0% fanden dieses Dokument nützlich (0 Abstimmungen)
92 Ansichten20 Seiten

Sozialisation Und Das Selbst f6R

Der Sozialisationprozess formt Individuen zu kompetenten Mitgliedern der Gesellschaft, indem sie Sprache, Fähigkeiten und Werte erlernen. George Herbert Meads Theorie zeigt, dass Sozialisation und Individuation sich gegenseitig bedingen, wobei das Selbst aus den Wahrnehmungen anderer und der eigenen Reaktion darauf entsteht. Sozialisation geschieht in verschiedenen Dimensionen (kognitiv, motorisch, affektuell) und durch spezifische Sozialisationsinstanzen, wobei die Inhalte und Methoden historisch variieren.

Hochgeladen von

lindaduongvu02
Copyright
© © All Rights Reserved
Wir nehmen die Rechte an Inhalten ernst. Wenn Sie vermuten, dass dies Ihr Inhalt ist, beanspruchen Sie ihn hier.
Verfügbare Formate
Als PDF, TXT herunterladen oder online auf Scribd lesen
0% fanden dieses Dokument nützlich (0 Abstimmungen)
92 Ansichten20 Seiten

Sozialisation Und Das Selbst f6R

Der Sozialisationprozess formt Individuen zu kompetenten Mitgliedern der Gesellschaft, indem sie Sprache, Fähigkeiten und Werte erlernen. George Herbert Meads Theorie zeigt, dass Sozialisation und Individuation sich gegenseitig bedingen, wobei das Selbst aus den Wahrnehmungen anderer und der eigenen Reaktion darauf entsteht. Sozialisation geschieht in verschiedenen Dimensionen (kognitiv, motorisch, affektuell) und durch spezifische Sozialisationsinstanzen, wobei die Inhalte und Methoden historisch variieren.

Hochgeladen von

lindaduongvu02
Copyright
© © All Rights Reserved
Wir nehmen die Rechte an Inhalten ernst. Wenn Sie vermuten, dass dies Ihr Inhalt ist, beanspruchen Sie ihn hier.
Verfügbare Formate
Als PDF, TXT herunterladen oder online auf Scribd lesen

Sozialisation und das Selbst

Im Prozess der Sozialisation werden Menschen zu kompetenten Gesellschaftsmitgliedern. In der


Sozialisation erlernen Menschen eine Sprache, erwerben eine Reihe von Fähig- und Fertigkeiten,
erlernen Verhaltensweisen und eignen sich Wissen an. Das alles würden Menschen außerhalb der
5 Gesellschaft nie erreichen.
Von Sozialisation ist oft - auch in der Soziologie - die Rede, als handle es sich hierbei um einen
Vorgang, in dem die Gesellschaft die Individuen sozusagen einfängt und ihnen die Tätowierung
der Gesellschaftlichkeit einbrennt. Oft ist auch die Rede von der Internalisierung von Werten und
Normen. Nun sollte man Sozialisation aber nicht so verstehen, als würde da einem (mehr oder
10 weniger autonomen und „fertigen“) Individuum von außen - der Gesellschaft - etwas eingeimpft.
Sozialisation ermöglicht überhaupt erst ein Selbst, eine Identität des Individuums. Sozialisation
und Individualität bedingen sich gegenseitig.

1. Selbstperspektive und Fremdperspektive - die Theorie von George Herbert Mead


15 Wie man den Sozialisationsprozess begreifen, mit welchen Begriffen man sich Sozialisation
vorstellen kann, hat G. H. Mead (1863-1931) schön gezeigt. Er präsentiert eine Theorie der
Identitätsbildung und zugleich der Sozialisation. Mead bietet einen Ansatz, der deutlich macht,
dass Sozialisation und Individuation1 zwei Seiten ein und derselben Medaille sind; dass also
Individualität bzw. Persönlichkeit einerseits und Sozialität bzw. Gesellschaftlichkeit andererseits
20 keine Gegensätze sind, sondern sich wechselseitig bedingen und ermöglichen. Die Ausführungen
Meads haben zudem den Vorteil, dass sie uns eine Vorstellung davon geben, wie Menschen Rollen
übernehmen und Teil ihrer Identität werden lassen.

Mead fragt: „Wie kommen Menschen zu ihrer Identität, zu ihrem Selbst?“


25
Um ein Selbst zu haben, muss man sich selbst zunächst zum Objekt machen. In der Tat kann man
bei Kleinkindern (auch bei Schimpansen) beobachten, wie sie über den Blick in den Spiegel sich
selbst als Objekt wahrnehmen. Außerdem wirken andere Menschen wie ein Spiegel, in dem man
sich selbst erkennen kann. Durch die Blicke, mit denen mich die anderen anschauen, durch die
30 Einstellungen, die sie mir gegenüber haben, lerne ich mich selbst kennen, entwickle ich so etwas
wie ein Selbst.

1
Individuation: Bildung, Entwicklung der Individualität, der Persönlichkeit.

1
Der Einzelne befindet sich also in einer gemeinsamen Situation mit anderen. Die anderen
bemerken, sehen ihn, haben eine Haltung ihm gegenüber. Das Individuum übernimmt diese
35 Haltung. Wie die anderen mich sehen, wird Teil meines Selbst. Mead bezeichnet diesen Teil des
„Selbst“ als das „me“.
Mead macht mit Hilfe des Begriffs Spiel deutlich, wie es sich abspielt, wenn ein Kind eine Rolle
übernimmt. Kinder übernehmen in ihrem Spiel das Verhalten von bestimmten, wichtigen
Bezugspersonen (signifikante Andere). Sie tun so, als seien sie Mutter, Vater oder Lehrer. Kinder
40 lernen im Spiel sich als Objekte anzusprechen. Wenn ein Kind mit seiner Puppe spielt, spricht es
sich selbst als Mutter an. Das Kind lernt ein anderer zu sein bzw. sich aus der Sicht von anderen
zu betrachten.

45

Nun ist ja der Einzelne nicht nur Mitglied der sehr abstrakten Sozialorganisation Gesellschaft oder
der Menschheit. Jedes Individuum hat verschiedene Mitgliedschaften oder ist eine besondere
„Kreuzung sozialer Kreise“ (G. Simmel). Somit hat jedes Individuum in seinem Selbst nicht nur
ein me, sondern mehrere me's, und ein anderes Individuum wiederum eine andere Vielzahl von
50 me's.

2
Dazu kommt nun aber noch ein anderer Teil, der auch zum Selbst gehört und dann dessen
Individualität ausmacht: das von Mead so bezeichnete „I“, das „Ich“. Das „I“ ist der Teil des
Selbst, der auf das „me“ reagiert. Das Selbst ist nicht nur das „me“, besteht also nicht nur aus den
55 in das Selbst hereingenommenen Haltungen der anderen. Das Selbst nimmt auch zum „me“
Stellung, bewertet es, kann sich von ihm distanzieren. Und diese Reaktion auf das „me“ erfolgt
durch das „I“, das den spontanen, auch affektuellen2 Teil des Selbst darstellt.
Das „I“ steht für unmittelbare Erfahrung, die auch etwas Unberechenbares und Offenes hat. Das
Selbst insgesamt ist also keineswegs eine Kopie der Haltungen der anderen mir gegenüber,
60 sondern hat durch das „I“ auch Individualität und Freiheit sowie Initiative.
„I“ und „me“ stehen in einem Dialog miteinander und können nicht nur als Teile, sondern auch
als Phasen des Selbst angesehen werden. Das Selbst ist demnach ein Prozess und nicht eine
Substanz oder ein Ding.

65 Abb. aus: Thorpe, Christopher et al. (2016): Das Soziologie-Buch. München: Dorling Kindersley Verlag, S. 176.

2
affektuell: gefühlsmäßig

3
Die Gesellschaft ist auf diese aktiven Prozesse, in denen Menschen ihr Selbst entwickeln,
angewiesen. Sozialisation und Individuation bedingen und benötigen einander.

70 Mit der Theorie Meads haben wir ein Modell, mit dessen Hilfe wir uns vorstellen können, wie das
Gesellschaftliche und das Individuelle zusammenhängen und wie sich das Selbst in der und durch
die Gesellschaft entwickelt. Es ist auf jeden Fall eine Theorie, mit der man den Prozess der
Rollenübernahme im Besonderen und der Sozialisation im Allgemeinen verständlich machen
kann.
75

2. Sozialisation und Sozialität


Sozialisation ist ein Prozess, bei dem Menschen ihr Selbst entwickeln, indem sie gesellschaftliche
Haltungen übernehmen und auf sie individuell reagieren. Individuation in diesem Sinne ist also
keine Besonderheit der modernen Gesellschaft, sondern ein allgemeiner Aspekt der Sozialisation.
80 In und durch Sozialisation entwickelt sich aber nicht nur Individualität, sondern auch Sozialität.
Sozialität ist erst einmal die Fähigkeit, mit anderen Menschen zusammenzuleben. Dabei ist
Sozialität in einem zweifachen Sinne zu verstehen:

1. als allgemeine Sozialität: der Mensch als soziales Wesen, das von anderen Menschen
85 abhängig ist, mit anderen zusammenlebt
 Ziel: grundlegende (allgemeingültige) soziale Kompetenzen wie Empathie und Respekt
lernen

2. als bestimmte, konkrete Sozialität: Inhalte, Merkmale, Fähig- und Fertigkeiten,


90 Verhaltensweisen, Wissensbestände, die für eine bestimmte historische Gesellschaft typisch
sind
 Ziel: bestimmte Normen und Werte verinnerlichen

Sozialisation hat also zwei Aspekte: den allgemein-menschlichen; und den konkreten, historisch
95 und kulturell spezifischen. Es ist also auseinander zu halten, erstens dass es in der Sozialisation
immer um die Verbindung von Gesellschaftlichem und Individuellem geht, und zwar ganz
allgemein; und zweitens, dass das, was da konkret vermittelt wird und wie dies geschieht,
historisch spezifisch ist und variiert.

4
100 3. Sozialisationsinstanzen – Orte der Sozialisation
Es gibt drei Phasen der Sozialisation im Lebensverlauf. Die primäre Phase, hier prägen vor allem
die Familie und das Elternhaus die Sozialisation. In der sekundären Phase findet Sozialisation vor
allem durch die Schule und Gleichaltrige statt und die tertiäre Phase umfasst insbesondere das
Erwachsenenalter und die Sozialisation in der Arbeitswelt. Diese drei Sozialisationsphasen werden
105 insbesondere durch sogenannte Sozialisationsinstanzen gesteuert. Unter Sozialisationsinstanzen
versteht man die funktionalen Einheiten, in denen sich wichtige Sozialisationsprozesse abspielen.

Die entscheidende Frage ist: Wer wird wo durch wen mit welchen Mitteln sozialisiert?
Um zu sehen, wie Menschen in einer konkreten Gesellschaft sozialisiert werden, muss man
110 erkennen, welche sozialen Einheiten hier relevant sind. So kann man nicht allgemein behaupten,
dass die Familie die Sozialisationsinstanz absolut ist; denn die Formen von Familie sind innerhalb
einer Gesellschaft und besonders zwischen verschiedenen Gesellschaften höchst unterschiedlich;
Erst recht gilt das für die Schule oder gar für die Massenmedien, die in einigen historischen
Gesellschaften als Sozialisationsinstanzen existieren, in anderen nicht. Wir dürfen also nicht den
115 Fehler begehen und so tun, als wären die Gelegenheiten und Institutionen, die in unserer heutigen
westlichen Gesellschaft für die Sozialisation bedeutsam sind, universell anzutreffende
Sozialisationsinstanzen.
Gleiches gilt erst recht für die konkreten Inhalte, die in der Sozialisation vermittelt werden. Die
Sozialisation der Jünglinge in Sparta hat mit derjenigen heutiger Schüler zwar formal gemeinsam,
120 dass in beiden Fällen Werte, Normen und Rollen vermittelt werden; die konkreten Werte, Normen
und Rollen unterscheiden sich aber radikal.

5
4. Dimensionen der Sozialisation
Um ein differenzierteres Bild von Sozialisationsprozessen, -inhalten und -instanzen zu erhalten,
125 ist es sinnvoll, drei Dimensionen der Sozialisation zu unterscheiden. Gemeint sind hiermit
Bereiche menschlicher Existenz, in denen sich Sozialisation abspielt. Die drei Dimensionen lassen
sich benennen:
- die kognitive,
- die motorische,
130 - die affektuelle.

Die kognitive Dimension


Sozialisationstheorien haben sich vor allem auf die kognitive Dimension der Sozialisation
konzentriert. Das ist auch in Meads Theorie so, die den Prozess darstellt, in welchem man lernt,
135 sich mit den Augen der anderen zu sehen, und in dessen Verlauf sich ein Selbst entwickelt. Mead
beschreibt, wie Gesten erkannt, Symbole und Haltungen wahrgenommen und ins Bewusstsein
hereingenommen werden. Dieser Prozess ist vor allem kognitiv, ist Bewusstsein. Wenn in
Sozialisationstheorien davon die Rede ist, dass Werte und Normen „internalisiert“ werden, dann
wird diese „Verinnerlichung“ zumeist als kognitiver, nicht aber auch als affektiv-emotionaler
140 Prozess dargestellt. Auch das Rollenverhalten wird vor allem kognitivistisch dargestellt, obwohl
doch das Spielen von Rollen auch ein körperlicher, motorischer Vorgang ist.

Die motorische Dimension


Sozialisation geschieht auch in der motorischen Dimension. Denn erstens lernen Menschen, ihren
145 Körper zu koordinieren und zu beherrschen, indem sie auf das motorische Verhalten von
Bezugspersonen in sozialen Situationen reagieren. Zweitens hängt die Auswahl von motorischen
Abläufen davon ab, welche motorischen Fähig- und Fertigkeiten in einer Gesellschaft erforderlich
oder gar überlebensnotwendig sind. Ob man auf Bäumen herumklettern oder Auto fahren können
muss, wird in der Sozialisation ebenso vermittelt wie die Fähigkeit dazu. Und schließlich wird
150 auch die Art und Weise, wie wir mit unseren motorischen Möglichkeiten instrumentell umgehen,
welche Körpersprache wir sprechen, in der Sozialisation erlernt.

6
Die affektuelle Dimension
155 Die dritte Dimension, in der sich Sozialisation vollzieht, ist die affektuelle oder emotionale. Damit
ist erstens gemeint, dass wir über Gefühle, Neigungen, Triebe sozialisiert werden. Dem Kleinkind
wird etwa ein negatives Gefühl vermittelt, wenn es etwas verkehrt macht. Es erkennt den
verärgerten Gesichtsausdruck der Mutter und fühlt sich schlecht - zunächst ohne genau zu wissen,
weshalb; es muss ja erst noch lernen, was die emotionale Reaktion der Mutter ausgelöst hat und
160 warum. Zweitens sind aber auch unsere Emotionen selbst sozialisiert, also von anderen
mitbestimmt, mitgeformt. Das dürfte nachvollziehbar sein bei so einem komplexen und
komplizierten emotionalen Phänomen wie der Liebe. Was Liebe heißt, welche Möglichkeiten es
gibt, dieses Gefühl zu erfahren, damit umzugehen, welche Liebesobjekte in Frage kommen und
welche Möglichkeiten, Liebe auszudrücken, angemessen sind, das alles wird in
165 Sozialisationsprozessen vermittelt. Emotionen wie Schuld und Scham sind gar nicht ohne Bezug
auf Sozialität, ohne Bezug auf soziale Interaktion möglich. Ob bzw. dass ich mich schäme, wenn
ich ohne Kleider vor anderen dastehe oder auf sonstige Weise „entblößt“ bin, hängt von
Sozialisation ab.
In der Sozialisation geht es also nicht nur um die Vermittlung von Wissen, Einstellungen,
170 Haltungen und dergleichen. Sozialisation formt auch unser Gefühlsleben und unsere motorische
Beweglichkeit. Selbstverständlich kann die Gesellschaft mit dem biologischen Organismus
Mensch nicht alles und in beliebiger Weise anfangen.
Die Biologie setzt da Grenzen. Menschen können nicht so sozialisiert werden, dass ihnen Flügel
wachsen (allenfalls im übertragenen Sinn). Aber in bestimmten - gar nicht so engen Grenzen -
175 können bestimmte motorische Fähigkeiten gefördert werden oder verkümmern. Das gleiche gilt
Sinh học đặt ra giới hạn. Mọi người không thể hòa
nhập xã hội theo cách mà họ mọc thêm đôi cánh

für den affektiven und den kognitiven Bereich. (ít nhất là theo nghĩa bóng). Nhưng trong những
giới hạn nhất định - không quá hẹp -, một số kỹ
năng vận động nhất định có thể được phát huy
hoặc bị teo đi. Áp dụng tương tự
cho các lĩnh vực cảm xúc và nhận thức.

Wenn man die Bedeutung der drei Dimensionen von Sozialisation nach ihrem zeitlichen
Stellenwert in der Entwicklung des Menschen bemessen wollte, dann ist der affektuelle Bereich
der primäre. Ihm folgen der motorische und der kognitive. Der Säugling ist von rudimentären
180 Affekten bestimmt, fühlt sich wohl oder unwohl, bevor er seine Motorik auch nur annähernd in
den Griff bekommt. Kognition im Sinne von bewussten Vorgängen oder gar von Denken
entwickelt sich noch später. Erst auf der Grundlage der Sozialisation und Individuation von
Gefühlen, Motorik und grundlegenden kognitiven Mechanismen entwickelt sich ein Selbst.3

3
Der Hirnforscher Gerhard Roth schreibt: „Wahrnehmungen, Gefühle, Intentionen und motorische Akte [Prozesse;
JK] entstehen innerhalb der Individualentwicklung lange bevor das Ich entsteht.“

7
185
Allerdings ist die Rang- und Reihenfolge von Affektivität, Motorik und Kognition nicht so zu
verstehen, als begänne eine Entwicklungsphase erst nach Abschluss der vorangehenden. Es
handelt sich vielmehr um Dimensionen menschlicher Existenz, die sich durch das ganze Leben
hindurchziehen und in denen man immer etwas hinzulernen (oder wieder verlernen) kann. Und
190 zeitlebens nimmt „die“ Gesellschaft, bzw. nehmen andere Menschen Einfluss auf das Was und
Wie dieser Lernvorgänge.
Ein gutes Beispiel für einen lebenslangen Lernprozess, der sich in allen drei Dimensionen der
Sozialität abspielt, ist die Sozialisation der Sexualität und Körperlichkeit des Menschen. Man
möchte meinen, dass das Geschlecht naturgegeben ist, und in der Regel gilt ja auch, dass Menschen
195 sich nicht entscheiden, Mann oder Frau zu sein, sondern eben als Junge oder Mädchen geboren
werden. Was es aber heißt, Junge oder Mädchen, Mann oder Frau zu sein, wird von Gesellschaft
und Kultur bestimmt. Zu den Vorstellungen, Erwartungen, Verpflichtungen, die mit dem Mann-
bzw. Frausein verbunden sind, kommen Menschen in der Sozialisation. Durch Sozialisation lernen
Menschen nicht nur kognitiv, was es heißt, Mann oder Frau zu sein, sondern sie lernen auch, sich
200 wie Männer oder Frauen zu bewegen und zu fühlen. Die Vorstellungen und Bilder, die sich mit
dem Körper und der Sexualität verbinden, aber auch die entsprechenden Körperhaltungen und -
bewegungen und die mit Körperlichkeit und Sexualität verbundenen Gefühle werden in
lebenslangen Sozialisationsprozessen geformt und angeeignet. Gerade in Sachen von Sexualität
und Erotik wird das Ineinandergreifen biologischer und soziokultureller Mechanismen, die Ko-
205 Evolution von Natur und Kultur, deutlich.
Die naturgegebenen Möglichkeiten werden gesellschaftlich und kulturell ausgewählt und - je
nachdem - ausgeformt („kultiviert“) oder eben nicht. Entsprechend ist auch die Zuordnung von
Körperlichkeit und Sexualität zum Lebensalter soziokulturell. Wie man in verschiedenen
Lebensaltern den eigenen Körper „einsetzt“ und die Sexualität lebt und fühlt, wird ebenso durch

8
210 Sozialisation vermittelt wie die entsprechenden Körper- und Sexualitätsideologien.
Zur Unterscheidung der gesellschaftlichen und kulturellen Prägung und Bedeutung der
Geschlechtlichkeit von der „natürlichen“, naturgegebenen oder naturhaften Sexualität hat sich der
englische Begriff gender auch in der deutschsprachigen Forschung und Diskussion eingebürgert.
Die Gender-Forschung betont die soziokulturellen Prägungen oder „Konstruktionen“ von
215 Sexualität, Körperlichkeit und geschlechtsrelevanten Merkmalen und Verhaltensweisen.

5. Primäre und sekundäre Sozialisation


In der Sozialisationstheorie wird zwischen primärer und sekundärer Sozialisation unterschieden.
Unter primärer Sozialisation wird das Erlernen der Fähigkeit verstanden, die Haltung eines
220 „signifikanten Anderen“ zu übernehmen (Mead), sich mit den Augen der anderen zu sehen und
sich selbst als Teil einer überschaubaren, konkreten Gruppe zu erkennen. Primäre Sozialisation
erfolgt in vielen Gesellschaften innerhalb der Mutter-Kind-Beziehung bzw. in der Familie. Dort
wird ein primäres Verständnis für Sozialität entwickelt, und dort werden auch grundlegende
emotionale Bindungen und Reaktionen ausgebildet. Es ist also die Basis für den weiteren Verlauf
225 der Sozialisation. Diese Basis ist entscheidend dafür, wie erfolgreich die weiteren
Sozialisationsprozesse sein werden.
Primäre Sozialisation geschieht in Primärgruppen. Das sind kleine, informelle, überschaubare
Gruppen, in denen man von Angesicht zu Angesicht (face-to-face) interagiert, persönlich, intim
und direkt. Sekundärgruppen sind hingegen solche Gruppen, die einen formelleren und
230 unpersönlicheren Charakter haben, in denen weniger die emotionalen Bande zwischen den
Mitgliedern im Vordergrund stehen als vielmehr bestimmte Zielsetzungen. Primärgruppen sind
eher personenorientiert, Sekundärgruppen mehr ziel- oder zweckorientiert.
Analog ist die Unterscheidung von primärer und sekundärer Sozialisation zu verstehen. In der
sekundären Sozialisation geht es darum, die Haltungen des „verallgemeinerten Anderen“ zu
235 übernehmen. Anders ausgedrückt, es geht darum, sich als Teil eines komplexeren und
differenzierteren sozialen Gebildes wahrzunehmen. Dies wird durch Lernvorgänge erreicht, bei
denen es um zweck- oder aufgabenorientiertes Wissen geht. Die Sozialisation in der Schule oder
später im Berufsleben ist sekundäre Sozialisation. Sekundär ist dabei nicht zu verstehen im Sinne
von weniger wichtig, sondern weniger ursprünglich und weniger unmittelbar. Für das Heranreifen
240 des Individuums wie für das Funktionieren der Gesellschaft sind selbstverständlich primäre und
sekundäre Sozialisation wichtig.

9
Sozialisation ist ein lebenslanger Prozess. Das ist im Falle der sekundären Sozialisation klar, denn
prinzipiell erlernen wir immer wieder neue Rollen und kommen im Laufe unseres Lebens mit
245 unterschiedlichen Bereichen der Gesellschaft in Berührung. Aber auch die primäre Sozialisation
ist nicht in einem bestimmten Lebensalter, etwa mit Ende des Vorschulalters, abgeschlossen. In
dem Umfang, wie Menschen im Laufe ihres Lebens verschiedene Intimpartner haben, durchlaufen
sie immer wieder primärsozialisatorische Prozesse. Tiefgehende intime Gefühle und grundlegende
Selbstbilder werden manchmal neu aufgebaut. Sogar so eine grundlegende Komponente des Selbst
250 wie die Geschlechtsidentität kann zu einem späteren Zeitpunkt im Leben einem erneuten primären
Sozialisationsprozess unterworfen werden, etwa wenn jemand in einer intimen Beziehung
entdeckt, homosexuell zu sein.

10
6. Desozialisation und Resozialisation
255 Zwei weitere Begriffe machen deutlich, dass Sozialisation ein lebenslanger Prozess ist, in dem
sich grundlegende Orientierungen verändern, in dem Haltungen erlernt, verlernt und wieder neu
gelernt werden. Wir übernehmen nicht nur bestimmte Haltungen und Rollen, sondern müssen auch
fähig sein, uns von bestimmten Rollen wieder zu verabschieden. Sogar auf der Primärebene kann
es nötig sein, sich von bestimmten Mustern des Verhaltens und Fühlens zu trennen. In diesem
260 Sinne erfahren Menschen Desozialisation. Je nachdem, ob sie freiwillig oder unfreiwillig,
überraschend und unvorhersehbar oder in geregelten Bahnen erfolgen, unterscheiden sich
Desozialisationsprozesse. Und je nachdem, ob der Bezug zur Gesellschaft radikal in Frage gestellt
und womöglich ausgesetzt oder sogar aufgelöst wird oder ob nur eine bestimmte Art von Sozialität
oder eine bestimmte soziale Identität aufgegeben werden, kann man verschiedene Reichweiten
265 von Desozialisation unterscheiden. Beispiele für weitreichende, d.h. das Selbst und seine sozialen
Bezüge stark beeinflussende Desozialisationsprozesse wären etwa
• der Ausstieg aus dem Erwerbsleben, sei es durch Arbeitslosigkeit oder durch Pensionierung
• Obdachlosigkeit
• Erleiden einer schweren Krankheit, in deren Folge man aus dem gesellschaftlichen Leben
270 ausgegrenzt wird
• Einlieferung in ein Gefängnis oder in eine psychiatrische Anstalt oder
• Auswanderung.
Einige dieser Beispiele lassen einen sogleich an den komplementären Begriff der Resozialisation
denken. Menschen erleben immer wieder Resozialisation. Nachdem sie „den Anschluss an die
275 Gesellschaft“ bzw. Teile von ihr verloren haben, mögen sie Sozialisationsmaßnahmen erfahren,
die sie mit der Gesellschaft bzw. Teilen von ihr, wieder verbinden. So muss ein Arbeitsloser, der
wieder in das Erwerbsleben eingegliedert wird, resozialisiert werden. In einem engeren Sinne
bezieht sich Resozialisation auf Vorgänge und Instanzen, mit denen die Gesellschaft Personen, die
ausgegrenzt worden waren, wieder ins gesellschaftliche Leben einzubeziehen versucht. Zu diesem
280 Zwecke entwickelt die Gesellschaft spezialisierte Resozialisationsinstanzen wie etwa
Beratungsagenturen, Therapieeinrichtungen und Selbsthilfegruppen. Resozisalisiert in diesem
Sinne werden Menschen, die zuvor - aus Sicht der Gesellschaft - in abweichenden Karrieren und
Subkulturen desozialisiert worden sind. Beispiele für solche De- und Resozialisationen liefern
• Drogenabhängige oder
285 • Menschen, die in totalen Institutionen wie Gefängnissen oder psychiatrischen Anstalten
eingesperrt waren

11
290

Text aus: Vester, Heinz-Günter: Kompendium der Soziologie I: Grundbegriffe. VS Verlag für
Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2009. S. 59 – 71. Text sprachl. stark bearbeitet u. gekürzt.

12

Das könnte Ihnen auch gefallen