Analysis Skrip T
Analysis Skrip T
Harold C. Steinacker
1
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 5
2.2 Mengen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8
2.3 Abbildungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10
3.1 Körperaxiome . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16
4 Komplexe Zahlen 23
6.2.1 Konvergenzkriterien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 36
6.2.2 Grenzwertregeln . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 38
√
6.2.3 Anwendung: Newton-Verfahren für w . . . . . . . . . . . . . . . . . . 39
2
6.3 Bestimmte Divergenz, lim sup, lim inf . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 39
7 Reihen 43
7.1 Konvergenzkriterien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 45
7.5 Potenzreihen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 53
8.1 Logarithmus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 58
10 Stetige Funktionen 76
10.1 Definition . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 78
10.6.1 Funktionenfolgen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 90
3
11 Differenzialrechnung in R 94
11.2 Rechenregeln . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 97
12 Integralrechnung in R 116
13 Taylorapproximation 131
4
1 Einleitung
Grenzwertbetrachtungen,
z.B:
2. Integration einer reellen Funktion als Grenzwert der Rechtecksflächen unter dem Funk-
tionsgraphen
5
• Herleitung (=Beweise !) der benötigten Eigenschaften
In der Mathematik wird alles lückenlos bewiesen, ausgehend von wenigen Axiomen. Dies ist
anfangs etwas mühsam, letztlich aber sehr weitreichend, und sehr lehrreich.
In der Physik ist diese Perfektion im allgemeinen nicht möglich, und oft auch nicht sinnvoll.
Die Problemstellung ist oft nicht genau definiert, die passende mathematischen Formulierung
eines physikalischen Problems ist nicht immer evident und ist meist nur Idealisierung. Ei-
ne “Reduktion auf das Wesentliche” ist oft sogar wünschenswert. Manchmal ist eine exakte
Lösung auch einfach zu schwierig, und Näherungen sind notwendig.
Dennoch: Mathematik ist die Sprache der Physik, und das entscheidende Werkzeug in den
Naturwissenschaften
Die Leistungsfähigkeit dieses Werkzeugs ist bemerkenswert; hierzu ein paar Zitate
“Das Buch der Natur ist in der Sprache der Mathematik verfaßt” (G. Galilei)
Daher: ein solides Verständnis und die korrekte Anwendung der mathematischen Grundlagen
ist für die Physik essentiell.
abschreckendes Beispiel:
x2 x 3 x4 x5
ln(1 + x) = x − + − + − ...
2 3 4 5
also
1 1 1 1 1 1 5
ln(2) = 1 − + − + − + −... <
2 3} | 4{z 5} | 6{z 7}
| {z 6
5 <0 <0
6
andererseits ist die Reihenfolge bei der Addition egal (möchte man meinen), also sollten wir
dies umordnen können, mit
1 1 1 1 1 1 1 1 5
ln(2) = 1 − + + + − + + − +... >
2 3} |5 {z
| {z 7 4} |9 11
{z 6} 6
5 >0 >0
6
Ziel dieser VL ist es, ein solides Verständnis der Analysis I zu vermitteln, angepaßt an die
Bedürfnisse der Physik & Naturwissenschaften.
6
Der Aufbau dieses VL-Skriptes ist eng an eine Vorlesung von Simone Warzel (TU München)
angelehnt. Der Inhalt ist weitgehend “kanonisch”, und kann auch aus einer Vielzahl von ver-
gleichbaren Quellen erlernt werden, z.B.
Literatur
[1] O. Forster, Analysis I, Vieweg (Klassiker, sehr empfehlenswert, mathematisch rigoros)
steht als eBook der Universitätsbibliothek zur Verfügung
[4] Kerner/Wahl Mathematik für Physiker (ca. erste 100 Seiten relevant für Analysis I)
einfachere und leichter lesbare Bücher (aber etwas oberflächlich, Beweise feh-
len) sind z.B
7
2 Notation und Grundbegriffe
Beispiele:
Beispiele:
2.2 Mengen
Notation:
x∈
/M ... “x ist nicht Element von M ”
8
M ⊂N ... “M ist Teilmenge von N ”
Beispiele:
Zahlenmengen:
Mengenoperationen:
A \ B := {x |x ∈ A und x ∈
/ B} ... Differenzmenge
A × B = {(m, n) |m ∈ A und n ∈ B}
analog:
Beispiele:
A∪B =N
A∩B =∅
N0 \ {0} = N
9
Mit Hilfe der Ordnungsrelation a < b für reelle Zahlen a, b definiert man
Intervalle:
(−∞, b] := {x ∈ R | x ≤ b}
(−∞, b) := {x ∈ R | x < b}
[a, ∞) := {x ∈ R | x ≥ b}
(a, ∞) := {x ∈ R | x > b}
R+ = (0, ∞)
R+
0 = [0, ∞)
R− = (−∞, 0)
R−
0 = (−∞, 0]
2.3 Abbildungen
Eine Abbildung f von M nach N ordnet jedem Element x ∈ M ein Element f (x) ∈ N
zu:
f : M →N
x 7→ f (x)
Bezeichnungen:
M ... Definitionsbereich
N ... Wertebereich
10
f (M ) := {y ∈ N ; ∃x ∈ M : f (x) = y} ⊂ N ... Bild von f
Beispiele:
• f : R → R, x 7→ x2
• f : R → R, x 7→ sin(x)
1
• f : R \ {1} → R, x 7→ x−1
11
Definition 2.2. Sei M eine Menge. Eine Folge in M ist eine Abbildung a : N → M .
Man schreibt (a1 , a2 , ..) oder (an )n∈N , oder einfach (an ).
(Folgen können auch mit dem Index 0 beginnen, also a : N0 → M , oder in anderer Schreib-
weise (a0 , a1 , a2 , ...).
Beispiele:
• bijektiv
12
Praktische Bedeutung von Injektivität etc. für das Lösen von Gleichungen:
√
Zum Beispiel hat y = x2 genau eine Lösung x ∈ [0, ∞) für jedes y ∈ [0, ∞) , nämlich x = y.
g◦f : M→ N → L
x 7→ f (x) 7→ g(f (x))
(g ◦ f )(x) = sin(x2 ).
Bemerkung: Warum wurde bei der Definition von g der Buchstabe y verwendet?
Formal ist es egal, welcher Buchstabe verwendet wird. Man hätte auch g(x) = sin(x) schreiben
können. Zum Verständnis ist es sinnvoll, verschiedene Buchstaben für Variablen zu verwenden,
deren Rolle verschieden ist. Hier ist x ∈ M , also etwas, worauf f angewendet werden kann.
y ∈ N ist etwas, das als Wert von f vorkommen kann und worauf g angewendet werden kann.
Dies hilft, Fehler zu vermeiden!
f −1 : N → M (2.2)
13
Insbesondere gilt:
wobei idM : M → M die Identische Abbildung (“Identität“) auf M ist, d.h. idM (x) =
x ∀x ∈ M , und analog idN .
Notation:
Definition 2.6. Eine Menge hat Mächtigkeit |M | := n für n ∈ N, also n Elemente, falls
es eine Bijektion f : {1, 2, ..., n} → M gibt.
Zwei Mengen M, N haben die gleiche Mächtigkeit, |M | = |N |, genau dann wenn es eine
14
Bijektion f : M → N gibt.
Satz 2.1. 1) Die Vereinigung von 2 abzählbar unendlichen Mengen ist abzählbar unendlich
2) Das kartesische Produkt von zwei abzählbar unendlichen Mengen ist abzählbar unend-
lich
Beweisskizze: 1) ”trivial“
15
3 Die reellen Zahlen
Motivation:
√
Man kann z.B. 2 (also die Länge eines rechtwinkligen Dreiecks mit Schenkellänge 1) beliebig
genau durch rationale Zahlen approximieren, aber:
√
Satz 3.1. 2∈
/Q
Durch Quadrieren von (3.1) erhält man 2q 2 = p2 , also ist p2 gerade. Daher muss auch p
gerade sein, also ∃r ∈ N mit p = 2r. Durch Quadrieren folgt p2 = 4r2 und wegen 2q 2 = p2
daher 2q 2 = 4r2 .
Division durch 2 gibt q 2 = 2r2 , also ist q 2 gerade. Daher ist auch q gerade. Da p und q beide
√ nicht teilerfremd, ein Widerspruch zu (3.2). Daher ist die Annahme 2 ∈ Q
gerade sind, sind sie
falsch, und somit 2 ∈ / Q.
Man kann nun Q passend erweitern, sodaß keine solchen ”Lücken“ auftreten, und die gewohn-
ten Rechenregeln weiterhin gültig bleiben.
Um diese nicht jedesmal (für R, Q und C) wiederholen zu müssen, formuliert man diese Re-
chenregeln ein-für-allemal, indem man den Begriff eines (Zahlen-) Körpers K definiert:
3.1 Körperaxiome
16
Die Rechenregeln sind gegeben durch 2 Abbildungen
+: K×K→K ”Addition“
(x, y) 7→ x + y (3.3)
und
·: K×K→K ”Multiplikation“
(x, y) 7→ x · y (3.4)
Diese sollen erfüllen:
A1 Assoziativgesetz: ∀x, y, z ∈ K : (x + y) + z = x + (y + z)
A2 Kommutativgesetz: ∀x, y ∈ K : x + y = y + x
A3 Existenz der Null: ∃ 0∈K: x+0=x
A4 Existenz des Negativen: ∀x ∈ K ∃(−x) ∈ K : x + (−x) = 0
M1 Assoziativgesetz: ∀x, y, z ∈ K : (x · y) · z = x · (y · z)
M2 Kommutativgesetz: ∀x, y ∈ K : x · y = y · x
M3 Existenz der Eins: ∃ 1 ∈ K \ {0} x · 1 = x
M4 Existenz des Inversen: ∀x ∈ K \ {0} ∃x−1 ∈ K : x · x−1 = 1.
Definition 3.1. Ein Tripel (K, +, ·) einer Menge K mit 2 Abbildungen + aund · heiß t
Körper, falls A1 - A4 für + und M1 - M4 für · gilt, und das Distributivgesetz D:
∀x, y, z ∈ K : (x + y) · z = x · z + y · z
gilt.
Notation:
x − y := x + (−y), (3.5)
x
:= x · y −1 (3.6)
y
xn := x
| · {z
... · x}, n∈N (3.7)
n mal
1
x−n := (3.8)
xn
0
x := 1 (3.9)
17
oft läßt man · einfach weg.
Beispiele:
2. Das Negative Element für + und das Inverse Element für · sind eindeutig bestimmt
• x + a = b, für gegebene a, b ∈ K
• x · a = b, für gegebene a, b ∈ K mit a 6= 0
Notation:
Wir erinnern wir an die Bedeutung des Summen- und Produktzeichens. Seien m ≤ n ganze
Zahlen. Für jede ganze Zahl k mit m ≤ k ≤ n sei ak eine reelle Zahl. Dann setzt man
n
X
ak = am + am+1 + ... + an
k=m
und n
Y
ak = am · am+1 · ... · an
k=m
18
und m n n
Y Y Y
ak · ak = ak
k=1 k=m+1 k=1
Pm−1 Qm−1
wobei man k=m ak = 0 und k=m ak = 1 setzt.
x>0 ⇔ x ∈ R+
R = R− ∪ {0} ∪ R+
• Transitivität
x < y, y<z ⇒ x<z
• Spiegelung
x<y ⇒ −x > −y
• Inversion
0<x<y ⇒ 0 < y −1 < x−1
• Addition
x<y ∧ w<z ⇒ x+w <y+z
19
3.2.1 Betragsfunktion und Dreiecksungleichung
Eigenschaften:
für x, y ∈ R gilt
x ≤ |x|, y ≤ |y|
und
−x ≤ |x|, −y ≤ |y|
Definition 3.3. Eine Teilmenge M ⊂ R heißt nach oben (bzw. nach unten) beschränkt,
20
wenn es eine Konstante k ∈ R gibt, so dass
Die Menge M heißt beschränkt, wenn sie sowohl nach oben als auch nach unten beschränkt
ist.
Eine Teilmenge M ⊂ R ist also genau dann beschränkt, wenn es eine Konstante k ≥ 0 gibt,
so dass |x| ≤ k für alle x ∈ M .
Definition 3.4. Sei M eine Teilmenge von R. Eine Zahl k ∈ R heißt Supremum (bzw.
Infimum) von M , falls k kleinste obere (bzw. größte untere) Schranke von M ist. Dabei
heißt k kleinste obere Schranke von M , falls gilt:
Es ist klar, dass die kleinste obere Schranke (bzw. größte untere Schranke) im Falle der Exi-
stenz eindeutig bestimmt ist. Man bezeichnet sie mit sup(M ) bzw. inf(M ).
Beispiele:
21
Das heißt, daß M = {x ∈ Q| x2 ≤ 2} kein Supremum in Q hat.
Man kann zeigen, daß R der einzige vollständige angeordnete Körper ist.
Beweis. Es gilt ∀n ∈ N: an ≤ b n
⇒ ∀n ∈ N : an ≤ sup A ≤ bn
T
d.h. sup A ∈ n∈N In
Es gilt:
Beweis. weggelassen.
d.h. es gibt keine Bijektion N → R, also keine vollständige Auflistung R = {x1 , x2 , ...}.
22
Beweis. nehmen wir an, es gäbe so eine Auflistung R = {x1 , x2 , ...}.
Definiere I1 := [x1 + 1, x1 + 2] 63 x1
(Ein alternativer Beweis verwendet das 2. Cantor’sche Diagonalverfahren, siehe zB. [Forster
§9 Satz 2)
4 Komplexe Zahlen
Komplexe Zahlen sind extrem nützlich und hilfreich zum Lösen von physikalischen Gleichun-
gen, und essentiell in der Quantenphysik!
Eigenschaften
• der Körper R der reellen Zahlen ist in C eingebettet durch
R→C
x 7→ (x, 0)
23
• Wegen (x, y) = (x, 0) + (0, y) schreibt man für z = (x, y) ∈ C:
z = x + iy
• Rechenregeln:
z + z 0 = (x + x0 ) + i(y + y 0 )
z · z 0 = (x + iy)(x0 + iy 0 ) = xx0 − yy 0 + i(xy 0 + x0 y)
= z0 · z
nützliche Eigenschaften:
• z = z, z + w = z + w, z·w =z·w
• z −1 = z
|z|2
, falls z 6= 0
Die komplexe Zahlen z = (x, y) können als Vektoren (x, y) in R2 visualisiert werden:
Kartesische Darstellung:
24
nützlich für Addition
Polardarstellung
jede komplexe Zahl läßt z 6= 0 sich eindeutig durch Betrag r := |z| und Phase ϕ := arg(z) ∈
(−π, π] festlegen:
z = r cos ϕ + ir sin ϕ
also
also
z = reiϕ
es gilt (Begründung später):
0 0
ei(ϕ+ϕ ) = eiϕ eiϕ
25
0
und somit für z = reiϕ und z 0 = r0 eiϕ :
0
zz 0 = rr0 ei(ϕ+ϕ ) ...Polardarstellung, mit ϕ ∈ (−π, π]
graphisch funktioniert das so:
Insbesondere:
|z| = r, z n = rn einϕ für alle n ∈ N
Die komplexen Zahlen sind sehr nützlich, weil man damit polynomiale Gleichungen immer
lösen kann.
Definition 4.2. Für w ∈ C und n ∈ N heiß t z ∈ C eine komplexe n-te Wurzel von w,
wenn z n = w gilt.
in Polardarstellung:
k
zk := ei n 2π , k = 1, 2, ..., n
erfüllt n
k
zkn = ei n 2π = ei2kπ = 1
zum Beispiel für n = 3
2 1 √
z1 = ei 3 π = (−1 + i 3)
2
i 43 π 1 √
z2 = e = (−1 − i 3)
2
z3 = ei2π = 1
26
graphisch sieht das so aus:
Verallgemeinerung:
Ist p(z) ein Polynom vom Grad n ∈ N und z0 eine Nullstelle von p, also
p(z0 ) = 0
p(z) = (z − z0 )q(z)
27
Satz 4.2. (Fundamentalsatz der Algebra)
Jedes komplexe Polynom vom Grad n ∈ N besitzt mindestens eine komplexe Nullstelle
z0 ∈ C, d.h. p(z0 ) = 0.
Beispiel:
p(z) = z 3 − 13z + 12
also Linearfaktorzerlegung:
p(z) = z 3 − 13z + 12 = (z − 1)(z − 3)(z + 4)
Für jedes n ∈ N sei A(n) eine Aussage. Wir wollen zeigen, dass A(n) für alle n ∈ N richtig
ist. Dazu kann man man so vorgehen: Man zeigt, dass A(1) richtig ist. Dann zeigt man, daß
aus A(1) die Aussage A(2) folgt, aus A(2) die Aussage A(3) folgt, und ”so weiter“; d.h. aus
A(n) folgt A(n + 1). Diese Schlussweise wird präzisiert im Beweisprinzip der vollständigen
Induktion:
Satz 5.1. (Vollständige Induktion) Für n ∈ N sei A(n) eine Aussage; es gelte:
2. Für alle n ∈ N gelte: wenn A(n) richtig ist, dann auch A(n + 1) ”Induktionsschritt“
1.
28
dann ist A(n) für alle n ∈ N richtig.
Dies folgt aus einer grundlegenden Eigenschaft der natürlichen Zahlen: Wenn für eine Teil-
menge M von N gilt: 1 ∈ M und aus n ∈ M folgt: n + 1 ∈ M , so ist M = N.
Beispiel:
n(n + 1)
1 + 2 + 3 + 4 + ... + n =
2
A(n) sei die Aussage
n
X n(n + 1)
k=
k=1
2
Beweis. Induktionsanfang: n = 1
nachprüfen
Induktionsschritt:
Wir nehmen an, A(n) sei richtig. Zu zeigen ist, dass A(n + 1) richtig ist. Dies können wir
schreiben als
n+1
X n
X
k= k + (n + 1)
k=1 k=1
A(n) n(n + 1) (n + 1)(n + 2)
= +n+1= (5.1)
2 2
Damit ist A(n + 1) hergeleitet, und somit ist A(n) wahr ∀n.
29
5.1 Der binomische Lehrsatz
(x + y)2 = x2 + 2xy + y 2
(x + y)3 = x3 + 3x3 y + 3xy 2 + y 3
wir suchen eine allgemeine Formel für (x + y)n für alle n ∈ N. Dazu definiert man:
0! := 1
n! = 1 · 2 · 3 · ... · n, n≥1
sowie n0 := 1.
n n n
Insbesondere ist k
= 0 für k > n und n
=1= 0
.
30
Dies kann man im Pascal’schen Dreieck veranschaulichen (Übung) und einfach ausrechnen.
Induktionsanfang: n = 1
1 1 1
(x + y) = x+ y
0 1
stimmt
Induktionsschritt
n−1 n−1
(mit l = k + 1 in der 3. Zeile). Nun ist n−1
=1= 0
, und mit dem obigen Hilfssatz (5.4)
erhalten wird
n−1 n
n n
X n k n−k n
X n k n−k
(x + y) = x + x y +y = x y (5.5)
k=1
k k=0
k
31
Satz 5.3. Für n, k ∈ N mit 1 ≤ k ≤ n gilt:
n
Die Anzahl der k-elementigen Teilmengen einer n-elementigen Menge M ist k
Induktionsschritt:
Wir nehmen an, die Aussage sei für n − 1 richtig. Sei M eine Menge mit n Elementen. Wir
wählen wir ein p ∈ M .
Alle k-elementigen Teilmengen A ⊂ M mit p ∈ A erhält man, indem man alle (k − 1)-
elementigen Teilmengen von M \ {p} wählt und p hinzufügt; die Anzahl ist also n−1
k−1
laut
Induktionsannahme.
Motivation: viele Größen sind nicht durch einen in endlich vielen Schritten exakt berechenba-
ren Ausdruck gegeben, sondern können nur mit beliebiger Genauigkeit approximiert werden.
Eine Zahl mit beliebiger Genauigkeit approximieren heißt, sie als Grenzwert einer Folge dar-
stellen.
a : N → R,
n 7→ a(n) =: an
elementare Eigenschaften
32
(an ) heißt streng monoton steigend, wenn an+1 > an für alle n ∈ N.
• (an ) heißt nach oben (bzw. unten) beschränkt, wenn es eine Zahl k ∈ R gibt mit an ≤ k
(bzw. an ≥ k) für alle n .
Beispiele:
•
an = (−1)n
•
n 1 2 3
( )n∈N0 = (0, , , , ....)
n+1 2 3 4
• Potenzfolge:
an = x n , x∈R
ist monoton steigend für x > 1, konstant für x = 1, monoton fallend für 0 < x < 1,
nicht monoton für x < 0.
33
Definition 6.2. Eine (reelle) Folge (an ) heiß t konvergent gegen a ∈ R, wenn
In diesem Fall heiß t a Grenzwert (oder Limes) der Folge, und man schreibt
a = lim an kurz: an → a
n→∞
beachte, dass die Zahl N von abhängt. Im Allgemeinen wird man N umso größer wählen
müssen, je kleiner ist.
Satz 6.1. Die Folge (an )n∈N konvergiere sowohl gegen a als auch gegen a0 . Dann gilt
a = a0 .
Man kann also konvergenten Folgen eine eindeutige Zahl (den Grenzwert) zuordnen. Darin
begründet sich deren Nützlichkeit.
Definition 6.3. Sei > 0. Die - Umgebung eines Punktes a ∈ R ist definiert durch
U (a) := {x ∈ R| |x − a| < }
an → a bedeutet also:
34
also:
1
lim =0
n→∞ n
1
Beweis. Sei > 0. Wähle N ∈ N so, daß N >
(geht immer). Dann gilt: ∀n ≥ N :
| n1 − 0| = n1 ≤ N1 <
•
an = (−1)n
konvergiert nicht, ist also divergent.
Widerspruch E
35
•
n 1 2 3
( )n∈N = (0, , , , ....)
n+1 2 3 4
konvergiert gegen 1
Beweis: Übung
• Potenzfolge:
an = x n , x∈R
ist divergent für |x| ≥ 1
für x = 1 : lim xn = 1
n→∞
Beweis: Übung
•
1 n
lim (1 + ) = e = 2, 1718... (Euler’sche Zahl)
n→∞ n
Beweis: später (ist nicht so einfach)
6.2.1 Konvergenzkriterien
Beweis. (Skizze): für > 0 liegen alle bis auf endlich viele Folgenglieder an in U ( lim an ).
n→∞
36
Beweis. (für steigende Folgen)
∀ > 0 : ∃N ∈ N : aN > a −
also |a − an | < .
beachte: hier geht das Vollständigkeitsaxiom für R ein (Existenz des Supremums).
Beispiele:
• an = n1p für p > 0 ist monoton fallend und beschränkt, also konvergent, und der
Grenzwert kann nur 0 sein:
lim 1p =0
n→∞ n
1. |an − a| ≤ bn ∀ n ∈ N und
Beweis. Sei > 0. Nach Voraussetzung 2. gibt es ein N ∈ N sodaß ∀n > N : |an − a| < .
Dies ergibt die Behauptung.
37
1
• lim p = 0 für p > 0
n→∞ n
np
• lim x n = 0 für p > 0, |x| > 1.
n→∞
6.2.2 Grenzwertregeln
Seien (an ), (bn ) konvergent mit a = lim an und b = lim bn . Dann gilt:
n→∞ n→∞
1. lim (an + bn ) = a + b
n→∞
2. lim an · bn = a · b
n→∞
3. Falls b 6= 0: lim an = a
n→∞ bn b
4. an ≤ bn ⇒ a ≤ b
1.)
Sei > 0. Wähle N ∈ N groß genug, daß ∀n ≥ N : |an − a| < 2
und |bn − b| < 2
Dann ist
∆−U gl
∀n ≥ N : |an + bn − a − b| = |an − a + bn − b| ≤ |an − a| + |bn − b| (6.2)
≤ + = (6.3)
2 2
|b|
Aus lim bn = b folgt: |bn − b| ≤ 2
für fast alle n ∈ N
n→∞
∆−U gl
|b|
Also |bn | ≥ |b| − |bn − b| ≥ 2
> 0 für fast alle n ∈ N
38
für fast alle n ∈ N.
Wegen der Konvergenz von bn → b folgt die Behauptung aus dem Majorantenkriterium.
√
6.2.3 Anwendung: Newton-Verfahren für w
Für w > 0 gibt es genau eine positive Lösung von x2 = w, genannt die Quadratwurzel von w.
Iterative Berechnung: Wähle a1 > 0 beliebig, und definiere rekursiv eine Folge
an+1 := 12 (an + w
an
)
1 w 1 w
a = lim an+1 = lim (an + ) = (a + ) > 0
n→∞ n→∞ 2 an 2 a
√
also a2 = w und daher a = w.
k
√
Ein analoges Verfahren funktioniert auch für w (Übung)
∀k ∈ R : ∃N ∈ N : ∀n ≥ N : an ≥ k
39
man schreibt dann
lim an = +∞ oder an → ∞
n→∞
Analog heiß t (an ) bestimmt divergent gegen −∞, wenn −an → ∞. man schreibt dann
lim an = −∞ oder an → −∞
n→∞
Beispiel:
es gilt (leicht einzusehen): Jede monotone reelle Folge konvergiert oder ist bestimmt divergent
Rechenregeln:
• ∞ + a = ∞, ∞+∞=∞
für a > 0 : a · ∞ = ∞, ∞ · ∞ = ∞
• −∞ + a = −∞, −∞ − ∞ = −∞
für a > 0 : a · (−∞) = −∞, (−∞) · (−∞) = ∞
wir benötigen noch ein (etwas subtiles) Konzept für Folgen (an ), das nützlich sein wird:
zunächst:
an := sup{am | m ≥ n}, an := inf{am | m ≥ n}
es gilt also immer
an ≤ an ≤ an
Aus der Definition folgt sofort, dass die Folge (an ) monoton fallend (!) ist, und die Folge (an )
monoton wachsend ist.
Definition 6.5. der Limes superior bzw. Limes inferior einer reellen Folge (an ) sind
definiert durch
40
lim inf an := lim an
n→∞ n→∞
es gilt dann:
Satz 6.6. Die Folge (an ) konvergiert (uneigentlich) genau dann gegen a ∈ R ∪ {±∞},
falls lim sup an = lim inf an = a
n→∞ n→∞
Beweis. Übung
(wichtig!)
das folgende Konvergenzkriterium ist sehr nützlich für Folgen, deren Grenzwert man nicht
kennt:
Beweis. ⇒:
Daraus folgt
an − ≤ am ≤ an + ∀ n, m ≥ N
Daraus folgt, daß
an − ≤ a ≤ an +
also |an − a| <
⇐:
41
Daraus folgt, daß
∆−U gl
∀n, m ≥ N : |an − am | ≤ |an − a| + |a − am | <
Bemerkung:
Man kann zeigen, daß die Aussage ”jede Cauchy-Folge konvergiert” äquivalent zur
Vollständigkeit von R ist.
Beispiel:
Die Folge
1
an =
n
ist eine Cauchy-Folge.
1
Man kann nämlich zu einem beliebig vorgegebenen ε > 0 ein N so wählen, dass N > ε
erfüllt
ist. Sind nun m > n > N beliebig gewählt, dann gilt
1 1 m−n m 1
|an − am | = | − |=| |< = <ε
n m nm nm n
Hingegen ist an = n keine Cauchy-Folge, weil |an − am | ≥ 1 für n 6= m.
Es folgt unmittelbar: Ist (an )n∈N eine konvergente Folge mit dem Limes a, so konvergiert auch
jede Teilfolge gegen a.
Definition 6.8. Eine Zahl a heißt Häufungspunkt einer Folge (an )n∈N , wenn es eine
Teilfolge von (an ) gibt, die gegen a konvergiert.
alternative Charakerisierung:
a ist Häufungspunkt
42
⇔ ∀ > 0, N ∈ N : ∃n > N : an ∈ U (a) .
Beispiele:
so sind dies stets Häufungspunkte von (an ), und für jeden Häufungspunkt x ∈ R gilt:
lim inf an < x < lim sup an
n∈N n∈N
(also ist lim inf der kleinste HP, und lim sup der größte HP.)
7 Reihen
Definition 7.1. Sei (an ) eine (reelle) Folge. Die Folge
n
X
sn = an
k=1
43
∞
P
der Partialsummen heiß t (unendliche) Reihe, und wird mit an bezeichnet.
n=1
∞
P
Konvergiert die Folge (sn )n∈N , so wird ihr Grenzwert ebenfalls mit an bezeichnet. An-
n=1
dernfalls spricht man von einer divergenten Reihe.
∞
P ∞
P
Falls eine Reihe an ”bestimmt divergiert“ also lim sn = ±∞, schreibt man auch an =
n=1 n→∞ n=1
±∞.
Beispiele:
∞
1
P
• Wir betrachten die Reihe k(k+1)
.
k=1
n
1
P
Die Folge der Partialsummen sn = k(k+1)
konvergiert, weil
k=1
n
X k k − 1
sn = −
k=1
k+1 k
• geometrische Reihe
Sei |x| < 1. Dann gilt
∞
X 1
xk = (7.1)
k=1
1−x
44
Für |x| > 1 ist die geometrische Reihe divergent, weil sie keine Cauchy-Foge ist (|sn −
sn+1 | = |xn+1 | = |x|n+1 > 1).
• harmonische Reihe:
∞
X 1
k=1
k
ist divergent.
Um dies zu sehen, zeigen wir zunächst
2n
X 1 n
s2n = ≥1+ →∞ (7.3)
k=1
k 2
1 1 n 2n n+1
s2n+1 = s2n + n
+ ... + n n
≥ 1 + + n+1
=1+
| 2 + 1 {z 2 + 2 } 2 2 2
2n Terme
7.1 Konvergenzkriterien
Satz 7.1. (Cauchy-Kriterium)
∞
P
Sei an eine reelle Reihe. Dann gilt:
k=1
∞
P n
P
an konvergiert ⇔ ∀ > 0 ∃N ∈ N ∀n ≥ m ≥ N : | ak | <
k=1 k=m
daraus folgt unmittelbar: Das Konvergenzverhalten einer Reihe ändert sich nicht, wenn man
endlich viele Glieder abändert. (Nur die Summe ändert sich.)
Beispiel: Laurent-Reihe:
45
Beweis. Wir zeigen, dass
n
X ak
tn :=
k=0
xk
eine Cauchy-Folge ist.
Dann gilt ∀m ∈ N, n ≥ N :
n+m n+m
X ak ∆−U gl X ak
|tn+m − tn | = | | ≤ | k|
k=n+1
xk k=n+1
x
n+m m
X a a X 1 a 1
≤ | k| = n k
≤ n 1 <
k=n+1
x x k=1 x x 1− x
n
P
Beweis. da an ≥ 0, ist Folge der Partialsummen sn = ak monoton wachsend. Die Behaup-
k=1
tung folgt daher aus dem Monotoniekriterium für Folgen.
die Umkehrung dieser Aussage stimmt aber nicht, wie das Beispiel der harmonischen Reihe
zeigt;
46
P∞
d.h. lim an = 0 ist zwar notwendig, aber nicht hinreichend für die Konvergenz von n=1 an .
Die Feinheiten der Konvergenz von Reihen sieht man gut am Beispiel der
Sein (an )n∈N monotone Nullfolge lim an = 0 mit an ≥ 0. Dann konvergiert die Reihe
∞
X
(−1)n an
n=1
s∗ := lim s2n
n→∞
s∗ := lim s2n−1
n→∞
Bemerkungen:
• absolut konvergente Reihen bilden eine ”robuste“ Klasse von Reihen mit guten Eigen-
schaften, die in Anwendungen sehr nützlich sind, und gut manipuliert werden können
(siehe später).
47
• aus absoluter Konvergenz von ∞
P P∞
n=1 an folgt die Konvergenz von n=1 an .
(Weil:Pfür n ≥ m ≥ 1 gilt | k=m ak | ≤ k=m |ak |, und somit erfüllt neben ∞
Pn Pn P
n=1 |an |
auch ∞ a
n=1 n das Cauchy-Kriterium).
• nicht alle konvergenten Reihen sind absolut konvergent!
(−1)n
Gegenbeispiel: die alternierende harmonische Reihe ∞
P
n=1 n
konvergiert, aber nicht
absolut.
Konvergente Reihen ∞
P
n=1 an , die nicht absolut konvergent sind, nennt man ”bedingt
konvergent“. Diese sind delikat und mit Vorsicht zu genießen.
Pm Pm
Beweis. Idee: Cauchy-Kriterium k=n |ak | < k=n bk
Beispiel:
1 1 2
Beweis. zunächst: für alle n ∈ N gilt: nk
≤ n2
≤ n(n+1)
.
Bemerkung: Man kann (z.B. mithilfe der Theorie der Fourier-Reihen, oder Ende der VL)
beweisen, daß
∞ ∞
X 1 π2 X 1 π4
= , =
n=0
n2 6 n=0
n4 9
etc.
Satz 7.5. (Quotientenkriterium I)
∞
P
Sei an eine Reihe mit an 6= 0 für alle n ≥ n0 . Es gebe eine reelle Zahl θ mit 0 < θ < 1,
n=0
48
sodaß
|an+1 |
≤θ für alle n ≥ n0 .
|an |
∞
P
Dann ist an absolut konvergent.
n=0
|an+1 |
≤θ für alle n.
|an |
daraus folgt:
|an+1 | ≤ θn |a1 |
1
P∞
θn =
P
aus dem Majorantenkriterium und n 1−θ
folgt, daß n=0 an absolut konvergent.
(Beweis: Übung).
Beispiele:
P∞
• Für |x| < 1 konvergiert die Reihe n=0 xn absolut.
Beweis: Sei |x| < 1. Dann gibt es eine reelle Zahl θ mit |x| < θ < 1, und es gilt
|an+1 | |x|n+1
= = |x| < θ < 1
|an | |x|n
• Die Reihe ∞ n n
P
n=0 2n konvergiert absolut, da mit an := 2n für alle n ≥ 2 gilt:
|an+1 | n+1 3
= ≤ =: θ < 1
|an | 2n 4
49
1
• Für an := n
erhalten wir die harmonische Reihe. Es gilt zwar
|an+1 | n
= < 1,
|an | n+1
|an+1 |
aber es gibt kein θ < 1 mit |an |
≤ θ für alle n ≥ n0 . Daher ist das Quotientenkriterium
nicht anwendbar.
P∞ P∞ 1
• Für an := n12 gilt: Die Reihe n=0 an = n=0 n2 ist absolut konvergent, obwohl es
|an+1 | n2
wieder kein θ < 1 gibt mit |an | = (n+1)2 ≤ θ für alle n ≥ n0 .
Im allgemeinen ist das Quotientenkriterium also nur eine hinreichende, aber keine notwendige
Bedingung für die Konvergenz.
p ∞
P
1. lim sup n
|an | < 1 ⇒ an konvergiert absolut
n→∞ n=1
p ∞
P
2. lim sup n
|an | > 1 ⇒ an divergiert
n→∞ n=1
Beweis. Übung
50
P∞
P n=1 an , die nicht absolut konvergiert, und jedes s ∈ R∪{∞}
Für jede konvergente Reihe
gibt es eine Umordnung ∞ n=1 aσ(n) , die gegen s konvergiert.
Wähle N ∈ N, N ≥ M mit {1, ..., M } ⊂ {σ(1), ..., σ(N )}. Dann ist
N
X ∞
X N
X M
X ∞
X
| aσ(n) − an | ≤ | aσ(n) − an | + | an |
n=1 n=1 n=1 n=1 n=M +1
∞
X
≤2 |an | < (7.4)
n=M +1
Sei
a: N×N→R
(n, m) 7→ anm
Satz 7.10. Wenn A oder B absolut konvergent ist, dann konvergiert für jede Abzählung
σ :N→N×N (bjektiv)
51
∞
P
die Reihe S := aσ(n) absolut, und es gilt:
n=1
∞
X
A = B = S =: anm
m,n=1
Bemerkung: Selbstverständlich gelten analoge Aussagen für Reihen, die nicht mit n = 1
beginnen, da die Konvergenz einer Reihe davon unabhängig ist.
∞
X
(an + bn ) = A + B
n=0
∞
X
λan = λA (7.5)
n=0
(7.6)
∞
X
A·B = an b m
m,n=0
(beachte: hier sind 2 Aussagen enthalten: 1) die absolute Konvergenz der Doppelsumme, und
2) die Aussage daß deren Grenzwert durch A · B gegeben ist).
52
Insbesondere gilt dann die Cauchy Produktformel:
∞
P n
P
A·B = cn mit cn := ak bn−k
n=0 k=0
Der Beweis für diesen wichtigen Satz steht in [Forster §8 Satz 3] oder [Griesser 7.4]
7.5 Potenzreihen
Eine wichtige Methode, Funktionen zu definieren und zu untersuchen, ist über Potenzreihen.
Wir wollen eine Potenzreihe als Funktion von x ∈ R auffassen. Dafür müssen wir zunächst
wissen, für welche Werte x sie überhaupt konvergiert. Der erste Schritt in dieser Richtung ist:
53
P∞
Definition 7.5. Der Konvergenzradius R von n=0 an xn ist
∞
X
R := sup{x ≥ 0; an xn konvergiert}
n=0
P∞
Satz 7.14. Hat die Potenzreihe n=0 an xn den Konvergenzradius R, dann gilt:
Beweis. 1. Sei |x| < R. Dann existiert x0 mit 0 < x0 < R und |x| < x0 . Nach Definition
von R konvergiert die Reihe für x0 . Verwende nun Satz 7.13.
Sei |x| > R. Angenommen ∞ n
P
2. P n=0 an x konvergiert, so würde nach Satz 7.13 folgen, daß
∞ n
n=0 an x absolut konvergiert für alle y mit |y| < |x| . Wähle y mit R < y < |x|, dann
folgt ein Widerspruch zur Definition von R.
Beispiele:
P∞
• Was ist der Konvergenzradius der Reihe n=0 xn ?
Wir wissen bereits: Für |x| < 1 konvergiert die Reihe absolut, und für |x| > 1 divergiert
sie. Daraus folgt: R = 1.
• Wir werden weiter unten zeigen, daß die Exponentialreihe
∞
X xn
exp(x) :=
n=0
n!
an+1 (n + 1)!xn+1
= = (n + 1)x
an n!xn
2
Nun ist |(n + 1)x| > 2 für n > |x|
, also ist die Reihe divergent für alle x 6= 0 mit
Konvergenzradius R = 0.
Es gibt ach eine allgemeine (aber nicht immer sehr praktische) Formel für den Konvergenzra-
dius:
54
P∞
Satz 7.15. Der Konvergenzradius R von n=0 an xn ist
1
R= p (Formel von Cauchy-Hadamar)
lim sup n
|an |
n→∞
1 1
Hierbei ist ∞
= 0 und 0
= ∞ zu verstehen.
Definition 7.6. Eine (”verschobene“) Potenzreihe um a ∈ R ist eine Reihe der Form
P∞ n
n=0 an (x − a) mit an ∈ R.
Es gelten analoge Aussagen über den Konvergenzradius R ”um a“, insbesondere ist die Reihe
absolut konvergent für alle x mit |x − a| < R.
Die Exponentialreihe ist (neben der geometrischen Reihe) die wichtigste Reihe in der Analysis.
absolut konvergent
55
Satz 8.2. (Eigenschaften der Exponentialfunktion)
2. Verhalten
exp(0) = 1,
exp(x) > 0 ∀x∈R
exp(−x) = exp(x)−1
exp(y) > exp(x) wenn y>x
3. Restgliedabschätzung es gilt:
N
X xn
exp(x) = + RN +1 (x),
n=0
n!
mit
|x|N +1 N
|RN +1 (x)| ≤ 2 für alle |x| ≤ +1
(N + 1)! 2
Bemerkungen:
• Es gilt:
exp(n) = en
(folgt induktiv aus der Funktionalgleichung und der Definition von e, Übung)
Man definiert:
ex := exp(x) ∀x ∈ R
56
Beweis. • Funktionalgleichung:
Wir wissen schon, daß die Exponentialreihe absolut konvergent ist. Daher können wir
die Cauchy’sche Produktformel verwenden:
∞
X
exp(x) exp(y) = cn
n=0
mit
n n
X xk y n−k 1 X n k n−k 1
cn := = x y = (x + y)n (8.1)
k=0
k! (n − k)! n! k=0 k n!
P
unter Verwendung des binomischen Lehrsatzes. Daraus folgt exp(x) exp(y) = cn =
exp(x + y).
∞
0n
P
• exp(0) = n!
=1
n=0
• für x ≥ 0:
∞
X xn
exp(x) = ≥1>0
n=0
n!
für x < 0: Aus der Funktionalgleichung folgt
1
exp(x) exp(−x) = 1 ⇒ exp(x) = exp(−x)
> 0 weil exp(−x) > 0.
57
• Restgliedabschätzung:
∞
X |x|n |x|N +1 |x| |x|2
|RN +1 (x)| ≤ = 1+ + + ...
n=N +1
n! (N + 1)! N + 2 (N + 2)(N + 3)
|x|N +1 |x| |x| 2
≤ 1+ + + ... (8.2)
(N + 1)! N +2 N +2
N +2
für |x| ≤ 2
kann dies abgeschätzt werden durch
∞
|x|N +1 X 1 |x|N +1
|RN +1 (x)| ≤ 1+ ≤2 (8.3)
(N + 1)! k=1
2k (N + 1)!
Bemerkung: Bei der praktischen Berechnung von exp(x) benutzt man nur für kleine Werte
von |x| die ReihendarsteIlung, die dann schnell konvergiert. Für größere Werte von |x| zieht
man die Funktionalgleichung mit heran. Z.B. läßt sich jede reelle Zahl x in der Form x = n + h
darstellen, wobei n eine ganze Zahl und |h| ≤ 21 ist. Es gilt dann exp(x) = exp(n + h) =
en exp(h) .
8.1 Logarithmus
Definition 8.1. (Monotone Funktionen)
Die folgende Tatsache lässt sich leicht mit Satz 8.2 nachweisen:
Die Exponentialfunktion
exp : R → (0, ∞)
ist bijektiv und streng monoton wachsend.
58
Definition 8.2. Die Umkehrfunktion zu exp : R → (0, ∞) heiß t (natürlicher) Logarith-
mus
ln : (0, ∞) → R
Es gilt:
1. Funktionalgleichung:
ln(xy) = ln(x) + ln(y)
2. ln 1 = 0, ln e = 1
3. ln x1 = − ln x
4. y > x ⇒ ln y > ln x
Beweis. Funktionalgleichung:
Setze ξ := ln x und η := ln y. Dann ist laut Definition exp ξ = x und exp η = y. Aus der
Funktionalgleichung der Exponentialfunktion folgt
exp(ξ + η) = exp(ξ) exp(η) = xy
Wieder nach Definition der Umkehrfunktion ist daher
ln(xy) = ξ + η = ln x + ln y
Graph von ln x:
59
Definition 8.3. Für a > 0 definiert man die Funktion
R→R
x 7→ ax := exp(x ln a)
Die Notation verallgemeinert die bisher eingeführten Spezialfälle der Potenzfunktion und hat
die gewünschten Eigenschaften:
1.
ax+y = ax ay
2. √
1
an = a...a
|{z}, an = n
a, n∈N
n
3.
ln(ax ) = x ln a, (ax )y = axy
4.
1 1 x
a−x = =
ax a
Weiters gilt
1 1 n
a = exp(ln a) = exp(n ln a) = exp( ln a)
n n
√ 1
und daher n
a = exp( n1 ln a) = a n .
60
9 Folgen und Reihen komplexer Zahlen
Ganz analog wie für R kann man konvergente Folgen und Reihen von komplexen √ Zahlen
definieren. Dazu benötigen wir zunächst eine wichtige Eigenschaft der Norm |z| = zz einer
komplexen Zahl z ∈ C (cgl. Kapitel 4):
1. |z| ≥ 0; |z| = 0 ⇔ z = 0
3) folgt aus
|z1 z2 |2 = (z1 z2 )z1 z2 = z1 z2 z 1 z 2 = (z1 z 1 )(z2 z 2 ) = |z1 |2 |z2 |2
2.) Da für jede komplexe Zahl z gilt Re(z) ≤ |z|, folgt
Definition 9.1. Der Abstand zweier komplexer Zahlen z und w in C ist definiert durch
|z − w|
Für die Konvergenzbetrachtungen bei Folgen reeller Zahlen war nur wichtig, dass wir einen
Abstands-Begriff hatten, der die Dreiecksungleichung erfüllt. Da wir nun auch auf C einen
solchen Abstandsbegriff haben, können wir vieles sofort von R auf C übertragen. Zum Beispiel
die Definition von Konvergenz:
Definition 9.2. Eine Folge (an )n∈N komplexer Zahlen heiß t konvergent gegen a ∈ C,
wenn
61
wir schreiben dann
a = lim an kurz: an → a
n→∞
Wenn man den Begriff einer - Umgebung in C verwendet, kann man das genau wie für R
fomulieren:
Definition 9.3. Sei > 0. Die - Umgebung eines Punktes a ∈ C ist definiert durch
U (a) := {x ∈ C| |x − a| < }
Dann gilt:
Dies kann man auch durch die Real- und imaginärteile von an formulieren:
Satz 9.2. Sei (an )n∈N eine Folge komplexer Zahlen. Die Folge konvergiert genau dann,
wenn die beiden reellen Folgen (Re(an )) und (Im(an ))) konvergieren. Im Falle der Kon-
vergenz gilt
lim an = lim Re(an ) + i lim Im(an )
n→∞ n→∞ n→∞
Beweis. es gilt:
an → a heißt, daß |an − a| → 0. Daher konvergiert Re(an ) → Re(a) und Im(an ) → Im(a)
(Majorantenkriterium mit (9.2)).
⇐
Aus der Grenzwertarithmetik folgt limn→∞ |Re(an ) − Re(a)|2 + |Im(an ) − Im(a)|2 = 0, als
limn→∞ |an − a|2 = 0,
Beispiel:
lim z n = 0
n→∞
62
Beweis. |z n − 0| = |z|n → 0.
Satz 9.3. Sei (an )n∈N eine Folge komplexer Zahlen mit lim an = a. Dann konvergiert
n→∞
auch die Folge (ān )n∈N und es gilt
lim ān = ā
n→∞
Definition 9.4. eine Folge (an ) komplexer Zahlen heiß t Cauchy-Folge, falls
(zum Beweis zeigt man zunächst, daß (an ) Cauchy-Folge genau dann ist, wenn (Re(an )) und
(Im(an )) reelle Cauchy-Folgen sind. Dann kann man Satz 9.2 verwenden).
Die Aussage dieses Satzes bezeichnet man als Vollständigkeit der komplexen Zahlen.
P∞
Definition
P∞ 9.5. Eine Reihe n=0 an mit an ∈ C heiß t absolut konvergent, wenn
n=0 |a n | konvergiert.
Dann gilt:
Satz 9.5. Die Rechenregeln für Folgen und Reihen, das Cauchy-, das Majoranten-, das
Quotienten- und das Wurzelkriterium gelten auch für komplexe Zahlen; ebenso die Sätze
über absolute Konvergenz und Umordnungen.
Der Beweis ist analog wie für R, da alle diese Sätze darauf beruhten, dass Cauchy-Folgen
konvergieren. Dies gilt analog in C.
Beim Majorantenkriterium ist zu beachten, dass die Majorante immer eine Folge (nicht-
negativer) reeller Zahlen ist. Denn die Bedingung |an | ≤ bn macht nur für reelle Zahlen bn
Sinn.
63
Weiters kann man leicht sehen, dass die Grenzwertarithmetik auch für komplexe konvergente
Reihen gilt.
für |z| > 1 ist die geometrische Reihe divergent, weil sie keine Cauchy-Foge ist (|sn − sn+1 | =
|z n+1 | = |z|n+1 > 1).
an z n mit z ∈ C und an ∈ C
P
Komplexe Potenzreihen. Für komplexe Potenzreihen
gelten analoge Ausssagen wie für reelle. Insbesondere definiert man den Konvergenzradius als
X
R = sup{|z|; |an z n | konvergiert} ≥ 0
Die Reihe konvergiert dann wieder absolut für |z| < R und divergiert für |z| > R. Beachte
aber, dass es nun unendlich viele Punkte z ∈ C mit |z| = R gibt (falls 0 < R < ∞).
Die Menge {z ∈ C : |z| < R} heißt Konvergenzkreis. Dies ist wirklich ein Kreis (falls
0 < R < ∞), und dies ist der Grund für den Namen “Konvergenzradius”.
Man kann die Definition der Exponentialfunktion sofort auf C statt R verallgemeinern. Dies
ist wichtig zum Verständnis der trigonometrischen Funktionen (und für eine wichtige Klasse
von Differenzialgleichungen).
64
absolut konvergent
exp(−z) = exp(z)−1
exp(z) = exp(z)
3. Restgliedabschätzung es gilt:
N
X zn
exp(z) = + RN +1 (z),
n=0
n!
mit
|z|N +1 N
|RN +1 (z)| ≤ 2 für alle |z| ≤ +1
(N + 1)! 2
Beweis. genauso wie im Reellen (Die Cauchy’sche Produktformel gilt auch im Komplexen).
65
Definition 9.6. (Sinus, Cosinus)
es gilt also
eix = cos x + i sin x Euler’sche Formel
nach Satz 9.7. Also ist eix ein Punkt des Einheitskreises komplexen Ebene, und cos x bzw.
sin x sind die Projektionen dieses Punktes auf die reelle bzw. imaginäre Achse.
1.
1 1 ix
cos x = (eix + e−ix ), sin x = (e − e−ix )
2 2i
66
2.
cos(−x) = cos(x), sin(−x) = − sin(x)
insbesondere ist cos(0) = 1 und sin(0) = 0.
3.
cos2 x + sin2 x = 1
4. (Additionstheoreme)
2. folgt aus 1)
3. folgt aus 1)
67
Satz 9.9. für alle x ∈ R gilt
∞
X x2n
n x2 x4
cos x = (−1) =1− + + ...
n=0
(2n)! 2! 4!
∞
X x2n+1 x3 x5
sin x = (−1)n =x− + + ...
n=0
(2n + 1)! 3! 5!
Die absolute Konvergenz folgt unmittelbar aus der absoluten Konvergenz der Exponentialrei-
he.
Satz 9.10. Die Funktion cos(x) ist im Intervall [0, 2] streng monoton fallend, d.h.
cos(x) < cos(y) für x > y, und hat genau eine Nullstelle.
68
Nun können wir die Nullstellen und die Periodizität der trigonometrischen Funktionen be-
schreiben:
Beweis. Aus cos( π2 ) = 0 folgt sin2 ( π2 ) = 1−cos2 ( π2 ) = 1. Man kann leicht sehen, daß sin( π2 ) > 0,
und daher sin( π2 ) = 1. Somit
π π π
ei 2 = i = cos( ) + i sin( ) = i
2 2
nπ
und die übrigen Behauptungen folgen aus ei 2 = in .
Somit ergibt sich die folgende Wertetabelle für sin und cos
x 0 π2 π 3π
2
2π
sin x 0 1 0 −1 0
cos x 1 0 −1 0 1
dies folgt einfach aus den Additionstheoremen und der obigen Wertetabelle.
69
Satz 9.13. (Nullstellen von sin und cos)
1.
{x ∈ R; sin(x) = 0} = {kπ; k ∈ Z}
2.
π
{x ∈ R; cos(x) = 0} = { + kπ; k ∈ Z}
2
Daraus folgt:
Satz 9.14. Für x ∈ R ist eix = 1 genau dann, wenn x ein ganzzahliges Vielfaches von
2π ist.
cot : R\{πZ} → R
70
cos x
x 7→ cot(x) =
sin x
beachte: Die Nullstellen des Nenners sind vom Definitionsbereich ausgenommen, sodaß die
Funktionen wohldefiniert sind.
hyperbolische Winkelfunktionen
Definition 9.9.
cosh : R → R, sinh : R → R
1 1
x 7→ (ex + e−x ) x 7→ (ex − e−x )
2 2
und
tanh : R → R
71
sinh x
x 7→
cosh x
es gelten analoge Additionstheoreme, die analog aus der Funktionalgleichung von exp bewiesen
werden. z.B:
cosh2 x − sinh2 x = 1
Graph von sinh x und cosh x:
1. Die Funktion cos bildet das Intervall [0, π] bijektiv auf [−1, 1] ab (streng monoton
fallend).
72
Die Umkehrfunktion
heiß t Arcus-Cosinus.
2. Die Funktion sin bildet das Intervall [− π2 , π2 ] bijektiv auf [−1, 1] ab (streng monoton
wachsend).
Die Umkehrfunktion
π π
arcsin : [−1, 1] → [− , ]
2 2
x 7→ arcsin(x)
heiß t Arcus-Sinus.
3. Die Funktion tan bildet das Intervall (− π2 , π2 ) bijektiv auf R ab (streng monoton
wachsend).
Die Umkehrfunktion
π π
arctan : R → (− , )
2 2
x 7→ arctan(x)
heiß t Arcus-Tangens.
Graphen:
73
Die oben definierten Funktionen nennt man auch die Hauptzweige von arccos, arcsin und arc-
tan. Man kann auch analoge “Nebenzweige” mit verschobenen Definitionsbereichen definieren.
Die komplexe Exponentialfunktion liefert eine nützliche Darstellung von komplexen Zahlen:
z = reiϕ
wobei ϕ ∈ R und r = |z| > 0. Für z 6= 0 ist ϕ bis auf ein ganzzahliges Vielfaches von 2π
eindeutig bestimmt.
Se jetzt z 6= 0. Setze r := |z| und ζ = zr . Dann ist |ζ| = 1. Zerlege ζ = ξ + iκ in Real- und
Imaginärteil. Dann ist ξ 2 + κ2 = 1, also |ξ|2 ≤ 1. Daher ist
ψ := arccos ξ
Wir setzen ϕ := ψ falls sin ψ = κ, und ϕ := −ψ falls sin ψ = −κ. Dann ist in jedem Fall
also
z = reiϕ .
Die Eindeutigkeit von ϕ bis auf ein Vielfaches von 2π folgt aus Satz 9.14, da eiϕ = eiα = ζ
impliziert ei(ϕ−α) = 1 also ϕ − α = 2πk mit k ∈ Z.
74
Dies erlaubt eine einfache Interpretation der Multiplikation komplexer Zahlen. Sei z1 = r1 eiϕ1
und z2 = r2 eiϕ2 . Dann ist
z1 z2 = r1 r2 ei(ϕ1 +ϕ2 )
Man erhält also das Produkt zweier komplexer Zahlen, indem man ihre Beträge multipliziert
und ihre Argumente addiert.
n-te Einheitswurzeln
Satz 9.17. Sei n eine natürliche Zahl. Die Gleichung z n = 1 hat genau n komplexe
Lösungen, nämlich z = ζk mit
2kπ
ζk = ei n , k = 0, 1, 2, .., n − 1
Beweis. Sei z eine Lösung von z n = 1. Wir können dann z schreiben als z = reiϕ mit 0 ≤ ϕ <
2π und r ≥ 0. Wegen
1 = |z n | = |z|n = rn
folgt r = 1, also
z n = (eiϕ )n = einϕ = 1
Nach Satz 9.14 ist nϕ = 2kπ für ein k ∈ Z, d.h.
2kπ
ϕ=
n
Wegen 0 ≤ ϕ < 2π ist 0 ≤ k < n, also z = ζk . Umgekehrt ist für jedes k
2kπ
ζkn = (ei n )n = ei2kπ = 1
75
10 Stetige Funktionen
Definition 10.1. Sei f : D → R Funktion mit Definitionsbereich D ⊂ R.
Γf := {(x, y) ∈ D × R : y = f (x)}
Beispiele:
f :R→R (10.1)
x 7→ f (x) = c (10.2)
• identische Abbildung
idR : R → R (10.3)
x 7→ f (x) = x (10.4)
76
• Absolutbetrag
abs : R → R (10.5)
x 7→ |x| (10.6)
• charakteristische Funktion:
Sei D ⊂ R. Dann:
1D : R → R
1, x ∈ D
x 7→
0, x ∈
/D
77
anschauliche Bedeutung der Stetigkeit:
“Eine Funktion ist stetig, wenn man ihren Graphen zeichnen kann, ohne den Stift abzusetzten”
10.1 Definition
Definition 10.2. Sei f : D → R Funktion auf D ⊂ R.
• x 7→ pn (x) = a0 + a1 x + a2 x2 + .. + an xn , x ∈ R, ai ∈ R, an 6= 0
... Polynomfunktion vom Grad n
• f, g Polynome, D = {x ∈ R; g(x) 6= 0}
r:D→R
f (x)
x 7→ r(x) = rationale Funktion
g(x)
• x 7→ |x|, x ∈ R
√
• x 7→ x, x ∈ [0, ∞)
78
Beispiele für nicht stetige Funktionen:
•
1, x>0
sgn : R → R, sgn(x) = 0, x=0
−1, x > 0
Beweis. Sei (an ) Folge in D mit lim an = x0 . Aus der Stetigkeit von g in x0 folgt lim g(an ) =
n→∞ n→∞
g(x0 ) = y0 . Aus der Stetigkeit von f in y0 folgt lim f (g(an )) = f (y0 ) = (f ◦ g)(x0 ).
n→∞
oder explizit:
79
Dies entspricht dem anfangs erwähnten intuitiven Konzept von Stetigkeit
1. lim an = x0
n→∞
2. ∃N ∈ N : ∀n > N : an ∈ Uδ (x0 )
⇒ ∀n ≥ N : f (an ) ∈ U (f (x0 ))
Bemerkung:
Die Definition von Stetigeit und die bisherigen Sätze kann man sofort auf Funktionen f : C →
C verallgemeinern, da nur der Begriff des Abstandes verwendet wird.
80
10.3 Grenzwerte von Funktionen
Mit der Stetigkeit eng verwandt ist der Begriff des Grenzwertes einer Funktion f (x) , wenn
sich x an eine Zahl x0 annähert. Dabei ist es insbesondere erlaubt, dass x0 nicht im Definiti-
onsbereich D von f liegt, aber an D “angrenzt“. genauer:
Die Menge der Berührpunkte von D bezeichnet man mit D (”Abschluß von D“).
Die beiden Konzepte sind ähnlich, aber es gibt einen feinen Unterschied: jeder Häufungspunkt
ist Berührpunkt, aber nicht umgekehrt.
Beispiele:
1. Jedes x0 ∈ [0, 1] ist Häufungspunkt von (0, 1) und es gibt keine weiteren. Insbesondere
ist (0, 1) = [0, 1].
Für den Grenzwert von Funktionen gelten analoge Rechenregeln wie für Grenzwerte von Fol-
gen.
• lim (f + g)(x) = a + b
x→x0
81
• lim (f · g)(x) = a · b
x→x0
• lim ( fg )(x) = a
b
falls b 6= 0.
x→x0
ex −1
Beispiel: D = R\{0} ⊂ R und f : D → R, f (x) = x
. Dann ist
lim f (x) = 1
x→0
ex − 1 ex − (1 + x)
| − 1| = | | ≤ |x|
x x
Daraus folgt die Behauptung, weil lim |x| = 0.
x→0
(explizit: für jede Folge (an ) in D = D \ {0} mit lim an = 0 folgt lim f (an ) = 1)
Manchmal existiert der Grenzwert einer Funktion nur in einem eingeschränkten Sinn, als links-
oder rechtsseitiger Grenzwert:
2. (uneigentlichen) Grenzwert y0 in ∞, wenn D nicht nach oben beschränkt ist und für
jede bestimmt divergente Folge a : N → D mit lim an = ∞ gilt: lim f (an ) = y0 .
n→∞ n→∞
Beispiele:
82
1. für die Funktion sgn : R → R gilt:
1
2. lim 2 = 0.
x→∞ 1+x
x −1
k −x e
Beweis: Die erste Aussage folgt aus dem obigem Resultat, da x e = xk
.
Die zweite Aussage folgt analog, weil
1 1 y
lim xk e x = lim e =∞
x&0 y→∞ y k
5.
Beweis: Sei (xn )n∈N eine Folge reeller Zahlen mit xn > 0 und lim xn = 0. Mit (10.9)
n→∞
folgt
lim α ln xn = −∞
n→∞
83
Da lim ex = 0 (aus (10.8)), folgt
x→−∞
Bemerkung: dies rechtfertigt die Definition 0α = 0 für alle α > 0 in Definition 8.3. Dann
ist die Funktion x 7→ xα auf ganz [0, ∞) stetig.
7. Für alle α > 0 gilt
ln x
lim =0 und lim xα ln x = 0 (10.11)
x→∞ xα x&0
das heißt, daß der Logarithmus für x → ∞ langsamer gegen ∞ geht wie jede positive
Potenz von x.
Beweis: Übung
8.
sin x
lim =1 (10.12)
x→0, x6=0 x
Beweis: Übung
1 −ix 2ix
(Strategie wie oben, unter Verwendung von sin(x) = 2i
e (e − 1) und der Restglie-
dabschätzung für die komplexe Exponentialfunktion)
Es besteht ein enger Zusammenhang zwischen Stetigkeit und Existenz des Grenzwertes einer
Funktion:
Satz 10.4. (Grenzwerte & Stetigkeit)
(Bemerkung: Ein Punkt x0 ∈ D , der nicht Häufungspunkt von D ist, heißt isolierter Punkt
von D . In isolierten Punkten ist jede Funktion stetig.)
Beweis. Übung
fb : D ∪ {x0 } → R,
f (x), x ∈ D
x 7→
y0 x = x0
84
stetige Fortsetzung von f in x0 , und fb ist stetig in x0 .
solche Lücken x0 im Definitionsbereich, für die man eine stetige Fortsetzung definieren kann,
nennt man ”hebbare Singularitäten“ (in der komplexen Funktionentheorie sind dazu noch viel
stärkere Aussagen möglich).
Beispiel:
ex −1
f : R\{0} → R, f (x) = x
ist stetig mit lim f (x) = 1. Dann ist fb : R → R stetig.
x→0
Bemerkung:
Alle Defiitionen und Aussagen dieser Sektion 10.3 (mit Ausnahme von Def. 10.5 über rechts-
und linksseitige Grenzwerte) kann man sofort auf Funktionen f : C → C verallgemeinern, da
nur der Begriff des Abstandes verwendet wird.
Beispiele:
1
• Für α > 0 strebt jede Potenz xα
für x & 0 schneller nach ∞ als | ln x|.
• Für α > 0 strebt jede Potenz xα für x → ∞ schneller nach ∞ als | ln x|.
1. Eine Funktion f : D → R heiß t bei a von der Ordnung groß O von g, falls
|f (x)|
lim sup <∞
x→a |g(x)|
2. Eine Funktion f : D → R heiß t bei a von der Ordnung klein o von g, falls
|f (x)|
lim sup =0
x→a |g(x)|
85
explizit:
für a = ∞:
∃δ > 0, C > 0 : ∀x ∈ [δ, ∞] : |f (x)| ≤ C|g(x)|
(“|f | ist vergleichbar oder kleiner als |g| bei a”)
für a = ∞:
∀ > 0, ∃δ > 0 : ∀x ∈ [δ, ∞] : |f (x)| ≤ |g(x)|
(“|f | ist verschwindend klein im Vergleich zu |g| bei a”)
Beispiele:
Achtung: Die Aussage ist falsch wenn f nicht stetig ist oder der Definitionsbereich kein abge-
schlossenes Intervall ist!
86
Beweis. oBdA f (a) ≤ y = 0 ≤ f (b).
b−a
wegen bn − an ≤ 2n−1
gilt
x = lim bn
n→∞
also f (x) = 0.
als Anwendung:
Satz 10.6. Jedes Polynom mit ungeradem Grad hat mindestens eine Nullstelle in R.
Beweis. (Skizze)
Also gibt es ein x0 mit p(x0 ) > 0 und ein x1 mit p(x1 ) < 0, und der Zwischenwertsatz liefert
die Behauptung.
Ein Polynom geraden Grades braucht keine reelle Nullstelle zu besitzen, wie das Beispiel
f (x) = x2n + 1 zeigt.
Die folgenden Begriffe sind fundamental in der Topologie (siehe auch Analysis II)
87
Definition 10.8. D ⊂ R heiß t abgeschlossen, falls D = D.
(alternativ: D ⊂ R heißt offen, falls es eine Vereinigung von offenen Intervallen ist.)
Beispiele:
Sei f : D → R stetig und D ⊂ R kompakt. Dann nimmt f sein Maximum und Minimum
an, d.h. es gibt x± ∈ D mit
Da D beschränkt ist, folgt aus dem Satz von Bolzano-Weiserstraß, daß es eine konvergente
Teilfolge (xnk ) gibt.
Für x+ := lim xnk gilt dann x+ ∈ D, weil D abgeschlossen. Da f stetig ist, folgt
Bemerkung
1) es kann mehrere xn ∈ D geben, an denen das Minimum bzw. das Maximum angenommen
wird.
2) Die Aussage stimmt nicht, wenn f nicht stetig ist oder D nicht kompakt.
1
Bsp: die Funktion f : (0, 1], f (x) = x
hat kein Maximum.
88
Folgerung 10.1. Eine stetige Funktion auf einem beschränkten, abgeschlossenen Intervall
ist beschränkt.
Sei f : [a, b] → R eine streng monotone wachsende (bzw. fallende) stetige Funktion, und
A := f (a), B := f (b). Dann bildet f das Intervall [a, b] bijektiv auf das Intervall [A, B]
(bzw. [B, A]) ab, und die Umkehrfunktion
Beweis. weggelassen; siehe [Forster] § 12 Satz 1 oder [Griesser] Satz 10.3.6 . Surjektivität folgt
aus dem Zwischenwertsatz.
hierbei hängt δ i.a. von x ab. Eine stärkere Version von Stetigkeit ist die folgende:
89
Bemerkung: f gleichmäßig stetig ⇒ f stetig in jedem Punkt.
Die Umkehrung gilt aber i. a. nicht! z.B. f : R → R, f (x) = x2 ist nicht gleichmäßig stetig
(Übung).
Beweis. Angenommen, f sei nicht gleichmäßig stetig. Dann gibt es ein > 0 so, daß zu jedem
n ≥ 1 Punkte xn , x0n ∈ [a, b] existieren mit
1
|xn − x0n | < und |f (xn ) − f (x0n )| >
n
Nach dem Satz von Bolzano-Weierstraß besitzt die beschränkte Folge (xn ) eine konvergente
Teilfolge (xnk ). Für ihren Grenzwert gilt
Dies ist ein Widerspruch zu |f (xnk ) − f (x0nk )| > . Also ist die Annahme falsch und f
gleichmäßig stetig.
√
Beispiel: die Funktion x ist auf [0, 1] gleichmässig stetig
10.6.1 Funktionenfolgen
Bisher haben wir nicht gezeigt, dass die Exponentialfunktion stetig ist. Da sie durch eine
Potenzreihe, also als Grenzwert von Polynomen definiert ist, liegt es nahe, erst die folgende
Frage zu beantworten:
Falls eine Folge stetiger Funktionen fn (x) gegen eine Funktion f (x) konvergiert, ist dann f (x)
notwendigerweise stetig?
Die Antwort lautet: Je nachdem, was man genau mit “fn konvergiert gegen f ” meint.
90
Definition 10.10. Sei D ⊂ R und fn : D → R eine Folge von Funktionen. Dann
1. Die Folge (fn ) konvergiert punktweise gegen eine Funktion f : D → R, falls für
jedes x ∈ D die Folge (fn (x)) gegen f (x) konvergiert, d. h.
Beispiel:
1, x≤0
fn : R → R, fn (x) = 1 − nx, x ∈ (0, n1 )
0, x ≥ n1
Dann ist
1, x ≤ 0
lim fn (x) = 1(−∞,0) =
n→∞ 0, x ≥ 1
Also fn → f punktweise, aber nicht gleichmäßig. f (x) ist nicht stetig (und klarerweise ist fn
stetig), also impliziert punktweise Konvergenz von stetigen Folgen nicht die Stetigkeit der
Grenzfunktion.
Aber:
91
Satz 10.10. Sei D ⊂ R und fn : D → R: eine Folge stetiger Funktionen, die gleichmäß ig
gegen die Funktion f : D → R konvergiere. Dann ist auch f stetig.
Anders ausgedrückt: Der Limes einer gleichmäßig konvergenten Folge stetiger Funktionen ist
wieder stetig.
Beweis. (Skizze)
Wähle n ∈ N sodaß supx∈D |f (x)−fn (x)| < . Wähle dann δ > 0 sodaß ∀y ∈ D mit |x−y| < δ
gilt daß |fn (x) − fn (y)| < (möglich weil fn stetig). Also ist f stetig in x.
∞
P
Dann konvergiert fn absolut und gleichmäß ig gegen eine Funktion F : D → R
n=0
Beweis. (Skizze):
Nach dem Majoranten-Kriterium konvergiert die Reihe absolut (weil |fn (x)| ≤ supx∈D |fn (x)|).
Definiere F (x) := ∞
P
n=0 fn (x). Man kann leicht zeigen, daß die Konvergenz gleichmäßig ist
(siehe [Forster] § 21 Satz 2)
Beispiel: Sei
∞
X cos(nx)
F (x) :=
n=1
n2
92
∞ ∞
sup | cos(nx) 1
P P
Die Reihe konvergiert gleichmäßig auf R, weil n2
|≤ n2
< ∞.
n=1 x∈D n=1
n
ak (x − a)k konvergiert gleichmäß ig auf Dr = {x ∈
P
1. die Funktionenfolge fn (x) =
k=0
R : |x − a| ≤ r}
weil r kleiner als der Konvergenzradius R der Potenzreihe ist (siehe Satz 7.14). Also ist
∞
ak (x − a)k auf Dr gleichmäßig konvergent, und mit Satz 10.10 auch stetig. Weil dies für
P
k=0
jedes r < R gilt, ist f (x) auf ganz D stetig.
93
11 Differenzialrechnung in R
Die Differentialrechnung spielt eine zentrale Rolle in der Mathematik und insbesondere in der
Physik.
f (x) − f (x0 )
lim =: f 0 (x0 )
x→x0 x − x0
Der Grenzwert f 0 (x0 ) heiß t Differentialquotient oder Ableitung von f in x0 .
(Insbesondere wird vorausgesetzt, daß es mindestens eine Folge xn in D\{x0 } gibt, die
gegen x0 konvergiert).
Geometrische Interpretation:
f (x)−f (x0 )
Differenzenquotient x−x0
= Steigung der Sekante zwischen (x0 , f (x0 )) und (x, f (x))
Beispiele:
94
Befindet sich ein Objekt zur Zeit t am Ort x(t) für t ∈ R, so ist seine Geschwindigkeit
zur Zeit t0 definiert durch v(t0 ) := lim x(t)−x(t
t−t0
0)
= x0 (t0 )
t→t0
unter Verwendung des Additionstheorems. Da cos stetig ist, gilt lim cos(x + h2 ) = cos(x).
h→0
sin( h )
Wegen (10.12) gilt lim h
2
= 1, also
h→0 2
95
8. f : R → R, f (x) = cos(x). Dann ist
im letzten Beispiel kann man aber rechts- und linksseitige Ableitungen definieren:
Beweis.
f (x0 + h) − f (x0 ) − f 0 (x0 )h
lim =0
h→0 h
Dieser Satz drückt aus, daß die Differenzierbarkeit einer Funktion gleichbedeutend mit der
Approximierbarkeit durch eine affin-lineare Funktion ist. Diese affin-lineare Funktion ist
wobei c = f 0 (x0 ).
96
Folgerung 11.1. Ist f : D → R, D ⊂ R differenzierbar in x0 ∈ D, dann ist f stetig in
x0 .
11.2 Rechenregeln
3. falls g(x0 ) 6= 0 :
0
f f 0 (x0 )g(x0 )−f (x0 )g 0 (x0 )
g
(x 0 ) = g(x0 )2
Beispiele:
• nochmals f (x) = xn .
Beweis von f 0 (x) = nxn−1 durch vollständige Induktion:
n = 0 und n = 1: schon erledigt
97
n → n + 1: Verwende Produktregel
[Link]
(xn )0 = (x · xn−1 ) = x0 xn−1 + x(xn−1 )0 = xn−1 + (n − 1)xxn−1 = nxn−1
1
• f (x) = xn
:
1
f 0 (x) = −n = −nx−n−1
xn+1
(Übung)
Also gilt
d n
x = nxn−1 für alle n ∈ Z
dx
•
d sin x sin0 (x) cos(x) − sin(x) cos0 (x) sin2 x + cos2 x 1
tan0 (x) = = = =
dx cos x cos2 (x) cos2 x cos2 x
Beweis. Wegen der linearen Approximierbarkeit von f und g können wir schreiben
•
f (x) = f (x0 ) + f 0 (x0 ) + R(x) (x − x0 ) mit lim R(x) = 0
x→x0
98
•
g(y) = g(y0 ) + g 0 (y0 ) + S(y) (y − y0 ) mit lim S(y) = 0
y→y0
daraus folgt
g(f (x)) − g(f (x0 )) 0 f (x) − f (x )
0
= g (f (x0 ) + S(f (x)) (11.8)
x − x0 x − x0
nun gilt S(f (x)) → 0 für x → x0 (weil f in x0 stetig ist), und f (x)−f
x−x0
(x0 )
→ f 0 (x0 ) für x → x0
(weil f in x0 differenzierbar). Mit der Grenzwertarithmetik folgt die Behauptung.
Beispiele
2
• Ableitung von h : R → R, h(x) = e−x .
Es gilt: h = g ◦ f mit f (x) = −x2 , g(y) = ey .
2 2
Laut Kettenregel gilt: h0 = e−x (−2x) = −2xe−x
• Sei f : R → R differenzierbar und F : R → R definiert durch
F (x) = f (ax + b) (a, b ∈ R)
Dann ist
F 0 (x) = af 0 (ax + b).
Sei D ⊂ R ein Intervall, und f : D → R eine stetige, streng monotone Funktion und
ϕ = f −1 : D∗ → R die Umkehrfunktion von f , wobei D∗ = f (D).
Bemerkung: Laut Satz 10.8 folgt aus den Voraussetzungen, daß f : D → D∗ invertierbar ist,
und die Umkehrabbildung ϕ = f −1 automatisch stetig (und monoton) ist.
99
Beweis. Sei yn ∈ D∗ \{y} irgendeine Folge mit lim yn = y. Wir setzen xn := ϕ(yn ). Da ϕ
n→∞
stetig ist (siehe obige Bemerkung), folgt lim xn = x. Außerdem ist xn 6= x für alle n, weil
n→∞
ϕ : D∗ → D bijektiv ist. Dann gilt
ϕ(yn ) − ϕ(y) xn − x 1 1
lim = lim = lim = .
n→∞ yn − y n→∞ f (xn ) − f (x) n→∞ f (xn )−f (x) f 0 (x)
xn −x
Beispiele:
1 1 1
ln0 (x) = = = .
exp0 (ln x) exp(ln x) x
• Sei α ∈ R und f : R+ → R, f (x) = xα .
Da xα = eα ln x liefert die Kettenregel
dxα d α
= eα ln x (α ln x) = eα ln x = αxα−1
dx dx x
• arcsin : [−1, 1] → R ist die Umkehrfunktion von sin : [− π2 , π2 ] → R. Für x ∈ (−1, 1) gilt
1 1
arcsin0 (x) = 0 = .
sin (arcsin(x)) cos(arcsin(x))
√
Sei nun y := arcsin(x). Dann ist sin(y) = x und cos(y) = + 1 − x2 , da y ∈ [− π2 , π2 ].
Also gilt
d arcsin(x) 1
=√ für − 1 < x < 1
dx 1 − x2
• arctan : R → R ist die Umkehrfunktion von tan : (− π2 , π2 ) → R. Also gilt
1
arctan0 (x) = 0
= cos2 (arctan(x)).
tan (arctan(x))
Setzten wir y := arctan x, dann folgt
sin2 y 1 − cos2 y 1
x2 = tan2 y = 2
= 2
= − 1,
cos y cos y cos2 y
also
1
cos2 y =
1 + x2
und daher
d arctan(x) 1
= .
dx 1 + x2
100
11.3 Höhere Ableitungen, Glattheit
Eine Funktion f : D → R heißt k-mal differenzierbar im Punkt x ∈ D, falls ein > 0 existiert,
sodaß
f : D ∩ (x − , x + ) → R
(k − 1)- mal differenzierbar ist mit (k − 1)-te Ableitung
f (k−1) : D ∩ (x − , x + ) → R,
die wiederum in x differenzierbar ist.
Schreibweise:
dk f (x) d k d dk−1 f (x)
f (k) (x) := := f (x) :=
dxk dx dx dxk−1
oder
f (0) = f, f (1) = f 0 , f (2) = f 00 , etc.
Die Funktion f : D → R heißt k-mal differenzierbar in D, wenn f in jedem Punkt x ∈ D
k-mal differenzierbar ist.
Sie heißt k-mal stetig differenzierbar in D, wenn überdies die k-te Ableitung f (k) : D → R in
D stetig ist.
Notation:
Die Menge aller k-mal stetig differenzierbaren Funktionen auf D bezeichnet man mit C k (D).
Die Menge aller stetigen Funktionen auf D bezeichnet man mit C 0 (D) = C(D).
Die Menge aller beliebig oft differenzierbaren Funktionen auf D bezeichnet man mit C ∞ (D).
Diese werden auch als “glatte” Funktionen bezeichnet.
Beispiele:
101
2. Die Funktion
f :R→R
x sin( x1 ), x 6= 0
2
x 7→ (11.10)
0 x=0
ist in x = 0 differenzierbar mit
2x sin( x1 ) − cos( x1 ), x 6= 0
0
f (x) = (11.11)
0 x=0
(Übung)
Aber: f 0 ist in 0 nicht stetig.
3. Pfade der Brown’schen Bewegung sind stetig (als Funktionen der Zeit t), aber nicht
differenzierbar (“Irrfahrt”, Richtungsänderung wegen Stößen), also sind sie in C 0 (R).
4. Wichtige Anwendung in der Physik:
Die Bewegung eines Objektes entlang der x-Achse sei gegeben durch die Funktion x(t),
wobei t die Zeit ist. Dann ist die Geschwindigkeit definiert als Ableitung von x(t)
nach der Zeit:
dx(t) x(t + τ ) − x(t)
v(t) = ẋ = = lim
dt τ →0 τ
und die Beschleunigung ist
d2 x(t)
a(t) = ẍ =
dt2
Das Newton’sche Kraftgesetz besagt, daß
ma(t) = F (t)
wobei F die Kraft ist, die auf das Objekt wirkt.
1
Beispiel: f : (−1, ∞) → R, f (x) = 1+x
f 0 (x) = − (1+x)
1
2, f
(2) 1
(x) = 2 (1+x)3,f
(3) 1
(x) = −6 (1+x)4 , ...
also
(T3 f )(x; 0) = 1 − x + x2 − x3
Mehr dazu später!
102
11.4 Regel von de l’Hospital
Sei f, g ∈ C 1 ((a, b)) mit f (x0 ) = g(x0 ) = 0 und g 0 (x0 ) 6= 0. Dann gilt:
Satz 11.5. Die Funktionen f, g : (a, b) → R seien in (a, b) differenzierbar mit g 0 (x) 6= 0
und lim f (x) = 0 = lim g(x). Wenn
x%b x%b
f 0 (x)
lim → c ∈ [−∞, ∞],
x%b g 0 (x)
Beispiele:
103
11.5 Differentiation von Funktionenfolgen (Potenzreihen)
Man möchte gern Funktionen, die durch Folgen definiert sind, differenzieren. Dies ist nicht
immer ganz trivial, wie das folgende Beispiel zeigt:
sin(nx)
Sei fn : R → R, fn (x) := n
. Dann gilt:
1
1. fn → 0 gleichmäßig, da sup |fn (x)| ≤ n
→ 0.
x∈R
2. fn differenzierbar mit fn0 (x) = cos(nx). Aber: Für x 6= 2πZ ist (fn0 (x))n∈N divergent!
Es gilt:
1 1
p = p =R
lim supn→∞ n
n|an | lim supn→∞ n |an |
√
weil lim n
n = 1 (Übung)
n→∞
104
∞
ak (x − a)k mit ak , a ∈ R habe Konvergenzradius
P
Satz 11.8. Die Potenzreihe P (x) =
k=0
R ∈ (0, ∞] um a. Dann ist P : (a − R, a + R) → R differenzierbar, mit
∞
X
0
P (x) = ak k(x − a)k−1 .
k=1
Man drückt dies auch so aus: Eine Potenzreihe darf gliedweise differenziert werden.
n
ak (x − a)k stetig differenzierbar. Es erfüllt
P
Beweis. klarerweise ist Pn (x) :=
k=0
ii) Aus Satz 10.12 zur gleichmäßigen Konvergenz von Potenzreihen zusammen mit obigem
∞
Hilfssatz folgt, daß Pn0 = ak k(x − a)k−1 → P 0 gleichmäßig auf [a − ρ, a + ρ] für ρ < R.
P
k=1
Beispiele:
1
• finde die Potenzreihe zu f : (−∞, 1) → R, f (x) = (1−x)2
mit Entwicklungspunkt a = 0.
∞
1
xk =
P
Wissen: geometrische Reihe P (x) = 1−x
, Konvergenzradius R = 1.
k=0
Für |x| < 1 kann man somit gliedweise differenzieren, und erhält
∞
0
X 1
P (x) = kxk−1 = = f (x)
k=0
(1 − x)2
daraus folgt:
105
∞
ak (x − a)k konvergiere im Intervall I = (a −
P
Satz 11.9. Die Potenzreihe P (x) =
k=0
R, a + R). Dann ist P : I → R beliebig oft differenzierbar, und es gilt
1 (k)
ak = P (a) für alle k ∈ N
k!
Beweis. P (x) ist als Potenzreihe beliebig oft differenzierbar für alle x ∈ (a − R, a + R) (Satz
11.8). Durch gliedweises differenzieren findet man
∞
(k)
X n!
P (x) = an (x − a)n−k
n=k
(n − k)!
Daraus folgt
P (k) (a) = k! ak
11.6 Taylorreihen
Definition 11.4. Für f ∈ C ∞ (I) und a ∈ I heiß t die Potenzreihe
∞
X f (k) (a)
(T f )(x; a) = (x − a)k
k=0
k!
Taylorreihe von f um a.
Beachte:
106
f ist beliebig oft differenzierbar, und f (n) (0) = 0 für alle n ∈ N . (Übung). Daher ist
T f (x; 0) = 0
(Es gibt einen tieferen Grund dafür, den man in der komplexen Funktionentheorie versteht).
T f (x; a) = f (x) ∀x ∈ (a − R, a + R)
Beispiele:
Die Reihe ist absolut konvergent für |x| < 1 (d.h. R = 1). Für x = 1 gilt auch
∞
X (−1)n+1
1 1
ln 2 = 1 − + ± ... =
2 3 n=1
n
aber die Konvergenz ist nicht mehr absolut (Abel’scher Grenzwertsatz, siehe [Forster]
§22 Satz 5). Insbesondere darf man diese Reihe nicht umordnen!
107
11.7 Ableitung und Funktionseigenschaften (Extrema, Mittelwert,
Konvexität)
viele Eigenschaften einer Funktion spiegeln sich in ihrer Ableitung wieder. z.B. kann das
Auftreten von lokalen Extrema, die Monotonie und die Konvexität mit Hilfe der Ableitung
untersucht werden.
Definition 11.5. Sei f : (a, b) → R Funktion. Man sagt, f habe in x0 ∈ (a, b) ein lokales
Maximum (Minimum), wenn ein > 0 existiert, sodaß
Trifft das Gleichheitszeichen nur für x = x0 zu, nennt man x0 ein isoliertes lokales Ma-
ximum (Minimum)
Satz 11.11. Sei f : (a, b) → R differenzierbar mit Extremum in x0 ∈ (a, b). Dann ist
f 0 (x0 ) = 0.
108
Bemerkungen:
1. Umkehrung gilt nicht: z.B. f : R → R, f (x) = x3 erfüllt f 0 (0) = 0 aber hat kein
Extremum.
2. Die Funktion
f :R→R
x sin( x1 ), x 6= 0
2
x 7→ (11.13)
0 x=0
3. Nach Satz 10.7 nimmt jede in einem abgeschlossenen Intervall stetige Funktion f :
[a, b] → R ihr absolutes Maximum und ihr absolutes Minimum an. Liegt ein Extremum
jedoch am Rand, so ist dort nicht notwendig f 0 (x) = 0, wie man z. B. an der Funktion
f : [0, 1] → R, f (x) = x
sieht.
Sei f : [a, b] → R eine stetige Funktion mit f (a) = f (b). Die Funktion f sei in (a, b)
differenzierbar. Dann existiert ein ξ ∈ (a, b) mit f 0 (ξ) = 0.
insbesondere: zwischen zwei Nullstellen einer differenzierbaren Funktion liegt eine Nullstelle
der Ableitung.
falls f nicht konstant, so gibt es ein x0 ∈ (a, b) mit f (x0 ) > f (a) oder f (x0 ) < f (a). Dann
wird das absolute Maximum (bzw. Minimum) der Funktion f : [a, b] → R in einem Punkt
ξ ∈ (a, b) angenommen, mit f 0 (ξ) = 0.
geometrische Bedeutung: die Steigung der Sekante durch die Punkte (a, f (a)) und (b, f (b))
ist gleich der Steigung der Tangente an den Graphen von f an einer gewissen Zwischenstelle
(x0 , f (x0 )) ist
109
Beweis. definiere eine Hilfsfunktion F : [a, b] → R durch
f (b) − f (a)
F (x) = f (x) − (x − a)
b−a
F ist stetig in [a, b] und differenzierbar in (a, b). Da F (a) = f (a) = F (b), folgt aus dem Satz
von Rolle:
f (b) − f (a)
∃x0 ∈ (a, b) : 0 = F 0 (x0 ) = f 0 (x0 ) −
b−a
Satz 11.14. Ist f : [a, b] → R differenzierbar mit f 0 (x) = 0 für alle x ∈ [a, b]. Dann ist f
konstant.
Satz 11.15. Sei c ∈ R eine Konstante und f : R → R eine differenzierbare Funktion mit
110
Beweis. betrachten die Funktion F (x) = f (x)e−cx . Nach der Produktregel gilt
für alle x ∈ R, also F konstant. Da F (0) = f (0) = A, ist F (x) = A für alle x ∈ R, also
Bemerkung: Solche (und andere) sogenannte Differenzialgleichungen spielen eine zentrale Rolle
in der Physik
Satz 11.17. Sei f ∈ C 2 ((a, b)) und x0 ∈ (a, b) mit f 0 (x0 ) = 0. Dann:
f 00 : (a, b) → R stetig.
111
• ∀x ∈ (x0 − , x0 ) : ∃ξ1 ∈ (x, x0 ) : f (x0 ) − f (x) = f 0 (ξ1 )(x0 − x) > 0
| {z }
<0
Bemerkungen:
• Der Satz gibt nur eine hinreichende, aber nicht notwendige Bedingung für ein isoliertes
lokales Extremum. Die Funktion f (x) = x4 besitzt z. B. für x = 0 ein isoliertes lokales
Minimum. Es gilt jedoch f 00 (0) = 0.
Definition 11.6.
Gilt < statt ≤ für alle λ ∈ (0, 1) und alle x 6= y ∈ (a, b), dann heiß t f strikt konvex.
2. Eine Funktion f : (a, b) → R heiß t (strikt) konkav, falls (−f ) (strikt) konvex ist
112
Beispiele:
f 00 ≥ 0 ⇔ f konvex
Beweis. ⇒:
f 00 ≥ 0 ⇒ f 0 monoton wachsend.
Für a < x0 < x1 < b und xλ := λx1 + (1 − λ)x0 , λ ∈ [0, 1] folgt aus Mittelwertsatz:
⇐: (Skizze)
113
Sei f : [a, b] → R konvex. Annahme: f 00 (x0 ) < 0 für ein x0 ∈ (a, b). Sei c = f 0 (x0 ), und
definiere
ϕ(x) := f (x) − c(x − x0 ) für x ∈ (a, b)
Dann ist ϕ : (a, b) → R zweimal differenzierbar mit ϕ0 (x0 ) = 0 und ϕ00 (x0 ) = f 00 (x0 ) <
0. Daher besitzt ϕ in x0 ein isoliertes Maximum. Dies ist klarerweise im Widerspruch zur
Konvexität von f (Details siehe [Forster] §16 Satz 6)
Legendre-Transformierte von f .
1. analytische Mechanik:
2. Thermodynamik:
F (T ) = − sup(T S − U (S))
S
3. etc.
2. Falls f 00 > 0, dann besitzt die Gleichung p = f 0 (x) höchstens eine Lösung x = x(p).
Dann gilt:
f ∗ (p) = x(p)p − f (x(p))
3. f konvex ⇒ (f ∗ )∗ = f
114
Diese Transformation ist wichtig in der Thermodynamik. Eigenschaft 3. bedeutet, dass dabei
“keine Information verlorengeht”.
Beweis. Konvexität:
Die Gleichung p = f 0 (x) folgt aus xd (px − f (x)) = 0, wodurch das Supremum (=Maximum)
der Funktion px − f (x) bestimmt ist.
11.8 Stammfunktion
Definition 11.8. Eine differenzierbare Funktion F : (a, b) → R heiß t Stammfunktion
von f : (a, b) → R, falls F 0 = f .
Beispiele:
xa+1
1. f (x) = xa , F (x) = a+1
+ c für a 6= −1
2. f (x) = cos x, F (x) = sin x + c
Satz 11.20. Sei F Stammfunktion von f . Dann ist G genau dann Stammfunktion von
f , wenn F − G konstant ist.
⇐: G0 = F 0 − (G − F )0 = f
R
Notation: Die Menge der Stammfunktion von f : (a, b) → R wird mit f (x)dxR abgekürzt. Da
sich alle Elemente nur durch eine Konstante unterscheiden,
R schreibt man f (x)dx oft auch
für einen beliebigen Representanten, oder auch f (x)dx + c.
Beispiele:
115
R
1. ex dx = ex + c
dx
R
2. 1+x2
= arctan x + c
3. etc.
Sei f : (a, b) → (0, ∞) stetig. Dann heißt die Funktion x : I → (a, b) (mit I ⊂ R Intervall)
Lösung der Differentialgleichung
ẋ = f (x) (11.15)
dx(t)
falls dt
= f (x(t)) ist ∀x ∈ I.
1 1
R
Nun sei G : (a, b) → R Stammfunktion von g(x) = f (x)
, also G = f
dx. Dann gilt:
1. G0 (x) = f (x)
1
> 0, also ist G streng monoton steigend und somit injektiv mit G((a, b)) =:
I Intervall.
Da G : (a, b) → I bijektiv ist, existiert die Umkehrfunktion G−1 : I → (a, b).
2. Die Funktion
x : I → (a, b), x(t) = G−1 (t)
löst (11.15):
1
ẋ(t) = = f (x(t))
g(G−1 (t))
Allgemeiner gilt: jede Lösung von (11.15) hat die Form
x(t) = G−1 (t + t0 )
mit t0 ∈ I.
12 Integralrechnung in R
116
Strategie: Approximation durch Rechtecke der Breite ,
dazu:
Definition 12.1. Eine Funktion ϕ : [a, b] → R heiß t Treppenfunktion, falls es eine
Unterteilung a = x0 < x1 < ... < xn = b gibt, sodaß ϕ(x) auf (xk−1 , xk ) konstant ist für
k = 1, 2, ..., n.
Bemerkungen:
Definition 12.2. Für ϕ ∈ T (a, b) mit Unterteilung a = x0 < x1 < ... < xn = b und
ϕ(x) = ck für x ∈ (xk−1 , xk ) heiß t
n
X Z b
ck (xk − xk−1 ) =: ϕ(x)dx
k=1 a
Rb
Man kann zeigen, daß a
ϕ(x)dx ist unabhängig von der Wahl der Unterteilung ist
(siehe zB [Forster]; Beweisidee: 1) Verfeinerung der Unterteilung liefert das gleiche Ergebnis,
und 2) zu zwei Unterteilungen von ϕ gibt es eine gemeiname Verfeinerung, und Anwendung
von 1) )
117
Satz 12.1. Das Integral ist ein lineares und monotones Funktional auf T (a, b), d.h.
Z b Z b Z b
(ϕ(x) + λψ(x))dx = ϕ(x)dx + λ ψ(x)dx (12.1)
a a a
und
Z b Z b
ϕ≤ψ ⇒ ϕ(x)dx ≤ ψ(x)dx (12.2)
a a
Definition 12.3. Sei f : [a, b] → R beliebige beschränkte Funktion. Dann setzt man
Z b∗ Z b
f (x)dx := inf ϕ(x)dx : ϕ ∈ T (a, b), ϕ ≥ f (Oberintegral)
a a
Z b Z b
f (x)dx := sup ϕ(x)dx : ϕ ∈ T (a, b), ϕ ≤ f (Unterintegral) (12.3)
a ∗ a
R b∗ Rb
Falls a
f (x)dx = a∗
f (x)dx, heiß t f Riemann-integrierbar, und
Z b Z b∗
f (x)dx := f (x)dx
a a
Wir bezeichnen die Menge aller Riemann-integrierbaren Funktionen auf [a, b] mit R[a, b]
Bemerkungen:
R b∗ Rb Rb
• Für jede Treppenfunktion ϕ ∈ T [a, b] gilt: a
f (x)dx = a∗
f (x)dx = a
f (x)dx
118
Satz 12.2. Jede stetige Funktion f : [a, b] → R ist integrierbar.
Setze
(n)
ck := sup{f (x) : x ∈ (xk−1 , xk )}
(n)
dk := inf{f (x) : x ∈ (xk−1 , xk )}
(n)
ϕn (x) := ck , x ∈ [xk−1 , xk ) bzw. [xn−1 , xn ]
(n)
ψn (x) := dk , x ∈ [xk−1 , xk ) bzw. [xn−1 , xn ]
Dann gilt:
Z b∗ Z b Z b Z b
f (x)dx − f (x)dx ≤ ϕn (x) − ψn (x)
a a ∗ a a
n
X (n) (n) b−a
= (ck − dk )
k=1
n
=: (∗)
Nun:
119
(Teleskopsumme!)
2. falls f stetig:
(n) (n)
(∗) ≤ (b − a) max (ck − dk )
k∈{1,...,n}
Da f gleichmäßig stetig ist (weil [a, b] kompakt!), gibt es zu > 0 ein N ∈ N mit
(n) (n)
∀n ≥ N, k ∈ N : ck − d k <
i) 0 ∈ R(a, b)
Das Integral ist ein lineares und monotones Funktional auf R(a, b), d.h.
Z b Z b Z b
(f (x) + λg(x))dx = f (x)dx + λ g(x)dx (12.4)
a a a
und
Z b Z b
f ≤g ⇒ f (x)dx ≤ g(x)dx (12.5)
a a
Satz 12.4. Sei a < b < c und f : [a, c] → R eine Funktion. Dann ist f genau dann
integrierbar, wenn sowohl f |[a,b] als auch f |[b,c] integrierbar sind und es gilt dann
Z c Z b Z c
f (x)dx = f (x)dx + f (x)dx
a a b
Beweis. Übung
120
Satz 12.5. Seien f, g ∈ R[a, b]. Dann gilt:
2. |f |p ∈ R[a, b] für p ≥ 1
3. f · g ∈ R[a, b]
Beweis. Übung
Konventionen:
Z a
f (x)dx = 0
a
und Z b Z a
für b < a : f (x)dx := − f (x)dx
a b
Dann gilt die Formel von Satz 12.4 für beliebige gegenseitige Lagen von a, b, c, falls f in den
Teilintervallen integrierbar ist.
1
Rb
Aus dem Zwischenwertsatz folgt: ∃z ∈ [a, b] : f (z) = b−a a
f (x)dx
Man definiert den Mittelwert einer Funktion f auf dem Intervall [a, b] als
Z b
1
f := f (x)dx
b−a a
(nicht zu verwechseln mit der komplexen Konjugation!). Der Mittelwertsatz besagt dann, daß
f = f (z) für ein geeignetes z ∈ [a, b].
121
12.2 Der Hauptsatz der Differential- und Integralrechnung
Wir betrachten jetzt eine Integrationsgrenze als variabel und erhalten so eine neue Funktion,
das “bestimmte Integral”:
Beweis. (Skizze)
Für h 6= 0 ist
x+h
F (x + h) − F (x)
Z
1
= f (t)dt = f (zh )
h h x
F (x + h) − F (x)
lim = f (x)
h&0 h
Rx Rx
Die Benennung der Integrationsvariablen, also a f (t)dt oder a f (y)dy etc. ist nur symbolisch
und eigentlich irrelevant. Man muß aber aufpassen daß man solche Integrationsvariablen nicht
mit anderen Variablen verwechselt. Also: für Integrationsvariablen immer andere Buchstaben
verwenden!
Wegen
2 2
Z 3ex √ Z −ex √
F (x) = 1+ t4 dt − 1 + t4 dt
0 0
erhalten wir mit dem Hauptsatz und der Kettenregel
2
p 2
p
F 0 (x) = 6xex 1 + 81ex2 + 2xex 1 + e4x2
122
Satz 12.8. (HDI)
Rx
Beweis. Wissen: G : [a, b] → R, G(x) = f (t)dt ist Stammfunktion von f mit G(b) − G(a) =
a
Rb
f (t)dt. Da F (b) − F (a) = G(b) − G(a) für jede Stammfunktion, folgt die Behauptung.
a
Dieser Satz liefert eine wichtige Methode zur Berechnung von Integralen, z.B:
1. Für p ∈ R, p 6= −1 gilt
b b
xp+1
Z
p
x dx =
a p+1 a
mit gewissen Einschränkungen (ist p eine ganze Zahl ≤ −2, so darf 0 nicht im Integra-
tionsintervall liegen; ist p nicht ganz, so ist a, b > 0 vorauszusetzen).
Somit können beliebige Polynome integriert werden.
123
3. Z b
exp xdx = [exp x]ba
a
4. Z 1
sinh(x)dx = cosh(1) − cosh(−1) = 0
−1
5. Z b
dx
√ = [arcsin x]ba
1−x 2
a
6. Z b
dx
= [arctan x]ba
a 1 + x2
7. Z b
dx
2
= [tan x]ba
a cos x
solange cos x 6= 0 im Integrationsintervall.
dg(t) = g 0 (t)dt
124
... besonders einfach zu merken: einfach g(t) durch x ersetzen (oder umgekehrt). Läuft t von
a nach b, so läuft x = g(t) von g(a) nach g(b).
Beispiele:
1. Z b Z b+c
f (t + c)dt = f (x)dx (Substitution x = t + c)
a a+c
2. für c 6= 0 gilt:
Z b Z bc
1
f (ct)dt = f (x)dx (Substitution x = ct)
a c ac
3.
Z 2 a2
a
1 −a v
Z Z
−x2 1 −u
xe e du = − dx =
e dv
0 0 2 0 2
1 2 1 2
= − [ev ]−a
0 = (1 − e−a ) (12.6)
2 2
√
mit der Substitution u = x2 und v = −u. (bzw. äquivalent x = u).
π π
Z 1 √ Z
2
q Z
2
1− x2 dx = 2
1 − sin (t) cos tdt = cos2 (t)dt
0 0 0
125
Daher ist Z π
2 π
2I = (cos2 (t) + sin2 (t))dt =
0 2
also Z 1 √ π
1 − x2 dx =
0 4
√ dx verwenden wir die Substitution x = sinh t = 21 (et − e−t ).
R
5. zur Berechnung von 1+x2
Mit
d sinh t = cosh tdt
cosh t − sinh2 t = 1
2
√
arcsinh(x) = ln(x + x2 + 1) (Übung)
folgt mit u := arcsinh(a), v := arcsinh(b)
Z b
dx
Z v
d sinh t
Z v
cosh t √
√ = p = dt = [t]vu = [ln(x + x2 + 1)]ba
a 1 + x2 u 1 + sinh2 t u cosh t
Die Wahl einer zielführenden Substitution ist nicht immer offensichtlich, und erfordert oft eine
gewisse Findigkeit oder Übung. Es gibt keine allgemeingültige systematische Methode!
126
Kurzschreibweise: Z Z
f dg = f g − gdf
oder auch Z b Z b
f (x)g(x)dx = [f (x)G(x)]ba − f 0 (x)G(x)dx
a a
0
wobei G = g. Wenn man also von einem Faktor die Stammfunktion kennt, kann man die
Produktregel anwenden.
Beispiele:
1. Z b Z b
x sin xdx = [x(− cos x)]ba − 1 · (− cos x)dx = [−x cos x + sin x]ba
a a
Wiederum ist die zielführende Vorgangsweise nicht immer offensichtlich, und erfordert ein
gewisses Geschick.
Als weitere Anwendung der partiellen Integration beweisen wir folgenden Satz:
Dann gilt:
lim F (k) = 0
k→±∞
127
Damit ergibt sich die Abschätzung
2M M (b − a)
|F (k)| ≤ +
|k| |k|
woraus die Behauptung folgt.
Rx sin(kx)
Beweis. Aus cos(kt)dt = k
und der Formel
π
n
X sin((n + 12 )t) 1
cos(kt) = − (12.8)
k=1
2 sin( 12 t) 2
(Übung; folgt aus der Darstellung von cos(x) durch die komplexe Exponentialfunktion)
folgt
n x
sin((n + 12 )t) x−π
Z
X sin(kx)
= 1 dt −
k=1
k π 2 sin( 2 t) 2
Mit Satz 12.11 gilt für
x
sin((n + 21 )t)
Z
Fn (x) := dt (0 < x < 2π)
π 2 sin( 12 t)
lim Fn (x) = 0. Daraus folgt die Behauptung.
n→∞
P (x)
Wir wollen rationale Funktionen Q(x) mit P, Q Polynome integrieren. Dies kann systematisch
durchgeführt werden. Dazu als Vorbereitung:
Partialbruchzerlegung:
wobei
128
ai ... reelle Nullstellen mit Vielfachheit ki ∈ N
man kann also jedes (relle) Polynom in Produkt von (reellen) Polynomen 1. und 2. Grades
faktorisieren.
Damit:
Satz 12.13. (Partialbruchzerlegung)
Seien P (x) und Q(x) (reelle) Polynome vom Grad grad(P ) < grad(Q). Q(x) sei wie oben
faktorisiert. Dann gibt es Konstanten Aim , Bil , Cil sodaß
ri k s lj
P (x) X X Aim XX Bil x + Cil
R(x) := = +
Q(x) i=1 m=1
(x − ai )m
i=1 l=1
((x − bi )2 + c2i )l
(Falls grad(P ) ≥ grad(Q), führt man zunächst eine Polynomdivision durch und spaltet das
ganze Polynom ab.)
Beispiel:
x4 + 1 x3 + x
R(x) = = 1 +
x4 − x3 − x + 1 x4 − x3 − x + 1
1 ist Nullstelle des Nenners, also
also
x(x2 + 1)
R(x) = 1 +
(x − 1)2 (x2 + x + 1)
Ansatz:
x(x2 + 1) A1 A2 Bx + C
= + +
(x − 1)2 (x2 + x + 1) x − 1 (x − 1)2 x2 + x + 1
zu bestimmen sind A1 , A2 , B, C
129
entweder:
P (x)
Damit kann man für jede rationale Funktion R(x) = Q(x)
eine Stammfunktion finden,
unter Berücksichtigung der folgenden Integraltabelle:
1.
ln |x − a|,
Z
dx k=1
= −1
(x − a)k (k−1)(x−a)k−1
, k≥2
2.
2(x − b)
Z
2 2
dx = log((x − b)2 + c2 )
(x − b) + c
x−b
Z
1 1
2 2
dx = arctan( )
(x − b) + c c c
3.
2(x − b)
Z
1 1
k dx = , k≥2
(x − b)2 + c2 1 − k (x − b)2 + c2 k−1
4. Z
1
In := n dx für n ≥ 2
(x − b)2 + c2
kann durch partielle Integration rekursiv berechnet werden, mit dem Ergebnis
2n − 3 x−b
c2 In (x) = In−1 (x) + n−1
2(n − 1) 2(n − 1) (x − b)2 + c2
Symbolische Programme wie z.B. Mathematica beherrschen das auch. Man muss aber
überprüfen, ob das Ergebnis insbes. bei den Nullstellen von Q(x) sinnvoll ist.
130
13 Taylorapproximation
Wir kennen bereits die Potenzreihen-Entwicklung von Funktionen wie sin, cos, exp, etc., und
deren Realisierung als Taylorreihen. Nun könenn wir explizite Korrektur-Terme und Fehler-
abschätzungen herleiten:
Zur Erinnerung: Sei f : I → R n-mal differenzierbar und a ∈ I. Dann ist das Taylor-Polynom
der Ordnung n von f um einen Punkt a ∈ R definiert als
n
X f (k) (a)
(Tn f )(x; a) = (x − a)k
k=0
k!
Für n = 1 entspricht dies genau der linearen Näherung von f am Punkt a, siehe Satz 11.1:
die höheren Terme n > 1 in der Taylor-Entwicklung ergeben die optimal verbesserte Näherung
für x ≈ a.
Satz 13.1. (Taylor’sche Formel) Sei I ⊂ R ein Intervall und f : I → R eine (n + 1)-
mal stetig differenzierbare Funktion. Dann gilt für a ∈ I und x ∈ I
mit Z x
1
Rn+1 (x; a) = (x − t)n f (n+1) (t)dt
n! a
Insbesondere
Rn+1 (x; a) = O (x − a)n+1
für x → a
Induktionsanfang n = 0:
131
Induktionsschritt n − 1 → n: Wir schreiben
Z x
I.A. 1
f (x) − (Tn−1 f )(x; a) = Rn (x; a) = (x − t)n−1 f (n) (t)dt
(n − 1)! a
x
(x − t)n (n) 1 x
Z
[Link].
= − f (t) + (x − t)n f (n+1) (t)dt
n! a n! a
f (n) (a)
= (x − a)n + Rn+1 (x; a) (13.2)
n!
Abschätzung des Restgliedes:
oBdA a ≤ x. Dann
t
|x − a|n+1
Z
1
sup |x − t|n |f (n+1 (t)| sup |f (n+1 (t)|
|Rn+1 (x; a)| ≤ dt ≤
n! t∈[a,x] a n! t∈[a,x]
Beispiele:
•
x2
f (x) = exp(x) = 1 + x + + R3 (x; 0)
2!
ist die optimale Näherung von exp(x) bei 0 durch ein quadratisches Polynom;
Rx
R3 (x; 0) = 3!1 0 t2 et dt = O(x3 ). (Skizze)
•
1
f (x) = = 1 − x + x2 − x3 + O(x4 )
1+x
(siehe Kapitel 11.3).
Unter den Voraussetzungen des Satzes von Taylor gibt es ein ξ zwischen a und x, sodaß
f (n+1) (ξ)
Rn+1 (x; a) = (x − a)n+1
(n + 1)!
132
Beispiele:
14 Uneigentliche Riemann-Integrale
R∞
Wir wollen Integrale vom Typ a f (x)dx berechnen, sowie Integrale über Funktionen die an
R1
einzelnen Punkten nicht definiert sind, wie z.B. 0 √1x dx. Diese werden als Grenzwert von
gewöhnlichen Riemann-Integralen definiert.
Definition 14.1. 1. Sei a ∈ R und a < b ∈ R ∪ {∞} und f : [a, b) → R auf jedem
kompakten Intervall [a, β] ⊂ [a, b) integrierbar.
Rβ Rb
Falls lim a f (t)dt =: a
f (t)dt existiert, heiß t f auf [a, b)
β%b
uneigentlich (Riemann-) integrierbar.
Rb
(kurz: a f (t)dt ist konvergent).
3. Sei a < b, und a, b ∈ R ∪ {±∞} und f : (a, b) → R auf jedem kompakten Intervall
[α, β] ⊂ (a, b) integrierbar.
Falls für ein c ∈ (a, b) die Grenzwerte
Z c Z c
f (t)dt := lim f (t)dt
a α&a α
und Z b Z β
f (t)dt := lim f (t)dt
c β%b c
133
existieren, heiß t f auf (a, b) uneigentlich (Riemann-) integrierbar und man setzt
Z b Z c Z b
f (t)dt := f (t)dt + f (t)dt
a a c
Rb
(kurz: a
f (t)dt ist konvergent).
Beispiele:
R∞ dx
1. Das Integral 1 xs
konvergiert für s > 1. Es gilt nämlich
Z R R
dx 1 1 1 1
= = 1 − s−1
1 xs 1 − s xs−1 1 s−1 R
1
Da lim s−1 = 0, folgt
x→∞ R
Z R
dx 1
s
= für s > 1.
1 x s−1
RR
Ähnlich zeigt man, daß 1 dxxs
für s ≤ 1 nicht konvergiert.
R1
2. Das Integral 0 dxxs
konvergiert für s < 1. Es gilt nämlich
Z 1 1
dx 1 1 1 1−s
s
= = 1−
x 1 − s xs−1 s−1
Da lim 1−s = 0, folgt
&0
Z 1
dx 1
s
= für s < 1.
0 x 1−s
R1dx
Ähnlich zeigt man, daß 0 xs
für s ≥ 1 nicht konvergiert.
3. Z ∞
1
e−ax dx = für a > 0
0 a
Beweis. Z x
1 1
lim e−ax dx = lim (1 − e−ax ) =
x→∞ 0 x→∞ a a
134
2. partielle Integration:
(wenn beide Ausdrücke auf der rechten Seite existieren d.h. konvergieren)
Beispiel:
(Die wahre Bedeutung dieser Funktion wird erst in der sogenannten Funktionentheorie sicht-
bar, wo diese Funktion ins Komplexe fortgesetzt wird.)
135
Das Integral konvergiert für alle x > 0, da
R1
1. |tx−1 e−t | ≤ tx−1 , t > 0 und 0
tx−1 dt konvergent
n
2. |tx−1 e−t | ≤ tn−x+1
n!
, t > 0 (wegen et ≥ tn! ) und
R ∞ −n+x−1
1
t dt konvergent für n > x.
2. Γ(n + 1) = n!, n ∈ n0
√
3. Γ( 12 ) = π
Z∞
xs−1
4. dx = Γ(s)ζ(s) für s > 1.
ex − 1
0
Beweis. 1.
Z ∞ Z ∞
x −t [Link]. x −t
(l.s.) = t e dt = [−t e dt]∞
0 + xtx−1 e−t dt
0 0
= 0 + xΓ(x) = (r.s.) (14.1)
R∞
2. Γ(1) = 0
e−t dt = [−e−t ]∞
0 = 1
3. Verwende Produktdarstellung
n!xn
Γ(x) = lim
n→∞ x(x + 1)...(x + n)
136
Beweis. Wir substituieren x = t1/2 , dx = 12 t−1/2 dt und erhalten
Z R Z R2
−x2 1
e dx = t−1/2 e−t dt
2 2
(Diese Formel kann einfacher mit Methoden der höher-dimensionalen Integration hergeleitet
werden, siehe Analysis II).
Noch eine wichtige Formel, die in der Physik oft benötigt wird:
Satz 14.4. (Stirling’sche Formel) Die Fakultät hat das asymptotische Verhalten
√ n n
n! ∼ 2πn
e
d.h.
n!
lim √ =1
n→∞ 2πn nn e−n
Fragestellung:
Die Antwort ist: nicht unbedingt (!), aber unter gewissen Voraussetzungen JA.
137
1. f (x) nicht integrierbar
Beispiel:
1
x ∈ [ n1 , 1]
, 1
fn (x) = x → , x ∈ (0, 1]
0, x ∈ (0, n1 ] x
R1
aber: 0 x1 dx divergent.
R
2. I f (x)dx konvergent, aber (*) gilt nicht.
Beispiel: 2
n x, x ∈ [0, n1 ]
fn (x) = 2n − n2 x, x ∈ ( n1 , n2 ] → f (x) = 0, x ∈ (0, 1]
0 x ∈ [ n2 , 1]
(Skizze: Zacken-Funktion)
R1 R1
Es gilt 0 fn (x)dx = 1 aber 0 f (x)dx = 0.
schon bekannt:
• Satz 10.10:
fn stetig, fn → f gleichm. konv ⇒ f stetig
• Satz 11.6:
fn ∈ C 1 ((a, b)), fn → f punktweise, fn0 gleichm. konv.
⇒ f ∈ C 1 ((a, b)) und lim fn0 (x) = f 0 (x)
nun gilt:
Satz 15.1. Sei fn : [a, b] → R eine Folge stetiger Funktionen. Die Folge konvergiere auf
[a, b] gleichmäß ig gegen f : [a, b] → R. Dann gilt:
Z Z
lim fn (x)dx = f (x)dx
n→∞ a a
Beweis.
Z Z Z b
lim fn (x)dx − f (x)dx ≤ |fn (x) − f (x)| ≤ (b − a) sup |fn (x) − f (x)| → 0
n→∞ a a a x∈[a,b]
138
Nachtrag: Beweis von Satz 11.6:
Beweis. Aus Satz 10.10 folgt: g : (a, b) → R, g(x) := lim fn0 (x) ist stetig.
n→∞
Anwendung
P∞
• Integration (reeller) Potenzreihen: P (x) = k=0 ak (x − a)k , Konvergenzradius R > 0
um a.
Wir wissen bereits (Satz 10.12), dass die Reihe auf jedem kompakten Intervall [α, β] ⊂
(a − R, a + R) gleichmäßig konvergiert.
Nach dem obigen Satz gilt somit für [α, β] ⊂ (a − R, a + R):
β ∞ β ∞ β
(x − a)k+1
Z X Z X
k
P (x)dx = ak (x − a) dx = ak
α k=0 α k=0
k+1 α
∞
X ak
= (α − a)k+1 − (β − a)k+1 (15.1)
k=0
k+1
Man drückt dies auch so aus: Eine Potenzreihe darf gliedweise integriert werden.
• Wir berechnen ∞
X cos(nx)
F (x) =
n=1
n2
139
konvergiert nach (12.7) gegen π−x 2
. Man kann leicht zeigen, daß die Konvergenz für jedes δ > 0
auf dem Intervall [δ, 2π − δ] gleichmäßig ist (Übung; siehe [Forster] §21 (21.2)). Deshalb gilt
für alle x ∈ (0, 2π)
π−x
F 0 (x) =
2
also π − x 2
F (x) = +c
2
für eine Konstante c ∈ R. Da F stetig ist, gilt diese Beziehung im ganzen Intervall [0, 2π]. Um
die Konstante zu bestimmen, berechnen wir das Integral
Z 2π Z 2π Z 2π
π − x 2 π3
F (x)dx = dx + cdx = + 2πc
0 0 2 0 6
R2π
Da cos(nx)dx = 0 für alle n > 1, gilt andererseits nach Satz 15.1
0
Z 2π ∞ Z 2π
X cos(nx)
F (x)dx = =0
0 n=1 0 n2
2
also c = − π12 . Wir haben also gezeigt
∞
X cos(nx) π − x 2 π2
= − für x ∈ [0, 2π] (15.2)
n=1
n2 2 12
(In der Praxis kann man zwar zunächst “formal” rechnen ohne die Legitimität der einzelnen
Schritte zu überprüfen, man muss dies aber nachholen um unsinnige Resultate zu vermeiden.
z.B. ist (15.2) außerhalb des Intervalles [0, 2π] offensichtlich falsch, da die linke Seite periodisch
in 2π ist, die rechte Seite aber nicht!)
140