Der Erstarrte Blick
Der Erstarrte Blick
Working Paper
Der erstarrte Blick: Eine erkenntnistheoretische Kritik
der Standardlehrbücher der Volkswirtschaftslehre
Suggested Citation: Graupe, Silja (2015) : Der erstarrte Blick: Eine erkenntnistheoretische Kritik
der Standardlehrbücher der Volkswirtschaftslehre, Working Paper Serie, No. Ök-12, Cusanus
Hochschule, Institut für Ökonomie und Institut für Philosophie, Bernkastel-Kues
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WORKING PAPERS
Silja Graupe
Working Paper Serie, Instituts für Ökonomie und Institut für Philosophie
Ök-12
12 2015
Silja Graupe
Dezember 2015
Abstract
Anhand von zwei führenden Lehrbüchern der Ökonomie wird erörtert, wie darin die
Wahrnehmungs- und Erkenntnisweise von Studierenden einseitig geprägt, indem
stillschweigend ein spezifisches Paradigma als einzig zulässige Sichtweise
vermittelt wird. Damit wird auch die Theoriegeschichte der Ökonomie
ausgeblendet, die Studierenden lernen nicht, sich systematisch mit konkreten
Phänomenen der Wirtschaft auseinanderzusetzen. All das ist nicht allein ein
Problem des akademischen Elfenbeinturms, sondern hat praktische Konsequenzen.
*
Publiziert in: Van Treeck, Till / Urban. Janina (Hg.) (2016): Wirtschaft neu denken: Blinde Flecken in
der Lehrbuchökonomie. iRights Media, 18-29. Das Buch kann hier bestellt werden: http://irights-
media.de/publikationen/wirtschaft-neu-denken.
1
1 Hinführung
Spätestens seit dem Ausbruch der anhaltenden Wirtschafts-, Währungs-, Finanz-
und Schuldenkrisen in den Jahren 2008 und 2009 mehren sich weltweit die Zweifel
von Studierenden an der Volkswirtschaftslehre (VWL): Diese sei in extremem Maße
einseitig, weltfremd und indoktriniere zudem (vgl. etwa ISIPE 2014). Die Kritik
richtet sich gegen ein weltweites Phänomen. Denn in den letzten Jahrzehnten ist
die Volkswirtschaftslehre an Hochschulen (und zunehmend auch an Schulen) in
einem Maße standardisiert worden, das für die Sozialwissenschaften einmalig ist.
Von Südafrika bis Norwegen, von Japan bis Kanada: Überall ähneln sich Form und
Inhalt der ökonomischen Lehre. Die ökonomische Bildung gleicht global in
zunehmendem Maße einer geistigen Monokultur (vgl. Graupe 2013, 2015).
Besonders bedeutsam sind dabei zwei Werke: „Economics“ von Paul A. Samuelson
(seit 1985 gemeinsam herausgegeben mit William D. Nordhaus) und „Principles of
Economics“ von N. Gregory Mankiw. Samuelsons Lehrbuch, 1948 zum ersten Mal
erschienen, gilt als das Standardwerk, an dem sich alle anderen heutigen
Lehrbücher orientieren. Insbesondere die Mikroökonomik lässt sich als Gebiet
ansehen, „auf dem der Sieg der frühen Pädagogik von Samuelson nahezu
vollständig ist und in dem sich die Überzeugungen der Ökonomen am wenigsten
gewandelt haben“ (Skousen 1997, 138). Mankiws „Principles of Economics“ hat sich
in den letzten Jahren zum internationalen Bestseller entwickelt. Auch und gerade
an deutschen Universitäten nimmt dieses Lehrbuch des ehemaligen
Wirtschaftsberaters von George W. Bush eine zentrale Stellung ein.
2
Alle Übersetzungen aus dem Englischen in diesem Text stammen von mir.
2
Doch lässt sich von einer solchen Einmütigkeit tatsächlich mit Berechtigung
sprechen? Mankiws rhetorische Beeinflussung besteht hier darin, die
Wirtschaftswissenschaft nicht mehr über ihren Gegenstandsbereich (die
Wirtschaft) zu definieren, um diesen dann aus unterschiedlichen oder gar
widerstreitenden Perspektiven zu analysieren. Samuelson/Nordhaus und Mankiw
identifizieren die Wirtschaftswissenschaft vielmehr stillschweigend mit einer
einzigen Perspektive, von der aus sich alles in der Welt auf ökonomische Weise in
den Blick nehmen lassen soll. Wirtschaftswissenschaft zu betreiben, bedeutet in
ihrem Sinne nicht, sich mit wirtschaftlichen Belangen aus Sicht verschiedener
ökonomischer Schulen (der Neoklassik, des Keynesianismus, der Österreichischen
Schule der Nationalökonomie, des Marxismus etc.) zu beschäftigen, sondern sich
von vornherein vornehmlich auf den Standpunkt einer dieser Schulen – vornehmlich
der neoklassischen, gemischt mit keynesianischen Einflüssen – zu stellen und
diesen als einzig wissenschaftlichen zu definieren.
Dies hat zumindest zweierlei Konsequenzen. Erstens: Da auf diese Weise fast alle
ökonomischen Schulen beziehungsweise Strömungen per Definition als
unwissenschaftlich gelten, scheint man ihnen in Lehrbüchern keinen Platz
einräumen zu müssen. Zwar existieren unterschiedliche theoretische Ansichten
über aktuelle Fragen der Wirtschaft, die dem von Samuelson/Nordhaus und
Mankiw beschworenen „einmütigen Standpunkt“ fundamental entgegenstehen.
Doch werden sie außerhalb der Grenzen des Wissenschaftlichen angesiedelt. So
spricht Samuelson 1955 etwa im Hinblick auf Marx ausdrücklich von „einem
schwarzen Schaf, das sich jenseits des Pferchs der klassischen Tradition stellte“
(Samuelson 1955, 12). Marx mag sich noch so offensichtlich mit Fragen der
Wirtschaft beschäftigen, nach der Logik heutiger Lehrbücher zählt er nicht als
Ökonom, eben weil er einen alternativen Standpunkt und damit eine andere
Perspektive auf die Wirtschaft einnimmt. 2010 wird Marx bei Samuelson/Nordhaus
noch nicht einmal mehr erwähnt, genauso ist es bei Mankiw.
3
Ökonomische Konzepte lassen sich wie „Werkzeuge des Denkens“ begreifen; sie
geben unserer Wahrnehmung Richtung und Gestalt. Sie entscheiden darüber, was
wir als wichtig und unwichtig erachten, oftmals bevor wir uns vor spezifische
ökonomische Aufgaben gestellt sehen. Samuelson und Nordhaus postulieren, dass
diese Werkzeuge des Denkens selbst einen Anspruch auf Wahrheit haben. Wer
lernt, allein im Marktmodell zu denken, der wird in allen sozialen Beziehungen
einen Markt erblicken. Nicht um die Darstellung objektiver Fakten geht es hier,
sondern um die Beschränkung unserer Wahrnehmungsfähigkeit auf wenige,
vermeintlich unveränderliche „Kernthesen“ (Ebenda), die zur Lösung aller Probleme
genutzt werden sollen.
„Die Beispiele und Anwendungen haben sich gewandelt, um sicherzustellen, dass es
(Samuelsons Lehrbuch, Anm. der Autorin) in den Augen der Leser stets relevant und
nützlich blieb. Der Kern der Theorie ist aber stets der gleiche geblieben.“ (Smith 2001,
6)
Ob Steuern, Mindestlöhne und Wohlfahrt (vgl. Mankiw 2001) oder Klimawandel und
Emissionshandel (vgl. Samuelson/Nordhaus 2009): Sie alle dienen lediglich als reine
Anwendungsbereiche einer im Vorhinein feststehenden ökonomischen Perspektive.
3
Im Hintergrund steht hier das Wissenschaftsverständnis des „ökonomischen Imperialismus“, wie
ihn insbesondere die Chicago School of Economics geprägt hat. So geht deren Begründer und
Hauptvertreter Gary S. Becker davon aus, dass sich alles menschliche Verhalten aus Sicht des
„economic approach“ beschreiben lässt. (Vgl. Becker 1990)
4
Interessanterweise fehlt diese entscheidende Passage in den „Vorbemerkungen für Studierende“.
Dazu unten mehr.
4
Nicht aber sind sie dazu angelegt, die Grenzen dieser Perspektive zu erforschen oder
Perspektivenwechsel angesichts konkreter Herausforderungen unserer Zeit
vorzunehmen. Auf diese Weise fördern Samuelson/Nordhaus und Mankiw eine
Standardisierung ökonomischer Erkenntnisfähigkeit, wie sie etwa auch der „Council
for Economic Education“ in den Vereinigten Staaten fordert und an Schulen und
Hochschulen gleichermaßen durchsetzt (vgl. Siegfried u.a. 2010).
5
Denken wir an eine Studentin, die ihre wertvollste Ressource verteilen muss – ihre Zeit.“ (Mankiw
2008, 4); „Oder denken wir an die Eltern der Studenten, die über ihre Verwendung ihres
Familieneinkommens entscheiden“ (Ebenda)
5
und Bedeutung wird vielmehr allein „durch Beobachtung und Teilnahme an der
Anwendung dieser Begriffe bei Problemlösungen“ vermittelt (Kuhn 1976, 61).
„Wissenschaftler (…) lernen Begriffe, Gesetze und Theorien niemals in abstracto und an
sich. Vielmehr begegnet man diesen geistigen Werkzeugen von Anfang an innerhalb
eines historisch und pädagogisch vorgegebenen Komplexes, der sie mit ihren
Anwendungen und durch diese darbietet.“ (Ebenda, 60)
Erstens sind Lehrbücher wie die von Samuelson/Nordhaus und Mankiw von einer
nahezu vollkommenen Geschichtsvergessenheit geprägt. Ein kurzer Blick in die
ideengeschichtlichen und historischen Ursprünge etwa des Preis-Mengen-
Diagramms genügt, um zu verstehen, dass es auf einer hochgradig abstrakten,
bewusst weltfremden, da an der reinen Mathematik orientierten Theorie – eben
der neoklassischen – basiert, die zumal zur Zeit ihrer Entstehung im ausgehenden
6
Alle Beispiele sind entnommen aus Mankiw/Taylor 2008.
6
19. Jahrhundert stark umstritten war (vgl. etwa Mirowski 1990). Doch an keiner
Stelle finden sich bei Samuelson/Nordhaus oder Mankiw Hinweise auf
Primärquellen oder die entsprechende Fachliteratur. Wenn diese Autoren
überhaupt von Geschichte reden, dann nur in dem Sinne, wie es Kuhn allgemein
beschreibt, in Form gelegentlicher Hinweise auf die „großen Helden eines früheren
Zeitalters“ (Kuhn 1976, 149):
„Teils durch Auslese und teils durch Verzerrung werden die Wissenschaftler früherer
Zeitalter ausdrücklich so dargestellt, als hätten sie an der gleichen Reihe fixierter
Probleme und in Übereinstimmung mit der gleichen Reihe fixierter Kanons gearbeitet.“
(Ebenda)
Auf diese Weise wird keine Geschichte des ökonomischen Denkens vermittelt, die
Studierende ermuntern könnte, die Art und Weise, wie die Lehrbücher ihr Denken
zu formen versuchen, aus historischer Perspektive in den Blick zu bekommen –
geschweige denn die Vielfalt möglicher anderer Perspektiven.
Zweitens leiten die ökonomischen Lehrbücher nicht dazu an, sich mit konkreten
Phänomenen der Wirtschaft so auseinanderzusetzen, dass die vermittelten
Erkenntnisweisen an ihnen überprüft werden könnten. Wie bereits erwähnt,
konstruieren die Lehrbuchautoren zumeist lediglich Fallbeispiele, die das Gesagte
plausibel erscheinen lassen, aber letztlich reine Gedankenexperimente darstellen.
Selten hingegen versetzen sie die Studierenden in die Lage, solche Experimente
tatsächlich an empirischem Datenmaterial zu überprüfen. Auch befähigen sie
Studierende nicht, eigene widersprechende Erfahrungen als Ausgangspunkt für ein
kritisches Hinterfragen fruchtbar zu machen. Vielmehr wird ihr kritischer
Alltagsverstand systematisch geringgeschätzt. So vermitteln Samuelson und
Nordhaus im Abschnitt über den „Marktmechanismus“ den Eindruck, die
Erkenntnisse der Wirtschaftswissenschaft müssten jedem untrainierten Geist als
„überraschend“, „erstaunlich“ oder gar als „Wunder“ erscheinen, denn die
Funktionsweise des Marktes sei ein „enormes Durcheinander“ (vgl.
Samuelson/Nordhaus 2010, 56).
Stellen Sie sich vor, Sie laufen im Dunkeln eine Straße entlang und entdecken auf
ihr einen langen, dünnen Gegenstand. Sie erkennen ihn unwillkürlich als „Schlange“
und rennen weg. Bei genauerem Hinsehen hätten Sie erkennen können, dass es
sich um ein harmloses Seil handelte. Doch hierzu kam es nicht, weil Ihre erste
Vorstellung, obwohl faktisch falsch, Sie bereits zu einem konkreten Handeln
veranlasst hatte. In der Folge werden Sie Ihr Bild von dem Gegenstand ebenso
wenig verändern können wie Ihre Reaktion auf dieses Bild.
Hayeks Zitat macht darauf aufmerksam, dass es uns in Fragen der Wirtschaft
ähnlich ergehen kann: Vermögen die ökonomischen Lehrbücher erst einmal feste
Vorstellungen über den Menschen, über Gemeinschaften und über die Wirtschaft
und Gesellschaft im Ganzen im Bewusstsein zu verankern, so können diese
handlungsleitende Kraft ausüben – unabhängig davon, ob sie nun stimmen oder
nicht. Zugleich wird deutlich, dass damit eine enorme Machtausübung verbunden
sein kann. Denn wer Bilder über die Wirtschaft in den Köpfen von Millionen von
Studierenden verankern kann – „to influence minds“, wie Samuelson es explizit
nennt – vermag darüber auch indirekt deren je individuelle und
gesamtgesellschaftliche Handlungsspielräume zu beeinflussen. Ökonom_innen, so
stellte die New York Times bereits 1995 fest, „ergreifen immer mehr die Chance,
den Geist (mind) der nächsten Generation politischer Führer, Geschäftsführer,
Meinungsführer und anderer Mitglieder der (…) Elite zu prägen (to mold)“ (Nasar
1995). Leser_innen sollten sich dieses Potenzials stets bewusst sein, wenn sie
Lehrbücher wie die von Samuelson/Nordhaus und Mankiw in die Hand nehmen.
Mankiw selbst jedenfalls wittert die Chance, Menschen durch seine Lehrbücher zu
„besseren Staatsbürgern“ zu machen (Mankiw/Taylor 2008, VIII). Oder: Wie der
große Paul Samuelson es formulierte:
„Solange ich volkswirtschaftliche Lehrbücher schreiben kann, kümmere ich mich nicht
sehr darum, wer die Gesetze eines Landes schreibt oder die Staatsverträge
ausarbeitet.“ (Ebenda)
9
Literaturverzeichnis
Becker, G.S. (1990): The Economic Approach to Human Behavior. Chicago: Chicago University
Press.
Graupe, S. (2013): Verstehen und Verständigung aus wirtschaftswissenschaftlicher Sicht. In:
Hamid R. Yousefi und Klaus Fischer (Hg.): Verstehen und Verständigung in einer
veränderten Welt, Wiesbaden: Springer VS, 117–125.
Graupe, S. (2015): Ökonomische Bildung. In: Michael Spieker (Hg.): Ökonomische Bildung –
Zwischen Pluralismus und Lobbyismus, Tutzinger Schriften zur Politischen Bildung, Band
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Hayek, F.A. (1980): Recht, Gesetzgebung und Freiheit, Band 1. Landsberg am Lech: Verlag
moderne Industrie.
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Student Call for Pluralism in Economics: www.isipe.net/open-letter/ (Zugegriffen am:
16.05.2016).
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Schäffer-Poeschel.
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Schäffer-Poeschel.
Mirowski, Ph. (1990): More Heat than Light. Economics as Social Physics. Physics as Nature’s
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Nasar, S. (1995): A Hard Act to Follow?, New York Times, 14.03.1995:
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(Zugegriffen am: 16.05.2016).
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(2010): Voluntary national content standards in economics. Retrieved from
http://www.councilforeconed.org/wp/wp-content/uploads/2012/03/voluntary-
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Smith, L.M. (2001): Samuelson’s Economics through Fifty Years. Discussion Paper 01(09),
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Walras, L. (1969): Elements of Pure Economics. London: Routledge.
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