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Die Diversität Der Ausbeutung Zur Kritik Des Herrschenden Antirassismus 1st Edition Eleonora Roldán Mendívil Bafta Sarbo HRSG Install Download

Das Buch 'Die Diversität der Ausbeutung' kritisiert den herrschenden liberalen Antirassismus in Deutschland, der sich auf Repräsentation und Diversität konzentriert, ohne die Verknüpfung von Klasse und Rasse zu thematisieren. Es bietet eine marxistische Perspektive auf Rassismus und untersucht die strukturellen und institutionellen Dimensionen des Themas, um Alternativen zum gegenwärtigen Antirassismus aufzuzeigen. Die Beiträge stammen von verschiedenen Autoren, die die materiellen und gesellschaftlichen Wurzeln des Rassismus in den Kontext des globalen Kapitalismus stellen.

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Die Diversität Der Ausbeutung Zur Kritik Des Herrschenden Antirassismus 1st Edition Eleonora Roldán Mendívil Bafta Sarbo HRSG Install Download

Das Buch 'Die Diversität der Ausbeutung' kritisiert den herrschenden liberalen Antirassismus in Deutschland, der sich auf Repräsentation und Diversität konzentriert, ohne die Verknüpfung von Klasse und Rasse zu thematisieren. Es bietet eine marxistische Perspektive auf Rassismus und untersucht die strukturellen und institutionellen Dimensionen des Themas, um Alternativen zum gegenwärtigen Antirassismus aufzuzeigen. Die Beiträge stammen von verschiedenen Autoren, die die materiellen und gesellschaftlichen Wurzeln des Rassismus in den Kontext des globalen Kapitalismus stellen.

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Die Diversität der Ausbeutung Zur Kritik des

herrschenden Antirassismus 1st Edition Eleonora


Roldán Mendívil Bafta Sarbo Hrsg install
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Kritik des digitalen Kapitalismus 1st Edition Michael


Betancourt Manfred Weltecke

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Eleonora Roldan Mend1vil/
Bafta Sarbo (Hrsg.}
Die Diversität d�r
Ausbeutung
Zur Kritik des herrschenden
Antirassismus
Dietz Berlin
In Deutschland wird von Antidiskriminierungsstellen
bis zur radikalen Linke„ ein liberaler Rassismusbe,
griff vertreten. Er setzt vor allem auf Repräsentation,
Inklusion und Diversität. Wie Klasse und Rasse zusam,
menhängen, wird so gut wie nicht diskutiert. Dabei gibt
es durchaus eine kritisch-marxistische Tradition der
Rassismusforschung.
Diesen Fundus will der vorliegende Band heben. Gleichzei,
tig bietet das Buch eine politische Intervention in die aktu,
elle Debatte um strukturellen und institutionellen Rassis,
mus - ob auf dem Arbeitsmarkt oder bei der Polizei - und
präsentiert Alternativen zum liberalen Antirassismus,
indem ein marxistischer Rassismusbegriff in Theorie und
Praxis vorgestellt wird.
Mit Beiträgen von Celia Bouali, Sebastian Friedrich, Fabian
Georgi, Eleonora Roldan Mendfvil, Lea Pilone, Bafta Sarbo,
Hannah Vögele und einem Vorwort von Christian Frings.

ISBN 978-3-320-02397-3
C 16,00 [D], C 16,50 [A]
[Link]/analysen
3. Auflage
91 �l ll l!Il l �IIJ!IJIJI
Dietz Berlin/ Analysen
C,
Eleonora Roldan Mendfvil/
Bafta Sarbo (Hrsg.)
Die Diversität der
Ausbeutung
Zur Kritik des herrschenden
Antirassismus
Dietz Berlin
(J
Editorische Vorbemerkung:
Die Schreibweise in Zitaten älterer Texte wurde moderat
der neuen Rechtschreibung angepasst.

Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek.


Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation
in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische
Daten sind im Internet über [Link] abrufbar.

3. Auflage 2023
© Karl Dietz Verlag Berlin GmbH
Franz-Mehring-Platz 1
10243 Berlin
Alle Rechte vorbehalten

Gestaltung: Andreas Homann


Satz: Kerstin Davies
Lektorat: Christian Frings
Druck und Bindung: CPI, Leck
Printed in Germany
ISBN 978-3-320-02397-3
Inhalt

Christian Frings
Vorwort 7
Eleonora Roldan Mendivil/Bafta Sarbo
Warum Marxismus? 17

Bafta Sarbo
Rassismus und gesellschaftliche 37
Produktionsverhältnisse
Ein materialistischer [Link]
Eleonora Roldan Mendivil/Hannah Vögele
Soziale Reproduktion, Geschlecht und Rassismus 64
Fabian Georgi
Rassismus im europäischen Migrations- 83
und Grenzregime aus Sicht einer
materialistischen Herrschaftstheorie
Eleonora Roldan Mendivil/Bafta Sarbo
Intersektionalität, Identität und Marxismus 102
Lea Pilone
Polizei und Rassismus in Deutschland 121
Eine historische Genese
Celia Bouali
Jenseits des Klassenkompromisses 140
Rassistisch segmentierte Arbeitsmärkte
im Kontext EU-interner Migration
Inhalt

Sebastian Friedrich
Das rechte Projekt und die Krise des Kapitalismus 161
Eine materialistische Analyse des Aufstiegs
der Rechten in Deutschland

Eleonora Roldan Mendivil


Klasse und Rassismus 183
Notizenfür ein aktualisiertes Marxismusverständnis

Zu den Autor:innen 196


Christian Frings
Vorwort

Was einstmals Gesellschaftskritik war, ist zur moralischen


Kritik am Verhalten von Individuen verkommen. Das Diktum
von Margaret Thatcher von 1987 scheint bis weit in linke Kreise
hinein zur unausgesprochenen sozialtheoretischen Grundlage
geworden zu sein: »So etwas wie Gesellschaft gibt es nicht. Es
gibt nur individuelle Männer und Frauen [...] und die müssen
sich um sich selber kümmern.« Nach links gewendet bedeutet
diese Grundannahme, dass sich alle Probleme, seien es die der
Ökologie, der Geschlechterverhältnisse, des Rassismus oder
auch der Klassenverhältnisse, lösen ließen, wenn sich die Indi­
viduen nur läutern und korrekt verhalten würden. Das Reden
von strukturellem Rassismus oder Sexismus bleibt hohl, weil
die Gesellschaft nicht mehr benannt werden kann. Mit ihrer
Aussage wollte Thatcher natürlich das böse Wort vom Tisch
fegen, mit dem der Kern der gesellschaftlichen Misere bezeich­
net wurde: Kapitalismus. Denn wenn es keine Gesellschaft gibt,
kann es auch keinen Kapitalismus geben, keine gesellschaftli­
chen Strukturen, die dem noch so gut gemeinten individuellen
Verhalten Grenzen setzen und ihm als ein übermächtiges und
heute globales System verdinglichter Verhältnisse vorausge­
setzt sind. Und diese Grenzen werden in dem Maße unsichtba­
rer, in dem es an kollektiven Kämpfen fehlt, die an den Grund­
festen dieser Gesellschaft rütteln können. Dass Thatchers TINA,
»There is no alternative« (»Es gibt keine Alternative«), zum
Lebensgefühl einer ganzen Generation werden konnte, ver­
dankte sich dem abrupten Ende radikaler Klassenkämpfe nach
1979. Der Kapitalismus und seine Weise der Vergesellschaftung
der Menschen über sachliche Waren- und Geldbeziehungen
wurden damit zu einer derart selbstverständlichen und unver­
änderlichen Alltagsrealität, dass sich kaum noch über das his­
torisch Besondere dieser Gesellschaft reden ließ.

7
Christian Frings

Dieser Verlust einer Kritik des Kapitalismus als solchem,


nicht nur an seinen unappetitlichen Äußerungen, an denen
sich auch bürgerliche Gemüter stören und die heute im Mit­
telpunkt linker Debatten stehen, hat die gesamte Matrix ver­
schoben, in der wir Rassismus, Sexismus, Naturzerstörung
und viele andere Formen der Unterdrückung und alltäglichen
Demütigungen verorten. All diese Manifestationen kapita­
listischer Ausbeutung und Herrschaft werden nur noch als
»Diskriminierung« benannt und damit nur in dem begrenz­
ten Maße kritisiert, in dem sie gegen das bürgerliche Ideal
der formalen Gleichheit von Warenbesitzer:innen verstoßen.
Das grundlegende Klassenverhältnis, das auf der Abtrennung
der Mehrheit der Menschen von den Produktionsmitteln und
dem damit gegebenen »stummen Zwang« zum Verkauf ihrer
Arbeitskraft in der einen oder anderen Form beruht, wird
durch diesen Maßstab der Kritik ausgeblendet und faktisch
legitimiert. Die als »Diskriminierung« gefassten Formen der
Unterdrückung stehen in keinem Verhältnis mehr zur alltägli­
chen Ausbeutung von lebendiger Arbeit, ohne die es so etwas
wie Kapital, Profit, Zins usw. gar nicht geben könnte. Die ein­
zelnen Unterdrückungsformen werden fein säuberlich isoliert
und als für sich bearbeitbar und »adressierbar« hingestellt,
ohne noch das Große und Ganze im Blick zu haben. Das zur­
zeit in Mode gekommene Reden von »Intersektionalität« hebt
dieses Verschwinden der Gesellschaft aus der Kritik nicht auf,
sondern verstärkt es noch. Die Betonung multipler Formen
von Diskriminierung versucht nur konsequenter, das bürgerli­
che Gleichheitsideal in Anschlag zu bringen, statt seine Wider­
sprüchlichkeit und Begrenztheit zu kritisieren.
Dieser theoretische Mangel korrespondiert mit dem Ver­
schwinden des Kapitalismus aus der Praxis. An die Stelle kol­
lektiver rebellischer Kämpfe von unten sind der Staat und
das vereinzelte Individuum getreten. Was kann oder soll der
Staat tun, um dem Kapitalismus sein »menschliches Antlitz«
zu verschaffen? Und wie sollen die vereinzelten, atomisierten
Individuen durch ein moralisch möglichst korrektes Verhalten
und Sprechen (denn viel mehr als Sprechen bleibt uns nicht

8
Vorwort

angesichts der Abwesenheit von kollektiven Kämpfen) zu die-


. ser Menschlichkeit der Gesellschaft, also des Kapitalismus, bei­
tragen? Damit existiert keine Subjektivität mehr, die in ihrer
Praxis einen Gegensatz und eine Alternative zur kapitalisti­
schen Vergesellschaftung bieten könnte. Und dies wiederum
begrenzt den gedanklichen Horizont der Kritik.
Die Texte in diesem Sammelband stammen von Menschen,
die in diese Zeit eines scheinbar alternativlosen Kapitalis­
mus hineingeboren sind und nun wieder nach dem Zusam­
menhang zwischen Rassismus und dem globalen kapitalisti­
schen System fragen. Das politische Unbehagen an dem, was
die Herausgeberinnen treffend als liberalen Antirassismus
bezeichnen, wird in der letzten Zeit wieder deutlicher artiku­
liert. In einer zu Recht wütenden Polemik wurde jüngst »der
Narzissmus der Privilegierten« demontiert und ein als mora­
lische Selbstoptimierung inszenierter Antirassismus bloß­
gestellt.1 Ebenso eloquent und bissig zerlegt Emma Dabiri in
ihrem Buch »Was weiße Menschen jetzt tun können«, dessen
Titel ironisch auf die moralische Selbstoptimierungsliteratur
anspielt, die Mängel des liberalen Antirassismus, der vom
Kapitalismus nicht sprechen will.2
Ziel des Sammelbands ist es, die materiellen-gesellschaft­
lichen, also kapitalistischen Wurzeln des Rassismus wieder in
die Diskussion zu bringen und einen ernsthaften Antirassis­
mus auf die materiellen Kämpfe in dieser Klassengesellschaft
zu beziehen. Warum dieses wichtige Anliegen vor so großen
Schwierigkeiten steht und die Texte vermutlich heftige Diskus­
sionen auslösen werden, hat mit der Geschichte des Auseinan­
derfällens von Antirassismus und Klassenkampf zu tun.
Kämpfe gegen Rassismus oder Frauenunterdrückung, die
heute als »Identitätspolitik« gelten, werden einer soge­
nannten Klassenpolitik entgegengestellt oder von den
Repräsentant:innen der Klassenpolitik faktisch als »Neben-

1 Berena: Der Narzissmus der Privilegierten, 2021, unter: [Link]/2021/


02/der-narzissmus-der-privilegierten.
2 Emma Dabiri: Was weiße Menschen jetzt tun können. Von »Allyship« zu echter
Koalition, Berlin 2022 [2021).

9
Christian Frings

widerspruch« benannt, ohne dieses verpönte Wort expli­


zit zu verwenden. Es stammt aus der sozialdemokratischen
Frauenbewegung des 19. Jahrhunderts, die die besonderen
Bedürfnisse und Forderungen von Frauen den hehren Zie­
len und der organisatorischen Geschlossenheit einer Partei
unterzuordnen hatte, die vorgab, die ganze Arbeiterklasse zu
repräsentieren. Die damit verbundene Gleichsetzung von Par­
tei- oder Gewerkschaftspolitik mit dem Klassenkampf ist die
entscheidende Grundlage für die heutige Gegenüberstellung
von »Identität« und »Klasse«. Von beiden Seiten wird dieselbe
Erzählung des Auseinanderfallens vorgetragen, nur mit umge­
kehrten Vorzeichen.
Einst habe es eine geeinte Arbeiterklasse gegeben, die hel­
denhaft gegen den Kapitalismus kämpfte. Aber dann hätten
sich in den 197oer-Jahren die vielen »Identitäten« - Frauen,
Schwarze, Schwule, Lesben usw. - mit ihren Sonderinteres­
sen in den Vordergrund gedrängt, die schöne Einheit des
Proletariats zerstört, den Klassenkampf geschwächt und den
Siegeszug des Neoliberalismus begünstigt. Von der anderen
Seite erzählt lautet diese Geschichte, dass dem Klassenkampf
schon immer die Interessen von Frauen, Schwarzen, migranti­
schen Menschen usw. zum Opfer fielen und im Kampf für den
Sozialismus als bloße Nebenwidersprüche abgetan wurden -
ein für die Geschichte qer sozialdemokratischen Partei- und
Gewerkschaftspolitik sicherlich zutreffender Befund. Die poli­
tischen Konsequenzen, die sich aus diesem Bild ergeben, sind
klar: Die Klassenposition träumt von einer Rückkehr zu den
goldenen Zeiten einer sozialdemokratisch geeinten Arbeiter­
klasse, während sich die Vertreter:innen von »Identitätspoli­
tik« enttäuscht von der Arbeiterklasse abwenden müssen und
damit auch das Faktum, dass die Marktwirtschaft in Wirklich­
keit eine Klassengesellschaft ist, nicht mehr berücksichtigen
können. Der Modus des Markts und der Konkurrenz scheint
dann geeigneter, die eigenen Interessen durchzusetzen. Diese
Gegenüberstellung und die ihr zugrunde liegende Erzählung
lassen sich zwar theoretisch kritisieren, wozu die Beiträge in
diesem Band beitragen wollen, aber praktisch gar nicht so

10
Vorwort

leicht auflösen, solange Klassenpolitik das bleibt, was sie heute


ist, und eine Alternative zu den Marktmechanismen unmög­
lich erscheint.
Den Grundfehler der ganzen Erzählung hat Melinda Cooper
in ihrem Buch »FamilyValues « (»Familienwerte « ) im Hinblick
auf die Kämpfe gegen eine patriarchale Geschlechterordnung
gut auf den Punkt gebracht:
Was die neoliberale Kritik herausforderte,

»war ausdrücklich nicht der Wohlfahrtsstaat des New Deals


selbst (obwohl die Neoliberalen in dieser Hinsicht sicherlich
eine lange Tradition der Kritik hatten), sondern vielmehr die
Vielzahl der Befreiungsbewegungen, die Ende der 196oer­
Jahre aus der keynesianischen Nachkriegsordnung hervor­
gingen und diese überforderten. Zu verschiedenen Zeitpunk­
ten zwischen den 196oer- und 198oer-Jahren artikulierten
Armutsaktivist:innen, Wohlfahrtsaktivist:innen, Feministin­
nen, AIDS-Aktivisten und Anwälte des öffentlichen Interesses
eine neuartige Politik der Umverteilung, die den Risikoschutz
von der sexuellen Arbeitsteilung und die Sozialversicherung
von der sexuellen Normativität abkoppelte. Diese Bewegungen
waren historisch einzigartig, da sie weiterhin für eine größere
Umverteilung von Wohlstand und Einkommen kämpften und
gleichzeitig die normativen Zwänge des fordistischen Familien­
lohns ablehnten. « 3

In ähnlicher Weise hatte A. Sivanandan in einer Analyse zur


»Flucht vor der Klasse in der schwarzen Bewegung « darauf
hingewiesen, dass die Kämpfe der Schwarzen in England keine
Schwächung, sondern eine Bereicherung des Klassenkampfs
waren und ihn globaler und explosiver machten:

»Als die afrokaribischen oder asiatischen Arbeiterinnen bei


Arbeitskämpfen oder angesichts rassistischer Diskriminie­
rung und/oder Ausbeutung von den Gewerkschaften hängen-
3 Melinda Cooper: Family Yalues. Between Neoliberalism and the New Social Con­
servatism, New York 2017, S. 21.

11
Christian Frings

gelassen wurden, schlossen sich hinter ihnen also die Reihen


der schwarzen Gemeinschaften, die ihnen die nötige Unter­
stützung und Schlagkraft für die Durchführung von Protes­
ten oder die Organisierung von Streiks gaben. Und das sorgte
dann dafür, dass die Interessen der Klasse fest mit den Belan­
gen der Gemeinschaft verschmolzen waren und eine gewaltige
politische Kraft entstand, die ihre zahlenmäßige Größe weit
übertraf.« 4

Diese beiden Einschätzungen machen deutlich, dass nicht der


Klassenkampf durch die explosiven Ansprüche verschiedener
Gruppen geschwächt wurde, sondern die Einhegung und Pazi­
fizierung des Klassenkampfs, die mit dem Wohlfahrtsstaat und
der Einbindung der Gewerkschaften in ihn nach dem Krieg
erreicht werden sollten. Was die Bewegungen von Frauen und
Schwarzen in den 196oer- und 197oer-Jahren kritisierten, war
nicht der Klassenkampf gegen den Kapitalismus, sondern der
Umstand, dass der Klassenkampf sich in seiner gewerkschaft­
lichen Form an viel zu vielen Punkten mit dem Kapitalismus
abgefunden hatte, statt an den Grundfesten seiner Herrschaft
zu rütteln. Und zu diesen Grundfesten gehören wesentlich die
Hierarchien und Spaltungen innerhalb der Klasse, die eine sta­
bile Ordnung der Ausbeutung erst möglich machen.
Ausgebend von Marx' Kritik am Fetischcharakter des Kapi­
tals ist es nur konsequent, den Klassenkampf in seiner anta­
gonistischen Dimension als einen Kampf der Klasse gegen
sich selbst zu fassen. Das Kapital ist kein eigenständiges und
übermächtiges Subjekt in der Gesellschaft, sondern es ist die
Verdinglichung eines sozialen Verhältnisses, des grundlegen­
den Klassen- und Produktionsverhältnisses. Es beruht auf
der täglichen Arbeit von Milliarden von Proletarier:innen,
denen das Produkt ihrer eigenen Arbeit als fremdes Subjekt
gegenübertritt, von dem sie geknechtet werden. Wie Marx im
IV. Abschnitt des Ersten Bands des »Kapitals« zur Produktion

4 A Sivanandan: RAT and the degradation ofblack struggle, in: Race & Class, 4/1985,
S. 1-33, hier S. 2 (deutsche Übersetzung unter: [Link]/material/
[Link]).

12
Vorwort

des relativen Mehrwerts analysiert, kann dieses tägliche Arbei­


ten und damit die tägliche Ausbeutung nur gelingen, wenn die
Klasse der Eigentumslosen durch eine »eigentümliche Zusam­
mensetzung« vielfältig gespalten und hierarchisch gegliedert
ist. Mit den explosiven Kämpfen in den 196oer- und 197oer­
Jahren wurden diese Hierarchien infrage gestellt und damit
sehr viel grundlegender die Macht des Kapitals.
Diese Explosivität der vielfältigen Rebellionen zwang die
Strategen des Kapitals zu äußerst repressiven, aber zugleich
auch innovativen Reaktionen. 1979/80 markierte diesen
Wendepunkt und damit das abrupte Ende von Kämpfen, die
mit einem revolutionären Anspruch noch den Kapitalismus
als solchen überwinden wollten. Die drastische Anhebung
der Zinsen in den USA im Jahr 1979, der sogenannte Volcker­
Schock, lenkte die globalen Kapitalströme um und beendete
damit alle Fantasien einer nachholenden »Entwicklung« im
Globalen Süden. 5 Stattdessen kamen 1980 in der Türkei und
in Südkorea Militärdiktaturen an die Macht, die schon zuvor
in Lateinamerika zum wichtigsten Hebel zur Eindämmung
der Revolte geworden waren. Das tragische Umschlagen der
Revolution im Iran 1979, auf die sich gerade in Westdeutsch­
land so große Hoffnungen gerichtet hatten, in eine religiöse
Diktatur trug stark dazu bei, den Gedanken an Revolution ganz
aufzugeben. Durch die dramatische Niederlage des Stellvertre­
terkriegs mit dem Staat im sogenannten bewaffneten Kampf
war eine revolutionäre Kapitalismuskritik ohnehin schon in
Verruf geraten. Die linken Projekte hießen jetzt Eurokommu­
nismus und in Westdeutschland vor allem der Aufbau einer
grünen Partei, was den Kapitalismus und die Klassengesell­
schaft zunehmend ausblendete.
In der autonomen Szene, die sich Anfang der 198oer-Jahre
aus dem Häuserkampf entwickelte, wurde zwar noch eine anti­
kapitalistische Sprache gepflegt, aber es gelang nicht mehr,
diese verbale Kritik mit den einzelnen Kämpfen zu verbinden.
Im Hinblick auf die Konjunkturen der antirassistischen Mobi-
5 Tim Barker: Das Blut der Anderen. Der Volcker-Schock und die Folgen, in: Merkur,
Nr. 842, Juli 2019, S. 5-18.

13
Christian Frings

lisierungen zeigte sich dies sehr deutlich an den Reaktionen


auf die sogenannte Flutkampagne von 1986. Nachdem die
Reaktorkatastrophe in Tschernobyl im April 1986 die Legi­
timation staatlichen Handelns auch in der BRD in eine tiefe
Krise gestürzt hatte, lancierten der damalige Innenminister
Friedrich Zimmermann und andere im Sommer die Gefahr
einer drohenden »Asylantenflut« und forderten rechtliche Ein­
schränkungen des Asylrechts. In vielen Städten bildeten sich
daraufhin »Flüchtlingsgruppen<<, die praktische Solidaritäts­
arbeit mit geflüchteten Menschen versuchten und gegen die
Lagerunterbringung oder Abschiebungen protestierten. Aber
wie sich das mit einer Kritik am globalen Kapitalismus ver­
bindet, ließ sich kaum noch diskutieren. Ein letzter Versuch,
wenigstens theoretisch diesen Zusammenhang herzustellen
und den damals entstandenen Flüchtlingsgruppen eine poli­
tische Orientierung zu geben, war das sogenannte Medico­
Papier aus dem gleichen Jahr, das aus dem Umfeld der Zeit­
schrift Autonomie/Neue Folge stammte:

»Wie aber ist Antiimperialismus dann noch zu fassen, wenn


nicht als weltweiter Kampf an allen Fronten, als Kampf, der
sich an all diesen Fronten gleichzeitig gegen die Herrschaft des
Imperialismus auflehnt? Und welches soll das hegemoniale
soziale Subjekt in diesem Kampf sein, wenn nicht die Mehrheit
der Weltbevölkerung aus den Slums und Lagern? Die Gleich­
zeitigkeit von Soweto und Toxteth, die Landbesetzungen in
Mato Grosso und auf Negros, die Revolten in Kairo und Seoul,
das sind die Punkte, an denen sich der antiimperialistische
Kampf entwickelt. Und auch, wenn es einem nicht leicht über
die Lippen geht angesichts des realen Flüchtlingselends: Letzt­
lich braucht die Ausbreitung eines sozialrevolutionären Anti­
imperialismus auch die Mobilität des Weltproletariats - der
entscheidende Punkt ist, welche selbstbestimmten Momente
und proletarischen Gebrauchsformen diese Mobilität gewin­
nen kann. Wenn wir von einer gigantischen Umschichtung
der Weltbevölkerung auszugehen haben, dann ist die Frage
noch offen, ob dieser Prozess zur produktiven Reorganisation

14
Vorwort

des Imperialismus führt oder zu einem antiimperialistischen


Kampf auf neuer Stufe.
Auch wenn die Flüchtlinge hier in den Lagern und auf dem
illegalen Arbeitsmarkt enden, so präsentieren sie doch einen
Anspruch auf überleben und Entschädigung, sie sind Teil des
internationalen Klassenkampfs. Sich von einer antiimperia­
listischen Position her auf sie zu beziehen heißt, nicht nur
ihr Recht auf Asyl, sondern ihren Anspruch auf Frei.zügigkeit,
Selbstbestimmung, Einkommen zu verteidigen, heißt, den
internationalen Klassenkampf in die Metropolen hereinzuho­
len und heißt, die Flüchtlinge vor der Verwertung als Manö­
vriermasse repressiver Sozialpolitik zu schützen. «6

Aber Theorie und Praxis des Antirassismus entwickelten sich


auch in der linken Szene immer stärker in die Richtung eines
liberalen Antirassismus, der sicherlich auch unter dem Ein­
druck des neuen rechtsradikalen und gewalttätigen Rassismus
in Deutschland nach 1989 als das kleinere Übel oder letzter
möglicher Halt hingenommen wurde. In diesem Sinne wirkte
auch einer der ersten Importe neuerer Theorien aus den USA,
der sich an die hiesige autonome Szene richtete - das Buch
»Drei zu eins. Klassenwiderspruch, Rassismus und Sexismus «
von Klaus Viehmann u. a.,7 das 1990 einige Diskussionen aus­
löste. Es führte hier den Begriff der triple oppression ein, als
von Intersektionalität noch nicht die Rede war. Es löste damit
schon damals die Frage des Antirassismus und Antisexismus
aus ihrem Zusammenhang mit dem Kapitalismus heraus und
bot der Szene nur noch die Perspektive einer moralischen
Selbstvergewisserung. In einer Kritik hieß es damals:

»Der Text verstärkt die Tendenzen in der autonomen Linken,


sich in lauter Mikrowidersprüche zu verrennen, sich von jeder
sozialen Realität abzukoppeln und letztlich nur mit der Gewiss­
heit >Wir haben die bessere Moral< in Kontakt nach außen zu
6 Unter: [Link]/wildcat/41/[Link].
7 Unter: [Link]/nadir/initiativ/id-verlag/BuchTexte/DreiZuEins/DreiZuEins
[Link]

15
Christian Frings

treten. Das wird dann legitimierbar durch >die sind sexistisch,


die sind rassistisch, die sind ... <. Und genau deshalb werden die
>Autonomen<, die in dem Text ständig kritisiert werden, durch
die Lektüre eher in ihrer Haltung bestätigt. Denn in einer
zunehmend chaotischen Welt gibt er die Gewissheit, auf der
richtigen Seite zu stehen. Aber er gibt wenig in die Hand, die
lebendigen Widersprüche zu untersuchen, zu verstehen und
politisch in sie einzugreifen.« 8

Mit diesem kursorischen und höchst unvollständigen Rück­


blick auf das allmähliche Verschwinden des Kapitalismus
aus dem linken oder linksradikalen Antirassismus will ich
nur unterstreichen, warum ein Sammelband wie der vorlie­
gende so wichtig ist, um in den kommenden Debatten und in
der politischen Praxis wieder eine gesellschaftskritische Per­
spektive von unten entwickeln zu können. Rassismus ist keine
zufällige Begleiterscheinung des Kapitalismus, sondern struk­
turell mit ihm verbunden. Eine Gesellschaft, die systematisch
auf Ausbeutung beruht, wird immer auf Formen der Spaltung
und der Herabsetzung von Menschen angewiesen sein. Diese
Formen können sich ändern. Manche können etwas gewinnen,
während andere verlieren. Aber mehr hat ein liberaler Anti­
rassismus nicht zu bieten, der die als freie Marktwirtschaft
getarnte Klassengesellschaft des Kapitalismus weder theore­
tisch noch praktisch infrage stellen will.

8 Unter: [Link]/wildcat/57/w57_3zul.htm. Vgl. hierzu auch die Replik


von Klaus Viehmann unter: [Link]/wildcat/58/w58_3zul_replik.html.

16
Eleonora Roldan Mendfvil/Bafta Sarbo
Warum Marxismus? 1

»Der Marxismus ist allmächtig, weil er wahr ist.«


WLADIMIR I. LENIN

Marxismus ist seit den 197oer-Jahren global eine marginali­


sierte Disziplin. In Deutschland hat insbesondere eine anti­
kommunistische Politik wie die des Radikalenerlasses ab 1972
Marxist:innen an den Universitäten verdrängt und mit einem
Stigma belegt.2 Der Marxismus gilt mittlerweile sowohl in
politischen Diskussionen als auch in den Universitäten weit­
gehend als überholt. Sofern marxistische Theorie heute über­
haupt noch Anwendung findet, so geschieht dies meist in
Form einer liberalen Soziologie, die die Grundlagen des Mar­
xismus durch eine Kanonisierung von Marx als apolitischem
Gesellschaftstheoretiker ersetzt. In der Regel wird in diesem
Zusammenhang die materialistische Methode mit dem Vor­
wurf des Ökonomismus als reduktiv zurückgewiesen.
Karl Marx und Friedrich Engels formulierten die mate­
rialistische Geschichtsauffassung als kritische Reaktion auf
Hegels in letzter Konsequenz idealistische Geschichtsphi­
losophie und Ludwig Feuerbachs naturwissenschaftlichen
Materialismus. Menschen verhalten sich nach der materia­
listischen Geschichtsauffassung nicht passiv zur Gesellschaft
und sie sind auch nicht einfach Objekte der Geschichte, son­
dern menschliche Tätigkeit ist die eigentliche Grundlage aller
gesellschaftlichen Prozesse. Der dialektische Materialismus als
Methode hat den Anspruch, »alles Seiende in seinem Geworden-

Für hilfreiche Anmerkungen und Kritik an diesem Beitrag danken wir Daniele
Puccio.
2 Der Radikalenerlass war ein Beschluss der Regierungen des Bundes und der Län­
der zur Überprüfung von Bewerber:innen für den öffentlichen Dienst auf deren
Verfassungstreue. Vgl. Deutscher Bundestag: Der sogenannte »Radikalenerlass«
in der deutschen und europäischen Rechtsprechung, 7.8.2017, unter: [Link]­
[Link]/resource/blob/526404/effe56fccef64bc4c32baaeb0c4ce495/wd-3-125-
17-pdf-datapdf, S. 3-4. Der Radikalenerlass richtete sich in der Praxis vor allem
gegen Sozialist:innen.

17
Eleonore Roldan Mendfvil/Bafta Sarbo

sein zu verstehen« ,3 und nimmt damit stets eine historische


Perspektive ein: Gesellschaftliche Phänomene und ihr Funk­
tionieren können nur aus den spezifisch historischen Bedin­
gungen ihres Entstehens verstanden werden. Diese Annahme
impliziert damit auch die Veränderbarkeit sozialer Verhält­
nisse. Denn erst wenn diese historisch kontextualisiert und
damit entessenzialisiert werden, kann die Emanzipation
von Herrschafts- und Gewaltverhältnissen in den Fokus der
Analyse rücken. Die marxsche Kritik an Feuerbachs anthro­
pologischem Materialismus mündet in der berühmten Fest­
stellung, dass eine bloße Anschauung der Gesellschaft nicht
ausreicht: »Die Philosophen haben die Welt nur verschieden
interpretiert; es kommt aber darauf an, sie zu verändern. « 4 Das
ist nicht nur ein politisch-ethischer Anspruch an Theorie, son­
dern liegt dem marxistischen Geschichtsbegriff unmittelbar
zugrunde: »Die Menschen machen ihre eigene Geschichte,
aber sie machen sie nicht aus freien Stücken, nicht unter
selbstgewählten, sondern unter unmittelbar vorgefundenen,
gegebenen und überlieferten Umständen. « 5 Zentral ist dabei
die Kategorie der menschlichen Tätigkeit, der Arbeit, das heißt
des Prozesses, in dem Menschen sich zu ihrer natürlichen und
gesellschaftlichen Umwelt in Beziehung setzen. Dem stehen
liberale Auffassungen von menschlichen Gesellschaften ent­
gegen. »Der Liberalismus ist die hegemoniale Ideologie der
bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft. « 6 Die Freiheit des
Individuums ist für ihn die höchste Kategorie. Entgegen der
liberalen Vorstellung ist die Gesellschaft aus einer dialektisch­
materialistischen Perspektive nicht einfach eine Summe von

3 Claudius Vellay: Dialektik und historischer Materialismus, in: Ingrid Artus/Ale­


xandra Krause/Oliver Nachtwey/Gisela Notz/Tilman Reitz/Claudius Vellay/Jan
Weyand (Hrsg.): Marx für Sozialwissenschaftlerinnen. Eine Einführung, Wiesba­
den 2014, S. 29-50, hier S. 35.
4 Karl Marx: Thesen über Feuerbach, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke [MEW),
Berlin 1956 ff., Bd. 3, S. 5-7, hier S. 7.
5 Karl Marx: Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte, in: MEW, Bd. 8, S. 111-
207, hier S. 115.
6 Amanda Trelles Aquino/Can Ylld1z/Ward Jazani: Zur Lage des Antirassismus, in:
Lower Class Magazine, 27.6.2017, unter: [Link]/2017/06/27/debatten
beitrag-zur-lage-des-antirassismus/.

18
Warum Marxismus?

Individuen, sondern sie ist bestimmt durch die Art und Weise,
wie Menschen sich zueinander ins Verhältnis setzen, um
gemeinsam die Produktion und Reproduktion ihres Lebens
zu organisieren. So schreibt David Camfield:

»Marx bezieht alle Aspekte des gesellschaftlichen Lebensprozes­


ses auf die >Ökonomie<. Aber Marx' Verständnis der >Ökono­
mie< reduziert sich nicht aufTechnologie oder Märkte. Es geht
stattdessen um die gesellschaftlichen Beziehungen in der Pro­
duktion der Mittel des menschlichen Lebens. « 7

Eine marxistische Kritik an kapitalistischen Gesellschaften


bezieht sich damit nicht nur auf die Form, in der die unmit­
telbare Produktion organisiert ist, sondern begreift sie in
der Gesamtheit der gesellschaftlichen Bedingungen, unter
denen sie stattfindet. Das schließt die Institutionen und Ideo­
logien mit ein, die zu ihrer Reproduktion beitragen.8 Wenn
Wladimir I. Lenin also schreibt, dass sich die Stärke des Marxis­
mus daraus ergibt, dass er >>wahr« ist, bedeutet das konkret,
dass er aus der Realität abgeleitet ist. Der Marxismus ist daher
nicht von den realen gesellschaftlichen Bewegungen abge­
schottet - ob es sich nun um Bewegungen der Arbeiterklasse
oder um andere soziale Bewegungen wie der antirassistischen
handelt. Er ist deshalb auch kein rein akademischer Theorie­
zugang, sondern begreift diese Bewegungen als Teilmomente
der Dialektik von Kapitalismus und Widerstand, aus denen sich
die Kategorien ergeben, die unserer Analyse zugrunde liegen.

Verbündete statt Genossen


Unsere Auseinandersetzung mit einem marxistischen Anti­
rassismus begann innerhalb antirassistischer Kreise in Berlin.
Anhand realer Fragen, die sich in der Praxis ergaben, wur­
den uns die Grenzen identitätsbezogener Politik deutlich. In

7 David Camfield: Theoretical Foundations of an Anti-Racist Queer Feminist Histo­


rical Materialism, in: Critical Sociology, 2/2014, S. 289-306, hier S. 293.
8 Adolph Reed Jr.: Marx, Race and Neoliberalism, in: New Labor Forum, 1/2013,
S. 49-57, hier S. 49.

18
Eleonora Roldan Mend1vil/Bafta Sarbo

Kämpfen um Bleiberecht oder in der Selbstorganisierung von


People of Color bzw. Schwarzen durchliefen wir eine Reihe von
Gruppen und Bündnissen, in denen eine Repräsentationspo­
litik und die Forderung nach Diversität der Akteur:innen im
Mittelpunkt der linksradikalen antirassistischen Alltagspra­
xis standen. Wir waren damit Teil einer Dynamik, in der zum
Beispiel die soziale Sprechposition einer Person und nicht der
politische Inhalt ihrer Aussagen zum Gradmesser ihrer Radi­
kalität wurde.
In den letzten Jahren ist in diesem Zusammenhang auch
das Konzept von Allyship populär geworden, worauf wir kurz
eingehen wollen, da dies einen der Eckpfeiler rückwärtsge­
wandter Politik in Bezug auf Antirassismus darstellt.9 Allyship
heißt so viel wie Verbündetsein. Menschen, die nicht von einer
Diskriminierungsform negativ betroffen sind, sollen eine
Allianz mit Betroffenen bilden, indem sie sich informieren und
sich selbst bilden, ohne das Zutun der Betroffenen einzufor­
dern. Hierdurch soll ein eigenständiges Wissen akkumuliert
und Verantwortung für das eigene Handeln übernommen
werden. In Abgrenzung zum Begriff der Genossenschaftlich­
keit wird Allyship allerdings nicht durch eine gemeinsame
politische Haltung und Perspektive definiert, sondern durch
soziale Identitätskategorien, die - wie der Begriff selbst -
größtenteils aus den USA importiert wurden. 10 Darüber hin­
aus bedeutet Allianz eine temporäre, konkret zweckmäßige
Zusammenarbeit. Ein langfristiges gemeinsames Kämpfen
mit einer gemeinsamen Vorstellung von Gesellschaft wird
selten in der politischen Praxis gelebt, auch wenn es verbal
konstatiert wird. Das unterscheidet sich von einer Perspek­
tive, die ausgehend von einem universalistischen Standpunkt
allgemein menschliche Befreiung anstrebt. Diese Perspektive
ist nicht exklusiv Menschen mit bestimmten Lebenserfah­
rungen vorbehalten, sondern kann durch programmatischen

9 Hartwig Vens/Cantürk Kiran: Das Unbehagen am Konzept »Allyship«, Deutsch­


landfunk Kultur, 13.2.22, unter: [Link]/kritik-konzept·
[Link].
10 Jodi Dean: Comrade. An Essay on Political Belonging, London 2019.

20
Warum Marxismus?

Austausch und kollektive Praxis als gemeinsame politische


Ausrichtung erkämpft werden. Ohne sozialistische antirassis­
tische Alternativen in der Berliner Linken wuchs somit bei uns
die Frustration über die Dominanz von liberalen und identi­
tätspolitischen Ansätzen in antirassistischen Räumen. Für uns
wurde immer deutlicher, dass die Vorstellungen davon, wie
Rassismus zu bekämpfen ist, auch in Deutschland trotz radi­
kaler Parolen häufig an liberale Ansätze anknüpfen. Zunächst
getrennt voneinander begannen wir mit dem Studium von
sozialistisch-antirassistischen Organisierungsformen in den
USA sowie von marxistischer Theoriebildung zu Rassismus in
deutsch- und englischsprachiger Literatur. 2017 begannen wir,
uns verstärkt auszutauschen, und reichten für die Marx200-
Konferenz der Rosa-Luxemburg-Stiftung 2018 einen gemein­
samen Beitrag ein. 11 Die positive Resonanz auf unseren Ver­
such, marxistische Rassismusanalysen für den deutschen Kon­
text wieder aufzugreifen und für die aktuellen Konjunkturen
des Antirassismus fruchtbar zu machen, motivierte uns dazu,
materialistische Rassismusanalysen im deutschsprachigen
Raum zusammenzustellen.

Radikale Rhetorik und liberale Praxis


In den letzten Jahren lässt sich eine zunehmende Radikalisie­
rung antirassistischer Organisierung beobachten. Die Forde­
rung nach grundlegender gesellschaftlicher Veränderung wird
in aktivistischen und akademischen Räumen immer häufiger
gestellt. Diese Forderungen äußern sich in Deutschland bisher
diskursiv durch die inhaltliche Themenauswahl, Kampagnen
und eine radikalere, auch antikapitalistische Rhetorik. 12 Aller­
dings lässt sich auch die Vereinnahmung einer radikalen Rhe­
torik durch den bürgerlichen Staat beobachten, der damit

11 Eleonora Roldan Mendivil/Bafta Sarbo: Materialistischer Antirassismus - zurück


zu den Wurzeln, in: Thomas Sablowski/Judith Dellheim/Alex Demirovic/Katha­
rina Pühl/Ingar Solty (Hrsg.): Auf den Schultern von Karl Marx, Münster 2021,
S. 297-309.
12 Simone Dede Ayivi/Tahir Della/Bafta Sarbo: Rassismus in Deutschland nach
George Floyd, unter: [Link]/2021/09/rassismus-in-deutschland­
nach-george-floyd.

21
Eleonora Roldan Mend(vil/Bafta Sarbo

seine Strukturlogik verschleiert, sowie durch Unternehmen


und Nichtregierungsorganisationen, die sich der Ästhetiken
dieser Bewegungen bedienen, um sich besser vermarkten zu
können. 13
Antirassist:innen und Linken soll dieser Sammelband das
theoretische Werkzeug zur Verfügung stellen, mit dem sich der
radikalisierende politische Anspruch in eine tatsächlich sozia­
listische Politik umwandeln lässt. Dazu braucht es eine konkrete
Analyse der spezifischen Phänomene, die es zu bekämpfen gilt.

Marx und Rassismus


Hier stoßen wir jedoch auf mehrere Probleme. In antirassis­
tischen Räumen hört man den Einwurf, Marxismus sei eine
Ideologie weißer Männer, die zu der Analyse der Lebensrea­
litäten von nicht-weißen Menschen nichts beitragen könne,
unter anderem weil Marx selbst zur Rolle des Rassismus im
Kapitalismus nichts verfasst habe. In diesem Zusammenhang
wird oft der Vorwurf erhoben, Marx habe selbst rassistisch
argumentiert. Als Beleg dafür wird insbesonqere seine Ver­
wendung rassistischer Begriffe in privaten Briefen14 genannt
sowie seine Benutzung von »Jude« und »jüdisch« als Synonym
für das (Finanz-)Kapital bzw. kapitalistisch in Frühschriften
wie »Zur Judenfrage« von 1843. 15 Wir wollen hier kurz einige
Beispiele nennen, um dieser Kritik angemessen begegnen zu
können. Persönliche Anfeindungen unter Verwendung von
herabwürdigenden Formulierungen, die auf körperliche Merk­
male oder Charaktereigenschaften zielen, finden sich in einer
Reihe von Korrespondenzen von Marx, was Wulf D. Hund aus­
führlich dargestellt hat. 16 Aus privater Korrespondenz und den

13 Für eine satirische Auseinandersetzung hiermit siehe auch: Browser Bal­


lett: Image-pflege dank Rassismus, 13.6.2020, unter: [Link]/
watch ?v=yp9Z1B_3jmY.
14 So bezeichnete Marx in einem Brief an Engels beispielsweise Ferdinand Las­
salle, einen der Gründungsväter der Sozialdemokratie in Deutschland, als den
»jüdische[n] Nigger Lassalle<< . Karl Marx: Brief an Friedrich Engels, 30. Juli 1862,
in: MEW, Bd. 30, S. 257-259, hier S. 257.
15 Karl Marx: Zur Judenfrage [1844), in: MEW, Bd. 1, S. 347-377.
16 Wulf D. Hund: Der ,jüdische Nigger< Lassalle. Marginalie zu einem Brief von Karl
Marx, in: [Link] Online, 24/2018, S. 103-130.

22
Warum Marxismus?

darin enthaltenen Verallgemeinerungen eine besondere ras­


sistische Einstellung gegenüber Schwarzen oder Juden abzu­
leiten, halten wir jedoch für vereinfacht. Marx bediente sich in
privaten Briefen sowie teilweise in seinen journalistischen und
wissenschaftlichen Schriften gängigen Klischees in Bezug auf
Schwarze Menschen oder auch Jüdinnen und Juden. So rich­
teten sich seine Polemiken immer wieder gegen Ferdinand
Lassalle, der als einer der Väter der Reformsozialdemokra­
tie auch ein politischer Gegner innerhalb der sozialistischen
Bewegung war. Die allermeisten der marxschen Texte sind von
Spott und Ironie durchzogen - erinnert sei hier beispielsweise
an seine Aussagen zu den Deutschen als naives Volk, dessen
Emanzipation zum Menschen noch ausstehe:

»Wie die Philosophie im Proletariat ihre materiellen, so findet


das Proletariat in der Philosophie seine geistigen Waffen, und
sobald der Blitz des Gedankens gründlich in diesen naiven
Volksboden eingeschlagen ist, wird sich die Emanzipation der
Deutschen zu Menschen vollziehen. « 17

Dass der rassistisch herabwürdigende Charakter diverser Beti­


telungen und Aussagen in einer Welt, in der mit rassistischen
Argumenten Gewalt, Versklavung und strukturelle Schlechterbe­
handlung legitimiert wurden, nicht als bloße Belustigung abge­
tan werden kann, sollte klar sein. Für ausschlaggebend halten wir
jedoch sein politisches Handeln: Marx hat sich zeitlebens für die
politische Gleichstellung von Jüdinnen und Juden eingesetzt18
und den Kampf gegen die Sklaverei in den Amerikas tatkräftig
unterstützt. So schrieb Marx bereits in der Neuen Rheinischen
Zeitung 1848/49 über den Abolitionismus in den USA 19 Gegen­
über Friedrich Engels betonte Marx 1860, dass eines der größten
damaligen Ereignisse die US-amerikanische Sklavenbewegung
17 Karl Marx: Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie: Einleitung [1844), in:
MEW, Bd. 1,S.378-391, hierS.391.
18 So unterschrieb er, ohne zu zögern, 1843 eine Petition für die Gleichstellung der
Juden. Vgl Karl Marx an Arnold Ruge, 13. März 1843, in: MEW, Bd.27, S. 416-418,
hierS.418.
19 Paul Heidemann: ClassStruggle and the Color Line, Chicago 2018,S.5.

23
Eleonora Roldan Mendfvil/Bafta Sarbo

sei.20 Und in einem Brief an den gerade wiedergewählten US­


amerikanischen Präsidenten Abraham Lincoln von 1864 stellte
Marx den noch wütenden Bürgerkrieg in den USA in einen glo­
balen Kontext und unterstrich, dass der Ausgang des Kriegs die
Zukunft des Klassenkampfes weltweit mitbestimmen werde:

»Die Arbeiter Europas sind von der Überzeugung durchdrungen,


dass, wie der amerikanische Unabhängigkeitskrieg eine neue
Epoche der Machtentfaltung für die Mittelklasse einweihte, so
der amerikanische Krieg gegen die Sklaverei eine neue Epoche
der Machtentfaltung für die Arbeiterklasse einweihen wird. « 21

Anders, als Cedric J. Robinson in »Black Marxism: The Making of


the Black Radical Tradition« (»Schwarzer Marxismus: Die Her­
ausbildung einer schwarzen radikalen Tradition«) behauptet,22
war Marx die ökonomische Bedeutung der Sklaverei für die
spezifische kapitalistische Produktionsweise durchaus bewusst:

»Die Entdeckung der Gold- und Silberländer in Amerika, die


Ausrottung, Versklavung und Vergrabung der eingebornen
20 »Nach meiner Ansicht ist das Größte, was jetzt in der Welt vorgeht, einerseits die
amerikanische Sklavenbewegung[...], andrerseits die Sklavenbewegung in Russ­
land.[...] So ist die >soziale< Bewegung im Westen und Osten eröffnet. Dies zusam­
men mit dem bevorstehenden downbreak [Zusammenbruch] in Zentraleuropa
wird grandios werden.« Karl Marx an Friedrich Engels, 11. Januar 1860, in: MEW,
Bd. 30, S. 5-7, hier S. 6. August H. Nimtz beschreibt sogar, wie Marx die Deutsch­
Amerikanische Gemeinschaft in den USA gegen die Sklaverei mobilisierte und
in Großbritannien selbst unter Arbeiter:innen gegen die Sklaverei agitierte, was
zu Demonstrationen britischer Arbeiter:innen gegen die Einmischung der bri­
tischen Regierung im Sinne der Konföderation führte. Siehe hierzu August H.
Nimtz. Jr.: Marx, Tocqueville, and Race in America: The >Absolute Democracy< or
>Defiled Republicc, Lanham 2003, S. 118-121.
21 Karl Marx: An Abraham Lincoln, Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika,
in: MEW, Bd. 16, S. 18-19, hier S. 19. Wulf D. Hund kritisiert jedoch, dass Marx in
diesem Brief den Kampf um die Territorien als die Erschließung »jungfräulichen
Bodens« durch die »Arbeit des Einwanderers« bezeichnet und somit in kolonial­
rassistischer Manier die Existenz von indigenen Gesellschaften auf diesen Gebie­
ten negiere (Wulf: Der >jüdische Nigger< Lassalle, S. 18).
22 »Marx hat Rasse, Geschlecht, Kultur und Geschichte in den Mülleimer gewor­
fen. Im vollen Bewusstsein des konstanten Platzes, den Frauen und Kinder in
der Arbeitswelt einnehmen, hielt Marx sie als Teil der Lohnarbeit immer noch
für so unbedeutend, dass er sie mit Sklavenarbeitern und Bauern in den imagi­
nären Abgrund warf, der als vorkapitalistisch, nichtkapitalistisch oder Teil der
primitiven Akkumulation bezeichnet wird.« (Cedric Robinson: Black Marxism:
The Making of the Black Radical Tradition, 3. Aufl., Chapel Hili 2020[1983), S. xlix)

24
Warum Marxismus?

Bevölkerung in die Bergwerke, die beginnende Eroberung und


Ausplünderung von Ostindien, die Verwandlung von Afrika in
ein Geheg zur Handelsjagd auf Schwarzhäute, bezeichnen die
Morgenröte der kapitalistischen Produktionsära. « 23

Die Rolle von Rassismus innerhalb der Arbeiterklasse thema­


tisiert Marx, wenn er auf die Spaltung der englischen Arbeiter­
klasse in englische und irische Arbeiter:innen eingeht:

»Alle industriellen und kommerziellen Zentren Englands


besitzen jetzt eine Arbeiterklasse, die in zweifeindliche Lager
gespalten ist, englische proletarians und irische proletarians.
Der gewöhnliche englische Arbeiter hasst den irischen Arbeiter
als einen Konkurrenten, welcher den standard of life [Lebens­
standard] herabdrückt. Er fühlt sich ihm gegenüber als Glied
der herrschenden Nation und macht sich eben deswegen zum
Werkzeug seiner Aristokraten und Kapitalisten gegen Irland,
befestigt damit deren Herrschaft über sich selbst. Er hegt reli­
giöse, soziale und nationale Vorurteile gegen ihn. Er verhält
sich ungefähr zu ihm wie die poor whites [armen Weißen] zu
den niggers in den ehemaligen Sklavenstaaten der amerikani­
schen Union. Der Irländer pays him back with interest in his
own money [zahlt ihm mit gleicher Münze zurück]. Er sieht
zugleich in dem englischen Arbeiter den Mitschuldigen und
das stupide Werkzeug der englischen Herrschaft in Irland.« 24

Aus dieser Beobachtung entwickelte Marx zwar keine allge­


meine Rassismustheorie, jedoch finden wir hier methodische
Werkzeuge, mit denen sich gesellschaftlich spezifische Forma­
tionen wie Rassismus sowie Klassenspaltung analysieren lassen.
Eine von postkolonialer Theorie inspirierte Kritik arbeitet
sich an den marxschen Ausführungen zu außereuropäischen
Produktionsweisen ab. Hierbei wird beispielsweise Marx'

23 Karl Marx: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Erster Band, in: MEW,
Bd. 23, S. 'll9.
24 Karl Marx an Siegfried Meyer und August Vogt, 9. April 1870, in: MEW, Bd. 32,
S. 665-670, hier S. 668-669.

25
Eleonora Roldan Mend(vil/Bafta Sarbo

Schrift » Die künftigen Ergebnisse der britischen Herrschaft in


Indien « von 1853, prominent in Edward Saids 1978 veröffent­
lichtem Werk »Orientalismus« , angeführt.25 Dieser frühe jour­
nalistische Artikel des im britischen Exil lebenden Karl Marx
wurde in der New-York Daily Tribune veröffentlicht. Marx ana­
lysierte hier, wie sich das britische Kapital seine koloniale mili­
tärische und politische Macht »durch Blut und Schmutz « in
Indien sicherte.26 überzeugt von der Notwendigkeit der Indus­
trialisierung Indiens als Voraussetzung für die Möglichkeit der
Befreiung vom britischen Kolonialismus beschrieb Marx die
zerstörende und gleichzeitig erneuernde Mission der Briten:

»England hat in Indien eine doppelte Mission zu erfüllen: eine


zerstörende und eine erneuernde - die Zerstörung der alten asia­
tischen Gesellschaftsordnung und die Schaffung der materiellen
Grundlagen einer westlichen Gesellschaftsordnung in Asien. « 27

Zuvor hatte Marx die spezifisch indische Gesellschaftsordnung


korrekt als eine der »unumschränkte[n] Gewalt « der monar­
chischen Mogulen und Vizekönige, als eine »zwischen Kaste
und Kaste« geteilte Gesellschaft beschrieben.28 Er fügte hinzu,
dass Indien »dem Schicksal, erobert zu werden, nicht entge­
hen « konnte, da »seine ganze geschichtliche Vergangenheit [...]
die Geschichte einer ununterbrochenen Reihe von Eroberun­
gen« gewesen sei. Daher stellte er fest, dass die indische Gesell­
schaft »keine bekannte Geschichte« habe.29 »Was wir als ihre
Geschichte bezeichnen, ist nichts andres als die Geschichte der
aufeinanderfolgenden Eindringlinge, die ihre Reiche auf der
passiven Grundlage dieser widerstandslosen, sich nicht verän­
dernden Gesellschaft errichteten. « 30

25 Edward Said: Orientalismus, Frankfurt a. M. 2009 (1978), S. 180-184. Vgl. Karl


Marx: Die künftigen Ergebnisse der britischen Herrschaft in Indien, in: MEW,
Bd. 9, S. 220-226.
26 Ebd., S. 224.
27 Ebd., S. 221.
28 Ebd., S. 220.
29 Ebd.
30 Ebd.

28
Warum Marxismus?

An diesem statischen Bild einer in Wirklichkeit ökono­


misch, sozial und politisch weitaus komplexeren Gesellschaft
zeigt sich der »epistemische Eurozentrismus« von Marx.31
Gilbert Achcar beschreibt, wie die Auseinandersetzung von
Karl Marx und Friedrich Engels mit nicht-europäischen Gesell­
schaften durchweg auf europäischen Quellen beruhte. Marx
und Engels waren somit »Geiseln dieser Beschränkungen ihrer
Epoche, die Vertiefung in das mangelhafte europäische Wis­
sen über außereuropäische Gesellschaften[ ... ] war das einzige,
was ihnen zur Verfügung stand«.32 Cedric Robinson geht einen
Schritt weiter und behauptet,

»dass der Marxismus im Kern, das heißt in seinem erkenntnis­


theoretischen Substrat, eine westliche Konstruktion ist - eine
Konzeption der menschlichen Angelegenheiten und der histo­
rischen Entwicklung, die aus den historischen Erfahrungen der
europäischen Völker hervorgegangen ist, die wiederum durch
ihre Zivilisation, ihre Gesellschaftsordnungen und ihre Kultu­
ren vermittelt wurden. «33

Achcar setzt diesem epistemischen Eurozentrismus ein Ver­


ständnis von politischem Internationalismus entgegen, indem
er beschreibt, wie der Emanzipationsanspruch des marxschen
Denkens gerade kein eurozentrischer, sondern ein universell
gültiger war. Zudem hat Marx seine Positionen zum Kolonialis­
mus immer wieder radikal verändert und überdacht, was Kevin
B. Anderson in einer genauen Lektüre seiner antikolonialen
Spätschriften herausarbeitet.34 Wissenschaftliche, zur Veröf­
fentlichung bestimmte Schriften können zudem nicht mit pri­
vaten Briefen gleichgesetzt werden. All diese Aussagen müssen
somit kontextualisiert werden, da die Sprache und der Ton von
31 Gilbert Achcar: Marx, Engels and »Orientalism«. On Marx's Epistemological Evo­
lution, in: ders.: Marxism, Orientalism, Cosmopolitanism, London 2013,S. 68-102,
hierS. 83.
32 Ebd.
33 Robinson: Black Marxism, S. 2.
34 Kevin B. Anderson: Marx at the Margins. On Nationalism, Ethnicity, and Non­
WesternSocieties, Chicago 2016.

27
Eleonora Roldan Mend1vil/Bafta Sarbo

Marx und seinem Umfeld nicht an unserem heutigen Verständ­


nis gemessen werden können, mit dem wir sehr viel sensibler
auf Beschimpfungen aufgrund der Herkunft oder des Ausse­
hens reagieren. Dass auch Marx in seinem Alltag rassistische
Zuschreibungen verwendete, ist weder verwunderlich noch
etwas Besonderes. Ausschlaggebend für uns ist die maßgeblich
von ihm geprägte Methode des wissenschaftlichen Sozialismus,
während die Kritik an seinen verbalen rassistischen Entgleisun­
gen vor allem moralisch argumentiert. Dieser Moralismus pro­
jiziert antirassistische Positionen, die heute eine vermeintliche
Selbstverständlichkeit darstellen, in eine Zeit, in der die Kämpfe
noch nicht stattgefunden hatten, die diese heutigen Selbstver­
ständlichkeiten erst ermöglichten. Ausschlaggebender als die
persönlichen Positionen von Karl Marx als historischer Figur
sind die von Marx entwickelte dialektisch-materialistische
Methode und die Tradition marxistischer Theoriebildung. Diese
Tradition ist eingebettet in zahlreiche sozialistische Bewegun­
gen weltweit, von China über den afrikanischen Kontinent bis
nach Lateinamerika, in denen der Marxismus weiterentwickelt
wurde, was für Sozialist:innen heute von Bedeutung ist. Die
Behauptung, der Marxismus sei eine Ideologie weißer Männer,
klammert diese globale Ideengeschichte des Marxismus nicht
nur aus. Sie müsste darüber hinaus erklären, wieso der Univer­
salismus menschlicher Befreiung nur für Europäer:innen und
ihre Nachfahren gültig sein sollte, für alle anderen Menschen
jedoch nicht. Stattdessen begreifen wir Marxismus als etwas,
was in seinen theoretischen Grundannahmen unabhängig von
Zeit und Ort wahr und anwendbar ist. Eine marxistische Ana­
lyse erfordert eine Kontextualisierung und formuliert aufgrund
verallgemeinerter ökonomischer Bewegungsgesetze einen uni­
versellen Anspruch für alle menschlichen Gesellschaften.35

Racial Capitalism?
Ein Konzept, das im englischsprachigen Raum aktuell größere
Popularität gewinnt, ist racial capitalism, zu Deutsch: rassi-
35 Walter Rodney: Marxism and African Liberation, unter: [Link]/subject/
africa/rodney-walter/works/[Link].

28
Warum Marxismus?

scher Kapitalismus. Cedric J. Robinson veröffentlichte 1983


»Black Marxism: The Making of the Black Radical Tradition<<
in London und nahm das Konzept zur Grundlage seiner Kri­
tik.36 Bis in das Jahr 2000 hatte dieses Werk wenig Einfluss auf
Debatten um Rasse und Kapitalismus in der englischsprachi­
gen akademischen Welt. Erst mit seiner damaligen Neuauflage
samt Vorwort entwickelte sich racial capitalism zu einer radi­
kalen Alternative zu kulturalistischen und liberalen Analysen
von Rasse und Rassismus in den englischsprachigen Geistes­
wissenschaften.37 Nicht zuletzt die Neuauflage von 2020 mit
einem Vorwort von Robin D. G. Kelley verhalf dem Konzept zu
erneuter Popularität.
Erstmals tauchte der Begriff in den 197oer-Jahren auf, so
Arun Kundnani.38 Zu dieser Zeit rief die Anti-Apartheid-Bewe­
gung zu einem internationalen Boykott südafrikanischer
Exporte auf. Gegner:innen des Boykotts argumentierten, dass
das Wirtschaftswachstum und die fortgesetzte Industrialisie­
rung den Rassismus in Südafrika schwächen würden. Anders
sahen das Martin Legassick und David Hemson. In ihrem 1976
veröffentlichten Text mit dem Titel »Foreign Investment and
the Reproduction of Racial Capitalism in South Africa« (»Aus­
ländische Investitionen und die Reproduktion des rassischen
Kapitalismus in Südafrika«) zeigten sie auf, »dass der südaf­
rikanische Rassismus durch das kapitalistische Wachstum
gestärkt und nicht geschwächt wurde. Der Kapitalismus war
nicht die Lösung für den Rassismus, sondern der Boden, auf
dem er wuchs.« 39 Legassick und Hemson gehörten zu einer
Gruppe südafrikanischer Marxisten, die in den 197oer-Jahren
begannen, den Begriff racial capitalism zu verwenden, um die
politische Ökonomie des Apartheid-Südafrikas zu analysieren.

36 Robinson: Black Marxism.


37 Vgl. Charisse Burden-Stelly: Modem U.S. Racial Capitalism. Some Theore­
tical Insights, in: Monthly Review, 3/2020, S. 8-20, unter: monthlyreview.
org/2020/07/01/modem-u-s-racial-capitalism.
38 Arun Kundnani: What is racial capitalism?, Vortrag am Havens Wright Center for
Social Justice, University of Wisconsin-Madison, 23.10.2020, unter: [Link]­
[Link]/what-is-racial-capitalism.
39 Ebd.

29
Eleonora Rolda.n Mendfvil/Bafta Sarbo

Teil dieser Gruppe waren auch Harold Wolpe und Neville Alex­
ander.40 Das Problem der wirtschaftlichen Beherrschung und
Ausbeutung war ein zentraler Punkt in Alexanders Kritik am
kolonialen Apartheid-Südafrika. Seine Weigerung, die Idee der
Rasse in Abstraktion von der grundlegenderen historischen
Entwicklung des Kapitalismus zu betrachten, hat im Laufe
der Jahre zu seiner akademischen und politischen Isolierung
geführt.41 Anders als die historisch und geografisch spezifi­
sche südafrikanische Analyse der Gruppe um Alexander greift
Robinson das Konzept auf, um die Entwicklung des Kapitalis­
mus universell zu beschreiben:

» Die Entwicklung, Organisation und Expansion der kapitalis­


tischen Gesellschaft verlief im Wesentlichen nach rassischen
Gesichtspunkten, und das galt auch für die soziale Ideologie. Es
war daher zu erwarten, dass der Rassismus als eine materielle
Kraft unweigerlich die aus dem Kapitalismus hervorgehenden
sozialen Strukturen durchdringen würde.« 42

Robinson geht nicht von einem radikalen Bruch beim Über­


gang vom Feudalismus zum Kapitalismus aus, sondern
beschreibt eine »rassialisierende« Kontinuität anhand der
vielfältigen Formen sozial-linguistisch-kultureller Distinktion
im vorkapitalistischen Europa.43 Racial capitalism als Konzept
baut somit auf den »sozialen, kulturellen, politischen und
ideologischen Komplexen der europäischen Feudalismen«
auf.44

»Als ein dauerhaftes Prinzip der europäischen Gesellschaftsord­


nung mussten die Auswirkungen des Rassialismus zwangsläu­
fig in den sozialen Ausdrucksformen jeder Schicht einer jeden
40 Ebd.
41 Michael Cloete: Neville Alexander: Towards overcoming the legacy ofracial capi­
talism in post-apartheid South Africa, in: Transformation. Critical Perspective on
Southem Africa, 1/2014, S. 30-47.
42 Robinson: Black Marxism, S. 2.
43 Ebd., S. 10-28.
44 Ebd., S. 10.

30
Warum Marxismus?

europäischen Gesellschaft auftreten, unabhängig von den


Strukturen, auf denen sie gebildet wurden. «45

Der Begriff racial capitalism wird aktuell im deutschspra­


chigen Raum kaum diskutiert46 und auch wir werden in die­
sem Sammelband nicht mit ihm arbeiten. Da dieses Kon­
zept jedoch einen immer prominenteren Platz auch unter
Wissenschaftler:innen mit marxistischem Bezug in .der eng­
lischsprachigen Welt einnimmt, wollen wir kurz skizzieren,
warum wir nicht auf ihn zurückgreifen.
Wir sind grundsätzlich skeptisch gegenüber Kategorien, die
Kapitalismus nicht als eine Produktions- und Gesellschafts­
form an sich begreifen, sondern ihm spezifische Formen von
Überausbeutung, Unterdrückung und Zerstörung als imma­
nente und allgemeine Eigenschaften zuschreiben. Es ist denk­
bar, dass der Kapitalismus ohne Rassismus funktionieren
könnte - an dessen Stelle könnten theoretisch andere Forma­
tionen der Vermittlung von Ausbeutung und Überausbeutung
treten. Dass sie heute so existieren, ist kontingent und histo­
risch bestimmt. In Bezug auf das von Robinson definierte uni­
versellere racial capitalism-Modell sind wir nicht davon über­
zeugt, dass vorkapitalistische sozial-linguistisch-kulturelle
Unterscheidungen in Europa als eine Form von Rasse in der
Geschichte verstanden werden können. Im Gegenteil erken­
nen wir im Aufkommen moderner biologistischer Rassentheo­
rien Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts einen klaren
Bruch mit den auf Regionalismen basierenden mittelalterli­
chen und frühneuzeitlichen Unterscheidungslinien. Das heißt,
das racial in racial capitalism ist für uns keine historische Kon­
stante in der Entwicklung erst der europäischen und dann der
weltweiten Produktivkräfte, sondern eine spezifische Form der
Rationalisierung der Vermittlung von Kapital und Arbeit im
Verlauf des 18. und 19. Jahrhunderts in Europa und in seinen
Kolonien. Die spezifische Form kapitalistischer Produktion
45 Ebd., S. 28.
46 Es gibt Ausnahmen. darunter etwa Vanessa E. Thompson: Von Black Lives Matter
zu Abolitionismus, in: analyse & kritik, Nr. 683, 2022, S. 17-18.

31
Eleonora Roldan Mendfvil/Bafta Sarbo

und damit Gesellschaft, die wir in Deutschland vorfinden, ist


rassistisch geformt. Diese Rassismen sind aber selbst in kon­
stanter Bewegung und Veränderung und nehmen in unter­
schiedlichen historischen Epochen, je nach Krise und Nutzen,
auch neue Rollen ein, die sich teilweise von der ökonomischen
Basis lösen.47 Jedoch ist die deutsche Nationalökonomie und
der aus ihr hervorgehende und in sie zurückwirkende Natio­
nalstaat nicht nur durch Rassismen strukturiert. Eine Reihe
von Formen der Überausbeutung basieren auf kapitalistischen
Geschlechter- und Sexualverhältnissen. Konsequenterweise
müsste es dann racial gendered sexual capitalism heißen und
wir könnten zahlreiche weitere Adjektive hinzufügen, um das
zu beschreiben, was im Begriff des Kapitalismus bereits ent­
halten ist.48 Daher scheint uns der Begriff racial capitalism von
Prämissen auszugehen, die wir zurückweisen, weswegen wir
ihn in diesem Sammelband nicht verwenden werden.

Marxismus in Deutschland
Uns geht es mit diesem Sammelband darum, in die marxisti­
schen Debatten im deutschsprachigen Raum zu intervenieren,
die Rassismus nur stiefmütterlich behandeln. Die theoretische
Auseinandersetzung mit Rassismus fand im deutschsprachi­
gen Raum im 20. Jahrhundert nur sporadisch statt und wurde
seither kaum weiterentwickelt.49 Im englischsprachigen Raum
sind die Debatte und die Bewegung gegen Rassismus deutlich
fortgeschrittener. Einige Erkenntnisse aus diesen Debatten

47 Siehe hierzu den Beitrag von Bafta Sarbo im vorliegenden Band, S. 37-63.
48 Ein Beispiel für eine fortlaufende Adjektivierung wäre bell hooks' Begriff imperia­
list white spuremadst capitalist patriarchy. Siehe bell hooks: Writihg Beyond Race:
Living Theory and Practice, New York/London 2013, S. 4-5.
49 An dieser Stelle sei auf deutschsprachige Versuche hingewiesen, einen marxis­
tischen oder zumindest teilweise materialistischen Begriff von Rassismus zu
entwickeln: Peter Schmitt Egner: Wertgesetz und Rassismus. Zur begrifflichen
Genesis kolonialer und faschistischer Bewusstseinsformen, in: Gesellschaft. Bei­
träge zur Marxschen Theorie 8/9, Frankfurt a. M. 1978, S. 350-405; Werner Ruf:
Rassismus und Ökonomie, in: Otger Autara/Gerrit Kaschuba/Rudolf Leiprecht/
Comelia Wolf (Hrsg.): Theorien über Rassismus. Eine Tübinger Veranstaltungs­
reihe, Berlin/Hamburg 1989, S. 63-84; Annita Kalpaka/Nora Räthzel/Klaus Weber
(Hrsg.): Rassismus. Die Schwierigkeit, nicht rassistisch zu sein, Hamburg 2017; das
Netzwerk Kanak Attak und mit ihnen assoziierte Rassismusforscher:innen wie
Manuela Bojadzijev, Serhat Karakayal1, Mark Terkessides und Vassilis Tsianos.

32
Warum Marxismus?

lassen sich für den deutschen Kontext zwar aufnehmen, eine


Auseinandersetzung mit den konkreten deutschen Verhält­
nissen kann dies allerdings nicht ersetzen. In Deutschland
drückt sich die mangelnde Debatte unter anderem an einer
Art sprachlichen Ohnmacht aus. Infolge auch der antiras­
sistischen Proteste im Jahr 2020 wurde 2021 auf Antrag der
Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen beschlossen,
den Begriff Rasse aus dem Grundgesetz zu streichen.·50 In den
Sozialwissenschaften dominiert eine ähnliche Position in der
Frage, indem statt von Rasse lieber von race gesprochen wird.
Es heißt, der englischsprachige Begriff sei uneindeutiger und
unbelasteter, da die deutsche Geschichte und die Verwendung
im Nationalsozialismus diesen Begriff problematisch gemacht
habe. 51 Er sei im Deutschen darüber hinaus ausschließlich
genozidal konnotiert, während das englische racial (rassisch)
diese Bedeutung nicht habe.52 Aber auch die englischsprachige
Verwendung ist durch den britischen Kolonialismus und die
daraus resultierenden Siedlerkolonien, inklusive Apartheid
und Rassengesetze, durchaus belastet, und dass der Begriff im
Englischen nicht biologisch, sondern sozial konnotiert ist, wie
behauptet, müsste erst bewiesen werden. In der deutschspra­
chigen Wissenschaft ist dagegen heute die Verwendung des
Begriffs Ethnie üblich. Dieser sollte den Begriff Rasse ersetzen,
ist aber ebenfalls problematisch: Er verharmlost die Implika­
tionen dieser Kategorie und erzeugt den Eindruck, sie sei unpro­
blematisch und nicht auch erst durch Rassismus konstruiert.
Daher verwenden wir den Begriff Rasse hervorgehoben, weil

50 Die Problematisierung des Begriffs ist deutlich älter als die Proteste, allerdings
gab es erst durch diese Proteste das gesellschaftliche Klima, das diese Abstim­
mung mit entsprechendem Ergebnis ermöglichte. Vgl. Experten mehrheitlich für
Ersetzung des » Rasse«-Begriffs im Grundgesetz, 21.6.2021, unter: [Link].
de/dokumente/textarchiv/2021/kw25-pa-recht-rasse-847538.
51 Astrid Messerschmidt: Rassismusanalyse in der postnationalsozialistischen
Gesellschaft, in: Paul Mecheril/Claus Melter (Hrsg.): Die haben gedacht, wir waren
das. Migranten über rechten Terror und Rassismus, Köln 2011, S. 59-74.
52 Natascha Khakpour/Jan Niggemann/Ingo Pohn-Lauggas/Nora Räthzel/Victor
Rego Diaz: Vorwort des Editorial Boards zur Begriffsarbeit bei der Übersetzung
von Stuart Hall: Vertrauter Fremder. Ein Leben zwischen zwei Inseln, Hamburg
2020, unter: argumentde/wp-content/uploads/2021/09/Begriffsarbeit-bei-der­
[Link].

33
Eleonora Roldan Mendfvil/Bafta Sarbo

wir der Meinung sind, dass sich die Geschichte dieses Begriffs
nicht sprachlich durch die Verwendung des englischen race
aufheben lässt, er jedoch unabdingbar ist, um uber Rassismus
als soziale Vermittlung in Gesellschaften sprechen zu können.
Der Titel des vorliegenden Bandes » Die Diversität der
Ausbeutung« enthält eine Doppeldeutigkeit. Zum einen
verweist er auf die in einigen Beiträgen behandelten unter­
schiedlichen Ausbeutungsbedingungen, denen Gruppen von
Arbeiter:innen ausgesept sind. So gibt es zwar idealtypisch
ein gesellschaftlich durchschnittliches Ausbeutungsniveau,
das Lohnhöhe und Arbeitszeit festlegt, aber gesetzliche Diffe­
renzierungen zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen,
zum Beispiel nach ihrem Aufenthaltsstatus, bieten die Mög­
lichkeit, dieses Niveau zu unterlaufen.53 In diesem Zusammen­
hang sprechen wir von Überausbeutung. Das bedeutet auch,
dass durch die unterschiedlichen Ausbeutungsbedingungen
Lebenslagen und unmittelbare Interessen innerhalb der Arbei­
terklasse ausdifferenziert sind. Die gespaltene Arbeiterklasse
können wir also unter anderem als ein Produkt der unter­
schiedlichen Ausbeutungsbedingungen, der Diversität der
Ausbeutung, begreifen.
Zum anderen greift der Titel das populäre Schlagwort der
Diversität auf. Die Anerkennung und das Hervorheben von
unterschiedlichen Identitäten werden heute zumeist als Stra­
tegie gegen Rassismus angepriesen. Diese Diversität verweist
aber vor allem auf die neuen Anforderungen des Kapitals an
seine Arbeitskräfte, die stärker als Subjekte mit ihren indivi­
duellen Eigenschaften gefragt sind.54 Der Untertitel »Zur Kritik
des herrschenden Antirassismus« verweist auf die Absicht und
die Stoßrichtung dieses Sammelbands. Es geht um eine Kritik
des vorherrschenden liberalen Antirassismus, aber auch um
Alternativen zu ihm. Dieser lässt sich problemlos in den bür­
gerlichen Staat integrieren und mit Unternehmensinteressen

53 Beispiele dafür sind Apartheid-Gesetze, aber auch allgemeine Formen der Aus­
ländergesetzgebung.
54 Siehe hierzu den zweiten Beitrag von Eleonora Roldan Mendivil und Bafta Sarbo
im vorliegenden Band, S.102-120.

34
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Fourthly, That all that has ever been written, is nothing but that
which the wisdom of man has devised.
Fifthly, In your discourse at Middletown[16], you say, It is but a
shadow which may do for young beginners; and may point them to
the right thing.
Had the commentators who have preceded you, possessed such
fertility of imagination, their works, voluminous as they are, must
have been multiplied to an extent which it is difficult to conceive. Yet
after all, you appear at some moments to have a view of the true
use of Scripture, and of the meaning of that passage which you have
perverted to so many purposes, although you conclude by one of
those strange involutions of ideas with which your attempts at
illustration so often abound.
You say, "All letter written under the influence of God, points us back
to the place from whence it came, and this is all; because as the
letter never could be written without the spirit which stands above it,
the great first cause of all wisdom and knowledge; therefore, unless
by the letter we are gathered to the spirit, we cannot see the letter
aright, for it is the effect; and when we face the letter we turn our
backs upon the cause, just as a man turns his back upon the sun to
see his own shadow."[17]
Here the sentiment is in itself correct, although the conclusion
attempted to be drawn by the puerile conceit with which the
sentence ends, is in direct opposition to it. The needle points to the
pole, and the careful mariner does not turn his back upon it, but
with a steady eye keeps it constantly in view as the guide by which
alone he can be directed through the trackless ocean: so the
Christian pilgrim, with the gospel in his hand, endeavours to explore
his way. The book itself contains not that for which he is seeking,
but it has been in mercy handed down to him by the inspirations of
infinite wisdom, as a landmark to direct him in the way in which he
should walk: it has not only taught him the nature and efficacy of
spiritual worship, but it affords a standard by which all his thoughts
may be tried, and enables him to distinguish between the
wanderings of the imagination and the dictates of eternal wisdom. If
contrary to the Scriptures, he rejects them; and whatever you may
think of the superiority of your two-fold revelations, and the
accuracy of your knowledge of the nature and use of right reason,
no reasonable being who is convinced that the Scriptures were given
to us by divine revelation, can believe in the truth of any thing which
does not accord with them.
Such a tissue of inconsistencies has seldom been brought together—
you say that the Scriptures were written under the inspiration of
infinite wisdom, and also assert that they only proceed from the
wisdom of man: you consider them as the box of Pandora from
which the apostacy was derived, and every thing calculated to
deceive us may be taken; and still continue to recommend them as
proper to be read by young beginners in religion: that they, and
every thing else that is received by man through his outward senses,
is suitable only to the outward creature; and yet you are continually
addressing your hearers through these senses, for the purposes of
reproof and spiritual instruction.
That passages of Scripture have often been perverted to purposes
far different from the spirit and original intention of them, must be
admitted by all; and the sources from which these perversions have
been derived it is not difficult to conceive.
It was long before any of the outward professors of Christianity had
the hardihood to question their authority: they knew that the whole
Christian world considered this book as the standard by which their
doctrines were to be tested, and whenever their inclinations, or their
vices, impelled them to actions contrary to the pure and obvious
meaning of gospel ordinances, they sought to veil their aberrations
by the perversion of the book itself. The man of the world found in it
so many restraints upon his ambition and fancied enjoyments, that it
is not surprising that he should be anxious to avail himself of every
pretence to enlarge its boundaries and relax the rigour of his bonds.
In this struggle, many of the priesthood were his faithful coadjutors,
for they too felt the uneasiness of the straightened path prescribed
to them, and that the pure Christian doctrines and principles could
afford no field for the indulgence of their vanity by pompous
declamation, or for the display of a superiority of mind by subtile
disquisition: all was simple and practical, such as fishermen could
teach and herdsmen understand.
Then began that system of mysticising and allegorising the
Scriptures, a practice which accorded so well with the lively and
subtle characters of the modern Greeks, that every priest became a
mystagogue, and the pulpit a chair of theological alchymy, from
which men were taught "how to reduce divinity to the maxims of the
laboratory, explain morality by sal sulphur and mercury, and
allegorize the Scripture itself, and the sacred mysteries thereof, into
the Philosopher's Stone."[18]
Hence the Scriptures became as one of the sibylline books of
Paganism, to be opened by the priests alone, for they only could
explain the oracles of God; and they acted with more consistency
than you have done, by endeavouring to conceal them from the view
of the laity; for if they are indeed such as you have described, and
they have strove to make them, they ought not only to be concealed
from the view of young beginners in religion, but prohibited to all
but the initiated.
Thus was the simplicity of the Christian religion deformed, and the
understandings of men subdued by an ambitious priesthood. They
knew that gravity and meekness were the attributes and best
ornaments of a gospel minister, and while pride and the spirit of
domination reigned within them uncontrolled, they sought, by a
sanctimonious exterior and affected humility, to prolong their sway;
and we find the most imperious of the Roman pontiffs, when
treading on the necks of kings, subscribing himself the servant of
the servants of God.
I fear you will consider me as presumptuous, yet I must venture to
entreat you to examine the course you have been pursuing; to
consider whether the habit you have acquired of looking for some
hidden novelty in every passage of Scripture, does not prevent you
in their religious tenets, and assemble together for the purpose of
uniting in divine worship, they have a right, and, (if they are firm in
their belief,) it is their duty, to establish such rules and regulations as
will best preserve their religion in, what they believe to be, its
greatest purity; and in an especial manner to prevent the preaching
of doctrines adverse to it. And this is no infringement of the liberty
of conscience; for any man who dissents from their doctrines may
separate himself from them; he may unite himself with any other
sect; or if, in his career, his spiritual knowledge has set him above all
ordinances, he may erect his own standard, and, unrestrained by
forms and unfettered by creeds, he may give the utmost strain to his
imagination, and perhaps become himself the head of a sect. But no
casuistry can justify, or pretence excuse a man, who continues to be
ostensibly the member of a religious community, for the purpose of
undermining its principles or destroying the belief in its tenets. Let
him believe them erroneous and the substitutes he offers
unquestionably true; it alters not the case. The source will be
impure, and the waters which flow from it, tainted.
If the mind can be brought to conceive the possibility of the
existence of a society formed according to your rules and orders of
discipline, it must present itself to the imagination in all the sublime
confusion of another chaos—you may offer yourself to explain the
word of God, and you will be reminded that this is all in the letter:
you may tell them that the Scriptures may be read to advantage,
when all things in them have been previously revealed;[21] and they
may reply, that reading them will then be quite unnecessary—you
may exhort them to assemble together for the purpose of divine
worship, "for that then we should be instructed what to do, and how
to bring our offerings, to be handed over to the priest, so that they
may be made acquainted with our state, and may preach the true
gospel to us;"[22] and they may tell you "that such assemblies are not
the places to gather spiritual food."[23] If you are asked why you
waste so much time in preaching, you will tell them "the reason is
plain; that although the letter directs us to the law, and nothing else
can teach us, yet we flee from it; and therefore outward instruments
are raised up and clothed with power:"[24] and they may reply that
this is also the letter, and "that the Lord is too kind to send them
away for instruction; and that he is always present, a schoolmaster
to every soul."[25] If you explain to them your own growth and
experience in spiritual knowledge, they will ask you of what use it
can be to them, and tell you, "that each individual requires a law
peculiar to himself; and that the law of the Spirit of Life in one, is
not the law of the Spirit of Life in another"[26]—and if, (adopting this
opinion,) you should declare to them that the law of the Spirit of Life
is different in each individual, some of your audience may assert,
"that the divine law which is written by the finger of God upon the
tablet of our hearts, is the same to every individual"[27]—and if
fatigued with these objections, you should express your surprise at
their number, inconsistency and futility, you will be told that they are
all furnished by yourself.
If, then, the great founder of the sect is yet so indistinct in his vision,
what must be the situation of those who are less advanced in the
religious experience of your new school? If he is so frequently
involved in contradictions, what must be the accumulated mass
when collected together?
Should your project be realised, and such a congregation assembled,
those who, like yourself, search the Scriptures for types and figures,
may, with much less violation of probability than occurs in your
discourses, consider the meeting as a consummation of that
confusion of tongues typified in the building of the Tower of Babel.
LETTER VI.

The extraordinary and unhesitating confidence with which you state


your opinions, even on the most important and solemn subjects, and
the air of authority with which you endeavour to enforce them, is in
such striking contrast to that humility and reverence with which we
are accustomed to hear such subjects treated, that it naturally
excites some suspicion that there are views and feelings in the mind
of the preacher not in accordance with that meek and quiet spirit
which is the necessary qualification of a Christian teacher: and when
we turn from the tone and manner of the discourse to some of the
opinions delivered, I am afraid that suspicion will ripen into certainty,
and that there will be too much evidence of a mind not habituated
to reflections on its own infirmities, but proud[28] in its acquirements,
and vaunting in its own strength. For we find you glorying in the
ability to withstand the enemy of your peace, and gratifying yourself
with the honour to be derived from the victory.[29] In this elevation of
mind you say, that it would be a debasement to man, were he
placed by the Almighty in a situation from which he could not fall;[30]
and that had we been content to remain in a state of innocence, we
should have continued to be but as mere machines.[31] To rely on
any other than your own exertions you think degrading, and would
not accept the sacrifice which is offered for your sins by the
sufferings and death of Jesus Christ.[32]
We are, indeed, placed in a state of probation, surrounded with
temptations and perplexed with dangers: we have before us the
prospect of a change into a never-ending state, and that state is
promised to be one of endless felicity to those who, with a sincere
and humble heart, seek the God of Israel for their portion. To such,
LETTER VII.

When the early Quakers, dissatisfied with the formal worship of the
existing protestant church, separated themselves and formed a
society of their own, they were reproached by some with denying
the authenticity of the sacred writings, and by others with setting up
their own inspirations in opposition to them; and they seem at an
early period to have discovered the necessity of recording their belief
on this subject, not only to refute the calumnies circulated by their
opponents, but as a guide to the inexperienced of their own sect.
For, such was the ferment of men's minds at that moment, and the
violence of the change from the dull uniformity of formal belief, to all
the extravagancies of unrestrained enthusiasm, that it appeared like
an epidemic affecting all descriptions of people; and their
imaginations became so exalted, that every fancy was mistaken for a
revelation, and every preacher, however wild his doctrines, had his
followers. Nor did their own members wholly escape the infection;
for with all their care, there were those among them who indulged in
extravagancies, to the great grief of their more sober friends.
It fell to the lot of Robert Barclay to record the doctrines of the early
Quakers, and none of them was better fitted for the task; for he was
learned and pious, clear in his perceptions and logical in his
arrangement, and well able to give his reasons for his faith. He knew
that superstition and fanaticism were the Scylla and Charybdis of
religion, and how much care was necessary to prevent us, while
avoiding the one, from being swept into the whirlpool of the other.
He was surrounded by instances of the unhappy effects of that
exaltation of mind, which induced individuals to believe they had
arrived at such an unerring state of spiritual knowledge, that the
recorded opinions and advice of their pious predecessors, and even
the scriptures, (being only in the letter,) were to them neither
authority nor a guide; and that they had derived the fulness of
knowledge from the fountain itself. That to them reason itself had
ceased to be of use, since they were under the constant influence of
a clear and distinct revelation, as stable and certain as any of the
instincts of our nature: and such was the fever of the brain, that
when their prophecies were contradicted by the event, it did not
impair their confidence in their own inspirations, because it was the
Lord who chose to deceive them, and they were deceived.
He had not adopted the fantastical idea that every passage of
scripture has a mystical meaning; but declares them to be the
revelations of the spirit of God to the saints, and that they contain a
faithful historical account of the actings of God's people in various
ages; a prophetical account of several things, whereof some have
passed, and some to come; and a full and ample account of all the
chief principles of the doctrine of Christ. That they are profitable for
correction and instruction in righteousness, and that divine inward
revelations can never contradict the outward testimony of the
scriptures, or sound reason.
Here all is plain and consistent. No man of sound mind can believe
that the revelations of infinite wisdom are ever contradictory; and as
the evidence of the divine origin of the scriptures is such as no
individual can produce, he was warranted in his conclusion, that all
pretensions to the spirit in contradiction to them, are delusions of
the devil. And indeed no man of observation can cast his eyes round
him, and contemplate the various illusions into which the human
mind is seduced on religious subjects, without perceiving the
absolute necessity of a standard or rule by which its wanderings may
be checked and its aberrations corrected, and we find Locke
concurring with Barclay, in stating the scripture revelations and right
reason, as the true standards by which our faith is to be tried.
You also seem to perceive the necessity of some check, but in the
very spirit which induces that necessity, your own standard is as

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