Rahner Lecture 2016
Rahner Lecture 2016
Jörg Splett
Karl Rahner – ein Mystiker?
Jörg Splett
Karl Rahner – ein Mystiker?
Rahner Lecture 2016
Herausgegeben von
Harald Schöndorf SJ und Albert Raffelt
Karl Rahner –
ein Mystiker?
Zur Situation
des Christen von morgen
von
Jörg Splett
Harald Schöndorf SJ
Einführung ............................................................................................................... 7
Jörg Splett
Karl Rahner – ein Mystiker?
Zur Situation des Christen von morgen ................................................................... 9
Albert Raffelt
Ein Lebenswerk erschlossen. Zum Stand der Edition sämtlicher Werke Karl Rah-
ners. Zweiter Nachtrag .......................................................................................... 21
Kleine Publikationen. Karl Rahner als theologischer Wegbegleiter.
Erster Nachtrag ..................................................................................................... 34
Karl Rahners Lebenswerk auf Französisch – die Ausgabe der Œuvres................ 40
5
Einführung
Harald Schöndorf SJ
Die Rahner-Lecture des Jahres 2016 wurde am 22. April von Prof. Dr. phil. habil. Dr. theol.
h. c. Jörg Splett gehalten.
Jörg Splett wurde 1936 in Magdeburg geboren, verbrachte seine Gymnasialzeit 1947-1956
auf dem Aloisiuskolleg in Bad Godesberg und studierte schwerpunktmäßig Philosophie in
Pullach bei München, Köln und München, wo er bei Max Müller mit einer Arbeit über „Die
Trinitätslehre G. W. F. Hegels“ in Philosophie promovierte. Von 1964 bis 1967 war er dann
zusammen mit Karl Lehmann Assistent bei Karl Rahner, als dieser den Guardini-Lehrstuhl
an der Ludwig-Maximilians-Universität München inne hatte. Als Rahner 1967 an die Uni-
versität Münster wechselte, dauerte es mehrere Jahre, bis Eugen Biser die Nachfolge am
Guardini-Lehrstuhl übernahm. Während Rahner bei seinem Weggang von München Leh-
mann als Assistenten nach Münster mitnahm, blieb Splett in München und leitete ein Jahr
lang das Institut des Guardini-Lehrstuhls, bis dessen Leitung von Max Müller, dem Inhaber
des zuständigen philosophischen Lehrstuhls übernommen wurde. 1971 habilitierte sich
Jörg Splett an der Münchner Universität in Philosophie mit einer Arbeit über Die Rede vom
2
Heiligen (Freiburg [Link]. : Alber, 1971, 1985).
Prof. Splett ist Professor für Philosophie an der Philosophisch-Theologischen Hochschule
St. Georgen in Frankfurt am Main und ist zugleich Lehrbeauftragter Professor an der
Hochschule für Philosophie in München. Er ist an beiden Institutionen nach wie vor über
seine Emeritierung hinaus als Lehrender tätig. Darüber hinaus wirkt er in vielfältiger Weise
als Vortragender und Mitwirkender in Bildungseinrichtungen sowie als Verfasser philoso-
phischer und theologischer Publikationen. 2014 verlieh ihm die theologische Fakultät der
Universität Augsburg den Ehrendoktor in katholischer Theologie.
Seine Publikationen sind so zahlreich, dass sie nicht im Einzelnen angeführt werden kön-
nen1. Darum sei nur allgemein darauf hingewiesen, dass in ihrem Zentrum die Frage nach
Gott und dem Menschen in ihren vielfältigen philosophischen und theologischen Perspek-
tiven steht. Spletts neuestes Buch trägt den Titel: Vor Gottes Angesicht. Geistliche Impul-
se. München : Verlag Pneuma, 2014.
Ferner ist jetzt eine Sammlung von Aufsätzen von Splett zusammen mit der Laudatio des
Bischofs von Regensburg Rudolf Voderholzer anlässlich der theologischen Ehrenpromoti-
on erschienen; Philosophie für die Theologie. Sie wird herausgegeben von Peter Hof-
mannn und Justinus C. Pech im Be & Be Verlag, Heiligenkreuz 2016.
Jörg Splett
Vielen Dank für die Ehre der Einladung und für die liebevolle Begrüßung.1 Guten
Abend meine Damen und Herren, Also: Karl Rahner.
Wir haben jetzt nachzudenken über Wahrheit, Geheimnis und Mystagogie, den be-
rühmten Satz, dass der Christ von morgen Mystiker sein werde. Daher kommt ja
auch das „morgen“ im Titel des Vortrags. Der Satz findet sich in dem programmati-
schen ersten Text von Band sieben der Schriften zur Theologie Karl Rahners. Das
ist die Basis, bei der man ansetzen muss2.
Damals redete man noch von der Stadt ohne Gott, der „secular city“3. Und die Vor-
träge, zu denen man unterwegs war, hatten Themen wie „Gibt es überhaupt noch
Religion?“ Dazu haben wir stets gesagt: „Doch, das gehört zur transzendentalen
iefe und Ernsthaftigkeit des Menschen“.
Inzwischen redet man lieber von der Renaissance des Religiösen, allerdings noch
nicht einfach im christlichen Sinn, sondern eher im Sinn von Nietzsche. Es gibt ei-
nen bekannten Satz von ihm – ich erinnere einfach daran: „Dies ist es, was ich, als
Ursachen für den Niedergang des europäischen Theismus, aus vielerlei Gesprä-
chen, fragend, hinhorchend, ausfindig gemacht habe; es scheint mir, daß zwar der
religiöse Instinkt mächtig im Wachsen ist, — daß er aber gerade die theistische Be-
friedigung mit tiefem Mißtrauen ablehnt.“4
Es gibt auch den berühmten Satz von Schiller:
„Welche Religion ich bekenne? Keine von allen,
Die du mir nennst!. ‘Und warum keine?’ Aus Religion“5.
Ich habe meinen Studenten gesagt, „Ersetzt doch mal ‘Religion’ durch ‘Mensch’ –
1 Die Transkription des Redetextes läßt den Charakter der wörtlichen Rede bestehen und ergänzt
nur den Nachweis der Zitate. Wo es sich um solche K. Rahners handelt, werden sie nach der
Gesamtausgabe nachgewiesen.
2 Karl RAHNER: Frömmigkeit früher und heute. In: DERS.: Schriften zur Theologie. Bd. 7. Einsiedeln
: Benziger, 1966, S. 11-31, hier S. 22. – Jetzt in: K. RAHNER: Glaube im Alltag. Schriften zur Spi-
ritualität und zum christlichen Lebensvollzug. Bearbeitet von Albert RAFFELT. Freiburg : Herder,
2006 (RAHNER: Sämtliche Werke. 23), S. 31-46, hier S. 39 [Die Seitenzahlen im Text selbst
stammen immer aus den zitierten Texten nach der Ausgabe in den Sämtlichen Werken = SW].
3 Harvey COX: The secular city. Secularization and urbanization in theological perspective. New
York : Macmillan, 1966. – Deutsch: Stadt ohne Gott? Stuttgart : Kreuz-Verlag, 1966.
4 Friedrich NIETZSCHE: Jenseits von gut und böse. (1886) 1. Hauptstück, Nr. 53. In: DERS.: Werke
2
in drei Bänden. Hrsg. von Karl SCHLECHTA. München : Hanser, 1960, S. 563-759, hier S. 615.
5 Friedrich SCHILLER: Mein Glaube. In: DERS.: Gedichte. Hrsg. von Georg KURSCHEIDT. Frankfurt
a.M. : Deutscher Klassiker-Verlag, 1992 (Bibliothek deutscher Klassiker. 74), S. 178, vgl. S. 563.
9
was das für ein Satz wird…. „Wenn du mir sagst, welchen Menschen ich liebe,
dann sage ich „keinen“ – Aus Liebe zum Menschen… Manchmal ist auch Schiller
nicht das Beste.
Rahner bestimmt nun Frömmigkeit im Blick auf morgen unbefangen so, „daß näm-
lich der Mensch, je ich, Gott mehr liebe, glaubender, hoffender, liebender zu Gott
und den Menschen werde, besser Gott ‘im Geist und in der Wahrheit’ anbete, die
Finsternis des Daseins und den Tod williger annehme, seine Freiheit freier auf sich
nehme und bestehe“ (SW 23, S. 32).
Dabei unterstreicht er als erstes, daß solche Frömmigkeit christlich und kirchlich
sein werde, wie sie in der Kirche schon immer gelebt wurde (vgl. S. 33). In der Tat
sind ja Wandel und Erneuerung des Erbes etwas anderes als dessen Verschleude-
rung oder der Ausschlag des Erbes. Und er schreibt dann: „Wer hier zerstört, ohne
gleichzeitig aufzubauen, hat den Geist wahren sittlichen Ernstes und der Selbstkri-
tik im Leben des Christen nicht begriffen“ (S. 34).
Zunächst steht also hier der Gedanke der Dankbarkeit und der Treue im Vorder-
grund im Blick auf das Christentum als Überlieferung. Zweitens ist an die Notwen-
digkeit von Institution als solcher für das Subjekt zu denken, und grundsätzlich gibt
es für den leibhaftigen Menschen kein ernsthaftes religiöses Leben – sagt er – oh-
ne den Mut zum Geplanten, Geübten, Geformten.
Das klingt ja nicht nach dem, was sich heute viele Leute unter Mystik vorstellen.
Inhaltlich benennt er jetzt drei Perspektiven, die ich Ihnen gleich in umgekehrter
Reihenfolge vorlegen möchte.
Drittens, sagt er, es wird eine „Neue Aszese des selbstgesetzten Maßes“ (S. 43)
angesichts der uns zugewachsenen Einwirkungsmöglichkeiten auf Welt und
Mensch nötig werden, vor allem eine Konsumaskese (S. 44). Frühere Passion
oder heroische Aktion nehmen hier die Gestalt der unauffälligen Alltäglichkeit an.
Gerade als Sieg im Ja zum Gott der Zukunft über die verzweifelte Todesangst des
sterblichen Menschen (vgl. S. 45).
Der zweite Punkt ist, dass die Frömmigkeit gegenüber der bisherigen bewusster
als „Weltfrömmigkeit“ zu charakterisieren sei. Wenn der Christ schon den redlichen
Atheisten als jemanden glauben und hoffen darf, den in seinem Weltdienst Gottes
Gnade trägt, dann gilt das erst recht doch für ihn selbst, den Christen. Wer sich
von der Welt zur „Fröhlichkeit, Tapferkeit, Pflichttreue und Liebe erziehen [läßt, …],
lebt […] schon ein Stück echter Frömmigkeit, und solche weltlichen Tugenden
werden ihm schon eines Tages ihr innerstes Geheimnis offenbaren, das Gott
selbst ist“ (S. 41).
Man müsse nicht alles eigens taufen – und kann es auch gar nicht. Weil der Christ
kein Individualist ist, der im Grund nur Gott selbst vertreten will. Und darum muß
diese Frömmigkeit auch nicht der Weltlichkeit entgegengesetzt werden, sondern
bildet als solche schon ein Stück echter Frömmigkeit.
„Ein Stück“ allerdings nur echter Frömmigkeit. Das muß man auch sehen. Die Vor-
ausbemerkung zu Erbe und Institution – bitte ich Sie – nicht zu vergessen. Es hat
angefangen mit der Kirchlichkeit, mit der Tradition und mit der Dankbarkeit, daß sie
einem erhalten worden ist. Es ist alles andere als selbstverständlich, daß nach
zweitausend Jahren die Texte noch da sind und nicht inzwischen durch irgendein
Wahrheitsministerium verändert worden sind.
10
Erfahrung des unbegreiflichen Gottes. Davon spricht Rahner vor dem Hintergrund
jener Gottesferne, die damals sogar eine Gott-ist-tot-Theologie hervorrief. Und hier
steht nun unser Satz. „Nur um deutlich zu machen, was gemeint ist, und im Wissen
um die Belastung des Begriffes ‘Mystik’, der recht verstanden kein Gegensatz zum
Glauben im heiligen Pneuma ist, sondern dasselbe. könnte man sagen: Der
Fromme von morgen wird ein ‘Mystiker’ sein, einer der etwas ‘erfahren’ hat, oder er
wird nicht mehr sein…“ (S. 39) – wobei Rahner das Wort „erfahren“ in Anführungs-
zeichen setzt: „erfahren“, er schreibt „etwas erfahren“. Das führte bei weniger
achtsamen Lesern zum Abschied vom Gott christlicher Philosophie, zu dem auf-
grund hiesiger Welterfahrungen nur der metaphysische Aufstieg führte – oder der
Glaube, der vom Hören kommt. Gott sei erfahrbar, ja ohne die Erfahrung dieses
Gottes sei menschliches Leben als menschliches gar nicht möglich. Das steht ja
noch heute so in katechetischen Büchern. Man stellt also vor allem auf die Herr-
schafts- und Abhängigkeitsstrukturen einer Offenbarung von oben ab, die in esote-
rischen Sätzen einer Klerikerklasse verkomme, und plädiert für Freiheit und Spon-
taneität von einzelnen und Gruppen. Was ich nicht selber erfahre, das kann ich gar
nicht brauchen, während Rahner – und das ist jetzt ein erster Punkt – ohne Be-
schönigung von der Erfahrung des Nichterfahrens ausgeht. „Wenn einer es heute
fertigbringt, mit diesem unbegeiflichen, schweigenden Gott zu leben, Mut immer
neu findet, ihn anzureden, in seine Finsternis glaubend, vertrauend und gelassen
hineinzureden, obwohl scheinbar keine Antwort kommt als das hohle Echo der ei-
genen Stimme; wenn einer immer wieder den Ausgang seines Daseins freiräumt in
die Unbegreiflichkeit Gottes hinein, obwohl er immer wieder zugeschüttet zu wer-
den scheint durch die unmittelbar erfahrbare Wirklichkeit der Welt… ohne die Stüt-
ze der öffentlichen Meinung und Sitte… und nicht nur als gelegentliche religiöse
Anwandlung, dann ist er heute ein Frommer, ein Christ (S. 21).
Immer wieder hat Rahner Gottes und Gnadenerfahrung gerade durch dieses Dun-
kel bestimmt.
Aus dem dritten Band seiner Schriften zur Theologie, an die der siebte Band wie-
der angeknüpft hat, möchte ich Ihnen eine längere Passage über die Erfahrung der
Gnade zitieren.
„Haben wir schon einmal geschwiegen, obwohl wir uns verteidigen wollten, obwohl
wir ungerecht behandelt wurden? Haben wir schon einmal verziehen, obwohl wir
keinen Lohn dafür erhielten und man das schweigende Verzeihen als selbstver-
ständlich annahm? Haben wir schon einmal gehorcht, nicht weil wir mußten und
sonst Unannehmlichkeiten gehabt hätten … ? Haben wir schon einmal geopfert,
ohne Dank, Anerkennung, selbst ohne das Gefühl einer inneren Befriedigung? Wa-
ren wir schon einmal restlos einsam? Haben wir uns schon einmal zu etwas ent-
schieden, rein aus dem innersten Spruch unseres Gewissens heraus, dort, wo
man es niemand mehr sagen, niemand mehr klarmachen kann, wo man ganz ein-
sam ist und weiß, daß man eine Entscheidung fällt, die niemand einem abnimmt,
die man für immer und ewig zu verantworten hat? … Haben wir einmal eine Pflicht
getan, wo man sie scheinbar nur tun kann mit dem verbrennenden Gefühl, sich
wirklich selbst zu verleugnen und auszustreichen, wo man sie scheinbar nur tun
kann, indem man eine entsetzliche Dummheit tut, die einem niemand dankt? Wa-
ren wir einmal gut zu einem Menschen, von dem kein Echo der Dankbarkeit und
11
des Verständnisses zurückkommt, und wir auch nicht durch das Gefühl belohnt
werden, ‘selbstlos’, anständig usw. gewesen zu sein?“6
Wenn ja, meint Pater Rahner, dann haben wir – nicht einfach in solcher Nacht,
sondern darin, dass wir darin doch gut sein können – die Erfahrung des Geistes
gemacht. Und faktisch, können wir als Gläubige sagen, nicht bloß des Geistes,
sondern des Übernatürlichen, des Heiligen Geistes, also des lebendigen Gottes. Er
spricht von der Sehnsucht derer, die das einmal haben kosten dürfen und er
spricht auch von der gleichsam weißen, farblosen und ungreifbaren Seligkeit; aber
vor allem gilt, dass darin nicht nur alles „Greifbare und Angebbare, das Genießba-
re versinkt, wenn alles nach tödlichem Schweigen tönt, wenn alles den Geschmack
des Todes und des Unterganges erhält“ (S. 86).
Man sieht, in welcher harten Weise sich hier Frömmigkeit und Weltlichkeit verbin-
den. Die Gottlosigkeit der Welt und die Gottlosigkeit des Frommen. Und wie wenig
dies einem gewissen religiösen Konsumismus – Wochenende für Wochenende in
anderen Religionen unterwegs zu Selbsterfahrungen – entgegenkommt.
Inwiefern jedoch anderseits hat das dann überhaupt noch mit Gott und mit Jesus
Christus zu tun? Melden sich nicht der Verdacht, hier komme seinerseits unaus-
gewiesenes Wunschdenken ins Spiel? Dazu nun trage ich zwei Auslassungen in
meinen Zitaten nach. Zum Gehorsam heißt es bei Rahner: „…, sondern bloß we-
gen jenes Geheimnisvollen, Schweigenden, Unfaßbaren, das wir Gott und seinen
Willen nennen?“ (S. 85). Und: „Haben wir schon einmal versucht, Gott zu lieben,
dort, wo keine Welle einer gefühlvollen Begeisterung einen mehr trägt, wo man
sich und seinen Lebensdrang nicht mehr mit Gott verwechseln kann, dort, wo man
meint zu sterben an solcher Liebe, wo sie erscheint wie der Tod und die absolute
Verneinung, dort, wo man scheinbar ins Leere und gänzlich Unerhörte zu rufen
scheint, dort, wo es wie ein entsetzlicher Sprung ins Bodenlose aussieht, dort, wo
alles ungreifbar und scheinbar sinnlos zu werden scheint?“ (ebd.)
Haben Sie darauf geachtet, was für Sprachmängel in dem Text waren, vom „Un-
erhörten“, die Doppelungen von „scheinbar“ und „Schein“ – Man merkt also, wie
emotional beteiligt er selber bei der Niederschrift solcher Sätze war. Das ist ja nicht
in Ordnung gebracht: „wo alles ungreifbar und scheinbar sinnlos zu werden
scheint“. Es geht also nicht nur um Einsamkeit und Verlorenheit des Bewusstseins
oder des Freiheitswesens Mensch als solchen, wie den Text ein Außenstehender
vielleicht lesen würde. Auf diese genannten Erfahrungen spricht Rahner vielmehr
den Glaubenden an, jemand, der sich wissentlich und willentlich auf Gott bezieht,
der versucht ihn zu lieben, d.h. sein Gebot zu erfüllen und dem das auch manch-
mal gelingt. Er ist also nicht erst durch diese Erfahrung zum Frommen geworden,
gar in einer Leerlaufhandlung aus frustriertem Wunschdenken, sondern in genau
diesem Vollzug.
Und deswegen ist im zweiten Schritt nun vom Christusglauben zu reden.
6
K. RAHNER: Über die Erfahrung der Gnade. In: DERS.: Schriften zur Theologie. Bd. 3. Einsiedeln :
Benziger, 1956, S. 105-109, hier S. 106f. – Jetzt in: DERS.: De Gratia Christi. Schriften zur Gna-
denlehre. Bearbeitet von Roman A. SIEBENROCK und Albert RAFFELT unter Mitwirkung von Theo-
dor SCHNEIDER. Freiburg [Link]. : Herder, 2015 (RAHNER: Sämtliche Werke. 5/1), S. 84-87, hier S.
85.
12
Woher und auf welchem Wege der Glaubende zu Jesus Christus und zu Gott ge-
funden hat, das können wir natürlich nicht untersuchen, weil jeder seine eigene
persönliche Geschichte hat. Aber ein Doppeltes ist festzuhalten: Einerseits bedarf
es dieser Erfahrungen, damit der Glaubende wirklich ein solcher bleibt, und ander-
seits sind es gerade solche Erfahrungen – also weniger belohnende, beschwin-
gende, als diese radikale Prüfung, die uns unerbittlich in Frage stellt, wenn man
sich ihr aussetzt.
Um das zu bestehen, braucht der Mensch Hilfe. Rahner spricht dann von der Not-
wendigkeit einer Mystagogie, die uns konkret zu lehren hat, „diesem Gott nahe zu
sein“7.
Mystagogie besagt: Einführung in das Geheimnis. Sie hat zwei Etappen: Zunächst
in die Abgründigkeit des unsagbaren Gottes und dann in das göttliche Gnaden-
und Nahesein dieses Unfasslichen.
„Wenn du begreifst, ist es nicht Gott“, wie Augustinus sagt8. In diesem Sinne gilt,
„daß des Menschen Grund der Abgrund ist“ (VII, 23). Solange wir also Grund unter
den Füßen haben, ist nicht der Grund. Solange uns unsere religiösen Erlebens
„etwas geben“, solange ist es nicht Gott, dessen „Unbegreiflichkeit wächst und
nicht abnimmt…, je näher er uns in seine ihn selbst mitteilende Liebe kommt“
(ebd.). Je näher er uns kommt, desto unspürbarer wird er. (In einem frühen Liebes-
Gedicht Celans stößt man auf die Zeile: „Du bist so nah, als weiltest du nicht
hier.“)9.
Doch müssen wir über diesen ersten Einführungsschritt hinaus. Wenn wir da ste-
hen blieben, dann ließe sich ja ein Erwerben und Haben durch Verzicht entwerfen.
Das gibt es ja auch in der Geschichte der Mystik. Man muß nur möglichst viel
wegwerfen, dann kommt automatisch in dieses Vakuum „Gott“. Gott wird dann in
einem Anthropomorphismus negativen Vorzeichens dennoch „genommen“, statt
durch Umfassen, durch Aussparung erreicht. Demgegenüber ist gerade dieses
umfassende Schweigen anzureden. Wider die Anfechtung, nur die eigene Sehn-
sucht bevölkere das leere Nichts. Es gilt „Gott anzurufen und ihn, den Unsagbaren
zu nennen“ (S. 39), zu ihm Du zu sagen, ohne Angst, man könne ihn gerade da-
durch verlieren, indem man ihn beim Namen nennt. – Das haben Sie ja heute bei
einer ganzen Reihe, jedenfalls von deutschen Theologen: Man darf nicht zu ihm
sprechen und nicht zu ihm reden.
„Solche Mystagogie muß natürlich auch wissen, wie Jesus von Nazareth, der Ge-
kreuzigte und Auferstandene, in sie hineingehört.“ Das erst führt „in die Tiefe des
Christlichen im eigentlichen Sinne (ebd.).
Systematisch-theoretisch will ich das hier nicht erörtern, also treten wir nicht in die
Diskussion um Rahners transzendentale Christologie ein, sondern im Vorwort zum
zwölften Band seiner Schriften zur Theologie10 hat er als Grundlage für sein ge-
siologie. Bearbeitet von Albert RAFFELT. Freiburg [Link]. : Herder, 2008 (RAHNER: Sämtliche Wer-
ke. 22/2), S. 793-797, Zitat S.794.
11 K. RAHNER: Betrachtungen zum ignatianischen Exerzitienbuch (1965). In: Ignatianischer Geist.
Schriften zu den Exerzitien und zur Spiritualität des Ordensgründers. Bearbeitet von Andreas R.
BATLOGG, Johannes HERZGSELL und Stefan KIECHLE. Freiburg [Link]. : Herder, 2006 (RAHNER:
Sämtliche Werke. 13), S. 35-265, hier S. 117.
12 Zuerst in: Paul IMHOF – Helmuth Nils LOOSE – Karl RAHNER: Ignatius von Loyola. Freiburg [Link]. :
Herder, 1978, S. 9-38, jetzt in: K. RAHNER: Erneuerung des Ordenslebens. Zeugnis für Kirche
und Welt. Bearbeitet von Andreas R. BATLOGG. Freiburg [Link]. : Herder, 2008 (RAHNER: Sämtliche
Werke. 25), S. 299-329.
14
Gotteserfahrung. Ich lese aus diesem „Brief“ Rahners, den er auch einmal sein
„Testament“ genannt hat: „Ich habe Gott erfahren“, lässt er Ignatius sagen, „den
namenlosen und unergründlichen, schweigenden und doch nahen, in der Dreifal-
tigkeit seiner Zuwendung zu mir. … Gott selbst habe ich erfahren, nicht menschli-
che Worte über ihn. … [;] wenn ihr euren von einem untergründigen Atheismus ge-
hetzten Skeptizismus über eine solche Behauptung bis zum äußersten, und zwar
nicht nur in gescheit redender Theorie, sondern auch in der Bitterkeit des Lebens
kommen lasst, dann könnt ihr dieselbe Erfahrung machen. Dann tritt nämlich ein
Ereignis ein, in dem …der Tod als radikale, sich nur noch durch sich selbst aus-
weisende Hoffnung oder als die absolute Verzweiflung erfahren wird und in diesem
Augenblick Gott sich selber anbietet“ (S. 300f.).
An dieser Erfahrung sind zwei Dinge wichtig: Erstens ist dieser unbegreifliche Gott
der Schöpfer der Welt. Und das sagt nochmals Zweierlei: Einerseits die Nichtigkeit
alles Geschöpflichen, darum die Todesgestalt dieser Erfahrung; auf der anderen
Seite das geschenkte Doch-Sein von allem, und so ist Gotteserfahrung die Erfah-
rung der Neigung Gottes zur Welt. „Die nichtige Kreatur wird unendlich wichtig, un-
sagbar groß und schön, weil beschenkt durch Gott selbst mit ihm selbst“ (S. 16). In
der Neuzeit haben indes die Christen – die Katholiken wie die Evangelischen – die
Schöpfung vergessen. Die evangelische Christenheit, weil die Natur des Men-
schen bis in die Fundamente hinein zerstört sei; doch auch für die Katholiken ver-
blasste das „wunderbar geschaffen“ gegenüber dem „wunderbarer erneuert“13.
Erst Die Grünen haben wieder (zwar nicht den Schöpfer, doch) die Schöpfung ein-
geführt.
Zweitens zeigt dieses Schaffen die Neigung Gottes zu dem, was nicht Gott ist, und
zwar als trinitarisch. Das hat bei Rahner – muss man zugeben – nicht den Stel-
lenwert, den es etwa bei Ignatius hat (was wohl auch seinen Akzent auf Gottes
Nacht und Ferne mitbestimmt), muss aber eben darum eigens angesprochen wer-
den. Zentral ist (bei Ignatius) die Vision von La Storta. Nach dem Diktat des Ignati-
us selbst14: „Als er eines Tages einige Meilen vor der Ankunft in Rom in einer Kir-
che weilte und dort betete, hat er eine solche Umwandlung in seiner Seele verspürt
und so deutlich eine Schau gehabt, wie Gott der Vater ihn Christus seinem Sohne
zugesellte, daß er daran überhaupt nicht mehr zu zweifeln wagen konnte. Gott der
Vater habe ihn seinem Sohne zugesellt.“ Daher kommt bekanntlich der Name der
Gesellschaft Jesu. Aber die Botschaft reicht darüber hinaus. Schöpfung als solche
ist letztlich nur trinitarisch zu denken. Das Angenommen-sein der Geschöpfe be-
steht in ihrer Hineinnahme in die Liebe der drei göttlichen Personen. Nur so kön-
nen sie leben jenseits der heillosen Alternative zwischen gottloser Einsamkeit und
Weltverlorenheit des Irdischen oder seinem Verschwinden im finsteren Geheim-
nisabgrund eines Vampir-Göttlichen. Dagegen hat er sich Rahner immer wieder
ausgesprochen.
Man fragt sich vielleicht, ob nun eine solche trinitarische Mystik dem Christen der
Zukunft zugesagt wird – um nicht zu sagen: zugemutet. Auf dem Weg zur Antwort
13 Ordo missae. Vermischung des Weines mit Wasser, vgl.: Das vollständige Römische Meßbuch.
Im Anschluß an des Meßbuch von Anselm SCHOTT. Freiburg [Link]. 1956, S. 455.
14 IGNATIUS VON LOYOLA: Bericht des Pilgers. Hrsg. von Michael SIEVERNICH, Wiesbaden : Marix,
2006, S. 118.
15
noch einmal zur Ignatius-Rede: „Auf jeden Fall aber dürft ihr heute nicht der Versu-
chung unterliegen, die schweigende und weiselose Unbegreiflichkeit, die wir Gott
nennen, könne oder dürfe, um sie selbst zu sein, sich nicht selbst in freier Liebe
euch zuwenden, euch zuvorkommen, euch von eurer innersten Mitte, in der er da
ist, selber zu ermächtigen, diesem Namenlosen Du zu sagen“ (SW 25, S. 308).
Erst in dieser Neigung zu uns zeigt sich das wahre Wunder der Unsagbarkeit Got-
tes, die sonst, als eine leere Formalität, unserer Metaphysik untertan bliebe. Und
davon zu reden bedeutet, von Jesus zu reden.
Nochmals aus dem Brief: „Mein Verlangen nach dem Heiligen Land war die Sehn-
sucht nach Jesus, dem konkreten, der keine abstrakte Idee ist. – Es gibt kein Chri-
stentum, das an Jesus vorbei den unbegreiflichen Gott finden könnte. [So sieht das
leider bei den deutschen Mystikern aus. Die Spanier sind da besser.] Gott hat ge-
wollt, daß viele, unsagbar viele ihn finden, da sie Jesus nur suchen und, wenn sie
in den Tod stürzen, eben doch mit Jesus in seiner Gottverlassenheit sterben, auch
wenn sie dieses ihr Geschick nicht nach diesem gebenedeiten Namen nennen
können, da Gott diese Finsternis der Endlichkeit und Schuld nur in seine Welt hin-
eingelassen hat, weil er sie in Jesus zu seiner eigenen machte“ (S. 309).
Jesus nun ist es, der in den Exerzitien zum Dienst ruft. Wenn nämlich „Gott erfah-
ren“ bedeutet, seine Neigung zur Welt zu erfahren, und wenn konkret „dieses an-
dere, dem sich Gott zuneigt, der nächste Mensch und kein Ding ist“ (S. 307), dann
führt Gotteserfahrung in die Welt. „Die Liebe zu Gott, die die Welt untergehen zu
lassen scheint, ist Liebe der Welt, die die Welt mit Gott liebt und so erst ewig aufg-
ehen läßt.“ (S. 307). So wird die eigene Qualität dieser Mystik und die die wahre
Bedeutung ihrer Weltlichkeit deutlich. Sie ist praktisch. Glaube ist Befreiung zum
Handeln. Ich zitiere Peter Knauer15: „Ignatianische Mystik läßt sich als Gott, unse-
ren Herrn, in Allem suchen charakterisieren, und dies besagt wieder ein Doppeltes:
[dass da nicht eigentlich Gott gesucht wird, sondern sein Wille]: Einmal fallen Gott
suchen und Gott finden zusammen, so schreibt das ja Ignatius (1. 6. 1551) zum
Gebet der Jesuiten-Studenten, sie könnten sich „darin üben, die Gegenwart unse-
res Herrn in allen Dingen zu suchen, wie im Umgang mit jemand, im Gehen, Se-
hen, Schmecken, Hören, Verstehen und in allem, was wir tun, denn es ist wahr,
daß seine göttlich Majestät durch Gegenwart, Macht und Wesen in allen Dingen
ist. Und diese Weise zu meditieren, indem man Gott, unseren Herrn, in allen Din-
gen findet, ist leichter, als wenn wir uns zu den abstrakteren göttlichen Dingen er-
heben und aus ihnen mühsam gegenwärtig machen.“16
So findet man Gott in den Dingen, und das heißt, man findet seinen Willen in den
Dingen. Wer sucht, hat eben, oder besser: ist bereits gefunden. Und beides ge-
schieht im Geist. Wie bei der Vater-unser-Bitte „Dein Wille geschehe“: Gottes ei-
gentlicher Wille ist, dass wir uns von ihm geliebt wissen. Das geschieht als Hinein-
nahme in seine innergöttliche Liebe. „Und gerade darin, daß ein Mensch nach dem
Geschehen dieses Willens auch ‘auf Erden’ verlangt, darin geschieht das, was
Gott will, daß der Mensch von der Liebe Gottes her lebt“ (S. 350).
Damit ist das zweite genannt: Was gesucht und gefunden wird, ist nicht einfach
15 IGNATIUS VON LOYOLA: Briefe und Unterweisungen. Hrsg. von Peter KNAUER. Würzburg : Echter
1993, S. 125.
16
Gott, sondern er in seiner Neigung, seinem Willen. Und das ist, was die Leute
meist nicht denken, wenn sie von Mystik reden. Josef Stierli präzisiert, es gehe um
„ein Suchen und Finden und Tun des göttlichen Willens in allen Stunden und Ta-
ten. Vorbehaltlose Bereitschaft zum Dienst vor Gott.“16 Und diese Dienstwilligkeit in
der Einheit von Suchen und Finden ist auch die eigene Art der ignatianischen Drei-
faltigkeitsmystik. Die Kontemplation der trinitarischen Mystik wird zur Aktion des
Gottsuchens in allen Dingen, und die Exerzitien münden in die Betrachtung der
Liebe. Und so soll dann der Übende erwägen, wie Gott sich in allen geschaffenen
Dingen auf dem Angesicht der Erde für mich müht und arbeitet. Er soll „schauen,
wie alle Güter und Gaben von oben herabsteigen …, so wie von der Sonne die
Strahlen herabsteigen, vom Quell die Wasser usw.“ (Nr. 237).
Das klingt natürlich neuplatonisch und hat doch nichts von einem neuplatonischen
Intellektualismus, wie er sich auch in der christlichen Mystik bis zur Theorie der
großen Meister zeigt. Darum heißt für Ignatius „Gott suchen in allen Dingen“ durch
demütiges Gebet und eigenes Bemühen in allen fälligen Entscheidungen des
menschlichen Lebens nach dem göttlichen Willen fragen. Und nicht nach dem gött-
lichen Willen für die Welt, sondern danach, was er jeweils von mir will. Das ist ja
der entscheidende Punkt. Umwerfend, wie Ignatius an Franz Borja schreibt, dass
er sich in schwerer Schuld gebunden fühle, dagegen zu kämpfen, daß er den Kar-
dinalshut bekomme, was aber nicht heiße, daß Gott nicht wolle, daß er ihn erhalte;
von ihm jedenfalls wolle er seinen Widerstand.17
Hier wäre der Ort ,von der Kirchlichkeit des Ignatius und der Christen zu handeln,
von der ich ja gesprochen habe. Darum hat Rahner seinen Beitrag über die künfti-
ge Frömmigkeit begonnen mit der Erinnerung an das zu wahrende Erbe. Und hier
muss dieser Hinweis reichen. Aufnehmen möchte ich aber den praktischen Aspekt:
Praxis ist die Vorbedingung von Erfahrung. Die zitierten Erfahrungen gab es im
Dienst des Alltags beim Verzeihen, beim Opfern, beim Gehorchen, beim Seine
Pflicht tun, im Gutsein zu Menschen.
Dem entsprechend liest man bei Emmanuel Levinas, der Satz, in dem Gott zum
ersten Mal ins Wort kommt, heiße nicht „Ich glaube an Gott“; sondern – in Antwort
auf seinen Anruf:
„Me voici – Hier, sieh mich“18.
Nochmals Pater Rahner:
„Wenn wir von Liebe hören, ist es gut, nicht zu ausschließlich an die holde Verzau-
berung der Liebe zwischen den Geschlechtern zu denken, sondern … an die Lie-
be, die alltäglich und manchmal bitter ist, die das Zeichen des Kreuzes an sich
16 Josef STIERLI: Das Ignatianische Gebet „Gott suchen in allen Dingen“. In: Friedrich W ULF
(Hrsg.): Ignatius von Loyola – Seine geistliche Gestalt und sein Vermächtnis 1556-1956. Würz-
burg : Echter, 1956, S. 153-182, Zitat: S. 172f.
17 Briefe und Unterweisungen, a.a.O., S. 414 (5. Juni 1552)
18 Emmanuel LEVINAS: Autrement qu’être ou au-delà de l’essence. La Haye: Nijhoff, 1974 (Pha-
enomenologica. 54). Deutsch: Jenseits des Seins oder anders als Sein geschieht. Freiburg [Link]. :
Alber, 1992, S. 327. Vgl. DERS.: De Dieu qui vient à l’ idée. Paris : Vrin, 1982, S. 114: „Il ne me
comble pas de biens, mais m’astreint à la bonté, meilleure que les biens à recevoir.“; Deutsch:
Gott und die Philosophie, in: Bernhard CASPER (Hrsg.): Gott nennen. Freiburg – München : Al-
ber, 1981, 81-123, 107: „Gott überhäuft mich nicht mit Gütern; aber er drängt mich zur Güte, die
besser ist als alle Güter, die wir erhalten können“.
17
trägt und zu der auch die eheliche Liebe gelangt, wenn sie reif und getreu werden
will“19.
Deshalb sagen wir im Deutschen zu jemandem, den wir lieben, „ich mag dich lei-
den“. Hat Levinas mit Christen-kritischer Note von seiner „Religion als einer für Er-
wachsene“ geschrieben,20 so meine ich, könnte man auch Rahners Konzept mit
diesem Namen bezeichnen; es ist eine Religion für Erwachsene, um den Alltag ist
es ihnen zu tun. Und von diesem Alltag sagt er, er müsse „unversüßt und unideali-
siert bestanden werden.“21. Darauf kommt es an: „der Raum des Glaubens, die
Schule der Nüchternheit, die Einübung der Geduld, die heilsame Entlarvung der
großen Worte und der unechten Ideale, die stille Gelegenheit, wahrhaft zu lieben
und getreu zu sein, die Bewährung der Sachlichkeit, die der Same der letzten
Weisheit ist“ (ebd.). Eben in dieser Bewährung wird die Erfahrung Gottes gemacht.
Nochmals mit Levinas: Die moralische Beziehung vereint also zugleich das Selbst-
bewußtsein und das Bewußtsein von Gott. Die Ethik ist nicht die Folge der Gottes-
schau, sie ist diese Schau selbst. Die Ethik ist eine Optik. Gott kennen heißt, wis-
sen, was zu tun ist.
Und so kann Rahner sprechen vom ewigen Wunder des Alltags, und er nennt die
kleinen Dinge „Wassertropfen …, in denen sich der ganze Himmel spiegelt“ (SW
23, S. 476). „Wenn wir losgelassen haben und uns nicht mehr selbst gehören,
wenn wir uns selbst verleugnet haben, und nicht mehr über uns verfügen, wenn
alles und wir selbst in eine unendliche Ferne von uns weggerückt ist. Dann fangen
wir an in der Welt Gottes selbst, des Gottes der Gnade und des ewigen Lebens zu
leben“ (S. 486).
Diese Gott des Lebens aber, das ist für Rahner selbstverständlich, ist Jesu Christi
Gott und Vater. Wer die Hungrigen, Eingesperrten, Heimatlosen und Sterbenden
liebt in der Tat, der hat es eben mit Gott zu tun. Denn das ist das Kriterium der ei-
gentlichen Liebe, die uns zu Jesus Christus führt.
Von dorther kommt er zur Sprache des Gebets, zum Thema Gebet. Das behandle
ich hier kurz, weil es ja morgen in der Lektüre darum geht.21 Was man aber deut-
lich machen muss ist eben der Schritt, um den es jetzt geht: Es geht um dem Weg
zu Jesus Christus, bei aller Betonung der Praxis, der Welt, der Alltäglichkeit usw.:
Statt beim Transzendentalen zu bleiben, haben wir ins Kategoriale zu gehen. Auch
und gerade beim Gebet. Die moderne Religiosität ist ja geneigt, das Gebet in Me-
ditation zu übersteigen und aufheben zu lassen. Auch die Diskussion um Wort und
Schweigen gehört dahin. Ignatianisch geht nicht das Gebet in die Meditation auf,
sondern die Meditation in das Gebet.
19 K. RAHNER: Ich glaube an Jesus Christus (1968). In: DERS.: Dogmatik nach dem Konzil. 1. Teil-
band: Grundlegung der Theologie, Gotteslehre und Christologie. Teil B. Bearbeitet von Peter
W ALTER und Michael HAUBER. Freiburg [Link]. : Herder, 2013 (RAHNER: Sämtliche Werke. 22/1b),
S. 708f.
20 Emmanuel LEVINAS: Une religion d’adultes. In: DERS.: Difficile liberté. Essais sur le judaïsme.
3
Paris : A. Michel, 1984 (Le livre de poche. 4019), S. 24-42. – Deutsch: Eine Religion für Er-
wachsene. In: E. LEVINAS: Schwierige Freiheit. Frankfurt : Jüdischer Verlag, 1992, S. 11-37.
21 Der Lektüretext war: Fragen des modernen Menschen vor dem Gebet. In: K. RAHNER: Wagnis
des Christen. Geistliche Texte. Freiburg i. Br. : Herder, 1974, S. 69-84, Jetzt in: SW 23, S. 191-
201.
18
K. Rahner: „Wenn jemand … ausdrücklich und fest behaupten würde, das explizite
und formale persönliche Gebet zu Gott sei ein mythologischer und veralteter
Brauch, über den der moderne Mensch, sofern er ehrlich ist, längst hinausgewach-
sen sei, ist er ein Häretiker“22. Es ist nicht wahr, daß Meditation besser ist als Ge-
bet. Deshalb ist das Gebet für Rahner eine Grunderfahrung des Menschen, nur
vergleichbar mit der Liebe.
Rahner wurde in einem Rundfunkgespräch einmal gefragt, ob er bete. Seine Ant-
wort: „Ich möchte vorsichtig sagen: Ich hoffe, daß ich bete. Sehen Sie, wenn ich in
meinem Leben immer wieder in großen und in kleinen Stunden eigentlich merke,
wie ich an das unsagbare, heilige, liebende Geheimnis grenze, das wir Gott nen-
nen, und wenn ich mich dem stelle, … auf dieses Geheimnis mich vertrauend, hof-
fend und liebend einlasse, wenn ich dieses Geheimnis annehme, dann bete ich –
und ich hoffe, daß ich das tue“.23
So beginnt dann auch eine Gebete-Sammlung von ihm mit dem Text: „Inmitten der
nahen Unbegreiflichkeit Gottes zu wohnen, von Gott selbst so geliebt zu werden,
daß die erste und letzte Gabe die Unendlichkeit und Unbegreiflichkeit selber ist,
das ist erschreckend und selig zumal. Aber wir haben keine Wahl. Gott ist mit
uns.“24
Haben wir also – wie gesagt – im Alltag zu leben, so macht es gleichwohl dessen
Nüchternheit und Ungesüßtheit aus, daß in der Regel hier nicht die tiefen Ent-
scheidungen fallen. Im Alltag sollen wir Menschen sein, die – biblisch gesprochen
– in der Nacht als Knechte auf die Stunde des Kommens des Herrn wachend war-
ten. Und dies durch die gelebten Alltagstugenden. Die Weltlichkeit solchen Lebens
versteht man nur recht, wenn man die Fraglosigkeit mithört, mit der er dann bei-
fügt: „Zu diesem Alltag gehört dann gewiß auch ein ‘alltägliches’ ausdrücklich reli-
giöses Leben“25
Ein letztes Erfahrungsexempel Rahners: Es „ereignen sich eben doch vermutlich in
jedem Menschenleben Augenblicke, in denen die nüchterne Alltagsliebe, die kaum
von vernünftigem Egoismus unterschieden werden kann, plötzlich vor die Alternati-
ve gestellt wird zu lieben ohne Lohn, zu vertrauen ohne Rückversicherung, zu wa-
gen, wo einem scheinbar nur ein sinnloses Abenteuer zugemutet wird, das sich nie
rentieren kann.“26
In der Demut eines gewöhnlichen Alltags kann jener letzte Verzicht und jene letzte
Übergabe an Gott geschehen, die uns an der letzten Tat Jesu am Kreuz teilneh-
men läßt. Brüderlichkeit, die von der Liebe zu Gott getragen ist und in dieser sich
22 K. RAHNER: Thesen zum Thema „Glaube und Gebet“ (1969), jetzt in SW 25, S. 382-389, hier S.
384.
23 K. RAHNER: Das Los eines Theologen / Karl-Heinz W EGER (Interviewer) (1979), jetzt in: K. RAH-
NER: Im Gespräch über Kirche und Gesellschaft. Interviews und Stellungnahmen. Bearbeitet von
Albert RAFFELT. Freiburg [Link]. : Herder, 2007 (RAHNER: Sämtliche Werke. 31), S. 207-212, hier S.
209.
24 K. RAHNER: Beginn. In: DERS.: Gebete des Lebens. Freiburg [Link]. : Herder, 1984 u.ö., S. 12, der
Originaltext ist DERS.: Was sollen wir jetzt tun? (1974), jetzt in SW 23, S. 452-467, hier S. 467.
25 K. RAHNER: Alltagstugenden (1970), jetzt in SW 23, 126-137, hier S. 134.
26 K. RAHNER: Wer ist dein Bruder? (1984), jetzt in: DERS.: Geistliche Schriften : Späte Beiträge zur
Praxis des Glaubens. Bearbeitet von Herbert VORGRIMLER. Freiburg [Link]. : Herder, 2009 (Sämtli-
che Werke. 29), S. 12-37, hier S. 36.
19
erfüllt. Soweit kann es dann gehen. Und er hat immer wieder in den letzten Jahren
gesagt: Es gibt zu wenig Menschen, die daran denken, daß im letzten Verstand
nicht Gott für sie, sondern sie für Gott da sind. „Ich möchte ein Theologe sein, der
sagt, daß Gott das Wichtigste ist, daß wir dazu da sind, … ihn zu lieben, ihn anzu-
beten, für ihn da zu sein“27. Das hat er auch (er nannte das selber eine Kapuzi-
nerpredigt) in einer Radiosendung über die Hoffnung auf die Zukunft behandelt, in
einem Plädoyer für die „unverbrauchbare Transzendenz Gottes“.28 Nicht Gott für
uns, sondern wir für Gott.
Somit stellt sich die Frage, ob wir überhaupt noch nach der Zukunft fragen sollten...
Was uns zukommt, je und je auf uns zukommt, ist das uns gewährte, aufgetragene
Heute.
Vielleicht darf ich Ihnen zum Schluss einfach eine kleine Rahner-Schrift von 1965
empfehlen, eine Meditation mit dem Titel Im Heute glauben.29 Die Abschnittsüber-
schriften lauten: Das Heute des Glaubens, Brüderlichkeit des Glaubens, Be-
drohtheit des Glaubens, Radikale Einfachheit des Glaubens und Göttliche Eröff-
nung des Glaubens. und das Schlusswort aus diesem Text hat Albert Raffelt an
den Schluss einer Gebete-Sammlung Pater Rahners gestellt.30 Ich möchte ihm fol-
gen und schließe auch mit diesen Schlußworten Rahners: „Meine Brüder [und
Schwestern, füge ich ein], schließen wir leise, damit wir nicht Gottes stilles und
doch so mächtiges Gnadenwort in uns durch das anmaßend laute und schwache
Menschenwort übertönen. Sagen wir: ‘Herr, hilf meinem Unglauben!’, gib mir die
Gnade des Glaubens an Jesus Christus, unseren Herrn, sein Evangelium und sei-
ne rettende Gnade.“
Ich danke Ihnen.
27 K. RAHNER: Christentum an der Schwelle zum dritten Jahrtausend / Hans SCHÖPFER (1981), jetzt
in: SW 31, S. 260-280, hier S. 262.
28 K. RAHNER: Gespräch über Glauben und Leben / Karl-Heinz W EGER – Hildegard LÜNING (Inter-
viewer) (1979), SW 31, S. 213-231, hier S. 224.
29 Jetzt K. RAHNER: Christliches Leben. Aufsätze – Betrachtungen – Predigten / Bearbeitet von
Herbert VORGRIMLER. Freiburg [Link]. : Herder, 2006 (RAHNER: Sämtliche Werke. 14), S. 3-25.
30 K. RAHNER: Beschluß. In: DERS.: Gebete des Lebens, a.a.O., S. 203.
20
Ein Lebenswerk erschlossen.
Zum Stand der Edition sämtlicher Werke Karl Rahners1
Zweiter Nachtrag
Albert Raffelt
Die Übersicht über Bedeutung, Planung, Struktur und über die bislang erschiene-
nen Bände der Karl Rahner-Gesamtausgabe in der ersten Folge der Rahner Lec-
ture 20092 war in der Publikation für 2010 ergänzt worden3. Da die Ausgabe inzwi-
schen wesentlich weiter fortgeschritten ist, soll die Übersicht in diesem Heft aktua-
lisiert und ergänzt werden.
1 Karl RAHNER: Sämtliche Werke. Freiburg : Herder, 1995- , im folgenden als SW zitiert.
2 S. 33-52.
3 S. 23-36.
21
SW 18: Leiblichkeit der Gnade : Schriften zur Sakramentenlehre / Bearbeitet
von Wendelin KNOCH und Tobias TRAPPE. 2003
SW 9: Maria, Mutter des Herrn : Mariologische Studien / Bearbeitet von Re-
gina Pacis MAYER. 2004
SW 12: Menschsein und Menschwerdung Gottes : Studien zur Grundlegung
der Dogmatik, zur Christologie, theologischen Anthropologie und Es-
chatologie / Bearbeitet von Herbert VORGRIMLER. 2005
SW 11: Mensch und Sünde : Schriften zu Geschichte und Theologie der
Buße / Bearbeitet von Dorothea SATTLER. 2005
SW 16: Kirchliche Erneuerung : Studien zur Pastoraltheologie und zur Struk-
tur der Kirche / Bearbeitet von Albert RAFFELT. 2005
SW 13: Ignatianischer Geist : Schriften zu den Exerzitien und zur Spiritualität
des Ordensgründers / Bearbeitet von Andreas R. BATLOGG SJ, Jo-
hannes HERZGSELL SJ und Stefan KIECHLE SJ. 2006
SW 14: Christliches Leben : Aufsätze – Betrachtungen – Predigten / Bearbei-
tet von Herbert VORGRIMLER. 2006
SW 23: Glaube im Alltag : Schriften zur Spiritualität und zum christlichen Le-
bensvollzug / Bearbeitet von Albert RAFFELT. 2006
SW 29: Geistliche Schriften : Späte Beiträge zur Praxis des Glaubens / Bear-
beitet von Herbert VORGRIMLER. 2007
SW 6/1: De paenitentia : Dogmatische Vorlesungen zum Bußsakrament / Be-
arbeitet von Dorothea SATTLER. 1. Teilband. 2007
SW 31: Im Gespräch über Kirche und Gesellschaft : Interviews und Stellung-
nahmen / Bearbeitet von Albert RAFFELT. 2007
SW 25: Erneuerung des Ordenslebens : Zeugnis für Kirche und Welt / Bear-
beitet von Andreas R. BATLOGG SJ. 2008
SW 22/2: Dogmatik nach dem Konzil. Teilband 2: Theologische Anthropologie
und Eschatologie / Bearbeitet von Albert RAFFELT. 2008
SW 30: Anstöße systematischer Theologie : Beiträge zur Fundamentaltheo-
logie und Dogmatik / Bearbeitet von Karsten KREUTZER und Albert
RAFFELT. 2009
SW 6/2: De paenitentia : Dogmatische Vorlesungen zum Bußsakrament / Be-
arbeitet von Dorothea SATTLER. 2. Teilband. 2009
SW 20: Priesterliche Existenz : Beiträge zum Amt in der Kirche / Bearbeitet
von Andreas R. BATLOGG SJ und Albert RAFFELT. 2010
SW 28: Christentum in Gesellschaft : Schriften zu Kirchenfragen, zur Jugend
und zur christlichen Weltgestaltung / Bearbeitet von Andreas R. BAT-
LOGG und Walter SCHMOLLY. 2010
SW 24: Das Konzil in der Ortskirche : Schriften zu Struktur und gesellschaftli-
chem Auftrag der Kirche / Bearbeitet von Albert RAFFELT und Ulrich
RUH. 2 Teilbände. 2011
SW 7: Der betende Christ : Geistliche Schriften und Studien zur Praxis des
Glaubens / Bearbeitet von Andreas R. BATLOGG. 2013
SW 22/1: Dogmatik nach dem Konzil. Teilband 1: Grundlagen der Theologie,
Gotteslehre und Christologie / Bearbeitet von Michael HAUBER und
Peter W ALTER. In zwei Teilbänden A und B. 2013
22
SW 21: Das Zweite Vatikanum : Beiträge zum Konzil und seiner Interpretation
/ Bearbeitet von Günther W ASSILOWSKY. 2 Teilbände. 2013
SW 1: Frühe spirituelle Texte und Studien : Grundlagen im Orden / Bearbei-
tet von Karl Kardinal LEHMANN und Albert RAFFELT. 2014
SW 5/1: De Gratia Christi : Studien zur Gnadenlehre / Bearbeitet von Roman
A. SIEBENROCK und Albert RAFFELT unter Mitwirkung von Theodor
SCHNEIDER. Teilband 1, 2015
23
2. Bisher erschienene Bände in der Reihenfolge der
Ausgabenzählung
24
SW 22/2: Dogmatik nach dem Konzil. Teilband 2: Theologische Anthropologie
und Eschatologie. 2008
SW 23: Glaube im Alltag : Schriften zur Spiritualität und zum christlichen Le-
bensvollzug. 2006
SW 24: Das Konzil in der Ortskirche : Schriften zu Struktur und gesellschaftli-
chem Auftrag der Kirche. 2 Teilbände. 2011
SW 25: Erneuerung des Ordenslebens : Zeugnis für Kirche und Welt. 2008
SW 26: Grundkurs des Glaubens : Studien zum Begriff des Christentum.
1999
SW 27: Einheit in Vielfalt : Schriften zur ökumenischen Theologie. 2002
SW 28: Christentum in Gesellschaft : Schriften zu Kirchenfragen, zur Jugend
und zur christlichen Weltgestaltung. 2010
SW 29: Geistliche Schriften : Späte Beiträge zur Praxis des Glaubens. 2007
SW 30: Anstöße systematischer Theologie : Beiträge zur Fundamentaltheo-
logie und Dogmatik. 2009
SW 31: Im Gespräch über Kirche und Gesellschaft : Interviews und Stellung-
nahmen. 2007
25
3. Seit der Übersicht in der Rahner Lecture 2010 erschienene
Bände4
Die Texte dieses Bandes zeigen Rahner als kritischen Beobachter und Analytiker
der Situation der Kirche – aber auch der Gesellschaft in der Bundesrepublik
Deutschland – in den 70er und frühen 80er Jahren des 20. Jahrhunderts. Sie rei-
chen von Überlegungen über die Institutionalität der Kirche bzw. über konkrete Kir-
chenstrukturen bis hin zur ethischen Frage nach dem Verhältnis des Christen zu
den Kernwaffen, die in der letzte Phase der Ost-West-Konfliktkonstellation noch-
mals besonders bedrohliche Ausmaße annahm und ja auch heute auf neue Weise
wieder virulent ist.
Der von Rahner geforderte „Tutiorismus des Wagnisses“ zeigt sich in seiner Nähe
zu kirchlichen Aufbruchsbewegungen wie der lateinamerikanischen Befreiungs-
theologie mit ihrer Option für die Armen. Auch wenn Rahner seine Skepsis gegen-
über unangebrachten Heilserwartungen ausdrückte, suchte er doch immer die pro-
duktiven Anstöße aufzunehmen und den Vertretern dieser Theologie auch einen
innerkirchlichen Freiraum zu sichern. Mit dem Pontifikat von Papst Franziskus rük-
ken manche der damaligen Stellungnahmen Rahners wieder in eine neue Per-
spektive: Der offene Brief – mit Johann Baptist Metz – Für einen Papst der Armen
und Unterdrückten dieser Welt (S. 74-75) wirkt geradezu wie auf diesen Papst ge-
münzt.
In der Zeit nach seiner Emeritierung hat Rahner – durch Anstöße von Ordensmit-
brüdern – sich (für viele überraschend) relativ umfangreich auch mit Fragen der
Jugend und Jugendpastoral beschäftigt und dies konkret im Dialog mit Jugendli-
chen. Die Texte werden hier gesammelt vorgelegt. Sie zeigen eine ganz neue Fa-
cette Rahners – jedenfalls für die Öffentlichkeit. Die Unbefangenheit gegenüber
ihm fremden Lebenswirklichkeiten und die Offenheit für Neues zeigen sich auch in
diesen Texten.
Der Band 24 ist mit dem Band SW 28 verzahnt, insofern beide die Thematik kirch-
licher Erneuerung auf vielen Gebieten und das pastorale Interesse Karl Rahners
dokumentieren, das weit über die direkten pastoraltheologischen Arbeiten dieses
4 Zu allen Bänden der Gesamtausgabe vgl. jetzt die Übersicht in SW 1, S. LXXVIII-CIV, der auch
die Beschreibungen hier überarbeitet entnommen sind.
26
Zeitabschnittes hinausgeht. Allerdings finden sich auch noch Texte, die in den
Komplex der Arbeiten zur praktischen Theologie – wie Rahner gegenüber „Pasto-
raltheologie“ zu sagen bevorzugte – parallel zu den Texten aus SW 19 gehören,
etwa der Aufsatz über die Bedeutung der kirchlichen Sozialarbeit oder die Texte,
die aufgrund seiner Funktion als Kodirektor der Sektion Pastoraltheologie (!) der
Zeitschrift Concilium entstanden sind.
Der Band enthält zum einen grundsätzliche Beiträge, die Die Antwort der Theolo-
gen – wie ein Aufsatzband von damals heißt – auf die drängende Fragen der
nachkonziliaren Kirche zu formulieren suchen. Rahner sucht dabei eine bloße
„Binnenoptik“ zu vermeiden und drängt darauf, die Situation der säkularen „mündi-
gen“ Welt ernst zu nehmen und einer Selbstverschließung in einem kirchlichen kul-
turellen und geistigen Ghetto zu wehren. Grundlegende Aufsätze thematisieren die
Probleme der Säkularisierung, des Dialogs, der Toleranz. Aber auch in die damals
aktuellen Diskussionen – etwa zu Fragen einer Demokratisierung von Kirchen-
strukturen – greift er differenzierend und wenn es sein muß auch ganz konkret und
detailliert ein (etwa zur Frage der Bedeutung von Hochschulgemeinden im damali-
gen Streit um deren Ausrichtung).
Einen eigenen Komplex bildet die Synoden-Thematik, der Rahner nach dem Konzil
schon einen grundsätzlichen Artikel widmete. Erste damals umstrittene Realisie-
rungen, wie die Meißener Bistumssynode von 1969-1971 – die spätere maßgebli-
che Kirchenführer wie Joseph Ratzinger / Benedikt XVI. und Walter Kardinal Kas-
per damals positiv beurteilten und für die auch Rahner ein ebenfalls positives, hier
abgedrucktes Gutachten erstellte – sind heute schon wieder vergessen. Zentral ist
aber die „Gemeinsame Synode der Bistümer in der Bundesrepublik Deutschland“,
die von 1971 bis 1975 in Würzburg tagte. Sie hatte die erklärte Aufgabe, „in ihrem
Bereich die Verwirklichung der Beschlüsse des Zweiten Vatikanischen Konzils zu
fördern“ (Statut § 1). Karl Rahner war Mitglied der Zentralkommission der Synode
und der Sachkommission I: Glaubenssituation und Verkündigung. Neben kleineren
anlaßbezogenen Texten hat Karl Rahner vor allem aber durch die eigene, die
Grundthemen einer kirchlichen Erneuerung reflektierende Monographie Struktur-
wandel der Kirche als Aufgabe und Chance (1972) die Diskussionen der Synode
und die kirchliche Öffentlichkeit beeinflußt. Die Themen unter den großen Über-
schriften „Wo stehen wir? Was sollen wir tun? Wie kann eine Kirche der Zukunft
gedacht werden?“ sind immer noch für die aktuelle Situation relevant: enklerikali-
sierte Kirche, dienend besorgte Kirche, Moral ohne Moralisieren, Kirche der offe-
nen Türen, Kirche der konkreten Weisungen, Kirche wirklicher Spiritualität, ökume-
nische Kirche, Kirche von der Basis her, demokratisierte Kirche, gesellschaftskriti-
sche Kirche, auch wenn man dem Band einen Schuß Utopie attestieren mag, die
aber durch vorsichtige Selbstkritik relativiert bleibt und auch wenn man die großen
Ziele – etwa der Gesellschaftskritik – immer am eigenen Versagen messen muß,
wie gerade die aktuellen Probleme der katholischen Kirche in der Bundesrepublik
Deutschland zur Zeit der Neuvorlage dieses Textes deutlich machten. Die Impulse
der Synode – etwa die neue Sprache des Synoden-Dokuments Unsere Hoffnung –
bleiben aktuell. Viele der konkret diskutierten Probleme sind weiterhin kirchenamt-
lich nicht gelöst – etwa die Pastoral für wiederverheiratete Geschiedene, für die
Joseph Ratzinger – hier von Rahner auch zitiert – gute Vorschläge gemacht hatte,
27
die in ihrer konkreten Form in dem bekannten Hirtenbrief der oberrheinischen Bi-
schöfe von ihm in amtlicher römischer Funktion aber desavouiert wurden (durch-
Papst Franziskus ist die Frage wieder in die Diskussion bekommen); andere – viri
probati oder die von Rom revozierte Laienpredigt – bleiben auch heute noch Desi-
derate, von Kardinal Lehmann noch jüngst wieder genannt (vgl. dessen Interview-
band Mit langem Atem. Freiburg [Link]. : Herder, 2016).
Auch die Diskussion um die Enzyklika Papst Pauls VI. Humanae vitae gehört in
diesen Kontext. Rahner hat sich in sehr besonnener Weise in diese Diskussion
eingeschaltet und für die Ernsthaftigkeit im Umgang mit diesem päpstlichen Doku-
ment geworben, über das sich in der Öffentlichkeit Hohn und Spott ausgossen hat-
te. Zugleich hat er aber auch die Problematik des Umgangs mit Äußerungen der
kirchlichen Lehrautorität, die keine definitive Klärung darstellen (können), also „re-
formable“ Lehren sind, differenziert für die Betroffenen – hier die Bischöfe, die Mo-
raltheologen, die Priester und die Eheleute – dargestellt.
Die „aktuellen“ Themen sind damit nicht erschöpft. Die kritischen Äußerungen zum
römischen Zentralismus und Juridismus des großen Kardinals Leo Suenens (1904-
1996) – den Rahner verteidigte – sind noch nicht in allem abgegolten, so sehr man
auch sehen muß, was bislang doch schon erreicht werden konnte.
Wenn gelegentlich schon geäußert wurde, daß das Werk Karl Rahners – etwa ver-
glichen mit dem wie ein erratischer Block dastehenden Opus Hans Urs von Balt-
hasars – so zeitbezogen sei, daß es wohl auch schneller altern werde, so ist er-
staunlich, wie nach zum Teil über vierzig Jahren gerade die hier enthaltenen sehr
stark anlaßbezogenen Beiträge aktuell geblieben sind.
SW 7: Der betende Christ : Geistliche Schriften und Studien zur Praxis des Glau-
bens / Bearbeitet von Andreas R. BATLOGG. 2013
Schon der erste Band der SW enthält geistliche Texte. Diese bilden in allen Perio-
den des Rahnerschen Werkes einen Schwerpunkt, so daß in jeder Werkperiode
ein Band mit geistlichen Schriften zusammengestellt werden mußte (vgl. noch SW
14, 23, 29 – dazu kommen Texte, die sachlich anderen Bänden zugeordnet sind).
Schwierig war dabei die chronologische Abgrenzung. Die Ausgabe bietet die Texte
in der Form „letzter Hand“, also z.B. beim Kleinen Kirchenjahr die Buchfassung,
während die Einzeltexte schon vorher erschienen sind und beides sich nicht strikt
in die Gliederung nach Werkperioden einpassen läßt, so daß in SW 7 – zur ersten
Periode gezählt – Texte bis in die Mitte der zweiten Periode einzuordnen waren
und schließlich die Wiederaufnahme früher Texte durch Rahner auch noch einige
späte Texte in diesen Werkzusammenhang brachte.
Mit Worte ins Schweigen, Von der Not und dem Segen des Gebetes und Kleines
Kirchenjahr enthält der Band einige der verbreitesten Buchpublikationen Rahners,
mit Visionen und Prophezeiungen ein grundlegende Studie zu den im Titel genann-
ten Phänomenen und im übrigen auch zur Thematik der obigen Rahner Lecture
sowie zur Frage von „Privatoffenbarungen“ u.a.m.. Die einzelnen Aufsätze sowie
hier abgedruckte Meditationen und Predigten sind hier nicht genauer zu bespre-
chen. Es sei nur darauf hingewiesen, daß Rahner hier auch literarisch experimen-
28
tiert (etwa der Dialog zwischen einem „Pfarrer“ und einem „Arzt“ Geistliches
Abendgespräch über den Schlaf, das Gebet und andere Dinge), wie unterschiedli-
che Sprach- und Darstellungsstile auch in den hier publizierten übrigen Publikatio-
nen vorkommen (etwa die Form der Litanei).
SW 22/1: Dogmatik nach dem Konzil. Teilband 1: Grundlagen der Theologie, Got-
teslehre und Christologie / Bearbeitet von Michael HAUBER und Peter W ALTER. In
zwei Teilbänden A und B. 2013
29
Thüsing (1921-1998), und bemühte sich besonders um Verständniszugänge zur
Christologie in Form einer „Christologie von unten“, die auf die anthropologischen
Voraussetzungen zum Verständnis der Kernaussagen der Christologie der Konzili-
en (Chalkedon) reflektierte und so einerseits einen einen Erfahrungsboden für die
Christologie zu skizzieren suchte, anderseits die „steilen“ Spitzensätze der Christo-
logie auf eine Weise verständlich zu machen suchte, daß sie nicht als leere Mytho-
logie erscheinen, sondern einen nachvollziehbaren Sinn haben.
Interessant aus heutiger Sicht ist auch, daß sich Rahner in diesem Kontext dem
Gespräch mit den konkreten anderen Weltreligionen öffnete.
SW 21: Das Zweite Vatikanum : Beiträge zum Konzil und seiner Interpretation /
Bearbeitet von Günther W ASSILOWSKY. 2 Teilbände. 2013
Das Jubiläum des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965) hat es mit sich ge-
bracht, daß Publikationen zum Konzil oder von Texten, die im Zusammenhang des
Konzils entstanden sind, vermehrt erscheinen. Von den wichtigen deutschen Kon-
zilstheologen lagen bislang grundlegende Texte kaum vor. Das beginnt sich nun-
mehr zu ändern. Im Jahre 2012 erschienen die beiden Bände der Gesammelten
Schriften von Joseph Ratzinger Zur Lehre des Zweiten Vatikanischen Konzils
(Freiburg [Link]. : Herder).
Die von Günther Wassilowsky vorgelegten Dokumente zu Rahners Konzilstätigkeit
und die Edition seiner Beiträge zur Interpretation des Konzils stellen sich dem ge-
wichtig an die Seite. Das Spektrum umfaßt vorbereitende Vorträge vor dem Kon-
zilsbeginn, die Gutachten für den Wiener Kardinal Franz König zu den römischen
Vorarbeiten für das Konzil, die Beiträge als Konzilsperitus – z.T. in Zusammenar-
beit mit Joseph Ratzinger oder Otto Semmelroth SJ, Vorträge und Aufsätze aus
der Konzils- und der Nachkonzilszeit sowie Kommentare zu Konzilstexten. Zu dem
vorkonziliaren Vortrag Löscht den Geist nicht aus und der nachkonziliaren Festre-
de Das Konzil – ein neuer Beginn, vgl. auch im folgenden Übersichtsartikel die
Ausführungen zu den Neuausgaben beider Texte in Einzelbändchen.
Bedingt durch die französische Ausgabe der Œuvres Karl Rahner (siehe dazu un-
ten den übernächsten Artikel) wird noch ein Nachtrag zu diesem Band mit Rahners
wichtiger Stellungnahme zum Entwurf von Gaudium et spes im Ergänzungsband
32/1 erscheinen.
Auch für das Konzil hat Rahner sich ja nicht nur als Theologe und Autor engagiert,
sondern auch die wissenschaftlich-publizistische Nachbereitung wesentlich mitge-
fördert. Das zeigen die von ihm mitorganisierten einschlägigen Ergänzungsbände
zum LThK2 wie das bis heute außerordentlich erfolgreiche Kleine Konzilskompen-
dium, dessen Kommentaranteil hier ebenfalls dokumentiert ist.
30
SW 1: Frühe spirituelle Texte und Studien : Grundlagen im Orden / Bearbeitet von
Karl Kardinal LEHMANN und Albert RAFFELT. 2014
Der Band umfaßt – neben einem Text des Gymnasiasten über einen Besuch im
Noviziat der Jesuiten in Feldkirch und möglicherweise einen weiteren in diese Zeit
zurückgreifenden Aufsatz – zunächst Texte aus der Studienzeit Karl Rahners.
Schon in den Texten des 20jährigen – einer davon seine früheste Veröffentlichung
1925 – zeigt sich das spirituelle Interesse Rahners, sein Interesse an der Mystik –
mit den entsprechenden Untersuchungen von den Kirchenvätern (zu den „geistli-
chen Sinnen“) bis ins Mittelalter oder von von Origenes bis Meister Eckhart bzw.
bis zur spanischen Mystik und der Geistigkeit seines Ordensvaters Ignatius von
Loyola. Die Bemühungen um die Ordensspiritualität sind auch in zwei gemeinsam
mit seinem Bruder Hugo verfaßten bzw. nach dessen Vorarbeit ergänzten und in-
tern publizierten Texten deutlich. Die Arbeiten über die „geistlichen Sinne“ – neben
anderen Kirchenväterstudien – verbinden das angesprochene spirituelle Interesse
und ein Einarbeiten in die Theologie der Kirchenväter. Sie sind wiederum nicht fern
den Interessen seines Bruders. Gegenüber Mißdeutungen der sachlichen (und
nicht nur persönlichen) Nähe der beiden Rahner-Brüder in der neueren Literatur,
muß dies eigenes unterstrichen werden5. Daß Gnadenerfahrung und Theologie der
Gnade zentral im Werk Rahners stehen, wie oben dargelegt, zeigen diese Texte
ebenso wie die ersten hier enthaltenen Studien zur Geschichte der Gnadenlehre.
Das philosophische Interesse Rahners wird durch frühe Studienarbeiten zu Aristo-
teles, Augustinus, Thomas von Aquin, aber auch zu dem Zeitgenossen Johannes
Volkelt belegt, von dem im späteren Werk Rahners nur noch an zwei Stellen des-
sen Buch Der Symbolbegriff in der neuesten Ästhetik (Jena 1876) genannt wird –
ganz anderes als Joseph Maréchal, dessen Lektüre bestimmend für Rahner wur-
de. Das einschlägige Exzerpt aus seinem Werk wurde aber – wiewohl gleichfalls
aus dieser Studienzeit stammend – wegen der engen Verbindung zu Rahners Ar-
beit Geist in Welt bereits in SW 2 ediert.
Die meisten der frühesten Texte Rahners kann man unter die Kategorie Betrach-
tungen einordnen. Bald – schon vor der Priesterweihe 1932 – finden sich aber
auch Predigten, von denen die ausgearbeiteten und diesem Zeitraum zugehörigen
ediert wurden. Sie zeigen unterschiedliche Genera an – Festpredigt, Betrachtun-
gen zu biblischen Personen und Ereignissen, zum Kirchenjahr etc. Die Bibelspra-
che mit vielen Anspielungen ist auffällig. Den „biblischen Rahner“ wird im übrigen
das außerordentlich umfangreiche Bibelstellenregister in SW 32/2 deutlich ma-
5 Vgl. etwa Johannes HOLDT: Hugo Rahner. Sein geschichts- und symboltheologisches Denken.
Paderborn : Schöningh, 1997, der sich bemüht, eine grundsätzliche Gegensätzlichkeit in der
Theologie der Rahner-Brüder auszumachen, und alle Gemeinsamkeiten auszublenden sucht.
Vielleicht sollten Doktorväter imstande sein, solche voreingenommenen Deutungen mindestens
zu relativieren. Eine verwunderliche Fehldeutung findet sich bei Elio GUERRIERO: Hans Urs von
Balthasar. Freiburg 1993, S. 101, der zu Hans Urs von Balthasar schreibt: „zusammen mit Karl
Rahner, mit dem er sich in reifem Alter über längere Zeit polemisch auseinandersetzt, entwirft er
eine neue Dogmatik; mit Hugo Rahner, dem Bruder Karls, findet er dank der beiderseitigen Lie-
be zu den Kirchenvätern ein leichteres Einvernehmen“ – vorhandene Gemeinsamkeiten sollte
man doch einfach zugeben können!
31
chen. Gleichzeitig zeigen die Predigten – deren Ort gleichzeitig in Rahners Notiz-
büchlein (KRA III E 1) festgehalten wurden – das pastorale Engagement Rahners.
Die bereits im Druck vorliegenden Texte stehen in diesem Rahmen und erwachsen
zum Teil aus den unpublizierten Vorarbeiten. Bei den Kirchenväter-Texten ist die
Nähe zu SW 3 deutlich, einiges ist dort übernommen (vgl. die editorischen Anmer-
kungen in SW 3, S. 440f.).
Die Lektüreliste Karl Rahners Gelesene Bücher von 1927 bis 1934 dokumentiert
ein Bildungsprogramm, das im einzelnen noch aufzuarbeiten wäre, aber auch
theologische Interessen. Die Liste wurde relativ umfangreich erschlossen.
Der leider erst als letzter der Textbände erscheinende Band mit den gnadentheo-
logischen Arbeiten Karl Rahners enthält überraschenderweise nicht sehr viele Ein-
zeltitel zu diesem Komplex. Die schon im Druck vorliegenden und hier in SW 5/1
neuedierten Texte umfassen nur zwanzig Rezensionen und 12 Aufsätze. Diese
spiegeln allerdings wesentliche Interessen Rahners und haben anderseits zum Teil
eine große Wirkungsgeschichte ausgelöst. Ein Aufsatz über Clemens Alexandrinus
ist – neben einer aus „strategischen“ Gründen während des Zweiten Vatikanischen
Konzils pseudonym unter dem Namen von Bischof Paul Rusch publizierten Arbeit
(SW 22/1a, S. 262-297) – der einzige Rahner-Text, der nur auf Latein gedruckt
wurde (abgesehen von den nur hektographierten ebenfalls lateinischen Vorle-
sungs-Codices).
Mit Aufsätzen über das Verhältnis von Natur und Gnade hat Karl Rahner auch in
die damalige Kontroverse über die nouvelle théologie eingegriffen – nicht zur
Freude des großen Theologen dieser Richtung Henri de Lubac, aber doch mit ei-
nem wirkungsvollen Vermittlungsvorschlag, der eine wesentliche Hilfe für die da-
malige Diskussion darstellte (das „übernatürliche Existential“). Hier wie in anderen
Fällen (etwa: Zur scholastischen Begrifflichkeit der ungeschaffenen Gnade) ist die
Fundierung in der (schul-)theologischen Tradition und das Verständlichmachen
neuer Ansätze in diesem Rahmen für Rahner wichtig.
Andere gnadentheologische Arbeiten zeigen Rahners ökumenisches Engagement,
etwa Gerecht und Sünder zugleich. Hierhin gehört aber auch die engagierte Stel-
lungnahme Rahners zugunsten von Hans Küngs Dissertation Rechtfertigung6 mit
ihrer These einer möglichen Einigung in dieser Kernfrage des reformatorischen
Dissenses (Fragen der Kontroverstheologie über die Rechtfertigung).
Die Bedeutung der Gnadenerfahrung, aber auch der kleinen, sprachlich eindrucks-
vollen Arbeit Rahners Über die Erfahrung der Gnade – wiewohl eher den spirituel-
len Texten als den wissenschaftlichen zuzuordnen – für das theologische Profil
6 H. KÜNG: Rechtfertigung. Die Lehre Karl Barths und eine katholische Besinnung. Mit einem Ge-
leitwort von Karl BARTH. Einsiedeln 1957 (Sammlung Horizonte. 2); jetzt auch in H. KÜNG: Sämt-
liche Werke. Bd. 1. Freiburg [Link]. : Herder, 2015, S. 29-301.
32
Rahners ist oben in der Rahner Lecture von Jörg Splett auch schon angesprochen
worden.
Neben diesen relativ wenigen, aber gewichtigen Texten, bilden die gnadentheolo-
gischen Vorlesungen Rahners De gratia Christi den Hauptteil dieses fünften Ban-
des der SW. Sie sind in hektographierter Form in deutschen Universitäten weit
verbreitet gewesen, wurden aber auch in ausländischen Bibliotheken gesammelt,
wie die elektronischen Nachweisinstrumente heute aufweisen. Die Darbietungs-
form – sowohl das damals gebräuchlich Latein als auch die schultheologische
Strukturierung – sind heute nicht mehr so leicht nachvollziehbar. Unverzichtbar war
daher eine zweisprachige Edition (vgl. auch SW 6 und SW 8 als Parallelen).
Der Band SW 5/1 enthält die ersten neun der insgesamt dreiunddreißig Thesen der
Gnadenvorlesung. Die restlichen Thesen werden in Band SW 5/2 erscheinen, der
für das nächste Jahr geplant ist.
33
Kleine Publikationen.
Karl Rahner als theologischer Wegbegleiter
Erster Nachtrag
Albert Raffelt
In der Rahner Lecture von 2010 waren kleinere Rahner-Publikationen der voran-
gehenden Jahre vorgestellt worden1, darunter vor allem die Reihe von Einzeltex-
ten, die seit 2009 im Verlag Herder von Andreas R. Batlogg, Peter Suchla und Al-
bert Raffelt mit Geleitworten von Karl Kardinal Lehmann bearbeitet und herausge-
geben worden sind. Im Folgenden werden in einem Nachtrag die seither erschie-
nenen Bände dieser Reihe sowie einige andere Einzelpublikationen vorgestellt.
Kirche der Sünder / mit einem Geleitwort von Karl Kardinal LEHMANN ; hrsg. von
Andreas R. BATLOGG und Albert RAFFELT. Freiburg [Link]. : Herder, 2011
Der Aufsatz Rahners von 1947 wurde in der Erstveröffentlichung ohne den Ab-
schnitt „Irrende Kirche“ in den Stimmen der Zeit veröffentlicht, angeblich aus Platz-
gründen. Rahner hat gelegentlich auf die holländische Aus-
gabe von 1951 hingewiesen, die auch diesen Text enthielt.
In der hier vorgelegten kommentierten Neuausgabe ist der
Gesamttext in der ursprünglich vorgesehenen Form abge-
druckt.
Das Thema hat leider durch den Mißbrauchskandal inner-
halb der katholischen Kirche eine erneute Aktualität be-
kommen. Für Rahner waren vergleichbare Fälle, die in der
Zeit des Nationalsozialismus herausgestellt wurden, Anlaß
zu einem frühen Text über dieses
Thema, der wohl die Initialzündung
zur Publikation des späteren Zeit-
schriftenaufsatzes war.
1 S. 37-39.
34
am 12. Dezember 1965 war ein Ereignis. In ihrer großen Eindringlichkeit hat sie
viele der Hörer (des Vortrags wie einer später erschienenen Schallplatte) und der
späteren Leser beeindruckt. Die Hinführung von Karl Kardinal Lehmann, gleichzei-
tig als damaliger Assistent Rahners ein Zeitzeuge, schildert dies eindrucksvoll.
Auch der heutige Leser wird einerseits die Aufbruchstimmung des Zweiten Vatika-
nischen Konzils aus diesem Text spüren können wie auch den Realismus Rahners
hinsichtlich Überbewertungen des Ergebnisses wie gegenüber zu großen Erwar-
tungen. In einem eindrucksvollen Bild macht Rahner deutlich, daß der große Auf-
wand sich gelohnt hat, wenn ein wenig mehr an Glaube, Hoffnung und Liebe da-
durch erreicht worden ist.
Karl Rahner hat sich mit der Frage nach dem eigenen
Christsein im Kontext der Selbstdarstellung wie der Recht-
fertigung gegenüber der zeitgenössischen intellektuellen
Umwelt öfter befaßt. Der vorliegende Text stammt aus dem
gleichnamigen, von Walter Jens herausgegebenen Sam-
melband von 1979. Unter dem gleichen Titel hatte er kurz vorher für Meyers enzy-
klopädisches Lexikon einen Essay geschrieben, so daß der hier vorliegende Text
in den Schriften Rahners den Titel Vom Mut zum kirchlichen Christentum bekam,
der hier als Untertitel fungiert.
35
Das Gebet der Not : Vom Sinn des Bittgebets / Mit einem Geleitwort von Karl Kar-
dinal LEHMANN hrsg. von Andreas R. BATLOGG und Peter SUCHLA. Freiburg [Link]. :
Herder, 2013
Bekenntnis zu Jesus Christus / Mit einem Geleitwort von Karl Kardinal LEHMANN
hrsg. von Albert RAFFELT. Freiburg [Link]. : Herder, 2014
36
Was Weihnachten bedeutet / Mit einem Geleitwort von Karl
Kardinal LEHMANN hrsg. von Andreas R. BATLOGG und Peter
SUCHLA. Freiburg i .Br. : Herder, 2014
Löscht den Geist nicht aus / Mit einer Hinführung von Karl Kardinal LEHMANN hrsg.
von Albert RAFFELT. Freiburg [Link]. : Herder, 2015
37
Neben dieser kleinen Reihe sind in den letzten fünf Jahren noch die folgenden bei-
den Publikationen – Wiederveröffentlichungen in neuer Aufmachung – zu nennen,
die keine Kommentierung enthalten wie die oben erläuterten Ausgaben, sondern
Rahnersche Texte zu den entsprechenden Festgeheimnissen im Neudruck bieten
– im Geschenkformat mit Lesebändchen und festem Einband.
39
Karl Rahners Lebenswerk auf Französisch
Die Ausgabe der Œuvres
Albert Raffelt
Seit 2011 erscheint bei den Éditions du Cerf in Paris, dem Verlag der französi-
schen Dominikaner, eine französische Parallelausgabe zu den Sämtlichen Werken
Karl Rahners.
Die Ausgabe ist hochrangig begleitet: Président d’honneur ist Karl Kardinal Leh-
mann, Président der emeritierte Straßburger Erzbischof Joseph Doré. Dem die
Ausgabe begleitenden Komitee gehören mehrere Kardinäle an. Als Promotor der
Ausgabe wird man den Theologen – und Vice-président der Ausgabe – Christoph
Theobald SJ ansehen müssen, der auch bei den konkreten Editionsarbeiten stark
engagiert ist.
Die von der Karl Rahner-
Stiftung in München un-
terstützte Ausgabe geht
von der Anordnung der
Sämtlichen Werke aus,
enthält zwar die „wesent-
lichen“ Schriften der er-
schienenen Bände, kürzt
aber um Ephemeres oder
im französischen Kontext
als Doppelung empfun-
dene Texte. Eine Kon-
kordanz zur deutschen
Ausgabe dokumentiert
die Parallelität wie die
Unterschiede.
Anderseits ist sie mit edi-
torischen Eigenbeiträgen
auch von eigenem Ge-
wicht gegenüber der
deutschsprachigen Pri-
märausgabe.
Schließlich hat der unten
zu nennende Band zum
Zweiten Vatikanischen
Konzil eine Ergänzung
des deutschen Bandes (SW 21, Ergänzung in SW 32/1) erforderlich gemacht, in-
40
sofern die Herausgeber den Wunsch hatten, Rahner wichtige Stellungnahme zum
Schema XIII (später Gaudium et spes) in die Ausgabe aufzunehmen, da gerade
dieser Konzilstext seinen Ursprung weitestgehend in der französischen Theologie
hat. Bislang sind die im folgenden aufgeführten Bände in dieser Ausgabe erschie-
nen:
41
ISSN 1868-839X