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Wall Street A History Geisst: Dowload Ebook

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Wall Street A History Geisst

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amal muß ich’s allweil sagen!“ Er schlüpfte in seine Joppe. „A bißl
nässelen tut s’ noch allweil. In Gottsnamen, muß ich’s halt
derleiden.“
Modei stand auf und wischte mit der Schürze über das Blatt, als
wären Tränen draufgefallen. Sie wollte zur Bank hinüber. Von einer
Schwäche befallen, klammerte sie sich an eine Kreistersäule.
„Was is denn?“ fragte Blasi verdutzt.
„Nix! – An mein Kind hab ich denkt.“
„Allweil kommst mit söllene Wörtln, die gar net herpassen.“ Blasi
trat auf sie zu und legte ihr die Hand auf die Schulter. „Jetzt sei a
bißl gscheid und nimm’s net gar a so schiech!“ Modei,
zusammenschauernd, zog die Schulter von seiner Hand weg. „Es
muß amal sein“, sprach Blasi weiter, „mein Vater hat’s ausgmacht.
Ich kann net anders. Fürs Kind sorg ich schon. Auf Ehr und Seligkeit!
Wann mir der Vater amal übergeben hat, bin ich der Herr. Da kann
der Alte sagen, was er mag. Aber jetzt hat er halt den Leitstrang
noch allweil in der Hand. Und ich muß ducken. Dös kannst doch net
verlangen, daß ich mich mit Vater und Mutter verfeind.“
„Da hast recht, dös wär z’viel verlangt.“ Sie ging zum Herd und
stieß ein paar Scheite ins Feuer. Die Flamme prasselte und wuchs.
„No also, schau! Da kannst mir jetzt grad amal dei’ Lieb beweisen.
Gelt, bist gscheid und unterschreibst? Und tust mir noch den letzten
Gfallen.“
„Den letzten, ja!“ Das sagte sie ruhig. Dann legte sie das Blatt auf
die Randsteine des Herdes, netzte an den Lippen die Bleistiftspitze
an und setzte zum Schreiben an.
„Schwester! Tu’s net!“ klang durch das Fenster die Stimme ihres
Bruders.
Wütend ballte Blasi die Fäuste. „Allweil der wieder!“
Modei wandte das Gesicht zum Fenster, strich mit dem Arm das
Haar aus der Stirne, senkte den Kopf und schrieb mit fester Hand
unter die letzte Zeile ihren Namen: Maria Meier. Tief atmend, richtete
sie sich auf und reichte dem Burschen das Blatt und den Bleistift.
„Da! Nimm!“
Hastig griff Blasi zu. Die Freude glänzte in seinen Augen, als er
das Blatt sorgsam zusammenfaltete und in die Joppentasche steckte.
„Vergelts Gott, Schatzl! Du bist halt die Richtige! Du bist die einzig,
die mir gfallt. Und wann ich jetzt auch die ander haben muß –“
Lachend umschlang er sie. „Zwischen uns zwei kann’s allweil so
bleiben, wie’s war!“
Da stieß ihn Modei mit den Fäusten vor die Brust, daß er taumelte.
„Pfui Teufel!“ Aller Zorn und Ekel, den sie fühlte, war im Klang dieser
beiden Worte. Dann konnte sie ruhig sagen: „Zwei lange Jahr hast
braucht, bis ich dich mögen hab. Und mit zwei kurze Wort hast es
fertigbracht, daß d’ mir zwider bist bis in d’ Seel eini!“ Ihre Stimme
wurde hart. „Schau, daß d’ aussikommst! Mir graust!“
Blasi lachte. „So, so? No, mir kann’s recht sein! Da brauch ich mir
grad kein’ Fürwurf machen.“ Er setzte den Hut auf, griff nach
Bergstock und Rucksack, und als er auf der Schwelle stand, rief er
spöttisch über die Schulter. „Pfüe Gott, du! An andersmal!“ Pfeifend
ging er davon.
Und Lenzl erschien in der Tür. „Schwester? Hörst es? Pfüe Gott
sagt er.“
Unbeweglich stand Modei am Herd und sah in die Flamme. „Gott?
– Gott? – Allweil sagen s’: Gott! ’s erste und ’s letzte Wörtl: Grüß
Gott! Und: Pfüe Gott! Und zwischendrei und hintnach is alles a
Grausen.“ Sie lachte leis. „Ob unser Herrgott weiß, was für
schauderhafte Sachen sein heiliger Nam bei die Menschenleut
einrahmen muß?“ Auf die Herdmauer hinfallend, griff sie nach einem
Scheit, mit dem sie die glühenden Kohlen aus der Asche schob und
gegen die klein gewordene Flamme hinhäufelte.
Von der Schwelle schrie Lenzl in die Nacht hinaus: „Gelt, du!
Vergiß dein’ versteckten Hinterlader net!“
Undeutlich antwortete Blasis Stimme: „Wart, du Täpp! Wir zwei
wachsen noch zamm.“
„Du und ich? Ah na! Wann der Tuifi dich amal beim Gnack
derwischt, hat er kei’ Zeit mehr für an andern. Da hat er Arbeit gnug
mit dir allein!“
Draußen ein fideler Juhschrei und ein vergnügtes Gedudel, das
sich entfernte.
In der Hütte begann das niedergebrannte Kienlicht müd zu
flackern.
Lenzl ging auf die Schwester zu, beugte sich zu ihr hinunter und
sagte mit einem plumpen Versuch, zu scherzen: „Um so ein’ mußt
dich net kränken. Den schlechten Nußkern speit einer aus und sucht
sich an süßen. Sei froh, daß d’ a Witib bist! Jetzt nimmst dir an
andern.“
Sie schob ihn mit dem Ellbogen von sich. „Geh schlafen! Jeds
Wörtl is mir wie a Nadel im Ohr.“
Lenzl schlurfte zum Kreister hinüber. Auf halbem Wege blieb er
stehen. „Hab gmeint, ich müßt a bißl Spaßetteln machen. Jetzt merk
ich: dös war ebbes Gscheids. Is einer gwöhnt ans Zwieschichtige, so
derleidt er’s in der Einschicht nimmer. Da kunntst ebba dursten
müssen an Seel und Blut. Wann ’s Viecherl Hunger hat, muß ’s
Viecherl Futter kriegen. Bloß ich kann ’s Hungerleiden. Ich muß
warten, allweil warten –“
In der Nachtferne ein dumpfes Rollen und Gerassel.
Das Gesicht des Weißhaarigen erstarrte. „Hörst es?“ Seine Stimme
war schrill und knabenhaft dünn. „Du? Hörst es?“
Ohne aufzublicken, sagte Modei: „Steiner sind gangen in der
Wand.“
„Hörst es? Der Tanzboden rumpelt. Der lauft ihm nach. Dem
kommt er net aus.“ Ein grelles Lachen. „Hörst es? Alle hat’s
derschlagen. Den Grubertoni! Und ’s Lisei – mein Lisei –“ Mit einem
Kichern, das sich wie ein Kinderweinen anhörte, kletterte Lenzl über
die Scheiterbeige zum Kreister hinauf und wühlte sich ins Heu.
Die Kienfackel erlosch.
Modei hob den Kopf, sah verloren in den rötlichen Zwieschein der
Sennstube, ließ das Holzscheit fallen und preßte das Gesicht in die
Hände.
Das Grau der ersten Dämmerung

D as Grau der ersten Dämmerung lag noch über den Bergen, als
Benno am anderen Morgen von Friedl geweckt wurde. Rasch
war er auf den Beinen und schüttelte das Heu von sich. Am
Brunnen wusch er Gesicht und Hände.
Friedl war ihm vorausgegangen und fand an Modeis Hüttenstube
die Tür schon offen. Als er mit freundlichem Gruß in den Kaser trat,
sah er Lenzl und seine Schwester am Herd sitzen, auf dem schon ein
Feuer flackerte.
„Was is denn, Modei? Hast du’s mit der Arbeit so nötig, daß du
schon vor’m Tag auf die Füß bist?“
In Lenzls Augen hatte es wie Freude geblitzt, als er den Jäger
eintreten sah. Er wollte aufspringen. Ein Blick der Schwester hielt ihn
am Herde fest. Sie ging auf Friedl zu und reichte ihm die Hand. „Ich
bin net schlafen gangen. Seit a paar Tag is a Stückl Vieh net gut.
Heut in der Nacht war’s schlecht mit ihm. Drum hab ich mich heut
net niederlegen können.“
Friedl erschrak. Modei hatte nie viel Farbe gehabt; jetzt schien
auch der letzte Tropfen Blut aus ihren Wangen verschwunden zu
sein. Dazu lag die Müdigkeit einer in Schmerzen durchwachten Nacht
in ihren bleichen Zügen. Einen Blick nur brauchte Friedl auf ihr
abgehärmtes Gesicht zu werfen, um zu wissen, daß Modei, wenn
auch keine Lüge, doch auch die Wahrheit nicht gesagt hatte. Was
war geschehen? Es legte sich ihm bei dieser Frage wie eine eiserne
Klammer um das Herz. Wußte er doch allzu gut, wer gestern noch
gekommen war!
Modei hatte keine Ahnung, daß der Jäger ihr gehütetes Geheimnis
kannte. Was Friedl nicht durch eigene Beobachtung erkundet hatte,
erfuhr er aus dem für ihn immer mitteilsamen Mund des Alten, der
ihn bei allen Sorgen um die Schwester zum Vertrauten gewählt
hatte, gerade ihn, der am allerwenigsten dazu paßte. Wie hatten
Zorn und Eifersucht im Herzen des Jägers oft getobt bei allem, was
er da hören mußte! Seine tiefe, treue Neigung hatte immer wieder
die Oberhand gewonnen über jedes erbitterte Gefühl.
Dieses Treue und Heiße lag auch jetzt in seinem Blick. Es war gut,
daß Benno in die Hüttenstube trat. Sonst hätte Friedl wohl kaum die
Frage zurückgehalten, die sich aus seinem gepreßten Herzen
herausdrängte.
Während Benno sich auf die Bank setzte, nahm Friedl seinen Platz
auf dem Herdrand neben Lenzl. Modei ging ab und zu, um zu holen,
was sie für Benno brauchte. Während sie still am Herd stand, um
das Sieden des Wassers abzuwarten, plauderten Friedl und Lenzl von
allerlei Dingen: ob wohl am Tage, der schön zu werden versprach,
das gute Wetter anhalten würde – daß ein baldiger Regen not täte,
weil das Quellwasser zu versiegen begänne – und von anderem
mehr.
Dann trank Benno seinen Kaffee, lobte ihn redlich und machte
Modei um ihrer Kochkunst willen Komplimente; schließlich bat er
noch um ein Glas Wasser. Kaum war Modei zur Türe draußen, als
Friedl schon einen stummen, bang fragenden Blick auf Lenzl warf.
Der Alte flüsterte in Friedls Ohr: „Am Abend wart ich beim Heustadl
auf dich.“
Ein paar Minuten später machte Benno sich mit dem Jäger auf den
Weg. Als Friedl der Sennerin die Hand reichte, klang seine Stimme
so warm und herzlich, daß das Mädel betroffen zu ihm aufsah.
Eine gute Stunde hatten die beiden Jäger zu steigen, bis sie den
Grat des Berges erreichten. Droben machten sie Rast, um der
aufgehenden Sonne zuzuschauen, wie sie erst mit zarten Farben die
langgezogenen Wolken säumte und dann mit leuchtendem Rot die
felsigen Höhen übergoß. Dort unten auf weiter Alm lagen Punkls und
Modeis Hütten, und in ferner Tiefe das kleine Tal von Fall, über dem
noch die Nebel und Schatten des frühen Morgens schwebten.
Friedl nahm sein Fernrohr aus dem Rucksack und richtete das Glas
auf eine der Hütten da drunten. Er sah die Sennerin – sie saß auf
der Steinbank vor der Tür, hielt die Hände hinter dem Nacken
verschlungen und lehnte den Kopf an die Hüttenwand, regungslos
aufblickend zum lichten Morgenhimmel.
Benno mußte zum Aufbruch mahnen. Der Jagdeifer zuckte ihm in
allen Gliedern.
Während die beiden über den Grat hinaufstiegen, der die
Landesgrenze zwischen Bayern und Tirol bildet, war Friedl wortkarg
und zerstreut. Sonst, wenn Benno mit ihm ausgezogen, hatte Friedl
ihn auf alles Sehenswerte aufmerksam gemacht, hatte ihm jede
Wildfährte, jeden Wechsel und jeden Steig gezeigt. Heute war er
schweigsam. Freilich verlor sich seine Zerstreutheit ein wenig, als sie
in Wildnähe kamen; gesprächiger wurde er nicht, eher noch stiller;
aber das war jetzt jene vorsichtige Stille des Jägers, die das
Geräusch eines rollenden Kiesels scheut, das Knarren der Schuhe
und das Klirren des Bergstockes.
Mühsam waren sie den steilen Pfad zur Höhe des Stierjoches
emporgeklettert. Von hier aus bis hinüber zum Torjoch zieht sich das
Luderergewänd, dessen zerrissener Gurt gegen Fall in nackten
steilen Felsen abfällt. Diese Wände sind im heißen Sommer ein
Lieblingsaufenthalt der Gemsen, die vor der brennenden
Sonnenhitze Kühlung finden auf den Schneeresten in den schattigen
Klüften.
Langsam pirschten die beiden den Grat entlang, lautlos auf- und
niedersteigend über seine Buckeln und Risse. Manchmal legten sie
sich an gedeckten Stellen nieder auf die Erde und spähten über die
Wände hinunter in die Gräben und Felslöcher. Da sahen sie bald ein
größeres Rudel, bald wieder einzelne Gemsen auf den Sandreisen
und Latschenhängen äsen. Wenn Friedl einen Bock erkannte, lagen
sie auf langer Paß, ob sich das Wild nicht den Wänden und auf
Schußweite nähern würde. Diese Hoffnung wurde immer getäuscht;
es war noch früh am Tag, die Sonne brannte nicht allzu heiß, und so
ästen die Gemsen zwischen den Latschen oder taten sich auf freiem
Gehäng zur Ruhe nieder.
Benno begann verdrießlich zu werden, aber Friedl vertröstete ihn
auf den heißeren Mittag.
Stunde um Stunde hatten sie mit Passen und Pirschen verbracht,
als Friedl, der über eine Felswand hinuntergeblickt hatte, hastig
zurückfuhr, sich auf die Erde warf und Benno zuwinkte, ein gleiches
zu tun. Vorsichtig schoben sie den Kopf bis zu den Augen über die
Felskante hinaus. „Sehen S’ ihn, Herr Dokter?“ flüsterte Friedl.
Benno nickte; gleich auf den ersten Blick hatte er den Gemsbock
erspäht, der am Fuß der Wand auf einem schmutzigen Schneefleck
ruhte. Hastig griff Benno nach seiner Büchse; Friedl flüsterte: „Nur
langsam! Lassen S’ Ihnen Zeit und verschnaufen S’ z’erst a bißl!“
Bennos Gesicht glühte vor Erregung, als er an seiner Büchsflinte den
Hahn des Kugellaufes spannte. „Schauen S’ ihn nur recht schön
sauber zamm“, mahnte Friedl, „am Platz muß er liegenbleiben. Wir
haben kein’ Hund net bei uns.“
Da krachte der Schuß. Das Wild sprang auf, und in wilder Flucht
ging’s dahin, ein Stück die Wand entlang, dann hinunter über Geröll
und Latschen.
„Auweh, Herr Dokter! Den haben S’ aber sauber gfehlt!“ brummte
Friedl.
Benno schüttelte den Kopf. „Das ist nicht möglich! Der Bock ist
getroffen, gut getroffen!“
„Wann Sie’s glauben! Steigen wir halt abi zum Schußplatz, damit S’
Ihnen überzeugen können.“
Wäre Friedl allein gewesen, er wäre gleich an Ort und Stelle
hinuntergestiegen; Bennos Mut und Gewandtheit wollte er ohne
Zwang nicht auf die Probe stellen. Sie schritten den Grat entlang
einer Stelle zu, wo der Abstieg weniger mühsam und gefährlich war.
Als sie den Schneefleck erreichten, auf dem der Bock gelegen,
untersuchte Friedl auf das genaueste die Lagerstatt und die Fährte,
konnte aber weder ein abgeschossenes Haar entdecken noch eine
Spur von Schweiß. „Schauen S’ selber, Herr Dokter! Nix is!“ brummte
er. „Jetzt schamen S’ Ihnen aber! Der is daglegen – mit’m Hut hätt
man ihn umwerfen können!“
Benno wollte nicht glauben, daß er einen so schlechten Schuß
getan. Ärgerlich glitt sein Blick über Schnee und Geröll, und langsam
stieg er am Fuß der Felswand den Weg entlang, den der Bock auf
seiner Flucht genommen hatte. Plötzlich neigte er sich gegen einen
vorspringenden Felsen und stieß einen Juhschrei aus. „Friedl! Da ist
Schweiß! Ein Tropfen! Ganz frisch!“
Flink sprang der Jäger herbei und sah in halber Mannshöhe vom
Boden einen roten Tropfen am Felsen hängen. „Was dös für a Schuß
is, dös kann ich bei Gott net begreifen! Wann’s a Streifschuß auf der
Seiten wär, hätten wir am Schnee ebbes finden müssen. Also
müssen S’ ihn am Kreuz troffen haben. Sonst kunnt auch der
Schweißtropfen net so weit in der Höh sein. Aber nacher wär der
Bock am Platz blieben, oder ich hätt sehen müssen, daß ihm ebbes
fehlt. Freilich, so a Bock hat oft a Leben, zaacher als a Katz. Sakra,
sakra! Wie sollen wir jetzt den Bock finden?“
Da klang eine lachende Stimme über die Felswand herunter:
„Friedl, was machst denn da?“ Ein braunes, bärtiges Gesicht neigte
sich über den Absturz heraus.
„Jeh, Anderl! Grüß dich Gott! Wie kommst denn du daher?“ rief
Friedl hinauf.
„Den Schuß hab ich ghört und bin drauf zugangen. Es kunnt ja
sein, daß wer andrer gschossen hätt.“
„Wer ist das?“ fragte Benno.
„A Jagdgehilf von der Hinterriß, der Anderl!“ erwiderte Friedl.
Dann rief er in die Höhe: „Hast dein’ Hund bei dir?“
„Ja!“
„Dös is gscheid! Da kannst uns an Gamsbock suchen helfen. A
paar hundert Schritt weiter vorn is a guter Abstieg.“
„Ah was!“ klang es von droben. „Ich steig gleich da übers Wandl
abi! Komm her, Bürschl!“ Das braune Gesicht dort oben verschwand.
Dann kam die ganze Gestalt des Jägers an einem Felseinschnitt des
Grates zum Vorschein. Erst warf er seinen Bergstock herab, der
unten mit der Spitze tief in den Sand fuhr. Nun betrat er selbst den
steilen Weg. Die Büchse über dem Rücken, und Brust und Wange
eng angedrückt an die Felswand, so klomm er langsam herunter, mit
den Füßen immer vorsichtig voraustastend nach einer Steinecke oder
einer Wandschrunde; aus seinem Rucksack guckte dabei der weiß
und schwarz gesprenkelte Kopf seines Hundes heraus, der den Hals
reckte und unruhig in die Tiefe blinzelte.
Als Anderl unten anlangte, schüttelte er Bennos und Friedls Hand
und zog den Bergstock aus dem Sande. „Geh, sei so gut und nimm
mir den Bürschl aus’m Rucksack!“ Friedl faßte den Hund an der
Nackenhaut und zog ihn lachend an die Luft. „Is dir a bißl grausig
z’mut worden, Bürscherl?“ Er setzte den Hund auf die Erde und
klopfte ihm schmeichelnd den Rücken; es war ein schönes, zierliches
Tier; freudig winselnd, sprang es an Friedl hinauf und schmiegte den
Kopf an seinen Schenkel; man sah es dem Hunde an, wie wohl ihm
die Liebkosung tat. „Du, dein Bürschl hat’s aber gern, wann einer gut
mit ihm is! Mir scheint, der kriegt bei dir mehr Schläg als z’essen!“
„Da kannst recht haben! Mit Jagdhund und Weiberleut is auf d’
Läng kein Auskommen, wann s’ einer net durchhaut alle Täg.“
„Geh, mich dauert er, der arme Kerl! Schau, da hätt er an mir an
bessern Herrn!“
„Kannst ihn gleich haben, wann d’ ihn magst! Vierzg Markln, und
der Handel is fertig.“
„Gilt schon!“ rief Friedl und streckte dem Jäger die Hand hin.
„Und ich zahle die vierzig Mark“, fiel Benno ein, „wenn er den
Bock findet. Kann er was, der Hund?“
Beleidigt fuhr Anderl auf. „A meiniger Hund? Ob der ebbes kann?
Der versteht mehr von der Jagerei als wir alle drei mitanand. Da
können S’ an zweiten suchen, Herr! Aber wissen S’, ich bin so a
vergrimmts Luder, ich muß mich mit dem Hund schon ärgern, wann
er nach einer Fliegen schnappt. Drum is besser, ich gib ihn weg. Ich
tät ihn noch amal in der Wut derschlagen. Da wär doch schad
drum.“
„Gelt, Bürscherl, wir zwei kennen uns schon!“ schmeichelte Friedl,
während er dem Hund die Leine um den Hals legte. Längst hatte
Bürschl der Gemsfährte zugewindet, und als ihn Friedl an die
Felswand führte, senkte der Hund die Nase, zog die Leine straff und
spürte über das Geröll hin. Benno und Anderl stiegen hinter Friedl
her, und je weiter sie die Fährte den Berg hinunter verfolgten, um so
häufiger und stärker wurden die Schweißspuren, um so hitziger
wurde der Hund. Endlich hielten sie vor einem wirr verwachsenen
Latschendickicht, das ein weiteres Vordringen der Jäger unmöglich
machte. Friedl ordnete an, daß Anderl zur Felswand zurücksteigen,
Benno aber den bequemeren Weg einschlagen, das Dickicht von
unten umgehen und sich dort auf einer Lichtung aufstellen sollte, die
er ihm genau bezeichnete. Es dauerte eine geraume Weile, bis Friedl
den Pfiff hörte, der ihm Bennos Eintreffen auf seinem Platz anzeigte.
Fiebernd und winselnd hatte Bürschl an der Leine gezogen, und als
er nun gelöst wurde, sprang er mit langen Sätzen in das Dickicht.
Kaum eine Minute war verflossen, als der Hund schon Laut gab;
dann polterten Steine, Äste knackten, ein paarmal sah Friedl den
Kopf des Gemsbockes im Sprung über die schwankenden Zweige
herauftauchen; dazwischen klang das helle Geläut des Hundes; jetzt
krachte drunten, wo Benno stand, ein Schuß, und über die Felswand
rollte das Echo her. Nun war alles still. Dann hörte Friedl das Läuten
des Hundes weit da drüben, wo unter hohen Fichten die weißen
Holzwände der neuen Jagdhütte herüberblinkten.
„Zum Teufel noch amal!“ Friedl sprang, die Büchse in der Hand,
hinunter zu Benno. „Was is denn, Herr Dokter?“
„Da vorn ist der Bock heraus!“ Benno deutete mit dem Bergstock
die Richtung an. „Gefehlt hab ich ihn nicht, doch muß ich in der
Flucht zu kurz geschossen haben.“
Friedl legte die hohle Hand hinter das Ohr und lauschte. „Der
Hund gibt Standlaut. Herr Dokter, den Bock kriegen wir! Drunt am
Wasser steht er. Da muß er arg krank sein. Flink, Herr Dokter!“
„Aber der Anderl?“
„Der findt uns schon!“ Friedl warf die Büchse über die Schulter
und sprang der Richtung zu, aus der von Zeit zu Zeit der Standlaut
des Hundes klang. Und Benno folgte.
Als sie die Jagdhütte erreichten, standen sie wieder still und
horchten. „Drunt am Steig muß er sein! Dort hör ich den Hund!“
sagte Friedl, und ihm voraus sprang Benno über die Stufen hinunter,
die von der Hütte zum Steige führten. Je näher er dem
lautgebenden Hunde kam, um so hastiger rannte er den schmalen
Pfad entlang. Nun bog er um eine Felsecke, und da bannte die
Überraschung seinen Fuß.
Zu einem dumpfen Winkel zusammenlaufend, stiegen da zwei
Felswände in Stufen und Platten hoch hinauf; überall wucherte ein
gelbgrünes Moos, das dickbuschig in allen Winkeln saß, wie ein
glatter Teppich die Flächen überzog oder in langen Fäden niederhing
über Vorsprünge und Kanten; aus allen Fugen und Rissen quoll ein
milchweißes Wasser, tropfte in zahllosen Perlen über Stein und Moos,
von Platte zu Platte, und sammelte sich zu kleinen Bächen, die
plätschernd und sprühend von Stufe zu Stufe sprangen und sich zu
einem kleinen Fall vereinigten, von dem aus ein leichter Nebel
wieder aufwärts stäubte gegen die Wände. Dunkle Latschenbüsche
und saftgrüne Almrosensträucher umrahmten dieses Bild,
überleuchtet von der Nachmittagssonne, die einen feinen
Farbenbogen durch die aufsteigenden Wassernebel spannte und die
fallenden Tropfen funkeln, glühen und blitzen machte wie
Diamanten. Dazu noch diese seltsame Staffage: auf einer der untern
Stufen Bürschl, am ganzen Leibe naß und glatt wie eine
Wassermaus, mit den Vorderfüßen gegen die Wand gestellt,
aufbellend zu dem Gemsbock, der hoch über ihm mit enggestellten
Läufen auf einer vorspringenden Felsplatte stand und mit starren
Lichtern auf den kläffenden Hund herunteräugte.
Es war ein Bild, das auch den glühendsten Jagdeifer
beschwichtigen konnte. Doch als der Bock eine Bewegung machte,
wie um einen Fluchtweg auszuspähen, riß Benno flink die Büchse in
Anschlag. Da faßte ihn Friedl am Arm: „Net schießen, Herr Dokter, es
braucht’s nimmer.“
Noch hatte der Jäger nicht ausgesprochen, als der Bock da droben
schwer und müde den Hals neigte; jetzt brachen ihm die Läufe ein,
und er stürzte über die Felsplatten herunter, bis vor Bennos Füße.
„Da haben S’ ihn!“ lachte Friedl und rückte den Hut. Dann pfiff er
dem Hund, strich ihm mit der Hand das Wasser vom Leib und
tätschelte ihm unter schmeichelndem Lob die fiebernden Flanken.
Freudig erregt und mit heißem Jägerstolz betrachtete Benno das
erbeutete Wild und dachte sich dabei in seiner Studierstube schon
die Stelle aus, die er nach seiner Rückkehr in die Stadt mit dem
schönen schwarzen Krickl des Bockes schmücken wollte.
Friedl verschränkte dem Bock die Läufe und schwang ihn auf den
Rücken. „Feist is er!“ Dann stieg er mit Benno zur Jagdhütte hinauf.
Es war das ein aus Baumstämmen erbautes Häuschen, das den
diensttuenden Jägern bei Nacht und Unwetter Herberge bot; das
Innere war in zwei Räume geteilt, von denen der eine als Küche, der
andere als Schlafstube diente.
Als die beiden zur Hütte kamen, legten sie Jagdzeug und Joppe
ab, und während sich Benno vor der Hütte behaglich auf eine
Holzbank streckte, schickte sich Friedl an, den Bock aufzubrechen.
Da fand er auch Bennos erste Kugel, die zwischen den Schultern
eingedrungen und im Brustknochen steckengeblieben war. Er hatte
seine rote Arbeit noch nicht vollendet, als Anderl eintraf, der nun
gerechtermaßen den seltsamen Schuß, die „Güte“ des Bockes und
seine schönen Krickeln bestaunte. Friedl hängte das ausgeweidete
Wild an einen Holznagel der Hüttenwand und schürte in der
Herdstube ein Feuer an. Anderl holte Wasser von einer nahen
Quelle, und bald schmorte und brodelte es in zwei eisernen Pfannen:
die Leber des erlegten Wildes für die Jäger, die Lunge für den Hund.
Während Friedl gewissenhaft das werdende Mahl überwachte, saß
Anderl auf einer Herdecke und rauchte aus seiner kurzen
Porzellanpfeife einen Tabak von zweifelhaftem Wohlgeruch. Dabei
erzählte er von seinen Jagderlebnissen in der Hinterriß, erzählte, daß
ein paar Fälle von Wildseuche vorgekommen wären, daß man den
Jagdherrn für einige Wochen erwarte, und daß Pater Philippus, der
Seelsorger von Hinterriß, einen neuen Kräuterschnaps erfunden
hätte, der ganz vorzüglich munde, besonders nüchtern genommen
des Morgens, mittags vor und nach dem Essen, und abends beim
Schlafengehen. „Und wachst in der Nacht a bißl auf, da schmeckt er
am besten. So a Schnapserl! Wer’s net kennt, der weiß net, was dös
is! Ich sag dir’s, Friedl, es wär der Müh wert, daß d’ bald amal hinter
kämst in d’ Riß, um dir vom Pater Philippus so a Glasl einschenken
z’lassen!“
„Ich lauf doch wegen eim Glasl Schnaps net bis in d’ Hinterriß. Da
möcht der Förstner a schöns Gsicht machen, wann ich um Urlaub
zum schnapsen einkäm.“
„So such dir an andern Fürwand! Vielleicht gehst deim verehrten
Freund und Spezi auf d’ Hochzeit?“
„Hochzeit? Wer macht denn Hochzeit?“
„Weißt denn du nix davon, daß der Huisenblasi in sechs Wochen
dem Grenzbauern von Hinterriß sein Madl heiret, die Margaret?“
Friedl erschrak. Er dachte an Modei und an alles Leid, das diese
Nachricht ausschütten mußte über ihr Leben. Er sah sie wieder, wie
sie am Morgen vor ihm gestanden, bleich und stumm. Nun wußte er
zu deuten, was am verwichenen Abend in Modeis Hütte geschehen
war. Er sprang vom Herd auf. Ihm war, als müßte er hinausstürmen
zur Tür, hinüber zu der einsamen Hütte.
Anderl guckte verdutzt an ihm hinauf. „Bub, was hast denn auf
amal?“
Schweigend ließ sich Friedl auf die Herdbank nieder und hob den
Hund zu sich herauf, der aufmerksam die beiden Töpfe beäugt hatte,
aus denen der Dampf sich emporkräuselte zur Hüttendecke. Friedl
streichelte dem Hund die glänzende Stirn, und als Bürschl unter dem
Behagen dieser Liebkosung sich an ihm hinaufreckte, drückte der
Jäger sein Gesicht an den Kopf des Tieres.
Anderl lachte. „Du wirst den Hund bald verzogen haben! Aber
über den Huisenblasi, scheint’s, is net gut reden mit dir? Hast schon
recht! Wenn man auch in der letzten Zeit nix mehr ghört hat –
lassen hat er ’s Wildern deswegen doch net. Da könnts ös in Fall enk
gratalieren zu seiner Hochzeit. D’ Margaretl is a Scharfe. Dö hat Haar
auf die Zähn und wird ihm ’s Wildern schon austreiben.“
Friedl nickte, ließ den Hund zu Boden springen und rief Benno zur
Mahlzeit in die Hütte.
Während die drei den bescheidenen Jägerschmaus hielten, erging
sich Benno in lustigen Vermutungen, ob der bedauernswerte
Gemsbock sich am Morgen wohl gedacht hätte, daß er noch vor dem
Abend mit Leber und Nieren den Heißhunger seiner Mörder stillen
müßte.
Bei Friedl war es freilich nicht weit her mit dem Heißhunger. Dafür
ließen es sich Benno und Anderl um so besser schmecken.
Sie kamen dann überein, daß Anderl Benno auf dem Heimweg
begleiten und den erlegten Bock nach Fall hinuntertragen sollte, weil
Friedl, wie er vorgab, seinen Aufsichtsposten nicht verlassen durfte.
Für Anderl machte es keinen Unterschied, ob er über die Berge oder
durch das Tal nach Hause wanderte. Er ging um so lieber auf den
Vorschlag ein, als dabei ein gutes Trinkgeld für ihn herausschaute
und er sich überdies wegen der vierzig Mark für den Hund nicht auf
ein späteres Zusammentreffen mit Benno vertrösten mußte.
Vergnügt lud er den schweren Bock auf seinen Rücken. Friedl sperrte
die Hüttentür ab und folgte den beiden. Wo vom talwärts führenden
Pfad der Steig zu Modeis Hütte abzweigte, bot er ihnen die Hand
zum Abschied. Dann schritten Anderl und Benno weiter. Friedl blieb
zurück und lockte mit schmeichelnden Worten den Hund. Bürschl
drehte den Kopf, schüttelte die Ohren und surrte, als Anderl an einer
Biegung des Weges verschwand, in langen Sätzen den Steig
hinunter.
„Bürschl! Bürschl! Da komm her!“ lockte Friedl. Der Hund wollte
nicht hören. Anderl scheuchte ihn mit Steinwürfen zurück. Bürschl
war nicht zur Umkehr zu bewegen. Auch als ihm Anderl unter einem
zornigen Fluch mit dem Bergstock einen derben Hieb versetzte,
sprang er winselnd nur ein bißchen auf die Seite und wäre seinem
groben Herrn wieder nachgelaufen, wenn ihn Friedl nicht gefangen
und an die Leine gelegt hätte, um den Zerrenden mit sich
fortzuführen.
„Hundsviecher und Weiberleut, da kehr ich d’ Hand net um.“ So
hörte Friedl noch die Stimme Anderls von einer Serpentine des
Steiges heraufklingen. „Schmeichelst ihnen und tust ihnen alles
z’lieb, da haben s’ den Kopf voller Mucken und sind allweil dabei
beim Ausgrasen. Dem, der s’ plagt und schlagt, dem hängen s’ an
wie Kletten, und grad Arbeit hast, wann so ebbes Unkommods
abschütteln willst.“
Beim Klang dieser Worte regte sich in Friedl ein Gefühl der
Bitterkeit. „Da muß man net grad a Weiberleut oder a Hundsviech
sein. Was Treu heißt, scheint mir, is allweil ebbes Unkommods für die
andern.“ Er beugte sich zu dem winselnden Hund hinunter und
streichelte ihm den Rücken, auf dem die gesträubten Haare noch die
Stelle des empfangenen Schlages kennzeichneten. Tief atmend
richtete er sich auf und stieg, die sinkende Sonne hinter dem
Rücken, mit raschen Schritten der Richtung von Modeis Heustadel
zu, wo ihn Lenzl schon seit Stunden ungeduldig erwartete.
Als die Sterne funkelten

A ls die Sterne funkelten und der Nachtwind rauschend von den


Felswänden hinunterfuhr ins finstere Tal, suchte Friedl mit
kochendem Blut den Heimweg zur Jägerhütte. Schlaflos warf er
sich die ganze Nacht auf seinem Heubett herum, tobenden Zorn in
jedem Gedanken. Daß Blasi der von allen Jägern gehaßte und
gesuchte Neunnägel wäre, daran hatte er nie im Traum gedacht.
Nun er es wußte, und alles andre dazu, vermeinte er kaum den
Morgen erwarten zu können, um hinauszuziehen in den Bergwald
und jeden frischen Fußtritt auf der Erde zu prüfen. Keiner ehrlichen
Jägerkugel hielt er diesen Menschen wert! Fangen wollte er ihn,
greifen und fesseln, wie man den Dieb fesselt, der zur Nacht in die
Stille der Häuser bricht. Stoß für Stoß wollte er ihn vor sich
hertreiben, den ganzen Weg bis zur Schwelle des Landgerichtes zu
Tölz, auf offener Straße mitten durch Lenggries hindurch, um ihn der
verdienten Schande preiszugeben.
Es dauerte lang, bis in Kopf und Seele des Jägers der erste
Wutsturm sich ausgetobt hatte. Als er ruhiger wurde, kam gleich der
Gedanke: Da muß man helfen! Modeis Bild, ihr Kummer, ihr
zerbrochenes Leben stieg vor seinen Augen auf. Und wie er sich
auch wehrte dagegen, er konnte es nicht hindern, daß neben dem
Willen zur Hilfe auch Träume von kommendem Glück sich rührten in
seinem Herzen. Wohl sprach er sich in der finsteren Nacht mit lauten
Worten vor, wie grundschlecht das wäre: bei allem Gram des armen
Mädels an seine eigene Liebe, an sein eigenes Herz zu denken. Aber
die heißen Wünsche, die er seit Jahren mit Gewalt in sich
unterdrückt hatte – nur seiner Mutter gegenüber war ihm in einer
schwachen, dürstenden Stunde das verschlossene Herz
aufgesprungen – flammten nun gegen seinen Willen auf, wie ein von
der Luft abgesperrtes Feuer im leisesten Windhauch auflodert,
nachdem es mit halberstickter Glut die Pfosten und Balken dörrte.
Da sah er sich schon zu Hause sitzen, in der kleinen, gemütlichen
Stube, an der Seite des geliebten Weibes, erfreut und erheitert
durch das drollige Lachen des Kindes. – Das Kind! – Da fiel dem
Jäger seine Mutter ein, die nach einem schweren, an Sorge und
Mühsal reichen Leben streng über solche Dinge urteilte – und die
Worte kamen ihm in den Sinn, die ihm die alte Frau zum Abschied
auf der Türbrücke ins Ohr gesprochen hatte.
Und war es denn nicht das Kind des Verhaßten? Nein, nein! Ihr
Kind war es, ihr Kind allein! Das waren die gleichen dunklen, tiefen
Augen, das war die Farbe ihres Haars, das war das gleiche Grübchen
im Kinn, und aus dem Lallen des Kindes hörte er immer die linde
Stimme der Mutter. Nur ein paarmal hatte er das kleine liebe Ding
gesehen und trug es schon in seinem Herzen wie sein eigen Fleisch
und Blut. Nur die Leute, die Leute – und –
Aber war er selbst denn ohne Sünde, frei von jeder Schuld gegen
Gott und Menschen? Er dachte an die Kirche und sah sich im
Beichtstuhl auf den Knien liegen. Immer und alles hatte ihm der
Pfarrer verziehen, dieser unfreundliche Herr, der die Jäger nicht
leiden konnte, weil sie ihm kein Wildbret zum Präsent machten, wie
es die Raubschützen taten. Und er, er sollte nicht vergessen und
nicht verzeihen können, nicht einmal dieser Einzigen, an der sein
Leben hing?
Dann wieder überlief ihn kalt der Gedanke, wozu er das alles
dachte und hoffte? Wie sollte denn sie ihm gut werden können, da
sie ihn schon verworfen hatte durch die Wahl eines anderen, freilich
ohne zu wissen, was er in seinem Herzen für sie empfand. Und jetzt
sollte sie ihm gut werden, jetzt, wo die Tränen um den andern noch
auf ihren Wangen brannten? Gerade jetzt sollte sie Liebe empfinden
können, da Liebe sie so grausam getäuscht und verraten hatte?
Es hielt ihn nicht länger auf dem schwülen Heubett. Er sprang auf
und trat ins Freie. Die Kühle der Nacht tat ihm wohl, und er setzte
sich draußen auf die Holzbank, um so den Morgen heranzuwachen.
Über ihm blinkten die Sterne, in der schwarzen Runde rauschten die
Bäume, und drunten auf dem Jagdsteig sang das Geplätscher des
kleinen Wasserfalles. Ruhelos stritten in der Seele des Jägers die
springenden Gedanken. Aber hell und laut in aller kämpfenden Qual
sprach immer wieder die Stimme seiner Hoffnung.
Als nach Stunden die Sterne erloschen waren und über den
Felshang die ersten falben Lichter niederflossen, erhob sich Friedl.
Eine bleierne Müdigkeit lag in seinen Gliedern. So matt und
zerbrochen hatte er sich noch nie gefühlt, wenn er von der ersten
Dämmerung bis in die sinkende Nacht umhergeklettert war in den
unwegsamsten Steinwänden, oder wenn er den schwersten Hirsch
auf dem Rücken hinuntergetragen hatte nach Fall, um das Liefergeld
zu verdienen. Langsam ging er den Steig hinunter bis zum Bach;
dort legte er die Kleider ab und stellte sich unter den klatschenden
Wasserfall, dessen Kälte ihn erfrischte und die Kraft seiner Knochen
wieder aufrüttelte.
In die Jagdhütte zurückgekehrt, brachte er Schlafstube und Küche
in Ordnung; dann zog er aus, mit dem Hund an der Leine. Als er bei
hellem Morgen die Lärchkoglalm erreichte, trat er in eine der Hütten
und ließ sich eine Schüssel mit frischer Milch reichen. Halb trank er
sie leer und stellte den Rest für Bürschl auf die Erde. Und weiter!
Still war es im Bergwald. Unter den Bäumen lag noch der
Frühschatten, der Tau noch auf den moosigen Steinen.
Wie Balsam auf brennende Wunden, so legte sich die
Bergwaldstille auf Friedls heiß erregtes Gemüt. Und als er nach
diesem langen, einsamen Tag unter Modeis Türe trat und dem
blassen Mädel zum Grüßgott die Hand reichte, waren die Bangnisse
der verflossenen Nacht von seiner Stirn gewischt. Sein Auge blickte
freundlich, sein Mund konnte lächeln.
Tag um Tag verging. Und Abend um Abend kam Friedl zur
Grottenhütte und brachte entweder einen Strauß frischer Blumen
oder einen absonderlichen Wurzelauswuchs zum Schmuck der
Hüttenwand, oder sonst ein Ding, wie es die Aufmerksamkeit ihn
suchen, der Zufall des Weges ihn finden ließ. Immer war er der
gleiche, der gleich Freundliche. Nie kam ein Wort über seine Lippen,
das Modei nur leis an die Vergangenheit erinnern oder in ihr die
Ahnung hätte wecken können, daß Friedl um alles wußte. Heiter
plauschend saß er am Herd und guckte zu, wie Modei still und ruhig
ihre Arbeit tat, oder er lauschte den verworrenen Geschichten ihres
Bruders, für den der Tag immer erst begann, wenn Friedl des
Abends in die Hütte trat. War alles getan, was das Tagwerk der
Sennerin erfordert, so saßen die drei oft stundenlang noch
beisammen vor der Hüttentür. Da nahm dann Friedl Modeis Zither
auf die Knie und sang von seinen kleinen Liedern eines, oder Modei
spielte selbst einen Ländler, und Friedl plauderte dazu von der Zeit,
da sie als Kinder auf den Straßen und Wiesen von Lenggries noch
„Blindekuh“ und „Fangemanndl“ gespielt hatten. Er dachte auch
daran, wie Modei in die Schule kam, während er schon in der letzten
Klasse saß, und wie er sie oft vor den groben Späßen der anderen
Schulbuben in Schutz genommen hatte. Davon aber schwatzte er
nicht, er lächelte nur still vor sich hin, wenn ihm das einfiel.
Diese wandellose Freundlichkeit des Jägers blieb auf Modei nicht
ohne Wirkung. Stille Ruhe legte sich auf ihr Herz und Denken; von
Tag zu Tag milderte sich die strenge Falte zwischen ihren Brauen;
und gerne lächelte sie zu einer von Friedls lustigen Geschichten.
Stark, entschlossen und besonnen, wie ihr Schicksal sie gebildet
hatte, war sie in einem einzigen Schmerz mit allem Vergangenen
und mit allen Klagen fertig geworden und dachte jetzt nur noch an
eine Zukunft notwendiger, unermüdlicher Arbeit. Freilich lag das
Gefühl der Einsamkeit wie ein drückender Stein auf ihrem Leben.
Lenzl war über seine Jahre gealtert, zuzeiten recht griesgrämlich und
für die Schwester mehr ein Gegenstand der Sorge als ein stützender
Kamerad. Und das Kind, dem nun ihr ungeteiltes Herz gehörte und
für das ihre Hände rastlos arbeiteten, war weit von ihr, war fern ihrer
Zärtlichkeit und ihrem Liebesbedürfnis.
Da empfand sie die freundliche Art und Weise Friedls wie einen
starken und warmen Trost. Wenn er sich bei Anbruch der Nacht von
der Bank erhob und dem Lenzl für den nächsten Abend das
Wiederkommen versprach, hörte sie das gerne mit an. Und wenn er
ging, und sie sah ihm nach, dann schlichen ihr unwillkürlich
vergleichende Gedanken durch den Kopf. Aber das erregte in ihr
auch wieder den Ekel über das Vergangene und den Unmut über
alles in ihr selbst, was solch ein Vergangenes erlaubt und ermöglicht
hatte. Und wenn sie zur Ruhe ging, lag sie oft lange Stunden noch
schlaflos in ihrem Kreister und dachte zurück an alles Geschehene:
wie sie als junges Mädel, fast noch als Kind, auf die Alm
heraufgezogen, wie sie sich so unglücklich, so von Gott und
Menschen verlassen gefühlt hatte, und wie Blasi eines Abends, nach
einem schweren Unwetter, zum erstenmal in ihre Hütte getreten war
und bei ihrem Anblick gestutzt und gelächelt hatte. Nicht der
schmucke Bursch mit den blitzenden Augen, nicht seine zärtliche
Werbung, nicht seine kosenden Liebesworte hatten sie zu der
unseligen Neigung beredet. Ihre Verführer waren die Einsamkeit und
die Liebessehnsucht ihres jungen Herzens gewesen. Und lange
schon, bevor sie Blasis wahre Natur in ihrer üblen Häßlichkeit
erkannte, hatte sie in Schmerz die Torheit des eigenen Herzens
erkennen müssen. Hätte nur Friedl mit seinem wohlmeinenden Rat
ihr in jener einsamen Zeit zur Seite gestanden! Dann wär’ es nicht so
gekommen, alles wäre anders – und besser! Es war Modei seltsam
zumut, als sie sich über diesem Gedanken ertappte; aber auch bei
klarem Bewußtsein konnte sie ihm nicht unrecht geben. War Friedl
nicht auch jetzt ihr guter Berater, wenn auch nur bei den kleinen
Sorgen ihres Almhaushaltes? Und das wußte sie: wenn sie jemals in
ernster Sorge was zu fragen hätte, dann würde Friedl nur raten zu
ihrem Besten.
So zehrte sie von seinem freundlichen Entgegenkommen, auch
wenn er ihr ferne war. Und wenn sie selbst nicht an ihn dachte,
plauderte Lenzl von ihm, immer wieder, mit einer Wärme und
Anhänglichkeit, die Modei oft lächeln machte.
Kam der Abend und jammerte Lenzl, daß Friedl heute „so
endslang“ ausbliebe, dann stellte sich Modei wohl unter die
Hüttentür und blickte wartend hinunter nach dem Steig.
Wieder einmal ging es auf den Abend zu. Modei hatte ihre Arbeit
früher als gewöhnlich beendet, und eben trug sie, vom Brunnen
kommend, eine Butte mit Trinkwasser zur Hüttentür, als drunten auf
dem Almsteig langsame, schwere Tritte klangen. Sie hielt inne und
horchte. Friedl war das nicht, sie kannte seinen Schritt.
Aus der Tiefe tauchte die Gestalt eines älteren Mannes herauf;
sein Gewand zeigte eine seltsame Mischung städtischer und
bäurischer Tracht: eine lange, blau und grün karierte Hose, die
Lodenjoppe und die schweren Bergschuhe, auf dem Kopf eine alte
Ulanenmütze mit großem Lederschild, hinter dem Rücken der
Bergsack, in der rechten Hand ein Hakenstock von spanischem Rohr,
und eine große blaue Brille auf der gebogenen Nase, die über
struppigem Bartgewuschel glänzte wie ein nackter, im Abendschein
erglühender Fels über dunklem Latschengestrüpp.
„Grüß dich Gott, Modei!“
„Jeh, der Doktermartl! Was suchst denn du heut noch bei mir
daheroben?“
„Laß mich nur grad a bißl verschnaufen, nacher wird sich alles
finden!“ Mit blauem Taschentuch den Schweiß von der Glatze
trocknend, kam der Doktermartl auf die Hütte zu und trat hinter
Modei in die Stube.
Doktermartl? Vor langen Jahren, als er zu Dillingen bei den Ulanen
gedient hatte, war er Gehilfe des Regimentsveterinärs gewesen. In
die Heimat zurückgekehrt, versuchte er das in solcher Stellung
errungene Wissen an den Pferden und Hunden von Lenggries und
an den Kühen der umliegenden Almen. Er „dokterte“. Und diesen,
frei von ihm, ohne Wissen und Zustimmung der Behörde gewählten
und ausgeübten Beruf vereinigte der Volksmund mit seinem
Vornamen zu dem Ehrentitel: Doktermartl.
Auf allen Almen zwischen Lenggries und Hinterriß war er bekannt
und wenn auch kein ungern gesehener, doch ein ungern gerufener
Gast. Auch auf der Grottenalm hatte er in den letzten vierzehn Tagen
des öfteren vorgesprochen, um nach Modeis kranker Kuh zu sehen.
Deshalb konnte er heut nicht kommen; die Patientin war schon
wieder gesund, und eben klang der Ton ihrer Halsglocke von der
Höhe her, während Lenzl die kleine Herde der Milchkühe
einsammelte in den Stall.
Martl erzählte der Sennerin, er käme von der Lärchkoglalm
herüber, wo es mit ein paar Kühen wieder recht schlecht stünde, und
da möchte er im Vorbeispringen nur ein paar Minuten in Modeis
Hütte rasten.
Dem Mädel erschien es wunderlich, daß man, um ein paar
Minuten zu ruhen, einen Umweg von einer Stunde macht. Dazu kam
noch, daß der Doktermartl ein bißchen konfus von fernliegenden
Dingen zu schwatzen begann, das Gespräch wieder stocken ließ,
verlegen wurde und von was anderem zu reden anhub. Modei trat
vor den Alten hin und fragte kurzweg: „Martl, du willst was? Plag
dich net lang mit Ausreden und sag’s grad aussi!“
„No also, ja, der Blasi schickt mich.“
Nicht eine Miene zuckte in dem Gesicht des Mädels. „Und?“
„Ja, gfragt is gleich, aber gsagt is so ebbes net so gschwind.
Schau, du mußt es ihm net verübeln, daß er mich in dö Sach hat
einischauen lassen! Gwiß wahr, von mir erfahrt kein Sterbensmensch
a Wörtl.“
„Meintwegen brauchst du ’s Reden net verhalten. Aber ich mein’,
der Blasi müßt dir von eh a guts Wörtl geben haben, daß d’ über ihn
nix rumredst.“
Martl zuckte schmunzelnd die Achseln. „Kann leicht sein auch.
Also, gestern hab ich ihn drunt in Lenggries auf der Post troffen. Da
hab ich ihm so ganz zufällig verzählt, daß ich heut auf d’
Lärchkoglalm auffi müßt, ja, und da hat er gmeint, ich kunnt am
Heimweg wohl dös Katzensprüngl daher machen, um an dich a
verschwiegene Botschaft –“ Martl stockte, weil Lenzl in die Stube
trat.
„Kannst unscheniert weiterreden“, sagte Modei, „vor meim Bruder
hab ich nix Heimlichs.“
„Mir kann’s recht sein!“ meinte der Doktermartl. „No und da hat
mir halt nacher der Blasi d’ Hauptsach a bißl ausananderdeutscht.
Du sollst net glauben, laßt er dir sagen, daß er auf sei’ Schuldigkeit
vergessen tät. Weil’s halt amal sein muß, schau, da hat er gmeint, es
wär doch besser, wann man in Fried und Güt ausanander käm. Du
hast mit’m Kindl Sorgen und Kösten gnug, und da wär’s net mehr als
billig von ihm, hat er gsagt, daß er dich entschädigen tät, weißt, und
da hat er selber so an zweihundert Markln denkt.“
„So? Dös laßt er uns sagen? Der Lump!“ schrie Lenzl in galligem
Zorn. „Was d’ Schwester tut, dös weiß ich net. Aber von mir kannst
dem saubern Herrn sagen, daß ich mir ganz gut denken kann, woher
ihn sein Gwissen druckt. Er war wohl schon beim Avakaten, der ihm
gsagt hat, daß derselbig Wisch, den d’ Modei unterschrieben hat,
niemals a grichtliche Gültigkeit haben kann. Und da kannst ihm
ausrichten von mir –“
„Sei stad, Lenzl!“ unterbrach ihn die Schwester. Die Hände an der
Schürze trocknend, ging sie auf den Doktermartl zu und sagte ruhig:
„Ich kann mir gar net denken, wie der Blasi dazu kommt, an mich so
a Botschaft ausrichten z’ lassen. Er hat’s ja schwarz auf weiß, daß er
zu meim Kindl in keiner Verwandtschaft steht. Und ich setz den Fall,
es wär anders, so hab ich’s selber schon lang vergessen. Wann’s
auch grad kei’ Ewigkeit her is, daß ich mich mit’m Vergessen abgib –
du als Dokter weißt ja selber am besten, daß gwisse Medizinen a bißl
arg schnell wirken. Im übrigen kannst ihm sagen, daß ich kein Geld
net brauch. Und wann ich eins brauchet, käm der Blasi lang nach’m
letzten, von dem ich eins haben möcht. So, jetzt wären wir mit der
Botschaft fertig. Jetzt kannst mir wieder verzählen, wie’s mit’m Vieh
am Lärchkogel steht. Dös interessiert mich.“
Verdutzt guckte Martl in das ernste Gesicht des Mädels, ratlos, was
er da erwidern sollte. Nach dem, was Blasi ihm mitgeteilt hatte, war
er auf eine andere Wirkung seiner Botschaft gefaßt gewesen. Den
ganzen Weg über hatte er sich auf sanfte und kluge Trostworte
besonnen, um sie bei einem heftigen und tränenreichen Auftritt
lindernd zu verabreichen. Und nun! Schweigend saß er da, rückte
verlegen die Brille und war herzlich froh, als Stimmen, die sich
draußen näherten, ihm Veranlassung gaben, ins Freie zu treten.
Lenzl folgte ihm, während Modei unter der Türe stehenblieb.
Über den höheren Berghang kam die alte Punkl
heruntergestiegen, mit Monika, ihrer Hüttennachbarin, einem
drallen, runden Mädel, das lustig jodelte, wenn auch manchmal ein
bißchen falsch. Lenzl schnitt dazu eine wehleidige Grimasse und
schalt über den Hang hinauf: „Du! Hörst net auf, da droben! Dös
fahrt eim ja wie a Stricknadel in d’ Ohrwascheln eini!“
„Geh, sei net so grantig!“ antwortete die gutgedrechselte
Sennerin. „Mich freut halt ’s Leben. Da muß ich allweil dudeln.“
„Dös glaub ich, daß d’ heut gaggerst wie a Henn, wann s’ glegt
hat. Meinst, ich hab’s net gesehen, wer heut in der Fruh aus deiner
Hütten aussigschloffen is?“
Das Mädel lachte. „Verschaut hast dich!“
„Ja, lach nur, du!“ Lenzl wurde ernst. „Und wart drei Vierteljahr!
Da fallt dir in dei’ süße Musi a Tröpfl Essig eini.“
„Meintwegen! Jetzt bin ich noch allweil bei der Süßigkeit.“ Das
Bein hebend, schrie Monika einen vergnügten Jauchzer in den
schönen Abend hinaus.
Lenzl schüttelte den Kopf. „Da is eine wie die ander. Es wird halt
so sein müssen. Sonst tät der Nachwuchs auslassen.“ Gleich einem
Betrunkenen kreischte er ins Leere: „Du, Lisei, weißt es schon –“
Verstummend griff er wie ein Erwachender mit der Hand nach seiner
Stirn und murmelte: „Jetzt glaub ich bald selber, daß ich a Narr bin.“
Bei der Stalltür sah der Doktermartl die gesund gewordene Blässin
grasen. „No also“, rief er über die Schulter zur Modei hinüber, „gelt,
ich hab dir’s gsagt: dö macht sich wieder! Am Inkreisch hat’s ihr halt
a bißl gfehlt. Dö hat beim Grasen ebbes Scharfs derwischt. So ebbes
vertragt a jeder Magen net. Es is mit’m meinigen grad so. Auf den
muß ich aufpassen wie auf a kleins Kind. Bei der zehnten, zwölften
Maß Bier macht er schon allweil Mannderln wie a derschrockener
Kiniglhaas. Jaaa, Madl, wann sich die Blässin wieder amal überfrißt
und a bißl schwermütig dreinschaut, nacher gibst ihr mein Trankl
wieder und redst recht lustig mit ihr. Bei allem, was eim weh tut,
Mensch oder Viech, hat a fidels Gemüt a segensreiche
Vereinflussung. Der Traurige stirbt allweil früher als wie der Lustige.
Dös is a Naturgsetz.“ Er schnupfte.
Mit den Gedanken bei anderen Dingen, sagte Modei: „Weil mir nur
grad dös Stückl Vieh wieder gsund is.“
„Nur nie verzagen!“ Martl hobelte mit dem blauen Taschentuch
über die Nase hin und her. „Und allweil auf Gott vertrauen!“
„Freilich, ja! Und selber gut aufpassen.“
„Da kommt er am weitesten, der Mensch. Unser Herr Pfarr is
voller Gottvertrauen. Aber wann er Hunger hat, verlaßt er sich lieber
auf sei’ Köchin.“
Müd lachend trat Modei in die Sennstube.
Hinter der Hütte droben, wo der Almbrunnen war, hatten Punkl
und Monika ihre Wasserbutten niedergestellt. Da überholte sie ein
knochiger Graukopf, dessen gedunsenes, von blauen Äderchen
durchzogenes Gesicht die Diagnose auf chronischen Suff
ermöglichte, ohne daß man medizinische Kenntnisse zu haben
brauchte. Es war der alte Veri, der emeritierte Lenggrieser
Nachtwächter, der in Monikas Hütte als Hüter eingestanden war. Auf
dem Rücken trug er eine Kraxe, die mit dem Almgewinn der Woche
beladen war. Der Alte mußte an den zwei Weibsleuten beim Brunnen
vorüber. Dabei ging es anscheinend ganz friedlich zu. Dennoch hörte
man die Punkl kreischen: „Jesses, jesses, hörst net auf! Ich schrei,
wann net aufhörst!“
„Laß mir lieber du mei’ Ruh!“ schimpfte Veri mit rauhem Bierbaß
und wackelte über den Steig zur Hütte herunter.
„He, Mannderl, was is denn?“ rief ihm der Doktermartl entgegen.
„Du wirst doch net auf die alte Punkl an Husarenangriff gmacht
haben?“
„Ah!“ Ein Schwur empörter Verneinung lag in diesem kurzen Laut.
„Der is froh“, meinte Lenzl, „wann die Punkl ihm nix tut. Gelt,
Veri?“
„Laß mir mei’ Ruh!“ knurrte der Alte und klapperte gegen den
tieferen Steig hinüber.
„Mußt abtragen?“ fragte Martl. „Oder reißt dich der Zug deines
Hörzens wieder ins Wirtshaus abi?“
„Ah!“ Das klang wie ein hundertfaches Nein in einem einzigen
Wort.
„Troffen hast es!“ nickte Lenzl. „Dem sein Schutzpatron is der
heilige Fasselianus, der auf’m Nabelfleck a Spundloch hat.“
„Laß mir mei’ Ruh, du!“ gähnte Veri und tauchte über die
Steigstufen hinunter.
„Soll er halt saufen!“ philosophierte Martl. „Ebbes muß der Mensch
allweil haben, was ihn freut. Dös is a Naturgsetz. ’s Kinderglachter
hört auf und d’ Liebsnarretei fangt an. Hinter die süßen Seufzer
kommt ’s Schwitzen bei der Arbet. D’ Arbet macht Durst, und so
verfallst auf’n Suff. ’s Leben is allweil an Übergangl. Und allzeit
brauchst a Weibsbild dazu. ’s Wiegenkitterl zieht dir d’ Mutter aus, ’s
Hochzeiterhemmed spinnt dir dein Bräutl, und ins kalte Leichenfrackl
hilft dir an alts Weib eini. Ohne Hilf kommt der Mensch net aus, und
für a Mannsbild is d’ Vielweiberei a Naturgsetz.“
Vom Almbrunnen klang die Stimme der Monika: „Je, Doktermartl,
du bist da!“
„Geh, komm abi, du runde Erfindung Gottes! Nach deine Küh hab
ich mich schon umgschaut auf der Weid. Jetzt mußt mir noch sagen,
wie’s dir geht.“
„Net schlecht!“ Das Mädel hopste über den buckligen Rasen
herunter, wandte sich, höhlte die Hände um den Mund und rief zum
Brunnen hinauf: „Höi! Punkl! Komm abi!“
Die Alte droben guckte. „Was hast gsagt?“
„Abi sollst kommen!“ grillte Monika im höchsten Diskant. „Der
Martl is da.“
„Jessas, ja, gleich, bloß d’ Händ muß ich mir waschen.“
Lenzl gab den Ratschlag: „Da soll s’ ihr Gsicht auch gleich
mitspülen, daß man ’s Häutl wieder amal sieht.“
„Bei mir macht s’ deswegen doch kei’ Eroberung!“ lachte der
Doktermartl.
„Im Alter täts ös zwei grad zammpassen.“
„Was? Ich bin noch in die besten Jahr. Aber die Punkl is schon
älter als wie der luthrische Glauben.“
„Du, da hast sparsam grechnet!“ kicherte Monika. „Die is schon
älter, als Gott allmächtig is. Bei der Punkl wird d’ Nasen schon grau.“
Jetzt kam die Alte. „So, da bin ich. Grad freuen tut’s mich, daß da
bist, Martl! Hab dich schon lang ebbes fragen wollen. Für an
Menschen wirst wohl auch an Rat haben, wann auch bloß fürs Vieh
gut bist.“
„Da bin ich grad der richtige für dich. No also, wo fehlt’s denn?
Mußt mir halt von deim Leiden a Bild machen.“
„Na, naaa –“ Errötend schüttelte Punkl den grauen Zwiebelkopf.
„Auf Ehr und Seligkeit, bei mir is kein Mannsbild gwesen.“
Martl brüllte ihr ins Ohr: „Wo’s fehlt, hab ich gfragt.“
„Ah so? Ja, schau, mir is allweil so viel entrisch, net recht und net
schlecht, ich weiß net, wie. Drucken und stechen tut’s mich, allweil
tut’s a so wumseln in mir, und überall hab ich Kopfweh.“
„Was?“ Martl machte eine allesumfassende Handbewegung.
„Überall?“
„Jaaa, grad da hab ich’s am allerärgsten.“
„Teifi, Teifi, Teifi! Bei dir findt halt ’s Kopfweh kein’ Kopf net, weißt,
und verschlagt sich nach alle Windrichtungen.“ Der Almhippokrates
zeigte ein ernstes Gesicht. „Dös is a bedenklicher Kasus.“
„Ah naa, Kaas hab ich heut kein’ gessen. Rahmnockerln hab ich
mir gmacht.“
„Mar’ und Joseph! Rahmnockerln? In dem Zustand!“ Martl
schüttelte sorgenvoll das Haupt. „O du arme Seel! Da wirst sterben
müssen.“
Während die zwei anderen lachten, rundeten sich die Augen der
Alten in wachsender Angst: „Herr jöises, jöises, jöises!“
Mit dem Kinn in der Hand, studierte Martl das Aussehen der
Patientin und brüllte: „Wie! Streck amal dein Züngl aussi!“
Punkl tat es.
„Lang gnug wär’s!“
„Was hast gsagt?“ Nach dieser flinken Frage puffte die Alte gleich
den krebsroten Lecker wieder heraus.
„Dein Pratzl tu her! Daß ich den Geblütschlag visatieren kann.“
„O heilige Maaarja!“ klagte Punkl. „Was meinst denn, daß mir
fehlt?“
Er schrie ihr ins Ohr: „Jetzt drah dich um a bißl!“
Die Patientin begann obstinat zu werden. „Na, na, na, dös tu ich
net. Hint aussi fehlt mir gar nix. Da bin ich gsund.“
„Umdrahn, sag ich! Der Dokter muß alls beaugenscheinigen.“
Martl wirbelte die Alte energisch herum und legte das Ohr an ihren
Rücken, tief unten, wo er schon anfängt, anders zu heißen. Und
während die Alte sich in steigendem Schreck bekreuzigte, staunte
der Medikus: „Herrgottsakra, da drin rumpelt’s wie in der
Kaffeemühl!“ Kopfschüttelnd richtete er sich auf. „Da kenn ich mich
noch allweil net aus. Wärst a Kuh, so wüßt ich schon lang, wie ich
dran bin mit dir. Aber ’s Menschliche hat seine Hakerln. Tu mir amal
dein’ Zustand a noch bißl diffanieren!“
„Mein, es tut mich halt gar nix freuen!“ trenzte die Alte wie ein
Kind, das nah am Weinen ist. „Bald tut’s mich frieren, bald muß ich
schwitzen. Und allweil betrüben mich so gspaßige Traurigkeiten.
Allweil tu ich ebbes mängeln und weiß net, was. Und so viel harte
Nächt schickt mir der liebe Gott! Ich sag dir’s, Martl: oft liegt’s mir
wie a paar Zentner auf der Magengrub. Und allweil muß ich von die
Mannsbilder träumen.“
„Ah sooooo?“ Weil die zwei andern lachten, zürnte der weise
Mann: „Dös is fein gar nix zum Lustigsein! Dös is a gfahrlicher
Zustand!“
„Jöises, jöises, jöises!“ Unter Tränen streckte Punkl die Zunge
wieder heraus.
Da sagte Lenzl mit wunderlich schrillen Lauten: „Ich kunnt dir
schon sagen, was dir fehlt! Hungerleiden is hart. Bloß ich kann’s. Die
andern sterben dran.“ Seine Augen irrten, während er mit der Hand
die Stirne rieb. „Was hab ich denn sagen wollen?“ Er sah die Alte an
und konnte lachen.
„Ös zwei! Gehts a bißl auf d’ Seiten!“ befahl der Doktermartl.
„Jetzt muß ich mit der Punkl medazinisch reden.“
„Ui jegerl!“ Kichernd zog Monika den Lenzl zum Stall hinüber. Und
Punkl fragte in Angst: „Was is denn? Was is denn? Is dös ebbes
Ansteckets? Oder muß ich ebba schon bald sterben?“
Martl wollte reden, blieb stumm und besann sich.
„Malefiz noch amal, wie mach ich denn jetzt dös?“
„Was hast gsagt?“
Er brüllte der Alten ins Ohr: „Mit dir laßt sich ’s Medazinische
schwer verhandeln. Weil man schreien muß, daß d’ Leut alles
hören.“
„Muß ich sterben?“ wimmerte Punkl. „Muß ich sterben?“
Ohne ihre Klage zu beachten, rief Martl zum Stall hinüber: „Ös
zwei! Halts enk d’ Ohrwascheln a bißl zu!“ Gleich steckten die beiden
ihre Zeigefinger als Stöpsel in die Ohren.
„Martele, liebs Martele, so sag mir doch um Gotts willen: muß ich
sterben?“
„Ah na! Du kannst hundert Jahr alt werden. Aber plagen wird’s
dich noch bis an dein tugendhäftiges Lebensende. Dös is a
Naturgsetz.“
Um der hundert Jahre willen wagte die Alte ein bißchen
aufzuatmen. „Was hab ich denn nacher für a Leiden?“
Mit Löwenstimme verkündete der Isartaler Äskulap: „D’
Altjungfernkrankheit hast! Da hat sich ’s verhaltene Geblüt auf d’
Nerviatur gschlagen. Und dös wumselt und rumpelt a so in dir.
Naturgsetz! Da kannst nix machen. D’ Unschuld is ebbes Schöns.
Aber wann s’ gar z’ lang dauert, hat s’ ihre Mucken. Da säuerlt s’ in
eim Menschen wie ’s Bier im überständigen Faßl!“
„Gelt, ja? Gelt, ja?“ pflichtete Punkl in heißem Eifer bei. „Oft schon
hab ich mir denkt: ich hätte net so fest bleiben sollen vor a zwanzg a
dreißg Jahr. Jetzt hab ich den Schaden. Jöises, jöises! Aber da wird
man ja doch um Gotts willen noch helfen können?“
„Bei dir?“ Nach kurzer Betrachtung der Patientin erklärte Martl
entschieden und im reinsten Hochdeutsch: „Nein!“ Dann rief er zum
Stall hinüber: „So, ös zwei, kommts wieder her da!“
Nachdenklich kraute Punkl sich hinter den Ohren und murmelte
vor sich hin: „Da muß ich mich a bißl umschaun – daß ich mei’
Gsundheit wieder find.“
„Grüß Gott beinander!“ klang die Stimme Friedls, der über den
Hang des Steiges herauftauchte. Ihm voraus lief Bürschl, der
winselnd in der Hüttenstube verschwand.
Von allen wurde Friedl begrüßt. „Schau, schau“, sagte Monika, als
sie ihm die Hand reichte, „bist schon wieder da? Seit vierzehn Täg is
ja der Modei ihr Hütten ’s reine Pirschhäusl! Da geht der Jager aus
und ein wie der Pfarr in der Sakristei.“
„Sei net neidisch!“ fiel der Doktermartl ein. „Du wirst auch dein’
trosthaften Kapuziner haben!“
Lachend versetzte ihm das Mädel einen Puff und ging zum
Brunnen.
Der Jäger stieg zur Hüttentür hinauf. Als er an Lenzl vorbeikam,
fragte er leis: „Wie geht’s ihr denn?“
„Gut!“ flüsterte Lenzl, während Friedl Gewehr und Bergstock
neben der Tür an die Hüttenwand lehnte. „Modei, geh, komm aussi,
es is wer da!“
„Ja“, klang die Stimme der Sennerin aus der Hütte, „der Bürschl
hat sein’ Herrn schon bei mir angmeldt.“ Modei trat unter die Tür
und reichte dem Jäger die Hand. „Grüß dich Gott! Wie geht’s dir
denn?“
Friedl lachte mit heißem Gesicht. „Gut geht’s mir, jetzt schon gar!“
„Bist gestern auf d’ Nacht gut heimkommen?“
„Gwiß auch noch! Wirst dich doch net gsorgt haben um mich?“
„Mein, weil’s gar so finster war, wie d’ fort bist. Aber jetzt mußt
mich schon a paar Minuten verentschuldigen, bis ich drin vollends
zammgräumt hab. Schau, hast ja derweil Gsellschaft da.“ Modei
nickte ihm lächelnd zu und kehrte in die Hütte zurück.
„Laß dich net aufhalten!“ rief ihr Friedl nach. „Z’erst d’ Arbeit und
nacher ’s Vergnügen, sagt der Herr Pfarr, wann er von der Kirch ins
Wirtshaus geht.“ Er trat zu den andern.
„Soooo!“ sagte eben der Doktermartl nach einer ausgiebigen Prise
seines Schnupftabaks. „Jetzt hab ich klare Augen für’n Heimweg.“
„Aber! Martl! Du wirst doch net gehn, grad weil ich komm?“
„Ah na! Mit dir bin ich allweil gern beinand, du Seelenräuber!“
Freundlich betrachtete Martl den Jäger. „Aber es tut schon bald
zwielichtln, der Heimweg is weit, und müd bin ich. Der Diskurs mit
die vielen Rindviecher hat a geistige Abspannung bei mir veranlaßt.
Ja, mein Lieber! ’s Doktern! Dös is an aufreibende Arbet. D’ Viecher
mach ich gsund, und ich selber geh drauf dabei. No also, pfüe Gott
mitanand!“
Da erwachte die alte Punkl aus ihrer kummervollen
Gedankenarbeit. Sie schien einen hoffnungsreichen Einfall zu haben.
„Hö! Martl! Wart noch a bißl! Zu dir hab ich a Zutrauen.“
„Mar’ und Joseph!“ In drolligem Entsetzen flüchtete Martl über den
Steig hinunter. „Bloß jetzt kein Naturgsetz!“
„Jöises, jöises, so laß dir doch a bißl Zeit. Ich muß dich
medazinisch noch ebbes fragen.“ Die Alte zappelte unter
hoffnungsfreudigem Grinsen hinter dem Verschwundenen her. Und
vom Brunnen rief lustig die Monika herunter: „Du, Viechdokter! Jetzt
brauchst an guten Schutzengel. Sonst passiert dir ebbes!“
Verwundert fragte Friedl: „Was hat denn die Alte?“
Lenzl zuckte die Achseln. „Gsund möcht s’ halt sein.“
„Was hat s’ denn für a Krankheit?“
„Die gleiche wie du. Bloß a bißl anders.“
„Geh, du Narr du!“ Der Jäger lachte. „Ich? Und krank? Ah na!
Gsund bin ich allweil.“
„Grad von der Gsundheit kommen die ärgsten Leiden.“
„Aber Lenzl! Hat’s dich heut schon wieder?“
Leis lachte der Alte. „Wie gscheider einer wird, um so leichter
glauben die andern, daß er a Narr is.“ Er spähte zur Hüttentür
hinüber. „Lus auf, ich weiß dir was Neus.“ Unter hetzendem Geflüster
erzählte er von der Botschaft, die Blasi durch den Doktermartl hatte
ausrichten lassen.
In Erregung lauschte Friedl und hörte mit Freude, wie Modei den
Botengänger abgefertigt hatte. Zögernd fragte er: „Hat d’ Schwester
gweint?“
„Net an einzigs Zahrl!“ In Lenzls Augen brannte eine wilde Freude.
„Es macht sich, Friedl, es macht sich! Und alle miteinander halten
wir Stuhlfest, du und d’ Schwester, und ich und ’s Lisei. Und Balken
spreißen wir eini untern Tanzboden. Und nachher –“ Sein verstörter
Blick suchte im Leeren. „Was hab ich denn sagen wollen? Steh ich
schon lang bei dir vor der Hütten da? Es kommt mir so für, als tät’s
hundert Jahr her sein, derzeit wir gredt haben mitanand!“ Den Kopf
schüttelnd, ging er davon und murmelte: „Gspaßig, was unserm
Herrgott für Sachen einfallen!“ Müd, wie ein an allen Gliedern
Zerbrochener, stieg er gegen den Berghang hinauf, über den schon
die ersten Schatten des Abends fielen.
Modei trat aus der Tür

M odei trat aus der Tür. Sie hatte die Arbeitsschürze abgelegt und
eine weiße umgebunden; über dem Mieder trug sie eine kurze,
offene Jacke. In der einen Hand hielt sie einen blauen
Leinenrock, in der anderen ein altes Zigarrenkistchen, das angefüllt
war mit allerlei Nähzeug.
„Was is denn?“ fragte der Jäger. „Willst dich gar noch zur Nahterei
hocken? Siehst ja fast nix mehr.“
„A halbs Stündl tut’s es schon noch. Untertags hab ich kei’ Zeit.“
Modei setzte sich auf die Steinbank, nahm den blauen Rock übers
Knie, stellte das Kistchen neben sich und unterzog einen langen,
klaffenden Riß einer aufmerksamen Betrachtung. „Und ich möcht
mei’ Sach allweil sauber beinand haben. Geh, setz dich her da! D’
Nahterei macht sich leichter, wann man a bißl plauscht dazu. Heut
mußt dich auch net so tummeln mit’m Fortgehn, heut hast an guten
Heimweg, der Himmel is klar, und der Mond wird da sein, vor’s Nacht
is.“
„Ich geh heut gar nimmer ummi in d’ Jagdhütten“, sagte Friedl,
während er sich neben Modei auf die Bank niederließ.
„Wo gehst denn nacher hin?“
„Heim, nach Fall abi.“
„Morgen kommst aber wieder auffi?“
„Na! Von morgen an hab ich d’ Aufsicht im Rauchenberg, und an
andrer Jagdghilf, wahrscheinlich der Hies, kommt auf vierzehn Täg in
den Bezirk da.“
Modei hob das Gesicht. „Geh! Kommst nacher du vierzehn Täg
lang gar nimmer da her?“
„Der Dienst halt! Was kannst da machen!“
Modei beugte sich seufzend über ihre Arbeit; achtsam schnitt sie
mit einer plumpen Schere aus dem Rock an der Stelle des Risses ein
großes Viereck heraus und säbelte ein ebenso geformtes, etwas
größeres Stück aus einer alten, löcherigen Schürze, die schon öfters
zu ähnlichen Reparaturen Stoff hatte hergeben müssen. Während sie
das Leinenstück mit Stecknadeln über die Lücke des Rockes heftete,
sprach sie vor sich hin: „Es is mir gar net recht, daß ich dich solang
nimmer sehen soll. Ich hab mich ganz gwöhnt dran, daß d’ jeden
Abend da bist.“
Dem Jäger fing das Herz zu hämmern an, und auf seinen Lippen
lagen hundert Fragen; mit Gewalt zwang er sie zurück und hielt
schweigend den Blick auf die emsigen Finger gerichtet, die in die
Nadel den blauen Faden zogen, einen Knopf an das Ende flochten
und dann eifrig zu sticheln begannen. So guckte er lange zu. Dann
sagte er: „D’ Nahterei muß a schwere Sach sein!“
„Können muß man’s halt.“
„Freilich, ja. Wann ich a Nadel einfadeln will, brauch ich allweil a
halbe Stund dazu. So a Nadel, so a feine, is a Ludersteuferl!“ Weil
Modei ein bißchen lachte, rückte er mutig näher. „Wann ich jetzt
vierzehn Täg nimmer komm, tut’s dir auch wirklich a bißl ahnd nach
mir?“
„Gwiß, Friedl! Du bist allweil gleich gut aufglegt und unterhaltsam.
So bist gegen alle Leut. Aber es kommt mir so für, als wärst du’s
gegen mich noch a bißl mehr wie zu die andern. Bist a guter
Mensch!“
„Gut?“ Er lächelte. „Ich weiß schon, d’ Leut sagen so: a guter
Mensch – und da meinen s’: a Rindvieh.“
„Geh! Na!“
„Aber glaub mir’s, Madl: ’s richtige Gutsein is grad so a schwere
Arbet wie d’ Nahterei. Oft schon in der Nacht bin ich gsessen mit
brennheiße Augen. Und hab gstritten mit’m Unmutsteufel in mir. Gut
sein müssen, weil man net anders kann, dös is a Gwicht, an
unkommods. Aber gut sein mögen und ’s Gutsein derzwingen, dös
macht eim ’s Leben besser.“ Friedl stellte die Nähschachtel, die
zwischen ihm und Modei stand, auf die andere Seite und rückte
näher. „Wann ich gut bin, weiß ich allweil, warum.“
Ein kurzes Schweigen.
„Friedl?“
„Was?“
„Bist gut zu mir? Und weißt, warum?“
„Ja. Weil d’ es verdienst. Und weil ich mir denk, du kunnst a bißl
Freundschäftlichkeit grad jetzt gut brauchen.“
Das Mädel hob die Augen. „Brauchen?“ Das hatte strengen, fast
erregten Klang. „Warum?“
Friedl hätte viel darum gegeben, wenn er das unvorsichtige Wort
wieder ungesprochen hätte machen können. Verlegen sah er in
Modeis Augen. „No ja –“
„Du?“ Ihre Stimme zitterte. „Du weißt was?“
„Alles!“
„Von wem?“
„Augen hab ich ja selber. Und –“
„Der Lenzl? Gelt?“ In Zorn war Modei aufgesprungen. Wortlos
kramte sie ihr Nähzeug zusammen. Als sie sah, daß ihr Friedl den
Weg zur Tür vertrat, schob sie das Kistchen wieder auf die Bank,
setzte sich und nähte schweigend weiter.
„Deswegen mußt dich net alterieren!“ sagte Friedl und stellte die
Schachtel fort. „Ich mein’ dir’s gut! Und bei mir is a heimlichs Wörtl
aufghoben. Da brauchst dich net fürchten.“
„Fürchten?“ Sie unterbrach die Arbeit nicht. „Ah na! ’s Fürchten
hab ich verlernt. Glauben und Fürchten is allweil an Einzigs. Verliert
man ’s Strumpfbandl, nacher rutscht der Strumpf halt auch. Die
letzten Wochen haben fest grissen an mir. Den ganzen Tag so allein!
Und alles allweil einiwürgen! Vielleicht is’s grad gut für mich, daß d’
alles weißt. Da hab ich doch wen, mit dem ich reden kann.“ Die
Stimme erlosch ihr. Sie drehte das Gesicht auf die Seite, wollte
einfädeln und fragte mit erwürgtem Laut: „Wo is denn d’ Schachtel
schon wieder!“
Friedl machte einen flinken Griff. „Is schon da!“
Sie zog den Faden von der Spule und krümmte sich plötzlich tief
hinunter, von lautlosem Schluchzen geschüttelt.
„Mar’ und Joseph!“ Erschrocken rüttelte Friedl sie an der Schulter,
rückte näher, stieß die Schachtel fort und umschlang das Mädel.
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