Erich Kästner: Sachliche Romanze (1929)
Als sie einander acht Jahre kannten
(und man darf sagen sie kannten sich gut),
kam ihre Liebe plötzlich abhanden.
Wie andern Leuten ein Stock oder Hut.
Sie waren traurig, betrugen sich heiter,
versuchten Küsse, als ob nichts sei,
und sahen sich an und wussten nicht weiter.
Da weinte sie schliesslich. Und er stand dabei.
Vom Fenster aus konnte man Schiffen winken.
Er sagt, es wäre schon Viertel nach vier
und Zeit, irgendwo Kaffee zu trinken.
Nebenan übte ein Mensch Klavier.
Sie gingen ins kleinste Café am Ort
und rührten in ihren Tassen.
Am Abend sassen sie immer noch dort.
Sie sassen allein, und sie sprachen kein Wort
und konnten es einfach nicht fassen.
Inhalt
1. Formanalyse
Strophen und Verse: Das Gedicht besteht aus 6 Strophen mit jeweils 4
Versen, also insgesamt 24 Versen.
Reimschema: Es liegt ein durchgehendes Kreuzreim-Schema (abab) vor,
was dem Gedicht eine klare Struktur und Harmonie verleiht.
Metrum: Das Gedicht verwendet einen regelmäßigen Jambus, was zur
sachlichen, nüchternen Wirkung beiträgt. Der Rhythmus ist gleichmäßig und
unterstützt die emotionslose Erzählweise.
Sprache: Kästner benutzt einfache, klare Sprache ohne übermäßige
Metaphern oder komplexe Bildsprache. Die direkte Wortwahl passt zur
Nüchternheit des Themas.
2. Inhalt des Gedichts
Thema: Das Gedicht handelt von einem Paar, das sich nicht mehr liebt.
Ihre Liebe ist langsam verschwunden, ohne Streit oder große Probleme. Es
geht um das Ende einer Beziehung, das ohne große Emotionen beschrieben
wird.
Handlung: Im Gedicht erkennen die beiden Menschen, dass sie sich nicht
mehr lieben. Sie haben keine dramatischen Gefühle, sondern stellen einfach
fest, dass ihre Liebe vorbei ist. Sie reagieren ruhig und sachlich darauf.
Schluss: Am Ende des Gedichts wird gesagt, dass es eine „schöne Zeit“
war, aber das war alles. Es bleibt eine ruhige, fast resignierte Stimmung,
ohne große Trauer oder Wut.
3. Merkmale der Epoche
Sachlichkeit: Die Epoche der „Neuen Sachlichkeit“ (1920er Jahre) war eine
Zeit, in der die Menschen oft nüchtern und realistisch über das Leben und die
Liebe gesprochen haben. Es gab wenig Platz für große, romantische Gefühle.
In diesem Gedicht wird die Liebe auf sachliche Weise behandelt.
Realität des Alltags: Die „Neue Sachlichkeit“ beschreibt das tägliche
Leben ohne Übertreibung. In diesem Gedicht sehen wir, wie Liebe einfach
verschwindet, ohne Drama oder besondere Ereignisse.
Kritik an romantischen Vorstellungen: In dieser Zeit wollten viele
Schriftsteller die romantische Vorstellung von ewiger Liebe hinterfragen.
Kästner zeigt, dass Liebe nicht immer für immer ist, sondern dass sie leise
und ohne großen Grund enden kann.
Am 28. Februar 1933, einen Tag nach dem Reichstagsbrand, verlässt der
Schriftsteller Bertolt Brecht (1898-1956) Berlin und flüchtet über mehrere
Stationen in ganz Europa schließlich 1941 in die USA. Noch im Jahr 1933
werden seine Werke von den Nationalsozialisten verbrannt, zwei Jahre später
wird ihm die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt. Im dänischen Exil
verfasst er folgendes Gedicht:
Bertolt Brecht
Über die Bezeichnung Emigranten (1937)
Immer fand ich den Namen falsch, den man uns gab:
Emigranten.
Dass heißt doch Auswanderer. Aber wir
Wanderten doch nicht aus, nach freiem Entschluss
Wählend ein anderes Land. Wanderten wir doch auch nicht
Ein in ein Land, dort zu bleiben, womöglich für immer.
Sondern wir flohen. Vertriebene sind wir, Verbannte.
Und kein Heim, ein Exil soll das Land sein, das uns aufnahm.
Unruhig sitzen wir so, möglichst nahe den Grenzen
Warten des Tags der Rückkehr, jede kleinste Veränderung
Jenseits der Grenze beobachtend, jeden Ankömmling
Eifrig befragend, nichts vergessend und nicht aufgebend
Und auch verzeihend nichts, was geschah, nichts verzeihend.
Ach, die Stille der Stunde täuscht uns nicht! Wir hören die Schreie
Aus ihren Lagern bis hierher. Sind wir doch selber
Fast wie Gerüchte von Untaten, die da entkamen
Über die Grenzen. Jeder von uns
Der mit zerrissenen Schuhn durch die Menge geht
Zeugt von der Schande, die jetzt unser Land befleckt.
Aber keiner von uns
Wird hier bleiben. Das letzte Wort
ist noch nicht gesprochen.
Als Hitler 1933 Reichskanzler wurde, begann für Else Lasker-Schüler ein
unruhiges, rastloses Lebens. Sie emigrierte in die Schweiz, wo ihr aber 1938
die deutsche Staatsbürgerschaft entzogen wurde. Aber auch in der Schweiz
konnte sie nicht bleiben: Im April 1939 musste sie das Land verlassen. Im
Alter von 70 Jahren siedelte sie nach Palästina über. Sie starb verarmt und
vereinsamt am 22. Januar 1945 in Jerusalem.
Else Lasker-Schüler
Die Verscheuchte (1934)
Es ist der Tag im Nebel völlig eingehüllt,
Entseelt begegnen alle Welten sich -
Kaum hingezeichnet wie auf einem Schattenbild.
Wie lange war kein Herz zu meinem mild...
Die Welt erkaltete, der Mensch verblich.
- Komm bete mit mir - denn Gott tröstet mich.
Wo weilt der Odem, der aus meinem Leben wich?
Ich streife heimatlos zusammen mit dem Wild
Durch bleiche Zeiten träumend - ja ich liebte dich..
Wo soll ich hin, wenn kalt der Nordsturm brüllt?
Die scheuen Tiere aus der Landschaft wagen sich
Und ich vor deine Tür, ein Bündel Wegerich.
Bald haben Tränen alle Himmel weggespült,
An deren Kelchen Dichter ihren Durst gestillt-
Auch du und ich.
1. Welche Informationen bekommen wir von Bertolt Brecht über
die Situation im Exil?
Bertolt Brecht zeigt uns in seinem Text, dass Menschen im Exil oft nicht
freiwillig ihr Land verlassen. Sie werden gezwungen, zu fliehen. Brecht
kritisiert, dass das Wort "Emigrant" so klingt, als ob die Menschen selbst
gehen wollten, obwohl sie eigentlich fliehen müssen. Im Exil fühlen sich viele
Menschen einsam, sie sind in einem fremden Land, kennen niemanden und
haben ihre Heimat verloren. Brecht selbst war während des
Nationalsozialismus im Exil und kannte diese Gefühle gut.
2. Das Gedicht von Else Lasker Schüler ist pessimistisch/traurig.
Sucht Wörter, die dieses Gefühl ausdrücken.
Im Gedicht "Die Verscheuchte" von Else Lasker-Schüler gibt es viele
Wörter, die Traurigkeit und Einsamkeit ausdrücken:
Verscheuchte: Das bedeutet jemand, der vertrieben wurde, der
fliehen muss.
heimatlos: Ohne Heimat, kein Ort, wo man sich sicher fühlt.
müde: Man hat keine Kraft mehr, ist erschöpft.
verlassen: Niemand ist da, man ist allein.
einsam: Das Gefühl, allein zu sein.
Schatten: Etwas Dunkles, Bedrückendes.
in Tränen: Weinen oder kurz davor zu weinen.
keiner bei mir: Niemand ist bei der Person, die allein ist.
3. Zu welcher Phase der Exilliteratur gehören die Gedichte jeweils
und warum?
· Bertolt Brecht gehört zur politischen Exilliteratur. Er musste aus
politischen Gründen während des Nationalsozialismus aus Deutschland
fliehen. Sein Text zeigt, wie schwierig es ist, im Exil zu leben, und er kritisiert
die Verfolgung und die Zustände in Deutschland. Seine Werke sind klar und
direkt und thematisieren oft die politische Situation.
· Else Lasker-Schüler gehört zur emotionalen Exilliteratur. Ihr Gedicht
"Die Verscheuchte" beschreibt Gefühle wie Einsamkeit, Heimatlosigkeit und
Traurigkeit. Sie musste ebenfalls vor den Nazis fliehen, und in ihrem Gedicht
spürt man, wie traurig und verloren sie sich im Exil fühlt.