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Davis

Der Artikel von Kathy Davis untersucht die Rolle der Intersektionalität in der feministischen Theorie und deren Erfolg als Konzept, das Differenzen zwischen Frauen anerkennt und die Exklusionsprozesse innerhalb des Feminismus thematisiert. Davis argumentiert, dass die Vagheit und Vieldeutigkeit der Intersektionalität zu ihrem Erfolg beitragen, da sie ein breites Publikum anspricht und zur kritischen Auseinandersetzung anregt. Der Beitrag beleuchtet sowohl die positiven Aspekte als auch die Unsicherheiten, die mit der Anwendung des Intersektionalitätsansatzes verbunden sind.

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Der Artikel von Kathy Davis untersucht die Rolle der Intersektionalität in der feministischen Theorie und deren Erfolg als Konzept, das Differenzen zwischen Frauen anerkennt und die Exklusionsprozesse innerhalb des Feminismus thematisiert. Davis argumentiert, dass die Vagheit und Vieldeutigkeit der Intersektionalität zu ihrem Erfolg beitragen, da sie ein breites Publikum anspricht und zur kritischen Auseinandersetzung anregt. Der Beitrag beleuchtet sowohl die positiven Aspekte als auch die Unsicherheiten, die mit der Anwendung des Intersektionalitätsansatzes verbunden sind.

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Intersektionalität als „Buzzword“

Eine wissenschaftssoziologische Perspektive auf die Frage


„Was macht eine feministische Theorie erfolgreich ?“1

Kathy Davis

Intersektionalität wird als der „wichtigste Beitrag, den die Frauenforschung bisher
geleistet hat“ (McCall 2005: 1771) gepriesen. Feministische Wissenschaft lerInnen
aus verschiedenen Disziplinen (Philosophie, Sozial-, Geistes-, Wirtschafts- und
Rechtswissenschaften), mit verschiedenen theoretischen Ausrichtungen (Phäno-
menologie, strukturalistische Soziologie, Psychoanalyse und Dekonstruktivismus)
und politischen Überzeugungen (Feminismus, Antirassismus, Multikulturalis-
mus, Queer Studies, Disability Studies) scheinen sich alle einig zu sein, dass Inter-
sektionalität genau das ist, was jetzt gebraucht wird.
Obwohl die meisten feministischen WissenschaftlerInnen der These zustim-
men würden, dass Intersektionalität für die feministische Theorie von wesentli-
cher Bedeutung ist, hat dieser Ansatz überall in den USA und Europa auch für
hitzige theoretische Debatten gesorgt: Für die einen ist Intersektionalität eine
Theorie, andere betrachten den Ansatz als Konzept oder heuristisches Instrument,
wieder andere sehen ihn als eine Interpretationsstrategie für feministische Ana-
lysen. Kontroversen sind darüber aufgekommen, ob Intersektionalität als eine
„Straßenkreuzung“ (Crenshaw 1991), als Differenz-„Achsen“ (Yuval-Davis 2006)
oder als ein dynamischer Prozess (Staunæs 2003) aufgefasst werden sollte. Zudem
ist es alles andere als klar, ob Intersektionalität auf die Interpretation individuel-
ler Erfahrungen beschränkt bleiben sollte, ob der Ansatz zur Theoriebildung über
Identität dienen soll – oder ob Intersektionalität als Merkmal sozialer Strukturen
und kultureller Diskurse aufgefasst werden sollte.
Dies wirft die Frage auf, wie es dazu kommen konnte, dass eine derartig vage
Theorie von so vielen als „Cutting Edge“ moderner feministischer Theorie be-
trachtet wird. Und benötigt sie – wie von einigen gefordert – einen kohärenteren
konzeptionellen Rahmen und eine kohärentere Methodologie, um ihr Potenzial

1 Bei diesem Text handelt es sich um die gekürzte Übersetzung eines Artikels, der erstmalig 2008
in Feminist Theory 9(1), 67 – 85 erschienen ist.

H. Lutz et al. (Hrsg.), Fokus Intersektionalität,


DOI 10.1007/978-3-531-19550-6_3 © Springer Fachmedien Wiesbaden 2013
60 Kathy Davis

auszuschöpfen und die komplexen Wirklichkeiten zu erfassen, die sie ursprüng-


lich behandeln sollte (McCall 2005) ?
Dieser Beitrag beschäftigt sich sowohl mit dem Phänomen des spektakulä-
ren Erfolgs des Intersektionalitätsansatzes als auch mit den Unsicherheiten, die er
hervorbringt. Dabei mache ich keine Vorschläge, wie die Ambivalenzen rund um
dieses Konzept zu klären wären oder wie die Unsicherheiten in Bezug auf seine
Verwendung gemildert werden können. Mein Argument lautet ganz im Gegenteil,
dass gerade die Vagheit und Offenheit von „Intersektionalität“ ihr Erfolgsgeheim-
nis ist. Dazu greife ich auf Ergebnisse aus der Wissenschaftssoziologie zurück.2
Dieser Zweig der Soziologie beschäftigt sich mit dem Prozess der wissenschaftli-
chen Tätigkeit, der Beziehung zwischen Theorien und ihrem Publikum und, allge-
meiner, mit der Frage, wie eine bestimmte Theorie oder theoretische Perspektive
ein (akademisches) Publikum dazu bringen kann, einen Aspekt der Wirklichkeit
auf eine bestimmte Weise wahrzunehmen.
Insbesondere beziehe ich mich auf das Werk von Murray S. Davis, der vor
mehreren Jahrzehnten zwei – nach meiner Ansicht – leider stark unterschätz-
te Artikel vorgelegt hat: „That’s Interesting !“ (1971) und „That’s Classic !“ (1986).3
Davis geht darin der Frage nach, was eine bestimmte Gesellschaftstheorie in die
Lage versetzt, ein breites akademisches Publikum zu faszinieren. Mit Rückgriff
auf Phänomenologie und Wissenschaftsrhetorik analysiert er, wie es dazu kommt,
dass Theorien, die im Umlauf sind oder „in der Luft liegen“ (1971: 312), von ihrem
jeweiligen Publikum als interessant wahrgenommen werden oder gar in den ehr-
würdigen Rang eines „Klassikers“ aufsteigen. Zwar bezieht Davis seine Beispiele
aus den klassischen „Grand Theories“ der Soziologie (Marx, Durkheim, Weber),
doch lassen sich seine Argumente auf jede Theorie übertragen – auch, wie ich
zeigen werde, auf die feministische Theorie. Davis fragt nicht danach, ob eine
bestimmte Theorie „gut“ ist, d. h. ob sie valide oder in der Lage ist, bestimmte
Aspekte der sozialen Welt adäquat zu erklären, ob ihre Logik und Argumente
schlüssig sind – ganz im Gegenteil: Sein Argument lautet gerade, dass keine Theo-
rie jemals wegen ihrer „Wahrheit“ oder Schlüssigkeit „berühmt“ geworden sei.
Stattdessen, so Davis, florieren erfolgreiche Theorien gerade aufgrund ihrer Viel-
deutigkeit und Unvollständigkeit. Erfolgreiche Theorien sprechen ein Anliegen
an, das ein breites wissenschaftliches Publikum für fundamental hält, dies jedoch

2 Für eine einflussreiche Formulierung siehe Merton (1973).


3 Da ich stets danach gefragt werde – Murray Davis und ich haben zwar denselben Nachnamen,
wir sind jedoch nicht verwandt.
Intersektionalität als „Buzzword“ 61

auf eine Weise, die nicht nur überraschend, sondern inhärent diffus und faszinie-
rend unbestimmt ist.
Auf den ersten Blick scheint der Intersektionalitätsansatz alle Merkmale einer
erfolgreichen feministischen Theorie zu haben.4 Ich möchte mich im Folgenden
nicht auf die Frage einlassen, ob er als „ausgewachsene Theorie“ gelten kann; mich
interessiert vielmehr, wie es diesem Ansatz gelungen ist, das Denken vieler fe-
ministischer WissenschaftlerInnen anzuregen – denn er hat nicht nur allgemei-
nes Interesse geweckt, sondern ForscherInnen beinahe dazu gezwungen, sich auf
theoretische Debatten einzulassen und nach Möglichkeiten zu suchen, ihn in ei-
genen Untersuchungen anzuwenden. Mit Davis’ Erklärung des „Erfolgsgeheim-
nisses“ von Theorien im Hinterkopf, gehe ich den Eigenschaften auf den Grund,
denen der Intersektionalitätsansatz seinen Erfolg verdankt: Er konzentriert sich
auf ein umfassendes, fundamentales Problem der feministischen Theorie, bietet
etwas Neues, spricht GeneralistInnen ebenso an wie die SpezialistInnen des Fachs
und ist dabei so vieldeutig und unbestimmt, dass er geradezu dazu provoziert, ihn
konstruktiv zu kritisieren und weiterzuentwickeln. Im Folgenden thematisiere ich
zunächst den Grund für seinen Erfolg innerhalb der zeitgenössischen feministi-
schen Theorie; anschließend frage ich danach, ob die Tatsache, dass ein so chi-
märenhaftes und – wie manche behaupten würden – wissenschaftlich unsolides5
Konzept so umfangreich rezipiert wird, nur Grund zur Freude ist oder vielleicht
auch Anlass zur Besorgnis geben sollte.

Das „fundamentale Anliegen“

Nach Davis (1986) zeichnet sich eine erfolgreiche Gesellschaftstheorie zuerst da-
durch aus, dass sie ein „primäres Problem“ ihres Publikums anspricht. Sie muss
sich als entscheidender „Schlüssel“ zum Verständnis eines Problems zu erkennen
geben, das einem bestimmten Publikum besonders am Herzen liegt. Dieses Pro-
blem muss dabei so allgegenwärtig sein, dass eine Theorie, um überhaupt „anzu-

4 Er scheint – so Knapp (2005) – sogar eine der bekanntesten travelling theories des Feminismus zu
sein.
5 Damit keine Missverständnisse aufkommen: Ich teile nicht die Ansicht, dass eine Theorie be-
stimmten wissenschaftlichen Kriterien entsprechen muss, um nützlich zu sein. Aber wie jeder / m
Studierenden der Sozialwissenschaften bekannt sein sollte, ist über die Anforderungen an eine
„gute“ Theorie bereits viel diskutiert worden. „Solide“ bezieht sich daher hier auf die wissen-
schaftlichen Konventionen über „gute Theorien“.
62 Kathy Davis

kommen“, schlicht nicht umhin kommt, es zu thematisieren (Davis 1986: 287).6


Einschränkend fügt Davis hinzu, dass ein solches Anliegen nicht schon allein des-
halb „fundamental“ ist, weil es von einem breiten, heterogenen akademischen Pu-
blikum geteilt wird – es muss sich auch um einen Sachverhalt handeln, der gegen
etwas verstößt, das dem Publikum am Herzen liegt, der – wie er es formuliert –
‚ihr „unumstößliches Ideal“ bedroht‘ (Davis 1986: 290). Dies sorgt für den notwen-
digen „Verzweiflungszusammenhang“, der das Publikum dazu bringt, Zeit und
Kraft in den Versuch zu investieren, das Problem unter Kontrolle zu bringen und
so die Ursache seines Unbehagens zu beseitigen.
„Intersektionalität“ thematisiert das zentrale theoretische und normative Pro-
blem in der feministischen Wissenschaft – die Anerkennung von Differenzen zwi-
schen Frauen. Sie berührt das drängendste Problem, dem sich der Feminismus
aktuell gegenübersieht – die lange und schmerzliche Geschichte seiner Exklu-
sionsprozesse (Zack 2007: 197). Das Konzept Intersektionalität bringt das Problem
der Unterschiede zwischen Frauen auf den Punkt, indem es einen „praktischen
Sammelbegriff “ bereitstellt, „der darauf abzielt, die vielfältigen Positionierungen,
die das Alltagsleben ausmachen, und die dafür entscheidenden Machtbeziehun-
gen sichtbar zu machen“ (Phoenix 2006: 187). Gleichzeitig verspricht es die Ex-
klusionsprozesse zu thematisieren (und zu überwinden), die der feministischen
Forschung so sehr zu schaffen gemacht haben, indem er einfach – trügerisch ein-
fach – „die andere Frage stellt“7:

„Wenn ich etwas sehe, das nach Rassismus aussieht, frage ich: Welche Rolle spielt das
Patriarchat dabei ? Wenn ich etwas sehe, das nach Sexismus aussieht, frage ich: Wel-
che Rolle spielt der Heterosexismus dabei ? Wenn ich etwas sehe, dass nach Homo-
phobie aussieht, frage ich: Welche Rolle spielen Klasseninteressen dabei ?“ (Matsuda
1991: 1189)

6 Für die Soziologie war das fundamentale Anliegen die Beziehung zwischen Individuum und Ge-
sellschaft – ein Thema, das in endlosen Debatten über soziale Ordnung und Rollen, Struktur und
Handeln, kulturelle Diskurse und Prozesse der Subjektwerdung immer wieder recycelt wurde.
Dieses Anliegen hielt die soziologischen Debatten bis ins 21. Jahrhundert hinein lebendig, bis es
von einem neuen „fundamentalen Anliegen“ – der Globalisierung – verdrängt wurde.
7 „Trügerisch einfach“ deshalb, weil, wie jeder, der versucht hat, das Verfahren einzusetzen, weiß,
es lediglich am Anfang der Analyse steht: Die mühsame Arbeit, die Zusammenhänge zwischen
den Differenzkategorien herzustellen und den Machtverhältnissen hinter ihnen auf die Spur zu
kommen, muss dann erst noch geleistet werden.
Intersektionalität als „Buzzword“ 63

Zwar waren die Themen Differenz und Diversität sowohl wichtig für das politi-
sche Vorhaben, das Wechselspiel der Kategorien „Rasse“, Klasse und Geschlecht
zu untersuchen, als auch für das dekonstruktivistische Projekt der postmodernen
feministischen Theorie – die beide als zwei der wichtigsten Strömungen des ak-
tuellen feministischen Denkens gelten – gleichzeitig aber weckten sie unter fe-
ministischen Wissenschaftlerinnen auch Zweifel an der Durchführbarkeit des
feministischen Unternehmens insgesamt: Wenn das „alte“ Ideal eines inklusiven
Feminismus – das Szenario der „gemeinsamen Welt der Frauen“, wie Mohanty es
formuliert – als theoretisch und politisch ethnozentrisch und imperialistisch auf-
gegeben wird (Lugones und Spelman 1983; Mohanty 1988), wo sollten feministi-
sche WissenschaftlerInnen dann noch eine gemeinsame Basis finden, die für ihr
theoretisches Unternehmen das Etikett „feministisch“ rechtfertigt ?
Intersektionalität stimmt mit der Notwendigkeit überein, die theoretische He-
gemonie der Kategorie Gender und die vom weißen westlichen Feminismus pro-
duzierte Exklusion zu problematisieren, und bietet dennoch eine Plattform an,
feministische Theorie als ein gemeinsames Vorhaben anzugehen. Intersektionali-
tät verspricht nahezu universell verwendbar zu sein – hilfreich für das Verstehen
und die Analyse jeder sozialen Praxis, jeder individuellen oder kollektiven Erfah-
rung, jedes strukturellen Arrangements, jeder kulturellen Konfiguration. Zudem
kann sie – per Definition – von allen (feministischen) ForscherInnen eingesetzt
werden, die ihre eigene soziale Position, welche es auch sein mag, als analytische
Ressource anstatt als bloßen Identitätsmarker einsetzen möchten. Intersektionali-
tät bietet feministischer Theoriebildung und Analyse einen neuen Daseinszweck.
Der Erfolg des Konzepts ist daher zumindest teilweise seiner impliziten be-
schwichtigenden Wirkung zuzuschreiben – denn er macht deutlich, dass die Fo-
kussierung auf Differenz feministische Theorie nicht obsolet oder überflüssig
machen wird.8 Mit anderen Worten: „Intersektionalität“ verspricht feministischen
WissenschaftlerInnen aller Identitäten, theoretischer Perspektiven und politischer
Überzeugungen, dass sie „auf mehreren Hochzeiten gleichzeitig tanzen können.“9

8 Oder, wie Pfeil (1994) anmerkt, sie zu einem „behindernden Fetisch“ machen wird, der die Be-
mühungen von unterschiedlich positionierten Feministinnen ignoriert, Affinitäten und Möglich-
keiten für eine Allianz „am Ort des Geschehens“ zu finden.“
9 Im Original „have their cake and eat it, too.“
64 Kathy Davis

Der überraschende Perspektivwechsel

Das zweite Merkmal erfolgreicher Gesellschaftstheorien ist, dass sie eine überra-
schende neue Perspektive auf ein altes Problem bieten. Nach Davis (1971) haben
Theorien gerade deshalb Erfolg, weil es ihnen gelingt, „das Angenommene zu
leugnen und das Unerwartete zu bestätigen“ (Davis 1971: 343). Erfolgreiche Ideen
fesseln die Aufmerksamkeit des Publikums, indem sie etwas in Frage stellen oder
erschüttern, das vorher geglaubt wurde. Sie stellen unerwartete Verbindungen
zwischen Ereignissen her, und zwar auf eine Weise, deren Möglichkeit das Pu-
blikum sich bis dahin nicht hatte vorstellen können (Davis 1971: 310 – 311). Auf
den ersten Blick scheint „Intersektionalität“ nicht zu diesem Steckbrief zu passen –
schließlich handelte es sich kaum um eine neue Idee. Kimberlé Crenshaw mag
den Begriff eingeführt haben, aber sie war keineswegs die Erste, die zum Thema
gemacht hat, wie die Erfahrungen Schwarzer Frauen innerhalb des feministischen
Diskurses marginalisiert und verzerrt worden sind. Auch das Argument, dass ihre
Erfahrungen als Folge sowohl von ethnischer als auch geschlechtsbezogener Be-
nachteiligung zu interpretieren seien, war nicht neu. Schwarze Feministinnen auf
beiden Seiten des Atlantiks und feministische Wissenschaftlerinnen in der Dritten
Welt hatten bereits zahlreich Kritik an der Art vorgebracht, wie die Erfahrungen
von Frauen of Color im feministischen Diskurs bis dahin vernachlässigt worden
waren, und betont, wie wichtig es ist, multiple Identitäten und unterschiedliche
Quellen von Unterdrückung zu theoretisieren.10 Infolgedessen wurde die Trias
race / class / gender zum neuen Mantra in der Frauenforschung; bald gehörte es
zum guten Ton, im Plural zu sprechen – von Geschlechter statt von Geschlecht,
von Feminismen anstatt vom Feminismus (Zack 2007). Wenn all diese Ideen also
schon „in der Luft lagen“, was war dann so besonders an „Intersektionalität“ ?
Auch wenn der Ansatz ein altes Problem innerhalb der feministischen For-
schung ansprach, tat er es auf eine neue Weise: Er bot eine neuartige Verbindung
zwischen der kritischen feministischen Theorie über die Folgen von Sexismus,
Klasse und Rassismus einerseits und einer von postmoderner feministischer
Theorie inspirierten kritischen Methodologie – und brachte sie auf eine Art und
Weise zusammen, die bis dahin quasi unvorstellbar war. Obwohl die feministi-
schen Theorien über „Rasse“, Klasse und Geschlecht und die poststrukturalisti-

10 Es ist unmöglich, dieser Literatur in einer Fußnote gerecht zu werden – daher hier nur einige der
bekanntesten und meist zitierten Texte: Combahee River Collective, in Hull et al. (1982); Davis
(1981); hooks (1981); Carby (1982); Smith (1983); Moraga und Anzaldúa (1983); Ware (1992); Zinn
und Dill (1994); Collins (1990).
Intersektionalität als „Buzzword“ 65

sche feministische Theorie viele Anliegen gemeinsam hatten, gab es auch einige
theoretische und methodologische Unvereinbarkeiten, etwa der Versuch, das
Denken in Kategorien überhaupt zu überwinden (McCall 2005).11 Andererseits
hat sich die Konzentration auf Identitätspolitik in konkreten historischen Zusam-
menhängen als wichtige Widerstandsstrategie erwiesen – und zudem als effektiver
als der Versuch, die Folgen von Rassismus und Sexismus durch die Dekonstruk-
tion von Kategorien zu bekämpfen (Crenshaw 1991).12
Mit dem Ansatz „Intersektionalität“ wird das politische Projekt fortgesetzt, die
sozialen und materiellen Konsequenzen der Kategorien Geschlecht / „Rasse“ / Klas-
se sichtbar zu machen – aber mit Methoden, die sich mit dem poststrukturalis-
tischen Projekt in Einklang bringen lassen, Kategorien zu dekonstruieren, den
Universalismus zu entlarven und die Dynamik und widersprüchlichen Mecha-
nismen der Macht zu erforschen (Brah und Phoenix 2004: 82).13 Er bietet den
„race / class / gender-FeministInnen“ eine theoretisch anspruchsvolle Methodologie,
die ihnen helfen kann, die Tücken eines bloß additiven Umgangs mit multiplen
Identitäten zu umgehen. Umgekehrt verleiht er der poststrukturalistischen femi-
nistischen Theorie politische Glaubwürdigkeit; er ermöglicht ihr, zumindest teil-
weise der Kritik seitens des multikulturellen Feminismus zu begegnen, wonach
sie sich zu sehr von der materiellen Lebenswirklichkeit der Frauen entfernt habe
und zu relativistisch geworden sei, um für den konkreten politischen Kampf der
Frauen von Nutzen zu sein. Kurz, Intersektionalität liefert die Grundlage für eine
gegenseitig vorteilhafte Zusammenarbeit zwischen theoretischen Projekten, die
bis dahin ein etwas angespanntes Verhältnis zueinander hatten. Auch wenn die
Intersektionalitätsidee nicht neu gewesen sein mag, lieferte sie doch eine neue, ge-
meinsame Basis – „einen gemeinsamen Brennpunkt“ – für disparate theoretische
Ansätze innerhalb der feministischen Wissenschaft (Lykke 2005).

11 Ein einschlägiges Beispiel ist Judith Butlers bekannte Kritik an dem „verlegenen et cetera“ [„em-
barrassed etc.“] am Ende jener Aufzählungen von Kategorien (Geschlecht, „Rasse“, Ethnizität,
Klasse, Sexualität, Gesundheit), die „[sich] bemühen, ein situiertes Subjekt zu umfassen; doch
gelingt es ihnen niemals, vollständig zu sein“ (Das Unbehagen der Geschlechter, 1991: 210).
12 Ähnlich argumentieren hooks (1992, 1994); Spivak (1993); Moya (2001) und Mohanty (2003).
13 Es überrascht nicht, dass viele Debatten über Intersektionalität gerade um das Problem der Kate-
gorien und die Notwendigkeit kreisen, bei der Analyse auf sie zurückgreifen – siehe etwa Yuval-
Davis’ (2006) Kritik an der Metapher der „Straßenkreuzung“: Sie impliziert, dass, wenn man
sich einmal für eine Straße entschieden hat, alle anderen irrelevant werden, zumindest vorläufig.
Knapp (2005) hat ebenfalls die fehlende Aufmerksamkeit der Intersektionalitätstheorie für die
Herkunft und Vorgeschichten von Kategorien sozialer Ungleichheit kritisiert.
66 Kathy Davis

GeneralistInnen und SpezialistInnen

Das dritte Merkmal erfolgreicher Gesellschaftstheorien besteht darin, dass sie ein
breites akademisches Publikum ansprechen und dabei die Kluft zwischen Ge-
neralistInnen und SpezialistInnen überwinden müssen. Sie müssen „genügend
scheinbar einfach zu begreifende, bekannte Konzepte enthalten, um das Interesse
von GeneralistInnen zu wecken, und genügend schwer (aber nicht unmöglich)
zu begreifende Komplexität innerhalb und zwischen diesen Konzepten enthalten,
um für SpezialistInnen attraktiv zu sein“ (Davis 1986: 295). Auf GeneralistInnen
wirkt die Theorie oft wie eine Zusammenstellung einiger „berühmter Konzepte“
oder einfach zu merkender „Klischees“ (Davis 1986: 294). SpezialistInnen widmen
der Interpretation einer bestimmten Theorie hingegen oft ihre ganze Karriere.
Das Konzept Intersektionalität hat sich als besonders erfolgreich darin erwie-
sen, sowohl GeneralistInnen als auch die SpezialistInnen unter den feministi-
schen WissenschaftlerInnen anzusprechen. Einerseits hat es alle Merkmale eines
Buzzwords, das leicht die Aufmerksamkeit von GeneralistInnen auf sich zieht. Es
erscheint häufig in den Titeln von Aufsätzen über alle möglichen Themen14 in fe-
ministischen Zeitschriften – als griffige und einprägsame Markierung der norma-
tiven Standpunkte, denen sich die jeweiligen AutorInnen verpflichtet fühlen. Mit
ihm können sie signalisieren, dass sie mit den aktuellsten Entwicklungen in der
feministischen Theorie vertraut sind – ohne unbedingt allen Verästelungen der
theoretischen Debatten zu folgen. Insgesamt also kein Wunder, dass der Begriff
für viele GeneralistInnen ein willkommener Weggefährte für feministische For-
schungsreisen wurde.
Andererseits hat der Begriff Intersektionalität auch den Spezialistinnen unter
feministischen Wissenschaftlerinnen viel zu bieten. Seit seiner Einführung als
theoretisches Konzept war er Gegenstand zahlreicher hitziger Debatten auf bei-
den Seiten des Atlantiks. So stritten TheoretikerInnen darüber, welche – und wie
viele – Kategorien in die Analyse von Intersektionalität einbezogen werden sol-
len (Lutz 2002)15; oder darüber, ob die scheinbar endlose Vermehrung von Dif-
ferenzen nicht gar die „Achillesferse des Begriffs Intersektionalität“ sein könnte

14 Eine Internet-Recherche nach dem Stichwort intersectionality ergab 2450 Treffer und umfasste
Fachgebiete wie Rechtswissenschaft, internationale Beziehungen, Menschenrechte, Psychothe-
rapie, Identitätspolitik, Literatur, Popkultur und viele andere.
15 Helma Lutz (2002) hat eine Liste von nicht weniger als 14 Differenzlinien vorgelegt: Gender, Se-
xualität, „Rasse“ oder Hautfarbe, Ethnizität, nationale Zugehörigkeit, Klasse, Kultur, Religion,
Gesundheit, Alter, Sesshaftigkeit, Besitz, geographische Position und gesellschaftlicher Entwick-
lungsstand. Die Liste ist jedoch potenziell noch viel länger. Siehe auch Lutz und Wenning (2001).
Intersektionalität als „Buzzword“ 67

(Ludvig 2006: 247) – was dazu führe, dass die „hervorstechendsten“ Differenzen
„Rasse“, Klasse und Geschlecht theoretisch unzureichend fundiert bleiben (Knapp
1999; Skeggs 1997).16 Wieder andere haben ausführlich über das Problem disku-
tiert, ob man überhaupt Kategorien verwenden solle, und dabei angeregt, „trans-
versaler“ vorzugehen – also quer zu den Kategorien zu denken (Yuval-Davis 2006),
oder anstatt auf Kategorien als solche, sich auf Konstellationen zu fokussieren, in
denen multiple Identitäten auftreten (Staunæs 2003).17 Diskussionen entwickelten
sich auch darüber, welchen Umfang Analysen von Intersektionalität haben sollten
(Staunæs 2003; Buitelaar 2006; Prins 2006) und zu welchen Zwecken die Theorie
genutzt werden sollte. Sollte sie in erster Linie zum Einsatz kommen, um Ver-
letzungsoffenheit und Exklusion aufzudecken, oder sollten wir sie als Ressource,
als Quelle von Empowerment auffassen (Saharso 2002; Burman 2003; Lutz und
Davis 2005) ? Wie Ann Phoenix (2006: 187) treffend angemerkt hat, scheint das
Konzept Intersektionalität feministischen Theoretikerinnen genug Anziehendes
und Abstoßendes zu bieten, um sich noch lange daran abzuarbeiten. Das Kon-
zept Intersektionalität ist also nicht nur erfolgreich, weil es gleichzeitig eingängig
und komplex genug ist, um theoretische Debatten zu stimulieren, sondern auch,
weil es eine dringend benötigte Brücke zwischen feministischen Forscherinnen
(GeneralistInnen) und feministischen Theoretikerinnen bereitstellt. In einem be-
kannten – und heftig debattierten – Artikel für Feminist Theory haben Liz Stanley
und Sue Wise die jüngsten Entwicklungen in der feministischen Theorie kritisiert.
Theoriebildung, so ihr Argument, sei zur „eigentümlichen Aktivität und besonde-
ren Domäne einer Priesterkaste“ geworden, „die entschlossen eine elitäre Position
verteidigt“ (Stanley und Wise 2000: 276). Nach Ansicht von Stanley und Wise hat
sich die feministische Theoriebildung auf Glasperlenspiele einer Handvoll „Star-
TheoretikerInnen“ reduziert, anstatt eine Aktivität zu sein, mit der sich alle femi-
nistischen Forscherinnen befassen. Sie plädieren leidenschaftlich dafür, zu einem

16 Leiprecht und Lutz (2006) schlagen einen interessanten Kompromiss vor, wonach „Rasse“, Klasse
und Gender als „Mindeststandard“ für die Intersektionalitätsanalyse gelten können, dem je nach
Kontext und dem spezifischen Forschungsthema weitere Kategorien hinzugefügt werden können.
17 Wie McCall (2005: 1779) aufzeigt, kritisiert ein Großteil der Literatur über Intersektionalität
eher pauschale Generalisierungen über Kategorien, denn die Kategorien als solche. Crenshaw
(1991) wendet sich explizit gegen „vulgärkonstruktivistische“ Versuche, Kategorien im Namen ei-
nes Anti-Essentialismus vollständig zu dekonstruieren. Angesichts der Bedeutung, die Kategorien
wie „Rasse“ und Gender für die Erfahrungen und Kämpfe von Frauen of Color haben, ist es sicher-
lich sinnvoller, die sozialen und materiellen Konsequenzen von Kategorisierungen zu kritisieren
als den Prozess der Kategorisierung an sich. Identitätspolitik muss nicht aufgegeben werden, weil
sie auf Kategorien zurückgreift – vielmehr muss sie die Vielfalt von Identitäten und die Arten an-
erkennen, wie sich Kategorien an bestimmten Stellen überschneiden (Crenshaw 1991: 1297 – 1299).
68 Kathy Davis

Verständnis von Theorie als einer gemeinschaftlichen Produktion feministischer


Ideen zurückzukehren (Stanley und Wise 2000: 276). Genau das scheint das Kon-
zept Intersektionalität zu leisten: Es heilt den Bruch zwischen den GeneralistIn-
nen, die praktische feministische Forschung betreiben, und den SpezialistInnen,
die „Theorie“ betreiben; es zwingt die SpezialistInnen dazu, ihre Meta-Themen
in den konkreten sozialen und politischen Lebenszusammenhängen von Frauen
zu „erden“, und die GeneralistInnen, Theorie als integralen Bestandteil feministi-
scher Forschung zurückzugewinnen.

Mehrdeutigkeit und Unvollständigkeit

Das vierte Merkmal einer erfolgreichen Theorie besteht paradoxerweise in ihrer


inhärenten Mehrdeutigkeit und offensichtlichen Unvollständigkeit. Davis (1986)
widerspricht der wissenschaftssoziologischen Plattitüde, wonach Auseinanderset-
zungen über theoretische Aspekte jeweils das Ende eines Paradigmas markieren.
Während sein Vorläufer Thomas Kuhn (1962) Differenzen über Brüche und Wi-
dersprüche innerhalb einer Theorie als deren „Anfang vom Ende“ betrachtete,
machen Brüche und Lücken eine Theorie für Davis überhaupt erst „berühmt“;
Mehrdeutigkeit und Unvollständigkeit lassen Theorien gedeihen. Angesichts der
unzähligen und oft feindseligen Differenzen in jedem akademischen Publikum
muss eine erfolgreiche Theorie hinreichend unscharf und unbestimmt sein, damit
disparate Gruppen sie auf „kongeniale, wenn auch miteinander unvereinbare
Weise“ interpretieren können (Davis 1986: 296). Je inkohärenter eine Theorie ist,
umso mehr verlangt sie nach Integration und Ausarbeitung. Die Inkongruenzen
in einer Theorie aufzuzeigen, ist der erste Schritt auf dem Weg zur Verbesserung
des Originals – diese Arbeit gehört zum täglichen Brot von TheoretikerInnen.
Widersprüchlichkeiten regen dazu an, sie zu vereinbaren; ebenso motiviert Un-
vollständigkeit das akademische Publikum dazu, die Theorie auszuarbeiten oder
zu „testen“, indem es sie auf neue Bereiche des sozialen Lebens anwendet, die in
der ursprünglichen Theorie gar nicht vorkamen (Davis 1986: 297). Kurz, Theorien
sind gerade deswegen erfolgreich, weil sie die Dinge nicht ein für allemal „regeln“,
sondern sie vielmehr für weitere Diskussionen und Untersuchungen öffnen.
Gerade weil das Konzept der Intersektionalität so unvollkommen, so mehr-
deutig und unbestimmt ist, ist es für die aktuelle feministische Wissenschaft so
ergiebig gewesen. Da es keine klar abgegrenzte Definition oder auch nur konkre-
te Eckpunkte hat, ließe es sich auf nahezu jeden beliebigen Forschungskontext
beziehen. Der in das Konzept fest eingebaute unendliche Regress – welche Kate-
Intersektionalität als „Buzzword“ 69

gorien soll man benutzen und wo hört man auf ? – macht es einerseits vage, er-
möglicht aber andererseits die Untersuchung unendlich vieler Überschneidungen
von Differenzlinien. Mit jeder neuen Überschneidung („Intersektion“) entstehen
neue Verbindungen und bis dahin verborgene Exklusionsprozesse kommen ans
Licht. Das Konzept Intersektionalität bietet daher unendlich viele Möglichkeiten,
die eigenen blinden Flecke zu befragen und sie in Ressourcen für weitere kritische
Analysen zu verwandeln. Aufgrund seiner Vagheit und inhärenten Unbestimmt-
heit initiiert das Konzept also einen Entdeckungsprozess, der nicht nur potenziell
unendlich lange fortgesetzt werden kann, sondern auch neue, umfassendere und
selbstkritische Einsichten zu liefern verspricht. Was können wir uns mehr von fe-
ministischer Forschung wünschen ?

Intersektionalität – eine Erfolgsgeschichte ?

In diesem Beitrag habe ich versucht, eine Antwort auf die Frage zu finden, wie
das vage, unbestimmte Konzept Intersektionalität innerhalb der aktuellen femi-
nistischen Theorie so erfolgreich werden konnte. Sie lautet, dass dieser Erfolg sich
paradoxerweise gerade mit seinen „Schwächen“ erklären lässt. Gerade seine feh-
lende Präzision und die Vielzahl fehlender Bausteine haben es für die kritische
feministische Theorie zu einem so nützlichen heuristischen Instrument werden
lassen. Selbstverständlich sind erfolgreiche Theorien nicht unbedingt auch „gute“
Theorien – und wie Davis gezeigt hat, sind die erfolgreichsten Theorien oft nicht
die besten in dem Sinne, dass sie schlüssig wären oder in der Lage, umfassende
und unanfechtbare Erklärungen des sozialen Lebens zu liefern. Einige feministi-
sche Wissenschaftlerinnen haben – weitgehend in Übereinstimmung mit der in
der Soziologie gängigen Meinung über „gute Theorie“ – argumentiert, dass Inter-
sektionalität zwar eindeutig wichtig sei, die Mehrdeutigkeit und Unabgeschlos-
senheit des Konzepts jedoch seiner Nützlichkeit für die feministische Theorie
im Wege stünden. Um sein volles Potenzial zu entfalten, benötige es daher eine
Definition, eindeutige Parameter und eine Methodologie, die unter den Forsche-
rInnen endlich für Klarheit darüber sorgen solle, wie, wo und wann es anzuwen-
den sei.
Natürlich ist die Vorstellung von einer „guten Theorie“ selbst höchst umstrit-
ten. Man mag einwenden, dass die feministische Theorie sich weniger damit be-
fasst – oder sich jedenfalls weniger damit befassen sollte –, über Klarheit und
Umfang nachzudenken, als über die Frage, wie eine Theorie für bestimmte nor-
mative und politische Zwecke eingesetzt werden kann. Wie Judith Butler und
70 Kathy Davis

Joan Scott (1992: xiii) anmerken, muss die feministische Theorie „Analysen, Kri-
tik und politische Interventionen hervorbringen und dem Feminismus eine poli-
tische Perspektive eröffnen, die ihm den Weg aus einigen der Sackgassen weist, in
denen er gelandet ist.“ Ihrer Ansicht nach würde eine „gute“ feministische Theo-
rie die Verwirrung nicht ein für allemal beenden, sondern uns vielmehr erlau-
ben, uns der Vielzahl der Spaltungen und Ungleichheiten zuzuwenden und sie
kritisch zu analysieren. Sie würde Raum für Kritik und Interventionen schaffen
und uns gleichzeitig in die Lage versetzen, kritisch über die Reichweite und die
Grenzen unseres eigenen theoretischen Unternehmens zu reflektieren. Das Kon-
zept Intersektionalität mag sich nicht der gängigen Meinung der Soziologie über
eine „gute“, d. h. eine kohärente, umfassende und solide Theorie fügen; aber es ist
durchaus ein Beispiel für eine gute feministische Theorie im Sinne von Butler und
Scott. Es stößt Prozesse an, an deren Ende neue Entdeckungen stehen; es macht
uns darauf aufmerksam, dass die Welt um uns herum immer komplizierter und
widersprüchlicher ist, als wir jemals hätten erwarten können. Es zwingt uns dazu,
uns in unserer Forschungsarbeit mit dieser Komplexität auseinanderzusetzen. Es
liefert keine in Stein gemeißelten Regeln, wie man „feministisch forscht“, keine
feministische Methodologie für alle möglichen Themen. Stattdessen stimuliert es
unsere Kreativität bei der Suche nach neuen, oft unorthodoxen Möglichkeiten
zu feministischen Analysen. Das Konzept Intersektionalität ist keine normative
Zwangsjacke, macht keine Vorgaben darüber, wie feministische Forschung „kor-
rekt“ zu betreiben ist; vielmehr ermutigt es jede einzelne feministische Wissen-
schaftlerin, die eigenen Annahmen im Interesse einer reflexiven, kritischen und
verantwortungsbewussten feministischen Forschung zu hinterfragen.
In diesem Sinne enthält „Intersektionalität“ genau die Zutaten, die eine gute
feministische Theorie braucht. Es ermutigt zu komplexem Denken, vermeidet
voreilige Schlüsse, reizt feministische Wissenschaftlerinnen, neue Fragen zu stel-
len und in unerforschtes Gebiet vorzudringen. Natürlich ist es möglich, dass wir
irgendwann feststellen, dass Intersektionalität nicht die Themen erfasst, die uns
am wichtigsten erscheinen – oder jedenfalls nicht mehr auf eine neue, unerwar-
tete Weise. Vielleicht fällt uns irgendwann auf, dass sich die theoretischen Debat-
ten über Intersektionalität in Details verzettelt haben, zu gewunden für unseren
Geschmack geworden sind, oder dass die Forschung so vorhersehbar geworden
ist, dass wir bei dem Gedanken, auch nur einen weiteren Artikel über Intersektio-
nalität lesen zu müssen, ein Gähnen nicht mehr unterdrücken können. Wenn es
eines Tages soweit sein sollte, hoffe ich, dass eine neue Theorie die Bühne betritt:
eine Theorie, die erfrischend neuartig und irritierend vieldeutig an ein noch fun-
Intersektionalität als „Buzzword“ 71

damentaleres Anliegen appelliert – und uns, SpezialistInnen wie GeneralistInnen,


auf unwiderstehliche Weise dazu provoziert, die Ärmel hochzukrempeln und an
die Arbeit zu gehen.

übersetzt von Thorsten Möllenbeck

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