Der Naturalismus:
Dieser Zeitraum dauerte von 1880 bis 1910.
/Historismus: die alten Gebäude werden neu aufgebaut.-Neubarock, Neugotik..usw./
das ungarische Parlament ist neugotisch aufgebaut- viel Türmer, Kuppel, Blumenmotive…
Neuklassizistisch ist der wiener Parlament- Marmor
Der Naturalismus ging aus dem Realismus (1848–1890) hervor und kann als dessen
Steigerung verstanden werden, denn er war deutlich radikaler: Wo der Realismus aus der
Wirklichkeit das Schöne herausarbeiten wollte, zeigte der Naturalismus das Hässliche.
Soziale Missstände sollten aufgedeckt und die Wirklichkeit so detailliert und
wirklichkeitsgetreu wie möglich dargestellt werden. Und die Wirklichkeit war zu dieser Zeit
alles andere als schön – vor allem für die Arbeiterklasse.
Zum Ende des 19. Jahrhunderts gab es viele gesellschaftliche Umbrüche: die industrielle
Revolution, Arbeitslosigkeit, Landflucht und Verstädterung.
Industrialisierung: viele Menschen zogen aus dem Land nach die Städten. um besseres Gewalt
zu haben.
Merkmale des Naturalismus:
Verwissenschaftlichung der Kunst
Darstellung des Hässlichen
Wahrheitsbegriff
Milieu und Vererbung
Philosophische Grundlagen: (Positivismus)
Der Positivismus kommt von Frakreich.- der Gründer ist Auguste Comte
Der Positivismus ist ein Kind der Aufklärung und wendet sich gegen irrationale bzw. religiöse
Erklärungen.
Die vier zentralen Grundannahmen sind:
1) Es gibt eine einzige Art von 3) Das Postulat von der Einheit der
Wirklichkeit. Wissenschaft.
2) Die einzige Erkenntnisquelle ist die 4) Die Ablehnung aller metaphysischen
sinnliche Erfahrung. Aussagen.
Lyrik von Arno Holz:
Die erste eigene Lyrikpublikation von Holz erschien als er 20 Jahre alt war. Sie trägt den Titel
„Klinginsherz“.
Prosa und Drama des Naturalismus:
Prosa:
Eine wichtige Rolle für das Verständnis der Naturalismus Epoche ist die Milieutheorie von
Hippolyte Taine. Sie geht davon aus, dass der Mensch von seinen Erbanlagen und dem
Milieu, also den sozialen Verhältnissen, in die er hineingeboren wird, bestimmt ist. Diese
Ansicht übernahmen die Literaten und Literatinnen in ihren Werken.
In diesem Menschenbild zeigt sich ein wichtiger Unterschied zum Realismus: Während die
Realisten und Realistinnen den Menschen noch als autonomes Wesen mit einem freien Willen
betrachteten, sahen die Naturalisten und Naturalistinnen ihn als ein fremdbestimmtes, von
Vererbung und Milieu abhängiges Wesen.
Drama:
Das Drama war in der Naturalismus Epoche die wichtigste literarische Gattung. Es legte
seinen Fokus auf die Darstellung von Charakteren. Wegen seiner Mischung aus Epik und
Dramatik wurde das naturalistische Drama kritisiert. Auch die Sprache sollte so realitätsnah
wie möglich sein, weshalb du in den Dramen dieser Zeit Dialekte und Umgangssprache
finden kannst. Durch die ausführlichen und genauen Regieanweisungen erhielten die Dramen
einen epischen Bestandteil. Wegen seiner Mischung aus Epik und Dramatik wurde das
naturalistische Drama kritisiert.
Philosophische Grundlagen der zweiten Phase der Moderne:
Impressionismus: /1890-1920/
Der Impressionismus ist eine Stilrichtung, die dir wahrscheinlich vor allem aus der Kunst
bekannt ist. Hier bezeichnete er eine völlig neue Art zu malen, wie sie beispielsweise
bekannte impressionistische Maler wie Claude Monet oder Vincent van Gogh praktiziert
haben. Aber auch als Literaturepoche war der Impressionismus eine Neuheit.
Als Epochenbezeichnung wurde der Begriff des Impressionismus zuerst in der bildenden
Kunst verwendet. Die Stilrichtung entwickelte sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts
in Frankreich. Das Wort "impression" bedeutet so viel wie "Eindruck" oder "Anschein", kann
in manchen Kontexten aber auch als "Gefühl" übersetzt werden.
Die Merkmale des Impressionismus im Überblick:
Der Augenblick steht im Vordergrund.
Der Fokus liegt auf den persönlichen Eindrücken des Autors oder der Autorin.
Nicht die Wirklichkeit soll dargestellt werden, sondern das, was der Autor oder die
Autorin in diesem Moment wahrnimmt.
Subjektiv und persönlich
Nachahmung des Bewusstseins, Mimesis genannt.
Symbolismus: /1890-1920/
Die Epoche des Symbolismus ist somit eine der vielen Ausprägungen der Moderne und Teil
einer sehr experimentellen und kreativen Zeit. Der Symbolismus umfasst den Zeitraum von
1890 bis 1920. Der Begriff geht auf das "Symbolische Manifest" des französischen Dichters
Jean Moréas zurück und hat somit seinen Ursprung in Frankreich. Der Name verrät dir schon,
welches Merkmal im Symbolismus besonders typisch war: das Symbol. Ein Symbol ist ein
bildhaftes Zeichen, das eine allgemeingültige Aussagekraft besitzt.
Die Literaten und Literatinnen des Symbolismus folgten einem klaren Motto: "L’art pour
l’art", was "Kunst um der Kunst willen" bedeutet. Darin zeigt sich, wie sehr sich die Vertreter
und Vertreterinnen dieser Epoche von den möglichst realitätsnahen Darstellungen des
Hässlichen abgrenzten.
Die bevorzugte literarische Gattung der Symbolisten und Symbolistinnen war die Lyrik. Sie
zeichnete sich durch eine formvollendete Sprache aus. Es gibt in symbolischen Gedichten
viele Assoziationen und Bilder in Form von Metaphern, Vergleichen oder Allegorien.
Wichtige Autoren und Werke:
Rainer Maria Rilke (1875–1926), z.B. "Der Panther"
Hugo von Hofmannsthal (1874–1929), z.B. "Reitergeschichten"
Stefan George (1868–1933), z.B. "Algbal"
Sezession: /1890-1920/
Neuromantik: /1890-1920/
Inspiriert von der Epoche der Romantik (1795–1835) rückte die Neuromantik (1890–1920)
typische romantische Themen wie das Geheimnisvolle und Mystische in den Vordergrund.
Wie in der Romantik ging es um die Darstellung von Gefühlen und des Schönen.
Ästhetizismus
Kunst um der Kunst willen – das war das Ziel des Ästhetizismus (1890–1920). Literatur sollte
nicht mehr wie im Naturalismus lebensecht die hässliche Wirklichkeit darstellen, sondern
durfte wieder tiefsinnig sein und der Schönheit huldigen. Ästhetik war dabei besonders
wichtig, sowohl in der inhaltlichen als auch in der formalen Gestaltung.
Dekadenz: /1890- 1914/
Die Dekadenz (1890–1914) steht für Verschwendungssucht im Auge des nahenden
Untergangs. Andere Bezeichnungen sind Dekadentismus oder der französische Begriff Fin de
siècle, was “Ende des Jahrhunderts” bedeutet. Wesentliche Merkmale dieser Strömung sind
die Untergangsstimmung, ein starker Lebensüberdruss sowie einer ausufernden Genusssucht.
Die Wiener Moderne:
Eine der größten Dichter dieser Zeit war Hugo von Hofmannsthal. Motive seiner Dichtung
sind vor allem das ambivalente Lebensgefühl, das Todesmotiv und das Welttheater.
Ambivalent ist das Lebensgefühl des Menschen, weil sie die Schönheit der Welt genießen
möchten, doch lähmt das Bewusstsein von der Bedrohung durch den Tod den Lebensgenuss.
Das Todesmotiv beschäftigte Hofmannsthal, weil der Mensch die Hoffnung hat, im Moment
des Todes den wahren Sinn des Lebens zu erkennen.
Die Berliner Moderne-Die Münchener Moderne:
Stefan George:
Der deutsche Lyriker und Dichter Stefan Anton George, wurde im Jahre 1868 in Büdesheim
geboren und am 4. Dezember 1933 in Minusio gestorben. Bereits während seiner Schulzeit
begann Stefan George damit erste Gedichte zu schreiben, die ab 1887 in der Zeitung „Rosen
und Disteln“ veröffentlicht wurden. 1892 gründete Stefan George zusammen mit Carl August
Klein eine Zeitschrift die den Namen „Blätter für die Kunst“ trug. Die Bücher von Stefan
George waren für die damalige Zeit ziemlich außergewöhnlich gestaltet und daher anfangs
nur in intellektuellen Kreisen zu finden.
Rainer Maria Rilke:
Rainer Maria Rilke, geboren am 4. Dezember 1875 in Prag; gestorben am 29. Dezember 1926
in einem Sanatorium in der Schweiz , war ein deutscher Dichter und Schrifsteller. Seine
Werke dem Impressionismus und Symbolismus zugeordnet werden können, teils aber auch
Motive des Jugendstils aufgreifen. Sein literarisches Schaffen umfasst Werke in Prosa und
lyrische Erzeugnisse, aber auch einige Abhandlungen über Kunst und Literatur. In seinen
Jahren in Paris entstanden mehrere von Rilkes wichtigsten Werken. Darunter die Neuen
Gedichte (1907), Der neuen Gedichte anderer Teil (1908) und die beiden Requiem-Gedichte
(1909).
Dramentypen um die Jahrhundertwende:
Arthur Schnitzler:
(Wien, 15. Mai 1862 - Wien, 21. Oktober 1931) war ein österreichischer Arzt und
Dramatiker.
Arthur Schnitzler schrieb während seines Medizinstudiums zahlreiche Artikel und Berichte.
Nach Abschluss seines Studiums wurde er zunächst Facharzt und dann Neurologe. Die vielen
Studien, die er aufgrund seines Arztberufs lesen musste, trugen - bewusst oder unbewusst - zu
seiner herausragenden literarischen Karriere bei. Nach dem Tod seines Vaters im Jahr 1893
gab er die Klinik auf und eröffnete seine eigene Praxis. Um 1900 schuf eine Reihe von
Künstlern viele der Werke, die wir heute kennen. So wurde zum Beispiel Sigmund Freuds
Traumdeutung veröffentlicht, und Gustav Klimt malte Der Kuss ... Schnitzler lebte bereits seit
vierzig Jahren in Wien, war Arzt, hatte in der Armee gedient, war promoviert und verstand
sich sehr gut mit Freud, mit dem er mehrere Gespräche führte. In diesem Jahr wurde sein
erstes Werk, Leutnant Gustl, veröffentlicht. Das machte ihn sofort berühmt, aber er musste
vor Gericht gehen. In den folgenden Jahren wurde er aufgrund physischer und psychischer
Probleme zunehmend isoliert. In seinen letzten Lebensjahren schrieb er vor allem
Kurzgeschichten, in denen er das Schicksal des Einzelnen um die Jahrhundertwende aus
psychologischer Sicht darstellte.
Anatol:
Der Dramenzyklus Anatol ist Arthur Schnitzlers Erstlingswerk.
Inhalt: Der Wiener Lebemann Anatol gerät wiederholt in unangenehme
Beziehungssituationen. Er versucht etwa, eine Frau loszuwerden, eine zu gewinnen
oder sich von der Treue einer Geliebten zu überzeugen. Sein Freund Max steht ihm als
Gesprächspartner zur Seite.
Anatol besteht aus sieben lose verbundenen, in sich geschlossenen Einaktern.
In jeder Episode steht eher das Seelenleben des Protagonisten als eine äußere
Handlung im Zentrum.
Die Figuren sind nicht individualisiert, sondern entsprechen bestimmten Typen.
Anatol selbst verkörpert den dekadenten, selbstverliebten Männertyp.
Dem Zyklus vorangestellt ist ein Prolog von Hugo von Hofmannsthal, der eng mit
Arthur Schnitzler befreundet war.
Obwohl das Drama 1892 fertiggestellt wurde, fand die Uraufführung erst 1910 in
Wien und Berlin statt.
Wie Anatol hatte auch Schnitzler mit Eifersucht zu kämpfen.
Arthur Schnitzler gehörte der Gruppe „Jung-Wien“ an, die für die literarische
Moderne wegweisend war.
Zitat: „Ich bin stets ein Hypochonder der Liebe gewesen …“
Die Frage an das Schicksal
Max bewundert seinen Freund Anatol dafür, dass ihm die Frauen zu Füßen liegen und
er wie ein Zauberer über sie verfügen kann. Anatol hingegen ist unglücklich, weil er
meint, dass Cora, seine Geliebte, ihn betrügt. Zwar erlaubt er sich selbst ständig
wechselnde Affären, doch er erträgt es nicht, dass auch Frauen dieses Recht für sich
beanspruchen. Für Anatol sind Frauen ein Objekt des Hasses und der Begierde
zugleich. Max bringt ihn auf die Idee, Cora zu hypnotisieren und sie unter Hypnose zu
ihrer Treue zu befragen. Anatol ist einverstanden, erhofft er sich doch Erleichterung
und neuen Machtgewinn.
„Die alte dumme Phrase! Immer wollen wir uns einreden, die Weiber seien darin
anders als wir!“ (Anatol über die Treue, S. 38)
Schon betritt Cora das Zimmer, und als Max das Thema Hypnose anspricht, kommt
sie Anatol sogar zuvor, indem sie ihn bittet, einmal von ihm hypnotisiert zu werden.
Anatol setzt seinen Plan sogleich um, streicht ihr über Stirn und Augen und gebietet
ihr, nun in allem die Wahrheit zu sagen. Als Max Anatol auffordert, Cora endlich zu
ihrer Treue zu befragen, windet sich Anatol jedoch. Er behauptet zunächst, man müsse
die Frage präziser fassen. Auch verbesserte Formulierungen lehnt er ab. Stattdessen
erfindet er zahllose Erklärungen, wieso sie die Frage ihrer Untreue bejahen könne,
obwohl sie ihn dennoch liebe. Anatol zeigt für alle nur denkbaren Manifestationen der
Untreue plötzlich Verständnis – ohne jedoch Cora die entscheidende Frage zu stellen.
Schließlich bittet er Max, ihn allein zu lassen: Er könne die Schmach nicht ertragen,
bedauert zu werden. Doch selbst in Abwesenheit seines Freundes wagt er es nicht,
Cora auf die Probe zu stellen, sondern weckt sie aus der Hypnose auf. Die perplexe
Cora kommt zu sich und Max tritt wieder ein. Als Cora auf Anatols Frage nun ihre
Liebe zu ihm gesteht, umarmt er sie heftig. Max verabschiedet sich, doch die
Liebenden hören ihn in ihrer leidenschaftlichen Umarmung nicht.
Weihnachtseinkäufe
Am Weihnachtsabend trifft Anatol im verschneiten Wien auf Gabriele, die
Weihnachtseinkäufe gemacht hat; die beiden sind offenbar miteinander bekannt. Sein
galantes Angebot, ihr tragen zu helfen, nimmt sie nur widerwillig an. Sie wundert sich,
dass er sie überhaupt anspricht und tut seine Nachfrage nach ihrem Gemahl und den
Kindern als geheucheltes Interesse ab. Allerdings möchte sie mehr über Anatols
aktuelle Situation und seine derzeitige Beziehung erfahren. Anatol erklärt ihr, dass er
nichts tue und sein Leben verbummle. Gabriele spottet über die Tatsache, dass seine
aktuelle Geliebte eine Frau aus der Vorstadt ist. Beim Blick in die Schaufenster
schlägt sie ihm spöttisch eine Reihe von Geschenken für sie vor.
„Wenn ich es hören muss, das Furchtbare, wenn sie mir antwortet: Nein, ich war dir
nicht treu – so soll ich allein es sein, der es hört. Unglücklich sein – ist erst das halbe
Unglück, bedauert werden: Das ist das ganze!“ (Anatol, 47)
Anatol versucht, das Bild zurechtzurücken, das sie von seiner Dame hat, sie jedoch
bohrt weiter, bis Anatol in ähnlich höhnischem Ton kontert: Die Ablehnung von
Frauen, die ihn eigentlich liebten, habe ihn verbittert und zynisch gemacht. Er mokiert
sich über die Typen der „großen Welt“, in der Gabriele lebt. Sich selbst bezeichnet er
als leichtsinnigen Melancholiker und sie als böse Mondäne. Dagegen schwärmt er von
der Anmut und dem Geist seiner gegenwärtigen Geliebten, die aus der „kleinen Welt“
stamme. Gabriele bedauert, heimkehren zu müssen, obwohl sie Anatols Mädchen gern
begutachten würde. Bevor sie in den Wagen steigt, überreicht sie ihm Blumen für
seine Geliebte. Diese soll er weitergeben mit den Worten, sie kämen von einer Frau,
die den Mut nicht hatte, so zu lieben wie Anatols derzeitiges Mädchen.
Episode
Anatol besucht Max in seinem Arbeitszimmer und bringt ihm ein Paket. Er will die
Stadt verlassen, sich von seiner Vergangenheit befreien und daher alle Erinnerungen
an seine früheren Geliebten – verewigt auf Papier – bei dem Freund zurücklassen.
Anstatt sie zu verbrennen, möchte er gelegentlich in ihnen wühlen, um die alten
Lieben wieder aufleben zu lassen. Er hat alle Ereignisse seines Jugendlebens sorgsam
in Päckchen geschnürt und geordnet, wobei allein das Stichwort der Aufschrift die
entsprechende Geschichte in Erinnerung ruft.
„Eines ist mir klar: Daß die Weiber auch in der Hypnose lügen ... Aber sie sind
glücklich – und das ist die Hauptsache.“ (Max, S. 48)
Max nimmt wahllos ein Päckchen, liest die Aufschrift laut vor und lässt sich die
Erinnerungen an die Verflossene von Anatol erzählen. Für Anatol sind all seine
Mädchen und Frauen nur Episoden in seinem Leben. Selbst während er noch bei ihnen
ist, erlebt er die Beziehung bereits in der Erinnerung. Zwar ist er sich sicher, dass er
für seine Geliebten die Welt bedeutet; sie sind für ihn jedoch nur flüchtige Liebeleien.
Anatol ist überzeugt, dass die Frauen ihn geliebt haben, auch wenn Max in seinen
Fragen leise Zweifel anbringt. Der Freund macht ihn ironisch darauf aufmerksam, dass
Frauen für Anatol nur ein Instrument zur Erzeugung einer gewissen Stimmung sind –
ein Mittel, an dem er sich berauscht. So war es auch mit Bianca, einer Zirkusdame,
mit der Anatol eine Affäre hatte und deren Päckchen er mit „Episode“ betitelt hat.
Max kennt Bianca ebenfalls. Sie hat ihm gerade einen Brief geschrieben und wird ihn
am Abend wiedertreffen. Anatol wird hellhörig und möchte sie nun ebenfalls
wiedersehen.
„Ich suche ein Asyl für meine Vergangenheit.“ (Anatol, S. 59)
Es klopft an der Tür, Anatol versteckt sich auf Max’ Geheiß, während Bianca eintritt.
Sie sagt Max, dass er der Einzige sei, dem sie geschrieben habe; nur er sei ein wahrer
Freund. Als sie Anatol entdeckt, wird sie verlegen: Sie kann sich nicht erinnern, wo
sie ihn schon einmal getroffen hat. Erzürnt geht Anatol davon. Selbst als Max ihr
Anatols Namen nennt, kann Bianca sich nicht an ihn erinnern. Als die Erinnerung
schließlich zurückkommt, ist Anatol bereits verschwunden. Bianca hat jahrelang nicht
an ihn gedacht und ihn spontan mit einem Mann aus St. Petersburg verwechselt. Max
zeigt ihr schließlich die Blume, die Anatol in Erinnerung an sie aufbewahrt hat, und
wirft das Päckchen dann in den Kamin. Dort gehöre es hin. Zu sich sagt er, dass er
seinen Freund Anatol damit rächt. Max fordert Bianca auf zu erzählen, was sie als
kleine Künstlerin in den letzten Jahren gemacht hat.
Denksteine
Aus Angst, dass Emilie ihn betrügen könnte, stöbert Anatol am Vorabend ihrer
Hochzeit die Briefe seiner Freundin durch. Als er zwei kleine Edelsteine – einen
Rubin und einen schwarzen Diamanten – findet, ist er außer sich und stellt Emilie
wütend zur Rede. Er vermutet noch mehr Schmuckgeschenke von einem heimlichen
Verehrer und bezichtigt alle Frauen, Leidenschaft nur zu heucheln und aus Prinzip zu
lügen. Emilie versucht erst gar nicht, sich zu verteidigen, und erzählt ihm stockend,
dass an dem Tag, an dem sie ihre erste Liebe erlebte, dieser Rubin aus dem Medaillon
fiel, das sie trug. Sie war 16 Jahre alt. Obwohl für sie alle Männer uninteressant
geworden sind, seit sie Anatol kennt, kann sie ihre erste Liebe nicht vergessen.
„Sie war fort – plötzlich aus meinem Leben. Ich versichere dir, das kommt manchmal
vor. Es ist, wie wenn man irgendwo einen Regenschirm stehen läßt und sich erst viele
Tage später erinnert ... Man weiß dann nicht mehr, wann und wo.“ (Anatol, S. 63)
Anatol wird durch ihr Geständnis und die Erinnerung an ihre Vergangenheit nur noch
wütender. Emilie ist ebenfalls enttäuscht, als er sagt, dass sie für ihn nur wie alle
anderen Frauen sei. Anatol schwenkt nun um und will plötzlich mit ihr im Park
spazieren gehen. Doch dann fällt sein Blick auf den schwarzen Diamanten, dessen
Wert Emilie auf eine Viertelmillion beziffert. Anatol wirft den Stein zu Emilies
Entsetzen in den Kamin und schimpft sie verächtlich eine Dirne, bevor er geht.
Abschiedssouper
Anatol und Max warten im Restaurant Sacher auf die Tänzerin Annie, die gerade ihre
Ballettvorstellung beendet hat. Anatol möchte ein Abschiedssouper mit ihr verbringen
und sich von ihr trennen; Max soll ihm beistehen. Seit einer Woche soupiert er täglich
mit Annie, ist jedoch nicht imstande, die Trennung auszusprechen. Sie langweilt ihn
zwar, doch zugleich hat er eine neue Bekanntschaft noch nicht ganz für sich
gewonnen. Anatol behauptet, das Doppelspiel nicht länger zu ertragen, was der
skeptische Max sarkastisch kommentiert. Zwar haben sich Anatol und Annie eine
unverbindliche Beziehung geschworen, doch nun wagt er nicht, ihr wehzutun. Anatol
hat Max um sein Beisein gebeten, da er sich von ihm Unterstützung und die
Beschwichtigung der enttäuschten Geliebten erhofft.
„Diese Mädchen und Frauen – ich zermalmte sie unter meinen ehernen Schritten, mit
denen ich über die Erde wandelte. Weltgesetz, dachte ich – ich muß über euch
hinweg.“ (Anatol, S. 64)
Schon tritt Annie mit weißer Federboa und lässigem, breitem Hut ein. Sie raunzt
Anatol an, er hätte doch schon längst auftragen lassen können. Auch sie hat ihm etwas
Wichtiges mitzuteilen: Da sie sich ja versprochen haben, sich immer die ganze
Wahrheit zu sagen, nimmt Annie seine Trennung vorweg und erklärt, dass sie heute
das letzte Mal mit ihm speise; sie habe sich in einen anderen verliebt. Die Ironie bringt
Max zum Lachen. Anatol lässt seine Wut am Kellner aus und will wissen, wer der
neue Geliebte ist. Annie gesteht, dass es sich um Karl, einen Künstlerkollegen,
handelt, und ärgert sich zugleich über ihre Ehrlichkeit. Anatol schäumt weniger wegen
des neuen Liebhabers als vielmehr wegen der Tatsache, dass Annie ihr Wort nicht
gehalten hat – denn sie war schon in Karl verliebt, als sie noch mit Anatol zusammen
war. Annie erklärt erneut, dass sie ihn nicht mehr liebe, woraufhin Anatol entgegnet,
das kümmere ihn gar nicht, denn seine Neue sei viel schöner und besser als Annie. Die
Komik der Situation lässt Annie lachen. Anatol behauptet, er sei ihrer Untreue
zuvorgekommen und habe sie angesichts ihrer Rücksichtslosigkeit so behandelt, wie
sie es verdiene. Sie geht mit einem ordinären Lächeln und stopft sich zum Abschied
die Taschen mit Zigaretten für ihren Neuen voll.
Agonie
Anatol bittet Max, bei ihm im Zimmer zu bleiben, weil er oft vergeblich auf seine
Geliebte Else wartet und das Alleinsein nicht erträgt. Seit über zwei Jahren ist er mit
ihr, einer verheirateten Frau, liiert. Er fühlt sich müde und nervös. Einerseits weiß er,
dass es aus ist; andererseits hat er nicht die Aufrichtigkeit, mit ihr Schluss zu machen.
Max ermuntert ihn, ehrlich zu sein. Anatol sehnt sich gerade in den letzten Tagen
einer Liebesbeziehung nach Glück und glaubt wie im Rausch an trügerische Momente.
Max erklärt ihm, derartige Beziehungen täten ihm nicht gut: Er schleppe zu viel
Vergangenheit mit sich herum, der Moder der Liebe laste auf ihm. Max rät ihm zu
einer Reise und lässt ihn allein.
„Nicht ich habe etwas übersehen, was an ihr war; sondern du sahst, was nicht an ihr
war.“ (Max über Bianca, S. 67)
Schon betritt Else das Zimmer, sie kann jedoch nicht lange bleiben. Anatol gesteht ihr
einmal mehr seine Liebe. Als sie auf ihren baldigen Abschied verweist, wird er aber
schnell wütend. Er beschuldigt sie, als dummer Backfisch den falschen Mann
geheiratet zu haben. Sie sei lüstern und verlogen zugleich, eine Kokette, die sich
zufällig Anatol als Geliebten gewählt habe, weil sie in ihrer Ehe unglücklich sei. Als
er sie wegschickt, beteuert sie ihre Liebe und Anbetung. Anatol fordert sie daraufhin
auf, mit ihm in ein anderes Land zu fliehen, doch sie schreckt zurück. Sie stimmt ihn
milder, indem sie verspricht, am nächsten Morgen alles wiedergutzumachen.
Anatols Hochzeitsmorgen
An seinem Hochzeitsmorgen ist Anatol schlecht aufgelegt und ärgert sich über seinen
Diener Franz. Max kommt zu Besuch, da er Trauzeuge sein soll. Anatol hat, wie sich
herausstellt, die Nacht mit einer Geliebten verbracht. Der Polterabend am Vorabend
hat ihn traurig gemacht. In der kalten Winternacht ist ihm bewusst geworden, dass er
nach seiner Heirat kein freier Mann mehr sein wird und sein Junggesellenleben
aufgeben muss. Er ließ sich vom Karneval anstecken und folgte einer Gestalt, die ihm
bekannt vorkam – es war jene Ilona, die nun im Nebenzimmer schläft. Er kannte sie
bereits zuvor. Unter dem Vorwand einer Reise hatte er sich vor wenigen Wochen von
ihr getrennt. Obwohl er an diesem Tag eine andere heiraten wird, hat Anatol Ilona in
der Nacht gesagt, dass er sich nicht mehr von ihr trennen will. Max drängt ihn zur Eile
und bezeichnet sein Verhalten als unmoralisch.
„Ich mußte die letzte Woche jeden Abend zweimal soupieren: mit der einen, die ich
gewinnen – und mit der andern, die ich loswerden wollte ... Es ist mir leider noch
keines von beiden gelungen ...“ (Anatol, S. 82)
Als Ilona ins Zimmer kommt, besteht sie darauf, Anatol nicht gehen lassen zu wollen.
Sie ist über die anstehende Hochzeit offenbar nicht informiert und droht, vor der
Kirche einen Skandal anzuzetteln, würde er jemals heiraten. Als der Diener das
Brautbouquet bringt, wird sie jedoch misstrauisch, und trotz aller Ausflüchte Anatols
kommt die Wahrheit ans Licht. Ilona will ihm vor Wut das Bouquet aus der Hand
reißen, woraufhin Anatol vor ihr flüchten muss. Sie beschuldigt ihn, ein Heuchler und
Betrüger zu sein, klagt Max der Mitschuld an und schwört Rache, bevor sie weinend
auf dem Diwan niedersinkt. Als der Wagen für Anatol und Max vorfährt, verlässt
Anatol ängstlich das Haus, nicht ohne Ilona einen Kuss aufs Haar zu drücken. Max
beschwört Ilona, nicht kindisch zu sein und sich davor zu hüten, Anatol zur Trauung
hinterherzulaufen. Er beschwichtigt sie, indem er ihr Komplimente macht und ihr sagt,
es sei noch nicht alles verloren, vielleicht werde Anatol seine Frau ja eines Tages
verlassen und zu Ilona zurückkehren. Dann geleitet er sie aus dem Raum.
Frank Wedekind:
Wedekind arbeitete als Schriftsteller, Journalist, Kabarettist, Dramatiker und Schauspieler. Er
war Mitbegründer der Satirezeitschrift »Simplicissimus« und trat in München als Kabarettist
auf. Mit seinen Theaterstücken, in denen er auch als Schauspieler mitwirkte, provozierte er
das bürgerliche Publikum.