Haselsteiner Paper006
Haselsteiner Paper006
Deichsanierungsarbeiten
Anerkannte Regeln der Technik und Stand der Technik
Ronald Haselsteiner, Lehrstuhl für Wasserbau und Wasserwirtschaft,
Technische Universität München
1 Einleitung
Die Hochwasserereignisse der letzten Jahre – erwähnt seien nochmals das
Augusthochwasser 2002 und das Pfingsthochwasser 1999 – haben anhand der
aufgetretenen Schäden gezeigt, dass noch großer Tätigkeitsbedarf mit Ziel der
Verbesserung des Hochwasserschutzes herrscht. Die durch den Druck der Bevölkerung
anlaufenden Hochwasserschutzmaßnahmen erstrecken sich vom Rückhalt des Abflusses
über den technischen Hochwasserschutz bis hin zur Hochwasservorsorge. Dieses 3-Säulen-
Konzept des modernen Hochwasserschutzes beruht auf der Kalkulierbarkeit aller vom
Hochwasser betroffenen Bereiche. Nicht zuletzt dürfen sich an eingedeichten Flussstrecken
keine unbeabsichtigten Brüche ereignen, welche die Investitionen zur Verbesserung des
Hochwasserschutzes der gesamten Maßnahme in Frage stellen würden. Dieses Risiko
(Risiko = Schaden x Wahrscheinlichkeit) muss reduziert werden und die Deichsanierung ist
besonders in besiedelten Gebieten mit direkter Gefahr für den Menschen und dessen Güter
ein nicht verzichtbarer Faktor zum Erreichen des gewünschten Schutzgrads. Damit diese oft
sehr alten Bauwerke „die Anforderungen an einen modernen Deich erfüllen“ können, ist eine
häufig eine Ertüchtigung notwendig (Haselsteiner et al. (2002)).
Deichlager
S F E
D
DU UD
UU
Das Maß der hydraulischen Belastung bei Hochwasserfall hängt maßgeblich vom Zustand
des Deichbauwerks ab. In Trockenzeiten nehmen vor allem die Tätigkeit von Wühltieren,
Bewuchs und andere den Boden verändernde Faktoren Einfluss. Neben der DIN 19712
„Flussdeiche“ (1997) und dem DVWK-Merkblatt 210 „Flussdeiche“ (1986) sind weitere
Merkblätter erschienen, die sich ausschließlich mit der Problematik von Wühltier- und
Bewuchsschäden auseinandersetzen: DVWK (1981) / (1989) / (1993) / (1997) I + II und
LfW (1984). Die Belange der technischen Funktionalität des Bauwerks können mit den
Anforderungen des Natur- und Umweltschutzes teilweise nicht korrespondieren. Die
Forderungen nach einem gehölzfreien und Wühltier feindlichen Bauwerk sind ebenso wenig
konsensfähig wie ein nicht mehr kontrollierter, der Natur überlassener Deich.
Wissenschaftlich ausgerichtete Arbeiten, welche sich mit Deichbauten und deren Sanierung
beschäftigten, haben in Vergangenheit Sanierungskonzepte erarbeitet (Brauns et al. (1997)),
bei denen primär die Funktionalität im Vordergrund stand (Abb. 3). Die Thematik der
Einpassung des Deiches in ein übergeordnetes Ökosystems wurde bislang noch keiner
konkreten Regelung zugeführt.
Aufschüttung
5m Alter, verbliebener Deichkörper
Alter, abgetragener Deichkörper (überschüttet)
3m
BHW
2 m Bergsenkung
Oberboden
1:3
3,1
1: alter teilw. um- G, s Deichweg
Deichkörper gelagert
MQ
Wenn die angreifenden Belastungen größer sind, als der Widerstand, den das Bauwerk
„Deich“ mit Untergrund als Dichtungssystem bietet, kann ein Versagen des Deiches
ausgelöst werden (Abb. 4):
1. Bruch durch Überströmung mit Oberflächenerosion
2. Versagen der Böschungen
3. Hydraulischer Grundbruch (Auftrieb) oder Gleitversagen unter Grundwasserdruck
4. Erosionsgrundbruch (Ausspülungen) / Rückschreitende Erosion
HQ > HQb
HQb
1.) Überströmung 2.) Rutschung
Durchsickerung
Strömung
Deichkörper Scherfuge
Erosionen Deichkörper
S, g S, g
G, s G, s
HQb HQb
3.) Hydr. Grundbruch 4.) Erosion
Auftrieb Strömung
Erosionen
Deichkörper G<S Deichkörper
S, g S, g Quelltrichter
U, s U, s
Dauer 1 2 3 4 5 6 7
- Eigenlast
Lastfall 3
In folgender Aufstellung sind Lastfälle für Deichbauten dargestellt. Zusätzlich sei hier auf den
Lastfall „Fallender Wasserspiegel“ (Tab. 3, Bild 4) nach DVWK (1986) hingewiesen. In der
Praxis werden die in den Normen klassifizierten Lastfälle durch praktisch relevante Lastbilder
erweitert (Tab. 3, Bild 5 und 6).
Tab. 3: Lastfälle bei Deichbauten
1 BHW Sickerlinie
2 WST Erhöhte Sickerlinie
Fußdrän
W
W/3
Dichtung Dichtung
Bild 5 aus Tab. 3 beruht auf der Annahme, dass aufgrund von Wühltieraktivitäten
vorhandene Porenräume bzw. im Falle von Windwurf eines Baumes sich der wasserseitige
Stützkörper um 1,0 m setzt bzw. nachgibt. Das Dichtungselement muss somit statisch
wirksam sein (Weiß (2003)). Dieser Lastfall ist an einen Lastfall aus dem Dammbau
(BAW (1998)) angelehnt, bei dem eine resultierende Neigung von ϕ/2 angenommen wird.
Bild 6 in Tab. 3 beruht auf der Forderung, dass das einzubauende Dichtungselement,
nachdem eine Erosion von 1,0 m des luftseitigen Stützkörpers durch Überströmung
stattgefunden hat, die statische Last für den Erhalt der Standsicherheit des restlichen
Deiches abtragen muss.
4 Sanierungsmaßnahmen
Im Folgenden werden die Sanierungsmaßnahmen nach ihrem Wirkungsumfeld
unterschieden. In der Praxis muss bei Sanierungsmaßnahmen alle Möglichkeiten der
Ertüchtigung in Betracht gezogen werden und ein umfassendes Konzept erarbeitet werden.
4.1 Maßnahmen im Lageplan
Die in Vergangenheit durchgeführten Eindeichungen hatten zum Einen den Schutz von
bereits vorhandenen Siedlungen und Nutzflächen zum Ziel und zum Anderen die Gewinnung
von Agrarflächen durch Umwandlung des ehemaligen Überschwemmungsgebietes.
Heutzutage wird Hochwasserschutz durch die Schaffung von Rückhalteflächen betrieben.
Die Möglichkeit, die Ausbreitung von Hochwasserwellen in der Fläche zu simulieren, hilft
dabei, die bestehenden Deichstrecken, insbesondere die Deichlage und ihren Einfluss auf
Wasserstand und Fließgeschwindigkeit, zu untersuchen und zu bewerten.
Als Maßnahmen der Veränderungen im Lageplan seien hier die Trassenverlegung von
Deichen, die Deichrückverlegung, der Neubau von Deichen und die Schaffung von
Überflutungsflächen an Deichüberlaufstrecken zu erwähnen. Es sei angemerkt, dass jegliche
Beeinflussung einer Hochwasserwelle Auswirkungen auf das gesamte Hochwassergebiet
hat. Eine Maßnahme muss deshalb ihre übergeordnete positive Wirkung nachweisen. So
kann z. B. die Verbreiterung eines Fließquerschnitte zwar den Pegel und die
Geschwindigkeit an einer Stelle senken, jedoch an anderer Stelle durch eine potentielle
Überlagerung der Hochwasserwellen separater Einzugsgebiete die Situation verschlechtern.
4.1.1 Trassenverlegung
Eine Trassenverlegung soll immer eine Gewinnung von Rückhalteraum und / oder ein
günstigeres Abflussverhalten mit Blick auf das gesamte Abflussregime zur Folge haben. Eine
nachträgliche, weiträumige Änderung des Deichverlaufes kann aufgrund neuer Erkenntnisse
der in DVWK (1986) erwähnten Punkte geschehen:
1. Hydraulische Randbedingungen
2. Untergrund
3. Landschaftliche, ökologische und städtebauliche Belange
4. Nutzungsansprüche / Eigentumsverhältnisse
4.1.2 Deichrückverlegung
Existiert im Abflussquerschnitt die Möglichkeit den Deich ins Hinterland zu verlegen, kann ein
Plus an Retentionsvermögen und eine Verminderung der Abflussgeschwindigkeit erreicht
werden. Auf die Untergrundverhältnisse an der neuen Deichstrecke ist besonders zu achten.
Die Wirksamkeit von Deichrückverlegung wird in der Fachwelt sehr unterschiedlich beurteilt.
In Schwaller (2003) wird der Einfluss von Deichrückverlegung, Bewaldung und Mäandern auf
das Retentionsvermögen untersucht. Ergebnisse führen dahin, dass eine
Deichrückverlegung mit vollständiger Bewaldung Fließquerschnitts die größte
Scheitelabminderung nach sich ziehen kann. Der relative Einfluss der Abminderung durch
Maßnahmen im Vorland sinkt mit dem steigenden Verhältnis von Abflussgröße zu
∆H
∆L Qualmdeich
Abb. 6. Wirkung eines Qualmdeiches
Mit Sandsäcken geschüttete Qualmdeiche sind ein bewährtes Mittel bei der
Deichverteidigung.
4.1.4 Schaffung von Flutungsgebieten durch Überlaufstrecken
Nicht zuletzt wegen der Eindeichung langer Flussstrecken stehen für die Retention von
Hochwasserwellen wichtige Überflutungsflächen nicht mehr zur Verfügung. Unter anderem
verfolgt das vom Bayerischen Staatsministerium für Landesentwicklung und Umweltfragen
beschlossene Aktionsprogramm 2020 (StMLU (2002)) deshalb die Rückgewinnung von
Rückhalteraum. An der Donau in Bayern werden zur Zeit u. a. vom Wasserwirtschaftsamt
Deggendorf mehrere gesteuerte Polder geplant (Blaschke (2003)).
Überlaufstrecken können einerseits ausgewiesene Überschwemmungsflächen bzw. Polder
(„zum Schutz gegen Überflutung eingedeichte Niederung“) fluten oder sie können als
Notventil dienen und Gebiete geringerer Schutzbedürftigkeit zum Schutz anderer z. B.
besiedelter Bereiche „opfern“.
Die politische Durchsetzbarkeit von Deichübelaufstrecken als Notventile scheitert oft schon
an den rechtlichen Grundlagen des Hochwasserschutzes. Zwar spricht der Gesetzgeber von
einer sozialen Bindung des Eigentums, doch stößt in der Praxis der Bau von
Überlaufstrecken mit abgesenkter Krone auf heftigen Widerstand der Betroffenen, was eine
Umsetzung schon während der Planungsphase in Frage stellt.
Der Deich wird in der Regel durch die Gestaltung des Querschnittes mit besonderer
Beachtung ausreichender Abmessungen für Krone, Böschungen etc. wirksam ertüchtigt.
Darüber hinaus können durch eine Einschränkung der Durchsickerung durch Dichtungen
bzw. Kontrolle des Sickerwassers durch Dränageelemente die schädlichen Einflüsse
reduziert werden. Belange des Unterhalts und der Überwachung sowie der
Deichverteidigung müssen bei der Wahl des Sanierungskonzeptes berücksichtigt werden.
Neben den konstruktiven Möglichkeiten die Geometrie des Deichquerschnittes den
Anforderungen anzupassen, ist es auch möglich das vorhandene Bodenmaterial durch
gezieltes Vorgehen zu verbessern. Präventiv sollten die Einflüsse von Wühltieren und des
Bewuchses gering gehalten werden und bei der Sanierungslösung z. B. durch
Überdimensionierung des Querschnitts bei Beibehaltung des Bewuchses ebenfalls
berücksichtigt werden.
Eine oberflächliche Abdichtung (Tab. 6, Bild 1) eines Deiches hat den Vorteil, dass das
Wasser in geringem Maße in den Deichkörper einsickert und somit Schaden im Voraus
vermieden werden. Deichsanierung mit Hilfe von Innendichtungen (Tab. 6, Bild 2) haben den
Vorteil, dass man in einem Arbeitsgang die Abdichtung des Deichkörpers und des
Untergrundes z. B. durch eine Spundwand erreichen kann. Auf den Anschluss der
Untergrundabdichtung an eine dichte Schicht (Tab. 6, Bild 3) und gleichzeitig die Beachtung
der vorherrschenden Grundwasserverhältnisse sei hingewiesen.
5.2 Materialverbesserungen
Erfüllt das vorhandene Deichmaterial nicht die Anforderungen, können die
Bodeneigenschaften nachträglich verbessert werden. Die bei historisch gewachsenen
Deichen häufig anzutreffende geringe Lagerungsdichte kann durch nachträgliche
Verdichtungsarbeiten erhöht werden.
- Abtragung des Deichmaterials und Neuaufbau mit Verdichtung
- Nachträgliche Verdichtung
- Bodenverbesserung durch Bindemittelzugabe
- Bodenaustausch
- Qualitätserhöhende Einbauten (Geogitter, Vliese etc.)
Untergrund
Abb. 8: Mit Hilfe von Geokunststoffen sanierter Deich nach Heerten (1999)
6 Resümee
Die Deichsanierung ist ein komplexes Arbeitsfeld, das nicht nur aufgrund der historischen
Entwicklung der Deichbauwerke selbst, der enormen Längserstreckung und dem dahinter
liegenden Schadenspotenzial besondere Aufmerksamkeit verdient. Forschungs- und
Entwicklungsarbeit soll dazu beitragen, die begrenzt zur Verfügung stehenden Gelder
effizient zur Erhöhung der Hochwassersicherheit einzusetzen. Sanierungsbedürftige Deiche
müssen unter vertretbarem wirtschaftlichen Aufwand nach den anerkannten Regeln der
Technik und mit Berücksichtigung des Standes der Bautechnik ertüchtigt werden. Die in der
Praxis mangelnde Erfahrung und Sicherheit im Umgang mit dieser Materie kann zu
Lösungen führen, die weder technisch noch wirtschaftlich zu vertreten sind.
7 Literatur
BAW (1998)
Standsicherheit von Dämmen an Bundeswasserstraßen (MSD). Merkblatt,
Bundesanstalt für Wasserbau (BAW), Karlsruhe 1998
Blaschke, Benno (2003)
Polder an der Donau. Tagungsband, S. 124 – 134, Nürnberger Wasserwirtschaftstag
05. Juni 2003, Deutsche Vereinigung für Wasserwirtschaft, Abwasser und Abfall e.V.,
2003
DVWK (1993)
Landschaftsökologische Gesichtspunkte bei Flussdeichen. Merkblätter zur
Wasserwirtschaft, Heft 226, Deutscher Verband für Wasserwirtschaft und Kulturbau,
Verlag Paul Parey, Hamburg und Berlin, 1993
DVWK (1997) I
Uferstreifen an Fließgewässern – Funktion, Gestaltung und Pflege. Merkblätter zur
Wasserwirtschaft, Heft 244, Deutscher Verband für Wasserwirtschaft und Kulturbau,
Verlag Paul Parey, Hamburg und Berlin, 1997
DVWK (1997) II
Bisam, Biber Nutria. Merkblätter zur Wasserwirtschaft, Heft 247, Deutscher Verband
für Wasserwirtschaft und Kulturbau, Verlag Paul Parey, Hamburg und Berlin, 1997
Haselsteiner, Ronald; Conrad, Marco ; Strobl, Theodor (2002)
Kriterien zur Ertüchtigung von Hochwasserschutzdeichen. Geotechnik 25, Heft Nr. 4,
S. 249 – 253, 2002
Heerten, Georg (1999)
Erhöhung der Deichsicherheit mit Geokunststoffen. 6. Informations- und
Vortragstagung über „Kunststoffe in der Geotechnik“, Tagungsband S. 119 – 127,
Deutsche Gesellschaft für Geotechnik e.V., München 1999
LfW (1984)
Hinweise zur standortgemäßen Bepflanzung von Flussdeichen, Stauhaltungsdämmen
und Vorländern. Merkblatt Nr. 5.1/1, Bayerisches Landesamt für Wasserwirtschaft
(LfW), 1984
StMLU (2002)
Hochwasserschutz in Bayern – Aktionsprogramm 2020. Daten + Fakten + Ziele.
Bayerisches Staatsministerium für Landesentwicklung und Umweltfragen (StMLU),
2002
Schwaller, Gabrielle (2003)
Retention durch Gewässerentwicklung. Tagungsband, S. 135 – 144, Nürnberger
Wasserwirtschaftstag 05. Juni 2003, Deutsche Vereinigung für Wasserwirtschaft,
Abwasser und Abfall e.V., 2003
Weiß, Herbert (2003)
Neue Verfahren der Deichsanierung. Tagungsband, S. 155 – 164, Nürnberger
Wasserwirtschaftstag 05. Juni 2003, Deutsche Vereinigung für Wasserwirtschaft,
Abwasser und Abfall e.V., 2003
8 Verfasser
Ronald Haselsteiner
Lehrstuhl und Versuchsanstalt für Wasserbau und Wasserwirtschaft
Technische Universität München
Arcisstraße 21
80290 München
Email: [email protected]