Sprache
Sprache ist ein wesentliches Mittel nicht nur zur Kommunikation,
sondern auch
zur Teilhabe. Der Spracherwerb ist ein komplexer Prozess. Er hängt z. B.
von körperlichen und kognitiven Voraussetzungen, der Umwelt und
sprachlichen Vorbildern ab.
Der Spracherwerb beginnt schon vor der Geburt und setzt sich danach in
verschiedenen typischen Phasen fort. Neben den Lautsprachen gibt es
auch die Gebärdensprache. Eine wichtige Aufgabe der
Heilerziehungspflege ist es, den Spracherwerb zu fördern, Auffälligkeiten
im Spracherwerb frühzeitig zu erkennen und bei Beeinträchtigungen der
Sprache professionell zu unterstützen.
⊳ Sprache ist ein komplexes System, das Zeichen und Laute
miteinander zu Wörtern und Sätzen verbindet und dabei
bestimmte Kombinationsregeln befolgt. Sprache muss
entschlüsselt werden. Dazu wird sie zuerst wahrgenommen, dann
in ihrem Sinngehalt verstanden und je nach Kontext interpretiert.
Das Sprachsystem ist bei jedem Menschen individuell entwickelt und
verändert sich im Laufe des Lebens. Es umfasst folgende Bereiche:
Phonologie – ist zuständig für die Erkennung und Differenzierung
von Sprachlauten
Syntax – ist verantwortlich für die Regeln und grammatikalischen
Strukturen, nach denen Sätze und Wörter gebildet werden
Semantik – beinhaltet die Bedeutung von Wörtern, Sätzen und
Texten
Sprechmotorik – ist für die Planung und die Ausführung der
Sprechbewegungen zuständig
Wahrnehmung und Sprachverarbeitung – hier werden die visuellen
und akustischen Sprachinformationen durch das Gehirn erfasst und
verarbeitet
Pragmatik – bezieht sich auf die Verwendung von Sprache in
verschiedenen Kommunikationssituationen und die Anpassung an
den vorgegebenen Kontext
Die meisten Menschen bedienen sich ganz selbstverständlich der Sprache
in gesprochener, gebärdeter und schriftlicher Form. Sie unterhalten
sich, diskutieren, streiten, loben, singen, telefonieren, chatten im Internet
und vieles mehr. Sprache ist eine wesentliche Grundlage der
Kommunikation und ein bedeutendes Mittel zur Erkenntnisgewinnung. Sie
hilft dabei, am sozialen Leben der Gemeinschaft teilzunehmen.
Sie hat viele verschiedene Funktionen. Mittels Sprache können Menschen
z. B.
ihre Gefühle zum Ausdruck bringen,
ihre Wahrnehmungen mitteilen,
Erlebnisse schildern,
ihre Identität bekunden,
aber auch andere Menschen verletzen sowie
Autorität und Macht ausüben.
Die Sprachfähigkeit ist angeboren; sie entwickelt sich in verschiedenen
Phasen vor allem während der ersten fünf Lebensjahre.
Ab dem 6. Lebensjahr werden Wortschatz und sprachliche Möglichkeiten
dann nur noch erweitert und verbessert, was bis ins Erwachsenenalter
anhält. Während der ersten fünf Lebensjahre ist das menschliche Gehirn
besonders empfänglich für den Spracherwerb. In einem rasanten Tempo
kommt es in dieser Zeit zu neuronalen Vernetzungen
(Synapsenverschaltungen), wodurch die Sprachverarbeitung unterstützt
wird. In dieser Phase herrscht auch eine besondere sprachliche
Sensibilität, sodass u. a. Sprachmuster und Klänge besonders deutlich
wahrgenommen werden. Kinder haben viele Bezugspersonen und damit
sprachliche Vorbilder, deren Laute, Wörter und Sätze in der sozialen
Interaktion nachgeahmt und selbst produziert werden. Parallel dazu
entwickeln sich auch die intellektuellen Fähigkeiten, wodurch Konzepte
und Beziehungen besser verstanden und schließlich sprachlich
ausgedrückt werden können.
⊳ Die ersten fünf Lebensjahre sind entscheidend für die
Sprachentwicklung,
aber bis ins Erwachsenenalter werden sprachliche Möglichkeiten erweitert.
Voraussetzungen für die kindliche Sprachentwicklung
Gemessen an den Jahrtausenden, die in der Menschheitsgeschichte zur
immer feineren Differenzierung von Sprechfähigkeit, Wortschatz und
Sinngehalt der Sprache notwendig waren, hat das Kind eine sehr kurze
Zeit von etwa sechs Jahren für die komplexe Sprachentwicklung zur
Verfügung. Diese Zeitspanne wird in der Sprachforschung meist als |
sensible Phase für den Spracherwerb beschrieben.
In den ersten Lebensjahren ist das Kind von Natur aus neugierig und
bereit, Sprache zu erlernen. Es benötigt für eine optimale
Sprachentwicklung bestimmte Voraussetzungen:
physiologische Voraussetzungen, z. B. intaktes Gehör, kognitive
Fähigkeiten
eine sprachanregende Umwelt
vertrauensvolle, stabile |Bezugspersonen in der Familie bzw. in der
Kindertageseinrichtung
sprachliche Vorbilder
eine befriedigende soziale Interaktion im Umfeld
Sprachbaum nach Wolfgang Wendlandt
Die Sprachentwicklung des Kindes und die dabei benötigte Unterstützung
durch die jeweiligen Bezugspersonen werden sehr anschaulich und
einprägsam im Modell des Sprachbaums nach Wolfgang Wendlandt
(*1944) dargestellt. Die Sprache wird hier als Ergebnis einer positiven
Gesamtentwicklung durch verschiedene Sinnbilder abgebildet. Der
Sprachbaum besteht aus vielen Wurzeln, die im Boden verankert sind,
dem dicken Baumstamm und einer Baumkrone mit vielen Ästen. Darüber
schickt die Sonne ihre Strahlen zum Baum und eine Gießkanne hält Wasser
bereit.
Wurzeln (Voraussetzungen der Sprachentwicklung)
Grundlegende Fähigkeiten, also Wurzeln der Sprachentwicklung, sind die
Hirnreifung, die geistige Entwicklung, die sensorische Entwicklung mit
Integration aller Sinne zu einem ausgewogenen Zusammenspiel (hören,
sehen, riechen, schmecken, fühlen, Tiefensensibilität und Gleichgewicht)
und die |sozio-emotionale Entwicklung.
Das Schreien als erste Form der Artikulation ist für die Ausbildung der
Stimme bedeutsam. Außerdem lernt der Säugling, dass er mithilfe seines
Schreiens auf sich aufmerksam machen kann. Reagiert die Bezugsperson
umsichtig und zugewandt, z. B. mit Streicheln oder Hochnehmen,
entwickeln sich, neben der körperlichen Interaktion, eine erste stimmliche
Kommunikation und eine vertrauensvolle Beziehung. Durch die Art, wie auf
die Lebensäußerungen des Säuglings reagiert wird, ob seine Bedürfnisse
erkannt und feinfühlig befriedigt werden oder ob ihm die Umwelt negativ
zugeneigt ist, entwickelt sich beim Säugling eine bestimmte Grundhaltung
gegenüber Mitmenschen und Umwelt.
Stamm (Entwicklung von Sprache und sprachlichen Fähigkeiten)
Der Stamm symbolisiert Sprachfreude und Sprachverständnis.
Sprachfreude und Kommunikationsfähigkeit entwickeln sich, wenn Eltern
und andere Bezugspersonen liebevoll auf die ersten Sprechversuche
Bezug nehmen. Das Kind spürt und lernt, dass seine Äußerungen
verstanden werden und darauf eingegangen wird.
Beispielsweise bewirkt die Silbenproduktion „ham –ham“ des Kindes, im
Zusammenspiel mit der entsprechenden Mund- oder Armbewegung, dass
die Bezugsperson ihm etwas zu essen gibt. Dadurch erfährt das Kind die
Wirksamkeit seiner sprachlichen Ausdrucksfähigkeit. Auf diesem sicheren
Fundament entwickelt sich die Sprechfreude weiter. Kinder sind früher in
der Lage, Worte oder den emotionalen Gehalt von Sätzen zu verstehen, als
sie zu sprechen.
Baumkrone (Differenzierung der sprachlichen Fähigkeiten)
Die drei Bereiche der Baumkrone – Artikulation, Wortschatz und
Grammatik – entwickeln sich parallel zueinander. Zunächst lernt das Kind
die Laute, die im vorderen Mundbereich (m, p, b usw.), später jene im
mittleren (l, n, t usw.) und schließlich die Laute, die im hinteren Mund- und
Rachenraum gebildet werden (gl oder kr). Das sprachliche Vorbild der
Erwachsenen ist für diesen Lernvorgang besonders wichtig. Die
Entwicklung des Wortschatzes richtet sich auf Gegenstände, die das Kind
täglich wahrnehmen, anfassen und mit denen es hantieren kann. Durch
das Berühren, Bewegen und den spielerischen Umgang mit den Dingen
kann es die jeweilige Wortbedeutung begreifen. Den Zusammenhang
zwischen Sprache und Bewegung veranschaulicht das Wort „Begriff“
besonders gut.
Sonne und Gießkanne (notwendige Rahmenbedingungen für
Sprachentwicklung)
Ein Baum kann sich nur entwickeln, wenn er genügend Licht, Wärme und
Wasser
(Nahrung) erhält. Ähnlich verhält es sich mit der Sprachentwicklung des
Kindes. Ein Kind kann hervorragende genetische Voraussetzungen für den
Spracherwerb haben, wenn es allerdings an Liebe, Zuwendung und Wärme
oder an Akzeptanz mangelt, dann ist seine Sprachentwicklung gefährdet
(Laut-)Sprachentwicklung
Geräusche und Sprachmelodien begleiten den Embryo bereits im
Mutterleib. Unmittelbar nach der Geburt beginnt die Sprachentwicklung.
Die durchschnittliche Entwicklung der Lautsprache bis zum sechsten
Lebensjahr bei einsprachig aufwachsenden Kindern verdeutlicht die
folgende Sprachpyramide nach Wolfgang Wendlandt. Sie zeigt von unten
nach oben, wie sich das Sprachvermögen in den Bereichen
Sprachverständnis, Lautbildung, Wortschatz, Grammatik und
Sprachverständnis erweitert.
Die folgenden Ausführungen beziehen sich auf Kinder, die einsprachig
aufwachsen. Es sind durchschnittliche Angaben; jedes Kind hat seine
eigene Entwicklung, die davon abweichen kann
1. bis 4. Monat
Im ersten Lebensmonat sind Schreien oder Jammern die bestimmenden
Lebensäußerungen des Säuglings. Eltern und vertraute Bezugspersonen
erkennen an der Art und Weise des Schreiens, was das Kind zum Ausdruck
bringen möchte, z. B. Hunger, Schmerz, die unangenehm nasse Windel
oder „Mir geht es nicht gut“. Das Schreien eines Säuglings kann auch die
Nuance eines Juchzens haben, woraus positive emotionale Zustände
erkennbar werden können. Ebenso werden mit Mimik und Gestik positive
Gefühle ausgedrückt und Kontakt aufgenommen: Auf Ansprache wird der
Kopf zugewandt, ein erstes Lächeln entsteht und Wohlbehagen drückt sich
in einer entspannten Körperhaltung aus.
Der Säugling trainiert von Anfang an seine Mundmuskulatur. Kindliche
Aktivitäten wie saugen, schlucken, lecken, kauen sind nicht nur
altersgemäße Mittel der Erkenntnisgewinnung, sondern wichtige
Vorübungen für die Sprachentwicklung. Der Zeitabschnitt vom zweiten bis
vierten Monat wird auch „Gurrphase“ genannt. Der Säugling probiert die
Möglichkeiten seines Artikulations- und Stimmapparates aus. Er ist in der
Lage, Gurr-, Juchz- und Quietschlaute zu erzeugen, die ihm viel Freude
bereiten. Das Kind stimuliert sich selbst mit diesen einfachen
Lautmonologen. Bei globalen Forschungen wurde festgestellt, dass diese
Phase „international“ ist, alle Kinder weisen ein ähnlich breitgefächertes
Repertoire an Lauten und Konsonantenverbindungen auf, das für die
entsprechende Erstsprache nicht vollständig gebraucht wird. Diese Vielfalt
der Lautproduktion reduziert sich wieder, wenn der Säugling nur
jene Laute benutzt, die in seiner Umgebung als Erstsprache gebräuchlich
sind.
4. bis 8. Monat
Diese Etappe der Sprachentwicklung, die „Lallphase“, ist ebenfalls eine
wichtige Vorübung für das Sprechen. In einem großen Teil seiner Wachzeit
produziert der Säugling „Lallmonologe“ (Silbenverdopplungen) wie „jajaja
– bababa – mammammam“. Es ist ein spielerisches Ausprobieren der
Bewegungsmöglichkeiten von Lippen, Zunge, Kiefer und Gaumen. Für die
weitere Differenzierung dieser „Lallmonologe“ muss das Kind in der Lage
sein, seine eigenen Laute zu hören (etwa ab dem 7. Monat). Kinder, die
ihre eigene
Lautproduktion kaum oder gar nicht hören können, beenden meistens in
dieser Phase ihr Lautieren. Kinder, deren Erstsprache eine
Gebärdensprache ist, zeigen in diesem Alter ebenfalls differenzierte
„Lallmonologe“, allerdings mit gebärdenähnlichen Gestiken statt
Lautproduktion.
8. bis 12. Monat
Das Ohr übernimmt nun die leitende Rolle bei der Sprachentwicklung.
Laute, Silben und Worte werden nachgeahmt. Durch Drehen des Kopfes in
Richtung der genannten Dinge zeigt das Kind an, dass es die ersten
Namen von Gegenständen und Bezugspersonen versteht. Stimmungen
von Wohl- und Unbehagen werden durch Differenzierung in Tonfall und
Lautstärke ausgedrückt. Das Kind erkennt den Kommunikationscharakter
von Sprache und begreift die Bedeutung einzelner Wörter, lange bevor es
diese selbst aussprechen kann. Nebensprachliche Phänomene wie Mimik,
Gestik, Körperhaltung (Körpersprache) spielen
beim Spracherwerb eine wichtige Rolle. Bewegung und Sprache bilden
eine Einheit (z. B. wird die Bedeutung der Worte „winke-winke“ mit der
entsprechenden Handbewegung begreifbar). Das Kind entwickelt große
Lust am Sprechen sowie an der Kommunikation über Mimik und Gestik,
und sein Mitteilungsbedürfnis steigt deutlich an. In dieser Zeit tauchen
erste Worte auf. Oft ist es „Mama“ oder „Papa“ als einfache
Silbenverdoppelung, es kann aber ebenso „Ala“ sein, womit der Säugling
seine große Schwester meint oder auch nur das Bedürfnis äußert, von ihr
hochgenommen zu werden. Durch die freudige Reaktion der Umwelt
erfährt das Kind eine Verstärkung und versteht schließlich bei häufigerem
Gebrauch auch den Zusammenhang von Wort und betreffender Person
(„Ja, Ala nimmt dich jetzt auf den Arm und die Ala gibt dir das
Fläschchen“).
1 bis 1,5 Jahre
Das Kind kann nun mindestens drei bis zehn sinntragende, verständliche
Worte sprechen und ist aufgrund seiner Intonation in der Lage, zu fragen
und zu antworten. Die Phase der „Einwortsätze“ beginnt. Schwierige
Konsonanten wie m, b, p und n können produziert und mit Vokalen zu
Wörtern verknüpft werden. Viele neue Wörter, die das Kind hört, werden
nachgeahmt, auch ohne die Wortbedeutung zu verstehen (Echolalie).
Altersentsprechend fällt die Aussprache einiger Konsonanten wie k oder r
oder ng schwer. Die Sprache ist noch augenblicksgebunden: Das Kind
benennt das, was es aktuell tut, sieht, hört oder fühlt. Einfache
Aufforderungen und Fragen können verstanden und beantwortet werden.
1,5 bis 2 Jahre
Der Wortschatz des Kindes erweitert sich auf 20 bis 50 Wörter. Es spricht
in Ein- und Zweiwortsätzen, oft muss der Sinn noch aus dem Kontext von
Mimik und Gestik gedeutet werden. Wenn die kleine Tochter z. B. die Arme
in die Höhe reckt und zum Vater „papa aam“ sagt, heißt dies zweifelsfrei:
„Papa, ich möchte auf deinen Arm“. Mittlerweile ist der passive Wortschatz
dem aktiven weit voraus. Interessant sind die sprachlichen
Generalisierungen, z. B. wird der Begriff „Hund“ oder „wau-wau“ oft für
alle kleinen Tiere mit Schwanz und vier Beinen verwendet. Das erste
Fragealter beginnt. Mithilfe der Satzmelodie ist das Kind in der Lage, erste
Fragen mit wenigen Wörtern zu konstruieren.
2 bis 2,5 Jahre
Das Sprachvermögen ist von Kind zu Kind unterschiedlich; durchschnittlich
verfügt es nun über etwa 300 Worte, darunter auch Verben und Adjektive.
Zwei und mehr Wörter fügt das Kind zu grammatikalisch noch
ungeordneten oder ungegliederten Sätzen zusammen. Sie enthalten
Ausruf, Aussage oder Frage. Das zweite Fragealter beginnt. Eigene, oft
sehr kreative Wortschöpfungen für unbekannte Begriffe und das Erfassen
von grammatischen Grundprinzipien, wie das Beugen von Verben und
Adjektiven, zeigen die Freude am Umgang mit Sprache. Die meisten Laute
werden beherrscht, allerdings noch nicht alle Lautverbindungen. Wenn mit
dem Kind auf einem sprachlich ähnlichen Niveau gesprochen wird, so ist
es in der Lage, das meiste zu verstehen. Die Verständlichkeit der
kindlichen Sprache ist entwicklungsbedingt noch eingeschränkt. Ein
bedeutsamer Entwicklungsschritt für die psychische und kognitive
Entwicklung ist erreicht, wenn das Kind die Ich-Form benutzt, z. B. „Ich
Milch haben?“.
2,5 bis 3 Jahre
Eine regelrechte Wortschatzexplosion findet nun statt. Bis auf Zischlaute
und schwierige Lautverbindungen (z. B. „kr“, „st“, auch „schl“ und „schm“)
ist die Artikulation gut ausgebildet. Zur Wortschatzerweiterung gehören
die vermehrte Benutzung von Adjektiven und Zahlen sowie die Benennung
von Farben und Funktionsbezeichnungen wie „auf“, „über“ oder „unter“.
Das Kind hat bereits einen „Bauplan für Sätze“ im Kopf. Es gebraucht die
„Wir-Form“ und verwendet einfache Satzstrukturen, teilweise auch schon
mit Nebensatzkonstruktionen, z. B. „Mama komm, wir Buch lesen“. Diese
Phase gilt als Höhepunkt des zweiten Fragealters mit den bekannten „W-
Fragen“, wie „Warum?“, „Wann?“ oder „Wer?“
3 bis 4 Jahre
Die Aussprache verbessert sich deutlich, der Wortschatz nimmt merklich
zu. Durchschnittlich beherrscht das Kind jetzt etwa 1 000 Worte. Es
entwickelt verschiedene Nebensatzkonstruktionen, z. B. „Das Kind weint,
weil es sich weh getan hat“. Im vierten Lebensjahr beherrscht das Kind
seine Erstsprache recht gut. Sprache wird nicht nur zur Mitteilung
verwendet, sondern auch zur Reflexion (erinnern, nachdenken). Es
entwickelt eine Vorstellung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft:
„Gestern war ich mit meinem Bruder bei der Oma.“ – „Im Sommer fahren
wir ans Meer.“ Obwohl die Artikulation nun meist perfekt beherrscht wird,
kann es bei vielen Kindern jetzt und noch bis zum Alter von sechs Jahren
zu einer Unterbrechung des Redeflusses kommen. Diese
Sprachauffälligkeit ist in diesem Alter selten problematisch. Es
wird vermutet, dass es oft daran liegt, dass Kinder ihre Gedanken nicht so
schnell in geordnete Sprache umsetzen können. Das „physiologische“
(entwicklungsbedingte) Stottern muss daher von dem therapiebedürftigen
„echten“ |Stottern unterschieden werden. Beim physiologischen Stottern
werden ganze Wörter gestottert. Im Gegensatz dazu kommt es beim
echten Stottern zu Laut- und Silbenwiederholungen und auch
Dehnungen: „W-Wann kommt Papa wieder?“
5 und 6 Jahre
Im fünften Lebensjahr sollte der Spracherwerb in den Grundzügen
abgeschlossen sein, alle Lautverbindungen der Erstsprache werden nun
richtig artikuliert. Eine Ausnahme bildet eventuell das schwierige „sch“. In
den beiden Jahren bis zum Schuleintritt steigt der Wortschatz durch
Wissensvermehrung an. Mit sechs Jahren verfügt das Kind über einen
Wortschatz von etwa 2 500 bis 3 000Worten. Die artikulatorischen und
grammatischen Fähigkeiten sind der Umgangssprache von Erwachsenen
nahezu angeglichen. Das aktive Sprachvermögen reicht aus, um z. B.
zusammenhängend zu erzählen, Beabsichtigtes variationsreich
auszudrücken, Erlebtes wiederzugeben oder zu telefonieren. Das Kind hat
mittels Sprache ein breites Wissen erworben und kann mit seiner Sprache
sicher umgehen.
Literacy
In den ersten sechs Lebensjahren werden die entscheidenden
Grundlagen für die Sprach- und Sprechkompetenz des Kindes gelegt, aber
auch für eine spätere Lese- und Schreibkompetenz. Diese Fähigkeiten
werden als Literalität oder auch Literacy bezeichnet. Der Begriff „Literacy“
beinhaltet nach Martin R. Textor die Fähigkeiten des Lesens und
Schreibens, aber auch des Text- und Sinnverständnisses, Erfahrungen mit
der Lese- und Erzählkultur der jeweiligen Gesellschaft, Vertrautheit mit
Literatur und anderen schriftbezogenen Medien (inkl. Internet) sowie
Kompetenzen im Umgang mit der Schriftsprache. Kleinkinder machen in
ihren Familien unterschiedliche Erfahrungen mit der Lese-, Erzähl- und
Schriftkultur ihrer Gesellschaft, deshalb ist die „Literacy-Erziehung“ in-
zwischen in fast allen Bildungsplänen für Kindertageseinrichtungen
verankert worden. Erzieher und Erzieherinnen sollen im Rahmen des
Kindergartenalltags entsprechende Vorläuferfähigkeiten des Lesens und
Schreibens fördern und so ausgleichend bzw. kompensatorisch (besonders
wichtig bei Migrantenkindern und Kindern aus einem anregungsarmen
Elternhaus) tätig werden. Dies können sie z.B. durch:
das Betrachten von Bilderbüchern,
Vorlesen und Nacherzählen von Geschichten oder
den gemeinsamen Besuch einer Bibliothek.
Es gibt inzwischen wissenschaftliche Untersuchungen, die belegen, dass
diejenigen Kinder in der Schule bessere Sprach-, Lese- und
Schreibkompetenzen besitzen, die bereits in der frühen Kindheit vielfältige
Erfahrungen mit Literacy gemacht haben.
Sprachförderndes Verhalten der Eltern
Das sprachfördernde Verhalten der Eltern und Bezugspersonen ist Nahrung
für die Entwicklung der |Kommunikation. Dazu gehören wichtige
Verhaltensweisen wie z.B.:
Blickkontakt herstellen, damit das Kind die Mundbewegungen beim
Formen der Worte sehen kann Zuhören und Zeit aufbringen, damit
das Kind aussprechen kann und Zeit zum Formulieren der Worte hat;
der Erwachsene kann besser verstehen, was es erzählen möchte
Fehler beim Sprechen nicht direkt verbessern oder Sätze (korrekt)
nachsprechen lassen, die Kinder verlieren sonst die Lust am
Sprechen und an kreativen Sprachschöpfungen
Kinder zum Erzählen motivieren und viele Anlässe zur
Kommunikation schaffen; die Erwachsenen dienen dabei als
sprachliches Vorbild
unterschiedliche Alltagssituationen (z.B. das Ankleiden) sprachlich
begleiten und kindliche Äußerungen ergänzen
Wörter wiederholt in unterschiedlichen Zusammenhängen benutzen
Literatur:
Niklas-Faust, J., Scharringhausen R. (2024). Mensch Inklusion Teilhabe 2 (1. Aufl.,
S.260-267). Verlag Cornelsen