0% fanden dieses Dokument nützlich (0 Abstimmungen)
95 Ansichten66 Seiten

Einst War Ich Scheherezade Von Rose Ausländer

Rose Ausländer, geboren 1901 in Czernowitz und gestorben 1988 in Düsseldorf, war eine bedeutende Dichterin, die während der nationalsozialistischen Verfolgung mit ihrer Familie untertauchte. Sie erhielt zahlreiche Auszeichnungen für ihr lyrisches Werk und veröffentlichte mehrere Gedichtbände, die in verschiedenen Verlagen erschienen sind. Das Dokument enthält eine Sammlung ihrer Gedichte sowie biografische Informationen über ihr Leben und ihre literarischen Erfolge.

Hochgeladen von

Geovanny Martín Novoa
Copyright
© © All Rights Reserved
Wir nehmen die Rechte an Inhalten ernst. Wenn Sie vermuten, dass dies Ihr Inhalt ist, beanspruchen Sie ihn hier.
Verfügbare Formate
Als PDF, TXT herunterladen oder online auf Scribd lesen
0% fanden dieses Dokument nützlich (0 Abstimmungen)
95 Ansichten66 Seiten

Einst War Ich Scheherezade Von Rose Ausländer

Rose Ausländer, geboren 1901 in Czernowitz und gestorben 1988 in Düsseldorf, war eine bedeutende Dichterin, die während der nationalsozialistischen Verfolgung mit ihrer Familie untertauchte. Sie erhielt zahlreiche Auszeichnungen für ihr lyrisches Werk und veröffentlichte mehrere Gedichtbände, die in verschiedenen Verlagen erschienen sind. Das Dokument enthält eine Sammlung ihrer Gedichte sowie biografische Informationen über ihr Leben und ihre literarischen Erfolge.

Hochgeladen von

Geovanny Martín Novoa
Copyright
© © All Rights Reserved
Wir nehmen die Rechte an Inhalten ernst. Wenn Sie vermuten, dass dies Ihr Inhalt ist, beanspruchen Sie ihn hier.
Verfügbare Formate
Als PDF, TXT herunterladen oder online auf Scribd lesen

·~ 4'

RoseAuslaílder
Einst war ich
Scheherezade
Gesammelte Gedichte
Fischer
\j
1.839 !/~
/~
9ó 1. 91 00/ 61
o 3 .2 ,i..
~
, '•1 Rose Auslander
c::,+-I f,, "
Einst war ich Scheherezade
Gcsammelte Gedichte

Rose Ausl:inder wurde am 11 . 5. 190 1 in Clcrnowitz, l:lukcrn ina.


geboren und starb am 3. 1. 1988 in Düsseldorf. Sie studierte Litera-
turn issenschaft und Philosophie. 1941- 1944 ,·erbarg sie sich rn~am-
men mit ihrer Fami lic vor dcr \'erfolgung durch die :',;ationalsoziJli-
sten in cincm Kcllen·crstcck in Czernowitz. 1944 erste Begegnung
mit Paul Antschel, der sich sparer Celan nannrc. 1946 \\'anden<! -:e
in die CS.\ aus. 1964 kehrte sie nach Europa ,.urück, zuniichst nach
\\"ien. 1965 zog sie nach Düsseldorf, \\"O sie 5eit 1970 im E!temha.:,
der Jüdischen Gemcinde lebte. Für ihr lyrisches \Yerk erhielt Rose
.\uslander u. a. folgende .\uszeichnungen: 1965 Ehrcnprei~ der
Stadr .\lecrshurg für »das beste ( iedichr«; 1966 Silbcrner Hem<=-
fa ler des \"erlags Hoffmann und Campe; 1967 Drosre-Prei, de~
Stadt \leersburg; 1977 Ida Dehmel-Preis und .\ndreas Gr~·phm,-
Preis; 1978 Ehrcngabe des Kulturkreises im Bundes,erband der
Deutschcn Industrie; 1980 Roswitha-Gedenkmedaille der Stadt Bad
(;andcrshcim; 1984 Literaturpreis der Bayerischen ,\kademie de~
Schonen Künste.
/111 Fischer Taschenb11ch Verlag liegen folgende Herke i -o,, Rose . l uslildn-
~·or: ,Blinder Sommer, (Bd . 5199), ,Der Traum hat offene .\uger:
(Bd. 9 172), ,Ich zahl d ie Sterne meiner \\'o rte, (Bd. 5906), ,!m .\tem-
haus "ohnen, (Bd. 2189), ,,\Iutterland/Einversriindnis, (Bel., -- ,
ij Fischer
'faschenbuch
Verlag
Universidad Nacional
BIBLIOTECA
c. D. L. E. ¡ A 1e m á n
lnhalt

Inventar

Einer den andern 11


Lehmbrot 12
Die Uhr 12
Im·entar . 14
Hintcr dcr l Iaut 15
.\luttcr Sprache . 16
\ e rfall . . 17
Yerbramt . 18
\erscherzt 19
Kcnnwort 20
\ \'ohin . . 21
Lnvollcndet 22
Ich halte mich fest 23
Originalausgabe
\ eroffentlicht im Fischer Taschenbuch Ver lag GmbH, Einen Drachen reiten
Frankfurt am ,\lain, Mai 1988
Für diese Zusammenstellung: Einen Drachen reiten 27
© 1988 Fischer Taschenbuch Verlag GmbH, Frankfurt am Main :'\acht VII 28
Copyright der Erstausgaben:
,In\'entar,: © Hildebrandt-Verlag, Duisburg 1972 .\ lilchstraBe . 29
.\lle Rechte vorbchalten: S. F ischer Verlag GmbH, Traucr II 30
Frankfurt am Main Briefe II 31
,Einen Drachen reiten,: © Pfaffenweiler Presse, Pfaffenweiler 1981
,Südlich wartet ein warmeres Land,: © Pfaffenweiler Presse,
Wir . .. 32
Pfaffenweiler 1982 Don Quichotte 33
•So sicher atmet nur Tod,: © Pfaffenweiler Presse, Dreizehn Knospen 34
Pfaffenweiler 1983 Lied I 35
Der Abdruck dieser drei Gedichtsammlungen erfolgt mit
freundlicher Genehmigung der Pfaffenweiler Presse, Pfaffenweiler \ ·ergiB III . . 36
C mschlaggestaltung: Buchholz/ Hinsch / Hensinger .\ lein Reich 37
unter \ ·erwendung cines Fotos von Harro vValter Baum . . . 38
Satz: \\"agner GmbH, N ordlingen
Druck und Bi:1dung: Claussen & Bosse, Leck Schnell . . 39
Primed in Germany Komm Sebastian 40
ISB~ 3- -96--29220~4 Stark . . . . . . 41
\ rn.-, 111 42 Du erfahrst . 78
&.c-htl."n 43 Lorelci 79
l
.. c<l lI 44 .\m Rand II 80
-ndern 45 Erdc 81
...~;"J. 46 Landschaften . 82
.\1ctropolis 83
_::..·h -..::arte! ei11 ,¡;;iinneres Land Kimpolung im Schnee 84
l Icimat III 85
tk:mamadt 49 O rtc 86
C'.z !'TI<>wirz . 50 Deine H eimatstadt 87
B '\ ;na III 51 Keinc Zcit II 88
( \\ itz rnr dcm Zweiwn Wcltkricg . 52 .\ littclpunkt II 89
. •.:M..::ien in Bukarest . 53
=.!:.1 Fa lis II . 54
--•.1; Park im .\ugust . So sicher atmet nur Tod
55
le• '. iud~on 56 Dann . 93
f- ••- ; ;n .\ lanhattan 57 Fortsetzung 94
P.tr.-11 58 Gib. 95
~- 59 Gras 96
60 lsoliert 97
61 .\. 98
62 . \uch so etwas 99
63 Der .\lorgen 100
64 Himmclsschrift . 101
65 Das Erbe . 102
67 Gcdicht 103
68 Die Pappel 104
69 Der Garten . 105
70 Findcn III 106
71 Im Regen . 107
72 Erdverwurzelt 108
73 Geweckt 109
74 Besuch 110
75 Es war cinmal 111
76 Heller 112
77 Fcicrtagc 113
Die Z ci t fil . . .. . 114
Jn allc Windc 1l 5
J ungfcrnjoch 116
J cncs Land • 11 7
HitzC\\·clle . 118
I nnengcburt 119
J Inventar
Im Garren 120
I la nd íliiche • 12 1
Fortschritt • 122
GroHgrnain . 12 3
Idcntitiit 124
J a :\'cin . 125

Editorischc ~otiz . . . . . . . . . . . . . . . . . . 126


Einer den andern

Wir alten Kiiider


mit eckigen Bcwcgungen
rundcn Blicken
scheinverwandelt
an schnellen !\amen erkannt
im lückenlosen Zusammen
Geschlecht an Geschlecht
sich hassend
wir lieben uns
einer den andern
Lehmbrot Die Uhr

Hiiuser zusammengerückt Die Chr vertreibt


klettern übereinander meine Zeit
die Luft kann nicht atmen ins N irgends
ich ringe um Raum
Du mul3t wissen mit der zwülffingrigen
wir wohnen in Babylon i'iull
Worte auseinanclergewachsen
Glashiiuser
Unsere Stirnen übereinander Glockentürrne
klettern Falten in Zeichen das Volk hat allc Hiinde voll
wer deutet sie Erde
ich bin mein Volk
Steine kauen wir
Biiume wachsen in ihre Wurzeln
Wind legt sie uns
in den Mund Ringe ins Holz
mein Papierfleisch
Wir bauen
Die Uhr ein Wiederkiiuer
Lehmbrot
friBt mir Blatt um Blatt
aus der Hand

11
12
Im·entar Hinter der Haut

Still wie der Kalender Du


die Niederschrift morgens mittags nachts
Ziffern Tage Feiertage ein andcrer

Das rnacht einen ;\fonat cin Jahr Ich kenne dich


wechselt Sterne aus am Spicl deiner Augen
üffnet und schlieBt die Sonne
Du lachelst
Das macht Menschenaufgang sprichst und vers prichst
und -untergang
Das Wort hinter deiner Haut
vVas nicht geschrieben steht hat einen andern Ton
macht nichts
Man hort ihn nicht
ich hüre ihn rnanchmal
hinter meiner Haut

11
14
Mutter Sprache Verfall

lch habe mich Dies Auseinanderfallen


in mich \·erwandelt in \Vürfel und Kugeln
von Augenblick zu Augenblick
Hinausrollen
in Stücke zersplittert Zurückprallen
auf dem Wortweg
'forme abgebaut
.M utter Sprache Brücken gebrochen
·setzt mich zusammen
In Kasten gefesselte
Menschmosaik FüBe und Hande

Augen ergraut
Verscherzt
Verbramt

Ich habc ein Auge verscherzt


Die zerstorte
bei der Durchsicht
Heimathaut
meiner Verlustc
vermindertc Sehkraft
Das zweite
Wund alle Ki'irperstellen
novembergrau
mit farbigen Bandern
niihert sich
verbramt
dem verjahrten
Aprilgrün
Kennwort Wohin

Mit Wi:irtern
LaB das Kennwort
bekritzcltc Xacht
aufblühen
auf unscrm gemeinsamen
Geduldige
Erdrest
Papiergcfahrtin
Auch scine Stacheln sind Ilestandteile ·wohin wandern wir
unserer Frcude am Schauen auf dem Z ifferblatt
Unvollendet Ich halte mich fcst

Auf meiner Handíliiche Wcr hat mir


gcschriebcn den Regenbogen
Licht- und Schatten- aus dcm Blick gerisscn
linien
Licbeslinic Lebenslinie lch wollte ihn bcfestigen
cin Kreuz an sieben \,f orren
,·ielc Strichc
krcuz quer Im Regen ertrinken
der Buchstabe A rneinc Augcn
unvollendet
lch haltc rnich fcst
an eincrn Blatt
an diesem Papierblatt

22 23
Einen Drachen reiten
Finen Drachen reiten

Eincn Drachen reiten


~·enn der Ful3 versagt

Schweigen Freunde
lausche ich
dem Marchen einer Glocke

Manchmal in der Nacht


flillt ein Stern mir
in den Schol3

27
Nacht VII MilchstraBe

Glorreiche Nacht Aus dcm :Nichts


Kommen Sternc Felsen Waldcr Meer
und Wortc
Wir graben
Das innere Gegenlicht im Granit
eingekehrt
in die Stille Cnscre Augen
schaucn
Den SchJaf vertraumen eine neue Wclt
einverstanden
mit allen Dein Gedanke
schwebcnden Welten springt
zu den Sternen
holt sich Kassiopeia
siebenstark
ins vVurzelwerk

Wir dichten
unsere eigene
Milchstral3e

28 29
Trauer II Briefe II

Wie J eden l ag
die unendliche Trauer kommt der Brieftrager
ertragen und bringt mir
ein Stückchen \Velt
Gestirne aus
Stcinen und Feuer "\.-'iele C nbekannte
erzahlen mir
Such ihre Geschichten
ein F ünkchen Glanz schenken mir
in der Finsternis Fr eundschaft und Liebe

Atemnackt Ihre Worte umarmen


dein Weilchen meine Worte
HIER

30 31
Wir Don Quichotte

Wo bist du Ich Dulcinea


Vater Adam warte auf rneinen Ritter
der zarten Gedanken
\\'ir
verganglich und ewig Einst karn er
aus d em i'\ichts auf einern FlügelroB
ge,vachsen und ritt mit mir
Baume mit zu den Sternen
\ \.'urzeln aus Sternen
\\'ir fielen
Geschlecht an Geschlccht cr starb
vom Evahauch
eine \,\-'assergemeinschaft Ich liege in eincr \Vüste
luftliebkost ohne Oase

\,\'ir warte auf meinen


Geist aus dem auferstandenen Ritter
Allgeist

32 33
Dreizehn Knospen Lied I
1
Dreizehn Knospen Wo die Wachtel ruft
Das Zimmer blüht blüht der Seidelbast
Komme ich zurück
Mit Silberaugen in cien Buchenwald
sieht die Kacht
durchs Fenster 1
Anclers war ich einst
anclers bin ich jetzt
Ruft ein Vogel oder dennoch allem treu
meine innere Stimme? was ich einst geliebt

Die Freundin kam ,,·as ich einst geliebt


und brachte mir war m ir muttertreu
das U niversum eine vVelt in cler
es sich leben J¡¡f3t
Es atmet
in meiner Hand

Die Knospen offncn sich 1 1


Es blüht mein Traum

34 35
Vergi/3 III Mein Reich

VcrgiB die Auf meinen Wanden


poetische Wahrheit blühen Bilder
Es gibt nur
die Wirklichkeit Poeten dichten
sagen die Klugen im Regal
1
VergiB die Wirklichkeit Ich schaue !ese
Es gibt nur die spreche mit den
poetische Wahrheit schaffenden Gefahrten
sagen die Traumer
der wahren Wirklichkeit :vkin kleines Zimmcr
ist cin Riesenreich

~icht herrschen will ich -


Dienen

1
1

36 37
Baum Schnell

Ich bin ein Baum Schnell wie Wasser


voller Vogel rinnt die Zeit
trinke ihren Gesang
Lander schwimmen
Aus den Wurzeln manche gehen unter
wachst mcin Schicksal
Schmerz und Sprache Schiffe ziehn
ins Staunen von \,\lelt zu Welt

Dort gibt es Krieg


Hier atmet
noch ein Weilchen
der Frieden

Kinder hungern
Gib ihnen
Brot und Liebe

Ein Bild
Ein Wort
Musik
Wir schaffen Wunder

Schnell wie Wasser


rinnt dein Leben

38 39
Komm Sebastian Stark

Der Winter friert 1i-auer


seine Silberlocken stark w ie der Tod
hüpfen
Freude
Spürst du stark ,vie das Leben
den tiefen Atemzug
der Welt

zwei schmale Wolken:


Krücken

Hinkend
spazierst du
auf der Milchstral3e

Komm Sebastian
spiel eine Fuge
Hallelujah

40 41
Winter III Beichtcn
"
i'vleine Mutter ist
Der Winter glüht
mein Beichtvater
Spürst du
die dünnen Sonnenpfeile 1
lch beichte ihr
Im Schnee funkelt meine Glücksminuten
meine C nglücksjahre
ein Regenbogen

Gaste bringen Blumen die meine Liebe zu


dem Menschen den
blühen ihren Tod :
ich haBte
Ein Blick ein \,Vort
meine Reise
Wir aus dem Osten
erkennen uns zu den Zwergen
zu den Riesen
am Glanz und Dunkel
unsrer Heimat 1
lch beichte ihr
1
¡I meine Zukunft
Dort wohnt der tote
Dichterfürst Elieser Steinbarg 1

Dort fliegen Schlitten


zu den Sternen

Hier halt der Traum


uns wach

Wintergeister murmeln i
Auf Wiedersehn

1
1

43
42
\

j
Lied II Wandern

lch spiele wieder lch wandere


mít der Feme zum Hcrzen des
die heute mir Zimtapfelbaums
so nahe ist Meine Wurzeln
tagsüber mich mit verstricken sich
goldner Warme mit seinen Wurzeln
des Nachts
mit Silberlippen küBt Weiterwandern
auf der Spur
Es ist die zu den Leprabrüdern
altgewohnte Leier
die nimmer mich Ich umarme
in Ruhe lal3t ihre Einsamkeit
lch dichte eine ihre Trauer
neue Feier
mit meinem eignen
Überrest

44 45
Sag ja

In uns Südlich wartet ein warmeres Land


flief3t das Blut
unsrer Zeit

\Nir kaufen
die Wahrheit 1
mit Silberlingen
1

Sagja
auch der Tod
ist dein Bruder

In einer Sekunde
nimmt dich
d ie Ewigkeit
mit in ihr Reich 1
1
l

1
l

46

i
1

Heimatstadt

Eine gold ene Kette


fesselt mich
an meine urliebe Staclt

wo die Sonne aufgeht


wo sie untergegangen ist

für m ich

1
1

' 1

,,
1

il

1
ji
l
j
d 49

l
Czernowitz Bukowina III
\
1
Silberne Pruthsprache Gri.iner Walddiamant
Buchen - Weidengespriiche Laubwiildcr im Norden
voll jubelnder Vogel
Zarter und derber
Viersprachenklang lm Südcn
von Deutsch beherrscht 11 nordliche Kühle
Fichten Dreieckgebirge
Jiddische
deutsche Vierliederland
Dichter
heimattreu Langsame !\!lenschen
ihre runden Blicke
kreisen
•·

um die vielgestaltige
Heimat
l1

,1

¡ ~i

51 Universidad Nacional
50 1 BIBLIOTECA
! C. D. L. E. / A I e m á n

-
Czernowitz vor dem Zweiten Weltkrieg Erdbeben in Bukarest

Friedliche Hügelstadt Gestürzt


von Buchenwaldern umschlossen in erstickende Trauer
um die Opfer
Weiden entlang dem Pruth
Floílc und Schwimmer Kristallaugen
dieser schonen Stadt
Maifliederfülle gebrochen
ihr Mund ein Schrei
um die Laternen
tanzen Maikafer Mir bebt die Erde
ihren Tod imBctt
die Decke ist Schutt
Vier Sprachen
Mein Haus eingestürzt
verstandigen sich
verwi.ihnen die Luft mein Hilferuf erstickt
ich lieg unter Steinen
und Mi.irte]
Bis Bomben fielen
atmete glücklich mit den Verschütteten
die Stadt

52 53
Niagara Falls 11 Central Park im August

Den ertraumten Sonntag finden Himmel floridablau


bei den :--Jiagarafallen wucherndes Grün
die Wirklichkeit ,·erlieren Luft aus verstricktem Geruch

Hier Der Central Park


stürzt das \,Vasser hat Rotkehlchen gepflanzt
von Hochterrassen Sie blühen im Laub
uns zu FüBen
Auch Eichhornchen
cin schaumender Halbkreis mit goldnen Büscheln
und eine wassergerade Linie hat er ausgestreut
die zwei Lander ihre Augen rollen
verbinden um deinen Schritt

Der \Vassermund Auf dem Hügel der Obelisk


gebietet uns zu schweigen Osiris geweiht
er hat das \Vort
Zwischen Wasser und Moos
Die Wasserohren horen nur Gesichte aus mystischem Grün
die brausende Sprache denk an Leonardo
ihrer schaumenden Lippen
Diese flimmernde Brücke
Es heiBt Abschied nehmen blindlings erbaut von Monet
von den un"·irklichen Wasserfiillen
daheim Macht Platz der Karosse
die Wirklichkeit wiederfinden das blonde Pferd schaukelt
das Liebespaar
von fünf bis sechs
durch den August

54 55
Der Hudson Festtag in Manhattan

Die Stadt breitet aus ,, Festtag in :vfanhattan


ihre Gcrauschc der Konig
i von Chimara
Wir bewegen uns auf Radern ist da
meilencilig rnrbei an
fremden Früchten Trommeln und Trompeten
anonymen Gesichtern den Broadway entlang
grü8en den Gast
Wohin rollen wir Die Kirchen beten
straBauf stra8ab Es ist fast
in d er Larm,·erwehung 1 Frieden
wir fahren vorü ber
an unserm Haus ' A ber der G lanz
und erkennen es nicht dcr glanzende G lanz
Amerikas
Das Auto hiilt vor einer une! der ~achbarplaneteo
dreistelligen Zahl im \Vesten und der ungebornen Engel
\,Vir steigen aus und ist nah
lassen uns treiben vom Wind denn der Konig von Chimara
zum Riverside Drive ist da
wo der Hudson wohnt
i.
Er spricht alle Sprachen J
jeden Slang
Was ist deinc .\-1ission
1
.vleister I-Iudson
seine Antwort
duftet nach
.\1eer und Amerika

56
57
1

Peillc
1
Paris II
1

Wo die Luft flimmerndes Silber VergiB nicht


im Regen und Sonnennebel ,'
die Uhr aufzuziehn
die Gasscn aus bunten Stimmungen hier steht di e Zcit still

Wo Poesie eine Kapelle eine Kathcdrale Scharfe Spiralen


wenn du Legenden suchst um rauchende Abhange
geh zu ihren Fenstern gespaltene Bergleiber
I'
G leichmütig füllt die Zeit Schluchten vertcilt 1
in d ie Seine an Kl ippen und Katzen
hcftet sich behutsam an Gemauer 1

das alternd schon ist H inter dem romanischen lor


am ~ebelhang
Wo Springbrunnenmünder brechen 11-eppen zusammen
singen mit Lust
Ein zahnloser G reis
Wo der Riese am Brunnen
aus Filigranstabchen den Zeigefingcr auf dem .\1und
gehiikelt das Zeichen des Sch,\:cigens
die Küssc in Seitengassen
umarmt Vergi8 nicht die U hr
wirklich verrückt wie cr aufzuziehn
París festhiilt
und vcrschenkt

1
¡,,

58 59

j
Sonntag in Barcelona In Toledo

Kreis an Kreis in Kreisen Ich war einmal


ein alter Brauch in Spanien geboren
in Barcelona
tanzt das Volk Ich wehre mich
gegen den Eindringling
Schwarz das Schiff Zeit
die Sceschlacht schwarz
man brachte aus Lepante In Toledo daheim
das Kruzifix ich schlag eine Brücke
Kapelle rechts zu El G recos Hand
die Zeit hangt schwarz
am tangen Antlitz Sie legt mir
jahrhundertelang ein Gedicht
in den SchoB
Kreis an Kreis in Kreisen
tanzt mit wer will
im leichten Schritt
das Sonnenherz
nimmt alle auf

sonntags
am Platz vor der Kathedrale
in Barcelona
gelassen
tanzt das Volk

60 61
Andalusicn Akropolis

Das offne H erz der Muschelsonne Spürst du


durchbraust vom Himmelskatarakt die Eindringlichkeit
an Alicantes Küste mildcs ;\íeer von Lowenaugen
den Stachcl des Lichts
(Touristcn knipscn hastig)
Hohe Bogcnhalle rote Gange Lautlos
das Wunder in Cordoba von wei8en Altarcn
die Moschee stürzt Torso um Torso

(Kameras balsamieren das Wunder) In \\'elches Vergessen


Palmenfacher Andalusicns Muschelsonnc sind ihre H aupter gebettet
im Spiegel wieviel \:Vasserspicgel
in deinem ~Vfuschclaug Steine
bereit zu zaubern
(Lippenmuscheln Augen offen) d ie Forme! lautet
Verschwiegne I lofe i\foster spitzenzart »Geist sei Stein
auf Saulen aus gezahmten Leib sei Geist
vermahlten Ornamenten die Wande Wci8es Athen erstch«
Sevillas Ahnenstolz in .\!cazar
Im Siiulengeheimnis
(Stolz da zu sein ersteht
nicht stolz sei da) der Vcrzicht
der K yriadueden
Regios das runde Wasser
Rundung une! Laub
Alhambras geschliffener Spiegel
ruinenreif weiBgewandet
wo die Zeit sich erblickt
schlafwandclnd
(Hüte Alhamhras Geheimnis Fremdcr) die Stadt:
Tempcl Trümmer und Traum
Erkcnnst du dich
in Granadas Spiegel
im blinden Ablauf dcr flüssigcn Stundc
(Wassergeheimnis
in deine Augen geritzt)

62 63
11_ _ _ _ _ _ - -

Italien JI Rom II

Du Glockcnmund
il Sieben Profilc
SonncnfuB im Süden den Jahrhunderten
ihr .\iarmorarme preisgegcben
Tcrrasscn Yiolett
im ' fi-aubenschaum Tiber
gelber Gürtel
Gondclland um das Castel San A ngclo
verlicbtes Land wo der Goldengel
aus Lautc und Scrcnade waeht
unte r funkel ndcn Tüchcrn
traumt deine Sch,vcrmut Berninis tvlarmorfleisch

Antikc T i.irme Zypressen


íl weiB die Zeit
Roms Steinlcbendigkeit
umgri.incn das Schicksal
dciner 'TI-ümmer St.-Peters-Dom
vier Reihen Saulen und Pfciler
es schlaft der Vesuv 1 umkreisen den Kosmos
im furchtbaren Feucr 1

1 Fontanen
Volk im Prisma der Vokale badcnd zcitauf zeitab
in dcincn Pupillen Sang aus Kristall
lcuchtet Latein ,I Pieta
D cine .\1enschen singen \'ergangenheit unpersonliehe ?v1utter 1
lacheln arbeiten bctteln singen erste Kapelle rechts
1 hcbt dich ins Schiff
mit G randezza
deine G egenwart
Die Vatikanwelt I"
bis ins Ji.ingste Gericht
.'v[iehelangclos Chemic 1

endgültiger Scheidung 1 f',


¡11

64 65

l
Die Vergangenheit San Michele
folgt dir
von Forum zu Forum
Ich habc Neapel gesehen
Atme tief im Herzcn der Sonne
t rink Chianti dcr Vesuv rauchte
von den Wurzeln aus Stein das herrliche Trümmerfeld
von Touristen zerredet

Das Schiffchen
nach San .1\1ichelc
wo jener Arzt
der d ie Colitis erfand
auf dem Hügel.
seine Villa haute
unter dcm lila Himmel

Im vVasser schwamm
ein Regcnbogen
Versohnungszcichen

Hier herrscht Frieden


ich vcrsohne mich
nicht
mit der kr iegerischen Welt

Jch umarme
die friedliche Landschaft
die mich umarmt

66 67
11 Die Dolomiten
Riviera
'

~
Sein i\"acken Unvorbereitet
vom Zufall geführt
braune Landschaft
Herbst 11
Sommergaste
wir stellten den StrauB
Der Schwan
auf den Stein
bereitet schon vor
Wind verschlug uns die Rede
seinen Sang
Gipfelbienen 1
an der Riviera
fielen uns an
es lacht der Harlekin
BegrüBung
hintcr der Sonne
aus Felskonsonanten
·1 1 Distelgebrumm
Eine Dame bestellt
bei Degas
Kein Dolmetsch notig
ihr Portrat in Pastell

1
Sie tanzt im weiBen Tüllrock wir liebten die ■1·

bis ins neunzehnte Jahrhundert spitzen


gegensatzlichen
unnachgiebigen
Wahrcnd der Schwan
beginnt zu singen
,I Dolomiten
und der Harlekin
1i·anen lacht
1'

11,

69
68

@
Berge Lugano

Bergriesen Himmel
im Morgengold aus Wasser
die Luft würzig und scharf
der Lago :Vlaggiore Blaue Gesichter
von Baumen umsiiumt mit Goldrand
\Vindengel aufab Heiligenhiiupter
die Landschaft atmet
Menschen die Flüchtige Mittelalteraltare
die Landschaft einatmen in den Sonnensog
Hinter dem hochsten Berg gezogen
wohnen Marchen
Gassengefülle

Inseln
aus dem \Vasser getrliumt

Berge kommen
entgegen

Hier
bist du
Mohammed

'

71
70
Jungfernjoch lf D ie Schw eiz

Aus Gcwi:ilk WeiBes E rinnern


wird I Iimmcl Gipfel habcn das \ fort

D ie Jungfe r Rosen
ins Joch gespannt in den Schnee gepf-lanzt
pflügt Schnee
im Eisfeld :--;ichts erschüttert
die Alpen
D cr Sonnenfü rst
wetterwendisch Wcnn ihre Zeit kommt
liebt sie zuweilen w ird die Schweiz
gieBt Goldsamen in uns gcboren
in ihren wir tcilen die Sprachen cin
unfruchtbaren SchoB in Kantone
schcid en das Licht
von den Tunneln

C berm H immel
fliegcn wir Ski
!anden im Schnee

Südlich wartet
cin warmcrcs Land

72 73
Salzburg Koln

Du fliegst über Jm Zeiten-


tünende Berge Karussell
eine Lerche
im Augenflug Rom am Dom

Raubvügel Ein paar \Vendungen weiter


ihre Schlagschatten rasselt der Kommerz
auf schonen Kulissen
Der Clown und sein
Einst flogen hier sakraler Karneval
Geigen gen Himmel
pianissimo In lautlosen Raumen
kühl aufbewahrt
Spring der Name
über die Schatten der uns erschuf
ins .\ fozartlicht

74 75
Norwegische Seefahrt Israels Wüste

Das norwegische Frachtschiff Cber lsraels Wüste


triigt cin paar dcutsche Passagiere flieg ich nach Eilat
von violetten Bergen
Auf allen Landepliitzen im Goldsand begrüBt
riecht es nach Fisch
Vergangne Hebraer
Stundenlang auf dcr Suche
die zackigen Lofoten nach ciner Oasc
mit Kokospalmen und lVasser
Blicke tauschen
mit Norwegern Der Brand des August
die cmsig arbeiten macht das M.archen
zur Q ua!
Sie schweigen uns an
wir schweigen zurück In einer Stunde
flieg ich d urch J ahrhunderte
lande
am Silbergestade des Meers

Ich hole tief Atcm


und preise die kühlende
Liebe dcr Luft

76 77
-----~---------~--------~-- 1

D u erfahrst Lorelei

Italiens Zypressen C'nter dem Rhein


neigen sich nicht singt d ie Lorelei
vor dem kiilbernen Gott
d ie sieben Hügel 1
Fische
spiegeln sich in verschweigen das Lied
Roms Fontiinenaugen
Ein hcllhoriger A ngler
Auf den St.-Chapelle-Scheiben fangt es heraus l

in París schenkt es
halten d ie H eiligen
ihre Leiden aufrecht uns allen
im Scharlach und Indigo

Wenn die :--;ebelwand einstürzt


am J ungfraujoch
plotzlich geschieht d ie Schopfung
Du erfahrst das
G ipfclgeheimnis
Bergbruderschaft im Eis und
Schneeverschwisterung

ffl1I

h
il
) '.

~.
1

78 79
Am Rand II Erde

Rom führt Grüne Kugel


zu allen \Vegen schwarze Kugel
wir reisen am Rand atmet
der Wege romwarts
anderwarts im Wasser
reiBt es uns hin das kommt
reisen wir hin und zurück aus sich
dem flüchtenden Bild geht
auf der Spur in sich

als gabe es
auf seinem Rücken
keine schwimmende Kugel
die atmet

als gab es nicht


diese grüne schwarze Kugel
mit Augen Stimmen Blut

80 81
Landschaften Metropolis

Du hast die Stadt verschluckt


Als ich Landschaften sammelte
bist vollgefü lit
waren Bcrge
mit Stahl Stein und Rauch
meine bevorzugten Freunde
Nie vergefl ich den
Im Rücken die Hocker
Heimatberg Raréu
der Wolkenkratzer
die herrliche Gipfelschau
in die Tiefe
Du führst in der Cntergrundbahn
die Stadt in den Rippen
Dem Atlantischen Ozean
bist Mortel geworden
danke ich für die Lust
Zement Glas une! Larm
geschaukelt zu werden
und die Freude an seinen
tanzenden Wellengebirgen Du weiflt es
willst es nicht wissen
Dankbar bin ich den \Valdern sonnst dich im Neon
in Wien und der Bukowina
Du Zementblock
ihrem singenden Laub und
Gashebel
den jubelnden Vogeln
du Robot
aus Eisen une! Stein
Was war das Schonste
fragst du
lch weiB nicht
will nicht vergleichen
Bergc Walder Meer
vollkommen
ein Marchen Wirklichkeit

83
82
Kimpolung im Schnee Heimat III

Kreisschwarze Botschaft I :Ieimatlosigkeit


der Raben dir fremde H eimat
bleibe ich treu
hier wohnt der Winter
hier wohnt Dea Stimmen
der Berg kommen geschrieben
umarmen die Erde
schllift schon im Schnce halten den Himmel
traumt das G ipfelgeheimnis schenken mir
Frühling und Schnee
Die besten K.nochen dcm Hund
wird sich hüten der Wolf Aus meiner H eimatlosigkeit
dir zu nahn komme ich
mit meinen Worten
Wohin zu dir
in der himmelschwarzweiBen fremder Freund
r-;-acht streue G lanzlichter
über das Dunkel
wirbeln unsre gemeinsame H eimat
Ballerinas
um dich einen
Kreidekreis

84 85
Orte Deine Heimatstadt

Von Ort zu Ort Mit \Yaldern und Bergen


jeder befreundet
eine andere Fremde
cin anderes Zuhause Den Meermarchen
lauschen
Manchmal
wortliches Einverstandnis Heute
mit Cnbckannten hier deine Wohnung
morgen dort
Ein Wort und wanderst schon weiter
nimmt den Anderen
beim Wort ~ur die Heimatstadt
dein nie verbrauchter Besitz
auch im
verwandelten Land

86 87
Kcine Zeit II Mittelpunkt II

Die Tannc im ::\'.achbargarten Geh die Stral3e entlang


der leen: Park ohnc Z eiger
kahle Pappeln
biege links ab
L'nwagbares dann rechts w iedcr rechts und links
durchgeistcrt die Luft geradeaus und so weiter
bis der Kreis dich erreicht
In der StraBe sein Mittelpunkt
hasten !lt{enschen vorübcr
ihre Schritte knirschen Hier
keine Zeit fang an
hupen eilige Wagen
keine Zcit

Keine Zeit fi.ir einen I31ick


auf die Landschaft
keine Z eit für cin Lied
keine Zeit für Freude

88 89
So sicher atmet nur Tod
Dann

Dann kamen
Wolken
verliebte Bilder im
Wasserspiegel

Dann
\,\:ohnungen aus Sand
Grashalm
Wurm

Dann
Blume

Aster
und Kranz

93
Fortsetzung G ib

Das Herz der Rose liebt


Die wir uns
deinen Atem
fortsetzen
durch Liebe
Deine Scele liebt
Wir geben uns hin ihrcn Atem
dem Tod
und nehmen uns G ib
eincn StrauH Atem
das Leben
den Liebenclen
vom Baum ei ncn StrauH Stunden
den Gehetzten
dcr
Erkenntnis
Eincn Korb Brot
den Hungernden

')5
94
Gras [soliert

Dein Zipfelchen Zeit lsoliert


dcm Fuchs verfallen
hangt
an d einen Erfahrungen Fragen dcr lorso cines C rtiers
Gestandnissen spcrrt den Weg

Cnaufhorlich Gras / ,crrspiegel


deine Gedanken hangen an dir . \ífcn
im giftgrünen Laub
Cberall grl:ifc n nach mir
riecht Gras
nach vorübcr S:ippho
ich suche Schutz
l,ci deincm ;\ fond
1lcschwichtige
1:rcundin
den bcscssenen \Vale!

1)11 sclnveigst
~o sicl1cr
:l lllll:t nur
·1;,d

96 •1'
A Auch so etwas

Vom A zum B Wir haben aufgehiirt


ist ein cndloser Weg Zeichen zu deuten Zeichen
Zwischenraum Atome zu geben

Der Atem ein Zug Gebt mir ein Zeichen


durch die Luft es geht wo Freunde sind
von Adam zu Ade ncue
dcnn die alten sind tot
Aonenweg odcr sie atmen
letztes Alibi untcr einem fremden Stern
Amen
wo Baume noch sprechen
und man Blumen Iiebt
auch so etwas soll
es noch geben
sagt der gelbe Stern

<) !)
98
Der Morgen Himmelsschrift

Mit abertausend Gesichtern WeiB auf Blau


die Himmelsschrift
Wolkenwangen
Sonnenaugen
Wer liest
Luftlippen
die Zeichen
Windohren
wcr weiB
staunt der Morgen die Zukunft
aufwarts
l,cben oder
und
wir staunen mit ihm wcltweiter Pilz

10 1
100
Das Erbe Gedicht

Es ist an der Zcit (;Iorreiche i\amen


das Erbe zu \'erteilen dcincr Schulpflicht

rnmm l lülderlin
den sterblichen auswcndig die
Apfel · 1i·akltrauer
und
das unsterbliche Luftsaat
Wort inwcndig
aufgegangen

das
(;cdicht

IO l
102
Die Pappel l)cr Gartcn

Mit eincr Pappcl l k r Gartcn


als Feder iiffnct scine Rosen
schreib ich die 7.eilc
eingewurzelter Stamrne Sic duftcn sich
auf m einen Augenweg Sonncnworte zu

Er führt über vVurzeln \: ur Liebcspaa re


und vVortgeast i':111gcn sie auf
zum schwarzen Punkt und grüBen zurück
in der Sonne in dcr Roscnsprache

Der Himmel ist rot l{o~cn antworten rot


in der Pappel gart die 111i1 hcrzl ichcm Duft
grüne Tinte
1>urtwortc
dic sich licbkoscn

l04 IO 'i
Finden III lm Regen

Ich finde Gnter Kastanien im Park


was ich nicht suchte ~itz ich im Regen
t:r küBt die Blumen
vereistes Lied
' l:rnzt auf meinem Schirm
lch nehme es it:h bleibe
in d en Mund
hauche es an ld1 Iicbe die Kühle
dt:s Sommers
Es taut auf dt:n Kastanienschutz
und singt d ie spielencle Fontane
mich dt:s Regens Ti-auerliecl
und
dich St:in Silberherz schliigt
rncin Herz
,1 11

111 ~
106
Erdverwurzelt Geweckt

Der Geweckt
dem Apfelbaum gleicht aus
erdverwurzelt chernem Schlaf
mit Gedankenstamm
und Wortlaub in der G locke
Blüten aus dem Innern die Stimme
ausstrahlt
seine Werke Klüppel
verbotene Apfel 11nd Klang
zum GenuB

der mit Freude


seine Leiden tragt

wo ist er

108 1(Ji)
Besuch Es war einmal

Besuch aus verlorenen J ahren :\usgcstorbene Wesen


mit dem Bohmen buch Engel
luftaugig
Junggcfarbt Altes
Es war einmal
Im i\"iemandsspiel moglich
Schlafmarchen wccken sic zu schen
vVolkcnflügel am Firmament
Aus Traumen
\Virklichkeit sammcln Luftfingcr
die streuten
Blinde Stunde \\'orte
Ade
l•:s war einmal
ridnig
, ic aufzufa ngen
nm:hzusprechen

F, wa r cinmal

110 111
Heller Feiertage

:\'ur d er Schatten kh kricche


blieb ,.wischen Gebeten
als das Licht w den Toten
verloren ging
und schwi:ire
Im Dunkel ihr lebt
traumt es sich
heller und schwi:ire ab
dcm Meineid

\ Ver hat
1ncine Festtage
i.'rcudcntage
11 1cinc schi:inen Feiertage
l1cgraben

11 2 11 1
Die Zeit III In alle Winde

Mit zahllosen Handen Einst war ich


greift die Zeit Scheherezade
nach dem rcttete mein Leben
Geflimmer aus mit klugen \Vorten
Blumen und Tropfen
nach Hitze und Eis !Icute
nach Menschen richte ich meine Worte
auf der Flucht :111 keinen Kalifen

vor dem N ichts ich vertraue sie


mcinem Spiegel an
i:r strahlt sie
in alle \i\lindc

114 1IS
Jungfernjoch Jenes Land

G letscher Aus Blumen


die hlaue Himmelshohle Schnee und Gefahr
jcnes Land
Im erstarrten Atlasgewand
die Eisbraut Feinde die auch
ihre Schneeschenkel Freunde sind
sternblühend
erfroren Kein Untcrschied
imAkt zwischen dir und mir

in jenem Land

116 117
Hitzewelle Innengeburt

Todfeindin Sonne Cnscr tagliches Brot


im H.ochdruck l lonig und .Milch
ihr Atem aus Flammcn Wcin und Gebet
versengt unsern Atcm
wir liegcn im Goldofen \\'ir Erdcn kinder
werdcn gerostct licben
vergessen :11lcs Leibliche
wer sind wir
wer hat 11nd die
das letzte \Vort i1111cngeborene
im Gespriich Sprache
mit dcr G lut

11 8 1l '1
Im Garten Handfüiche

Im Garten lch schreibe


atmct die Zeit auf meine Handflache
freier Lichtlinien
Schattenlinien
Ich atme ein
ihren Duft l .icbcslinie Lebenslinie
cin Kreuz
Er atmet ,·icle Striche
mich aus krcuz
qucr

den Buchstaben A
11nvollendet

120 1~ 1
Fortschritt Grol3gmain

Worter GroBgmain
vom Computer verschlungen schones Baumgmain
gcistcrrün
:,
Er dichtet für dich dcm Berggeist
Variationen crgcben
aus Rosen und Unrat
haschischgesalbtc :\u f welchem
Dreieckgesichter dcr Yerket~eten Bcrge
haust er
In Streifen geschnitten sch neewitchen weiB
du füllst ins Kaleidoskop

Blumen Maschincn Menschcn


cin unaufhaltsamer Brei

122 12 1
Identitiit .Ja N ein

Menschcn ha ben mir ,\m Anfang


mein Ich verboten ohnc Ende
d as vVort
Sie wissen nicht
dal3 ich auch l•:invcrstanden sein
11 nd rcbellieren
Baum bin Vogel Stern

und Architekt N icht \Vald


der Marchen baut N icl1t Vogel
J\: icht Stern
die sic nicht sehen
obwohl sie · 1:tuscndverneiner
bis in den Hirnmel reichen d ie Erde
hcjaht dich

124 125
,1111 \l:iin; die Tcxtc aus dem Band ,So sichcr aunet nur
Editorische Notiz
lrn l, , i11d dcr Originalausgabe der Pfaffenweilcr Pressc
, 11111ommcn.
Bibliophilc Bi.ichcr sind Lcckerbissen fi.ir Liebhaber.
\Vcnn Text, Bild, Druck und \1aterial zu einer asthcti- l\,inigswintcr, im Juni 1987
schen Einhcit zusammengefi.ihrt werdcn, entstehen Buch- l lc/111111 /Jrt11111

kunstwcrke, die lcider einen Fehler haben: Sic erreichen


den »norma len« Lescr nicht. Z urn einen sind die Auflagcn
begrenzt , zum anderen sind die Prcisc notwendigcrweise
schr hoch. Au8er bci K ennern und Sarnmlern bleiben die
bibliophilen Buchausgaben dcshalb unbekann t.
i\icht a nders vcrhalt es sich bei den bibliophilcn Bi.i-
chern, die Rose Auslander veroffcntlicht hat. 1972 er-
schien im Hildebrandt-Verlag, Duisburg, unter dem Ti-
tcl ,Inventar< der Ilundertdruck N'r. 13 mir S iebdrucken
in 25 Farbcn von Otto Piene. 80 Excmplare waren fi.ir den
Vcrkauf bestimmt - zum Prcis von jewcils D\1 600,- .
Vcrgriffen war der Band innerhalb cines Jabres.
In den J abren 198 1, 1982 und 1983 erschicnen in der
Pfaffenweiler Prcssc die bibliophilcn Bande ,Einen Dra-
chcn reiten,, ,Südlich wartct ein warmcres Land, und ,So
sicher atmct nur Tod,. Zwischen 525 und 1000 Exem-
plaren lagen die Auflagen.
Konnten diese Bücher zwangsliiufig nur eine geringe Zahl
an Lesern crreich en, so ist darüber hinaus fcstzustellen,
da8 aucb die Kritik bibliophile Ausgaben kaum zur
Kcnntnis nimmt. Für alle vier Bandc zusammen sind nur
sicben Bcsprccbungcn erschienen.
In cliescm Band wcrden di ese Gedichte, die wichtige Bin-
deglicder im Gcsamt\\'erk der Rose Ausliinder sind, gc-
sarnmelt vorgestellt.
Die Textwiedergabc folgt fi.ir die füincle ,Inventar,, ,Ei-
nen Drachen rciten< und ,Südl ich wartet ein warmeres
Land, dem A bdruck in den Bandcn ,!Iügel aus Ather un-
,1·iderruflich, une! >Wieder cin Tag aus Glut und Wind,
der Gesa mmelten \,\:erke, S. Fischcr Verlag, Frankfurt

126
{)0/61

"'j111j@jf¡íjjj¡jfü¡jíli¡°'A ;/ ,; r i O:ii~
Rose Auslander 1101161946Bs1s & · ~d.. de ,l.lt:mani
J{t'P• 0 VooN ¡!
(.)• :¡;: ....
a,
Mein Atem heifü jetzt
o~(")
Gedichte. 144 Seiten s->1.3 63<~ [s~~
• • Cl
C'CS .... '<I" , n,
>-, 000-
(") N O
Mein Venedig versinkt nicht
Gedichte. 1982. 136 Seiten
. @) e, ll'> Ol
'<I" 00 o
N 00 10
>< <ON

Ein Stück weiter


·e: ~~
Q. ·: "'
160 Seiten !E
0
~-¡¡
o
Ich spiele noch
N eue Gedichte. 136 Seiten

Blinder Sommer
Gedichte
Fischer Taschenbuch Band 5199
00161
Ich zahl die Sterne / meiner Worte
831.912
Gedichte 1983 Ausl ander, Rose , 1901-
Fischer Taschenbuch Band 5906
A932a
e j. l 1988
Einst war
Im Atemhaus wohnen
Gedichte zade
Fischer Taschenbuch Band 2189

Mutterland / Einverstandnis
Gedichte
Fischer Taschenbuch Band 5775

Der Traum hat offene Augen


Unveroffentlichte Gedichte 1965-1978
Fischer Taschenbuch Band 9172

S. Fischer · Fischer Taschenbuch Verlag


fi 167 / 5
VergiB die
poetische Wahrheit
Es gibt nur
die Wirklichkeit
sagen die Klugen
VergiB die Wirklichkeit
Es gibt nur die
poetische Wahrheit
sagen die Traumer
der wahren Wirklichkeit

Fischer

ij

m
-
Í lt'

Originalausgabe

ISBN 3-596-29220-4

Das könnte Ihnen auch gefallen