Datum:
Der Anfang ...
Die Leiden des jungen Werther Fachlehrer: Buchner
Johann Wolfgang von Goethe: Die Leides des jungen Werther (2. Fassung von 1787)
Erstes Buch
1 Was ich von der Geschichte des armen Werther nur habe auffinden können, habe ich mit Fleiß
gesammelt und lege es euch hier vor, und weiß, daß ihr mir's danken werdet. Ihr könnt seinem
Geist und seinem Charakter eure Bewunderung und Liebe, seinem Schicksale eure Tränen
nicht versagen.
5 Und du gute Seele, die du eben den Drang fühlst wie er, schöpfe Trost aus seinem Leiden, und
laß das Büchlein deinen Freund sein, wenn du aus Geschick oder eigener Schuld keinen
näheren finden kannst.
Am 4. Mai 1771
Wie froh bin ich, daß ich weg bin! Bester Freund, was ist das Herz des Menschen! Dich zu
verlassen, den ich so liebe, von dem ich unzertrennlich war, und froh zu sein! Ich weiß, du
10 verzeihst mir's. Waren nicht meine übrigen Verbindungen recht ausgesucht vom Schicksal, um
ein Herz wie das meine zu ängstigen? Die arme Leonore! Und doch war ich unschuldig.
Konnt' ich dafür, daß, während die eigensinnigen Reize ihrer Schwester mir eine angenehme
Unterhaltung verschafften, daß eine Leidenschaft in dem armen Herzen sich bildete? Und doch
– bin ich ganz unschuldig? Hab' ich nicht ihre Empfindungen genährt? Hab' ich mich nicht an
den ganz wahren Ausdrücken der Natur, die uns so oft zu lachen machten, so wenig lächerlich
15 sie waren, selbst ergetzt? Hab' ich nicht – o was ist der Mensch, daß er über sich klagen darf!
Ich will, lieber Freund, ich verspreche dir's, ich will mich bessern, will nicht mehr ein bißchen
Übel, das uns das Schicksal vorlegt, wiederkäuen, wie ich's immer getan habe; ich will das
Gegenwärtige genießen, und das Vergangene soll mir vergangen sein. Gewiß, du hast recht,
Bester, der Schmerzen wären minder unter den Menschen, wenn sie nicht – Gott weiß, warum
20 sie so gemacht sind! – mit so viel Emsigkeit der Einbildungskraft sich beschäftigten, die
Erinnerungen des vergangenen Übels zurückzurufen, eher als eine gleichgültige Gegenwart zu
ertragen.
Du bist so gut, meiner Mutter zu sagen, daß ich ihr Geschäft bestens betreiben und ihr ehstens
Nachricht davon geben werde. Ich habe meine Tante gesprochen und bei weitem das böse
25 Weib nicht gefunden, das man bei uns aus ihr macht. Sie ist eine muntere, heftige Frau von
dem besten Herzen. Ich erklärte ihr meiner Mutter Beschwerden über den zurückgehaltenen
Erbschaftsanteil; sie sagte mir ihre Gründe, Ursachen und die Bedingungen, unter welchen sie
bereit wäre, alles herauszugeben, und mehr als wir verlangten – kurz, ich mag jetzt nichts
davon schreiben, sage meiner Mutter, es werde alles gut gehen. Und ich habe, mein Lieber,
30 wieder bei diesem kleinen Geschäft gefunden, daß Mißverständnisse und Trägheit vielleicht
mehr Irrungen in der Welt machen als List und Bosheit. Wenigstens sind die beiden letzteren
gewiß seltener.
Übrigens befinde ich mich hier gar wohl. Die Einsamkeit ist meinem Herzen köstlicher
Balsam in dieser paradiesischen Gegend, und diese Jahreszeit der Jugend wärmt mit aller Fülle
35 mein oft schauderndes Herz. Jeder Baum, jede Hecke ist ein Strauß von Blüten, und man
möchte zum Maienkäfer werden, um in dem Meer von Wohlgerüchen herumschweben und
alle seine Nahrung darin finden zu können.
Die Stadt selbst ist unangenehm, dagegen rings umher eine unaussprechliche Schönheit der
Natur. Das bewog den verstorbenen Grafen von M., einen Garten auf einem der Hügel
40 anzulegen, die mit der schönsten Mannigfaltigkeit sich kreuzen und die lieblichsten Täler
bilden. Der Garten ist einfach, und man fühlt gleich bei dem Eintritte, daß nicht ein
wissenschaftlicher Gärtner, sondern ein fühlendes Herz den Plan gezeichnet, das seiner selbst
hier genießen wollte. Schon manche Träne hab' ich dem Abgeschiedenen in dem verfallenen
Kabinettchen geweint, das sein Lieblingsplätzchen war und auch meines ist. Bald werde ich
45 Herr vom Garten sein; der Gärtner ist mir zugetan, nur seit den paar Tagen, und er wird sich
nicht übel dabei befinden.
Am 10. Mai
Eine wunderbare Heiterkeit hat meine ganze Seele eingenommen, gleich den süßen
Frühlingsmorgen, die ich mit ganzem Herzen genieße. Ich bin allein und freue mich meines
Lebens in dieser Gegend, die für solche Seelen geschaffen ist wie die meine. Ich bin so
50 glücklich, mein Bester, so ganz in dem Gefühle von ruhigem Dasein versunken, daß meine
Kunst darunter leidet. Ich könnte jetzt nicht zeichnen, nicht einen Strich, und bin nie ein
größerer Maler gewesen als in diesen Augenblicken. Wenn das liebe Tal um mich dampft, und
die hohe Sonne an der Oberfläche der undurchdringlichen Finsternis meines Waldes ruht, und
nur einzelne Strahlen sich in das innere Heiligtum stehlen, ich dann im hohen Grase am
55 fallenden Bache liege, und näher an der Erde tausend mannigfaltige Gräschen mir merkwürdig
werden; wenn ich das Wimmeln der kleinen Welt zwischen Halmen, die unzähligen,
unergründlichen Gestalten der Würmchen, der Mückchen näher an meinem Herzen fühle, und
fühle die Gegenwart des Allmächtigen, der uns nach seinem Bilde schuf, das Wehen des
Alliebenden, der uns in ewiger Wonne schwebend trägt und erhält; mein Freund! Wenn's dann
60 um meine Augen dämmert, und die Welt um mich her und der Himmel ganz in meiner Seele
ruhn wie die Gestalt einer Geliebten – dann sehne ich mich oft und denke : ach könntest du das
wieder ausdrücken, könntest du dem Papiere das einhauchen, was so voll, so warm in dir lebt,
daß es würde der Spiegel deiner Seele, wie deine Seele ist der Spiegel des unendlichen Gottes!
– mein Freund – aber ich gehe darüber zugrunde, ich erliege unter der Gewalt der Herrlichkeit
65 dieser Erscheinungen.
Ich weiß nicht, ob täuschende Geister um diese Gegend schweben, oder ob die warme,
himmlische Phantasie in meinem Herzen ist, die mir alles rings umher so paradisisch macht.
Das ist gleich vor dem Orte ein Brunnen, ein Brunnen, an den ich gebannt bin wie Melusine
mit ihren Schwestern. – Du gehst einen kleinen Hügel hinunter und findest dich vor einem
70 Gewölbe, da wohl zwanzig Stufen hinabgehen, wo unten das klarste Wasser aus Marmorfelsen
quillt. Die kleine Mauer, die oben umher die Einfassung macht, die hohen Bäume, die den
Platz rings umher bedecken, die Kühle des Orts; das hat alles so was Anzügliches, was
Schauerliches. Es vergeht kein Tag, daß ich nicht eine Stunde da sitze. Da kommen die
Mädchen aus der Stadt und holen Wasser, das harmloseste Geschäft und das nötigste, das
75 ehemals die Töchter der Könige selbst verrichteten. Wenn ich da sitze, so lebt die
patriarchalische Idee so lebhaft um mich, wie sie, alle die Altväter, am Brunnen Bekanntschaft
machen und freien, und wie um die Brunnen und Quellen wohltätige Geister schweben. O der
muß nie nach einer schweren Sommertagswanderung sich an des Brunnens Kühle gelabt
haben, der das nicht mitempfinden kann.
(Zugriff unter: [Link]