Musan 2010 Kap.3
Musan 2010 Kap.3
Informations-
stru tur
Universitätsverlag
WINTER
Heidelberg
Vll
viii
Musan, R. (2010): Informationsstruktur. Heidelberg: Winter. Kap. 3, S. 25 - 42.
In (31) werden ähnliche Varianten wie in (30) durchgespielt. Nur iedlicher Weise in ein Diskursuniversum eingefü'h t ·d
wird hier jeweils eines der Objekte durch eine indefinite Nominal- • d be1m
gesc11ehen, sm • Ruckbezug
.. auf die Disk . r e:we1 en. Ist
•
phrase anstatt der definiten realisiert. Es zeigt sich, dass hier jeweils ren Te t h l • h msreierenten im
die Variante bevorzugt wird, in der die definite Nominalphrase vor . x _mo.r~o og1sc e, syntaktische, semantische und
at1SchePnnz1p1en zu beachten die umgek h „ b . d
der indefiniten steht. • . ' e lt e1 er Ana-
esolution genutzt werden können Bekannth 't 1
(31) a. ??Der Dozent hat Studenten die Assistentin vorgestellt.
h . Eb • . • e1 ge 1t auf pro-
cBe~, etne,m~_1:t~mt Deakzentuierung einher. Im Mittelfeld
b. Der Dozent hat die Assistentin Studenten vorgestellt. , e ann es praienert vor ,Unbekanntem'.
c. Der Dozent hat den Studenten eine Assistentin vorgestellt.
d. ??Der Dozent hat eine Assistentin den Studenten vorgestellt.
ndbegrijje: Individuen, Diskursreferenten D • l ·
Die Sätze in (32) verfahren mit Akzentuierung wie die oberen Bei- "hrung von Individuen, Präsupposit1'on' Ak1s clursumvers~m,
spielgrnppen; dabei ist zu beachten, dass die Beispielsätze hier je- •
issen, defitmt,
• m• defm1t
• • Pro-Wort Referenz
, K commodation
e: '
weils Nominalpluasen mit demselben Definitheitsgrad verwenden. ens Ind h · h' ' • , oreierenz An-
' ex, anap onsc ' kataphorisch deiktisch Id t'f~ .
it Aktiv1·erthe't 1· h ' , en 1 1z1er-
Insofern ist es problematisch, den Nominalphrasen unterschiedliche , .•e. ' .
„
. . i ' zugang ic ' Anaphernresolution, Mehrdeu-
Bekanntheitsgrade zu unterstellen. Dennoch möchte ich Ihnen hier g·····
kett, P10pos1tion, Satzakzent Wortakzent F t
• W ' " , rage est W-Frage
schon die Auswirkungen des Akzents vorführen, weil Akzente, wie 1a.kzentu1erung, ortstellung im Mittelfeld. ' • '
in Abschnitt 2.7 gezeigt wurde, auf Unbekanntheit hindeuten; wir
kommen später, in Abschnitt 4.6, noch einmal darauf zmück. erführende Literatur: Chafo (1976 1987) L b h .
); Pause (1991) ist interessant für di; Prob) , af rlc t (1994), Prmce
(32) a. ?Der Dozent hat den StuDENten die Assistentin vorgestellt. warzsehild (1999) befasst sieh mit dem Z. eme er naphernresolution;
b. Der Dozent hat die Assistentin den StuDENten vorgestellt. (De-)Akzentuierung,ist allerdings theoretis~~mmenh~ng von Bekanntheit
c. Der Dozent hat den Studenten die AssisTENtin vorgestellt. Anfänger nicht leicht zu lesen. Abfolgeregula:g:rue svoJ un~ deswegen
d. ??Der Dozent hat die AssisTENtin den Studenten vorgestellt. ittelfeld des deutschen Satzes werden füh ·1·ehn_von ommalphrasen
clelt. aus 1 ic m Lenerz (I 977) be-
Halten wir also fest: Bekanntheit schlägt sich in der Wortstellung
im Mittelfeld nieder; generell gibt es eine starke Tendenz dazu, Be-
kanntes links und Unbekanntes rechts anzusiedeln.
Dimension von Topik und Kommentar
Aufgabe 10: Betrachten Sie die folgenden Sätze. Vermutlich finden Sie alle
davon suboptimal. Bei welchen der Sätze lässt sich das darauf zurückführen,
dass gegen die Tendenz Bekannt> Unbekannt verstoßen wurde? JGrundidee und Identifikationsschwierigkeiten
a.) Maik hat sehr gründlich das Buch kommentiert.
b.) Manu hat einen Regenschirm am Montag verloren.
c.) Sie hat am Dienstag ihn wieder gefunden. e an~e~eDimen~ion, mit der man sich in der Inform f
d.) Moritz ist zu einem Aussichtsturm mit einem Rucksack gewandert. eone i_mmerwieder befasst, ist auf die Absichten d a ~nsst~uk-
e.) Max hat ein Taschentuch seiner Freundin geliehen.
f.) Monika hat den Rucksack letzte Woche sich gekauft.
ß$se{
vo~ den~, was darüber gesagt wird. Es ;erden :r: J':~
r Schreibers gerichtet: Sie unterscheidet das worüb es prec ers
man etwa~
~mends10nzwei Pole unterschieden; insofern gleic~t~~h
Zusammenfassung: Für die Dimension von Bekanntheit und Unbe- c ei_un~ ~r v~n ~ekannt und Unbekannt.
kanntheit ist vor allem wichtig, wie in Texten mit Diskursreferenten ,Ta~~fh~[Link] skteJedoch etwas schwerer handhabbar: Erstens ist
umgegangen wird, aber auch wie die (Un)Bekanntheit von Sach- eng, un onkreten Fall zu sagen worüb t
. Worüber wird zu B • • 1 . ' er e was gesagt
verhalten signalisiert wird. Bekanntheit und Unbekanntheit sind
gabe 4, untersuchten~e;)s~~a:~~I~ga?? t:rd~:gin KllaMpitel
2,
nicht zwei strikte Gegensätze, sondern es gibt zwischen diesen bei- den Garten d "b d' . we anor
den Polen Abstufungen, bei denen auch Weltwissen und ähnliche o er u er ie Bienen - oder über alle drei? Ode;
Faktoren eine Rolle spielen. Diskursreferenten können in unter-
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über etwas anderes? Und wird mit ( 1b) etwas über den Wolf oder ken lassen will; und er betonte, dass beides nicht den grammati-
über die Großmutter gesagt? schen Einheiten Subjekt und Prädikat entsprechen muss. Herrmann
Paul ( 1880, 1919) hat dies übernommen. Die heutigen Begriffe To-
(1) a. Im Garten von Cregwell Manor summten die Bienen umher.
pik und Kommentar wurden erst viel später durch Hockett (1958) in
b. Der Wolf hat die Großmutter gefressen.
die amerikanische Sprachwissenschaft eingeführt, haben sich dann
Gewiss ist es so, dass man, um dies zu spezifizieren, zunächst klare- aber weitgehend durchgesetzt (siehe hierzu aber auch Kapitel 5).
re Vorstellungen dazu bräuchte, was „das, worüber man etwas sagt" Reinhart (1982: 24) folgt diesen Vorstellungen, indem sie To-
heißen soll. piks als Signale dafür sieht, unter welchen Eintragungen neue Aus-
Diese Schwierigkeit wird noch etwas dadurch erhöht, das „das, sagen klassifiziert werden sollten. Demnach werden Aussagen nicht
worüber man etwas sagt" auf verschiedenen Textebenen durchaus einfach unstrukturiert verarbeitet, sondern sie werden mit topikalen
etwas Unterschiedliches sein kann. Zum Beispiel ist gut vorstellbar, Einheiten verknüpft. Das kann man sich vielleicht so ähnlich vor-
dass ein Text als Ganzes etwas über den Räuber Hotzenplotz sagt, stellen, als habe man sich in einem Vortrag über die Zusammen-
dass sich darin aber einzelne Textabschnitte befinden, die etwas hänge von Satzstruktur und Intonation Notizen gemacht und wolle
über Kasperls Großmutter sagen, und dass sich darin wiederum ein- hinterher entscheiden, ob man die Notizen im Syntax-Hefter oder
zelne Sätze befinden, die etwas über die Kaffeemühle der Großmut- im Phonologie-Hefter ablegt. In der natürlichen Sprache allerdings
ter sagen. So werden Sie, wenn Sie zurückblättern zu dem Textaus- bekommt man zum Glück oft Hinweise, unter welchem Stichw01i
schnitt aus Aufgabe 4 des zweiten Kapitels, in dem (la) in eine man Aussagen abspeichern sollte. Vergleichen Sie einmal (2a) und
größere Textpassage integriert auftritt, feststellen, dass dieser Satz (2b).
in einem Abschnitt steht, der wohl am ehesten etwas über den dort
(2) a. Ulrikes neuer Sommerhut ähnelt dem Blumentopf auf dem Tisch.
geschilderten herrlichen Septemberabend sagt. b. Dem Blumentopf auf dem Tisch ähnelt Ulrikes neuer Sommerhut.
Wir befassen uns in diesem Kapitel wegen dieser zusätzlichen
Komplikation deswegen ausdrücklich mit dem, worüber einzelne Hier gibt uns die Wortstellung einen Hinweis. Spontan fassen wir
Sätze etwas sagen. Diese Einheiten bezeichnen wir als Topik; (2a) als Aussage über Ulrikes neuen Sommerhut auf, während wir
manchmal findet man dafür auch die präzisere Bezeichnung Satz- (2b) gut als Aussage über den Blumentopf auffassen können. Daher
topik. Der Rest des jeweiligen Satzes wird als Kommentar be- werden wir nach Reinharts Auffassung bei der Äußerung von (2a)
zeichnet. Wenn man sich auf das beziehen will, worüber in größe- so etwas wie eine gedankliche Karteikarte mit der Überschrift Ul-
ren Texteinheiten als Sätzen etwas gesagt wird, verwendet man den rikes neuer Sommerhut" anlegen und darauf - natürlich auch"nur
Begriff Dislmrstopik. gedanklich eintragen: ,,Ähnelt dem Blumentopf auf dem Tisch."
Die Idee, die der Unterscheidung von Topik und Kommentar Vernehmen wir hingegen (2b), so legen wir eine gedankliche Kar-
zugrunde liegt, ist uralt. Tatsächlich finden wir den Grundgedanken teikarte mit der (Jberschrift „Der Blumentopf auf dem Tisch" an
schon in Aristoteles' Charakterisierung von Subjekt und Prädikat: und tragen ein: ,,Ulrikes neuer Sommerhut ähnelt ihm".
Das Prädikat sagt etwas über das Subjekt aus. Von der Grundidee Die Karteikarten-Idee impliziert über Topiks, dass sie für den
her entsp1icht bei Aristoteles also das Subjekt einem Topik und das Hörer grundsätzlich so weit identifizierbare Entitäten bezeichnen
Prädikat einem Kommentar. müssen, dass er in der Lage dazu ist, eine Ka1ieikarte auszufüllen.
Nach der Auffassung der Informationsstrukturtheorie müssen al- Daher sind Topiks oft bekannte Entitäten. Das muss aber nicht im-
lerdings Topik und Kommentar gerade nicht bestimmten grammati- mer so sein; wir können auch für eine gerade neu eingeführte Enti-
schen Einheiten entsprechen. Darum hat Georg von der Gabelentz tät Eintragungen vornehmen oder nach einer Akkommodation (sie-
(1869, 1891) die Begriffe des psychologischen Subjekts und des he Kapitel 2) gleich fröhlich Notizen auf unserer gedanklichen Kar-
psychologischen Prädikats eingeführt Er wollte unter dem psy- teikarte machen. Die Beschaffenheit der Topik-Entitäten ist eben-
chologischen Subjekt das verstanden wissen, worüber der Sprecher falls recht flexibel. Es kann sich dabei um alle möglichen Arten von
den Hörer denken lassen will, und unter dem psychologischen Prä- Diskursreferenten handeln Personen, Dinge, Abstrakta, Orte, Zei-
dikat das, was er den Hörer über das psychologische Subjekt den- ten, Situationen oder Welten.
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Die Sätze in (7) zeigen übrigens noch etwas anderes: Die Einhei- d. Mir ist kalt.
ten Bekam1t/Unbekannt und Topik/Kommentar der Informations- e. Ein König hatte einmal Kopfweh.
struktur stimmen nicht notwendige1weise mit syntaktischen Einhei- Die bekannteste Struktur dieser Art ist sicher der Aussagesatz mit
ten wie Satzgliedern oder Konstituenten überein. So bilden in (7a) Platzhalter-es im Vorfeld (9a). Er zeichnet sich dadurch aus, dass
und (7c) Subjekt und Prädikat zusammen die bekannte Einheit; in das gesamte inhaltliche Satzmaterial im Mittelfeld steht. Dadurch
(7b) bilden Subjekt und Objekt zusammen die unbekannte Einheit. ist das Vorfeld vollkommen leer - eine Konstellation, die im Aus-
sagesatz normalerweise grammatisch nicht akzeptabel ist. Durch
einen einfachen Trick kann der Satz jedoch gerettet werden: Man
3.4 Sätze mit mehreren Topiks stellt ein semantisch leeres es in das Vorfeld. (9b) illustriert demge-
genüber übrigens, dass es in ganz bestimmten Situationen doch ak-
In den bisher behandelten Sätzen hatten wir es jeweils mit einer zeptabel ist, Aussagesätze mit leerem Vorfeld zu bilden. Sie haben
einzelnen Topik-Einheit zu tun. Man kann aber dafür argumentie- das Charakteristische an Sätzen wie (9b) sicher schon erkannt: Sie
ren, dass man in einem einzigen Satz auch mehrere Topiks haben werden oft gebildet, um den Anfang eines Witzes zu gestalten.
kann. (8) zeigt ein Beispiel dafür. Bei der Vorstellung, die Sätze in (9) enthielten kein Topik, stellt
(8) Ich erzähl dir was über Max und Moritz: sich natürlich sofort die Frage: Will man sagen, dass solche Sätze
[TOPIK! Max] [KOMMENTAR hat] [TOPIK2 Moritz] [KOMMENTAR beim über nichts sprechen?
Schachspielen geschlagen.] Das möchte man sicher nicht. Intuitiv ist es vielmehr so, dass die
Wenn wir hier zwei Topiks veranschlagen, gibt uns das die Mög- Sätze schon Aussagen über etwas machen, dass dieses Etwas aber
lichkeiten, auf zwei ,Karteikarten' Eintragungen vorzunehmen. So in den Sätzen nicht explizit genannt ist, weshalb es auch nicht son-
wird auf der Karte „Max" eingetragen: ,,Hat Moritz beim Schach- derlich gut fassbar ist. Man könnte sagen, (9a) macht eine Aussage
spielen geschlagen." Auf der Karte „Moritz" hingegen wird notiert: über eine bestimmte Situation in der Vergangenheit, (9b) macht ei-
Max hat ihn beim Schachspielen geschlagen." ne Aussage über eine fiktive Situation, (9c) sagt etwas über die
" Denkbar ist natürlich auch, dass in solchen Fällen so etwas wie Wettersituation zur Äußerungszeit des Satzes, (9d) thematisiert
eine Kombi-Karte „Max und Moritz" ausgestellt wird. Der Eintrag meine Empfindungen, und der typische Märchenanfang in (9e) hat
könnte dann lauten: ,,Ersterer hat Letzteren beim Schachspielen ge- als Topik eine zeitlich und räumlich unbestimmte Situation. Dass
schlagen." Situationen als Topiks auftreten, ist also nicht ungewöhnlich. Klein
Es ist zumindest nicht offensichtlich, ob diese beiden Varianten (2008) geht sogar davon aus, dass die Situation, über die gespro-
empirisch unterschiedlich sind, d.h. ob man aufgrund von sprachli- chen wird, immer als das eigentliche Topik einer Aussage gelten
chen Daten oder Sprecher-Hörer-Verhaltensweisen feststellen kann, kann.
welche die Sache besser trifft. Möglicherweise gibt es hier lediglich Die Beobachtungen in diesem Abschnitt bringen uns zu einer
einen theoretischen Unterschied. zentralen Frage, der wir uns im Folgenden widmen wollen: Wenn
Topiks manchmal nicht einmal im Satz genannt werden müssen,
wie werden sie dann überhaupt sprachlich gekennzeichnet? Wir
3.5 Thetische Sätze: Sätze ohne Topik werden in den nächsten Abschnitten sehen, dass Topiks im Deut-
schen in unterschiedlicher Weise kodiert werden können. Dazu ste-
Gegenüber Sätzen mit mehreren Topiks lassen sich auch Sätze beo- hen uns vor allem einige syntaktische Mittel zur Verfügung.
bachten, die gar kein Topik enthalten. Solche Sätze werden nach
Marty (1884) als thetisch oder neuerdings als Anti-Topik-Sätze Aufgabe 2: Diese Aufgabe soll Sie auf die Frage einstimmen, wie Topiks
bezeichnet. sprachlich kodiert werden. Dazu habe ich den Text aus Aufgabe 1 etwas
(9) a. Es kamen viele Gäste. verändert. Worin genau bestehen die Veränderungen? Welche Auswirkungen
b. Kommt ein Mann zum Arzt ... haben sie? Ich vermute stark, dass Sie den Originaltext ,besser finden' - woran
c. Es schneit. liegt das?
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Sehr oft ist das Subjekt eines Satzes das Topik; das ist Ihnen sicher Topiks in besonderen syntaktischen Konstruktionen
schon in dem Text aus Aufgabe 1 aufgefallen. Nachdem Sie Aufga-
be 2 bearbeitet haben, werden Sie möglicherweise bereits ahnen, Eine ganz andere Methode, mit der man Ausdrücke als Topiks aus-
wamm Topiks oft in Gestalt von Subjekten auftreten. zeichnen kann, stellen im Deutschen - wie auch in vielen anderen
Erstens haben Subjekte gewöhnlich eine semantische Rolle die Sprachen ein paar spezielle syntaktische Konstruktionen bereit.
sie zu einem besonders aktiven, zentralen ,Mitspieler' in de; ge- Diese Konstruktionen können dazu ve1wendet werden, das Topik
schilderten Situation macht. Das prädestiniert sie dazu, Topik zu eines Satzes besonders hervorzuheben.
In (11) und (12) sind Konstruktionen illustriert, die auf der lin-
werden das, worüber man etwas sagt.
Zweitens erscheinen Subjekte im Deutschen zwar nicht notwen- ken Seite des Satzes jeweils einen Topik-Bestandteil aufweisen, der
di?erweise, aber doch bevorzugt am Anfang ihres Satzes. Topiks syntaktisch nicht in den Rest des Satzes integriert ist. (l la) und
w1edemm, .als das, worüber ein Satz eine Aussage macht, haben (11b) sind so genannte Linksversetzungen. Im Hauptteil des Sat-
ebenfalls eme starke Tendenz dazu, am Anfang eines Satzes aufzu- zes ist bei diesen Konstmktionen ein Pronomen, hier jeweils ein
treten. Das gilt übrigens nicht nur :für das Deutsche, sondem gehö1i Demonstrativpronomen, enthalten, das sich auf den Topik-
allgemein zu den stabileren Sprachuniversalien (Li und Thompson Ausdruck am linken Rand des Satzes bezieht. (llb) zeigt deutlich,
(1976)). Im Prinzip sind im Deutschen also Subjekt und Topik eines dass der Topik-Ausdruck meinen Onkel mit dem Demonstrativpro-
Satzes Rivalen: Beide wollen gerne möglichst am Satzanfang ste- nomen den kongmiert.
hen. Wenn nun in einem Satz Subjekt und Topik identisch sind, gibt (ll) a. [TOPIKMiriam,] [KOMMENTAR die kommt heute wohl zu spät.]
es keinen Kampf um die erste Stelle und das Leben ist zumindest in b. [TOPIKMeincn Onkel,] [KOMMENTAR den habe ich lange nicht gese-
diesem Punkt gleich ein wenig einfacher. hen.]
Interessanterweise kann man im Deutschen unter bestimmten Die Konstruktionen in (12) werden als lose Topik-Linksversetzun-
Voraussetzungen einen ziemlich genialen Trick anwenden, wenn gen bezeichnet. Sie ähneln den Konstmktionen in ( 11), insofern als
man ein Nicht-Subjekt zum Topik machen will: Manche Nicht- der Topik-Ausdruck auch hier am linken Rand des Satzes auftritt
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3.9 Topiks am linken Rand des Mittelfeldes einen Karteikarteneintrag vornehmen könnte. Solche Ausdrücke
können nicht vor Satzadverbialen wie vielleicht stehen.
Ein ebenfalls beliebter Platz für Topiks ist der Beginn des Mittel- (19) a. *Ab September will niemand vielleicht Schneewittchen fest anstellen.
feldes. (17) zeigt einige Beispiele, die entsprechend den Sätzen aus b. Ab September will vielleicht niemand Schneewittchen fest anstellen.
(16) gebildet sind. Hier stehen die Topiks jeweils am Anfar:g des Sätze wie diese zeigen, dass es zumindest schwer wem1 nicht un-
Mittelfeldes des Nebensatzes, in (17a) nach dem pronominalen ist, eindeutige Nicht-Topiks im Mittelfeld vor Satzadver-
Subjekt, in (17b) am absoluten Beginn des Mittelfeldes. biale zu stellen. Das soll für den Moment reichen; Abschnitt 7.3
( 17) a. Alfons Schuhbeck sagt, dass er Rindfleisch seinen Gästen mit gutem wird sich noch einmal allgemeiner mit Wortstellungstendenzen im
Gewissen empfehlen kann. Mittelfeld auseinandersetzen.
b. Der Beginn des Johannesevangeliums sagt, dass im Anfang das Wort
war.
Diese Sätze werfen die Frage auf, wo genau die rechte Grenze des 3.10 Topik und Kommentar im Text
,Beginns des Mittelfeldes' anzusiedeln ist insbes?ndere weil das
Topik zwar in ( 17b) den ersten Ausdruck des Mittelfeldes stellt, .~tc'
In den vorigen Abschnitten haben wir einzelne Sätze danach unter-
nicht aber in (17a). Dort steht davor noch das Personalpronomen er. : sucht, wie sich Topik und Kommentar verhalten - beispielsweise
Frey (2004) bietet darauf eine Antwort. Ihm zufolge stehen To- • hinsichtlich ihrer syntaktischen Kodierung. Topik und Kommentar
piks im Mittelfeld bevorzugt links .von Satzad:erbiale.n wie vi~'.- sind jedoch auch für größere sprachliche Einheiten bis hin zu gan-
leicht, glücklicherweise oder anscheinend. Den Effekt dieser Pos1t1- zen Texten aufschlussreiche Analysekategorien. Denn Texte kön-
on kann man erkennen, wenn man die Topiks in ihrer Stellung links nen unterschiedlich gestaltet sein hinsichtlich ihrer thematischen
und rechts von solchen Satzadverbialen variiert: Die Varianten, in Pl'ogression, das heißt hinsichtlich der Muster, nach denen Topiks
denen es auf der rechten Seite des Satzadverbials steht, werden von eingeführt und gewechselt werden; man spricht hier auch von To-
vielen Sprechern des Deutschen als weniger akzeptabel beurteilt. i· pikketten. Danes (1970, wieder abgedruckt 1978), der sich damit
Das gilt jedoch nicht für alle Sprecher - wenn Sie die Intuition nicht 2
l:it\ befasst hat - allerdings in einer etwas anderen Terminologie als wir;
teilen, ist das also kein Gnmd, beunruhigt zu sein, Sie hätten etwas er verwendet anstatt der Begriffe „Topik" und „Kommentar" die
nicht verstanden. Begriffe „Thema" und „Rhema" - fand die thematische Progression
(18) a. Alfons Schuhbeck kann Rincffleisch glückliche1weise seinen Gästen
Cso zentral, dass er sagte, sie stelle das Gerüst des Textaufbaus dar.
mit gutem Gewissen empfehlen.
•• Zu den Mustern, die Danes beobaehtet, gehört erstens das der li-
b. ?Alfons Schuhheck kann glücklicherweise Rindfleisch seinen Gästen nearen Progression. Dabei wird aus dem Kommentar einer Aussa-
mit gutem Gewissen empfehlen. ge das Topik der darauf folgenden Aussage gebildet. Dies Muster
c. Laut dem Johannesevangelium war im Anfang anscheinend das Wort. von Danes wie folgt repräsentiert:
d. ?Laut dem Johannesevangelium war anscheinend im Anfang das
(20) Tl -, Kl
Wort.
e. [Ich erzähl dir etwas über die sieben Zwerge:] Ab September wollen !
die sieben Zwerge vielleicht Schneewittchen fest anstellen. T2 (cccKl) -+ K2
f. ?[Ich erzähl dir etwas über die sieben Zwerge:] Ab September wollen !
vielleicht die sieben Zwerge Schneewittchen fest anstellen. T3 K2) -, K3
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mentar, die sich im nächsten Satz als Topik wieder finden, sind an Tl Kl
ihrem Kursivdruck zu erkennen. !
(21) (1) Das Buch „Gorillas im Nebel" erzählt einige Ereignisse aus den T2 Tl) --, K2
dreizehn Jahren, die ich mit den Berggorillas in ihrem natürlichen Le- !
T3 Tl) __, K3
bensraum verbrachte, und enthält Forschungsergebnisse aus fünfzehn
Jahren ununterbrochener Freilandbeobachtungen. (2) Berggorillas gibt
es nur auf sechs erloschenen Vulkanbergen in der Virungakette, nicht auf (25) wird dies anhand von zwei Sätzen illustriert, die beide Carl
den beiden aktiven Vulkanen. (3) Die von den Gorillas bewohnte Zone Linneals Topik haben.
ist ungeführ 40 Kilometer lang und schwankt in der Breite zwischen et-
was 10 und 20 Kilometern. (7) 1758 hat Carl von Linne, der ernstzunehmende Systematiker, die
nahe Verwandtschaft von Menschen, Affen und Menschenaffen offiziell
Dies Muster entspricht also einer Topik-Kommentar-Vernetzung anerkannt. (8) Er fasste alle drei zur Ordnung der Primaten (Herrentiere)
von Satz zu Satz. zusammen und hob damit ihre hohe Stellung im Ticn-eich hervor.
In den nächsten Sätzen desselben Textes finden wir ein anderes ~1 :wie an diesen Beispielen deutlich wird, können die Muster der
Muster, die Progression mit abgeleiteten Topiks. In der Repräsen- thematischen Progression innerhalb eines Textes wechseln.
tation von Danes finden wir es mit einer Darstellung wie folgt.
(22) T Aufgabe 4: Analysieren Sie die folgenden Texte (aus Danes (1970)) danach,
! ! ! welche Muster von thematischer Progression hier festzustellen sind.
Tl--, Kl T2--, K2 T3--, K3
:f (1) Goethe war überzeugt von dem Fortschritt der menschlichen Entwicklung.
Hier können die Topiks der einzelnen Sätze (4) und (5) als Teile des • , ' Er trat/Ur die Erziehung des Menschengeschlechts zurfi·ied/ichen Entwicklung
Topiks von Satz (3) analysiert werden. Das heißt, wir haben so et- 'ein ... Goethe nannte sich ,ein Kind des Friedens'.
was wie ein Obertopik, die von den Gorillas bewohnte Zone, von ' 0,) Unsere Wirtschaft sucht rationelle Arbeitsverfahren. Rationelle Arbeits-
verfahren sucht auch die Wissenschqft.
dem Untertopiks abgeleitet sind. (3) Die Sozialistische Republik Rumänien liegt am Schnittpunkt des 45.
(23) (3) Die von den Gorillas bewohnte Zone ist ungefähr 40 Kilometer lang Breitenkreises mit dem 25. Längenkreis. Die Bodenfläche des Landes beträgt
und schwankt in der Breite zwischen etwas 10 und 20 Kilometern. (4) 235 500 Quadratkilometer; seine Bevölkerungszahl ist 19 Millionen
Zwei Drittel des Schutzgebietes liegen in Zaire (ehemals Demokrati- Einwohner. Die Staatsgrenze hat eine Gesamtlänge von ... Kilometern.
sche Republik Kongo) im Virunga-Nationalpark und etwa 12 000 Hektar (4) Alle Stoffe bestehen aus Atomen. Diese ·winzig kleinen Teilchen der Materie
in Ruanda im Parc National des Volcans. (5) Der verbleibende kleine machenfi·eilich ihrem Namen keine allzu große Ehre, denn „Atom" bedeutet ja
nordöstliche Teil des Vorkommens von Berggorillas liegt in Uganda ,,unteilbar".
und ist unter dem Namen Kigezi-Gorillaschutzgebict bekannt.
Die ,abzweigenden' Untertopiks sind hier die in (4) genannten zwei
Drittel des Schutzgebietes und der in (5) genannte verbleibende 3.11 Topik und Rahmensetzung
nordöstliche Teil.
Ein drittes Muster, vielleicht das einfachste, finden wir kurze Wenn wir über etwas sprechen, schlägt sich das darin nieder, dass
Zeit später in den Sätzen des Textes. Hier bleibt das Topik ganz viele Dinge, die wir aussagen, nicht absolut und wöi1lich zu verste-
einfach gleich; es wird in den jeweiligen Sätzen mit einem anderen hen sind, sondern in einem gewissen Geltungsbereich - eben in
Kommentar kombiniert, so dass wir ein durchlaufendes Topik ha- dem Geltungsbereich, über den wir sprechen. Das kann explizit
ben. (Ich habe die Darstellung von Danes in (24) etwas verändert, gemacht werden, es kann aber auch implizit geschehen. Dies wird
so dass sie mir intuitiv leichter verständlich erscheint.) seit vielen Jahren in unterschiedlichen Zusammenhängen diskutiert.
Ein vielzitiertes Beispiel aus der Literatur ist der Satz (26) bzw.
im Original in Partee ( 1973) eine englische Variante davon.
(26) Ich hab den Herd nicht ausgeschaltet.
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Dieser Satz ist, wenn man ihn nicht auf eine bestimmte Situation natürlich sehr stark eingeschränkt - der Satz besagt lediglich,
bezieht, reichlich uninteressant, denn natürlich gilt für uns alle, dass ass die Leute)n Deutschland der Meinung sind, Harald Juhnke sei
wir zu den meisten Zeitpunkten unseres bisherigen Lebens den tberühmt. Ahnlich ist es bei (28c) (Kleiner Tipp, falls Sie in Ma-
Herd nicht ausgeschaltet haben. Der springende Punkt hier ist, dass nicht so gut sind: Die Quersumme von 4011 ist durch 3 teilbar;
wir den Satz natürlich nicht so allgemein und absolut verstehen, 0 kann es sich nicht um eine Primzahl handeln.). (28d) schließ-
sondern situationsspezifisch ungefähr als „Zu dem kontextuell rele- h will natürlich nicht sagen, dass die F01m der Erde sich in den
vanten Zeitpunkt, als wir vorhin das Haus verlassen haben, habe ich zten tausend Jahren wesentlich geände11hat, sondern dass man
den Herd nicht ausgeschaltet." Mittelalter allgemein an eine flache Erdform glaubte. (Das schö-
Genau genommen reden wir ständig so, dass wir das, was wir Beispiel (28b) stammt von Claudia Maienbom; eine Variante
sagen, auf bestimmte, kontextuell beschränkte Situationen beziehen yon (28c) von Wolfgang Klein.)
(siehe dazu auch Klein (2008)). Oft geschieht das, ohne dass wir es • Rahmensetzende Ausdrücke werden in der Literatur oft als To-
explizit ausdrücken würden - wie es ja auch in (26) illustriert wird. pik-ähnliche Ausdtücke behandelt. Das entspricht aber nicht ihrem
Natürlich kann man solche kontextuellen Restriktionen oder Be- Wesen: Wenn es sich dabei um Topiks handeln würde, würde das ja
schränkungen aber auch explizit machen. (27) illustriert dies für ..bedeuten, dass man die Aussagen aus (28) jeweils auf einer Kartei-
verschiedene Fälle. ••karte zu notieren hätte, die die Rahmenausdrücke als Überschrift
(27) a. Ich hab den Herd nicht ausgeschaltet[, bevor wir losgegangen sind]. trägt. Während das bei (28c) und (28d) zumindest einigennaßen
b. Die Sonne scheint [jetzt und hier in Osnabrück]. plausibel ist, ist es für (28a) und (28b) eher abwegig. Sicher möchte
c. Alle [, die ich eingeladen hatte,] sind [zu meinem Spieleabend am man nicht unter „Mensa-Aufsuchen" ablegen, dass Daniela mit ih-
letzten Mittwoch] gekommen. rem Studium zurechtkommt. Und vennutlich möchte man auch
Diese kontextuellen Beschränkungen beziehen sich alle direkt auf nicht unter „Deutschland" ablegen, dass Harald Juhnke weltbe-
die Situation selbst und sagen zum Beispiel etwas Näheres darüber rühmt ist, sondern wenn überhaupt dann eher unter „Harald
aus, wann oder wo oder mit welchen Beteiligten die Situation statt- Juhnke". Halten wir also fest: Rahmenausdrücke können manchmal
findet oder stattfand. Erst wenn man die kontextuellen Beschrän- ;5tnöglicherweise Topik sein, müssen das aber nicht. Deswegen ist es
kungen mit versteht, die der Sprecher intendiert, kann man als Hö- \wichtig, sie von Topiks zu trennen (siehe dazu auch Jacobs (2001),
rer wirklich nachvollziehen, worauf die Aussage sich bezieht, und Chafe (1976) und Krifka und Musan (im Erscheinen)).
beurteilen, ob sie wahr ist.
Eine andere Art von Beschränkung liegt vor, wenn wir den Gel- Zusammenfassung: Unter einetn Topik versteht man das, worüber
tungsbereich einer Aussage beschränken. (28) zeigt dies an ein paar ein Satz eine Aussage macht. Der Kommentar ist das, was daiüber
Beispielen. Die Ausdrücke in den ecldgen Klammem schränken .gesagt wird. Dies spiegelt sich in der Idee wider, Topiks mit Kar-
hier jeweils den Geltungsbereich des Rests der Aussage wesentlich teikarten zu bestimmten Themen zu vergleichen, auf denen Infor-
ein und bestimmen so sehr stark mit, worüber etwas ausgesagt wird. mationen darüber eingetragen werden. Die Unterscheidung von To-
und Kommentar ist unabhängig von der zwischen Bekanntheit
(28) a. [Was das Aufsuchen der Mensa angeht,] kommt Daniela mit ihrem und Unbekanntheit. Topiks können oft durch geeignete Fragetests
Studium prima zurecht.
b. [In Deutschland] ist Harald Juhnke weltberühmt.
identifiziert werden. Sätze können unter Umständen auch mehrere
c. [Wo ich herkomme,] ist 4011 eine Primzahl. oder auch gar keine Topiks enthalten. Auf der Ebene der Syntax
d. [Im Mittelalter] war die Erde eine Scheibe. zeichnen Topiks sich oft dm-eh eine herausragende grammatisehe
Funktion als Subjekt aus oder durch eine auffallende Position am
Das kann man sehr gut sehen, wenn man sich die Sätze im Gegen- Satzanfang entweder in besonderen Konstruktionen, im Vorfeld
satz dazu ohne diese Rahmenausdrücke vorstellt: Dass Daniela oder am Beginn des Mittelfeldes. Texte lassen sich danach untersu-
sehr gut mit ihrem Studium zurechtkommt, ist schon eine deutlich chen, wie gleich bleibende oder wechselnde Topiks in den Sätzen
andere Aussage als die, dass sie in Bezug auf das Aufsuchen der
auftreten. Rahmensetzungen erscheinen Topiks auf den ersten Blick
Mensa sehr gut mit dem Studium zurechtkommt (28a). Und dass ähnlich, müssen tatsächlich aber von ihnen unterschieden werden.
Harald Juhnke weltberühmt ist, wird durch die Angabe in Deutsch-
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Musan, R. (2010): Informationsstruktur. Heidelberg: Winter. Kap. 3, S. 25 - 42.