Der Schattenmann
von Lukas Böhl
„Er ist verrückt“, dachte sich der kleine Jan, der im Treppenhaus des Mehrfamilienhauses saß, in
dem er mit seinen Eltern wohnte und den Kater der Nachbarin streichelte. „Herr Veith ist alt und
verrückt“. Seine Tür stand immer einen Spalt weit offen, egal ob bei Tag oder Nacht, und man
hörte ihn wirres Zeug flüstern. Wenn es so leise war wie jetzt, glaubte man, die Worte
entschlüsseln zu können, die er brabbelte. Doch so sehr man sich auch darauf konzentrierte, es
war unmöglich, den Sinn dieses Kauderwelschs zu entziffern.
Jan fuhr Felix, dem Kater, in gleichmäßigen Zügen über den Rücken. Mit der anderen Hand stützte
er seinen Kopf und starrte durch das große Fenster hinunter in den dunklen Hof vor dem Haus,
der gerade von einem heftigen Sommerregen überschwemmt wurde. Felix hasste den Regen, für
Jan dagegen war es im Moment ein willkommener Zeitvertreib, den Tropfen beim Fallen
zuzusehen. Der Regen besaß die Eigenschaft, die Menschen in ihre Häuser zu treiben und was
noch besser war, er sorgte für Ruhe, indem er die meisten Geräusche dämpfte. Abgesehen von
der Stimme von Herrn Veith, der offensichtlich mit sich selbst redete, da er ohne Punkt und
Komma in einem Schwall fortfuhr und nie eine Antwort abwartete.
Jan sah ihn manchmal bei den Mülltonnen unten, ein geducktes Männlein mit tiefen Kerben im
Gesicht, von denen er glaubte, dass dort 2-Euro-Münzen reinpassen müssten. Er trug immer das
Gleiche, jedenfalls kam es Jan so vor, seine Kleidung war so eintönig und farblos, dass man sie
nicht voneinander unterscheiden konnte. Seine Haut war ebenso blass und wenn er mal kurz
aufhörte, mit sich selbst zu reden, dann nur, um ein kratziges Keuchen aus seinen Lungen zu
entlassen, das ihn scheinbar seit Stunden plagte. Wenn er noch Familie hatte, dann irgendwo weit
entfernt, sodass die lange Anfahrt als Ausrede herhalten konnte, den alten Sonderling nicht zu
besuchen. Sein Einkauf wurde ihm zweimal wöchentlich von einer Pflegekraft gebracht, die
außerdem sicherstellte, dass er nicht tot war.
Jan konnte nicht mal erklären, wieso er eine gewisse Abscheu gegen ihn empfand. Es gab viel
schlimmere, kinderfeindlichere Mieter im Haus. Herr Veith hatte nie geschimpft, wenn mal ein Ball
gegen die Scheibe geflogen war. Jan fischte noch ein Leckerli für Felix aus seiner Hosentasche
und hielt es ihm hin. Der Kater nahm es dankend entgegen und verschlang fast seine kleine Hand,
so gierig war er. In seiner Tasche hatte er noch viel mehr davon, aber er wollte ihn nicht fett
füttern. Die Nachbarin hatte sich schon mal beschwert, weil er wegen Jans Zuneigung 500 Gramm
zugenommen hatte, was viel war für einen Kater, wie er erfahren musste.
In der Hoffnung auf ein weiteres Leckerli sah der Kater ihm fordernd in die Augen. Jan legte nur
die Hand auf dessen Kopf und sagte: „Zäh wie Rotze, dieser Sommer…“ Felix stimmte immer allem
zu, was Jan sagte. Daher war er so etwas wie sein bester Freund, zumindest unter den Vierbeinern.
Der Kater duckte sich unter seiner Hand weg, schlich um ihn herum und roch an der Hosentasche,
in der sich die Leckerlis befanden. Wieder sah er ihn erwartungsvoll an, aber Jan drückte ihn mit
der rechten Hand weg und sagte: „Nein, sonst wirst du fett!“ Plötzlich hörten die beiden einen
Knall aus der Wohnung von Herrn Veith. Felix schrak auf und rannte, einem plötzlichen Reflex
nachgebend, sofort nach unten.
Jan, der sich ebenfalls erschrocken hatte, war für einen Augenblick wie versteinert. Normalerweise
müsste jetzt ein Erwachsener eingreifen und sich beschweren, dachte er. Nachdem sich aber im
Flur nichts rührte und Felix bereits nach unten gerannt war, folgte er ihm. Er sah gerade noch, wie
er durch den offenen Spalt in der Wohnung verschwand. Jan sah sich wie nach Bestätigung
suchend im Treppenhaus um, fand aber keinen Erwachsenen, der ihm die gewünschte Erlaubnis
geben konnte und folgte daher seiner kindlichen Neugierde.
Leise schlich er sich zur Wohnungstür, bis er an der Schwelle angekommen war. Dort blieb er
stehen und horchte, ob er Herrn Veiths Stimme hören konnte. Es war ganz unheimlich leise im
Haus. „Felix“, rief er mit schwacher Stimme ins Innere, erinnerte sich aber gleich daran, dass der
sowieso nicht auf ihn hörte. Also schnappte er sich aus seiner Hosentasche einen Katzenkeks,
ging in die Hocke und hob ihn in die Wohnung. Indem er die Hand hin- und herbewegte,
versuchte er, den Geruch zu verteilen und dadurch Felix anzulocken. Aber der Kater kam auch
nach wiederholtem Schwenken und abermaligem Rufen nicht.
Doch plötzlich glaubte Jan, etwas zu hören und aus der Hocke heraus lehnte er sich weiter nach
vorn, um das Ohr gegen die offene Tür zu legen. Ungeschickterweise lehnte er sich so weit nach
vorn, dass er das Gleichgewicht verlor und mit dem Gesicht vorwärts in die Wohnung plumpste.
Die Tür schlug geräuschvoll erst gegen den Türstopper und dann gegen sein Knie. Im nächsten
Moment sprang er auf und flitzte wie von einer Biene gestochen aus der Wohnung, versteckte
sich hinter dem Treppengeländer und beobachtete, was passieren würde. Zu seiner
Verwunderung tat sich gar nichts. Weder Herr Veith schien sich zu rühren, noch irgendein anderer
Erwachsener im Haus.
Jan grübelte nach. Die Teilnahmslosigkeit der Erwachsenen in dieser Sache hatte zunächst etwas
Befremdliches, doch als er genauer darüber nachdachte, schien es ihm wie ein Sechser im Lotto.
Ein Freifahrtschein für eine noch nicht genau festgelegte Dummheit. Wie oft hatte man als kleiner
Junge schon die Möglichkeit, ungestraft in die Wohnung eines Fremden zu gehen? Jan warf all
seine moralischen Bedenken über den Haufen und wandte sich erneut der Wohnung zu, dieses
Mal voller Selbstbewusstsein.
Die Tür stand jetzt weit offen und er konnte ins Innere sehen. Die Wohnung war wie seine, nur
spiegelverkehrt. Als er so davorstand, musste er sich die Nase zuhalten, es roch nach dem Atem
eines alten Mannes. Mit zugehaltener Nase trat er ein und schob die Tür soweit zu, dass nur noch
ein kleiner Spalt offen stand, so wie vorhin. Es brannte kein Licht im Flur und im geringen Schein,
der durch den Spalt aus dem Flur ins Innere drang, sah er die Wohnung eines alten Mannes. An
der Wand hingen ätzende Bilder, die Jagdszenen oder Landschaften darstellten. An der
Garderobe hingen einige Jacken, von denen der muffige Geruch auszugehen schien.
Jan lief schnell daran vorbei und ging auf das einzige Zimmer zu, in dem Licht brannte. Es war das
Schlafzimmer, zumindest nutzten es seine Eltern als solches. Herr Veith aber nutzte es als eine Art
Arbeitszimmer, in dem ein großer, alter Schreibtisch stand, auf dem lauter Zeichnungen verteilt
lagen. Auf der anderen Seite stand eine kleine Couch, an deren linker Lehne ein Kissen lag, auf
dem sehr deutlich ein Kopfabdruck zu erkennen war. Auch hier war der Geruch nach altem Mann
sehr präsent. Jan kippte das Fenster, weil er glaubte, sich gleich übergeben zu müssen. Dann
wandte er sich den Zeichnungen auf dem Tisch zu, die von einer sehr hellen Schreibtischlampe
angestrahlt wurden.
Die Zeichnungen waren sehr düster und in Schwarz gehalten, die Details mit Weiß
hervorgehoben. Jan war erstaunt, wie gut sie waren. Eine Zeichnung zeigte einen alten Mann, der
zeichnet. Eine schwarze Katze saß auf seiner Schulter und blickte dem Betrachter genau in die
Augen. Ein anders Bild zeigte einen Mann am Kreuz ohne Kopf, über dem die Sonne aufging. Das
nächste stellte einen Fisch dar, der in einer Bar saß und Wasser trank. Jan musste über den
dümmlichen Gesichtsausdruck lachen, den der Zeichner dem Fisch verpasst hatte.
Schließlich fand er einen Stapel voller Bilder, die offensichtlich zusammengehörten. Sie alle
zeigten vermeintlich dasselbe Motiv: eine Parkbank neben einem Baum. Es waren bestimmt ein
Dutzend Bilder. Das Interessante war aber die Person auf der Bank. War sie auf dem ersten Bild
noch ganz zu sehen, verschwand sukzessive mit jedem weiteren Bild ein Teil der Person. Erst der
Hut, dann der Kopf, dann die Arme, der Oberkörper und so weiter. Das Bild, auf dem nur die
Schuhe zu sehen waren, starrte Jan lange an. Er musste über die Vorstellung schmunzeln, dass ein
paar einsame Schuhe so vor einer Bank stehen.
Das letzte Bild zeigte schließlich nur noch den Schatten der Person, die sich eben vor Jans Augen
in Luft aufgelöst hatte. Er war so fasziniert von der Bilderreihe, dass er sie nochmal durchsah und
nochmal und nochmal. Das Erstaunen, das er empfand, immer wenn er beim letzten Bild
angelangte, ließ kein bisschen nach. Im Gegenteil, es wurde immer größer. Noch nie hatte er
jemanden getroffen, der so gut zeichnen konnte. Er konnte sich auch an kein Bild erinnern, dass
seine Aufmerksamkeit je so gepackt hatte, wie dieser Schatten, der da einsam auf einer Bank saß.
So tief in seinen Gedanken, merkte er gar nicht, wie Felix, um seine Beine streifte und versuchte,
sich bemerkbar zu machen. Erst als dieser auf seinen Schoß sprang, schreckte er auf und ließ das
Bild fallen. Es landete neben dem Stuhl auf dem Boden. „Felix! Wo kommst du denn her?“, fragte
er den Kater völlig verwirrt, als wäre er wo ganz anders und hätte eben nicht diese merkwürdigen
Bilder durchgesehen. Aber der Kater war nur an dem Futter in seiner Hose interessiert und
schnupperte an der Tasche, in der sich die begehrten Leckerlis befanden. Er gab nach und holte
gleich zwei davon heraus. Dann bückte er sich nach der Zeichnung und betrachtete sie erneut,
während Felix laut die knusprigen Cracker zerkaute.
Er hob ihm das Bild direkt vor die Nase und sagte: „Schau mal, Felix, hast du sowas schon mal
gesehen? Ein Schatten, der auf einer Bank hockt.“ Der aber würdigte das Bild nur eines kurzen
Blickes und sprang dann wieder von Jans Schoß, lief in Richtung Tür, drehte sich zu ihm um, als
wolle er ihm etwas sagen und ging hinaus. Jan verstand und folgte ihm. Felix saß vor der Tür,
hinter der Jan das Badezimmer vermutete. Sie war verschlossen, was für ihn bedeutete, dass sich
jemand darin befand. Zuhause machten sie die Badtüre nie zu, es sei denn, jemand nahm ein Bad
oder duschte.
Jetzt erinnerte er sich auch wieder an den Knall von vorhin, der ihn erst dazu bewegt hatte, nach
unten zu laufen und nachzusehen. Vielleicht war es diese Tür gewesen, die zugeschlagen worden
war. Jan sah den Kater fragend an, der seinen Blick genauso ratlos erwiderte. Ein letztes Mal
versicherte sich Jan, ob nicht doch ein Erwachsener im Flur stand und alles mitbekommen hatte.
Das automatische Licht war mittlerweile erloschen und draußen herrschte völlig Stille.
Anscheinend gehörten knallende Türen zu den Dingen, die ein Erwachsener als ein alltägliches
Geräusch einordnete. Kein Wunder, so oft wie die sich stritten. Für sie gab es viele Türen, die
zugeknallt werden mussten.
So blieb ihm nichts anderes übrig, als an der Tür zu klopfen. Er klopfte genau dreimal, dann hielt
er das Ohr an die Tür und lauschte. Drinnen tat sich etwas, jemand antwortete, das heißt, jemand
sprach, aber nicht mit ihm, sondern mit sich selbst. Es war die ihm wohlbekannte Stimme, die er
so oft gehört hatte, wenn er mit Felix im Treppenhaus gesessen und die Zeit totgeschlagen hat.
Da niemand sonst hier war, sah er nochmal zu Felix. Der war keine große Hilfe und leckte sich nur
die Pfoten, als ginge ihn das alles nichts an. „Du bist doch hier reingelaufen!“, schimpfte er seinen
pelzigen Freund.
Anschließend klopfte er nochmal und setzte gleich nach: „Herr Veith, ist alles in Ordnung?“
Dieses Mal hielt er sogar den Atem als, er das Ohr an die Tür hielt, um nichts von dem zu
verpassen, was er faselte. Zwischen all den unverständlichen Worten, glaubte er sowas wie
„Komm herein“ gehört zu haben. Wieder sah er zu Felix, zuckte mit den Achseln und drückte die
Klinke nach unten. Die Tür war nicht verschlossen und er öffnete sie behutsam, falls er sich doch
verhört haben sollte. Im Bad brannte Licht, das Erste, was er erkannte, waren die Füße von Herrn
Veith in der Badewanne.
Allerdings trug er seine schwarzen Lederschuhe und als er die Tür weiter öffnete, erkannte er,
dass er komplett angezogen in der Badewanne lag. Er trug eine braune Hose, ein graues Hemd,
seine Uhr und sogar die Brille hockte auf seiner Nase. So lag er in der gefüllten Wanne, starrte die
Wand an und murmelte etwas vor sich hin. Jan glaubte, dass er jetzt völlig übergeschnappt war.
Da er ihn nicht zu bemerken schien, klopfte er nochmal leise an die offene Tür. Felix, der bis eben
vor dem Bad gesessen hatte, kam jetzt ebenfalls hereingelaufen, setzte sich vor die Badewanne
und miaute. Beides blieb unbeachtet.
Also räusperte sich Jan und fragte: „Herr Veith, warum liegen Sie angezogen in der Badewanne?“
Der hob nicht mal den Kopf, sondern murmelte nur weiter seinen Sermon vor sich hin. Für eine
Weile sah er ihn aufmerksam an. Ob er durch die tiefen Falten in seinem Gesicht wohl Essen in
seinen Mund stecken könnte, fragte er sich. Dann seufzte er, ging kurz aus dem Zimmer und kam
mit der Zeichnung des Schattens auf der Parkbank wieder. Er hielt sie ihm direkt vor das Gesicht.
Plötzlich bewegten sich seine Hände wie mechanisch darauf zu. Da sie nicht im Wasser gelegen
hatten, ließ ihn Jan zupacken.
Der Moment, als ihre beiden Hände das Stück Papier berührten, ließ Jan einen kalten Schauer den
Rücken hinunterlaufen. Fast konnte er die roboterhafte Kälte dieser Hände spüren. Schnell ließ er
los und trat unwillkürlich einen Schritt zurück, wobei er den alten Veith keine Sekunde aus den
Augen ließ. Der, das Papier jetzt mit beiden Händen festhaltend, runzelte die faltige Stirn, die nun
jeden Moment in sich zusammenzufallen drohte. Die Erkenntnis, dass das Papier nicht von alleine
in seine Hände geraten war, ließ ihn aufblicken.
Zuerst bemerkte er die Katze, die jetzt auf den Hinterbeinen stehend, mit den Vorderpfoten auf
der Wanne lehnte und ihn ansah. Er tätschelte ihren Kopf und lächelte, wenigstens schoben sich
seine Mundwinkel zu Seite. Daraufhin wanderte sein Blick zu Jan, der wie erstarrt in der Ecke stand
und zitterte. „Hast du mir das gebracht?“, fragt er ihn, ohne sich zu wundern, dass er einfach so in
seine Wohnung eingedrungen war. „Ja“, stotterte Jan. „Das ist ein schönes Bild. Wer hat das
gezeichnet? Die Katze vielleicht?“, erwiderte der alte Mann.
Jan, völlig perplex, konnte bei der Vorstellung ein Grinsen nicht unterdrücken und gerade noch
einen Lachanfall unterbinden. Er holte tief Luft und antwortete ganz nüchtern: „Das haben Sie
gezeichnet, Herr Veith.“ Die Antwort schien etwas mit ihm anzustellen. Sein ganzer Ausdruck
änderte sich plötzlich und nahm eine traurige Ausstrahlung an. Jan glaubte etwas sagen zu
müssen und so formulierte er den erstbesten Gedanken, der ihm in den Sinn kam: „Warum liegen
Sie angezogen in der Badewanne, Herr Veith?“
Daraufhin wurde er noch trauriger und seine Augen wurden mit einem Mal ganz feucht. Jan
bereute die Frage sofort und überlegte, ob er sich jetzt entschuldigen müsse. „Ich weiß es nicht!“,
sagte Herr Veith plötzlich und brach in Tränen aus. Nun war die Enthaltung der Erwachsenen
endgültig ausgereizt, dachte Jan, der die Nase voll hatte und schnell zu seiner Wohnung lief, um
seine Eltern zu holen. Von da an ging alles ganz schnell, plötzlich waren die Erwachsenen überall
im Treppenhaus und vor ihren Türen, bis schließlich die Sirenen ertönten und ein Krankenwagen
und die Polizei vorfuhr.
Jan saß mit Felix auf der Treppe vor der Wohnung von Herrn Veith und beobachtete alles aus
sicherer Entfernung. Es faszinierte ihn, mit welcher Bestimmtheit die Erwachsenen solche Dinge
regelten. Sie wussten instinktiv, was zu tun war. Die Sanitäter holten Herrn Veith aus der
Badwanne und wickelten so eine glitzernde Decke um ihn. Dann führten sie ihn unter
schrecklichem Gebrüll aus der Wohnung. Er schimpfte und beleidigte sie. Als sie mit ihm in der
Türschwelle erschienen, sah er noch kleiner als sonst aus und tat Jan plötzlich leid. Zwar verstand
er nicht, was mit ihm passierte, aber er wusste, dass es nichts Gutes war. Das verrieten ihm
darüber hinaus auch die Gesichter der Erwachsenen, die mit betroffener, ernster Miene dem
Schauspiel zusahen.
Als Herrn Veiths Blick auf Jan fiel, der auf der Treppe saß und ihn mitfühlend ansah, verstummte
er schlagartig. Er ging einen Schritt auf ihn zu. Da erkannte Jan, dass er immer noch die
Zeichnung in der Hand hielt. Er streckte seinen Arm aus und hob sie ihm hin. „Gib das der Katze“,
sagte er, und Jan nahm stellvertretend für Felix die Zeichnung entgegen. „Danke“, sagte er etwas
verblüfft. Nachdem Herr Veith das erledigt hatte, ließ er sich ohne ein weiteres Widerwort
abführen. Einige Erwachsene streichelten Jan über den Kopf und fanden lobende Worte für seinen
Mut, aber der hatte nur Augen für das Bild.
Schließlich versammelten sie sich alle auf dem Etagenabsatz unter ihm und unterhielten sich mit
der Polizei. Immer wieder wurde auf ihn gedeutet, den Helden, der wie angewurzelt dasaß, Fellx
streichelte und zu verstehen versuchte, was es mit dem Bild auf sich hatte. Als ihm die Stimmen
zu laut wurden, stand er auf und lief nach oben in die Wohnung. Felix folgte ihm wie sein
Schatten. Er ging in sein Zimmer und hängte die Zeichnung an die Pinnwand über seinem
Schreibtisch, nahm Felix auf den Schoß, holte seine Malsachen aus einer Schublade und begann
zu zeichnen.