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Zu Diesem Heft

Das Dokument thematisiert die Bedeutung von Rudolf Steiners Auseinandersetzung mit Goethes naturwissenschaftlichen Schriften und seine Vorträge zur praktischen Ausbildung des Denkens, die er 1908/09 hielt. Es wird aufgezeigt, wie Steiners Erkenntnistheorie und praktische Übungen zur Denkschulung in Zusammenhang mit Goethes Ansichten stehen und welche Herausforderungen dabei bestehen. Der Text schließt mit der Feststellung, dass die praktische Ausbildung des Denkens eine zentrale Aufgabe der Geisteswissenschaft darstellt, die sowohl theoretische als auch praktische Lebensaspekte umfasst.

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Das Dokument thematisiert die Bedeutung von Rudolf Steiners Auseinandersetzung mit Goethes naturwissenschaftlichen Schriften und seine Vorträge zur praktischen Ausbildung des Denkens, die er 1908/09 hielt. Es wird aufgezeigt, wie Steiners Erkenntnistheorie und praktische Übungen zur Denkschulung in Zusammenhang mit Goethes Ansichten stehen und welche Herausforderungen dabei bestehen. Der Text schließt mit der Feststellung, dass die praktische Ausbildung des Denkens eine zentrale Aufgabe der Geisteswissenschaft darstellt, die sowohl theoretische als auch praktische Lebensaspekte umfasst.

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Vor nunmehr einhundert Jahren begann für Rudolf Steiner mit der auf Schröers Emp-
fehlung hin an ihn herangetragenen Aufgabe der Herausgabe von Goethes «Naturwis-
senschaftlichen Schriften» in Kürschners «Deutsche National-Litteratur» eine neue
Schaffensperiode. Daß der Zeitpunkt des Erscheinens einer Sonderausgabe der Natur-
wissenschaftlichen Schriften mit Einleitungen und Kommentaren Rudolf Steiners im
Rudolf Steiner-Verlag einerseits im Zusammenhang steht mit der Würdigung Goethes
anläßlich seines 150. Todestages und andererseits zusammenfallt mit dem Beginn der
Arbeit Rudolf Steiners an der Herausgabe vor genau einhundert Jahren, mag den einen
ein eher zufälliges Zusammentreffen, den anderen Zeichen eines inneren Zusammen-
hanges sein.
Welche Bedeutung der intensiven Beschäftigung Rudolf Steiners mit Goethes
Schriften beizumessen ist, wird ersichtlich aus den folgenden Worten am Ende des VI.
Kapitels in seiner Autobiographie «Mein Lebensgang»: «Deshalb trieb mich das, was ich
in Anlehnung an Goethes Organik dargestellt hatte, neuerdings an die Erkenntnistheo-
rie heran... Ich fand, es gibt für die Goethe'sehe Erkenntnisart keine Erkenntnistheo-
rie. Das führte mich dazu, den Versuch zu machen, eine solche wenigstens andeutungs-
weise auszuführen.» Daß es nicht bei «Andeutungen» blieb, wird zwölf Jahre später
deutlich mit dem Erscheinen der «Philosophie der Freiheit», einer in die Zukunft
weisenden, neuen Ethik.
Wie schwer es ist, Erkenntnistheorie in eine Erkenntnispraxis einmünden zu lassen,
wird jeder nachempfinden können, der sich dieser Aufgabe stellt. In den Jahren
1908/09 wird nun von Rudolf Steiner selbst in insgesamt vier Vorträgen, die den Titel
«Die praktische Ausbildung des Denkens» tragen und in vier verschiedenen Städten ge-
halten wurden, der Versuch unternommen, eine Brücke zu schlagen. Vor geraumer Zeit
wurde dem Archiv die Nachschrift des zuletzt unter diesem Titel gehaltenen Vortrages
vom 13. Februar 1909 in Nürnberg zugänglich, der hier nun erstmalig abgedruckt wird.
Über Zusammenhänge und Unterschiede zu den bisher veröffentlichten Vorträgen will
der anschließende Aufsatz Auskunft geben.
Die Geistesverwandtschaft zwischen Goethe und Steiner wird deutlich erfahrbar in
den Baumformen des ersten Goetheanumbaues, die durch die Brandkatastrophe in der
Silvesternacht 1922/23, also vor nunmehr 60 Jahren, dem äußeren Auge entrissen wur-
den. Die ihnen zugrundeliegenden Motive und geistigen Gesetzmäßigkeiten blieben
jedoch erhalten und können nun in Form eines neuen Bandes in der Gesamtausgabe un-
ter dem Titel «Wege zu einem neuen Baustil» einer interessierten Öffentlichkeit erneut
zugänglich gemacht werden. Der Aufsatz von Hella Wiesberger enthält neben einigen
Apercus über die Entstehungsgeschichte der Vortragsnachschriften ein interessantes
Echo, das die erste Veröffentlichung der fünf Bauvorträge, die für diesen Band um wei-
tere drei Vorträge ergänzt wurden, in der damaligen Fachwelt gefunden hat.
In welch engem geistigen Zusammenhang das praktische Denken, wie Goethe es an-
zuwenden verstand, mit den neuen Bauformen zu sehen ist, beschreibt Rudolf Steiner
im Jahre 1923 in seinem Aufsatz «Goethe und Goetheanum» (in: «Der Goetheanumge-
danke. Gesammelte Aufsätze 1921-1925», GA Bibl.-Nr. 36), dem der folgende Aus-
zug - hier wiedergegeben in der handschriftlichen Fassung - entnommen wurde:

1
Rudolf Steiner: Goethe und Goetheanum
Aus dem Manuskript des Aufsatzes von 1923 (in GA 36)

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Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:GA-1 Seite:2
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Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: GA-1 Seite: 3


Praktische Ausbildung des Denkens

Drei Vorträge. Ihre Gemeinsamkeiten, ihre Besonderheiten.


Versuch einer vergleichenden Betrachtung

Wer sich gegenwärtig für einen richtigen Lebenspraktiker hält und diese Hal-
tung - vielleicht nicht ohne Stolz - gegenüber seinen Mitmenschen in allen Si-
tuationen zu behaupten vermag, wird es nicht leicht haben mit den Inhalten,
die Rudolf Steiner in seinen Vorträgen über die «Praktische Ausbildung des
Denkens» vor ihm ausbreitet. Sieht er sich doch schon in den ersten Sätzen des
Vortrages vom 13. Februar 1909 einer scharfen Kritik ausgesetzt, wenn es da
heißt, daß sich die Praxis des sogenannten Lebenspraktikers zusammensetzt «aus
Kurzsichtigkeit, Gewohnheit, Intoleranz, immer mit gewissen Zusätzen - das
wird dem Seelenkenner sehr bald bemerkbar sein - von Brutalität.» Nun, aber
auch diejenigen, die «es schon immer gewußt haben» und sich zu den Schwär-
mern und Enthusiasten einer neuen Geistigkeit zählen, werden sich schwer tun.
Auch für sie sind gleich zu Beginn des eben genannten Vortrages Hindernisse
aufgebaut, die genommen sein wollen, denn, so Rudolf Steiner: «Nicht der En-
thusiast, nicht der mit besonders reger Phantasie Begabte, nicht sie sind diejeni-
gen, die eigentlich dem Geistesforscher die liebsten Schüler werden können,
sondern diejenigen, die fest auf dem Boden des Lebens stehen». Die erste
Übung - wenn auch nicht von dem Vortragenden so ausgesprochen, so doch in-
haltlich angeregt - lautet: Bestimme in allen Lebenssituationen Deinen Stand-
punkt, sei es als sogenannter Lebenspraktiker, sei es als Enthusiast einer neuen
Geisteshaltung.
Im folgenden soll nun, nach diesen kurzen einleitenden Worten, der Ver-
such unternommen werden, anhand der vorliegenden Vorträge zu dem Thema
«Praktische Ausbildung des Denkens» die einzelnen Übungen, ihre Vorausset-
zungen und ihre Folgen darzustellen und damit Gemeinsamkeiten und auch
Unterschiede bzw. Besonderheiten der einzelnen Vorträge hervorzuheben.
Im Winterhalbjahr 1908/09 hielt Rudolf Steiner vier Vorträge mit dem The-
ma «Praktische Ausbildung des Denkens». Von seinem ersten Vortrag, gehalten
vor Mitgliedern der Theosophischen Gesellschaft in Klagenfurt am 27. Novem-
ber 1908, liegt uns keine Nachschrift vor. Bereits veröffentlicht ist der - eben-
falls vor Mitgliedern - gehaltene Vortrag vom 18. Januar 1909 in Karlsruhe.
Siehe hierzu den Band «Die Beantwortung von Welt- und Lebensfragen durch
Anthroposophie», GA Bibl.-Nr. 108 und" die verschiedenen Auflagen der Ein-
zelausgabe. Vor die Öffentlichkeit trat Rudolf Steiner mit diesem Thema im
Rahmen der Architektenhausvorträge in Berlin am 11. Februar 1909; siehe den
Band «Wo und wie findet man den Geist?», GA Bibl.-Nr. 57, und zuletzt in
Nürnberg am 13. Februar 1909. Siehe die Erstveröffentlichung in diesem Heft.
Was nun die Bildhaftigkeit und Anschaulichkeit von Beispielen in bezug auf
die sogenannten Lebenspraktiker und ihren Gegenpol angeht, so trifft man diese
in allen drei Vorträgen an. Sie bilden sozusagen den Nährboden für alles wei-
tere. Da ist die Rede von dem Erfinder der Einheitsbriefmarke, dem Engländer
Sir Rowknd Hill, der beruflich rein gar nichts mit dem Postwesen zu tun hatte,
jedoch, im Gegensatz zu den Postexperten, seinen gesunden Menschenverstand
einzusetzen wußte. Nahezu grotesk mutet uns heute jenes Gutachten des bayri-
schen Medizinalkollegiums über die Gefahren an, die mit der Erfindung der
Eisenbahn der Menschheit drohen. Der Begriff des «inneren Wagenschiebers»
wird all denen unvergeßlich bleiben, die sich zunächst mit großer innerer An-
teilnahme an dem Erfindungsgeist jenes Studienkollegen Rudolf Steiners er-
freuen, der eine Art «perpetuum mobile» entdeckt zu haben glaubte, bis er
durch Rudolf Steiner eines besseren belehrt wurde. Und der Plateau'sche Ver-
such, Standartversuchsprogramm im damaligen Physikunterricht, ergänzt in der
Darstellung Steiners die Palette der Schiefheiten im Denken der sogenannten
Praktiker.
In bezug auf diese Beispiele wird man in den drei Vorträgen viele Ähnlich-
keiten finden. Blickt man auf die Gesamtkomposition, so unterscheiden sich die
beiden öffentlichen Vorträge in Berlin und Nürnberg doch ganz erheblich von
dem Karlsruher Mitgliedervortrag. Die einzelnen Übungsangaben stehen in den
zuerst genannten Vorträgen in l e r n größeren S i n n z — e n h a n g , der durch
drei Grundsätze bzw. Grundgesetze oder auch (vgl. den Nürnberger Vortrag)
durch drei «Zaubermittel» hergestellt wird: Um nämlich zu einem praxisnahen
Denken zu kommen, bedarf es erstens: des Interesses an allen Dingen, zwei-
tens: der Lust und liebe an allen Tätigkeiten und drittens: einer inneren Befrie-
digung die Reflexion betreffend. An diese drei Grundsätze schließen sich nun
die einzelnen Übungen an, die in dem letzten, also dem Nürnberger Vortrag,
wohl am deutlichsten voneinander unterschieden werden können. Anzumer-
ken ist hier noch, daß die Schlußpassage dieses Vortrages in dem Berliner Vor-
trag so nicht enthalten ist, jedoch in ähnlicher Weise im folgenden der Architek-
tenhausvorträge, also dem vom 18. Februar 1909, unter dem Titel «Die unsicht-
baren Glieder der Menschennatur und das praktische Leben» (GA Bibl.-Nr. 57)
den Einstieg bildet. Hier zeigt sich wieder recht deutlich, welch inneren Zusam-
menhang die einzelnen Architektenhausvorträge, die oft viele Wochen ausein-
ander liegen, dennoch bilden.
Was die weiteren Voraussetzungen betrifft, so sind sich der Karlsruher und
der Nürnberger Vortrag sehr ähnlich, wobei im letzteren - dies betrifft vor allem
die Beispiele und Zitate - die einzelnen Darstellungen oft wesentlich ausfuhrli-
cher sind. Als eine Voraussetzung für die praktische Ausbildung des Denkens
wird die Feststellung genannt - hier beruft sich Rudolf Steiner auf Aristoteles -,
daß die Gedanken schon in den Dingen enthalten sein müssen, so wie in einem
Wasserglas Wasser sein muß, wenn ich es leeren will. Eine weitere, sehr wesentli-

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che Voraussetzung und Bedingung ist, daß sich der Übende zur Selbstlosigkeit
erzieht. Die möglichen Folgen eines Gedankens bedenkend und dann, wenn sie
tatsächlich so eingetreten wie vorhergesehen, zu konstatieren, daß man «das ja
gleich gesagt habe», erweist sich innerhalb eines solchen Übungsweges als ab-
surd und zugleich schädigend für das Denken.
Blickt man nun auf die einzelnen Übungen, so kann man feststellen, daß sie
im letzten Vortrag am deutlichsten als einzelne Übungen auftreten, während
sich im Karlsruher und auch im Berliner Vortrag die einzelnen Übungen oft
nur schwer aus dem Gesamtzusammenhang herauslösen und damit auch als sol-
che erfassen lassen. Hier seien daher die Übungen des Nürnberger Vortrages
einmal im einzelnen aufgeführt:

- Verlängerung der Tatsachen nach rückwärts und vorwärts


- Denken ohne Blick auf das Ergebnis
- Zu gewissen Zeiten am Tage über fremde Gebiete, die nicht unmittelbar
mit der eigenen Lebenssituation zusammenhängen, nachdenken
- Seine eigene Meinung in Frage stellen, eigene Gedanken (Vorstellungen)
ruhen lassen; die Meinung des anderen tolerieren
- Erst in der Erinnerung das Urteil bilden. Solange noch ein Eigeninteresse
vorhanden ist, nur anschauen, zuhören, nicht reden
- Gewisse Zeiten am Tage nichts denken

Über die Folgen solcher Übungen wird man am deutlichsten etwas in dem Mit-
gliedervortrag (Karlsruhe) erfahren. So fuhrt die erstgenannte Übung zur
Geschmeidigkeit des Denkens. Die drittgenannte zu Einfallen zur rechten Zeit,
aber auch - wie man im Nürnberger Vortrag erfährt - zur Ausbildung der
Denkorgane. Die vierte Übung fuhrt zu klarem Denken, zu Schlagfertigkeit
und auch dazu, größere Sinnzusammenhänge zu erfassen. Und nicht ohne Er-
staunen wird man in dem Karlsruher Vortrag entgegennehmen, daß das bewuß-
te Aussetzen der denkerischen Tätigkeit zu gewissen Zeiten des Tages zu einem
guten Gedächtnis fuhrt.
Mit dem Hinweis auf die Bedeutung einer gezielten Denkschulung für die
theosophisch-anthroposophische Bewegung endet der Vortrag in Karlsruhe,
während in Berlin und Nürnberg - wie auch schon in vorangegangenen Ab-
schnitten des Vortrages - Rudolf Steiner nochmals auf die Denkpraxis Goethes
verweist. Daß mit den genannten Beispielen und Übungen das weite Gebiet ei-
ner «Praktischen Ausbildung des Denkens» noch nicht erschöpft ist, darf man
dem folgenden Satz Rudolf Steiners gegen Ende des Nürnberger Vortrages ent-
nehmen: «Nur einzelne Punkte konnten aus dem Umfange dessen, was man zu
sagen hätte und was zwanzig Vorträge nicht erschöpfen könnten, herausgeho-
ben werden.»
Walter Kugler
RUDOLF STEINER

Die praktische Ausbildung des Denkens


öffentlicher Vortrag, Nürnberg, 13. Februar 1909

Wer sich obenhin und oberflächlich unterrichtet aus dieser oder jener Broschüre
über das, was Geisteswissenschaft oder Theosophie will, was sie sich als ihr Ziel
stellt, der kann leicht zu einem Urteil gelangen, zu dem zweifellos viele unserer
Zeitgenossen, die auf diese Art von Theosophie hören, kommen, zu dem Urtei-
le: was hat denn eigentlich gerade diese Geisteswissenschaft oder Theosophie zu
sagen über die praktische Ausbildung des Denkens? Denn viele bilden sich ja
durch solche oberflächliche Bekanntschaft die Meinung, Geisteswissenschaft
oder Theosophie sei etwas im Wölkenkuckucksheim Schwebendes, Weltenfrem-
des und Weltenfernes, das die Menschen abziehe von der wahren, echten Praxis
des Lebens, und sie könne daher am allerwenigsten etwas sagen über die Forde-
rungen des praktischen Denkens, das doch eigentlich verknüpft sein soll mit
den Forderungen des praktischen Lebens.
Wer sich freilich etwas tiefer einläßt auf das, was Geisteswissenschaft oder
Theosophie ihrem Wesen nach ist, der wird zu einem anderen Urteile kommen
und wird namentlich erkennen, daß sie aus zwei Gründen gerade berufen ist,
auch über das Denken als eine praktische Lebensaufgabe einiges zu sagen. Der
erste Grund ist der, daß Theosophie oder Geisteswissenschaft gar nicht unprak-
tische, lebensfremde und lebensfeindliche Menschen heranbilden soll, daß sie
im Gegenteil in alledem, was sie sein will, hineingreifen kann in das alleraUtäg-
lichste Leben, man möchte sagen, in die Handgriffe des stündlichen Lebens,
mit denen wir es zu tun haben in der Lebenspraxis. Erst dann ist die Aufgabe
von Geisteswissenschaft oder Theosophie richtig erfaßt, wenn sie uns durch-
dringt bis in alle unsere einzelnen Verrichtungen, wenn sie uns sozusagen nicht
nur weise macht, nicht nur belehrt über die höchsten Aufgaben und Rätsel des
Daseins, sondern wenn sie uns geschickt, praktisch macht für das aüeralltäglich-
ste Leben. Das ist der eine Grund. Der andere ist ein solcher, der in engerem
Sinne mit der Aufgabe und der Mission der Geisteswissenschaft oder Theo-
sophie zusammenhängt.
Es ist oft auch hier betont worden in dieser Stadt, daß das, was Geisteswis-
senschaft oder Theosophie zu sagen hat über die höchsten Probleme des Da-
seins, über die Geheimnisse des Lebens, über die Rätsel des Menschen, was
durch sie vorgebracht wird aus den Beobachtungen des hellseherischen Bewußt-
seins heraus, daß alles das, wenn es vorgebracht wird, verstanden werden kann
durch den vorurteilsfreien, gesunden Menschenverstand. Das wurde oftmals ge-
sagt. Geforscht, gesucht werden kann in den höheren Welten nach den Geset-
zen und Geheimnissen des Daseins nur von dem, der die in seiner Seele schlum-
mernden Fähigkeiten und Kräfte, das geistige Auge, das geistige Ohr ausgebil-
det hat. Wenn dann das erzählt wird, was da erforscht ist in den höheren Wel-
ten, so kann es von jedem verstanden werden, der sich von diesem Verstehen
nur nicht abhalten läßt durch die Vorurteile, die ihm zufließen durch Suggestio-
nen unserer Zeitkultur oder einer anderen Kultur. Wenn also Theosophie so
verstanden werden kann, so ist sie für jeden, auf welchem Posten des Lebens er
auch stehen mag, nicht nur nützlich sondern notwendig, sie macht ihn sozusa-
gen erst zum wahren Menschen. Sie ist also ein allgemein menschliches Gut,
und sie kann und muß auch Interesse haben für den, der sich vielleicht über-
haupt sagt: ich komme doch nicht mehr dazu in diesem Leben, selber ein Gei-
stesforscher zu werden, selber mir die Augen öffnen zu lassen, um hineinzu-
schauen in die geistigen Welten. Das braucht man auch gar nicht, um Geistes-
wissenschaft oder Theosophie kennenzulernen; aber von gewissen Gesichts-
punkten aus ist Geisteswissenschaft oder Theosophie eine Vorbereitung auch für
dieses Öffnen der geistigen Augen, der geistigen Erkenntnis- und Wahrneh-
mungsorgane überhaupt. Sie soll hinauffuhren den Menschen in die geistige
Welt.
Wer also hinaufdringen will in diese geistigen Welten, wer sich sozusagen
das hellseherische Bewußtsein erwerben will, für den ist nicht Schwärmerei,
nicht ein überhitzter Enthusiasmus die richtige Grundlage, sondern für den ist
das feste Stehen auf dem Boden des Lebens mit seinen beiden Füssen die richtige
Grundlage. Man möchte fast sagen, obwohl das grotesk klingt, mit je weniger
überhitzter Einbildungskraft und Träumereien und Phantastereien der Mensch
an die geistige Forschung herantritt, desto besser ist es. Nicht der Enthusiast,
nicht der mit besonders reger Phantasie Begabte, nicht sie sind diejenigen, die
eigentlich dem Geistesforscher die liebsten Schüler werden können, sondern
diejenigen, die fest auf dem Boden des Lebens stehen. Am liebsten sind ihm die
nüchternen Leute, denn die Begeisterung, der Enthusiasmus, die kommen
schon aus der Sache selber, wenn die großen Tatsachen des Lebens auf uns ein-
wirken. Dann werden wir schon bis zur poetischen, enthusiastischen Gesinnung
erhoben durch die Tatsachen, und das ist das, was gesund ist, und nicht eine
durch ein überhitztes Inneres hervorgerufene Begeisterung.
Daher ist gerade ein praktisches Denken, das fest auf dem Boden des Lebens
steht, auch eine gute, ja, die allerbeste Vorbedingung für den, der sozusagen
hinaufstrebt zum hellseherischen Bewußtsein. Je nüchterner der Mensch ist, je
praktischer, desto besser, wenn er erhoben werden soll in die Sphären des hell-
seherischen Schauens.
Das alles kann Ihnen wohl zeigen, daß einerseits die Geisteswissenschaft al-
len Grund hat zu glauben, daß aus ihren Ergebnissen heraus etwas zu sagen ist
über die Praxis des Denkens und ihre Ausbildung und daß sie auf der anderen
Seite ein tiefgehendes Interesse hat, gerade auf praktisches Denken viel zu ge-
ben. Allerdmgs wird sie deshalb doch recht leicht in Kollision kommen können

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mit den Leuten, die sich gewöhnlich, namentlich heute, die Lebenspraktiker
nennen, mit jenen Lebenspraktikern, die, wenn sie ein paar Worte nur hören
von Geisteswissenschaft, sofort von Phantasterei sprechen werden und sagen
werden: das ist etwas, was aller Praxis widerspricht. Was aber ist Lebenspraxis
für diese Praktiker, für diejenigen, die so hochmütig sind aufgrund ihrer Le-
benspraxis, die sich so viel einbilden auf ihre Lebenspraxis, die alles abweisen,
was nicht ganz schablonenmäßig in ihre Lebenspraxis hineinpaßt? Das ist für
den, der das Leben zu beobachten vermag, so, daß diese Menschen womöglich
früh daran gewöhnt werden, ausgetretene Geleise zu gehen, um ja nicht heraus-
zutreten aus den gewohnten Handgriffen. Widrigenfalls, wenn man heraustre-
ten wollte, setzt man sich der Gefahr aus, ausgestoßen zu werden aus den Sphä-
ren, in die man aufgenommen werden will; das ist die gewöhnliche Lebenspra-
xis, daß man nurfortwursteltin der Weise, wie es überall geworden ist.
Für den, der das Leben beobachten kann, setzt sich diese Praxis zusammen
aus Kurzsichtigkeit, Gewohnheit, Intoleranz, immer mit gewissen Zusätzen -
das wird dem Seelenkenner sehr bald bemerkbar sein - von Brutalität. Die ist
nötig, damit alles niedergetreten werden kann, was sich nicht einfügen will in
diese dogmatische Lebenspraxis. Da kommt es aber auch zu ganz sonderbaren
Dingen.
Am besten kann man sich das an Beispielen klarmachen, von denen manche
schon hier erwähnt worden sind. Wir wollen uns heute eines dieser Beispiele
vor die Seele rücken, um uns daran die gewöhnliche Lebenspraxis vorzuhalten.
Wer wird es heute nicht praktisch finden, daß man nicht mit jedem Briefe zum
Postschalter gehen muß und daß ein riesiges Buch aufgeschlagen werden muß,
um da nachgehen, wie weit der Ort Legt an den der Brirflgerichtet ist, und
dann danach bestimmt werden muß, bei halben Pfennigen, wieviel man als
Porto zu entrichten hat? In den wenigen Fällen, wo man das heute tun muß,
kann man schon lernen, wie praktisch es ist, daß man das hat, was man das soge-
nannte Pfennigporto nennt, die Einheitsmarke, selbst für weite Entfernungen.
Das hat es noch nicht gegeben vor ungefähr achtzig Jahren. In den vierziger
Jahren des vorigen Jahrhunderts war es noch so, daß man mit einem Briefe zum
Postschalter gehen mußte und viele Umstände hatte. Kein Postpraktiker war es,
der diese Einheitsmarke erfunden hat, sondern der Engländer Hill, der nicht
vom «praktischen» Leben war. Er hat zuerst gesagt, welche Vorteile es haben
würde, wenn man das Pfennigporto einfuhren würde. Das ist kein Märchen.
Sie können es nachlesen in den Akten des englischen Parlaments. Derjenige,
der der Praktiker war, der hat gesagt: «Ach, was der Hill da ausrechnet, glaube
ich ihm nicht; denn solch eine Einrichtung kann sicher unseren Verkehr nicht so
heben, wie er angibt. Und selbst, wenn es wahr wäre, dann müßte man da-
gegen sein, denn dann müßte man das Postgebäude dreimal so groß machen,
als es ist.» Das war der Praktiker, während der Unpraktiker gerade diese welt-
umwälzende Entdeckung des Pfennigportos gemacht hat.
Und ich brauche nur an etwas zu erinnern, was man hier wissen sollte. Als
die erste Eisenbahn gebaut werden sollte, wurde ein Medizinal-Kollegium ge-
fragt, ein praktisches, ob man aus hygienischen Gründen Eisenbahnen bauen
sollte. Das Dokument kann gelesen werden, es wurde das Urteil abgegeben von
den Praktikern - es liegt gar nicht so viel Menschenalter hinter uns - , man solle
keine Eisenbahnen bauen, denn - so urteilten die Praktiker - die Leute würden
sich ihr Nervensystem zugrunde richten. Wenn man aber doch Eisenbahnen
bauen wollte und sich Menschen finden würden, die damit fahren, so müsse
man hohe Bretterwände zu beiden Seiten errichten, damit diejenigen, an denen
die Bahn vorbeifährt, nicht Gehirnerschütterung kriegen.
Wiederum ein solches Urteil aus der Praxis ist es, wenn der Postmeister
Nagler in Potsdam gesagt hat: Ich lasse täglich zwei Postkutschen hinausfahren,
in denen niemand sitzt; wie soll in der Bahn dann jemand sitzen?
Das sind lauter Tatsachen aus dem praktischen Leben. Mit einer solchen An-
schauung von der Lebenspraxis kann allerdings ein wirklich praktisches Denken
in Kollision kommen. Aber diese wirklich praktischen Denker müssen schon
einmal etwas tiefer eindringen in das Wesen des eigentlichen Denkens, und da
darf ich vielleicht gleich ausgehen von etwas ganz Konkretem. So etwas
von recht unpraktischem Denken tritt uns hier entgegen. Während meiner
Studentenzeit erlebte ich den Fall von unpraktischem Denken und zwar mit
solcher Stärke, daß sich mir ein Typus ergeben hat von unpraktischen Denkern,
die ich nennen möchte «die inneren Wagenschieber», eine Kategorie, in die
man viele Menschen in bezug auf ihr Denken einordnen kann.
Und zwar kann ich Ihnen klarmachen, was diese inneren Wagenschieber des
Denkens sind. Während meiner Studentenzeit kam ein Kollege an mich her-
an mit rotem Kopf und sagte: Ich habe jetzt eine wunderbare Erfindung ge-
macht; ich muß schnell zum Radinger - das war der Fachreferent - und muß
ihm meine Erfindung auseinandersetzen. Das ist etwas Weltumwälzendes. - Er
ließ sich nicht aufhalten, rannte zum Fachreferenten und kam etwas bedrückt
zurück. Er mußte nämlich eine Stunde warten und hatte doch keine Zeit zu
verlieren mit seiner weltumwälzenden Erfindung! In dieser Zwischenzeit wollte
er mir die Sache erklären. Er fing an. Alles war sehr scharfsinnig. Er erzählte von
einer außerordentlich schön ineinanderlaufenden Maschinenkonstruktion und
konnte zu gar keinem anderen Resultate kommen, als daß er das Problem gelöst
habe: durch möglichst wenig Dampfkraft, die die Maschine zuerst verzehrt, mit
Hilfe der mannigfaltigsten Übersetzungen, schließlich eine Riesenmenge von
Arbeitskraft zu leisten. Ich ließ mir die Sache erklären und zuletzt sagte ich:
Ja sieh, wenn man die Sache auf einen einfachen Gedanken bringt, so ist sie
ebenso ausfuhrbar, wie das wichtige Problem, wenn du dich ins Innere eines
Eisenbahnwagens stellst und diesen anschiebst. So wahr, wie du diesen vor-
wärts bringst, so wahr geht diese Maschine. - Er sah die Sache auch gleich ein
und ging nicht mehr zum Fachgelehrten.

10
So wie der Mann damals dachte, so denken nämlich viele Menschen, und
deshalb kann man sie nennen die «inneren Wagenschieber». Sie denken in ge-
wissen Zusammenhängen, die ein begrenztes Gebiet darstellen. Das, was dar-
über hinausgeht, sehen sie nicht. Sie sind im Innern der Sache und finden
alles sehr scharfsinnig, wie es im Innern der Sache bestellt sein muß. Aber daß
da draußen auch noch etwas sein muß, finden die Leute nicht. Es ist eigentlich
so, ohne daß die Menschen es merken und wissen, daß sich die allermeisten im
engbegrenzten Kreise bewegen, ohne auch nur hinauszusehen in die Weite und
ohne zu wissen, daß man den Widerstand draußen suchen muß, um schieben
zu können. Daß man von innen nicht schieben kann, daran denken die Men-
schen nicht, solange sie nur hantieren im Innern des Wagens, in ihrem eng
begrenzten Gebiet. Sie meinen von dem, was draußen vor sich geht, brauchen
sie gar nichts zu wissen. Nur hat die Welt mit diesen Schiebern nicht viel zu
tun. Sie kommen nämlich für die Welt nicht weiter, sowenig wie der Wagen,
den man von innen schiebt, vorwärtskommt. Aber es kommen auch deshalb
viele Menschen nicht weiter, weil sie nach dieser Kategorie in ihrem Denken
verfahren.
Das ist das Wichtige, daß wir unser Denken so ausbilden lernen, daß wir
hinaussehen über den Wagen. Selbst wenn wir auch die Wissenschaften über-
blicken, so finden wir sehr häufig innerhalb derselben gerade dieses Element,
das Denken des inneren Wagenschiebens. Denn es sieht gewöhnlich - das ist
das Charakteristische unserer Wissenschaften - der, der ein gewisses Gebiet be-
arbeitet, über das Engste nicht hinaus. Auch das konnte ich schon klarmachen.
Denken Sie an die Kant-Laplacesche Theorie. Sie ist für viele doch heute noch
etwas, woran sie festhalten, wenn sie auch da und dort nicht mehr festgehalten
wird. Aber die anderen Theorien sind nicht besser. Diese Theorie, die einen
Urnebel annimmt, diesen rotieren läßt, absondern läßt die Ringe und Planeten,
sie wird sehr schön veranschaulicht in unseren Schulen, sehr niedlich; man hat
da im kleinen die Entstehung eines Weltsystems.* Man nimmt eine gewisse
Substanz, die auf dem Wasser schwimmt, macht große Tropfen daraus, schnei-
det ein Kartenblatt rund aus und schiebt es in die Äquatorrichtung hinein.
Dann nimmt man eine Stecknadel, steckt sie hinein, bringt den Tropfen zur
Drehung. Tröpfchen sondern sich ab und rotieren. Man hat ein schönes, niedli-
ches, kleines Planetensystem; in der Mitte die Sonne und ringsherum die Pla-
* Es handelt sich hier um den sogenannten Plateauschen Versuch, entwickelt von dem Physiker
/ . A. F. Plateau, 1801-1883. Man vergleiche hierzu die Darstellung, die Vinzenz Knauer in sei-
nen Vorlesungen über «Die Hauptprobleme der Philosophie» (Wien und Leipzig 1892) gibt:
«Eines der hübschesten physikalischen Experimente ist der Plateausche Versuch. Es wird eine
Mischung aus Wasser und Alkohol bereitet, die genau das spezifische Gewicht des reinen
Olivenöles hat, und in diese Mischung dann ein ziemlich starker Tropfen öl gegossen. Dieser
schwimmt nicht auf der Flüssigkeit, sondern sinkt bis in die Mitte derselben, und zwar in Ge-
stalt einer Kugel. Um diese nun in Bewegung zu setzen, wird ein Scheibchen aus Kartenpapier
im Zentrum mit einer langen Nadel durchstochen und vorsichtig in die Mitte der Ölkugel ge-

11
neten. Wie könnte man, so meinen die Leute, anschaulicher zeigen, daß wirk-
lich durch so etwas die Sache entstanden sein kann. Man sieht es ja im kleinen
entstehen. Das ist ja ein augenscheinlicher Beweis. Das ist recht hübsch. Nur ist
das ein inneres Wagenschieber-Denken. Der Experimentator hat nämlich ver-
gessen, daß er da dreht und daß das Niedliche nicht entstehen würde, wenn er
nicht drehen würde. Nicht wahr, man braucht natürlich durchaus nicht zu
denken, daß ein Riese da draußen steht im Raum, der den Urnebel in Drehung
versetzt. Aber man darf nicht die geistigen Untergründe, die demjenigen zu-
grunde liegen müssen, was sich mechanisch vollzieht, vergessen.
Alles das zeigt Ihnen, wie notwendig es für das äußere Leben und für das
Leben in der Wissenschaft ist, daß unser Denken wirklich fest wurzelt in dem
Boden der Denkpraxis. Die Geisteswissenschaft selber kann uns nun drei Dinge
aufzeigen, die erfüllt werden müssen, wenn wir wirklich unser Denken im prak-
tischen Sinne ausbilden wollen. Und dabei ist es so, daß in der Tat, so wenig
es auch anfangs danach aussieht, diese Dinge zur Denkpraxis hinführen, daß
der Mensch, der sie anwendet auf sich, schon die Erfahrung macht, wie sein
Denken klarer, schärfer, umfassender wird.
Wir werden uns diese drei Stufen der praktischen Gedankenausbildung so-
gleich vor die Seele führen. Wir müssen uns aber vorher die Grundbedingung,
die man als Gesinnung braucht, wenn man daran denken will, die richtige Stel-
lung zum Denken zu gewinnen, vor Augen führen. Ich habe das Bild schon
gebraucht. Niemand sollte glauben, Wasser schöpfen zu können aus einem
Glase, in dem keines ist. Diejenigen, die heute über das Denken denken,
denken nach diesem Muster. Sie denken nämlich, daß sie Gedanken aus einer
Welt gewinnen können, in der keine darinnen sind. Es kommt darauf an zu er-
kennen, daß unsere, in unserer Seele aufleuchtenden Gedanken und Begriffe
und Vorstellungen etwas bedeuten, daß sie nicht etwas Wesenloses sind, son-
dern daß die Welt nach den Gedanken, die wir in ihr finden, wirklich schon
aufgebaut ist. Nur eine Welt, die aus den Gedanken entsprungen ist, die wir
finden, ist berechtigt durch Gedanken gedacht zu werden. Derjenige, der eine
Uhr ansieht, wird leicht einsehen, daß die Gedanken, die darinnen Hegen, der
Uhrmacher gehabt hat. Nur wer über die Welt nachdenkt, möchte glauben, daß
die Welt nach Gedanken geordnet ist, die erst hinterher vom Menschen er-
sonnen werden. Er möchte bloß Gedanken gelten lassen, die sich die Seele bil-
senkt, so daß der äußerste Rand des Scheibchens den Äquator der Kugel bildet. Dieses Scheib-
chen nun wird in Drehung versetzt, anfangs langsam, dann immer schneller und schneller.
Natürlich teilt die Bewegung sich der Ölkugel mit, und infolge der Fliehkraft lösen von dieser
sich Teile ab, welche nach ihrer Absonderung noch geraume Zeit die Drehung mitmachen,
zuerst Kreise, dann Kügelchen. Auf diese Weise entsteht ein unserem Planetensystem oft über-
raschend ähnliches Gebilde: in der Mitte nämlich die größte, unsere Sonne vorstellende Kugel,
und um sie herum sich bewegend kleinere Kugeln und Ringe, welche uns die Planeten samt
ihren Monden versinnlichen können.» (Vorlesungen während des Sommersemesters, Neunte
Vorlesung, S.281 des oben angeführten Werkes.)

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det, und möchte nicht glauben, daß da die Dinge schon gebildet sind nach
den Gedanken, die sich der Mensch zuletzt bildet. Aristoteles hat das Wort ge-
prägt: Was der Mensch zuletzt findet in den Dingen, ist zuerst hineingelegt. -
Wenn der Mensch zuletzt Gedanken findet, so findet er sie deshalb, weil sie
zuerst hineingelegt worden sind in die Dinge. Dann aber, wenn man dies ernst
nimmt, gewinnt man vor allen Dingen das, was man nennen könnte: Vertrauen
zu einem solchen Denken, das mit der Wirklichkeit im Bunde stehen will.
Wenn ich weiß, daß nicht nur da drinnen - wie das materialistische Denken
glaubt - gedacht wird, sondern daß alles gedacht ist, was mir entgegentritt,
dann werde ich suchen, in den Dingen die Gedanken zu schauen, mich an die
Dinge zu halten, wenn ich denken soll.
Ein Psychologe der Goethezeit, Heinmtb, hat gerade Goethes Denken-weil
Goethe wie durch Veranlagung schon hereingeboren wurde in dieses Leben mit
dem Ziele, sich an die Dinge mit dem Denken zu halten, gleichsam in den Din-
gen zu denken, nicht abstrakt - Heinroth hat Goethes Denken ein gegen-
ständliches Denken genannt, das sozusagen nur denkt, was in den Gegen-
ständen ist, und das nur solches denkt, was wirklich in die Gegenstände hinein-
fließen kann. Und Goethe selbst hat das ungeheuer zutreffend gefunden.
Wahrhaftig, Goethe hatte diese Anlage, wie wir vielleicht noch genauer sehen
werden, gerade in den Dingen zu denken, so daß das Denken nicht abgesondert
war von den Dingen, sondern in das Gefuge der Dinge taucht.
Derjenige, der nicht mit solcher Anlage zur Welt kommt, sondern sich nach
und nach dieses praktische, in den Dingen lebende, gegenständliche Denken
erwerben muß, der muß dreierlei beachten: Erstens, wir müssen als Mensch,
wenn wir praktische Denker werden wollen, ein gewisses Verhältnis zu den
Gegenständen und Tatsachen um uns haben, und dieses Verhältnis läßt sich
so ausdrücken: wir müssen so viel als möglich trachten, Interesse für die Gegen-
stände und Tatsachen des Lebens zu haben. Interesse an der Außenwelt, das ist
das erste Zaubermittel zur Erlangung eines praktischen Denkens. Das Zweite
ist, unsere eigenen Handgriffe, unsere eigenen Betätigungen müssen beherrscht
sein von Lust und Liebe. Das Dritte ist, wenn wir für uns selber denken, wenn
wir über das Leben hinausgehen und unsere Gedanken in unserem Inneren
machen, dann müssen wir vorzugsweise dafür innere Befriedigung haben. Das
sind in der Tat die drei Abstufungen, die Zaubermittel allen praktischen Den-
kens: Interesse an der Umwelt; Lust und Liebe zu allen Verrichtungen; und
innere Befriedigung, wie man sagt, an der Reflexion, das heißt an dem Denken,
das wir still für uns, abgesondert von den Dingen, verrichten. Aber diese Dinge
müssen wir wirklich haben.
Ja, was ist denn aber eigentlich Interesse an den Dingen? Nichts anderes ist
das Interesse an den Dingen, als wenn wir gar nicht Anspruch darauf erheben,
mit unseren Schablonen, mit unseren vorgefaßten Begriffen an die Dinge her-
anzutreten, sondern wenn wir geneigt sind, in jedem Augenblicke die Dinge als

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Individualitäten zu nehmen und uns zu sagen, sie haben uns immer etwas zu
sagen. Es scheint wenig gesagt zu sein damit, aber es ist ungeheuer viel damit
gesagt, wenn man auf die Lebenspraxis geht. Die meisten kommen an die Men-
schen und die Dinge ihrer Umgebung mit schablonenhaften Begriffen heran.
Und sie sehen sich zum Beispiel den einzelnen Menschen an; aber sie sehen
nicht diesen Menschen, sondern nur etwas Oberflächliches und Flüchtiges, und
wenn das stimmt zu ihren schablonenhaften Begriffen, dann sind sie fertig. Das
fuhrt niemals zur denkerischen Praxis. Man wird sehr schwer verstanden in die-
sen Dingen. Als ich vor kurzem diesen Vortrag hielt, sagte nachher einer: Ja, ich
habe immer die Vorstellung: wenn einer einen dicken, roten Hals hat und auch
sonst sehr dick aussieht, dann ist er ein Materialist, das «sagt» mir der Betref-
fende selber durch sein Aussehen. - Der da redete, hat alles gehört, was gesagt
worden ist, hat es aber nicht verstanden. Es ist in dem Fall so gewesen, daß einer
sich den dogmenhaften Begriff gebildet hat: wenn er einen solchen Menschen
mit einem roten, dicken Hals, der auch sonst dick ist, sieht, so taxiert er ihn so,
daß er sagt, das ist ein Materialist, statt einzugehen auf die einzelne Wesenheit
und zu denken: sie hat mit etwas zu sagen, sie hat das Geistig-Begriffliche in
sich selber, ich muß auf sie eingehen; jeder einzelne kann mir noch etwas sagen.
Das ist das eine. Dann aber handelt es sich nicht bloß darum, für dieses
Individuelle sich ein so geartetes Interesse heranzuerziehen, sondern für den
Tatsachenverlauf selber. Und da kann man es durch spezielle Übungen sehr
weit bringen. Nehmen Sie an, Sie treten einem ganz bestimmten Ereignis, einer
bestimmten Tatsache entgegen; Sie beobachten die Tatsache; ein Mensch tut
dies oder jenes. Sie fassen das treu auf. Darm bilden Sie sich folgende Gedan-
ken: Wenn das heute geschieht, so will ich mir anhand dieser Tatsache die Vor-
stellung bilden von dem, was gestern geschehen sein mag als die Voraussetzung
zu dem, was heute geschieht. Ich will mir konstruieren im Begriffe, was voran-
gegangen ist, das heißt, ich verlängere mir die Tatsache nach rückwärts im Be-
griffe. Und dann gehe ich daran und forsche, wie es gewesen ist. Zuerst wird der
Mensch finden, daß er sich geirrt hat, aber nach und nach wird er merken, daß
er dadurch, daß er solche Übungen macht, daß er sich nach rückwärts hin die
Ursachen bis zu einer gewissen Zeit konstruiert und dann an den Tatsachen
sieht, ob sein Denken sich so angelehnt hat, daß es die Wirklichkeit trifft, dann
wird er merken, daß er nach einiger Zeit aus den Tatsachen selber heraus denkt,
daß sie ihn fuhren, daß er die richtigen Voraussetzungen trifft.
Man kann es aber auch wohl anders machen, etwa so. Man kann ein Ereignis
der Natur oder irgendein Ereignis im menschlichen Leben, das heute geschieht,
prüfen, und jetzt bildet man sich im Gedanken konstruktiv, was morgen als
Folge dieses Ereignisses geschehen wird. Man wartet ruhig darauf, was wirklich
eintritt, und vergleicht es mit dem, was man sich selber ausgedacht hat. Wieder-
um wird man sehen, daß man sich anfangs sehr irrt. Wenn man sich aber so
treu an wirkliche Tatsachen hält und das Vertrauen hat: versenkst du dich in die

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Tatsachen und läßt das entstehen in deinen Gedanken, was auch in der Wirk-
lichkeit entstehen muß, hältst du dich an das Ereignis und verlangst von dir, daß
die Gedanken selbst einen Verlauf nehmen wie die Tatsachen - dann kommst
du weiter.
Es sind ungeheuer wirksame Übungen, die man in bezug auf das praktische
Denken so anstellen kann. Nun ist aber etwas dabei zu beachten. Es muß in
einer gewissen Weise solch eine Übung selbstlos vorgenommen werden, sonst
wirkt sie nicht. Das ist Erfahrung. In dem Augenblicke wirkt sie nicht, wo jene
Selbstsucht sich hineinmischt, die so ausgedrückt werden kann: wenn der
Mensch sich vorstellt, das oder jenes muß geschehen, und wenn das dann tat-
sächlich geschieht und er dann sagt: Habe ich es nicht gerade so vorausgesagt? -
In dieser selbstsüchtigen Freude liegt ein Hindernis dafür, daß die Kraft, die wir
ausbilden wollen, wirklich wirkt. Das ist eine Tatsache die jeder, der die Übun-
gen ausfuhrt, selber erfahren kann. Diese Dinge unterliegen geradeso wie die
Tatsachen der chemischen Analyse und Synthese gewissen Gesetzen.
So sehen wir, wie der Mensch sozusagen in die Dinge hineinkriechen kann,
sich identifizieren kann im Denken mit den Tatsachen. Dann verläuft, was er
denkt, im Sinne der Tatsachen. Ich spreche heute für Erwachsene - für Kinder
würde es zu weit fuhren - nur das sei noch gesagt: Wenn jemand ein wirkliches,
an die Außenwelt gebundenes Denken entwickeln will, daß sozusagen das Den-
ken entspricht dem, was draußen vorgeht, so muß er besorgt sein, solche Übun-
gen nicht bloß so zu machen, daß ein Ereignis neben das andere gestellt wird,
sondern er muß beachten, daß er ein Gefühl für das Gewicht eines Ereignisses
bekommt. Das ist etwas, was zusammenhängt mit der praktischen Ausbildung
des Denkens, was aber die wenigsten Menschen heute kennen. Wer beobachtet,
weiß, wie wenig die Menschen ein Gefühl dafür haben, daß es einen Unter-
schied macht, ob der eine eine Sache sagt oder der andere. Die beiden können
dasselbe ausdrücken. Durch das aber, als was der eine sich uns darstellt, haben
seine Aussagen ein anderes Gewicht als durch das, als was der andere sich uns
darstellt. Für das Gewicht der Dinge, die wir erlangen, müssen wir uns vor allen
Dingen ein gewisses Gefühl aneignen.
Mit solchen Anlagen war Goethe schon zur Welt gekommen. Er hatte sie
ausgebildet in früheren Inkarnationen. Daher wurde er etwas - für den, der die
Tatsachen kennt, ist das klar -, was viele, die sich heute praktisch nennen,
durchaus nicht sind. Goethe war ja Jurist geworden, hat auch eine praktische
juristische Tätigkeit ausgeübt. Diejenigen, die diese Tätigkeit von ihm kennen,
wissen, daß sein juristisches Wissen zwar kein sehr umfassendes war, was er aber
juristisch geführt hat, was das auszeichnet, ist das Gegenteil von dem, was man
heute beobachten kann: Es läuft ein Prozeß, der ist einem Rechtsanwalt überge-
ben. Man kommt hin, will etwas wissen von ihm. Ja, es ist kein richtiges Besin-
nen da. Man steckt nicht darinnen. Es werden Aktenbündel aufgeschlagen, es
werden Zettel angesehen. Das Unpraktischste kann man da finden. Für viele

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sind die, an die man sich wenden muß als an die Praktiker, diejenigen, die die
Sache so unpraktisch wie nur möglich machen. Goethe war praktisch. Viel ge-
wußt hat er nicht in der Juristerei, aber was er angefaßt hat, hat er angefaßt in
der praktischsten Weise. Man darf sich unter solch einem Menschen, wie Goethe
es war, nicht einen Menschen vorstellen, der unpraktisch sein muß. Wenn ein-
mal die Akten herausgegeben werden, die Goethe als Minister angelegt hat in
Weimar, da wird man sehen, daß er ein Praktiker war.
Man kann bei Goethe auch das noch anfuhren: Es ist bekannt, daß er seinen
Herzog begleitete nach Apolda hinaus und daß er bei der Rekrutenaushebung
alles praktisch ausgeführt hat, was da zu tun ist. Und als sie fertig waren, schrieb
er an seiner «Iphigenie», an der er schon in Apolda gearbeitet hat. Nun müssen
wir doch sagen, wie viele unserer Dichter würden sich nicht gestört fühlen,
wenn sie neben der Niederschrift ihrer glänzenden Ideen noch Rekruten aushe-
ben müßten! Aber ich glaube nicht, daß die «Iphigenie» deswegen schlechter
geworden ist als manches zeitgenössische Dichter-Produkt, weil bei der Rekruten-
aushebung daran gearbeitet wurde. Aber Goethe hat das eben gemacht, weil
er gegenstandlich mit seinen Gedanken war, so daß seine Gedanken in den Din-
gen arbeiteten, nicht abgezogen von den Dingen, nicht spekulativ.
Das zeigt sich dann, wenn Goethe in eminentester Weise jenen Zusammen-
hang darlegen konnte zwischen seinem Gedankenablauf und dem Ablauf der
Dinge draußen. Goethe hat Meteorologie studiert. Die heutigen Meteorologen
sehen von oben herab auf den Dilettantismus seiner Witterungskunde; aber die
Dinge wurden bei ihm so, daß sie praktische Blickbewegungen waren, Blickbe-
wegungen, die spürten, wenn sie einmal etwas überschauten, was aus einem
Ereignis in der nächsten Zeit wird. Oft ist es geschehen, daß Goethe sich an
das Fenster stellte, hinaussah und ein kleines Stück Himmel sah und sagte: In
drei Stunden regnet es. - Das war eine bessere Vorhersage als manche heutige.
Goethe webte in den Dingen darinnen mit seinen Gedanken. Namentlich durch
ein Interesse an der Umwelt kann man sich auch künstlich diese Stufe der
denkerischen Praxis aneignen.
Ein zweites, was wichtig ist, ist die Lust und liebe zu dem, was wir tun. Das
heißt, wir müssen versuchen, Lust und Liebe zu haben an den Handgriffen sei-
ber, gleichgültig, was daraus wird. Dann werden wir ebenso gerne das tun, was
etwa verfehlt werden kann, wobei nichts herauskommt, als dasjenige, was zu
schönen Resultaten fuhrt. Das ist wirklich Bedingung des praktischen Denkens.
Ich habe einen jungen Menschen gekannt, der hat sein praktisches Denken da-
durch geübt, daß er sich seine Schulbücher selbst gebunden hat. Er hatte große
Freude daran, alle diese verschiedenen Handgriffe zu machen, die man machen
muß zum Bücherbinden. Das ist eine bessere Schulung des praktischen Den-
kens als alles Grübeln und Spintisieren. Die Notwendigkeit, sozusagen jeden
Faden, den man einspannt und durchzieht, auf seine Wirkungsfähigkeit zu
prüfen, immer achtgeben zu müssen, wie die Finger sich bewegen, das ist wirk-

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lieh eine gute Vorschule für ein praktisches Denken. Und je mehr man vergebli-
che Versuche gemacht hat, desto besser für das praktische Denken. Selbst ausge-
zeichnete Menschen auf dem Gebiete von Theorie und Praxis, wie Leonardo da
Vinci, heben das hervor, und sie werden nicht müde, die Einzelheiten zu cha-
rakterisieren. Leonardo da Vinci spricht davon, wie man versuchen soll, um eine
Vorlage abzuzeichnen, zuerst auf Pauspapier die Vorlage abzuzeichnen; dann
legt man die Zeichnung über die Vorlage und prägt sich ein, wo man abgewi-
chen ist. Dann zeichnet man nochmal und wendet auf die Stelle besondere
Sorgfalt. Diese einfache Sache war Leonardo da Vinci nicht zu gering, um eine
Seite seiner Werke damit zu füllen. Und man kann nach dieser Anweisung auf
allen möglichen Gebieten des Lebens versuchen, das Denken zu einem prakti-
schen zu gestalten.
Das Dritte ist die innere Befriedigung an dem abgezogenen Denken. Das
müßte eigentlich jeder haben, auf welchem Gebiete des Lebens er auch steht.
Wenn er auch ein Geringes an Zeit darauf verwendet, es kommt ihm reichlich
wieder herein, selbst in materieller Beziehung. Auf welchem Gebiete des Le-
bens man auch steht, man soll in die Lage kommen, nachzudenken nicht gerade
über das, womit man sich beschäftigt, sondern über fremde Gebiete soll man
Augenblicke des Nachdenkens über diese oder jene Frage haben. Solche Minu-
ten des Nachdenkens, in denen man denkt in der Art, daß man nicht verlangt,
daß das Denken einfließt in die Außenwelt, die sollen mit innerer Befriedigung
erfüllen. Mit dem Auflösen von Fragen, die eigentlich dem nahe stehen, was
man denkt in bezug auf das unmittelbar Praktische im Leben, kommt man als
Mensch nicht weiter. Worin man zunächst nur innere Befriedigung hat, was
man da mit seinen Gedanken ausfuhrt, mit dem kommt man als Mensch weiter.
Wenn der Tischler nur nachdenkt über die Herstellung yon Tischen und Stüh-
len, so kommt er als Mensch nicht weiter. Als Mensch kommt man weiter, wenn
man das, was innerlich befriedigt, denkt. Das bildet die Denkorgane. Da
kommt man als Mensch, und mittelbar auch ab Praktiker, weiter. Keiner wird
leugnen, daß man anders dem Leben gegenübersteht, wenn man das oder jenes
Wesen ist. Es ist ein großer Unterschied, ob ein Hund oder ein Mensch vor der
Sixtinischen Madonna steht. Der Mensch steht in einem ganz anderen Verhält-
nis dazu. Dadurch, daß der Mensch immer in einem bestimmten Gebiet bleibt,
kommt er nicht über sich hinaus. Dadurch, daß er sich denkerisch betätigt und
Befriedigung hat daran, dadurch kommt er weiter. Durch abgezogene Refle-
xion, in der er Befriedigung hat, wirkt er auf die Praxis anders als ohne sie, und
er wird gerade dadurch hinauswachsen über ein enges Gebiet. Er wird über den
Standpunkt des inneren Wagenschiebers mit einem innerlich befriedigenden
Denken, das nichts weiter ist, als was innerliche Befriedigung gewährt und
sucht, hinauswachsen.
Hier kann man auch die Gründe finden, warum es unrecht ist, daß immer
und immer wieder betont wird von unseren Schulen: Ach, was werden da für

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Dinge gelehrt, die man nicht anwenden kann im praktischen Leben! - Wenn sie
nur ordentlich gelehrt werden, dann sind sie von ungeheurer Bedeutung, diese
Dinge, die man nicht unmittelbar anwenden kann. Die Dinge bilden gerade
den Menschen um, die man nicht anwenden kann im Leben. Was ausfließt ins
Leben, fließt weniger ein in den Menschen selber; was nicht ausfließt ins Leben,
bildet die feinen Organe. Das bringt den Menschen weiter. Dadurch wird er
selbständiger, dadurch wird er so durchkraftet von der Garung der Gedanken,
daß sie bis in die Glieder gehen. Man kann es sehen, daß der Mensch ein solch
innerliches, ihn befriedigendes, nicht unmittelbar auf die Außenwelt bezogenes
Denken entfaltet; er wird beweglicher, geschickter in seinen Gliedern.
Nichts kann eine solche Schulung des Denkens ersetzen. Wer Erfahrung in
diesen Dingen hat, kann sehr genau unterscheiden zwischen solchen, die die ge-
nannten Übungen machen und solchen, die es nicht tun. Wenn man zum Bei-
spiel auf Reisen ist, kann man genau erkennen die «Praktiker». Diejenigen, die
gerade in der Werkstatt praktisch sind, sind manchmal recht täppisch im übri-
gen. Es wird einem eigentümlich zumute, wenn man sieht, wie die einfachste
Fingerbewegung nicht geleistet werden kann, wenn die Situation eine andere
ist, als sie gewöhnlich ist. Das ist unmittelbar ein Ausfluß dessen, daß diese
«Praktiker» nicht gewöhnt sind, innerlich Gedanken zu entwickeln und Befrie-
digung daran zu haben. Man muß natürlich nicht etwa das eine tun ohne das
andere. Wer nur in Reflexion leben will, wird ein Lebensfeind und Spekulant.
Der aber, bei dem sich die beiden Dinge entsprechend die Waagschale halten,
wer ruhig auf die Dinge blickt und ruhig reflektiert, der wird sein ganzes Leben
durchkraften, man möchte sagen, mit Geschicklichkeit. Er wird zu allem anstel-
lig; er nimmt selbst den Suppenlöffel anders als einer, der nicht ruhig reflek-
tiert. Bis in die Einzelheiten des Lebens geht das; denn Gedanken sind Realitä-
ten. Sie teilen sich dem Materiellen auf allen möglichen Wegen mit. Darauf
kommt es an. Auf diese Weise schulen wir unser Denken zur rechten Praxis her-
an. Wir sehen dann hinaus zu den Fenstern des Wagens, in dem wir sitzen, und
sehen die Gesetze, die dadurch gegeben sind, daß der Wagen noch mit der Welt
zusammenhängt, und schieben nicht bloß innen. Das ist sehr verbreitet, dieses
Schieben im Innern; und gerade in unserer heutigen Zeitkultur, wie sie beein-
flußt wird so intim und intensiv von der Naturwissenschaft, da kann der, der
sich eingelassen hat auf wirkliche praktische Denkschulung, sehen, wie viel von
der bloßen Unpraxis des Denkens abhängt.
Wenn die Menschen eine Ahnung davon hätten, was praktisches Denken ist,
so würden sie schon an dem Unpraktischen des Denkens sehen, daß gewisse
Dinge eben falsch sein müssen. Die Tatsachen, die von der Naturwissenschaft
erforscht werden, können bewunderungswürdig sein, aber die Schlüsse, die dar-
aus gezogen werden, sind häufig schauderhaft durch das unpraktische Denken
dessen, der sie zieht. Wodurch soll heute für viele nachgewiesen werden, daß es
eigentlich keine Seele gibt, daß alles, was der Mensch vollbringt, auf rein me-

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chanischen Gesetzen beruht? Ja, da finden Sie noch in einem Abriß der Psycho-
logie - von einem Menschen geschrieben, der großes Ansehen hat - auf den er-
sten Seiten eine ganz merkwürdige Schlußfolgerung. Wer nur einen Funken hat
von Begrifiund praktischem Denken, der wird diese sogleich auf ihren wahren
Wert zurückfuhren können. Da steht: In früheren Zeiten hat man gesagt, es
gäbe eine selbständige Seele; heute aber ist der Mensch auch eingespannt wor-
den in dies Gespinst von der Erhaltung der Kraft. Da wurde zuerst untersucht,
sagt man, an Tieren, daß alles, was man an Nahrung ihnen zufuhrt, nur umge-
wandelt wird, und daß das, was sie verrichten, umgewandelte Nahrung ist. Was
die Tiere an Kraft erhalten, ist nur umgewandelte Nahrung. Wie sollte da eine
selbständige Seele sein, wenn das bloß umgewandelt herauskommt, was man
hineingestopft hat? Man hat sich nicht damit begnügt, dies beim Tier zu zei-
gen, man hat auch beim Menschen versucht zu zeigen, wie das, was man an
Kraftwerten der Nahrung in den Menschen hineinsteckt, daß das wieder in an-
deren Formen herauskommt. Wozu braucht man da eine Seele? An Studenten
wurde das probiert. Sehr scharfsinnig sind die Rechnungen, die nachweisen sol-
len, daß keine Seele darinnen sein kann, daß alles umgesetzte Nahrungskraft
ist, was der Mensch denkt und tut. Die Tatsachen sind bewunderungswürdig
scharf beobachtet. Die Methoden sind sehr schön ausgedacht, die Instrumente
großartig. Die Schlußfolgerungen sind aber die grausigsten, die man sich den-
ken kann. Man braucht den Gedanken nur zurückzufuhren auf die einfachsten
Elemente, dann wird man dies gleich sehen.
Der Gedanke ist genau nach folgendem Muster aufgebaut. Wir stellen uns
bei einer Bank auf. Wir wissen, in diese wird Geld getragen. Jetzt prüfen wir all
das Geld, wir schreiben alles auf, einzeln. Dann prüfen wir, was herausgetragen
wird. Wir kommen dann zu dem wundervollen Resultat, daß das Geld, das her-
ausgetragen wird, genau so viel ist wie das, was hineingetragen wird. Daraus
schließen wir, daß da keine Beamten drinnen zu sein brauchen; denn ebensoviel
Geld wird herausgetragen als hineinkommt. Ebenso scharfsinnig ist das andere
Urteil. Ebensoviel kommt heraus an Arbeit und Gedankenkraft, als an Nah-
rungswerten in den Menschen hineingelangt.
Aber in viel feinere Gebiete geht das noch hinein. Wir haben heute ein wun-
derbares Forschungsgebiet, das hineinleuchtet in die kleinsten Organe der We-
senheiten. Da finden sich sehr bedeutsame kleine Organe. Die Forschungsme-
thoden sind bewunderungswert, durch die man imstande ist, an Pflanzen etwas
nachzuweisen, was die menschlichen Seelenorgane nachahmt. Man weist nach,
daß facettenartige Organe da sind, die das Auge bilden. Ja, man Photogra-
phien: sogar Bilder, die da entstehen in den Pflanzenaugen, und daraus wird ge-
schlossen - es soll nichts verunglimpft werden an der wunderbaren Forschungs-
methode, aber es soll nur die Schlußforgerung ins rechte licht gesetzt werden - ,
da wird geschlossen: weil das so beobachtet werden kann, so müsse die Pflanze
in ähnlicher Weise beseelt sein wie Tier und Mensch. Man sieht gewisse Pflan-

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zen, welche durch ihre Organe Insekten heranziehen und sie verzehren. Eine
gewisse Freßtätigkeit, Sinnätätigkeit entwickeln sie; sie ziehen Insekten an und
verdauen sie gleichsam. Und die Schlußfolgerungen, die man daraus zieht, sind
sehr geeignet, den Unterschied zu verwischen, der nicht verwischt werden darf
zwischen Pflanze, Tier und Mensch. Derjenige, der mit praktischem Denken
vertraut ist, kann folgendes sagen: Ich kenne auch ein merkwürdiges Wesen, das
hat auch die Eigenschaft, durch gewisse Verrichtungen in seinem Innern wie mit
magnetischer Kraft kleine Wesen anzuziehen und, wenn sie herankommen, sie
dann nicht nur in sein Inneres zu befördern, sondern sie dort sogar zu töten.
Das ist nämlich die Mausefalle. Und die Gedankenform, die man anwendet
jetzt auf die Mausefalle, die ist nach demselben Muster gebildet, wie die Ge-
dankenformen, die von manchen Leuten angewendet werden auf etwas, was ein
neues Gebiet der Pflanzen erschließen soll, auf das Seelenleben der Pflanzen.
Wenn man sich solche Dinge vor Augen führt, dann kann man ein wenig er-
messen, wie wichtig es ist, dieses Denken wirklich durch die angegebenen Mittel
praktisch zu schulen. Man kann nicht bloß die Umsichtigkeit des Denkens schu-
len, sondern es auch bis zu einer gewissen Klarheit des Denkens durch die fol-
genden Übungen bringen. Wiederum weichen die Übungen von den Denk-
gewohnheiten ab.
Die meisten Menschen werden sich nicht schnell genug ihre Urteile bilden
können über irgendeine Sache. Und wenn sie sie haben, so befriedigt sie das.
Sie denken nicht daran, daß es auch anders hätte sein können; wenn ein anderer
etwas anderes sagt, dann ist er ein Tor. Auf diese Weise lernt man nicht denken.
Man lernt es dadurch, daß man, wenn man sich eine Meinung gebildet hat,
auch die andere Denkmöglichkeit sich vorhält, daß man an demjenigen, was
man selber gemeint hat, nicht festhält, sondern auch die andere Meinung in al-
ler liebe danebensetzt. Man wird sehen, daß das möglich ist. Man kann das
auch charakterisieren, indem man sagt: nur der kann die Wahrheit erkennen,
der auch die eigene Meinung in Frage stellt. Es ist sehr nützlich, sich zunächst,
wenn man eine Frage zu beantworten, eine Aufgabe zu lösen hat, sich die ver-
schiedenen Arten verdeutlicht, wie man sie auflösen kann, um dann die Sache
ruhen zu lassen, überhaupt sich zu sagen: jetzt läßt du das ruhen. Man muß da
nämlich einen Glauben haben, der sehr wichtig ist für die Praxis, den Glauben,
daß man in sich etwas hat, eine Art höheren Menschen, der noch besser denken
kann, als man denkt, wenn man selbst dabei ist. Man braucht nicht so egoistisch
zu sein, daß man überall dabei sein will, was in der Seele vorgeht, und zu glau-
ben, man weiß das Allerbeste. Wer an die reale Gültigkeit des Denkens glaubt
und zu ihr Vertrauen hat, wird sich sagen: meine Gedanken werden durch ihre
eigenen Kräfte am schönsten sachlich verwärts kommen, wenn ich selber gar
nicht dabei bin, wenn ich mich ausschalte und an anderes gehe, und morgen
oder übermorgen mir das alles wieder vorlege. Da wird man bemerken, daß
man, wenn man nicht dabei gewesen ist, über diese Frage viel gescheiter gewor-

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den ist. Die Denkmöglichkeiten arbeiten dann in einem, und man kommt zu
einer Entscheidung in viel günstigerem Sinne. Das ist von ungeheurer Bedeu-
tung. Und wenn man glaubt, die Selbstlosigkeit hat ein zweites Mal es noch
nicht zur Entscheidung kommen lassen, dann ist es von ungeheurer erzieheri-
scher Bedeutung, wenn man nochmal zuwartet. Und man wird sehr bald be-
merken, wie das Denken klarer und schlagfertiger wird. Man wird viel leichter,
wenn man das Denken so geschult hat, rasch die Dinge zusammendenken
können.
So kann man im einzelnen die Dinge angeben, durch die das Denken sich
allmählich schulen kann. Wiederum etwas von großer Bedeutung ist das, daß
man beachtet für die praktische denkerische Ausbildung das Folgende: Solange
du Interesse an einer Sache hast, sollst du sie anschauen, beobachten und
schweigen. Reden sollst du erst, wenn du kein unmittelbares Interesse mehr dar-
an hast, wenn du dich über die Sache erhoben hast. Solange man noch zu sehr
engagiert ist mit dem Interesse an einer Sache, soll man sie berücksichtigen und
schweigen. Dann redet man am besten, wenn man nicht mehr das unmittelbare
Interesse hat, sondern losgekommen ist mit seiner Freude und seinem Leid. Wer
das tun kann, kommt sehr weit. Wer sich vornimmt, sich ein Urteil erst zu bil-
den, wenn das Interesse geschwunden ist, wer sich für alles interessieren kann
und mit dem Urteil zurückhalten kann, wer erst in der Erinnerung sich das Ur-
teil bildet, der kommt sehr weit. Das ist ein ganz bedeutsamer Fingerzeig, wie
man das praktische Denken wesentlich schulen kann.
Und was nun wiederum besonders wichtig ist, das ist, daß man gar nicht da-
bei ist mit dem, was man schon ist, bei der Art, wie sich das Denken heranbil-
det. Sehr wichtig für den, der praktisch sich schulen will, ist, daß er gewisse Zei-
ten am Tage versucht, gar nicht zu denken. Denn dadurch wird das Denken am
besten geschult, daß wir es durch unser Denken möglichst wenig schädigen.
Wenn wir uns aller Gedanken entsagen können, wenn wir es vermögen, gar
nicht die Gedanken, die wir fassen können, zu fassen, sondern nichts zu den-
ken, dann wirkt die innere, immer vorhandene Kraft der Seele und bringt uns
eigentlich ein Stück vorwärts. Das ist sehr schwer; und die Energie, die man da-
zu aufwenden muß, ist sehr groß. Aber es ist von ungeheurem Werte, alles, was
im Innern an Gedanken auf- und abwogt, zu unterdrücken und gar nichts zu
denken. Was in uns denkt, ist auch dann da, wenn wir selbst nicht denken. Das
bildet sich am besten aus, wenn wir eine Weile nicht dabei sind. Denn dann ste-
hen wir durch unsere Persönlichkeit, durch unsere Individualität nicht im
Wege. Wie es schon Arbeit ist, wenn wir verschiedene Möglichkeiten uns vor-
halten und die Gedanken dann selbst arbeiten lassen, so ist es von wesentlicher
Bedeutung, daß wir das, was Gedankenkraft ist, arbeiten lassen, ohne daß wir
dabei sind, daß wir, wenn auch während noch so kurzer Augenblicke, das den-
kerische Wesen in uns sich entwickeln lassen ohne unser Zutun. Wer das längere
Zeit macht, wird schon die große Wohltat einer solchen Sache bemerken.

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Es ist schon richtig, was Fichte gesagt hat in bezug auf eine ganz andere Sa-
che. Sehen Sie, er hat über die «Bestimmung des Gelehrten» gesprochen und
wußte voraus, daß er so hohe Ideale aufstellen muß, daß die Menschen nicht
mitgehen, weil sie es unpraktisch finden. Da sagt er dann: «Daß Ideale in der
wirklichen Welt sich nicht darstellen lassen, wissen wir andern vielleicht so gut
als sie, vielleicht besser. Wir behaupten nur, daß nach ihnen die Wirklichkeit
beurteilt, und von denen, die dazu Kraft in sich fühlen, modifiziert werden
müsse. Gesetzt, sie könnten auch davon sich nicht überzeugen, so verlieren sie
dabei, nachdem sie einmal sind, was sie sind, sehr wenig; und die Menschheit
verliert nichts dabei. Es wird dadurch bloß das klar, daß nur auf sie nicht im Plane
der Veredlung der Menschheit gerechnet ist. Diese wird ihren Weg ohne
Zweifel fortsetzen; über jene wolle die gütige Natur walten und ihnen zur rech-
ten Zeit Regen und Sonnenschein, zuträgliche Nahrung und ungestörten Um-
lauf der Säfte, und dabei - kluge Gedanken verleihen.» So sagt Fichte über die,
die von der Unpraxis der Ideale sprechen. Eine gütige Vorsehung tut in bezug
auf das menschliche Denken allerdings das ihrige. Für vieles, was der Mensch
verdirbt an seiner Gedankenkraft, wird der Ausgleich geschaffen dadurch, daß
der Mensch schläft. Würde er immer wachen und durch seine Gedanken die
Denkkraft beeinträchtigen, dann wäre das nicht auszuhalten. Daß der Mensch
schläft, gibt ihm die Möglichkeit, immer wieder vorzurücken in die innere
Denkkraft. Es wird das Denken aber viel wesentlicher gefördert, wenn der
Mensch sich entschließt, nicht zu denken, obwohl er wach ist. Die Augenblicke
des Nichtdenkens sind die größten erzieherischen Mittel für das Denken.
Nur einzelne Punkte konnten aus dem Umfange dessen, was man zu sagen
hätte und was zwanzig Vorträge nicht erschöpfen könnten, herausgehoben wer-
den, einzelne Punkte, die angeben können, wie man aus den Gesetzen der Gei-
steswissenschaft oder Theosophie heraus finden kann, wie das Denken für das
praktische Leben geschult wird. Denn wahrhaftig, es wird das Denken durch
solche Dinge geschult, es wird das Denken sowohl für Scharfsichtigkeit und
Klarheit wie auch für die Geistesgegenwart geschult. Immer weiter kommen
wir, wenn wir es uns nicht verdrießen lassen, solche Dinge anzuwenden. Man
möchte sagen: würde man zeitig genug solche innere Schulung des Denkens
auch pädagogisch anwenden, so würde alles das, was im Innern herausziseliert
werden kann, den menschlichen Organismus so durchdringen, daß er ganz ge-
schickt würde. Was heute gesagt worden ist, ist konkretes Denken, das den
Menschen geschickt macht. Ich sage Ihnen, so sonderbar es klingt, dafür sorgt
noch die Natur, daß die Menschen aufheben können, was ihnen heruntergefal-
len ist. Würde man aber die Denkkräfte so schulen, wie es heute gesagt worden
ist, man würde die Menschen dahin bringen, daß sie mit den Zehen aufheben
können, was ihnen herunterfällt. Nur die NichtSchulung des Denkens macht es,
daß man in vielen Dingen so ungeschickt ist, weil die Schulung des Denkens
nicht im Zentrum des Menschen arbeitet, nicht auf den Mittelpunkt geht. Die-

22
ses Prinzip liegt in allem, was heute gesagt worden ist: auf den Mittelpunkt des
Menschen zugehen, von diesem heraus die Kräfte in alle menschlichen Glieder
hineinstrahlen lassen, daß der Mensch bis zur richtigen Handhabung des Sup-
penlöffels befähigt wird.
Wenn so durch die Geisteswissenschaft eine richtige Schulung in das Denken
hineinkommt, dann wird der Mensch systematisch gerade in Goethe ein Vorbild
sehen, er wird zu einem in die Dinge untertauchenden und deshalb gültigen
Denken kommen. Gerade dadurch, daß man sein Denken so schult, kommt
man dazu, überall die einfachsten Gedanken zu finden, das zu finden, was
leicht überschaut werden kann. Man muß alle Dinge auf ihre einfache Gedan-
kenkonstruktion zurückführen können. Das kann man nur, wenn das Denken
in der angegebenen Weise geschult wird, sonst geht das Denken seine eigenen
Wege. Im einzelnen können die Gedanken richtig sein, aber im ganzen sind sie
nicht brauchbar.
Nicht wahr, wie schön wird gerade heute in der Wissenschaft das oder jenes
bewiesen, was ein klares Denken schon auf den ersten Blick als Irrtum erkennt.
Da gibt es heute Leute, die sagen zum Beispiel: Eigentlich gibt es keine Sub-
stanz, sondern nur Bewegung. Es ist in der letzten Zeit eine geistreiche Broschü-
re erschienen, die den Standpunkt einnimmt, daß alles Bewegung ist. Da wird
wirklich gesagt, wenn der Mensch von einem Ort zum anderen geht, so trägt er
nicht etwa das, was uns als seine Substantialität erscheint, von einem Ort zum
andern, sondern das ist nur Bewegung, und indem er zum anderen Ort geht,
reiht er eine neue Bewegung an. Das ist ganz nach dem Muster dessen gedacht,
daß da oben die Sonne ist, die Sonnenteilchen sind bewegt, sie tanzen; indem
sie tanzen, geht nicht etwas von der Sonne zu uns, sagt man, die nächste Äther-
umgebung tanzt, und es tanzt der Äther bis zu uns herab. Nur die Bewegung
wird übertragen, sagt man, und das wird als licht empfunden. Dieser ganze
Äthertanz wird in diesem scharfsinnigen Buch auf den Menschen angewendet.
Der ganze Mensch ist eigentlich nur ein Tanz. Wenn ich an den nächsten Ort
gehe, so erzeuge ich eine neue Bewegung und so weiter. Man möchte dem
guten Mann nur raten, wenn er geht, ja nur niemals zu vergessen, daß er
die Bewegung wieder neu erzeugt, sonst müßte er ins Nichts hinein ver-
schwinden.
Das ist ein Beispiel dafür, wie heute alles auf Bewegung zurückgeführt wird.
Goethe aber hat es in seinem geraden Denken erfahren müssen, daß damals al-
les auf die Ruhe zurückgeführt wurde. Alles dies ist durch das unpraktische
Denken verursacht, das nicht imstande ist, Kompliziertes auf Einfaches zurück-
zufuhren. Goethe stand als Praktiker alledem gegenüber, und daß er sich in all
dem Schrullenhaften zurechtfand, fußt auf dem, was er in seiner Denkpraxis
gesagt hat.
Das wollen wir uns auch zum Schlüsse sagen. Es kann auch den richtigen Ge-
sichtspunkt für die Gesinnung angeben, die wir uns aneignen sollen. Er hat er-

23
fahren, daß sich seiner praktischen Denkweise Leute gegenüberstellten, die un-
praktisch dachten, und da sagte er den Grundsatz, den man sich wirklich für
alle Denkpraxis in die Seele schreiben soll, den Grundsatz:

«Es mag sich Feindliches ereignen,


Du bleibe ruhig, bleibe stumm,
Und wenn sie dir die Bewegung leugnen,
Geh' ihnen vor der Nas' herum!»

24
R U D O L F STEINER

Planetarische Entwickelung
Zwölf Vorträge nach Notizen von verschiedenen Zuhörern
(Fortsetzung aus Heft Nr. 71/72)*

Elfter Vortrag
Berün, 9. November 1904

Man redet oft von den Prinzipien, als ob sie gleichartig wären und nur verschie-
dene Grade hätten. Aber will man die Zusammenhänge verstehen, so müssen
wir die Prinzipien selbst ihrer Natur nach kennenlernen.
Wir müssen dreierlei in der Welt unterscheiden; dreierlei Arten von Wirkun-
gen. Weü für ein wahrnehmendes Wesen nur das, was zur Wirkung kommt, in
Betracht kommen kann, richten wir unsere Aufmerksamkeit auf die Wirkun-
gen. Es gibt also dreierlei Arten, wie etwas wirken kann: erstens die eigentlich
geistige, zweitens die seelische, drittens die körperliche Art von Wirkung. Die
geistige Wirkung, alles, was irgendwie als Geist wirken kann, nennt man Buddhi;
alles, was seelisch wirken kann, nennt man Kama; alles, was körperlich wirken
kann, nennt man Prana. Das sind die drei Wirkungsformen: Buddhi, Kama,
Prana. Als Wirkungsformen sind sie gleichartig, nur auf verschiedenen Stufen.
Nun muß man sich vorstellen, daß die Wirkungen fortwährend flüssig, un-
bestimmt wären, wenn sie sich nicht begrenzen würden. Soll zum Beispiel
Kama in einer bestimmten Weise auftreten, so muß es sich eine Grenze geben.
Also um zu begrenzten Wirkungen zu werden, müssen sich Buddhi, Kama und
Prana Grenzen geben. Diese Grenzen nennt man in der theosophischen Litera-
tur «Shariras», das heißt Schalen, Hüllen, Scheiden. Und zwar bezeichnet man,
wenn sich Buddhi begrenzt, diese Grenze als Karana Sharira; gibt sich Kama
eine Grenze, so nennt man diese Linga Sharira; gibt sich Prana eine Grenze,
nennt man sie Sthula Sharira. Diese Shariras sind also die Grenzen, die Hüllen,
die sich die drei Wirkungsarten setzen.
Es kann nun folgendes eintreten [es wird nun das Schema I an der Tafel ent-
wickelt und zwar von unten nach oben angeschrieben]:
Wir haben zuerst Prana in Wirksamkeit; dann gibt sich Prana eine Grenze
nach außen: Sthula Sharira. Prana begrenzt sich also nach einer Seite und bleibt
* Bei den Notken dieser beiden Vorträge ist ganz besonders zu berücksichtigen, daß aufgrund
des schwierigen Themas Fehlerhaftes nicht ausgeschlossen werden kann. Es gilt dies auch für
die Schematas. Einige davon sind von den verschiedenen Mitschreibern leicht abweichend über-
liefert worden. Es wurden die am sinnvollsten scheinenden übernommen.

25
nach der anderen wogend offen. Zu Prana tritt nun Kama hinzu und gibt sich
hier eine Grenze: Linga Sharira. Dadurch bleibt Prana auch auf dieser Seite
nicht mehr wogend offen, weil sich Kama mit seiner Grenze hineinschiebt; aber
Kama bleibt wieder offen nach der anderen Seite. Nun tritt Buddhi hinzu und
gibt sich die Grenze gegen Kama und es entsteht Karana Sharira. Die drei Prin-
zipien haben also Zwischenlagen. Wenn dies ein Wesen ist, muß in diesen drei
Prinzipien und ihren Zwischenlagen noch ein Ich-Bewußtsein leben: das
bezeichnet man als Atma.
Aus den drei Prinzipien und den Zwischenlagen und dem Ich-Bewußtsein
oder Atma besteht der Mensch. Jedes einzelne kann Unterabteilungen haben.
Wenn wir dies so fassen, haben wir die Zusammensetzung des Menschen als
solchen gegeben.
Hier, beim Menschen [Schema I], bildet der physische Körper die äußere
Hülle und Atma ruht im Innern. Nun kann die Anordnung auch ganz anders
sein, nämlich so, daß sich Prana zunächst nach innen wirksam zeigt und sich
eine Grenze setzt. Dann würde folgendes entstehen [Schema II]:
Prana ist dann nach innen begrenzt durch Sthula Sharira, Kama durch Linga
Sharira, Buddhi durch Karana Sharira und wir hätten nun ein Wesen, bei dem
zuerst außen Atma liegt, dann Buddhi, dann Kama und zuletzt Prana. Dann
würde Atma ganz im Umkreis ausgespannt erscheinen [eine Kugel] und Sthula
Sharira wäre ein Punkt in der Mitte.

I II

Atma Geistesmensch Sthula Sharira

Buddhi Lebensgeist Prana

Karana Sharira Geistselbst Linga Sharira

Kama dreiteilig Kama

Linga Sharira Seelenleib Karana Sharira

Prana Ätherdoppelkörper Buddhi

Sthula Sharira Physischer Körper Atma

26
Ein solches Wesen ist ein Dhyan-Chohan, ein Planetengeist und muß umge-
kehrt wirken wie ein Mensch, i m Menschen hegt SthuhSharira nach S L .
bei den Dhyan-Chohans Atma, dann kommt Buddhi und so weiter.
Man kann sich davon eine klare Vorstellung machen durchfolgendesBei-
spiel. Wenn wir unsere Augen schließen, ist es zuerst dunkel und wenn wir sie
dann wieder aufmachen, dann sehen wir das Licht. Wir sehen das licht aber
nur, weil wir eine Empfindung dafür haben und es dadurch empfangen kön-
nen. Es muß aber erst da sein* bevor wir es empfangen können Und ebenso,
wie wir da sein müssen, um Licht zu empfinden, so muß ein Wesen draußen
sein, das Licht offenbart. Wir sind Lichtempfänger, draußen müssen Lichtge-
ber, Lichtoffenbarer sein. Und so wie wir das licht nur dadurch empfinden kön-
nen, daß wir in uns Kama, den Astralkörper haben, so muß ein planetarisches
Wesen ein Kama haben, das Licht ausstrahlt. So daß also Kama hier gegen den
Mittelpunkt hin wirkt und dort im Radius des Kreises.

Der Kreis, der nach oben hin konvex ist, ist für uns, für die Empfindung, für
das Empfangende, das dem Gebenden Entgegenstrebende. Der Kreis, der nach
unten zu konvex ist, ist das Kama der dhyanischen Wesenheit. So wirkt das Ka-
ma der Offenbarung nach unten: Karana Sharira. So wie der Mensch ein Kama
hat, das nach seinem Mittelpunkt hinstrebt, so hat der Planetengeist ein nach
außen, nach dem Umkreis strebendes Kama, welches lichtoffenbarend ist, wäh-
rend das Kama des Menschen lichtempfangend ist. Es gehören immer zweierlei
Wesenheiten von sich ergänzenden Naturen zusammen. Eine Wesenheit muß
das Verlangen besitzen: die empfangende Wesenheit; eine andere muß geben
können: die gebende Wesenheit. Menschliches verlangendes Kama setzt voraus,
daß gebendes Kama da ist, Kama der Üebe.
Menschliche Buddhi vermittelt das Erkennen. Dasjenige, was uns von den
Dingen an Erkennen offenbart wird, wird empfangen durch unsere Buddhi.
Der planetarische Geist muß also gedankengebend, menschliche Buddhi muß
empfangend sein. Der planetarische Geist verhält sich somit ganz entgegen-
gesetzt und ergänzend zum Menschengeist.

27
Ein jedes einzelne Ding in der Welt existiert nur im Weltenzusammenhang;
es ist ein Glied im Ganzen. Als Glied gehört es dem ganzen planetarischen Erd-
geist an. So hat zum Beispiel der Tisch erstens eine Materie, durch die er ein
Wesen ist, das uns im Räume entgegentritt; zweitens hat er Kraft, dadurch daß
er Widerstand gibt, denn sonst würde er für uns nicht da sein; und zum dritten
äußert sich die Kraft nicht beliebig, sondern nach bestimmten Gesetzen (Natur-
gesetzen).
Was ist die Kraft? Was ist das, was in uns das Leben möglich macht? Es ist
eine Kraft, die einnehmend ist, das Leben erhaltend. Des Menschen Lebens-
kraft äußert sich dadurch, daß sie, was an Materie in ihm ist, zusammenhält.
Daher ist die Materie und die ihr zukommende Kraft beim Menschen nach in-
nen gerichtet, sie baut den Menschen von innen auf; er könnte sonst nicht als le-
bendes Wesen wahrgenommen werden. Der Tisch dagegen hat die nach außen
gerichtete Materie und diese äußert sich durch das Gesetz. Materie an sich kann
nicht wahrgenommen werden, nur ihre Eigenschaften, wie Farben, Töne und so
weiter. Die Materie selbst entzieht sich vollständig der Wahrnehmung. Es ist ein
Prana in der Materie, welches sich ganz der Wahrnehmung entzieht, aber sich
dahin gibt, um sich zu offenbaren. Daneben erkennen wir das Gesetz in der
Materie, den Gedanken, der sich darin ausdrückt.
Buddhi äußert sich in der Natur nach außen. Jeder Körper, der der äußere
Ausdruck des Planetengeistes ist, strahltfortwährendnach außen, das heißt, er
hat Buddhi nach außen gekehrt. Es wird zum Licht, das wahrgenommen wird.
Buddhi ist in den Eigenschaften der Dinge, in dem, was nach außen liegt. Das
Gesetz muß sich offenbaren durch Karana Sharira. Das sich offenbarende Manas
ist das Gesetz. Indem ein Körper leuchtet, schickt er uns Buddhi zu. Der Ge-
danke, die Geistesäußerung, durch die er es schickt, ist Karana Sharira. Kama
dagegen behält der Planetengeist für sich; er entzieht es der Wahrnehmung.
Seine Materie . . . [in den Notizen von Marie Steiner-von Sivers ist hier eine
Lücke markiert]. - Dagegen offenbart er die kosmischen Gedanken, die der
Mensch erst tief im Innern ergründen muß. Und was der planetarische Geist
ganz an der Oberfläche äußert, hingibt, das ist sein Buddhi.
In der Bibel ist dies zum Ausdruck gebracht. Es wird gesagt, daß der planeta-
rische Geist in seiner ersten Äußerung eine Lichtäußerung war. Es sind Buddhi-
Eigenschaften (Licht), die der Geist auf der ersten Stufe offenbart. Diese uralte
heilige Lehre von dem Gegensatz des Menschen und des Planetengeistes ist in
der christlichen Esoterik schön zum Ausdruck gebracht. Man nennt die sich of-
fenbarenden Buddhi-Eigenschaften in der kabbalistischen Sprache «Gewalten».
Daher offenbaren sich zunächst die Gewalten des Lichtes und der Finsternis. So
kann man die Genesis wieder wörtlich nehmen.
Es sind also Buddhi-Eigenschaften, die der Geist auf der ersten Stufe offen-
bart. Auf der zweiten offenbart er sein Karana Sharira; er ordnet die Dinge nach
Gesetzen. Was im Makrokosmos nun konvex angeordnet ist, ist im Mikrokosmos

28
konkav. Was der Mensch zuletzt erkennt, kommt im Makrokosmos zuerst; der
Mikrokosmos kommt zuletzt dazu, die Empfindung im Makokosmos zu erkennen.
Nun fragt es sich, ob es einen Übergang gibt zwischen den beiden Wesenhei-
ten, zwischen Mensch und Planetengeist. Man denke sich, wir hätten eine We-
senheit mit einem Bewußtsein. Sie hätte verschiedene Glieder, aber diese hätten
ein gemeinsames Bewußtsein. (Streit der Patrizier und Plebejer). Das wäre etwa
so darzustellen:

Bewußtsein
Glieder

Es sind einzelne Glieder, die alle hinstrahlen zu dem gemeinschaftlichen Be-


wußtsein. Wollen wir das gemeinschaftliche Bewußtsein als Kraft ansehen und
die Glieder auch, so können wir sagen, das gemeinsame Bewußtsein ist das
überwiegende und wirkt auf die anderen alle. Man denke sich nun viele solcher
Wesenheiten, die in dieser Weise wirksam sind:

Jede von den Wesenheiten hat ihre eigene Existenz. Durch [das gemeinsame
Ideal] kann sie andere Existenzen mit ihrer verbinden. Diese verschiedenen Be-
wußtseine setzen sich selbst einen gemeinsamen Mittelpunkt; sie streben nach
einem gemeinsamen bestimmten Ideal hin. Dieses lebt dann als gemeinschaftli-
ches geistiges Ideal in den verschiedenen Bewußtseinen. Wenn diese dahin
kommen, daß ihnen ihr geistiges Ideal wertvoller ist als sie selbst, dann werden
sie von ihm genauso angezogen, wie sie selbst früher die Glieder ihres Bewußt-
seins zu sich herangezogen haben. Bildeten sie früher den Mittelpunkt für diese
verschiedenen Sphären, so bildet das gemeinsame Ideal dann den Mittelpunkt
für die große Sphäre. Die einzelnen Existenzen werden dann selbst Glieder der
gemeinschaftlichen Existenz, geben ihr Sondersein auf und leben in dem ge-
meinschaftlichen Ideal. Sie hören auf, selbst Zentrum zu sein und geben sich
ein gemeinschaftliches Zentrum. So entsteht aus einzelnen Menschen eine Bru-

29
derloge. Wenn ein so starkes gemeinschaftliches Ideal da ist, daß es die einzel-
nen Bewußtseinszentren alle anzieht, so bilden diese Menschen einen Körper,
der eine Seele höherer Art hat. Dadurch entsteht eine Bruderloge mit einem
vollständig gemeinschaftlichen Geist. Und so haben wir es mit einem neuen
Wesen zu tun. Niemals hätte sich eine Seele in den Menschen senken können,
wenn er nicht ein Gehäuse wäre aus Gliedern. Niemals kann sich ein Höheres
herniedersenken, wenn nicht die einzelnen Bewußtseine zu Lebensgliedern
werden, die Form für ein höheres Gehäuse, damit darin das gemeinschafdiche
Bewußtsein zum Ausdruck kommt.
Damit haben wir den Übergang; es wird ein anderes Zentrum geschaffen.
Eine Inversion, eine Umkehrung sämtlicher Prinzipien ist die menschliche Ent-
wickelung. Da die Menschen sich in sieben Arten äußern, entsteht nicht ein
Zentrum, sondern sieben Zentren. Dies werden die sieben Elohim, die Pitris für
den nächsten Planeten sein.
So geht der Mensch von einem Wesen, das die Umgebung in sich aufnimmt,
zu einem Wesen über, das sich offenbart. Die beiden ganz entgegengesetzten
Wesenheiten, der Mensch und die Elohim oder Dhyani sind nur Formen einer
Wesenheit. Was also der Mensch hier ist, wird er in Zukunft nicht mehr sein,
sondern eine dhyan-chohanische Wesenheit. Das wird in der Esoterik das «Ge-
heimnis der Gottwerdung des Menschen» genannt.
Wenn die Einzelbewußtseine sich alle einem Zentrum zuwenden und drau-
ßen alles Atma wird, wird im Innern nur ein einziger Kern von Sthula Sharira
sein, also die Einheit im höchsten Grade.
£ Gemeinsames Zentrum

Vor der U.

30
Diese Einheit kann auf der Erde nicht erreicht werden; diese können erst sie-
ben erhabene Geister bilden. Das ist dann der Logos, der Atma im Umkreis hat.
In der Kabbala ist die Krone von allem das «Reich», die Vereinigung. Dieses
Prinzip liegt auch der Kirche zugrunde, nämlich daß alle Menschen Glieder
eines Bewußtseins werden.
Das Gesetz der Form ist Geburt und Tod. Das Gesetz des Lebens ist die Wie-
dergeburt. Das Gesetz des Geistes ist Karma. Das Leben geht durch Geburt und
Tod und erscheint in immer neuen Formen. Die Form ist vergänglich, das Leben
wiederholt sich, der Geist ist unvergänglich, ewig.

Zwölfter Vortrag
Berlin, 10. November 1904

Heute wollen wir versuchen, den Übergang des Logos zu einem neuen System,
zu einer neuen Schöpfung etwas uns klarzulegen.
Die Menschen fragen gewöhnlich zuerst: Wie ist alles entstanden? - Dies ist
wohl die schwierigste Frage, die aber oft gestellt wird. Man kann davon nur eine
annähernde Vorstellung geben. Vor allem muß man sich einmal klarmachen,
daß es unser Verstand ist, der da fragt, wie die Dinge entstanden sind und sich
ungefähr plausibel macht, wie man selbst die Welt geschaffen hätte, wenn man
der Schöpfer gewesen wäre. Der Menschenverstand gehört aber schon zu denje-
nigen Dingen, die vom Logos stammen und es ist klar, daß das Bewußtsein des
Logos ein weit größeres ist. Daher können wir den Logos nicht mit dem mensch-
lichen Verstand beurteilen. Darum kann die Frage nicht so gestellt werden: Wa-
rum mußte die Welt aus dem Logos hervorgehen?, sondern man kann nur fra-
gen, wie sich das Hervorgehen der Welt aus dem Logos verhält, wie die Dinge
entstanden sind, nicht warum - weil das Warum einen Zwang in sich schließen
würde. Das Hervorgehen muß eine freie Tat des Logos sein, nicht eine Tat der
Notwendigkeit.
Durch ein Bild nur kann das Schöpferische des Logos bezeichnet werden, in-
dem man sich ein Wesen und sein Spiegelbild vorstellt. Man würde sich sagen:
In dem Spiegelbild ist alles das enthalten, was in dem Wesen selbst vorhanden
ist. Es sieht genauso aus, aber es ist nicht lebendig, es enthält nicht das Lebens-
prinzip. Wollen wir begreifen, wie das Spiegelbild dem Wesen gleich werden
kann, so ist es nur dadurch möglich, daß das Wesen sein Leben dem Spiegelbild
abgibt. Daher müssen wir uns denken, daß ein Wesen seine Existenz, sein Le-
ben an sein Spiegelbild abgibt, dann hat man den Begriff des ersten Opfers.
Die Hingabe der eigenen Existenz, die Übertragung des eigenen Lebens an das
Spiegelbüd, das istTdas ursprüngliche Opfer.

31
Genauso verhält es sich mit dem Logos. Der erste Logos verhält sich zum
zweiten, als wenn wir, vor dem Spiegelbild stehend, uns vornehmen, unser
eigenes Leben an das Spiegelbild abzugeben. Die Hingabe des Lebens ist das
ursprüngliche Opfer in freier Tat. Das ist die Tat des ersten Logos.
Der zweite Logos ist genau dasselbe wie der erste Logos, nur daß er seine
Existenz durch ein Opfer erhalten hat. Wenn man nun die Wirkung des zweiten
Logos studiert, so findet man, daß das Wesen des zweiten Logos darin besteht,
daß er das Wesen des ersten Logos nach dem ersten Logos hinstrahlt, zurück-
strahlt. So ist der zweite Logos eine Widerspiegelung des ersten Logos, von dem
er sein eigenes Leben erhalten hat, welches vom ersten Logos ausströmte.
Zuerst spiegelt sich der erste Logos wider, dann gibt er dem Spiegelbild sein
Leben. Während im ersten Logos alles sich nach außen richtet, die Existenz
nach außen wirkt, hat der zweite Logos erstens die Existenz, die er erhalten hat
und zweitens die Eigenschaft, seinen Inhalt zurückzustrahlen auf den ersten
Logos. Damit haben wir nun im zweiten Logos eine Zweiheit. Das Leben und
der Inhalt des zweiten Logos sind zweierlei. Der Inhalt ist dasselbe wie bei dem
ersten Logos, aber das Leben ist etwas anderes als im ersten Logos:

Logos C J 2. Logos

Der Strich in der Mitte des zweiten Kreises bedeutet, daß im zweiten Logos Le-
ben und Inhalt zweierlei sind, daß sie geteilt sind. Wenn es sich um den Inhalt
handelt, ist Bild und Spiegelbild bei beiden gleich, das Leben aber ist zweierlei.
Dies würde als solches noch kein Weltsystem ergeben können, denn hier
würde sich nur der eine Logos zum andern verhalten; eine Mannigfaltigkeit
würde da nicht hineinkommen. Mannigfaltigkeit kann nur hineinkommen
durch ein weiteres Opfer. Eine nochmalige Spiegelung muß stattfinden: das
Verhältnis, das die beiden zueinander haben, muß sich auch spiegeln. Erstens
spiegelt sich der erste Logos noch einmal /—x

zweitens spiegelt sich die Spiegelung: (a/b

Dadurch entsteht dann der dritte Logos als die Widerspiegelung der zwei an-
dern Logoi. Es enthält also der dritte Logos
1. das Spiegelbild des ersten Logos
2. das Spiegelbild dessen, was der erste Logos im zweiten Logos
bewirkt hat, nämlich sein Leben
3. das Spiegelbild davon, was der zweite Logos zum ersten zurück-
strahlt.

32
Stellen wir uns nun vor: Der erste Logos ist gespiegelt in a. Wenn der erste
Logos die nach außen strebende, schöpferische Tätigkeit ist, so ist sein Spiegel-
bild im dritten Logos gerade die umgekehrte Tätigkeit des ersten Logos. Im
erst» Logos ist a das höchste geistige Weltlicht; im dritten Logos ist a die
äußerste geistige Finsternis.
b ist im zweiten Logos das Leben, das der zweite Logos vom ersten Logos
erhalten hat. Es ist nicht das Leben, das sich hinopfert, sondern dasjenige, das
angenommen worden ist. Das Leben, das sich im ersten Logos hinopfert, ist die
Liebe. Das Gegenteil davon im dritten Logos ist das absolute Verlangen, Sehn-
sucht, Streben nach Logos, b ist also im dritten Logos das absolute Verlangen.
c ist im zweiten Logos das Spiegelbild des ersten Logos, welches der zweite
Logos zurückstrahlt.
1. Logos (&J a - geistiges Weltlicht (liebe opfert sich hin)

2. Logos fb cj b = Spiegelung des ersten Logos


^*—<' c = sein Leben und was er zum ersten Logos zurückstrahlt
3. Logos f > x ) a = ^^ st % e Finsternis
^CsP* b = das Verlangen
c = das getreue Spiegelbild des ersten Logos.
Bei unserem eigenen Spiegelbild unterscheiden wir:
1. Das ausgestrahlte Bild, das aus der Finsternis zurückkommt.
2. Das, was wir hingegeben haben, kommt zurück als Verlangen.
3. Das Bild selbst, das wir selbst sind.

Dies entspricht im dritten Logos den drei Teilen:


a die geistige Finsternis - Tamas
b das absolute Verlangen - Rajas
c das einfache Spiegelbild des
ersten Logos = Sattwa
Tamas, Rajas, Sattwa sind die drei Gunas, die drei Teile des dritten Logos.*
Zunächst sind a, b und c vorhanden. Wenn a allein vorhanden ist, ist es eben
Tamas. Wenn a - die geistige Finsternis oder Tamas - sich kombiniert mit b -
Rajas, dem absoluten Verlangen -, kombiniert sich Finsternis mit Verlangen
und es ist ein Hinstreben nach dem ersten Logos. Wenn a und c - Tamas und
Sattwa - kombiniert werden, haben wir das Bild des ersten Logos, aus der Fin-
sternis heraus geschaffen. Ebenso können wir b mit c kombinieren. Es kann
* Die Lehre von den Kombinationen der drei Gunas Tamas, Rajas, Sattwa bildet das Fundament
der Sankhya-Philosophie des Vedantasystems.

33
jedes für sich auftreten und mit einem der andern kombiniert werden. Alle drei
miteinander kombiniert, sind, was der erste Logos selbst ist. Wir haben sieben
mögliche Kombinationen der drei Gunas:
1. a
2. b
3. c
4. ab
5. ac
6. bc
7. abc
Dies sind also die sieben verschiedenen Kombinationen der Gunas.
Man stelle sich diese sieben möglichen Kombinationen vor als das nächste
weltschöpferische Prinzip, das aus den drei Gunas hervorgehen kann. Diese
sieben Wesenheiten existieren wirklich. Es sind die sogenannten sieben schöpfe-
rischen Geister vor dem Throne Gottes, nach den drei Logoi die sieben nächsten
schöpferischen Kräfte:

Aus diesen sieben schöpferischen Kräften geht dasjenige hervor, was wir als
die Prajapatis bezeichnen. Indem jeder wieder diese Tatsache genau wieder-
holen kann auf untergeordneten Stufen des Bewußtseins, des Lebens und der
Form, bekommen wir überall drei: also dreimal a, dreimal b, dreimal c,
dreimal ab, dreimal ac, dreimal bc, dreimal abc, also zusammen dreimal sie-
ben = 21 Prajapatis. Sie verhalten sich selbst jeder wie ein ursprünglicher
Logos. Dadurch bekommen wir die 21 Schöpfer eines bestimmten Sonnen-
systems.
Der erste Begriff, der uns also begegnet, ist der des vollständig freien Opfers.
Wenn man ihn faßt, hört die Frage nach dem Warum auf, eine Bedeutung zu
haben. Der Fortschritt des Menschen besteht darin, daß man diese Frage nicht
mehr stellt, sondern zu dem Begriff des schöpferischen Logos aufsteigt.
Wenn man ein mechanisches Instrument hat, zum Beispiel eine Uhr oder
eine Maschine, so kann man voraussagen, wie sie sich verhalten wird. Etwas
weniger ist dies dagegen möglich bei den Naturvorgängen, doch im gewissen
Grade auch da. Eine Sonnenfinsternis zum Beispiel ist berechenbar. Man kann
da von einer Notwendigkeit sprechen. Man wird noch bei der Pflanze angeben
können, was sie unter bestimmten Verhältnissen tun wird. Je weiter wir aber
hinaufrücken im Reiche der Natur, hört die Möglichkeit immer mehr auf zu
sagen, was ein Wesen in einer gewissen Situation tun wird. Je höher ein Mensch
steht an Begabung und Inhalt, destoweniger ist es möglich, etwas über seine

34
Handlungen vorauszusagen, denn man kann nicht seine Gründe und Motive
überschauen. Dann hat man nichts anderes zu tun als abzuwarten, was er in
einer bestimmten Situation tun wird.
Ebenso muß man die Schöpfung der Welt hinnehmen als eine freie Tat des
Logos. Und der Fortschritt besteht darin, zu wissen, daß man beim Weltall nicht
zu fragen hat nach dem Warum, daß die Frage nach dem Grund unberechtigt
ist. Alle, die dies eingesehen haben, haben nicht von einem Grund der Welt ge-
sprochen. Jakob Böhme spricht von einem «Ungrund, der Welt. Wollen wit aLf-
steigen zur Erkenntnis der schöpferischen Weltmacht, so können wir nichts
anderes tun als bis dahin zu gehen, wo wir wissen, daß im Ziel unsere eigene
Entwicklung stehen muß, denn da muß der Schöpfer einmal gestanden haben.
Der Schöpfer muß alles umgekehrt besitzen, was wir besitzen. Atma ist der
tiefste Punkt in unserem Innern. Der Schöpfer aber hat Atma als lauter Punkte
in seinem Umkreis. Der weltschöpferische Logos hatte bei Beginn des Sonnen-
systems die Eigenschaften, die wir als Ziel unserer Entwickelung gefunden ha-
ben, Atma, Buddhi, Karana Sharira oder Manas, Kama, Iinga Sharira, Prana,
Sthula Sharira, alle in seinem Wesen.
Wir müssen uns klar darüber werden, wo die Tätigkeit dieses schöpferischen
Logos liegen kann. Dazu untersuchen wir zuerst, wohin wir durch die ver-
schiedenen Metamorphosen gelangen. Die Form-Metamorphosen sind eine
physische, zwei astrale, zwei mentale, zwei arupische, also zusammen sieben.
Wenn wir die Höhe des Mentalplanes erreicht haben, dann sind wir von außen
Karana Sharira geworden. Darauf werden wir Buddhi, dann Atma. Wenn die
Erde ihr Ziel erreicht hat, werden wir auf dem höheren Mentalplan tätig sein.
Dann beginnt jener Übergang, welcher uns hinüberfuhrt zu dem nächsten
Planeten. Dazu müssen wir Atma außen haben. Also müssen auch Karana
Sharira und Buddhi außen verschwinden:
Kama

Atma Karana Sharira

Buddhi Buddhi

Karana Sharira Atma

Die Folge davon ist, daß wir uns nicht vorzustellen haben, daß beim Über-
gang zu einem neuen Planeten nichts geschieht - Pralaja ist nicht Untätigkeit
und Schlaf -, sondern während Pralaya wird noch abgestreift Karana Sharira
und Buddhi. Auf dem Buddhiplan müssen wir Karana Sharira abstreifen und
auf dem Nirvanaplan Buddhi selbst.

35
So gestaltet sich die Entwickelung folgendermaßen:

o
Nirvana

o o
Buddhi Buddhi ein Pralaja

Arupa ( j Q Arupa
Rupa O ( J Rupa

Astral (j
o o Astral

Plastisch ein Manvantara

Pralaja ist eine Tätigkeit ganz anderer Art als die Tätigkeit während eines
Manvantaras. Um eine neue Planetenkette zu gestalten, muß die Wesenheit auf
der anderen Seite hindurchgegangen sein durch den Buddhi- und Nirvana-Plan.
Die Bedeutung des Buddhi- und Nirvanaplanes liegt darin, daß auf ihnen die
Wesenheiten zwischen den Planeten ganz dasselbe durchmachen, was der
Mensch im Devachan durchmacht.
Es gibt auch große Pralajas: Mahapralajas. Wenn wir die Metamorphosen
des Bewußtseins verfolgen von einem Planeten zum andern, so haben wir auf
Erden das Tagesbewußtsein, auf dem Monde das Traumbewußtsein und so
weiter:
Tagesbewußtsein

Traumbewußtsein Psychisches Bewußtsein

Traumloser Schlaf Überpsychisches Bewußtsein

Trance Spirituelles Bewußtsein

Zwischen einem Bewußtsein und dem anderen muß hindurchgegangen wer-


den durch den Nirvanaplan. Wenn nun der höchste Bewußtseinszustand er-
reicht ist, Atma sich aller Hüllen endedigt hat und wirklich das Allumfaßende

36
geworden ist, dann wird es fähig, ein neues Sonnensystem zu bilden. Dazu muß
es noch durch zwei weitere Plane des Bewußtseins hindurchgehen. Bis dahin
hat es eine Art Allschau erlangt, es kann dann das ganze Weltensystem über-
schauen.
Das jetzige Tagesbewußtsein kann das Mineralreich, das psychische Bewußt-
sein kann das Leben, das intellektuelle Bewußtsein das Empfinden überschauen
und das spirituelle Bewußtsein kann alles Vorhandene überschauen. Atma ist
dann auf der höchsten Stufe angelangt. Atma ist Allbewußtsein.
Wenn Atma nach außen strahlen soll, so muß es erst die Fähigkeit erlangen,
alles hinzugeben; es muß schöpferisch sein. Das wird es dadurch, daß es sich mit
Buddhi und Manas umhüllt. Dann kann es auf dem Arupaplan ein neues Wel-
tensystem anfangen. Wenn also das Bewußtsein auf der letzten Stufe angelangt
ist, muß es noch hindurchgehen durch zwei andere Plane. Der erste Plan ist der,
wo es Buddhi nicht abschält, sondern hinzufügt, den nennt man Paranirvana-
Plan. Denjenigen, wo das Wesen wieder heruntersteigt, um auf dem Arupaplan
wieder tätig sein zu können, den nennt man Mahaparanirvana-Plan. Je zwei
gegenüberliegende Plane entsprechen sich. Der unterste ist der physische, der
ihm gegenüberliegende Nirvana:

37
Auf dem Astralplan herrscht das Verlangen, auf dem Paranirvana-Plan
herrscht die Liebe, Buddhi. Auf dem Mentalplan herrscht Erkenntnis, was den
Gedanken aufnimmt, auf dem Mahaparanirvana-Plan herrscht der schöpferi-
sche Gedanke. Der Buddhi-Plan ist die absolute, liebevolle Hingabe an das
Göttliche. Es hat zu seinem Gegenteü die absolute Abkehr von allem Göttli-
chen. Hat der Buddhi-Plan etwas Beseligendes, so sein Gegenteil die absolute
Unseligkeit. Das ist der achte Plan, die achte Sphäre.
Man denke sich, irgendein Wesen hätte sich auf irgendeinem Plan in der
Evolution von der Entwickelung abgekehrt, wäre eigene Wege gegangen, dann
fiele es in die achte Sphäre und müßte dort warten, bis die ganze Entwickelung
herumgegangen ist. Es könnte erst bei der nächsten Evolution wieder mitge-
nommen werden als unterstes Wesen. In dieser kosmischen Windrose kommen
die Gegenteile gut zum Ausdruck. - Wenn wir auf dem Nirvana-Plan angelangt
sind, ist das Wesen an dem Punkt angelangt, daß sein Atma ganz nach außen
liegt. Wir haben es dann zu tun mit einem solchen Logos, den wir als die Sieben
bezeichnet haben. Es sind die sieben schöpferischen Geister, deshalb haben wir
auch sieben verschiedene Rassen. *
Die sieben verschiedenen Geister gehören dem Nirvanaplan an. Wenn wir dann
den Paranirvana-Plan und den Mahaparanirvana-Plan durchlaufen, kommen
wir zum ersten und zweiten Logos selbst. Auf dem Paranirvanaplan entsteht der
zweite Logos und auf dem Mahaparanirvana-Plan der erste Logos. Auf dem
Nirvana-Plan wird das Weltsystem von den 7 mal 3 = 21 Prajapatis vollendet.
Der letzte von ihnen ist abc, der dritte Logos selbst. Erst der erste Logos kann
das, was in die achte Sphäre gefallen ist, wieder mitnehmen. Er nimmt es mit
mit dem Weitenstaub. Hinaufgeworfen werden aus der Entwickelung heißt,
sein Leben verketten mit etwas, was unbedingt zurückbleibt, und darin warten,
bis die Evolution wieder auf den betreffenden Zustand trifft. Ein Wilder, der
von der Seele eines Wilden bewohnt wird, ist relativ glücklich; aber denken Sie
sich ein entwickeltes Wesen im Körper eines Wilden oder eines Hundes, dann
ist es in der Tat Verbannung. Die höhere Seele ist den Weg in eine niedere Ma-
nifestation gegangen. Tatsächlich heißt «in die achte Sphäre gehen» nicht mit
der Evolution fortschreiten, nicht mitmachen zu können die Entwicklung der
andern, sondern auf niedere Stufe zurückgeworfen zu werden.
Das Bewußtsein ist zuerst ein Erkenntnisbewußtsein bis zum Nirvana-Plan.
Vom Nirvana-Plan an ist es nicht mehr ein bloßes Erfassen, sondern ein innerli-
ches Schaffen. Auf dem Paranirvanaplan ist es ein Schaffen nach außen. Auf
dem Mahaparanirvana-Plan ist es das schöpferische Bewußtsein des Logos. Von
da geht das Bewußtsein des Logos durch die achte Sphäre auf den physischen
Plan über und wird dort zu schöpferischen Naturkräften. In Wahrheit sind sie
der Ausdruck göttlicher Gedanken, die uns als Kräfte erscheinen, weil wir sie
nicht überschauen.
* «Rassen» bezieht sich hier auf die sogenannten Wurzelrassen mit ihren je sieben Untertassen.

38
Zu einem neuen Band der
RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE

Wege zu einem neuen Baustil - «Und der Bau wird Mensch*

Acht Vorträge,
gehalten in Berlin und Dornach zwischen dem 12. Dezember 1911 und dem 26. Juli 1914,
mit einem Anhang, 22 Abbildungen und 2 Farbtafeln.
Bibl.-Nr.286, Gesamtausgabe Dornach 1982

Im Juni/Juli 1914, wenige Wochen bevor am 1. August 1914 der Erste Welt-
krieg ausbrach, hielt Rudolf Steiner auf dem Dornacher Hügel seine ersten Vor-
träge. Sie waren den neuen Bauformen gewidmet, die bei den Zuhörern, haupt-
sächlich mitarbeitenden Künstlern, tiefe Begeisterung auslösten. Es wird berich-
tet, daß man sich abends in der großen Schreinerei auf den aufgeschichteten
Brettern und zwischen den noch kurz zuvor rasdos arbeitenden Maschinen la-
gerte und daß diese zwanglose Vortragsumrahmung allen, auch Rudolf Steiner,
gefiel. Die Art, wie er diese Vorträge gehalten hat, sei wie eine «fröhliche Wis-
senschaft» empfunden worden. Für diejenigen, die diese Vorträge mitzuschrei-
ben versuchten, war diese zwanglose Lagerung, teils auf dem Boden sitzend, al-
lerdings weniger günstig. In bezug auf die Güte der Mitschriften konnte dies
nicht ohne Wirkung bleiben. Man hat sich deshalb beim Schreiben abgelöst
und nachher einen gemeinsamen Text erstellt. Diese Textfassung wurde von
Marie Steiner im Jahre 1926, ein Jahr nach Rudolf Steiners Tod, unter dem Titel
«Wege zu einem neuen Baustil» veröffentlicht. Der Text hatte verständlicher-
weise manche Mängel, die bei der zweiten Auflage im Jahre 1957 von den da-
maligen Herausgebern schon zu beheben versucht worden sind.
Für die nunmehr vorliegende dritte Auflage, die erste innerhalb der Gesamt-
ausgabe, konnten inzwischen neu aufgefundene Mitschriften hinzugezogen
werden. Alle vorhandenen Unterlagen wurden so gründlich als möglich ge-
prüft. So war es möglich, noch manche unvollkommen festgehaltenen Wort-
laute zu verbessern. Außerdem wurden diejenigen Vorträge über Baukunst, die
Rudolf Steiner vor seinen ersten Dornacher Bauvorträgen in Berlin gehalten hat,
eingegliedert. Der Band umfaßt somit in Teil I unter dem Titel «Und der Bau
wird Mensch» die drei Berliner Vorträge vom 12. Dezember 1911, 5. Februar
1913 und 23. Januar 1914; in Teil II unter dem Titel «Wege zu einem neuen
Baustil» die fünf Dornacher Vorträge vom Juni/Juli 1914 und im Anhang Noti-
zen von den beiden Vorträgen Stuttgart, 7. März 1914 und München, 30. März
1914 über die Entwicklung der Baukunst im Zusammenhang mit den Jahrtau-
sendwenden, ferner die Ausführungen über den Wiederaufbau des Goethea-

39
num bei der Weinachtstagung 1923 mit einer farbigen Tafelzeichnung und zwei
Aufsätzen in Basler Zeitungen. Die zweite Farbtafel gibt den Farbwirbel zum
Vortrag vom 5. Juli 1914 über die schöpferische Welt der Farbe wider. Außer-
dem enthält der Band noch 22 photographische Aufnahmen.
Mit diesem Band, der sich an GA Nr. 284/85 «Bilder okkulter Siegel und
Säulen - Der Münchner Kongreß Pfingsten 1907 und seine Auswirkungen» an-
schließt und der die Geburt des neuen Baugedankeris dokumentiert, liegt nun
ein weiterer gewichtiger Teil der Rudolf Steiner Gesamtausgabe vor.
Als Apercu sei noch angeführt ein interessantes Echo, das die erste Publika-
tion der fünf Vorträge «Wege zu einem neuen Baustil» in einer Bauzeitschrift
gefunden hat. In «Der Neubau» (Berlin, 9. Jahrgang, Heft 9 vom 10. Mai 1927)
schrieb damals Dr. Ing. Fuchs-Röll:

«Merkwürdiges Zusammentreffen - kurze Zeit, nachdem der Franzose Corbusier


seine <kommende Baukunst) herausgebracht, erscheint ein gleich aufsehenerre-
gendes Buch über dasselbe Thema, wiederum von einem Laien, dem verstorbe-
nen Führer der anthroposophischen Bewegung, Rudolf Steiner; aber mit einem
weniger anspruchsvollen Titel: <Wege zu einem neuen Baustil>.
Polarität der Abstammung: Franzose und Österreicher; Polarität des Berufes:
Maler und Philosoph. Daraus resultiert beinahe zwangsläufig eine gewisse Pola-
rität ihrer Anschauungen und ihrer schöpferischen Werke, die sogar so groß ist,
daß man eigentlich glauben müßte, sie seien sich innerlich fremd und feind wie
Feuer und Wasser. Und doch haben sie manches Gemeinsame, insbesondere das
begeisterte Streben, die fortreissende Tatbegeisterung.
Was Steiner gibt, sind Ateliervorträge - seine Frau Marie hat sie nach seinem
Tod gesammelt und herausgegeben - , Gespräche, ähnlich wie sie Sokrates mit
seinen Schülern zu fuhren pflegte.
Spezialwissenschaftliche Kenntnisse, technische Erfahrungen gehen Steiner
natürlich ab, man darf sie billigerweise auch nicht von ihm erwarten. Aber wie
so oft solche Außenstehenden findet auch er frische Quellen, die sich dem
schulmäßigen Könner und Kenner verschließen. Wie auf anderen Gebieten ist
seine Arbeit auch auf dem der Baukunst wertvoll, hauptsächlich als Anregung.
Die technische Ausfeilung und Ausfuhrung seiner Ideen überläßt er - auch dar-
in zeigt sich seine Weisheit - dem Spezialisten.
Im Angesicht und im Fortschreiten des von ihm selbst geschaffenen Baues,
des Goetheanum in Dornach, verbreitet er sich über die verschiedensten Proble-
me der Baukunst. Viel für den Techniker allzu abstraktes, reinphilosophisches,
daneben jedoch eine Perlenkette verblüffender Wahrheiten, in eine lebendige,
oft zum Faszinierenden sich steigernde Sprache gefaßt. Man braucht nur den
dritten der Vorträge zur Hand zu nehmen. Wie er da die «baukünstlerischen
Gedanken» im alten Griechenland, in der frühchristlichen Zeit, im Mittelalter
und in der Jetztzeit vergleichend betrachtet, beweist sein eminentes Verständnis

40
für den Geist aller dieser Zeiten. Wer überhaupt Sinn hat rar das Geistige in der
Architektur, der lese dieses Buch eines Philosophen. Denn auch für den Bau-
künstler gut das Wort: er lebt nicht vom Brot allein. Die Steinerschen Bauge-
danken geben ihm geistige Impulse, wertvolle Anregungen zum Schaffen, ja
geradezu handwerkliche Hinweise, wie z.B. in dem fünften Vortrag mit seinen
geistvollen Ausführungen über die Anwendung der Farbe in Architektur und
Plastik. Da findet man keine Schlagworte wie in manchem berühmten Kunst-
buch, sondern tiefgründige, von wissenschaftlichem Ernst und praktischem Ver-
ständnis getragene Hauptsätze.
Und die Art, wie er sich mit Andersdenkenden, insbesondere mit dem ver-
storbenen Münchener Theoretiker und Künstler Adolf Hildebrandt auseinan-
dersetzt, könnte manchem eitlen Fachgelehrten als Muster dienen für eine trotz
aller sachlichen Schärfe in der Form freundliche, ja geradezu verbindliche Dis-
kussion.»

Möchten die jetzt neu vorliegenden und erweiterten Darstellungen Rudolf


Steiners ein ebensolches, ja noch tieferes Echo finden.
Hella Wiesberger

41
Es ist eine bemerkenswerte Tatsache, daß Rudolf Steiners Wirken in die Jahrzehnte
fällt, die begrenzt werden einerseits durch den Abschluß der Entwicklung der Stenogra-
fie, andererseits durch den Beginn der Verwendung von Tonaufnahmegeräten. Von die-
sem Gesichtspunkt aus mag vielleicht der nachfolgende Artikel auch die Leser der «Bei-
träge» interessieren. Er ist das Ergebnis eines Gesprächs des Autors mit Mitarbeitern des
Archivs der Rudolf Steiner-Nachlaßverwaltung.
Michel Schweizer

Rudolf Steiners riesiges Nachlaßwerk dank Kurzschrift


4500 Vorträge mitstenografiert

Aus: «Der Schweiz« Stenograf», Okt. 1982


(Organ des Allgemeinen Schweizerischen Stenografenvereins)''

Wer kennt ihn nicht, diesen großen Anthroposophen Dr. phil. Rudolf Steiner
(1861-1925), dessen reiche kulturelle Tätigkeit in Wien, Weimar und Berlin tiefe Spu-
ren hinterlassen hat? Er machte sich einen Namen als Goethe-Herausgeber, Schriftstel-
ler, Redaktor und Lehrer. Sein Wirken wurde nach der Jahrhundertwende mehr und
mehr bestimmt durch das Eintreten für eine «anthroposophisch orientierte Geisteswis-
senschaft». Mit dem Bau des «Goetheanums» wurde Dornach bei Basel Zentrum seiner
Wirksamkeit. Die Ergebnisse von Steiners geisteswissenschaftlicher Forschung zeigen
ihre praktischen Auswirkungen in der Erneuerung vieler Lebensgebiete: In der Erzie-
hung, in der Medizin und Heilpädagogik, im Künstlerischen wie im Landbau und im
sozialen Bereich. Die Anthroposophie erschließt dem suchenden Menschen ein neues
spirituelles Welt- und Menschenbild, das im Gegensatz zu östlichen Traditionen im
abendländischen Geistesleben wurzelt und in dessen Zentrum das Christus-Ereignis
steht. So hat sich auch ihre Schulungsmethode aus dem modernen Denken entwickelt.
Redaktion (E. Meyner)
Geschichtlicher Rückblick

Aus der Geschichte der Kurzschrift (vgl. auch B. Gloor «Die Kurzschrift im
Wandel der Zeit», April und Mai 1979) ist uns bekannt, daß die ältesten Reden,
die wörtlich festgehalten wurden, durch Tiro, den Erfinder der «Tironischen
Noten» - älteste Kurzschrift der Menschheit - mitstenografiert wurden. Tiro war
ein hochgebildeter, griechischer Sklave Ckeros - Konsul, Philosoph und größter
Redner Roms. Tiro hat nämlich 63 v. Chr. die im römischen Senat gehaltene
große Anklagerede gegen den Verschwörer Catilina mitstenografiert.
In den 2055 Jahren, die seither verflossen sind, haben hervorragende Steno-
grafen und Kurzschreiber unzählige Vorträge, Reden, Debatten, Zeugnisaus-
sagen und Streitgespräche in vielen verschiedenen Kurzschrift-Systemen mit-
stenografiert und auf diese Weise für die Nachwelt festgehalten.
* Der Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Redaktion der Zeitschrift «Der
Schweizer Stenograf».

42
Größter stenografischer Nachlaß der Menschheit in Dornach SO

Sicher ist es aber den meisten Lesern des «Schweizer Stenografen» nicht be-
kannt, daß der größte stenografische Nachlaß einer Persönlichkeit seit bald 60
Jahren in Dornach SO, 10 km von Basel entfernt, bei der Rudolf Steiner-Nach-
laßverwaltung aufbewahrt wird.
Rudolf Steiner, der Begründer der Anthroposophie, hat diese nicht nur in
etwa 30 Büchern, sondern in der Zeit von 1900 bis 1925 in über 6000 Vorträgen
vielen Zuhörern in zahlreichen Städten Europas nahegebracht.
Von den über 6000 Vorträgen - es gab damals noch keine Tonbandgeräte -
sind über 4500 mitstenografiert worden. Diese Vorträge sind dann teils schon zu
Lebzeiten Rudolf Steiners, teils erst nach seinem Tode in einem großen Nachlaß-
werk der Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden.
Rudolf Steiner hat seine Vorträge immer frei, ohne Benützung gelegentli-
cher, nur der Vorbereitung dienender Notizen gehalten, und zwar außer über
allgemein anthroposophische Themen auch über so verschiedene Gebiete wie
Naturwissenschaft, Kunst, Erziehung, Medizin, Landwirtschaft, religiöse Er-
neuerung, soziale Fragen - immer aus anthroposophischer Sicht.

Rudolf Steiners Verhältnis zum ^Mitstenografieren»

Rudolf Steiner hat seine Vorträge vor allem in Berlin und Dornach, aber auch in
vielen anderen europäischen Städten gehalten. Zwar war er selber ein guter Ste-
nograf- er hatte das damals in Österreich noch übliche System «Gabelsberger»
als Gymnasiast autodidaktisch erlernt; aber sein Verhältnis zum «Mistenografie-
ren» seiner Vorträge war sehr ambivalent, schreibt er doch in seiner Autobiogra-
fie, «Mein Lebensgang», Kapitel 35 u.a.: «Es liegen nun aus meinem anthropo-
sophischen Wirken zwei Ergebnisse vor: erstens meine . . . veröffentlichten Bü-
cher, zweitens eine große Reihe von Kursen . . . Es waren dies Nachschriften, die
bei den Vortragen mehr oder weniger gut gemacht worden sind und die - wegen
Zeitmangels - nicht von mir korrigiert werden konnten. Mir wäre am liebsten
gewesen, wenn mündlich gesprochenes Wort mündlich gesprochenes Wort ge-
blieben wäre. Aber die Mitglieder wollten den Privatdruck der Kurse. Und so
kam er zustande.» - Marie Steiner-von Sivers, Rudolf Steiners Lebensgefährtin,
drückt sich 1945, also 20 Jahre nach dessen Tode, in «Welches sind die Aufga-
ben der Nachlaßverwaltung?» in dieser Beziehung noch deutlicher aus, schreibt
sie doch: «Das, was Dr. Steiner selbst geschrieben hat,... ist nur ein Teil der li-
terarischen Hinterlassenschaft. Daneben gibt es den schwierigeren, weil unvoll-
kommeneren Teil: die . . . gedruckten Nachschriften. Sie wurden zunächst ge-
gen das Gebot Dr. Steiners privat vervielfältigt und unter der Hand verbreitet
und enthielten oft solchen Unsinn, daß Dr. Steiner, um dem Unfug zu steuern,

43
sich gezwungen sah, die Stenografen selbst zu bestimmen und die Übertragung
in unsere eigene Regie zu nehmen. So entstanden die großformatigen Zyklen
und Bestvorträge als Privatdruck. Er selbst hatte aber nicht die Zeit, sie durchzu-
sehen, und er litt darunter, weil er das gesprochene Wort als nicht geeignet für
den Druck betrachtete.»
Die Buchausgaben der Vorträge - neuerdings sind auch Einzelvorträge in
Buchform erhältlich - sind deshalb alle mit folgender Einschränkung aus «Mein
Lebensgang» versehen: «Als mündliche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilun-
gen waren diese Inhalte gemeint . . . Wer diese Drucke liest, kann sie im voll-
ständigen Sinne eben als das nehmen, was die Anthroposophie zu sagen hat...
Er wird eben nur hinnehmen müssen, daß in den von mir nicht nachgesehenen
Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.»

Die Stenografen und Stenografinnen

Von über achtzig Hörern und Hörerinnen stammen die Unterlagen - in den er-
sten Jahren oft nur Notizen und Referate, dann immer bessere Stenogramme -
für die Herausgabe der Vorträge. Vier Stenografen (innen) - drei davon
Stolze /Schrey, einer im System Gabelsberger schreibend - sollen hier besonders
erwähnt werden. Zu bemerken ist noch, daß in der Schweiz bereits 1897
Stolze/Schrey Einheits-System wurde, während die Deutsche Einheitsschrift
(DEK) - ein Gemisch aus Stolze/Schrey und Gabelsberger - erst 1924 Einheits-
kurzschrift wurde, so daß vorher sowohl Stolze/Schrey als auch Gabelsberger
verwendet wurde.

Walter Vegelahn (Berlin 1880, Berlin W9)

Walter Vegelahn, Bankangestellter, Schauspieler und Kartograph, lernte Rudolf


Steiner bereits 1901 im Giordano-Bruno-Bund kennen und belegte damals auch
schon Vorträge, die Rudolf Steiner an der Arbeiter-Büdungsschule in Berlin
hielt. In einem 1959 erschienenen Nachruf über ihn heißt es u.a.: «Von 1903 an
haben sich Nachschriften, erst nur in zusammengefaßter Form, aber bald schon
sehr ausführlich, von Vorträgen Rudolf Steiners erhalten. In weit über 500 Steno-
grammen im Einigungssystem Stolze/Schrey, die alle sauber übertragen wur-
den, ist so ein wesentlicher Teil des Vortragswerkes Rudolf Steiners durch unse-
ren Freund erhalten geblieben . . . Frau Marie Steiner lobte die Qualität der Ve-
gelahnschen Nachschriften und äußerte sich wiederholt, daß sie besonders zu-
verlässig seien . . . Häufig ging er unmittelbar nach einem Vortrag zu Dr. Steiner
und ließ sich von ihm einen Titel für den soeben gehaltenen Vortrag geben, da
ja viele Mitglieder-Vorträge ohne Titelangabe angekündigt wurden... Seine
Tätigkeit als Stenograf wurde durch seine Einberufung im Weltkrieg unterbro-
chen. Aber schon 1919 sind viele (Berliner) Vorträge von seiner Hand erhalten.»

Ir 11
Hedda Hummel (gest. 1939)

Hedda Hummel aus Köln hat ab 1912 einige hundert Vorträge in Stolze/
Schrey-Debattenschrift mitstenografiert. Dank gewissenhafter, systematischer
Schulung hat sie die Qualität ihrer Nachschriften im Laufe der Jahre standig ge-
steigert.

Franz Seiler (1868 Bühl bei Baden-Baden, Berlin 1959)

Franz Seiler hat von 1901 bis 1913 in der «Berliner Zeit» von Rudolf Steiner und
noch zwei Jahre danach in Dornach ungefähr 800 Vorträge in gestochen schar-
fer, schöner Gabelsberger-Stenografie mitgeschrieben. Franz Seiler arbeitete bei
einer großen Versicherungsgesellschaft. Er lebte unglaublich bescheiden, aber
vielseitig interessiert. In einem i960 erschienenen Nachruf heißt es über ihn
u.a.: «Pfarrer sollte, doch wollte er nicht werden. Kaufmann genügte ihm zu er-
lernen; er war ein unermüdlich Strebender. Er probierte alles, alle Bewegungen
seiner Zeit, den Vegetarismus, die Heilsarmee, die Theosophie. Bei Brockdorffs
traf er Dr. Steiner. Dieser lud ihn ein und erbat seine Hilfe. Er war Budhführer,
Protokollführer und Stenograf. Und Rudolf Steiner arbeitete mit an seiner ge-
liebten Astrologie.»

Helene Mnckb (Stuttgart 1883, Stuttgart i960)

1913 kam Rudolf Steiner nach Dornach, und es begann der Bau des ersten
Goetheanums. Als man 1915 dringend nach einem fähigen, zuverläßigen Ste-
nografen für die Vorträge suchte, fiel die Wahl Rudolf Steiners auf Helene
Finckh. Von da an bis zum Ende des Erdenlebens von Rudolf Steiner schrieb
sie fast alle in diesen neun letzten Jahren gehaltenen Vorträge nach - es waren
wohl über 2500 - und war bei den meisten Reisen dabei. Oft hat sie die Steno-
gramme - sie schrieb Stolze/Schrey-Debattenschrift - noch am gleichen Tag
bzw. in der gleichen Nacht mit der Schreibmaschine «ins reine» übertragen. Da
Rudolf Steiner manchmal drei Vorträge am gleichen Tag über ganz verschiedene
Wissensgebiete hielt, erforderte dieses Mitstenografieren und nachträgliche
Übertragen nicht nur großes stenografisches Können und einen enormen per-
sönlichen Einsatz, sondern auch ein breites Allgemeinwissen.
In einem Nachruf eines ihrer Mitarbeiter heißt es: «Nur wer die Intensität
jener Arbeitsjahre an der Seite Rudolf Steiners noch miterlebt hat, kann ahnen,
welche Anforderungen damals an einen Mitarbeiter gestellt wurden, der fast
sämtliche Reisen mitmachte, alle Vorträge aufnahm und dann an deren Über-
tragungen arbeitete und nebenher ständige Sekretärdienste leisten mußte.»
Frau Finckh hätte in der Jugend gerne Medizin studiert, aber weil ihr Vater
früh gestorben war, mußte sie beim Unterhalt der großen Familie - 7 jüngere

45
Geschwister - möglichst bald mithelfen. Sie wählte deshalb den Handelslehrer-
beruf. In dieser Eigenschaft unterrichtete sie auch Stenografie. Als ihr Mann
nach ganz kurzer Ehe im September 1914 an der Westfront fiel, kam sie auf Be-
such nach Dornach, wo sie 45 Jahre bleiben sollte.
Weiter heißt es im erwähnten Nachruf über diese hochbegabte, fleißige
Frau: «Die Erfahrung vieler Jahre hatte gezeigt, wie sehr für diese Aufgabe, an
der erprobte Parlamentsstenografen versagt hatten, die besondere Note von
Frau Finckh sich bewährte. Sie hatte außer einer ungewöhnlichen technischen
Vollkommenheit des Stenografierens durch ihr tiefes inneres Verbundensein mit
der Anthroposophie . . . die Möglichkeit, das Aufgenommene fast fehlerlos und
vor allem ohne eigene Ergänzungen oder Auslassungen festzuhalten, was ihre
Nachschriften besonders wertvoll macht.»
Bei der Herausgabe des Nachlaßwerkes von Rudolf Steiner wirkte Frau
Finckh fast bis zu ihrem Tode mit.
Nachstehend einige Zeilen aus einem Originalstenogramm von Helene
Finckh, aus einem öffentlichen Vortrag Rudolf Steiners, gehalten am 9- April
1923 in Basel, unter dem Titel «Was wollte das Goetheanum und was soll die
Anthroposophie?»

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als ich es hier schon durch viele Jahre getan habe, die Frage zu beantworten'.
Was soll
Anthroposophie? Anthroposophie will zunächst sein eine Erkenntnis der geisti-
gen Welt, eine solche
Erkenntnis der geistigen Welt, welche sich durchaus an die Seite stellen kann
demjenigen, was wir heute
in einer so großartigen Weise als Naturwissenschaft haben. Sie will sich an die
Seite stellen dieser
Naturwissenschaft, sowohl durch wissenschaftliche Gewissenhaftigkeit wie auch
dadurch, daß derjenige, der in

46
Riesiges Nachlaßwerk dank hervorragender Stenografen finnen)

Die vorhandenen Originalstenogramme - nur von Helene Finckh sind sie voll-
zählig vorhanden - und die langschrifdichen Übertragungen sind bei der
Rudolf Steiner-Nachlaßverwaltung in Dornach fein säuberlich beschriftet und
katalogisiert in Registraturschränken aufbewahrt und werden heute noch bei
Neuauflagen verwendet.
Selbstverständlich hat die Nachlaßverwaltung Mitarbeiter, die nicht nur das
System Stolze/Schrey beherrschen, sondern auch das System Gabelsberger, und
zwar sowohl in Schul- wie auch in Debattenschrift.
Dank Stenografie und hervorragenden Stenografen und Stenografinnen hat
das riesige Vortragswerk Rudolf Steiners nicht nur die an den einzelnen Vorträ-
gen anwesenden Zuhörer erreicht, sondern es hat auch während und nach seiner
Lebenszeit der viel größeren Anzahl von Lesern ermöglicht, Zugang zu seinen
Gedanken und Überlegungen zu finden. Dadurch sind nicht nur die Geistes-
wissenschaften, sondern auch viele andere Erfahrens- und Wissensgebiete (Er-
ziehung, Medizin, Landwirtschaft, Architektur, Kunst- und Kunstgeschichte,
Musik und Eurythmie, Naturwissenschaft und religiöse Erneuerung) befruchtet
und zum Teil maßgeblich beeinflußt worden.
Byron T. Gioor

Aufruf an unsere Leser

Wissen Sie von Menschen, die in den Jahren 1901 bis 1924 Vorträge
Rudolf Steiners mitgeschrieben haben?
Für die genaue Ermittlung der Wortlaute sind uns jede Art von
Original-Mitschriften willkommen, ob in Normalschrift oder in Ste-
nografie. Auch lückenhafte Aufzeichnungen während der Vorträge
können für die Textvergleiche gute Dienste leisten.
Wir wären Ihnen dankbar für Hinweise auf entsprechende Nach-
lässe. Schreiben Sie bitte an das

Archiv der
Rudolf Steiner-Nachlaßverwaltung
Rudolf Steiner-Halde
CH-4143 Dornach

47
Bücher für den Osten

Seit Jahren vermittelt die Rudolf SteMer-Nachlaßverwaltung Bücher


an Freunde in den Ländern hinter dem eisernen Vorhang, die aus
Devisengründen die Bücher nicht kaufen können. Der Bedarf ist im
Laufe der Jahre nicht geringer geworden und darum sei die Bitte um
Spenden für diesen Zweck, die in dieser Zeitschrift schon öfters aus-
gesprochen worden ist, in dieser jetzigen Weihnachtszeit wiederholt.
Gebeten wird um Bücher- oder Geldspenden. Viele Besitzer von
Bänden der Gesamtausgabe haben noch alte Ausgaben bei sich zu
Hause liegen, die im Osten willkommen sind. Wenn Geld gespen-
det wird, so verdoppelt die Nachlaßverwaltung jeden geschenkten
Franken und übernimmt alle Umtriebe, die mit diesen Aktionen
verbunden sind. Bitte geben Sie also anthroposophische Bücher, die
Sie nicht mehr brauchen, in erster Linie natürlich solche von Rudolf
Steiner, an das Archiv der Rudolf Steiner-Nachlaßverwaltung in
Dornach zur Weitervermittlung. Geldspenden (mit dem Vermerk:
Ostfond): Postscheckkonto Rudolf Steiner-Nachlaßverwaltung Dor-
nach, 40-21982 (Basel). Für Deutschland: Postcheckkonto Karls-
ruhe 70196-757.
Archiv der Rudolf Steiner-Nachlaßverwaltung
R. Friedentbai

R U D O L F STEINER

Wege zu einem neuen Baustil


«Und der Bau wird Mensch»
3., neu durchgesehene und stark erweiterte Auflage.
Erstmals in der Gesamtausgabe.
Acht Vorträge, Berlin und Dornach 1911-1914. Im Anhang Notizen zu zwei Vortragen
Stuttgart und München 1914, Auszüge aus zwei Vorträgen, Dornach 1923/24, und zwei
Aufsätze aus dem Jahre 1924. Bibl.-Nr. 286.
136 Seiten mit 22 Abbildungen und 2 Farbtafeln, Großformat, Leinen
Fr.42.-/DM49.-

RUDOLF STEINER VERLAG, DORNACH (SCHWEIZ)

48
BEITRÄGE ZUR RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
VERÖFFENTLICHUNGEN AUS DEM ARCHIV
DER RUDOLF STEINER-NACHLASSVERWALTUNG, DORNACH

Heft Nr. 78 Jahreswende 1982/83

Walter Kugkr. Zu diesem Heft 1

Rudolf Steiner
Goethe und Goetheanum. Aus dem Manuskript des Aufsatzes von 1923
(in GA 36) Faksimile 2/3

Walter Kugler: Praktische Ausbildung des Denkens. Drei Vortrage. Ihre Gemein-
samkeiten, ihre Besonderheiten. Versuch einer vergleichenden Betrachtung . . 4

Rudolf Steiner
Die praktische Ausbildung des Denkens, öffentlicher Vortrag in Nürnberg vom
13. Februar 1909 7
Planetarische Entwickelung. Notizen von zwölf Vorträgen, Berlin 1904; 11. und
12. Vortrag (Fortsetzung aus Heft 71/72) 25

Hella Wiesberger: Wege zu einem neuen Baustil. Zu einem neuen Band in der
Gesamtausgabe 39

Byron T. Gloor: Rudolf SteinersriesigesNachlaßwerk dank Kurzschrift. Ein Artikel


aus: «Der Schweizer Stenograf», Oktober 1982 42

Robert Friedenthal: Bücher für den Osten 48

Die Zeichnung auf dem Umschlag wurde nach einer Bleistiftskizze Rudolf Steiners
leicht verkleinert reproduziert

Preise und Bezugsbedingungen siehe hintere Umschlagseite

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