Leseverstehen-B2 - Devoir-De Maison - 2M
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ALLEMAND
15 Nach dreissig Jahren in der Modebranche zog Gabriela Räss Padroudakis nach Kreta,
wo sie mit einem Ziegenhirten lebt und eine Pension betreibt.
Der Winter ist eine Prüfung. «Dann sind wir hier zu fünft», sagt Gabriela Räss Padroudakis,
«auf einen Schlag sind alle weg: die Touristen, die Saisonarbeiter, die Einheimischen.» Das
20 halbe Dorf ist mit Brettern vernagelt. Die Wellen peitschen gegen die Fassaden und
überfluten die Wege. Das Schiff kommt nur zweimal pro Woche; stürmt es, kommt es gar
nicht. In den Häusern herrscht eine feuchte Kälte, die in die Knochen kriecht. Um fünf Uhr
nachmittags geht Gabriela zum Kiosk und wartet, dass Sofia ihn für zwanzig Minuten öffnet.
Im Winter sind die Häuser grau, das Meer ist schwarz und der Mensch allein.
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Zurück sehnt sie sich auch dann nicht. Gabriela sagt es mit Entschiedenheit. Nicht nach der
schönen Wohnung in Basel, die sie mit so viel Liebe eingerichtet hat. Nicht nach ihrer Arbeit
als Modeeinkäuferin. Nicht einmal nach ihrer alten Familie – dem Lebensgefährten von über
zwanzig Jahren, seinen zwei Töchtern, die sie grossgezogen hat. Nichts vermisst sie: Nicht
30 das Skifahren. Nicht die Berge. Nicht die Schweiz. Nur das Essen fehle ihr manchmal. Vor
allem Wurstsalat.
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Gabriela ist 57 Jahre alt, Nikolas 71, er ist Ziegenhirte und Gabrielas Ehemann. Sie kennen
sich seit 16 Jahren, sind seit 11 Jahren ein Paar und seit 6 Jahren verheiratet. Nikolas sei
35 anfangs nicht der Grund gewesen, Jahr für Jahr nach Loutro zu reisen, sagt Gabriela, «aber er
war der Grund, zu bleiben». Meist sitzt er im Hof hinterm Haus und schneidet Brot für seine
Ziegen, im weissen Unterhemd, den grauen Schopf gesenkt. So sass er dort vermutlich schon
vor 16 oder 17 Jahren, als Gabriela das erste Mal nach Loutro kam.
40 1994 war das oder 1995, an Jahreszahlen kann Gabriela sich kaum mehr erinnern, «da
werde ich langsam griechisch». Jedenfalls war sie völlig erschöpft damals, auf grundsätzliche
Art. Die Arbeit in der Modebranche, die sie viele Jahre voller Freude getan hatte, gefiel ihr
nicht mehr. «Ich weiss es noch genau, ich stand eines Tages auf der Modemesse in
Düsseldorf, schaute mich um und fragte mich: ‹Ist das noch meine Welt?›» Früher habe ihr
45 Herz für jedes Detail geschlagen, und plötzlich habe sie nichts mehr gespürt. Hinzu kamen
Sorgen in der Familie, die Arbeitslosigkeit ihres Partners – all das habe ihr über Jahre viel
abverlangt. «Ich musste immer die treibende Kraft sein, und plötzlich hatte ich selbst keine
mehr.» Sie brauche einmal eine Woche für sich, entschied Gabriela damals, und eine
Freundin sagte: «Ich weiss da einen Ort für dich.»
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Loutro ist nicht leicht zu erreichen. Keine Strasse führt dorthin, nur ein steiler Wanderpfad
und das Boot. Sieben Monate im Jahr mindestens ist Loutro ein Postkartenkreta: die Häuser
weiss, die Türen blau, ein Meer, in dem die Korallen schimmern wie Eiswürfel. Nicht zu
vergessen das Zirpen der Zikaden, der Duft von Thymian, das Rauschen der Wellen. Der
55 Mond ist hier praller als anderswo, der Sternenhimmel opulenter.
Nicht nur wer mit seinem Leben hadert, fragt sich angesichts dieser majestätischen Natur:
Wer bin ich? Was tue ich? Gehe ich mit meiner Lebenszeit anständig um? Allerorts sieht man
die Menschen in Gedanken versunken aufs Meer hinausschauend. Loutro ist ein Ort, der
einen dazu verleiten kann, einen Olivenbaum zu umarmen. «Da spürst du eine Kraft», sagt
60 Gabriela, «die haut dich fast um.»
Bei ihrem ersten Besuch wohnte sie in der Nr. 1 in Nikolas’ Pension, gleich neben dem
Eingang. Nikolas war meist in den Bergen bei seinen Ziegen, «sprang selbst wie eine Geiss
über die Felsen, mit offenen Schuhen und nie auf dem Pfad». «Es gab von Anfang an eine
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65 Nähe zwischen uns», sagt Gabriela. «Aber mehr war da nicht.»
In den folgenden Jahren kam sie jeden Oktober nach Ende der Modesaison zum Erholen
hierher. Oft in Begleitung ihres Lebenspartners. Sie setzte sich auf die Bank oben bei der
Kirche und sortierte ihre Gedanken. Immer deutlicher wurde, dass der Unzufriedenheit nicht
70 kosmetisch beizukommen war. Im Herbst 1999 wusste sie: «Ich muss jetzt nach Hause und
kündigen.» Da war sie Anfang vierzig.
Zu dem Zeitpunkt stand noch nicht fest, was an die Stelle des Bisherigen treten würde.
«Beruflich wollte ich mich im sozialen Bereich umsehen, vielleicht Mode- und Stilberatung
75 machen oder mit Kindern arbeiten.» Doch zunächst brauchte sie einen Ortswechsel, denn
Gabriela trennte sich auch von ihrem Partner – wie immer nahm sie Zuflucht in Loutro. «Ich
habe Niko angerufen und gefragt, ob er für die nächste Saison eine Putzhilfe brauche.» Die
brauchte er tatsächlich. Diesmal wohnte Gabriela in der Nr. 2, dem Hauswirtschaftszimmer,
hier stehen auch Bügelbrett und Bürotisch. Sechs Jahre sollte es ihr Zimmer bleiben.
80 Zumindest tagsüber, die Nächte verbrachte sie von der zweiten Saison an bei Niko.
Es geschah auf dem Weg nach «Small Paradise», wie kann es anders sein. Sie waren mit
Nikos kleinem Boot auf dem Weg in die Nachbarbucht, als Gabriela sagte, sie wolle auch mal
steuern. Niko gab karge Instruktionen, Gabriela übernahm, und das kleine Boot fuhr immer
85 im Kreis herum. Bis Niko eingriff und dabei seine Hand auf ihre legte. Da gab es eine
physikalische Reaktion, wie sie nur die Liebe kennt: «Wir haben es beide gespürt», sagt
Gabriela, «es war so gross und elektrisch, dass ich ihm erst mal drei Tage aus dem Weg
gegangen bin. Ich habe es mit der Angst zu tun bekommen. Wegen so einer Geschichte wollte
ich diesen Ort nicht verlieren. Loutro war da schon mein Zuhause.»
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Anfang November, nach Saisonende, ging Gabriela zurück in die Schweiz. Sie musste Geld
verdienen, die 300 Franken monatlich, die sie bei Nikolas bekam, reichten nicht aus, um
Krankenversicherung und AHV zu bezahlen. Freunde halfen ihr, eine Stelle als
Serviertochter in einer Beiz in Basel zu bekommen. «Anfangs habe ich mich geniert», sagt
95 Gabriela, «die Leute kannten mich ja, und plötzlich brachte ich ihnen in weisser Schürze den
Kaffee an den Tisch. Aber dann habe ich gedacht, soll mal jemand etwas sagen. Dann frag ich:
«Hättest du den
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Mut, alles aufzugeben? Von einem hohen Gehalt runterzuschalten auf fast nichts?»
100 «Drei oder vier Jahre» pendelte Gabriela zwischen Basel und Loutro hin und her: sieben
Monate Putzen bei Niko, fünf Monate Kellnern in Basel. Dort bewohnte sie nur noch ein
Zimmer in ihrer alten Wohnung, der Lebenspartner war zum Freund geworden, das ist er bis
heute.
Doch in der Schweiz fühlte sich Gabriela zunehmend fremd, ihr echtes Leben fand in Loutro
105 statt. «Unsere Liebe war immer stärker geworden, und irgendwann sagte Niko, es wäre
schön, wenn du über Winter bleiben würdest.» – «Aber nicht ohne Küche», antwortete
Gabriela. Bis dahin hatte Niko nur ein Rechaud in einer Abstellkammer ohne Licht. «Das war
abenteuerlich. Wenn ich kochte, hatte ich die Taschenlampe zwischen den Zähnen.» Niko
baute eine Küche.
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In der sitzt Gabriela nun, auf dem Herd köchelt Ziegenfleisch, Katzen räkeln sich auf der
Bank, unterm Tisch, auf den Stühlen. Inzwischen gibt es noch ein Stockwerk obendrüber, mit
zwei kleinen Zimmern, dort wohnen Nikolas und Gabriela, leicht versetzt hinter der Pension.
Auch die wurde um drei Zimmer aufgestockt, müssen doch jetzt zwei Menschen davon leben.
115 Das kleine Stück Land vor der Felswand, auf dem heute ihr Wohnhaus steht, besass Niko
bereits, aber den schmalen Gang zwischen beiden Häusern musste er hinzukaufen. Die Alten
aus dem Dorf kamen, fuchtelten mit dem Zeigefinger in der Luft umher und zeigten, welcher
Quadratmeter von wo bis wo welcher Familie gehörte, sie sind hier das wandelnde
Grundbuch. Die Dinge funktionieren anders. Als Niko dem befreundeten Bauunternehmer,
120 der die
Pension aufstockte, den vollständigen Baupreis bar aushändigte – noch bevor auch nur ein
einziger Stein geliefert worden war –, blieb Gabriela fast das Herz stehen. Ein Handschlag,
ein Raki auf ex oder auch zwei, und los ging’s. So schliesst man Verträge in Loutro.
125 In Gabrielas Küche ist es dunkel und kühl. Die Griechen halten Siesta, das Telefon ist mal ein
paar Minuten stumm. Gegen fünf kommt das nächste Schiff und bringt neue Gäste, Gabriela
erwartet welche für drei Zimmer. Sie ist seit sechs Uhr morgens auf den Beinen, gemeinsam
mit ihrer bulgarischen Hilfe Rosy hat sie geputzt, gewaschen, organisiert. Nun kocht sie das
Abendessen für Niko. Der schläft um diese Zeit.
130 Und um halb sieben geht er hinauf zur Steinruine oben am Hang und füttert die Ziegen. «Ella!
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Ella!» ruft er aus Leibeskräften, und schon kommen sie angelaufen.
Woher Gabriela kommt, wie es dort aussieht, will in Loutro niemand wissen. «Wer als
Fremder glaubt, Einfluss nehmen zu können auf das Leben hier, der täuscht sich», sagt
135 Gabriela. Tausende von Touristen aus aller Welt sind in den letzten Jahrzehnten hier
gewesen, das Menu in den Restaurants ist dasselbe wie vor fünfzig Jahren. Die Menschen in
Loutro koexistieren mit den Fremden, sie nehmen sie hin wie eine neue Gattung Fisch, die in
die Bucht kommt und die man irgendwie handhaben muss, um damit seinen
Lebensunterhalt zu verdienen. Aber das Fremde selbst verdunstet wie einer dieser kurzen
140 Sommerregen. Macht Gabriela Rösti und lädt Nikos Freund zum Essen ein, schaut der in den
Topf und rennt davon.
Über die Zukunft, das Alter, den Tod sprechen sie nicht, und Gabriela hat sich abgewöhnt,
darüber nachzudenken, sagt sie. Sie wisse nicht, was sein werde. Ob sie ohne Niko hier wird
145 leben können. Bei der Hochzeit musste sie ihm versprechen, dass sie sich um zwei seiner
Brüder kümmern wird, was sie heute schon tun. Auch musste sie sich damit einverstanden
erklären, dass die Pension und das Wohnhaus in den Besitz der Familie übergehen, wenn sie
selber stirbt. Gabriela gehört hier nichts.
150 Zurück in die Schweiz möchte sie dennoch nicht. Sie wird nur eine kleine Rente bekommen,
aber das ist nicht der Grund. Als Schweizerin hätte sie Anspruch auf Unterstützung, im
Zweifel auf einen Platz im Altersheim. Gabriela lacht bei dem Gedanken: «Immer wenn ich
mit dem Boot in Loutro ankomme und das kleine Dörfchen sehe, schlägt mein Herz.»
von Anja Jardine, NZZ Folio 10/11
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1) Das Schiff kommt nur 2 Mal pro Woche, wenn das Wetter ganz schlecht ist.
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2) Die tiefe Temperatur und die hohe Luftfeuchtigkeit in den Häusern spürt man am
ganzen Körper.
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R☐ F☐
Zeile(n) : _______
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3) Gabriela wartet 20 Minuten, bis der Kiosk aufmacht.
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4) Gabriela ist sich sicher, dass sie nicht in ihr früheres Leben zurück will.
190 R☐ F☐
Zeile(n) : _______
195 5) Früher lebte Gabriela mit einem über 20 Jahre älteren Mann und dessen 2
Töchtern zusammen.
R☐ F☐
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B) Kreuzen Sie die richtige Antwort an. Nur eine Antwort ist richtig.
210 (7 Punkte)
1) Was steht im Text ?
☐ a) Gabriela ist mit einem Ziegenhirten verheiratet.
☐ b) Gabriela ist seit 16 Jahren mit ihrem Ehemann zusammen.
☐ c) Gabriela fährt wegen ihrem Ehemann jedes Jahr nach Loutro.
215 ☐ d) Gabriela ist 16 Jahre jünger als Nikolas.
4) Anfang vierzig...
☐ a) …entscheidet sich Gabriela als Mode- und Stilberaterin zu arbeiten.
☐ b) …nimmt sich Gabriela vor, eine neue Wohnung zu suchen.
235 ☐ c) …bewirbt sich Gabriela als Putzhilfe.
☐ d) …möchte sich Gabriela vielleicht von ihrem Partner trennen.
5) Warum bekam Gabriela Angst, als sie und Nikolas sich näher kamen ?
240 ☐ a) Weil sie nicht aus Loutro weggehen wollte.
☐ b) Weil sie nicht in seiner Nähe wohnen wollte.
☐ c) Weil sie ihn drei Tage lang nicht sehen wollte.
☐ d) Weil sie nicht mochte, dass er seine Hand auf ihre legte.
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6) Was passiert gleichzeitig ?
☐ a) Während die Griechen Siesta halten, klingelt alle paar Minuten das Telefon.
☐ b) Während Gabriela kocht, putzt Rosy die drei Gästezimmer.
☐ c) Gabriela kocht das Abendessen, während ihr Mann schläft.
250 ☐ d) Während Niko die Ziegen füttert, kommt Ella angelaufen.
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2) ….Gabriela immer noch einen guten Kontakt mit ihrem Ex-Mann hat.
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3)… Gabriela eine starke Persönlichkeit hat, und nicht alles akzeptiert.
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E) Beantworten Sie folgende Fragen auf Deutsch und mit eigenen Worten.
(4 Punkte)
1) Warum hat Gabriela in einem Restaurant arbeiten müssen, und warum war es
325 nicht leicht für sie? (2 Punkte)
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2) Erklären Sie, warum Gabriela „fast das Herz stehen bleibt“. (Zeilen 123/124)
335 (1 Punkt)
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