Suhrkamp BasisBibliothek 124
Heldenplatz
Bearbeitet von
Thomas Bernhard, Martin Huber
Originalausgabe 2012. Taschenbuch. 205 S. Paperback
ISBN 978 3 518 18924 5
Format (B x L): 11,5 x 17,8 cm
Gewicht: 136 g
Weitere Fachgebiete > Literatur, Sprache > Literaturwissenschaft: Allgemeines >
Literatur: Editionen, Kritische Editionen
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Suhrkamp Verlag
Leseprobe
Bernhard, Thomas
Thomas Bernhard, Heldenplatz
Mit einem Kommentar von Martin Huber
© Suhrkamp Verlag
Suhrkamp BasisBibliothek 124
978-3-518-18924-5
Suhrkamp BasisBibliothek 124
Diese Ausgabe der »Suhrkamp BasisBibliothek – Arbeitstexte
für Schule und Studium« enthält nicht nur Thomas Bernhards
Heldenplatz, sondern auch einen Kommentar, der alle für das
Verständnis des Stücks erforderlichen Informationen enthält:
eine Zeittafel, die Entstehungs- und Textgeschichte, einen Über-
blick über den historischen, politischen und gesellschaftlichen
Hintergrund, Hinweise zu den Motiven und dem Erzählverfah-
ren, die Rezeptionsgeschichte, Literaturhinweise sowie Wort-
und Sacherläuterungen. Der Kommentar ist entsprechend den
neuen Rechtschreibregeln verfasst.
Martin Huber, Lehrbeauftragter für Neuere deutsche Literatur
am Institut für Germanistik der Universität Wien, ist Leiter des
Thomas-Bernhard-Archivs in Gmunden (Oberösterreich) und
Mitherausgeber der 22-bändigen Werkausgabe Thomas Bern-
hards.
Thomas Bernhard
Heldenplatz
Mit einem Kommentar
von Martin Huber
Suhrkamp
Der vorliegende Text folgt der Ausgabe:
Thomas Bernhard, Werke. Herausgegeben von Martin Huber
und Wendelin Schmidt-Dengler. Band 20: Dramen VI.
Herausgegeben von Martin Huber und Bernhard Judex.
Berlin: Suhrkamp Verlag 2012, S. 215–340.
Originalausgabe
Suhrkamp BasisBibliothek 124
Erste Auflage 2012
Text: © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1988
Kommentar: © Suhrkamp Verlag Berlin 2012
Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der Übersetzung,
des öffentlichen Vortrags, der Verfilmung und Übertragung
durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Abschnitte.
Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie,
Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung
des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer
Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
Satz: pagina GmbH, Tübingen
Druck: CPI – Ebner & Spiegel, Ulm
Umschlagabbildung: Andrej Reiser / Suhrkamp Verlag
Umschlaggestaltung: Regina Göllner und Hermann Michels
Printed in Germany
ISBN 978-3-518-18924-5
Inhalt
Thomas Bernhard, Heldenplatz . . . . . . . . . . . . . . . . 7
Kommentar
Zeittafel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 137
Entstehungs- und Textgeschichte . . . . . . . . . . . . . . . 148
Überlieferungslage . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 156
Rezeption: Heldenplatz-Skandal, Uraufführung,
weitere Inszenierungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 161
Forschungsliteratur und Deutungsansätze . . . . . . . . 173
Historischer, politischer, gesellschaftlicher
Hintergrund . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 176
»Skandalgeschichte« des Bernhard’schen
Werks bzw. seiner Rezeption . . . . . . . . . . . . . . 177
Biographische Hintergründe . . . . . . . . . . . . . . 179
Problematik vieler im Stück getätigter
Aussagen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 179
Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 183
Wort- und Sacherläuterungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . 189
Heldenplatz
FKann schon sein daß Sie sich ein paarmal im Jahr
in dieser Stadt wohlfühlen
wenn Sie über den Kohlmarkt gehen
oder über den Graben
oder die Singerstraße hinunter in der FrühlingsluftG
Personen
robert schuster, professor, Bruder des verstorbenen
Professors Josef Schuster,
anna und
olga, Töchter, 5
lukas, Sohn,
Vorname hedwig, genannt Frau Professor, die Frau des Verstor-
von Hedwig
Stavianicek, benen,
Bernhards professor liebig, ein Kollege,
»Lebens-
menschen« frau liebig 10
herr landauer, ein Verehrer,
frau zittel, die Wirtschafterin des Verstorbenen,
Vorname von herta, sein Hausmädchen
Bernhards
Mutter
Wien
FMärz 1988G 15
Erste und dritte Szene
Wohnung Professor Schuster, nahe FHeldenplatzG,
dritter Stock
Zweite Szene
Volksgarten 20
Nach dem Begräbnis
10
Erste Szene
Großes Garderobenzimmer
Ein hohes Fenster mit Holzjalousien
Zwei hohe Türen links
5 Eine hohe Tür rechts
Mehrere geschlossene oder geöffnete Kleiderschränke bis
zur Decke an allen Wänden
Mehrere geschlossene Kisten und Koffer, nach Oxford
adressiert
10 Früher Vormittag
herta steht mit einem Staubtuch am Fenster und schaut
auf die Straße hinunter
frau zittel kommt mit einem Anzug auf einem
Kleiderbügel herein und hängt ihn auf, begutachtet ihn
15 Der Anzug ist nicht einmal zerrissen
Ein kleines Loch in der Weste
Mein Universitätsanzug hat der Professor immer gesagt
sie riecht am Anzug, hält ihn hoch und gegen das Licht
und hängt ihn wieder auf
20 FJetzt ist alles noch viel schlimmer
als vor fünfzig Jahren hat er gesagtG
Eigentlich hätt’ ich zur Mutter gehn müssen
Mich graust vor dem Altersheim
herta fängt an, die auf dem Boden herumliegenden
25 Schuhe zu putzen
frau zittel
Entweder ich schneide ihr die Nägel
oder ich lese ihr den Tolstoj vor Russ.
Schriftsteller
Nur weil der Professor vor fünfzehn Jahren gesagt hat (1828–1910)
30 lesen Sie Ihrer Mutter doch Tolstoj vor
eine sehr gute therapeutische Maßnahme
lese ich ihr jetzt schon fünfzehn Jahre Tolstoj vor
Erste Szene 11
sie bürstet den Anzug
Wenn ich ihr das Gebiß in den Mund stecken will
stößt sie mich zurück
Um mich hat sie sich nie gekümmert
Ich will ihr das Gebiß in den Mund stecken 5
und sie schlägt mir ins Gesicht
die alten Leute sind renitent
sie riecht am Anzug
Zwanzig Jahre habe ich es ja ausgehalten
hat er gesagt 10
Wer weiß ob der Professor in England
wieder Fuß gefaßt hätte
Die Frau Professor hat Wien immer gehaßt
nur das Theater hat sie geliebt
Wien hat sie gehaßt 15
Ort im Wenn sie jetzt nach Neuhaus geht
Wienerwald
(Gemeinde ist es sicher nur auf kurz
Weissenbach Die Frau Professor ist ein Stadtmensch
an der Tries-
ting), Nieder- Die Wohnung ist verkauft
österreich voreilig verkauft 20
spätestens am Neunzehnten
das ist ja schon übermorgen
muß sie geräumt sein
herta steht schuheputzend am Fenster und schaut auf die
Straße hinunter 25
frau zittel
Der Professor ist tot
auch wenn du noch so lang hinunterschaust
er wird nicht mehr lebendig
Der Selbstmord ist immer eine Kurzschlußhandlung 30
Das Hemd war zerrissen der Anzug nicht
Ausgerechnet du hast ihn gesehen
wie er hinuntergestürzt ist
Ich hab schon so viel Tote gesehen im Leben
du machst mich noch ganz krank mit deinem 35
Hinunterschauen
12 Erste Szene
FDie Frau Professor hört schon wieder das GeschreiG
Zu Mittag beim Nachtmahl nicht
Kaum hat sie ein paar Löffel Suppe gegessen
wird sie weiß im Gesicht und ganz steif
5 Steinhof hat auch nichts genützt Psychiatrisches
Krankenhaus
In Neuhaus erholt sie sich auch nicht mehr in Wien
Sie werden sehen Frau Zittel in Oxford wird sie Penzing
die Anfälle nicht mehr haben
hat der Professor gesagt
10 in Oxford gibt es keinen Heldenplatz
in Oxford ist Hitler nie gewesen
in Oxford gibt es keine Wiener
in Oxford schreien die Massen nicht
herta
15 Die Frau Professor nimmt mich nach Neuhaus mit
frau zittel
Sie braucht dich ja
ich hab ihr eingeredet daß sie dich braucht
Zu Weihnachten ist sie die ganze Zeit
20 im Bett liegen geblieben
über Neujahr auch
In Neuhaus liegt sie auch den ganzen Tag im Bett
oder auf der Terrasse untätig
sie liest auch immer dasselbe
25 herta
Ich wollte sie ja in Steinhof besuchen
frau zittel
Mich ließ sie auch nicht hinein
und ich hab ihr so gute Mehlspeisen gekauft (österr.)
Süßspeise,
30 Die Frau Professor wünscht keine Besuche Kuchen
hat es geheißen
sie hat wieder das schöne Balkonzimmer gehabt
FDer Pavillon Friedrich ist für die depressiven feinen
LeuteG
35 die sind nicht eigentlich krank und doch
Erste Szene 13
jedesmal wenn sie in Steinhof war
hat sie sich verkühlt
(österr.) Der Professor Schober der Primar ist ein Verwandter
Chefarzt
vom Professor Kuddlich
den der Herr Professor Schuster in England 5
kennengelernt hat
durch den Professor Wasserbauer
ein Onkel vom Professor Wasserbauer
(österr.) hat dem Professor Schober das Primariat in Steinhof
Chefarztstelle
verschafft 10
herta
Die Frau Professor hat etwas gegen mich
frau zittel
Kaum hat sie ein paar Löffel Suppe gegessen
wird sie weiß im Gesicht und steif 15
Die Frau Professor ist ein einsamer Mensch
Der Professor hat sie nie gut behandelt
Das verzeihe ich dir nie
daß deine Mutter Schauspielerin gewesen ist
hat der Professor oft gesagt 20
auch wenn du nichts dafür kannst
In Neuhaus geht sie oft wochenlang nicht aus dem Haus
Andauernd hat er zu ihr exaltierte Person gesagt
Landeshaupt- In Linz geboren a l l e i n d a s ist ein fürchterlicher
stadt von
Oberösterreich Gedanke 25
hat er gesagt
herta
Die Frau Professor mag mich nicht
frau zittel
Sie mag dich genauso wenig wie mich 30
sie mag nicht einmal sich selbst
Meine Frau ist ein verlorenes Geschöpf
ein todunglückliches
sie hätte nie geboren werden dürfen
es gibt so viele die nie geboren werden hätten dürfen 35
14 Erste Szene
Mit diesen Menschen muß man behutsam umgehen
aber die lassen einen das gar nicht
sagte der Professor immer
diese Menschen machen immer alle und alles kaputt
5 sie riecht am Anzug
Jedes Jahr ist er nach England
und hat sich einen Anzug gekauft
die englischen Anzüge
sind doch die besten
10 herta
Der Herr Professor hat zweiundzwanzig Anzüge
frau zittel
Und er hat doch immer denselben getragen
den hätte er noch jahrelang anziehen können
15 Das ganze Leben hat sich der Professor
die Schuhe selbst geputzt
die Schuhe durfte ihm niemand putzen (österr.)
Gebrannte
Ich hab Einbrennsuppe gemacht Mehlsuppe
einen Lungenbraten vom Ziegler (österr.)
Lendenbraten
20 das wird schon gut sein (zubereitet aus
Anstatt nach Oxford dem Filetstück
des Rindes)
geht jetzt alles nach Neuhaus
Das war voreilig
daß der Professor die Wohnung verkauft hat
25 Die Küche ist ja auch schon ausgeräumt
schaut um sich
Heuer hätte ja alles ausgemalt werden müssen (österr.)
Dieses Jahr
Ein Perser Teppichhändler
Der will alles anders
30 nächste Woche will er mit dem Umbauen anfangen
sie nimmt Schuhe aus einem der Schränke und wirft sie
Herta vor die Füße
Die Schuhe wird der Herr Lukas nehmen
der Herr Lukas hat dieselbe Schuhgröße
35 ein anständiger Mensch hat Größe fünfundvierzig
Erste Szene 15
hat der Professor immer gesagt
Großstadt im Wenn der Professor in Turin war
NW Italiens
hat er sich Schuhe gekauft
aber angezogen hat er nur die englischen
herta putzt die ihr von Frau Zittel hingeworfenen Schuhe 5
frau zittel
Mit dem Professor ist Oxford gestorben
sie öffnet nacheinander alle Kleiderschränke
(österr.) Sack Die Schuhe kommen in den schwarzen Rupfensack
aus grobem
Leinengewebe sie wirft Schmutzwäsche auf einen Haufen 10
Die Schmutzwäsche kommt in die Wäscherei
Ich weiß nicht ob die Frau Professor die Schmutzwäsche
nach Neuhaus mitnimmt
In Neuhaus ist es im März noch so kalt
wir waren auch nie im Winter in Neuhaus 15
es bleibt uns aber gar nichts anderes übrig
als nach Neuhaus zu gehn
Die waren keine fünf
wie sie sich in Neuhaus kennengelernt haben
wenn die die sich schon als Kinder kennengelernt haben 20
Kurstadt
später heiraten geht das immer schlecht aus
südl. v. Wien Aus Baden sind ihnen immer die Honigzuckerln
(österr.) gebracht worden vom Chauffeur
Honigbonbons
zu Herta direkt
Du kannst doch nicht den ganzen Vormittag 25
auf die Straße hinunterschauen
das ändert ja nichts mehr
sie nimmt Herta den Schuh aus der Hand
Das ist ja kein Schuheputzen
sie zeigt Herta, wie der Schuh geputzt gehört 30
So so
sie gibt Herta den Schuh zurück
Landeshaupt- In Graz hättest du ja nur seinen Wintermantel
stadt der
Steiermark hinter ihm hergetragen du dumme Gans
Wenn ich mit ihm in Graz gewesen bin 35
16 Erste Szene
hab ich nur seinen Wintermantel hinter ihm hergetragen
der Professor hat Graz gehaßt
herta
Der Herr Professor hat mir versprochen
5 mich nach Graz mitzunehmen
frau zittel
Da hättest du nur seinen Wintermantel
hinter ihm hergetragen
und du hättest im Erzherzog Johann Hotel im
Zentrum von
10 in einem finsteren Loch übernachten müssen Graz, benannt
mit einem Fenster in den Küchenschacht nach dem
»steirischen
da kannte der nichts Prinzen«
da wärst du dann fast erstickt (1782–1859)
er selber hat das beste Zimmer im ganzen Haus gehabt
15 der Professor war ja ein Egoist
durch und durch
herta
Der Kopf ist
frau zittel
20 Das hast du jetzt schon hundertmal gesagt
daß der Kopf ganz zerquetscht gewesen ist
nimmt den Schmutzwäschehaufen und wirft ihn in eine
andere Ecke
Der Professor war ja nicht krank
25 Fder Professor Robert ist krank er war nicht krank
der Professor Robert ist von Kindheit an krank
der Professor Robert ist schwer herzkrank
der bekommt nie Luft
wenn er in die Wohnung herauf geht
30 bleibt er mindestens fünfzehnmal stehenG
der Professor Robert ist ja nicht umsonst in Neuhaus
weil ihm die Stiegen solche Beschwerden machen (österr.)
Treppen
kommt er auch so selten
dreißig Jahre soll schon ein Aufzug gebaut werden
35 wahrscheinlich wird nie einer gebaut
Erste Szene 17
Der Professor Robert bekommt ja sogar im Stehen
keine Luft
aber manchmal hat er überhaupt keine Schwierigkeiten
das soll auch alles psychisch sein
herta 5
In Neuhaus sind so viel Sonnenblumen
frau zittel nimmt ein Bügelbrett, klappt es auf und
fängt an, Hemden zu bügeln
Der Professor Robert
hat ja Herzschwäche 10
letztes Stadium
jetzt kommt wieder die Zeit
die für ihn die schlimmste ist
das Frühjahr ist immer schlimm
FWenn ich erst den April überstehe Frau Zittel 15
habe ich schon gewonnenG
dann geht es wieder das ganze Jahr sagt er
Fer liest tagtäglich die N e u e Z ü r c h e r Z e i t u n g G
In Graz leben nur Alte und Dumme
hat der Professor immer gesagt 20
in Graz ist nur der Stumpfsinn zuhause
ich verstehe nicht
daß es Leute gibt
die von Graz begeistert sind
Wo hätte ich in Graz hingehen sollen 25
mir war in Graz immer langweilig
herta
Der Herr Professor hat mir versprochen
mich nach Graz mitzunehmen
frau zittel 30
In Graz muß niemand gewesen sein
herta
Selbstmörder bekommen kein kirchliches Begräbnis
frau zittel
Der Professor war ja nicht katholisch 35
18 Erste Szene
Das ist der Anzug des Herrn Professors
hab ich in der Putzerei gesagt
der Professor ist in der vergangenen Nacht gestorben
ich hab nicht gesagt er hat sich aus dem Fenster gestürzt
5 Wer einen blutigen Anzug
in die Putzerei trägt
muß ja eine Erklärung abgeben
die haben sicher gedacht
er ist überfahren worden
10 sie nimmt einen Kamm aus ihrer Kleidertasche, tritt hin-
ter Herta und frisiert ihr Haar
Du hast dir im FSpeiszimmerG die Strümpfe gestopft
wenn das der Professor gesehen hätte
wenn der Professor gewußt hätte
15 wie du wirklich bist
ich hab mich immer für dich eingesetzt
Die Juden lassen sich
in einem einfachen ungehobelten Weichholzsarg
eingraben
20 schaut um sich
Der Professor hat Unordnung gehaßt
dem Professor Robert war immer alles gleich
dem Professor nicht
alles mußte immer auf seinem Platz sein
25 der Professor war der disziplinierteste Mensch
wehe wenn die Fensterdreher nicht geradeaus waren
Die Frau Professor hat nichts zu lachen gehabt
mit dreiundzwanzig war er Turmsprungeuropameister
der Professor hat eine gute Figur gehabt
30 Taillierte Hemden hat er gehaßt
In England werde ich Ihre Cremeschnitten vermissen
hat er zum Konditor Handlos gesagt
wissen Sie Herr Handlos ich bin nämlich Jude
meiner Frau zuliebe muß ich nach Oxford zurück
35 Ihre Cremeschnitten werde ich vermissen Herr Handlos
In Oxford gibt es keine Cremeschnitten von Handlos
Erste Szene 19
herta
Die Leute sagen sie bringen sich um
und bringen sich um
frau zittel entdeckt Hertas offene Kragenknöpfe und
knöpft sie ihr zu 5
Die ganze Woche stehst du schon da
und schaust auf die Straße hinunter
Du solltest nurmehr noch in Schwarz gehen
Schwarz steht dir am besten
alle ziehen sich immer so bunt verrückt an 10
das war dem Professor nicht recht
wenn ich mich bunt angezogen habe
der Professor wollte mich nur in Schwarz sehen
den meisten steht Schwarz am besten
Du solltest dir deine farbigen Kleider 15
schwarz färben lassen
mir gefällst du ja auch in Schwarz am besten
Beide schauen auf die Straße hinunter
herta
Jetzt wird der Professor Robert 20
auch nicht mehr lang leben
frau zittel
Der Professor Robert ist ein Lebenskünstler
ein Existenzkünstler wie der Professor immer gesagt hat
Sie treten noch näher ans Fenster und schauen direkt auf 25
die Straße hinunter
frau zittel
Dazu wär ich zu feig
Wahrscheinlich hat er auch dich
in seinem Testament bedacht 30
sie kämmt Hertas Haar durch
Ich bin kein guter Mensch
hat er immer gesagt
China wird eines Tages die Welt beherrschen Frau Zittel
das asiatische Zeitalter hat schon begonnen 35
20 Erste Szene