0% fanden dieses Dokument nützlich (0 Abstimmungen)
55 Ansichten136 Seiten

Wilhelm Lyrik

Das Dokument enthält eine Sammlung von chinesischen Gedichten und Liedern, die von Richard Wilhelm ins Deutsche übersetzt wurden. Es umfasst verschiedene Themen wie die Jahreszeiten, insbesondere den Frühling und Sommer, und beschreibt die Schönheit der Natur sowie menschliche Emotionen und Erfahrungen. Die Texte sind reich an Bildern und reflektieren die kulturelle Tiefe der chinesischen Poesie.

Hochgeladen von

shiye08
Copyright
© © All Rights Reserved
Wir nehmen die Rechte an Inhalten ernst. Wenn Sie vermuten, dass dies Ihr Inhalt ist, beanspruchen Sie ihn hier.
Verfügbare Formate
Als PDF, TXT herunterladen oder online auf Scribd lesen
0% fanden dieses Dokument nützlich (0 Abstimmungen)
55 Ansichten136 Seiten

Wilhelm Lyrik

Das Dokument enthält eine Sammlung von chinesischen Gedichten und Liedern, die von Richard Wilhelm ins Deutsche übersetzt wurden. Es umfasst verschiedene Themen wie die Jahreszeiten, insbesondere den Frühling und Sommer, und beschreibt die Schönheit der Natur sowie menschliche Emotionen und Erfahrungen. Die Texte sind reich an Bildern und reflektieren die kulturelle Tiefe der chinesischen Poesie.

Hochgeladen von

shiye08
Copyright
© © All Rights Reserved
Wir nehmen die Rechte an Inhalten ernst. Wenn Sie vermuten, dass dies Ihr Inhalt ist, beanspruchen Sie ihn hier.
Verfügbare Formate
Als PDF, TXT herunterladen oder online auf Scribd lesen

CHINESISCH=DEUTSCHE

JAHRES= UND TAGESZEITEN


LIEDER UND GESANGE
VERDEUTSCHT VON
RICHARD WILHELM

MIT 16 NACHBILDUNGEN CHINESISCHER HOLZSCHNITTE

VERLEGT BEI EU GEN DIEDERICHS IN JENA


1 9 2 2
Alle Rechte, insbesondere das der übersetzung in fremde Sprachen,
vorbehalten. Copyright 1922 by Eugen Diederichs Verlag in Jena
FRÜHLING
SEHNSUCHT
m Nebel hebt sich fern und dämmernd eine Brücke,
IUnd an der Ufermauer liegt ein Fischerkahn.
Den ganzen Tag schon seh ich Phrsichblüten schwimmen -
Wo öffnet mir ein Tor zur Seligkeit die Bahn?

Dschung 'Isü

1· 3
DIE SAGE VOM PFIRSICHBLOTENQUELL

ur Zeit T ai Yüan des Hauses Dsin, da lebte


Z Ein Mann in W uling, der vom Fischfang sich ernährte.
Einst fuhr flußauf er.
Er vergaß, wie weit er schon gefahren.
Da fand er plötzlich einen Plirsichblütenhain
Das Ufer viele hundert Schritt umsäumend.
Dazwischen stand kein anderer Baum,
Nur Duftgras, frisch und schön,
In das sich Blütenblätter niederstreuten.
Der Fischer war darüber sehr erstaunt.
Er fuhr noch weiter, um des Haines Ende zu erreichen;
Der Hain ging bis zum Quell des Bachs.
Da stand ein Berg.
Und in den Berg, da ging ein kleiner Gang.
Draus schimmerte es hell hervor.
Er ließ sein Boot zurück und trat hi~ein.
Anfangs war es sehr eng,
Daß grad ein Einzelner hindurchkam.
Doch als er wenig Schritte vorwärts ging,
Da öffnete sich's weit und licht.

Das Land war ausgedehnt und eben


Und viele schöne Häuser waren da.
Die Felder waren gut,
Und zwischen schönen Wasserflächen
Standen Maulbeersträucher
Und Bambuspflanzen aller Art.

4
:t,
4~
-.-------
.. -_.~._. -

Das Spiel der Fisme in der Blumenbumt


Viel Pfade kreuzten sich,
Und aus den Dörfern klang
Der Hähne Krähen und der Hunde Bellen:
Und Menschen liefen hin und her und säten aus.
Männer und Frauen trugen Kleider
Ganz wie draußen in der Welt,
Greise im weißen Haar und Kinder mit ihren Zöpfchen:
Alle waren glücklich und zufrieden.

Als sie den Fischer sahen,


Da wunderten sie sich.
Sie fragten ihn, woher er komme. Er erzählte alles.
Da nahmen sie ihn mit sich heim, und setzten Wein ihm vor
Und schlachteten zum Mahle Hühner.
Als man im Dorfe von dem Mann vernahm,
Da kamen aUe her und fragten.
Sie selhst erzählten:
Vor alter Zeit, als T sin Schi Huang
Das Land in Unruh' stürzte,
Da seien ihre Väter
Mit Weih und Kind und allen N achharsleuten
In dieses ferne Tal gekommen;
Seitdem sei niemand wieder je hinausgegangen,
So haben sie sich von der Außenwelt getrennt.
Sie fragten, wer jetzt König sei.
Sie wußten nichts vom Hause Han,
Zu schweigen von den Dynastieen We und Dsin.
Der Mann erzählte ihnen alles, was er wußte.
Und alle hörten ihm verwundert zu.

6
Nun woHten alle ihn einmal bei sich zu Gaste haben,
Und aHe setzten Wein und Speisen zur Bewirtung vor.
So blieb er ein paar Tage da,
Dann nahm er Abschied.
Die Leute in dem Lande sagten noch,
Es sei wohl nicht der Mühe wert,
Den Menschen draußen davon zu erzählen.

Als er herauskam, fand er auch sein Schiff noch vor


Und ruderte den Weg zurück.
Von Ort zu Ort behielt er alles im Gedächtnis.
Als er den Heimatort erreicht,
Ging zum Beamten er, ihm alles zu erzählen.
Der sandte Leute, mit ihm hinzugehen.
Er suchte nach den Zeichen, die er sich gemerkt.
Dabei verwirrten sie sich bald
Und haben jenen Weg nicht wieder aufgefunden.

In Nanyang lebte später Liu Dsi' Ki.


Der war ein tüchtiger Mann.
Als er von der Geschichte hörte,
Da machte er sich frischen Mutes auf.
Doch eh er hinkam, ward er krank und starb.
Seither hat niemand nach dem Weg gefragt. -

Tau Jtiial1 Mri11l

7
WALDGESPRÄCH

hr fraget mich, warum im grünen Wald ich niste -


IIch lächle schweigend, und mein Herz ist selig leicht:
Die Pfirsichblüten schwimmen fort und schwinden -
Es gibt noch eine Welt, von Menschen nicht erreicht.

Li Tal Be

8
DAS MÄDCHEN IM GARTEN

or dem Regen sah man kaum


V Zarter Knospen Hülle,
Nach dem Regen zeigt sich nun
Üpp'ger Blumen Fülle.
Biene klein und Schmetterling
Fliegen um die Wette
Immerfort - als ob es hier
Keine Blumen hätte -
Über jene Mauer weg,
Können's kaum erwarten:
Wohnt des ganzen Frühlings Lust
Denn in Nachbars Garten?

Wang Gia

9
AUF DEM SEE

ie Blumen blühn, und in den bunten Zweigen


D Wiegt sich der gelben Sänger muntrer Chor.
Es grünt das Gras. An glatten Spiegels Ufer
Fliegt leis der weiße Reiher durch das Rohr.

Ein milder Hauch weht durch den klaren Himmel,


Und alle Menschen sind einander gut.
Im Abendschein erklingen Flötentöne,
Und mancher Kahn zieht heimwärts durch die Flut.

Sü Küan Giä

11
FROHLINGSNACHT

in jeder Augenblick der Frühlingsnacht


E Ist vide tausend Silberstücke wert.
Die Blumen atmen reinen Wohlgeruch,
Der Mond streut seine Schatten rings umher.

Gesang und Flötenspid tönt vom Balkon,


Leis ziehn die Töne durch die weite Ruh.
Die Schaukd steht im Garten einsam da,
Es sinkt die Nacht den Morgenstunden zu.

Su Dung Po

12
DER HAHNENRUF

chon wird es im Osten helle,


S Bleich die Sterne flimmern all.
Und der Hahn fliegt auf die Mauer,
Ruft den Tag mit lautem Schall.

Ziehn die Wächter von den Wachen,


Wasseruhr ist auch zu End.
Noch hört man ein spätes Lachen,
Noch beim Mahl die Lampe brennt.

Weg der Mond, die Sterne schwinden,


Morgengl'au kommt schon herbei,
In den Toren Schlüssel knarren,
Und es tönt der El$tern Schrei.

f)o[ksh"ed Han Zeit

13
I

FROHLINGSNACHT

er goldnen Schale Weihrauch ist verglommen,


D Die Wasseruhr hat aufgehört zu tropfen,
Kühl weht des Morgenwindes leiser Schauer.
Es dringt die scharfe Kälte in das Zimmer.

Des vonen Frühlings Schönheit ist gekommen,


Sie scheucht den Schlaf und macht das Herz uns klopfen.
Der Mond senkt sich herab zur Gartenmauer :
Unter der Blumen Schatten ruht sein Schimmer.

Wang An Schi'

14
Frühlingsabend auf dem Damm von Su Dung Po
ABSCHIED VOM FRüHLING

ie ersten Frühlingsblumen
D Sind schon verblüht im Mai.
Sie sinken zur Erde nieder,
Und andere sind an der Reih.

Schon fliegen die Schwalben am Dache


Geschäftig ab und zu.
Die Nachtigall schluchzt durch die Nächte
Und findet keine Ruh.

Sie ruft mit ihren Tönen


Dem Lenz und dem Frühlingswind -
Und will's noch immer nicht glauben,
Daß sie vorüber sind.

Wang 'Fong Yiian

16
LIEDER DER MITTERNACHT

1
er Weihrauch sendet Düfte aus,
D Und bin ich auch nicht reich und schön:
Der Himmel ist uns Menschen hold,
Er schenk' uns bald ein Wiedersehn.

z
Versponnen bleiben auch zerrissene Fäden,
Und ewig bleibt die Liebe uns im Blut.
Wohl sterben jährlich alle Seidenspinner,
Doch ist ihr Grab die Wiege ihrer Brut.

3
Ich bette mich in weiche Kissen ein,
Mein Liebster kommt und kost mit mir.
Doch allzu ungestüm darf er nicht sein,
Nur rein bewahrt weilt Liebe lange hier.
4
Der Hunger ruft Speisen,
Die Liebe ruft Lieder.
Ich lehn' an dem Tore -
's ist Abend! Komm wieder!

5
Ich tret', noch eh mein Morgenkleid geschlossen,
Mit Falten auf der Stirn hinaus geschwind.
Ein Windstoß flattert in die leichte Seide
Und lüftet sie. Der böse Frühlingswind!
2 Wi I hel m, Jahreszeiten 17
6
Wie freu ich mich des Wiedersehens! -
Doch' was siehst du so streng darein ?
Dreimal ruf ich und keine Antwort -
Warum willst plötzlich du so weise sein?

7
Ich habe dich lieb, möchte zu dir gehn,
Möcht wohnen ganz nahe b~i dir.
Vor meiner Tür müßt ein Holderbusch stehn,
Dann könnt ich dich Holder immerfort sehn.

8
Die Lieb' im Herzen treibt mich dir entgegen,
Jedoch die Schüchternheit hält mich und will's nicht leiden.
Die roten Lippen öffnen sich zum Liede,
Und mit der weißen Hand rühr ich die zarten Saiten.

18
IM ORCHIDEENPAVILLON

m neunten Jahr der Yunghozeit


IIm Anfang war's des letzten Frühlingsmondes,
Da kamen wir zusammen auf dem KuaiaGiaBerg
Beim Orchideenpavillon im Schauyinkreis,
Um zu begehn den Brauch der Frühlingssühnefeier.
Da waren viele Weise denn beisammen,
Die Jugend und das Alter war erschienen.

Hier ragen hohe Berge, steile Klippen,


Der Wald grünt dicht, und üppig wächst der Bambus,
Und klare Bäche, Sprudelquellen
Durchschlängeln rings das Land mit ihren Krümmen,
Geeignet, um sich Becher schwimmend zuzusenden.
Wir setzten uns an Baches Rande nieder;
Und war auch keine Zither da noch Flöte,
Und nicht der Klang der Saiten, noch des Rohres Töne,
So sangen wir zu jedem Becher Weins,
Und machten dem Gefühl des Herzens Bahn.

An diesem Tage
Da war der Himmel klar und rein die Luft,
Ein milder Wind entsandte sanften Hauch.
Und breitet droben sich das große Himmelszelt,
So wimmelten am Grunde aller Wesen Menge.
So weit das Auge schweifte und der Sinn sich dehnte,
Genug des Schönen gabs zum Schaun und Hören:
Es war ein heiteres Beisammensein.
2* 19
Die Menschen sind zusammen einen Augenblick.
Der eine greift in sein Gemüt und redet,
Was ihn darin bewegt.
Ein andrer spricht in Bildern,
In dunklen Gleichnisworten
Von Dingen und Ideen jenseits der Körperwelt.
Doch sind sie auch verschieden in dem, was ihnen wichtig;
Der eine ruhig sinnend und jener rasch entschlossen:
Sie alle freuen doch sich des Zusammenseins,
Und was die Gegenwart gewährt, befriedigt,
Und läßt des Alters Nahn vergessen. -

Und doch wie bald, wenn wir's erreicht, kommt Überdruß,


Und mit den Dingen wechselt das Begehren,
Und Schwermut ist es, die heran sich schleicht.
Was eben uns erfreut: in einem Augenblicke
Ist es verhallt, wie ferner Tritte Spur,
Und lebt nur fort in sehnendem Erinnern.
Und über kurz und lang nach manchem Wechsel
Ist alle Zeit vergangen und dahin.
Der Weise spricht: "Wie ernst ist doch das Leben!"
Wie schneidet dieses Wort ins Herz. -

Wenn man bedenkt,


Warum in alter Zeit die Menschen trauerten,
So ist es stets derselbe Grund.
Nie kann ich ihre Schriften lesen ohne Seufzen,
Und werde nie die stille Trauer los.

20
Das aber weiß ich: es sind leere Worte,
Wenn einer Tod und Leben für das gleiche hält,
Und wenn er sagt, es sei nicht mehr noch minder,
Ob kaum geboren man dahingeht oder erst als Greis.

Einst werden nach uns kommen andere Geschlechter,


Die unser so gedenken wohl wie wir der Alten Zeit,
Das macht das Herz mir schwer!
Wenn wir die Menschen der verschiedenen Alter
An unserm Geist vorüberziehen lassen,
Wenn wir bedenken, was sie uns gesagt:
Sie lebten an verschiedner Zeiten Wende
Und jeder handelte auf seine Art;
Doch ein geheimer Schmerz i~t ihnen allen eigen,
Darin sind alle gleich. -
So mag auch spät ein Leser dieser Zeilen
Zur Wehmut sich dadurch wohl stimmen lassen. -

WanD Hi DsChi

21
SOMMER
Abendsmein beim Donnergipfel
FROHSOMMER

n den grünen Weidenzweigen


IZirpen die Zikaden.
Warme Luft kommt lind geflossen,
Rühret leis die Saiten.

Vor des Fensters grünen Matten


Blinkt das klare Wasser,
Und des Schachspiels Steine rücken,
Wecken mich im Schlummer.

Rieselregen ging vorüber,


Lotosblätter schwanken,
Des Granatbaums Blüten brennen
Rot im grünen Laube.

In des Lotosblattes Fläche


Laß ich spielend gleiten
Reinen Wassers Perlentropfen,
Die sich zitternd runden.

511 DUNII Po

25
SOMMERLANDSCHAFT

ie Ebene dehnt sich ferne zum Horizont,


D Und Feuerwolken brennen in trockner Luft,
Den ganzen Tag fiel noch kein Regen.
Wanderer dürstet nach Rast und Kühle.

Die leichten Segel gleiten herab am Mast,


Die Ruder sinken. Still zwischen Schilf und Rohr
Entgeht man Sonnenbrand und Hitze.
Abends im Kühlen die Schiffer plaudern.

So fließt das Leben dennoch erträglich hin -


Warum willst du im dichten Gewühl des Markts
Nach Geld und Ehre ruhlos haschen,
Stöhnend vor Hitze im Kampf des Lebens?

Es gibt der stillen, heimlichen Orte noch


Auf steilen Felsen oder an Flusses Rand,
Da man von aller Sorgen Drängen
Lösen sich mag und des Lebens freuen.

Liu Ki King

26
KAHNF AHRT
1
ie Sonne sinkt. Schön ist's, im Kahn zu treiben,
D Ein leichter Windhauch regt die Wellen sacht.
Der Lotos duftet, Bambus säumt die Ufer,
Und Kühle winkt uns aus des Haines Nacht.

Die Freunde mischen Eis zum kühlen Tranke,


Die Mädchen wählen Lotoswurzeln aus:
Da hebt sich eine Wolke schwarz zu Häupten -
Rasch noch ein Lied! Der Regen treibt nach Haus.

2
Der Regen kommt, durchnäßt die Teppichmatten,
Ein Windstoß trifft des leichten Kahnes Bug,
Der armen Schönen rote Röcke klatschen,
Und trüb zerfließt der Schminke holder Trug.

Das Schiff legt an, das Tau die Weiden rüttelt,


Der Vorhang flatternd peitscht der Wogen Gischt.
Beim Heimweg fühlt erschauernd man ein Frösteln,
Als wenn der Herbst sich in den Sommer mischt.

Du 1i'u

27
DER NEUMOND

ch zieh den Vorhang auf, da steht der neue Mond.


I Die Stufen steig' ich nieder, ihn zu grüßen.
Ich rede leise Worte, die kein Mensch vernimmt.
Da kommt der Wind und löst mir meinen Gürtel.

Li Duan

28
ERWARTUNG

ie jungen Schwalben fliegen,


D Das schmucke Haus ist still und leer,
Der Bäume Schatten wiegen
Sich leis zur Mittagszeit. -

Der Abend ist gekommen,


Ich kühle mich im frischen Bad,
Und mit dem seidnen Fächer
Spidt meine weiße Hand.

Und leise senkt der Schlummer


A.uf meine müden Augen sich,
Ich lehne mich ins Polster
Und schlummre selig ein.

Da hör ich plötzlich klopfen.


Wer ist's, der mich im Traume stört?
Ach nur des Windes Säusdn
Im schlanken Bambushain. -

Und der Granaten Blüten


Tun ihre seidnen Knospen auf,
Wenn alle Sommerblumen
Schon längst vorüber sind.

Ich denke dein, mein Lieber,


Und breche leise einen Zweig,

30
Ich schau in seiner Blüten
Gefülltes Rot hinein.

Wie lange wird es dauern,


Bis sie verweht der kalte Wind,
Und nur die grünen Blätter
Allein noch übrig sind. -

Ich schau auf diese Blume


Und warte treulich, bis du kommst.
Ich will sie sorgsam hüten,
Daß nicht ihr Tau zerrinnt.

Su DUllo Po

31
NACH DEM GEWITTER

·· berm Wasser fernes Donnern,


U Regen kommt herangezogen. -

Und die dichten Tropfen plätschern


Von dem Lotosblatt ins Wasser. -

überm Gartenhaus da leuchtet


Stark und hell ein Regenbogen. -

Hingelehnt auf das Geländer


Wart ich bis der Mond hervorkommt. -

Und die Abendschwalben flattern


Um die bunt bemalten Pfeiler. -

Nieder rauscht der Seidenvorhang,


Unbewegt vom Lufthauch hängt er. -

Neben meinem Kissen liegen


Aufgelöst des Haares Spangen. -

Du J!ang Siu

32
DIE LOTOSBL UME

nterm Laub des roten Ahorns


U Blitzt des Teiches Schimmer auf,
Kühlend naht des Herbstes Frische.

Und der Fürst des Abendhimmels


Wandelt unter grünem Schirm,
Dicht umringt von tausend Feen.

Zart erröten ihre Wangen,


HeU und duftig wie der Tag
Füllen sie des Teiches Fläche.

Plötzlich wogt in vollen Tönen


Obers Wasser her ein Lied,
Doch die Sängrin ist verborgen. -

Abseits weilt am andern Ufer


Eine Blume aus dem Mond,
Die zur Erd' herabgesunken.

Und sie schämt sich ihrer Blässe,


Heimlich hat sie sich gefärbt,
Und erstrahlt in ros'ger Schöne.

Keusch schlägt sie die Augen nieder


Zu der Wogen Spiegelgold,
Und sie sinnet in die Ferne.

Dschultll Schu

3 W i I hel m, Jahreszeiten 33
Windbewegte Lotosb(umen
DIE LIEBE ZUM LOTOS

on all den tausend Blüten


V Zu Land und Wasser sind
Gar viele, die man lieben mag.
Der Eremit vom Dsinstaat, Tau Yüan Ming,
Er liebte ganz besonders das Chrysanthemum. -
Seit Glanz und Reichtum in der Tangzeit mächtig wurden,
Ist die Päonie allgemein beliebt. -
Ich liebe mir den Lotos,
Wie er so aus dem Schlamm hervorkommt
Und dennoch nicht befleckt wird,
Wie er sich netzt in reinen Fluten
Und doch nicht eitel wird,
Im Innern frei, nach außen aufrecht,
Ganz ohne Kletterranken oder Zweiggeschlinge.
Sein Duft ist in der Ferne doppelt rein.
Selbständig steht er da und still.
Man mag ihn aus der Ferne schauen,
Doch mit sich spielen läßt er nicht.

Ich denke wohl: die Chrysantheme


Ist von den Blumen die Einsiedlerin.
Und die Päonie
Ist von den Blumen aU die Prächtigste.
Der Lotos ist der Weise in der Blumenwelt. -

Daß jemand, ach, die Chrysanthemen liebe,


Hat man seit Tau Yüan Ming gar selten nur gehört.
1" 35
Und wer teilt meine Liebe zu dem Lotos wohl?
Die Liehe zur Päonie aber
Entspricht so ganz der großen Menge.

DSChOU Dun I

36
.. ,-' ·4
/
I •
I •
DER FISCHER

7\ m hohen Felsgestade
.f-\.. Der Fischer schlief im Kahn,
Doch als der Morgen dämmert,
Macht er ein Feuer an.

Als sich der Rauch verzogen,


Steigt apf der Sonne Glühn,
Ein lautes Rufen schickt er
Durch Berg und Wassers Grün,

Er blickt hinauf an den Himmel,


Dann treibt durch den Strom er dahin,
Am Felsen fliegen die Wolken
Sie wissen nicht wohin. -

LllI DSllltu Yüalt

38
DIE ÄRMLICHE HOTTE

icht die steilen Felsenklüfte


N Sind des Berges Ruhm;
Wohnen Genien im Haine,'
Ist er Heiligtum.
Nicht die bodenlose Tiefe
Gibt dem Wasser Kraft;
Drache muß die Fluten rühren,
Daß es Heilung schafft.
Ärmlich nur ist meine Hütte,
Wehrt dem Regen kaum;
Eigner Wert versammelt Freunde
In dem engen Raum.
Moos und Flechten überziehn die Stufen,
Durch den Vorhang dringt der Wiesen grüner Schein.
N ur die Besten einigt frohe Laune,
Ferne bleibt uns alles, was gemein.
Sanfter Zither leises Tönen
Zu der V orz;eit heiligen Gesängen --
Nicht verwirrt uns roher Flöte Gellen
Noch des Amtes rastlos Mühn und Drängen.
Mancher, der auch nur ein Strohdach hatte,
Zeigte tüchtig sich in alten Zeiten.
Und hat nicht der Meister selbst gesprochen:
" Was hat Ärmlichkeit der Wohnung zu bedeuten?"

Liu Kü Si

39

L
BERGFELSEN
urch steiles Felsgeklüft führt mich der schmale Pfad
D Im Dämmerlicht zum fleder~ausumschwirrtenKloster.
Ich ruhe auf des Tempels Stufen, wo vom Regen
Die Blätter der Bananen frisch, die Jasminblüten duften.
Der Mönch erzählt von all den vielen Buddhabildern,
Die in die Wand gehaun, sie seien Meisterwerke,
Und eine Fackel holt er, sie ins Licht zu setzen,
Doch sieht man wenig in dem ungewissen Flackern.
Ein Bett bereitet er sodann und kehrt die Matten,
Und stellt vor mich die Abendsuppe hin,
Einfach Gemüse, schlichten Reis, doch für den Hunger gut.-
Tief ruht und still die Nacht, die hundert Stimmen
Der Zirpen, die den Tag durchlärmten, schweigen.
Dort hinter Felsenzacken kommt der Mond hervor
Und füllt mit seinem Schein des Fensters Gitterwerk.

Der Tag erwacht. Ich wandre einsam ohne Pfade


Talein, talaus, bergauf, bergab im Nebelrieseln.
Rot strahlt der Berg, das Tal mischt grüne Lichter
Und bunte Farben schimmernd in das Leuchten.
Oft treff auf Stämme ich von Kiefern oder Zedern
Uralt und stark, die wohl zehn Männer kaum umspannten.
Dem Bache folgend schreite ich mit nackten F üBen
Auf wohlgewählten Steinen klüglich durch die Flut.
Des Wassers Rauschen klingt mir in den Ohren,
Indes der Wind mit meinen Kleidern spielt. -
So macht Natur das Leben frei und fröhlich.

40
Wozu doch treten wir in das Getrieb des Alltags ein,
Wo wir gespannt in harte Sklavenketten ? -
Ach, könnten wir, die wir die Freiheit kennen,
Doch bis zum Alter solch ein Leben führen
Und nie zurück mehr müssen in der Menschen Schwarm! -

Han ~ü

41
SOMMERABEND IN DEN BERGEN

ebel sieht man in den Bergen brauen,


N Scheidend blickt· die Sonne durch den Bambushain.
Vöglein flattern nach des Daches Giebel,
Und der Rauch steigt in die Abendluft hinein.

Wu Yün

42
BEIM LESEN DES BUCHES VON DEN
BERGEN UND MEEREN

rühsommer ist's. Es wachsen Gras und Bäume,


P Rings hängen um das Haus die Zweige nieder,
Die Vöglein singen fröhlich ihre Lieder,
Auch mir sind traut der stillen Hütte Räume.

Des Pflügens und des Säens Arbeit ist getan,


Zu meinen Büchern kehr ich nun beglückt,
Fern bin ich allem Lärm der Welt gerückt,
Nur Freunde halten oft den Wagen bei mir an.

Erfreut bewirt ich sie mit selhstgebrautem Wein,


Und meines Gartens Früchte setz ich ihnen vor.
Ein leichter Regenschauer steigt im Ost empor,
Und kühlen Windhauch führt er mit, erfrischend rein.

Wenn ich so lese von des alten Königs Reisen,


Wenn ich durchblättre dann das Buch von Berg und Meer,
Da breitet Erd und Himmel sich vor meinen Blicken:
Und was bedarf's zu wahrer Freude mehr?

Tau J!iian Ming

43
MIT DEM GING=TING=BERG ALLEIN

ie Vögel alle flogen hoch und höher,


D Und auch die letzte Wolke segelt fort ins Blau -
Nur einer bleibt beständig mir und näher:
Der Berg mit seiner Felsen ernstem Grau.

Li Tai Be

44
DER PAVILLON DES TRUNKENEN GREISES

ings um den Kreis von Pu sind lauter Berge.


R Von allen Gipfeln aber sind im Süden die durch ihrer
Wälder Grün und ihrer Felsen Formen ausgezeichnet.
Wenn man hinüberschaut, so ist darunter einer,
Der grün bewachsen und von reiner Linienführung ist:
Das ist der Langyaberg.
Wenn man in seinen Tälern ein paar Meilen wandert,
Hört man allmählich eines Bächleins Murmeln.
Es sprudelt zwischen zwei der Gipfel klar hervor:
Das ist die Weinquelle.
Der Weg führt dann gewunden um die Felsengipfel her.
Da steht ein Pavillon
Mit hochgeschwungnem Dach an jener Quelle:
Das ist der Pavillon des trunknen Greises.
Wer hat den Pavillon erbaut?
Es war der Bergmönch Götterfreund.
Wer hat den Pavillon benannt?
Es war der Gaugraf selbst, der ihn benannte.
Der Gaugraf kommt mit seinen Gästen oft
Zum Trinkgelage her.
Er trinkt nicht viel, doch wird er immer trunken.
Und da an Alter er schon hochbetagt,
Drum hat er selber ihn benannt:
Den Pavillon des trunknen Greises:
Des trunknen Greises Wunsch ist nicht der Wein,
Es ist der Aufenthalt bei Berg und Wasser.
Die Freude, die im Herzen er empfindet
An Berg und Wasser,
45
Die genießt er dann im Wein.
Die Sonne steigt, des Waldes Nebel tun sich auf;
Sie sinkt in Wolken, und der Felsen Höhlen gähnen düster.
Solch Wechselspiel von Licht und Dunkel:
Das ist der Morgen und der Abend im Gebirge.
Die Heide blüht, und Zauberdüfte atmen.
Die schmucken Bäume stehen in des Laubes Zier
Und geben dichten Schatten.
Dann wieder kommt der Wind und Reif
Und macht die Höhen klar.
Das Wasser senkt sich und die Steine starren:
Das sind die Jahreszeiten im Gebirge.
Geht man am Morgen aus
Und kommt am Abend wieder,
So zeigen sich zu jeder Jahreszeit stets andre Blicke,
~o ist die Freude unerschöpflich.
Da trifft man Reisigsammler
Die singen auf dem Wege;
Und Wanderer, die ruhen unter Bäumen.
Es tönen Rufe aus der Ferne,
Und aus der Nähe wird die Antwort laut.
Gebückte Greise führen Kinder an der Hand.
So geht es fort, tagaus, tagein:
Das ist die Wanderschaft des Volks von Pu.
Man setzt sich an den Bach und fischt.
Der Bach ist tief, die Fische groß und fett.
Und aus der Quelle braut man Wein.
Die Quelle duftet und der Wein wird zart.

46
Das Wild des Berges und das Kraut der Heide
Steht bunt gemischt vor seinen Gästen aufgetischt:
Das ist das Mahl des Gaugrafs.
Des Mahles Freuden werden nicht gewürzt
Durch Saitenspiel und Flötenklang ;
Doch jagt man sich zur Mahlzeit wohl das Wild,
Das Schachspiel reizt die Gegner zum Gewinnen.
Der Becher kreist.
Man steht und sitzt umher und plaudert lachend:
Das ist der Gäste Freude.
Mit schwarzem Barte und in weißem Haar
Sitzt einer unter ihnen, in den Stuhl zurückgelehnt:
Das ist der Gaugraf, welcher trunken ist.
Wenn schließlich dann die Abendsonne sich
Den Bergen naht,
Wenn dann der Menschen Schatten
Länger wachsend durcheinander wirren:
Das ist der Gaugraf, welcher heimwärts kehrt,
Und seine Gäste folgen ihm.
Der Wälder Schatten werden tiefer,
In allen Zweigen tönt Gezwitscher:
Die Wandrer gehen, und die Vögel freuen sich.
Allein die Vögel kennen nur die Freude an den Wäldern,
Sie kennen nicht der Menschen Freude,
Die Menschen ihrerseits, sie kennen nur die Freude,
So mit dem Gaugraf heimzuwandem,
Allein, sie wissen nicht,
Daß er, der Gaugraf, nun sich ihrer Freude freut.
Trunken kann er ihre Freude mitgenießen,

47
Und nüchtern kann er im Gedichte sie beschreiben:
Das ist der Gaugraf.
Und wer ist denn dieser Gaugraf?
Er ist aus Lu Ling Ou Yang Siu.

48
HERBST

4 W i I hel m, Jahreszeiten
ERINNERUNGEN

]\ls Knabe kannte ich den Mond noch nicht.


1-\. Ich nannt' ihn eine weiße Marmorscheibe,
Ich meint', er sei ein glänzend heller Spiegel,
Der durch der blauen Wolken Säume flöge.
Auch sah ich wohl versteckt die Mondfee winken
Und sah des Cassiabaumes dichtes Laubwerk.
Der weiße Hase stieß im Mörser Kräuter
Des ew'gen Lebens. Wer sie wohl bekommt?
Dann kam die böse Kröte angekrochen
Und fraß die helle Scheibe tückisch auf. -
War einst ein Schütze, schoß neun Sonnenvögel,
Da war die Welt gereinigt und in Ruhe.
Doch dort die Frau im Mond betört dich nur. -
Laß ab, laß ab, und blicke nicht nach ihr! -
Warum doch schleicht sich leise dieses Sehnen
Ins Herze mir und füllt das Aug' mit Tränen?

Li 'Iai Be

51
DIE MONDFEE

7\ n den Perlmutterwänden bricht


f-\. Sich matter schon der Kerze Flimmern.
Die Milchstraß' sinkt am Himmel sacht,
Des Morgens Sterne bleicher schimmern.

Wie muß der Mondfee leid es werden,


Daß sie geraubt unsterblich Leben:
Das blaue Meer, der dunkle Himmel
Sie einsam Nacht für Nacht umgeben.

Li Scnane YiJr

52
HERBST IM GEBIRGE

s hat in den Bergen geregnet,


E Herbstabend liegt in den Lüften,
Der Mond scheint durch die Föhren,
Der BergqueH rauscht in den Klüften,

Der Bambus regt seine Blätter,


Ein Mädchen streifte sie sacht,
Die Lotosblumen zittern,
Ein Fischerkahn fährt durch die Nacht.

Des üppigen Frühlings Gedränge,


Wie ist es geworden so alt!
Doch magst in den Bergen du finden
Verborgenen Aufenthalt.

Waltu WI?

53
DIE DURCH\VACHTE NACHT

er Bambus wiegt sich im Winde,


D Das Mondlicht fließt durchs Gestein.
Es fliegt in der Milchstraße Schimmer
Einsam eine \X1ildgans hinein.

Ich denke des Wiedersehens,


Da ist es mit Schlafen vorbei.
Und während ich singe vor F feuden,
Ertönt schon der Elstern Geschrei.

54
(j

Herbstmond bei glattem See


HERBSTGEDANKEN

s glänzt der Mond im Dämmerschein,


E Das Heimchen zirpt im Mauerspalt,
Die Weltenuhr zeigt Winters Nahn,
Die Sterne glitzern fern und kalt.

Der weiße Tau die Wiese netzt,


Das Jahr dem End entgegenfIieht,
Die Herbstzikade schwirrt im Baum,
Die dunkle Schwalbe heimwärts zieht.

Einst hatt' ich einen GeseHen traut,


Doch als ihn aufwärts führt das Glück,
Da ließ er mich im Winkel stehn
Und sieht nicht mehr nach mir zurück.

VOfkSIi'ed Han,.Z~it

56
DAS LIED

ort droben steht ein hohes Haus,


D Das ragt zu den schwebenden Wolken auf,
Die Fenstergitter glänzen bunt,
Drei Marmortreppen führen hinauf.

Oben zur Laute ein Lied ertönt,


Wie klingt es so traurig und sehnsuchtsschwer !
Das Mädchen singt eine Melodie,
Als gäbe es keine Hoffnung mehr.

Der Wind trägt die reinen Klänge fort,


Doch mitten im Lied, da zögert sie jäh
Und rührt die Saiten immer aufs neu
In überströmendem Herzensweh !

Ach nicht ihr Lied mir wehe tut,


Mich drückts, daß niemand sie will verstehn.
Ich woHt, wir wären· zwei Vögel
Und flögen hinauf zu den ewigen Höhn.

Vo[as[ied Han=Zeit

57
TRENNUNG

andern, wandern immerfort,


W Abschied fürs Leben nahmst du von mir,
Tausend Meilen bin ich von dir
Durch des Himmels Weite getrennt.

Weg und Steg, so steil, so lang:


Wiedersehn ? Wer weiß, wer weiß!
Doch der Vogel aus fernem Süd
Friert nach Sonne in Schnee und Eis.

Daß wir schieden, der Tag ist fern .-


Loser wird täglich Gürtel und Kleid.
Ziehende Wolke die Sonne verhüllt,
Wandrer denkt nicht der Heimkehrzeit.

Sehnsucht nach dir macht müd und alt;


Jahre und Monde fliegen vorbei, -
Laß! Gib's auf! Sprich nicht mehr davon!
Iß und trink und mach dich frei. -

f)o{Rs[üd Han=Zuit

58
IN DER FERNE

ie glänzt der lichte Mond so silberweiß!


W Durch meines Bettes Vorhang dringt sein milder
Schein
Und trifft mich wachend an, von Sehnsucht schwer.
Ich stehe auf und wandle in das licht hinein --
WohI heißt es, Reisen sei so schön und frei,
Doch schöner ist, des Wiedersehns sich freun;
Denn in der Ferne irr' ich einsam nur,
Und meines Herzens Sinnen trage ich allein. --
Ich blicke in die weite Nacht hinaus,
Dann kehr' ich seufzend zu dem Lager wieder --
Die heißen Tränen steigen mir auf
Und fallen auf meine Kleider nieder.

59
IM GEFANGENENLAGER

inter den fernen Gebirgen


H Dehnt sich der Sand wie Schnee,
Vor dem Gefangenenlager
Wie Reif scheint der Mond aus der Höh',

Und ferne Flötentöne


Hat der Wind herübergebracht -
Die rufen der Krieger Sehnen
Heimwärts die ganze Nacht,

Li 1'/

60
O'RUSS IN DIE FERNE

m Flusse ist Lotos,


I Im Weiher sind Blumen -
Viel duftende Blumen,
Die woHt' ich dir senden
Ins ferne Land,

Ich denk' an die Heimat,


Durchspähe die Wege -
Die endlosen Wege,
Die endlosen Meere
Nach deiner Hand,

Im Herzen vereint,
Auf Erden geschieden -
So grausam geschieden:
Das klage ich - bis an
Des Lebens Rand.

Vofnsfied Halt=Zeit

61
EINSAMKEIT

ie Marmorstufen weiß vom Taue leuchten.


D Die Nacht ist spät, das Kleid beginnt zu feuchten. -
Mit dem kristallnen Vorhang schließt sie nun ihr Zimmer.
Da schaut den Herbstmond sie im Perlenschimmer.

Li 'Iai BI?

62
Die Abendglod!:e von der Süd wand
DIE CHRYSANTHEMEN

n später Pracht erblühn die Chrysanthemen,


IIch pflücke sie, vom Perlentau benetzt.
Um ihre Reinheit in mich aufzunehmen,
Hab' einsam ich zum Wein mieh hingesetzt.

Die Sonne sinkt, die Tiere gehn zur Ruhe,


Die V öge1 sammeln sich im stillen Wald. -
Fern liegt die We1t mit ihrer Unrast Kummer,
Das Leben fand ich, wo der Wahn verhallt.

7'au J!iian Ming

64
MONDGEDANKEN
·· ber dem Meere steigt
U Silbern spiegelnd der Mond auf,
Nahes und Fernes
Einend in seligem Schaun.

Liebendes Suchen
Strebt durch die Weiten der Nacht hin,
Stunde auf Stunde
Steiget der Sehnsucht Gewalt.

Kerze verglimmet,
Aber die Fülle der Lichtflut
Lockt mich noch einmal
Fort in den feuchtenden Tau.

Ach könnt' ich schenken


Dir von der Fülle des Lichtes, -
Einsam zum Lager
Kehr' ich und träume von dir.

Dsc60ltD Giu LiltD

5 W i I hel m, Jahreszeiten 65
NACHTEINSAMKEIT

Einsamkeit der Nacht, wie weh tust du!


O Die Kerze lösch' ich, such' im Schlafe Ruh.
Doch, ach, der sehnsuchtsvolle Mondenschein
Schleicht sich herüber, mir ins Bett hinein.

66
..... , .
~.;:;::~
_._ ~~_-=--=-7

Mondspiegel zwischen den dret. Seepagoden


---
ERSTE FAHRT ZUR ROTEN WAND

u Dung Po machte einst im Herbst


SMit einem Freunde eine Kahnfahrt zu der Roten Wand.
Leis kam der kühle Wind geflossen
Und kräuselte nur leicht die Wasserwellen.
Da hob er seinen Becher
Und trank dem Freunde zu.
Sie sangen nun zusammen
So manches Lied
V om Mondenschein und schönen Mädchen.
Nach einer kleinen Weile kam der Mond
Im Osten hinter fernen Hügeln vor,
Und schwankend grüßt sein Abbild aus dem Wasser.
Am Ufer glänzte weißer Tau,
Und fern am Horizont
Versthwamm des Wassers Schimmer in den Himmel.
Sie ließen nun ihr Schifflein treiben,
Wohin es woHte in der ungeheuren Wasserflut.
Da ward die Seele weit, als schwebte sie
AufWindes Flügeln, unbekümmert, wo das Ziel der Fahrt.
Sie schwang sich auf in sel'ge Höhn,
Als ließe sie die Welt zurück
Und wandle still in sel'ger Geister Mitte.

So tranken sie einander zu


Und freuten sich des Abends.
Am Rand des Schiffs gelehnt,
Schlug Su Dung Po sich selbst den Takt und sang:

68
"Ruder, ach, so rein
Tropft -Ion euch der Mondenschein!
Fern, fern, ach, mein Herz
Sehnend denkt der Liebsten mein!N --

Der Freund zog seine Flöte nun hervor


Und mischte ihre Töne in das Lied.
So schmelzend klang ihr Laut,
So voll von herber Sehnsucht, schluchzend, klagend.
Der Nachhall spann sich weich und lange weiter
Als wie ein feiner seidner Faden.
Aus der Tiefe kamen da die Fische
Und Wassertiere stumm empor
Und sprangen aus der Flut herauf, den fremden Tönen nach.
Und manche Frau im kleinen Schifferkahn
Begann zu schluchzen wie von unnennbarem Weh ergriffen.

Auch Su Dung Po trat eine Träne in das Auge.


Doch faßte er sich bald
Und fragte seinen Freund: "Warum nur?"

Doch jener sprach:


"Ich mußte an den Helden T sau Mong De gedenken.
Solch eine Nacht wohl war es, als er sang:
,Des Mondes Schein verdrängt die Sterne,
Und fern nach Süden fliegt ein Rabe.'
Dort drüben sieht man Hankou ferne dämmern,
Und hier im Osten liegt WuTschang.

69
'Dort drängen sich in fernen Ketten
Die Berge an den Fluß heran.
Hier war's, wo jene Kämpfe stattgefunden,
In denen T sau Mong De das Ende seiner Macht erlebte.
Wie mächtig war er doch gewesen!
Er hatte siegreich seiner Feinde Stadt genommen
Und war mit stolzer Flotte dann den Strom herabgefahren:
Auf tausend Meilen drängt' sich Schiff an Schiff,
Und seiner Fahnen Menge deckte fast den Himmel zu.
So stand er da und hob den Becher,
Als er im Strom daher fuhr,
Und sang sein Lied mit quergefäHter Lanze.
Er war ein Held, der größte seiner Zeit - -
Und heut, wo ist er hin?

Was soll da erst aus unsereinem werden,


Die wir dem Leben fern am Strome fischen oder jagen,
Die mit dem Fisch und Krebs zusammen leben
Und die dem Hirsch und Reh Genossen sind?
So lassen wir das Schifflein auf den WeHen gleiten,
Gleich wie ein dürres Blatt,
Und trinken so einander zu,
Den Eintagsfliegen gleich,
Die einen Augenblick im Lichte
Hier zwischen Erd' und Himmel schweben,
Wie Tropfen im unendlich weiten Meer.
Das macht das Herz mir schwer,
Daß unser Leben nur so kurz ist,
Indes der Strom dieWellen endlos nach dem Meere wälzt. -

70
Ja könnten wir mit sel'gen Geistern höher schweben
Und mit dem lichten Mond ein ewig Leben führen!
Doch ach, wir wissen's ja:
Uns ist's versagt. - -
So hab' ich denn des Herzens Klage
U
Den traurigen Winden anvertraut.

Der andre sprach:


"Verstehst du nicht,
Was uns das Wasser an geheimem Sinn erschließt
Und dort der lichte Mond?
Da fließt es hin und immerfort,
Und doch erschöpft sich's nicht.
Der Mond, er ist bald voll, bald leer,
Und doch wird er nie größer oder kleiner.
Wenn auf den Wandel hin du schaust:
So kann der Himmel selbst und auch die Erde
Nicht einen Augenblick im Sein verharren.
Doch wenn aufs Sein du schaust"
So wirst du finden,
Daß wie die Welt das Ich auch ewig ist.
Was bedarf es da der Schwermut?
Und ferner:
In dieser ganzen Welt
Hat jedes Ding auch seinen Herrn.
Was mir nicht zugehört,
Das nehme ich nicht an,
Und wär' es auch ein Härchen nur.
Allein der reine Hauch auf diesem Strome,

71
Der lichte Mond in jenen Bergen,
Er wird zum Tone, wenn mein Ohr ihn aufnimmt,
Und wenn mein Aug' ihn trifft,
Wird er zur Lichterscheinung.
.Und dies Erleben
Von Aug' und Ohr ist frei und unerschöpflich.
Das ist das ew'ge Vorratshaus von Gottes Welt.
Das bleibt uns beiden zum Genusse offen.
U

Da heiterten des Freundes Mienen sich,


Und lachend spülte er den Becher und goß wieder ein.
So zechten wir noch lange fort,
Bis unser Vorrat aufgezehrt,
Da ließen wir die T eller und die Becher stehn.
Und in dem Schiffe lehnten wir uns aneinander,
Und eh' wir's merkten, ward's im Osten helle. -

Su DUNg Po

72
WINTER
,
/~ ,
ZWEITE FAHRT ZUR ROTEN WAND

ur Vollmondszeit im Wintermond
Z Macht' ich mich aus der Heimat auf,
Um abermals zur Roten Wand zu reisen.
Zwei Freunde gingen mit.
Der Weg ging an der gelben Furt vorbei.
Schon fiel der Reiftau, und die Bäume
Sie standen alle kahl von Blättern.
Vom Schatten auf der Erde wandten
Den Blick empor wir auf zum lichten' Mond
Und freuten uns an seinem Anblick.
Ein frohes Lied erklang zum Wanderschritt.
Da sprach ich seufzend:
"Zu fröhlichem Beisammensein bedarf's des Weins,
Und zum Genuß des Weins bedarf's des Mahls,
Sonst lädt umsonst die schöne Nacht,
Der weiße Glanz des Mondes und der kühle Wind."

Da sprach der eine Freund


- Wir waren grad in seiner Heimat Nähe -
"Heut' abend in der Dämmerung
Hob ich mein Netz und hatte einen Fisch
Mit großem Maul und feinen Schuppen,
Fast wie ein Karpfen aus dem Kiefernfluß,
Allein der Wein, der fehlt uns noch."
Dann ging er in sein Haus und sprach mit seiner Frau.
Die sagte: "Lange schon steht mir ein Krug
Mit altem Wein sorgfältig aufbewahrt,

75
Damit er dir zuhanden sei,
Wenn du ihn unversehens brauchst."

So gab's zum Mahl denn Wein und Fisch.


Dann wanderten wir fort zur Roten Wand.
Des Stromes WeHen rauschten fern,
Vom Ufer hatt' er sich zurückgezogen.
Die Berge ragten hoch. Der Mond war klein.
Das Wasser war gesunken, und die Steine vorgetreten. -

Wie wenig Tag' und Monde sind es her,


Seit ich zuletzt an dieser SteHe weilte,
Und wie hat Fluß und Berg sich doch verändert,
Daß fremd und unbekannt die Gegend scheint.

Ich schürzte mein Gewand und stieg empor.


Steil über Felsen ging der Weg,
Und das Gestrüppe diente mir zum Halt.
Die Felsen hockten da, wie Tiger oder Panther,
Und wild wie Drachen krümmten sich die Bäume.
Ich sah dem Nachtkauz in sein steiles Nest
Und blickte nieder in des Flußgotts tiefes Schloß.
Die beiden Freunde wagten nicht zu folgen.
Da tat ich einen lauten Pfiff,
Daß Gras und Bäume zitterten,
Und fern das Echo an des Tales Wand erwachte.
Der Wind erhob sich, und das Wasser rauschte,
Und auch mir ward trüb gespensterhaft zumut,

76
So daß ich länger nicht mehr säumen mochte.
Ich kletterte hinab und stieg ins Schiff.
Wir hielten auf der Strömung Mitte zu
Und ließen unser Schifflein treiben.
Und wo es hielt, da machten wir die Abendrast.

Die Mitternacht war nicht mehr fern,


Und lange schweift' mein Blick hin durch die tiefe Stille,
Ein Kranich schwebte einsam her von Osten,
Mit breitem Fittich schnitt er durch die Luft,
Aus schatt'gern Schwanzgefieder
Glänzte weiß die Brust hervor.
Und einen langgezogenen Ruf ließ er ertönen
Und streifte mit dem Flügel unser Schiff,
Als er nach Westen weiterflog.

Nicht lang darauf verzogen sich die Freunde,


Ich selber auch begab zur Ruhe mich.
Da träumte mir von einem Zaubrer
In langem wallendem Gewand,
Der an der Roten Wand vorüberschwebte.

Er grüßte mich und sprach:


"Wie war denn Eure Fahrt zur Roten Wand?"
Ich fragte ihn nach seinem Namen.
Er nickte nur und sagte nichts.
"Ei," fiel mir ein, "ich weiß es wohl:
Der heute Nacht mit einem Ruf

77
Bei mir vorbeigeflogen ist,
Warst das nicht du? U -

Der Zaubrer sah mich an und lächelte.


Da wacht' ich auf.
Ich öffnete die Luke, um nach ihm zu sehn.
Doch war er nirgends zu erblicken.

Su Dunu Po

78
BEIM WEIN

i\ n den Fenstern die gestickten


.f-\. Seidenstoffe hängen nieder.
Und im hohen Bildersaale
Sitz ich einsam da und kalt.

Draußen pfeift der Wind, am Himmel


Treiben weit und breit die trüben
Grauen. Nebelwolkenmassen
Immer finsterer geballt.

Und nun schneit es. Die Kristalle


Zart wie sechsgeteilte Blüten
Wirbeln tanzend durcheinander
In der leeren Dunkelheit.

Heut hat wohl der Wolkenvater


Göttergäste eingeladen
Und streut Perlenedelsteine
Blitzend in dem Saal umher.

Und die Wälder und die Berge


Hoch und niedrig, fern und nahe,
Alle sind sie weiß wie Perlen
Oder köstlicher Nephrit.
Sicher war's an solchem Tage,
Daß der weltenmüde Weise,
Von dem Fischfang heimwärts kehrend,
Seine Spur verwehen ließ.

79
Oder daß im kalten Norden
An dem fernen Schwalbenberge
Jener Hunnenüberwinder
In die Kriegstrompete stieß.

Kostbare Korallenschätze
Fielen ihm zur reichen Beute,
Da aus Schnee er trüglich baute
Eine leere Silberstadt.

Solche Zeit ist's auch gewesen,


Als aus der verschneiten Hütte
Man den Alten aufgestöbert - -

Doch der Wein beginnt zu wirken.


Auf dem Haupt die goldnen Nadeln
Fühl ich wackeln schon und tanzen,
Und der Krug liegt überquer.

Nur noch eins: der Gott des Morgens


Sandte jüngst die Blumenfee
Mit geheimer Freudenbotschaft
Nach des Südlands Gärten hin.

Und am Fluß die Mandelblüten


Haben's nächtens ausgeplaudert,
Daß der Frühling unterwegs.

Liu Ki Killd

80
SCHNEENACHT IM GEBIRGE

ie Sonne sank fern hinter schwarzen Bergen,


D Kalt stehn die Hütten und mit Schnee beschwert.
Am Gittertore hört man Hunde bellen,
Im Schneesturm spät ein Wandrer heimwärts kehrt.

Liu Tschang King

82
WINTERSTIMM UNO

ie Wintersonnenwende
D Läßt schon den Frühling ahnen,
Die Mandelknospen alle
Vernehmen sein leises Mahnen.

Des Abends im Turmgemache,


Da ist es so traulich und fein.
Ein Mädchen steht vor dem Spiegel
Und schmückt sich für sich aHein.

Geschlossen sind die Riegel,


Und niemand stört ihre Ruh,
So schlüpft sie hinter den Vorhang
Und tut die Augen zu.

Des Morgens ganz verschlafen,


Da wacht sie wieder auf.
Es ist schon spät. Sie errötet
Und lacht; dann steht sie auE

Das Wasser in der Vase


Von Alabaster weiß
Ist über Nacht gefroren
Zu klar kristaUnem Eis.

Sie läßt an ihren F enstem


Die Vorhänge aUe zu,
Kalt ist es draußen; die Berge
Stehn fern in duft'ger Ruh.

6* 83
Der Sturmwind braust durch die Lüfte
Verweht der Wildgänse Reih'n;
Die Sonne sinket nieder
Im roten Abendschein.

Und auf dem Flusse die Nebel


Sie steigen in die Höh'.
Die dunklen Wolken kommen
Und bringen Frost und Schnee.

Du Yang Siu

84
AN DIE MANDELBLOTE

1\ He duft'gen Blumen sind zerflattert,


.f-\. Du allein bist frisch und hold.
Und ich hab' dich liebevollen Sinnes
In mein Gärtchen hergeholt.

Feiner Scharten Kreuzgewirre zeichnet


Sich auf Wassers seichtem Grund,
Leise Düfte, Mondes Spiegelschwanken,
Heimlich lebt die Dämmerung.

Schneeig weiße Reiher nahen spähend


Mit gesenkter Schwinge sich,
Wüßten es die zarten Schmetterlinge,
Grämten sie zu Tode sich.

Glücklich bin ich, daß dir zu gefallen,


Ich dies Liedchen ausgedacht;
Nicht begehr' ich Goldpokal und Zimbeln
In der selig stiHen Nacht.

Li» Pu

85
WINTERGEDANKEN

es Himmels Zeiten und der Menschen Leben,


D Sie kreisen ohne Rast und Ruhe fort.
Die Sonnenwende bringt den Sieg des Lichtes,
Und wieder wird der Frühling kommen.

Der Tag wird länger, und die Stickerinnen


Näh?n täglich einen Seidenfaden mehr.
Die Erdkraft regt sich in geheimen Tiefen
Und wirket still, ans Licht hervorzukommen.

Des Baches Ufer schauen voll Erwartung,


Die Kätzchen aufzutun am Weidenbaum.
Die Berge scheuchen fort den kalten Winter,
Sie wollen Mandelblüten zart entfalten.

Wohl bleibt Natur in jedem Jahr dieselbe.


Doch anders ist die Welt, der Heimat fern.
Sei still! - Komm du herbei, geschäft'ger Knabe,
Und füll' mit Wein mir in der Hand den· Becher!

Du 'Fu

86
WI NTE R MO R GEN

ie Wasser klar
W Leuchtet der Mond in der Winternacht.
Scharf weht der Wind,
Die Herhergtore sind dicht gemacht.
Aus tiefem Traum
Die raschelnde Ratte mich weckt.
Der Morgenreif
Dringt durch die hüllenden Decken mit Macht.
Schlaf nicht, schlafe nicht mehr!
Es wiehern die Rosse
Im Stall, die Knechte sind aufgewacht.

Tsin Schau l'"u

87
AN DER AHORNBROCKE BEI NACHT
VOR ANKER

er Mond ist längst hinunter.


D Nur Raben sind noch munter,
Der kalte Reif vom Himmel fällt.
Am Fluß der Ahorn dunkelt,
Der Fischer Feuer funkelt,
Ich bin allein auf weiter Welt.

Fern ruht die Stadt im Tale,


Da tönt mit einem Male
Vom Berg die Klosterglocke schon
Die Mitternacht, verklingend
Und übers Wasser schwingend
Vernimmt der Pilgrim diesen Ton.

Dschang Gi

88
DER FISCHER IM SCHNEE

D ie Berge stehen kalt und öde,


Die Vöglein alle sind fortgeflogen.
Und einsam liegen alle Pfade,
Die· Menschen sind davongezogen.

In einem Kahn sitzt ganz verlassen


Ein alter Mann in Stroh gehüllt.
Er angelt in den kalten Wassern,
Indes der Schnee die Luft erfüllt.

Liu DSUIIIl JtÜOII

89
WINTERWANDERUNG

rn nach Norden muß ich wandern


R Durch das öde, kalte Feld.
Nieder geht's durch tiefe Schluchten,
Auf zur steilen Gipfelwelt.

Eis erfüllt der Täler Krümmen,


Schnee bedeckt der Berge Hort,
Aus den Hügeln steigen Wolken,
Durch die Wipfel klagt der Nord.

Bleich verschwand die Sonnenscheibe,


Laut der Winterrabe krächzt,
In den Wäldern brüllt der Tiger,
An dem Fluß der Affe ächzt.

Unter Bäumen ist mein Lager


Sehnsuchtsvoll und freudematt.
Schneegewässer stillt den Durst mir,
Und der Rauhreif macht mich satt.

Heimweh nur ist mein Genosse


In der Nächte Aufenthalt.
Weh dem heimatlosen Wandrer
In der Welt so fremd und kalt!

Lu Gi

90
Schneereste au f cler kurzen Brü<ke
N ACHTGEDANKE.N

urch wilde Felsgebirge führt der Pfad,


D Gefahr und lInrast treiben mich bergan.
Rings starren Felsen, Schnee und dunkle Nacht,
Einsame Lampe scheint dem fremden Mann.

Was ich geliebt, rückt immer weiter fort.


Nur fremde Knechte folgen meiner Bahn -
0, wie ertrag' ich diese Wanderschaft!
Und morgen kommt ein neues Jahr heran.

TsuiTu

92
ELEGIE

orgens trat 'ich bei Hof entgegen den falschen GeseHen,


M Ehe der Abend sich naht, war ich zur Wildnis ver=-
bannt.
Pflicht ist männlicher Kampf mit allem Gemeinen und
, Schlechten,
Mag der gebrechliche Leih fallen, was liegt mir daran!
Wolken decken die Gipfel, wie ferne die Heimat im Dunkel!
Schnee versperret den Pfad, scheuend versagt mir das Pferd.
Fernher kommst du, mein Freund, ich weiß, warum du
gekommen:
Bricht mir müde das Herz, sammle am Fluß mein Gebein.

Han }!ü

93
WANDERERS SEHNSUCHT
in goldner Becher steht gefüllet
E Mit klarem Wein;
Auf Silberschalen prangen Speisen
Und laden ein.

Ich kann nicht essen, ungekostet


Steht mir das Glas;
Ich zieh mein Schwert und blicke um mich,
Als sucht' ich was.

Ich möchte den Strom durchqueren im Boote:


Eis hemmt den Lauf.
Möcht über der Berge Gipfel eilen:
Schnee türmt sich auf. -

Bald sitz ich müßig bei der Angel


Am Plätscherbach;
Bald steig ich zu Schiff und flieg im Traume
Der Sonne nach. -

o schwer ist das Wandern!


Schwer ist das Wandern!
So wirr sind die Wege
Von einem Ort zum andern. -

94
Doch kommt einst die Zeit,
Da der Wind fährt hinter den Wellen her:
Dann schwellen die Segel
Zur Fahrt übers weite blaue Meer. -

LiTai B~

95
OBER DIE CHINESISCHE POESIE
ie- Poesie Chinas beruht auf der Magie des Wortes.
D Und zwar in doppeltem Sinn: als bezwingende und
als erregende kommt diese Magie zur Wirkung. Dunkel,
chaotisch bedrängen die Gefühle in ihrem Sturm das Herz.
Unsäglich sind die Leiden, die durch das Gewühl entstehen,
und die das Herz, in seiner Qual verstummend, irgendwie
zu bewältigen suchen muß. Da bietet sich der Laut und
zwar nicht nur der wirre Schmerzensschrei, sondern der
rhythmische Laut. Er wirkt gestaltend, ordnend. Das Un.=t
nennbare, Wilde wird zum Mythos. Es kann nun innerlich
angeschaut werden, und indem es geschaut wird, mildert
sich das wilde Wollen. So drängt die Fülle innerer Erleb.=t
nisse zum Ausdruck im Laut, im Lied. Die ältesten V olks.=t
lieder, die erhalten sind, sind kurze rhythmische Aufschreie,
denen natürlich erst die Musik den inneren Halt verlieh.
Seit alten Zeiten hat man in China Interesse für diese
unmittelbaren Äußerungen der Volkspsyche gehabt, und
kein Geringerer als Kungtse ist es gewesen, der uns im
ersten Teil seiner Liedersammlung (Schi Ging) Stimmen
der Völker de.r damaligen Welt gibt, wie sie sich im Volks.=t
lied äußerten. Denn diese Stimmen der Völker geben einen
Einblick in das Fühlen und Wollen der Massen. Sie ver.=t
raten dem kundigen Ohr, was dort in der Tiefe lebt und
webt. Und wohl dem Herrscher, der zu lauschen vermag
auf die Seele seines Volkes, die im Lied ertönt. Denn dieses
Volkes Stimme ist Gottes Stimme, die die Wirklichkeit
deutet. Alles kommt hier zum Ausdruck: das Gute und
das Böse, das im Volk und seinen Sitten lebt, so daß man
von hier aus erkennen kann, was not ist, wo Erziehung,

98
wo Förderung, wo Beschränkung eingreifen muß. Aber
ebenso zeigt sich in diesem treuen Spiegel der Charakter
und die Art der Herrschenden. Denn hier verbirgt sich
nichts. Wenn die Reden schweigen und das Volk sich duckt:
in den Liedern, den grollenden Liedern der Unterdrückten,
den Spottliedern der Unbestechlichen spricht es sich aus,
was das Volk an seinen Herrschern schaut. Und der Weise
achtet auf diese Stimmen. Hier sind die Keime von Sonnen.:'
schein und Sturm, von friedlichen und zerrissenen Zeiten.
Und wohl dem Mann, der die Zeichen der Zeit versteht,
der die Keime erkennt, die noch in der Entwicklung sind.
Denn ihm ist die Macht verliehen über das Unsichtbare.
Es liegt klar vor seinen Blicken ausgebreitet; denn er ver.:'
mag zu lesen im Lied des Volkes.
So ist diese älteste Volksliedersammlung des Kungtse
keineswegs nur aus ästhetischen oder historischen Gründen
zusammengebracht. Vielmehr enthält sie die Fibel für die
Herrscher, die zu lesen verstehen in der geheimnisvollen
Runenschrift, die in Gleichnisworten und Symbolen den
tiefsten Sinn des Lebens enthüllt. Darum gehörte die Kennt.:'
nis dieser Lieder zu den Grundbedingungen für Männer,
die wirken wollten in der Welt.
Aber nicht nur in diesem Sinne zeigt sich die Magie
des Wortes, daß durch das Lied dem Erkennenden enthüllt
wird, was verborgen lebt in den Tiefen. Sondern das Wort
gibt dem Gedanken eine Kraft. Es beflügelt den Willen und
hilft ihm zur Wirkung. Ein Gedanke, der die rechten Worte
gefunden hat, erhält dadurch ein Leben, daß er weiter
wirken muß, daß er eindringt in die Seelen der Menschen

99
und sie zwingt nach dem Willen dessen, der sich auf des
Wortes Magie versteht. So waren von alters her, wenn
Völker miteinander im Kriege lagen, Beschwörungen üblich.
Es mußte in klare, machtvolle Worte gefaßt sein, was der
Grund des Krieges war und was sein Ziel, dann wurde der
Bann auf die Krieger gelegt mit den Strafen, die auf Verrat
und Feigheit lasteten, und dem Lohn, der für Treue und Mut
zu erwerben war. Das gab dem Heere Kraft des Sieges.
Aber nicht: nur in K riegs zeiten mußte der Herrscher im Be:::
sitz der Magie des Wortes sein. Auch im Frieden war ihrer
Not. Wenn beim Opferfest die Glieder des Clans sich unter~
einander zusammentaten und sich gemeinsam hineinstellten
in die große Gemeinschaft mit den Geistern der Heimge.,..
gangenen, da war ebenfalls das Zauberwort nötig, das die
Brücke schlug vom Diesseits zum jenseits und das dieSeelen
der Lebenden in Berührung brachte mit den See1ep der Väter.
Und weiter, indem durch Wort und Ton und rhythmische
Bewegung - denn der Tanz ist in alten Zeiten immer ein
Teil der Musenkunst - die Gefühle gestaltet werden, die
in der großen Seele des Herrschers leben, geht ein Einfluß
aus von dieser heiligen Kunst auf alle, die unter der Gewalt
ihrer Töne und ihrer Bilder stehen. Es ist die Anschauung
von der Regenerationskraft des Gesamtkunstwerks in älte.,..
ster Zeit. So mußte es sich der Schöpfer unter den Menschen,
der Herrscher, auch angelegen sein lassen, daß die Kraft
seines Geistes sich verkörpere in der Kunst und dadurch
versittlichend, bildend wirke auf die Gemüter des Volkes.
Diese Macht des Gesangs findet ihren Ausdruck im
zweiten Teil des Liederbuchs, wo die Oden und Gesänge

100
bei den heiligen Opferfeiern der Herrscher des Altertums
gesammelt sind.
Die Vision des Kungtse von der Macht der Musik und
der Sitte war groß und erhaben. Er hat getan, was in
seinen Kräften stand, um ihr die Bahn zu brechen und
durch diese Macht der Welt den Frieden zu geben. Es
ist ihm nicht gelungen. Das alte China brach zusammen
im wüsten Kampf der rivalisierenden Großmächte. Mit
eherner Gewalt hat T sin schi huang ti das Werk vernichtet,
das Kungtse geschaffen. Und doch: die Gewalt blieb nicht
Sieger. Sie konnte zwar zerstören, vernichten, was morsch
und brüchig war, aber damit war ihr Beruf erfüllt. Und der
Zerbrecher ward zerbrochen. Auf den Trümmern aber des
Alten erhob sich eine neue Welt.
Das Haus Han war es, das im wilden Kampfe Sieger
blieb. Und nun mußte das ganze Kulturgebäude neu ge#
staltet werden. Und wieder waren es die geistigen Werte,
auf denen es aufgebaut wurde. Man sammelte die Reste des
Altertums. Man ahmte nach, man baute weiter. Aber lange
dauerte es, bis wieder eine Blütezeit des Geistes und der
Kunst sich erhob. Ein Zug der Müdigkeit, der Sehnsucht
ging durch das Volk. Und wieder entstanden Lieder. Man
weiß nicht,wer sie gedichtet. Aber siegaben derZeitstimmung
Ausdruck. Einfach und schlicht in der Form, ganz volksge#
mäß zeigen sie im Inhalt eine Heftigkeit des Gefühls, die ihnen
einen dauernden Platz in der Lyrik aller Völker sichert*.
'" Anmerkung: So gehören z. B. die Lieder der Mitternacht, von denen
man nicht sicher ist, ob Mitternacht der Vorname der Dichterin oder ein Pseu-'"
donym ist, zum Leidenschaftlichsten, was das Volkslied an Liebesliedern her....
vorgebracht hat.

101
Die lyrische Poesie erreichte ihren Höhepunkt in der
Tangzeit. Die lyrischen Gedichte eines Li T ai Be und
Du F u sind an harmonischem Ausgleich des Stimmungs.='
gehaltes und der Formvollendung dem Höchsten an die
Seite zu setzen, was auf diesem Gebiet im Verlauf der
Welt1iteratur geschaffen worden. Auf ganz engem Raum
-- oft nur vier Zeilen von sieben ja fünf Worten -- ist eine in
sich geschlossene Stimmung gezeichnet und ausgestaltet mit
den Reizen eines strengen Rhythmus, fester Wortreime,
zu denen sich dann noch Gedankenreime -- ein Gegen.='
bild zum hebräischen Parallelismus membrorum -- gesellen.
Diese komplizierte Form, die sich in ihrem Einfluß sowohl
auf den Sinn wie auf den Tonwert jedes einzelnen Wortes
erstreckt, erweckt bei den Meistern der Form die Vor.='
stellung einer vollkommenen Freiheit, als haben sich nur
aus dem Zwang inneren Erlebens heraus die Worte so
zusammengefunden, wie sie dastehen, weshalb denn ein
solches chinesisches Gedicht auch auf diejenigen Leser
einen vollen Eindruck macht, denen die Geheimnisse der
Formbildung gar nicht zugänglich sind. Die Prägnanz und
Kürze des Ausdrucks begünstigt dann noch besonders
die Ausbildung einer weiteren Eigenschaft, die der chi.='
nesischen Kunst allgemein eigen ist: der Fähigkeit, zwischen
die Zeilen Beziehungen, Stimmungen, Betonungen zu ver.='
legen, die nicht ausgesprochen, gerade durch das Verhaltene
besonders stark wirken. Ein bekanntes Gedicht von Li
T ai Be mag als Beispiel dienen:
"Die Marmorstufen weiß vom T aue leuchten
Die Nacht ist spät, das Kleid beginnt zu feuchten. --

103
Allmählich kamen nun die Dichter auf. Nicht mehr aus
den namenlosen Tiefen des Volkes allein sprudelt der
Quell der Poesie. Die Welt war umfangreicher geworden.
Von außen her drangen neue Gedankenmassen in China
ein. Damit hängt es wohl zusammen, daß die einzelnen
Persönlichkeiten sich schärfer abzuheben begannen. Gewiß
sind auch aus früherer Zeit Gedichte vorhanden, deren
Verfasser bekannt sind. Aber das sind meist Gedichte,
die aus bestimmtem Anlaß, zu bestimmter Gelegenheit von
Männern gemacht sind, deren eigentlicher Beruf ganz wo
anders lag. Aber die neue Zeit, die durch ihre religiöse
Richtung die Seele in den Vordergrund schob, war der
Entfaltung von eigentlichen Dichterpersönlichkeiten günstig.
Der Buddhismus, der von ihm befruchtete Taoismus, der
Süden mit seiner F üBe der Gesichte, wie er seit den Elegien
von T schu immer mehr dem alten Stil der Literaten eine
neue Nuance verlieh: das alles wirkte zusammen. Und so
entstand eine neue Kunst: die lyrische Dichtung. Noch
immer war die Musik ein wesentlicher Bestandteil des
Gedichtes. Durch ihre Melodien sind viele der neuen
Lieder ins Volk gedrungen und haben sich verbreitet,
während ihre Dichter mit der Zither und dem Schwert
auf ihren abenteuerlichen Fahrten das Reich durchwan#J
derten. Während die wech seInden Schicksale des Wander#J
lebens, der Wein und die Liebe, die Natur mit ihren großen
Bildern und ihrer Wirkung auf das Menschenherz den
Gehalt der neuen Dichtkunst bildeten, fand auch die Form
des Kunstwerkes eine immer weitergehende Verfeinerung
und Pflege.

102
Die lyrische Poesie erreichte ihren Höhepunkt in der
Tangzeit. Die lyrischen Gedichte eines Li T ai Be und
Du F u sind an harmonischem Ausgleich des Stimmungs.='
gehaltes und der Formvollendung dem Höchsten an die
Seite zu setzen, was auf diesem Gebiet im Verlauf der
Welt1iteratur geschaffen worden. Auf ganz engem Raum
-- oft nur vier Zeilen von sieben ja fünf Worten -- ist eine in
sich geschlossene Stimmung gezeichnet und ausgestaltet mit
den Reizen eines strengen Rhythmus, fester Wortreime,
zu denen sich dann noch Gedankenreime -- ein Gegen.='
bild zum hebräischen Parallelismus membrorum -- gesellen.
Diese komplizierte Form, die sich in ihrem Einfluß sowohl
auf den Sinn wie auf den Tonwert jedes einzelnen Wortes
erstreckt, erweckt bei den Meistern der Form die Vor.='
stellung einer vollkommenen Freiheit, als haben sich nur
aus dem Zwang inneren Erlebens heraus die Worte so
zusammengefunden, wie sie dastehen, weshalb denn ein
solches chinesisches Gedicht auch auf diejenigen Leser
einen vollen Eindruck macht, denen die Geheimnisse der
Formbildung gar nicht zugänglich sind. Die Prägnanz und
Kürze des Ausdrucks begünstigt dann noch besonders
die Ausbildung einer weiteren Eigenschaft, die der chi.='
nesischen Kunst allgemein eigen ist: der Fähigkeit, zwischen
die Zeilen Beziehungen, Stimmungen, Betonungen zu ver.='
legen, die nicht ausgesprochen, gerade durch das Verhaltene
besonders stark wirken. Ein bekanntes Gedicht von Li
T ai Be mag als Beispiel dienen:
"Die Marmorstufen weiß vom T aue leuchten
Die Nacht ist spät, das Kleid beginnt zu feuchten. --

103
Mit dem kristaHnen Vorhang schließt sie nun ihr Zimmer,
Da sieht der Herbstmond sie im Perlenschimmer."

Hier ist die Sehnsucht bei äußerer Trennung zu einem


ganz intensiven Ausdruck gebracht, ohne daß mit einem
Wort von Sehnsucht die Rede wäre. Wir sehen eine
Schöne - daß es sich um eine Palastdame handelt, die
vergeblich auf den Besuch ihres Herrn wartet, läßt sich
nur nebenbei erschließen - sie blickt zur Erde, daher
treten zunächst die Marmorstufen in die Erscheinung.
Sie glitzern im Tau besonders hell. Unausgesprochen ent;-
nehmen wir daraus, daß sie zuvor in die Dämmerung der
Nacht lange vergebens hinausgespäht hat. Ermüdet, ent;-
täuscht, senkt sie den Blick endlich und wird geblendet von
den tauglitzerndern Marmorstufen. Nun kommt ihr zu
Sinn, daß der Tau in den Nachmitternachtsstunden zu
faHen pflegt, die Nacht ist spät. Enttäuschung, der Geliebte
kommt nicht mehr. Jetzt treten bisher nicht beachtete
Momente ins Bewußtsein. Das Kleid ist während des
langen, vergeblichen Wartens feucht vom Tau geworden.
Sie fröstelt, gibt das vergebliche Warten auf, geht ins
Zimmer. Ehe sie sich zur Ruhe begibt, läßt sie den Vor;<
hang aus Bergkristallperlen vor dem Fenster niederrieseln :
endgültiger Abschied von der Hoffnung. Dabei aber blickt
sie nochmals hinaus zum Mond, dem Sehnsuchterwecker.
Aber sie sieht ihn nicht mehr klar. Seine Umrisse ver;<
schwimmen im Perlenschimmer. Ob es die Kristallperlen
des Vorhangs oder Tränenperlen sind, bleibt verschwiegen.
Hier also erst, zum Schluß, wird der Mond genannt, unter

104
dessen schwermütigem Einfluß das ganze Gedicht steht.
Diese Ökonomie der Mittel gibt auf die einfachste Weise
einen überwältigend starken Eindruck. Wenn man bedenkt,
daß aH diese feinen Beziehungen absichtlich verschwiegen
sind, und gerade durch dieses Schweigen dem Gedicht ein
unsichtbares Leben verleihen, so erinnern wir uns unwiH~
kürlich der chinesischen Landschaftsbilder, die ebenfalls so
stark wirken durch halbe Andeutungen und den leeren
Raum, den sie als Kontrast verwerten. Es ist, so seltsam
es klingen mag, hier eine innere Verwandtschaft mit der Art
des Rembrandt. Wie dieser aus Licht und Schatten Leben,
geheimnisvoll webendes Leben schafft, so die alten Chinesen
aus dem Gegeneinanderwirken von Ausgesprochenem,
Angedeutetem und Verhaltenem, Leerem.
In dieser Technik, die ganz bewußt nicht nur mit dem
Positiv ~ Wirklichen sondern ebenso mit dem Leeren, dem
"Nichts arbeitet, findet sich eine Auswirkung der philo~
U

sophischen Anschauungen, die dem Laotse ebensowohl


zu eigen sind wie dem alten Buch der Wandlungen, das
die gemeinsame Grundlage bildet für das Yogasystem des
Laotse und das Gesellschaftssystem des Kungtse.
Außer dieser gebundenen Poesie, in der die philoso~
phisehen Stimmungen nur mehr im Hintergrund des
Schaffens liegen, gibt es aber auch noch eine freiere Art
der poetischen Ergießung, die die Mitte hält zwischen dem
literarischen Essay und dem eigentlichen Gedicht. Diese
Stücke sind in einer frei rhythmischen Prosa geschrieben
und enthalten neben der Schilderung auch Stimmungsaus~
druck mannigfaltiger Art. Ähnlich wie den kleinen Fächer~

105
bildern oder den hingehauchten Landschafts .... , Blumen ....
und Fruchtstücken in der Malerei die Bildrollen zur Seite
treten, die in fortlaufender Reihenfolge wie die Wandel....
szenen im Parzival, wo die Zeit zum Raume wird, durch
eine ganze Landschaft führen, wobei die einzelnen Aus ....
schnitte in unmerklichen Übergängen einander folgen und
so ein Bild geschaffen wird, das nicht auf einen Überblick er....
faßt werden kann, sondern erst im aHmählichenEntrollen sich
vor dem Beschauer wie eine symphonische Folge vorüber....
bewegt, so treten in der Poesie den lyrischen Stimmungs ....
bildern diese ausgeführteren Arbeiten zur Seite, in denen ein
zeitficherbzw. räumlicherVerfaufsichvordemLeserentfaltet. .
Indem diese Stücke weniger durch prägnante Form und
konzentrierten Gehalt wirken, ergibt es sich von selbst
daß sie durch Gedanken auch philosophischer Art ein
gewisses inneres Schwergewicht erhalten. Je nach der Rich.='
tung, der der Dichter angehört, werden die philosophischen
Gedanken mehr taoistische oder konfuzianische Färbung
haben. Doch kommt gerade in diesen Stücken neben der
eigentlichen Schulrichtung in weitem Ausmaß auch die
persönliche Anschauung zu Worte.
Diese Literaturgattung, die in Europa im allgemeinen
noch wenig bekannt ist, hat gerade dadurch ihre beson.='
deren Reize, daß sie zeigt, wieviel von den philosophischen
Gedanken in das eigenliche Leben aufgenommen worden ist.
Wie seltsam berührt es z. B., daß in der chinesischen Poesie
nicht nur die Liebesgefühle mit ihrer reichen Stimmungs.='
skala vom Jubel der Erfüllung bis zum Schmerz des dau.='
ernden Verzichtes zu Worte kommen, nicht nur die lyrischen

106
Stimmungen, die sich aus dem Einfühlen in die Natur und
dem Miterleben ihres Wechsels ergeben, sondern auch die
Familiengefühle: Kindesehrfurcht, Bruderliebe usw., die bei
uns zwar sehr moralisch, aber eben so trocken und un.::'
poetisch erscheinen, zum leidenschaftlich gesteigerten Aus.::'
druck kommen. Ein abgemildertes, aber immerhin bezeich.::'
nendes Stück haben wir in der bekannten Einladung des
Dichters Li T ai Be an seine Brüder zum Frühlingsmahl
im Pflaumen.::' und Pfirsichblütengarten :
"Der Himmel und die Erde
Sind aller Dinge Herberg nur.
Die flüchtige Stunde
Ist Wandergast der Zeit allein.
Wir schwimmen durch das Leben
Als wie in einem Traum,
Und alles fröhliche Lachen
Ist aus, eh' man's gedacht.
Die Alten machten mit Fackeln
Die Nacht zum verlängerten Tag:
Sie wußten wohl, warum -
Nun lockt uns heute der Frühling
Mit seinen duftigen Fernen,
Und unsere liebe Erde
Erstrahlt in bunter Schönheit:
Da woHen im Dufte der Blüten
Von Pflaumen und Pfirsich wir weilen,
Und woHen der heiligen Bande
Der Bruderliebe uns freuen.

107
Ihr alle, meine Brüder,
Seid ja berühmte Männer,
Ich singe meine Lieder
Bescheiden im Hintergrunde.
Noch sind der stillen Freuden
Gar manche für uns zu haben.
Wir plaudern von hohen Dingen,
Und lieblich fließt das Gespräch.

So woHen zum Mahl wir uns setzen


Unter die Blüten hier,
Und im Fluge der Becher soll kreisen,
Bis der Mond am Himmel betrunken.
Wenn's keine Lieder gäbe,
Wie käme heraus, was wir fühlen!
Drum wem heute kein Lied wiH gelingen,
Muß trinken drei Becher voll Weins. U

Das Charakteristische solcher Stücke liegt in einem


Fortschreiten der Stimmung. An Horaz könnte der An.::<
fang erinnern mit seinem Hinweis auf die Vergänglichkeit
des Lebens, der durch die kurze Pracht des Frühlings be::-
sonders unterstützt wird. Aber während bei Horaz als
einzige Antwort auf die Flüchtigkeit der Zeit das "Carpe
memu in immer neuen Variationen ertönt, hat Li T ai Be noch
eine andere Auskunft: Wie die Alten die finstere Nacht
durch Fackeln erhellten, die das fremde Dunkel verscheuch::-
ten und mitten in der Nacht kleine Lichtinseln schufen,
so der Dichter: mitten unter den Gedanken an die Ver::-
gänglichkeit der Frühlingspracht kommt ihm der Gedanke

108
an. die Brüder. Hier in der Familie menschlichem Zusam.=
mensein ist ein traulicher Ort mitten im fremden Verrauschen
der Stimmen der äußeren Natur. So finden die Zusam.=
mengehörigen sich zusammen und bilden durch ihre Ge.=
meinschaft ein Bollwerk gegen die fremde Einsamkeit der
Natur. Man plaudert von hohen Dingen und öffnet durch
den Wein auch der Welt der Gefühle die Tore, die sich
dann zu äußern Gelegenheit hat in dem improvisierten Lied,
wie es die Stunde erzeugt.
Einen andern Verlauf nimmt das berühmte Stück von
Wang Hi Dschi', welches das Zusammensein von 42 Ge.=
lehrten beim Orchideenpavillon schildert, ein Gegenstand,
der auch in der chinesischen Malerei eines der vielen wieder.=
kehrenden Themen geworden ist. Das Problem in der Malerei
besteht darin, die verschiedenen Beschäftigungen und Typen
der alten und jungen Gelehrten zu bringen, der Pavillon,
in dem gemalt, geschrieben, gelesen und beschaut wird, die
verborgenen Winkel des Bambushains, in denen kleinere
Gruppen im Gespräch beisammensitzen, endlich der Bach,
der als verbindendes Band das ganze Gemälde durchzieht,
und die Weintassen, die auf Lotosblättern schwimmend
vom einen dem andern zugeschickt werden: alles das wird
von den verschiedenen Künstlern je nach ihrer Auffassung
und Bildungshöhe verwendet, wobei dann mancher es nicht
verschmäht, den Gegensatz des Anfangs, da einzeln und
nüchtern die Festteilnehmer mit ihren Dienern sich ein.=
finden, zum Schluß, da der eine oder der andre im seligen
Weintraum nach Hause gestützt werden muß, besonders
hervorzuheben. Aber immer behält der Gegenstand für

109
den Maler etwas Gewagtes, wie etwa die Gesellschafts.='
bilder der HoHänderJ wegen der Menge der gleichartig Be.='
schäftigten. Natürlich ist, daß gerade das Schwierige des
Vorwurfs auch immer wieder die Künstler reizte, die
Schwierigkeiten durch neue Be1ebungen zu lösen.
Dem Dichter stehen noch andere Mittel zu Gebote.
Er hat neben der äußeren Schilderung die Belebung durch
Stimmung zur Verfügung. Und da gestaltet er dramatisch.
Und zwar umgekehrt wie Li Tai Be. Während bei Li Tai
Be die Nacht, das Dunkle des Schicksals, der Vergäng.='
lichkeit, verscheucht wird durch den traulichen Raum der
Familienzusammengehörigkeit, geht Wang Hi Dschi vom
Frühling aus, da im alten China ein Vegetations.=' und
Sühnefest gefeiert wurde, das in seinem äußeren Treiben
oft an den Mummenschanz unseres Karnevals erinnerte.
Die Gelehrten haben sich zu einem Zusammensein höherer
Art eingefunden. Nach der langen Winterkälte genießt man
doppelt die Schönheit des wiederkehrenden Frühlings. Die
Mannigfaltigkeit der Wesen, die neu erwacht am Grunde
wimmeln, findet ihr Gegenstück in der Mannigfaltigkeit
der persönlichen Charaktereigenschaften der versammelten
Freunde. Und bei aller Mannigfaltigkeit herrscht die Har.='
monie der inneren Beziehungen, die ihren Abschluß findet
in den Worten: "Was die Gegenwart gewährt, befriedigt
1I
und läßt des Alters NahJn vergessen.
Wie auf die Fastnacht der Aschermittwoch folgt, so
wird das heiter klare Bild getrübt von dem Gedanken an
die Vergänglichkeit, der wie ein plötzlicher Nebel in der
Seele aufsteigt. Und nun richtet sich die dunkle Schwermut

110
auf, die ebenso wie in der heitern griechischen Kultur auch
in der chinesischen im tiefsten Grunde schlummert. Was
ist der Mensch inmitten der Vergänglichkeit? Der Taoisa
muS hatte eine Lösung gegeben: Alles Vergängliche ist nur
ein Gleichnis. Wenn auch alles einzelne wechselt, der Sinn,
der Lauf, das Gesetz alles Geschehens ist ewig. Und das
Ich tanzt ewig diesen Tanz bald in dieser, bald in jener
Maske. Wer aber diesen Schleiertanz durchschaut, der wird
sich nicht mehr grämen über die Rolle, die sein augenblicka
liches Individuum spielt. Sie wechselt ja: Wer heut' als
Säugling stirbt, führt nächstens vielleicht ein Dasein, das erst
im hohen Greisenalter sein Ziel findet. Darum ist es für den
Erkennenden gleichgültig, wo er seinen Platz imLebenfindet
Wang Hi Dschi, der Konfuzianer, ist von dieser Lösung
nicht befriedigt. Denn sie erkauft für ihn die Ewigkeit nur
um den Preis der Wirklichkeit des individuellen Daseins.
Aber nur das Individuum ist für ihn das Wirkliche inmitten
der von ihm unabhängigen Außenwelt der Dinge. Und
dieses Individuum vergeht - unwiederbringlich! Und
dieses Individuum leidet darunter, daß es dieses Schicksal
erdulden muß. Kein Hinweis aufUnsterblichkeitshoffnungen
sucht die Härte dieser Dissonanz zu mildern. Sondern die
Lösung liegt darin, daß man die Schwermut bewußt ausa
klingen läßt und dann begreift als Menschenlos. In dieser
Gemeinsamkeit des Leidens liegt eine Sympathie, die von
Geschlecht zu Geschlecht die Erbschaft der geheimen
Schwermut weitergibt.
Eine andere Lösung war für den konfuzianischen Standa
punkt nicht wohl möglich, sobald er sich von den großen

111
sozialen Zusammenhängen in Staat und Familie dem
Einzelmenschen zuwandte, der ja für ihn doch die letzte
erreichbare bewußte Realität ist. Er weist jede Verbrämung
des Gesichtskreises nach dem Jenseits zu, die mit gau ...
kelnden Bildern himmlischer Freuden oder dem nebelhaften
Ausblick in erneut zu durchlaufende Daseinsformen die
bittre Wirklichkeit sanft umschleiert, mit bewußter Ehrlich ....
keit ab, er ist mit dem alternden Faust der Meinung:
Was braucht er in die Ewigkeit zu schweifen!
Was er erkennt, läßt sich ergreifen.

Aber gerade dieser Umstand ist es, durch den die Sorge
Macht gewinnt, und diese Schwermut wird hier unum"..
wunden ausgesprochen.
Von anderer Art als Wang Hi Dschi' ist Tau Yüan
Ming. Auch auf dem Grunde seines Wesens ruht ein tiefer
Zwiespalt, der Widerstreit zwischen den Ansprüchen,
die ein ehrlicher, begabter und strebend sich bemühender
Mensch zu erheben berechtigt ist, innerhalb der Kultur....
gemeinschaft, in der er sich befindet, und zwischen den
Tatsachen, daß diese Ansprüche für den geradsinnigen,
aufrechten Mann, der keine Konzessionen zu machen ent....
schlossen ist, sich so häufig nicht durchsetzen lassen. So
schied er mit bitterm Leid aus der öffentlichen Welt und
kehrte heim zum still zurückgezogenen Landleben. Aber
er ist zu stolz, um diese Enttäuschung sich einzugestehen. So
schmückt er denn dieses Landleben mit allen Reizen der
Idyl1e und malt in der Geschichte vom PfirsichblütenqueH
das Idealbild eines still friedlichen Daseins aus, das ferne

112
vom Getriebe der Weh in anderen Daseinsebenen sich
vollzieht. Wie durch Zufall kommt der Fischer von Lu
Ling dazu, diese friedliche Welt zu schauen. Und wieder~
gefunden hat er sie nicht. Denn diese Welt ist ferne von
der Menschen Treiben, und mit Gewalt kommt man nicht
hinein. Das Bild ist hell in hell gemalt, voll Sonnenschein
und ruhigem Glück. Nicht ohne einen Anflug von Humor
ist es, wie unwissend die Leute sind über alles, was auf
Erden geschieht; alle Kämpfe und Revolutionen, die den
Menschen draußen so lebenswichtig waren, sind für sie
nur Gegenstand verwunderlicher Mär beim Abendessen.
Aber hinter diesem hellen Sonnenschein lauert doch auch
bei Tau Yüan Ming die Bitternis in den Worten: "Seit~
dem hat niemand nach dem Weg gefragt!U Ganz leise
und gedämpft klingen hier die Akkorde des Hölder ~
linschen Schicksalsliedes an, das auch auf der Spannung
beruht zwischen dem seligen Dasein einer lichten F riedens~
welt und der ewigen Unruhe, die dem Menschenvolk be~
schieden ist.
Ganz anderer Art als die Stücke dieser beiden Männer
sind Su Dung PO'S zwei Fahrten nach der Roten Wand.
Su Dung Po hatte so viel ästhetisch Ausgeglichenes in
seinem Wesen, daß er mit einer solchen Dissonanz der
Lebensanschauungen sich nicht hätte zufrieden geben
können. Er war Künstler nicht nur des Worts und der
Farbe, sondern vor allem Lebenskünstler. Und darum be~
durfte er auch für seine Lebensauffassung einer harmo~
nischen Lösung. Die fand er nun im Taoismus. Er selbst
war aufgewachsen in den Gedankengängen der konfuzia~
8 W i 1hel m, Jahreszeiten 113
nischen Gesellschaftsauffassung und dachte nicht daran,
diese Grundlage zu verlassen. Aber er bereicherte sie durch
die philosophische Gedankenarbeit, die Dschuang Dsi', der
Lieblingsschriftst.el1er von Su Dung Po, geleistet hatte.
Mit kristallener Klarheit gibt er diese Anschauung in
der ersten Fahrt zur Roten Wand. Die Rote Wand ist
eine Lehmwand am Ufer des Yangtse. Dort hatte eine
große Wasserschlamt im Altertume stattgefunden, bei der
die Flotte der einen der kämpfenden Mächte verbrannt
wurde, so daß durch die Hitze die Wand am Flußufer rot
gebrannt worden sei.
Hier war nun ein Thema gegeben, bei dem jene elegische
Stimmung von der Vergänglichkeit alles Irdischen sehr
leicht erklingen konnte. lInd S u Dung Po hat auch diese Note
angeschlagen in der Schilderung des Flötenliedes seines
Freundes und den Worten, mit denen dieser seiner Stimmung
Ausdruck gibt. Auch hier überbietet Su Dung Po diese
weltschmerzliche Stimmung durch den milden Schein tao;:,
istischer Weisheit, den er über die Stimmung ausgießt.
Sehr fein sind die Mittel, die er anwendet. Die Außen ...
welt ist ihm nicht mehr die schlechthin feste und gegebene
Wirklichkeit, innerhalb derer derMensch sein vorübergehen ...
des Dasein führt. Sondern dieWirklichkeit wird aufgefaßt als
Produkt zwischen den Dingen an sich und der menschlichen
Sinnesorganisation. Der Mond und das Rauschen des
Wassers, sie werden zur Lichterscheinung bzw. zum Ton
uns dadurch, daß sie von Auge oder Ohr aufgenommen
werden. Damit ist also gezeigt, daß zwar das Geschehen
in fortwährendem Flusse ist und das von Himmel und

114
Erde nicht weniger als das des Menschen, aber andererseits
ist das Subjekt als Bedingung der Wirklichkeit ebenso ewig
wie die Dinge; denn das Ewige in aller Erscheinungen
Wechse1 sind nicht die Einzelphasen des Geschehens,
sondern die Gesetze, die Formen, in denen sich alles be.='
wegt.
Zu diesem Gedanken kommt noch ein anderer. Inner.='
halb der Menschenwelt ist alles begrenzt und beschränkt.
Individuum behauptet hier seine Rechte gegen Individuum.
Hier gibt es nur entweder Kampf oder Verzicht. Und was
der Weise da zu wählen hat, kann nicht zweifelhaft sein.
Aber in der Natur ist alles frei und unerschöpflich. Hier
liegen KraftqueHen, die jeder ausnutzen kann, um sein
Leben zu bereichern, ohne daß er einem andern darum
etwas entzieht. Diese ästhetische Erwägung vollendet die
Beweisführung des Weisen gegen die Schwermut, die
aus dem konfuzianischen Weltgefühl sich ergab. Man
sieht, welche Fortschritte die Gedankenentwicklung in den
Jahrhunderten gemacht hatte, die zwischen dem Aufsatz
des Wang Hi Dscht und der Dichtung des Su Dung Po
liegen.
Die zweite Fahrt zur Roten Wand kann sich an Ge.='
dankentiefe mit der ersten nicht messen. Sie ist nur sozu.='
sagen ein Nachhall von jener. Die Vergänglichkeit der
Naturstimmungen tritt klar heraus. Das Historische tritt
zurück. Phantastisch.='romantisches Erleben faßt Wachen
und Traum zu einer Einheit zusammen.
Wieder auf andere Weise als Su Dung Po gibt sich Ou
Yang Siu in seinem Pavillon des trunkenen Greises. Das

115
Ganze hat einen humorvollen Charakter, der sich schon
in der Art zeigt, wie Fragen und Antworten miteinander
spielen. Natur und Menschenleben ist hier in eins geschaut.
Wie eine Bilderrolle entfaltet sich das Ganze vor unserm
Blick. Die Tages.... und Jahreszeiten, die Bevölkerung und
endlich die Gäste: alles zieht behaglich breit vor unserm
Auge vorüber. Nichts hastet. Die Bilder wechseln wie in
einem Spiegel. Alles ist mit Wohlwollen betrachtet. Und
doch gehört keinem T eil das letzte und höchste Interesse.
Der Dichter sitzt still beschaulich mitten innen, sich freuend
an all dem Treiben, das sich um ihn her entfaltet. Gar
hübsch ist der Abschluß, wie die Schatten der Gäste im
Schein der sinkenden Sonne und unter den Wirkungen des
genossenen Weins durcheinanderwirren, wie es dann ruhig
im Walde wird, und alle Wesen auf ihre Art sich freuen:
die Vögel, daß sie endlich allein sind, die Gäste, daß sie
wieder einen vergnügten Tag zusammen verbracht, und er
selbst, der Gaugraf, schaut alles in einem und freut sich
über jedes in seiner Art. Und während alles sonst nur die
unmittelbare Freude kennt, tritt er nun mählich hinter dem
bunten Schleier hervor, dessen Gewebe sein Werk ist, das
er in schöpferischer Freude genießt, und nimmt lächelnd
Abschied vom Leser, der ihn auch wie einer seiner Gäste
begleitet hat.
So zeigt sich auf mannigfache Weise der Geist, die
Gesinnung, die Lebensauffassung, wie sie die Philosophie
in China hervorgebracht, im Spiegel der Dichtkunst und
verleiht ihr einen besonderen Reiz.

116
DIE DICHTER
s kann sich nicht darum handeln, mit Jahreszahlen und
E Daten eine Biographie der sämtlichen Namen zu geben,
die bei den Gedichten als Verfasser genannt sind. Es hat
kein Interesse, die Examina kennen zu lernen, die sie ge~
macht haben, die Ämter, die sie bekleidet, die Absetzungen
und Wiedereinsetzungen, die sie erlebten. Nur einige der
bedeutendsten der Dichter der nachchristlichen Epoche, die
in ihrem Wesen und Erleben repräsentativ waren, sollen
im folgenden einzeln aufgeführt werden.

TA U YÜAN MING. 365-427 n. ehr.


Durch das Leben Tau Yüan Mings geht ein großer
Konflikt. Er stammt aus einer Familie, in der Vorbilder
von starken und erfolgreichen Männern nicht mangelten.
Seine Kenntnisse und Begabung gaben ihm ein Anrecht
auf eine Stellung, in der er sie zu zeigen imstande gewesen
wäre.
Die Zeiten waren nicht günstig. Infolge der Armut
seiner Familie mußte er eine inferiore Stellung annehmen.
Doch hielt er es nur fünf Tage aus. Dann kehrte er
heim und unterzog sich der härtesten Feldarbeit, so daß
er krank davon wurde. Später wurde er als Beamter an~
gestellt. Aber er traf es wieder ungünstig; denn er hatte
einen V orgesetzten, der nach dem Rang und nicht nach
der Persönlichkeit sich richtete. Weil er vor diesem den
Rücken nicht in der gewünschten Tiefe beugen woHte, sah
er sich nach 83 Tagen amtlicher Tätigkeit genötigt, wieder
heimzukehren. Von da an blieb er dann in der V erborgen~

117
heit. Neben den Arbeiten in Feld und Haus und seiner
literarischen Tätigkeit beschäftigte ihn hauptsächlich die
liebevolle Pflege der Blumen. Das Chrysanthemum in seiner
späten Pracht hat er geliebt und gepflegt und hat seinen,
Ruhm auch im Gedicht verherrlicht. Fünf Weidenbäume
standen in der Nähe seines Blumengartens, nach denen er
sich zuweilen der "Lehrer bei den fünf Weiden" nannte.
Frühling: Die Sage vom Pfirsichblütenquell.
Sommer: Beim Lesen des Buches von den Bergen und
Meeren.
Herbst: Chrysanthemen.

DSCHANG GIU LING. 673-740 n. Chr.


In seiner Jugend verkehrte Dschang Giu Ling mit seinen
Freunden häufig durch Brieftauben, von denen er eine
große Anzahl immer bei sich hatte und die er seine
fliegenden Diener nannte. Beim Tod seiner Mutter pflanzte
er an ihrem Grabe einen purpurn blühenden Baum des
Lebens. W eiße Vögel kamen herbei und nisteten rings in
den Bäumen des Haines.
Unter dem Herrscher Ming Huang vom Hause Tang
wurde er berühmt und stieg bis zum Ratgeber des Kaisers'
auf. Furchtlos wandte er sich gegen die Mißstände der
Regierung. Einmal am Geburstag des Herrschers, als von
allen Seiten kostbare Geschenke dargebracht wurden, dar#O'
unter Metallspiegel aus fernen Ländern, brachte' er als
seine Gabe eine Sammlung von weisen Maximen dar.
Er fand Widerstand bei Rivalen und wurde verbannt.
Jedoch erkannte später der Herrscher, wen er verloren

118
hatte, und rief ihn zurück. Doch starb er nicht lange nach
seiner Wiedererhöhung.
Er stammt aus dem Süden Chinas, der Kantonprovinz.
Herbst: Mondgedanken.

WANG WE. 699-759 n. Chr.


Wie eng die Malerei und die Poesie in China mitein.=-
ander verknüpft sind, davon ist Wang We ein Beispiel,
der in beiden Künsten Hervorragendes leistete. Außerdem
besaß er auch hohe Fähigkeiten in der ärztlichen Kunst.
Das lenkte die Aufmerksamkeit des Kaisers Hsüan Dsung
auf ihn, der ihn zum Minister ernannte. Er wurde dann
aber von einem Rebellen verschleppt, der sehen wollte,
was ein Dichter für ein Tier sei, und ihn in seine Dienste
zwang. Nach dem Tode des Rebellen wurde er unter
manchen Zwischenfällen wieder angestellt. Doch zog er
sich in kurzem in die Abgeschiedenheit zurück, wo er
die Freuden des Landlebens und die stilIe Ruhe des Ge.=-
lehrten genoß. Da dichtete er seine unsterblichen Verse
und fand Trost in der Religion Buddhas, der er treu er.=-
geben war - so sehr, daß er nach dem Tod seiner Mutter
sogar seine W ohn~ng in ein buddhistisches Kloster ver.=-
wandelte, in dessen Nähe er begraben wurde.
Herbst: Herbst im Gebirge.

LI TAl BE. 705-762 n. Chr.


Die Mutter von Li T ai Be träumte vor seiner Geburt,
daß der Abendstern sie besuchte, davon bekam das Kind
seinen Namen. (fai Be oder T ai Bo = Abendstern.> Schon

119
mit zehn Jahren war er ein Dichter. Mit Leier und Schwert
zog er durch die Lande auf der Suche nach Abenteuern.
Er wanderte so nach Osten quer durch das ganze Reich -
er stammt aus der westlichsten Provinz Setschuan - bis
er nach Schantung kam. Dort ließ er sich mit fünf Ge~
nos sen im Gebirge nieder und bildete mit ihnen die Gemein~
schaft der sechs Eremiten vom Bambusbach. Es waren
lauter trinkbare Männer, die das Leben genossen bei Wein
und Gesang. Nicht allzu lange hielt er es dort aus. Weiter
führten ihn seine Wanderungen westwärts bis zur Kaiser.::
stadt Tschangan, wo er bald von Männern in hervorragen.::
der Stellung erkannt wurde. Damals war um den Herrscher
Ming Huang vom Hause Tang ein Musenhof versammelt,
in dem bald Li T ai Be die Führung übernahm. Der Kaiser
bereitete ihm selbst eine Schale Speise zu und ernannte ihn
zu den höchsten Ehrenämtern. Allein auch inmitten des
Hoflebens blieb er sich selber treu. Als er einst vom
Herrscher in Audienz berufen wurde, lag er gerade be....
trunken auf der Straße, und erst nachdem man ihm den Kopf
tüchtig mit kaltem Wasser gewaschen hatte, ward er fähig,
vor seinen hohen Herrn zu treten.
Der Kaiser und mit ihm der ganze Hof war entzückt
von den Reizen der Yang Gui Fe, und Li T ai Be hat sie
durch manche seiner Verse verewigt. So saß er einst in
Gegenwart des Herrschers. Eine Hofdame hielt ihm die
Tuschschale, und er warf mit kühnem Pinsel ein Gedicht
hin, von dem der Kaiser so begeistert war, daß er dem
alten ehrwürdigen Hofeunuchen Gau Li Schi' befahl, vor
dem Dichter niederzuknien und ihm die Schuhe auszuziehen.

120
Darüber war jedoch der alte Hämling bitterböse. Es ge.:=
lang ihm, der Yang Giu Fe einzureden, daß sie vom
Dichter nur immer verspottet worden sei und daß seine
Neigungen auf ganz andere Bahnen gehen. Der Eifersucht
der mächtigen Favoritin gelang es, den Dichter aus der
Gunst seines Herrn zu verdrängen. Es kam zu einer
Szene und acht der begabtesten Mitglieder des Musenhofes
zogen fort. Ungern nur ließ der Kaiser sie ziehen und gab
ihnen reiche Spenden mit auf den Weg. Während das Un.:=
heil über den Hof hereinbrach, zogen sich die acht auf
ihre Art vom Getriebe der Welt zurück und bildeten die
GeseHschaft der "Acht unsterblichen T rinker". Später
wurde der Dichter in politische Intrigen verwickelt, was
ihm beinahe den Kopf gekostet hätte. Doch war ihm ein
friedlicherer Tod bestimmt. Ein Verwandter bot ihm Zu.:=
flucht. Im Boot unterwegs spülte er des Lebens Jammer
im Weine von seiner Seele. An den Rand des Schiffes ge.:=
lehnt sah er das Bild des Mondes aus den WeHen grüßen.
Die Mondfee lächelte ihm zu. Er woHte sie umarmen.
Dabei versank er in den Wogen.
Frühling: Waldgespräch.
Sommer: Mit dem Ging Ting Berg allein.
Herbst: Erinnerungen, Einsamkeit.
Winter: Wanderers Sehnsucht.

DU PU. 712-770 n. ehr.


Du F u ist ein Dichter, der in China mit Li T ai Be zu.:=
sammen genannt zu werden pflegt. Er stammt aus dem
Nordwesten des Reiches. Sein Versuch, auf der gewöhn.:=

121
lichen Examensleiter der Gelehrten emporzusteigen, miß.:
lang. Doch zog er durch seine Dichtung die Aufmerksam.:
keit des Herrschers Ming Huang aus dem Hause Tang
auf sich, und so kam er zu Hofe. Da es ihm zwar an Geld,
aber nicht an Selbstbewußtsein gebrach, verlangte er Er.:
höhung seiner Einkünfte und erhielt sie auch bereitwillig
zugestanden. Doch kam bald darauf die Revolution zum
Ausbruch, die den Herrscher vom Thron stieß und ihn
in Verbannung brachte. Er wurde zwar später wieder zu;::
rückberufen und erhielt eine Stelle als Zensor. Da er aber
in dieser Stellung unerschrocken gegen alfe Mißbräuche
Front machte, wurde er vom Hof entfernt und ging frei;::
willig in die Verbannung. Im wilden Westen führte er dann
jahrelang ein Wanderleben. Er ward zurückberufen und
erhielt einen Posten im Ministerium der öffentlichen Arbei;::
ten. Doch nach sechs Jahren kehrte er zu seinem Wander;::
leben zurück. Als er in Hu Kuang Trümmer vergangen er
Herrlichkeit einsam aufsuchte, wurde er von einer Über;::
schwemmung überrascht und mußte Zuflucht suchen in
einem verlassenen Tempel, wo er 10 Tage lang von W ur;::
zeln lebte. Man suchte nach ihm und rettete ihn, doch
starb er am andern Tag an den Folgen eines reichlichen
Mahls mit Braten und Wein, das dem durch langen Hunger
erschöpften Dichter über die Kräfte ging.
Sommer: Kahnfahrt.
Winter: Wintergedanken.

122
HAN yO. 768-824 n. ehr.
Han Yü gehört zu den Aufrechten aus dem konfu;::
zianischen Lager zu einer Zeit, da der Wind der höchsten
Gunst in ganz anderer Richtung wehte. Zart von körper;::
licher Konstitution und ohne glänzende Begabung zeich;::
nete er sich von früher Jugend an durch den ehernen Fleiß
aus, der dem Nordchinesen eigen ist. Er erreichte dann
durch bedeutende literarische Leistungen, daß er zu Amt
und Würden kam. Aber auch in höchster Stellung an der
Spitze des Kultusministeriums verleugnete er seine Über;::
zeugungen nicht, die allem Aberglauben streng entgegen;::
gesetzt waren. So war er ein abgesagter Feind der tao;::
istischen und buddhistischen Religion. Durch seinen ener;::
gischen Protest gegen die Feierlichkeit, mit der ein Knochen
Buddhas bei Hofe empfangen wurde, zog er sich den vollen
Zorn des Herrschers Hsiän Dsung zu und nur der Für;::
sprache mächtiger Freunde verdankte er es, daß er seine
Kühnheit nicht mit dem Tode büßen mußte, sondern nur
in den Süden unter die wilden Stämme der Eingeborenen
verbannt wurde. Mit dieser Verbannung hängt eine Anek::"
dote zusammen, die in der Elegie <Winter 12) ihren Aus;::
druck findet. Han Yü hatte einen Neffen Han Siang, der
in seinem ganzen, dem Zaubertaoismus zugewandten
Wesen ihm diametral zuwider war. Als dieser Neffe einst
ein Gedicht gemacht, in dem die Blumen im Augenblick
zu blühen beginnen, tadelte er ihn. Da habe der Neffe ein
wenig Erde unter eine Schale getan. Als er die Schale
wieder aufhob, sei eine Pflanze mit zwei Blüten darunter
emporgewachsen gewesen, auf deren Blättern mit goldnen

123
Buchstaben geschrieben stand:
" Wolken decken die Gipfel, wie ferne die Heimat im Dunkel,
Schnee versperret den Pfad, scheuend versagt mir das Pferd."
"Das wirst du später verstehen", soll Han Siang seinem
Oheim gesagt haben, als dieser sich über die Verse wunderte.
Wie Han Yü nun auf dem Weg nach dem Ort der
Verbannung war, habe er sich plötzlich in der von jenen
Versen gezeichneten Situation befunden und gleichzeitig
sei Han Siang aufgetaucht, der ihn an jene Szene erinnert
und ihm weiter geholfen habe.
Han Y ü ertrug die Verbannung mannhaft. Er verbrei.='
tete unter den damals noch wilden Eingeborenen von
T schaudschoufu Kultur und gesittete Formen. Ja, die
sittigende Kraft seines Wesens sei so weit gegangen, daß
es ihm gelungen sei, ein großes Untier, das jene Gegend
unsicher machte, zum Weggang zu bewegen, indem er ihm
ein Schwein, eine 7iege und eine im klassischen Stil ver.='
faßte Drohung vorwarf. Dieser Macht war das Untier
nicht gewachsen und verschwand.
Nicht sehr lange war er in Verbannung, als er nach der
Hauptstadt zurückberufen wurde. Allein er war vorzeitig
alt geworden und seine geschwächte Gesundheit erlag einer
schweren Krankheit, von der er befallen wurde.
Sommer: Bergfelsen. Winter: Elegie.

LIU YÜ SI. 772-842 n. ehr.


Liu Yü Si stammt aus der Nordprovinz von China,
T schilL So hoch man in China bis auf den heutiRen Tag

124
seinen literarischen Wert achtet, so ist doch seine Persön;:::
lichkeit den alten loyalen Konfuzianern etwas verdächtig.
Er war an mehreren politischen Intrigen beteiligt. Trotz;:::
dem gelang es ihm immer wieder durch einflußreiche Ver;:::
bindungen prominente Stellungen einzunehmen. So starb
er in hohem Ansehen. V orher aber hatte er die Wechsel;:::
fäHe des Lebens zu erfahren, zumal da eine satirische Ader
in seiner Poesie ihn oft in Konflikt mit seinen Vorgesetzten
brachte. Eine Zeitlang lebte er in der Zurückgezogenheit
mit einigen bedeutenden Freunden zusammen, von denen
der eine ihn dann wieder hochgebracht hat. Aus dieser
Zeit der Zurückgezogenheit stammt die stolz bescheidene
Inschrift in seiner "Ärmlichen HütteN.
Sommer: Die ärmliche Hütte.

LIN PU. 965-1026 n. ehr.


Lin Pu stammt aus dem Land der Sagen und Elfen am
T sientangfluß und Westsee bei der Stadt Hangtschou.
Er zog sich aus der Welt zurück und wohnte auf einem
Hügel in der Nähe des Westsees als Einsiedler. Dort
lebte er inmitten seiner Mandelbäume <Prunus Mume),
deren zartweiße Blüten schon im ersten Vorfrühling, oft
noch unter dem Schnee, hervorkommen und der weißen
Kraniche, die er fütterte. Er blieb unvermählt, denn die
Mande1blüte sei ihm Gattin und die Kraniche seien seine
Kinder. Den Ruhm verachtete er. Er warf seine Gedichte
weg, sobald er sie geschrieben, und nur mühsam gelang es
seinen Freunden, etwa 300 davon für die Nachwelt zu
retten. Der Kaiser hörte von ihm und setzte ihm ein Ruhe;:::

125
gehalt aus. Davon ließ er sich ein Grab bauen bei dem
Dorf, in dem er so viele Jahre gelebt. Dort wurde er be~
graben mit seinem letzten Gedicht neben sich im Sarge.
Winter: An die Mandelblüte.

OU YANG SIU. 1007-1072


Ou Yang Siu stammt aus Lu Ling in Mittelchina.
Schon in früher Jugend hat er sich am Stil des Han Yü,
dessen Schriften er in einem Winkel seines Vaterhauses
entdeckt hatte, herangebildet. Aber nicht nur seine Prosa,
die er als Verfasser der Geschichte der Tangdynastie zu
zeigen Gelegenheit hatte, war bedeutend, sondern ebenso
geschätzt waren seine Dichtungen. Als Beamter hatte er
etwas Großzügiges. Mit scharfem Blick erkannte er auf~
strebende Talente und wußte sie auch zu fördern. So ver~
dankten nicht nur Su Dung Po und sein Bruder ihm ihre
Anstellung, sondern auch Wang An Selü, dem er freilich
später selber entgegentrat, da er dessen Reformversuch
für unheilvoll hielt. Nachdem er sich auf den verschie~
densten Gebiet~n als Minister ausgezeichnet hatte, zog er
sich neidlos und zufrieden ins Privatleben zurück. Beim
Wein in angeregter Gesellschaft verbrachte er in dem von
ihm erbauten Pavillon des trunkenen Greises so manche
heitere Stunde, die er in seinem berühmten Gedicht ver~
ewigt hat.
Sommer: Nach dem Gewitter.
Der Pavillon des trunkenen Greises.
Winter: Winterstimmung.

126
DSCHOU DUN I. 1017-1073 n. Chr.
Dschou Dun I stammt aus der Zentralprovinz Hunan.
Philosoph, Richter und Offizier erlangte er durch seine
Weisheit immer größeren Ruhm. Ein älterer Gelehrter
aus dem Süden wollte sein Schüler werden. Während er
ihm antwortete, daß er dazu schon zu alt sei, fand er sich
bereit, die beiden Söhne jenes Mannes T schong Hau und
T schong I als seine Schüler anzunehmen. Von ihnen ging
die große Erneuerung der konfuzianischen Philosophie zur
Zeit der Sungdynastie aus, die in Dschu Hi ihren Höheo#
punkt erreichte.
Dschou Dun I war pflichttreu bis zum Äußersten, selbst
auf Kosten seiner Gesundheit. In seinen Mußestunden
beschäftigte er sich mit dem Buch der Wandlungen, zu
dem er zwei Erläuterungen schrieb.
Sommer: Liebe zum Lotos.

WANG AN SCHI. 1026-1086 n. Chr.


Wang An Schi' hatte etwas Modernes und Radikales
in seinem Wesen. Durch seine Schriften, deren Stil beo#
wunderungswürdig war, erregte er die Aufmerksamkeit
von Ou Yang Siu, der ihm zu amtlicher Anstellung vero#
half. Er stieg von Stufe zu Stufe und gewann zuletzt das
Vertrauen des Kaisers Sehen Dsung so sehr, daß er Geo#
legenheit bekam, radikale Reformen durchzuführen, die er
durch eine genauere Erklärung der Klassiker gefunden zu
haben glaubte. Natürlich machte er sich dadurch zahllose
Feinde, auch unter den besten seiner Zeitgenossen, zumal

127
einige seiner Reformen sehr bedenkliche Seiten hatten und
sicher dazu beitrugen, die nachfolgende schwere Erschüt~
terung des Staates vorzubereiten. Er wurde gestürzt und
verbannt, ohne sich jedoch in seinen Anschauungen irgend~
wie irremachen zu lassen. Er war bekannt wegen seiner
bis zum Äußersten gehenden Einfachheit und seines Eigen~
sinnes. Nicht lange blieb er in Ungnade, da wurde er wieder
in Amt und Würden zurückberufen. Doch zog er sich nun
bald ins Privatleben zurück, wo er starb, nachdem er die
Abschaffung al1 seiner Reformen noch hatte miterleben
müssen.
Frühling : Frühlingsnacht.

SU DUNG PO. 1036-1101 n. ehr.


Su Dung Po oder Su Sdü ist der Taoist unter den
klassischen Schriftstellern. Seine amtliche Laufbahn ist so
wechselreich, wie die der meisten Männer seiner Zeit. In
die Höhe gekommen durch die kaiserliche Bewunderung
für seine Fähigkeiten hatte er die Unbilden des Schicksals
zu erfahren, .sowohl durch sachliche Gegensätze, wie
z. B. seinen Widerstand gegen die Reformen des Wang An
Schi', als auch durch persönliches ÜbdwoIlen von Gegnern,
die er durch seinen scharfen Spott gereizt hatte. Er ist
weit herum gekommen in China von Kiautschou, wo er eine
Zeitlang Kreisbeamter war, bis zu den Barbarenstämmen
der Insel Hainan im äußersten Süden. Er hat kaiserliche
Ungnade zu erdulden gehabt. Dann wieder wurde er zu
Ehren berufen und seine Sänfte wurde von Palastdamen
mit brennenden Fackeln nach Hause geleitet. Am berühm~

128
testen vielleicht ist die Zeit, die er am Westsee bei Hang.='
dschou verbracht hat, der in seinen Inselanlagen und Bau#
werken'" noch jetzt die Spuren seiner Tätigkeit zeigt. Sein
hoher Schönheitssinn verlieh ihm die Möglichkeit zu ver#
feinertem Lebensgenuß in Natur und Gesellschaft. Daneben
zeigte er philosophischenTiefsinn taoistischer Richtung, ver#
bunden mit kritischer Schärfe des Urteils. Auch ist er neben
seiner Dichtung durch den Schwung seiner Handschrift
und die flüssige Kraft seiner Malereien berühmt.
Frühling : Frühlingsnacht.
Sommer : Frühsommer, Erwartung.
Herbst: Erste Fahrt zur Roten Wand.
Winter: Z weite Fahrt zur Roten Wand.

Anmerkung: Die Abbildungen, die mit Unterschriften versehen sind, stellen


1/1

die berühmten Sehenswürdigkeiten des Westens bei Haitg=<dschou dar.

9 W i 1hel m, Jahreszeiten 129


FROHLING
Seite
1. Sehnsucht. . . . . . . . . Dschung Tsü 3
2. Die Sage v. PfirsichblütenqueU Tau Yüan Ming 4
3. Waldgespräch . . . . . Li Tai Be 8
4. Das Mädchen im Garten Wang Gia 9
5. Auf dem See . Sü Yüan Giä 11
6. Frühlingsnacht . . . . . Su Dung Po 12
7. Der Hahnenruf. . . . . Volkslied 13
8. Frühlingsnacht. . . . . Wang An Seht 14
9. Abschied vom Frühling. Wang Fong Yüan 16
10. Lieder der Mitternacht 1-8 . Unbekannt 17
11. Im Orchideenpavillon . . . . Wang Hi Dscht 19

SOMMER
1. Frühsommer. . '. Su Dung Po 25
2. Sommerlandschaft Liu Ki King 26
3. Kahnfahrt 1-2 Du Fu 27
4. Der Neumond . . Li Duan 28
5. Erwartung . . . Su Dung Po 30
6. Nach dem Gewitter Ou Yang Siu 32
7. Die Lotosblume . . Dschung Schu 33
8. Die Liebe zum Lotos Dschou Dun I 35
9. Der Fischer . . . . Liu Dsung Yüan 38
10. Die ärmliche Hütte. Liu Yü Si 39
11. Bergfelsen . . . . . Han Yü 40
12. Sommerabend in den Bergen Wu Yün 42
13. Beim Lesen des Buches von
den Bergen und Meeren Tau Yüan Ming 43
14. Mit dem Ging Ting Berg allein Li Tai Be 44
15. Der Pavillon des trunkenen
Greises Ou Yang Siu 45
HERBST
1. Erinnerungen . . Li Tai Be 51
2. Die Mondfee . . Li Schang Yin 52
3. Herbst im Gebirge WangWe 53
Seite
4. Die durchwachte Nacht . Han Yi 54
5. Herbstgedanken Volkslied 56
6. Das Lied . . Volkslied 57
7. Trennung. . . Volkslied 58
8. In der Ferne. . Volkslied 59
9. Im Gefangenenlager. Li Yi 60
10. Gruß in die Ferne . Volkslied 61
11. Einsamkeit . . . . Li T ai Be 62
12. Die Chrysanthemen. '. Tau Yüan Ming 64
13. Mondgedanken . . . Dschang Giu Ling 65
14. Nachteinsamkeit . . Unbekannt 66
15. Erste Fahrt zur Roten Wand Su Dung Po 68

WINTER
1. Zweite Fahrt zur Roten Wand Su Dung Po 75
2. Beim Wein . . . . . . Liu Ki King 79
3. Schneenacht im Gebirge . Liu Tschang King 82
4. Winterstimmung . . Ou Yang Siu 83
5. An die Mandelblüte Lin Pu 85
6. Wintergedanken . . Du Fu 86
7. Wintermorgen . . . T sin Schau Yu 87
8. An der AhornbrückebeiNacht
vor Anker Dschang Gi 88
9. Der Fischer im Schnee Liu Dsung Yüan 89
10. Winterwanderung . Lu Gi 90
11. Nachtgedanken. . . Tsui Tu 92
12. Elegie . . . . . . Han Yü 93
13. Wanderers Sehnsucht Lf Tai Be 94

GEDRUCKT IN DER SPAMERSCHEN BUCHDRUCKEREI IN


LEIPZIG / FONFHUNDERT EXEMPLARE WURDEN AUF DAU..
NENPAPIER GEDRUCKT, IN ECHT CHINESISCHES PAPIER
GEBUNDEN, IN KASSETTE GELEGT UND HANDSCHRIFTLICH
NUMERIERT.
EUGEN DIEDERICHS VERLAG IN JENA

DIE RELIGION
UND PHILOSOPHIE CHINAS
Aus den Originalurkunden übersetzt und herausgegeben von
RICHARD WILHELM=TSINGTAU
ANLAGEPLAN DES 10 BÄNDIGEN UNTERNEHMENS
I. Die nfassisc6e Re!igion und Philosophie.
Bd. 1. Die Relig~on der Urzeit. Auswahl aus den Büchern der Ur=
kunden <SCHU=GING), der Lieder <SCHi'=GING) und der
Wandlungen <I=GING)
Bd. 2. KUNGFUTSE, Gespräche <LuNym. 7. Tausend.
br. M 35.-, geh. M 45.-
Bd. 3. Große Lehre <DAHOO), Maß und Mitte <DSCHUNG
YUNG), Das Buch von der Ehrfurcht <HIAU GING), sowie
eine Auswahl aus dem Buch der Riten <LI GI)
Bd. 4. Mong Dsi <MONG KO). 5. Tausend. br. M 30. -,
geb. M40.-
11. Die Zeit der Kämpft.
Bd. 5. MENSCH UND STAAT. Philosophische Theorien
aus dem nichtkonfuzianischen Lager
Bd. 6. MITTELALTERLICHE NATURPHILOSOPHIE auf
konfuzianischer Grundlage
111. Taoismus und Senten.
Bd. 7. LAOTSE, Das Buch des Alten vom Sinn und Leben.
<TAOTEKING.) 14. Tausend. br M 20.-, geb. M 30.-
Bd. 8. TAOISTISCHE PHILOSOPHIE
1. Halbband : LIA DSi'. Das wahre Buch vom quellenden Ur=
grund. (fSCHUNG HO DSCHEN GING). Die Lehren der
Philosophen LIÄ yo KOU und YANG DSCHU. 5.Tausend.
br. M 25.-, geh. M 34.-
2. Halbband: DSCHUANG DSi'. Das wahre Buch vom süd=
lichen Blütenland. <NAN HUA DSCHEN GING) 5.Tausend.
br. M 35.-, geb. M 45.-
Bd. 9; Späterer TAOISMUS und VOLKSRELIGION
Bd. 10. BUDDHISMUS und SEKTEN

Das könnte Ihnen auch gefallen