Peter Schlobinski
Jugendsprache und Jugendkultur
¹Die Dçsternis miûfållt dem GROSSEN BOSS. Buchumschlag ± ¹Ein affengeiles Buch, das echt
Man sieht ja nicht die Hand vor Augen! råsoniert anfetzt, wer es sich reinzieht, wird mehr Durch-
er. Licht! Aber ein biûchen dalli! Prompt wird es blick habenª ± gibt das Motto vor: Lerne die
hell.ª1 So lautet Genesis 1,3 ¹Gott sprach: Es Jugendsprache und du wirst die Jugend besser ver-
werde Licht. Und es wurde Lichtª in jugend- stehen: ein gutes Rezept, wenn es funktionieren
sprachlicher Version. Kriemhilds Traum aus den wçrde. Nicht anders das zum neuen Renner avan-
Nibelungen liest sich im jugendsprachlichen Duk- cierte Lexikon ¹affengeil. Ein Lexikon der
tus wie folgt: ¹Eines Nachts kann Hildchen nicht Jugendspracheª von Hermann Ehmann5. Dort
ordentlich pennen, weil Vollmond ist. Vielleicht heiût es auf dem Buchrçcken: ¹Die Jugendsprache
hat sie sich aber auch nur zu viel Wildschweinbra- der neunziger Jahre ist um einiges abgepfiffener
ten reingepfiffen. Jedenfalls hat sie einen Alp- als diejenige vergangener Jahrzehnte ± und gleich-
traum, der glatt bei Freudi geklaut sein kænnte: sie zeitig auch um einiges geiler, heiûer und cooler.
hat einen Falken hochgepåppelt, auf den sie total Wer da bislang æfter mal tierisch ohne Durchblick
spitz ist, låsst ihn eines Tages in Richtung Himmel da stand, der kann nun nach Lektçre dieses Lexi-
starten und sieht, wie zwei Adler auf ihn los- kons die Provo-kids radikalinski abfahren lassen
dçsen und ihn allemachen.ª2 Und das Mårchen und kråftig mitsçlzen.ª Die Buchdeckel der
¹Schneewittchenª beginnt auf ¹Kanakischª wie Bçcher von Mçller-Thurau6 und Ehmann7 spiegeln
folgt: ¹Es war ma ein krasse geile alte Tuss, dem den Zeitgeist wider: Ziert ein zart gesprayter Graf-
hatte Stiefkind. Dem alte Tuss hat immern in seim fity den Einband des ersteren, springt bei dem
Spiegeln geguckt un den angelabert: ,Spiegeln, Buch von Ehmann eine zåhnefletschende Comic-
Spiegeln an scheissndreck Wand, wem is dem Bulldogge aus einem Berliner Mauerbild auf den
geilste Tuss in Land?` ,Du selbern, isch schwær!`, Betrachter zu. Eine Begrçndung wird in der Vor-
hat dem Spiegeln gesagt.ª3 bemerkung mitgeliefert: Schlieûlich gibt es ¹Ent-
wicklungstendenzenª in der Jugendsprache ± ¹so
vor allem die ståndig zunehmende Quantitåt an
aggressiven Brutalismen, Grobianismen und vul-
I. Jugendsprache als Objekt gåren Fåkalismenª8. Liegt dem Wærterbuch
der Medien zumindest eine sprachwissenschaftliche Untersu-
chung zugrunde9 ± die allerdings auf einer åuûerst
fragwçrdigen Fragebogenerhebung basiert und zu
So oder åhnlich sind die Texte, die, mit dem Eti- grob pauschalierenden Urteilen kommt ±, ordnet
kett Jugendsprache oder Jugendslang versehen, Mçller-Thurau Wærter und Wendungen hinsicht-
nicht nur den Lesestoff von Jugendlichen bilden, lich bestimmter Themenkomplexe an, z. B. nach
sondern auch und gern von Erwachsenen gelesen dem Thema Zweierkiste oder Betroffenheit, ohne
werden. Fçr die Beliebtheit solcher Texte und ent- jedoch irgendeine Basis fçr diese Zuordnungen zu
sprechender Lexika zeugen die zahlreichen Publi- haben, mit der Konsequenz, ¹dass er einen ent-
kationen zum Thema seit den achtziger Jahren. sprechenden Wesenszug von Jugendsprache eher
Das wohl bekannteste Beispiel ist der Renner von sucht als findetª10. Der Stoff, aus dem Bçcher wie
Claus-Peter Mçller-Thurau ¹Laû uns mal ne dieses und åhnliche fabriziert sind, stammt aus
Schnecke angrabenª4, der in kçrzester Zeit in die erhærten Beispielen ± wann, wo, unter welchen
Bestsellerlisten vorstieû und dem Spiegel einen Bedingungen gehært? ± und fiktiven Texten.
Artikel wert war. Der stilisierte Slogan auf dem
1 Fred Denger, Der grosse Boss: d. Altes Testament unver- 5 Hermann Ehmann, affengeil. Ein Lexikon der Jugend-
schåmt fromm neu erzåhlt, Frankfurt/M. 1984, S. 17. sprache, Mçnchen 1982.
2 Uta Claus/Rolf Kutschera Rolf, Total krasse Helden. Die 6 Vgl. C.-P. Mçller-Thurau (Anm. 4).
bockstarke Story von den Nibelungen, Frankfurt/M. 1986, 7 Vgl. H. Ehmann (Anm. 5).
S. 23±24. 8 Ebd., S. 10
3 Michael Freidank, Wem is dem geilste Tuss in Land? 9 Vgl. Hermann Ehmann, Jugendsprache und Dialekt, Op-
Mårchen auf Kanakisch un so. Frankfurt/M. 2001, S. 75. laden 1982.
4 Claus-Peter Mçller-Thurau, Laû uns mal ne Schnecke 10 Franz Januschek, Die Erfindung der Jugendsprache, in:
angraben. Sprache und Sprçche der Jugendszene, Dçssel- Osnabrçcker Beitråge zur Sprachtheorie, 41 (1989), S. 125±
dorf ± Wien 1983. 146, hier: S. 137.
Aus Politik und Zeitgeschichte B 5 / 2002 14
Freddy: Na los, Mister Prego! Fahr mal das Rçlpswasser an.
Garezzo: Bitte?
Freddy: Na, ne Splitte! Gluck, gluck! Durscht! Heh?!
Garezzo: Haha! Gluck, gluck! Bene!
Freddy: Ja, fçr uns beede! Mmh.
Freunde: Was denn?! Geht wohl schon los! Ach, nur ne kleine Vorfeier. Ach, hier gibts Sekt.
Freddy: Komm, das trinkt Vater.
Garezzo: Gute Marke! Prima, was?!
Freddy: Nun laû uns mal n biûchen allein, Våterchen. Hopp!
Garezzo: Hoho, si si. Hab sowieso in Kçche zu tun. Pardon.
Freddy: Hey, ihr Pinsel! Schwingt die Keulen! Die Miezen wollen bewegt werden.
Sissy: Hey!
Gçnther: Hey, was isn los?!
Freddy: Hat wohl ne Mattscheibe, oder was.
Gçnther: Nicht nur n biûchen, du.
Freddy: Na, du guter Junge.
Klaus: Ausgeschlossen! Ich komm heute abend nicht weg. Da låsst er einfach nicht mit sich reden.
Gçnther: Was heiût reden?
Freddy: Vom Reden wird nichts, du Flaschenkopp! Hart sein musste. Tough.
Klaus: Und wenns schief geht?
Gçnther: Ha, schief gehen.
Freddy: Ach Quatsch! Bei mir geht nichts schief. Bei mir geht alles mit Kæpfchen. Musste langsam
gemerkt haben. Ûbrigens, hab jetzt 'n Verbindungsmann da sitzen, mmh!
Klaus: Wo?
Freddy: Erfåhrste alles heute abend.
Gçnther: Glåser putzen!
Freddy: Hey! Also ein fçr allemal: Entweder du bist heute abend da, oder du kannst dir deine Kno-
chen numerieren lassen.
Klaus: Au!
Gçnther: Falls du noch 'n Doktor findest, der sich die Mçhe macht. Pfeife!
Quelle: Szene aus dem Film ¹Die Halbstarkenª (1956).
In Wærterbçchern populistischer Machart sind In seinem Literaturbericht zur Jugendsprache12
¹ . . . Teile des jugendsprachlichen Lexikons . . . unterscheidet Edgar Lapp13 fçnf Phasen der
Versatzstçcke der Medien. Jugendsprache wird Jugendsprachforschung:
medial funktionalisiert, das soll heiûen: Sie wird zu
einem Spielzeug der Medienª11. ± die Vorlåufer: historische Studenten- und
Schçlersprache;
± die fçnfziger Jahre: ¹Halbstarken-Chinesischª;
II. Jugendsprache und Jugendkultur ± die sechziger Jahre: ¹Teenagerdeutschª;
im Spiegel der Forschung
± die siebziger Jahre: ¹APO-Spracheª, ¹Szene-
Spracheª und ¹Schçlerdeutschª;
Dass dieses Spielzeug der Medien nicht Jugend-
sprache, sondern eine medial gespiegelte Stilisie- ± die achtziger Jahre: ¹Die groûe Vielfaltª.
rung von Jugendsprache ist, ist offensichtlich.
Aber auch die Forschungen zur Jugendsprache Ûber zehn Jahre nach Erscheinen von Lapps Bei-
waren und sind ein Spiegelbild der jeweiligen trag kænnen wir die Chronologie fortsetzen mit:
gesellschaftlichen Verhåltnisse, der Meinungen
und Haltungen gegençber der Jugend im jeweili- 12 Zum Forschungsstand vgl. auch die Studienbibliographie
von Eva Neuland, Jugendsprache (= Studienbibliographien
gen historischen Kontext. Sprachwissenschaft 29), Heidelberg 1999.
13 Vgl. Edgar Lapp, Jugendsprache: Sprechart und Sprach-
11 Helmut Henne, Jugend und ihre Sprache. Darstellung, geschichte seit 1945. Ein Literaturbericht, in: Sprache und
Materialien, Kritik, Berlin-New York 1986, S. 198. Literatur in Wissenschaft und Unterricht, 63 (1989), S. 53±75.
15 Aus Politik und Zeitgeschichte B 5 / 2002
± den neunziger Jahren: ¹der Mythos von der zu tun [hat], daû beide Gruppen am Rande der
Jugendspracheª, ¹jugendliche Sprachregister normalen Gesellschaft [stehen] . . . und ihre Rand-
und Sprachstileª. stellung auch in Worten, in einem anderen Sprach-
gebrauch, zum Ausdruck [bringen]ª17. Wen wun-
Es ist kein Zufall, dass die eigentliche Jugend- dert es dann, wenn Jugendliche und ihre Kulturen
sprachforschung erst nach 1945 ansetzt, denn stigmatisiert und in die Sperrbezirke der ¹norma-
durch die anglophonen Einflçsse boomte in den lenª Gesellschaft verbannt werden?
fçnfziger Jahren eine eigenståndige Jugendkultur,
die sich gegen die Werte und Normen etablierter
Erwachsenenkulturen stellte und weite Teile der Wenn Jugendliche als am Rande der Gesellschaft
Gesellschaft erfasste. Schon damals wurden das stehend betrachtet werden, so ist es nur konse-
¹Gezappelª und die ¹Niggermusikª ebenso kriti- quent, ihre sprachlichen Ausdrucksformen als Son-
siert wie die immer stårker zunehmenden Ameri- dersprache zu klassifizieren und die entsprechen-
kanismen. Kein Film drçckt das Lebensgefçhl der den sondersprachlichen Merkmale zu suchen. Dies
jugendlichen Subkultur der fçnfziger und begin- war die Forschungsstrategie çber Jahrzehnte und
nenden sechziger Jahre besser aus als Die Halb- hat sich im Sammeln von Wærtern niedergeschla-
starken (1956) mit Horst Buchholz in der Haupt- gen. Zu welchen Stigmatisierungen eine ideolo-
rolle (vgl. Kasten). Seit dem Rock 'n' Roll haben gisch voreingestellte Lexikographie fçhren kann,
sich Jugendkulturen ihren Markt erobert und sind zeigt sich beispielhaft bei Joachim Stave zu Syno-
als Markt erkannt worden ± seit dieser Zeit kann nymen fçr Mådchen:18 ¹Unter den Synonymen fçr
auch erst von einer Jugendsprachforschung ge- Mådchen (20 auûer Zahn) gibt es einige fremdartig
sprochen werden, die immer in sprach- und ideolo- klingende Wærter, die etwas lçmmelhaft Dumpfes
giekritische Argumentationszusammenhånge ein- an sich haben: Ische, Brieze, Irze, Mosse,
gebunden war. Zentraler Aspekt hierbei war und Schramma, Kante, Brumme. Sollten diese Wærter
ist der immer wieder postulierte Sprachverfall tatsåchlich in Umlauf sein (was wir bisher nicht mit
durch die Jugend. Jugendsprache sei ein ¹Jargon Sicherheit feststellen konnten), so sind es treffend
einer bestimmten Sondergruppeª, der den ¹græ- Metaphern fçr eine grobschlåchtige Einstellung
ûeren und wertvolleren Teil der Jugend erniedrigt zum anderen Geschlecht, wie man sie den Halb-
und beleidigtª, schreibt Heinz Kçpper14, der in sei- starken zutraut.ª19
nem bekannten Wærterbuch der deutschen
Umgangssprache15 Lexikoneintråge eben dieses Kein Hinweis darauf, dass Ische, Brieze und Brumme
¹Jargonsª als ¹halbwçchsigensprachlichª markiert berlinische Wærter sind, dass Schramma mæglicher-
(vgl. Kasten). weise eine maskuline Form von Schramme ist; keine
Einbeziehung des Kontextes in die Bedeutungsana-
lyse, keine Berçcksichtigung regionaler und sozialer
Faktoren. Stattdessen: pauschalierte Stigmatisierung
der Jugendlichen, deren ¹Halbstarkensprache . . .
III. Jugendsprache ± Sprach- und ruppig und pæbelhaftª20 klinge. Obwohl bereits
Sabine Pape21 darauf hingewiesen hat, dass solch
Kulturverfall? positivistisch orientierte Lexikographierungen ¹nicht
als geeignetes Mittel zur Feststellung und Abgren-
zung von Gruppensprachen angesehen werden [kæn-
Die Ansicht, dass Jugendliche den Sprach- und Sit- nen], da sie die Pragmatik ausklammernª22, hat sich
tenverfall befærdern, hat Tradition: Jugendsprach- die Forschung bis in die achtziger Jahre weiterhin auf
licher Sprachgebrauch ist unter Umstånden akzep- die Lexik konzentriert, wenn auch die Jugend und
tabel, aber ¹nur solange er sauber bleibtª, was ¹ich ihre Sprache23 ± so der Titel einer der prominentesten
an der Jugendsprache hasse, das ist, wenn sie und empirisch fundierten Untersuchung zum
abgleitet in die Fåkalienspracheª (aus einem Leh- Thema ± differenzierter gesehen wurde.
rerinterview). Die Negativbilder werden noch ver-
stårkt, wenn Wærterbçcher erscheinen wie das von 17 Ebd., S. 5.
Eike Schænfeld16, in dem ¹Jugend- und Knastspra- 18 Vgl. Joachim Stave, Wie die Leute reden. Betrachtungen
çber 15 Jahre Deutsch in der Bundesrepublik, Lçneburg
cheª in Zusammenhang gebracht wird, was ¹damit 1964.
19 Ebd., S. 195.
14 Vgl. Heinz Kçpper, Zur Sprache der Jugend, in: Sprach- 20 Ebd., S. 196.
wart, 10 (1961), S. 186±188, hier: S. 188. 21 Vgl. Sabine Pape, Bemerkungen zur sogenannten Teen-
15 Heinz Kçpper, Wærterbuch der deutschen Umgangs- ager- und Twensprache, in: Muttersprache, 93 (1970), S. 290±
sprache, Stuttgart 1990. 292.
16 Vgl. Eike Schænfeld, Abgefahren ± eingefahren. Ein 22 Ebd., S. 370.
Wærterbuch der Jugend- und Knastsprache, Straelen 1986. 23 Vgl. H. Henne (Anm. 11).
Aus Politik und Zeitgeschichte B 5 / 2002 16
± aufgrund der Tatsache, dass der Kontext nicht
IV. Von der Jugendsprache zum bekannt ist, ist ein Teil der sprachlichen Formen
Jugendton nicht interpretierbar oder wird falsch interpre-
tiert;30
± aufgrund der gewåhlten Herangehensweise
Helmut Henne geht in seiner Untersuchung davon
fehlen Belege und deshalb weitgehend Analysen
aus, dass Jugendsprache nicht eine homogene
zu Gespråchspartikeln wie z. B. ey;
Varietåt des Deutschen sei, sondern ein ¹spieleri-
sches Sekundårgefçgeª, das folgende strukturelle Der zentrale Kritikpunkt aus linguistischer Per-
Merkmale ¹favorisiertª:24 spektive ist der, dass Sprachwissen und nicht der
Sprachgebrauch, ¹Fragebogenjugendspracheª mit
± Grçûe, Anreden und Partnerbezeichnungen Fokussierung auf die Lexik und nicht die tatsåch-
(Tussi); lich gesprochene Sprache im sozialen und situati-
± griffige Namen und Sprçche (Mach 'n Abgang); ven Kontext Gegenstand der Untersuchung ist.
± flotte Redensarten und stereotype Floskeln
(Ganz cool bleiben);
± metaphorische, zumeist hyperbolische Sprech-
weisen (Obermacker = Direktor);
± Repliken mit Entzçckungs- und Verdam- V. Neue Ansåtze zur Jugendsprach-
mungswærtern (saugeil);
± prosodische Sprachspielereien, Lautverkçrzun-
forschung
gen und Lautschwåchungen sowie graphostili-
stische Mittel (wAhnsinnig); Eine Neuorientierung der Jugendsprachforschung
± Lautwærterkommunikation (båh, wçrg); auf sozio- und pragmalinguistische Aspekte hin
± Wortbildung: Neuwærter, Neubedeutung, Neu- fand Ende der achtziger Jahre statt durch den pro-
bildung (åtzend, Macke); grammatischen Artikel von Eva Neuland31, die
± Worterweiterung wie z. B. abfahren, Schleimi. Arbeiten in dem Band von Franz Januschek/Peter
Schlobinski32 sowie den Beitrag von Johannes
Die Gesamtheit dieser ¹Sprechformenª ergibt Schwitalla.33 Dies fçhrte zu einem Paradigmen-
einen Sprachstil, den Henne sprachlichen wechsel von der Lexikographie hin zur so genann-
¹Jugendtonª25 nennt. Wie kommt nun Henne zu ten Ethnographie des Sprechens.34 Das Interesse
solch einer ¹die jugendlichen Gruppenstile çber- dieses Ansatzes gilt dem Sprechen in spezifischen
greifende[n] Spielart des Sprechens (und, weniger, Verhaltenskontexten. Gegenstand der Analyse
des Schreibens)ª26? Im Zentrum der Untersuchung sind konkrete Sprechereignisse und somit sprachli-
von Henne steht ± neben der Auswertung einzelner che Formen in Gebrauchskontexten. Dies bedeu-
Gruppeninterviews ± die Auswertung einer schrift- tet, dass man (mit anderen Methoden) erforschen
lichen Befragung von 536 Schçlern und Jugend- muss, welche Sprachmuster in welchen gesell-
lichen in Braunschweig, Neuss, Mannheim und schaftlichen Kontexten wann, wo und wie kommu-
Melsungen. Die Methodik ist nicht unproblema- niziert werden. Gegenstand der Analyse sind nicht
tisch. Klaus Brandmeier und Kerstin Wçller27 zei- mehr per Fragebogen erhobene Wærter, sondern
gen im Einzelnen die Schwachpunkte der ¹Frage- spezifische Sprachvarianten als Bausteine eines
bogenjugendspracheª auf.28 Sprachstils, welche die funktionalen Sprachregister
von einzelnen Jugendlichen und jugendlichen
± Die Sprechsprache ¹wird mit einem Fragebo- Gruppen konstituieren. Bei der Ausbildung ju-
gen nicht oder nur indirekt erfasst [. . .] Letztlich gendlicher Sprachstile, die Ausdruck des in den
untersucht Henne nur Sprachwissensstrukturenª29; jugendlichen Gruppen, Szenen Geltenden sind, ist
24 Ebd., S. 208 f. 30 Vgl. auch Eva Neuland, Spiegelungen und Gegen-
25 Ebd., S. 211. spiegelungen. Anregungen fçr eine zukçnftige Jugend-
26 Ebd., S. 211. sprachforschung, in: Zeitschrift fçr Germanistische Linguis-
27 Klaus Brandmeier/Kerstin Wçller, Anmerkungen zu tik, 1 (1987), S. 58 ± 82, hier: S. 60.
Helmut Henne: Jugend und ihre Sprache. 1986. Berlin ± New 31 Vgl ebd.
York, in: Osnabrçcker Beitråge zur Sprachtheorie, 41 (1989), 32 Vgl. Franz Januschek/Peter Schlobinski (Hrsg.), Thema
S. 147±155, hier: S. 149. Jugendsprache, Osnabçcker Beitråge zur Sprachtheorie; 41
28 Vgl. Susanne Wachau, Empirische Untersuchung zur (1989).
Sprache Jugendlicher: Ûber Sprechstile, Schreibstile und 33 Vgl. Johannes Schwitalla, Die vielen Sprachen der Ju-
Sprachbewusstheit. 3 Bånde, Magisterarbeit im FB Sprach- gendlichen, in: Helmut Geissner/Norbert Gutenberg (Hrsg.),
und Literaturwissenschaft der Universitåt Osnabrçck 1990, Kann man Kommunikation lehren?, Frankfurt/M. 1988.
S. 10. 34 Vgl. Dell Hymes, Ûber Sprechweisen, in: Florian Coul-
29 K. Brandmeier/K. Wçller (Anm. 27), S. 149. mas (Hrsg.), Soziolinguistik, Frankfurt/M. 1979, S. 166±192.
17 Aus Politik und Zeitgeschichte B 5 / 2002
ein wichtiges Prinzip das der Bricolage.35 Hierun- sourcen (Werbung und Konsumprodukte), ande-
ter ist zu verstehen, dass mit sprachlichen Ver- rerseits aus jugendkulturspezifischen Ressourcen
satzstçcken aus unterschiedlichsten kulturellen (Musik) [besteht]ª40.
Hintergrçnden etwas Eigenes, Neues ¹zusam-
mengebasteltª wird, dass durch den Prozess der In Beispielen wie ¹Die schwarz-weiûeste Versu-
De- und Rekontextualisierung eines (sprachli- chung seit es Ska mit lårmenden Gitarren und rau-
chen) Objektes ein neuer Diskurs entsteht und so hem Gesang gibtª41 wird deutlich, wie Medienwis-
jugendkulturelle Stile formiert werden. Der Autor sen (Milka-Schokolade-Werbung) als Pråtext
dieses Beitrages zeigt an einer Gruppe von Punks, syntaktisch çbernommen und durch lexikalische
wie diese durch unterschiedliche Techniken der Substitution und Extension modifiziert wird. Die-
Einblendungen kultureller Ressourcen in das ser sprachspielerische Umgang mit dem Medien-
Gruppengespråch einen Gruppenstil konstituie- wissen auf der Textebene hat seine Entsprechung
ren, der ein erhebliches gemeinsam geteiltes Wis- in der gesprochenen Sprache, in der blitzartig
sen voraussetzt und dessen sprachliche Stilmuster Zitate und Fragmente aus verschiedenen Medien-
nach innen Anerkennung der Gruppenzugehærig- bereichen in die Kommunikation eingeblendet
keit (Solidaritåt) markieren, nach auûen indes und modifiziert werden kænnen, wie folgender
Abgrenzung gegençber anderen sozialen Gruppen Ausschnitt aus einem Gespråch zweier 16-Jåhriger
(Distinktion).36 Hier spiegeln sich die gesellschaft- zeigt42:
lichen Verånderungen in den neunziger Jahren
insofern wider, als Sprachstile weniger Ausdruck
Elisa: jetzt mçssen wir aber
subkultureller Gegenentwçrfe, sondern vielmehr
Mimie: die ganzen çberraschungseier ± ne
¹gesammelterª Teilkulturen sind: ¹Die jugendkul-
Elisa: die russland fçr fçrsorge machen fçrbitte
turellen Stile nehmen vielmehr schnelllebige, dif-
mein ich
fuse eklektizistische und sehr flexible Formen an.
Mimie: lass die menschen in russland nich so
Zudem verlieren sie manchmal ihre deutliche
wechselseitige Abgrenzung.ª37 hungern ±
und dass die auch mal zwischendurch
Die Entstehung spezifischer jugendkultureller eine schæne kleine kleinigkeit (Kichern)
Stile und somit auch von Sprachstilen beruht auf Elisa: und Schokolade ± und was zum Spieln ±
dem Zusammenwirken zweier Momente: dem und 'ne Ûberraschung ± eine kleinigkeit
Rçckgriff auf spezifische kulturelle Ressourcen, die ±
die çber einen nicht unwesentlichen Teil çber die Mimie: das nein
Medien vermittelt werden, einerseits und der Elisa: kinderschokolade
Schaffung neuer Zusammenhånge andererseits. Mimie: auûerdem heiût es kinderçberraschung
Das Spiel mit den Versatzstçcken der modernen und nicht kinderschokolade
Kommunikationsgesellschaft und der daraus resul- Elisa: aber da is kinderschokolade dran
tierende Collagestil findet sich in der Sprache von Mimie: jaa
Jugendlichen38 ebenso wie in der Musik, den Elisa: da drum
Musikvideos, in Filmen oder auch in der Mode. Mimie: aber trotzdem 's is kinderçberraschung
Auf der Textebene hat Jannis K. Androutsopou- Elisa: weiût de was und das gibts trotz ostern ±
los39 anhand von Sprachmaterial aus Fanzines das ganze jahr çber
nachgewiesen, dass das intertextuelle Spielfeld der Mimie: ja nich?
Jugendkultur ¹einerseits aus massenmedialen Res- Elisa: poo
Mimie: ich hab das sogar zu weihnachten ver-
35 Vgl. John Clarke, Jugendkultur als Widerstand, Frank- schenkt (Lachen)
furt/M. 1979. Elisa: frohe ostern und weihnachten und neues
36 Vgl. Peter Schlobinski, ¹Frau Meier hat Aids, Herr
Tropfmann hat Herpes, was wollen Sie einsetzen?ª Exem- jahr und
plarische Analyse eines Sprechstils, in: Osnabrçcker Beitråge (. . .)
zur Sprachtheorie, 41 (1989), S. 1±34. Mimie: oh herr ± nein
37 Jugend 97: Zukunftsperspektiven, Gesellschaftliches Elisa: nein herr ± oh herr
Engagement, Politische Orientierung, Hrsg. Vom Jugend-
werk der deutschen Shell, Opladen 1997, S. 21. Mimie: oh herr
38 Vgl. Peter Schlobinski/Gaby Kohl/Irmgard Ludewigt, Elisa: befreie uns von dieser schuld oder von
Jugendsprache ± Fiktion und Wirklichkeit. Opladen 1993; dieser last ± oh scheiûe
Joan Pujolar, Gender, Heteroglossia and Power. A Socio- Mimie: von welcher last
linguistic Study of Youth Culture, Berlin ± New York 2001.
39 Vgl. Jannis K. Androutsopoulos, Intertextualitåt in ju- Elisa: von den fçrbitten ey
gendkulturellen Textsorten, in: Josef Klein/Ulla Fix (Hrsg.),
Textbeziehungen. Linguistische und literaturwissenschaft- 40 Vgl. J. K. Androutsopoulos, Intertextualitåt, ebd., S. 362.
liche Beitråge zur Intertextualitåt, Tçbingen 1997, S. 339± 41 Ebd., S. 343.
372; ders., Deutsche Jugendsprache, Frankfurt/M. 1998. 42 Vgl. P. Schlobinski et al. (Anm. 38), S. 114.
Aus Politik und Zeitgeschichte B 5 / 2002 18
Das Medienwissen ist bei Jugendlichen so pråsent, die De- und Rekontextualisierung sprachlicher
dass sie es jederzeit abrufen und in die Kommuni- Einheiten, deren Variation auf der Folie kommu-
kation (kreativ) einbringen kænnen. Andererseits nikativ-funktionaler Faktoren. Die kulturellen
haben die Medien das jugendliche Kåuferpoten- Ressourcen, aus denen Jugendliche schæpfen, ent-
zial erkannt und stellen ihrerseits ihre Werbung stammen in zunehmendem Maûe den Medien,
und Kommunikation auf das Zielpublikum ab. welche die kommerzialisierten und lebensstilorien-
¹Wir sind mehr als nur ein Fernsehsender, denn tierten jugendlichen Gruppenstile bedienen.
wir sind euer Sprachrohr. Wir sind euer Fernsehen, Jugendliches Spiel mit Sprache und Kommunika-
eure Sprache, eure Farben und vor allem eure tion hat gegenwårtig in der Regel weniger die
Musikª, so stellt sich der Musikkanal VIVA43 in Funktion, Protest auszudrçcken, sondern ist viel-
einer Pressemappe vor. Bei Stefan Raab, Modera- mehr Teil einer durch Medien geprågten Kultur
tor und Berufsjugendlicher der Sendung VIVA- des Spaûes und der Zerstreuung, der Anregung in
sion, nach eigenem Bekunden die ¹Inkarnation der Gruppe, in der es um Vergnçgen und gelegent-
der Selbstçberschåtzungª, hært sich dies so an: lich um ¹den Kickª geht. Die Gespråchskultur von
Jugendlichen erscheint aus der Erwachsenenper-
ªja (. . .) schænen guten abend herzlichen glçck- spektive als defizitår, aus der Binnenperspektive
wunsch guten morgen gute nacht und auf wiederse- jugendlicher Peer-Groups stellt sich dies anders
hen bei viva dar: Jugendliche Kommunikationsformen erschei-
wir haben eine (åh) die sagen wir mal erste vom nen ¹als systematische Resultate einer Orientie-
deutschen tierschutzbund lizenzierte kakerlakensei- rung an Unterhaltung und Wettbewerbª45. Dabei
fenoper (. . .) unsere kleine kakifamily (. . .) heute gelten eigene, von der Erwachsenenwelt abwei-
wieder mit einer kleinen geschichte am unteren chende soziale und auch sprachliche Normen. Die
ende der humorskala Orientierung an Spaû und Identitåtsprofilierung
ist jedoch januskæpfig, denn sie schafft einerseits
hier schreibt jemand (. . .) ganz groû hier zu lesen ¹Freiråume fçr Ungezwungenheit, Tabubruch und
(. . .) mir wåchst ein bart (ja) da wçrd ich sagen ist das Austesten von Identitåten und sie befreit
auf den ersten Blick kein groûes problem (. . .) ja åh andererseits von låstigen Zwången zivilisatorischer
(. . .) das kommt aber dann, wenn man ein bisschen Etikette. Erkauft wird dies aber durch den Verlust
hæher guckt (. . .) ja (. . .) der junge heiût christine von Schutz und Schonung, die diese Etikette
und ist dreizehn jahre alt (. . .) was haben wir nochª gewåhrt, und so entstehen neue Zwånge: Das Indi-
viduum muss jederzeit auf der Hut sein [. . .] und
Bricolage, Ironie und Selbstironisierung, verbale
die Orientierung an Spaû und Wettbewerb kann
Duelle sind zentrale Praktiken, mit denen Jugend-
schnell zum Spaûzwang werdenª46. Und wenn die-
liche angesprochen und durch die medienspezifi-
ser ¹Spaûzwangª immer mehr unter das Diktat der
sche Diskurse etabliert werden, die eine gemein-
Mediengesellschaft geråt, dann allerdings stellt
same Schnittmenge mit Alltagsdiskursen von
sich die Frage, inwieweit jugendliche Gespråchs-
Jugendlichen herstellen (sollen).
kulturen noch kreativ oder teilweise nicht viel-
Halten wir fest: Weniger konstitutiv fçr jugend- mehr Schablonen, Abziehfolien medial vorgefer-
liche Sprachstile sind einzelne ¹exotischeª Lexeme tigter Stilmuster sind.
wie das viel zitierte oberaffengeil44 als vielmehr
43 Vgl. VIVA-Pressemappe seitens des VIVA-Regional- 45 Vgl. Arnulf Deppermann/Axel Schmidt, Hauptsache
bçros Hannover, Hannover 1997. Spaû ± Zur Eigenart der Unterhaltungskultur Jugendlicher,
44 Vgl. Hermann Ehmann, oberaffengeil. Neues Lexikon in: Der Deutschunterricht, 6 (2001), S. 27±37, hier: S. 36.
der Jugendsprache, Mçnchen 1996. 46 Ebd., S. 36.
19 Aus Politik und Zeitgeschichte B 5 / 2002