
Beziehungen nie in Feindschaft entartet sind, hat sie das Fundament einer natürlichen, in den
meisten Fällen aktiven Mehrsprachigkeit geschaffen. Dieser Zustand war im 19.-20. Jh. ganz
besonders ausgeprägt; die Tradition aber, mit Mehrsprachigkeit locker umzugehen und die
Toleranz dem Anders-Sein gegenüber hat sich erhalten.
Um dieser Realität näher zu kommen, kann man schriftliche Dokumente heranziehen, die
gerade diesen Aspekt hervorheben und zu diesem Zweck ist die Presse sehr gut geeignet.
Die Existenzbasis jeder Publikation wurde vorwiegend durch ihre Leserschaft geschaffen
und rückwirkend versuchten auch die meisten Publikationen, einen möglichst weiten Leserkreis
zu gewinnen und zu behalten. In der Banater deutschen Pressevergangenheit gibt es hin-
reichend Beispiele dafür, dass die Herausgeber und Redakteure bewährter Zeitungen, aber auch
“unscheinbarer” Lokalblätter bemüht waren, dieses uralte Marketing-Konzept der Befriedigung
der Nachfrage durch ein entsprechendes Angebot zu verfolgen. Konkret bedeutete das ein ein-
faches Prinzip: Um möglichst viele Leser anzusprechen, musste der Inhalt derart gestaltet
werden, dass er ihren Interessen entsprach. Aus diesem Grunde gibt es in zahlreichen Presse-
organen des 19.-20. Jh. Nachrichten aus der Politik, Literatur, Neuigkeiten aus der Umgebung,
aus In- und Ausland, Kundmachungen aller Art und natürlich einen bedeutenden Anteil an An-
zeigen. Variationen nach diesem allgemeinen Aufbau gab es natürlich, jeweils den lokalen oder
zeitlichen Ereignissen angepasst.
Geht man also davon aus, dass eine Zeitung oder Zeitschrift einerseits ein ziemlich genauer
Realitätsabbilder ist und andererseits den Interessen vieler Leser entsprechen muss, so ergibt
sich daraus der Schluss, dass Hinweise auf Multikulturalität und auf Mehrsprachigkeit, die in
den deutschsprachigen Periodika des Banates vorfindbar sind, Fakten andeuten. Am aufschluss-
reichsten bei der Suche nach Belegen dafür, dass diese Publikationen für ein Publikum gedacht
waren, das im Hinblick auf Sprache, Nationalität und Religion heterogen war, ergeben sich die
Anzeigen und Inserate verschiedener Art sowie die lokalbezogenen Nachrichten.
Zur Untersuchung sind folgende Publikationen herangezogen worden:
1. Temesvarer Wochenblatt (TW)
2. Temesvarer Zeitung (TZ)
3. Werschetzer Gebirgsbote (WG)
Multikulturalität und Mehrsprachigkeit in der Banatdeutschen Presse

Das Temeswarer Wochenblatt war jene Zeitschrift, die im 19. Jh. den Grundstein
des modernen Presseschreibens im Banat gelegt hatte. Der Untertitel des Gründungsjahres
1840, Zeitschriftiches für Wissen, Kunst und Industrie, hat den Interessenbereich dieses Blattes
ziemlich genau umrissen. Ab 1843 erscheint das Blatt unter dem Namen TZ für nützliche
Unterhaltung und heimatliche Interessen. 1849 eingestellt, wurde die Herausgabe nach 13
Jahren, 1862 also, wieder versucht, allerdings mit weniger Erfolg, da es zu diesem Zeitpunkt
bereits konkurrente Publikationen gab. Der Name wurde behalten, obwohl die Schrift zeitweilig
(1862/63) zweimal wöchentlich erschien: TZ für Unterhaltung, Handel, Industrie und Gewerbe.
Der Anhang ist jener Teil, in dem Kundmachungen und diverse Anzeigen, Dienst-
anerbietungen und andere hauptsächlich auf Temeswar bezogene Informationen standen.
In jeder Nummer gab es eine Liste der Verstorbenen, mit Nennen des Namens, Alters,
Adresse und Todesursache, nach Konfessionen gruppiert und innerhalb dieser nach Stadtteilen,
z. B.:
I. Katholischer Religion (in der innern Stadt, in der Vorstadt Fabrique, in der Vorstadt
Josephstadt)
II. Griechisch n. u. Religion
III. Evangelischer Religion
IV. Israelitischer Religion
Nach 1862 wird die Liste der Verstorbenen vor den Inseraten und nicht in jeder Nummer
gebracht, nicht mehr nach Konfessionen, sondern nach Stadtteilen.
Unter Dienstanerbietungen erscheint am 15. August 1846 die Anzeige: Eine Gouvernante,
der ungarischen und deutschen Sprache kundig, wird in ein solides Haus aufzunehmen gesucht.
Näheres im Wochenblatt-Comptoir.; im Anhang des 2. Januar 1847 ist unter Verkaufs-Anzeigen
unter anderem zu lesen: ZIMZELEN, serbischer Volks-Kalender für 1847, herausgegeben von A.
Andrich, in schönem Umschlag geheftet, 20 kr. C.M., zu haben bei Joseph Hayd, Buchbinder-
meister. Am 9. Januar desselben Jahres heißt es bei den Vermiethungen: Im Hause der
Israelitengemeinde sind mehrere Quartiere und das Schankrecht, vom 1. Mai l. J., mittels Licitati-
on in Pacht zu geben. Hierauf Reflektierende wollen am 16. Jänner 1847 im Gemeindhaus er-
scheinen. Am 9. Oktober 1847 erscheinen im Anhang auf Seite 296 zwei groß geschriebene
Werbetexte. Der erste besagt: In der Joseph Beichel’schen Buchdruckerei ist erschienen und zu
haben: Gemeinnütziger und erheiternder Banater Volks- und Haus-Kalender.
Zum Gebrauche für Katholiken, Evangelische, Griechen und
Israeliten auf das Jahr 1848.. Der zweite stellt eine Liste von 10 Büchern dar, die
in der Buchhandlung des erwähnten Joseph Beichel zu haben waren, darunter 3 ungarische
Titel. Diese wurden nicht übersetzt, vermutlich in der Gewissheit, dass sie ja verständlich
waren. Am 30. Oktober desselben Jahres ist auf Seite 313 unter den Inseraten auch folgendes
zu lesen: LITERARISCHES. Bei Ignaz Polatsek, Buchhändler und Buchbinder ist zu haben:
Nemzeti Enciclopaedia,, avvagy Magyarország és Erdélynek állam-,
földrajzi és történeti nevezetességei,, szótár-alakban. Szerkezte Vallás
Antal. Két kötet legnagyobb szótár nyolczadrétben, 1 füzet 1 for. (Es handelte sich um eine geo-

ZGR 1-2 (25-26) / 2004, 1-2 (27-28) / 2005 397


Kinga Gáll

graphisch-historische Volks-Enzyklopädie in Wörterbuchform über Ungarns und Siebenbürgens


Sehenswürdigkeiten.)
Es war nicht unüblich zu jener Zeit, dass wichtige Mitteilungen zweisprachig, in zwei
Spalten auf derselben Seite gedruckt erschienen. Es ist der Fall einer Einladung zu einem
Wohltätigkeits-Treffen im Rathaus, die vom damaligen Bürgermeister der Stadt, Johann N.
Preyer unterzeichnet und im Anhang des 24. April 1847 veröffentlicht wurde oder einer
früheren Anzeige des Jahres 1845, die darüber informiert, dass zwecks Gründung einer Spar-
kasse die daran Interessierten zu einer Versammlung im Rathaus gebeten werden.
Die Nummer vom 29. April 1848 veröffentlicht den Werbeartikel: PROGRAMM - Der un-
garische Israelit. Wochenschrift zur Beförderung des politischen, sozialen und
religiösen Fortschrittes unter den ungarischen Israeliten. Leitende Artikel: politische, soziale und
religiöse Tagesfragen. Berichte und Korrespondenzen: aus verschiedenen Gemeinden Ungarns
und den benachbarten österreichischen Staaten. Ausland: kurz über die auswärtigen Glaubens-
genossen, theologische, historische u.a. Abhandlungen. Das Jahr 1849 war reich an Kriegsereig-
nissen und das TW hat den Kampfberichten größere Aufmerksamkeit geschenkt. Im Anhang des
14. April 1849 ist jedoch zu lesen, dass die Südslawische Zeitung abonniert werden
konnte, 3 x wöchentlich im Groß-Folio-Format, aus Agram.
Das TW enthält ab dem 1. Oktober 1862 die fast stetige Rubrik Rundschau im lieben Banat
und der Bacska; das Interesse überschreitet die an Temeswar und unmittelbare Umgebung ge-
bundenen Geschehnisse. Am 24., 27., und 31. Dezember 1862 erscheint jeweils ein Teil der Ab-
handlung Sitten, Religion und Kunst der Romänen. Der 24. Januar 1863 bringt einen
informativen Text mit dem Titel Die siebenbürger Zigeuner, der 7. bzw. 11. März 1863 in zwei
Folgen Die Serben. Das slawische Volk in den ältesten Zeiten, und seine Wanderungen. Diese
völkerkundlichen Artikel weisen wohl manche historische Unstimmigkeit auf oder sie zeugen
von mangelhafter Sachkenntnis, aber der Ton, in dem sie geschrieben wurden, war ein äußerst
warmer, romantisierend-popularisierender.
*
Die Temesvarer Zeitung konnte im Jahre 1919 auf eine mehr als ein halbes Jahr-
hundert währende Existenzdauer zurückblicken und ihre Position als prestige-trächtiges Amts-
blatt der Stadt und des Banates überhaupt war bereits gefestigt. Sie war eine niveauvolle
Tageszeitung, die weit über die lokalen Interessen hinausgriff und Korrespondenzen aus
anderen Städten des Landes sowie aus dem Ausland mitteilte. Dieses Erscheinungsjahr ist inso-
fern interessant, als es das erste nach der Vereinigung mit Rumänien darstellt. Das Interesse
galt vor allem den Ereignissen jener Zeit und in der permanenten Rubrik NEUESTE NACH-
RICHTEN wurden telefonische Meldungen der TZ veröffentlicht. Der gesamte Jahrgang 68
widmet in jeder Nummer mehrere Seiten den politischen Zuständen, unter Titeln wie: Wie das
rumänische Imperium im Komitate Hunyad eingeführt wurde (17. Jan.), Siebenbürger Sachsen
für den Anschluß an Rumänien (18. Jan.), Die deutsche Amtssprache in den siebenbürger
Komitaten (26. Jan.), Das Schicksal Temesvars und des Banats (4. Feb.), Wenn Ungarn nicht in
Betracht kommen sollte…Wem soll dann das Banat und Temesvar zufallen? (14. März), Die
Rumänen haben in Siebenbürgen die Souveranität proklamiert (21. März), Entscheidung der
Entente über Ungarn (25. März), Glossen zum kommunistischen Wahngebilde (17. Mai), Die Auf-

398 ZGR 1-2 (25-26) / 2004, 1-2 (27-28) / 2005


Multikulturalität und Mehrsprachigkeit in der Banatdeutschen Presse

teilung der gewesenen österreichisch-ungarischen Monarchie (20. Mai), Was geschieht mit
Temesvar? (4. Juni), Das Banat, Jugoslawien und Rumänien (5. Juni), Der Streit um das Banat
(18. Juni), Was aus den Budapester Zeitungen geworden ist (3. Aug.), Die Rumänen und Serben
haben sich bezüglich des Banates geeinigt (30. Okt.), Neubenennung der Straßen, Plätze und
Gebäude auf dem Gebiete der Präfektur der Komitate Temes und Torontal und der Stadt
Temesvar (15. Nov.), Die Anwendung der rumänischen und der übrigen Sprachen in der
Amtsgebahrung Temesvars (30. Nov.) usw.
Jede Ausgabe der TZ enthielt in der Rubrik VOM TAGE einen Tageskalender, der außer der
Zeitangabe des Sonnenaufgangs und -untergangs und mehreren Kurznachrichten die Feier-
und Namenstage für Katholiken, Protestanten, Griechen-Orthodoxe und Israeliten (für letztere
auch Tag- und Monatsangabe) bekanntmachte. Außer der damaligen politischen Aktualität gab
es noch Wissens- und Erlebenswertes für die Leser, so wie das aus manchen Titeln ersichtlich
ist: Der panjüdische Kongreß ( der zwischen dem 19.-26. Februar in Zürich stattfinden sollte,
26. Jan.), Große Konzerte der serbischen Gardemusik in Temesvar (unter KUNST, 6. Feb.), Endre
Ady, der Poet (im FEUILLETON, anlässlich seines Todes, 8. Feb.), Der Verkauf der fremden
Zeitungen in Temesvar (9. Feb.), Moderne ungarische Literatur und Musik (9. Mai), Gastspiel des
Craiovaer Nationaltheaters im Temesvarer Stadttheater (im FEUILLETON, 10. Aug.), Rumänische
Hochzeitsgebräuche (im FEUILLETON, 9. Nov.), Jüdischer literarischer und musikalischer Abend
(unter KUNST, 19. Nov.) u.a., und der 2. Okt. bringt unter SCHULNACHRICHTEN folgenden
Kuztext: In den Temesvarer städtischen Bürgerschulen wird in jedem Jahrgang auch eine
deutsche Parallelklasse eröffnet. Die magyarischen Klassen bleiben beibehalten. In jeder Klasse
wird eine romänische Lehrkraft den Unterricht in der rumänischen Sprache erteilen.
Natürlich nahmen die Anzeigen und Inserate allmählich ihren gewohnten Platz innerhalb
der Seiten der TZ ein. Im Allgemeinen gab es auch in ungarischer Sprache verfasste, sogar
nach der im August eingeführten Zensur, z. B. am 27. Sep.: Azonnali belépésre keresek -jó
fizetéssel- hét éves fiam mellé megbízható perfekt német kisasszonyt ki a takaritásnál is segít.
(Gesucht wurde ein deutsches Fräulein zur Aufsicht eines siebenjährigen Jungen und als ge-
legentliche Hilfe beim Reinemachen.) oder am 1. Okt., zur Wohnungssuche in der Innenstadt:
Butorozott szobát keresek. Bervárosban, azonnalra, lehetıleg fürdıszobahasználattal. Dr. Bihari,
belváros, Hunyadi-utca 8. II. emelet.. Zu lesen waren auch Inserate dieser Art: 2. März.: Am 3.
März um 5 Uhr nachmittags eröffne ich in meiner Schule einen neuen Kurs zur Aneignung der
serbischen Sprache. Anmeldungen bei Georg Terzin, serbischer Lehrer Temesvár, Losonczy Platz
4.; 8. März: 1. Kurs zur Aneignung der serbischen Sprache, Dichtung und Literatur. 2. Das
temesvarer “Jugoslávische Pressebüro” sucht mehrere Beamte höherer Qualifizierung mit
serbischer Muttersprache. 7. Sep.: Temesvárer israelitische Kultusgemeinde. Kundmachung.
Anläßlich der israelitischen hohen Feiertage werden Tempelbetsitze von Sonntag den 21. bis
inklusive Mittwoch den 24. September (…) vergeben. (Diese Anzeige erscheint am 10. Sept. auf
Ungarisch, bezogen auf die israelitische Gemeinde aus der Josephstadt); 20. Sep.: Junge ge-
bildete Deutsche welche die ungarische Sprache vollkommen beherrscht und auch musikalisch
gebildet ist, sucht Stellung außer Temesvar zu Kindern.; 25. Sep.: “Café Lloyd” Franz Josefstrasse.
Allen meinen hochverehrten Gästen und Gönnern wünscht ein glückliches Neujahr! Kemény
Béla, Cafetier.; 26. Sep.: Kindergärtnerin der Landessprachen mächtig, sucht Stelle zu ein bis
zwei größeren Kindern. Am 2. Aug. kommt zum ersten Mal das Interesse für die rumänische
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Kinga Gáll

Sprache per Anzeige auf: Rumänischer Sprachlehrer für eine Nachmittagsstunde gesucht. Nä-
heres in der Administration., aber in den folgenden Inseraten zu Arbeitssuche oder -angebot
gewinnt das Rumänische immer mehr an Bedeutung : 3. Aug.: Öffentlicher Notar (közjegyzı)
sucht dringend Notariatssubstitut, außerdem Adjunkt und Schreiber, die in den Agenden des
öffentlichen Notars vollkommen bewandt sind. Sehr vorteilhafte Bedingnisse. Kenntnis der ru-
mänischen Sprache unbedingt erfordert.; 5. Aug.: Bilanztüchtiger Buchhalter lange kauf-
männische Erfahrung, im Bankfache tätig gewesen, deutsch-rumänischer Korrespondent, perfekt
im Uebersetzen dieser Sprachen, sucht entsprechenden Posten.; 7. Aug.: Hierortiges großes Fa-
briksunternehmen sucht zu möglichst sofortigen Eintritt einen Handelsschule absolvierten jun-
gen Mann mit schöner Handschrift zur Besetzung der Praktikanten-Stelle. Der rumänisch spricht
und schreibt, wird bevorzugt.; 5. Sep.: Konkurs-Ausschreibung auf eine Notärstelle (für Glogo-
vátz, Komitat Arad, ung. Öthalom, Einw. 5000 (Deutsche)), der deutschen Sprache in Wort und
Schrift mächtig sein und rumänisch sprechen.; 7. Sep.: Ein Kommis der Bauern-
Manufakturwarenbranche, rumänischen und deutschen Sprache mächtig, per 15. September
gesucht.; 19. Okt.: Uebersetzer übernimmt Verfassung allerlei Schriften in rumänischer, ungari-
scher und deutscher Sprache. Man wende sich an das Uebersetzungs-Bureau des Stadthauses,
Zimmer Nr. 10, Nachm. zwischen 3-6 Uhr.; 25. Okt.: Wir suchen für unsere Kanzlei zwei weib-
liche Hilfskräfte welche der rumänischen, ungarischen und deutschen Sprache mächtig sind.
Bevorzugt werden Schreibmaschin- oder Stenografiekundige.; 16. Nov.: Portier der ungarisch,
deutsch und rumänisch spricht, findet im Stadthause Anstellung.; 23. Nov.: Stelle als Obermüller
sucht erstklassiger Fachmann mit großer Praxis, sowohl in der technischen, wie auch praktischen
Mühlenleitung. Spricht ungarisch, deutsch, rumänisch und serbisch. Anträge unter (…).; 28. Nov.:
Junger Mann der deutschen, ungarischen und rumänischen Sprache mächtig, sucht Lebens-
stellung. Adresse in der Administration.; 11. Dez.: Rumänischer Offizier wünscht zur Vervoll-
ständigung der Sprachkenntnisse täglich 1 Stunde Konversation in rumänischer Sprache mit
intelligentem Herrn.; 13. Dez.: Gesucht wird perfekte deutsche Stenografin, die auch maschin-
schreiben kann. Bevorzugt solche mit ungarischer und rumänischer Sprachkenntnis.; 24. Dez.:
Fräulein oder junger Mann welche Gymnasial-Matura haben und der rumänischen und deut-
schen Sprache mächtig sind, werden in der Jahner’schen Apotheke Temesvár, innere Stadt, als
Praktikanten aufgenommen. Dortselbst wird auch eine Kassierin mit oberwähnten Sprachkennt-
nissen aufgenommen.
*
Im Unterschied zu den dem TW und der TZ war der Werschetzer Gebirgsbote
eine bescheidene Provinzzeitschrift, die, erstmals am 31. Januar 1857 erschienen, eine Presse-
lücke füllen und die Einwohner der Stadt zu mündigen Zeitungslesern erziehen wollte. Der
Untertitel dieser Zeitschrift deutet ziemlich klar auf ihren Inhaltsbereich hin: Organ für Politik,
Land- und Volkswirthschaft und öffentliches Leben und ihr Motto lässt ihr Credo erkennen: Im
Bürgersinne denken, fühlen, handeln, heißt den Weg der Edlen wandeln. Die Redaktion des
Blattes hatte es sich als Ziel gesetzt, die Leser über all das zu informieren, was auf lokalen
Ebene und nicht nur bedeutend war. Der Grundton mag deshalb ein etwas provinzieller sein,
doch wenn man in Betracht zieht, dass diese Publikation kaum die Grenzen der Ortschaft und
der nächsten Umgebung überschritt, so verdient sie alle Achtung für ihre zwar nicht hoch-
interessanten, jedoch mit journalistischem Können, man könnte fast sagen liebevoll zu-
400 ZGR 1-2 (25-26) / 2004, 1-2 (27-28) / 2005
Multikulturalität und Mehrsprachigkeit in der Banatdeutschen Presse

sammengestellten Seiten. Die Sonntagsausgabe (die Zeitschrift erschien zweimal wöchentlich)


brachte das Illustrierte Sonntagsblatt als Beilage, die der Unterhaltung gewidmet war: Ge-
dichte, Erzählungen, Anekdoten, Witze, Vexierbilder, Rätsel u.ä. waren darin enthalten.
Artikel wie Telegramm an Zola (27. Feb.), Ungarn und das Ausland (10. März), Die neue
Trajan-Brücke (15. März), Gegen die Namensmagyarisierung (24. März), Spiritismus in Serbien
(24. März), Ein Ehrentag der Presse in Temesvár (12. Mai), Zola verurtheilt (21. Juli), Kongreß
der Zeitungs-Verleger (4. Aug.) oder die Separat-Ausgabe vom 12. Sep. anlässlich des Todes der
Königin Elisabeth lassen erkennen, dass es dem WG darum ging, seine Leser nach Möglichkeiten
mit dem Geschehen im In- und Ausland auf dem laufenden zu halten.
In jeder Nummer gab es neben den ämtlichen Anordnungen und der Aktualität aus Politik
und Gesellschaft in der I. Beilage einen TAGES-KALENDER von Werschetz, der Veranstaltungen,
Ereignisse usw. verkündete, Anzeigen, einen BRIEFKASTEN DER REDAKTION und die Rubrik
LOCALES umfasste, die unter Populationsbewegung Geburten, Tode, Verlobungen und Ehe-
schließungen mitteilte (mit Namenangabe) und unter Kirchliches über die kirchlichen Feiertage
sämtlicher Konfessionen mit den dazu ausgesprochenen Glückwünschen und über das
Programm der Messen und Gottesdienste informierte.
Ein Überblick dieser Spalten lässt erkennen, dass der WG einen in ethnischer und kon-
fessioneller Hinsicht sehr stark gemischten Leserkreis ansprach und dabei allen seinen Lesern
mit der gleichen Sympathie entgegenkam. Am 6. Jan. wird unter Griechisch-orienta-lische
Weihnachtsfeiertage und am 9. Jan. unter Neujahr der Griechen zu diesen Festlichkeiten
gratuliert (am 17. Apr. gratuliert die Redaktion anlässlich der griechisch- orthodoxen Ostern).
Ebenfalls am 9. Jan. wird man über die Beratung der serbischen Bürger betreffs serbischer
Schulen informiert. Die Nummer vom 16. Jan. bringt einen Statistischen Ausweis über die
Population in Werschetz im Jahre 1897, wobei Geburten, Trauungen und Todesfälle zahlen-
mäßig je nach Konfession aufgezählt wurden.
Der Übersichtlichkeit halber seien im folgenden Ereignisse und Mitteilungen des Jahres
1898 erwähnt, die in dieser Zeitschrift festgehalten wurden: Deutsche Mädchen gesucht (ein
Gutsverwalter sucht 2 Mädchen von 12-15 Jahren, damit seine Kinder die deutsche Sprache
erlernen, 20. Jan.); Electrische Beleuchtung im Cultustempel (zum ersten Mal die elektrische
Beleuchtung eingeführt, 27. Jan.); Großes Purimfest (6. März); Festgottesdienst am 15. März (im
evangelischen Bethaus, in deutscher Sprache, 15. März); Konfirmationsfest (Glückwünsche an
die Familie Adler zum Bar Mitzva-Fest des ältesten Sohnes, 20. März); Die Rekurse der
israelitischen und evangelischen Kirchengemeinde an den Verwaltungs-Gerichtshof wegen der
Subventionen, die diese bisher alljährlich durch die Stadt erhielten; die mittelst Generalver-
sammlungsbeschluss pro 1898 eingestellt wurden (..) (31. März); Zur Handelskammerwahl.
Donnerstag Abends versammelten sich ein Theil deutscher und serbischer Wähler im Gasthof H e
m b e r g e r betreff Wahl der Handelskammer-Mitglieder des Gewerbestandes und einigten sich
wie die letzt versammelt gewesene allgemeine Wähler-Versammlung im Zeichensaale, in den
gewesenen Handelskammer-Mitgliedern, der Herrn Valentin Hemberger und Georg Andrejevits.
(…) (17. Apr.); Frühlingsfest des israelitischen Frauenvereins (8. und 16. Mai); Die ev. a.C.
Kirchengemeinde hält fortsetzend am 14. Mai um 3 Uhr Nachmittag ihren Localconvent ab (…)
(12. und 16. Mai); Konfessionelle Schulen. In der am verflossenen Sonntag abgehaltenen Ver-

ZGR 1-2 (25-26) / 2004, 1-2 (27-28) / 2005 401


Kinga Gáll

sammlung unserer serbischen Mitbürger wurde beschlossen, ihre Schulen in konfessionellem


Sinne weiter zu erhalten und die Kosten hiefür aus eigenen Mitteln zu bestreiten (19. Mai);
Majalis-Fest des serbischen Frauen-Wohltätigkeitsvereins (22. Mai); Attentat auf den
griechisch-orientalischen Bischof (9. Juni); Wieder ein Werschetzer Preßprozeß: Redakteur des
“Budutynost” Lazar Wezenkovits gegen die Redaktion der hier erscheinenden serbischen Zeitung
Vrsacki Klasnik (14. Juli); Jubiläum eines Rabbiners (17. Juli); Anläßlich der heran-
nahenden isr. h. Festtage gelangen die Betsitze im Cultustempel neuerlich zur Verpachtung (28.
Aug.); Die israelitischen Feiertage (15. Sep.); Kreuz-Erhöhungsfest (15. Sep.); Serbisches Theater.
(…) Gespielt wurde durchwegs tadellos. Die Soli und Chorgesänge bildeten einen seltenen
Kunstgenuß, welchem auch Besucher, die der serbischen Sprache nicht mächtig sind, großes
Interesse entgegenbrachten. (…) (22. Dez.).
Der WG informierte auch beflissen darüber, welche deutschen, ungarischen oder serbischen
Theatergruppen gastieren und welche Stücke aufgeführt werden sollten. Unter den Anzeigen,
die natürlich vor allem in deutscher Sprache verfasst waren, gab es auch in Ungarisch oder
Serbisch verfasste, wie z.B. in der Nummer des 20. Januar (es handelt sich um eine ungarische
Lizitations-Anzeige und um eine serbische Kundmachung darüber, dass der Eintritt in das Ge-
bäude der elektrischen Zentrale nur mit Genehmigung des Direktors oder seines Stellvertreters
bzw. in Begleitung eines der beiden Herren gestattet ist ).
*
Das Lesen der vergilbten Seiten dieser Dokumente einer fernen Zeit bringt ein Teilchen jener
Vergangenheit in die Nähe unserer Tage. Die Texte berichten über historische Ereignisse, die
uns aus Büchern ohnehin bekannt sind, die aber eines Tages vor vielen Jahren als top-aktuell
gegolten haben; die ortsbezogenen Nachrichten und Begebenheiten können bestenfalls mit
unseren Ahnen zu tun gehabt haben; die Anzeigen sind zwar in kulturgeschichtlichem Kontext
interessant, doch darüber hinaus vermitteln sie uns keine praktischen Informationen. Was beim
Lesen alter Presseprodukte anspricht, das ist die Stimmung des Jahres und des Tages. Die unter-
suchten Publikationen stehen in diesem Sinne auch als Zeugen ihrer Zeit.
Die aufgezählten Textbeispiele möchten das damals und hier gepflegte Verwenden mehrerer
Sprachen in einer Gesellschaft und im Rahmen einer Publikation belegen. Sie stehen
dokumentarisch auch dafür als Beweis, dass Mehrsprachigkeit etwas Natürliches und Lebens-
fähiges ist und dass das Interesse für das, das anders ist, Produkte erzeugt, die die Zeit über-
dauern.

Quellennachweis:
1. Temesvarer Wochenblatt, 1845 (6. Jhg.), 1846 (7. Jhg.), 1847 (8. Jhg.), 1848 (9. Jhg.), 1849
(10. Jhg.), 1862 (1. Jhg.).
2. Temesvarer Zeitung, 1919 (68. Jhg.).
3. Werschetzer Gebirgsbote, 1898 (42. Jhg.).

402 ZGR 1-2 (25-26) / 2004, 1-2 (27-28) / 2005


DEUTSCHE KINDER- UND JUGENDLITERATUR
in Rumänien 1945-1989. Ein Bericht

Annemarie Weber

„Deutsche Kinderliteratur in Rumänien 1945-1989“ ist ein Forschungsprojekt der Universität Biele-
1
feld, das aus Fördermitteln der deutschen Bundesregierung finanziert wurde. Federführend waren
Professor Dr. Norbert Hopster und seine Assistentin Dr. Petra Josting von der Fakultät für Linguistik und
Literaturwissenschaft (an der Bielefelder Uni kurz LiLi genannt). Annemarie Weber wurde als wissen-
schaftliche Mitarbeiterin für die Dauer des Projektes angestellt.
Das Projekt war eingebunden in den an der Fakultät für Linguistik und Literaturwissenschaft der
Universität Bielefeld vorhandenen Schwerpunkt zur historischen Erforschung der Kinder- und Jugend-
literatur (i.f. KJL). Die Forschungsarbeit zielte speziell auf die theoretische wie materiale Erfassung der
KJL in der Zeit des "Dritten Reiches". Ein Handbuch der KJL im Dritten Reich soll demnächst in der
Metzlerschen Verlagsbuchhandlung in Stuttgart erscheinen.
Ursprünglich war das Projekt zur Erforschung der rumäniendeutschen KJL auf zwei Jahre ver-
anschlagt. Denn das Thema ist abgesehen von einigen wenigen Einzelaspekten so gut wie unerforscht
geblieben. Schon vor der Wende galt die KJL im rumäniendeutschen Wertesystem als Laienressort oder
als gelegentliche Spielwiese für Autoren, die sich ansonsten in der Hochliteratur, oder von unserem
Standpunkt aus gesehn, der „Erwachsenenliteratur“ ihre literarischen Sporen verdienen wollten. Auch
in der Germanistik war und ist sie eine Randerscheinung, fast eine Nebensächlichkeit, mit der sich
ernstzunehmende Literaturhistoriker nicht oder nur nebenbei auseinandersetzen. Der Grund dafür liegt
nicht – wie man jetzt annehmen könnte - im Hochmut der Germanisten, sondern er liegt im System:
Die Lehrerausbildung in Rumänien fand bis vor kurzem auf Lyzeumsebene statt, die wissenschaftliche
und didaktische Auseinandersetzung mit der Kinderliteratur war deshalb allein unter den Pädagogen, -
d. h. den Lehrerinnen des Pädagogischen Lyzeums und ihren Schülerinnen - eine echte Notwendigkeit.
Die einzige systematische Darstellung der deutschen und rumäniendeutschen KJL bisher ist be-
zeichnenderweise eine von Praktikerinnen in den endsiebziger Jahren erstelltes Lehrbuch für das
2
Pädagogische Lyzeum . Es kann hingegen angenommen werden, daß wenn sich die Lehrerausbildung
an den Universitäten in Rumänien durchsetzt und der Bedarf an deutschsprachigen Grundschul-
lehrerinnen weiterhin besteht, die KJL auch in Rumänien ein germanistischer Forschungsschwerpunkt
werden könnte.
Wer sich heute mit der deutschsprachigen KJL der kommunistischen Zeit in Rumänien aus-
einandersetzen will, findet noch fast alle Fragen offen: Was lasen die Eltern ihren Kindern vor, bzw. was
konnten sie im Buchhandel an deutschen Kinderbüchern kaufen, was und in welcher Menge und Zu-
sammensetzung erwarben sie von sonstwo, was befand sich in den öffentlichen Bibliotheken, welche
Buchimporte aus dem deutschsprachigen Ausland in welcher Höhe wurden getätigt, welche
rumänischen Bücher wurden von den rumänischen Verlagen auch in deutscher Sprache heraus-
gegeben, welche deutschen Titel auch ins Rumänische übertragen? Was wurde in den deutsch-
sprachigen Schulen an Kinder- und Jugendbüchern empfohlen und behandelt? Wie war das Fach

1
Vorgelegt auf der Jahrestagung des Germanisten an der Lucian-Blaga-Universität in Hermannstadt/Sibiu (26.-28. April 2001);
erschienen gekürzt in: Karpatenrundschau (Beilage der Allgemeinen Deutschen Zeitung für Rumänien, Bukarest), 19. Mai 2001, S.
III.
2
Kelp, Erna / Maurer, Ute: Kinder und Jugendliteratur : Lehrbuch für die XII. Klasse des pädagogischen Lyzeums. - Bucuresti: Editura
didactica si pedagogica, 1980.
Annemarie Weber

Kinder- und Jugendliteratur in der Ausbildung der Erzieherinnen und Lehrerinnen gestaltet? Welche In-
halte wurden im rumäniendeutschen Kinderbuch vermittelt? Welches waren die bevorzugten Text-
sorten und Darstellungsweisen? Gab es spezifische (rumäniendeutsche) Kindheitsbilder? Wie haben
sich diese im Laufe von vier Jahrzehnten entwickelt und verändert? Welches waren die wechselnden
Vor- bzw. Gegenbilder (in der rumänischen, der bundesdeutschen, der DDR-KJL)? Wie wurde die rumä-
niendeutsche KJL gefördert (Verlagspolitik) und rezensiert (kritische Rezeption)? Was unterschlug die
Zensur? Was hat erfolgreiche Autoren (Franz Hodjak, Werner Söllner, Richard Wagner) dazu bewogen,
Kinderliteratur zu schreiben?
Da das Thema mit den zur Verfügung stehenden Mitteln, Kräften und Vorarbeiten nicht umfassend
behandelt werden konnte (es wurde nur ein Jahr mit nur einer Mitarbeiterin bewilligt) stellte sich die
Frage der Prioritäten. Wir entschieden uns für die Grundlagensicherung, also für eine möglichst um-
fassende Bestandsaufnahme des in Rumänien öffentlich und privat aufbewahrten Bestandes an
deutschsprachigen Kinder- und Jugendbüchern aus der kommunistischen Zeit.
Wir orientierten uns dabei an dem Stand der deutschen KJL-Forschung. „Das Interesse an der
Geschichtsschreibung der Kinder- und Jugendliteratur hat sich bisher fast ausschließlich auf die Texte
selbst beschränkt“, stellte die renommierte KJL-Forscherin Bettina Hurrelmann 1992 fest. „Voraus-
setzungen des Lesens, situative Lesebedingungen, Lektüreformen und ihre Bedeutungen3
in sich ver-
ändernden Sozialisationskontexten blieben weitgehend außerhalb der Betrachtung.“ Dieser Befund gilt
noch immer. Die Forderung nach einer historischen und sozialisationstheoretischen Perspektive ist für
die Erforschung der rumäniendeutschen KJL mit Nachdruck zu stellen; als reine Textgeschichte ist sie
nicht beschreibbar. Die Textproduktion ist nur im Zusammenhang der politischen Zwänge und wech-
selnden Konjunkturen, der ideologischen Vorgaben und des allgemeinen öffentlichen Diskurses zu ver-
stehen, wie auch im Zusammen- und Widerspiel von privaten Wertesystemen und öffentlichem Werte-
kanon, von dem, was geschrieben und gelesen werden sollte, und dem, was tatsächlich gelesen und
geschrieben wurde.
Im Hinblick hierauf ergaben sich folgende Aufgaben:
a. Die bibliographische Erfassung
1. der von rumäniendeutschen Autoren geschriebenen und in Rumänien verlegten KJ-
Bücher
2. der aus dem Rumänischen bzw. anderen Sprachen ins Deutsche übersetzten und in
Rumänien verlegten KJ-Bücher
3. der für den einheimischen Markt importierten deutschen und deutschsprachigen KJ-
Bücher.
Durch die Aussiedlung und die damit verbundene Auflösung der Haushalte ist der private Bildungs-
schatz der Rumäniendeutschen in der kommunistischen Zeit heute kaum noch rekonstruierbar. Viele
Jahre nach dem Ende jener Epoche ist auch zeitlich die Grenze erreicht, jenseits derer Zeitzeugen
(Autoren, Verleger, Buchhändler, Illustratoren, Kinder von damals) kaum noch befragt werden können.
b. Die Bestandsaufnahme von noch vorhandenen Kinderzimmerbibliotheken in Rumänien soll der
tatsächlich genutzte Bücherpool der rumäniendeutschen Kinder und Jugendlichen aufgezeigt werden,
gleichzeitig soll die Spanne zwischen öffentlich und privat im Büchergeschäft deutlich gemacht
werden. Eine Aufgabenstellung, die dem typisch rumäniendeutschen Rechtfertigungsdrang ent-
sprungen sein mag, liegt auch im Interesse der Geldgeber: Unter anderem sollen gängige Vorurteile

3
Hurrelmann, Bettina: Stand und Aussichten der historischen Kinder- und Jugendliteraturforschung. In: Internationales Archiv
für Sozialgeschichte der deutschen Literatur 17 (1992) 1, S. 135.

404 ZGR 1-2 (25-26) / 2004, 1-2 (27-28) / 2005


Deutsche Kinder- und Jugendliteratur in Rumänien 1945-1989. Ein Bericht

über die Sprach- und Bildungsdefizite von Spätaussiedlern mit dem Aufzeigen der im Herkunftsland
effektiv genutzten Bildungsmöglichkeiten in deutscher Sprache wissenschaftlich widerlegt werden.
4
Bisheriger Forschungsstand
Das Projekt muß Ende 2001 abgeschlossen sein. Die Arbeit daran ist noch in vollem Gange. Bisher
wurden drei private Bücherbestände erfaßt, deren Besitzer zwei verschiedenen Generationen an-
gehören (der 1970 und der 1980 Geborenen). Insgesamt fünf Privatsammlungen sollen erfaßt werden.
Wir suchen derzeit noch Besitzer von Kindheitsbeständen, deren Grundstock möglichst aus den ersten
Nachkriegsjahren datiert sowie von Leuten, die auf dem Lande zuhause sind. Kinderzimmerbibliotheken
älterer Jahrgänge, die nicht bibliographisch gepflegt, sondern quasi natürlich aufgebaut und verbraucht
wurden, sind schwer aufzutreiben. Ebenso unbefriedigend war bisher die Suche nach Leuten, die auf
dem Dorf wohnen und ihre Bücher aus der Kindheit aufbewahrt haben. Für Hinweise sind wir dankbar.
Die bibliographische Erfassung des öffentlichen Bestandes erfolgt in drei staatlichen Bibliotheken:
der Nationalbibliothek und der Akademiebibliothek in Bukarest und der ASTRA-Bibliothek in Hermann-
stadt.
Alle drei Bibliotheken stehen mit der elektronischen Erfassung ihrer Bestände noch am Anfang,
Priorität bei der Aufnahme in das computerisierte Verzeichnis haben die Erscheinungen der Nach-
wendezeit. Heute kaum noch gelesene Bücher, etwa die deutschen Titel der Jahre 1945-1989, haben in
den nächsten Jahren geringe Chancen, den Sprung aus den herkömmlichen Zettelkästen auf die Bild-
schirme der Bibliotheksnutzer zu schaffen. Ihre bibliographische Erfassung ist allein schon aus diesem
Grund sehr mühselig. Die Bukarester Nationalbibliothek haben wir in unsere Recherche aufgenommen,
weil wir von der Annahme ausgingen, die sich leider als Illusion erwies und uns sehr viel Zeit gekostet
hat, daß sie das „depozit legal“, also die Pflichtexemplare aller in Rumänien erschienener Drucke auf-
bewahre. Das stimmt zwar in der Theorie, aber zwischen Theorie und Praxis klafft eine so große Lücke,
daß wir zwei weitere öffentliche Bibliotheken in unsere Recherche einbeziehen mußten. Auch wenn die
Verlage in jener Zeit die Pflichtexemplare sehr viel disziplinierter als heute an die Bibliotheken ab-
lieferten und die Bibliotheken sie akribisch erfaßten, wurde die Pflege der Bestände nicht mehr mit der
gleichen Disziplin betrieben. Schließlich haben Revolution, ein verheerender Brand, das Bewußtsein der
Stunde Null, davon begünstigtes Chaos und das Aufweichen vormals akzeptierter Werte wie Schutz
des öffentlichen Eigentums und Disziplin in der Nationalbibliothek und auch andernorts ihre Spuren
hinterlassen, bzw. Spuren gelöscht.
In der Hermannstädter ASTRA-Bibliothek gibt es seit rund zwanzig Jahren keine deutsche Fachkraft
mehr, die die deutschen Bestände pflegen könnte. Das Desinteresse an diesem durchaus stattlichen
Bestand hatte im Nachhinein betrachtet auch seine guten Seiten: die „schwarzen Listen“ mit den
Autoren und Büchern, die aus dem öffentlichen Bereich in den „Fondul S“ (von secret) verbannt werden
mußten, ignorierte man mehr oder weniger. Oskar Pastior, persona non grata seit seiner „Fahnenflucht“
1968, konnte im ASTRA- Zettelkasten mit seinem Kinderbuch „Ralph in Bukarest“ unbeschadet die
politischen Säuberungsmaßnahmen der sechziger, siebziger und achtziger Jahre überdauern, bis – Ende
der achtziger oder Anfang der neunziger Jahre (?) auf wundersame Weise das Buch samt Bibliotheks-
zettel verschwand.
Grundsätzlich werden nämlich laut Auskunft einer ASTRA-Mitarbeiterin, die seit den endsiebziger
Jahren für die Pflege der Zettelkästen mit zuständig ist, keine fiches entfernt, auch wenn die Bücher
aus dem einen oder anderen Grund kassiert werden, weil man bestrebt sei, die Bestände zu erhalten
und notfalls antiquarisch zu vervollständigen. In einigen Fällen findet man tatsächlich Zettel, deren
Bücher ordnungsgemäß in den siebziger oder achtziger Jahren während einer Inventur ausgetragen

4
Stand April 2001. (Wir wären der Verfasserin dankbar, wenn sie demnächst der ZGR über den neuesten Stand dieser Recherchen
berichten würde. Die Red. der ZGR.)

ZGR 1-2 (25-26) / 2004, 1-2 (27-28) / 2005 405


Annemarie Weber

wurden, andererseits fehlen bekannte Titel im Zettelkasten, von denen man annehmen sollte, daß sie
einmal zum Bestand der Bibliothek gehört haben. Auch hier klafft Theorie und Praxis auseinander. Zur
Ehrenrettung der Hermannstädter Bibliothekare und ihres Direktors sei hier allerdings festgestellt, daß
sie unsere Recherche mit großer Offenheit und sehr viel Entgegenkommen fördern.
Die Erfassung der öffentlichen Bestände wird also ein anvisiertes Ziel, nämlich die komplette Er-
fassung der zwischen 1945 und 1989 in Rumänien deutsch erschienenen KJ-Bücher nicht leisten
können, sie wird aber eine Zustandsbeschreibung der jetzt noch vorhandenen Bestände an deutscher
und deutschsprachigen KJ-Büchern liefern, die, in einem späteren Schritt, über das Internet verfügbar
gemacht werden soll.
Die Schwierigkeiten der Titelerfassung liegen jedoch nicht nur in solch eher äußerlichen Unzuläng-
lichkeiten (dazu zählen auch die ungenauen Angaben auf den Zetteln, von denen viele offenkundig von
deutschunkundigem Personal bzw. von bibliothekarisch nicht versierten Praktikanten angefertigt
wurden). Die eigentlichen Schwierigkeiten beginnen dort, wo der Bereich Jugendliteratur von der Er-
wachsenenliteratur abgegrenzt werden soll. Gehört Goethes Werther heute noch zur Jugendlektüre? Ja,
denn er wird in der Schule als Pflichtlektüre (bzw. Zusatzlektüre) verordnet. Ist aber eine Zwangslektüre
des Werther oder des Faust gleichzusetzen mit der lustvollen Lektüre von 70 Karl-May-Bänden? Und
dabei sind die einen wie die anderen Werke nicht speziell für Jugendliche geschrieben worden. Und
überhaupt, was heißt in diesem Zusammenhang Jugend? Solche Fragen können einen schier zur Ver-
zweiflung bringen, wenn man vor den Zettelkästen der Bibliothek sitzt, und es vergeht kaum ein Tag,
wo man nicht ein Set Titel löscht aus seinen Listen und andere, bisher verschmähte Titel, aufnimmt.
Sucht man Rat in der bisherigen Forschung, findet man so ziemlich alle Modelle und Möglichkeiten.
Seit letztem Jahr gibt es ein Standardwerk, das alle bisherigen Definitionen der KJL analysiert und
5
zusammenfaßt. Die Quintessenz dieses Buches schickt der Autor, der deutsche Germanist, Literatur-
historiker und Herausgeber Hans-Heino Ewers seiner Analyse voraus:
Es wird... davon ausgegangen, daß es eine allumfassende, in jeder Hinsicht und zu allen Zeiten gültige
Definition dieses kulturellen Phänomens [der Kinder – und Jugendliteratur, Anm A. W.] nicht geben kann und
daß es auch gar nicht sinnvoll ist, danach zu suchen. [...] Wir haben es bei der Kinder- und Jugendliteratur
nicht mit einem klar umgrenzten Gegenstandsfeld, sondern mit einer Mehrzahl, einer Gruppe kultureller
6
Felder zu tun, die sich zwar in hohem Maße überlappen, doch jeweils verschiedene Ränder aufweisen.
Ewers sortiert die Abgrenzungskriterien in handlungsbedingte und textbedingte. Die Lektüreent-
scheidungen, Auswahlakte und Absichtsbekundungen der Vermittler wie der Leser sind Handlungen,
mit deren Hilfe der Autor insgesamt sieben Textkorpora entwickelt, davon sollen hier nur die drei für
uns relevantesten genannt werden: die Kinder- und Jugendlektüre (womit alles gemeint ist, was Kinder
und Jugendliche zu einem bestimmten Zeitpunkt an Literatur konsumieren), die intentionale Kinder-
und Jugendliteratur (was Kinder und Jugendliche nach Meinung diverser Erwachsener lesen sollten)
und die spezifische Kinder- und Jugendliteratur, also die von vornherein für Kinder und Jugendliche
geschaffene Literatur. Dazu kommen wertende textbezogene Kriterien, etwa das der Angemessenheit
(kind- bzw. jugendgemäße Literatur) oder der ästhetische Anspruch (gute, „echte“ KJL).
Beim Zusammenstellen einer Bibliographie kann der von Ewers gebotene Überblick über die ver-
schiedenen Auswahlkriterien einem die Entscheidung für bzw. gegen den einen oder anderen Titel zwar
nicht abnehmen, aber zur Kohärenz des eigenen Standpunktes zwingen. Da es Positivlisten bzw. Er-
hebungen über die Lektüre deutschsprachiger Kinder und Jugendlicher in Rumänien aus

5
Ewers, Hans-Heino: Literatur für Kinder und Jugendliche: eine Einführung in grundlegende Aspekte des Handlungs- und Symbol-
systems Kinder- und Jugendliteratur; mit einer Auswahlbibliographie Kinder- und Jugendliteraturwissenschaft zsgest. von Annegret
Völpel. - München: Fink, 2000. - (UTB für Wissenschaft; Studienbücher Literatur und Medien; 2124).
6
a. a. O., S. 15.

406 ZGR 1-2 (25-26) / 2004, 1-2 (27-28) / 2005


Deutsche Kinder- und Jugendliteratur in Rumänien 1945-1989. Ein Bericht

kommunistischer Zeit unseres Wissens nicht gibt, läßt sich der Korpus der Kinder- und Jugendlektüre
nur anhand der privaten Bücherbestände feststellen und ist in jedem Fall individuell anders, nur ein
geringer Teil der Titel konnte in mehreren Privatbeständen verzeichnet werden. In der öffentlichen
Bibliothek läßt sich hingegen der Korpus an intendierter KJL besser erfassen, zu dem beispielsweise
auch die Kriterion-Schulausgaben zählen, und mit allergrößter Genauigkeit kann der Korpus der
adressatenspezifischen, durch Aufmachung und Illustrierung besonders gekennzeichneten Kinder- und
7
Jugendbücher verzeichnet werden.
Auch die Frage nach der altersmäßigen Abgrenzung der KJL läßt viele Varianten zu. Während in
Westdeutschland bis Mitte der siebziger Jahre das Kinderbuch für Leser bis 10/11 galt und das Jugend-
buch für 12-14jährige Leser, wurde in der wissenschaftlichen Diskussion der DDR Kinderliteratur als die
spezifische Literatur für Leser unter 14 bezeichnet und Jugendliteratur als diejenige für Leser zwischen
8
14 und 18. Mitte der siebziger Jahre sortierten die vom DDR-Buchexportunternehmen herausgegeben
Bücherkataloge die Titel aus dem Bereich Kinder- und Jugendliteratur nach folgenden Altersgruppen:
Vorschulalter, Lesealter 7-9, 10-12, 13-16. Während in der DDR das jugendliche Leserpublikum Mitte
der siebziger Jahre also jünger wurde (wahrscheinlich unter dem Einfluß der Sowjetunion, wo man die
Mittelschule mit 16 beendete), alterte das jugendliche Leserpublikum in Westdeutschland etwas: Die
Verlage gaben vermehrt Bücher auch für Leser ab 14 heraus. Heute gilt in Deutschland die Jugend erst
mit der Schulausbildung als abgeschlossen, also mit Anfang 20.
In Rumänien waren Altersempfehlungen in Büchern nicht üblich. In der ASTRA-Bibliothek sind in
der Abteilung Kinder- und Jugendliteratur Leser bis zu 14 Jahren zugelassen, bis zu dem Zeitpunkt also,
wenn sie das Recht auf einen eigenen Personalausweis haben.
Die privaten Bestände sind auch in diesem Punkt eine wichtige Ergänzung der Bestandsaufnahme
Sie relativieren das Alterskriterium wie auch das Kriterium der Angemessenheit. Die Lektürewünsche
der Kinder entsprechen nur bedingt den Vorstellungen der Erwachsenen. Andererseits konsumieren in
Häusern, wo die spezifische Kinder- und Jugendliteratur fehlt, die Kinder oft schon früh die im Haus
vorrätige Erwachsenenliteratur, seien es nun die Heftchenromane der Mutter oder Dantes Göttliche
Komödie, die der Bruder von der Hochschule mitgebracht hat. Um diese Lektüreerlebnisse zu eruieren,
reicht – wie wir festgestellt haben - die Bestandsaufnahme der kindereigenen Bibliothek nicht aus.
Fragebogen und narrative Interviews müssen deshalb ergänzend eingesetzt werden.
Am Ende der Forschungsarbeit werden mehrere Korpora stehen mit einer jeweils anderen Zu-
sammensetzung und ihrer eigenen Geschichte. Die Vielschichtigkeit des Lektüreangebots und die Kon-
textualität der originalen rumäniendeutschen Bucherzeugnisse für Kinder und Jugendliche werden
daraus ersichtlich werden.

7
Ewers läßt als Kinder- und Jugendbuch „einzig und allein (adressatenspezifische) Buchgattungen“ gelten, „die durch Aufmachung
und Illustrierung ein besonderes Gepräge aufweisen und über eine eigene Geschichte verfügen“ (vgl. Ewers, Hans-Heino: Was ist
Kinder- und Jugendliteratur? In: Taschenbuch der Kinder- und Jugendliteratur / hrsg. von Günter Lange. – Baltmannsweiler:
Schneider-Verl. Hohengehren, 2000, 1, S. 10).
8
Ewers, Taschenbuch, S. 14.

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GESTALTEN DER GERMANISTIK
GERMAN ISTIK IN RUMÄNIEN

HANS WERESCH ALS LEHRER- UND ERZIEHERPERSÖNLICHKEIT


(*26.11.1902 in Deutschbentschek (Banat), + 16.07.1986 in Freiburg im Breisgau)

Hans Gehl

Biografische Daten
Nach seinem Studium in Klausenburg, Temeswar und Marburg an der Lahn begann Hans
Weresch seine Tätigkeit als Volksschullehrer, dann als Studienleiter im Banater Schülerheim, als
Deutschlehrer und Studiendirektor am Deutschen römisch-katholischen Knabenlyzeum an der
Temeswarer "Banatia". Beim Bau und bei der Erweiterung der "Banatia" war Weresch mit dem
Direktor der Anstalt, Josef Nischbach, aktiv beteiligt. Im Jahre 1928 heiratete er die
Temeswarerin Delila Marköszy, die ihn sein ganzes Leben begleitete und Freud und Leid mit ihm
teilte. Im Sommersemester 1929 unterbrach Hans Weresch seine Lehrtätigkeit, um das
Pädagogische Seminar an der Leipziger Universität zu besuchen. Im Herbst 1929 nostrifizierte
er seine Studien an der Universität "Alexandru Ioan Cuza" in Jassy und legte 1930 die Lehr-
befähigungsprüfung für Rumänien (in Rumänisch, Deutsch und Psychologie). Gemäß seiner
Weltanschauung stand Weresch treu zum katholischen Glauben und zur deutschen Gemein-
schaft im Banat. Mit der damals einsetzenden nationalsozialistischen Bewegung hatte er nichts
zu tun und wurde von deren Vetreter dafür angefeindet. Im Jahre 1934 wurde er von der
Banater Diözese zum Schulrat der katholischen Mittel- und Oberschulen im rumänischen Banat
und im Frühjahr 1943 vom Unterrichtsministerium Rumäniens zum Generalschulinspektor der
deutschen Schulen in Rumänien ernannt.
Nach dem Frontwechsel Rumäniens wurde Hans Weresch wegen seiner konservativen
Weltanschauung am 24. August 1944 verhaftet und ins Konzentrationslager Târgu Jiu in-
terniert. Auch nach seiner Entlassung wurde er weiter verfolgt und musste vom Juli 1947 bis
zum August 1948 in einem Textilbetrieb arbeiten, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen.
Nebenbei half er dem kirchlichen Heimkehrer-Hilfswerk: Er sammelte auf den Dörfern Lebens-
mittel und brachte sie in ein Lager in Großwardein, wo die kranken Heimkehrer von der Russ-
land-Deportation von karitativen Organisationen verpflegt wurden. Auch nach der Schulreform
von 1948 konnte Weresch anfangs nur Aushilfslehrer in Deutschbentschek werden. Im
September 1949 wurde er ans "Lyzeum Nr. 2 mit deutscher Unterrichtssprache", dem späteren
"Nikolaus Lenau-Lyzeum" ernannt, wo er bis 1955 Deutschunterricht erteilte. Durch die tat-
kräftigen Bemühungen von Hans Weresch erhielten die auswärtigen Schüler des Temeswarer
Lyzeums ein Internat und eine Kantine, die er durch Theateraufführungen seiner Schüler in
Banater Ortschaften finanzierte. Ehrenamtlich – wie immer – leitete Weresch das Internat und
die Kantine des deutschen Lyzeums. Im September 1955 wechselte er an die "Deutsche
Pädagogische Schule" in Temeswar, wo er drei Jahre tätig war. Auch hier erreichte er auf die-
Hans Weresch als Lehrer- und Erzieherpersönlichkeit

selbe Weise, durch persönlichen Einsatz, die Errichtung und Finanzierung eines Internats und
einer Kantine.
Am 1. Oktober 1956 gehörte Dr. Hans Weresch zu den Begründern der Philologischen
Fakultät an der Pädagogischen Hochschule Temeswar (dem Kern der 1971 daraus hervor-
gegangenen Universität), wo er als Dozent für deutsche Sprache und Literatur wirkte. Im
Wintersemester 1960 hörte ich auch seine Vorlesung über Methodik des Deutschunterricht, die
später von Johann Wolf weitergeführt wurde. Hans Weresch hatte schon oft die aufreibende
Organisationsarbeit eines schulischen Neubeginns übernommen, und auch diesmal erarbeitete
er unermüdlich seinen Vortragsstoff. Als Hilfsmaterial für seine Vorlesungen über deutsche
Literatur brachte er in der Universitätsdruckerei (mit Maria Pechtol und Stefan Binder) zwei
Bände mit Textinterpretationen für die Studierenden heraus, hielt selbst die Seminarübungen
zu seinen Vorlesungen und leitete in einem wissenschaftlichen Studentenkreis ab 1958 die
Erforschung der Banater deutschen Dialekte ein, aus dem der Arbeitskreis für Mundart-
forschung, der Plan für ein Banater deutsches Mundartwörterbuch und zahlreiche Diplom-
arbeiten hervorgingen. Doch im Frühjahr 1960 war Weresch plötzlich aus der Hochschule ver-
schwunden. Dozent Josef Zirenner musste seine Vorlesungen ad hoc übernehmen und ent-
schuldigte sich bei den Studenten dafür, dass seine Kompetenz an die von Dr. Weresch nicht
heranreiche.
Hans Weresch war nämlich am 20. April 1960 vom rumänischen Geheimdienst "Securitate"
verhaftet worden, die ihn unter dem unhaltbaren Vorwand anklagte, von 1930 bis 1950 dem
Vatikan und von 1945 bis 1956 der Bundesrepublik Deutschland Spionagematerial über die
Lage in Rumänien und besonders der Banater Schwaben geliefert zu haben. Beim nicht
öffentlichen Einschüchterungsprozess "Reb-Weresch", der am 25. Januar 1961 veranstaltet
wurde, um der verstärkten Aussiedlunstendenz entgegenzuwirken, waren neben Dr. Hans Reb,
Dr. Hans Weresch, Dipl.-Ing. Hans Reb jun., Dipl.-Ing. Gerhard Reb u. a. auch eine weitere,
heterogene Gruppe mit Dipl.-Ing. Stefan Schmidt, Dr. Peter Geiss, Volkswirtschaftler, Dr. Hans
Mayer, Rechtsanwalt, Mathias Götz, Apotheker und Nikolaus Schmidt, Lehrer vertreten, die sich
zu Hause bei Namenstagsfeiern getroffen und dabei die kommunistische Regierung und die
Enteignung der Deutschen kritisiert hatten. Sie wurden wegen "aufwieglerischer Machen-
schaften gegen die soziale Ordnung" angeklagt. Alle 14 Angeklagten des "Lotul Reb/ Weresch"
wurden zu 6-16 Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Hans Weresch wurde zu 16 Jahren Haft mit
schwerer Zwangsarbeit verurteilt (Bischof Augustin Pacha hatte im Schauprozess von 1951
volle 18 Jahre schwere Kerkerhaft erhalten). Im Juli 1964 wurde Hans Weresch mit allen
politischen Häftlingen in Rumänien begnadigt. In den letzten vier Jahren in Rumänien lebte
Weresch mit seiner Familie in großer Not, hatte Berufsverbot und musste viele Demütigungen
erdulden, bis er endlich 1968 durch die Unterstützung von Landsleuten in die Bundesrepublik
Deutschland ausreisen konnte.
In Freiburg i. Br. arbeitete Hans Weresch vierzehn Jahre lang ehrenamtlich beim Deutschen
Caritasverband und beim Freiburger Bücherdienst mit, um wertvolle deutsche Fachliteratur an
Intellektuelle im Osten und Südosten Europas zu verbreiten. Durch seinen Vorschlag erhielt
auch ich 1973 in Temeswar eine Schreibmaschine, ein Wahrig-Wörterbuch und deutsche Fach-
zeitschriften, was meine wissenschaftliche Arbeit förderte. Von Anfang an unterstützte

ZGR 1-2 (25-26) / 2004, 1-2 (27-28) / 2005 409


Hans Gehl

Weresch die Banater Landsmannschaft in Deutschland. Er betreute seine neu angekommenen


Banater Landsleute während ihrer Eingliederung, bemühte sich um ihre Einstellung und
gründete 1969 den Kreisverband Freiburg der Landsmannschaft der Banater Schwaben, bei
deren jährlichen Zusammenkünften Vorträge und künstlerische Veranstaltungen stattfanden. Er
war Mitglied im Bundesvorstand und im Landesverband Baden-Württemberg der Landsmann-
schaft. Im Jahre 1984 gab er im Selbstverlag (mit erheblichen Verlusten) die Werke Adam
Müller-Guttenbrunns heraus und begründete 1984 die Vierteljahresschrift "Banatica". Beiträge
zur deutschen Kultur", die bis 2003 erscheinen konnte. Zahlreich sind seine Vorträge an ver-
schiedenen Stellen über kulturpolitische und erzieherische Themen, sowie Beiträge in den
Periodika der Banater Schwaben in der Bundesrepublik Deutschland.
Hans Weresch war gleichzeitig als Lehrer, Forscher und Kulturpolitiker tätig. Diese drei
Aspekte seiner Tätigkeit verdienen es, getrennt betrachtet zu werden.
Weresch als Lehrerpersönlichkeit
Der fleißige Sohn unbemittelter Eltern aus dem Banater Dorf Deutschbentschek konnte
seinen Schulbesuch nur schwer finanzieren. Von 1917 bis 1919 besuchte er die staatliche
Lehrerbildungsanstalt in Klausenburg (Cluj-Napoca), wechselte im September 1919 an die
deutsche Abteilung der staatlichen Lehrerbildungsanstalt in Temeswar, und erst 1920 konnte er
die neu gegründete Katholische Deutsche Lehrerbildungsanstalt in Temeswar besuchen, wo er
bereits 1921 sein Volksschullehrerdiplom erhielt. Nachdem er im Schuljahr 1922/1923 an der
Klausenburger Universität Deutsch, Geschichte und Psychologie studiert hatte, hörte er von
1923 bis 1926 seine Studienfächer weiter in Marburg a. L., mit einem Stipendium der
Deutschen Burse. Das zusätzlich benötigte Geld für sein Studium verdiente er sich als Werk-
student und wirkte eifrig an dem von Professor Mannhardt geleiteten Institut für Grenz- und
Auslandsdeutschtum mit.
Nach einem Intermezzo als Volksschullehrer in Ploie ti und Deutschbentschek wurde
Weresch im September 1926 Klassenlehrer der ersten deutschen Klasse des Deutschen römisch-
katholischen Knabenlyzeums in Temeswar, wo er in Ermangelung weiterer Fachlehrer nicht nur
Deutsch und Geschichte, sondern auch Erdkunde, Botanik, Mathematik, Zeichnen, Turnen,
Französisch und Rumänisch unterrichtete. Trotz dieser erschwerten Arbeitsbedingungen waren
die Leistungen der Schüler beachtlich. Obwohl rumänische Inspektoren die öffentlichen Jahres-
abschlussprüfungen kritisch überwachten, erhielt das Temeswarer konfessionelle Knabenlyzeum
1933 die Gleichstellung mit den öffentlichen Schulen Rumäniens. Die Erfolge der 40 Ab-
solventen des ersten Jahrgangs führten schließlich dazu, dass immer mehr Fachkräfte ein-
gestellt werden konnten. Ab 1930 gab es bereits eine Parallelklasse und die Schülerzahl stieg
von 360 im Jahre 1932 auf 605 im Jahre 1942.
Die "Banatia" ist ein Werk der Selbsthilfe der Banater Schwaben, das ohne staatliche Bei-
hilfe, lediglich durch Spenden der deutschen Bevölkerung, errichtet wurde. Die eigenständige
Erbauung der Banatia und ihre dreimalige Erweiterung wurde durch den Absatz von Aktien und
Bausteinen ermöglicht. Die "Banatia", das größte deutsche Schulzentrum in Südosteuropa, das
im Laufe der Zeit eine Lehrerbildungsanstalt, eine Übungsschule, das Knabenlyzeum und ein
Schülerheim umfasste, wurde am 26. September 1926 eingeweiht. Ein Problem war damals die

410 ZGR 1-2 (25-26) / 2004, 1-2 (27-28) / 2005


Hans Weresch als Lehrer- und Erzieherpersönlichkeit

materielle Absicherung der deutschen Schulen in Rumänien. Die Katholische Deutsche Lehrer-
bildungsanstalt und das dazugehörige Internat wurde von seiner Gründung im Jahre 1920 bis
zu ihrer Übernahme durch die Deutsche Volksgruppe in Rumänien, im Herbst 1942 nur von den
Kostgeldbeiträgen der Zöglinge, durch freiwilligen Spenden und Einkünften von Trachtenbällen
und ähnlichen Veranstaltungen, finanziert.
Seit 1930 war Dr. Weresch stellvertretender Direktor aller vier Einheiten der "Banatia" und
bemühte sich unermüdlich um die Koordinierung des gesamten Betriebs, um eine homogene
Kulturtätigkeit und eine wirksame Öffentlichkeitsarbeit. Dabei wuchsen sowohl die Schüler-
zahlen als auch die Gebäude der Anlage. Dank seiner zielstrebigen Arbeit und seiner Erfolge
wurde Dr. Weresch am 1. September 1934 von Diözesanbischof Dr. Augustin Pacha zum Schul-
rat aller konfessionellen, römisch-katholischen Mittel- und Oberschulen im Banat ernannt und
war somit mitbeteiligt an der Gründung und dem Ausbau des Handelsgymnasiums, der Wirt-
schaftsoberschule, der Gewerbeschule und des Deutschen römisch-katholischen Mädchen-
lyzeums. In den Jahren 1943 und 1944 war er als Generalschulinspektor Vermittler zwischen
dem Rumänischen Unterrichtsministerium und der Deutschen Volksgruppe mit Sitz in Kron-
stadt, zur finanzielle Absicherung der deutschen Schulen.
Dr. Weresch war bestrebt, die Schüler für das Leben vorbereiten. Deshalb wurde die kul-
turelle Tätigkeit und die praktische Arbeit in das Schulleben einbezogen. Die Schüler der
Lehrerbildungsanstalt unterstützten die Schwabenbälle und Erinnerungsfeiern der deutschen
Ansiedlungen im Banat, veranstalteten Krippenspiele zu Weihnachten und Hans Sachs-
Aufführungen in der Faschinsgzeit, sie nahmen an Sportfesten und Schülerolympiaden teil.
Weresch leitete zwölf Jahre lang das Ferienheim in Orawitza und machte die Schüler zwischen
1949 und 1959 in den Sommerferien auf ausgedehnten Schulreisen mit einheimischen Kultur-
denkmälern und anderen Landesteilen bekannt.
Nach dem bewährten Vorbild setzte auch die Nikolaus Lenau-Schule nach 1948 auf Selbst-
hilfe. Die Theateraufführungen und Tourneen durch Banater Dörfer der Nachkriegszeit brachten
den Schülern moralische Unterstützung und auch dringend benötigte Lebensmittel. Nun tritt
auch Johann Wolf als Spielleiter in den Vordergrund. Bei der Gründung des Deutschen Staats-
theaters Temeswar im Jahre 1953 waren die ersten Schauspieler ehemalige Banatia- und
Lenau-Schüler.
Die deutschen Schulen in Rumänien erhielten anfangs Lehrbücher aus Deutschland. Ab
1930 gab Dr. Hans Weresch zusammen mit Dr. Josef Schütz für alle Klassen der deutschen
Mittelschulen Lese- und Grammatikbücher heraus. Darin werden neben Standardwerken der
deutschen Literatur auch zahlreiche Banater Autoren und Nachdichtungen aus der rumäni-
schen und ungarischen Literatur aufgenommen. Weresch war auswärtiger Mitarbeiter der
deutschen Abteilung des Staatlichen Schulbuchverlags, wo er von 1950 bis 1960 an der Ver-
besserung der deutschen Lese- und Sprachbücher mitwirkte. Das 1958 von Weresch zusammen
mit J. Csengeri erarbeitete Lehrerhandbuch für den muttersprachlichen Deutschunterricht
wurde freilich 1960 nach der Verhaftung des Autors tabuiert.
Weresch als Forscher

ZGR 1-2 (25-26) / 2004, 1-2 (27-28) / 2005 411


Hans Gehl

Zu seinem Lebensthema Adam Müller-Guttenbrunn kam Weresch 1921, als er den Schrift-
steller, Journalisten und Kulturpolitiker in Wien mit deutschen Lehreranwärtern aus Temeswar
besuchte. Er erforschte das Werk seines Leitbildes sein ganzes Leben lang. Weresch promovierte
1926 in Marburg mit einer Dissertation über "Adam Müller-Guttenbrunn und seine Heimat-
romane". Durch die Untersuchung der Entstehungsgeschichte jedes Werks von Müller-
Guttenbrunn wird zugleich die Biografie des Schriftstellers und seine Verwurzelung mit seiner
Geburtsheimat erschlossen. Das Werk ist nicht als kritische Textedition gedacht. Vielmehr sollte
es die Identität und das Gruppenbewusstsein der Landsleute bestärken. Als Abschluss seiner
unermüdlichen Forschung hat Weresch in Freiburg die reichhaltigste Darstellung vom Leben
und Werk Adam Müller-Guttenbrunns (in zehn Bänden) erreicht. Auch die Textausgabe des
Banater Bauerndichters Josef Gabriel der Ältere und dessen Enkel, Josef Gabriel der Jüngere ist
keine kritische Ausgabe, denn sie will die seltenen und schwer zugänglichen Texte der Schrift-
steller ihren Landsleuten zugänglich machen.
Die Monografie seiner Heimatgemeinde Deutschbentschek ist für Weresch Kultur-
geschichtsforschung. Und die 1976 mit sieben Mitarbeitern verfasste Erinnerung an die Te-
meswarer Banatia, fünfzig Jahre nach ihrer Gründung, ist gleichfalls Banater Kulturgeschichte.
Das Bild des Schullebens wird hier anschaulich gezeichnet, doch es fehlt eine kritische Ein-
stufung des räumlichen und zeitlichen Umfeldes dieser ungewöhnlichen südosteuropäischen
deutschen Kulturinstitution.
Weresch als Kulturpolitiker der Banater Schwaben
Von den Besuchen bei Adam Müller-Guttenbrunn übernahm Hans Weresch dessen For-
derung, von der Einheit der deutschen Kulturnation und der kulturellen Gemeinsamkeit der
Donauschwaben auszugehen und die Banater Geburtsheimat als identitätsstiftenden Faktor zu
betrachten. Bereits als Hochschüler entfaltete Weresch eine reiche kulturpolitische und
organisatorische Tätigkeit. In den Sommerferien 1922-1926 lernten einige Junglehrer und
Schüler der Katholischen Deutschen Lehrerbildungsanstalt in der Temeswarer Fabrikstadt
größere Theaterstücke ein, die sie auf Banattourneen zum Wohle ihrer Schule aufführten, und
so auch die deutsche Laienspielbewegung belebten. Am 8. und 9. September 1923 veranstaltete
der Volksrat der Deutsch-schwäbischen Volksgemeinschaft in Temeswar die Zweihundertjahr-
feier seit der Ansiedlung der Deutschen im Banat, 1723, an der in Temeswar 80.000 Menschen
teilnahmen. Neben Senator Karl von Möller hat Hans Weresch die Fest- und Kulturver-
anstaltung sowie die Gedächtnisausstellung organisiert. Mit dem bei der Großveranstaltung
gedrehten Film hielt er in Deutschland zahlreiche Vorträge über die Deutschen im Banat. Auf
seine Initiative kam bis 1926 die große Kinderhilfsaktion zustande, durch die in den Sommer-
ferien Tausende bedürftige Kinder von 9-14 Jahren, hauptsächlich aus Württemberg, Wien und
Hessen-Nassau, sich im Banat bei deutschen Pflegefamilien erholen konnten. Weresch war
Mitglied im "Bund deutscher Hochschüler in Rumänien", der jeweils im September die Tagung
der deutschen Hochschüler im rumänischen Banat mit einem kulturell bedeutsamen
Akademikerball veranstaltete. Stets wollte Weresch seinen Banater Schwaben helfen, ihr Zu-
sammengehörigkeitsgefühl zu stärken, eine Leistungsschau zu erstellen, aber auch bewusst
weiter zu planen und zu handeln. Er war der Motor vieler großer Veranstaltungen leitete Schul-

412 ZGR 1-2 (25-26) / 2004, 1-2 (27-28) / 2005


Hans Weresch als Lehrer- und Erzieherpersönlichkeit

feiern, Ausflüge seiner Schüler und der Philologiestudenten, seine Ferienlager wurden zu Er-
ziehungsinstanzen der Lehrerkandidaten.
Außerschulisch betätigte sich Hans Weresch von 1927 bis 1940 besonders im "Banater
Deutschen Kulturverein" und im "Deutschen katholischen Lehrerverband". Die zusammen mit
Josef Nischbach herausgegebene Zeitschrift "Der Jugendfreund" strebte eine geschlossene Ge-
meinschaft an. Durch die in Freiburg i. Br. 1983 ins Leben gerufene "Adam Müller-
Guttenbrunn-Gesellschaft" wollte Weresch für die Banater Aussiedler den Rahmen schaffen, in
welchem sie sich treffen, ihre Kultur darstellen und den deutschen Mitbürgern erläutern
konnten. Die seit 1983 veranstalteten Tagungen der Gesellschaft waren informierende und zu-
gleich gesellige Begegnungen. Durch die vom Frühjahr 1984 (bis Dezember 2003) erscheinende
Vierteljahresschrift "Beiträge zur deutschen Kultur" (von 1989 bis 2003 als "Banatica. Beiträge
zur deutschen Kultur") sollte der Banater (und Siebenbürger) Anteil an der einheitlichen
deutschen Kulturlandschaft ermittelt werden.
Bei dem von Hans Weresch gegründeten Kreisverband Freiburg der Banater Landsmann-
schaft fanden jährlich Begegnungen der Landsleute statt, die immer mit einem Vortrag und
einem künstlerischen Programm begannen, um das mitgebrachte Banater Kulturerbe zu sichern
und die Integration der Spätaussiedler in die neue Heimat zu erleichtern. Hier sind auch die
zahlreichen Vorträge von Hans Weresch zu verschiedenen Anlässen, sowie seine Beiträge in
Sammelbänden und Zeitschriften, vor allem zu sprachlichen und kulturpolitischen Themen, zu
erwähnen. Mit Freunden gründete Hans Weresch 1969 die "Josef-Nischbach-Stiftung", die
Banater Intellektuellen und Facharbeitern Stipendien zur Ausbildung in ihrem Fach gewährte,
größere Banater Schulen mit deutscher Unterrichtssprache mit modernen Lehrmitteln aus-
stattete und einen Literaturpreis zur Förderung des Schrifttums im Geiste Josef Nischbachs
verlieh. Weresch war auch gründendes Mitglied des "Hilfswerks für chronisch Nierenkranke im
Osten und Südosten Europas". Durch seine Vorschläge im Vorstand des Hilfswerkes konnten in
Temeswar, Bukarest und Klausenburg moderne Dialysestationen eingerichtet werden. Seinen
großen Plan, in Freiburg ein "Adam Müller-Guttenbrunn-Kulturinstitut" zur Erforschung und
Dokumentation der Kultur der Banater Deutschen zu gründen, konnte Weresch wegen seines zu
frühen Todes nicht mehr verwirklichen. Das 1987 vom Land Baden-Württemberg in Tübingen
gegründete "Institut für donauschwäbische Geschichte und Landeskunde", an dem ich vom
Gründungsjahr bis zu meinem Rentenantritt, 2004, den Forschungsbereich Dialektologie und
Ethnografie vertrat, hat sich bemüht, den Zielen dieses großen Vorhabens gerecht zu werden.
Hansjorg Kühn schrieb 1976 über seinen ehemaligen Lehrer: "Ich habe nie einen Menschen
gesehen, der wie Prof. Dr. Weresch durch soviel Arbeitsbürde überlastet gewesen wäre, ohne
von ihr gezeichnet zu sein". Dabei hat Weresch die meisten seiner Aufgaben freiwillig über-
nommen und viele Vorhaben ehrenamtlich, auch mit dem Einsatz eigener Finanzmittel und
ohne die Schonung seiner Gesundheit, durchgeführt. Sein Arbeitsfeld war die Schule und die
Gemeinschaft seiner Landsleute. So wie er selbst von seinem großen Vorbild, Adam Müller-
Guttenbrunn, die Welt zu sehen und zu handeln gelernt hatte und bestrebt war, in dessen Fuß-
stapfen zu treten und die Vorhaben seines großen Leitbilds weiterzuführen, war Hans Weresch
selbst für die Banater Deutschen der folgenden Generationen Ansporn und bleibendes Vorbild,
der es durch seinen selbstlosen Einsatz und sein zielstrebiges Handeln, allen Widrigkeiten zum

ZGR 1-2 (25-26) / 2004, 1-2 (27-28) / 2005 413


Hans Gehl

Trotz verstand, Türen zu öffnen und neue Wege zum Wohle seiner kleinen Gemeinschaft einzu-
schlagen.
*****
Auswahlbibliografie:
1. Adam Müller-Guttenbrunn und seine Heimatromane. Schwäbische Verlags AG, Temeswar 1927.
2. Adam Müller-Guttenbrunn, sein Leben, Denken und Schaffen. Bd. I-II, Freiburg i. Br.: Selbstverlag
1975.
3. Deutschbentschek, Ortsmonographie. Freiburg i. Br.: Selbstverlag 1979.
Arbeiten zur Methodik und Didaktik:
4. Sinn und Bedeutung der Banater schwäbischen Sprichwörter und Redewendungen. Temeswar:
Schwäbische Verlags AG, o. J.
5. Deutsche Dichtungen. Eine Sammlung wertvoller Lesestoffe. 12 Folgen. Temeswar: Schwäbische
Verlags AG, 1928-1940.
6. Deutsches Lesebuch für Mittelschulen in Rumänien, 4 Bde., I.-IV. Klasse (mit Dr. Josef Schütz).
Temeswar: Schwäbische Verlags AG, o. J. [1930-1936], nachgedruckt bis 1944.
7. Deutsche Grammatik für Mittelschulen in Rumänien (mit Dr. Josef Schütz). Temeswar: Schwäbische
Verlags AG, o. J. [1931].
8. Deutsches Sprachbuch für Mittelschulen und Gymnasien, 4 Bde., I.-IV. Klasse (mit Dr. Johann Wolf).
Temeswar: Schwäbische Verlags AG, o. J. [1936-1944].
9. Methodische Anleitungen für den Deutschunterricht Muttersprache. V. Klasse (mit J. Csengeri).
Bukarest: Staatsverlag für didaktische und pädagogische Literatur 1958.
10. Auswahl und Interpretation deutscher Texte von den ältesten Zeiten bis ins 17. Jahrhundert. Bd. 1
und 2, für Germanistik-Studierende und Deutschlehrer (mit Dr. Stefan Binder und Dr. Maria Pechtol).
Universitätsdruckerei Temeswar, 1958-1959.
11. Banatia. Erlebnisse und Erinnerungen. Festschrift. (7 Mitarbeiter) Freiburg i. Br.: Selbstverlag 1976.
Editionen:
12. Adam Müller-Guttenbrunn: Ausgewählte Werke. Bd. I-X, Selbstverlag, Freiburg i. Br. 1976-1980.
13. Josef Gabriel d. Ä./Josef Gabriel d. J.: Ausgewählte Werke. Freiburg i. Br.: Selbstverlag 1985.
Zeitschriften:
14. Der Jugendfreund. Monatszeitschrift. (mit Josef Nischbach). Temeswar: Schwäbische Verlags AG,
1928-1933.
15. Beiträge zur deutschen Kultur. Vierteljahresschrift (mit Dr. Horst Fassel). Freiburg i. Br., 1984-2003.
Sekundärliteratur:
Sekundärliteratur:
1. HANS GEHL: Dreißig Jahre Germanistik-Lehrstuhl in Temeswar. In Beiträge zur deutschen Kultur.
Vierteljahresschrift, 3. Jg., Heft 4/1986, S. 13-25 (besonders 19 f.).
2. HORST FASSEL: Abschied von Professor Dr. Hans Weresch. In: Beiträge zur deutschen Kultur. Viertel-
jahresschrift, 3. Jg., Heft 2/1986, S. 5-13.
3. HORST FASSEL: Initiativen und Initiatoren: Der Schulmann Hans Weresch. In: Banatica. Beiträge zur
deutschen Kultur. Heft 3/1993, S. 27-42.
4. NIKOLAUS HUBER (Hg.): Dr. Hans Weresch. Festschrift zum 80. Geburtstag. Freiburg i. Br.: Selbstverlag
Dr. Hans Weresch 1982.

414 ZGR 1-2 (25-26) / 2004, 1-2 (27-28) / 2005


ZUM 80. GEBURTSTAG VON
V ON HANS BERGEL

THEORIEKONSTRUKTION UND SCHRIFTSTELLERISCHE PRAXIS


Hans Bergels Essay Die Novelle als klassische Kunstform. Ihre Technik
und ihre Metaphysik und seine Novelle Die Rückkehr des Rees∗)

Peter Motzan

I.
Begibt man sich auf eine Reise durch eine vielgestaltige Sprachlandschaft – die ver-
1
schriftlichte Existenz des 80-jährigen Hans Bergel –, so wird man immer wieder von über-
raschenden, ja erregenden Entdeckungen belohnt. Im Jahr 2001 hatte das Münchner Institut
für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas (IKGS) große Teile des Vorlasses von Hans
Bergel erworben, die – von Dr. Helmut Kelp gesichtet und geordnet – im Archiv des IKGS ein-
gesehen werden können. Beim Durchforsten dieses Teil-Vorlasses – insgesamt 23 prall gefüllte
Boxen – stieß ich in der Box 14 auf das Konvolut Nr. 55, das vier mit handschriftlichen
Korrekturen versehene Fassungen einer undatierten, unveröffentlichten Abhandlung in
Schreibmaschinenschrift enthält: Die Novelle als klassische Kunstform. Ihre Technik und ihre
Metaphysik. In einem Telefongespräch vom 1. Dezember 2005 teilte mir Hans Bergel mit, dass
er den Essay Ende 1958 / Anfang 1959 verfasst habe. Der Text sei nebst anderen Manuskripten
– u.a. der rund 200 Seiten starke Versuch über Heinrich von Kleist und der zweibändige Roman
Hans im Glück oder Der Mann ohne Vaterland – bei seiner dritten, am 20. April 1959 erfolgten
Verhaftung vom rumänischen Staatssicherheitsdienst auf Nimmerwieder-Rückgabe beschlag-
nahmt worden. Nach seiner vorzeitigen Entlassung aus dem Zwangsaufenthalt in der süd-
rumänischen Bărăgansteppe im April 1964 aufgrund einer Generalamnestie für politische Häft-
linge – im so genannten „Prozess der deutschen Schriftstellergruppe“ (1959) war der 34-jährige
2
Autor und Publizist zu 15 Jahren Kerker und Zwangsarbeit verurteilt worden – und nach seiner
Rückkehr ins siebenbürgische Kronstadt habe er den Essay nochmals niedergeschrieben und
aktualisiert.

∗)
Vorliegenden Text trug der Verfasser aus Anlaß der wissenschaftlichen Tagung zum 80. Geburtstag von Hans Bergel
(geb. am 26. Juli 1925) vor, die am 10. Dezember 2005 im Institut für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas
an der Ludwig-Maximilians-Universität München stattfand. Mit diesem und dem nächsten Beitrag (S. 422-422-439) ehren
wir den aus Rumänien stammenden deutschen Autor, Dr. h.c. der Universität
Universität Buka
Bukarest, und wünschen ihm Gesundheit
und weitere Erfolge
Erfolge zu sei
seinem 80. Geburtstag. (Anm. der Red. der ZGR.)
1
Zu Hans Bergel vgl. u.a.: Elisabeth Martschini: Hans Bergel – Minderheitendasein, Schriftstellerexistenz und politische
Systeme. Eine Untersuchung zu Leben und Werk. Mit einem Anhang von Hans Bergel und George Gu]u. Bucureşti:
Editura Universit`]ii din Bucure[ti 2005 (GGR-Beiträge zur Germanistik 14).
2
Vgl. hierzu: Peter Motzan: Risikofaktor Schriftsteller. Ein Beispielsfall von Repression und Rechtswillkür. In: Worte als
Gefahr und Gefährdung. Fünf deutsche Schriftsteller vor Gericht (15. September 1959 – Kronstadt/ Rumänien). Zu-
sammenhänge und Hintergründe, Selbstzeugnisse und Dokumente. Hrsg. von Peter Motzan und Stefan Sienerth.
München: Südostdeutsches Kulturwerk 1993 (Reihe B: Wissenschaftliche Arbeiten 64), S. 51–82.
Peter Motzan

Die vier vorliegenden Fassungen weichen nur unerheblich voneinander ab. Textgrundlage
meiner Ausführungen bildet die Fassung 2, ein in einfachem Zeilenabstand geschriebenes Typo-
3
skript von 24 Seiten (DIN-A4-Format) , dem auf dem Titelblatt als aufschlussreiche Paratexte
vier Mottos vorangestellt sind – u.a. von Heinrich von Kleist („In der Kunst kommt es überall
auf die Form an.“) und Johann Wolfgang von Goethe („Den Stoff sieht jedermann vor sich, den
Gehalt findet nur der, der etwas dazu zu tun hat, und die Form ist ein Geheimnis den meisten.“)
Schon der Titel des Essays erhellt, dass Hans Bergel die Novelle als eigengesetzliche Gat-
tungsart begreift, ihr darüber hinaus einen ontologischen Status zuerkennt und ein invariantes
Strukturmodell dieser epischen Darbietung in all ihr variablen Ausprägungen im historischen
Wandel zu ‚konfigurieren’ bestrebt ist. Das Attribut klassisch wird nicht in Sinne einer
literarischen Epochenbezeichnung verwendet, sondern verweist auf das Zeitüberdauernde,
Mustergültige eines erzählerischen ‚Archetypus’.
In seinem traditionsbewussten Gegenentwurf zur formal-restriktiven und inhaltlich ide-
ologisierten Doktrin des Sozialistischen Realismus entwickelt Hans Bergel werkimmanente Be-
schreibungskategorien und erhebt die ästhetisch relevante Gestaltung des Stoffes zum ent-
scheidenden, ja zum einzigen Kriterium geglückter künstlerischer Realisation:
Wenn Kunst aktiver Teilfaktor des Lebens, primärer Impuls ist, dann nicht mittels ihrer Inhalte,
sondern mittels des Suchertums, das in ihren Formen lebendig wird. Je vollendeter diese sind, umso
schlackenloser werden sie Ausdruck. [...] Der Inhalt der Kunst ist die Form. Formabsicht ist
Seinsgefühl. Nur solange es ein von der Form bestimmtes Ethos der Kunst gibt, nur solange Künstler
in der mitleidlos harten Schule der Form heranwachsen, besteht die Aussicht, Kunst vor dem Zugriff
von unten zu bewahren. (BN, 8)
Dass in einer Zeit, in der öffentliche Anschuldigungen wie „Apolitismus“ und „Formalismus“
Schriftstellerexistenzen vernichten konnten, Bergels Essay keine Chance auf eine Publikation in
Rumänien hatte und wohl auch nicht im Hinblick darauf geschrieben wurde, liegt auf der Hand.
Dass der Erzähler Bergel die Mühen der Rekonstruktion eines Metatextes nicht scheute, beweist
wie sehr ihn Sprach- und Formprobleme weiterhin beschäftigten – offenbar war er unbelehrt
aus der langjährigern Haft entlassen worden.
Der Essay Die Novelle als klassische Kunstform, der ohne Auswertung germanistischer Se-
kundärliteratur geschrieben wurde – zumindest wird daraus nicht zitiert –, zeugt andererseits
von einer erstaunlichen Belesenheit seines Verfassers. Bergels Herausarbeitung überzeitlicher
Wesenszüge des Novellendiskurses verbündet sich mit der Veranschaulichung seiner Über-
legungen durch zahlreiche Beispiele. Der Bogen spannt sich von Giovanni Boccaccio bis zu
Heinrich Böll. Als Kronzeuge der Argumentation fungiert Heinrich von Kleist, das Grimm’sche
Märchen Von dem Fischer un synner Fru interpretiert Bergel als ein Paradebeispiel
novellistischen Erzählens. Herangezogen werden – prägnant kommentierend und stichhaltig
begründend – u.a. Prosatexte von Gottfried Keller, Conrad Ferdinand Meyer, Hans Grimm., Paul
Ernst, Thomas Mann, Robert Musil, Franz Kafka, Erwin Wittstock und Friedrich Dürrenmatt, von
Stendhal, Prosper Mérimée und Honoré de Balzac, von Alexander Puschkin, Nikolai Gogol und
Maxim Gorki, von Edgar Allan Poe, Ernest Hemingway und J. D. Salinger, von Jens Peter
Jacobsen und Bjørnstjerne Bjørnson. Gleichzeitig zitiert und hinterfragt Bergel Reflexionen und

3
Hans Bergel: Die Novelle als klassische Kunstform. Ihre Technik und ihre Metaphysik. [Fassung 2]. Typoskript, 24 S.
Archiv des Instituts für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas an der Ludwig-Maximilians-Universität
München. Vorlass Hans Bergel, Box 14, Konvolut 55. Unter der Sigle BN und mit Angabe der Seitenzahl wird im fort-
laufenden Text nach dieser Fassung zitiert.

416 ZGR 1-2 (25-26) / 2004, 1-2 (27-28) / 2005


TheorieKonstruktion und schriftstellerische Praxis. Hans Bergels Essay „Die Novelle als klassische Kunstform“
und seine Novelle “Die Rückkehr des Rees“

poetologische Äußerungen bekannter Autoren über die besondere Konstitution der Novelle –
von Johann Wolfgang Goethe bis Paul Heyse.
Hans Bergel verortet die Novelle
in dem schmalen Bereich, in dem die erzählende Kunst [...] in die dramatische Kunst übergeht.
[...] Sie ist die Brücke, die sich zwischen dem in die Vergangenheit entrückenden Epischen und
dem in die Gegenwart reißenden Dramatischen spannt, das Tor, das aus der erzählend verhaltenen
in die dramatisch drängende Willensbildung führt. [...] Sie darf ihre epische Herkunft nicht ver-
leugnen und ist gleichzeitig dem dramatischen Gedanken verpflichtet. (BN, 2)
Ihr Geschehnisverlauf
richtet sich in seinen Bewegungen nach der rhythmischen Urformel aller Bewegung: das Gesetz des
Auf und Ab, des An- und Entspannens, des Atems und Herzschlags wird in ihr deutlicher als in den
übrigen epischen Proben, da sie ihm bewusster als diese folgt. (BN, 8)
Aus dem „Geist der Form“ die, „in dem Maße, in dem sie Zurückhaltung verlangt, das
energische Vorantreiben bis zum Äußersten fordert“ (BN, 5), erklärt Bergel auch Wahl und Be-
handlung der Stoffe. Indem er diese mit den Vokabeln „erhitzt, extremistisch, überhitzt, aus-
schließlich“ (BN, 5) umschreibt, verweist er auf die überraschende Ereignishaftigkeit als eine
Novellen-Konstante, darauf, was Goethe in seinem viel zitierten Gespräch mit Johann Peter
4
Eckermann vom 29. Januar 1827 „eine sich ereignete unerhörte Begebenheit“ nennt.
Episch inszeniert wird diese „Begebenheit“ durch zielorientierte Straffung und kohärente
Organisation der Handlung sowie Steigerung der Erzähltempos im Zeichen des „Dramatischen“:
„Unter dramatisch verstehe ich die Folgerichtigkeit, mit der ein Ausgang aus der Möglichkeit
seiner Anlage entwickelt und bis zu seinem Abschluss auf der Höhe der Synthese weitergeführt
wird.“ (BN, 8) Die „Bauteile“ (Exposition – Höhepunkt – Schluss) der Novelle sind durch
Spannungsbogen miteinander verbunden, jeder von ihnen vollzieht im Kleinen die auf- und
absteigende Bewegung des Erzählablaufs, zwischen zwei Spannungsbogen „gönnt“ sich der
Erzählrhythmus Zäsuren oder Pausen, die Bergel als den „Muttergrund“ bezeichnet,
auf dem die Novelle ruht. [...] Aus ihrem Schweigen, aus ihrem gleichmäßigen Strömen steigt
das erregte Leben des Bogens, kehrt in es zurück. Es ist das Leben selber, das aus einem Seinsboden
kommt und in ihn zurückfällt. Wir begreifen die Form der Novelle [...] als ein Spiegelbild uni-
versaler Vorgänge. Aus dem kosmischen Schoß tauchen für die Dauer ihrer Augenblicke die Bogen
der Schicksale auf, verharren und sinken in ihn zurück. (BN, 18)
In dieser Zuweisung eines metonymischen Anspruchs – die Erfassung und Verdichtung uni-
versaler Vorgänge im Singulären, des Allgemeinen im Besonderen – stimmt Bergel mit der
lapidaren Feststellung des Marburger Germanisten Johannes Klein überein, der in seiner um-
fangreichen Geschichte der deutschen Novelle von Goethe bis zur Gegenwart (1954) dekretiert
5
hatte: „So ist die Urform der Novelle das Leben selbst.“

II.

4
Johann Peter Eckermann: Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens. Nach dem ersten Druck, dem
Originalmanuskript des dritten Teils und Eckermanns handschriftlichem Nachlass neu herausgegeben von Prof. Dr. H. H.
Houben. Wiesbaden: Brockhaus 24. Aufl.1949, S. 178.
5
Johannes Klein: Geschichte der deutschen Novelle von Goethe bis zur Gegenwart. Wiesbaden: Franz Steiner 4. Auf-
lage 1960, S. 5. Die erste Auflage erschien 1954.

ZGR 1-2 (25-26) / 2004, 1-2 (27-28) / 2005 417


Peter Motzan

Nach der Lektüre dieses durchdachten und durchformulierten Essays eines genuinen Er-
zählers, dessen Überlegungen und Feststellungen hier nur auszugsweise rekapituliert und para-
phrasiert wurden, stellt sich nicht die Frage nach dessen forschungsgeschichtlicher Relevanz
und wissenschaftlichem Erkenntniswert, sondern die nach dem Verhältnis von subjektiv-
schöpferischem Theorieentwurf und schriftstellerischer Praxis. Ebenso wie Heinrich von Kleist
bezeichnete Bergel seine fiktionalen Prosatexte mittleren Umfangs fast durchweg als
Erzählungen. Sind viele dieser „Erzählungen“ nichtsdestotrotz den Konstruktionsregeln der
Novelle verpflichtet, wie sie in Bergels ‚Phänomenologie’ eines epischen Genres entwickelt und
erläutert wurden? Dieser Frage möchte ich in einer Kurzinterpretation der „Geschichte“ Die
Rückkehr des Rees nachgehen und zu beweisen versuchen, dass es sich hierbei um eine Novelle
handelt, die in ihrer Ausformung Bergels Strukturbeschreibung der Gattungsart entspricht.
Hans Bergel schrieb Die Rückkehr des Rees 1967 während eines Sommerurlaubs im Ferien-
dorf Costineşti an der rumänischen Schwarzmeerküste. Gewidmet ist die Novelle – In
memoriam Paul Zipser – einem befreundeten Bildhauer, der 1966 im Donaudelta ertrank. Sie
erschien erst 1972 – vier Jahre nach Bergels Aussiedlung in die Bundesrepublik Deutschland in
6
dem Band Im Feuerkreis , der – so dessen Untertitel – Zehn Erzählungen enthält, die zwischen
7
1959 und 1971 entstanden sind. Die darin geschilderten Begebenheiten sind allesamt in
Europas Südosten angesiedelt: im siebenbürgischen Hügelland, in den Ost- und Südkarpaten,
an Rumäniens Grenzen, in der bessarabischen und B`r`gansteppe, im Donaudelta. Eine über-
arbeitete und leicht gekürzte Fassung der Rückkehr des Rees wurde – mit Illustrationen von
8
Helmut von Arz und ohne Widmung – im Herzhaften Hauskalender 2003 veröffentlicht.
Zunächst die Fabel: Drei Freunde – Rees, Ganne und Wols – befinden sich auf einer Auto-
fahrt durch das Donaudelta. Nach einem ersten Bad in dem ruhig dahinfließenden Strom bei
Sonnenuntergang machen sie in einem Fischerdorf halt, kehren bei einem betagten Fischer ein
und essen gemeinsam bei einbrechender Dunkelheit ihr Abendbrot. Danach begleiten Rees und
Ganne den Alten bei dem Fischfang, auf einer Ausfahrt in einem alten Motorboot durch die
Kanäle und Lagunen ins „riesige Wasserherz des Deltas.“ (RR, 177) Die Netze sind bereits von
Gligor, dem Sohn des Fischers, ausgespannt worden und müssen nur noch gehoben werden. Bei
einem aus dem Osten stark aufkommenden Wind nähern sie sich ihrem Ziel. Da erstirbt plötz-
lich der Motor des Bootes, das voller Wasser ist, was die drei wegen ihrer hohen Stiefelschäfte
und der Dunkelheit erst bei dessen Stillstand bemerken. Vergeblich müht sich Ganne ab, das
Loch im Kielboden des überschwemmten Bootes abzudichten, das schließlich senkrecht in die
Tiefe gleitet, mit den Fußspitzen aber noch erreichbar ist. Abwechselnd tauchen nun Rees und
Ganne – nachdem sie ihre Kleider abgestreift haben –, um den Motor des Bootes wieder frei zu
kriegen. Ohne Erfolg.
Während der alte Fischer sich von seinem Boot keinesfalls trennen will, versuchen nun die beiden
Freunde schwimmend Land zu erreichen. Im Morgengrauen entdeckt Wols, der sich in einem Ruder-
boot auf die Suche nach den Vermissten begeben hat, den reglos auf dem Wasser treibenden Ganne,
zieht ihn über die Bohlen und pumpt verzweifelt und unermüdlich Wasser, Speichel und Blut aus
seinem Mund, bis dieser die Augen öffnet. Zu Mittag findet Gligor seinen toten Vater, treibend über

6
Hans Bergel: Die Rückkehr des Rees. In: H. B.: Im Feuerkreis. Zehn Erzählungen. Innsbruck: Wort und Welt 1972, S.
99–124.
7
Für diese Informationen danke ich Hans Bergel.
8
Hans Bergel: Die Rückkehr des Rees. In: Herzhafter Hauskalender 2003. Wien: Stiftung Soziales Friedenswerk, S. 163–
189. Unter der Sigle RR und mit Angabe der Seitenzahl wird im fortlaufenden Text nach dieser Fassung zitiert.

418 ZGR 1-2 (25-26) / 2004, 1-2 (27-28) / 2005


TheorieKonstruktion und schriftstellerische Praxis. Hans Bergels Essay „Die Novelle als klassische Kunstform“
und seine Novelle “Die Rückkehr des Rees“

den vollen Netzen und dem gesunkenen Boot. Der Leichnam Rees, der in ein Netz geraten war, wird
erst am nächsten Tag aufgefunden.
Der ausschließliche Handlungsraum dieser „Geschichte“ mit tödlichem Ausgang ist das
Donaudelta, dessen archaisch-labyrinthische Wirklichkeit Hans Bergel auch in anderen Texten
verlebendigt und heraufbeschworen hat – beispielsweise in dem mythischen Portrait einer
Landschaft Dunja, die Herrin: „ein Irrgarten mit tausend Schlupfwinkeln und unberührt wie eh
9
und je“ . Auch in der Rückkehr des Rees ist die „historische“ Zeit, ihr gesellschaftliches Konflikt-
potenzial zugunsten einer existentiellen Grenzsituation ausgeklammert. Die „andere“ Realität,
die der städtischen Zivilisation, in der die drei Freunde leben, wird nur in Gedankensplittern von
Ganne und Rees angeleuchtet. Aus dem punktuell erinnerten Davor und dem unmittelbar er-
lebten Jetzt formt der Autor ein in sich stimmiges und dichtes Erzählgefüge, wobei – wie es in
Die Novelle als klassische Kunstform heißt – „das Detail zur Funktion“ (BN, 9) wird, die Ver-
zahnung der Erzählsegmente durch Rückverweise, Vorausdeutungen, Leitmotive und Ding-
symbole erfolgt. Einbezogen in den Handlungskonnex ist die Natur als Groß-Metapher des
Werdens und Vergehens in unaufhörlichem Kreislauf und als Spiegelbild menschlicher Be-
findlichkeiten. Ihre ungemein sinnlich evozierte Präsenz bildet einerseits Zäsuren zwischen den
Erzählphasen, andererseits tritt sie aber auch als geschehnisbestimmende, dämonische Macht
in die Spannungsbogen ein. Sie spielt gleichermaßen eine Rolle als Stimmungskulisse und als
Akteur, als treibendes Leitmotiv.
In Die Novelle als klassische Kunstform beschreibt Bergel die Entfaltung des Erzählrhythmus
als das „Aufeinanderwirken zweier Bewegungen: einer „waagerechten“, die „Glied an Glied
eines Vorgangs in der Zeit aneinander reiht“ und einer „senkrechten“ als „Vertreterin eines Vor-
gangs im seelischen Raum“, ein Aufeinanderwirken, das die dramatische Anstiegslinie hervor-
bringt, wobei jede dieser Bewegungen „ihren Sinn von der anderen erhält“. (BN, 21) Diesem
novellistischen Erzählmodus ist auch Die Rückkehr des Rees verpflichtet. Die einsträngige,
auktoriale Darbietung in der „Waagerechten“, die von Dialogen und Naturschilderungen durch-
setzt ist, wird mit Vorgängen auf der „Senkrechten“ vernetzt. Aus Gannes Blickwinkel, er-
innernd, kommentierend und beobachtend, wird Rees portraitiert, also von außen eingekreist;
andererseits erkundet die Erzählerinstanz Rees Innenleben, indem er gleichsam in diesen
hineinschlüpft, sein Gedanken- und Gefühlsleben aus personaler Perspektive ausbreitet und ein
selbstreflexives Element in die Textur einwebt. Über weite Strecken ist das „Dramatische“ (BN,
8) in Rees Innenleben eingepflanzt. Erst im Ineinanderklingen dieser drei „Stimmen“ enthüllt
sich die Problematik der Novelle: „Ein Lebenskonflikt bestimmt das Ganze und organisiert seine
10
Teile.“
Bereits der Titel lenkt die Aufmerksamkeit auf Rees und auf einen iterativen Vorgang – auf
eine Rückkehr in einen bereits bekannten Erfahrungsbereich. In der Figurenkonstellation steht
er im Mittelpunkt, seiner Figurenkomposition ist der größte Umfang der Erzählzeit gewidmet.
Der Mann „mit dem knolligen Kinderkopf“ (RR, 169) ist Bildhauer und Professor dazu, der „hier-
her gekommen [ist], weil es nicht weiterging“. (RR, 170) Seine Rückkehr in die ungezähmte,
phantastisch wuchernde Natur soll dazu verhelfen, ein verschollenes, verdorrtes Gefühl erneut
aufflammen zu lassen und die Schaffenskrise zu überwinden: „Ich bin gekommen, weil ich nicht

9
Hans Bergel: Dunja, die Herrin. Erinnerungsbilder aus dem Donaudelta. In: H. B.: Lyrik – Prosa. Göttingen: Arbeitskreis
für deutsche Dichtung e. V. 1995, S. 12.
10
Zit. nach: Klein, Geschichte der deutschen Novelle (Anm. 5), S. 5.

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Peter Motzan

mehr wusste, was die Form ist.“ (RR, 180). Rees ist auf der Suche nach der „Form“– einer Ge-
staltungsweise, die seinen unbedingten Anspruch auf Vermittlung und Deutung des
„Unbegreifbaren“ (RR, 179) in symbolhaft überhöhten, suggestiv-abstrakten Plastiken erfüllt. Er
sucht die schlackenlose Vollkommenheit einer Kunstform, die, so Bergel in seiner Novellen-
exegese, „Sicherheit, Ordnung über den Tag hinaus“ (BN, 8) bietet und die – mutatis mutandis –
die der Novelle in Hans Bergels Morphologie dieser Erzählform ist. Und die Rückkehr des Rees
ist die Umsetzung dieses Theorieentwurfs mit erzählerischen Mitteln, ist ein Versuch, des Bild-
hauers verzehrende Sehnsucht nach der „Form“ in der Gestalt einer Novelle zu verdichten.
Rees ist in zwei Sphären beheimatet – der des Tellurischen und der des Geistig-
Schöpferischen. Sein Verhältnis zur Natur, aber auch zu den einfachen ‚unverbildeten’ Men-
schen des Donaudeltas ist – wie es sich in seinem reibungslosen Zurechtfinden in der Wildnis
ausdrückt und durch Gannes staunende Beobachtungen immer wieder bestätigt wird – ein
symbiotisches, ein panhaftes, eines der Zugehörigkeit. Und doch ist Rees, der Ruhelose, im
metaphysischen Sinn ein Heimatloser. Daher auch sein unaufhörliches Schwanken zwischen der
Faszination durch das Kreatürlich-Urwüchsige und dem Wunsch zurückzukehren – zu seiner
asketischen Arbeit, zu seinen Steinen.
Die Exposition, eine szenische Darstellung der unbeschwert schwimmenden und tau-
chenden Kömmlinge, trägt idyllische Züge, doch verweist sie bereits – als Kontrastfolie – auf
den Überlebenskampf in der Finsternis, im winddurchpflügten Strom: auf den Höhepunkt der
Novelle. „Habe ich das gesucht?“ fragt sich bestürzt der von einem Taumel erfasste Rees, als er
„schon entkleidet“ (RR, 163) aus dem Wagen steigt. In einem emblematischen Tableau er-
scheint der nackte Künstler, der gleichsam alles, was ihn an sein Vorleben bindet, abgeworfen
hat, aus den Tiefen des Stromes hochsteigt:
Und in seinen erhobenen Armen schimmerten Zebrabarben und dreimal gehörnte Stichlinge, in der
rechten Hand die braungoldenen Doppelringe eine Sonnenbarsches. Rees ließ die Fischleiber um die
Handgelenke peitschen, und als schütte er sie aus einem Kübel, goss er sie sich dann über Kopf und
Schulter, lachte laut auf und sah ihnen zu, wie sie im splitternden Wasser verschwanden. Er sprang
ihnen nach. (RR, 164)
Der Sonnenbarsch – Verkörperung elementarer Kraft und Schönheit, ein ‚Kunstwerk’ der
Schöpfung – wird hinfort durch Rees’ Gedankenwellen schwimmen; im Schlussbild hängt er in
den Maschen des Netzes, in das sich auch Rees verfangen hat, wird zum Symbol des Todes. Auf
diesen verweist auch ein Nachtpfauenauge als deutendes Dingsymbol der Natur – in einer ein-
drucksvollen Szene in der Noch-Geborgenheit des Fischerhofes, über dem sich Orion zum
letzten Mal in diesem Jahr zeigt. Es umschwirrt zuerst Ganne und danach Wols, weicht aber vor
beiden zurück und setzt sich „ohne zu zögern auf die Hand des Fischers, die neben dem Messer
auf der Tischkante lag“. (RR, 172) Während der Alte diese mit einer heftigen Bewegung zurück-
zieht, hält ihm Rees seine Gesicht entgegen, der Falter lässt sich auf dessen Stirn nieder und
breitet „das Flügelpaar in verschwenderischer nächtiger Schönheit zu einem Kreuz [...]“.
(RR, 173)
Ganne deutet diese Geste Rees’ – was allerdings nur an seiner Körpersprache abzulesen ist
– als Hybris, als frevlerisches Spiel mit dem Unbegreifbaren. In Rees hingegen, umzaubert von
den Geräuschen und Düften der Nacht, festigt sich der Entschluss, „jetzt nicht zurückzukehren“
(RR, 173) und sich zum ersten Mal in seinem Leben auf Fischfang zu begeben. Diese Ent-
scheidung bildet den Wendepunkt der Novelle, die auf den Höhepunkt, die Katastrophe zu-
steuert. Zufall und Fatum verzahnen sich mit unentrinnbarer Zwangsläufigkeit. Die Rückkehr

420 ZGR 1-2 (25-26) / 2004, 1-2 (27-28) / 2005


TheorieKonstruktion und schriftstellerische Praxis. Hans Bergels Essay „Die Novelle als klassische Kunstform“
und seine Novelle “Die Rückkehr des Rees“

des Rees ist Schicksals- und Künstlernovelle in einem. Der Leben spendende, Leben sichernde
Strom wird zum Todesfluss:
Ich werde jetzt schwimmen, dachte Rees und fühlte das Wasser an seinen gestreckten Gliedern ent-
lang gleiten. [...] Die Nacht ist endlos wie das Wasser, die Wellen werden immer höher, ihre
Schläge härter. Ich sehe den Schaum, der auf ihnen sitzt. [...] Die Lungen schmerzten und
brannten, die Wassserwildnis hatte ihm den Rhythmus des Atems seit langem zerschlagen. Wo war
Ganne, der Freund? Und es war nun, als zerbreche ihm eine große Hand langsam das Rückgrat ...
Alles was du tust, ist ein Suchen.
Alles Suchen ist ein Suchen nach der Form.
Alles Suchen des Form ist ein Suchen nach der Ruhe.
Alles Suchen der Ruhe ist ein Suchen des Todes – mitten im Leben ... Aber wenn mir die Form ge-
lang, dachte er nachher betäubt und bäumte sich ein letztes Mal auf, schloss ich den Kreis, fasste
den Augenblick, gab Leben und Tod in einem. Und dann dachte er noch: Ich werde zu meinen
Steinen zurückkehren. –
Dem Suchen nach der Form, dem unstillbaren und quälenden Wunsch, hinterlassungsfähige
Kunst-Gebilde schaffen, wohnt letztlich ein selbstzerstörerisches Moment, ein Drang zur
Selbstauslöschung inne, dem Rees unbewusst folgt. „Aus dem kosmischen Schoß tauchen für
die Dauer ihrer Augenblicke die Bogen der Schicksale auf, verharren und sinken in ihn zurück“
(BN, 18), heißt es in Bergels Essay Die Novelle als klassische Kunstform.
Über der Tragik des Geschehens geht am Schluss der Novelle die Sonne auf. Im Vergehen
und Werden erfüllt sich Gesetz des Lebens, das gleichermaßen unzerstörbar und unergründlich
bleibt. Mit einer großartigen synästhetischen Liebeserklärung an die überbordende Vitalkraft
des Donaudeltas klingt die Rückkehr des Rees aus:
Der Brodem kochender Pfefferminzwiesen stieg auf und vermischte sich mit dem Dunst der Schilf-
heere. Er trieb über die goldenen Teller der Sonnenblumen hin, staute sich in Wiesenhöhlen, in
denen Königskerzen verbrannten, umstellt von den Scharen der Riesendisteln. Die Möwen brachen
lärmend aus den Brutplätzen, zogen Reiher und Pelikane nach und kreisten im aufsteigenden Tag
über Bibern, Zieseln, lipovenischen Langmessern und Welsen, die sich sterbend in den Booten
wanden. Fischlaichgeruch qualmte aus toten Armen und schwängerte die Bilder der zitternden Fata
Morgana. Und vielleicht tropfte in einem der Seen das messinghelle Glühen eines verirrten Delphins
wie Stundenschlag durch den Tag, der hier, wo alle Unrast zu Ende geht, kein Gewicht mehr hat.
(RR, 189)

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„GNADE UND HERAUSFORDERUNG DER VIELFALT“
Aus dem Briefwechsel Manfred Winkler – Hans Bergel

Herausgegeben von George GuŃu

Der aus der Bukowina stammende israelische Dichter und Übersetzer Manfred Winkler
1
(*1922) lebt seit 1959 in Israel, seit Jahren in der Siedlung Zur-Hassada westlich von Je-
rusalem. 1999 mit dem Literaturpreis des Israelischen Ministerpräsidenten ausgezeichnet, ist
Winkler einer der letzten in Hebräisch und Deutsch schreibenden Lyriker. Ein Großteil seines
Werks wurde ins Englische und in andere Sprachen übersetzt; er selber übersetzte aus
mehreren und in mehrere Sprachen. Der über Israel hinaus angesehene Dichter machte auch als
Bildhauer von sich reden.
Manfred Winkler ist seit 1957 mit dem aus Bra[ov/Kronstadt stammenden, seit 1968 in
Deutschland, in den letzten Jahren zunehmend in Italien lebenden Romancier, Novellisten,

1
Manfred Winkler, Werkverzeichnis: - Gedichtbände: Tief pflügt das Leben, Bukarest (Verlag für Kunst und Literatur)
1956; Kunterbunte Verse (Gedichte für Kinder), Bukarest (Jugendverlag) 1957; Fritzchens Abenteuer (Erzählung in
Versen), Bukarest (Jugendverlag) 1958; Schirim, Tel Aviv (Ekedverlag) 1965; Bejn Etzbaot Ha-ir, Tel Aviv (Ekedverlag)
1970; Afar Be-innut, Tel Aviv (Sifriat Poalim Verlag) 1979; B-Tzel Ha-Akraw, Tel Aviv (Sifriat Poalim Verlag) 1988; If my
hands were mute (engl. Übersetzung), St. Louis/USA (Cauldron Press) 1979; Mirrored Darkkness (engl. Übersetzung), St.
Louis/USA (Cauldron Press) 1983; Unruhe, München (Verlag Südostdeutsches Kulturwerk) 1997. Siehe auch das
Autorenporträt »Ein Lyriker als Bildhauer. Manfred Winklers Skulpturenkosmos« von Hans Bergel, in: Südostdeutsche
Vierteljahresblätter, München 1999, Folge 3, S. 219-224. Übersetzungen seiner Gedichte sind in vierzehn Sprachen
erschienen. – Manfred Winkler, Übersetzungen aus dem Deutschen ins Hebräische: Soma Morgenstern, Die Blutsäule
(Roman), Tel Aviv (Ekedverlag) 1976; Lies Moeller, Gedichte (Auswahl), Tel Aviv (Ekedverlag) 1979; R. Beer-Hofman, Der
junge David (Drama), Tel Aviv (Ekedverlag) 1981; Paul Celan, Gedichte (Auswahl), Tel Aviv (Sifriat Poalim Verlag) 1987
(2. Aufl.); Franz Rosenzweig, Briefe (Auswahl), Jerusalem (Mossad Bialik Verlag) 1987; Sefardika, sefardische Folklore,
hg. Dr. Max Grunewald, Jerusalem (Magnes Press) 1982. Übersetzungen aus dem Rumänischen ins Hebräische: Maria
Banush. Gedichte (Auswahl), Tel Aviv (Sifriat Poalim Verlag) 1980; Solo Har-Herescu,Gedichte (Auswahl), Tel Aviv
(Kibbuz Hameuchad Verlag) 1981 und (Ekedverlag) 1989. Übersetzungen aus dem Ukrainischen ins Hebräische: Moisej
Fischbein, Der wunderbare Garten (Gedichte für Kinder), Kiew (Wesselkaverlag) 1991. Übersetzung aus dem
Hebräischen ins Deutsche mit anderen zusammen: T. Carmi, An den Granatapfel, München (Hanser Verlag) 1991.
Manfred Winkler – Hans Bergel: Briefwechsel, Gedicht
2
Lyriker und Essayisten Hans Bergel (*1925) befreundet, der 2001 für sein literarisches Ge-
samtwerk sowie für seinen bedeutenden Beitrag zu den interkulturellen Austauschprozessen im
südosteuropäischen Kulturfeld mit der Ehrendoktorwürde der Universität Bukarest aus-
gezeichnet wurde. Von seinen zahlreichen Büchern wurden unter anderem die Romane „Der
Tanz in Ketten“ und „Wenn die Adler kommen“ sowie mehrere Essays auch in Rumänien
bekannt (Übersetzung von George Gu]u bzw. Mariana L`z`rescu).
Winkler und Bergel stehen sei es durch persönliche Begegnungen in Deutschland oder
Israel, sei es durch Briefwechsel in Verbindung. Im Folgenden veröffentlichen wir einige Briefe
aus der Korrespondenz der beiden.

1.
Zur Hassada 20.2.2003
Lieber Hans,
3
nun sitze ich am Schreibtisch und habe Deine Grabrede für Georg Scherg vor mir. Draußen
regnet es in Strömen, mit Unterbrechungen regnet es seit zwei Wochen. Nach einer Reihe
trockener Winter ist dies jetzt endlich wieder ein richtiger Winter. Unsere Wasserreserven

2
Hans Bergel: – 1. Fürst und Lautenschläger. Eine Erzählung aus dem Siebenbürgen des 17. Jahrhunderts. Bukarest:
Jugendverlag 1957; 2. Die Straße der Verwegenen. Erzählungen. Bukarest: Jugendverlag 1958; 3. Die Abenteuer des
Japps. Ein heiteres Jungenbuch. Bukarest: Jugendverlag 1958; 4. Rumänien – Porträt einer Nation. München-Esslingen:
Bechtle 1969; 5. Die Rennfüchse. Roman, München: Franz Schneider 1969; 6. Würfelspiele des Lebens. Vier Porträts
bedeutender Siebenbürger. München: Verlag Hans Meschendörfer 1972; 7. Im Feuerkreis. Zehn Erzählungen. Innsbruck:
Wort und Welt 1972; 8. Die Sachsen in Siebenbürgen nach dreißig Jahren Kommunismus. Studie über Menschenrechte
am Beispiel einer ethnischen Gruppe hinter dem Eisernen Vorhang. Innsbruck: Wort und Welt 1976; 9. Der Tanz in
Ketten. Roman. Innsbruck: Wort und Welt 1977, 3. Aufl. 1995 (zwei Übersetzungen ins Rumänische 1994 von George
Gu]u: Dansul în lan]uri, und 1995 von Silvia Irimia: Dans în lan]uri); – 10. Siebenbürgen. Bilder einer europäischen
Landschaft. Essay- und Bildband. Innsbruck: Wort und Welt 1980 (englische Übersetzung: A Picture Book of
Transylvania. Ebenda.1982); 11. Johannes Schreibers Aquarelle. Essay- und Bildband. Linz: Karrer 1981; 12. Gestalten
und Gewalten. Südöstliche Bilder und Begegnungen, Essays, Aufsätze, Vorträge. Innsbruck: Wort und Welt 1982; 13.
Dunja, die Herrin. Erinnerungsbilder aus dem Donaudelta. München: Akademie für graphisches Gewerbe 1982; 14.
Heinrich Schunn – ein Maler; sein Werk, seine Zeit. Innsbruck: Wort und Welt 1983; 15. Drei politische Reden zur Lage
der Deutschen in Siebenbürgen. Bleiben oder Gehen? – Der historische Hintergrund der Aussiedlung. – Rede vor dem
Kölner Dom. Innsbruck: Wort und Welt 1983; 16. Hermann Oberth oder Der mythische Traum vom Fliegen. Innsbruck:
Wort und Welt 1985. 17. Der Tod des Hirten oder Die frühen Lehrmeister. Essay. Innsbruck: Wort und Welt 1985; 18.
Literaturgeschichte der Deutschen in Siebenbürgen. Innsbruck: Wort und Welt 1987; 1.9. Das Venusherz. Erzählung,
München: Schumacher-Gebler KG 1987; 20 ...und Weihnacht ist überall. Zwölf ungewöhnliche Weihnachtsgeschichten.
München: Herbig 1988; 21. Das Motiv der Freiheit. Glanz und Elend der südosteuropäischen Deutschen. Vorträge, Auf-
sätze, Rundfunksendungen. München: Transylvania 1988; 22. Zikadensommer. Gedichte. München: Edition Transform
1991. 23. Kammermusik in Bronze und Stein. Der Bildhauer Hans Guggenberger. Thaur bei Innsbruck: Wort und Welt
1993; 24. Zuwendung und Beunruhigung -Anmerkungen eines Unbequemen. 32 Essays und ein Gespräch. Mit einem
Vorwort von Peter Motzan. Thaur bei Innsbruck: Wort und Welt 1994. 25 Erkundungen und Erkennungen. Notizen eines
Neugierigen. 25 Essays. Mit einem Vorwort von Stefan Sienerth. 26. Întoarcerea lui Ulise (Die Heimkehr des Odysseus).
10 Essays. Kronstadt/Bra[ov, Rumänien, 1995. 27. Wenn die Adler kommen, Roman, München 1996, 1997, 1999, 2002.
28. Im Spiegellicht des Horizonts. Gedichte. München 1996. 29. Când vin vulturii. Roman. Rumänische Fassung: George
Gu]u, Bucure[ti 1998. 30. Hajdutanc vasban. Roman. Ungarische Fassung: Balogh Andras, Budapest 1999. 31. Gesichter
einer Landschaft. Essays. München 1999. 31. Bukowiner Spuren. Essays. Aachen 2002. 32. Foaie de suflet pentru un ora[
transilvan, Essays, rumänisch, Kronstadt 2005.
3
Georg Scherg (1917-2002), in Bra[ov/Kronstadt geborener Romancier, Erzähler, Lyriker, Übersetzer; 1970-1984 Do-
zent und Leiter des Lehrstuhls für Philologie an der Universität in Sibiu/Hermannstadt; 1990 Aussiedlung nach
Deutschland. Autor von fünfundzwanzig Buchtiteln.

ZGR 1-2 (25-26) / 2004, 1-2 (27-28) / 200 423


Manfred Winkler – Hans Bergel: Briefwechsel, Gedichte

waren auf ein gefährliches Minimum gesunken. Der Genezareth See, unser wichtigstes
Wasserservoir, lag fünf Meter unter dem Normalspiegel. Da kann selbst ein guter Winter nicht
alles aufholen.
Ich liebe den Winter mit seiner zum Nachdenken einladenden Atmosphäre, die Nebel,
Wolken und Regenschleier vor dem Fenster. Bäume, Blumen, atmen nach den heißen Sommer-
monaten auf, das Gras erwacht zu ungeahntem Leben. Für mich ist diese Jahreszeit mit ihren
düsteren, ruhigen Tagen Labsal, die meinem Gemüt und der Kreativität in mir gut tut.
Deine Grabrede ist ein Meisterstück auf kleinem Raum. Besonders der zweite Teil, wo Du
Dich dem schwer Definierbaren der schergschen Sprachtaktik und -manövrierung annäherst
und vom „hintergründig wie versponnen Gedankenvollen“ sprichst: diese wohl einzig kluge gei-
stige Methode, mit den brutalen Formen der Macht fertig zu werden, und das auch in der so-
genannten freien Welt, und knapp vor seinem Tode: „Wohin kommen wir alle miteinander,
wenn wir alles zu relativieren bereit sind?“ Scherg war einer der Sucher, die in keine Welt
hineinpassen.
Sind wir damit nicht bei der Politik? Bei der Unruhe, die sich jetzt weltweit auszubreiten
beginnt? Wir hier sind da schon abgehärtet, weil wir nichts anderes kennen, es ist nur ein neuer
Aspekt hinzugekommen. Ja, man könnte heulen über die Kurzsicht einiger europäischer
Politiker, nicht zuletzt der euren. Auch Chamberlain versuchte es seinerzeit mit seinem Frieden,
hinzu kam die von links gesteuerte „große Friedensbewegung“ – und das Ergebnis war der Krieg
mit all den Greueln. Natürlich ist der Friede immer vorzuziehen. Die Massen und einige, die sich
darüber stehend glauben, vergessen nur, was sich hinter einer bestimmten Form von Frieden
verbirgt.
4
Inzwischen traf auch Dein Brief mit Deinen Übersetzungen aus dem Rumänischen ein. Ich
habe diese wieder und wieder gelesen. Ich glaube, daß sie sehr gut sind, mit jener bestimmten
bergelischen Note, die ich mitlese und an der ich mich freue. Ob sie, was z.B. Lucian Blaga an-
geht, besser sind als eventuell das Original, ist immer dann schwer feststellbar, wenn der Autor
des Originals, wie hier, ein großer Dichter ist. Auf alle Fälle ist Deine „Odysseus“-Übersetzung
5
maximal. Ich habe das mit meinen Celan-Übersetzungen erlebt: Einige Leser sagten mir, daß
sie Celan erst durch meine Übersetzungen begriffen hätten. Freilich hat mich dies fragwürdige
Kompliment nicht sehr erfreut, weil es mir zeigte, daß ich mich vom Original entfernte. Es ist
sicher möglich, daß meine Auslegung eines Gedichts (und jeder Übersetzer ist zugleich auch
Interpret) das Gedicht verständlicher macht, aber eben auch untreuer. Köstlich finde ich Deine
Übersetzung des „Zigeunerinnenfluchs“ von Lumini]a Mihai Cioab`, an sich ein unübersetzbares
Gedicht. Was Du im Deutschen daraus machtest, ist kaum überbietbar.
Ich arbeite in letzter Zeit viel an einem Lyrik-Band für „Rimbaud“ in Aachen. Herr Albers
denkt an ein „Lebenswerk“, ich denke da gedämpfter und bereite lediglich ein Buch von etwa
250 Seiten vor. „Material“ hätte ich natürlich für mehrere Bände, doch nicht die nötige Kraft
zur Sichtung und Ordnung – abgesehen von anderen Hemmnissen.
Zu allem soll Mai-Juni eine Ausstellung meiner Plastiken in der Städtischen Galerie Jerusa-
lems stattfinden. Der Katalog wird von einem Literaturprofessor der Uni erstellt, der unlängst
ein Buch über Mozart veröffentlichte – er ist Violoncellist und ein hier bekannter Musikkritiker.

4
Hans Bergel: Im Spiegellicht des Horizonts. Gedichte und Nachdichtungen, Verlag SOKW, München 1996.
5
Paul Celan: Gedichte (aus dem Deutschen ins Hebräische übersetzt von Manfred Winkler), Sifriat Poalim-Verlag, Tel
Aviv 1987.

424 ZGR 1-2 (25-26) / 2004, 1-2 (27-28) / 2005


Manfred Winkler – Hans Bergel: Briefwechsel, Gedicht

Sein Vater ist Jude, seine Mutter entstammt einer deutschen Bauern- und Handwerkerfamilie,
die bis ins 14. Jahrhundert nachweisbar ist.
6
Deine „Anrufung“ habe ich übersetzt und werde sie einer Zeitschrift zuleiten. Ich hoffe,
daß dies starke Gedicht bald veröffentlicht wird.
Herzliche Grüße von uns, auch an Elke, an sie in erster Linie.
Manfred
*****
2.
Gröbenzell, 26.10.2003
Lieber Manfred,
mit einigem Schrecken fällt mir auf, daß wir seit langem nichts mehr voneinander hörten –
auch wenn ich mit dem Gefühl lebe, Dich ständig in meiner unmittelbaren Nähe zu wissen. Das
7
auf Elkes Lesetisch liegende Rimbaud-Buch ,,Blaueule Leid“ gab den Anstoß zu diesen Zeilen.
Mich hat die Anthologie, die sich Dr. Albers da einfallen ließ, sehr gefreut; es ist erstaunlich,
welche Dichte an literarischen und poetischen Äußerungen zusammenkommt, wenn sie in
dieser konzentrierten Form vorgelegt wird. Bei aller Bruchstückhaftigkeit erschließen sich we-
sentliche Einblicke – mir selber nicht zuletzt der Umstand, daß ich von den vertretenen Autoren
8
ein Drittel persönlich kannte, beziehungsweise kenne. Aber auch die Erkenntnis: Wie viel an
Zeit hat uns allen das unglückselige 20. Jahrhundert genommen – an Zeit, die wir literarisch
wie menschlich miteinander oder zumindest in bewußterer Nachbarschaft zueinander hätten
verbringen können. Das wenige, was wir aus den Scheußlichkeiten des besagten Jahrhunderts
von uns selbst retteten, sind die paar Bücher, die wir mit unseren Texten füllten, auch sie gro-
ßenteils gezeichnet von den Unfertigkeiten, über die hinauszuwachsen wir keine Muße hatten.
Umso verdienstvoller die Arbeit des Dr. Albers.
Wir waren eine Zeit lang in Kanada – die Ehefrau eines guten Freundes starb, diesem die
Einsamkeit erträglicher zu gestalten, war der Anlaß. Wir verbanden damit – wie jedesmal, wenn
wir drüben sind – Wiederbegegnungen mit Wildnissen, wie ich sie seit eh und je liebe, die Elke
aber ebenso ans Herz wuchsen. Streunereien und Wanderungen durch Ahornurwälder östlich
des Huron-Sees, Aufenthalt im Blockhaus des Freundes auf der Bruce-Halbinsel, die im Westen
die Georgian-Bay begrenzt, Wildtierbeobachtungen und Bootsfahrten an und auf einigen der
zahllosen märchenhaft verwunschenen Seen. Dabei immer wieder der Gedanke: War es nicht
ein kardinaler Fehler, 1968 nach meinem Eintreffen in Deutschland nicht gleich weiterzuziehen,
wie ich es nach der ersten schreckhaften Erkenntnis vom Wesen der mir bis dahin nur aus der
Literatur bekannten Deutschen beabsichtigte? Nicht daß ich die Kanadier für ,,bessere“ Men-
schen halte als die Europäer: Die Möglichkeit des riesigen Landes, der Natur auf eine substanti-
elle Weise näher, in und mit ihr sein zu können, ist meine Überlegung. Die versäumte Gelegen-
heit gibt mir so nachhaltig zu denken, daß ich erwäge, in den kommenden Jahren für längere
Zeitspannen Kanada zum Aufenthaltsort zu wählen. Elke ist dem Gedanken nicht abgeneigt.

6
Hans Bergel: Israelische Trilogie III („Samson und Dalila“, „Gott spricht zu Hiob“, „Anrufung“); Südostdeutsche Viertel-
jahresblätter, Heft 3/2004, S. 182-184, München.
7
Hgb. Bernhard Albers: Blaueule Leid. Bokowina 1940-1944. Eine Anthologie.
8
Elisabeth Axmann, Paul Celan, Georg Drozdowski, Edgar Hilsenrath, Alfred Kittner, Alfred Margul-Sperber, Gregor von
Rezzori, Moses Rosenkranz, Dorothea Sella, Edith Silberrmann, Manfred Winkler.

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Manfred Winkler – Hans Bergel: Briefwechsel, Gedichte

Nach der Rückkehr aus Kanada hatte ich einige Terminverpflichtungen wahrzunehmen –
Lesungen in Ludwigsburg bei Stuttgart und in Wien, einen kunsthistorischen Vortrag in
München und eine Ausstellungseröffnung in Ebersberg. Natürlich lenkt mich diese Nebentätig-
keit von der Arbeit an Band II des Romans ab, aber sie verschafft mir immer wieder auch innere
Distanz zu ihr, die ich brauche. In diesem Jahr gibt's keine weiteren Verpflichtungen, und ich
versuche, mich nicht mehr vom Schreibtisch zu entfernen, bis Band II beendet ist. Es geht noch
um die zusammenfassenden Schlußkapitel. Zusammenfassend deshalb, weil ich nach der
weiten Ausfächerung der handelnden Personen deren Bündelung zur dramatischen Pointe des
Ganzen vorzunehmen habe.
9
Der Vortrag über den in diesem Jahr l00jährigen Graphiker und Maler Hans Fronius lag mir
besonders am Herzen. Ich kannte und schätzte den großen Fronius nicht nur aus privatem Um-
gang, ich fühlte und fühle mich ihm in seiner dramatisch akzentuierten Kunstauffassung auch
verwandt. Wo er die Dramatik im Gegenstand nicht vorfand, stellte er sie durch seine Sicht und
Gestaltung selber her, weil das Dramatische die ihm angemessene Ausdrucksgeste war – darin
verfahre ich nicht anders. Ich hoffe, den Vortragstext irgendwo veröffentlichen zu können
10
(nebst Reproduktionen), dann erhältst du ihn. Und weil von Graphik und Malerei die Rede ist:
Aus Anlaß meiner Wiener Lesung im Schloß Huniady (Maria-Enzersdorf) besuchten wir die aus
der ganzen Welt in der „Albertina“ zusammengetragene Dürer-Ausstellung. Die „Albertina“, erst
vor einiger Zeit nach jahrelangen Restaurierungsarbeiten wiedereröffnet – glanzvoll, makellos,
schön -, verhalf mir zur Vertiefung meines Dürer-Erlebnisses: Ich kenne wenig in der
europäischen Malerei von der bruchlosen Präsenz der ganzen Persönlichkeit selbst im gering-
fügigsten Detail, wie sie das Opus Dürers aufweist. Trotz der hoffnungslosen Überfülltheit aller
Säle wurde mir jedes Blatt und jede Leinwand zum Ereignis, so stark, daß mir jetzt noch, Tage
danach, alle ausgestellten Arbeiten gegenwärtig sind. Wie bei allen Großen der Kunst ist auch
bei Dürer das Werk vor allem vom Ethos der Ehrlichkeit, der Redlichkeit bestimmt; auf diese
Weise wird selbst das schonungslose Porträt zum Zeugnis der Menschlichkeit.
Ich brauche jetzt einige Tage Schonung, denn seit Kanada schleppe ich eine Bronchitis mit
mir herum; sie muß kuriert werden, da sie mich schlapp und müde macht.
Grüße mir mit allen guten Wünschen Herma! Dir das Beste, in der Hoffnung auf ein Wie-
dersehen in nicht allzuferner Zukunft!
Herzlich,
Hans
*****
3.
Gröbenzell bei München, 30.03.2004
Lieber Manfred,
Du fragtest gestern bei Elke telefonisch „sehr energisch“ an, wie ich hörte: „Was macht sei-
ne Arbeit an Band zwei des Romans?“

9
Hans Fronius (1903-l988), bedeutender, väterlicherseits aus Siebenbürgen, Rumänien, mütterlicherseits aus Italien
stammender österreichischer Graphiker und Maler; illustrierte Themen des Alten Testaments, Texte von Franz Kafka,
Julien Green, Michail Bulgakow, Ernst Jünger u.a; zu seinem Ruhm trugen wesentlich die Städtelandschaften wie
Toledo, Sankt Petersburg o.a. und seine „Imaginären Porträts“ bei.
10
Hans Bergel: Kunst und Idee im Werk des Hans Fronius. Zum [Link] des Graphikers und Malers. In: Südost-
deutsche Vierteljahresblätter. Heft 4/2003, S. 354-363, München.

426 ZGR 1-2 (25-26) / 2004, 1-2 (27-28) / 2005


Manfred Winkler – Hans Bergel: Briefwechsel, Gedicht

Zunächst danke ich Dir für die Weitergabe der Anfrage hinsichtlich Klezmer! Professor
Lubitsch vom Konservatorium Ramat Gan schickte mir sowohl Notenmaterial als auch Er-
läuterungen dazu, die mir entscheidend helfen. Ich bedankte mich vorgestern in einem Brief.
Das ist doch derselbe Lubitsch, mit dem Du vor Jahren in Deinem „Studio“ in der Messilat
11
Yescharim den Einleitungstext für sein Buch redigiertest? Ich erinnere mich mit Vergnügen an
den sympathischen Mann. Wichtiger als seine gescheiten Erläuterungen sind mir die Noten:
Auch der beste Text kann eine Melodie nicht so schildern, daß sie ersetzbar wird. Seine
Notierungen sind mir im Zusammenhang mit einer bestimmten Romanpassage aufschlußreich.
Band II „Wenn die Adler kommen“ werde ich – das weiß ich jetzt mit Sicherheit – im Lauf
12
des Sommers 2004 abschließen. Die acht Jahre, die ich auf die siebenhundert Seiten ver-
13
wandte, mit großen Unterbrechungen freilich wie die durch den Tod meines Bruders bedingte
Schreibblockade u.a., liegen hinter mir wie die Durchsteigung eines unbekannten Gebirgs-
massivs, in dem sich Schluchten mit Gipfeln, Gratwanderungen mit Irrwegen, dunkelste Nächte
mit Gewittern, Hitze und Frost abwechselten. Manchmal meinte ich, nicht weiter zu können. Zu
riesenhaft erschien mir die Exposition, zu weit abgesteckt der Raum, auf dem ich den Bau er-
richten wollte. Doch habe ich jetzt das sichere Gefühl, das Wagnis gemeistert zu haben. Daß –
wie ich unlängst las – eine der zickigen Literaturtanten, die sich an mir reiben, apodiktisch be-
fand, der Band I sei mißglückt, weil ich die Abrechnung mit dem NS-Unwesen versäumt hätte,
ist ein neuerlicher Beleg für die epidemische Präsenz der Dummheit, von der wir allenthalben
umgeben sind: Band I konnte keine Abrechnung liefern, weil er bei Kriegsausbruch 1939 endet,
zu einem Zeitpunkt also, als es den Nationalsozialismus als Organisation, Einrichtung und Pro-
gramm bei den deutschen Ethnien in Rumänien noch gar nicht gab – er wurde dort erst im
14
Herbst 1940, ein Jahr nach Kriegsausbruch, etabliert. Geschichtskenntnis ist nicht gerade die
Stärke der nach uns kommenden Generationen. Nun, die NS-Abrechnung, die ich in diesem
Band II vornehme, stellt alles in den Schatten, was es dieser Art in der Belletristik deutscher
Autoren aus Südosteuropa gab. Denn dieser Band beschäftigt sich mit den Jahren 1939-1945,
und da sind Krieg, rumäniendeutsche NS-Hysterie nach dem Vorbild des „großen deutschen
Muttervolkes“, Aufspaltung der „Volksgemeinschaft“, wie das damals hieß, und alles andere mit
einer fast brutalen Unmittelbarkeit und einer Komplexität behandelt wie bei keinem südost-
europäischen Autor deutscher Sprache vor mir.
Natürlich bot mir die Perspektive, das ganze europäische Geschehen aus dem Blickwinkel
einer siebenbürgischen Familie – aus südöstlichem Blickwinkel also – zu schildern, die Möglich-
keit der in der deutschen Literatur inexistenten Sichtweise: Ich schildere die Vorgänge faktisch
wie atmosphärisch durch das Prisma südosteuropäischer Befindlichkeiten. Das heißt, nicht nur
die dort typische Vielvölkerwelt – Rumänen, Ungarn, Deutsche, Juden, Zigeuner, Armenier etc. –
tritt in Erscheinung, sondern auch die rationalen wie emotionellen Bewertungen der Ereignisse
und die Ereignisse selbst sind südostspezifisch. Die Notwendigkeit, der Völkervielzahl erzähle-
risch gerecht zu werden, zwang mich zu einem großen dramatis-personae-Kreis. Diesen wieder

11
Messilat Yescharim = Straße der Gerechten, Straße im Zentrum Jerusalems.
12
Die Arbeit an dem 700-Seiten-Skript (Titel: „Die Rückkehr der Wölfe“) wurde am 1. September 2004 abgeschlossen.
13
Prof. Dr. h.c. mult. GMD Erich Bergel (1930-1998), Dirigent, Musikwissenschaftler, Bach-Forscher, Inhaber des Lehr-
stuhls für Orchesterleitung und -erziehung, Hochschule Berlin. (Siehe dazu: Hans Bergel: Erich Bergel, ein Musiker-
leben. Gehann-Musikverlag, Mannheim 2005.)
14
Mit dem Dekret Nr. 830 wurde die Bildung der NS-“Deutschen Volksgruppe in Rumänien“ am 20. November 1940
auf Anweisung des Staatsführers General Antonescu ermöglicht. Das Dekret wurde am 8.10.1944 wieder aufgehoben.

ZGR 1-2 (25-26) / 2004, 1-2 (27-28) / 200 427


Manfred Winkler – Hans Bergel: Briefwechsel, Gedichte

auf zwingende Weise durch ein Handlungsgeflecht zueinander in Beziehung zu setzen, damit
das epische Panorama nicht in Einzelaktionen auseinander fällt: hierin lag eine der Haupt-
schwierigkeiten.
So entstand nolens volens ein Epos, das zugleich ein Geschichts-, ein Gesellschafts-, ein
Bildungs-, weitgehend auch ein Kriminal-, nicht zuletzt ein Liebesroman in einem ist. Die
Positionen geistiger Zeitthematik werden gegeneinander ausgespielt, die politischen, und
militärischen Auseinandersetzungen localiter ausgetragen usw. Dabei war ich mir mit Dankbar-
keit des Umstands bewußt, daß mir eine Fülle an „Rohstoff“ zur Verfügung stand, wie es in
unseren Tagen nur die lateinamerikanischen Erzähler wie Gabriel García Márquez, die Allende,
Llosa – an die kein Mittel- und Westeuropäer heranreicht – gleichsam vor der Haustür haben.
Ich meine die Fülle an ethnischen, sprachlichen, rassischen Schichtungen und Überlappungen,
aus denen heraus zwangsläufig ein Epos jene Lebendigkeit, Buntheit und innere Spannung er-
hält, die es bei einiger Meisterschaft dem europäischen Epos der monokulturellen, langweiligen
Gesellschaft a priori überlegen macht. Der europäische Südosten hat, ähnlich Südamerika, die
Gnade, freilich auch die Herausforderung der Vielfalt. Verheerend, daß sich südosteuropäische
Autoren seit 1989/90 den stupiden, bis zur Blutleere ideologisierten Erzählmustern und -
konzepten der Zentral- und Westeuropäer zuwenden!
Abgesehen aber von allem anderen lag mir bei Band II – der übrigens den Titel „Die Rück-
kehr der Wölfe“ tragen wird – nicht zuletzt am Vortrag in einer luziden, kristallklaren Sprache,
die je meisterhafter sie beherrscht wird, um so deutlicher die Einfachheit anstrebt. Ich stimme
mit Wolf Schneider durchaus überein, daß das entscheidende Kriterium bei der Analyse eines
Literaturwerks die Sprache ist, daß „alle anderen Kriterien zusammengenommen dieses eine
nicht aufwiegen“ (ich meine, sein Buch hierüber heißt „Magie und Macht der Sprache“, 1983,
rororo?). Mir schaudert, denke ich daran, wie das von Grass vor kurzem als „borniert“ be-
zeichnete deutsche Feuilleton gerade mal, wenn's gut geht, Inhalte, action, zu bewerten in der
Lage ist. Usw.
Du merkst, ich meditiere über Band II der Trilogie, als hätte ich den letzten Satz schon ge-
schrieben. Schluß also damit, ich will mich kommentierend nicht um die Spannung bringen,
deren jeder zum Schreiben bedarf.
Herzlich und wie immer in Freundschaft,
Hans
*****

4.
Zur Hadassa, 3.4.04
Lieber Hans,
ich lege Dir die 84ste Nummer der mittelländischen Zeitschrift „Apirion“ ( „Baldachin“) bei,
eine im Jahre 1982 gegründete Vierteljahresschrift für Literatur. Der Gründer Erez Biton ist
selber Dichter, langjähriger Vorsitzender des Hebräischen Schriftstellerverbandes. Erez Biton
erblindete in der Kindheit.
Dein Gedicht „Anrufung“ aus der „Israelischen Triilogie III“ ist auf Seite 32 der Zeitschrift ab-
gedruckt. Ich war bei der Übersetzung gezwungen, den Titel zu ändern und wählte den dritten
Schlußvers „Du bist das Nichts“. Das Gedicht ist eher auf kabbalistischen Auffassungen als auf alt-
testamentarischen aufgebaut (bei Dir hieß es zuerst „Alttestamentarische Anrufung“); das war mir
bewußt, ich wurde aber auch darauf aufmerksam gemacht. Wir reagieren hier in diesen Fragen

428 ZGR 1-2 (25-26) / 2004, 1-2 (27-28) / 2005


Manfred Winkler – Hans Bergel: Briefwechsel, Gedicht

empfindlicher, als ihr Europäer das wißt, weil wir ja der Boden sowohl für das eine als auch für das
15
andere sind. Dein Motiv findet sich auch in Celans Gedicht „Psalm“ im Buch „Niemandsrose“. Es ist
eines seiner bekanntesten Gedichte. Ich übersetzte es neben anderen ins Hebräische und gab ihm
ebenfalls einen Vers als Titel, „Die Rose des Nichts“. Ich hoffe, du bist mir wegen meiner Eigenmächtig-
keit nicht gram, ansonsten konnte ich das Gedicht fast wortwörtlich übersetzen und Deine Rhythmen
beibehalten. Das Gedicht wirkt auch im Hebräischen kraftvoll.
Eine mir bekannte Malerin, die ich – noch ehe ich die Nummer der Zeitschrift erhielt – auf das Ge-
dicht aufmerksam machte, hatte es bereits gelesen, sie war überaus beeindruckt. Was mir dabei be-
sonders gefiel: sie gebrauchte nicht das Wort „schön“ für das Gedicht, sondern das Wort „stark“. Und so
ist es auch: ein starkes Gedicht.
In letzter Zeit habe ich sehr viel geschrieben – und ausschließlich Deutsch. Dazu drängte es mich.
ich weiß nicht, soll ich mich darüber freuen?
Mit den besten Grüßen von uns,
Manfred
*****
5.
Gröbenzell bei München, 17.05.2004
Lieber Manfred,
aus Italien zurück, fand ich unter meiner Korrespondenz den hier beigelegten Brief vor. „Kürschners
Deutscher Literatur-Kalender“ ist das umfangreichste, am sorgfältigsten recherchierte Telegramm-
Literaturlexikon deutscher Sprache (die letzte Ausgabe im 63. Jahrgang umfaßt zwei Bände von ins-
16
gesamt 1800 Seiten). Ich werde in dem Lexikon seit Anfang der sechziger Jahre – als ich noch in
Rumänien (und dort sogar als politischer Häftling mit Zwangsaufenthalt in der B`r`gansteppe) lebte –
geführt. Nun schrieb ich der Redaktion mit dem Hinweis auf Dich einen Brief – und jetzt erfolgt mit
diesem Schreiben die Bitte an Dich, die entsprechenden Daten einzusenden, damit Du in die nächste
bevorstehende Auflage aufgenommen wirst. Zur Veranschaulichung hier eine Fotokopie des letzten
Textes über mich. Zum Teil besitzt die Redaktion einige Daten über Dich (wie ich auf der Rückseite des
Schreibens sehe).
Die umtriebige Frau Lehrke schickte Dir doch die Presseberichte? Deine Lesung machte mir wieder
klar: Seit ich Deine von großen, kühnen Bildern erfüllten Gedichte kenne, kann ich Lyrik in deutscher
Sprache wieder lesen.
17
Das „Lyris“-Buch des Beerenverlags habe ich auf der Eisenbahhfahrt nach München gelesen und
sofort eine Rezension für unsere „Vierteljahresblätter“ geschrieben, die schon bei J.A. Stupp liegt.
Ebenso ordnete ich je drei Gedichte von Tuvia Rübner, Manfred Winkler und Hans Bergel (von mir die
18
„Israelische Trilogie III“) zu einem Lyrik-Zyklus – für eins der nächsten unserer Hefte. Ich gewann den
19
Lyriksachverständigen Dr. Motzan sofort für mein Vorhaben und freue mich, gemeinsam mit Dir und
Rübner zu erscheinen.

15
Paul Celan: Die Niemandsrose. Gedichte. 1963.
16
Kürschners Deutscher Literatur-Kalender 2002/2003. Dreiunddreißigster Jahrgang. Redaktion: Andreas Klimt. Band I
A-O, Band II P-Z. [Link]-Verlag. München-Leipzig 2003.
17
Lyris. Deutschsprachige Dichterinnen und Dichter in Israel. Vorgestellt von Dorothee Wahl. Beerenverlag, Frankfurt
am Main 2004.
18
Südostdeutsche Vierteljahresblätter. Heft 3/2004, S. 177-186, München.
19
Peter Motzan (*1946), in Sibiu/Hermannstadt geborener Literaturwissenschaftler („die rumäniendeutsche lyrik nach

ZGR 1-2 (25-26) / 2004, 1-2 (27-28) / 200 429


Manfred Winkler – Hans Bergel: Briefwechsel, Gedichte
20
Die kurzen Tage in Bremerhaven in Deiner Gesellschaft haben mir gut getan. Jedes Gespräch mit
dem „weisen Lyriker“ Manfred Winkler, wie die „Nordseezeitung“ Dich nennt, ist mir eine menschliche
Erholung. Es ist ein Mangel meiner alten Tage, geographisch nicht näher bei Dir zu sein.
Soeben rief Dr. Albers an, der mich übermorgen besuchen wird. Er bedauerte es sehr, nicht gewußt
zu haben, daß Du in Bremerhaven warst. Vermutlich will er jetzt mit mir über Deine Gedichte sprechen.
Du wirst von mir Näheres erfahren.
21
Der Tod des chaotisch-unruhigen, bohrend-besessenen Paul Schuster hat mich zu einem Nachruf
22
für unsere Zeitschrift veranlaßt , in dem ich mich zum ersten Mal einigermaßen systematisch mit dem
Mann auseinandersetzte, den ich immerhin über sechzig Jahre lang kannte. In vielerlei Hinsicht waren
wir genaue Antipoden: Während er mit seiner klugen, sympathischen Frau Zimra Miro (als Ana Novac
damals eine der bekanntesten Bühnenautorinnen in Rumänien, sie lebt heute in Paris) in feudaler Villa
in einem grünen Vorort Bukarests als hochgejubelter Schriftsteller Gäste aus Italien und Frankreich
empfing, fror ich bei -30 Grad im Zwangslager an der Unteren Donau; während er „mit Ceau[escu
frühstückte“, fristete ich mein Leben als Ex-Häftling und mußte mich zweimal in der Woche bei der
23
Securitate in Kronstadt melden; etc. Dennoch war so etwas wie eine innere Verbindung all die Jahre
hindurch vorhanden. Wir hielten trotz radikal unterschiedlicher politischer und sonstiger Ansichten „in
übergeordneter Treue“ zueinander, wie er mir erst zwei Jahre vor seinem Tod schrieb. Friede seiner
Asche! Ich notiere die Vita-Unterschiede sine ira et studio lediglich als Mementohinweis auf die feinen
Auswahlkriterien, mit denen das Leben verfährt. Paul Schuster war immer schon Gegenstand meines
Mitleids für den ihm zugedachten Part.
Soviel für diesmal, grüße Herma, die unentwegt Rührige, auch von Elke, euch beiden alles Gute, herzlich,
Hans

1944. problemaufriß und historischer überblick“. Dacia-Verlag, Bukarest 1980, u. a.), lebt seit 1990 in Augsburg,
Deutschland; er ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am „Institut für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas“,
München, als solcher Herausgeber literaturwissenschaftlicher Sammelbände; wissenschaftlicher Funkautor.
20
Jeanette-Schocken-Literaturtage 2004, Bremerhaven, 4.-9. März 2004.
21
Paul Schuster (1933-2004), in Sibiu/Hermannstadt geborener Romancier, Erzähler und Publizist („Der Teufel und das
Klosterfräulein“, Roman 1955; „Fünf Liter Zuika“, Roman 2 Bde. 1961-1863, neue Fassung 1965-1967; u.a.); bis zur
illegalen Ausreise 1975 in Bukarest auch politisch für kommunistische Anschauungen engagiert; lebte in Deutschland
in Berlin.
22
Hans Bergel: Erinnerungen an einen schwierigen Gefährten. Zum Tod des Schriftstellers Paul Schuster. In: Südost-
deutsche Vierteljahresblätter, Heft 3/2004, S. 199-202, München; auch in: Zeitschrift der Germanisten Rumäniens, 1-2
(25-26) / 2004, 1-2 (27-28) / 2005 (s. vorliegenden Band!).
23
Hans Bergel kam aus politischen Gründen in Rumänien dreimal ins Gefängnis: 1947-1948, 1954-1955, 1959-1964.

430 ZGR 1-2 (25-26) / 2004, 1-2 (27-28) / 2005


Manfred Winkler – Hans Bergel: Briefwechsel, Gedicht

MANFRED WINKLER: GEDICHTE


I

UNZEIT-
NZEIT-GEDICHT

1
ich weiß nicht wie ich dich nennen soll
kein Wort hilft mir aus dieser Not
ich nenne dich einfach Namenlos -
ein poetisches Spiel wenn die Nacht uns bedroht

2
ich nenne dich einfach Über-mein-Sein
und zieh durch die Welt einen Strich
ich nenne dich einfach Keines-Menschen-Sein,
und lasse dich bangen vielleicht wirst du zum Gedicht
vielleicht das kleine Licht einer großen Sonnenshow

3
ich ziehe durch die Welt einen Strich
streiche mich durch, vielleicht bin ich dann
eine Kröte die zum Prinzen ward, vielleicht ein Clochard
unter den Brücken von Paris vielleicht Jonas
der Prophet auf der Flucht vor Gottes Gebot
vielleicht ein In-sich-selbst-Gezwängter
ohne Schneckengehäus in der computerläufigen Welt
den Strahlen ausgesetzt

4
ich weiß nicht wie ich dich nennen soll
irre durch die Straßen wie ein verlaufenes Schaf
unter hohen Bögen elektronischer Logos-Absurdität
höre wieder das morgendliche Läuten
von der huzulischen Bauernkirch im Tal
und sehe den osterfarbenen Menschenring um die Kirche herum


Die mit einem Sternchen versehenen Gedichte werden an dieser Stelle erstveröffentlicht. (Anm. der ZGR-Red.)

ZGR 1-2 (25-26) / 2004, 1-2 (27-28) / 200 431


Manfred Winkler – Hans Bergel: Briefwechsel, Gedichte

5
Es war einmal zeitlose Zeit unter den Karpatenfichten
der viereckige Brunnen mit dem großen Rad vor dem Haus,
die grüngestrichene Glasveranda und die Bank auf der Vater saß
mit den Büchern einer paragraphierten Gerechtigkeit in der Hand
und las aus ihnen im Sonnenuntergang

II *
Wenn die Zeit kommt
die unerwartete
wenn der Abend vorzeitig
in den Morgen fällt
wenn man woanders sagt
daß Zeit ist
wenn man nichts sagt
wenn man sich selbst
an den Nagel hängt

Wenn man auf Augen wartet


die nicht mehr sind –
zwei Tiefen der Dunkelheit
in einem verfallenen Gesicht
wenn man verstummen möchte
und es nicht kann
und wenn man verstummt
und es nicht mehr will

III

AN EINEM
EINEM ROMANTISCHEN VORABEND
VORABEND *

Vor deinem Fenster reckt sich der Himmel


über die Rotdächer der Häuser
dem Sonnenuntergang entgegen

Der Horizont rückt dunkelblutend näher


Und überfällt den Mann
Der sich nicht mehr wehren will kann

432 ZGR 1-2 (25-26) / 2004, 1-2 (27-28) / 2005


Manfred Winkler – Hans Bergel: Briefwechsel, Gedicht

Die Weite trägt ihm ihre neblige Reife zu,


und bedeckt das Dunkelblut des Horizonts
über den ein blaßsilberner Mond sich mählich
zu erheben beginnt

Die Amsel im Geäst gegenüber verstummt

Und plötzlich rauscht über dem Weg


ein Rabe auf
den man vergessen hat

IV *
Und den Himmel sehn

Ich habe mich


von meiner Nacht entfernt
und gehe dem Morgen zu

Sieh eine Ruh säumt dort auf dem Baum


ich kenne mich und weiß
der Sturm ist in mir
und dunkles Wetter
bewegt den Sinn

Mein Gedicht kommt daher das stumme


ich möchte nichts
in diesem Augenblick
als aus dem Wort
hinabzuwachsen
in die Tiefe
und den Himmel sehn
*****

JANUAR 1992 - ZUR HADASSA

Es ist die fünfte Stunde des Sturms,


der die Hänge mit Regen umdunkelt
und Schneebeginn.
Es ist die fünfte Stunde der Schwebe
unter dem grauen Wolkenbaldachin

ZGR 1-2 (25-26) / 2004, 1-2 (27-28) / 200 433


Manfred Winkler – Hans Bergel: Briefwechsel, Gedichte

knieender Bäume.
Es ist die gebeugte Stunde
ziehender Wolken:
Bergketten vereinigen sich
mit dem Himmel zu einem einzigen Raum.
Gott hat uns einen Johann Sebastian Bach gegeben
für solche Stunden,
und Worte, die verwirren,
wir möchten ihnen entfliehen
und wissen nicht wie,
wir wissen nur, daß Regen uns trägt
mit den Winden dem letzten Ende entgegen,
daß die Stunden schwinden aus dem Tag
und eine Riesenhand uns hebt
in die geballten Höhen der Verkündigung.

Von den Schultern der Karpaten

Tagschafe die du suchst,


Hirte sein, du trägst
über den grünen Hang
ihre bräunliche Wolle -
Braunwolle von Sonne
versilbert.
Von den Schultern
der Karpaten zittert
ein Flötenspiel
noch immer ins Tal.

Verkrustete Rauchschatten der Häuser,


Flötenspiel, ukrainische Ostereier,
gelbe Gesichter der Menschen.

Wer gibt mir noch die Kraft der Träume


zwischen den Klängen,
wo hat sich mein Mond
beheimatet?
Bäume.
Gräber
uralter

434 ZGR 1-2 (25-26) / 2004, 1-2 (27-28) / 2005


Manfred Winkler – Hans Bergel: Briefwechsel, Gedicht

zerissener
heimgewordener
Orient.

IN DER BUCHT VON ELATH

Das Gesicht der Geschichte schreibt hier


neueste Zeit ins Meer und den kühlen Sand.
Wir sind vielleicht mehr als wir wollen und meinen,
tragen in unserem Leib des Ungesagten
gesprungenes Glas.

Vom Lagunenhotel schreit Musik ihre Lust


als wär' sie die Ewigkeit,
die Eintagsfliege Herz jedoch schwirrt
von der Einsamkeiten Brückengang
übers Meer.

Man lebt nur einmal!


Komm in den kühlen Sand der Dunkelheit.
Dort liegt man im gleichen Blut beisammen
von Sternen umsonnt,
Wellen zerplätschern den Ufermond.

Gib mir dein Sein, dann schreibe ich


der ungelebten Jahre Zahl
und Namen hinein mit blinder Hand,
schreibe dich
schreibe mich
den Tanz der Delphine
die Berge Moab und Midian.

*
* *

ZGR 1-2 (25-26) / 2004, 1-2 (27-28) / 200 435


Manfred Winkler – Hans Bergel: Briefwechsel, Gedichte

24
HANS BERGEL: GEDICHTE

ÄGÄISCHE TETRALOGIE

I
KRETISCHE AUSFAHRT

Die Nacht
hat den Glanz der Inseln
dem Morgen aufbewahrt.
Nun zerrt
der junge Wind der Frühe
am klirrenden Mast,
die Uferwellen
umschwatzen den Kiel,
und herrisch fordernd
zerhämmert das Licht
die Schatten
im kretischen Fels.

Durch tausend geöffnete Tore


lädt dich die Stunde
zur Ausfahrt ein.
Schultre die Heiterkeit!
Schlüpf in den Flügelschuh!

Wandere uferentlang
auf sommersprödem Pfad
ins wartende Blau
über der Klippe
und hisse die Segel,
solang sich die Brise dir gibt -

noch ehe im Glutstrom


des südlichen Jahrs
ringsum beim Anblick der Götter
das Herz dir erbebt.

24
Bislang noch unveröffentlichte Texte. (Anm. der Red. der ZGR)

436 ZGR 1-2 (25-26) / 2004, 1-2 (27-28) / 2005


Manfred Winkler – Hans Bergel: Briefwechsel, Gedicht

II
SANTORINISCHE STROPHEN
STROPHEN

Gewaltig kündigt sich der Sommer an


mit Thymianduft und heißen Windgesängen,
mit Doldentrauben, die wie Frauenbrüste
aus Strauch und Busch dem Gott entgegendrängen,
der gierig sie und leidenschaftlich küßte,
und mit der Sonne feurigem Gespann.

Im Meerglanz, der sich um die Inseln schmiegt,


erlosch des Winters letzte dumpfe Frage,
und alles Leiden, das dem Ungewissen
gestalt- und farblos überhüllter Tage
entsprang, verwehte mit den Finsternissen
im Licht, das sich im Schaum der Brandung wiegt.

Doch in der Felsenklippe währt die Nacht,


und durch den Blick der Götter irren Schatten
und Rätsel ewiger Unfaßlichkeiten,
die uns im Leben mit dem Tod begatten
und uns erschrecken mit den Dunkelheiten
der Launen ihrer unzähmbaren Macht.

Noch aber gilt der Stunde reines Glück,


das Fest der Nereiden auf den Wellen,
der weißen, Segel himmelnahes Schweben -
und wenn am Kap die Freudenjauchzer gellen
im Tanz und Spiel, kehrt das entschwundne Leben
mit Gaben und Verheißungen zurück

III

DAPHNIS UND CHLOE

Wir haben nicht mehr als das Lächeln füreinander


und den Regenbogen unsrer Versprechungen,
den wir uns schenkten, ehe der Tag sich neigte.
ZGR 1-2 (25-26) / 2004, 1-2 (27-28) / 200 437
Manfred Winkler – Hans Bergel: Briefwechsel, Gedichte

Der Unrast unsres Schritts verweigert sich


das Tor, das offen steht.
Der Lärm unserer Angst verwehrt uns die Einkehr
bei uns selber.

Abgewendet vom Licht, sehen wir, Blinde,


die Brücken nicht mehr, die brach liegen,
und vergessen die Wege, die verwildern,
weil wir sie nicht beschreiten.

Wir haben die Stille zerstört,


in der uns das Lächeln erreicht
des Regenbogens, den wir einander bauten.

Nie mehr wird der Vogel vor uns her fliegen,


wenn wir nachts und zu spät die Richtung suchen.
Nie mehr.

Der Engel, der Ausschau hielt nach uns,


schwebt über den Abgrund zurück in die Stille,
aus der wir fielen.

IV
PAN AUF SÀMOS

Wenn der Schrei der Zikade


dich vor die Höhle lockt,
alter ergrauter Pan,
vergiß die Sehnsucht
nach dem Tanz
mit dem äolischen Licht.

Vom Pyrgosginster herüber


streicht Honiggeruch.
Das Summen der Bienen
krault dir den Bart.

438 ZGR 1-2 (25-26) / 2004, 1-2 (27-28) / 2005


Manfred Winkler – Hans Bergel: Briefwechsel, Gedicht

Aus den Hängen


über der Bucht Latítion
weht Dattelaroma
dir in die immer noch
lüsterne Nase,
oh, und der Duft
sonnengebräunter
erhitzter Mädchenleiber
hebt wie eh und je
dir den Kopf nach Sonnenaufgang.

Vergiß die Versuchung,


die sie dir senden.
Überlaß deinen Blick
der Weite des Meeres
vor Ioniens leuchtenden Küsten
und gönn deinen zermürbten Knochen
das Glück der späten Stunde,
im traumlosen Tag zu versinken,
als lebtest du längst
jenseits der Welt
im ewigen Siegesschrei
der Zikade.

ZGR 1-2 (25-26) / 2004, 1-2 (27-28) / 200 439

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