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Musan 2010 Kap.3

Das Dokument behandelt die Informationsstruktur in der Kommunikation und deren Dimensionen wie Bekanntheit, Topik und Kommentar sowie Fokus und Hintergrund. Es wird erläutert, wie Sprecher ihre Äußerungen an die Kommunikationsziele und den Informationsstand des Hörers anpassen, um Informationen effektiv zu vermitteln. Die verschiedenen Kapitel bieten eine detaillierte Analyse der sprachlichen Mittel, die zur Gestaltung der Informationsstruktur verwendet werden.

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Musan 2010 Kap.3

Das Dokument behandelt die Informationsstruktur in der Kommunikation und deren Dimensionen wie Bekanntheit, Topik und Kommentar sowie Fokus und Hintergrund. Es wird erläutert, wie Sprecher ihre Äußerungen an die Kommunikationsziele und den Informationsstand des Hörers anpassen, um Informationen effektiv zu vermitteln. Die verschiedenen Kapitel bieten eine detaillierte Analyse der sprachlichen Mittel, die zur Gestaltung der Informationsstruktur verwendet werden.

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RENATE MUSAN

Informations-
stru tur

Universitätsverlag
WINTER
Heidelberg

Musan, R. (2010): Informationsstruktur. Heidelberg: Winter. Kap. 3, S. 25 - 42.


Inhaltsverzeichnis
1. Worum es geht: Erste Grundlagen .............................................. 1

2. Die Dimension von Bekanntheit und Unbekanntheit.. ................ 4


2.1 Die Einführung von Diskursreferenten ....................................... 4
2.2 Der Rückbezug auf Diskursreferenten ........................................ 7
2.3 Genauere Abstufungen von Bekanntheit .................................... 9
2.4 Anaphermesolution: Suche nach Antezedentien ...................... 13
2.5 Bekanntheit und prosodische Markierung ................................ 18
2.6 Diskursreferenten und Informationen im engeren Sinne .......... 20
2.7 Bekanntheit, Akzent und die Ausdrucksebene ......................... 21
2.8 Bekannt vor unbekannt im Mittelfeld ....................................... 22

3. Die Dimension von Topik und Kommentar ................................ 25


3.1 Grundidee und Identifikationsschwierigkeiten ......................... 25
3.2 Noch einmal Fragetests ............................................................. 28
3.3 Bekanntes und Unbekanntes in Topik und Kommentar ........... 29
3.4 Sätze mit mehreren Topiks ....................................................... 30
3.5 Thetische Sätze: Sätze ohne Topik ........................................... 30
3.6 Topiks und die grammatische Funktion „Subjekt" ................... 32
3.7 Topiks in besonderen syntaktischen Konstruktionen ............... 33
3.8 Topiks in der Vorfeld-Position ................................................. 35
3.9 Topiks am linken Rand des Mittelfeldes .................................. 36
3.10 Topik und Kommentar im Text .............................................. 37
3.11 Topik und Rahmensetzung ...................................................... 39

4. Die Dimension von Fokus und Hintergrund ............................... 42


4.1 Verschiedene Funktionen von Fokus ........................................ 42
4.2 Fokusakzent, seine Platzierung und Projektion ........................ 46
4.3 Verum-Fokus ............................................................................. 51
4.4 Bekanntes und Unbekanntes im Fokus ..................................... 52
4.5 Sätze mit mehreren Foki ........................................................... 52
4.6 Fokus und Wortstellung im Mittelfeld ...................................... 53
4.7 Die Vielseitigkeit prosodischer Mittel im Deutschen ............... 55

5. Irrungen, Wirrungen: Terminologie und Empirie ....................... 59

6. Komplexe Informationsstrukturen: Kontrastive Topiks ............. 62

Vll

Musan, R. (2010): Informationsstruktur. Heidelberg: Winter. Kap. 3, S. 25 - 42.


7 Wortstellung ...................................... •••..•••......·..............·....···..·.. 64
7•1 Das Problem .............................................................................. 64
1:2 Faktoren für die Besetzung des Vorfelds .................................. 65
7.3 Wortstellungsfaktoren im Mittelfeld ......................................•.. 6 8
1. Worum es geht: Erste Grundlagen
Menschen kommunizieren ständig. Kommunikation kann unter-
8. Andere Sprachen, andere Mittel... ............................................... 73 schiedliche Ziele verfolgen - ein Reiseerlebnis mitzuteilen zum
Beispiel, sich beim Smalltalk der gegenseitigen nachbarlichen
9. Text, Quaestio und Informationsstruktur .................................... 79 Freundlichkeit zu versichern oder jemanden zum Kauf einer alten
9.1 Quaestio, Hauptstrnktur und Nebens~ruktur....:......................... 79 Klapperkiste zu übetTeden. Immer aber geht es dabei auch um den
9.2 Quaestio und Informationsstrnktur emzelner ~ußerungen ....... 81 Austausch von Information. Deswegen ist es nicht verwunderlich,
9.3 Komplexere Texte: Quaestio und Sub-Quaest10nes................. 88 dass wir unsere sprachlichen Äußerungen möglichst so gestalten,
dass die zu übennittelnde Information besonders gut zur Geltung
10. Auf und davon ........................................................................... 91 kommt. Dazu müssen die einzelnen Sätze geschickt in den fortlau-
fenden Informationsfluss eingepasst werden. Um dies etTeichen zu
Literatur ...................................................... ••..•..•........••••·....·..·..··.... 93 können, stellen alle Sprachen bestimmte Mittel bereit, die dem Satz
............................................... 97 eine bestimmte Informationsstruktur verleihen können. Sie
Glossar •••••• ••• •••••••••••••••••••••••••••••••••••
kommt dadurch zustande, dass Sprecher (oder allgemeiner: Produ-
zenten, denn die V crhältnisse sind in gesprochener und geschriebe-
Sachregister .................................................. •....••·•••••........•••........•.. 99 ner Sprache ähnlich) ihre Äußerungen an ihre eigenen Kommunika-
tionsziele sowie auch an den Informationsstand eines Hörers (o-
der allgemeiner: Rezipienten) anpassen. Wir haben je nachdem,
ob wir sprechen oder schreiben - verschiedene sprachliche Mittel
zur Gestaltung der Info1mationsstruktur zur Verfügung.
Zum Beispiel können wir signalisieren, ob etwas bekannt oder
unbekannt ist; Sprachwissenschaftler sprechen in diesem Zusam-
menhang von der Dimension der Bekanntheit oder in der oft eng-
lischsprachigen Fachliteratur-von ,Givenness' (dt. Gegeben-Sein).
Ein einfaches Beispiel dafür ist, dass man einen Satz wie (la) nur
äußern wird, wenn man davon ausgeht, dass der Zuhörer weiß, von
welchem Strumpf die Rede ist. Wenn man aber davon ausgehen
muss, dass dem Zuhörer der bestimmte Stmmpf nicht gegenwärtig
ist, wird man stattdessen den Satz ( 1b) äußern.
(1) a. Ich habe gestern den Strumpf gestopft.
b. Ich habe gestern einen Strumpf gestopft.
Man nutzt dabei die Wahl zwischen definitem und indefinitem Ar-
tikel. Der eine wird hier benutzt, um einen bekannten Strumpf zu
nennen, der andere eignet sich dafür, einen noch nicht erwähnten
Strumpf in das Gespräch einzuführen. Entscheidend ist dabei, wie
man - mehr oder weniger unbewusst den Informationsstand des
Rezipienten einschätzt: Weiß er, von welcher Socke die Rede ist

viii
Musan, R. (2010): Informationsstruktur. Heidelberg: Winter. Kap. 3, S. 25 - 42.
In (31) werden ähnliche Varianten wie in (30) durchgespielt. Nur iedlicher Weise in ein Diskursuniversum eingefü'h t ·d
wird hier jeweils eines der Objekte durch eine indefinite Nominal- • d be1m
gesc11ehen, sm • Ruckbezug
.. auf die Disk . r e:we1 en. Ist

phrase anstatt der definiten realisiert. Es zeigt sich, dass hier jeweils ren Te t h l • h msreierenten im
die Variante bevorzugt wird, in der die definite Nominalphrase vor . x _mo.r~o og1sc e, syntaktische, semantische und
at1SchePnnz1p1en zu beachten die umgek h „ b . d
der indefiniten steht. • . ' e lt e1 er Ana-
esolution genutzt werden können Bekannth 't 1
(31) a. ??Der Dozent hat Studenten die Assistentin vorgestellt.
h . Eb • . • e1 ge 1t auf pro-
cBe~, etne,m~_1:t~mt Deakzentuierung einher. Im Mittelfeld
b. Der Dozent hat die Assistentin Studenten vorgestellt. , e ann es praienert vor ,Unbekanntem'.
c. Der Dozent hat den Studenten eine Assistentin vorgestellt.
d. ??Der Dozent hat eine Assistentin den Studenten vorgestellt.
ndbegrijje: Individuen, Diskursreferenten D • l ·
Die Sätze in (32) verfahren mit Akzentuierung wie die oberen Bei- "hrung von Individuen, Präsupposit1'on' Ak1s clursumvers~m,
spielgrnppen; dabei ist zu beachten, dass die Beispielsätze hier je- •
issen, defitmt,
• m• defm1t
• • Pro-Wort Referenz
, K commodation
e: '
weils Nominalpluasen mit demselben Definitheitsgrad verwenden. ens Ind h · h' ' • , oreierenz An-
' ex, anap onsc ' kataphorisch deiktisch Id t'f~ .
it Aktiv1·erthe't 1· h ' , en 1 1z1er-
Insofern ist es problematisch, den Nominalphrasen unterschiedliche , .•e. ' .

. . i ' zugang ic ' Anaphernresolution, Mehrdeu-
Bekanntheitsgrade zu unterstellen. Dennoch möchte ich Ihnen hier g·····
kett, P10pos1tion, Satzakzent Wortakzent F t
• W ' " , rage est W-Frage
schon die Auswirkungen des Akzents vorführen, weil Akzente, wie 1a.kzentu1erung, ortstellung im Mittelfeld. ' • '
in Abschnitt 2.7 gezeigt wurde, auf Unbekanntheit hindeuten; wir
kommen später, in Abschnitt 4.6, noch einmal darauf zmück. erführende Literatur: Chafo (1976 1987) L b h .
); Pause (1991) ist interessant für di; Prob) , af rlc t (1994), Prmce
(32) a. ?Der Dozent hat den StuDENten die Assistentin vorgestellt. warzsehild (1999) befasst sieh mit dem Z. eme er naphernresolution;
b. Der Dozent hat die Assistentin den StuDENten vorgestellt. (De-)Akzentuierung,ist allerdings theoretis~~mmenh~ng von Bekanntheit
c. Der Dozent hat den Studenten die AssisTENtin vorgestellt. Anfänger nicht leicht zu lesen. Abfolgeregula:g:rue svoJ un~ deswegen
d. ??Der Dozent hat die AssisTENtin den Studenten vorgestellt. ittelfeld des deutschen Satzes werden füh ·1·ehn_von ommalphrasen
clelt. aus 1 ic m Lenerz (I 977) be-
Halten wir also fest: Bekanntheit schlägt sich in der Wortstellung
im Mittelfeld nieder; generell gibt es eine starke Tendenz dazu, Be-
kanntes links und Unbekanntes rechts anzusiedeln.
Dimension von Topik und Kommentar
Aufgabe 10: Betrachten Sie die folgenden Sätze. Vermutlich finden Sie alle
davon suboptimal. Bei welchen der Sätze lässt sich das darauf zurückführen,
dass gegen die Tendenz Bekannt> Unbekannt verstoßen wurde? JGrundidee und Identifikationsschwierigkeiten
a.) Maik hat sehr gründlich das Buch kommentiert.
b.) Manu hat einen Regenschirm am Montag verloren.
c.) Sie hat am Dienstag ihn wieder gefunden. e an~e~eDimen~ion, mit der man sich in der Inform f
d.) Moritz ist zu einem Aussichtsturm mit einem Rucksack gewandert. eone i_mmerwieder befasst, ist auf die Absichten d a ~nsst~uk-
e.) Max hat ein Taschentuch seiner Freundin geliehen.
f.) Monika hat den Rucksack letzte Woche sich gekauft.
ß$se{
vo~ den~, was darüber gesagt wird. Es ;erden :r: J':~
r Schreibers gerichtet: Sie unterscheidet das worüb es prec ers
man etwa~
~mends10nzwei Pole unterschieden; insofern gleic~t~~h
Zusammenfassung: Für die Dimension von Bekanntheit und Unbe- c ei_un~ ~r v~n ~ekannt und Unbekannt.
kanntheit ist vor allem wichtig, wie in Texten mit Diskursreferenten ,Ta~~fh~[Link] skteJedoch etwas schwerer handhabbar: Erstens ist
umgegangen wird, aber auch wie die (Un)Bekanntheit von Sach- eng, un onkreten Fall zu sagen worüb t
. Worüber wird zu B • • 1 . ' er e was gesagt
verhalten signalisiert wird. Bekanntheit und Unbekanntheit sind
gabe 4, untersuchten~e;)s~~a:~~I~ga?? t:rd~:gin KllaMpitel
2,
nicht zwei strikte Gegensätze, sondern es gibt zwischen diesen bei- den Garten d "b d' . we anor
den Polen Abstufungen, bei denen auch Weltwissen und ähnliche o er u er ie Bienen - oder über alle drei? Ode;
Faktoren eine Rolle spielen. Diskursreferenten können in unter-

24
25
Musan, R. (2010): Informationsstruktur. Heidelberg: Winter. Kap. 3, S. 25 - 42.
über etwas anderes? Und wird mit ( 1b) etwas über den Wolf oder ken lassen will; und er betonte, dass beides nicht den grammati-
über die Großmutter gesagt? schen Einheiten Subjekt und Prädikat entsprechen muss. Herrmann
Paul ( 1880, 1919) hat dies übernommen. Die heutigen Begriffe To-
(1) a. Im Garten von Cregwell Manor summten die Bienen umher.
pik und Kommentar wurden erst viel später durch Hockett (1958) in
b. Der Wolf hat die Großmutter gefressen.
die amerikanische Sprachwissenschaft eingeführt, haben sich dann
Gewiss ist es so, dass man, um dies zu spezifizieren, zunächst klare- aber weitgehend durchgesetzt (siehe hierzu aber auch Kapitel 5).
re Vorstellungen dazu bräuchte, was „das, worüber man etwas sagt" Reinhart (1982: 24) folgt diesen Vorstellungen, indem sie To-
heißen soll. piks als Signale dafür sieht, unter welchen Eintragungen neue Aus-
Diese Schwierigkeit wird noch etwas dadurch erhöht, das „das, sagen klassifiziert werden sollten. Demnach werden Aussagen nicht
worüber man etwas sagt" auf verschiedenen Textebenen durchaus einfach unstrukturiert verarbeitet, sondern sie werden mit topikalen
etwas Unterschiedliches sein kann. Zum Beispiel ist gut vorstellbar, Einheiten verknüpft. Das kann man sich vielleicht so ähnlich vor-
dass ein Text als Ganzes etwas über den Räuber Hotzenplotz sagt, stellen, als habe man sich in einem Vortrag über die Zusammen-
dass sich darin aber einzelne Textabschnitte befinden, die etwas hänge von Satzstruktur und Intonation Notizen gemacht und wolle
über Kasperls Großmutter sagen, und dass sich darin wiederum ein- hinterher entscheiden, ob man die Notizen im Syntax-Hefter oder
zelne Sätze befinden, die etwas über die Kaffeemühle der Großmut- im Phonologie-Hefter ablegt. In der natürlichen Sprache allerdings
ter sagen. So werden Sie, wenn Sie zurückblättern zu dem Textaus- bekommt man zum Glück oft Hinweise, unter welchem Stichw01i
schnitt aus Aufgabe 4 des zweiten Kapitels, in dem (la) in eine man Aussagen abspeichern sollte. Vergleichen Sie einmal (2a) und
größere Textpassage integriert auftritt, feststellen, dass dieser Satz (2b).
in einem Abschnitt steht, der wohl am ehesten etwas über den dort
(2) a. Ulrikes neuer Sommerhut ähnelt dem Blumentopf auf dem Tisch.
geschilderten herrlichen Septemberabend sagt. b. Dem Blumentopf auf dem Tisch ähnelt Ulrikes neuer Sommerhut.
Wir befassen uns in diesem Kapitel wegen dieser zusätzlichen
Komplikation deswegen ausdrücklich mit dem, worüber einzelne Hier gibt uns die Wortstellung einen Hinweis. Spontan fassen wir
Sätze etwas sagen. Diese Einheiten bezeichnen wir als Topik; (2a) als Aussage über Ulrikes neuen Sommerhut auf, während wir
manchmal findet man dafür auch die präzisere Bezeichnung Satz- (2b) gut als Aussage über den Blumentopf auffassen können. Daher
topik. Der Rest des jeweiligen Satzes wird als Kommentar be- werden wir nach Reinharts Auffassung bei der Äußerung von (2a)
zeichnet. Wenn man sich auf das beziehen will, worüber in größe- so etwas wie eine gedankliche Karteikarte mit der Überschrift Ul-
ren Texteinheiten als Sätzen etwas gesagt wird, verwendet man den rikes neuer Sommerhut" anlegen und darauf - natürlich auch"nur
Begriff Dislmrstopik. gedanklich eintragen: ,,Ähnelt dem Blumentopf auf dem Tisch."
Die Idee, die der Unterscheidung von Topik und Kommentar Vernehmen wir hingegen (2b), so legen wir eine gedankliche Kar-
zugrunde liegt, ist uralt. Tatsächlich finden wir den Grundgedanken teikarte mit der (Jberschrift „Der Blumentopf auf dem Tisch" an
schon in Aristoteles' Charakterisierung von Subjekt und Prädikat: und tragen ein: ,,Ulrikes neuer Sommerhut ähnelt ihm".
Das Prädikat sagt etwas über das Subjekt aus. Von der Grundidee Die Karteikarten-Idee impliziert über Topiks, dass sie für den
her entsp1icht bei Aristoteles also das Subjekt einem Topik und das Hörer grundsätzlich so weit identifizierbare Entitäten bezeichnen
Prädikat einem Kommentar. müssen, dass er in der Lage dazu ist, eine Ka1ieikarte auszufüllen.
Nach der Auffassung der Informationsstrukturtheorie müssen al- Daher sind Topiks oft bekannte Entitäten. Das muss aber nicht im-
lerdings Topik und Kommentar gerade nicht bestimmten grammati- mer so sein; wir können auch für eine gerade neu eingeführte Enti-
schen Einheiten entsprechen. Darum hat Georg von der Gabelentz tät Eintragungen vornehmen oder nach einer Akkommodation (sie-
(1869, 1891) die Begriffe des psychologischen Subjekts und des he Kapitel 2) gleich fröhlich Notizen auf unserer gedanklichen Kar-
psychologischen Prädikats eingeführt Er wollte unter dem psy- teikarte machen. Die Beschaffenheit der Topik-Entitäten ist eben-
chologischen Subjekt das verstanden wissen, worüber der Sprecher falls recht flexibel. Es kann sich dabei um alle möglichen Arten von
den Hörer denken lassen will, und unter dem psychologischen Prä- Diskursreferenten handeln Personen, Dinge, Abstrakta, Orte, Zei-
dikat das, was er den Hörer über das psychologische Subjekt den- ten, Situationen oder Welten.

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Musan, R. (2010): Informationsstruktur. Heidelberg: Winter. Kap. 3, S. 25 - 42.


Aufgabe 1: Versuchen Sie, in den von mir etwas gekürzten und an die neue dir was über ... einzuleiten, ist eine solche Methode die die Idee
Rechtschreibung angeglichenen Anfangssätzen des Vorworts von Gorillas im des Topiks intuitiv besonders gut erfasst. '
Nebel (Dianne Fossey: ,,Gorillas im Nebel. Mein Leben mit den sanften
(4) Ich erzähl dir was über Schneewittchen:
Riesen." München: Kindler Verlag, 1989. Engl. Original 1983.) jeweils Topik
[TOPIK Schneewittchen] [KOMMENTAR hat das Badezimmer geputzt.]
und Kommentar zu bestimmen. Wie sind die Topiks jeweils syntaktisch
realisie1i und in welchen Satzpositionen stehen sie? Ähnlich funktionieren auch andere mögliche Einleitungen zum
(]) Das Buch „Gorillas im Nebel" erzählt einige Ereignisse aus den dreizehn Jahren, Beispiel diejenigen in (5) und (6). '
die ich mit den Berggorillas in ihrem natürlichen Lebensraum verbrachte, und enthält
Forschungsergebnisse aus fünfzehn Jahren ununterbrochener Freilandbeobach- (5) Es gibt etwas Neues über Schneewittchen:
tungen. (2) Berggorillas gibt es nur auf sechs erloschenen Vulkanbergen in der [TOPJK Schneewittchen] [KOMMENTAR hat das Badezimmer geputzt.]
Virungakette, nicht auf den beide11 aktiven Vulkanen. (3) Die von de11 Gorillas (6) Hast du das über Schneewittchen schon gehört?
bewolmte Zone ist ungefähr 40 Kilomeler lang und schwankt in der Breite zwischen [TOPIK Schneewittchen] [KOMMENTAR hat das Badezimmer geputzt.]
etwas 10 und 20 Kilometem. (4) Zwei Drittel des Schutzgebietes liegen in Zaire
(ehemals Demola'alische Republik Kongo) im Virunga-Nationalpark und etwa 12 000 Die Fragetests legen den Gedanken nahe, Topik und Bekanntes
Hektar in Ruanda Im Parc National des Volcans. (5) Der verbleibende klei11e bzw. Kommentar und Unbekanntes seien dasselbe. Auch wenn dies
11ordös1licheTeil des Vorko111111e11s
von Berggorillas liegt in Uganda 1111d ist un/er dem tatsächlich häufig der Fall ist, handelt es sich dennoch um einen
Namen Kigezi-Gorillaschutzgebiet bekannt. Fehlschluss. Die Dimensionen von Bekanntheit einerseits und To-
(6) Meine Forschungsarbeiten über diesen majestätischen und würdevollen
Menschenaffen [. ..] haben Einsichten /11 die durchweg harmonische Art und Weise
pik [Link]~entar andere~sei~smüssen in Sätzen keineswegs im-
erbracht, in der Gorillas ihre Familiengruppen bilden und erhalten, [. ..] mer uberemstunmen. Das wtrd tm nächsten Abschnitt gezeigt.
(7) 1758 hat Carl von Lilme, de,· emstzunehmende Systematiker, die nahe
Verwandtschaft von Menschen, Affen und Me11schenaffenoffiziell anerkannt. (8) Er
fasste alle drei zur Ordnung der Primaten (He1re11tiere)zusammen und hob damit ihre 3.3 Bekanntes und Unbekanntes in Topik und Kommentar
hohe Stellung im Tierreich hervor.
Eine bekannte Einheit kann sowohl zum Topik als auch zum Kom-
menta~·gehören; ebenso kann es sowohl im Topik-Ausdmck als
3.2 Noch einmal Fragetests auch tm Kommentar unbekannte Einheiten geben. Hier sind ein
paar mögliche Kombinationen illustriert.
In gewissen Grenzen kann man Topik und Kommentar ebenso wie (7) a. Bekanntes Topik und unbekannter Kommentar:
Bekannt und Unbekannt mittels des Fragetests identifizieren, den Was hat Wolfgang gelesen? -
wir bereits in Kapitel 2 besprochen haben. Zu einem Frage- [BEK/l'OPIK Wolfgang hat] [UNBEK./KOMMENTAR einen englischen
Fam1henroman] fBEK. gelesen.]
Antwort-Paar wie (3) beispielsweise lässt sich sagen, dass es eine b. Unbekanntes im Topik-Bereich:
Frage über Schneewittchen ist und dass somit Schneewittchen in der Was haben die Kunden gelesen?-
Antwort das Topik ist. Was über Schneewittchen gesagt wird, ist, [TOP~K [Ul;IBEK. Eine Frau] hat] [UNBEK./KOMMENTAR eine Compu-
dass sie das Badezimmer geputzt hat. terzeJtschnft] [BEK./IOPIK gelesen.]
c. Bekanntes im Kommentar-Bereich:
(3) Was hat Schneewittchen getan?
[TOPIK Schneewittchen] [KOMMENTAR hat das Badezimmer geputzt.]
Auf dem Tisch liegen so viele Bücher - die Bibel, ,,Harry Potter und
der Halbblutprinz", ,,Die Forsyte-Saga". Was hat Eva gelesen?
Die Idee des Tests ist also, dass eine W-Frage eine Frage über et- [BEK./TOPIK Eva hat] fBEK./KOMMENTAR „Harry Potter und der
was stellt, das dann als Topik der Antwort auftritt, und dazu Infor- Halbblutprinz"] [BEK./TOPIK gelesen.]
mation einfordert, die in der Antwort als Kommentar zum Topik Ob~ohl es sicher oft ~trifft, ist es also keineswegs immer so, dass
auftritt. Topiks stets_bekannt smd. Allerdings schafft gerade der Fragetest
Über die in (3) illustrierte Variante hinaus gibt es noch weitere aufgrund semer Beschaffenheit meist einen Kontext, in dem Be-
Methoden, Sätze in bestimmte Kontexte zu setzen, um die Identifi- kan~tes .und Topik bzw. Unbekanntes und Kommentar zufällig ü-
kation von Topik und Kommentar zu steuern. Sätze mit Ich erzähl - beremsttmmen.

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Musan, R. (2010): Informationsstruktur. Heidelberg: Winter. Kap. 3, S. 25 - 42.
Die Sätze in (7) zeigen übrigens noch etwas anderes: Die Einhei- d. Mir ist kalt.
ten Bekam1t/Unbekannt und Topik/Kommentar der Informations- e. Ein König hatte einmal Kopfweh.
struktur stimmen nicht notwendige1weise mit syntaktischen Einhei- Die bekannteste Struktur dieser Art ist sicher der Aussagesatz mit
ten wie Satzgliedern oder Konstituenten überein. So bilden in (7a) Platzhalter-es im Vorfeld (9a). Er zeichnet sich dadurch aus, dass
und (7c) Subjekt und Prädikat zusammen die bekannte Einheit; in das gesamte inhaltliche Satzmaterial im Mittelfeld steht. Dadurch
(7b) bilden Subjekt und Objekt zusammen die unbekannte Einheit. ist das Vorfeld vollkommen leer - eine Konstellation, die im Aus-
sagesatz normalerweise grammatisch nicht akzeptabel ist. Durch
einen einfachen Trick kann der Satz jedoch gerettet werden: Man
3.4 Sätze mit mehreren Topiks stellt ein semantisch leeres es in das Vorfeld. (9b) illustriert demge-
genüber übrigens, dass es in ganz bestimmten Situationen doch ak-
In den bisher behandelten Sätzen hatten wir es jeweils mit einer zeptabel ist, Aussagesätze mit leerem Vorfeld zu bilden. Sie haben
einzelnen Topik-Einheit zu tun. Man kann aber dafür argumentie- das Charakteristische an Sätzen wie (9b) sicher schon erkannt: Sie
ren, dass man in einem einzigen Satz auch mehrere Topiks haben werden oft gebildet, um den Anfang eines Witzes zu gestalten.
kann. (8) zeigt ein Beispiel dafür. Bei der Vorstellung, die Sätze in (9) enthielten kein Topik, stellt
(8) Ich erzähl dir was über Max und Moritz: sich natürlich sofort die Frage: Will man sagen, dass solche Sätze
[TOPIK! Max] [KOMMENTAR hat] [TOPIK2 Moritz] [KOMMENTAR beim über nichts sprechen?
Schachspielen geschlagen.] Das möchte man sicher nicht. Intuitiv ist es vielmehr so, dass die
Wenn wir hier zwei Topiks veranschlagen, gibt uns das die Mög- Sätze schon Aussagen über etwas machen, dass dieses Etwas aber
lichkeiten, auf zwei ,Karteikarten' Eintragungen vorzunehmen. So in den Sätzen nicht explizit genannt ist, weshalb es auch nicht son-
wird auf der Karte „Max" eingetragen: ,,Hat Moritz beim Schach- derlich gut fassbar ist. Man könnte sagen, (9a) macht eine Aussage
spielen geschlagen." Auf der Karte „Moritz" hingegen wird notiert: über eine bestimmte Situation in der Vergangenheit, (9b) macht ei-
Max hat ihn beim Schachspielen geschlagen." ne Aussage über eine fiktive Situation, (9c) sagt etwas über die
" Denkbar ist natürlich auch, dass in solchen Fällen so etwas wie Wettersituation zur Äußerungszeit des Satzes, (9d) thematisiert
eine Kombi-Karte „Max und Moritz" ausgestellt wird. Der Eintrag meine Empfindungen, und der typische Märchenanfang in (9e) hat
könnte dann lauten: ,,Ersterer hat Letzteren beim Schachspielen ge- als Topik eine zeitlich und räumlich unbestimmte Situation. Dass
schlagen." Situationen als Topiks auftreten, ist also nicht ungewöhnlich. Klein
Es ist zumindest nicht offensichtlich, ob diese beiden Varianten (2008) geht sogar davon aus, dass die Situation, über die gespro-
empirisch unterschiedlich sind, d.h. ob man aufgrund von sprachli- chen wird, immer als das eigentliche Topik einer Aussage gelten
chen Daten oder Sprecher-Hörer-Verhaltensweisen feststellen kann, kann.
welche die Sache besser trifft. Möglicherweise gibt es hier lediglich Die Beobachtungen in diesem Abschnitt bringen uns zu einer
einen theoretischen Unterschied. zentralen Frage, der wir uns im Folgenden widmen wollen: Wenn
Topiks manchmal nicht einmal im Satz genannt werden müssen,
wie werden sie dann überhaupt sprachlich gekennzeichnet? Wir
3.5 Thetische Sätze: Sätze ohne Topik werden in den nächsten Abschnitten sehen, dass Topiks im Deut-
schen in unterschiedlicher Weise kodiert werden können. Dazu ste-
Gegenüber Sätzen mit mehreren Topiks lassen sich auch Sätze beo- hen uns vor allem einige syntaktische Mittel zur Verfügung.
bachten, die gar kein Topik enthalten. Solche Sätze werden nach
Marty (1884) als thetisch oder neuerdings als Anti-Topik-Sätze Aufgabe 2: Diese Aufgabe soll Sie auf die Frage einstimmen, wie Topiks
bezeichnet. sprachlich kodiert werden. Dazu habe ich den Text aus Aufgabe 1 etwas
(9) a. Es kamen viele Gäste. verändert. Worin genau bestehen die Veränderungen? Welche Auswirkungen
b. Kommt ein Mann zum Arzt ... haben sie? Ich vermute stark, dass Sie den Originaltext ,besser finden' - woran
c. Es schneit. liegt das?

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Musan, R. (2010): Informationsstruktur. Heidelberg: Winter. Kap. 3, S. 25 - 42.


(]) Einige Ereignisse aus den dreizehn Jahren, die ich mit den Berggorillas in ihrem Subjekte können ganz einfach in Subjekte umgewandelt werden,
natürlichen Lebensmum verbrachte, werden in dem Buch „ Gorillas im Nebel"
erzählt, in dem Forschu11gsergebnisse w1s fii1ifzel111Jahren u111111terbrochener
••(iemman den Satz passiviert. Das wird in (10) illustriert.
Freilandbeobachtu11ge11geschildert H'erden. (2) Nur mif sechs erloschenen a. Aktiv: Der Rabe versprach dem Fuchs den Käse.
Vulkanberge11in der Vin111gakette,nicht aiif de11beiden aktiven Vulka11e11 gibt es b. Vorgangspassiv: Der Käse wurde dem Fuchs (von dem Raben) ver-
Berggorillas. (3) Ungefähr 40 Kilometer lang 1111d
in der Breite zwischen etwas I Ound sprochen.
20 Kilometem schwankend ist die von den Gorillas bewohnte Zone. (4) In Zaire c. Rezipientenpassiv: Der Fuchs bekam den Käse (von dem Raben) ver-
(ehemals Demokratische Republik Kongo) im Virimga-Nationalpark liegen zwei - sprochen.
Drittel des Schutzgebietes und in Ruanda im Pore National des Volcans etwa 12 000 •
Heldar. (5) Unter dem Namen Kigezi-Gorillaschutzgebiet bekannt ist der verbleibende ;;;I)as Verb versprechen hat drei Argumente mit den semantischen
kleine nordöstliche Teil des Vorkommens von Berggorillas in Uganda. :'.tii..ollenAgens (derjenige, der etwas tut, in unseren Beispielsätzen
(6) Einsichten in die durchweg ha1111011ischeArt und Weise erbmcht, in der also der Rabe), Benefizient (derjenige, der von der Handlung profi-
Gorillas ihre Familiengruppen bilden und erhalten, wurden durch meine .Forschungs- tiert,also der Fuchs) und Patiens (das, was der Handlung unterliegt,
arbeiten über diesen majestätischen und würdevollen Menschenaffen erbracht. also der Käse). Im Aktivsatz (10a) ist das Agens Subjekt und folg-
(7) Offiziell anerkannt hat 1758 Carl von Lbme, der ernstzunehmende ·····.•
Jich besonders gut dazu geeignet, als Topik aufzutreten. Im Vor-
Systematiker, die nahe Verwandtschaft von Menschen, Affen und Menschenaffen. (8)
Alle drei fasste er zur Ordnung der Primaten (Herrentiere) wsammen und hob damit
• gangspassiv (10b) wird das Patiens zum Subjekt und damit zu ei-
ihre hohe Stellung im Tierreich hervor. .. nem Top-Topikkandidaten. Im Rezipientenpassiv ( 1Oe) schließlich
es dem Benefizienten, die Funktion des Subjekts und damit
,u-.,u.-,.. Voraussetzungen zum Topik-Sein zu erlangen.
3.6 Topiks und die grammatische Funktion „Subjekt"

Sehr oft ist das Subjekt eines Satzes das Topik; das ist Ihnen sicher Topiks in besonderen syntaktischen Konstruktionen
schon in dem Text aus Aufgabe 1 aufgefallen. Nachdem Sie Aufga-
be 2 bearbeitet haben, werden Sie möglicherweise bereits ahnen, Eine ganz andere Methode, mit der man Ausdrücke als Topiks aus-
wamm Topiks oft in Gestalt von Subjekten auftreten. zeichnen kann, stellen im Deutschen - wie auch in vielen anderen
Erstens haben Subjekte gewöhnlich eine semantische Rolle die Sprachen ein paar spezielle syntaktische Konstruktionen bereit.
sie zu einem besonders aktiven, zentralen ,Mitspieler' in de; ge- Diese Konstruktionen können dazu ve1wendet werden, das Topik
schilderten Situation macht. Das prädestiniert sie dazu, Topik zu eines Satzes besonders hervorzuheben.
In (11) und (12) sind Konstruktionen illustriert, die auf der lin-
werden das, worüber man etwas sagt.
Zweitens erscheinen Subjekte im Deutschen zwar nicht notwen- ken Seite des Satzes jeweils einen Topik-Bestandteil aufweisen, der
di?erweise, aber doch bevorzugt am Anfang ihres Satzes. Topiks syntaktisch nicht in den Rest des Satzes integriert ist. (l la) und
w1edemm, .als das, worüber ein Satz eine Aussage macht, haben (11b) sind so genannte Linksversetzungen. Im Hauptteil des Sat-
ebenfalls eme starke Tendenz dazu, am Anfang eines Satzes aufzu- zes ist bei diesen Konstmktionen ein Pronomen, hier jeweils ein
treten. Das gilt übrigens nicht nur :für das Deutsche, sondem gehö1i Demonstrativpronomen, enthalten, das sich auf den Topik-
allgemein zu den stabileren Sprachuniversalien (Li und Thompson Ausdruck am linken Rand des Satzes bezieht. (llb) zeigt deutlich,
(1976)). Im Prinzip sind im Deutschen also Subjekt und Topik eines dass der Topik-Ausdruck meinen Onkel mit dem Demonstrativpro-
Satzes Rivalen: Beide wollen gerne möglichst am Satzanfang ste- nomen den kongmiert.
hen. Wenn nun in einem Satz Subjekt und Topik identisch sind, gibt (ll) a. [TOPIKMiriam,] [KOMMENTAR die kommt heute wohl zu spät.]
es keinen Kampf um die erste Stelle und das Leben ist zumindest in b. [TOPIKMeincn Onkel,] [KOMMENTAR den habe ich lange nicht gese-
diesem Punkt gleich ein wenig einfacher. hen.]
Interessanterweise kann man im Deutschen unter bestimmten Die Konstruktionen in (12) werden als lose Topik-Linksversetzun-
Voraussetzungen einen ziemlich genialen Trick anwenden, wenn gen bezeichnet. Sie ähneln den Konstmktionen in ( 11), insofern als
man ein Nicht-Subjekt zum Topik machen will: Manche Nicht- der Topik-Ausdruck auch hier am linken Rand des Satzes auftritt

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und syntaktisch nicht in den Satz integriert ist. Aber Topik- Aufgabe 3:. Versuc~en Sie, die Konstruktionen, die in (11) (15) illustriert
Ausdruck und Pronomen kongruieren hier nicht. wurde?, mit_den Satzen (lOa-c) durchzuspielen. Gehen Sie dabei davon aus
dass die kursiv gedruckten Ausdrücke in (lOa-c)jeweils die Topiks vorgeben. '
(12) a. [TOPIK Miriam,] [KOMMENTAR sie kommt heute wohl zu spät.]
b. [TOPIK Mein Onkel,] [KOMMENTAR ich habe ihn lange nicht gese-
hen.]
Auch in (13), (14) und (15) werden Topik-Ausd1ücke besonders 3.8 Topiks in der Vorfeld-Position
hervorgehoben. Der Hauptunterschied zu den Konstruktionen in
(11) und (12) ist, dass die Topik-Ausdrücke hier syntaktisch in den Das Vorfeld des deutschen Satzes kann sehr unterschiedlich besetzt
Rest des Satzes integriert sind. Dazu werden bestimmte Konstrukti- werden, zum Beispiel mit Subjekten, Objekten oder Adverbialen
onen verwendet. (13) illustriert ein freies Topik. Es bindet den To- aber auch mit Teilen des Prädikats. Im Allgemeinen sagt man das~
pik-Ausdruck mit der Thematisierungsformel (Zifonun (1997: V~rfeld_durch eine Konstituente besetzt werden kann, udd ge-
524)) was x betrifft im Vor-Vorfeld des Hauptsatzes an; der Haupt- wohnhch stimmt das auch. Welche Konstituente im Vorfeld landet
satz wiederum drückt den Kommentar zu diesem Topik aus. wird dabei wesentlich durch den Satzkontext bestimmt. Eine de;.
Tendenzen zur Vorfeldbesetzung ist, das Satztopik dort hineinzu-
(13) Was [TOPIK Miriam] betrifft, [KOMMENTAR so weiß ich nicht, warum stellen.
sie heute zu spät kommt.] Dies hat wohl dazu geführt, dass die Besetzung des Vorfelds
(14) zeigt einen Spaltsatz, nach der englischen Konstruktion und manchmal als „Topikalisierung" bezeichnet wird. Dies wiederum
Bezeichnung oft auch Cleft-Satz genannt. Er besteht aus einem Es- hat wohl viele zu der falschen Annahme verleitet, im deutschen
Kopula-Satz, an den ein Relativsatz angeschlossen ist. Die Verhält- Vorfeld stünden immer Topiks. Das ist aber falsch, denn das Vor-
nisse zwischen Haupt- und Nebensatz sind in (13) und (14) interes- feld kann auch nach anderen Gesetzmäßigkeiten besetzt werden. So
santerweise genau umgekehrt: Während in (13) der Hauptsatz den können dort ebenso gut beispielsweise auch Anschlusselemente an
Kommentar zu dem in einen Nebensatz verpackten Topik liefert, den jeweils vorangehenden Satz, fokussierte Ausdrücke Satzadver-
liefert in (14) gerade der Nebensatz, ein Relativsatz, den Kommen- biale oder nicht-topikale Temporal- und Lokaladverbial~ stehen
tar zu dem Topik, das in dem Kopula-Hauptsatz besonders heraus- Damit möchte ich aber natürlich nicht bestreiten, dass das Vor-
gestellt wird. f~:d auc~ eine~ der b~vorzugten 1?-ufenthaltsortevon Topiks ist. Das
(14) Es war [TOPIK Miriam,] [KOMMENTAR die die Brausebonbons zuberei- hangt mit der 1mvongen Abschmtt erwähnten universellen Tendenz
ten wollte.] zusammen, dass Topiks möglichst am Satzanfang stehen wollen.
Bei (15) handelt es sich um einen Sperrsatz (auch bekannt als . In_d~n Sätzen in (16) steht das, worüber etwas ausgesagt wird,
Pseudocleft-Satz). Auch in ihm wird ein Kopula-Hauptsatz ver-
J~wetls nn Vorfeld des Satzes. (16a) stammt von Alfons Schuhheck,
wendet; er realisiert hier allerdings - im Gegensatz zu (14), aber emem s,ternekoch aus„Baxern, ~us einer Zeitschriftenwerbung von
2001, die Werbung für Rmdfle1sch machte Rindfleisch ist also
wie in (13) den Kommentar. das, worüber hier eine Aussage gemacht wird. (16b) ist der Beginn
(15) [roPlK Was Miriam zubereiten wollte,] [KOMMENTAR (das) waren d~s Johannesevangeliums, der den Anfang der Schöpfung themati-
Brausebonbons.] siert.
Die Konstruktionen, die wir soeben betrachtet haben, sind etwas a. Rindfleisch kann ich meinen Gästen mit gutem Gewissen empfehlen.
ungewöhnlich. Andere syntaktische Mittel, mit denen wir Topiks b. Im Anfang war das Wort, und das Wmt war bei Gott, und das Wort
besonders auszeichnen können, brauchen weniger Aufwand: Wir war Gott
können ganz einfach mit der Wortstellung arbeiten. Zwar gibt es Halten wir also fest: Topiks können sehr gut im Vorfeld des deut-
keine Position im normalen deutschen Satz, die einzig und allein für schen s_~tz_esst~hen. Das ist aber mitnichten die einzige Beset-
Topiks reserviert wäre. Aber zwei Positionen sind für Topiks be- zungsmoghchkeit für das Vorfeld l Darauf werden wir in Abschnitt
sonders geeignet, erstens das Vorfeld am Satzanfang, zweitens die 7.2 noch einmal ausführlicher eingehen.
linke Seite des Mittelfeldes.

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3.9 Topiks am linken Rand des Mittelfeldes einen Karteikarteneintrag vornehmen könnte. Solche Ausdrücke
können nicht vor Satzadverbialen wie vielleicht stehen.
Ein ebenfalls beliebter Platz für Topiks ist der Beginn des Mittel- (19) a. *Ab September will niemand vielleicht Schneewittchen fest anstellen.
feldes. (17) zeigt einige Beispiele, die entsprechend den Sätzen aus b. Ab September will vielleicht niemand Schneewittchen fest anstellen.
(16) gebildet sind. Hier stehen die Topiks jeweils am Anfar:g des Sätze wie diese zeigen, dass es zumindest schwer wem1 nicht un-
Mittelfeldes des Nebensatzes, in (17a) nach dem pronominalen ist, eindeutige Nicht-Topiks im Mittelfeld vor Satzadver-
Subjekt, in (17b) am absoluten Beginn des Mittelfeldes. biale zu stellen. Das soll für den Moment reichen; Abschnitt 7.3
( 17) a. Alfons Schuhbeck sagt, dass er Rindfleisch seinen Gästen mit gutem wird sich noch einmal allgemeiner mit Wortstellungstendenzen im
Gewissen empfehlen kann. Mittelfeld auseinandersetzen.
b. Der Beginn des Johannesevangeliums sagt, dass im Anfang das Wort
war.
Diese Sätze werfen die Frage auf, wo genau die rechte Grenze des 3.10 Topik und Kommentar im Text
,Beginns des Mittelfeldes' anzusiedeln ist insbes?ndere weil das
Topik zwar in ( 17b) den ersten Ausdruck des Mittelfeldes stellt, .~tc'
In den vorigen Abschnitten haben wir einzelne Sätze danach unter-
nicht aber in (17a). Dort steht davor noch das Personalpronomen er. : sucht, wie sich Topik und Kommentar verhalten - beispielsweise
Frey (2004) bietet darauf eine Antwort. Ihm zufolge stehen To- • hinsichtlich ihrer syntaktischen Kodierung. Topik und Kommentar
piks im Mittelfeld bevorzugt links .von Satzad:erbiale.n wie vi~'.- sind jedoch auch für größere sprachliche Einheiten bis hin zu gan-
leicht, glücklicherweise oder anscheinend. Den Effekt dieser Pos1t1- zen Texten aufschlussreiche Analysekategorien. Denn Texte kön-
on kann man erkennen, wenn man die Topiks in ihrer Stellung links nen unterschiedlich gestaltet sein hinsichtlich ihrer thematischen
und rechts von solchen Satzadverbialen variiert: Die Varianten, in Pl'ogression, das heißt hinsichtlich der Muster, nach denen Topiks
denen es auf der rechten Seite des Satzadverbials steht, werden von eingeführt und gewechselt werden; man spricht hier auch von To-
vielen Sprechern des Deutschen als weniger akzeptabel beurteilt. i· pikketten. Danes (1970, wieder abgedruckt 1978), der sich damit
Das gilt jedoch nicht für alle Sprecher - wenn Sie die Intuition nicht 2
l:it\ befasst hat - allerdings in einer etwas anderen Terminologie als wir;
teilen, ist das also kein Gnmd, beunruhigt zu sein, Sie hätten etwas er verwendet anstatt der Begriffe „Topik" und „Kommentar" die
nicht verstanden. Begriffe „Thema" und „Rhema" - fand die thematische Progression
(18) a. Alfons Schuhbeck kann Rincffleisch glückliche1weise seinen Gästen
Cso zentral, dass er sagte, sie stelle das Gerüst des Textaufbaus dar.
mit gutem Gewissen empfehlen.
•• Zu den Mustern, die Danes beobaehtet, gehört erstens das der li-
b. ?Alfons Schuhheck kann glücklicherweise Rindfleisch seinen Gästen nearen Progression. Dabei wird aus dem Kommentar einer Aussa-
mit gutem Gewissen empfehlen. ge das Topik der darauf folgenden Aussage gebildet. Dies Muster
c. Laut dem Johannesevangelium war im Anfang anscheinend das Wort. von Danes wie folgt repräsentiert:
d. ?Laut dem Johannesevangelium war anscheinend im Anfang das
(20) Tl -, Kl
Wort.
e. [Ich erzähl dir etwas über die sieben Zwerge:] Ab September wollen !
die sieben Zwerge vielleicht Schneewittchen fest anstellen. T2 (cccKl) -+ K2
f. ?[Ich erzähl dir etwas über die sieben Zwerge:] Ab September wollen !
vielleicht die sieben Zwerge Schneewittchen fest anstellen. T3 K2) -, K3

Diese Position ist also für Topiks gut geeignet. Interessanterweise


Wir finden das Muster in den ersten drei Sätzen des Vorworts von
ist die Position darüber hinaus anscheinend für Nicht-Topiks mehr
Gorillas im Nebel (Dianne Fossey: ,,Gorillas im Nebel. Mein Leben
oder weniger streng verboten. Dafür argumentiert Frey unter ande-
mit den sanften Riesen." München: Kindler Verlag, 1989. Engli-
rem mit Sätzen, in denen die Position für unmögliche Topiks er-
sches Original 1983.), die Ihnen schon aus Aufgabe 1 bekannt sind.
probt wird. Ein Grundgedanke dabei ist, dass ein Wort wie niemand
kein Topik sein kann, da es sich auf nichts bezieht, über das man ~m d~s Muster deutlich zu machen, markiere ich in (21) die Topiks
emes Jeden Satzes durch Fettdruck; die Ausdrücke aus dem Korn-

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mentar, die sich im nächsten Satz als Topik wieder finden, sind an Tl Kl
ihrem Kursivdruck zu erkennen. !
(21) (1) Das Buch „Gorillas im Nebel" erzählt einige Ereignisse aus den T2 Tl) --, K2
dreizehn Jahren, die ich mit den Berggorillas in ihrem natürlichen Le- !
T3 Tl) __, K3
bensraum verbrachte, und enthält Forschungsergebnisse aus fünfzehn
Jahren ununterbrochener Freilandbeobachtungen. (2) Berggorillas gibt
es nur auf sechs erloschenen Vulkanbergen in der Virungakette, nicht auf (25) wird dies anhand von zwei Sätzen illustriert, die beide Carl
den beiden aktiven Vulkanen. (3) Die von den Gorillas bewohnte Zone Linneals Topik haben.
ist ungeführ 40 Kilometer lang und schwankt in der Breite zwischen et-
was 10 und 20 Kilometern. (7) 1758 hat Carl von Linne, der ernstzunehmende Systematiker, die
nahe Verwandtschaft von Menschen, Affen und Menschenaffen offiziell
Dies Muster entspricht also einer Topik-Kommentar-Vernetzung anerkannt. (8) Er fasste alle drei zur Ordnung der Primaten (Herrentiere)
von Satz zu Satz. zusammen und hob damit ihre hohe Stellung im Ticn-eich hervor.
In den nächsten Sätzen desselben Textes finden wir ein anderes ~1 :wie an diesen Beispielen deutlich wird, können die Muster der
Muster, die Progression mit abgeleiteten Topiks. In der Repräsen- thematischen Progression innerhalb eines Textes wechseln.
tation von Danes finden wir es mit einer Darstellung wie folgt.
(22) T Aufgabe 4: Analysieren Sie die folgenden Texte (aus Danes (1970)) danach,
! ! ! welche Muster von thematischer Progression hier festzustellen sind.
Tl--, Kl T2--, K2 T3--, K3
:f (1) Goethe war überzeugt von dem Fortschritt der menschlichen Entwicklung.
Hier können die Topiks der einzelnen Sätze (4) und (5) als Teile des • , ' Er trat/Ur die Erziehung des Menschengeschlechts zurfi·ied/ichen Entwicklung
Topiks von Satz (3) analysiert werden. Das heißt, wir haben so et- 'ein ... Goethe nannte sich ,ein Kind des Friedens'.
was wie ein Obertopik, die von den Gorillas bewohnte Zone, von ' 0,) Unsere Wirtschaft sucht rationelle Arbeitsverfahren. Rationelle Arbeits-
verfahren sucht auch die Wissenschqft.
dem Untertopiks abgeleitet sind. (3) Die Sozialistische Republik Rumänien liegt am Schnittpunkt des 45.
(23) (3) Die von den Gorillas bewohnte Zone ist ungefähr 40 Kilometer lang Breitenkreises mit dem 25. Längenkreis. Die Bodenfläche des Landes beträgt
und schwankt in der Breite zwischen etwas 10 und 20 Kilometern. (4) 235 500 Quadratkilometer; seine Bevölkerungszahl ist 19 Millionen
Zwei Drittel des Schutzgebietes liegen in Zaire (ehemals Demokrati- Einwohner. Die Staatsgrenze hat eine Gesamtlänge von ... Kilometern.
sche Republik Kongo) im Virunga-Nationalpark und etwa 12 000 Hektar (4) Alle Stoffe bestehen aus Atomen. Diese ·winzig kleinen Teilchen der Materie
in Ruanda im Parc National des Volcans. (5) Der verbleibende kleine machenfi·eilich ihrem Namen keine allzu große Ehre, denn „Atom" bedeutet ja
nordöstliche Teil des Vorkommens von Berggorillas liegt in Uganda ,,unteilbar".
und ist unter dem Namen Kigezi-Gorillaschutzgebict bekannt.
Die ,abzweigenden' Untertopiks sind hier die in (4) genannten zwei
Drittel des Schutzgebietes und der in (5) genannte verbleibende 3.11 Topik und Rahmensetzung
nordöstliche Teil.
Ein drittes Muster, vielleicht das einfachste, finden wir kurze Wenn wir über etwas sprechen, schlägt sich das darin nieder, dass
Zeit später in den Sätzen des Textes. Hier bleibt das Topik ganz viele Dinge, die wir aussagen, nicht absolut und wöi1lich zu verste-
einfach gleich; es wird in den jeweiligen Sätzen mit einem anderen hen sind, sondern in einem gewissen Geltungsbereich - eben in
Kommentar kombiniert, so dass wir ein durchlaufendes Topik ha- dem Geltungsbereich, über den wir sprechen. Das kann explizit
ben. (Ich habe die Darstellung von Danes in (24) etwas verändert, gemacht werden, es kann aber auch implizit geschehen. Dies wird
so dass sie mir intuitiv leichter verständlich erscheint.) seit vielen Jahren in unterschiedlichen Zusammenhängen diskutiert.
Ein vielzitiertes Beispiel aus der Literatur ist der Satz (26) bzw.
im Original in Partee ( 1973) eine englische Variante davon.
(26) Ich hab den Herd nicht ausgeschaltet.

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Dieser Satz ist, wenn man ihn nicht auf eine bestimmte Situation natürlich sehr stark eingeschränkt - der Satz besagt lediglich,
bezieht, reichlich uninteressant, denn natürlich gilt für uns alle, dass ass die Leute)n Deutschland der Meinung sind, Harald Juhnke sei
wir zu den meisten Zeitpunkten unseres bisherigen Lebens den tberühmt. Ahnlich ist es bei (28c) (Kleiner Tipp, falls Sie in Ma-
Herd nicht ausgeschaltet haben. Der springende Punkt hier ist, dass nicht so gut sind: Die Quersumme von 4011 ist durch 3 teilbar;
wir den Satz natürlich nicht so allgemein und absolut verstehen, 0 kann es sich nicht um eine Primzahl handeln.). (28d) schließ-
sondern situationsspezifisch ungefähr als „Zu dem kontextuell rele- h will natürlich nicht sagen, dass die F01m der Erde sich in den
vanten Zeitpunkt, als wir vorhin das Haus verlassen haben, habe ich zten tausend Jahren wesentlich geände11hat, sondern dass man
den Herd nicht ausgeschaltet." Mittelalter allgemein an eine flache Erdform glaubte. (Das schö-
Genau genommen reden wir ständig so, dass wir das, was wir Beispiel (28b) stammt von Claudia Maienbom; eine Variante
sagen, auf bestimmte, kontextuell beschränkte Situationen beziehen yon (28c) von Wolfgang Klein.)
(siehe dazu auch Klein (2008)). Oft geschieht das, ohne dass wir es • Rahmensetzende Ausdrücke werden in der Literatur oft als To-
explizit ausdrücken würden - wie es ja auch in (26) illustriert wird. pik-ähnliche Ausdtücke behandelt. Das entspricht aber nicht ihrem
Natürlich kann man solche kontextuellen Restriktionen oder Be- Wesen: Wenn es sich dabei um Topiks handeln würde, würde das ja
schränkungen aber auch explizit machen. (27) illustriert dies für ..bedeuten, dass man die Aussagen aus (28) jeweils auf einer Kartei-
verschiedene Fälle. ••karte zu notieren hätte, die die Rahmenausdrücke als Überschrift
(27) a. Ich hab den Herd nicht ausgeschaltet[, bevor wir losgegangen sind]. trägt. Während das bei (28c) und (28d) zumindest einigennaßen
b. Die Sonne scheint [jetzt und hier in Osnabrück]. plausibel ist, ist es für (28a) und (28b) eher abwegig. Sicher möchte
c. Alle [, die ich eingeladen hatte,] sind [zu meinem Spieleabend am man nicht unter „Mensa-Aufsuchen" ablegen, dass Daniela mit ih-
letzten Mittwoch] gekommen. rem Studium zurechtkommt. Und vennutlich möchte man auch
Diese kontextuellen Beschränkungen beziehen sich alle direkt auf nicht unter „Deutschland" ablegen, dass Harald Juhnke weltbe-
die Situation selbst und sagen zum Beispiel etwas Näheres darüber rühmt ist, sondern wenn überhaupt dann eher unter „Harald
aus, wann oder wo oder mit welchen Beteiligten die Situation statt- Juhnke". Halten wir also fest: Rahmenausdrücke können manchmal
findet oder stattfand. Erst wenn man die kontextuellen Beschrän- ;5tnöglicherweise Topik sein, müssen das aber nicht. Deswegen ist es
kungen mit versteht, die der Sprecher intendiert, kann man als Hö- \wichtig, sie von Topiks zu trennen (siehe dazu auch Jacobs (2001),
rer wirklich nachvollziehen, worauf die Aussage sich bezieht, und Chafe (1976) und Krifka und Musan (im Erscheinen)).
beurteilen, ob sie wahr ist.
Eine andere Art von Beschränkung liegt vor, wenn wir den Gel- Zusammenfassung: Unter einetn Topik versteht man das, worüber
tungsbereich einer Aussage beschränken. (28) zeigt dies an ein paar ein Satz eine Aussage macht. Der Kommentar ist das, was daiüber
Beispielen. Die Ausdrücke in den ecldgen Klammem schränken .gesagt wird. Dies spiegelt sich in der Idee wider, Topiks mit Kar-
hier jeweils den Geltungsbereich des Rests der Aussage wesentlich teikarten zu bestimmten Themen zu vergleichen, auf denen Infor-
ein und bestimmen so sehr stark mit, worüber etwas ausgesagt wird. mationen darüber eingetragen werden. Die Unterscheidung von To-
und Kommentar ist unabhängig von der zwischen Bekanntheit
(28) a. [Was das Aufsuchen der Mensa angeht,] kommt Daniela mit ihrem und Unbekanntheit. Topiks können oft durch geeignete Fragetests
Studium prima zurecht.
b. [In Deutschland] ist Harald Juhnke weltberühmt.
identifiziert werden. Sätze können unter Umständen auch mehrere
c. [Wo ich herkomme,] ist 4011 eine Primzahl. oder auch gar keine Topiks enthalten. Auf der Ebene der Syntax
d. [Im Mittelalter] war die Erde eine Scheibe. zeichnen Topiks sich oft dm-eh eine herausragende grammatisehe
Funktion als Subjekt aus oder durch eine auffallende Position am
Das kann man sehr gut sehen, wenn man sich die Sätze im Gegen- Satzanfang entweder in besonderen Konstruktionen, im Vorfeld
satz dazu ohne diese Rahmenausdrücke vorstellt: Dass Daniela oder am Beginn des Mittelfeldes. Texte lassen sich danach untersu-
sehr gut mit ihrem Studium zurechtkommt, ist schon eine deutlich chen, wie gleich bleibende oder wechselnde Topiks in den Sätzen
andere Aussage als die, dass sie in Bezug auf das Aufsuchen der
auftreten. Rahmensetzungen erscheinen Topiks auf den ersten Blick
Mensa sehr gut mit dem Studium zurechtkommt (28a). Und dass ähnlich, müssen tatsächlich aber von ihnen unterschieden werden.
Harald Juhnke weltberühmt ist, wird durch die Angabe in Deutsch-

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Grundbegriffe: Topik, Kommentar, Satztopik, Diskurstopik, psy- Hintergrund. ~n (1) wird durch den Akzent ein Bezug zwischen
chologisches Subjekt, psychologisches Prädikat, thetisch, Passivie- Katze und Kamnchen hergestellt und Katze und Kaninchen werden
rung, (Lose Topik-) Linksversetzung, freies Topik, Spaltsatz, Cleft- als Altemativen dargestellt. Dadurch entsteht hier ein Kontrast
Satz, Sperrsatz, Pseudocleft-Satz, thematische Progression, lineare zwischen beiden.
Progression, Progression mit abgeleiteten Themen, durchlaufendes
(l) Kontrast
Topik, kontextuelle Beschränkung, Rahmensetzung. (Mareike hat ein Kaninchen.)
[HINTERGRUND Eva hat eine] [FOKUS KATze].
Weiterführende Literatur: Jacobs (2001) beleuchtet den Topik-Begriff von
verschiedenen Seiten. Zifonun et al. (1997: 508-529) listen einige Thematisie- Im Rest diese~ A?schnitts_ werden wir verschiedene Beispiele be-
rungsformeln auf. Giv6n (1983) befasst sich unter dem Begriff „Topikketten" trachten. Dabei wud deutlich werden, dass Fokus durch seine Fä-
(,topic ehains') mit der Frage, wie unterschiedliche Topik-Status neu einge- higkeit, Alternativen nahezulegen, sehr viele unterschiedliche Funk-
führtes Topik, beibehaltenes Topik oder Topikkettenende mit anstehendem
Topikwechsel sprachlich kodiert werden können; dabei ist er an einer typolo- tionen erfüllen kann. Das liegt daran, dass die nahegelegten Alter-
gischen bzw. sprachvergleichenden Sicht interessie1t. Klein (2008) behandelt nativen in unterschiedlicher Weise in die Interpretation der Sätze
kontextuelle Beschränkungen unter der Bezeichnung „Topiksituation". Maien- eingehen können.
bom ( 1996) behandelt adverbiale Beschränkungen auf unterschiedlichen Ebe- Dem Kontrast ähnlich ist die Korrektur. Im Grunde wird durch
nen. den Fo~us auch hier ein Kontrast ausged1ückt; nur hat die Konektur
zusätzhch die Funktion, den korrigie1ien Ausdruck zu verneinen
Das wird in (2) gezeigt. •
(2) Korrektur
4. Die Dimension von Fokus und Hintergrund
(Eva hat eine Ratte.) Nein, Eva hat eine [FOKUS KATze.]
Andere Effekte zeigen sich, wenn Fokus mit so genannten Fokus-
4.1 Verschiedene Funktionen von Fokus p_artike~.n(oft _auch Gradpa:iikel~ genannt) zusammenspielt; das
smd W~rter wie_zum Beispiel wie nur, schon, noch, sogar oder
In diesem Kapitel befassen wir uns mit der dritten Dimension, die auch. Diese Partikeln sind nämlich fokussensitiv, d.h. sie beziehen
der Infonnationsstruktur zugerechnet wird, mit der des Fokus. Da- sich aufgrund ihrer speziellen Bedeutung auf den fokussie1ien Aus-
bei geht es darum, dass Fokus Alternativen zu einer im„Satz ge- druc_k.Man. spricht ?ier auch von einer Assoziation der jeweiligen
nannten Einheit nahelegt, die bei der Interpretation der Außerung Pa1i1kelnmit den_iFoku_s.So kann man die intendietie Bedeutung
eine wichtige Rolle spielen. In der gesprochenen Sprache wird vor von (3a) verdeutltchen, mdem man sagt: ,,Eva hat nur eine KATze,
allem durch den Akzent gesteueii, welche Einheit das ist. Ein sol- aber ke1~ anderes Tier." Diese Fokussierung lässt übrigens zu, dass
cher Akzent kann auf verschiedene Weise realisiert werden: Erstens Eva zwei Katzen hat; allerdings bekommt der Satz dabei wohl den
kann es eine deutliche Veränderung der Tonhöhe nach oben oder [Link]~hmen Beigesc?mack, Katzen seien eher minderwe1iige
unten geben; dementsprechend unterscheidet man steigenden und Tiere. _EmeKatzenzahle:nschränkung gibt es aber in Satz (3b); die
fallenden Akzent. Zweitens kann die Lautstärke verstärkt werden. mtend1erte Bedeutung dieses Satzes lässt sich durch so etwas wie
Drittens kann die Dauer von akzentuierten Silben verlängert wer- „Eva hat nur Eine Katze, aber nicht zwei oder drei" verdeutlichen
den, das heißt sie werden gedehnt. Alle drei Eigenschaften können In (3c) bewirkt das Zusammenspiel von auch und dem Fokus auf
auch Hand in Hand gehen. Im Deutschen ist nach allgemeiner An- Kater, ~ass der Satz so etwas besagt wie „Simone hat über eine
sicht der Forschung die Veränderung der Tonhöhe am wichtigsten Katze hmaus - auch einen Kater."
und beim F okusakzent handelt es sich meist um einen fallenden (3) Fokussensitive Partikeln
Akzent. a. Eva hat nur eine [FOKUS KATze].
Hier ist ein erstes Beispiel; der Akzent wird wieder durch Groß- b. Eva hat nur [FOKUS Eine] Katze.
buchstaben markie1i. Die Fokus-Einheit ist durch entsprechende c. Simone hat auch einen [FOKUS KAter].
Klammem gekennzeichnet; den Rest des Satzes bezeichnen wir als

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