Otto Morf
Otto Morf
- Widmung
2. Auflage Vorwort
1. Auflage Vorwort
1. Zur Problemstellung
2.E. Einleitung
2.A) Die logischen Kategorien als ontologische Bestimmungen: »Einleitung zur Kritik der Politischen Ökonomie«
2.B) Die Erscheinungsform der logischen Kategorien als entfremdete, verdinglichte Kategorien: »Ökonomisch-
philosophische Manuskripte«
Erster Anhang Das Privateigentum, seine negative und positive Aufhebung
2.C) Die prozessuale Einheit von Wesen und Erscheinung
3. Zusammenfassung
a. Erich Rothacker
b. Othmar Spann
2. Auflage Vorwort
Mit dieser Neuauflage der seit einigen Jahren vergriffenen Studie über das Verhältnis von Wirtschaftstheorie und
Wirtschaftsgeschichte bei Karl Marx kommt der Verfasser einem Wunsche des Verlages nach. Sie ist bis auf einige
unbedeutende Änderungen ein Nachdruck der Ausgabe von 1955. Der Verfasser würde heute manches anders
schreiben, vieles eingehender behandeln. Er zog es indessen vor, was als Ganzes konzipiert war, in seiner
ursprünglichen Gestalt stehen zu lassen.
Der Marx-Forschung haben sich mit der Publikation der "Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie" völlig neue
Aspekte eröffnet, und so war es unumgänglich, auf die bisher unbekannten Vorarbeiten zur Kritik der politischen
Ökonomie und des "Kapitals" einzugehen. Der sogenannte Rohentwurf aus den Jahren 1857/58 vermittelt Einsichten
in die wissenschaftliche Arbeitsweise von Marx, die sowohl im Hinblick auf die Früh- wie auf die Spätschriften von
eminenter Bedeutung sind.
In einem ersten Anhang zu der vorliegenden Arbeit wird als ergänzende Erweiterung das Verhältnis von Kapital,
Grundeigentum und Lohnarbeit, wie es von Marx in den "Grundrissen" analysiert worden ist, dargestellt; in einem
zweiten Anhang das Problem der wirtschaftlichen Entwicklung und des Wirtschaftswachstums. Wenn in dem ersten
Anhang vornehmlich logisch-begrifflich verfahren wird, so in dem zweiten bewußt historisch. Der Verfasser hofft, daß
diese beiden Teile zum besseren Verständnis der Beziehung von Theorie und Geschichte bei Marx beitragen mögen.
1. Auflage Vorwort
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Meine Arbeit verdankt ihre Entstehung einer intensiven Beschäftigung mit Fragen der marxistischen Methode. Das
Studium der Staatswissenschaften legte es mir nahe, die Besonderheit dieser Methode an dem Verhältnis von
Wirtschaftstheorie und Wirtschaftsgeschichte bei Marx zu untersuchen, das heißt an der Quelle selbst. Obwohl es
nicht an allgemeineren prinzipiellen Darstellungen fehlt - die indessen meist in der apodiktisch vorgetragenen Form
ihr Ziel verfehlen und sich in nicht allzu seltenen Fällen einer petitio principii schuldig machen -‚ so ist doch bis heute
noch keine systematische Entwicklung auf diesem Gebiete versucht worden. Dem landläufigen Vorwurf, daß
Betrachtungen methodologischer Art müßig seien, kann hier nicht entgegengetreten werden; die vorliegende Arbeit
als Ganzes muß dafür einstehen, daß dieser Vorwurf nur in einem bestimmten Sinne, in dem wir ihn auch erheben
würden, Geltung hat: nämlich da, wo die Methode, als nicht gegenstandsbezogen allgemein-abstrakte Gültigkeit
beansprucht. Diese einseitige Auffassung hat zu einer zunehmenden Methodenfremdheit - man kann ohne
Übertreibung sagen: Methodenaversion - geführt, die wir nicht teilen.
Daß dies neuerdings empfunden wird, beweist die Vorrede Amonns zu seinem Buche "Volkswirtschaftliche
Grundbegriffe und Grundprobleme"*1 wie auch Eucken in seinen "Grundlagen der Nationalökonomie"*2 , und es ist
symptomatisch, daß im Vorwort zur ersten Auflage dieses fast rein "methodologischen" Buches betont wird, daß
das "Emporwuchern methodologischer Reflexionen" ein "Krankheitszeichen für jede Wissenschaft" sei. Dies konnte
uns nur in der Meinung bestärken, daß es kein von
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vorneherein resultatloses Unterfangen sei, über die, wie Salin mit Recht erwähnt, "noch immer äußerst wichtige
Frage des Verhältnisses von Theorie und Geschichte"*3 Klarheit zu gewinnen.
Wenn wir den besonderen Fall des Verhältnisses von Wirtschaftstheorie und Wirtschaftsgeschichte bei Marx
untersuchen und würdigen, so liegt darin auch ein allgemeines und durchaus aktuelles Interesse. Die moderne
Theorie hat neue Wege eingeschlagen. Nun scheint uns, daß selbst dort, wo der Bruch mit der klassischen Auffassung
radikal vollzogen wird (zum Beispiel beim Übergang von der objektiven zur subjektiven Kostentheorie), dies nicht
allein ein Produkt entwickelterer und subtilerer Analyse ist, sondern zu einem wesentlichen Teil Produkt einer
veränderten historischen Situation, das heißt, daß nicht intern fachwissenschaftliche, sondern extern reale
Bestimmungsgründe diese Veränderung bewirkten. Implizite werden wir auf dieses Problem zu sprechen kommen,
denn auch bei Marx wandelt sich, wie wir sehen werden, die Methode im Vergleich zu seinen Vorgängern auf dem
Gebiete der Nationalökonomie.
Unter dem Material, das uns für die Untersuchung vorlag, mußte und konnte eine bewußte Auswahl getroffen
werden. Der Kenner der Schriften von Marx wird sofort bemerken, daß diese und jene Arbeit fehlt, daß dieses oder
jenes Zitat noch hätte verwendet werden können. Hierüber ist folgendes zu sagen: Alle Arbeiten von Marx, die unser
Thema betreffen, und dazu gehören fast ausnahmslos alle (inklusive Briefwechsel), wurden herangezogen. Die
nähere Prüfung ergab - was sich im Laufe der Arbeit dann auch bestätigte -, daß Vollständigkeit zu erstreben im
Interesse der Klarheit unsinnig gewesen wäre und nur den Gang der Untersuchung durch ermüdende
Wiederholungen und Verweise in die Länge gezogen hätte. So kommt Marx als politischer Schriftsteller, als
Wirtschaftstheoretiker und als Wirtschaftshistoriker nur so weit zur Sprache, wie daraus direkt etwas über das
Verhältnis von Wirtschaftstheorie und Wirtschaftsgeschichte gewonnen werden kann. Es sollte nicht der Akribie und
der quellenkundlichen Forschung wegen lückenlos alles zusammengetragen werden. Wir verzichteten darauf, jene
Belege aufzuführen, die früher schon Gesagtes neu formulierten oder an besonderen Beispielen exempliflzierten. Das
Hauptgewicht wur-
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de auf die Quellen gelegt, die in einem mehr oder weniger systematischen Zusammenhang über das oben erwähnte
Verhältnis Aufschluß geben, und die für die Fortentwicklung der Theorie bestimmend waren. Die strenge
Folgerichtigkeit des Marxschen Denkens von den Frühschriften um 1844 an bis zum "Kapital" bekräftigte uns in
unserem Vorgehen. Wir konnten uns nach reiflicher Überlegung ohne weiteres entschließen, explizite auf die
Behandlung der "Heiligen Familie", der "Deutschen Ideologie" und anderer Schriften zu verzichten.
Die Auseinandersetzungen um das Verhältnis von Theorie und Geschichte sind verhältnismäßig späte Produkte
wissenschaftlichen Bemühens, und es war selbstverständlich, daß unsere Arbeit daran anzuknüpfen hatte, da die
Kritik an der Marxschen Methode aus dem Arsenal dieser Diskussionen schöpft. Allerdings konnte es auch hier
wiederum nicht unsere Aufgabe sein, alle an diesen Diskussionen beteiligten namhaften Forscher zu Worte kommen
zu lassen. Wenn wir die so bedeutenden Beiträge von Max Weber im Text nicht berücksichtigten, dann nicht etwa,
weil wir sie unterschätzten, sondern weil es dann ebenso recht und billig gewesen wäre, auch die Arbeiten von
Windelband, Dilthey und Rickert miteinzubeziehen. Es braucht wohl weiter nicht besonders betont zu werden, daß
hier Vollständigkeit anzustreben, dem Ziel unserer Arbeit widerspräche, und daß anstelle einer systematischen
Einführung ein ziemlich voluminöser problemgeschichtlicher Extrakt träte.
Wenn wir im vorletzten Kapitel als Anhang die Versuche Othmar Spanns und Erich Rothackers, das Verhältnis von
Theorie und Geschichte zu lösen, einer Kritik unterwerfen, so war es nicht unsere Absicht, an zwei zufällig gewählten
Beispielen zu exemplifizieren. Die beiden Beispiele treten aus allen andern heraus, weil sie wirklich die Probleme
sehen und über das oberflächliche Einerseits und Anderseits wie über die oberflächliche Vermittlung der beiden
Seiten hinauszugehen trachten. Spann und Rothacker versuchen eine in sich eindeutige Vermittlung von
Wirtschaftstheorie und Wirtschaftsgeschichte. Ihre kritische Behandlung läßt, nachdem der methodologische Teil
abgeschlossen vorliegt, einige wesentliche Kontraste zur Marxschen Auffassung noch schärfer hervortreten und das
Verständnis der dialektischen Methode vertiefen.
Der aufmerksame Leser wird im Fortschreiten von Kapitel zu Kapitel den inneren Gang der Untersuchung ohne
weiteres ein-
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sehen. Es mag aber doch nicht überflüssig sein - in Anbetracht einiger Exkurse, die den Fluß des Ganzen hie und da
unterbrechen -‚ an dieser Stelle den Aufbau der Arbeit zu skizzieren. Die "Problemstellung" führt in das Thema ein. Es
wird darin weniger Wert gelegt auf eine dogmengeschichtliche Darstellung als auf die klare Herausarbeitung des
Gegenstandes. Die text-kritischen Untersuchungen wenden sich dem eigentlichen Gegenstande zu; es ist eine
Darstellung in explizierter Form, in der in drei Teilen die Elemente zur Lösung der in
der "Problemstellung" aufgeworfenen Fragen sich zusammenschürzen. Die "Zusammenfassung" greift in der
besprochenen Folge die Probleme wieder auf, aber nun vertieft und erweitert in systematischem und kritischem
Sinne. Mit dem Kapitel "Das Verhältnis von Wirtschaftstheorie und Wirtschaftsgeschichte", einer logisch-
theoretischen und historischen Klärung, schließt die Arbeit ab.
Die Arbeit ist als Ganzes zu nehmen; jedes Kapitel baut auf dem vorhergehenden auf. Was zu Beginn vereinfacht oder
fragwürdig erscheinen mag, ist als Vorläufiges zu betrachten. Das vorletzte und letzte Kapitel fassen das Ergebnis
zusammen, indem sie wieder aufgreifen, was vereinfacht und in Frage gestellt wurde.
Der Leser wird nach der Lektüre auch ohne weiteres verstehen, daß nicht Dialektik als Kunstlehre behandelt wurde -
also ein formaldialektisches Prinzip der Wahrheitsfindung zu erwarten war; dies widerspricht grundsätzlich der
Marxschen Auffassung, ist aber an dieser Stelle nicht vorweg zu behandeln.
Daß im ganzen eine betont philosophische Note vorherrscht, geht zu Lasten des Stoffes, nicht des Verfassers.
Allerdings glaubt er, darin ein Plus und nicht ein Minus zu sehen, wenn auch der spezialisierte Fachkollege diese
Meinung nicht teilen und eine "handgreiflichere" Kost bevorzugen mag. Gerade die neuere Literatur über das
vorliegende Thema, das auch dem zünftigen, spezialisierten Nationalökonomen manchen überaus bemerkenswerten
Beitrag verdankt, bestärkt uns in der Meinung, daß die von einer andern Wissenschaft eingehandelte Münze meist
ungenützt in den Strumpf gelegt wird. Die Freude an einem unproduktiven Schatz hat nur einen eingebildeten,
höchstens ästhetischen Wert. Ohne diese Münze aber, ob gut oder schlecht verwendet, ist noch keine der Beachtung
werte Arbeit auf diesem Gebiet entstanden. Alle Gegner auf dem Schlachtfelde der Methodologie fochten mit
Waffen, die sie wenigstens
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einer philosophischen Disziplin entnahmen: der Logik. Und welche Vorteile der geschulte Fechter daraus gezogen
hat, belegt die Geschichte der Methodenstreite. Wir glauben, daß das, was heute jede Wissenschaft in ängstlicher
Sorge um ihr Sonderrecht von sich fernhält, mit der Zeit fallen wird, und daß ein geschulter Methodologe auch ein
guter Fachwissenschaftler sein muß, daß diese zwei Eigenschaften sich geradezu bedingen und nicht ausschließen.
Unsere Arbeit enthält implizite auch eine Antwort auf diese Frage. Im übrigen halten wir es in philosophischen
Fragen mit Marx:
"Wenn.., einzelne Individuen die moderne Philosophie nicht verdauen und an philosophischer Indigestion sterben, so
beweist das nicht mehr gegen die Philosophie, als es gegen die Mechanik beweist, wenn hie und da ein Dampfkessel
einzelne Passagiere in die Luft sprengt." (Marx)*4
1. Zur Problemstellung
In diesem Kapitel soll das Verhältnis von Wirtschaftstheorie und Wirtschaftsgeschichte - reduziert auf die zwei
gegensätzlichsten Auffassungen -‚ wie es im allgemeinen in der Literatur auftritt, dargelegt und in Frage gestellt
werden. Ein Eingehen auf vermittelnde Haltungen, die nur besondere Spezifizierungen oder Schattierungen dieser
Auffassungen sind, erübrigt sich. Dem Leser wird nicht entgehen, daß der positive Teil, das heißt die Analyse des
Problems am Fall Marx, zugleich eine Auseinandersetzung mit den von uns als negativ charakterisierten extremen
und vermittelnden Haltungen enthält. Die summarische Zusammenfassung des negativen Teils findet somit ihre
notwendige Ergänzung in den Ausführungen des positiven Teils, ihre implizite, wenn auch nicht in allen Teilen
ausgeführte Kritik. Dies müßte einer ausführlichen dogmengeschichtlichen und systematisch-theoretischen Arbeit
vorbehalten bleiben.
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vereinbarkeit der beiden Methoden zu schließen wäre, also auf grundsätzliche Unvereinbarkeit von
Wirtschaftstheorie mit Wirtschaftsgeschichte und vice versa, verwirklicht sich die Theorie im deduktiven,
isolierenden, abstraktiven Verfahren in Systemen, Modellen, Funktionen, Theoremen, die eine Zahl von Fällen einem
allgemeinen Satz, Gesetz, einer Regel subsumieren, während die Geschichte anderseits den einzelnen Fall in seiner
äußeren, nur ihn charakterisierenden Erscheinung beschreibt, das Geschehen in eine Summe induktiv gewonnener,
deskriptiv-morphologisch fixierter Fälle auflöst. Theorie und Geschichte unterscheiden sich prinzipiell: die eine
dadurch, daß sie allgemeine, zeitlos gültige Abläufe erfassen, das heißt, gedanklich unabhängig von den besonderen
Objekten, den Prozeß, in dem sich das Wirtschaften vollzieht, verständlich machen will, die andere dadurch, daß sie
besondere, historisch-konkrete Vorfälle beschreibt, das heißt, die einzelnen Objekte als singulare Phänomene zum
Gegenstand ihres Verfahrens macht.
2. Eine kurze Charakterisierung der Kontroverse Schmollen/Menger*1.1 soll dies noch verdeutlichen. Die Debatte
Schmollen/Menger kann als das klassische Beispiel des Gegensatzes von Wirtschaftstheorie und
Wirtschaftsgeschichte gelten. Beide Forscher haben dasselbe Ziel vor Augen, nur daß es jeder auf eine besondere Art
und Weise zu erreichen sucht, Schmoller auf dem detailwissenschaftlichen, empirischen Wege, Menger auf dem
nationaltheoretischen, Schmoller mittels des induktiven, Menger mittels des deduktiven Verfahrens. Wenn jeder
immer wieder
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Teile des Verfahrens des andern vindiziert, keiner den Vorwurf entgegennehmen will, auf seiner Position reiner Purist
zu sein, so geht doch dem einen als Mittel Geschichte vor Theorie, dem andern Theorie vor Geschichte. Jeder
beansprucht für sich das Recht, das wirtschaftliche Geschehen bewußtseinsmäßig adäquat reproduzieren zu können,
ohne die Seite, die der Gegner im Auge hat, zu vernachlässigen. Entscheidend war der jeweilige Ausgangspunkt der
Analyse bei dem einen und bei dem andern, weil darin implizite enthalten war, daß das eine ohne das andere, daß
Geschichte ohne Theorie und Theorie ohne Geschichte möglich sei. Nachträgliche Konzessionen, die von beiden
Seiten gemacht wurden, können an dieser Tatsache nichts ändern.
Der Sinn des Methodenstreites konnte also nur darin liegen, daß über den Ansatz des Verfahrens eine grundsätzliche
Meinungsverschiedenheit herrschte, daß der Primat einem von zwei möglichen Wegen zugesprochen wurde, und
daß darüber wissenschaftlich entschieden werden könne und müsse. Ohne den besonderen Akzent, den jeder seiner
Haltung beimaß, wäre der Streit auf einer mittleren Linie zu schlichten gewesen. Der Ausgang der Kontroverse hat
einmal mehr bewiesen, daß die Beilegung zugunsten Mengers nicht befriedigen konnte, und zwar hat sich dies am
Wiederaufleben der Diskussionen um dieses Problem nach dem ersten Weltkrieg zur Genüge gezeigt. Die Krisis des
Historismus war nicht überwunden.
Geht Geschichte der Theorie voraus, das heißt das empirische, unserer Beobachtung und Erfahrung zugängliche
Material, der individuelle Vorgang, der sichtbare äußere Zustand, dann kann nur Detailforschung am factum brutum
für die wissenschaftliche Arbeit problemlösend sein. Diese individuelle Zuständlichkeit, das Detail des
Wirtschaftsganzen ist das alleinige Material unserer Arbeit, und diese besteht vorerst im Beschreiben und Ordnen
der konkreten Eigentümlichkeiten des Gegenstandes. Wir haben uns unvoreingenommen dem Objekt, das uns die
Geschichte vorlegt, bzw. das wir aus der Geschichte aussondern, zu nähern, es nach seinen Merkmalen,
Besonderungen, Eigenarten zu gliedern, uns über sein konkretes Dasein zu verständigen. Das Objekt ist völlig
indeterminiert und besitzt nur die Eigenschaft seiner geschichtlichen Existenz, das heißt eines ganz zufälligen
raumzeitlichen Auftretens. Das konkrete Sein des Gegenstandes ist seine außerhalb des Subjektes liegende
phänomenologische Tatsächlichkeit, sein individuell historisches Vorkommen. Was als wirt-
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schaftshistorisch relevante Tatsache zu gelten hat, ist vorerst durchaus nicht evident, denn wir sehen uns einem
ungeordneten Aggregat von Fakten und Ereignissen gegenüber, das wir zu ergründen haben. Die
Wirtschaftsgeschichte muß konsequenterweise darauf verzichten, hier einen Vorentscheid zu treffen.
Wirklichkeitserkenntnis heißt also, die Wirklichkeit in der Fülle ihrer Erscheinungen selbst sprechen lassen, in der
Überzeugung, daß dies das adäquateste Vorgehen zu ihrer Erfassung ist. Wenn die Wirtschaftsgeschichte eine
systematische Wissenschaft sein will - und Schmollen bejaht dies, wenn er betont, daß dem Historismus das
Generalisieren durchaus nicht fern liege, sondern daß er eben nur darin nicht so voreilig sei wie die Theorie *1.2 -‚ so
kann die Möglichkeit vom Konkreten, Einzelnen zum Allgemeinen zu gelangen, nur von ihrem methodologischen
Ansatz aus entschieden werden, bei Schmollen von der detailwissenschaftlich-deskriptiv-monographischen Methode
aus. Wir beschäftigen uns folglich nicht mit einer autonomen, nur für historische Fakten gültigen Methode, sondern
mit einer Methode, die darauf Anspruch erhebt, von der Geschichte zur Theorie zu gelangen, das heißt den
Gegensatz wie die Vereinbarkeit des Besonderen und Allgemeinen zu erklären.
Geht Theorie der Geschichte voraus, das aus abstrakt-theroretischen Prämissen gewonnene Teil- oder Gesamtbild
der Wirtschaft, dann kann nur die rationalistisch-konstruktive Forschung für die wissenschaftliche Arbeit
problemlösend sein. Die Theorie verfährt umgekehrt als die Geschichte. Begriffsbildung, Systematik und ideales
Modell sind für sie Voraussetzung der Erfassung wirtschaftlicher Fakten und Vorgänge. Sie abstrahiert bewußt von
den konkret-individuellen Merkmalen des Gegenstandes, um die uns verständlich und vernünftig scheinende
Allgemeinheit seines Daseins zu erreichen. Diese gedanklich abstraktive Arbeit bedient sich der Fakten als sekundärer
Phänomene, sie sind ihr das illustrativ notwendige, besondere Material, das Experimentierfeld ihres Verfahrens. Die
den Folgerungen gegenüber a priori gesetzten Prämissen*1.3 sind unabhängig von den Besonde-
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rungen des Objektes, sie sind allgemeingültig. Im Gegensatz zur Objektgerichtetheit des Empinikers vollzieht sich der
Erkenntnisakt des Theoretikers primär von der Subjektseite her, die die Positionen des Erkenntnisweges setzt. Die
kategoriale Welt des Theoretikers ist das struktive Element der geistigen Reproduktion der Wirklichkeit; es ist das
systematisierte Begriffsnetz, das ihm Wirklichkeitserkenntnis vermitteln soll und ihm zu diesem Zwecke auch als
unentbehrliches Instrument für die Aufstellung funktioneller Modelle dient. Wie auch immer die Theorie geartet: wir
haben es mit Systematisierungen, Typisierungen, Regelhaftigkeiten, Denkgebilden, Modellen zu tun, aus denen die
Theorie der Wirtschaft sich ergibt. Kann die Geschichte nicht a priori über die Auswahlprinzipien der Fakten
entscheiden, so kann die Theorie nicht a priori über das Gestaltungsprinzip der Systematik entscheiden. Für die
Wirtschaftstheorie heißt Wirklichkeitserkenntnis also, den Geltungsbereich ihrer rationaltheoretischen Methode im
Näherungsverfahren zu bestimmen. Umgekehrt wie in der Geschichte vollzieht sich hier mit dem gleichen Ziel
dieselbe Bewegung: vom Allgemeinen zum Konkret-Historischen. Ebenso wie die deskriptiv-morphologische
Methode beansprucht auch die rationaltheoretische nicht einen logisch abgrenzbaren Wissensbereich, sondern sie
beabsichtigt, von der Theorie zur Geschichte zu gelangen, das heißt den Gegensatz wie die Vereinbarkeit des
Allgemeinen und Besonderen zu erklären.
"Reine" Theorie und "reine" Empirie sind späte Formen der wissenschaftlichen Entwicklung. Während die eine nur
den internen, aus logischen Prämissen entwickelten Sinnzusammenhang im Auge hat, beschäftigt sich die andere nur
mit den atheoretischen, äußeren Formen der Zuständlichkeit des Objektes. Die Beschränkung ist hier zugleich ein
grundsätzlicher Verzicht*1.4 .
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Anders die historisierende Theorie (geschichtliche Theorie) und die theoretisierende Empirie (theoretische
Geschichte), die von methodisch verschiedenen Ansätzen aus Wirklichkeitserkenntnis erstreben und bei denen sich
aus dem Gegensatzpaar Theorie und Geschichte das Geltungsproblem stellt, das heißt die eindeutige Vermittlung,
das Ineinanderübergehen beider Seiten.
In beiden Fällen muß die Kluft zwischen der Objektivität der Gegenstände, dem Äußerlichsein der Fakten und ihrer
begrifflichen wie systematischen Erfassung überbrückt werden. Die detailwissenschaftlich-empirische Methode
glaubt dem Objekt selbst dieses Geheimnis abringen zu können, während die rationaltheoretische diese Möglichkeit
ohne vorherige Ausarbeitung des Begriffsapparates und Systematisierungszusammenhanges leugnet. Will die eine
Seite ohne nähere Bestimmung dessen, was historisch-konkrete Fakten sind, zur Theorie durchstoßen, so die andere
ohne nähere Bestimmung dessen, was Theorie ist, zur Geschichte. Hat das eine Vorgehen erst zu erweisen, wie
Geschichte ohne nähere Bestimmung Geschichte ist und damit zugleich den Charakter der Individualbegriffe, so hat
das andere Vorgehen zu erweisen, wie Theorie ohne nähere Bestimmung Theorie ist und damit zugleich den
Charakter der Abstraktionsbegriffe und Allgemeinbegriffe. Die Bezeichnung der konkret-historischen Vorfälle setzt
den Begriff voraus, wie anderseits der Abstraktionsbegriff einen Gegenstand voraussetzt, von dem er abstrahiert
werden kann. Im Historismus wie in der Rationaltheorie wird das Subjekt-Objekt-Verhältnis als ein durch die
Methode zu überbrückendes Verhältnis eines sich äußerlichen Gegensatzpaares verstanden. Denn ist der Begriff dem
Faktum, das Faktum dem Begriff zufällig, dann kann das Begreifen kein notwendiges sein, Form und Inhalt sind
kontingente Momente.
Eine eingehendere Darstellung und Kritik dieser Auffassungen erübrigt sich an dieser Stelle, da in den folgenden
Teilen am Marxschen Beispiel darauf zurückzukommen ist. Wir lassen indessen hier eine kurze Zusammenfassung des
Marxschen Verfahrens folgen, das sich eine Überwindung der kontemplativen Subjektivität, wie sie aus dem,
prinzipiellen Dualismus des Subjekt-Objekt-Verhältnisses folgt, zum Ziele setzt.
Im Gegensatz zu den für Marx sich ausschließenden, keine Vermittlung zulassenden Haltungen des rein empirischen
Historismus und der Rationaltheorie, faßt er das Problem unter dem Gesichtspunkt der Einheit des Objekt-Subjekt-
Verhältnisses und
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die Methode als die die Einheit vermittelnde Seite des Gegenstandes selbst. In diesem Falle verhalten sich
Wirtschaftstheorie und Wirtschaftsgeschichte als die Vektoren eines Parallelogramms, worin die vektorielle Summe,
die Resultante, die geschichtlich-objektive Entwicklung ist, bzw. ihre bewußte geistige Aneignung. Für Marx sind die
beiden Vektoren (Empirie und Rationaltheorie), die als Tendenzen in verschiedener Richtung vom Gegenstande aus
verlaufen, gleich abstrakt, bzw. gleich konkret. Abstrakt, insofern die Theorie in ihrer Vereinzelung ohne Inhalt bleibt,
die Geschichte ohne Form, konkret, insofern die Theorie in der Geschichte (im besonderen Objekt) ihren Inhalt
findet, die Geschichte in der Theorie ihre Form. Theoretische Geschichte und geschichtliche Theorie sind nur zwei
Ausdrucksweisen ein und desselben Verfahrens, wovon keines das andere ausschließen kann. Das historisch-konkret
Besondere ist nur eine besondere Form des Allgemeinen, das Allgemeine nur die allgemeine Form des Besonderen.
Beide Seiten sind gleich wirklich, aber jede nur in Einheit mit der andern. Sind die logischen Kategorien, wie es Marx
meint, wirkliche Kategorien, dann müssen sie sich in der Wirklichkeit selbst finden lassen, dann kann die Methode
nicht aus dem Gegenstand herausgenommen und ihm entgegengestellt werden. Das Verhältnis von
Wirtschaftstheorie und Wirtschaftsgeschichte bei Marx kann somit nur auf der Grundlage seiner Methodologie
verstanden werden.
3. Bevor wir uns der Marxschen Methodologie zuwenden, möchten wir noch einige kritische Einwände, die gegen
sein Verfahren erhoben werden, zu Worte kommen lassen. Dies vor allem, weil es uns erlaubt, tiefer in die
Problematik des Gegenstandes einzudringen. Die Eigenart der Marxschen Methode wie die Konsequenzen seiner
Lehre haben es mit sich gebracht, daß die kritische Literatur sich immer wieder mit den Grundfragen seines
Verfahrens auseinandergesetzt hat. Wie das Werk von Schumpeter "Kapitalismus, Sozialismus und
Demokratie"*1.5 beweist, hat das Interesse an diesem Problem, das ja weit über den speziellen Rahmen der Marx-
Kritik hinausgeht, nicht nachgelassen. Bemerkenswert ist die Tatsache, daß die Argumentation, die in den
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älteren Schriften zu finden ist, sich nicht wesentlich verändert hat. In den Arbeiten von Plenge*1.6 , Plenge-
Schülern*1.7 , von Hammacher*1.8 , wie auch in den "Epochen der Dogmen- und Methodengeschichte" von
Schumpeter*1.9 wird darauf hingewiesen, daß in der Marxschen Lehre streng zu scheiden sei
zwischen Spekulation und Wirklichkeit. - Da die Schumpetersche Kritik sich bei der Durchsicht der einschlägigen
Literatur als stellvertretend erweist und sie um so mehr beachtet werden darf, als sie von einem gewissenhaften,
historisch geschulten Forscher und originellen Vertreter der modernen Theorie erhoben wird, legen wir den weiteren
Ausführungen seine "Epochen der Dogmen- und Methodengeschichte" und sein Buch "Kapitalismus, Sozialismus und
Demokratie" zugrunde. Es braucht wohl kaum betont zu werden, daß auf die meisten Einwände erst in den später
folgenden Abschnitten ausführlich eingegangen wird.
Den Kern der Schumpeterschen Kritik finden wir da, wo er über das Verhältnis Marx‘ zu Hegel spricht: "Wenn Marx in
der Tat aus metaphysischen Spekulationen materielle Gedankenelemente oder auch nur die Methode erborgt hätte,
so wäre er ein armer Schächer, nicht wert, ernst genommen zu werden. Aber er hat es nicht getan. Er selbst sagt uns
in der Einleitung zur zweiten Auflage (des "Kapitals". - 0. M.)*1.10 wie es sich damit verhält: Kein metaphysischer
Obersatz, nur - richtige oder falsche - Tatsachenbeobachtung und Analyse hat ihn in seiner Werkstatt beschäftigt. Nur
hatte er eine Vorliebe für die ja so ansteckende Ausdrucksweise Hegels akquiriert, und er ließ dieser Neigung bei der
Darstellung die Zügel schießen*1.11 ." Schumpeters Folgerung ist somit, daß die theoretische Leistung Marx‘
unabhängig
-21-
von seinem Verhältnis zur Hegelschen Dialektik entstehen konnte und auch entstanden sei*1.12 . Die Bestimmung
des Verhältnisses von Obersatz - Tatsachenbeobachtung - Analyse, die uns unmittelbar zu den Fragen der Methode
führt, wird sich im Laufe der Untersuchung ergeben. Jedenfalls muß eine mehrschichtige und eingehende Analyse
des Marxschen Werkes dafür einstehen. Wichtig in diesem Zusammenhang ist folgendes: Für Schumpeter geht in
metaphysische Obersätze auch die dialektische Methode ein, der er die wissenschaftliche Detailforschung
entgegenstellt. Wir haben uns also, wie Schumpeter es tut, zu fragen, ob "alle seine (Marx‘) positiven Resultate auf
andere, und zwar nationalökonomische Quellen zurückgehen"*1.13 und ob die dialektische Methode die
Bezeichnung "Methode" nicht verdient*1.14 denn: "Das Wesen der Sache berührt sie nicht*1.15 ."
Schumpeter fährt fort: "Ebensowenig war Marx‘ Methode ´historisch´, wie Engels sagt. Denn das einzige Moment,
das diese
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Behauptung stützen könnte, die Unterscheidung verschiedener Entwicklungsstufen, in denen - aber nur zum Teil -
verschiedene ´Gesetze´ gelten, teilt Marx mit allen Klassikern, wenn diese auch weniger Wert darauf
legten*1.16 ." Diese Auffassung hat Schumpeter später revidiert, wenn auch nicht in allen Teilen aufgegeben: "Er
(Marx) war der erste Ökonom von Spitzenrang, der sah und systematisch lehrte, wie ökonomische Theorie in
historische Analyse und wie historische Erzählung in histoire raisonnee verwandelt werden kann*1.17 ." Daß Marx‘
Methode in einem besonderen Sinne sich durch das Historische auszeichnet, wird noch auszuführen sein.
Schumpeter scheidet im Marxschen Werk einen soziologischen und einen ökonomischen Teil. Der erste baue auf
einer allgemeinen Geschichtstheorie auf, die ökonomische Geschichtsauffassung*1.18 , im letzteren erhalte die
Detailforschung wieder das Wort*1.19 . Mit dieser Auffassung wird, wie an anderer Stelle (siehe S. 24), nach zwei
Seiten hin argumentiert: Der historische Materialismus*1.20 habe sich auf die Dauer nicht bewährt, hingegen
-23-
sei die ökonomische Detailforschung beachtlich. Schumpeter schreibt ferner: "... vor allem ist der große Zug
selbständig, mit dem Marx seine Theorie in weite soziologische Zusammenhänge
-24-
gestellt*1.21 ." Hier ist der Gedanke des Vorhandenseins zweier Elemente noch viel deutlicher ausgesprochen. Das
Marxsche Werk wiese demnach eine innere Diskrepanz auf, es fänden sich in besonderer Verbindung zwei disparate
Elemente darin vor*1.22 .
Bevor wir uns der Kritik Schumpeters an Marx in seinem Buche "Kapitalismus, Sozialismus und
Demokratie" zuwenden, möch-
-25-
ten wir die Gruppierung der Teile, die Schumpeter ausgesondert hat, schematisch darstellen:
Dies wäre die formale und materiale Gliederung des Marxschen Werkes, wobei die materialistische
Geschichtsauffassung und die Soziologie verfahrensmäßig den Obersätzen entsprächen, Tatsachenbeobachtung und
Analyse inhaltlich der Ökonomie.
Schumpeter bemerkt, er habe in seinem Buch "Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie" auf eine "nichttechnische
Art und Weise"*1.23 das zusammengefaßt, was er jahrzehntelang über Marx gelehrt hat. Wenn man die Darstellung
mit derjenigen in den "Epochen der Dogmen- und Methodengeschichte" vergleicht, so stimmt dies weitgehend, wenn
auch die Argumentation in verschiedenen Punkten differenziert worden ist*1.24 . Die neuere Darstellung wirkt in
der "nichttechnischen Art und Weise" freier, und so entstand auch die viel apodiktischere Form, was aber für die
Kritik, im Rückblick auf die ältere Arbeit, korrigiert werden kann. Sie ist aber insofern von besonderem Interesse, als
eine plausible Erklärung für die Gliederung und das Verhältnis der einzelnen Teile des Marxschen Werkes gesucht
wird.
In der ersten Fassung der Kritik ist nach Schumpeter bei Marx das "philosophische Gewand"*1.25 für die
Detailforschung belanglos, das heißt, was als metaphysische Obersätze erscheint, geht nicht in das Resultat der
wissenschaftlichen Arbeit ein. Anders in der zweiten Fassung, wo für die Gültigkeit der Analyse die
Tatsachenbeobachtung allein nicht mehr genügt, sondern der visionären Sicht die Möglichkeit des Korrektivs der
theoretischen Leistung zugesprochen wird. Schumpeter betont verschiedentlich, daß dieser Vision
ein "intuitiv" erkannter Wahrheitsgehalt zugrunde liege*1.26 . Wenn er die visionäre Sicht als Mittelglied in die
Marxsche Lehre einsetzt, dann ist sie einerseits negativ (als
-26-
"Mangel"erscheinung) mit der Spekulation verbunden, anderseits positiv (als Fundierung) mit der
detailwissenschaftlichen Arbeit. Wir erhalten das letzte Schema der Erklärung:
wo die Vision, wie aus der Kritik folgt, nur die uneingestandene Rechtfertigung für die eine wie für die andere Seite
wäre. Damit bricht aber nicht nur das System in sich zusammen, sondern auch der positiv-detailwissenschaftliche
Teil, Tatsachenbeobachtung und Analyse: aus methodologischem Unvermögen, denn selbst die Fakten, wie sie Marx
verarbeitet hat, bedürfen ja des visionären Korrektivs.
Da nach Schumpeter die "meisten vorgebrachten Argumente - sowohl in Marxschen als in mehr populären Bahnen -
falsch sind"*1.27 , und da vom Standpunkt der Wissenschaft das Argument ohne die Analyse nichts ist, so bliebe nur
die vom wissenschaftlichen Untergrund völlig losgelöste "prophetische" Sicht*1.28 auf die dem Kapitalismus
immanenten Kräfte und auf die ihn ablösende Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, den Sozialismus*1.29 . Damit
wäre aber der Prozeß, durch den sich diese Wandlung vollziehen soll, aufs neue zu bestimmen, was in diesem
Zusammenhang gleichbedeutend ist mit der Frage nach der problemlösenden Methode*1.30 .
Kein Wissenschaftler wird daran Zweifel hegen, daß seine Methode - wenn vielleicht nur als verfeinerte oder dann als
grund-
-27-
legend neue - die richtige ist, und daß darin zugleich eindeutig bestimmt ist das Band zwischen Erkenntnisweg und
Erkenntnisziel. Anderseits bedarf die Verfeinerungsthese einer konkreteren Fassung, denn abstrakt verstanden,
würde sie uns in eine auswegslose Lage versetzen, da wir, ohne genau bestimmen zu können warum, nie über die
ununterbrochene Selbstrelativierung unserer Erkenntnis hinauskämen. In diesem Zusammenhang könnte das zeitlich
letzte Verfahren des visionären Elementes nicht weniger entbehren, da es für die Zukunft nur wieder Vorstufe einer
andern verfeinerten Methode ist. Wir bedürfen zweifellos, um den objektiven Sinn der Selbstrelativierung zu
verstehen, eines Maßes, das kein rein geisteswissenschaftliches sein kann, ein Maß, das die Immanenz des
Erkenntnisaktes transzendiert. Die Marxsche Lösung einer Verbindung von historisch-soziologischer mit theoretisch-
systematischer Analyse, von der wir sprechen werden, versteht das Verhältnis von Erkenntnisweg und Erkenntnisziel
aus der Seinsrelevanz und Seinsgebundenheit der Erkenntniselemente. Das Resultat des Erkenntnisaktes kann in
diesem Falle keine rein sachliche Koordination scheinbar*1.31 voraussetzungslos analysierter Fakten oder
voraussetzungslos gesetzter Prämissen sein.
Hier bricht das grundsätzlich Neue an der Marxschen Methode durch. Sie kann nicht mehr verstanden werden, wie
im allgemeinen Methodologie verstanden wird: als Unterfall der Logik, der sie als Methodenlehre angegliedert ist,
das heißt als ein äußeres Verfahren, als Lehre von den Methoden, von den Werkzeugen, oder, wie man heute sagt,
von dem Instrumentarium, das zu wissenschaftlicher Erkenntnis in den einzelnen Fachwissenschaften und
Teildisziplinen führt, sondern sie ist untrennbar mit dem Gegenstand selbst verbunden, das heißt, sie ist historisch
und
-28-
theoretisch zugleich. Damit ist die Frage nach der Methodenvielheit oder Methodeneinheit aufgeworfen.
Von dem Schumpeterschen Verfahren sagt Salin, "daß er bereit ist, wenn das ihm gerade vorliegende Problem es
erfordert, jedes zweckmäßige theoretische Werkzeug zu ergreifen, gleichviel, wo es fabriziert wurde"*1.32 . Steht im
Erkenntnisakt das Subjekt in Einheit mit dem Objekt, nicht in einem äußeren Reflexionszusammenhang, so kann die
Einzelmethode nur von der Methodeneinheit her begriffen werden, so daß auch Methodeneinheit und
Methodenvielheit in untrennbarer Einheit zueinander stehen und eine gegenseitige Durchdringung zulassen. In der
Methodenvielheit, auf die aus dem äußeren Reflexionszusammenhang von Subjekt und Objekt geschlossen wird,
steht das Instrumentarium stets in der Vereinzelung und mit andern Methoden nur in der zufälligen Beziehung des
Nebeneinanders und der Gleichwertigkeit, wobei dann über die Frage nach Geltungsmöglichkeit und
Geltungsbereich der einzelnen Methode entschieden werden muß. Schumpeter weiß um die Tragweite dieser Frage;
so erwähnt er unter anderem in seiner Auseinandersetzung mit Marx: "... - alles wird überdeckt durch ein einziges
Erklärungsschema*1.33 ." Eine weitere Stelle illustriert sehr gut die als äußerst bedauerliche Unzulänglichkeit
empfundene Atomisierung des Erkenntqisprozesses: "Die Synthese im allgemeinen, das heißt die Koordination der
Methoden und Ergebnisse verschiedener Verfahren, ist eine schwierige Sache, die wenige anzupacken fähig sind.
Infolgedessen wird sie gewöhnlich überhaupt nicht in Angriff genommen, und von den Studierenden, die nur einzelne
Bäume zu sehen gelehrt werden, hören wir unzufriedene Rufe nach dem Wald. Es gelingt ihnen nicht, zu realisieren,
daß das Übel zum Teil ein embarras de richesse ist und daß der Wald der Synthese einem intellektuellen
Konzentrationslager merkwürdig ähnlich sehen mag*1.34 ." Eine Entscheidung, wie oder ob die Synthese möglich ist
- der Vergleich mit einem "intellektuellen Konzentrationslager" läßt auf eine negative Beantwortung schließen -‚ wird
nicht getroffen. Anderseits bemerkt Schumpeter, daß dies zeitliche Gründe haben mag*1.35 .
Seit dem Versagen der jüngeren historischen Schule ist man
-29-
diesem Argument gegenüber skeptisch geworden, denn auch Schmoller zum Beispiel hatte ja mehr als nur
Detailforschung und Abfassung von wirtschaftshistorischen Monographien vor Augen. Er schreibt: "Einen vollendeten
Überblick über die Wissenschaft der Volkswirtschaftslehre zu geben, überschreitet heute die Kräfte jedes einzelnen...
Ich wollte die Volkswirtschaftslehre von falschen Abstraktionen durch exakte historische, statistische,
volkswirtschaftliche Forschung befreien, aber doch stets zugleich generalisierender Staats- und Wirtschaftshistoriker
so weit bleiben, als wir nach meiner Überzeugung heute schon dazu festen Grund unter den Füßen haben *1.36 ." Der
Wissenschaftshistoriker habe es immer als falschen Vorwurf empfunden, wenn man ihm vorhielt, "er strebe nur nach
Schilderung, nicht nach allgemeiner Erkenntnis der Gesetzmäßigkeiten des wirtschaftlichen Lebens", denn: "Nur mit
einer solchen vom Ganzen aus entworfenen Darstellung kann man den größeren Zwecken aller wissenschaftlichen
Erkenntnis dienen*1.37 ." Die Gründe müssen also
-30-
tiefer liegen, als an der mangelhaften enzyklopädischen und methodischen Erarbeitung des Stoffes, denn niemand
wird heute noch glauben, daß er mit dem methodischen Rüstzeug der historischen Schule je die "vom Ganzen aus
entworfene Darstellung" des wirtschaftlichen Lebens wird geben können. Gerade in dieser Hinsicht drängt sich die
Klarstellung des Verhältnisses von Wirtschaftstheorie und Wirtschaftsgeschichte auf.
Es sei an dieser Stelle betont, daß die Untersuchung stets Sinn und Aufgabe der Wissenschaft vor Augen hat, somit
auf das hinstrebt, was gerade innerstes Anliegen von Schumpeter ist, wenn er, unserer Meinung nach, "positiv-
detailwissenschaftlich" und spekulationsfrei vereinfachend einander gleichsetzt.
4. In den Diskussionen um Verfahrensfragen wird meist aus dem Auge verloren, daß das Begreifen eines Verfahrens
nicht unbedingt Hand in Hand geht mit dem Vollzug des Verfahrens. So wenig zum Beispiel eine fehlerhaft gelöste
eingekleidete mathematische Aufgabe gegen die allgemeinen methodologischen Prinzipien der Mathematik spricht,
so wenig sprechen überhaupt einzelne logische Schnitzer gegen die Methodologie, deren Anwendung eben eine
vielfältige, langdauernde Übung und gewissenhafte Arbeit verlangt. Dieser Gesichtspunkt sollte in der Kritik nie außer
acht gelassen werden. Unsere Arbeit wird nur auf logische Einwände eingehen, wo sie als Einwände gegen das
Prinzip der Methode selbst auftreten. Es braucht kaum besonders betont zu werden, daß sie als solche nur zu
widerlegen sind, wenn sie das Prinzip unberührt lassen, bzw. sich in dieses als inhaltliche Erweiterungen oder
Korrekturen einfügen lassen*1.38 .
Am entschiedensten hat Georg Lukács diesen Standpunkt ver-
-31-
fochten:
"... angenommen - wenn auch nicht zugegeben -‚ die neuere Forschung hätte die sachliche Unrichtigkeit sämtlicher
einzelner Aussagen von Marx einwandfrei nachgewiesen, so könnte jeder ernsthafte ´orthodoxe´ Marxist alle diese
neuen Resultate bedingungslos anerkennen, sämtliche einzelnen Thesen von Marx verwerfen - ohne für eine Minute
seine marxistische Orthodoxie aufgeben zu müssen. Orthodoxer Marxismus bedeutet also nicht ein kritikloses
Anerkennen der Resultate von Marx´ Forschung, bedeutet nicht einen ´Glauben´ an diese oder jene These, nicht die
Auslegung eines ´heiligen´ Buches. Orthodoxie in Fragen des Marxismus bezieht sich vielmehr ausschließlich auf die
Methode." (Lukács)*39
Die Kritik schlug bis heute immer den umgekehrten Weg ein: den Weg von
der "detailwissenschaftlichen" Untersuchung zur Widerlegung der Thesen von Marx, um damit auch die Methode
als "spekulativ", "visionär" in Bausch und Bogen zu verwerfen und den Marxismus überhaupt. Nichts ist
naheliegender, wenn die "Tatsache" das Erfahrungsobjekt und so als Leitfaden die reine Empirie zugrunde gelegt
werden. Diese unmittelbare Identifizierung von Gegenstand, Methode und Theorie erlaubt es ohne weiteres, jedes
System aus den Angeln zu heben, ohne daß vorgängig die Voraussetzungen jeder detailwissenschaftlichen Arbeit
geprüft werden. Die unterschiedene Weise des Nachdenkens ist hier im Stoff a priori enthalten. Woher die
Betrachtung ihren Gegenstand bezieht und was ihn für die Betrachtung auszeichnet, kann so nicht in Frage gestellt
werden.
Wenn Hegel in den "Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte" schreibt: "Auch der gewöhnliche und
mittelmäßige Geschichtsschreiber, der etwa meint und vorgibt, er verhalte sich nur aufnehmend, nur dem Gegebenen
sich hingebend, ist nicht passiv mit seinem Denken und bringt seine Kategorien mit und sieht durch sie das
Vorhandene...*1.40 ", so ist das in Anbetracht der Prätentionen der "voraussetzungslosen" Wissenschaft kein
Gemeinplatz mehr, was übrigens die Marx-Kritik im allgemeinen zur Genüge beweist*1.41 .
-32-
Was wir im ersten Teil der "Problemstellung" bei der Darstellung des historischen und rationaltheoretischen
Verfahrens gegenüber dem Marxschen Verfahren in Frage stellten, findet sich bei der Betrachtung der
Schumpeterschen Kritik, die vom Standpunkt einer Verbindung von empirischer mit rational-theoretischer Arbeit
erhoben wird. Wir werden uns also mit der Beantwortung folgender Fragen zu beschäftigen haben:
2. Ist die Methode nur ein Instrumentarium, das sich dem besonderen Charakter der Fachwissenschaft oder
Teildisziplin anpaßt?
4. Unter welcher Beziehung von Erkenntnisweg und Erkenntnisziel ist Wirtschaftstheorie und
Wirtschaftsgeschichte möglich?
-33-
2.E. Einleitung
Aus der "Problemstellung" geht hervor, daß die Aufhellung des Verhältnisses von Wirtschaftstheorie und
Wirtschaftsgeschichte die engere Grenze, in der es sich der rein verbalen Fassung gemäß scheinbar bewegt, in
verschiedener Hinsicht überschreitet (im Verhältnis von historisch-soziologischer und detailwissenschaftlich-positiver
Analyse), und daß es nicht genügt, auf dem Wege einer Formaldefinition die Lösung zu suchen, ohne vorher
grundsätzlich auf die Verfahrensfrage eingegangen zu sein.
Es ist geradezu charakteristisch, daß nach den Versuchen von Gottl*2.1 und Spann*2.2 , die Jecht in seiner
Akademischen Antrittsrede an der Universität Halle über "Wirtschaftsgeschichte und Wirtschaftstheorie"*2.3 , als
unwiderlegliche Beweise für die Einheit von Geschichte und Theorie anführt und an die jede künftige Theorie
anzuknüpfen habe - wenn auch unter Berücksichtigung der neueren Erkenntnisse der Phänomenologie -‚ der
Historismus-Streit in den zwanziger Jahren in unverminderter Stärke wieder ausbricht und die Geister
leidenschaftlich beschäftigt. Es war durchaus kein Streit, der sich allein auf dem Gebiete der
Wirtschaftswissenschaften abspielte, wo sich die abstrakt-theoretischen Tendenzen - mit stark mathematischem
Einschlag - unter dem Einfluß der Grenznutzenschule, besonders unter dem des angelsächsischen Zweiges der
modernen Theorie, durchgesetzt hatten, sondern ein Streit, der das Gesamt der Wissenschaften überhaupt ergriff.
Einige Namen mögen dies wieder in Erinne-
-34-
rung rufen: Meinecke*2.4 , Troeltsch*2.5 , Mannheim*2.6 , Rickert*2.7 , Karl Barth*2.8 , Emil Brunner*2.9 und
andere.
Wer an dieser Auseinandersetzung um die Grundlagen der Wissenschaft nicht teilnehmen wollte, trieb die
detailwissenschaftliche Forschung weiter und vermied somit den Konflikt, der ihm Folge einer unzulässigen
Grenzüberschreitung zu sein schien. Die Einsichtigen aber gaben ohne weiteres zu, daß dieser Konflikt ihre Arbeit
nicht nur an der Peripherie berührte, sondern daß er sich auf ihrem eigensten Boden abspielte. Das Beispiel von
Schumpeter spricht in dieser Beziehung eine deutliche Sprache, ferner die Arbeiten von Werner Sombart, darunter
besonders sein Buch "Die drei Nationalökonomien"*2.10 , und auch Walter Euckens "Die Grundlagen der
Nationalökonomie"*2.11 , wo der Anspruch erhoben wird, in dem "pointierend-abstrahierenden Verfahren" eine
Lösung der "großen Antinomie" von Theorie und Geschichte zu geben.
Welche Schlüsse sind aus diesem Tatbestand zu ziehen? Ohne Zweifel müssen tiefgehende Veränderungen den Gang
der Wissenschaften - woran die Erschütterungen der Nachkriegszeit einen nicht geringen Anteil hatten - beeinflußt
haben, denn sowohl die Klassiker wie Marx empfanden nie in diesem Ausmaß die Problematik dieser Frage. Sie
wurde explizite von den Klassikern gar nie formuliert, von Marx in einer im Vergleich zur heutigen Fragestellung
verschiedenen Weise. Wenn wir das Verfahren des letzteren untersuchen, glauben wir - sei es auch nur indirekt -
etwas zum Verständnis der Nach-Marxschen-Entwicklung beitragen zu können.
-35-
einmal überschaubares Ganzes zur Anschauung zu bringen*2.12 . Dies nötigt uns stets zu Wiederholungen, was
einerseits in der Gliederung des Stoffes immer wieder neue Aufgaben stellt, anderseits nie vor Mißverständnissen
bewahren kann. Diese Gefahr ist besonderst akut, wo die Auseinandersetzung nicht an Aktualität eingebüßt hat. So
sehen wir uns immer wieder gezwungen, das Auseinander und Nebeneinander der Argumentation und Analyse
wieder aufzunehmen, zusammenzufassen und zu erweitern. Die Teile ersetzen im Verhältnis zueinander weder das
Ganze, noch ersetzt das Ganze die Teile.
2. Eine zweite Schwierigkeit, der man sich ebensowenig wie der ersten entziehen kann, liegt in der Interpretation.
Der Exeget will mit anderen Worten als sie im untersuchten Text enthalten sind, diesen seinem innersten Sinne nach
zugänglich machen und kommentieren, Exegese und Kommentar verschlingen sich in zwiefacher Weise: Einesteils soll
die Lehre, Theorie, oder was immer es sei, den Intentionen des Autors gemäß intelligibel gemacht, andernteils in den
unausgesprochenen vielseitigen Bezügen aufgehellt werden. Wird das erstere im allgemeinen als Gegenstand
philologischer Akribie aufgefaßt, so das letztere als Gegenstand zeitgeschichtlicher Forschung und systematischer
Reflexion. Wir können uns anhand von Dogmen- und Problemgeschichten leicht davon überzeugen, wie oft sich
immanente mit transzendenter Urteilsbildung verflechten, bevor Theorie und System dargestellt sind, und wie das
Ganze aus dem rückblickenden Aspekt deformiert, "modernisiert" wird. Und doch liegt dem vielzitierten Satze Kants,
daß man einen Autor besser verstehen müsse, als er sich selber verstanden habe, die berechtigte Forderung
zugrunde, über das unmittelbare Verständnis hinauszugehen, da sich darin nur ein Einzelnes, Unverbundenes
erschließt, das in sich selbst die Forderung nach dem mittelbaren Zugang enthält und nach rückwärts wie vorwärts
diesem Zugang offen ist. Liegt so das Objekt eingebettet in ein Kontinuum, das wechselnde Aussichten eröffnet, in
dem das Verhältnis von immanenter und transzendenter Kritik sich neu gestalten kann, so muß der Wissenschaftler
sich immer vor Augen halten, daß die tragenden Elemente eines Systems nur in der sachgemä-
-36-
ßen Interpretation eine adäquate Kommentierung zulassen. Nirgends wird dies deutlicher, als wo eine einmalige
geistesgeschichtliche Situation ihrem allgemeinsten Sinn und ihrer besonderen Bedeutung nach erschlossen werden
muß, und wo aus der zunehmenden Fülle an Material das Verständnis des Gegenstandes zu gewinnen und die
Interpretation auf den objektiven Sinn der Lehre zu richten ist.
3. Wer mit der Marxschen Theorie einigermaßen vertraut ist, weiß, daß es nicht möglich ist - ohne schwerwiegenden
Mißverständnissen ausgesetzt zu sein -‚ die Methode sozusagen im Destillat vorzuführen, die materiale Seite ob der
formalen zu vernachlässigen, abgesehen davon, daß dem Marxismus zu einer solchen radikalen Trennung jede
Voraussetzung fehlt. Der Darstellung wegen und um der Bedeutung der Methode willen*2.13 , werden wir uns
indessen befleißigen, den konkreten Stoff nicht über das notwendige Maß hinaus anzuhäufen.
2.A) Die logischen Kategorien als ontologische Bestimmungen: »Einleitung zur Kritik der Politischen Ökonomie«
Textkritische Untersuchung 1
Um die in der "Problemstellung" aufgeworfenen Fragen nach dem Verhältnis von metaphysischen Obersätzen,
Tatsachenbeobachtung und Analyse, von Methodeneinheit und Methodenvielheit usw. abzuklären, müssen wir Marx
dort zu Worte kommen lassen, wo er explizite über das von ihm angewandte Verfahren spricht. Wir werden zu
diesem Zwecke später auch das von Schumpeter erwähnte Nachwort zum "Kapital" heranziehen. Nur eine sorgfältige
textkritische Arbeit kann uns davor bewahren, in die verallgemeinernden Klischees zu verfallen, die, einmal statuiert,
sich von Buch zu Buch fortschleppen.
-37-
1. Die erste zusammenhängende Darstellung der Methode bei Marx findet sich in der "Einleitung zur Kritik der
politischen Ökonomie" (1859). Die "Kritik der politischen Ökonomie" war als erstes Heft einer größeren Arbeit
gedacht, die in zwangsloser Folge erscheinen sollte, die Frucht einer fünfzehnjährigen Arbeit, wie Marx in einem Brief
an Ferdinand Lassalle vom 22. Februar 1858 schreibt (Kr, S. 204. MEW, Bd. 29, S. 551). Die Einleitung
zur "Kritik" entstand im August 1857, blieb indessen Fragment, da Marx sich nicht entschließen konnte, sie seiner
Arbeit voranzustellen, weil "jede Vorwegnahme erst zu beweisender Resultate störend scheint, und der Leser, der mir
überhaupt folgen will, sich entschließen muß, von dem einzelnen zum allgemeinen aufzusteigen" (Kr, S. 3. MEW, Bd.
13, S. 7).
2. Auf erstes Zusehen hin steht uns nach Marx in der Forschung folgender Weg offen:
Wir können von der realen, konkreten Voraussetzung ausgehen, in der politischen Ökonomie zum Beispiel von der
Bevölkerung. Diese erweist sich aber als inhaltsleere Abstraktion, wenn wir ihre Gliederung, die Klassen und die
Elemente, auf welchen diese wiederum beruhen, Kapital, Grundeigentum, Lohnarbeit, weglassen. Die letzteren
Kategorien unterstellen ferner Austausch, Teilung der Arbeit, Preise usw. Ohne den analytischen Gang von dem
vorgestellten Konkreten zu immer dünneren Abstrakta und zu den einfachsten Bestimmungen bliebe die Vorstellung
des Ganzen chaotisch und vollkommen unbestimmt (Kr, S.235. MEW, Bd. 13‚ S. 631). Und Marx fährt fort: "Von da
wäre nun die Reise wieder rückwärts anzutreten, bis ich endlich wieder bei der Bevölkerung anlangte, diesmal aber
nicht als bei einer chaotischen Vorstellung eines Ganzen, sondern als einer reichen Totalität von vielen Bestimmungen
und Beziehungen" (Kr, S. 235. MEW, Bd. 13, S. 631).
Wirklich konkret ist also für Marx die Totalität nicht in ihrer Ungeschiedenheit, in der noch ungegliederten
Anschauung, sondern erst in der begrifflich geordneten und in allgemeinste einfache Kategorien gekleideten Form
einer Vielheit von Bestimmungen und Beziehungen, und erst da, wo "diese einzelnen Momente mehr oder weniger
fixiert und abstrahiert waren, begannen die ökonomischen Systeme" (Kr, S. 236. MEW, Bd. 13, S. 632), die von dem
Einfachen aufsteigen zum Ganzen. "Das letztere ist offenbar die wissenschaftlich richtige Methode: Das Konkrete ist
konkret, weil es die Zusammenfassung vieler Be-
-38-
stimmungen ist, also Einheit des Mannigfaltigen" (Kr, S. 236. MEW, Bd. 13, S. 632; von uns ausgezeichnet. - 0. M.).
Die Totalität, das Ganze wird für das Denken erst konkret, wenn es seinem wirklichen Inhalte nach aufgelöst ist und
im geistigen Reproduktionsakt wieder zusammengefaßt wird. So schreibt Marx schon in der "Misère de la
Philosophie" (1847) über Ricardo: "Ricardo constate la vrit de sa formule (der Arbeitswerttheorie. - 0. M.) en la
faisant driver de tous les rapports conomiques, et en expliquant par ce moyen tous les phnomnes, mme ceux qui au
premier abord semblent la contredire, comme la rente, l‘accumulation des capitaux et le rapport des salaires aux
profits, c‘est l prcisment ce qui fait de sa doctrine un système scientifique..." (MEGA, I, 6, S. 135. MEW, Bd. 4, S. 81;
von uns ausgezeichnet. - 0. M.). Diese Auffassung der Totalität scheidet sich streng von dem apriorischen Vorrang
der "Ganzheit", den eine "universalistische", "organizistische" oder "romantische" Wirtschaftslehre (die übrigens mit
Recht, wenn auch notwendigerweise in verzerrter Form und vereinseitigend, in der marxistischen ihren Antipoden
sieht) für den Gang der Analyse vindiziert, die Analyse jedoch letztlich verunmöglicht, da
die begrifflos oder konstruktiv definitorisch gefaßte "Ganzheit" nicht in den Prozeß der geistigen Verarbeitung
eingeht, deshalb indeterminiert oder unableitbar bleibt und in der unbestimmten, begrifflosen oder konstruktiv-
definitorischen Form stets wieder unverändert aufgenommen wird. Ihr Begriff verharrt in der Unmittelbarkeit oder
verbal bestimmten Form, die die Vermittlung ausschließt und so auch die konkrete Bestimmung von Inhalt und
Gestalt*2.14 .
Wo Wissenschaft möglich sein soll, fragt sie nach Inhalt und Form der Totalität und gewinnt erst Gewißheit, wo sie
das Konkrete aus der "Verarbeitung von Anschauung und Vorstellung" (Kr, S. 237. MEW, Bd. 13, S. 632) im
begrifflichen Reichtum material und formal entwickelt hat. Offensichtlich ist das Verhältnis der Totalität zu den
einfachen Kategorien ein in einer Einheit zusammengefaßtes gegenseitiges, da in der Auflösung, Verflüchtigung und
Wiederzusammenfassung sich sowohl das Ganze in seinen Teilen, wie der Teil sich im Ganzen wiederfindet. Dieser
Produktionsakt ist somit die bewußte Aneignung der Totalität, die vordem nur in der Vorstellung gegeben war,
-39-
das wissenschaftliche Begreifen des gesellschaftlichen und individuellen Daseins des Menschen. Daß das Begreifen
der Totalität ein realgeschichtliches Werden voraussetzt, deutet Marx an, wo er davon spricht, daß die ökonomischen
Systeme da beginnen, wo die einfachsten Bestimmungen "mehr oder weniger fixiert und abstrahiert waren" (siehe
oben). Die Immanenz dieser Entwicklung, die nach Marx in dialektischer Bewegung über sich hinaustreibt, ist stets
von neuem zu bestimmen. Darüber später.
Die Eigentümlichkeit des geistigen Produktionsaktes läßt den Schein entstehen, als ob nicht das Konkrete als
gesellschaftlich-objektive Gegenständlichkeit in der Vorstellung gegeben ist, sondern als ob es eine Schöpfung des
menschlichen Bewußtseins sei, da wir es erst im Prozeß der Zusammenfassung vieler Bestimmungen und
Verhältnisse als Konkretes uns aneignen. Gegen Hegel wendet Marx ein - und damit berühren wir den Kern seiner
Hegel-Kritik - daß die "wissenschaftlich richtige Methode" vom "Abstrakten zum Konkreten aufzusteigen, nur die Art
des Denkens ist, sich das Konkrete anzueignen, es als ein geistig Konkretes zu reproduzieren. Keineswegs aber der
Entstehungsprozeß des Konkreten selbst" (Kr, S. 236. MEW, Bd. 13, S. 632; Auszeichnungen von uns. - 0. M.), da
die "einfachste ökonomische Kategorie" nie existieren könne "außer als abstrakte, einseitige Beziehung eines schon
gegebenen konkreten, lebendigen Ganzen" (Kr, S. 236. MEW, Bd. 13, S. 632). Es ist derselbe Einwand, den Marx im
Nachwort zur zweiten Auflage des "Kapitals" wieder erhebt: "Für Hegel ist der Denkprozeß, den er sogar unter dem
Namen Idee in ein selbständiges Subjekt verwandelt, der Demiurg des Wirklichen, das nur seine äußere Erscheinung
bildet" (K, I, S. 18. MEW, Bd. 23, S. 27). Dem Bewußtsein erscheine "die Bewegung der Kategorien als der wirkliche
Produktionsakt - der leider nur einen Anstoß von außen erhält - dessen Resultat die Welt ist" (Kr, S. 236/37. MEW, Bd.
13, 5. 632; von uns ausgezeichnet. - 0. M.). Dies sei so weit richtig, "als die konkrete Totalität als Gedankentotalität,
als ein Gedankenkonkretum, in fact ein Produkt des Denkens, des Begreifens ist" (Kr, S. 237. MEW, Bd. 13, S. 632), was
jedoch nur eine Tautologie sei, denn keineswegs sei das Gedankenkonkretum Produkt "des außer oder über der
Anschauung und Vorstellung denkenden und sich selbst gebärenden Begriffs, sondern der Verarbeitung von
Anschauung und Vorstellung in
-40-
Begriffe" (Kr, S. 237. MEW, Bd. 13, S. 632)*2.15 . In diesem Falle bedeutet die Vorstellung des Ganzen eine andere
Stufe der Wirklichkeit als die in ihrem Reichtum begrifflich gefaßte Totalität; wir haben es aber in beiden Fällen mit
dem Wirklichen zu tun und verstehen darunter nicht erst, wie es das "philosophische Bewußtsein" tut,
die "begriffene Welt als solche" (Kr, S. 236. MEW, Bd. 13, S. 632), also nicht die Geburt der Welt aus dem Begriff,
denn: das "reale Subjekt bleibt nach wie vor außerhalb des Kopfes in seiner Selbständigkeit bestehen; solange sich der
Kopf nämlich nur spekulativ verhält, nur theoretisch. Auch bei der theoretischen Methode daher muß das Subjekt, die
Gesellschaft, als Voraussetzung stets der Vorstellung vorschweben" (Kr, S. 237. MEW, Bd. 13, S. 633).
Den Anfang der politischen Ökonomie als systematischer Wisenschaft - als entwicklungsgeschichtlicher Standort -
sieht Marx da, wo die einzelnen Bestimmungen, die einfachen ökonomischen Kategorien sich veräußerlichen,
gegenüber dem Ganzen "mehr oder weniger fixiert und abstrahiert" (Kr, S. 236. MEW, Bd. 13, S. 632) sind*2.16 . Wo
sie noch unentwickelt keine allgemeine Formbestimmung darstellen, "fangen (die Ökonomen des 17. Jahrhunderts)
immer mit dem lebendigen Ganzen, der Bevölkerung, der Nation, Staat, mehreren Staaten etc, an..." (Kr, S. 236. MEW,
Bd. 13, S. 632). Hier hat die Totalität in ihrer Unmittelbarkeit noch durchaus den Vorrang. Marx hat dies indessen
nicht ohne weiteres verallgemeinert, sondern sich die Frage gestellt, ob zum Beispiel "diese einfachen Kategorien
(das heißt die Abstrakta, von denen die systematische Wissenschaft ihren Anfang nimmt, um zum Konkreten zu
gelangen. - 0. M.) nicht auch eine unabhängige historische oder natürliche Existenz vor den konkretern" (Kr, S. 237.
MEW, Bd. 13, S. 633)
-41-
haben, und er geht in diesem Zusammenhang auch auf die Frage ein, ob nicht ebenso in einer entwickelten Totalität
einfachere Kategorien fehlen können. Beide Fälle können historisch belegt werden, stellen aber im Vergleich zu der
modernen Gesellschaft Sonderfälle dar, die sich aus der spezifisch gesellschaftlich-historischen Situation, in der sie
auftreten, ergeben.
2.1. Die einfachere Kategorie findet sich ausgebildet in einem noch unentwickelten Ganzen:
"Insofern entspräche der Gang des abstrakten Denkens, das vom Einfachsten zum Kombinierten aufsteigt, dem
wirklichen historischen Prozeß" (Kr, S. 238. MEW, Bd. 13, S. 633), da die einfachere Kategorie in ihrer ausgebildeten
Form in einer noch nicht allseitig entwickelten Totalität vorhanden ist. Wohl könnte sich eine einfachere Kategorie in
einem noch nicht allseitig entwickelten Ganzen voll ausbilden, das "konkretere Substrat" bleibe indessen "immer
vorausgesetzt" (Kr, S. 237. MEW, Bd. 13, S. 633). So unterstelle zum Beispiel der Besitz immer die konkretere
Rechtskategorie der Familie (oder Herrschafts - und Knechtschaftsverhältnisse), wenn es auch richtig sei, zu
sagen, "daß Familien, Stammesganze existieren, die nur noch besitzen, nicht Eigentum haben" und die einfachere
Kategorie "also als Verhältnis einfacher Familien- oder Stammesgenossenschaften im Verhältnis zum Eigentum" (Kr, S.
237. MEW, Bd. 13, S. 633) erscheine. In diesem Falle ist die einfachere Kategorie Ausdruck von Verhältnissen, "in
denen das unentwickelte Konkrete sich realisiert haben mag, ohne noch die vielseitigere Beziehung oder Verhältnis,
das in der konkretem Kategorie geistig ausgedrückt ist, gesetzt zu haben ..." (Kr, S. 238. MEW, Bd. 13, S. 633),
während es im entwickelteren Konkreten mittelbar als ein "untergeordnetes Verhältnis" (Kr, S. 238. MEW, Bd. 13, S.
633) enthalten ist, das als einfache Kategorie zur Allgemeinheit schlechthin geworden ist und das Konkrete nach allen
Seiten hin durchdringt. Marx bemerkt, "daß die einfachere Kategorie herrschende Verhältnisse eines unentwickeltern
Ganzen oder untergeordnete Verhältnisse eines entwickeltern Ganzen ausdrücken kann, die historisch schon Existenz
hatten, ehe das Ganze sich nach der Seite entwickelte, die in der konkretem Kategorie ausgedrückt ist" (Kr, S. 238.
MEW, Bd. 73, S. 633). Im zweiten Fall ist die einfachere Kategorie in eine Vielzahl von Verhältnissen eingegliedert, die
den konkreten Gehalt der Totalität bestimmen, während es im ersten Fall das ausgebildete Verhältnis eines
-42-
noch unentwickelten Ganzen ist. So weist Marx darauf hin, daß historisch Geld existierte bevor Kapital, Banken,
Lohnarbeit (als konkretere Kategorien) existierten (Kr, S. 238. MEW, Bd. 13, S. 633).
Höchste Formen des Wirtschaftens (Kooperation, entwickelte Teilung der Arbeit usw.) können zum Beispiel ohne
Geld auskommen: Peru, slawische Gemeinwesen. Im Altertum findet sich das Geld nur bei Handelsnationen, bei den
Griechen und Römern nur in der Periode ihrer Auflösung, ohne jedoch alle ökonomischen Verhältnisse zu
durchdringen. Das Geld beseitigte weder Naturalsteuer und Naturallieferung noch griff es auf das Ganze der Arbeit
über (Kr, S. 238/39. MEW, Bd. 13, S. 634).
Marx folgert:
a) daß die einfachere Kategorie historisch existiert haben mag vor der konkreteren;
b) daß die konkretere in einer weniger entwickelten Gesellschaftsform völliger entwickelt war (das heißt
ohne die einfachere Kategorie aus sich zu entlassen); aber
c) daß die einfachere Kategorie in ihrer völligen intensiven und extensiven Entwicklung nur kombinierten
Gesellschaftsformen angehören kann (Km, S. 239. MEW, Bd. 13, S. 634).
Während bei a) und b) die betreffende Kategorie immer nach einer Seite hin beschränkt bleibt, die konkretere nicht
in der einfacheren, die einfachere nicht in der konkreteren ihre volle Vermittlung findet, ist dies vereinseitigte
Verhältnis bei c) nicht mehr vorhanden*2.17 .
Ausführlicher legt Marx seine Auffassung an der einfachen Kategorie der Arbeit dar. Die Darstellung ist hier
ausdrücklich eine historische, eine Darstellung der Arbeit in ihrer Allgemeinheit (als unspezifisches Abstraktum,
Arbeit schlechthin) als "eine ebenso moderne Kategorie wie die Verhältnisse, die diese ein-
-43-
fache Abstraktion erzeugen" (Kr, S. 239. MEW, Bd. 13, S. 634)*2.18 , das heißt, daß erst in einem entwickelteren
Ganzen die Vorstellung von der Allgemeinheit der Arbeit sich ausbildet und schließlich begrifflich fixiert ist. Das
Monetarsystem zum Beispiel fasse den Reichtum "noch ganz objektiv, als Sache außer sich im Geld" (Kr, S. 239. MEW,
Bd. 13‚ S. 634), während das Manufaktur- und kommerzielle System ihn aus dem Gegenstand in die subjektive
Tätigkeit verlege, wenn auch in der Begrenztheit als geldmachend. Demgegenüber sähen die Physiokraten das Objekt
-44-
nicht mehr in der Verkleidung des Geldes, "sondern als Produkt überhaupt, als allgemeines Resultat der Arbeit",
allerdings dieses Produkt "als immer noch naturbestimmtes Produkt - Agrikulturprodukt, Erdprodukt par
excellence" (Kr, S. 239. MEW, Bd. 13, S. 634/35). Mit Adam Smith erfolgt der entscheidende Schritt. Er setzt die Arbeit
in ihrer unbestimmtesten, allgemeinsten Form als Reichtum zeugende Tätigkeit schlechthin, als universell
herrschende Kategorie, in die auch das Produkt, "die Allgemeinheit des als Reichtum bestimmten Gegenstandes" (Kr,
S. 239. MEW, Bd. 73, S. 635) als vergangene, vergegenständlichte Arbeit wieder aufgelöst wird.
Das bewußte Verständnis, das die Arbeit als "einfachste und urälteste Beziehung" (Kr, S. 240. MEW, Bd. 13, S. 635)
des produzierenden Menschen auffaßt, "setzt eine sehr entwickelte Totalität wirklicher Arbeitsarten voraus, von
denen keine mehr die alles beherrschende ist" (Kr, S. 240. MEW, Bd. 13, S. 635), denn die allgemeinsten Abstraktionen
entstehen "überhaupt nur bei der reichsten konkreten Entwicklung, wo eines vielen gemeinsam erscheint, allen
gemein. Dann hört es auf, nur in besondrer Form gedacht werden zu können" (Kr, S. 240. MEW, Bd. 13, S. 635
Auszeichnungen von uns. - 0. M.), was bei den Physiokraten zum Beispiel noch der Fall war, die eine besondere Form
der Arbeit, die Agrikulturarbeit, als allein produktiv bezeichneten. Anderseits ist diese abstrakte Kategorie "nicht nur
das geistige Resultat einer konkreten Totalität von Arbeiten" (Kr, S. 240. MEW, Bd. 13, S. 635), sondern das Produkt
einer Gesellschaftsform, "worin die Individuen mit Leichtigkeit aus einer Arbeit in die andre übergehn und die
bestimmte Art der Arbeit ihnen zufällig, daher gleichgültig ist" (Kr, S. 240. MEW, Bd. 13, S. 635). Diese Allgemeinheit
der Arbeit als Abstraktum tritt also nach zwei Seiten real in Erscheinung: Es hat
1. seine in der äußeren Form an eine besondere Gattung Arbeit gebundene Eigenschaft abgestreift, es ist die
einfache Bestimmung einer "konkreten Totalität von Arbeiten" und ist
2. Resultat von Produktionsverhältnissen, in denen die Arbeit weitgehend von den Hemmungen sozialer und
technischer Schranken befreit ist.
Damit wird die Arbeit zu einer als Reichtum schaffende Tätigkeit unspezifischen Bestimmung; der gedanklichen
Abstraktion entspricht eine wirkliche, und somit wird "der Ausgangspunkt der modernen Ökonomie erst praktisch
wahr" (Kr, S. 240. MEW, Bd. 13, S. 635), das heißt die moderne Ökonomie erst möglich. Diese Wissens-
-45-
form ist an ein entwickeltes Ganzes (die kapitalistische Gesellschaft) gebunden und versteht die Arbeit erst, wo sie als
Universalkategorie auftritt als "eine uralte und für alle Gesellschaftsformen gültige Beziehung" (Kr, S. 240. MEW, Bd.
13‚ S. 635).
An diesem Beispiel stellt Marx fest, "wie selbst die abstraktesten Kategorien, trotz ihrer Gültigkeit - eben wegen ihrer
Abstraktion - für alle Epochen, doch in der Bestimmtheit dieser Abstraktion selbst ebensosehr das Produkt
historischer Verhältnisse sind und ihre Vollgültigkeit nur für und innerhalb dieser Verhältnisse besitzen" (Kr, S. 24:.
MEW, Bd. 13, S. 636; Auszeichnungen von uns. - 0. M.).
Daß die Arbeit als allgemein bestimmte, neutrale geistige Kategorie erscheinen kann, setzt eine entwickelte
Organisation der Gesellschaft voraus, und zwar, wie wir gesehen haben, eine Organisation, in der die Abstraktion
dieser Kategorie wirklich wird, das heißt in den bestehenden Verhältnissen "intensiv und extensiv" ihre volle
Ausbildung erfährt und jede nur partielle Gültigkeit verliert. Sie tritt somit auf einer bestimmten historischen Stufe
aus ihrer unentwickelten partikularen Form heraus, wird allgemeine Bestimmung und dringt in ihrer Allgemeinheit in
den Vorstellungskreis der Individuen. Dies ist die Geburtsstunde der politischen Ökonomie
als systematischer Wissenschaft. Je mehr anderseits das Konkrete in zahlreiche abstrakte (immer im
Sinne realer Daseinsformen) Kategorien und deren vielfältigen Verhältnisse zerfällt, um so mehr tritt es in der
Bewußtseinssphäre zurück, um so schwieriger gestaltet sich seine geistige Verarbeitung und Aneignung.
Dieser bestimmte Grad der Realisierung der einfachen Kategorie als konstitutives, allgemein herrschendes Element
einer entwickelten Totalität zeigt ferner, wie Marx immer wieder betont, daß es sich nicht um eine im Denkprozeß
rein logisch gewonnene Kategorie handelt, sondern um eine historische, die ihre "Vollgültigkeit" erreicht haben muß,
um ein die gesellschaftlichen Verhältnisse allseitig kennzeichnendes Merkmal zu werden. Marx bemerkt - und dies ist
für die Geschichte der Wissenschaft aufschlußreich -‚ daß erst von hier aus der Zugang zum Verständnis aller
untergeordneten Gesellschaftsformen offen steht, denn Höheres in untergeordneten Formen könne nur verstanden
werden, wenn Höheres schon bekannt sei (Kr, S. 241. MEW, Bd. 13, S. 636). "Die bürgerliche Ökonomie liefert so den
Schlüssel zur antiken etc.", da die bürgerliche Gesellschaft "die entwickeltste
-46-
und mannigfaltigste historische Organisation der Produktion" (Kr, S. 240. MEW, Bd. 13, S. 636) ist, während früher die
Partikularität der einzelnen Bestimmungen innerhalb eines unentwikkelten Ganzen auch nur eine partikulare Sicht
der Dinge ermöglichte. Allerdings dürfen die historischen Unterschiede nicht verwischt und die Kategorien nicht
einfach identifiziert werden, denn nur cum grano salis sei es wahr, "daß die Kategorien der bürgerlichen Ökonomie
eine Wahrheit für alle andren Gesellschaftsformen besitzen" (Kr, S. 241. MEW, Bd. 13, S. 636), und zwar nur insofern
sie in den früheren Gesellschaftsformen entsprechenden Verhältnissen innerhalb des Ganzen aufgefaßt werden.
Es ist das gegensätzliche Verhältnis der höchsten Entwicklungsform in ihrer begrifflich allseitig bestimmten Totalität
zu den früheren Formen, das diese Wahrheit relativiert, das aber anderseits der nun als strenge Wissenschaft
konstituierten politischen Ökonomie es ermöglicht, die einfachen Kategorien in ihrer differentia specifica zu erfassen.
So könne man, sagt Marx, Tribut und Zehnten nur verstehen, wenn man zum theoretischen Verständnis der
Grundrente gelangt sei, woraus man aber nicht schließen dürfe, daß Tribut und Zehnt mit der Grundrente identisch
seien (Kr, S. 241. MEW, Bd. 13, S. 636). Wenn die Grundrente in ihrer besonderen Stellung im Gesamt des
Wirtschaftsprozesses bestimmt ist, so ist nicht allein ihr ökonomisches und soziales Dasein bestimmt, sondern auch
das Maß, an dem historisch frühere Formen gemessen werden können.
Das Verständnis der früheren Entwicklungsstufen setzt noch ein Zweites voraus, wenn es einer einseitigen Auffassung
des geschichtlichen Prozesses entgehen will: die Selbstkritik der bestehenden Gesellschaft. "So kam die bürgerliche
Ökonomie erst zum Verständnis der feudalen, antiken, orientalen, sobald die Selbstkritik der bürgerlichen Gesellschaft
begonnen" (Kr, S. 242. MEW, Bd. 13, S. 637). Ein wirkliches Verständnis früherer Produktionsverhältnisse gewinnt die
politische Ökonomie als strenge Wissenschaft erst da, wo sie neben dem Kampfe gegen die alte Gesellschaft zur
Selbstkritik übergegangen ist.
Da jedoch das Subjekt, die bürgerliche Gesellschaft mit ihren Daseinsformen und Existenzbestimmungen (den
Kategorien) in der Wirklichkeit und im Kopfe gegeben ist (als Anschauung und Vorstellung), ist Wissenschaft nicht erst
möglich, "wo nun von ihr als solcher die Rede ist" (Kr, S. 242. MEW, Bd. 13‚ S. 637),
-47-
sondern schon da - wenn auch nicht in systematischem und strengern Sinne -‚ wo die Daseinsformen und
Existenzbestimmungen der neuen Gesellschaft sich ausbilden und entfalten.
Wer in Marx einen typischen Vertreter des Historismus sieht, wird nicht ohne weiteres begreifen, daß im Aufbau der
politischen Ökonomie die logische Folge der Kategorien (als die wissenschaftlich einwandfreie Methode) gegenüber
der historisch-genetischen den Vorrang hat; diese scheinbare Verkehrung, in der nicht wie bei Hegel die Idee der
Demiurg des Wirklichen ist, ist indessen - wie aus der textkritischen Untersuchung hervorgeht - nur eine solche des
historischen Werdens selbst, in der das Verhältnis von logischer und historischer Kategorie ein in der Einheit
zusammengefaßtes ist, was zu der Meinung verführen kann, dem Logisch-Theoretischen werde überhaupt der Primat
eingeräumt. Dies ist jedoch nur der Schein, der allerdings als wirklicher Schein - da es sich bei den abstrakten
Kategorien um Existenzbestimmungen, Daseinsformen handelt - den geistigen Produktionsakt, der hiervon ausgeht,
in der oben erwähnten Verkehrung darstellt und seines Ursprunges entkleidet. Marx bezeichnet es geradezu
als "falsch, die ökonomischen Kategorien in der Folge aufeinander folgen zu lassen, in der sie historisch die
bestimmenden waren" (Kr, S. 243. MEW, Bd. 13‚ S. 638)
-48-
und gebraucht das Wort "untubar", womit er sagen will, daß nicht das Konkrete, Reale, dessen Verständnis die
Besonderung in die abstrakten Bestimmungen voraussetzt, an den Anfang gestellt werden kann, sondern daß die
Form der Kategorien, wie sie in der bürgerlichen Gesellschaft erscheint, die Einteilung des Stoffes bestimmt. Es ist die
höhere Stufe der gesellschaftlichen Entwicklung, die den Blick frei macht für Vergangenes, da sie das letzte Glied ist
und als aufgehobene Momente alle Existenzformen früherer Gesellschaftsstufen beinhaltet, zugleich aber auch
die "verschiedene Stellung, die dieselben Kategorien in verschiedenen Gesellschaftsstufen" (Kr, S. 244. MEW, Bd. 13, S.
638) einnehmen, verständlich macht.
In der "Einleitung" findet sich der Plan, nach dem Marx seine "Kritik der politischen Ökonomie", abzufassen gedenkt:
Die Einteilung geht den Weg von den abstrakten Bestimmungen zum Konkreten.
1. Die allgemeinen Abstrakta (die mehr oder minder allen Gesellschaftsformen zukommen, jedoch immer in
besonderen historischen Verhältnissen sich verwirklichen).
2. ... "die Kategorien, die die innre Gliederung der bürgerlichen Gesellschaft ausmachen" und worauf die drei
großen Klassen beruhen: Kapital, Grundeigentum, Lohnarbeit, ihre Beziehung zueinander.
Stadt und Land (Teilung der Arbeit)*2.19 .
Die drei großen gesellschaftlichen Klassen. Austausch zwischen denselben. Zirkulation.
Privates Kreditwesen
3. Die bürgerliche Gesellschaft als Ganzes: der Staat. In Beziehung zu sich selbst betrachtet.
Die "unproduktiven" Klassen.
Steuern, Staatsschuld.
Öffentlicher Kredit.
Die Bevölkerung.
Die Kolonien.
Auswanderung.
4. Internationales Verhältnis der Produktion.
Internationale Teilung der Arbeit.
-49-
Internationaler Austausch.
Aus- und Einfuhr.
Wechselkurs.
5. Der Weltmarkt.
Die Krisen. (Kr, S. 244/45. MEW, Bd. 13, S. 639)
2.B) Die Erscheinungsform der logischen Kategorien als entfremdete, verdinglichte Kategorien: »Ökonomisch-
philosophische Manuskripte«
Textkritische Untersuchung II
Bevor wir eine vorläufige Klärung der in der "Problemstellung" aufgeworfenen Probleme versuchen - was auf Grund
der "Einleitung zur Kritik der politischen Ökonomie" nur zum Teil möglich wäre - ist es nötig, einen Schritt weiter zu
gehen. Dies auch darum, weil in der Marx-Kritik verschiedene Einwände vorgebracht werden, die prima facie richtig
scheinen, und weil sich selbst bei Marx Belege finden, die diese Einwände scheinbar stützen. Hammacher schreibt
zum Beispiel, daß die Ansichten, die Marx in der "Einleitung" vertritt, sich später gewandelt hätten, und daß hier die
größte Änderung vorliege, die der Marxismus im Laufe seiner Entwicklung erfahren hat: "... die empirische
Methode (von uns ausgezeichnet. - 0. M.), die Marx im Jahre 57 vorschlägt, (unterlag) seiner metaphysischen durch
Hegel bestimmten Seele, und er wiederholte den Weg, der von Sokrates zu Platon führt: aus dem Gedanken, daß nur
das Allgemeine Ausgangspunkt und Gegenstand der Erkenntnis sei, wurde ihm der andere, daß allein dies Allgemeine
die wahrhafte Wirklichkeit, die innere Gesetzmäßigkeit sei"*2.20 . Wir werden untersuchen, welchen Sinn dieser
Einwand, der nach Hammacher den Übergang von der Empirie zur Spekulation kennzeichnet, hat, das heißt den Plan
von 1857 mit dem von 1866*2.21 vergleichen und die Veränderungen analysieren*2.22 .
-50-
Marx berührt diese Frage auch im Vorwort zur ersten Auflage des "Kapitals". Er bezeichnet das "Kapital" als die
Fortsetzung seiner 1859 erschienenen "Kritik der politischen Ökonomie" und fügt hinzu, daß die Abschnitte über die
Geschichte der Wert-und Geldtheorie weggefallen seien und die Darstellung verbessert (K, I, S. 5). Aus einer
Änderung der Darstellung kann jedoch nicht ohne weiteres auf einen prinzipiellen methodischen Wandel geschlossen
werden, wie dies Hammacher meint.
Zur Zeit, da Hammachers Buch erschien (1909) und einige Jahre später die "Epochen der Dogmen- und
Methodengeschichte" Schumpeters (1914), waren von den Frühschriften Marx‘ nur seine
Doktordissertation*2.23 und die "Heilige Familie"*2.24 bekannt, nicht aber die "Ökonomisch-philosophischen
Manuskripte" und die "Deutsche Ideologie"*2.25 .
Wir haben absichtlich die "Einleitung zur Kritik der politischen Ökonomie" an den Anfang gestellt, nicht allein darum,
weil Marx hier zum erstenmal, wenn auch noch nicht bis in alle Einzelheiten ausgeführt, seine Konzeption der
wissenschaftlichen Methode darlegt, sondern weil unseres Erachtens von hier aus am besten sowohl die
Frühschriften als auch das Hauptwerk "Das Kapital" verstanden werden können. Da wir uns nicht auf eine
biographisch-dogmengeschichtliche Darstellung be-
-51-
1. Herbert Marcuse hat anläßlich der Veröffentlichung der "Ökonomisch-philosophischen Manuskripte" mit Recht
betont, daß es sich hierbei um ein "entscheidendes Ereignis in der Geschichte der Marx-Forschung"*2.26 handle. Eine
nähere Prüfung der Manuskripte kann die Behauptung nur stützen. Wenn wir uns auch nur unter Vorbehalt der
Meinung Marcuses anschließen, daß es eher "notwendig werden (könnte), die geläufige Interpretation der späteren
Ausarbeitung der Kritik im Hinblick auf die Ursprünge zu revidieren, als daß umgekehrt die ursprüngliche Gestalt der
Kritik von der späteren Stufe aus zurückinterpretiert wird" und "daß es auch mit der bekannten These einer
Entwicklung Marxens von der philosophischen zur ökonomischen Basis der Theorie nicht getan ist"*2.27 , so ist es
doch unerläßlich, den Werdegang der Theorie von den Manuskripten über die "Kritik" zum "Kapital" genau zu prüfen.
Vorweggenommen sei indessen - und hier gehen wir mit Marcuse einig - daß von einer rein ökonomistischen,
vulgärmaterialistischen Interpretation der Theorie keine Rede sein kann, und daß die Frühschriften von Marx für das
Verständnis seiner Lehre von überragender Bedeutung sind.
Ohne Zweifel ist die "philosophische" Interpretation von Marcuse die bis heute gewissenhafteste und bestfundierte,
und der Leser, der die Bedeutung des Problems der Entäußerung, Vergegenständlichung, Entfremdung und
Fetischisierung a fond kennenlernen will, muß darauf verwiesen werden. An dieser Stelle folgt bloß eine gedrängte
Zusammenfassung der "Manuskripte", in der es uns darum geht zu zeigen, wo das in
den "Manuskripten" Ausgeführte für das Verstehen der Theorie und Methode Vorbedingung ist, ferner wie sich das
Verhältnis zur "Kritik der politischen Ökonomie" gestaltet und was auf das "Kapital" übergeht. Die Akzente werden
also anders verteilt sein als bei Marcuse.
-52-
2. Marx beginnt in der Zeit seines Pariser Exils (November 1843 bis Februar 1845) mit einem systematischen Studium
der politischen Ökonomie, zum Teil angeregt durch den in den "Deutsch-Französischen Jahrbüchern" erschienenen
Aufsatz von Friedrich Engels "Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie"*2.28 . Er exzerpiert eine große Zahl von
Werken*2.29 und faßt den Plan, "in verschiedenen selbständigen Broschüren die Kritik des Rechts, der Moral, Politik
etc. aufeinanderfolgen zu lassen"*2.30 . Am 1. Februar 1845 schließt er mit dem deutschen Verleger Leske einen
Vertrag zur Herausgabe eines zweibändigen Werkes "Kritik der Politik und Nationalökonomie"*2.31 ab, den dieser im
März 1846 kündigt*2.32 , da er ein Verbot der Schrift befürchtet. Über seine Pariser Begegnung mit Marx schreibt
Engels in der Schrift "Zur Geschichte des ´Bundes der Kommunisten´":
"Als ich Marx im Sommer 1844 in Paris besuchte, stellte sich unsere vollständige Übereinstimmung auf allen
theoretischen Gebieten heraus, und von da an datiert unsere gemeinsame Arbeit. Als wir im Frühjahr 1845 in Brüssel
wieder zusammenkamen, hatte Marx... seine materialistische Geschichtstheorie in den Hauptzügen fertig
herausentwickelt, und wir setzten uns daran, die neu gewonnene Anschauungsweise nach den verschiedensten
Richtungen hin im einzelnen auszuarbeiten.*2.33 "
Marx hatte somit in dieser Zeit grosso modo die historisch-materialistische Theorie entworfen.
3. Im ersten Teil der Manuskripte, unter den von Marx selbst betitelten Abschnitten Arbeitslohn, Profit des Kapitals,
Grundrente, beschäftigt er sich mit den drei großen Klassen der bür-
-53-
gerlichen Gesellschaft. Dieser Teil ist mehr kursorisch, in Anlehnung an die Lektüre der Klassiker vorwiegend mit
Zitaten aus Smith, Ricardo und Say durchsetzt, weist nachdrücklich auf die entgegengesetzten Interessen und die sich
widersprechenden Tendenzen der drei großen Klassen hin und enthält bereits im Keim die Theorie des
Klassenkampfes. Die Betitelung der für uns wichtigen Abschnitte stammt vom Herausgeber, V. Adoratskij. Es sind
dies: "Die entfremdete Arbeit" (S. 81 ff. MEW, Ergänzungsband 1. Teil, S. 510) und "Kritik der Hegelschen Dialektik und
Philosophie überhaupt" (S. 150 ff. MEW, Ergänzungsband 1. Teil, S. 568).
In der Analyse der "Einleitung zur Kritik der politischen Ökonomie" wurde das Verhältnis von historischen und
logischen Kategorien bestimmt. Die logischen Kategorien in ihrer begrifflichen Systematisierung sind historisch reale
Daseinsformen, Existenzbestimmungen. Die geistige Reproduktion läßt sie als unabhängig von ihrem wirklichen
Werden erscheinen und verkehrt den Prozeß ihrer bewußten Aneignung in ein methodisches, formallogisches Prius
der Logizität. Diese Analyse weist jedoch erst auf einen ganz allgemeinen Bestimmungsgrund, der dem Denken
überhaupt eigentümlich ist. Diese allgemein historisch gebundene Vermittlung des Gegenstandes, der Kategorien hat
indessen eine spezifisch historische Besonderung, die aus der Struktur der Produktionsverhältnisse zu ermitteln ist.
Nicht die quantitative Ausbreitung der Arbeit zum Beispiel (in ihrer "Vollgültigkeit"), sondern ihre qualitative Stellung
innerhalb der Produktionsverhältnisse verdeckt ihren wahren Charakter. Die eingehende Untersuchung dieser
Kategorie wie auch der Form, in der die allgemein historischen Bestimmungen erscheinen, erfolgt in
den "Ökonomisch-philosophischen Manuskripten".
Die Arbeit als gesellschaftliche (nicht allein nationalökonomische) Grundkategorie steht in den Manuskripten im
Mittelpunkt der Betrachtung. Aus diesem Grunde wird, wie Marcuse schon feststellt, die konventionelle
Dreigliederung der Nationalökonomie, von der Marx vorerst ausgeht, bald aufgegeben. Es wird nicht näher auf die
äußeren Eigenheiten der Nationalökonomie eingegangen, die den internen Mechanismus der bürgerlichen
Gesellschaft, ausgehend vom Faktum des Privateigentums, beschreibt, sondern die Frage nach dem Charakter der
Arbeit in ihrer abstrakten Allgemeinheit als struktives Element des Privateigentums gestellt. Die Voraussetzungen
prüfen, den Werde-
-54-
prozeß des Privateigentums aufdecken, heißt mit einer Kritik der Nationalökonomie beginnen, die nach Marx den
äußeren Sachverhalt ausspricht, ihn aber seinem Wesen nach zugleich verdeckt.
Welcher Art ist diese Kritik? "Sie (die Nationalökonomie) faßt den materiellen Prozeß des Privateigentums, den es in
der Wirklichkeit durchmacht, in allgemeine, abstrakte Formeln, die ihr dann als Gesetze gelten. Sie begreift diese
Gesetze nicht, d. h., sie zeigt nicht, wie sie aus dem Wesen des Privateigentums hervorgehen" (MEGA, I, 3, S. 81.
MEW, Ergänzungsband, 1. Teil, S. 510). Unter abstrakt ist hier die unterschiedslose Allgemeinheit, nur unter
bestimmten gedanklichen Prämissen gültige Form des Gesetzes gemeint, die für den realgeschichtlichen Prozeß aLs
ungefähre, unbestimmte Approximation fraglich bleibt. Marx will an dieser Stelle den besonderen Charakter der
Gesetze verdeutlichen: Sie können nicht in sich selbst oder außer sich begriffen werden, sondern nur aus dem Wesen
der Sache. Diese spezifische, historische Auffassung des Gesetzesbegriffes, dem wir bei Marx immer wieder
begegnen, ist von eminenter Wichtigkeit, um die Marxsche Theorie zu verstehen. So weist Marx zum Beispiel alle
irrealen Konstruktionen, die den Schauplatz der Untersuchung in einen "erdichteten Urzustand" (MEGA, I, 3, S. 82.
MEW, Ergänzungsband, 1. Teil, S. 511) versetzen, zurück. Auch in der "Einleitung" rügt er diese Konstruktionen bei
Smith und Ricardo als "phantastische Einbildungen des 18. Jahrhunderts" (Kr, S. 216), deren Hauptmangel darin
bestehe, daß sie "nicht als ein historisches Resultat, sondern als Ausgangspunkt der Geschichte" genommen
würden*2.34 . Er verlangt im Gegenteil, daß wir von "einem
nationalökonomischen, gegenwärtigen Faktum" ausgehen (MEGA, I, 3, S. 82. MEW, Ergänzungsband, 1. Teil, S. 511).
-55-
Beziehen sich die nationalökonomischen Gesetze nur auf die äußerlichen "unveränderlichen" Formen der Arbeit,
nicht aber auf ihren wirklichen historischen Inhalt, und sehen sie wiederum diese Formen nur als notwendige,
äußere gesetzliche Beziehungen, als "allgemeine abstrakte Formeln" dann verbirgt die Nationalökonomie den
tatsächlichen Charakter der Arbeit, und zwar "dadurch, daß sie nicht das unmittelbare Verhältnis zwischen dem
Arbeiter (der Arbeit) und der Produktion betrachtet" (MEGA, I, 3, S. 84/85. MEW, Ergänzungsband, 1. Teil, S. 513), da
sie bereits "unterstellt, was sie entwickeln soll" (MEGA, I, 3, S. 81. MEW, Ergänzungsband, 1. Teil, S. 510). Worin
besteht dieses unmittelbare Verhältnis? "Das unmittelbare Verhältnis der Arbeit zu ihren Produkten ist das Verhältnis
des Arbeiters zu den Gegenständen seiner Produktion" (MEGA, I, 3, S. 85. MEW, Ergänzungsband, 1. Teil, S. 513). Das
Verhältnis des Arbeiters zu den Gegenständen seiner Produktion ist vorerst nach zwei Seiten bestimmt:
1. Der Verlust des Gegenstandes, der dem Produzenten als fremde Macht gegenübertritt, ist die Entfremdung
des Arbeiters in seinem Gegenstand, ist seine äußere, von ihm getrennte Existenz (MEGA, I, 3, S. 83 - 85.
MEW, Ergänzungsband, 1. Teil, S. 511 - 513);
2. im Produkt als Vergegenständlichung seiner Tätigkeit entäußert, entfremdet sich diese Tätigkeit selbst, das
heißt, sie wird dem Subjekt ebenso äußerlich wie das ihm entfremdete Objekt seiner Tätigkeit.
3. daß die entfremdete Arbeit dem Menschen sein eigenes menschliches Wesen entfremdet, daß sein
natürliches wie geistiges Gattungsvermögen ihm fremd und nur noch Mittel, nicht mehr Zweck seiner
individuellen Existenz ist (MEGA, I, 3, S. 89. MEW, Ergänzungsband, 1. Teil, S. 517).
4. die Entfremdung des Menschen von dem Menschen, sein Verhältnis zu sich selbst, als das Verhältnis eines
objektiv in den Gegenständen wie subjektiv in der Tätigkeit veräußerlichten Wesens zum Inhalt dieser
Bestimmungen, bestimmt sein Verhältnis zum Nächsten.
"Das produktive Leben ist aber das Gattungsleben. Es ist das Leben erzeugende Leben. In der Art der Lebenstätigkeit
liegt der ganze Charakter einer species, ihr Gattungscharakter, und die freie bewußte Tätigkeit ist der
Gattungscharakter des Menschen. Das Leben selbst erscheint nur als Lebensmittel." (MEGA, I, 3, S. 88. MEW,
Ergänzungsband, 1. Teil, S. 516)
-56-
Der Begriff der Entfremdung (den Marx von Hegel übernommen hat) wird auf seinen realen Gehalt hin geprüft; sein
kategorielles Dasein spricht die Nationalökonomie unverhohlen aus: daß der Arbeiter zur Ware geworden ist. Die
Entfremdung dringt aus den un-menschlich, sachlich gewordenen Verhältnissen der modernen bürgerlichen
Gesellschaft in das theoretische Bewußtsein der Ökonomen. "Großer Fortschritt von Ricardo, Mill (James Mill. - 0. M.)
etc. gegen Smith und Say, das Dasein des Menschen - die größre oder kleinre Menschenproduktivität der Ware -
als gleichgültig oder sogar schädlich zu erklären" (MEGA, I, 3, S. 98, auch I, 3, S. 84. MEW, Ergänzungsband, 1. Teil, S.
524, auch S. 512 f.). An anderer Stelle sagt Marx:
"Dadurch, daß die Nationalökonomie alle Bedeutung dem revenu brut, das heißt der Quantität der Produktion und
Konsumtion, abgesehen vom Überschuß abspricht, also dem Leben selbst alle Bedeutung abspricht, hat ihre
Abstraktion den Gipfel der Infamie erreicht. Es tritt hierin heraus,
1. daß es sich bei ihr gar nicht um das nationale Interesse, um den Menschen handelt, sondern nur um revenu
net, profit, fermage, daß dies der letzte Zweck der Nation ist,
3. daß namentlich der Wert der Arbeiterklasse nur auf die notwendigen Produktionskosten sich beschränkt,
und daß sie bloß da sind für das revenu net, das heißt für den Profit der Kapitalisten und die fermage des
Grundeigentümers.
Aber so infam dies auch sei, es ist die Wahrheit der modernen Gesellschaft, und die Nationalökonomie gibt nur die
ungeschminkte Wirklichkeit wieder.
"Wenn aber Say und Sismondi ... den Ricardo bekämpfen, so bekämpfen sie nur den zynischen Ausdruck einer
nationalökonomischen Wahrheit... Was beweist es für die Nationalökonomie, daß Sismondi und Say aus
ihr herausspringen müssen, um unmenschliche Konsequenzen zu bekämpfen? Weiter nichts, als daß die
Menschlichkeit außer der Nationalökonomie und die Unmenschlichkeit in ihr liegt." (MEGA, I, 3, S. 515)
So erscheint die Verwirklichung der Arbeit, ihre Vergegenständlichung (das heißt Arbeit, die sich in einem
Gegenstande fixiert) in der Nationalökonomie als "Entwirklichung des Arbeiters" (MEGA, I, 3, S. 83. MEW,
Ergänzungsband, 1. Teil, S. 520), ausgedrückt in der Gleichsetzung von Arbeiter und Ware. Das Faktum
der "Entfremdung des Arbeiters und seiner Produktion" ist als begrifflich gewußtes "die entfremdete, entäußerte
-57-
Die Nationalökonomie faßt die menschliche Tätigkeit unter der Form des Austausches und des Handels und glaubt, in
diesen entfremdeten Kategorien die wesentlichen und ursprünglichen Beziehungen verstanden zu haben. Das ihr
gemäße Begreifen des gesellschaftlichen Charakters der Arbeit verdeckt deren Wesensbestimmung: das Verhältnis
des Individuums zur Natur und zur Gesellschaft als ein Verhältnis, in dem sich das Gattungsvermögen des
Individuums voll entfalten soll. Die Kategorien werden als solche genommen, als Existenzbestimmungen außerhalb
der wirklichen Tätigkeit und der gesellschaftlichen Verhältnisse der Produzenten, als die den Produktionsprozeß
bestimmenden unmenschlichen Kräfte der Gesellschaft. So steht als höchste verdinglichte Macht das Privateigentum
als das alle menschliche Beziehungen bedingende und beherrschende Faktum. Marx löst diese stillschweigende
Unterstellung jeder ökonomischen Analyse auf und führt sie auf die entäußerte Arbeit zurück. "Das Privateigentum
ist.., das Produkt, das Resultat, die notwendige Konsequenz der entäußerten Arbeit, des äußerlichen Verhältnisses
des Arbeiters zu der Natur und zu sich selbst" (MEGA, I, 3, S. 91. MEW, Ergänzungsband, 1. Teil, S. 520). Ist das
Privateigentum indessen nur eine besondere Form der menschlichen Arbeit, "so hat man es unmittelbar mit dem
Menschen zu tun" (MEGA, I, 3, S. 93. MEW, Ergänzungsband, 1. Teil, S. 521/22). Das Produkt kann somit als fremde
Sache nur erscheinen, wenn es in der Verfügungsgewalt eines andern Menschen ist. So vollziehen sich die
Wesenskräfte des Individuums in einem sozialen Milieu, das ihm sein Lebensmittel, sowohl in der zuständlich-
sachlichen Form wie in der tätigen als fremde, unpersönliche Macht gegenüberstellt. Seine Eigenbestimmung und
Selbstentfaltung trägt einen schicksalhaften Charakter, der durch die im gesellschaftlichen Prozeß vermittelnde
Stellung des Geldes die äußerste Grenze erreicht.
Was wir bei der Betrachtung der "Einleitung" gesehen, gilt schon hier. Die totale Entfremdung, Verdinglichung der
menschlichen Arbeit findet statt, wo den Individuen auf Grund einer "sehr entwickelten Totalität wirklicher
Arbeitsarten" "die be-
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stimmte Art der Arbeit . . . zufällig, daher gleichgültig ist" (Kr, S. 240. MEW, Bd. 13, S. 635). Ihre entwickeltste,
spezifizierteste Form ist zugleich ihre abstrakteste Form, in der jede Arbeit der andern vergleichbar ist als eine von
ihrer konkreten Besonderung unabhängige, Reichtum schaffende Tätigkeit. Als reales Faktum, als Abstraktion einer
entwickelten Totalität tritt die Arbeit erst in einer allseitig ausgebildeten Marktwirtschaft auf, und zwar auf Grund der
Teilung der Arbeit in eine Vielzahl von Arbeitsarten. Wenn die Arbeit auch technisch immer vorhanden war, ist das
Allgemeine und Objektive der Arbeit in den unentwickelten Gesellschaftsformen als Abstraktion von jeder
besonderen Form ihrer Anwendung nicht gegeben*2.36 . So setzt der Begriff der entfremdeten Arbeit denjenigen
der abstrakt-allgemeinen voraus; er kann erst aus der höchsten Stufe der gesellschaftlichen Organisation, die in der
Arbeit in ihrer objektiv wie subjektiv entfremdeten Form zur durchgängigen Kategorie des die
Produktionsverhältnisse beherrschenden Daseinsform geworden ist, entwickelt werden.
In der einfachen unentwickelten Form des Privateigentums ist die entfremdete Arbeit ein noch begrifflich partikular
gewußtes, weil noch nicht allgemeines Phänomen, es ist die noch undifferenzierte, spezielle, wesentlich noch an die
Natur gebundene Form der Entäußerung, allerdings eine gesellschaftlich bedingte natürliche Form. Wenn Marx
betont, daß im Grundeigentum "die Naturbeziehung noch vorherrschend" ist (Kr, S. 243. MEW, Bd. 13, S. 638), so
heißt dies, daß die Arbeit noch unmittelbarer bezogen ist auf die Natur als in der kapitalistischen Produktion, daß die
gesellschaftliche Interdependenz noch nicht in so vielfältigen Bestimmungen entwickelt ist, die Eigentums- und
Herrschaftsverhältnisse direkter und durchsichtiger sind. "Erst auf dem letzten Kulminationspunkt der Entwicklung
des Privateigentums tritt dieses sein Geheimnis wieder hervor, nämlich einerseits, daß es das Produkt der
entäußerten, und zweitens, daß es das Mittel ist, durch welches sich die Arbeit entäußert, die Realisierung dieser
Entäußerung" (MEGA, I, 3, S. 92. MEW, Ergänzungsband, 1. Teil, S. 520). Somit stößt, wie erwähnt, Marx auf die
Wurzeln des Privateigentums, das der klassischen politischen Ökonomie unbesehen als Voraussetzung ihrer Analyse
zugrunde liegt. Er löst die "ewige Kategorie" in ein historisches
-59-
Gesetz auf, das den Kern des gesellschaftlichen Prozesses und seine geistige Reproduktion bloßlegt.
1. Die primitive, rohe Produktion ist die einfache, noch unvermittelte Form des Eigentums, eine Form, in der
auch keine Entfremdung möglich ist. "Der Mensch, für sich - im wilden, barbarischen Zustand - hat daher das
Maß seiner Produktion an dem Umfang seines unmittelbaren Bedürfnisses, dessen Inhalt unmittelbar der
produzierte Gegenstand selbst ist" (MEGA, I, 3, S. 543. Und in: Texte zu Methode und Praxis II, S. 176).
2. Die Produktion für den Austausch anderseits setzt und fordert in der Vergegenständlichung der Arbeit, die in
sich vermittelt das Bedürfnis auf einen der eigenen Tätigkeit fremden Gegenstand eines andern bezieht, das
Privateigentum als das explizite Mittel der Verwirklichung des Bedürfnisses.
"Während also in dem ersten Verhältnis das Bedürfnis das Maß der Produktion ist, ist in dem zweiten Verhältnis die
Produktion oder vielmehr der Besitz des Produktes das Maß, wie weit sich die Bedürfnisse befriedigen
können." (MEGA, I, 3, S. 543. Und in: Texte zu Methode und Praxis II, S. 177)
Die rohe primitive Form, für die der Umfang des Bedürfnisses unmittelbar mit dem Inhalt des produzierten
Gegenstandes zusammenfällt, geht über in die entwickelte vermittelte Form, in der sich Bedürfnis und Gegenstand
der Bedürfnisbefriedigung als entäußerte Seiten eines Prozesses gegenüberstehen, in der die Vermittlung in
Abhängigkeit zur Stellung des Individuums im Produktionsprozeß steht. Beides sind gesellschaftliche Formen, wenn
auch in ihrer Struktur grundverschieden.
War in den früheren Gesellschaftsformationen auf Grund ihrer noch unentwickelten Produktionsverhältnisse die
menschliche Tätigkeit in einer noch direkteren Beziehung zur Natur, die Vergegenständlichung der Arbeit
durchsichtiger, die Aneignung des Produktes durch keine oder wenige gesellschaftlich-ökonomische Zwischenglieder
vermittelt, somit auch nicht oder minder fragwürdig, so erfährt dieser Prozeß eine radikale Wandlung, wo
das "gesellschaftlich, historisch geschaffne Element" (Kr, S. 243. MEW, Bd. 13, S. 638) vorherrschend wird und nicht
mehr die direktere, wenn auch gesellschaftlich gebundene Na-
-60-
turbeziehung, das heißt, wo die endgültige Trennung von Arbeitsmittel und Arbeitsgegenstand vollzogen ist, wo
Kooperation, Teilung der Arbeit und die Austauschbeziehungen sich immer mehr und mehr differenzieren, wo das
Kapital als allgemein herrschendes Verhältnis Grundlage der Produktion ist. Erst von dieser Spätstufe der
gesellschaftlichen Entwicklung aus, wo die totale Entfremdung - wenn auch ihrem Wesen nach verdeckt - ein
vollzogener Akt ist, wo sie intensiv und extensiv Entfremdung des Arbeiters und Nicht-Arbeiters ist, wo sie struktiv die
gesellschaftlichen (nicht allein ökonomischen) Verhältnisse durchdringt, das Leben des Menschen bis in die letzten
Verzweigungen seines - aktiven und passiven - physischen und geistigen Verhaltens ergreift, ist das Verständnis für
den ontologischen wie historischen Aspekt der Vergegenständlichung möglich, und erst auf diesem Boden kann die
Arbeit als die den Gesamthabitus des Individuums bestimmende Lebensäußerung schlechthin begriffen werden.
Darin ist nur so viel Philosophisches, wie sich die Philosophie unter anderem auch mit der Ontologie beschäftigt. Es
stellt sich nicht die Frage nach einem abstrakt-allgemeingültigen oder normativen Prinzip des Seins, sondern die nach
der historischen Konkretion der Seinsbestimmungen, die zum Beispiel in der kapitalistischen Gesellschaft nur aus der
Analyse der Daseinsformen in ihren Verhältnissen innerhalb des und zum Ganzen verstanden werden kann.
Die übergreifende Bedeutung des Arbeitsbegriffs bei Marx, den er in seiner Auseinandersetzung mit dem Hegelschen
Begriff der Entfremdung und der materialen wie formalen Seite der klassischen politischen Ökonomie gewonnen hat,
ist ihm Grundlage seiner Kritik der Sozialwissenschaften, mit dem Anspruch, daß diese erst dann ein Recht auf
wissenschaftliche Strenge geltend machen dürfen, wenn sie sich der Voraussetzungen, unter denen sie arbeiten,
bewußt sind.
4. Nachdem wir die Form, in der die Arbeit dem Individuum in ihrer Negativität erscheint, dargestellt haben, stellt
sich noch die Frage nach der praktisch-tätigen, befreienden Seite der Arbeit.
Die Arbeit als freie Arbeit hat sich ohne fremdes Diktat, ohne Vermittlung, das heißt ohne die gegenständlich-fremde
Form der Arbeitsbedingungen, die zu ihrer Ausübung notwendig sind, zu vollziehen. Der Arbeiter verwirklicht sich in
diesem Falle in
-61-
seiner Arbeit als Grundkategorie seines menschlichen Daseins unmittelbar, er bestätigt sich in seiner Tätigkeit und in
seinem Gegenstande. Die Mittel, seine Tätigkeit verwirklichen zu können, sind ihm zu eigen, damit aber auch der
Prozeß, in dem seine Tätigkeit abläuft. Die bewußte Identität dieses Ablaufes löst die theoretische Problematik auf,
vernichtet den gesellschaftlichen Schein als verdinglichte überpersonale Macht und verwirklicht die Existenz des
Individuums als wirkliche menschliche Existenz. Die Arbeit ist hier ihrer einseitigen Gestalt, als Erwerbstätigkeit, die
die Existenz des Arbeiters allein ermöglicht, entkleidet, sie ist allseitig verwirklicht, als Verwirklichung des Menschen
selbst, als die ihm eigentümliche Weise, sich in seiner Totalität mit der Natur und mit der Gesellschaft
auseinanderzusetzen. Bewußte Arbeit ist die ihm allein eigentümliche Weise, in der er sich von dem Tier
unterscheidet. "Die bewußte Lebenstätigkeit unterscheidet den Menschen unmittelbar von der tierischen
Lebenstätigkeit" (MEGA, I, 3, S. 88. MEW, Ergänzungsband, 1. Teil, S. 516).
Die Arbeit ist keine Sache mehr, sie ist nicht mehr in der Verfügungsgewalt des Kapitals als Funktion seiner
Verwertungsbedürfnisse. Was der Mensch in der bürgerlichen Gesellschaft ist, und was Marx mit den Worten
resümiert:
"Die Nationen sind nur Ateliers der Produktion, der Mensch ist eine Maschine zum Konsumieren und Produzieren;
das menschliche Leben ein Kapital; die ökonomischen Gesetze regieren blind die Welt. Für Ricardo sind die
Menschen nichts, die Produkte alles" (MEGA, I, 3, S. 114. MEW, Ergänzungsband, 1. Teil, S. 494)
-62-
chung seiner Tätigkeit ist das notwendige, natürliche, aber nicht mehr fremde, ihm entzogene Produkt, es ist die
durchaus persönliche, nicht mehr sachliche Form der Arbeit, das Verhältnis des Arbeiters zu seinem Produkt als ein
unmittelbares. Weder das Produkt noch die Tätigkeit sind ihm in dieser Form sucht fremd; seine Universalität
manifestiert sich ihm in der Vermenschlichung seiner Beziehungen, die ihn als organischen Teil in Natur und
Gesellschaft eingliedemn. Sein Gattungs- und individuelles Leben fallen zusammen.
Der Mensch bewährt sich als Mensch nur in der bewußten Lebenstätigkeit gegenüber der Natur, als universell
produzierender Mensch, der über sein physisches Bedürfnis hinaus produziert (MEGA, I, 3, S. 88. MEW,
Ergänzungsband, 1. Teil, S. 517). Er eignet sich in der Arbeit die Außenwelt, die sinnliche Natur an (MEGA, I, 3, S. 84).
Sie ist also einmal Bedingung der Arbeit, insofern keine Arbeit ohne Gegenstände leben kann und ferner Mittel der
physischen Subsistenz (MEGA, I, 3, S. 84. MEW, Ergänzungsband, 1. Teil, S. 512/13).
"Die Natur ist der unorganische Leib des Menschen, nämlich die Natur, soweit sie nicht selbst menschlicher Körper
ist. Der Mensch lebt von der Natur, heißt: Die Natur ist sein Leib, mit dem er in beständigem Prozeß bleiben muß, um
nicht zu sterben. Daß das physische und geistige Leben des Menschen mit der Natur zusammenhängt, hat keinen
andren Sinn, als daß die Natur mit sich selbst zusammenhängt, denn der Mensch ist ein Teil der Natur." (MEGA, I, 3,
S. 87. MEW, Ergänzungsband, 1. Teil, S. 516)
Der Mensch sieht sich in der von ihm geschaffenen Welt, wenn er sie in freier, bewußter Tätigkeit produziert und sich
geistig aneignet. In bewußter Tätigkeit befreit er sich in und mit der Natur von dem nur natürlichen, physischen
Zwang; er realisiert sich als Mensch, indem er sich ihr entgegenstellt, der "Mensch macht seine Lebenstätigkeit selbst
zum Gegenstand seines Wollens und seines Bewußtseins" (MEGA, I, 3, S. 88. MEW, Ergänzungsband, 1. Teil, S. 516).
Fassen wir das Gesagte mit den Worten Marx‘ zusammen:
"Der Mensch eignet sich sein allseitiges Wesen auf eine allseitige Art an, also als ein totaler Mensch. Jedes
seiner menschlichen Verhältnisse zur Welt, Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Fühlen, Denken, Anschauen,
Empfinden, Wollen, Tätigsein, Lieben, kurz alle Organe seiner Individualität, wie die Organe, welche unmittelbar in
ihrer Form als gemeinschaftliche Organe sind, sind [63] in ihrem gegenständlichen Verhalten oder in
ihrem Verhalten zum Gegenstand die Aneignung desselben. Die Aneignung der menschlichen Wirklichkeit, ihr
Verhalten zum Gegenstand ist die Betätigung der menschlichen Wirklichkeit; menschliche Wirksamkeit und
menschliches Leiden, denn das Leiden, menschlich gefaßt, ist ein Selbstgenuß des Menschen." (MEGA, I, 3, S. 118.
MEW, Ergänzungsband, 1. Teil, S. 539/ 40)
Die eminente Bedeutung der Philosophisch-ökonomischen Manuskripte sehen wir - als Folge der textkritischen
Untersuchung - in der Tatsache, daß, wie Marcuse bemerkt, der Ausgangspunkt vom Begriff der Arbeit im Anschluß
an Hegel die "ganze Geschichte des menschlichen Wesens"*2.38 zur Grundlage hat, in der Arbeit als ontologische
Kategorie die "Wesensgeschichte des Menschen"*2.39 aufgezeigt wird und somit ein Abgleiten in eine
fachwissenschaftlich enge Fassung des Begriffes verhindert. Marx weist in diesem Falle erst noch nach, daß letzteres
nicht ein methodologisches Hilfsmittel, sondern eine notwendige Folge des Auftretens der Arbeit als eine
versachlichte, entfremdete Kategorie ist. Nur auf dieser Grundlage kann die weitere Entwicklung des Stoffes bei Marx
verstanden werden.
Bevor wir uns den methodologischen Ausführungen Marx im "Kapital" zuwenden, möchten wir uns noch mit der
Frage auseinandersetzen, wieso Marx es bei der, wie Marcuse es ausdrückt, "philosophischen" Interpretation des
Arbeitsbegriffes und der daraus sich entfaltenden Bestimmungen der modernen bürgerlichen Gesellschaft nicht
bewenden ließ*2.40 .
-64-
Wie sehr man auch in der Interpretation die Frühschriften vernachlässigt hat - was selbst für die Zeit als die
Ökonomisch-philosophischen Manuskripte und die "Deutsche Ideologie" noch nicht bekannt waren, für die "Heilige
Familie" zutrifft -‚so kann von einer Revision der Interpretation im Hinblick auf die Ursprünge unseres Erachtens - wie
erwähnt - nur in einem beschränkten Sinne die Rede sein. Daß die Theorie und Kritik philosophisch beginnen, steht
außer Zweifel, daß sie nur so fortgeführt werden, bzw. keine wesentlich außerphilosophischen Erweiterungen
erfahren, die nicht allein material, sondern auch formal von Belang sind, muß verneint werden. Wobei die
ursprünglichen Unzulänglichkeiten und Lücken von Marx selbst herausgearbeitet werden.
Im Gegensatz zu Hegel, der die entfremdete Arbeit nur in Form der geistigen Arbeit kennt, hatte Marx die
Entfremdung in der kritischen Verarbeitung der Werke der Klassiker der politischen Ökonomie als eine wirkliche
nachgewiesen, als die sich subjektiv in der Tätigkeit und objektiv im Gegenstand entfremdende Arbeit. Der Nachweis,
daß das Wesen der Kategorien ein ontologisches ist, genügte nicht; dieser Nachweis mußte ergänzt werden durch die
Darstellung der wirklichen Bewegung der Formen dieser Kategorien als notwendiges Korrelat zu ihrem ontologischen
Wesen, dies hieß aber die kritische Analyse des Mechanismus, in dem sich die praktische Selbstbetätigung des
Menschen in entfremdeten Kategorien äußert, durchführen. Die Analyse verfuhr zweischichtig. Was nur Gegenstand
der Philosophie zu sein schien, wurde zum Gegenstand der Nationalökonomie, was in der begrifflichen Auflösung nur
ein Schemen zu sein schien, mußte in dem erscheinenden äußeren Dasein als wirklich erwiesen werden.
Der Ansatz zu dieser kritischen Erweiterung liegt schon in den Ökonomisch-philosophischen Manuskripten, wo Marx
sagt:
"erst durch die entwickelte Industrie, i. e. durch die Vermittlung des Privateigentums wird das ontologische Wesen
der menschlichen Leidenschaft sowohl in seiner Totalität als in seiner Menschlichkeit..." (MEGA, I, 3, S. 145. MEW,
Ergänzungsband, 1. Teil, S. 563. von uns ausgezeichnet. - 0. M.)
, was wie-
-65-
derum nichts anderes heißt, als daß erst in der entwickeltsten Form der auf Privateigentum beruhenden
Produktionsweise das wahre ontologische Wesen der Kategorien erfaßt werden kann, und daß die Überwindung der
entfremdeten Wirklichkeit der Durchbruch zur wirklichen Menschlichkeit ist. Dies ist kein philosophisches Beginnen
mehr, sondern der Aufweis, daß die Bewegungsgesetzlichkeit der realen Daseinsformen als das praktische Tun des
Menschen die Überwindung und Aufhebung des entfremdeten Zustandes impliziert. Das praktische Tun des
Menschen ist die entwickelte Industrie, die Gesetze dieses Tuns sind Gegenstand der Nationalökonomie, die
sichtbare Struktur dieser Gesetze ist das äußere uneigentliche Dasein des Menschen. Ist dieses äußere uneigentliche
Dasein des Menschen Bedingung für die Erkenntnis seines eigentlichen Wesens, dann ist es notwendiges, reales
Dasein. Im Fortschreiten erfaßte die Kritik an dieser als notwendig gewußten Form der Äußerlichkeit, der
Entfremdung, in immer differenzierterer Weise die Beziehungen und Bestimmungen, in denen sich das Verhältnis der
emnfremdeten Kategorien zu ihrem wahren Wesen und vice versa gestaltet.
Nach Marcuse ist das Faktum Arbeit als entfremdete Arbeit von Anfang an ein allgemeines ökonomisches Phänomen,
das das Wesen des Menschen betrifft, dessen Fundierungszusammenhang jedoch ein philosophischer, ontologischer
ist. So gebe Marx sofort die übliche Dreigliederung der politischen Ökonomie: Boden, Kapital und Arbeit auf und
verfahre in medias res dialektisch. Die Rückführung dieser Kategorien auf ihr eigentliches Wesen bedeutet indessen
auf dem Boden der Selbstkritik der bürgerlichen Gesellschaft erst ihre begrifflich-formale Auflösung, nicht aber ihre
wirkliche, da sie bestehende, reale Daseinsformen und Bestimmungen dieser Gesellschaft selbst sind. Und so sieht
Marx, daß in der Darstellung dieses Prinzip mangelhaft, dem Gang der Sache nicht gemäß ist und der Schein entsteht,
als ob die Entwicklung aus dem Begriff zustande komme; also doch wieder Hegel.
Es ist gerade dies, was Marx an Lassalle rügt. In einem Brief an Friedrich Engels vom 1. Februar 1858 schreibt er:
"Ich sehe aus dieser einen Note, daß der Kerl vorhat, die politische Ökonomie hegelsch vorzutragen in seinem 2.
großen opus. Er wird zu seinem Schaden kennenlernen, daß es ein ganz andres Ding ist, durch Kritik eine
Wissenschaft erst auf den Punkt zu bringen, um sie dialektisch darstellen zu können, oder ein abstraktes,
fer- [66] tiges System der Logik auf Ahnungen eben eines solchen Systems anzuwenden." ()*2.41
Und zwei Monate später entwickelt er den Plan seiner Kritik der politischen Ökonomie:
1. Vom Kapital,
2. Grundeigentum,
3. Lohnarbeit,
4. Staat,
5. Internationaler Handel,
6. Weltmarkt,
wo also die Dreigliederung mit Absicht wieder aufgenommen wird, das heißt die Darstellung in der Form der
entfremdeten Kategorien.
Bezeichnend ist die Marxsche Bemerkung: ". . . durch Kritik eine Wissenschaft erst auf den Punkt bringen .. ."; das
hieß für ihn, der damals schon seit einigen Jahren in England weilte und sich in noch intensiverer Weise als während
seines Pariser Exils auf Grund der Quellen selbst mit den Klassikern und der Geschichte der politischen Ökonomie
beschäftigt hatte, sich dieser Wissenschaft gründlich zu bemächtigen, sich auf ihr ureigenstes Feld zu begeben, ihre
Kategorien, die ihr als schlechthin begrifflich-abstrakte Kategorien erscheinen, als wirkliche Existenzbestimmungen
der bürgerlichen Gesellschaft nachweisen. So sind die Ökonomisch-philosophischen Manuskripte in einem engeren
Sinne doch noch ein "fertiges System der Logik auf Ahnungen eben eines solchen Systems", wenn sich darin auch
schon die endgültige Überwindung der mystifizierten hegelschen Form der Entfremdung findet und sie als praktisch-
wirkliche der kapitalistischen Produktionsverhältnisse verstanden wird, was wieder nichts anderes heißt, als daß die
diese Verhältnisse ausdrückenden Kategorien das eigentliche Wesen des Prozesses verdeckende Kategorien sind.
Dieser positive Teil der Darstellung geht in die späteren Schriften von Marx über, bereichert und erweitert durch die
adäquatere Form, die er dem Gegenstand gemäß entwickelt, die aber - wir möchten dies nochmals betonen - ohne
die in den Ökonomisch-philosophischen Manuskripten geleisteten Vorarbeiten nicht möglich gewesen und uns heute
nur schwer verständlich wären.
Im "Kapital" wandelt sich das äußere Bild nochmals, das heißt, die Darstellung ist nun, da sie die Kritik ganz hinter
sich hat, der Sache völlig gemäß und faßt das "Philosophische", das heißt den Fundierungszusammenhang mit dem
hinter den Phänomenen liegenden Wesen der kapitalistischen Gesellschaft in sich.
-67-
Für Marx ist der "rohe" Kommunismus nur die gedankenlose Vollendung der Selbstentfremdung im Privateigentum,
und sein Geheimnis gibt er preis im Anspruch auf Allgemeinheit. Es ist dies die erste Form, in der sich die
Selbstentfremdung weiß: in der allgemeinen und vollendeten Gemeinsamkeit, die das Privateigentum als ein "zur
Auflösung treibendes Verhältnis" (MEGA, I, 3, S. 111. MEW, Ergänzungsband, 1. Teil, S. 533) in sich schließt.
Alle utopischen Systeme der Sozialisten sehen immer nur eine Seite des Widerspruches: entweder die "objektive
Seite" des Privateigentums (Proudhon), das Kapital, den Zustand, der die Entfremdung selbst ist ("die objektive Arbeit
als Ausschließung der Arbeit". - MEGA, I, 3, S. 111. MEW, Ergänzungsband, 1. Teil, S. 533) und ihrer Aufhebung
entgegensteht oder die "subjektive Seite" des Privateigentums (Fourier, St. Simon), die Arbeit als "nivellierte,
parzellierte und darum unfreie Arbeit" (MEGA, I, 3, S. 111. MEW, Ergänzungsband, 1. Teil, S. 534), welches die in ihrer
Tätigkeit entfremdete Arbeit ist.
So setzt der "rohe" Kommunismus die exklusiven Seiten des Privateigentums nicht als aufgehobene Momente eines
neuen Ganzen, sondern als allgemein gewordene Bestimmungen des entwickelten Wesens des Privateigentums.
"Beide Seiten des Verhältnisses sind in eine vorgestellte Allgemeinheit erhoben, die Arbeit als die Bestimmung, in
welcher jeder gesetzt ist, das Kapital als die anerkannte Allgemeinheit und Macht der Gesellschaft." (MEGA, I, 3, S.
112/13. MEW, Ergänzungsband, 1. Teil, S. 535)
In dieser "vorgestellten Allgemeinheit" werden die exklusiven Seiten zu universellen erhoben, das heißt was in
Zustand und Tätigkeit je einzelne Seiten des Verhältnisses sind, soll alles erfassen. Es ist nicht die wirkliche, praktische
Überwindung der Entfremdung, sondern: "Dieser Kommunismus - indem er die Persönlichkeit des Menschen überall
negiert - ist eben nur der konsequente Ausdruck des Privateigentums, welches diese Negation ist" (MEGA, I, 3, S. 112.
MEW, Ergänzungsband, 1. Teil, S. 534).
Diese "Gemeinschaft der Arbeit", die "Gleichheit des Salärs" und die vorgestellte Gemeinschaft als allgemeiner
Kapitalist ist Ausdruck der Rebellion von unten.
"Wie wenig diese Aufhebung [68] des Privateigentums eine wirkliche Aneignung ist, beweist eben die abstrakte
Negation der ganzen Welt der Bildung und der Zivilisation, die Rückkehr zur unnatürlichen Einfachheit des armen,
rohen und bedürfnislosen Menschen, der nicht über das Privateigentum hinaus, sondern noch nicht einmal bei
demselben angelangt ist." (MEGA, I, 3, S. 112. MEW, Ergänzungsband, 1. Teil, S. 535)
Ist der rohe Kommunismus als vorgestelltes Eigentum aller an allem (als
Gütergemeinschaft, "Weibergemeinschaft" usw.) das vollendete Außersichsein des Menschen, die Aufhebung
aller gesellschaftlich gewordener Wesenskräfte des Menschen, so ist er "nur eine Erscheinungsform von der
Niedertracht des Privateigentums, das sich als das positive Gemeinwesen setzen will" (MEGA, I, 3, S. 113. MEW,
Ergänzungsband, 1. Teil, S. 536). Das Privateigentum als die negative Ausprägung aller menschlichen Verhältnisse
findet darin seinen höchsten Ausdruck und seine umfassendste Vollendung.
"Der physische, unmittelbare Besitz gilt ihm (dem rohen Kommunismus. - 0. M.) als einziger Zweck des Lebens und
Daseins; die Bestimmung des Arbeiters wird nicht aufgehoben, sondern auf alle Menschen ausgedehnt; das
Verhältnis des Privateigentums bleibt das Verhältnis der Gemeinschaft zur Sachenwelt..." (MEGA, I, 3, S. 112. MEW,
Ergänzungsband, 1. Teil, S. 534)
Die "positive Aufhebung des Privateigentums" dagegen ist die "wirkliche Aneignung des menschlichen Wesens durch
und für den Menschen" (MEGA, I, 3, S. 114. MEW, Ergänzungsband, 1. Teil, S. 536), sie ist "die vollständige, bewußt
und innerhalb des ganzen Reichtums der bisherigen Entwicklung gewordne Rückkehr des Menschen für sich als
eines gesellschaftlichen, d. h. menschlichen Menschen" (MEGA, I, 3, S. 114. MEW, Ergänzungsband, 1. Teil, S. 536).
"Dieser Kommunismus ist als vollendeter Naturalismus = Humanismus, als vollendeter Humanismus = Naturalismus,
er ist die wahrhafte Auflösung des Widerstreites zwischen dem Menschen mit der Natur und mit dem Menschen, die
wahre Auflösung des Streites zwischen Existenz und Wesen, zwischen Vergegenständlichung und Selbstbestätigung,
zwischen Freiheit und Notwendigkeit, zwischen Individuum und Gattung. Er ist das aufgelöste Rätsel der Geschichte
und weiß sich als diese Lösung." (MEGA, I, 3, S. 114. MEW, Ergänzungsband, 1. Teil, S. 536)
-69-
Ist der Zeugungsakt des Privateigentums die vergegenständlichte, entfremdete Arbeit und dies einmal in Gang, die
Voraussetzung zur ständigen Reproduktion dieses Verhältnisses, so findet sich in der Bewegung des Privateigentums
die "empirische, als (auch) theoretische Basis" (MEGA, I, 3, S. 114. MEW, Ergänzungsband, 1. Teil, S. 536) zur
Aufhebung der menschlichen Selbstentfremdung.
"Seine Bewegung - die Produktion und Konsumtion - ist die sinnliche Offenbarung von der Bewegung aller bisherigen
Produktion, d. h. Verwirklichung oder Wirklichkeit des Menschen." (MEGA, I, 3, S. 115. MEW, Ergänzungsband, 1. Teil,
S. 537)
Was sich in der Bewegung des Privateigentums als kategorielle "Daseinsform" (geistig) entäußert und sich als
außermenschliche Macht fixiert "sind nur besondre Weisen der Produktion und fallen unter ihr allgemeines
Gesetz" (MEGA, I, 3, S. 115. MEW, Ergänzungsband, 1. Teil, S. 537), so: Religion, Familie, Staat, Recht, Moral,
Wissenschaft, Kunst usw. (MEGA, I, 3, S. 115. MEW, Ergänzungsband, 1. Teil, S. 537). Es sind die sichtbaren, wirklichen
Zeichen der Entfremdung,
"die positive Aufhebung des Privateigentums, als die Aneignung des menschlichen Lebens, ist daher die positive
Aufhebung aller Entfremdung, also die Rückkehr des Menschen aus Religion, Familie, Staat etc. in sein menschliches,
d. h. gesellschaftliches Dasein." (MEGA, I, 3, S. 115. MEW, Ergänzungsband, 1. Teil, S. 537)
Unter demselben Aspekt wie in der Trennung der bisherigen Überwindung des Privateigentums als die Entfremdung
aller einerseits in die negative Aufhebung (ursprünglicher, roher Kommunismus) und anderseits in der positiven
Aufhebung als der Entfaltung der totalen Wesenskräfte des Individuums sieht Marx das gesellschaftliche Werden aus
der rohen primitiven Form, die noch vorwiegend eine natürliche, rein physische ist, in die entfaltete, vielseitige Form.
Die Vergegenständlichung des menschlichen Wesens ist die Voraussetzung, um den "für den ganzen Reichtum des
menschlichen und natürlichen Wesens entsprechenden menschlichen Sinn zu schaffen" (MEGA, I, 3, S. 121. MEW,
Ergänzungsband, 1. Teil, S. 542). Die Gesellschaft produziert den Menschen "in diesem ganzen Reichtum seines
Wesens" jedoch erst auf einer bestimmten historischen Stufe, in der die
-70-
volle Entwicklung der entfremdeten Kategorien, deren Aufhebung ermöglicht. Diese Aufhebung kann indessen nur
die Aufhebung ihres gegenständlichen Daseins sein, was keine Aufgabe der Erkenntnis allein mehr ist, "sondern eine
wirkliche Lebensaufgabe..., welche die Philosophie nicht lösen konnte, eben weil sie dieselbe als nur theoretische
Aufgabe faßte" (MEGA, I, 3, S. 121. MEW, Ergänzungsband, 1. Teil, S. 542).
2.C) Die prozessuale Einheit von Wesen und Erscheinung
Marx hat das "Kapital" ausdrücklich als eine Fortsetzung seiner "Kritik der politischen Ökonomie" bezeichnet*2.42 .
Besonders in Fußnoten bezieht er sich immer wieder auf diese, so daß nur eine Präzisierung der früher
ausgearbeiteten methodologischen Grundlage erwartet werden kann, nicht aber ein grundsätzlicher Wandel. Die von
Marx verwendete Terminologie hat sich in der methodischen und materialen Arbeit verfestigt, es ist eine, wie er
sagt, "von mir geschaffene Terminologie" (K, I, S. 5. MEW, Bd. 23, S. 11).
Marx untersucht eine bestimmte, das heißt historisch gewordene Produktionsweise, und zwar die kapitalistische, mit
den "ihr entsprechenden Produktions- und Verkehrsverhältnissen" (K, I, S. 6. MEW, Bd. 23, S. 12). Das Ziel seiner
Arbeit faßt er zusamment mit den Worten: ".. . es ist der letzte Endzweck dieses Werkes, das ökonomische
Bewegungsgesetz der Gesellschaft zu enthüllen" (K, I, S. 7/8. MEW, Bd. 23, S. 15/16), oder wie er an anderer Stelle
sagt, das "Naturgesetz ihrer Bewegung" (K, I, S. 7. MEW, Bd. 23, S. 15), das "Naturgesetz der kapitalistischen
Produktion" (K, I, S. 6. MEW, Bd. 23, S. 12). Es sind vorerst nicht die Besonderungen des gesellschaftlichen Prozesses,
nicht die verschiedenen "Entwicklungsgrade der gesellschaftlichen An-
-71-
tagonismen", die ihn beschäftigen, sondern das Gesetz als solches, "diese mit eherner Notwendigkeit wirkenden und
sich durchsetzenden Tendenzen" (K, I, S. 6. MEW, Bd. 23, S. 12).
Was Marx veranlaßt, von einem Naturgesetz zu sprechen, ist durchaus nicht nur, wie etwa Sombart*2.43 meint, eine
Nachwirkung der naturrechtlichen Auffassung, des ordre naturel, sondern die Tatsache, daß für die Beteiligten der
Wirtschaftsprozeß seinem wirklichen Wesen nach unerkannt als fremder, sachlicher Vorgang abläuft, sich über ihre
Köpfe hinweg mit naturnotwendiger Gesetzlichkeit vollzieht, ihnen je nach ihrer Stellung im Produktionsprozeß als
die unpersönliche Macht des Kapitals, des Marktes usw. erscheint. Der Begriff der Naturgesetzlichkeit, dem sich
realiter der Mensch unterwirft, da ihn die äußeren Bedingungen des Produktionsverhältnisses unterwerfen (in der
Entfremdung und Verdinglichung), ist als die historisch-logische Konkretion eines bestimmbaren gesellschaftlichen
Zustandes aufzufassen, nicht aber im kausal-mechanistischen Sinne der naturwissenschaftlichen Gesetzlichkeit, in
abstrakt-unhistorischer Geltung.
".. . die jetzige Gesellschaft (ist) kein fester Kristall, sondern ein umwandlungsfähiger und beständig im Prozeß der
Umwandlung begriffener Organismus..." (K, I, S. 8. MEW, Bd. 23, S. 16)
, mit diesen Worten ist schon der abstrakte Gesetzesbegriff verneint. In einem kurzen Apercu behandelt Marx im
Nachwort zur zweiten Auflage des "Kapitals" zunächst den ideologischen Charakter der politischen Ökonomie, die
nur Wissenschaft bleiben könne, "solange der Klassenkampf latent bleibt oder sich in nur vereinzelten Erscheinungen
offenbart" (K, I, S. 12. MEW, Bd. 23, S. 20), das heißt solange der Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit noch nicht
entwickelt ist, in der "Periode des unentwickelten Klassenkampfes" (K, I, S. 12. MEW, Bd. 23, S. 20). Hier wird
unmißverständlich die Auffassung von der Seinsgebundenheit - oder wie Mannheim sagt, von der
Standortgebundenheit - der Erkenntnis vertreten und die Scheidelinie der progressiven von der apologetischen
Periode historisch gezogen. Nach Eroberung der Macht durch das Bürgertum trete "an die Stelle unbefangener
wissenschaftlicher Untersuchung das böse Gewissen und die schlechte Absicht der Apologetik" (K, I, S. 13. MEW, Bd.
23, S. 21).
-72-
Davon ausgenommen ist der die Interessenlage des Proletariats einnehmende Wissenschaftler, das heißt die Kritik
der politischen Ökonomie, die das Dasein des Proletariats als die durch die Produktionsverhältnisse hervorgerufene
vollkommene Negation seiner menschlichen Selbstentfaltung begreift, denn "eine originelle Fortbildung der
´bürgerlichen´ Ökonomie" ist nicht mehr möglich. Damit wird auch jede "reine", "generelle", "ewige" Theorie der
Wirtschaft auf ihren historischen Stand hin relativiert.
Der Vorgang der Ideologiebildung ist nicht notwendig verbunden mit den Schwierigkeiten des geistigen
Produktionsaktes, in dem sich die begriffliche, konkrete, bewußte Wirklichkeit im Entstehungsprozeß umkehrt - was
nur die natürliche, abstrakte Seite des Subjekt-Objekt-Verhältnisses verdeutlicht -‚ sondern mit der historisch-
konkreten Form, in der dieses Verhältnis auftritt, innerhalb des Kapitalismus mit den besonderen Formen, in denen
den Beteiligten das Produktionsverhältnis bewußt wird, das heißt in den Formen der Verdinglichung, Entfremdung
und Fetischisierung. Die Gegensätze der kapitalistischen Produktionsweise reproduzieren sich auf immer erhöhter
Stufenleiter und schlagen in ihrer begrifflichen Systematisierung auf dem Höhepunkt ihrer Entwicklung in die
Apologie um. Die wissenschaftliche Kritik dieses Zustandes setzt somit nicht nur die Ansätze der Selbstkritik, sondern
auch diese Wendung zur Apologetik voraus. Georg Lukács charakterisiert den Prozeß folgendermaßen:
"Mit der Wendung zur Apologetik wird die Linie Ricardos zu einer direkten und vulgären Apologetik des Kapitalismus
verzerrt und erniedrigt. Aus der romantischen Kritik des Kapitalismus (Sismondi. - 0. M.) entwickelt sich eine
kompliziertere und prätenziösere, aber nicht minder verlogene und eklektische Apologetik der bürgerlichen
Gesellschaft, ihre indirekte Apologetik, ihre Verteidigung von ihren ´schlechten Seiten´ her." (Lukács)*2.44
Die Wendung zur Apologie vollzieht sich in der Periode der Stabilisierung der bürgerlichen Gesellschaft, das heißt zu
jener Zeit, als der Kampf gegen den feudal-absolutistischen Staat im wesentlichen beendet ist, bzw. sich zugunsten
des "dritten Standes" entscheidet. Da die gemeinsam bindenden Ziele im Kampfe
-73-
gegen den Absolutismus erreicht sind, verschärfen sich innerhalb des "dritten Standes" die Klassengegensätze
zwischen Bürgertum und Proletariat, das Bürgertum tritt aus der revolutionären Phase in die evolutionär-
konservative. Wie Marx bemerkt, zeigt sich dieser Wandel bereits bei James Mill, der die "Einheit von Gegensätzen
(in den ökonomischen Verhältnissen. - 0. M.) zur unmittelbaren Identität dieser Gegensätze" (TM, III, S. 99. MEW, Bd.
26.3, S. 84) macht. Die nachricardianische Zeit, die Zeit der Vulgärökonomie, faßt er folgendermaßen zusammen:
"Die Vulgärökonomie kömmt sich um so einfacher, naturgemäßer und gemeinnützlicher, um so entfernter von aller
theoretischen Spitzfindigkeit vor, je mehr sie in der Tat nichts tut, als die ordinären Vorstellungen in eine doktrinäre
Sprache übersetzen. In je mehr entfremdeter Form sie daher die Formationen der kapitalistischen Produktion
auffaßt, um so näher ist sie dem Element der gewöhnlichen Vorstellung, also um so mehr schwimmt sie in ihrem
Naturelement. Außerdem tut das sehr gute Dienste für die Apologetik." (TM, III, S. 575 MEW, Bd. 26.3, S. 493)
Daß es abwegig wäre, die Kritik als den Deus ex machina, als ein übersinnliches neues Bewußtsein aufzufassen, geht
aus den Worten Marx‘ hervor. Sie liegt im Schnittpunkt zweier interferierender Reihen: der Selbstkritik und der
Apologie; sie ist insofern empirisch, als sie sich in der materialen Ausführung des Stoffes neu bemächtigt, ihn mit den
gegebenen Produktionsverhältnissen neu konfrontiert, insofern formal-theoretisch als sie die vorgefundene
systematische Fassung der Kategorien aufnimmt, das heißt an die herrschende Theorie anknüpft, sie indessen in
ihren Beziehungen zum Gesamtprozeß neu bestimmt. Die Abgrenzung und die Kritik der politischen Ökonomie ist
somit nicht unabhängig von dem Weg, auf dem sie geworden ist. Damit ist aber jede Willkür nicht nur in bezug auf
das Was, sondern auch in bezug auf das Wie ausgeschaltet*2.45 .
Marx hat ferner in dem Nachwort zur zweiten Auflage des "Kapitals" einige Einwände zusammengestellt, die gegen
seine Methode vorgebracht wurden, um dann seinen Standpunkt - auf den Schumpeter in seiner Kritik eingeht - kurz
darzulegen.
Man wirft seiner Methode vor, sie sei "metaphysisch", "deduktiv", "analytisch", "realistisch", "deutsch-dialektisch":
die Kri-
-74-
tik hat - wie wir sehen - später wenig Neues hinzugefügt; es finden sich hier alle Epitheta, die immer wieder auftreten
und entweder gegen die formale oder inhaltliche Seite des Werkes ins Feld geführt werden.
Marx läßt sein Verfahren durch einen russischen Rezensenten des "Kapitals" rekapitulieren und stimmt zu:
Das Gesetz der gesellschaftlichen Entwicklung ist ein historisches, es bestimmt den Übergang der Formen in der
Ordnung des Zusammenhanges, es impliziert die Relativität einzelner Entwicklungsstadien, die im Prozeß
immanenter Entfaltung auseinander hervorgehen und verneint die abstrakt-allgemeine Bedeutung dieses Prozesses.
Es ist nicht die Idee, sondern der Stoff selbst, aus dem das Gesetz der kapitalistischen Wirtschaft gewonnen werden
kann (K, I, S. 16/17. MEW, Bd. 23, S. 26). Marx ergänzt, daß die "Darsteilungsweise (sich) formell von der
Forschungsweise unterscheiden" (K, I, S. 17. MEW, Bd. 23, S. 27) müsse, denn:
"Die Forschung hat den Stoff sich im Detail anzueignen, seine verschiedenen Entwiddungsformen zu analysieren und
deren inneres Band aufzuspüren. Erst nachdem diese Arbeit vollbracht, kann die wirkliche Bewegung entsprechend
dargestellt werden." (K, I, S. 17. MEW, Bd. 23, S. 27)
Seine Bemerkungen am Ende dieses Nachwortes haben dazu verleitet, so scheint es wenigstens im Falle Schumpeter,
die detail-wissenschaftliche Arbeit von der "dialektischen" Darstellung zu trennen, schreibt hier doch Marx selbst,
daß er mit der Hegel "eigentümlichen Ausdrucksweise" im Kapitel über die Werttheorie "kokettiert" (K, I, S. 18. MEW,
Bd. 23, S. 27) habe. Die entscheidenden Sätze sind jedoch die, wo Marx sich als Schüler "jenes großen Denkers" (K, I,
S. 18. MEW, Bd. 23, S. 27) bekennt, der die Dialektik in ihren "allgemeinen Bewegungsformen zuerst in umfassender
und bewußter Weise dargestellt hat" (K, I, S. 18. MEW, Bd. 23, S. 27), allerdings in mystifizierter Form, die den
wirklichen Tatbestand auf den Kopf stelle. So betont er dann mit Recht, daß seine dialektische Methode der
Grundlage nach (K, I, S. 17. MEW, Bd. 23, S. 27) - in ihrer Fundierung, nicht aber in ihrer formalen Entwicklung (s. u.) -
von der Hegelschen "nicht nur verschieden, sondern ihr direktes Gegenteil" (K, I, S. 18. MEW, Bd. 23, S. 27) ist*2.46 .
-75-
Wenn man sich der Fundierung der Marxschen Dialektik nicht bewußt ist, liegt es nahe, sie mit der Hegelschen zu
identifizieren, denn das allgemeine Gesetz der Bewegung findet sich bei Marx genauso formuliert wie bei Hegel, nur
daß für ihn diese Form eine jener "verständigen Abstraktionen" (Kr, S. 218. MEW, Bd. 13, S. 617) ist, die den
wirklichen Gang des Prozesses von seiner Konkretion denkökonomisch abstrahiert, nicht also wie bei Hegel schon
dieser Prozeß selbst. Eine solche allgemeine Formulierung findet sich bei Marx in seiner Schrift gegen Carl Heinzen:
"Jede Entwicklung, welches ihr Inhalt sei, läßt sich darstellen als eine Reihe von verschiedenen Entwicklungsstufen,
die so zusammenhängen, daß die Eine die Verneinung der Andern bildet. Entwickelt sich z. B. ein Volk von der
absoluten Monarchie zur konstitutionellen Monarchie fort, so verneint es sein früheres politisches Dasein. Auf
keinem Gebiet kann man eine Entwicklung durchlaufen, ohne seine frühere Existenzweise zu
verneinen." (Marx)*2.47
Aber diese gedankliche Abstraktion ist sinnlos, wenn sie außerhalb des geschichtlichen Ganges als allgemeines
Prinzip gesehen wird, und so gelten auch hier die Worte Tertullians, der von der Aristotelischen Dialektik sagte, sie
behandle alles, um schließlich nichts behandelt zu haben.
Wir haben früher darauf hingewiesen, worin der grundlegende Unterschied zwischen der Marxschen und Hegelschen
Dialektik besteht, wir haben indessen auch an verschiedenen Stellen vermerkt, wo sich frappante
Übereinstimmungen finden. Dies tut der originellen Marxschen Leistung nicht im geringsten Abbruch. Es bestätigt
sich aber die überragende Stellung Hegels in der
-76-
philosophischen Entwicklung Marx‘, die Lukács*2.48 , Marcuse*2.49 , Bekker*2.50 und andere gebührend
hervorgehoben haben.
Auf die wichtigsten Probleme müssen wir im Zusammenhang mit der uns beschäftigenden Frage noch eingehen,
denn sie sind ein wesentlicher Bestandteil der Kritik Schumpeters und eine notwendige Ergänzung der textkritischen
Untersuchungen.
1. Marx versteht den dialektischen Prozeß stets in der Einheit von Denken und Sein, von Subjekt und Objekt., Da, wo
diese Einheit zerstört wird, wo Bewußtsein und Wirklichkeit in abstrakter Entgegensetzung nur noch in einen äußeren
Reflexionszusammenhang gebracht werden, sei es im Idealismus oder im vulgären Materialismus, in der
Rationaltheorie oder im Historismus, tritt anstelle der die geistige Reproduktion als Aneignung des realdialektischen
Prozesses verstehenden Methode die Spekulation. Die Zerstörung bzw. Auflösung dieser Einheit ist kein willkürlicher,
sondern ein durchaus realer Akt, der die Situation der Wissenschaft innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft im
allgemeinen charakterisiert. Die Verselbständigung der Methode, mit der ihr nun gegenüber dem Erfassen des
Gegenstandes eigenen Problematik, ist nicht weniger ein Produkt der fortschreitenden Arbeitsteilung, der
Entfremdung und Verdinglichung, als etwa die in der kapitalistischen Wirtschaft auf die Spitze getriebene
Verselbständigung der Produktionsfaktoren. Auch hier vollzieht sich die Wendung im Kulminationspunkt der
gesellschaftlichen Entwicklung, also da, wo die theoretisch bedeutenden Systeme der bürgerlichen Wissenschaft aus
dem progressiven Stadium in der Periode der zunehmenden Stabilisierung der kapitalistischen
Produktionsverhältnisse ins Apologetische umschlagen. Es ist aber auch die Zeit, die eine
wissenschaftlich- "kritische" Verarbeitung des bisher Geleisteten und eine gründliche Aneignung des Materials (im
Gegensatz zu den utopistischen, in den unentwidtelten Verhältnissen noch befangenen kritischen Versuchen der
Vorläufer) zuläßt.
Die damals noch mehr unbewußte, latente Scheidung von Theorie und Geschichte innerhalb der Nationalökonomie
wird von
-77-
Marx vorweg aufgehoben und auf die ihr zugrunde liegende Scheidung des Erkenntnisaktes vom Erkenntnisobjekt
zurückgeführt. Nicht die Aufhebung selbst ist neu, sondern die Art und Weise, wie sie gesehen wird. Auch Hegel
wandte sich schon bei Kant gegen das Mangelhafte der Erkenntniskritik, die als Reflexion über den Gegenstand einen
unüberbrückbaren Dualismus statuierte, wodurch sich eine rein willkürliche, undeterminierte Anwendung der
Methode ergab. Obwohl die Dialektik von Marx erkenntnistheoretisch im materialistischen Sinne verstanden wird,
erfüllt sie die Forderung Hegels:
". . . es kann nur die Natur des Inhaltes sein, welche sich im wissenschaftlichen Erkennen bewegt, indem zugleich
diese eigene Reflexion des Inhaltes es ist, welche seine Bestimmung selbst erst setzt und erzeugt." (Hegel)*51
Ist bei Hegel das Bewußtsein die konkrete Form des Geistes, die geistige Bewegung, die im Selbstbewußtsein als ihrer
Veräußerlichung in sich zurückgenommen werden muß, so bei Marx das erkennende Sein, als Einheit von Denken
und Sein, das in der Subjekt-Objekt-Bestimmung über die Erscheinung des wirklichen Prozesses zu seinem Wesen
vordringen muß und die Veräußerlichung (in Form der realen Entfremdung) dann als eine wirkliche weiß. Dies kann
nicht im Bewußtsein, sondern nur durch die praktische, die Wirklichkeit verändernde Tätigkeit aufgehoben werden.
Sie ist also nicht mehr "das Reich des Gedankens philosophisch, d. i. in seiner eigenen immanenten Tätigkeit"*2.52 ,
wohl aber die "immanente Seele des Inhaltes"*2.53 , der praktisch-theoretisch geworden ist. Nichts anderes drückt
Marx aus, wenn er in einem Brief an Arnold Ruge schreibt:
"Wir treten nicht der Welt doktrinär mit einem neuen Prinzip entgegen: Hier ist die Wahrheit, hier kniee nieder! Wir
entwickeln der Welt aus den Prinzipien der Welt neue Prinzipien." (Marx)*54
Der erkenntnistheoretische Standpunkt Marx‘ impliziert den Aktivismus seiner Lehre. Der Weg von der Vorstellung
zum Begriff ist bei ihm nicht nur ein Weg, den das Denken in der Reflexion beschreitet, sondern indem das Denken
immer handelndes Denken ist, ist es zugleich der Weg zur Befreiung vom Zwang der Dinge. Wir erkennen die Welt,
als was sie ist, indem wir in ihr selbst tätig sind, also in der Bewegung, nicht im Sein.
-78-
Diese praktisch-tätige Seite ist die historische Wirklichkeit des Denkens, also nicht ein abstrakt erkanntes Postulat,
sondern der Weg, auf dem das menschliche Bewußtsein geworden ist und sich nach Überwindung der
gesellschaftlich-historischen Bindungen als voll entfaltetes bewußtes Sein entwickeln wird. Das nur theoretische
Verhalten, die Verkennung der menschlichen Praxis als gegenständlicher Tätigkeit, in der das Gattungsvermögen des
Individuums sich realisiert, hat Marx am schärfsten in seinen "Thesen über Feuerbach"*2.55 kritisiert und gleichzeitig
wiederum (früher schon in den "Ökonomisch-philosophischen Manuskripten") gegen den vulgären Materialismus
eindeutig Stellung bezogen. An dieser Stelle findet sich auch eine unmißverständliche Ablehnung der banalen
mechanistischen Auffassung einer äußerlichen Wechselbeziehung von Basis und Überbau*2.56 .
Der konkrete Inhalt der Wirklichkeit geht aus der Reproduktion durch die einzelnen Denkbestimmungen hervor,
durch die abstrakten Kategorien, die aus der Vorstellung in ein begriffliches
-79-
System gebracht werden. Die Wahrheit des Seienden liegt schon in diesen Kategorien, wenn es auch erst eine
partikulare Wahrheit ist. Was bei Hegel erst im Begriff ist, ist bei Marx schon in der Wirklichkeit, muß vorgängig darin
sein. Das Denken durchläuft die Etappen vom vorwissenschaftlichen, vorgestellten und anschaulichen Wissen zum
wissenschaftlichen, in ein begriffliches System gefaßtes Wissen. Dieser Weg ist aber nicht ein Weg, den das Denken
an und für sich geht, denn es genügt nicht, wie Marx einmal sagt, "daß der Gedanke zur Verwirklichung drängt, die
Wirklichkeit muß sich selbst zum Gedanken drängen"*2.57 .
Der Sinnzusammenhang ist bei Marx ein dialektischer, der begrifflich und real zugleich ist, also wirklich: die
Momente, in dem sich dieser Zusammenhang vollzieht, sind im Individuum als einem natürlichen, gesellschaftlichen,
tätigen und mit Bewußtsein begabten Wesen vereinigt. Sein Denken, das in der Einheit der gegensätzlichen
Bewegung dieser Momente sich konkretisiert, ist ein dialektisch spontanes oder gewußtes Denken. In der Vorrede
zur "Phänomenologie des Geistes" sagt Hegel:
"Das Wahre ist das Ganze. Das Ganze aber ist nur das durch seine Entwicklung sich vollendende Wesen." (Hegel)*58
Und die "Einleitung zur Kritik der politischen Ökonomie" läßt keinen Zweifel darüber offen, daß auch Marx die
Wahrheit als die begrifflich gefaßte Totalität aller Daseinsformen in ihrer Bestimmung und ihrem Verhältnis innerhalb
der Einheit versteht. So hebt auch Georg Lukács in "Geschichte und Klassenbewußtsein" hervor:
"Die konkrete Totalität ist. . . die eigentliche Wirklichkeitskategorie." (S. 23. Werke Bd. 2, S. 181)
Der Weg der geistigen Aneignung ist die Zusammenfassung des prozessierenden Ganzen, in dem sich die
bestimmenden Kategorien bereits fixiert haben. Die Gleichgültigkeit der Form dem Inhalte gegenüber wird in dieser
methodischen Arbeit überwunden und als gesellschaftlich bedingte Antinomie der Kontemplation entlarvt. Die
Gleichgültigkeit der Form wird als Kehrseite der sich innerhalb der Totalität verselbständigenden Inhalte bestimmt,
als notwendige Folge einer sich beschleunigenden Desintegration*2.59 .
-80-
2. Rein methodologische Ausführungen, die nur als Hilfsmittel einer präziseren Vergegenwärtigung dienen können,
verleiten zu einer abstrakt-allgemeinen Fassung des dialektischen Prozesses, so auch der sich in den einzelnen
Momenten realisierenden Totalität. Marx hat die Dialektik immer nur konkret verstanden; Das Kleben an den
äußeren Formen der Hegelschen Logik (oder einer dialektischen Logik schlechthin) war ihm zuwider, und wo solche
Versuche unternommen wurden, hat er sie streng verurteilt, sowohl in seiner Schrift gegen Proudhon *2.60 wie
gegenüber Lassalle in einem Brief an Friedrich Engels vom 1. Februar 1858, den wir andernorts zitiert haben*2.61 .
Marx ließ sich nirgends von scheindialektischen Entwicklungen blenden: So bei Proudhon im Gegensatz zu den
Klassikern zum Beispiel. Was die letzteren am konkreten Material aufzeigten, ging ihm weit über die schlecht
verdauten Hegelschen Lehrsätze, die, abstrakt angewandt, das Gesamt des ökonomischen Prozesses unerklärt lassen
mußten. Marx wendet sich in der "Misère de la Philosophie"*2.62 gegen die Proudhonsche Auffassung, als habe
Adam Smith nur die positiven Seiten der Arbeitsteilung gesehen und es J. B. Say als erstem vorbehalten geblieben sei,
die negativen zu erkennen. Dieses differenzierte Vorgehen Marx‘ zeigt, daß sein Nachweis von Widersprüchen in den
Produktionsverhältnissen von ihm nicht so verstanden wurde, als ob es genüge, das Schema des Hegelschen
Dreischrittes auf das Erkenntnisobjekt zu übertragen, die dialektische Methode einfach zu übernehmen und den
Fakten des sozialen Lebens unbesehen aufzuoktroyieren. An Proudhon wiederholt sich in einem vertiefteren Sinne
die Marxsche Kritik an Hegel.
Marx hat auch die Totalität immer konkret verstanden. Sie umfaßt, wie wir in der "Einleitung zur Kritik der politischen
Ökonomie" gesehen haben, alle gesellschaftlichen Verhältnisse einer bestimmten historischen Periode. Die Stellung
der Teilmomente erfährt eine systematische Gliederung, so auch das bloße Faktum, das erst innerhalb des Gesamt,
dem es zugehörig, ein solches ist. Das übliche Verfahren sieht das Faktum allein in seiner Vereinzelung und sucht
nach einer dem wirklichen Gehalt nach äußerlichen Koordination. Formen, die aber nicht innerhalb der
-81-
Einheit gesehen werden, die vom Prozeß ihrer historischen Entfaltung ausgeschlossen sind, bleiben sinnfremd. In den
Anmerkungen zum Anhang seiner Doktordissertation sagt Marx:
"Bringe Papiergeld in ein Land, wo man diesen Gebrauch des Papiers nicht kennt, und jeder wird lachen über deine
subjektive Vorstellung. Komme mit deinen Göttern in ein Land, wo andere Götter gelten, und man wird dir beweisen,
daß du an Einbildungen und Abstraktionen leidest. Mit Recht. Wer einen Wendengott den alten Griechen gebracht,
hätte den Beweis von der Nichtexistenz dieses Gottes gefunden. Denn für die Griechen existierte er nicht. Was ein
bestimmtes Land für bestimmte Götter aus der Fremde, das ist das Land der Vernunft für Gott überhaupt, eine
Gegend, in der seine Existenz aufhört." (Marx)*63
Das Sinnfremde liegt darin, daß das Ganze den Teilmoment nicht einschließt, daß eine gegenstandsfremde, nur
gedanklich mögliche, aber damit irreale Beziehung hergestellt wird. Indirekt verurteilt wird so jede apriorische
Konstruktion, die das Erkenntnisobjekt als einen "Fall" sieht, den sie in den Sinnzusammenhang "einreiht". Um
unzweideutig alle Mißverständnisse, selbst da, wo ein solches Vorgehen ex post dialektisch verkleidet wird, zu
beseitigen, verteidigt Marx Hegel: "Hegel hat nie die Subsumtion einer Masse von ´Cases´ under a general principle
Dialektik genannt*2.64 ." Wohl ist Hegels Dialektik eine Begriffsdialektik, in der der Weltgeist als causa movens die
Teilmomente aus sich heraus entläßt und sie im Absoluten wieder in sich zurücknimmt; anderseits ist die Hegelsche
Dialektik ambivalent, sie trägt unverkennbar materialistische Züge, was aus der geschichtlichen Situation, in der sie
entstanden, verständlich ist*2.65 . In den "Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte" sagt Hegel zum Beispiel:
wohl bringe die Philosophie den Gedanken mit, "daß die Vernunft die Welt beherrsche"*2.66 , aber:
"Es hat sich.. . erst aus der Betrachtung der Weltgeschichte selbst zu ergeben, daß es vernünftig in ihr zugegangen
sei, daß sie der vernünftige, notwendige Gang des Weltgeistes gewesen, des Geistes, dessen Natur [82] zwar immer
eine und dieselbe ist, aber in dem Weltdasein diese seine eine Natur expliziert. Dies muß, wie gesagt, das Ergebnis
der Geschichte sein. Die Geschichte aber haben wir zu nehmen, wie sie ist: wir haben historisch, empirisch zu
verfahren. .." (Auszeichnungen von uns. - 0. M.)*67
Der die Marxsche Dialektik im Gegensatz zu der Hegelschen kennzeichnende Systematisierungszusammenhang der
Begriffe, der zu wissenschaftlicher Erkenntnis führt, ist ein anderer. Während die Entwicklung des Weltgeistes im
immanenten Prozeß der dialektischen Selbstentfaltung des Begriffes bei Hegel ein geschlossenes, sich der
Wirklichkeit nur exemplifikativ bedienendes System zuläßt, treibt die Marxsche Dialektik als eine realgeschichtliche
stets über sich selbst hinaus, verlangt somit eine immer wiederkehrende Bestimmung des
Systematisierungszusammenhanges, in dem sich die Dialektik nicht als abstraktes Gesetz verwirklicht, sondern ihren
historisch-gesellschaftlichen Grund findet. Marx freut sich an jedem neuen Fund, der ihm seine Thesen bestätigt. Im
Anschluß an die Lektüre der Arbeiten von Georg Ludwig Maurer schreibt er an Friedrich Engels:
"Was würde aber old Hegel sagen, wenn er erführe jenseits, daß das Allgemeine im Deutschen und Nordischen nichts
bedeutet als das Gemeinland, und das Sundre, Besondre, nichts als das aus dem Gemeindeland ausgeschiedne
Sondereigen? Da gehn denn doch verflucht die logischen Kategorien aus ´unsrem Verkehr´ hervor." (Marx)*68
Ist bei Hegel die logische Kategorie der spekulative Ausdruck der wirklichen Bewegung, die ideell ohne
metaphysischen Ansatz überhaupt nie zur Entfaltung gelangt, so ist sie bei Marx das in der Einheit sich
verwirklidiende Subjekt-Objekt-Verhältnis als Selbstverwirklichung des geschichtlichen Prozesses.
Die dialektische Entwicklung ist also nicht abstrakt, uniform; - sie ist nicht eine unspezifische quantitative und
qualitative Entwicklung. Die Gegensatzpaare gewinnen in ihrer Dynamik an Besonderung, das heißt Form und Inhalt
wandeln sich in der allgemeinen Tendenz, sie entfalten sich sowohl in der Negation wie in der Durchdringung in
zunehmender Fülle, verändern sich in quantitativer und qualitativer Beziehung und modifizieren sich innerhalb ihrer
Spezifität. Diese Modifikationen heben
-83-
3. Das Prinzip der Negativität als das Bewegungsgesetz der Dialektik ist bei Hegel in der abstrakt-spekulativen Setzung
und Entgegensetzung des Begriffes verstanden, nicht als real-dialektischer Prozeß wie bei Marx; es ist nicht die
wirkliche Geschichte des Menschen, sondern die abstrakt-logische Entfaltung begrifflicher Kategorien. Aber gerade
darin liegt, wie Marx bemerkt, das Große an der Hegelschen Philosophie, daß sie die Dialektik der Negativität als das
bewegende und erzeugende Prinzip faßt, "die Selbsterzeugung des Menschen als einen Prozeß" (MEGA, I, 3, S. 156.
MEW, Ergänzungsband, 1. Teil, S. 574), in dem sich seine Tätigkeit und ihr Resultat in der Form der Entfremdung
manifestieren.
"Die Phänomenologie ist daher die verborgne, sich selbst noch unklare und mystizierende Kritik; aber insofern sie
die Entfremdung des Menschen - wenn auch der Mensch nur in der Gestalt des Geistes erscheint - festhält, liegen in
ihr alle Elemente der Kritik verborgen und oft schon in einer weit den Hegelschen Standpunkt überragenden
Weise vorbereitet und ausgearbeitet." (MEGA, I, 3, S. 156. MEW, Ergänzungsband, 1. Teil, S. 573)
Das bei Hegel nur abstrakte Prinzip der Negativität hebt die unwirkliche Existenz des Menschen im Scheinwesen, in
der Entäußerung, Entfremdung nur theoretisch auf, er hebt dieses
-84-
Scheinwesen nicht in seiner Wirklichkeit, in seinem Dasein auf, sondern in ihrer im Bewußtsein auftretenden Form,
das heißt, daß die Aufhebung der Entfremdung nicht als eine praktisch-tätige Aufhebung der sie bedingenden
Existenzbestimmungen gesehen wird, sondern als die Aufhebung in der inhaltsleeren Form eines
Bewußtseinsprozesses.
Das Prinzip der Negativität ist die bewegende Kraft der gesellschaftlichen Entwicklung. Seine äußere Form ist jedoch
nur die Form des historisch auftretenden objektiven Widerspruches, das Dialektisch-Logische ist das Dialektisch-
Historische, die geistige Reproduktion der wirklichen Widersprüche. Die Einheit verwirklicht sich in der Entfaltung
ihrer Teilmomente im historischen Prozeß, sie wird erst im realen Widerstreit dieser Momente sichtbar. Die einzelnen
Bestimmungen, in denen der Prozeß in der Widersprüchlichkeit als bewegendes Prinzip zustande kommt, müssen
wirkliche Bestimmungen der gesellschaftlichen Entwicklung selbst sein und keine gedanklichen Abstraktionen. So
steht das Interesse des Grundeigentums dem des Kapitals entgegen, wie diesem wiederum das Interesse des
Arbeiters zuwiderläuft. Was indessen in der sozialen Form des Klassenkampfes sich äußert, ist Ausdruck der
objektiven Bedingungen der Produktionsverhältnisse, die auf immer höherer Stufenleiter sich reproduzieren und die
Gegensätze verschärfen. Was hier unterschieden ist, ist aber zugleich innerhalb der Gesellschaft (in der Einheit)
unlöslich miteinander verbunden. Es ist als Unterschiedenes nur in dieser Einheit möglich. Kapital in Marx‘ Sinn ohne
Lohnarbeit, Lohnarbeit ohne Kapital ist ein Widerspruch in sich.
Eine klassische Formulierung, der in der kapitalistischen Gesellschaft herrschenden Widersprüche, die wir
vollinhaltlich zitieren, gibt Marx in der "Heiligen Familie":
"Die Nationalökonomie, welche die Verhältnisse des Privateigentums für menschliche und vernünftige Verhältnisse
hinnimmt, bcwegt sich in einem fortwährenden Widerspruch gegen ihre Grundvoraussetzung, das Privateigentum, in
einem analogen Widerspruch wie der Theologe, der die religiösen Vorstellungen beständig menschlich interpretiert
und eben dadurch gegen seine Grundvoraussetzung, die Übermenschlichkeit der Religion, beständig verstößt. So tritt
in der Nationalökonomie der Arbeitslohn im Anfang als der proportionierte Anteil auf, der der Arbeit am Produkt
gebührt. Arbeitslohn und Gewinn des Kapitals stehn im freundschaftlichsten, wechselweise sich fördernden,
scheinbar menschlichsten Verhältnisse zueinander. Hinterher zeigt es sich, daß sie in dem [85] feindschaftlichsten,
in umgekehrtem Verhältnis zueinander stehen. Der Wert ist am Anfang scheinbar vernünftig bestimmt, durch die
Produktionskosten einer Sache und durch ihre gesellschaftliche Nützlichkeit.
Hinterher zeigt es sich, daß der Wert eine rein zufällige Bestimmung ist, die in gar keinem Verhältnis weder zu den
Produktionskosten, noch zu der gesellschaftlichen Nützlichkeit zu stehen braucht. Die Größe des Arbeitslohnes wird
am Anfang durch die freie Übereinkunft zwischen dem freien Arbeiter und dem freien Kapitalisten bestimmt.
Hinterher zeigt es sich, daß der Arbeiter gezwungen ist, ihn bestimmen zu lassen, wie der Kapitalist gezwungen ist,
ihn so niedrig als möglich zu setzen. An die Stelle der Freiheit der kontrahierenden Parteien ist der Zwang getreten.
Ebenso verhält es sich mit dem Handel und mit allen übrigen nationalökonomischen Verhältnissen. Die
Nationalökonomen fühlen selbst gelegentlich diese Widersprüche, und die Entwicklung derselben bildet den
Hauptgehalt ihrer wechselseitigen Kämpfe. Wo sie ihnen aber zum Bewußtsein kommen, greifen sie selbst das
Privateigentum in irgend einer partiellen Gestalt als Verfälscher des an sich, nämlich in ihrer Vorstellung, vernünftigen
Arbeitslohnes, des an sich vernünftigen Werts, des an sich vernünftigen Handels an. So polemisiert Adam Smith
gelegentlich gegen die Kapitalisten, Destutt de Tracy gegen die Wechsler, so Simonde de Sismondi gegen das
Fabriksystem, so Ricardo gegen das Grundeigentum, so fast alle modernen Nationalökonomen gegen die nicht
industriellen Kapitalisten, in welchen das Eigentum als bloßer Konsument erscheint." (MEGA, I, 3, S. 202/03. MEW 2,
S. 34)
Der abstrakt gefaßte nur logische Prozeß des Selbstbewußtseins schließt die konkrete Bewegung des Subjekt-Objekt-
Verhältnisses aus, indem er die Vermittlung, im absoluten Geist fixiert, wieder in sich zurücknimmt und damit den
nur akzidentellen Charakter der objektiven Seite des Prozesses betont. Die begriffliche Systematisierung wird so zu
einem geschlossenen philosophischen System, zum nur kategorialen Sein der Wirklichkeit. Sie findet darin ihren
Abschluß. Anders die Marxsche Dialektik. Der abstrakt-logische Prozeß, in dem sich das Selbstbewußtsein bewegt, ist
nur die Form der konkreten Bewegung des Subjekt-Objekt-Verhältnisses, die bewußt gewordene Aneignung dieses
Verhältnisses. Die subjektive Seite ist bestimmt und immer neu gestaltet im objektiv-historischen Prozeß. Hiermit tritt
die Methode als die geistige Aneignung dieses Prozesses an die Stelle der Philosophie, die abstrakt-kategoriale
Systematisierung löst sich auf in der Immanenz des sich immer neu bildenden Erkenntnisaktes. Die Philosophie als
abstrakt-logisches
-86-
System ist nur "eine andre Form und Daseinsweise der Entfremdung des menschlichen Wesens" (MEGA, 1, 3, S. 152.
MEW, Ergänzungsband, 1. Teil, S. 569), der philosophische Geist "der innerhalb seiner Selbstentfremdung denkend, d.
h. abstrakt sich erfassende entfremdete Geist der Welt" (MEGA, I, 3, S. 154. MEW, Ergänzungsband, 1. Teil, S. 571).
Marx mußte diesen Gcdanken selbstverständlich auch auf die Logik übertragen, die er als "das entäußerte, daher von
der Natur und dem wirklichen Menschen abstrahierende Denken; das abstrakte Denken" bezeichnet (MEGA, I, 3, S.
154. MEW, Ergänzungsband, 1. Teil, S. 571/72); davon ausgenommen wurde auch nicht die Hegelsche Dialektik, als
die "Produktionsgeschichte des abstrakten, i. e. absoluten Denkens, des logisch spekulativen Denkens" (MEGA, I, 3, S.
154. MEW, Ergänzungsband, 1. Teil, S. 572), der die Entfremdung nur der >Gegensatz von an sich und für sich,
von Bewußtsein und Selbstbewußtsein, von Objekt und Subjekt, d. h. der Gegensatz des abstrakten Denkens und der
sinnlichen Wirklichkeit oder der wirklichen Sinnlichkeit, innerhalb des Gedankens selbst« ist (MEGA, I, 3, S. 155.
MEW, Ergänzungsband, 1. Teil, S. 572) und folglich eine "Dialektik des reinen Gedankens" (MEGA, I, 3, S. 156. MEW,
Ergänzungsband, 1. Teil, S. 574). Das Grundprinzip der Theorie kann immer nur das Grundprinzip des sich stets
wandelnden menschlichen Seins sein. Marx hat aus der intensiven kritischen Verarbeitung der Hegelschen
Philosophie seinen eigenen Standpunkt klargestellt, ohne indessen die gewaltige geistesgeschichtliche Bedeutung
dieser Philosophie zu übersehen.
"Das Positive, was Hegel... vollbracht hat - in seiner spekulativen Logik - ist, daß die bestimmten Begriffe, die
allgemeinen fixen Denkformen in ihrer Selbständigkeit gegen Natur und Geist ein notwendiges Resultat der
allgemeinen Entfremdung des menschlichen Wesens, also auch des menschlichen Denkens sind und daß Hegel sie
daher als Momente des Abstraktionsprozesses dargestellt und zusammengefaßt hat." (MEGA, I, 3, S. 168. MEW,
Ergänzungsband, 1. Teil, S. 585)
-87-
Marx hat, wie wir in der "Kritik der politischen Ökonomie" gesehen haben, die entfremdeten Kategorien, so wie sie
innerhalb der politischen Ökonomie auftreten, beibehalten, sie indessen auf ihr wirkliches Wesen hin einer kritischen
Analyse unterzogen. Diese kritische Aneignung wirkt selbstverständlich auf die Darstellung zurück, da sie die
Voraussetzung für die Einordnung der Kategorien in den Bau des wirtschaftswissenschaftlichen Systems ist. Eine
ebensolche kritische Verarbeitung der allgemeinen Formen des Wirtschaftsablaufes, wie sie theoretisch formuliert in
den Lehrbüchern der politischen Ökonomie zu finden ist (Produktion, Distribution, Zirkulation, Konsumtion), war
nötig, um ihr Verhältnis zueinander zu bestimmen und so ein adäquates Bild des Gesamtprozesses zu erhalten.
Bis heute wurde nicht versucht, was Marx bereits in der "Einleitung zur Kritik der politischen Ökonomie" ausgeführt
hat, als Ganzes darzustellen, um die Verbindung oder den Unterschied zum Aufbau des "Kapitals" deutlich zu
machen. Man hat sich im wesentlichen damit begnügt, aus der Marxschen Lehre einzelne Momente
herauszunehmen, um sie ihrem materiellen Gehalte nach auf ihre problemlösende Kraft zu untersuchen. So brachte
man zwei unvereinbare Dinge zusammen, und nichts war leichter, als dann die methodologisch-systematische Seite
zu verzerren, die dialektisch-historische Vermittlung zu übergehen und ihre Unzulänglichkeit wie Inkonsequenz
nachzuweisen.
Ungefähr zwei Drittel der "Einleitung zur Kritik der politischen Ökonomie" sind dem erwähnten Problem gewidmet.
Da sie - wie sich erweisen wird - ein notwendiges Glied auf dem Wege zur Darstellung im "Kapital" bilden, fassen wir
die Marxschen Ausführungen in einer kondensierten und explikativen Form zusammen. Unabhängig von jeder
Planänderung bleibt die in der "Einleitung" gegebene Analyse der Gliederung des Gesamtprozesses der
kapitalistischen Wirtschaft als eine in gegensätzlichen Bestimmungen und Verhältnissen vermittelte Totalität für die
Marxsche Methode gültig.
In der materiellen Produktion finden wir stets in Gesellschaft produzierende Individuen und damit eine
gesellschaftlich bestimmte Produktion (Kr, S. 215. MEW, Bd. 13, S. 615), das heißt Produktion auf einer bestimmten
gesellschaftlichen Entwicklungsstufe (Kr, S. 217. MEW, Bd. 13, S. 616).
-88-
Mit der Veränderung der Produktion verändert sich auch die Stellung des Individuums in der Gesellschaft. So
erscheint die bürgerliche Gesellschaft, die Marx als entwickeltste Einheit im Auge hat, dem Individuum als ein
notwendiges Übel zur Verwirklichung seiner Privatzwecke. Die Dialektik ist offensichtlich: daß nur auf dieser Stufe der
historischen Entwicklung der einzelne sich vereinzeln kann, setzt die entwickeltsten Verhältnisse, in denen die
Abhängigkeit aller von allen am ausgeprägtesten ist, voraus (Kr, S. 217. MEW, Bd. 13, S. 616).
Der Begriff der Produktion schlechthin ist eine Abstraktion, allerdings eine "verständige Abstraktion" (Kr, S. 218.
MEW, Bd. 13, S. 617), wenn sie das Gemeinsame hervorhebt und uns die Wiederholung erspart (Kr, S. 218. MEW, Bd.
13, S. 617). Was jedoch den Prozeß charakterisiert, ist das Besondere, denn das abstrakt Allgemeine ist nur so weit
allgemein, als Mensch und Natur immer wieder Subjekt und Objekt der Erkenntnis sind. Im abstrakt Allgemeinen
wird die Geschichte, als das den Prozeß Kennzeichnende, eliminiert, aufgelöst in eine einförmige quantitative Größe,
die kein bestimmtes konkretes Merkmal mehr hat.
"Es gibt allen Produktionsstufen gemeinsame Bestimmungen, die vom Denken als allgemeine fixiert werden; aber die
sogenannten allgemeinen Bedingungen aller Produktion sind nichts als diese abstrakten Momente, mit denen keine
wirkliche Produktionsstufe begriffen ist." (Kr, S. 221/22. MEW, Bd. 13, S. 620)
Nur was geschichtlich wird, kann allgemein sein. Allgemein ist immer nur eine bestimmte Form des Besonderen,
durch die es überhaupt erst als Allgemeines, als konkret Allgemeines wird; es ist das Allgemeine zugleich auch das
Besondere, wie das Besondere eine besondere Form des Allgemeinen. So kann politische Ökonomie zum Beispiel
nicht Technologie sein (Kr, S. 219. MEW, Bd. 13, S. 617), denn in dieser wird das Spezifische abgestreift. Technologie
hat es mit Gegenständen zu tun, mit Produktionsverfahren ohne gesellschaftlich-historische Bestimmung,
Gegenständen, Verfahren, die in den verschiedensten Gesellschaftsformationen vorkommen können. Die allgemein-
abstrakten Bestimmungen sind meist tautologisch; in dem Sich-Beschränken auf das abstrakt Allgemeine liegt die
Umdeutung der historisch gewordenen Kategorien in ewige Kategorien der Produktion. Wo die konkrete Form des
Wirtschaftsprozesses in seiner Besonderung, wie zum Beispiel in der Distribution, handgreiflicher ist, ist die Tendenz
zur Verallgemeinerung meist ge-
-89-
ringer, wenn auch hier allgemeine Bestimmungen herausgehoben, historische Unterschiede konfundiert und
allgemein menschliche Gesetze aufgestellt werden (Kr, S. 220. MEW, Bd. 13, S. 619). Die Distribution erscheint
konkret in der Form der wirtschaftlichen Stellung des Individuums im Produktionsprozeß: wie Sklave, Leibeigener,
Lohnarbeiter. Erst in der kapitalistischen Wirtschaft wird das Phänomen der Distribution so explizit und ein
Gegenstand wissenschaftlichen Bemühens (Ricardo!), daß, strenggenommen, der Begriff nur für diese
Gesellschaftsformation Anwendung finden sollte. Sie ist zu einer historischen Form in sichtbarer und bewußter
Äußerlichkeit geworden, zu einem "festgeronnenen" Verhältnis, in dem sich ein Individuum, eine Klasse befindet,
nicht nur wie das Produkt eine objektiv-sachliche Form, ein Gegenstand, dem als Produkt kein konkret historisches
Merkmal anhaftet.
Die Untersuchung, die über die unbestimmten Merkmale hinaus, das tatsächliche Wirtschaftsbild erfassen will, hat
festzustellen: "Das Verhältnis der allgemeinen Bestimmungen der Produktion auf einer gegebenen gesellschaftlichen
Stufe zu den besonderen Produktionsformen..." (Kr, S. 219. MEW, Bd. 13, S. 617), und zwar in der Gliederung:
Produktion im allgemeinen - besondere Produktionszweige - Totalität der Produktion (Kr, S. 219. MEW, Bd. 13, S.
618).
1. Jede Produktion ist Aneignung der Natur durch das Individuum, also Eigentum. Das Privateigentum ist nur
eine bestimmte Form, das Gemeineigentum eine andere, frühere, die zum Beispiel im Gemeindeeigentum
weiterlebt (Kr, S. 221. MEW, Bd. 13, S. 619). "Daß aber von keiner Produktion, also auch von keiner
Gesellschaft die Rede sein kann, wo keine Form des Eigentums existiert, ist eine Tautologie. Eine Aneignung,
die sich nichts zu eigen macht, ist eine contradictio in subjecto" (Kr, S. 221. MEW, Bd. 13, S. 619). Es sind also
zu untersuchen die wechselnden Eigentumsformen.
2. Die Rechtsverhältnisse als Sicherungen der besonderen Eigentumsformen, sind die sanctio juris der
herrschenden Eigentumsverhältnisse.
-90-
Während die Produktion allgemeinen naturgesetzlichen Bestimmungen unterliegt, die Distribution dem
gesellschaftlichen Zufall überlassen ist, vermittelt der individuelle Austausch in der zufälligen Bestimmtheit des
einzelnen das Produkt zum Zwecke der Konsumtion, "der nicht nur als Endziel, sondern auch als Endzweck gefaßt
wird" und "außerhalb der Ökonomie (liegt), außer soweit er wieder zurückwirkt auf den Ausgangspunkt und den
ganzen Vorgang von neuem einleitet" (Kr, S. 223. MEW, Bd. 13, S. 621).
Die politische Ökonomie faßt die Produktion als den Begriff größten Umfanges, als gesellschaftlich allgemeine
Bestimmung, in der alle Individuen mit denselben Eigenschaften beteiligt sind; Distribution und Austausch sind
Begriffe partikuläreren Umfanges, sie umfassen Klassen, Individuen, die sich in das Produkt der Produktion teilen,
und zwar nach ihrer gesellschaftlich-sozialen Stellung, während die Konsumtion den einzelnen Akt des Verbrauches
bezeichnet. Die Verknüpfung der Einzelheit ist so ohne jede innere Vermittlung, sie liegt, wie Marx richtig sagt,
außerhalb der Ökonomie.
Marx bezeichnet diese Art des Zusammenhanges als einen regelrechten logischen Schluß, worin die einzelnen
Sphären in Verbindung gebracht werden, und fügt hinzu: "Dies ist allerdings ein Zusammenhang, aber ein flacher" (Kr,
S. 223. MEW, Bd. 13, S. 62). In dieser losen Aufeinanderfolge und äußerlichen Verbindung sieht er indessen die Folge
eines wirklichen Vorganges, die bestehende "Auflösung realer Verhältnisse" (Kr, S. 223. MEW, Bd. 13, S. 621). Der
Einwand, die Momente würden nicht in ihrer Einheit gefaßt, genügt nicht: es ist der tatsächliche Vor-
-91-
Unter welchen Gesichtspunkten sind die tatsächlichen Beziehungen nach Marx‘ Auffassung zu sehen?
o b)
= objektive Konsumtion
2. Der Akt der Produktion ist in all seinen Momenten auch ein Akt der Konsumtion = produktive Konsumtion.
(Kr, S. 224. MEW, Bd. 13, S. 622)
3. Konsumtion ist unmittelbar Produktion: Jede Art der Konsumtion, die den Menschen nach einer Seite hin
produziert = konsumtive Produktion. Diese Produktion geht mit der Vernichtung des Produktes von 1. einher.
(Kr, S. 224. MEW, Bd. 13, S. 622)
ad. 1.: Der Produzent versachlicht sich in einem Gegenstand außerhalb seiner.
ad 2.: Die vom Produzenten geschaffene Sache personifiziert sich (Kr, S. 224. MEW, Bd. 13, S. 622), das heißt,
sie wird in der vernichtenden Konsumtion Bestandteil seiner Person.
"Die Produktion ist also unmittelbar Konsumtion, die Konsumtion ist unmittelbar Produktion. Jede ist unmittelbar ihr
Gegenteil" (Kr, S. 224/25. MEW, Bd. 13, S. 622).
1. eine gesellschaftlich-produktive
1. die in eine sachliche Form (das Produkt, die Ware) sich vergegenständlichende
Nach Marx ist der Zusammenhang nicht mehr ein loser, einseitig kausal determinierter, sondern ein dialektischer, der
immer wieder in sich selbst umschlägt, wobei jede Seite die andere impliziert. Die Produktion vermittelt die
Konsumtion, die Konsumtion vermittelt die Produktion. Jede Seite ist auch unmittelbar in der andern aufgehoben,
treibt sie aber selbst wieder als ihr Mittel und ihren Zweck aus sich hervor.
-92-
I. Die Produktion
1. Sie liefert den Gegenstand und schafft damit erst die Konsumtion. (Kr, S. 226. MEW, Bd. 13, S. 623.)
2. Sie bestimmt die Weise der Konsumtion, objektiv und subjektiv, indem ein bestimmter Gegenstand in
einer durch die Produktion bestimmt vermittelten Art konsumiert werden muß; sie schafft den
Konsumenten. (Kr, S. 226. MEW, Bd. 13, S. 623/24.)
3. Sie "liefert dem Bedürfnis nicht nur ein Material, sondern sie liefert dem Material auch ein
Bedürfnis" (Kr, S. 226. MEW, Bd. 13, S. 624), "nicht nur einen Gegenstand für das Subjekt, sondern
auch ein Subjekt für den Gegenstand" (Kr, S. 226. MEW, Bd. 13, S. 624).
Die Produktion produziert die Konsumtion in den drei genannten Weisen: "Sie produziert daher Gegenstand der
Konsumtion, Weise der Konsumtion, Trieb der Konsumtion" (Kr, S. 226. MEW, Bd. 13, S. 624).
1. Das Produkt tritt aus seiner bloßen Gegenständlichkeit erst im Akt des Konsums heraus, "als
Gegenstand für das tätige Subjekt" (Kr, S. 225. MEW, Bd. 13, S. 623), als Objekt eines subjektiven
Bedürfnisses, als vernichtende Konsumtion, als die die Produktion produzierende Konsumtion.
2. Die Konsumtion schafft das Bedürfnis neuer Produktion, den Trieb der Produktion, den Gegenstand
als noch subjektive Form, ideelle Form der Produktion (Kr, S. 225. MEW, Bd. 13, S. 623). "Ohne
Bedürfnis keine Produktion. Aber die Konsumtion reproduziert das Bedürfnis" (Kr, S. 225. MEW, Bd.
13, S. 623) und fordert so stets von neuem die Produktion.
Zusammenfassung:
Die objektive Form der Produktion realisiert und bestätigt sich im Akt des Konsums.
Der subjektive Hang zur Produktion ist bedingt durch das Bedürfnis des Konsums.
-93-
1. Unmittelbare Identität:
2. Vermittelte Identität:
o b) Konsumtion Bedürfnis als innerer Gegenstand der Produktion, als Zweck (vorgestellter
Gegenstand)*2.72
Es besteht eine wechselseitige notwendige Abhängigkeit, in der sich beide Seiten aber äußerlich bleiben (Kr, S. 227.
MEW, Bd. 13, S. 624).
3. Prozessierende Identität: in der jede Form schließlich in ihr Gegenteil übergeht. Marx drückt dies mit den
Worten aus: ". . . jede der beiden (Produktion und Konsumtion. - 0. M.) schafft, indem sie sich vollzieht, die
andere; sich als die andere" (Kr, S. 227. MEW, Bd. 13, S. 625).
o a) Die vernichtende Konsumtion als Vollziehung des Aktes der Produktion. Erst in diesem die
selbständige sachliche Form des Produktes auflösenden Akt wird die Produktion wirkliche
Produktion, das heißt Produktion, die Wiederholung verlangt, "wodurch (also) der Produzent
Produzent wird" (Kr, S. 227. MEW, Bd. 13, S. 625).
o b) Die Produktion als die die bestimmte Weise der Konsumtion schaffende Produktion, als die den
Reiz der Konsumtion, die Konsumtionsfähigkeit als Bedürfnis schaffende Produktion.
Zusammenfassung:
"... jede derselben (Produktion und Konsumtion. - 0. M.) ist nicht nur unmittelbar die andere, noch die andere nur
vermittelnd, sondern jede der beiden schafft, indem sie sich selbst vollzieht, die andere..." (Kr, S. 227. MEW, Bd. 13, S.
625)
In den drei behandelten Fällen darf die Identität nicht als Unterschiedslosigkeit aufgefaßt werden, denn:
1. Die allgemeine Identität, die alle drei entwickelten Formen als in sich aufgehoben setzt, löscht die
besonderen Merkmale
-94-
der unmittelbaren, vermittelten und prozessierenden Identität letztlich auf, indem sie sie als "Tätigkeiten eines
Subjekts oder einzelner Individuen auffaßt" (Kr, S. 228. MEW, Bd. 13, S. 625), so zum Beispiel J. B. Say. Es ist dies die in
sich zusammengcfaßte Identität als ein Akt, als Moment eines Prozesses. Die Produktion als "übergreifendes
Moment" und als "wirklicher Ausgangspunkt" schließt die Konsumtion "als Notdurft", als "innres Moment der
produktiven Tätigkeit" in sich (Kr, S. 228. MEW, Bd. 13, S. 625). Es ist indessen falsch und spekulativ, die Gesellschaft
als ein Subjekt zu betrachten (Kr, S. 228. MEW, Bd. 13, S. 625). Der ganze Prozeß, in dem Produktion und Konsumtion
in einem Subjekt zusammengefaßt sind, verläuft so: "Das Individuum produziert einen Gegenstand und kehrt durch
dessen Konsumtion wieder in sich zurück, aber als produktives Individuum, und sich selbst reproduzierendes. Die
Konsumtion erscheint so als Moment der Produktion" (Kr, S. 228. MEW, Bd. 13, S. 626).
Diese in sich zusammengefaßte Einheit der beiden Sphären läßt ihre Veräußerlichung gar nicht zu, kann somit auch
nicht Gegenstand bewußter Aneignung sein. Sie setzt, was im unentwickelten Prozeß eines Aktes, auf ein Subjekt
reduziert, gar nicht gesetzt werden kann. Es ist die aus dem entwickelten Zustand des Auseinanderfallens der
Sphären in sich zurückgenommene Unterschiedslosigkeit, eine irreale Voraussetzung.
2. In der bürgerlichen Gesellschaft bezieht sich aber der Produzent auf das Produkt als auf einen ihm
äußerlichen Gegenstand, der sich erst in den Beziehungen zu andern Individuen realisieren kann. Sowenig
der einzelne des Produktes unmittelbar habhaft wird, sowenig ist die unmittelbare Aneignung Zweck der in
Gesellschaft produzierenden Individuen (Kr, S. 229. MEW, Bd. 13, S. 626). "Zwischen den Produzenten und die
Produkte tritt die Distribution, die durch gesellschaftliche Gesetze seinen Anteil an der Welt der Produktion
bestimmt, also zwischen die Produktion und Konsumtion tritt" (Kr, S. 229. MEW, Bd. 13, S. 626).
Was in der Produktion als Boden, Kapital und Arbeit erscheint, erscheint in der Distribution als Grundrente,
Zins und Arbeits-
-95-
lohn, in der Ökonomie wird also alles doppelt gesetzt (Kr, S. 229. MEW, Bd. 13, S. 626).
1. Kapital
a) Produktionsagent,
b) Einnahmequelle (Zins, Profit) - Form, in der sich das Kapital vermehrt, Moment seiner
Produktion selbst (Kr, S. 229. MEW, Bd. 13, S. 626). Das heißt: "Zins und Profit als
Distributionsformen unterstellen das Kapital als Agenten der Produktion" (Kr, S. 229. MEW,
Bd. 13, S. 626).
folglich:
bb) Reproduktionsweise des Kapitals. (Kr, S. 229. MEW, Bd. 13, S. 626).
2. Arbeit
a) Produktionsagent,
folglich:
aa) Distributionsweise, die die Lohnarbeit als Produktionsagent voraussetzt,
3. Boden
a) Produktionsagent,
b) Einnahmequelle (Grundrente) - Form, in der sich der Boden (genauer, als ökonomische
Kategorie: das Grundeigentum) reproduziert, Moment seiner Produktion selbst.
Das heißt:
Die Grundrente als Distributionsform unterstellt das große Grundeigentum als Produktionsagenten, "nicht die Erde
schlechthin, so wenig wie das Salär die Arbeit schlechthin" ((Kr, S. 229. MEW, Bd. 13, S. 627),
folglich:
-96-
außerhalb der Produktion; sie ist nur die Kehrseite der verselbständigten, entfremdeten Produktionsagenten
(Produktionsfaktoren).
"Die Gliederung der Distribution ist vollständig bestimmt durch die Gliederung der Produktion. Die Distribution ist
selbst ein Produkt der Produktion..." (Kr, S. 230. MEW, Bd. 13, S. 627). Sie ist es nicht nur dem Gegenstande nach,
sondern auch der Form nach, in der die Verteilung stattfindet (Kr, S. 230), die abhängig ist von der "bestimmten Art
der Teilnahme an der Produktion" (Kr, S. 229. MEW, Bd. 13, S. 627).
Die Formen der Produktion und Distribution finden sich in einer Einheit: Wer Boden sagt, sagt Grundrente; wer
Kapital sagt, sagt Zins und Profit; wer Arbeit sagt, sagt Arbeitslohn.
Wie oben schon erwähnt, erscheinen die Distributionsformen als der "bestimmte Ausdruck", "worin die
Produktionsagenten in einer gegebenen Gesellschaft sich fixieren" (Kr, S. 230. MEW, Bd. 13, S. 627).
Für das einzelne Individuum verkehren sich die wirklichen Verhältnisse, es sieht darin "ein gesellschaftliches Gesetz,
das seine Stellung innerhalb der Produktion bedingt" (Kr, S. 230. MEW, Bd. 13, S. 627), also nicht umgekehrt durch
eine bestimmte Produktion hervorgerufen wird. Daß die Produktionsagenten als selbständige existieren, ist
Voraussetzung für die Illusion, daß die Distribution der Produktion vorangeht.
Ehe eine Distribution der Produkte stattfindet - in dieser Form erscheint sie gegenüber der Produktion als selbständig
- muß eine andere Distribution vorangegangen sein.
2. Die Distribution der Mitglieder unter bestimmte Produktionsverhältnisse (Subsumtion der Individuen unter
bestimmte Produktionsverhältnisse) (Kr, S. 231. MEW, Bd. 13, S. 628.)
". . . die innerhalb des Produktionsprozesses selbst einbegriffen ist und die Gliederung der Produktion bestimmt. Die
Produktion abgesehn von dieser in ihr eingeschlossnen Distribution betrachten, ist offenbar leere Abstraktion,
während umgekehrt die.. Distribution der Produkte von selbst gegeben ist mit dieser ursprünglich ein Moment der
Produktion bildenden Distribution." (Kr, S. 231. MEW, Bd. 13, S. 628)
Ist die innerhalb der Produktion die Produktion bestimmende
-97-
Distribution der Produktionsmittel und Individuen unter bestimmte Produktionsverhältnisse die Voraussetzung
schlechthin? Marx bejaht dies (Kr, S. 231/32. MEW, Bd. 13, S. 628). Die ursprünglich als naturwüchsig erscheinenden
Elemente werden im Prozeß der Produktion in geschichtliche verwandelt, "und wenn sie für eine Periode als
natürliche Voraussetzung der Produktion erscheinen, waren sie für eine andere ihr geschichtliches Resultat" (Kr, S.
232. MEW, Bd. 13, S. 628).
Innerhalb der Produktion findet ständig eine Veränderung der Distributionsverhältnisse statt, die zum Beispiel den
Übergang zu neuen Produktionsverhältnissen kennzeichnen können (industrielle Revolution). - Die Frage ist, wie
Marx betont, eine Frage, "wie allgemeingeschichtlichen Verhältnisse in die Produktion hineinspielen, und ihr
Verhältnis zur geschichtlichen Bewegung überhaupt" (Kr, S. 232. MEW, Bd. 13, S. 629).
Wichtig ist in dem geschichtlichen Exkurs (vgl. Kr, S. 232/33. MEW, Bd. 13, S. 629/30), den wir der allgemeinen
Übersichtlichkeit wegen nicht resümieren, die Feststellung, daß das Produktionsinstrument den geschichtlich
vorgefundenen Produktionsbedingungen gemäß sein muß. Über den Menschenraub schreibt Marx zum Beispiel: "...
die Produktion des Landes, für das er geraubt wird, (muß) so gegliedert sein, um Sklavenarbeit zuzulassen, oder ... es
muß eine dem Sklaven entsprechende Produktionsweise geschaffen werden" (Kr, S. 233. MEW, Bd. 13, S. 629).
1. Zirkulation als "ein bestimmtes Moment des Austauschs" (Kr, S. 233. MEW, Bd. 13, S. 630), oder
2. der Austausch in seiner Totalität zwischen Produktion, der durch sie bestimmten Distribution und der
Konsumtion, oder
3. der Austausch in der Produktion enthalten, wo die Konsumtion als Moment der Produktion
erscheint. (Kr, S. 233. MEW, Bd. 13, S. 630).
A. Die unmittelbare Identität von Austausch und Produktion ist in drei Fällen offenbar:
o a) Austausch von Tätigkeiten und Fähigkeiten innerhalb der Produktion, gehört direkt zu ihr und
macht sie wesentlich aus,
-98-
o b) Austausch der Produkte als Mittel zur Herstellung des Endproduktes. "Soweit ist der Austausch
selbst in der Produktion einbegriffener Akt" (Kr, S. 234. MEW, Bd. 13, S. 630),
o c) der Austausch zwischen Geschäftsleuten als Mittel zur produzierenden Tätigkeit, der "seiner
Organisation nach ganz durch die Produktion bestimmt" ist (Kr, S. 234. MEW, Bd. 13, S. 630).
B. "Der Austausch erscheint nur unabhängig neben, indifferent gegen die Produktion in dem letzten Stadium,
wo das Produkt unmittelbar für die Konsumtion ausgetauscht wird" (Kr, S. 234. MEW, Bd. 13, S. 630).
2. "Privataustausch setzt Privatproduktion voraus" (Kr, S. 234. MEW, Bd. 13, S. 630),
3. Intensität, Expansion und Art des Austausches durch Entwicklung und Gliederung der Produktion bestimmt.
(Kr, S. 234. MEW, Bd. 13, S. 630)
Von der Produktion aus entwickelt sich der Wirtschaftsprozeß. Distribution, Austausch und Konsumtion setzen das
Produkt voraus. "Als Distribution der Produktionsagenten aber ist sie (die Distribution. - 0. M.) selbst ein Moment der
Produktion" (Kr, S. 234. MEW, Bd. 13, S. 631), in diesem einzigen Falle ist die Produktion nahezu identisch mit sich
selbst, während sie sonst bestimmend alle andern Glieder des Gesamtprozesses einschließt, "und die bestimmten
Verhältnisse dieser verschiednen Momente zueinander" (Kr, S. 234. MEW, Bd. 13, S. 631). In der Einheit des
prozessierenden Aktes wird sie anderseits in ihrer einseitigen Form modifiziert (Ausdehnung des Marktes -
Ausdehnung und Differenzierung der Produktion; Veränderung der Distribution - Veränderung der Produktion;
Veränderung der Konsumtionsbedürfnisse - Veränderung der Produktion usw.).
Allgemeine Zusammenfassung:
Wir haben systematisierend eine strenge Gliederung der Faktoren des Wirtschaftsprozesses gewonnen: Produktion -
Distribution - Austausch - Konsumtion stehen für Marx nur in einem scheinbar äußeren Zusammenhang, sie sind
alle "Glieder einer Totalität" (Kr, S. 234. MEW, Bd. 13, S. 630), untrennbar miteinander verbunden, "Unter-
-99-
schiede innerhalb einer Einheit" (Kr, S. 234. MEW, Bd. 13, S. 630), die Charakteristik ihres Zusammenhanges ist ein
geschichtlich prozessierender Akt, der sich der Form und dem Inhalte nach wandelt und immer wieder neu zu
bestimmen ist. Die Identität ist niemals eine unterschiedslose, sondern sie schafft in den erwähnten Formen stets ihr
Gegenteil, um es unmittelbar, vermittelnd oder prozessierend wieder in sich zurückzunehmen. Das heißt, daß
Unterschiedenes, das in der Wirklichkeit in seiner Erscheinungsform selbst unterschieden ist, innerhalb der Einheit in
sich verändernde Beziehungen steht und im Prozeß des Wirtschaftsablaufes den Akt der Identität vollzieht. Die
Produktion als übergreifendes Moment schließt die gegensätzlichen Bestimmungen in sich, wie alle andern
Momente. "Es findet Wechselwirkung zwischen den verschiednen Momenten statt. Dies der Fall bei jedem
organischen Ganzen" (Kr, S. 234. MEW, Bd. 13, S. 631).
Das einfache logische Konzept, wie es Marx an der von ihm kritisierten Form des Zusammenhanges der
Wirtschaftssphären nachweist, verwandelt sich in eine dialektische Bewegung, die die Bewegung des Gegenstandes
selbst ist. Die verschiedenen Momente stehen sich nicht äußerlich als aufeinanderbezogen gegenüber, sondern sie
sind in spezifischer Weise stets mit ihrem Gegensatz behaftet.
Der Aufbau des "Kapitals" basiert unmittelbar auf der soeben - entwickelten Gliederung, das heißt, er ist
methodologisch konsequent den bereits in der "Einleitung zur Kritik der politischen Ökonomie" erarbeiteten
Prinzipien gemäß konzipiert. Wenn auch der interne Mechanismus der kapitalistischen Wirtschaft und die Beziehung
von Form und Inhalt für die Darstellung immer wieder überprüft und wesentliche Erweiterungen vorgenommen
werden, so liegt doch kein grundsätzlicher Wandel vor, wie etwa Henryk Großmann meint*2.73 . Das Kapital als
die "alles beherrschende ökonomische Macht der bürgerlichen Geschschaft" (Kr, S. 243. MEW, Bd. 13, S. 638),
als "Ausgangspunkt wie Endpunkt" der Analyse (Kr, S. 243. MEW, Bd. 13, S. 638) bestimmt die Darstellung des
Gegenstandes. Es ist bezeichnend, daß die Kategorien Arbeit, Boden und Kapital, die definitorisch für die Spezifität
der kapitalistischen Wirtschaft nicht charakteristisch zu sein brauchen, rangmäßig als nicht äquivalent betrach-
-100-
tet werden, daß das Grundeigentum erst in Buch III im Zusammenhang mit der Analyse der verschiedenen
Einkommensarten (Revenuen) auf seiten des Kapitals entwickelt wird, also im Zusammenhang mit der Grundrente.
Die historische Eigenart des modernen Wirtschaftsprozesses kommt in der äußeren Gliederung des Werkes, die
unmittelbar in Verbindung mit der dem Stoff immanenten Dialektik steht, zum Ausdruck.
Das Werk ist als Ganzes bereits entworfen und ausgearbeitet, bevor Band I in Druck geht. Am 31. Juli 1865 schreibt
Marx an Friedrich Engels:
"Was nun meine Arbeit betrifft, so will ich Dir darüber reinen Wein einschenken. Es sind noch 3 Kapitel zu schreiben,
um den theoretischen Teil (die 3 ersten Bücher) fertigzumachen. Dann ist noch das 4. Buch, das historisch-
literarische, zu schreiben, was mir relativ der leichteste Teil ist, da alle Fragen in den 3 ersten Büchern gelöst sind,
dies letzte also mehr Repetition in historischer Form ist. Ich kann mich aber nicht entschließen, irgend etwas
wegzuschicken, bevor das Ganze vor mir liegt. Whatever shortcomings they may have, das ist der Vorzug meiner
Schriften, daß sie ein artistisches Ganzes sind, und das ist nur erreichbar mit meiner Weise, sie nie drucken zu lassen,
bevor sie ganz vor mir liegen. Mit der Jakob Grimmschen Methode ist dies unmöglich und geht überhaupt besser für
Schriften, die kein dialektisch Gegliedertes sind." (MEGA, III, 3, S. 279. MEW, Bd. 31, S. 132)
Wenn im allgemeinen auf einen "Widerspruch" zwischen Buch I und Buch III des "Kapitals" hingewiesen wird -
demgegenüber Schumpeter im Anschluß an seine Untersuchung der Wertbestimmung bei Ricardo zum Beispiel
richtig bemerkt, daß weder "subjektiv noch objektiv" (bei Marx. - 0. M.) ein eigentlicher "Widerspruch" bestehe -‚ so
liegt darin eine Verkennung der Marxschen Methode, eine Verkennung, die der Darstellung durch Marx von einem
sachfremden Standpunkt aus nicht gerecht werden kann*2.74 .
Hätte man die historisch-kritischen Arbeiten von Marx, wir meinen die "Theorien über den Mehrwert", die Karl
Kautsky herausgegeben hat, mehr berücksichtigt, so hätte ein solcher Einwand von vornherein nicht erhoben werden
können. In diesen Vorarbeiten. zum "Kapital", die als viertes Buch den historisch-literarischen Teil bilden
sollten*2.75 , beschäftigt sich Marx einge-
-101-
hend schon mit der Wert-Preis-Transformation, mit den Fragen des Produktionspreises, der Durchschnittsprofitrate
usw. Man braucht nur die beiden Teile des Bandes II der "Theorien über den Mehrwert" heranzuziehen, um
festzustellen, daß dort die theoretischen Probleme von Buch III des "Kapitals" in der Kritik an Ricardo eingehend
erörtert werden. Wenn schon Einwände gegen die Transformation des Wertes in den Preis erhoben werden sollten
(also tatsächlich ein Widerspruch zwischen Buch I und Buch III bestände), so könnten sie nur die logische Struktur der
Darstellung, die geistige Aneignung des Stoffes betreffen. Den "Widerspruch", als aus der nachträglich
vorgenommenen Konfrontation der Theorie mit der Wirklichkeit entstanden, erklären wollen, heißt die Sache nicht
etwa nur vereinfachen, sondern den wirklichen Tatbestand vollkommen verkennen.
"Das Kapital" ist ein "dialektisch Gegliedertes" und kann nur als solches kritisch gewürdigt werden. Analyse und
Systematisierung greifen bei Marx unaufhörlich ineinander; seine Arbeitsweise vollzieht sich in folgenden Stufen:
a) Die Kritik hat sich den Stoff im einzelnen anzueignen, kritisch zu verarbeiten.
b) Die Darstellung hat den inneren Zusammenhang des kritisch angeeigneten Stoffes nachzuzeichnen, das
heißt die Bewegungen der einzelnen Kategorien vorzuführen.
Die analytische Arbeit ist zum Teil von den Klassikern geleistet worden. Wenn die Analysen auch nicht immer
widerspruchsfrei waren, so drangen sie doch zum Kern der Sache vor; es waren erste Ansätze zur Wesenserkenntnis.
In den "Theorien über den Mehrwert" hat Marx dies verschiedentlich betont (vgl. unser letztes Kapitel).
Wir greifen ein einzelnes Beispiel heraus, um das im "Kapital" angewandte Verfahren zu charakterisieren. Eine
eingehende Analyse des "Kapitals" selbst würde den Rahmen unserer Arbeit sprengen.
Für Marx besteht in der vorkapitalistischen Warenproduktion die besondere Modifikation des Wertgesetzes, wie es
beim Aus-
-102-
tausch zwischen Kapital und Arbeit stattfindet, noch nicht, da die Zirkulation der Produkte sich vollzieht zwischen
Produzenten, die nicht nur Besitzer der Produktionsmittel sind, sondern auch direkte Aneigner des Produktes. Diese
vorkapitalistische Warenproduktion ist indessen nur eine sporadische, keine allgemeine, eine Warenproduktion, die
sich am Rande der Wirtschaft abwickelt und noch nicht ins Innere zurückgeschlagen hat. Das Wertgesetz setzt sich
folglich hier in einer anderen, historisch bestimmten Weise durch, es ist noch nicht die entwickelte kapitalistische
Wertbestimmung, die aus der Scheidung von Arbeitskraft und Produktionsmitteln zur Grundlage, zum herrschenden
Verhältnis der Produktionsweise wird. Aus der Genesis der Wertbestimmung ist auch der historische Ort zu
bestimmen, wo die politische Ökonomie auf den dem Wertgesetz immanenten Widerspruch stößt. Ihr vergeblicher
Versuch, diesen Widerspruch zu begreifen, scheitert nicht an logischem Unvermögen, sondern an einer historischen
Schranke, die den transitorischen Charakter des Wertgesetzes verdeckt, seinen Ursprung und seine Entwicklung
verkennt. Sie faßt das Wertgesetz, die Scheidung zwischen kapitalistischer Produktion und kapitalistischer Aneignung
unberücksichtigt lassend, abstrakt als den Tausch von Äquivalenten, was unter Ausschließung des Inhaltes, das heißt
der Verwertung der den Tauschwerten zugrunde liegenden Gebrauchswerte, auch richtig ist. Aber gerade die Analyse
dieses Inhaltes ist für das Verstehen des Wertgesetzes entscheidend.
Ein dem Inhalt nach wirklicher Tausch nach Äquivalenten findet nur in folgenden Fällen statt:
1. In vorkapitalistischer Zeit, wo die Warenproduktion als vereinzeltes Phänomen auftritt. Der Wert ist hier eine
noch durchaus unentwickelte Bestimmung.
2. Zu Beginn der kapitalistischen Produktion, in der noch keine scheinbaren Äquivalente auf Grund des
kapitalisierten Mehrwertes im Warenaustausch entstehen.
3. Im Tausch von Waren zwischen Kapitalisten. Hier werden die in den Waren vergegenständlichten Arbeiten
ausgetauscht.
Marx betont, daß der wirkliche Austausch von Äquivalenten als ursprüngliche Operation, zu Beginn der
kapitalistischen Produktion, in seiner Weiterentwicklung zur mystifizierten Form eines ihm fremden Inhaltes wird (K,
I, S. 612. MEW, Bd. 23, S. 609), und daß das
"Gesetz des Privateigentums durch seine eigne, [103] innere, unvermeidliche Dialektik in sein direktes Gegenteil
umschlägt." (K, I, S. 612. MEW, Bd. 23, S. 609)
Worin besteht die Umkehrung der ursprünglichen Operation, das Umschlagen des Gesetzes?
Die innere Dialektik der Produktion und Reproduktion erzeugt diese Umkehrung. Wir explizieren dies an einem
vereinfachten Beispiel, das wir Marx entnehmen (vgl. K, I, 22. Kap., Abschnitt VII).
Der Kapitalist schieße am Beginn seiner Produktion eine Wertsumme von 10.000 Einheiten vor (die Frage nach der
Möglichkeit der Akkumulation dieser Wertsumme bleibt hier unberücksichtigt). Diese Wertsumme teile sich auf in
[Link] c und 2.000 v. Unterstellt ist, daß die Waren sich zu ihren Werten austauschen, das heißt, daß der Arbeiter die
zur Reproduktion seiner Arbeitskraft notwendigen Lebensmittel erhält (in Geld- oder Warenform ist gleichgültig).
Nach der ersten Phase der Produktion setzt der Arbeiter durch seine Arbeit dem Produkt, bei einer angenommenen
Mehrwertrate von 100 %, ein Mehrprodukt von 2.000 m zu. Unterstellt, der Mehrwert werde im Verhältnis der
ursprünglichen organischen Zusammensetzung des Kapitals (4 : 1) ganz kapitalisiert (der Einfachheit halber wird von
einem Abzug am Mehrwert zum Zwecke der Konsumtion durch den Kapitalisten abgesehen; also: Akkumulationsrate
= Mehrwertrate), so teilt er sich für die zweite Produktionsperiode in 600 c und 400 v auf. Der Form nach wurden
auch hier Äquivalente getauscht, nicht aber dem Inhalte nach, da der im Produkt vergegenständlichte Mehrwert von
2.000 m vom Kapitalisten ohne entsprechendes Äquivalent angeeignet worden ist. "Der beständige Kauf und Verkauf
der Arbeitskraft ist die Form" (K, I, S. 612. MEW, Bd. 23, S. 609) und in diesem Falle stehen sich äußerlich gesehen
Äquivalente gegenüber.
"Der Inhalt ist, daß der Kapitalist einen Teil der bereits vergegenständlichten fremden Arbeit, die er sich unaufhörlich
ohne Äquivalent aneignet, stets wieder gegen größeres Quantum lebendiger fremder Arbeit umsetzt" (K, I, S. 612.
MEW, Bd. 23, S. 609)
, und damit schlägt das ursprüngliche Gesetz der Warenproduktion in sein Gegenteil um. Diese Umkehrung
entspringt, wie erwähnt, aus der Dialektik des Gesetzes selbst.
Ein solches Gesetz ist ein historisches Gesetz, an bestimmte Voraussetzungen und Mechanismen gebunden.
Es scheint uns opportun, an dieser Stelle die Gründe ins Auge
-104-
zu fassen, die Grossmann*2.76 als Ursachen der Planänderung ins Feld führt und die Marx aus "methodologischen
Erkenntnisrücksichten"*2.77 hierzu bewogen haben sollen. Wir rekapitulieren den Plan von 1859 (Plan I):
Grossmann lokalisiert diese Planänderung auf Juli/August 1863*2.79 und sieht das Merkmal im Übergang vom
Gesichtspunkt des Stoffes zu demjenigen der Erkenntnis*2.80 . Das entscheidende Motiv liegt für ihn in der
Entdeckung des Reproduktionsschemas durch Marx*2.81 , womit erst die Möglichkeit entstanden sei,
den notwendigen inneren Zusammenhang nachzuweisen, der zur Gliederung des empirischen Stoffes nach den
Funktionen führt, die das Kapital in seinem Kreislauf verrichtet.
So richtig der Satz ist, den wir in Grossmanns Vorwort zu seinem Buch "Das Akkumulations- und
Zusammenbruchsgesetz des kapitalistischen Systems"*2.82 lesen: "Der unbefriedigende Zustand der bisherigen
Marx-Forschung ist m. E. darauf zurückzuführen, daß man sich bisher über die Marxsche Forschungsmethode nicht
nur keine klaren, sondern, so merkwürdig das erscheinen mag, überhaupt keine Gedanken machte", so kann er doch
nicht darüber hinwegtäuschen, daß die methodologische Grundlegung mit der üblichen Verfahrensweise, wie aus
den Worten und Formu-
-105-
lierungen Grossmanns zu entnehmen ist, identifiziert und somit mißverstanden wird. Dies bezieht sich allgemein auf
das Verhältnis von Darstellung und Stoff.
Die Motivierung der Planänderung durch Grossmann ist nicht nur simplistisch, sondern geradezu falsch. Sie ist rein
auf das Ökonomistische ausgerichtet, nicht genügend durchdacht, so daß das Richtige, das in dieser Motivierung zum
Teil, wenn auch nicht im Sinne Grossmanns, enthalten ist, im Falschen untergeht. Die Änderung des Planes besteht
nicht in einem Übergang von der stofflichen Behandlung zur funktionellen. Alles, was dem Plan I vorangeht, wie der
Plan I selbst, hat die drei großen Klassen der bürgerlichen Gesellschaft und ihre antagonistischen Interessen vor
Augen. Marx hat nirgends nur den empirischen Stoff zur Verarbeitung genommen, sondern war immer bestrebt, die
Bewegungsgesetze des ökonomischen Daseins dieser drei Klassen und die ihnen zugrunde liegenden
Produktionsverhältnisse zu erklären. Er hatte folglich immer "Funktionelles" vor Augen*2.83 , wenn er auch im
einzelnen schwanken mochte und gewisse "interne" Merkmale des Prozesses ihn den Aufbau verfeinern ließen.
Was Grossmann am Plan von 1859 hätte auffallen müssen, ist die Tatsache, daß das Grundeigentum zwischen Kapital
und Lohnarbeit aufgeführt wird. Hier zu konstatieren, daß vom Gesichtspunkt des Stoffes zu dem der Erkenntnis
fortgeschritten wurde, wäre einleuchtender gewesen, denn im "Kapital" wird die Analyse des Grundeigentums - wie
schon erwähnt - zusammen mit der Grundrente in Buch III vorgenommen. Aber auch dies wird durch das von Marx in
der "Einleitung" Gesagte entkräftet, wo das Kapital als "die alles beherrschende ökonomische Macht der bürgerlichen
Gesellschaft" (Kr, S. 242) bezeichnet wird. Methodologisch ist der Übergang von der konventionellen Auffassung her,
die nur stofflich, den äußeren Kategorien gemäß darstellt, bereits vollzogen, wenn auch der Form nach dies nicht
ohne weiteres sichtbar ist. Den inhaltlichen Entwicklungen liegt die methodologisch erarbeitete Rangordnung der
Produktionsagenten in ihrer für die kapitalistische Produktion typischen Spezifität zugrunde*2.84 .
-106-
Ein genauer Vergleich der "Kritik" mit dem "Kapital" ergibt die fehlerhafte Bestimmung der sogenannten
Planänderung durch Grossmann. Der Kreislaufgedanke ist bereits in dem sich in der Einheit vollziehenden
dialektischen Prozeß der kapitalistischen Produktion eingeschlossen. Im zweiten Kapitel der "Kritik der politischen
Ökonomie" spricht Marx, wo er die Metamorphose der Ware untersucht, von "zwei verschiedenen Formen von
Kreisläufen" (Kr, S. 76. MEW, Bd. 13, S. 69) des Zirkulationsprozesses:
1. von der Transformation von Ware in Geld und von Geld in Ware (W - G - W),
2. von der Transformation von Geld in Ware und von Ware in Geld (G - W - G).
Aus der Entwicklung der Wertbestimmung aus der Warenproduktion und ihrem Austausch, des Geldes als
Verdoppelung des Warenwertes in einer besonderen Mateniatur ergibt sich der Schritt zur Analyse der Zirkulation
des Geldkapitals und seiner Reproduktion ohne weiteres. Es liegt durchaus kein Übergang vom Gesichtspunkt des
Stoffes zu demjenigen der Erkenntnis vor. Die Schemata der einfachen und der erweiterten Reproduktion sind wohl
unerläßliche Erweiterungen, aber gerade nicht erkenntnistheoretischen, sondern stofflichen Charakters. Genetisch
haben wir folgende Reihe:
o W-G-W
o G-W-G
o G - W...P...W - G
Der Gedanke des Kreislaufes beschränkt sich auf die wirtschaftlichen Größen, während der Gedanke der
widersprüchlichen Identität der Kategorien innerhalb der Einheit die gesamte bürgerliche Gesellschaft umfaßt.
Wenn wir den Standpunkt von Marcuse nochmals berücksichtigen, so wäre die angebliche Planänderung, die
Grossmann untersucht, nicht die erste, sondern bereits die zweite, denn auch Marcuse wurde auf Grund der
Frühschniften dazu verleitet anzunehmen - wenn auch anders begründet: philosophisch, nicht ökonomisch -‚ daß
Marx die übliche Dreigliederung der Nationalökonomie (als Wissenschaft der entfremdeten Kategorien) aufgegeben
habe und sofort in medias res dialektisch verfahre.
-107-
Die beiden Meinungen stehen sich indessen in ihrer Begründung konträr entgegen. Bei Grossmann ist mit keiner Zeile
erwähnt, was Marcuse sofort auffällt, daß Marx auch nie nur die sachliche Form des Produktionsprozesses darstellen
wollte, sondern die durch das Bewegungsgesetz der kapitalistischen Wirtschaft bestimmten Daseinsformen der
bürgerlichen Gesellschaft als ein hinter Sachen verstecktes Verhältnis von Personen. Marcuse hat, wenn auch zum
Teil unter Vernachlässigung der "ökonomischen" Momente, die Marxsche Methode besser verstanden als
Grossmann.
Grossmann spürt die Gefahr der Darstellung im "Funktions"zusammenhang, der nur in methodologischer Abstraktion
(nach seinen Worten: im "Isolierungsverfahren") erfaßt werden kann. Aber welches Verhältnis besteht zwischen den
wirklichen, konkreten Abstraktionen, von denen Marx als Daseinsformen, Existenzweisen der bürgerlichen
Gesellschaft spricht und den methodologischen Abstraktionen? Damit stellt sich auch die Frage des Verhältnisses von
empirischem Stoff zu den Funktionen. Grossmann schreibt: "Die methodologischen Vereinfachungen dürfen nicht zu
weit gehen, d. h. sie dürfen nicht von wesentlichen Elementen des untersuchten Gegenstandes absehen, wie dies
gerade Ricardo tut"*2.85 , und zitiert dann die Kritik Sismondis an Ricardo, der unter anderem sagt: "Mir erscheint
diese Abstraktion... zu stark." Nun sind aber gerade die wesentlichen Elemente die von Marx als abstrakte, wirkliche
Daseinsformen bezeichneten Kategorien und ihre durch den Produktionsprozeß in entfremdeten Kategorien
erscheinenden Formen Verhältnisse von Personen. Die Fehler Ricardos wie auch Smiths liegen viel weniger in den zu
stark vereinfachenden methodologischen Abstraktionen, als in den besonderen wirtschaftlichen Verhältnissen jener
Zeit, auf deren Grundlage eine Selbstkritik der politischen Ökonomie notwendig rudimentär und utopisch bleiben
mußte*2.86 . Dafür zeugt das Beispiel Sismondis. Die Leistung von Marx ist nicht allein der schärferen
Abstraktionskraft zu danken, sondern ist selbst ein historisches, aus der geschichtlich gewandelten Situation heraus
möglich gewordenes Phänomen. Die Robinsonaden Smiths und Ricardos, die auch Grossmann erwähnt, haben
tiefere Hintergründe als nur den Mangel an wissenschaftlichem
-108-
Vermögen, die entscheidenden Elemente der kapitalistischen Produktionsweise zu sehen.
"Funktionen", "Isolierungen", "Abstraktionen" sind Begriffe, die nach oben wie nach unten sich mit einem
klassifikatorisch gegebenen innerwissenschafthichen Maß bescheiden, der Rationaltheorie und der Empirie ihr Recht
und die Frage unbestimmt und unbeantwortet lassen, wie weit die methodologische Vereinfachung gehen darf.
Die Betrachtung der Systematisierung des Aufbaus der politischen Ökonomie durch Marx zeigt, daß ursprünglich
schon - in der "Einleitung zur Kritik der politischen Ökonomie" - die Darstellung vom Aspekt der Totalität her, das heißt
vom Kreislaufprozeß her, ins Auge gefaßt worden ist.
3. Zusammenfassung
-109-
Zusammenfassend sind aus den drei Teilen der textkritischen Untersuchung folgende Bestimmungen hervorzuheben:
1. Die logisch-allgemeine Bestimmung der Kategorien als wirkliche, reale Kategorien: Textkritische
Untersuchung I "Einleitung zur Kritik der politischen Ökonomie".
Ontologische Struktur: Wesen (essentia).
2. Die historisch-besondere Bestimmung der Kategorien als verdinglichte, entfremdete Kategorien. Textkritische
Untersuchung II "Ökonomisch-philosophische Manuskripte".
Existentielle Struktur: Erscheinung (existentia).
Diese Besonderung der einzelnen Teile steht hier des besseren Verständnisses wegen. Es wäre falsch anzunehmen
(dies erweist sich sofort bei der Lektüre dcer entsprechenden Schriften), daß sich in jeder Arbeit ein Teilproblem zu
der unter 3. gegebenen Lösung entwickle und darin seine Krönung finde. Jede der drei besprochenen Schriften von
Marx war als Ganzes gedacht und behandelt das Problem auch unter diesem Gesichtspunkt; jede stellt indessen
Elemente in den Vordergrund, die später in der expliziten Form der detaillierten Analyse nicht mehr auftreten,
sondern der einheitlicheren und strafferen Darstellung wegen als gesicherte Ergebnisse aufgenommen werden. Diese
Elemente herauszustellen, war die Aufgabe unserer textkritischen Untersuchungen. Jeder Leser wird
selbstverständlich ohne weiteres sehen, daß in 1. sowohl Fragen von 2., wie in 2. Fragen von 1.
-110-
behandelt werden, und daß 1. und 2. auch das Ziel von 3. zugrunde liegt. Wenn in 2. Fragen der entfremdeten
Kategorien im Vordergrund stehen, so wird doch gerade hier die ontologische Struktur der Arbeit in der
entfremdeten Form der Lohnarbeit aufgedeckt. Was uns jedoch interessierte, war nach der Analyse
der "Einleitung" zu wissen, in welcher besonderen Form die logischen Kategorien innerhalb der kapitalistischen
Produktionsweise auftreten, dies hieß die spezifische Form bestimmen, in der die logischen Kategorien erscheinen.
Daß hier die Rückführung dieser Kategorien auf ihre ontologische Struktur eine notwendige und unerläßliche
Ergänzung des in 1. Ausgeführten ist, braucht wohl kaum betont zu werden, und auch nicht, daß das in 2.
Ausgeführte ohne 1. unvollständig bleib.
1. Die logische Kategorie ist das entäußerte Wesen einer wirklichen Kategorie, nicht das eigentliche wirkliche Wesen.
Die logische Kategorie ist der Identifizierung mit der wirklichen ausgesetzt, also wie Marx betont und an Hegel
kritisiert, der Umkehrung der wirklichcn Verhältnisse in abstrakte Verhältnisse. Diese Umkehrung löst das wirkliche
Verhältnis, in dem sich Subjekt und Objekt gegenüberstehen, in ein begriffliches auf, die reale Vermittlung in eine
eingebildete: Auf diese Weise ist die logische Kategorie eine unvermittelte geistige Aneignung aus dem Geiste selbst,
eine Aneignung, die sich nichts zu eigen macht, eine Aneignung ohne Gegenstand. Ich reproduziere im Bewußtsein
die konkrete Allgemeinheit als abstrakte Allgemeinheit und glaube nun umgekehrt, daß die reale Allgemeinheit ein
Produkt der abstrakten Allgemeinheit sei. Ist die Vermittlung nur logisch, das heißt unwirklich, so ist auch die fixe
Polarität von Denken und Sein nicht zu überwinden, es kann nur a priori angenommen werden, daß das eine zum
andern kommt, wobei der Erkenntnisakt im rein Subjektiven verharrt. Der Sinn der Vermittlung, der zum Wesen
führt, wird zunichte, das Wesen wird seiner Objektivität beraubt. Die Objektivität dieses Wesens beruht indessen in
der bewußten allgemeinen Form als wirkliche Existenzbestimmung, Daseinsform. Sie ist mittelbar in der Realität
selbst. Die zentrale Frage ist hier die Frage nach dem Sinn der Kategorien als wirkliche Seinsbestimmungen, als die
das eigentliche Wesen des Prozesses beinhaltenden Bestimmungen.
Die allgemein-logische Form, in der die Seinsbestimmungen sich verkehren, ist zugleich aber auch die historisch-
besondere Form,
-111-
an der sie in Erscheinung treten, das heißt, die allgemein-logische Form ist als solche notwendig in der historisch-
besonderen Form enthalten; sie ist nur in dieser besonderen Form das Allgemeine, und so ist auch die ontologische
Bestimmung der Kategorien nur in ihrer historischen Form einsichtig, die der Träger dieser Bestimmung ist*3.1 . Es ist
dies indessen keine lineare Funktion, in der von einem Punkt zum andern - etwa von der ontologischen Bestimmung
zur historischen Kategorie - fortgeschritten werden kann, sondern ein Wechselverhältnis, in dem das Wesen das
Wesen der historischen Kategorien ist.
Die historische Besonderung der allgemeinen Form ist aber selbst wieder zu bestimmen. So ist die Verkehrung der
wirklichen Verhältnisse in der logischen Reproduktion eine historisch entstandene Verkehrung, eine Verkehrung nicht
natürlichen, sondern gesellschaftlichen Charakters. Die Kategorien sind Produkte dieser gesellschaftlichen
Verhältnisse, und zwar notwendige Kategorien, da sie zum Wesen dieser Verhältnisse gehören. Die Erscheinungsform
hat folglich nicht nur einen illusionären Aspekt (wo sie unmittelbar mit den gesellschaftlichen Verhältnissen
identifiziert wird), sondern auch einen objektiven Gehalt (in der Struktur der gesellschaftlichen Verhältnisse selbst).
Die gedankliche Auflösung des illusionären Scheins bedeutet somit noch nicht seine wirkliche Auflösung *3.2 ; der
Schein ist weiterhin ein den konkreten Verhältnissen entsprechender wirklicher Schein. Das Wesen erscheint auf
allen Stufen im Schein, aber immer auf besondere Weise. Das Wesen wird und modifiziert sich im Prozeß der
historischen Formen und bricht auf dem Höhepunkt ihrer Entfaltung durch, das heißt, die Unvereinbarkeit ihres
Gegenstandes führt der geistigen Aneignung das eigentliche Wesen des Prozesses vor Augen.
Der Prozeß, wodurch die Vermittlung von Wesen und Erscheinung als in der Einheit identische und gegensätzliche
Zweiheit erscheint, ist ein dialektischer. Jedes ist unmittelbar auch sein Gegenteil, in ihm enthalten: die
Erscheinungsform ist die Form des erscheinenden Wesens, oder: das Wesen ist das in historischer
-112-
Form erscheinende Wesen, das durch die Entwicklung dieser Form bedingte Wesen. Die Erscheinungsform ist also
nicht allein die historisch sich äußernde Manifestation des ihm eigentlichen Wesens, sondern das aus dieser Form zu
bestimmende und sich realisierende Wesen. Das oben bezeichnete Wechselverhältnis von Erscheinung und Wesen
ist immer konkret zu umschreiben. In diesem Verhältnis gestalten sich stets neu Wesen und Erscheinung, die
ontologische Bestimmung und die historische Kategorie, das Allgemeine und das Besondere. Die wahre Bestimmung
des Menschen setzt, wie Marx schon ausgeführt hat und worauf wir an einem Beispiel zurückkommen werden, eine
hohe gesellschaftliche Entwicklung voraus. Ziehen wir alles ab, was uns den Menschen heute zum Menschen macht,
so bleibt ein Objekt, das nur noch die Biologie interessiert.
Beides, Wesen und Erscheinung, sind Größen, die in ihrem Gegensatz und ihrer Durchdringung begrifflich als
Reproduktion der wirklichen Verhältnisse zu verstehen sind. Die abstrakte von uns gegebene Formulierung verfolgt
den Zweck, so paradox dies klingen mag, davor zu warnen, die Erscheinungsform und das Wesen
ihrem konkreten Inhalt nach zu übergehen. Diese Konsequenz liegt indessen in der dialektischen Methode selbst. Die
Entwicklung des Inhaltes liefert den Stoff seiner Verarbeitung: es sind die im Prozeß der Entfaltung sich relativ
verselbständigenden Pole, das Auseinanderfallen der ontologischen Bestimmungen und der logischen Kategorien, die
die Frage nach ihren Beziehungen stellt.
In einem Brief an Friedrich Engels vom 27. Juli 1861, in dem Marx beschreibt, wie die Verwandlung des Wertes der
Ware in den Produktionspreis dargestellt werden muß, lesen wir:
"Hier wird sich zeigen, woher die Vorstellungsweise von Spießer und Vulgärökonomie stammt, nämlich daher, daß in
ihrem Hirn sich immer nur die unmittelbare Erscheinungsform der Verhältnisse reflektiert, nicht deren innerer
Zusammenhang. Wäre letzteres übrigens der Fall, wozu wäre dann überhaupt eine Wissenschaft nötig?" (MEGA, III,
3, S. 404. MEW, Bd. 31, S. 312)
, denn:
".... alle Wissenschaft wäre überflüssig, wenn die Erscheinungsform und das Wesen unmittelbar zusammenfielen." (K,
III, S. 870. MEW, Bd. 25, S. 825)*3.3
-113-
2. Aus der textkritischen Untersuchung ist also die methodologische Gliederung, bzw. sind die tragenden Elemente
des Verfahrens zu ordnen und mit den in der "Problemstellung" aufgeworfenen Fragen und Einwänden zu verbinden.
An erster Stelle steht für Marx das Problem der Objektbestimmung. Es ist dies für ihn die unerläßliche Vorfrage: die
Frage nach der Beschaffenheit des Objektes wissenschaftlicher Erkenntnis überhaupt, woraus sich dann der
Systematisierungszusammenhang ergibt. Eine Abgrenzung des Objektes der Fachwissenschaft oder Teildisziplin kann
sich erst nach Erledigung dieser Vorfrage ergeben. Es ist dies sodann die Frage nach den "nationalökonomischen
Quellen", die nach Schumpeter allein eine "positiv-detailwissenschaftliche" Forschung zulassen.
-114-
Objektivität transponiert werden. Ob vermittelt oder unmittelbar, besteht in der Tätigkeit des Subjektes eine Identität
mit dem Objekt; methodologisch bedeutet dies, daß das Objekt immer Objekt eines Subjektes ist (sei dieses Subjekt
ein Individuum oder die Gesellschaft). In der bewußten Aneignung des Einfachen, Abstrakten, der Daseinsformen,
Existenzbestimmungen eigne ich mir das Konkrete an, denn auch das Konkrete ist abstrakt, inhaltsleer, wenn es nicht
die "Zusammenfassung vieler Bestimmungen ist, also Einheit des Mannigfaltigen" (Kr, S. 236. MEW, Bd. 13, S. 632).
Das Mannigfaltige wird jedoch erst konkret, wenn es die abstrakten Bestimmungen aus sich entlassen hat.
Das Verfahren kann somit kein willkürliches sein, das Objekt nicht aus einer rein begrifflichen Operation gewonnen
werden. An den Anfang einer national-ökonomischen Arbeit etwa eine Definition des Begriffs "Wirtschaft" stellen
wollen, erscheint von diesem Gesichtspunkt aus als willkürlich; für Marx wäre eine solche Definition der Wirtschaft
eine facon de parler, unbrauchbar und unbestimmt, weil sie der Konkretion entbehrt, in der das Allgemeine das
Besondere in sich aufzunehmen hat.
Die Kritik hat in der "Einleitung" die dort entwickelte Methode mit derjenigen des "naiven" Empirismus identifiziert
(so Hammacher) und dabei die entscheidenden Momente übersehen:
1. Das Realobjekt ist aus einem bestimmten Strukturzusammenhang der Gesellschaft heraus gegeben, es ist das
konstitutive Element einer konkreten gesellschaftlichen Totalität.
2. Als Erkenntnisobjekt ist es bereits in unserer Vorstellung auf dem Wege der bewußten Aneignung.
3. In dieser Form tritt es erst auf einer bestimmten Stufe der gesellschaftlichen Entwicklung auf, und zwar da,
wo es als reale Kategorie seine extensive und intensive volle Ausbildung erfährt.
Am deutlichsten wird dies im Rückblick auf frühere Gesellschaftsformen, die für uns nicht mehr bloße faits bruts sind,
sondern deren Kenntnis sich erst erschließt, wo wir auf einer differenzierten Spätstufe der Entwicklung in strengem
Sinne Wissenschaft treiben und wir die einzelnen abgelaufenen Stadien der Geschichte als aufgehobene Momente zu
uns wissen.
Realobjekt und Erkenntnisobjekt führen keine getrennte Existenz mehr; sie sind zwei Seiten eines einheitlichen
Prozesses: der praktisch-theoretischen Auseinandersetzung der Menschen mit
-115-
der Gesellschaft und der Natur. Die einzelne Kategorie ist nichts Zufälliges, von außen an den Gegenstand
Herangetragenes, sie ist nicht ein Etwas, das hier oder dort auftreten kann und dessen sich das Denken ohne
notwendigen Zusammenhang bemächtigt, sondern ein historisch gewordenes Dasein in seiner begrifflichen Form, ein
gesellschaftlich gewordener Erfahrungsbereich und Vorstellungskreis.
Tatsachenbeobachtung heißt, sich darüber verständigen, was als Tatsache zu gelten hat. Die Tatsache, das factum
brutum, als vereinzeltes Objekt ist für das Subjekt etwas völlig Unbestimmtes, eine beziehungslose Äußerlichkeit. So
ist der Direktor aus der Fabrik A auf der Straße für den Arbeiter aus der Fabrik B, der die soziale Stellung des ersteren
nicht kennt, ein Mensch unter tausend andern. Aber selbst diese allgemeinste Bestimmung "Mensch" ist keine
selbstverständliche. Dem Sklavenbesitzer X ist der Sklave Y ein Arbeitsinstrument, das ihm rechtens als Eigentum
zusteht, also kein Mensch, sondern eine rein sachliche Kategorie. Die Attribute, die das Menschsein auszeichnen,
gelten für den Sklaven nicht, so wenig im ersten Falle das zufällige Zusammentreffen von Arbeiter und Direktor die
Attribute der besonderen sozialen Rangstufe berühren. In beiden Fällen ist das factum brutum historisch-
gesellschaftlich bestimmt. Während im ersten Falle eine allgemein gewordene Gleichheitsvorstellung den
Begriff "Mensch" charakterisiert, ist er im zweiten Falle aus den besonderen Verhältnissen heraus nur eine
partikulare Bestimmung. Ebensowenig kennt die absolutistische, "gottgewollte" Ordnung in der hierarchischen
Gliederung der Stände für den weltlichen Bereich die allgemeine Gleichheitsvorstellung. Nichts verdeutlicht unser
oben gewähltes Beispiel besser als etwa die American Declaration of Independence vom 4. Juli 1776:
"We hold these truths to be self-evident: that all men are created equal.. ."
"Derjenige ist von Natur ein Sklave, der dazu gemacht ist, eines Andern zu sein, oder der nicht anders als verbunden
mit einem Anderen, und unzertrennlich von ihm wirken kann. Dies ist aber der Fall alsdann, wenn er nur gerade so
viel Verstand hat, um zu begreifen, was der Andere ihm zu thun vorschreibt, nicht so viel, um selbst
einzu- [116] sehen, was er thun soll. Ein solcher ist von den Thieren nur insofern unterschieden, als diese nicht durch
die Mittheilung der Gedanken eines Anderen, sondern nur durch Empfindungen und Einwirkung auf ihre Sinnlichkeit
regiert werden. Auch ist der Gebrauch, den man von solchen Menschen und den man von den Thieren macht, nicht
sehr ungleich. Beide, nämlich die Sklaven und die zahmen Tiere, helfen uns zu den Bedürfnissen des Lebens durch
ihre körperliche Kräfte und Fertigkeiten." (Aristoteles)*3.4
Faktizität und Logizität sind für Marx nicht mehr einander ausschließende Gegensätze. Das factum brutum erscheint
nur unter bestimmten Voraussetzungen - in der entfremdeten, verdinglichten Tätigkeit des Menschen - als
extramentales Objekt, als bloße Sinneserfahrung. Der methodologische Ausdruck der Kontingenz des Subjekt-Objekt-
Verhältnisses ist der Empirismus. Daß damit kein Auskommen war, haben die theoretisch arbeitenden Empiristen
gesehen, und bezeichnend ist David Humes Ausruf:
"Ins Feuer mit allem, was nicht entweder Mathematik oder Bereicherung unseres Wissens um Tatsachen ist"
, worin sich der deduktive Rationalismus der Mathematik mit der kruden Faktizität des Tatsachenwissens mischt, das
heißt die zwei Pole, die sich in den Methodenstreiten unversöhnlich gegenüberstehen:
Sind die logischen Kategorien begrifflich gefaßte Abstrakta, Abstrakta als wirkliche Kategorien, als
Daseinsbestimmungen des gesellschaftlichen Lebens, so sind sie in anderer Form die "empirische" Allgemeinheit
dieser Kategorien. Die Empirie ist hier nicht mehr etwas als historisch Individuelles dem Logischen
Entgegengesetztes, sondern ein erst in dieser Allgemeinheit gewußtes Besonderes. Das Charakteristische der
Partikularität wird erst verstanden, wo es als Partikularität seine größte Allgemeinheit erreicht, wo es seine volle
Ausbildung erfahren hat. Das Partikulare wird zum Allgemeinen, es ist das Allgemeine und damit erst auch
Partikulares. Das Allgemeine ist ein besonderes Allgemeines. Es ist nicht die abstraktive und zusammenfassende
Summe bestimmter Merkmale einer Vielzahl von Besonderen, also nicht die gedankliche abstrakte Verarbeitung
wesentlicher Attribute, die verschiedenen Objekten zukommen, zum Allge-
-117-
meinbegriff. Aber die Widersprüchlichkeit besteht auch in diesem Falle, wo das Allgemeine nur die
besondere Form eines allgemeinen Inhaltes ist; das Allgemeine ist so auf andere Weise das Besondere, sie hat also
die objektiv-historische Bedingung ihres Auftretens in sich. Es muß sich somit als historisch allgemein erweisen, was
theoretisch allgemein sein kann. Die begriffliche Reproduktion des Allgemeinen ist nur die bestimmte bewußte
Aneignung des wirklich Allgemeinen, des Allgemeinen als objektive Wirklichkeit, als Existenzbestimmung, in dem das
historisch Konkrete ist. Die Faktizität seines Daseins ist sein besonderer Inhalt und seine Form die Form dieses
Inhaltes. Inhalt und Form ineins als spezifisch Allgemeines eines historisch Besonderen. So sind die Kategorien nicht
mehr bloße subjektive Formen des Verstandes, sondern objektive Seinskategorien.
Die Verkehrung des Prozesses in der geistigen Aneignung der Daseinsformen, wie wir schon in der Textkritik
erwähnten, vollzieht sich unter anderen Vorzeichen als bei Hegel auch im Empirismus und Positivismus, mit dem
Unterschied, daß das, was bei Hegel ins Spekulative gewendet ist, hier im Methodologischen durchbricht. Was sich
bei Hegel im Begriff und aus dem Begriff entwickelt, entwickelt sich hier am Gegenstand und nur an ihm, und zwar
ungeachtet der Frage, was den Gegenstand zum Gegenstand unserer Betrachtung erst macht. Man sieht ohne
weiteres, daß der radikale Dualismus, der die Methode zum reinen Hilfsmittel degradiert und das Problem, wie das
Denken zum Sein kommt, ungelöst läßt, weit hinter die Hegelsche Konzeption zurückführt.
a) In der unentfremdeten Form, in der die Subjekt-Objekt-Beziehung in unmittelbarer Identität bewußt ist; ich
weiß das Objekt als das Objekt meines gesellschaftlichen Tuns.
b) In der entfremdeten Form, in der die Subjekt-Objekt-Beziehung erst in vermittelter Form bewußt wird: ich
weiß das Objekt in einer uneigentlichen, mir fremden, nicht zugehörigen Form.
Beiden Formen eigen ist die Vergegenständlichung der menschlichen Tätigkeit in einem Objekt. Während aber im
ersten Fall das gesellschaftliche Verhältnis als ein persönliches Verhältnis zur Erreichung eines gemeinsamen Zweckes
jedem Individuum
-118-
einsichtig ist, erscheint im zweiten Fall das gesellschaftliche Verhältnis als ein sachliches Verhältnis zur Erreichung
eines nur individuellen Zweckes innerhalb der Gesellschaft; während die Vergegenständlichung in der ersten Form die
unmittelbar bewußte Tätigkeit des Individuums, seine ihm eigentliche Lebensäußerung im Zusammenhang mit
andern Individuen ist, ist sie an der andern Form die ihm in einer uneigentlichen Weise bewußte Tätigkeit als
notwendiges Diktum seines individuellen Daseins im Zusammenhang mit andern. Beherrscht das Individuum in der
unentfremdeten Form seiner Tätigkeit das Objekt, so beherrscht das Objekt in der entfremdeten Form das
Individuum. Die Vergegenständlichung in entfremdeter, verdinglichtcr Form bewirkt die Verkehrung der wirklichen
Verhältnisse: was ein Verhältnis zwischen Personen ist, erscheint als ein Verhältnis von Sachen.
Ad a.
o Die einzelnen Individuen, die sich in Gesellschaft finden, beziehen sich unmittelbar als
gesellschaftlich produzierende Individuen aufeinander, als individuell in Gemeinschaft produzierende
Individuen.
o Die individuelle Verwirklichung ihrer Tätigkeit als nur in Gesellschaft mögliche Verwirklichung,
zugleich als gesellschaftlich bedingter Prozeß ihrer Selbstentfaltung.
o Die Individuen teilen sich in das Produkt ihrer Arbeit nach Maßgabe individuell-gesellschaftlicher
Bestimmungen in einem Akt selbstbewußter Entscheidung.
Ad b.
o Die einzelnen Individuen beziehen sich nur noch mittelbar als gesellschaftlich produzierende
Individuen aufeinander.
o Ihr individuelles Produkt erscheint nur indirekt als gesellschaftliches, ihre Selbstentfaltung als nur
individuell bedingte.
o Was in a. als das direkte Produkt und Verhältnis von in Gesellschaft produzierenden Individuen
erscheint, erscheint hier als das Verhältnis von Gegenständen, die sich auf dem Markte tauschen.
o An Stelle der direkten gesellschaftlichen Bestimmungen tritt die unpersönliche Funktion des Marktes
als die den gesellschaftlichen Charakter der individuellen Arbeiten post festum sanktionierende
Macht.
-119-
duellen Arbeiten wird durch unpersönliche, dem Individuum fremde Zwischenglieder (Ware, Preis, Geld, Kapital, Zins
uws.) verschleiert*3.5 .
In der Entfremdung sieht Marx eine eigentümliche Form, in der uns die gesellschaftliche Wirklichkeit erscheint. Es ist
die Verkehrung der wirklichen Verhältnisse, die illusionäre Vorstellung dieser Verhältnisse, als ein Verhältnis von
Sachen. Dieser sachliche Schein, in dem uns die menschlich-gesellschaftliche Tätigkeit erscheint, ist jedoch ein reeller
Schein, eine Bedingung der gesellschaftlichen Tätigkeit und Ordnung selbst. Seine Bestimmungen sind reale
gesellschaftliche Bestimmungen. Arbeit, die in der bürgerlichen Gesellschaft als Reichtum (in Wertform) schaffende
Tätigkeit gefaßt wird, ist in dieser Form ihres ontologischen Charakters entkleidet, das heißt unter den Bedingungen
des Kapitalverhältnisses kategorial in der Äußerlichkeit ihres Gegenstandes verobjektiviert. Die Arbeit ist so nur ihrer
Erscheinung, nicht ihrem Wesen nach eine Universalkategorie, sie beherrscht in und mit dem Objekt die subjektive
Seite ihrer Bestimmung, die als metaökonomisches Faktum andern Fachwissenschaften zugewiesen wird. In der
Ökonomie wird die Entität der Arbeit an die Oberfläche verlegt und damit das Wesen mit der entfremdeten,
verdinglichten Form identifiziert. Der sachlich äußere Schein wird als volle Wirklichkeit genommen - ungeachtet
dessen, daß er nur die in besonderer Weise erscheinende Wirklichkeit ist.
-120-
Die Eigenart des Erkenntnisprozesses liegt für Marx nicht darin, daß sich die Tätigkeit des Individuums
vergegenständlicht, nicht in der bewußtseinsmäßig zu erfassenden Zuständlichkeit des Wirklichkeitsbildes als ein
außer der subjektiven Tätigkeit liegendes Faktum, als die äußere objektive Wirklichkeit, sondern in der besonderen
Vermittlung, in der uns diese Wirklichkeit erscheint. Es ist nicht die unmittelbar logisch gegebene Reproduktion der
Daseinsbestimmungen, sondern die aus dem gesellschaftlich-historisch gewordenen Subjekt-Objekt-Verhältnis zu
bestimmende Stellung der vermittelnden Glieder des Prozesses, in der uns der Inhalt dieses Prozesses erscheint, die
Hauptschwierigkeit des Erkenntnisaktes, Die erste Form, in der sich der Erkenntnisakt präsentiert, als nur logische
Reproduktion des Konkreten, glaubt unmittelbar der Gegenstände habhaft zu werden. Ihr Vorgehen versteht sie als
Verfahren fortschreitender Approximation. In dieser Form bleibt das Verfahren abstrakt, dem Gegenstand
uneigentlich, und daran scheitern sowohl Empirismus wie Rationalismus. Das Denken denkt die Dinge.
Die zweite Form, in der die geistige Reproduktion des Prozesses die besondere Form des gesellschaftlich-historischen
Gehaltes ist, wo Form und Inhalt sich in der Einheit des Prozesses bewegen, beinhaltet Empirismus und
Rationalismus als zwei Tendenzen, als zwei Seiten des sich in dieser Einheit bewegenden Prozesses. Das Denken ist in
den Dingen selbst und als Teil des Dinges denkt es die Dinge. So ist die Identität von Subjekt und Objekt, insofern sie
das Erkennen betreffen, gemeint.
4. Was in der entfremdeten, verdinglichten Form die gesellschaftlichen Verhältnisse bestimmt und beherrscht, erhält
den Charakter naturgesetzlicher Notwendigkeit. Das Geschehen erscheint uns als eine unabänderliche, äußere
Macht, der wir uns beugen müssen. Wert-, Preis-, Marktgesetze sind unserem bewußten Tun entzogen; wir gehen
ihren Fluktuationen bis ins einzelne nach, sind jedoch auf ihren Verlauf einflußlos. In diesem Sinne spricht Marx von
den Naturgesetzen der bürgerlichen Gesellschaft.
Aber diese Gesetze sind weit davon entfernt, mechanistische Kausalgesetze zu sein, die nicht nur sinnfremd, sondern
auch ausnahmslos absolut sind. In die die gesellschaftlichen Verhältnisse bestimmenden Gesetze ist eingebettet die
Aktivität des
-121-
Menschen, der in der bewußten Aneignung der gesellschaftlichen Wirklichkeit diese Wirklichkeit verändert. Aber
diese Veränderung geht unter bestimmten Voraussetzungen vor sich, denen sich das Individuum nicht entziehen
kann, das heißt: Es ist nicht allein die subjektive Seite des Prozesses entscheidend, sondern in ebenso starkem
Ausmaß die objektive. Die bewußte Beherrschung der gesellschaftlichen Vorgänge gestattet wohl,
Entwicklungsphasen abzukürzen, nicht aber sie zu überspringen. Die subjektiven Wünsche sind nur insofern
realisierbar, als sie im Objektiven die Voraussetzung ihrer Realisierung finden, und zwar die wirkliche, nicht
eingebildete.
Da im dialektischen Prozeß dieser historischen Gesetzlichkeit ein Subjekt, ein mit Bewußtsein begabtes Wesen,
beteiligt ist, setzen sie sich nie rein durch. Sie sind immer nur - wie Marx bemerkt - "Tendenzen". Die absolute
Gesetzlichkeit setzt die bewußtlose Unmittelbarkeit zwischen Subjekt und Objekt voraus. Wenn das Gesetz sich in der
Gesellschaft nur tendenziell durchsetzt, das heißt durch gegenwirkende Umstände aufgehalten, verlangsamt oder
abgeschwächt wird, so heißt dies wiederum nichts anderes, als daß es die Tendenz hat, sich rein durchzusetzen. Die
reine Darstellung des Gesetzes ist eine Vereinfachung, aber eine Vereinfachung, die ihre Voraussetzung in der
gesellschaftlichen Wirklichkeit hat, das heißt: Durch alle gegenwirkenden Umstände, Abweichungen,
Abschwächungen tendiert das Gesetz, sich auch realiter rein durchzusetzen. Die Wirklichkeit selbst oszilliert um die
Mitte dieser reinen, unverfälschten Gesetzlichkeit. Unter diesen Umständen ist es klar, daß keine Modifikation das
Gesetz als solches verändern oder sogar aufheben kann. Im Gegenteil: Die Modifikation wird nur verstanden auf
Grund des unverfälschten Gesetzes. Es ist dies eines der besten Beispiele, daß sich die Dialektik des Gegenstandes im
Bewußtsein wiederfindet.
Es ist bis heute üblich, in den Geisteswissenschaften die Gleichsetzung von Rationaltheorie mit Gesetzeswissenschaft
als naturwissenschaftlichen Charakters zu verdächtigen. Die Rationaltheorie konnte sich diesem Vorwurf nicht
entziehen, da sie in ihren Modellen den kausalgesetzlichen oder funktionellen Charakter der Beziehungen
verallgemeinerte. Damit wurden die gesellschaftlich-historischen Merkmale des Gesetzes vernichtet. Auf der andern
Seite behauptet zum Beispiel Spann, daß es für das geschichtliche Verfahren "strenggenommen" weder Preis- noch
-122-
Lohngesetze geben könne, sondern nur "Entwicklungstendenzen oder äußere Regelmäßigkeiten"*3.6 . Schließt, wie
Marx betont, der abstrakt-naturwissenschaftliche Materialismus (im Falle der Rationaltheorie: Idealismus) den
geschichtlichen Prozeß aus (K, I, S. 389. MEW, Bd. 23, S. 393), so anderseits die
geschichtlich-"ganzheitliche" Auffassung den theoretischen Prozeß, das heißt die bewußte Aneignung der
Wirklichkeit. Sowohl äußere Regelmäßigkeiten wie Entwicklungstendenzen sind vom allgemeinen Gesetz abgeleitete
Formen und ohne das "reine" Gesetz unverständlich. Ich komme nie zur Regelmäßigkeit noch zur Tendenz, wenn ich
das Gesetz nicht rein dargestellt habe, denn Tendenz besteht nicht in sich, sondern ist Tendenz zu etwas,
Regelmäßigkeit ist nicht Regelmäßigkeit an sich, sondern Regelmäßigkeit von etwas. Die Tendenz hat das Gesetz nicht
eliminiert, sondern es bestätigt; das eine ist im andern enthalten, folglich hat das "theoretische" reine Gesetz einen
ebenso hohen Wirklichkeitsgrad wie die Tendenz. Die Wissenschaft schwankt zwischen zwei Seiten des
Erkenntnisprozesses ohne die entsprechende Vermittlung zu finden: Der Rationaltheoretiker ist bereit, die
Wirklichkeit zugunsten des Gesetzes preiszugeben, der Empiriker das Gesetz zugunsten der Wirklichkeit. Das Gesetz
hat für Marx keine irgendwie geartete ideale Werthaftigkeit, sondern ist allein ein aus dem historischen Prozeß selbst
ausgeschiedenes Mittel.
Ist die Gesetzlichkeit des Wirtschaftsprozesses eine historische Gesetzlichkeit, keine allgemeingültige, von Zeit und
Ort unabhängige Gesetzlichkeit, dann ergeben sich zwei grundlegende Konsequenzen:
1. Das Gesetz kann nicht im Sinne der "reinen" Theorie entwickelt werden. Was als reine Theorie auftritt, ist das
hypostasierte Produkt einer Seite des Wirtschaftsprozesses, die in ihm als abstrahierte Tendenz (wenn auch
wirkliche) wirksam ist; es ist die verabsolutierte Idealform des Gesetzes.
2. Das Gesetz hat nur eine beschränkte Gültigkeit für einen bestimmten Abschnitt der gesellschaftlichen
Entwicklung. Diese Gültigkeit ist an besondere historische Bedingungen gebunden, mit denen es auch wieder
verschwindet.
Die allgemeine Form des Inhaltes der konkreten Wirklichkeit ist das Gesetz nur, wenn die Allgemeinheit selbst eine
historische ist, das heißt, wenn das Allgemeine in der Totalität des Prozesses
-123-
wirklich geworden ist. So ist die entwickelte Wertform und das Wertgesetz ein typisches Charakteristikum der
kapitalistischen Produktionsverhältnisse, die die Scheidung der Produzenten von ihren Arbeitsbedingungen und die
extensive wie intensive Ausbildung der Arbeit als Universalkategorie voraussetzt, das heißt die Form, in der sie als
allgemein abstrakt-menschliche Arbeit erscheint. Das Gesetz beinhaltet so die besondere Form, in der das Subjekt-
Objekt-Verhältnis historisch auftritt. In der kapitalistischen Gesellschaft ist es die in der Wertform fixierte und
entfremdete Sachlichkeit der gesellschaftlichen Arbeit, wobei sich der gesellschaftliche Zusammenhang der
individuellen Tätigkeiten erst indirekt auf dem Umweg über den realisierten oder nicht-realisierten Wert auf dem
Markte einstellt. Die individuelle Tätigkeit ist von der allgemein gesellschaftlichen geschieden und legitimiert sich erst
post festum als gesellschaftliche.
Das Gesetz ist die allgemeine Bewegung des besonderen historischen Inhaltes; die Prämissen, unter denen es
Geltung hat, sind die wirklichen Bedingungen des Prozesses selbst.
-124-
funden, aber nachträglich wieder zunichte gemacht durch den Primat, der der Geschichte oder der Theorie
zuerkannt wird.
Der Dualismus kann von der nur-theoretischen Seite her nicht gelöst werden. Das Allgemeine ist nur allgemein,
insofern es das Besondere zu seinem Inhalt hat, somit das Allgemeine auf besondere Weise ist; das Besondere ist nur
besonders, insofern es das Allgemeine zu seinem Inhalt hat, somit das Allgemeine auf besondere Weise ist. Wenn das
eine das andere beinhaltet, dann müssen beide Ausprägungen der Wirklichkeit selbst sein, nicht aber theoretische
und praktische Entgegensetzung. Das Allgemeine als Nur-Theorie ist geschichtslos, womit zugleich die Theorie
negiert wird, da sie nur Theorie des Besonderen, das heißt der Geschichte sein kann. In dieser Verabsolutierung hebt
sich Theorie als Theorie auf, sie wird spekulativ. Das Besondere als Nur-Geschichte ist theorielos, womit Geschichte
überhaupt negiert wird, da sie nur Geschichte des Allgemeinen, Vernünftigen, Sinnvollen sein kann. Analog der
Theorie hebt sich in diesem Falle Geschichte als Geschichte auf, sie wird zu einem chaotischen Aggregat
unzusammenhängender Fakten. Die geistige Reproduktion der Wirklichkeit, die das Allgemeine und Besondere
umfaßt und in der sich Subjekt und Objekt als ihr Träger in Einheit bewegen, kann nur die Reproduktion des
immanenten Prozesses sein, in dem sich ihr Verhältnis gestaltet.
Keines der beiden oben erwähnten Verfahren kann eine eindeutige Vermittlung von Allgemeinem und Besonderem
nachweisen, sondern muß sich letztlich damit begnügen, festzustellen, daß beiden Methoden ein Erkenntniswert
zukomme. Gleichzeitig wird aber die Unbestimmtheit des Verfahrens zugegeben. Dies führt zu dem schon erwähnten
Schwanken zwischen zwei Polen, die einmal im Real- oder Erkenntnisobjekt zusammen, das andere Mal im
Erkenntnissubjekt getrennt erscheinen. Beide Auffassungen wollen Theorie und Geschichte, Allgemeines und
Besonderes verstehen und vereinbaren, das heißt gegenseitig vermitteln, bzw. in Übereinstimmung bringen, wobei
dann aber im Verfahren, was übereinstimmen soll, getrennt und mit dem Zeichen des Vorranges versehen wird.
Ausdruck dieser widersprüchlichen Siiuation ist der Methodenstreit.
Vom Standpunkt des "reinen" Rationalisten oder des "reinen" Empirikers, wie indessen auch vom Standpunkt des nur
dem Scheine nach vermittelten Verfahrens, das den Dualismus zwischen Theorie und Geschichte grundsätzlich nicht
aufgehoben
-125-
hat, muß die Marxsche Lösung des dialektischen Prozesses der beiden Tendenzen, in der sich das Konkrete als geistig
Konkretes bewegt, als spekulativ erscheinen. In diesem Sinne übt Schumpeter seine Kritik, wobei er, wie die
Methodologen in der Frage des Verhältnisses von Theorie und Geschichte, ebenfalls eine zwiespältige Position
einnimmt, die einzelnen Elemente, die er der Kritik unterzieht, einmal mit positiven, dann wiederum mit negativen
Vorzeichen versieht*3.7 . Es wiederholt sich in der Kritik derselbe Mangel an wirklicher Vermittlung, den wir oben
behandelten, das heißt die Unentschiedenheit über die problemlösende Methode.
Auf Grund unserer textkritischen Darstellung und Bearbeitung der Marxschen Methode besteht kein Zweifel mehr
darüber, daß gerade die von Schumpeter und anderen als spekulativ bezeichnete dialektische Methode das gesamte
Marxsche Werk sowohl an der Analyse wie in den Resultaten bestimmt, allerdings nicht in der Form einer einfachen
Übernahme der Hegelschen Dialektik, sondern in der den Dualismus von Denken und Sein aufhebenden
materialistischen Dialektik. Was aufgehoben wird, ist - so paradox dies für die Kritiker klingen mag - gerade das
spekulative Element der unvermittelten oder künstlich vermittelten Haltungen des Rationalismus und Empirismus.
Die Marxsche Kritik an Hegel dringt hier noch viel tiefer: Sie hebt den spekulativen Charakter der Hegelschen
Dialektik auf.
Tatsache hat in sich schon die begriffliche Form und die Analyse, das im Begriff sich bewegende Objekt. Die objektive
(gegenständliche) Seite ist die schon subjektive (begriffliche) Seite. Keine der beiden Seiten für sich allein ist die
Methode, sondern diese ist die gewußte Bewegung, in der sich das Subjekt-Objekt-Verhältnis realisiert; sie ist in
bewußter Reproduktion die Sache selbst, das Ineinssein mit dem Gegenstand. Die Dialektik hat eine völlig andere
Bestimmung als bei Hegel, woran die Kritik im allgemeinen vorbeisieht. Tatsachenbeobachtung und Analyse sind
somit die schon im konkreten Prozeß vorhandene Bewegung des Subjekt-Objekt-Verhältnisses, worin das Subjekt als
handelndes Subjekt das Objekt setzt, in Einheit mit ihm ist und anderseits an den objektiven Bedingungen dieses
Prozesses seine Schranke findet, was nichts anderes heißt, als daß das subjektive
-126-
Handeln an den objektiven Bedingungen Gegenstand und Möglichkeit seines Handelns hat.
Wissenschaftliche Detailforschung kann der dialektischen Methode nur entgegengesetzt werden, wenn der
Gegenstand der Forschung aus der Methode selbst ausgeschlossen ist. Damit wird aber - im zwiefachen Sinne des
Wortes - die Methode gegenstandslos. Die Obersätze sind in diesem Falle in sich ruhende, in ihrer Unmittelbarkeit
ungeschiedene Aussagen apriorischen Charakters. Es ist weder einsichtig, woher sie ihre Form noch woher sie ihren
Inhalt haben. Wo solche Sätze mit dem Anspruch auf Gültigkeit auftreten, sind sie das späte Produkt eines bereits
fixierten und entfalteten wissenschaftlichen Begriffsnetzes; sie enthalten implizite, was sie als Voraussetzung
leugnen. Was aber hier gegen den spekulativen metaphysischen Charakter der Obersätze ins Feld geführt wird, gilt
ebenso gegen den Anspruch, den Rationalismus und Empirismus als problemlösende Methoden erheben. Sie setzen
ebenfalls das fixierte Begriffsnetz und den Systematisierungszusammenhang voraus. Darin findet sich auch, was die
Wirtschaftstheorie in den Funktionen und Modellen unbesehen als Daten aufnimmt und was sie zur Bestimmung und
Abgrenzung ihres Objektes verwendet. So scheidet sie auch bewußt als fachwissenschaftlich verschieden die
objektgerichtete Ökonomie von der subjektgerichteten Soziologie, die wirtschaftlichen Beziehungen von den sozialen
Beziehungen der Individuen, Gruppen und Klassen. Während der "homo oeconomicus" und der "Arbeiter" in der
Detailforschung ihre wissenschaftlichen Dienste verrichten, wird die Kategorie "Proletarier" ans Gebiet der Soziologie
verwiesen. Die "weiten soziologischen Zusammenhänge" sind indessen für Marx weiter nichts als auch ökonomische
Zusammenhänge, Resultate dieser Zusammenhänge, sie sind die in den Produktionsverhältnissen enthaltenen
Beziehungen der Klassen untereinander. Die Klasse ist ein ökonomisches und soziales Phänomen, ihre soziale
Bestimmtheit ist die in den Distributionsverhältnissen verankerte ökonomische Bestimmtheit. Für die Klasse gilt, was
für die Stellung des einzelnen Subjektes innerhalb der Produktionsverhältnisse gilt. Auf gesellschaftlicher Stufenleiter
drücken sich in ihr die Antagonismen in den ökonomischen Verhältnissen aus. Die Klasse ist nichts ohne die
ökonomische Struktur der Gesellschaft, die Gesellschaft ist nichts ohne die soziologische Struktur der Ökonomie; die
Klasse ist Ursache und Wirkung des Produktionsprozesses.
-127-
Wir müssen feststellen, daß der ungelöste Dualismus von Theorie und Geschichte in der Kritik am Marxschen
Standort immer wieder auftritt, sei es als methodischer, inhaltlicher oder philosophischer Einwand. Die Kritik, die ihr
eigenes Problem nicht gelöst hat, kann nur schwer den Weg der immanenten Kritik beschreiten und bleibt
notwendigerweise sachfremd. Uneingestandenermaßen wird dies zugegeben, zum Beispiel von Schumpeter, wo er
für die Kritik als methodisches Richtmaß die detail-wissenschaftliche Arbeit postuliert, sie aber dort preisgibt, wo er
von der Zukunft die Lösung des Problems erwartet.
6. Der Anlaß, den Boden der Philosophie zu verlassen, ergibt sich für Marx aus der Bestimmung der Dialektik als
materialistischer Dialektik, als die der Geschichte immanente Bewegung. Damit wird auch die Herrschaft der Form
verurteilt, die inhaltliche Leere der Begriffe, Bestimmungen und Systematisierungen.
Nichts ist einfacher aber auch unbestimmter, als die allgemeinste Form eines Prozesses einmal abstrahiert, diese
stets wieder dem Gegenstand anzunähern und anzupassen und so wieder die Herrschaft der Theorie über die
Geschichte zu statuieren, die ihren inhaltlichen Reichtum und ihre individuelle Gestalt verliert. Der Gehalt
verschwindet, die Form ist Form ohne Inhalt. Die als heuristisches Mittel verwendete Abstraktion ist wohl ein
denkmögliches Mittel, indessen noch keine bewußte Aneignung, Reproduktion des Geschichtsprozesses mit
objektiver Geltung.
Die Theorie kann so nie dem Vorwurf entgehen, vorerst etwas Subjektives zu sein. Will sie erweisen, daß sie das nicht
ist, dann setzt sie in den meisten Fällen voraus, was sie erst beweisen muß, nämlich: daß ihr Gegenstand eben
Gegenstand dieser Theorie ist, und daß er ohne diese Theorie nichts ist. Damit hat sie aber schon den Gegenstand in
sich aufgehoben, das heißt entweder vernichtet und so die Negativität ihres Prinzips enthüllt, oder, wenn sie auf dem
Wege ihrer Entwicklung den Boden der Subjektivität verläßt, den Gegenstand als die bewußte Form seiner selbst sich
angeeignet. Auf diese Weise hebt sie jedoch ihren Primat auf, beseitigt ihre Äußerlichkeit, ihr nur
phänomenologisches Dasein. Die Theorie wird objektiv ein Teil der reellen Geschichte, sie steht in einem inneren
Verhältnis zum Gegenstand.
Wirkliche Philosophie erhebt immer und überall einen Totalitätsanspruch, wie Hegel einmal sagt:
"Jede Philosophie ist in sich vollendet und hat wie ein echtes Kunstwerk die Totalität in [128] sich."
Sie kann diesen Anspruch wohl auf ihrem eigenen Boden erheben (in der Systematik), nicht aber verwirklichen, ohne
ihn zu verlassen. Zum Beispiel in der Methode. Denn: Wird das Ganze von außen gemacht, so ist es überflüssig nach
seinen Voraussetzungen zu fragen, da diese außerhalb des Gegenstandes stehen, den es behandelt. In der Natur der
Teile des Ganzen liegt die Voraussetzung seiner Existenz, und so ist nur das Studium dieser Teile, die das Ganze
bildende Bewegung. Aber auch das reicht nicht aus, denn es muß gezeigt werden, wie sie ineinander übergehen, sich
gegenseitig bedingen, um als Ganzes zu erscheinen.
Totalität ist also stets eine konkrete Bestimmung. Sie im voraus setzen, im voraus etwas als Ganzes erklären, heißt
den Weg, auf dem die Totalität zu bestimmen ist, schon durchschritten haben. Das Denken ist das sich des Ganzen
schon bewußte Denken, ein Denken, das schon impliziert, was entwickelt werden soll*3.8 .
"Proletariat und Reichtum sind Gegensätze. Sie bilden als solche ein Ganzes. Sie sind beide Gestaltungen der Welt
des Privateigentums. Es handelt sich um die bestimmte Stellung, die beide an dem Gegensatz einnehmen. Es reicht
nicht aus, sie für zwei Seiten eines Ganzen zu erklären." (MEGA, I, 3, S. 205. MEW, Bd. 2, S. 37; von uns ausgezeichnet.
- 0. M.)
Die Kritik der Stellung der Reflexion im Erkenntnisprozeß geschieht vom Standpunkt der gegensätzlichen Bewegung
der Momente innerhalb der Totalität. Die Reflexion wird nicht einfach negiert, sondern in einer Weise bestimmt, die
die Einheit des Subjekt-Objekt-Verhältnisses bewahrt, das heißt, daß kein geistiger Reproduktionsakt eine
unreflektierte Aneignung sein kann, denn als solcher ist er ein bewußtloser Akt ohne begriffliche Bestimmung.
Entscheidend für die Reflexion ist die Vermittlung, in der das Subjekt-Objekt-Verhältnis aufgenommen wird. Nach
Marx vollzieht sich diese Vermittlung über verschiedene Zwischenglieder, die den wirklichen Erkenntnisprozeß
verschleiern. Diese besondere Art der Vermittlung ist gesellschaftlich-historisch bestimmt, in der bürgerlichen
Gesellschaft durch die aus der Vorstellung und Anschauung sich lösenden einfachen, abstrakten Kategorien, durch
die im Produktionsprozeß in sachliche Beziehungen sich umkehrenden menschlichen Beziehungen (Verdinglichung),
durch die aus der ökonomischen Daseinsweise
-129-
Jede schematisierende Darstellung, sei es in graphischer oder mathematischer Form, kann für die Nationalökonomie
sinnvoll sein. Sinnvoll jedoch nur unter genauer Prüfung der Prämissen, wobei es nicht genügt, die definitorische
Fassung des Begriffes, mit dem gearbeitet wird, nach Inhalt und Umfang zu bestimmen. Die Klarstellung des Woher
und Wie des Begriffes geht der Anwendung eines solchen Hilfsmittels voraus. Jede Übernahme eines Begriffes setzt
schon einen Systematisierungszusammenhang voraus, ist erst aus diesem Systematisierungszusammenhang für die
Erfassung der internen Mechanismen des Wirtschaftsprozesses verwendbar*3.9 . Die Kategorien sind hier der
Systematik entnommen. Bei Marx sind es die in Bewußtseinskategorien gefaßten Daseinsformen,
Existenzbestimmungen. Alle seine Schemata beruhen auf dieser Voraussetzung, sind nur von daher verstehbar. Der
rechnerischen Darstellung der einfachen und erweiterten Reproduktion liegt die Analyse des Wertes, des Preises, des
Kapitals zugrunde. Die schematische Darstellung des Zirkulationsprozesses des Kapitals ist ebenso nur eine verkürzte
verständlichere Wiedergabe der bereits bestimmten Inhalt-Form-Beziehung des Begriffes. Das deduktive Verfahren
ist folgleich kein uno actu einsetzendes Verfahren. Es erscheint nur so, und seine Variationsbreite verleitet einen
dazu, diesen Schein für das Wesen zu nehmen. Einer näheren Prüfung kann jedoch dieser Schein nicht standhalten.
Man kann zum Beispiel in einer "verständigen Abstraktion" von der "Wirtschaft" sprechen. Man muß sich aber im
klaren sein, warum und in welchem Zusammenhang davon die Rede ist. Es ist der Kontext, der über die Begriffsarmut
oder den Begriffsreichtum entscheidet. Die Wirtschaft zur Zeit Ludwigs XIV. oder Loüis Philippes ist schlechthin nur
Wirtschaft als begriffsarme,
-130-
bestimmungslose Kategorie (etwa: feudal, feudal-bürgerlich, bürgerlich). Der Begriff ist sozusagen nach zwei Seiten
offen:
1. Er kann im Wortfetischismus erstarren, wobei er verhältnismäßig inhaltlos wird, all seiner konkreten
Momente entkleidet, oder er kann
2. auf dem Wege seines Resultates den Reichtum all seiner Bestimmungen und Beziehungen mit enthalten.
Wird der Begriff im ersten Falle zu einem gebrauchsfertigen Klischee, so setzt er im letzteren einen immerwährenden
Denkakt voraus; er entzieht sich somit in diesem Prozeß der Entleerung und bestimmungslosen Abstraktion.
Die Ablösung und Verselbständigung der intellektuellen Arbeit führt zu einem vorwiegend kategoriellen Denken, das
die Begriffe als in sich geschlossene, unabänderliche Formen auffaßt. In allen Fällen tritt dann anstelle der
zureichenden Entsprechung von Denken und Wirklichkeit der Wortfetischismus, die unmittelbare Identifizierung der
logischen Kategorien als Erscheinungsform der Wirklichkeit mit ihrem eigentlichen Wesen.
Die "verständigen Abstraktionen", die Gemeinsames durch die verschiedenen Gesellschaftsformen aussondern,
gehören jener Stufe an, wo aus den ökonomischen Kategorien als Abstrakta realer Daseinsformen der
wissenschaftliche Systematisierungszusammenhang, in dem sich die entwickeltste Gesellschaftsform - die bürgerliche
Gesellschaft - geistig reproduziert, bereits konstituiert ist. Das Verfahren wächst somit aus einer bestimmten
historischen Situation heraus und ist darin fundiert. Die verständige Abstraktion ist die allgemeinste Form der bereits
vollzogenen Systematisierung, aber auch die Form, die sich ihrer Herkunft nicht mehr bewußt ist und sich gegen ihre
Ursprünge kehrt, woraus dann die "Ewigkeit und Harmonie der bestehenden sozialen Verhältnisse" (Kr, S. 218. MEW,
Bd. 13, S. 617) leicht bewiesen wird. Dieses Verfahren, das man als denk-ökonomisch abstraktives Verfahren
bezeichnen kann, ist eine technische Kunstlehre, die nur auf ihre innere Folgerichtigkeit geprüft werden kann und
auch nur darin ihre Rechtfertigung sucht, da sie von den Prämissen aus nur im allgemeinsten Sinn eine empirische
Verifikation zuläßt. Marx bemerkt, daß die einzige Hilfe, die uns diese Abstraktionen leisten, darin besteht, daß sie
uns die Wiederholung ersparen (Kr, S. 218. MEW, Bd. 13, S. 617)*3.10 . Zur Gewinnung solcher Abstrakta genügt das
formal-
-131-
logische induktive Verfahren, das ein rein quantifizierendes, nicht vermittelndes Verfahren ist, ein Verfahren des
Zustandes, nicht der Bewegung.
Wenn Marx davon spricht, daß er einen ökonomischen Prozeß abstrakt betrachte, so heißt dies: Er entfernt sich nur
so weit von den konkreten Formen, als sie in ihrer Bedeutung für das Allgemeine im Wesen des Prozesses
aufgehoben sind (das heißt also nicht vernichtet, sondern im Hegelschen Sinne negiert). In den Begriffen abstrakt -
konkret ist keine logisch ausschließende Entgegensetzung zu finden. Die abstrakte Betrachtung entfernt sich nur so
weit von der Wirklichkeit, als diese im Reichtum ihrer Äußerungsweisen auf höherer Ebene im Allgemeinen sich
wiederfindet und jederzeit den Gang zum Konkreten zurück gestattet. Dieses "Auf- und Absteigen" ist nicht im Sinne
eines Korrektivs oder Regulativs gemeint; es liegt ihm nicht eine Zuordnung und Vergleichung zugrunde, die erst
noch, um den Konnex konkret - abstrakt evident zu machen, erweisen müßte, wem und wie zugeordnet, was und wie
verglichen wird. Wesen und Erscheinung gehen laufend ineinander über und bilden untrennbar die Totalität des
Prozesses. Wenn in dem Abschnitt über den Akkumulationsprozeß des Kapitals*3.11 von den spezifischen Formen
des Mehrwertes (Profit, Zins, Handelsgewinn, Grundrente usw.) abgesehen wird, so ändert dies, wie Marx bemerkt,
weder an der Natur, noch an den notwendigen Bedingungen der Akkumulation etwas (K, I, S. 593. MEW, Bd. 23, S.
590), denn im Mehrwert selbst sind alle Bedingungen des Akkumulationsprozesses zusammengefaßt, und Marx sagt
mit Recht:
"Was also bei unsrer Darstellung der Akkumulation unterstellt wird, ist bei ihrem wirklichen Vorgang unterstellt" (K, I,
S. 593 MEW, Bd. 23, S. 590)
, und mit Hegel möchte man hinzufügen: denn es ist der Gang der Sache selbst.
2. Anhang : Zwei Lösungsversuche des Verhältnisses von Theorie und Geschichte
Der Versuch, den Dualismus von Theorie und Geschichte zu überwinden, soll an zwei ausgewählten Beispielen noch
einge-
-132-
hender dargestellt werden. Wir ermessen den Abstand der Rationaltheoretiker und der nur historisch-empirisch
verfahrenden Richtung von der eine schlüssige Vermittlung anstrebenden Forschung, wenn wir etwa die Auffassung
Eduard Meyers, dessen Schrift "Zur Theorie und Methodik der Geschichte" mit dem Satze beginnt: "Die Geschichte ist
keine systematische Wissenschaft"*3.12 , der Auffassung Erich Rothadters gegenüberstellen, der die Meinung
vertritt, es gelte den "ontologischen Ort einer theoretisch faßbaren ´Allgemeinheit´ im Individuell-
Historischen"*3.13 freizulegen.
Es läge wohl am nächsten, einen Nationalökonomen und nicht einen Philosophen als Kronzeugen unter den
Vertretern der verstehenden Methode anzurufen, etwa Werner Sombart und zu unserem Zweck speziell seine
umfangreiche methodologische Arbeit "Die drei Nationalökonomien"*3.14 heranzuziehen. Wir können uns dazu
nicht entschließen, da die Verengung des verstehenden Verfahrens, wie er es auffaßt, das Urteil Warynskis vollauf
bestätigt, daß er im Grunde genommen stets ein Vertreter des Historismus geblieben ist*3.15 , wenn auch mehr in
eklektischem als in reinem Sinne. Sombart hat in den "Drei Nationalökonomien" auf die ohne Nachfolge gebliebene
Vorwegnahme des verstehenden Verfahrens (wenigstens in seinem Prinzip) als eine immanente Erkenntnisweise
durch Giovanni Battista Vico aufmerksam gemacht, vor ihm allerdings schon Max Adler*3.16 und... Karl Marx
im "Kapital"*3.17 .
-133-
Erkennens ein dynamisches, "verstehendes" entgegen, das heißt, daß wir nicht erkennen können, was die Zwecke
und Triebkräfte der uns äußeren Natur sind, wohl aber die Geschichte, da sie nichts anderes ist als das
gesellschaftliche Tun des Menschen, ein Schaffensprozeß, an dem wir selbst beteiligt sind. So schreibt er in
seiner "Scienza Nuova" (1725)*3.18 ;
"... . je parle de cette vrit incontestable: le monde social est certainement l‘ouvrage des hommes; d‘o il rsulte que l‘on
en peut, que l´on en doit trouver les principes dans les modifications mmes de l‘intelligence humaine. Cela admis,
tout homme qui rflchit ne s‘tonnerait-il pas que les philosophes aient entrepris srieusement de connatre le monde de
la nature que Dieu a fait et dont il s‘est rserv la science, et qu‘ils aient nglig de mditer sur ce monde social, que les
hommes peuvent connatre, puisqu‘il est leur ouvrage?"
Vico hat - wenn auch noch im theologischen Gewande des Mitwissens an der in Gottes Händen liegenden Scientia -
das Prinzip schon in aller Schärfe herausgearbeitet. Benedetto Croce, dem wir eine ausgezeichnete Darstellung der
Philosophie Vicos verdanken, charakterisiert diesen ersten Versuch mit den Worten:
"Die Auffassung der Geschichte wird bei Vico wahrhaft objektiv, frei von göttlicher Willkür, aber ebenso frei von der
Herrschaft der kleinen Ursachen und anekdotischen Erklärungen; sie wird sich ihres inneren Zweckes bewußt, der
darin besteht, die Verknüpfung der Tatsachen, die Logik der Ereignisse zu verstehen und eine rationale Neuschaffung
eines rational Geschaffenen zu sein" (Croce)*3.19
, und bemerkt, zeitbedingt sei nur seine "Hingabe an den Katholizismus" und sein "Festhalten an der platonisch-
christlichen Erkenntnistheorie und Metaphysik"*3.20 .
-134-
Die moderne verstehende Geisteswissenschaft würdigt noch die geniale Antizipation Vicos, übergeht aber meist das,
was Hegel als Merkmal der Vernunft bezeichnet hat und auch die Radikalisierung und methodologische
Neubestimmung dieses Postulates durch Marx. Hegel schreibt:
"Sie (die Vernunft. - 0. M.) sieht in dem Entstehen und Vergehen das Werk, das aus der allgemeinen Arbeit des
Menschengeschlechts hervorgegangen ist, ein Werk, das wirklich in der Welt ist, der wir angehören" (Hegel)*3.21
, eine nicht weniger rationalistische Auffassung als die Vicos, da sie die Vernunft, als denkende Vernunft, in der
näheren Bestimmung ihres Inhaltes gefaßt und verstanden haben will. Der prinzipielle Gegensatz zwischen genereller
und historischer Begriffsbildung, zwischen nomothetischer und idiographischer Wissenschaft tritt hier gar nicht auf,
Geschichte ist nur vernünftig und Vernunft nur geschichtlich möglich; der Prozeß, in dem sich die Einheit realisiert, ist
ein Prozeß der Durchdringung im dialektischen Fortgang des Ganzen.
a. Erich Rothacker
Den bemerkenswertesten Ansatz zu einer geschlossenen und fundierten verstehenden Methode hat Erich Rothacker
unternommen*3.22 .
Rothacker hat die wesentlichen Konsequenzen aus der Immanenz der Erkenntnisweise gezogen. Unser Erkennen ist
kein wahlloses Sich-dem-Gegenstande-Zuwenden, sondern ein bereits vorentschiedenes "Interessenehmen", ein
noch nicht voll bewußtes Beteiligtsein am Erkennen, aber doch eine Tatsächlichkeit, in der wir uns wissen. Der
Erkennende steckt, wie Sombart es ausdrückt, "gleichsam in seinem Gegenstand drin"*3.23 , oder, wie er es paradox
und unpräzis (darum irreführend) formuliert: " ..wir erkennen nämlich, indem wir etwas verstehen, nur das, was wir -
vorher schon wußten*3.24 ." Rothacker ist exakter, wenn er von der Interessenahme spricht:
"Vor allen konkreten Fragen ist bereits eine Entscheidung über den existentiellen Sinn dieser Fragen, ihre
Fragenswürdigkeit bereits gefallen*3.25 ."
Wir
-135-
stehen somit durchaus nicht gleichgültig dem Erkenntnisobjekt gegenüber, wie sehr wir uns auch in der Vorstellung
darüber täuschen mögen, und Rothacker hat wiederum durchaus recht, wenn er schreibt:
"... . daß eine Parteinahme gegen das Theoretische zugunsten des Historischen stets und überall mit einem
grundsätzlich zu voller Bewußtheit zu bringenden wertenden Vorurteil zugunsten der ´Eigentlichkeit´ und
´Wesentlichkeit´ des Konkreten verknüpft ist" (Rothacker)*3.26
, womit indessen dieses Historische dem Allgemeinen gar nicht entgangen, sondern in einem Kreisschluß wieder
enthalten ist: in der Verallgemeinerung des Individuell-Konkreten. Rothacker hätte hinzufügen sollen, daß das
historisch behandelte Konkret-Individuelle immer etwas Subjektives bleibt, ein Vor-Wissen, denn ein Wissen ist
immer ein objektives Wissen, ein allen zugängliches Wissen, ein Wissen, das aus der Einzelheit herausgetreten ist.
Dialektisch gesehen wird, in diesem wirklichen Wissen das Besondere im Allgemeinen negiert, aufgehoben und
damit erst nach seinem wirklich individuellen Inhalt hin bestimmt, aber durchaus nicht, wie die Historizisten meinen,
etwa vernichtet.
Man denkt unwillkürlich an die Marxschen abstrakten Kategorien, die in einer entwickelten Totalität allgemein
werden, wenn man bei Rothacker liest:
"Kulturtatsachen sind... Wirklichkeiten, welche sich selbst ausdrücklich bereits als etwas ´Allgemeines´ geben, und
zwar weil ihr Wesen steht und fällt mit einem ihnen mit diesem Wesen zugleich ausdrücklich aufgeprägten typischen
Charakter" (Rothacker)*3.27
Das heißt nichts anderes, als daß die Abstraktion wirklich ist im Allgemeinen, in dem "Produkt bestimmt gerichteter
Gestaltung" und nicht in einer geistig-subjektiven Kategorie. Besonders an einer Stelle wird der
Wirklichkeitscharakter des Allgemeinen von Rothacker nachdrücklich unterstrichen:
"Stellt man diesen Gestaltungswillen der geschichtlich schaffenden Kräfte... in Rechnung, so ist die Existenz von
Allgemeinem inmitten des historisch Wirklichen nicht mehr so erstaunlich, als wenn es sich nur [136] um eine
Anvisierung beliebigen Geschehens auf generelle Züge hin handelte. Selbst ein ´homo oeconomicus´ ist nur so weit
eine erkenntnistheoretische Fiktion, als nicht die wirtschaftenden Menschen selbst in mannigfachen Graden faktisch
homines oeconomici gewesen sind*3.29 "
Damit wäre der "ontologische Ort einer theoretisch faßbaren ´Allgemeinheit´ im Individuell-Historischen" bestimmt.
Für die Auffindung des ontologischen Ortes des Logos im Wirklichen ist die Rothackersche Lösung des Problems - bei
all ihren Vorzügen - nicht eindeutig. Der logische Ort des Allgemeinen im geschichtlich Wirklichen muß auf die
Subjektseite hin genauer bestimmt werden. Einerseits geschah dies bei Rothacker durch den Begriff des Interesses,
der Interessenahme und wird betont mit den Worten: "... . für die Verwirklichung einer Wissenschaft gehört das
Vorhandensein irgendeiner Form innerer Anteilnahme an deren Problemen und Ergebnissen.."*3.30 , ferner: "Keine
Wissenschaft ohne eine primäre Interessenahme und ohne Glaube an die Bedeutsamkeit und Wissenswürdigkeit ihrer
Ergebnisse*3.31 ." Anderseits bemerkt Rothacker, daß es keineswegs seine Absicht sei, "die Problematik des
Allgemeinen und Besonderen ausschließlich auf ´Einstellungen´, ´Vorlieben´, ´Wesentlichkeitsakzente´ zu
reduzieren"*3.32 . Das Verhältnis des "Satzes der Sachlichkeit" zum "Satz der Logizität", wie Rothacker es
nennt*3.33 , kann also nicht überbrückt und zurückgeführt werden auf einen dritten "Satz der Bedeutsamkeit",
womit ja nur ein neues subjektives, in diesem Falle emotional-kontemplatives Moment eingeführt wäre, das das
Beteiligtsein am Gegenstand des Interessenehmens unbestimmt läßt. Das Wissen bliebe in der Subjektivität einzelner
Momente gefangen. Der Satz der Bedeutsamkeit geht so in den Satz der Logizität über, letzterer baut auf dem
ersteren auf, und das alte Problem des Dualismus von Theorie und Geschichte stellt sich von neuem.
Sind "Kulturtatsachen" "Wirklichkeiten"*3.34 , durch menschliches Verhalten geformte Dinge, dann ist ihre
Darstellung "der Nachvollzug eines Einheit schaffenden Aktes"*3.35 . "Die Theorie kon-
-137-
struiert hier den objektiven Logos eines sich selbst sinnvoll gestaltenden Verhaltens nach*3.36 ." Hiermit wäre das
Interessenehmen in die Dinge selbst verlegt, der Erkenntnisakt als nur allgemein-logische Schwierigkeit der
Reproduktion verstanden, nicht aber die Bedeutung der historisch-besonderen Seite dieses Prozesses nachgewiesen.
Daß das "Verstehen" von Max Weber, Rothacker oder Sombart ein anderes ist als das "Verstehen" von Vico, daß
sowohl ein negatives wie positives Urteil über den selben Gegenstand (etwa bei Ricardo und Sismondi) einen ebenso
großen objektiven, wenn auch relativen Wahrheitsgehalt haben kann, ist damit nicht erklärt. Die Subjektseite
befindet sich innerhalb des Erkenntnisaktes selbst wieder in historischer Besonderung, die ihrer Stellung innerhalb
der Gesellschaft entspricht. Daß dies nicht erkannt wird, darin liegt die Schwäche der abstrakt-logischen,
rationalistischen Auffassung des Erkenntnisprozesses, in der die Dialektik des Prozesses, damit aber auch die
Möglichkeit, die Geschichte zu verstehen, vernichtet wird. Die selbe Kategorie kann historisch der Form und dem
Inhalt nach zwei Erscheinungen überdecken. So schreibt Marx zum Beispiel in der "Heiligen Familie":
"Die besitzende Klasse und die Klasse des Proletariats stellen dieselbe menschliche Selbstentfremdung dar. Aber die
erste Klasse fühlt sich in dieser Selbstentfremdung wohl und bestätigt, weiß die Entfremdung als ihre eigne
Macht und besitzt in ihr den Schein einer menschlichen Existenz; die zweite fühlt sich in der Entfremdung vernichtet,
erblickt in ihr ihre Ohnmacht und die Wirklichkeit einer unmenschlichen Existenz. Sie ist, um einen Ausdruck von
Hegel zu gebrauchen, in der Verworfenheit die Empörung über diese Verworfenheit, eine Empörung, zu der sie
notwendig durch den Widerspruch ihrer menschlichen Natur mit ihrer Lebenssituation, welche die offenherzige,
entschiedene, umfassende Verneinung dieser Natur ist, getrieben wird." (MEGA, I, 3, S. 206. MEW, Bd. 2, S. 37)
Während die eine Seite ein positives Verhältnis zur Selbstentfremdung hat (was in der Bejahung der
gesellschaftlichen Ordnung seinen ideologischen Niederschlag findet), ist das Verhältnis der andern Seite zur
Selbstentfremdung ein negatives (was in der Verneinung der gesellschaftlichen Ordnung sich geistig ausdrückt). Die
Auffindung des ontologischen Ortes des Logos im Wirklichen hat in dieser Wirklichkeit wieder seinen be-
-138-
sonderen Ort: im Prinzip der Negativität, nicht aber im allgemein-logischen Problem der Selbstentfremdung. Konkret
gesprochen im oben erwähnten Fall: Das Proletariat fühlt seine menschliche Natur in der Selbstentfremdung
verneint, so daß die Aufhebung dieses Zustandes nur die Aktion des Proletariats sein kann. In diesem Akt wird aber
die Selbstentfremdung überhaupt aufgehoben.
Wir sehen, daß die allgemein-logische Kategorie ohne die besondere historische Bestimmung inhaltsleer bleibt.
Das Verfahren Rothackers, das den Anschein erweckt, demjenigen Marx‘ verwandt zu sein, kann als ein
Immanenzverfahren statisch-rationalistischen Charakters gekennzeichnet werden*3.37 ; es nähert sich der noch zu
kritisierenden Methode Spanns. Auf die Begriffe des Explizierens und Implizierens, des Reflektierens, des
Bewußtmachens und auf den Übergang zur Dogmatik als methodologischem Mittel möchten wir an dieser Stelle
nicht eingehen, da sie unser Thema nicht unmittelbar berühren und für den besonderen Charakter der
Rothackerschen Methode nicht typisch sind. Bezeichnend ist indessen der Begriff des "alle Praxis tragenden
Lebensganzen"*3.38 , der Begriff des "Verhaltens"*3.39 und der Begriff des "Rahmens"*3.40 .
Ganzheit, Verhalten, Rahmen sind abstrakte Größen, die die Mittelglieder, die sie konstituieren und bewußtmachen,
nicht enthalten, das heißt: es sind denkökonomische Abstraktionen, die, polarisiert, einen absoluten Wert aufweisen.
Ganzheit, Verhalten, Rahmen aber sind im Bewegungsprozeß der Glieder impliziert. Der Marxsche Begriff der
Totalität ist, wie ausgeführt, ein Begriff des Werdens. Der Begriff des Verhaltens weist auf denjenigen des Rahmens,
des Ganzen, der Situation*3.41 , in der sich das Verhalten bewegt. Das Verhältnis eines Subjektes zu einer gegebenen
Situation kann aus der Statik nur herausgeführt werden - in der es unvermittelt steht und nicht sinnhaft verstanden
werden kann -‚ wenn die Situation als im Objekt-Subjekt-Verhältnis entstandene Objektivität begriffen wird. Dabei
-139-
ist es vollkommen gleichgültig, ob ein bewußtes oder unbewußtes Beteiligtsein des Subjektes mit im Spiele ist.
Aufschlußreich ist das Beispiel des Schachspielers, das Rothacker anführt*3.42 . Wie die meisten Beispiele, die von
einem sachfremden Gebiet aus illustrativ auf die Wissenschaft übertragen werden, sagt es zu viel und zu wenig aus.
Die Reaktion des Spielers auf eine Situation kann verschieden sein: falsch oder richtig. Und genauso das Verhalten
des Menschen in der Gesellschaft. Unsere Kritik ist folgende: Der Schachspieler bewegt sich unabhängig von seiner
Reaktion auf die im Spiele geschaffene Situation in einem regelhaft kodifizierten Rahmen mit verhältnismäßig großer
Variationsbreite. Die Rationalität des Rahmens, wie der Züge, ob sie positiv oder negativ ausgeführt werden, kann er
nicht aufheben. Der Reflex, das Verhalten auf eine Situation wäre somit höchstens vergleichbar etwa mit kinetischen
Prozessen innerhalb der Statik, nicht aber mit dynamischen Prozessen, da sich das Gesamt nicht fortbewegt. Im
Wirtschaftsprozeß wird aber das Ganze stets neu bestimmt und auch modifiziert. Im Schachspiel ist dieses Ganze
eine starre, unabänderliche Norm, die die Voraussetzungen, unter denen die Teile agieren, ein für allemal statuiert.
Die Beantwortung der Situation durch den Spieler kann an dieser Norm nichts ändern, und es ist in diesem
Zusammenhang auch vollkommen irrevelant, ob sie rationell dem Ziel entspricht oder nicht. Insofern beweist das
Beispiel zu wenig.
Das Verhalten des Schachspielers ist ein bewußtes. Er muß die einfachsten grundlegenden Regeln des Spieles
kennen, darüber hinaus wird er verschiedene Varianten des Angriffs und der Verteidigung beherrschen. Ob er
rationell oder nicht rationell vorgegangen ist, erweist sich im Hinblick auf das Ziel, den König schachmatt zu setzen.
Im Wirtschaftsprozeß steht das Individuum ganz anders im "Rahmen"; das Verhalten des Subjektes kann ein
Verhalten auf eine ihm nur unvollkommen oder verkehrt bewußte Situation sein. Es empfindet also die Situation als
naturgesetzlich (im Sinne von Marx), unabwendbar, fremd. Ist es sich dieser Situation aber bewußt, zum Beispiel als
Klasse, so kann seine Reaktion eine diese Situation selbst modifizierende oder gar aufhebende Reaktion sein. Der
Produktionsprozeß enthält aber in sich die Voraussetzungen seiner geistig verkehrten
-140-
Reproduktion. Der Spieler jedoch, der eine Figur falsch führt, hat kein falsches Bewußtsein, die Gesetze des Spieles
haben sich in seinem Kopfe nicht verkehrt, sondern er handelt in bezug auf das Ziel nicht rationell, dem Zwecke nicht
adäquat (was ja auch in der Gesellschaft bei richtigem Bewußtsein eintreten kann); das sind zwei vollkommen
verschiedene Dinge. Denn, ob ich die Technik der anzuwendendcn Mittel nicht voll beherrsche, oder ob mir die
Gesetze überhaupt nicht oder verkehrt bewußt sind, ist nicht dasselbe. Insofern beweist das Beispiel zu viel.
Das Beispiel geht von der Rationalität des Rahmens und dem richtigen Bewußtsein des Handelnden aus. Er könnte
also bei vollkommener Beherrschung der Mittel die Situation adäquat meistern. Von hier verbaut sich Rothacker, der
in seinem Aufsatz von Marx ausgeht, den Zugang zum Problem der Ideologie, das letzterer ausdrücklich als falsches
Bewußtsein definierte*3.43 . Rothacker kann der geschichtlichen Funktion der Ideologie nicht gerecht werden. Das
Problem steht bei Marx im Zusammenhang mit dem Problem der Entfremdung und Verdinglichung (das wir im II.
Kapitel behandelt haben). Wie steht es bei Rothacker? Rothacker kann, da er die historische Besonderung des
Denkprozesses in eine allgemein-logische Bestimmung der Kategorien auflöst und die Ideologie unmittelbar ohne
nähere Unterscheidung mit Theoretik gleichsetzt, die Frage nicht klären, und kann immer nur feststellen, daß die
Ideologie eben da sei und wir sie als Faktum akzeptieren müßten*3.44 . Er schließt mit dem Satz:
"Man kann das nicht anders deuten, als daß es der menschlichen Praxis, welche sich diese ideologische Anstrengung
auferlegt - mag man über den Erfolg noch so pessimistisch sein -‚ doch um eine ideale Bedürfnisse befriedigende
Gestaltung ihres Lebens als ihre zentralste und eigenste Angelegenheit geht.*3.45 "
Und wenn damit auch im wesentlichen die metaphysische Systematik charakterisiert ist, die aus der Transzendenz
heraus sich zum immanenten Logos erhebt, nicht die Reflexion des immanenten Logos selbst, wie Rothacker
erwähnt, so geht doch beides, wie uns die Analyse von Marx gelehrt hat, aus der Immanenz
-141-
eines einzigen Prozesses hervor, in entfremdeter, ideologischer oder unentfremdeter, logisch-allgemeiner Gestalt.
Wenn für Rothacker die Struktur der Lebenspraxis gekennzeichnet ist durch den Begriff des Verhaltens*3.46 und er
das oben dargelegte Beispiel des Schachspiels als eine vereinfachte Form des Lebens bezeichnet*3.47 , das
bedeutend mehr Antworten auf die verschiedensten Lebenssituationen zuläßt, so fehlt eben doch das historische
Glied, das dem Begriff des Verhaltens einen konkreten Sinn gibt. Nur daraus ist auf die Bedeutung und den Inhalt der
typischen Formen des Gesamtverhaltens zu schließen, die Rothacker Lebensgestaltungen, Formen der
Lebenshaltung, Lebensstile nennt*3.48 und die für ihn die wahren Unterbauten des historischen Geschehens
sind*3.49 . Die undialektische Vermittlung des Denkprozesses läßt immer Raum für Äquivokationen offen. Rothacker
will mit Recht die rein mechanische Deutung des Unterbaues ausschalten, erhebt aber dann den im Überbau-
Unterbau-Verhältnis gewordenen Lebensstil zum Unterbau des historischen Geschehens. Damit wird der dialektische
Prozeß der Vermittlung, der allein eine eindeutige Antwort auf die Frage geben kann, aufgehoben, was übrigens
schon eine Folge des nichtgelösten Problems der Ideologie ist.
Wir stehen somit wieder vor dem selben Faktum, das wir anhand des Artikels über "Theorie und
Geschichte" kritisierten, vor der Unbestimmtheit der Subjektseite, das heißt vor der Frage nach dem Sinn der
Theorie, und stellen fest, daß an verschiedenen Stellen der ontologische Ort des Logos nicht im Wirklichen gefunden,
sondern wieder auf sich selbst zurückgeführt wird, besonders da, wo der Sinn des Ideologischen erfaßt werden soll.
Die folgenden Sätze aus dem Schlußabschnitt der letzterwähnten Arbeit können nicht anders gedeutet werden:
"Gerade die Unterbauten der ideologischen Überbauten enthalten das ideelle Moment, das die metaphysischen
Ideologien allein für sich zu beanspruchen pflegen; als schöpferische Einfälle des Menschen, auf seine Lage zu
antworten, erfüllen sie immer zugleich den Anspruch, den Erfordernissen seiner äußeren wie inneren Existenz zu
genügen. Sie müssen zugleich sein Leben wie seinen Willen zum Leben erhalten. Und darum suchen und formen
alle [142] Kulturen der Erde in der Folge ihrer produktiven Antworten auf Lebenslagen zugleich einen Stil ihres
Lebens, in dem zu leben ihr Anspruch auf menschliche Würde sich befriedigt*3.50 ."
b. Othmar Spann
Wir würdigen noch kurz den Spannschen Versuch, die Einheit von Theorie und Geschichte aus dem Begriff der
Ganzheit zu begründen*3.51 .
Im Gegensatz zu den von ihm als geschichtslos bezeichneten empiristischen und rationalistischen Auffassungen
versteht Spann die Einheit als wechselseitiges Verhältnis ausgliedernder und umgliedernder Bestimmtheiten in
einem Ganzen. Nur innerhalb einer solchen Ganzheit ist Sinn und damit auch Geschichte vorhanden. Es ist an dieser
Stelle schon einzuwenden: Was in sich sinnvoll ist, kann den Sinn nicht von außen empfangen, sondern setzt ihn
selbst. Die Einheit von Geschichte und Theorie aus dem Begriff der Ganzheit begründen heißt, den Sinn dieser Einheit
von außen setzen, ihn in das Geschehen als Einheit transponieren. Die Einheit hat sich aus Theorie und Geschichte zu
erweisen, sie ist ihr nicht vorgesetzt. Denn in diesem Falle ist sie ebenso geschichtslos wie die Tendenzen, die als
empiristische oder rationaltheoretische sich zur Geschichte vereinigen. Ganzheit ist hier - wie wir schon feststellten -
weit davon entfernt, das zu sein, was für Marx die im Widerspruch der Gegensätze gewordene und werdende
Totalität des Subjekt-Objekt-Verhältnisses ist.
Sinn und Freiheit, die für Spann Voraussetzung der Geschichtlichkeit sind, können allein Produkt dieses Verhältnisses
sein. Hat nur der Geist Geschichte*3.52 , dann fehlt ihm der Gegenstand seines Denkens und Handelns, das heißt der
Gegenstand seiner Geschichtlichkeit, das Objekt seines Denkens. Sinn und Freiheit werden der Logizität geopfert und
damit subjektiviert. Freiheit setzt die schon bewußte Aneignung des Gegenstandes voraus, sie ist Freiheit im
Erkennen des Gegenstandes, die bewußte Gestaltung des Subjekt-Objekt-Verhältnisses, das Bei-sich-selbst- und Im-
Objekt-Sein des Subjektes, nicht aber die Willkür des sich vom Objekt lösenden Subjektes (was die Aufhebung dieses
Verhältnisses wäre).
-143-
Den Begriffen "Freiheit" und "Sinn" legt Spann den sie in einer Einheit zusammenfassenden Begriff der Ganzheit
zugrunde. Wie Spann aus seiner Prämisse, daß nur der Geist Geschichte hat, richtig entwickelt, würden Sinn, Freiheit
und Einmaligkeit niemals Geschichtlichkeit begründen. "Der echte Begriff der Geschichte ist nur aus dem Begriff der
Ganzheit zu gewinnen, in ihm ist das Allgemeine und das Einmalige, das Gesetz und die Geschichte
vereinigt*3.53 ." Die Ausgliederung der Ganzheit in systemhafte Teile als Unterganzheiten schließt die Allgemeinheit
in sich, die Allgemeinheit, in der sich Sinn, Freiheit und Einmaligkeit vereinigen. Einmaligkeit und Freiheit sind zwei
Seiten der Ganzheit. Das eigentliche geschichtliche Geschehen ist nach Spann aber
die Umgliederung. "Umgliederung der Ganzheit heißt notwendig, daß in ihr unaufhörlich Neues
geschieht"*3.54 und: "Die Geschichte ist die Lehre von der zeitlichen Umgliederung oder Entfaltung der systematisch
ausgegliederten Ganzheit*3.55 ." Die räumlich-statische Stufe der Ganzheit, die Ausgliederung, wird hier erweitert
zur zeitlich-dynamischen Stufe, zur Umgliederung. Konsequenterweise muß Spann das Formprinzip beibehalten: Die
systematische Ausgliederung der Ganzheit verbleibt in ihren Grundlagen, es ändert sich nur ihre inhaltliche
Erfüllung*3.56 . Die Ganzheit umgreift also nicht Ausgliederung und Umgliederung, sondern die drei Teile bilden eine
Folge:
Ganzheit - Ausgliederung - Umgliederung.
Die Entfaltung des Grundinhaltes, der Ausgliederung, zur Umgliederung ist aus dieser Folge nicht erklärbar, und so
bleibt der Satz "Die Wirklichkeit kennt nur Umgliederung"*3.57 ohne Vermittlung durch die die Ganzheit
konstituierenden Teile.
"Theorie ist nicht ohne Geschichte, Geschichte ist nicht ohne Theorie denkbar. Geschichte ist nur im Allgemeinen,
Allgemeines ist nur im Geschichtlichen*3.58 ."
Wieso kann nun Spann aufgrund dieser Bestimmung und der vorausgegangenen Erklärung nochmals die Frage nach
dem Verhältnis von Theorie und Geschichte stellen? Er kann sie nur stellen, weil Theorie und Geschichte nicht als
wirkliche Tendenzen eines objektiven Geschehens ver-
-144-
standen werden, sondern nur als reflexive Reproduktion dieses Geschehens. Und es bewahrheitet sich auch, was wir
oben feststellten, daß Ausgliederung und Umgliederung nicht in Einheit in der Ganzheit sich finden, sondern als Folge
ohne zwingende Vermittlung: "Indem aber Ausgliederung vor Umgliederung ist, ist auch Theorie vor
Geschichte*3.59 ." Die Einheit wird nicht verstanden als die aus dem Subjekt-Objekt-Verhältnis geschichtlich
wirkliche Einheit von Theorie und Geschichte, sondern als Vorrang des Logischen vor dem Genetischen. Somit ist die
Konkretion nicht die Form und Inhalt umfassende Wirklichkeit, in der sowohl Ausgliederung wie Umgliederung ihre
Bestimmung erhalten, sondern nur das phänomenologische Bild, das äußere Kleid der systemhaften Allgemeinheit.
Das Band, das die Umgliederungsbestimmtheiten mit dem Begriff der ausgliedernden Ganzheit verbindet, ist
zerrissen, die Form, in der sich das Denken die Wirklichkeit aneignet, verkehrt. Damit wird aber auch die Geltung des
Logischen wieder versubjektiviert und verabsolutiert und, der Sinn der Wechselseitigkeit von Theorie und Geschichte
vernichtet.
Die Identität von Allgemeinheit und Besonderheit in der Ganzheit - und nur im Identischen kann Einheit verstanden
werden - ist in dieser Weise bestimmungslos. Nicht in ihr schafft sich Ganzheit, sondern die Ganzheit ist bereits vor
der Einheit des Allgemeinen und Besonderen konstruktiv-schematisch gegeben. Die Identität, in welcher Form sie
auch auftritt, kennt keinen vorbestimmten Rang des Allgemeinen oder des Besonderen. Geht nun Theorie vor
Geschichte, so ist die Identität zerstört und die Einheit, in der sich die Identität manifestiert. Die Spannsche
Vermittlung ist so nur noch ein Beieinandersein von Ausgliederung und Umgliederung; die Ganzheit bleibt etwas
Formales, Unbestimmtes, die qualitätslose Ungeschiedenheit des Begriffes vor jeder näheren Bestimmung.
Dem Scheine nach gehen Ganzheit, Ausgliederung und Umgliederung ineinander über, aber nur dem Scheine nach.
In Wirklichkeit sind sie zueinander komplementär, das heißt sich entsprechende Glieder. Kennt die Wirklichkeit nur
Umgliederung, so ist sie einerseits der notwendige besondere Inhalt, anderseits die transitorische Form der
Ausgliederung und der Ganzheit. Es ist bei Spann die Form, die unentwegt mit dem Inhalt in
-145-
Konflikt gerät, das Subjekt mit dem Objekt. Wo eine Lösung sich anbahnt, schlägt das Ganze ins Subjektiv-Spekulative
zurück, das Objektiv-Geschichtliche geht im Reflexionszusammenhang der deduktiv gewonnenen Kategorien
verloren. Niemals erweist sich so das Logische als das Historische, das Allgemeine als das Besondere, ebensowenig
kann das Bild der Ganzheit aus dem Verhältnis der kategorialen Formen, wenn sie nicht als Existenzbestimmungen
begriffen werden, entstehen, denn Ganzheit ist die immer wandelnde Form der sich entfaltenden
Existenzbestimmungen.
-146-
Wir haben gesehen, daß fiir Marx die logischen Kategorien geschichtliche Kategorien sind, Kategorien der
Wirklichkeit. Sind sie das, dann ist die Erzählung über historische Begebenheiten mit der Wirtschaftstheorie
verknüpft, und nur so ist Wirtschaftsgeschichte als Geschichte des Gegenstandes, als immanente Geschichte möglich.
Es verbinden sich in ihr die rationaltheoretische und die empirisch-historische Seite. Die logischen Kategorien als
Daseinskategorien sind die theoretisch-historisch verarbeiteten Formen des wirklichen Ganges der Geschichte.
Sondert man aus der Wirtschaftsgeschichte die Wirtschaftskunde aus, dann nimmt diese eine Mittelstellung ein. Sie
ist das Besondere zum Allgemeinen der Wirtschaftstheorie und zum Einzelnen der Wirtschaftsgeschichte. Letztere
bedient sich dann
1. der Wirtschaftskunde,
2. der Wirtschaftstheorie.
Die Wirtschaftsgeschichte als Erzählung beschreibt Wirtschaftsgeschichte als reellen Vorgang; die Wirtschaftskunde
liefert ihr die besonderen "zufälligen Fakten", die Wirtschaftstheorie die allgemeinen Gesetzlichkeiten. Als objektive
Geschichte impliziert sie Fakten und Theorie.
Die Theorie ist, was wir verschiedentlich schon vermerkt haben, zunächst etwas phänomenologisch Subjektives.
Verknüpft sie sich mit dem objektiven Moment, dem factum brutum, das heißt der Wirtschaftskunde, so wird sie zur
objektiven Theorie als Teil der reellen Geschichte und der Gegensatz zwischen Theorie und Geschichte ist
aufgehoben, überwunden. Im ersten Fall bleibt die Theorie rein subjektiv und in einer nur äußeren Verknüpfung zum
factum brutum. Ebenso die Wirtschaftsgeschichte, die Anspruch erhebt, keinerlei theoretischer Hilfe zu bedürfen. Sie
bleibt als historia rerum gestarum eine subjektive Leistung, und es fragt sich immer, ob sie den res gestae entspricht,
der Wirklichkeit selbst. In der inneren Verknüpfung, die nicht nur subjektiv, sondern auch objektiv ist, die zum factum
brutum selbst
-147-
gehört, ist Wirtschaftsgeschichte als historia rerum gestarum der gedankliche Ausdruck der res gestae, und zwar
gedanklich, weil die Geschichte in dieser Darstellung erst auf einer gewissen Höhe der reellen Entwicklung möglich
ist. Auf diese Weise ist die Darstellung in einem logisch und geschichtlich, das heißt, sie ist die interdpendente und
sich durchdringende Bewegung des Subjekt-Objekt-Verhältnisses selbst, die prozessierende Bewegung des Stoffes,
den sie sich zum Vorwurf genommen hat.
Ist die Verknüpfung nicht immanent, ist sie nur äußerlich, so haben wir in beiden Fällen, in der Wirtschaftstheorie
und in der Wirtschaftsgeschichte, rein subjektive Leistungen vor uns, worüber niemand gültig befinden kann, ob sie
die wissenschaftlich strenge Erfassung der res gestae darstellen. Wissenschaft aber beansprucht objektive Geltung.
Sind die wirtschaftstheoretischen logischen Kategorien empirische Allgemeinheiten, dann umfassen sie das
Besondere des wirtschaftshistorischen Inhaltes in geistiger Reproduktion. So geht Theorie ständig in Geschichte über,
Geschichte in Theorie, beide sind zwei sich durchdringende Tendenzen eines einzigen objektiven Prozesses. Jede
Seite enthält in sich ihren Gegensatz, ist in der sie zusammenfassenden Einheit mit ihm behaftet. Die historischen
Entwicklungen und wirtschaftskundlichen Belege des "Kapitals" sind nicht willkürliche Beigaben zu den theoretischen
Teilen, sondern die konkretisierende Kehrseite der abstrakten Darstellung, es ist das diskursive Beieinandersein und
Ineinandersein der konkret-abstrakten Bestimmungen in der Einheit.
Die Frage der Vermittlung von Wirtschaftstheorie und Wirtschaftsgeschichte geht hinter den Einwand zurück, daß sie
als wissenschaftliche Teildisziplinen Existenzrecht haben. Dies ist durch unsere Entwicklung nicht bestritten, sondern
darin enthalten, wenn beide Seiten nicht als sich ausschließende Momente gesehen werden. Der didaktische Wert
einer solchen Trennung ist nicht fragwürdig, wird aber verhängnisvoll, wenn damit gemeint ist, eine Einheit des
Systematischen und Historischen bestehe nicht und es handle sich um zwei grundverschiedene, wenn auch sich
ergänzende Typen der Erkenntnis.
Die methodologische Untersuchung ergibt, daß die Stellung der Wirtschaftsgeschichte innerhalb der
Wirtschaftswissenschaft nicht die Stellung einer Hilfswissenschaft sein kann. Wo sie als solche auftritt, vermeint sie
rein empirisch-deskriptiven Charakters zu sein, oder sie tritt auf als eine Mischung von beschreibender
-148-
Geschichte - also schon theoretisierender Geschichte - und Wirtschaftskunde und soll den besonderen Zwecken der
Theorie dienen. Damit ist indessen das Verhältnis als das Verhältnis zweier sich ausschließender Bestandteile
bestimmt: eine contradictio in adjecto. Derselbe Vorgang ist auch umkehrbar: Von der Wirtschaftsgeschichte aus
gesehen, kann die Theorie ebenfalls in den Rang einer Hilfswissenschaft versetzt werden*4.1 ; sie liefert das rational-
theoretische Werkzeug. Und das Problem des Verhältnisses von Theorie und Geschichte stellt sich von neuem.
Für Marx, dem die politische Ökonomie eine Wissenschaft ist, sind Wirtschaftstheorie und Wirtschaftsgeschichte
zwei Momente eines in der Einheit sich vollziehenden Prozesses. So findet er keinen Grund, explizite der einen oder
andern Disziplin, der einen oder andern Darstellung den Vorrang zu geben oder etwa nur alternierend in der
formalen Gliederung Theorie und Geschichte zu verwenden: dies widerspräche der dialektischen Entwicklung.
Die Einteilung der Fachwissenschaft und die Gliederung der Teildisziplinen ist äußerlich gesehen ein rein logisches
principium divisionis oder, wie Rickert einmal bemerkt: der Unterschied von Theorie, Geschichte und Philosophie
beruhe auf dem Unterschied der Begriffsbildung. Begriffsbildung ist für Marx - wie wir wissen - die Aneignung
wirklicher Kategorien in geistiger Reproduktion und ihre Bewegung im Fortgang des Prozesses die theoretische
Darstellung. Die Abgrenzung der Wissenschaften und ihrer Teildisziplinen ist nicht das Resultat eines äußeren
material-formalen Prinzips, sondern eine der Dialek-
-149-
tik des Gegenstandes entsprechende Vergegenwärtigung. Das besondere Verhältnis der Teildisziplinen der
Fachwissenschaften findet sich im allgemeinen Verhältnis von Theorie und Geschichte, wobei die Philosophie der
entfremdete Ausdruck des nicht bewältigten Verhältnisses von Theorie und Geschichte ist, die in Gedanken gefaßte
illusionäre Überwindung des Gegensatzes. Aber die Wirklichkeit erträgt keine systemhafte Reduktion, die Anspruch
auf Geschlossenheit erhebt; sie trägt in sich selbst den Widerspruch jeder formalen Lösung.
Theorie und Geschichte sind die zwei jede Wissenschaft auszeichnenden Komponenten, zu denen sich die
Teildisziplinen der Fachwissenschaften vereinigen; es sind die im Verhältnis des Logischen und Historischen konkret
gestalteten Differenzierungen der Beziehungen der Menschen zur Natur und zu der Gesellschaft. In den Hilfs- und
Grenzwissenschaften wird immer wieder das Band sichtbar, das den gesamten Bereich der Wissenschaften in
universeller Abhängigkeit hält. Und es ist nicht von ungefähr, daß meist Zeiten wirtschaftlichen, sozialen und
geistigen Umbruchs Zeiten universell veranlagter Geister waren: so die Renaissance, so die Zeit um die Französische
Revolution. Was in relativ ruhigen Epochen der Entfaltung einer neuen Ordnung auseinanderfällt, in Gegensatz
zueinander tritt, ist an ihrem Ausgang in einem Brennpunkt vereinigt. Es genügt, an Leonardo da Vinci, an
Michelangelo oder an Hegel und an Goethe zu erinnern.
Der historische Charakter der logischen Kategorien wird durch ihren Standort in der gesellschaftlichen Entwicklung
aufgewiesen. Der Nachweis ist indessen ein vermittelter und nicht ein unmittelbarer, denn die unmittelbare Identität
von Logik und Geschichte schlösse jede Rückwirkung im Fortgang des Prozesses aus und würde das Bewußtsein oder
die Wirklichkeit zur Funktionslosigkeit verurteilen. Diese Mittelbarkeit weist im Prozeß der geschichtlichen
Entwicklung verschiedene Ausprägungen auf. In diesem Sinne betont Max Raphael mit Recht, daß der Marxismus nur
eine Wissenschaft kenne: die Geschichte*4.2 , wobei selbstverständlich alle Einschränkungen zu beachten sind,
-150-
die sich aus unserer Analyse ergeben haben, das heißt um unser Beispiel aus der "Problemstellung" wieder
aufzunehmen: die geschichtliche Entwicklung als die vektorielle Summe, als die Resultante von Empirie und
Rationaltheorie.
Was erst auf einer gewissen Höhe der geschichtlichen Entwicklung - wie Marx in der "Einleitung zur Kritik der
politischen Ökonomie" bemerkt - möglich ist, weist auf die Standortgebundenheit*4.3 des Denkens hin. Aus unserer
Arbeit geht hervor, daß Marx deren zwei unterscheidet:
1. Allgemeine Standortgebundenheit Erst auf einer bestimmten Stufe der geschichtlichen Entwicklung erschließt
sich uns das Geheimnis der früheren Stufen, und zwar nicht etwa weil wir höher stehen und weiter blicken
als dies vordem möglich war, sondern weil die Gegenwart, als das für das geschichtliche Verständnis
Ursächliche, uns den Schlüssel zum Schrein der Vergangenheit in die Hand legt, denn die Gegenwart ist
Resultat und rückblickend der Weg, auf dem sie geworden ist*4.4 .
Daß 1. und 2. als allgemeine und besondere Form in dialektischer Wechselwirkung und Durchdringung stehen, ist für
den Prozeß der Ideologiebildung von Wichtigkeit und gibt uns Aufschluß über die Beurteilung der Vorläufer Marx‘
durch diesen.
-151-
Man darf in einem weiteren Sinne behaupten, daß die Analyse der kapitalistischen Gesellschaft den Schlüssel für das
Rätsel jeder Klassengesellschaft liefert und daß künftige Geschichtsschreibung es mit einem andern Typus von
Geschichte zu tun haben wird. Auf diese Weise sind auch die Marxschen Worte zu deuten, daß mit der
kapitalistischen Gesellschaft die Vorgeschichte der Menschheit aufhöre.
Insofern die Methodologie im Zusammenhang mit der Frage der Ideologiebildung*4.5 im Vordergrund steht, ist
folgendes zu bemerken: Man hat die Marxsche Methode, die das Verhältnis von Theorie und Geschichte bestimmt
und woran sich erweist, was an Ideologie aus der bewußten Gestaltung dieses Verhältnisses entspringt , das heißt,
was an historisch entfremdeter Systematisierung die unbewältigten Widersprüche in der gesellschaftlichen
Entwicklung zu überbrücken hat, dem von Mannheim in die soziologische Forschung eingeführten Begriff
des "totalen Ideologieverdachtes" unterworfen. Dagegen ist einzuwenden: Die Methode ist aus dem immanenten
Prozeß des Gegenstandes gewonnen, das heißt aus der Durchdringung und dialektischen Bestimmung seiner
allgemeinen und besonderen Seiten. Es kann aber nicht von vornherein im Sinne einer Relativierung historisiert
werden, was im Prozeß einer spezifischen Entfaltung historisch ist und wird. Die Methode erhält in diesem Falle eine
abstrakte Bestimmung und wird mit der Ideologie identifiziert, womit diese zu einer ebensolchen Abstraktion wird.
Methode und Ideologie sind dann unabhängig geschichtlicher Konkretionen immerwährende Phänomene einer
ununterbrochenen Folge von Selbstrelativierungen: Der Gang der Geschichte wird zum Produkt dieser Historisierung,
die, verabsolutiert, metahistorischen Charakter hat. Will Mannheim von hier aus den Standpunkt Marx‘ entkräften,
dann bewegt er sich in einem Kreis, der seinen eigenen Standpunkt, von dem aus das Urteil gefällt wird, ebenso in
Frage stellt*4.6 . Hierzu schreibt Alfred
-152-
Meusel:
"Die Behauptung, daß Marx und Engels ihre Lehre von der Bestimmtheit des Bewußtseins durch das gesellschaftliche
Sein nur als Waffe gegenüber dem Denken ihrer Gegner gebraucht, nicht aber auf ihr eigenes Denken bezogen
haben, bedeutet eine Verkennung des Wesens der Marxschen Erkenntnissoziologie. Nicht das macht eine
Anschauung zur ´Ideologie´ im speziellen Sinne des falschen Bewußtseins, daß sie überhaupt an einen bestimmten
Standort geknüpft ist, sondern vielmehr, daß sie an einen solchen geknüpft ist, von dem aus es nicht möglich ist,- die
gesellschaftliche Totalität erkennend zu verwandeln, verwandelnd zu erkennen, dem also notwendigerweise die
Bewährung am Kriterium der Praxis versagt bleibt*4.7 ."
Auch Georg Lukács kommt in seinem neuesten Buch über den jungen Hegel*4.8 auf diese Frage zu sprechen. Er
schreibt:
"Die vulgärsoziologische Betrachtung der Geschichte geht davon aus, daß jede historische Erscheinung vollständig
erklärt ist, wenn ihre soziale Genesis aufgedeckt ist.*4.9 "
"Im Laufe der historischen Entwicklung werden auf den verschiedensten Gebieten absolute Wahrheiten errungen,
deren Entstehung zwar immer historisch bedingt ist, deren Wesen jedoch niemals auch durch die genaueste Kenntnis
und Ableitung ihrer historischen Genesis erschöpft werden kann*4.10 ."
notwendig, um die besonderen Merkmale des Marxschen "Historismus", somit auch das Verhältnis von
Wirtschaftstheorie und Wirtschaftsgeschichte, zu verstehen.
Im Verhältnis der allgemeinen zur besonderen Standortgebundenheit liegt für das Individuum, das einer bestimmten
Klasse angehört, die Chance, die Wirklichkeit in den ihr entsprechenden Gesetzen zu erfassen. Der geschichtliche
Prozeß selbst führt zu diesem point crucial, an dem sich die Lösung des Geheimnisses anbahnt. Als Beispiele haben
wir schon erwähnt:
1. daß die Entfremdung, der alle Glieder der Gesellschaft unterworfen sind, die Klassen dieser Gesellschaft in
verschiedener Weise trifft, daß der Kapitalist sich darin bestätigt, der Arbeiter als Mensch negiert fühlt;
2. daß erst auf einer bestimmten Stufe der Entwicklung, wo die bestimmenden Elemente der kapitalistischen
Produktion intensiv und extensiv ausgebildet sind, National-
-154-
ökonomie als strenge Wissenschaft möglich wird, das heißt wo diese, nach erarbeiteter Nomenklatur und
entwickeltem Begriffsnetz, auf Grund der entwickelten Widersprüche innerhalb der Produktion, wenn auch nur
sporadisch, zur Kritik der bestehenden Verhältnisse übergeht. Wir haben hier ein Beispiel von besonderer und
allgemeiner Standortgebundenheit.
Marx sieht von diesem Aspekt aus die Vorzüge und Mängel seiner Vorgänger. Seine Kritik ist zweiphasig: sie weist auf
die historischen Schranken und auf logische Unzulänglichkeiten hin (vgl. die "Theorien über den Mehrwert").
4.3. Verhältnis zur Historischen Schule (Recht und Nationalökonomie) und zu den Klassikern
Marx hat zu seiner Zeit an verschiedenen Strömungen den Gegensatz von Empirie und Rationalismus miterlebt und
es lohnt sich, wenn auch nur kursorisch, darauf einzugehen: an der Historischen Rechtsschule, an der älteren
historischen Schule der Nationalökonomie, an den Klassikern der Nationalökonomie. Entscheidend als Ansatz seiner
originellen Leistung und grundlegenden Kritik sind ihm Hegels "Grundlinien der Philosophie des Rechts",
die "Phänomenologie des Geistes", die "Wissenschaft der Logik" und die englischen Klassiker. Also gerade nicht die
Empiristen. Aber im Fortgang der Arbeit sieht Marx das Mangelhafte seines Ansatzes ein und begreift, daß die
Objektivität der Rationaltheorie nur möglich ist, wenn sie die Empirie in sich aufgenommen hat; damit ist aber die
Rationaltheorie nur noch eine Seite des in Einheit verlaufenden Prozesses. Von den Klassikern her geht Marx an die
detaillierte Analyse des kapitalistischen Produktionsprozesses. Schon Hegel hatte in seiner Rechtsphilosophie darauf
hingewiesen, daß die
"dem Gedanken Ehre macht, weil sie zu einer Masse von Zufälligkeiten die Gesetze findet"
, in ihr
"der Gedanke (s. Smith, Say, Ricardo) aus der unendlichen Menge von Einzelheiten, die zunächst vor ihm liegen, die
einfachen Prinzipien der Sache, den in ihr wirksamen und sie regierenden Verstand herausfindet."
Marx hat an der Masse der Zufälligkeiten, an den historischen Besonderungen das Gesetz als nicht nur theoretisch
allgemeingültiges, subjektives, sondern in
-155-
der die Allgemeinheit historisch beinhaltenden Konkretion entwickelt. Die Totalität ist das sich in dieser
Gesetzlichkeit bestimmende Verhältnis der herrschenden Kategorien und nicht der abstrakte Ganzheitsbegriff der
Romantiker. Sowenig wie Hegel Romantiker war, sowenig sind bei Marx romantische Einflüsse bemerkbar. Die
Meinung Monnerots:
"Grace a l‘historisme et au sentiment de la singularite des atres qu‘il doit, comme Hegel, au romantisme, Marx aura
une notion complexe de la societe dans l‘histoire, lieu geometrique et champ de bataille des activites
humaines" (Monnerorts)*12
"Auf früheren Stufen der Entwicklung erscheint das einzelne Individuum voller, weil es eben die Fülle seiner
Beziehungen noch nicht herausgearbeitet und als von ihr abhängige gesellschaftliche Mächte und Verhältnisse sich
gegenübergestellt hat. So lächerlich es ist, sich nach jener ursprünglichen Fülle zurückzusehnen; so lächerlich ist der
Glaube, bei jener vollen Entleerung stehnbleiben zu müssen. Über den Gegensatz gegen jene romantische Ansicht ist
die bürgerliche nie herausgekommen und darum wird jene als berechtigter Gegensatz sie bis an ihr seliges Ende
begleiten." (Marx)*13
Diese Absage an die zeitgenössischen romantischen Auffassungen läßt keine Bedenken offen. Der konservative, im
Grunde genommen unhistorische, einem statischen Idealbild verpflichtete "Universalismus", der die Verewigung
einer "organisch" gewachsenen Standes- und Arbeitshierarchie in sein Programm aufgenommen hatte, der nach
rückwärts gerichtete Blick auf die mittelalterliche Ordnung, die radikal antiliberale Haltung und die Verflechtung mit
den reaktionären Kräften der Zeit waren Marx, der in liberaler Umgebung aufgewachsen und in seiner Tätigkeit an
der "Rheinischen Zeitung" mit ihr besonders verbunden war, zuwider. Marx lebte in den anti-preußischen,
freiheitlichen Traditionen des Rheinlandes, das unter napoleonischer Herrschaft eine wirtschaftliche Blütezeit
erlebte, dessen soziale Struktur eine Umschichtung nach republikanischem Muster erfuhr und dessen Bürgertum sich
auf dem
-156-
Wege der Emanzipation befand. Für die Romantik war dieser Zustand ein gefährliches Produkt der Aufklärung, deren
Ideen sie ebenso ablehnte wie - nach anfänglich begeisterter Zustimmung - die der Französischen Revolution. Daß
eine eigentlich geschlossene romantische Nationalökonomie nicht entstand, ist verständlich, da die Romantiker (zum
Beispiel Adam Müller) im Liberalismus nur ein negatives Prinzip sahen: die Auflösung der Gesellschaft in eine Summe
von Teilen, die Versachlichung der menschlichen Beziehungen, den Verlust an Menschsein. Die Kritik nach der
positiven Seite hin erweitern, hieß aber die revolutionären Tendenzen des Liberalismus entdecken, seine progressive
Rolle als Überwinder der alten feudalen Gesellschaft sehen, deren geistige, soziale und ökonomische Struktur mit
den durch die industrielle Revolution am Ende des 18. Jahrhunderts befreiten gesellschaftlichen Kräften unvereinbar
geworden war. Die Romantik begab sich, wenn sie kritisierte, immer mehr und mehr nur auf den Boden des
negativen Prinzips und wurde ideologisch zu einer Stütze des Absolutismus, zum Verbündeten der Metternichschen
Reaktion. Welche Rolle zur Zeit der Restauration ihr politischer Zweig gespielt hat, ist zur Genüge bekannt.
Marx hatte mit der Romantik keine Berührungspunkte, von denen auf eine Beeinflussung geschlossen werden
könnte. In den Sommerferien 1839 kam er nach Trier, wo er Bettina von Arnim*4.14 (geborene Brentano),
der "Sibylle der romantischen Schule" begegnete. Über diese Begegnung ist jedoch nichts Näheres bekannt. Marx
wird wohl mehr von ihren radikal liberalen Gedanken, von ihrer Sympathie zum Jungen Deutschland als von ihren
romantischen Ideen angezogen worden sein. Ideen-geschichtlich ist keine Anknüpfung nachweisbar; Marx lehnt das
Gedankengut der Romantik ab, und was "mon ami Heine" - wie er ihn nannte - in einer glänzenden Satire an der
romantischen Schule geißelt und boshaft parodiert, teilt er voll und ganz. Das Antimanchestertum Adam Müllers
sieht er darin, daß dieser die Staubwolken der Oberfläche betrachte und dies Staubige anmaßlich als etwas
Geheimnisvolles und Bedeutendes ausspreche. Marx‘ Urteil über die Romantik wird noch bestärkt durch seine
Stellung zu den "Positivisten" seiner Zeit, zur Historischen Rechtsschule, die sich gegen den gesetzgeberischen
Rationalismus der Aufklärung wendete. In einem Artikel der "Rheinischen
-157-
Zeitung" vom 9. August 1842, "Das philosophische Manifest der Historischen Rechtsschule", der sich gegen Gustav
Hugo richtet, indirekt aber Savigny meint, charakterisiert Marx diese Schule folgendermaßen:
"Die Historische Schule hat das Quellenstudium zu ihrem Schiboleth gemacht, sie hat ihre Quellenliebhaberei bis zu
dem Extrem gesteigert, daß sie dem Schiffer anmutet, nicht auf dem Strome, sondern auf seiner Quelle zu fahren, sie
wird es billig finden, daß wir auf ihre Quellen zurückgehen, auf Hugos Naturrecht. Ihre Philosophie geht ihrer
Entwicklung voraus, man wird daher in ihrer Entwicklung selbst vergeblich nach Philosophie suchen." (MEGA, I, 1(1),
S. 251. MEW, Bd. 1‚ S. 78)
Dieser "Historismus" ist die prinzipienlose Rechtfertigung des Bestehenden, nur weil es ist, ungeachtet dessen, ob es
vernünftig ist.
"Wenn das Positive gelten soll, weil es positiv ist, so muß ich beweisen, daß das Positive
nicht gilt, weil es vernünftig ist, und wie könnte ich dies evidenter als durch den Nachweis, daß das Unvernünftige
positiv und das Positive nicht vernünftig ist? daß das Positive nicht durch die Vernunft, sondern trotz der Vernunft
existiert? Wäre die Vernunft der Maßstab des Positiven, so wäre das Positive nicht der Maßstab der
Vernunft." (MEGA, I, 1(1), S. 252. MEW, Bd. 1‚ S. 79)
"Ist... Kants Philosophie mit Recht als die deutsche Theorie der französischen Revolution zu betrachten, so Hugos
Naturrecht als die deutsche Theorie des französischen ancien regime." (MEGA, I, 1(1), S. 254. MEW, Bd. 1‚ S. 81)
In der "Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie" apostrophiert er nochmals die Historische Rechtsschule mit den
Worten:
"Eine Schule, welche die Niederträchtigkeit von heute durch die Niederträchtigkeit von gestern legitimiert, eine
Schule, die jeden Schrei des Leibeigenen gegen die Knute für rebellisch erklärt, sobald die Knute eine bejahrte, eine
angestammte, eine historische Knute ist, eine Schule, der die Geschichte, wie der Gott Israels seinem Diener Moses,
nur ihr a posteriori zeigt, die historische Rechtsschule, sie hätte daher die deutsche Geschichte erfunden, wäre sie
nicht eine Erfindung der deutschen Geschichte" (MEGA, I, 1(1), S. 609. MEW, Bd. 1‚ S. 380)
Daß auch die historische Schule der Nationalökonomie bei Marx keine Gnade fand, wird nicht wundernehmen. Seine
bissigen Bemerkungen, wenn er von Roscher oder Rau spricht, belegen dies immer wieder. Ein Zitat mag an dieser
Stelle genügen:
"Die [158] letzte Form (der Vulgärökonomie. - 0. M.) ist die Professoralform, die ´historisch´ zu Werke geht und mit
weiser Mäßigung überall das ´Beste´ zusammensucht, wobei es auf Widersprüche nicht ankommt, sondern auf
Vollständigkeit. Es ist die Entgeistung aller Systeme, denen überall die Pointe abgebrochen wird, und die sich friedlich
im Kollektaneenheft zusammenfinden. Die Hitze der Apologetik wird hier gemäßigt durch die Gelehrsamkeit, die
wohlwollend auf die Übertreibungen der ökonomischen Denker herabsieht und sie nur als Kuriosa in ihrem
mittelmäßigen Brei herumschwimmen läßt. Da derartige Arbeiten zugleich erst auftreten, sobald der Kreis der
politischen Ökonomie als Wissenschaft sein Ende erreicht hat, ist es zugleich die Grabstätte dieser
Wissenschaft." (TM, III, S. 574. MEW, Bd. 26.3, S. 492)
Wir haben Marx so ausführlich zitiert, weil er sich hier mit der Richtung auseinandersetzt, die nach der neueren
Terminologie positiv-detailwissenschaftlich nur aus "Quellen" und "Fakten" Wissenschaft treibt*4.15 und daraus die
Bewegungsgesetze, soweit sie solche Prätentionen überhaupt hat, der gesellschaftlichen Entwicklung zu gewinnen
vermeint und verkennt, daß reine Datensammlung die Gesetze der sich fortentwickelnden Totalität in ihrer
widersprüchlichen Bewegung zudeckt, daß sie vor einem endlosen Feld geschichtlich auftretender Phänomene steht.
Es ist tatsächlich die
"Entgeistung aller Systeme, denen überall die Spitze abgebrochen wird."
Zu den Klassikern der politischen Ökonomie steht Marx in einem andern Verhältnis. Nach der von uns geführten
Analyse wird es aber nicht mehr möglich sein, Marx - selbst in seinen ökonomischen Arbeiten - in der Nachfolge der
Klassiker zu sehen. Jedenfalls nicht in der Weise, wie es bisher geschehen ist. Auch thematisch, der inneren
Gliederung der politischen Ökonomie nach, unterscheidet sich Marx grundlegend von seinen Vorgängern.
Methodologisch in einer noch viel ausgeprägteren Art und Weise, obwohl er dem abstraktisolierenden, deduktiven
Verfahren der Klassiker Gerechtigkeit widerfahren läßt. Er schreibt:
"All those laws developed in the classical works on political economy, are strictly true under the supposition only,
that trade be delivered from all fetters, that competition be [159] perfectly free, not only within a single country, but
upon the whole face of the earth. These laws, which A. Smith, Say and Ricardo, have developed, the laws under
which wealth is produced and distributed - these laws grow more true, more exact, then cease to be mere
abstractions, in the same measure in which Free Trade is carried out. And the master of the science, when treating of
any economical subject, tells us every moment that all their reasonings are founded upon the supposition that all
fetters, yet existing, are to be removed from trade. They are quite right in following this method. For they make no
arbitrary abstractions, they only remove from their reasoning a series of accidental circumstances. Thus it can justly
be said, that the economist - Ricardo and others - know more about society as it will be, than about society as it is.
They know more about the future than about the present." (Marx)*16
Marx betont hier, was wir bei der Behandlung seines Gesetzesbegriffes erwähnt haben: daß das "reine", ungestörte
Gesetz die Tendenz hat, sich durchzusetzen und daß es sich methodisch bei den Klassikern um Abstraktionen handelt,
die sich in der Wirklichkeit selbst, wenn auch nur tendenziell, vollziehen. Was Marx an den Klassikern kritisiert, ist die
unhistorische Betrachtungsweise, die den einheitlichen, in spezifischen Besonderungen gegensätzlicher Momente
sich bewegende Zusammenhang nicht sieht. Die Klassiker repräsentieren in einem engeren, näher zu bestimmenden
Sinne das rationalistische Verfahren der Wissenschaft.
In der "Einleitung zur Kritik der politischen Ökonomie" kritisiert Marx, wie wir wissen, die ahistorischen
Konstruktionen der Smith und Ricardo, billigt ihnen aber insofern Existenzrecht zu, als sie Ausdruck des innerhalb der
bürgerlichen Gesellschaft stattfindenden Atomisierungsprozesses sind. Die Konstruktion des rational wirtschaftenden
Individuums, des homo oeconomicus, ist das oberflächliche Bild dieser Situation. Auch diese Abstraktion ist eine
wirkliche Abstraktion, die aber, wie Marx betont, erst auf dieser Stufe der gesellschaftlichen Entwicklung möglich
wird. Sie in die Vergangenheit zurückprojizieren, heißt das Geschichtsbild verfälschen, den Inhalt seiner konkreten
Bestimmungen entleeren, den Menschen zum unwirklichen Schemen degradieren.
-160-
Eine eigentliche Wirtschaftsgeschichte als besondere Disziplin, trotz aller Exkurse historischen Inhalts wie zum
Beispiel bei Smith, kennen die Klassiker nicht; sie entwickelten aus dem ihnen gegenwärtigen Zustand die Grundlage
einer Wissenschaft, die in sich einheitlich sein sollte. Die Sonne der klassischen Ökonomie hatte den Zenit bereits
überschritten, als Marx sich ihrer kritisch bemächtigte.
Wie das Eigenartige der Marxschen Methodologie nur in Konfrontation mit Hegel gewonnen werden kann, so das
Spezifische in der Anwendung dieser Methodologie nur in Konfrontation mit den Klassikern. Die Mittelglieder und
Vergleichssysteme müssen dabei mitberücksichtigt werden. In der Hegelkritik der bedeutende Einfluß Feuerbachs, in
der Kritik an den Klassikern der aufschlußreiche Vergleich mit den Physiokraten, mit der Leistung Quesnays.
Prima vista scheinen die Klassiker den Physiokraten gegenüber einen Schritt rückwärts getan zu haben. Dies lag aber
durchaus nicht daran, daß ihnen etwa Kreislaufprobleme oder der Zusammenhang der Gesamtgrößen der
kapitalistischen Produktion fremd waren und ihnen hierfür der Blick gefehlt hätte. Das Harmonieprinzip des laisser
faire, laisser aller verschloß ihnen von vorneherein den Weg. Sie waren zu sehr davon überzeugt, daß die inneren
ausgleichenden Kräfte der Wirtschaft das Gleichgewicht des Ganzen garantieren. Der Schluß vom Teil auf das Ganze
war für sie immanent vorhanden und ließ jede nur wünschbare Extrapolation zu, mußte also nicht erst explizite
bewiesen werden. Selbst wo vereinzelt Zweifel an der Automatismusgläubigkeit auftreten - wie bei Ricardo in dem
bekannten 31. Kapitel seiner "Principles" über die Wirkung der Einführung von Maschinen auf die Beschäftigung -
wird man des Eindruckes nicht los, daß man solchen Erscheinungen nur akzidentellen Charakter beimaß. So ergaben
sich schon in der ausgleichenden "Gerechtigkeit" eines sich selbst regulierenden Wirtschaftsprozesses die
Voraussetzungen für eine Beschränkung auf das, was wir heute - etwas vereinfachend und nicht ganz zutreffend - die
Katallaktik nennen. War die Prämisse unantastbar, die allgemeine Harmonie aus dem freien Zusammenspiel der
Kräfte a priori gegeben, die internen Konsequenzen stringent entwickelt, dann lag kein Grund zu einer
problematischen Erweiterung vor.
Was jedoch das eigentliche Verdienst der Klassiker ist und wor-
-161-
auf Marx Gewicht legt, ist die Tatsache, daß sie versuchten, hinter den nur erscheinenden Phänomenen der
kapitalistischen Produktion auf ihr eigentliches Wesen zu stoßen. Marx hebt dies immer wieder hervor und grenzt die
Vulgärökonomie an diesem Kriterium ab, das heißt, er wirft ihr vor, sie nehme die Erscheinung für das Wesen, die
Oberfläche für den Kern. Die Marxsche Kritik an den Vorgängern und an den zeitgenössischen Ökonomen kann nur
von hier aus begriffen werden. Zentral liegt der Kritik der Werdegang der eigenen Methode mit ihren Resultaten
zugrunde, nicht äußere Aspektverschiebungen, die sich thematisch niederschlagen. Wo Marx kritisiert, wird weder
Dogmen-, Ideen-, noch Problemgeschichte getrieben. Man ziehe etwa die "Theorien über den Mehrwert" heran. All
das sind sie nicht, sondern das Auf-den-Punkt-Bringen der Wissenschaft, um sie dialektisch darzustellen. Und in der
Kritik an Quesnay, Smith, Ricardo und anderen ist die Methode ineins historisch und theoretisch.
Die Lektüre der "Theorien über den Mehrwert" ist unerläßlich zum vollen Verständnis des "Kapitals", da sie die in
letzterem Werk ausgeschiedenen literar-historischen Teile enthalten, die das "Kapital" als IV. Buch abschließen
sollten. Da die Texte im allgemeinen wenig bekannt sind, zitieren wir Marx‘ Ausführungen über die Klassiker:
"Die klassische Ökonomie sucht die verschiednen fixen und einander fremden Formen des Reichtums durch Analyse
auf ihre innre Einheit zurückzuführen und ihnen die Gestalt, worin sie gleichgültig nebeneinander stehn,
abzuschälen. Sie will den innren Zusammenhang im Unterschied von der Mannigfaltigkeit der Erscheinungsformen
begreifen. .. Die klassische Ökonomie widerspricht sich gelegentlich in dieser Analyse; sie versucht oft unmittelbar,
ohne die Mittelglieder, die Reduktion zu unternehmen und die Identität der Quelle der verschiedenen Formen
nachzuweisen. Dies geht aber aus ihrer analytischen Methode, womit die Kritik und das Begreifen anfangen muß,
notwendig hervor. Sie hat nicht das Interesse, die verschiednen Formen genetisch zu entwickeln, sondern sie durch
Analyse auf ihre Einheit zurückzuführen, weil sie von ihnen als gegebnen Voraussetzungen ausgeht. Die Analyse ist
aber die notwendige Voraussetzung der genetischen Darstellung, des Begreifens des wirklichen Gestaltungsprozesses
in seinen verschiedenen Phasen. Die klassische Ökonomie fehlt endlich, ist mangelhaft, indem sie die Grundform des
Kapitals, die auf Aneignung fremder Arbeit gerichtete Produktion nicht als geschichtliche Form, sondern
als Naturform der gesellschaftlichen Produktion auffaßt, eine [162] Auffassung, zu deren Beseitigung sie jedoch durch
ihre Analyse selbst den Weg bahnt." (TM, III, S. 571/72. MEW, Bd. 26.3, S. 490/91)
"Ganz anders verhält es sich mit der Vulgärökonomie, die sich zugleich erst breitmacht, sobald die Ökonomie selbst
durch ihre Analyse ihre eignen Voraussetzungen aufgelöst, wankend gemacht hat, also auch schon den Gegensatz
gegen die Ökonomie in mehr oder minder ökonomischer, utopistischer, kritischer und revolutionärer Form existiert.
Da ja die Entwicklung der politischen Ökonomie und des aus ihr selbst erzeugten Gegensatzes Schritt hält mit
der realen Entwicklung der in der kapitalistischen Produktion enthaltnen gesellschaftlichen Gegensätze und
Klassenkämpfe. Erst sobald die politische Ökonomie eine gewisse Breite der Entwicklung erlangt hat - also nach A.
Smith - und sich feste Formen gegeben, scheidet sich das Element in ihr, das bloße Reproduktion der Erscheinung als
Vorstellung von derselben, ihr Vulgärelement von ihr ab als besondre Darstellung der Ökonomie... und je mehr die
Ökonomie ihren Abschluß erreicht, also in die Tiefe geht und sich als ein System des Gegensatzes entwickelt, um so
selbständiger tritt ihr ihr eignes Vulgärelement, bereichert mit Stoff, den es in seiner Weise zurechtmacht, gegenüber,
bis es endlich als gelehrt-synkretistische und charakterlos-eklektische Kompilation seinen besten Ausdruck findet. In
demselben Maß, wie die Ökonomie in die Tiefe geht, stellt sie nicht nur selbst Gegensätze dar, sondern tritt ihr ihr
Gegensatz als solcher gegenüber, gleichzeitig mit der Entwicklung der realen Gegensätze im ökonomischen Leben der
Gesellschaft. In demselben Maß wird die Vulgärökonomie mit Bewußtsein apologetischer und sucht die Gedanken,
darin die Gegensätze, in forcierter Weise wegzuschwatzen." (TM, III, S. 572/73. MEW, Bd. 26.3, S. 491/92)
In bezug auf das Verdienst der Klassiker hat Marx schon im Anti-Proudhon ("Misère de la Philosophie", 1847)
festgestellt, daß es im Versuch liege, die Erscheinungen auf eine innere Einheit zurückzuführen. Der obige Text ist ein
aufschlußreicher Exkurs, der die theoretische Leistung historisch fixiert: ein summarischer, kondensierter Abriß der
Geschichte der Nationalökonomie, die von den Klassikern erstmals in den Rang einer Wissenschaft erhoben wird
durch Schaffung der Nomenklatur und durch Systematisierung. Die äußere Zufälligkeit und Mannigfaltigkeit der
Phänomene wird begrifflich gefaßt und in einen inneren Zusammenhang gebracht, das Individuell-Historische wird
als Allgemeines vernünftig, als Erscheinung auf sein Wesen zurückgeführt. Aber die Lösung gelingt nur teilweise, die
Theorie glaubt, unmittelbar Geschichte zu sein, da sie ihrem histori-
-163-
schen Standort gemäß ihre Kategorien als abstrakt-allgemeine Kategorien auffaßt, sie geht nur logisch, analytisch vor.
Wenn wir vorhin den Begriff "Rationaltheorie" auf die Klassiker anwendeten, dann ist dies nur unter Vorbehalt
statthaft, und zwar unter dem Vorbehalt, daß se Rationaltheorie nicht mit der modernen "reinen" Theorie, die wir im
Laufe unserer Arbeit immer im Auge hatten, zusammengeworfen werden darf. Jedenfalls methodologisch nicht. Die
Klassiker erstreben unmittelbar Wirklichkeitserkenntnis, auch wenn sie sich über die Voraussetzungen, unter denen
dies möglich ist, erst Klarheit verschaffen müssen. Daß sie im Historischen fehlen, rührt nicht aus Unverständnis her,
sondern aus einer andern Auffassung von der Geschichte. Aus der überreifen Klugheit unseres Jahrhunderts sind
es "naive" Wissenschaftler, die Geschichte und Theorie einander noch nicht gegenübergestellt haben,
Wissenschaftler, die in der Morgenröte einer neuen Zeit von ihrem historischen Standort aus unmittelbar
theoretisieren, sich mit dem Lauf des Geschehens identifizieren und in unzulässiger Weise nach rückwärts und nach
vorne extrapolieren. Die Erscheinungsformen der bürgerlichen Gesellschaft zum Teil auf ihr Wesen zurückgeführt,
verlangen sie weiter nicht, ihre Genesis zu begreifen.
Salin hat in seiner Dogmengeschichte*4.17 die verschiedenen Typen und Schulen der Volkswirtschaftslehre durch das
Begriffspaar anschaulich-rational geschieden und zueinander in Beziehung gesetzt*4.18 . Diese Scheidung, die auf
der erkenntnistheoretischen Trennung von Gesamterkenntnis und Teilerkenntnis durch Edith Landmann beruht,
scheint uns zur Kennzeichnung des Verfahrens nur teilweise zureichend, weil damit zu sehr die Form und weniger der
Inhalt gewichtet wird. In einem Falle - und dafür scheint uns gerade das Beispiel der Klassiker typisch - kann die
Rationaltheorie wesentlich objektivere Gültigkeit haben als die anschauliche Theorie, in einem andern Falle
wiederum nicht. Marx‘ Urteil über die Klassiker (Ricardo!) und über die Vulgärökonomie (Roscher!) geht in diese
Richtung, und sein Urteil über den "Historismus" seiner Zeit bestätigt es. Bei seiner Auffassung der logischen
Kategorien ist dies auch ohne weiters verständlich, da die Reproduktion des Wirtschaftsprozesses erst objektiv wird,
wenn sie aus der Sphäre des subjektiven Geltens, Meinens oder
-164-
Möglichseins herausgehoben ist. Teilerkenntnis wie Gesamterkenntnis, rationale wie anschauliche Theorie können
aber in der Sphäre der Subjektivität verharren, die eine ist nicht notwendig subjektiv und die andere objektiv (ohne
daß der Weg bestimmt ist, der uns berechtigt, ihnen diese Attribute zuzulegen). Der Text von Salin läßt keine Zweifel
darüber offen, daß er dieses Problem sieht, besonders wenn er bemerkt, daß "die Intention der Gesamterkenntnis
keineswegs schon die Erreichung des gesteckten Zieles" sei, und daß die Schwierigkeit daher rühre, daß sich "die
Begriffe ´rational´ und ´anschaulich´ bewußt überschneiden" und selten eine Theorie einen "reinen" Typus
darstelle*4.19 .
Marx hat den Aufbau des Ricardoschen Werkes eingehend untersucht*4.20 und den Gegensatz zu Smith
herausgearbeitet. Um das, was man heute dem Verfahren nach als Rationaltheorie (Teilerkenntnis) bezeichnet,
seinem Gehalt nach zu verstehen, stellen wir die Charakterisierung von Smith und Ricardo durch Marx einander
gegenüber.
Marx argumentiert gerade umgekehrt als es im allgemeinen die Dogmenhistoriker tun. Smith repräsentiert für ihn
nicht einen Typus der anschaulichen Theorie, da bei ihm unverbunden der innere Zusammenhang und die äußere
Erscheinung der logischen Kategorien nebeneinanderherlaufen.
"Diese beiden Auffassungsweisen - wovon die eine in den innren Zusammenhang, sozusagen in die Physiologie des
bürgerlichen Systems eindringt, die andere nur beschreibt, katalogisiert, erzählt und unter schematisierende
Begriffsbestimmungen bringt, was sich in dem Lebensprozeß äußerlich zeigt, so wie es sich zeigt und erscheint -
laufen bei Smith nicht nur unbefangen nebeneinander, sondern durcheinander und widersprechen sich
fortwährend" (TM, II, S. 2/3. MEW, Bd. 26.2, S. 162)
"Ricardo aber tritt endlich dazwischen und ruft der Wissenschaft ein: Halt! zu. Die Grundlage, der Ausgangspunkt der
Physiologie des bürgerlichen Systems - des Begreifens seines inneren organischen Zusammenhangs und
Lebensprozesses - ist die Bestimmung des Werts durch die Arbeitszeit. Davon geht Ricardo aus und zwingt nun die
Wissenschaft, [165] ihren bisherigen Schlendrian zu verlassen und sich Rechenschaft darüber abzulegen, wieweit die
übrigen von ihr entwickelten, dargestellten Kategorien - Produktions- und Verkehrsverhältnisse - Formen dieser
Grundlage, dem Ausgangspunkt entsprechen, wieweit überhaupt die bloß die Erscheinungsformen des Prozesses
wiedergebende, reproduzierende Wissenschaft (also auch diese Erscheinungen selbst), der Grundlage entsprechen,
auf der der innre Zusammenhang, die wirkliche Physiologie der bürgerlichen Gesellschaft beruht oder die ihren
Ausgangspunkt bildet, wie es sich überhaupt mit diesem Widerspruch zwischen der scheinbaren und wirklichen
Bewegung des Systems verhält... Mit diesem wissenschaftlichen Verdienst hängt eng zusammen, daß Ricardo den
ökonomischen Gegensatz der Klassen - wie ihn der innre Zusammenhang zeigt - aufdeckt, ausspricht und daher in
der Ökonomie der geschichtliche Kampf und Entwicklungsprozeß in seiner Wurzel aufgefaßt wird, entdeckt
wird." (TM, III, S. 3/4. MEW, Bd. 26.2, S. 163)
Das wissenschaftliche Verdienst von Ricardo ist also nicht rationale Theorie als Teilerkenntnis, sondern
Systematisierung als Wesenserkenntnis; daß dies der äußeren Form nach einen rationaltheoretischen Aspekt hat, ist
die historische Schranke Ricardos. Marx betont dies nochmals, wo er feststellt, daß das gesamte Ricardosche Werk in
den beiden ersten Kapiteln der "Principles" enthalten sei.
"Sie enthalten seine ganze Kritik der bisherigen politischen Ökonomie, das kategorische Abbrechen mit dem
durchgehenden Widerspruch A. Smiths in der esoterischen und exoterischen Betrachtungsweise, und liefern durch
diese Kritik zugleich einige ganz neue und überraschende Resultate. Daher der hohe theoretische Genuß, den diese
zwei ersten Kapitel gewähren, da sie in gedrängter Kürze die Kritik des in die Breite ausgelaufenen und verlaufenen
Alten geben und das ganze bürgerliche System der Ökonomie als einem Grundgesetz unterworfen darstellen, aus der
Zerstreuung und Mannigfaltigkeit der Erscheinungen die Quintessenz herauskonzentrierend." (TM, II, S. 8. MEW, Bd.
26.2, S. 166; von uns ausgezeichnet. - 0. M.)
Dem tatsächlichen Gehalt nach ist diese Rationaltheorie kein Typus der "reinen" Theorie, wenn auch, wie Marx
bemerkt hat, sie nur analytisch arbeitet, sondern eine der Zeit entsprechende Anschauung. Gesamterkenntnis kann
sich verlagern, Rationaltheorie ist nicht nur Teilerkenntnis. Historismus wie Rationaltheorie sind für sich, wie wir
feststellten, subjektive
-166-
Theorien mit dem Anspruch auf Gesamt- oder Teilerkenntnis. Verfahrensmäßig sind es Teile einer objektiven Theorie,
in der sich das Allgemeine und Besondere als geschichtlich Allgemeines und Besonderes vereinigen.
Die Rationaltheorie der Klassiker hat die Rationalität der kapitalistischen Wirtschaft, die Rationalität nicht als
theoretische Form, sondern als historisch-wirklichen Gegenstand zum Vorbild. Diese Rationalität
in Rationaltheorie als heuristisches Mittel der Erkenntnis umdeuten, verfehlt den eigentlichen Kern der klassischen
politischen Ökonomie. Dieses Urteil kann nur vom Standpunkt der späteren Entwicklung der Rationaltheorie in
die "reine" Theorie, die sich bewußt vom Objekt gelöst hat, gefällt werden. Ein solcher Schluß führt aber wieder in
sich zurück und löst sich nur auf, wenn der theoretische Niederschlag der rationellen Bestimmungen des modernen
Wirtschaftsprozesses und seine Rechenhaftigkeit logisch als Spiegelbild realer Kategorien verstanden wird. Die
wissenschaftstheoretische Rechtfertigung der bürgerlichen Gesellschaft war die Vernunft des Rationellen im
Gegensatz zur Positivität des Ancien regime. Dies war kein innertheoretischer, nur ideengeschichtlicher Vorgang,
sondern die intelligibel gewordene Ablösung einer Wirtschaftsform von der andern. Wenn auch nicht der Intention,
so doch dem tatsächlichen Gehalt nach, war dies eine ungemein historische Erfassung des Gesamtgegenstandes. In
bezug auf die Form war es der Sieg der Vernunft im Reich der Ideen und die Verkennung der Historizität des
Gehaltes. Wo die kapitalistische Gesellschaft fest konstituiert, der Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit zum
herrschenden Gegensatz geworden ist, wandelt sich auch die Bedeutung der Rationaltheorie. Sie wird zur
Rechtfertigung der kapitalistischen Wirtschaft als positive Form des gesellschaftlichen Zusammenlebens. Diese
Wandlung fällt zusammen mit dem von Marx beschriebenen Übergang von der klassischen zur Vulgärökonomie.
Aus dem Dargestellten sollte klar sein, daß wir uns der Salinschen Auffassung: Theorie ist vor Geschichte *4.21 , nur
anschließen können mit dem Vorbehalt, daß jede Theorie eine ursprünglich geschichtliche Theorie ist. In diesem Falle
stellt sich aber das Problem nicht mehr auf dem Boden der Erkenntnisformen, die den Theorietyp bestimmen,
sondern auf dem Boden des Sub-
-167-
jekt-Objekt-Verhältnisses, wie wir es anhand der Marxschen Texte analysiert haben. Die Voraussetzungen des
Möglidiwerdens einer Theorie bestimmen sich dann aus den konkreten Verhältnissen des Prozesses selbst. Die
Trennung von Rationaltheorie und Empirie ist an eine bestimmte historische Situation gebunden und könnte
nachgewiesen werden. Den Klassikern ist ihre "Rationaltheorie" die Wirtschaftsgeschichte ihrer Zeit. Es ist eine
Wissenschaft, die aus sich noch keine sich fremden Formen oder eine Vermittlung suchende Verhältnisse entlassen
hat. Wo die Formen sich nicht fremd sind, wird auch die Frage für den Forscher sinnlos.
Gerade Marx ist der Gefahr entgangen, durch die Bestimmung des Erkenntnisprozesses den Zweck dieses Prozesses
in die Bestimmung selbst zu legen, die Endwahrheit als Prämisse vorauszunehmen. Wirtschaftstheorie und
Wirtschaftsgeschichte verharren nicht in der Sphäre des reinen Denkens als entwickelte Normen des reinen
Bewußtseins, denn was wir als Entwicklung begreifen wollten, müßte vorgängig schon als Ziel in dieser Entwicklung
sein. Der objektive Prozeß ist der sachliche Gehalt, den sich das Subjekt bewußt aneignet. Und Salin betont mit
Recht: "Die logische Richtigkeit besagt nichts über die sachliche Wichtigkeit einer Theorie*4.22 ." Und
wenn "Gesamterkenntnis der Wirtschaft.., nicht nur logische Richtigkeit, sondern auch historische oder aktuelle
Gültigkeit" fordert*4.23 , dann löst sich das Problem aus dem inneren Bereich der Erkenntnisformen. Wir folgern
daraus, daß das Begriffspaar rational-anschaulich nur relativ zum konkreten Gehalt der Systematisierung als geistige
Reproduktion eines objektiven Prozesses sinnvoll angewendet werden kann*4.24 .
-168-
4.5. Schluß
Marx‘ Kampf gilt vornehmlich der Vulgärökonomie, in der die sich verselbständigende Wissenschaft, die aus sich
heraus sich entwickelnde Theorie in Gegensatz tritt zu ihrer eigentlichen Aufgabe. Sie ist nur möglich, wie Marx
erwähnt, auf dem bereits verfestigten Netz der begrifflichen Kategorien, ihr Dasein ist insofern ein unwirkliches, als
sie selbst zur Wirklichkeit ihres Daseins geworden ist, oder wie Marx sagt, es "tritt ihr ihr Gegensatz als solcher
gegenüber" (TM, III, S. 573. MEW, Bd. 26.3, S. 492). Ihr Wissen ist der theoretische Schein einer Theorie, die
entäußerte Theorie ihres Wissens. Die Theorie tritt in ihr uneigentliches Dasein, aus dem die Emanzipation der
Geschichte als ebensolche Uneigentlichkeit eine weitere Konsequenz ist. Die Geister sind geschieden, der "Streit der
Fakultäten" nimmt seinen Anfang. Die Theorie sondert sich ab, die Wirtschaftsgeschichte tritt in der zweiten Hälfte
des 19. Jahrhunderts als selbständige Wissenschaft auf*4.25 .
Marx verdankt weder dem "Historismus" seiner Zeit sein eminent geschichtliches Bewußtsein noch den Klassikern
das methodologisch-theoretische Rüstzeug für seine analytische Arbeit und seine genetisch-dialektische Entwicklung
und Darstellung. Beide Urteile, denen man oft begegnet, sind nicht haltbar. Gerade darum fällt es dem
Dogmenhistoriker schwer, ihn "sachgerecht" zu klassifizieren. Der an Einzelproblemen Orientierte wird ihn in der
direkten Linie der Klassiker sehen, der an dem Zusammen-
-169-
hang der Gesamtgrößen Interessierte als Kreislauftheoretiker, ein anderer als Historizisten, ein Vierter als Positivisten
usw. Aus keiner dieser partikularen Sichten ist Marx‘ Leistung verständlich. Er steht an einer Wende: die progressiven
Traditionen zusammenfassend, führt er sie in eine neue Qualität über.
Unsere Entwicklung von den philosophischen Ansätzen über die Aneignung des konkreten Materials und der
Methode bis zur Darstellung des Resultates dieser Arbeit zeigt die Spezifität des Marxschen Denkens. In bezug auf
unseren Gegenstand:
Wirtschaftsgeschichte ist Wirtschaftstheorie, Wirtschaftstheorie ist Wirtschaftsgeschichte, beides aber nicht
unmittelbar, sondern in vermittelter Identität innerhalb der Einheit. Beide Seiten bestimmen sich im Prozeß der
geistigen Aneignung der Wirklichkeit als die besonderen Formen des Subjekt-Objekt-Verhältnisses. Aber in diesem
Falle genügt es nicht, bei einer deklamatorisch oder äußerlich postulierten Einheit stehenzubleiben, es genügt nicht
zu erklären, Wirtschaftsgeschichte sei ohne Wirtschaftstheorie und Wirtschaftstheorie sei ohne
Wirtschaftsgeschichte nicht möglich, das Individuelle wolle zum Allgemeinen, das Allgemeine zum Individuellen, und
nur so erfüllten beide Seiten ihre Aufgabe, sondern es ist der Weg, auf dem dies von der bloßen Möglichkeit zur
Gewißheit wird, der Weg auf dem von der subjektiven Meinung zur objektiven Geltung fortgeschritten werden kann,
aufzuzeigen. Bevor Wirtschaftstheorie und Wirtschaftsgeschichte endgültig auseinanderfielen, bevor jede Disziplin
auf ihre eigene Sonderheit pochend, ihr Arbeitsfeld vor "Unberufenen" abschloß und bevor im Methodenstreit sie
sich in die Schranken forderten, war das Verhältnis der beiden Disziplinen von Marx eindeutig bestimmt worden.
ANMERKUNGEN: Die Originalfußnoten sind Seitenweise gesetzt und ihre Nummerierung Kapitelweise
neuangefangen. Fürs Netz sind sie demgemäss kapitelweise indiziert durchnummeriert als Endnoten gesetzt.
*1
*2
*3
Salin, E., Geschichte der Volkswirtschaftslehre, 3. erweiterte Aufl., S. 169. Bern 1944.
*4
*1.1
In den vorliegenden Ausführungen werden die Positionen schon kritisch geschieden, das heißt aller Beigaben
entkleidet, die den prinzipiellen Kern verdecken. Wir stellen sozusagen den Typus dar, nicht den individuellen Fall des
Methodenstreites. Unzulänglichkeiten philosophischer oder fachwissenschachtlicher Art auf der einen oder andern
Seite interessieren uns in diesem Zusammenhang also nicht. Wir sind der Meinung, daß der Methoden-Streit tiefere
als nur subjektive Gründe hat. Unsere Darstellung hat folglich nur einen propädeutischen Zweck.
- Als Quellenliteratur zum Methodenstreit vgl.:
Schmollers Besprechung von Mengers Grundsätzen der Volkswirtschaftslehre, Wien 1875, in: Literarisches
Zentralblatt, 1873, Sp. 142 f.; Zur Literaturgeschichte der Staats- und Sozialwissenschaften, Leipzig 1888; Art.
Volkswirtschaft, Volkswirtschaftslehre und -methode, in: Handw. d. Staatsw., 3. Aufl., 8. Bd., S. 426 - 501, 1911.
Von Menger: Untersuchungen über die Methode der Sozialwissenschaften und der Politischen Ökonomie
insbesondere, Leipzig 1883. Neue Ausg. in: Gesammelte Werke, Tübingen 1969; Die Irrtümer des Historismus in der
deutschen Nationalökonomie, Wien 1884. Neudruck: Aalen, 1966.
- Siehe ferner: Salin, E., Geschichte der Volkswirtschaftslehre, 3. erweiterte Aufl., S. 167 ff. Bern 1944.
*1.2
Vgl. Schmoller, Grundriß der allgemeinen Volkswirtschaftslehre, Vorrede, S. VI. München-Leipzig 1919.
*1.3
Ob die Prämisse apriorisch gewonnen wurde (phänomenologische Wesenseinsicht) oder aber positivistisch vom
konkreten historischen Gegenstand abstrahiert, ist in diesem Zusammenhang unwichtig. Das Apriori ist hier relativ
der Prämisse gegenüber und damit nur das deduktive Vorgehen gemeint.
*1.4
Einzelne Forscher sind bereit, die letzte Konsequenz zu ziehen, indem sie zugeben, daß in diesem Sinne von
Wissenschaft nicht mehr die Rede sein könne. So schreibt zum Beispiel Eduard Meyer, einer der führenden Historiker
vor dem ersten Weltkrieg, in seiner Schrift Zur Theorie und Methodik der Geschichte (Halle 1902): "Die Geschichte ist
keine systematische Wissenschaft" (S. 1), und: "... daß die Geschichte keine ´Wissenschaft´ ist - das würde dem
Historiker als solchem vollkommen gleichgültig sein, ihm genügt es, daß die Geschichte existiert." (S. 4). Im Titel eines
seiner Werke hat es Theodor Lessing noch drastischer ausgedrückt: Geschichte als Sinngebung des Sinnlosen oder die
Geburt der Geschichte aus dem Mythos (4. Aufl., 1927). Damit wären wir wieder bei Fontenelle, dem die Worte
zugeschrieben werden: "L‘histoire n‘est qu‘une fable convenue."
*1.5
Schumpeter, Joseph A., Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie. I. Teil: Die Marxsche Lehre, S. 15 ff. Bern 1946.
*1.6
*1.7
Lukas, E., Spekulation und Wirklichkeit im ökonomischen Marxismus. Eine Untersuchung zum Dogma der
kapitalistischen Ausbeutung, S. 4. Essen-Ruhr 1922.
*1.8
Hammacher, E., Das philosophisch-ökonomische System des Marxismus, S. 395 ff. Leipzig 1909.
*1.9
Schumpeter, J., Epochen der Dogmen- und Methodengeschichte, in: Grundriß der Sozialökonomik, I. Abt., S. 19,
Tübingen 1914.
*1.10
Gemeint ist nicht die "Einleitung", sondern das "Nachwort" zur zweiten Auflage des Kapitals.
*1.11
Epochen der Dogmen- und Methodengeschichte, S. 81. - Dieselbe Meinung vertritt Schumpeter auch in Kapitalismus,
Sozialismus und Demokratie wieder: "Er (Marx) liebte es, von seinem Hegelianismus Zeugnis abzulegen und die
Hegelsche Ausdrucksweise zu gebrauchen. Das ist aber auch alles. Nirgends hat er die positive Wissenschaft an die
Metaphysik verraten." (S. 25). Schumpeter verweist nochmals auf das Nachwort zur zweiten Auflage des "Kapitals". -
Dieser Einwand zieht sich durch die gesamte "kritische" Literatur, seitdem Eduard Bernstein, das Haupt des
Revisionismus, in den neunziger Jahren von den "Fallstricken" der Dialektik sprach (vgl.: Die Voraussetzungen des
Sozialismus und die Aufgaben der Sozialdemokratie, S. 26. Stuttgart 1899). Diese Frage gab Anlaß zu einer scharfen
Kontroverse zwischen Eduard Bernstein und Karl Kautsky.
*1.12
Im folgenden gehen wir auf dieses Problem ein (vgl. besonders den Abschnitt ´Zur Frage der materialistischen
Dialektik´). Vorläufig mögen zwei Zitate genügen: In einem Brief an Friedrich Engels vom 11. Januar 1868 schreibt
Marx: "Die Herren in Deutschland (mit Ausnahme theologischer Reaktionäre) glauben, daß Hegels Dialektik, ‘ein toter
Hund´ ist. Feuerbach hat viel auf seinem Gewissen in dieser Hinsicht" (MEGA, III, 4, S. 11, MEW, Bd. 32, S. 18). Man
beachte, daß dies ein Jahr nach Erscheinen von Buch I des Kapitals geschrieben worden ist. Marx hat Hegel zeitlebens
einen bedeutenden Platz eingeräumt und sich immer wieder, wenn auch nicht explizite, das heißt für die
Öffentlichkeit, mit ihm auseinandergesetzt. Es ist nicht von ungefähr, daß er sich mit der Absicht trug, nach
Beendigung seiner ökonomischen Studien, einen Kommentar zu Hegels Wissenschaft der Logik zu verfassen. So
schreibt er: "übrigens finde ich hübsche Entwicklungen. Zum Beispiel die ganze Lehre vom Profit, wie sie bisher war,
habe ich über den Haufen geworfen. In der Methode des Bearbeiten, hat es mir großen Dienst geleistet, daß ich by
mere accident ... Hegels Logik wieder durchgeblättert hatte. Wenn je wieder Zeit für solche Arbeiten kommt, hätte ich
große Lust, in zwei oder drei Druckbogen das Rationelle an der Methode, die Hegel entdeckt, aber zugleich
mystifiziert hat, dem gemeinen Menschenverstand zugänglich zu machen." (Brief an Friedrich Engels vom 14. Januar
1858, in: MEGA, III, 2, S. 274/75. MEW, Bd. 29, S. 26o).
*1.13
*1.14
*1.15
Epochen der Dogmen- und Methodengeschichte, S. 81. - Vgl. auch Schumpeter, J., Das Wesen und der Hauptinhalt
der theoretischen Nationalökonomie, S. XII. Leipzig 1908.
*1.16
Epochen der Dogmen- und Methodengeschichte, S. 81. - Wie geteilt hier die Meinungen sind, erhellt daraus, daß
zum Beispiel Max Scheler in Marx - neben Troeltsch, Dilthey und Spengler - einen Vertreter des Historismus sieht,
der, was im Gegensatz zur Meinung Schumpeters bemerkenswert ist, eine "negative Stellungnahme zur
Metaphysik" einnehme (vgl. Scheler, Philosophische Weltanschauung, S. 2. Bonn 1919. 3. Aufl. Bern und München
1968, S. 6). - Wie sich Marx von den Klassikern abgrenzt, wird noch behandelt werden (siehe 4. Kapitel).
*1.17
Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie, S. 78/79. Wie die Vernunft in der Geschichte waltet, wird den Standort
Marxens bestimmen, denn historische Erzählung als histoire raisonnee finden wir schon bei Vico, Montesquieu,
Turgot, Condorcet, Herder, Hegel, Comte.
*1.18
In Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie (S. 26) tritt dieser Terminus wieder auf. Für eine Analyse sollte die
geprägte Terminologie beibehalten werden. Marx spricht vom "historischen Materialismus", das heißt von einer
materialistischen Geschichtsauffassung. Der Terminus materialistisch ist wesentlich weiter als ökonomisch (womit
übrigens schon nach einer Seite hin interpretiert wird). Sechs Zeilen weiter unten verbessert Schumpeter in den
Ausführungen die verbale Fassung, und es ist ohne weiteres einsichtig, daß damit die üblichen Mißverständnisse
beseitigt werden. Aber warum sie dann erst einführen?
*1.19
*1.20
Schumpeter deutet den Begriff "Materialismus" und seine Verwendung durch Marx äußerst elastisch. In
Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie (S. 28) schreibt er: "Marxens Philosophie ist nicht materialistischer als die
Hegels, und seine Geschichtstheorie ist nicht materialistischer als irgendein anderer Versuch, den historischen Prozeß
durch die der empirischen Wissenschaft zur Verfügung stehenden Mittel zu erklären. Es sollte klar sein, daß dies mit
jedem metaphysischen oder religiösen Glauben logisch vereinbar ist: Die mittelalterliche Theologie selbst liefert
Methoden, mit welchen diese Vereinbarkeit hergestellt werden kann." In dem posthum erschienenen umfangreichen
Werk "History of Economic Analysis." (Oxford University Press, New York 1954, S. 438) schreibt Schumpeter: "... .
Marx‘s theory of history is a working hypothesis by nature. It is compatible with any philosophy or creed and should
therefore not be linked up with any particular one - neither Hegelianism nor materialism is necessary or sufficient for
it." (Deutsch: Geschichte der ökonomischen Analyse. Göttingen 1965, S. 545). Die Auslegung geschieht hier so, daß
behauptet wird, die positiv-detail-wissenschaftliche Arbeit könne unbeschadet mit einem metaphysischen System
Hand in Hand gehen, mit ihm vereinbar sein. Also Entgegensetzung und doch logisch mögliche Vereinbarkeit. Marx
geht es darum, diesen Parallelismus zu erklären (vgl. zum Beispiel seine Einleitung zur Hegelschen Rechtsphilosophie,
MEGA, I, 1 1, S. 607 ff., wo unter anderen der Satz steht: "Es ist ... die Aufgabe der Geschichte, nachdem das Jenseits
der Wahrheit verschwunden ist, die Wahrheit des Diesseits zu etablieren." - S. 608. MEW, Bd. 1, S. 379.)
Es ist vorerst jedenfalls ein noch ganz unentschiedener Einwand, wenn betont wird, das oben geschilderte Verhalten
könne tagtäglich beobachtet werden. Die Argumentation bringt hier etwas zusammen, was nicht auf der gleichen
Ebene liegt.
Ein für unsere Zwecke noch instruktiveres Beispiel finden wir bei Gunnar Myrdal (Das politische Element in der
nationalökonomischen Doktrinbildung, Berlin 1932, S. 301. Neuausg.: Hannover 1963.): "Jeder Nationalökonom hat
wohl einmal die folgende Erfahrung gemacht. Man trifft einen von jenen ausgezeichneten Geschäftsleuten, dessen
alltägliche Wirksamkeit darin besteht, seine Märkte zu ´organisieren´ und zu monopolisieren, der also Anteil nimmt
am Aufbau einer effektiv organisierten neumerkantilistischen Gesellschaft. Er ist ganz davon überzeugt, daß seine
Geschäftsprinzipien gesund sind. Sie schaffen nicht nur ihm selbst größere Einkommen, sie bedeuten gleichzeitig eine
Anpassung der Konsumtion an die Produktion und umgekehrt. Er kommt sich vor, als erfülle er eine Funktion
innerhalb der Gesellschaft. Nun kommt das Gespräch auf mehr allgemeine Fragen, die nicht in unmittelbarer
Beziehung stehen zu seiner praktischen Wirksamkeit. Dann wird man oft feststellen, daß er - natürlich durchaus in
gutem Glauben - seiner allgemeinen Einstellung in jenen Redensarten Ausdruck gibt, die noch aus der Zeit der
Physiokraten und Adam Smiths stammen: freie Konkurrenz, Freiheit der Unternehmertätigkeit, überhaupt Freiheit als
ein Prinzip der Wirtschaftpolitik und als ein moralisches Recht. Solche Redensarten haben keine direkten Beziehungen
zu seinem wirklichen Verhalten. Es ist denkbar, daß derselbe Mann in der Politik groß angelegte Eingriffe und
Regulierungen propagiert."
Selbstverständlich verträgt sich dies mit jeder auch immer wie gearteten Wirtschaftstheorie, aber nur solange die
bornierte Alltagsmeinung nicht Anspruch darauf erhebt, Wissenschaft zu sein. Werden Glaube, Metaphysik,
Alltagsmeinung als Ideologie entlarvt, dann wird sie ebenso Gegenstand wissenschaftlichen Bemühens wie etwa
ökonomische Fakten für die Wirtschaftstheorie und Wirtschaftsgeschichte.
Gerade die Stellung der mittelalterlichen Theologie zu dem Verhältnis von Metaphysik und Wissenschaft ist viel
differenzierter als im allgemeinen angenommen wird. Man ist versucht Schumpeters Meinung als eine Spätauflage
des Averroismus, den die mittelalterliche Kirche scharf bekämpft hat (Gregor IX.), zu bezeichnen.
Die oben erwähnte Deutung des Begriffes "Materialismus" kann nur vorgenommen werden, wenn er anders gefaßt
wird, als ihn Marx verstanden hat. Wenn Schumpeter zum Beispiel schreibt: "Sämtliche Tatsachen und Argumente
von Max Weber passen vollkommen in Marxens System" (S. 27), so geht er zu weit. Mit gleichem Recht können wir
behaupten, daß sämtliche Tatsachen und Argumente, die sich in der Gegenschrift von H. M. Robertson, Aspect of the
Rise of Economic Individualism. A Critic of Max Weber and his School (Cambridge 1933), finden, in das Marxsche
System passen. Robertson bemerkt unseres Erachtens mit Recht: "Weber attempted to establish a reverse chain of
causation from that advanced by Marx in the economic interpretation of history. He sought a psychological
determination of economic events. In particular he saw the rise of ‘capitalism´ as ehe result of the risc of a ‘capitalist
spirit´ ... A realist like Marx, who originated the discussion on capitalism, would no doubt have been greatly
astonished if he had been asked to consider only those whose money-making activities were promoted by religious or
quasi-religious ends to be possessed of the true capitalistic spirit." (Vorwort, S. XII; Stellen, auf die sich diese Kritik
bezieht, bei Max Weber in: Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie, I, S. 37, 138 und 240. Tübingen 1920).
Das Beispiel Weber-Robertson beweist nur, wie unbestimmt "Fakten" an sich sind, und wie ungemein aufschlußreich
dies methodologisch ist: In Reduktion auf "Tatsachen" sind alle Systeme weitgehend uniform, aussagegleich, das
heißt indessen unbestimmt. Wir haben auf dieser Stufe wissenschaftlich noch nichts gewonnen, und es hilft wenig,
auf die faits bruts zu rekurrieren. Eine Wissenschaft der bloßen Fakten ist ein Unding. Darüber an anderer Stelle.
Auf einen Widerspruch bei Schumpeter sei noch aufmerksam gemacht: Nachdem er (S. 26/27) eine Definition der
materialistischen Geschichtsauffassung gegeben hat und erwähnt, daß der Überbau für Marx nicht ohne Bedeutung
ist, "nicht bloßer Rauch", schreibt er, daß "der Zauber fundamentaler Wahrheit" (S. 31), den das Marxsche System
umgebe, "gerade auf der Strenge und Einfachheit der einseitigen Beziehung (beruht), die es umgibt." Wir sehen, in
welcher Weise sich das Problem kompliziert: Entweder besteht ein bestimmt geartetes Verhältnis von Wirklichkeit
und Theorie (zum Beispiel ein immanent sich wechselseitig bedingendes) oder ein logisch-konstruktiv
überbrückbarer Parallelismus oder eine einseitige Beziehung (der Geist als Epiphänomen der Materie). Sämtliche drei
Möglichkeiten sind in der Schumpeterschen Auslegung enthalten.
*1.21
*1.22
In ähnlicher Form erhebt schon 1905 Tugan-Baranowsky diesen Einwand (vgl. Theoretische Grundlagen des
Marxismus, Leipzig 1905, S. 32). Im Vorwort lesen wir: "Im Marxschen System, soweit es kein System der Sozialpolitik
ist, ist eine abstrakte soziale und ökonomische Theorie von der Untersuchung der konkreten Geschichte und der
Entwicklungstendenzen des Kapitalismus zu unterscheiden. Jeder Teil des Systems hat einen prinzipiell andern
Charakter" (S. VII).
*1.23
*1.24
Es soll beachtet werden, daß seit dem Erscheinen der "Epochen" über dreißig Jahre verflossen sind, daß seither neue
Quellen der Marx-Forschung erschlossen wurden, und daß die daran anknüpfende Marx-Literatur Wesentliches zum
Verständnis des Marxschen Werkes beigetragen hat.
*1.25
*1.26
In bezug auf die Marxsche Analyse des Konzentrationsprozesses des Kapitals schreibt Schumpeter: "... daß in diesem
Falle die Vision der Analyse zu Hilfe kam und so einige Mängel der Analyse geheilt und den Sinn der Synthese wahrer
gemacht hat, als die tragenden Elemente der Analyse selbst es waren." (Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie, S.
85). In einer Anmerkung auf S. 127, wo er dasselbe in bezug auf die Klassiker feststellt, bemerkt er: "Der Leser wird
sich daran erinnern, welchen Nachdruck ich auf den Unterschied von Theorie und Vision im Falle Marx gelegt habe."
*1.27
*1.28
Vgl. Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie, 1. Kapitel: Marx der Prophet, S. 19 ff.
*1.29
Grundsätzlich bliebe Marx in diesem Falle auf der Linie der von ihm kritisierten utopischen Sozialisten wie St-Simon,
Fourier, Owen. Seine Arbeit wäre wohl mit mehr Fleiß und gründlicher ausgeführt, aber schließlich stände er doch in
den Reihen seiner sozialistischen Vorläufer.
*1.30
Wenn Schumpeter in Das Wesen und der Hauptinhalt der theoretischen Nationalökonomie (S. XIV. Leipzig 1908)
schreibt: "Der einzige allgemeine Satz, der wirklich a priori haltbar ist, ist meines Erachtens der, immer vernünftig
vorzugehen", so ist damit nur ausgemacht, was Marx von Hegel her schon bekannt war: "Der einzige Gedanke, den
die Philosophie mitbringt, ist aber der einfache Gedanke der Vernunft, daß die Vernunft die Welt beherrsche, daß es
also auch in der Weltgeschichte vernünftig zugegangen sei" (Hegel, Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte,
H. 11, S. 34). Folgenschwerer waren jedoch die Worte: "Es hat sich also erst aus der Betrachtung der Weltgeschichte
selbst zu ergeben, daß es vernünftig in ihr zugegangen sei .." (l. c., S. 36).
*1.31
Was hinter diesem "scheinbar" liegt, versuchte Gunnar Myrdal in seiner Arbeit über Das Politische Element in der
nationalökonomischen Doktrinbildung (Berlin 1931) an der klassischen wie an der marginalistischen Schule zu
exemplifizieren. Was bei seiner Analyse sympathisch auffällt, ist die unerhörte Konsequenz mit der er Kreisschlüssen
aus den der Analyse implizit zugrunde gelegten Prämissen nachgeht. Im neoklassischen Marginalismus erstehe das
alte klassische Übel in einer verschämteren Form wieder, nur daß sich dafür weniger hinreichende
Rechtfertigungsgründe fänden. Selbst wenn man nicht wie Myrdal an eine unpolitische, bzw. apolitische
Wirtschaftstheorie glaubt - auf diesem Standpunkt steht Marx -‚ so weist er doch eindeutig nach, daß auch die
reinste Theorie sich bis anhin bewußt oder unbewußt auf gesellschaftsphilosophische Grundlagen gestützt hat (vgl.
besonders Kapitel 1: Politik und Nationalökonomie). Damit stoßen wir wieder auf die Frage nach der
problemlösenden Methode.
*1.32
*1.33
*1.34
*1.35
"Durch all das, was mangelhaft oder sogar unwissenschaftlich an seiner (Marx‘) Analyse ist, zieht sich ein
Grundgedanke, der weder das eine noch das andere ist - der Gedanke einer Theorie, nicht bloß einer unbegrenzten
Zahl von unzusammenhängenden Einzelmodellen oder der Logik von ökonomischen Quantitäten im allgemeinen,
sondern der tatsächlichen Folge dieser Modelle oder des wirtschaftlichen Prozesses, so wie er abläuft unter seinem
eigenen Dampf, in historischer Zeit, in jedem Augenblick jenen Zustand erzeugend, der aus sich heraus den nächsten
bestimmen wird. So war der Autor so vieler falscher Auffassungen auch der erste, der im Geiste vor Augen sah, was
auch in der Gegenwart noch immer die Wirtschaftstheorie der Zukunft ist, für die wir langsam und mühselig Stein und
Mörtel, statistische Fakten und Funktionsgleichungen zusammentragen." (Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie,
S. 78). Wirtschaftstheorie der Zukunft ist aber auch wieder Gegenwart; das Ziel verschwindet in unerreichbare Ferne.
- Für Vergangenes revidiert die Theorie ihr Resultat nicht dadurch, daß bereits Gewonnenes als null und nichtig
erklärt wird, sondern dadurch, daß es durch die Negation in der neuen Erkenntnis aufgehoben ist. Als Stufe zu uns
hat sie räumlich objektive, zeitlich relative Gültigkeit. Jede Zeit bewältigt in der Theorie ihre Aufgaben. Auf den
besonderen Charakter dieser Bewegung kommen wir noch zurück.
*1.36
Schmoller, G., Grundriß der allgemeinen Volkswirtschaftslehre, Vorrede, S. VI. München-Leipzig 1919. - In einer
Besprechung des Hasebrockschen Buches Staat und Handel im alten Griechenland zitiert Salin die Worte Böckhs,
daß "wer Einzelnes einigermaßen erschöpfen will, das Ganze kennen muß", und bemerkt in einer Fußnote
zutreffend: "Groteskerweise ist heute die Böckhsche Einsicht nicht nur aufgegeben, sondern vor der Erkenntnis, daß
die Wissenschaft unfähig ist, ein Ganzes zu sehen und zu schaffen, sucht man sich mit der Ausflucht zu retten, es seien
noch nicht genügend Monographien (lies: Dissertationen) geschrieben." (Vgl. Salin, E., Staat und Handel in Hellas in
archaischer und klassischer Zeit, in: Zeitschr. f. d. ges. Staatswiss., Bd. 89, H. a, S. 354 f. Tübingen 1930.)
*1.37
Schmoller, G., Grundriß der allgemeinen Volkswirtschaftslehre, Vorrede, S. VI. München-Leipzig 1919.
*1.38
Beispiele dieser Art sind etwa die Behandlung des Problems der Akkumulation im Verhältnis zum tendenziellen Fall
der Profitrate durch Natalie Moszkowska und der Transformation des Wertschemas in das Preisschema durch
Ladislaus von Bortkiewicz, auf das neuerdings Paul M. Sweezy wieder aufmerksam gemacht hat. Inwieweit es sich um
wirkliche Erweiterungen oder Korrekturen handelt, bleibe dahingestellt. (Vgl.: Natalie Moszkowska, Das Marxsche
System, Ein Beitrag zu dessen Ausbau, Berlin 1929, ferner:
Zur Dynamik des Spätkapitalismus, Zürich/New York 1943; Bortkiewicz, L. v., Wertrechnung und Preisrechnung im
Marxschen System, in: Arch. f. Sozialwiss. u. Sozialpol., Bd. 23, H. 1, und Bd. 25, H. 1 und 2;
Sweezy, Paul M., The Theory of Capitalist Development, Principles of Marxian Political Economy. London 1946.
Besonders Kapitel VII: The Transformation of Value into Prices, S. 109 - 128. Deutsch: Theorie der kapitalistischen
Entwicklung. Eine analytische Studie über die Prinzipien der Marxschen Sozialökonomie. Köln 1959. S. 83 - 103.)
*1.39
Lukács, Georg, Geschichte und Klassenbewußtsein, Studien über marxistische Dialektik, S. 53. Berlin 1923. Und:
Werke Bd. 2, Neuwied 1968, S. 171.
*1.40
*1.41
Marx hat diesen Gedanken noch ausdrücklicher und konkreter gefaßt als Hegel: "... auch wenn
ich wissenschaftlich etc. tätig bin, eine Tätigkeit, die ich selten in unmittelbarer Gemeinschaft mit andern ausführen
kann, so bin ich gesellschaftlich, weil als Mensch tätig. Nicht nur das Material meiner Tatigkeit ist mir - wie selbst die
Sprache, in der der Denker tätig ist - als gesellschaftliches Produkt gegeben, mein eignes Dasein ist gesellschaftliche
Tätigkeit, darum das, was ich aus mir mache, ich aus mir für die Gesellschaft mache und mit dem Bewußtsein meiner
als eines gesellschaftlichen Wesens" (MEGA I, 3, S. 116. MEW, Ergänzungsband, 1. Teil, S. 538).
*2.1
*2.3
Tübingen 1928.
*2.4
Kausalitäten und Werte in der Geschichte, in: Hist. Zeitschr. 137, 1928.
*2.5
Der Historismus und seine Probleme. Tübingen 1922. Neudruck, Aalen 1961. Der Historismus und seine
Überwindung. Berlin 1924. Neudruck, Aalen 1966.
*2.6
*2.7
*2.8
*2.9
Religionsphilosophie protestantischer Theologie, in: Handb. d. Philosophie. Hg. von A. Baumler und M. Schröter, Abt.
II. München und Berlin 1927.
*2.10
*2.11
*2.12
Wir vermeiden den Terminus "intuitiv", der im Gegensatz zu "diskursiv" eine zu vage Bedeutung hat und in der
Anwendung einen zu schillernden Gebrauch findet.
*2.13
In einer Besprechung der 1859 erschienenen Kritik der politischen Ökonomie von Marx schreibt Friedrich
Engels: "Die Herausarbeitung der Methode, die Marx‘ Kritik der politischen Ökonomie zugrunde liegt, halten wir für
ein Resultat, das an Bedeutung kaum der materialistischen Grundanschauung nachsteht." (Marx, Zur Kritik der
politischen Ökonomie, S. 199. Zürich 1934. MEW, Bd. 13, S. 474).
*2.14
*2.15
In der bemerkenswerten Studie über Kapitalbegriff und Kapitallehre von der Antike zu den Physiokraten (in:
Vierteljahrschr. f. Sozial- u. Wirtschaftsgesch., Bd. 23, H. 4‚ S. 427. Stuttgart 1930) schreibt Salin: "Indessen es ist
nichts als moderner Aberglaube, wenn angenommen wird, die Behandlung einer wissenschaftlichen Frage erfolge
rein aus gedanklichem Ansporn heraus und der Fortgang der Wissenschaft vollziehe sich aus inner-wissenschaftlicher
Notwendigkeit. Gerade die Geschichte der Kapitallehre ist geeignet, das Gegenteil zu erweisen."
*2.16
Eine, wie W. I. Lenin in seinem Philosophischen Nachlaß (S. 32. Berlin 1932. Und in Werke Bd. 38, S. 96) mit Recht
betont, überaus materialistisch gefärbte Feststellung ist es, wenn Hegel bemerkt, daß was das Erste in der
Wissenschaft sei, sich habe geschichtlich als das Erste zeigen müssen. Vgl. auch in der Wissenschaft der Logik
folgende Stelle: "Wenn alle Bedingungen einer Sache vorhanden sind, so tritt sie in die Existenz." (H. 4, S. 594)
*2.17
In diesem Zusammenhang sei besonders auf die aufschlußreichen Ausführungen von Salin über die Kapitallehre der
Griechen (1. c., S. 401 ff.) verwiesen, wo betont wird, daß das Kapital nur als unmittelbares, in
der sachlichen Form sichtbares Kapital verstanden wird. Diese äußere, naturale, unvermittelte (".. eine mittelbare
Fruchtbarkeit gibt es nicht.") Form des Kapitals setzt eine verhältnismäßig noch unentwickelte Wirtschaftsweise
voraus, in der das abstrakt herrschende Kapitalverhältnis die Totalität noch nicht bestimmt. Da die konkrete Kategorie
der Totalität, in diesem Falle die Polis, im Bewußtsein der Individuen die konkretere Daseinsform ist, ist selbst der
Bedeutungswandel des Kapitalbegriffes in der Blütezeit des attischen Gemeinwesens, wo Handel und Geldleihe an
Ausbreitung gewinnen, minder bedeutsam als im allgemeinen aus einer abstrakten, unhistorischen Sicht heraus
angenommen wird. Diese Tatsache findet in der konsequent antichrematistischen Gesinnung ihren Niederschlag.
Auch die begriffliche Mehrdeutigkeit, bzw. Scheidung des "Kapitals" bei den Griechen, die Salin kritisch untersucht,
weist auf den kategoriell nicht durchgebildeten Charakter hin. Gegen die "Modernisierungshistoriker" und
Modernisierungstheoretiker vgl. ferner Salins Besprechung des Hasebroekschen Buches Staat und Handel im alten
Griechenland, in: Zeitschr. f. d. ges. Staatswissenschaft, Bd. 89, H. 2, S. 353 - 361. Tübingen 1930. - Die oben erwähnte
(siehe Anmerkung 15 auf S. 40) kurzgefaßte Genesis des Kapitalbegriffes und der Kapitallehre von der Antike bis zum
Hochkapitalismus stützt in ihrem streng historischen Verfahren durch das beigebrachte Material die Marxsche These.
Wenn die Modernisierungstheoretiker den modernen Kapitalbegriff verallgemeinern und zurückinterpretieren, lösen
sie die Vorstellungen und Theorien der Individuen früherer Geschichtsepochen in blauen Dunst auf, verwandeln ihr
Bewußtsein in ein verkehrtes und falsches, ohne die näheren Gründe aufzeigen zu können, und verwickeln sich in
unlösbare Widersprüche, abgesehen davon, daß sie damit die Machtlosigkeit des Bewußtseins demonstriert haben.
In diesem Sinne war Marx bedeutend "idealistischer".
*2.18
"Die Selbstverständlichkeit, mit der heute ein jeder - er mag Kaufmann, Arzt oder Schriftsteller sein - seine Tätigkeit
als ´Arbeit´ bezeichnet, hat es nicht immer gegeben. Die Arbeit hat sich nur sehr allmählich soziale Geltung verschafft.
Sie ist nach christlicher Auffassung ursprünglich keine an ihr selber verdienstvolle Leistung, sondern der Sünden Lohn
und Strafe." (Karl Löwith, Von Hegel zu Nietzsche, S. 357. Zürich/New York 1941. 5. Aufl. Stuttgart 1964. Vgl. ferner S.
538/39.) Siehe auch auf S. 539 Anmerkung 5 über den Bedeutungswandel des Arbeitsbegriffes (aus Grimm,
Deutsches Wörterbuch). Dasselbe im Französischen: Das französische travail kommt vom lateinischen tripalium,
womit im Mittelalter ein Folterinstrument bezeichnet wurde. Tripaliare = Foltern mit dem tripalium. Die
altfranzösische Form von travailler hat den Sinn von tourmenter, faire souffrir, peiner, fatiguer. (A. Dauzat,
Dictionnaire Etymologique, S. 722, Paris 1938 und van Daele, Petit Dictionnaire de l‘Ancien Frangais. S. 501, Paris
1940.) Ferner Hans Freyer: "Erst wenn der Arbeiter, selbst abstrakter Teil eines objektiv gewordenen Arbeitsprozesses,
mit höchst gesteigerter Sachlichkeit einen abstrakten Teil an dem Werke tut, von dessen Ertrag er nach seiner
berechenbaren Arbeitsleistung wiederum einen abstrakten Teil als Lohn erhält, ist die Loslösung der Wirtschaft vom
Menschen ganz vollzogen. Man kann die Arbeitsteilung nicht schlagender bezeichnen als mit den Worten Hegels:
´Abstraktion der Geschicklichkeit und des Mittels´." (Die Bewertung der Wirtschaft im philosophischen Denken des
19. Jahrhunderts, S. 17/18. Leipzig 1921.)
*2.19
"Die Grundlage aller entwickelten und durch Warenaustausch vermittelten Teilung der Arbeit ist die Scheidung von
Stadt und Land" (K, I, S. 369. MEW Bd. 23, S. 173)
*2.20
*2.21
Vgl. Brief an Kugelmann vom 13. Oktober 1866. In: Karl Marx, Briefe an Kugelmann aus den Jahren 1862 - 1874, 2.
Aufl., Elementarbücher des Kommunismus, S. 30 f., Berlin 1927.
*2.22
Die Planänderung hat seinerzeit Henryk Grossmann zur Grundlage einer methodologischen Untersuchung
genommen. Vgl. Henryk Grossmann, Die Änderungen des ursprünglichen Aufbauplan des Marxschen "Kapitals" und
ihre Ursachen, in: Arch. f. d. Gesch. d. Sozialismus u. d. Arbeiterbewegung. Hg. v. Dr. Carl Grünberg, 14. Jg., S. 305 -
338. Leipzig 1929. Wir kommen in der textkritischen Untersuchung III darauf zurück.
*2.23
Differenz der demokritischen und epikureischen Naturphilosophie. (MEGA, I, 1(1), S. 1 - 144, Diss. und Vorarbeiten.
MEW, Ergänzungsband, 1. Teil, S. 257 ff.)
*2.24
Die heilige Familie oder Kritik der kritischen Kritik. Gegen Bruno Bauer und Konsorten. (MEGA, I, 3, S. 173 - 388. In:
MEW, Bd. 2.)
*2.25
Eduard Bemnstein veröffentlichte 1903/04 in den Dokumenten des Sozialismus erstmals Teile (aus der Polemik gegen
Max Stimner) des Manuskriptes, Gustav Mayer, der Engels-Biograph, einen weiteren (Das Leipziger Konzil) 1921 im
Arch. f. Sozialwiss. u. Sozialpolitik (Bd. 47, Tübingen 1921), während Rjasanow im Marx-Engels-Archiv, Bd. I, eine
Rekonstruktion des Manuskriptes versucht hat. Vgl. auch: Gustav Mayer, Die "Entdeckung" des Manuskriptes
der "Deutschen Ideologie", in: Arch. f. d. Gesch. d. Sozialismus u. d. Arbeiterbew., hg. v. Dr. Carl Grünberg. Bd. XII.
Leipzig 1926. - Die wissenschaftlich zuverlässige Ausgabe besorgte das Marx-Engels-Lenin-Institut in Moskau, welches
das Werk innerhalb der Marx-Engels-Gesamtausgabe edierte (MEGA, I, S. 5. Berlin 1932. In: MEW, Bd. 3. - Die
Ökonomisch-philosophischen Manuskripte erschienen zuerst russisch 1927 in Moskau, deutsch innerhalb der Marx-
Engels-Gesamtausgabe 1932 in Berlin [MEGA, I, Bd. 3. In: MEW, Ergänzungsband 1. Teil]).
*2.26
Neue Quellen zur Grundlegung des historischen Materialismus. Interpretation der neuveröffentlichten Manuskripte
von Marx. In: Die Gesellschaft. Internat. Revue f. Sozialismus u. Politik, 9. Jg.. Bd. II, S. 136. Berlin 1932.
*2.27
*2.28
*2.29
Von den damals erstellten Exzerpten von Marx sind für die Zeit von Anfang 1844 bis Anfang 1845 unter anderen
folgende bekannt: Boisguillebert, Destutt de Tracy, Lauderdale (französisch), John Law, List, Mac Culloch (französisch),
James Mill (französisch), Ricardo (das Hauptwerk, französisch), J. B. Say, A. Smith (das Hauptwerk, französisch),
Sismondi. Vgl. MEGA, I, 3, S. 453 - 416. Ein Teil der Exzerpte ist in diesem Band abgedruckt: vgl. S. 417 ff. Aus den
Exzerptheften, in: Texte zu Methode und Praxis II, Pariser Manuskripte 1844, Reinbek bei Hamburg, 1966. In diese
Zeit fällt auch Marx‘ intensives Studium der Französischen Revolution. - Im Februar 1845 übersiedelt er nach Brüssel.
*2.30
*2.31
Karl Marx. Chronik seines Lebens. Zusammengestellt vom Marx-Engels-Lenin-Institut in Moskau, S. 26. Moskau 1934.
*2.32
In: Enthüllungen über den Kommunisten-Prozeß zu Köln von Karl Marx, Einleitung, S. 7/8. Hottingen-Zürich 1885.
MEW, Bd. 8, S. 582.
*2.34
Die Parallele zu dem von Hegel in seinen Grundlinien der Philosophie des Rechts Ausgeführten liegt auf der
Hand: "Die Vorstellung als ob der Mensch in einem sogenannten Naturzustand, worin er nur sogenannte einfache
Naturbedürfnisse hätte, und für ihre Befriedigung nur Mittel gebrauchte, wie eine zufällige Natur sie ihm unmittelbar
gewährte, in Rücksicht auf die Bedürfnisse in Freiheit lebte, ist, noch ohne Rücksicht des Moments der Befreiung, die
in der Arbeit liegt . . . eine unwahre Meinung, weil das Naturbedürfnis als solches und dessen unmittelbare
Befriedigung nur der Zustand der in die Natur versenkten Geistigkeit und damit der Roheit und Unfreiheit wäre, und
die Freiheit allein in der Reflexion des Geistigen in sich, seiner Unterscheidung von dem Natürlichen und seinem
Reflexe auf dieses, liegt." (H. 7, S. 275, Paragraph 194.)
*2.35
Vgl. ferner MEGA, I, 3, S. 83, Z. 38f., und I, 3, S. 83, Z. 29 - 32. MEW, Ergänzungsband, 1. Teil, S. 512
*2.36
*2.37
*2.38
*2.39
*2.40
Eine nur-philosophische Interpretation, die am Gegenstand vollkommen vorbeigeht, gibt Hans Barth in seinem Buch
Wahrheit und Ideologie (Zürich 1945 - Vgl.: Ideologie und ideologisches Bewußtsein in der Philosophie von Karl Marx,
S. 73 - 190). Die Begriffspaare Entäußerung-Vergegenständlichung, Entfremdung-Verdinglichung, die Marx historisch
faßt, werden als abstrakte Kategorien dargestellt und verlieren damit den von Marx analysierten Gehalt (vgl. zum
Beispiel S. 118, S. 134. - Auch die Unterscheidung von physiologisch-naturwüchsiger Teilung der Arbeit und
gesellschaftlicher Teilung der Arbeit wird verwischt; vgl. Marx, K, 3, S. 368 f. MEW, Bd. 23, S. 36 ff.). So kann auch
nicht wundernehmen, daß die Kontinuität des Marxschen Denkens verkannt und behauptet wird, ´die philosophisch-
anthropologische Grundlegung´ schließe mit dem Kommunistischen Manifest ab (1. c., Anm. S. 320). Abgesehen von
der Gesamtdarstellung des kapitalistischen Produktionsprozesses im Kapital finden sich doch darin unter dem
Titel "Der Fetischcharakter der Ware und sein Geheimnis" (K, 1, S. 76 ff. MEW, Bd. 23, S. 85 ff.) Ausführungen, die
unmittelbar an die "philosophisch-anthropologische" Grundlegung anschließen. Die Arbeit Barths wirkt auch darum
nicht überzeugend, da er immerfort Marx Wertungen unterschiebt, wo dieser nur feststellt (vgl. etwa S. 122 über die
Teilung der Arbeit oder S. 179 über Staat und hierarchische Ordnung).
*2.41
*2.42
Vorwort zur ersten Auflage des Kapitals (K, I, S. 5. MEW, Bd. 23, S. 11). - Vgl. ferner den Brief an Kugelmann vom 28.
Dezember 1862. In: Karl Marx, Briefe an Kugelmann aus den Jahren 1862 - 1874. 2. Aufl., S. 15. Berlin 1927. MEW, Bd.
30, S. 639.
*2.43
Sombart, Werner, Die drei Nationalökonomien, S. 44. München und Leipzig 1930. 2. Aufl. Berlin, 1967
*2.44
Lukács, Georg, Marx und das Problem des ideologischen Verfalls, in: Internationale Literatur, Deutsche Blätter, 8. Jg.,
H. 7, S. 106. Moskau 1938.
*2.45
*2.46
Vgl. auch den Brief von Marx an Kugelmann vom 6. März 1868 (1. c., S. 46. MEW, Bd. 32, S. 533), wo Marx
schreibt: "Er (Eugen Dühring. - 0. M.) weiß sehr wohl, daß meine Entwicklungsmethode nicht die Hegelsche ist, da ich
Materialist, Hegel Idealist. Hegels Dialektik ist die Grundform aller Dialektik, aber nur nach Abstreifung ihrer
mystischen Form, und dies gerade unterscheidet meine Methode." - Vgl. "Zur Frage der materialistischen Dialektik".
*2.47
Die moralisierende Kritik und die kritisierende Moral. Beitrag zur deutschen Kulturgeschichte. Gegen Carl Heinzen
von Karl Marx. MEGA, I, 6, S. 303/04. MEW, Bd. 4, S. 331. Zum äußeren Anlaß dieser Kritik vgl. Gustav Mayer,
Friedrich Engels, Eine Biographie, Bd. I, S. 259 - 262, Haag 1934. Ferner den Brief von Friedrich Engels an Karl Marx
vom 25. Oktober 1847, MEGA, III, 1, S. 84. MEW, Bd. 27, S. 93.
*2.48
Geschichte und Klassenbewußtsein, Studien über marxistische Dialektik. Berlin 1923. Und in: Werke Bd. 2, Neuwied
1969.
*2.49
Reason and Revolution, Hegel and the Rise of Social Theory. New York 1941. Deutsch: Vernunft und Revolution,
Neuwied 1962.
*2.50
Marx‘ philosophische Entwicklung, sein Verhältnis zu Hegel. Zürich/ New York 1940.
*2.51
H. 4, S. 17.
*2.52
H. 4, S. 20.
*2.53
H. 4, S. 17.
*2.54
*2.55
Der Feuerbachsche Anthropologismus war die Rückführung der eingebildeten, phantastischen Natur der
menschlichen Vorstellungen auf ihren wirklichen Ursprung, die Auflösung der "verhimmelten" ideellen Kategorien in
ihre naturalistische Form. So bezeichnet Marx die Schriften Feuerbach, als "die einzigen Schriften seit Hegels
«Phänomenologie« und «Logik«, worin eine wirklich theoretische Revolution enthalten ist" (MEGA, 1, 3, S. 34. MEW,
Ergänzungsband, 1. Teil, S. 468). Allerdings hat Feuerbach den Charakter der gegenständlichen Tätigkeit des
Menschen abstrakt, nicht in der historischen Konkretion verstanden, und darin besteht die Einseitigkeit seines
Anthropologismus, den Marx in seinen Thesen kritisiert und wovon er seine historisch-materialistische Konzeption
abgrenzt. Die Kritik an Feuerbach ist allerdings - nicht explizite, aber am Gegenstand der Betrachtung - in derselben
Schrift enthalten, in der Marx von der durch Feuerbach ausgelösten theoretischen Revolution spricht, in den
Ökonomisch-philosophischen Manuskripten, wo Man betont, daß die gewordene Gesellschaft den Menschen in dem
ganzen Reichtum seines Wesens als "den reichen und tief allsinnigen Menschen als ihre stete
Wirklichkeit" produziere: "Man sieht, wie Subjektivismus und Objektivismus, Spiritualismus und Materialismus,
Tätigkeit und Leiden erst im gesellschaftlichen Zustand ihren Gegensatz und damit ihr Dasein als solche Gegensätze
verlieren; man sieht wie die Lösung der theoretischen Gegensätze selbst nur auf eine praktische Art, nur durch die
praktische Energie der Menschen möglich ist und ihre Lösung daher keineswegs nur eine Aufgabe der Erkenntnis,
sondern eine wirkliche Lebensaufgabe ist, welche die Philosophie nicht lösen konnte, eben weil sie dieselbe als nur
theoretische Aufgabe faßte" (MEGA. I, 3, S. 121. MEW, Ergänzungsband, 1. Teil, S. 542). Vgl. ferner Marx, Thesen über
Feuerbach (MEGA, I, 5, S. 533 - 535. MEW, Bd.3 S. 5 - 7).
*2.56
"Der Hauptmangel alles bisherigen Materialismus (den Feuerbachschen mit eingerechnet) ist, daß der Gegenstand,
die Wirklichkeit, Sinnlichkeit nur unter der Form des Objektes oder der Anschauung gefaßt wird; nicht aber als sinnlich
menschliche Tatigkeit, Praxis; nicht subjektiv" (MEGA, I, 5, S. 533. MEW, Bd. 3‚ S. 5).
*2.57
*2.58
H. 2, S. 24.
*2.59
"... daß die weltliche Grundlage sich von sich selbst abhebt und sich ein selbständiges Reich in den Wolken fixiert, ist
nur aus der Selbstzerrissenheit und Sichselbstwidersprechen dieser weltlichen Grundlage zu erklären"(MEGA, I, 5, S.
534. MEW, Bd. 3, S. 6).
*2.60
Misère de la Philosophie, Rponse la Philosophie de la Misère de M. Proudhon, 1847. MEGA, I, 6, S. 177 - 228. MEW,
Bd. 4, S.61 - 182.
*2.61
Siehe S. 65.
*2.62
*2.63
*2.64
Brief an Friedrich Engels vom 9. Dezember 1861. MEGA, III, 3, S. 49. MEW, Bd. 30, S. 206.
*2.65
Wir möchten in diesem Zusammenhang besonders auf das ausgezeichnete Buch von Georg Lukács, Der junge Hegel
(Zürich/Wien 1948) verweisen, das kurz vor Abschluß unserer Arbeit erschienen ist. In: Werke Bd. 8, Neuwied 1967.
*2.66
H. 11, S. 34.
*2.67
H. 11, S. 51.
*2.68
Brief an Friedrich Engels vom 25. März 1868. MEGA, III, 4, S. 34. MEW, Bd. 32, S. 51 ff.
*2.69
Unter diesem Gesichtspunkt betrachtet Marx zum Beispiel die Lage und die Existenzbedingungen des Arbeiters.
Wenn er im Kommunistischen Manifest schreibt: "Die Lohnarbeit beruht ausschließlich auf der Konkurrenz der
Arbeiter unter sich", so setzt er unmittelbar hinzu: "Der Fortschritt der Industrie, dessen willenloser und
widerstandsloser Träger die Bourgeoisie ist, setzt an die Stelle der Isolierung der Arbeiter durch die Konkurrenz ihre
revolutionäre Vereinigung durch die Assoziation" (MEGA, I, 6, S. 537. MEW, Bd. 4, S. 474). Im 19. Jahrhundert sind
dies zwei deutlich unterscheidbare Stadien, die eine quantitative und qualitative Wendung kennzeichnet, jedoch kein
prinzipieller Wandel des Grundwiderspruches von Lohnarbeit und Kapital. Der Revisionismus ist ein Opfer der
Vereinseitigung, die mit einer undialektischen Methode des Einerseits-Anderseits operiert. Auf Grund der
Modifizierungen, bzw. Besonderungen des Gegenstandes, das heißt der Gegensatzpaare, glaubt er den
Grundwiderspruch aufgehoben. So ist es nicht von ungefähr, daß anstelle der Dialektik ein farbloser Evolutionismus
treten muß. In den Voraussetzungen des Sozialismus (a. a. 0., S. 36) schreibt Bernstein: "Was Marx und Engels
Großes geleistet haben, haben sie nicht vermöge der Hegelschen Dialektik, sondern trotz ihrer geleistet." Dies ist eine
vollkommene Verkennung der methodologischen Grundlagen, auf denen unter anderen gerade Das Kapital ruht.
*2.70
*2.71
*2.72
*2.73
Siehe S. 104
*2.74
Daß sie nicht in der heute vorliegenden Form aufgenommen worden wären, darüber läßt ein Vergleich mit dem
Kapital keine Zweifel offen. So war es auch richtig, sie nicht als Buch IV des Kapital erscheinen zu lassen, sondern als
Parallelwerk, wie es der Herausgeber, Karl Kautsky, getan hat. Die Einteilung des Stoffes stammt übrigens von diesem.
Marx hätte den Inhalt wohl wesentlich kondensiert, da die theoretischen Exkurse z. T. ins Kapital übernommen
worden sind.
*2.76
Henryk Grossmann, Die Änderung des ursprünglichen Aufbauplans des Marxschen Kapitals und ihre Ursachen, in:
Arch. f. d. Gesch. d. Sozialismus u. d. Arbeiterbewegung, hg. v. Dr. Carl Grünberg, Jg. 14. H. 1, S. 305 - 333. Leipzig
1929.
*2.77
*2.78
Karl Marx, Briefe an Kugelmann aus den Jahren 1862 - 1874, 2. Aufl., S. 31. Berlin 1927. (MEW, Bd. 31, S. 533.)
*2.79
Grossmann stützt sich auf die Briefe an Friedrich Engels vom 6. Juli 1863 und 15. August 1863 (MEGA, III, 3, S. 148
und 152. MEW, Bd. 30, S. 361 und 368).
*2.80
*2.81
*2.82
*2.83
Was ist die in der "Einleitung" gegebene Systematik anderes als die Darstellung im Funktionszusammenhang, wenn
Grossmann damit das dialektisch Gegliederte meint?
*2.84
Vgl. S. 89 ff.
*2.85
*2.86
Auf die Würdigung der Klassiker durch Marx kommen wir noch im letzten Kapitel zu sprechen.
*3.1
Das ontologische Wesen ist ein konkretes, an die historisch-besondere Form gebundenes Wesen: "... . das
menschliche Wesen ist kein dem einzelnen Individuum innewohnendes Abstraktum. In seiner Wirklichkeit ist es das
ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse". (Marx, Thesen über Feuerbach, MEGA, I, 5‚ S. 535. MEW, Bd. 3, S. 6).
*3.2
Hierin unterscheidet sich die Marxsche Methode auch von der abstrakt-aufklärerischen Vernunftgläubigkeit.
*3.3
Vgl. auch K, I, S. 335, und K, III, S. 235. MEW, Bd. 23, S. 335 und Bd. 25, S. 219.
*3.4
Die Politik des Aristoteles. Neubearb. d. Übers. Garves. Hg. v. Dr. Moritz Brasch, S. 40/45. Leipzig 1893.
*3.5
Über die Mystifikation der gesellschaftlichen Verhältnisse in früheren Gesellschaftsformen schreibt Marx:
"Sie (die Mystifikation. - 0. M.) ist der Natur der Sache nach ausgeschlossen, erstens, wo die Produktion für den
Gebrauchswert, für den unmittelbaren Selbstbedarf vorwiegt; zweitens, wo, wie in der antiken Zeit und im
Mittelalter, Sklaverei oder Leibeigenschaft die breite Basis der gesellschaftlichen Produktion bildet: die Herrschaft der
Produktionsbedingungen über die Produzenten ist hier versteckt durch die Herrschafts- und
Knechtschaftsverhältnisse, die als unmittelbare Triebfedern des Produktionsprozesses erscheinen und sichtbar sind.
In den ursprünglichen Gemeinwesen, wo naturwüchsiger Kommunismus herrscht, und selbst in den antiken
städtischen Gemeinwesen, ist es dies Gemeinwesen selbst mit seinen Bedingungen, das als Basis der Produktion sich
darstellt, wie seine Reproduktion als ihr letzter Zweck. Selbst im mittelalterlichen Zunftwesen erscheint weder das
Kapital noch die Arbeit ungebunden, sondern ihre Beziehungen durch das Korporationswesen und mit demselben
zusammenhängende Verhältnisse und ihnen entsprechende Vorstellungen von Berufspflicht, Meisterschaft etc,
bestimmt. Erst in der kapitalistischen Produktionswesse . . .." (Hier bricht das Manuskript ab; K, III. S. 885/S6. MEW,
Bd. 25, S. 839.)
Marx unterscheidet die unentfremdete von der entfremdeten Form, wobei die entfremdete Form selbst wieder in
historischen Modifikationen auftreten kann: bis zur unpersönlich entfremdeten Form der voll entfalteten
kapitalistischen Produktion in einer zum Teil persönlich entfremdeten Weise (Herrschafts- und
Knechtschaftsverhältnisse).
*3.6
Spann, Othmar, Die Haupttheorien der Volkswirtschaftslehre, 12. bis 15. Aufl., S. 150. Leipzig 1913. 25. Aufl.
Heidelberg, 1949.
*3.7
Vgl. im 1. Kapitel unsere Darstellung der Akzentverschiebung von der detailwissenschaftlichen Arbeit zur visionären
Sicht in der Kritik Schumpeters an Marx.
*3.8
*3.9
Vgl. Mannheim, Karl, Die Strukturanalyse der Erkenntnistheorie, Kant-Studien Nr. 57. S. 9 ff. Berlin 1922.
*3.10
Und trotzdem zwingt es die Wissenschaft immer wieder dazu, bei der Verwendung eines solchen Begriffes, die Worte
vorauszuschicken: "Ich verstehe unter ..."
*3.11
*3.12
Meyer, Eduard, Zur Theorie und Methodik der Geschichte, Geschichtsphilosophische Untersuchungen, S. 1. Halle
1902.
*3.13
Rothacker, Erich, Theorie und Geschichte, in: Schmollers Jahrb., Festgabe für Werner Sombart, S. 16. 19. Jänner 1933.
*3.14
Sombart, Werner, Die drei Nationalökonomien. Geschichte und System der Lehre von der Wirtschaft, München und
Leipzig 1930. 2. Aufl. Berlin, 1967.
*3.15
Warynski, Stanislaw (Kofler, Leo). Die Wissenschaft von der Gesellschaft. Umriß einer Methodenlehre der
dialektischen Soziologie, S. 170. Bern 1944.
*3.16
Adler, Max, Die Bedeutung Vicos für die Entwicklung des soziologischen Denkens, in: Arch. f. d. Gesch. d. Sozialismus
u. d. Arbeiterbewegung, hg. v. Dr. CarI Grünberg, 14. Jg., S. 280 - 304. Leipzig 1929. - Die Arbeit ist wenig ergiebig; sie
verkennt unter anderem vollkommen das Verhältnis Vicos zum Naturrecht.
*3.17
Marx, Karl, Das Kapital, Kritik der politischen Ökonomie, Bd. 1, S. 389. Berlin 1932. MEW, Bd. 23, S. 393. In einer
Fußnote, wo Marx von der Notwendigkeit einer "kritischen Geschichte der Technologie" spricht, schreibt er:
"Verdient die Bildungsgeschichte der produktiven Organe des Gesellschaftsmenschen, der materiellen Basis jeder
besonderen Gesellschaftorganisation, nicht gleiche Aufmerksamkeit (wie die Geschichte der natürlichen Technologie
bei Darwin. - 0. M.)? Und wäre sie nicht leichter zu liefern, da, wie Vico sagt, die Menschengeschichte sich dadurch
von der Naturgeschichte unterscheidet, daß wir die eine gemacht und die andere nicht gemacht haben?"
Daß Marx die Scienza Nuova gelesen hat, geht aus seinem Schreiben an Friedrich Engels vom 28. April 1862 hervor
(vgl. MEGA, III, 3, S. 63. MEW, Bd. 30, S. 227).
*3.18
Das Hauptwerk, die Scienza Nuova, hat verschiedene Auflagen erlebt. Die ausführlichste Bibliographie stammt von
Benedetto Croce, Bibliographia vichiana. Bari 1911. Ich zitiere nach der gekürzten französischen Ausgabe: Principes
de la philosophie de l‘histoire. Traduits de la Scienza Nuova. Precedes d‘un discours sur le systeme et la vie de l‘auteur
par Jules Michelet. S. 130 (livre I, chap. III). Bruxelles 1835.
*3.19
Croce, Benedetto, Die Philosophie Giambattista Vicos. Nach der 2. Aufl. übers, von Erich Auerbachs und Theodor
Lücke, S. 102. Tübingen 1927.
*3.20
*3.21
Hegel, G. W. F., Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte. Bd. I: Einleitung. Hg. von Georg Lasson, S. 25.
Leipzig 1917.
*3.22
Rothacker, Erich, Theorie und Geschichte, in: Schmollers Jahrb., Festgabe für Werner Sombart, 19. Jänner 1933.
*3.23
Sombart, Werner, Die drei Nationalökonomien, Geschichte und System der Lehre von der Wirtschaft, S. 197.
München und Leipzig 1930. 2. Aufl. Berlin, 1967.
*3.24
*3.25
*3.26
*3.27
*3.28
*3.29
*3.30
Rothacker, 1. c., S. 6.
*3.31
Rothacker, 1. c., S. 6.
*3.32
*3.33
Rothacker, 1. c., S. 7.
*3.34
*3.36
*3.37
Rothacker Erich, Überbau und Unterbau, Theorie und Praxis, in: Schmollers Jahrb., 56 Jg. (1932), 1. Hbbd., S. 161 -
176.
*3.38
*3.39
*3.40
*3.41
*3.42
*3.43
Vgl. hierzu Warynski, Stanislaw (Kofler, Leo). Die Wissenschaft von der Gesellschaft. Umriß einer Methodenlehre der
dialektischen Soziologie, S. 273. Bern 1944.
*3.44
*3.45
*3.47
*3.48
*3.49
*3.50
*3.51
Spann Othmar, Über die Einheit von Theorie und Geschichte, in: Aus Politik und Geschichte, Gedächtnisschrift für
Georg von Below, S. 303 - 337. Berlin 1928.
*3.52
*3.53
*3.54
*3.55
*3.56
*3.58
*3.59
*4.1
Wie unfruchtbar im allgemeinen Verbalismenstreite sind, wenn sie sich an die Kategorien klammern, ist wohl
nirgends deutlicher zu sehen als in der Schrift Liefmanns, Wirtschaftstheorie und Wirtschaftsbeschreibung (Tübingen
1929), in der er als Vertreter einer individualistisch-psychologistischen, kausal-erklärenden Wirtschaftstheorie scharf
gegen Sombart Stellung nimmt: "Alle Ausführungen Sombart haben mit Wirtschaftstheorie nichts zu tun, zeigen auch
gar kein Verständnis dafür, sondern sind typisch historisch gesehen . . ." (S. 29), oder: "Sombarts Betrachtungsweise
ist eine typisch formale oder strukturelle" (S. 28); ferner: "Daß Sombarts ganze Darstellungsweise mit speziellen und
historischen Begriffen arbeitet und daher Wirtschaftsbeschreibung und nicht Wirtschaftstheorie ist, erkennt man
auch daran, daß er überall nicht das Gemeinsame, Einheitliche, sondern das Spezielle, Unterscheidende sucht" (S. 29).
Der radikale Dualismus von Wirtschaftstheorie (als Fachdisziplin) und Wirtschaftsgeschichte (als Teildisziplin einer
anderen Fachwissenschaft: der Geschichte) ist bei Liefmann besonders eklatant: "Man tut am besten, alle
historischen Vorstellungen von der Theorie überhaupt fernzuhalten" (S. 15). Welche Dignität kommt
der "Hilfs"wissenschaft denn zu?
*4.2
Raphael, Max, Zur Erkenntnistheorie der konkreten Dialektik, S. 11. Paris 1934. Dies ist nicht Historismus als
Universalwissenschaft, wie es zum Beispiel Karl Mannheim versteht, der darin die Ablösung des theologischen
Weltbildes durch ein geschichtsphilosophisches sieht (vgl. seinen Aufsatz "Historismus", in: Arch. f. Sozialw. u.
Sozialpol., Bd. 52. [1924], S. 1 - 6o).
*4.3
Der Begriff stammt von Karl Mannheim. Vgl. seinen Artikel Wissenssoziologie, in: Handwörterbuch der Soziologie, hg.
v. Alfred Vierkandt, S. 659 bis 680. Stuttgart 1931.
*4.4
Etwas Ähnliches, wenn auch auf rein theoretischer Ebene, meint wohl auch Bernheim, wenn er sagt: "Erst seit dem
Aufkommen der genetischen Geschichtsschreibung erstreckte sich das Forschungsinteresse auf den gesamten Stoff
des geschichtlichen Lebens in allen seinen Zweigen, erst seitdem faßte man die innigen Zusammenhänge aller
sozialen Betätigungen und ihre mannigfaltigen Ursachen ins Auge, man wollte um Rankes Wort zu gebrauchen,
wissen, ´wie alles geworden ist´." (Einleitung in die Geschichtswissenschaft, S. 92. Berlin und Leipzig 1926).
*4.5
In aller Ausführlichkeit kann auf die Frage nicht eingetreten werden; dies würde eine eigene Studie erfordern.
*4.6
Mannheim versucht in Ideologie und Utopie (2. Aufl., Bonn 1930. Neuaufl. Frankfurt a. M. 1952) die
Selbstrelativierungen der standortgebundenen Erkenntnisweisen durch Konstruktion einer »relativ klassenlosen
Schicht der "sozial freischwebenden Intelligenz." (S. 123. bzw. 135) zu überwinden.
Hierauf hat Meusel eine treffliche Antwort gegeben: "Den Beweis dafür, daß die Intellektuellen wirklich
freischwebend und nicht klassengebunden sind, versucht Mannheim mit dem Hinweis auf die Verschiedenartigkeit
ihrer sozialen Stellung zu führen: einige seien Rentner, einige Beamte, andere Angehörige der freien Berufe usw. Es sei
gestattet, die Antwort darauf mit einem Scherz zu geben: Bekanntlich war Russisch die erste Fremdsprache, in die das
´Kapital´ übersetzt wurde, und als der erste Band in Russisch erschien, verzichteten die Sozialisten unter den
studierenden Söhnen von Fabrikanten und Grundbesitzern auf ihre Wechsel, weil sie nicht länger vom Mehrwert
leben wollten, aber die Söhne von Rechtsanwälten und Beamten behielten ihre Wechsel, weil der dritte Band noch
nicht erschienen war und sie also nicht zu wissen brauchten, daß es vom Mehrwert abgeleitetes Einkommen gibt. Bei
seinem Beweis für den klassenjenseitigen Charakter der Intelligenz verfährt Mannheim so, als ob der dritte Band auch
im Jahre 1929 noch nicht erschienen war." (Meusel, A., Intelligenz und Volk, S. 9. Berlin 1947).
*4.7
Meusel, Alfred, Karl Marx, in: Gründer der Soziologie. Eine Vortragsreihe, S. 107. Jena 1932.
*4.8
*4.9
*4.10
Lukács, 1. c., S. 593. Werke Bd. 8, S. 573. - Erstaunlich ist in diesem Zusammenhang, daß Rene König in einer
Besprechung des Buches von Lukács in der "Weltwoche" (Zürich) vom 12. November 1948 behaupten kann: "Hegels
Idealismus wird auf Grund seiner Standortgebundenheit in der zurückgebliebenen kapitalistischen
Wirtschaftsgesellschaft Deutschlands relativiert; die Deutung von Marx wird dagegen unhistorisch verabsolutiert, als
sei gerade sie nicht standortgebunden. Der Grundsatz des historischen Materialismus wird das eine Mal angewendet,
um kritisch Posten fassen zu können, das andere Mal dagegen nicht. Man kann auch sagen: sowie es um Marx geht,
hört die Dialektik auf.." Für die Blindheit vieler Marxgegner ist diese Meinung charakteristisch.
Baumgarten betont ebenfalls in seiner Geschichte der abendländischen Philosophie (Basel 1945): "Es bedeutet ein
grobes Mißverständnis der marxistischen Erkenntnistheorie, wenn bisweilen gesagt wird, daß die Ideologienlehre den
der menschlichen Erkenntnis grundsätzlich zugestandenen objektiven Wahrheitswert wieder aufhebe, um einem
Relativismus Raum zu gewähren, der jede angebliche Erkenntnis zu einem dem Lebensinteresse dieser oder jener
Klasse dienenden Fürwahrhalten herabwürdige." (S. 344)
*4.11
Die ersten schriftlichen Aufzeichnungen von Marx über Hegel, soweit dies uns heute bekannt ist, stammen aus dem
Jahre 1843, und zwar eine Kritik des Hegelschen Staatsrechtes (geschr. v. März bis August 1843, in: MEGA, I, 1(1), S.
401 - 553. MEW, Bd. 1, S. 201 ff.) und eine "Einleitung zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie". (geschr. um die
Jahreswende 1843/44, in: MEGA, I, 1(1), S. 607 - 621. MEW, Bd. 1, S. 378 ff.).
*4.12
Monnerot, Jules, Marx et le romantisme, in: Le Romantisme Allemand, Cahiers du Sud, 24. Jg., Mai- Juni 1937, Nr.
194, S. 155.
*4.13
Ohne Quellenvermerk verwendet Lukács das Zitat in seinem Artikel Marx und das Problem des ideologischen Verfalls,
in: Internat. Literatur, 8. Jg. (1938), H. 7, S. 106. Zum Teil verwendet er es wieder in seinem Buch Der junge Hegel (a.
a. 0., S. 66a. Werke Bd. 8, S. 639), und zwar mit folgender Angabe: Marx, Grundrisse der politischen Ökonomie, I, S.
80. Moskau 1939. Diese Schrift ist bei uns nicht bekannt.
*4.14
*4.15
Es muß ihr allerdings zugestanden werden, daß sie im Vergleich zur jüngeren historischen Schule geradezu
theoretisch war.
*4.16
Speech of Dr. Marx on Protection, Free Trade, and the Working Classes. 1847. In: MEGA, I, 6, S. 429/30. MEW, Bd. 4,
S. 305 - 308. (Übersetzung)
*4.17
*4.18
*4.19
*4.20
*4.22
*4.23
*4.24
Besonders Spiethoff bemüht sich, die anschauliche Theorie methodologisch zu fundieren, so z. B. in einem Beitrag
zur Festgabe für Alfred Weber (Anschauliche und reine volkswirtschaftliche Theorie und ihr Verhältnis zueinander, in:
Synopsis, Festgabe für Alfred Weber, hg. v. Edgar Salin, S. 567 - 664. Heidelberg 1948). Spiethoff scheidet die
anschauliche Theorie von der reinen Theorie und von der Geschichte. Er schreibt: "Die anschauliche Theorie will
Theorie sein, das heißt, sie will Allgemeingültiges aussagen. Sie befaßt sich trotz ihres Strebens nach
Wirklichkeitsnähe nicht mit geschichtlichen Einmaligkeiten, die einer nur für sie gültigen Erklärung zugeführt werden
können" (S. 588). Auch wenn wir vom statuierten Gegensatz von Einmaligem (als Gegenstand der Geschichte) und
Allgemeingültigem (als Gegenstand der Theorie) absehen, so ist niemals ersichtlich, trotz aller technischen Finessen,
deren sich die anschauliche Theorie bedienen kann, wie Wirklichkeitserkenntnis zustandekommen soll, da alle
angeführten Einzeltechniken und Hilfsverfahren synthetisch zusammengenommen noch keine Erklärung dafür liefern,
wie Geschichte und Theorie sich zueinander verhalten. So mißversteht Spiethoff auch das Verhältnis von Tendenz
und historischem Gesetz. Das Allgemeingültige ist eine ebenso wirkliche Erscheinung wie das Einmalige (wenn es
Einmaliges in sich begreifen und erklären soll). Darum ist es abwegig zu erklären: "Die Wirklichkeit ist in jeder Hinsicht
von einer solchen Vielfältigkeit der Erscheinungen erfüllt, daß darüber nichts Allgemeingültiges ausgesagt werden
kann. Nur über ganz bestimmt festgelegte Erscheinungen und bestimmte Beziehungen zu andern ebenso erfaßten
Erscheinungen läßt sich Allgemeingültiges ermitteln" (S. 569). Was als Allgemeingültiges in der Vielfalt der
Erscheinungen ausgesondert werden kann, weist als Allgemeingültiges der Erscheinungen auf die historische
Einmaligkeit hin, es ist das aus der Historizität der Erscheinungen ausgesonderte Allgemeingültige. Das Verfahren der
anschaulichen Theorie, wie es Spiethoff beschreibt, erfaßt den Gegenstand von der Peripherie her, die Frage nach
dem Verhältnis von Theorie und Geschichte bleibt unbeantwortet, das Problem des Zusammenhanges von Objekt
und Methode bleibt ungelöst.
*4.25
Vgl. Dopsch, Alfred, Zur Methodologie der Wirtschaftsgeschichte, in: Verfassungs- und Wirtschaftsgeschichte des
Mittelalters, Gesammelte Aufsätze v. A. Dopsch. Wien 1928.
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