Wall Street A History Geisst: Dowload Ebook
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amal muß ich’s allweil sagen!“ Er schlüpfte in seine Joppe. „A bißl
nässelen tut s’ noch allweil. In Gottsnamen, muß ich’s halt
derleiden.“
Modei stand auf und wischte mit der Schürze über das Blatt, als
wären Tränen draufgefallen. Sie wollte zur Bank hinüber. Von einer
Schwäche befallen, klammerte sie sich an eine Kreistersäule.
„Was is denn?“ fragte Blasi verdutzt.
„Nix! – An mein Kind hab ich denkt.“
„Allweil kommst mit söllene Wörtln, die gar net herpassen.“ Blasi
trat auf sie zu und legte ihr die Hand auf die Schulter. „Jetzt sei a
bißl gscheid und nimm’s net gar a so schiech!“ Modei,
zusammenschauernd, zog die Schulter von seiner Hand weg. „Es
muß amal sein“, sprach Blasi weiter, „mein Vater hat’s ausgmacht.
Ich kann net anders. Fürs Kind sorg ich schon. Auf Ehr und Seligkeit!
Wann mir der Vater amal übergeben hat, bin ich der Herr. Da kann
der Alte sagen, was er mag. Aber jetzt hat er halt den Leitstrang
noch allweil in der Hand. Und ich muß ducken. Dös kannst doch net
verlangen, daß ich mich mit Vater und Mutter verfeind.“
„Da hast recht, dös wär z’viel verlangt.“ Sie ging zum Herd und
stieß ein paar Scheite ins Feuer. Die Flamme prasselte und wuchs.
„No also, schau! Da kannst mir jetzt grad amal dei’ Lieb beweisen.
Gelt, bist gscheid und unterschreibst? Und tust mir noch den letzten
Gfallen.“
„Den letzten, ja!“ Das sagte sie ruhig. Dann legte sie das Blatt auf
die Randsteine des Herdes, netzte an den Lippen die Bleistiftspitze
an und setzte zum Schreiben an.
„Schwester! Tu’s net!“ klang durch das Fenster die Stimme ihres
Bruders.
Wütend ballte Blasi die Fäuste. „Allweil der wieder!“
Modei wandte das Gesicht zum Fenster, strich mit dem Arm das
Haar aus der Stirne, senkte den Kopf und schrieb mit fester Hand
unter die letzte Zeile ihren Namen: Maria Meier. Tief atmend, richtete
sie sich auf und reichte dem Burschen das Blatt und den Bleistift.
„Da! Nimm!“
Hastig griff Blasi zu. Die Freude glänzte in seinen Augen, als er
das Blatt sorgsam zusammenfaltete und in die Joppentasche steckte.
„Vergelts Gott, Schatzl! Du bist halt die Richtige! Du bist die einzig,
die mir gfallt. Und wann ich jetzt auch die ander haben muß –“
Lachend umschlang er sie. „Zwischen uns zwei kann’s allweil so
bleiben, wie’s war!“
Da stieß ihn Modei mit den Fäusten vor die Brust, daß er taumelte.
„Pfui Teufel!“ Aller Zorn und Ekel, den sie fühlte, war im Klang dieser
beiden Worte. Dann konnte sie ruhig sagen: „Zwei lange Jahr hast
braucht, bis ich dich mögen hab. Und mit zwei kurze Wort hast es
fertigbracht, daß d’ mir zwider bist bis in d’ Seel eini!“ Ihre Stimme
wurde hart. „Schau, daß d’ aussikommst! Mir graust!“
Blasi lachte. „So, so? No, mir kann’s recht sein! Da brauch ich mir
grad kein’ Fürwurf machen.“ Er setzte den Hut auf, griff nach
Bergstock und Rucksack, und als er auf der Schwelle stand, rief er
spöttisch über die Schulter. „Pfüe Gott, du! An andersmal!“ Pfeifend
ging er davon.
Und Lenzl erschien in der Tür. „Schwester? Hörst es? Pfüe Gott
sagt er.“
Unbeweglich stand Modei am Herd und sah in die Flamme. „Gott?
– Gott? – Allweil sagen s’: Gott! ’s erste und ’s letzte Wörtl: Grüß
Gott! Und: Pfüe Gott! Und zwischendrei und hintnach is alles a
Grausen.“ Sie lachte leis. „Ob unser Herrgott weiß, was für
schauderhafte Sachen sein heiliger Nam bei die Menschenleut
einrahmen muß?“ Auf die Herdmauer hinfallend, griff sie nach einem
Scheit, mit dem sie die glühenden Kohlen aus der Asche schob und
gegen die klein gewordene Flamme hinhäufelte.
Von der Schwelle schrie Lenzl in die Nacht hinaus: „Gelt, du!
Vergiß dein’ versteckten Hinterlader net!“
Undeutlich antwortete Blasis Stimme: „Wart, du Täpp! Wir zwei
wachsen noch zamm.“
„Du und ich? Ah na! Wann der Tuifi dich amal beim Gnack
derwischt, hat er kei’ Zeit mehr für an andern. Da hat er Arbeit gnug
mit dir allein!“
Draußen ein fideler Juhschrei und ein vergnügtes Gedudel, das
sich entfernte.
In der Hütte begann das niedergebrannte Kienlicht müd zu
flackern.
Lenzl ging auf die Schwester zu, beugte sich zu ihr hinunter und
sagte mit einem plumpen Versuch, zu scherzen: „Um so ein’ mußt
dich net kränken. Den schlechten Nußkern speit einer aus und sucht
sich an süßen. Sei froh, daß d’ a Witib bist! Jetzt nimmst dir an
andern.“
Sie schob ihn mit dem Ellbogen von sich. „Geh schlafen! Jeds
Wörtl is mir wie a Nadel im Ohr.“
Lenzl schlurfte zum Kreister hinüber. Auf halbem Wege blieb er
stehen. „Hab gmeint, ich müßt a bißl Spaßetteln machen. Jetzt merk
ich: dös war ebbes Gscheids. Is einer gwöhnt ans Zwieschichtige, so
derleidt er’s in der Einschicht nimmer. Da kunntst ebba dursten
müssen an Seel und Blut. Wann ’s Viecherl Hunger hat, muß ’s
Viecherl Futter kriegen. Bloß ich kann ’s Hungerleiden. Ich muß
warten, allweil warten –“
In der Nachtferne ein dumpfes Rollen und Gerassel.
Das Gesicht des Weißhaarigen erstarrte. „Hörst es?“ Seine Stimme
war schrill und knabenhaft dünn. „Du? Hörst es?“
Ohne aufzublicken, sagte Modei: „Steiner sind gangen in der
Wand.“
„Hörst es? Der Tanzboden rumpelt. Der lauft ihm nach. Dem
kommt er net aus.“ Ein grelles Lachen. „Hörst es? Alle hat’s
derschlagen. Den Grubertoni! Und ’s Lisei – mein Lisei –“ Mit einem
Kichern, das sich wie ein Kinderweinen anhörte, kletterte Lenzl über
die Scheiterbeige zum Kreister hinauf und wühlte sich ins Heu.
Die Kienfackel erlosch.
Modei hob den Kopf, sah verloren in den rötlichen Zwieschein der
Sennstube, ließ das Holzscheit fallen und preßte das Gesicht in die
Hände.
Das Grau der ersten Dämmerung
D as Grau der ersten Dämmerung lag noch über den Bergen, als
Benno am anderen Morgen von Friedl geweckt wurde. Rasch
war er auf den Beinen und schüttelte das Heu von sich. Am
Brunnen wusch er Gesicht und Hände.
Friedl war ihm vorausgegangen und fand an Modeis Hüttenstube
die Tür schon offen. Als er mit freundlichem Gruß in den Kaser trat,
sah er Lenzl und seine Schwester am Herd sitzen, auf dem schon ein
Feuer flackerte.
„Was is denn, Modei? Hast du’s mit der Arbeit so nötig, daß du
schon vor’m Tag auf die Füß bist?“
In Lenzls Augen hatte es wie Freude geblitzt, als er den Jäger
eintreten sah. Er wollte aufspringen. Ein Blick der Schwester hielt ihn
am Herde fest. Sie ging auf Friedl zu und reichte ihm die Hand. „Ich
bin net schlafen gangen. Seit a paar Tag is a Stückl Vieh net gut.
Heut in der Nacht war’s schlecht mit ihm. Drum hab ich mich heut
net niederlegen können.“
Friedl erschrak. Modei hatte nie viel Farbe gehabt; jetzt schien
auch der letzte Tropfen Blut aus ihren Wangen verschwunden zu
sein. Dazu lag die Müdigkeit einer in Schmerzen durchwachten Nacht
in ihren bleichen Zügen. Einen Blick nur brauchte Friedl auf ihr
abgehärmtes Gesicht zu werfen, um zu wissen, daß Modei, wenn
auch keine Lüge, doch auch die Wahrheit nicht gesagt hatte. Was
war geschehen? Es legte sich ihm bei dieser Frage wie eine eiserne
Klammer um das Herz. Wußte er doch allzu gut, wer gestern noch
gekommen war!
Modei hatte keine Ahnung, daß der Jäger ihr gehütetes Geheimnis
kannte. Was Friedl nicht durch eigene Beobachtung erkundet hatte,
erfuhr er aus dem für ihn immer mitteilsamen Mund des Alten, der
ihn bei allen Sorgen um die Schwester zum Vertrauten gewählt
hatte, gerade ihn, der am allerwenigsten dazu paßte. Wie hatten
Zorn und Eifersucht im Herzen des Jägers oft getobt bei allem, was
er da hören mußte! Seine tiefe, treue Neigung hatte immer wieder
die Oberhand gewonnen über jedes erbitterte Gefühl.
Dieses Treue und Heiße lag auch jetzt in seinem Blick. Es war gut,
daß Benno in die Hüttenstube trat. Sonst hätte Friedl wohl kaum die
Frage zurückgehalten, die sich aus seinem gepreßten Herzen
herausdrängte.
Während Benno sich auf die Bank setzte, nahm Friedl seinen Platz
auf dem Herdrand neben Lenzl. Modei ging ab und zu, um zu holen,
was sie für Benno brauchte. Während sie still am Herd stand, um
das Sieden des Wassers abzuwarten, plauderten Friedl und Lenzl von
allerlei Dingen: ob wohl am Tage, der schön zu werden versprach,
das gute Wetter anhalten würde – daß ein baldiger Regen not täte,
weil das Quellwasser zu versiegen begänne – und von anderem
mehr.
Dann trank Benno seinen Kaffee, lobte ihn redlich und machte
Modei um ihrer Kochkunst willen Komplimente; schließlich bat er
noch um ein Glas Wasser. Kaum war Modei zur Türe draußen, als
Friedl schon einen stummen, bang fragenden Blick auf Lenzl warf.
Der Alte flüsterte in Friedls Ohr: „Am Abend wart ich beim Heustadl
auf dich.“
Ein paar Minuten später machte Benno sich mit dem Jäger auf den
Weg. Als Friedl der Sennerin die Hand reichte, klang seine Stimme
so warm und herzlich, daß das Mädel betroffen zu ihm aufsah.
Eine gute Stunde hatten die beiden Jäger zu steigen, bis sie den
Grat des Berges erreichten. Droben machten sie Rast, um der
aufgehenden Sonne zuzuschauen, wie sie erst mit zarten Farben die
langgezogenen Wolken säumte und dann mit leuchtendem Rot die
felsigen Höhen übergoß. Dort unten auf weiter Alm lagen Punkls und
Modeis Hütten, und in ferner Tiefe das kleine Tal von Fall, über dem
noch die Nebel und Schatten des frühen Morgens schwebten.
Friedl nahm sein Fernrohr aus dem Rucksack und richtete das Glas
auf eine der Hütten da drunten. Er sah die Sennerin – sie saß auf
der Steinbank vor der Tür, hielt die Hände hinter dem Nacken
verschlungen und lehnte den Kopf an die Hüttenwand, regungslos
aufblickend zum lichten Morgenhimmel.
Benno mußte zum Aufbruch mahnen. Der Jagdeifer zuckte ihm in
allen Gliedern.
Während die beiden über den Grat hinaufstiegen, der die
Landesgrenze zwischen Bayern und Tirol bildet, war Friedl wortkarg
und zerstreut. Sonst, wenn Benno mit ihm ausgezogen, hatte Friedl
ihn auf alles Sehenswerte aufmerksam gemacht, hatte ihm jede
Wildfährte, jeden Wechsel und jeden Steig gezeigt. Heute war er
schweigsam. Freilich verlor sich seine Zerstreutheit ein wenig, als sie
in Wildnähe kamen; gesprächiger wurde er nicht, eher noch stiller;
aber das war jetzt jene vorsichtige Stille des Jägers, die das
Geräusch eines rollenden Kiesels scheut, das Knarren der Schuhe
und das Klirren des Bergstockes.
Mühsam waren sie den steilen Pfad zur Höhe des Stierjoches
emporgeklettert. Von hier aus bis hinüber zum Torjoch zieht sich das
Luderergewänd, dessen zerrissener Gurt gegen Fall in nackten
steilen Felsen abfällt. Diese Wände sind im heißen Sommer ein
Lieblingsaufenthalt der Gemsen, die vor der brennenden
Sonnenhitze Kühlung finden auf den Schneeresten in den schattigen
Klüften.
Langsam pirschten die beiden den Grat entlang, lautlos auf- und
niedersteigend über seine Buckeln und Risse. Manchmal legten sie
sich an gedeckten Stellen nieder auf die Erde und spähten über die
Wände hinunter in die Gräben und Felslöcher. Da sahen sie bald ein
größeres Rudel, bald wieder einzelne Gemsen auf den Sandreisen
und Latschenhängen äsen. Wenn Friedl einen Bock erkannte, lagen
sie auf langer Paß, ob sich das Wild nicht den Wänden und auf
Schußweite nähern würde. Diese Hoffnung wurde immer getäuscht;
es war noch früh am Tag, die Sonne brannte nicht allzu heiß, und so
ästen die Gemsen zwischen den Latschen oder taten sich auf freiem
Gehäng zur Ruhe nieder.
Benno begann verdrießlich zu werden, aber Friedl vertröstete ihn
auf den heißeren Mittag.
Stunde um Stunde hatten sie mit Passen und Pirschen verbracht,
als Friedl, der über eine Felswand hinuntergeblickt hatte, hastig
zurückfuhr, sich auf die Erde warf und Benno zuwinkte, ein gleiches
zu tun. Vorsichtig schoben sie den Kopf bis zu den Augen über die
Felskante hinaus. „Sehen S’ ihn, Herr Dokter?“ flüsterte Friedl.
Benno nickte; gleich auf den ersten Blick hatte er den Gemsbock
erspäht, der am Fuß der Wand auf einem schmutzigen Schneefleck
ruhte. Hastig griff Benno nach seiner Büchse; Friedl flüsterte: „Nur
langsam! Lassen S’ Ihnen Zeit und verschnaufen S’ z’erst a bißl!“
Bennos Gesicht glühte vor Erregung, als er an seiner Büchsflinte den
Hahn des Kugellaufes spannte. „Schauen S’ ihn nur recht schön
sauber zamm“, mahnte Friedl, „am Platz muß er liegenbleiben. Wir
haben kein’ Hund net bei uns.“
Da krachte der Schuß. Das Wild sprang auf, und in wilder Flucht
ging’s dahin, ein Stück die Wand entlang, dann hinunter über Geröll
und Latschen.
„Auweh, Herr Dokter! Den haben S’ aber sauber gfehlt!“ brummte
Friedl.
Benno schüttelte den Kopf. „Das ist nicht möglich! Der Bock ist
getroffen, gut getroffen!“
„Wann Sie’s glauben! Steigen wir halt abi zum Schußplatz, damit S’
Ihnen überzeugen können.“
Wäre Friedl allein gewesen, er wäre gleich an Ort und Stelle
hinuntergestiegen; Bennos Mut und Gewandtheit wollte er ohne
Zwang nicht auf die Probe stellen. Sie schritten den Grat entlang
einer Stelle zu, wo der Abstieg weniger mühsam und gefährlich war.
Als sie den Schneefleck erreichten, auf dem der Bock gelegen,
untersuchte Friedl auf das genaueste die Lagerstatt und die Fährte,
konnte aber weder ein abgeschossenes Haar entdecken noch eine
Spur von Schweiß. „Schauen S’ selber, Herr Dokter! Nix is!“ brummte
er. „Jetzt schamen S’ Ihnen aber! Der is daglegen – mit’m Hut hätt
man ihn umwerfen können!“
Benno wollte nicht glauben, daß er einen so schlechten Schuß
getan. Ärgerlich glitt sein Blick über Schnee und Geröll, und langsam
stieg er am Fuß der Felswand den Weg entlang, den der Bock auf
seiner Flucht genommen hatte. Plötzlich neigte er sich gegen einen
vorspringenden Felsen und stieß einen Juhschrei aus. „Friedl! Da ist
Schweiß! Ein Tropfen! Ganz frisch!“
Flink sprang der Jäger herbei und sah in halber Mannshöhe vom
Boden einen roten Tropfen am Felsen hängen. „Was dös für a Schuß
is, dös kann ich bei Gott net begreifen! Wann’s a Streifschuß auf der
Seiten wär, hätten wir am Schnee ebbes finden müssen. Also
müssen S’ ihn am Kreuz troffen haben. Sonst kunnt auch der
Schweißtropfen net so weit in der Höh sein. Aber nacher wär der
Bock am Platz blieben, oder ich hätt sehen müssen, daß ihm ebbes
fehlt. Freilich, so a Bock hat oft a Leben, zaacher als a Katz. Sakra,
sakra! Wie sollen wir jetzt den Bock finden?“
Da klang eine lachende Stimme über die Felswand herunter:
„Friedl, was machst denn da?“ Ein braunes, bärtiges Gesicht neigte
sich über den Absturz heraus.
„Jeh, Anderl! Grüß dich Gott! Wie kommst denn du daher?“ rief
Friedl hinauf.
„Den Schuß hab ich ghört und bin drauf zugangen. Es kunnt ja
sein, daß wer andrer gschossen hätt.“
„Wer ist das?“ fragte Benno.
„A Jagdgehilf von der Hinterriß, der Anderl!“ erwiderte Friedl.
Dann rief er in die Höhe: „Hast dein’ Hund bei dir?“
„Ja!“
„Dös is gscheid! Da kannst uns an Gamsbock suchen helfen. A
paar hundert Schritt weiter vorn is a guter Abstieg.“
„Ah was!“ klang es von droben. „Ich steig gleich da übers Wandl
abi! Komm her, Bürschl!“ Das braune Gesicht dort oben verschwand.
Dann kam die ganze Gestalt des Jägers an einem Felseinschnitt des
Grates zum Vorschein. Erst warf er seinen Bergstock herab, der
unten mit der Spitze tief in den Sand fuhr. Nun betrat er selbst den
steilen Weg. Die Büchse über dem Rücken, und Brust und Wange
eng angedrückt an die Felswand, so klomm er langsam herunter, mit
den Füßen immer vorsichtig voraustastend nach einer Steinecke oder
einer Wandschrunde; aus seinem Rucksack guckte dabei der weiß
und schwarz gesprenkelte Kopf seines Hundes heraus, der den Hals
reckte und unruhig in die Tiefe blinzelte.
Als Anderl unten anlangte, schüttelte er Bennos und Friedls Hand
und zog den Bergstock aus dem Sande. „Geh, sei so gut und nimm
mir den Bürschl aus’m Rucksack!“ Friedl faßte den Hund an der
Nackenhaut und zog ihn lachend an die Luft. „Is dir a bißl grausig
z’mut worden, Bürscherl?“ Er setzte den Hund auf die Erde und
klopfte ihm schmeichelnd den Rücken; es war ein schönes, zierliches
Tier; freudig winselnd, sprang es an Friedl hinauf und schmiegte den
Kopf an seinen Schenkel; man sah es dem Hunde an, wie wohl ihm
die Liebkosung tat. „Du, dein Bürschl hat’s aber gern, wann einer gut
mit ihm is! Mir scheint, der kriegt bei dir mehr Schläg als z’essen!“
„Da kannst recht haben! Mit Jagdhund und Weiberleut is auf d’
Läng kein Auskommen, wann s’ einer net durchhaut alle Täg.“
„Geh, mich dauert er, der arme Kerl! Schau, da hätt er an mir an
bessern Herrn!“
„Kannst ihn gleich haben, wann d’ ihn magst! Vierzg Markln, und
der Handel is fertig.“
„Gilt schon!“ rief Friedl und streckte dem Jäger die Hand hin.
„Und ich zahle die vierzig Mark“, fiel Benno ein, „wenn er den
Bock findet. Kann er was, der Hund?“
Beleidigt fuhr Anderl auf. „A meiniger Hund? Ob der ebbes kann?
Der versteht mehr von der Jagerei als wir alle drei mitanand. Da
können S’ an zweiten suchen, Herr! Aber wissen S’, ich bin so a
vergrimmts Luder, ich muß mich mit dem Hund schon ärgern, wann
er nach einer Fliegen schnappt. Drum is besser, ich gib ihn weg. Ich
tät ihn noch amal in der Wut derschlagen. Da wär doch schad
drum.“
„Gelt, Bürscherl, wir zwei kennen uns schon!“ schmeichelte Friedl,
während er dem Hund die Leine um den Hals legte. Längst hatte
Bürschl der Gemsfährte zugewindet, und als ihn Friedl an die
Felswand führte, senkte der Hund die Nase, zog die Leine straff und
spürte über das Geröll hin. Benno und Anderl stiegen hinter Friedl
her, und je weiter sie die Fährte den Berg hinunter verfolgten, um so
häufiger und stärker wurden die Schweißspuren, um so hitziger
wurde der Hund. Endlich hielten sie vor einem wirr verwachsenen
Latschendickicht, das ein weiteres Vordringen der Jäger unmöglich
machte. Friedl ordnete an, daß Anderl zur Felswand zurücksteigen,
Benno aber den bequemeren Weg einschlagen, das Dickicht von
unten umgehen und sich dort auf einer Lichtung aufstellen sollte, die
er ihm genau bezeichnete. Es dauerte eine geraume Weile, bis Friedl
den Pfiff hörte, der ihm Bennos Eintreffen auf seinem Platz anzeigte.
Fiebernd und winselnd hatte Bürschl an der Leine gezogen, und als
er nun gelöst wurde, sprang er mit langen Sätzen in das Dickicht.
Kaum eine Minute war verflossen, als der Hund schon Laut gab;
dann polterten Steine, Äste knackten, ein paarmal sah Friedl den
Kopf des Gemsbockes im Sprung über die schwankenden Zweige
herauftauchen; dazwischen klang das helle Geläut des Hundes; jetzt
krachte drunten, wo Benno stand, ein Schuß, und über die Felswand
rollte das Echo her. Nun war alles still. Dann hörte Friedl das Läuten
des Hundes weit da drüben, wo unter hohen Fichten die weißen
Holzwände der neuen Jagdhütte herüberblinkten.
„Zum Teufel noch amal!“ Friedl sprang, die Büchse in der Hand,
hinunter zu Benno. „Was is denn, Herr Dokter?“
„Da vorn ist der Bock heraus!“ Benno deutete mit dem Bergstock
die Richtung an. „Gefehlt hab ich ihn nicht, doch muß ich in der
Flucht zu kurz geschossen haben.“
Friedl legte die hohle Hand hinter das Ohr und lauschte. „Der
Hund gibt Standlaut. Herr Dokter, den Bock kriegen wir! Drunt am
Wasser steht er. Da muß er arg krank sein. Flink, Herr Dokter!“
„Aber der Anderl?“
„Der findt uns schon!“ Friedl warf die Büchse über die Schulter
und sprang der Richtung zu, aus der von Zeit zu Zeit der Standlaut
des Hundes klang. Und Benno folgte.
Als sie die Jagdhütte erreichten, standen sie wieder still und
horchten. „Drunt am Steig muß er sein! Dort hör ich den Hund!“
sagte Friedl, und ihm voraus sprang Benno über die Stufen hinunter,
die von der Hütte zum Steige führten. Je näher er dem
lautgebenden Hunde kam, um so hastiger rannte er den schmalen
Pfad entlang. Nun bog er um eine Felsecke, und da bannte die
Überraschung seinen Fuß.
Zu einem dumpfen Winkel zusammenlaufend, stiegen da zwei
Felswände in Stufen und Platten hoch hinauf; überall wucherte ein
gelbgrünes Moos, das dickbuschig in allen Winkeln saß, wie ein
glatter Teppich die Flächen überzog oder in langen Fäden niederhing
über Vorsprünge und Kanten; aus allen Fugen und Rissen quoll ein
milchweißes Wasser, tropfte in zahllosen Perlen über Stein und Moos,
von Platte zu Platte, und sammelte sich zu kleinen Bächen, die
plätschernd und sprühend von Stufe zu Stufe sprangen und sich zu
einem kleinen Fall vereinigten, von dem aus ein leichter Nebel
wieder aufwärts stäubte gegen die Wände. Dunkle Latschenbüsche
und saftgrüne Almrosensträucher umrahmten dieses Bild,
überleuchtet von der Nachmittagssonne, die einen feinen
Farbenbogen durch die aufsteigenden Wassernebel spannte und die
fallenden Tropfen funkeln, glühen und blitzen machte wie
Diamanten. Dazu noch diese seltsame Staffage: auf einer der untern
Stufen Bürschl, am ganzen Leibe naß und glatt wie eine
Wassermaus, mit den Vorderfüßen gegen die Wand gestellt,
aufbellend zu dem Gemsbock, der hoch über ihm mit enggestellten
Läufen auf einer vorspringenden Felsplatte stand und mit starren
Lichtern auf den kläffenden Hund herunteräugte.
Es war ein Bild, das auch den glühendsten Jagdeifer
beschwichtigen konnte. Doch als der Bock eine Bewegung machte,
wie um einen Fluchtweg auszuspähen, riß Benno flink die Büchse in
Anschlag. Da faßte ihn Friedl am Arm: „Net schießen, Herr Dokter, es
braucht’s nimmer.“
Noch hatte der Jäger nicht ausgesprochen, als der Bock da droben
schwer und müde den Hals neigte; jetzt brachen ihm die Läufe ein,
und er stürzte über die Felsplatten herunter, bis vor Bennos Füße.
„Da haben S’ ihn!“ lachte Friedl und rückte den Hut. Dann pfiff er
dem Hund, strich ihm mit der Hand das Wasser vom Leib und
tätschelte ihm unter schmeichelndem Lob die fiebernden Flanken.
Freudig erregt und mit heißem Jägerstolz betrachtete Benno das
erbeutete Wild und dachte sich dabei in seiner Studierstube schon
die Stelle aus, die er nach seiner Rückkehr in die Stadt mit dem
schönen schwarzen Krickl des Bockes schmücken wollte.
Friedl verschränkte dem Bock die Läufe und schwang ihn auf den
Rücken. „Feist is er!“ Dann stieg er mit Benno zur Jagdhütte hinauf.
Es war das ein aus Baumstämmen erbautes Häuschen, das den
diensttuenden Jägern bei Nacht und Unwetter Herberge bot; das
Innere war in zwei Räume geteilt, von denen der eine als Küche, der
andere als Schlafstube diente.
Als die beiden zur Hütte kamen, legten sie Jagdzeug und Joppe
ab, und während sich Benno vor der Hütte behaglich auf eine
Holzbank streckte, schickte sich Friedl an, den Bock aufzubrechen.
Da fand er auch Bennos erste Kugel, die zwischen den Schultern
eingedrungen und im Brustknochen steckengeblieben war. Er hatte
seine rote Arbeit noch nicht vollendet, als Anderl eintraf, der nun
gerechtermaßen den seltsamen Schuß, die „Güte“ des Bockes und
seine schönen Krickeln bestaunte. Friedl hängte das ausgeweidete
Wild an einen Holznagel der Hüttenwand und schürte in der
Herdstube ein Feuer an. Anderl holte Wasser von einer nahen
Quelle, und bald schmorte und brodelte es in zwei eisernen Pfannen:
die Leber des erlegten Wildes für die Jäger, die Lunge für den Hund.
Während Friedl gewissenhaft das werdende Mahl überwachte, saß
Anderl auf einer Herdecke und rauchte aus seiner kurzen
Porzellanpfeife einen Tabak von zweifelhaftem Wohlgeruch. Dabei
erzählte er von seinen Jagderlebnissen in der Hinterriß, erzählte, daß
ein paar Fälle von Wildseuche vorgekommen wären, daß man den
Jagdherrn für einige Wochen erwarte, und daß Pater Philippus, der
Seelsorger von Hinterriß, einen neuen Kräuterschnaps erfunden
hätte, der ganz vorzüglich munde, besonders nüchtern genommen
des Morgens, mittags vor und nach dem Essen, und abends beim
Schlafengehen. „Und wachst in der Nacht a bißl auf, da schmeckt er
am besten. So a Schnapserl! Wer’s net kennt, der weiß net, was dös
is! Ich sag dir’s, Friedl, es wär der Müh wert, daß d’ bald amal hinter
kämst in d’ Riß, um dir vom Pater Philippus so a Glasl einschenken
z’lassen!“
„Ich lauf doch wegen eim Glasl Schnaps net bis in d’ Hinterriß. Da
möcht der Förstner a schöns Gsicht machen, wann ich um Urlaub
zum schnapsen einkäm.“
„So such dir an andern Fürwand! Vielleicht gehst deim verehrten
Freund und Spezi auf d’ Hochzeit?“
„Hochzeit? Wer macht denn Hochzeit?“
„Weißt denn du nix davon, daß der Huisenblasi in sechs Wochen
dem Grenzbauern von Hinterriß sein Madl heiret, die Margaret?“
Friedl erschrak. Er dachte an Modei und an alles Leid, das diese
Nachricht ausschütten mußte über ihr Leben. Er sah sie wieder, wie
sie am Morgen vor ihm gestanden, bleich und stumm. Nun wußte er
zu deuten, was am verwichenen Abend in Modeis Hütte geschehen
war. Er sprang vom Herd auf. Ihm war, als müßte er hinausstürmen
zur Tür, hinüber zu der einsamen Hütte.
Anderl guckte verdutzt an ihm hinauf. „Bub, was hast denn auf
amal?“
Schweigend ließ sich Friedl auf die Herdbank nieder und hob den
Hund zu sich herauf, der aufmerksam die beiden Töpfe beäugt hatte,
aus denen der Dampf sich emporkräuselte zur Hüttendecke. Friedl
streichelte dem Hund die glänzende Stirn, und als Bürschl unter dem
Behagen dieser Liebkosung sich an ihm hinaufreckte, drückte der
Jäger sein Gesicht an den Kopf des Tieres.
Anderl lachte. „Du wirst den Hund bald verzogen haben! Aber
über den Huisenblasi, scheint’s, is net gut reden mit dir? Hast schon
recht! Wenn man auch in der letzten Zeit nix mehr ghört hat –
lassen hat er ’s Wildern deswegen doch net. Da könnts ös in Fall enk
gratalieren zu seiner Hochzeit. D’ Margaretl is a Scharfe. Dö hat Haar
auf die Zähn und wird ihm ’s Wildern schon austreiben.“
Friedl nickte, ließ den Hund zu Boden springen und rief Benno zur
Mahlzeit in die Hütte.
Während die drei den bescheidenen Jägerschmaus hielten, erging
sich Benno in lustigen Vermutungen, ob der bedauernswerte
Gemsbock sich am Morgen wohl gedacht hätte, daß er noch vor dem
Abend mit Leber und Nieren den Heißhunger seiner Mörder stillen
müßte.
Bei Friedl war es freilich nicht weit her mit dem Heißhunger. Dafür
ließen es sich Benno und Anderl um so besser schmecken.
Sie kamen dann überein, daß Anderl Benno auf dem Heimweg
begleiten und den erlegten Bock nach Fall hinuntertragen sollte, weil
Friedl, wie er vorgab, seinen Aufsichtsposten nicht verlassen durfte.
Für Anderl machte es keinen Unterschied, ob er über die Berge oder
durch das Tal nach Hause wanderte. Er ging um so lieber auf den
Vorschlag ein, als dabei ein gutes Trinkgeld für ihn herausschaute
und er sich überdies wegen der vierzig Mark für den Hund nicht auf
ein späteres Zusammentreffen mit Benno vertrösten mußte.
Vergnügt lud er den schweren Bock auf seinen Rücken. Friedl sperrte
die Hüttentür ab und folgte den beiden. Wo vom talwärts führenden
Pfad der Steig zu Modeis Hütte abzweigte, bot er ihnen die Hand
zum Abschied. Dann schritten Anderl und Benno weiter. Friedl blieb
zurück und lockte mit schmeichelnden Worten den Hund. Bürschl
drehte den Kopf, schüttelte die Ohren und surrte, als Anderl an einer
Biegung des Weges verschwand, in langen Sätzen den Steig
hinunter.
„Bürschl! Bürschl! Da komm her!“ lockte Friedl. Der Hund wollte
nicht hören. Anderl scheuchte ihn mit Steinwürfen zurück. Bürschl
war nicht zur Umkehr zu bewegen. Auch als ihm Anderl unter einem
zornigen Fluch mit dem Bergstock einen derben Hieb versetzte,
sprang er winselnd nur ein bißchen auf die Seite und wäre seinem
groben Herrn wieder nachgelaufen, wenn ihn Friedl nicht gefangen
und an die Leine gelegt hätte, um den Zerrenden mit sich
fortzuführen.
„Hundsviecher und Weiberleut, da kehr ich d’ Hand net um.“ So
hörte Friedl noch die Stimme Anderls von einer Serpentine des
Steiges heraufklingen. „Schmeichelst ihnen und tust ihnen alles
z’lieb, da haben s’ den Kopf voller Mucken und sind allweil dabei
beim Ausgrasen. Dem, der s’ plagt und schlagt, dem hängen s’ an
wie Kletten, und grad Arbeit hast, wann so ebbes Unkommods
abschütteln willst.“
Beim Klang dieser Worte regte sich in Friedl ein Gefühl der
Bitterkeit. „Da muß man net grad a Weiberleut oder a Hundsviech
sein. Was Treu heißt, scheint mir, is allweil ebbes Unkommods für die
andern.“ Er beugte sich zu dem winselnden Hund hinunter und
streichelte ihm den Rücken, auf dem die gesträubten Haare noch die
Stelle des empfangenen Schlages kennzeichneten. Tief atmend
richtete er sich auf und stieg, die sinkende Sonne hinter dem
Rücken, mit raschen Schritten der Richtung von Modeis Heustadel
zu, wo ihn Lenzl schon seit Stunden ungeduldig erwartete.
Als die Sterne funkelten
M odei trat aus der Tür. Sie hatte die Arbeitsschürze abgelegt und
eine weiße umgebunden; über dem Mieder trug sie eine kurze,
offene Jacke. In der einen Hand hielt sie einen blauen
Leinenrock, in der anderen ein altes Zigarrenkistchen, das angefüllt
war mit allerlei Nähzeug.
„Was is denn?“ fragte der Jäger. „Willst dich gar noch zur Nahterei
hocken? Siehst ja fast nix mehr.“
„A halbs Stündl tut’s es schon noch. Untertags hab ich kei’ Zeit.“
Modei setzte sich auf die Steinbank, nahm den blauen Rock übers
Knie, stellte das Kistchen neben sich und unterzog einen langen,
klaffenden Riß einer aufmerksamen Betrachtung. „Und ich möcht
mei’ Sach allweil sauber beinand haben. Geh, setz dich her da! D’
Nahterei macht sich leichter, wann man a bißl plauscht dazu. Heut
mußt dich auch net so tummeln mit’m Fortgehn, heut hast an guten
Heimweg, der Himmel is klar, und der Mond wird da sein, vor’s Nacht
is.“
„Ich geh heut gar nimmer ummi in d’ Jagdhütten“, sagte Friedl,
während er sich neben Modei auf die Bank niederließ.
„Wo gehst denn nacher hin?“
„Heim, nach Fall abi.“
„Morgen kommst aber wieder auffi?“
„Na! Von morgen an hab ich d’ Aufsicht im Rauchenberg, und an
andrer Jagdghilf, wahrscheinlich der Hies, kommt auf vierzehn Täg in
den Bezirk da.“
Modei hob das Gesicht. „Geh! Kommst nacher du vierzehn Täg
lang gar nimmer da her?“
„Der Dienst halt! Was kannst da machen!“
Modei beugte sich seufzend über ihre Arbeit; achtsam schnitt sie
mit einer plumpen Schere aus dem Rock an der Stelle des Risses ein
großes Viereck heraus und säbelte ein ebenso geformtes, etwas
größeres Stück aus einer alten, löcherigen Schürze, die schon öfters
zu ähnlichen Reparaturen Stoff hatte hergeben müssen. Während sie
das Leinenstück mit Stecknadeln über die Lücke des Rockes heftete,
sprach sie vor sich hin: „Es is mir gar net recht, daß ich dich solang
nimmer sehen soll. Ich hab mich ganz gwöhnt dran, daß d’ jeden
Abend da bist.“
Dem Jäger fing das Herz zu hämmern an, und auf seinen Lippen
lagen hundert Fragen; mit Gewalt zwang er sie zurück und hielt
schweigend den Blick auf die emsigen Finger gerichtet, die in die
Nadel den blauen Faden zogen, einen Knopf an das Ende flochten
und dann eifrig zu sticheln begannen. So guckte er lange zu. Dann
sagte er: „D’ Nahterei muß a schwere Sach sein!“
„Können muß man’s halt.“
„Freilich, ja. Wann ich a Nadel einfadeln will, brauch ich allweil a
halbe Stund dazu. So a Nadel, so a feine, is a Ludersteuferl!“ Weil
Modei ein bißchen lachte, rückte er mutig näher. „Wann ich jetzt
vierzehn Täg nimmer komm, tut’s dir auch wirklich a bißl ahnd nach
mir?“
„Gwiß, Friedl! Du bist allweil gleich gut aufglegt und unterhaltsam.
So bist gegen alle Leut. Aber es kommt mir so für, als wärst du’s
gegen mich noch a bißl mehr wie zu die andern. Bist a guter
Mensch!“
„Gut?“ Er lächelte. „Ich weiß schon, d’ Leut sagen so: a guter
Mensch – und da meinen s’: a Rindvieh.“
„Geh! Na!“
„Aber glaub mir’s, Madl: ’s richtige Gutsein is grad so a schwere
Arbet wie d’ Nahterei. Oft schon in der Nacht bin ich gsessen mit
brennheiße Augen. Und hab gstritten mit’m Unmutsteufel in mir. Gut
sein müssen, weil man net anders kann, dös is a Gwicht, an
unkommods. Aber gut sein mögen und ’s Gutsein derzwingen, dös
macht eim ’s Leben besser.“ Friedl stellte die Nähschachtel, die
zwischen ihm und Modei stand, auf die andere Seite und rückte
näher. „Wann ich gut bin, weiß ich allweil, warum.“
Ein kurzes Schweigen.
„Friedl?“
„Was?“
„Bist gut zu mir? Und weißt, warum?“
„Ja. Weil d’ es verdienst. Und weil ich mir denk, du kunnst a bißl
Freundschäftlichkeit grad jetzt gut brauchen.“
Das Mädel hob die Augen. „Brauchen?“ Das hatte strengen, fast
erregten Klang. „Warum?“
Friedl hätte viel darum gegeben, wenn er das unvorsichtige Wort
wieder ungesprochen hätte machen können. Verlegen sah er in
Modeis Augen. „No ja –“
„Du?“ Ihre Stimme zitterte. „Du weißt was?“
„Alles!“
„Von wem?“
„Augen hab ich ja selber. Und –“
„Der Lenzl? Gelt?“ In Zorn war Modei aufgesprungen. Wortlos
kramte sie ihr Nähzeug zusammen. Als sie sah, daß ihr Friedl den
Weg zur Tür vertrat, schob sie das Kistchen wieder auf die Bank,
setzte sich und nähte schweigend weiter.
„Deswegen mußt dich net alterieren!“ sagte Friedl und stellte die
Schachtel fort. „Ich mein’ dir’s gut! Und bei mir is a heimlichs Wörtl
aufghoben. Da brauchst dich net fürchten.“
„Fürchten?“ Sie unterbrach die Arbeit nicht. „Ah na! ’s Fürchten
hab ich verlernt. Glauben und Fürchten is allweil an Einzigs. Verliert
man ’s Strumpfbandl, nacher rutscht der Strumpf halt auch. Die
letzten Wochen haben fest grissen an mir. Den ganzen Tag so allein!
Und alles allweil einiwürgen! Vielleicht is’s grad gut für mich, daß d’
alles weißt. Da hab ich doch wen, mit dem ich reden kann.“ Die
Stimme erlosch ihr. Sie drehte das Gesicht auf die Seite, wollte
einfädeln und fragte mit erwürgtem Laut: „Wo is denn d’ Schachtel
schon wieder!“
Friedl machte einen flinken Griff. „Is schon da!“
Sie zog den Faden von der Spule und krümmte sich plötzlich tief
hinunter, von lautlosem Schluchzen geschüttelt.
„Mar’ und Joseph!“ Erschrocken rüttelte Friedl sie an der Schulter,
rückte näher, stieß die Schachtel fort und umschlang das Mädel.
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