0% fanden dieses Dokument nützlich (0 Abstimmungen)
209 Ansichten20 Seiten

Uwe Timm Rennschwein Rudi Rüssel

Uwe Timm, ein deutscher Schriftsteller, erzählt in seinem Kinderroman 'Rennschwein Rudi Rüssel' die Geschichte einer Familie, die ein Ferkel namens Rudi gewinnt und in ihrer Stadtwohnung unterbringen muss. Während Rudi die Wohnung aufmischt und für Chaos sorgt, kämpfen die Kinder und die Eltern mit den Herausforderungen, die ein Haustier mit sich bringt. Der Roman behandelt Themen wie Familie, Verantwortung und die Freude an unerwarteten Abenteuern.

Hochgeladen von

Srishti Singh
Copyright
© © All Rights Reserved
Wir nehmen die Rechte an Inhalten ernst. Wenn Sie vermuten, dass dies Ihr Inhalt ist, beanspruchen Sie ihn hier.
Verfügbare Formate
Als PDF, TXT herunterladen oder online auf Scribd lesen
0% fanden dieses Dokument nützlich (0 Abstimmungen)
209 Ansichten20 Seiten

Uwe Timm Rennschwein Rudi Rüssel

Uwe Timm, ein deutscher Schriftsteller, erzählt in seinem Kinderroman 'Rennschwein Rudi Rüssel' die Geschichte einer Familie, die ein Ferkel namens Rudi gewinnt und in ihrer Stadtwohnung unterbringen muss. Während Rudi die Wohnung aufmischt und für Chaos sorgt, kämpfen die Kinder und die Eltern mit den Herausforderungen, die ein Haustier mit sich bringt. Der Roman behandelt Themen wie Familie, Verantwortung und die Freude an unerwarteten Abenteuern.

Hochgeladen von

Srishti Singh
Copyright
© © All Rights Reserved
Wir nehmen die Rechte an Inhalten ernst. Wenn Sie vermuten, dass dies Ihr Inhalt ist, beanspruchen Sie ihn hier.
Verfügbare Formate
Als PDF, TXT herunterladen oder online auf Scribd lesen

Uwe Timm

Rennschwein Rudi Rüssel

1
Uwe Timm, 1940 in Hamburg geboren, machte zunächst eine
Kürschnerlehre und studierte dann Philosophie und Germani-
stik in München und Paris. Nach längeren Aufenthalten in
Rom, Lateinamerika und Afrika lebt er seit 1971 als freier
Schriftsteller in München. Uwe Timm hat sich nicht nur als
Romanautor einen wichtigen Namen gemacht, sondern ebenso
als Autor von Kinderbüchern, darunter auch ›Rennschwein
Rudi Rüssel‹, für das er 1990 den Deutschen Jugendliteratur-
preis erhielt.
Weitere Titel von Uwe Timm bei dtv junior: siehe Seite 162.

2
Uwe Timm
Rennschwein Rudi Rüssel
Ein Kinderroman
mit Bildern
von Gunnar Matysiak

dtv

3
Für Johanna

4
5
1. Kapitel
Wir haben zu Hause ein Schwein. Ich meine damit
nicht meine kleine Schwester, sondern ein richtiges
Schwein, das auf den Namen Rudi Rüssel hört. Wie
wir zu dem Schwein gekommen sind? Das ist eine
lange Geschichte.
Zwei Jahre ist das her, da fuhren wir an einem Sonntag
aufs Land. Wir, das sind meine Mutter, mein Vater,
meine Schwester Betti, die nur ein Jahr jünger ist als ich,
und Zuppi, meine kleine Schwester. Wir fuhren in die
Lüneburger Heide und dann begann das, was wir Kinder
überhaupt nicht mögen – es wurde gewandert.
Fürchterlich. Wir latschten durch die Gegend und Va-
ter und Mutter sagten alle naslang: »Guckt mal da, wie
schön.« Sie blieben dann jedes Mal stehen und zeigten
auf irgendeinen Hügel oder einen Baum. Sie erwarte-
ten, dass wir staunten. Aber was soll man schon zu ei-
nem Hügel sagen? Und weil wir dann immer sagten,
wir wollen eine Limo, wurde Mutter langsam böse und
meinte, wir sollten gefälligst erst mal etwas laufen. Da-
bei taten uns schon die Beine weh und Zuppi quen-
gelte, sie könne nicht mehr laufen. Daraufhin nahm
Vater sie auf die Schultern und stapfte durch die sandi-
gen Wege, schwitzte und redete nicht mehr von der
Schönheit der Landschaft.
Endlich kamen wir nach Hörpel, einem kleinen Dorf.
In einem Gasthof wurde gerade ein Fest gefeiert. Die
Dorffeuerwehr hatte ihr 50-jähriges Jubiläum. Unter
den Kastanienbäumen saßen die Leute an langen Holz-

6
tischen, tranken Bier und aßen Bratwürstchen. Auf ei-
nem Podium spielte eine Blaskapelle. Wir konnten uns
endlich hinsetzen und bekamen unsere Limo.
Irgendwann hörte die Kapelle auf zu spielen und ein
Mann in Feuerwehruniform ging zum Mikrofon und
sagte: »Jetzt beginnt unsere Tombola. Jeder, der ein Los
kauft, hilft damit, dass wir uns einen neuen Hoch-
druckschlauch kaufen können. Es gibt viele kleine und
einen sehr nahrhaften Hauptpreis.«
Dann kam ein Mann an unseren Tisch mit einem klei-
nen Eimer in der Hand und darin waren die Lose. Je-
der von uns durfte sich eins kaufen. Mein Los war eine
Niete. Betti bekam einen Trostpreis, einen Fahrrad-
wimpel mit der Aufschrift: Freiwillige Feuerwehr Hör-
pel.
Zuppi zog eine rote Nummer. Als die Lose verkauft
waren, rannte sie damit nach vorn, zum Podium.
Der Feuerwehrmann ließ sich das Los zeigen und rief:
»Die Nummer 33! Hier ist die Gewinnerin des Haupt-
preises! Wie alt bist du?«
»Sechs.«
»Gehst du schon zur Schule?«
»Nein. Ich bin erst vor zwei Wochen sechs geworden.«
»Weißt du, was du gewonnen hast?«
»Nein.«
»Du hast Schwein. Du hast nämlich ein kleines
Schwein gewonnen.«
Und dann hob der Mann ein Ferkel aus einer Kiste und

7
drückte es Zuppi in die Arme. Die Leute klatschten
und lachten. Zuppi schleppte breit grinsend das Ferkel
zu unserem Tisch und setzte es Mutter auf den Schoß.
Es war ein sauberes rosiges Tier, mit einer dicken
Schnauze, kleinen flinken Äuglein und großen
Schlappohren.
Es sah wirklich niedlich aus, trotzdem machte Vater ein
finsteres Gesicht. Als ein Bauer, der an unserem Tisch
saß, uns zu dem Ferkel gratulierte, lächelte Vater ge-
quält. Man muss wissen, Vater mag keine Haustiere.
Tiere gehören nicht ins Haus, sagt er immer. Und jetzt
hatte Mutter dieses Ferkel auf dem Schoß und kraulte
ihm das eine Schlappohr.
»Niedlich, nicht?«, sagte Zuppi begeistert. »Guck mal,
dieser kleine Ringelschwanz.«
Vater nahm die Pfeife aus dem Mund. »Ganz nett«,
sagte er, »aber wenn wir gehen, dann gibst du das Tier
zurück!«
»Nein«, rief Zuppi, »ich hab das gewonnen. Das gehört
mir.«
»Wir können das Tier doch nicht mitnehmen.«
Da begann Zuppi zu weinen, und wenn sie weint, dann
tut sie das ziemlich laut. Von den anderen Tischen sahen
sie herüber. Warum weinte das kleine Mädchen, das
doch eben ein Glücksschwein gewonnen hatte?
Vater, der schon die Hand ausgestreckt hatte, um das
Ferkel auf den Boden zu setzen, zog die Hand wieder
zurück. Die Leute am Nachbartisch sahen ihn finster

8
an. Es hatte aber auch so ausgesehen, als habe er dem
Ferkel einen Klaps geben wollen.
»Gut, gut«, sagte Vater, »dann behalt das Vieh erst mal.«
Vater zahlte und wir gingen zum Auto zurück. Wir
mussten ziemlich lange laufen, obwohl wir den kürzes-

9
ten Weg nahmen. Das Ferkel mussten wir tragen.
Denn wenn wir es laufen ließen, wollte es uns einfach
nicht folgen, sondern rannte mal hierhin und mal da-
hin. Es ist erstaunlich, wie schwer Ferkel sind, viel
schwerer als gleich große Hunde.
Schließlich konnten wir nicht mehr, obwohl wir drei
Kinder uns beim Tragen immer wieder abwechselten.
Mutter schleppte es eine lange Strecke. Sie trug das
Ferkel wie eine Sofarolle unter dem Arm. Als sie nicht
mehr konnte, wollte sie es Vater zum Tragen geben.
Aber der sagte: »Wenn ihr das Tier mitnehmen wollt,
dann müsst ihr es auch allein tragen.«
Wir fanden das ziemlich gemein, sagten aber vorsichts-
halber nichts.
Als wir endlich zum Auto kamen, waren wir fix und
fertig. Mutter nahm das Ferkel auf den Schoß, damit es
nicht die Polster schmutzig machte. Dabei war es ganz
sauber.
»Schweine sind immer dreckig«, sagte Vater, »sie lieben
den Dreck. Was meint ihr wohl, woher das kommt,
wenn man sagt, jemand isst wie ein Schwein oder das
Zimmer ist ein richtiger Schweinestall?«
Es war natürlich klar, was er damit meinte, unser Kin-
derzimmer natürlich.
Wir waren noch nicht weit gefahren, da schrie Mutter
auf. Das Ferkel hatte ihr auf das Kleid gepinkelt.
»Jetzt reicht’s«, sagte Vater. Beim nächsten Bauernhof
hielt er an.

10
»So«, sagte er, »jetzt schenken wir das Ferkel einem
Bauern. Schweine gehören aufs Land und nicht in eine
Stadtwohnung.«
Zuppi begann zu schreien. Sie kann so laut schreien,
dass man sich die Ohren zuhalten muss.
»Ruhe«, brüllte Vater. »Schweine werden traurig, wenn
sie nur Häuser und keine Felder und Wiesen sehen.«
Zuppi schrie weiter.
»Lass ihr wenigstens ein paar Tage das Ferkel«, sagte
Mutter, »sie hat es nun mal gewonnen. Wir können es
ja immer noch weggeben.«
»Also gut, drei Tage darfst du es behalten, dann muss es
weg. Was sollen die Leute im Haus denken.«

11
2. Kapitel
Wo bringt man in einer Stadtwohnung ein Schwein
unter? Zum Glück wohnen wir im Parterre und haben
hinter dem Haus einen kleinen Garten. In dem stehen
ein Birnbaum und ein Fliederbusch. Neben unserem
Garten liegen die anderen Gärten, alle sind so schmal
wie Handtücher.
Nun konnten wir aber das Schwein, das wir Rudi Rüs-
sel getauft hatten, nicht einfach in den Garten setzen,
denn es hatte zu regnen angefangen und Mutter
meinte, die Nächte seien doch noch recht kühl. Also
blieb nur das Badezimmer übrig, denn Vater hatte
rundweg verboten, dass Zuppi Rudi mit ins Bett nahm.
Rudi galoppierte durch die Wohnung und erkundete
die Zimmer. Besonders der hellgraue Teppich in Vaters
Arbeitszimmer schien ihm zu gefallen. Immer wieder
legte er sich darauf und streckte alle viere von sich. Va-
ter verscheuchte ihn schließlich. Da rannte Rudi in die
Küche und warf mit einem enormen Lärm ein paar
Töpfe um, als er versuchte, in den Küchenschrank zu
kriechen.
»Ich habe gar nicht gewusst, dass Schweine so lebhaft
sind«, sagte Mutter, als sie die Töpfe einsammelte. Va-
ter schloss Rudi, nachdem wir unsere Zähne geputzt
hatten, im Badezimmer ein. Wir lagen in unseren Bet-
ten und hörten ihn leise quieken.

Am nächsten Morgen, als Mutter als Erste ins Bad ging,


prallte sie regelrecht zurück. Am Boden lag die Dose

12
mit ihrer Gesichtscreme, die sie gestern in der Aufre-
gung nicht zugeschraubt hatte. Die Dose war leer.
»Ich glaub, er hat meine Gesichtscreme gefressen.«
Tatsächlich roch Rudi nach Rosen. Er war sonst aber
ganz munter und rannte wieder durch die Wohnung.
Zuppi wollte ihn zu einem Tierarzt bringen, aber Va-
ter sagte: »Das fehlte gerade noch. Was meinst du, was
das kostet?«
»Wir haben doch eine Krankenversicherung«, sagte ich.
»Aber nicht für ein Schwein. Außerdem sind Schweine
Allesfresser, die vertragen auch die Schönheitscreme.«
Wir mussten uns beeilen, um rechtzeitig in die Schule
zu kommen. Mutter nimmt Betti und mich, nachdem
sie Zuppi im Kindergarten abgeliefert hat, mit. Sie ist
nämlich Lehrerin in unserer Gesamtschule. Das hat aber
leider keine Vorteile, im Gegenteil. Unsere Lehrer
können sich bei ihr gleich in den Pausen beschweren,
wenn wir im Unterricht gestört oder irgendeinen
Streich gemacht haben, wie neulich, als wir unserer
Kunstlehrerin eine weiße Maus in die Handtasche ge-
setzt hatten. Hat die Frau ein Theater gemacht. Und
Mutter schimpfte in der Pause mit mir. Aber jetzt über
unsere Schulstreiche zu erzählen, das gäbe eine andere
Geschichte.
Zuppi wollte jedenfalls an diesem Mittwochmorgen
nicht in den Kindergarten, sie behauptete, sie habe
Bauchweh. Tatsächlich hatte sie wohl nur Angst, dass
Vater Rudi Rüssel morgens wegbringen könnte. Bei

13
uns ist nämlich Vater Hausmann. Vater ist arbeitslos. Er
hat einen sehr seltenen Beruf mit einem komplizierten
Namen, einem richtigen Zungenbrecher, er ist Ägyp-
tologe. Ägyptologen sind Leute, die sich mit den alten
Ägyptern beschäftigen, die so seltsame Dinge wie die
Pyramiden, die Mumien und die Hieroglyphen hinter-
lassen haben. Diese Hieroglyphen sind Schriftzeichen,
die aus kleinen Figuren, Vögeln, Balken und Schlangen
bestehen. Diese Hieroglyphen entziffert mein Vater,
wenn er nicht gerade kocht oder Staub wischt. Ich
schreib einmal eine Zeile auf, die so viel bedeutet wie:
Ich war drei Tage allein:

Wir hoffen natürlich, dass er mal einen Hinweis auf ei-


nen Schatz entdeckt. Dann würden wir alle nach Ägyp-
ten reisen und den Schatz ausgraben, den Schatz der
Pharaonen: jede Menge Edelsteine, Gold und Silber.
Wir Kinder malen uns dann immer aus, was wir uns
von dem Geld alles kaufen würden. Aber Vater sagt
dann jedes Mal: »Der Schatz kommt ins Museum.« Es
wäre schon gut, wenn Vater wieder im Museum ar-
beiten könnte, wo er früher war, bevor er arbeitslos
wurde. Dann könnten wir die Schätze wenigstens kos-
tenlos in den Vitrinen bewundern. Und Vater würde
auch nicht mehr zu Hause herumsitzen und so viel
nörgeln.

14
3. Kapitel
Nachmittags, als wir aus der Schule kamen, bauten wir
eine Schweine-Hütte. Ich hatte bei unserem Gemüse-
händler drei Kisten besorgt. Die Kisten zerlegte ich in
Bretter und die nagelte ich dann wieder neu zusam-
men: drei Seitenwände und ein richtiges Satteldach.
Betti hatte in einem Blumengeschäft Torfmull gekauft,
den wollten wir auf den Boden der Hütte schütten, da-
mit Rudi auch warm lag. Betti und ich stritten uns ge-
rade, wer den Torfmull in die Hütte schütten dürfe,
sie, nur weil sie den Torfmull gekauft und hergetragen
hatte, oder ich, weil ich die Kisten besorgt hatte. Da
kam Rudi aus der Verandatür geschossen und rannte in
den Garten. Er war Zuppi, als sie im Bad nach ihm
sehen wollte, entwischt. Rudi lief sogleich zu einer
Pfütze, legte sich hinein, wühlte in dem Schlamm und
quiekte begeistert.
Er war über und über mit Schlamm beschmiert, rannte
fröhlich durch den Garten und – o Schreck – in die
Wohnung zurück! Wir liefen hinterher, um ihn wieder
rauszutreiben, aber Rudi war schon in Vaters Arbeits-
zimmer gelaufen, über das Sofa gesprungen, hatte die
Tischlampe umgerissen, hatte sich auf dem hellgrauen
Teppich, den wir Kinder nur mit Socken betreten
durften, gewälzt und war dann unter das Sofa gekro-
chen.
Deutlich sah man die dreckigen Abdrücke seiner Pfo-
ten auf dem Teppich. Vater lag am Boden vor dem
Sofa und versuchte, mit einem langen Lineal Rudi un-

15
ter dem Sofa hervorzutreiben. »Dieses kleine Dreck-
schwein«, schrie er.
Da schoss Rudi, als er Zuppi sah, unter dem Sofa her-
vor. Vater bekam einen Schreck, stieß sich an der So-
fakante den Kopf, wollte das Ferkel greifen, griff dane-
ben, denn Rudi machte einen kleinen Satz zur Seite,
streifte dabei die weiße Wand und hinterließ darauf
einen langen Schmutzstreifen, rannte über das auf dem
Boden ausgebreitete Pergamentpapier, mit dem Vater
einige Hieroglyphen von einem Stein abgepaust hatte,
raste in Mutters Zimmer, warf einen Kasten mit Zet-
teln um, auf denen Mutter sich die Noten ihrer Schüler
notiert hatte, galoppierte ins Kinderzimmer und von da
wieder raus in den Garten, wo er sich abermals im
Schlamm suhlte. Wir machten schnell die Verandatür
zu, damit er nicht wieder in die Wohnung laufen
konnte.
Sonderbarerweise war es in Vaters Zimmer ganz still.
»Vielleicht ist er in Ohnmacht gefallen«, sagte Betti.
Leise gingen wir in Vaters Zimmer. Er stand da und
starrte auf das am Boden liegende Pergamentpapier,
über das Rudi gelaufen war und auf dem seine drecki-
gen Klauen ihre Spuren hinterlassen hatten. Wie kleine
Keile und Balken standen sie zwischen den anderen
Schriftzeichen.
»Papa«, sagte Zuppi ganz leise, »ist dir nicht gut?« Und
dann sagte sie noch: »Schweine sind doch sehr lustige
Tiere, nicht?«

16
Aber Vater stand und schwieg, als sei er plötzlich taub
geworden, und starrte auf seine Hieroglyphen mit Ru-
dis Abdrücken.
»Interessant«, sagte Vater endlich. »Wenn man Rudis
Zehenabdrücke mitliest, kommt ein ganz neuer Sinn
aus der Inschrift. Da steht nämlich jetzt: Den Vater ließ
alles kalt, was er nicht ändern konnte.«
»Wir haben ihn ausgesperrt«, sagte Betti.
»Wen?«
»Rudi.«

17
»Ach so. Habt ihr die Hütte schon fertig gebaut?«
»Noch nicht ganz.«
Wir gingen raus und Zuppi musste Rudi davon ab-
halten, an Vater hochzuspringen. Rudi hatte Vater
irgendwie ins Herz geschlossen, obwohl der ihn doch
gerade aus dem Haus haben wollte. Vielleicht spürte
Rudi aber auch, dass Vater ihn nicht mochte, und er
wollte sich bei Vater einschmeicheln. Vater besah sich
die Hütte.
»Na ja«, sagte er, »die sieht doch etwas sehr klapprig
aus. Man muss sie noch mit Dachpappe benageln, sonst
regnet es ja rein.«
Plötzlich kläffte am Gartenzaun der Bullterrier von
Herrn Buselmeier. Herr Buselmeier ist der Besitzer un-
seres Hauses und er wohnt zwei Wohnungen über uns.
Ein ziemlich unfreundlicher Mann, der seinem Bull-
terrier ähnlich sieht. Der Köter kläffte und kläffte. Er
bellte Rudi aus.
»Los«, sagte Vater, »bringt schnell das Schwein rein, be-
vor es der Buselmeier sieht. Halt die Klappe, du Töle«,
fauchte Vater den Bullterrier an.
Als wir in der Wohnung waren und Rudi ins Bad ge-
sperrt hatten, sagte Vater: »Das Schwein muss unbe-
dingt aus dem Haus, sonst schmeißt uns Herr Busel-
meier womöglich noch mit dem Schwein raus.«

18
4. Kapitel
Und dann kam der Mittwoch, an dem wir Rudi Rüs-
sel aus dem Haus schaffen sollten. Mutter versuchte,
uns darauf vorzubereiten. Sie sagte: »Ihr müsst vernünf-
tig sein, ein Schwein hat nun einmal in einer Stadt-
wohnung keinen Platz. Es ist auch für Rudi das Beste,
wenn er zu einem Bauern kommt.« Dabei hatte Vater
noch am Abend zuvor an Rudis Stall gebaut. Er hatte
zunächst missmutig hier und dort einen Nagel einge-
schlagen, dann hatte er die Kisten auseinandergenom-
men und sie, Brett für Brett, wieder neu zusammenge-
nagelt.
Er sagte: »So eine einfache, mit Dachpappe benagelte
Kiste sieht doch fürchterlich aus. Wir sollten Rudi ei-
nen Stall bauen, der wie ein kleines Bauernhaus aus-
sieht.«
Wir dachten, wenn er an dem Stall mitbaut, wird er
Rudi Rüssel auch nicht so leicht aus dem Haus geben.
Vater hatte bis spät in den Abend hinein gearbeitet und
sogar damit angefangen, zwei hölzerne Pferdeköpfe zu
schnitzen, wie man sie auf den Dächern der nieder-
sächsischen Bauernhäuser sehen kann. Wir lagen schon
in den Betten, als wir einen tierischen Schrei hörten.
Wir stürzten raus. Vater stand in der Küche und hielt
den linken Zeigefinger hoch. Er blutete. Wir bekamen
einen enormen Schreck, weil wir dachten, dass Rudi
ihn gebissen hätte. Aber dann zeigte sich, dass er sich
beim Schnitzen in den Finger geschnitten hatte. Ein
ziemlich tiefer Schnitt. Mutter legte ihm einen dicken

19
weißen Verband um den Finger. »Jetzt kann ich nicht
mal mehr tippen, und alles wegen dieses Schweins.« Er
sagte nicht Rudi, sondern Schwein. Natürlich kann
man ein Schwein viel leichter aus dem Haus schaffen
als einen Rudi, der ein Schwein ist.
Wir konnten in der Nacht vor Aufregung kaum schla-
fen und überlegten, was wir tun könnten, um Rudi im
Haus zu behalten. Im Keller verstecken? Das wäre bald
aufgefallen, denn Schweine sind ja nicht stumm.
Außerdem war es da unten ja sehr dunkel und feucht.
Im Garten verstecken? Da gab es keine Verstecke, dazu
war der Garten viel zu klein. Schließlich hatte Zuppi
eine Idee.
»Wir machen Rudi zu einem Hieroglyphenschwein.
Das hat er bestimmt noch nicht gesehen.«
»Und wie willst du das machen?«
»Wir beschriften ihn.«
»Und was willst du draufschreiben? Papas Liebling?«
»Quatsch. Diesen Satz, der Papa so gefallen hat und
bei dem Rudi ja auch mitgeholfen hat: Den Vater ließ
alles kalt, was er nicht ändern konnte.«
Da schlichen wir uns nachts aus dem Bett und in Vaters
Arbeitszimmer, holten die Pergamentrolle, gingen ins
Badezimmer und schrieben sorgfältig mit Mutters
Augenbrauenstift die Hieroglyphen auf Rudis rosigen
Rücken. Er hielt dabei still. Nur an einigen Stellen
schien es ihn zu kitzeln, dann quiekte er ganz hell.
Frühmorgens hatte Mutter Mühe, uns wach zu bekom-

20

Das könnte Ihnen auch gefallen