Wilhelm Lyrik
Wilhelm Lyrik
Dschung 'Isü
1· 3
DIE SAGE VOM PFIRSICHBLOTENQUELL
4
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6
Nun woHten alle ihn einmal bei sich zu Gaste haben,
Und aHe setzten Wein und Speisen zur Bewirtung vor.
So blieb er ein paar Tage da,
Dann nahm er Abschied.
Die Leute in dem Lande sagten noch,
Es sei wohl nicht der Mühe wert,
Den Menschen draußen davon zu erzählen.
7
WALDGESPRÄCH
Li Tal Be
8
DAS MÄDCHEN IM GARTEN
Wang Gia
9
AUF DEM SEE
Sü Küan Giä
11
FROHLINGSNACHT
Su Dung Po
12
DER HAHNENRUF
13
I
FROHLINGSNACHT
Wang An Schi'
14
Frühlingsabend auf dem Damm von Su Dung Po
ABSCHIED VOM FRüHLING
ie ersten Frühlingsblumen
D Sind schon verblüht im Mai.
Sie sinken zur Erde nieder,
Und andere sind an der Reih.
16
LIEDER DER MITTERNACHT
1
er Weihrauch sendet Düfte aus,
D Und bin ich auch nicht reich und schön:
Der Himmel ist uns Menschen hold,
Er schenk' uns bald ein Wiedersehn.
z
Versponnen bleiben auch zerrissene Fäden,
Und ewig bleibt die Liebe uns im Blut.
Wohl sterben jährlich alle Seidenspinner,
Doch ist ihr Grab die Wiege ihrer Brut.
3
Ich bette mich in weiche Kissen ein,
Mein Liebster kommt und kost mit mir.
Doch allzu ungestüm darf er nicht sein,
Nur rein bewahrt weilt Liebe lange hier.
4
Der Hunger ruft Speisen,
Die Liebe ruft Lieder.
Ich lehn' an dem Tore -
's ist Abend! Komm wieder!
5
Ich tret', noch eh mein Morgenkleid geschlossen,
Mit Falten auf der Stirn hinaus geschwind.
Ein Windstoß flattert in die leichte Seide
Und lüftet sie. Der böse Frühlingswind!
2 Wi I hel m, Jahreszeiten 17
6
Wie freu ich mich des Wiedersehens! -
Doch' was siehst du so streng darein ?
Dreimal ruf ich und keine Antwort -
Warum willst plötzlich du so weise sein?
7
Ich habe dich lieb, möchte zu dir gehn,
Möcht wohnen ganz nahe b~i dir.
Vor meiner Tür müßt ein Holderbusch stehn,
Dann könnt ich dich Holder immerfort sehn.
8
Die Lieb' im Herzen treibt mich dir entgegen,
Jedoch die Schüchternheit hält mich und will's nicht leiden.
Die roten Lippen öffnen sich zum Liede,
Und mit der weißen Hand rühr ich die zarten Saiten.
18
IM ORCHIDEENPAVILLON
An diesem Tage
Da war der Himmel klar und rein die Luft,
Ein milder Wind entsandte sanften Hauch.
Und breitet droben sich das große Himmelszelt,
So wimmelten am Grunde aller Wesen Menge.
So weit das Auge schweifte und der Sinn sich dehnte,
Genug des Schönen gabs zum Schaun und Hören:
Es war ein heiteres Beisammensein.
2* 19
Die Menschen sind zusammen einen Augenblick.
Der eine greift in sein Gemüt und redet,
Was ihn darin bewegt.
Ein andrer spricht in Bildern,
In dunklen Gleichnisworten
Von Dingen und Ideen jenseits der Körperwelt.
Doch sind sie auch verschieden in dem, was ihnen wichtig;
Der eine ruhig sinnend und jener rasch entschlossen:
Sie alle freuen doch sich des Zusammenseins,
Und was die Gegenwart gewährt, befriedigt,
Und läßt des Alters Nahn vergessen. -
20
Das aber weiß ich: es sind leere Worte,
Wenn einer Tod und Leben für das gleiche hält,
Und wenn er sagt, es sei nicht mehr noch minder,
Ob kaum geboren man dahingeht oder erst als Greis.
WanD Hi DsChi
21
SOMMER
Abendsmein beim Donnergipfel
FROHSOMMER
511 DUNII Po
25
SOMMERLANDSCHAFT
Liu Ki King
26
KAHNF AHRT
1
ie Sonne sinkt. Schön ist's, im Kahn zu treiben,
D Ein leichter Windhauch regt die Wellen sacht.
Der Lotos duftet, Bambus säumt die Ufer,
Und Kühle winkt uns aus des Haines Nacht.
2
Der Regen kommt, durchnäßt die Teppichmatten,
Ein Windstoß trifft des leichten Kahnes Bug,
Der armen Schönen rote Röcke klatschen,
Und trüb zerfließt der Schminke holder Trug.
Du 1i'u
27
DER NEUMOND
Li Duan
28
ERWARTUNG
30
Ich schau in seiner Blüten
Gefülltes Rot hinein.
Su DUllo Po
31
NACH DEM GEWITTER
Du J!ang Siu
32
DIE LOTOSBL UME
Dschultll Schu
3 W i I hel m, Jahreszeiten 33
Windbewegte Lotosb(umen
DIE LIEBE ZUM LOTOS
DSChOU Dun I
36
.. ,-' ·4
/
I •
I •
DER FISCHER
7\ m hohen Felsgestade
.f-\.. Der Fischer schlief im Kahn,
Doch als der Morgen dämmert,
Macht er ein Feuer an.
38
DIE ÄRMLICHE HOTTE
Liu Kü Si
39
L
BERGFELSEN
urch steiles Felsgeklüft führt mich der schmale Pfad
D Im Dämmerlicht zum fleder~ausumschwirrtenKloster.
Ich ruhe auf des Tempels Stufen, wo vom Regen
Die Blätter der Bananen frisch, die Jasminblüten duften.
Der Mönch erzählt von all den vielen Buddhabildern,
Die in die Wand gehaun, sie seien Meisterwerke,
Und eine Fackel holt er, sie ins Licht zu setzen,
Doch sieht man wenig in dem ungewissen Flackern.
Ein Bett bereitet er sodann und kehrt die Matten,
Und stellt vor mich die Abendsuppe hin,
Einfach Gemüse, schlichten Reis, doch für den Hunger gut.-
Tief ruht und still die Nacht, die hundert Stimmen
Der Zirpen, die den Tag durchlärmten, schweigen.
Dort hinter Felsenzacken kommt der Mond hervor
Und füllt mit seinem Schein des Fensters Gitterwerk.
40
Wozu doch treten wir in das Getrieb des Alltags ein,
Wo wir gespannt in harte Sklavenketten ? -
Ach, könnten wir, die wir die Freiheit kennen,
Doch bis zum Alter solch ein Leben führen
Und nie zurück mehr müssen in der Menschen Schwarm! -
Han ~ü
41
SOMMERABEND IN DEN BERGEN
Wu Yün
42
BEIM LESEN DES BUCHES VON DEN
BERGEN UND MEEREN
43
MIT DEM GING=TING=BERG ALLEIN
Li Tai Be
44
DER PAVILLON DES TRUNKENEN GREISES
46
Das Wild des Berges und das Kraut der Heide
Steht bunt gemischt vor seinen Gästen aufgetischt:
Das ist das Mahl des Gaugrafs.
Des Mahles Freuden werden nicht gewürzt
Durch Saitenspiel und Flötenklang ;
Doch jagt man sich zur Mahlzeit wohl das Wild,
Das Schachspiel reizt die Gegner zum Gewinnen.
Der Becher kreist.
Man steht und sitzt umher und plaudert lachend:
Das ist der Gäste Freude.
Mit schwarzem Barte und in weißem Haar
Sitzt einer unter ihnen, in den Stuhl zurückgelehnt:
Das ist der Gaugraf, welcher trunken ist.
Wenn schließlich dann die Abendsonne sich
Den Bergen naht,
Wenn dann der Menschen Schatten
Länger wachsend durcheinander wirren:
Das ist der Gaugraf, welcher heimwärts kehrt,
Und seine Gäste folgen ihm.
Der Wälder Schatten werden tiefer,
In allen Zweigen tönt Gezwitscher:
Die Wandrer gehen, und die Vögel freuen sich.
Allein die Vögel kennen nur die Freude an den Wäldern,
Sie kennen nicht der Menschen Freude,
Die Menschen ihrerseits, sie kennen nur die Freude,
So mit dem Gaugraf heimzuwandem,
Allein, sie wissen nicht,
Daß er, der Gaugraf, nun sich ihrer Freude freut.
Trunken kann er ihre Freude mitgenießen,
47
Und nüchtern kann er im Gedichte sie beschreiben:
Das ist der Gaugraf.
Und wer ist denn dieser Gaugraf?
Er ist aus Lu Ling Ou Yang Siu.
48
HERBST
4 W i I hel m, Jahreszeiten
ERINNERUNGEN
Li 'Iai Be
51
DIE MONDFEE
Li Scnane YiJr
52
HERBST IM GEBIRGE
Waltu WI?
53
DIE DURCH\VACHTE NACHT
54
(j
VOfkSIi'ed Han,.Z~it
56
DAS LIED
Vo[as[ied Han=Zeit
57
TRENNUNG
f)o{Rs[üd Han=Zuit
58
IN DER FERNE
59
IM GEFANGENENLAGER
Li 1'/
60
O'RUSS IN DIE FERNE
Im Herzen vereint,
Auf Erden geschieden -
So grausam geschieden:
Das klage ich - bis an
Des Lebens Rand.
Vofnsfied Halt=Zeit
61
EINSAMKEIT
Li 'Iai BI?
62
Die Abendglod!:e von der Süd wand
DIE CHRYSANTHEMEN
64
MONDGEDANKEN
·· ber dem Meere steigt
U Silbern spiegelnd der Mond auf,
Nahes und Fernes
Einend in seligem Schaun.
Liebendes Suchen
Strebt durch die Weiten der Nacht hin,
Stunde auf Stunde
Steiget der Sehnsucht Gewalt.
Kerze verglimmet,
Aber die Fülle der Lichtflut
Lockt mich noch einmal
Fort in den feuchtenden Tau.
5 W i I hel m, Jahreszeiten 65
NACHTEINSAMKEIT
66
..... , .
~.;:;::~
_._ ~~_-=--=-7
68
"Ruder, ach, so rein
Tropft -Ion euch der Mondenschein!
Fern, fern, ach, mein Herz
Sehnend denkt der Liebsten mein!N --
69
'Dort drängen sich in fernen Ketten
Die Berge an den Fluß heran.
Hier war's, wo jene Kämpfe stattgefunden,
In denen T sau Mong De das Ende seiner Macht erlebte.
Wie mächtig war er doch gewesen!
Er hatte siegreich seiner Feinde Stadt genommen
Und war mit stolzer Flotte dann den Strom herabgefahren:
Auf tausend Meilen drängt' sich Schiff an Schiff,
Und seiner Fahnen Menge deckte fast den Himmel zu.
So stand er da und hob den Becher,
Als er im Strom daher fuhr,
Und sang sein Lied mit quergefäHter Lanze.
Er war ein Held, der größte seiner Zeit - -
Und heut, wo ist er hin?
70
Ja könnten wir mit sel'gen Geistern höher schweben
Und mit dem lichten Mond ein ewig Leben führen!
Doch ach, wir wissen's ja:
Uns ist's versagt. - -
So hab' ich denn des Herzens Klage
U
Den traurigen Winden anvertraut.
71
Der lichte Mond in jenen Bergen,
Er wird zum Tone, wenn mein Ohr ihn aufnimmt,
Und wenn mein Aug' ihn trifft,
Wird er zur Lichterscheinung.
.Und dies Erleben
Von Aug' und Ohr ist frei und unerschöpflich.
Das ist das ew'ge Vorratshaus von Gottes Welt.
Das bleibt uns beiden zum Genusse offen.
U
Su DUNg Po
72
WINTER
,
/~ ,
ZWEITE FAHRT ZUR ROTEN WAND
ur Vollmondszeit im Wintermond
Z Macht' ich mich aus der Heimat auf,
Um abermals zur Roten Wand zu reisen.
Zwei Freunde gingen mit.
Der Weg ging an der gelben Furt vorbei.
Schon fiel der Reiftau, und die Bäume
Sie standen alle kahl von Blättern.
Vom Schatten auf der Erde wandten
Den Blick empor wir auf zum lichten' Mond
Und freuten uns an seinem Anblick.
Ein frohes Lied erklang zum Wanderschritt.
Da sprach ich seufzend:
"Zu fröhlichem Beisammensein bedarf's des Weins,
Und zum Genuß des Weins bedarf's des Mahls,
Sonst lädt umsonst die schöne Nacht,
Der weiße Glanz des Mondes und der kühle Wind."
75
Damit er dir zuhanden sei,
Wenn du ihn unversehens brauchst."
76
So daß ich länger nicht mehr säumen mochte.
Ich kletterte hinab und stieg ins Schiff.
Wir hielten auf der Strömung Mitte zu
Und ließen unser Schifflein treiben.
Und wo es hielt, da machten wir die Abendrast.
77
Bei mir vorbeigeflogen ist,
Warst das nicht du? U -
Su Dunu Po
78
BEIM WEIN
79
Oder daß im kalten Norden
An dem fernen Schwalbenberge
Jener Hunnenüberwinder
In die Kriegstrompete stieß.
Kostbare Korallenschätze
Fielen ihm zur reichen Beute,
Da aus Schnee er trüglich baute
Eine leere Silberstadt.
Liu Ki Killd
80
SCHNEENACHT IM GEBIRGE
82
WINTERSTIMM UNO
ie Wintersonnenwende
D Läßt schon den Frühling ahnen,
Die Mandelknospen alle
Vernehmen sein leises Mahnen.
6* 83
Der Sturmwind braust durch die Lüfte
Verweht der Wildgänse Reih'n;
Die Sonne sinket nieder
Im roten Abendschein.
Du Yang Siu
84
AN DIE MANDELBLOTE
Li» Pu
85
WINTERGEDANKEN
Du 'Fu
86
WI NTE R MO R GEN
ie Wasser klar
W Leuchtet der Mond in der Winternacht.
Scharf weht der Wind,
Die Herhergtore sind dicht gemacht.
Aus tiefem Traum
Die raschelnde Ratte mich weckt.
Der Morgenreif
Dringt durch die hüllenden Decken mit Macht.
Schlaf nicht, schlafe nicht mehr!
Es wiehern die Rosse
Im Stall, die Knechte sind aufgewacht.
87
AN DER AHORNBROCKE BEI NACHT
VOR ANKER
Dschang Gi
88
DER FISCHER IM SCHNEE
89
WINTERWANDERUNG
Lu Gi
90
Schneereste au f cler kurzen Brü<ke
N ACHTGEDANKE.N
TsuiTu
92
ELEGIE
Han }!ü
93
WANDERERS SEHNSUCHT
in goldner Becher steht gefüllet
E Mit klarem Wein;
Auf Silberschalen prangen Speisen
Und laden ein.
94
Doch kommt einst die Zeit,
Da der Wind fährt hinter den Wellen her:
Dann schwellen die Segel
Zur Fahrt übers weite blaue Meer. -
LiTai B~
95
OBER DIE CHINESISCHE POESIE
ie- Poesie Chinas beruht auf der Magie des Wortes.
D Und zwar in doppeltem Sinn: als bezwingende und
als erregende kommt diese Magie zur Wirkung. Dunkel,
chaotisch bedrängen die Gefühle in ihrem Sturm das Herz.
Unsäglich sind die Leiden, die durch das Gewühl entstehen,
und die das Herz, in seiner Qual verstummend, irgendwie
zu bewältigen suchen muß. Da bietet sich der Laut und
zwar nicht nur der wirre Schmerzensschrei, sondern der
rhythmische Laut. Er wirkt gestaltend, ordnend. Das Un.=t
nennbare, Wilde wird zum Mythos. Es kann nun innerlich
angeschaut werden, und indem es geschaut wird, mildert
sich das wilde Wollen. So drängt die Fülle innerer Erleb.=t
nisse zum Ausdruck im Laut, im Lied. Die ältesten V olks.=t
lieder, die erhalten sind, sind kurze rhythmische Aufschreie,
denen natürlich erst die Musik den inneren Halt verlieh.
Seit alten Zeiten hat man in China Interesse für diese
unmittelbaren Äußerungen der Volkspsyche gehabt, und
kein Geringerer als Kungtse ist es gewesen, der uns im
ersten Teil seiner Liedersammlung (Schi Ging) Stimmen
der Völker de.r damaligen Welt gibt, wie sie sich im Volks.=t
lied äußerten. Denn diese Stimmen der Völker geben einen
Einblick in das Fühlen und Wollen der Massen. Sie ver.=t
raten dem kundigen Ohr, was dort in der Tiefe lebt und
webt. Und wohl dem Herrscher, der zu lauschen vermag
auf die Seele seines Volkes, die im Lied ertönt. Denn dieses
Volkes Stimme ist Gottes Stimme, die die Wirklichkeit
deutet. Alles kommt hier zum Ausdruck: das Gute und
das Böse, das im Volk und seinen Sitten lebt, so daß man
von hier aus erkennen kann, was not ist, wo Erziehung,
98
wo Förderung, wo Beschränkung eingreifen muß. Aber
ebenso zeigt sich in diesem treuen Spiegel der Charakter
und die Art der Herrschenden. Denn hier verbirgt sich
nichts. Wenn die Reden schweigen und das Volk sich duckt:
in den Liedern, den grollenden Liedern der Unterdrückten,
den Spottliedern der Unbestechlichen spricht es sich aus,
was das Volk an seinen Herrschern schaut. Und der Weise
achtet auf diese Stimmen. Hier sind die Keime von Sonnen.:'
schein und Sturm, von friedlichen und zerrissenen Zeiten.
Und wohl dem Mann, der die Zeichen der Zeit versteht,
der die Keime erkennt, die noch in der Entwicklung sind.
Denn ihm ist die Macht verliehen über das Unsichtbare.
Es liegt klar vor seinen Blicken ausgebreitet; denn er ver.:'
mag zu lesen im Lied des Volkes.
So ist diese älteste Volksliedersammlung des Kungtse
keineswegs nur aus ästhetischen oder historischen Gründen
zusammengebracht. Vielmehr enthält sie die Fibel für die
Herrscher, die zu lesen verstehen in der geheimnisvollen
Runenschrift, die in Gleichnisworten und Symbolen den
tiefsten Sinn des Lebens enthüllt. Darum gehörte die Kennt.:'
nis dieser Lieder zu den Grundbedingungen für Männer,
die wirken wollten in der Welt.
Aber nicht nur in diesem Sinne zeigt sich die Magie
des Wortes, daß durch das Lied dem Erkennenden enthüllt
wird, was verborgen lebt in den Tiefen. Sondern das Wort
gibt dem Gedanken eine Kraft. Es beflügelt den Willen und
hilft ihm zur Wirkung. Ein Gedanke, der die rechten Worte
gefunden hat, erhält dadurch ein Leben, daß er weiter
wirken muß, daß er eindringt in die Seelen der Menschen
99
und sie zwingt nach dem Willen dessen, der sich auf des
Wortes Magie versteht. So waren von alters her, wenn
Völker miteinander im Kriege lagen, Beschwörungen üblich.
Es mußte in klare, machtvolle Worte gefaßt sein, was der
Grund des Krieges war und was sein Ziel, dann wurde der
Bann auf die Krieger gelegt mit den Strafen, die auf Verrat
und Feigheit lasteten, und dem Lohn, der für Treue und Mut
zu erwerben war. Das gab dem Heere Kraft des Sieges.
Aber nicht: nur in K riegs zeiten mußte der Herrscher im Be:::
sitz der Magie des Wortes sein. Auch im Frieden war ihrer
Not. Wenn beim Opferfest die Glieder des Clans sich unter~
einander zusammentaten und sich gemeinsam hineinstellten
in die große Gemeinschaft mit den Geistern der Heimge.,..
gangenen, da war ebenfalls das Zauberwort nötig, das die
Brücke schlug vom Diesseits zum jenseits und das dieSeelen
der Lebenden in Berührung brachte mit den See1ep der Väter.
Und weiter, indem durch Wort und Ton und rhythmische
Bewegung - denn der Tanz ist in alten Zeiten immer ein
Teil der Musenkunst - die Gefühle gestaltet werden, die
in der großen Seele des Herrschers leben, geht ein Einfluß
aus von dieser heiligen Kunst auf alle, die unter der Gewalt
ihrer Töne und ihrer Bilder stehen. Es ist die Anschauung
von der Regenerationskraft des Gesamtkunstwerks in älte.,..
ster Zeit. So mußte es sich der Schöpfer unter den Menschen,
der Herrscher, auch angelegen sein lassen, daß die Kraft
seines Geistes sich verkörpere in der Kunst und dadurch
versittlichend, bildend wirke auf die Gemüter des Volkes.
Diese Macht des Gesangs findet ihren Ausdruck im
zweiten Teil des Liederbuchs, wo die Oden und Gesänge
100
bei den heiligen Opferfeiern der Herrscher des Altertums
gesammelt sind.
Die Vision des Kungtse von der Macht der Musik und
der Sitte war groß und erhaben. Er hat getan, was in
seinen Kräften stand, um ihr die Bahn zu brechen und
durch diese Macht der Welt den Frieden zu geben. Es
ist ihm nicht gelungen. Das alte China brach zusammen
im wüsten Kampf der rivalisierenden Großmächte. Mit
eherner Gewalt hat T sin schi huang ti das Werk vernichtet,
das Kungtse geschaffen. Und doch: die Gewalt blieb nicht
Sieger. Sie konnte zwar zerstören, vernichten, was morsch
und brüchig war, aber damit war ihr Beruf erfüllt. Und der
Zerbrecher ward zerbrochen. Auf den Trümmern aber des
Alten erhob sich eine neue Welt.
Das Haus Han war es, das im wilden Kampfe Sieger
blieb. Und nun mußte das ganze Kulturgebäude neu ge#
staltet werden. Und wieder waren es die geistigen Werte,
auf denen es aufgebaut wurde. Man sammelte die Reste des
Altertums. Man ahmte nach, man baute weiter. Aber lange
dauerte es, bis wieder eine Blütezeit des Geistes und der
Kunst sich erhob. Ein Zug der Müdigkeit, der Sehnsucht
ging durch das Volk. Und wieder entstanden Lieder. Man
weiß nicht,wer sie gedichtet. Aber siegaben derZeitstimmung
Ausdruck. Einfach und schlicht in der Form, ganz volksge#
mäß zeigen sie im Inhalt eine Heftigkeit des Gefühls, die ihnen
einen dauernden Platz in der Lyrik aller Völker sichert*.
'" Anmerkung: So gehören z. B. die Lieder der Mitternacht, von denen
man nicht sicher ist, ob Mitternacht der Vorname der Dichterin oder ein Pseu-'"
donym ist, zum Leidenschaftlichsten, was das Volkslied an Liebesliedern her....
vorgebracht hat.
101
Die lyrische Poesie erreichte ihren Höhepunkt in der
Tangzeit. Die lyrischen Gedichte eines Li T ai Be und
Du F u sind an harmonischem Ausgleich des Stimmungs.='
gehaltes und der Formvollendung dem Höchsten an die
Seite zu setzen, was auf diesem Gebiet im Verlauf der
Welt1iteratur geschaffen worden. Auf ganz engem Raum
-- oft nur vier Zeilen von sieben ja fünf Worten -- ist eine in
sich geschlossene Stimmung gezeichnet und ausgestaltet mit
den Reizen eines strengen Rhythmus, fester Wortreime,
zu denen sich dann noch Gedankenreime -- ein Gegen.='
bild zum hebräischen Parallelismus membrorum -- gesellen.
Diese komplizierte Form, die sich in ihrem Einfluß sowohl
auf den Sinn wie auf den Tonwert jedes einzelnen Wortes
erstreckt, erweckt bei den Meistern der Form die Vor.='
stellung einer vollkommenen Freiheit, als haben sich nur
aus dem Zwang inneren Erlebens heraus die Worte so
zusammengefunden, wie sie dastehen, weshalb denn ein
solches chinesisches Gedicht auch auf diejenigen Leser
einen vollen Eindruck macht, denen die Geheimnisse der
Formbildung gar nicht zugänglich sind. Die Prägnanz und
Kürze des Ausdrucks begünstigt dann noch besonders
die Ausbildung einer weiteren Eigenschaft, die der chi.='
nesischen Kunst allgemein eigen ist: der Fähigkeit, zwischen
die Zeilen Beziehungen, Stimmungen, Betonungen zu ver.='
legen, die nicht ausgesprochen, gerade durch das Verhaltene
besonders stark wirken. Ein bekanntes Gedicht von Li
T ai Be mag als Beispiel dienen:
"Die Marmorstufen weiß vom T aue leuchten
Die Nacht ist spät, das Kleid beginnt zu feuchten. --
103
Allmählich kamen nun die Dichter auf. Nicht mehr aus
den namenlosen Tiefen des Volkes allein sprudelt der
Quell der Poesie. Die Welt war umfangreicher geworden.
Von außen her drangen neue Gedankenmassen in China
ein. Damit hängt es wohl zusammen, daß die einzelnen
Persönlichkeiten sich schärfer abzuheben begannen. Gewiß
sind auch aus früherer Zeit Gedichte vorhanden, deren
Verfasser bekannt sind. Aber das sind meist Gedichte,
die aus bestimmtem Anlaß, zu bestimmter Gelegenheit von
Männern gemacht sind, deren eigentlicher Beruf ganz wo
anders lag. Aber die neue Zeit, die durch ihre religiöse
Richtung die Seele in den Vordergrund schob, war der
Entfaltung von eigentlichen Dichterpersönlichkeiten günstig.
Der Buddhismus, der von ihm befruchtete Taoismus, der
Süden mit seiner F üBe der Gesichte, wie er seit den Elegien
von T schu immer mehr dem alten Stil der Literaten eine
neue Nuance verlieh: das alles wirkte zusammen. Und so
entstand eine neue Kunst: die lyrische Dichtung. Noch
immer war die Musik ein wesentlicher Bestandteil des
Gedichtes. Durch ihre Melodien sind viele der neuen
Lieder ins Volk gedrungen und haben sich verbreitet,
während ihre Dichter mit der Zither und dem Schwert
auf ihren abenteuerlichen Fahrten das Reich durchwan#J
derten. Während die wech seInden Schicksale des Wander#J
lebens, der Wein und die Liebe, die Natur mit ihren großen
Bildern und ihrer Wirkung auf das Menschenherz den
Gehalt der neuen Dichtkunst bildeten, fand auch die Form
des Kunstwerkes eine immer weitergehende Verfeinerung
und Pflege.
102
Die lyrische Poesie erreichte ihren Höhepunkt in der
Tangzeit. Die lyrischen Gedichte eines Li T ai Be und
Du F u sind an harmonischem Ausgleich des Stimmungs.='
gehaltes und der Formvollendung dem Höchsten an die
Seite zu setzen, was auf diesem Gebiet im Verlauf der
Welt1iteratur geschaffen worden. Auf ganz engem Raum
-- oft nur vier Zeilen von sieben ja fünf Worten -- ist eine in
sich geschlossene Stimmung gezeichnet und ausgestaltet mit
den Reizen eines strengen Rhythmus, fester Wortreime,
zu denen sich dann noch Gedankenreime -- ein Gegen.='
bild zum hebräischen Parallelismus membrorum -- gesellen.
Diese komplizierte Form, die sich in ihrem Einfluß sowohl
auf den Sinn wie auf den Tonwert jedes einzelnen Wortes
erstreckt, erweckt bei den Meistern der Form die Vor.='
stellung einer vollkommenen Freiheit, als haben sich nur
aus dem Zwang inneren Erlebens heraus die Worte so
zusammengefunden, wie sie dastehen, weshalb denn ein
solches chinesisches Gedicht auch auf diejenigen Leser
einen vollen Eindruck macht, denen die Geheimnisse der
Formbildung gar nicht zugänglich sind. Die Prägnanz und
Kürze des Ausdrucks begünstigt dann noch besonders
die Ausbildung einer weiteren Eigenschaft, die der chi.='
nesischen Kunst allgemein eigen ist: der Fähigkeit, zwischen
die Zeilen Beziehungen, Stimmungen, Betonungen zu ver.='
legen, die nicht ausgesprochen, gerade durch das Verhaltene
besonders stark wirken. Ein bekanntes Gedicht von Li
T ai Be mag als Beispiel dienen:
"Die Marmorstufen weiß vom T aue leuchten
Die Nacht ist spät, das Kleid beginnt zu feuchten. --
103
Mit dem kristaHnen Vorhang schließt sie nun ihr Zimmer,
Da sieht der Herbstmond sie im Perlenschimmer."
104
dessen schwermütigem Einfluß das ganze Gedicht steht.
Diese Ökonomie der Mittel gibt auf die einfachste Weise
einen überwältigend starken Eindruck. Wenn man bedenkt,
daß aH diese feinen Beziehungen absichtlich verschwiegen
sind, und gerade durch dieses Schweigen dem Gedicht ein
unsichtbares Leben verleihen, so erinnern wir uns unwiH~
kürlich der chinesischen Landschaftsbilder, die ebenfalls so
stark wirken durch halbe Andeutungen und den leeren
Raum, den sie als Kontrast verwerten. Es ist, so seltsam
es klingen mag, hier eine innere Verwandtschaft mit der Art
des Rembrandt. Wie dieser aus Licht und Schatten Leben,
geheimnisvoll webendes Leben schafft, so die alten Chinesen
aus dem Gegeneinanderwirken von Ausgesprochenem,
Angedeutetem und Verhaltenem, Leerem.
In dieser Technik, die ganz bewußt nicht nur mit dem
Positiv ~ Wirklichen sondern ebenso mit dem Leeren, dem
"Nichts arbeitet, findet sich eine Auswirkung der philo~
U
105
bildern oder den hingehauchten Landschafts .... , Blumen ....
und Fruchtstücken in der Malerei die Bildrollen zur Seite
treten, die in fortlaufender Reihenfolge wie die Wandel....
szenen im Parzival, wo die Zeit zum Raume wird, durch
eine ganze Landschaft führen, wobei die einzelnen Aus ....
schnitte in unmerklichen Übergängen einander folgen und
so ein Bild geschaffen wird, das nicht auf einen Überblick er....
faßt werden kann, sondern erst im aHmählichenEntrollen sich
vor dem Beschauer wie eine symphonische Folge vorüber....
bewegt, so treten in der Poesie den lyrischen Stimmungs ....
bildern diese ausgeführteren Arbeiten zur Seite, in denen ein
zeitficherbzw. räumlicherVerfaufsichvordemLeserentfaltet. .
Indem diese Stücke weniger durch prägnante Form und
konzentrierten Gehalt wirken, ergibt es sich von selbst
daß sie durch Gedanken auch philosophischer Art ein
gewisses inneres Schwergewicht erhalten. Je nach der Rich.='
tung, der der Dichter angehört, werden die philosophischen
Gedanken mehr taoistische oder konfuzianische Färbung
haben. Doch kommt gerade in diesen Stücken neben der
eigentlichen Schulrichtung in weitem Ausmaß auch die
persönliche Anschauung zu Worte.
Diese Literaturgattung, die in Europa im allgemeinen
noch wenig bekannt ist, hat gerade dadurch ihre beson.='
deren Reize, daß sie zeigt, wieviel von den philosophischen
Gedanken in das eigenliche Leben aufgenommen worden ist.
Wie seltsam berührt es z. B., daß in der chinesischen Poesie
nicht nur die Liebesgefühle mit ihrer reichen Stimmungs.='
skala vom Jubel der Erfüllung bis zum Schmerz des dau.='
ernden Verzichtes zu Worte kommen, nicht nur die lyrischen
106
Stimmungen, die sich aus dem Einfühlen in die Natur und
dem Miterleben ihres Wechsels ergeben, sondern auch die
Familiengefühle: Kindesehrfurcht, Bruderliebe usw., die bei
uns zwar sehr moralisch, aber eben so trocken und un.::'
poetisch erscheinen, zum leidenschaftlich gesteigerten Aus.::'
druck kommen. Ein abgemildertes, aber immerhin bezeich.::'
nendes Stück haben wir in der bekannten Einladung des
Dichters Li T ai Be an seine Brüder zum Frühlingsmahl
im Pflaumen.::' und Pfirsichblütengarten :
"Der Himmel und die Erde
Sind aller Dinge Herberg nur.
Die flüchtige Stunde
Ist Wandergast der Zeit allein.
Wir schwimmen durch das Leben
Als wie in einem Traum,
Und alles fröhliche Lachen
Ist aus, eh' man's gedacht.
Die Alten machten mit Fackeln
Die Nacht zum verlängerten Tag:
Sie wußten wohl, warum -
Nun lockt uns heute der Frühling
Mit seinen duftigen Fernen,
Und unsere liebe Erde
Erstrahlt in bunter Schönheit:
Da woHen im Dufte der Blüten
Von Pflaumen und Pfirsich wir weilen,
Und woHen der heiligen Bande
Der Bruderliebe uns freuen.
107
Ihr alle, meine Brüder,
Seid ja berühmte Männer,
Ich singe meine Lieder
Bescheiden im Hintergrunde.
Noch sind der stillen Freuden
Gar manche für uns zu haben.
Wir plaudern von hohen Dingen,
Und lieblich fließt das Gespräch.
108
an. die Brüder. Hier in der Familie menschlichem Zusam.=
mensein ist ein traulicher Ort mitten im fremden Verrauschen
der Stimmen der äußeren Natur. So finden die Zusam.=
mengehörigen sich zusammen und bilden durch ihre Ge.=
meinschaft ein Bollwerk gegen die fremde Einsamkeit der
Natur. Man plaudert von hohen Dingen und öffnet durch
den Wein auch der Welt der Gefühle die Tore, die sich
dann zu äußern Gelegenheit hat in dem improvisierten Lied,
wie es die Stunde erzeugt.
Einen andern Verlauf nimmt das berühmte Stück von
Wang Hi Dschi', welches das Zusammensein von 42 Ge.=
lehrten beim Orchideenpavillon schildert, ein Gegenstand,
der auch in der chinesischen Malerei eines der vielen wieder.=
kehrenden Themen geworden ist. Das Problem in der Malerei
besteht darin, die verschiedenen Beschäftigungen und Typen
der alten und jungen Gelehrten zu bringen, der Pavillon,
in dem gemalt, geschrieben, gelesen und beschaut wird, die
verborgenen Winkel des Bambushains, in denen kleinere
Gruppen im Gespräch beisammensitzen, endlich der Bach,
der als verbindendes Band das ganze Gemälde durchzieht,
und die Weintassen, die auf Lotosblättern schwimmend
vom einen dem andern zugeschickt werden: alles das wird
von den verschiedenen Künstlern je nach ihrer Auffassung
und Bildungshöhe verwendet, wobei dann mancher es nicht
verschmäht, den Gegensatz des Anfangs, da einzeln und
nüchtern die Festteilnehmer mit ihren Dienern sich ein.=
finden, zum Schluß, da der eine oder der andre im seligen
Weintraum nach Hause gestützt werden muß, besonders
hervorzuheben. Aber immer behält der Gegenstand für
109
den Maler etwas Gewagtes, wie etwa die Gesellschafts.='
bilder der HoHänderJ wegen der Menge der gleichartig Be.='
schäftigten. Natürlich ist, daß gerade das Schwierige des
Vorwurfs auch immer wieder die Künstler reizte, die
Schwierigkeiten durch neue Be1ebungen zu lösen.
Dem Dichter stehen noch andere Mittel zu Gebote.
Er hat neben der äußeren Schilderung die Belebung durch
Stimmung zur Verfügung. Und da gestaltet er dramatisch.
Und zwar umgekehrt wie Li Tai Be. Während bei Li Tai
Be die Nacht, das Dunkle des Schicksals, der Vergäng.='
lichkeit, verscheucht wird durch den traulichen Raum der
Familienzusammengehörigkeit, geht Wang Hi Dschi vom
Frühling aus, da im alten China ein Vegetations.=' und
Sühnefest gefeiert wurde, das in seinem äußeren Treiben
oft an den Mummenschanz unseres Karnevals erinnerte.
Die Gelehrten haben sich zu einem Zusammensein höherer
Art eingefunden. Nach der langen Winterkälte genießt man
doppelt die Schönheit des wiederkehrenden Frühlings. Die
Mannigfaltigkeit der Wesen, die neu erwacht am Grunde
wimmeln, findet ihr Gegenstück in der Mannigfaltigkeit
der persönlichen Charaktereigenschaften der versammelten
Freunde. Und bei aller Mannigfaltigkeit herrscht die Har.='
monie der inneren Beziehungen, die ihren Abschluß findet
in den Worten: "Was die Gegenwart gewährt, befriedigt
1I
und läßt des Alters NahJn vergessen.
Wie auf die Fastnacht der Aschermittwoch folgt, so
wird das heiter klare Bild getrübt von dem Gedanken an
die Vergänglichkeit, der wie ein plötzlicher Nebel in der
Seele aufsteigt. Und nun richtet sich die dunkle Schwermut
110
auf, die ebenso wie in der heitern griechischen Kultur auch
in der chinesischen im tiefsten Grunde schlummert. Was
ist der Mensch inmitten der Vergänglichkeit? Der Taoisa
muS hatte eine Lösung gegeben: Alles Vergängliche ist nur
ein Gleichnis. Wenn auch alles einzelne wechselt, der Sinn,
der Lauf, das Gesetz alles Geschehens ist ewig. Und das
Ich tanzt ewig diesen Tanz bald in dieser, bald in jener
Maske. Wer aber diesen Schleiertanz durchschaut, der wird
sich nicht mehr grämen über die Rolle, die sein augenblicka
liches Individuum spielt. Sie wechselt ja: Wer heut' als
Säugling stirbt, führt nächstens vielleicht ein Dasein, das erst
im hohen Greisenalter sein Ziel findet. Darum ist es für den
Erkennenden gleichgültig, wo er seinen Platz imLebenfindet
Wang Hi Dschi, der Konfuzianer, ist von dieser Lösung
nicht befriedigt. Denn sie erkauft für ihn die Ewigkeit nur
um den Preis der Wirklichkeit des individuellen Daseins.
Aber nur das Individuum ist für ihn das Wirkliche inmitten
der von ihm unabhängigen Außenwelt der Dinge. Und
dieses Individuum vergeht - unwiederbringlich! Und
dieses Individuum leidet darunter, daß es dieses Schicksal
erdulden muß. Kein Hinweis aufUnsterblichkeitshoffnungen
sucht die Härte dieser Dissonanz zu mildern. Sondern die
Lösung liegt darin, daß man die Schwermut bewußt ausa
klingen läßt und dann begreift als Menschenlos. In dieser
Gemeinsamkeit des Leidens liegt eine Sympathie, die von
Geschlecht zu Geschlecht die Erbschaft der geheimen
Schwermut weitergibt.
Eine andere Lösung war für den konfuzianischen Standa
punkt nicht wohl möglich, sobald er sich von den großen
111
sozialen Zusammenhängen in Staat und Familie dem
Einzelmenschen zuwandte, der ja für ihn doch die letzte
erreichbare bewußte Realität ist. Er weist jede Verbrämung
des Gesichtskreises nach dem Jenseits zu, die mit gau ...
kelnden Bildern himmlischer Freuden oder dem nebelhaften
Ausblick in erneut zu durchlaufende Daseinsformen die
bittre Wirklichkeit sanft umschleiert, mit bewußter Ehrlich ....
keit ab, er ist mit dem alternden Faust der Meinung:
Was braucht er in die Ewigkeit zu schweifen!
Was er erkennt, läßt sich ergreifen.
Aber gerade dieser Umstand ist es, durch den die Sorge
Macht gewinnt, und diese Schwermut wird hier unum"..
wunden ausgesprochen.
Von anderer Art als Wang Hi Dschi' ist Tau Yüan
Ming. Auch auf dem Grunde seines Wesens ruht ein tiefer
Zwiespalt, der Widerstreit zwischen den Ansprüchen,
die ein ehrlicher, begabter und strebend sich bemühender
Mensch zu erheben berechtigt ist, innerhalb der Kultur....
gemeinschaft, in der er sich befindet, und zwischen den
Tatsachen, daß diese Ansprüche für den geradsinnigen,
aufrechten Mann, der keine Konzessionen zu machen ent....
schlossen ist, sich so häufig nicht durchsetzen lassen. So
schied er mit bitterm Leid aus der öffentlichen Welt und
kehrte heim zum still zurückgezogenen Landleben. Aber
er ist zu stolz, um diese Enttäuschung sich einzugestehen. So
schmückt er denn dieses Landleben mit allen Reizen der
Idyl1e und malt in der Geschichte vom PfirsichblütenqueH
das Idealbild eines still friedlichen Daseins aus, das ferne
112
vom Getriebe der Weh in anderen Daseinsebenen sich
vollzieht. Wie durch Zufall kommt der Fischer von Lu
Ling dazu, diese friedliche Welt zu schauen. Und wieder~
gefunden hat er sie nicht. Denn diese Welt ist ferne von
der Menschen Treiben, und mit Gewalt kommt man nicht
hinein. Das Bild ist hell in hell gemalt, voll Sonnenschein
und ruhigem Glück. Nicht ohne einen Anflug von Humor
ist es, wie unwissend die Leute sind über alles, was auf
Erden geschieht; alle Kämpfe und Revolutionen, die den
Menschen draußen so lebenswichtig waren, sind für sie
nur Gegenstand verwunderlicher Mär beim Abendessen.
Aber hinter diesem hellen Sonnenschein lauert doch auch
bei Tau Yüan Ming die Bitternis in den Worten: "Seit~
dem hat niemand nach dem Weg gefragt!U Ganz leise
und gedämpft klingen hier die Akkorde des Hölder ~
linschen Schicksalsliedes an, das auch auf der Spannung
beruht zwischen dem seligen Dasein einer lichten F riedens~
welt und der ewigen Unruhe, die dem Menschenvolk be~
schieden ist.
Ganz anderer Art als die Stücke dieser beiden Männer
sind Su Dung PO'S zwei Fahrten nach der Roten Wand.
Su Dung Po hatte so viel ästhetisch Ausgeglichenes in
seinem Wesen, daß er mit einer solchen Dissonanz der
Lebensanschauungen sich nicht hätte zufrieden geben
können. Er war Künstler nicht nur des Worts und der
Farbe, sondern vor allem Lebenskünstler. Und darum be~
durfte er auch für seine Lebensauffassung einer harmo~
nischen Lösung. Die fand er nun im Taoismus. Er selbst
war aufgewachsen in den Gedankengängen der konfuzia~
8 W i 1hel m, Jahreszeiten 113
nischen Gesellschaftsauffassung und dachte nicht daran,
diese Grundlage zu verlassen. Aber er bereicherte sie durch
die philosophische Gedankenarbeit, die Dschuang Dsi', der
Lieblingsschriftst.el1er von Su Dung Po, geleistet hatte.
Mit kristallener Klarheit gibt er diese Anschauung in
der ersten Fahrt zur Roten Wand. Die Rote Wand ist
eine Lehmwand am Ufer des Yangtse. Dort hatte eine
große Wasserschlamt im Altertume stattgefunden, bei der
die Flotte der einen der kämpfenden Mächte verbrannt
wurde, so daß durch die Hitze die Wand am Flußufer rot
gebrannt worden sei.
Hier war nun ein Thema gegeben, bei dem jene elegische
Stimmung von der Vergänglichkeit alles Irdischen sehr
leicht erklingen konnte. lInd S u Dung Po hat auch diese Note
angeschlagen in der Schilderung des Flötenliedes seines
Freundes und den Worten, mit denen dieser seiner Stimmung
Ausdruck gibt. Auch hier überbietet Su Dung Po diese
weltschmerzliche Stimmung durch den milden Schein tao;:,
istischer Weisheit, den er über die Stimmung ausgießt.
Sehr fein sind die Mittel, die er anwendet. Die Außen ...
welt ist ihm nicht mehr die schlechthin feste und gegebene
Wirklichkeit, innerhalb derer derMensch sein vorübergehen ...
des Dasein führt. Sondern dieWirklichkeit wird aufgefaßt als
Produkt zwischen den Dingen an sich und der menschlichen
Sinnesorganisation. Der Mond und das Rauschen des
Wassers, sie werden zur Lichterscheinung bzw. zum Ton
uns dadurch, daß sie von Auge oder Ohr aufgenommen
werden. Damit ist also gezeigt, daß zwar das Geschehen
in fortwährendem Flusse ist und das von Himmel und
114
Erde nicht weniger als das des Menschen, aber andererseits
ist das Subjekt als Bedingung der Wirklichkeit ebenso ewig
wie die Dinge; denn das Ewige in aller Erscheinungen
Wechse1 sind nicht die Einzelphasen des Geschehens,
sondern die Gesetze, die Formen, in denen sich alles be.='
wegt.
Zu diesem Gedanken kommt noch ein anderer. Inner.='
halb der Menschenwelt ist alles begrenzt und beschränkt.
Individuum behauptet hier seine Rechte gegen Individuum.
Hier gibt es nur entweder Kampf oder Verzicht. Und was
der Weise da zu wählen hat, kann nicht zweifelhaft sein.
Aber in der Natur ist alles frei und unerschöpflich. Hier
liegen KraftqueHen, die jeder ausnutzen kann, um sein
Leben zu bereichern, ohne daß er einem andern darum
etwas entzieht. Diese ästhetische Erwägung vollendet die
Beweisführung des Weisen gegen die Schwermut, die
aus dem konfuzianischen Weltgefühl sich ergab. Man
sieht, welche Fortschritte die Gedankenentwicklung in den
Jahrhunderten gemacht hatte, die zwischen dem Aufsatz
des Wang Hi Dscht und der Dichtung des Su Dung Po
liegen.
Die zweite Fahrt zur Roten Wand kann sich an Ge.='
dankentiefe mit der ersten nicht messen. Sie ist nur sozu.='
sagen ein Nachhall von jener. Die Vergänglichkeit der
Naturstimmungen tritt klar heraus. Das Historische tritt
zurück. Phantastisch.='romantisches Erleben faßt Wachen
und Traum zu einer Einheit zusammen.
Wieder auf andere Weise als Su Dung Po gibt sich Ou
Yang Siu in seinem Pavillon des trunkenen Greises. Das
115
Ganze hat einen humorvollen Charakter, der sich schon
in der Art zeigt, wie Fragen und Antworten miteinander
spielen. Natur und Menschenleben ist hier in eins geschaut.
Wie eine Bilderrolle entfaltet sich das Ganze vor unserm
Blick. Die Tages.... und Jahreszeiten, die Bevölkerung und
endlich die Gäste: alles zieht behaglich breit vor unserm
Auge vorüber. Nichts hastet. Die Bilder wechseln wie in
einem Spiegel. Alles ist mit Wohlwollen betrachtet. Und
doch gehört keinem T eil das letzte und höchste Interesse.
Der Dichter sitzt still beschaulich mitten innen, sich freuend
an all dem Treiben, das sich um ihn her entfaltet. Gar
hübsch ist der Abschluß, wie die Schatten der Gäste im
Schein der sinkenden Sonne und unter den Wirkungen des
genossenen Weins durcheinanderwirren, wie es dann ruhig
im Walde wird, und alle Wesen auf ihre Art sich freuen:
die Vögel, daß sie endlich allein sind, die Gäste, daß sie
wieder einen vergnügten Tag zusammen verbracht, und er
selbst, der Gaugraf, schaut alles in einem und freut sich
über jedes in seiner Art. Und während alles sonst nur die
unmittelbare Freude kennt, tritt er nun mählich hinter dem
bunten Schleier hervor, dessen Gewebe sein Werk ist, das
er in schöpferischer Freude genießt, und nimmt lächelnd
Abschied vom Leser, der ihn auch wie einer seiner Gäste
begleitet hat.
So zeigt sich auf mannigfache Weise der Geist, die
Gesinnung, die Lebensauffassung, wie sie die Philosophie
in China hervorgebracht, im Spiegel der Dichtkunst und
verleiht ihr einen besonderen Reiz.
116
DIE DICHTER
s kann sich nicht darum handeln, mit Jahreszahlen und
E Daten eine Biographie der sämtlichen Namen zu geben,
die bei den Gedichten als Verfasser genannt sind. Es hat
kein Interesse, die Examina kennen zu lernen, die sie ge~
macht haben, die Ämter, die sie bekleidet, die Absetzungen
und Wiedereinsetzungen, die sie erlebten. Nur einige der
bedeutendsten der Dichter der nachchristlichen Epoche, die
in ihrem Wesen und Erleben repräsentativ waren, sollen
im folgenden einzeln aufgeführt werden.
117
heit. Neben den Arbeiten in Feld und Haus und seiner
literarischen Tätigkeit beschäftigte ihn hauptsächlich die
liebevolle Pflege der Blumen. Das Chrysanthemum in seiner
späten Pracht hat er geliebt und gepflegt und hat seinen,
Ruhm auch im Gedicht verherrlicht. Fünf Weidenbäume
standen in der Nähe seines Blumengartens, nach denen er
sich zuweilen der "Lehrer bei den fünf Weiden" nannte.
Frühling: Die Sage vom Pfirsichblütenquell.
Sommer: Beim Lesen des Buches von den Bergen und
Meeren.
Herbst: Chrysanthemen.
118
hatte, und rief ihn zurück. Doch starb er nicht lange nach
seiner Wiedererhöhung.
Er stammt aus dem Süden Chinas, der Kantonprovinz.
Herbst: Mondgedanken.
119
mit zehn Jahren war er ein Dichter. Mit Leier und Schwert
zog er durch die Lande auf der Suche nach Abenteuern.
Er wanderte so nach Osten quer durch das ganze Reich -
er stammt aus der westlichsten Provinz Setschuan - bis
er nach Schantung kam. Dort ließ er sich mit fünf Ge~
nos sen im Gebirge nieder und bildete mit ihnen die Gemein~
schaft der sechs Eremiten vom Bambusbach. Es waren
lauter trinkbare Männer, die das Leben genossen bei Wein
und Gesang. Nicht allzu lange hielt er es dort aus. Weiter
führten ihn seine Wanderungen westwärts bis zur Kaiser.::
stadt Tschangan, wo er bald von Männern in hervorragen.::
der Stellung erkannt wurde. Damals war um den Herrscher
Ming Huang vom Hause Tang ein Musenhof versammelt,
in dem bald Li T ai Be die Führung übernahm. Der Kaiser
bereitete ihm selbst eine Schale Speise zu und ernannte ihn
zu den höchsten Ehrenämtern. Allein auch inmitten des
Hoflebens blieb er sich selber treu. Als er einst vom
Herrscher in Audienz berufen wurde, lag er gerade be....
trunken auf der Straße, und erst nachdem man ihm den Kopf
tüchtig mit kaltem Wasser gewaschen hatte, ward er fähig,
vor seinen hohen Herrn zu treten.
Der Kaiser und mit ihm der ganze Hof war entzückt
von den Reizen der Yang Gui Fe, und Li T ai Be hat sie
durch manche seiner Verse verewigt. So saß er einst in
Gegenwart des Herrschers. Eine Hofdame hielt ihm die
Tuschschale, und er warf mit kühnem Pinsel ein Gedicht
hin, von dem der Kaiser so begeistert war, daß er dem
alten ehrwürdigen Hofeunuchen Gau Li Schi' befahl, vor
dem Dichter niederzuknien und ihm die Schuhe auszuziehen.
120
Darüber war jedoch der alte Hämling bitterböse. Es ge.:=
lang ihm, der Yang Giu Fe einzureden, daß sie vom
Dichter nur immer verspottet worden sei und daß seine
Neigungen auf ganz andere Bahnen gehen. Der Eifersucht
der mächtigen Favoritin gelang es, den Dichter aus der
Gunst seines Herrn zu verdrängen. Es kam zu einer
Szene und acht der begabtesten Mitglieder des Musenhofes
zogen fort. Ungern nur ließ der Kaiser sie ziehen und gab
ihnen reiche Spenden mit auf den Weg. Während das Un.:=
heil über den Hof hereinbrach, zogen sich die acht auf
ihre Art vom Getriebe der Welt zurück und bildeten die
GeseHschaft der "Acht unsterblichen T rinker". Später
wurde der Dichter in politische Intrigen verwickelt, was
ihm beinahe den Kopf gekostet hätte. Doch war ihm ein
friedlicherer Tod bestimmt. Ein Verwandter bot ihm Zu.:=
flucht. Im Boot unterwegs spülte er des Lebens Jammer
im Weine von seiner Seele. An den Rand des Schiffes ge.:=
lehnt sah er das Bild des Mondes aus den WeHen grüßen.
Die Mondfee lächelte ihm zu. Er woHte sie umarmen.
Dabei versank er in den Wogen.
Frühling: Waldgespräch.
Sommer: Mit dem Ging Ting Berg allein.
Herbst: Erinnerungen, Einsamkeit.
Winter: Wanderers Sehnsucht.
121
lichen Examensleiter der Gelehrten emporzusteigen, miß.:
lang. Doch zog er durch seine Dichtung die Aufmerksam.:
keit des Herrschers Ming Huang aus dem Hause Tang
auf sich, und so kam er zu Hofe. Da es ihm zwar an Geld,
aber nicht an Selbstbewußtsein gebrach, verlangte er Er.:
höhung seiner Einkünfte und erhielt sie auch bereitwillig
zugestanden. Doch kam bald darauf die Revolution zum
Ausbruch, die den Herrscher vom Thron stieß und ihn
in Verbannung brachte. Er wurde zwar später wieder zu;::
rückberufen und erhielt eine Stelle als Zensor. Da er aber
in dieser Stellung unerschrocken gegen alfe Mißbräuche
Front machte, wurde er vom Hof entfernt und ging frei;::
willig in die Verbannung. Im wilden Westen führte er dann
jahrelang ein Wanderleben. Er ward zurückberufen und
erhielt einen Posten im Ministerium der öffentlichen Arbei;::
ten. Doch nach sechs Jahren kehrte er zu seinem Wander;::
leben zurück. Als er in Hu Kuang Trümmer vergangen er
Herrlichkeit einsam aufsuchte, wurde er von einer Über;::
schwemmung überrascht und mußte Zuflucht suchen in
einem verlassenen Tempel, wo er 10 Tage lang von W ur;::
zeln lebte. Man suchte nach ihm und rettete ihn, doch
starb er am andern Tag an den Folgen eines reichlichen
Mahls mit Braten und Wein, das dem durch langen Hunger
erschöpften Dichter über die Kräfte ging.
Sommer: Kahnfahrt.
Winter: Wintergedanken.
122
HAN yO. 768-824 n. ehr.
Han Yü gehört zu den Aufrechten aus dem konfu;::
zianischen Lager zu einer Zeit, da der Wind der höchsten
Gunst in ganz anderer Richtung wehte. Zart von körper;::
licher Konstitution und ohne glänzende Begabung zeich;::
nete er sich von früher Jugend an durch den ehernen Fleiß
aus, der dem Nordchinesen eigen ist. Er erreichte dann
durch bedeutende literarische Leistungen, daß er zu Amt
und Würden kam. Aber auch in höchster Stellung an der
Spitze des Kultusministeriums verleugnete er seine Über;::
zeugungen nicht, die allem Aberglauben streng entgegen;::
gesetzt waren. So war er ein abgesagter Feind der tao;::
istischen und buddhistischen Religion. Durch seinen ener;::
gischen Protest gegen die Feierlichkeit, mit der ein Knochen
Buddhas bei Hofe empfangen wurde, zog er sich den vollen
Zorn des Herrschers Hsiän Dsung zu und nur der Für;::
sprache mächtiger Freunde verdankte er es, daß er seine
Kühnheit nicht mit dem Tode büßen mußte, sondern nur
in den Süden unter die wilden Stämme der Eingeborenen
verbannt wurde. Mit dieser Verbannung hängt eine Anek::"
dote zusammen, die in der Elegie <Winter 12) ihren Aus;::
druck findet. Han Yü hatte einen Neffen Han Siang, der
in seinem ganzen, dem Zaubertaoismus zugewandten
Wesen ihm diametral zuwider war. Als dieser Neffe einst
ein Gedicht gemacht, in dem die Blumen im Augenblick
zu blühen beginnen, tadelte er ihn. Da habe der Neffe ein
wenig Erde unter eine Schale getan. Als er die Schale
wieder aufhob, sei eine Pflanze mit zwei Blüten darunter
emporgewachsen gewesen, auf deren Blättern mit goldnen
123
Buchstaben geschrieben stand:
" Wolken decken die Gipfel, wie ferne die Heimat im Dunkel,
Schnee versperret den Pfad, scheuend versagt mir das Pferd."
"Das wirst du später verstehen", soll Han Siang seinem
Oheim gesagt haben, als dieser sich über die Verse wunderte.
Wie Han Yü nun auf dem Weg nach dem Ort der
Verbannung war, habe er sich plötzlich in der von jenen
Versen gezeichneten Situation befunden und gleichzeitig
sei Han Siang aufgetaucht, der ihn an jene Szene erinnert
und ihm weiter geholfen habe.
Han Y ü ertrug die Verbannung mannhaft. Er verbrei.='
tete unter den damals noch wilden Eingeborenen von
T schaudschoufu Kultur und gesittete Formen. Ja, die
sittigende Kraft seines Wesens sei so weit gegangen, daß
es ihm gelungen sei, ein großes Untier, das jene Gegend
unsicher machte, zum Weggang zu bewegen, indem er ihm
ein Schwein, eine 7iege und eine im klassischen Stil ver.='
faßte Drohung vorwarf. Dieser Macht war das Untier
nicht gewachsen und verschwand.
Nicht sehr lange war er in Verbannung, als er nach der
Hauptstadt zurückberufen wurde. Allein er war vorzeitig
alt geworden und seine geschwächte Gesundheit erlag einer
schweren Krankheit, von der er befallen wurde.
Sommer: Bergfelsen. Winter: Elegie.
124
seinen literarischen Wert achtet, so ist doch seine Persön;:::
lichkeit den alten loyalen Konfuzianern etwas verdächtig.
Er war an mehreren politischen Intrigen beteiligt. Trotz;:::
dem gelang es ihm immer wieder durch einflußreiche Ver;:::
bindungen prominente Stellungen einzunehmen. So starb
er in hohem Ansehen. V orher aber hatte er die Wechsel;:::
fäHe des Lebens zu erfahren, zumal da eine satirische Ader
in seiner Poesie ihn oft in Konflikt mit seinen Vorgesetzten
brachte. Eine Zeitlang lebte er in der Zurückgezogenheit
mit einigen bedeutenden Freunden zusammen, von denen
der eine ihn dann wieder hochgebracht hat. Aus dieser
Zeit der Zurückgezogenheit stammt die stolz bescheidene
Inschrift in seiner "Ärmlichen HütteN.
Sommer: Die ärmliche Hütte.
125
gehalt aus. Davon ließ er sich ein Grab bauen bei dem
Dorf, in dem er so viele Jahre gelebt. Dort wurde er be~
graben mit seinem letzten Gedicht neben sich im Sarge.
Winter: An die Mandelblüte.
126
DSCHOU DUN I. 1017-1073 n. Chr.
Dschou Dun I stammt aus der Zentralprovinz Hunan.
Philosoph, Richter und Offizier erlangte er durch seine
Weisheit immer größeren Ruhm. Ein älterer Gelehrter
aus dem Süden wollte sein Schüler werden. Während er
ihm antwortete, daß er dazu schon zu alt sei, fand er sich
bereit, die beiden Söhne jenes Mannes T schong Hau und
T schong I als seine Schüler anzunehmen. Von ihnen ging
die große Erneuerung der konfuzianischen Philosophie zur
Zeit der Sungdynastie aus, die in Dschu Hi ihren Höheo#
punkt erreichte.
Dschou Dun I war pflichttreu bis zum Äußersten, selbst
auf Kosten seiner Gesundheit. In seinen Mußestunden
beschäftigte er sich mit dem Buch der Wandlungen, zu
dem er zwei Erläuterungen schrieb.
Sommer: Liebe zum Lotos.
127
einige seiner Reformen sehr bedenkliche Seiten hatten und
sicher dazu beitrugen, die nachfolgende schwere Erschüt~
terung des Staates vorzubereiten. Er wurde gestürzt und
verbannt, ohne sich jedoch in seinen Anschauungen irgend~
wie irremachen zu lassen. Er war bekannt wegen seiner
bis zum Äußersten gehenden Einfachheit und seines Eigen~
sinnes. Nicht lange blieb er in Ungnade, da wurde er wieder
in Amt und Würden zurückberufen. Doch zog er sich nun
bald ins Privatleben zurück, wo er starb, nachdem er die
Abschaffung al1 seiner Reformen noch hatte miterleben
müssen.
Frühling : Frühlingsnacht.
128
testen vielleicht ist die Zeit, die er am Westsee bei Hang.='
dschou verbracht hat, der in seinen Inselanlagen und Bau#
werken'" noch jetzt die Spuren seiner Tätigkeit zeigt. Sein
hoher Schönheitssinn verlieh ihm die Möglichkeit zu ver#
feinertem Lebensgenuß in Natur und Gesellschaft. Daneben
zeigte er philosophischenTiefsinn taoistischer Richtung, ver#
bunden mit kritischer Schärfe des Urteils. Auch ist er neben
seiner Dichtung durch den Schwung seiner Handschrift
und die flüssige Kraft seiner Malereien berühmt.
Frühling : Frühlingsnacht.
Sommer : Frühsommer, Erwartung.
Herbst: Erste Fahrt zur Roten Wand.
Winter: Z weite Fahrt zur Roten Wand.
SOMMER
1. Frühsommer. . '. Su Dung Po 25
2. Sommerlandschaft Liu Ki King 26
3. Kahnfahrt 1-2 Du Fu 27
4. Der Neumond . . Li Duan 28
5. Erwartung . . . Su Dung Po 30
6. Nach dem Gewitter Ou Yang Siu 32
7. Die Lotosblume . . Dschung Schu 33
8. Die Liebe zum Lotos Dschou Dun I 35
9. Der Fischer . . . . Liu Dsung Yüan 38
10. Die ärmliche Hütte. Liu Yü Si 39
11. Bergfelsen . . . . . Han Yü 40
12. Sommerabend in den Bergen Wu Yün 42
13. Beim Lesen des Buches von
den Bergen und Meeren Tau Yüan Ming 43
14. Mit dem Ging Ting Berg allein Li Tai Be 44
15. Der Pavillon des trunkenen
Greises Ou Yang Siu 45
HERBST
1. Erinnerungen . . Li Tai Be 51
2. Die Mondfee . . Li Schang Yin 52
3. Herbst im Gebirge WangWe 53
Seite
4. Die durchwachte Nacht . Han Yi 54
5. Herbstgedanken Volkslied 56
6. Das Lied . . Volkslied 57
7. Trennung. . . Volkslied 58
8. In der Ferne. . Volkslied 59
9. Im Gefangenenlager. Li Yi 60
10. Gruß in die Ferne . Volkslied 61
11. Einsamkeit . . . . Li T ai Be 62
12. Die Chrysanthemen. '. Tau Yüan Ming 64
13. Mondgedanken . . . Dschang Giu Ling 65
14. Nachteinsamkeit . . Unbekannt 66
15. Erste Fahrt zur Roten Wand Su Dung Po 68
WINTER
1. Zweite Fahrt zur Roten Wand Su Dung Po 75
2. Beim Wein . . . . . . Liu Ki King 79
3. Schneenacht im Gebirge . Liu Tschang King 82
4. Winterstimmung . . Ou Yang Siu 83
5. An die Mandelblüte Lin Pu 85
6. Wintergedanken . . Du Fu 86
7. Wintermorgen . . . T sin Schau Yu 87
8. An der AhornbrückebeiNacht
vor Anker Dschang Gi 88
9. Der Fischer im Schnee Liu Dsung Yüan 89
10. Winterwanderung . Lu Gi 90
11. Nachtgedanken. . . Tsui Tu 92
12. Elegie . . . . . . Han Yü 93
13. Wanderers Sehnsucht Lf Tai Be 94
DIE RELIGION
UND PHILOSOPHIE CHINAS
Aus den Originalurkunden übersetzt und herausgegeben von
RICHARD WILHELM=TSINGTAU
ANLAGEPLAN DES 10 BÄNDIGEN UNTERNEHMENS
I. Die nfassisc6e Re!igion und Philosophie.
Bd. 1. Die Relig~on der Urzeit. Auswahl aus den Büchern der Ur=
kunden <SCHU=GING), der Lieder <SCHi'=GING) und der
Wandlungen <I=GING)
Bd. 2. KUNGFUTSE, Gespräche <LuNym. 7. Tausend.
br. M 35.-, geh. M 45.-
Bd. 3. Große Lehre <DAHOO), Maß und Mitte <DSCHUNG
YUNG), Das Buch von der Ehrfurcht <HIAU GING), sowie
eine Auswahl aus dem Buch der Riten <LI GI)
Bd. 4. Mong Dsi <MONG KO). 5. Tausend. br. M 30. -,
geb. M40.-
11. Die Zeit der Kämpft.
Bd. 5. MENSCH UND STAAT. Philosophische Theorien
aus dem nichtkonfuzianischen Lager
Bd. 6. MITTELALTERLICHE NATURPHILOSOPHIE auf
konfuzianischer Grundlage
111. Taoismus und Senten.
Bd. 7. LAOTSE, Das Buch des Alten vom Sinn und Leben.
<TAOTEKING.) 14. Tausend. br M 20.-, geb. M 30.-
Bd. 8. TAOISTISCHE PHILOSOPHIE
1. Halbband : LIA DSi'. Das wahre Buch vom quellenden Ur=
grund. (fSCHUNG HO DSCHEN GING). Die Lehren der
Philosophen LIÄ yo KOU und YANG DSCHU. 5.Tausend.
br. M 25.-, geh. M 34.-
2. Halbband: DSCHUANG DSi'. Das wahre Buch vom süd=
lichen Blütenland. <NAN HUA DSCHEN GING) 5.Tausend.
br. M 35.-, geb. M 45.-
Bd. 9; Späterer TAOISMUS und VOLKSRELIGION
Bd. 10. BUDDHISMUS und SEKTEN