Elisabeth Zellmer Töchter Der Revolte?
Elisabeth Zellmer Töchter Der Revolte?
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ISBN 978-3-486-70254-5
ISSN 0481-3545
Inhalt
Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . VII
Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1
1. Thema, Fragestellung und methodisches Vorgehen . . . . . . . . . . . . . . 1
2. Forschungsstand, Quellenlage und Aufbau der Arbeit . . . . . . . . . . . 6
Schlussbetrachtung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 263
Personenregister . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 293
Vorwort
Als ich im Sommer 2010 die „Töchter der Revolte“ an der Universität Regensburg
verteidigte, neigte sich für mich ein wichtiger Lebensabschnitt dem Ende zu. Auf
dem Weg zur Promotion haben mich viele Menschen begleitet. Ihnen möchte ich
an dieser Stelle danken, weil sie mich während dieser Zeit unterstützt und meine
Arbeit bereichert haben.
Mein erster Dank geht an meinen Doktorvater, Prof. Dr. Udo Wengst. Er hat mir
mit dem Angebot, als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Zeitgeschichte
in München ein Dissertationsprojekt in Angriff zu nehmen, eine Chance eröffnet,
von der ich am Ende meines Studiums kaum zu träumen wagte. Als guter Lehrer
und wohlmeinender Ratgeber, stets fördernd und (meist sanft) fordernd, hat er
einen großen Anteil daran, dass ich die Arbeit erfolgreich abgeschlossen habe.
Mit dem Institut für Zeitgeschichte war ich an einer Institution tätig, die einen
einzigartigen und unerschöpflichen Wissens-Pool darstellt und eine Art der Zu-
sammenarbeit hochhält, bei der das Attribut „konstruktiv“ keine leere Phrase ist.
Ich danke allen Kolleginnen und Kollegen dafür, dass sie mir bei all meinen Anlie-
gen immer mit Rat und Tat zur Seite standen.
Eine Studie zur neuen Frauenbewegung wäre am Institut für Zeitgeschichte
allerdings nicht ohne das Bayerische Archiv der Frauenbewegung geschrieben
worden. Ich bin Hannelore Mabry, Cosima Wolter und Klaus Katz sehr dafür
verbunden, dass sie diese Bestände mit dem Auftrag und den Mitteln für eine wis-
senschaftliche Untersuchung an das Institut für Zeitgeschichte übergeben haben.
Das Institutsarchiv konnte damit seinen Sammlungsschwerpunkt „(neue) soziale
Bewegungen“ ausbauen – in meinen Augen Bestände von unschätzbarem Wert,
denen ich weiteres Wachsen und Gedeihen wünsche. Dem ehemaligen Archivleiter
Hartmut Mehringer, Ute Elbracht und Alexander Markus Klotz sei deshalb herz-
lich für ihr Engagement rund um diese Sammlungen gedankt.
Eine Historikerin braucht für ihre Arbeit nicht nur Quellen, sondern auch In-
spiration und die Sicht von außen. Für das Schulterklopfen im richtigen Augen-
blick sowie die unverdrossene und aufmerksame Lektüre meines Manuskripts
danke ich Ingrid Baass, Giles Bennett, Bastian Hein, Christine Hikel, Nicole
Kramer, Edith Raim, Anne Rohstock, Marcelle Santana, Thomas Schlemmer und
Renata Sirota-Frohnauer.
Während meiner Promotionszeit hatte ich das Glück zu erfahren, dass die Gren-
zen zwischen fachlicher und emotionaler Unterstützung bisweilen fließend sind.
Mein letzter und innigster Dank gilt deshalb meinen Eltern, meiner Schwester,
Annette und Christian – für Hilfe und Rat, Interesse und Verständnis, Geduld und
Zuneigung und vieles, vieles mehr…
1 Claus Heinrich Meyer: Die neue Frau ist noch nicht attraktiv, in: Süddeutsche Zeitung vom
31. 12. 1974/1. 1. 1975.
2 So z. B. Lenz/Szypulski/Molsich: Frauenbewegung international, S. VII.
3 Conze: Suche nach Sicherheit, S. 546 f.
4 Wehler: Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Bd. 5, S. 171.
2 Einleitung
Demokratie“ beigetragen.5 Nicht zuletzt wird mit dem von „1968“ ausgehenden
Protest und seiner feministischen Nachhut eine „Umgründung der Republik“ ver-
bunden, wobei die Frauenbewegung vor allem im Sinne eines „komplexen sozia-
len Individualisierungsprozesses“ gewirkt habe.6
Allerdings, so ist an dieser Stelle einzuwenden, beruhen diese nachgerade eu-
phorischen Urteile bislang lediglich auf einer schmalen empirischen Basis und we-
nigen geschichtswissenschaftlichen Untersuchungen, da die distanziert-kritische
Historisierung der neuen Frauenbewegung, wie in dem Abschnitt über den For-
schungsstand noch erläutert wird, im Grunde gerade erst begonnen hat. Nur allzu
leicht gerät bei dem damit verbundenen (und durchaus notwendigen) Interesse an
der Bewegung selbst in den Hintergrund, dass sich diese nicht im luftleeren Raum
betätigte, sondern von ihrer Umgebung ebenso befördert wie herausgefordert
wurde. Als Geburtshelfer und ständiger Begleiter des feministischen Aktionismus
firmierte dabei nicht zuletzt der grundlegende Wandel, der Politik und Gesell-
schaft der Bundesrepublik seit den 1960er Jahren kennzeichnete. Zugleich speiste
sich die Frauenbewegung aus der politischen Unruhe von „1968“, in deren Kon-
text sich ein weibliches Aufbegehren erstmals öffentlichkeitswirksam artikulierte.
Die vorliegende Arbeit hat es sich deshalb zur Aufgabe gemacht, der Entwicklung
der neuen Frauenbewegung unter den Bedingungen von „Reform und Revolte“
nachzugehen.
Aus diesem Anliegen ergibt sich eine Reihe von Fragen, die an das gleichnamige
Forschungsprojekt des Instituts für Zeitgeschichte München-Berlin anknüpfen,
das sich unter der Leitung von Udo Wengst mit dem politischen und gesellschaft-
lichen Wandel in der Bundesrepublik Deutschland in den 1960er und frühen
1970er Jahren beschäftigt und sich dabei insbesondere dafür interessiert, wie
längerfristige Wandlungserscheinungen und Reformströmungen mit den Protest
ereignissen um und nach „1968“ interagierten.7 Als Untersuchungsgegenstand
bieten sich dafür die Lebensumstände von Frauen und deren politisches Engage-
ment in eigener Sache geradezu an, da sich auf diesem Gebiet zu der Zeit eine be-
sondere Dynamik entfaltete.
Es ist deshalb zunächst zu klären, wie sich die Situation der weiblichen Bevöl-
kerung in der Bundesrepublik der „langen 1960er Jahre“8 darstellte. War das Land
eine „Spießerhölle“9, das die „68er“ geradewegs zum Feindbild erklären mussten,
weil „Biedermann“ seine Frau in den Bereich von Kindern, Küche und Kirche
selwirkungen und Brüche zwischen der sich meist als männer- und staatsfern ver-
stehenden Frauenbewegung und dem „Establishment“ zu vermuten?
Diesen Fragen nähert sich die vorliegende Studie anhand eines regionalen Bei-
spiels. Dieses Vorgehen und mit ihm die Wahl Münchens bot sich dabei aus meh-
rerlei Hinsicht an. Die Begründung beschränkt sich dabei keinesfalls darauf, dass
es sich bei einer Kommune neben Bund und Ländern um eine der relevanten
politischen Ebenen der Republik handelt, auf denen auch das Zusammen- und
Wechselspiel von Reform und Revolte untersucht werden kann. Insbesondere bei
einer Großstadt wie München ist aufgrund ihrer sozioökonomischen Vielfalt da-
von auszugehen, dass sich hier die grundlegenden Wandlungserscheinungen, die
die 1960er und 1970er Jahre charakterisierten, unmittelbar niederschlugen und die
Menschen im Zuge dessen auch (kollektive) Strategien dahin gehend entwickelten,
wie mit diesem Wandel umzugehen sei. München, das Ende der 1950er Jahre „un-
widerruflich zur Millionenstadt geworden“ war, erfreute sich im Untersuchungs-
zeitraum einer wirtschaftlichen und kulturellen „Expansion“, die freilich, so heißt
es in einer Geschichte der Stadt, sowohl „aufgrund bewahrter Kontinuitäten“ als
auch „wegen einschneidender Veränderungen“ als „ambivalente Ära“ eingestuft
werden müsse.15
Zudem stellte die bayerische Landeshauptstadt als Heimat der politischen
Machtzentralen von Kommune wie Freistaat einen Ort dar, an dem sich auch Pro-
test und Konflikte deutlich artikulierten. Dies galt in der Stadt, die nicht zuletzt
mit der Ludwig-Maximilians-Universität über die damals größte Hochschule in
der Bundesrepublik verfügte, auch für die rebellierende Jugend von „1968“, wobei
bereits wiederholt festgehalten wurde, dass die Revolte in München am Ende der
1960er Jahre besonders heftig tobte.16 Im Hinblick auf die Kritik an ungleichen
und hierarchischen Geschlechterverhältnissen, wie sie die Frauenbewegung übte,
ist dabei hervorzuheben, dass eine Metropole auch den sozialen und kulturellen
Raum bietet, die so verabscheuten „herrschenden Verhältnisse“ zu unterlaufen17
und mit Alternativen zu experimentieren. Für die Historikerin war bei der Aus-
wahl ihres Untersuchungsgegenstandes nicht zuletzt entscheidend, dass sich Mün-
chen durch eine differenzierte Archivlandschaft auszeichnet, in der nicht nur amt-
liche Akten den Weg in die Magazine finden, sondern auch Materialen der lokalen
„Opposition“ gezielt gesammelt werden.
Die Fragestellung, in deren Mittelpunkt das Zusammen- und Wechselspiel von
Reform und Revolte steht, bestimmt die Sicht auf die Phänomene Frauenbewe-
gung und Feminismus mit. Zum ersten wird die Frauenbewegung in Anlehnung
an die Ergebnisse der Bewegungsforschung um Roland Roth und Dieter Rucht
hier als eine soziale Bewegung verstanden, die aus einem „Netzwerk von Gruppen
und Organisationen“ besteht, das sich „auf eine kollektive Identität“ stützt, „eine
gewisse Kontinuität des Protestgeschehens“ sichert und damit „Anspruch auf Ge-
staltung des gesellschaftlichen Wandels“ erhebt. Das letzte Kennzeichen erscheint
dabei als besonders gewichtig, denn es macht eine soziale Bewegung zu einer Ak-
teurin, die „die Fähigkeit einer Gesellschaft“ nutzt, „sich selbst zu produzieren“,
ohne dabei aus den Augen zu verlieren, dass die Bewegung selbst auch ein Pro-
dukt dieser Gesellschaft und ihres Wandels ist. Zudem verwahren sich die Über
legungen Roths und Ruchts dagegen, jedwedem Bewegungsaktivismus eine „pro-
gressive“ Richtung zuzuschreiben, denn ihrer Einschätzung nach kann er „för-
dernd oder bremsend, revolutionär, reformerisch oder restaurativ“ sein.18
Zum zweiten geht die Arbeit für den Untersuchungszeitraum von einer Identi-
tät von Frauenbewegung und Feminismus19 aus, da es sich um Begriffe handelte,
die, wie noch zu zeigen sein wird, nicht zuletzt die Protagonistinnen selbst erst für
sich entdeckten20, meist als neu und noch nie da gewesen betrachteten und sich
daran machten, sie einer eingehenderen inhaltlichen Bestimmung zuzuführen. Mit
Ausnahme des zur Abgrenzung zu historischen Vorgängerinnen21 eingeführten
Begriffs der sogenannten neuen Frauenbewegung und des zeitlichen Attributs der
1970er Jahre bleibt die Darstellung deshalb mit der Vorwegnahme von Kategori-
sierungen sparsam. Denn selbst bei den in wissenschaftlichen Studien häufig be-
nutzten Analysekriterien zum Beispiel eines liberalen, sozialistischen oder radika-
len Feminismus22 handelt es sich um Bezeichnungen, die sich erst im Lauf der
1970er Jahre und innerhalb der Bewegung herauskristallisierten, nicht selten ver-
bunden mit einem Streit um die „richtigere“ feministische Lebensweise.
Auch dem für die 1970er Jahre bisweilen gebrauchten Plural Frauenbewegun-
gen und Feminismen erteilt diese Arbeit in der Darstellung eine Absage23: Ob-
wohl die neue Frauenbewegung zu Recht als „ein fluides Phänomen“ sowohl im
Hinblick auf ihre räumliche und soziale Ausdehnung als auch auf ihre ideologi-
schen Orientierungen bezeichnet wird24, erscheint gerade diese Vielfältigkeit als
ein Charakteristikum des feministischen Tatendrangs. Außerdem ergaben sich
durch das Quellenstudium am Beispiel Münchens eine Vielzahl von personellen
oder inhaltlichen Zusammenhängen zwischen verschiedenen Strömungen oder
Arbeitsansätzen der neuen Frauenbewegung. Sehr allgemein lassen sich Frauen
bewegung und Feminismus deshalb zunächst als eine soziale Bewegung und ihr
Ideensystem fassen, die für die Aufhebung von Geschlechterhierarchien plädier-
ten.25
25 Die Arbeit folgt dabei Bestrebungen, die beiden Phänomene einer analytischen Begrifflichkeit
zuzuführen. Dazu z. B. Streubel: Radikale Nationalistinnen, S. 65 ff.
26 Vgl. Schulz: Langer Atem, S. 18.
27 V.a. Doormann: Keiner schiebt uns weg; Haug: Perspektiven; Hervé: Geschichte der deutschen
Frauenbewegung; Krechel: Selbsterfahrung und Fremdbestimmung; Linnhoff: Die neue
Frauenbewegung; Schenk: Die feministische Herausforderung; Schlaeger: Mein Kopf gehört
mir; Schwarzer: So fing es an!; Soden: Der große Unterschied.
28 Biermann: Von Differenz zu Gleichheit; Ehmsen: Der Marsch; Hark: Dissidente Partizipation;
Thon: Frauenbewegung im Wandel. Allerdings gibt es einige historisch angelegte Disserta
tionsprojekte, die aber entweder noch in Arbeit sind oder deren Ergebnisse noch nicht veröf-
fentlicht wurden: Lahn: Flog die Tomate auch; Clara McDougall: Councils of Women: Trans-
nationality and the Shaping of Feminist Identity in West Germany 1967–1975 (www.vw-
projekt.uni-hd.de/mitarbeiter_macdougall.html); Sarah Summers: Reconciling Family and
Work: The Gendered Division of Labor and Women’s Emancipation in West Germany from
the 1960s to the 1980s (http://history.unc.edu/gradstudents/summers.html); Johanna Schnie-
dergers: „Entgrenzung des Städtischen“ oder „Neuaneignung der Provinz“? Die Neue Frauen-
bewegung auf dem Land (www.ztg.tu-berlin.de/pdf/Protest_bewegt_Programm.pdf) – Zugriff
jeweils am 16. 4. 2010.
29 Frevert: Frauengeschichte; Gerhard: Unerhört; dies.: Frauenbewegung und Feminismus; Nave-
Herz: Die Geschichte der Frauenbewegung, Notz: Warum flog die Tomate?; Wiggershaus: Ge-
schichte der Frauen.
30 Schulz: Langer Atem.
31 Lenz: Neue Frauenbewegung.
Einleitung 7
Da für die neue Frauenbewegung in der Bundesrepublik nicht zuletzt dank de-
ren föderalistischer Struktur die starke lokale Verankerung und geografische Brei-
te der Bewegung als charakteristisch angesehen werden können32, gibt es einige
Publikationen, die sich – mit unterschiedlicher Intensität und anhand verschiede-
ner Fragestellungen – dem feministischen Protest im regionalen Kontext wid-
men.33 Allerdings kann insbesondere im Hinblick auf die Zentren des Aufbruchs
West-Berlin, Frankfurt am Main und nicht zuletzt München von einem For-
schungsdesiderat gesprochen werden. Für Berlin liegt lediglich ein Aufsatz, für
Frankfurt am Main eine sozialwissenschaftliche Dissertation und ein Ausstel-
lungskatalog vor, die Schlaglichter auf die Genese der neuen Frauenbewegung vor
Ort werfen.34 Für München konnte man bislang immerhin eine im Jahr 2000 von
Christine Schäfer und Christiane Wilke erarbeitete Dokumentation zu Rate zie-
hen, die über frauenbewegte Protestereignisse und einzelne Akteurinnengruppen
informiert.35
Dass das Verhältnis zwischen dem studentischen und dem feministischen Pro-
test in all diesen Publikationen fast einhellig als distanziert und von Seiten der
Frauen deutlich auf Abgrenzung bedacht beschrieben wird, ist auch darauf zu-
rückzuführen, dass sich die Forschung bislang nicht besonders ausführlich zum
Zusammenhang zwischen „1968“ und der Kategorie Geschlecht geäußert hat. Ab-
gesehen von Ute Kätzels Sammelband mit 14 Porträts von „68erinnen“36 sowie
Kristina Schulz’ Arbeiten, die unter anderem auch die „Bräute der Revolution“
sowie die ideengeschichtlichen Zusammenhänge von studentischem und feministi-
schem Protest thematisieren37, gerät der Einsatz von Frauen in der APO ebenso
wie in eigener Sache in diesem Zusammenhang zur nicht eingehender untersuch-
ten „Konkursmasse“ der Studentenbewegung38.
Dennoch lassen sich zwei Stränge ausmachen, wie der weibliche Protest im
Rahmen von „1968“ wahrgenommen wird, die freilich auch zeigen, dass hier noch
Klärungsbedarf besteht. Einerseits dient eine (weibliche wie männliche) Zeitzeu-
genschaft dazu, einem feministischen Aufbruch ein gewisses Verständnis entge-
genzubringen, weil die Revolte ihren Unterstützerinnen gerade im Hinblick auf
Partizipationsmöglichkeiten oder sexueller Selbstbestimmung nicht unbedingt
wohlgesonnen gewesen sei.39 Trotzdem ist dann aber bisweilen sogar von einer
„Sezession“ die Rede, die mit ihrem Anspruch auf Autonomie die Männer doch
obwohl diese ihr Handeln sehr wohl dokumentierten.48 Außerdem fand das zu-
nächst vorwiegend von der Studentenbewegung getragene und schließlich femi-
nistisch orientierte Engagement, das das vermeintlich Private zum Politikum er-
hob, erst dann Niederschlag in amtlichen Akten, wenn Frauen öffentlich tätig
bzw. auffällig wurden und/oder es sich bei den jeweiligen Themenfeldern um (so-
ziale) Brennpunkte handelte. Zumindest die Situation der weiblichen Bevölkerung
und der gesellschaftspolitische Umgang mit (angeblich) weiblichen Angelegen
heiten lässt sich durch die Zuhilfenahme öffentlich zugänglicher Materialien wie
statistischen Erhebungen, Parteiprogrammen, Parlamentsdebatten oder der Pres-
seberichterstattung greifen. Anhand der Überlieferung universitärer, städtischer
und staatlicher Archive sind zudem die im Rahmen der hier bearbeiteten Frage-
stellung wichtigen Berührungspunkte zwischen dem Protest auf der einen und
Politik und Gesellschaft auf der anderen Seite auszumachen.
So finden sich in den Senatsprotokollen des Universitätsarchivs München sowie
in den Beständen des bayerischen Kultus- und Innenministeriums, die das Bayeri-
sche Hauptstaatsarchiv aufbewahrt, Hinweise auf die Beteiligung von Frauen an
den Protesten von „1968“ und hier vor allem in den sogenannten Kinderläden.
Die (noch nicht vollständige) Abgabe des bayerischen Staatsministeriums für Ar-
beit und Sozialordnung an das Hauptstaatsarchiv wiederum gibt Aufschluss über
Bayerns Frauenpolitik und enthält darüber hinaus Unterlagen zu dem 1973 vom
Ministerium ins Leben gerufenen Bayerischen Landesfrauenausschuss und der seit
1981 arbeitenden Leitstelle für die Gleichstellung von Frauen und Männern, die
wichtige institutionalisierte Pendants zur autonomen neuen Frauenbewegung dar-
stellen. Was deren Performanz in der Öffentlichkeit, etwa im Protest gegen Para-
graf 218 StGB oder in den sogenannten Walpurgisnacht-Demonstrationen angeht,
war der Bestand der Münchner Polizeidirektion im Bayerischen Staatsarchiv sehr
aufschlussreich. Im Stadtarchiv der Landeshauptstadt München lieferten schließ-
lich die Sitzungsprotokolle des Stadtrats und dessen Aktensammlung wichtige
Informationen zur Einstellung der Kommune zu bestimmten Forderungen der
Frauenbewegung, vor allem hinsichtlich des Ausbaus der öffentlichen Kinderbe-
treuung und Hilfsmaßnahmen für misshandelte Frauen und deren Kinder.
Abgesehen von Zeitungsausschnitten oder Flugblattsammlungen schweigt die
Überlieferung der eben genannten Archive allerdings zum Innenleben der neuen
Frauenbewegung. Unabdingbar war daher, über die hier gesammelten Dokumente
über die Frauenbewegung und der enormen Fülle publizierter Quellen, die der
Kommunikation der Frauenbewegung mit ihrer Umgebung dienten, hinaus an
anderen Stellen nach Unterlagen zu suchen, mit denen Münchner Feministinnen
selbst ihr Handeln dokumentierten. Hervorzuheben ist dabei insbesondere das
Archiv des Instituts für Zeitgeschichte München-Berlin (IfZ), das bereits seit
einigen Jahren intensiv daran arbeitet, Materialien aus sozialen Bewegungen zu
akquirieren. Mit dem Depositum Hannelore Mabry/Bayerisches Archiv der
48 Vgl. zu diesem Problem v. a. die Tagung des Landesarchivs Baden-Württemberg „1968 – Was
bleibt von einer Generation?“ am 27. 2. 2007 in Stuttgart. Tagungsbericht unter hsozkult.ge-
schichte.hu-berlin.de/ tagungsberichte/id=1573&count=2&recno=1&sort=datum&order=dow
n&search=1968+archivtag+stuttgart (Zugriff: 18. 4. 2010).
10 Einleitung
Frauenbewegung verfügt das IfZ dabei über die reichhaltige Sammlung einer
Bewegungsaktivistin, die sich zwischen dem Ende der 1960er Jahre und Mitte der
1990er Jahre bundesweit für ihre Positionen einsetzte. Obwohl dieser knapp 500
Bände umfassende Bestand eine wichtige Quellenbasis der vorliegenden Untersu-
chung bildet, reichten die Recherchen bei weitem nicht aus, um Entwicklung und
Themen der neuen Frauenbewegung nachzeichnen zu können. Dies hing unter
anderem auch damit zusammen, dass es sich bei Mabry nicht notwendigerweise
um eine typische Repräsentantin der Frauenbewegung handelt. Ihrem persönli-
chen Archiv blieben auch deshalb Abgaben anderer Frauen und Gruppierungen
vorenthalten, weil sie für viele ehemalige Aktivistinnen bis heute eine Figur dar-
stellt, die berühmt, aber aufgrund ihrer Persönlichkeit und ihrer zum Teil unge-
wöhnlichen Standpunkte auch berüchtigt war.
Allerdings verfügt das Archiv des Instituts für Zeitgeschichte bereits über eine
im Wachsen begriffene „Gegenüberlieferung“: So finden sich in den Deposita
Hartmut Mehringer und Otto Friedrich Schlemper sowie im Bestand Arbeiter-
Basis-Gruppe für den Wiederaufbau der Kommunistischen Partei auch Hinweise
zum (ambivalenten) Verhältnis von „68ern“ und Frauenbewegung. Mit den Über-
lassungen weiterer Bewegungsaktivistinnen, etwa der feministischen Filmemache-
rin Helke Sander aus Berlin oder mehreren Vertreterinnen von Münchner Grup-
pen wie der Sozialistischen Frauenorganisation oder der Roten Frauenfront konnte
das Bild der Frauenbewegung zwischen Reform und Revolte entscheidend be
reichert werden. Nicht zuletzt finden sich im Archiv des IfZ mit Abgaben von
Gewerkschaftsfrauen sowie dem Stadtbund Münchner Frauenverbände und dem
ihm angehörenden Verein für Fraueninteressen die Standpunkte von Akteursgrup-
pen, die bereits über eine lange Tradition in der Frauenarbeit verfügten und trotz
zum Teil ähnlicher Zielsetzungen nicht notwendigerweise mit der neuen Frauen-
bewegung an einem Strang zogen.
Darüber hinaus wurden weitere Archive in München konsultiert, die dem be-
wegten Milieu nahestehen bzw. nach wie vor in ihm verwurzelt sind. Dazu zählen
das Archiv der Münchner Arbeiterbewegung, das sich unter anderem auch für ge-
werkschaftliche und sozialdemokratische (Frauen-)Politik vor Ort interessiert,
sowie das Archiv 451, das sich in der Tradition von „1968“ sieht und Material zur
„lokalen Opposition“ beherbergt49. Quellen zur neuen Frauenbewegung vor Ort
finden sich aber selbstverständlich nicht nur in München. Die großen überregio-
nalen Frauenarchive wie der FrauenMediaTurm Köln oder das Frauen-, For-
schungs-, Informations- und Bildungszentrum in Berlin haben mit ihren Samm-
lungen vor allem im Hinblick auf die Themenfelder Frauenzentren und -projekte,
die Diskussion um „Lohn für Hausarbeit“ oder eine Frauenpartei wichtige Be-
stände für diese Arbeit zur Verfügung gestellt.
Allerdings sind auch die im Vergleich eher kleinen Privatarchive nicht zu ver-
gessen, die die heutigen Inhaberinnen von Lillemor’s Frauenbuchladen, Andrea
Gollbach und Ursula Neubauer, und das ehemalige Mitglied der Frauenkommune,
Adelheid Opfermann, unterhalten. Die Hintergrundgespräche, die ich mit ihnen
49 Körner: Der Trikont-Verlag. Das Archiv 451 ging nach dem Tod seiner Inhaberin Christine
Dombrowsky im Sommer 2010 an das Archiv der Münchner Arbeiterbewegung über.
Einleitung 11
50 Zu der Frage zuletzt Lenz: Neue Frauenbewegung, S. 25–36, die von einer Transformation der
Bewegung dann spricht, wenn sich mindestens zwei von den insgesamt vier Dimensionen Trä-
gerschaft, Diskurse, Organisation und Semiöffentlichkeit ändern.
12 Einleitung
Kapitel 4 steht unter der Überschrift der feministischen Gegenwelten, die durch
die Schaffung eigener Orte – den Frauenzentren – und eigener Arbeitsweisen –
den Frauenprojekten – seit Mitte der 1970er Jahre entstanden. Diese Gegenwelten
waren nicht nur lokaler Kitt, sondern konnten auch bundesweite bzw. internatio-
nale Zusammenhänge herstellen. München hatte mehrere solcher Zentren, in de-
nen sich Frauen trafen, austauschten, neue Ideen diskutierten, Gruppen bildeten,
Veranstaltungen organisierten. Außerdem galt München in der Bewegung als die
Stadt der Frauenprojekte, die den Frauen als Arbeits- und Lebensform galten, in
denen sie ihre feministischen Ideale umsetzen konnten. Beispiele sind hier vor al-
lem der Frauenbuchladen Lillemor’s oder der Verlag Frauenoffensive. Neben der
Leidenschaft, mit der Frauen hier zu Werke gingen, lassen sich hier aber auch
Probleme der Frauenbewegung zeigen, etwa Geldmangel, Fluktuation oder die
intern intensiv geführte Auseinandersetzung um den „richtigen“ Feminismus.
Dieser Punkt weist auf die verschiedenen Kampagnen und Strategien hin, die die
Frauenbewegung in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre vorantrieb. Wichtig ist
dabei die Diskussion um die Organisationsform in der Frauenbewegung, wobei
die Praxis vom politischen Lesbianismus bis zum Versuch reichte, eine Frauenpar-
tei zu gründen. Es wurde auch um politische Veränderungen gerungen, etwa bei
der Auseinandersetzung um einen „Lohn für Hausarbeit“. Außerdem prangerte
die Frauenbewegung die Gewalt gegen Frauen an und skandalisierte durch die
Walpurgisnacht-Demonstrationen oder den Aufbau von Notrufzentralen und
Zufluchtshäusern für Frauen ganz unterschiedliche Ausprägungen der Gewalt, die
von psychischem Druck und Diskriminierung über Sexismus und Misshandlung
bis hin zu Vergewaltigung reichten.
Neben den Trägerinnen, Leitideen, Arbeitsansätzen und dem Austausch inner-
halb der neuen Frauenbewegung, die nicht selten von Spontaneität und Autono-
mie geprägt war, interessiert auch das gesamtgesellschaftliche Umfeld dieser Be-
wegung, das vielen Feministinnen als „Männerherrschaft“ erschien, auch wenn es
sich dabei um den Einsatz für Frauen handelte. In Kapitel 5 geht es um die Be
rührungspunkte zwischen der „neuen“ Frauenbewegung und der „alten“, also den
Frauenverbänden und -gruppierungen wie dem Stadtbund Münchner Frauenver-
bände, dem Verein für Fraueninteressen sowie Gewerkschafts- und SPD-Frauen,
die sich meist bereits seit längerem und oft mit anderen Prämissen als die neue
Frauenbewegung einer Politik für Frauen verschrieben hatten. Wie diese Politik
ihren Weg in die Institutionen fand, wird am Beispiel der Arbeit des Bayerischen
Landesfrauenausschusses und der Einrichtung von Gleichstellungsstellen im Frei-
staat und in München Anfang bzw. Mitte der 1980er Jahre nachgegangen.
I. Die Situation der Frauen in der
Bundesrepublik der „langen 1960er Jahre“
a) Recht
Der rechtliche Status der Frauen ist in der Bundesrepublik seit 1949 durch „einen
relativ umfassenden Gleichheitsgrundsatz“1 geregelt. Das Grundgesetz garantiert
in Artikel 3 nicht nur die Gleichheit der Menschen vor dem Gesetz, sondern
präzisiert in Absatz 2: „Männer und Frauen sind gleichberechtigt.“ In Absatz 3
untersagt es die Benachteiligung eines Menschen im Hinblick auf sein Geschlecht.
Mit diesen Formeln legten die Männer und Frauen des Parlamentarischen Rats
1949 das Gleichberechtigungsgebot und das Diskriminierungsverbot für alle
Rechtsbereiche unverrückbar fest. Durch diese verfassungsrechtliche Kodifizie-
rung wurde eine Anpassung insbesondere einer Vielzahl zivilrechtlicher Bestim-
mungen notwendig, die mit den Aussagen des Grundgesetzes nicht übereinstimm-
ten.2 Um dies zu erledigen, gewährte Art. 117 Abs. 1 GG dem Gesetzgeber eine
Übergangsfrist bis zum 31. März 1953.
Die Fixierung der Gleichberechtigung im Grundgesetz beurteilt gerade die
Frauengeschichtsschreibung als eine „verfassungsgeberische Leistung“3, zumal die
allgemeine Formulierung im Parlamentarischen Rat anfänglich äußerst umstritten
war.4 Einige Historikerinnen sehen in Artikel 3 Absatz 2 GG sogar ein frühes
Anzeichen für einen Wandel der Geschlechterordnung.5 Gleichzeitig wird aber
auch auf die „Alibifunktion“6 des Verfassungsgrundsatzes hingewiesen, dem eine
ganz andere gesellschaftliche Realität gegenübergestanden habe: Keinesfalls dürfe
deswegen die Bundesrepublik der 1950er Jahre als „Paradies der Gleichberechti-
gung“ gelobt werden. Als Beleg für diese These dient vor allem eine alles andere
als eilfertige Politik, die das Gleichberechtigungsgebot und die notwendigen An-
passungsmaßnahmen ignoriert habe.7
Tatsächlich genoss die Frage der Gleichberechtigung im Bundestag keine Prio-
rität. Die vom Grundgesetz vorgegebene Übergangsfrist verstrich, ohne dass es zu
einer Reform vor allem im Bereich des Ehe- und Familienrechts kam. Die darin
festgelegte übergeordnete Stellung des Ehemanns und Vaters blieb somit unverän-
dert erhalten. In der Folge traten ab dem 1. April 1953 zunächst alle rechtlichen
Bestimmungen außer Kraft, die dem Art. 3 Abs. 2 GG entgegenstanden; für eine
gewisse Zeit oblagen diesbezügliche Streitigkeiten allein der Rechtsetzung durch
Gerichte.8 Mit dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom Dezember 1953,
das die Bestimmung zur „echten Rechtsnorm“ erhob9, verlangten die Verfassungs-
hüter in Karlsruhe letztlich auch nach verbindlichen Gesetzen.
Im Jahr 1957 wurden mit dem Gleichberechtigungsgesetz10 schließlich entspre-
chende Paragrafen im Bürgerlichen Gesetzbuch novelliert; die neuen Regelungen
traten am 1. Juli 1958 in Kraft.11 Tatsächlich verbesserte sich dadurch die Stellung
der Frau in Ehe und Familie, da einige männliche Befugnisse ihre Gültigkeit ver-
loren. So wurde das bisherige Recht des Ehemanns nichtig, in allen das gemein-
schaftliche eheliche Leben betreffenden Angelegenheiten allein zu entscheiden.12
Zudem konnte der Mann nicht länger Rechtsverhältnisse seiner Frau kündigen.13
Gestrichen wurde auch der Paragraf über die Entscheidungshoheit des Vaters in
strittigen Erziehungsfragen, der sogenannte Stichentscheid14 – allerdings erst,
nachdem ein weiteres Urteil des Bundesverfassungsgerichts15 von 1959 diese im
Gleichberechtigungsgesetz noch enthaltene Bestimmung für verfassungswidrig er-
klärt hatte.16 Die elterliche Gewalt sollte nun in gegenseitigem Einvernehmen zum
Wohle des Kindes ausgeübt werden.17 Überdies ging das Vermögen der Frau nicht
mehr in die Verwaltung und Nutznießung des Mannes über: ehelicher Güterstand
wurde die Zugewinngemeinschaft, wobei jeder Ehegatte über sein Vermögen
selbst verfügte.18
Begünstigungen des Ehemanns und Vaters fielen mit diesen neuen Bestimmun-
gen weg. Das sich im Gleichberechtigungsgesetz widerspiegelnde traditionelle
Rollenbild allerdings blieb weitgehend erhalten: Die Geschlechter ergänzten sich,
vor allem durch eine arbeitsteilig angelegte Ehe, in der die Aufgaben im Haus und
in der Erziehung bei der Frau und Mutter lagen und der Mann durch Erwerbsar-
beit für den Unterhalt sorgte. Zudem wurde die juristisch festgeschriebene Nach-
rangigkeit der Frau nicht vollends ausgeräumt. So war sie zwar berechtigt, er-
werbstätig zu sein, aber nur, wenn „dies mit ihren Pflichten in der Ehe und Fami-
lie vereinbar“ war.19 Zum Unterhalt der Familie trug die Frau „in der Regel“ durch
die Führung des Haushalts bei.20 Innerhalb „ihres häuslichen Wirkungskreises“
handelte die Frau eigenverantwortlich und durfte auch Geschäfte für den Mann
besorgen.21 Reichten Arbeitskraft und Einkünfte des Mannes für ein angemes
senes Auskommen nicht aus, so wurde die Erwerbstätigkeit für die Frau zur
Pflicht.22 Ehe- und Familienname blieb der Name des Mannes, an den die Frau
ihren Mädchennamen anfügen konnte.23
Zu Beginn der 1960er Jahre standen damit tradierte Wertvorstellungen neben
einem zaghaften Aufbruch. Die Historikerin Ute Frevert warnt deshalb davor, die
Adenauer-Zeit ausschließlich als eine Restauration angestammter Geschlechter-
verhältnisse zu verurteilen, denn immerhin seien mit dem Gleichberechtigungs
gesetz die „meisten männlichen Privilegien“ im Bürgerlichen Gesetzbuch beseitigt
worden.24 Allerdings weist sie auch darauf hin, dass die Reform nichts an der Vor-
stellung einer quasi natürlichen Funktionsteilung zwischen Männern und Frauen
geändert habe; auch sei das Leitbild der Hausfrauenehe im Bürgerlichen Gesetz-
buch verankert geblieben; im Falle der erwerbstätigen Ehefrauen habe der Gesetz-
geber die „Doppelbelastung in Familie und Beruf“ sogar noch offiziell sanktio-
niert.25 Gleichwohl: Auch wenn das Gleichberechtigungsgesetz realiter keine
Geschlechterparität nach sich zog und die Beschneidung der Entscheidungsbe
fugnisse des Mannes letztendlich sogar der Urteile des Bundesverfassungsgerichts
bedurften, so änderte sich doch der Rechtsstatus der verheirateten Frauen und
Mütter grundlegend. Zumindest formal verschob das Gesetz das Autoritätsgefüge
innerhalb der Familie: Während angestammte Hierarchien abgetragen wurden,
erhielten partnerschaftliche Elemente eine Aufwertung. Das Gleichberechtigungs-
gesetz kann deshalb als Vorstufe für die geschlechtsneutrale Reformulierung des
Ehe- und Familienrechts betrachtet werden, die die sozial-liberale Koalition in
den 1970er Jahren in Angriff nahm.26
b) Politik
Da das demokratische Selbstverständnis der Bundesrepublik ein „staatlich festge-
legtes Frauen- und Familienleitbild“ verbot27, hing die politische Einflussnahme
auf die Geschlechterverhältnisse vor allem von den Parteien und deren gesell-
schaftspolitischen Präferenzen ab. Hier zeichneten sich im Laufe der 1960er Jahre
Veränderungen ab. Obwohl die Bundesrepublik in der Regel keine Frauen-, son-
milie galten als schütz- und stützenswert, wobei die Ehefrau und Mutter – meist
in Abhängigkeit von ihrem Mann – als die Regel, alleinstehende und/oder er-
werbstätige Mütter zunächst als die Ausnahme erschienen und Frauen außerhalb
des familialen Verbundes keine Beachtung fanden. Im Großen und Ganzen wurde
damit einer Andersartigkeit der Geschlechter das Wort geredet.38 Diese politische
Überzeugung wirkte sich mitunter nachteilig auf die gesellschaftliche Gleichstel-
lung der Frauen aus.39
Bei der SPD stellte sich die Situation im Grunde ähnlich dar. Zwar forderte die
Sozialdemokratie im Gegensatz zu CDU und CSU seit dem Godesberger Pro-
gramm aus dem Jahr 1959 mit klaren Worten, die Gleichberechtigung der Frauen
zu verwirklichen und ihnen die „gleichen Möglichkeiten für Erziehung und Aus-
bildung, für Berufswahl, Berufsausübung und Entlohnung“ zu eröffnen wie den
Männern. Gleichzeitig betonte die Sozialdemokratie aber ebenso wie die beiden
christlichen Parteien Unterschiede zwischen den Geschlechtern, denn die Gleich-
berechtigung sollte ihrer Meinung nach „die Beachtung der psychologischen und
biologischen Eigenarten der Frau“ nicht aufheben. Beide Volksparteien ließen
demzufolge eine Ungleichbehandlung von Männern und Frauen explizit zu; nichts
deutete auf eine Abkehr von diesem polar angelegten Geschlechterverhältnis hin.
Auch die SPD sah den Wirkungsbereich von Frauen zuvorderst auf Heim und
Erziehung beschränkt und befand, dass Hausfrauen und Mütter „besonderer
Hilfe“ bedürften; auch hier sollten vor allem Mütter kleiner Kinder nicht genötigt
sein, aus wirtschaftlichen Gründen einer Erwerbsarbeit nachzugehen. Abhilfe ver-
sprach sich die SPD von einer Aufwertung der „Hausfrauenarbeit“, die als „Be-
rufsarbeit“ anzuerkennen sei.40
Im Dezember 1964 ersuchte der Bundestag auf Antrag der SPD-Fraktion die
Bundesregierung, einen Bericht „über die Situation der Frauen in Beruf, Familie
und Gesellschaft“ zu verfassen. Anscheinend ging man bereits beim Antrag davon
aus, dass Handlungsbedarf bestand, denn neben statistischem Material sollten
auch Vorschläge unterbreitet werden, wie die Lage der Frauen in den verschiede-
nen Lebensbereichen zu verbessern sei.41 Dieses Vorgehen rechtfertigte in erster
Linie eine Beobachtung, und darin waren sich die Rednerinnen der SPD-, der
CDU/CSU- und der FDP-Fraktion einig: es gebe große strukturelle Veränderun-
gen in der Gesellschaft, deren Folgen es nötig machten, einen „umfassenden Über-
blick über den Problemkreis der Frauen“ zu gewinnen: Wie war es mit der im
Grundgesetz garantierten Gleichberechtigung bestellt? Wie sah es bei beruflichen
Aufstiegschancen der Frauen, wie bei ihrer Rolle in der Öffentlichkeit aus? Wie
kamen alleinstehende, verheiratete, ältere Frauen mit den an sie gerichteten An
forderungen zurecht? Welche Auswirkungen hatten neue Arbeits- und Lebens
formen auf die Familie und die Betreuung der Kinder? Das waren die Fragen, die
die Politikerinnen bewegten und die nun in einer Enquete behandelt werden soll-
ten.42 In gewisser Weise scheint die deutsche Politik mit diesem Unterfangen aber
auch von dem Wunsch geleitet gewesen zu sein, dem zeitgenössischen Problembe-
wusstsein im In- und Ausland zu entsprechen. Denn in der politischen Bildungs-
arbeit wurde zur Entstehung des Frauenberichts hervorgehoben, dass sich das
Interesse der Bundestags an der Lage der weiblichen Bevölkerung auch dadurch
erkläre, dass dieses Thema international in Wissenschaft und Politik diskutiert
werde: Neben entsprechender Literatur, die, wie noch zu zeigen sein wird, in den
Frauenbericht und in die öffentlichen Debatten der Zeit einfloss, war dabei auch
von ähnlich gelagerten Untersuchungskommissionen in den USA, Kanada und
Skandinavien die Rede.43
Der Bericht der Bundesregierung wurde im September 1966 vorgelegt. Auf über
750 Seiten enthielt er Informationen über Frauen in Familie, Haushalt, Erwerbs-
bereich und Landwirtschaft, über Bildungsstand und -möglichkeiten, politisches
Verhalten und Gesundheitszustand. Die Federführung für das gesamte Dokument
oblag dem Bundesministerium für Arbeit und Sozialordnung, das – so hieß es bei
der Antragstellung – dem „gesellschaftspolitischen Gesichtspunkt“44 der Untersu-
chung am ehesten entsprach. Die Bandbreite der Themen, deren Dokumentation
so umfangreich wie nie zuvor ausfiel, wurde von insgesamt zehn Arbeitsgruppen
abgedeckt, die von den jeweiligen Fachministerien geleitet worden waren. Bereits
an dieser Verteilung wird ersichtlich, dass weibliche Angelegenheiten mit großem
Elan angegangen wurden. Organisatorisch gesehen war nämlich eigentlich ein seit
1949 im Bundesministerium des Innern angesiedeltes Fachreferat für Frauenfragen
zuständig, das sich zwar frauenpolitisch vernetzte, aber in der Arbeit des Ministe-
riums wenig hervortrat; 1972 ging dieses Referat an das Bundesfamilienministe
rium über.45
Der Frauenbericht der Bundesregierung von 1966 führt als amtliches Dokument
Geschlechterrollenkonzepte und politische Zielvorstellungen vor Augen, die zur
damaligen Zeit „konsens- oder zumindest mehrheitsfähig“46 waren. Wie der im
Text häufig benutzte Singular „die Frau“ zeigt, ging es der Regierung auch um
einen allgemeinen und idealtypischen Lebensentwurf für Frauen als Angehörige
einer sozialen Gruppe. Die Ausführungen setzten bei der Beobachtung an, dass
sich das Leben der Menschen „mit der Entwicklung zur modernen Industriegesell-
schaft“ verändert habe und „die Frau“ davon „in besonderer Weise betroffen“ sei.
Hervorgehoben wurde die Zunahme der außerhäuslichen Erwerbstätigkeit insbe-
sondere von verheirateten Frauen und Müttern, die gestiegene Lebenserwartung,
das niedrige Heiratsalter und die geringe Kinderzahl, das „neue Verständnis von
der Ehe als Partnerschaft“ und veränderte Anforderungen in Haushalt und Erzie-
42 Vgl. Beschlussfassung betr. Enquete über die Situation der Frau in Beruf, Familie und Gesell-
schaft vom 9. 12. 1964, in: Verhandlungen des Deutschen Bundestages. 4. Wahlperiode. Steno-
graphische Berichte. Bd. 56, S. 7487–7491, das Zitat S. 7488.
43 Vgl. Frandsen/Dahldrup: Frauenbericht, S. 9–12.
44 Vgl. Beschlussfassung betr. Enquete über die Situation der Frau in Beruf, Familie und Gesell-
schaft vom 9. 12. 1964, in: Verhandlungen des Deutschen Bundestages. 4. Wahlperiode. Steno-
graphische Berichte. Bd. 56, S. 7488.
45 Vgl. Ruhl: Verordnete Unterordnung, S. 226, FN 104; Kuller: Familienpolitik, S. 88.
46 Leicht-Scholten: Recht auf Gleichberechtigung, S. 50.
1. Demokratische Ordnung und Geschlechterordnung 19
hung.47 Als Folge dessen konstatierte der Bericht, dass Frauen „in weitergehendem
Maße als früher“ sowohl in der Familie als auch im Beruf wirken könnten.48 In der
Konsequenz müssten Frauen in der Gegenwart einer „doppelten Aufgabe“ gerecht
werden.49 Die Zuständigkeit von Frauen für den Privatbereich wurde damit aber
nicht grundsätzlich in Frage gestellt, denn Männer blieben in dieser Angelegenheit
weitgehend außen vor. Zwar sollte die Kindererziehung künftig nicht alleine der
Mutter „aufgeladen“, sondern vom Vater, Verwandten, Nachbarn und Kinder
tagesstätten mitgetragen werden. Doch ließ man auch keinen Zweifel darüber auf-
kommen, dass die Hauptlast „infolge der starken beruflichen Inanspruchnahme des
Vaters“ auch weiterhin bei der Mutter zu liegen habe.50
Insgesamt hatte das Rollenmodell für Frauen über Küche und Kinder hinaus
eine Erweiterung um eine freiwillige, nicht aus wirtschaftlichen Gründen notwen-
dige Berufstätigkeit erfahren. Hier kündigte sich also ein Wandel an, der sich im
übrigen auch an einer veränderten Semantik im weitesten Sinne ablesen lässt. Die
neuen „Ansätze für ein anderes Leitbild der Frau“51 etwa rechtfertigte man unter
Rekurs auf die französische Philosophin Simone de Beauvoir. Diese hatte in ihrer
Abhandlung „Das andere Geschlecht“ argumentiert, dass das Frau-Sein nicht et-
was von vornherein Gegebenes sei, sondern einem Wandel unterliege, der auch
von den Erwartungen der Gesellschaft an die Frauen abhinge. Die Erwähnung
dieser Thesen im Frauenbericht ist ein untrügliches Anzeichen dafür, dass zu
mindest in Fachkreisen wissenschaftlich erörtert wurde, ob und wie die Lage der
weiblichen Bevölkerung zu formen sei. Bisher wird gerne davon ausgegangen,
dass es vor allem bestimmte Strömungen in der Frauenbewegung der 1970er Jahre
gewesen seien, die den Ideen Beauvoirs und damit dem Gedanken an eine Verän-
derbarkeit des Frau-Seins in der Bundesrepublik zum Durchbruch verhalfen.52
Der Frauenbericht betonte also eine größere Rollenvielfalt und verstand diese
durchaus als modernes Phänomen. Dies ging allerdings nicht so weit, dass er mit
allen tradierten Vorstellungen vollends brach: Nach wie vor hielt die Untersu-
chung die „besondere mütterliche Fürsorge“53 für ein intaktes Familienleben für
unabdingbar. Beruf und gesellschaftliches Engagement hatten sich demzufolge
auch weiterhin den „Verpflichtungen gegenüber Familie und Haushalt“54 unter-
zuordnen.
Um den unterschiedlichen Wirkungsfeldern gerecht zu werden, riet der Bericht
den Frauen zu einer Lebensplanung, in der sich der Wunsch nach Erwerbstätig-
keit und die Versorgung der Familie im Nach- bzw. Nebeneinander trafen. Opti-
mal erschien dabei ein Drei-Phasen-Modell, in dem der Ausbildung und Berufstä-
tigkeit die Zeit folge, in der die verheiratete Frau in erster Linie ihre Pflichten als
Hausfrau und Mutter wahrnehme, um danach wieder in den Beruf einzusteigen.55
Als eine weitere Strategie wurde Teilzeitarbeit genannt.56 Eingehend problemati-
siert wurden diese Vorschläge nicht, vor allem nicht im Hinblick auf die zu Grun-
de liegende Geschlechterordnung: Die dem angebotenen Lebenslauf innewohnen-
den Benachteiligungen gegenüber Männern – wie Doppelbelastung, geringere
Einkommen oder schlechtere Aufstiegsmöglichkeiten – wurden zwar erwähnt,
aber nicht beanstandet, da nach Ansicht des Berichts ohnehin „meist“ der Stellung
der Hausfrau und Mutter „mehr Gewicht“57 beigemessen und häusliche und er-
zieherische Leistungen zunehmend „als ein der Erwerbstätigkeit des Mannes ent-
sprechender Beitrag zum Unterhalt der Familie“58 eingeschätzt würden.
Was die Verantwortung der Politik anbelangte, sah der Bericht wenig Hand-
lungsbedarf. Er wies in erster Linie auf das bereits Erreichte hin: So verfügten
Frauen über zahlreiche Möglichkeiten, am öffentlichen Leben mitzuwirken, seit
die Bestrebungen „insbesondere der Frauenbewegung“ nach Recht auf Bildung
und staatsbürgerlicher Mitverantwortung zum Erfolg geführt hätten. Auch die
Rechtsordnung habe der veränderten Stellung der Frau bereits „in weitem Um-
fang“ Rechnung getragen.59 Insgesamt hob der Bericht deshalb auch weniger die
Gesetzgebung als den kognitiven Nachholbedarf gerade in der weiblichen Bevöl-
kerung hervor. Denn Wandel und Vielfalt weiblicher Lebensgestaltung seien noch
nicht Bestandteil des allgemeinen Bewusstseins geworden, „auch nicht immer bei
den Frauen selbst“. Als Schlüssel für die Vorbereitung auf die „doppelte Aufgabe“
in Familie und Beruf betrachtete das Dokument Bildung, vor allem eine qualifi-
zierte Berufsausbildung. Obwohl die Bildungsinstitutionen der Bundesrepublik
den Mädchen Chancen offerierten, nähmen junge Frauen diese aufgrund ihrer
„herkömmlichen Vorstellungen“ kaum wahr. „Die Frauen selbst, die Familien, die
Verbände sowie die Regierungen und Parlamente des Bundes und der Länder“ sah
man deshalb in der Pflicht, den Frauen und Mädchen die Notwendigkeit von Bil-
dung bewusst zu machen. Zudem sei die Aufklärung der Öffentlichkeit – „und
zwar der Frauen wie der Männer“ – erforderlich, um „für die Vielgestaltigkeit der
veränderten Lebensverhältnisse“ Verständnis zu wecken. Mit konkreten Verbesse-
rungsvorschlägen hielt sich der Bericht allerdings bewusst zurück: Schlussfolge-
rungen seien nur „in begrenztem Umfange“ möglich, da „einige Probleme“ sich
„als so vielschichtig“ darstellten, dass aufgrund eines Berichts keine politischen
Entscheidungen getroffen werden könnten.60
55 Vgl. ebd., S. XVII. Vorbild für das Drei-Phasen-Modell war die Studie der schwedischen Sozio-
loginnen Myrdal/Klein: Doppelrolle der Frau.
56 Vgl. Bericht der Bundesregierung über die Situation der Frauen in Beruf, Familie und Gesell-
schaft, Drucksache V/909, S. 85 ff.
57 Ebd., S. 87.
58 Ebd., S. XVII.
59 Ebd.
60 Bericht der Bundesregierung über die Situation der Frauen in Beruf, Familie und Gesellschaft,
Drucksache V/909, S. XVII ff.
1. Demokratische Ordnung und Geschlechterordnung 21
61 Vgl. zur Einschätzung des Berichts durch die Öffentlichkeit etwa Notz: Mehr als bunte Tup-
fen, S. 21f; Münch: Familien-, Jugend- und Altenpolitik 1966–1974, S. 643 f.
62 Zur Regierungspraxis der Großen Koalition und der ersten sozial-liberalen Koalition vgl. allge-
mein: Metzler: Konzeptionen politischen Handelns.
63 Vgl. Vogel: Frauen und Frauenbewegung, S. 184.
64 Vgl. Frandsen/Dahldrup: Frauenbericht, S. 17 f.
65 Vgl. Pross: Koloß ohne Geist, S. 338–343, das Zitat S. 341.
66 Leicht-Scholten: Recht auf Gleichberechtigung, S. 50.
22 I. Die Situation der Frauen in der Bundesrepublik der „langen 1960er Jahre“
Tätigkeit von erwerbstätigen verheirateten Frauen für die Wirtschaft sei und
schimpfte auf „patriarchalische“ und „altbackene“ Betrachtungsweisen, die die-
sem beruflichen Engagement entgegenstünden und die sich auch in seiner Partei
zu verflüchtigen hätten.67 Ihre familienpolitischen Konzeptionen und die gesell-
schaftliche Realität brachte die CDU zu diesem Zeitpunkt dahin gehend überein,
dass sie zwischen einer objektiv notwendigen sowie einer überflüssigen und schäd-
lichen Berufstätigkeit von Frauen unterschied.68 Die Schwesterpartei CSU hob in
ihrem Grundsatzprogramm von 1968 den „entscheidenden Beitrag“ hervor, den
die Frau „in Familie und Beruf“ für die Entwicklung von Wirtschaft und Gesell-
schaft erbringe. Für die öffentliche und berufliche Präsenz von Frauen schienen
aber Anpassungen erforderlich zu sein, denn die Partei wollte hierfür Bedingun-
gen schaffen, die den „besonderen Lebensphasen“ der Frau und dem „Grundsatz
der Gleichberechtigung“ entsprächen.69
Fast gleichlautend ging es 1971 auch der CDU in der zweiten Fassung des Ber-
liner Programms darum, ein Manko auszugleichen. Damit die Frau „vollen Anteil“
am politischen und wirtschaftlichen Leben erhalte, setzte die CDU auf „gerechte“
und „gleiche“ Chancen im Bildungs- und Berufsbereich und erkor die Wahlfrei-
heit zum Prinzip: Eine Frau müsse frei entscheiden können, ob sie sich ausschließ-
lich der Familie und dem Haushalt zuwenden oder „außerdem ganz oder teilweise
berufstätig“ sein wolle. Hausfrauen und Mütter wurden dabei der berufstätigen
Frau gleichgestellt. Für die Familie wiederum wurde die „partnerschaftliche Fami-
lie“ zum Leitbild erhoben.70
Bei der Regierungsübernahme durch die sozial-liberale Koalition im Herbst
1969 zeigte sich auch bei der SPD der Wille zu frauenpolitischen Reformen. Ob-
wohl es keine Aussagen im Parteiprogramm gibt71, führen gerade die Regierungs-
erklärungen Willy Brandts vor Augen, dass Frauen zu einem politischen Thema
geworden waren. Im Oktober 1969 beschied der neue Bundeskanzler, dass für die
gesellschaftspolitischen Reformen und die moderne Gestaltung eines demokrati-
schen Industriestaates eine „starke Mitwirkung der Frauen“ notwendig sei und
deshalb die „Frauenenquete“ beschleunigt fortgeführt werden müsse, was durch
die Einsetzung der Enquete Frau und Gesellschaft72 1973 auch geschah. Mit
seinen Äußerungen bezog sich Brandt eindeutig auf den Frauenbericht von 1966.
Dem Bundeskanzler zufolgte gelte es nun, Hindernisse für die Teilhabe an der
Öffentlichkeit aus dem Weg zu räumen. Er versprach, die „weithin unzureichen-
den personalen Hilfen […] für berufstätige Mütter“ zu verbessern. Den im Frauen
bericht angeklungenen Reformvorschlägen schienen nun tatsächlich politische
67 Helmut Kohl: Bericht aus dem Arbeitskreis IV (Probleme der modernen Gesellschaft), in:
CDU: 13. Bundesparteitag, S. 656–660, hier S. 658.
68 Vgl. Münch: Familien-, Jugend- und Altenpolitik 1957–1966, S. 559 f.
69 Grundsatzprogramm (1968), in: Kunz/Maier/Stammen: Programme der politischen Parteien,
Bd. 1, S. 222–227, hier S. 227.
70 Berliner Programm – 2. Fassung (1972), in: Kunz/Maier/Stammen: Programme der politischen
Parteien, Bd. 1, S. 81–109, hier S. 101 f.
71 Auf das Godesberger Programm von 1959 folgte ein „Ökonomisch-politischer Orientierungs-
rahmen für die Jahre 1975–1985“, der auf dem Parteitag der SPD in Mannheim im November
1975 verabschiedet wurde.
72 Zu den Ergebnissen der Enquete vgl. Kap. V.2.
1. Demokratische Ordnung und Geschlechterordnung 23
73 Willy Brandt: Regierungserklärung vom 28. Oktober 1969, in: Stüwe: Regierungserklärungen,
S. 161–180, die Zitate S. 175.
74 Willy Brandt: Regierungserklärung vom 18. Januar 1973, in: Stüwe: Regierungserklärungen,
S. 180–198, die Zitate S. 195.
75 Vgl. Münch: Familien-, Jugend- und Altenpolitik 1966–1974, S. 646.
76 Aktionsprogramm der FDP (107 Thesen), gebilligt vom 18. Ordentlichen Bundesparteitag,
3.–5. April 1967 in Hannover, in: Flechtheim/Kupper/Meisner: Dokumente zur parteipolitischen
Entwicklung, S. 96–118, das Zitat S. 113.
77 Programm zur Gleichberechtigung der Frau 1972, in: Verheugen: Das Programm der Libera-
len, S. 166–173, die Zitate S. 166.
24 I. Die Situation der Frauen in der Bundesrepublik der „langen 1960er Jahre“
gemäß unterstützen zu können. Jetzt musste sich die Politik auch daran messen
lassen, ob sie diesem Willen Taten folgen ließ. Seit dem Ausgang der 1960er Jahre
waren Selbstbestimmung, Mitwirkung und Gleichberechtigung zu wichtigen Be-
griffen geworden. Das Brandtsche Diktum „Mehr Demokratie wagen“ galt damit
gerade auch für die weibliche Bevölkerung.
c) Weibliche Teilhabe
Freilich waren Frauen in Sachen demokratischer Beteiligung auch bis zur Regie-
rungsübernahme durch die sozial-liberale Koalition nicht gänzlich untätig geblie-
ben. Teilhabe und Engagement von Frauen in eigener Sache fanden aber in den
ersten beiden Dekaden der Bundesrepublik vor allem in Organisationen des poli-
tischen Vorfelds statt, deren Dach der Informationsdienst und Arbeitskreis deut-
scher Frauenverbände und Frauengruppen gemischter Verbände e. V. bildete. Im
Jahr 1951 von 14 Organisationen gegründet, vergrößerte sich der Informations-
dienst bis 1966 auf 18 und Anfang der 1970er Jahre auf 26 Trägergruppen. Damit
stand er für rund 80 bundesweite (Frauen-)Organisationen, denen wiederum ins-
gesamt etwa sechs Millionen Frauen angehörten.78 Der Informationsdienst fasste
sehr unterschiedliche frauenpolitische Orientierungen zusammen. In der Frühzeit
dominierten fast ausschließlich konfessionelle und berufsständische Vereinigun-
gen wie die Arbeitsgemeinschaft katholischer Frauenverbände, die Evangelische
Frauenarbeit, der jüdische Frauenbund, der Landfrauenverband, der Hausfrauen-
bund, die Frauenabteilungen der Deutschen Angestelltengewerkschaft und des
Deutschen Gewerkschaftsbunds oder der Akademikerinnenbund. Seit der Wende
zu den 1970er Jahren traten zu diesen Vereinigungen, die in der Mehrzahl an frau-
enbewegte Traditionen vor 1933 anknüpften, Gruppen hinzu, die auf bisher nicht
ausreichend berücksichtigte Problemlagen abhoben, etwa der Verband alleinste-
hender Mütter79, oder die mit der bundesrepublikanischen Parteienlandschaft ver-
bunden waren wie die Frauengruppen von CDU und SPD.80
Als allgemeinen Zweck definierte die Satzung des Informationsdiensts seit Mitte
der 1950er Jahre vor allem „die Förderung der staatsbürgerlichen Bildung zur Si-
cherung der Demokratie“81. Dieser Aufgabe kam die Vereinigung unter anderem
durch die monatliche Herausgabe des Pressediensts „Informationen für die Frau“
nach, der – „unter bewusstem Verzicht auf eigenen Kommentar“ und von finan
ziellen Mitteln des Bundes unterstützt – Dokumente bereitstellte, die über die
Gesetzgebung und die Arbeit von Verbänden, Verwaltung und anderen Institutio-
nen unterrichten und zu Diskussionen aktueller Fragen anregen sollten. Darüber
78 Diese Zahlen ergeben sich aus den Übersichten in: Icken: Frauenrat, S. 260 f.; Bericht der Bun-
desregierung über die Situation der Frauen in Beruf, Familie und Gesellschaft, Drucksache
V/909, S. 257.
79 Gegründet 1967 als „Verband lediger Mütter“ mit dem Ziel, die Stellung von unehelich gebore-
nen Kindern und Alleinerziehenden zu verbessern. 1970 in „Verband alleinerziehender Müt-
ter“ unbenannt und 1976 um den Zusatz „und Väter“ ergänzt. Vgl. zur Geschichte des Verban-
des: www.vamv.de/index.php?id=15 (Zugriff: 12. 5. 2009).
80 Vgl. zur Vergrößerung des Informationsdiensts bzw. Deutschen Frauenrats in den 1960er und
frühen 1970er Jahren die Tabelle in: Icken: Frauenrat, S. 260 f.
81 Zitiert nach: Ebd., S. 81.
1. Demokratische Ordnung und Geschlechterordnung 25
hinaus suchte der Informationsdienst die Politik im Sinne der weiblichen Bevölke-
rung zu beeinflussen, indem er Frauen zum Wirken in der Öffentlichkeit ermutig-
te und über Stellungnahmen und Eingaben Kontakte zu Parteien, Parlament und
Regierung pflegte.82
In historischen Gesamtschauen zu politischen Aktivitäten von Frauen in der
Bundesrepublik wird das Wirken des Informationsdiensts in den ersten Jahrzehn-
ten seines Bestehens bislang weitgehend negativ beurteilt: Aufgrund der Hetero-
genität der Mitglieder und einem Beschlussverfahren, das Einstimmigkeit voraus-
setzte, habe man sich im Informationsdienst nur auf kleinste gemeinsame Nenner
einigen können. Konservative Prägung und hohes Alter engagierter Frauen hätten
prinzipielle Neuerungen verhindert. Infolgedessen seien typische Frauenthemen
wie Verbraucherfragen, Preisentwicklung, Wohnungsbau, Kultur- und Sozialpoli-
tik zentral gewesen, während man der Situation von Arbeiterinnen oder kleinen
Angestellten oder der Frage nach der Vereinbarkeit von Familie und Beruf keine
Aufmerksamkeit geschenkt habe. Die Anlehnung an den Staat habe den Informa-
tionsdienst zu einem Ausdruck einer „korporativen“ und „verwalteten“ Frauenbe-
wegung werden lassen, der es trotz einer hohen Mitgliederzahl nicht gelungen sei,
öffentlich bekannt und politisch erfolgreich zu werden.83 Demgegenüber ist ein-
zuwenden, dass sich diese Kritik gleichsam negativ teleologisch auf die neue Frau-
enbewegung in den 1970er Jahren bezieht und Tradition und Selbstverständnis des
Informationsdiensts und vieler seiner Trägerorganisationen an den radikalisierten
Forderungen des kommenden Jahrzehnts misst. In dieser Sichtweise fällt die Iden-
tifikation des Informationsdiensts mit der ersten Frauenbewegung, die seit dem
19. Jahrhundert für die weibliche Bevölkerung Bildungsmöglichkeiten und die
staatsbürgerliche Anerkennung erstritten hatte, während des Dritten Reichs aber
von weiteren Wirkungsmöglichkeiten abgeschnitten war, weitgehend unter den
Tisch.84
Wiederaufbau bedeutete für die Frauenverbände auch, ihre Bestrebungen aus
der Zeit vor 1933 aufzunehmen, nicht selten mit bekannten, wenn auch wenig
sichtbaren und leisen Mitteln: Es ging um weibliche Gleichberechtigung und Mit-
sprache, die aus Sicht des Informationsdiensts in der Bundesrepublik zwar formal
erreicht waren, sich aber in der Realität noch nicht ideal darstellten. Der Weg zu
Verbesserungen sollte über klassische Öffentlichkeitsarbeit, Arbeit im politischen
Vorraum und Förderung der (staatsbürgerlichen) Bildung der weiblichen Bevöl-
kerung geebnet werden. Zugang und Nähe zu einer demokratischen (Neu-)Ord-
nung und Bejahung dieses Systems waren damit integraler Bestandteil des frauen-
politischen Wirkens, das gerade in Ermangelung einer Oppositionshaltung wenig
Aufsehen erregte: „Nicht die Gesellschaft sollte verändert werden, sondern die
vermeintlichen Defizite […] sollten behoben werden.“85 Zweifelsohne brachten
82 Vgl. Bericht der Bundesregierung über die Situation der Frauen in Beruf, Familie und Gesell-
schaft, Drucksache V/909, S. 257 f., das Zitat S. 257.
83 Diese Zusammenfassung folgt den Einschätzungen von: Frevert: Frauen-Geschichte, S. 276;
Nave-Herz: Geschichte der Frauenbewegung, S. 63f; Vogel: Frauen und Frauenbewegung,
S. 179–184, die Charakterisierungen der Frauenbewegung ebd., S. 179, 183.
84 Den neuesten Überblick über die „erste“ Frauenbewegung bietet: Schaser: Frauenbewegung in
Deutschland.
85 Icken: Frauenrat, S. 81.
26 I. Die Situation der Frauen in der Bundesrepublik der „langen 1960er Jahre“
92 Dieses Wahlverhalten kann – grob gesprochen – für die gesamte Zeit der Bundesrepublik als
typisch gelten und wurde zum Beispiel auch im Bericht der Bundesregierung über die Situation
der Frauen in Beruf, Familie und Gesellschaft, Drucksache V/909, S. 234, festgehalten. Zentral
für den hier angesprochenen Themenkomplex sind die Untersuchungen von Beate Hoecker,
die sich seit ihrer Dissertation „Frauen in der Politik. Eine soziologische Studie“, Opladen
1987, mit Fragen nach der politischen Partizipation von Frauen in der Bundesrepublik beschäf-
tigt.
93 Hoecker: 50 Jahre Frauen in der Politik, S. 11.
94 Die Zahlen nach Bericht der Bundesregierung über die Situation der Frauen in Beruf, Familie
und Gesellschaft, Drucksache V/909, S. 512.
95 Vgl. Bösch: Adenauer-CDU, S. 299 ff.
96 Vgl. zur bislang wenig erforschten Geschichte der Frauenorganisationen bei CSU und CDU
v. a.: Frauen-Union der CSU: 50 Jahre Frauen-Union; Süssmuth: CDU-Frauen-Union.
97 Vgl. Mintzel: CSU, S. 458.
28 I. Die Situation der Frauen in der Bundesrepublik der „langen 1960er Jahre“
der Frauenanteil in der Partei nach einem Jahrzehnt der Stagnation sowohl absolut
als auch prozentual an. Mit 17,4 Prozent lag die SPD damit knapp vor der FDP
mit 17,2 Prozent, auf die mit etwas größerem Abstand die CDU mit 13,6 Prozent
und die CSU mit 10,5 Prozent folgten.98 Außerdem erhielt die Frauenarbeit in der
SPD ab 1973 offiziell einen neuen Akzent: Wie Gisela Notz in ihrer Monographie
zu Lebensbildern von SPD-Parlamentarierinnen erläutert, versuchten Sozialde-
mokratinnen lange Zeit, Schulter an Schulter mit den Genossen ihre Ziele zu errei-
chen. Erst Ende der 1960er Jahre wandte man sich einer gesonderten Frauenpoli-
tik zu und baute in der Folge die Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen
(AsF) aus. In diesem innerhalb der Partei nun eigenständigen Organ formulierten
in den folgenden Jahren weibliche Parteiangehörige, vor allem auch „viele junge
Frauen“, ihre politischen Vorstellungen.99
Die ersten Spuren für eine Verjüngung der weiblichen SPD-Mitglieder und ein
verändertes politisches (Selbst)Bewusstsein macht der Parteien-Historiker Klaus
Schönhoven sogar schon während der 1960er Jahre aus; bei den Neumitgliedern
stellten zwar nach wie vor Hausfrauen die Mehrheit, doch begann ihr Anteil zu-
gunsten von Studentinnen, Akademikerinnen und Frauen, die im Dienstleistungs-
bereich tätig waren, zu sinken; dieser Nachwuchs wiederum sei besonders aktiv
gewesen.100 Allgemein gesprochen weisen die Angleichung des Wahlverhaltens
der Geschlechter und eine seit den 1960er Jahren langsam einsetzende Politisie-
rung gerade auch jüngerer Frauen darauf hin, dass sich weibliche Lebenslagen
wandelten. Als Ursachen nennt die historische Wahlforschung vor allem erhöhte
Bildung und Erwerbstätigkeit, die Veränderung des generativen Verhaltens oder
auch die Urbanisierung101, wodurch sich tradierte soziale und religiöse Bindungen
lösten und sich in der Folge auch politische Interessen oder auch Rollenbilder zu
verändern begannen.
Freilich handelte es sich hierbei um längerfristige Prozesse, die in der Politik
nicht direkt ihren Niederschlag fanden. Dies galt insbesondere für die Vertretung
von Frauen in Parlament und Regierung. Der Anteil weiblicher Abgeordneter im
Bundestag sank zwischen 1957 und 1972 von 9,2 auf 5,8 Prozent und stieg erst
danach langsam an.102 In den Länder- und Kommunalparlamenten sah die Situa
tion nicht sehr viel anders aus. Im Bayerischen Landtag stellten Frauen zwischen
1958 und 1974 nie mehr als 6,9 Prozent der Parlamentarier103; in München mach-
ten die Stadträtinnen 1966 immerhin einen Anteil von 16,6 Prozent aus.104 Frauen
waren auf der politischen Bühne, selbst wenn es sich lediglich um die unterste
Ebene des Regierungssystems handelte, eine Minderheit. Ohne an dieser Stelle nä-
her auf mögliche Hintergründe dieses Befunds einzugehen105, sei darauf hingewie-
sen, dass allein dieser Minderheitenstatus Probleme mit sich brachte, etwa was die
Wahrnehmung oder die Durchsetzungsfähigkeit von Politikerinnen und ihrer
Ideen anging. Das politische Geschäft richtete sich an der männlichen Mehrheit
aus, was sich etwa darin ausdrückte, dass die SPD 1969 mit dem Motto „Wir
haben die besseren Männer“ in den Bundestagswahlkampf zog.106
Einige Frauen gelangten trotz ihres Minderheitendaseins in den 1960er Jahren
vereinzelt auch in politische Spitzenpositionen. Auf kommunaler und Länderebe-
ne ist etwa die langjährige FDP-Politikerin Hildegard Hamm-Brücher zu nennen,
die neben ihrem Engagement im Münchner Stadtrat Mandate im Bayerischen
Landtag und im Bundestag innehatte, 1966 als erste weibliche Staatssekretärin ins
hessische Kultusministerium und ab 1969 ins Bundesbildungsministerium einzog
und von 1976 bis 1982 schließlich Staatsministerin im Auswärtigen Amt wurde.107
Auf Bundesebene wurde, nachdem der Widerstand des Bundeskanzlers Konrad
Adenauer auch dank des Einwirkens von CDU-Frauen und Frauenverbänden
überwunden war, 1961 mit Elisabeth Schwarzhaupt (CDU) erstmals eine Frau ins
Bundeskabinett berufen; sie stand bis 1966 an der Spitze des Gesundheitsministe-
riums. Ihr folgte unter der Regierung Kiesinger/Brandt die Sozialdemokratin Käte
Strobel; Bundesfamilienministerin wurde Aenne Brauksiepe (CDU). In der sozial-
liberalen Koalition leitete Käte Strobel das Ministerium für Jugend, Familie und
Gesundheit, das von 1972 bis 1976 von Katharina Focke (SPD) übernommen wur-
de.108 Gerade bei diesen Politikerinnen zeigte sich, dass sie auch der wandelnden
Lebenssituation der weiblichen Bevölkerung gerecht werden wollten, wenn sie
sich – je nach Ressort und mit unterschiedlichem Erfolg – etwa für den Ausbau
des Bildungswesens, die Reform des Unehelichenrechts, die Teilzeitarbeit, die
Kinderbetreuung oder die sexuelle Aufklärung einsetzten.
Wandel und Widersprüchlichkeit – mit diesen beiden Stichworten lässt sich die
Situation von Frauen in der Politik der Bundesrepublik während der 1960er Jahre
beschreiben. So verbesserte sich die Rechtslage und die programmatische Auf-
merksamkeit der Parteien den Frauen gegenüber. Zudem verschloss sich die de-
mokratische Ordnung der Bundesrepublik einem vielfältigen Engagement von
Frauen keineswegs und begann zunehmend, Veränderungen in weiblichen Lebens
zusammenhängen und die Gleichberechtigung der Geschlechter zu akzeptieren.
Gleichzeitig wirkten tradierte Werte fort. Politik von und für Frauen schien nach
wie vor etwas Ungewöhnliches anzuhaften, so dass sie insgesamt doch eher die
Ausnahme als die Regel war.
105 Zur Frage nach dem Verhältnis von Frauen und (institutionalisierter) Politik vgl. v. a. Meyer:
Frauen im Männerbund.
106 Vgl. Schönhoven: Wendejahre, v. a. S. 533.
107 Zur Selbst-Wahrnehmung dieser politischen Karriere vgl. Hamm-Brücher: Als erste Frau.
108 Vgl. zu den genannten Politikerinnen, soweit bereits (auto)biografisch gefasst: Hamm-Brü-
cher: Freiheit ist mehr als ein Wort; Saletin: Schwarzhaupt, v. a. S. 60–64; Hessische Landesre-
gierung: Schwarzhaupt, v. a. S. 88–92; den Beitrag zu Käte Strobel in: Notz: Frauen in der
Mannschaft, S. 483–501; Kaff: Brauksiepe, S. 277–289.
30 I. Die Situation der Frauen in der Bundesrepublik der „langen 1960er Jahre“
a) Erziehung
Die These von den 1960er Jahren als einem „geschlechterpolitischen Experimen-
tierraum“109 führt in das sozioökonomische Umfeld von Frauen und lenkt die
Aufmerksamkeit auf die Geschlechterwelt in den Bereichen Erziehung, Bildung
und Erwerbstätigkeit. In der Tat mehrten sich in diesem Jahrzehnt die Anzeichen
dafür, dass im Zuge eines grundlegenden gesellschaftlichen Wandels sowohl das,
was für Mädchen und Frauen als wesensgemäß angesehen wurde, als auch das
Verhalten von Mädchen und Frauen selbst eine Erweiterung erfuhren.
Die Erziehung im Elternhaus ging Frauen als Mütter und Töchter an. Das tra-
ditionelle Rollenbild einer quasi natürlich besten Erzieherin betraf zweifellos bei-
de Gruppen. Festgeschrieben war dieses Ideal zum Beispiel auch im Frauenbericht
der Bundesregierung. Denn dort hieß es, dass die Frauen gemäß „ihrer körper
lichen und geistig-seelischen Beschaffenheit auf die Mutterschaft hin angelegt“110
seien. Allerdings, so räumte das Dokument zugleich ein, stünden Mütter in der
Gegenwart vor „recht schwierigen neuen Aufgaben“. Allgemein ging es dabei um
Funktionen, die das Modell von Kleinfamilien Müttern auferlegte: So müssten
Frauen den erzieherischen Alltag weitgehend allein bewältigen. Auf das „väter
liche Element“ hätten sie ebenso zu verzichten wie auf die „Zuhilfenahme von
Verwandten und Nachbarn“. Für die Beziehung zu den Kindern formulierte der
Bericht einen pädagogischen Spagat zwischen „Nüchternheit und Strenge“ sowie
„Nachsicht und einfühlendem Verstehen“, der bei dem „teilweise recht fragwürdi-
gen Angebot von Möglichkeiten der Freizeitgestaltung“ schwer zu bewerkstelli-
gen sei. Dass sich bei Erziehungsinhalten die Standards verschoben hatten, machte
der Bericht an zwei Einzelbeispielen fest: Zum einen bei der Hausaufgaben-Be-
treuung, bei der den Müttern zwar nicht die Materie, wohl aber die „modernen
Lehrmethoden“, die in den Schulen angewendet würden, fremd seien. Zum zwei-
ten bei der sexuellen Aufklärung, bei der „zahlreiche Mütter und Väter“ an der
„Klapperstorchlegende“ und „sonstigen Tabuisierungen“ festhielten.111
Im Gegensatz zu früher hatten sich die Zeiten also geändert: Zwischen den Zei-
len deutete sich der Wunsch nach einer gewissen Partnerschaftlichkeit zwischen
Eltern und Kindern ebenso an wie die Entstehung einer Wohlstands- und Bil-
dungsgesellschaft und ein damit einhergehender Wertewandel (der sich nicht allein
auf die Sexualität bezog). Doch gerade in Bezug auf das (zukünftige) Mutterdasein
trat während der 1960er Jahre eine Kluft zwischen dem weiblichen Rollenideal
und der tatsächlichen Situation zu Tage, wie sie sich auch in den Ausführungen
des Frauenberichts spiegelt. Angesichts der problematischen Lage erwerbstätiger
Mütter sprach dieser von den Möglichkeiten, den Nachwuchs zeitweise außer
Haus in Kindertagesstätten unterzubringen. Aller Wertschätzung einer angeblich
b) Bildung
Im Zuge der Diskussion um die „deutsche Bildungskatastrophe“122 rückte die
weibliche Bevölkerung in den Fokus der Aufmerksamkeit: Sie wurde als Reservoir
entdeckt, mit dessen Hilfe dem diagnostizierten Notstand begegnet werden sollte.
Bei den Reformansprüchen ging es nicht allein darum, mit der Mobilisierung von
„Begabungsreserven“ ökonomischen Notwendigkeiten gerecht zu werden. Mit
der bekannten Forderung des Soziologen Ralf Dahrendorf nach „mehr Bildung
für mehr Menschen“ war auch eine Gesellschaftspolitik verbunden, die im Sinne
der Chancengleichheit den „systematischen Bevorzugungen oder Benachteiligun-
gen bestimmter Gruppen auf Grund leistungsfremder Merkmale“123 eine Absage
erteilte.124 Zu diesen Merkmalen zählte neben Herkunft, wirtschaftlicher Lage
118 Vgl. Bericht der Bundesregierung über die Situation der Frauen in Beruf, Familie und Gesell-
schaft, Drucksache V/909, S. 205–208, das Zitat S. 205.
119 Durch Gesetz vom 20. Februar 1998 (GVBl. S. 38) wurden im Absatz 4 nach den Worten „Die
Mädchen“ mit Wirkung vom 1. März 1998 die Worte „und Buben“ eingefügt.
120 Vgl. Pross: Bildungschancen von Mädchen, S. 33.
121 Vgl. Hamm-Brücher: Gegen Unfreiheit, S. 266 ff. Dies muss an dieser Stelle als Ausschnitt von
Hamm-Brüchers umfassendem bildungspolitischen Engagements genügen. Eine wissenschaft-
liche Aufarbeitung des Wirkens der FDP-Politikerin steht ohnehin noch aus. Grundlegend
aber hierzu der Bestand „Hamm-Brücher, Hildegard“ in IFZ-Archiv, ED 379. Neben unzäh-
ligen Reden und Aufsätzen zur Bildungspolitik insbesondere die Bde. 5 ff. und 19 f.
122 Den Begriff prägte der Philosoph Georg Picht, der mit der Artikelserie „Die deutsche Bil-
dungskatastrophe“, die Anfang des Jahres 1964 in der Wochenzeitung Christ und Welt abge-
druckt wurde, eine breite Debatte auslöste. Die Artikelserie wurde in einer erweiterten Ta-
schenbuchausgabe publiziert: Picht: Bildungskatastrophe.
123 Dahrendorf: Bildung ist Bürgerrecht, die Zitate S. 28, 24.
124 Zur Gewichtung von bildungspolitischen Argumenten, die auf die Ökonomie bzw. die Chan-
cengleichheit in der Gesellschaft abhoben, vgl. Rohstock: Ist Bildung Bürgerrecht?, hier v. a.
S. 144 ff.; Rohstock: Von der „Ordinarienuniversität“, Kapitel I.1.a. Rohstock weist nach, dass
gesellschaftlicher Wandel und Bildungsexpansion schon eingesetzt haben, als sich die Politik
zum Handeln entschloss. Aufgenommen wurden dabei v. a. die bildungspolitischen Argumen-
te rund um Wettbewerbsfähigkeit, Modernisierung und Ökonomisierung, wofür auch die
2. Zwischen Mutterdasein und Berufsorientierung 33
und Konfession auch das Geschlecht: Das viel zitierte katholische Arbeitermäd-
chen vom Land wurde zum Inbegriff eines unangebrachten Traditionalismus, der
einer zeitgemäßeren Liberalität entgegenstand. Ähnlich wie Helge Pross und
Hildegard Hamm-Brücher erklärte auch Dahrendorf das herkömmliche soziale
Rollenbild der Frau als problematisch, da es in „geradezu unheimlicher Konse-
quenz“ Mädchen und Frauen „von den zentralen Bereichen der Bildungs- und
Berufswelt“ abhalte und sie „auf eigene, ihnen ‚angemessene‘ Wege“ lenke. Ein
„Minimum an Ausbildung“ und ein Leben in „Bereichen von Kindern, Küche
und Kirche“ seien die unerwünschten Folgen.125
In den 1960er Jahren spiegelte sich in Statistiken zu Bildung und Ausbildung
der Befund deutlich wider, dass die Bildungsbeteiligung eine am Geschlecht aus-
gerichtete Schräglage aufwies und zudem geschlechtsspezifischen Präferenzen
folgte. So hielt sich der Anteil von Jungen und Mädchen an den Volks- und Haupt-
schulen als der in den 1960er Jahren dominierenden Schulform zwar einigermaßen
die Waage. Gleichzeitig spielten jedoch im Stundenplan der Mädchen praktische
Fächer wie Hauswirtschaft eine wichtigere Rolle; und es waren auch Mädchen, die
nach Ablauf der Schulpflicht seltener eine Berufsausbildung begannen als Jun-
gen.126 Bei den weiterführenden Schulen wurde das Ungleichgewicht zwischen
den Geschlechtern greifbarer: Während sich die Mittelschule unter Mädchen grö-
ßerer Beliebtheit erfreute – 1964 zum Beispiel waren 51,4 Prozent der Realschüler
weiblich –, lag ihr Anteil in den Gymnasien nur bei 40,7 Prozent; die Abiturien-
tinnen machten schließlich noch 36,5 Prozent aus.127
Höhere Bildung für Mädchen schien angesichts des idealtypischen weiblichen
Lebenslaufs mit späterer Heirat und Mutterschaft wenig lohnenswert: Dem
Frauenbericht der Bundesregierung galt nämlich gerade die Realschule als gute
Voraussetzung, einen „Lebensberuf“ zu erlangen, der den Mädchen „ausreichen-
des Einkommen und soziales Ansehen“ sichere und „wegen der nicht zu langen
Ausbildung noch einige Jahre Berufstätigkeit vor der Eheschließung“ erlaube.
Solche Lebensberufe seien „traditionelle Frauenberufe auf dem sozialen, pflege
rischen und hauswirtschaftlichem Sektor“, die der „Neigung vieler Mädchen“ ent-
sprächen und „für ihre künftigen Aufgaben in der Familie wertvolle Kenntnisse
und Fertigkeiten“ vermittelten.128 Zu dieser Interpretation passte auch die Be
obachtung, dass trotz guter Leistungen mehr Schülerinnen als Schüler das Gym-
nasium bereits nach der 10. Klasse verließen.129
Unter den Studierenden setzte sich die numerische Dominanz von Männern
und eine geschlechtstypische Fächerwahl fort. Im Sommersemester 1965 lag der
130 Vgl. ebd., S. 201 ff. Dem Problem des Studienabbruchs von Frauen widmete sich zeitgenös-
sisch insbesondere Gerstein: Studierende Mädchen.
131 Dahrendorf: Bildung ist Bürgerrecht, S. 73.
132 So z. B. Metz-Göckel: Frauen als Bildungsreserve, S. 373. Eine Studie, die sich dieser These
monografisch widmet und an den verschiedenen Bildungsgängen nachweist, gibt es bislang
aber nicht.
133 Pross: Bildungschancen von Mädchen, S. 12.
134 Vgl. Hamm-Brücher: Gegen Unfreiheit, S. 266 f.
2. Zwischen Mutterdasein und Berufsorientierung 35
135 Zahlen und Trends nach: Bayerisches Staatsministerium für Arbeit und Sozialordnung (Hrsg.):
Bayerischer Frauenbericht 1980. Eine Untersuchung über die Situation der Frauen in Bayern,
München 1980, S. 31 f. [im folgenden: Bayerischer Frauenbericht 1980].
136 Vgl. Gass-Bolm: Gymnasium, v. a. S. 251–259; zum Wandel der Mädchenbildung in den 1950er
und 1960er Jahren allg.: Klimek: Mädchenbildung, S. 75–99.
137 Vgl. die Tabelle in: Bußmann: Stieftöchter der Alma Mater, S. 175.
138 Zahlen und Trends nach: Bayerischer Frauenbericht 1980, S. 3, 112 f.
139 Freilich macht sich 1972 die Eingliederung der Pädagogischen Hochschule München-Pasing
in die LMU (nun erziehungswissenschaftliche Fakultät) besonders bemerkbar. Das Zitat:
Bußmann: Stieftöchter der Alma Mater, S. 86. Unter allen immatrikulierten Studierenden an
der LMU waren im Wintersemester 1968/69 28,1 Prozent Frauen, 1971/72 31,7 Prozent,
1972/73 36,5 Prozent und 1973/74 38,8 Prozent. Zahlen nach: Landeshauptstadt München:
100 Jahre Städtestatistik, S. 221, Tabelle 0411.
140 Bußmann: Stieftöchter der Alma Mater, S. 87; vgl. zur Politisierung der Studentinnen um
„1968“ v. a. Kap. II.
36 I. Die Situation der Frauen in der Bundesrepublik der „langen 1960er Jahre“
brüchen“141 erst im darauf folgenden Jahrzehnt gekommen sei. Statt die 1960er
Jahre lediglich als „Inkubationszeit“142 zu kennzeichnen und damit Gefahr zu lau-
fen, die weibliche Bildungsexpansion in den 1960er Jahren vor dem Hintergrund
der Bildungsexplosion in den 1970er Jahren zu beurteilen, sollten die im Vergleich
weniger sicht- und messbaren Veränderungen des vorangegangenen Jahrzehnts
nicht unterschätzt werden. Denn bereits in den 1960er Jahren mehrten sich die
Zeichen dafür, dass Politik und Gesellschaft die Situation der Frauen im Bildungs-
bereich als ungerecht bewerteten und zudem bereit waren, Frauen Möglichkeiten
für einen sozialen Aufstieg durch Bildung zu eröffnen. So hob der Frauenbericht
der Bundesregierung etwa ausdrücklich den zweiten Bildungsweg als Chance ins-
besondere für Frauen hervor, die „keine ihrer Begabung entsprechende Schul- und
Berufsausbildung erhalten haben und sich in späteren Jahren für eine gehobene
Berufsposition qualifizieren möchten“.143 Einschränkend ist zu bemerken, dass die
Bildungsoffensive zweifellos nicht alle Gesellschaftsschichten gleichermaßen er-
reichte; vor allem Mädchen aus Arbeiterhaushalten blieben lange außen vor.144
Dennoch zeigte sich bereits seit dem Ende der 1950er Jahre, dass eine Lern- und
Bildungsgesellschaft Konturen annahm, da mentale und finanzielle Hindernisse,
die der Bildung und Ausbildung von Mädchen und Frauen entgegenstanden, über-
windbar geworden waren. Auch wenn es sich nicht unmittelbar in den Ausbil-
dungszahlen niederschlug, so hielt bereits in der ersten Hälfte der 1960er Jahren
eine Mehrheit der Mütter die Berufsausbildung der Mädchen für ebenso wichtig
wie die der Jungen.145 Eine Untersuchung über Akademikerinnen in der Nach-
kriegszeit argumentiert, dass nur „ein verschwindend geringer Anteil der Frauen“
gegen den Willen der Eltern studiert habe, denn die Väter seien meist „willens und
in der Lage“ gewesen, den Töchtern das Studium zu finanzieren.146 Seit 1955 gab
es außerdem die Möglichkeit, das Studium durch die öffentliche Hand fördern zu
lassen, zunächst in Form eines Darlehens nach dem sogenannten Honnefer Modell,
das 1971 durch die Bundesausbildungsförderung abgelöst wurde und den Kreis
der Empfangsberechtigten noch erweiterte.
Darüber hinaus schien der Lerneifer von Frauen bereits in den 1960er Jahren
eine breite Grundlage zu haben. Denn nicht nur die Hochschulen, sondern auch
die Einrichtungen der außeruniversitären Erwachsenenbildung konnten weibli-
chen Zuwachs vermelden, und das in doppelter Hinsicht: Zwar würden Frauen, so
meldete der Frauenbericht der Bundesregierung, an den Volkshochschulen am
ehesten Kurse besuchen, die „in erster Linie für die Frau“ bestimmt seien. Doch
neben Kochen, Nähen und Säuglingspflege hätten die Frauen vermehrtes Interesse
an politischer Bildungsarbeit. Zurückgeführt wurde diese Entwicklung vor allem
auf die steigende Zahl der Dozentinnen. Des Weiteren wies der Bericht darauf hin,
dass sich die Volkshochschulen zunehmend an den zeitlichen und inhaltlichen
c) Erwerbstätigkeit
Es ist auf die wachsende Nachfrage nach qualifizierten Arbeitskräften und den
Mentalitätswandel in den späten Jahren des „Wirtschaftswunders“ zurückzufüh-
ren, dass auch in der Berufswelt im Hinblick auf die weibliche Bevölkerung Ver-
änderungsprozesse in Gang kamen. Gemäß des Frauenberichts der Bundesregie-
rung von 1966 war es „fast allgemein üblich“ geworden, „dass auch das Mädchen,
jedenfalls zunächst, eine Erwerbsarbeit aufnimmt“. Auch wenn junge Frauen und
ihre Eltern im Gegensatz zu jungen Männern die Erwerbstätigkeit nicht durch-
wegs als selbstverständlich erachteten, so setze sich doch die Auffassung durch,
„dass nur ein erlernter Beruf und das eigene Können wirtschaftliche Sicherheit für
die Frau in den Wechselfällen des Lebens“ biete.151 Dieses Credo erreichte auch
die Öffentlichkeit. Eine Überschrift der Süddeutschen Zeitung formulierte den
Einstellungswandel pointiert: „Die beste Mitgift: Ein Beruf.“152
147 Vgl. Bericht der Bundesregierung über die Situation der Frauen in Beruf, Familie und Gesell-
schaft, Drucksache V/909, S. 191 f., das Zitat S. 192.
148 Vgl. zur Durchsetzung dieser Prinzipien in den 1960er Jahren: Olbrich: Erwachsenenbildung,
S. 364–367.
149 IfZ-Archiv, ED 474/439: Jahresbericht der Ulmer Volkshochschule für das Jahr 1967, S. 14;
vgl. auch das Kapitel zur Geschichte der Volkshochschule Ulm in: Schüler: Weiße Rose, v. a.
S. 313.
150 Vgl. Eichler/Schreyögg: Frauenbewegung und Erwachsenenbildung, v. a. S. 302 f.
151 Bericht der Bundesregierung über die Situation der Frauen in Beruf, Familie und Gesellschaft,
Drucksache V/909, die Zitate S. 77, 193.
152 Karin Friedrich: Die beste Mitgift: ein Beruf, in: Süddeutsche Zeitung vom 16. 1. 1967.
38 I. Die Situation der Frauen in der Bundesrepublik der „langen 1960er Jahre“
Frauen strebten deshalb in zwar geringerem Maße als Männer, aber in dennoch
steigender Zahl eine Lehre an: Ähnlich der sich verbessernden schulischen Ausbil-
dung kletterte die Zahl der weiblichen Auszubildenden gemessen an der Gesamt-
heit der Mädchen von 31,8 Prozent 1950/51 auf 63,4 Prozent 1964/65. Allerdings
blieben deutliche Unterschiede zwischen den Geschlechtern bestehen, denn Be-
rufsanfängerinnen schienen gemeinhin ihre beruflichen Ziele weniger hoch zu
stecken als ihre männlichen Kollegen; zudem betrachteten sie Erwerbsarbeit meist
als Übergangsstadium bis zur erstrebten Eheschließung: Nicht nur, dass die Zahl
der Frauen in an- und ungelernten Beschäftigungen höher war als die der Männer:
Frauen suchten sich vielmehr Ausbildungsplätze vor allem in den Bereichen, die als
typisch weiblich galten und zeitliche Flexibilität versprachen: im Handel, in Büro-
berufen, als Friseurin oder Schneiderin, in der Kinder- und Krankenpflege.153
Im Grunde hatte dieses Bild über den Berufseinstieg hinaus Bestand. Frauen
machten zwischen 1958 und 1972 fast gleich bleibend zwischen 36 und 37 Prozent
aller Erwerbstätigen aus und verteilten sich vor allem auf einige wenige „frauen
typische“ Berufe und Tätigkeiten.154 Doch gerade der Arbeitskräftebedarf in
größeren Städten kam dem Arbeitswillen der weiblichen Bevölkerung offenbar
erheblich entgegen. So berichtete der Münchner Stadtanzeiger im April 1975 vom
„Vormarsch der Münchner Frauen“. Denn seit 1950 war der Anteil der Münchne-
rinnen, die im Erwerbsleben standen, von 49 Prozent auf 58 Prozent gestiegen.
Damit gehe, so der Bericht weiter, auch eine soziale Umschichtung einher: Es sei
eine weibliche „Mittelschicht“ entstanden. Statt „dienender Berufe“ oder der Mit-
hilfe im Familienbetrieb besetzten Frauen nun Positionen als Stenotypistinnen,
Sachbearbeiterinnen und kaufmännischer oder technischer Assistentinnen.155
Die Zeitungsmeldung ist ein untrüglicher Hinweis darauf, dass sich das Er-
werbsverhalten von Frauen seit den 1960er Jahren in markanter Weise gewandelt
hatte. Zum einen stellten sich Frauen zunehmend dem Arbeitsmarkt zur Verfü-
gung. Verbunden war dies mit der Vorstellung, dass sich Familie und Beruf nicht
in einem Entweder-oder, sondern in einem Sowohl-als-auch aufeinander bezogen.
Frauen orientierten sich also stärker als bisher an einem „doppelten Lebens
entwurf“156. Seit den 1950er Jahren gingen vor allem verheiratete Frauen und
Mütter immer häufiger einer Arbeit nach, was bereits zeitgenössisch zu gleichen
Teilen auf den „großen Bedarf der Wirtschaft einerseits, veränderte Lebensvor
stellungen andererseits“ zurückgeführt wurde: Im Einzelnen machten Ehefrauen
bundesweit 1962 bei den weiblichen abhängig Beschäftigten 39,6 Prozent, bei den
Selbstständigen 48 Prozent und bei den sogenannten mithelfenden Familienange-
hörigen 82,5 Prozent aus. Im Jahr 1950 lagen diese Zahlen noch deutlich niedriger
bei 18,9, 30,4 und 67,2 Prozent.157 Darüber hinaus wurde eine Altersgruppe be-
sonders aktiv: Es waren dies verheiratete Frauen zwischen 20 und 30 Jahren, für
153 Vgl. im Einzelnen: Bericht der Bundesregierung über die Situation der Frauen in Beruf, Fami-
lie und Gesellschaft, Drucksache V/909, S. 192–196.
154 Vgl. Maier: Zwischen Arbeitsmarkt und Familie, hier die Tabellen auf S. 259 und 263.
155 Vormarsch der Münchner Frauen, in: Münchner Stadtanzeiger vom 22. 4. 1975.
156 Maier: Zwischen Arbeitsmarkt und Familie, hier S. 260.
157 Bericht der Bundesregierung über die Situation der Frauen in Beruf, Familie und Gesellschaft,
Drucksache V/909, Zitat und Zahlen S. 62.
2. Zwischen Mutterdasein und Berufsorientierung 39
die die Erwerbsarbeit zum festen Bestandteil ihres Lebens wurde; diese Gruppe
stellte seit 1961 bisweilen mehr als die Hälfte der berufstätigen Frauen.158 Aus der
Beobachtung, dass es insbesondere junge Ehefrauen auch mit kleinen Kindern
waren, die einer Erwerbsarbeit nachgehen wollten, lässt sich schließen, dass die
Familienpolitik der Bundesrepublik, die etwa bei der Kindergeldgesetzgebung
auch darauf gerichtet war, die Erwerbsbeteiligung der Mütter zu minimieren, ihre
Wirkung offenbar teilweise verfehlt hat.159
Zum zweiten fand sich in den 1960er Jahren Frauenarbeit immer mehr im Be-
reich der modernen Dienstleistungen160 – eine Entwicklung, die im Grunde dem
Strukturwandel in der bundesdeutschen Wirtschaft entsprach und mit dem Begriff
der „Feminisierung“ des tertiären Sektors161 umschrieben wird. Während Frauen
aufgrund der volkswirtschaftlichen Umschichtungen immer seltener in Familien-
unternehmen der Landwirtschaft, des Handwerks oder des Handels „mithalfen“,
fanden sie im produzierenden und verarbeitenden Gewerbe und in der Industrie
Arbeit. Allerdings war der Anteil der Arbeiterinnen an den weiblichen Beschäftig-
ten rückläufig: er schrumpfte von 40,4 Prozent im Jahr 1950 auf 36,5 Prozent im
Jahr 1970.162 Gleichzeitig ergriffen immer mehr Frauen dienstleisterische Tätig-
keiten. In diesem Bereich arbeiteten ohnehin mehr Frauen als Männer: die Bran-
che war zu 60 Prozent weiblich, mit in den 1970er Jahren noch weiter steigender
Tendenz.163 In dieser expandierenden Branche wurden also noch mehr Frauen in-
tegriert: als Angestellte (und Beamtinnen) im Handel, in den Büros der betriebli-
chen und öffentlichen Verwaltung, in Banken oder im Gesundheits- und Bildungs-
wesen.164 Als Gründe für die sektorale Segregierung der Geschlechter werden
aber nicht nur Arbeitszeiten angeführt, die den Frauen eher entgegenkamen als die
der Industrie, sondern auch bessere Ausbildungs- und Erwerbschancen im Dienst-
leistungsbereich.165
Zum dritten erweiterte sich die Palette der Motive, die Frauen dazu bewogen,
eine Beschäftigung aufzunehmen. Neben die naheliegende finanzielle Notwendig-
keit, der sich Frauen gegenüber sahen, die nicht oder in nicht ausreichendem Maße
auf einen männlichen „Ernährerlohn“ zurückgreifen konnten, trat das „Zweitein-
kommen“, mit dem die Arbeitnehmerin die Familie über die Einkünfte der männ-
lichen Mitglieder hinaus dabei unterstützen konnte, an der Wohlstandsgesellschaft
zu partizipieren: das Auto, der Kühlschrank, das Eigenheim, die Ausbildung der
Kinder – auch der Verdienst der Frauen leistete einen Beitrag zur Vermögensbil-
dung. Frauen schienen aber eine Berufstätigkeit nicht nur des Geldes wegen, son-
dern auch aus lebensgestalterischen Gründen insgesamt interessant zu finden: der
Wunsch nach eigenem Status, nach Wohlstand und nach außerhäuslichen Er
im April 1971 als erste Frau die Leitung eines Münchner Kriminalamts übernahm.
Dass es eine Frau in einer typisch männlichen Domäne zum „Kriminalamtmann“,
so Karls Titel, gebracht habe, war für den Artikel der Beweis für „die absolute
Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen“ bei der Stadtpolizei.181
Gleichzeitig meldeten sich in den Medien aber auch kritische Stimmen zu Wort,
die über die Situation von weniger erfolgreichen berufstätigen Frauen berichteten:
Reportagen, denen nicht selten der Selbstversuch Authentizität verlieh, machten
auf schlechte Bedingungen aufmerksam, denen Fließbandarbeiterinnen ausgesetzt
waren; Berichte nahmen sich der Diskriminierung von Arbeitnehmerinnen an:
hier war vorwurfsvoll von Abspeisung mit niedrigen Löhnen, Sackgassen-Beru-
fen, Monotonie am Arbeitsplatz und familiären Belastungen die Rede, mit denen
die Frauen notgedrungen zurechtkommen müssten.182 Wie auch bei der bildungs-
politischen Debatte wurden die Benachteiligungen von Frauen im Beruf im Lauf
der 1960er Jahre öffentlich aufgegriffen.
Insgesamt wird die Diskussion um die Frauenentlohnung in der Bundesrepu
blik zu Recht als „kontinuierlicher Prozess“ bezeichnet.183 Im Engagement von
Gewerkschaften ging es, auch wenn sie die allgemeinpolitischen Forderungen
häufig am männlichen Arbeitnehmer ausrichteten, auch darum, das untere Lohn-
niveau anzuheben und berufstätige Mütter zu entlasten. Ein Höhepunkt wurde
1972 erreicht: Damals rief der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) das „Jahr der
Arbeitnehmerin“ aus. Gewerkschaftliche Frauenarbeit wurde dabei als „integrier-
ter Bestandteil gesellschaftspolitischer Tätigkeit des DGB“ bestimmt. Ziel sei, das
Recht auf Arbeit, die Gleichberechtigung und die Chancengleichheit der Frau zu
verwirklichen. Im Einzelnen sollte dies durch die Überprüfung von Rechtsvor-
schriften, das Prinzip des gleichen Entgelts für gleichwertige Arbeit, die Chancen-
gleichheit in der Bildung, eine vom Ehemann unabhängige soziale Sicherung der
Frau und einem Ausbau der Hilfen im Bereich von Familie und Beruf erreicht
werden.184 Auch Bundeskanzler Willy Brandt hob wiederholt seine Absicht her-
vor, dass auch Frauen von Reformvorhaben der sozial-liberalen Koalition profi-
tieren sollten. „Die berufstätige Frau“, so formulierte er in einer Regierungser
klärung vom März 1971, „die für die gleiche Arbeit vielfach immer noch einen
niedrigeren Lohn erhält als ihr männlicher Kollege, die trotz gleicher Tätigkeit
schlechtere Aufstiegschancen hat als die männliche Konkurrenz, erwartet eine Be-
seitigung dieser Ungerechtigkeit.“185
Dieses Problembewusstsein setzte voraus, dass weibliche Berufstätigkeit gesell-
schaftlich akzeptiert wurde. Über den Arbeitskräftebedarf der Wirtschaft und das
181 Ursula Willke: Eine Kripochefin namens Mathilde, in: Süddeutsche Zeitung vom 27. 4. 1971.
182 Z. B. Christiane Ehrhardt: Arbeitsplatz 80042. Menschen als Maschinen, in: Abendzeitung am
Sonntag vom 12. 1. 1969; „Wer am Fliessband sitzt, steht nicht mehr im Leben“. Spiegel-Re-
port über sozial benachteiligte Gruppen (IV): Arbeitnehmerinnen, in: Der Spiegel vom 3. 2.
1971.
183 Weiler: Frauenlöhne, S. 59.
184 Vgl. Maria Weber: Programmatische Forderungen des DGB im Jahr der Arbeitnehmerin, in:
Gewerkschaftliche Monatshefte 23 (1972) H. 11, S. 673–687, zu den Forderungen v. a. S. 679–
685, das Zitat S. 673.
185 Erklärung des Bundeskanzlers zum Arbeitsprogramm der Bundesregierung zu innenpoliti-
schen Vorhaben (innere Reformen) vom 24. 3. 1971, in: Verhandlungen des Deutschen Bun-
destages. 6. Wahlperiode. Stenographische Berichte. Bd. 75, S. 6393–6399, hier S. 6397.
3. Zwischen ersehnter Heirat und Individualisierung 43
lungsprozesse ab. In den 1960er Jahren waren Ehe und Familie in der Bundesre-
publik die ersehnte und angestrebte Lebensform von Männern und Frauen. In
Bayern zum Beispiel waren in den 1960er und 1970er Jahren weit über 60 Prozent
der Bevölkerung verheiratet, freilich mit fallender Tendenz. Im Jahr 1960 wurden
im Freistaat noch gut 88 000 Ehen geschlossen. Die Heiratsziffer, die die Zahl der
Eheschließungen auf 1 000 Einwohnern abbildet, lag damit bei 9,3. Dieser Wert
verringerte sich in den folgenden Jahren zusehends. 1965 gaben sich noch 82 700,
1970 nur mehr gut 73 500 Paare das Ja-Wort. Somit läuteten – bemessen an 1 000
Einwohnern – nur noch sieben Mal die Hochzeitsglocken. 1972 fiel die Heirats-
ziffer auf 6,4, 1973 auf 6,1, 1974 schließlich auf 5,9. Bei diesem allgemeinen Ab-
wärtstrend fällt eine Entwicklung besonders ins Auge: Es geriet mehr und mehr
aus der Mode, als Frau jung zu heirateten. 1960 waren mehr als die Hälfte der
Frauen, die den Bund fürs Leben schlossen, zwischen 20 und 25 Jahre alt, doch
auch dieser Anteil war im Fallen begriffen, zumindest in den Städten: In München
sank die Zahl der Bräute unter 25 Jahren zwischen 1964 und 1973 um mehr als 50
Prozent – eine Entwicklung, die die allgemein sinkende Heiratsbereitschaft noch
überbot.190
Gleichzeitig hatte der sogenannte Babyboom in den 1960er Jahren seinen Hö-
hepunkt überschritten; in Bayern war dieser im Jahr 1964 erreicht. Damals wur-
den im Freistaat über 185 000 Kinder geboren, was einem Geburtenüberschuss
von rund 76 500 Säuglingen entsprach. Doch diese Zahlen gingen in den folgenden
Jahren zurück. 1970 kamen in Bayern knapp 143 700 Kinder auf die Welt, der Ge-
burtenüberschuss lag nur noch bei etwas über 21 000. 1973 zählte man noch 114 658
Babys, doch erstmals war die Zahl der Todesfälle größer als die der Geburten. Das
erste Bevölkerungsdefizit des Freistaats lag bei knapp unter 9 000. Der Babyboom
hatte sich innerhalb weniger Jahre in sein Gegenteil verkehrt. Dies hing vor allem
damit zusammen, dass sich die Familien verkleinerten; Eltern mit ein bis zwei
Kindern wurden zur Norm. Gehörten im Bayern 1950 durchschnittlich 3,2 Men-
schen einem Haushalt an, waren es gegen Ende der 1970er Jahre nur noch 2,6. In
diesen Jahren hatte sich nicht nur die Zahl der Alleinlebenden erheblich vergrö-
ßert; zugleich gab es immer weniger Familien mit drei oder mehr Kindern.191 Dies
hing mit verbesserten Möglichkeiten der Familienplanung – überspritzt als „Pillen
knick“ apostrophiert – ebenso zusammen wie mit dem Trend zur Kleinfamilie, der
bereits im 19. Jahrhundert einsetzte.192
Auch an den steigenden Scheidungsraten lässt sich ablesen, dass Ehe und Fami-
lie als dominante und verbindliche Lebensformen an Bedeutung verloren. Gingen
1960 in Bayern 7,9 von 100 Ehen in die Brüche, waren es 1965 bereits 9,8. Diese
Entwicklung setzte sich in noch größeren Schritten fort: 1970 lag die Scheidungs-
rate bereits bei 15,6, 1972 bei 19,3, im Jahr 1974 schließlich bei 24,3. In größeren
Städten schienen diese Phänomene Mitte der 1970er Jahre zu kulminieren. Dem
Münchner Stadtanzeiger galt die bayerische Landeshauptstadt sogar als schwerer
190 Bayerischer Frauenbericht 1980, S. 25 f., 109; Landeshauptstadt München: 100 Jahre Städtesta-
tistik, S. 152.
191 Bayerischer Frauenbericht 1980, S. 23, 64.
192 Vgl. die Kapitel „Die ‚Kleinfamilie‘ des 19. Jahrhunderts“ und „Die Familie der Gegenwart“
bei Weber-Kellermann: Deutsche Familie, S. 97–161, 204–222.
3. Zwischen ersehnter Heirat und Individualisierung 45
193 Scheidungsrekord in München, in: Münchner Stadtanzeiger vom 21. 2. 1975. Die für Bayern
skizzierten Entwicklungen treffen also, zum Teil sogar noch deutlicher sichtbar, für die Lan-
deshauptstadt zu. Vgl. dazu den Tabellenteil „Bevölkerung“ in: Landeshauptstadt München:
100 Jahre Städtestatistik, v. a. S. 134, 139, 142, 152 ff.
194 Willy Brandt: Regierungserklärung vom 28. Oktober 1969, in: Stüwe: Regierungserklärungen,
S. 170.
195 Vgl. zu den hier skizzierten Reformschritten beim Ehe- und Familienrecht: Schubert: Reform
des Ehescheidungsrechts von 1976, S. XII–XXIII, S. 257 f.
196 Zu dieser Frage ausführlich Buske: Fräulein Mutter.
46 I. Die Situation der Frauen in der Bundesrepublik der „langen 1960er Jahre“
„Nichtehelichenrecht“ nieder, das wenige Wochen vor dem Ende der Großen
Koalition, im August 1969, verabschiedet wurde. Das war auch die Zeit, darauf
weist die Historikerin Sybille Buske ausdrücklich hin, als die Rate der unehelichen
Kinder auf das ganze 20. Jahrhundert betrachtet den niedrigsten Stand seit dem
Zweiten Weltkrieg gehabt habe.197
Durch die Reform erhielt nun die Mutter, nicht mehr das Jugendamt, die elter-
liche Gewalt über das Kind. Die Vaterschaft wurde entweder von dem Mann aner-
kannt oder vom Gericht festgestellt, wobei im Gegensatz zu früher die biologische
Vaterschaft als bewiesen angesehen werden musste. Das Familienrecht ging neuer-
dings von einem Verwandtschaftsverhältnis zwischen dem nichtehelichen Kind
und seinem Vater aus. Daraus folgten auch die Unterhaltspflicht und die Erbbe-
rechtigung, die seit der Reform für alle Kinder gleichermaßen galt, egal ob ihre
Eltern verheiratet waren oder nicht. Während in den politischen Debatten um die
unverheirateten Mütter und ihre Kinder Argumente um Sittlichkeit und Moral an
Gewicht verloren, rückte die Frage nach dem Recht der Individuen in den Mittel-
punkt. Zu diesem Schluss kommt auch Sybille Buske in ihrer Studie über die
Unehelichkeit im Lauf des 20. Jahrhunderts. Sie konstatiert dabei, dass sich die
Unehelichkeit im öffentlichen Diskurs von einem Makel zu einer „Lebensform“
gewandelt habe. In dieser Entwicklung erblickt die Autorin ein Beispiel für
Demokratisierung, das in den 1960er und 1970er Jahren ein „zentrales Projekt“
politischen Engagements gewesen sei.198
Seit den 1960er Jahren machten sich also vielfältige Veränderungen in den Be-
ziehungs- und Familienformen bemerkbar, die der „heilen Geschlechterwelt“, die
aus stabilen Ehen mit mehreren Kindern und einer klarer Rollenverteilung be-
stand, „Risse“ zufügten.199 Auch die hier skizzierten bayerischen und Münchner
Zahlen weisen darauf hin, dass die Lebenspraxis und damit auch die Einstellungen
der Menschen in Bewegung geraten waren. Das Verhältnis von Männern und
Frauen blieb davon keineswegs unberührt. Dafür spricht auch ein besonders dras-
tisch formulierter Artikel, der sich im September 1971 in der Münchner Abendzei-
tung fand. Aufmerksamkeit heischend war hier in der Überschrift von „Krieg“
und den Männern als den „Feinden“ der Frauen die Rede, als es um eine angeblich
abnehmende Bereitschaft von werdenden Müttern ging, den Vater ihres Kindes zu
heiraten. Die Journalistin erblickte in der Weigerung lediger Mütter, die – wie ta-
gesaktuell die Schauspielerin Iris Berben – den Namen der Väter ihrer Kinder
nicht preisgäben, einen Akt der „Emanzipation“. Denn auf diese Art und Weise
würden die Frauen „auf gesellschaftliche Vorurteile und Konventionen pfeifen
und sich stolz zu ihren unehelichen Kindern bekennen – ob es nun unbedingt
Wunschkinder sind oder nicht“.200 In diesem Artikel waren damit gehäuft Hin-
weise darauf zu finden, dass sich die persönlichen Lebensformen änderten. Auch
hier wirkte die Geschlechterordnung im Hintergrund, wenn diese Beobachtungen
sich zuvorderst an den Frauen und Müttern festmachte. Gerade bei den Angehö-
rigen des weiblichen Geschlechts schien es besonders offensichtlich, wenn sie sich
nicht mehr nur nach den Vorgaben ausrichteten, die die Umwelt in althergebrach-
ter Weise an sie stellte.
Die Forschung zur Geschichte der Bundesrepublik spricht mittlerweile von
einem grundlegenden Wertewandel, der in einer weiträumigen Epoche von den
1960er bis in die 1980er Jahre angesiedelt201 und damit nicht maßgeblich mit
einem Aufbruch um „1968“ verbunden wird. Im Zentrum dieser Interpretation
steht häufig der Prozess zunehmender „Individualisierung“202, der – je nach For-
schungsschule – mit dem Übergang von materiellen zu postmateriellen Werten
oder (treffender) dem Geltungsgewinn von Selbstentfaltungswerten gegenüber
Pflicht- und Akzeptanzwerten einhergegangen sei.203 Der Wertewandel wird da-
bei gemeinhin mit dem Ausbau des Dienstleistungssektors, dem Entstehen einer
Konsumgesellschaft, der wachsenden Bedeutung von Freizeit, einer abnehmenden
Prägung durch Institutionen wie Parteien und Kirchen sowie der sie umgebenden
Milieus und auch den demografischen Veränderungen in Zusammenhang gebracht,
die alles in allem „zu einer individuelleren Lebensgestaltung und zur Pluralisie-
rung und Liberalisierung der Lebensstile“204 geführt hätten. Zudem werden neue,
mit der Tradition brechende Kulturmuster, Lebens- und Denkstile auf die „mo-
derne Massenkultur“, einen „gesamtgesellschaftlichen Egalisierungstrend“ und die
„Wohlstandserfahrung“ zurückgeführt.205
Freilich, auch da sind sich die Historiker weitgehend einig, ist dieser Wertewan-
del „nicht einheitlich, sondern differenziert“206 verlaufen und hat die Menschen,
abhängig etwa von sozialem Status, Alter, Konfession und Herkunft, unterschied-
lich stark erfasst. Träger des Wandels seien vor allem „die nachwachsenden Gene-
rationen, zumal die akademisch gebildeten unter den jungen Menschen“207 gewe-
sen. Außerdem habe der Wertewandel dazu beigetragen, dass sich eine „Alterna-
tivkultur“ entfaltete, die sich vor allem bei den vielen neuen sozialen Bewegungen
der 1970er Jahre artikuliert habe.208 Diese Beobachtungen lassen auf „erhebliche
Gleichzeitig sind die Vorteile, die das Warenangebot und die Technisierung des
Haushalts mit sich brachten, mit einem Fragezeichen zu versehen, nicht zuletzt
weil sie ambivalente Folgen zeitigen konnten. So kostete die Anschaffung neuer
Geräte Geld, was – trotz allgemein steigender Einkommen – gerade bei Ehefrauen
und Müttern Anreize lieferte221, eine bezahlte Arbeit außer Haus und damit eine
zusätzliche Aufgabe auf sich zu nehmen. Außerdem sparten Waschmaschine oder
Elektro-Herd zwar Zeit, doch konnte diese bald an der gleichen Stelle investiert
werden, etwa wenn Standards und Ansprüche in Sachen Reinlichkeit und Ernäh-
rung stiegen. Wie tückisch die Vorstellung war, dass Hausarbeit ganz einfach sei,
griff letztendlich auch die Populärkultur auf. In ihrem Schlagerhit aus dem Jahr
1977 stellte Johanna von Koczian ironisch fest: „Das bisschen Haushalt macht sich
von allein – sagt mein Mann.“222
Verhinderten die Neuerungen bei der Hausarbeit etwa gar die Einbindung der
Männer in die Hausarbeit? Tatsächlich hatte sich die Geschlechterordnung durch
die Technisierung der Hausarbeit kaum verschoben. Im Grunde stärkte sie die
Person, die die Hausarbeit informiert und professionell anging – und das war in
den meisten Fällen die Frau. Gleichzeitig verfestigte sich damit aber auch eine ge-
schlechtsspezifische Arbeitsteilung, da sich wenig an der Ernährerrolle des Manns
änderte und die Vorstellung von der autarken Kleinfamilie mit Eigenheim domi-
nierte. Hausfrauen liefen somit Gefahr, isoliert zu sein, wie dies die Historikerin
Ulrike Lindner unterstreicht. Ihr ausgesprochen kritisches Resümee: „Der My-
thos von der befreienden, emanzipierenden Kraft der Technik ist also in der Reali-
tät des Haushaltes kaum zu finden.“223
Freilich darf man dabei keinesfalls vergessen, dass es Frauen nicht zuletzt auf-
grund von Erleichterungen im Haushalt möglich geworden war, sich neben den
ihnen traditionellerweise zugeschriebenen Bereichen auch neue zu erschließen.
Dieser Chance waren sich Frauen bereits in der damaligen Zeit durchaus bewusst.
Der Frauenbericht der Bundesregierung von 1966 hielt fest, dass sich immer mehr
Frauen veranlasst sähen, die Vor- und Nachteile „ihres häuslichen Wirkungskrei-
ses“ besser zu erkennen und das Für und Wider häuslicher und außerhäuslicher
Aufgabenbereiche gegeneinander abzuwägen. Anscheinend genossen haushälteri-
sche Tätigkeiten einen immer schlechteren Ruf. Denn obwohl das Dokument aus-
drücklich die „unternehmerische Leistung“ betonte, die in der Hausarbeit zu voll-
bringen sei, kamen die Berichterstatter nicht umhin einzugestehen, dass „gerade
intellektuell anspruchsvolle Hausfrauen“ die häufige Wiederholung vieler Arbei-
ten als bedrückend empfänden und es ihnen an geistiger Anregung und menschli-
chem Kontakt mangele. Zudem stehe es um das soziale Ansehen und das Selbstbe-
wusstsein der Hausfrau nicht zum Besten: Häufig abfällig als „Nur-Hausfrau“
betitelt, sei sie allein von der sozialen Position des Ehemanns abhängig und fühle
sich deshalb gegenüber erwerbstätigen Frauen benachteiligt. Der Bericht verlangte
221 Insbesondere M. Rainer Lepsius weist darauf hin, dass es zwischen 1950 und 1970 die Verdiens-
te erwerbstätiger Hausfrauen waren, die gerade bei den unteren Einkommensgruppen dazu
beitrugen, dass der Lebensstandard stieg, sog. „langfristige Konsumgüter“ gekauft und Sparein-
lagen geschaffen werden konnten. Vgl. Lepsius: Demokratie in Deutschland, S. 156–162.
222 Single des Labels Philips Nr. 6003 328 von 1977.
223 Lindner: Rationalisierungsdiskurse, S. 101.
3. Zwischen ersehnter Heirat und Individualisierung 51
deshalb, dieses „verzerrte Bild“ zu korrigieren und „das Verhalten der Gesellschaft
gegenüber der Hausfrau zu ändern“. Es sollte eine Gleichwertigkeit der Arbeit,
die die Frau zu Hause leistete, und der Erwerbstätigkeit des Mannes erzielt wer-
den, weshalb etwa die Einführung des ehelichen Güterstands der Zugewinnge-
meinschaft als Schritt in die richtige Richtung angesehen wurde.224
Einschätzungen wie diese zeigen erneut, dass in den 1960er Jahren bestimmte
Probleme, verbunden mit den Rollenidealen, an denen sich die Mehrheit der Be-
völkerung orientierte, durchaus wahrgenommen wurden und es zumindest für die
weibliche Seite zu bestimmten Modifikationen kam. Auch Untersuchungen über
Frauenzeitschriften wie Constanze und Brigitte kommen für die 1960er Jahre zu
dem Schluss, dass sich das Frauenleitbild veränderte hatte: Dieses Leitbild, ließe
sich zusammenfassen, orientierte sich kaum an einer Frau, die sich ausschließlich
für andere unermüdlich aufopferte. Vielmehr erledigte die moderne Frau ihre
Pflichten in Haushalt und Familie kompetent, trug über Mode und Kosmetik eine
jugendliche Weiblichkeit und Leichtigkeit nach außen und verfügte über mehr als
nur häusliche Erfahrung, da sie – teilweise – berufstätig war.225
Neben die traditionelle Aufgabe, ein gepflegtes und geborgenes Heim zu schaf-
fen, traten also eine auf der Höhe der Zeit liegende Attraktivität und Selbstver-
wirklichung als Säulen weiblichen Daseins. Da hierbei zum Beispiel auch die be-
schriebene Krise, in der sich manche Hausfrauen befanden, popularisiert wurde226,
spiegelten sich in der Medienöffentlichkeit die im Grunde international geführten
Debatten, in denen es darum ging, weibliche Lebensläufe reichhaltiger zu gestal-
ten. Das Interesse, ein Vorhaben wie den Frauenbericht der Bundesregierung auf
den Weg zu bringen, war in der Bundesrepublik nicht zuletzt dadurch geweckt
worden, dass sich Frauen in diesem grenzüberschreitenden Diskurs zur gegen
wärtigen Entwicklung selbst äußerten.227
Ein Beispiel wurde vom Frauenbericht sogar besonders hervorgehoben: Es wa-
ren dies die schwedischen Soziologinnen Alva Myrdal228 und Viola Klein, die in
ihrem 1956 erstmals aufgelegten und 1960 ins Deutsche übersetzten Buch „Die
Doppelrolle der Frau in Familie und Beruf“229 ein Drei-Phasen-Modell vor
schlugen, in dem Frauen in einem zeitlichen Nacheinander unterschiedlichen Wir-
kungsfeldern gerecht werden sollten. Betty Friedan stellte in ihrem Buch, das sich
wenig später zur Pflichtlektüre vieler feministischer Gruppen entwickelte, ebenso
wie Myrdal und Klein die Dominanz des Hausfrauen- und Mutterdaseins im
Leben von Frauen in Frage. Erstmals 1963, in deutscher Übersetzung 1966, the-
224 Bericht der Bundesregierung über die Situation der Frauen in Beruf, Familie und Gesellschaft,
Drucksache V/909, S. 11.
225 Vgl. Lindner: Rationalisierungsdiskurse, S. 101–106; Horvath: Bitte recht weiblich.
226 Vgl. die Darstellung zur Brigitte-Berichterstattung bei Horvath: Bitte recht weiblich, S. 218–
249.
227 Vgl. Frandsen/Dahldrup: Frauenbericht, S. 9 ff.
228 Das Leben der Soziologin ist bereits biografisch abgehandelt: Hirdman: Myrdal. Die Autorin
arbeitet dabei auch heraus, dass Geschlechterbeziehungen und Kindererziehung nicht nur
einen frühen Schwerpunkt in Myrdals wissenschaftlicher Arbeit bildeten. Wie Alva Myrdal
und ihr Mann, der Wirtschaftswissenschaftler Gunnar Myrdal, ihre Paar- und Arbeitsbezie-
hung sowie die Erziehung ihrer drei Kinder miteinander verknüpften, genoss in Schweden der
1960er und 1970er Jahre große Aufmerksamkeit und erhielt Vorbildfunktion.
229 Myrdal/Klein: Doppelrolle der Frau.
52 I. Die Situation der Frauen in der Bundesrepublik der „langen 1960er Jahre“
matisierte die Publizistin aus den USA und spätere Mitbegründerin der dortigen
Frauenbewegung den „Weiblichkeitswahn“.230 Am Beispiel amerikanischer Vor-
ort-Hausfrauen kritisierte die Autorin, dass Hausarbeit Frauen krank mache, so-
fern sie ihren einzigen Lebensinhalt darstelle. Dennoch würden Frauen gemeinhin
auf eine Rolle als Hausfrauen und Mütter reduziert, was durch Werbung und
Konsumgüterindustrie noch weiter unterstützt werde. Die Folge sei ein unerfüll-
tes Dasein, das Friedan, da weithin unbemerkt, als „Problem ohne Namen“ fol-
gendermaßen umschreibt: „Hausarbeit lässt sich wie Gummi dehnen, um die Zeit
auszufüllen, die für sie zur Verfügung steht, oder Muttersein lässt sich wie Gummi
dehnen, um die Zeit auszufüllen, die für sie zur Verfügung steht.“ Dabei wäre es
für die Frauen wichtiger, „eine neue Identität außerhalb des Hauses zu finden,
[denn so] würden die rein praktischen Aspekte der Haushaltsführung dieselbe un-
tergeordnete Rolle in ihrem Leben gespielt haben wie Auto, Garten oder Hobel-
bank im Leben des Mannes. Mutterschaft, geschlechtliche Liebe hätten lediglich
– wie auch für den Mann – eine neue emotionelle Bedeutung gewonnen.“231
Dabei verkehrte Friedans Gegenvorschlag die gängigen Verhältnisse zwischen
Männern und Frauen keineswegs. Aber die Autorin zweifelte – als eine der ersten
und mit größerer Resonanz – an der vermeintlichen Natürlichkeit bestimmter, den
Geschlechtern zugeschriebener Eigenschaften und rückte die Ordnung etwas zu-
recht: Die Frauen sollten wie die Männer im öffentlichen Leben aktiv werden,
ohne aber dabei Heim und Familie hinter sich zu lassen: In den Worten Friedans:
„Selbst eine sehr junge Frau muss sich heute zuerst als ein menschliches Wesen
betrachten, nicht als eine Mutter, die viel Zeit hat, und muss sich je nach ihren
Fähigkeiten einen Lebensplan aufstellen, sie muss ein Engagement gegenüber der
Gesellschaft eingehen, das sich mit ihren Pflichten als Ehefrau und Mutter verein-
baren lässt. Wie für einen Mann führt auch für die Frau der einzige Weg zu sich
selbst über schöpferische Arbeit.“232
Die Frauen standen also bereits im Laufe der 1960er Jahre vor einer Vielzahl
zum Teil widersprüchlicher Anforderungen und Gestaltungsmöglichkeiten in ih-
rem Leben, was sich auch im Innenleben von Ehe und Familie ablesen lässt. Zum
idealen weiblichen Wesen addierte sich hier ein gewisser Grad an Selbstbestim-
mung und Erfüllung persönlicher emotionaler Bedürfnisse. Allerdings bezog sich
dies nicht nur auf die Frau, sondern galt auch für Mann und Kind. Im Hinblick
auf den Nachwuchs war zum Beispiel im Frauenbericht der Bundesregierung da-
von die Rede, dass seit Generationen geübte Erziehungspraktiken versagen wür-
den und deshalb „moderne Psychologie und Pädagogik“ wichtig seien. Das verän-
derte Frauenleitbild wirkte sich auf die gesamtfamiliären Konstellationen aus. Tat-
sächlich schien man verstärktes Gewicht auf die einzelnen Mitglieder der Familie
und partnerschaftliche Elemente zu legen.
Die Gesellschaft beschäftigte sich unter ganz unterschiedlichen Blickwinkeln
mit dem sich veränderten Binnengefüge in Ehe und Familie. So wandte sich auch
230 Dt. Erstausgabe: Betty Friedan: Der Weiblichkeitswahn oder Die Selbstbefreiung der Frau.
Ein Emanzipationskonzept, Reinbek bei Hamburg 1966 (zunächst: The Feminine Mystique,
1963).
231 Ebd., S. 153 f.
232 Ebd., S. 222.
3. Zwischen ersehnter Heirat und Individualisierung 53
eine katholische Theologin – Elisabeth Gössmann, die Anfang der 1960er Jahre in
München an ihrer Habilitation arbeitete – mit einem Büchlein an eine breitere
Öffentlichkeit, in dem sie die Frage nach den Rollen von Mann und Frau in der
modernen Gesellschaft zu bestimmen suchte. Die Autorin kritisierte die häufig
behauptete Dualität von Männern und Frauen. Stattdessen sei von einem „gleich
wesentlichen Menschsein“ und der Eigenständigkeit der Geschlechter auszuge-
hen. Für die „besondere Partnerschaft“ der Ehe leitete Gössmann ab, dass Mann
und Frau „in einem personalen Zueinander“ stünden.233
Das große Interesse an Ehe und Familie zeigte sich vor allem am Aufschwung,
den die Familiensoziologie seit den 1950er Jahren erlebte.234 Freilich überwog an-
gesichts der Beobachtung tief greifender Umbrüche oft die Skepsis: Die steigende
Frauenerwerbstätigkeit und die mit ihr verbundene Angst vor „Rabenmüttern“
und „Schlüsselkindern“, die abnehmende Autorität der Väter oder die Scheidungs-
zahlen legten die Vermutung nahe, dass es um die Bedürfnisse der Familienmit-
glieder und die Stabilität der Beziehungen schlecht bestellt sei. So hielt Helmut
Schelsky zwar fest, dass der grundlegende Wandel auf „eine Verselbständigung,
eine Gleichberechtigung und eine Erhöhung des sozialen Gewichts der familiären
und gesellschaftlichen Rolle der Frau“ hinausgelaufen sei. Der Soziologe bewerte-
te dies allerdings alles andere als positiv, denn er konstatierte ein soziales Dilem-
ma, das er als „Funktionsüberlastung“ der Frau bezeichnet: Während diese früher
„ausschließlicher“ von den „Intimbeziehungen der kleinen familiären Gruppe“
geprägt gewesen sei, habe sie die moderne Gesellschaft „immer mehr in die indus-
trielle und bürokratische Öffentlichkeit hineingerissen“, so dass die Frauen immer
stärkeren „Spannungen zwischen primären und abstrakten Sozialbeziehungen“
ausgesetzt seien, „die das Leben des Mannes in der modernen Gesellschaft schon
lange bestimmen und die Wurzeln der modernen sozialen und seelischen Unsi-
cherheit und Krise bilden“.235
Frauen befanden sich gewissermaßen im Zwiespalt, ihrer persönlichen Entwick-
lung ein höheres Gewicht zuzumessen, gleichzeitig aber verantwortlich dafür zu
sein, ein geborgenes Heim zu schaffen. Politik, Wissenschaft und öffentliche
Debatten behandelten den an die weibliche Bevölkerung gerichteten doppelten
Anspruch im Lauf der 1960er Jahre immer differenzierter, auch deshalb, weil man
Frauen mehr und mehr eine vielfältigere Lebensplanung zugestand. Dies zeigte
sich etwa in der Diskussion um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, wie dies
zum Beispiel in der Studie von Myrdal und Klein geschehen war, oder im Frauen-
bericht der Bundesregierung, der dazu riet, dass Ehepartner ihr gemeinsames Le-
ben in der Gegenwart mehr als früher bewusst gestalten müssten.236
233 Vgl. Gössmann: Mann und Frau, die Zitate S. 23, 64. Nach eigener Aussage konnte sich Elisa-
beth Gössmann als Frau in der männlich dominierten Welt der Theologie allerdings nicht be-
haupten. Sie habilitierte sich erst 1978 im Fach Philosophie. Eine akademische Karriere in
Deutschland blieb ihr verwehrt, weshalb sie sich an Universitäten in Japan mit Fragen der
Theologie und Frauenforschung beschäftigte. Vgl. Gössmann: Geburtsfehler.
234 Mit diesem Thema beschäftigt sich ausführlicher: Paulus: Familienrollen, S. 108–111.
235 Schelsky: Wandlungen, die Zitate S. 335 und 345.
236 Bericht der Bundesregierung über die Situation der Frauen in Beruf, Familie und Gesellschaft,
Drucksache V/909, S. 13.
54 I. Die Situation der Frauen in der Bundesrepublik der „langen 1960er Jahre“
Frauen realisierten bereits in den 1960er Jahren, dass der Wandel der Zeit, der
Ideale und der Anforderungen mitnichten leicht unter einen Hut zu bringen
waren. Dementsprechend diagnostizierten Tagungen zur Erwachsenenbildung,
wie sie zum Beispiel in der ersten Hälfte der 1960er Jahre an der Evangelischen
Akademie Tutzing bei München stattfanden, eine „unfertige Emanzipation“. Or-
ganisiert wurde die genannte Veranstaltung von der Journalistin Erika Wisselinck,
1926 geboren, alleinstehend und erst Ende der 1970er Jahre in der neuen Frauen-
bewegung politisch beheimatet.237
Die einzelnen Beiträge des nach der Tagung publizierten Sammelbandes spie-
gelten die Sorge um die „tief greifenden Änderungen in den Lebensformen und
dem Lebensgefühl aller Frauen“, deren Richtung in der Übergangsphase der Ge-
genwart noch nicht auszumachen sei.238 Verunsicherung und der Verlust von Ver-
haltensmaßgaben waren vor allem dort zu spüren, wo es um die Beziehung der
Mütter zu ihren Töchtern ging (Väter und Söhne kamen nicht zur Sprache). Die
Mütter, so hieß es in einem Beitrag, hätten Angst, „schlechte Lotsen“ zu sein.
Denn die Mütter würden häufig noch „bürgerliche Erziehungsideale“ aufrecht
erhalten, obwohl die Töchter sähen, dass bereits die Mütter „alles, was [sie] predi-
gen, selbst nicht tun.“ Die Autorin des Aufsatzes stellte demzufolge eine „Schizo-
phrenie“ fest, in der die weibliche Bevölkerung lebe. Ihrer Meinung nach zeigte
sich dies umso deutlicher, je jünger die Frauen waren. Denn Ansichten, wonach
der Platz der Frau am Herd sei oder die Frau der Sicherheit der Ehe bedürfe, ge-
hörten für die junge weibliche Generation ins Reich der Vergangenheit. Vielmehr
könnten junge Frauen leben wie Männer. Doch für die Zukunft sah die Autorin
schwarz. Ihrer Meinung nach würde es zu Schwierigkeiten kommen, sobald die
Töchter selbst heirateten und Kinder zur Welt brächten: „Sie [die Töchter] sind
keine hundertprozentigen Frauen mehr und noch keine hundertprozentigen
Männer.“239
zählten der Aufklärungsfilm „Helga“ (1967) und ein Sexualkundeatlas (1969), mit
dessen Hilfe Jugendliche in den Schulen vor allem über die biologischen Aspekte
der Sexualität, also die Geschlechtsorgane, Menstruation, Befruchtung, Schwan-
gerschaft und Geburt, aber auch über Verhütung und Körperhygiene informiert
werden sollten. Wie sehr das Thema polarisierte, zeigte sich unter anderem daran,
dass das Buch an bayerischen Schulen nicht zugelassen war, weil das Kultusminis-
terium Abbildungen zur Thematik als anstößig empfand.241
Trotz vieler zeitgenössischer Vorwürfe, die sich gegen die Gefährdung der Mo-
ral im Allgemeinen und der Geldmacherei der Medien im Besonderen richtete,
war der offenere Umgang mit Fragen der Sexualität – hier ist sich die Geschichts-
wissenschaft heute weitgehend einig – ein Schritt dahin, Sexualität aus der Tabui-
sierung zu holen, mit irrigen Ansichten aufzuräumen und den Menschen ein na-
türliches und freies Sexualverhalten zu ermöglichen. Ziel sei vor allem gewesen,
durch mehr Wissen über Sexualität und sexuelle Befriedigung Ehe und Familie zu
stabilisieren.242 Dabei ging es vor allen Dingen um die Frauen: Gerade sie seien in
den Aufklärungsmaterialien als sexuell empfindsame Geschöpfe gezeigt worden,
auf deren Bedürfnisse ihre Partner einfühlsam und zärtlich eingehen sollten.243
Dass gerade bei Frauen Erotik und die sexuelle Zufriedenheit eine wichtigere
Rolle zu spielen begannen, hing nicht zuletzt damit zusammen, dass eine sicherere
Möglichkeit zur Verhütung und Familienplanung zur Verfügung stand. 1961 war
in der Bundesrepublik die Anti-Baby-Pille eingeführt worden, die zunehmend
Verbreitung fand. Die durch das Wissen und Nutzen von Empfängnisverhütung
ermöglichte Trennung von Fortpflanzung und Sexualität wird mit einem „un-
schätzbaren Freiheitsgewinn“ gerade für junge und unverheiratete Frauen um-
schrieben.244 Gleichzeitig werden die Wirkung eines offeneren Umgangs mit der
Sexualität für die 1960er Jahre mittlerweile relativiert, die häufig benutzten Begrif-
fe des „Pillenknicks“ und der „Sexwelle“ sogar abgelehnt. Die in den 1960er Jah-
ren deutlich verminderte Zahl an Neugeborenen hänge nicht in erster Linie mit
neuen Verhütungsmöglichkeiten, sondern vor allem mit den Veränderungen der
Familien und ihrer Umwelt zusammen.245 Darüber hinaus spricht man von dem
Jahrzehnt „eher als Phase der sexuellen Informalisierung und Verunsicherung
denn als Phase realer tiefgreifender Verhaltensänderung“246.
Strenge Moralvorstellungen hatten jedoch weiter Bestand. Dies zeigte sich zum
Beispiel in der Haltung der Katholischen Kirche. In der Enzyklika „Humanae
Vitae“ untersagte Papst Paul IV. im Juli 1968 selbst Eheleuten mit Ausnahme der
Enthaltsamkeit jegliche Form der Empfängnisverhütung – ein Verbot, das in sei-
ner Vehemenz freilich manchen Kirchenoberen in der Bundesrepublik empörte
und angeblich kaum Auswirkungen auf das tatsächliche Verhalten katholischer
Paare hatte.247 Die Bild-Zeitung stellte sich dabei eindeutig auf die Seite der weib-
lichen Bevölkerung, als sie um die „Millionen Frauen“ fürchtete, die die päpstliche
Entscheidung „in schwere Gewissenskonflikte“ stürze.248 Dies verriet, dass die
Medien eine gewisse sexuelle Freizügigkeit durchaus für angebracht hielten. Der
Springer-Verlag unterstützte dies seit 1968 auch selbst, indem er Jasmin, eine
„Zeitschrift für das Leben zu zweit“, aus der Taufe hob, die ein Erotik-Lexikon
enthielt und reißenden Absatz fand. Der Verleger Axel Springer selbst tat sich aber
nicht ganz leicht mit seinem neuesten Produkt und sprach verächtlich von einem
„Fick-Blatt“.249 Eine Liberalisierung, wie sie sich politisch 1969 zum Beispiel auch
in der Aufhebung der „Kuppelei“ als Straftatbestand niederschlug250, war von
Vorbehalten und Scham gegenüber einer freieren Sexualität begleitet.
Gleichzeitig lässt sich die zweifellos vorhandene sexuelle Informalisierung kaum
quantifizieren. Denn einmal von der Auflage einer Jasmin abgesehen verschließt
sich der Geschichtswissenschaft der Blick ins Intimleben der Menschen weit
gehend. Die Suche nach neuen Verhaltensregeln beschleunigte sich allerdings, als
die „68er“-Generation sich anschickte, das Privatleben zu politisieren und Sexua-
lität als „revolutionäre Praxis“ zu vollziehen. Die „68er“ sahen darin einen Beitrag
zur Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit, denn ihrer Ansicht
nach bestand ein enger Zusammenhang zwischen sexueller Sittenstrenge und
Auschwitz. Sexuelle Freizügigkeit bannte demnach die Gefahr des Faschismus.
Die Historikerin Dagmar Herzog hat bereits nachgewiesen, dass dieses Argument
sowohl Konstrukt als auch historischer Trugschluss war.251 Trotzdem fand die un-
verbrüchliche Überzeugung der selbst ernannten Revolutionäre, dass Sexualität
frei mache, ihren Niederschlag in Kinderläden, Kommunen und Krawallen, in de-
nen sich gerade Frauen ein Handlungsfeld für sich und ihre Anliegen erschloss.
In der Morgendämmerung der 1970er Jahre offenbarten sich der weiblichen Be-
völkerung in der Politik, in der Welt der (Aus) Bildung und des Berufs sowie in
den eigenen vier Wänden „ambivalente Aufbrüche“.252 Es zeichnete sich ein tief
greifender Wandel ab, der vor den Frauen nicht Halt machte – mit all seinen
Chancen und Fortschritten, aber auch mit all seinen negativen Folgen und den
nach wie vor vorhandenen Beharrungsresten. Gleichberechtigung und Emanzipa-
tion wurden zu Modewörtern der Zeit, obwohl althergebrachte Rollenbilder noch
lange nicht der Vergangenheit angehörten und sich die Gesellschaft gerade einmal
auf die Suche danach machte, wie sie diesen Wandel gestalten könnte. Dabei
knirschte es auch im Gebälk der Geschlechterordnung, die Männer, aber vor allen
247 Vgl. zu den unterschiedlichen Reaktionen deutscher Katholiken auf die Enzyklika: Jütte: Lust
ohne Last, S. 288 ff.
248 Papst verbietet die Pille, in: Bild vom 24. 7. 1968.
249 Vgl. Schwarz: Springer, S. 392.
250 Bis zum 1. Strafrechtsreformgesetz vom 25. 6. 1969 wurden laut § 180 und 181 StGB Eltern,
Vermieter und Verwandte bestraft, die unverheirateten Paaren Räumlichkeiten zur Verfügung
stellten. Vgl. Busch: Strafrechtsreform, S. 64, 190 f.
251 Vgl. ausführlich Herzog: Politisierung der Lust.
252 So auch Mattes: Ambivalente Aufbrüche, S. 215–228.
3. Zwischen ersehnter Heirat und Individualisierung 57
Dingen Frauen nicht selten vor einen Zwiespalt stellte, was wiederum einer sozia-
len Bewegung der Frauen großes Potenzial verschaffte. In anderen Worten: „Die
Frauen befinden sich […] in einem Widerspruch zwischen entwickelten Bedürf-
nissen und Ansprüchen an ihre persönliche Lebensgestaltung, neuen gesellschaft-
lichen Möglichkeiten und Chancen persönlicher Veränderung und den gleichzeitig
in der Gesellschaft existierenden Schranken der Realisierung, der Unzulänglich-
keit, Diskriminierung und Benachteiligung ihrer Situation als Frau.“253
1 Wühr: Gegenmünchen. Wühr, 1927 in München geboren, verfasst Romane, Hörspiele, Prosa-
gedichte und Lyrik. Die Literaturwissenschaft hat sich noch nicht eingehender mit dem Schrift-
steller beschäftigt. Einige Informationen finden sich auf der Internet-Seite eines „Freundeskrei-
ses“: www.paul-wuehr.de (Zugriff: 15. 7. 2009).
2 Die „Geschlechtsneutralität“ der Historiografie über die Studentenbewegung kritisiert auch:
Etzemüller: 1968 – ein Riss, S. 175.
3 Zum Beispiel das Kapitel zur Studentenbewegung bei: Rolke: Protestbewegungen, S. 242–304;
Fels: Aufruhr der 68er; Kraushaar: 1968 als Mythos.
4 Vgl. Kätzel: 68erinnen; Schulz: Bräute.
5 Der Begriff geht zurück auf: Kleßmann: 1968 – Studentenrevolte, S. 99.
6 Mit diesem Ansatz, der v. a. den allgemeinen kulturellen Wandel betont, arbeiten z. B.: Faul-
stich: Kultur der 60er Jahre; Siegfried: Time is on my side; Schildt/Siegfried: Between Marx;
Klimke/Scharloth: 1968-Handbuch.
60 II. Die Politisierung des Privaten: Frauen und „1968“
7 Diese Argumentation findet sich v. a. bei den ersten Publikationen über die Geschichte der
westdeutschen Frauenbewegung, die aus der Feder von feministischen Aktivistinnen stammen,
z. B.: Schenk: Feministische Herausforderung, S. 84 f.; Doormann: Keiner schiebt, S. 23 ff.;
Schwarzer: So fing es an!, S. 13–19.
8 So die Argumentation bei Frei: 1968. Jugendrevolte, die Zitate S. 131, 134 ff.
9 Münchner Studentenzeitung vom 7. 11. 1967. Dass sich das Sozialreferat des AStA der LMU für
Fragen rund um die Pille, aber auch rund um Kinderkrippen zuständig sah, zeigen auch die
entsprechenden Abschnitte bei IfZ-Archiv, ZG/HS München/1: Broschüre „Aus dem Sozial
referat“, in: Der AStA [der LMU] legt Rechen Schaft Ab, München 1968.
10 So auch die allgemeine Bewertung bei: Frevert: Umbruch der Geschlechterverhältnisse, S. 655.
1. „1968“ – eine chauvinistische Veranstaltung? 61
11 Anne Rohstock weist anhand dieses Beispiels nach, dass München nicht nur alles andere als
eine Provinz der Studentenbewegung war, sondern dass auch das Bild von einer männlich
dominierten Studentenrevolte dringend der Korrektur bedarf. Vgl. dazu Rohstock: Von der
„Ordinarienuniversität“, Kapitel I.2.c.
12 Schlumberger: Türkenstraße, S. 415.
13 In der zweiten Hälfte der 1960er Jahre entsprach dies an der Kunstakademie zwischen 260 und
280 Studentinnen pro Semester. Insgesamt studierten an Münchner Hochschulen im gleichen
Zeitraum zwischen 7 000 und 8 000 Studentinnen. Die meisten – die genauen Zahlen pendeln
um 6 000 – waren an der LMU eingeschrieben, was dort einem Frauenanteil von etwas über 28
Prozent entsprach. Einige Hundert Studentinnen besuchten die Hochschule für Musik und die
1967 gegründete Hochschule für Fernsehen und Film. An der Technischen Universität waren
nur zwischen 5 und 8 Prozent der Immatrikulierten weiblich, was zwischen 400 und 770 Stu-
dentinnen entsprach. Gut 1 500 Studentinnen besuchten die Pädagogische Hochschule Mün-
chen-Pasing, wo sie über 65 Prozent der Gesamtzahl stellten. Die PH geht Anfang der 1970er
Jahre in der erziehungswissenschaftlichen Fakultät der LMU auf. Von frauenspezifischen Akti-
vitäten an der PH ist der Autorin allerdings nichts bekannt. Insgesamt gilt auch für München,
wie im vorangegangenen Kapitel bereits gezeigt, dass die Studentinnenzahlen in den 1960er
und v. a. in den 1970er Jahren deutlich stiegen. Vgl. Amt für Statistik und Datenanalyse der
Landeshauptstadt München: 100 Jahre Städtestatistik, S. 220–223.
14 Krauss: 1968 und die Frauenbewegung, S. 145.
15 So die Wortwahl z. B. auch bei Gilcher-Holtey: 1968. Eine Zeitreise, S. 148–155.
62 II. Die Politisierung des Privaten: Frauen und „1968“
Die düsteren Perspektiven, die Helke Sander hier entwickelte, zeugen von der
Unzufriedenheit mancher Frauen mit dem SDS ebenso wie von den Bestrebungen,
sich für sich selbst und das eigene Geschlecht einzusetzen. Die Rede machte näm-
lich auch deutlich, dass sich die Gruppe um Sander in ihrer Arbeit in den so
genannten Kinderläden auf die Konflikte von Frauen mit Kindern konzentrieren
und die daraus erwachsenden Ansprüche vom SDS umgesetzt sehen wollte. An-
dernfalls seien die Frauen auf einen „Machtkampf“ angewiesen – eine Drohung,
die letztendlich auch die Loslösung vom SDS bedeuten konnte.
Zwar unterstreicht diese Innenansicht die These, dass die Abgrenzung mancher
Frauen von der „68er“-Bewegung sie teilweise dazu motivierte, eigenständig und
„in eigener Sache“20 aktiv zu werden. Dennoch bleibt zu untersuchen, ob die indi-
viduelle Politisierung von Frauen innerhalb der Revolte nicht auch noch andere
Ursachen hatte. Diese Frage ist schon allein deshalb angebracht, weil sich der
außerparlamentarische Protest sehr unterschiedlich gestaltete. So wurde zum Bei-
spiel für die Studentenbewegung in München festgestellt, dass der SDS, gegen den
Sander ihre Vorwürfe richtete, hier eine „nicht so bedeutende Rolle“21 einnahm
wie in anderen Hochburgen von „1968“ und neben dem Gewerkschaftlichen Ar-
beitskreis der Studenten (GASt), dem Sozialdemokratischen Hochschulbund (SHB)
oder dem Liberalen Studentenbund Deutschlands (LSD) stand. Angesichts der
sich hier abzeichnenden Vielstimmigkeit des Protests soll deshalb nicht nach ein-
zelnen Organisationen und ihrer Frauenpolitik gefragt werden. Es ist allgemeiner
der Überlegung nachzugehen, ob der in Helke Sanders Rede anklingende und ge-
meinhin der Frauenbewegung zugeschriebene Slogan „Das Private ist politisch“
nicht so sehr eine Distanzierung von den Strukturen rund um „1968“ darstellte,
als vielmehr die Tatsache widerspiegelte, dass Frauen hier Ideen und Praktiken
aufgriffen, die ihnen die politische Unruhe im Verbund mit dem allgemeinen ge-
sellschaftlichen Wandel am Ende der 1960er Jahre boten.
Tatsächlich waren Frauen auch im Protestmilieu der bayerischen Hauptstadt
unterrepräsentiert. Die „Idole der Bewegung“ rekrutierten sich ausschließlich aus
Männern. Zu den bekanntesten Protagonisten zählte Rolf Pohle. Der Rechtsrefe-
rendar und Soziologiestudent gehörte dem Liberalen Hochschulbund an und
machte sich als Vorsitzender des AStA der LMU im Sommer 1967 durch „anti
autoritäre“ und „provokative Protestformen“22 ebenso einen Namen wie durch
die Leitung der Rechtshilfe der APO, die die Verteidigung derer übernahm, die
während der Proteste mit der Staatsmacht in Konflikt geraten waren.23 Zunächst
im Sozialdemokratischen Hochschulbund (SHB) und schließlich als Sprecher des
Münchner SDS engagiert, trat Reiner Jendis, der an der LMU Soziologie und
Wirtschaftswissenschaften studierte, in München als Ideologe der Neuen Linken
20 Derart wohlwollend kommentierte auch die damalige Chef-Redakteurin der Zeitschrift kon-
kret die Ereignisse und trug damit dazu bei, dass die Rede Sanders und der Tomatenwurf im
Protestmilieu bundesweit bekannt wurden: Ulrike Meinhoff: Die Frauen im SDS oder In eige-
ner Sache, in: konkret vom 7. 12. 1968, S. 5.
21 Hemler: München ’68 – war da was?, S. 135.
22 Ebd., S. 124, 125; ähnlich: Hemler: Von Kurt Faltlhauser, S. 226 ff.
23 Sein Engagement führte Rolf Pohle (1942–2004) in den 1970er Jahren in das Umfeld der RAF.
Bisher existieren nur biografische Notizen zu Pohle, z. B. bei: Stankiewitz: München ’68, S. 25 f.
Pohles eigene Sicht der Dinge: Pohle: Mein Name ist Mensch.
64 II. Die Politisierung des Privaten: Frauen und „1968“
geben habe. Trotzdem sei sie in den Räumen des SDS „ein- und ausgegangen“ und
habe bei Demonstrationen mitgemacht, weil sie „angehaucht“ worden sei von der
Frage, „was los ist in der Welt“. Ihr Interesse an Frauenfragen wiederum sei auf
einen „aha-Effekt“ zurückzuführen, den sie durch ihr Soziologie-Studium erhal-
ten habe und der schließlich dazu führte, eine eigene Frauengruppe zu gründen.29
Die hier geschilderte Aufbruchsstimmung war eine wichtige lebensgeschicht
liche Erfahrung, die viele Frauen, die sich zu den „68ern“ zählten, teilen. Bildlich
formulierte dies auch Erika Runge, die damals als Autorin und Journalistin in
München lebte: „Für mich geht ein Riß durch dieses Jahr: ein Riß, der durch mich
selbst ging. Alles, was ich tat, war der Versuch, mit den Widersprüchen in unserer
Gesellschaft auch meine Widersprüche zu bewältigen.“30
Diese Widersprüche lastete Runge ganz in „68er“-Manier einer kapitalistischen
Klassengesellschaft an und übertrug sie in den „Bottroper Protokollen“31, einer
Sammlung sozialkritischer Reportagen über Arbeiter und Arbeiterinnen im Ruhr-
gebiet, auf die Bundesrepublik. Der nachfolgende Dokumentarfilm über die Le-
bensumstände einer Bergarbeiterwitwe32 führte die Journalistin zum Nachdenken
über die Lage ihres eigenen Geschlechts und über die Strukturen einer Gesell-
schaft, „die [auch] mich geprägt hatten“.33 In ihrem Buch „Frauen“ aus dem Jahr
1969 suchte Erika Runge nach Identifikationsmöglichkeiten und Vorbildern für
eine „gelungene Emanzipation“, sei aber, so ihr Resümee, nicht fündig geworden:
Die Erklärung dafür spiegelte die Ideologie von „1968“ wider: Denn dass die
Emanzipation nicht gelang, lag Runge zufolge „weniger an den Frauen selbst, als
an den Umständen, unter denen sie sich behaupten müssen“.34 Mit der Kritik der
„gesellschaftlichen Verhältnisse“ zeigt sich hier eine deutliche Parallele zu dem
Gedankengut der „68er“.35
Auf die Anziehungskraft und die Anschlussfähigkeit der Argumente der (Neuen)
Linken kommt auch Dagmar Seehuber-Przytulla zu sprechen, die sich seit Mitte
der 1960er Jahre in München an einem Arbeitskreis beteiligte, in dem gewerk-
schaftlich organisierte Arbeiter und Interessenten aus dem SDS Marx-Texte lasen
und diskutierten. Sie bewegte sich auch im Umkreis der Subversiven Aktion36,
einer Künstler- und Politgruppe, die während der 1960er Jahre in München immer
wieder mit Happenings und Flugblatt-Aktionen für Furore gesorgt hatte. Ihre
Beziehung zu einem Mitglied der Subversiven Aktion, Dieter Kunzelmann37,
eendete Seehuber-Przytulla nach eigenen Angaben auch deshalb, weil sie sich
b
(finanziell) ausgebeutet gefühlt habe. Dies sei in eine Zeit gefallen, so ihre Erklä-
rung, als sie gerade Friedrich Engels Buch „Der Ursprung der Familie, des Privat-
eigentums und des Staates“ und damit „viel über die Unterdrückung der Frauen“
gelesen habe. Trotzdem sei sie – unabhängig von Kunzelmann – 1967 nach Berlin
gegangen, wo sie die Kommune 1 mitbegründete. Die dortige Realität scheint sie
jedoch ernüchtert zu haben. Seehuber-Przytulla beschreibt ihre Erfahrungen in
der Kommune als „Verlust einer ‚Idee‘“, die sie letztendlich bewogen hätte, wie-
der nach München zurückzukehren.38
Auf die Möglichkeiten, die „1968“ gerade Frauen bot, stellte auch eine weitere
Münchner APO-Aktivistin ab, Reingard Jäkl, die ebenfalls bereits seit den frühen
1960er Jahren entsprechenden politischen Anschluss gesucht hatte. Zu den Grup-
pen, „denen ich mich als weibliche Person anschließen konnte“, zählte sie – im
Gegensatz zu „traditionellen Studentenverbindungen“ – vor allem die Träger der
studentischen Revolte in München: den Gewerkschaftlichen Arbeitskreis der Stu-
denten (GASt), den SDS, den Sozialdemokratischen Hochschulbund (SHB) und
den Liberalen Studentenbund Deutschlands (LSD).39 Die damalige Studentin
hatte sich ihrer eigenen Einschätzung nach in diesen Zusammenhängen „gleichbe-
rechtigt und als Frau anerkannt“ gefühlt. Dementsprechend empfand sie Helke
Sanders Vorwürfe in Frankfurt „als eher peinlich“. Vielmehr sei sie von der stu-
dentischen Arbeit „in Richtung Hochschul- und Studienreform“, dem „kollektiven
Zugehörigkeitsgefühl zu allen Befreiungsbewegungen auf der ganzen Welt“ und
den „Unmengen von Büchern und Zeitschriften“, die linke Verlage und Buch-
handlungen offerierten, angetan gewesen. Zweifel habe es im Verlauf der „Sex-
Revolte“ zwar gegeben, da es für viele Frauen ein „bitteres Erwachen“ gewesen
sei, wenn ein „Nein“ unter „konterrevolutionären Verdacht“ geriet. Sie habe sich
deshalb für „Frauenaktivitäten“ begeistern können. An eine „autonome“, allein
aus Frauen bestehende Bewegung habe sie allerdings noch keinen Gedanken ver-
schwendet. So habe sie „noch Jahre“ gebraucht, bis sie sich aus den dann als „Män-
nerbünden“ verstandenen politischen Vereinigungen gelöst habe.40
Dass die „68er“-Bewegung Frauen involvierte und sich „Frauenthemen“ kei-
neswegs verschloss, zeigt auch das Beispiel des Trikont-Verlags, der seinen Sitz in
München hatte. Gegründet wurde dieser Verlag 1967 von den SDS-Mitgliedern
Herbert Röttgen und Gisela Erler, die die Verlagsarbeit vor allem unter dem As-
pekt sah, Leute zu erreichen und das Nachdenken zu fördern.41 In der Absicht,
Texte zu veröffentlichen, die in der Bundesrepublik kaum erhältlich waren, wid-
mete sich das Verlagsteam vor allem internationaler Literatur aus den Befreiungs-
Bewegungen in der Dritten Welt, aber auch linkstheoretischen Auseinanderset-
zungen – ein Unterfangen, das in der Protestbewegung großen Anklang fand.42
Zur Diskussion stand dabei auch die „Frauenemanzipation“, die 1970 mit einem
Sammelband mit Aufsätzen amerikanischer Feministinnen aufgegriffen wurde.
Für die „Verlagskooperative“ stand fest, dass die „Unterdrückung der Frau“ am
Arbeitsplatz „nur ein Teil ihrer spezifischen Lage ist, und dass ihre Lage ursäch-
lich zusammenhängt mit ihrer sonstigen Funktion als Hausfrau und Mutter.“43
Ganz im Sinne Helke Sanders tauchten die Probleme von Frauen als einer sozialen
Gruppe dabei durchaus als möglicher weiterer Beitrag zur Konsolidierung der
Protestbewegung auf.
Die „68er“-Bewegung war für Frauen also keineswegs allein mit Enttäuschung
und Unzufriedenheit verbunden, weil chauvinistische Verhältnisse ihnen die Teil-
habe unmöglich gemacht und in der Folge einem eigenständigen weiblichen Akti-
vismus Vorschub geleistet hatten. Vielmehr gingen viele Frauen in ihrem Einsatz
für die APO auf, waren von ihm geprägt und formten dabei ein eigenes ge-
schlechtsspezifisches politisches Bewusstsein, das auch mit den allgemeinen gesell-
schaftlichen Entwicklungen in enger Verbindung stand. Demzufolge war das frü-
he feministische Engagement also weder ausschließlich ein Höhenflug der Revolte
noch die reine Distanzierung von ihr, wie manche Darstellungen das glauben ma-
chen. Das feministische Engagement war vielmehr Ergebnis von und Reaktion auf
„1968“ zugleich.44
Ähnliches konstatiert Kristina Schulz, die in ihrer Dissertation die Frauenbewe-
gungen in Frankreich und in der Bundesrepublik vergleicht und den allgemeinen
Protest der ausgehenden 1960er Jahre als auslösenden Faktor für das frühe femi-
nistische Engagement bezeichnet. Die Historikerin weist durch ihren ideenge-
schichtlichen Ansatz darauf hin, dass die Frauenbewegung stark von „1968“ be-
einflusst gewesen sei und letztendlich sein ideelles Erbe angetreten habe. Entschei-
dend scheint ihr aber die Beobachtung zu sein, dass sich das feministische
Aufbegehren von „1968“ zunehmend absetzte: So sei die Frauenbewegung aus der
„68er“-Bewegung hervorgegangen und habe „in entscheidenden Punkten an diese
ihrem Selbstverständnis nach neue linke Bewegung“ angeknüpft. „Sie gewann ihr
Profil aber zugleich aus der Abgrenzung.“45
Demgegenüber ist hervorzuheben, dass der Geist um „1968“ für die aufkei-
mende Frauenbewegung großes Potenzial bot, womit der Boden für ein feminis-
tisches Engagement bereitet worden war, noch bevor manche Frauen der allge-
meinen Protestbewegung den Rücken kehrten. Dies verdeutlicht auch ein Hin-
weis auf einen studentischen Arbeitskreis in München. Dieser wollte unter dem
Titel „Sexualität und Herrschaft“ die Rolle der Sexualität „bei der Herausbildung
des gesellschaftlichen Bewusstseins und der gesellschaftlichen Verhaltensweisen“
ergründen und dabei ein „Modell praktischer Aufklärung“ erarbeiten. Dabei soll-
ten neben schichten- vor allem geschlechtsspezifische „Sexualnormen“ erkannt
formationen auch in der Broschüre des Archivs 451 – Die Trikont-Bücher und ihre Zeit in
München.
43 Verlagskooperative Trikont: Frauenemanzipation, S. 5.
44 So auch Horn: Spirit of ’68, S. 218: „Nonetheless, it would be wholly ahistorical and misleading
to present the feminist movement of the 1970s and subsequent decades primarily as a reaction
to 1968. Second-Wave feminism was simultaneously a product and a response to 1968.“
45 Die Zusammenfassung folgt: Schulz: Langer Atem, das Zitat S. 59.
68 II. Die Politisierung des Privaten: Frauen und „1968“
werden, um die gängige „Sexualmoral als Mittel zur Erziehung der autoritären
Persönlichkeit“ zu entlarven.46 Die Bemühungen von „1968“, den Alltag und die
Erziehung zu revolutionieren, aber auch die oft unterschwelligen Veränderungen
in allgemeinen Lebenseinstellungen ließen sich somit eng mit der Sache der Frauen
verknüpfen. Im Folgenden ist deshalb empirisch zu untermauern, dass sich weib-
liche Emanzipation und frühe Frauenbewegung am Ende der 1960er Jahre unter
der Gleichzeitigkeit von politischer Unruhe und allgemeinem Wandel entwi
ckelten und sowohl als Erzeugnisse dieser Zeit als auch als Erwiderungen auf sie
gelten können.
50 Zum revolutionären Gehalt, das der antiautoritären Erziehung beigemessen wurde, vgl. z. B.:
Kommune 2: Kindererziehung in der Kommune; Dermitzel: Thesen zur antiautoritären Erzie-
hung.
51 Bisher fanden v. a. Kinderläden in Berlin und Frankfurt am Main Beachtung. Dies liegt auch
daran, dass diese bereits zeitgenössisch eine größere Publizität erhielten. Vgl. z. B. Berliner Kin-
derläden: Antiautoritäre Kinderläden und sozialistischer Kampf, Köln 1970; Bott: Erziehung
zum Ungehorsam, Frankfurt am Main 1970 (Berichte aus Berlin, Stuttgart und Frankfurt, die
Botts Dokumentarfilm von 1969 fortführten); Seifert: Kinderschule in Frankfurt, in: Vorgänge.
Eine kulturpolitische Korrespondenz (1979) 5, S. 158–162.
52 BayHStA, MInn 97716: Bericht des Bayerischen Landesamts für Verfassungsschutz an das
Bayerische Staatsministerium des Innern und das Polizeipräsidium München vom 26. 10. 1970.
53 Vgl. Schäfer/Wilke: Neue Frauenbewegung in München, S. 65.
54 Vgl. Kap. II.4.
55 IfZ-Archiv, ED 899/5: Praktikumsbericht zu einem Schülerhort in München [1975].
56 IfZ-Archiv, ZG/HS München/5: Flugblatt für eine Protestveranstaltung und eine Fragebogen-
Aktion „Lustfest“ [nach 1969].
70 II. Die Politisierung des Privaten: Frauen und „1968“
in München während des studentischen Protests für Furore und damit für Nieder-
schlag in den amtlichen Akten sorgten, was die Stetigkeit der Überlieferung im
Vergleich zu einer rein privaten Sammlung befördert. Bei den Vorhaben handelt es
sich um die Kindertagesstätte, die sich an der Ludwig-Maximilians-Universität
etablierte, und den „Freien Kindergarten“ an der Kunstakademie. Beide Unter-
nehmungen rührten aus der zweiten Hälfte der 1960er Jahre her, gingen auf stu-
dentische Initiativen zurück und bestanden sowohl aus Männern als auch aus
Frauen.
Die Münchner Projekte waren ihrem Selbstverständnis nach Gegenmodelle zu
einem aus ihrer Wahrnehmung heraus völlig unzureichenden System der öffent
lichen Kinderbetreuung57 und eines Familienleitbilds, das Frauen und Kinder be-
nachteilige. Dementsprechend wollten sie nicht nur die Situation der Kinder, son-
dern auch die der Eltern, vor allem aber die der Mütter, verbessern. Der allgemeine
(Werte-)Wandel und der außerparlamentarische Protest gingen in der Begründung
der Vorhaben Hand in Hand. In einem Flugblatt der Universitätskindertagesstät-
te58 hieß es, dass Kinder nicht länger „wehrlose Opfer gesellschaftlicher Verhält-
nisse“ sein dürften: Nicht nur, dass Kindergärten und -krippen „hoffnungslos
überbelegt“ seien. Bei diesen Einrichtungen handele es sich zudem lediglich um
„Verwahranstalten“, die die Kinder neurotisierten. Diese Missstände waren gemäß
des Flugblatts allerdings erst die Folge eines anderen Problems, nämlich dem des
Fortbestands einer Familienidylle, die mit der „Wirklichkeit der heutigen Kleinfa-
milie“ nichts mehr zu tun habe. Festgehalten wurde dabei insbesondere die verän-
derte Lage der Frauen: „Die Zeiten der patriarchalischen Großfamilie sind vorbei,
in denen liebe Omas und Tanten der überforderten ‚Gehilfin‘ des Mannes ‚selbst-
los‘ zur Seite standen.“ Eine geschlechtliche Arbeitsteilung, gar die Hierarchisie-
rung weiblicher und männlicher Aufgaben, die die Frauen ebenso belastete wie
diskriminierte, hatte sich der Initiative zufolge also überlebt.
Stattdessen galt es, Rahmenbedingungen zu schaffen, die es auch Frauen ermög-
lichten, sich eigenständig zu entwickeln, ohne dass dabei die Kinder auf der Stre-
cke blieben. Die gegebenen Umstände würden dies dem Flugblatt zufolge aber
nicht zulassen und damit den Müttern wie den Kindern schaden: „In den meisten
Fällen gibt die Frau das Studium auf, jobbt oder wird Hausfrau und Mutter, jede
Möglichkeit zur Emanzipation geht verloren, die autoritäre Kleinfamilie reprodu-
ziert ihre Charakterstruktur in den Kindern. Wenn sie weiterstudiert, ist sie unter
dem Druck ihrer von der Gesellschaft als naturgegeben und zur Privatangelegen-
heit erklärten Doppelbelastung unfähig, sich kritisch zu ihrem Studienfach zu
verhalten.“ Für die Gründerinnen und Gründer der Kindertagesstätte an der Uni-
versität war unbestritten, dass diese Beobachtungen kein individuelles Problem
darstellten. Ihnen zufolge konnten Frauen den hier geschilderten Zwiespalt nicht
für sich allein lösen. Vielmehr müssten Mütter wie Väter die eigenen vier Wände
verlassen und den Umgang mit Kindern politisieren: „Die Erziehung der Kinder
57 Wie in Kap. I.2. bereits angesprochen, entsprach diese Wahrnehmung den Tatsachen, wie auch
von staatlicher Seite eingeräumt wurde.
58 Hier und im folgenden: Universitätsarchiv München, Puffer-Ordner 1: Flugblatt der Uni-Kin-
dertagesstätte vom 10. 6. 1969.
2. Wider die Isolierung der Kleinfamilie: Kinderläden 71
ist nicht Privatsache ihrer Eltern, sondern eine gesellschaftliche Aufgabe. Wir
müssen unsere Bedürfnisse selbst organisieren.“
Das hier zitierte Flugblatt datiert auf Juni 1969 und damit auf die Zeit nach der
Rede Helke Sanders, von deren Argumentation es stark inspiriert scheint. Aller-
dings stand der Aufbau einer Kindertagesstätte an der LMU bereits seit dem Sommer
1966 auf der studentenpolitischen Agenda. Die Dringlichkeit dieses Vorhabens trug
die studentische Selbstverwaltung auch zunehmend nach außen. Im Vordergrund
stand dabei zunächst die missliche Lage studierender Eltern, die nur unter großen
Schwierigkeiten geeignete Betreuungsmöglichkeiten für ihre Kinder fanden. Eine
Umfrage des Sozialreferats des AStA hatte ergeben, dass es deshalb weit über zwei
Drittel der Befragten begrüßen würden, „wenn sie ihre Jüngsten tagsüber in einer
Universitätskinderkrippe oder einem Universitätskindergarten unterbringen könn
ten.“59 Dieses Anliegen stieß in der Öffentlichkeit auf breites Verständnis: Unter
den „rund 700 Kindern der verheirateten 1 400 Studenten“ seien viele „Sorgenkin-
der“, für die es keinen Betreuungsplatz gebe, hieß es in einer Zeitungsmeldung.60
Seit 1967 schickten sich auch Studierende an der Kunstakademie an, ihren
Nachwuchs zum Politikum zu machen.61 Unterstützung fanden sie dabei auch
beim Lehrpersonal und der Leitung der Hochschule. Der Präsident der Kunstaka-
demie, Paolo Nestler, nahm sich der „Belastungen junger Studentenehepaare mit
Kindern“ an und bezeichnete in einem Schreiben an das Kultusministerium im
August 1968 eine Kinderkrippe als „wirksamste Hilfe“. Schließlich gehöre es
„während des Semesters bereits zum alltäglichen Bild“, „dass Kleinstkinder in
Kinderwagen oder Laufställen im Akademiepark oder in den Gängen vor den
Ateliers stehen und für längere Zeit völlig ohne Aufsicht sind.“62
Obwohl in diesen Begründungen der Betreuungsnotstand in den Mittelpunkt
rückte, darf nicht übersehen werden, dass sich die studentischen Pläne vor allem
an einer als verbesserungsbedürftig empfundenen Lage der Frauen ausrichteten.
So war eine Studiengruppe aus der Fachrichtung Psychologie, die das Projekt an
der LMU wissenschaftlich begleiten wollte, explizit auf der Suche nach einer
„neuen Form der Betreuung von Kleinkindern“, um „berufstätigen oder studie-
renden Müttern – im Gegensatz zu den üblichen Kinderkrippen – eine verant-
wortliche Beteiligung an ihren Elternrechten und -pflichten“ zu eröffnen. Statt
Kinder lediglich irgendwo abzuliefern, müsse ein „sinnvolleres System“ aufgebaut
werden, bei dem die Eltern die Kindererziehung „als ihre eigene Aufgabe anneh-
men und durch Gruppenbildung in weitgehender Selbsthilfe mitverantwortlich“
gestalten.63 Die Betreuung des Nachwuchses erhielt hier also eindeutig politische
Relevanz besonders für die Frauen, denen eine – offenbar im Gegensatz zu bishe-
rigen Möglichkeiten – aktivere Rolle zugeschrieben wurde, die den Anspruch auf
Mitbestimmung erhob.
Die Umsetzung dieser Absichten hielt mit der Entwicklung der „68er“-Revolte
Schritt. Die universitären Kinderläden wurden dabei zu einem weiteren Beispiel64
dafür, dass zunächst relativ konsensual begonnene Reformen von der Protest
bewegung aufgegriffen und polarisiert wurden. Dies hing vor allem damit zusam-
men, dass sich an der Frage der universitären Kinderbetreuung ein Konflikt mit
dem Kultusministerium entzündete, der aus der Sicht der Rebellierenden ein Para-
debeispiel für das Agieren des so verabscheuten „Obrigkeitsstaats“ darstellte. Zum
Problem wurde, dass man allen Ansätzen zur Selbsthilfe zum Trotz die Vorhaben
„nicht nur aus eigenen Mitteln finanzieren“65 konnte. Die studentischen Selbst-
verwaltungen von LMU und Kunstakademie hatten sich deshalb bereits 1966
beziehungsweise 1968 mit der Bitte an das Kultusministerium gewandt, die Idee
einer universitären Kinderbetreuung zu unterstützen: Neben Geld sollte das
Kultusministerium vor allem passende Gebäude zur Verfügung stellen.66
Diese Gesuche beschied das Kultusministerium über mehrere Jahre abschlägig,
obwohl man behördenintern Kinderkrippen für ein „berechtigtes Anliegen der
Studentenschaft“ 67 hielt, das in der Bundesrepublik so allgemein vertreten werde,
„dass Bayern [dem] kein Hindernis entgegensetzen sollte“.68 Anscheinend waren
die Ministerialbeamten sogar dazu bereit, bestimmte Veränderungen anzuerken-
nen. „Unabhängig davon, ob man die Studentenehe für sinnvoll hält oder nicht“,
hieß es in einem Vermerk, seien diese ebenso wie Kinder aus solchen Verbindun-
gen ein Faktum. Dem Ministerium ging es dabei vor allem um die Lage der Stu-
dentinnen, denen universitäre Krippen das Leben insoweit erleichtern würden, als
dass „studierende Mütter ihre Kinder dort ohne Zeitverlust hinbringen und ab
holen könnten.“69
63 BayHStA, MK 70109: Schreiben der Studiengruppe für politische Psychologie und Kommuni-
kationsforschung an das Kultusministerium vom 2. 1. 1967; BayHStA, MK 69934: Schreiben
der Studiengruppe für politische Psychologie und Kommunikationsforschung an das Kultus-
ministerium vom 4. 2. 1967. Dass Studierende der Psychologie besonderes Interesse an alterna-
tiven Erziehungsstilen hatten, zeigt auch: IfZ-Archiv, ZG/HS München/4: Artikel „Universi-
tätskindertagesstätte. Projektgruppe antiautoritärer Kindergarten“, in: Psycho-Polit. Informa-
tion für Psychologen [an der LMU] vom 18. 6. 1969.
64 Vgl. hierzu die Einzelstudien des Forschungsprojekts „Reform und Revolte“ im Institut für
Zeitgeschichte München-Berlin: Bernhard: Zivildienst; Hein: Die Westdeutschen; Rohstock:
Von der „Ordinarienuniversität“; Kittel: Marsch durch die Institutionen.
65 Statt Kinderkrippe Parkplatz?, in: Münchner Studentenzeitung vom 13. 4. 1969.
66 BayHStA, MK 69934: Schreiben des AStA der LMU/Sozialreferat an das Kultusministerium
vom 21. 6. 1966; BayHStA, MK 74351: Freier Kindergarten der Kunstakademie München e. V.:
Bericht 1971 für das Schulreferat der Stadt München, Januar 1971.
67 BayHStA, MK 70109: Vormerkung des Referats I/11 zur Errichtung einer Kinderkrippe an der
Universität Erlangen/Nürnberg vom 25. 7. 1968; ebenso BayHStA, MK 70109: Antwort des
Bayerischen Kultusministeriums auf die Anfrage des Kultusministers von Schleswig-Holstein
zur Frage der Kindertagesstätten an Universitäten vom 31. 7. 1968.
68 BayHStA, MK 69934: Vormerkung des Ref. I/11 des Kultusministeriums vom 26. 7. 1968.
69 BayHStA, MK 70109: Vormerkung des Referats I/11 zur Errichtung einer Kinderkrippe an der
Universität Erlangen/Nürnberg vom 25. 7. 1968; ebenso BayHStA, MK 70109: Antwort des
Bayerischen Kultusministeriums auf die Anfrage des Kultusministers von Schleswig-Holstein
zur Frage der Kindertagesstätten an Universitäten vom 31. 7. 1968.
2. Wider die Isolierung der Kleinfamilie: Kinderläden 73
70 Provisorischer Studentenkindergarten in den Räumen des AStA Uni, in: Münchner Studenten-
zeitung vom 29. 10. 1969; BayHStA, MK 74351: Freier Kindergarten der Kunstakademie Mün-
chen e. V.: Bericht 1971 für das Schulreferat der Stadt München, Januar 1971.
71 BayHStA, MK 69934: Entschließung des Kultusministeriums vom 19. 9. 1968.
72 BayHStA, MK 69934: Vormerkung des Ref. I/11 des Kultusministeriums vom 18. 3. 1968.
73 BayHStA, MK 69934: Entschließung des Kultusministeriums vom 19. 9. 1968.
74 Statt Kinderkrippe Parkplatz?, in: Münchner Studentenzeitung vom 13. 4. 1969.
75 Universitätsarchiv München, Puffer-Ordner 1: Flugschrift der Uni-Kindertagesstätte vom
10. 6. 1969; BayHStA, MK 51411: Zusammenstellung des AStA der Kunstakademie „Doku-
mentation zu den obrigkeitsstaatlichen Maßnahmen der Kultusbürokratie“ vom Sommer 1969;
Staatsarchiv München, Pol. Dir. 15985: Berichte einer Aktivistin und eines Aktivisten über die
„Child-Power-Demonstration für einen Kindergarten an der Universität“ [Frühjahr 1969].
74 II. Die Politisierung des Privaten: Frauen und „1968“
riums riefen bei den Basisgruppen Widerspruch hervor: Man fühlte sich und die
Kinder in die Rolle der „kleinen radikalen Minderheit“76 gedrängt, verstand aber,
darauf entsprechend zu reagieren – und das in zweierlei Hinsicht: Zum einen wies
man verstärkt auf den revolutionären Gehalt der angestrebten Erziehungsmetho-
den hin, zum zweiten setzte man bewusst auf einen nach außen gerichteten Ak
tionismus. Beide Reaktionen verfügten dabei klar ersichtlich über eine weibliche
Komponente.
Ein „repressionsfreier“ beziehungsweise „antiautoritärer“ Umgang mit Kin-
dern77 erschien nun als die einzig glaubwürdige Alternative zu den vorhandenen
Kindergärten, die als Sinnbild des verachteten „Establishments“ lediglich eine „ri-
gorose Anpassung an eine nicht weiter auf Ziele oder Veränderbarkeit hin befragte
Realität“ vollzögen. An deren Stelle musste aus Sicht der Basisgruppen eine Erzie-
hung treten, die eine „freie Entfaltung der kindlichen Bedürfnisse“ fördere und
dabei die „Eltern als Gruppe“ einbeziehe. Dies solle, so die Absicht, eine „Verän-
derung ihrer Haltungen und Lebensweisen“ nach sich ziehen und letztendlich ein
„Elternkollektiv“ formen, das „an Stelle der ramponierten Vaterfigur […] und
unkontrollierbarer und unkritisierbarer Einflüsse der Gesellschaft (Konsum,
Massenmedien) ein Identifikationsobjekt werden kann“.78
Zu der theoretischen Beschäftigung mit den Geschlechterrollen, die hier ganz
im Sinne des Psychoanalytikers Alexander Mitscherlich (und der „68er“-Bewe-
gung) nicht zuletzt aufgrund der nationalsozialistischen Vergangenheit an väter
lichen Vorbildern zweifelte79, trat ein unübersehbares Engagement von und für
Frauen, die sich im Stil der Hochschulrevolte auch an spektakulären Kinder
garten-Aktionen beteiligten. Als sich die Basisgruppen im ersten Halbjahr 1969 in
eingetragene Vereine umwandelten, um unabhängig von Wohlfahrtsverbänden
oder der Stadt München selbst als Träger ihrer Projekte auftreten zu können, war
das Verhältnis von männlichen und weiblichen Mitgliedern fast ausgeglichen: So
verzeichnete die Satzung des Freien Kindergartens der Kunstakademie München
25 Unterschriften, von denen elf von Frauen stammten. Die Universitätskinder
tagesstätte e. V. verfügte über 19 Gründungsmitglieder, von denen zehn weiblich
waren.80 In den politischen Bemühungen um den Aufbau einer universitären Kin-
derbetreuung traten ebenfalls Frauen hervor, sei es, dass sie im Kultusministerium
vorsprachen und ihre Sicht der Dinge schilderten81, sei es, dass sie für Flugblätter
verantwortlich zeichneten82.
Die Frauen fielen aber vor allen Dingen bei den Happenings auf, mit denen die
Kinderbetreuungs-Initiativen, inspiriert von den Formen des allgemeinen Protests,
auf die Dringlichkeit ihrer Vorhaben aufmerksam machten. So ist in Berichten von
offizieller Seite, die sonst gemeinhin von „Studenten“ sprechen, zu lesen, dass im
März 1969 „rund 50 Studentinnen und Studenten mit ihren Kindern“ in einer
unangemeldeten Demonstration von der Kunstakademie zum Kultusministerium
gezogen seien, um einen Kindergarten zu fordern. Dort hätten sie „bunte Papier-
schnitzel“ verstreut und dort anwesende Polizeibeamte beleidigt, weshalb „drei
Demonstranten“ vorläufig festgenommen worden seien. Dem Polizeibericht ist zu
entnehmen, dass die Polizisten mit der Situation vollkommen überfordert waren.
Die Beamten bezeichneten es nicht nur als ungewöhnlich, dass sie „durchwegs
jüngere weibliche Angehörige [des SDS und der APO]“ vor sich hatten, die mit
Kleinkindern Flugblätter verteilten. Vielmehr seien sie „besonders von den Mäd-
chen“ beschimpft und bei den Festnahmen von „männlichen und weiblichen De-
monstranten“ geschlagen worden, nachdem einem Polizisten ein „Ballen Papier-
schnitzel in den Mund geschleudert“ worden sei, „so dass ihm für kurze Zeit die
Luft wegblieb und Übelkeitserscheinungen auftraten.“ Als man eine „dunkelhäu-
tige Demonstrantin“ festgehalten habe, hätte ihr eine andere ein Kind in die Arme
gedrückt, worauf man „sofort“ von der „Mulattin“ abgelassen habe.83
Für die LMU sind für Juni 1969 einige „Kinderdemonstrationen“ überliefert,
die studierende Eltern als bewusste Provokation veranstalteten.84 Der Rektor
Audomar Scheuermann vermeldete dabei, dass „Leute“ mit mehreren Kindern
„wiederholt“ in den Lichthof gekommen seien, um diese dort „spielen, Wände
beschmieren und schreien [zu] lassen“. Dabei sei „Schlagermusik“ gelaufen. Ge-
genüber solcher Zweckentfremdung universitären Raums räumte der Rektor
Machtlosigkeit ein, „da man Polizei gegen Kinder nicht einsetzen kann“85 – eine
Reaktion, auf die die Initiatorinnen und Initiatoren, die zu diesen „teach-ins“
aufgerufen hatten86, vermutlich auch setzten. Im Juli 1969 schließlich, als „links-
gerichtete Studenten“ aus Protest gegen die geplante Hochschulreform die LMU
in Franz-Gans-Universität umbenannten, waren den Aufzeichnungen des bayeri-
schen Innenministeriums zufolge etwa 80 Demonstranten, darunter „viele Studen-
tinnen mit Kindern“, in einem nicht angemeldeten Aufzug von der Universität
zum Leopoldpark gezogen. Ihnen seien weitere 150 Teilnehmer gefolgt. Zur
Unterhaltung der Kinder habe man „fünf Ponys“ gemietet, ansonsten „artete die
Veranstaltung […] zu einem Biergelage aus“.87
Wie sehr der Konfrontation der Revolte mit der „Staatsmacht“ über die Frage
der Kinderbetreuung Ausdruck verliehen wurde, zeigte sich aber vor allem in der
Kunstakademie. Als die Akademie nach einer Besetzungsaktion und mehreren
lebhaften Happenings im Juli 1969 zum zweiten Mal in diesem Jahr vom Kultus-
ministerium geschlossen wurde88, setzte die studentische Vollversammlung alles
daran, sich gegenüber den Behörden zu behaupten. Als Gegenmaßnahme be-
schloss man, den Betrieb des Kindergartens, der zu diesem Zeitpunkt bereits in
den Steinbaracken des Akademiegartens untergebracht war, aufrechtzuerhalten.
Zudem sollte die Wiese vor dem Gebäude in einen Kinderspielplatz verwandelt
werden.89 Diese Strategie zeitigte den gewünschten Erfolg: Die Münchner Zei
tungen reagierten auf die Entscheidung des Kultusministeriums fast ausnahmslos
im Sinne der Studierenden. Da sogar der Akademiekindergarten mit einem Vor-
hängeschloss versehen worden sei, schrieb die Abendzeitung, hätten sich die
Eltern notgedrungen „mit Gewalt“ Zugang verschaffen müssen.90 Auch beim
Münchner Merkur fühlte man mit den „Studentenmüttern“, die mit ihren Kindern
vor der Akademie stehen und auf das Eintreffen der Polizei warten müssten,
obwohl sie sich so bemüht hätten, das „politische Hin und Her“ von ihrem
Nachwuchs fernzuhalten.91 Die Kritik am Kultusministerium war aber nicht nur
publizistischer Natur. Auch der Senat der Kunstakademie sprach davon, dass sich
das Ministerium im Falle des Kindergartens „asozial“ verhalte, wenn es die
studentische Eigeninitiative durch Formalia „verzögert und boykottiert“ habe,
„obwohl offensichtlich politisch-inhaltliche Motive die Ursache sind.“92
Anhand der Akten des Kultusministeriums lässt sich eine solche Interpretation
weder zweifelsfrei bestätigen noch zurückweisen. Die Institution lavierte zwischen
einem gewissen Verständnis gegenüber einer universitären Kinderbetreuung und
ihrer Ablehnung, die sie aber ausnahmslos mit der rechtlich fixierten Zuständigkeit
von Wohlfahrtsverbänden bzw. Gemeinden begründete. Allerdings zeigt der Ver-
lauf der Ereignisse auch, dass die Dynamik der Revolte eine Verständigung weder
auf Seiten der alternativen Kindergarten-Projekte noch auf Seiten des Ministeriums
beförderte. Die gütliche Lösung, die man letzten Endes doch noch erreichte, kam
vor allem durch die vermittelnde Position der Stadt München zustande.
Diese hatte Gesuche, die die Kinderbetreuungsinitiativen an beiden Hochschu-
len neben dem Kultusministerium auch an die Kommune gerichtet hatten, positiv
beantwortet. Anfang Juli 1969 entschied der Münchner Stadtrat, den Aufbau und
das notwendige Personal der beiden Einrichtungen durch finanzielle Zuschüsse
93 Stadtarchiv München, Bd. 742/1: Niederschrift über die 11. Sitzung des Stadtrates der Landes-
hauptstadt München vom 2. 7. 1969.
94 Stadtarchiv München, Bd. 742/2: Niederschrift über die 21. Sitzung des Stadtrates der Landes-
hauptstadt München vom 3. 12. 1969. – Nach dem bisherigen Stand der Forschungen zu den
Kinderläden handelt es sich hierbei um einen Präzedenzfall in der Bundesrepublik. Bisher war
nur für Frankfurt am Main nachgewiesen, dass eine Stadt die antiautoritäre Erziehung als Mo-
dell erprobte. Das Projekt begann hier aber erst 1972. Vgl. Schmid: Das Frankfurter Modell-
projekt Kita 3000.
95 Stadtarchiv München, Bd. 742/2: Niederschrift über die 21. Sitzung des Stadtrates der Landes-
hauptstadt München vom 3. 12. 1969.
96 Vgl. Rumschöttel: Vogel, S. 173; Vogels persönliche Erinnerungen an die Münchner Ereignisse
um „1968“, die er mit „Diskussionen und Demonstrationen“ überschrieb: Vogel: Amtskette,
S. 179–197.
97 Diese Einschätzung folgt: Hahnzog: Oberbürgermeister und Referenten, S. 253.
98 BayHStA, MK 74351: Schreiben des Stadtschulrats Anton Fingerle an das Kultusministerium
vom 30. 4. 1970; Stadtarchiv München, Bd. 743/68: Schulreferat: Fragestunde: Anfrage von
Herrn Stadtrat Hans Jürgen Jaeger vom 27. 5. 1970.
78 II. Die Politisierung des Privaten: Frauen und „1968“
treten. Deshalb sei die Familie, so die Schlussfolgerung, zunächst als „ziemlich
bürgerlich und somit suspekt“ abgestempelt worden.105
Angesichts der Erziehungsziele antiautoritär geführter Kindergärten106 mag
dieses Erlebnis wenig verwundern, setzte man doch bewusst darauf, dass Kinder
und Erwachsene befähigt werden müssten, „ihre Bedürfnisse, die häufig den ge-
sellschaftlichen Normen widersprechen, zu ermitteln, auszudrücken und durch-
zusetzen“. Deshalb hielt man die „Repressionsfreiheit“ – das bedeutete „freie
Sexualität, Nichtanpassung an bürgerliche Leistungsanforderungen, Solidarität,
kollektives Verhalten“ – hoch. Die Kinder sollten sich innerhalb ihrer Gruppe
weitgehend selbst organisieren, wobei die Erwachsenen lediglich helfend, nicht
aber als Autoritäten eingreifen sollten. Vielmehr waren die Eltern angehalten, sich
selbst in einem Verbund zusammenzufinden und „ihre eigenen Verhaltensweisen
[zu] überprüfen und [zu] reflektieren.“
Von den Müttern und Vätern wurde also viel erwartet, was sich auch in Proto-
kollen der Kinderläden über die Aufnahme neuer Kinder spiegelte: Die Eltern
sollten sich „aus ihrer kleinfamiliären Isolierung“ lösen und an dem „emanzipato-
risch wirkenden Selbstdarstellungsprozess“ im Elternkollektiv teilnehmen.107 Die
großen Hoffnungen konnten aber gerade hier leicht enttäuscht werden. So räumte
ein Bericht aus dem Akademiekindergarten „störende Faktoren seitens des Eltern-
hauses“ ein, die wiederum „durch psychische Konflikte der Eltern“ bedingt seien.
Außerdem sei die Fluktuation von Kindern, Eltern und den Bezugspersonen
groß.108
Dieses Problem zeigte sich 1970, also bereits nach rund zwei Jahren des Be-
stands und zu einem Zeitpunkt, als die „68er“-Revolte bereits abgeflaut war. Es
hat den Anschein, als ob sich dies auch auf die Mobilisierung von Eltern, die an
einer antiautoritären Erziehung ihrer Kinder interessiert waren, auswirkte. Die
studentische Selbstverwaltung der Kunstakademie stellte damals fest, dass nur
noch vier Kinder von Akademieangehörigen den so hart erkämpften Kindergarten
besuchten. Der AStA hob deshalb zur Kritik an den „individualistischen und
unpolitischen Eltern“ an, die es vorzögen, „ihr Kinderproblem auf traditionell
bürgerliche Weise zu lösen“, indem sie ihren Nachwuchs bei den Großeltern oder
in einer Pflegestelle unterbrächten und damit an „althergebrachten Zwangsmit-
teln“ festhielten.109
Die Unbeständigkeit des Kindergarten-Kollektivs führte der bereits erwähnte
Bericht aus der Akademie aber vor allem auf die Überbelastung der Eltern zurück.
Entgegen der anfänglichen Absicht, gerade den Müttern neue Freiräume zukom-
men zu lassen, beobachtete man, dass die Eltern über Beruf, Studium oder Ausbil-
dung hinaus auch noch drei Abende in der Woche für das Engagement im Kinder-
garten zur Verfügung zu stehen hätten.110 Wie viel Arbeit eine Elterngruppe mit
sich brachte, zeigte sich auch an den umfangreichen, teilweise minutiös protokol-
lierten Diskussionen zum Programm der Kinderbetreuung, bei denen man sich
Punkten wie Tagesablauf, Reinlichkeitserziehung, Konflikte unter den Kindern,
Spielen und Sexualität immer wieder in theoretischer Fundierung und anhand
praktischer Beispiele zu nähern suchte.111
Eine weitere Schwierigkeit stellte der Umgang mit der „freien Sexualität“ dar.
Für das Umfeld der Münchner Kinderläden lässt sich ein Vorfall belegen, der nach
heutiger Einschätzung eindeutig als Kindesmissbrauch zu bezeichnen ist. Damals
wurde darüber wenig kritisch diskutiert. Im Protokoll des Elterngesprächs wurde
lediglich festgehalten, dass „von einem Teil der Gruppe“ abgelehnt werde, infolge
von Zärtlichkeiten eines Kindes „zum Orgasmus zu kommen“.112
Trotz negativer Begleiterscheinungen hatte man aber auch Erfolge vorzuweisen.
Laut Bericht des Akademiekindergartens funktionierte die Mitarbeit der Eltern
insgesamt gut. Außerdem werde die Isolation des Einzelnen aufgehoben; es exis-
tiere sogar eine „breite Vertrauensbasis untereinander“. Nicht zuletzt würden sich
die Kinder gut entwickeln: sie seien „selbstbewusster und selbständiger gewor-
den“ und würden „bei Befehlen sofort rationale Erklärungen verlangen“.113
Hier zeigt sich, dass die antiautoritäre Erziehung vermutlich nie in Reinform
praktiziert wurde. Vielmehr sei man, wie es in einem späteren Bericht eines
Münchner Schülerhorts hieß, zu einem „repressionsarmen Erziehungsstil“ über-
gegangen, weil man sich die ursprünglich geplante Umgehung gesellschaftlicher
Normen doch etwas zu einfach vorgestellt habe.114 Auch im Akademiekindergar-
ten wurden „Freiräume“ nach wie vor großgeschrieben, doch müssten die Kinder
ebenfalls lernen, „sich als Teile unserer Gesellschaft zu verstehen“. Ohne Vor-
schul- oder Verkehrserziehung wollte man deshalb nicht mehr auskommen. Aller-
dings, und an dieser Maxime hielt man nach wie vor fest, müsse den Kindern die
Bedingtheit mancher Verhaltensregeln einsichtig gemacht werden, vor allem wenn
es um die „Unterordnung unter institutionalisierte Autoritäten“ gehe. Eindeutig
abgelehnt wurde weiterhin eine geschlechtsspezifische Erziehung.115
Mit dem Eintritt der Kinder in die Schule rief eben jene Praxis erhebliche
Schwierigkeiten hervor. Dort würden die Kinder, so die Beobachtungen der Erzie-
herinnen eines Schülerhorts, ein Rollenverhalten imitieren, das sie in den Kinder-
läden nicht gelernt hätten. In der Folge seien die Mädchen „ständigen Angriffen
110 BayHStA, MK 74351: Freier Kindergarten der Kunstakademie München e. V.: Bericht 1971
für das Schulreferat der Stadt München, Januar 1971.
111 Archiv der Münchner Arbeiterbewegung, Flugblattsammlung: Sozialreferat der Universität
München: „Kindergartenprogramm. Zusammenfassung der Diskussionen von Donnerstag
abends“ [vom 6. 3. 1969], 12 Seiten.
112 IfZ-Archiv, ED 899/5: Protokoll einer Besprechung der Erwachsenen über die Sexualität der
Kinder im Kindergarten vom 21. 3.[1973]. – Um welchen Kindergarten es sich handelte, geht
aus dem Protokoll nicht hervor.
113 BayHStA, MK 74351: Freier Kindergarten der Kunstakademie München e. V.: Bericht 1971
für das Schulreferat der Stadt München, Januar 1971.
114 IfZ-Archiv, ED 899/5: Praktikumsbericht zu einem Schülerhort in München [1975].
115 IfZ-Archiv, ED 899/5: Bericht über den Akademiekindergarten [1972/73].
2. Wider die Isolierung der Kleinfamilie: Kinderläden 81
und Diskriminierungen“ der Jungen ausgesetzt und wüssten sich nicht zu wehren.
Dieses Problem müsse man deshalb gesondert angehen.116
Es zeigte sich also, dass für die Kinder Kontakte zu anderen Gruppen dringend
notwendig waren, zumal, so lautete die Einsicht der Eltern, „unsere Kinder durch-
wegs aus demselben Milieu stammen.“117 Demzufolge handelte es sich bei den
Kinderläden um eine „Elitekultur“118, deren Grenzen nur bedingt durchlässig
waren, wofür sich auch in den Münchner Initiativen Spuren finden lassen. So
beschrieb sich die Basisgruppe der Universitätskindertagesstätte als „Studenten
mit und ohne Kinder, Psychologen, Kindergärtnerinnen und Architekten“.119
Auch für die Eltern des Akademiekindergartens galt eine gewisse Akademikerlas-
tigkeit: Mindestens ein Elternteil studierte laut Angabe des Vereins; andere Er-
wachsene seien entweder aufgrund ihres Studien- oder Ausbildungsschwerpunkts
Pädagogik oder „aufgrund ihres politischen Bewusstseins“ beigetreten.120
Die Kinderläden waren von der „68er“-Revolte getragen, mobilisierten die Tat-
kraft vieler Frauen und thematisierten dabei immer wieder auch die Beziehungen
der Geschlechter. Die Frage nach den Chancen und Grenzen des allgemeinen
gesellschaftlichen Wandels spielte dabei genauso einen Rolle wie der Geist des
außerparlamentarischen Protests.
In München konnten sich zwei Erziehungsinitiativen bis zu einem gewissen
Grad durchsetzen. Dafür bedurfte es der Vermittlung der Stadt beziehungsweise
eines bewährten Trägers der Jugendwohlfahrt, was neben der Relativierung durch
die Elterngruppen oder die Einschulung der Kinder ebenfalls dazu beitrug, dass
manche pädagogische Thesen in der Praxis gemäßigtere Formen annahmen. Aller-
dings darf die Reichweite der Kinderläden nicht überschätzt werden. Abgesehen
von mehreren kleineren privaten Initiativen gab es in München offiziell nur die
beiden dargestellten Einrichtungen an den Hochschulen. Dabei bot der Akade-
miekindergarten Platz für bis zu 30 Kinder. Er existierte bis 1978, wurde dann
aufgrund einer baulichen Erweiterung der Kunstakademie abgerissen und ging in
anderen Kindergärten auf.121 Die Kindertagesstätte an der LMU war anfangs für
60 bis 100 Kinder ausgelegt. Sie war die erste in den Universitätsalltag integrierte
Form der Kinderbetreuung, wie es sie an der LMU bis heute gibt.
Dennoch waren die Kinderläden am Ende der 1960er Jahre die Orte, an denen
bewusst nach Alternativen gesucht wurde: Traditionelle Beziehungen und Aufga-
benverteilungen zwischen Männern und Frauen, die Entwicklungsmöglichkeiten
von Müttern, vermeintlich private Angelegenheiten wie Kindererziehung und das
Verhältnis der Eltern zueinander und zu den Kindern wurden hier unter poli
tischen Gesichtspunkten diskutiert. Trotz aller Schwierigkeiten, die in einem
Kinderladen anfallen mochten, erlebten Frauen gerade hier, dass über die „68er“-
Revolte das gesellschaftliche wie das familiäre Umfeld einer grundlegenden Kritik
unterzogen und Veränderungen angestrebt werden konnten.
Es war diese Erfahrung und nicht nur das angeblich so schlechte Verhältnis zu
den Genossen, die bei manchen Frauen, die im Umfeld von „1968“ sozialisiert
worden waren, dazu führte, sich feministisch zu orientieren. Dies bestätigt auch
die Erinnerung der Münchnerin Birgit Daiber, die sich in den 1970er Jahren in der
Stadtteil- und Mütterarbeit engagierte. In den 1960er Jahren war sie Mitglied der
bereits erwähnten Subversiven Aktion gewesen, die sie in der Rückschau als „Män-
nerdiktat“ bezeichnet: Die Frauen seien in dieser Gruppe vor allem „Sekretärin,
Dekorateurin, Aktmodell“ gewesen, was sie habe resignieren lassen. „Erst die
Kinderladenbewegung […] erfasste mich wieder.“ Während sie vorher die Männer
nachgeahmt habe, sei es nun möglich geworden, „Fragen zu stellen – im Rahmen
der sich politisierenden Studentengruppen.“122
122 Kommentar von Birgit Daiber, in: Böckelmann/Nagel: Subversive Aktion, die Zitate S. 462,
464 f.
123 Marielouise Jurreit: Kampf gegen Unterdrückung und Monogamie, in: Twen vom 7. 7. 1969.
124 IfZ-Archiv, ED 914/40: KL-Info überregional. Sozialistische Kinderläden Westberlin und
BRD, Nr. 7 vom 7. 5. 1969.
125 Vgl. die Erinnerungsberichte in den Kapiteln zu den „wilden Jahren“: Schlumberger: Türken-
straße, S. 316–471.
126 Zur Sache, Schätzchen (BRD 1968), Regie: May Spils. Vgl. Fischer/Hembus: Neuer Deut-
scher Film, S. 41 f. Zum weiblichen Beitrag zum Neuen Deutschen Film vgl. Knight: Frauen
und der Neue Deutsche Film.
3. „Nicht mehr Pünktchen zwischen Männern sein“ 83
lebte und Mutter von zwei Kindern war. Zur Hochzeit der Revolte fiel in dieser
Konstellation die Entscheidung, eine Kommune zu begründen. Laut eigener Aus-
sage handelte es sich dabei um ein „Befreiungskonzept“, das den Frauen ein selbst-
bestimmtes Leben ermöglichen sollte und das die Wohnung als eine Art „Schutz-
raum“ vorsah, über den seine Bewohnerinnen allein verfügten.127 Insgesamt
fanden in der weiträumigen Sieben-Zimmer-Wohnung von der ersten Jahreshälfte
1968 bis zur zweiten Jahreshälfte 1969 sechs Frauen und zwei Kinder zusammen.
Die Frauen waren allesamt Anfang/Mitte 20 und – bis auf die Mutter der Kinder
– Studentinnen aus sozialwissenschaftlichen, sprachlichen und künstlerischen
Fachrichtungen, die sich in der Protestbewegung, teilweise auch als Mitglieder des
SDS, bei Demonstrationen, bei der APO-Rechtshilfe oder in der Kinderladenar-
beit engagierten.
Die Absichten der Frauenkommune waren (zunächst) keineswegs gegen das
männliche Geschlecht gerichtet. Vielmehr dienten die Männer des außerparlamen-
tarischen Protests als Vorbilder, denn im Tenor weiblicher Mündigkeit habe es
damals geheißen, so die ehemalige Kommunardin Adelheid Opfermann: „Wir
machen’s wie die Männer.“128 Auch waren Männer nicht als Mitbewohner aus
geschlossen, zumindest dann nicht, wenn es sich um „assoziierte Mitglieder“129
handelte – gemeint waren die Gefährten der Frauen. Erklärtes Ziel war die Eman-
zipation beider Geschlechter jenseits der Idylle romantischer Paarbeziehungen.
Dabei wollte man die Gesellschaft an dem Punkt treffen, „an dem sie am ver-
wundbarsten ist, nämlich in der Aufhebung der Kleinfamilie“.130
Die Frauenkommune glich in diesem auf Umsturz ausgerichteten Aktivismus
den Kommunen in Berlin. Sie standen in regem Austausch miteinander und be-
suchten sich auch gegenseitig.131 Die Berliner Kommune 2 formulierte ihre Kritik
ebenfalls – und unabhängig von den Geschlechtern – an der „bürgerlichen Familie“
als einer „Institution“, deren Herrschaftsstrukturen die Mitglieder in materielle
und psychische Abhängigkeiten setze, so dass diese vor allem ihre erotischen und
sexuellen Wünsche nicht befriedigen könnten. Das Resultat seien „labile, an in
fantile Bedürfnisse und irrationale Autoritäten fixierte Individuen.“ Davon wollte
man keinesfalls betroffen sein und ging daran, die „individuelle Isolierung in der
Verbindung von Privatsphäre und revolutionärer Politik“ zu überwinden. Der
„neuen Lebensform“ Kommune wurde damit „politische Bedeutung“ beigemes-
sen.132 In diesem Sinne trieben auch die Frauen aus München die „Vergesellschaf-
tung“ und das (auch sexuell) befreite Leben im Kollektiv voran. Wie sie erzählen,
127 Zur Entwicklung der Münchner Frauenkommune ein Hintergrundgespräch mit Adelheid
Opfermann vom 16. 10. 2008.
128 Hintergrundgespräch mit Adelheid Opfermann vom 16. 10. 2008.
129 Vgl. die Rückschau zweier ehemaliger Kommunardinnen: Schlumberger: Türkenstraße,
S. 432.
130 Modell einer matriarchalischen Gemeinschaft innerhalb der patriarchalischen Gesellschaft,
Programm der Frauenkommune München, September 1968, zit. nach: Mühlbauer: Strategie-
modelle der neuen Frauenbewegung, S. 227.
131 Was war denn da los, Frau Opfermann?, in: Süddeutsche Zeitung/Magazin vom 9. 3. 2001.
Hier ist ein Foto abgebildet, dass das Matratzenlager der K1 in Berlin/Moabit zeigt. Auf ihm
sitzen die Kommunardinnen und Kommunarden nackt, unter ihnen Vertreterinnen der
Münchner Frauenkommune.
132 Kommune 2: Kindererziehung in der Kommune, S. 148 f.
84 II. Die Politisierung des Privaten: Frauen und „1968“
haben die Kommunardinnen alles geteilt: „Geld, Männer weniger, aber Kleider
und Mobiliar“.133
Die Nähe zu „1968“ zeigte sich auch an der Lektüre, die man in der Kommune
zum großen Teil gemeinschaftlich durcharbeitete und diskutierte.134 Zum bevor-
zugten Lesestoff, der erwiesenermaßen einen wichtigen theoretischen Hintergrund
für die Entstehung der Frauenbewegung darstellte135, zählten nicht nur die
„Blauen Bände“ von Karl Marx und Friedrich Engels. Die Frauenkommune hielt
auch ein weiteres „Kultbuch“136 der antiautoritären Bewegung hoch: „Die Sexuel-
le Revolution“ von Wilhelm Reich. Der Autor, der seit den 1920er und 1930er
Jahren als Psychoanalytiker tätig war, machte einem freudomarxistischen Ansatz
folgend die Sexualität als einzigen Glücksspender der Menschen aus und plädierte
für ihre freie Entfaltung. Denn nur auf diese Weise könnten sich gesunde und so-
zial agierende Menschen entwickeln, die die Machtverhältnisse der kapitalistischen
Gesellschaft nicht länger akzeptierten.137
Die Glaubensgrundsätze von „1968“ waren damit für Geschlechterfragen an-
schlussfähig, die zunehmend politisch aufgeladen wurden. Das war in der Kom-
mune 1138, die vor allem von Männern getragen war, im Übrigen nicht anders.
Die politische Wohngemeinschaft glaubte beobachtet zu haben, dass die „Staats-
macht“ mit den männlichen Kommunarden härter ins Gericht ging als mit den
weiblichen. Diese Diskriminierung führte die Kommune 1 auf die gängigen Vor-
stellungen vom Wesen der Geschlechter zurück, die die „Mädchen“ als „nicht
zurechnungsfähig“ abstempelten. Deshalb ereiferte sich die Gruppe darüber, dass
die Umwelt ganz im Gegensatz zur Kommunerealität davon ausgehe, dass Frauen
keine Flugblätter machten und nicht politisch seien. Die Schlussfolgerung, die
manche Kommunardin wenig später wohl kaum mehr unterschrieben hätte139,
brachte es ironisch auf den Punkt: „Mädchen habens gut bei uns – ihnen passiert
nichts.“140
„1968“ setzte also ganz selbstverständlich auf die Teilnahme von Frauen, die
diese Gelegenheit auch zu nutzen wussten. Wie eine Münchner Kommunardin es
ausdrückte, wollten die Frauen „nicht mehr Pünktchen zwischen Männern“141
sein und taten es ihnen deshalb gleich. So sei man abends in die Lokale der Be-
wegung wie den Alten Simpl, den Bungalow oder das Chez Mago in Schwabing
gezogen und habe diese Orte der „Männerdominanzen“ für sich erobert. Bei den
Demonstrationen, etwa während der Osterunruhen im April 1968, seien Kom-
munardinnen „in den ersten Reihen“ gestanden und teilweise auch verhaftet
worden.142 Die Frauen setzten – ganz im „68er“-Geist – darauf, aufzufallen und
im Februar und im März 1969 vor Gericht standen149, den Rücken zu stärken,
verteilten die Kommunardinnen zum Beispiel ein Flugblatt, auf dem sie ankündig-
ten, die Verhandlungen zu sprengen, indem sie unbekleidet erscheinen würden.
Die Provokation lag nicht allein in einer potenziellen Störung der öffentlichen
Ordnung. Ganz im Sinne der sexuellen Revolution ging es den Kommunardinnen
vielmehr darum, der Jurisprudenz vor Augen zu führen, wie unterdrückerisch sie
agiere, weil sie „der ständigen sexuellen Frustration“ unterliege. Deshalb lautete
die Parole: „Nackte Frauen machen Richter frei“, die durch einen „Freispruch“
die Chance zur „freien Liebe“ erhielten.150
Die Wolldecken, die die Gerichtsdiener vorab besorgt hatten, um die Ordnung
im Gerichtssaal im Notfall wiederherzustellen, kamen allerdings nicht zum Ein-
satz. Es gab bei den Prozessen keinen Striptease, wie auch die Münchner Zeitun-
gen enttäuscht vermeldeten. Dennoch waren die Vertreter der Presse vom Auftritt
der Kommunardinnen angetan, denn einem Zeitungsartikel zufolge versuchte ein
„attraktives Aufgebot“ der APO, „die Justiz mit natürlichen Mitteln ein wenig aus
der Fassung zu bringen“. So hätten „etwa 20 malerisch gekleidete Demonstrantin-
nen zum Teil mit Kindern“ der Angeklagten „mit Blumen, Bonbons und durch-
sichtigen Blusen Schützenhilfe geleistet“.151
In ihrer Selbstbezeichnung, aber vor allem in einer Reihe von Zeitungsartikel
kamen diese Frauen oft scheinbar niedlich und harmlos als „APO-Mädchen“ da-
her. Doch ihre Aufsässigkeit und Extravaganz brachte die Vorstellungen davon,
wie sich Frauen (und Kinder) im öffentlichen Raum verhalten sollten, ins Wanken.
Dabei konnten sich die Frauen aber auch „gegen die eigenen Männer“ richten, wie
bereits ein zeitgenössischer Zeitschriftenartikel bemerkte. So seien die Kommu-
nardinnen bei einer Diskussion in der Rechtshilfe im AStA auf ein verabredetes
Signal hin über ein SDS-Mitglied hergefallen, dessen Monolog kein Ende genom-
men habe. Die Frauen hätten den kurzsichtigen Mann zunächst seiner Brille, dann
seiner Hose entledigt, wobei der Reißverschluss ziemlich geklemmt habe. Den
Frauen zufolgte war die Aktion erfolgreich: Die Genossen hätten „plötzlich ge-
merkt, dass ihr Gerede Scheiße war“.152 Den Kommunardinnen ging es also in
jedem Fall darum, ihren Positionen Ausdruck zu verleihen, und sie machten dabei
keineswegs vor den eigenen Reihen Halt. Dies zeigt auch das „Schweinchen-At-
tentat“: Hier stürmten die Kommunardinnen einen Keller, der von einer „SDS-
Splittergruppe“ bewohnt war, um die „vor sich hinschwadronierenden Genossen
mit rosa Plastikschweinchen“ zu bewerfen. Diese Auftritte führten ein bewe-
gungsinternes Gebaren vor, das die Kommunardinnen als mit den Ideen von
149 Vgl. zur strafrechtlichen Verfolgung von Delikten, die mit den Ereignissen um 1968 zusam-
menhängen, und die Reaktionen der APO-Aktivisten in München: Fürmetz: Protest oder
„Störung“?, S. 61–72.
150 Privatarchiv Adelheid Opfermann, Ordner 1968: Flugblatt „Nackte APO-Mädchen kämpen
[sic] für den Freispruch der Studentin und Striptease Tänzerin Adelheid Schuster Opfermann
[Feb. 1969].
151 APO-Mädchen machten keinen Striptease, in: Abendzeitung vom 1. 3. 1969; Ohne Robe und
oben ohne, in: tz vom 25. 2. 1969.
152 Marielouise Jurreit: Kampf gegen Unterdrückung und Monogamie, in: Twen vom 7. 7. 1969;
Hintergrundgespräch mit Adelheid Opfermann vom 16. 10. 2008; Schlumberger: Türkenstra-
ße, S. 433.
3. „Nicht mehr Pünktchen zwischen Männern sein“ 87
„1968“ unverträglich einstuften und vor allem den Männern zuschrieben. Denn
die Aussage war eindeutig: „Ihr seid die Schweine, haltet die Klappe.“153
Inwieweit Männer von den Aktionen der Kommunefrauen beeinflusst wurden,
ist anhand der Quellen schwer nachzuvollziehen. Für die Kommunardinnen stand
immerhin fest, dass sie nicht nur bei den Aktionen, sondern auch im Alltag jeg
liches „bürgerliche“ Verhalten überwinden wollten und die Männer davon keines-
falls unberührt bleiben sollten. So berichten zwei ehemalige Kommunardinnen
vom „Küchenproblem“, das sich „jeden Tag neu“ gestellt habe: Die Frauen hätten
nicht eingesehen, dass sie „den Besuchern und Männern als eine Art Hausgehilfin
schöne Stunden machen sollten“.154 Die Frauen haben eine geschlechtsspezifische
Arbeitsteilung also nicht hingenommen und sie in Frage gestellt. Gerade der inti-
me Umgang mit den Partnern schien so unüblich zu sein, dass er Männer zu
mindest verunsicherte. So beobachtete ein „assoziiertes Mitglied“ einem fast weh-
mütigen Erfahrungsbericht zufolge, dass sich eine Kommunardin längst anderen
Aufgaben widmete, während ein Mann in ihrem Bett lag, „der noch schlief, um
den sie sich aber gar nicht kümmerte, der auch einfach zu gehen hatte“.155
Frauen waren durchaus fester Bestandteil in der „68er“-Revolte und hatten de-
ren Mittel verinnerlicht. Das Vorbild, das sie der Gesellschaft, aber auch den Ge-
nossinnen und Genossen damit geben wollten, setzte auf eine Politik gegen her-
kömmliche Geschlechterverhältnisse, die durch Trugschlüsse und Enttäuschungen
sogar noch an Kontur gewann. So berichten die ehemaligen Bewohnerinnen der
Münchner Kommune davon, dass sie sich im Lauf der Zeit ausgebeutet gefühlt
hätten, und das weniger von den Frauen als von den Männern: Das kollektive
Leben habe es zum Beispiel zugelassen, dass die gemeinsame Telefonkasse, Lang-
spielplatten und Kleider verschwanden. Ganz im Widerspruch zur ursprünglichen
Idee hätten Gäste, namentlich das Kommunepaar Uschi Obermaier und Rainer
Langhans, nur für sich Lebensmittel gekauft und sich wie ein „kleinbürgerliches
Spießerpaar“ in ein Zimmer zurückgezogen. Die Bilanz einer Münchner Kommu-
nardin war nach solchen Erfahrungen ernüchternd: „Ich habe von keiner Gruppe
je soviel über Solidarität und Revolution gehört und so wenig dabei verwirklicht
gesehen.“156 Auch die Auswirkungen der „freien Liebe“ belehrten die Frauen eines
Besseren: Ihrer eigenen Einschätzung nach waren die Frauen in der APO nämlich
vor allem deshalb akzeptiert, „weil sie den Genossen ihre Bedürfnisse befriedigen“.
Zu Veränderungen führe dies aber nicht, denn „jeder Linke, der einen Schreibtisch
vorm Penis hat, benimmt sich gleich wie ein Bürokrat“, stellten die Kommunar-
dinnen resigniert fest.157
Außerdem fiel der Frauenkommune gerade über die bewusste öffentliche In
szenierung und Übertreibung ihres Lebensstils auf, dass sie Gefahr lief, sich von
den politischen Zielen dieser Lebensform zu entfernen. Wenn Kommunardinnen
153 Hintergrundgespräch mit Adelheid Opfermann vom 16. 10. 2008; Schlumberger: Türkenstra-
ße, S. 430.
154 Schlumberger: Türkenstraße, S. 425.
155 Privatarchiv Adelheid Opfermann, Ordner 1968: Erfahrungsbericht von G.C. über die
Münchner Frauenkommune [1969].
156 Schlumberger: Türkenstraße, S. 426.
157 Marielouise Jurreit: Kampf gegen Unterdrückung und Monogamie, in: Twen vom 7. 7. 1969.
88 II. Die Politisierung des Privaten: Frauen und „1968“
in den Zeitschriften Der Spiegel oder Freundin für die „Haschisch-Welle“ oder die
homosexuelle Liebe posierten158, gewannen sie dadurch Aufmerksamkeit. Doch
tat man dies unter anderem deshalb, um sich zu finanzieren, wobei sich die Skan-
dallust der Medien und der Wunsch nach Auffälligkeit seitens der Frauenkommu-
ne gegenseitig bedingten.159 So zeigt ein Bild in der Jugend-Zeitschrift Twen die
sechs Kommunardinnen in einer gestellten Szene vor einer roten Wand, auf der
der Schriftzug „Revolution“ prangt. Die Frauen selbst waren ganz in Schwarz ge-
kleidet, stark geschminkt und hielten (Spielzeug-)Maschinenpistolen in Händen;
vor ihnen spielt ein kleines Mädchen im weißen Kleid mit roten Stäben – ein
Symbol für Dynamit.160 Doch die Frauenkommune sprengte das System nicht.
Vielmehr, so eine der Akteurinnen im Rückblick, sei man sich darüber klar ge
worden, dass man Beziehungen und Gefühle nicht ausblenden könne und dass es
ein Irrglaube sei, dass allein eine freie Sexualität den Menschen zu einem sozialen
Wesen mache.161
Trotz geplatzter Illusionen ist die Frauenkommune als ein Weg, das Private im
Kontext von „1968“ zu politisieren, gerade aufgrund ihres experimentellen Cha-
rakters nicht unterzubewerten. Zudem finden sich hier Ansätze, die nicht nur für
eine Revolution in den Geschlechterverhältnissen stehen, sondern in denen sich
auch der allgemeine gesellschaftliche (Werte-)Wandel Bahn brach. Die Frauen-
kommune hat laut den Angaben einer ehemaligen Mitbewohnerin Paarbeziehun-
gen und traditionellen Familienstrukturen eine Absage erteilt, dabei im Sinne
weiblicher Selbstbestimmung auch den weiblichen „Gebärzwang“ analysiert und
für die homosexuelle Liebe gekämpft.162 Für die Frauen hat das Lebensmodell
eine wichtige Rolle gespielt. So sei man bewusst nicht dem Grundsatz „Frau zu-
hause, gebiert, ist folgsam, Mann hat in der Welt was zu tun“ gefolgt, sondern
habe studiert und sei selbständig gewesen.163
Dies erregte Aufsehen, zumal es sich, wie eine Zeitschriftenreportage 1969 fest-
hielt, um die „erste deutsche Frauenkommune“ handelte.164 Die Politisierung des
Alltags verstärkte dabei feministische Haltungen der Frauen: Zum einen, weil man
sich mit Dingen auseinandersetzte, die man bislang als privat abgetan hatte: Be
ziehungsprobleme, Hausarbeit oder Kindererziehung. Zum zweiten, weil man das
Lebensgefühl genoss: „Das Emanzipatorische war für die damalige Zeit etwas Un-
geheuerliches. Dass sich Frauen zusammentaten und Spaß hatten.“ Die Frauen
sahen sich als eingeschworene Gemeinschaft und bewunderten sich auch. Sie seien
„berührt und affiziert“ gewesen von den Mitbewohnerinnen, die sich über „diesen
158 Spiegel-Titel: „Die Haschisch-Welle“, in: Der Spiegel vom 10. 11. 1969; Report über lesbische
Liebe, in: Freundin vom Oktober 1969.
159 Zum Verhältnis von „1968“ und den Medien vgl. Fahlenbrach: Protestinszenierungen, v. a.
S. 165–236. Als Beispiel führt Fahlenbrach insbesondere die Kommune 1 als eine der öffentli-
chen Repräsentanten des Protests und die Jugendzeitschrift Twen als Medium der „Re-Insze-
nierung expressiver Protestcodes“ an.
160 Marielouise Jurreit: Kampf gegen Unterdrückung und Monogamie, in: Twen vom 7. 7. 1969.
161 Hintergrundgespräch mit Adelheid Opfermann vom 16. 10. 2008.
162 Privatarchiv Adelheid Opfermann, Ordner 1970–1980: Artikel von Adelheid Opfermann
[1977 oder 1978].
163 Schlumberger: Türkenstraße, S. 427.
164 Zumindest um die erste Frauenkommune, die eine derartige Medienpräsenz erhielt. Das Zitat:
Marielouise Jurreit: Kampf gegen Unterdrückung und Monogamie, in: Twen vom 7. 7. 1969.
3. „Nicht mehr Pünktchen zwischen Männern sein“ 89
Münchner SDS die Aktionen der Kommunardinnen an die „Peripherie der Bour-
geoisie“ verwiesen habe.170 Dennoch kam man nicht umhin zu bemerken, dass die
Frauenkommune ebenso wie die Gruppe um Helke Sander, der Frankfurter Wei-
berrat oder andere Emanzipationskreise etwas Besonderes darstellten: Hier schien
ein „neuer Feminismus“ am Werk, ersichtlich an der Art, wie die Frauen ihre Ar-
gumente vortrugen. Ungewohnt sei vor allem „der vehemente emotionale Protest
im Kampf um ein neues Selbstbewusstsein; das Gefühl sich solidarisieren zu müs-
sen wie in den Anfangszeiten der [ersten] Frauenbewegung.“171
Dass es im Kontext von „1968“ zu einem Aufbruch der Frauen in eigener Sache
gekommen war, machte auch die neue Frauenbewegung geltend. So hielt eine
Münchner Gruppe in der ersten Hälfte der 1970er Jahre über ihre eigene Ge-
schichte fest, dass die Frauenbewegung „speziell in München“ eine Entwicklung
„analog der Studentenrevolte“ durchlaufen habe, und nannte als Beispiel die
Frauenkommune. Allerdings hieß es herablassend, dass diese „linken Frauen“
ganz ohne theoretischen Ansatz, „durch averbale und exzentrische Auftritte in der
Öffentlichkeit“, auf ihre Lage aufmerksam gemacht hätten, um das „Machtmono-
pol der Männer in Sachen Politik und in der Familie“ in Frage zu stellen. Damit
hätten sie, ebenso wie die Kinderläden, zwar einen „Teilaspekt revolutionärer Pra-
xis“ abgedeckt, „jedoch ganz im Rahmen traditioneller fraulicher Bereiche“.172
Die Suche nach einem feministischen Selbstverständnis hatte also bereits begon-
nen – und zwar in Anlehnung an „1968“. Die Kritik an der Frauenkommune ist
dabei wohl am ehesten der Tatsache geschuldet, dass die Frauenbewegung der
1970er Jahre darüber uneins war, was Feminismus bedeutete, und auch nach einer
Rechtfertigung der eigenen Existenz verlangte. Für eine andere Münchner Femi-
nistin war die feministische Grundtendenz der Frauenkommune nämlich eindeu-
tig: Sie habe „die Männergesellschaft im allgemeinen und die Verhaltensweisen der
jeweiligen Männer im besonderen“ angegriffen. Dies sei „zunächst nicht im
Namen einer legitimierenden Emanzipationstheorie“ geschehen, die erst mittels
der Erfahrungen in den Aktionen entwickelt worden sei. Um das „männliche
Leistungsprinzip“ zu negieren, habe die Frauenkommune alle Lebensbereiche
erotisiert. Damit verbindet die Autorin eine Strategie, die den weiblichen Anliegen
letztendlich nutzen sollte, da die Frauenkommune „verknöcherte Würdenträger“
mit Weiblichkeit und Lust konfrontierte: „Muffiger Männerstolz sollte gewisser-
maßen unter der Gürtellinie verletzt und die Reaktion der gereizten Herren der
Lächerlichkeit preisgegeben werden.“173
Indem sie sich der Methoden des „68er“-Protests bediente, wurde die Frauen-
kommune zu einer der frühen Repräsentantinnen der neuen Frauenbewegung.
Freilich gilt diese Feststellung nicht nur für die Aktionsformen, sondern auch für
die Alltagspraxis der Frauenbewegung: Denn die Kommune wurde als (Frauen-)
Wohngemeinschaft zu einer wichtigen Lebensform feministisch engagierter Frauen.
Darin spiegelt sich letztendlich ein grundlegender gesellschaftlicher Wandel, infol-
170 Marielouise Jurreit: Kampf gegen Unterdrückung und Monogamie, in: Twen vom 7. 7. 1969.
171 Ebd.
172 IfZ-Archiv, ED 899/8: Thesenpapier „Vorstellung des Projekts ‚Frauenarbeit‘ als Einführung
der Übungsproblematik“ [1. Hälfte der 1970er Jahre].
173 Mühlbauer: Strategiemodelle, S. 224 f.
4. „Bis die Frauen aufgewacht sind“ 91
[…] Ich habe viel dabei gelernt.“ „1968“ bildete damit sowohl durch seine Theorie
als auch durch seine Praxis eine entscheidende Maßgabe (auch) für seine Aktivis-
tinnen, „bis“, wie die Zeitzeugin meinte, „die Frauen aufgewacht sind.“178
Unter diesem Aufwachen ist aber weniger ein abrupter Bruch oder ein konkret
fassbarer Neuanfang zu verstehen. Die ersten Frauengruppen in München, bei
denen sich auch Rita Mühlbauer engagierte, sind Beispiele dafür, dass die frühe
Frauenbewegung nicht allein ein Reflex auf die Revolte war. Vielmehr handelte es
sich dabei um eine Reflexion des gesellschaftlichen Wandels ebenso wie der poli
tischen Unruhe am Ende der 1960er Jahre: Bei vielen Frauen (und manchen
Männern) setzte ein Bewusstwerdungsprozess ein, der sich immer stärker auf die
Geschlechterverhältnisse bezog.
Anhand der Quellen ist diese Entwicklung allerdings nicht ohne Schwierigkei-
ten nachzuvollziehen, weil nur wenig Material überliefert ist. Meist handelt es sich
dabei um kurze Notizen oder Rückschauen der weiblichen Beteiligten. So fanden
sich auch für München lediglich Splitter, die meist relativ unspezifisch und zum
Teil kaum unterscheidbar von Arbeitskreis Emanzipation, Basisprojektgruppe
Emanzipation der Frau oder unspezifisch von „Frauengruppen“ sprechen.179 Zeit-
lich sind diese Unternehmungen in den Jahren 1968 und 1969 zu verorten, als
Umfeld ist die Außerparlamentarische Opposition genannt, vor allem an der
LMU, der Kunstakademie oder im Republikanischen Club180.
An allen Münchner Vorhaben hatten anfangs Frauen wie Männer Anteil. Glaubt
man den Berichten mitwirkender Frauen, zeitigte dieses gemeinsame Interesse
aber kaum Erfolge. Allem Anschein nach hing dies mit einem geschlechtsspezifi-
schen Verständnis von Emanzipation zusammen. Während es Frauen eher allum-
fassend um den Menschen ging, sie also auch Männer als „Opfer ihrer Erziehung“
betrachteten, die sich emanzipieren müssten, nahmen die Männer dieses Anliegen
nicht sonderlich ernst und begriffen Emanzipation zuvorderst als Sache der
Frauen. So kam es zu Reibereien: „Jeder äppelte rum“, erinnerte sich ein weib
liches Mitglied einer Gruppe. Schon bei der ersten Sitzung sei es zu einer „Front-
stellung“ gekommen, die bereits an der Sitzordnung abzulesen gewesen sei: „hier
die Männer, da die Frauen“.181 Manche Genossen hätten sogar „ungeheuer aggres-
siv reagiert“, so eine andere Zeitzeugin, und das obwohl sie bei Treffen durchaus
willkommen gewesen seien, „sofern sie ein glaubhaftes Motiv nennen konnten“.
Ein Beweggrund für die wenigen Männer, die zu Beginn mitgemacht hätten, sei
178 Zitate nach den Erinnerungen von Rita Mühlbauer in: Schlumberger: Türkenstraße, S. 405 f.
179 Nennungen z. B. bei Schlumberger: Türkenstraße, S. 406; Marielouise Jurreit: Kampf gegen
Unterdrückung und Monogamie, in: Twen vom 7. 7. 1969; Runge: Riß, S. 136; Jäkl: Kleine
radikale Minderheit, S. 148; BayHStA, MK 51411, Zusammenstellung des AStA der Kunst-
akademie „Dokumentation zu den obrigkeitsstaatlichen Maßnahmen der Kultusbürokratie“
vom Sommer 1969.
180 Der Republikanische Club wurde im April 1967 in West-Berlin gegründet; eine ähnliche Un-
ternehmung, für die bisweilen auch der Name „Club Voltaire“ auftaucht, bestand in Mün-
chen. Die Form eines uneigennützigen Clubs sollte den sich der APO zurechnenden Gruppen
und Personen vor Ort Möglichkeiten geben, sich zu treffen, politische Fragen zu diskutieren
und gemeinsame Aktionen zu planen. Vgl. Seeliger: Die außerparlamentarische Opposition,
S. 104–107; Republikanischer Club. Rundschreiben 2. Anfang März 1968, in: Bauer: Nach-
richten aus der Provinz 1968, S. 17 f.
181 Marielouise Jurreit: Kampf gegen Unterdrückung und Monogamie, in: Twen vom 7. 7. 1969.
4. „Bis die Frauen aufgewacht sind“ 93
etwa gewesen, die Freundin besser zu verstehen. Dabei wurden von den Männern
mitunter recht eigenwillig anmutende Analogien gezogen. So begründete ein Teil-
nehmer sein „Engagement“ mit der Tatsache, dass es ihm schließlich auch genutzt
habe, zu lernen, wie ein Motor funktioniere. Anders als im geschilderten Fall er-
hielt der Mann offensichtlich nicht den erwünschten Schlüssel zum Verständnis
der Frau: Jedenfalls erschien er Berichten einer Zeitzeugin zufolge zu den Sitzun-
gen der Gruppe „kein zweites Mal“.182
Aufgrund dieser Erzählungen ist davon auszugehen, dass in einigen Gruppen
Männer trotz anfänglichem Interesse den Frauen das Feld überließen. Frauen
haben sich also nicht ausschließlich in bewusstem Rückzug und im Alleingang
geschlechtsspezifischen Anliegen zugewandt, die die Revolte angeblich unberück-
sichtigt ließ, wie dies beispielsweise Helke Sander für den Aktionsrat der Befrei-
ung der Frauen und den SDS beschrieb.183 Unabhängig davon, wie unterschiedlich
Männer und Frauen im Einzelfall reagiert haben mochten, lässt sich dennoch fest-
stellen, dass Frauen der Außerparlamentarischen Opposition ihre Situation als
Angehörige des weiblichen Geschlechts immer schärfer in den Blick nahmen. Die
Antwort auf die Frage, welche Rolle dabei das Gegenüber – „der Mann“ – ein-
nahm, blieb unentschieden und ließ sich auch nach eigenen Aussagen nicht einfach
auf „Unterdrücker“ oder „Kampfgefährte“ reduzieren.184
Inwieweit die Frauen, die Gruppen ins Leben riefen, diese Beziehungsfrage be-
reits stellten, ist ohnehin fraglich. Darüber hinaus bleibt offen, ob es von Anfang
an ein politisches Selbstverständnis über weibliche Lebenslagen gegeben hat. Zeit-
zeuginnen berichten, dass sich die Frauen zunächst verbunden gefühlt hätten,
„weil sie Hilfe brauchten“.185 Sie seien in den Kneipen oft zusammengestanden
und hätten „angefangen zu reden“.186 Die Treffen hatten Zulauf und wurden häu-
figer, es habe teilweise sogar „richtige Metastasen“ gegeben: „Man hat Erfahrun-
gen ausgetauscht und vor anderen zum ersten Mal so richtig ausgepackt. Das hat
man üben müssen, richtig üben.“187
Von diesen Gesprächszirkeln profitierten Frauen mindestens in zweierlei Hin-
sicht: Zum ersten lernten sie, ihre unmittelbaren Probleme zu verbalisieren, zum
zweiten stellten sie frauenspezifische Anliegen dadurch in größere Zusammenhän-
ge. Dies war eine wichtige Bedingung zur eigenständigen Formulierung feministi-
schen Gedankenguts. Allerdings ist zu vermuten, dass sich die Frauen in diesem
frühen Stadium der möglichen Tragweite ihres Handelns noch nicht bewusst wa-
ren, zumal sie es als einen von außen abgeschirmten Selbstbezug und deshalb nicht
notwendigerweise als politisch verstanden. So ist noch in einem Protokoll vom
Januar 1971 überaus bescheiden festgehalten, dass man erst ein „Programm aus
arbeiten und schriftlich festlegen müsse“, bevor man in die Öffentlichkeit gehen
könne.188
konnten, weil sie für die Kinder da sein mussten“, „Studentinnen, die begreifen
wollten, was ihre Rolle ist“ und die „wenigen“, „die ihr eigenes Geld verdienten“,
also berufstätig waren.192
Andere Gruppen waren bei weitem kleiner, verfügten aber über Ausbaupoten-
zial: So hätten sich an der Kunstakademie zu den „10, 15 Akademiefrauen“ bald
„die Kunsthistorikerinnen der Uni“ gesellt.193 Dagmar Seehuber-Przytulla, die
nach ihrer Kommune-Zeit in Berlin wieder nach München zurückgekehrt war
und im Sommer 1968 einen Arbeitskreis für Emanzipation ins Leben rief, sprach
von „acht bis zehn Leuten, die da mitmachten.“194 Ihr Name findet sich wenig
später bei Genossin Blaustrumpf wieder, die ausschließlich aus Frauen bestand und
bei den Treffen zwischen zehn und zwölf Teilnehmerinnen vermerkte. Als Inte
ressentin hatte sich auch Erika Runge eingetragen. Aus den Protokollen der
Genossin Blaustrumpf geht hervor, dass die Mitglieder vorwiegend studierten oder
berufstätig waren.195 Die vor allem aus der Soziologie stammenden Frauen woll-
ten insbesondere die Lage von Sekretärinnen untersuchen.
Nicht selten angeregt durch die allgemeine Protestbewegung setzten sich in
München Frauen um 1970 also immer nachhaltiger mit ihrer eigenen Situation
auseinander. Sie taten dies bereits in einem Verbund, in dem man sich kannte,
Kontakt untereinander hielt und sich austauschte. Von den Pionierinnen profitier-
ten auch jüngere Gruppen: Eine von ihnen hielt anlässlich ihrer Gründung im
März 1971 fest, dass man bereits Ansatzpunkte vorgefunden hätte, zum Beispiel
die „etwa sechs Frauen“ in der Bauerstraße (die Fortsetzung der Frauenkommu-
ne), den „Akademiekreis“ und „noch einige andere“.196
Was bewog nun aber diese Gruppen, „Frauenfragen“ hochzuhalten und die
Themen zu verstetigen? Am Anfang scheinen häufig Unsicherheiten im unmittel-
baren Umfeld und das Streben nach individueller Befreiung gestanden zu haben.
So berichteten Mitglieder früher Gesprächskreise, dass es um „psychologische
Themen“197 gegangen sei, etwa in Beziehungen. Eine Frau nannte als Anlass, sich
zu einer Frauengruppe zu gesellen, zum Beispiel die „gravierende Untreue eines
Partners“198, eine andere eine schwierige Trennung, die ihr vor Augen geführt habe,
dass sie und ihr Partner kein „emanzipiertes Verhältnis“ gehabt hätten und sie
selbst entgegen den eigenen Vorstellungen auch „nie souverän und autonom gewe-
sen“ sei.199 Neben Motive, die „durch persönliche Probleme in Zweierbeziehun-
gen“ entstanden waren, standen die Auseinandersetzung mit einer „erfahrenen Zu-
rücksetzung“ etwa in der Ausbildung und der Wunsch, es manchen „Vorbildern
aktiver Gruppen in USA, Holland, England, Frankfurt, Berlin“ gleichzutun.200
201 IfZ-Archiv, ED 899/8: Thesenpapier „Vorstellung des Projekts ‚Frauenarbeit‘ als Einführung
der Übungsproblematik“ [1. Hälfte der 1970er Jahre].
202 Marielouise Jurreit: Kampf gegen Unterdrückung und Monogamie, in: Twen vom 7. 7. 1969.
203 Schlumberger: Türkenstraße, S. 406.
204 Jäkl: Kleine radikale Minderheit, S. 148.
205 IfZ-Archiv, ED 899/8: Thesenpapier „Vorstellung des Projekts ‚Frauenarbeit‘ als Einführung
der Übungsproblematik [1. Hälfte der 1970er Jahre].
206 Vgl. Hemler: München ’68 – war da was?, S. 132–135.
207 Schlumberger: Türkenstraße, S. 406.
208 Jäkl: Kleine radikale Minderheit, S. 148.
4. „Bis die Frauen aufgewacht sind“ 97
209 IfZ-Archiv, ED 899/6: Protokoll der Wochenendsitzung der Frauengruppe am 20./21. 3. 1971.
210 Ebd.
211 Vgl. dazu Kap. III.2.a.
212 Runge: Riß, S. 136.
98 II. Die Politisierung des Privaten: Frauen und „1968“
213 Vgl. LMU: Personen- und Vorlesungsverzeichnis für das Wintersemester 1966/67, München
1966, S. 138, 203 f.
214 Beide Arbeiten als Kopie zu finden in: IfZ-Archiv, ED 900/284; Elfriede Bode: Gebremste
Emanzipation? Die soziopsychologische Situation der Frau an den Universitäten, in: Gewerk-
schaftliche Monatshefte 19 (1968) H. 7, S. 410–418; Eleonore Romberg: Die sozio-psychologi-
sche Situation der Frau an der Universität, unveröffentlichte Magisterarbeit o. D. der Hohen
Philosophischen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität zu München.
215 Vgl. den Beitrag zu Elfriede Bode in: Pilwousek: Münchner Gewerkschafterinnen, S. 13–33;
zu Eleonore Romberg (1923–2004): Interview in: Krafft: Münchner Frauen, S. 435–447; spezi-
ell zu Rombergs Tätigkeit in der „Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit“ seit
1956: Hertrampf: Feministisches Denken internationaler Aktivistinnen, S. 271–274.
216 Eine Literatur-Auswahl zu diesem Thema: Schelsky: Skeptische Generation; Bude: Flakhel-
fer-Generation; Moses: Die 45er, S. 233–263.
4. „Bis die Frauen aufgewacht sind“ 99
217 Vetter: Zur Lage der Frau an den westdeutschen Hochschulen, S. 644 ff.; Gerstein: Studierende
Mädchen; Felgenträger: Zur Situation weiblicher Hochschullehrer, S. 9–23.
218 Vgl. zum Inhalt Kap. I.
219 Vgl. LMU: Personen- und Vorlesungsverzeichnis für das Wintersemester 1969/70, München
1969; LMU: Personen- und Vorlesungsverzeichnis für das Sommersemester 1972, München
1972, S. 141.
220 IfZ-Archiv, ED 900/362: Teilnehmerliste des Diplomanden-Seminars vom Sommersemester
1971 bei Horst Holzer.
221 Vgl. zur Wissenschaftsgeschichte: Gerhardt: Soziologie im zwanzigsten Jahrhundert, zu den
1960er Jahren v. a. S. 231–277.
222 Universitätsarchiv München, Puffer-Ordner 1: Zwei Verlautbarungen Karl Martin Boltes an
die Studierenden der Soziologie an der Universität München vom Juni 1969 unter den Stich-
wörtern „Frustrierte Gesellschaft – Frustrierte Münchner Soziologen“ und „Gegen repressive
Reformer und Utopisten“. Die Münchner Soziologie führte 1968 auch einen halbparitätisch
besetzten Institutsrat ein und ging damit sogar weiter als die Soziologie in West-Berlin oder
Frankfurt am Main. Herzlichen Dank an Anne Rohstock für diesen Hinweis.
100 II. Die Politisierung des Privaten: Frauen und „1968“
ner Frauengruppen finden, setzten sich dabei mit dem Wandel und seiner Ambiva-
lenz, insbesondere aber mit den negativen Auswirkungen für Frauen auseinan-
der.223 Eine Reihe von Diplom-, Magister- und Doktorarbeiten macht deutlich,
dass die Situation von Frauen unter den Studentinnen seit der zweiten Hälfte der
1960er Jahre auf großes Interesse stieß. Die bearbeiteten Themen lauteten etwa
„Die Frau in den Parteien und Parlamenten Westdeutschlands“ (1967), „Die
Problematik der Emanzipation der Frau in Familie, Beruf, Gesellschaft“ (1969),
„Elemente der sozialen Rolle der Frau als Determinanten geschlechtsspezifischer
Berufsmöglichkeiten“, „Frauenbefreiungsbewegung in den USA, England und der
BRD seit 1967“ (beide 1972) oder „Interessenwahrnehmung weiblicher Arbeit-
nehmer“ (1974).224
Das Studium der Soziologie, aber auch der Politikwissenschaft oder der Psy-
chologie hat zweifellos viele Studentinnen dazu angeregt, sich intellektuell mit der
Situation von Frauen auseinanderzusetzen und sie kritisch zu hinterfragen. Dies
deckte sich bisweilen mit Aktivitäten der Studentenbewegung, etwa wenn die
Fachschaft Soziologie 1968 dazu aufrief, sich in Betriebsbasisgruppen zu engagie-
ren. Studierende konnten dabei über ihren Tellerrand hinausschauen: Sie sollten in
Münchner Unternehmen arbeiten und mit Arbeitern, Arbeiterinnen und Ange-
stellten über die Lage der bundesdeutschen Gesellschaft sprechen, um eine empi-
rische Grundlage zu erhalten, die es ihnen erlaubte, „zu reflektieren, [zu] diskutie-
ren und eine allgemeine Orientierung zu erlangen“. Es ging dabei zum Beispiel
um das Selbstverständnis bestimmter Gruppen und seine Darstellung in den Me-
dien, Interessenvertretung oder betriebliche Mitbestimmung. An diesem Modell
für ein selbsttätiges und selbstorganisiertes Lernen beteiligten sich auch viele So-
ziologinnen, die sich wenig später in Frauengruppen engagierten, etwa Hannelore
Mabry oder Sieglinde Tömmel.225
Die Soziologie hat damit, obwohl sie in den oberen Rängen männlich geprägt
war, Frauen zu Kritik und Gestaltung ermuntert und dabei auch Verbindungen zu
deren eigener Situation zugelassen. Damit bot das Fach eine wichtige Vorausset-
zung für die Entstehung der Frauenbewegung der 1970er Jahre. So hielt zum Bei-
spiel Sieglinde Tömmel unter der Federführung von Professor Francis im Winter-
semester 1972/73 und im Sommersemester 1973 ein Seminar226, das sich explizit
mit der „Frauenemanzipation“ beschäftigte. Ausgangspunkt war dabei eine von
der Seminarleiterin beobachtete Diskrepanz. Ihrer Ansicht nach werde in den Me-
dien vermittelt, dass die weibliche Emanzipation unaufhaltsam sei. Demgegenüber
müsse allerdings festgestellt werden, dass Frauen schon für „beschränkte Forde-
223 IfZ-Archiv, ED 900/345–362: Studienunterlagen und Skripten von Hannelore Mabry, die von
1968 bis 1972 an der LMU Soziologie studierte.
224 Dies ist eine Auswahl an Titeln aus Zusammenstellungen in: IfZ-Archiv, ED 899/19: Liste
„Diplom- und magisterarbeiten am soziologischen institut ab 67 zum thema frau“, o. A., o. D.;
Spazierer/Dombrowski: Bibliografie, Bd. 1: unveröffentlichte Arbeiten zu frauenspezifischen
Themen: Diplom-, Magister-, Seminar- und Zulassungsarbeiten. Dissertationen und Referate,
München 1976.
225 IfZ-Archiv, ED 900/363: Informationsbroschüre der Fachschaft Soziologie vom 28. 6. 1968.
226 Hier und im folgenden: IfZ-Archiv, ED 900/362: Thesenpapiere des Seminars Tömmel/Fran-
cis „Frauenemanzipation“ im Wintersemester 1972/73; LMU: Personen- und Vorlesungsver-
zeichnis für das Sommersemester 1973, München 1973. Hier wird erneut eine Veranstaltung
zu „Soziologische Aspekte der Frauenemanzipation“ angeboten, vgl. S. 228.
4. „Bis die Frauen aufgewacht sind“ 101
sowie die Motivationen und Leitideen der Zusammenschlüsse, aber auch die Un-
terschiede nach. In einem weiteren Schritt werden zwei inhaltliche Schwerpunkte
erläutert, denen sich (fast) keine Frauengruppe, die in der ersten Hälfte der 1970er
Jahre aktiv war, entzog und die eine erhebliche Mobilisierungs- und Partizipie-
rungsgrundlage für Frauen und ihre – bisweilen andere – Sicht der Dinge dar
stellten. Es handelt sich dabei um den Kampf gegen Paragraf 218 StGB sowie die
Praxis der Selbsterfahrung und der Selbsthilfe.
1. Organisationen
3 IfZ-Archiv, ED 899/7: Adressliste der auf dem Bundesfrauenkongress am 11./12. 3. 1972 anwe-
senden Gruppen; IfZ-Archiv, ED 914/41: Bericht einer Münchner Frauengruppe im Vorfeld
eines Frauentreffens in München [1973]; FrauenMediaTurm, Pressedokumentation 1968–1981:
Protokoll des Frauentreffens in München am 10./11. 2. 1973 mit der Vorstellung der repräsen-
tierten Gruppen, Papier „Gruppen, die auf der Delegiertenkonferenz am 5./6. Mai [1973] in
Frankfurt waren“.
4 IfZ-Archiv, ED 899/6: Überblick über „Vorläufige Termine, Treffpunkte und Teilnehmer der
Untergruppen“ [der RFF von 1970]. Mit den Quellen decken sich zumindest weitgehend auch
die Rückschauen von: Schwarzer: So fing es an!, S. 21 ff.; Jäkl: Kleine radikale Minderheit,
S. 147 f.
1. Organisationen 105
ven Bedingungen“ – ein weiterer Hinweis darauf, wie wichtig manchen weiblichen
APO-Angehörigen ihre politische Heimat war, was allerdings nicht ausschloss,
dass sie innerhalb dieses Rahmens eigene Positionen formulierten.5
Das Vorhaben der Roten Frauenfront stieß zunächst auf unerwartet hohe Reso-
nanz: Die damalige Studentin Barbara Riedmüller berichtet, dass auf eine von ihr
und einer Studienkollegin verteilte Einladung hin 150 Frauen im AStA erschienen
seien, und das, obwohl noch gar kein Programm existiert habe.6 Dieser Überra-
schungserfolg war allerdings nicht aufrechtzuerhalten: Über den Sommer 1970
wurden „bis zu 30 immer wieder andere Frauen“ bei der freitäglichen Zusammen-
kunft gezählt. Der feste Kern setzte sich nach einer Analyse vom Frühjahr 1971
lediglich aus etwa 15 Mitgliedern zusammen. Wichtig war den Initiatorinnen bei
ihrem Unterfangen, Frauen außerhalb der Universität anzusprechen. Dies gelang
auch, denn während die Gruppe in den Anfängen „überwiegend aus Studentin-
nen“ bestanden habe, seien wenig später „zeitweilig Berufstätige in der Mehrzahl“
gewesen.7
Frauen in Lohn und Brot stellten die eigentliche Zielgruppe dar, die man als
breite Trägerschicht einer „Frauenfront“ anvisierte. Denn erwerbstätige Frauen
erschienen als Sinnbild für eine doppelte Benachteiligung der weiblichen Bevölke-
rung, die die Gruppe bereits bei einem der ersten Treffen in einer „ökonomischen
Unterdrückung“ ausmachte, die wiederum „durch Verinnerlichung bestimmter
Verhältnisse“ fortgesetzt werde. Freilich musste dieses Konzept erst noch unter-
füttert werden. Wissenschaftliches Interesse und agitatorischer Eifer standen in
einem dynamischen Verhältnis, als sich die Frauen daran machten, die Lebensum-
stände der weiblichen Bevölkerung zu erschließen.
So fiel den Angehörigen der Gruppe zum Beispiel auf, dass man entgegen klas-
sischer sozialistischer Argumentationen „Kapital“ und (Frauen-) „Arbeit“ nicht
nur in Fabriken, sondern auch im Handel- und Dienstleistungssektor berücksich-
tigen müsse, in dem Frauen in der Gegenwart „hauptsächlich“ beschäftigt seien.
Die Rote Frauenfront nahm den gesellschaftlichen Wandel also durchaus wahr
und reagierte darauf, indem sie ihn zunächst einmal zu erfassen suchte. Entspre-
chende Informationen gedachte der Verbund von bundesdeutschen Institutionen
wie dem „Deutschen Dachverband für Frauenorganisationen“ – der Titel Frauen-
rat8 war allem Anschein nach unbekannt –, den Arbeits- und statistischen Landes-
ämtern, aber auch aus der Wissenschaft, insbesondere den Diplomarbeiten am so-
ziologischen Institut an der LMU, zu erhalten. Die dadurch erworbenen Kennt-
nisse sollten wiederum in eine „Anfängerübung“ des Faches Soziologie eingespeist
werden, um so zu einem „kritischem Verständnis und [einer] eventuellen Ent-
wicklung eines eigenen Projekts“ zu gelangen.9
Obwohl die Roten Frauen damit einer gewissen Langfristigkeit des Unterneh-
mens das Wort redeten, hatte die Gruppe intern große Schwierigkeiten, ihre Ar-
beit zu verstetigen. Es gebe, so ist in den Sitzungsprotokollen immer wieder zu
lesen, Artikulations- und Autoritätsprobleme. Bremsend wirkten sich aber vor al-
lem die große Fluktuation und die Heterogenität der Teilnehmerinnen aus. Die
Rote Frauenfront meinte dabei aber nicht die Tatsache, dass ein Teil der Frauen
studierte und der andere berufstätig war. Eventuell darauf beruhende Unterschie-
de wies man sogar dezidiert von sich, sah man sich doch bereits durch ein Be-
wusstsein verbunden, das die Lage aller Frauen auf einen gemeinsamen Nenner
brachte, nämlich: „die grundlegende Erfahrung als Unterprivilegierte im jeweili-
gen Arbeits- bzw. Studienbereich“.10
Dennoch musste die Rote Frauenfront einräumen, dass ihre Mitglieder biswei-
len an verschiedenen Strängen zogen. Die Gruppe führte dies auf zwei unter-
schiedliche Beweggründe zurück, die Frauen dazu brächten, sich mit ihrer „Pro
blematik“ auseinanderzusetzen. Genannt wurde dabei einerseits ein „subjektives
Bedürfnis“, die eigene Lage zu verändern, andererseits die Erwartung einiger
Frauen, die „das Frauenproblem im Zusammenhang [mit] ihrer bisherigen politi-
schen Arbeit sehen“.11
Die Notwendigkeit, diese beiden unterschiedlichen Motivationen auszubalan-
cieren, spiegelten sich auch in der organisatorischen Entwicklung der Gruppe: In
den ersten Monaten ihres Bestehens bildete die Rote Frauenfront mehrere Unter-
gruppen, die sich über regelmäßige Treffen eines Plenums koordinierten und sich
zuvorderst über eine linke Kampfrhetorik verbanden, wovon nicht nur die Selbst-
bezeichnung der Gruppe zeugte. Auf Informationszetteln wurde in Parolen die
„Befreiung der Frau und aller Unterdrückten“ zum Ziel erhoben und die „Frauen
solidarität“ neben die „Solidarität mit allen Ausgebeuteten“ gestellt. Außerdem ist
von einer „Zerschlagung des Systems“ die Rede, die „in den Fabriken, Schulen,
Universitäten, Krankenhäusern, Familien“ ihren Ausgang nehmen sollte.12 Ent-
sprechend findet man in den Sitzungsprotokollen die Zahl von fünf Unter
gruppen, namentlich werden allerdings nur zwei Bereiche – „Gesundheitswesen
(Krankenschwestern)“ und „Schulwesen (Lehrerinnen)“ – genannt.13 Eine solche
Einteilung versprach Erfolg, weil man damit diejenigen Frauen direkt erreichte,
die „vom Berufsleben her, wo man isoliert steht, frustriert“ seien und deshalb po-
litische Veränderungen anstrebten.14
Allerdings war es alles andere als einfach, trotz des revolutionären Ansinnens
nicht in einen „anekdotischen Erfahrungsaustausch“15 oder „in eine pseudo-ge-
werkschaftliche Richtung“16 abzudriften. So lautete zumindest die Kritik derjeni-
len zur Münchner Frauenbewegung gelegentlich wieder auftauchen. Bis auf Hin-
weise, dass es sich häufig um Hochschulangehörige aus dem Umfeld der Soziolo-
gie gehandelt haben muss und bei den Begegnungen die Einstellung von Frauen
gegenüber den K-Gruppen bzw. einer kommunistischen Partei verhandelt wurde,
schweigt die Überlieferung. Bei dem Austausch kam es auf Wunsch der Roten
Frauenfront zu keiner direkten Zusammenarbeit; dennoch diente er dazu, „an die
eigene Position heranzukommen“.23
Obwohl der frauenbewegte Aufbruch um 1970 vor allem eine Suche nach dem
eigenen Selbstverständnis war und es noch an Begriffen mangelte, mit denen die
Situation von Frauen erörtert werden konnte, so lassen sich dennoch einige Leit-
ideen ausmachen, die die Rote Frauenfront in Sachen Emanzipation und Befreiung
vertrat. Für diese führte der Weg der weiblichen Emanzipation – und mit dieser
Ansicht befand sich diese Münchner Gruppe und mit ihr viele andere gleichge-
sinnte Gruppen nicht so sehr in Opposition, sondern im Trend der Zeit – über die
Erwerbsarbeit, da die Rote Frauenfront den „Boden für die Agitation erst berei-
tet“ sah, „wenn die Frauen berufstätig sind“.24 Mit der eindeutigen Ablehnung
eines ausschließlich häuslichen Wirkungsfelds, das ohnehin nicht die Umgebung
war, in der sich die Mitglieder der Roten Frauenfront hauptsächlich bewegten,
wurde aus Sicht der Gruppe die allen Frauen gemeinsame Erfahrung der „doppel-
ten Unterdrückung“ – „also Beruf und Hausarbeit und deren Wechselwirkung“ –
offensichtlich.25 Da die Rote Frauenfront hier einen Mechanismus erblickte, der in
der gesamten Gesellschaft zu Ungerechtigkeiten gegenüber Frauen führe, griff sie
zu Mitteln, mit denen sie sich zunehmend sowohl von Männern als auch von
klassischen linken Theorien absetzte.
Denn zum ersten verlangten die Probleme der weiblichen Bevölkerung aus
Sicht der Roten Frauenfront nach der politischen Arbeit „von Frauen mit Frauen“.
Dabei wollte sich die Gruppe aber ausdrücklich nicht mit „spezifischen, Frauen
zudiktierten Betätigungsfeldern befassen“, wie dies in München und andernorts
zum Beispiel im Falle der Kindergärten geschehen sei. Den Charakter solcher ver-
meintlich weiblicher Bereiche würden Frauen ganz im Unterschied zum anderen
Geschlecht ohnehin zur Genüge kennen, lautete die Begründung. Veränderungen
waren zwar auch hier angesagt, aber die Frauenfront sah sich dabei ausdrücklich
nicht auf den Plan gerufen: „Eher sollten die Männer veranlasst werden, sich da-
mit zu befassen,“ hieß es deshalb knapp. Der „Reproduktionsbereich“ – gemeint
waren damit Angelegenheiten, die gemeinhin mit „privat“ betitelt wurden wie
Hausarbeit, Kindererziehung oder Ehe und Familie – galt in den Überlegungen
der Roten Frauenfront zwar als ein möglicher Ansatzpunkt, um dem Übel, dem
Frauen ausgesetzt waren, den Garaus zu machen. Wichtiger, weil von den Frauen
bislang angeblich unbeachtet, erschienen aber andere Felder, allen voran die poli
tische Schulung und die Erwerbsarbeit. Denn hier müssten sich die Frauen im
Gegensatz zu den Männern emanzipieren, indem sie „Informationen erhalten, sich
artikulieren lernen, die eigene Problematik nicht als individuelle begreifen“. Des-
halb wurde eine „spezifischere, zielgerichtetere Aufarbeitung“ weiblicher Lebens-
situationen in einer Frauengruppe als unumgänglich erachtet. Die Zusammenar-
beit mit Männern war aber zumindest „in projektbezogenen Untergruppen“ nicht
gänzlich ausgeschlossen, vor allem deshalb, weil man die „Isolation der Frauenrol-
le“ nicht fortsetzen wollte und die „Auseinandersetzung mit Männern“ zumindest
zeitweise forderte.26
Zum zweiten schien die Theoriearbeit mittels althergebrachter sozialistischer
Texte die Rote Frauenfront nicht sonderlich weit geführt zu haben. So war den
Diskussionen nicht gerade zuträglich, dass es in der Gruppe „vortragende Autori-
täten“ gab und ein gemeinsamer Wissensstand aufgrund des hohen Durchsatzes
von Teilnehmerinnen ohnehin schwer zu erreichen war. Außerdem erwies sich das
Marxsche „Kapital“ im Hinblick auf das weibliche Geschlecht als wenig ergiebig.
Deshalb suchte man nach „Schulungstexten“, die „näher an der Frauenproblema-
tik liegen“, und begründete dies erneut mit der besonderen Lage der Frauen: Ih-
nen bereitete es demnach „im Gegensatz zu vielen Männern“ Schwierigkeiten,
sich mit der „Politökonomie“ auseinanderzusetzen. Die Gruppe schob dies einer-
seits auf die „theoriefeindliche Erziehung“ von Mädchen. Andererseits könne es
aber auch nicht mehr angehen, „lediglich aus Anpassung an die Männerwelt“ eine
bestimmte Lektüre erzwingen zu wollen.27 Die Rote Frauenfront fand also in den
Gedankengebäuden der Linken die als so wichtig erachtete „Frauenproblematik“
nicht bzw. lediglich als „Nebenwiderspruch“ wieder. Mit einem Verbund, der aus-
schließlich aus Frauen bestand und mit der eingängigen Formel der „doppelten
Unterdrückung“ arbeitete, schaffte sich der Zusammenschluss deshalb bewusst
einen „anderen Ansatz als [bei] den linken Gruppen bisher“.28 Begriffe wie „Fe-
minismus“ oder „Frauenbewegung“ fanden sich in den Protokollen jedoch nicht.
Ganz im Gegenteil: Die Rote Frauenfront wahrte auf der Suche nach dem eigenen
Selbstverständnis die Nähe zu „1968“ und hielt deshalb fest: „Arbeitsmöglichkei-
ten müssten im Einklang stehen mit der Arbeit der Linken.“29
Allerdings schickte sich die Rote Frauenfront an, diesen Rahmen mit neuen
Inhalten zu füllen. Es handelte sich dabei aber um Innovationen, die die Gruppe
nicht weiter verfolgte, zumindest, wenn man der Überlieferung glaubt, die bislang
nicht über 1972 hinausreicht. Vor diesem Quellenproblem stand übrigens auch
schon die Frauenzeitschrift Brigitte, die sich im April 1971 auf die Suche nach
Frauengruppen in der Bundesrepublik machte: Nachdem sie in München eine
Rotfrauenfront gefunden hatte, monierte die Journalistin, dass diese Vereinigung
ihre Reihen fest geschlossen halte und Kontakte mit der „bürgerlichen Presse“ als
Verrat werte.30 In jedem Fall hat es den Anschein, dass die Frauenfront die Stadt-
26 IfZ-Archiv, ED 899/6: Protokoll [der RFF] vom 25. 9. 1970; Protokoll der Wochenendsitzung
der Frauengruppe [RFF] am 20./21. 3. 1971.
27 IfZ-Archiv, ED 899/6: Protokoll [der RFF] vom 25. 9. 1970.
28 IfZ-Archiv, ED 899/6: Protokoll der Wochenendsitzung der Frauengruppe [RFF] am 20./21. 3.
1971.
29 IfZ-Archiv, ED 899/6: Protokoll [der RFF] vom 15. 7. 1970.
30 Sina Walden: Der Protest findet in aller Stille statt, in: Brigitte vom April 1971.
110 III. Frauenbewegte Aufbrüche in den frühen 1970er Jahren
teil- und Betriebsarbeit31, wie sie sie nach Vorbildern der „68er“-Revolte in An-
griff nehmen wollte, nicht mehr in die Tat umsetzte. Trotzdem trugen einzelne
Frauen die Gedanken weiter; vor allem aber gab es andere Frauengruppen, die sich
diese Ideen auf die Fahnen schrieben.
31 Dieser Ansatz des Protests um bzw. nach „1968“ ist bereits als „proletarische Wende“ beschrie-
ben worden. Vgl. Demirovic: Der nonkonformistische Intellektuelle, S. 937.
32 Ital. für „Der Kampf geht weiter“; eine Selbstbeschreibung: Sofri/Della Mea: Lotta continua;
eine historische Darstellung: Bobbio: Lotta continua.
33 Betriebsarbeit ist ein von der Forschung bislang wenig beachtetes Phänomen. Die Unruhe in
der bundesdeutschen Arbeitswelt nach 1968 thematisiert mit einem Schwerpunkt in der
Stahl- und Autoindustrie und des Ruhrgebiets Birke: Wilde Streiks, v. a. S. 218–249, 274–304;
Quellenmaterial zur Arbeitersache und ihrer Zusammenarbeit mit dem Revolutionären
Kampf in Frankfurt am Main findet sich in: IfZ-Archiv, ED 308/3 ff. und ED 328/12; eine
publizierte Selbstbeschreibung der Münchner Vereinigung: Gruppe Arbeitersache: Was wir
brauchen, müssen wir uns nehmen. Dass derartige Kritik am bestehenden Wirtschaftssystem
Anfang der 1970er Jahre über eine bestimmte Unterstü