Die zwei wichtigsten Charakteristika des Personbegriffs
in der Orthodoxen Theologie
Die Orthodoxe Theologie unterscheidet zwei wichtige Charakteristika des Personbegriffs:
1) Liebe, Eros;
2) Freiheit.
Diese Begriffe werden zunächst von der asketischen Seite her analysiert. Die
Kirchenväter betrachten die Person unter dem Gesichtspunkt der Askese und der Ontologie.
Wenn man den Personbegriff nur aus psychologischer Sicht definiert, gibt es keine Möglichkeit,
die Lehre der Kirchenväter über die Person zu verstehen. Der Metropolit Ierotheos Vlachos
schenkt dem Wert des asketischen Verständnisses der Person viel Aufmerksamkeit. Er zitiert
Kirchenväter und zeitgenössische Theologen, um zu bestätigen, dass das nicht nur seine
persönliche Meinung ist, sondern die traditionelle feste Ansicht der Orthodoxen Kirche.
1. Prosopon und Eros
Man weiss, dass der Personbegriff mit Liebe verbunden ist, und nur eine Person kann
eine echte Liebe haben. Professor Chrestos Giannaras schreibt: „Die persönliche Unähnlichkeit
offenbart sich nur durch persönliche Beziehung mittels schöpferischer Liebesenergie, die die
Person von der gemeinsamen Natur trennt. Und diese Offenbarung und Kenntnis der
persönlichen Unähnlichkeit sind in dem Masse vollständig, wie das Ereignis der Kommunikation
und Beziehung durch die Liebe vollendet wird. Die Liebe ist der Weg der Kenntnis der Person,
weil sie das Erreichen der vollständigen Annahme des anderen ist. Die Liebe projiziert keine
egoistischen Wünsche auf den anderen, sondern sie nimmt jemanden als das an, was er ist, in
seiner Fülle und persönlichen Originalität. Deswegen vollendet das Wissen der Unähnlichkeit
der Person sich in erotischer Überwindung und Selbstaufopferung. Deshalb ist der Eros in der
biblischen Sprache mit der Erkenntnis der Person identifiziert“.
Die Kirchenväter behaupten: erst wenn ein Mensch Person wird, entwickelt sich die echte
Liebe. Die Person ist mit Liebe verbunden. Gott ist Person und liebt den Menschen. Die Person
kann nicht ohne Liebe vorgestellt werden, und echte Liebe ohne echte Personen ist auch nicht
möglich. Die Person ist wesentlich eine Offenbarung, Erscheinungsform des Herzens,
Erneuerung des Menschen.
Es ist jedoch notwendig, die Kriterien der Liebe zu nennen. Hier soll die Liebe nicht
psychologisch und philosophisch, sondern theologisch und ontologisch verstanden werden. Der
heilige Dionysios Areopagita sagt: „οικείως εαυτοίς επί τον μεριστόν και σωματοπρεπή και
διηρημένον εξωλίσθησαν, ως (ος) ουκ εστίν αληθής έρως, αλλά είδωλον ή μάλλον έκπτωσις του
όντως έρωτος“. Das bedeutet: wenn die Kräfte der Seele über und gegenüber der Natur sich
bewegen, entwickelt sich die echte Liebe. Andernfalls ist es die fleischliche sinnliche Liebe, die
der Wegfall der echten Liebe ist. Deswegen ist der Eros mit der Person verbunden, wenn die
Person nicht psychologisch, sondern theologisch interpretiert wird.
2. Person und die Freiheit
Der Personbegriff steht auch in Verbindung mit der Freiheit. Die Lehre, dass der Mensch
als „Ebenbild Gottes“ geschaffen wurde, ist mit der Freiheit verbunden, und die Kirchenväter
nennen sie die Selbstherrschaft (Herrschaft von sich aus).
Die Freiheit versteht man oft unter dem moralischen und philosophischen Gesichtpunkt
als die Möglichkeit der Wahl zwischen Gute und Böse. Aber die Freiheit, schreibt Metropoliten
Ierotheos Vlachos, gemäss der Kirchenväterlehre, hat eine andere Bedeutung. Die
Wahlmöglichkeit – „γνωμικό θέλημα“ ist das Merkmal der Mangelhaftigkeit der menschlichen
Natur. Deswegen kann der Mensch nicht die absolute Freiheit haben. Nur Gott hat die Freiheit in
der absoluten Bedeutung des Begriffs, weil er eine ungeschaffene Natur hat. Jedes Wesen, das
einen Anfang hat und dessen Existenz von jemand anderem abhängig ist, hat nicht die absolute,
sondern die relative Freiheit. Metropolit Zizioulas behauptet: „Die wesentliche Person, als
Träger der absoluten ontologischen Freiheit, muss ungeschaffen sein, das heisst frei von jeder
Notwendigkeit. Wenn diese Person wirklich nicht existiert, dann ist der Sinn der Person nur ein
Wunschtraum und eine Phantasie“.
Der Mensch hat von Geburt an keine absolute Freiheit. Aber man kann sie erwerben,
wenn man in Christus als Person geboren wird. Die biologische Geburt gibt dem Menschen
keine Möglichkeit, die ontologische Freiheit zu haben. Nur in der Kirche, durch geistliche
Erneuerung und Theosis kann man als neue Hypostase in Christus die wirkliche Freiheit
erwerben.
3. Der Personbegriff in der ost- und westkirchlichen theologischen Hermeneutik. Der
Gesichtspunkt der Theologen Metropolit Zizioulas und Chrestos Giannaras
Metropoliten Ierotheos Vlachos im seinen Buch „Prosopon in der Orthodoxen Tradition“
behauptet, dass zwischen den Weisen der Interpretation des Personbegriffs in der Orthodoxen
Kirche folgende zwei am wichtigsten sind: a) die theologisch–philosophische und b) die
ekklesiologische Methode. Professor Chrestos Giannaras präsentiert die theologische–
philosophische Methode, die zweite wird von Metropolit Zizioulas vorgestellt.
Professor Chrestos Giannaras erklärt, das, was ein Wesen von einem anderen
unterscheidet, sind das Selbstbewusstsein und die Verschiedenheit. Diese Fachwörter findet man
bei den heiligen Dionysios Areopagita und Gregor von Nyssa. Die Möglichkeit,
Selbstbewusstsein und Verschiedenheit zu haben, hilft dem Menschen, dem anderen Menschen
und der anderen Sache gegenüberzustehen, gegenüber jemandem und etwas. Das ist die
Hauptbedeutung des Wortes Prosopon, „προς + ωπον - gegenüber den Augen.
Der Metropolit von Pergamon Johannes Zizioulas definiert das Fachwort „Person“ in
seinem ekklesiologischen Rahmen und behauptet, es sei unmöglich, den Menschen ausser seiner
ekklesiologischen Hypostase zu identifizieren. Er zeichnet drei Charakteristika der Person: 1)
Freiheit, 2) Liebe, 3) konkretes, einzigartiges Wesen.
Professor Giannaras denkt in seinem Buch „Prosopon und Eros“ über die Benutzung und
Bedeutung des Begriffs im frühen Christentum nach. Für die erste und die mittlere christliche
Periode sind Prosopon und Eros (Liebe) der Ausgangspunkt der Wesenserkenntnis. Deswegen
hat die Erfahrung eine grosse Bedeutung in der Untersuchung der ontologischen Probleme. Der
Autor identifiziert die Erfahrung mit dem Ereignis des Verhältnisses des Subjekts mit den
anderen Subjekten und mit der Umgebung. Diese Erfahrung setzt den wesentlichen
Universalismus, die Einheit des Herzens mit der Vernunft, des Wortes mit der Handlung, der
Moral und dem Wesen voraus. Die Begriffe Persona (πρόσωπον), Natura (φύσις), Essentia
(ουσία), Energien (ενέργειαι) können dafür benutzt werden, die empirische ontologische Frage
zu beschreiben. Die Kennzeichen des Prosopon, nämlich Unähnlichkeit, Originalität und
Verschiedenheit, zeigen eine Überlegenheit über die Natur und das Wesen.
Was Giannaras für die menschliche Person definiert, überträgt er auf die Person Gottes.
Gott ist eine Person, weil seine Wesensweise Liebe ist. Er ist Liebe, weil er Dreifaltigkeit ist. Die
göttliche Person ist schon im Alten Testament durch die Offenbarung erkennbar und in Fülle
durch Christus. Die Erkenntnisweise der Person Gottes ist die persönliche Kommunikation in
Liebe, der Eros, wie ihn Giannaras nennt, setzte das asketische Leben und Teilnahme am
mystischen liturgischen Leben der Kirche voraus.
In der lateinischen Theologie nahm Tertullian als erster dieses Wort für theologische
Zwecke in Anspruch. Boethius war der erste, der einen Personbegriff aufstellte: „Persona est
rationalis naturae individua substantia“ (Person ist die individuelle Substanz einer vernünftigen
Natur). Diese Definition hatte im Mittelalter ein hohes Ansehen. Auch Thomas von Aquin hat
sie übernommen, hat aber einige erläuternde Korrekturen angebracht. Er bringt auch noch eine
andere Formulierung: Person ist „subsistens in intellectuali natura“.
Im westlichen theologischen Denken, wie man etwa in der Scholastik, bei Thomas von
Aquin und anderen Theologen beobachtet, ist die Erkenntnisweise vernünftig, weil das Sein
nicht mit der Person, sondern mit essentia identifiziert ist. Richard von St. Viktor definierte die
Person als „nichtmitteilbare Existenz einer intellektuellen Natur“ (persona est intellectualis
naturae incommunicabilis existentia) und „durch sich allein existierend gemäss einer
einzigartigen Weise vernünftiger Existenz“ (existens per se solum juxta singularem quendam
rationalis existentiae modum) und schliesslich formuliert er: „Person ist eine Hypostase, die
durch eine die Würde betreffende Eigentümlichkeit unterschieden ist“ (persona est hypostasis
distincta propterietate ad dignitatem pertinente). Damit sind die Schlüsselbegriffe genannt:
Vernunftnatur, Individualität, Nichtmitteilbarkeit, Substantialität, Würde. Der Gesichtspunkt der
Rationalität der Person drängt immer stärker in den Vordergrund.