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Rudolf Steinergesamtausgabe Vorträge: Vorträgeüberdas Sozialelebenund Die Dreigliederungdes Sozialen Organismus

Das Dokument umfasst die Vorträge von Rudolf Steiner über das soziale Leben und die Dreigliederung des sozialen Organismus, die zwischen Mai und Juli 1919 in Stuttgart stattfanden. Es behandelt die Rolle der Betriebsräte in der Sozialisierung und diskutiert die Notwendigkeit einer Umgestaltung des Wirtschaftslebens im Kontext der sozialen und politischen Veränderungen der Zeit. Die Vorträge beinhalten kritische Anmerkungen zu bestehenden Wirtschafts- und Gesellschaftsstrukturen sowie Vorschläge zur Implementierung von Betriebsräten als ersten Schritt zur Sozialisierung.

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Rudolf Steinergesamtausgabe Vorträge: Vorträgeüberdas Sozialelebenund Die Dreigliederungdes Sozialen Organismus

Das Dokument umfasst die Vorträge von Rudolf Steiner über das soziale Leben und die Dreigliederung des sozialen Organismus, die zwischen Mai und Juli 1919 in Stuttgart stattfanden. Es behandelt die Rolle der Betriebsräte in der Sozialisierung und diskutiert die Notwendigkeit einer Umgestaltung des Wirtschaftslebens im Kontext der sozialen und politischen Veränderungen der Zeit. Die Vorträge beinhalten kritische Anmerkungen zu bestehenden Wirtschafts- und Gesellschaftsstrukturen sowie Vorschläge zur Implementierung von Betriebsräten als ersten Schritt zur Sozialisierung.

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R U D O L F STEINER GESAMTAUSGABE

VORTRÄGE

VORTRÄGE ÜBER DAS SOZIALE LEBEN UND


DIE D R E I G L I E D E R U N G DES S O Z I A L E N ORGANISMUS
RUDOLF STEINER

Betriebsräte und Sozialisierung


Diskussionsabende mit den Arbeiterausschüssen
der großen Betriebe Stuttgarts

Einleitende Worte, Diskussionsbeiträge und


Schlußworte auf neun Versammlungen
in Stuttgart vom 8. Mai bis 23. Juli 1919
und ein dokumentarischer Anhang

1989

RUDOLF STEINER VERLAG


DORNACH/SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Mitschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlaßverwaltung
Die Herausgabe besorgte Walter Kugler

1. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1989

Bibliographie-Nr. 331
Zeichen auf dem Einband nach einer Originalzeichnung von Rudolf Steiner
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlaßverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1989 by Rudolf Steiner-Nachlaßverwaltung, Dornach/Schweiz
Satz: Kooperative Dürnau, Dürnau
Printed in Germany by Greiserdruck, Rastatt
ISBN 3-7274-3310-8
Xu den Veröffentlichungen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner

Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissen-


schaft bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) geschriebenen und
veröffentlichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900 bis
1924 zahlreiche Vorträge und Kurse, sowohl öffentlich wie auch für
die Mitglieder der Theosophischen, später Anthroposophischen Ge-
sellschaft. Er selbst wollte ursprünglich, daß seine durchwegs frei
gehaltenen Vorträge nicht schriftlich festgehalten würden, da sie als
«mündliche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» gedacht wa-
ren. Nachdem aber zunehmend unvollständige und fehlerhafte Hö-
rernachschriften angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich veran-
laßt, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute er
Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenogra-
phierenden, die Verwaltung der Nachschriften und die für die Her-
ausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus
Zeitmangel nur in ganz wenigen Fällen die Nachschriften selbst
korrigieren konnte, muß gegenüber allen Vortragsveröffentlichun-
gen sein Vorbehalt berücksichtigt werden: «Es wird eben nur hinge-
nommen werden müssen, daß in den von mir nicht nachgesehenen
Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.»
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemäß
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamt-
ausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil
dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nähere Anga-
ben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise.
INHALT

Vorbemerkungen des Herausgebers


1. Zur Geschichte der Betriebsrätebewegung 15
2. Rudolf Steiner und die Stuttgarter Betriebsrätebewegung . . . . 17

VERSAMMLUNG, Stuttgart, 8. Mai 1919 25


der Arbeiterausschüsse der großen Betriebe Stuttgarts
Die Stellung des Arbeitsrechts innerhalb des dreigliedrigen sozialen Orga-
nismus. Bemerkungen zur sozialen Bewegung im 19. Jahrhundert und
Thünens warnende Worte. Über die Notwendigkeit des Sozialismus und
die Unwiderlegbarkeit der wichtigsten Thesen von Karl Marx. Bruno
Hildebrands Bedenken gegenüber dem Sozialismus. Grundlegende Ge-
sichtspunkte für die Konstituierung von Betriebsräten innerhalb einzelner
Betriebe und die Begründung einer Betriebsräteschaft innerhalb eines in
sich geschlossenen Wirtschaftsgebietes. Über die Notwendigkeit von
Wirtschaftsgesetzen, die aus dem Wirtschaftsleben selbst hervorgehen
müssen, verdeutlicht unter anderem an der problematischen Anschauung
der Physiokraten.

Diskussion 34
Die Aufgaben einer «Liquidierungsregierung» in der Übergangszeit und
ihr Verhältnis zu den Betriebsräten. Der Unterschied zwischen herrschen
und regieren. Anmerkungen zu der von den Sozialisten Adler und Per-
nerstorf er vertretenen Anschauung von der Selbstvernichtung der kapita-
listischen Gesellschaftsordnung. Zum Problem des Zusammenbruchs und
des Neuautbaues. Das Mitbestimmungsrecht der Betriebsräte auf dem
Gebiet der Preisbildung. Die Notwendigkeit der Begründung von Genos-
senschaften durch die Betriebsräte. Von der Zusammengehörigkeit «gei-
stiger Arbeiter» und der übrigen Arbeiterschaft. Über die Gesinnung der
Unternehmer, die den «Aufruf» unterzeichnet haben, und die Notwendig-
keit der Zusammenarbeit mit allen Unterzeichnern des «Aufrufes».
DISKUSSIONSABENDE
MIT DEN A R B E I T E R A U S S C H Ü S S E N
DER G R O S S E N B E T R I E B E S T U T T G A R T S

ERSTER DISKUSSIONSABEND, Stuttgart, 22. Mai 1919 . . . . 53


Kritische Anmerkungen zu dem Gesetzesentwurf über die Sozialisierung
der Betriebe, insbesondere zum Problem der Demokratisierung. Der Ab-
bau des Kapitalismus als erste Forderung im Rahmen der Sozialisierungs-
maßnahmen. Die Notwendigkeit einer sachgemäßen Aufklärung. Über
das Verhältnis von Geld und Ware. Der Austausch von Ware gegen Ware
als Grundlage eines gesunden Wirtschaftsprozesses. Über das Verhältnis
Arbeit und Ware. Arbeit als Gegenstand des Rechtslebens. Die Notwen-
digkeit der Abschaffung der bestehenden Lohnverhältnisse. Arbeitsleiter
und Arbeiter als freie Gesellschafter. Die heutige Verfälschung des Wirt-
schaftsprozesses durch den unberechtigten Warencharakter des Geldes
und der Arbeitskraft sowie durch Kauf und Verkauf von Grund und
Boden und der Produktionsmittel. Die Aufgaben einer «Liquidierungsre-
gierung». Über Mehrwert und Kapital.

Diskussion 67
Der Unterschied zwischen herrschen und regieren. Die Verwirklichung
der Demokratie im dreigliedrigen sozialen Organismus. Über die Frage
der Gewinnung einer Majorität für die Durchführung der Dreigliederung.
Die Stellung der Kapitalisten. Über das Besteuerungssystem im dreiglie-
drigen sozialen Organismus. Von der Notwendigkeit eines richtigen Aus-
gleiches zwischen Produktion und Konsumtion anstelle einseitiger Pro-
duktionssteigerung. Rationalisierung des Produktionsprozesses. Über die
Frage der sachgemäßen Größenordnung von Betrieben unter Berücksich-
tigung des Gleichgewichtes zwischen Konsumtion und Produktion. Die
Durchführung der Dreigliederung als Willensfrage.

ZWEITER DISKUSSIONSABEND, 28. Mai 1919 88


Über die Notwendigkeit der Sozialisierung und der Gewinnung breiter
Massen des Proletariats für die soziale Neugestaltung. Der Impuls des
dreigliedrigen sozialen Organismus. Die Betriebsräte-Frage als prakti-
scher Ausgangspunkt für die Verwirklichung der Dreigliederung. Überle-
gungen die Wahl der Betriebsräte betreffend. Die Aufgaben der «Ur-
oder Vollversammlung» der Betriebsräteschaft. Der «Zentralrat» der Be-
triebsräteschaft als Urzelle einer sachgemäßen Verwaltung des Wirt-
schaftslebens. Über die gegenwärtige Krise des Kapitalismus. Die voraus-
sichtlichen Verhältnisse in Deutschland nach dem Friedensschluß insbe-
sondere in bezug auf die Situation des mittel- und osteuropäischen Prole-
tariats. Die Notwendigkeit einer wirklichen Sozialisierung als Gegenmaß-
nahme.

Diskussion 96
Über die Gewinnung der technischen und geistigen Leiter für den Soziali-
sierungsgedanken. Mangelnde politische Schulung und Obrigkeitsgläu-
bigkeit als Hindernisse für die Sozialisierung. Kritische Bemerkungen
zum Betriebsräte-Gesetzentwurf. Die Aufgaben der Betriebsräte in der
allernächsten Zukunft. Verantwortung und Vertrauen als Voraussetzung
für die Wahl von Betriebsräten. Der Betriebsrat als einheitliche Körper-
schaft, bestehend aus «Handarbeitern» und «geistigen Arbeitern». Über
die Frage der Macht des zukünftigen Wirtschaftsministeriums und das
Verhältnis der Betriebsräte zur Unternehmerschaft.

DRITTER DISKUSSIONS ABEND, 5. Juni 1919 109


Über den Zusammenhang zwischen der Einrichtung von Betriebsräten
und den Sozialisierungsaufgaben der Nachkriegszeit und den Beitrag des
Impulses der Dreigliederung zur Lösung der Zeitprobleme. Anmerkun-
gen zu den Einwänden gegen die Flugblätter des «Bundes für Dreigliede-
rung», insbesondere die Selbsthilfe der Arbeiter betreffend. Über verschie-
dene Auffassungen hinsichtlich der Einsetzung von Betriebsräten und die
Notwendigkeit der Abschaffung des Begriffes «Arbeitgeber» sowie der
alten Lohnverhältnisse. Kritische Bemerkungen über die von sogenannten
Sachverständigen, Wissenschaftlern und Unternehmern vertretenen So-
zialisierungsvorstellungen sowie deren Kritik an den vom «Bund für
Dreigliederung» vertretenen Gesichtspunkten.

Diskussion 120
Appell an den Willen und an den Mut zur Sozialisierung. Über den
Unterschied zwischen herrschen und regieren. Die künftigen Aufgaben
der Regierung. Sozialisierung des Herrschens. Die Urversammlung der
Betriebsräte als eine Art gesetzgebende Versammlung. Der Sozialisie-
rungsversuch von Abbe. Über die Notwendigkeit der Sozialisierung über
ein in sich geschlossenes Wirtschaftsgebiet hin. Die Bildung einer wirt-
schaftlichen Urzelle. Vorschläge zu einer sachgerechten Preisbildung im
Sinne einer wirklichen Bedürfnisbefriedigung. Produzieren um zu konsu-
mieren als Ideal. Die Unverkäuflichkeit der Produktionsmittel als Voraus-
setzung für eine künftige Lösung des Problems der gerechten Gütervertei-
lung. Kritische Bemerkungen zu den aus kapitalistischem Denken heraus
gebildeten Vorstellungen Walter Rathenaus in seinem Aufsatz «Das En-
de». Die von der werktätigen Bevölkerung anzustrebende wirtschaftliche
Ordnung und das zukünftige Verhältnis zum Kapitalismus der Entente.
Über die Bildung eines Grundstockes sozial denkender Menschen durch
die Verwirklichung der Keimgedanken der Dreigliederung. Die Betriebs-
räteschaft als erster Schritt auf dem Wege zur Sozialisierung.

VIERTER DISKUSSIONSABEND, 14. Juni 1919 135


Über die Kritik und den Widerstand von Seiten der Parteien gegenüber
den Aktivitäten des «Bundes für Dreigliederung». Die Begründung von
Betriebsräten aus der Sicht der Dreigliederung des sozialen Organismus.
Die Tragik des Parteienwesens. Das Scheitern der sozialen Experimente
in Rußland und seine Gründe. Forderungen im Sinne der Dreigliederung
in einem Aufsatz von Heuser, Mitglied der DKP, im «Arbeiterrat». Das
Rätesystem im Wirtschaftsleben: Betriebsräte - Produktion; Verkehrsräte
- Güterzirkulation; Wirtschaftsräte - Konsum. Über den Impuls des
«Bundes für Dreigliederung», dem Proletariat zu einer wirklich sozialen
Stellung zu verhelfen.

Diskussion 147
Voten verschiedener Diskussionsteilnehmer zu sozialen und politischen
Problemen und zur Dreigliederungsidee. Über die Notwendigkeit der
Wahl von Betriebsräten und den Widerstand der Parteien. Annahme einer
Resolution. Die Gesinnungsuntergründe und die Seelenverfassung der
gegen die Dreigliederung kämpfenden Parteigruppierungen, dargestellt
anhand eines Artikels im «Sozialdemokrat» über die Gründung der
«Daimler-Werkzeitung». Über die zukünftige Vorgehens weise des Prole-
tariats. Die Errichtung von Betriebsräten als nationale und internationale
Angelegenheit.

F ü N F T E R DISKUSSIONSABEND, 24. Juni 1919 164


Der Übergang vom Einheitsstaat zum dreigliedrigen sozialen Organismus
als Ergebnis der geschichtlichen Entwicklung und als Notwendigkeit zur
Gesundung der gegenwärtigen Verhältnisse. Das Vertragsprinzip, beru-
hend auf Leistung und Gegenleistung, als Grundelement des Wirtschafts-
lebens. Das Arbeitsrecht als Bestandteil der Menschenrechte. Gesetz und
Verordnung als Grundelemente des Rechtslebens. Der Ratschlag als
Grundelement des Geisteslebens. Kritische Anmerkungen zum Marxis-
mus, die Frage der Fähigkeiten und Bedürfnisse sowie das Rechtsbewußt-
sein betreffend. Sozialisierung statt Fiskalisierung. Voraussetzungen für
eine gerechte Preisbildung. Die Umwandlung des Lohnverhältnisses in
ein Vertragsverhältnis. Das Geld als «eine Art wandelnde Buchführung».
Die Begründung von Betriebsräten als erster Schritt zur Sozialisierung
des Wirtschaftslebens.

Diskussion 177
Voten verschiedener Diskussionsteilnehmer zu aktuellen wirtschaftlichen
und politischen Problemen sowie zur Dreigliederung. Die Betriebsräte
als neuer Machtfaktor im Wirtschaftsleben. Die Betriebsräteschaft als
«eigentlicher Verwalter» der Betriebe. Über den Zusammenbruch des
Kapitalismus. Der Umgang mit Kapital und Zins im dreigliedrigen sozia-
len Organismus. Probleme bei der Einführung der Betriebsräte und deren
Aufgaben. Die Wahl der Betriebsräte in Württemberg als ein fruchtbarer
Anfang. Die Notwendigkeit der Dreigliederung des sozialen Organismus.
Über Idealisten und Praktiker. Zurückweisung des Pessimismus eines
Diskussionsredners. Die Überwindung der Parteiprogramme durch die
Aktivität der Betriebsräte.

SECHSTER DISKUSSIONSABEND, 2. Juli 1919 204


Kritische Anmerkungen zu Lujo Brentanos Auffassung über das Privat-
unternehmertum und zu Gustav Seegers Aufsatz «Dr. Steiner und das
Proletariat». Über die Notwendigkeit eines gründlichen Umdenkens an-
gesichts der sich anbahnenden tragischen Verhältnisse in Mitteleuropa.

Diskussion 214
Voten einzelner Diskussionsteilnehmer zu Sozialisierungsfragen u. a. von
Emil Leinhas über einen Aufsatz von Deutsch (AEG), die Unzufrieden-
heit der Arbeiter betreffend. Zu einer Stellungnahme von Beamten zur
Betriebsräte-Frage. Über das Verhältnis der bestehenden Arbeiteraus-
schüsse zu den Betriebsräten. Der Betriebsrat als Leiter der Betriebe und
die Aufhebung des bisherigen Unternehmerstatus. Betriebsräte innerhalb
von Staatsbetrieben. Über die Soziaiisierung staatlicher Unternehmen wie
Post, Eisenbahn usw. Das Geld als Zirkulationsmittel im Sinne einer
«fliegenden Buchhaltung». Einwände gegen die Dreigiiederung, darge-
stellt anhand eines Aufsatzes von Philipp v. Heck über «Die Dreigliede-
rung des sozialen Körpers». Über das Problem, ob erst bessere Menschen
dasein müssen, um die Verhältnisse zu bessern, oder umgekehrt. Die
gegenwärtige Krise der Menschheit innerhalb des Geistes-, Rechts- und
Wirtschaftslebens. Die Gründung von Betriebsräten als eine Tat von
geschichtlicher Bedeutung.

SIEBENTER DISKUSSIONSABEND, 17. Juli 1919 235


Der politische Geist der bisher führenden Klassen, veranschaulicht an
einem Auszug aus einer Rede des Sprachwissenschaftlers Gustav Roethe.
Die Haltung der Kommunistischen Partei und anderer Parteigruppierun-
gen gegenüber der Dreigliederung. Symptome für die Schwächung der
sozialen Bewegung in Mitteleuropa durch das sich wieder sicherer fühlen-
de Unternehmertum. Hinweise auf die Bedeutung einer zukünftigen
Württemberger Betriebsräteschaft und der damit beginnenden Sozialisie-
rung für die Entwicklung der allgemeinen Weltlage. Die notwendige
Überwindung des alten Einheitsstaates durch die Dreigliederung. Appell
für ein neues Denken.

Diskussion 248
Das Verhältnis der Arbeiterschaft zur Dreigliederung. Zur Frage der
Vergesellschaftung der Produktionsmittel, insbesondere von Grund und
Boden. Votum von Emil Molt über sein Engagement als Unternehmer
und Kommerzienrat für die Begründung von Betriebsräten. Votum von
Hans Kühn zu Vorurteilen gegenüber der Dreigliederung. Das Wesen
des Syndikalismus und seine Bestrebungen sowie die in ihm veranlagten
Ähnlichkeiten mit den Bestrebungen der Dreigliederung. Die Arbeiterbe-
wegung in Frankreich, England, Amerika und Deutschland. Das Phlegma
der Massen und der soziale Geist der Zukunft. Über die Notwendigkeit
der Überwindung der Phrase und des Übergehens zu dem, was Tat werden
kann.

BETRIEBSRäTE-VERSAMMLUNG, Stuttgart, 23. Juli 1919. . . . 271


zur Bildung der vorbereitenden Württemberg. Betriebsräteschaft
Die Begründung von Betriebsräten als Ausgangspunkt einer umfassenden
Sozialisierung. Grundmerkmale der drei Glieder des sozialen Organis-
mus. Wesen und Aufgabe der Betriebsräte. Die Betriebsräte als eine Kör-
perschaft, in der jeder gleichberechtigt ist und so viel gilt, wie er im
Wirtschaftsleben auf seinem Gebiet versteht. Die Notwendigkeit der Bil-
dung von Betriebsräten innerhalb sämtlicher Betriebe eines in sich ge-
schlossenen Wirtschaftsgebietes. Grundlegendes über die «Urversamm-
lung» der Betriebsräteschaft. Die Aufgaben der Betriebsräte: Schaffung
einer genauen Übersicht über die gesamte Wirtschaft des betreffenden
Gebietes; Festsetzung eines Preismaßstabes und schließlich gerechter
Preise für alle Güter; Ablösung des Arbeitsvertrages durch einen Vertei-
lungsvertrag zwischen geistigen und physischen Arbeitern; die notwendi-
ge Bildung von Verkehrs- und Wirtschaftsräten für die Regelung der
Güterzirkulation und des Konsums; Ausarbeitung eines Betriebsräte-
Gesetzes. - Die Konstituierung einer Liquidierungsregierung und ihre
Aufgaben. Die Übernahme der Leitung der Betriebe durch die Betriebsrä-
te. Kritische Bemerkungen zu verschiedenen Anschauungen über die So-
zialisierung, insbesondere die von Georg W. Schiele über den «wahren,
gereinigten Sozialismus». Aufforderung zur Beschleunigung der Wahl
der Betriebsräte, ehe die Durchsetzung der Betriebe Mitteleuropas mit
anglo-amerikanischem Kapital beginnt.

ANHANG 289

I. Vollsitzung der Arbeiterräte Groß-Stuttgarts am 7. Mai 1919: Antrag an


die Vollversammlung; Bericht aus dem «Sozialdemokrat»; Zusammenfassung
des Vortrages von Rudolf Steiner. - II. Einladung der Württembergischen
Sozialisierungskommission. - III. Resolution. - IV. Schreiben des «Bundes
für Dreigliederung», gerichtet «An die Arbeiter- und Angestelltenausschüsse
sowie die Betriebsräte der großen Betriebe Stuttgarts». - V. Flugblatt
«An die Handarbeiter! An die geistigen Arbeiter! An die Fabrikanten!» -
VI. Ankündigung einer öffentlichen Volksversammlung und eines Vortrages
von Rudolf Steiner, Heilbronn, 30. Juni 1919. -VII. Flugblatt «Sozialisierung
durch Betriebsräte».

Hinweise
Zu dieser Ausgabe 303
Hinweise zum Text . 305
Ergänzende Literatur 315
Namenregister 317
Übersicht über die Rudolf Steiner Gesamtausgabe . . . . . 319
VORBEMERKUNGEN DES HERAUSGEBERS

1. Zur Geschichte der Betriebsräte-Bewegung

Die Weigerung der deutschen Hochseeflotte, zu einem letzten und in seiner


Zielsetzung umstrittenen Angriff auf die englische Flotte auszulaufen (Ende
Oktober 1918), und der Aufstand der Matrosen in Kiel (Anfang November)
bildeten den Auftakt einer von revolutionären Unruhen geprägten Zeit. Der
Krieg war für Deutschland verloren, die Politik des Reiches hatte gründlich
versagt, die Wirtschaft war an ihrem Nullpunkt angekommen. Hunger und
Elend trieben die Arbeiter in Scharen auf die Straßen. Ihre Unzufriedenheit
und ihre Verzweiflung entluden sich in Massenstreiks und Massenaufstän-
den. Das Ende des Kapitalismus schien besiegelt. Sozialistische Zielsetzun-
gen hatten Hochkonjunktur. Die nach der Abdankung des Kaisers am 9.
November 1918 alles und jeden bewegende Frage war die nach der zukünfti-
gen politischen Verfassung des Reiches, anders ausgedrückt: nach der Neu-
bzw. Umverteilung politischer und somit auch wirtschaftlicher Macht. An
dem nun einsetzenden Kräftespiel waren auch die vielerorts spontan entstan-
denen Arbeiter- und Soldatenräte beteiligt, die in dem durch sie legitimierten
«Rat der Volksbeauftragten» das Instrument sahen, mit dessen Hilfe, so
Matthias Erzberger, «das sozialistische Programm verwirklicht werden kann».
In Anlehnung an historische Vorbilder wie die Pariser Kommune von
1871 und die Streikkomitees und Sowjets der russischen Revolution von
1905 verstanden sich die «Räte», die ihrem Wesen nach antiparteilich waren,
einerseits als Interessenvertreter der unterprivilegierten Schichten, anderer-
seits als Kampforgane, deren Aufgabe es war, mit gezielten Aktionen die
bestehende Ordnung zu erschüttern, und schließlich auch als Staatsorgane
eines unmittelbar sich selbst regierenden Volkes (vgl. Peter von Oertzen,
«Betriebsräte in der Novemberrevolution», Düsseldorf 1961). Die durchweg
antikapitalistisch eingestellten «Räte» strebten eine freiheitlich-sozialistische
Wirtschaftsordnung an und hatten es sich zur Aufgabe gemacht, die formale
bürgerliche Demokratie durch eine freiheitlich-sozialistische Staatsverfas-
sung zu ersetzen. Mit der Forderung nach einer «Räte-Republik» stand die
Arbeiterschaft deutlich in Opposition zum traditionellen System der parla-
mentarischen Repräsentanz, das ihr bisher lediglich formale Rechte zuge-
stand, d.h. ihren Einfluß bei staatlichen Entscheidungen auf die bloße
Stimmabgabe bei allgemeinen Wahlen reduzierte. Im Gegensatz zum klassi-
schen Parlamentarier unterlagen die Räte einer ständigen Kontrolle und
Rechenschaftspflicht und konnten jederzeit durch ein Mehrheitsvotum der
Basis (Arbeiter, Bauern, Soldaten) abberufen werden.
Eine wichtige Vorentscheidung über die zukünftigen Machtverhältnisse
im Deutschen Reich fiel auf dem Berliner Räte-Kongreß (16.-20. Dezember
1918). Dort hatten sich wider Erwarten die «Mehrheitssozialisten» mit ihrer
Forderung nach der Wahl einer Nationalversammlung, die ihrerseits die
konkrete Struktur einer neuen parlamentarischen Republik ausarbeiten soll-
te, gegen die Vertreter des Gedankens einer zukünftigen Räte-Republik
durchsetzen können. Die Folge war eine baldige Zersplitterung der Räte-
Bewegung, die nach der einen Seite hin zur Anpassung an die Beschlüsse
von Berlin und nach der anderen Seite hin zu einer Abspaltung und zugleich
Radikalisierung (Gründung der Revolutionären Kommunistischen Arbeiter-
partei, später KPD) führte.
Nachdem mit den am 19. Januar 1919 erfolgten Wahlen zur Nationalver-
sammlung die Weichen für eine bürgerlich-parlamentarisch-demokratische
Republik gestellt waren, verlagerte sich der Schwerpunkt der Aktivitäten
der Vertreter des Rate-Gedankens auf das Gebiet der Wirtschaftsverfassung
und hier insbesondere auf die Durchsetzung der gesetzlichen Verankerung
der schon seit geraumer Zeit zur Diskussion stehenden Betriebsräte.
Bereits im November 1918 hatte der «Rat der Volksbeauftragten» an-
geordnet, daß «zur Wahrung der politischen und wirtschaftlichen Interessen
der Arbeiter und Angestellten» Betriebsräte zu wählen sind, welche die
Aufgaben der bisherigen Arbeiter- und Angestelltenausschüsse zu erfüllen
haben. Die Einrichtung einer ständigen Vertretung der Arbeiterschaft inner-
halb der Betriebe hat in Deutschland erstmals im Arbeiterschutzgesetz vom
Juni 1891 ihren Niederschlag gefunden. Modifiziert wurde dies dann, wenn
auch unter merkwürdigen Vorzeichen, in dem sogenannten Hilfsdienstge-
setz vom Dezember 1916, das allen für den vaterländischen Hilfsdienst,
sprich: für die Rüstung tätigen gewerblichen Betrieben mit mindestens 50
Arbeitern bzw. Angestellten die Errichtung von Arbeiter- und Angestellten-
ausschüssen vorschrieb.
Unter dem Druck landesweiter Streiks und vielerorts immer wieder
aufflammender Unruhen in den Betrieben kündigte die Regierung im Früh-
jahr 1919 einen Betriebsräte-Gesetzentwurf an, der Anfang Mai den ver-
schiedenen Verbänden zur Begutachtung vorgelegt wurde. Während die
Vertreter der Regierung, der Arbeitgeber, der Gewerkschaften und der Räte-
Bewegung in den folgenden Wochen und Monaten in unzähligen Verhand-
lungen um jede Formulierung des zukünftigen Betriebsräte-Gesetzes rangen,
begann man bereits in zahlreichen Betrieben «wilde», d.h. noch nicht legali-
sierte Betriebsräte zu wählen und Richtlinien ihrer Kompetenzen zu erarbei-
ten (siehe hierzu die ausführlichen Darstellungen bei Peter von Oertzen).
Die Kluft zwischen den aus den Verhandlungszimmern tönenden Ergebnis-
sen und den Forderungen der Arbeiterschaft wurde jedoch immer tiefer.
Anläßlich der 2. Lesung des Betriebsräte-Gesetzes am 13. Januar 1920 entlud
sich der angestaute Unmut der Arbeiterschaft in einer Massendemonstration
vor dem Berliner Reichstag, die mit dem Einsatz der bereits «bewährten»
Mittel Noskescher Politik, der «militärischen Befriedung Deutschlands», in
einem Blutbad unter den Demonstranten endete. Das Betriebsräte-Gesetz,
das bei weitem nicht den Intentionen derer entsprach, die sich seit Monaten
an der Front der Arbeiterschaft für eine Demokratisierung der Betriebe
eingesetzt hatten, trat am 4. Februar 1920 in Kraft.

2. Rudolf Steiner und die Stuttgarter Betriebsräte-Bewegung

Die vom Norden Deutschlands ausgehenden Unruhen hatten in kürzester


Zeit den Süden des Reiches erreicht. Am 9. November 1918, jenem Tag, an
dem Philipp Scheidemann in Berlin die Republik ausrief, wurde in Stuttgart
unter dem Druck der Massen der württembergische König abgesetzt und
eine provisorische Regierung («Revolutionsregierung») unter Führung des
Mehrheitssozialisten Wilhelm Bios eingesetzt.
Die Lage der Industriearbeiter in Württemberg war mit Kriegsende und
dem dadurch bedingten Wegfall der Rüstungsaufträge ähnlich prekär wie
in den anderen großen deutschen Industriezentren, und so ist es auch nicht
verwunderlich, daß der Rätegedanke auch hier auf große Sympathien inner-
halb der Arbeiterschaft stieß und sich schon recht bald vielerorts Arbeiter-,
Bauern- und Soldatenräte bildeten. Um den Forderungen der Arbeiterschaft
mehr Nachdruck zu verleihen, wurde an der Versammlung des «Arbeiterra-
tes Groß-Stuttgart» vom 26. November ein «Vollzugsausschuß des [Link]-
rates Groß-Stuttgart» gewählt, zu dessen Aufgaben es u.a. gehörte, als Kon-
trollorgan «neben der Regierung, aber nicht gegen sie» zu wirken sowie
Vorschläge für eine neue württembergische Verfassung auszuarbeiten. H ö -
hepunkt der Versammlung war die Verabschiedung des «Satzungsentwurfs
für die Arbeiterräte der Republik Württemberg», auf dessen Grundlage in
den folgenden Wochen und Monaten die Wahl von Arbeiterausschüssen
forciert und die von Betriebsräten eingeleitet wurde (vgl. Eberhard Kolb/
Klaus Schönhoven, «Regionale und lokale Räteorganisationen in Württem-
berg 1918/19», Düsseldorf 1974).
Aber auch von seiten der Regierung war man nicht untätig. So hatte das
Arbeitsministerium im Dezember 1918 eine Kommission einberufen, die
prüfen sollte, ob und welche Zweige der württembergischen Industrie bzw.
ob und welche Einzelbetriebe vergesellschaftet werden könnten. Im Gegen-
satz zur Berliner Sozialisierungskommission, die vorwiegend eine Angele-
genheit von Theoretikern war, verfolgte die Stuttgarter Sozialisierungskom-
mission eine mehr praxisorientierte Strategie, indem sie einerseits den
Arbeiterrat, andererseits aber auch Unternehmer wie z.B. Robert Bosch
und Emil Molt, Direktor der Waldorf Astoria-Zigarettenfabrik und mit den
Dreigliederungsgedanken Rudolf Steiners eng vertraut, zu den Beratungen
hinzuzog.
Doch ein wirklich sozialer Friede lag noch in weiter Ferne. Der Unmut
und die Unzufriedenheit innerhalb der Arbeiterschaft wuchsen von Tag zu
Tag, und während der Arbeiterrat in seiner Sitzung am 10. Januar über
Erwerbslosenfürsorge und die Kontrollrechte der Arbeiter- und Bauernräte
diskutierte, lieferten sich die Regierungstruppen und aufgebrachte Demon-
stranten erbitterte Straßenschlachten. Die Lage verschärfte sich zusehends.
So kam es in den folgenden Wochen in vielen Betrieben zu wilden Streiks
und in zahlreichen Städten zu immer heftiger werdenden Massendemonstra-
tionen. Gleichwohl, die Verhandlungen über Sozialisierungsfragen gingen
weiter, und die Wahl von Arbeiter- bzw. Betriebsräten wurde intensiv voran-
getrieben.
Als Rudolf Steiner am 20. April in Stuttgart eintraf, war zwar die Rich-
tung seiner Tätigkeit für die nächsten Wochen deutlich vorgezeichnet, doch
daß er schon bald in die Auseinandersetzungen um die Betriebsräte-Frage
in einem solchen Maße einbezogen sein würde, wie dies dann der Fall sein
sollte, war zu diesem Zeitpunkt noch nicht abzusehen. Daß er nach Stuttgart
gekommen war, um hier in bezug auf die nach Lösungen drängenden sozia-
len Probleme etwas in Bewegung zu setzen, ging vor allem auf die Initiative
des Stuttgarter Industriellen Emil Molt zurück, der sich angesichts der deso-
laten Wirtschaftslage seit dem Machtwechsel um die Gründung einer Würt-
tembergischen Industrie-Treuhand-Bank bemüht hatte und innerhalb der
Sozialisierungskommission für umfassende Reformen im Sinne der Ideen
Rudolf Steiners eingetreten war. So hatte er am 25. Januar 1919 zusammen
mit Hans Kühn und Roman Boos Rudolf Steiner in seinem Dornacher
Atelier aufgesucht, um mit ihm «Die Grundsätze zur sachlichen Aufbaupoli-
tik», ein Konzept, das im Zusammenhang mit ihrer Tätigkeit im Stuttgarter
«Rat der geistigen Arbeiter» entstanden war, zu erörtern. Nachdem Rudolf
Steiner einige Zeit zugehört hatte, sagte er: «Wir können nicht mehr an
Altes anknüpfen, sondern wir müssen von uns aus ganz Neues bringen, das
auf sich selber steht. Ich werde Ihnen ein Dokument geben.» (Vgl. Emil
Molt, «Entwurf meiner Lebensbeschreibung», Stuttgart 1972.) Wenige Tage
später überreichte er ihnen seinen «Aufruf an das deutsche Volk und an die
Kulturwelt», der, unterzeichnet von zahlreichen Persönlichkeiten aus Wis-
senschaft, Kultur und Wirtschaft, in den folgenden Wochen als Flugblatt
und in zahlreichen Zeitungen verbreitet wurde.
Ein weiteres Ergebnis des Dornacher Gesprächs, das am 27. Januar
fortgesetzt wurde, war der Entschluß, die Erinnerungen des deutschen Gene-
ralstabschefs Generaloberst von Moltke zu publizieren. Rudolf Steiner hatte
die Aufzeichnungen des 1916 verstorbenen Generals, die einen Einblick
geben in jene entscheidenden Stunden, die der deutschen Mobilmachung
vorausgingen, von dessen Witwe, Eliza von Moltke, erhalten und sie um
ihre Zustimmung für eine Veröffentlichung gebeten, da er eine Kenntnisnah-
me der damaligen Ereignisse durch eine möglichst breite Öffentlichkeit für
eine sachgemäße Beurteilung der Kriegsschuldfrage für unerläßlich hielt.
Ein dritter Beschluß galt dem Vorhaben der Gründung einer Freien
Schule für die Kinder der Arbeiter der Waldorf Astoria- Zigarettenfabrik,
in der man einen ersten Schritt sah, im Sinne der Dreigliederung des sozialen
Organismus das Erziehungs- und Unterrichtswesen aus der Allmacht des
Staates herauszulösen und, längerfristig betrachtet, einem freien, sich selbst-
verwaltenden Schulwesen den Weg zu ebnen.
Um Rudolf Steiners «Aufruf» zu einer entsprechenden öffentlichen
Wirksamkeit zu verhelfen, hatte sich in Stuttgart ein Komitee gebildet, das
Rudolf Steiner kurz nach seiner Ankunft über die bisherigen Ereignisse und
Aktivitäten orientierte und darüber hinaus mit ihm Fragen der Gestaltung
der weiteren Arbeit im Hinblick auf eine öffentliche Verbreitung des Drei-
gliederungsgedankens erörterte. Der erste Höhepunkt seines Stuttgarter
Aufenthaltes war die öffentliche Versammlung der Unterzeichner des «Auf-
rufes» am 22. April. «Der Stadtgartensaal», so Emil Leinhas, «war bis zum
letzten Stehplatz gefüllt. Bis dicht an das Rednerpult drängten sich die
Menschen» (vgl. Emil Leinhas, «Aus der Arbeit mit Rudolf Steiner», Basel
1950). Nach einer mit großer Begeisterung aufgenommenen Rede Rudolf
Steiners und einer sich anschließenden lebhaften Diskussion wurde einstim-
mig beschlossen, einen «Bund für Dreigliederung des sozialen Organismus»
zu begründen, um so nachhaltiger in der breiten Öffentlichkeit für die Idee
der Dreigliederung wirken zu können. Diese Versammlung war zugleich
der Auftakt einer wahren Vortragsflut und Aufklärungsarbeit vor allem
innerhalb der Stuttgarter Arbeiterschaft.
Die erste Einladung von selten eines der Arbeiter- und Angestelltenaus-
schüsse führte Rudolf Steiner in eine Betriebsversammlung der Waldorf
Astoria-Zigarettenfabrik (23. April), in deren Verlauf eine Resolution an
die Württembergische Regierung verabschiedet wurde, die einstimmig die
Berufung Rudolf Steiners in die Regierung «zwecks sofortiger Inangriffnah-
me der Dreigliederung forderte» (vgl. Carl Unger, «Zur Geschichte der
Dreigliederung» in Nr. 1 der Wochenzeitung «Dreigliederung des sozialen
Organismus», 8. Juli 1919). Dem Bericht Ungers zufolge wurde diese Resolu-
tion (siehe Anhang III) «in über 20 großen Arbeiterversammlungen und in
mehreren Veranstaltungen im überfüllten Gustav-Siegle-Haus vorgelegt und
im ganzen von 10 000 bis 12 000 Menschen angenommen».
In den folgenden Tagen sprach Rudolf Steiner, wiederum auf Einladung
der jeweiligen Arbeiter- und Angestelltenausschüsse, vor der versammelten
Belegschaft der Firma Robert Bosch (24. April), der Daimler-Werke in
Stuttgart-Untertürkheim (25. April), der Delmonte-Kartonagefabrik (26.
April) und am folgenden Tag vor Arbeitern der Esslinger Großbetriebe.
Mit Schreiben vom 28. April 1919 (siehe Anhang II) wandte sich die Würt-
tembergische Sozialisierungskommission an Rudolf Steiner mit der Bitte,
an der Sitzung des Unterausschusses IV, der sich mit Fragen der Gewinnbe-
teiligung der Arbeiter beschäftigte, am 30. April im Sitzungssaal des Innen-
ministeriums teilzunehmen. Über den Verlauf dieser Sitzung ist nichts Nähe-
res bekannt, doch muß das Ergebnis recht enttäuschend gewesen sein, denn
Emil Molt, der an ihr teilgenommen hatte, notierte nachträglich: «Einmal
gelang es, Dr. Steiner selbst in eine Sitzung zu bringen, allerdings nur im
kleinsten Kreise. Es kam aber nichts dabei heraus.» (Vgl. Manuskript S. 279
zu dem 1972 erschienenen «Entwurf meiner Lebensbeschreibung»; im
Druck ist dieser Passus weggefallen.)
Am 29. April wurde von einem namentlich nicht mehr festzustellenden
Kreis von Arbeitern (siehe Anhang I) an die «Vollversammlung des Arbeiter-
rats Groß-Stuttgarts» der Antrag gerichtet, Rudolf Steiner darum zu bitten,
an einer nächsten Versammlung über Fragen der Sozialisierung zu sprechen.
Dem Antrag wurde stattgegeben, denn an der nächsten Vollversammlung,
am 7. Mai, konnte Rudolf Steiner seinen Vortrag halten, an den sich eine
längere Diskussion anschloß (siehe Anhang I).
Die am darauffolgenden Tag (8. Mai) einberufene Versammlung der
«Arbeiterausschüsse der großen Betriebe Stuttgarts», an der Rudolf Steiner
den einleitenden Vortrag über die Begründung von Betriebsräten aus der
Sicht der Dreigliederungsidee hielt und der mit großer Begeisterung aufge-
nommen wurde, war der Auftakt zu sieben sich anschließenden Diskus-
sionsabenden und einer Betriebsräteversammlung zur «Bildung der vorbe-
reitenden württembergischen Betriebsräteschaft», die den Inhalt des hier
vorliegenden Bandes bilden.
Entgegen den Vorstellungen des Gesetzgebers trat Rudolf Steiner in
diesen Versammlungen u.a. für die Einbeziehung der «geistigen Arbeiter»
und damit auch der Betriebsleiter und Unternehmer in die Betriebsratswah-
len ein. Ein weiterer Schwerpunkt seines Wirkens galt der Begründung einer
Betriebsräteschaft als eigenständiges Wirtschaftsorgan, d.h., daß sich die in
den einzelnen Betrieben gewählten Betriebsräte zusammenschließen und
aus ihren Reihen heraus einen wirtschaftlichen Zentralrat bilden sollten, der
von nun an die Geschicke des Wirtschaftslebens lenken sollte. Vor allem
letzteres wurde von der Arbeiterschaft mit großem Interesse aufgenommen,
doch rief dieser Gedanke schon bald auch die Gegner auf den Plan. Aus
den Reihen linksgerichteter Parteien und der Gewerkschaften, aber auch
von Seiten der Arbeitgeberverbände begann man immer lautstärker die Akti-
vitäten des «Bundes für Dreigliederung», der in der von ihm geführten
Propaganda nicht gerade sehr zurückhaltend war und eine «reichlich radikale
Sprache führte» (vgl. Hans Kühn, «Dreigliederungszeit», Dornach 1978),
zu kritisieren und schließlich zu diffamieren. Ganz offensichtlich empfanden
sie die Ideen Rudolf Steiners und das positive Echo, das sie innerhalb der
Arbeiterschaft gefunden hatten, als eine Gefährdung der eigenen Interessen
und Strategien, denn immer häufiger sprach man nun von einer ideologischen
Verführung durch Rudolf Steiner bzw. durch den «Bund für Dreigliede-
rung» und appellierte an die Parteidisziplin. Das so entstandene Klima ließ
eine Fortsetzung der Tätigkeit Rudolf Steiners innerhalb der Arbeiteraus-
schüsse nicht mehr zu. Es zeigte sich damals aber auch, daß die Zahl der
aktiv in der Dreigliederungsbewegung Tätigen zu gering war, um angesichts
der Macht der Parteien und der Gewerkschaften eine größere Breitenwir-
kung zu erzielen.
In der Folgezeit wurde die Wahl von Betriebsräten immer mehr zur
Angelegenheit der Parteien und Gewerkschaften und erhielt damit eine sehr
einseitige Prägung. Sowohl die Impulse, die ursprünglich innerhalb der Räte-
Bewegung lebten, als auch die Anregungen zu einer umfassenden Sozialisie-
rung, wie sie von Rudolf Steiner und seinen Mitarbeitern an die Arbeiter-
schaft herangetragen wurden, vermochten sich nicht durchzusetzen. Das im
Januar 1920 verabschiedete Betriebsräte-Gesetz war letztlich das Ergebnis
von Kompromissen, die tendenziell das Alte bestätigten, wenn sie auch für
kurze Zeit zu einer Normalisierung der Lage innerhalb der Arbeiterschaft
beizutragen vermochten. Die Chance, eine umfassende Sozialisierung einzu-
leiten und sich damit auch vom Ballast liberal-kapitalistischer Mentalitäten
zu befreien, blieb fürs erste ungenutzt. Die Versäumnisse sollten schon
wenig später Deutschland in die nächste Krise hineinführen, deren Ausmaße
diejenigen, unter denen man dazumal litt, noch bei weitem übertreffen
sollten.
Die in diesem Band wiedergegebenen Vorträge und Diskussionsvoten
geben einerseits einen Einblick in jenes Kapitel deutscher Nachkriegsge-
schichte, das gleichermaßen geprägt war von dem völligen Zusammenbruch
der bis dahin für unerschütterlich geglaubten Verhältnisse und der Hoffnung
auf durchgreifende Veränderungen. Zugleich ermöglichen sie aber auch,
teilzunehmen an einem Lösungsansatz, der, was das Grundsätzliche betrifft,
bis heute an Aktualität nichts eingebüßt hat. Denn nach wie vor haben wir
es mit einem anachronistischen Eigentumsbegriff, haben wir es mit einem
längst überholten Verständnis des Zusammenhanges von Arbeit und Ein-
kommen zu tun, und nach wie vor gilt der Einheitsstaat als das Nonplusultra,
obgleich die Verhältnisse heute stärker denn je nach einer Entflechtung der
drei Gebiete Wirtschaftsleben, Rechtsleben und Geistesleben drängen.
Da es sich bei den Ausführungen in diesem Band um vom Redner nicht
selbst durchgesehene bzw. überarbeitete Texte handelt und die Aufzeich-
nungen des Stenografen angesichts seiner außerordentlichen Inanspruchnah-
me (die einzelnen Veranstaltungen zogen sich über mehrere Stunden hin!)
inhaltlich und formal bisweilen ebenso turbulent sind wie der Verlauf der
Versammlungen selbst, d.h. nicht als druckreife Textunterlage angesehen
werden können, bedurfte es hier einer redaktionellen Bearbeitung, die über
das sonst übliche Maß hinausgeht. Näheres hierzu siehe unter Zu dieser
Ausgabe auf S. 303 dieses Bandes.
Walter Kugler
R U D O L F STEINER

Einleitungen und Voten


bei Versammlungen
und Diskussionsabenden
VERSAMMLUNG DER ARBEITERAUSSCHÜSSE
DER GROSSEN BETRIEBE STUTTGARTS

Stuttgart, 8. Mai 1919

Einleitende Worte von Rudolf Steiner

Meine sehr verehrten Anwesenden! Unter dem Eindruck dessen,


was Ihnen der Herr Vorsitzende gesagt hat, stelle ich mir vor,
daß sich heute unser Abend vorzugsweise so abspielen könnte,
daß die verehrten Anwesenden konkrete Fragen stellen. Auf diese
Weise werden wir am besten unseren Zweck, der Ihnen eben
vorgetragen worden ist, erreichen. So wird es vielleicht am besten
sein, wenn ich nur weniges vorausschicke, um Ihnen eine kleine
Unterlage für die nachfolgende Diskussion, die, wie ich glaube,
heute die Hauptsache sein sollte, zu geben.
Sie werden ja, wie der Herr Vorsitzende vorausgesetzt hat, Kennt-
nis genommen haben von dem, was ich aus einer lebenslangen Erfah-
rung heraus an Vorschlägen für einen wirklich praktischen Weg zur
Sozialisierung, die erst unter den laut sprechenden Tatsachen der
Gegenwart zum Abschluß gekommen sind, machen mußte. N u r kurz
möchte ich, gewissermaßen wiederholend, einiges charakterisieren.
Es geht darum, daß in der Zukunft radikal das angestrebt wer-
den muß — und es kann viel schneller angestrebt werden, als viele
glauben - , was ich in einem «Aufruf» und in meinem Buch die
Dreigliederung des sozialen Organismus genannt habe. Diese Drei-
gliederung würde dazu führen, daß in der Zukunft ein eigenständi-
ger geistiger Organismus da sein würde, der sich selbst verwaltet
und der die Aufgabe hätte, die Naturgrundlage des Menschen,
also seine individuellen Fähigkeiten, so zu pflegen, wie man sonst
im Wirtschaftsleben die Naturgrundlagen pflegen muß. Das zweite
würde die Organisation sein, die an die Stelle des gegenwärtigen
Staates zu treten hat, die eigentliche Rechtsorganisation. In ihr
würde zunächst vor allen Dingen alles das zu regeln sein, was
die gegenwärtigen Besitz- und Eigentumsverhältnisse, auf die es
ja bei der wirklichen Sozialisierung vor allen Dingen ankommt,
in einen wünschenswerten nächsten Zustand überführt. Auf der
einen Seite hätte man also zunächst das - es kommen natürlich
unermeßlich viele Dinge im Laufe der Zeit in Betracht - , was an
die Stelle des Staates zu treten hätte. Man würde also die gegen-
wärtigen Gewalt-, Besitz- und Eigentumsverhältnisse überzuführen
haben in solche Verhältnisse, die auf das Recht, in dem alle Men-
schen gleich sind, gebaut sind. Und auf der anderen Seite würde
in diesem, den Staat ersetzenden mittleren Glied des sozialen Or-
ganismus alles das geregelt werden, was das gesamte Gebiet des
Arbeitsrechtes umfaßt.
Das Arbeitsrecht sehe ich immer dann gefährdet, wenn es inner-
halb des Kreislaufes des Wirtschaftslebens selbst geregelt werden
soll. Jene Schäden, die vor allen Dingen im heutigen Wirtschafts-
körper auftreten, werden gewöhnlich falsch beurteilt. Ich habe mir
viel Mühe gemacht, mir nicht aus dem, was über die Dinge ge-
schrieben worden ist - denn daraus ist in Wahrheit sehr wenig
zu entnehmen - , sondern gerade aus dem Leben heraus ein ent-
sprechendes Bild zu machen. Ich möchte diese Dinge heute nur
kurz referieren, damit wir zu konkreten Fragen kommen können.
Ich habe es in meinem Buch ja ausführlich begründet: Solange
der Glaube herrscht, daß man das, was Arbeitszeit, was Maß und
Art der Arbeit sein muß, innerhalb des Wirtschaftskörpers selbst
regeln will, so lange kann der Arbeiter nicht zu seinem Recht
kommen. Der Arbeiter muß bereits sein Arbeitsrecht voll geregelt
haben, wenn er dem Arbeitsleiter nur irgendwie gegenübertritt.
Nur dann ist er in der Lage, einen wirklichen Vertrag zu setzen
an die Stelle der heutigen Scheinverträge, des Lohnvertrages, oder
wie man es nennen will, der kein freier Vertrag ist, weil der
Arbeiter nicht das Arbeitsrecht hinter sich hat, das ihn erst in
die Lage versetzt, einen wirklich freien Vertrag zu schließen. In
dieser Wirtschaftsordnung kann der Arbeiter nicht zu seinem
Recht kommen, sondern nur durch die Abgliederung der gesamten
Rechtsverhältnisse vom Wirtschaftsleben und ihrer Überführung
in das, was an die Stelle des Staates zu treten hat.
Als drittes käme der selbständige Wirtschafts Organismus in Be-
tracht. In ihm wird man es dann nicht mehr mit irgendeiner
Abhängigkeit des Arbeitsrechts von einer wie auch immer gearte-
ten Konjunktur, Preisbildung und so weiter zu tun haben, sondern
alle wirtschaftlichen Konsequenzen, namentlich alle wirtschaftli-
chen Preisbildungen werden sich nicht als Ursache ergeben, son-
dern als Wirkung dessen, was im Arbeiterrecht schon oder besser
gesagt im Arbeitsrecht selbst schon begründet ist. Das Arbeits-
recht wird für das Wirtschaftsleben etwas sein wie die Naturbedin-
gungen selber. Dadurch allein schaffen Sie eine gesunde Grundlage
für die Sozialisierung des Wirtschaftskreislaufes.
Sehen Sie, diese Anschauung ist ja wahrhaftig keine ideologische,
keine utopistische, sondern eine solche, die sich mir aus meinem
Darinnenstehen - und das ist ja fast so alt oder ganz so alt wie
mein Leben - in der proletarischen Bewegung ergeben hat. Selbst-
verständlich sieht man sich dann nachträglich in der Welt um,
wie sich eigentlich alles das, was soziale Bewegung ist, entwickelt
hat. Die soziale Bewegung ist ja wahrhaftig nicht von heute. Sie
ist etwas, auch in der Gestalt, wie sie heute lebt, ziemlich Altes.
Man meint ja zunächst, wenn man die Dinge bezüglich der heuti-
gen sozialen Bewegung durchschauen will, nur zurückgehen zu
müssen bis zum Kommunistischen Manifest. Aber wer die Dinge
heute, wo wir an einer so gewaltigen Wende stehen, wo wir nicht
vor einer kleinen Abrechnung, sondern vor einer großen Abrech-
nung stehen, richtig anfassen, also anfassen, nicht nur verstehen
will, der muß eigentlich das Wirtschaftsleben und die Vorstellun-
gen, die sich die Menschen über dasselbe gebildet haben, schon
in frühere Zeiten zurückverfolgen.
Denn sehen Sie, es ist wahrhaftig nicht gleichgültig, daß zum
Beispiel im Jahre 1826 ein Mensch wie Thünen in einer Zeit, in
der die meisten Menschen in Europa noch gar nicht an irgend
etwas wie eine soziale Frage gedacht haben, schon in einer gewis-
sen Weise das vorausgesagt hat, was als eine Folge unserer Weltka-
tastrophe dann eingetreten ist. Thünen war ja ein Mensch, der
selbst gewirtschaftet hat, aber nicht nach den üblichen Gewohnhei-
ten, sondern mit vollem Verstand und mit einem Verhältnis zum
Wirtschaftsleben, das auf Wirklichkeit beruht. Dieser Thünen sagte
schon 1826: Wenn sich die Menschen nicht entschließen, das zu
tun, was in sozialer Beziehung notwendig ist, dann geht Europa
einer furchtbaren Verheerung und Barbarei entgegen. - Das wußte
man also schon, aber es waren nur wenige, die so sprachen. Dies
wurde 1826 gesprochen.
N u n haben sich im Laufe des 19. Jahrhunderts immer wieder
ehrliche, aufrichtige Menschen abgemüht mit dem, was man die
soziale Frage nennt, und da möchte ich doch noch einmal betonen
- das ist nicht für mich maßgebend gewesen, aber doch etwas,
was ein Licht zurückwirft - , daß derjenige, der objektiv auf das
eingeht, was auf Seiten einiger als die Forderung des Sozialismus
hervorgetreten ist - gestern ist ja genauer darüber gesprochen
worden - , sich nur sagen konnte: Der Sozialismus muß einmal
kommen. Sozialismus ist eine Notwendigkeit. Er muß kommen,
er wird kommen. Der mußte sich dann auch sagen, daß das, was
die Menschen, die es mit dem Sozialismus ehrlich meinen, vorbrin-
gen, Bedeutung hat. Und, nicht wahr, wenn man mitgemacht hat
all den Kohl der nationalökonomischen Gelehrten, die den Marx
widerlegen zu müssen glaubten, so kann man sagen: Die wichtig-
sten Behauptungen von Karl Marx sind nicht zu widerlegen, sind
ganz unmöglich zu widerlegen. Aber wendet man sich dann zur
anderen Seite hin, natürlich nicht zu den Söldlingen und Dienern
der Kapitalisten, sondern zu denjenigen, die soziales Verständnis
hatten, so findet man unter denen auch immer wieder solche, die
aus der Wirklichkeit des praktischen Lebens heraus Einwendungen
gegen den Sozialismus machten, die einen schon nachdenklich
stimmen konnten. Es ist nicht uninteressant, daß in demselben
Jahr, in dem das Kommunistische Manifest in die Welt hinausge-
gangen ist, ein Buch erschienen ist von Bruno Hildebrand, einem
Menschen, der ehrlich ist und der gewichtige Dinge zur Widerle-
gung des Sozialismus vorgebracht hat. Und gerade wenn man
ehrlich auf dem Boden des Sozialismus steht, dann kommen einem
gewisse merkwürdige Gedanken, wenn man solche Dinge liest.
Ich will nicht Wert legen darauf, was dieser oder jener andere
aus den bürgerlichen Kreisen gesprochen hat, das ist ja zumeist
Kohl, aber wenn man so etwas wie die Darstellung von Bruno
Hildebrand vor sich hat, kommt man doch dazu, sich zu sagen:
Auf der einen Seite kann man gegen den Sozialismus nichts ein-
wenden, der muß kommen. Jedoch die Bedenken, die solche Leute
wie Hildebrand haben, die sind außerordentlich schwer zu widerle-
gen. Denn Hildebrand macht seine Einwendungen nicht aus einer
Abneigung gegen den Sozialismus, sondern er hat, angesichts des
Sozialismus, so wie er ihn kannte im Jahre 1848 - und heute
würde für Hildebrand dasselbe gelten, wenigstens bis 1914 - , ledig-
lich seine Bedenken geäußert. Er hat sich vorgestellt, daß, wenn
der Sozialismus im alten Stile eingeführt wird, nicht die Bürgerli-
chen irgendwie unter die Räder kommen, sondern diejenigen, die
den Sozialismus wollen, letztlich nichts erreichen werden. In ge-
wissem Sinne sahen solche Menschen wie Hildebrand schon vor-
aus, was da kommen kann, wenn gerade solche Leute aus den
Kreisen der sozialistischen Partei nach oben kommen, aus denen
heraus dasjenige, was gerade die große Masse des Proletariats will,
nicht entstehen kann.
Sehen Sie, dazu gibt es natürlich die verschiedensten Abstufun-
gen von Ansichten. Und wenn man da nun ganz ehrlich zu Werke
geht, so muß man sich sagen: Ja, das ist überhaupt ein Mangel
unserer jetzigen menschlichen Gedanken, daß wir nicht dazu in
der Lage sind, etwas zu finden, was nicht bloß ausgedacht ist,
denn sozialistische Programme sind trotz allem, was auch gesagt
wird, vielfach bloß ausgedacht. Wir brauchen heute etwas, was
nicht ausgedacht ist.
N u n wirft das, was ich Ihnen eben jetzt gesagt habe, eine Art
Licht zurück auf das, was sich mir aus dem praktischen Leben
ergeben hat. Wenn ich mir die Entwicklung der sozialistischen
Gedanken im 19. Jahrhundert verdeutliche und auch Hildebrand
sowie die revisionistischen Gedanken im 19. Jahrhundert berück-
sichtige, dann komme ich zu folgendem: Wenn man den Sozialis-
mus so durchführen will, daß man unter der Hypnose des Ein-
heitsstaates weiterwirtschaftet, daß man also nur den Einheitsstaat
mehr nach der wirtschaftlichen Schattierung hin verlängert, werden
gerade für die breiten Massen alle die Schäden eintreten, die Hilde-
brand vorausgesehen hat. Das heißt, wir brauchen einen Sozialis-
mus, der sich so verwirklicht, daß diese Dinge nicht eintreten.
Es darf also in dem sozialen Organismus, in dem Wirtschaftsorga-
nismus das nicht enthalten sein, was zu solchen Bedenken führt.
Und da sagte ich mir: Da gilt gerade diese Dreiteilung, denn ich
nehme auf der einen Seite das Geistesleben und auf der anderen
das Rechtsleben heraus, wodurch ein Wirtschaftsorganismus ge-
schaffen wird, der nicht mehr die Bedenken erregen kann, weil
eine großzügige Sozialisierung in dem dreigeteilten Organismus
durchgeführt werden kann. Das werden Sie in allen speziellen
Fragen sehen, insbesondere, wenn wir dann auf die konkretesten
Fragen eingehen.
Nehmen wir als eine heute aktuell werdende Frage, von der
ich hoffe, daß wir nachher darauf näher eingehen werden, die
Frage der Betriebsräte. Sehen Sie, meine Vorschläge sind aus der
Wirklichkeit heraus gedacht und daher nicht ein fertiges Pro-
gramm, sondern etwas, was in Angriff genommen werden soll
und was nach und nach, nicht langsam, sondern eben vielleicht
auch schnell nach und nach, das werden die Zeitverhältnisse not-
wendig machen, entstehen soll. Es entsteht durch das, was ich als
dreigliedrigen Impuls für eine wirkliche Sozialisierung hinzustellen
versuchte, die Möglichkeit, wirklich vorwärtszukommen.
Die Frage der Betriebsräte - ich hoffe, daß sie nachher einge-
hend besprochen wird - ist heute ja real vorhanden, und von
jedem Punkte der Wirklichkeit kann man heute praktisch ausge-
hen, um das zu verwirklichen, was in meinem Buch ausgeführt
ist. Diese Betriebsräte denkt sich zum Beispiel derjenige, der im
alten Stil sozialistisch denkt, vor allen Dingen so - mir ist das
gesagt worden - , daß sie mehr oder weniger gesetzlich eingeführt
werden, das heißt, er denkt sich die Betriebsräte als Staatsinstitu-
tion. N u n bin ich einmal mehr der Ansicht, daß, wenn sie so
eingeführt werden, sie ganz sicher das fünfte Rad am Wagen sein
werden. Es ist nur möglich, daß man die Betriebsräte aus dem
Wirtschaftsleben selbst heraus schafft.
Ich sprach das neulich so aus: Lasse man die Betriebsräte entste-
hen, und patze man nicht in ihre Entstehung hinein durch Gesetze
über dieselben! Sie sollen zuerst da sein, sie sollen zuerst in den
einzelnen Betrieben entstehen, aber sie müssen sich besonders für
die Übergangszeit unbedingt eine solche Stellung schaffen, daß sie
gegenüber den bisherigen Chefs und Betriebsleitern ganz unabhän-
gig sind. Sie müssen selbstverständlich eine unabhängige Stellung
haben.
Dann wird der nächste Schritt sein, daß schon bei der Konsti-
tuierung der Betriebe heute hauptsächlich darauf Rücksicht genom-
men wird, daß sie über die in Betracht kommenden Wirtschaftster-
ritorien hin eine eigene Körperschaft bilden. Denn wer heute noch
die Sozialisierung so auffaßt, daß man nur die einzelnen Betriebe
sozialisieren will, der würde sehr bald sehen, auf welch kuriosem
Standpunkt wir durch die Sozialisierung lediglich einzelner Betrie-
be in fünf Jahren stehen würden. Würden wir bloß die einzelnen
Betriebe sozialisieren, so kämen wir zum wüstesten Individualis-
mus der einzelnen Betriebe, und die Unzufriedensten müßten die
Arbeiter sein. Es würde eine solche Ungleichheit unter den Arbei-
tern in bezug auf das Einkommen eintreten, daß es unerträglich
wäre. Sozialisieren kann man nämlich nur, wenn man den ganzen
Wirtschaftskörper, von einer gewissen Größe an, als solchen sozia-
lisiert.
Also, es handelt sich erstens darum, daß vor allen Dingen sich
über ein gewisses Gebiet Betriebsräte für gewisse gleichartige Be-
triebe konstituieren. Von den Betriebsräten geht ein sehr wichtiger
Akt der Gesamtsozialisierung aus, so daß nicht nur ein Band
geschaffen wird zwischen den Betriebsräten gleichartiger Betriebe,
sondern über alle Betriebe hinüber. Dann kann eine wirkliche
Sozialisierung des Wirtschaftslebens allmählich eintreten. Nur dann
sind die Dinge zum Segen. Wenn also damit begonnen wird, Ver-
ständnis zu entwickeln schon bei dieser außerordentlich wichtigen
Einsetzung der Betriebsräte, so wird man sehen, daß man auf
einen grünen Zweig kommt mit dem, was die Dreiteilung meint.
Erreicht werden wird nur etwas, wenn man nicht dulden wird,
daß in die Funktionen der Betriebsräte dasjenige, was an die Stelle
des Staates tritt, in einer anderen Weise eingreift als bloß mit
Bezug darauf, daß der Staat dafür einzutreten hat, daß die Be-
triebsräte funktionieren können, so wie er natürlich dafür zu sor-
gen hat, daß ich einen Weg gehen kann, ohne überfallen zu wer-
den. Aber anders als sonst der Staat sich stellt zu den persönlichen
Rechten der Menschen, soll er sich auch nicht stellen etwa mit
irgendwelchen Begrenzungen der Funktionen und so weiter zu
den Betriebsräten. Die Funktionen müssen hervorgehen aus der
Selbstkonstitution der Betriebsräteschaft im Wirtschaftskörper. Das
allein führt auf einen grünen Zweig. Mit diesem Beispiel wollte
ich Ihnen zeigen, wie eigentlich die Dreigliederung gemeint ist.
Sie ist praktisch gemeint, das heißt, daß alles, was wir morgen
und übermorgen zu tun haben, nur zu etwas führen kann, wenn
es unter dem Gesichtspunkt der Dreiteilung gehandhabt wird.
Dann werden die Dinge in der richtigen Weise zusammenwirken.
Sehen Sie, mein Vorschlag geht davon aus, daß der Sozialismus,
nachdem er nun einmal da ist, wiederum nicht von der Tagesord-
nung abgesetzt werden kann. Wer die Verhältnisse sowohl im
Wirtschaftsleben wie im politischen Leben, also im Rechtsleben,
und im geistigen Leben kennt, der kann sich nämlich nicht mehr
vorstellen, weil das eine unreale Vorstellung ist, daß man den
Sozialismus heute einführt, und dann ist er morgen da. Nein, am
Sozialismus wird, nachdem er einmal da ist, fortdauernd gearbeitet
werden müssen. Der Sozialismus wird immer neu gehandhabt wer-
den müssen. Er ist etwas ganz Lebendiges. Wir müssen gerade
solche Organisationen haben, die immer wieder und wiederum im
Sinne des Sozialismus arbeiten. Die Menschen kommen mit ihren
Gedanken dem noch nicht nach, was auf diesem Gebiet tatsächlich
Wirklichkeit ist.
Vor langer Zeit schon ist aus einer volkswirtschaftlichen Schule
ein merkwürdiger Satz hervorgegangen. Man betrachtet ihn heute
als überwunden, aber in den Köpfen der Menschen spukt er immer
noch herum. Es waren die Physiokraten, die sagten, daß man dem
Wirtschaftsleben keine Gesetze vorzuschreiben brauche, denn ent-
weder entwickelt es sich von selber so, wie diese Gesetze sind,
dann braucht man sie nicht, oder man schreibt ihm andere Gesetze
vor, die der Entwicklung nicht entsprechen. Dann aber würde
man dem Wirtschaftsleben schaden. Es scheint das, wenn man es
so sagt, absolut richtig zu sein und ist dennoch total falsch, näm-
lich aus dem Grund, weil das Wirtschaftsleben nicht etwas ist,
was stationär bleibt, also so bleibt, wie es einmal war. Es ist ein
Organismus, und wie ein natürlicher Organismus auch immer älter
wird und sich verändert und man seine Veränderung als Lebensbe-
dingung anerkennen muß, so muß es beim Wirtschaftsleben auch
sein. Das heißt, es müssen Gesetze dasein, aber sie müssen aus
dem Wirtschaftsleben selber hervorgehen. So müssen die Impulse
aber immerfort dasein, die den Schädigungen des Wirtschaftsle-
bens, die es sich zufügen muß, entgegenwirken. Wer glaubt, daß
er einmal den Sozialismus einführen kann, und dann ist er da,
der gleicht einem Menschen, der sagt: Ich habe gestern gegessen,
da war ich ganz satt. N u n brauche ich nichts mehr zu essen. -
Sie müssen, weil der Organismus ständig gewisse Veränderungen
durchmacht und weil er etwas Lebendiges ist, fortwährend essen.
Und so ist es auch mit dem, was sozialistische Maßnahmen sind.
Sie müssen fortwährend sozialisieren, weil der soziale Organismus
etwas Lebendiges ist. Und das ist es auch, was zu der Notwendig-
keit führt, daß wir aus dem Leben heraus gerade von Anfang an
so etwas schaffen wie zum Beispiel Betriebsräte und vieles andere.
Sehen Sie, der größte Fehler, der gemacht worden ist bisher,
der ist der, daß die Leute geglaubt haben, das soziale Leben sei
so etwas wie eine Nachbildung eines Organismus aus Pappmache.
Sie haben sich also vorgestellt, es sei ein Mechanismus; der lebt
nicht. Aber er lebt, nur haben die Leute dem sozialen Organismus
solche Gesetze gegeben, die für etwas gelten sollten, was tot ist.
Der Organismus aber ging weiter, und nun wundern sich die
Menschen, wenn Revolutionen kommen. Das, was man fortwäh-
rend verbessern muß, schoppt sich zusammen, wenn es nicht ver-
bessert wird, und bricht in Revolutionen aus. Die Revolutionen
haben die gemacht, die kurzsichtig genug waren, die Lebendigkeit
des sozialen Lebens nicht zu erkennen. Ich meine nicht diejenigen,
die dazu gedrängt werden, das eine oder andere zu tun, sondern
diejenigen, welche die Führenden sind und die Handhabung der
Führung nicht verstehen. Deshalb ist es heute so wichtig, daß,
wenn über kurz oder lang wirklich neuerdings der Ruf ergeht,
nun selbst Hand anzulegen an das, was geschehen soll, daß man
nicht wiederum mit leeren Köpfen an die Sache herantritt, sondern
daß man mit konstruktiven Vorschlägen kommt. Damit ist es nicht
getan, daß man sagt: Die Macht müsse man erwerben. Das ist
freilich richtig, aber dann, was können wir, wenn wir die Macht
haben, mit dieser Macht anfangen? Das wollte ich vorausschicken.
Jetzt hoffe ich, daß die Diskussion durch Ihre Fragen eine sehr
rege werden kann.

Diskussion""

Diskussionsredner Beierat führt unter anderem aus: Bei der Sozialisierung


müssen auch die Unternehmer gefragt werden, denn die Arbeiterschaft
kann nicht allein alle Fragen lösen. Um eine Handhabe zu haben, damit
die bisherigen Besitzer die Betriebsräte schaffen helfen, ist es notwendig,
daß eine gesetzliche Grundlage geschaffen wird, die für das ganze Reich
gleich ist.

Rudolf Steiner: Ich möchte dazu gleich einiges sagen, weil wir
vielleicht am besten vorwärtskommen, indem wir auf die einzelnen
Fragen eingehen.
Sehen Sie, im Grunde genommen widerspricht der Sache nach
dasjenige, was der verehrte Vorredner eben gesagt hat, dem, was
ich vorgebracht habe, eigentlich nicht, nur versuchte ich die Sache
* Der Wortlaut der Voten einzelner Diskussionsteilnehmer wurde vom Stenografen nicht
immer - und dann bisweilen auch nur bruchstückhaft - festgehalten. Manchmal handelt
es sich bei den überlieferten Texten auch um sinngemäße Zusammenfassungen der Wort-
meldungen.
nicht theoretisch, sondern so praktisch anzufassen, daß wirklich
zu einem Ziel zu kommen ist. Man sollte, wenn man etwas Prakti-
sches erreichen will, sich nicht die Sache gar zu sehr dadurch
verderben, daß man nicht irgendwo konkret den Anfang machen
will. Irgendwo muß immer bei etwas Praktischem der Anfang
schon gemacht werden, und es ist doch immerhin, bevor wir
hierher gekommen sind, da unten in einem kleinen Zimmer eine
Sitzung gewesen, wo lauter Betriebsräte, die schon vorhanden sind,
versammelt waren. Also immerhin, ein Anfang ist gemacht. Es
würde sich nur darum handeln - man kann natürlich über diesen
Anfang denken, wie man will, man kann ja einen anderen machen - ,
daß von einem solchen Anfang etwas Praktisches ausgeht. Dabei
will ich daran erinnern, daß ich auch gestern davon gesprochen
habe, daß zur praktischen Durchführung der Dreigliederung selbst-
verständlich zunächst notwendig ist, daß eine Art Liquidierungsre-
gierung entsteht. Ich denke durchaus nicht, daß man heute be-
schließen kann, bis morgen die Dreigliederung einzuführen!
Da wir nun einmal in den Denkgewohnheiten der Menschen
leben, die sich bisher nur im Einheitsstaat eine Regierung vorstel-
len konnten, müssen wir unter allen Umständen, nicht deshalb,
weil wir irgendeine Regierung lieben, sondern weil die Menschen
bisher zusammen im Staat gelebt haben, für die verschiedensten
Dinge eine Regierung haben, von der ich, im Gegensatz zu dem,
was der Vorredner ausgeführt hat, aber sagen muß: O b es die
eine oder die andere Regierung ist, ist mir nicht gleich. Also es
kommt mir sehr darauf an, daß es sich um eine Regierung handelt,
die im Sinne einer wirklichen Sozialisierung Vorschläge macht.
Also das empfinde ich nicht als einen richtigen Ausspruch: «Es
kommt mir nicht darauf an, ob es die eine oder andere Regierung
ist.» Denn gerade wenn eine Regierung da ist, welche wird einse-
hen müssen, daß sie sich zukünftig nur auf den Rechtsboden zu
stellen hat und zu liquidieren hat einerseits das Geistesleben, ande-
rerseits das Wirtschaftsleben, dann wird in Gestalt einer solchen
Liquidierungsregierung die richtige Instanz dasein, um jene Über-
gangszeit zu schaffen, und zwar mit vernünftigen Maßregeln. Diese
bilden dann die Grundlagen, auf denen die Betriebsräte aufgebaut
werden können, welche in der Tat, statt manch anderer Dinge,
die heute von verschiedenen Regierungen getan werden, ihre Macht
dazu verwenden könnten, die widerspenstigen Unternehmer - ver-
zeihen Sie den Ausdruck - irgendwie zu veranlassen, auf vernünfti-
ge Sozialisiemngsgedanken einzugehen. Das würde in der Über-
gangszeit die Aufgabe einer vernünftigen Regierung sein.
Diese Grundlagen, die heute noch von der Liquidierungsregie-
rung geschaffen werden müssen, die könnten schon dasein. Aber
dabei müßte gerade diese Liquidierungsregierung durchaus durch-
drungen sein von der Erkenntnis, daß durch Regierungsgesetze
niemals die Entstehung eines gesunden Wirtschaftslebens gestört
werden darf, damit dieses Wirtschaftsleben sich wirklich aus sich
heraus aufbauen kann. Daher ist es notwendig, daß die Liquidie-
rungsregierung dafür sorgt, daß Betriebsräte entstehen können. Sie
darf sich aber nicht hineinmischen in deren ganze Konstituierung.
Diese muß aus der Betriebsräteschaft selber heraus geschehen.
Die Regierung hat keine andere Aufgabe, als dafür zu sorgen,
daß die Betriebsräte sich über ihre wirtschaftlichen Territorien
hinaus, das heißt aus wirtschaftlichen Notwendigkeiten heraus,
konstituieren können. Das wird die beste Grundlage sein, wenn
die Regierung dafür sorgt, daß die Betriebsräte ordentlich arbeiten
können. Die Betriebsräte können sich dadurch konstituieren, daß
die Regierung eine Grundlage schafft und nicht über sie herrschen
will.
Heute kennt man den eigentlichen Unterschied zwischen herr-
schen und regieren nicht, und man kann eigentlich sehr verwundert
sein darüber, daß durch die Novemberereignisse die Menschen
bezüglich dieser Unterscheidung so wenig gelernt haben. Es gibt
- diese Unterscheidung ist nicht von mir, sondern von Karl Marx -
einen ganz beträchtlichen Unterschied zwischen regieren und herr-
schen. Und wenn eine Regierung lernt zu regieren und nicht mehr
glaubt, sie sei nur eine Regierung, wenn sie herrschen kann, dann
wird selbst das möglich sein, was die breitesten Massen sich unter
Sozialisierung vorstellen können. Denn herrschen muß in der Zu-
kunft nicht eine Regierung, sondern die ganze breite Masse des
Volkes. Die Regierung muß regieren und lernen, wie man regiert,
wenn tatsächlich die ganze breite Masse des Volkes herrscht. Die
Leute haben sich noch nicht abgewöhnt, mit dem Ausdruck
Herrscher eine einzelne Persönlichkeit oder Körperschaft zu ver-
binden. Das ist etwas, was gründlich aus den Denkgewohnheiten
der Leute heraus muß. Bei der Inangriffnahme einer im Sozialisie-
rungssinne gedachten Körperschaft - und sie muß so gedacht sein
wie die Betriebsräte - , da muß vor allen Dingen der Unterschied
zwischen regieren und herrschen in die Köpfe hinein. Aus der
breiten Masse heraus muß sich alles das bilden, was zu den Befug-
nissen der Betriebsräte gehört, und das Regieren wird nur darin
bestehen, daß eine reale Grundlage, nicht eine Gesetzesunterlage
geschaffen wird, damit sich die Betriebsräteschaft frei, rein aus
wirtschaftlichen Notwendigkeiten, aus Erkenntnis und Einsicht bil-
den kann.
Sehen Sie, das ist das Eigentümliche meiner Vorschläge zur
Dreigliederung, daß ich nicht Programme aufstelle, sondern daß
ich versuche, aus der Wirklichkeit heraus solche Anregungen zu
geben, damit etwas Vernünftiges entstehen kann. Ich sage Ihnen
offen: Dadurch unterscheiden sich meine Impulse der Dreigliede-
rung von allen übrigen. Gestern ist hier gesagt worden, sie enthiel-
ten nichts Neues. Sie enthalten grundsätzlich Neues. Die Leute,
die früher von Sozialisierung und überhaupt von irgendwelchen
Erneuerungen gesprochen haben, die waren gescheit und wußten
bis ins einzelne hinein, was getan werden soll. Ich bilde mir nicht
ein, gescheiter zu sein als die anderen, aber ich glaube fest, daß
solche Zustände herbeigeführt werden können, durch welche dieje-
nigen, die etwas wissen von den Dingen, zu ihrem Recht kommen
können. Ich will nicht den Weg zu dem zeigen, was die Betriebsrä-
te tun sollen, sondern dazu, wie sie sich bilden können. Dann
werden sie selbst erkennen, was sie zu tun haben. Ich will die
Menschen in der richtigen Weise an ihren Platz stellen. Ich bilde
mir nicht ein, etwas Neues zu wissen, aber ich will, daß das
Neue entsteht.
Verschiedene Diskussionsteilnehmer ergreifen das Wort.

Rudolf Steiner: Mit Bezug auf die beiden verehrten Vorredner ist
es mir eine gewisse Befriedigung, festzustellen, daß ich ja selbst
nur noch wenig zu sagen brauche, weil in erfreulicher Art die
Diskussion zwischen diesen beiden Rednern so verlaufen ist, daß
der eine den anderen vollständig ergänzt hat und das schon ausge-
führt wurde, was eigentlich zu sagen ist. Ich möchte nur das
Folgende dazufügen.
Wenn vorgebracht wird, es sei ein Unterschied vorhanden zwi-
schen dem Richten aller Gedanken auf den Weg: Wie erringen
wir die Macht der Herrschaft? - und der anderen Gedankenart:
Was tun wir, wenn wir die Macht errungen haben? - , da muß
ich sagen, da fällt mir immer wieder dasjenige ein, was schon in
den Diskussionen der achtziger Jahre eine so starke Rolle gespielt
hat. Ich habe in jenen Jahren Gelegenheit gehabt, manche Fragen,
die damals schon auf sozialistischem Boden behandelt worden sind,
zum Beispiel mit Adler in Wien, dem kürzlich Verstorbenen, und
auch mit Pernerstorf er, der ebenfalls im letzten Jahr gestorben ist,
zu besprechen. Und selbstverständlich, diese sozialistisch Denken-
den von damals, sie standen den großen sozialistischen Impulsen,
die von Marx und Engels ausgegangen sind, noch näher. Es war
damals noch nicht die Zeit des sogenannten Revisionismus, von
der ich glaube, daß sie hinsichtlich der Entwicklung des Sozialis-
mus viel verdorben hat. Ich möchte da nicht mißverstanden wer-
den, aber ich habe meinerseits immer gefunden, daß diese sanfte
Überleitung des wirklichen Sozialismus in ein etwas unklares, bür-
gerliches Denken, das man Revisionismus nannte, daß das eigent-
lich furchtbar geschadet hat, aus dem einfachen Grunde, weil man-
che Leute so schrecklich zufrieden sind, wenn sie sagen können:
Wir wollen das nächstliegende Praktische, wir wollen etwas errei-
chen für morgen. - Diese Leute bedenken nicht, daß das, was
für morgen erreicht wird, unter Umständen allen Boden für das
Übermorgen abgraben kann. Da mußte ich oftmals gegenüber Ad-
ler und Pernerstorfer einwenden, ich erkenne alles das an, was
sie als Kritik an der gegenwärtigen gesellschaftlichen Ordnung
anführen, aber man müsse doch auch etwas haben, was man dann
tun würde, wenn das eintritt, was ja schließlich diese sozialisti-
schen Führer selbst voraussetzten. - Diese sozialistischen Führer
sagten immer voraus: Diese gegenwärtige Gesellschaftsordnung
baut sich selbst ab, sie vernichtet sich selbst. - Das war eine
absolut richtige Anschauung. Und deshalb haben auch diese soziali-
stischen Führer immer abgewinkt, wenn irgend etwas getan werden
sollte, um in gewaltsamer Weise die Ablösung der gegenwärtigen
Ordnung durch eine andere herbeizuführen. Sie waren im eminen-
testen Sinne Entwicklungssozialisten und sagten: Der Abbau wird
schon besorgt, dann kommt das Proletariat an die Reihe. - Ich
war immer der Ansicht, daß man dann aber wissen müsse, gerade
wenn man das voraussetzt, was man dann tun werde.
Sind wir denn nicht eigentlich heute in einer anderen Lage?
Wir haben doch die Novemberereignisse hinter uns, und Sie kön-
nen ganz sicher sein, daß sich jene Menschen, die damals Führer
waren, schon so etwas vorgestellt haben wie die Novemberereig-
nisse, aber nun war das nicht da, was man positiv tun sollte. Das
zeigt doch, daß es eine gewisse Wichtigkeit hat, nicht bloß wie
ein hypnotisiertes Hühnchen immer der Frage nachzulaufen: Wie
erlangen wir die Macht? - , sondern sich zu fragen: Was tun wir mit
der Macht? - Ich muß das immer wieder fragen: Wie handeln wir?
Der verehrte Vorredner hat gesagt, daß der wirtschaftliche Zu-
sammenbruch kommt. Ich bin eigentlich nicht dieser Ansicht. Ich
bin der Ansicht, daß er längst da ist, daß das, was jetzt von den
leitenden Kreisen getan wird, nur ein fortwährendes Verhüllen
und Verschleiern des längst vorhandenen wirtschaftlichen Zusam-
menbruchs ist. Der wirtschaftliche Zusammenbruch ist seit jener
Zeit da, wo man offiziell erklärt hat, daß es das beste für das
Deutsche Reich ist, nicht mehr für die Bedürfnisse der Menschen
zu produzieren, sondern für dasjenige, was in die Luft verpulvert
wird. Damit hat sich eigentlich der wirtschaftliche Zusammenbruch
vollzogen. Und mir war es immer unerklärlich, wie wenig die
Leute eigentlich eingesehen haben, daß mit einer ja den subjektiven
Bedürfnissen der alten Herrschaften gut entsprechenden Maßnah-
me wie dem Hilfsdienstgesetz dem wirtschaftlichen Leben ein
furchtbarer Hieb versetzt werden muß, der eigentlich durch nichts
zu kurieren sein wird. Man hat nur immer wieder an andere
Dinge gedacht, aber keinen Sinn gehabt für die wirtschaftlichen
Konsequenzen einer solchen Maßnahme.
Also, ich glaube, der wirtschaftliche Zusammenbruch ist da,
und wir stehen vor Ereignissen, die nur so lange auf sich warten
lassen, als es durch dieses oder jenes noch gelingen kann, gewisse
Dinge zu verschleiern, zu verhüllen. Dann werden wir aber wissen
müssen, wie der Neuaufbau einzurichten ist. Ich habe deshalb gar
nichts gegen das, was der Herr Vorredner, Herr Schreiber, gesagt
hat, aber ich sage Ihnen: Es wird von selbst kommen, daß sich
die Herrschaft von den bisher leitenden Kreisen hinüberwenden
muß zu den Kreisen, die dieser Vorredner im Sinn hatte. Aber
um so mehr müssen diese Kreise das Verantwortungsgefühl emp-
finden, damit sie dann, wenn sie zur Macht kommen, das Richtige
zu tun imstande sind. Also, das ist es, was ich immer wieder
und wieder betonen möchte und was mir von ganz besonderer
Wichtigkeit ist.
Es ist gesagt worden, nicht als Vorwurf, sondern in Überein-
stimmung mit mir, ich wolle zuerst die Institution der Betriebsräte
haben und dann würde sich schon ergeben, welches ihre Funktio-
nen sein werden. Dann dürften wir uns aber weiterhin auch keinen
Illusionen hingeben, denn was der Neuaufbau fordern wird, das
wird nicht sehr einfach sein, das wird nicht ohne wirklich sachliche
Kenntnisse des Wirtschaftskörpers vor sich gehen können. - Der
verehrte Vorredner hat gerade in dankenswerter Weise verschiede-
nes angeführt. Wir dürfen nicht in Dilettantismus verfallen, son-
dern wir müssen sachgemäß gerüstet sein, wenn wir zum Beispiel
eine solche Feststellung treffen, daß die Funktion der Betriebsräte-
schaft nicht damit abgeschlossen ist, daß man einzelne Betriebe
sozialisiert. Gerade dasjenige, was der Vorredner gesagt hat über
das Mitbestimmungsrecht, über den Profit, der aber eine ganz
andere Form annehmen muß, und was er gesagt hat über das
Mitbestimmungsrecht in bezug auf den Preis, das zeigt uns, daß,
sobald diese konkreten Dinge auf uns zukommen, wir sehr, sehr
viel auf sachlichem Felde zu tun haben. Denn gerade mit diesen
Dingen, das ist das Eigentümliche des kapitalistischen, des privat-
kapitalistischen Interessentums, hat es sich nicht befaßt, sondern
es hat die Menschheit einfach einer wüsten Konkurrenz der Inter-
essen, des Einkommens und so weiter überlassen.
In dieser Richtung darf nicht fortgefahren werden, sonst kom-
men wir nach kurzer Zeit wieder in die alten Zustände hinein.
O b die Betreffenden, die dann die Produktionsmittel verwalten,
Kapitalisten heißen oder anders, darauf kommt es nicht an. Es
ist schon auch die Möglichkeit vorhanden, daß aus den Kreisen
- ich will nicht sagen: unbedingt des Proletariats, aber derjenigen,
die das Proletariat führen - Leute an die Spitze kommen, die
dann unter Umständen den Gepflogenheiten alter Kapitalisten in
nichts nachstehen; nun, das ist das, was nur vermieden werden
kann, wenn wir fest gesattelt sind.
Sie werden es mir nicht übelnehmen, wenn ich etwas scheinbar
Theoretisches anführen werde; es ist aber etwas Praktisches. Wenn
es sich um das Recht der Mitbestimmung bei der Preisbildung
handelt, kommen zwei Dinge besonders in Betracht. Der Preis,
der regelt sich in einem Zufalls-Wirtschaftssystem, das nicht sozia-
lisiert ist, von zwei Seiten her, denn es ist eine Art Naturgesetz,
daß sich der Preis nicht nach einer Kraft richtet, sondern nach
zwei Kräften. Nehmen Sie zum Beispiel an, in einem wirtschaftli-
chen Zusammenhang wird eine bestimmte Menge Butter erzeugt.
Nehmen wir an, es wird mehr Butter erzeugt, als für die menschli-
chen Bedürfnisse notwendig ist. Dann wird unter Umständen -
es kann das durchaus eintreten - von dem Rest der Butter, den
die Menschen nicht brauchen, sagen wir zum Beispiel Wagen-
schmiere fabriziert. Das bewirkt, daß die Butter ungeheuer viel
billiger wird, als sie zum Beispiel ist, wenn weniger Butter erzeugt
wird, als die Gesamtheit der Menschen braucht. Solche Dinge
stecken in der Preisbildung im eminentesten Sinne drinnen. Das
ist eine Richtung, aus der die Preisbildung bestimmt wird. Die
andere Richtung, nämlich daß sich die Preisbildung orientiert an
den Herstellungskosten, ist im Wirtschaftsleben ganz getrennt von
der eben angeführten Richtung; da kommt in Betracht, was die
Herstellung kostet. Da bildet sich ein ganz anderes Preissystem,
und dieses Preissystem kreuzt sich mit dem Zufalls-Wirtschaftssy-
stem, also mit dem anderen. Und dadurch bekommen wir ein
gegenseitiges Konkurrieren nicht nur der Preise, sondern auch der
Preissysteme, und darin stecken wir heute.
N u n denken Sie sich doch einmal: Wenn sich die Regulierung
der Einnahmen des Arbeiters nur nach dem einen Preissystem
ergibt, dann können Sie unter Umständen erleben, daß der Arbei-
ter immer höhere und höhere Löhne bekommt, aber niemals eine
bessere Lebenslage, weil die Preise der Wohnungen und aller ande-
ren Dinge in demselben Maße wiederum steigen. Sie können ein
Loch schließen, ein anderes öffnet sich von selber. Da können
wir nur irgendwie Ordnung schaffen, wenn wir sachgemäß gerüstet
sind.
Es muß in der Zukunft eine Sache berücksichtigt werden, näm-
lich wie von den verschiedensten Seiten her die Ursachen zusam-
menfließen. Das wird erforderlich sein, wenn die Sozialisierung
nicht als eine bloße Herzensforderung, sondern in sachlicher Weise
als Impuls wirklich leben soll. Und wenn die Betriebsräte in bezug
auf die Preisbildung mitbestimmend sein sollen, so werden sie in
diesen Dingen gerüstet sein müssen. Da wird es sich darum han-
deln, daß gearbeitet wird, und nicht darum, daß man sagt: Ach,
die Reden, die idealistisch gedachten Reden, die bewirken nichts.
- Nein, dieses sind keine idealistisch gedachten Reden, sondern
es sind praktische Anweisungen im Hinblick auf das, was zu
geschehen hat. Die Menschen können nicht einfach eine Aufgabe
übernehmen, ohne sich zuerst zu verständigen, wie man etwas
macht. Die Dinge, auch im Wirtschaftsleben, müssen wirklich ge-
lernt sein. Und heute ist noch nicht viel Wissen vorhanden. Wir
müssen uns sehr darum bemühen, müssen den guten Willen haben,
zu Einrichtungen zu kommen, und dann in den verschiedensten
Kreisen versuchen umzulernen. Ich halte es für furchtbar notwen-
dig, daß von den Betriebsräten so schnell wie möglich Genossen-
schaften eingerichtet werden, in denen mit gutem Willen zusam-
mengearbeitet wird, so daß wir zu einem wirklichen, wirtschaftlich
sachgemäßen Aufbau kommen.
Wir werden gerade besonders viel geistig arbeiten müssen, wenn
wir weiterkommen wollen. Das bitte ich zu berücksichtigen. Des-
halb war es sehr befriedigend, daß von den Vorrednern auf diese
Sache aufmerksam gemacht worden ist. Es wird darum gehen,
daß wir uns wirklich auf den Boden stellen, daß nicht einer allein
gescheit sein und etwas wissen will, also darum, daß darauf auf-
merksam gemacht wird, daß wir die Menschen dahin bringen müs-
sen, daß sie sich das, was die einzelnen Menschen an Lebenserfah-
rungen während der Arbeit gesammelt haben, einander mitteilen
können. Dann wird sich, gerade durch dieses Zusammenwirken
der auf den richtigen Posten stehenden Menschen, die Sozialisie-
rung vollziehen.

Es folgen weitere Diskussionsbeiträge, und es wird der Antrag gestellt,


daß Herr Dr. Steiner zur weiteren Besprechung der wichtigen Fragen
weitere Vorträge halten möchte. Dr. Steiner erklärt sich dazu bereit.

Schlußworte von Rudolf Steiner: Ja, meine sehr verehrten Anwe-


senden, es ist ja der Antrag angenommen worden, daß diese Dis-
kussion fortgesetzt werden möge. So wird ja Gelegenheit geboten
sein, über mancherlei Fragen, die im Laufe der Diskussion noch
aufgetaucht sind, vielleicht später in günstigerer Weise zu sprechen
als heute, wo die Zeit schon zu weit vorgeschritten ist, als daß
ich noch Erhebliches sagen, beziehungsweise Ihnen zumuten könn-
te. Ich will deshalb nur ganz kurz noch auf einige Punkte, die
im Laufe des letzten Teiles der Diskussion aufgetaucht sind, ein-
gehen.
Da war zuerst die Frage, wie ich mir die weitere Entwicklung
vorstelle, wenn Betriebsräte bestehen, aber nichts bedeuten, wenn
also die Betriebsräte bis zur politischen Umwälzung bloß eine
Art Dekoration sein sollten. - Nun, ich glaube allerdings, daß
man in solchen Dingen mit einem allzu argen Pessimismus der
Sache schadet. Ich glaube, daß im praktischen Leben in solch
ernster Lage, wie die ist, in der wir uns befinden, es in ganz
eminentem Sinne darauf ankommt, daß der eine dem anderen hilft.
Es schließt das durchaus nicht aus, daß die Betriebsräte, wenn
sie dasjenige an die Oberfläche der sozialen Bewegung tragen,
was sie an Erfahrungen, was sie an Erkenntnissen aus den Betrie-
ben heraus haben - und darin wird eine Fülle von sozialer Einsicht
stecken -, im wesentlichen auch dazu beitragen, die Zeit herbeizu-
führen, die uns die notwendigen Umwälzungen bringen kann. Man
sollte sich nicht damit begnügen zu sagen: Wir müssen warten,
bis die Umwälzung eingetreten ist -, sondern es handelt sich dar-
um, daß wir in der Tat erkennen, daß, wenn die Betriebsräte auf
ihrem Posten stehen, wir in ihnen ein sehr wichtiges Mittel zum
Vorwärtskommen haben werden.
Ich glaube, Sie sollten über das, was die Betriebsräte sein kön-
nen, nicht zu gering denken. Sie werden keine Dekoration sein,
wenn sie ihren Mann stehen. Es wird sich vieles ergeben gerade
als Aufgabe der Betriebsräte, in das im Grunde genommen selbst
die böswilligsten Unternehmer nicht hineinreden werden können.
Sie werden nicht irgendwie die Sache aus der Welt schaffen kön-
nen. So glaube ich, daß wir an irgendeinem Punkt - und das ist
ein wichtiger Punkt - praktisch anfangen sollten. Wir sollten uns
nicht zu sehr bedächtig zurückhalten oder gar befürchten, daß
die Betriebsräte nur Dekoration sein könnten, sondern wir sollten
zur Tat schreiten. Das ist auch das, was der «Aufruf» und der
Impuls der Dreigliederung enthält. Es sollte nicht bloß weiter
geredet werden, sondern die Worte sollten Keime zu Taten sein,
und das ist das Wesentliche der ganzen Vortragsserie, die ich
gehalten habe, und das wird das Wesentliche sein, wenn ich wirk-
lich die Ehre haben werde, noch eingehender über diese Dinge
mit Ihnen zu sprechen. Und noch etwas: Es ist gerade in dem
letzten Teil der Diskussion viel über die geistigen Arbeiter gespro-
chen worden. Nun, ich darf mir schon einige Erfahrung auf diesem
Gebiet zuschreiben. Sie beruht auf dem, was ich in vielen Jahren
durchlebt habe. Die geistigen Arbeiter sind durch die Verhältnisse,
die ich gerade in meinen Vorträgen schildere, in eine eigentlich
gräßliche Lage gekommen. Es ist fast unmöglich, selbst nach diesen
furchtbaren Erfahrungen der Weltkriegskatastrophe, mit der gro-
ßen Masse derer, die sich geistige Arbeiter nennen, über politische
Fragen zu reden. Ich schmeichle Ihnen nicht, wenn ich sage -
ich habe das ja schon gesagt in dem Vortrag -, daß mit Bezug
auf politische Schulung, auf politische Bildung das Handarbeiter-
proletariat den geistigen Arbeitern ungeheuer voraus ist, ja, daß
die politische Bildung der geistigen Arbeiter fast gar nicht vorhan-
den ist. Das muß man durchaus berücksichtigen. In diesem Zusam-
menhang muß man noch etwas anderes sehen.
Ich bin der Auffassung, daß es grundsätzlich nicht günstig wir-
ken wird, wenn neben den eigentlichen Arbeiterräten sich noch
ein Rat geistiger Arbeiter gesondert herausbildet. Vielleicht wird
dies, wenn es zu den Vorträgen, die von mir verlangt wurden,
kommen sollte, eine wichtige Sache in der Erörterung sein müssen.
Ich glaube, daß mit der Absonderung der geistigen Arbeiter als
besondere «geistige Arbeiter» von den anderen Arbeitern nichts
herauskommen kann. Die Arbeiter, die in einem bestimmten Be-
reich eines Betriebes arbeiten, gehören, auch wenn sie geistige
Arbeiter sind, eben zu den Arbeitern dieses Betriebszweiges. Es
muß eine Zusammengehörigkeit zwischen allen Arbeitern in den
einzelnen Betriebszweigen dasein. Wir kommen nicht vorwärts,
wenn sich die geistigen Arbeiter der verschiedenen Betriebszweige
absondern und Extrawürste braten, denn die Kategorie, die Be-
zeichnung «geistige Arbeiter» hat keine Berechtigung. Man müßte
Verständnis dafür wecken, daß sich die geistigen Arbeiter der ein-
zelnen Betriebszweige den anderen Arbeitern anschließen. N u r
dann wird etwas Vernünftiges herauskommen.
Nicht einverstanden bin ich mit dem, was gesagt worden ist
mit den Worten, daß sich die geistigen Arbeiter mit der handarbei-
tenden Bevölkerung auf gemeinsamen Boden stellen, wenn sie ge-
meinsam mit ihr das Programm der Dreigliederung anerkennen. -
Das ist ja ein allgemein sozialpolitisches Programm, und da stehen
sie noch nicht auf dem realen Boden! Man kann viele Programme
gemeinsam anerkennen, aber auf einem realen Boden steht man
erst, wenn dieser Boden ein Lebensboden ist, wenn man nicht
wiederum herausbildet aus dem, was zusammengehört, gleichsam
eine aristokratische Schicht. Ich sehe in dieser Absonderung der
geistigen Arbeiter eine aristokratische Schichtbildung, das müßte
verstanden werden. Und wenn das durchgeführt würde, was ich
eigentlich meine, dann würde der geistige Arbeiter vor allen Din-
gen in der politischen Schulung außerordentlich viel gewinnen,
wie ich überhaupt für die nächste Zeit einen großen Wert darauf
legen würde, daß der eine von dem anderen lernt.
Ich möchte daher auch nicht so pessimistisch sein wie der Herr
Vorredner, der sagte: Ja, es komme vor allen Dingen darauf an,
daß eine gewisse Fachbildung, Fachschulung bei den Betriebsräten
die unbedingte Grundlage ist. - Es ist tatsächlich ja heute so, daß
derjenige, der die Verhältnisse kennt, weiß, daß aus der gebräuchli-
chen Fachschulung, die heute ja ganz ein bürgerliches Produkt
ist, sich nicht viel gewinnen läßt. Ich verspreche mir mehr von
der praktischen Zusammenarbeit, von dem, was entsteht, wenn
jeder das mitbringt, was er aus seinen Lebenserfahrungen heraus
mitbringen kann. Da werden wir einander schulen, da wird etwas
ganz Neues entstehen. Ich könnte mir vorstellen, daß gerade dann,
wenn in richtiger Weise die Betriebsräte zusammenarbeiten und
auch ohne das philiströse Vorurteil aufrechtzuerhalten, daß man
zuerst auf eine Schulbank gehört, und wenn man den ernsten
Willen hat, voneinander zu lernen, und aus beider Fehler zu lernen
vermag, das Beste erreicht wird. Wir werden vor allen Dingen
notwendig haben, in dieser Weise auch von Mensch zu Mensch
zu sozialisieren. Sozialisieren heißt ja zusammenarbeiten, einander
helfen, Brüderlichkeit entfalten, und das müssen wir gerade auf
geistigem Gebiet. Ich habe oftmals zu meinen Zuhörern in den
letzten Jahren gesagt, daß die Welt glaubt, daß derjenige, der
lernen soll, nur von dem lernen kann, der soundso viele Diplome
hat. Wer wirklich lernen will - er mag schon sehr viel gelernt
haben - , er lernt unter Umständen furchtbar viel von einem zwei-
oder dreijährigen oder nicht einmal so alten Kind. Das ist das
Lernen am Leben, und das werden wir besonders pflegen müssen.
Wir müssen gerade über die Philistrosität des alten Fachschulsy-
stems hinauskommen, dann werden die Betriebsräte für den Neu-
aufbau etwas ungeheuer Bedeutendes leisten können. Die Sache
sollte nicht pessimistisch angesehen werden, sondern mit Vertrau-
en. Aus dem Vertrauen wird Tüchtigkeit erwachsen. Dann werden
die Betriebsräte keine Dekoration sein, wenn sie nicht selber De-
koration sein wollen.
Vollständig einverstanden aber bin ich damit, daß die Betriebsrä-
te ein Stoßbock nach zwei Seiten hin sein werden. Ich glaube
nicht, daß die Zeit, der wir entgegengehen, wenn wir ernsthaft
arbeiten wollen, eine solche sein wird, daß wir uns von den Wogen
des Lebens tragen lassen, unter Umständen uns auch zuweilen
auf ein sanftes Ruhebett legen können. Wir werden sehr viel arbei-
ten müssen und dürfen nicht davor zurückschrecken, nach den
verschiedenen Richtungen hin Sturmböcke zu sein. Es wird nicht
leicht sein, aus dem Zusammenbruch etwas Neues zu schaffen.
Wir brauchen uns nur daran zu erinnern, daß die alte Wirtschafts-
ordnung uns besonders in Deutschland geradezu in das Unsinnige
hineingeführt hat. Wir befinden uns nicht nur im Zusammenbruch,
sondern auch im Unsinn. Bedenken Sie nur einmal, was es bedeu-
tet, wenn für alles das, was sich angehäuft hat durch die Verheer-
ungen des Krieges, in den nächsten Jahren bloß die Zinsen gezahlt
werden sollen! Es ist ja viel mehr, als Dernburg ausgerechnet hat.
Es werden jährlich mindestens 30 Milliarden Mark sein; wo sollen
die herkommen? 30 Milliarden Mark, die selbstverständlich nicht
vorhanden sein werden! Wenn wir irgendwie daran denken, etwas
von dem Vergangenen fortzusetzen, dann gehen wir nicht nur
unmöglichen Zuständen, sondern geradezu dem Unsinn entgegen.
Es wird schwer, sehr schwer werden, aber ich denke, daß derjeni-
ge, der ein wenig den Geist der Zeit begreift, sich sagen muß:
Wir müssen eben arbeiten, müssen ernsthaft arbeiten. N u r so kön-
nen wir aus dieser Situation herauskommen.
N u n möchte ich nur noch darauf hinweisen, daß ich auf die
Erwiderung des Herrn Remmele nicht eingehen möchte, und zwar
aus dem Grunde, weil es mir noch nicht ganz deutlich ist, worin
die Hauptsache seiner Einwendungen besteht. Das, was gesagt
wurde, läßt mir doch die ganze Sache merkwürdig erscheinen,
denn sehen Sie, Irrlehre kann man schließlich alles nennen. Ich
wurde gleich stutzig, als gesagt wurde, es sei das eine Irrlehre
wie die Lehre von Dühring, der vor Jahrzehnten das Gleiche
gelehrt habe. Ich kenne den Dühring und vermute, daß ihn der
Herr Redner wenig kennt, denn ich kann Ihnen ruhig empfehlen:
Lesen Sie ihn, dann werden Sie sehen, daß er nicht das Gleiche
gewollt hat, sondern etwas, was sich von dem, was ich für notwen-
dig halte, völlig unterscheidet. Ich halte das, was Dühring gelehrt
hat, für einen Ausbruch eines auf die menschliche Gesellschaft
etwas wütenden Menschen, der von der Wirklichkeit nicht viel
kennt. Es ist zuweilen geistreich, aber nicht etwas, was in der
Wirklichkeit angewendet werden kann. So flüchtig sind dann sol-
che Einwendungen. Ich glaube, es ist vielleicht nicht günstig, mit
vielen Worten auf diese Dinge einzugehen, denn es wird sich
schon mit der Zeit an der Art und Weise zeigen, wie die Worte,
die zunächst ja gesprochen werden können aus der Wirklichkeit
heraus, sich auch wiederum in Taten umwandeln und in die Wirk-
lichkeit einleben können. Ich bin beruhigt, wenn die Wirklichkeit
prüft, was ich sage. Ich glaube, sie wird das, was ich zu sagen
habe, aufzunehmen wissen.
Über das, was gegen die Unterschriften des Aufrufes gesagt
wurde, hat ja Herr Molt zu Ihnen gesprochen, und ich glaube,
daß Sie in dieser Beziehung durch Ihre Zustimmung, die Sie Herrn
Molt dargebracht haben, wirklich Ihr gründliches Verständnis ge-
zeigt haben für etwas, was durchaus notwendig ist. Sie können
ganz sicher sein, aus einer solchen Gesinnung heraus, wie sie
gezeigt worden ist von denjenigen, die diesen «Aufruf» unter-
schrieben haben, werden nicht viele Unternehmer handeln. Aber
diejenigen, die so handeln, die sind sich voll bewußt, daß einerseits
dieser «Aufruf», diese Impulse ganz bestimmt nicht um der Fabri-
kanten willen aufgestellt wurden, sondern, wenn die Fabrikanten
damit etwas zu tun haben sollen, dann müssen sie sich aus freiesten
menschlichen Gründen heraus zu ihnen bekennen. Die Fabrikanten
können höchstens sich zum «Aufruf» bekennen, aber der «Aufruf»
hat auf sie keine Rücksicht zu nehmen und wird es nicht tun.
Das auf der einen Seite. Auf der anderen Seite muß gesehen wer-
den, daß es notwendig sein wird, gerade mit solchen Menschen
zu arbeiten, die aus ernstestem Willen heraus sich zu der Sache
der Sozialisierung, des sozialen Fortschritts im objektiven Sinne
überhaupt bekennen, denn sonst haben Sie nur die Wahl - da ja
schließlich diejenigen noch gebraucht werden, die irgendwelche
Sachkenntnis haben - , es entweder so zu machen, daß sie die
Spitzen besetzen und alles sonst beim alten lassen - dazu haben
wir ja auch Beispiele - , oder aber Sie setzen sich der Gefahr aus,
daß von jener Seite aus alles sabotiert wird.
Es handelt sich also darum, daß wir nicht nur eine richtige
Gesinnung empfindungsgemäß einzuschätzen wissen, sondern wir
müssen auch imstande sein, einzusehen, was notwendig ist, einzu-
sehen, daß wir nicht hinarbeiten auf die Sabotage derjenigen, die
heute aus der alten Anschauung heraus nicht das Neue entwickeln
wollen. Wir müssen einsehen, daß wir genötigt sind, mit denjeni-
gen zusammenzuarbeiten, die nicht aus egoistischem Interesse her-
aus, sondern um der Sache willen sich dem «Aufruf» angeschlossen
haben. Das ist bei den Unterzeichnern geschehen, sonst stünden
sie nicht darauf. Denn ich habe noch nicht festgestellt, daß jemand,
um seine egoistischen Interessen zu befriedigen, sich just hinter
mich gestellt hat. Das ist eine Erfahrung, die ich mein ganzes
Leben hindurch gemacht habe. Sie werden keine allzu schlechten
Erfahrungen machen. Verzeihen Sie diese persönliche Bemerkung,
aber wir werden noch manche sachliche Frage, eben wie es der
Ernst der Zeit fordert, ausführlich besprechen werden können. In
dem kurzen Schlußwort konnte ich nur einiges andeuten, aber
ich hoffe, die Besprechungen werden fortgesetzt werden können.
DISKUSSIONSABENDE
MIT DEN ARBEITERAUSSCHÜSSEN
DER GROSSEN BETRIEBE STUTTGARTS
ERSTER DISKUSSIONSABEND

Stuttgart, 22. Mai 1919

Einleitende Worte von Rudolf Steiner

Meine sehr verehrten Anwesenden! Sie haben soeben gehört, in


welcher Weise der heutige Abend verlaufen soll. Wir werden in
der ganzen Bewegung, die dem sozialen Neuaufbau dienen soll,
am besten vorwärtskommen, wenn wir auf diesem Weg der Frage-
stellung und freien Aussprache versuchen, uns über das zu verstän-
digen, was geschehen soll. Da ich mich ja erst durch Ihre späteren
Diskussionsbeiträge über das, was heute abend verhandelt werden
soll, zu unterrichten haben werde, erlaube ich mir, nur mit ein
paar Worten auf einiges aufmerksam zu machen, da es vielleicht
gut ist, wenn es unseren Disputationen vorausgeschickt wird. Vor
allen Dingen möchte ich noch einmal besonders betonen, daß sich
dieser «Bund für Dreigliederung des sozialen Organismus» in ge-
wisser Beziehung unterscheidet von anderen, von parteimäßigen
Bewegungen, ohne daß diese parteimäßigen Bewegungen durch
diesen «Bund für Dreigliederung» irgendwie gestört oder beein-
trächtigt werden sollen. Wenn der «Bund für Dreigliederung des
sozialen Organismus» glaubt, heute tätig werden zu müssen, so
geschieht es ja aus einem ganz bestimmten Grund heraus.
Sie alle wissen gut, wie lange schon in einer mehr gefühlsmä-
ßigen Weise der Ruf nach Sozialisierung durch die Welt geht.
Sie alle wissen auch, daß dieser Ruf nach Sozialisierung heute
eine besonders drängende Gestalt angenommmen hat. Sie wissen,
daß wir aus Wirrnis und Chaos nicht herauskommen können,
wenn wir nicht dem Rechnung tragen, was in der Forderung nach
Sozialisierung enthalten ist, wenn wir nicht ernsthaft durch die
Tat das anstreben, was wirklich Sozialisierung genannt werden
kann.
Auf der anderen Seite sehen wir, daß sich ja gerade seit dem
Beginn der Deutschen Revolution so vielfach zeigt, wie zwar der
Ruf nach Sozialisierung da ist, wie es aber zugleich an Vorstellun-
gen darüber fehlt, was man nun eigentlich tun soll, wie das nun
eigentlich in die Tat umgesetzt werden soll, was als Sozialisierung
verlangt wird. Gerade jetzt bekommt man jeden Tag aufs neue
Beweise dafür, wie wenig sich die Menschen klar darüber sind,
was geschehen soll, um die Sozialisierung herbeizuführen. Und
so sehen wir, daß immer deutlicher und deutlicher, immer berech-
tigter und berechtigter der Ruf nach Sozialisierung ertönt, daß
aber von seken der Regierung für eine wahre Sozialisierung nichts
Erhebliches, ja nicht einmal Unerhebliches geschieht. Ja, wir kön-
nen sogar sagen - vielleicht werden Sie sich nachher im Verlauf
der Disputation gerade über diese Frage näher aussprechen oder
auch genauer unterrichten wollen - , daß man aus dem, was ge-
schieht, deutlich ablesen kann, daß keine Vorstellung von einer
wirklichen Sozialisierung da ist.
Sie werden vielleicht jenen Gesetzesentwurf gelesen haben, der
ja in die Wege leiten soll - so sagt man ja wohl in der bürokrati-
schen Sprache - die Institution der sogenannten Betriebsräte. Na-
türlich denkt man zunächst an den Stellen, an denen man solche
Dinge heute in die Wege leiten will, daran, Gesetze zu machen
darüber, was Betriebsräte tun sollen, was ihre Rechte sein werden
und so weiter. Aber nehmen Sie das Ganze, was da als Entwurf
jetzt in die Welt gegangen ist, so werden Sie sich sagen müssen:
Ja, das trägt auch nicht im geringsten den Stempel einer wahren
Sozialisierung. Man nennt es sogar «Sozialisierung der Betriebe»,
als ob man die einzelnen Betriebe in Wirklichkeit sozialisieren
könnte! Was in diesem Entwurf für die Konstituierung der Be-
triebsräte enthalten ist, das ist ja nichts anderes als, ich möchte
sagen, das Hineinfließenlassen eines gewissen demokratischen Prin-
zips des uns sattsam bekannten Parlamentarismus in die einzelnen
Betriebe. Man nennt die Sache ja heute schon vielfach «Demokrati-
sierung der Betriebe». Das parlamentarische Prinzip soll gewisse
Ausläufer, solche Meerbusen ausstrecken, die in die Betriebe hin-
eingeleitet werden, in denen dann weiter parlamentarisiert werden
soll. Ja, so wenig der bisherige Parlamentarismus, indem er in der
Abgeschlossenheit in allerlei «Häusern» praktiziert wurde, irgend
etwas zur Sozialisierung hat beitragen können, ebensowenig wird
dieses Ausstrecken der parlamentarischen Meerbusen den Betrieben
etwas bringen können von dem, was Sozialisierung ist. Sie sehen
es ja am besten daran, daß in diesem Entwurf überall in der ganz
alten Weise geredet wird vom «Arbeitgeber» und «Arbeitnehmer».
Wenn es auch nicht offen ausgesprochen wird, so ist es doch so,
daß hinter all dem der alte Kapitalismus auch weiterhin lauert.
Es ist alles in der alten kapitalistischen Form gedacht. Es soll im
Grunde genommen alles beim alten bleiben, und die Arbeitnehmer
sollen dadurch beruhigt werden, daß nun irgendwie Betriebsräte
gewählt werden können, die allerlei theoretische Verhandlungen
zu pflegen haben mit den Unternehmern. Aber mit Bezug auf
die eigentliche soziale Gestaltung soll doch letztlich alles beim
alten bleiben. Das kann derjenige aus einem solchen Entwurf deut-
lich herauslesen, der einen Sinn dafür hat, so etwas überhaupt zu
lesen. Es ist auch nicht der allergeringste Anlauf genommen wor-
den, um den Kapitalismus wirklich abzubauen. Und so sehen wir,
daß schon die allererste Forderung der Sozialisierung, der Abbau
des Kapitalismus, nicht in Angriff genommen wird durch das,
was jetzt so vielfach Sozialisierung genannt wird.
Was soll man eigentlich angesichts einer solchen Regierung noch
an Gedanken entwickeln können? Man kann doch heute wahrhaf-
tig nicht mehr zu einem anderen Gedanken kommen als zu dem,
daß die einzige Rettung darin besteht, daß sich die große Masse
der Arbeiter nun wirklich unterrichtet über das, was die Schäden
der sozialen Ordnung bisher hervorgebracht hat, und daß sie sich
unterrichtet über das, was nun wirklich eine Besserung bringen
kann. Es ist schon die Aufklärung dasjenige, um was es sich vor
allen Dingen handelt. In diesem Zusammenhang ist es wichtig,
daß jetzt nicht mehr auf die gehört werden sollte, die immer
wieder sagen: Ja, die Aufklärung dauert aber lang. - Sie braucht
nicht lange zu dauern, wenn wir uns nur ein wenig Mühe geben
wollen, die Dinge ohne Masken und Illusionen zu sehen, wenn
wir uns bemühen, die Dinge so zu sehen, wie sie sind und wie
sie geschehen müssen. Wir haben nicht mehr die Zeit, jahrelang
auf eine Sozialisierung zu warten. Es muß unmittelbar etwas ge-
schehen. Aber es kann nur etwas geschehen, wenn eine geschlosse-
ne Masse von Menschen dasjenige, was geschehen soll, trägt. Im-
mer wieder fragen die Leute: Ja, wo ist denn die praktische
Anweisung zu dem, was zum Beispiel in meinem Buch «Die Kern-
punkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Ge-
genwart und Zukunft» steht? - Das nächstliegende Praktische ist,
daß möglichst viele Leute da sind, die das fordern, was in meinem
Buch steht, so daß es ganz unmöglich wird, gegen diese Forderun-
gen noch weiter zu regieren. Darin besteht die zukünftige Macht,
daß sie sich dasjenige erzwingen wird, um was es sich handelt.
Sonst wird eine Macht eben niemals wissen, wie sie eben diese
Macht ausnützen soll, was sie tun soll. Es kommt wirklich darauf
an, zu wissen, was man tun soll. Deshalb muß in den weitesten
Kreisen eine sachgemäße Aufklärung stattfinden, und man muß
sich eine Vorstellung machen können von dem, wie so etwas vor
sich gehen kann wie der Abbau des Privatkapitals und die Ab-
schaffung des Lohnsystems.
Vor allen Dingen muß man sich von folgendem eine gründliche
Vorstellung machen können. Sehen Sie, die eigentliche Wirtschafts-
frage, w o zeigt sie sich denn? Man muß sie am richtigen O r t
sehen können. Man muß sich nicht durch graue Theorien die
Tatsachen verdunkeln lassen. Man muß die Wirtschaftsfrage da
sehen, w o sie ist, und von dort ausgehen. Wo ist sie? Wo ist sie
als Tatsache? Nun, sie ist da, wo ich mein Portemonnaie aus der
Tasche herausnehmen muß und in ihr das Geld haben soll, für
das ich mir etwas zur Befriedigung meiner Lebensbedürfnisse in
einem Laden besorgen soll. U n d es muß durch den Wirtschaftsvor-
gang so viel in meinem Portemonnaie sein können, daß ich mir
die lebensnotwendigen Dinge besorgen kann. Das ist die Grundtat-
sache allen Wirtschaftslebens. Alles übrige ist heute im Grunde
genommen nur dazu da, um diese Tatsache zu verdunkeln.
Warum fordert der dreigliedrige soziale Organismus eine Loslö-
sung des Wirtschaftslebens vom Rechtsleben und vom Geistesie-
ben? Er fordert diese Loslösung aus dem Grunde, damit das Wirt-
schaftsleben in sich wirklich sozialisiert werden kann, so daß man
es endlich in seiner wahren Gestalt vor sich hat, in der wahren
Gestalt, die sich als Vorgang abspielt zwischen der Ware im Laden
und dem Inhalt des Geldbeutels. N u r dann, wenn wir aus dem
ganzen übrigen Gesellschaftsprozeß das herauslösen, was sich zwi-
schen Portemonnaie und Laden abspielen muß, versetzen wir uns
in die Lage, richtig sozialistisch zu denken. Was heißt das aber?
Das heißt sehr viel. Wenn man aber nicht von der richtigen Tatsa-
che ausgeht, dann kann man auch mit Bezug auf alle übrigen
Dinge nicht zu richtigen Ansichten kommen.
Ich werde mich aus Ihrer Disputation unterrichten über das,
was über die Einzelheiten zu sagen ist. Aber zuvor möchte ich
notwendige Richtlinien angeben, wobei ich von der eben geschil-
derten wirtschaftlichen Grundtatsache ausgehen werde. Sehen Sie,
wenn sich in einem Laden irgend etwas befindet, was ich zur
Befriedigung meiner Lebensbedürfnisse brauche, und ich komme
mit meinem Portemonnaie und gebe aus diesem Portemonnaie das
Geld für die Ware hin, dann muß man sich klar darüber sein,
daß darin zunächst ein Vorgang enthalten ist, der schon etwas
den wahren Tatbestand vertuscht. Ich bekomme Ware, ich gebe
Geld hin. Ist das Geld eine Ware? Kann das Geld jemals eine
Ware sein? Sie brauchen wirklich keine tiefsinnigen Studien zu
machen, aber die tiefsinnigen Studien beweisen gerade das, was
ich jetzt sagen werde.
Sie brauchen nur einen wirklichen Lebenssinn dafür zu haben,
was ein Stück Papier ist, und Sie werden sich sagen: Ein Stück
Papier kann niemals in derselben Weise Ware sein wie zum Bei-
spiel ein Laib Brot, den Sie im Laden kaufen. Ich meine, das ist
etwas, was der schlichteste Verstand einsehen kann, und etwas
anderes kann keine Wissenschaft behaupten. Das, was Sie als Geld-
zettel aus Ihrem Portemonnaie herausnehmen, kann keine Ware
sein, sondern nur eine Anweisung auf den Erhalt einer Ware,
nichts anderes. Deshalb muß es aber herkommen von der Ware.
Es muß einmal eine Ware erzeugt, also etwas geleistet worden
sein. Leistungen sind in diesem Sinne auch Ware. Dieses Papier-
stück muß geschaffen worden sein durch einen solchen Vorgang,
der Ware, der Leistung hervorbringt, und so bildet das Papierstück
nur die Brücke zwischen der Ware, die Sie im Laden kaufen, und
jener Ware, die einmal erzeugt sein muß, damit man auf diese
Ware die Papieranweisung hat erhalten können. Das ist, schlicht
gesagt, der Wirtschaftsprozeß. Jedes andere Element im Wirt-
schaftsprozeß ist ungesund. Es kann im Wirtschaftsprozeß nichts
anderes getauscht werden, wenn er gesund sein soll, als Ware
gegen Ware.
N u n fragen wir aber: Wird heute im Wirtschaftsprozeß bloß
Ware gegen Ware getauscht? Nein, und sobald man sich das or-
dentlich überlegt, kommt man auf das, um was es sich handelt.
Heute wird im Wirtschaftsprozeß nicht bloß Ware gegen Ware
getauscht, sondern heute wird im Wirtschaftsprozeß noch Ware,
wenn auch vielleicht repräsentiert durch das Geld, also Ware oder
Geld getauscht gegen Arbeit. Die Arbeitskraft wird heute im Wirt-
schaftsprozeß ebenso bezahlt wie Ware. Dadurch aber ist die Ar-
beitskraft in den Wirtschaftsprozeß hineingestellt.
Sehen Sie, es gibt eine ganz schlichte Überlegung, die Ihnen
zeigen kann, daß die Arbeitskraft gar nicht in den Wirtschaftspro-
zeß hineingehört, weil sie in ihrer Art eigentlich niemals mit irgend-
einer Ware verglichen werden kann. Man muß nur mit Bezug auf
solche Dinge heute die ganz vertrackten Vorstellungen der Men-
schen zurechtrücken. Man muß darauf kommen, wie die Menschen
gelernt haben, über diese Dinge verkehrt zu denken.
Sehen Sie einmal, es ist doch Arbeitsleistung verbunden mit
einer gewissen Anstrengung des menschlichen Organismus. Nun,
der Mensch kann sogar, auch wenn er es nicht nötig hat, zum
Beispiel Holz zu hacken, das Bedürfnis haben, dennoch zu arbei-
ten. Dann treibt er zum Beispiel Sport. Und die Arbeitsmenge,
die einer auf den Sport verwendet, die könnte unter Umständen
gerade ebensoviel den Körper abnutzen - wenn er sich beim Sport
besonders anstrengt - wie die Arbeit dessen, der Holz hackt, den
Körper abnutzt. Die Arbeit hat nichts zu tun mit dem wirtschaftli-
chen Prozeß, sondern die Arbeit hat nur dadurch mit dem Wirt-
schaftsprozeß etwas zu tun, daß sie auf etwas wirtschaftlich Wert-
volles angewendet wird. Sport ist etwas wirtschaftlich Wertloses,
ist bloß für den Egoismus des Menschen da. Holzhacken ist wert-
voll. Dadurch, daß die Arbeit wirtschaftlich wertvoll ist, wird sie
Bestandteil des Wirtschaftsprozesses. Aber das, was bei der Arbeit
das Wesentliche ist, das ist, daß ich in bezug auf die Verwendung
meiner Arbeit ein freier Mensch sein muß, daß ich nicht durch
einen wirtschaftlichen Zwang dazu veranlaßt werden kann, meine
Arbeit in einer beliebigen Weise in den Dienst des Kapitalismus
zu stellen. Wenn es sich um die Verwendung der Arbeitskraft
handelt, da greifen Freiheit und Unfreiheit und Zwang ein. Wie
die Arbeit als solche ein Gegenstand des Rechts sein muß und
nicht ein Gegenstand des Wirtschaftslebens, ist daher dasjenige,
was man sich in ganz einfacher Weise klarmachen muß.
Im Wirtschaftsleben hat nur das eine Bedeutung, was durch
Arbeit erzeugt, hervorgebracht wird; das muß bezahlt werden.
Nicht aber muß dasein ein Unternehmer, der einem Arbeiter
seine Arbeitskraft bezahlt. Wie sich der Arbeitsleiter und der Ar-
beiter zueinander verhalten, das muß auf einem ganz anderen Bo-
den, auf dem Boden des Rechts, ausgemacht werden. In bezug
auf das Wirtschaftsleben können, wenn wirkliches Recht vorhan-
den ist, der Arbeiter und der Arbeitsleiter nur Gesellschafter sein,
die den Ertrag der Leistung in gerechter Weise unter sich verteilen.
In Zukunft darf es keine Bezahlung der Arbeitskraft mehr geben,
das heißt: Das Lohnverhältnis muß weg, das Lohnverhältnis darf
ferner nicht existieren.
Es muß ein Zustand herbeigeführt werden, und das ist dann
ein sozialer Zustand, in dem der Arbeitsleiter und der Arbeiter
die Waren gemeinschaftlich erzeugen und das, was sie als freie
Gesellschafter miteinander erzeugen, in einer gerechten Weise nach
dem Warenvertrag, nicht nach dem Arbeitsvertrag, miteinander
teilen. Erst wenn eine solche Umgestaltung der Produktionsver-
hältnisse herbeigeführt wird, kann man von Sozialisierung spre-
chen. Dann hört man aber auch damit auf, in einem Sozialisie-
rungsprogramm alle die alten Begriffe, die noch auf dem Kapitalis-
mus basieren, zu verwenden. Man muß ganz gründlich umdenken.
Man muß wirklich die alten Vorstellungen über den Haufen wer-
fen, nicht etwa bloß weil sie Vorstellungen sind, sondern weil sie
im Leben drinnenstecken.
N u n muß aber noch etwas beachtet werden. Wenn die Arbeits-
kraft innerhalb des Wirtschaftsprozesses in ein Zwangsverhältnis
gestellt werden soll, dann muß etwas dasein. Was ist denn das?
Sehen Sie, da muß ich wieder zurückkommen auf die Urtatsache
des Wirtschaftsprozesses, auf das Portemonnaie und den Laden.
Wenn der Zettel, den ich im Portemonnaie habe, wirklich nichts
anderes ist als die Anweisung auf eine Ware, dann kann im Grunde
genommen gar kein Arbeitszwang herrschen, denn dann muß in
irgendeiner Weise dieser Schein immer zurückführen auf etwas,
was als Leistung in die Welt gesetzt worden ist. Und es handelt
sich nur darum, daß dann diese Leistung in der entsprechenden
Weise zirkuliert, zirkuliert so, daß der Verbrauch die Produktion
jederzeit regelt. Aber so ist die Sache ja heute nicht. Das, was
ich da im Portemonnaie trage, das ist nämlich durch den Wirt-
schaftsprozeß der neueren Zeit etwas ganz anderes geworden als
eine Anweisung auf die Ware. Das ist nämlich selber Ware gewor-
den, ist etwas geworden, was in der sozialen Ordnung einen selb-
ständigen Wert hat. Das ist es aber nur dadurch geworden, daß
eine Warenart - die im Grunde genommen ganz ausgeschaltet
werden könnte, wenn sie nur der führende Handelsstaat England
auch mit ausschalten würde, dann könnte sie ganz aus dem Wirt-
schaftsprozeß ausgeschaltet werden, in einem inneren Wirtschafts-
prozeß kann sie immer ausgeschaltet werden, man würde dann
nur noch gegenüber dem Ausland eine andere Rücksicht zu neh-
men brauchen - , daß dieser Schein, den ich im Portemonnaie
trage, eine andere Bedeutung hat, als eine bloße Anweisung auf
Ware zu sein. Dies rührt nun daher, daß durch die Staatsverhält-
nisse eine Ware geschaffen worden ist, die eigentlich keine Ware
ist, nämlich das Gold oder Silber. Beide sind ja in Wirklichkeit
keine Ware, werden aber repräsentiert durch den Schein. Dadurch
wird der Geldprozeß losgelöst vom Wirtschaftsprozeß, wird her-
ausgezogen aus dem Wirtschaftsprozeß, dadurch wird das Geld
selber zur Ware gemacht, und dadurch kann das Geld, das in
Wahrheit keine Ware sein darf, im Wirtschaftsleben für sich ganz
selbständig werden. Das ist aber die Grundlage des Kapitalis-
mus.
[Wenn man mit dem Geld selbständig wirtschaften kann, was
entsteht da? Da Geld niemals anders geschaffen werden kann als
dadurch, daß Waren erzeugt werden, Ware aber im arbeitsteiligen
Wirtschaftsleben nie anders erzeugt werden kann als durch Arbeit,
so entsteht Macht über die Arbeitskraft durch das Kapital. Kapital
ist nichts anderes als Macht über menschliche Arbeitskraft.]* Man
bekommt die Möglichkeit, sich menschliche Arbeitskraft zu ver-
schaffen, indem man das Geld als selbständige Ware loslöst von
dem Wirtschaftsprozeß, während das Geld eigentlich bloß ein
wertloser Schein sein sollte im Sinne einer Anweisung auf das,
was man als Ware durch das Geld eintauscht. Durch diese Loslö-
sung des Geldes aber ist die Arbeitskraft zum Knecht der Macht
«Kapital» geworden. Dadurch waltet heute etwas in dem Wirt-
schaftsprozeß, was ihn zum Beispiel in bezug auf die Preisbildung
fortwährend verfälscht. Denn während ich nur die Ware bezahlen
sollte, muß ich mitbezahlen die Arbeitskraft. Aber weil über die
Arbeitskraft die Macht des Kapitals herrscht, wird die Arbeitskraft
so billig wie möglich bezahlt, weil natürlich eine Macht, die
herrscht, die Tendenz hat, so billig wie möglich einzukaufen. Ist
die Arbeitskraft im Wirtschaftsprozeß selbst enthalten, so wird
sie durch den Kapitalismus verbilligt.
Worauf es nun ankommt, das ist, daß die Arbeitskraft aus dem
Wirtschaftsprozeß heraus muß. Im Wirtschaftsprozeß darf nur
Ware sein. Dadurch aber, daß der Wirtschaftsprozeß so verfälscht
wird, kann in ihm auch noch anderes sein. Sehen Sie, die Soziali-
sten haben durch viele Jahrzehnte hindurch immer wieder den
Ruf nach der Vergesellschaftung der Produktionsmittel ergehen

* Siehe Hinweis auf Seite 307.


lassen. Heute aber ist es erforderlich, daß man weiß, wie diese
Vergesellschaftung der Produktionsmittel bewirkt werden muß. Es
genügt nicht, daß man in abstrakter Form bloß den Ruf nach
Vergesellschaftung ergehen läßt, sondern man muß wissen, wie
diese vollzogen werden kann. Heute sind wir so weit, daß wir
solche Dinge schon verwirklichen können, wenn wir nur wollen,
wenn wir nur wirklich den Mut dazu haben.
Sehen Sie, bevor wir uns ganz genau unterrichten über die
eigentümliche Stellung der Produktionsmittel im heutigen Wirt-
schaftsleben - im wesentlichen sind sie ja das Kapital - , ist es
gut, wenn wir zuerst noch auf etwas anderes sehen.
Es können ja heute nicht bloß Waren gekauft werden, das heißt
dasjenige, was im arbeitsteiligen sozialen Organismus durch
menschliche Arbeitskraft erzeugt wird, sondern man kann heute
noch etwas ganz anderes kaufen, was kein Mensch erzeugt, son-
dern was da ist von Natur aus, das ist der Grund und Boden.
Aber dieses Kaufen von Grund und Boden beziehungsweise das
Hypotheken-Nehmen auf Grund und Boden ist ja nur ein Verfäl-
schungsprozeß der wirtschaftlichen Ordnung. Das ist ja etwas ganz
anderes, als sich die Leute darunter eigentlich vorstellen. Man
kann nämlich in Wirklichkeit den Grund und Boden nicht kaufen,
denn Grund und Boden sind auch erst ein Wert, wenn darauf
gearbeitet wird. Was man kauft, das heißt, was man durch den
sogenannten Kauf erwirbt, das ist das ausschließliche Recht, den
Grund und Boden zu benützen. Darauf kommt es nur an, auf
dieses ausschließliche Recht, den Grund und Boden zu benützen.
Sie kaufen also nicht eine Ware, indem Sie Grund und Boden
kaufen, sondern ein Recht. Und das sind die Krebsschäden der
heutigen sozialen Ordnung, daß man innerhalb des Wirtschafts-
prozesses nicht bloß Waren kaufen kann, sondern auch Arbeit
und Rechte kaufen kann. Indem man Arbeit kaufen kann, erwirbt
man die Möglichkeit, diese Arbeit in den Wirtschaftsprozeß hin-
einzuziehen, das heißt zu vergewaltigen. Und indem man das
Nutzungsrecht an Grund und Boden kaufen kann, erwirbt man
Macht.
Man muß sich klar darüber sein, daß man aus dieser Kalamität
überhaupt nicht herauskommt, wenn man der Sache nicht radikal
zu Leibe rückt. Ganz genau denselben Wert, den im Wirtschafts-
prozeß der Grund und Boden hat, oder besser gesagt dieselbe
Bedeutung, haben aber fertiggestellte Produktionsmittel, nicht Pro-
duktionsmittel, die erst gemacht werden, sondern die fertiggestell-
ten Produktionsmittel, die dann dazu dienen, daß mit ihnen weiter
produziert wird. Diese fertiggestellten Produktionsmittel, die kann
man in Wirklichkeit eigentlich auch nicht kaufen. Kauft man sie
aber, dann erwirbt man in Wahrheit das Recht, sie ausschließlich
zu benutzen. Also, man kauft wiederum ein Recht. Und nun
sehen Sie am allerbesten an diesen Produktionsmitteln, daß, wenn
sie fertig sind, sie einfach nicht verkäuflich sein dürfen, daß aufhö-
ren müssen die Produktionsmittel auf dem Wirtschafts markt einen
Wert zu haben. Wenn sie fertiggestellt sind, dann sind sie gerade
so wie Grund und Boden. Jetzt stellt sich die Frage, die ja eine
wirklich soziale Forderung beinhaltet: Wie schaffen wir es, daß
die Produktionsmittel nicht mehr länger einen Wirtschafts wert ha-
ben, wenn sie fertig sind? Wir schaffen es nur dadurch - ich
habe es vorhin ja schon gesagt —, daß man alles das, was nicht
in den Wirtschaftsprozeß hineingehört, in selbständige Glieder des
sozialen Organismus übergehen läßt.
Was ist denn notwendig für die Produktion? Ist in Wirklichkeit
Kapital notwendig? Nein! Es ist eben ein Unsinn, daß Kapital
notwendig ist. Damit die Produktionsmittel bedient werden kön-
nen, ist notwendig, daß geistige Arbeit da ist. Das versteht natür-
lich jeder Arbeiter, daß geistige Leitung, geistige Arbeit da sein
muß. Und er versteht auch, daß er bald aufhören müßte zu arbei-
ten, wenn nicht eine geistige Leitung, geistige Arbeit, vorhanden
wäre. Aber heute geht es nicht um geistige Leitung, sondern um
den Privatbesitz an den Produktionsmitteln und um die Rentabili-
tät, um die Anlagefähigkeit wiederum des im Produktionsmittel
steckenden Kapitals. Deshalb ist es notwendig, daß man die Pro-
duktionsmittel herauslöst aus dem Wirtschaftsprozeß, so daß sie
durch die soziale Ordnung selbst immer an den gelangen können,
der die entsprechenden Fähigkeiten hat und zu dem die Arbeiter
Vertrauen haben. Deshalb will die Dreigliederung des sozialen
Organismus den selbständigen Geistesorganismus. Es ist einfach
Unsinn, wenn gesagt wird, [daß dadurch neue Besitzverhältnisse
geschaffen werden ...] In diesem Geistesleben, das ja mit den
anderen Zweigen des Lebens in enger Verbindung steht, wird
dann dafür gesorgt, daß die Produktionsmittel ihren Weg durch
die Welt anders machen als durch Kauf. Und in dem, was ich
den Rechtsstaat nenne - er hat ja wahrhaftig nichts mehr mit
dem alten Staat zu tun -, wird dafür gesorgt werden, daß die
Arbeitskraft ihr Recht bekommen kann. Im Wirtschaftsleben selbst
bleiben dann nur noch die Warenerzeugung, die Warenverteilung
und die Warenkonsumtion.
Dann, wenn wir einen solchen Wirtschaftsprozeß vor uns haben,
werden wir uns aufraffen können, zu verlangen, daß es eine Liqui-
dierungsregierung geben muß. Diese sagt sich dann: Nun gut, ich
muß eine Zeitlang bestehen, weil das Alte sich fortsetzen muß.
Aber ich muß zurückbehalten höchstens nur so etwas wie ein
Polizeiministerium, ein Ministerium des Inneren, ferner ein Justiz-
ministerium, das die Rechtsverhältnisse durch die entsprechende
demokratische Vertretung herbeiführen wird.
Es ist wiederum eine Verleumdung, wenn gesagt wird, daß dann
auf dem Rechtsboden nur die Rechtsgelehrten herrschen werden.
Nein, es wird das Volk herrschen, es wird eine wirkliche Demo-
kratie geben, die sich ausdehnen wird. Nach links und nach rechts
muß die Regierung eine Liquidierungsregierung sein, die nach der
einen Seite hin das Geistesleben in seine eigene Verwaltung über-
führt und nach der anderen Seite hin das Wirtschaftsleben in seine
eigene Verwaltung überführt. Die Liquidierungsregierung wird die
Initiative zu ergreifen haben so, daß sie den freien Boden für das
Wirtschaftsleben schafft, so daß im Wirtschaftsleben aus den Kräf-
ten, die die jeweiligen Werte der Waren, das heißt die für die
gesunde Lebenserhaltung notwendigen Preise, regulieren, eine
wirkliche Sozialisierung eintreten kann.
Sehen Sie, ich weiß selbstverständlich, daß, wenn ich so etwas
auseinandersetze, immer wieder von den verschiedensten Gesichts-
punkten her die Leute sagen: Ja, er drückt sich so unbestimmt
aus. - Ich möchte bloß wissen, wie sich jemand bestimmt ausdrük-
ken soll über etwas, was ein unendliches Gebiet ist. Man kann
ja nur aufmerksam machen auf das, was den Dingen eigentlich
zugrunde liegt. Aber ich habe immer die Hoffnung, daß gerade
diejenigen, die aus ihren Lebensnöten heraus sich eine gewisse
innere Empfindung für die Wahrheit dieser Sache erworben haben,
sehen möchten, daß dem, was hier vorgetragen wird, eine wirklich
gründliche Einsicht in den gesamten Produktions- und Konsum-
tionsprozeß zugrunde liegt. Und nur aus einer solchen Einsicht
heraus kann man zur Tat fortschreiten. Das allein ist daher das
wirklich Praktische, während das keine Praktiker sind, die die
Gesetze immer so machen oder Einrichtungen so gestalten, daß
das eine Loch zu und ein anderes dadurch wieder aufgemacht
wird.
Man kann ja einen Wirtschaftsbetrieb recht schön einrichten,
wenn man ihn kapitalistisch läßt, das heißt die ganze Wirtschaft
kapitalistisch läßt. Dann wird es vielleicht in den einzelnen Wirt-
schaftsbetrieben möglich sein, daß sogar das für den Arbeiter zu-
stande kommt, was man so schön einen vollen Arbeitsertrag nennt,
daß dann aber kein Mehrwert mehr erzeugt wird. Da wird zwar
Walther Rathenau kommen und sagen: Der Mehrwert ist zu nichts
anderem da als für die Rücklage, also für die fortlaufende Verbes-
serung der Produktionsmittel und die Vergrößerung des Betriebes.
Es geht alles, was an Mehrwert erzeugt wird, wiederum in den
Betrieb hinein. - Ich möchte dann bloß wissen, wovon diejenigen
leben, die nicht mitarbeiten, sondern irgendwelche Tantiemen oder
dergleichen beziehen, wenn alles wiederum in den Betrieb hinein-
geht. N u n ja, solche Leute kann man ja reden lassen. Aber viel
wichtiger ist noch etwas ganz anderes.
Nehmen wir an, es würde der ganze Mehrwert einfach unter
den Arbeitenden aufgeteilt. Glauben Sie, daß dann, wenn die alte
kapitalistische Ordnung bliebe und wenn in einem Betrieb der
Mehrwert unter den Arbeitenden aufgeteilt würde, daß dann ohne
Mehrwert gearbeitet werden braucht? Man kann, wenn man die
Wirtschaft nicht sozialisiert, trotzdem einen Mehrwert herausschla-
gen. Dann wird er nur nicht dem Lohn der Arbeiter abgezogen,
sondern dann muß ihn der Konsument bezahlen. Es kommt nicht
darauf an, daß kein Mehrwert erzeugt wird, sondern darauf, daß
ihn der Produzent nicht zahlt ..., der Konsument ihn zahlen muß.
Wer ist das aber? Auch wieder der Arbeiter. Nehmen Sie sich
also zu Ihrem Lohn auch den Mehrwert dazu, so müssen Sie
wiederum dasjenige, was Sie sich errungen haben, als Konsument
bezahlen. Ein Loch stopfen Sie zu, das andere machen Sie wieder
auf.
Aus diesem unnatürlichen Kreislauf des Wirtschaftslebens kann
man niemals herauskommen, wenn man nicht das fünfte Rad am
Wagen, das nur dazu da ist, damit sich die Leute, die nicht gearbei-
tet haben, etwas herausschlagen können, beseitigt. Dieses fünfte
Rad trägt ja den Namen Kapital. Und man kommt aus diesem
Kreislauf nicht heraus, wenn man nicht ein unmittelbares Verhält-
nis herstellt zwischen den Produktionsmitteln und dem geistigen
Arbeiter auf der einen Seite und dem körperlichen Arbeiter auf
der anderen Seite. Wenn man das nicht will, wenn man nicht
herauswirft dieses fünfte Rad am Wagen, das nur denjenigen dient,
die nicht arbeiten, so kommt man zu keiner Sozialisierung.
Wie Sie finden werden, ist die Hauptsache dessen, was in mei-
nem Buch geschildert ist, daß dort wirklich angestrebt wird, das
aus dem Wirtschaftsleben zu tilgen, was Kapital ist, und das, was
ein Zwangsverhältnis der Arbeit ist. Das kann man nicht anders,
als daß man einen Rechtsboden schafft, auf dem, vom Wirtschafts-
leben unabhängig, die Arbeit geregelt wird, und daß man einen
Geistesboden schafft, auf dem die menschlichen individuellen Fä-
higkeiten unabhängig vom Wirtschaftsleben geregelt werden. Dann
werden sie in der richtigen Weise in das Wirtschaftsleben hinein-
fließen.
Wer das einsieht, dem wird nicht sehr imponieren, wenn dann
Leute kommen und sagen: Ja, Du willst ja die Einheit des sozialen
Lebens zerstören, indem Du es in drei Teile zerteilen willst. -
Nein, ich will gerade diese Einheit herstellen, und diejenigen Men-
schen, die von der Zerteilung dieser Einheit sprechen, wie der
törichte Artikelschreiber gestern in der Süddeutschen Zeitung, die
glauben, ich will einen Gaul zerschneiden. Ich will nicht den Gaul
zerschneiden, sie glauben aber, daß ich den Gaul zerschneide,
wenn ich ihn nicht auf einen einzelnen Fuß stelle. Den Leuten
kommt es darauf an, daß der Gaul nur dann eine Einheit ist,
wenn er auf einem Bein steht. Aber der Gaul muß auf vier Beinen
stehen. Ich will den sozialen Organismus nicht zerschneiden, son-
dern auf seine drei gesunden Beine stellen. Dadurch will ich ihn
gerade zu etwas Ganzem gestalten. Das ist es, worauf es ankommt.
N u n habe ich Ihnen wieder einiges darüber gesagt, wie die
Dinge aufzufassen sind, aber von einer anderen Seite her, als ich
es sonst schon in Vorträgen gesagt habe. Ich wollte nur den heuti-
gen Abend einleiten, und ich hoffe, daß jetzt aus Ihrer Mitte viel
gesagt wird, was uns heute abend vorwärtsbringen kann. Wir
müssen vorwärtskommen gerade in bezug auf einen wirklichen
Abbau des Kapitalismus und einen wirklichen Abbau der Zwangs-
arbeit.

Diskussion

Herr Biel stellt zwei Fragen: 1. Ist zur Durchführung einer derartigen
neuen Form des Wirtschaftslebens die Demokratie eine Notwendigkeit,
oder ist es unter Umständen richtig, wenn eben durch die Demokratie
ein derartiger Zustand nicht herbeizuführen ist, Gewalt anzuwenden?
Kann die Gewalt in diesem Falle auch ein Recht sein? - 2. Ist diese
Dreigliederung oder Sozialisierung ohne Berücksichtigung der internatio-
nalen Verhältnisse, also ohne daß alle kulturell entwickelten Völker, die
da in Frage kommen, gleichzeitig mit denselben Ideen und Forderungen
auf den Plan treten, möglich?

Rudolf Steiner: In bezug auf die Frage, ob zur Durchführung


einer wirklichen Sozialisierung die Demokratie eine Notwendigkeit
ist, möchte ich das Folgende sagen: Man kann in einem gewissen
Sinne wirklich sagen, daß sich bisher eine Mehrzahl von Menschen
noch nicht für neue Gedanken erwärmen konnte, sondern, wie
mein verehrter Vorredner schon gesagt hat, immer nur kleine
Gruppen. Allein, man wird sich gerade in diesem Punkt darüber
klar sein müssen, daß wir heute eben nicht vor kleinen, sondern
vor großen Abrechnungen der Weltgeschichte stehen. Es muß vie-
les anders werden, und es wird nur anders werden, wenn wir
uns gerade in bezug auf die allerwichtigsten Dinge dazu bequemen,
etwas anderes anzustreben, als was bisher vorhanden war. Wer
heute nicht bloß auf die Gepflogenheiten früherer Zeiten zurück-
blickt, sondern heute sehen kann, was die Menschen wollen, der
wird mit den verschiedensten realen Faktoren rechnen.
Sehen Sie, der Herr Vorredner hat zum Beispiel gesagt, daß
eine kleine Kaste die Menschen in den Weltkrieg hineingetrieben
hat. Nun, es wird durch mich in den nächsten Tagen eine kleine
Broschüre über den Ausbruch des Ersten Weltkrieges erscheinen,
in der gezeigt werden wird, wie klein die Zahl derer war, die
zum Beispiel von deutscher Seite her die Sache betrieben haben.
Diese kleine Gruppe hat in ihrer Art ganz aus den Verhältnissen
aus grauer Urzeit heraus gewirkt. Da sind einfach die alten Ver-
hältnisse in die Gegenwart hineingetragen worden. Damit der Ge-
sinnung nach, nicht mit den technischen Mitteln, in Berlin so
regiert werden konnte, wie regiert worden ist, hätte es zum Bei-
spiel gar keiner Buchdruckkunst bedurft, durch die die Bildung
und Urteilsfähigkeit in die breitesten Massen hineingetragen wor-
den ist. Aber ist dann nicht wirklich durch diese Weltkriegskata-
strophe das in den Abgrund gesunken, was einfach immer nur
so weiter fortgewirtschaftet hat?
Wir stehen heute auf einem anderen Boden, und heute sind
eben die Menschen nicht so, daß sie sich von kleinen Gruppen
dasjenige diktieren lassen wollen, was sie zu tun haben, und daß
sie bloß eine kleine Gruppe gegen eine andere kleine Gruppe
austauschen wollen. Heute will schon ein jeder mittun. Heute ist
die Zeit, in der man lernen muß den Unterschied zwischen herr-
sehen und regieren. Es scheint ja allerdings so, als ob dieser Unter-
schied noch nicht gründlich genug erkannt worden ist. Herrschen
muß heute das Volk, eine Regierung darf nur regieren. Das ist
es, worauf es ankommt. Und damit ist auch gegeben, daß in
einem gesunden Sinne heute die Demokratie notwendig ist. Des-
halb habe ich auch keine Hoffnung, daß man mit den schönsten
Ideen etwas erreichen kann, wenn man sie durch kleine Gruppen
verwirklichen will und wenn man nicht getragen wird von der
Erkenntnis und Einsicht der wirklichen Majorität der Bevölkerung.
Die wichtigste Aufgabe heute ist, die große Mehrheit der Bevölke-
rung für das zu gewinnen, was man als Möglichkeit zur Verände-
rung erkannt hat. So stehen wir heute vor der Notwendigkeit,
für das, was zuletzt wirklich an wahrer Sozialisierung erreicht
werden wird, in demokratischer Weise die Mehrheit der Bevölke-
rung zu haben.
Es könnte natürlich Übergangszeiten geben, in denen eine kleine
Gruppe irgend etwas verwirklichen würde, was von der Mehrheit
nicht erkannt wird. Aber das würde doch nur von kurzer Dauer
sein. Gerade in diesem Punkt muß man sich klar darüber werden,
daß sogar heute bereits die Zeit da ist, in der durch die Demokrati-
sierung die Menschen als Gleiche zu betrachten sind, und deshalb
müssen wir den Boden schaffen, auf dem alle Menschen in ihrem
Urteil gleich sein können, den wir loslösen von dem, worin die
Menschen nicht gleich sein können in ihrem Urteil. Denken Sie
doch einmal, wenn irgendein Kind in der Schule besonders dazu
begabt ist, rechnen zu lernen, und Sie wollen es zum Musiker
machen, so entziehen Sie ja dadurch, daß Sie das Kind falsch
ausbilden, dem sozialen Leben eine ganz besondere Kraft. Die
gesunde Entwicklung der Individualität muß gerade im sozialen
Organismus gepflegt werden. Da können Sie nicht demokratisie-
ren, da können Sie nur die Einsicht in die wirkliche Menschen-
kenntnis walten lassen. Auf dem Boden der Erziehung, des Unter-
richtswesens muß etwas ganz Neues eintreten.
Und im Wirtschaftsleben, wollen Sie da demokratisch entschei-
den? Etwa wie man Stiefel fabrizieren muß oder Ventile? Da muß
man aus sachlicher Kenntnis heraus Korporationen bilden in bezug
auf Produktion und Konsumtion; da müssen sachliche Interessen
maßgebend sein. Nach links und nach rechts müssen die rein
sachlichen Interessen abgesondert werden, dann bleibt in der Mitte
der Boden der Demokratie übrig, auf dem nichts anderes in Be-
tracht kommt als das, was jeder reife, ausgewachsene Mensch von
jedem ausgewachsenen, reifen Menschen als gleichem zu fordern
hat, und von wo dann das Recht in das Geistesleben und Wirt-
schaftsleben hineinstrahlt. Gerade weil heute der Ruf nach Demo-
kratie so berechtigt ist, müssen wir erkennen, wie die Demokratie
durchgeführt werden kann. Das war nicht notwendig in der kapita-
listischen Gesellschaft. Da haben sich die Leute auch Demokraten
genannt, aber da war es noch nicht notwendig, daß man so gründ-
lich zu Werke ging mit dem Begriff Demokratie wie heute. Heute
sind wir an dem Punkt angelangt, wo wir uns fragen müssen:
Weil die Demokratie kommen muß, wie können wir sie praktisch
verwirklichen? - Die Antwort muß lauten: N u r dadurch, daß wir
sie auf ihren eigenen Boden stellen, und was nicht demokratisch
verwaltet werden kann, was nicht alle Menschen beurteilen kön-
nen, das wird nach links und rechts sachlich abgesondert.
Es ist so einfach zu verstehen, warum dieser dreigliedrige soziale
Organismus notwendig ist, daß man sich eigentlich immer wun-
dern muß, daß die Leute so viel dagegen haben. Wenn sie fragen:
Wer ist offen und ehrlich zum Beispiel in der Demokratie, so ist
es gerade der dreigliedrige soziale Organismus, weil er danach
suchen will, wie man die Demokratie verwirklichen kann und
nicht vermischen und verwirren will alles, damit keine Demokratie
im Einheitsstaat sein kann. Diejenigen haben natürlich keine De-
mokratie gemacht, die immer den Ruf ertönen lassen: «Für Thron
und Altar!» - Aber, meine sehr verehrten Anwesenden, die werden
auch keine Demokratie machen, die an die Stelle des Thrones das
Kontor setzen und an die Stelle des Altars die Kasse. Eine Demo-
kratie werden nur diejenigen machen, die es ehrlich meinen mit
der menschlichen Gesellschaft und nicht das Demokratische dor-
thin tragen wollen, wo Sachkenntnis das einzig Maßgebende sein
kann. Deshalb werden sich die Menschen schon dazu bequemen
müssen, einzusehen, was übrigens die vernünftigen Sozialisten im-
mer schon gesagt haben, daß es in der Zukunft sachliche Verwal-
tungen und keine Scheinverwaltungen durch Wahlen und derglei-
chen geben muß. Gewiß, es muß gewählt werden, aber über die
Technik des Wählens hinaus wird man noch andere Dinge lernen
müssen, als man heute schon kennt. Ich will nur darauf aufmerk-
sam machen: Demokratie muß kommen, aber wir müssen einen
solchen sozialen Organismus haben, der Demokratie gründlich
möglich macht.
Was nun die internationalen Beziehungen betrifft, so will ich
nur sagen, daß, während dieser Weltkrieg wütete, gerade wegen
der Internationalität diese Dreigliederung von mir aufgestellt wur-
de, weil ich nur in der Dreigliederung ein Heilmittel sah, um aus
den furchtbaren Verwüstungen und Verheerungen dieses Weltkrie-
ges irgendwie herauszukommen. Denn wenn man schon durch
Jahrzehnte hindurch ein aufmerksamer Beobachter war, dann er-
kannte man ganz deutlich, daß durch das Durcheinanderwerfen
von allem möglichen diese moderne Katastrophe, die größte der
Weltgeschichte, die übrigens noch lange nicht überwunden ist,
kommen mußte.
Verdeutlichen wir uns die Geschichte einmal an einer einzigen
Erscheinung, der Bagdadbahn-Frage. Sie wissen ja wohl vielleicht,
daß diese Bagdadbahn-Frage eine große Rolle gespielt hat inner-
halb der Vorgänge, die dann eingemündet sind in diesen Weltkrieg.
Wer die Verhandlungen im Zusammenhang mit der Bagdadbahn-
Frage studiert, der weiß, wie da ineinander verwoben sind wirt-
schaftliche Interessen des Kapital-Imperialismus oder der Kapital-
Imperialismen und nationale, chauvinistische, staatliche, rechtliche
Vorurteile. So glaubte irgendein deutsches Finanzkonsortium die
Sache schon zu haben, weil es gewisse Leute in England, auch
Finanzkonsortien, das heißt von kapitalwirtschaftlichen Interessen
durchdrungene Leute, an sich gezogen hatte, da tauchte das Staats-
mäßige auf und verwirrte alles so, daß die Engländer wieder abfie-
len. Dann fielen die Franzosen ab aus gleichen Interessen. Dann
wiederum war es gegen die deutschen staatlichen Interessen, und
so ging das durch die ganzen Verhandlungen durch. Wer das
wirkliche Leben kennt, der weiß eben, wie sich im modernen
Leben immer wieder ineinander verknotet haben die drei Lebens-
gebiete, das Geistesleben, zu dem auch das nationale Leben gehört,
das Wirtschaftsleben und das Staats- oder Rechtsleben.
Sehen Sie, als ich während dieses Weltkrieges einmal nach Wien
kam - die Leute haben ja von den verschiedensten Gesichtspunk-
ten aus diesen Weltkrieg und ihr Schicksal in ihm beurteilt —, da
haben mir einige gesagt: Dieser ganze Krieg ist ja ein Schweine-
krieg. - Nicht verurteilend, sondern kennzeichnend wollten sie
zum Ausdruck bringen, daß eine der wichtigsten Ursachen die
war, daß Ungarn sich geweigert hat, die serbischen Schweine ein-
führen zu lassen. Also eine rein wirtschaftliche Angelegenheit, die
sich verquickte mit nationalen, das heißt geistigen Fragen. So bilde-
ten sich verschiedene Hexenkessel, in denen das gebraut wurde,
was dann zum Weltkrieg geworden ist: allerlei rechtliche Verhält-
nisse, vorrechtliche Verhältnisse, klassenrechtliche Verhältnisse und
dergleichen mehr. Deshalb mußte gerade derjenige, der auf das
Internationale sieht, darauf hinweisen, daß das einzige Heil, das
es in der Zukunft gibt, darin besteht, die drei Lebensgebiete zu
sondern, so daß ein dreigegliederter sozialer Organismus sich bil-
det. Dann werden die einzelnen Gebiete sich untereinander stüt-
zen, dann wird das eine auf das andere hinweisen.
Die Menschen sind ja manchmal von einer Verstocktheit, über
die man staunen könnte. Sehen Sie, ich habe einmal mit einem
Menschen gesprochen, der ein Rechtsgelehrter ist, der sogar Mini-
sterialdirektor ist, und ich habe ihn darauf aufmerksam gemacht,
daß dann, wenn der soziale Organismus dreigegliedert ist, die
Konflikte nicht mehr an den Grenzen entstehen können, weil das
eine nicht in das andere eingreift, habe gesagt, daß nicht so schnell
Staatskonflikte entstehen durch wirtschaftliche Konflikte, wenn
nicht alles durcheinandergemengt ist. Da werden die guten wirt-
schaftlichen Beziehungen zum Beispiel helfen bei den Staatskon-
flikten und dergleichen. - Ja, sagte er, wenn man das aber durch-
führt, dann verstößt man ja gegen etwas, was immer in der Ge-
schichte war, nämlich daß die wichtigsten Kriege in der Geschichte
ja eigentlich Rohstoffkriege sind. Wenn Sie das einführen wollen,
schaffen Sie ja die Rohstoff-Konflikte aus der Welt, und es ist
doch unsere Erfahrung, daß diese Rohstoff-Konflikte immer da
waren. - Ich mußte ihm antworten: Ja, wenn Sie mir eine Bestäti-
gung hätten liefern wollen, daß ich recht habe, dann würde mir
das einleuchten. Daß Sie mir es als Widerlegung sagen, das kann
ich nicht begreifen. - So sind die Leute heute. Wenn gerade und
natürlich gedacht wird, kommen sie nicht darauf, das hinzuneh-
men, denn die Vorstellungen der Menschen sind schon verrenkt
worden.
Also, mit Bezug auf das Internationale als solches ist ja gerade
die Dreigliederung zuerst gedacht worden. Sie ist die Grundlage
für eine wirkliche Sozialisierung auch des internationalen Lebens.
Aber sie hat noch eine besondere Eigenschaft. Es schadet nämlich
gar nichts, wenn der eine soziale Organismus sich dreigliedert
und die anderen noch nicht wollen. Denn, wenn die anderen noch
nicht wollen, so können ja diejenigen die Segnungen des dreigeteil-
ten Organismus genießen, die ihn eingeführt haben. Nach außen,
wenn es sie hindern sollte, können sie ja als Einheit auftreten.
Wenn drei Parlamente da sind, so können sich die ja in Verhand-
lungen mit dem Ausland zusammentun, weil die anderen es noch
nicht anders zulassen. Aber sie werden immer noch den anderen
voraus sein, weil sie die Dreigliederung in ihrem Gebiete verwirkli-
chen. Das ist gerade dasjenige, was wichtig ist, daß man gar nicht
meint, die ganze Welt revolutionieren zu wollen, sondern daß
man anfangen kann in einem bestimmten Gebiet. Dann wird das
- und das glaube ich ganz bestimmt - sehr ansteckend wirken,
wenn wirklich heilsame Zustände in einem Gebiete auftreten. Das
wird gehörig ansteckend wirken. Gerade das wird dann beitragen
zur Internationalisierung. Man muß nur praktisch denken. Das
einzige, was jetzt passieren könnte, das wäre, daß uns die Entente
daran hindert, diese Segnungen einzuführen, damit wir kein Bei-
spiel geben können. Aber wir müssen gerade in dem, was wir
imstande sind, neu zu schaffen, Mut und Tatkraft zeigen. Vielleicht
werden wir gerade durch so etwas gegen die stark kapitalistisch-
imperialistischen Mächte ankämpfen können.

Diskussionsredner Mittwich fragt: 1. Wie wird in Zukunft in der sozialisti-


schen Wirtschaftsweise die Besteuerung des Menschen möglich sein? - 2.
Wie werden wir sozialisieren?

Rudolf Steiner: Mit dem Hinweis auf die Demokratisierung und


ihre Bedeutung in der Übergangszeit glaube ich nicht, daß die
verehrten beiden Vorredner etwas von meinen Ausführungen sich
wirklich Unterscheidendes vorgebracht haben. Es könnten natür-
lich in dem einen oder anderen Kreise .Mißverständnisse eintreten,
aber wirklich etwas von dem, was ich gesagt habe, Verschiedenes,
ist eigentlich nicht vorgebracht worden.
Sehen Sie, das müssen Sie als eine Grundlage gerade des ganzen
Impulses der Dreigliederung ansehen, nämlich daß er überall auf
die Wirklichkeit hinzielt, daß er gar nicht theoretisiert. Es ist
eigentlich bei dem, was in meinem Buche über die soziale Frage
steht - wenn ich mich jetzt ein bißchen paradox ausdrücken darf - ,
nicht einmal so sehr das wichtig, was da unmittelbar drinnen
steht, sondern das, was geschieht, wenn man darangeht, das zu
verwirklichen, was da drinnensteht. Da werden die Leute merken,
daß allerlei Dinge herauskommen, von denen sie sich vorher gar
keine Vorstellung gemacht haben, gerade die Dinge, die heute
unbewußt gefordert werden von den wirklich arbeitenden und
produktiven Menschen. Und in einem speziellen Falle ist das mit
der Demokratie der Fall. Natürlich, für die Übergangszeit wird
ja eine sehr bedeutende Frage diese sein: Wenn wir nun wirklich
eine ausreichende Mehrheit bekommen, und die halte ich für das
einzig Gesunde, denn mit kleinen Gruppen läßt sich eben nichts
auf die Dauer halten, wenn wir eine ausreichende Mehrheit be-
kommen für etwas wirklich praktisch Ausführbares, dann entsteht
natürlich die Frage aus den betreffenden tatsächlichen Verhältnis-
sen heraus, sie kann nur daraus kommen: Auf welche Weise kom-
plimentiert man dann mehr oder weniger deutlich - Sie wissen
ja, was ich damit meinen kann - , wie komplimentiert man diejeni-
gen, von denen man wünscht, daß sie nun nicht mehr da sind
als Regierende, heraus? Das ist natürlich eine bedeutsame Über-
gangsfrage, und ich glaube, daß, wenn eine wirklich relative Mehr-
heit - ich will sogar sagen, eine ausreichende Mehrheit, es kommt
nur darauf an, daß es eine Anzahl von Menschen ist, die den
Ausschlag gibt und die Sache tragen kann, die aus Überzeugung
dabei ist, aus Einsicht und nicht durch Nachlaufen, nicht auf
Autorität hin - da ist, dann wird man auch die Form finden, in
der das Neue erreicht werden kann.
Aber sehen Sie, die Frage, die ja sehr schon Herr Mittwich
hier erörtert hat, erscheint mir doch nicht so ganz praktisch behan-
delt zu sein, insbesondere wenn ich mir vorstelle, daß sich ja die
Dinge eben im Raum und nicht in unserem Kopfe, nicht in unse-
ren Gedanken abspielen sollen. Herr Mittwich hat mit Recht ge-
sagt: Bei den Schicksalsfragen Deutschlands, bei den großen, ern-
sten Fragen der Gegenwart dürfen nur diejenigen mitsprechen,
welche produktive Arbeiter sind, welche in irgendeiner Weise
wirklich produktiv tätig sind. - Ich bin vollständig einverstanden.
Aber sehen Sie, die menschliche Gesellschaft würde schlecht daste-
hen, wenn die Mehrzahl der Menschen nicht produktiv, wenn sie
untätig wäre. Die Mehrzahl ist schon produktiv tätig. Und wenn
man all die produktiv Tätigen nur hätte, wenn die nur wirklich
eine Mehrzahl' bildeten, dann wären wir ja fein heraus. Dann
wären diejenigen stark in der Minderheit, die produktiv untätig
sind: die Parasiten der Gesellschaft.
N u n ist die Sache mit dem dreigeteilten Organismus so, daß
ganz gewiß nur die produktiv Tätigen, also diejenigen, die wirklich
etwas hervorbringen und etwas bedeuten für die Gesellschaft, sich
das aneignen werden, was in seinen Impulsen liegt. Wenn die es
sich aneignen, können wir uns auf diese Leute verlassen, und die
Minorität, die es sich nicht aneignet, kommt nicht in Betracht.
Durch das Annehmen eines wirklich Vernünftigen bekommen wir
eben in der Praxis eine Majorität, auf die man sich verlassen kann.
Also ich meine, die Sache selbst wird bewirken, daß, wenn sie
angenommen wird, die Mehrheit der produktiv Tätigen sich Gel-
tung verschaffen wird. Wie man aber irgend etwas durchbringen
will, ohne daß man sich auf die Mehrheit der produktiv Tätigen
stützen kann, das sehe ich in der Praxis noch nicht. Damit, daß
man die Forderung aufstellt, es sollen an dem Schicksal Deutsch-
lands nur die produktiv Tätigen teilnehmen, damit ist es noch
nicht getan. Praktisch wird die Sache erst dann, wenn man be-
denkt, wodurch denn die produktiv Tätigen allein eine Mehrheit
bilden können. Die Parasiten werden schon ausgemerzt, wenn wir
uns an den dreigliedrigen sozialen Organismus halten können.
Denn der wird eine wirkliche Sozialisierung herbeiführen, und diejeni-
gen, die unproduktive Gesellschaftsparasiten sind - dessen können
Sie ganz sicher sein - , die werden keinen Geschmack finden kön-
nen an dieser Sozialisierung. Die werden in die Untätigkeit - nun,
da sind sie ja schon drinnen - , aber auch in die Untätigkeit in
bezug auf ihre Stimme und so weiter zurückfallen müssen.
Nicht wahr, wirtschaftlich läßt sich allerdings durch den Kapita-
lismus Zwang ausüben, das habe ich ja genügend ausgeführt. Aber
dieser Zwang fällt eben dann fort, wenn wir ihn unschädlich ma-
chen dadurch, daß wir für den Abbau des Kapitalismus sorgen.
Deshalb kann ich eigentlich immer nicht begreifen, wie fortwäh-
rend durcheinandergemischt wird dasjenige, was so paßt für die
Gegenwart und was so paßt für die Zeit, die da kommen soll,
die aber wirklich schon vor der Türe stehen muß, denn wir haben
nicht lange Zeit. Für die Gegenwart kann man ja davon sprechen,
daß einem die Kapitalisten die Gurgel zuschnüren können, aber
das wollen wir gerade verhindern, daß sie das machen können.
So können wir uns nicht Zustände ausdenken, die wir ja gerade
beseitigen wollen. Deshalb ist es nicht richtig, daß eingewendet
wird, die Kapitalisten werden die Macht haben. Sie werden sie
eben nicht haben, wenn wir so vorwärtsschreiten, wie es der drei-
gliedrige soziale Organismus andeutet. Dadurch wird sie ihnen
eben genommen. Und schließlich, wer heute genauer hinsieht, für
den stellt sich die Frage so: Ja, ist denn eigentlich heute noch
das Kapital als solches, in der Hauptsache als wirtschaftliche
Macht, über weite Gebiete wirklich ein so außerordentlich Mäch-
tiges?
Sehen Sie, da will ich Ihnen doch an einem Vergleich etwas
verdeutlichen. Ich war einmal in einer Familie, die hatte einen
recht großen Hund. U n d plötzlich, nachdem sich die Frau der
Familie lange Zeit sehr bedächtig diesen Hund angeschaut hatte,
kam sie auf einen merkwürdigen Gedanken. Sie sagte, wenn sich
dieser Hund jetzt plötzlich seiner Kraft bewußt würde und er
würde sie anwenden, dann könnte er uns alle zerfleischen. Aber
der ist so zahm, und wir sind eigentlich nur durch das, daß er
sich an die Zahmheit gewöhnt hat, gerettet. - Sehen Sie, von der
Kraft des alten Kapitalismus ist heute schon sehr viel unterhöhlt.
Man denkt nur nicht daran, wieviel schon unterhöhlt ist, wieviel
heute nur noch dadurch zum Schein aufrechterhalten wird, daß
die alten Verhältnisse fortgepflanzt werden. Ja, sehen Sie, hätten
nach der deutschen Revolution - nicht wahr, Vergleiche hinken
ja immer, der Vergleich soll nichts anderes sein als ein Ausdruck
für die Kraftverhältnisse - diejenigen, die dann heraufgekommen
sind, das in sich hervorgebracht, daß sie sich bewußt geworden
wären der Kraft, die in dem Bulldoggen liegt, hätten sie sich nicht
hypnotisieren lassen von einem Fortwursteln in alten Bahnen, dann
wären wir heute schon weiter.
Nun, spezielle Fragen sind ja gerade bei den praktischen Men-
schen nicht immer so ganz leicht zu beantworten. Ich will Ihnen
sagen, aus welchem Grunde. Die speziellen Fragen sind nämlich
je nach den Verhältnissen mal so und mal so zu beantworten.
Die Dinge können ganz verschieden gehandhabt werden, und es
ist nicht immer notwendig, daß sie immer auf dieselbe Art gemacht
werden. Der Programm-Mensch, der Theoretiker, der ist gewöhn-
lich so gescheit, daß er bis aufs I-Tüpfelchen hin ein sozialistisches
Programm ausdenkt. Solche Leute hat es immer gegeben. Aber
darauf kommt es nicht an, sondern darauf, daß man zeigt, wie
der Boden gestaltet sein muß, damit die Menschen selber sozialisie-
ren können, damit sie sich zusammenfinden im Sozialisieren.
Ich muß immer wieder betonen: Ich fühle mich nicht gescheiter
als andere mit Bezug auf die Einzelheiten, aber ich versuche, Anre-
gungen zu geben, wie aus jedem Menschen das herauskommen
kann, was zur Sozialisierung beitragen kann. Deshalb möchte ich,
daß sich die Menschen auf drei Böden stellen. Die Menschen
werden ja nicht in Stände gegliedert, sondern sie alle werden in
jedem Gebiete drinnenstehen. Und die Menschen sind es, die die
Einheit bilden werden. Deshalb möchte ich so in die Ideengemein-
schaft der Kräfte hineinkommen, daß die Sozialisierung durch die
Menschen wirklich bewirkt werden kann. Dann werden wir unter
den neuen Verhältnissen auch ein gerechtes System der Besteue-
rung herausfinden. Wir dürfen nicht vergessen: Wir können nicht
aus der heutigen Vermögensstatistik ein gerechtes Prinzip für die
Besteuerung herausfinden, da wir doch daran arbeiten, sie auf
einen ganz anderen Boden zu stellen. Nicht wahr, alle diese Dinge
wie Einkommenssteuer, Verbrauchssteuer und so weiter, die wer-
den ja auf einen ganz anderen Boden in der Zukunft gestellt.
Lesen Sie in meiner Schrift über die soziale Frage nach. Da werden
Sie sehen, daß ja in der Zukunft manches ganz anders sein wird.
So zum Beispiel steht der Familienvater in ganz anderer Art im
sozialen Organismus als der Ledige, und zwar deshalb, weil, wenn
der Rechtsstaat sich wirklich so ausbildet, wie ich es annehme,
dann jedes Kind das Recht auf Erziehung besitzt. Dann ist die
Situation nicht die, daß der Familienvater seinen kärglichen Lohn
auf eine große Familie verteilen muß, während der Ledige alles
für sich verbrauchen kann. Die Verhältnisse werden ganz andere.
[Zwischenruf: Und die anderen Bedarfsartikel?] Das Recht auf
Bedarfsartikel ist ja ein selbstverständliches. Das ist ja dadurch,
daß der Wirtschaftsprozeß ein realer ist, gesichert. Jeder, der etwas
produziert, wird einfach durch den Wirtschaftsprozeß die Möglich-
keit haben, die viel sicherer ist als ein abstraktes Recht, die Be-
darfsartikel zu beschaffen. Das, was durch die Emanzipierung des
Wirtschaftslebens hervorgerufen werden soll, ist, daß man so viel
hat, daß es reicht. Der Bedarf wird besser befriedigt dadurch, daß
man ein Recht auf Bedarfsartikel und damit genug im Portemon-
naie hat. Das ist dasjenige, was das Recht auf Bedarfsartikel be-
trifft. Es ist das eigentlich kein brauchbarer Ausdruck, weil es in
der Realität nicht von Bedeutung ist, wenn man wirklich an eine
Realisierung des dreigliedrigen sozialen Organismus denkt. Dann
nämlich wird ja hergestellt das, was den Menschen von einem
gewissen Lebensalter an auch wirklich gleichstellt mit einem ande-
ren Menschen.
Nicht wahr, das Einkommen als solches, das braucht unter
Umständen gerade in einem wirklich sozialisierten Gemeinwesen
gar nicht maßgebend zu sein für dasjenige, was man verbrauchen
kann. Denn es ist durchaus möglich, daß der Mensch dadurch,
daß er irgendwie eine, nun, nennen wir es Qualitätsarbeit, zu
leisten hat, daß er scheinbar gerade im sozialistischen Gemeinwe-
sen mehr einnimmt als ein anderer; er hat deshalb nicht mehr
für seinen Verbrauch als ein anderer, er muß es wiederum ausge-
ben in der entsprechenden Weise. Darauf kommt es nicht an,
diesen Begriff von Einnahmen und Verbrauch in der Zukunft
besonders ins Auge zu fassen, sondern es kommt darauf an, daß
- weil ein Mensch wirtschaftlich gerecht in bezug auf den anderen
Menschen gestellt sein wird - , daß es in der Zukunft möglich
sein wird, überhaupt den Staat auch als Steuereinnehmer aus dem
Wirtschaftsprozeß auszuschalten.
Sehen Sie, ein Begriff wird in der Zukunft ganz verschwinden
müssen, der Begriff der juristischen Persönlichkeit, auch der wirt-
schaftlich-juristischen Persönlichkeit. Es wird tatsächlich das, was
an Steuern zu bezahlen ist, von einzelnen Menschen zu zahlen
sein, weil im Staate, im demokratischen Staate, auf dem Boden,
auf dem das Recht leben soll, der einzelne Mensch dem einzelnen
Menschen gegenübersteht. Die Menschen können nur dann gleich
sein, wenn ein Mensch dem anderen als Einzelner gegenübersteht.
Auf dem Boden des Wirtschaftslebens und auf dem Boden des
Geisteslebens muß es Korporationen geben. Auf dem Boden des
Staates kann es nur Recht geben, das ist für alle Menschen dassel-
be, das kann auch jeder erwachsene Mensch durchschauen. Davon
ist aber das Äquivalent, daß jede Privatperson, daß jeder einzelne
nur der Steuerträger ist. Das kann proportional so eingerichtet
werden, daß nie Ungerechtigkeit vorkommt, aber diese Proportio-
nalität wird nicht notwendig sein, wenn wirklich ein Ausgleich
unter den Menschen da ist. Die Steuerfrage wird dann etwas ganz
anderes sein. Deshalb gelten die Dinge, um die es sich handelt
und die heute gefragt werden können, mehr für das Übergangssta-
dium. Da muß man oftmals ja Dinge machen, die nicht bleiben.
Da handelt es sich natürlich darum, daß man allmählich die Wege
schafft zu der Besteuerung des einzelnen Menschen, nicht zur
Besteuerung von Komplexen [...] Natürlich muß auch eine Ver-
brauchssteuer geschaffen werden, womit ich nicht die indirekten
Steuern meine, die ungerecht sind. Also, eine Verbrauchssteuer
muß geschaffen werden, das heißt, daß derjenige, der viel Geld
verbraucht, natürlich mehr herangezogen werden muß als derjeni-
ge, der nicht viel verbraucht, denn wenn sich einer das Geld in
den Strohsack legt, so hat das für das soziale Leben keine Bedeu-
tung. Bedeutung erlangt es erst dann, wenn es ausgegeben wird.
Das sind natürlich so spezielle Fragen, die heute, weil sie ganz
einzelne praktische Fragen sind, im Grunde genommen immer
nur mangelhaft beantwortet werden können, weil auch die Einrich-
tungen im Übergangsstadium noch nicht gut sein können. Wenn
wir eine Denkweise finden, die es ermöglicht, das gerecht zu
verteilen, was dem Staate zukommt, so werden wir auch einen
Weg finden, daß wir den, der heute noch ein großes Einkommen
hat, mehr besteuern als den, der weniger hat. U n d das, was Herr
Mittwich in bezug auf die Zukunft gesagt hat, das kann nur ver-
wirklicht werden, wenn alles das da sein wird, was durch die
Dreigliederung geschaffen werden kann.
Eine sehr reale Frage ist die, wie die Durchführung der Soziali-
sierung zu denken ist. Manche sagen, sie könne nur durch eine
Steigerung der Produktion angestrebt werden. Ja, da kommen aber
wirklich noch ganz andere Dinge in Betracht. Diesbezüglich ist
noch keine große Klarheit in der gegenwärtigen Menschheit anzu-
treffen. Sehen Sie, ich sagte einmal in einem Vortrag - ich glaube
vor Daimler-Arbeitern - , daß das Eigentümliche in der neueren
Menschheitsentwicklung das sei, daß durch die Maschinen die An-
zahl der Arbeitenden auf der ganzen Erde nicht übereinstimmt
mit der Anzahl der Menschen, die im Konversationslexikon als
Bevölkerungszahl der Erde angegeben ist. Da werden ungefähr
1500 Millionen Menschen angegeben, aber in Wahrheit, wenn wir
die arbeitende Bevölkerung zählen, sind es 2000 Millionen, also
500 Millionen mehr. Das ist eine eigentümliche Tatsache. Ich be-
haupte natürlich nicht, daß Gespenster herumlaufen, die ja auch
nicht arbeiten würden, wenn sie herumliefen, sondern das ist so,
weil wir Maschinen haben und vergleichen können, was wirtschaft-
lich produziert wird unter Anwendung der Maschinen etwa im
Gegensatz zum Orient, wo noch nicht so viele Maschinen vorhan-
den sind, wo der Mensch mehr Hand anlegt. Dadurch ist man
in die Möglichkeit versetzt, zu berechnen, daß das, was seit der
Herrschaft der Maschine auf der ganzen Erde mehr geleistet wird,
eben 500 Millionen Menschen entspricht. Denken Sie sich einmal,
wieviel da an Arbeit, an Produktionskraft erspart werden könnte,
wenn das wirklich in vernünftiger Weise verwertet würde. Aber
darauf ist mir merkwürdigerweise erwidert worden: Ja, ich hätte
ja ganz richtig gesagt, daß durch die Maschine 500 Millionen
imaginärer Menschen da seien, also 500 Millionen Menschen mehr
als in Wirklichkeit, daß also die Arbeit geleistet würde von 2000
Millionen Menschen, aber dafür seien auch die Bedürfnisse der
Menschen gestiegen während des Maschinenzeitalters und das glei-
che sich wiederum aus gegenüber früher. - Das ist ein Einwand,
den man sehr häufig gemacht bekommt, daß einfach, wenn die
Produktionskraft gesteigert wird, sich auch die Bedürfnisse stei-
gern. Ein Loch wird zugemacht, ein anderes geht auf. Aber in
Wirklichkeit ist es doch anders. Da ist es doch so, daß alles zu
Hilfe genommen werden muß, was zur Rationalisierung, zur rich-
tigen Ausgestaltung des Produktionsprozesses führen kann. Wer
nur denkt, der Produktionsprozeß müsse gesteigert werden, der
kommt nicht zum Richtigen - und dies ist: ein richtiger Ausgleich
zwischen Konsumtion und Produktion, nicht die möglichst große
Steigerung der Produktion. Die führt auch nicht zu dem, was
erstrebt werden muß, also zu einer solchen Preisbildung, die wirk-
lich menschenwürdige Lebensbedingungen für alle Menschen
schafft.
Das, was notwendig ist, das ist namentlich, daß gerade in der
Produktion nicht solche Fehler gemacht werden, die, sagen wir,
in Deutschland gemacht worden sind. Einer davon - es sind ja
viele gemacht worden - ist der, daß in den Jahren lange Zeit vor
Ausbruch des Weltkrieges für die deutsche Industrie doppelt so
viele Kohlen gebraucht worden sind, als erforderlich gewesen wäre.
Da sind einfach soundso viele Kräfte nutzlos verbraucht worden,
die eigentlich ganz anderem hätten dienen können. Gerade darauf
kommt es an, daß wir im Wirtschaftsprozeß Menschen haben, die
der gegenwärtigen Situation gewachsen sind. Die haben wir aber
nicht. Die Menschen können zwar im großen Stil sehr fortgeschrit-
ten technisch denken, hingegen wirklich wirtschaftlich leitende
Persönlichkeiten haben wir nicht, an denen fehlt es uns. Der wirt-
schaftliche Prozeß ist gar nicht in der Weise wirklich organisiert,
wie er sein müßte, denn die Leute haben gar keine Ahnung davon,
wie sehr es darauf ankommt, daß nicht unnötig Produktivkräfte
in die Luft verpulvert werden.
Ich habe öfter schon in diesen Vorträgen ein groteskes Beispiel
gebraucht. Es kommt ja heute nicht selten vor, daß ein junger
Dachs, nachdem er die Universität absolviert hat, seine Doktorar-
beit schreiben muß. Ich schildere jetzt ein konkretes Beispiel. Ein
junger Mensch bekam von seinem Professor die Aufgabe, seine
Doktorarbeit zu schreiben über die Beistriche bei Homer - die
es übrigens nicht gibt. Das ist natürlich eine Arbeit, die zum
sozialen Prozeß nicht das Geringste beiträgt. Die Leute, die vom
Wissenschafts denken hypnotisiert sind, die nehmen es einem übel,
wenn man so etwas sagt. Aber diese Sache muß in das wirtschaftli-
che Licht gerückt werden. Wirtschaftlich kommt das in Betracht,
daß dieser junge Mann eineinhalb Jahre für die Arbeit braucht.
In dieser Zeit muß er doch essen, trinken, sich kleiden. Daß er
das kann, macht notwendig, daß soundso viele Menschen für sein
Essen und Trinken Arbeit leisten müssen, er aber verpulvert seine
Produktivkraft, er leistet für die Gesellschaft nichts. Er wird durch
dasjenige, was die Leute «freie selbständige Wissenschaft» nennen,
zum Parasiten des Gesellschaftslebens. Das ist nur ein Beispiel.
Solche Dinge aber, wo man sehr fleißig sein kann, aber letztlich
unproduktiv, solche Dinge gibt es viele in unserem Produktions-
prozeß, in unserem ganzen gesellschaftlichen Leben. Da entsteht
die Frage: Wie bekommen wir denn das heraus? Wir bekommen
es nicht heraus, ohne daß wir das geistige Leben auf seinen eigenen
Grund und Boden stellen. Steht es denn heute auf seinem Grund
und Boden? Wo man es angreift, da spürt man den ungesunden
Boden. Wo kommen denn die zahlreichen Menschen her, die da
losgelassen werden auf die arbeitende Bevölkerung und die da
leiten oder regieren sollen diejenigen, die da arbeiten?
Ich habe in meinen Vorträgen schon öfter das Beispiel angeführt
eines gewissen Regierungsrates Kolb. Dieser Regierungsrat Kolb,
er machte es nicht wie viele andere, die sich nach einer gewissen
Zeit pensionieren lassen, sondern er ging nach Amerika und arbei-
tete dort unter Arbeitern, zuerst in einer Fahrradfabrik, dann in
einer Brauerei. Dann hat er ein Buch geschrieben: «Als Arbeiter
in Amerika». In diesem Buch lesen Sie den folgenden schönen
Satz: Früher, wenn ich auf der Straße einen Menschen sah, der
nicht arbeitete, dachte ich: Warum arbeitet denn der Lump nicht?
Heute sehe ich die Sache ganz anders an. Heute weiß ich, daß
sich die unbehaglichen Dinge des Lebens in der Studierstube noch
ganz behaglich ausnehmen. - Nun, sehen Sie, dieser Mensch hat
es bis zum Regierungsrat gebracht. Er hat also ganz gewiß da
drinnen studiert in unseren heutigen Geisteswerkstätten, aber er
hat keine Ahnung gehabt vom Leben, keine Ahnung von der
Arbeit. Von solchen Leuten wird heute das Leben geleitet! Man
ahnt gar nicht, wie sehr von solchen Dingen unsere Lebensverhält-
nisse abhängig sind! Müssen aber diese Verhältnisse nicht unge-
sund sein? Ja5 ich bitte Sie doch nur zu berücksichtigen, daß der
Mensch wirklich von seinen Gedanken abhängig ist. Was da im
Kopfe drinnen ist, das ist nicht gleichgültig, das steckt an, das
steckt, besonders wenn es in den Entwicklungsjahren an den Men-
sehen herankommt, den ganzen Menschen an. Und jetzt will ich
Ihnen etwas sagen: Sorgen die heutigen Lehranstalten dafür, daß
Menschen ausgebildet werden, die dann etwas verstehen vom Le-
ben, auf dessen Boden sich die Arbeit abspielt? Nein, das sind
ganz andere Verhältnisse. Und in den Köpfen derjenigen, die heute
von unseren Lehranstalten entlassen werden, was leben in ihnen
für Gedanken? Es leben in ihnen die Gedanken, die die Leute
zum Beispiel durch die griechische Sprache aufnehmen. Aber eine
Sprache ist das deutliche Spiegelbild des äußeren Lebens. Gramma-
tik, Wortbildung, selbst der Tonfall und alles andere ist dem Leben
entnommen. Die griechische Sprache, wenn ich mich mit ihr
durchdringe, die macht mich so, daß ich mich in das griechische
Leben hineinfinde. Damals war es so, daß nur der ein freier
Mensch sein durfte, der Politik oder Kunst oder Wissenschaft
trieb oder vielleicht noch den Ackerbau verwaltete. Alle anderen
waren Unfreie. Auf dieses nun ist alles, indem man das Griechische
aufnimmt, hingerichtet. Die Menschen, die da heute aus den Lehr-
anstalten herauskommen, die kommen heraus mit Gedanken, die
nur anwendbar sind auf eine solche Gesellschaftsordnung, in der
nur wenige Menschen freie, die meisten aber unfreie sind. Das
merken die Leute nicht, was da unbewußt vorgeht, was da in sie
einfließt. Deshalb muß das Geistesleben befreit werden, damit wir
nicht Kapitalisten und ihre Knechte als geistige Leiter haben, son-
dern damit die geistige Leitung zum Wirtschaftsleben paßt. Ist es
denn eigentlich nicht absurd - es handelt sich ja jetzt um die
«große Abrechnung» - , ist es denn nicht absurd, daß unsere geisti-
gen Leiter es nicht so machen wie die Griechen? Die Griechen
haben in ihren Lehranstalten für ihr Leben gelernt. Man mag das
heute kritisieren wie man will, aber es war eben das Leben damals.
Heute darf das das Leben nicht sein! Wir lernen aber nicht dasjeni-
ge, was für unser Leben erforderlich ist, sondern wir lassen unsere
Jugend das lernen, was für das alte Griechenland war.
Ja, sehen Sie, an diesen Grundlagen für eine gesunde Sozialisie-
rung denken eben die Menschen heute noch nicht. Das ist aber
notwendig, vor allen Dingen, wenn von einer richtigen Gestaltung
der Produktion, die ja heute recht kompliziert ist, gesprochen
wird. So muß man heute lernen einzusehen, zum Beispiel wie
groß ein Produktionsbetrieb sein darf. Denn sehen Sie, auf einen
zu kleinen Produktionsbetrieb trifft durchaus das zu, was Herr
Mittwich gesagt hat. Er kann natürlich nicht bestehen, weil er
einer alten Wirtschaftsordnung angehört. Aber wir dürfen die Pro-
duktionsbetriebe aus rein wirtschaftlichen Gründen nicht zu groß
werden lassen, und zwar deshalb: Zu kleine Betriebe - das muß
ich als wirtschaftliches Gesetz heute aussprechen -, zu kleine Be-
triebe werden in der Zukunft dazu führen, daß diejenigen, die in
ihnen arbeiten, verhungern. Zu große Betriebe werden ein Verhun-
gern derjenigen bewirken, die das kaufen sollen, was in diesen
Betrieben produziert wird. Der Produktionsbetrieb muß eine ganz
bestimmte Größe haben, und diese Größe wird nur festgestellt
werden können, wenn in Zukunft durch die Menschen, die etwas
verstehen, eine richtige Balance zwischen Konsumtion und Pro-
duktion geschaffen wird. Die Konsumtionsinteressen sind immer
so, daß sie sich ausdehnen wollen. Konsumtionsgenossenschaften,
das werden Sie immer sehen, haben ein Interesse, groß zu werden.
Produktionsgenossenschaften wollen immer kleiner werden. Der
richtige Ausgleich wird geschaffen durch dasjenige, was Produk-
tion und Konsumtion zusammen bewirken. Dann werden solche
Betriebe entstehen, die eine entsprechende Größe haben werden,
so daß wirklich der geistig tätige Mensch zum Heil der mit ihm
körperlich Arbeitenden wirken kann, und daraus wird ein natürli-
cher Wohlstand hervorgehen, der den breiten Massen ein men-
schenwürdiges Dasein sichern können wird.
Also, Sie sehen, so einfach ist die Frage nicht. Es ist notwendig,
daß man einsieht, daß es ungesund ist, wenn jemand sagt, daß,
wenn die gesamte Produktion durch die Maschine geleistet wird
- wie der Herr mir dazumal sagte -, daß dann auch die Bedürfnis-
se steigen. Es ist eine Frage, ob das ein gesunder Zustand ist,
wenn die Bedürfnisse steigen dürfen, oder ob nicht die Möglichkeit
ins Auge gefaßt werden muß, dem Menschen Arbeit abzunehmen,
damit er etwas Ruhe finden kann. Das kann auch beitragen zur
richtigen Regulierung der Preise. Die Menschen sehen oft das
Aller einfachste nicht. Ich möchte Ihnen ein Beispiel geben: Ich
kam einmal mit jemandem in einen freundschaftlichen Streit über
das Bekritzeln von Ansichtspostkarten. Ich sagte: Ich schreibe
nicht gerne Ansichtskarten, denn meistens sind sie doch nur einer
Laune entsprungen und eigentlich etwas Unnötiges. Und ich glau-
be, daß ich all den Briefträgern, die da treppab und treppauf
laufen müssen, dieses Treppab- und Treppauflaufen ersparen kann.
Ich möchte ihnen diese Arbeit ersparen. Der andere sagte: Das
ist nicht richtig, denn erstens habe ich eine Freude, wenn ich
einem anderen eine Freude machen kann mit der Karte. - Nun,
das ließ sich noch anhören. Dann sagte er aber: Dann werden
zweitens die bisherigen Briefträger bald nicht mehr ausreichen,
und man muß weitere einstellen. So kommt dann wieder jemand
in Brot dadurch, daß ich viele Ansichtskarten schreibe. - Darauf-
hin sagte ich: Aber bedenken Sie doch, was Sie jetzt eigentlich
sagen. Glauben Sie denn, daß Sie die Menge des Brotes dadurch
auch nur um ein Gramm vermehren können, daß Leute angestellt
werden, um Ansichtskarten herumzutragen? Die Menge von Ver-
brauchsgütern, die für die gleiche Anzahl Menschen notwendig
ist, wird doch nicht erhöht dadurch, daß die Karten herumgetragen
werden! Man muß doch unterscheiden zwischen der Produktions-
kraft, die eben in Arbeit verwandelt werden muß, und ganz unpro-
duktiven Kräften. Und diese schauderhafte Phrase, die oftmals
benutzt wird, daß man Arbeit schaffen müsse, damit die Menschen
eingestellt werden können, die hat gar keinen Sinn, wenn man
etwas ganz Unproduktives schafft.
Also, es kommt darauf an, daß gerade durch eine vernünftige
Sozialisierung die Produktion nicht einfach blind gesteigert wird,
sondern darauf, daß ein richtiges Gleichgewicht zwischen Konsum-
tion und Produktion hergestellt wird. Sehen Sie, es ist eben so
sehr notwendig, daß wir heute den guten Willen entwickeln, uns
über diese Dinge zu unterrichten. Denn wenn wir fortfahren, in
diesen schauderhaften Begriffen zu denken, mit denen man aus
der kapitalistischen Ordnung heraus denkt, dann kommen wir
eben nicht weiter. Man muß sich immer wieder fragen: Ist irgend
etwas noch kapitalistisch gedacht, oder ist es ein wirklichkeitsge-
mäßer Keimgedanke für die Zukunft? Deshalb muß man sich
schon sagen: Man muß heute einen Gedanken schon zweimal um-
kehren, um sicher zu gehen, daß es ein Gedanke für den Neuauf-
bau ist und nicht ein Gedanke, der gelernt ist aus dem heraus,
was für den Abbau reif ist. Das ist dasjenige, was ich zu den
Fragen sagen wollte.

Es wird folgende Frage gestellt: Unter den heutigen Umständen bekommen


wir kaum eine Majorität für die Dreigliederung, weil nicht einmal die
Proletarier unter sich einig sind. Was tut man, um diese Einigung herbei-
zuführen?

Rudolf Steiner: Ja, das ist eine von den Fragen, die immer darauf
hinauslaufen, daß man zwar einsieht, was richtig ist, sich aber
vorstellt, daß man es aus irgendwelchen Gründen nicht erreichen
könne. Diese Frage sollte man so eigentlich nicht aufwerfen, damit
kommt man wirklich nicht weiter. Die Frage muß eine Wil-
lensfrage werden. Ich kann mich darüber nicht aussprechen. Man
muß eben etwas tun. Man muß das, was man als richtig eingesehen
hat, von Mensch zu Mensch tragen. Man muß sich nicht fragen:
Erlangen wir eine Majorität oder nicht? - , sondern man muß alles
tun, um diese Majorität zu erlangen. Dann tun wir unsere Pflicht
gegenüber uns selbst und gegenüber der ganzen Menschheit. Eine
Willensfrage muß aufgeworfen werden und nicht bloß eine theore-
tische Frage wie die: Wie bekommen wir die Majorität? - Ich
sage: Wir müssen sie haben! Und deshalb müssen wir arbeiten,
um sie zu bekommen. Eine Willensfrage muß es sein. Anders
geht es nicht.
ZWEITER DISKUSSIONSABEND

Stuttgart, 28. Mai 1919

Einleitende Worte von Rudolf Steiner

Meine sehr verehrten Anwesenden! An unserer letzten Zusammen-


kunft haben wir ausführlich über die Dreigliederung des sozialen
Organismus gesprochen, und ich glaube, daß Ihnen im wesentlichen
bekannt ist, worin dieser dreigliedrige Organismus bestehen soll und
daß in diesem dreigliedrigen Organismus die einzige Möglichkeit
liegt, zu einer wirklichen Sozialisierung zu kommen. Denn, sehen
Sie, gegenwärtig ist die Hauptsache ja wohl diese, daß von keiner
Seite so recht, namentlich von keiner heute noch so maßgeblichen
Seite, etwas gewußt wird über das Wesen der Sozialisierung. Das
sieht man wohl am besten an den Gesetzen, die herausgekommen
sind und die ja auch aus dem Geiste der Sozialisierung sein sollen.
Ich meine da insbesondere das Gesetz über die Betriebsräte.
Sie wissen vielleicht, daß namentlich in Berlin das Wort [...]*
geprägt wurde: Die Sozialisierung marschiert! - Ich glaube nicht,
daß man heute behaupten kann, daß die Sozialisierung marschiert.
Sie trippelt nicht einmal! Man könnte sogar die Ansicht haben,
die Sozialisierung verstecke sich. Nun, es wird in der Zukunft
darum gehen, wirklich einzusehen, wie in den Impulsen des drei-
gliedrigen Organismus nicht irgend etwas Utopistisches, etwas
Ideologisches Hegt, sondern daß in ihnen durchaus die Keime lie-
gen zu dem, was Taten werden können.
Das Wesentliche dieses dreigliedrigen Organismus ist ja, daß
wirklich reinlich auseinandergelegt werden das wirtschaftliche Le-
ben, das Rechtsleben und das geistige Leben. N u r muß, da wir
uns ja in einer Übergangszeit befinden, irgendwie ein Anfang ge-
funden werden. Dieser kann heute, das werden Sie aus den Ver-
hältnissen heraus gut erkennen, zunächst im Wirtschaftsleben ge-

Siehe Hinweis auf Seite 308.


funden werden, und zwar aus folgendem Grunde: Der Proletarier
steht im Wirtschaftsleben drinnen, der Proletarier kennt aus dem,
was er an seinem Leib und seiner Seele erfahren hat, die Notwen-
digkeit der Sozialisierung. Man kann wirklich sagen, daß außer
dem Proletarier kaum jemand einen so wirklich vollgültigen Begriff
sich von dem machen kann, was Sozialisierung ist. Gewiß, einige
aus der Intelligenz können das auch. Mit denen kann ja auch
gerechnet werden. Aber darum kann es sich ja heute nicht handeln,
daß einige Leute einsehen, dieses oder jenes sei richtig, sondern
es kommt heute darauf an, daß eine möglichst große Anzahl von
Menschen erkennt, was zu tun ist, und eine neue Gesellschaftsord-
nung herbeiführt, die im wirklichen Sinne eine soziale ist. Darum
möchte ich heute in der Einleitung etwas sagen über das, was für
unser Fortschreiten in der Sache von Bedeutung ist. Weiteres kann
dann, anknüpfend an diejenigen Fragen, die, wie ich hoffe, sehr
zahlreich aus Ihrer Mitte gestellt werden, in der Diskussion zum
Vorschein kommen. Daher möchte ich in der Einleitung nur ganz
kurz einige Anregungen geben. Dasjenige, was geschehen muß, das
ist, daß wir vor allen Dingen Menschen bekommen, mit denen die
Sozialisierung möglich ist. Diese Menschen müssen aber wirklich
echte Vertreter der breiten Massen des Proletariats sein. Sie müssen
in einer gewissen Weise ein Mandat dieser breiten Massen des
Proletariats haben. N u n ist ja dasjenige, was der Impuls des drei-
gliedrigen sozialen Organismus ist, bis zu dem Grade praktisch,
daß überall angeknüpft werden kann. Man kann von jedem Punkte
aus beginnen zu arbeiten. N u n ergibt sich heute als sehr wichtiger
Ausgangspunkt die Frage der Betriebsräte. U n d über diese Frage,
über die Sie ja schon einiges von meinem verehrten Vorredner
gehört haben, möchten wir uns heute erschöpfend unterhalten.
Bei der Behandlung der Betriebsräte-Frage geht es nun darum,
daß diese Betriebsräte zunächst, ich möchte sagen, auf die Beine
gestellt werden so, daß sie nur aus dem Wirtschaftsieben heraus
entstehen. Wir müssen nämlich den dreigliedrigen Organismus in
der Weise in Angriff nehmen, daß wir zunächst in einem der drei
Glieder etwas wirklich Praktisches tun. Es muß dann natürlich
auch parallel hierzu in den anderen beiden Gliedern etwas Prakti-
sches geschehen. Praktisch können wir nur etwas tun, wenn wir
zunächst diejenigen Menschen, die geeignet sind, praktisch zu wir-
ken, gewissermaßen auf die Beine gestellt haben. Dazu brauchen
wir die Betriebsräte, die hervorgehen müssen aus den einzelnen Be-
trieben.
N u n ist es so, daß diese Betriebsräte aus den einzelnen Betrie-
ben in der allerverschiedensten Weise hervorgehen können. Not-
wendig ist ja nur, daß die Betriebsräte, die aus den einzelnen
Betrieben hervorgehen, das absolute Vertrauen der Arbeiterschaft
und, bis zu einem gewissen Grade, soweit es möglich ist, auch
das Vertrauen der geistigen Arbeiter des betreffenden Betriebes
haben. Daher wird es sich darum handeln, daß die wirklichen
Arbeiter eines Betriebes und aus den leitenden Stellen diejenigen,
die nun wirklich mitgehen können, zunächst aus den Verhältnissen
des einzelnen Betriebes heraus, diesen Betriebsrat auf die Beine
stellen. Die Verhältnisse können in den verschiedensten Betrieben
sehr verschieden sein. So kann es zum Beispiel so sein, daß man
in dem einen Betrieb auf die eine Weise die Wahl oder Ernennung
- oder wie man es nennen will - eines Betriebsrates durchführt,
in einem anderen Betrieb auf eine andere Weise. Die Hauptsache
bleibt, daß diejenigen, die aufgestellt werden, das Vertrauen der
physischen und geistigen Arbeiterschaft der betreffenden Betriebe
haben.
Dann haben wir zunächst aber erst den Grundstock, den wir
zur praktischen Arbeit brauchen. Diese Betriebsräte werden dann
als solche dasein und werden eine Betriebsräte seh aft bilden. Dann
muß sich diese Betriebsräteschaft klar darüber sein, daß sie diejeni-
ge Körperschaft sein muß, aus der zunächst die Gesundung unseres
Wirtschaftslebens hervorgehen muß. Es geht heute nicht darum,
daß wir halbe oder Viertelsmaßregeln treffen, sondern darum, daß
tatsächlich von Grund auf gearbeitet wird. Das kann nur gesche-
hen, wenn wir die Menschen haben, die geneigt sind, von Grund
auf zu arbeiten. Lassen Sie sich nicht betören dadurch, daß gesagt
wird, es gäbe in der Arbeiterschaft nicht genügend vorgebildete
Leute. Das wird sich als der größte Irrtum, vielleicht auch als
der größte Unsinn erweisen. Denn es handelt sich zunächst nicht
darum, daß wir Leute mit einer speziellen Fachbildung bekommen,
sondern darum, daß wir aus der unmittelbaren Praxis des Wirt-
schaftslebens heraus Menschen bekommen, die das Vertrauen der
Wirtschaftenden haben. Dann wird sich das Weitere schon erge-
ben, wenn tatsächlich vorhanden sein wird der Ernst und tatsäch-
lich vorhanden sein wird der gute Wille, von Grund auf etwas
Neues zu schaffen.
Wir haben also dann, wenn wir aus den einzelnen Betrieben
heraus die Betriebsräte auf die Beine gestellt haben, die Betriebsrä-
teschaft. Dann brauchen wir als nächstes eine Vollversammlung,
gewissermaßen eine Plenarversammlung dieser Betriebsräteschaft.
Und diese Betriebsräteschaft muß sich, ungeachtet dessen, was
von gewissen Stellen her als Gesetz über die Betriebsräte fabriziert
wird, aus den Erfahrungen des Wirtschaftslebens heraus selbst eine
Konstitution geben. Sie muß sich als eine Urversammlung ansehen.
In dieser Betriebsräteschaft muß verhandelt werden über die Be-
fugnisse, über die Aufgaben, über die ganze Stellung der Betriebs-
räteschaft selber. Das kann nur geschehen dadurch, daß in dieser
Vollversammlung zunächst über das gesprochen wird, was eigent-
lich hinsichtlich einer Gesundung unseres Wirtschaftslebens zu tun
ist. Es geht also nicht darum, daß wir jetzt viel theoretisieren
über dasjenige, was die Betriebsräte zu tun haben. Das muß sich
aus der Vollversammlung der Betriebsräteschaft selber ergeben.
Halten wir zunächst fest: Man kann nicht einen einzelnen Be-
trieb sozialisieren. Das ist völliger Unsinn, da kann man nur be-
trieblich individualisieren. Sozialisieren kann man nur ein geschlos-
senes Wirtschaftsgebiet. Daher brauchen wir auch nicht
irgendwelche allgemeinen Vorschriften über die Funktion der Be-
triebsräte in einzelnen Betrieben, wie es auch jetzt wiederum in
den Gesetzen zum Ausdruck kommt, sondern wir brauchen eine
zwischenbetriebliche Konstitution der Betriebsräteschaft. Eine Be-
triebsräteschaft über ein geschlossenes Wirtschaftsgebiet muß ein
Ganzes sein. Wenn dann diese Vollversammlung, diese Urver-
Sammlung, sich eine Konstitution gegeben hat, dann wird das
zurückwirken können auf die Betriebe.
In einem nächsten Schritt muß dann aus dieser Vollversammlung
der Betriebsräteschaft heraus ein Gremium gewählt werden, das
man nennen könnte: Betriebsräteschaft-Direktorium oder Zentral-
rat der Betriebsräteschaft. Gewählt werden müßte nach einem
Wahlmodus, der wiederum ganz aus der Betriebsräteschaft selbst
hervorgeht. Wenn dieser Zentralrat der Betriebsräteschaft da ist,
dann ist ein wesentlicher Schritt getan. Denn was wir in der
Zukunft innerhalb des Wirtschaftskörpers brauchen, ist so etwas
wie eine Wirtschaftsvertretung oder meinetwillen, wenn wir das
alte Wort gebrauchen wollen, so etwas wie ein Wirtschaftsministe-
rium. Diese Dinge können sich auf keine andere Weise zunächst
in der Übergangszeit ergeben, als daß wir die Vertretung suchen
auf dem Weg über jene Urversammlung, jene Plenarversammlung
der Betriebsräteschaft. Und wir müssen, um für künftige Zeiten
im Hinblick auf eine sozialistische Gesellschaftsordnung eine
Grundlage zu haben, aus dieser Betriebsräteschaft heraus eine Zen-
tralstelle geschaffen haben, die jederzeit imstande ist, das zu bilden,
was ein Wirtschaftsministerium genannt werden könnte. Also, wir
müssen in dieser Richtung dasjenige vorbereiten, was eine wirklich
sachgemäße Verwaltung des Wirtschaftslebens aus der sozialen
Gesellschaft heraus sein kann. Arbeiten wir nicht in dieser
Weise, dann wird uns der Zeitpunkt, der doch ganz gewiß eintre-
ten wird, zu dem die Sozialisierung in Angriff genommen werden
soll, unvorbereitet treffen, und er darf uns nicht unvorbereitet
treffen! Das ist heute eine fundamentale Frage. Der Zeitpunkt
darf uns nicht unvorbereitet treffen. Es muß derjenige, der die
Macht hat - und Sie sehen, es handelt sich, allerdings in vernünfti-
gem Sinne, um eine Machtfrage - , wissen, was er zu tun hat.
Das ist ja gerade das Charakteristische, das Kennzeichnende des
9. November gewesen, daß die Leute, die an die Spitze gekommen
sind, nicht gewußt haben, was zu tun ist. Es muß dafür gesorgt
werden, daß die Menschen da sind, die wissen, was sie zu tun
haben.
Verschiedentlich schon habe ich in meinen Vorträgen betont,
daß es heute allein mit Betriebsräten nicht getan ist. Man wird
noch andere Räteschaften brauchen. Aber darum brauchen wir
uns heute nicht zu kümmern, denn es geht ja darum, daß wir
zunächst an einem Punkt praktisch zu arbeiten beginnen. Der
Impuls zum dreigliedrigen Organismus ist nicht dazu da, um im-
mer wiederum darüber zu theoretisieren, sondern überzugehen,
unmittelbar überzugehen zu einer wirklich praktischen Arbeit. Der
Zeitpunkt, wo man diese praktische Arbeit braucht, der braucht
nicht mehr gar so ferne zu liegen. Denn wenn sich heute gewisse
Kreise vorstellen, daß mit irgendeinem Friedensschluß - irgendein
Friedensschluß muß ja doch zustande kommen - ein Ende da
wäre, so ist das ein völliger Unsinn. Mit einem Friedensschluß
ist heute kein Ende da, sondern es ist ein Anfang gemacht für
eine Zeit, durch die wir durchgehen werden und in der sich über
die zivilisierte Welt einfach aus einer inneren Notwendigkeit her-
aus, aber gemacht durch die Menschen, die Sozialisierung vollzie-
hen muß.
Zweierlei müssen wir ja berücksichtigen, und diese zwei Punkte
möchte ich heute noch einleitungsweise vor Sie hinstellen. Sehen
Sie, es wird heute vielfach in Versammlungen - und ich habe ja
nun jetzt recht viele Versammlungen und Diskussionen mitge-
macht - über Kapitalismus geredet, und zwar so, wie geredet
worden ist vor dieser Weltkriegskatastrophe. Selbstverständlich gel-
ten all die Schäden des Kapitalismus heute noch genauso wie
vor dem Kriege, aber die Tatsache des Kapitalismus ist durch
diese Weltkriegskatastrophe eine ganz andere geworden. Bedenken
Sie nur die Verhältnisse in Deutschland selbst. Der Kapitalismus
hat ja eine Veränderung durchgemacht durch die Kriegswirtschaft.
Die Kriegswirtschaft hat in einer gewissen Weise den Kapitalismus
bis zu seiner höchsten Höhe erhoben. Und sie konnte das dadurch,
daß völlig an den wirklichen Bedürfnissen der Menschen vorbeige-
wirtschaftet wurde, indem nur für den Krieg gewirtschaftet wurde.
Dadurch aber, daß der Kapitalismus in diese Krisis hineingetrieben
worden ist, indem nur Unproduktives geschaffen wurde, dadurch
ist tatsächlich der ganze Kapitalismus in ein ganz anderes Verhält-
nis zur Arbeiterschaft getreten, als dies früher der Fall war. Heute
steht der Kapitalismus nicht so da wie vor der Weltkriegskatastro-
phe. U n d dasjenige, was eigentlich vorliegt, ist, daß man sich
bewußt werden müßte, daß dieser Kapitalismus nicht mehr so
dasteht. Denn dieser Kapitalismus hat, wenn das auch heute noch
nicht so stark hervortritt, das Wirtschaftsleben über einen großen
Teil der zivilisierten Welt einfach ruiniert, er hat das Wirtschaftsle-
ben unterhöhlt. Er hat heute schon so viel getan zu seiner eigenen
Vernichtung, daß diese Vernichtung kommen muß, nicht in «irgend-
einer Zeit», wie man früher in sozialistischen Kreisen gesprochen
hat, nicht in «einer fernen Zukunft», sondern in unmittelbarer
Zukunft wird der Kapitalismus über die zivilisierte Welt hin zei-
gen, daß er imstande war, unter dem alten Regime fortzuarbeiten
und sich in das Ihnen ja genügend bekannte Verhältnis zur Lohn-
arbeiterschaft zu setzen. Aber dieses Verhältnis, das kann gar nicht
wieder hergestellt werden. Daher ist heute die Frage so brennend:
Was tut das Proletariat in dem Augenblick, in dem ihm durch
die Selbstvernichtung des Kapitalismus die Aufgabe zufällt, die
Welt neu zu gestalten? Der Kapitalismus konnte unter den alten
Verhältnissen fortwirtschaften. Er kann dies jetzt nicht mehr. Er
kann es gar nicht. Es würde ein völliges Chaos, eine völlige Wirr-
nis eintreten, wenn der Kapitalismus so fortwirtschaften würde.
Nehmen wir einmal an, irgendein Friede käme zustande, auch
dann, wenn diejenigen, die ihn jetzt ablehnen wollen, ihn ablehnen.
Irgend etwas muß doch zustande kommen. Was immer aber zu-
stande kommt, das könnte doch nur darin bestehen - das bitte
ich durchaus festzuhalten - , daß mit Hilfe des noch nicht völlig
geknickten Entente-Kapitalismus totgetreten würden Mittel- und
Osteuropa, daß wir eine Versklavung bis zum Rhein, insbesondere
für die arbeitenden Menschen, haben würden. Das könnte nur
dann sein, wenn der Entente-Kapitalismus nicht geknickt würde.
Denn was könnte dann eintreten? Das kann sich jeder praktische
Mensch klar sagen. Es würde nämlich folgendes eintreten: Nehmen
wir an, der Friede käme zustande, dieser Friede, der ja ein Friede
des eigentlich schon abgewirtschafteten Kapitalismus von Mittel-
und Osteuropa mit dem Entente-Kapitalismus ist, denn das Prole-
tariat ist bis jetzt nirgends, trotz der sozialistischen Regierung,
irgendwie aufgerufen worden, teilzunehmen an den Geschicken
der Welt. Nehmen wir also an, dieser Friede kommt zustande,
dann würde er nur einen Sinn haben, wenn sich das deutsche
Proletariat dazu bereit fände, den Kapitalismus wieder aufzubauen
dadurch, daß es sich mit einem furchtbar niedrigen Lohn begnügen
würde. Würde es diesen furchtbar niedrigen Lohn, bei dem es
allmählich verhungern würde, akzeptieren, dann könnte durch die-
sen niederen Lohn der deutsche Kapitalismus sich wieder erheben,
und es könnte auf Kosten der Arbeiterschaft sozusagen bezahlt
werden, was der Entente-Kapitalismus verlangt. Das ist der eine
Fall.
Der andere Fall ist der, daß, was Sie wahrscheinlich nicht glau-
ben werden, es eintritt, daß sich zum Beispiel das amerikanische
und das englische Proletariat dazu entschließt, möglichst billig,
mit möglichst niedrigen Löhnen zu arbeiten, damit an Deutschland
Produktionsmittel geliefert werden können, die Deutschland zu-
nächst ja nur dann zahlen kann, wenn wiederum das Proletariat
fast umsonst arbeitet. Für den deutschen Proletarier ergibt sich
in beiden Fällen, daß er in eine furchtbare Lage kommt. Befreiung
aus dieser Lage bringen kann nur eine wirkliche Sozialisierung,
welche das soziale Leben auf eine ganz andere Basis stellt. Wenn
Sie auf die Weise, wie es oftmals geschildert wurde, den Kapitalis-
mus herausbringen aus der sozialen Ordnung, dann kann dasjenige,
was als Friede oder Ausgleich oder Verständigung zustande
kommt, nicht irgend etwas sein, was abgeschlossen wird zwischen
den Kapitalisten Mittel- und Osteuropas und den westlichen Kapi-
talisten, sondern es kann nur etwas sein, was hervorgeht aus der
immer sozialistischer werdenden Gesellschaft. Und das allein kann
gesunde Verhältnisse in den internationalen Beziehungen herbei-
führen. Denn dann wird es so sein, daß gerade durch den Frie-
densschluß der heute nicht mehr auf seinen Beinen stehende mit-
tel- und osteuropäische Kapitalismus tatsächlich von der Bildfläche
abtreten muß. Und das wird im Gefolge haben, daß auch in den
Entente-Staaten der Kapitalismus in einer wirklichen Weise be-
kämpft werden kann. Denn wenn es an irgendeinem Orte kein
Kapital gibt und dennoch produktives Leben herrscht, produktive
Kraft herrscht, dann muß man in ganz anderer Weise zu einer
solchen produktiven Wirtschaft sich verhalten, als wenn man die
Hoffnung hat, daß der Kapitalismus wieder erstarkt und einem
die Kriegsentschädigung zahlt oder dergleichen. Sie sehen, ich sage
das letztere nur aus dem Grunde, damit Sie nicht glauben, daß
irgend etwas in eine ferne Zukunft geschoben wird. Es geht um
die allernächste Zukunft, es geht darum, daß die Zeit, die beginnt
mit der notwendigen Verständigung der Völker oder mit dem
Friedensschluß, entweder der Anfang einer furchtbaren Lage des
mittel- und osteuropäischen Proletariats sein wird oder der Anfang
sein wird einer wirklichen Sozialisierung, die hervorgehen muß
aus Ihrem Mut, aus Ihrer Kraft, aus Ihrer Einsicht in die Notwen-
digkeit. Das ist es, was ich vorausschicken wollte.
Ich glaube, daß wir uns heute über die Betriebsräteschaft unter-
halten sollen, aber so, daß das zu einem wirklichen Tun führt,
damit wir nicht bloß reden, sondern sehen, wie der Impuls zur
Dreigliederung des sozialen Organismus darin besteht, daß er Ge-
danken enthält, die auf die Beine gestellt werden können, die zur
Tat werden können.

Diskussion

Diskussionsredner Biet wendet sich gegen das von der Regierung vorge-
schlagene Gesetz über die Betriebsräte und gegen einen Artikel im Tagblatt
über die Koalitionsregierung.

Diskussionsredner Lange fragt: Ist, wenn die Betriebsräte gewählt oder


ernannt werden sollen, daran gedacht, daß Angestellte und Direktoren,
technische oder kaufmännische Direktoren, mitzuwählen sind? Es ist doch
wichtig, daß die Gesetze oder Bestimmungen, die gemacht werden, auch
wirklich von Leuten gemacht werden, die den gesamten Zusammenhang
überblicken.
Rudolf Steiner: Die Frage ist außerordentlich wichtig. Es handelt
sich ja eben darum, daß wir etwas zustande bringen, was arbeiten
kann. Nicht wahr, arbeiten in der gegenwärtigen Wirtschaftsform
ohne die geistigen Leiter kann man selbstverständlich nicht. Die
Wirtschaft würde in eine Sackgasse hineingetrieben werden. Die
Produktion würde nach verhältnismäßig kurzer Zeit stillestehen,
wenn man nicht die technische Leitung dafür gewänne. Sie wissen
ja, daß in Rußland durch die verschiedenen Verhältnisse - über
die es ja interessant wäre, sich auch einmal zu unterhalten — es
nicht möglich gewesen ist, die technischen Leiter entsprechend
für den wirklichen Sozialisierungsgedanken zu gewinnen, so daß
man also dort vor der Tatsache stand, daß auf der einen Seite
ein vielleicht sogar genügend großes Handarbeiterproletariat da
war, welches den Sozialisierungsgedanken hätte aufnehmen kön-
nen, und auf der anderen Seite es nicht möglich war, die Masse
der sogenannten geistigen Arbeiter für den Sozialisierungsgedanken
zu gewinnen. Die Folge davon war dasjenige, was für Rußland
am meisten bedauert werden muß: die Sabotage dieser geistigen
Arbeiterschaft. Diese Sabotage der geistigen Arbeiterschaft muß
unbedingt vermieden werden, das heißt: Es ist notwendig, daß
alle Hebel in Bewegung gesetzt werden müssen, um dasjenige zu
überwinden, was als Hindernis innerhalb der geistigen Arbeiter-
schaft da ist. Verkennen wir eben nicht, welche schweren Hinder-
nisse da sind.
Sehen Sie, ich habe ja auch über dies hier schon gesprochen.
Nicht wahr, wir stehen ja heute einmal vor der Tatsache, daß
das Proletariat durch eine lange Schulung in einem gewissen Grade
politisch geschult ist. Das Proletariat ist, wenn das vielleicht auch
nicht für jeden einzelnen gilt, politisch geschult. Politische Schu-
lung besteht ja nicht darin, daß man bis in die Einzelheiten das
eine oder andere weiß, sondern darin, daß man eine gewisse
Grundverfassung der Seele hat, die politisch ist. Das hat das Prole-
tariat, das haben aber diejenigen nicht, die den Kreisen der soge-
nannten geistigen Arbeiterschaft angehören. Diese geistige Arbei-
terschaft, die hat sich daran gewöhnt, in sich zu pflegen, was
man nennen könnte Obrigkeitsgesinnung. Ob diese Obrigkeit nun
eine Staatsobrigkeit oder eine Fabrikobrigkeit ist, ist nicht entschei-
dend. Wichtig ist zu wissen, daß in diesen Kreisen eine tiefe
Obrigkeitsgesinnung herrscht. Gewiß, der einzelne mag innerlich
revoltieren, meistens tut er es aber mit der Faust in der Hosenta-
sche. Aber zu entbehren für die wirkliche Sozialisierung ist die
geistige Arbeiterschaft nicht. Deshalb sage ich: Es ist nötig, die
Angestellten und auch die Betriebsleiter zu gewinnen und vor
allem unter ihnen diejenigen zu gewinnen, welche einen Sinn und
ein Herz haben für wirkliche Sozialisierung.
Wir dürfen es nicht dahin kommen lassen, dann, wenn der
Zeitpunkt da ist, eine Art Wirtschaftsministerium so zu begründen,
daß dieses Ministerium genötigt ist, sich fünf oder sechs oder
zwölf Sessel hinzustellen als obere Spitze, und der ganze Apparat
in der alten Gesinnung weiterarbeitet. Aber noch zu etwas ande-
rem dürfen wir es auch nicht kommen lassen. Herr Biel hat es
ganz gut angedeutet, um was es sich handeln würde, wenn so
etwas Wirklichkeit würde wie das, was über die Betriebsräteschaft
in diesem unglücklichen Gesetz liegt, das jetzt herauskommen soll.
Ich habe Ihnen ja gesagt, daß es eine wesentliche Tatsache ist,
daß wir gerade jetzt in einem Zeitpunkte stehen, wo sich eigentlich
der Kapitalismus ruiniert hat und sich nicht wiederum aus sich
selber aufbauen kann. Wenn ein Aufbau geschehen soll, muß er
von den arbeitenden Menschen her geschehen. Die Kapitalisten
können nicht weitermachen. Das ist dasjenige, was aber beweist,
daß man den Zeitpunkt ergreifen muß. Solche Gesetze wie das,
was da Wirklichkeit werden soll, die sind dazu geeignet, daß mit
Hilfe der irregeführten Arbeiterschaft der Kapitalismus, der sich
selbst nicht helfen kann, wiederum aufgepäppelt wird und zur
alten Herrschaft gelangt. Die Arbeiterschaft soll solche Betriebsräte
bilden, die durch ihre ganze Art, wie sie eingerichtet sind, dem
Kapitalismus wieder aufhelfen. Dem können wir nur entgegenar-
beiten, wenn aus der wirklich arbeitenden Menschheit heraus eine
Betriebsräteschaft von unten herauf geschaffen wird und sich selbst
eine Konstitution gibt, das heißt sich nicht kümmert um das, was
im Grunde eine Fortsetzung des alten Kapitalismus sein will, weil
es sich die Welt nicht anders als kapitalistisch eingerichtet denken
kann.
Wir müssen uns ganz klar darüber sein, daß wir als erste Aufga-
be haben, die Betriebsräte überhaupt auf die Beine zu stellen, und
daß wir, soweit es geht, in dieser Betriebsräteschaft auch die geisti-
gen Arbeiter brauchen. Diejenigen, die keinen Sinn und kein Herz
haben für die Sozialisierung, die können wir dort nicht brauchen.
Es würde sich auch kaum darum handeln, möglichst viele Direkto-
ren oder Spitzen darin zu haben, sondern vor allen Dingen diejeni-
gen, die geistig wirklich arbeiten müssen. Dann ist es möglich,
aus einer solchen Betriebsräteschaft heraus, so etwas wie die Sozia-
lisierung zu bewältigen. Bekennen Sie sich aber zu einem solchen
Gesetz, wie es jetzt projektiert wird, dann haben Sie nichts anderes
als die alten Arbeitsausschüsse umgetauft. Es ist nur eine Umtau-
fung, und selbstverständlich - weil man die beiden nicht nebenein-
ander haben kann - sollen die alten Arbeiterausschüsse abgeschafft
werden. Die alten Arbeiterausschüsse konnten den Kapitalismus
nicht beseitigen, die nach dem Gesetz zu begründenden neuen
Betriebsräte werden es auch nicht tun.
Also, wir müssen so weit wie möglich eine Betriebsräteschaft
zustande bringen, und die muß aus sich selbst heraus die Betriebe
betreiben können. Wir dürfen dabei nicht bloß an Agitation den-
ken, sondern wir müssen an die praktische Arbeit denken, aus
der heraus die Betriebe neu gestaltet werden können. Da reicht
es nicht aus, daß man die Auffassung vertritt, daß die Produktion
sozialisiert werden soll, sondern es kommt darauf an, daß man
möglichst genau weiß, wie sie sozialisiert werden muß. Das wird
dadurch geschehen, daß wir wirklich die geistige Arbeiterschaft
in die Betriebsräteschaft hereinbekommen. Darauf muß unser Be-
streben gerichtet sein. Daher muß die unpolitische Gesinnung der
geistigen Arbeiter beseitigt werden. Und auch dasjenige, worauf
heute gewartet wird, dürfen wir nicht aus dem Auge verlieren.
Heute wird ja unter Verhältnissen, die Sie vielleicht genügend
kennen, von dem Nichtproletariat darauf gewartet, daß nicht etwa
nur irgendeine Sozialisierung zustande kommt, sondern daß das
Proletariat überwunden werden kann. Vergessen Sie nicht, es gibt
solche Aussprüche wie die eines deutschen Großindustriellen, der
gesagt hat: Wir Großindustriellen, wir können warten, und wir
werden warten, bis die Arbeiter an die Tore unserer Fabriken
kommen und um Arbeit bitten! - Diese Gesinnung ist nicht selten.
Man wartet darauf, ob sich die Arbeiter nicht doch unterkriegen
lassen. Und das ist dasjenige, was durch die Wirklichkeit verhin-
dert werden muß. Darauf kommt es an. Hieran gilt es auch zu
denken, wenn man sich mit der Frage beschäftigt, wie die geistigen
Arbeiter für unsere Sache zu gewinnen sind. Am Anfang dessen,
was als Tat unter uns aufleben soll, muß erstens stehen, daß
Betriebsräte aufgestellt werden, und zweitens, daß, soweit es heute
geht, auch die geistigen Arbeiter mit dabei sein müssen.

Ein Diskussionsredner fragt: Was haben denn die Betriebsräte eigentlich


zu tun? Und was muß in der allernächsten Zeit getan werden?

Rudolf Steiner: Ich möchte durchaus betonen, daß das, was ich
gesagt habe, nicht für die nächste, sondern für die allernächste
Zukunft ist. Ich habe schon betont: Es kann heute nicht an der
Zeit sein, daß wir viel herumdenken darüber, wie wir gebildete
Betriebsräte bekommen, sondern es geht zu allererst darum, daß
wir die Betriebsräte auf die Beine stellen und zu einer Betriebsräte-
Vollversammlung kommen. Was vor allem notwendig ist: daß wir
Leute aus dem Wirtschaftsleben selbst haben, die dann das Weitere
tun. Es kann heute nicht darum gehen, daß man in bezug auf
einzelne Situationen genau abgezirkelt sagt, die Betriebsräte haben
dieses oder jenes zu tun, sondern ich stelle mir die Sache ganz
praktisch vor. Gewiß, unter diesen Betriebsräten werden einzelne
sein, die schon wissen, wie man in dem oder jenem Fall in bezug
auf die Sozialisierung vorgehen kann, andere werden es nicht wis-
sen. Es ist aber gar nicht so schwer, wenn wirklich guter Wille
herrscht, die wirklichen Aufgaben für die allernächste Zeit zu er-
kennen.
Es gibt natürlich in bezug auf die Vorgehensweise verschiedene
Wege. Nehmen wir einmal an, die Sozialisierung kann sich nicht
auf Stuttgart beschränken, also nehmen wir einmal nur Württem-
berg an. Der eine Weg wäre, daß man im ganzen Lande herum-
zieht und von Arbeiterkreis zu Arbeiterkreis geht und vor den
einzelnen Gruppierungen über das spricht, was im Sinne der Drei-
gliederung das Allernotwendigste ist, wobei einem gewöhnlich er-
widert wird: Das sind Ziele, aber nicht Wege! - Obwohl es gerade
eben auf den richtigen Weg hindeuten will. Das also wäre der
eine Weg, denn heute können wir nichts erreichen, ohne daß wir
eine wirklich große Anzahl von Menschen haben, auf die man
sich stützen kann. Diesen Weg zu gehen, haben wir aber nicht
die Zeit, wenn man daran denkt, daß es nicht darum geht, für
die nächste Zukunft zu arbeiten, sondern für die allernächste Zeit.
So müssen wir also unbedingt an den anderen Weg denken. Wir
müssen diejenigen Personen bekommen, und das will die Betriebs-
räteschaft sein, die sich dadurch, daß sie sich zu Betriebsräten
haben wählen oder ernennen lassen, voll und ganz in die Arbeit
der Sozialisierung hineinstellen. Dann stelle ich mir dasjenige, was
mit einer solchen geschlossenen, aber das Vertrauen breitester Mas-
sen besitzender Körperschaft zu tun hat, wahrhaftig nicht so
schwierig vor.
Wenn wir nun diese Betriebsräte haben, dann kommt gar nicht
mehr so sehr die Frage in Betracht, ob die Leute schon ganz
genau wissen, was sie zu tun haben. Nach acht Tagen werden
sie es wissen. Man muß nur erst die Leute haben. Das Problem
heute besteht ja nicht darin, daß es so furchtbar schwer ist, zu
wissen, was zunächst zu tun ist, sondern darin, daß so wenig
Leute den guten Willen und die Lust haben, das zu tun, was
getan werden muß. Also, haben wir diejenigen Menschen, die in
sich die innere Verantwortung fühlen, an der Sozialisierung zu
arbeiten, weil sie durch das Vertrauen ihrer Mitarbeiter gewählt
worden sind, dann werden wir dadurch die Basis geschaffen haben
für die allernächste praktische Arbeit.
Die allernächste praktische Arbeit, lassen wir sie uns nicht da-
durch verdrießen, daß wir sagen: Wir müssen erst Aufklärung
schaffen. Diejenigen sind heute wirklich auf dem Holzweg, die
sagen: Die Sozialisierung nimmt lange, lange Zeit in Anspruch,
da muß erst jeder einzelne aufgeklärt werden. Darum handelt es
sich nicht, sondern darum, daß zunächst eine Gesamtheit von
Menschen geschaffen wird, die das Vertrauen ihrer Mitarbeiter
haben. Dann wird mit diesen weitergearbeitet werden können,
dann wird man eben, weil diese das unmittelbare Verantwortungs-
gefühl haben, nicht ständig vor dem Problem stehen, daß man
an die breite Masse nur schwer herankommen kann. Denn sehen
Sie, man kann noch so viele Versammlungen abhalten, es werden
immer einige gegenüber solchen Versammlungen Vorbehalte haben
wie: Heute scheint die Sonne so schön, da machen wir einen
Spaziergang, oder: Am Himmelfahrtstag geht es nicht, an einer
Versammlung teilzunehmen - und so weiter. Die Arbeit, die auf
uns zukommt, ist ungeheuerlich. Sie wird nicht gelingen, wenn
wir in der Weise vorgehen, daß wir gewissermaßen jeden einzelnen
aufklären. Wir müssen verantwortliche Personen haben, die dann
ganz die Aufgaben ergreifen. Mit denen wird sich in aller-, aller-
nächster Zukunft die Arbeit durchführen lassen.

Diskussionsredner Mittwich macht den Vorschlag, daß die Betriebsratswahl


getrennt nach Angestellten und Arbeitern vorgenommen wird und daß
von jeder Seite Delegierte gewählt werden.

Rudolf Steiner: Ich will nur ein paar Worte sagen, da ich ja mit
allem Wesentlichen einverstanden sein kann, was der verehrte Vor-
redner gesagt hat. Aber auf eine wichtige Frage, die er gestellt
hat, möchte ich zurückkommen, und zwar handelt es sich um
die Art und Weise, wie der Betriebsrat, der ja aus einzelnen Be-
triebsräten bestehen wird, zustande kommt. Auch ich glaube, daß
die Zahl, die er angegeben hat, für die einzelnen Betriebe eine
hinreichend große ist. Darüber läßt sich ja natürlich aus den unter-
schiedlichen praktischen Verhältnissen heraus die eine oder andere
Ansicht gewinnen. Was ich aber für wichtig halte, das ist, wie
dieser Betriebsrat überhaupt auf die Beine gestellt wird. Glauben
Sie nicht, daß ich, indem ich gesagt habe «durch Wahl oder Ernen-
nung», daß ich an eine Ernennung von oben oder dergleichen
gedacht habe. Sondern ich dachte natürlich daran, daß zunächst
heute ja die verschiedensten Verhältnisse in den einzelnen Betrie-
ben bestehen, und es ist ganz gewiß sehr richtig, daß es heute
zahlreiche Betriebe gibt, in denen die Arbeiterschaft genau weiß:
das ist für uns der rechte Betriebsrat - , wo man also nicht erst
lange zu debattieren braucht, sondern wo man rein durch das
Vertrauen weiß: das ist der rechte. Und ich möchte auf die außer-
ordentliche Wichtigkeit hinweisen, daß dieses schon bestehende
Vertrauen gerade bei der Wahl der Betriebsräte zum Ausdruck
kommt, so daß in den Betriebsrat eben solche Leute hineinkom-
men, die das Vertrauen ihrer Mitarbeiter haben. Das würde einer
Ernennung ähnlich sein.
Man muß natürlich praktisch-technisch die Wahl durchführen,
aber es sollte verhindert werden, daß durch die Wahl irgendwelche
Zufallszusammensetzungen zustande kommen. Es sollten nur sol-
che Persönlichkeiten in den Betriebsrat gewählt werden, die das
Vertrauen ihrer Mitarbeiter haben. Das ist notwendig, weil wir
vor allen Dingen Leute brauchen, die sich für das, was sie zu
tun haben, verantwortlich fühlen. Das ist das eine.
Das andere ist, daß ich nicht glaube, daß es richtig ist zu
fragen: Wie soll die Zahl der Betriebsräte verteilt werden nach
Angestellten und Arbeitern? Ich halte es gar nicht für möglich,
daß man heute irgendein Regulativ aufstellt. Ich bin deshalb völlig
einverstanden mit dem, was der Herr Vorredner gesagt hat, daß
nämlich nicht etwa - das würde ja zu etwas Ungeheuerlichem
führen - auf der einen Seite die Angestellten ihren Betriebsrat
und auf der anderen Seite die Arbeiter ihren Betriebsrat wählen.
Da würden wir von vorneherein eine nicht arbeitsfähige Betriebs-
räteschaft bekommen. Sie muß vielmehr als eine einheitliche Kör-
perschaft von Angestellten und Arbeitern gemeinsam gewählt wer-
den. Und wie viele dann auf der einen Seite aus dem Kreis der
Angestellten und auf der anderen Seite aus der Arbeiterschaft her-
vorgehen, das wollen wir dann der Wahl überlassen. Es ist selbst-
verständlich, daß derjenige, der zum Beispiel aus der geistigen
Arbeiterschaft in den Betriebsrat hineinkommt, ein solcher Mensch
sein muß, welcher das Vertrauen nicht etwa bloß der Angestellten
hat, sondern welcher auch das Vertrauen der Arbeiterschaft haben
muß. Die Arbeiterschaft muß ihn als geistigen Arbeiter ebenso
akzeptieren. So muß also, wenn zum Beispiel in irgendeinem Be-
trieb, sagen wir, fünf Handarbeiter und ein geistiger Arbeiter ge-
wählt werden, es ebenso möglich sein, daß andernorts drei geistige
und drei Handarbeiter gewählt werden. Es muß das durchaus dem
Vertrauen überlassen sein. Als eine einheitliche Gruppe müssen
geistige und physische Arbeiter aus ihrem Vertrauen heraus dieje-
nigen wählen, die Betriebsräte sein sollen. Es muß schon bei dieser
Urwahl jeder soziale Unterschied zwischen geistigen und physi-
schen Arbeitern wegfallen.
Ich kann mir nicht denken, daß die eine Forderung, daß wir
gemeinsam physische und geistige Arbeiter wählen, zu etwas ande-
rem führen sollte, als daß eben derjenige, der als geistiger Arbeiter
gewählt wird, das Vertrauen auch der gesamten Arbeiterschaft hat,
gleichgültig, ob sie eine physische oder geistige Arbeiterschaft ist.
Würden wir die Wahl so gestalten, daß wir gezwungen werden,
soundso viele Betriebsräte aus den Reihen der geistigen Arbeiter
und soundso viele aus der physischen Arbeiterschaft zu wählen,
dann würde das keine freie Wahl mehr sein, die auf Vertrauen
gebaut ist. Denken wir, in den Betrieben hätten wir unter den
geistigen Arbeitern nicht so viele, die Vertrauen verdienen, dann
würden ja Leute in diese Urversammlung hineinkommen, die nicht
zu brauchen sind! Die Wahl selbst muß sich nicht nur so vollzie-
hen, daß geistige und physische Arbeiter ohne Unterschied in
Betracht kommen, sondern daß sie gemeinsam die Macht haben
zu wählen und gemeinsam denjenigen wählen, den sie wollen,
und so viele von der einen oder der anderen Seite, wie sie wollen.
Die geistigen Arbeiter müssen sich klar darüber sein, daß sie nur
dadurch in den Betriebsrat hineinkommen können, daß sie das
Vertrauen der gesamten Arbeiterschaft haben. Das ist dasjenige,
was ich als sehr wesentliche Frage ansehe. Zu dieser Auffassung
bin ich aufgrund reichhaltiger Erfahrungen gekommen. Heute
müssen wir es wirklich so weit bringen, daß die Betriebsräte auf
die Beine gestellt werden. In acht Tagen werden sie so weit sein,
daß sie eine gesunde Grundlage für die Sozialisierung aus dem
Vertrauen der gesamten Arbeiterschaft heraus abgeben, wenn auch
nicht restlos, so doch in der Weise, wie ich es geschildert habe.

Plenum: Es wird mit nur einer Gegenstimme von der Versammlung eine
Resolution angenommen, die die Forderung enthält, daß so schnell wie
möglich allerorts Betriebsräte gegründet werden, bevor das Gesetz, das
nur eine halbe Sache ist, in Kraft tritt.

Rudolf Steiner: Ich muß gestehen, daß ich mit der ja sehr häufig
auftretenden Frage: Was für Machtmittel stehen zur Verfügung
oder willst du geben? - einen praktischen Sinn eigentlich nicht
so recht verbinden kann. Denn sehen Sie, es muß sich ja darum
handeln, daß diese Betriebsräteschaft, wie ich schon sagte, wirklich
dazu kommt, in irgendeinem Zentralrat oder dergleichen das zu
bilden, was wirklich eine Art eines im emanzipierten Wirtschaftsle-
ben drinnenstehenden Wirtschaftsministeriums sein kann. N u n fra-
ge ich: Wenn das ein wirkliches Wirtschaftsministerium sein kann,
so doch nur dadurch, daß es gerade die Massen hinter sich hat.
Ich möchte wissen, wer einem solchen Zentralrat beziehungsweise
Wirtschaftsministerium widerstehen kann, wenn es die Massen hin-
ter sich hat, wenn es wirklich aus dem Vertrauen der Masse her-
vorgegangen ist. Dadurch geben Sie ihm ja die Macht. Die Macht
kann heute in nichts anderem bestehen, als daß alle das gleiche
wollen und es durch einzelne ausführen lassen, daß also wirklich
hinter einem solchen Ministerium etwas steht, was verunmöglicht,
daß es zusammengeschossen wird und dergleichen, und zugleich
ermöglicht, auf festem Boden zu stehen, basierend auf dem Ver-
trauen der breitesten Massen. Anders kommen wir nicht zur
Macht. Diese Macht aber, die ist dann von selbst da, wenn die
Körperschaft da ist. Die Frage, welche Machtmittel ich einer sol-
chen Körperschaft geben will, die kann ich nur als außerordentlich
abstrakt ansehen. Ich weiß nicht, woran man bei einer solchen
Frage denkt. Meint man, man solle Regimenter aufmarschieren
lassen oder man solle Vorschläge machen, daß soundso viele Leute
ausgehoben werden, damit, wenn diese Körperschaft zusammen-
tritt, sie funktionieren kann gegen den Willen der anderen? Ich
weiß nicht, was hinter einer solchen Frage steckt. Denn wenn
dasjenige, was in die Betriebsräteschaft hineinkommt, aus dem
Vertrauen der großen Masse hervorgeht, was geschieht dann? Dann
wird der Zentralrat beziehungsweise das Wirtschaftsministerium
eine wirkliche Sozialisierung herbeiführen können, und mit der
werden die breiten Massen dann einverstanden sein, denn es ist
ja Fleisch von ihrem Fleisch.
Also, ich meine, indem man wirklich etwas Tatsächliches auf
einen gesunden Boden stellt, ergibt sich die Macht ganz von selbst.
Sie ergab sich am 9. November aus dem Grunde nicht, weil das,
was da heraufkommen wollte, nicht aus dem Vertrauen der Massen
hervorgegangen ist und man auch nicht wußte, was man da oben
tun soll. Da gilt auch alle andere Macht nichts. Es gibt keine
anderen Machtmittel als die, die in der Sache selber liegen. Daher
habe ich es immer als eine höchst sonderbare, ganz abstrakte
philosophische Frage betrachtet, wenn man heute sagt: Du sagst
uns nichts über den Weg, wie wir zur Macht gelangen. - Das
ist eben der Weg zur Macht, aus dem Vertrauen heraus eine
Vertretung zu finden und aus der Vertretung dann dasjenige zu
gestalten, was Anklang findet bei denjenigen, die das Vertrauen
dieser Vertretung gegeben haben. Das würde ein praktischer Weg
sein. Selbsternennung und dergleichen kann nur dazu führen, daß
die Herrlichkeit bald zu Ende ist.
In der Art und Weise, wie wir heute sprechen, besprechen wir
ja die Machtfrage mit, und es wäre wirklich ein großer Irrtum,
wenn man wiederum die Sache auf Nebengleise führt, indem man
wieder die Frage aufwirft, welche Machtmittel denjenigen gegeben
werden, die ja schon die Macht haben dadurch, daß sie auf der
Grundlage des Vertrauens und nicht auf irgendwelchen anderen
Grundlagen in ihre Position hineinkommen. Das bitte ich zu
berücksichtigen, denn ich sehe, wie durch Wochen hindurch immer
wieder die Konfusion dadurch entsteht, daß man auf der einen
Seite sagt: Ja, das ist ja alles recht. Solche Ziele, die mögen mal
erreicht werden, wir brauchen aber zuerst die Macht. - Wir müs-
sen die Macht dadurch erringen, daß wir uns mit diesen Zielset-
zungen an den betreffenden Ort stellen, an dem wir, wenn wir
an ihre Ausführung gehen, tatsächlich das Verständnis der breite-
sten Massen gewinnen. Das ist der Weg zur wirklichen Macht,
zur wirklichen Sozialisierung. Ein anderer wird zu Enttäuschungen
führen, zur Wiederholung desjenigen, was sich am 9. November
und in der Folgezeit ergeben hat.

Diskussionsredner Funk fragt: Wie sollen wir uns verhalten, wenn die
Betriebsräte von den Unternehmern ignoriert oder nicht anerkannt wer-
den?

Rudolf Steiner: Gewiß, man kann diese Frage aufwerfen, wie man
sich zu der Sache verhalten wird, wenn die Betriebsräte da sind
und von den Unternehmern nicht anerkannt werden. Aber sehen
Sie, so wie die Sache heute abend vor Sie hingetreten ist, ist ja
eigentlich schon das Mögliche gegen eine solche Eventualität ge-
schehen. Wir denken uns diese Betriebsräteschaft gar nicht so,
daß es darauf ankommt, ob der Unternehmer sie nun anerkennt
oder nicht. Deshalb soll ja nicht dieser schauderhafte Wechselbalg
von Betriebsräteschaft geschaffen werden, die darin bestehen soll,
daß die Betriebsräte in den einzelnen Betrieben wiederum den
Leuten Sand in die Augen streuen, um die Arbeiter damit zu
beruhigen, daß man sagt: Wir haben ja Betriebsräte. Wir wollen
eine Betriebsräteschaft, die sich über das ganze Wirtschaftsgebiet
erstreckt und aus der heraus nach und nach eine Zentralgewalt
entsteht. Diese Zentralgewalt wird sich stützen auf eine Majorität
oder, wie ich immer wieder gesagt habe, auf die breite Masse.
N u n frage ich Sie: Wenn diese Betriebsräteschaft dazu führt,
daß aus ihr heraus die künftige Wirtschaftsregierung auf die Beine
gestellt wird, was soll dann der Widerspruch der verschiedenen
Unternehmer noch für eine Bedeutung haben? Diese verschiedenen
Unternehmer werden ja von dieser Betriebsräteschaft als Unterneh-
mer einfach aus ihren Angeln gehoben! Die Betriebsräteschaft soll
ja etwas tun. Sie wird, wenn sie zum Ziel kommt, der Unterneh-
merschaft von heute gar nicht mehr gegenüberstehen. Das ist mir
in der letzten Zeit überhaupt in den verschiedensten Diskussionen
häufig entgegengekommen, daß man auf der einen Seite sozialisie-
ren will und auf der anderen Seite sagt: Wenn wir nun sozialisiert
haben, was werden die Kapitalisten dazu sagen? Ja, wenn wir uns
auf diese Frage einlassen, dann kommen wir nie zu einer wirkli-
chen Sozialisierung. Wenn wir aber die Sozialisierung ernsthaft in
Angriff nehmen, dann kommt es auf die Stellung der Kapitalisten
nicht an. Das heißt ja gerade «sozialisieren», daß es in der Zukunft
nicht auf sie ankommt, auf die Kapitalisten. Sie werden dadurch
aus der Welt geschaffen, daß wir uns nicht weiterhin das Geflunker
von einzelnen Betriebsräten, die von der kapitalistischen Obrigkeit
anerkannt werden, anhören. Mit denen wollen wir ja gar nicht
weiterarbeiten. Deshalb muß ja dieses Gesetz bekämpft werden.
Wir müssen tatsächlich Ernst machen mit dem, was Sozialisierung
ist. Machen wir Ernst, dann fällt diese Frage ganz von selbst weg.
Würde die Frage: Was sagen die Kapitalisten dazu? - weiter beste-
hen, dann hätten wir eben nicht sozialisiert. Aber wir wollen
doch gerade die Sozialisierung auf die Beine stellen! Deshalb dür-
fen wir uns nicht mutlos machen lassen durch solche Fragen,
sondern wir müssen uns Klarheit verschaffen, müssen in uns einen
Willen erzeugen, der durchgreifen kann, weil er auf gesunden
Impulsen beruht. Dann wollen wir nur fragen: Wie machen wir
es, um diesen Willen, ohne Rücksicht auf dieses oder jenes zu
nehmen, durchzudrücken? - und nicht: Was könnte kommen? -
Was wollen wir tun? - , das ist es, worauf es ankommt.
DRITTER DISKUSSIONSABEND

Stuttgart, 5. Juni 1919

Einleitende Worte von Rudolf Steiner

Meine sehr verehrten Anwesenden! Damit wir uns nachher in der


Diskussion fruchtbar über die Einrichtung der Betriebsräte unter-
halten können, will ich nur einige hierfür notwendige Worte voraus-
schicken. Ich glaube, daß es in erster Linie notwendig ist, daß man
gerade an der Einrichtung der Betriebsräte gleich von vorneherein
die Sozialisierungsaufgabe der gegenwärtigen Zeit in der richtigen
Art erfaßt. Das heißt, daß man, indem man an die Einrichtung
dieser Betriebsräte geht, eine wirkliche Sozialisierungsarbeit leistet
oder, besser gesagt, einen wirklichen Anfang macht mit der Soziali-
sierung. Sie wissen ja, daß der Impuls zur Dreigliederung des sozia-
len Organismus dasjenige leisten will, was zu einer solchen umfas-
senden wirklichen Sozialisierung führen kann. N u n muß man sagen:
Gerade an dieser Einrichtung der Betriebsräte zeigt sich eigentlich
sogleich, wie wenig Verständnis heute noch vorhanden ist für die
wirkliche soziale Bewegung. Nicht wahr, es sollten sich gewisse
Leute, welche hauptsächlich die Interessen der Arbeitgeber vertre-
ten, doch einmal darüber Gedanken machen, wie es dazu gekom-
men ist, daß heute in einer so laut sprechenden Weise gerade aus
der Arbeiterschaft heraus dieser Ruf nach Sozialisierung erhoben
wird. Wenn nun ein Spezielles auftritt wie die Frage nach den
Betriebsräten, dann merkt man sogleich bei dieser Seite, ich meine
bei denjenigen, die die Interessen der Arbeitgeberschaft vertreten,
wie wenig Verständnis eigentlich für solch eine Einrichtung vorhan-
den ist. Man kann schon sagen: An dem Widerstand, der von dieser
Seite kommt, kann man so recht merken, wie schwierig es sein
wird, mit einer wahren und nicht mit einer falschen Sozialisierung
durchzugreifen. Ihnen liegen die Flugblätter vor, welche ja auf An-
regung des Bundes für Dreigliederung des sozialen Organismus zur
Einsetzung von Betriebsräten gerade abgefaßt worden sind.
Nun, was hört man von der anderen Seite, von den Vertre-
tern der Interessen der Arbeitgeber angesichts dessen, was in
diesen Flugblättern zum Ausdruck kommt? Sehen Sie, da wird
als erstes gesagt: Ja, wenn das so ist, wie das in diesem Flugblatt
ausgeführt wird, dann greifen ja die Arbeiter zur Selbsthilfe! -
Die Leute, die so sprechen, die bedenken eben gar nicht, daß
eigentlich im Grunde doch die Arbeiterschaft immer nur dann
zur Selbsthilfe gegriffen hat, wenn diese Selbsthilfe dringend not-
wendig war!
Ich habe in meinen Vorträgen verschiedentlich ausgeführt, wie
das Nicht-Proletariat, wie die leitenden Kreise in der neueren Zeit
jede Gelegenheit versäumt haben, um irgendwie verständnisvoll
auf die soziale Bewegung einzugehen. Und ich habe auch geschil-
dert, wie selbst die kleinen Brosamen, die der Arbeiterschaft gege-
ben wurden in Form von Versicherungen, Altersversorgung oder
der Regelung der Arbeitszeit oder des Verbotes von Kinderarbeit
und dergleichen, ich habe geschildert, wie selbst dieses alles nur
dadurch möglich wurde, daß die Arbeiterschaft zur Selbsthilfe ge-
griffen hat. Heute liegen aber die Dinge noch etwas anders. Das,
was ich eben aufgezählt habe, das ist in bezug auf die heute
anstehende große Aufgabe der Sozialisierung eher eine Kleinigkeit.
Die Arbeiterschaft hat früher in bezug auf Kleinigkeiten zur
Selbsthilfe gegriffen. Jetzt aber stehen größere Aufgaben als Forde-
rungen da, das heißt, jetzt muß einmal im Zusammenhang mit
einer großen Aufgabe zur Selbsthilfe geschritten werden. Dabei
muß man sich aber immer vor Augen halten, daß aus dem Unter-
nehmerverständnis heraus immer die Parole «die Arbeiter greifen
zur Selbsthilfe» wie ein rotes Tuch wirkt. Denn sehen Sie, die
Unternehmer streben jetzt wieder an, daß in die Betriebe wieder-
um Vertrauen und Arbeitslust einziehe, obwohl sie hätten einsehen
können, wie wenig gerade die Vertreter der Interessen der Arbeit-
geber geeignet sind, dieses Vertrauen und diese Arbeitslust zu
begründen. Gerade dadurch, wie diese führenden Kreise vorgegan-
gen sind, ist das Vertrauen, ist die Arbeitslust aus den Betrieben
verschwunden. Und jetzt wollen sie, wenn das, was zur Produk-
tion und zum sozialen Leben notwendig ist, von denen in die
Hand genommen werden soll, die am eigenen Leibe die Arbeit
der Unternehmerschaft gespürt haben, jetzt wollen sie sagen: Das
steht Euch nicht zu, das steht uns zu.
Sie werden durch das Flugblatt und vielleicht auch aus den
letzten Versammlungen, wenn Sie dabei waren, wissen, daß es
zunächst darauf ankommt, daß erst einmal Betriebsräte da sind,
Betriebsräte, die wirklich hervorgegangen sind aus der Gesamtheit
aller derjenigen, die am wirtschaftlichen Leben arbeitend und orga-
nisierend beteiligt sind, und daß es darauf ankommt, daß nun
auch wirklich die Leute, die gewählt wurden, auch zu Worte
kommen, sich äußern können über das, was nun geschehen soll.
Da dürfen dann nicht einfach die alten Wirtschaftsformen fortge-
setzt werden, sondern es muß aus dem Urgrund heraus etwas
Neues geschaffen werden. Und man kommt nur weiter, indem
heute in den einzelnen Betrieben Betriebsräte gewählt werden und
dann, hervorgehend aus einem größeren zusammenhängenden
Wirtschaftsgebiet, sagen wir Württemberg, eine Betriebsrat-Urver-
sammlung zusammentritt und daß sich diese dann aus den Erfah-
rungen, aus den Kenntnissen der Betriebsräte heraus selbst eine
Verfassung gibt, also festlegt, was die Betriebsräte zu tun haben,
was ihre Rechte und Pflichten sind. In dieser Weise muß heute
aus dem wirtschaftlichen Leben selbst, aus dem selbständigen wirt-
schaftlichen Leben heraus das entstehen, was für dieses wirtschaft-
liche Leben notwendig ist. Es muß also durch die Betriebsräte
erst etwas entstehen. Man kann nicht aus den alten Einrichtungen
heraus heute dasjenige schaffen, was eigentlich durch die wirklich
neue Betriebsräteschaft erreicht werden soll.
Sehen Sie, das müßte eigentlich heute das Bestreben breitester
Kreise der arbeitenden Menschheit sein: Durch das Vertrauen, das
derjenige, der gewählt werden soll, im Betrieb hat, durch dieses
Vertrauen soll er getragen sein. Und dann soll er sich vereinigen
mit den Betriebsräten eines größeren zusammenhängenden Wirt-
schaftsgebietes, also sagen wir Württembergs in diesem Fall, um
gemeinsam mit ihnen die Aufgaben der Betriebsräte festzustellen,
festzulegen. Das müßte heute aus der Sache heraus die Ansicht
der breitesten Kreise der arbeitenden Menschheit sein.
Dem steht nun das gegenüber, was von anderer Seite - zu
meiner Verwunderung allerdings auch von sehr vielen Kreisen der
Arbeiterschaft - gefordert wird. Es ist dies, daß zunächst wieder-
um ganz in der alten Weise, so wie es immer geschehen ist, vom
alten Staat ein Gesetz gegeben werden soll, das von vorneherein
bestimmt, welche Pflichten und Rechte die Betriebsräte haben sol-
len. Geht man so vor, so kommt man, wie ich glaube, nicht nur
keinen Schritt vorwärts, sondern man macht angesichts der Zeit-
verhältnisse sogar ganz wesentliche Schritte nach rückwärts. Was
von dieser Seite her kommen kann, das haben wir ja deutlich
gesehen. Was beinhalten denn die Forderungen, die von dieser
Seite kommen? Da wird zum Beispiel gesagt: Der Staat, der Unter-
nehmer und die Arbeiter müssen auf ihre Rechnung kommen. -
Daß der Staat, der ja heute doch immer noch im Grunde genom-
men so gedacht ist, daß er der Beschützer des Kapitalismus ist,
zu seinem Recht kommt, das kann ja ganz aufrichtig gemeint
sein. Daß schließlich auch der Unternehmer zu seinem Recht kom-
men soll, will ich auch nicht bezweifeln. Aber das, was die Leute
darunter verstehen, daß der Arbeiter zu seinem Recht kommen
kann, wenn sie solche Gesetze fabrizieren, das, glaube ich, bedarf
doch einer genaueren Betrachtung, denn diese Leute verwechseln
gewöhnlich das Interesse des Arbeiters mit dem, wie sie in ihrem
Interesse den Arbeiter am allerbesten brauchen können.
Da legen sich also diese Leute merkwürdige Worte zurecht,
Worte, die im Grunde genommen immer dazu angetan sind, den
Leuten Sand in die Augen zu streuen, einen Sand, der dann mei-
stens eine ganz merkwürdige Bestimmung hat. Dieser Sand soll
sich, wenn er etwa zurückfällt auf diejenigen, die ihn streuen, ein
bißchen in Goldkörner verwandeln. Da sagen die Leute: Die Be-
triebsräte müssen aber dem Ganzen, dem Staatsganzen dienen. Sie
sind auch nicht dazu da, dem einzelnen Arbeiter Vorteile zu ver-
schaffen, sondern sie sollen dem Blühen des ganzen Betriebes die-
nen. - N u n frage ich Sie, was das eigentlich heißt, wenn man so
etwas sagt: «dem Blühen des ganzen Betriebes sollen die Betriebs-
räte dienen». Das heißt nichts anderes, als daß in abstrakter Weise
dasjenige verschleiert wird, um was es sich eigentlich handelt.
Wozu sind denn überhaupt Betriebe in der Welt da? Doch dazu,
daß sie etwas liefern für die Menschen, und die Menschen sind
doch alle einzelne! Betriebe sind überhaupt nur dazu da, daß
dasjenige, was in ihnen erzeugt wird, Konsumgut der einzelnen
Menschen wird. Und zu sprechen von einem Blühen der Betriebe
in einem anderen Sinne, als daß der einzelne Mensch zu seinem
Gedeihen kommt durch das, was in den Betrieben erzeugt wird,
das heißt nicht aus einer Wirklichkeit reden, sondern die Wirklich-
keit mit blauem Dunst zudecken.
Es klingt immer so furchtbar schön, wenn man sagt, es soll
dem Ganzen gedient werden. Im wirtschaftlichen Bereich hat das
keinen Sinn, denn: Was ist da das Ganze? Es sind die einzelnen
alle zusammen! Man sollte also nicht sagen «dem Blühen der
Betriebe», sondern «dem Blühen all derer, die an den Betrieben
und überhaupt an der Wirtschaft beteiligt sind». Dann wäre die
Sache richtig dargestellt, und die Tatsachen würden nicht durch
blauen Dunst zugedeckt.
Sehen Sie, man sagt öfters: Der Impuls zum dreigliedrigen sozia-
len Organismus sei eine Ideologie. In Wahrheit aber möchte dieser
Impuls allen blauen Dunst, von dem genugsam nicht nur geredet
worden ist, sondern der im Dienste der Unterdrückung gebraucht
worden ist, beseitigen und an dessen Stelle die wahre Wirklichkeit,
den Menschen mit seinen Bedürfnissen, setzen. N u n sehen Sie,
was verlangen die Leute? Die Leute verlangen, daß die Befugnisse
der Betriebsräte nach reichlicher Prüfung der Verhältnisse - so
sagt man ja immer, wenn man eine Sache nicht will - durch
Sachverständige geregelt werden, und als Sachverständige werden
genannt Arbeitgeber, Arbeitnehmer und Sozialpolitiker. Nun, der
Begriff des Arbeitgebers - Sie können es meinen früheren Vorträ-
gen und auch meinem Buch über die soziale Frage entnehmen - ,
der Begriff des Arbeitgebers, der muß eigentlich als solcher bei
einer wirklichen Sozialisierung verschwinden. Denn einen Arbeit-
geber kann es nur geben, wenn er ein Arbeitbesitzer ist, und
Arbeitbesitzer darf es eben nicht geben. Es kann nur Arbeitsleiter
geben, das heißt solche Menschen, die in der Arbeitsorganisation
tätig sind, und zwar so, daß auch der physische Arbeiter seine
Arbeitskraft am besten eingesetzt weiß und dergleichen. Natürlich
kann in einem Betrieb die Arbeit nicht so ablaufen, daß jeder
das tut, was er will. Es muß eine Leitung dasein, es muß der
ganze Betrieb durchgeistigt sein, aber das sind keine Arbeitgeber,
das sind Arbeitsleiter, das heißt Arbeiter von anderer Art. Darauf
ist der größte Wert zu legen, daß man endlich einmal den wirkli-
chen Begriff der Arbeit faßt, denn ein Arbeitgeber, der nicht selbst
mitarbeitet, gehört in Wirklichkeit gar nicht zum Betrieb, sondern
ist ein Parasit der Arbeit.
Über diese Dinge haben die Menschen heute ganz merkwürdige
Anschauungen. Ich war vorgestern in Tübingen, wo ich vor einer
Versammlung gesprochen habe. Es waren auch Professoren da,
und sehen Sie, einer dieser Professoren, der scheint sich besonders
aufgeregt zu haben darüber, daß ich gesagt habe, daß dem Arbeiter
heute nun endlich einmal klar geworden ist, daß das alte Lohnver-
hältnis aufhören muß, weil unter diesem alten Lohnverhältnis der
Arbeiter seine Arbeitskraft als Ware verkaufen muß. Nun, darauf-
hin hat einer der Professoren das Folgende eingewendet: Soll denn
das wirklich nicht menschenwürdig sein, daß man seine Arbeit
verkauft? Was ist es denn schließlich für ein Unterschied, ob der
Arbeiter in der Fabrik seine Arbeit verkauft oder Caruso an einem
Abend singt und 30 000 bis 40 000 Mark am Abend bekommt?
Hat der nicht auch seine Arbeit verkauft? - Sehen Sie, solche
Vorstellungen haben die Leute heute noch, und gegen die muß
man heute noch angehen!
Was aber wird heute gefordert? Arbeitgeber, Arbeitnehmer und
Sozialpolitiker sollen erst erwägen, was nun die Betriebsräte tun
sollen. N u n , die Sozialpolitiker, das sind eben solche Herren, die
die Gleichartigkeit der Arbeit des Fabrikarbeiters und Carusos
vertreten. Diese Herren sollen also die gewichtigste Stimme haben.
Es handelt sich aber heute doch darum, daß wir endlich dazu
kommen, uns zu sagen: Diese Leute haben lange genug ihre Stim-
me abgegeben, und gerade durch die Art, wie sie ihre Stimme
abgegeben haben, haben sie gezeigt, daß sie nichts mitzureden
haben. Auf die Sozialpolitiker kann in weitestem Umfang verzich-
tet werden. Ich bin überzeugt, daß wir etwas viel Gescheiteres
zustande bekommen, wenn wir aus den Betrieben heraus, aus der
physischen und geistigen Arbeiterschaft heraus Vertrauensleute für
den Betriebsrat wählen, als wenn sich die Sozialpolitiker zusam-
mensetzen, die doch gründlich bewiesen haben, daß sie zwar alles
verderben, aber nichts aufbauen können. Und weil man das er-
kannt hat, deshalb hat sich der Impuls für die Dreigliederung vor
allen Dingen Klarheit darüber verschafft, daß heute nur aus einer
Betriebsräte-Urversammlung etwas kommen kann. Und wenn heu-
te gefragt würde, wer da mitzureden hat, dann würde ich sagen:
Vor allen Dingen nicht diejenigen, die noch am alten Begriff des
Arbeitgebers festhalten, und nicht diejenigen, welche theoretisie-
rende Sozialpolitiker sind, die sollen besser draußen bleiben. Es
gibt Leute, die sagen dann: Dazu gehören eingehende Studien,
wie sie von Sozialisierungsausschüssen gemacht werden. Sehen Sie,
einen wirklichen Sozialisierungsausschuß, den möchte man eben
gerade haben in der Betriebsräteschaft, die aus dem wirklichen
Vertrauen der Menschen hervorgeht. Dagegen aber sagen diese
Leute, daß durch gewalttätige Eingriffe der Betriebsräte, die ohne
vorherige gesetzliche Regelung sich ihre Befugnisse selbst geben
und einen Zentralrat im Sinne des Flugblattes bilden, die schwer-
sten Schädigungen zu erwarten sind. Man sollte sich schon klar
darüber sein, daß vielleicht schwere Schädigungen des alten Kapita-
lismus zu erwarten sind, aber das werden solche Schädigungen
sein, welche sich als Nützlichkeiten erweisen werden im Dienste
der wirklich tatkräftigen Menschheit.
Dann ist da noch eine Phrase, die heute immer wieder und
wiederum gebraucht wird und die auch in den Kreisen der Arbeit-
geberschaft verwendet wird, nämlich daß die Einrichtung von Be-
triebsräten ihren Zweck nur durch weitgehende Aufklärung und
Schulung der Arbeiterschaft und der Unternehmer erfüllen kann. -
Ja, von dieser Art von Schulung hat man auch schon einiges
wahrnehmen können. Bei dieser Art von Schulung handelt es sich
ja darum, daß die Leute zunächst grundlegend dahingehend präpa-
riert werden, daß sie den herrschenden Klassen den besten Dienst
erweisen können, und nicht etwa, daß sie etwas Menschenwürdiges
erkennen. Man möchte ihnen durch eine Schulung alles das gründ-
lich austreiben, was sie durch das Leben gelernt haben und was
sie angesichts der jetzigen Zeitverhältnisse aus ihrer Seele heraus-
setzen möchten. Mit dieser Schulung verbindet man die Absicht,
das Vertrauen zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer herzustel-
len, zu festigen. Ich habe ja schon gesagt: Nachdem man alles
getan hat, um dieses Vertrauen gründlich auszumerzen, hat man
eingesehen, daß man dieses Vertrauen glaubt wieder herstellen zu
können, indem man die Leute in dieses Vertrauen hineinschult.
Das heißt in diesem Falle nämlich nichts anderes, als die Leute
darauf hin zu dressieren, daß sie sich im Dienst des Kapitalismus
wohlfühlen.
Noch etwas anderes muß berücksichtigt werden, nämlich daß
auch der Staat von der Arbeiterschaft profitieren will. Kürzlich
ist in der Stadt, in der sich die Zentrale der höchsten Intelligenz
Württembergs befindet, von einem Professor des Staatsrechtes ge-
sagt worden: Ja, wir gehen traurigen Zeiten entgegen. Die Leute
werden sehr arm sein! - Damit mag ja der Herr einigermaßen
recht haben. Aber dann sagte er: Wir werden große, große Ausga-
ben haben. Womit sollen diese großen Ausgaben gedeckt werden?
Die Leute werden kein Geld haben, damit diese Ausgaben gedeckt
werden können. Da wird der Staat eintreten müssen, um diese
Ausgaben zu decken! - N u n , meine sehr verehrten Anwesenden,
da muß ich sagen: Es ist dies ein gründlicher Beweis dafür, daß
endlich einmal auch das Geistesleben auf andere Füße gestellt
werden muß, wenn ein hervorragender Vertreter des Geisteslebens
heute die Behauptung aufstellt, daß der Staat für die armen Leute
eintreten muß, damit er die großen Ausgaben, die wir haben wer-
den, zahlen kann. Ich möchte nur wissen, wie das der Staat an-
stellt, ohne daß er den Leuten erst das Geld aus dem Portemonnaie
nimmt? So redet man vom Staate wie von einer wirklichen Persön-
lichkeit. Wenn man den Leuten heute von Gespenstern reden wür-
de, die ihnen ihre Schulden zahlen, so würden sie einen selbstver-
ständlich auslachen als einen dummen Kerl. Aber dieser Staat, so
von ihm gesprochen, ist ja nichts anderes als ein Gespenst. Denn
schließlich kommt man in der wirklichen Volkswirtschaft damit
nicht weiter, daß man eine Geldnote nach der anderen druckt,
denn diese Noten haben ja nur einen Wert, wenn sie durch Arbeit
eingelöst werden!
Sehen Sie, die Leute sagen heute auch so gerne: Ehe nicht unter
Mitwirkung von Sachverständigen abgegrenzt ist, welche Befugnis-
se ohne Vernichtung unseres schwerkranken Wirtschaftskörpers
die Betriebsräte haben können, und ehe nicht durch die von der
Regierung zu schaffenden Gesetze das Recht derselben festgelegt
ist, können wild gewählte - ich betone: wild gewählte - Betriebsrä-
te nur Unheil anrichten. - Ja, diese wild gewählten Betriebsräte
sollen also diejenigen Betriebsräte sein, die nur durch das Vertrau-
en der werktätigen Bevölkerung auf die Beine gestellt werden.
Denen sollen entgegengestellt werden diejenigen, die in die Fabri-
ken hineingesetzt werden, indem man ihnen sagt: Das dürft ihr
tun, das dürft ihr nicht tun, das müßt ihr unterlassen. - Ja, das
führt natürlich zu nichts anderem als zur Konservierung der alten
Verhältnisse. Das führt nicht vorwärts, sondern einige Schritte
zurück, denn es war schon ein Unheil, als das Wirtschaftsleben
noch floriert hat, daß man über Arbeiterausschüsse in dieser Weise
gedacht hat. Jetzt, w o das Wirtschaftsleben am Boden liegt, ist
es ein noch größeres Unheil, wenn nicht aus der werktätigen
Bevölkerung selbst heraus die Betriebsräteschaft entsteht und wenn
man, wenn so etwas auftritt, sagt, das sei wild gewählte Mensch-
heit.
N u n ja, nachdem man gesehen hat, was von der anderen Seite
gepflanzt werden soll, muß man schon einmal zu den Wildwach-
senden greifen. Das wird dann das Gesündere sein, gesünder als
dasjenige, was in den Ziergärten derer gepflanzt werden soll, die
so gerne in den alten Verhältnissen drinnen stecken bleiben wollen.
Einen anderen schönen Satz, der auch in diesen Tagen gegen unse-
re Bestrebungen zur Wahl von Betriebsräten aufgetaucht ist, möch-
te ich doch noch anführen. Es wird nämlich verschiedenes befürch-
tet von dieser wild gewählten Betriebsräteschaft. Unter anderem
wird gesagt: Die einseitige Ausschlachtung der Betriebe durch die
Arbeiter widerspricht dem Gedanken der Sozialisierung. - Aber,
ich weiß gar nicht, was das überhaupt heißen soll. Ich zermartere
mir das Gehirn, um bei diesem Satz etwas zu denken. Die einseiti-
ge Ausschlachtung der Betriebe durch die Arbeiter, was soll das
heißen? Sehen Sie, wenn die Arbeiter ihre gehörige Dosis von
Mitverantwortlichkeit an dem Betrieb haben, dann werden sie
nämlich wissen, daß, wenn sie die Betriebe nicht von sich aus
hegen und pflegen, die Betriebe in kurzer Zeit in einem Zustand
sind, daß sie sie nicht mehr ausschlachten können. Daß man just
voraussetzen soll bei den gescheiten Vertretern der Unternehmer-
schaft, daß die Arbeiter so töricht sein sollen, daranzugehen, alles
aus dem Betrieb herauszuschlagen, damit sie sich nachher selber
auf die Straße werfen, das sollte man sich eigentlich nicht vorstel-
len. Denn die Arbeiter haben hinlänglich gelernt, was es heißt,
durch andere auf die Straße gesetzt zu werden. Daß sie das selber
nachmachen sollten, glaube ich nicht, denn diese Praxis haben sie
bei den anderen zur Genüge kennengelernt.
Und dann die Äußerung, daß man dem Gedanken der Soziali-
sierung widerspräche. Ja, Sozialisierung soll sein: Aufrufen zur
Mitarbeit an der Gesellschaftsordnung im geistigen, rechtlichen
und wirtschaftlichen Leben all jener, die als Werktätige an diesem
Leben beteiligt sind, die als Werktätige wirklich in der Arbeit
stehen. Diese soll dadurch erreicht werden, indem aus der werktä-
tigen Bevölkerung heraus die Betriebsräteschaft - wie die Herren
sagen - «wild» gewählt wird. N u n ja, das soll nun der Sozialisie-
rung widersprechen. So quäle ich mich also auch mit der zweiten
Hälfte jenes Satzes im Kopf herum und kann einfach nicht dahin-
terkommen, was damit gemeint ist, denn dadurch, daß Betriebsräte
aus denjenigen, die die Betriebe betreiben, gewählt werden und
für das Gedeihen der ganzen Volkswirtschaft sorgen, soll also der
Sozialisierung widersprochen werden. Vielleicht könnte ja damit
gemeint sein, daß dadurch diejenigen, die als Werktätige in den
Betrieben beschäftigt sind, an der Fruktifizierung teilhaben, wäh-
rend diejenigen schlecht wegkommen, die bisher in der verschie-
densten Weise immer nur am Gewinn beteiligt waren. Das heißt,
es werden schlecht wegkommen die aus dem bloßen Kapitalismus
heraus ihr Leben fristenden Menschen. Ich müßte also den Satz
so auslegen, daß die einseitige Wahl von solchen Betriebsräten,
wie wir sie haben wollen, der Ausmerzung der eigentlichen Kapita-
listen widerspricht. Dann müßte ich meinen, daß in dem Kopfe
eines solchen Menschen der Gedanke entstehen kann, daß nämlich
die Ausmerzung des Privatkapitalismus der Sozialisierung wider-
spricht. Ich kann mir sogar vorstellen, daß in den Köpfen gewisser
Leute die Sozialisierung so verstanden wird, daß sie, indem sie
den Interessen der Privatkapitalisten widerspricht, keine rechte So-
zialisierung ist. Dann aber müssen wir uns schon gestehen, daß
wir uns eben selbst Begriffe über die Sozialisierung machen müs-
sen, daß wir uns wahrhaftig von den Leuten nicht aufdrängen
lassen können die Begriffe von wahrer Sozialisierung oder von
dem, was dieser Sozialisierung widerspricht. Wenn man noch so
sehr nach Gesetzen schreit, man wird doch keinen wahren Begriff
von den Betriebsräten gewinnen. Deshalb müssen wir uns schon
entschließen, als einen wahren Begriff von Betriebsräten diese
Betriebsräte zu schaffen, und uns nicht abhalten lassen davon,
daß wir den Ziergärten des Systems der heutigen wirtschaftlichen
Ordnung die wildgewachsenen Betriebsräte entgegensetzen. Wir
müssen dazu den Mut fassen und uns sagen: Aus der Institution
derjenigen Betriebsräte, die wir jetzt durch Urwahl festsetzen -
das Nähere kann nachher in der Diskussion besprochen werden - ,
soll eine Betriebsräteschaft hervorgehen, die nun geeignet sein
wird, wirklich eine Grundlage für die Soziaiisierung zu schaffen.
Dann kann es sein, daß die Sozialisierung wirklich marschieren
wird, wahrend bis jetzt vom Marschieren der Sozialisierung nur
diejenigen Menschen sprechen, von denen man genau weiß, daß
sie unter wirklicher Sozialisierung ein kapitalistisches Gespenst
in neuer Form, das sich vollsaugen soll mit allerlei Parasiten, ver-
stehen.
Wenn wir das durchdringen, dann werden wir in uns den Mut
entzünden können, diesen wildgewachsenen Wald von Betriebsrä-
ten endlich in die Welt zu schicken, damit nicht alles wieder
verdorben werde durch die Zierpflanzen derjenigen, die nichts
vom Sozialisieren verstehen.

Diskussion

Frau Bühl: Sie hat in Calw das Flugblatt des Bundes über die Schaffung
der Betriebsräte verteilt und hat erfahren, daß dort die Arbeiterschaft
wenig Interesse zeigt für die Schaffung von Betriebsräten. Sie bittet deshalb
Herrn Dr. Rudolf Steiner, einmal dort einen Vortrag zu halten, um die
Menschen etwas aufzurütteln.

Herr Armbruster ist nicht zufrieden mit dem Verlauf der Ereignisse und
findet wie der «Sozialdemokrat» die Ausführungen Dr. Steiners «pflau-
menweich». Außerdem findet er, daß die Sozialisierung nichts Neues ist.
Er erhofft sich Hilfe von einer neuen Regierung.

Rudolf Steiner: Ja, daß im «Sozialdemokrat» gestanden hat, daß


meine Ausführungen «pflaumenweich» seien, daraus habe ich mir
dazumal nichts gemacht. Ich habe mir gesagt: Es hat schon so
viele Ausführungen gegeben über alle möglichen sozialistischen
und sozialen Programme, die wie saure Zwetschgen geschmeckt
haben, da scheint es mir eigentlich gar nicht so unstatthaft zu
sein, endlich einmal die Pflaumen zur Reife zu bringen; dann sind
sie ja bekanntlich weich.
Das eine aber, was der Herr Vorredner gesagt hat, liegt mir
doch sehr am Herzen, weil ich glaube, daß es vielleicht nicht so
sehr zu unserem Verstand als zu unserem Willen sprechen soll.
Es wird ja vielleicht richtig sein, wenn man sagt: Wenn dazumal,
als die Revolution 1918 aufgetreten ist, in der Weise, wie das
heute versucht wird, von der Dreigliederung und von der Soziali-
sierung gesprochen worden wäre und diese auch angestrebt wor-
den wären, dann wären wir heute weiter. - Sehen Sie, daß ich
damals nicht selber aufgetreten bin, das hatte seine Gründe, weil
ich ja nun schließlich meinte, daß die anderen, die immer in der
Partei gestanden haben, die immer drinnen waren, das besser kön-
nen, und ich habe ja auch gewartet, ob sie es besser können.
N u n hat der verehrte Vorredner selber gesagt, daß wir eigentlich
ja noch nichts Besonderes erreicht haben. Da wird es vielleicht
aus den Tatsachen heraus gerechtfertigt erscheinen, daß man sich
dann, nachdem diejenigen, auf die man sich verlassen hat, nichts
erreicht haben, daß man sich dann auf die Sache einläßt. Wichtig
ist - wenn der Vorredner wirklich meint, «daß wir heute weiter
wären, wenn das dazumal in Angriff genommen worden wäre» -
daß man sich sagt: Nun, dann wollen wir es wenigstens heute
in Angriff nehmen, damit wir, wenn wir wiederum so viele Monate
nach dem Heute stehen wie jetzt nach der Revolution, uns dann
in der Wirklichkeit befinden, wie wir sie uns heute wünschen.
Also ich möchte das in eine Aufforderung zu dem Willen und
zu dem Mut zur Sozialisierung kleiden. Und da glaube ich nun
allerdings, daß man ein wenig auf die Erfahrung sich stützen soll.
Nehmen Sie es mir bitte nicht übel, wenn ich sage, daß man
den Ausspruch «Wenn wir erst eine neue Regierung haben, wird
die es schon machen» eigentlich schon auch immer wieder unter
dem alten Regime gehört hat. Ja, es gibt sogar ein niedliches
Beispiel, wo ungefähr alle paar Monate gesagt worden ist: «Wenn
wir eine neue Regierung haben, dann wird es schon besser wer-
den.» Das war in Österreich in den Jahrzehnten vor dem Krieg.
Da hat man alle paar Monate einmal eine neue Regierung gebildet
und hat sich auf sie verlassen. N u n sollte man aber aus den
Tatsachen gelernt haben, daß man sich in einer solchen Weise
nicht auf irgendeine Regierung verlassen soll. Deshalb soll ja gera-
de in der Betriebsräteschaft dasjenige geschaffen werden, was aus
der breiten Masse der werktätigen Menschheit heraus nun auch
schöpferisch sein kann mit Bezug auf das Sozialisieren. Es scheint
mir eben eines - wie ich auch hier schon einmal gesagt habe -
noch nicht begriffen worden zu sein, was aber begriffen werden
sollte, und das ist, daß es einen Unterschied gibt zwischen Herr-
schen und Regieren. Herrschen wird in der Zukunft das ganze
werktätige Volk müssen. In alten Zeiten hat man das Herrschen
und das Regieren verwechselt, indem man geglaubt hat, die Regie-
rung müsse auch herrschen. In der Zukunft werden die Regierun-
gen lernen müssen zu regieren. Regieren heißt, das zum Ausdruck
zu bringen, was das werktätige Volk eigentlich als sein Wollen
in sich trägt. Dieser Unterschied muß erst gelernt werden.
Die neue Regierung hat viel zuviel gelernt von den alten Regie-
rungen, die Herrschaftsregierungen waren. Sie hat sich viel zu viel
von dem angeeignet, was man früher immer gesagt hat, nämlich,
daß die Regierung es schon richtig machen wird. Ich denke, es
wird mit Bezug auf das Sozialisierungsproblem ein wesentlicher
Fortschritt gerade darin bestehen müssen, daß das, was die Regie-
rung tut, vom Volk sachgemäß kontrolliert werden kann. Es wird
der Regierung ihre Richtung geben müssen, so daß man sich nicht
einzig und allein auf Stimmzettel verläßt, sondern auf das wirkliche
Leben, das im Grunde jeden Tag aufs neue der Regierung die
Richtung ihres Vorgehens weist. Aber man wird das nicht errei-
chen, wenn man immer sagt: Wenn wir erst eine neue Regierung
haben, dann wird es schon besser gehen, die wird schon sozialisie-
ren. - Vielmehr ist es jetzt an der Zeit, daß jeder Mensch an der
Sozialisierung mitarbeiten muß. Das ist gerade der Sinn unserer
Zeit, daß jeder Mensch fühlt, daß er mitarbeiten muß. Und man
muß verstehen lernen, daß, wenn man sozialisieren will, man als
erstes das Herrschen sozialisieren muß. Das Herrschen muß sozia-
lisiert werden. Es darf nicht in den alten Formen fortgeführt wer-
den. Deshalb möchte ich nicht weiter davon sprechen hören, daß
«die Regierung es schon machen wird», sondern ich wäre mehr
befriedigt, wenn von den breitesten Kreisen des Volkes gesagt
würde: Wir werden es machen, selbst wenn nicht nur die Regie-
rung, sondern alle Teufel dagegen wären.
Ein Diskussionsteilnehmer berichtet, daß man im Bekleidungs- und In-
standsetzungsamt in Feuerbach vor der Wahl der Betriebsräte steht. Der
leitende Offizier hat sich dahingehend ausgesprochen, daß er der Wahl
von Betriebsräten nicht abgeneigt sei, müsse aber im voraus betonen, daß
diese Betriebsräte nur eine beratende, aber keine bestimmende Stimme
haben dürfen.

Rudolf Steiner: Was der verehrte Vorredner ausgeführt hat, das


soll ja durch die besondere Art, wie die Betriebsräteschaft hier
gemeint ist, verhindert werden. Natürlich, wenn die Betriebsräte
im Sinne des Gesetzes, das ja aus dem alten Geiste heraus gemacht
werden soll, eingesetzt werden sollen, werden sie ja selbstverständ-
lich Strohpuppen sein. Und damit nicht Strohpuppen entstehen,
sondern wirkliche Betriebsräte, sollen ja, nun, sagen wir, zunächst
diese Wildlinge gewählt werden gegen die Pflanzen der anderen.
Und so wird es uns zunächst nicht besonders interessieren, wenn
gesagt wird: Nun, ich will der Wahl von Betriebsräten zustimmen,
aber die dürfen nur eine beratende Stimme haben.
Wir möchten zunächst, daß einmal Betriebsräte da sind. Und
ich sagte, daß wir dann anstreben, daß sich die Betriebsräte fühlen
sollen als eine gesetzgebende Urversammlung, aus der dann eine
Art Zentralwirtschaftsrat hervorgeht, und daß dieser dann die
Funktionen derjenigen übernimmt, von denen jetzt noch ausgeht
dasjenige, was Strohpuppen erzeugen will. Wir möchten eben gera-
de durch diese besondere Art zu einer Betriebsräteschaft kommen
und damit verhindern, daß dieses Gesetz Wirklichkeit wird. Dazu
ist es notwendig, daß hinter diesem Auf-die-Beine-Stellen der Be-
triebsräte die Arbeiterschaft wirklich steht. Wenn die Arbeiter-
schaft wirklich dahintersteht, so ist nicht zu befürchten, daß dann
irgendein Gesetz, das die Betriebsräte zu Strohpuppen macht, ent-
stehen kann. Darauf kommt nämlich alles an.
Ich muß sagen, ich war eben vorgestern recht verwundert, als
ich von einer sehr interessanten Persönlichkeit, die im Sinne einer
Sozialisierung aller Verhältnisse gesprochen hat, doch immer wie-
der hören mußte: ja, man muß aber bedenken, daß ja nun endlich
seit dem November 1918 alles erreicht ist. Württemberg sei ein
freier Volksstaat geworden, in dem alles erreicht werden kann.
Dieser württembergische Volksstaat wird sich sogar ein wunderba-
res Schulgesetz geben, und er wird es eben auch dahin bringen,
daß durch ein Gesetz die Betriebsräte in der richtigen Weise in
Szene gesetzt werden, und man sollte nicht in das Gesetz hinein-
pfuschen. — Es wird sich also darum handeln, daß man endlich
einsieht, daß das bloße Rufen nach Macht nichts bewirkt, sondern
daß diese Macht erst geschaffen werden muß. Aber, wie wird sie
geschaffen? Sie wird dadurch geschaffen, daß nicht immer solche
Dinge, wie ich sie geschildert habe, geglaubt werden, sondern daß
sich immer mehr Menschen zu einer wirklich freien Tat zusam-
menfinden. Die Macht wird ja gerade darin bestehen, daß sich
die Menschen immer bewußter werden dieser ihrer Macht. Wenn
sie immer nur davon reden: Diese Macht soll von da oder dort
kommen - , dann wird diese Macht niemals erlangt werden. Diese
Macht wird erlangt werden, wenn die Menschen sich bewußt wer-
den, daß sie aus ihrem eigenen Verständnis heraus etwas tun müs-
sen. Wenn genügend Menschen dasein werden, die verstehen
werden, wie man aus der werktätigen Bevölkerung heraus nun
wirklich zur Sozialisierung kommt, dann ist mir um die Macht
gar nicht bange.

In einer längeren Diskussion, in der auch Gewerkschaftsfragen gestreift


werden, betonen die Redner einstimmig, daß, soweit es noch nicht gesche-
hen ist, so schnell wie irgend möglich Betriebsräte gewählt werden trotz
des Widerstrebens der Unternehmer und der Leitungen von Staatsbetrie-
ben.

Ein Redner weist auf die Arbeit von Professor Abbe, Jena, hin, der,
allerdings unter der günstigen Voraussetzung eines Monopolbetriebes, gute
Vorarbeiten zur Sozialisierung geleistet habe. Ferner weist er hin auf die
Ideen von Friedrich Naumann und Walther Rathenau.

Diskussionsredner Grosshans, Heilbronn: Ich konnte leider dem Vortrag


von Herrn Dr. Steiner nicht beiwohnen, habe ihn aber einmal in Heil-
bronn sprechen hören. Veranlassung, Ihnen einige Worte zu sagen, gibt
mir meine 39-monatige Gefangenschaft in Rußland, um Ihnen die Erfah-
rungen über die verschiedenen Probleme, die die Revolution in Rußland
mit sich gebracht hat, klarzulegen. Als schon die zweite Revolution der
Bolschewiki in Rußland einsetzte, war es der Fall, daß diese Bolschewiken
den größten Fehler gemacht haben, indem sie die ganze technische Leitung
und sämtliche Beamten davongejagt haben. Sie wollten ihre Geschicke
selbst in die Hand nehmen. Dies halte ich zwar für richtig, aber, da die
Verhältnisse in Rußland so liegen, daß 60 % der Bevölkerung Analphabe-
ten sind, wie können sie imstande sein, die Betriebe selbst zu führen?
Die Erfahrung zeigt also, daß es grundlegend falsch war, alle Beamten,
technischen Leiter usw. davonzujagen und selbst die Geschicke in die
Hand nehmen zu wollen. Meines Erachtens sind es eben diese Gedanken,
die Herr Dr. Steiner Ihnen wohl auch diesen Abend vorgetragen hat und
wonach auf die Verselbständigung des ganzen schaffenden Volkes hingear-
beitet werden soll, um so die langersehnte Macht des arbeitenden, des
schaffenden Volkes zu erlangen.
Was ich noch weiter ausführen möchte, das sind die großen Fehler,
die seit dem 9. November bei uns gemacht wurden. Ich verwerfe es, daß
der Krieg mit Rußland auch heute noch weitergeführt wird, auch auf
Geheiß der Entente. Aber vergessen Sie nicht: Hätten wir einen Anschluß
an Rußland gesucht, so würde heute die Entente uns nicht so gegenüber-
treten können, wie sie es tut. In Rußland, in Sibirien habe ich selbst
gesehen, wie an der Erdoberfläche kolossale Mengen von Kohlen liegen,
die nicht einmal zutage gefördert werden brauchen, denn sie liegen an
der Erdoberfläche. An der Murmänschen Küste sind kolossale Kupferberg-
werke, ferner findet man dort Quecksilber und alle Rohstoffe, wie wir
sie heute so notwendig in Deutschland brauchen könnten. Außerdem
habe ich gesehen, wie in Samara im Wolgatal kolossale Getreidebestände
von 1912, 1913 und 1914 heute noch liegen, das heißt im Juli 1917 noch
gelegen sind, die nicht einmal ausgedroschen waren. Sie waren zu Haufen
aufgestapelt, die so groß waren wie ein dreistöckiges Haus. Hätte unsere
Regierung nach der Revolution - ich will nicht zurückgreifen auf das
alte System, das hinweggefegt ist, denn ihm brauchen wir ja keine Worte
mehr zu widmen -, hätten wir also nach der Revolution einen Anschluß
an Rußland gesucht, hätten wir auf eine Verständigung mit Rußland hinge-
arbeitet, so hätten wir heute andere Zeiten und wären nicht auf die Gnade
und Barmherzigkeit unserer Feinde angewiesen, denen wir machtlos gegen-
überstehen.
Und ich möchte da noch folgendes ausführen: Wenn ich betrachte,
was seit dem 9. November in Deutschland geschehen ist, so komme ich
zu dem Ergebnis, daß es höchste Zeit ist, daß wir uns einigen. Wir, das
ganze arbeitende Volk, die Handarbeiter, die Kopfarbeiter, die Angestell-
ten, müssen uns gegenseitig vertrauen, müssen uns aufeinander verlassen
können und uns nicht immer wieder in die Partei- und Gewerkschafts-
schranken hineinziehen lassen. Ich bin überzeugt, daß eine große Anzahl
unserer Führer schon längst von der neuen Zeit überholt sind. Das bewei-
sen uns ja diese Vorschläge zur Sozialisierung. Wenn wir da die einzelnen
Paragraphen durchlesen, sind wir mit unseren Betriebsräten doch letztlich
nichts anderes als ein Demonstrationsstück. Wir sind wohl Betriebsräte,
aber wir haben kein Recht, wir sind nur da, damit wir auch im Betrieb
sitzen.
Es ist eigentlich, wenn man dieses Programm unserer Regierung be-
trachtet, weit über 50 Jahre alt, und ich glaube, dieses Programm kann
heute für uns nicht mehr maßgebend sein. Deshalb bitte ich Sie, die Sie
heute hier sind, tragen Sie diese Ideale, die uns Dr. Steiner vorgetragen
hat, hinaus in die breite Masse des arbeitenden Volkes. Sehen Sie zu,
daß wir zur Verständigung kommen und daß wir so schnell wie möglich
die Betriebsräte einführen, denn die Zeit drängt. Es ist höchste Zeit, daß
unser Wirtschaftsleben endlich wieder gehoben wird zugunsten des ganzen
schaffenden Volkes.

Rudolf Steiner: Es war ja heute hauptsächlich unsere Aufgabe, auf


die Wichtigkeit u n d die Notwendigkeit der Betriebsräteschaft ein-
zugehen, damit wir mit dieser Betriebsräteschaft endlich die positi-
ve, die tatsächliche Grundlage haben, aus der heraus dann weiter
gearbeitet werden kann. Ich kann durchaus nachfühlen, w e n n hier
gesagt w o r d e n ist, daß es wünschenswert gewesen wäre, daß wir
heute ein wesentliches Stück weitergekommen wären. Gewiß, wir
alle haben uns dies gewünscht, jedoch haben wir eben bisher diese
Arbeit gebraucht, u m wenigstens so weit zu k o m m e n , daß wir
heute immerhin schon das Resultat erreicht haben, daß wir deutli-
cher darauf hinblicken können, daß diese Betriebsräteschaft jetzt
wirklich entsteht. Ich glaube, es ist ein großer Fortschritt, den
wir dadurch zu verzeichnen haben, daß uns doch sehr viele der
verehrten Anwesenden sagen konnten, wie weit die Sache vorange-
schritten ist, und daß wir uns mit der Sache sogar im Hinblick
auf die Wahlen beschäftigt haben beziehungsweise uns in der näch-
sten Zeit noch mehr damit beschäftigen werden. Ich glaube, daß
wir daraus sehen können, wie notwendig es ist, zunächst einmal
diesen Betriebsräten den Boden zu bereiten und zugleich zu sehen,
daß man ja, wenn man nur den guten Willen hat, damit wirklich
weiterkommt.
Es wird ja mit dem, was ich eine Art gesetzgebende Versamm-
lung genannt habe, die sich aus der Betriebsräteschaft heraus er-
gibt, harte Arbeit verbunden sein, und mir scheint es von ganz
besonderer Wichtigkeit, daß wir uns nicht der Illusion hingeben,
wir könnten dieser Urversammlung der Betriebsräteschaft irgend
etwas vorwegnehmen. Gerade das, was der eine Herr aus Heil-
bronn erwähnt hat im Zusammenhang mit dem Wesen der Güter-
verteilung und dergleichen, das wird ein wesentlicher Bestandteil
der Arbeit gerade der Versammlungen sein, welche die Betriebsräte
werden abzuhalten haben. Es soll dort über all diese Dinge wirk-
lich aus den Grundbedingungen unseres Wirtschaftslebens heraus
gesprochen werden, damit die entsprechenden Grundlagen geschaf-
fen werden können. Ich erkenne an, daß mancherlei gute Anfänge
gemacht worden sind wie derjenige von Professor Abbe. Es sind
ja auch viele andere gemacht worden, namentlich sind in England
mannigfaltige Versuche gemacht worden. Es ist mit Recht erwähnt
worden, daß eigentlich Abbe nur deshalb so weit kommen konnte,
weil sein Betrieb eben von ganz besonderer Art war. Andererseits
hat sich gerade da, wo die Sache weiter verfolgt worden ist, immer
wiederum gezeigt, daß diese Dinge doch nicht bis zu einem gewis-
sen Ende führen können. Und man muß dann die Frage aufwerfen:
Warum ist das so? Nun, der Grund ist eben der, daß von wohl-
wollenden Leuten, wie es Abbe war, diese Dinge immer wieder
ganz individualistisch in Angriff genommen worden sind und nicht
eigentlich sozial. Das ist das, was ich Sie bitte, nicht zu unterschät-
zen und zu verkennen, daß wir die Sache nun wirklich sozial in
die Hand nehmen wollen, daß wir tatsächlich dasjenige, was dann
in einzelnen Betrieben angegangen wird, herausschaffen wollen aus
dem Sozialen der ganzen Wirtschaft über ein geschlossenes Wirt-
schaftsgebiet hin. Für hier würde also Württemberg in Betracht
kommen. Erst dann, wenn man in diese Richtung hin vorgearbeitet
hat, was ja bei gutem Willen wahrscheinlich verhältnismäßig
schnell gehen kann, dann wird man sehen, wie im einzelnen Be-
trieb eigentlich gar nicht sozialisiert werden kann, sondern daß
die Sozialisierung des einzelnen Betriebes sich nur aus der Soziali-
sierung eines geschlossenen Wirtschaftsgebietes ergeben kann. Wir
werden nämlich dadurch erst die Möglichkeit gewinnen, das wirk-
lich durchzuführen, was vom Sozialismus immer verlangt worden
ist, nämlich daß produziert wird, nicht um zu profitieren, sondern
um zu konsumieren.
Sehen Sie, bei der heutigen Struktur der Gesellschaft läßt sich
eigentlich gar nicht anders produzieren als im Hinblick auf den
Profit. Das Prinzip, zu produzieren, um zu konsumieren, das muß
erst geschaffen werden! Und von diesem Prinzip wird wiederum
abhängen, ob in einer entsprechenden Weise Wege für eine Güter-
verteilung gefunden werden können. Es wird viel davon abhängen,
daß man über einen großen Bereich hin, ich möchte sagen, eine
wirtschaftliche Urzelle findet.
Diese wirtschaftliche Urzelle - ich möchte wenigstens mit ein
paar Worten kurz von ihr sprechen - , worin besteht sie denn?
Geht man nicht vom Produzieren, sondern vom Konsumieren,
von der Befriedigung der Bedürfnisse aus, so handelt es sich dar-
um, daß wir erst zu einem praktikablen Ergebnis dessen kommen
müssen, was im Sinne der Bedürfnisbefriedigung zu einer sachge-
mäßen Preisbildung führt. Das geschieht nämlich heute in anar-
chisch-chaotischer Weise durch Angebot und Nachfrage, und da
steckt viel drinnen von der Unmöglichkeit, heute überhaupt zu
etwas zu kommen. Mit der Formel von Angebot und Nachfrage
wird man nicht zu dem Ziel kommen, zu produzieren, um zu
konsumieren. Nicht wahr, um zu dem Ziel zu gelangen, ist es
notwendig, daß das, was ich produziere, im Vergleich zu anderen
Gütern so viel wert sein muß, daß ich dafür eintauschen kann,
ganz gleich, wie sich der Tausch gestaltet, alle diejenigen Güter, die
meine Bedürfnisse befriedigen bis zu dem Zeitpunkt, an dem ich ein
gleiches Produkt wie jetzt hervorgebracht habe. Dabei muß dann
alles das mit eingerechnet werden, was man als Beitrag zu leisten
hat für diejenigen, die zur Zeit nicht unmittelbar selbst produzieren
können, also für Kinder, die erzogen werden müssen, für Arbeits-
unfähige und so weiter. Wovon man also ausgehen muß, das ist,
sich klar zu werden über diese wirtschaftliche Urzelle. Erst da-
durch wird es möglich, auf wirtschaftlichem Boden eine gerechte
Preisbildung zu erreichen, so daß man dann in der Zukunft nicht
wiederum, wenn man auf der einen Seite mehr verdient, auf der
anderen Seite mehr ausgeben muß, weil die Dinge selbstverständ-
lich unter dem Einfluß des Mehrverdienstes teurer werden.
Heute noch beklagt man sich immer wieder darüber, daß zwi-
schen Warenpreis und Löhnen ein unnatürliches Verhältnis besteht.
Die Sozialisierung wird das große Problem zu lösen haben, diesen
Unterschied zwischen Warenpreis und Löhnen überhaupt aus der
Welt zu schaffen, weil der Lohn als solcher aus der Welt geschafft
werden muß, weil die Möglichkeit gegeben werden muß, daß es
in Zukunft grundsätzlich keinen Lohnarbeiter mehr gibt, sondern
den freien Genossen, den freien Mitarbeiter des geistigen Arbeiters,
des geistigen Leiters, weil das Verhältnis zwischen Arbeitnehmer
und Arbeitgeber in der heutigen Form überhaupt zur Unmöglich-
keit werden muß. Erst dann, wenn es möglich ist, alles das auszu-
merzen, was heute da ist und was die Preisbildung verunreinigt,
erst dann ist es möglich, eine wirkliche Sozialisierung zu erreichen.
Heute kauft man ja nicht bloß Güter, sondern heute kauft man
erstens Güter, zweitens Rechte und drittens Arbeit. Rechte kauft
man, wenn man Grund und Boden erwirbt. Dadurch, daß der
Boden heute eintauschbar ist gegen Produktionsgüter, entsteht eine
unmögliche Situation, die darauf zurückzuführen ist, daß auf dem
allgemeinen Markt Grund und Boden den gleichen Preisbildungs-
mechanismen unterliegen wie andere Güter. Ferner kosten heute
die Produktionsmittel auch etwas, nachdem sie fertiggestellt sind.
Sie wissen, daß in meinem Buch veranlagt ist, daß die Produktions-
mittel, wenn sie fertiggestellt sind, nicht mehr verkäuflich sind,
sondern auf anderem Wege der Gesellschaft zugeführt werden
sollen. Es muß in der Zukunft ein Produktionsmittel nur so lange
etwas an Arbeitskraft verschlingen, bis es fertig ist.
Wenn Sie heute die Nationalökonomen fragen: Was ist Kapi-
tal? - , so bekommen Sie ganz verschiedene Antworten. Die besten
Nationalökonomen sind noch schließlich die, die sagen: Kapital
ist produziertes Produktionsmittel, also fertig produziertes Pro-
duktionsmittel, das man besitzen kann und das dann verkäuflich
ist. Ja, gerade wenn man Kapital ansieht als entsprechend dem
produzierten Produktionsmittel, dann erweist sich das Kapital als
fünftes Rad am Wagen. Sie wissen, daß ich in meinem Buch als
die Grundlage für alle künftige Güterverteilung aufgeführt habe,
daß tatsächlich das Produktionsmittel nur so lange Arbeit ver-
schlingen darf, bis es fertiggestellt ist. Eine Lokomotive darf, wenn
sie fertig ist, nur durch andere Maßnahmen als durch Kauf irgend-
wo in den gesellschaftlichen Verkehr gebracht werden. Wir brau-
chen also zunächst Klarheit darüber, daß in bezug auf die Produk-
tionsmittel und in bezug auf Grund und Boden ganz andere
Maßnahmen ergriffen werden müssen als bisher. N u r dadurch -
und es gibt kein anderes Mittel - , nur dadurch, daß wir die
Produktionsmittel nur so lange menschliche Arbeit verschlingen
lassen, bis sie fertig sind, kommen wir dazu, der Arbeit wirklich
ihr Recht zu verschaffen. Denn was ist das Geld? Geld ist nichts.
Der, der noch so viel besitzt, würde nichts haben, wenn er durch
die bestehenden Machtverhältnisse nicht in der Lage wäre, soundso
viele Menschen zu veranlassen, daß sie Arbeit leisten für sein
Geld. Das werden sie nicht mehr können, wenn wir die Preise
der Produktionsmittel in dieser Weise gestalten, daß diese Preise
überhaupt aufhören, wenn die Produktionsmittel fertig sind. Ein
weiteres Problem ist das der Güterverteilung.
Der Herr, der das Problem der Güterverteilung angeschnitten
hat, der muß bedenken, daß unsere ganze Güterverteilung seit
drei bis vier Jahrhunderten eine solche geworden ist, die ganz im
Sinne des Kapitalismus ist und daher ebenfalls sozialisiert werden
muß. Dies kann erst geschehen, wenn wir eine Ur-Versammlung
von Menschen haben, die wirklich gewillt sind, gegen alle Wider-
stände den Mut zu entwickeln, auch neue und zugleich notwendige
Formen der Preisbildung zu entwickeln. Es wird eine harte Arbeit
sein, und sie wird um so schneller geleistet werden können, wenn
wir nicht den dritten vor dem ersten Schritt machen, sondern uns
dazu entschließen, den ersten Schritt wirklich zu machen. Heute
hängt alles davon ab - und es ist keine Kleinigkeit - , daß wir
zunächst wirklich diese Betriebsräteschaft bilden. Diese Betriebsrä-
teschaft soll nicht Programme und dergleichen aufstellen, sondern
als Tatsache zunächst Tatsachen in die Welt setzen.
Ich wollte nur andeuten, wie schwierig das Problem der Güter-
verteilung ist. Wir werden es erst überwinden, wenn wir die
Grundlagen haben, und die Grundlagen sind die Menschen, die
das Vertrauen ihrer Mitmenschen haben, um sich zusammenzufin-
den, wie man sich noch niemals in der Welt zusammengefunden
hat, um nun nicht kleine atomistische Versuche zu unternehmen,
die man auch sozialisieren nennt, sondern um wirklich aus dem
Ganzen heraus zu sozialisieren.
Es sind vorhin verschiedene Namen genannt worden, unter an-
derem auch der Name Rathenau. Der Name Rathenau erinnert
mich an etwas für die Gegenwart gar nicht so Unwichtiges. Ge-
stern ist das neueste Heft der «Zukunft» mit einem Aufsatz von
Walther Rathenau «Das Ende» erschienen. In diesem Aufsatz «Das
Ende» hat man so recht den Beweis dafür, wie der Kapitalist mit
seinem Urteil gegenüber den heutigen Zeitereignissen wirklich am
Ende ist. Walther Rathenau ist wahrer, aufrichtiger und in einem
gewissen Sinne ehrlicher als die anderen, aber er kommt eben
auch nicht weiter, als diejenigen gelangen, die nicht aus dem sozia-
len Denken heraus, sondern doch aus dem kapitalistischen Denken
heraus sich ihre Vorstellungen bilden. Ich möchte sagen: Was
Walther Rathenau in diesem Aufsatz «Das Ende» sagt, es ist nur
allzu begründet. Er sagt: N u n ja, wir haben lange Zeit von allen
möglichen Seiten her nur das gehört, was erlogen war. Unsere
erste Forderung müßte darin bestehen, daß nun endlich einmal
den Leuten nicht das gesagt wird, was nicht wahr ist, sondern
das, was wahr ist. U n d er stellt mit Recht die Frage: Was ist,
wenn der jetzige Friedensvertrag nicht unterschrieben wird? N u n ,
dann wird halt ein anderer gemacht, dann wieder ein anderer.
Was aber, wenn er doch unterschrieben wird? Rathenau sagt dazu:
Rantzau kann dann nichts weiter tun, als die Nationalversammlung
für aufgelöst zu erklären; er kann erklären, daß es keinen Sinn
mehr habe, daß in Deutschland ein Präsident da ist, daß ein
Reichskanzler da ist und so weiter. Er kann also nichts anderes
tun, als alle Souveränitätsrechte des ehemaligen Deutschen Reiches
in die Hände der Entente zu legen und sie zu bitten, für die 60
Millionen Menschen in Deutschland zu sorgen. - Ja, das ist die
Wahrheit von diesem Gesichtspunkte aus. Das ist die Wahrheit,
daß diejenigen Menschen, die bisher die Geschicke lenkten, jetzt
in bezug auf Mitteleuropa am Ende stehen und sich eingestehen
müssen: Wir haben es dahin gebracht, daß wir eigentlich nichts
anderes tun können, als der Entente anzutragen: Übernehmt unsere
gesamte Regierung und sorgt für uns! - Er macht sich mit Recht
sogar ein wenig her über die, die da sagen: «Lieber sterben als
den Vertrag unterschreiben!» - , indem er darauf hinweist, daß
man sich nicht vorstellen könne, daß 60 Millionen Deutsche auf
einmal sterben werden.
Was gibt es dazu zu sagen? N u r das eine: Das, was sich abge-
spielt hat zwischen Mitteleuropa und dem Westen, ist ein Spiel
zwischen Kapitalismus und Kapitalismus. Und solange es ein Spiel
sein wird zwischen Kapitalismus und Kapitalismus, wird es zu
nichts führen als zu seinem Ende. Ein Anfang kann erst wieder
gemacht werden, wenn von unten herauf gearbeitet wird, das heißt,
wenn aus der werktätigen Bevölkerung heraus gearbeitet wird an
einem wirklich ernsthaften sozialen Aufbau. [...]* Und weil man
aus innenpolitischen und vor allen Dingen außenpolitischen Grün-

* Siehe Hinweis
den einen Anfang braucht, deshalb hat sich dieser Impuls des
dreigliedrigen sozialen Organismus ergeben, der allein imstande
ist, einer wirklichkeits gemäßen Warenproduktion zu ihrem Recht
zu verhelfen. Zugleich geht es darum, neue Wege der Gütervertei-
lung zu finden, wodurch verhindert wird, daß mittels der Güter-
verteilung das entsteht, was bisher kapitalbildend war und was
auch unsere internationalen Konflikte hervorgerufen hat. Deshalb
ist heute das Wichtigste, einzusehen, daß die Sozialisierung damit
begonnen werden muß, daß wir einen Grundstock sozial denken-
der Menschen haben. Diese werden es möglich machen, daß man
den Weg zu einer solchen Güterverteilung findet, wie ich es eben
angedeutet habe, und daß man zu einer neuen Art der Behandlung
der mit dem Grund und Boden sowie der Produktionsmittel ver-
bundenen Probleme kommt. Es ist nicht genug, daß man bloß
Forderungen aufstellt. Vergesellschaftung der Produktionsmittel -
gut. Aber es handelt sich vor allem darum, daß man Mittel und
Wege findet, diese Forderungen zu erfüllen. Da gibt es keinen
anderen Weg als den, sich an die Arbeit zu machen. Heute würde
es ja ganz interessant sein, sich in allerlei Art darüber zu unterhal-
ten, wie wir die Güter verteilen. Das erste aber, was notwendig
ist, ist, daß wir endlich mit den Menschen sprechen können, die
überhaupt gewillt sind, eine andersartige Güterverteilung vorzu-
nehmen. Worte, die Programme sind, brauchen wir nicht, sondern
Worte, die Menschen auf die Beine stellen. Programme werden
uns niemals nützen. Wir brauchen heute die Menschen, welche
sich wirklich ihrer Macht bewußt werden und dasjenige in die
Wirklichkeit umsetzen, wozu die Worte eben Keimgedanken sein
sollen.
Das ist dasjenige, was ich Sie bitte nicht so zu nehmen, daß
Sie wiederum sagen: Ja, es wäre gut, wenn wir weitergekommen
wären und jetzt schon wüßten, was alles getan werden soll. Leute
wie Naumann wissen immer, was alles getan werden soll; aber
ich würde mir gar nicht so viel daraus machen, wenn ich wüßte,
was alles getan werden soll im Sinne Naumanns. Dann würde
ich nämlich wissen, daß es zwar schone Gedanken sind, an denen
man sich erfreuen kann, aber sozialisiert wird damit nicht. Der
Impuls des dreigliedrigen sozialen Organismus unterscheidet sich
von anderen Impulsen dadurch, daß er nicht ein neues Programm
in die Welt hineinstellt, sondern daß er lediglich aufzeigen will,
wie die Menschen in der Welt zusammenkommen müssen, wie
sie sich finden müssen, damit Wirklichkeiten und nicht Utopien
oder Programme entstehen. In diesem Sinne ist es mir eine Befrie-
digung, daß so viele unserer Freunde heute schon verkündet haben,
wie weit die Dinge bereits gediehen sind. Ich möchte bitten, nicht
zu erlahmen, die Schritte, die gemacht worden sind, fortzusetzen
und sie noch schneller und schneller zu machen. Denn wenn wir
die Räteschaft haben, wird sich mit ihrer Hilfe alles weitere durch-
setzen lassen. Das dürften diejenigen schon verstanden haben, die
heute das, was gesagt worden ist, in realer Weise ins Auge fassen.
Sie dürften verstanden haben, daß es darauf ankommt, daß wir
zunächst zur Sozialisierung die Menschen haben müssen, die wirk-
lich sozialisieren wollen. Das ist das erste tatsächliche Sozialisie-
rungsprogramm. U n d die Verwirklichung des ersten Schrittes zur
Sozialisierung wird geschehen sein, wenn in den Betrieben des
hiesigen Wirtschaftsgebietes die Betriebsräte gewählt sein werden.
Und dann wird man sagen können: Jetzt wollen wir den nächsten
Schritt tun. Denn dazu müssen sie erst dasein, damit wir die
nächsten Schritte tun können. Zur Sozialisierung brauchen wir die
Menschen, die die Sozialisierung wollen. Und die Betriebsräte-
schaft wird wohl überhaupt in der Zukunft als der erste Schritt
zur wahren Sozialisierung angesehen werden.

Nach Mitteilung des Vorsitzenden hat sich soeben aus den Meldungen
ergeben, daß vier Betriebsräte gewählt sind und die Wahl von sechs weite-
ren Betriebsräten in Angriff genommen wurde.
VIERTER DISKUSSIONSABEND

Stuttgart, 14. Juni 1919

Vorsitzender Herr Lohrmann: Ich eröffne die heutige Versammlung. Sie


ist leider sehr schlecht besucht, was wohl sehr stark darauf zurückzuführen
ist, daß die Parteien dazu übergehen, unsere Sache zu bekämpfen. Es
beruht das auf einem Irrtum. Ich habe mich auch mit verschiedenen
Parteileuten auseinandergesetzt. Sie sehen in der Sache der Dreigliederung
eine Zersplitterung der Arbeiterschaft, des Proletariats, in dem Kampfe,
der zur Befreiung des Proletariats führen wird. Aus diesem Grunde be-
kämpft die Partei die Dreigliederung des sozialen Organismus. Wir können
uns ja heute noch darüber aussprechen, welche Stellung wir fernerhin
einnehmen müssen speziell den Parteien gegenüber. Ich glaube, daß nach-
her in der Diskussion die Sache zur Sprache kommen kann.

Einleitende Worte von Rudolf Steiner

Meine werten Anwesenden! Ich will in der Einleitung recht kurz


sein, weil ich glaube, daß die Hauptsache dann in Rede und Ge-
genrede behandelt werden sollte. Eben hat Sie der H e r r Vorsitzen-
de darauf aufmerksam gemacht, daß sich gegen das, was hier von
Seiten des «Bundes für Dreigliederung» gewollt wird, eine heftige
Gegenströmung in Szene setzt. U n d Sie haben ja auch gehört,
aus welchen Gründen diese Gegenströmung sich geltend macht.
Ich möchte vielleicht sogar sagen, daß man die Sache noch ganz
anders ausdrücken könnte, also das, was über die Gründe, aus
denen heraus sich diese Gegenströmung geltend macht, gesagt
wird. Wenn sich diese Gegenströmung wirklich auf die Vermutung
stützen würde, daß in das Parteiwesen ein Keil hineingetrieben
werden könnte, so würde sie ja von durchaus falschen Vorausset-
zungen ausgehen. Ich kann nicht einsehen, wie man die Behauptung
aufrechterhalten will, daß von unserer Seite irgendwie die Absicht
vorliegen sollte, in das Parteiwesen einen Keil hineinzutreiben.
Denn sehen Sie, die Sache liegt doch so: Die Parteien haben ihr
Programm, und sie haben auch die Absicht, in der nächsten Zeit
dieses oder jenes zu tun. Sie werden ja gar nicht daran gehindert,
dieses oder jenes zu tun! Es handelt sich ja nur darum, daß den
Angehörigen irgendeiner Partei - sie können ja in ihrem Parteizu-
sammenhang bleiben und das mitmachen, was der Parteizusam-
menhang von ihnen fordert - die Möglichkeit geboten wird, etwas
Positives, was zur Tat werden kann, aufzunehmen. Daß damit die
Absicht verbunden sei, daß die Persönlichkeiten des «Bundes für
Dreigliederung des sozialen Organismus» selber die Plätze einneh-
men wollten, welche von den Parteimitgliedern eingenommen sein
wollen, davon kann ja nicht im geringsten die Rede sein.
Sehen Sie, die Sache ist ja so gekommen, daß man gesehen hat:
Mit dem Parteiprogramm ist gegenwärtig gerade mit Bezug auf
die allerwichtigste Frage, die Frage der Sozialisierung, nichts zu
erreichen. Sie haben erlebt die sogenannte Revolution vom 9. No-
vember, Sie haben erlebt, daß da die Parteimänner an die Spitze
der Regierung getreten sind. Sie haben aber auch erlebt, daß diese
Parteimänner nichts anzufangen wußten mit dem, was ihnen nun
wirklich so vorlag, daß sie bis zu einem hohen Grade darüber
die Macht hatten. Sie könnten eine große Enttäuschung erleben,
ja, ich möchte sagen, ich habe die Überzeugung, daß Sie sie wirk-
lich erleben, wenn Sie gar nicht auf so etwas wie die Bestrebung
für den dreigliedrigen sozialen Organismus eingehen würden. Sie
könnten die Enttäuschung erleben, daß bei der zweiten Umwäl-
zung andere Parteimänner an die Spitze der Regierung kommen,
die, gar nicht aus irgendeinem bösen Willen heraus, sondern ein-
fach, weil die Parteiprogramme machtlos sind, nach einiger Zeit
nichts, was irgendwie etwas Positives ist, hervorbringen. Sie könn-
ten erleben, daß eben wiederum eine Enttäuschung folgt. Sie vor
diesen Enttäuschungen, diesen neuerlichen Enttäuschungen zu be-
wahren dadurch, daß man aufzeigt, was die gegenwärtige Zeit
fordert und was in Wirklichkeit durchzuführen ist, das eben hat
sich der «Bund für Dreigliederung des sozialen Organismus» zur
Aufgabe gemacht.
Parteien haben immer die Eigentümlichkeiten, daß sie nach und
nach eigentlich abkommen von dem, was ursprünglich ihre Impulse
waren. Parteien haben überhaupt ein merkwürdiges Schicksal. Da ich
ja den Impuls zum dreigliedrigen sozialen Organismus nicht aus der
Luft gegriffen habe, sondern ihn aufgrund eines wirklich intensiven
Miterlebens der sozialen Bewegung über Jahrzehnte hin ergriffen ha-
be, habe ich auch so manches erlebt. So habe ich zum Beispiel den
Aufstieg der sogenannten liberalen Partei in Österreich erlebt. Diese
Partei nannte sich liberal, stand aber auf dem Boden des Mon-
archismus, wie das selbstverständlich war in den sechziger und sieb-
ziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Es war also eine liberale Par-
tei. Aber wenn diese liberale Partei sich innerhalb des bestehenden
österreichischen Staatswesens geltend machen wollte, da legte sich
diese liberale Partei eine merkwürdige Bezeichnung zu: «Euer Maje-
stät allergetreueste Opposition». Das war ein offizielles Beiwort für
die Opposition im monarchischen österreichischen Staat.
Ich habe dieses Beispiel angeführt, um aufzuzeigen, daß den
Parteien in bestimmten Situationen manchmal ihre eigentliche
Stoßkraft genommen wird. Aber es gibt noch viel deutlicher spre-
chende Beispiele. So gibt es in Nordamerika ja zwei Hauptpartei-
en, die demokratische und die republikanische. Diese zwei Parteien
hatten vor längerer Zeit ihre Bezeichnung zurecht: Die einen nann-
ten sich republikanisch, weil sie Republikaner waren, die anderen
nannten sich demokratisch, weil sie Demokraten waren. Heute ist
die Sache so, daß die republikanische Partei durchaus nicht mehr
republikanisch ist und die demokratische Partei alles andere als
demokratisch ist. Die beiden Parteien unterscheiden sich lediglich
dadurch, daß sie von verschiedenen Konsortien aus verschiedenen
Wahlfonds gespeist werden. Parteien entstehen, haben eine gewisse
Lebenszeit, die verhältnismäßig kurz ist, dann sterben sie. Aber
sie bleiben gewissermaßen, wenn sie schon Leichnam sind, noch
lebendig als Leichnam; sie mögen nicht gerne sterben. Aber das
schadet nichts. Wenn sie auch ihre ursprüngliche Bedeutung verlo-
ren haben, so sind sie doch noch Sammelbecken für die Menschen,
und es ist trotzdem noch gut, wenn sie da sind, damit die Men-
schen eben nicht auseinanderlaufen. Deshalb hat man, wenn man
nicht ein theoretisierender Politiker ist, wie es die Parteimänner
ja oft sind, und wenn man nicht ein ideologischer oder utopisti-
scher Politiker sein will, sondern wenn man sich auf praktischen
Boden stellen will und sich bewußt ist, daß im politischen Leben
nur etwas zu erreichen ist mit geschlossenen Menschengruppen,
deshalb hat man gar kein Interesse daran, die Parteien zu zersplit-
tern. Wir würden das Dümmste machen, was wir überhaupt ma-
chen könnten, wenn wir darauf aus wären, die Parteien zu zersplit-
tern, oder etwa gar eine neue Partei begründen wollten. Wir
könnten nichts Dümmeres machen. Also, darum kann es sich nun
wirklich ganz und gar nicht handeln.
Man fragt sich daher: Ja, aus welcher Ecke kommt denn da
eigentlich der Widerstand? Sehen Sie, er kommt, ich möchte sagen,
aus der konservativen Gesinnung der Menschen. Ich erlebe es ja
immer wieder in meinen vielen Vorträgen, daß das Folgende ge-
schieht. Diskussionsredner stehen auf, und wenn sie sprechen, so
macht man eine merkwürdige Erfahrung. Sie haben nämlich nur
das gehört, was sie schon seit Jahrzehnten gewohnt sind zu den-
ken. Vieles daran ist ja richtig, denn die alten Dinge sind ja nicht
falsch. Aber es muß doch heute zu den alten Dingen Neues hinzu-
kommen! Das Merkwürdige, das man bei den Diskussionsrednern
oftmals konstatieren kann, besteht vor allem darin, daß sie nicht
einmal mit dem physischen O h r das Neue gehört haben, Sie haben
eben nur das gehört, was sie schon seit Jahrzehnten gewohnt sind
zu hören. Ja, das beruht schon auf einer gewissen inneren Trägheit
des gegenwärtigen menschlichen Verstandes. Man muß sich schon
mit dieser inneren Trägheit des gegenwärtigen menschlichen Ver-
standes bekannt machen, und man muß sie bekämpfen.
Schwer begreiflich ist mir aber doch, wenn von einer gewissen
Seite gesagt wird: Ja, wir sind eigentlich sowohl mit dem, was
Steiner zur Bekämpfung des Kapitalismus vorbringt, als auch mit
der Dreigliederung des sozialen Organismus einverstanden, die
muß kommen. Aber wir bekämpfen sie doch! Wir müssen uns
kämpfend dagegenstellen! - Jedem, der über einen gewissen gesun-
den Menschenverstand verfügt, muß dies absonderlich vorkommen.
Und dennoch ist ja dieser Standpunkt vorhanden!
Nicht wahr, wir stehen jetzt vor der Einrichtung der Betriebsrä-
teschaft. Ja, diese Betriebsräteschaft ist eine ungeheuer wichtige
Sache, und zwar aus folgendem Grunde. Es können heute die
Betriebsräte so eingerichtet werden, daß sie nichts weiter sind als
eine Dekoration für eine geheimnisvolle Fortsetzung des alten ka-
pitalistischen Systems. Man kann sie so einsetzen, aber sie werden
gewiß nichts anderes werden als dieses, wenn sie im Sinne des
Gesetzentwurfes, der Ihnen ja hinlänglich bekannt ist, eingesetzt
werden. Sie werden ganz gewiß auch nichts anderes werden als
eine solche Dekoration, wenn sie auch auf Grundlage eines ande-
ren Gesetzentwurfes eingesetzt werden. Das einzige Heil besteht
darin, daß man die Betriebsräte, wie ich hier schon oftmals gesagt
habe, aus dem lebendigen Wirtschaftsleben heraus auf die Beine
stellt, daß sie also gewählt werden aus dem Wirtschaftsleben selber
heraus und sich zusammenschließen innerhalb eines in sich ge-
schlossenen Wirtschaftsgebietes. Dies wäre hier - weil man die
alten Landesgrenzen beibehalten muß - Württemberg. Das muß
eine konstituierende Versammlung sein, die aus sich heraus dasjeni-
ge schafft, was die anderen als Gesetz machen wollen. Die Rechte,
die Befugnisse, all das, was die Betriebsräte zu tun haben, muß
aus der Betriebsräteschaft selbst heraus entstehen. Und man darf
nicht den Mut verlieren, aus dem Wirtschaftsleben heraus selber
die Betriebsräteschaft zu schaffen. Aber sehen Sie, sobald man
anfängt an einem Ende, sobald man wirklich Ernst damit macht,
das eine Glied des dreigliedrigen sozialen Organismus so zu neh-
men, wie es im Wirtschaftskreislauf zu nehmen ist, dann muß
man sich auf den Boden des dreigliedrigen sozialen Organismus
stellen. Dann müssen die beiden anderen Glieder wenigstens ir-
gendwie mitarbeiten und parallel dazu eingerichtet werden, sonst
kommt man nicht vorwärts. Es ist heute schon leicht der Beweis
zu liefern, einfach aufgrund der Tatsachen, daß man das braucht,
was der dreigliedrige soziale Organismus will. Denn, was auch
immer geschwätzt wird über jenes Sozialisierungsexperiment, das
im Osten gemacht worden ist, dasjenige, worauf es ankommt, das
wird ja immer nicht hervorgehoben.
Sie haben in diesen Tagen von ministerieller Seite im hiesigen
Landtag hören können, wenn Sie aufmerksam die Berichte verfolgt
haben, daß Lenin nun auch wieder an dem Punkt angekommen
sei, nämlich beim Kapitalismus Hilfe zu suchen, weil er daran
zweifele, daß in der Jetztzeit eine Sozialisierung, so wie er sie
gewollt hat, durchgeführt werden könne. Solche Dinge werden ja
heute auch von sozialistischen Regierungen mit einer gewissen
Befriedigung registriert. Sollen sie diese Befriedigung doch haben.
Aber sehen Sie, worauf es ankommt, ist doch, daß man sich fragen
muß: Woran liegt es denn, daß dieses östliche Experiment geschei-
tert ist? Es liegt daran - es gibt wirklich die Möglichkeit, das
einzusehen, man muß nur den Mut haben, sein eigenes Vorurteil
zu bekämpfen - , es liegt daran, daß vor allen Dingen innerhalb
dieses russischen, östlichen, sozialistischen Experimentes keine
Rücksicht darauf genommen worden ist, eine selbständige Soziali-
sierung des Geisteslebens mit einzurichten. Dieses Glied hat ge-
fehlt, und an dem Fehlen dieses Gliedes liegt es. Und wird man
das einsehen, dann wird man wissen, wie man es anders machen
muß. Man muß doch von den Tatsachen lernen und nicht von
seinen seit Jahrzehnten im Kopfe herumspukenden Gespenstern
der Parteiprogramme. Das ist es, worauf es ankommt, und ich
kann Ihnen sagen: Entweder werden die Betriebsräte so eingerich-
tet, daß sie die erste Einrichtung sind von dem, was im großen
Stile gedacht ist im Sinne einer sozialen Gestaltung des menschli-
chen Gemeinwesens, damit dann aus der Einrichtung der Betriebs-
räte etwas hervorgehen kann, was einer wirklichen Sozialisierung
gleichkommt, oder es wird nicht so gemacht, und dann erreicht
man keine wirkliche Sozialisierung. Wenn man abwartet, bis die
Fortsetzung des alten Regierungssystems aus einem Gesetz heraus
Betriebsräte einrichtet, wenn man immerfort von der Idee ausgeht,
daß derjenige, der praktisch handeln will, die Partei zersplittert,
dann wird man auf keinen grünen Zweig kommen.
Eine Frage muß notwendig immer wieder gestellt werden. Sehen
Sie, als wir hier angefangen haben im Sinne des dreigliedrigen
sozialen Organismus über die Dinge zu reden, da erwarben wir
und unsere Freunde aus den Parteien verhältnismäßig rasch das
Vertrauen der Arbeiterschaft, das Vertrauen eines großen Teiles
der Arbeiterschaft. Dem sah man offenbar zunächst gelassen zu,
weil man sich gedacht hat, nun, solange da einige Leute ein paar
Spielereien treiben, da genügt es ja, wenn man sagt: Bekümmert
euch nicht um diese Utopien. - Dann sah man aber, daß es sich
gar nicht um Utopien handelte, sondern um den Beginn, einmal
wirklich etwas Praktisches in Szene zu setzen. Da zog nun nicht
mehr so recht die Geschichte mit den Utopien und Ideologien.
Dann aber, als wir versuchten, für die Betriebsräte zu wirken,
ließ sich der Vorwurf der Utopie überhaupt nicht mehr aufrecht-
erhalten. Und nun kommt man damit, daß man sagt, daß eine
Zersplitterung in die Partei hineingetragen wird. Ja, aber es mußten
doch erst die kommen, die das sagen; die mußten es doch erst
den Leuten sagen, daß da die Zersplitterung hineingetragen wird.
Wir haben sie nämlich nicht hineingetragen. Aber die, die das
sagen, die tragen sie selbst hinein. Woher kommt denn die Zer-
splitterung? Auf diese Frage gibt es nur die folgende Antwort:
Ihr braucht ja nicht in einer solchen Form, wie ihr es tut, darüber
zu reden, dann wird die Zersplitterung auch nicht dasein. Nun,
die Sache ist eben doch zu ernst, die Sache der Betriebsräteschaft,
als daß man nicht solche Dinge heute wirklich zur Sprache bringen
müßte. Und so hoffe ich, daß von diesen Gesichtspunkten aus
von dem einen oder anderen von Ihnen in dieser leider wenig
besuchten Versammlung heute noch sehr viel über die verschiede-
nen Dinge, die notwendig sind, gesprochen wird.
Eigentlich muß ich mich doch sehr wundern über die Opposi-
tion, die sich hier auftut, wenn ich so manche Dinge näher be-
trachte. Die Parteien zum Beispiel, sie brauchen eigentlich alle ein
gewisses Hinausgehen über sich selbst, nämlich ein Hinaufgehen
zu etwas Positivem. Da bekam ich gestern den «Arbeiterrat», das
Organ der Arbeiterräte Deutschlands, deren Schriftleitung Ernst
Däumig innehat. In diesem finden Sie einen Artikel unter der
Überschrift «Geistesarbeiterrat und Volksgeist» von Dr. Heuser,
KPD. Da wird manches auseinandergesetzt. In diesem Artikel fin-
den Sie unter anderem das Folgende, das ich für so wichtig halte,
daß ich es Ihnen vorlesen möchte. Also, der Artikel ist von Dr.
Heuser, Mitglied der KPD: «Es ist jedoch eine Lebensbedingung
des sozialistischen Staates, daß das geistige Element im Volksleben
seiner Bedeutung entsprechend berücksichtigt wird. Es besteht die
große Gefahr, daß durch die einseitige Berücksichtigung des mate-
riell tätigen Volksteils die geistigen Lebensbedingungen der soziali-
stischen Volksgemeinschaft erstickt und der Zukunftsstaat in ein
materielles Gebilde verwandelt wird, in dem die geistigen Kräfte
keinen Spielraum und somit keine Freiheit besitzen. Die zielbe-
wußte Arbeiterschaft fordert mit Recht: Alle politische Macht den
Arbeiterräten - alle ökonomische Macht den Betriebsräten. Wir
fordern: Alle geistige Macht den Geistesarbeiterräten!» - Bitte, ein
Mitglied der KPD! Alle geistige Macht den Geistesarbeiterräten! -
«Wir fordern neben der Körperschaft der Arbeiterräte (politische
Körperschaft) und derjenigen der Betriebsräte (wirtschaftliche Kör-
perschaft) eine Körperschaft der Geistesräte (geistige Körperschaft),
in der das geistige Element des Volkes sich jederzeit Gehör ver-
schafft und die zum Ausgleich der ungeheuren politischen und
ökonomischen Rechte der überwiegenden Handarbeiterschaft ge-
nügenden Einfluß erhält auf die Besetzung der wichtigeren Stellun-
gen der Allgemeinheit mit geistigen, tüchtigen Persönlichkeiten,
da sonst keine Gewähr ist, daß diese Stellungen nicht wie bisher
geistlos nach machtpolitischen oder materiell-ökonomischen Ge-
sichtspunkten erfolgen. Die militaristische Hohenzollern-Herrschaft
ist zusammengebrochen, weil sie die sozialen Forderungen unserer
Zeit nicht verstanden hat, ebenso wie die kapitalistische Scheinde-
mokratie trotz ihrer <Siege> zusammenbrechen wird. Ein sozialisti-
scher Staat, der einseitig die Interessen der Handarbeiterschaft be-
günstigen und die Interessen des geistigen Volkselementes ver-
nachlässigen wird, ist ebenso unhaltbar: Er wird einen neuen Klas-
sengegensatz, neue Unterdrückung und neue Kämpfe schaffen.»
N u n frage ich Sie - hier ist nichts erwähnt von der Lektüre
meines Buches - , aber ich frage Sie: Was ist das anderes als die
Dreigliederung? Und jetzt ein besonders wichtiger Schluß:
«Das geistige Element der Völker ist jedoch auch allein imstan-
de, die internationale Verständigung der Zukunft dauernd zu ge-
stalten und einen ungeheuchelten Völkerbund zu stiften. Nehmen
wir an, daß in dem neuen sozialistischen Staat die politischen
Arbeiterräte oder die ökonomischen Betriebsräte das auschlagge-
bende Wort sprechen - wohin würde das hinauslaufen? Die äußere
Politik würde dann entweder nach (politischen) Machtgesichts-
punkten entschieden - die Kabinettskriege der früheren Jahrhun-
derte sind uns schon genügend ein warnendes Beispiel - , oder
die Politik würde von wirtschaftlichen Interessen entschieden; da
ist uns der eben erlebte Weltkrieg ein furchtbares Beispiel. Wird
jedoch die Politik von Gesichtspunkten geistiger Menschlichkeit
geleitet, so ist dadurch allein Gewähr gegeben, daß den Versuchun-
gen der menschlichen Macht- und Besitzgelüste dauernd ein
Damm vorgeschoben wird. Der kultivierte Mensch kehrt erst dann
zur Gerechtigkeit gegen sich und andere zurück.»
Das, sehen Sie, ist ein Artikel von einem Angehörigen der Kom-
munistischen Partei im «Arbeiterrat», der von Ernst Däumig her-
ausgegeben wird. Also, diejenigen, die die Dinge nicht nur durch
die Parteibrille sehen, sondern sie so sehen, wie sie sind, die bestä-
tigen das, was hier oftmals gesagt wurde, nämlich daß die Dreiglie-
derung des sozialen Organismus in der Luft liegt. Es ist schon
seltsam, daß nicht mehr Leute darauf kommen. Hier aber haben
Sie, ohne daß unsere Bewegung erwähnt wird, die ganze Geschich-
te von der Dreigliederung. In meinem Buch ist sie natürlich im
einzelnen vollkommener fundiert und ausgebaut. Angedeutet fin-
den Sie sie schon in dem Aufruf «An das deutsche Volk und an
die Kulturwelt».
Leider ist es aber noch immer so, daß sich die Leute heute
noch nicht zu den großen Gesichtspunkten, die wirklich notwen-
dig sind, erheben können. Deshalb werden sie auch nicht die
kleinsten Institutionen in dem Sinne einrichten können, daß sie
der großen Abrechnung, in der wir uns befinden, entsprechen.
Daher ist es notwendig, daß wir heute wirklich wissen, daß für
das Wirtschaftsleben nur dann ein Heil erwachsen kann, wenn
wir zunächst einen eigenständigen Wirtschaftskörper - zumindest
müssen wir damit anfangen - auf die Beine stellen. Das muß die
Betriebsräteschaft sein. Es wird schon aus der Betriebsräteschaft
auch das andere herauswachsen, was da kommen muß: Die Ver-
kehrsräteschaft und die Wirtschaftsräteschaft. Aus diesen drei Räte-
schaften wird es sich ergeben, daß die Betriebsräte es mehr mit
der Produktion, die Verkehrsräte es mit der Güterzirkulation und
die Wirtschaftsräte es mit der Konsumgenossenschaft im weitesten
Sinne zu tun haben. In dieses Rätesystem des Wirtschaftslebens
kann dann auch alles weitere wie zum Beispiel die Forstkultur,
Landwirtschaftskultur, Rohstoffgewinnung und vor allen Dingen
das, was das internationale Wirtschaftsleben betrifft, eingegliedert
werden. Man muß lediglich einsehen, daß dieses Wirtschaftsleben
gar nicht die Schwierigkeiten bietet, von denen man immer redet,
um einen Popanz hinzustellen, sondern daß es nur erforderlich
ist, wenn man wirtschaftlich sozialisiert, die passive Handelsbilanz,
das heißt den Überschuß der Einfuhr über die Ausfuhr, auf der
Seite des Konsums zu buchen. Dann wird von selbst das Richtige
herauskommen.
In dem System des dreigliedrigen sozialen Organismus steckt
dies alles drinnen, und wenn die Leute sagen, sie verstehen das
nicht, so rührt das bloß daher, daß sie sich nicht die Mühe machen
wollen, wirklich auch die entsprechenden Konsequenzen zu zie-
hen, sondern glauben, man muß erst ein Programm aufstellen. Ja,
die Wirklichkeit ist eben kein Programm, die Wirklichkeit braucht
mehr, als was man in einem Programm sagen kann. Wer über
die Wirklichkeit spricht, muß schon ein wenig voraussetzen, daß
die Leute ein bißchen nachdenken, weil die Wirklichkeit doch
sehr kompliziert ist. Und ich bitte Sie, wenn es sich um die
wichtige Frage der Betriebsräte im praktischen Sinne handelt, wirk-
lich sich die Sache nicht so einfach vorzustellen, wie das heute
viele tun. Die künftige soziale Wirtschaftsordnung wird ausgehen
müssen von dem Grundsatz, der ja seit Jahrzehnten vollständig
richtig verkündet wird: Es muß produziert werden, nicht um zu
profitieren, sondern um zu konsumieren. - Die Frage ist nur:
Wie macht man das? Diese Frage läßt sich nicht theoretisch beant-
worten, sondern sie wird dadurch beantwortet, daß Sie Betriebsräte
wählen und daß dann diese Betriebsräte in einer Betriebsräteschaft
zusammenkommen. Geht man so vor, dann wird die Frage nach
der Produktion für den Konsum aus den Menschen heraus beant-
wortet. Es gibt keine Theorie darüber, sondern das wird die Lö-
sung sein, was die lebendigen Menschen, die aus dem Wirtschafts-
leben kommen, jeder von seinen Bedürfnissen aus, zu sagen haben
und was sie zur Lösung beitragen.
Die Dinge müssen so in Angriff genommen werden, daß man
nicht das praktisch nennt, wenn man sagt, daß dieses oder jenes
geschehen soll, sondern wenn man die Menschen auf die Beine
stellt, die nun durch ein lebendiges Zusammenwirken das Richtige
erst herausbekommen sollen. Oberflächlich betrachtet kann man
sagen, daß es leicht ist, sich darüber klar zu werden, was mit
dem Konsum zusammenhängt, denn überall in den Statistiken
steht, wieviel man an Pfeffer, an Kohle, wieviel Messer und Gabeln
und dergleichen man braucht. Und wenn man die genauen Statisti-
ken hat, wird man einfach so viel zu produzieren haben, wie
diese Statistiken angeben. Jawohl, selbst wenn die Statistik nicht
zu alt ist, würde sie dennoch überhaupt nichts taugen für den
jetzigen Zeitpunkt. Und selbst, wenn sie neu ist, dann gilt sie
nur für das eine Jahr, und im nächsten Jahr ist sie schon überholt.
Dasjenige, was über den Konsum zu sagen ist, das muß fortwäh-
rend in lebendiger Weise neu erfaßt und angefaßt werden. Dazu
braucht man dann die Wirtschaftsräte. Die müssen immerfort in
Bewegung sein. Denn so einfach ist die Sache nicht. Wir können
uns nicht auf die Literatur verlassen, sondern wir brauchen ein
über das ganze Wirtschaftssystem ausgebreitetes lebendiges Rätesy-
stem. Dazu muß man aber den Mut haben. Wir brauchen an
Stelle dessen, was das Kapital in egoistischer Weise gemacht hat,
die lebendigen Menschen, damit die Neugestaltung des Wirt-
schaftslebens in sozialer Weise gemacht wird. Sonst kommen wir
nicht weiter. Das ist das, was heute gerade bei der Frage der
Betriebsräteschaft ernsthaft bedacht werden muß. Praktisch bedeu-
tet dies nichts anderes, als daß die Betriebsräte gewählt werden,
die sich dann wiederum in einer Betriebsräte-Urversammlung zu-
sammenfinden. Dann wird sich schon diese Betriebsräteschaft er-
gänzen müssen durch die Verkehrsräteschaft und durch die Wirt-
schaftsräteschaft. Auf diese Weise wird man vorwärtskommen.
Wie das, daß man nun einen praktischen Weg angibt, zur Zer-
splitterung der Parteien, zu einer Verwirrung der Köpfe führen
soll, das sehe ein anderer ein als ich. Ich kann es nicht einsehen.
Den Parteien soll nicht ein Haar gekrümmt werden dadurch, wahr-
haftig nicht, wenn sie eine geschlossene Phalanx bilden wollen.
Sie mögen es tun. Das wird viel besser sein, als wenn die Leute
auseinanderlaufen. Wir haben gewiß kein Interesse daran, daß die
Leute auseinanderlaufen. Wohl aber haben wir ein Interesse daran
- vor allem wenn man sieht, daß durch bloße Programme nichts
Positives getan werden kann - , daß das Positive in die Arbeiter-
schaft hineingetragen wird. Es ging uns nie darum, eine neue
Partei zu begründen, sondern die Intention, die der Gründung
des «Bundes für Dreigliederung» zugrunde lag, war, dem Proleta-
riat zu einer wirklich sozialen Stellung zu verhelfen. Und dies
kann nur verwirklicht werden, wenn die Klassenherrschaft aufhört.
Dann aber handelt es sich nicht darum, mit welchen kleinen oder
großen Mitgliederzahlen man an einem Parteiprogramm hängt,
sondern darum, sich zu fragen: Was hat zu geschehen? Und weil
immer mehr eingesehen wird, daß das Proletariat sein Ziel niemals
mit den alten Parteiprogrammen erreichen wird, deshalb ist der
Impuls für die Dreigliederung da.
Das wollte ich als Einleitung vorausschicken. Jetzt hoffe ich,
daß wir uns lebhaft über die Betriebsratsfrage und andere damit
zusammenhängende Fragen unterhalten werden. Wenn ja die Be-
triebsratswahl die erste Tat zur wirklichen Sozialisierung sein soll,
so kann es nur gut sein, wenn man die Sozialisierung immer
wieder von einem anderen, höheren Gesichtspunkt aus betrachtet.
Diskussion

Vorsitzender Herr Lohrmann: Es ist für uns sehr wichtig in der gegenwär-
tigen Zeit und bei den jetzigen Verhältnissen, daß, wie Herr Dr. Steiner
vorgelesen hat, ein Kommunistenführer so schreibt, daß die Dreigliederung
vorgenommen werden muß. Wenn wir uns mit unseren Genossen unter-
halten, werden wir mit kurzen Schlagworten abgetan. Das ist doch der
Hemmschuh in unserer Arbeit für die Wahl der Betriebsräte! Wir haben
in den Betrieben lauter überzeugte Genossen als Führer, sie werden aber
gegen unsere Sache von der Partei beeinflußt, so daß die nicht einmal
sich interessieren. Sie verwerfen die Sache, ohne ihr auf den Grund zu
gehen. Unsere Hauptarbeit wird sein, diesen Widerstand zu beseitigen.
Die Parteien fürchten, daß durch die Dreigliederung ein Spalt in der
Arbeiterschaft entstehen wird, der das Proletariat schwächen wird in dem
Kampf gegen den Kapitalismus.
Ich habe aber auch viele Genossen gesprochen, die unsere Sache für
gut halten. Die Leute wollen aber nicht auftreten in der Öffentlichkeit,
damit sie sich nicht kompromittieren den Parteiführern und Genossen
gegenüber. Das ist der große Krebsschaden in unserer Bewegung. Jeder,
der die Sache erfaßt hat, sollte sich frei und offen dazu bekennen.
Im Betriebe Bosch haben wir die Betriebswahl vorgenommen, aber
nur als Provisorium. Das ist wiederum ein Schaden, denn wenn wir jetzt
einen provisorischen Betriebsrat haben, so sind die Leute doch nicht von
der Arbeiterschaft eingesetzt, und so ist auch nicht die ganze Arbeiter-
schaft interessiert an der Sache. Unsere Hauptaufgabe ist ja, das ganze
Proletariat an der Sache zu interessieren, um der jetzigen Regierung, die
den Kapitalismus unterstützt, im Ernste zu zeigen, was wir wollen.

Herr Huth: Wenn ich den leeren Saal ansehe, muß ich mir doch sagen,
daß die, die als Arbeitsausschuß-Mitglieder Verantwortung zu tragen ha-
ben, auch den Mut aufbringen müßten, das zu vertreten, was sie als
richtig erkannt haben. Und die, die die Dreigliederung als richtig erkennen,
wie ihr starker Beifall immer bewies, sollten sie auch vertreten. Es wird
gesagt, die Dreigliederung bedeutet Zersplitterung der Arbeiterschaft. Se-
hen wir uns einmal die Arbeiterschaft an. Sie ist doch so zerrissen in
verschiedene Parteien, die sich auf das heftigste gegenseitig bekämpfen,
daß es fast nicht möglich ist, sie überhaupt noch weiter zu zersplittern.
Wir brauchen Einigung des Proletariats, aber nicht nur unter irgendeiner
Parole, wie zum Beispiel «Alle Macht den Räten», wie sie von den Kom-
munisten ausgegeben wird, von der aber niemand weiß, was sie eigentlich
sagen will. Es ist nur ein Schlagwort, und wir brauchen eine Tat. Wenn
wir solche Schlagworte aussprechen wie auch «Die Diktatur des Proleta-
riats», so ist es doch notwendig, daß wir uns unter diesem Schlagwort
etwas vorstellen können.
Was ist denn eigentlich die «Diktatur des Proletariats»? Soll sie von
oben herunter oder von unten herauf kommen? Wenn wir warten, bis
die Regierung ein Betriebsrätegesetz schafft, das dem entspricht, was wir
brauchen, dann erleben wir es wahrscheinlich nicht, und wenn wir warten
wollen, bis uns irgendeine proletarische Partei die Richtlinien so gibt, wie
wir sie notwendig brauchen, um zur Einigung des Proletariats zu kommen,
dann kommen wir meiner Überzeugung nach niemals zur Einigung, so
wie wir niemals zu dem kommen werden, was wahre Sozialisierung ist.
Alles klammert sich heute an die Worte von Karl Marx: «Die Befreiung
der Arbeiterklasse kann nur das Werk der Arbeiterklasse selbst sein»,
und wenn sie nun einmal daran geht, dann sagt man: Laßt die Finger
davon, das versteht ihr nicht, bis wir euch sagen, was ihr zu tun habt. -
Dadurch kommt ja die Zersplitterung zustande, daß jede Partei etwas
anderes will. Wir brauchen eine revolutionäre Tat, bei der jeder Arbeiter,
einerlei, welcher proletarischen Partei er angehört, mitarbeiten kann. Und
eine solche Tat ist die Schaffung der Betriebsräte auf wirklich revolutionä-
rer Grundlage, wie sie uns Dr. Steiner gezeigt hat. Das, was Dr. Steiner
verlesen hat als die Worte eines Kommunisten, sie sind doch ganz genau
dasselbe, was Herr Dr. Steiner uns sagt, nämlich die Dreigliederung.
Lesen wir doch einmal die Broschüre, in der die Rede des Genossen
Däumig steht, die er auf dem Parteitag der USP gehalten hat, und wenden
wir das einmal auf die Praxis an. Er sagt ja nicht «Dreigliederung», aber
das, was er sagt, bedeutet doch die Dreigliederung. Wenn er zum Beispiel
ausführt, daß streng unterschieden werden muß zwischen der politischen
und der wirtschaftlichen Aufgabe, die zu lösen ist, und daß ein besonderes
Rätesystem für die beiden Zweige bestehen muß. Er hat das ja allerdings
nur flüchtig angegeben, weil es ihm nicht ganz klar bewußt war. Es wird
notwendig sein, daß die Arbeiterausschußmitglieder, die mit dem einver-
standen waren, was Herr Dr. Steiner gesagt hat, sich nicht abschrecken
lassen durch das Auftreten der Parteien, die sich nun ausgeschaltet sehen
von der wirklich revolutionären Arbeit, und daß sie sich nicht abschrecken
lassen durch das Geschrei, das in die Welt gesetzt wird, sondern konse-
quent fortfahren, das in die Tat umzusetzen, was sie für richtig befunden
haben, nämlich die Wahl der Betriebsräte vorzunehmen in allen Betrieben
und diese Betriebsräte zusammentreten zu lassen zu einer Betriebsräte-
schaft, die sich die Gesetze selbst schaffen wird, die wir brauchen.
Wir in unserem Betrieb haben den Betriebsrat gewählt, und ich möchte
nun bitten, daß all die Betriebsräte, die schon gewählt sind, sich anmelden
möchten sowohl bei dem «Bund für Dreigliederung» als auch bei dem
Aktionsausschuß des geeinigten Proletariats. Dieser Aktionsausschuß hat
ein Flugblatt ausgegeben zur Wahl der Betriebsräte, weil dieser Aktions-
ausschuß die Wahl der Betriebsräte auch auf dem Boden vorgenommen
wissen will, wie er gekennzeichnet worden ist. Es ist also notwendig,
daß sich die Betriebsräte melden, so daß wir zur praktischen wirklichen
Arbeit kommen können. Es ist vorhin gefragt worden, ob der Aktionsaus-
schuß noch besteht. Ja, er besteht noch, obwohl die Partei ihre Mitglieder
aufgefordert hat, aus dem Aktionsausschuß auszutreten. Das ist eine An-
maßung der Partei. Die Mitglieder des Aktionsausschusses sind gewählt
gegen die Parteien und gegen die Führer der Parteien aus den Betrieben
heraus. Nur wenn wir über die Parteien hinausgehen können, kommen
wir zur Gesundung des Parteilebens. Die Parteien haben uns auseinander-
geführt, sie können uns nicht wieder zusammenführen. Sie haben sich
gegenseitig so bekämpft, daß sie, wie sie selbst sagen, es ablehnen, sich
an einen Tisch zu setzen. Wenn ich aber heute als USP-Mitglied mit
einem Mitglied der KPD rede, sind wir ganz einig. Diese Einigkeit kann
sich nur verkörpern in einer Organisation, die vom Vertrauen aller Arbei-
ter getragen ist. Wir müssen den Mut haben, auch den Führern zu sagen,
was notwendig und recht ist. Wenn sie die Dreigliederung ablehnen, ohne
sich überhaupt mit dem Gedanken befaßt zu haben, so ist das, ja, ich
finde keinen passenden Ausdruck, beinahe eine Gemeinheit, dem Arbeiter,
der sich in den Gedankengang der Dreigliederung eingearbeitet hat, einfach
zuzumuten, er müsse hinweg, und ihn vor ein Inquisitionsgericht stellt,
weil er etwas für gut und wahr hält aufgrund seiner Überzeugung. Wenn
die Arbeiterführer mit Mut auftreten, werden wir auch die Arbeiter, die
in den Parteien organisiert sind, zu überzeugen vermögen, daß die Drei-
gliederung kommen muß. Sie selbst, die Mitglieder und Führer dieser
Parteien, liefern uns ja unbewußt die Waffen, um sie selbst zu schlagen.
Lesen Sie den Artikel im «Spartakist» über die Dreigliederung. Man sieht,
daß man mit der Dreigliederung vollständig einverstanden ist, sie aber
dennoch bekämpft. Warum.? Wenn wir den Artikel aus der «Süddeutschen
Zeitung» unseren Führern vorhalten, bin ich der Überzeugung, daß auch
die Arbeiter, die in diesen Parteien organisiert sind, davon überzeugt
werden, daß die Dreigliederung des sozialen Organismus kommen muß
und daß es eine revolutionäre Tat ist, wenn wir für sie arbeiten und für
sie eintreten. Nur das konservative Denken all dieser revolutionär sein
wollenden Führer ist es, was sie hindert, die Dreigliederung wirklich zu
begreifen.
So möchte ich bitten, daß in den Betrieben, in denen ein Ansatz
vorhanden ist, in denen ein kleiner Anlauf genommen wurde zur Betriebs-
rätewahl, sich die Ausschußmitglieder nicht irremachen lassen, sondern
konsequent weiter fortfahren und immer erneut in jeder Betriebsversamm-
lung Stellung nehmen zur Betriebsräte-Wahl. Wir müssen die Einigung
des Proletariats unbedingt durchführen, und nichts ist wichtiger. Auf dem
Wege der Parteien werden wir niemals zur Einigkeit kommen. Die Arbei-
terschaft wird immer mehr zersplittert, und die Sozialisierung des gesam-
ten Wirtschaftslebens, auch des Geisteslebens, auch des politischen Lebens
würde niemals verwirklicht werden können. In dem Sinne möchte ich
die Anwesenden auffordern, nicht mehr die Frage aufzuwerfen: Welche
Macht haben wir denn? - Es ist dies eine ganz nebensächliche Frage.
Wir sollen nur heraustreten und auf den Kern der Sache eingehen, und
wir sollen den Mut aufbringen, gegenüber den Parteien den dreigliedrigen
sozialen Organismus zu verteidigen. Nur wenn mit Mut und Selbstachtung
wir jenen die Meinung sagen, die zu bequem sind, sich einer neuen
Meinung anzuschließen, werden wir weiterkommen.

Herr Sander: Ich habe sämtliche Vorträge von Dr. Steiner gehört und
habe die Sache nie durch die Parteibrille gesehen, sondern sie für eine
ideale Sache gehalten. Jetzt kommen die Parteien und sagen, der Weg
der Dreigliederung sei eine neue Partei. Ich halte aber die Sache noch
nicht für durchführbar, weil wir die Menschheit dazu noch gar nicht
haben. Wir haben nur Parteimenschen, die sich herumstreiten und die
überhaupt noch nicht in ein geistiges Leben hineingekommen sind. Da
der Arbeiter überhaupt noch kein Geistesleben besitzt, kann er mit der
Sache nicht leben. Nur das materielle Interesse spielt beim Proletariat
eine Rolle. Der Proletarier unterscheidet sich da nicht vom Kapitalisten.
Er kriegt auch nie genug. Nur durch die Dreigliederung kann es besser
werden, nur durch sie kann eine Gesundung des ganzen Lebens kommen,
denn das ganze soziale Leben krankt an der Verquickung der drei Gebiete.
Aber die Proletarier sind oft enttäuscht worden und sind deshalb mißtrau-
isch. Sie haben immer Angst: Halt, der Mann und jener Mann - da
steckt was anderes dahinter. Sie meinen, auch Herr Dr. Steiner könnte
im Schlepptau des Kapitalismus gehen. Sie können sich die Sache nicht
anders erklären, sie denken sich nur: Der Mann ist bezahlt! - Das ist ja
selbstverständlich ganz ausgeschlossen. Ich habe auch die Beobachtung
gemacht in Versammlungen und Vorträgen, in denen viele so begeistert
klatschten, daß andere sagten: Warum klatschen die so? - Aus der großen
Enttäuschung heraus kommen die Leute zu solchem Mißtrauen.
Im letzten Sieglehaus-Vortrag hat ein Agitator der USP gesagt, die
Leute, die sich hinter die Dreigliederung stellen, die müßten einfach heraus
aus der Partei. - Das ist eine Anmaßung der Partei, die man an den
Pranger stellen muß. Die Sache der Dreigliederung hat doch mit der
Partei nichts zu tun. Die Parteien selber zersplittern die Massen. Auch
das Aktionskomitee der geeinigten Proletarier war wieder eine Partei, und
das war ein großer Fehler. Wäre es keine Partei gewesen, dann wäre eine
Einigung viel besser zustande gekommen.
Die Frage der Betriebsräte ist eine sehr ernste. Ob das Rätesystem,
das von der Nationalversammlung angenommen ist, ausgebaut wird, ist noch
eine Frage. Wenn wir aber die Betriebsräte jetzt einstellen, stoßen wir auf
Schwierigkeiten bei der Regierung, die wir jetzt haben und die auf dem
Standpunkt steht: Ihr habt gewählt und müßt die Gesetze annehmen, die wir
euch vorlegen. - Und wir müssen uns vorläufig daran halten. Die Betriebsrä-
te können erst dann eingesetzt werden, wenn die Sache von den Parteien
oder Gewerkschaften befohlen wird. Ich sage auch: Die Betriebsräte hätten
längst hergehört, und wir müssen Dr. Steiner einmal Dank sagen, daß er uns
einmal gesagt hat, wie ein Betriebsrat aussieht. Keiner ist noch aufgestanden
und hat gesagt, was man unter einem Betriebsrat versteht und welche Pflich-
ten und Aufgaben derselbe hat. Nur von Herrn Dr. Steiner konnte man das
lernen. Ich glaube, die anderen verheimlichen es, oder sie wissen es nicht.
Wenn die Sache auch noch nicht praktisch durchzuführen ist, so ist es doch
schon ein kolossaler Fortschritt der heutigen Zeit, daß wir endlich einmal
Richtlinien bekommen haben, daß endlich einmal im innersten Herzen eine
Bewegung vorgeht durch Herrn Dr. Steiner. Er hat nämlich einen tiefen Ein-
fluß gewonnen in das innere menschliche Fühlen und Denken. Das wird je-
der, der bei den Vorträgen war, wenn er es auch öffentlich nicht bekennt, im
stillen sich sagen müssen: Der Mann hat schließlich doch recht. - Man sagt
es nur nicht aus Angst oder aus parteipolitischen Gründen.
Herr Sommer aus München-Pasing: Ich bin hierhergekommen, um mich
zu informieren, wie in Zukunft die Verhältnisse in Bayern gestaltet werden
könnten. Bayern hat ja ein ganz besonderes Interesse, daß es aus der
Revolution auch mit einem Gewinn hervorgeht. Die Regierung, die jetzt
in Bayern besteht, hat noch keine Lösung gebracht, die das bayrische
Volk und auch die anderen deutschen Staaten brauchen. Zum Verständnis
dessen, was ich sagen will, mache ich die Bemerkung, daß ich höherer
Beamter bin. Ich habe es in meinem Beruf unter anderem auch damit
zu tun, Unterlagen zu beschaffen für die sehr großen Projekte, die jetzt
überall, auch außerhalb Bayerns, besprochen werden und die in Bayern
zur Ausführung kommen sollen und die sich befassen mit großen Wasser-
verbindungen zwischen Rhein und Donau. Bayern ist, verhältnismäßig,
in Deutschland außerordentlich begünstigt. Man könnte nach neueren Un-
tersuchungen, wenn man alles in der technisch bestmöglichen Weise aus-
führen würde - was ja natürlich nie geschehen wird, es ist das nur die
höchste Grenze, die theoretische, die jedoch mit technischen Mitteln er-
reichbar wäre - , gegen sechs Millionen Pferdekräfte aus der Wasserkraft
gewinnen. Walchensee-Projekt, Mittlere-Isar-Projekt und so weiter. [Zuruf:
Zur Sache!] Ich habe Interesse daran, eben zu hören und mich hier beleh-
ren zu lassen in Vorträgen bei Herrn Dr. Steiner, wenn derartige große
Dinge vorbereitet werden, wie man das zukünftig machen soll. Ist es
zweckmäßiger, die Wege beizubehalten, die die maßgebende Regierung
in Bayern bisher eingeschlagen hat, oder ist es richtiger und für das
Volkswohl besser, die Wege einzuschlagen, die Dr. Steiner vorgeschlagen
hat. Ich bin aufgrund dessen, was ich hier erfahren habe, zu der Überzeu-
gung gekommen, daß es im Interesse des Volkswohles nur gelegen sein
kann, wenn auf der Grundlage der Vorschläge des Herrn Dr. Steiner
gearbeitet wird. Die Ideen Dr. Steiners müssen in allen Kreisen verbreitet
werden. Ich glaube, daß leider verhältnismäßig sehr wenige von den mittle-
ren und höheren Beamten, die nun einmal in das Schlepptau der bestehen-
den Regierung geraten sind und die in sehr vielen Fällen, jedenfalls als
Berater, bei der Aufstellung von Gesetzesentwürfen beigezogen werden,
über die Sache unterrichtet sind. Ein Grund, warum die Sache langsamer
vorwärtsgeht als man wünschen möchte, wenn man den Ernst der Sache
kennt, liegt darin, daß die Menschen mit Furcht behaftet sind. Ich spreche
heute hier in Stuttgart. Es ist fraglich, ob ich in meinem Heimatland das,
was ich hier sage, ohne weiteres sagen dürfte, ohne dieses oder jenes zu
riskieren. Aber man muß sich in der Jetztzeit über Menschenfurcht hin-
wegsetzen und nur nach dem sehen, was das Beste ist für die Allgemein-
heit.

Herr Pfetzer: Wir dürfen nicht glauben, daß wir den Kapitalismus durch
den Willen dazu bewegen können, der Arbeiterschaft beizustehen. Das
kann nur mit Gewalt, mit Kampf geschehen. Die Betriebsräte können
wir wählen, aber was für eine Funktion und Aufgabe haben die Betriebsrä-
te gegenüber der jetzigen Regierung, die doch vollständig das Heft in
der Hand hat? Die Regierung schafft doch mit der kapitalistischen Gesell-
schaft eng zusammen! Die Zersplitterung der Parteien besteht tatsächlich,
aber ich bin mir klar, daß die Arbeiterschaft sich in ihrer Not einig ist.
Aber wir haben alle den Egoismus im Kopf, und der ist auch bei den
Parteiführern vorhanden. Ich bin überzeugt, daß man in den Parteien an
nichts anderes denkt als: Wie kann ich auf einen Ministersessel oder an
einen Parlamentssitz kommen? - Wir sollten Vertrauensleute wählen, die
dann wieder zu entfernen sind, wenn wir die Gewißheit haben, daß sie
der Allgemeinheit Schaden zufügen. Dann bin ich überzeugt, daß wir
keine Parteien zu Herren machen.

Herr Lange: Man geheimnißt viel zuviel in die Dreigliederung, in die


Sache von Dr. Steiner hinein, und man tut dieses und jenes hinzu, was
er gar nicht gesagt hat. Wir sollten doch einfach einmal das Neue zu
erfassen suchen! Einer der Redner hat gesagt, daß, wenn man einen Platz
kaufen will, man Geld haben muß. Aber Dr. Steiner sagt, das Geld muß
in den Wirtschaftskreislauf hinein, und der Boden ist Produktionsmittel;
darauf kommt es an. In der neuen Ordnung muß jeder, der Lust und
Liebe dazu hat, zu seiner Sache kommen. Der Herr aus Bayern hat mit
Recht gesagt, wir können wirtschaftlich und technisch die Sache nicht so
weit ausnützen, wie es möglich wäre. Warum denn nicht? N u r wegen
dem leidigen Geld und weil das Geld heute eine solche Stellung hat, wie
es hat? Seinen Leib zur Verfügung zu stellen, wie der Herr Vorredner
sagte, das ist gar nicht so wichtig. Das Praktische besteht nicht darin,
daß man sich erst totschlagen läßt. Dann ist man ja nicht mehr da und
kann nicht mehr arbeiten. Man muß einsehen: Ich muß dasein, ich muß
der Träger sein der richtigen Ideen, ich muß wirklich arbeiten und nicht
denken, daß ich mich totschießen lassen muß. Daß die Parteien sich, wie
die liebe Kirche, darüber zerwerfen: Wie ist die Sache wohl auf ein hun-
dertste! Millimeter genau? - und zu dem Richtigen nicht kommen, das
sieht man doch. Schiller hat gesagt: Ich gehöre keiner Kirche an - aus
Religiosität. - So kann man heute sagen: Ich gehöre keiner Partei an. -
Aber viele pendeln dann zwischen den Parteien hin und her.
Es handelt sich heute darum, daß man Betriebsräte schafft, und da
fragt man nun: Was wird die Regierung sagen? - Das schert uns nicht,
was die Regierung sagt, das ist ganz einerlei. Die Hauptsache ist, daß
wir Betriebsräte aufstellen. Die Leute werden dann schon die Gesetze
machen. Wir müssen erst einmal die Menschen haben, die die Wirtschaft
vertreten können. Jetzt haben sie sich ja noch verkrümelt. Es ist keiner
da, der wirklich Träger wäre der praktischen Erfüllung. Da sagt man
immer: Das ist theoretisch, das kann man nicht verstehen. - Ich habe
kürzlich vor Handlungsgehilfen geredet. Ich habe gesagt: Jetzt wollen wir
durchgedrückt haben unsere Gehalts- und Lohnforderungen [...] Gestern
haben die Leute darüber geredet, ich war nicht da, sie haben aber ohne
weiteres begriffen: Wir müssen Betriebsräte haben, wir müssen Menschen
haben, die wirklich bestimmen können, was mit dem Wirtschaftsleben
werden soll. Darauf kommt es an, daß diese Leute, die in der Wirtschaft
stecken, das Notwendige tun. Dann werden auch die Leute nicht mehr
fragen: Was wird die Regierung sagen? Was wird uns passieren? - Es
wird uns nichts passieren, sondern wir müssen bloß einsehen, wie einfach
die Sache ist und nichts hineinlegen, was nicht vorliegt.

Dr. Unger: Der Gegenstand der heutigen Beratungen ist ja in erster Linie
die Frage der Betriebsräte, in zweiter Linie, wie wir uns stellen können
zu den Angriffen, die gegen die Ziele des «Bundes für Dreigliederung»
erhoben werden. Da ist es wohl Pflicht, auch in diesem Kreise hinzuweisen
auf etwas, was ich am letzten Dienstag im Siegle-Haus öffentlich vorge-
bracht habe betreffend den Widerstand, der von selten der Industrie in
starkem Maße gegen die Wahl der Betriebsräte sich geltend macht. Nun
beachten Sie, daß diese Industriellen sich mehr oder weniger entschlossen
haben, die Betriebsräte selbstverständlich zunächst einmal abzulehnen. In
zweiter Linie werden aber auch abgelehnt solche Industrielle, die etwa
im «Bund für Dreigliederung» tätig sind, oder solche, die von sich aus
zusammengehen wollen mit den übrigen Produktiv-Kräften zur Bildung
von Betriebsräten. Über solche Mitglieder des «Bundes für Dreigliede-
rung» wird von den Industriellen ein Ketzergericht abgehalten. Wir sehen
also auf der einen Seite Parteien, die erklären, daß diejenigen, die die
Dreigliederung des sozialen Organismus propagieren wollen, jetzt vor die
Frage gestellt werden müssen, ob sie innerhalb der Partei bleiben können
oder nicht. Auf der anderen Seite sehen wir die Industriellen, die ganz
genau das Gleiche tun. Sie sehen Gewaltmaßregeln von rechts und von
links gegen die Freiheit, gegen etwas, was die Gemüter, die Herzen, die
Köpfe, den ganzen Menschen ergreifen kann als Weg aus dem Chaos
heraus. Dagegen macht sich geltend das Gesetz, das mit Gewalt das Her-
aufkommen einer Idee unterdrücken will. [Es folgen einige kritische Be-
merkungen über die Haltung der Parteien und führender Wirtschaftskreise.
Die Ausführungen schließen mit den Worten:] Ich möchte noch etwas
erzählen, was sich vorige Woche ereignet hat. Wir hatten eine Versamm-
lung, auf der ein Kommunist sagte: Ich habe das Auftreten von Herrn
Dr. Steiner mit großem Interesse verfolgt. Aber ich mußte mir dann
sagen, daß solche Theorien im Grunde genommen nicht sehr viel zu
bedeuten haben. Nun sehe ich aber immer deutlicher, daß dieser «Bund
für Dreigliederung» gar nicht bei der Theorie stehengeblieben ist, sondern
eine Frage, die in Wahrheit eine Grundfrage der Gegenwart ist, nämlich
die Frage der Betriebsräte, praktisch in die Hand nimmt. Seit ich dies
erkannt habe, bin ich ganz einverstanden. Ich muß zugeben, daß hier in
der Tat ein Entschluß vorliegt, zu praktischer Arbeit vorzuschreiten. -
Nun, das war ein Geständnis, wie wir es brauchen können.

Ein weiterer Diskussionsteilnehmer meldet sich zu Wort: Als Arbeiter


habe ich selbstverständlich das größte Interesse daran, daß die Frage der
Betriebsräte in die Praxis umgesetzt wird. Die Reichsgesetzvorlage für
die Begründung von Betriebsräten stellt weiter nichts als Schattenbilder
dar. [...] Die Abneigung der Parteien gegen die Dreigliederung be-
steht in erster Linie darin, daß sie das Gefühl haben, die Arbeiterschaft
werde vom Klassenkampf abgezogen. Wir stehen aber doch trotzdem auf
diesem Boden des Klassenkampfes und werden auch da unsere Interessen
zu vertreten wissen. Vorläufig müssen wir es eben zu praktischen Ergeb-
nissen bringen, und das ist die Wahl der Betriebsräte. Die Frage der
Betriebsräte ist auch die Frage des Klassenkampfes. Sie ist sogar die alier-
praktischste Frage, und wir müssen alles tun, um so schnell wie möglich
Betriebsräte zu schaffen. Wenn die Gesetzesvorlage durchkommt, dann
bleibt der alte Kapitalismus bestehen. Aus der ganzen Opposition und
den Stellungnahmen von rechts und links müssen wir unsere Lehren zie-
hen. Wie können wir das machen? Da gibt es nur eine Antwort: Wir
wählen unsere Betriebsräte trotz aller Anfeindungen. Wir" propagieren
doch den Gedanken der Betriebsräte, weil er der einzige wahre Ausweg
aus dem Chaos ist, aus dem wir ohne praktische Arbeit nicht herauskom-
men können.

Herr Navrocki aus Berlin-Friedrichshagen: Verehrte Volksgenossen! Wenn


ich mir gestatte, einige Ausführungen zu machen, so möchte ich Ihnen
zunächst sagen, daß für mich, bevor ich hierher kam, das zur Diskussion
stehende Problem Neuland war. Aber als Proletarier, der mit den Massen
zusammen denkt und fühlt, war es für mich klar, daß dieses Problem,
wenn es wirklich ergriffen werden soll, nicht als Parteiprogramm behandelt
werden kann, sondern, wie Herr Dr. Steiner gesagt hat, aus dem Leben
selbst heraus ergriffen werden muß. [Nach einigen kritischen Bemerkungen
über das bisherige Vorgehen der Parteien schließt Herr Navrocki seine
Ausführungen mit den Worten:] Mehrere Redner haben gesagt: Wir müs-
sen zur Tat übergehen. - Diese Tat kann aber nur sein, über das Regie-
rungsprogramm hinwegzugehen und zu beweisen, daß es möglich ist,
unser Programm durchzuführen. Das Notwendigste und Wichtigste dabei
ist aber, daß alle diejenigen, die sich mit ganzer Seele diesem Programm
hingeben, weil sie überzeugt sind, daß nur durch die Verwirklichung
dieses Programmes etwas Sinnvolles geschaffen werden kann, sich auch
ganz dafür einsetzen. Es können das nur Leute sein, die proletarisch
denken und fühlen. Nur derjenige, der Fühlung mit der Masse hat und
vielleicht selbst durch die proletarische Elendsschule gegangen ist, dem
wird es auch am Herzen liegen, daß das Proletariat auch aus dem Elend
herausgeführt wird. Der wird einsehen müssen, daß nur nach der Richtung
gearbeitet werden kann, daß alle Menschen zu hohen Menschheitsgedan-
ken hinaufgeführt werden. In dieser Höhe sind die Gedanken auch ent-
standen, und wir sind nur diejenigen, die hinausgehen müssen, um dieses
Programm zu verwirklichen.

Herr Jansen: Ich will der erste sein, der Mitteilung macht über den Stand
der Wahlen für die Einführung der Betriebsräte. Wenn nicht eine Arbeiter-
gruppe in unserem Betrieb eine separate Haltung eingenommen hätte,
könnten wir Ihnen sagen, daß heute die Wahl der Betriebsräte stattgefun-
den hat. Wir haben am letzten Montag mit unserer Direktion über die
Einführung der Betriebsräte verhandelt. Wir haben ihr die verschiedenen
Gesichtspunkte unterbreitet und haben gesagt: Die Ablösung ihrer Privat-
rechte ist der Zweck der Einführung der Betriebsräte. Wir wollen den
Privatkapitalismus ablösen, und deshalb wollen wir Betriebsräte wählen. -
Der Direktor hat zuerst ein komisches Gesicht gemacht, aber er ist ein
gemütlicher und vernünftiger Mann und hat sich mit der Tatsache abge-
funden. Er sagte: Nun ja, ob wir nun die Wahl der Betriebsräte etwas
früher vornehmen, als es gesetzlich geschieht, das kann mir egal sein.
Beraumen Sie die Wahl in Gottes Namen an. - Dies als Mitteilung. Die
eine Gruppe von uns, welche sich noch nicht dazu bequemen konnte,
Stellung zu nehmen, wird sich am Montag verantworten müssen, so daß
am Mittwoch so oder so die Wahl vor sich gehen wird.
Aus Besprechungen mit Kollegen und auch mit anderen ist zu entneh-
men, daß die Leute das Gefühl haben, die Einführung der Betriebsräte
sei ein Weg, der ins Dunkle führt. Es gibt eine Unmenge von Menschen,
die es nicht gewohnt sind, selbständig zu denken und zu handeln. Sie
wünschen und wollen gar nicht, daß sie in irgendeiner Form etwas tun
oder lassen sollen. Von vorneherein wollen sie bis in die letzten Kleinig-
keiten hinein die Folgen ihrer Handlungen unterbreitet haben. Weil aber
von den Betriebsräten verlangt wird, daß sie, nachdem sie gewählt sind,
die Verpflichtung und Verantwortung haben, das Betriebsleben und das
Wirtschaftsleben in die Bahnen zu bringen, welche für das proletarische
Wohl und das Wohl der gesamten Volksgenossen maßgebend sein sollen,
schrecken sie zurück. Es sei dies zuviel zugemutet. Wahrhaftig, man kann
es verstehen. Seit Jahr und Tag ist organisiert, ist geleithammelt worden.
Wir dürfen nicht darüber hinwegsehen. Seit Jahrzehnten hat der größte
Teil unserer Arbeitskollegen sich nicht aufraffen können, einen selbständi-
gen Gedanken zu fassen oder zu einer selbständigen Tat zu kommen.
Sie brauchen überall Stütze und Führung. Der Widerstand und die Abnei-
gung seitens eines Teiles der Arbeiterschaft ist hierauf zurückzuführen.
Eine gewisse Interesselosigkeit herrscht da, verbunden mit einer großen
Bequemlichkeit. Man kann mit Herrn Dr. Steiner auch sagen: Denkfaul-
heit. Dagegen müssen wir angehen.
Immer noch steht die Lohnfrage bei den Arbeitskollegen zu sehr im
Vordergrund. Spricht man von Betriebsräten, so heißt es gleich: Bekom-
men wir dann mehr Lohn? - Wenn wir sagen könnten, zwei Mark am
Tag mehr, dann hätten wir lauter Freunde. Weil wir aber sagen: Kollegen,
richtet einmal den Blick vorwärts! Wenn ihr heute durch Kampf erreicht,
daß ihr eine Mark mehr bekommt, müßt ihr morgen eine Mark fünfzig
mehr ausgeben. Es ist eine ewige Schraube. Das eine treibt das andere.
Eure Lebenslage wird immer schlimmer. Auf einmal seid ihr so weit,
nicht mehr existieren zu können.
Herr Lorenz: Sämtliche Vertrauensleute respektive Ausschußmitglieder
sollten es als erste Pflicht erachten, so schnell wie möglich ihr Wollen
in die Tat umzusetzen, besonders indem sie in den Betrieben, in denen
von der Sache noch nichts bekannt ist, für die Idee wirken. - Bei uns
ist seit einem Monat ein Betriebsrat eingerichtet. Natürlich, solange die
Betriebsräte nur in einzelnen Firmen eingeführt sind, ist es zwecklos. Wir
müssen so schnell wie möglich die Betriebsräte hier sammeln, damit eine
Urversammlung abgehalten werden kann.

Herr Baumann: Von den Parteien, besonders von den Führern, wird
immer wieder der Vorwurf erhoben: Dr. Steiner ist kein Marxist. Er steht
nicht auf dem Boden des Marxismus. Also können wir uns nicht mit
ihm abgeben. - Diese Bemerkung kommt mir so vor, als sei sie von
Leuten gemacht, die auf dem Standpunkt stehen, daß sie die Knochen
eines Heiligen verehren. Es muß einmal ausgesprochen werden, daß sehr
viele Parteigenossen Knochenanbeter oder Fetischanbeter sind, weil sie
sich nur an die alten Dinge halten wollen. Marx sagt in seinem Manifest:
Proletarier aller Länder, vereinigt Euch! - Wenn Marx heute sprechen
könnte, würde er mit glühenden Worten darauf hinweisen, nicht die Par-
teien in zersplitterter Art in den Vordergrund zu stellen, sondern sie zu
benutzen als Sammelbecken, damit etwas durch sie geleistet wird. Er
würde sagen: Wenn ihr euch nicht einmal in Deutschland einigen könnt,
geschweige denn in der ganzen Welt, dann seid ihr nichts Besseres wert,
als daß der Kapitalismus auf euch herunterspuckt. - Nicht in Knochenan-
betung sollen wir uns hineinstellen, sondern in die lebendige Gedanken-
wirkung, in die Gedanken, die uns von Dr. Steiner gewiesen werden.
Marx würde sagen: Wenn nach mir einer kommt, der etwas Neues bringt
und er heißt nicht Marx, sondern Steiner, dann haltet euch an den lebendi-
gen Geist und nicht an die alten Knochen.

Herr Conradt: Es ist viel gegen die Dreigliederung gesagt worden, beson-
ders aber, daß die Idee nicht in die Wirklichkeit umgesetzt werden könnte.
Seitdem die Frage der Betriebsräte ins Rollen gekommen ist und man
sachliche Einwände nicht bringen kann, hat man zu bequemeren Kampf-
mitteln gegriffen, indem man in den Parteien Unwahrheiten in Umlauf
gebracht hat. Eine dieser Unwahrheiten war, daß diejenigen, die sich für
die Idee der Dreigliederung einsetzen, Geld dafür bekämen. Der das aus-
sprach, sagte: Aus Reinlichkeitsgründen müsse die Partei solche Leute
hinausschmeißen. - Was soll man denn aus Reinlichkeitsgründen mit de-
nen tun in der Partei, die zu Mitteln der Verleumdung greifen müssen?
Als dem betreffenden Redner Herr Gönnewein eine Abfuhr erteilte und
sagte, es suche keiner den anderen hinter dem Ofen, wenn er nicht selber
dahinter gesessen hatte, da griff der Redner zu einem Wort, das das
richtige war in diesem Fall, er rief «Gemeinheit!». N u r fällt das Wort
eben auf ihn zurück, da er mit solch einem Vorwurf an uns herangetreten
ist. So steigern sich die Widerstände, die wir erfahren. Erst sind es unsach-
liche Einwände, dann Gemeinheiten. Was folgen wird, werden wir ja
sehen. Wir müssen die Frage der Dreigliederung unbedingt mit denen
diskutieren, die eine Diskussion bisher gescheut haben. Trotzdem der
Führer der USP gesagt hat, man soll nicht in jeder Versammlung von
der Dreigliederung sprechen, denke ich doch, daß wir in den Parteiver-
sammlungen die Sache in Schwung bringen können. Das ist die richtige
Art, uns zu rechtfertigen, nicht vor Konventikeln, sondern vor der Allge-
meinheit.

[Es wird die folgende Resolution verlesen und einstimmig angenommen:]

Resolution

Die am 14. Juni stattgefundene Versammlung vieler Arbeiter-


und Angestelltenausschüsse Groß-Stuttgarts erblickt trotz aller
Anfeindungen seitens der Unternehmerverbände, Gewerk-
schaften und Parteiführer in der Dreigliederung des sozialen
Organismus den richtig praktischen Weg zur Gesundung un-
seres gesamten Volkslebens.
Die Versammlung erkennt in den gesetzlich vorgesehenen Be-
triebsräten lediglich ein Schattengebilde derselben, welche nie-
mals in der Lage sein werden, einen Einfluß auf die Sozialisie-
rung zu gewinnen, und hat deshalb kein Interesse an der
Wahl und Einrichtung solcher Schattenbetriebsräte.

Rudolf Steiner: Es ist ja in der heutigen Diskussion nur Zustim-


mung z u m Ausdruck gebracht worden. Daher werde ich mich in
meinem Schlußwort recht kurz fassen können u n d nur einige Be-
merkungen machen.
Sehen Sie, es ist gut, wenn man angesichts solcher Tatsachen,
wie sie heute ja vielfach besprochen wurden und die hemmend
wirken auf das, was man im Sinne der fortschreitenden Sozialisie-
rung der Menschengemeinschaft machen will, wenn man angesichts
solcher Tatsachen doch wirklich hinschaut auf die ganze Gesin-
nung, auf, ich möchte sagen, die ganze Seelenverfassung, aus der
so etwas hervorgeht. Man sollte sich in einem so ernsten Augen-
blick, wie der jetzige ist, keine Illusionen machen oder irgend
etwas vormachen lassen. Sie werden vor einigen Tagen einen son-
derbaren Artikel gelesen haben. Ich glaube, er war im «Sozialde-
mokrat». Darin ist gesprochen worden von einem «Schieben und
Ziehen hinter den Kulissen». Dem liegt zugrunde, daß gegründet
worden ist eine sogenannte «Daimler-Werk-Zeitung». In dieser
«Daimler-Werk-Zeitung» soll stehen, daß seitens der Betriebsdirek-
tion keine Neigung, kein Vertrauen besteht, um mit der Arbeiter-
schaft mündliche Verhandlungen zu führen. Daher versucht man,
eine Werkzeitung einzurichten. Wenn man da liest, was der eine
oder andere schreibt, so würde vielleicht besser eine Verständigung
möglich sein. Nun, ich habe das im «Sozialdemokrat» gelesen. Es
erinnert mich daran, daß es ja auch wohl vorkommt, daß Leute,
die zusammen in einer Familie leben, sich nicht recht verständigen
können, und dann schreiben sie sich, obwohl sie in einer Wohnung
leben, gegenseitig Briefe. Aber davon abgesehen, es wird dann
hingewiesen darauf, daß da hinter den Kulissen sehr viel gearbeitet
worden ist, wahrscheinlich zwischen mir - es wird deutlich darauf
hingewiesen - und zwischen Herrn Muff> der seines Zeichens
Major sein soll, und zwischen Herrn Direktor Dr. Riebensam.
Aber sehen Sie, von dieser Daimler-Werk-Zeitung habe ich das
erste Mal gehört durch den Artikel des «Sozialdemokrat». Von
Herrn Muff, mit dem ich konferiert haben soll, wußte ich bis
dahin nichts. Ich kenne ihn gar nicht. Herr Dr. Riebensam war
an verschiedenen öffentlichen Versammlungen, und ich habe zu-
weilen im Anschluß an diese Versammlungen ganz öffentlich mit
ihm gesprochen. Darüber hinaus aber habe ich niemals eine Zu-
sammenkunft mit ihm gehabt. Wir sind uns lediglich in einigen
Versammlungen, die ja nicht gerade der Ort waren, um besondere
Verschwörungen gegen die Stuttgarter Arbeiterschaft oder gegen
die Daimlerarbeiter im besonderen zu pflegen, begegnet. Es stan-
den ja überall Arbeiter der Daimlerwerke herum, denn es waren
zumeist Versammlungen der Daimler-Arbeiterschaft selber. Sie se-
hen, diese Dinge gehen aus merkwürdigen Gesinnungsuntergrün-
den hervor, und man muß schon sehr aufmerksam sein, damit
man die Sache in der richtigen Weise sieht.
Dann möchte ich noch darauf hinweisen, wie merkwürdig von
dieser oder jener Stelle gedacht wird. Ich war einmal auf einer
Zusammenkunft, wo über Sozialisierung geredet wurde, und zwar
so, daß letztlich nichts dabei herauskommen konnte. Auf die Sache
selber kann ich jetzt nicht eingehen. N u n , da war auch ein Ge-
werkschaftsführer, der sagte: Wir können uns mit dieser Sache
von der Dreigliederung nicht -einverstanden erklären. - Ich dachte,
der Mann würde mir nun auseinandersetzen, was er für Gründe
gegen die Dreigliederung hat. Da hatte ich mich aber verrechnet.
Er wußte davon gar nichts. Wohl aber sagte er: Ja, wissen Sie,
Sie haben da ein Flugblatt herausgegeben, da steht der Herr und
der Herr darunter, und wenn Sie in solcher Gesellschaft sind,
wollen wir mit Ihnen nichts zu tun haben. - Sehen Sie, da ist
die Verurteilung, die vielleicht jetzt große Dimensionen angenom-
men hat. Die geht doch von ganz merkwürdigen Gesinnungsunter-
gründen aus. Ich meine, es wäre schon ganz gut, gerade um die
Impulse aufzubringen, um die zunächst wichtigen Dinge zu tun,
wenn man solchen Dingen, die ja eigentlich aus recht trüben Un-
tergründen heraufspielen - ich könnte auch sagen: heraufgespült
werden - , wenn man solchen Dingen ganz illusionsfrei ins Auge
schauen würde. Denn wir stehen heute in einer so ernsten Zeit
und haben es nötig, die Dinge, die wir tun, in so ernster Weise
in Angriff zu nehmen, daß wir uns schon entschließen müssen
zu der Ansicht, daß nur der vorwärtskommt, der mit reinlichen
Mitteln und aus einer reinlichen Gesinnung heraus arbeitet.
Meine werten Anwesenden, mit nicht reinlichen Mitteln und
einer nicht reinlichen Gesinnung ist leider in den letzten Jahrzehn-
ten überall in der Welt recht recht viel gearbeitet worden, und
die Welt hat es durch diese Art, mit unreinlicher Gesinnung und
unreinlichen Mitteln zu arbeiten, zuletzt zu dem großen Morden
gebracht. Wollen wir aus dem, in das wir hineingeraten sind,
wirklich herauskommen, dann brauchen wir eine moralische Kraft
und Mut. Das ist es, was ich ganz unverhohlen aussprechen möch-
te, insbesondere, weil es mich ganz besonders freuen würde, wenn
man jenen Menschen, die so oft mit unreinlichen Mitteln gearbeitet
und dies, vermöge ihrer gesellschaftlichen Stellung, verschleiert ha-
ben, einmal entgegenhalten würde, daß diejenigen, die sie bis jetzt
unterdrückt haben und in denen das Bewußtsein ihrer Menschlich-
keit jetzt erwacht ist, nur mit reinen Mitteln arbeiten und ihnen
zeigen wollen, wie sie es hätten machen sollen. Es würde mich
sehr freuen, wenn man gerade von dem deutschen Proletariat ein-
mal wird sagen können, daß es auch in bezug auf die Wahl der
Mittel ein Vorbild für die Welt sein kann. Ich glaube, daß in der
nächsten Zeit von solchen Dingen sehr sehr viel abhängen wird.
Wenn man die internationalen Verhältnisse betrachtet - man
braucht nur ein wenig über die Grenzen zu schauen -, so zeigt
es sich sofort, daß man in der Welt darauf wartet, daß nun endlich
einmal in einem anderen Ton in diesem Deutschland gesprochen
wird, als gesprochen wurde bis zum Jahre 1914 und nach 1914.
Aber nicht nur diejenigen in Deutschland, die noch denken kön-
nen, sondern auch jene in der Welt, also außerhalb Deutschlands,
die glauben nicht an das, was an Positivem von Deutschland
kommt, solange die Fortsetzer des alten Wesens obenauf sind.
Auf diese Dinge kommt sehr viel an. Und deshalb darf auch der
Mut nicht fehlen, damit, trotz der jetzigen Regierung und trotz
aller Parteiführerschaft, diejenigen aufstehen, deren Namen bis
jetzt nicht genannt sind. Daß sie also aufstehen, sich aus der
breiten Masse der Menschheit herausheben und sagen: Wir sind
da! - Schaffen Sie daher die Betriebsräteschaft in vernünftiger
Weise, denn ich glaube daran, daß die Betriebsräteschaft zum er-
sten Mal der Boden sein kann dafür, daß neue Menschen an die
Oberfläche kommen, die aus ganz anderen Untergründen heraus
urteilen als diejenigen, die jetzt das eigentümliche Schauspiel der
Regiererei der Welt zeigen.
Es ist eine nationale und eine internationale Angelegenheit, um
die es sich handelt. Betrachten Sie solch eine Frage wie die der
Betriebsräte von einem möglichst hohen Standpunkt aus. Versu-
chen Sie, damit zum ersten Mal etwas zu schaffen, was vor einem
hohen Standpunkt bestehen kann, dann werden Sie - wenn es
auch scheinbar nur ein Anfang ist, es wird aber ein Anfang zu
etwas Großem sein - , dann werden Sie etwas Großes geschaffen
haben. Man darf nicht kleinmütig sein und sagen: Wir haben nicht
die Menschen, die Proletarier sind in ihrer Bildung noch nicht
so weit, wir müssen warten. - Wir können nicht mehr warten,
wir müssen handeln, und wir müssen schon den Mut haben, die
Betriebsräteschaft auf die Beine zu stellen, damit sie da ist. Dann
werden aus ihrer Mitte heraus die Menschen an die Spitze kom-
men, die bisher noch nicht in Erscheinung treten konnten. Das
ist ja gerade das Wichtige, daß wir Menschen an die betreffenden
Stellen bringen, an die sie hingehören. Denn jene, die bisher in
Erscheinung getreten sind, die haben recht deutlich gezeigt, daß
sie ausgespielt haben. Wir brauchen einen neuen Geist, ein neues
System menschlichen Wirkens. Hierüber müssen wir uns ganz
klar sein. Das müssen wir uns ganz gründlich in die Seele schrei-
ben. Nehmen wir die Sache mutig in die Hand, dann werden wir
vorwärtskommen. Deshalb möchte ich immer wieder und wieder-
um sagen: Lassen wir es darauf ankommen, stellen wir die Be-
triebsräte auf die Beine! Ich zweifle nicht daran, daß sich dann
in dieser Betriebsräteschaft diejenigen finden werden, die etwas
Vernünftiges über den Fortgang der Menschheitsentwicklung zu
sagen haben. Denn, wollte man daran zweifeln, dann müßte man
an der Menschheit überhaupt verzweifeln, und das will ich nicht.
FÜNFTER DISKUSSIONSABEND

Stuttgart, 24. Juni 1919

Vorsitzender Herr Gönnewein: Im Namen des «Bundes für Dreigliede-


rung» eröffne ich hiermit den heutigen Diskussionsabend und heiße Sie
hierzu herzlich willkommen. Ich nehme an, daß uns der heutige Abend
einen Schritt weiterführt. In verschiedenen Betrieben sind schon Betriebs-
räte gewählt worden, und am heutigen Abend wird diesen Betriebsräten
die Gelegenheit gegeben, hier alles das zum Ausdruck zu bringen, was
sie zu sagen haben, und ferner Fragen zu stellen, damit sie von Dr.
Steiner eingehend behandelt werden können, damit etwaige Zweifel besei-
tigt werden. Die heutigen Ereignisse zwingen uns mehr denn je, uns
eingehend mit dem zu befassen, was uns die kommende Zeit bringt.
Deshalb nehme ich an, daß alle Anwesenden von der Diskussion ausgiebig
Gebrauch machen werden. Ich erteile das Wort zur Eröffnung Herrn Dr.
Steiner.

Einleitende Worte

Rudolf Steiner: Meine werten Anwesenden! Ich will, wie das auch
sonst in diesen Versammlungen geschehen ist, zunächst nur eine
kurze Einleitung vorausschicken und hoffe, daß alles, was an
Wichtigem heute zu besprechen ist, in der Diskussion zur Sprache
kommt.
Wir haben uns ja jetzt wiederholt hier versammelt, um die
Frage der Betriebsrätewahl zu besprechen, und wir haben versucht,
uns in diesen Versammlungen klarzumachen, von welchem Ge-
sichtspunkt aus die Betriebsrätefrage hier zu behandeln ist, wie
sie zu behandeln ist vom Standpunkt des dreigliedrigen sozialen
Organismus aus.
Dieser dreigliedrige soziale Organismus soll ja das gesamte ge-
sellschaftliche Leben gliedern in die drei Teile, nämlich in den
wirtschaftlichen, den rechtlichen oder staatlichen und den geistigen
Unter Organismus. Also dasjenige, was bisher chaotisch zusammen-
geschmolzen war zu einem Einheitsstaat, das soll in seine naturge-
mäßen drei Glieder zerteilt werden. Man kann nun fragen: Warum
soll denn dies eigentlich geschehen? - Es soll geschehen, weil die
bisherige geschichtliche Entwicklung selbst nach dieser Dreigliede-
rung drängt. So zeigt uns diese geschichtliche Entwicklung der
Menschheit, daß sich gerade im Laufe der drei bis vier letzten
Jahrhunderte, insbesondere aber im 19. und zu Beginn des 20.
Jahrhunderts, alles, was menschliche Beziehungen sind, zusammen-
geschoben hat in den Einheitsstaat und daß wir gerade dadurch,
daß sich die wirtschaftlichen Verhältnisse mit den staatlichen und
den geistigen Verhältnissen zusammengeschoben haben, in die Ka-
tastrophen hineingeraten sind. Bevor man nicht einsehen will, daß
es nur möglich ist, in bezug auf eine Gesundung der Verhältnisse
und damit auch in der Entwicklung der Menschheit, weiterzukom-
men dadurch, daß man diesen Einheitsstaat in die drei Teile glie-
dert, wird man überhaupt mit gar nichts, weder mit der Sozialisie-
rung noch mit der Demokratie irgendwie weiterkommen können.
Daher haben wir auch hier die Betriebsrätefrage vom Standpunkte
des selbständigen Wirtschaftslebens aus ins Auge gefaßt. Sehen
Sie, Sie können am leichtesten die Notwendigkeit der Gliederung
des bisher verfehlten Einheitsstaates in die drei Glieder einsehen,
wenn Sie erkennen, wie sich alles im Wirtschaftsleben unterschei-
det vom eigentlich staatlichen und geistigen Leben. Im Wirtschafts-
leben ist alles einerseits den Naturbedingungen unterworfen. Diese
sind mal so, mal so und unterliegen Veränderungen. Auch spielt
die Bevölkerungszahl eine Rolle. Dann hängt im Wirtschaftsleben
alles davon ab, daß sich die Menschen in gewisse Berufszweige,
Berufsstände gliedern. Ferner ist im Wirtschaftsleben ein indivi-
dueller, ein persönlicher Faktor enthalten, das ist die Summe der
menschlichen Bedürfnisse. Nicht wahr, es ist ja leicht einzusehen,
daß die Summe der menschlichen Bedürfnisse die Menschen zu
einer Art Maschine des gesellschaftlichen Lebens machen würde,
wenn man irgendwie regeln wollte die Bedürfnisse des einzelnen.
Daher finden Sie ja auch in der sozialistischen Anschauung und
schon bei Marx deutlich ausgesprochen, daß im wirklichen soziali-
stischen Gemeinwesen eine Normierung, eine Regelung der Be-
dürfnisse des einzelnen nicht stattfinden soll. Der eine hat die
Bedürfnisse, ein anderer jene, und es kann nicht darum gehen,
daß man von irgendeiner Zentralstelle aus den Menschen vor-
schreibt, welche Bedürfnisse sie haben sollen, sondern darum, daß
man aus dem Leben heraus die Bedürfnisse ergründet und durch
die Produktion dafür sorgt, daß die Bedürfnisse wirklich befriedigt
werden können.
Wenn man so das ganze Wirtschaftsleben überblickt, dann wird
man schon darauf kommen, daß im Wirtschaftsleben alles beruhen
muß auf dem Vertragsprinzip, Alles das, was das Wirtschaftsleben
ausmacht, beruht ja, oder soll innerhalb eines sozialen Gemeinwe-
sens beruhen, auf Leistung und Gegenleistung. Diese Tatsache
liegt ja heute auch den Forderungen der Proletarier zugrunde, da
man festgestellt hat, daß dieser Tatsache heute noch keineswegs
Rechnung getragen wird, nämlich daß der Leistung eine Gegenlei-
stung entsprechen muß. Heute herrscht immer noch das Prinzip
vor, daß man aus der Menschenarbeit dasjenige herausholt, was
man für sich braucht oder zu brauchen glaubt, ohne daß man
dafür eine Gegenleistung zu liefern braucht. Daher kommt heute
in den Forderungen der proletarischen Massen zum Ausdruck,
daß es in Zukunft nicht mehr die Möglichkeit geben soll, daß
man seine Bedürfnisse aus den Leistungen der arbeitenden Bevöl-
kerung befriedigt, ohne daß diese eine Gegenleistung erhält. Man
muß sich darüber im klaren sein, daß es im Wirtschaftsleben im-
mer auf die konkreten Verhältnisse ankommt, also auf die Natur-
bedingungen, die Art der Berufe, die Arbeit, die Leistung. Man
kann nur wirtschaften, wenn man Zusammenhänge herstellt zwi-
schen den verschiedenen Arten von Leistungen. Es kann nicht
immer alles in gleicher Weise verwertet werden, was heute geleistet
wird. Es müssen auch Leistungen, die erst in der Zukunft erbracht
werden, vorausgesehen werden. Ja, man müßte da noch vieles
sagen, wenn man das Wirtschaftsleben in dieser Weise vollständig
charakterisieren wollte.
Weil also alles im Wirtschaftsleben auf Leistung und Gegenlei-
stung beruhen muß und weil diese beiden von verschiedenen Din-
gen abhängig sind, muß im Wirtschaftsleben alles beruhen auf
dem Vertragsprinzip. Wir müssen in Zukunft Genossenschaften,
Assoziationen im Wirtschaftsleben haben, welche ihre gegenseiti-
gen Leistungen und Gegenleistungen gründen auf das Vertrags-
prinzip, auf die Verträge, die sie miteinander schließen. Dieses
Vertragsprinzip muß das ganze Leben und insbesondere das Leben
innerhalb der Konsumgenossenschaften, Produktionsgenossen-
schaften und Berufsgenossenschaften beherrschen. Ein Vertrag ist
immer irgendwie befristet. Wenn keine Leistungen mehr erbracht
werden, dann hat er keinen Sinn mehr, dann verliert er seinen
Wert. Darauf beruht das ganze Wirtschaftsleben.
Auf etwas fundamental anderem beruht das Rechtsleben. Es
beruht darauf, daß in demokratischer Weise alle diejenigen Maß-
nahmen getroffen werden, durch die jeder Mensch mit Bezug auf
die Menschenrechte jedem anderen gleich ist. Zu den Menschen-
rechten gehört auch das Arbeitsrecht. Dafür kann jeder mündig
gewordene Mensch eintreten. Jeder Mensch, der mündig geworden
ist, kann teilnehmen - entweder direkt auf dem Wege eines Refe-
rendums zum Beispiel oder indirekt durch Wahl beziehungsweise
durch eine Volksvertretung - an der Festsetzung derjenigen Rech-
te, die unter gleichen Menschen zu herrschen haben. Daher
herrscht auf dem Rechts- oder Staats- oder politischen Boden
nicht der Vertrag, sondern das Gesetz. Gesetze werden in der
Zukunft zum Beispiel auch die Arbeitsverhältnisse regeln. So wer-
den durch Gesetze festgelegt sein Zeit, Maß und Art der Arbeit,
während das, was dann innerhalb der gesetzlich festgelegten Ar-
beitszeit zu leisten ist, durch Verträge innerhalb des Wirtschafts-
körpers geregelt wird.
Von ganz anderer Art ist wiederum das Geistesleben. Das Gei-
stesleben beruht darauf, daß in ihm die Menschheit ihre Fähigkei-
ten entwickeln kann für das Staats- und Wirtschaftsleben. Das ist
aber nur möglich, wenn man im Geistesleben die Grundlage dafür
schafft, daß man die sich entwickelnden menschlichen Fähigkeiten,
die ja dem Menschen nicht mit der Geburt einfach gegeben sind,
sondern erst entfaltet werden müssen, sachgemäß zur Entwicklung,
zur Entfaltung bringt. Es würde ein großer Irrtum sein, wenn
man glaubt, daß die geistigen und auch die physischen Fähigkeiten
- letztere sind ja im Grunde genommen gleichwertig den geistigen
- auf dieselbe Weise erkannt und gepflegt werden könnten wie
die staatlichen und wirtschaftlichen Dinge. Das, was sich zum
Beispiel auf Erziehung und Unterricht bezieht, das kann weder
beruhen auf Verträgen noch auf Gesetzen oder Verordnungen,
sondern es muß beruhen auf Ratschlägen, die gegeben werden
zur Entwicklung der Fähigkeiten.
Ja, diese drei Lebensgebiete, das Geistesleben, das Rechtsleben
und das Wirtschaftsleben sind doch sehr verschieden, so daß ihre
Vermischung nicht nur eine völlige Unmöglichkeit ist, sondern
für die menschliche Entwicklung ein großes Unheil bedeutet. Un-
sere gegenwärtige Verwirrung, die sozialen Übelstände sind eben
durch diese Vermischung entstanden. Wenn wir uns nun einlassen
auf ein solches Problem wie die Begründung von Betriebsräten,
müssen wir eben zunächst erst einmal verstehen, aus welchem der
drei Lebensgebiete heraus die entsprechenden Maßnahmen zu er-
greifen sind.
Sehen Sie, Sie finden mit Recht im Marxismus die Auffassung,
daß in einem sozialen Gemeinwesen jeder nach seinen Fähigkeiten
und nach seinen Bedürfnissen versorgt sein muß. Aber hier stellt
sich nun die Frage: Welches ist der Weg dahin, um innerhalb der
menschlichen Gesellschaft jeden wirklich nach seinen Fähigkeiten
und Bedürfnissen zu versorgen? - Der Weg, um jeden in bezug
auf seine Fähigkeiten zu seinem Rechte kommen zu lassen, ist
der über ein vollständig freies, vom Wirtschafts- und Staatsleben
unabhängiges Geistesleben mit dem Erziehungs- und Schulsystem.
Und die Möglichkeit, jeden in bezug auf seine Bedürfnisse zu
seinem Recht kommen zu lassen, ist nur gegeben in einem selb-
ständigen Wirtschaftsleben. Dazwischen liegt dann das, was im
Marxismus vergessen worden ist, das Rechtsleben, das es zu tun
hat mit dem, was weder im Wirtschaftsleben noch im Geistesleben
zum Ausdruck kommt, sondern was einfach davon abhängt, daß
man ein mündig gewordener Mensch ist und innerhalb eines in
sich geschlossenen Gebietes ein Verhältnis entwickelt zu jedem
mündigen Bürger. Das, was ich im Wirtschaftsleben tue, das unter-
liegt den Gesetzmäßigkeiten der Warenproduktion, der Warenzir-
kulation und der Warenkonsumtion. Wie ich im Wirtschaftsleben
arbeite, das unterliegt dem Recht. Diese Unterscheidung, die muß
von nun an in fundamentaler Weise gemacht werden. N u r dadurch
kommt man überhaupt über dasjenige hinaus, was man heute Ka-
pitalismus nennt und was das heutige Lohnsystem ausmacht. Denn
dadurch, daß das Kapital und das Lohnsystem Bestandteile des
Wirtschaftslebens sind, wird tatsächlich alles das untergraben, was
das Wirtschaftsleben zu einer Gesundung führen könnte. Aber
man sollte nur nicht glauben, daß die Dinge wirklich so einfach
liegen, wie sich das viele Leute heute noch vorstellen. Doch wenn
wir beginnen werden, zunächst mit den Betriebsräten und dann
mit den Wirtschaftsräten, eine wirklich positive Arbeit zu leisten,
dann wird es sich zeigen, daß diese Arbeit eine große, eine umfas-
sende sein wird. Zu den schwierigsten Aufgaben innerhalb der
sogenannten Sozialisierung gehört, herauszufinden, wie innerhalb
der sozialen Ordnung Leistung und Gegenleistung in der richtigen
Weise reguliert werden können. Und den ersten Anfang mit dieser
Regulierung, also mit der wahren Sozialisierung, werden die Be-
triebsräte zu machen haben. Das bedeutet, daß den Betriebsräten
ein großes, ganz fundamentales Ziel gesteckt ist, denn sie werden
zum ersten Male Ernst machen müssen mit dem, wovon die ande-
ren nur in Phrasen reden: mit der Sozialisierung. Das, was sich
die Leute heute zumeist unter Sozialisierung vorstellen, das ist
zum großen Teil nicht nur keine Sozialisierung, sondern bestenfalls
eine Art Fiskalisierung. In einigen Fällen liegen überhaupt keine
klaren Gedanken und Vorstellungen vor.
Viele Leute stellen sich heute die Sache eben, wie gesagt, viel
zu einfach vor, was auch damit zusammenhängt, daß die Wirt-
schaftswissenschaft und überhaupt die Wissenschaft vom menschli-
chen Zusammenleben - verzeihen Sie den Ausdruck - noch in
den Windeln liegt, ja noch nicht einmal das, denn sie ist eigentlich
noch gar nicht geboren. Man sagt nun zwar mit vollem Recht:
In der Zukunft soll nicht produziert werden, um zu profitieren,
sondern es soll produziert werden, um zu konsumieren. - Das
ist ganz richtig, denn man will damit ausdrücken, daß es darauf
ankommt, daß jeder das bekommt, was seinen Bedürfnissen ent-
spricht. Aber damit wäre noch kein gesundes Gemeinwesen ge-
schaffen. Dieses ist erst dann gegeben, wenn der Leistung eine
Gegenleistung gegenübersteht, wenn also der Mensch geneigt ist,
für das, was die anderen für ihn arbeiten, für ihn erzeugen und
an ihn liefern, eine entsprechend gleichwertige Gegenleistung zu
erbringen. Und gerade dieses Problem ist eben sehr schwierig zu
behandeln, was Sie auch daraus ersehen können, daß die gegenwär-
tige Wissenschaft noch gar keine irgendwie konkrete Vorstellung
und auch keine konkreten Vorschläge hierzu hat beziehungsweise
machen kann. Sie finden heute bestenfalls den Vorschlag, an die
Stelle des bisherigen Staates den Wirtschaftsstaat, eine Art großer
wirtschaftlicher Genossenschaft, zu stellen.
Aber sehen Sie, dabei übersieht man, daß es unmöglich ist,
einen Wirtschaftskörper, wenn er über eine bestimmte Größe hin-
ausgeht und zu verschiedene Wirtschaftszweige umfaßt, zentrali-
stisch zu verwalten. Das aber würden die Leute erst einsehen,
wenn sie tatsächlich den sogenannten Wirtschaftsstaat eingerichtet
haben. Dann würden sie schon sehen, daß die Sache so nicht
geht. Die Sache muß eben in ganz anderer Weise geregelt werden,
nämlich so, daß, auch wenn man an dem Grundsatz festhält, daß
produziert werden muß, um zu konsumieren, dennoch der Lei-
stung eine entsprechende Gegenleistung gegenüberstehen muß.
Man kann nun sagen: Also kümmern wir uns nun nicht um den
vergleichsweisen Wert der einen Ware mit der anderen Ware. -
Das, was heute manche Volkswirtschafter sagen, klingt so: Wir
kümmern uns nur um die Bedürfnisse und produzieren dann zen-
tralistisch das, was zur Befriedigung der Bedürfnisse notwendig
ist, und verteilen das. - Ja, aber sehen Sie, da stellt sich dann
heraus, daß man genötigt ist, den Arbeitszwang einzuführen. Dies
ist aber eine furchtbare Maßnahme, insbesondere dann, wenn sie
nicht notwendig ist. Und sie ist nicht notwendig! Der Arbeits-
zwang wird nur für notwendig gehalten, weil man sich dem Aber-
glauben hingibt, daß es kein anderes Mittel gibt als den Arbeits-
zwang, um das Prinzip von Leistung und Gegenleistung zu ver-
wirklichen. Außerdem bedenkt man nicht, was für raffinierte
Mittel in der Zukunft, wenn zum Beispiel der Arbeitszwang ge-
setzmäßig eingeführt würde, gefunden werden, um sich der Arbeit
zu entziehen. Also, es handelt sich durchaus nicht darum, daß
bloß der Arbeitszwang nicht notwendig ist, sondern es handelt
sich auch darum, daß er gar nicht durchgeführt werden könnte.
Aber, wie gesagt, die Hauptsache bleibt, daß er nicht nötig ist,
wenn man restlos das Prinzip durchführt, daß jeder Leistung auch
eine entsprechende Gegenleistung gegenüberstehen muß. Dies kann
man nun in der folgenden Weise konkretisieren.
Nicht wahr, die Menschen müssen, wenn sie in der menschli-
chen Gesellschaft leben wollen, arbeiten, das heißt etwas leisten.
Dadurch bringen sie etwas hervor, was für die anderen eine Bedeu-
tung hat. Dasjenige, was einer hervorbringt, das muß einen gewis-
sen Wert haben. Er muß für das, was er hervorbringt, dasjenige
eintauschen können, was er an Erzeugnissen der anderen für die
Befriedigung seiner Bedürfnisse, und zwar für eine gewisse Zeit,
benötigt. So lange muß er seine Bedürfnisse befriedigen können
durch das, was er eintauscht, bis er wiederum ein Produkt von
gleicher Art hervorgebracht hat. Nehmen wir ein einfaches Bei-
spiel: Fabriziere ich ein Paar Stiefel, so muß dieses Paar Stiefel
so viel wert sein, daß ich gegen dieses Paar Stiefel dasjenige eintau-
schen kann, was ich brauche, bis ich ein neues Paar Stiefel herge-
stellt habe. Einen wirklichen Wertmaßstab hat man erst dann,
wenn man einbezieht alles das, was bezahlt werden muß für die
Menschen, die nicht arbeiten können, für die Kinder, die erzogen
werden müssen, die Arbeitsunfähigen, die Invaliden und so weiter.
Es ist möglich, den richtigen Preis der Ware herauszufinden. Hier-
zu aber ist folgendes notwendig: In dem Augenblick nämlich, wo
zu viele Arbeiter an einem Artikel arbeiten, das heißt, wo ein
Artikel in zu großen Mengen erzeugt wird, in dem Augenblick
wird er wiederum zu billig. Da bekomme ich nicht so viel, daß
ich meine Bedürfnisse, bis ich wiederum ein gleiches Produkt er-
zeugt habe, befriedigen kann. In dem Augenblick, wo zu wenig
Arbeiter arbeiten, also ein Artikel nicht in genügender Menge
erzeugt wird, wird er zu teuer. Es würden ihn nur diejenigen
kaufen können, die über mehr als ein normales Einkommen verfü-
gen. Es ist also notwendig, damit eine gerechte Preisbildung mög-
lich wird, daß dafür gesorgt wird, daß immer die richtige Zahl
an Arbeitern - sowohl geistige wie auch physische Arbeiter - an
einem Artikel arbeiten. Das heißt, würde es sich zum Beispiel
jetzt, wo wir in einer Übergangszeit leben, ergeben, daß irgendein
Artikel in zu vielen Betrieben erzeugt wird, also im Übermaß
erzeugt wird, so müßte man einzelne Betriebe stillegen und mit
den Arbeitern dieser Betriebe Verträge abschließen, damit sie in
einer anderen Branche weiterarbeiten. Allein dadurch ist es mög-
lich, daß gerechte Preise entstehen. Auf eine andere Art und Weise
ist dies nicht möglich. Wird von einem Artikel zuwenig erzeugt,
so müßten für die Produktion dieses Artikels neue Betriebe einge-
richtet werden. Das heißt, es muß fortwährend dafür gesorgt wer-
den im Wirtschaftsleben, daß die Produktion unter Berücksichti-
gung gewisser Verhältnismäßigkeiten geschieht. Dann kann das
Lohnverhältnis, dann kann das Kapitalverhältnis aufhören, es
braucht nur noch zu bestehen das Vertragsverhältnis zwischen
geistigen und physischen Arbeitern über die gerechte [Festsetzung
des Anteiles, der denjenigen zusteht, welche die Ware gemeinsam
zustande bringen]. Diesem Ideal lebt man eigentlich entgegen, auf
dieses Ideal hofft man, auf dieses Ideal muß man zusteuern, und
alles das, was nicht auf dieses Ideal zusteuert, das sind unklare
Vorstellungen.
Was im Grunde genommen von der Dreigliederung des sozialen
Organismus gewollt wird, das ist, daß den Menschen kein blauer
Dunst vorgemacht wird, sondern daß ihnen gesagt wird, welches
die Lebensbedingungen des sozialen Organismus sind, das heißt,
wie man wirklich leben kann. Und es ist möglich, daß der jetzige
kranke soziale Organismus gesund wird. Aber man muß dann
auch wirklich die konkreten Lebensverhältnisse richtig ins Auge
fassen. Das ist es, worauf es ankommt. Soll aber das geschehen,
soll so gewirtschaftet werden, daß die richtigen Preise entstehen,
dann bildet dies die wahre Grundlage für die Sozialisierung. Die
alten Lohnverhältnisse, also daß man sich einen höheren Lohn
erkämpfen kann, was ja meist zur Folge hat, daß die Lebensmittel,
die Wohnungen und so weiter teurer werden, müssen überwunden
werden. Die Funktion, die Bedeutung, die das Geld heute hat,
muß geändert werden. Das Geld wird in Zukunft eine Art wan-
delnde Buchführung sein, gleichsam ein Aufschreiben dessen, was
man hervorgebracht hat und was man dafür eintauschen kann.
Dies alles ist nicht etwas, was erst in Jahrzehnten angestrebt wer-
den kann, sondern unmittelbar angestrebt werden kann, wenn nur
genügend viele Menschen es verstehen. Alles andere ist im Grunde
Wischiwaschi. Daher ist es das erste, um das es sich handelt, daß
man weiß, daß es für die Betriebsräte darauf ankommt, daß sie
nicht auf einem Gesetz beruhen können, sondern unmittelbar her-
vorgehen müssen aus dem wirtschaftlichen Leben. Und so müssen
in einer Urversammlung der Betriebsräte die Erfahrungen des wirt-
schaftlichen Lebens im Mittelpunkt stehen. Dann werden sich die
Funktionen und Aufgaben der Betriebsräte schon ergeben. Das
ist dasjenige, was man verstehen muß, daß nämlich aus dem Wirt-
schaftsleben und nicht aus dem alten Staatsleben diese Betriebsräte-
schaft hervorgehen muß und daß diese Betriebsräteschaft das erste
sein muß, was wirklich zeigt, was Sozialisierung ist. Sozialisieren
kann man nur, wenn man Körperschaften im Wirtschaftsleben hat,
welche sozialisieren. Und die Betriebsräte sollen diese erste Kör-
perschaft sein, die wirklich aus dem Wirtschaftsleben heraus sozia-
lisiert.
Man kann nicht durch Verordnungen und Gesetze sozialisieren,
sondern man kann nur durch Menschen sozialisieren, die aus dem
Wirtschaftsleben heraus wirken. An die Stelle bloß fantastischer
Forderungen will der Impuls der Dreigliederung des Organismus
die Wahrheit stellen. Und darauf kommt es heute an. Und ich
meine, daß heute die Menschen das, worauf es ankommt, lernen
können. Die Menschen haben sich bisher verschiedene Dinge vor-
gestellt, wodurch man das kranke Leben des sozialen Organismus
bessern könnte. Und wie sind die Dinge verlaufen?
Sehen Sie, ich habe das schon öfter erwähnt und will jetzt
davon absehen, was für Vorstellungen sich die bisherigen Lebens-
praktiker im Januar 1914 bis in den August hinein gemacht haben.
Aber ich will davon reden, was sich die Praktiker alles vorgestellt
haben, als das Unglück da war, das uns in die gegenwärtige Kata-
strophe hineingeführt hat: Bethmann Hohlkopf, ich wollte sagen
Bethmann Hollweg, sagte, es wird ein heftiges aber kurzes Gewit-
ter sein. - So sprach er von dem kommenden Krieg, und andere
haben Ähnliches gesagt, zum Beispiel: In sechs bis sieben Wochen
sollten die deutschen Heere in Paris sein und so weiter. Das
haben die Praktiker damals immer gesagt, und so ist es in den
letzten Jahren immer gegangen. Und jetzt wiederum, in der Okto-
ber-November-Katastrophe, was ist da nicht alles geredet worden!
Alles, was geredet worden ist, hat schließlich auch zum gestrigen
Tag geführt, der uns N o t und Elend in Aussicht gestellt hat. Es
wäre jetzt an der Zeit, daß man nicht mehr hört auf das, was
die Leute mal so, mal so voraussagen, sondern daß man endlich
hört auf das, was aus der Wirklichkeit heraus gedacht wird. Heute
wird zwar viel geredet, etwa von Seiten der Wirtschafts- und
Staatswissenschaftler, aber niemals wird davon gesprochen, daß
der Grundsatz, daß der Leistung eine Gegenleistung entsprechen
muß, auf strengen Prinzipien der Wirklichkeit beruht. Dieser
Grundsatz läuft ja darauf hinaus, daß jeder dasjenige für seine
Leistung bekommt, womit er seine Bedürfnisse befriedigen kann,
bis er eine neue Leistung erbracht hat.
Wir wollen also Betriebsräte auf die Beine stellen, denen wir
sagen werden, welches die konkrete Aufgabe der Sozialisierung
des Wirtschaftslebens ist. Gesetzliche Normen helfen hier nicht,
auch allgemeine sozialistische Ideale nicht, sondern einzig und al-
lein hilft das, was ehrlich und aufrichtig der Wirklichkeit entnom-
men wird. U n d das soll in die Betriebsräteschaft hineingetragen
werden. Die Einrichtung der Betriebsräteschaft soll wirklich der
erste Schritt sein, um mit der Sozialisierung des Wirtschaftslebens
Ernst zu machen. Fangen wir einmal an einer Stelle an, so wird
sich Weiteres schon ergeben. Dann werden sich auch Leute finden,
die versuchen werden, gleiche Rechte für alle Menschen und die
notwendigen Einrichtungen, in denen die Fähigkeiten der Men-
schen gefördert werden, zu schaffen. Heute herrscht immer noch
die Unterdrückung, herrscht die Phrase. Ich habe ja schon oftmals
auf die Phrase «freie Bahn dem Tüchtigen» hingewiesen. Hinter
diesen Worten verbergen sich aber zumeist sehr egoistische Inter-
essen. N u r durch ein wirklich freies Geistesleben können in Zu-
kunft die menschlichen Fähigkeiten zur Entfaltung kommen. Und
nur in einem Rechtsleben, in dem jeder Mensch dem anderen
gleich ist, können sich auch die politischen Verhältnisse neu ent-
wickeln. Und im Wirtschaftsleben müssen gerechte Preise herr-
schen. Dann wird nicht alles ausgerichtet sein auf einen Konkur-
renzkampf zwischen Kapital und Lohn oder einen Konkurrenz-
kampf der einzelnen Unternehmungen untereinander. Dazu aber
ist notwendig, daß man an die Stelle des Konkurrenzkampfes, der
in der Wechselwirkung von Angebot und Nachfrage seinen Höhe-
punkt erfährt, vernünftige Beschlüsse und Verträge setzt, die aus
solchen Gremien, wie sie mit der jetzt zu begründenden Betriebs-
räteschaft ihren Anfang nehmen, hervorgehen müssen.
Was wollen wir denn eigentlich mit der Betriebsräteschaft? Wir
wollen mit der Betriebsräteschaft einen Anfang machen zu einer
wirklichen, einer ehrlich gemeinten Sozialisierung des Wirtschafts-
lebens. Und es kann einen mit tiefer Befriedigung erfüllen, daß
man immerhin, trotz mancher Widerstände, die sich ja reichlich
geltend gemacht haben in gewissen Kreisen der hiesigen Arbeiter-
schaft, für den Gedanken der Betriebsräte Verständnis gefunden
hat, so daß uns schon etwa zwölf Betriebsräte gemeldet werden
konnten und über die Wahl weiterer verhandelt werden soll. Aber
wenn wirklich etwas Fruchtbares herauskommen soll, dann müssen
in allen Betrieben im Raum Württemberg Betriebsräte gewählt
werden. Dann muß sich die Betriebsräteschaft der verschiedensten
Branchen versammeln, denn nur durch Verhandlungen, durch den
Austausch der Erfahrungen und die daraus hervorgehenden Maß-
nahmen kann das werden, was der Anfang einer wirklichen Soziali-
sierung ist. Diese Sozialisierung können Sie morgen haben, aber
Sie können nicht bloß darüber reden und von Theoretikern Geset-
ze machen lassen, sondern es müssen die Menschen auf die Beine
gestellt werden, mit denen die wahre Sozialisierung vollzogen wer-
den kann. Denn Sozialisierung ist nicht etwas, was man durch
Gesetze erreichen wird, die Sozialisierung wird kommen, wenn
innerhalb der württembergischen Industrie tausend Menschen da
sind. Damit haben wir dort anzupacken versucht, wo die Wirklich-
keit ist, und die Wirklichkeit für die Sozialisierung ist im Fleisch
und Blut der Menschen und nicht in den Gesetzen, die auf dem
Papier stehen und sich dann auf irgendeine zauberhafte Weise in
die Wirklichkeit überführen lassen sollen.
Das, was wir aus der Wirklichkeit der Menschen aus Fleisch
und Blut herüberführen wollen, das nennt man Utopie. Da möchte
man doch fragen: Wer sind denn die eigentlichen Utopisten? -
Wir wollen keine Utopie! Oder ist das eine Utopie, wenn tausend
Menschen gewählt werden, die auf dem wirtschaftlichen Gebiet
etwas zustande bringen? Sind tausend Menschen aus Fleisch und
Blut eine Utopie? Ja, gerade als man gesehen hat, daß es sich
nicht um eine Utopie handelt, sondern um eine Anzahl wirklicher
Menschen, die die Sozialisierung durchführen wollen, da hat man
begonnen, davon zu reden, daß wir eine Utopie anstreben. Wir
wollen keine Utopie, wir wollen die reinste, wahrste und ehrlichste
Wirklichkeit! Auf die kommt es uns an. Das ist etwas, was man
nur einzusehen braucht. Deshalb bitte ich Sie, ungeachtet dessen,
was gerade von jenen Utopisten gesagt wird, die mit ihren Utopien
immer fehlgegangen sind, also von jenen Utopisten, die gegen die
Wirklichkeit, die vom «Bund für Dreigliederung» vertreten wird,
zu Felde ziehen, sich unabhängig zu machen, sich einmal auf das
eigene Urteil zu stellen. Denn ich denke, jeder vernünftige Mensch
kann Utopie von Wirklichkeit unterscheiden. Und wenn einem
die Menschen vorwerfen, man würde lediglich etwas prophezeien,
so, denke ich, wird der, der das hört, was ich heute gesagt habe,
nicht mehr von bloßer oder gar unrichtiger Prophezeiung spre-
chen. Ich prophezeie nichts, ich sage nur: Wenn aus allen Branchen
tausend Menschen gewählt werden, dann ist das keine Prophezei-
ung, denn das, was sie tun werden, das werden sie ohne Prophezei-
ung tun, weil sie eine lebendige Wirklichkeit sein werden. Prophe-
zeit ist in den letzten Jahren wahrhaftig genug worden. Was hat
man doch vor dem 9. November immer an neuen Siegen prophe-
zeit: «Wir werden siegen, weil wir siegen müssen!» - Das sollten
sich einmal diejenigen hinter die Ohren schreiben, die denen, die
aus der Wirklichkeit heraus reden, das Wort «Prophetie» wie eine
Art Verleumdung entgegenschleudern. Etwas zu prophezeien, das
haben die anderen schon zur Genüge getan, also die bisher führen-
den Kreise. Jetzt hat man der Welt gegenüber aus einem anderen
Ton heraus zu sprechen, aus einem Ton, der schon in den Herzen
und Seelen der Menschen veranlagt ist. Und solche Menschen
wählen Sie in ihren Betriebsrat. Dann werden Sie das Richtige
für eine wahre Sozialisierung in die Welt stellen können.

Diskussion

Der Vorsitzende, Herr Gönnewein, dankt Herrn Dr. Steiner für seine
gewichtigen Ausführungen und fordert zur Diskussion auf.

Herr Lange: Er spricht zunächst von der Gefahr, daß der englisch-ameri-
kanische Kapitalismus sich in Deutschland festsetzt, wodurch alle zu Skla-
ven würden.
Wir müssen uns selbst helfen. Diese Selbsthilfe besteht darin, daß wir
sagen: Wir nehmen die Wirtschaft selbst in die Hand. Die deutschen
Kapitalisten wollen uns doch nicht nur ausbeuten. Wir müssen in einer
gewissen Beziehung mit den deutschen Kapitalisten zusammengehen. Es
eibt auch unter ihnen Menschen, die am Wiederaufbau ehrlich mitarbeiten
wollen. Die Arbeiter und Angestellten aber müssen sagen: Wir nehmen
die Betriebe in die Hand, wir haben kein Interesse mehr am Streik,
sondern an der Arbeit, und zwar an solcher Arbeit, die wirklich aufbauend
ist. Und dazu brauchen wir die Betriebsräte. Wir brauchen Rohprodukte
und Grund und Boden. Das Aufbauen ist aber nur möglich, wenn die
arbeitenden Menschen zusammenkommen. Als Arbeiter müssen wir voll
und ganz auf dem Boden stehen: Nur die Arbeit kann uns erlösen.
Der Redner spricht weiter über die Geldverhältnisse

Herr Roser: Wir haben im Lauf der letzten Wochen verschiedene Diskus-
sionsabende gehabt und dabei über die Betriebsräte und Wirtschaftsräte
gesprochen. Vielen von Ihnen wird dies bekannt sein, und es wird Ihnen
mancherlei klargeworden sein, was mit der Dreigliederung des sozialen
Organismus angestrebt wird. Trotzdem muß man immer wieder die Beob-
achtung machen, daß der Gedanke eben doch noch zu wenig begriffen
wird. Das ist aber selbstverständlich begreiflich, weil eben die Dreigliede-
rung eine ganz neue Idee darstellt, und wie bei allem Neuen, so begegnet
man auch diesem Gedanken mit einem gewissen Pessimismus. Aber im-
merhin können wir konstatieren, daß die Aufnahme doch in jenen Kreisen,
die für dieses Interesse haben, befriedigend erscheinen kann. Es muß
zweifellos betont werden, daß gerade dieses Zusammenwerfen der drei
Organe, Wirtschaftsleben, Politik, Geisteskultur, im alten Staatswesen so
manches von diesem furchtbaren Elend über das deutsche Volk heraufbe-
schworen hat. Wenn wir das Buch von Herrn Dr. Steiner lesen, so können
wir klar daraus ersehen, daß, wenn wir nicht in der Lage sind, diese drei
Organe grundsätzlich voneinander zu trennen, das heißt, daß jedes nach
seiner Art gepflegt wird, daß wir dann unbedingt in des Teufels Küche
kommen. Wir sollten daher mit aller Energie nach dieser Dreigliederung
streben. Wir als Arbeitende haben selbstverständlich das größte Interesse
am Wirtschaftsleben, denn das ist der Faktor, ist jene Institution, in der
wir vertreten sind. Deshalb müssen wir auch dem Wirtschaftsgebiet das
größte Interesse entgegenbringen. Selbstverständlich müssen wir auch im
Rechts- oder politischen und im Geistesparlament gewissermaßen einen
Einfluß haben und bekommen, aber als Hand- und Kopfarbeiter haben
wir uns in erster Linie mit dem Wirtschaftskörper, mit dem Wirtschafts-
parlament zu beschäftigen.
Es ist schon wiederholt die Frage aufgeworfen worden: Was für ein
Gebiet, was für eine Arbeit steht uns da zu? Diese Arbeit ist schon
oftmals erwähnt und besprochen worden. Es ist die Bildung der Betriebs-
räte. Die Sozialisierung, welche schon von Herrn Dr. Steiner und auch
von anderen Rednern oft besprochen worden ist, diese Sozialisierung wird
immer mehr verlangt von allen Seiten. Warum? Weil sie eben den einzigen
Ausweg aus dem Chaos darstellt, der unser Wirtschaftsleben wieder auf
gesunde Bahnen führen kann. Sozialisierung heißt doch Vergesellschaftung
aller Produktionsmittel, die Überführung in die Hand derjenigen Klassen,
die darüber verfügen und bestimmen können. Deshalb wäre es doch von
größter Wichtigkeit, daß wir der Frage der Betriebsräte noch mehr Interes-
se entgegenbringen, als wir es bis jetzt getan haben. Aber es ist begreiflich
durch die politischen Verhältnisse, durch die politische Gewitterschwüle,
die im Laufe der letzten Wochen über uns gelagert hat bis zum gestrigen
Abschluß. Das alles hat uns nicht zur richtigen Einsicht in dieser Frage
kommen lassen. Ich meine, für die Zukunft soll es anders werden. Wir
müssen uns einfach mit dieser Frage beschäftigen, und zwar ganz intensiv
beschäftigen, gerade aus den Verhältnissen heraus, wie sie sich gestern
durch die Unterzeichnung des Friedensvertrages ergeben haben. Es ist
selbstverständlich: Wenn wir nicht in der Lage sind, die Sozialisierung
selbst in die Hand zu nehmen, dann kommen wir auch niemals zum
Ziel, sondern dann treiben wir erst der allgemeinen Versklavung und
Verelendung unseres Volkes entgegen. Deshalb müssen wir in erster Linie
die Frage der Betriebsräte energisch in die Hand nehmen, und zwar ohne
Rücksicht auf alles, was sich uns hier entgegenstellt. Wenn wir die Be-
triebsräte vom Gesetz erwarten, dann bekommen wir keine, sondern nur
lebende Paragraphen, die eigentlich nichts anderes zu tun haben, als das
auszuführen, was die bisherigen Ausbeuter bis jetzt mit uns getan haben.
Sie sollen aber nichts anderes sein als das Werkzeug der arbeitenden
Klasse, des ganzen Volkes.
Wir müssen die Betriebsräte als eine solche Institution schaffen, daß
sie nicht nach dem Willen des Kapitalismus tanzen müssen. Gerade die
Kriegskatastrophe hat uns genug Anlaß zum Nachdenken gegeben. Wir,
die wir im Arbeitsausschuß des «Bundes für Dreigliederung» tätig sind,
wir haben klar erkannt, daß, was auch immer für ein Vorschlag sonst
noch gemacht wird, es keine bessere Idee als die Dreigliederung gibt.
Die Dreigliederung und damit die Verselbständigung der einzelnen Kör-
perschaften wird die Grundlage bilden, worauf unser Volksganzes wieder
aufbauen kann. Wir wollen nach etwas anderem streben als nach der
Unterjochung des Proletariats. Wir wollen uns auch nicht dafür hergeben,
daß der Staat weiterhin für politische Zwecke die gesamte Wirtschaft
benutzt, um sie schließlich dem Militarismus zu opfern. Wir müssen das
Wirtschaftsleben selbständig machen, damit etwas Nützliches für das ge-
samte Volksleben herauskommt. Ich richte deshalb an Sie den Appell:
Wirken Sie dafür, daß der Gedanke der Dreigliederurig in die Massen
getragen wird, trotz aller Anfechtungen von rechts und von links. Der
Gedanke der Dreigliederung wird nur angefochten von denjenigen Ele-
menten, die ihn nicht berücksichtigen wollen und ihn nicht aufkommen
lassen wollen zum eigenen Vorteil. Deshalb bekämpfen sie ihn. Ich bin
der Meinung, daß wir unser Volksleben nur dann besser gestalten können,
wenn wir die Grundidee der Dreigliederung, die Verselbständigung des
Wirtschaftslebens, des Rechtslebens und des Geisteslebens verwirklichen.
Dann wollen wir sehen, ob wir nicht auf ein besseres Wohlergehen unseres
Volkes rechnen können.

Herr Georg Müller: Einige Punkte über die Betriebsräte hat Herr Dr.
Steiner noch stark im unklaren gelassen. Erstens, Sie werden alle mit mir
einverstanden sein, daß die Begründung von Betriebsräten nicht so leicht
zu machen ist, wie sich mancher vorstellt. Durch das Gesetz ist bereits
ein Riegel vorgeschoben worden. Wenn wir das Betriebsrätesystem nach
den Ausführungen Dr. Steiners wollen, dann werden wir in der Zukunft
hart zu kämpfen haben, denn wir müssen uns klar darüber sein: Was
auch immer gemacht wird von der Arbeiterschaft, das wird stets vom
Kapitalismus hintertrieben. Unser größter Gegner ist auch heute noch der
Kapitalismus. Sobald Sie mit praktischen Vorschlägen kommen, werden
Sie schon die Erfahrung machen, daß Ihnen alles hintertrieben wird. Daher
stelle ich die Frage: Wie kommen wir am leichtesten über diese Schikanen
hinweg? - Einige von Ihnen werden schließlich sagen, daß der einzige
Weg der Streik ist. Jetzt aber geht es uns nicht um Streik. Wir müssen
praktischere Wege finden, um unsere Ideen durchzuführen. Wenn die
Arbeiterschaft sich wirklich zusammensetzt, berät und zusammenarbeiten
will, werden wir andere Wege finden, auch über das Gesetz hinweg. Wir
wollen nicht nur eine beratende Stimme, wir wollen eine bestimmende
Stimme haben in den Betriebsräten. Nicht nur der Kapitalismus, sondern
ein großer Teil des Bürgertums stellt sich dem entgegen. Es werden Jahr-
zehnte dazu benötigt, die Betriebsräte, wie sie hier gemeint sind, durchzu-
drücken. Der Arbeiter kann es allein nicht machen, und die anderen
werden ihre Betriebe nicht hergeben, um zu sozialisieren. Die Frage ist
nun: Wie weit werden die Kämpfe gehen, um das zu erreichen? Vor
allen Dingen aber müssen die Arbeiter mehr zusammenhalten.

Herr Hahl: Als Vertrauensmann des «Allgemeinen Verbandes der deut-


schen Bankangestellten» möchte ich einige Worte sprechen. Ich kann das
aus der Erfahrung heraus tun, die ich in meinem vielseitigen Leben zu
machen die Gelegenheit hatte.
Ich war Leiter eines Unternehmens in Ägypten und habe als solcher
die besten Erfahrungen damit gemacht, daß ich die Kollegen zur Mitwir-
kung heranzog, also nicht nur anordnete, sondern auch Mitarbeiter auf-
klärte über die geschäftlichen Belange und sie um ihre Meinung fragte.
Dadurch wurde das Geschäftsinteresse angeregt. Das heutige Gesetz über
die Betriebsräte schiebt der wirklichen Mitbeteiligung der Angestellten
einen Riegel vor. Vor allen Dingen schafft dieses Gesetz nicht die Empfin-
dung der Arbeitnehmer aus dem Weg, daß sie eben doch nur in einem
gewissen Sklavenverhältnis gegenüber dem ausschlaggebenden Kapitalismus
sich befinden. Durch die Dreigliederung werden die Arbeitnehmer in die
Geheimnisse des Betriebes eingeführt, sie werden aufgeklärt über alle
Zweige desselben, so daß sie nicht nur das Recht, sondern auch die
Fähigkeit besitzen können, ihre Stimme bei der Leitung mit in die Waag-
schale zu werfen. Das möchte ich auch dem Herrn Vorredner sagen:
Wenn Sie die Fähigkeiten besitzen, werden Sie sich nicht so leicht vom
kapitalistischen Leiter übers Ohr hauen lassen. - Bei der Verwirklichung
der Betriebsräte im Sinne der Dreigliederung arbeitet man nicht gegenein-
ander, sondern miteinander auf der Basis vollständiger Gleichberechtigung.
Hiergegen wettern die Unternehmer und halten fest am alten Herrscher-
tum, ohne zu merken, daß sie dadurch Gefahr laufen, alles zu verlieren.
Denn das, was sich heute aufbäumt in den Kreisen der Arbeitnehmer
gegenüber der materiellen und geistigen Verwaltung durch das Kapital,
das wird nicht eher zur Ruhe kommen, bis die Arbeitskraft der Menschen,
die heute durch die Verhältnisse zur Ware erniedrigt ist, den Sklavencha-
rakter verliert, und das kann nur durch die Dreigliederung und durch
die von ihr geforderten Betriebsräte geschehen. Mag die Regierung soziali-
sieren, soviel sie will, sie kann nicht aus den Unruhen herauskommen,
bis sie nicht den Hebel ansetzt und die Lösung des Problems durch die
Dreigliederung versucht. Solange sie nur die Handlungen anderer Men-
schen betrachtet und nicht auch die Beweggründe studiert, so lange kann
sie kein Bild bekommen davon, '"ras die Bewegung des Proletariats bedeu-
tet. Heute meint die Regierung, die Bewegung des Proletariats, das seien
momentane Hirngespinste, die durch Plakate an den Anschlagsäulen mit
der Aufforderung «Arbeiten! Arbeiten! Arbeiten!» abgetan werden könn-
ten. Die Leiden, die heute zutage treten, sind aber ganz logische Folgerun-
gen der Vermengung des Wirtschaftslebens, des Geisteslebens und des
Rechtslebens. Sie haben während des Krieges sehen können, wie der Pfar-
rer auf der Kanzel sogar sagen mußte, was ihm der Staat vorschreibt als
guten Patriotismus. Das ist die Vermengung, daher das Unheil. Das ist
die Ursache des Übels, da soll der Hebel angesetzt werden, damit die
einzelnen Gebiete unabhängig gemacht werden, damit die Schulen und
die Kirche nicht mehr das tun müssen, was der Staat vorschreibt.
Vorgestern sprach der neue Ministerpräsident jene Worte über Leben
und Tod unseres Volkes. Mit vollem Recht können diese Worte hier
angewendet werden. Hier spielt sich ein Kampf gegen die Versklavung
der Arbeiterschaft ab. Und wenn dieses Sklavenverhältnis nicht aufgehoben
wird - und es wird nur aufgehoben durch die Dreigliederung und die
von ihr geforderten Betriebsräte -, dann könnte es sein, daß wir tatsäch-
lich zum Tode verurteilt sind als Volk. Dann könnte es sein, daß die
heraufbeschworenen Leidenschaften dem Kapital alles nehmen, daß wir
das Schlachtfeld werden zwischen Bolschewismus und Entente. Deshalb
halte ich es für die dringende Pflicht eines jeden, einzutreten für die
Dreigliederung und für die Betriebsräte. Deshalb fordere ich Sie nochmals
auf zur Wahl von Betriebsräten im Sinne der Dreigliederung des sozialen
Organismus.

Herr Münzing: Ich möchte in erster Linie auf etwas zu sprechen kommen,
was in dem Buch «Die Kernpunkte der sozialen Frage» steht. Es heißt
da auf Seite 78: «Was an Kapitalvermehrung durch die Produktionsmittel
- nach Abzug des rechtmäßigen Zinses - entsteht, das verdankt seine
Entstehung der Wirkung des gesamten sozialen Organismus.» - «Nach
Abzug des rechtmäßigen Zinses» - da möchte ich doch bitten, mir zu
sagen, was ich darunter verstehen soll. Nach meiner Auffassung läuft die
ganze Frage, die sich um Kapitalismus und Sozialismus dreht, schließlich
hinaus auf die Worte: «Geld trägt Zinsen, Kapital trägt Zinsen.»
Wenn wir näher auf den Gedanken eingehen, können wir immer wie-
der finden, daß sich das Geld in Wirklichkeit in der Art unterscheidet,
daß es Zinsen trägt, ohne daß das Geld arbeitet. Das muß uns als Arbeiter
direkt anwidern, wenn wir hören: Geld arbeitet. Wer arbeitet? Doch nicht
das Geld! Das Geld wird benutzt, damit andere arbeiten, um den Zins
herauszuholen. Es gibt heute Anschauungen, die sagen: Die soziale Frage
läßt sich lösen durch Abschaffung des Handelsprofits und dergleichen,
und noch viele andere Rezepte gibt es zur Lösung der sozialen Frage. -
Ich glaube, daß die Lösung der sozialen Frage allein dadurch vollbracht
werden könnte, daß die Parteien vorschreiben würden: Zins verboten! -
Das berührt auch die Kriegsanleihe und das Geld auf der Sparkasse. Ich
möchte bitten, diesen Gedanken, wenn er auch nicht zum Thema des
heutigen Abends gehört, zu durchdenken. Wenn heute eine Regierung
käme, die sagen würde, das Geld trägt keine Zinsen mehr, so würde die
ganze Sachlage sofort verschoben werden. Die ganzen Warenteuerungen
haben schließlich ihren Grund darin, daß das Kapital auf der Sparkasse
Zinsen trägt, daß das Geld arbeiten muß. Ich vermisse auf allen Program-
men gerade diese einfache Forderung der Abschaffung des Zinses. Und
ich möchte Herrn Dr. Steiner diesbezüglich um Auskunft bitten. Ich bin
ein Neuling, aber diese Frage ist mir immer wieder begegnet. In diese
Frage gehört auch der Mietzins hinein. Der müßte dann derart bezahlt
werden, daß gewisse Abnützungen eines Hauses bezahlt würden, denn
ein Haus verliert ja an Wert durch die Benützung. Und zu den Betriebsrä-
ten: Wenn die Betriebsräte einen wirklich praktischen Wert haben sollen,
müßten sie unter allen Umständen die Möglichkeit haben, nicht nur auf
die Lohnbestimmungen, sondern auch auf die Preisbestimmungen einzu-
wirken.

Rudolf Steiner: Ich möchte n u r auf die beiden direkt gestellten


Fragen eingehen. H e r r Müller ist in gewissem Sinne besorgt dar-
über, daß sich die Betriebsräte nicht durchsetzen könnten u n d
daß sie vor allen Dingen, wenn sie mit dem, was sie als ihre
Befugnisse übernehmen, an die U n t e r n e h m e r herantreten w ü r d e n ,
dann eventuell einfach zurückgewiesen werden könnten. Sehen Sie,
bei solchen Dingen müssen wir doch auch mit den wirklichen
Verhältnissen etwas rechnen, u n d da müssen wir unbedingt be-
rücksichtigen, daß so etwas, wie es diese hier gedachten Betriebsrä-
te sein werden, im G r u n d e genommen der Unternehmerschaft
noch nie gegenüberstand. Bedenken Sie nur einmal, wie im Laufe
der kapitalistischen Entwicklung der neueren Zeit immer mehr
und mehr das protektionistische Verhältnis zwischen dem Staat
und dem kapitalistischen U n t e r n e h m e r t u m entstand. Auf der einen
Seite unterstützte das kapitalistische U n t e r n e h m e r t u m den Staat,
auf der anderen Seite wieder der Staat das Unternehmertum. Das
drückt sich insbesondere aus in den verschiedenen Kriegsursachen,
insbesondere im Westen. Aber eine Körperschaft, die wirklich her-
vorgegangen ist aus dem Wirtschaftsleben selbst, aus allen Bran-
chen des Wirtschaftslebens, und die getragen ist von dem Vertrau-
en der gesamten Arbeiterschaft, eine solche Körperschaft stand
dem kapitalistischen Unternehmertum noch nie gegenüber. Und
diese Tatsache bitte ich Sie nicht außer acht zu lassen. Ich bitte
Sie, das zu vergleichen mit dem, was auch schon geschichtlich
vorliegt, wie nämlich dann, wenn solche geschlossenen Kundge-
bungen stattfanden, doch durch diese Kundgebungen etwas be-
wirkt werden konnte. Darauf kommt es an, ganz gewiß, wie Herr
Müller gesagt hat, daß diese Geschlossenheit, diese Einigkeit wirk-
lich da ist. Und die Wahl der Betriebsräte, die kann ja im Grunde
genommen nur dann stattfinden, wenn diese Einigkeit da ist. Sie
soll ja aus dieser Einigkeit hervorgehen.
Werden die Betriebsräte dasein, dann werden sie eben eine
Offenbarung sein für die Einigung der gegenwärtigen Arbeiter-
schaft, und dann wollen wir einmal sehen, was herauskommt,
wenn in der Form der Betriebsräte die geeinigte Arbeiterschaft
dem Unternehmertum gegenübertritt. Es stehen ja nicht bloß die
Betriebsräte des einzelnen Betriebes dem einzelnen Unternehmer-
tum gegenüber, sondern die ganze Betriebsräteschaft, die sich aus
Mitgliedern aus allen Branchen und Betrieben zusammensetzt,
steht den Unternehmern eines ganzen Wirtschaftsgebietes gegen-
über. Die einzelnen Betriebsräte gehen als Beauftragte der gesam-
ten Betriebsräteschaft in ihre Betriebe zurück und stehen nun
nicht dem Unternehmer als einzelne gegenüber, sondern als Vertre-
ter der Betriebsräteschaft des entsprechenden Wirtschaftsgebietes.
Dies bedeutet eine Macht, derer man sich nur bewußt werden
muß. Auf eine solche Machtprobe können Sie es ruhig ankommen
lassen, sie wird gewichtige Folgen haben. Das ist das eine.
Das andere ist, daß es sich nicht darum handeln kann, daß,
wie Herr Müller auch sagte, die Betriebsräteschaft nicht bloß eine
beratende Stimme haben soll. Nein, sie soll sogar nicht bloß eine
beschließende Stimme haben, sondern sie soll der eigentliche Ver-
walter des Betriebes sein. Sie soll einfach im Auftrag der gesamten
Arbeiterschaft die Betriebe selbst verwalten. Dadurch entstehen
natürlich gewisse Schwierigkeiten, die noch auf ganz anderen Ge-
bieten liegen, als Sie sich vorstellen. So darf zum Beispiel die
Initiative innerhalb eines Betriebes nicht dadurch gelähmt werden,
daß viele befehlen wollen und dergleichen. Das wird sich aber
alles überbrücken lassen. Das ist das eine. Dann aber muß man
noch etwas anderes beachten. Ich frage Sie: Worauf beruht denn
im Grunde genommen das Kapital eines Wirtschaftsbetriebes? -
Lassen Sie die Kapitalisten noch so viel Geld haben, dieses Geld
hat ja nur einen Wert, wenn Leute arbeiten, sonst nicht! Also,
es steht die Arbeiterschaft nicht denjenigen Leuten gegenüber, die
eigentlich noch Unternehmer sind, sondern denen, die nur noch
Geld haben. Und in diesem Zusammenhang müssen wir uns über
eines klar sein: Wenn wir in der Wirklichkeit leben, dann leben
wir nicht außerhalb aller Zeit, sondern wir leben in einer bestimm-
ten Zeit. Und ich habe doch das Gefühl, daß viele Leute aus der
Arbeiterschaft heute noch so reden, als wenn die Dinge so stün-
den, wie sie standen vor sieben, acht Jahren, bevor wir in diese
Kriegskatastrophe hineingesegelt sind. Ich glaube nicht, daß viele
Leute darüber nachgedacht haben, was es wirtschaftlich bedeutet,
daß man, als der Krieg zu Ende gegangen war, in manchen Betrie-
ben allerlei fabrizierte und dann wieder zerschlug. Solche Dinge
wurden gemacht, weil man sich nicht mehr zu helfen wußte, auf
naturgemäßem Wege die Produktion aufrechtzuerhalten. Die Dinge
haben sich geändert, aber man hat heute noch die Gewohnheit,
vom Kapitalistentum aus den alten Verhältnissen heraus zu reden.
Sehen Sie, in vieler Hinsicht liegt die Sache so, daß alte Wahr-
heiten heute gar keine Wahrheiten mehr sind. Es ist natürlich
eine durchgreifende Wahrheit die Wahrheit vom Mehrwert, nur
ist er heute zum größten Teil nicht mehr vorhanden, sondern er
ist bereits in den Wind geschlagen, und das, was heute so gefürch-
tet wird als Kapitalistentum, das steht eigentlich auf einem furcht-
bar hohlen Boden. Das weiß sich eigentlich nicht mehr zu helfen.
Sie sehen das daraus, daß es jetzt schon zum großen Teil denkt:
Um Gottes willen, wenn wir uns nur hinüberretten könnten zum
Entente-Kapitalismus, damit wir da unterkriechen können; wir
werden allein nicht mehr fertig. - Es kommt die Zeit, in der
nicht mehr in der alten Weise die Betriebsräteschaft dem Kapitalis-
mus gegenübersteht, sondern in der sie dem zusammenstürzenden
Unternehmertum gegenübersteht und zu übernehmen hat dasjeni-
ge, was zusammengestürzt ist. Und es wird eine Zeit kommen,
wo Sie sagen werden: Das war doch gut, daß wir diese Betriebsräte
haben, denn irgend jemand muß doch die Betriebe verwalten; die
anderen können es nicht mehr, denn das Unternehmertum ist zum
großen Teil zusammengebrochen, das kann nicht mehr. Dazu muß
dann diese Betriebsräteschaft dasein. Sie werden vielleicht nicht
überall vorhanden sein, aber das wird sich ergeben. Zum großen
Teil werden sie verlassene Schlachtfelder finden. Es wird sich sogar
nicht selten das ergeben, daß die Unternehmer froh sind, wenn
die Betriebsräte im Auftrag eines geschlossenen Wirtschaftsgebietes
kommen werden. Jetzt tun sie noch so, weil sie glauben, daß sie
sich vom Protektor Staat und den Gesetzen decken lassen können.
Sie möchten das, was sie selbst nicht mehr können, durch den
Protektor Staat abgedeckt haben. In diesem Fall würden sonderba-
re Verhältnisse entstehen. Da würden nicht nur die Betriebsräte
Dekorationsstücke sein, sondern da würden auch die Kanäle wie-
der gefunden werden, wodurch das heruntergekommene Kapital
wiederum saniert werden könnte, durch die wiederum mancherlei
hineinfließt dorthin, wo die Dinge abgeflossen sind. Hierüber ha-
ben die Leute sonderbare Ansichten. In Tübingen sagte ein Profes-
sor: Wir werden in der Zukunft ein armes Volk werden. Da
werden die Leute die Schulen nicht mehr bezahlen können, da
wird dann der Staat eintreten müssen, der wird dann die Schulen
bezahlen müssen. - Der Professor hatte Angst, daß die Leute die
Schulen nicht mehr bezahlen können. Er hatte nur vergessen sich
zu fragen: W o nimmt der Staat das Geld her? Doch nur aus den
Taschen der einzelnen Menschen! In dieser Hinsicht bedeuten Ge-
setze sehr häufig bloß das, daß die Dinge, die etwas wert sind,
dahin wandern, wo man sie hingewandert haben will. Und Gesetze
können unter Umständen nur der Umweg sein, das schon zerfal-
lende Kapital wiederum auf die Beine zu bringen. Das wird eine
Betriebsräteschaft, die aus dem Wirtschaftsleben, aus der arbeiten-
den Bevölkerung hervorgeht, nicht sein. Die wird sich auf die
eigenen Beine zu stellen wissen. Dann lassen Sie es ruhig auf die
Machtprobe ankommen. Man braucht sich nicht zu sagen, daß
die Betriebsräte werden lahm dastehen vor dem Unternehmer. Es
könnte durch die Zeitverhältnisse bedingt auch der umgekehrte
Fall eintreten.
Wir leben nicht außerhalb der Zeit, sondern wir leben in einer
bestimmten Zeit, und in dieser Zeit geht es darum, daß wir wissen,
daß der Kapitalismus am Zusammenbrechen ist. Damit müssen
wir rechnen. Damit müssen wir uns auch darüber klar sein, daß
von anderer Seite her das Wirtschaftsleben wieder aufgebaut wer-
den muß. Und dem Sozialismus kommt der Zusammenbruch, in
den der Kapitalismus selbst hineingerannt ist, entgegen. Denn die
Weltkriegskatastrophe war zu gleicher Zeit der Zusammenbruch
des Kapitalismus und wird in der Folge noch immer mehr den
Zusammenbruch beeinflussen. Das bitte ich zu bedenken. Wenn
man Dinge zu bedenken hat, die sich auf die Zukunft beziehen,
dann muß man mit solchen Faktoren rechnen.
Wenn man so etwas zitiert, wie den Satz vom Zins, so bitte
ich zu berücksichtigen, daß in jedem Satz meines Buches ange-
strebt ist, ehrlich das zu sagen, was wirklich ist, und daß in
meinem Buch streng abgewiesen wird alles das, was Zins vom
Zins sein soll. Also, ein wirkliches Wachstum des Kapitals, wie
es heute der Fall ist, wo sich ein Kapital in fünfzehn Jahren
verdoppeln kann, ist unmöglich, wenn jene Wirklichkeit eintritt,
wie ich sie in meinem Buch schildere. Aber ich spreche allerdings
von einem rechtmäßigen Zinsverhältnis. Hierbei bitte ich zu be-
rücksichtigen, wie ich in meinem Buch vom Kapital spreche. Denn
sehen Sie, es ist leicht, den Leuten etwas vorzumachen, indem
man ihnen sagt: Wenn man allen Zins abschafft, dann kommt das
Richtige heraus. - Es handelt sich bei allen diesen Dingen nur
darum, ob man es kann. Und ich habe nur solche Dinge beschrie-
ben, die wirklich durchgeführt werden können.
Bedenken Sie, wie die Sache steht. Das Geld bekommt, wenn
die Dinge verwirklicht werden, die in meinem Buch stehen, einen
gewissen Charakter. Ich habe das manchmal Freunden gegenüber
etwas banal so ausgedrückt, indem ich gesagt habe: Das Geld
wird in der Wirtschaftsordnung, die in meinem Buch gemeint ist,
zum ersten Mal wirklich stinkend. Was heißt das? Das heißt das
Folgende: Wenn ich Wirklichkeiten erwerbe - das Geld an sich
ist keine Wirklichkeit, sondern nur dadurch, daß die Machtverhält-
nisse entsprechende sind, ist das Geld eine Wirklichkeit - , wenn
ich also Wirklichkeiten erwerbe, so unterliegen diese dem Gesetz
des Verbrauchtwerdens. Kapitalismus in realem Sinn haben wir ja
nicht bloß innerhalb der Menschenwelt, sondern auch in der Tier-
welt. Wenn der Hamster hamstert, wenn er seinen Wintervorrat
anlegt, dann ist das sein Kapital für die nächste Zeit, nur hat es
die Eigenschaft, daß man es nur in der nächsten Zeit brauchen
kann, sonst würde es zugrunde gehen. Und wir haben es in unse-
rer kapitalistischen Wirtschaftsordnung dazu gebracht, daß wenig-
stens für gewisse kurze Zeiträume das Geld den Charakter aller
übrigen Wirklichkeiten verloren hat. Was tun wir denn, wenn wir
die Zinsen ausrechnen? Wir multiplizieren das Geld mit Prozenten
und Zeit und dividieren durch hundert. Dadurch bekommen wir
den Zins heraus. Dadurch haben wir mit unwirklichen, mit Schein-
gebilden gerechnet! Wir haben mit dem gerechnet, was wir als
Repräsentanten der Wirklichkeit hingestellt haben. Das, was durch
Kapital produziert wurde, kann längst unbrauchbar geworden sein,
kann sogar ganz und gar nicht mehr vorhanden sein, und dennoch
kann man nach unseren Machtverhältnissen ausrechnen: Kapital
mal Prozente und Zeit dividiert durch hundert. [... In der Zukunft
handelt es sich darum, daß man sich dessen bewußt ist, wenn
man ein Unternehmen, einen Betrieb gründet - und dies muß ja
immer wieder geschehen, da sonst der ganze Entwicklungsprozeß
der Menschheit zum Stillstand kommen würde -, daß immer die
vergangene Arbeit Verwendung findet in der künftigen Arbeit.]
Sehen Sie, wenn Sie einen neuen Betrieb aufbauen, dann müssen
Sie neue Arbeiter anstellen, gleichgültig ob dies nun die Gesell-
schaft oder ein einzelner tut. Früher war es der einzelne, künftig
wird es sich aus der Struktur der Gesellschaft heraus ergeben. Sie
müssen also Arbeiter anstellen. Diese müssen sich, wenn man
einen Betrieb aufbaut, der noch nichts in die Gesellschaft hineinge-
ben kann, aber ernähren, müssen sich kleiden. Es muß dann also,
damit dieser Betrieb entstehen kann, schon früher gearbeitet wor-
den sein. Also, es muß die Möglichkeit geschaffen sein, daß frühere
Arbeit für spätere Leistungen verwendet wird. Das ist aber nicht
anders möglich, als daß, wenn meine frühere Arbeit in eine spätere
Leistung einfließt, ich einen gewissen Nutzen davon habe. Denn
in Wahrheit arbeite ich zum Beispiel, sagen wir, heute ganz or-
dentlich, und auf welchem Wege ist gleichgültig, aber von dem,
was ich heute arbeite, wird in zehn Jahren irgendein neuer Betrieb
gebaut. Das kommt dazu. Wenn ich heute arbeite, muß ich auch
etwas für meine Arbeit haben. Es wird nur die Arbeit aufgespart
für das nächste. Und das ist es, was ich rechtmäßigen Zins nenne,
und ich habe es so genannt, weil ich eben in meinem Buch ehrlich
sein will, weil ich keinen billigen Erfolg dadurch haben will, daß
ich Weiß Schwarz nenne. Im Wirtschaftsleben muß vergangene
Arbeit für künftige Leistungen verwendet werden. So wie Arbeiten
in der Gegenwart eine Gegenleistung haben, so müssen sie auch
in der Zukunft, wenn sie aufgespart werden, eine Gegenleistung
hervorrufen. Das Wirtschaftsleben macht es notwendig, daß ver-
gangene Arbeit in der Zukunft verwendet wird. Nehmen Sie dazu,
daß das Kapital sich nach und nach aufzehrt. Während sich jetzt
das Kapital in fünfzehn Jahren verdoppelt hat, wird es in Zukunft
nach fünfzehn Jahren ungefähr aufhören zu existieren. Der umge-
kehrte Prozeß findet statt! Wie die anderen Dinge stinkend wer-
den, so auch das Geld. So trägt das Kapital keine Zinsen, aber
es muß die Möglichkeit geschaffen werden, daß das, was früher
gearbeitet wurde, in einer künftigen Leistung enthalten ist. Dann
müssen Sie auch den Lohn dafür haben. Ich hätte es [in meinem
Buch] Lohn nennen können, aber ich wollte ganz ehrlich sein
und wollte zum Ausdruck bringen: Wirtschaften besteht darin,
daß vergangene Arbeit in künftige Leistungen hineingesteckt wird,
und da nenne ich die dafür gerechte Vergütung den Zins. Deshalb
habe ich aber auch ausdrücklich gesagt: Es gibt keinen Zins vom
Zins. Den kann es nicht geben, ferner auch nicht ein beliebiges
Arbeitenlassen des Kapitals. Das Geld wird stinkig. Es geht ebenso
wie andere Dinge, wie Fleisch und dergleichen, verloren. Es ist
nicht mehr da, es arbeitet nicht weiterhin. Wenn Sie die Dinge
so nehmen, wie sie in meinem Buch stehen, so müssen Sie überall
bedenken, daß ich von dem ausgehe, was möglich ist und was
wirklich werden soll, und nicht von Forderungen, die so entstehen,
daß man sich sagt: Wir schaffen dies und jenes ab. Ja, meine
werten Anwesenden, es könnte schließlich auch jemand auf die
verrückte Idee kommen und sagen: Wir schaffen den Fußboden
ab. - Dann würden wir nicht mehr gehen können! Man kann
nicht Dinge abschaffen, die im wirklichen Wirtschaftsleben oder
in anderen Bereichen einfach notwendig sind. Man muß die Dinge
nehmen, wie sie sind, dann allein ist man ehrlich. Ich verspreche
den Leuten nicht das Blaue vom Himmel herunter, sondern ich
will von den wirklichen Lebensbedingungen des sozialen Organis-
mus sprechen. Und so wollte ich hier sprechen von dem, was
wirklich durchgeführt werden kann, und das wird schon dasjenige
sein, was herbeiführt auch das, was unbewußt den Forderungen
der breiten arbeitenden Masse zugrunde liegt. Und es ist besser,
wenn man diese Forderungen aus der Kenntnis der Wirklichkeit
heraus zu erfüllen trachtet, als wenn man die Menschen mit bloßen
Versprechungen einlullt.

Herr Haupt aus Eßlingen: Er hat in seinem Betrieb schon vor längerer
Zeit freiwillig Betriebsräte geschaffen. Er führt unter anderem aus:
Was stellt sich der Arbeitgeber unter dem Betriebsrat vor? Er sieht
die Einrichtung der Betriebsräte als Schreckgespenst an! Die Pflicht des
Arbeiters ist es, daß auch er Vertrauen entgegenbringt und sagt: Wir
wollen nicht alles niederreißen, das ist nicht unser Ziel. Wir wollen arbei-
ten, aber ohne Knute, frei aus dem eigenen Herzen heraus. - Wenn man
so dem Arbeitgeber gegenübertritt, ist er auch willfährig. Ich weiß be-
stimmt, daß eine große Anzahl Eßlinger Firmen die Sache so machen
möchten. Sie können aber nicht, weil sie einen Kompromiß mit den
Gewerkschaften geschlossen haben. Die Gewerkschaftsführer haben einen
Tarifvertrag herausgebracht, sozusagen als letzten Trumpf, u m so die Mas-
sen, die nichts von ihnen wissen wollen, zusammenzubringen. Das ist ein
Fehlgriff, der sich bitter rächen wird. Er wird zum Grab der Gewerkschaf-
ten werden. Aus der Schweinerei können uns nur die Betriebsräte retten.
Die Gewerkschaften haben das größte Interesse, dies nicht zu tun. Die
Arbeitgeberverbände verstecken sich hinter ihnen und sind froh, daß es
mit den Betriebsräten nicht so schnell geht, wie sie sich gedacht hatten.
Es gibt drei Wege, die Betriebsräte einzuführen: Entweder macht es
der betreffende Arbeitgeber freiwillig - das habe ich gemacht - , das ist
wohl das Vernünftigste. Ich sagte mir: Es ist eben einmal alles kaputt,
darüber sind wir uns klar. Also sehen wir zu, daß wir etwas Neues
finden, u m doch noch aus dem Elend herauszukommen. - Das zweite
ist: Nicht so viel reden! Handeln und nicht reden! Das Reden hat keinen
Zweck. D a wird geredet und geredet, was sich doch der Bund für Mühe
gegeben hat, und gesagt: Leute, greift doch mal zu. Man merkt nichts,
die Leute schlafen. - Die dritte Maßnahme ist die Macht. Ich sage aber
ausdrücklich: Macht ohne Terror, ohne Streik, das ist wichtig. - Mit
Macht meine ich die Fähigkeit und das Bewußtsein, die Massen hinter
sich zu haben. Die drücken dann die Dinge schon durch. Wenn die Sache
so organisiert würde, wie ich mir das vorstelle, so würde zunächst der
Bund oder eine Korporation der Arbeitervertreter zusammenkommen, und
man würde sich die Ansichten und Widersprüche anhören. Dies macht
sich dann die Korporation zunutze und pocht dann beim Arbeitgeber
an. Mehr wie abgewiesen kann man nicht werden. Wenn aber die Arbeit-
geber das abweisen, haben sie eine giftige Wunde geschaffen; es bleibt
ein Vulkan. N u n , das wäre die letzte Hand, die sich die beiden reichen
können. Ansonsten gibt es keine andere Möglichkeit als rücksichtslosen
Terror. Wir können uns zusammenfinden, wenn wir nur wollen. Darauf
kommt es an.
Die Aufgaben der Betriebsräteschaft sind nicht so einfach. Wenn man
selbst Betriebsräte hat, weiß man, was für kuriose Dinge da an den Tag
kommen können. Es gibt Menschen, die mit vollem Herzen dabei sind,
aber es gibt auch solche, die mit politischen Absichten und dergleichen
kommen. Wir haben schon verschiedenes erlebt. Zum Schluß möchte ich
Ihnen noch sagen: Schreiten Sie heute zur Wahl und nicht erst morgen.
Nehmen Sie Fühlung auf mit dem «Bund für Dreigliederung des sozialen
Organismus». Ich bin überzeugt, daß die Gruppe in Stuttgart die Sache
dann in die Hand nimmt. Sie versucht es, doch noch mit den Arbeitgebern
übereinzukommen. Und dann stellen Sie sich vor die Unternehmer hin
und sagen: Wir erklären, daß die Betriebsräte gewählt sind. - Vertrauen
wir einander! Wehe, wer streikt! Sie dürfen nicht streiken! Es muß gehen
ohne Terror, ohne Macht, ohne Seelenbeklemmung und dergleichen.

Herr Schlegel: Ich bin im Prinzip der Auffassung, daß die Betriebsräte
und jene die Betriebsräte zusammenfassende Körperschaft, so wie sie Herr
Dr. Steiner heute abend in dem Vortrag bezeichnet hat, die einzige prakti-
sche Möglichkeit sind, um die Sozialisierung des Wirtschaftslebens durch-
zuführen, die gewissermaßen die materielle Grundlage schaffen soll zum
Aufstieg der Menschheit. Und heute abend wird wohl die einzige Möglich-
keit sein, einen Schritt zur Sozialisierung hin zu tun, um unser Volk und
Reich, um unser Land vor dem wirtschaftlichen Zusammenbruch zu retten.
Ich bin andererseits der Ansicht, daß man nicht in wilder Weise, weil
der «Bund» es tun will, die Betriebsräte ins Leben ruft. Die Voraussetzung
wäre doch, daß die Unternehmer diesen Betriebsräten keinen Widerstand
entgegensetzen. Wenn zum Beispiel nur in einem Teil der Betriebe die
Betriebsräte eingeführt werden, wie denkt man sich dann die Zusammen-
fassung, also die Körperschaft der Betriebsräte? Die Regelung der Produk-
tion ist doch die Hauptsache. Wie denkt sich Herr Dr. Steiner, daß diese
Körperschaften die Machtbefugnisse bekommen, wenn sich nicht die ge-
samte politische und Staatsmacht in den Händen der Betriebsräte vereint?
Ist es nicht unmöglich, für ein solch kleines Gebiet, wie es Württemberg
ist, die Betriebsräte allein einzuführen? Denn die württembergische Indu-
strie reicht noch nicht aus, um sämtliche Waren herzustellen. Württemberg
benötigt den Austausch. Ich bitte Herrn Dr. Steiner, sich zu diesen Beden-
ken zu äußern.
Herr Dr. Steiner hat gesagt, es sei eine Unmöglichkeit, durch gesetzli-
che Bestimmungen die Betriebsräte ins Leben zu rufen. Ich bin der Auffas-
sung, daß es notwendig ist, daß nach zentralistischem Prinzip die Wahl
der Betriebsräte zur Pflicht gemacht wird. Das Wesentliche würde nur
sein, welche Form das Gesetz haben wird. Es könnte ja auch die Form
haben, die notwendig ist. Wenn die gesamte Arbeiterschaft, geistige und
Handarbeiterschaft, einig ist und politische Macht hat, dann wird es leicht
sein, die politische Macht im Staat zu erringen und dann die nötigen
Maßnahmen zur Sozialisierung zu ergreifen. Ich richte meinen Appell vor
allen Dingen an die Vertreter der sozialistischen Parteien, daß es ihre
Pflicht und Schuldigkeit ist, vor allen Dingen darauf hinzuwirken, daß
eine Einigkeit zustande kommt.
Ich erinnere daran, daß wir große Massen der Angestellten und der
Landbevölkerung für die Idee des Sozialismus gewinnen könnten, wenn
man nur einig wäre. Wir brauchen gerade das geistige Proletariat und
die Bauernschaft, wenn wir die Sozialisierung durchführen wollen. Es ist
begreiflich, daß große Arbeitermassen zur USP und zu den Kommunisten
gehen, denn dort, wo geschimpft wird, wendet man sich hin, wenn man
die Befriedigung seiner Wünsche nicht erlangen kann. Herr Dr. Steiner
hat schon darauf hingewiesen, daß in einem großen Teil der Arbeiterschaft
noch die Ideen leben und daß die Verhältnisse heute so liegen wie vor Aus-
bruch des Krieges und daß man, wenn man die Sozialisierung in Angriff
nimmt, sehr rasch eine materielle Besserung für die Masse der arbeitenden
Bevölkerung erreichen würde. Das ist ein Irrtum! Wenn wir auch die Soziali-
sierung in Angriff nehmen durch die Betriebsräte und durch die Dreiglie-
derung des sozialen Organismus, dann ist damit im Augenblick nur das
erreicht, daß wir unser Wirtschaftsleben zunächst vor dem Untergang bewah-
ren. Es wird noch einer jahrelangen Arbeit bedürfen und vor allen Dingen
der Zertrümmerung des Entente-Kapitalismus, bevor sich die Früchte der
Sozialisierung zeigen werden. Die Parteiführer müssen auch in dieser Be-
ziehung ihre Anhänger auf die tatsächlichen Verhältnisse hinweisen.
Ich möchte noch darauf hinweisen, daß doch eigentlich eine Dreigliede-
rung des sozialen Organismus vorhanden ist [Zwischenruf: oho] und daß
es sich darum dreht, sie umzuformen und in andere Bahnen zu lenken
[Lachen]. Die drei Gebiete sind ja nur verquickt [Lachen], sie sind ja
nur auseinanderzureißen. Ich sage das deshalb, weil in vielen Kreisen die
Ansicht besteht, daß etwas Neues geschaffen werden soll. Es handelt sich
nur um eine Umformung, und zwar nach den Grundsätzen, die der «Bund
für Dreigliederung» vertritt.
Ebenso notwendig wie die Schaffung der Betriebsräte wäre es, daß
man in geistiger Beziehung die Arbeiterschaft und die Angestellten mehr
bearbeitet, als es bisher geschehen ist. Gerade die ethischen Ziele des
Sozialismus sind heute in den Hintergrund geschoben worden gegenüber
den materiellen Zielen. Es müßte hierfür agitiert werden. Herr Dr. Steiner
meint, die Betriebsräte werden die Einigkeit des Proletariats bringen. Ich
meine, die Einigkeit des Proletariats wird die Sozialisierung und die Be-
triebsräte bringen.
Herr Haller: Ich möchte einiges korrigieren, was die Redner gesagt haben.
Ein Herr hat gesprochen von Macht ohne Terror. Wenn heute die Arbei-
termassen diesen Betriebsräten noch so skeptisch gegenüberstehen, so
kommt das daher, daß die Arbeiterschaft wohl weiß, daß es in der Weltge-
schichte nirgends geschrieben steht, daß der Kapitalismus jemals freiwillig
auf seine Vorrechte verzichtet und das ganze System in die Hand der
großen Massen gelegt hat. Ich meine, das Wichtigste wäre nicht, die Be-
triebsräte schnell zu wählen, sondern die Idee unter die Massen zu streuen,
denn die Betriebsräte sind schnell gewählt, wenn die Ideen erst mal unter
den Massen verbreitet sind. Es wurde gesagt, die Wahl der Betriebsräte
sei eine Vorarbeit. Ich kann dem nicht widersprechen, aber ich möchte
doch betonen, daß wir kein Interesse daran haben, den Zukunftsstaat in
kapitalistischer Form weiterzuführen. Wir müssen etwas Neues aufbauen.
Wenn die Betriebsräte über den Industriestaat Württemberg hin selbst
zu Machtfaktoren würden, wäre es doch vielleicht unmöglich, sich auf
Dauer über das ganze Reich hin zu behaupten, denn die Kapitalisten
sind sich einig und werden sich auch wieder versöhnen mit den Entente-
Kapitalisten. Wenn die Arbeitermassen international sich so einig wären
wie die internationalen Kapitalisten, dann wäre uns dieser fürchterliche
Trümmerhaufen erspart geblieben. Wir müssen versuchen, die ganze Wirt-
schaft in die Hand zu bekommen.
Herr Dr. Steiner hat gesagt, daß viele die Sozialisierung noch nicht
begriffen hätten. Die Arbeiter verstünden nicht, was damit gemeint ist.
Da ist noch viel Aufklärung zu schaffen. Und die geistigen Arbeiter
waren sich auch bisher noch nicht bewußt, daß sie ebenso vom Unterneh-
mer abhängen wie der proletarische Handarbeiter. Es ist gesagt worden,
es müsse eine Brücke geschlagen werden zwischen Handarbeiter und
Kopfarbeiter. Ich habe noch nicht viel von solch einem Brückenschlag
gesehen. Wenn die Führer nicht gewillt sind, diese Brücke zu errichten,
müssen die Kopfarbeiter und die Handarbeiter selber das Nötige tun.
Wenn gesagt wird, wir würden dann eventuell das Schlachtfeld abgeben
zwischen Bolschewismus und Entente-Kapitalismus, muß ich doch sagen,
daß die Verhältnisse in Rußland und in Deutschland ganz andere sind.
In Rußland haben die geistigen Arbeiter Sabotage getrieben. Ich bitte die
Handarbeiter, in dieser schweren Stunde dieses Unheil zu verhüten. Die
geistigen Arbeiter müssen uns zur Seite stehen, damit wir endlich zum
Ziel kommen. Wenn heute ein Betriebsrat gewählt ist und der ganze
Wirtschaftskörper in unserer Hand ist, wird ein Direktor nicht mehr
Rechte haben als ein Betriebsrat. Die Betriebsräte sollen die Urzelle des
Wirtschaftslebens sein. Da müssen die Betriebsräte hergehen und sagen:
Herr Direktor, Sie dürfen den Posten unter unserer Kontrolle und Füh-
rung weiter verwalten. Wir sind nicht dazu da, die Leute davonzujagen,
sondern wir wollen nur gleiches Recht für alle.

Herr Biel: Ich wollte eigentlich auf das Wort verzichten, aber da ich
auch zu den Betriebsräten gehöre, möchte ich doch einige Worte sprechen.
Ich möchte darauf zurückkommen, wie notwendig es eben ist, daß wir
eine neue Wirtschaftsform zu schaffen suchen. Diese neue Wirtschaftsform
kann meines Erachtens nur durch die Dreigliederung, wie sie Herr Dr.
Steiner vorschlägt, gefunden werden. Sie wissen wohl alle, daß die uns
auferlegten Bedingungen sehr schwer sind. Wir werden beginnen müssen
mit einer Anzahlung, und schon diese Anzahlung bedingt einen Umbau
des Wirtschaftslebens. Da kann es nicht mehr so sein, daß wir unter den
alten Bedingungen produzieren, daß wir dastehen als Arbeiter mit dem
sogenannten Minimalexistenzlohn und nebenan ein Kapitalist ist, der Mil-
lionen erwirbt. Wir dürfen dann immer aus unseren Knochen heraus die
Schulden bezahlen, die diese alte Gesellschaft und die noch bestehenden
Kapitalisten gemacht haben. Schon aus diesen Gründen heraus sollte sich
jeder Mensch darüber klar sein, daß die alte Methode ein Ding der Un-
möglichkeit ist. Ich glaube doch, daß in der Menschheit noch so viel
Vernunft Platz greifen wird, daß die Bedingungen der Entente als Unmög-
lichkeit zurückgewiesen werden. Ich glaube, es wird sehr bald geschehen.
Treten wir heran an die Wahl von Betriebsräten und lassen das, was
unsere Brüder im Osten gewonnen haben, nicht wieder heruntersinken,
so daß sie uns später nicht Vorwürfe machen müssen wie: Man hat euch
Wege gewiesen, aber ihr wolltet sie nicht gehen. - Sie haben uns die
Elementarschule gezeigt, nun wollen wir sehen, ob wir zur Reifeprüfung
fähig sind.

Herr Spörr: Es ist uns allen klar, daß die Betriebsräte eine Notwendigkeit
sind. Es ist uns auch ferner klar, daß in unserem ganzen Geistesleben,
m alledem, was wir denken und fühlen, neue Bahnen eingeschlagen werden
müssen. Ich begrüße es daher, daß Herr Dr. Steiner es in so packender
Weise versteht, die Gedanken in die Massen hineinzuwerfen und hier
auch seine Anhänger zu finden. In den Ausführungen des Herrn Dr.
Steiner ist für mich aber eine große Frage offengeblieben: Wie wird der
Widerstand der Arbeitgeber dieser Bewegung gegenüber gebrochen? Die
Arbeitgeber werden sich auf den Standpunkt stellen, nur das zu gewähren,
was sie gesetzlich gewähren müssen. Die Gesetze, die heute gemacht wer-
den, werden aber nicht von Praktikern, sondern von Parteibonzen ge-
macht. Es müssen Männer erstehen, die uns Gesetze schaffen, mit denen
etwas anzufangen ist. Und wir müssen rasch handeln, sonst werden wir
vom Entente-Kapitalismus erdrückt. Bis die Arbeiterschaft der Entente
sich dazu durchgerungen hat, das zu verstehen, was uns die Not gelehrt
hat, darüber vergeht noch viel Zeit.
Ich glaube, daß es nur eine Richtlinie gibt, nämlich daß wir so schnell
wie möglich dahin wirken, daß die geistigen Arbeiter beizeiten sich da
einschalten, wo die organisierte Arbeiterschaft sich eingeschaltet hat. Das
war der Fluch der Revolution, daß gerade die gebildeten Volksmassen
politisch nicht auf der Höhe gewesen sind. Hier erwächst dem «Bund»
die Aufgabe, vor allen Dingen aufklärend zu wirken. Wenn wir heute
die bürgerlichen Kreise betrachten und sehen, daß die Leute, die der
Arbeiterschaft das freie Wort verdanken, sich dazu hergeben, diese Arbei-
terschaft niederzuknallen, so sind das Faktoren, die uns zu denken geben.
Ich halte es nicht für richtig, wenn sich die Regierung nur durch Bewaff-
nung halten kann. Hier muß vor allen Dingen Aufklärung hinausgetragen
werden.

Herr Gönnewein: Die meisten Redner sprachen mit Recht sehr deutlich
aus, daß nun der Worte genug gesprochen wären, man wolle Taten sehen.
Das ist nur zu unterstreichen. Wenn wir heute nicht zur Tat schreiten
können, so liegt das aber nicht daran, daß das Volk nicht reif ist, sondern
daß es nicht einig ist. Reif, glaube ich, ist das Volk eigentlich. Zumindest
dürfte man es annehmen, daß es in diesen vier Jahren zur Reife gebracht
worden ist. Aber man versucht von allen Seiten, das Volk zu veruneinigen,
weil man nicht will, daß von anderer Seite her etwas kommt, was nicht
von den sogenannten Parteiführern selbst kommt. Wenn wir heute in
verschiedenen Betrieben und insbesondere in Großbetrieben noch keine
Betriebsräte haben, so ist das nicht deshalb, weil das Volk nicht reif dazu
ist, sondern weil man von allen Seiten versucht, die Sache zu unterbinden.
Wir sind eines guten Willens dazu. Aber weil es gerade Herr Dr. Steiner
war, der mit dieser Idee der Dreigliederung kam, und nicht diejenigen,
die sich berufen dazu glauben, deshalb ist es nicht das Richtige. Ich
erinnere daran, daß, als die ersten Vorträge von Herrn Dr. Steiner vor
der Arbeiterschaft gehalten wurden, ihm die Arbeiterschaft zujubelte und
erklärte, daß da etwas gekommen sei, wodurch die Arbeiterschaft aus
dem Elend befreit werden könnte. Nachdem man die Sache untersuchte,
kam man zu der Überzeugung der Parteiführer, nämlich: Wenn man der
Sache zu sehr huldige, dann könnten die Felle für verschiedene Herren
davonschwimmen. - So zog man die Sache in den Kot, so daß viele sich
an die Parteibonzen heranschlichen, um für sie Stimmung zu machen.
Nicht die Arbeit der Parteibonzen ist gefährlich, sondern deren Trabanten
sind es, weil sie sich ein Dogma aufoktroyieren lassen. Das ist ein unge-
sundes Verhältnis. Solange das nicht begriffen wird, werden wir aus dem
Wirrwarr nicht herauskommen.
Mit Recht ist angeführt worden, daß man versuche, nur Agitationsre-
den zu halten. Sie können überall hingehen. Jeden Tag ist Gelegenheit
geboten, alles mögliche zu hören. Heute wäre es angemessen gewesen
und eine besondere Genugtuung gewesen, wenn diese Herrschaften zum
Diskussionsabend gekommen wären und uns klar gesagt hätten, daß sie
etwas Besseres haben als die Idee von Herrn Dr. Steiner. Wir versuchen
bei jeder Gelegenheit, die Herrschaften einzuladen, um endlich einmal
etwas Besseres zu bekommen. Das ist aber noch nicht geschehen.
Es wurde ja schon darauf hingewiesen, daß der Kapitalismus nicht
auf seine Vorrechte verzichten wird, selbstverständlich nicht. Das ist für
uns ein unantastbarer Gegner, dessen sind wir uns bewußt. Wir wissen
genau, daß er nur durch intensiven Kampf zur Strecke gebracht wird.
Aber, von einem solchen Kapitalismus können wir ja gar nicht mehr
reden. Nach einem solchen Elend kann in diesem Umfang gar nicht mehr
von Kapitalismus gesprochen werden. Heute kommt es darauf an, daß
wir, wenn wir nicht dem Elend verfallen wollen, dazu übergehen müssen,
die gesamte Menschheit zusammenzufassen, um etwas aus dem Trümmer-
feld herauszuholen. Da darf nicht die Rede davon sein, daß man sich
nicht solidarisch erklären kann mit den Geistesarbeitern. Ein Redner sagte,
die Brücke zwischen Hand- und Geistesarbeitern sei noch nicht errichtet.
GewTiß, es gibt Handarbeiter, welche den guten Willen haben, die Brücke
zu errichten. Ich möchte aber daran erinnern, daß es wiederum gerade
diejenigen sind, die noch nichts von der Brücke gesehen haben, die verhin-
dern, das zu tun, was nötig ist. Wenn man zum Beispiel mit einem
Ingenieur oder einem höheren Angestellten spricht, rufen sie einem nach:
Schaut her, dieser Arbeiterverräter! Er schmust mit dem Kapitalismus!
Wie soll man da die Brücke herstellen, um eine Einigung herbeizuführen?
Hierüber müßte zweifellos noch mehr nachgedacht werden.
Wenn gesagt wird, daß wir den Kampf gegen den Kapitalismus aufneh-
men müssen und die Diktatur des Proletariats errichten und dann die
Dreigliederung einführen müssen, so sind wir uns dessen bewußt, daß
die Sache, wenn wir nicht die Macht haben, an dem Geist des Unterneh-
mers scheitern muß. Ich bin aber zu der Auffassung gekommen, daß es
nicht so bleibt, sondern daß uns die kommende Zeit schon einiges geben
wird. Wir müßten ja von allen guten Geistern verlassen sein, wenn wir
nicht aus dem, was heute ist, sehen würden, daß etwas Neues kommen
muß. Dann aber ist es notwendig, daß wir nicht in den Fehler verfallen
wie am 9. November, wo wir ja um die ganze Geschichte betrogen
worden sind, die Sache nicht bewußt genug anzugehen. Wir müssen uns
heute mit dem Gedanken befassen, etwas Greifbares hinstellen zu wollen,
damit, wenn wir die Macht haben, wir auch etwas daraus zu machen
wissen. Wenn mir die Kommunisten sagen: Wir wollen alles auf die Art
haben, wie wir es uns denken -, dann rufe ich ihnen zu: Die Botschaft
höre ich wohl, allein mir fehlt der Glaube. - Da muß man fragen: Wenn
das Volk nicht reif sein soll zum Sozialismus, wie sollte dann der Kommu-
nismus Platz haben? Leider sind wir noch nicht so weit gekommen, daher
befassen wir uns mit dem, was uns Gelegenheit gibt, hinaufzukommen
zum Licht. Und da muß ich sagen: Die Dreigliederung ist eine Etappe,
um von ihr aus emporzusteigen zum Sozialismus. Daher ist es ungerecht,
daß man uns dauernd anschimpft, weil wir uns mit den Kapitalisten, die
heruntergestiegen sind zum Proletariat, um mit den Proletariern gemein-
sam etwas zu tun, damit die Menschheit überleben kann, solidarisch erklä-
ren. Es ist heute nicht mehr alles so anzusehen, wie es 1913 war. Es
sollte heute einer kommen und uns erklären, wie wir auf eine bessere
Art aus dem Elend herauskommen! Solange das nicht geschieht, so lange
ist es eine Ungehörigkeit, wenn man in den Zeitungen und andernorts
diese Idee in den Dreck zieht. Heute wäre die Gelegenheit gegeben, daß
sich die Herrschaften hinstellen und einen besseren Weg zeigen. Ich rufe
Ihnen zu: Lassen Sie sich von diesen Herrschaften nicht beirren! Wenn
Sie sich dem Gedanken der Dreigliederung angeschlossen haben, so lassen
Sie sich nicht von denen sagen: Es ist nicht der richtige Weg -, sondern
wählen Sie selbst! Lassen Sie sich nicht zu denen zählen, die sich ein
Dogma aufoktroyieren lassen, sondern gehen Sie den geraden Weg als
kampfes- und klassenbewußter Arbeiter in den Parteien! Aber hinsichtlich
der Aufnahme einer Idee kann man sich auch hier im «Bund für Dreiglie-
derung» anregen lassen. Hier hat sich der Proletarier und auch der klassen-
bewußte Kämpfer nichts zu vergeben. Deshalb müssen Sie jederzeit, wenn
man an Sie von der Partei her herantritt, sagen, daß es eine Ungerechtig-
keit ist, Sie einzuschränken, wenn Sie dahin gehen, wo Sie Ihr Gewissen
hinschickt, wo Sie etwas lernen können.
Am 2. Juli wird hier eine Fortsetzung der Diskussion sein. Ich möchte
Sie bitten: Bringen Sie auch solche Leute mit, die noch keinen Glauben
haben an die Dreigliederung. Wer heute abend seine Ohren gespitzt hat,
wird schon gemerkt haben, um was es sich handelt. Wir brauchen keine
Lehrgänge mehr zu machen, brauchen nicht zu erforschen, was der
«Bund» will, aber wir wollen bestrebt sein, die Idee der Dreigliederung
auch in andere Kreise zu tragen, und den Führern sagen, daß sie sich
auf ihren Hosenboden setzen und das Buch von Herrn Dr. Steiner lesen
sollen. Dann werden sie schon zu einer anderen Meinung kommen. Schrei-
en Sie es den Herrschaften in die Ohren, damit sie endlich begreifen,
denn sie sind schwer von Begriff.

Rudolf Steiner: N u r noch weniges werde ich Ihnen zu sagen ha-


ben, allein dies wenige wird notwendig sein.
Zunächst ist gesagt worden, daß ja im Prinzip die einzige prakti-
sche Möglichkeit zur Lösung der Sozialisierungsfrage schon in
dem läge, was von der Dreigliederung in bezug auf die Betriebsräte
gewollt wird oder ähnliches. Aber es ist getadelt worden, daß der
«Bund für Dreigliederung» in wilder Weise die Betriebsräte wählen
lassen will. Ja, ich verstehe eigentlich nicht ganz, was damit ge-
meint sein soll, daß just das eine wilde Wahl sein soll. Man kann
unter Umständen sogar der Meinung sein, wenn man ganz unbe-
fangen den Entwurf des Gesetzes für die Betriebsräte durchstu-
diert, der ja vor einiger Zeit durch die Presse gegangen ist, daß
der eine wilde Sache ist. Also es kommt darauf an, daß man
versucht, die Sache wirklich unbefangen zu sehen. Dann wird sich
zeigen, daß in der Tat, wenn aus dem wirtschaftlichen Leben
heraus das zustande kommt, was wir uns als Betriebsräte denken,
ein gutes Stück von dem dasteht, was in der Zukunft als eine
wirkliche Macht erobert werden muß. Wenn man immer sagt:
Wir kommen doch nicht weiter, wenn wir dies und jenes nicht
haben, und daß uns die wirtschaftliche Macht nichts nützt, wenn
wir nicht die politische Macht haben und dergleichen, so muß
man demgegenüber doch sagen, daß es sich doch darum handelt,
daß man einmal irgendwo anfängt, und daß man sich nicht immer
dadurch abhalten läßt, daß man sagt, das nützt nichts und das
nützt nichts.
Sehen Sie, ich kann ja gut verstehen, wenn jemand sagt: Wenn
auch so ein kleines Gebiet wie Württemberg Betriebsräte wählt,
so werden es doch nicht alle tun; ganz Deutschland sollte wählen. -
Ja, selbstverständlich wäre das das beste, wenn gleich die ganze
Welt Betriebsräte wählen würde. Aber ich denke, weil wir das
nicht gleich in der ganzen Welt tun können, fangen wir mal da
an, wo wir es tun können. Wir müssen mit den Verhältnissen
rechnen, die vorhanden sind, und da liegt uns zunächst als ge-
schlossenes Wirtschaftsgebiet Württemberg vor. Fange man nur
irgendwo an, dann wird schon, wenn die Sache gehen wird, auch
eine Fortsetzung möglich sein. Ich denke, daß man sich durch
all die Einwände nicht beirren lassen soll. Wenn nicht gleich in
ganz Deutschland die Betriebsräte in Szene gesetzt werden können,
so muß man eben für Württemberg an das Fruchtbare denken.
Das, worauf es gerade ankommt, das ist, daß man diese Dreigliede-
rung einsieht, daß man sieht, es muß auf jedem der drei einzelnen,
selbständigen Gebiete des sozialen Organismus die Sache in die
Hand genommen werden. Ich muß schon sagen, daß der verehrte
Redner, der von den wilden Betriebsräten gesprochen hat - weil
sie reinlich aus dem Wirtschaftsleben hervorgegangen sind - , die
Dreigliederung doch noch nicht ganz gehörig verstanden hat, sonst
hätte er nicht sagen können, daß diese Dreigliederung eigentlich
schon da ist und die drei Glieder nur durcheinander gemischt
sind. Selbstverständlich sind diese drei Glieder des sozialen Orga-
nismus da, aber daß sie früher durcheinander waren, das ist es
eben, was nichts taugte. Deshalb wollen wir sie auseinanderreißen.
Es kommt nicht darauf an, daß sie da sind, sondern wie sie
gestaltet sind beziehungsweise gestaltet werden sollen. Und der
«Bund für Dreigliederung des sozialen Organismus» hätte sich
ganz gewiß nicht gebildet, wenn es nicht darauf ankäme, gerade
diese drei Glieder in einer richtigen Weise nebeneinander in ihrer
Selbständigkeit hinzustellen. Daß die drei Glieder sich im Leben
in der richtigen Weise nebeneinanderstellen, das ist es, worauf es
ankommt.
Es ist noch einiges andere gesagt worden, namentlich von dem
einen Herrn, der so ein bißchen mit einem kleinen lächelnden
Blick den «Idealisten» wiederum gestreift hat. Aber das, was der
Herr gesagt hat, gerade das war durchaus von einem gewissen
abstrakten Idealismus getragen. Er hat zum Beispiel gesagt: Prakti-
ker müssen erstehen. - Ja, wir müssen die Dinge, so wie sie sind,
an die Menschen heranbringen, dann ist man ein Praktiker, nicht
wenn man idealistisch ruft: Praktiker müssen erstehen. Wir wollen
nicht warten, sondern wir wollen solche Maßnahmen treffen, daß
die Praktiker sich geltend machen können. Das ist das, was wir
tun können. Der Ruf «Praktiker sollen erstehen» ist ein abstrakt
idealistischer Ruf. Man darf auch nicht sagen: Es wird ein Kampf
erstehen. - Dadurch entstehen keine Praktiker, sondern sie entste-
hen durch die Befreiung des Geisteslebens und der anderen Gebie-
te. Denn wenn immer wieder gesagt wird, daß wir Entwicklung
brauchen, und es wird gewissermaßen ein Pessimismus in das Gan-
ze hineingebracht, so möchte ich Sie doch darauf aufmerksam
machen - ich habe zwar auch an den entsprechenden Stellen in
meinem Buch darauf hingewiesen - , daß gewisse Dinge nicht von
heute auf morgen gemacht werden können. Aber schließlich, die
Betriebsräte können in einer gewissen Weise von heute auf morgen
auf die Beine gestellt werden, und dann wird es schon weitergehen.
Da handelt es sich nicht darum, daß man immer nur hinweist
auf Entwicklung, sondern darum, daß man Hand anlegt an das,
was zunächst wirklich getan werden kann. Ich möchte eigentlich
immer denjenigen, die von der Entwicklung sprechen, entgegenru-
fen, daß sie mir vorkommen wie ein Mensch, der in einem Zimmer
sitzt, io dem die Luft schlecht geworden ist, und der, bevor er
ohnmächtig wird, ja das Fenster öffnen könnte, damit die Luft
besser werde, aber er müßte eben den nächsten Handgriff tun.
Er sollte nicht warten, bis es die Entwicklung mit sich bringt,
daß die Luft besser wird. - Das ist das, was wir endlich begreifen
sollten, daß da, wo menschliche Handlungen in Betracht kommen,
Menschen auch wirklich Hand anlegen müssen. Wir können nicht
warten, bis die Arbeiter der Entente uns zu Hilfe kommen kön-
nen. Tun wir das, was die Arbeiter hier tun sollen, dann ist die
Möglichkeit gegeben, daß wir vorwärts kommen und an das
Nächstliegendste herangehen. Das wird uns mehr frommen, als
wenn wir uns abstrakten Idealen widmen.
Jetzt möchte ich insbesondere noch auf eines zurückkommen.
Es wird ja immer gesagt, daß die Sozialisierung nur aus der Einig-
keit des Proletariats hervorgehen kann. Man kann ebensogut sagen,
und das wird das wirklich Praktische sein, daß das Proletariat
doch einmal versuchen soll, sich einer großen Aufgabe zu widmen!
Wodurch entsteht denn die Uneinigkeit? Sie entsteht dadurch, daß
man sich nicht die richtigen Aufgaben stellt, daß man an den
Dingen vorbeiredet, daß man nicht viel über das redet, worauf
es ankommt, nicht über das, wo der Schuh drückt, sondern daß
man Parteiprogramme macht, die man beliebig variieren kann. Da
kann der eine das und der andere das sagen. Aber in wirklich
sachlichen Dingen, da sind sich die Proletarier einig. Sie brauchen
sich nur darauf zu besinnen, daß es ja auf die Sachfragen ankommt.
Daher versuche man einmal, eine Körperschaft zu begründen, die
aus dem Vertrauen der Arbeiterschaft hervorgeht, in der man über
Sachfragen und das sachlich Notwendige verhandelt. Sie werden
sehen, daß man sich da schon einig sein wird, denn da wird man
über etwas reden, was wirklich ist, und nicht über etwas, was
ein bloßes Parteiprogramm und dergleichen ist. Parteiprogramme
sind meistens dazu da, um an der Sache vorbeizureden. Versuchen
Sie, mit dieser Betriebsräteschaft den Anfang zu machen und damit
über die sachlichen Dinge selbst zu reden, und die Einigkeit wird
vielleicht gerade dadurch wie von selbst entstehen.
Herr Gönnewein: Sie haben die letzten Worte gehört, und ich möchte
Ihnen noch sagen: Beherzigen Sie das, was zum Ausdruck gekommen
ist! Tragen Sie es hin zu Ihren Kollegen, damit es fruchtbringend wirkt
zum Heile des dreigliedrigen sozialen Organismus. - Hiermit ist die Ver-
sammlung geschlossen.
SECHSTER DISKUSSIONSABEND

Stuttgart, 2. Juli 1919

Der Vorsitzende, Herr Roser, eröffnet die Versammlung

Einleitende Worte

Rudolf Steiner: Meine werten Anwesenden! Ich will mich auch


heute wiederum kurz fassen und hoffe, daß Sie von der Diskussion
lebhaften Gebrauch machen werden, so daß wir heute vielleicht
auch die eine oder die andere Einzelheit besprechen können. Da
die Ereignisse immer mehr zu einer Neugestaltung der sozialen
Ordnung drängen, würde es nicht gut sein, wenn die Bestrebun-
gen, welche dazu bestimmt sind, eine solche Neugestaltung herbei-
zuführen, also solche Bestrebungen wie die der Begründung von
Betriebsräten, wiederum völlig einschlafen würden. Denn, meine
werten Anwesenden, es gibt ja wohl Leute, denen es ganz recht
wäre, wenn diese Betriebsrätebewegung wieder einschlafen würde.
Um so mehr müssen wir uns bemühen, sie nicht einschlafen zu
lassen. Ich möchte, nachdem ich in der letzten Versammlung über
die Dreigliederung und ihre Verbindung mit der Betriebsrätefrage
gesprochen habe, heute einige Worte zu Ihnen sprechen über et-
was, was gerade mit Rücksicht auf die Dreigliederung ein Ver-
ständnis für die Betriebsräteschaft herbeiführen kann.
Sie wissen ja, daß wir zunächst die Betriebsräte einfach aus
den einzelnen Betrieben heraus schaffen wollen. Wir wollen, daß
aus den einzelnen Betrieben heraus Betriebsräte gewählt werden,
die also dann einfach da sind und die dann eine Betriebsräteschaft
über ein zunächst in sich geschlossenes Wirtschaftsgebiet, sagen
wir Württemberg, bilden. In einer Urversammlung dieser Betriebs-
räteschaft würde dann alles festzulegen sein, was Aufgabe, Kompe-
tenz und so weiter der Betriebsräte ist. Es würden sich dadurch
zum ersten Mal unabhängig von den beiden anderen Institutionen,
also dem Geistesleben und dem Staats- oder Rechtsleben, wirt-
schaftliche Maßnahmen aus den wirtschaftenden Persönlichkeiten
heraus ergeben. Diese Maßnahmen würden also erst beschlossen
werden in der Urversammlung der Betriebsräteschaft. Dann erst
wären die Aufgaben da. Dann würden die einzelnen in den Betrie-
ben gewählten Betriebsräte in ihre Betriebe zurückkehren und dort
ihre Aufgaben übernehmen. Zugleich würden dann auch die For-
derungen, die überhaupt nur für die allgemeine Sozialisierung ge-
stellt werden können, auf dem Tisch liegen. Wenn dann eine wirk-
liche Einmütigkeit da wäre - denn in dieser Einmütigkeit liegt
die Macht - , müßte sich jede Regierung, welche es auch sei, fügen
müssen. Ich glaube sogar, daß manche Leute es schon deutlich
fühlen, was es bedeuten würde, wenn aus sämtlichen Betrieben
heraus diese Betriebsräte gewählt würden und über ein geschlosse-
nes Wirtschaftsgebiet hin eine Urversammlung bilden würden und
wenn aus dieser Urversammlung wiederum Beschlüsse hervorgehen
würden, die dann vom Vertrauen der gesamten Arbeiterschaft die-
ses Wirtschaftsgebietes getragen würden. Das würde eine wirkliche
Macht sein, denn einer auf einem eigenen Urteil und der Einmütig-
keit und dem Vertrauen gegründeten Macht wird auf die Dauer
keine Regierung, keine gesetzgebende Körperschaft widersprechen
können. In dieser Weise kann man sich ganz konkret den Weg
denken. Damit aber würde zugleich der erste Schritt zu einer
wirklichen Sozialisierung getan sein, einer Sozialisierung, die doch
nur hervorgehen kann aus den Bestimmungen und Maßnahmen
der wirtschaftenden Menschen selber. Vielleicht wird man dann,
wenn einmal die Beschlüsse einer solchen Betriebsräteschaft da
sind, erst wissen, was eigentlich Sozialisierung bedeutet.
N u n muß man sich aber auch darüber im klaren sein, daß bei
der Wahl der Betriebsräte sehr einsichtsvoll umgegangen werden
muß, denn diese Betriebsräteschaft wird in vieler Beziehung ganz
neue wirtschaftliche Maßnahmen treffen müssen, wird ganz neue
Impulse setzen müssen. Ich habe schon öfter gesagt, wenn ich
über diese Dinge im Zusammenhang mit der Dreigliederung ge-
sprochen habe, daß wir in der Gegenwart vor allen Dingen ein
Umdenken, ein wirkliches Umdenken brauchen. Und ich stelle
nlir vor, daß dann, wenn zum ersten Mal innerhalb eines geschlos-
senen Wirtschaftsgebietes, getragen von dem Vertrauen der gesam-
ten Arbeiterschaft, die Urversammlung einmütig eine solche wirt-
schaftliche Maßnahme trifft, daß gerade dann ein Umdenken, ein
Umlernen zum Vorschein kommen könnte. Da muß man aber
wissen, wie stark mit Bezug auf das wirtschaftliche Leben heute
eigentlich umgedacht werden muß. Ich möchte Ihnen deshalb, da-
mit Sie sich über die schweren Aufgaben der Betriebsräte orientie-
ren können, ein Beispiel des alten Denkens schildern.
Sehen Sie, dieses alte Denken ist ja nicht etwa bloß eine Summe
von Gedanken, sondern es ist der Ausdruck für die Wirtschafts-
ordnung, die bisher bestanden hat und die durch die Weltkriegska-
tastrophe ihr Ende gefunden hat. Aber das, was die Leute dachten,
das ragt noch in die neuere Zeit herein, und das ist dasjenige,
was im Grunde genommen einmal gründlich aus den Köpfen ent-
fernt werden muß. Hierzu mochte ich nun ein charakteristisches
Beispiel anführen. Da ist soeben ein Aufsatz von einem sehr be-
rühmten Volkswirtschaftslehrer des alten Regimes erschienen, also
von einem Manne, der in seinen Gedanken viel von dem hat, was
das alte Regime, was das sogenannte Privatkapital-Regime, das
überwunden werden muß, hervorgebracht hat. Ich möchte Ihnen
das, was da von dem Professor Dr. Luja Brentano gesagt wird,
als Beispiel anführen für das, was im alten Regime waltet. Diese
Gedanken von Brentano beziehen sich auf den Unternehmer des
alten Regimes, und er bemüht sich allen Ernstes, soweit es ihm
möglich ist, sich einen Begriff auszubilden von dem, was nun
eigentlich der Privatunternehmer ist. Daß er diesen Privatunterneh-
mer durchaus nicht als ein überflüssiges Möbel der künftigen Wirt-
schaftsordnung betrachtet, das sehen Sie aus den Schlußworten
Brentanos. Er sagt:

«Viele glauben heute, das private Unternehmertum gehe seinem Ende


entgegen. In der Kontrolle so vieler Unternehmungen größten Stils
durch die Banken sehen sie den Beginn der Aufsaugung alles Unterneh-
mertums in ein Gesamtunternehmen und in dieser die Überleitung
aller Unternehmungen in den Betrieb des Staats. Wir stehen erst am
Anfang einer Entwicklung, welche der privaten Unternehmung von
ihr bisher kaum berührte Erdteile erschließt, und das hat die bisherige
Erfahrung gezeigt, daß die verschiedenen Nationen in dem Wettkampf
um diese Erschließung als Sieger hervorgehen, je weniger sie dem Staa-
te, je mehr sie der privaten Initiative überlassen. Je mehr die Volkswirt-
schaft der einzelnen Völker Weltwirtschaft wird, desto größer der Spiel-
raum der privaten Unternehmung, desto größer deren Zukunft. Sie
wird ihre Aufgabe aber nicht nur um so segensreicher, sondern auch
um so widerspruchsfreier und damit um so vorteilhafter für sie selbst
lösen, je rückhaltloser sie eines der Grundprinzipien der heutigen Wirt-
schaftsordnung, die persönliche Freiheit, auch in der Gestaltung des
Arbeitsverhältnisses zur Anerkennung bringt und je mehr sie das Geld,
das sie verdient, zu verdienen sucht, nicht auf dem Wege der Wertstei-
gerung durch Verkümmerung der Bedürfnisse, denen ihre Produkte
dienen sollen, sondern durch möglichst vollkommene Befriedigung der-
selben bei wirtschaftlichster Verwendung der Produktionsmittel. Solan-
ge dies der Gesichtspunkt ist, von dem sie sich leiten läßt, ist ihr
Ende noch nicht abzusehen.»

Also Sie sehen, ein richtiger Vertreter der alten Wirtschaftsord-


nung sagt hier, daß das Privatunternehmertum nicht nur nicht zu
Ende ist, sondern daß es jetzt erst recht zu blühen beginnt, denn
ohne dieses Privatunternehmertum wäre die Wirtschaftsordnung,
die sich in Zukunft entwickeln soll, ganz und gar nicht möglich.
Wir haben also die Meinung vor uns, die heute noch viele Kreise
beherrscht, nämlich daß eine Abschaffung des Privatunternehmer-
tums nicht in Frage komme, da es eine Zukunft hat. Deshalb
muß man sich schon, wenn man nun ernsthaft und nicht bloß
agitatorisch an die Frage der Ablösung des alten Unternehmertums
durch die Betriebsräte herangeht, ein wenig mit den Gedanken,
die in den Köpfen herumspuken, auseinandersetzen. Man muß
sozusagen gewappnet sein, muß wissen, was die Leute denken
und was sie einem entgegenbringen werden, wenn es zu Auseinan-
dersetzungen zwischen den Vertretern des Bisherigen und den
Vertretern des Zukünftigen, also jenen, die sich für die Betriebsräte
einsetzen wollen, kommt.
N u n sehen Sie, den Begriff des Unternehmers, den will sich
dieser Volkswirtschaftslehrer selber klarmachen und vor die Men-
schen hinstellen. Er stellt sich die Frage: Was ist ein Unternehmer? -
Ja, er gibt nun drei Eigenschaften des richtigen Unternehmers an.
Erstens, «daß er das Verfügungsrecht über die zur Herstellung
eines Produkts nötigen Produktionselemente in seiner Hand verei-
ne». N u n muß man sich aber erst einmal klarmachen, was dieser
Herr unter «Produktionselementen» überhaupt versteht. Was er
darunter versteht, das geht aus einem seiner Sätze klipp und klar
hervor. Diesen Satz drechselt er nicht einmal selber, sondern den
entlehnt er bei Emil Kirdorff, einem der erfolgreichsten Männer
der bisherigen Praxis. Er sagt: «Wir Direktoren der Aktiengesell-
schaften, wir sind auch Angestellte des Unternehmens und haben
ihm gegenüber Pflichten und Verantwortung.» Und der gute Bren-
tano findet nun heraus, daß zu den «Produktionselementen» auch
solche Herren Direktoren wie der Herr Geheimrat Emil Kirdorff
gehören, daß also der Unternehmer das Verfügungsrecht über die
«Produktionselemente,» das heißt auch über Direktoren, haben
muß. Die ganze Arbeiterschaft bis hinauf zu den Direktoren, das
alles sind «Produktionselemente». Erstens also ist ein Unternehmer
derjenige, der das Verfügungsrecht über die «Produktionselemente»
hat; zu diesen gehören auch die Direktoren. Und ein solcher Mann
wie Kirdorff sieht das ganz gut ein, daß er eigentlich nicht ein
Mensch, sondern ein «Produktionselement» im Wirtschaftsleben
ist. Man muß sich schon klarmachen, was für Begriffe da in den
Köpfen stecken. Darum habe ich immer wieder betont, daß es
notwendig ist, umzudenken und umzulernen. Das war also die
erste Eigenschaft eines richtigen Unternehmers.
Die zweite ist die, «daß er diesen Produktionselementen die Be-
stimmung gebe, einem bestimmten Produktionszweck zu dienen, und
dementsprechend darüber verfüge». Hier muß man hinzudenken, daß
alle in der Produktion stehenden Menschen gemeint sind; denen muß
er also eine Bestimmung geben. Das ist die zweite Eigenschaft.
Die dritte ist die, «daß er dies tue für eigene Rechnung und
Gefahr». N u n haben wir also alle drei Eigenschaften eines richtigen
Unternehmers im Sinne des alten Regimes zusammen, also des
Unternehmers, der im Sinne des alten Regimes zur Aufrechterhal-
tung der künftigen Wirtschaftsordnung fortbestehen muß und dort
eine noch größere Bedeutung haben soll als bisher.
Sehen Sie, wenn man nicht gerade mit Professoren- oder Unter-
nehmer- oder sonstigen Scheuklappen behaftet ist, dann muß man
sich ja wohl sagen, daß die Persönlichkeiten mit diesen drei Eigen-
schaften die Tatsachen, die jetzt in Europa geschaffen werden
sollen, nicht dulden werden, denn schließlich: So weit sind wir
doch mit unserem Bewußtsein gekommen, daß die Zukunft nicht
abhängen kann von einer kleinen Anzahl Unternehmer, die den
«Produktionselementen» der weitaus größeren Anzahl von Men-
schen, also der Masse, ihre Bestimmung gibt. Aber das wird gera-
dezu gefordert. N u n verfolgen wir aber den Gedankengang dieses
Vertreters des alten Regimes noch ein wenig weiter. Er ist nämlich
eigentlich außerordentlich interessant. Wahrscheinlich werden Sie
glauben, ich mache jetzt einen Witz, aber das Folgende steht wirk-
lich in diesem Aufsatz; ich mache keinen Witz. Brentano rechnet
nämlich, nachdem er zunächst die große Masse der Arbeitenden als
«Produktionselemente» dargestellt hat, merkwürdigerweise auch die
Arbeiter, die Proletarier, zu den Unternehmern! Er sagt: «Ist der
Arbeiter somit auch nicht Produzent des konsumreifen Produkts,
so ist er deshalb doch nicht weniger Produzent eines selbständigen
Guts, das er für eigene Rechnung und Gefahr zu Markt bringt.
Auch er ist Unternehmer, Unternehmer von Arbeitsleistungen.»
Also sehen Sie, meine werten Anwesenden, wir haben jetzt den
Begriff des Unternehmers vor Augen, und zwar so, wie er von
einer volkswirtschaftlichen Leuchte der Gegenwart dargestellt wur-
de. Dieser Begriff des Unternehmers ist so konfus, ja er ist eben
so, daß Sie alle, wie Sie hier sitzen, lauter Unternehmer sind,
nämlich Unternehmer Ihrer Arbeitskraft, die Sie auf eigene Rech-
nung und Gefahr zu Markte tragen. Ja, und jetzt kommt noch
etwas dazu. Brentano sagt ja, daß das Übel, von dem immer
geredet wird, gar nicht besteht, da ja alle Unternehmer sind. Des-
halb mußte er herausfinden, worauf es eigentlich zurückzuführen
ist, daß die große Masse nicht damit zufrieden ist, ein Unterneh-
mer auf eigene Rechnung und Gefahr durch ihre Arbeitskraft zu
sein. Er sagt: «Einst gab es eine Zeit, in der dies der Arbeiter
nicht war, eine Zeit, da er in dem Betriebe, in dem er beschäftigt
war, aufging. Er war noch keine selbständige Wirtschaftseinheit,
sondern nichts als ein Rädchen im Wirtschaftsbetrieb seines Herrn.
Das war die Zeit der persönlichen Unfreiheit des Arbeiters. Das
Interesse am Fortschreiten seiner eigenen Wirtschaft hat dann den
Herrn dazu geführt, in dem von ihm beschäftigten Arbeiter ein
Interesse an seiner Leistung zu erwecken. Dies hat die allmähliche
Emanzipation des Arbeiters, schließlich seine völlige Freierklärung
gebracht.» Schön, nur der Schaden beruht in folgendem. Da ist
noch ein netter Satz, der lautet so: «Der kapitalistische Betriebsun-
ternehmer aber hat sich in diese Wandlung aus einem Herrn in
einen bloßen Arbeitskäufer noch nicht allenthalben gefunden.» Al-
so der Schaden besteht nur darin, daß sich der Betriebsunterneh-
mer in diese Rolle noch nicht hineingefunden hat, das heißt, kein
Herr mehr zu sein im alten Sinne, sondern ein Käufer von Arbeits-
kraft. Damit sagt Brentano eigentlich das Folgende: Wenn der
Arbeiter seine Arbeitskraft dem Unternehmer für eigene Rechnung
und Gefahr verkauft, dann ist ja alles in Ordnung. Es muß nur
noch hinzukommen, daß der Unternehmer erst verstehen lernt,
was das ist: Arbeitskäufer. - N u r weil er es noch nicht versteht,
sind immer noch Schäden vorhanden. Also ist es nur noch erfor-
derlich, dem Unternehmer endlich einzuhämmern: Du mußt nur
verstehen lernen, Arbeit auf dem Arbeitsmarkt zu kaufen, die
euch der Arbeiter als Unternehmer seiner Arbeitskraft verkauft.
Ja, es ist natürlich ein merkwürdiges Zeugnis, das der Herr da
den Unternehmern ausstellt. Das Proletariat ist heute so weit, zu
sagen, daß es vor allen Dingen darauf ankommt, daß die Arbeits-
kraft keine Ware mehr sein soll. Jener Herr aber stellt den Unter-
nehmern das Zeugnis aus, daß sie sich nicht einmal zu der Er-
kenntnis, Arbeitskäufer zu sein, aufgeschwungen haben. Also
denkt sich diese Leuchte der Volkswirtschaft das heutige Unter-
nehmertum sehr rückständig.
Was aber bedeutet denn das eigentlich alles? Sehen Sie, Sie
müssen nur die ganze Schwere dieser Tatsache ins Auge fassen.
Lujo Brentano ist einer der berühmtesten Nationalökonomen der
Gegenwart, ist einer von denen, die vielleicht die meisten Begriffe
in die Köpfe derer hineingegossen haben, die als Intellektuelle
über das Wirtschaftsleben sprechen, und wir können ihn heute
dabei ertappen, daß er als Universitätslehrer und als angesehene
Größe der Volkswirtschaft eigentlich nichts anderes als den aller-
wüstesten Kohl verzapft. Ja, so muß man die Dinge heute schon
klar ins Auge fassen. Wir geben uns ja heute oft einem Autoritäts-
glauben hin, der viel, viel schlimmer ist, als jemals der Autoritäts-
glaube der Katholiken gegenüber den Kirchenfürsten war. Das
wollen die Leute nur nicht wahrhaben. Deshalb müssen wir uns
die Dinge schon klarmachen, und wir müssen aus solchen Dingen
lernen, was diese Betriebsräteschaft für eine große Aufgabe haben
wird. Sie wird vor allen Dingen zeigen müssen, was das Wirt-
schaftsleben wirklich ist, denn das, was aus den Kreisen der Intelli-
genz als Ergebnis des Nachdenkens über das Wirtschaftsleben her-
ausgekommen ist, das war ja nur Kohl. Aber was ist denn dieser
Kohl? Betrachten wir ihn nur einmal seiner Realität nach. Warum
ist denn dieser Kohl da? Die Leute haben ihn ja noch nicht
einmal ausgedacht. Würden sie ihn ausdenken, dann würden sie
noch größeren Kohl schreiben. Sie haben ihn nicht einmal ausge-
dacht, sondern einfach die Verhältnisse, wie sie jetzt sind, studiert,
und diese Verhältnisse sind eben verworren, sind ein Chaos. Ganz
allmählich hat diese Gedankenlosigkeit von Angebot und Nachfra-
ge auf allen Gebieten des Wirtschaftslebens in das Chaos hineinge-
führt. Einmal zu beginnen, dies von Grund auf neu zu gestalten,
das muß die erste Tat einer wirklichen Sozialisierung sein. Wir
brauchen, ich möchte sagen, dieses Gefühl von dem Ernst dessen,
was die Betriebsräteschaft sein soll. Und von diesem Ernst möchte
ich immer wieder und wiederum von neuem sprechen, weil auch
in manchen Kreisen des Proletariats so wenig noch von diesem
Ernst und dem Bewußtsein der Größe der Aufgabe vorhanden ist.
Sehen Sie, wenn man heute von der Dreigliederung des sozialen
Organismus spricht, wovon spricht man dann? Man spricht von
dem, was zu geschehen hat, damit die jahrzehntealten Forderungen
des Proletariats befriedigt werden können. Was wird einem dann
aber entgegnet? Ja, da ist wiederum einmal ein Artikel in der
«Tribüne» erschienen. Er trägt die Überschrift: «Dr. Steiner und
das Proletariat». Da wird zum Beispiel gesagt, es handle sich eben
nur um Ideen bei dieser Dreigliederung und Ideen schwirrten
gegenwärtig zur Genüge in der Luft herum. Das ist das, was ich
nennen möchte: eine leichtsinnige Behauptung. Dann soll dieser
Herr nur einmal die Ideen aufzeigen, die jetzt so massenhaft durch
die Luft schwirren. Er soll einmal auch nur eine fruchtbare Idee
nachweisen! Gerade am Mangel an Ideen leidet ja die Gegenwart.
So ist es doch, und hier wird leichtsinnig behauptet, daß die Ideen
nur so in der Luft herumschwirren. Und dann heißt es: «Was
dem Arbeiter - ich spreche hier nur von körperlich Arbeitenden
- zur Besserstellung seines Lebens verhilft, ist nicht Sophisterei,
sondern eine tatkräftige Verwirklichung des Sozialismus.» — Aber,
was ist denn die Verwirklichung des Sozialismus? Sehen Sie, wenn
man immer nur sagt Sozialismus, Sozialismus, so hat man eine
Phrase, ein Wort! Man muß aber den Weg angeben! Wenn einer
sagt: Was dem Arbeiter zur Besserstellung seines Lebens verhilft,
ist Sozialismus - , dann kommt mir das so vor, wie wenn einer
sagt: Ich will nach Tübingen - und ich sage ihm: N u n ja, da
kannst du mit der Bahn fahren, um die und die Zeit gehen Züge.
- Ich gebe ihm genau an, wie er nach Tübingen kommt, so wie
der Weg zum dreigliedrigen sozialen Organismus genau angibt,
wie man zur Sozialisierung kommt. Er sagt: Das ist Sophisterei,
daß du mir da die Minuten der Züge angibst; ich sage dir, wenn
ich nach Tübingen kommen will, dann komme ich nur durch das
Hinüberbewegen nach Tübingen hin. - So ungefähr kann man
sagen: Ich will nicht einen bestimmten, konkreten, im einzelnen
gekennzeichneten Weg, sondern ich will den Sozialismus. - Ich
will durch das Hinüberbewegen nach Tübingen kommen.
Nun, in dem Artikel heißt es dann weiter: «Jeder einzelne, der
sich um das öffentliche Leben kümmert, wird sehr oft in einem
Satz politische und wirtschaftliche Fragen miteinander behandeln
und behandeln müssen.» Ja, dies geschieht aber, weil alles durch-
einandergemuddelt worden ist. Es muß aber getrennt werden. Dann
heißt es weiter: «Darum keine <Dreigliederung des sozialen Orga-
nismus>, sondern Verwirklichung des Sozialismus!» Also wieder-
um: Ich will nach Tübingen kommen durch das Hinüberbewegen.
Ja, das muß man schon ins Auge fassen, was entgegensteht
einem solchen wirklichen Kennzeichnen des Weges, wie wir es
versuchen in bezug auf die jetzt schon oft besprochene Betriebsrä-
tefrage aus den Ideen des dreigliedrigen sozialen Organismus her-
aus. Es wird ja einem wirklichen Kennzeichnen des Weges dadurch
entgegengewirkt, daß man immer nur liebt, den Leuten blauen
Dunst vorzumachen. Aber mit blauem Dunst, auch wenn er noch
so schön ist, wird man nichts erreichen, sondern allein dadurch,
daß man bestimmte Maßnahmen trifft wie das, was ich Ihnen
heute am Anfang erzählt habe. Wählen wir Betriebsräte, die dann
als Menschen da sind, nicht als Ideen, die durch die Luft schwir-
ren! Diese Menschen können dann aus ihrer wirtschaftlichen Er-
fahrung heraus beschließen, was zur Gesundung unseres Wirt-
schaftslebens notwendig ist. Heute ist es eben notwendig, daß wir
über das bloße Reden hinauskommen und uns Einsichten in das
Wirtschaftsleben verschaffen und aus diesen Einsichten heraus zur
weiteren Entwicklung vordringen. Daß wir uns dabei nicht verlas-
sen können auf die Leuchten, auf die Autoritäten, das habe ich
Ihnen heute gezeigt. Eine der berühmtesten habe ich Ihnen anhand
seiner neuesten Ausführungen vorgestellt. Ich habe ihn so vorge-
stellt, daß Sie sehen konnten, was es für einen Wert hat, wenn
die Nachbeter immer wieder sagen: Ja, das hat der berühmte Herr
Soundso gesagt, dem kann man nichts anderes entgegenstellen. -
Gewiß, wenn man immer darauf hinweist, was dieser oder jener
aus den heutigen Ereignissen heraus gesagt hat, dann weiß man
aber dennoch nicht, wie die Sache sich verhält, auch wenn dieser
oder jener berühmt ist. Wenn man sie aber an solchen Dingen
faßt, wo die Begriffe in Konfusion geraten, wo die Begriffe ausein-
anderfallen, dann tritt einem deutlich entgegen, daß in der Gegen-
wart umgedacht und umgelernt werden muß. Und so möchte ich
immer wieder sagen: Wenn schon nicht durch etwas anderes, so
wird doch wohl durch die N o t dieses Umdenken und Umlernen
kommen müssen. Auch diejenigen, die sich heute noch sträuben,
werden umlernen müssen, denn in den nächsten Jahren und Jahr-
zehnten wird sich noch manches ereignen in diesem armen Mittel-
europa, und manches wird sich ereignen müssen, wenn zum Bei-
spiel ein Drittel der Bevölkerung Mitteleuropas nicht mehr ernährt
werden kann, wenn die alten Verhältnisse fortdauern in der Ge-
stalt, die sie noch bekommen haben durch diesen furchtbaren Ver-
sailler Frieden, den sogenannten Frieden. Es müßte ein Drittel
der Bevölkerung Mitteleuropas aussterben oder totgeschlagen wer-
den, wenn man die alten Verhältnisse beibehalten würde.
Der heutige Grund zur Neugestaltung ist selbstverständlich der,
daß es mit den alten Verhältnissen überhaupt nicht weitergehen
kann. Aber das, was unmittelbar bevorstehen würde, nämlich der
Tod oder die Ausrottung von einem Drittel der Bevölkerung Mit-
teleuropas, das müßte heute die Leute überzeugen, daß sie einfach
nicht mehr auf dem alten schläfrigen Standpunkt stehenbleiben
dürfen und sagen: Wir sind Praktiker, solche Ideen sind ja bloß
Ideen, auf die kann man sich doch nicht einlassen! - Nein, die
Leute sind nur zu bequem, um sich auf wirklich Praktisches einzu-
lassen. Dieses Praktische muß heute ein Umfassendes sein, darf
sich nicht nur auf dieses oder jenes Gebiet beschränken, sondern
muß das ganze Wirtschaftsgebiet umfassen. Und wenn man diese
Bequemlichkeit des Denkens im Anschauen der Verhältnisse nicht
ablegen will, so wird man nicht vorwärtskommen. Nun, mit diesen
Worten wollte ich Sie darauf hinweisen, wie wir vorwärtskommen
müssen, und jetzt können wir in die Diskussion eintreten.

Diskussion

Herr Roser: Aus den Ausführungen des Herrn Dr. Steiner über den
Artikel von Brentano kann man mit aller Deutlichkeit ersehen, wohin
der Kurs geht. Es ist nun an uns, zu zeigen, daß das Proletariat nicht
auf dem Standpunkt stehenbleibt, wie es sich die Leuchten der Volkswirt-
schaft einbilden, sondern daß es sein Geschick selber in die H a n d nimmt.
Es ist unsere erste Pflicht, der Sozialisierung dadurch Vorschub zu leisten,
daß wir die Betriebsräte im Sinne der Dreigliederung auf die Beine stellen,
sonst gehen wir einem Chaos entgegen, das so groß ist, wie wir es uns
gar nicht denken können. Wir müssen das Wirtschaftsgebiet selbständig
machen aus eigener Macht. Damit ist nicht gesagt, daß dies auf dem Weg
der Gewalt geschehen muß; das ist nicht notwendig. Gerade die Vorschlä-
ge Dr. Steiners, gerade die Idee der Verselbständigung des Wirtschaftsle-
bens im Sinne der Dreigliederung m u ß für uns der Weg sein, auf dem
wir in erster Linie praktisch zu arbeiten imstande sind. Es kann keinen
Zweifel darüber geben: Wenn die Betriebsräte richtig gewählt werden aus
dem Vertrauen der Massen heraus, so daß in Württemberg vielleicht tau-
send zusammenkommen, glauben Sie, daß dann die Regierung die Mittel
oder die Courage dazu hat, diese Betriebsräte auseinanderzujagen? - Das
möchte ich kaum glauben, denn die Arbeiterschaft, die diese Betriebsräte
gewählt hat, u m praktische Arbeit zu leisten, wird wohl auch den nötigen
Rückhalt dafür bieten, daß die Betriebsräteschaft arbeiten kann. Wir müs-
sen den Gedanken der Aufstellung von Betriebsräten unbedingt hochhal-
ten, denn das ist der einzige Weg, der uns aus dem Chaos herausführen
kann, daß durch die Aufstellung der Betriebsräte und der Betriebsräte-
schaft dann tatsächlich eine gesetzgebende Körperschaft zusammentritt,
um die Sozialisierung im Sinne der Dreigliederung durchzuführen. N u r
dadurch können wir vor dem Untergang bewahrt werden. D e r Gedanke
der Dreigliederung ist so groß, so mächtig, daß ihn tatsächlich jeder
einzelne erfassen müßte, schon aus sich selbst heraus, aus eigenem Interes-
se, denn er als Proletarier m u ß sich sagen: Meine Zukunft steht auf dem
Spiel, ich habe die Pflicht und Schuldigkeit, alles einzusetzen, um diesen
Gedanken durchzudrücken. - In diesem Sinne bitte ich Sie, in die Diskus-
sion einzugreifen. Sprechen Sie sich aus.

Emil Leinhas: H e r r Dr. Steiner hat Ihnen heute einen Artikel von einer
Leuchte der Wissenschaft der Nationalökonomie vorgetragen. Ich habe
zufällig auch gerade eine Sache bei nur, worin eine Leuchte der Praxis
sich über die Sozialisierung ausspricht. Es ist dies der Geheime Kommer-
zienrat Deutsch,, der Vorsitzende des Direktoriums der Allgemeinen Elek-
trizitäts-Gesellschaft. Daß es für wünschenswert erachtet wird, daß diese
Äußerung dieses großen Praktikers über die Sozialisierung der breiteren
Öffentlichkeit vorgelegt wird, dafür dient als Beweis, daß die ehrwürdige
Handelskammer zu Berlin diese Denkschrift veröffentlicht, und zwar mit
folgender Einleitung. Die Handelskammer schreibt:

«Im Zusammenhang mit Untersuchungen über die voraussichtlichen


Wirkungen von Sozialisierungen aufgrund des Gesetzes vom 23. März
1919, mit denen wir beschäftigt sind, sind uns von unserem Mitgliede,
Herrn Geheimen Kommerzienrat Deutsch, Vorsitzender des Direkto-
riums der Allgemeinen Elektrizitäts-Gesellschaft, zahlenmäßige Zusam-
menstellungen nebst Erläuterungen über das Verhältnis des Anteils von
Arbeit und Kapital am Ertrage einer größeren Zahl industrieller Unter-
nehmungen zugegangen, welche wir als Beitrag für die Beurteilung
dieser Fragen hiermit der Öffentlichkeit unterbreiten.»

Die Handelskammer stellt noch weitere Abdrucke der Denkschrift zur


Verfügung denjenigen, die durch Verbreitung derselben Hilfe leisten wol-
len. Und was sagt diese Leuchte der Praxis über Sozialisierung? Ich will
Ihnen einige Stellen vorlesen; sie sprechen für sich:

«Woher kommt es, daß das Wort <Sozialisierung> sich mit einer nicht
auszurottenden Zähigkeit in Millionen von Gehirnen festgewurzelt hat
und daß vor allem die Arbeiterschaft darin das Allheilmittel erblickt,
das allen ihren Beschwerden und der Unzufriedenheit mit ihrer wirt-
schaftlichen Lage mit einem Schlage ein Ende bereiten würde? Diese
Unzufriedenheit und die Feindschaft der Arbeiter gegen die kapitalisti-
sche Produktionsordnung erhalten stets neue Anregung durch den auf-
reizenden Gedanken, daß eine kleine Zahl von Kapitalisten den weitaus
größten Teil des Gewinns aus der industriellen Arbeit für sich in
Anspruch nimmt, während die Arbeiterklasse sich mit einem kleinen
Anteil daran begnügen muß. Dieser Gedanke ist ebenso falsch, wie er
aufreizend ist, und solange es nicht gelingt, die Arbeiter davon zu
überzeugen, ist ein ersprießliches und friedliches Zusammenwirken bei-
der Faktoren der wirtschaftlichen Gütererzeugung auf die Dauer un-
möglich.»

[E. Leinhas spricht dann noch weiter über die Ausführungen von Deutsch.
Da er selbst angekündigt hat, daß Näheres darüber bald im Druck erschei-
nen werde, wurden seine weiteren Ausführungen nicht mehr mitgeschrie-
ben.]
Herr Stecher berichtet über den Betrieb Haushahn: Wir haben schon öfter
unter unseren Kollegen im Betrieb die Frage der Dreigliederung erörtert.
Ich konnte konstatieren, daß in dieser Frage die ganze Arbeiterschaft,
mit Ausnahme derjenigen, die nur Propaganda für Parteizwecke machen,
der Sache sympathisch gegenübersteht. Ich habe mich heute früh, auf die
Einladung des «Bundes» hin, bei unserer Firma betreffs der Betriebsräte
als Vorsitzender des Arbeiterausschusses mit dem Angestelltenausschuß
in Verbindung gesetzt. Der Vorsitzende des Angestelltenausschusses er-
klärte mir, daß auch er der Sache sympathisch gegenüberstehe, aber er
sagte dann doch: Das Gute sollte halt doch von der Regierung kommen.
Herr Dr. Steiner hat uns in Weil im Dorf vor einigen Tagen auch einen
Vortrag gehalten, der einen gewaltigen, tiefen, unvergeßlichen Eindruck
gemacht hat. Die Leute sind von überall her zusammengeströmt. - Ich
fordere die anwesenden Arbeiter- und Angestelltenausschüsse auf, sich
zusammenzuschließen und überall, wo sie Einfluß haben, die Sache der
Dreigliederung zu besprechen. Sie können ja vom Bund für Dreigliederung
Referenten anfordern, damit die Sache propagiert wird. Die Referenten
werden willige Ohren und willige Herzen bei den Arbeitern finden. Auch
die Unternehmerkreise interessieren sich schon. Ein Leiter in unserem
Betrieb sagte mir, daß auch er der Sache nachgehe, denn man wisse auch,
daß, wenn es so weitergeht, wie es jetzt ist, wir dem Bankrott entgegenge-
hen. Es muß etwas Neues kommen. Leider fehlt bei den Angestellten
noch das Interesse für die brennenden Fragen. Wenn wir uns aber nicht
sammeln und zusammenarbeiten, so werden wir nicht weiterkommen.

Herr Conradt: Es wird dem Bund für Dreigliederung öfter der Vorwurf
gemacht, er wollte, ähnlich wie die Syndikalisten, die Parteien sprengen.
Das kann doch dem Bund nicht einfallen. Ich habe den Vorwurf schon
dutzendemal gehört. Gerade wenn man sich zu der Idee der Dreigliede-
rung bekennt, kann man gut einsehen, was in den Parteien fruchtbar ist
und daß in den Parteien etwas lebt, was nur dadurch fördernd in unser
Volksleben eingreift, daß die in den Parteien lebenden Impulse nicht ein-
seitig durchgeführt werden. Es gibt allerdings in den Parteien Strömungen,
die einer aufsteigenden Kultur, und Strömungen, die einer absteigenden
Kultur angehören. Das Gute muß nur in richtiger Art zum Leben gebracht
werden.

[Die weiteren Ausführungen von Herrn Conradt wurden vom Stenogra-


phen nicht mehr wortwörtlich mitgeschrieben. In einer kurzen Zusammen-
fassung heißt es wie folgt: «Herr Conradt spricht dann des weiteren
davon, daß bei der Dreigliederung des sozialen Organismus es sich so
verhält, daß soziale Maßnahmen nur auf dem wirtschaftlichen Gebiet ge-
troffen werden können, daß Demokratie nur in das Staats- oder Rechtsle-
ben gehört, daß man aber auf geistig-kulturellem Gebiet sprechen kann
von Anarchismus, wenn man das Wort seiner üblen Bedeutung entkleidet.»
Es wird ferner berichtet, daß sich in der Firma Faber ein neuer Be-
triebsrat gebildet hat und folgender Antrag von dem Arbeiterausschuß
der Firma Julius Faber gestellt wurde:]

«Die heutige Versammlung der Angestellten- und Arbeiterausschüsse


ersucht die bis jetzt gewählten Betriebsräte, sich in kürzester Zeit zu
einer Betriebsräteschaft zusammenzuschließen, und gibt dieser proviso-
rischen Betriebsräteschaft den Auftrag, alle ihr notwendig erscheinenden
Vorarbeiten zu treffen, um den Betriebsrätegedanken überall zu propa-
gieren und den Betriebsräten den ihnen zukommenden Einfluß zu
verschaffen. - Gezeichnet Glatz, Vorsitzender des Betriebsrates und
Obmann des Arbeiterausschusses bei Julius Faber.»

Herr Glatz: Der Antrag, der von unserem Arbeiterausschuß gestellt wird
und der Ihnen soeben vorgelegt wurde, spricht für sich selbst. Wir sind
jetzt in einer ganzen Anzahl Sitzungen beieinander gewesen, ohne daß
eigentlich ein praktisches Resultat erzielt worden ist. Wie die Verhältnisse
jetzt liegen, haben wir allen Grund, möglichst rasch und intensiv zu
arbeiten, um zu dem zu kommen, was wir alle als etwas Praktisches für
die Arbeiterschaft und für die ganze Menschheit anstreben. Wir dürfen
nicht zulassen, daß das Interesse nachläßt, anstatt zuzunehmen. In erster
Linie wird es natürlich notwendig sein, daß in den Betrieben, wo noch
keine Betriebsräte sind, solche angeregt werden. Ferner muß die Agitation
auch aufs Land hinausgetragen werden.
Der Prinzipal unseres Betriebes hat uns selbst auf die Vorträge von
Herrn Dr. Steiner aufmerksam gemacht. Der Herr hat sehr freiheitliche
Ansichten und spielt in Unternehmerkreisen eine Rolle. Nachdem wir
uns mit der Sache der Dreigliederung befaßt haben und von uns aus die
Betriebsrätewahl anstrebten, da hat er dann den entgegengesetzten Stand-
punkt eingenommen und gesagt: Die Unternehmer hätten beschlossen,
mit den Betriebsräten zu warten, bis die Sache gesetzlich geregelt wird.
Er könne uns nicht als Betriebsrat anerkennen. - Wir haben trotzdem
die Wahl vorgenommen. Der Beschluß ist einstimmig gefaßt worden; auch
die Angestellten haben sich angeschlossen. Die Wahl wurde unter großer
Begeisterung in der Fabrik selbst vorgenommen. Es ist die erfreuliche
Tatsache zu verzeichnen, daß beinahe alle Angestellten und Arbeiter von
ihrem Stimmrecht Gebrauch gemacht haben, trotz des Widerstandes der
Firma. Wenn die Firma die Betriebsräte auch nicht anerkennt, so sind
sie doch gewählt. Und da die Betriebsräte auch zum größten Teil dem
Arbeiterausschuß angehören, so müssen sie doch immerhin gehört werden.
Ich möchte Sie also ersuchen, den Antrag zu unterstützen, damit die
Sache Hand und Fuß bekommt.

Herr Roser: Ich möchte bekanntgeben, daß bis jetzt zwölf Betriebsräte
gewählt sind. Ich möchte ferner den Wunsch zum Ausdruck bringen,
daß noch im Laufe dieser oder Anfang nächster Woche die Betriebsräte-
schaft gebildet werde. Wir können natürlich nicht bloß in Stuttgart Be-
triebsräte brauchen, sondern die Sache muß über ganz Württemberg ver-
breitet werden. Ich möchte deshalb an die Anwesenden besonders
appellieren, daß sie dem Gedanken der Betriebsräte noch mehr Interesse
entgegenbringen als bisher. Des weiteren kann ich mitteilen, daß neue
Betriebsräte sich zu bilden im Begriffe sind. Wir werden in der nächsten
Woche den einzelnen Betriebsräten Mitteilung machen, wann sie zusam-
mentreten sollen. Dann können sie unter sich die notwendigen Beschlüsse
fassen.

Herr Jansen: Ich möchte Ihnen ein Schriftstück vorlegen, das es verdient,
der Öffentlichkeit übergeben zu werden. Die Firma möchte ich nicht
nennen; das hat ja mit der Sache nichts zu tun. Ich will nur den ganzen
Gedankengang kennzeichnen:

«Die unterzeichneten Beamten haben weder schriftlich noch mündlich


offiziell erklärt, daß sie als Betriebsräte seitens des Personals gewählt
sind. Wie schon gesagt wurde, ist unser Standpunkt in der Sache fol-
gender: Erstens ist die Wahl seitens der Werktätigen angefochten, und
es ist dieser Anfechtung von Seiten der Direktion durch entsprechende
Bekanntmachung stattgegeben worden. Demnach ist die Gültigkeit der
Wahl zweifelhaft. Zweitens kommen nach einer Schrift von Dr. Steiner
nur solche Personen als Betriebsräte in Frage, welche in völlig unabhän-
giger Stellung, weder vom Chef noch sonst vom Geschäft abhängig,
sich befinden. Da dies bei uns nicht der Fall ist und wir Beamte uns
in ausgesprochen abhängiger Stellung befinden, so ist auch diese unsere
Wahl zweifelhaft. Drittens: Nach Mitteilung eines Herrn ist die Soziali-
sierung bei den ... schon erfolgt, indem alle Überschüsse nach Bezah-
lung der garantierten Verzinsung von fünf Prozent restlos der Stadtge-
meinde überwiesen und dadurch der Allgemeinheit zugeführt werden.
Aus diesem Gesichtspunkt heraus hat der Aufsichtsrat einen Betriebsrat
abgelehnt. Es wird daran gearbeitet, daß eine gemeinsame Versammlung
sämtlicher Ausschüsse zwecks Besprechung der Betriebsräteangelegen-
heit erfolgt. Viertens stellen wir uns auf den Boden der nach dem
Gesetz eventuell zu wählenden Betriebsräte. Wie uns bekannt ist, ist
nach Dr. Steiner geplant, die Sozialisierung von Betrieben in der Art
vorzunehmen, daß der Arbeitgeber, die Direktion und die Aufsichtsräte
und sämtliche Aktionäre ausgeschaltet werden sollen und daß an deren
Stelle der sogenannte Betriebsrat beziehungsweise sämtliches Personal
trete. Da dies einem Umsturz der bestehenden Ordnung beziehungs-
weise der bestehenden Gesetze gleichkommt, so erklären wir hiermit,
daß wir uns solchen Bestrebungen nicht anschließen und deshalb die
Wahl als Betriebsräte nicht annehmen können.»

Das ist doch ein Dokument, das wirklich von weltgeschichtlicher Bedeu-
tung ist! Da kommen Leute, die durch die Revolution endlich aus den
Abhängigkeitsverhältnissen nach einem halben Jahr herausgekommen sind,
und erklären: Weil wir dem Kapitalismus nicht an den Kragen wollen,
dürfen wir nicht mitmachen, denn wir stehen ja im Dienst des Kapitalis-
mus. Sie haben Interesse daran, daß der heilige Kapitalismus noch bestehen
bleibt und daß sie als Angestellte es sind, die mithelfen wollen, diesen
Götzen zu stützen, damit das goldene Kalb nicht umfalle. Die Logik in
diesem Schriftstück ist ein Zeichen dafür, daß noch eine riesengroße Arbeit
zu leisten ist, um die Dummheit herauszuhämmern. Dazu wird es der
eisernen Faust des Proletariats bedürfen, um dieses Werk durchzuführen.
Ich werde aber eine Verbindung mit diesen Instanzen suchen und versu-
chen herauszubekommen, wieweit das Schriftstück den Tatsachen ent-
spricht und wieweit die Herren sich auflehnen gegen jeden wirtschaftlichen
Neuaufbau.

Rudolf Steiner: Z u diesem Schriftstück, das sehr interessant ist,


möchte ich die Bemerkung machen, daß es also immerhin gegen-
wältig, wie es scheint, Angestellte gibt, welche folgenden Gedan-
ken entwickeln können: Das Gesetz über die Betriebsräte ist noch
kein Gesetz, sondern erst ein Entwurf. Es gibt also noch kein
Gesetz über Betriebsräte. Die Herren stellen sich aber auf den
Standpunkt, nach den vier Sätzen, daß es nicht nur etwa ein
Umsturz - darüber ließe sich diskutieren, das brauchen wir aber
nicht - der bestehenden Ordnung und der Gesetze ist, wenn man
irgendein bestehendes Gesetz schlecht findet, sondern die Herren
stellen sich auf den Standpunkt, daß es schon ein unerlaubter
Umsturz ist, wenn man irgendein Gesetz, das noch nicht da ist,
das sie noch nicht kennen, oder ein Gesetz, das herauskommen
könnte, heute übertritt. Also, die Herren übernehmen es, sämtli-
chen Gesetzen, die über sie verhängt werden können, von vorn-
herein ihren Gehorsam zuzusichern.

Herr Nagel, Dresden: Wer die Ausführungen des Herrn Dr. Steiner über
den Aufsatz von Brentano verfolgt hat, dem scheint es nicht mehr unver-
ständlich, daß die Regierung mit einem solchen Gesetzentwurf wie dem
über die Betriebsräte an uns herantreten kann. Es kann uns doch nicht
darum zu tun sein, derartige Betriebsräte zu bekommen, sondern wir
müssen die wirtschaftliche Macht in die Hand bekommen. Bei uns in
Dresden ist leider die Bewegung noch sehr klein, aber es ist ja bekannt,
daß Dresden fünfzig Jahre hinter dem Mond gelegen ist. Ich hoffe aber,
nachdem ich die Verhältnisse hier studiert habe, zu Hause durch meinen
Bericht so viel Anregung zu geben, daß auch dort fruchtbringende Arbeit
geleistet werden kann. Es war für mich sehr erfreulich, daß in Stuttgart
schon so viele Arbeiter sich zur Dreigliederung des sozialen Organismus
bekennen.

Herr Dorfner: Soviel Erfreuliches wir auch gehört haben, vermisse ich
doch eins: Ich werde sehr oft gefragt über dieses und jenes, was die
Dreigliederung und Betriebsräteschaft betrifft. Ich sage immer: Kommt
doch zu den Diskussionsabenden, dort könnt ihr Fragen stellen, die auch
dann Herr Dr. Steiner selbst beantwortet. Es werden aber hier fast keine
Fragen gestellt. Die Leute, die das nicht gern mündlich tun, können es
ja schriftlich machen. - Es ist mir auch die Frage gestellt worden: Werden
die Betriebsräte die Arbeiterausschüsse nicht überflüssig machen? - Ich
bitte Herrn Dr. Steiner, diese Frage zu beantworten.

Rudolf Steiner: Die Arbeiterausschüsse haben ja ihre Aufgaben


vorzugsweise in den einzelnen Betrieben. Dasjenige, worum es
sich aber bei der Aufstellung von Betriebsräten handelt, das ist,
eine wirkliche Sozialisierung in Angriff zu nehmen. Wenn die
Betriebsräte jetzt gewählt werden und dann zu einer Betriebsräte-
schaft zusammentreten werden, dann wird von dieser Urversamm-
lung der Betriebsräteschaft dasjenige ausgehen können, was man
die ersten Schritte zu einer wirklichen Sozialisierung nennt. Dann
werden vermutlich auch die Arbeiterausschüsse, wenn sie weiter
bestehen sollen, für die einzelnen Betriebe eine Aufgabe erhalten
können, oder, was viel wahrscheinlicher ist, man wird die Arbeiter-
ausschüsse als solche nicht mehr brauchen, sondern an ihre Stelle
wird der Betriebsrat treten, der vielleicht aber nötig haben wird,
gerade Persönlichkeiten der gegenwärtigen Arbeiterausschüsse für
seine weitere Arbeit zu kooptieren, da er ja für die Erledigung
der Aufgaben, die heute die Arbeiterausschüsse wahrnehmen, wenn
er nur sieben oder acht Mitglieder hat, nicht genug Menschen
zur Verfügung hat.
Diese speziellen Fragen werden sich erst dann restlos beantwor-
ten lassen, wenn wir den vollzähligen Betriebsrat haben. Die Ar-
beiterausschüsse wurden eben ursprünglich anders angelegt als die
Betriebsräte. Die Betriebsräte sind als wirkliche Leiter der Betriebe
gedacht. Ein wirklicher Betriebsrat würde entweder den heutigen
Unternehmer, wenn er sich dazu bereit erklärt, als einen Betriebs-
rat unter sich haben, ebenso Personen aus dem Kreis der Ange-
stellten, der geistigen Arbeiter, ferner der physischen Arbeiter,
oder aber der Unternehmer müßte sich zurückziehen. Man muß
sich eben durchaus darüber klar sein, daß der Betriebsrat als sol-
cher so gedacht ist, daß er der wirkliche Leiter eines Betriebes
sein wird, so daß alles Unternehmertum im heutigen Sinne neben
diesem Betriebsrat verschwindet. Der Arbeiterausschuß ist aber
doch durchaus noch so gedacht, daß das Unternehmertum in der
alten Form vorhanden ist. Ich bitte Sie, diesen Unterschied genau
ins Auge zu fassen, also den Unterschied zwischen etwas, was
noch aus der alten Ordnung heraus besteht wie der Arbeiteraus-
schuß, und dem, was nun den ersten Anfang zu einer wirklichen
Neugestaltung bilden soll. Diesen Unterschied müssen Sie ins Auge
fassen, sonst werden Sie die Aufgaben der Betriebsräte nicht wirk-
lich umfassend genug denken können.
Dann ist ferner ins Auge zu fassen, daß die Frage nach dem
Fortbestehen oder der Umgestaltung der Arbeiterausschüsse erst
dann beantwortet werden kann, wenn wir die Urversammlung der
Betriebsräteschaft haben werden.
Dann ist hier weiter die Frage eingegangen, wie sich die Dinge
gestalten sollen mit Bezug auf den Betriebsrat in einem Staatsbe-
trieb. Dazu muß ich sagen - es ist auch hier schon erwähnt
worden - , daß es für die Wahl der Betriebsräte keinen Unterschied
machen sollte, ob es um einen Privat- oder um einen Staatsbetrieb
geht. Auch in einem Staatsbetrieb sollte versucht werden, alle die
Vorurteile zu überwinden und die Betriebsräte zu wählen, so daß
auch diese Betriebsräte dann in der Betriebsräteschaft ihre Stelle
haben werden, wenn da ausgearbeitet wird das, was ich nennen
möchte das Statut der Betriebsräteschaft. Dann wird es sich erge-
ben, daß das gewöhnliche Aufgesogensein von solchen Betrieben
durch den Staat natürlich nicht fortbestehen wird. Diese Betriebe
werden übergeleitet werden müssen in den selbständigen Wirt-
schaftsorganismus. Aber diese Forderung wird ja erst gestellt wer-
den müssen.
Sehen Sie, die Dinge, die dem Impuls zur Dreigliederung zu-
grunde liegen, die sind ja durchaus als praktische Forderungen
gedacht, aber sie müssen erst gestellt werden. Dadurch, daß sie
ein einzelner Mensch in seinem Buche schreibt beziehungsweise
stellt und auch dadurch, daß ein «Bund» dafür eintritt, damit ist
zunächst noch nichts getan. Auf wirtschaftlichem Boden müssen
diese Forderungen von den wirtschaftenden Personen selber ge-
stellt werden, und es muß das Vertrauen der gesamten Arbeiter-
schaft dahinterstehen.
Weiter ist gefragt worden, wie sich die Sozialisierung der Staats-
eisenbahnen sowie des Post- und Telegrafenwesens vom Stand-
punkt der Dreigliederung aus vollziehen läßt. Natürlich werden
da die Leute heute noch große Vorurteile haben, und man kann
ja durchaus zugeben, daß die Umwälzung schon eine sehr große
sein würde, wenn auch diese wirtschaftlichen Betriebe vom heuti-
gen Staat in die Verwaltung des selbständigen Wirtschaftskörpers
übergeführt werden sollen. Aber dies muß geschehen, denn Post-
und Telegrafenwesen sowie die Eisenbahn gehören durchaus zum
Wirtschaftsleben und werden im Wirtschaftsleben nur dann richtig
sich entfalten können, wenn dieses Wirtschaftsleben unabhängig
ist vom Staats- oder Rechtsleben.
Daß man sich heute diese Dinge nur schwer vorstellen kann,
das rührt von folgendem her. Man hat sich daran gewöhnt, die
Dinge so zu denken, wie sie immer waren. Man sagt: «Das sind
Tatsachen.» Aber, meine werten Anwesenden, Tatsachen sind ja
doch Dinge, die geschaffen wurden, von Menschen geschaffen
wurden, und die lassen sich ebensogut wiederum umschaffen, las-
sen sich ändern. Das ist es, was wir ins Auge fassen müssen. Es
handelt sich eben durchaus darum, daß alles, was dem Wirtschafts-
leben angehört, auch wirklich auf den eigenen freien wirtschaftli-
chen Boden gestellt wird. Der Grund, weshalb sich diese Dinge
heute so schwer denken lassen, ist darin zu suchen, daß heute
das Geld, das ja ohnedies bei einer großen Anzahl europäischer
Staaten schon eigentlich kein richtiges Geld mehr ist, eigentlich
auf einem ganz falschen Boden steht. Natürlich wird da der Über-
gang auch schwierig sein, weil durch das Geld die Menschheit
abhängig ist von dem führenden Handelsstaat England und weil
wir nicht ohne weiteres von heute auf morgen die Engländer und
Amerikaner von der Goldwährung abbringen können. Im Außen-
handel mit diesen Staaten müssen wir natürlich die Goldwährung
so lange haben, bis unter dem Zwang der Verhältnisse auch die
Goldwährung aufhören wird. Aber für den dreigliedrigen sozialen
Organismus muß angestrebt werden, daß der Staat nicht mehr
dem Geld den Wert verleiht, sondern daß das Geld seinen Wert
bekommt innerhalb des wirtschaftlichen Organismus. Dann aber
ist das Geld nicht mehr eine Ware, wie es heute ist. Wenn das
auch versteckt ist, so ist in Wahrheit heute das Geld doch eine
Ware, und zwar nur dadurch, daß ihm sein Wert aufgetragen
wird durch den Staat. Aber im dreigliedrigen sozialen Organismus
wird das Geld als Zirkulationsmittel nur in dem Sinne vorhanden
sein, daß es gewissermaßen eine fliegende Buchhaltung ist. Sie
wissen ja aus dem, was ich heute vor acht Tagen gesagt habe:
Es wird alles auf wirklicher Leistung und Gegenleistung beruhen
im kommenden Wirtschaftsleben. Für die Leistung bekommt man
gewissermaßen den Schein, der aber nichts anderes bedeutet als:
Es steht auf der allgemeinen aktiven Seite für mich verfügbar
dasjenige, was meinen Leistungen entspricht, und ich kann eintau-
schen dafür dasjenige, was meinen Bedürfnissen entspricht. Gebe
ich den Schein hin, so bedeutet das dasselbe, wie wenn ich heute
in einem kleinen Betrieb zu buchen habe dasjenige, was auf der
linken Seite steht, zum Ausgleich auf der rechten Seite. Also, es
wird der Geldverkehr die fliegende Buchführung sein für den
Wirtschaftsorganismus. Solche Dinge sind ja eigentlich auch heute
schon in ihrem Anfange da. Sie wissen ja, daß es schon eine Art
von Gutschreibung gibt, also Guthaben, die übertragen werden
können, ohne daß man auf gewissen Gebieten Geldverkehr hat.
Überhaupt ist das meiste von dem, was der dreigliedrige soziale
Organismus fordert, im Keime schon da und dort vorhanden.
Diejenigen Menschen, die heute von der Unpraxis des dreigliedri-
gen sozialen Organismus sprechen, die sollten sehen, wie da oder
dort - aber allerdings im kleinen, so daß es manchmal nicht nütz-
lich, sondern schädlich ist - , wie da oder dort das vorhanden ist,
was zusammengefaßt und ins Große stilisiert den dreigliedrigen
sozialen Organismus geben wird. Die Staatsbahnen sind heute,
beinahe möchte ich sagen, wie ein Staatsmöbel gedacht, und man
denkt sich die Umwälzung als etwas Furchtbares. Aber man muß
nur bedenken, daß das, worauf es in Zukunft ankommt, nämlich
auf die Verwaltung des Wirtschaftslebens durch Betriebsräte, durch
Verkehrs- und Wirtschaftsräte - die kommen ja noch außerdem
hinzu - , daß diese Veränderungen durchaus mit einer wirklichen
Sozialisierung zusammenhängen u n d daß all die Befürchtungen
überflüssig sind. Es handelt sich also darum, daß z u m Beispiel
die Eisenbahnen in vernünftiger Weise verwaltet werden u n d nicht
so, daß der bürokratische Staat dahintersteht.
W e n n m a n sich die Dinge im einzelnen richtig vorstellt, dann
wird m a n sehen, daß überall praktisch durchführbare Wege gegan-
gen w e r d e n können. W e n n allerdings die Leute immer wieder
k o m m e n u n d sagen, sie verstünden das nicht, was in meinem
Buch steht, so m u ß ich sagen, daß ich das heute begreife, denn
ich w ü r d e mich w o h l sehr w u n d e r n müssen, w e n n z u m Beispiel
H e r r Professor Brentano, v o n dem ich Ihnen erzählt habe, u n d
seine Schüler, die sehr zahlreich sind, die «Kernpunkte der sozialen
Frage» verstehen würden. D e n n ich glaube nicht, daß sie das Buch
verstehen können. A b e r gerade v o n den Leuten, deren Gedanken
durch diese Schulung nicht verdorben sind, glaube ich, daß sie,
w e n n sie n u r ein wenig ihre Denkgewohnheiten überwinden, das
verstehen k ö n n e n , was in den «Kernpunkten» steht.

Herr Roser: Die einzelnen Punkte, die heute abend zur Sprache gekommen
sind, waren ja hauptsächlich auf das wirtschaftliche Gebiet bezogen. Es
ist begreiflich, daß dieses wirtschaftliche Gebiet in unseren Diskussions-
abenden größte Bedeutung hat. Aber bei alledem dürfen wir nicht verges-
sen, daß dieses Wirtschaftsleben nur ein Teil jenes großen Problems, jener
großen Idee der Dreigliederung des sozialen Organismus ist. Wir dürfen
nicht aus dem Auge verlieren, daß das Wirtschaftsleben allein nicht lebens-
fähig und nicht funktionsfähig ist, wenn man nicht in entsprechender
Weise auch auf das Rechts- und Geistesleben blickt. Der Grund hierfür
ist, daß ja unsere Verhältnisse, wie wir sie zur Zeit haben, deshalb so
chaotisch sind, weil die drei Gebiete zusammengemuddelt wurden. Das
muß für uns immer der Leitstern sein, daß wir vor allen Dingen danach
streben, daß endlich diese drei Gebiete getrennt werden. Diese müssen
dann in Harmonie wieder zusammenarbeiten, aber nicht in der Weise,
wie es jetzt geschieht oder geschehen ist, daß zum Beispiel der Rechtsstaat
das Wirtschaftsleben für sich in Anspruch nimmt und vergewaltigt oder
daß das Wirtschaftsleben das Geistesleben ausbeutet. Nur dadurch, daß
auch das Geistesleben zur höchsten Blüte kommt, nur dadurch kann ein
gesundes Wirtschaftsleben, kann überhaupt ein gesundes Volksleben ent-
stehen. Nur durch die Dreigliederung wird das ganze Volksleben in das
richtige Licht gerückt.

Herr Lange: Er spricht davon, daß der Arzt heute zum Handwerker
degradiert wird, weil er nicht frei über Medikamente und dergleichen
verfügen kann, sondern sich an die Anweisungen der Krankenkassen hal-
ten muß. Auch da sei eine allseitige Beschränkung durch Staatsgesetze
und Staatsgewalt. Zudem wird heute der Fehler gemacht, daß man das
Neue immer in das Alte hineinpressen will. Auf diese Art käme man
aber nicht vorwärts.

Herr Kühn: Daß die Versammlung heute nicht gut besucht ist, liegt nicht
an einer gewissen Interesselosigkeit, sondern daran, daß gleichzeitig eine
große Versammlung im Dinkelacker-Saal stattfindet. Für die Bildung der
Betriebsräte muß viel Kleinarbeit geleistet werden. Das ist ein langer Weg.
Bei den einzelnen Versammlungen in den Fabriken zeigt es sich, wie
schwer die einzelnen Menschen zu überzeugen sind. Es sollte eigentlich
nicht so sehr an einzelnen hängen, sondern mehr am Verständnis der
Massen. Dann werden einzelne Betriebe einfach mitgerissen. Wir haben
verschiedene Redner oder Referenten, die ständig zur Verfügung stehen,
um in Versammlungen zu sprechen. Nach meinen Erfahrungen in einzel-
nen Betrieben muß man sagen: Sachliche Einwände gegen die Dreigliede-
rung des sozialen Organismus hört man fast nie. Die Arbeiter sind fast
restlos einverstanden, nur die Angestellten sind meist etwas schwerfälliger,
wie es ja auch aus dem interessanten Brief hervorgeht, der vorhin vorgele-
sen wurde. Die Leute haben vielfach nicht das richtige Gefühl für die
Sache.
Es wäre wünschenswert, wenn die bis heute gewählten Betriebsräte
öfters zusammenkommen könnten, auch die von auswärts. Hier, in diesen
Diskussionsabenden, wäre so eine Gelegenheit, sich zu treffen, aber leider
sind nicht einmal alle Betriebsräte hier, abgesehen davon, daß die von
Eßlingen und Heilbronn nicht jedesmal hierher fahren können. Es sollten
die verschiedenartigen Branchen vertreten sein; darüber müßte man sich
einigen, und ich will nun gleich einmal vorlesen, welche Branchen, welche
Arbeitszweige vorhanden sind: Lederfabrik, mehrere Maschinenfabriken,
Straßenbahnen, Zigarettenfabrik, Kartonagefabrik, Schuhfabrik, Meßinstru-
mentefabrik, Instandsetzungsamt, also ein Staatsbetrieb, Setzmaschinenfa-
brik, Fabrik optischer Instrumente. Ich bemerke noch, daß der Betriebsrat
in dem staatlichen Betrieb der einzige ist, der mit Genehmigung des
Vorgesetzten gegründet worden ist. Sie sehen, wir haben da eine ganze
Reihe verschiedenster Branchen. In Bildung begriffen ist noch der Be-
triebsrat in einer Schuhfabrik in Kornwestheim, ferner in vier bis fünf
Maschinenfabriken; diese sind ja vorherrschend. Es fehlen aber noch Bran-
chen wie zum Beispiel aus dem Textil-, Papier- und Druckgewerbe, was
sehr schade ist. Auch die Nahrungsmittelindustrie ist noch nicht vertreten.
Zu einer wirklichen Arbeit reichen die heutigen Betriebsräte eigentlich
noch nicht aus. Ich möchte deshalb den Vorschlag machen, daß die Be-
triebsräte möglichst häufig oder sogar regelmäßig bei diesen Versammlun-
gen erscheinen und daß die Arbeiter- und Angestelltenausschüsse, die
ohnehin herkommen, alle in Betriebsräte umgewandelt werden. Wenn Sie
alle zur Wahl schreiten und nicht nur zuhören, was geredet wird, werden
Sie alle bald Betriebsräte sein, so daß wir bald schon diesen Saal mit
Betriebsräten füllen können, wobei ich natürlich nicht meine, daß die
Arbeiterausschüsse verschwinden sollen; sie werden ja wohl häufig im
Betriebsrat drinnen sitzen. Wenn diese Frage- oder Diskussionsabende in
der Weise gestaltet werden sollen, daß die Einzelheiten zur Sprache kom-
men, zum Beispiel wie man diesen oder jenen Wirtschaftsbetrieb umwan-
deln kann, so ist das schon eine gewisse Vorarbeit zur späteren Arbeit
der Betriebsräteschaft. Und so würden sich diese Abende interessant ge-
stalten.

Rudolf Steiner: Es ist ja auch im heutigen Schlußwort nicht mehr


besonders viel zu sagen. Ich will zunächst auf eine Frage, die
gestellt worden ist, antworten. Diese Frage lautet: Die große Masse
des Proletariats erwartet, da es noch materialistisch denkt, eine
Besserstellung seiner materiellen Bedürfnisse durch die Tätigkeit
der Betriebsräteversammlung. Welche Maßnahmen müßten getrof-
fen werden, um in der Übergangszeit einen gerechten Ausgleich
zwischen Bedürfnis und Entlohnung schnell wirksam werden zu
lassen? - Sehen Sie, es gibt Dinge, die sich nicht so einfach aus
dem Wolkenkuckucksheim herausholen lassen. Wenn es nicht so
wäre, daß doch die Betriebsräte unbedingt notwendig wären und
endlich mit einer wirklichen sozialen Arbeit beginnen, so würde
man den Vorschlag ihrer Konstituierung gar nicht machen. Daher
kann auch eine solche Auffassung über die Verbesserung der Lage,
bevor die Betriebsräte arbeiten, doch eigentlich nicht als eine sehr
bedeutsame angesehen werden. Es gibt ja heute sehr viele Men-
schen, die kommen mit sonderbaren Fragen, wenn es sich darum
handelt, die wirklich praktischen Gesichtspunkte geltend zu ma-
chen, die nun die Menschheit zu heilsameren Zuständen führen,
als wir sie heute haben. Ich habe in den letzten Wochen immer
wieder erlebt, daß die Menschen fragen: Ja, nun soll doch soziali-
siert werden. Was wird dann nach der Sozialisierung mit einem
Kleinkrämer, der ein Geschäft auf der Straße hat? Oder eine ande-
re Frage: Wie wird der Universitätspedell sozialisiert, wenn die
Dreigliederung eingeführt werden soll?
N u n , hört man sich diese Fragen an, so laufen sie alle eigentlich
auf das eine hinaus, nämlich auf die Frage: Ja, wie führen wir
eigentlich die große Umwälzung so herbei, daß nicht alles beim
alten bleibt? So fragt die eine Sorte von Menschen. Die andere
Sorte von Menschen möchte schon eine große Umwälzung, aber
so möchte sie es nicht machen, sie möchte nicht eingreifen, sie
möchte leichtere Maßregeln haben. Und diese Tendenz liegt ein
bißchen unserer Frage zugrunde. Man kann da nur antworten:
Mit dieser anderen, leichteren Form schon für die Übergangszeit,
da kann man nichts erreichen. Daher kommt es darauf an, daß
derjenige, der eine Besserung will, sich schon darauf einläßt, dieje-
nigen Dinge zu ergreifen, die die Besserung herbeiführen können.
Man kann nicht fragen: Wie führen wir die Besserung herbei im
Vorfeld der Begründung von Betriebsräten? - Sondern man muß
sich sagen: Damit die Besserung herbeigeführt wird, wollen wir
so schnell wie möglich Betriebsräte haben. Ich fürchte sogar, daß
hier auch ein Wunder nicht helfen könnte. Also verlassen Sie sich
auf keine Wunderkuren, sondern gehen Sie den praktischen Weg;
je schneller, desto besser.
Sehen Sie, da ist ja jetzt diese «Tribüne» erschienen, in der
auch der Aufsatz über mich und das Proletariat enthalten ist, von
dem ich schon gesprochen habe. Es gibt im gleichen Heft noch
einen Aufsatz von einem Universitätsprofessor, der die ganze Drei-
gliederung des sozialen Organismus Punkt für Punkt widerlegt.
Man kann nicht einmal sagen, daß das, was er diesmal vorbringt,
nicht zutreffend wäre, aber es ist aus einem ganz sonderbaren
Grund zutreffend. Sehen Sie, der Mann versteht nämlich gar nichts
von der Dreigliederung des sozialen Organismus. Er ist gar nicht
in der Lage, irgendeinen Gedanken, der in meinem Buch über
die Kernpunkte der sozialen Frage steht, wirklich zu verstehen.
Weil er das nicht versteht, aber doch Universitätsprofessor ist, da
muß er alles verstehen. Weil er eben nicht versteht, so macht er
sich selbst eine Dreigliederung zurecht. Das ist ein fürchterlicher
Kohl. Wenn man alles das zusammenstellt, was er als Dreigliede-
rung schildert, so ergibt das einen fürchterlichen Kohl, einen un-
ausführbaren, lächerlichen, schauderhaften Kohl. U n d das wider-
legt der nun. Das ist furchtbar leicht zu widerlegen, was er sich
da zurechtgemacht hat. Aber darin besteht nun der Aufsatz. Es
ist in ihm nichts davon enthalten, um was es eigentlich geht. So
kann sich der Mann nicht vorstellen, warum eigentlich dieser selb-
ständige Wirtschaftskörper dasein soll. Ich habe Ihnen neulich
gesagt: Der selbständige Wirtschaftskörper muß deshalb im drei-
gliedrigen sozialen Organismus dasein, weil auf dem Boden des
Wirtschaftslebens alles aus der Sachverständigkeit, aus dem Drin-
nenstehen im Wirtschaftsleben, aus den Erfahrungen des Wirt-
schaftslebens hervorgehen muß und weil man nicht auf dem Boden
des allgemeinen Rechtes, wo jeder mündige Mensch zu entscheiden
hat über das, worin er jedem Menschen gleich ist, über das Wirt-
schaftsleben entscheiden kann. Es kann nur zum Segen für das
Wirtschaftsleben etwas werden, wenn sachverständig entschieden
wird. Das kann sich Herr Professor Heck nicht vorstellen. Er
kann sich überhaupt nichts anderes denken, als was er schon gese-
hen, was er schon erlebt hat und worin seine Denkgewohnheiten
wurzeln. Ich muß bei solchen Dingen immer wieder an etwas
denken, was ich neulich gehört habe. Da sagte mir jemand - ich
glaube, es war auch ein Professor - : Ich kenne die Bestrebungen
des dreigliedrigen sozialen Organismus. - Ich fragte ihn: Leuchtet
Ihnen etwas davon ein? — Bis jetzt war es nicht so, sagte er. -
Sehen Sie, dieses «bis jetzt war es nicht so», das war alles, was
ihm als Gedanke kam. Was bis jetzt nicht war, scheint eben nicht
diskutabel zu sein, darüber konnte er sich nicht weiter äußern.
Solche Dinge erlebt man eben durchaus. Man begegnet Einwänden,
die eigentlich keine Einwände sind. Es wurde - das ist noch nicht
lange her - sogar der Einwand erhoben: Ja, die Idee von der
Dreigliederung des sozialen Organismus, die steht gewissermaßen
auf einem sittlichen Standpunkt, und sich auf einen sittlichen
Standpunkt zu stellen, das ist ein großer Irrtum. - Ja, diesen
Einwand gab es auch schon. Es gibt überhaupt die allermerkwür-
digsten Einwände. Einer der gewöhnlichsten ist der: Ja, es wäre
ja ganz nett mit dieser Dreigliederung, aber dazu gehören andere
Menschen. Mit den gegenwärtigen Menschen kann man die Drei-
gliederung nicht einführen. - N u n , dabei begreift derjenige, der
so etwas sagt, durchaus nicht, daß viel von dem, was in den
gegenwärtigen Menschen zum Ausdruck kommt, gerade eine Folge
unserer sozialen Verhältnisse ist und daß das anders sein wird in
dem Augenblick, wo die sozialen Verhältnisse gesunden werden.
Nun, die Leute betrachten die Dinge niemals von einem wirk-
lich sachgemäßen Gesichtspunkte aus. Ich will Ihnen ein drasti-
sches Beispiel geben, das ich vielleicht auch hier schon einmal
vorgebracht habe. Nicht wahr, es gab ja eine furchtbare Bürokratie
gerade innerhalb des Beamtenwesens in Deutschland bis zu diesem
Weltkrieg. N u n hat man durch die Kriegswirtschaft die Notwen-
digkeit erkannt, nicht allein die Beamten wirtschaften zu lassen,
sondern zunehmend Kaufleute und Industrielle in die Ämter zu
berufen, damit diese dort ihre praktische Weisheit im Hinblick
auf eine Steigerung der Kriegswirtschaft loslassen konnten. Da hat
sich dann die merkwürdige Tatsache eingestellt, die sehr interessant
ist. Es wurden nämlich die Kaufleute und Industriellen viel büro-
kratischer, als die Bürokratie zuvor je war! Also, sie haben sieb
wunderbar in die Bürokratie hineingefügt. Wer dies beobachtet
hat, der weiß auch, was es für eine Bedeutung haben würde,
wenn nicht weiterhin ungesunde, das heißt bürokratische Verhält-
nisse die Menschen umgeben würden, sondern solche Verhältnisse,
von denen der Impuls des dreigliedrigen sozialen Organismus
spricht. Da würden sich, gerade so, wie sich die Industriellen und
Kaufleute in waschechte Bürokraten innerhalb der bestehenden
Bürokratie verwandelt haben, die Menschen eben den gesunden
Verhältnissen anpassen, und man wird nicht mehr sagen können,
daß man zuerst bessere Menschen haben müsse, damit man eine
bessere soziale Ordnung begründen kann. Man muß sich doch
darüber klarwerden, daß gerade durch eine Verbesserung der sozia-
len Verhältnisse den Menschen die Möglichkeit gegeben sein wird,
bessere Menschen zu werden. Verlangt man aber, daß die Men-
schen zuerst bessere Menschen sein müssen, dann brauchen wir
ja die sozialen Verhältnisse gar nicht zu bessern. Wenn die Men-
schen durch die sozialen Verhältnisse nicht zu dem geworden
wären, was sie gegenwärtig sind, dann müssen die sozialen Verhält-
nisse ja gut sein, dann müßten sie in Ordnung sein. Sie sehen
daraus wiederum die Notwendigkeit des Umdenkens und Umler-
nens. Das ist es, was vor allen Dingen grundlegend notwendig
ist. Und wenn sich die Leute nur ein klein wenig in die Wirklich-
keit hineinstellen könnten und aus ihr heraus denken würden,
dann wären wir schon einen Schritt weiter.
Sehen Sie, da schreibt ein ganz gutwilliger junger Mann - man
möchte ihm ja so gerne helfen - , er schreibt: Ja, er kann nicht
anders als sich sagen, daß vielleicht die Dreigliederung des sozialen
Organismus eine Lösung wäre, wenn eben die Menschen anders
wären, als sie jetzt sind. - Und nun frage ich Sie: Glauben Sie
nicht, daß dieser Mann im Untergrund seiner Seele die Anschau-
ung in sich trägt, daß die anderen nicht die besseren Menschen
sind, aber er, der das einsieht, er ist doch, jedenfalls der Anlage
nach, dieser bessere Mensch? - Geht man zum nächsten, der einem
dasselbe sagt, dann empfindet sich wiederum der als den besseren
Menschen und ein dritter wohl ebenso. Da müßte sich doch jeder
sagen: Wenn jeder so dächte wie er - und eigentlich muß man
doch zunächst Rücksicht nehmen darauf, wie die anderen Men-
schen sind - , wenn also jeder dächte so wie er, dann wären doch
die besseren Menschen schon da! - Sie sehen, es kommt nicht
darauf an, abstrakt-logisch zu denken, sondern so, daß man mit
dem Denken in der Wirklichkeit steht, so daß man nicht etwas
sagt, was selber als Gedanke fortwährend Purzelbäume schlägt.
Das aber ist gerade das, was in der Gegenwart so furchtbar wirkt
und uns auffällt, daß die Menschen fortwährend über die eigenen
Gedanken, die eigentlich Ungedanken sind, stolpern. Deshalb muß
immer wieder betont werden, daß nicht nur eine Änderung unseres
Wirtschaftslebens notwendig ist, sondern auch eine Änderung der
geistigen Struktur unseres sozialen Lebens. Wir sind durch das,
was bisher war, in eine Krise vor allen Dingen des Geisteslebens
hineingetrieben worden.
Wenn wir heute, ich möchte sagen, den Welthorizont überblik-
ken, was fällt einem denn da am meisten auf? Ja, in den letzten
vier bis fünf Jahren muß einem am meisten auffallen, daß über
alle Weltverhältnisse nirgendwo im Grunde genommen die Wahr-
heit gesagt worden ist, sondern alle Weltverhältnisse sind entstellt
worden, sind in schiefem Lichte dargestellt worden, von den Be-
richten über die Schlachten bis hin zu den Zielen der Völker.
Von den Kriegsmotiven bis hin zum Frieden ist alles schief darge-
stellt worden. Überall herrschen Phrasen, die nicht mit den Tatsa-
chen in der Welt übereinstimmen. Das aber lebt in allem, was
sich aus den bisherigen Kulturverhältnissen und den sozialen Ver-
hältnissen entwickelt hat. Das lebt bis in die einzelnen Verrichtun-
gen und Einrichtungen des menschlichen Lebens hinein. Daher
müssen wir sagen, daß alle diejenigen, die die soziale Frage einsei-
tig auffassen, es mit der Menschheit nicht ehrlich meinen. Ehrlich
meint man es nur mit der Menschheit, wenn man sich sagt: Das
Wirtschaftsleben hat die Menschen in die Krise hineingeführt, also
muß es auf einen anderen Boden gestellt werden. Das Rechtsleben
hat gezeigt, daß in den einzelnen Rechtsterritorien Klassenvorrech-
te und Klassenbenachteiligungen herrschen, also muß es auf den
Boden der allgemeinen Menschenrechte gestellt werden. Es hat
sich deutlich gezeigt, daß man Recht nennt dasjenige, was nur
gestützt werden kann durch Gewalt, und dies bis in unsere Tage
hinein. Und es hat sich gezeigt, daß im Geistesleben die Gedanken
der Menschen schief sind. Auf den drei elementaren Lebensgebie-
ten, also dem des Wirtschaftslebens, des Rechtslebens und des
Geisteslebens, sehen wir die Menschheit in einer Krise, und dieje-
nigen, die es mit dem Fortschritt ehrlich meinen, die müssen sich
darüber klar sein, daß auf diesen drei Gebieten jeweils ganz selb-
ständig vorangeschritten werden muß, weil die Krisen gerade aus
der Vermengung dieser drei Gebiete resultieren. Daher kann ich
nur sagen: Wenn Sie auf irgendeinem speziellen Gebiet, wie jetzt
im Zusammenhang mit den Betriebsräten, entscheidende Maßnah-
men treffen im Sinne einer umfassenden sozialen Neugestaltung,
also im Sinne der Dreigliederung des sozialen Organismus, dann
handeln Sie in der Richtung des Fortschrittes der Menschheit zu
einer wirklichen sozialen Ordnung. Bedenken Sie diesen Zusam-
menhang zwischen einer Einzelmaßnahme und den Maßnahmen
aufgrund eines gesamthaften Überblickes, dann tun Sie heute Ihre
Pflicht und Schuldigkeit gegenüber der Menschheit und gegenüber
sich selbst. Einzelne Maßnahmen haben heute keine Bedeutung,
sondern allein das, was im großen sozialen Zusammenhang gedacht
ist. Das Kleinste muß mit dem Größten zusammen gedacht wer-
den. Seien Sie sich dessen bewußt: Gelingt es Ihnen, die Betriebsrä-
teschaft wirklich entstehen zu lassen, dann haben Sie etwas getan,
was eine geschichtliche Bedeutung hat für die ganze folgende
Menschheit, weil dies im Zusammenhang steht mit den größten
Problemen, die heute der Menschheit gestellt werden. Deshalb
fragen Sie nicht nach kleinlichen Schritten, sondern stellen Sie
sich auf einen solchen Boden, der wirklich die Grundlage bildet,
um vorwärtszukommen zur Tat, denn auf die Tat kommt es an.
Und fügen wir an das, was wir aus der Dreigliederung des sozialen
Organismus heraus einsehen, Tat um Tat, dann werden wir das
schaffen können, was uns Hoffnung gibt, aus der furchtbaren
Lage, in die uns das bisherige Geistesleben, das bisherige soge-
nannte Rechtsleben und das bisherige Wirtschaftsleben geführt ha-
ben, herauszukommen.
SIEBENTER DISKUSSIONS ABEND

Stuttgart, 17. Juli 1919

Der Vorsitzende, Herr Roser, eröffnet die Versammlung. Anschließend


teilt er mit, daß beabsichtigt ist, Studienabende einzuführen, an denen
Erläuterungen zur Idee der Dreigliederung des sozialen Organismus gege-
ben werden sollen und an denen insbesondere das Buch «Die Kernpunkte
der sozialen Frage» gründlich besprochen werden soll. Der erste Studien-
abend soll in der kommenden Woche stattfinden. Dann berichtet er, daß
die Schuhindustrie in bezug auf die Betriebsrätefrage Fortschritte erzielt
habe. Man sei dort bereits so weit gekommen, daß sich die Betriebsräte
der Lederbranche zu einem Aktionsausschuß zusammengeschlossen hätten,
der beabsichtige, in nächster Zeit innerhalb des Schuhgewerbes aktiv zu
werden.

Einleitende Worte

Rudolf Steiner: Meine sehr werten Anwesenden! Wie an den Aben-


den zuvor, so werde ich auch heute nur eine kurze Einleitung
geben, damit wir uns dann in der Diskussion ausführlich über
die eine oder andere spezielle Frage unterhalten können. Aber
angesichts des erlahmenden Interesses an der Betriebsrätefrage wird
es sich vielleicht empfehlen, zu Beginn des heutigen Abends zu-
nächst einige allgemeinere Bemerkungen zu machen.
Sehen Sie, von seiten des «Bundes für Dreigliederung des sozia-
len Organismus» ist angestrebt worden, mit der Schaffung einer
Betriebsräteschaft den ersten wirklich praktischen Schritt in die
Richtung zu gehen, die im Grunde genommen seit mehr als einem
halben Jahrhundert durch die soziale Bewegung vorgezeichnet ist.
Diese Bewegung ist ja wie ein Aufschrei des Proletariats gegen
seine Unterdrückung. Dieser Aufschrei ist aber im Grunde genom-
men nichts anderes als eine Art weltgeschichtliche Kritik an der
kapitalistischen Wirtschaftsordnung. Bedingt durch die Weltkriegs-
katastrophe haben sich jetzt Verhältnisse herausgebildet, die es
erforderlich machen, daß die Kritik, an die sich die Parteien der
sozialistischen Bewegung gewohnt haben, durch etwas anderes ab-
gelöst werden muß. Als man aus dieser Bewegung heraus wieder-
um begann, Wege zu einer sozialen Erneuerung zu finden, da
konnte man ja die Hoffnung haben, daß sich besonders innerhalb
der breiten Massen der Arbeiterschaft, erstens aus ihren Erlebnis-
sen innerhalb der kapitalistischen Gesellschaftsordnung heraus,
zweitens aus den Untergründen heraus, die sich ergeben, weil die
Arbeiterschaft durch ihre Erfahrungen wirklich politisch viel ge-
schulter ist als das Bürgertum, ein Verständnis bilden würde für
das, was die früher bloß soziale Kritik an der Gesellschaftsordnung
ersetzen sollte. Nach dem sogenannten Zusammenbruch des Deut-
schen Reiches konnte man im Grunde genommen etwas wirklich
Einschneidendes nur von dieser Seite her erhoffen, denn diejenigen,
die ganz mit der alten Staats- und Wirtschaftsordnung verknüpft
waren, die hatten, trotz der Erfahrungen der Weltkriegskatastrophe
und deren Folgen, nichts zu bieten, was zu einem Neuaufbau
wirklich führen könnte.
Man bekommt recht trübe Gedanken heute, wenn man doch
auf der einen Seite einsieht, daß zu einem Neuaufbau die Intelli-
genz notwendig ist, und wenn man auf der anderen Seite die
seelische und die politische Verfassung dieser Intelligenz im heuti-
gen Mitteleuropa ins Auge faßt, namentlich der Intelligenz jener,
die zu den führenden Persönlichkeiten gehören. Aus all dem, was
hier bislang gesprochen wurde, werden diejenigen unter Ihnen,
die öfter hier waren, gesehen haben, daß, wenn wir wirklich wei-
terkommen wollen, eine neue Gesellschaftsordnung auch aus einem
neuen Geist heraus gefunden werden muß. Dies gilt insbesondere
für den jetzigen Zeitpunkt, der deutlich zeigt, daß Mitteleuropa
im Zusammenbruch begriffen ist. Daß von gewissen Kreisen nichts
zu erhoffen ist, sei an folgendem Beispiel verdeutlicht.
Sehen Sie, wenn man von einem neuen Geiste spricht, aus dem
heraus die Zukunft gestaltet werden soll, dann muß man sich
zunächst fragen: Wo sind die Anlagen zu diesem neuen Geiste?
Nun, den politischen Geist, der heute vor allem die führenden
Klassen beherrscht, den möchte ich an einem Beispiel, das aber
vertausendfacht werden konnte, veranschaulichen. In einer Berliner
Rede finden sich die folgenden Worte. Ich bitte Sie, hören Sie
genau zu, denn man muß sich heute mit dem Geist der Menschen
vertraut machen. Hören Sie also genau zu:
«Daß wir vor der Revolution im ganzen auf die redliche und sachliche
Zuverlässigkeit unserer Regierung vertrauen durften, daß wir in dem
vortrefflichen preußischen Beamtenstaat uns das Mitreden ersparen
konnten, darin nicht zuletzt wurzelt die geistige Überlegenheit, die
Deutschland allgemein, zumal auch in seiner wissenschaftlichen und
technischen Entwicklung, während des neunzehnten Jahrhunderts er-
wiesen hat. Man kann nicht zweien Herren zugleich dienen. Die allge-
meine Politisierung ist notwendig ein Feind strenger Sammlung und
Versenkung in schaffende Arbeit. Möge der deutsche Geist die Kraft
entwickeln, sich durch die häßliche politische Sund- und Schlammflut
wieder zu jenem rühmlichen Staate des Vertrauens durchzuarbeiten,
wie ihn uns Preußen die Hohenzollern geschenkt hatten!»
[Zwischenruf: Ist das der Oldenburg-Januschau?']

Ja, das glauben Sie, daß das der Oldenburg-Januschau ist! Es wäre
tröstlich, wenn es wenigstens er wäre. Aber sehen Sie, diese Worte
hat der tonangebende Professor für deutsche Sprache und Literatur
an der Berliner Universität gesprochen. Das ist das Ausschlagge-
bende! Diese Worte, die also der Vertreter der deutschen Sprache
und Literatur, der erste Vertreter dieses Faches an der ersten deut-
schen Universität, gesprochen hat, die sind wohl einigermaßen
ausschlaggebend für den Geist, der bei denjenigen herrscht, die
heute unsere Jugend zu begeistern haben für das, was die Mensch-
heit von der Zukunft zu erwarten hat. Muß man sich da wundern,
daß trübe Gedanken aufsteigen, wenn man an diese Zukunft
denkt? Im Grunde genommen führt man so etwas als charakteri-
stisch deshalb an, weil ja schließlich auch diejenigen Menschen,
die heute in der Publizistik das Wort führen, insbesondere in der
Publizistik der Parteien, weil die ja, selbst wenn sie sich einzelne
Programmpunkte angeeignet haben, in bezug auf ihr ganzes Den-
ken doch manches von diesen Leuten gelernt haben. Vor allem
haben sie gelernt, kurzsichtig, um nicht zu sagen stumpfsinnig,
zu sein.
Gegenüber diesem muß eben immer wieder betont werden: Ehe
sich die Menschen nicht zu einem wirklich neuen Geist aufraffen,
zu einem umfassenden Geist, kann es im Grunde genommen nicht
besser werden. Deshalb ist es so unendlich bedauerlich, daß, wo
doch die Idee der Begründung einer Betriebsräteschaft herausge-
schöpft war aus einem wirklich neuen Geiste, daß diese Idee der
Betriebsräteschaft, die ja eine wirklich praktische Idee ist, bei den
Massen so wenig Anklang findet. Natürlich kann auch einmal
etwas langsam gehen, das wäre ja nicht einmal das Schlimmste,
aber zum Allerschlimmsten muß man schon zählen, wie die Sache
geschehen ist.
Wir haben ja hier begonnen mit der Arbeit im Sinne der Drei-
gliederung des sozialen Organismus. Zuerst haben sich, das habe
ich schon einmal ausgesprochen, diejenigen Leute, auf die ja immer
gehört wird, gesagt: Nun, das ist mal eine kleine Narretei, die
lassen wir gewähren. Dann aber hat sich diese Narretei als etwas
entpuppt, das eine nach Tausenden zählende Anhängerschaft in
Stuttgart und Umgebung gefunden hat. Da ist es den Leuten
höchst ungemütlich geworden. Dann trat die praktische Idee der
Betriebsräte in einer wirklich praktischen Gestalt hervor. Da wurde
es den Leuten noch ungemütlicher, und da stellte sich dann eben
diese merkwürdige Tatsache ein, die immer wieder festgehalten
werden muß, daß nun von Seiten der Parteien gegen die Dreighe-
derung des sozialen Organismus im allgemeinen und gegen die
Betriebsräteschafts-Frage im besonderen Merkwürdiges ins Feld
geführt wird. Da hören wir auf der einen Seite: Ja, die Dreigliede-
rung, die ist ja schon ganz gut. - Als neulich unsere Freunde
Gönnewein und Roser in einer Volksversammlung gesprochen ha-
ben drüben im Dinkelacker-Saal, da trat zum Beispiel unter den
verschiedenen, zum großen Teil uns gegnerisch gegenüberstehen-
den Diskussionsrednern wieder einer auf, der da sagte: Ja, die
Dreigliederung des sozialen Organismus ist ja ganz gut; sie muß
sich letztlich ergeben, aber wir bekämpfen sie! - Also, sie ist gut
und muß sich letztlich auch ergeben, aber sie wird doch bekämpft.
- Wir wollen, so sagte er, zunächst etwas ganz anderes, und dann,
wenn wir dieses ganz andere verwirklicht haben, dann wird sich
die Dreigliederung von selbst ergeben.
Nun, es kann keine Rede davon sein, daß sich die Dreigliede-
rung jemals von selbst ergeben wird, sondern sie muß eben gerade
hart erarbeitet werden. Es ist, ich muß das Wort schon ausspre-
chen, der größte Schwindel, wenn man immer wieder und wieder
das alte Wort wiederholt: Wir brauchen nur dieses oder jenes zu
tun, es braucht nur diese oder jene Klasse die Herrschaft zu
erhalten, dann wird sich schon ein richtig geordnetes gesellschaftli-
ches Wesen von selbst ergeben. - Nein, das richtig geordnete
gesellschaftliche Wesen, es muß zuerst erkannt und dann erarbeitet
werden. Und charakteristisch ist eben, daß man immer wieder
sagt: Die Dreigliederung des sozialen Organismus ist ganz gut,
so muß auch einmal eine Gesellschaftsordnung sein, wie diese
Dreigliederung es sagt, aber wir bekämpfen sie. - Wenn die Leute
aber einmal das sagen sollen, was sie denn wollen, dann hört man
nichts anderes als Schlagworte und Phrasen
Das einzige, was ich innerhalb der Kommunistischen Partei in
bezug auf deren Bekämpfung der Dreigliederung gefunden habe,
das ist, daß man sich dort einig ist - soweit einem das entgegen-
tritt - , daß die Dreigliederung ganz gut ist, aber daß man sie
bekämpfen muß. Darin ist man sich einig. Und von der anderen
Seite her hat es sich gezeigt - glauben Sie nicht, daß mir irgend
etwas an der Sache liegt, aber wenn es sich darum handelt, etwas
durchzukämpfen, dann muß auf solche Dinge hingesehen werden
- , daß man anläßlich des Erscheinens der ersten Nummer unserer
Wochenschrift «Dreigliederung des sozialen Organismus» auf kei-
nen einzigen der in diesem Blatt enthaltenen Gedanken eingegan-
gen ist, aber daß man wüst geschimpft hat. Das resultiert aus der
Stumpfheit, aus der Unfähigkeit, auch nur einen eigenen wirklichen
Gedanken hervorzubringen. Daher kann man nichts anderes als
schimpfen. Auch von dritter und vierter Seite ist manches ange-
führt worden, was in eine ähnliche Richtung zielt. Die Dinge
wurden immer so behandelt, daß schon bald deutlich wurde, daß
all diese Kritiker wirklich sachliche Einwände gar nicht vorbringen.
Einerseits offenbart sich da die Unfähigkeit, die Impotenz, ande-
rerseits die Dummheit, indem man immer wieder sagt, daß die
Dreigliederung an sich ja gut ist, aber bekämpft werden muß.
N u n , wenn auf diese Dinge nicht hingeschaut wird, wenn nicht
der Krebsschaden als Folge der Parteibetriebsamkeit gesehen wird,
dann kann nichts Heilsames aus dem Kampf, in dem wir uns
befinden, herauskommen.
Meine sehr verehrten Anwesenden! Es ist heute wahrhaftig nicht
die Zeit, in der man sich in solchem Parteigezänke verlieren darf,
denn wir stehen heute nahe an dem Punkt, daß nämlich die Men-
schen, die eine solche Gesinnung haben wie Professor Gustav
Roethe von der Berliner Universität, die ich Ihnen vorgelesen habe,
auch in kapitalistischen Kreisen wieder die Oberhand gewinnen.
Man braucht wahrhaftig kein Freund sein dieser Ideen, die ja nur
Halb- oder Viertelsideen und obendrein ziemlich unpraktisch sind,
und man braucht kein Freund zu sein von Wisseil und Moellen-
dorff, aber man muß doch sagen, daß man von einer gewissen
Seite her die Macht hatte, die beiden zu verdrängen. Wären sie
von anderer Seite verdrängt worden, so wäre dies kein besonderer
Schaden gewesen, aber daß man die Macht hatte, sie eben von
jener Seite her zu verdrängen, das beweist den gegenwärtigen Ernst
der Lage in Mitteleuropa. Das beweist, daß sich gewisse Kreise
wieder sicher fühlen, Kreise, die sich vor verhältnismäßig kurzer
Zeit noch sehr unsicher fühlten.
Vor ein paar Wochen, gerade in der Zeit, als ich von der
Schweiz, von Dornach, nach Stuttgart kam und wir unsere Tätig-
keit begannen, da war es noch so, daß sich das Unternehmertum,
ja die führenden Kreise überhaupt, in einem gewissen Sinne unsi-
cher fühlten. Da herrschte in diesen Kreisen noch eine ganz son-
derbare Stimmung. Und da konnte man durchaus den Eindruck
haben, daß dann, wenn eine energische Bewegung, die Inhalt und
Sinn hat, kommt, etwas erreicht werden kann. Damals hatten die,
denen die Planwirtschaft und die Rahmengesetze von Moellendorff
ein Greuel waren, noch nicht so viel Mut, um so kühn hervorzu-
treten, wie sie das heute tun. Weil man aber voraussehen konnte,
wie sich die Sache entwickeln würde, wurde hier und auch in
anderen Versammlungen, auf denen ich gesprochen habe, ein Ge-
danke immer wieder und wieder vorgebracht, für viele wahrschein-
lich bis zum Überdruß, nämlich: Man schreite mit Bezug auf die
Idee der Betriebsräte zur Tat, ehe es zu spät ist.
Im Zusammenhang mit der Verabschiedung von Moellendorff
und Wisseil gilt es zu beachten, daß das Betriebsrätegesetz nun
neuerdings wiederum der Nationalversammlung vorgelegt worden
ist. Alle diese Symptome können Sie zusammennehmen, und Sie
werden es nicht unglaublich finden, wenn heute derjenige, der in
diese Dinge etwas hineinschaut, Ihnen sagt: Das alles ist systemati-
sche Arbeit von der anderen Seite her, systematische Arbeit von
Seiten der ehemaligen Unternehmer, die sich schon sehr am Rande
des Abgrunds gefühlt hatten und die nun nach und nach die
soziale Bewegung in Mitteleuropa lahmlegen. Von dieser Seite wird
auch kein Mittel gescheut, auch mit der Entente zusammenzuge-
hen, wenn es sich darum handelt, die soziale Bewegung in Mittel-
europa lahmzulegen. Wenn die Ideen derjenigen Leute, die heute
am Werk sind, und das ist keine Übertreibung, sich erfüllen, dann
ist es so, daß alles soziale Streben, wie Sie es empfinden, für viele
Jahre ein Ding der Unmöglichkeit ist. Denn da handelt es sich
dann nicht darum, wie stark der Kapitalismus in Mitteleuropa ist,
sondern darum, wie stark der Entente-Kapitalismus ist.
So verhalten sich die Dinge auf der einen Seite. Auf der anderen
haben wir das wüsteste Parteigezänk, das hinwegzufegen die einzi-
ge Möglichkeit wäre, um zu einem sachlichen Streben zu kommen.
Was offenbart denn dieses Parteigezänke? Es offenbart vor allem
die Notwendigkeit der Dreigliederung des sozialen Organismus.
In dieser Dreigliederung soll auf der einen Seite das Geistesleben
eine selbständige Verwaltung haben, auf der anderen Seite soll das
Staats- oder Rechtsleben eine eigene Verwaltung haben und auf
der dritten Seite das Wirtschaftsleben. Innerhalb des Wirtschaftsle-
bens als einer rein wirtschaftlichen Einrichtung wollen wir die
Betriebsräte entstehen lassen. Diese Betriebsräteschaft würde den
Beginn einer wirklichen Sozialisierung dadurch einleiten, daß sie
die Wirtschaftsverwaltung von dem geistigen und politischen Le-
ben abtrennt. Wodurch wäre denn das Wirtschaftsleben am sicher-
sten auch weiterhin dem Kapitalismus ausgeliefert? Dadurch, daß
das Wirtschaftsleben weiterhin verquickt wird mit dem politischen
Leben! Und was quiekt denn da eigentlich aus dem törichten
Parteigezänke heraus? Es ist das wüste Durcheinanderwerfen und
Ineinanderverschmelzen von wirtschaftlichen Gesichtspunkten und
politischen Gesichtspunkten. Diese neuzeitlichen Parteien sind des-
halb so schädlich, weil sie ganz auf dem beruhen, was sich als
Verschmelzung des politischen mit dem wirtschaftlichen k Leben
überlebt hat. Daher hört man immer wieder von Leuten, die von
einer Struktur der sozialen Ordnung rein gar nichts verstehen,
daß man erst die politische Macht haben muß und dann die wirt-
schaftliche. Dann kehren sie das wiederum um und so weiter.
Aus all diesen Dingen spricht der wüsteste Dilettantismus. Daß
gerade solche Anschauungen innerhalb der Parteien auftreten,
zeigt, wie notwendig die Dreigliederung des sozialen Organismus
ist. Und in unseren Tagen sollte man, ich möchte sagen, wirklich
wie schon beim Herannahen der zwölften Stunde, mit sich zu
Rate gehen und sich fragen: Will man denn wirklich der Narr
der heraufziehenden Reaktion dadurch sein, daß man blinder als
jemals die scheinbar gutgläubigen Katholiken den Parteiparolen
aufs Wort folgt? Will man sich denn nicht auf das eigene Urteil
stützen? Hätte man sich auf das gesunde eigene Urteil gestützt,
dann wäre die Betriebsräteschaft schon zustande gekommen. Den-
ken Sie einmal, was das bedeuten würde, wenn die Betriebsräte-
schaft jetzt schon Wirklichkeit wäre und wenn jetzt die wirtschaft-
lichen Forderungen des Proletariats von den Betriebsräten
aufgegriffen und hineintönen würden in all das, was sich jetzt
abspielt innerhalb des wiedererstarkten Kapitalismus und Unter-
nehmertums, in das, was getrieben wird von seiten der Erzbergerei,
die ja viel schädlicher ist, als man denkt, und in das, was mit
dem Friedensvertrag zusammenhängt. Die Leute haben immerfort
betont, daß es sich vor allen Dingen darum handle, die politische
Macht zu erobern.
Oh, meine sehr verehrten Anwesenden, es kommt mir nichts
lächerlicher vor als solch eine Phrase. Man kann natürlich solche
Phrasen, also daß man erst die politische Macht haben müsse,
aussprechen. Wenn aber der erste Schritt getan werden soll, um
überhaupt zur Macht zu gelangen, wie es durch die Wahl der
Betriebsräte hätte geschehen können, dann wird dieser erste Schritt
nicht getan. Er wird nicht getan, weil man es liebt, in großen
Worten und Phrasen zu sprechen. Man liebt es aber nicht, wirklich
sachgemäß an das heranzugehen, was wirklich notwendig ist.
Der bisher vorliegende Betriebsräte-Gesetzentwurf hat sich als
etwas Unpraktisches, als etwas Unannehmbares entpuppt. Jetzt
wird ein neuer Entwurf der Nationalversammlung vorgelegt, nach-
dem man ja den schüchternen Versuch von Moellendorff und
Wissell, der auch Ansätze zu einer Planwirtschaft enthielt, in den
Orkus hinabgestürzt hat und die beiden Persönlichkeiten gleich
dazu. Das alles zeigt, welcher Unfug von einer gewissen Seite her
getrieben wird, der aber zuletzt zu nichts führen kann. Man stelle
sich vor, wenn seit vierzehn Tagen unsere Betriebsräteschaft in
Württemberg tagen würde und jeden Tag greifbare Vorschläge für
eine wirkliche Sozialisierung in die Welt senden würde! Wenn
das der Fall wäre, dann könnte man sagen: Aus diesem Proletariat
heraus, da ersteht der neue Geist, der für einen Neuaufbau not-
wendig ist. Wenn jetzt tausend Betriebsräte hier säßen und nicht
nur die paar Männchen, dann könnten wir sagen: Wir lachen über
das, was nach dem Beginn der Novemberrevolution und nach
Ausbruch des Streiks jener Großindustrielle mit folgenden Worten
zum Ausdruck gebracht hat: Wir brauchen nichts anderes tun, als
zu warten! Denn der Zeitpunkt wird kommen, an dem die Arbei-
ter winselnd und flehend vor unserer Etablissementtüre erscheinen
werden und zufrieden sein werden, wenn sie ein Viertel von dem
arbeiten dürfen, was sie jetzt verlangen. - Nun, man ist aber
heute noch nicht in der Lage, die Dinge mit dem nötigen Ernst
zu betrachten. Es reicht aber auch nicht aus, diesen Ernst nur in
Worten zum Ausdruck zu bringen, sondern es kommt darauf an,
daß sich dieser Ernst auch in Taten niederschlägt. Wenn man
darauf hinschaut, daß die mitteleuropäischen Industriellen in bezug
auf ihre Macht Unterstützung von seiten der Entente bekommen
werden, dann muß man doch zu dem Schluß kommen, daß diese
Betriebsräteschaft entstehen muß, ehe es zu spät ist. Ich will mit
alledem nicht sagen, daß man jetzt nichts mehr tun kann. Selbst-
verständlich muß in der angefangenen Richtung weitergearbeitet
werden, aber es wäre ein Blinde-Kuh-Spiel, wenn man die Augen
vor der allgemeinen Weltlage verschließen wollte. Wir stehen nun
einmal in ihr drinnen, und eigentlich hätten wir nicht so in sie
hineingeraten sollen, ohne daß wir schon Betriebsräte haben.
Sehen Sie, den richtigen Moment, den richtigen Augenblick zu
erfassen, zu nutzen, das ist in Zeiten solcher Umwälzungen, in
denen wir leben, von ganz besonderer Wichtigkeit. Da geht es
darum, daß man nicht vier bis sechs Wochen warten kann mit
demjenigen, was gleich geschehen soll. Heute wissen ja viele Leute,
daß mit der großen Französischen Revolution Ende des 18. Jahr-
hunderts und mit den folgenden Revolutionen im 19. Jahrhundert
eigentlich nur eine Art Emanzipation des Menschen als Staatsbür-
ger erreicht worden ist. Aber die Tatsache, daß in einem gewissen
Grade einzelne Menschen freier geworden sind, ist für die breite
Masse des Proletariats bedeutungslos. Warum? Weil diejenigen,
die sich gegen die alte Feudalordnung aufgelehnt haben, zwar die
Staatsmacht erobert haben, aber es unterlassen haben, dem Arbei-
ter, auch wenn er jetzt persönlich frei war, die wirtschaftliche
Zwangsjacke auszuziehen. Heute ist es an der Zeit, daß man ein-
sieht, daß es mit der bloßen Eroberung der Staatsmacht nicht
getan ist. Als Folge der Revolutionen gelangten zwar andere Men-
schen an die Macht, doch man schuf nicht wirklich etwas Neues.
Der alte Rahmen des Staates wurde beibehalten. Und so arbeitete
man immer weiter bis hin zur Weltkriegskatastrophe. Man preßte
alles in den Rahmen des alten Einheitsstaates hinein. Heute ist
die Zeit gekommen, wo man erkennen sollte, daß das Proletariat
nicht einfach das Bürgertum, das nur die Staatsmacht erobern
wollte, nachahmen darf. Das Proletariat muß etwas Neues entwik-
keln und darf nicht festhalten am alten Einheitsstaat. Das Proleta-
riat muß den dreigliedrigen sozialen Organismus zur Entfaltung
bringen. Entweder man wird diese Dreigliederung begreifen, oder
man wird wieder in ein solch unmögliches Gebilde hineinsegeln,
wie es der Staat des 19. Jahrhunderts und des beginnenden 20.
Jahrhunderts war. Es ist nicht damit getan, daß man immer wieder
sagt, daß man die alten Einrichtungen stürzen und an die Stelle
des Kapitalismus neue soziale Formen setzen wolle! Man muß
auch wissen, worin diese neuen Formen bestehen sollen! Deshalb
ist auch versucht worden, mit meinem Buch «Die Kernpunkte
der sozialen Frage» etwas vor die Menschen hinzustellen, was
dem ersehnten sozialen Gemeinwesen nun wirklich eine organische
Gliederung gibt. Es wird dort gezeigt, wie dieses soziale Gemein-
wesen möglich werden, wie es sich gestalten kann. Was nützt es
denn, wenn man immer sagt: Die Dinge müssen von selber kom-
men!
N u n , ich könnte mir vorstellen, daß solche Fanatiker des Von-
selber-Kommens auch dann noch glauben, die soziale Ordnung
sei von selber gekommen, wenn sie in Wirklichkeit hart erkämpft
werden mußte. Sehen Sie, wenn der Hahn auf dem Mist vor
Sonnenaufgang, also wenn es noch dunkel ist, kräht und dann
die Sonne aufgeht, dann kann sich der Hahn einbilden, daß durch
sein Krähen die Sonne aufgegangen ist. Ganz gewiß wird dadurch,
daß man immer nur Sozialismus und Diktatur des Proletariats
kräht, eine neue soziale Ordnung nicht heraufziehen. Diese kommt
nur, wenn in einer genügend großen Anzahl von Menschen der
Gedanke lebt: Wir müssen arbeiten, um diese neue soziale Ord-
nung herbeizuführen. Wir müssen aus unserer Mitte heraus diejeni-
gen, zu denen wir Vertrauen haben, wählen, damit auf der Grund-
lage der vorhandenen wirtschaftlichen Erfahrungen etwas für das
wirtschaftliche Leben Ersprießliches zustande kommt, das dann
alle bürokratischen Gesetzesvorschläge und dergleichen, nach dem
man von anderer Seite her strebt, in den Schatten stellen kann.
Ich frage Sie: Schreckt man denn vor solch einer Arbeit zurück,
oder warum unterläßt man das Schaffen einer solchen Betriebsräte-
schaft, die ja wirklich dadurch, daß sie vom Vertrauen der Arbeiter
getragen sein wird, ein Machtfaktor wäre? In dem Augenblick,
dessen können Sie sich sicher sein, in dem eine solche Betriebsräte-
schaft neue fruchtbare Gedanken hervorbringt, in diesem Augen-
blick ist die Betriebsräteschaft auf bestimmten Gebieten die größte
Macht. Das ist dann kein Krähen des Hahnes auf dem Mist, der
glaubt, daß durch sein Krähen die Sonne aufgeht. Das ist ein
Appell, an die Arbeit zu gehen, aber an eine solche Arbeit, von
der man weiß, in welchem Sinn sie verlaufen soll.
Sehen Sie, allein aus einer solchen Empfindung heraus könnte,
so glaube ich, der neue Geist erblühen. Aber solange dieser neue
Geist nicht in den Gemütern lebt, so lange wird nichts Heilsames
kommen. Und die jetzige wirtschaftliche Lage ist nun einmal so,
daß vor allen Dingen daran gedacht werden muß, wie wir unser
Wirtschaftsleben in Mitteleuropa wieder einigermaßen auf die Bei-
ne bringen. So werden neue Rohstoffquellen der verschiedensten
Art erschlossen werden müssen, insbesondere im Osten. Da wird
so manches notwendig sein, was die mitteleuropäische Unterneh-
merschaft bisher nicht in Angriff genommen hat. Allerdings lassen
sich Rohstoffquellen in Sibirien wohl nicht mehr erschließen, denn
der Lauf der Welt läßt dies heute nicht zu; das lassen die Amerika-
ner und die Japaner nicht mehr zu. Da, wo wir wirksam werden
können, das ist der gesamte europäische Osten. Aber da wird es
darum gehen, daß man den richtigen Ton findet, um mit der
russischen Volksseele zusammenzugehen. Das war gerade das
Schlimmste an den bisher leitenden industriellen Kreisen, daß sie
nie den Ton gefunden haben, um mit anderen Volksseelen eine
entsprechende Verbindung einzugehen. Auch deshalb muß ein neu-
er Geist in unser Wirtschaftsleben hinein. Ansonsten wird uns
der Osten die Türe zuschlagen, nämlich vor allem dann, wenn
wir mit dem Geiste kommen, den bisher unsere führenden Kreise
entwickelt haben. Vor allem sind wir darauf angewiesen, mit dem
Osten eine Brüderlichkeit, eine wirtschaftliche Brüderlichkeit zu
entwickeln, sonst kommen wir aus der Situation, in die wir hinein-
geraten sind, niemals heraus.
Ein neuer Geist nach den verschiedensten Richtungen hin ist
notwendig! Dieser neue Geist möge in den Herzen und Gemütern
aufkeimen, denn wir brauchen ihn. In dem, was ich Ihnen am
Anfang vorgelesen habe, in dem können Sie den neuen Geist nicht
finden, denn da wird gesagt, «daß wir vor der Revolution im
ganzen auf die redliche und sachliche Zuverlässigkeit unserer Re-
gierung vertrauen durften, daß wir in dem vortrefflichen preußi-
schen Beamtenstaat uns das Mitreden ersparen konnten, darin nicht
zuletzt wurzelt die geistige Überlegenheit, die Deutschland allge-
mein, zumal auch in seiner wissenschaftlichen und technischen
Entwicklung, während des neunzehnten Jahrhunderts erwiesen hat.
... Möge der deutsche Geist die Kraft entwickeln, sich durch die
häßliche politische Sund- und Schlammflut wieder zu jenem rühm-
lichen Staate des Vertrauens durchzuarbeiten, wie ihn uns Preußen
die Hohenzollern geschenkt hatten.»
So darf man heute nicht sprechen, das werden Sie einsehen.
Aber, meine sehr verehrten Anwesenden, ich werde diese Worte
nun in eine andere Sprache übersetzen und frage Sie dann, ob
man heute so sprechen darf: Daß wir vor der Revolution im
ganzen auf die redliche und sachliche Zuverlässigkeit unserer Par-
teibonzen vertrauen durften, daß wir in dem vortrefflichen Partei-
bonzen-Bürokratismus uns das Mitreden ersparen konnten, darin
nicht zuletzt wurzelt die geistige Überlegenheit, die Deutschland
allgemein, nicht aber in seiner sozialdemokratischen und sozialisti-
schen Entwicklung, während des neunzehnten Jahrhunderts erwie-
sen hat. Man kann nicht zwei Herren dienen, den Parteibonzen
und der Dreigliederung. Die allgemeine Politisierung ist notwendig
ein Feind strenger Sammlung und Versenkung in die Hingabe, in
die Ergebenheit, in das Parteibonzentum. Möge der soziale Geist
die Kraft entwickeln, sich durch die häßliche politische Sund- und
Schlammflut wieder zu jenem rühmlichen Parteiwesen des Vertrau-
ens durchzuarbeiten, wie ihn uns Sozialdemokraten die Parteibon-
zen geschenkt haben.
Sehen Sie, da haben Sie dieselben Gedankenformen nur auf
etwas anderes angewendet. O b man der Professor Roethe ist u n d
so über die H o h e n z o l l e r n spricht oder ob man irgendein gutgläu-
biger Parteimann ist u n d so über die Parteibonzen spricht, beides
beruht auf denselben seelischen Empfindungen. Es macht den
Menschen nicht freier, w e n n er einfach anderen G ö t z e n huldigt!
Frei wird m a n dadurch, daß m a n sich auf sein eigenes Urteil, auf
seine eigene Vernunft u n d auf seine eigene Empfindung stützt.
A n diese eigene Empfindung haben wir appelliert. Ich hoffe, daß
sich doch noch die Tatsache herausstellt, daß wir nicht vergeblich
appelliert haben, denn hätten wir vergeblich appelliert, so w ü r d e
es schlimm u m die Entwicklung des Proletariats stehen.

Diskussion

Herr Huch: Der Redner ist mit Herrn Dr. Steiners Ausführungen völlig
einverstanden und spricht sein Bedauern darüber aus, daß die Idee der
Dreigliederung des sozialen Organismus nicht so aufgenommen wird, wie
es nötig wäre. Er sieht die Schuld zum großen Teil bei den Gewerkschaf-
ten. Als Mitglied eines Arbeiterausschusses bemerkt auch er, daß das
Unternehmertum heute wieder ganz anders auftritt als vor sechs bis acht
Wochen.

Herr Fischer: Er stellt sich als Gewerkschaftsführer vor und verteidigt


die Arbeit der Gewerkschaften gegen den Herrn Vorredner. Es liege, so
führt er aus, an den Arbeitern selbst, wenn die Gewerkschaft nicht richtig
vorgehe. - Der schlechte Besuch der heutigen Versammlung hängt wohl
auch damit zusammen, daß die Arbeiter mißtrauisch sind gegen alles, was
von Philosophen, Theosophen und Kommerzienräten kommt. - Bezüglich
der Betriebsräte tadelt Herr Fischer, daß sich auch die Betriebsräte in
Deutschland zersplittern. Wenn jetzt in verschiedenen Städten unabhängig
voneinander und von verschiedenen Branchen ausgehend Konkurrenzen
stattfinden über Betriebsräte, so ist das ein großer Fehler. Der Redner
bekennt sich als Anhänger der Betriebsräte. In dem Augenblick, wo die
Parteien und die Gewerkschaften sich überlebt haben, müssen sie selbst-
verständlich hinweggefegt werden; es fragt sich nur noch, was wir an
deren Stelle setzen. Man muß sich darüber im klaren sein, daß man so
ohne weiteres die Organisationen, die bisher das Vertrauen der Massen
hatten, nicht auf die Seite werfen kann. - Der Redner kann sich nicht
denken, wie in einer Betriebsräteschaft Einigkeit herrschen soll, wo doch
dort Menschen der verschiedensten wirtschaftlichen und politischen An-
schauungen sitzen werden. Wenn praktische Sozialisierung getrieben wer-
den soll, dann muß man damit anfangen, Produktionsmittel sowie Grund
und Boden den Ausbeutern aus den Händen zu nehmen und sie in den
Besitz der Gesellschaft überzuführen, weil die Macht der Kapitalisten auf
dem Besitz dieser Mittel beruht. - Der Redner bittet Herrn Dr. Steiner,
ihm den Weg anzugeben, wie die Betriebsräte diese Aufgabe lösen können.
Ferner wird Herr Dr. Steiner gebeten, Aufschluß zu geben darüber, wie
seiner Meinung nach die Betriebsräte in die Lage versetzt werden können,
um den Bedarf festzustellen. Denn solange der Arbeiter fragen muß: Habe
ich genug zum Leben? - , so lange wird er sich nicht mit hohen geistigen
Problemen beschäftigen. Die ausgehungerten Massen lechzen nach Brot,
nicht nach geistigen Idealen. Erst wenn wieder Nahrung da ist, wird auch
geistige Spannkraft dasein. Die große Masse wird sicher nicht um Arbeit
winseln und betteln, sondern sie wird die Gesellschaft zum Teufel jagen.
Die Auseinandersetzung des Proletariats mit den Kapitalisten wird nicht
in Form von schönen Vorträgen vor sich gehen, sondern in der Form,
daß Gewalt angewendet werden muß.

Ein weiterer Diskussionsredner: Der Gedanke des Herrn Dr. Steiner, daß
wir uns nach dem Osten hin orientieren müssen, deckt sich mit dem,
was auch ich in einer Versammlung ausgeführt habe. Auch ich habe gesagt,
daß aus dem Osten das Neue kommt; dort ist eine neue Gesellschaftsform
entstanden, vielleicht noch nicht so, wie sie sein soll, aber von dort
kommt das Neue, und wir müssen uns nach dorthin orientieren. Was
erleben wir? Unsere Regierung hat nichts anderes gewußt, als ängstlich
nach dem Westen zu sehen und darauf zu achten, daß nichts anderes
geschieht, als was der Entente lieb ist. Das ist das ganze Übel, mit dem
wir es heute zu tun haben. An die Stelle des deutschen Kapitalismus ist
eben der Entente-Kapitalismus getreten, und wir werden sehr schwere
Kämpfe hinter uns zu bringen haben, wenn wir diesen Entente-Kapitalis-
mus aus der Welt schaffen wollen. Diesen Weg zu weisen ist noch nie-
mandem gelungen. Wenn es Dr. Steiner gelingt, wird die Arbeiterschaft
ihm folgen.
Rudolf Steiner: Ich will zunächst einige Bemerkungen vorausschik-
ken, bevor ich auf die Worte des Herrn Vorredners zurückkomme.
Zunächst wurde gesagt, daß die Arbeiterschaft stark voreinge-
nommen sei gegen die Dreigliederung, da sie eben ausgehe von
Philosophen, Kommerzienräten und dergleichen. Die Sache stimmt
ja gar nicht, sondern die Wahrheit ist, daß die Arbeiterschaft zu
Beginn unserer Tätigkeit gar nicht sehr voreingenommen war. Viel-
mehr hat sich herausgestellt, daß wir Tausende und aber Tausende
von Anhängern fanden für das, was wir nicht als eine utopistische
Idee verbreiten, sondern als etwas, was unmittelbar Tat-Keimge-
danken sind, wie ich sie damals genannt habe. Die Arbeiter haben
sich dazumal einen Teufel darum geschert, ob diese Gedanken
von Philosophen oder Kommerzienräten kommen, sondern sie ha-
ben sich auf ihren gesunden Menschenverstand verlassen und zuge-
hört. Und diejenigen, die voreingenommen waren, die pfiffen von
einer ganz anderen Seite her. Und die haben es dahin gebracht,
daß diese Voreingenommenheit erst nach und nach entstanden ist.
Also, die Sache ist eine ganz andere.
Obwohl der Herr Vorredner die ja wirklich einige bessere Züge
zeigende Bewegung der kaufmännischen Angestellten, die es ver-
diente, von der übrigen Arbeiterschaft etwas genauer studiert zu
werden, richtig charakterisiert hat, lassen seine Worte doch erken-
nen, daß ihm das, was die Dreigliederung im allgemeinen ist und
was sie im besonderen mit der Gründung einer Betriebsräteschaft
will, ganz und gar unbekannt ist. Denn das ist es ja gerade, was
am schärfsten von seiten der Dreigliederung des sozialen Organis-
mus bekämpft werden muß, nämlich daß diese Zersplitterung ein-
tritt. Es war niemals unser Bestreben, lediglich Betriebsräte für
irgendwelche Branchen zu schaffen beziehungsweise innerhalb der
Betriebsräteschaft zu individualisieren. Wie oft ist gesagt worden:
Wenn Betriebsräte für die einzelnen Branchen geschaffen werden,
so ist das das Gegenteil dessen, was im Rahmen einer wirklichen
Sozialisierung angestrebt werden muß. Wir haben immer eine Be-
triebsräteschaft angestrebt, die sich einheitlich über ein größeres,
in sich geschlossenes Wirtschaftsgebiet erstreckt. Und erst aus einer
solchen Betriebsräteschaft sollte dann alles, was zur Individualisie-
rung notwendig ist, hervorgehen. Daß die Sache die Gestalt ange-
nommen hat, daß in einzelnen Branchen mehr Eifer gezeigt wird
als in anderen, das hat nichts zu tun mit der Betriebsräteschaft,
wie sie hätte von der Dreigliederungsidee her entstehen sollen.
Ja, und dann brachte der Vorredner noch das Argument, daß
man damit anfangen müßte, die Produktionsmittel sowie Grund
und Boden in den Besitz der Gesellschaft überzuführen. Versuchen
Sie nur einmal das, was mit diesem nebulosen Satz eigentlich
gemeint ist, konsequent zu Ende zu denken! Bedenken Sie einmal,
was eine solche Forderung praktisch bedeutet! - Ich möchte da
noch an etwas anknüpfen. In irgendeiner Stadt, ich glaube, es war
in Göppingen, sprach ich einmal über diese Dinge, und nach mir
sprach ein Mann, der von einem gewissen Gesichtspunkte aus
eigentlich ganz gut sprach. Er war wohl Kommunist. Er sagte,
er sei Schuhflicker. Zunächst hat er sehr gut gesprochen, aber
dann kam etwas Merkwürdiges, er sagte: Ja, das weiß ich schon,
daß ich, nachdem ich nichts gelernt habe, kein Standesbeamter
werden kann, dazu braucht man Intelligenz. - Nun, verzeihen
Sie, dazu gehört wohl nicht so sehr viel Verstand, aber sehr viel
Verstand und sehr viel Einsicht gehört zu dem, was dieser Mann
wissen wollte über die Eroberung politischer Macht und derglei-
chen. Diese Dinge müssen ins Auge gefaßt werden.
Nun, es handelt sich doch konkret um die Frage, wie sich die
grundsätzlich ja richtige Forderung nach einer Überführung der
Produktionsmittel sowie des Grund und Bodens in die Allgemein-
heit vollziehen läßt. Es müssen natürlich dann auch die Menschen
vorhanden sein, die die Produktionsmittel sowie Grund und Boden
sachgemäß werden verwalten können. Die Sache ist ja so: Dasjeni-
ge, was bisher die kapitalistische Produktionsform war, das hat
eine ganz bestimmte Konfiguration; dazu war eine ganz bestimmte
Art der Handhabung notwendig. Diese muß umgewandelt werden
in eine andere Handhabung, und diese muß erst geschaffen wer-
den. Sie können heute, bevor Sie nicht konkrete Ansätze haben
bezüglich der Verwaltung der Produktionsmittel sowie des Grund
und Bodens, nicht einfach die Überführung der Produktionsmittel
und so weiter in die Allgemeinheit fordern! Das ist ja dann dasje-
nige, was die Betriebsräte dann ja ganz praktisch in die Hand
nehmen sollen. Man kann nicht mit Sätzen, mit Theorien etwas
revolutionieren, sondern nur mit Menschen, und diese Menschen
hätten die Betriebsräte sein sollen, und zwar die einheitliche, nicht
die zersplitterte Betriebsräteschaft. Das ist es, worum es sich han-
delt. Man kommt nicht weiter, wenn man immer wieder sagt,
daß die Vorschläge der Philosophen und Kommerzienräte aus den
Wolken kommen, und diesem dann eine sogenannte Praxis entge-
genstellt, die noch viel nebuloseren Regionen entsprungen ist, weil
es sich dann zeigt, daß man überhaupt nicht sagen kann, wie sich
solche Dinge wirklich vollziehen lassen. Aber gerade um dieses
«Wie» handelt es sich ja. Dieses «Wie» ist ausgearbeitet in meinem
Buch «Die Kernpunkte der sozialen Frage»; man braucht sie nur
zu verstehen, darum geht es.
Ja, und dann ist auch schon wiederholt gesagt worden, daß wir
erst die Wirtschaftsordnung ändern müssen. Das Geistige wird
dann schon von selbst entstehen. - Das wird es nicht. Wir brau-
chen bereits diesen neuen Geist, um die Wirtschaftsform zu än-
dern. Und man redet gerade dann unpraktisch, nebulos, wenn
man immer wieder sagt: Wir ändern die Wirtschaftsform, dann
kommt der neue Geist schon von selbst. Nein, Sie brauchen den
neuen Geist, um damit die Wirtschaftsform zu ändern. Deshalb
sage ich Ihnen: Meinetwillen jagen Sie die ganze Gesellschaft -
nach den Worten des verehrten Vorredners - weg, aber machen
Sie sich dann auch klar, was Sie zu tun haben, wenn Sie die alte
Gesellschaft weggejagt haben. Wissen Sie, was Sie dann machen
wollen? Sie können ja nicht dasselbe machen, sonst brauchten Sie
sie nicht zu verjagen. Wenn Sie die ganze Wirtschaft zentralisieren
und Oberbonzen über Oberbonzen hinstellen, glauben Sie, daß
dadurch etwas verbessert wird? Das möchte ich sehen, ob etwas
für die arbeitende Masse besser wird, wenn Sie nun die ranghöch-
sten Gewerkschaftsbonzen statt der Kapitalisten und Unternehmer
an die obersten Stellen setzen würden. Das ist das, was Sie sich
überlegen sollen. Das ist eben das, was sich aus praktischen Über-
legungen ergab, so sympathisch mir auch der ganze Ton des Herrn
Vorredners war. Aber es ist noch nicht verstanden worden, um
was es wirklich geht, denn alles das, was in der optischen Indu-
strie, in der Autoindustrie und dergleichen geschieht, ist das Ge-
genteil von dem, was hier propagiert wird. Und deshalb genügt
es nicht, nur Wege zu zeigen, sondern es muß ein wirkliches
Verständnis in der breiten Arbeiterschaft Platz greifen und dann
in der konkreten Praxis zur Entfaltung gebracht werden. Deshalb
glaube ich meinerseits sagen zu müssen, wenn gesagt wird: Der
Steiner zeigt uns die Wege - , daß es nichts nützen wird, daß ich
diese Wege zeige, solange immer wieder große Massen vom Ver-
ständnis abgehalten werden dadurch, daß immer wieder Leute
kommen, die diesen Weg noch nicht verstanden haben und dann
vom Gegenteil reden, wie es eben wieder geschehen ist, und dann
sagen: Wenn uns die Wege gezeigt werden, werden wir ihnen
folgen; ich lasse mich gerne belehren. - Wenn aber etwas gezeigt
wird, dann wendet man ein, daß es nichts ist. Nein, solange dies
der Fall ist, kommen wir nicht vorwärts. Wir kommen nur vor-
wärts, wenn wir uns einen Instinkt für das Richtige aneignen.
Und das ist es, was wir vom «Bund für Dreigliederung des sozia-
len Organismus» vermissen. Zunächst haben wir einen gewissen
gesunden Masseninstinkt gefunden, dann aber haben wir erfahren
müssen, daß der Gehorsam gegenüber den alten Führern doch
ein großer ist. An der Entstehung eines gesunden Instinktes werde
ich nicht zweifeln, aber er wird erst hervortreten, wenn nicht
mehr jene Redner gegenüber den Massen auftreten, die, ohne aus-
reichend in die Sache einzudringen, einfach reden und die Massen
davon abhalten, weitere Schritte zu tun, ja im Gegenteil sie immer
wieder zum alten Gehorsam und zu zweifelhaften Ideen zurück-
beziehungsweise hinführen, indem sie immer wieder sagen: Macht
ruhig Betriebsräte; sie werden doch wieder zersplittern.
Wenn wirklich das, was wir angestrebt haben, verwirklicht wor-
den wäre, dann würden wir keine Zersplitterung haben, sondern
eine einheitliche Gestaltung der wirtschaftlichen Belange innerhalb
der Betriebsräteschaft in die Zukunft hinein, zumindest für Würt-
temberg. Das würde dann anfeuernd wirken für andere und über
dieses Wirtschaftsgebiet hinaus wirksam werden können.

Herr Fischer: Er stellt fest, daß sich seine Kritik an den Betriebsräten
nicht gegen Herrn Dr. Steiner gerichtet habe, sondern gegen die eingangs
von dem Vorsitzenden gemachten Ausführungen ... Ich habe gesagt: Ich
bin überzeugt, daß die Ideen, die Dr. Steiner ausgearbeitet und in die
Massen getragen hat, andere waren. Es ist aber etwas anderes propagiert
worden, als es sich in der Praxis gezeigt hat. - Herr Dr. Steiner hat
gesagt, daß die Vergesellschaftung der Produktionsmittel eine Phrase sei
und daß nachher niemand da wäre, der wissen würde, wie die Produk-
tionsmittel dann zu verwalten wären. - Es wäre doch traurig, wenn die
Arbeiter und die Angestellten, die seither die Arbeit gemacht haben, nicht
wüßten, was sie mit den Produktionsmitteln anzufangen hätten! Ich verste-
he darunter, daß man die Aktionäre aus der Welt schafft und sagt: Die
Aktien haben keinen Wert mehr. Die Sache geht in den Besitz der Allge-
meinheit über und wird von der Allgemeinheit verwaltet. - Herr Dr.
Steiner stellt geistige Ideen über alles. Die Arbeiterschaft will aber heute
nur Brot, weil sie körperlich heruntergekommen ist und nicht in der
Lage ist, geistige Ideen anzunehmen. Ich bitte Herrn Dr. Steiner, darauf
einzugehen und zu zeigen, wie den Massen diese Ideen zugänglich gemacht
werden können mit hungrigem Magen.

Rudolf Steiner: Das ist eine Schlange, die sich in den Schwanz
beißt. Denken Sie, es wird auf der einen Seite gesagt: Wir können
die Produktionsmittel in die Allgemeinheit überführen. - Nun,
eine wirklich konkrete Körperschaft, die diese Allgemeinheit reprä-
sentieren würde, das wären eben die Betriebsräte. Solch eine Kör-
perschaft aber muß erst geschaffen werden, sie ist nicht da! Gewiß,
die große Masse ist durch den Hunger geschwächt. Aber sollen
wir denn warten, bis Manna vom Himmel fällt, damit Brot da
ist und dann sozialisiert werden kann? Das ist eine Schlange, die
sich in den Schwanz beißt. Wir müssen selbstverständlich beides
zur gleichen Zeit anstreben, und wir werden nichts erreichen,
wenn wir nicht alle zusammenarbeiten, denn das Manna wird
nicht einfach vom Himmel fallen. Es muß gearbeitet werden! Alle
werden wir arbeiten müssen, aber wir werden doch nur wirklich
arbeiten wollen, wenn wir sehen, was bei dieser Arbeit heraus-
kommt. Wir werden selbst noch mit geschwächten Muskeln, mit
hungrigem Magen arbeiten, wenn wir wissen: Morgen führt unsere
Arbeit zu einem Ergebnis. - Aber wenn uns immer nur gesagt
wird, es soll sozialisiert werden, dann werden wir auch mit hungri-
gem Magen nicht arbeiten können, weil wir wissen, daß wir auch
morgen nicht satt werden, wenn wir nicht mit praktischen Ideen
arbeiten.
Es kommt also heute darauf an, daß wir uns auf dieses einlassen
und zudem sagen: N u n schön, die alte Gesellschaft wurde ja am
9. November in großen Scharen davongejagt [...] Der Herr Vor-
redner, der überhaupt sehr Gutes gesagt hat, hat dann sehr gut
geschildert, was dann eingetreten ist. Ich will jetzt nicht untersu-
chen, wieviel von dem, was da eingetreten ist, auf Unfähigkeit
zurückzuführen ist. Ich führe nämlich mehr auf die Unfähigkeiten
der heute Herrschenden zurück als auf ihren bösen Willen. Auf-
grund dieser Unfähigkeit kommt auch immer wieder das, was
eigentlich überwunden werden sollte, zum Zuge. Das muß vermie-
den werden. O b nun mit oder ohne Gewalt diese Gesellschaft,
von der heute die Rede war, davongejagt wird, das ist eine andere
Frage. Aber diejenigen, die sich an deren Stelle setzen, die müssen
wissen, was sie wollen. Das allein ist praktisch gedacht. Und das
ist das Bestreben des «Bundes für Dreigliederung des sozialen
Organismus», daß der 9. November keine Wiederholung findet
und daß nicht nach ein paar Monaten wieder gesagt werden muß:
N u n seht Ihr, nun haben wir überall im wirtschaftlichen Leben
ein anderes Regime, aber das macht es geradeso wie das frühere.
- Das muß verhindert werden. Das kann aber nur dadurch verhin-
dert werden, daß man eine Betriebsräteschaft auf die Beine stellt
und dann zeigt, daß unter dem neuen Regime eben anders gearbei-
tet wird. Natürlich, wenn unter der arbeitenden Bevölkerung, un-
ter den Angestellten sich keine Menschen finden lassen könnten,
die wirklich arbeiten können, dann müßte man in der Tat verzwei-
feln. Aber das ist es nicht allein. Wesentlich ist, daß dann neue
Formen der Sozialisierung sichtbar werden. Die Leute sind ja alle
gewöhnt, unter dem alten Regime irgendwie zu arbeiten. Deshalb
muß nun, wenn die Macht errungen ist, von denen, die sie errun-
gen haben, wirklich erkannt werden, wie man mit dieser Macht
umzugehen hat. Also, es handelt sich darum, die Sache einmal
wirklich praktisch anzufassen. Und das ist das Traurige, daß man
gerade für ein solches praktisches Vorgehen heute kein Verständnis
hat und immer wieder mit alten Phrasen kommt. Mißverstehen
Sie mich nicht, ich sage nicht, daß die Überführung der Produk-
tionsmittel sowie des Grund und Bodens in die Gemeinschaft
eine Phrase als solche ist. Das habe ich nicht gesagt. Aber Phrase,
was ist eine Phrase? Etwas ist für den einen eine Phrase, weil er
hinter den Worten nichts Besonderes sehen kann, während es für
den anderen eine tiefe goldene Wahrheit ist, weil er etwas Konkre-
tes dahinter sieht. Wenn zum Beispiel Bethmann-Hohlkopf, ich
will sagen, Bethmann-Hollweg, sagt: Freie Bahn dem Tüchtigen!
- , so ist das eine Phrase, weil er vielleicht darunter versteht, daß
zum Beispiel sein Neffe oder ein anderer der Tüchtigste ist. Wenn
aber jemand, der wirkliche soziale Einsichten und eine wirkliche
Menschenempfindung hat, sagt: Freie Bahn dem Tüchtigen! - , so
ist das keine Phrase, so ist das real. Wenn jemand einfach die
alte Parteiphrase von der Vergesellschaftung der Produktionsmittel
immer wieder benutzt, dann kann es eine reine Phrase sein. Wenn
derjenige es sagt, der es so charakterisiert, wie es in meinem Buch
steht, dann ist es keine Phrase, dann ist es Ausdruck für eine
Realität. Deshalb müssen Sie nicht glauben, daß, wenn ich etwas
eine Phrase nenne, dieses absolut gemeint ist. Ich meine, eine
Phrase ist es dann, wenn hinter dem Gesagten nicht die nötige
Realität steht. Das ist es, was ich noch sagen wollte.

Herr Roser: Der Herr Vorredner befindet sich in einem Irrtum, wenn
er meint, daß ich die Betriebsräte in der Schuhindustrie deshalb begrüßt
hätte, weil sie sich separat gebildet haben. Ich wollte nur feststellen, daß
die Lederindustrie die Dreigliederung des sozialen Organismus erfaßt hat.
Ich muß feststellen, daß die Betriebsräte der Schuhwarenindustrie sich
fest auf dem Boden der Dreigliederung gebildet hat; nur deshalb habe
ich die Sache begrüßt. An einem Punkt muß doch der Anfang gemacht
werden.

Frau Bühl: Ich möchte dem Herrn Fischer doch sagen, daß der Herr
Gewerkschaftssekretär gesagt hat: Ohne Gesetz keine Betriebsräte; das
Gesetz muß erst geschaffen werden. Die Hauptschuld, daß wir noch keine
Betriebsräte haben, liegt bei den Parteien. Es ist eine Schande, daß, wenn
man an Versammlungen ist und von seiner Überzeugung spricht, es dann
gleich heißt: Das ist auch so eine von denen von Dr. Steiner. - Warum
darf man denn nicht einmal seine Überzeugung zum Ausdruck bringen?
- Und dann kommt man uns immer mit den «Kommerzienräten»! Warum
sprechen Sie immer in der Mehrzahl? Ich kenne bloß einen Kommerzien-
rat bei uns, und es wäre kein Fehler, wenn wir deren ein paar Dutzend
hätten. Was der eine Kommerzienrat schon alles geschaffen hat! Erstmal
die freie Schule. Es ist eine Schande, wenn man hört, wie die Sache
beurteilt wird. Es ist doch gut, wenn Kommerzienräte es so machen. Ich
kann keine Schule aufmachen. Das ist das dumme Mißtrauen bei der
Arbeiterschaft und bei den Parteien. [Zuruf: Woher hat er das Geld?]
Der eine macht sein Portemonnaie auf, der andere macht es nicht auf;
das ist der Unterschied. Wenn ein Mensch sozial denkt und eine Empfin-
dung hat für seine Arbeiter, das ist die Hauptsache!

Herr Huth: Die Ausführungen des Herrn Fischer rufen mich auf den
Plan. Ich will ihm zunächst gern bestätigen, weil ich ihn kenne, daß er
nicht zu denjenigen Gewerkschaftsbonzen zählt, die sich im Geiste eines
Legien bewegen, sondern zu denen, die im Sinne einer wirklich revolutio-
nären Arbeiterschaft tätig sind. Wenn er aber kritisiert, daß sich in der
Schuhindustrie Betriebsräte gebildet und sich zusammengeschlossen haben,
und wenn er damit feststellen will, daß damit eine Zersplitterung stattfin-
den würde, weil noch andere Berufszweige Betriebsräte haben, so muß
ich ihn eines anderen belehren. Wir haben ja in der Schuhindustrie, als
wir unsere Betriebsräte wählten, ziemlich lange gewartet» bis auch die
Metallindustrie hier dazu übergehen würde, ihre Betriebsräte zu wählen,
um mit denen zusammen eine Betriebsräteschaft im Sinne der Dreigliede-
rung zu bilden. Nachdem aber die Zeit verstrichen ist, und zwar durch
die Schuld der proletarischen Parteien, und in den anderen Berufen die
Sache noch nicht soweit gediehen ist wie bei der Schuhindustrie, haben
wir uns sagen müssen: Es hat keinen Sinn, wenn wir uns nicht zusammen-
finden und aus uns heraus praktische Arbeit leisten. Wir müssen eine
Betriebsräteschaft bilden, auch wenn sie noch so klein ist, und dann den
Gedanken der Betriebsräteschaft hinaustragen in die Kreise derjenigen Ar-
beiter, die noch nichts in dieser Richtung unternommen haben.
Wir können nicht warten, bis irgendeine Regierung uns die Sozialisie-
rung bringt. Die Befreiung des Proletariats muß vom Proletariat selbst
kommen, und wenn es auf einem Wege ist, den ein Philosoph gezeigt
hat, wenn der Weg gut ist. Es wurde darauf hingewiesen, daß immer
wieder das alte Schlagwort: Wir müssen uns zuerst die politische Macht
erobern - in den Köpfen spukt. Das wird den Proletariern immer wieder
eingehämmert. Dieses Wort ist tatsächlich eine Phrase, eine Verlogen-
heitsphrase der Parteien, die sich heute proletarisch nennen, aber nicht
wissen, was sie in der gegebenen Stunde zu tun haben. Weil sie das nicht
wissen, vertrösten sie das Proletariat immer auf den großen Kladdera-
datsch, bis wir Zuwachs von Westen bekommen, der uns die politische
Macht in die Hand geben wird. - Wir hatten die Macht, aber was haben
wir mit ihr getan? Wir haben sie wieder aus der Hand gleiten lassen,
weil wir nichts mit ihr anzufangen wußten. Wir müssen dazu übergehen,
nicht die politische Macht, sondern die wirtschaftliche Macht zu erobern
durch die Betriebsräte. Dann wird uns die Macht nicht mehr aus der
Hand gleiten können. Die Betriebsräte, die nur wirtschaftliche Instrumente
sein sollen, werden dann ergänzt werden durch politische Räte, durch
eine Rechtsorganisation. Wenn wir aber diesen beiden Organisationen
nicht auch die geistige Organisation zugesellen, dann werden wir nicht
zu gesunden Zuständen kommen, wie es Rußland zeigt. Die Führer der
USP haben sich zu einer Zweigliederung schon aufgeschwungen. Aber
auch der kulturelle Teil darf nicht vergessen werden!
Wenn ich D'dumig oder Müller lese, muß ich mir sagen: In die Praxis
umgesetzt, wird das zur Dreigliederung führen, denn sie haben den kultu-
rellen Teil eigentlich nur vergessen. - Ich bin Mitglied der USP, aber
ich scheue mich nicht, den Parteien das Zeugnis auszustellen, daß sie
nicht wissen, was zu tun ist. Als Proletarier müssen wir sagen: Wenn
ihr es nicht versteht, uns zu führen, dann habt ihr den Platz zu verlassen.
- Jede Bewegung hat die Führer, die sie verdient; wir auch. Das Proletariat
hat in seiner Gesamtheit noch nicht den Mut aufgebracht, den Führern
zu sagen, wer sie sind. Wenn es auch schon reichlich spät ist, so müssen
wir die Frage der Betriebsräte trotzdem mit erneuter Energie aufgreifen.
Herr Molt: Es ist heute abend wiederholt die Rede von dem gewesen,
der zu Ihnen spricht und der, wenn ich so sagen darf, der alten Räteschaft
noch angehört. Herr Fischer, dem zu begegnen ich jetzt nicht zum ersten
Mal das Vergnügen habe, hat die konkrete Frage an mich gestellt, woher
das Geld eigentlich komme, das ich habe. Dieses Geld kommt genau von
demselben Kapitalismus her, von dem auch Herr Fischer sein Geld be-
zieht, also auch aus dem kapitalistischen Wirtschaftskreislauf. Und die
Frage ist nur, ob man das Geld, das man auf kapitalistischem Boden
erwirbt, für sich behalt oder ob man es zurückgibt an die Allgemeinheit.
An ihren Taten sollt ihr sie erkennen! - Früher sagte man: An ihren
Früchten. - Wenn man eine Schule begründet, damit der wahre Sozialis-
mus durchgeführt wird, wenn man das, was man erspart hat durch saure
Arbeit - wirklich durch Arbeit, nicht durch Kapitalismus -, wenn man
das dazu verwendet, daß die heranwachsende Generation auch andere
Dinge kennenlernt, als was wir kennengelernt haben, so würde ich eben
das die praktische Frucht einer guten Idee nennen. Wenn sie nur deshalb
entstanden ist, weil ich während des Krieges den Magen noch etwas
besser füllen konnte und dadurch eine gute Idee hatte, dann ist es doch
gut, daß die wenigstens da ist. Die Idee scheint eben wirklich dazusein.
Und wenn nicht überall gute Ideen sind, dann kann man wenigstens froh
sein, daß noch Menschen da sind, die Ideen haben, und die Hauptsache
ist, daß sie durchgeführt werden.
Sehen Sie, die Frage der Betriebsräte, die Herr Fischer so gründlich
mißverstanden hat, sie ist wirklich in ein viel ernsteres Stadium getreten,
als es heute abend zum Ausdruck gekommen ist. Es handelt sich wahrhaf-
tig um Sein oder Nichtsein! Entweder wir schaffen die Betriebsräte, dann
haben wir den Sozialismus, oder wir gehen am Entente-Kapitalismus zu-
grunde, nicht nur der Handarbeiter, sondern auch der Kopfarbeiter. Und
diese Tatsache, zusammen mit einer wahren Idee vom Sozialismus, die
kann auch schon unsere Zeit innerlich dafür erwärmen, daß man wahr
macht die Betriebsräte und selbst als Kommerzienrat sich in den Dienst
dieser Sache stellt, und zwar deshalb, weil man es auch wirklich ehrlich
meint. Und daß man es ehrlich meint, beweist die wunderbare Tatsache,
daß selbst Proletarierversammlungen diesen merkwürdigen Kommerzienrat
wünschen, um ihnen Vorträge über Betriebsräte zu halten, nicht zum
Nachteil dieser Versammlung. Deshalb stehe ich gewissenhaft auf dem
Boden der Betriebsräte wie auf dem Boden der Dreigiiederang des sozialen
Organismus. Diese Betriebsräte sind eben anders als die in der Autobran-
che und in der optischen Branche, denn diese sind ja nichts anderes als
politische Mittel, um die Parteien zu stärken, sie sind nicht deshalb da,
um das Wirtschaftsleben im großen und wahren Maßstabe gründlich zu
sozialisieren. Deshalb wenden wir uns ja vom «Bund für Dreigliederung»
aus mit dieser großen Entschiedenheit dagegen, daß man etwa die Betriebs-
räte, die von den Parteien kommen, verwurstelt mit denen, die wir wollen.
Sie haben wohl schon heute in einer Tageszeitung gelesen, daß dieses
Betriebsrätegesetz wiederum an die Regierung gelangt ist. Wir sind uns
klar darüber, daß die Betriebsräte nicht normiert werden können, weil
eben jeder Betrieb anders ist. Das Wirtschaftsleben kann weder durch
politische Macht noch durch Gesetze geregelt werden, sondern es kann
sich nur aus sich selbst regeln. Wenn das Gesetz einmal da ist, so ist es
schwer, dagegen anzugehen; da muß man schon ein Revolutionär sein.
Wenn man aber nicht einmal gegen die Entwürfe ernstlich Stellung nimmt,
wieviel weniger wird es möglich sein, wenn das Gesetz einmal da ist?
Wenige Wochen trennen uns noch von diesem Gesetz. Diese Zeit muß
genutzt werden. Wird sie nicht genutzt, so ist es einfach zu spät mit
den Betriebsräten und mit dem Sozialisieren. Deshalb wünscht man so
sehnsüchtig, daß endlich die Arbeiterschaft aufwacht. Es ist nicht richtig,
wenn man meint, die Arbeiter seien voreingenommen gegen «Philosophen
und Kommerzienräte». Die Sache liegt anders. Wer die Zeitung gelesen
hat und gelesen hat, was der «Sozialdemokrat» zu dieser Waldorfschule
gesagt hat - er sagt: «Die Schule ist schön, aber sie kommt von Fabrikan-
ten, also ist sie überhaupt nichts» - , der muß sich schon sagen: Das sind
die Menschen, die den wahren Sozialismus und den wahren Fortschritt
hemmen. Die Parteibonzen aller Schattierungen sind schuld, daß unsere
ehrlichen Bestrebungen und die Betriebsräte bis jetzt nichts wurden. Aber
das Proletariat wird ja selber in Bälde sehen, wie es in Elend und N o t
hineingetrieben wird, wenn es sich nicht rechtzeitig aufrafft.
Dieser Appell sollte heute noch einmal an Sie gerichtet werden. Es
ist keine Zeit zu verlieren! Wir haben nur noch drei bis vier Wochen.
Wenn die versäumt werden, ist es endgültig aus. Damit Sie sehen, wie
ernst es ist, möchte ich Ihnen ein paar Zeilen aus einem Brief vorlesen,
der gerade heute in meine Hand kam. Dieser Brief stammt von einem
deutschen Diplomaten, der an erster Stelle steht im Ausland, und Sie
sollen hören, wie von jener Seite die deutschen Zustände charakterisiert
werden:
«Die Zustände in der Heimat werden immer schlimmer, und ich fürch-
te, die Katastrophe, die man durch Annahme des Friedens vermeiden
wollte, ist nur aufgeschoben, um dann um so gewaltiger über uns
hereinzubrechen. Das, was man in Deutschland jetzt Regierung heißt,
ist doch nur eine Karikatur einer solchen, schwankend zwischen Partei-
doktrinen und Angst vor der Revolution von links nach rechts. Dabei
geht die Moral des Volkes vollends in die Brüche. Mit welcher Ge-
schwindigkeit unser Ansehen im Auslande sinkt, ist nicht zu beschrei-
ben; dabei viel zu retten ist unmöglich.»

Das ist ein heute eingetroffener Brief eines deutschen Diplomaten an


erster Stelle, der die Verhältnisse kennt und weiß, wie die Dinge liegen,
wie man heute im Ausland betrachtet wird. Die Dinge können aber wahr-
haftig nur andere werden, wenn man eben in Arbeiterkreisen nicht ver-
schläft, daß wir dem wahren Elend jetzt erst entgegengehen, und wenn
man dann in letzter Stunde sich aufrafft, um zu einem solchen Zustand
zu gelangen, daß unser am Rande des Abgrundes sich befindendes Wirt-
schaftsleben wieder gehoben werden kann. Und das kann nur geschehen,
wenn wir selbst Hand anlegen, wenn wir selbst wollen, daß durch die
Einführung der Betriebsräteschaft endlich ein Aufschwung nach oben ge-
macht wird. Diesen Appell wollte ich nochmals an Sie richten, damit wir
nicht in drei bis vier Wochen sagen müssen: Jetzt ist es zu spät. - Es
ist noch Zeit, aber es ist die zwölfte Stunde. An Ihnen, nicht an uns
liegt es.

Herr Jansen: Als vor acht bis zehn Wochen Herr Dr. Steiner mit seinen
Vorträgen begonnen hat, war wirklich eine große Begeisterung für die
Idee der Dreigliederung des sozialen Organismus vorhanden. In dem Au-
genblick aber, wo Herr Dr. Steiner und mit ihm der «Bund für soziale
Dreigliederung» überging zur Praxis, also von dem Gedanken zur Wirk-
lichkeit überging, in dem Augenblick, wo Arbeit, wo Leistung verlangt
wurde von denen, die bisher nur bravo schreien und klatschen durften,
da hörte schon ein Teil der Begeisterung auf. Die kühle Haltung der
Arbeiterschaft ist auch mit Schuld gewesen, daß die Begeisterung für die
Ideen Dr. Steiners nicht so weit ging, um gegen die Führer ankämpfen
zu können. Wir alle, die in der Agitation gestanden haben, wir wissen
über dieses Phlegma ein Wort zu reden. Auch Herr Dr. Steiner bekommt
das Phlegma der Massen zu spüren. Der Gedanke der Betriebsräte hat
bei dem vor einem Vierteljahr wirklich nicht allzu sicheren Kapitalismus
die letzten in ihm ruhenden Kräfte hervorgerufen. Er hat versucht, um
diese Betriebsräte abzumurksen, die Richtigkeit und die Durchführbarkeit
zu leugnen. Und die sogenannte gebildete Kaste unserer heutigen Gesell-
schaft und die noch wohlfeilere Presse aller Schattierungen, sie haben es
fertiggebracht, daß die wahre Idee der Dreigliederung des sozialen Orga-
nismus und der Betriebsräte so herabgezogen wurde, wie es in den Zeitun-
gen steht.
Nachdem ein halbes Jahrhundert verflossen ist seit dem Hungertod
von Karl Marx, streitet man sich heute herum, wie es möglich ist, die
Sozialisierung durchzuführen. Und über ein halbes Jahr ist es her, daß
das Jena der deutschen Arbeiter, die Novemberrevolution, hereingebrochen
ist, und noch immer weiß man nicht, wie die Sozialisierung zu machen
ist. Man sollte doch dankbar sein, wenn ein Mann sich die Mühe gemacht
hat, einen praktisch gangbaren "Weg zu suchen, einen Weg, auf dem es
nun möglich ist, den Sozialismus in verhältnismäßig kurzer Zeit einzufüh-
ren. Das Gegenteil trifft zu! Man darf es sagen: Einerseits ist die Eifer-
sucht, andererseits ist die Dummheit daran schuld. Ich habe es schon
einmal vor ein paar Wochen an einem Beispiel verdeutlicht: Man spricht
davon, den Löwen, den Kapitalismus, totzuschlagen, aber man fürchtet
sich vor dem Mäuschen, dem Vertreter der Fabriken, dem Direktor, und
vor den Gewerkschafts- und Parteibeamten und dergleichen.
Herr Fischer sprach von Kommerzienräten, Professoren, Doktoren,
die die Idee der Dreigliederung vertreten. Haben wir nicht auch in den
Parteien Professoren und Doktoren? Sagen wir auch von ihren Ideen,
daß sie deshalb nichts taugen? Und wenn die nicht in der Partei wären
- an der Dummheit der Massen wären die Parteien längst zugrunde gegan-
gen. Ein eigenartiges Kapitelchen noch: Herr Molt, den ich als Mitarbeiter
begrüße und den wir gebeten haben, morgen in unserer Sitzung über
Betriebsräte in aufklärender Weise zu sprechen, dieser Herr hat Geld.
Wir haben in der Partei eine Unmasse an Menschen, die auch Geld
haben, die es früher hatten oder die es durch die Tätigkeit in der Partei
zu Geld gebracht haben. Diese Männer, die sich Parteigenossen, Parteifüh-
rer nennen, die behalten ihr Geld ruhig für sich. Sie stellen es der Partei
nicht zur Verfügung! Sie kaufen sich Villen und setzen sich da oben
schön fest. Deshalb nur nicht allzu laut und allzu schnell mit dem Vor-
wurf: Der Mann hat Geld. - Man muß sehen, was die Leute unter uns
mit ihrem Geld tun.
Es wurde gesagt: Der Hunger muß zuerst beseitigt werden, damit die
Menschen überhaupt für geistige Kost zugänglich sind. - Es hat neulich
ein Kommunist gesagt: Der Hunger ist der schlimmste Revolutionär.
Wenn der Hunger einmal tobt, dann gibt es kein Halt mehr, dann bricht
das sich Bahn, was so lange unterdrückt worden ist. - Was sind denn
die Streiks anderes als Hungerrevolten? Und weil der Hunger ein guter
Antrieb ist, deshalb wäre es nicht gut, den Hunger heute schon zu beseiti-
gen. Sorgen wir dafür, daß wir den Massenhunger dadurch abschaffen,
daß wir die Massenausbeutung abschaffen. Der Sozialismus ist doch der
Weg dahin! Der Hunger ist ein Antrieb, um die Sozialisierung endlich
einmal durchzuführen.

Herr Kühn: Als Geschäftsführer des «Bundes für Dreigliederung des sozia-
len Organismus» möchte ich verschiedenes sagen zu dem, was gefragt
worden ist. - Wir haben die Absicht, die Betriebsräte in der nächsten
Woche zu einer ersten Versammlung zusammenzurufen. Ferner werden
wir in der nächsten Woche mit den Studienabenden beginnen. Herr Roser
hat ja darüber schon gesprochen. Ich darf vielleicht ein paar Worte sagen
zu der Diskussion, die sich am heutigen Abend mit Herrn Fischer abge-
spielt hat. Herr Fischer ist leider schon fortgegangen. Ich wollte ihm vor
der Versammlung sagen, daß ich definitiv weiß, daß er niemals, weder
hier noch anderswo, anwesend war bei Vorträgen des Herrn Dr. Steiner.
Das einzige Mal, wo er mir begegnet ist, das war bei einer Versammlung
zur Besprechung der Betriebsrätefrage, die von Angestellten einberufen
war und wo er von einigen Rednern etwas über die Dreigliederung gehört
hat. Herr Dr. Steiner war nicht anwesend. - So urteilen die Leute, die
von der Sache keine Ahnung haben; sie meinen alles mögliche und wollen
die Sache einfach abtun. Nebenher hat Herr Fischer mir aber heute abend
gesagt, daß seine Gewerkschaft beziehungsweise sein Verband in der näch-
sten Zeit Versammlungen abhalten wolle, um über Betriebsräte zu spre-
chen und probeweise Betriebsräte in den Fabriken aufzustellen. Sehen Sie,
die Leute kommen nun, wenn sie hier und da etwas gehört haben, und
machen ihre Sache daraus. Das ist, was wir vermeiden wollen und was
wir bekämpfen müssen. Wir dürfen nicht gemeinsame Sache mit denen
machen, die von der Dreighederung des sozialen Organismus nichts wissen
wollen und nicht auf sie hinarbeiten. Betriebsräte, die nicht auf der Grund-
lage der Idee der Dreigliederung des sozialen Organismus geschaffen wer-
den, werden niemals den Sozialismus verwirklichen können. Die Betriebs-
rate, die wir einführen wollten, wären der erste Schritt zur Sozialisierung
im Sinne der Dreigliederung gewesen. Alles andere müssen wir ablehnen.
Es ist schade, daß Herr Fischer fortgegangen ist und sich nicht mehr
mit uns über die Dreigliederung selbst auseinandersetzen kann.
Immer wieder kommen Einwände gegen die Dreigliederung von Leu-
ten, die nichts von ihr wissen, aber auch von Leuten, die schon viele
Vorträge über die Dreigliederung gehört haben. Ein Beispiel möchte ich
Ihnen erzählen. Da ist ein Kommunistenführer, der eine ziemlich große
Rednergabe besitzt und große Massen an sich fesselt. Er tritt fast in jeder
Versammlung auf. Dieser Mann hat viel von der Dreigliederung gehört,
aber nichts davon begriffen. So sagt er zum Beispiel: Ja, die Dreigliederung
führt zum Dreiklassensystem, denn wenn man drei Glieder schafft, dann
gibt es in jedem Glied eine Klasse, und so bekommen wir noch schlimme-
re Zustände als heute; heute haben wir ja nur zwei Klassen. - Wenn
man von den Organisationen auf die Klassen schließen wollte, so müßte
man ihm ja sagen: Heute haben wir doch einen Einheitsstaat, also ein
Glied. Da müßte man doch heute auch nur eine Klasse haben! So etwas
begreift der Mann nicht und kommt zu einem derartigen Vorurteil. Wir
wollen gerade, um die Klassenherrschaft zu beseitigen, den sozialen Orga-
nismus auf seine gesunden Füße stellen. Von einer Dreigliederung der
Klassen ist nicht die Rede. Derselbe Mann behauptet auch das gleiche,
was Herr Fischer behauptet hat, nämlich daß die Dreigliederung die Un-
ternehmer in Schutz nimmt. Wer das Buch von Herrn Dr. Steiner gelesen
hat, weiß, daß der Unternehmertypus von heute überhaupt verschwinden
wird. Der allerschönste Einwand dieses Kommunistenführers war aber
der, daß er sagte: Die Wirtschaft von der Politik trennen, das kann man
nicht. Das sieht man ja ständig im Reichstag oder in der Nationalver-
sammlung, wie die Leute ihre wirtschaftlichen Interessen vertreten, denken
Sie allein an die Industriellen der Schwerindustrie! Die können nicht
anders, als ihre wirtschaftlichen Interessen zu vertreten. - So hängen
die Menschen am alten, an diesem Götzen Einheitsstaat, weil sie nicht
sehen, daß das gerade das ist, was wir bekämpfen wollen, was wir abschaf-
fen wollen. Gerade die Wirtschaftspolitik hat uns in diese unheilvolle
Katastrophe hineingetrieben. Das sehen die Leute auch im ruhigen Ge-
spräch sehr gut ein, aber die Kraft dazu aufzubringen, daß man Maß-
nahmen trifft, die eine solche Wirtschaftspolitik nicht mehr möglich ma-
chen, ja, das ist den Leuten nicht möglich. Da sind vor allem die Parteifüh-
rer, die uns die Betriebsräteschaft verdorben haben. Diese Leute müssen
wir abschütteln. Eher kann das Proletariat keinen Sozialismus verwirklicht
sehen.
Bei den Angestellten, die wir auch aufgefordert haben, begegnet man
ständig einem unglaublichen Vorurteil. Auch dafür möchte ich ein Beispiel
anführen: Ein von mir sehr geschätzter Mensch, der als Angestellter tonan-
gebend ist in einer Fabrik, sagte zu mir: Ich weiß noch nicht, ob der
Kapitalismus so falsch ist. Ich bestehe jedenfalls darauf, daß es heute
besser ist, als es werden wird. Ich bleibe bei meiner Anschauung und
gehe lieber damit unter, als daß ich etwas Neues einführe. Ich weiß, daß
ich damit allein stehe und damit vielleicht in kurzer Zeit auf der Straße
stehe, aber lieber das. Ich bleibe dann ehrlich und konsequent. - Es ist
mir gesagt worden, es sei das ein Mann, der ein Herz für das Proletariat
hat, so einer spricht dann in dieser Weise konservativ. Als ich ihm sagte,
er sei konservativ, wurde er furchtbar wütend. Er meinte, das sei nur
ehrlich. Ich sagte ihm: Das ist doch genau so, als wenn man mit einem
Zug fährt. An einer Station kommt der Zugführer herein und sagt, der
Zug werde bis zur nächsten Station entgleisen, und man sagt dann: Ich
bleibe doch darin sitzen; lieber verunglücken als aussteigen. - Ich sagte:
Ich würde doch möglichst schnell aussteigen und sehen, ob man nicht
den Zug auf ein anderes Gleis bringen kann, wo er nicht entgleist. - So
müssen wir uns im letzten Moment zusammenraffen und alles tun, was
wir können, damit wir die Betriebsräte zusaramenbekommen. Das, worin
wir den praktischen Weg sehen, das müssen wir hinaustragen und vertre-
ten und nicht ängstlich sein, daß man von den Parteibonzen zu stark
angegriffen werde. Eigentlich müßte das Vertreten von Mund zu Mund
die Menschen wieder eines anderen belehren und ihnen die Augen öffnen
über das Philistertum ihrer Parteiführer.

Rudolf Steiner: Es ist noch die Frage gestellt worden: Wie kann
das, was im Syndikalismus als Gesundes lebt, in Beziehung z u r
Dreigliederung des sozialen Organismus gebracht werden? - N u n ,
es w ü r d e ja natürlich sehr weit führen, w e n n wir uns heute n o c h
zu vorgerückter Stunde über das Wesen des Syndikalismus unter-
halten würden. Aber so viel möchte ich doch sagen, daß in dem
Syndikalismus, wie natürlich auch in anderen Bestrebungen der
Gegenwart, mancherlei wirklich Gesundes lebt. Das Gesunde lebt
vor allem im Syndikalismus, da doch bei sehr vielen Syndikalisten
die Idee vorherrscht, daß man ohne Rücksicht auf das ewige Po-
chen auf die Staatsgesetzlichkeit im unmittelbaren Wettstreit mit
dem Unternehmertum zu wirtschaftlichen Errungenschaften für
die breiten Massen der arbeitenden Bevölkerung kommen muß.
Daß aus dem Wirtschaftsleben selbst durch eine Art föderativer
Gliederung etwas Zukünftiges entstehen könne, das lebt als gesun-
der Gedanke innerhalb des Syndikalismus. Der Syndikalismus trat
ja besonders in letzter Zeit innerhalb der französischen Arbeiterbe-
wegung hervor, und es ist irgendwie bezeichnend, daß er gerade
dort am stärksten hervorgetreten ist. Die Franzosen haben ja ein
sehr stark entwickeltes Staatsgefühl. Aber in dem Augenblick, als
gerade gut staatlich gesinnte Menschen in Frankreich eine gewisse
Arbeiterbewegung begründen wollten, kamen sie darauf, daß diese
eigentlich nur dann von Nutzen sein könne, wenn man sich aus-
schließlich auf wirtschaftlichem Boden bewegt. Die föderative
Gliederung des Wirtschaftslebens, wie sie der Syndikalismus vor-
sieht, weist sogar gewisse Ähnlichkeiten mit dem auf, was aus
der Idee der Dreigliederung heraus mit den Assoziationen ange-
strebt wird.
Sehen Sie, in dem dreigliedrigen sozialen Organismus haben
wir ein selbständiges Geistesleben, dann ein selbständiges Staats-
oder Rechtsleben und ferner ein selbständiges Wirtschaftsleben.
Dieses selbständige Wirtschaftsleben, ich habe ja oftmals davon
gesprochen, das wird sich aufzubauen haben auf korporativen ge-
nossenschaftlichen Grundlagen, das heißt, daß sich einerseits aus
den verschiedenen Berufsgruppen und andererseits aus gewissen
Zusammenhängen zwischen Produktion und Konsumtion Assozia-
tionen bilden. Einer der Einwände, die zum Beispiel von Professor
Heck in der «Tribüne» gemacht worden sind, stützt sich darauf,
daß er sagt: Ja, wie wird denn, wenn in der Zukunft das Wirt-
schaftsleben so gegliedert sein soll, wie Herr Dr. Steiner will, wie
wird es denn dann möglich sein, daß zum Beispiel die Handwer-
ker, die kleinen Kaufleute, hinsichtlich der Belange der Großindu-
strie sachverständig sind? - Nun, dies zeigt, daß auch Professor
Heck nicht verstanden hat, wie die Sache gemeint ist. Man kann
selbstverständlich nicht auf allen Gebieten sachkundig sein, und
man braucht es auch nicht, denn wenn eine föderative Gliederung
wirklich zustande kommt und die einzelnen Assoziationen intensiv
zusammenarbeiten, dann wird etwas für das Wirtschaftsleben
Fruchtbares herauskommen. Es ist nun einmal nicht möglich, daß
alles das, was auf rein demokratischer Grundlage sich entwickeln
muß, wie zum Beispiel das Arbeitsrecht, in derselben Weise vertre-
ten oder verwaltet wird wie das rein Wirtschaftliche. Diese Auffas-
sung tritt einem, zumindest ansatzweise, auch im Syndikalismus
entgegen. In der anglo-amerikanischen Arbeiterbewegung ist es ja
so, daß dort noch sehr stark das Prinzip des englisch-amerikani-
schen Parlamentarismus herrscht. Da dieser auf ein gewisses Schau-
kelsystem, nämlich Macht gegen Macht, eingestellt ist, sind auch
die anglo-amerikanischen Arbeiterorganisationen nach dem glei-
chen Prinzip ausgerichtet, nämlich Arbeitermacht gegen Unterneh-
mermacht wird gegeneinander ausgespielt, so wie sich im Parla-
ment die liberale und die konservative Partei gegenüberstehen.
Eine andere Form tritt uns innerhalb der Arbeiterorganisationen
in Deutschland entgegen. Da herrscht nämlich ein gewisser Zentra-
lismus vor, ich möchte sogar sagen ein gewisses militärisches Sy-
stem, das basiert auf Befehl und Gehorsam. Ich weiß nicht, ob
Sie ganz damit einverstanden sein werden, aber ich kann Ihnen
versichern, daß ich mehrfach an gewerkschaftlichen Versammlun-
gen teilgenommen habe und daß ich jedesmal unangenehm davon
berührt war, daß immer dann, wenn verschiedene Meinungen auf-
getreten sind, der Versammlungsleiter aufgestanden ist und gesagt
hat: Kinder, so hat es doch keinen Sinn! - Also, dieses zentrali-
stisch-militärische System ist das zweite; und das dritte ist das,
was mit der föderativen Gliederung, mit der Gliederung in selb-
ständige Körperschaften, gemeint ist, in der keine Majorisierung
oder Zentralisierung, sondern sachliches Verhandeln stattfinden
wird. Dies tritt beim Syndikalismus als ein guter Impuls auf, doch
ist auch hier ein weiterer Schritt notwendig, wie er mit der Idee
der Dreigliederung des sozialen Organismus angestrebt wird, näm-
lich daß wirklich mit den fortschrittlichen Faktoren gerechnet
wird, die erst noch in das Denken der gegenwärtigen Menschheit
hineinkommen müssen. Und da glaube ich, daß sich vielleicht
gerade aus dem Syndikalismus heraus hierfür ein Verständnis ent-
wickeln kann. Aber man soll das durchaus nicht so auffassen, als
wenn ich hier einzig dem Syndikalismus ein Loblied singen wollte.
Allerdings glaube ich durchaus, daß von dieser Seite die Dreiglie-
derung besser verstanden werden kann als von einer der anderen
Richtungen.
Nun, dem, was die letzten Redner hier zum Ausdruck gebracht
haben, habe ich nicht mehr viel hinzuzufügen. Ich möchte nur
das eine bemerken, nämlich daß mir und den Dreigliederungs-
freunden in der letzten Zeit sehr deutlich bewußt wurde, was ein
Redner über das Phlegma der großen Masse gesagt hat. Ja, an
der Stelle des Phlegmas, da brauchte man schon Feuer, denn wenn
wir in der heutigen Zeit wirklich weiterkommen wollen, dann
brauchen wir nicht nur Einsicht - dies natürlich ja in erster Linie
- , sondern auch Feuer. Sehen Sie, wenn immerfort gesagt wird,
daß man den Geist eigentlich nicht braucht, der werde bei der
wirtschaftlichen Umgestaltung schon kommen, dann frage ich Sie:
Ja, die Möglichkeit weiterzukommen war ja bis zu einem gewissen
Grade da. Der 9. November war da, die Nationalversammlung
ist gewählt worden. Aber, ist in dieser Nationalversammlung etwas
von einem neuen Geist sichtbar? Es gab ja jetzt eine ganz neue
Gruppe von Wählern, die früher nicht wahlberechtigt war: die
ganze Frauenwelt. Merkwürdig ist aber, daß ganz offensichtlich
auch auf diese Frauenwelt der Geist noch nicht herabgekommen
ist, denn die Nationalversammlung zeigt durchaus noch nichts
von dem, was wir wirklich brauchen für die Zukunft. Dazu aber
wird Begeisterung, wird Feuer notwendig sein.
In diesem Zusammenhang frage ich Sie, ob es nicht recht kurz-
sichtig ist, wenn man nicht bemerken will, daß eine gewisse Sozia-
lisierung bereits schon - und dies vor der offiziellen Sozialisierung
- begonnen wurde? Will man denn eine Sozialisierung nur auf
dem Papier haben? Ist man dann erst zufrieden? Stellen Sie sich
einmal vor, jener Kommerzienrat, der sich der Dreigliederung ge-
widmet hat, der hätte es so gemacht wie die anderen Kommerzien-
räte. Dann wäre es nämlich dazu gekommen, daß in dem Augen-
blick, wo sozialisiert werden soll, gar kein Kommerzienrat vorhan-
den gewesen wäre! Es wäre dann so gekommen, daß man
irgendwann diesen Kommerzienrat so wie andere Kommerzienräte
enteignet hätte, und dann wäre kein Geld mehr für eine wirkliche
Sozialisierung oder bessere Schulen und dergleichen vorhanden
gewesen. Und nun frage ich Sie: Ist es eine große Sünde, wenn
jemand, bevor die Menschheit reif ist, das Geld dem anderen
abzunehmen, sein Geld zur Sozialisierung schon hergibt? Ist es
eine Sünde, wenn jemand nicht immer hinausposaunt: Die Produk-
tionsmittel müssen der Allgemeinheit übergeben werden! - , son-
dern es aus eigenem Antrieb tut? Ich fürchte, daß diejenigen, die
immer phrasenhaft hinausposaunen, daß die Produktionsmittel in
den Dienst der Allgemeinheit gestellt werden müssen, sie nicht
so sinnvoll anwenden werden wie jene, die etwas aus eigener
Einsicht schon vorher tun. Das ist Sozialisierung vor der offiziellen
Sozialisierung. Das ist herausgearbeitet aus dem Geist, den wir
gerade herbeisehnen wollen als den sozialen Geist der Zukunft.
Und den Vorwurf erheben, daß jemand den sozialen Geist vorher
hat, also bevor er in irgendeiner Verfassung steht, das heißt über-
haupt nicht fähig sein, in den Geist, der die Menschheit einzig
und allein retten kann, einzudringen, sondern zeigt nur die Sehn-
sucht nach dem geschriebenen Wort. Das Gesetz, das Ihr gebt,
das könnt Ihr getrost nach Hause tragen. - Wir brauchen den
Geist, aus dem heraus sozialisiert wird. Deshalb sollte man nicht
in den Fehler verfallen zu sagen: Die Waldorf-Schule ist ja schön,
aber sie wird von einem Kommerzienrat gemacht; davon wollen
wir nichts wissen! - Gescheiter wäre es zu sagen: Nehmt euch
an ihm ein Beispiel, und werdet als Sozialisierer in der Zukunft
so, wie er ist, dann wird es gut sein. Das, was von dieser Ecke
fortwährend vorgebracht wird gegen Titel und anderes, das be-
zeugt nur, daß man trotz allem an den Worten und an den Phrasen
mehr hängt als an der Tat. Und ehe wir uns nicht entschließen
können, uns zur Tat aufzuraffen und uns auch zur Tat zu beken-
nen, gleichgültig, von wo sie kommt, kommen wir nicht vorwärts;
das muß unsere Überzeugung sein. Und wenn das unsere Über-
zeugung wird, dann werden wir nicht auf etwas anderes blicken
als darauf, ob jemand ein einsichtiger, von sozialen Empfindungen
beseelter Mensch ist, und wir werden nicht nach etwas anderem
fragen. Solange wir nach etwas anderem fragen, kommen wir nicht
vorwärts. Wird dies nicht zur Erkenntnis, so ist alles Reden ver-
geblich. Denn der Anfang muß gemacht werden von denjenigen
Leuten, die etwas verstehen von dem, was geschehen soll, gleich-
gültig, ob sie diese oder jene Rolle in der bisherigen Ordnung
spielen. Alle, die wir heute leben, haben selbstverständlich das,
wovon wir leben, aus dem Kapitalismus heraus, ob Kapitalist oder
letzter Arbeiter. Und wir können nichts ändern, wenn wir nicht
schauen auf das, was im Geiste lebt und aus dem Geiste heraus
geschehen muß. Wir müssen endlich die Phrase besiegen, wir müs-
sen übergehen zu dem, was wirklich Tat werden kann.

Herr Roser: Er dankt als Vorsitzender Herrn Dr. Steiner für seine Ausfüh-
rung und macht nochmals aufmerksam auf die nächste Veranstaltung. Er
bittet die Anwesenden nochmals, sich mit dem Buch «Die Kernpunkte
der sozialen Frage» zu beschäftigen, damit sie in der Lage sind, in den
Kreisen, in denen sie verkehren, über das Buch und über die Dreigliede-
rung des sozialen Organismus zu sprechen.
BETRIEBS RÄTE VERSAMMLUNG
zur Bildung der vorbereitenden
Württembergischen Betriebsräteschaft

Stuttgart, 23. Juli 1919

Einleitende Worte von Rudolf Steiner

Meine sehr verehrten Anwesenden! Es wird gerade heute, wo uns


die eben erwähnte Tagesordnung vorliegt, von einer gewissen
Wichtigkeit sein, daß wir uns noch einmal über dasjenige vollstän-
dig klarwerden, was im Sinne der Dreigliederung des sozialen
Organismus mit der Betriebsräteschaft eigentlich gemeint ist.
Zunächst halten wir doch daran fest, daß, so wie wir jetzt
darangehen wollen, die Betriebsräteschaft auf die Beine zu stellen,
wir vor allen Dingen erstreben, mit dieser Betriebsräteschaft den
eigentlichen Anfang einer wirklichen Sozialisierung in die Wege
zu leiten. Wenn man heute von Sozialisierung sprechen hört, be-
kommt man doch immer das Gefühl, daß die Leute eigentlich
nicht wissen, was sie mit der Sozialisierung wollen. Die meisten
verstehen unter Sozialisierung ja nichts anderes als eine Verstaatli-
chung der bestehenden Betriebe, der bestehenden Produktions-
zweige und so weiter. Sie wissen ja, daß es sich bei der Dreigliede-
rung des sozialen Organismus darum handelt, die drei Gebiete
des menschlichen sozialen Lebens reinlich voneinander zu sondern,
so daß man in der Zukunft haben wird die gesamte Verwaltung
des geistigen Lebens, vorzugsweise des Erziehungs- und Unter-
richtswesens, als ein Glied des dreigliedrigen sozialen Organismus.
Da wird verwaltet werden nur aus denjenigen Organen heraus,
die innerhalb dieses geistigen Lebens stehen, eben dieses geistige
Leben selbst. Da werden also von Seiten derjenigen Persönlichkei-
ten, die am geistigen Leben beteiligt sein werden, die Körperschaf-
ten organisiert, die das geistige Leben zu verwalten haben. Als
zweites wird der eigentliche Staat dasein, die politische Körper-
schaft, die sich aufbauen soll auf völlig demokratischer Grundlage,
so daß also im vollsten Umfange alles das, was demokratisch
geregelt werden soll, in die Sphäre dieses zweiten Gliedes des
sozialen Organismus hineingehört. Das dritte Glied würde das
Wirtschaftsleben sein. In diesem Wirtschaftsleben soll bloß gewirt-
schaftet werden. Deshalb mußte ich öfter auseinandersetzen, daß
innerhalb dieser Wirtschaftsverwaltung eigentliche Rechtsfragen gar
nicht entschieden werden sollen. Diese eigentlichen Rechtsfragen
sollen entschieden werden innerhalb des demokratischen Staatsle-
bens. Also zum Beispiel soll innerhalb des demokratischen Staatsle-
bens vor allen Dingen über das Arbeitsrecht entschieden werden;
es soll entschieden werden über die Lange der Arbeitszeit und
über sonstige Rechte, die der eine arbeitende Mensch gegenüber
dem anderen arbeitenden Menschen hat. Alles das, was sich auf
solche Rechte bezieht, das soll auf demokratischer Grundlage in
einer Art Parlament, oder wie man es nennen will, das aus ganz
allgemeinem Wahlrecht hervorgeht, geregelt werden.
Davon abgesondert ist dann das Wirtschaftsleben, das seine Ver-
waltung ganz aus sich selbst heraus haben soll, in dem also bloß
gewirtschaftet werden soll. Und auf dem Boden dieses Wirtschafts-
lebens stehen wir, indem wir jetzt versuchen, ich möchte sagen
wie in einer Art von Übergangserscheinung, die Betriebsräteschaft
auf die Beine zu stellen.
Wie machen wir das? Wir haben damit ja schon begonnen,
und von den Betriebsräten sind ja heute schon einige erschienen.
Also wir machen das so, daß zunächst aus den einzelnen Betrieben
heraus eine bestimmte Anzahl von Betriebsräten gewählt wird.
Wer kann zum Betriebsrat gewählt werden? Zum Betriebsrat kann
gewählt werden jeder Handarbeitende, jeder geistig Arbeitende und
auch, da wir eben in einer Übergangszeit stehen, wenn er sich
einreiht, der bisherige Unternehmer oder die Unternehmerschaft
eines Betriebes. Festzuhalten ist hier aber, daß keiner ein Vorrecht
hat, also daß sich auch ein Unternehmer, der zum Betriebsrat
gewählt wird, in die anderen Betriebsräte einreiht. Diese Betriebs-
räteschaft ist also eine Körperschaft, in der jeder absolut gleichbe-
rechtigt ist und so viel gelten soll, wie er im Wirtschaftsleben auf
seinem Gebiete versteht. Es gehen also aus den einzelnen Produk-
tionszweigen diese Betriebsräte hervor. Aber wir haben etwas für
die Neugestaltung des Wirtschaftslebens Fruchtbares erst dann,
wenn wir viel mehr Betriebsräte haben, als wir jetzt haben. Heute
haben wir ja erst eine kleine Anzahl von Betriebsräten, und diese
werden hoffentlich nach der heutigen Versammlung so arbeiten,
daß wirklich nach und nach eine Betriebsräteschaft zustande
kommt. Also wie gesagt: Eine kleine Anzahl von Betriebsräten
haben wir zunächst. Diese Betriebsräte sind hervorgegangen aus
einzelnen Betrieben. Dasjenige, was wir wirklich brauchen, das
ist, daß sich aus allen Betrieben eines in sich geschlossenen Wirt-
schaftsgebietes, also zunächst eines provisorisch geschlossenen
Wirtschaftsgebietes, sagen wir Württemberg, Betriebsräte bilden.
Man braucht nämlich für die Art von Betriebsräteschaft, wie wir
sie uns denken müssen, Betriebsräte aus allen Betrieben, aus allen
Branchen. Diese Betriebsräte bilden dann zusammen die Betriebs-
räteschaft über ein in sich geschlossenes Wirtschaftsgebiet. U n d
damit müßte man die Sozialisierung beginnen, daß man über ein
geschlossenes Wirtschaftsgebiet hin eine solche Körperschaft be-
gründet, welche sich zur Aufgabe macht, sich im Sinne eines N e u -
aufbaus des Wirtschaftslebens auf einen festen Boden zu stellen,
das heißt: Es müßte sich diese Körperschaft als der leitende Wirt-
schaftskörper dieses betreffenden Gebietes fühlen. Sie müßte sich
also so fühlen, daß von ihr die wirkliche Leitung der in diesem
Wirtschaftsgebiet bestehenden Betriebe aller Gattungen auszugehen
habe. Es müßte also diese Betriebsräteschaft als ihr Ideal ansehen,
daß zukünftig nicht mehr einzelne Unternehmer für die einzelnen
Wirtschaftsbetriebe verantwortlich sind, sondern daß alles das, was
in den Betrieben getan wird, gewissermaßen im Auftrag dieser
Körperschaft, dieser Urversammlung der Betriebsräteschaft, ge-
schieht. Es ist damit, haken wir das streng fest, zum ersten Mal
dasjenige geschaffen, wonach die Forderungen der sozialen Partei-
en immer, mehr oder weniger bewußt, hintendiert haben. Die
Forderungen der Parteien werden ja zumeist negativ formuliert,'
zum Beispiel wenn man spricht von der Abschaffung des Kapitals
und so weiter. Ja, aber mit dem Abschaffen ist wenig getan. Mit
dem Abschaffen ist nur das getan, daß wir allmählich unser Wirt-
schaftsleben auflösen! Wie nun aber der dreigliedrige soziale Orga-
nismus wirken soll, das ist gerade das Gegenteil: Er soll nämlich
aufbauen. Zum Aufbau braucht man aber eine aufbauende Körper-
schaft.
Nun, ob zukünftig die Betriebsräte auf diese oder jene Art
gewählt oder delegiert werden, das wiederum wird eine Frage
sein, die innerhalb der Betriebsräteschaft selbst entschieden werden
muß. Heute haben wir zunächst die Aufgabe, die Betriebsräteschaft
auf die zunächst einzig mögliche Art, nämlich durch Wahlen in
den einzelnen Betrieben, zu begründen. Es handelt sich ja darum,
daß erst ein Schritt vollzogen sein muß, ehe man weitere tun
kann. Wenn nun die Betriebsräte gewählt sind - kleinere Betriebe
können sich ja zum Zwecke der Wahl zusammenschließen - , dann
ist ihre erste Aufgabe, das zu schaffen, was man nennen könnte:
eine vollständige Übersicht über die gesamte Wirtschaft, die in
dem betreffenden in sich geschlossenen Wirtschaftsgebiet vorhan-
den ist. - Das bedeutet dann, daß hieraus die ersten Aufgaben
für die Betriebsräte sich ergeben werden. Diese Betriebsräte - in
dem einen Betrieb vielleicht fünf, in dem anderen drei und so
weiter - bilden gewissermaßen die Atome der Betriebsräteschaft.
Diese müßte eben durch die erste Aufgabe schon vorbereitet sein.
Nehmen wir also an, der Betrieb A hat seine fünf Betriebsräte
gewählt. Diese fünf Betriebsräte würden nun zunächst die Aufgabe
haben, für ihren Betrieb eine Art Inventur des gesamten wirtschaft-
lichen Betriebes zu erstellen. Diese Bestandsaufnahme wäre dann
in die Urversammlung der Betriebsräteschaft mitzubringen. Man
müßte also wissen, wieviel Kapital in dem jeweiligen Betrieb
steckt, wie es bisher gearbeitet hat und so weiter. Man müßte
ferner wissen, welche geschäftlichen Verbindungen in bezug auf
die Verwertung der Produkte, die Beschaffung der Rohstoffe und
überhaupt nach außen hin bestehen. Zugleich hätte man dafür zu
sorgen, daß in den einzelnen Betrieben eine möglichst gute Zusam-
menarbeit entsteht. Nach und nach würde man dann auch wissen,
welche Unternehmer die Sache unterstützen und welche nicht,
denn in den Betrieben, in denen der Unternehmer eine Zusammen-
arbeit ablehnt, würde ja verhindert werden, daß die Betriebsräte
sich über den Betrieb informieren können, beziehungsweise diese
Betriebsräte können eben nur soweit informiert in die Urversamm-
lung kommen, wie es möglich ist. Anhand dessen, was die einzel-
nen Betriebsräte aus den jeweiligen Betrieben vorlegen können,
wäre also in der Urversammlung zunächst eine Übersicht über
das Wirtschaftsleben des betreffenden Wirtschaftsgebietes zu erstel-
len. Diese muß man ja zuerst haben. Dann kann man an die
eigentlichen Aufgaben herangehen.
Hier muß man zunächst berücksichtigen, daß sich die Struktur
des dreigliedrigen sozialen Organismus deutlich unterscheidet von
alledem, was innerhalb zum Beispiel der Parteien über die Fortfüh-
rung des wirtschaftlichen, des politischen und des geistigen Lebens
gedacht wird. Die anstehende Aufgabe muß also als eine im emi-
nentesten Sinne wirtschaftliche angesehen werden, das heißt, es
muß auf der Grundlage dessen, was man als provisorisches Mate-
rial bekommen hat, zunächst dasjenige festgelegt werden, was zu
einer wirklichen Stipulierung von Normalpreisen der verschiedenen
produzierten Güter führt. Das ist die erste Aufgabe im Zuge der
künftigen Sozialis iening, daß wir in Erfahrung bringen, wieviel,
der Wirtschaftslage entsprechend, zum Beispiel ein Paar Stiefel,
ein Rock und so weiter kosten dürfen. Nicht wahr, die Grundlage
für die Preisregelung habe ich ja in meinen Vorträgen schon öfter
genannt. Demnach geht es in Zukunft darum, daß jeder für das,
was er selber produziert, so viel bekommt, daß er seine Bedürfnis-
se bis zu dem Zeitpunkt, an dem er wiederum eine gleiche Lei-
stung hervorgebracht hat, befriedigen kann. Anders ausgedrückt:
Es produziert jemand ein Paar Stiefel - das Folgende gilt auch
für nicht deutlich abgrenzbare Leistungen - , und diese Stiefel müß-
ten einen Wert haben, der vergleichbar ist mit anderen Gütern,
so daß das, was ich für die Stiefel bekomme, zur Befriedigung
meiner Bedürfnisse dienen kann, bis ein neues Stiefelpaar fertigge-
stellt ist. Das ist dasjenige, was die einzelnen Preislagen stipuliert.
Selbstverständlich muß auch alles das miteinbezogen werden, was
für die Erziehung der Kinder, für Invalide, Witwen und Arbeitsun-
fähige notwendig aufgebracht werden muß. Aus alledem ergibt
sich der richtige Preis. Diesen festzusetzen, das ist die erste Tat.
Das ist aber eine sehr große Arbeit. Die Arbeit der Betriebsräte,
wenn sie nicht katzbalgen will mit irgendwelchen Phrasen, wird
beginnen müssen mit dieser Festsetzung der Preislagen dessen,
was produziert wird, ansonsten wird man niemals zu einer wirkli-
chen Sozialisierung kommen können. Es ist ein Selbstbetrug, wenn
man glaubt, daß man durch die Festlegung von Löhnen aus ande-
ren Untergründen heraus zu einer wirklichen Sozialisierung
kommt. Das ist einfach ein Unsinn, denn Sie können die Löhne
nach den Prinzipien, nach denen sie bisher ausgezahlt wurden,
beliebig erhöhen. Sie können sogar das, was Sie an Lohnerhöhung
bekommen, verdoppeln, und dies wird dadurch dann ausgeglichen,
daß die Wohnungen und Lebensmittel wieder teurer werden, wenn
Sie nicht einen naturgemäßen, einen aus der Wirtschaft selbst her-
vorgehenden Maßstab für die Preisbildung haben.
Ist dieser Maßstab für die Preisbildung gefunden - die Betriebs-
räteschaft wird einige Wochen damit zu tun haben - , dann wird
man dazu übergehen müssen, die gerechten Preise zu finden. Hier-
durch wird dann eine Grundlage geschaffen für das, was in der
Zukunft weiterhin entstehen soll, und man wird wissen, womit
man rechnen kann. Dann wird an die Stelle des bisherigen soge-
nannten Arbeitsvertrages ein Verteilungsvertrag zwischen dem gei-
stigen und physischen Arbeiter treten können. Zu den geistigen
Arbeitern werden, wenn sie sich einreihen, selbstverständlich auch
die bisherigen Unternehmer mit ihren Erfahrungen gehören kön-
nen. Im wesentlichen wird der Vertrag so geschlossen werden,
daß ihm die gemeinsame Arbeit der Hand- und der geistigen
Arbeiter zugrunde liegt; etwas anderes kommt nicht in Betracht.
Sie arbeiten gemeinsam an irgendeinem Produkt, und dieses Pro-
dukt hat einen gewissen Preis. Unter Berücksichtigung der jeweili-
gen Gegebenheiten und Möglichkeiten muß nun dieser Preis ver-
tragsmäßig zwischen geistigen Leitern und Arbeitern verteilt
werden. Es wird also nicht mehr irgendwie die Arbeitskraft be-
zahlt, sondern, wenn man Güter produziert oder die Güterproduk-
tion leitet, dann erhält man gemäß dem Verteilungsvertrag den
entsprechenden Anteil. Ausführen kann man das nur, wenn alles
das feststeht, was Arbeitsrecht ist.
N u n kann man natürlich mit der Betriebsräteschaft nichts ande-
res als wirtschaftliche Institutionen im Sinne der Dreigliederung
schaffen. In der Zukunft wird jedoch neben der wirtschaftlichen
Organisation, die es vorzugsweise mit einer gerechten Festsetzung
der Preise zu tun hat, das Rechtsparlament stehen, in dem jeder
Mensch die Möglichkeit findet, sein Verhältnis zu den anderen
Menschen festzusetzen. Natürlich ist deshalb dasjenige, was im
Rechtsparlament geschieht, nicht ohne Wirkung auf das Wirt-
schaftsleben. Diejenigen, die nun im Wirtschaftsleben einen Betrieb
zu leiten haben, die werden ihn in dem Sinne zu leiten haben,
daß sie beobachten das, was im Rechtsparlament aus demokrati-
schen Prinzipien heraus über den Wert der Arbeit und die Arbeits-
zeit festgelegt wird.
Das, was geistige Arbeit ist, also wie die Verwaltung der Pro-
duktionsmittel im wesentlichen in der Zukunft dem geistigen Glie-
de des sozialen Organismus zugeteilt wird, das können Sie in
meinem Buch «Die Kernpunkte der sozialen Frage» nachlesen.
Allerdings zeigt es sich heute noch, daß diejenigen, die bisher
den geistigen Anteil an der Arbeit innehatten, zurückgeblieben
sind, das heißt nicht eingehen werden wollen auf diese Dinge;
deshalb können wir auf diesem Felde heute noch nichts erreichen.
Aber wir haben das, was die Betriebsräteschaft zu tun hat, unter
der Voraussetzung zu schaffen, daß später nicht nur ein Rechtspar-
lament, sondern auch eine freie Verwaltung des geistigen Lebens
dasein wird. Aus diesem Geistesleben werden auch die geistigen
Leiter der Betriebe hervorgehen, die auch bei der Bestellung der
Betriebsräte mitsprechen werden, so daß in der Betriebsräteschaft
auch das Urteil der geistigen Leiter Berücksichtigung findet. Dies
kommt heute noch nicht in Betracht, aber wir müssen nur schon
daran denken, daß es später in Betracht kommen wird.
Es handelt sich also darum, daß auch diese zweite Aufgabe
gelöst wird, daß also in einer Urversammlung, in der alle Betriebs-
räte zusammenkommen, eine Regelung über die Preisverhältnisse
gefunden wird. Die erste Aufgabe haben ja die Betriebsräte inner-
halb des jeweiligen Betriebes zu lösen, also sich zu informieren
und eine Art Inventur des Betriebsgeschehens vorzunehmen. Es
werden sich dann noch viele Dinge ergeben, die zu regeln sein
werden, wie Rechtsfragen, Fragen der betrieblichen Disposition
und dergleichen. Und es wird sich schon sehr bald herausstellen,
daß die Betriebsräte und die sich dann bildende Betriebsräteschaft
die soziale Kraft darstellen werden, aus der dann die Sozialisierung
hervorgeht. Aber die Betriebsräte allein werden eine umfassende
Sozialisierung nicht durchführen können. Man wird vor allen Din-
gen auch noch Verkehrsräte und Wirtschaftsräte haben müssen,
die dann ebenso ihre Aufgabe bekommen werden. Es wird sich
schon bei der konstituierenden Versammlung der Betriebsräteschaft
zeigen, welche Schritte zu tun sind, um eine sachgemäße Verwal-
tung, eine sachgemäße Zirkulation der Güter, den Bezug von Roh-
stoffen und so weiter zu organisieren.
Es werden sich also verschiedene Arten von Räten bilden müs-
sen, vor allen Dingen aber die drei genannten Räte. Näheres kann
dann die Versammlung der Betriebsräteschaft beschließen. Nun,
wenn die Betriebsräteschaft ihre ersten Aufgaben erfüllt hat, dann
kann sie beginnen, etwas auszuarbeiten, was zur Zeit noch unge-
rechtfertigterweise der Staat, der sich ja herausentwickelt hat aus
dem alten Staat und den man heute «sozialistische Republik»
nennt, ausarbeiten will: das Betriebsrätegesetz. Solch ein Betriebs-
rätegesetz, wie es vom Staat bisher im Entwurf vorliegt, würde
der dreigliedrige soziale Organismus überhaupt nicht haben wol-
len, weil die wirtschaftlichen Einrichtungen nichts zu tun haben
mit den Rechtseinrichtungen. Die Rechtseinrichtungen, die gehören
in die Fortsetzung des ehemaligen Staates hinein. Das Wirtschafts-
leben hat sich auf sich selbst zu stellen. Im heutigen «Abendblatt»
wird gezeigt, wie scheinbar nach entgegengesetzter Richtung hin
die gegenwärtige - nun, sagen wir - «sozialistische Republik»
arbeitet. Da wird vorgeschlagen, daß das Ziel ein immer innigeres
gegenseitiges Durchdringen von Staats- und Wirtschaftsleben sei.
Das ist das Gegenteil von dem, was mit der Dreigliederung des
sozialen Organismus angestrebt wird. Diese gegenseitige Durch-
dringung von Staats- und Wirtschaftsleben soll eben gerade aufge-
hoben werden! Das Wirtschaftsleben für sich und das staatliche
Leben für sich, jedes soll sich selbst verwalten, das ist das Ziel.
U n d im staatlichen Leben soll nur das verwaltet werden, was auf
demokratischer Grundlage verwaltet werden kann, worüber jeder
mündige Mensch entscheiden kann. Jeder mündige Mensch kann
aber nicht einfach entscheiden, was die beste Art ist, dieses oder
jenes Produkt von dem einen zum anderen Ort zu bringen; dazu
gehört Sachverständnis. Und Sachverständnis haben nur die Men-
schen aus den jeweiligen Wirtschaftszweigen selbst. Deshalb muß
das gesamte Wirtschaftsleben auf Sachverständnis beruhen und zu-
gleich eine gewisse föderative Struktur aufweisen.
Professor Heck, der manches Törichte gesagt hat, hat vorzugs-
weise Angst, daß dann, wenn eine solche Art der Verwaltung
entsteht, im Wirtschaftsparlament - ein solches wird es aber nicht
geben, es wird nur einen wirtschaftlichen Zentralrat geben - der
kleine Handwerker den Großindustriellen, der Landarbeiter den
Naturwissenschaftler nicht verstehen wird. Ja, aber eine solche
Situation entsteht gar nicht erst, weil die Assoziationen, die im
Wirtschaftsleben entstehen, sich kettenförmig zusammenschließen
und von Assoziation zu Assoziation sachgemäß verhandelt werden
wird. Es bezeugt eben gerade ein solcher Einwand, daß man das
Wirtschaftsleben nicht auf demokratische Art verwalten kann, son-
dern nur föderativ, assoziativ. Es kann nur etwas durch sachgemä-
ße Verhandlungen zustande kommen.
Also, da sitzen, sagen wir, Vertreter der Schuhbranche, Vertreter
der Metallindustrie oder der Textilindustrie, und die verstehen alle
speziell etwas von ihrer Sache. Und die Versammlung ist nun
dazu da, daß jeder sein sachgemäßes Urteil über das Festsetzen
gerechter Preisverhältnisse abgibt. Es ist doch etwas ganz anderes,
wenn man sich die verschiedenen Urteile anhört und jeder seine
Forderungen geltend macht, als wenn man einfach auf demokrati-
sche Art abstimmt. Dies würde ja nichts anderes bewirken, als
daß sich gewisse Wirtschaftszweige zusammenschließen und die
anderen majorisieren. Dann würde die Minderheit nie zu ihrem
Recht kommen können. Bei einer Konstitution, die aus dem Sach-
zusammenhang des wirtschaftlichen Lebens selbst heraus entsteht,
ist eine solche Majorisierung ausgeschlossen. So würde also das,
was jetzt ungerechtfertigterweise durch das vom Staat vorgelegte
Betriebsrätegesetz zustande kommen soll, erst durch die Verhand-
lungen der Betriebsräteschaft zustande kommen. Das bitte ich als
das Wichtigste festzuhalten, daß der dreigliedrige soziale Organis-
mus jedes staatliche Gesetz in diesem Zusammenhang ablehnt.
Sehen Sie, wie dann dieser dreigliedrige soziale Organismus im
einzelnen zustande kommt, das ist jetzt nicht so wesentlich. Wir
müssen auf diesem Gebiet deutlich unterscheiden zwischen Sophi-
stik beziehungsweise Phraseologie und der Wirklichkeit. Nicht
wahr, wenn man so sagt, wie ich immer gesagt habe, daß sich
der ehemalige Staat nicht fortsetzen sollte, sondern nur sein mittle-
res Glied fortsetzen sollte, so daß sich also jene Regierung, die
den bisherigen Staat übernimmt, als Liquidierungsregierung konsti-
tuiert und nur noch zuständig ist für die öffentliche Sicherheit,
die Hygiene, das Rechtsleben und dergleichen, dann bleibt das
Wirtschaftsleben, bleibt das Geistesleben abgegliedert. Aber wenn
es sich herausstellen sollte, daß sich der bisherige Staat schon so
viel in die Wirtschaft hineingemischt hat, daß die bisherigen Ver-
treter sich nicht denken können, daß sie das Wirtschaftsleben abge-
ben, kann es auch anders geschehen, nämlich daß sich der bisherige
Staat sagt: Nun gut, ich führe meine Angelegenheiten fort als
Wirtschaftsverwaltung, lasse aber alles, was demokratisch ist, her-
aus; es soll sich neben mir begründen der Rechts- und geistige
Staat. - Dann wäre natürlich notwendig, daß alle scheinbare De-
mokratie aus dieser Wirtschaftsverwaltung herausgeworfen werde,
das hieße auch, daß zum Beispiel in Deutschland die Nationalver-
sammlung nicht mehr so wie bisher funktionieren könnte, denn
das Demokratische hat mit dem Wirtschaftsleben nichts zu tun.
Also, die Dinge können so oder so gemacht werden. Auf jeden
Fall müssen in Zukunft die drei Glieder nebeneinander bestehen.
Dann wiederum muß aus der konstituierenden Versammlung
der Betriebsräteschaft Württembergs alles das hervorgehen, was
an Regelungen im Hinblick auf die Aufgaben und Funktionen
der Betriebsräte notwendig ist. Die Betriebsräte tragen dann das
auf dieser Urversammlung Beschlossene in ihre jeweiligen Betriebe
hinein. Diese in die Betriebe jetzt wiederum zurückgehenden Leute
handeln innerhalb ihrer Betriebe im Auftrage der gesamten Be-
triebsräteschaft. Sie handeln nicht im Auftrage irgendeines ein-
zelnen Unternehmers, sondern fühlen sich als Abgesandte der
gesamten Betriebsräteschaft eines in sich geschlossenen Wirt-
schaftsgebietes. Nach diesen Gesichtspunkten verwalten sie den
Betrieb.
N u n , es kann sich ja in der Übergangszeit herausstellen, daß
es für sehr viele Betriebe am besten ist, wenn die alte Leitung,
jetzt aber als ein Glied des Betriebsrates, zunächst bleibt, und
zwar aus dem Grunde, damit nicht Sabotage getrieben wird oder
die Fehler gemacht werden, die in Rußland gemacht wurden. Sollte
die bisherige Leitung nicht geneigt sein, irgendwie darauf einzuge-
hen, daß der wirkliche Leiter des Betriebes die Betriebsräteschaft
ist, dann natürlich müßte die betreffende Leitung, also die bisheri-
ge Leitung, zurücktreten. Dann müßte der Betriebsrat die gesamte
Leitung des Betriebes übernehmen. Er übernimmt sie ja in Wirk-
lichkeit, aber er wird [ohne Einbeziehung der früheren Leitung]
große Schwierigkeiten haben, da er ja sehr rasch sachgemäß han-
deln muß.
Es könnte sich aber auch ergeben, und dies wäre ein weiterer
Schritt zur Sozialisierung, daß nicht mehr jeder einzelne Betrieb
seine individuelle Leitung hat, sondern daß die Leitung im Auftra-
ge des Wirtschaftskörpers des gesamten Wirtschaftsgebietes arbei-
tet. Aber es muß hierbei vor allen Dingen darauf geachtet werden
- und das müßte schon bei der Ausarbeitung der Konstitution
ins Auge gefaßt werden -, daß in nichts die Initiative untergraben
wird. Die Betriebsräteschaft soll aber nicht so strukturiert werden.
wie man sich das heute noch denkt, denn bei manchen der Vor-
schläge, würde man sie verwirklichen, käme schon etwas Ungeheu-
erliches heraus. Denken Sie einmal, daß es sogar Vorschläge gibt
wie: In der Zukunft muß in jedem Betrieb eine technische Kon-
trolle, eine ökonomische Kontrolle und eine politische Kontrolle
dasein. - Es sind insgesamt wohl sogar fünf bis sechs solcher
Kontrollen vorgesehen. Hier geht man wohl davon aus, daß eigent-
lich jeder ein unehrlicher, ein schlechter Kerl ist und deshalb
kontrolliert werden muß. Wenn dieses System der fünf- bis sechs-
fachen Kontrolle durchgeführt wird, werden Sie in Zukunft über-
haupt nichts mehr produzieren, denn dieses Kontrollsystem ist im
eminentesten Sinne auf Mißtrauen aufgebaut. Wenn Sie aber darauf
bauen wollen im künftigen Wirtschaftsleben, dann kommen Sie
nicht vorwärts. Sie kommen nur vorwärts, wenn Sie auf das Ver-
trauen bauen, und darauf wird man bauen können, wenn mit dem
Egoismus des einzelnen der rationelle Betrieb zusammenfällt, also
daß jeder in Zukunft weiß, daß ihm seine Arbeit am besten be-
kommt, wenn der beste Leiter da ist. Und durch dieses System
wird eben der beste Leiter delegiert werden können.
Das gewöhnliche Wählen wird sich nach und nach in eine Art
Delegation verwandeln. Man wird ein Interesse daran haben, daß
derjenige, der den größten Sachverstand hat, auch die Leitung
innehat. Durch dieses System wird sich schon herausstellen, wer
der beste Leiter ist, und das wird auch der wissen, der selber
nicht leiten kann. Dieses System eröffnet andere Möglichkeiten
als ein bloßes demokratisches Wahlertum oder ein Rätesystem,
wie es sich die Menschen heute denken. Denn beides würde nur
zum Spitzeltum, zur Streberei führen, und in beiden würde es
dem Arbeiter nicht besser gehen als heute.
Das, um was es sich handelt, das ist, auf sachgemäßer, nicht
auf bisheriger staatlicher Grundlage, das Wirtschaftsleben einzu-
richten. Wenn die Betriebsräte in ihre Betriebe zurückkommen
mit den Mandaten, mit den entsprechenden Aufgabenstellungen,
dann kann in den einzelnen Fabriken begonnen werden, auf sozia-
ler Grundlage zu arbeiten. Das würde also das erste sein, was
wir praktisch unternehmen wollen. Folgendes muß praktisch
durchgeführt werden: die Wahl von Betriebsräten über einzelne
Branchen hin. Dann die Informierung über den wirtschaftlichen
Stand aller Branchen. Daran anschließend müßten die Betriebsräte
aus dem gesamten Wirtschaftsgebiet zusammengerufen werden.
Ferner das Ausarbeiten einer Konstitution auf der Grundlage der
sachlichen Gegebenheiten. Diese Konstitution der Betriebsräte-
schaft wäre der Anfang zu einer wirklichen Sozialisierung. Bevor
dies nicht eintritt, gibt es keine Sozialisierung, denn der Staat
kann nicht durch Gesetze sozialisieren. Es kann nur aus dem
Wirtschaftsleben selbst heraus sozialisiert werden. Heute denkt
man, man könne diesen oder jenen Wirtschaftszweig sozialisieren,
so zum Beispiel den des Apothekenwesens. Das ist natürlich
schlicht Unsinn, das ist nichts anderes als Staatskapitalisierung.
Es ist einmal eine nette Sache passiert. Ein sehr gescheiter Herr
hielt in Berlin bald nach der Begründung der sozialistischen Repu-
blik einen Vortrag über Sozialisierung. Zunächst machte er darauf
aufmerksam, wie unmöglich es wäre, aus den unmittelbar gegebe-
nen Verhältnissen heraus zu einer Sozialisierung zu kommen, also
zu einer Sozialisierung, wie sie als Ideal der sozialistischen Partei
vorschwebte. Deshalb, so sagte er, können wir nicht heute, auch
nicht morgen oder übermorgen zu einem wirklichen Sozialismus
kommen, sondern wir müssen einen Übergang schaffen. Und den
Übergang, den er schaffen will, charakterisierte er so: Wir müssen,
sagte er, zwischen unserer heutigen kapitalistischen Wirtschaftsord-
nung und der künftigen Wirtschaftsordnung einen Sozial-Kapitalis-
mus schaffen. - Nun, das ist nichts weiter als ein Beweis dafür,
daß man nicht weiß, wie man die Sozialisierung beginnen soll.
Man kann aber nicht beginnen, bevor man nicht zuerst eine gewis-
se soziale Struktur, eine Sozietät, schafft. Wie wollen Sie denn
sozialisieren, wenn nicht schon eine solche Sozietät, eine soziale
Gesellschaft da ist? Mit der Inaugurierung einer solchen sozialen
Gesellschaft soll eben der Anfang gemacht werden, indem man
die Betriebsräte zu einer solchen Sozietät zusammenfaßt. Sie kön-
nen nicht Fabriken, Betriebszweige sozialisieren, sondern nur das
Ganze. Also Sie müssen das Ganze stellen auf das, was aus der
Gesellschaft an Menschen herauszuziehen ist, und mit diesen Men-
schen müssen Sie dann sozialisieren.
Also diejenigen, die als Betriebsräte gewählt sind, werden sich
sagen können, daß sie eine große, eine bedeutsame Aufgabe haben,
und sie sind es, die die Grundlagen zu liefern haben für das, was
künftige Sozialisierung ist. Und ich glaube, daß Sie heute schon
so weit sind, daß Sie begreifen werden, daß auf eine solche Art,
wie sie hier dargestellt wurde, eine richtige Grundlage für die
Sozialisierung gegeben ist; auf eine andere Art ist sie nicht zu
schaffen. Es ist schon so, daß die Leute über die Sozialisierung
die verschiedensten und zugleich auch die merkwürdigsten Ansich-
ten haben. Als ich gestern jemandem eine bestimmte Auffassung
über Sozialismus vorlas, da kam diesem ein besonderer Gedanke.
Es handelte sich um einen Artikel von Dr. Georg Wilhelm Schiele^
der mit folgenden Worten überschrieben war: «Vom wahren, gerei-
nigten» - dann kam noch ein Beiwort, das will ich jetzt nicht
lesen - «Sozialismus». In dem Artikel hieß es dann:

«Was ist sozial? Der Staat ist sozial: Er ist das Soziale. Was ist Kommu-
nismus? Die Gemeinde ist der Kommunismus! Und mehr noch, die
Familie. Sie ist derjenige Kommunismus, welchen die menschliche Ge-
sellschaft immer nötig hat. Was mehr ist, das ist vom Übel. Wir hatten
einen Staat, welcher sehr viel wirklichen Sozialismus in sich hatte, den
preußischen Staat; und nach seinem Vorbild gebaut auch die andern
deutschen Staaten und das Reich. Dieser Staat war das Sozialste, was
es seit langer Zeit gegeben hat und was es so bald nicht wieder geben
wird.
Was war denn an diesem Staat sozial? Sehet hin. Das Allerpreu-
ßischste an ihm war auch das Allersozialste, nämlich das Heereswesen,
die allgemeine Wehrpflicht.»

N u n denken Sie sich, was das Ideal dieses Dr. G.W. Schiele ist!

«Mancher Vater, der seinen Sohn heranwachsen sieht, fragt sich schon
jetzt mit Sorgen: Wie gebe ich meinem Sohn für Leib und Geist,
wenn er reif wird, die letzte Erziehung zur Männlichkeit, die Mannes-
zucht, die aus jedem Stoffel eine junge Lanze aus Stahl und einen
schmucken Kerl machte? Wo wird jetzt die wahrhafte Kunst des Befeh-
lens und Gehorchens gelehrt, die jedem jungen Deutschen den Geist
der Einordnung und Unterordnung unter ein Ganzes gab und ihn
zugleich zum Führer und Vorgesetzten erzog, Befehlsempfänger und
Befehlshaber je nach der Aufgabe. Wie ersetzen wir diese Volkserzie-
hung, welche das deutsche Volk davor behütete, zu vertrotteln und
zu versimpeln?»

Dann sagt der Herr weiter:


«Vorläufig gibt es überhaupt keinen Staat mit ehrlichen Steuerzahlern
und ehrlichen Beamten mehr. Wir werden bald sehen, daß es weder
Staat noch Steuern gibt. Wenn es aber keinen Staat mehr gibt, so gibt
es auch keinen Sozialismus mehr.»
In diesem Ton geht es weiter. Dann sagt er:
«Es wird die Stunde kommen, wo wir alle seufzen, weinen und schreien
werden nach dem sozialen Staat, den wir hatten, nach dem preußischen
Staat, und dann werden wir versuchen, nach jenem Vorbild, das uns
die Väter gegeben haben, ein neues Gemeinwesen aufzubauen.»

Als ich das gestern unserem Freunde Herrn Molt vorlas, meinte
er, ich lese ihm aus einem Witzblatt vor. Aber es ist kein Witz-
blatt. Es ist die jüngste Ausgabe der «Eisernen Blätter», erschienen
im Verlag der Eisernen Blätter in Berlin. Es ist etwas vollkom-
men Ernstgemeintes; die ganze Nummer ist herausgegeben von
D. Traub.
So sieht es aus mit den Anschauungen über die Sozialisierung
bei einer großen Anzahl von Leuten. Aber wenn einmal dasein
wird dasjenige, was nicht bloße Theorie ist, sondern was als Be-
triebsräteschaft sich über ein großes, in sich geschlossenes Wirt-
schaftsgebiet wie Württemberg erstreckt, und wenn einmal, sagen
wir, 800 Leute da sind, nicht nur ein paar wie heute, und wenn
die sich zusammenschließen, so wird das eine Offenbarung der
gesamten Arbeiterschaft Württembergs und damit eines großen
Teiles der Bevölkerung sein. Das ist dann keine Theorie, das wird
eine Macht sein. Aber darauf kommt es an, daß diese Macht
zunächst wirklich geschaffen wird, und deshalb möchte man von
Seiten des «Bundes für Dreigliederung des sozialen Organismus»
so gerne sehen, daß nun mit der Wahl von Betriebsräten fortge-
schritten wird, nachdem ja jetzt schon ein kleiner Grundstock für
die zukünftige Betriebsräteschaft da ist. Wenn dieser kleine Grund-
stock sich zur Aufgabe machen würde, dafür zu sorgen, daß über-
all Betriebsräte gewählt werden, damit wir - und dies ist so unge-
heuer wichtig - die Sache nicht sauer werden lassen, dann werden
wir weiterkommen.
Sehen Sie, es kommt schon etwas darauf an, daß eine solche
Sache heute mit der nötigen Schnelligkeit gemacht wird, sonst
wird sie sauer. Es ist auch im öffentlichen Leben durchaus so
wie bei gewissen Speisen, die sauer werden, wenn sie nicht zur
rechten Zeit genossen werden. So sollten auch die öffentlichen
Angelegenheiten nicht erst der Gleichgültigkeit, der Interessenlo-
sigkeit ausgeliefert werden. Sie müssen nun einmal mit einer gewis-
sen Schnelligkeit ausgeführt werden. Außerdem warten die Ameri-
kaner und Engländer durchaus nicht auf unser langsames
Vorgehen. Wenn wir nicht bis zu einem gewissen Zeitpunkt, der
nicht mehr fern liegen kann, dazu kommen, von diesem wirtschaft-
lichen, geistigen und politischen Leben zu sagen: So wollen wir
die Dinge einrichten, und wir schaffen aus den im Wirtschaftsleben
Tätigen die Leitung der Betriebe -, dann werden die Anglo-Ameri-
kaner Gelder in die Betriebe hineinstecken und sich mit den noch
vorhandenen Kapitalisten vereinigen, und die wirtschaften dann
nach dem Prinzip des anglo-amerikanischen Kapitalismus in den
Betrieben Mitteleuropas. Dann haben Sie lange das Nachsehen.
Dann können Sie schuften für einen neuen Kapitalismus, der viel
schrecklicher sein wird als der bisherige. Dann können Sie nichts
mehr sozialisieren, dann müssen Sie warten, bis Sie so stark sind,
daß Sie durch etwas ähnlich Blutiges, wie es die letzten fünf bis
sechs Jahre waren, die Möglichkeit gewinnen, an solche Dinge zu
denken. Die Durchkapitalisierung vom Westen ist durchaus schon
auf dem Marsche. In Berlin haben die Leute die Parole ausgegeben:
Die Sozialisierung ist auf dem Marsche! - Sie ist nicht auf dem
Marsche. Sie wird erst auf dem Marsche sein, wenn die Betriebsrä-
teschaft geschaffen ist. Aber die Durchkapitalisierung ist durchaus
auf dem Marsche, also die Durchsetzung aller Betriebe Mitteleuro-
pas mit amerikanischem und englischem Kapital. Deshalb verträgt
das, was wir heute riskieren können, keine lange Interesselosig-
keit, sondern wichtig ist, daß wir rasch zugreifen. Und gelingt es
uns nun doch, das Interesse, das hier schon der Dreigliederung
des sozialen Organismus gegenüber entstanden ist und das durch-
kreuzt worden ist, wachzuhalten, und bringen wir es dahin, daß
über ganz Württemberg hin eine solche Betriebsräteschaft als
Grundlage zur Sozialisierung auftreten kann, dann werden wir
den Kollegen im übrigen Deutschland ein Beispiel gegeben haben.
Mit dem, was die Betriebsräteschaft hier tut, wird ein Vorbild
geschaffen sein, und die anderen werden, wenn sie es sehen, nach-
folgen.
Sehen Sie zu, daß Sie innerhalb von vierzehn Tagen die Be-
triebsräte auf die Beine stellen, bringen Sie dann eine Urversamm-
lung zustande, die in wenigen Wochen eine Konstitution ausarbei-
tet, die noch vor Verabschiedung des Gesetzes fertig sein muß,
dann wird es nicht mehr so lange dauern, bis die anderen nachfol-
gen. Aber es wäre für hier wirklich etwas Großes, wenn man
mit diesem Vorbild voranschreiten würde. Das war es, was ich
Ihnen heute noch einmal ins Gedächtnis rufen wollte.

Die Gründung der vorbereitenden württembergischen Betriebsräteschaft


wurde einstimmig beschlossen. Zum 1. Vorsitzenden des Aktionskomi-
tees wurde Herr Huth, zum 2. Vorsitzenden Herr Roser und zum Schrift-
führer Herr Dorfner gewählt. Der Arbeitsausschuß des «Bundes für Drei-
gliederung des sozialen Organismus» gehört dem Aktionskomitee voll-
zählig an. Die Geschäftsstelle ist diejenige des «Bundes für Dreigliederung
des sozialen Organismus,» Stuttgart, Champignystraße 17, Geschäftsführer:
Herr Kühn.

Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 331 Seite: 287


ANHANG

Vollsitzung der Arbeiterräte Groß-Stuttgarts


am 7. Mai 1919

1. Antrag an die Vollversammlung des Arbeiterrats Groß-Stuttgarts


2. Bericht aus dem «Sozialdemokrat» vom 13. Mai 1919
3. Vortrag von Rudolf Steiner, Zusammenfassung

Vorbemerkung (Hrsg.): Am 29. April 1919 wurde von einem namentlich nicht
mehr festzustellenden Kreis von Arbeitern an die «Vollversammlung des Arbeiter-
rats Groß-Stuttgarts» der Antrag (s.u.) gerichtet, Rudolf Steiner zu einem Vortrag
über die Sozialisierungs-Frage einzuladen. Der Antrag wurde umgehend in die
Traktandenliste aufgenommen und an der noch am selben Tag abgehaltenen
«Vollsitzung» angenommen. Ob und in welcher Form über diesen Antrag, der
an dritter Stelle der Traktandenliste unter dem Stichwort «Vortrag des Herrn
Dr. Steiner» angeführt war, diskutiert wurde, ist nicht mehr festzustellen. Der
Bericht über diese Sitzung, publiziert im «Korrespondenzblatt des Landesaus-
schusses der Arbeiter- und Bauernräte Württembergs», Nr. 2, Mai 1919, enthält
lediglich an einer Stelle einen Hinweis auf den Vortrag Rudolf Steiners, und
zwar innerhalb eines Votums des Genossen Schmitt, einem Vertreter des «Rates
der geistigen Arbeiter». Wörtlich heißt es dort:

«Ich war stolz, in einem Arbeiterparlament zu sein. Wir haben eine


Fraktion der geistigen Arbeiter gegründet. Heute braucht sich niemand
von uns zu schämen. Auch ich war Mitglied der Erwerbslosenkommis-
sion ... Traurige Verhältnisse bestehen auf dem Lande, dort sind noch
Zustände, und wir mußten die Erfahrung machen, daß dort Staatsbeam-
te in Oberämtern fungieren, die nicht einmal die Verfügungen und
CT ' KJ i-J

Verordnungen der Regierung gelesen haben. So liegen die Dinge. Arbei-


terräte, täuschen Sie sich nicht! Es ist kein 12. Januar mehr! Ganze
Bezirke in Deutschland sind geschlossen zur U.S.P. übergetreten. Die
Entwicklung treibt uns dazu, denn die Regierung hat durch ihre Arbeit
nicht das geleistet, was die Masse erwartet. Nichts wurde getan! Das
ganze System ist morsch! Ich bitte Sie, kommen Sie zurück auf Ihre
Urforderungen und stellen Sie sich auf den Boden des Erfurter Pro-
gramms und des Marxismus und bremsen Sie nicht weiter ab. Der
Arbeiter muß den Einfluß auf das Kapital gewinnen! Suchen Sie die
wahren Interessen der Internationale zu vertreten und arbeiten Sie für
das Volkswohl. Überlegen Sie meine heutigen Ausführungen und ent-
schließen Sie sich für die Dreiteilung, über die Sie in nächster Sitzung
den Vortrag des H e r r n Dr. Steiner hören werden.»
(Zitiert nach E. Kolb und K. Schönhoven, «Regionale und lokale Räteorganisation in
Württemberg 1918/19», herausgegeben von der Kommission für Geschichte des Parla-
mentarismus und der politischen Parteien, Bonn, II, Düsseldorf 1976.)
Die nächste Sitzung fand am 7. Mai 1919 statt. Punkt 1 der Tagesordnung
lautete: Vortrag von Dr. Steiner. Der nachfolgende Bericht aus der Zeitung
«Sozialdemokrat», auf der handschriftlich als Erscheinungsdatum der 13. 5. 1919
vermerkt wurde, ist zitiert nach der o.a. Dokumentation von E. Kolb und K.
Schönhoven S. 252 f. Dieser Artikel ist nahezu identisch mit dem maschinen-
schriftlichen Bericht über die Versammlung, der sich im Hauptstaatsarchiv in
Stuttgart befindet. Während in dem Bericht die Voten der Diskussionsteilnehmer
ausführlich wiedergegeben sind, wurden diese im «Sozialdemokrat» summarisch
zusammengefaßt. Ferner ist am Schluß des Berichtes noch vermerkt: «Antrag,
Steiner zu berufen, wird angenommen.» Näheres über diesen Antrag siehe in
der Zusammenfassung von Rudolf Steiners Vortrag (3) vom 7. Mai 1919, drittletz-
ter Abschnitt, und A N H A N G III.

1.
Antrag an die Vollversammlung des Arbeiterrats Groß-Stuttgart

Feuerbach, den 29. April 1919

Unterzeichnete stellen folgenden Antrag:

die am 29.4.1919 im Kuppelsaal tagende Vollversammlung beschließt,


Herrn Dr. Steiner, welcher in vergangener Woche in verschiedenen Ver-
sammlungen vor Arbeitern und auch sonstigen Schichten der Bevölkerung
über den «Kernpunkt der sozialen Frage» und seines Problems der Dreitei-
lung der Sozialisierung gesprochen hat, einzuladen, in einer Vollversamm-
lung über die Sozialisierungs-Frage zu sprechen. Dieselbe sollte in Anbe-
tracht der Wichtigkeit dieser Frage sobald als irgend möglich stattfinden.
Bericht aus dem «Sozialdemokrat» vom 13. Mai 1919

Bericht über die Vollsitzung der Arbeiterräte Groß-Stuttgarts am 7. Mai


1919 im Gewerkschaftshaus

Auf der Tagesordnung stehen drei Punkte: Vortrag von Dr. Steiner, Be-
richt vom Rätekongreß und Anträge.
Gehring eröffnet 2 Uhr 30 die Sitzung mit kurzem Hinweis auf die
Vertagung und erteilt Dr. Steiner das Wort.
Dr. Steiner erinnert an den vor einiger Zeit von ihm herausgegebenen
Aufruf «An das deutsche Volk und an die Kulturwelt», dem ein Vortrag
zugrunde gelegt sei. Er sei kein Junger unter den Proletariern, sondern
stehe schon bald fünf Jahrzehnte im politischen Kampf. Im Frühjahr 1914
habe er in einer Versammlung in Wien erklärt: Wer das soziale Leben
erfaßt und die Entwicklung aufmerksam verfolgt hat, muß schlimme Be-
fürchtungen hegen für die Zukunft, denn die ganze Lage gleicht einem
Geschwür, das bald zum Aufbruch kommen wird. Jagow erklärte damals,
die Entspannung nehme zu, mit Rußland seien die Beziehungen gut usw.
Kurz darauf ging der schreckliche Krieg los. Die soziale Frage tritt deut-
lich in einer Dreigliederung auf: geistig, politisch und wirtschaftlich. Viele
vergleichen den Sozialismus immer nur mit einer Aufteilung und haben
ausgerechnet, daß hierbei auf den Kopf nur 50 Pfennig kämen. Dies ist
natürlich Unsinn. Eine ganz andere Wirtschaftswissenschaft muß Platz
greifen. Nicht nur der Wirtschaftstechnik, sondern auch der Wirtschafts-
kraft muß eine viel größere Aufmerksamkeit geschenkt werden. Das Gei-
stesleben muß auf anderer Grundlage aufgebaut werden, denn alle Führer
entstammen Kreisen, in denen für das Volk wenig Verständnis herrscht.
Dadurch wird eine tiefe Kluft zwischen dem arbeitenden Volk und dem
Geistesleben geschaffen. Eine vernünftige Wirtschaft muß Platz greifen.
Vor dem Kriege sind eine Unmenge Wirtschaftsstoffe vergeudet worden,
die bei einem richtigen Wirtschaftsprozeß erspart geblieben wären. Dies
wurde den Proletariern geheimgehalten, dafür aber wurden ihnen andere
Dinge gezeigt, Museen, Theater usw. Letzteres, hervorgegangen aus ganz
anderem bürgerlichen Geistesleben, hatte keine Beziehung zum Proletarier.
Nicht nur die Arbeitskraft wird dem Unternehmer verkauft, sondern auch
die Seele des Arbeiters. Schon daraus ergibt sich, daß hier Wandel geschaf-
fen werden muß. Das Geistesleben muß auf dem Vertrauen der ganzen
Menschheit aufgebaut werden. Es muß unabhängig werden vom Staate,
und ein Professor darf nicht mehr erklären, daß die Wissenschaft die
Schutztruppe der Hohenzollern sei. Die im Geistesleben Tätigen müssen
enge Fühlung haben mit der Arbeit, womit ein Hinüber und Herüber
fortwährend stattfindet. Ferner muß das Wirtschaftsleben von der Politik
und vom Staate vollständig getrennt werden, nur dann kann eine Soziali-
sierung vorgenommen werden. Auch die Betriebsräte können nur richtig
tätig sein, wenn sie durch den Staat nicht bevormundet werden. Nur im
Geistesleben ist gegenwärtig eine einigermaßen gerechte Eigentumsauffas-
sung vorhanden, indem nach 30 Jahren das Eigentum an die Allgemeinheit
übergeht. So muß es auch beim Kapitalismus werden, durch eine fortwäh-
rende Zirkulation des Geldes. Durch Dreigliederung wird sich verwirkli-
chen: die Freiheit im Geiste, Gleichheit im Staate und Brüderlichkeit in
der Wirtschaft,
Engelhardt bringt in der Diskussion zum Ausdruck, daß Dr. Steiner
mit seinem Idealismus wenig Neues gebracht hat. Der Kernpunkt liegt
auch wie bei uns in der Beseitigung des Kapitalismus. Er stellte an Herrn
Dr. Steiner die Frage: Wie stellt sich Herr Dr. Steiner den Abbau des
heutigen Wirtschaftslebens vor? Er möchte ihn bitten, nur auf diese Frage
eingehen zu wollen. Ebenfalls möchte er beantworten, welche Macht das
Proletariat anwenden sollte, um die Ziele der Dreigliederung sofort zur
Ausführung bringen zu können.
Sämtliche Redner, die in der Diskussion sprachen, schnitten ebenfalls
die vom Genossen Engelhardt gestellten Fragen an und wünschten deren
Beantwortung.
In seinem Schlußwort ging Dr. Steiner nicht auf die gestellten Fragen
ein, im Gegenteil, man merkte es ihm an, daß er mit diesen Fragen ein
schweres Problem lösen müßte. Er wies darauf hin, er hätte ja eine Bro-
schüre geschrieben und dort wäre alles enthalten.

Vortrag von Rudolf Steiner (Zusammenfassung)

Wie in letzter Zeit öfters vor großen Arbeiterversammlungen, hielt Herr


Dr. Steiner am letzten Mittwoch auch für den Arbeiterrat Groß-Stuttgarts
einen Vortrag im Festsaale des Gewerkschaftshauses über seine Vorschläge
zur Verwirklichung des Sozialismus. Seine mit großer Gedankenkraft und
Wärme vorgetragenen Ausführungen zeigten tiefes Verständnis für die
Sehnsucht des Proletariats, zu einer anderen sozialen Stellung zu kommen,
und bewiesen, daß Dr. Steiner nicht nur über, sondern mit dem Proletariat
zu denken versteht.
Aus dem Reichtum der Gedanken seien nur die leitenden herausgeho-
ben. Die erste Forderung des Proletariats wird oft als eine bloße Magen-
forderung betrachtet von solchen, die nichts verstehen von der Lebenslage
des Arbeiters. Sie ist eine Magenforderung und mit Recht. Aber dahinter
liegt etwas viel Tieferes: das brennende Verlangen nach einem wahrhaft
menschenwürdigen Dasein. Nicht nur der Magen hungert, mehr hungert
das Geistige im Menschen nach wirklicher Nahrung. Das rein bürgerliche
Geistesleben der letzten Jahrhunderte ist unlebendig geworden, kann das
lebendige Wesen der Wirklichkeit nicht verstehen und nicht leiten. Auch
das, was von der bürgerlichen Wissenschaft dem Proletariat als Wissen-
schaft vererbt wurde, kann es nicht.
Die Volkskurse, Volksveranstaltungen, Volkshäuser sind eine Lebens-
lüge. Das Geistesleben und seine Träger sind, mit wenigen Ausnahmen,
vom Staate abhängig geworden. Sie werden vom Staat für die Zwecke
des Staates herangezüchtet, von der Volksschule an bis hinauf zur Hoch-
schule. So konnte das Geistesleben nicht Schritt halten mit der mächtig
sich entwickelnden Industrie. Wir hatten keine Industriewissenschaft, wel-
che die nutzbringende Ordnung, Verteilung und Verwendung der Produk-
tion hatte leiten können. Dieser Mangel hat uns mit ins Elend getrieben.
Das Geistesleben muß frei werden vom Staat, muß sich aus seinen
eigenen Bedürfnissen heraus entfalten. Von der Einheitsschule bis zur
Hochschule muß es aller Wirklichkeit gerecht werden, allen zugänglich
sein. Dann wird ein Geistesleben entstehen, das imstande ist, das Wirt-
schaftsleben zu leiten.
Die zweite prolatarische Forderung bezieht sich auf das Staatsleben.
Was fand der Proletarier bisher, wenn er den Rechtsstaat betrachtete?
Den Klassenkampf fand er, Klassenvorteile und Klassenbenachteiligung.
Der neue politische Staatsorganismus m u ß aufgebaut werden auf den allge-
meinen, gleichen Menschenrechten, die jeder gesunden Seele m gleicher
Weise eingeboren sind. N u r diese Rechte fallen in sein Gebiet; er muß
freigeben das Geistesieben und freigeben das Wirtschaftsleben.
Die dritte Forderung beleuchtet wie ein Blitzstrahl ein Wort von Karl
Marx: Die menschliche Arbeitskraft ist Ware geworden. - Da ist ein Rest
der alten Sklaverei, denn der Proletarier ist genötigt, seine Arbeitskraft
auf dem Arbeitsmarkt nach der wirtschaftlichen Konjunktur und Konkur-
renz zu verkaufen und sich selbst mit. Und das bestehende Wirtschaftsle-
ben muß darauf ausgehen, die Ware Arbeitskraft restlos zu verbrauchen.
Die Arbeitskraft muß herausgerissen werden aus dem Wirtschaftsleben.
Der Proletarier fordert das Arbeitsrecht. Der selbständige Rechtsstaat hat
festzusetzen Art und Maß der Arbeit und das Maß der Arbeitsruhe. Mit
seinen Rechten tritt der Arbeiter an den Arbeitsleiter heran und schließt mit
ihm einen rechtlichen, nicht einen wirtschaftlichen Vertrag. Das Wirtschafts-
leben ist selbstverständlich abhängig einerseits von der Naturgrundlage; eben-
so muß es auf der anderen Seite begrenzt sein von der Rechtsgrundlage.
Die drei Forderungen können nur erfüllt werden, wenn der soziale
Organismus nicht als Einheitsstaat bestehen bleibt, sondern wirklich geteilt
wird in die drei selbständigen Glieder: in den Rechts- bzw. Staatsorganis-
mus, in den Wirtschaftsorganismus und in den Kulturorganismus. Auf
Freiheit muß aufgebaut werden der Staatsorganismus. Auf Brüderlichkeit
im weitesten Sinn muß aufgebaut werden der Wirtschaftsorganismus.
Nur mit großen, umfassenden Mitteln kann jetzt, in zwölfter Stunde,
noch geholfen werden. Der Redner sagte, daß er bis in die Einzelheiten
die praktische Durchführung dieser tragenden Ideen anzugeben weiß.
Der Vortrag wurde mit großem Beifall aufgenommen, weil die Anwe-
senden das Gefühl hatten, daß Dr. Steiner wirklich die Wege zu weisen
versteht, die aus der heutigen sozialen Not hinausführen, und daß er
nicht nur einstürzen will, sondern daß er auch wirklich zu beherzigende
Vorschläge machen kann, wie die Neuordnung des sozialen Lebens sich
gestalten muß.
Die in anderen Arbeiterversammlungen fast jedesmal einstimmig ange-
nommene Resolution, die die Berufung Dr. Steiners in die Regierung
zwecks Durchführung der Dreiteilung des sozialen Organismus verlangt,
wurde auch von dem Arbeiterrate Groß-Stuttgarts gegen wenige Stimmen
angenommen.
Es muß hinzugefügt werden, daß die Gedanken Dr. Steiners durchaus
nicht gegen unsere Parteiprogramme verstoßen und keinesfalls den Stand-
punkt irgendeiner anderen Partei darstellen. Daher ist es nur zu begrüßen,
wenn einmal ernsthafte Vorschläge an unser Ohr dringen, und es müßte
erwartet werden, daß jedermann sich möglichst eingehend mit diesen Im-
pulsen befaßt, um zu prüfen, ob sie die Neuerungen zu bringen imstande
sind, die unser aller Streben sind. Dr. Steiner ist der Überzeugung, daß
seine Dreigliederung die einzige Grundlage für eine durchgreifende Soziali-
sierung ist, und daß eine bessere Lösung der sozialen Frage von keiner
Seite vorliegt. Er sagt freilich, daß er seine Vorschläge sofort auf die Seite
schieben würde, wenn von anderer Seite bessere Vorschläge gemacht wür-
den. Wenn dies aber nicht der Fall ist, so glaubt er, erwarten zu können,
daß man diese Vorschläge nicht ungeprüft liegen läßt, sondern sich ernst-
haft mit ihnen auseinandersetzt.
Wegen der kommenden Betriebsräte ist der Redner der Ansicht, daß
diese vollständig unabhängig vom Staate gegründet werden müßten, weil
sie sonst wieder das fünfte Rad am Wirtschaftswagen wären. Die Betriebs-
räte müssen sich so rasch in den Geschäftsgang ihres Betriebes einarbeiten,
daß sie in kurzer Zeit bei der Leitung desselben mitsprechen können,
vor allen Dingen, daß sie etwas versthen, wenn es in Bälde dazu kommen
wird, den Betriebsgang zu fördern. Er regt an, möglichst viele Betriebsräte
zu gründen, betont aber wiederholt, daß vom Staate aus nicht eingegriffen
werden darf, weil die Betriebsräte eine rein wirtschaftliche Angelegenheit
sind, die rein auf Vertrauen und Vertrag aufgebaut sein müssen [Link]
von Gesetzen nicht bevormundet werden bzw. gehemmt werden dürfen.

II

OJürtt. Soziamierungskommillion. Stuttgart,*«* 28. AP rii 1919


Nr. S.K. 145
0 Beil.

Auf Vorschlag des Herrn Kommerzienrat M o l t^J&tte


i c h S i e ; an der Sitzung des Unterausschusses IV der W ü r t t .
Sozialisieruagakommissioa (Gewinnoeteiligung d e r A r b i t e r )
am Mittwoch, den 3 0 . d s . U t s , nachmittags 3 Uhr im S i t z u n g s -
s a a l des Ministeriums des Jnnern, [Link]. 1, [Link]
te 11 zunehmen.
Der Vorsitzende
des Unterausschusses.
Herrn

S t e i n e r / f « i ^
S t u t t g a r t .
Landhausatr,79
111
Resolution

3n ben in ben legten tDodjert ftattgetfabten Betriebsoerfammlungen


titeler roürttembergildjer 3nbuftrie=Betriebe, barunter Daimler unb Bofd),
foroie bie tTTafcfyinenfabrtfe (Efjlingen, öie 3u)~ammen DOTI über 10000 flr=
beitern unb flngcfteUtcn befugt roaren, rourbe unter bem (Einbruch ber
öortrfigc Dr. ßubolf St€tltcr'$ jebesmal einftimmig fotgenbe Resolution
gefaxt:
„Der Arbeitsausj^ufe für Dreiglieöerung öes fo3ta!en (Organismus möge
r>on ber lDiirttembergifd)en Regierung foröern, öafj Dr. Rubolf Steiner un=
Der3ügtid) berufen urirö, um öie Dreiglieöerung öes fajiaten (Organismus,
toeldje als öie einige Rettung oor bem örofjenöen Untergänge erfdjeint,
in Angriff netjmen 3U können."
Arbeiter un6 Arbeiterinnen! Unterftütjet biefen Befölufj unb er=
klärt (Euer (Etnr>erftänbnts bamit burd) bie Unterfdjrtfi auf btefem 3ettel.
IDerbt weiter für bie Dreiglieberung (IDirtftfjaft, Politik, Kultur), benn (ie
bringt uns bie £ö|ung aus ber (c^ialen Hot! Die (Einigung bes Proletariats
ift auf biejer ©runblage allein möglid)!
Das fltbcitcrRomitcc für f03tale Dtetüjie&enmg:
Ben3inger, Dorfner, ©önneroetn, Qammer, Ijüttelmeqer,
mö,feI £ o I
Stuttgart, m a l 1919 ' >—•
CI(ampigni)(tc. 17

Harne: (Drt:

Beruf: IDo^rmng:

IV

A n die Arbeiter- u n d Angestelltenausschüsse sowie die


Betriebsräte der g r o ß e n Betriebe Stuttgarts

Der auf Mittwoch angesetzte nächste Diskussionsabend kann erst am D o n -


nerstag, den 5. Juni, im Festsaale des Gewerkschaftshauses u m 7 U h r
abends stattfinden. Wir bitten wieder u m zahlreiches Erscheinen, weil die
das letzte Mal besprochene Frage über die Errichtung von Betriebsräten
ihren Fortgang nehmen soll.
Für diejenigen Ausschüsse, die das letzte Mal nicht anwesend waren,
sei wiederholt, daß eine Entschließung (gegen eine Stimme) angenommen
wurde, die fordert, daß so schnell wie möglich in der gesamten Industrie
Betriebsräte gegründet werden, bevor das von der Regierung zu erwarten-
de Gesetz herauskommt, das wiederum dazu führen würde, daß die Be-
triebsräte das fünfte Rad am Wagen werden und keinen tatsächlichen

296
Einfluß auf den Geschäftsgang bekämen. Werden hingegen von den Arbei-
tern und Angestellten unter Einladung der Leitung Betriebsräte sofort
gewählt und zwar so, daß jeder Kandidat vom gesamten Betriebe gewählt
werden muß, und daß der gesamte Betriebsrat aus nicht weniger als 3
und im allgemeinen nicht mehr als 8 Mitgliedern bestehen soll, so können
solche Betriebsräte vieler Betriebe zu einer Betriebsräteschaft zusammen-
geschlossen werden.
Diese Betriebsräteschaft kann in einer ersten Voll-Sitzung ihre Organi-
sation selbst bestimmen und ihre Befugnisse und Rechte festlegen. Wenn
die Leitung in solchen Betrieben nicht vertreten sein will, oder das Ver-
trauen der Arbeiter und Angestellten nicht genießt, so sind die Arbeiter
und Angestellten dafür nicht verantwortlich. Im allgemeinen ist es wün-
schenswert, daß die geistigen Arbeiter hinzugezogen werden.
Genossen und Kollegen! Seit Beginn der Revolution schreit man nach
Sozialisierung, aber was bis jetzt verwirklicht worden ist, wißt Ihr selbst.
Es ist niemals möglich, einzelne Betriebe von Staatswegen zu sozialisieren,
denn dann wird der Staat selbst zum allergrößten Kapitalisten. Die ganze
württembergische Industrie muß gleichzeitig sozialisiert werden und zwar
dadurch, daß die Arbeiterschaft die Sache selbst in die Hand nimmt; dazu
ist die Betriebsräteschaft notwendig und geeignet, die Sozialisierung aller-
orts sofort durchzuführen.
Wartet nicht auf halbe Maßnahmen von oben, sondern ergreift die
sich jetzt bietende Gelegenheit, die Geschicke der Industrie selbst in die
Hand zu nehmen durch sofortiges Ins-Leben-Rufen einer Betriebsräte-
schaft!
Jetzt wird es höchste Zeit, eine umfassende Sozialisierung durchzufüh-
ren.
Wenn Eure Leitung nicht fortschrittlich genug ist, mitzumachen, so
wird ohne die Leitung gehandelt werden.

Der Bund für Dreigliederung


des sozialen Organismus

Für den Arbeitsausschuß für Deutschland

Benzinger, Dorfner, Gönnewein,


Hammer, Huth, Hüttelmeyer, Lohrmann,
Mittwich, Mössel, Roser
V

fln öie Jjanöarbetter! — Hn öte geifttgen Htbetter!


Hri öte Sabrifcanten!
Die ^tiebensoerljattblungen geljen intern ffinbe entgegen. 0 6 ^nna^me ober SIMefjnung :-*&<&£ b e u t l e
Keidj fietjt cur feinem Untergang! ©os 53et!)öngnis Ia|tet fefjroet auf uns unb Ijemmt Sdjafensfreube unt> Untet=
neifmungsfitff. 2Bir geljen fo körperlich anö [eefifdj sugtunbe - mir unb imfere Shidjfcommen. Kein (Bester, Sein
ffiejammer feann uns fetten. 9tur eine gemetnfdjaftß^e gtöfte %at, eine roaijre umfajfenbe

fit
Sosialifieruits grofjcn Stils,
etffltt bie Sr&eiterjdjaft mit neuem antrieb unb eruaAi im ganjen arbeitenben Sollt ßebenslträfie, bie an«
äberatinblid) finb.
§ j { bemabrf uns not £neä)tfd)aft burd; englifäVaraeriBantfajes Kapital, bas brogenben Sinjug t)5B unb magre-
Sosmlipetung für 3agrjegnte auslöst.
SlC F W f Bergältmfje, bie uns mit bem Offen eine Serftänbigung ermbglittjen. 3n gefunber SBeife mit Station*
oerbunben, finben wir bort Magrang, Sibfa| urib Stgufc »ot u*|tfia}er (Erbrüaiungl
Mut burä) CEtriäjtung non

richtigen Betriebsräten
erteilen n>ir unfer gro|es 3 W 35on ifmen Jagt JJabrißant Srudimann in ber Sanbesoerfammlung: „er Ijatte Me
eintidjtung uon Betriebsräten füt bas einjige Mittel, am unfere 58irtfä)nft leijtnngsfägig ja ge(talten". 9Us 26if>
^ci>& ffeßt er fofgenbes bar:
„Stöglugaeit bes genaueren (Bnbliiies in bie üjergättniffe bet 'Betriebe.
Sd)a(fung eine« SRitbeftiminangsre^tes.
9ürd)nai)me ber Etagen ber Jtogftoffe, f)reisbilbung, SHanjietung."
X n b c r s mujj es »erben mit ben alten Bergaltnijfen, »on benen ber gleidje Jtebner lagt:
„3n ben afafeHat|ten gäOen gat bie «rbeiterjtbaft oon einer Betriebsleitung bie riojtlgen SusWnfte
beKommen."
SBeg mit ber alten U n o a g r g a f t l g S e i t , laffet SSertrauen einbiegen! Siur biefes gilft äutn Stieber-
aufbau!
D e r n e u e M c g i e r u t t f l s e n t t o u r l beroirat bas (Begenteil — er oertieft ben äkffenunterfajieb unb «er-
5etrt bos Bilb wahrer Betriebsräte. SBirb biefes (Befeg, pnb atte £offnnngen auf SOtenfcgenfortfdjritte begraben.
S S ä p <Eud> (eiber B e t r i e b s r ä t e aus ben Sebürfniffen ber geit unb bes ©irtfa)afts!ebens [etbft geraus.
Be(d)ränftt Cud) auf «ine 3agl uon minimant 3, aaljaarjmum. 7 Ä&ofe.
ftegmf nur bie fäl)igfren ßeuie aas £opf* unb §anborbeitern!
»ergebet nidjt bie (Betftesarbeiter — mir braud)en ffe. !»n[t gegt es tnie in Kufj!ani>, n>o pe tbrid)teru»i(e
3um Srfmben ber ^eooluiion ausgefdraitet-tourben.
tDäbJet €»re leitet mit fysrein, fofera |ie § e r j unb Sinn für eine groj|e tlienjffjlieitsberoeguns b,aben!
S4jltt|t <£u$ äafammen 3« einer

großen Betrieb$rStef$aft,
We aae Berufe, ot> a r b t t t e t t t w n Otenfi|en - ob tSanb- ob Koofarbeiter - umfafjt Sie gibt fiaj ü^re Berfafjung
(elb|t. 3n itjr merben bie ptaStijiien Crfiu>rungen ausgetauftgt, Probleme gemein!d)afilid) erötteri, bas ®efamt»irt.
(djaftsleben geregelt, unb bie notigen Sntfdjeibangen Don fetten eines 3 e n t r a l r a t e s getroffen. Unb mit % e r siüfe
» a b » a i , t e Sojiolifierung anaetäügBai bunggeffl^rf, «or ber |ia) ein oirMid^ Srbeitenber, <uub, menn er fcitenb ift,
niigt ju freuen brauet. Das i|t kellt Umfturä, bas ift flufpannung aBer Dtrfügbaren, a r b e t t e n b e n firäfte
jati; IDoqle bes ganjen Dolnes. Unb bamit Iteuaufbau! Sie «riinbei uns mit im «rbettenben BtenjebB» bes geutigen
feinbli^en flusianbes, fie i^ unjer natürHajer Bunbesgenoife unb gibt uns fluspajt auf brüberü#e äujammenarbeit
ber Döltat!
« r b e t t e t ! So jtegt bie äubunft w r <Euib.i 3 ^ i neraiirMittjt fie fejbft, oenn ib,r nur «10BU Ber etfte
Sdjritt ba3u pnb

bie Betriebsräte.
Auf zur Tat!
Jabritlanten! €uer $üi)ta Btudlmann f»ra$ nor ber Canbesnerfammfnng:
BS^meit unfer ©n^ufj auf bie Unternehmer reidjt, o>erben mir aHes an duffttärang unb CiaroirRang
tun, um biefen flnfä)öuungen 3um Siege ju oergelfenl"
Cöfet €uer IDort unnerjägiidj ein! ' Die Seit ift bitter ern|t. Itidjt IDorte, nur ICaien sonnen uns aus bem
Cgaos reU^i.
D H ^jjIb auf aar (oforÄgen IDagt »an Betriebsräten!

Für den Arbeitsausschüsse des


Bundes für Dreigliederung des sozialen
Organismus.
<Be[d)äftsftene d^ampignr)ftra6e 17.
VI

a^Dltsuerfninmlunq
Dr. R. Stelner ffcridtf am
Wlontw bcu 3 0 . 3ttm 1919, abettbS '|,s Ul,v
im alten ^fjeaterfaal (Harmonie) übet

%5tttitb$tatt".
Wie im 2Birffd>aff$leben tätige, tnSbefonbere &vhtittt »»& &*$*$&**
e r l e r n t gefd)loffen unb nc^mf Stellung $u bicfcr für unfere ©egentoart unb
Sufunft fo brennenben $rage.

Jyür bte thtgeftentett: ©rteftarteH öer ptiwrtattgefteBten QeUfcronn.

Sj. BartelmSs bei 3. <3Beipert & Söbne Karl Beflf bei Smf* SKa^et
^ermann gäbet bei Sari 93eiber«§ Der gefamle arteitetoasfcliaft ». <£atl Sagen»
Rttftart «fmmi bei SÖtofdjinenbaugefeaföaft budjer & So&n. 3- *2L: ©fegmater.
Sertbrotm *2l.-@. fllrtsrtninn? Cr?!? IWi?jttipng «Her R$rnfe,
€. Heijjet bei <$>. <23n«Smann & Söhne Spöi&altttetl. 3-31-: ' S a d e r .

Sanft |ii Bteigltefeeniüi 6e$ fojiafen Organismus, ©rtsgrappe Qeilbromt.


VII

C^-

Sozialisierung
durch Betriebsräte!
Als im Spätherbst 1918 der kapitalistische Imperialismus Mitteleuropas in sich zusammenbrach, glaubte
das deutsche Proletariat die Zeit gekommen, in der es seine Forderung nach Sozialisierung des Wirtschafts-
lebens werde verwirklichen können. Heute sieht es sich um die Früchte der Revolution betrogen.
Wodurch ist dies möglich geworden? Diese Frage muss sich der denkende Proletarier vorlegen. Zu
ihrer Beantwortung genügt es nicht, den einstigen Führern die Schuld zuzuschieben. Die Grunde dafür liegen
tiefer:
Die Gedanken der sozialistischen Parteiprogramme, die genügt hatten zur Kritik am Privatkapitalis-
mus, erwiesen sich als unzureichend in dem Augenblick, wo mit ihrer Hilfe eine neue Gesellschaftsordnung
aufgebaut werden sollte. Infolgedessen sehen wir heute die durch das Proletariat zur Macht emporgetragenen
Persönlichkeiten Anlehnung suchend bei demselben Kapitalismus, den sie früher bekämpften.
Demgegenüber erblickt das deutsche Proletariat in dem Betriebsrätesystem ein geeignetes Organ
zur Sozialisiening des Wirtschaftslebens. Die Regierung sieht sich genötigt, dem Verlangen nach (Schaffung
von Betriebsräten endlich etwas entgegen zu kommen. Was aber bietet sie durch den „Gesetzentwurf Aber
Betriebsräte"? —
Eine recht bescheidene formelle, praktisch aber ganz unwirksame Erweiterung der Rechte der Arbeiter
und Angestellten innerhalb von Betrieben, die selbst aber auch in Zukunft ganz im Dienste des Privaikapifals
bleiben sollen. „Lohnarbeiter" und „Unternehmer" sollen gleiche Rechte haben. Das ist das Ideal etaer
sozialistischen Regierung! Es scheint, dass die Revolution nicht gemacht worden ist, um den Sozialismus
zu verwirklichen, sondern um ihn gleichberechtigt neben den Kapitalismus zu stellen!! Wie die sich wohl auf
die Dauer vertragen werden?! —
Nach dem Gesetzentwurf haben die Betriebsräte auch die Aufgabe, „den (NB. kapitalistischen) Betrieb
vor Erschütterungen zu bewahren." - Diese Bestimmung dürfte sich zweifellos in ihren Folgen (Streikverbot
usw.) als sehr segensreich erweisen — für den Kapitalismus.
In diesem Gesetzentwurf spricht sich nicht der Geist der „Sozialisierung" aus, sondern derjenige der
„Sozialpolitik" mit ihren Wohlfahrts- und Fürsorge-Gesetzen. Diese Betriebsräte würden nichts anderes sein
als neu aufgewärmte Arbeiter- und Angestellten-Ausschüsse und könnten gerade dadurch nicht sein ein Organ
zur Umgestaltung der privatkapitalistischen Ordnung in eine sozialistische. Sie würden durchaus
geeignet sein, die Sozialisierung zu verhindern und dem Privafkapitalismus (mit Hilfe der Entente) zu neuer.
Blüte zu verhelfen.

Wie kann eine Sozialisierung unseres Wirtschaftslebens bewirkt werden?


Nicht durch das Gesetz eines politischen Parlamentes, sondern nur durch Massnahmen von Körper-
schaften, die sich aus den im Wirtschaftsleben selbst tätigen und daher sachverständigen Menschen bilden.
Nicht durch Bestimmungen, die sich auf das Verhältnis zwischen „Unternehmer" und „Arbeiter" be-
ziehen, sondern durch Vorschläge, die zeigen, wie der Gegensatz zwischen „Unternehmern"
und „Arbeitern" aufgehoben und die Produktionsmittel aus dem Besitz der Privatkapitalisten
übergeführt werden können in die Verwaltung der Allgemeinheit.
Zu diesem Zwecke fordern wir auf zur Wahl von Betriebsräten in den einzelnen Be-
trieben, die sich zusammenschliessen sollen zu einer Betriebsräteschaft um als solche die
Aufgabe in Angriff nehmen, nicht den einzelnen Betrieb oder Geschäftszweig zu sozialfeieren,
sondern die ganze'Wirtschaft über ein g e s c h l o s s e n e s Wirtschaftsgebiet hin so umzugestalten,
dass nicht mehr produziert wird um des Profits willen, sondern dass die Produktion in den
D i e n s t ihrer e i g e n t l i c h e n Aufgabe g e s t e l l t wird: der bestmöglichen Befriedigung der Be-
dürfnisse aller Menschen zu dienen. In einem solchen Wirtschaftsleben werden dann nicht mehr vorhanden
sein können Macht und Vorrechte Einzelner, Dagegen werden in dieses Wirtschaftsleben einströmen können
aus einem freien Geistesleben die dort entwickelten geistigen Begabungen und individuellen Fähigkeiten. Erst
dadurch wird es gelingen, die Produktion wirklich fruchtbringend zu gestalten und die Vergeudung der mensch-
lichen Arbeitskraft zu vermeiden, wie sie die planlose Wirtschaft des privatkapitalistischen Konkurrenzkampfes
notwendig mit sich bringt. Dann erst wird auch eine gesunde Preisbildung bewirkt werden können, ohne
die alle Soziaiisierungsbestrebungen erfolglos bleiben müssen.
Die Art und Weise wie Betriebsräte in den einzelnen Betrieben zustande kommen sollen und wie sie
sich über ein geschlossenes Wirtschaftsgebiet hin zusammenschliessen zu einer Betriebsräteschaft; ferner welche
Funktionen und Aufgaben diese Betriebsräte haben werden, darüber soll nicht in theoretisch - bureaukratischer
Weise durch ein dem Wirtschaftsorganismus von aussen diktiertes Gesetz oder durch Richtlinien politischer
Parteien, die sich darüber nie einigen werden, sondern durch eine Urversammlung der Betriebsrateschaft ent-
schieden werden. In diese Urversammlung der Betriebsräteschaft sollen in möglichst freier Weise alle diejenigen
Handarbeiter und Kopfarbeiter gewählt werden, die gewillt sind mitzuarbeiten an der Umgestaltung unseres Wirt-
schaftslebens im Sinne einer wirklichen Sozialisierung und die getragen sind von dem Vertrauen ihrer Berufsge-
nossen. Auch die Leiter der Betriebe sollten in diese Urversammlung gewählt werden, soweit sie sich frei
machen können von kapitalistischen Vorurteilen und sofern sie gewillt sind mitzuarbeiten an der Neugestaltung
unseres Wirtschaftslebens im Sinne der sozialen Gerechtigkeit.
Auf diese Weise wird eine Körperschaft von sachverständigen Menschen zustande kommen,
deren Vorschläge sich aus der lebendigen Praxis heraus ergeben und die daher nicht nur wirklich
praktisch sein, sondern auch Gewicht haben werden durch die Bedeutung der nicht durch Partei-
gezänk veruneinigten sondern geschlossen hinter ihr stehenden breiten Masse aller im Wirtschafts-
leben Tätigen.
Am 23. Juli haben die auf den Gedanken der Dreigliederung des sozialen Organismus gegründeten
Betriebsräte von Gross-Stuttgart einstimmig beschlossen, sich als vorbereitende Betriebsräteschaft von Württemberg
zu konstituieren.

Werbet für den Anschluß! Verlangt fluskunftsmateria! und Referenten!


Bund für Dreigliederung Vorbereitende WDrttemb.
des sozialen Organismus Betriebsräteschaft
Geschäftsstelle: Stuttgart, Champignysfrasse 17
Telefon 2555.
HINWEISE

'Zu dieser Ausgabe

Textunterlagen: Die Ausführungen Rudolf Steiners im Rahmen der Versammlun-


gen und Diskussionsabende mit den Arbeiterausschüssen sowie die Voten einzel-
ner Diskussionsteilnehmer wurden von einem namentlich nicht bekannten Steno-
grafen aufgenommen und vermutlich von ihm selbst in Klartext übertragen.
Diese Klartextübertragung bildet die Grundlage der hier vorliegenden Ausgabe.
Die Originalstenogramme sind nicht erhalten geblieben.
Bei den sich oft über viele Stunden hinziehenden Diskussionsabenden ist es
nur verständlich, daß die stenografische Aufnahme der Wortlaute nicht immer
ganz exakt möglich war. Manche Sätze blieben unvollendet oder weisen Lücken
auf. Andere wiederum geben den Sinn des Gesprochenen nur fragmentarisch
wieder. Vermutlich sind auch einige Textungenauigkeiten auf die Übertragung
des Stenogrammes zurückzuführen, da es gerade hierbei darauf ankommt, ob
der Stenograf bzw. der Übertragende über die notwendige Sachkenntnis verfügt.
Bei den Darstellungen in diesem Band gilt es vor allem zu berücksichtigen, daß
es sich zu einem großen Teil um Aufzeichnungen von Diskussionen handelt,
die an den Mitschreibenden ganz besondere Anforderungen stellen wie z.B. da-
durch, daß die Diskussionsteilnehmer über den ganzen Saal verstreut saßen und
schon rein akustisch nicht jedes Votum exakt genug wahrgenommen bzw. mitste-
nografiert werden konnte. Hinzu kommt die wechselnde Sprechweise der ver-
schiedenen Diskussionsteilnehmer, auf die sich der Stenograf jeweils erst einstellen
muß, wobei sicherlich auch so mancher Satz unvollendet geblieben ist oder
durch eine entsprechende Geste vervollständigt wurde. Daß sich auch in den
Mitschriften der einleitenden Vorträge und längeren Voten Rudolf Steiners man-
che Unebenheit findet, ist wohl u.a. auch auf die äußeren Verhältnisse zurückzu-
führen, die Emil Leinhas in seinen Erinnerungen «Aus der Arbeit mit Rudolf
Steiner» (Basel 1950) mit folgenden Worten beschreibt: «Die Anstrengungen, die
[Rudolf Steiner] sich ... zumutete, waren gewaltig; am schlimmsten für seine
Stimme. In den Arbeiterversammlungen, die meist unmittelbar nach Betriebs-
schluß in Werkskantinen oder anderen Betriebsräumen stattfanden, auch bei den
Besprechungen mit den Arbeiter-Ausschüssen, die oft in Nebenzimmern von
Wirtschaften abgehalten wurden - überall wurde geraucht und zwar meist Kasta-
nienblätter oder ein anderes deutsches Laub. Obwohl Rudolf Steiners Stimme
außerordentlich tragfähig war und sonst eigentlich nie irgendein Zeichen von
Ermüdung aufwies, war sie durch diese ungewohnte Belastung nach einiger Zeit
doch so überanstrengt, daß er zu Beginn seines Vortrages meist kaum einen
lauten Ton hervorbringen konnte. Aber von Schonung wollte er nichts wissen.
Er begann infolgedessen seine Vorträge meist stockheiser, redete sich aber im
Verlauf einer halben Stunde frei und hielt dann bis zum Schluß des Vortrages
durch.»
Aus den genannten Gründen war eine redaktionelle Bearbeitung des überlie-
ferten Wortlautes über das sonst übliche Maß hinaus notwendig. Vom Herausge-
ber fortgelassene Worte oder kürzere Textpassagen, die nicht zu entziffern waren
oder deren Sinn sich nicht rekonstruieren ließ, wurden im Druck mit eckigen
Klammern [...] gekennzeichnet. Zusätze oder markante Umformulierungen des
Herausgebers sind ebenfalls in eckige Klammern gesetzt. In einigen Fällen wurde
der ursprüngliche Wortlaut in die Hinweise aufgenommen. Die Wortlaute der
Diskussionsteilnehmer bzw. Wortlaute von Resolutionen wurden so wiedergege-
ben, wie sie der Stenograf in der Klartextübertragung festgehalten hat. Bisweilen
hat der Stenograf die Form der Wiedergabe gewechselt, d.h. mal referierte er
ein Votum, zumeist aber ließ er den Diskussionsteilnehmer direkt, also in Ich-
Form zu Worte kommen.
Die in den vorliegenden Band aufgenommenen Vorträge und Diskussionen
erscheinen hiermit erstmals in Buchform. Bislang lagen sie lediglich in Form
von Manuskriptvervielfältigungen vor, die den Rundschreiben des «Bundes für
Dreigliederung» beigefügt waren und lediglich in wenigen Exemplaren erhalten
geblieben sind. Über die damalige Textgestaltung heißt es im Rundschreiben Nr.
11 vom 23. Juli 1919, hier auf den Text des 7. Diskussionsabends bezugnehmend:
«Wir haben in den Nachschriften schon ziemlich scharf gekürzt.» Als Grund
hierfür wurde angegeben, daß sich die Diskussionen «allzuleicht zersplitterten».
Vor welche Probleme sich die damals Verantwortlichen des «Bundes für Dreiglie-
derung» im Zusammenhang mit der stenografischen Aufzeichnung der Vorträge
gestellt sahen, wurde im 4. Rundschreiben vom 27. Mai 1919 so zum Ausdruck
gebracht: «Auch suchen wir noch immer eine Kraft, die die Vorträge von Dr.
Steiner nachschreiben kann, weil eine einzige Dame, die das bisher besorgte,
unmöglich die ganze Arbeit zu leisten imstande ist; offizielle Debattenschreiber,
die zu der Arbeit hinzugezogen wurden, haben unbrauchbare Nachschriften gelie-
fert, wozu gleich zu bemerken ist, daß sich wirklich nur solche Menschen bewer-
ben sollten, die bestimmt wissen, daß sie diesen schwierigen Vorträgen folgen
können.»
Die Bezeichnung der einzelnen Diskussionsabende ist in den vorhandenen
Unterlagen nicht einheitlich überliefert. Mal ist von Versammlungen mit Arbeiter-
ausschüssen, mal mit Angestellten- und Arbeiterausschüssen und manchmal mit
Arbeiter- und Angestelltenausschüssen und Betriebsräten der großen Betriebe
Stuttgarts die Rede. Da es sich jedoch aller Wahrscheinlichkeit nach, mit Ausnah-
me der Versammlung vom 23. Juli, jeweils um denselben Kreis handelte, auf
dessen Einladung hin Rudolf Steiner gesprochen hat, wurden im Band sämtliche
Versammlungen einheitlich als «Diskussionsabende mit den Arbeiterausschüssen»
bezeichnet.

Der Titel des Bandes wurde, leicht abgeändert, aus der Ankündigung des
von Rudolf Steiner in Heilbronn am 30. Juni gehaltenen Vortrages «Sozialisierung
und Betriebsräte» übernommen. Von diesem Vortrag gibt es keine Mitschriften.
Hinweise zum Text

Werke Rudolf Steiners, die innerhalb der Gesamtausgabe (GA) erschienen sind, werden
in den Hinweisen zum Text mit der jeweiligen Bibliographie-Nummer angeführt. Siehe
auch die Übersicht am Schluß des Bandes.

zu Seite

25 der Herr Vorsitzende: Namentlich nicht bekannt. Die folgenden Diskussionsabende


wurden, soweit feststellbar, jeweils von einem Mitglied des «Arbeitsausschusses des
Bundes für Dreigliederung des sozialen Organismus» geleitet.

in einem «Aufruf»: Gemeint ist der von Rudolf Steiner verfaßte Aufruf «An das
Deutsche Volk und an die Kulturwelt», der erstmals im März 1919 veröffentlicht
und im Laufe der folgenden Wochen von zahlreichen Persönlichkeiten des kulturellen
und politischen Lebens unterzeichnet wurde. Innerhalb der Rudolf Steiner Gesamt-
ausgabe ist der «Aufruf» publiziert als Anhang zu Rudolf Steiners Schrift «Die
Kernpunkte der sozialen Frage» (1919), GA 23, sowie in dem Aufsatzband «Über
die Dreigliederung des sozialen Organismus und zur Zeitlage. Schriften und Aufsätze
1915-1921», GA 24. Siehe auch den Vortrag an der Versammlung der Unterzeichner
des «Aufrufes» vom 22. April 1919 in Rudolf Steiner, «Neugestaltung des sozialen
Organismus», GA 330.

in meinem Buch: «Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten


der Gegenwart und Zukunft», GA 23, erschienen im April 1919. Die Grundlage
für diese Schrift bildeten vier öffentliche Vorträge, die Rudolf Steiner vom 3. bis
12. Februar 1919 in Zürich gehalten und für die Publikation umgearbeitet bzw.
erweitert hat. Die Vorträge sind erschienen unter dem Titel «Die soziale Frage»,
GA 328.

27 aus meinem Darinnenstehen ... in der proletarischen Bewegung: Insgesamt sechs


Jahre (von Januar 1899 bis Dezember 1904) lehrte Rudolf Steiner an der von Wilhelm
Liebknecht begründeten Arbeiterbildungsschule in Berlin und 1902 auch in Spandau.
Siehe hierzu: Rudolf Steiner, «Mein Lebensgang», Kap. XXVIII, GA 28; Walter
Kugler, «Rudolf Steiner in Berlin 1897-1905», Reihe Rudolf Steiner Studien Bd.
III, Dornach 1990; Johanna Mücke / Alwin Rudolph, «Erinnerungen an Rudolf
Steiner und seine Wirksamkeit an der Arbeiterbildungsschule in Berlin 1899-1904»,
Basel 1979.

Kommunistisches Manifest: Verfaßt von Karl Marx und Friedrich Engels unter dem
Titel «Das Manifest der kommunistischen Partei», erschienen in London 1848.

Johann Heinrich von Thünen, 1783-1850: mecklenburgischer Rittergutsbesitzer, Na-


tionalökonom. Hauptwerk: «Der isolierte Staat in Beziehung auf Landwirtschaft und
Nationalökonomie», 3 Bde., 1826; zweite Aufl. 1842 in zwei Teilen. Wörtlich heißt
es in Teil II, Abt. I, zitiert nach Carl Jentsch «Volkswirtschaftslehre», Leipzig 1918,
S. 290 (von R. Steiner benutzte Ausgabe): «Wenn aber einst das Volk die Frage
aufstellt und praktisch zu lösen versucht: <welches ist der naturgemäße Anteil des
Arbeiters an seinem Erzeugnis ?>, so kann ein Kampf entstehen, der Verheerung und
Barbarei über Europa bringt.»
28 Karl Marx, 1818-1883; Begründer des wissenschaftlichen Sozialismus und des histori-
schen Materialismus.

gestern ist ja genauer darüber gesprochen worden: Am 7. Mai 1919 sprach Rudolf
Steiner im Rahmen der «Vollsitzung der Arbeiterräte Groß-Stuttgarts» im Gewerk-
schaftshaus über Wege «zur Verwirklichung des Sozialismus». Siehe den Bericht in
diesem Band S. 291.

Bruno Hildebrand, 1812-1878; Nationalökonom. Rudolf Steiner bezieht sich auf


das 1848 erschienene Buch «Die Nationalökonomie der Gegenwart und Zukunft».
Wörtlich heißt es bei Hildebrand u. a. (zitiert nach Carl Jentsch, «Volkswirtschaftsleh-
re», Leipzig 1918; von R. Steiner benutzte Ausgabe): «Wenn die Sozialisten aber
auch das Unmögliche leisteten und eine ausführbare Form der Gesamtwirtschaft
fänden, so würde diese die Gebrechen der Gesellschaft, die nach ihrer Ansicht die
Privatökonomie erzeugt hat, nicht aufheben, sondern sogar vermehren.»

33 Physiokraten: Vertreter der im 18. Jahrhundert von Quesnay begründeten Schule


der Volkswirtschaftslehre, die auf dem Naturrecht basiert. Sie stellten erstmals ein
geschlossenes wirtschaftliches und soziales System auf. Hiernach wird der volkswirt-
schaftliche Kreislauf durch wirtschaftliche Gesetze beherrscht, die einerseits objektiv
bedingt sind durch die Ergiebigkeit der Natur, andererseits subjektiv durch das Ratio-
nalprinzip.

36 Novemberereignisse: Gemeint sind die Unruhen in Deutschland, die mit der Meuterei
der Marine in Kiel vom 2 8 . - 3 1 . Oktober 1918 begonnen hatten und sich schon
bald über das ganze Reich ausdehnten. Unter dem Druck der Massen verkündete
Reichskanzler Max von Baden die Abdankung des Kaisers. U m der radikalen Linken
zuvorzukommen, rief Philipp Scheidemann (SPD) am 9. November die Deutsche
Republik aus.

38 Victor Adler, 1852-1918; Gründer der österreichischen sozialdemokratischen Partei;


Begründer und Hauptschriftleiter der Wiener «Arbeiterzeitung».

Pernerstorf er, Engelbert, 1850-1918; neben seinem Jugendfreund Victor Adler einer
der Führer der österreichischen Sozialdemokratie. Während des Ersten Weltkrieges
war er Vizepräsident des Reichsrates. Über seine Begegnung mit Adler und Perner-
storfer berichtet Rudolf Steiner in seiner Autobiographie «Mein Lebensgang», Kap.
VIII, GA 28. In der von Pernerstorfer herausgegebenen Monatsschrift «Deutsche
Worte», XII. Jg. 1893 (Dez.) erschien auch eine kurze Besprechung von Rudolf
Steiners philosophischem Hauptwerk «Die Philosophie der Freiheit», G A 4, verfaßt
von Aug. Schroeder.

Friedrich Engels, 1820-1895; Mitbegründer des wissenschaftlichen Sozialismus und


des dialektischen Materialismus, die durch ihn stark popularisiert wurden.

40 Hilfsdienstgesetz: Das «Gesetz über den vaterländischen Hilfsdienst» wurde am


2.12.1916 verabschiedet. Es war Kernstück des sog. Hindenburg-Programms. U.a.
sah es die allgemeine Arbeitspflicht für die männliche Bevölkerung vor, wovon
faktisch nur die Angehörigen der Arbeiterklasse und des Kleinbürgertums betroffen
waren. Auslöser für das Gesetz war der Mangel an männlichen Arbeitskräften in
der Rüstungsindustrie. Siehe hierzu F. Deppe, G. Fülberth, H.-J. Harrer u.a., «Ge-
schichte der deutschen Gewerkschaftsbewegung», 2. Auflage Köln 1978, S. 127ff.
47 Bernhard Dernburg, 1865-1937; Politiker und Finanzexperte; 1907/1910 Staatssekre-
tär im Reichskolonialamt; 1919 Reichsfinanzminister.

48 Eugen Dühring, 1833-1921; Philosoph, Nationalökonom. Vermutlich bezieht sich


Rudolf Steiner hier auf die 1871 erschienene Schrift «Kritische Geschichte der Natio-
nalökonomie und des Sozialismus». In der vom «Bund für Dreigliederung» verbreite-
ten Manuskriptvervielfältigung der ersten Versammlung mit den Arbeiterausschüssen
(S. 12) sowie in der Klartextübertragung des Stenogrammes ist von der «Lehre
Dörings» die Rede, der vor «Jahrzehnten das Gleiche» (wie der Diskussionsteilneh-
mer, auf den Rudolf Steiner Bezug nimmt), vertrat. Sinngemäß und auch vom Zeitbe-
zug her kann es sich nur um Eugen Dühring, den Rudolf Steiner verschiedentlich
eingehend (so in «Die Rätsel der Philosophie», GA 18) behandelt hat, handeln.

Emil Molt, 1876-1936; Kommerzienrat, Direktor der Waldorf-Astoria-Zigarettenfa-


brik in Stuttgart. Zusammen mit Rudolf Steiner Begründer der ersten Freien Waldorf-
schule in Stuttgart. Siehe Emil Molt, «Entwurf meiner Lebensbeschreibung», Stuttgart
1972.

53 «Bund für Dreigliederung des sozialen Organismus»: Er wurde an der ersten Zusam-
menkunft der Unterzeichner von Rudolf Steiners Aufruf «An das deutsche Volk»
am 22. April 1919 in Stuttgart gegründet, um der Dreigliederungsidee in der breiten
Öffentlichkeit zu einer größeren Wirksamkeit zu verhelfen. Zu dem ersten «Arbeits-
ausschuß» des «Bundes» gehörten Emil Molt, Carl Unger, Prof. von Blume, Hans
Kühn, Emil Leinhas, Max Benzinger und Theodor Binder. Zur Geschichte des «Bun-
des» siehe Emil Leinhas, «Aus der Arbeit mit Rudolf Steiner», Basel 1950; Hans
Kühn, «Dreigliederungszeit. Rudolf Steiners Kampf für die Gesellschaftsordnung der
Zukunft», Dornach 1978.

54 Beginn der Deutschen Revolution: Siehe die Vorbemerkungen in diesem Band und
den Hinweis zu S. 36.

Gesetzesentwurf: Siehe die Vorbemerkungen in diesem Band.

61 [Wenn man mit dem Geld selbständig wirtschaften kann ...]: Bei diesem Satz und den
folgenden Sätzen handelt es sich um den Versuch einer Rekonstruktion der Aussagen
Rudolf Steiners durch den Herausgeber, da die Aufzeichnungen des Stenografen,
die lediglich in Form der Klartextübertragungen vorliegen, einige Unstimmigkeiten
aufweisen. Aus demselben Grunde bedurften auch die folgenden Abschnitte einer
intensiveren redaktionellen Bearbeitung. Nachfolgend die Wiedergabe des Wortlautes,
wie er vom Stenografen in der Klartextübertragung festgehalten wurde:
«Denn wenn man mit dem Geld selbständig wirtschaften kann, was kann man dann?
Da Geld niemals anders geschaffen werden kann als durch Ware, Ware aber im
arbeitsteiligen sozialen Organismus nie anders geschaffen werden kann als durch
Ware, so bekommt man mit dem selbständigen Recht die Macht über die Arbeitskraft
durch das Kapital.» (Klartextübertragung S. 9)

64 [daß dadurch neue Besitzverhältnisse geschaffen werden]: Wörtlich heißt es in der


Klartextübertragung: «Es ist einfach ein Unsinn und eine objektive Verleumdung,
wenn gesagt wird: Dadurch wird der Besitz etwa des Geistes hervorgerufen. Es ist
eine objektive Verleumdung. Es wird dadurch nur hineingeführt in ein Geistesleben,
das nicht ist wie unser schreckliches, schauderhaftes, jetziges Geistesleben ...» (Klar-
textübertragung S. 12). Siehe auch den Hinweis zu S. 61.
65 Walther Rathenau, 1867-1922; 1921 Reichsminister für den Wiederaufbau; schloß
1922 als Reichsaußenminister den Vertrag von Rapallo ab; wurde 1922 von Rechtsra-
dikalen ermordet. Zahlreiche Veröffentlichungen über wirtschaftliche und politische
Fragen. Rudolf Steiner bezieht sich hier auf Rathenaus Schrift «Nach der Flut.
Sozialisierung und kein Ende. Ein Wort vom Mehrwert», Berlin 1919.

67 der törichte Artikelschreiber: Konnte nicht festgestellt werden.

68 eine kleine Broschüre: Hierbei handelt es sich um die Schrift «Die Schuld am Kriege.
Betrachtungen und Erinnerungen des Generalstabchefs H . v. Moltke über die Vor-
gänge vom Juli 1914 bis November 1914», herausgegeben vom <Bund für Dreigliede-
rung des sozialen Organismus> und eingeleitet in Übereinstimmung mit Frau Eliza
v. Moltke durch Rudolf Steiner>, Stuttgart 1919. Aufgrund des Einspruchs einflußrei-
cher Persönlichkeiten mußte die Schrift eingestampft werden. Die Vorbemerkungen
Rudolf Steiners sind innerhalb der Gesamtausgabe enthalten in dem Band «Über
die Dreigliederung des sozialen Organismus und zur Zeitlage 1915-1921», GA 24,
S. 386ff. Die «Betrachtungen und Erinnerungen» H . v. Moltkes sind abgedruckt in
Hans Kühn, «Dreigliederungszeit», Dornach 1978, S. 185 ff.

71 Bagdadbahn-Frage: Der Bau der Bagdadbahn von Kleinasien zum Persischen Golf
wurde einer Gesellschaft übertragen, in der die Deutsche Bank und damit auch das
Deutsche Reich einen entscheidenden Einfluß hatten, was zu außenpolitischen Span-
nungen vor allem mit England führte.

72 ich habe einmal mit einem Menschen gesprochen, der ein Rechtsgelehrter ist: Konnte
nicht festgestellt werden.

74 Diskussionsredner Mittwich: Mitglied des «Arbeitsausschusses» des «Bundes für Drei-


gliederung des sozialen Organismus».

83 Alfred Kolb, Regierungsrat. Wörtlich heißt es in seinem Buch «Als Arbeiter in


Amerika», Berlin 1905, S. 31: «Wie oft hatte ich früher, wenn ich einen gesunden
Mann betteln sah, mit moralischer Entrüstung gefragt: Warum arbeitet der Lump
nicht? Jetzt wußte ich's. In der Theorie sieht sich's eben anders an als in der Praxis
und selbst mit den unerfreulichsten Kategorien der Nationalökonomie hantiert sich's
am Schreibtisch ganz erträglich.»

88 das Wort [...]: In der Klartextübertragung heißt es wörtlich: «das Wort, das ja auf
den Reichsregenten Rascher zurückgehen soll, geprägt wurde.» Vermutlich handelt
es sich hier um einen Hörfehler des Stenografen, da ein Reichsregent Rascher nicht
nachgewiesen werden kann. Möglicherweise handelt es sich um den Pressechef der
Reichsregierung, Ulrich Rauscher. Rudolf Steiner schrieb auf einem Notizzettel (Ar-
chiv-Nr. 748): Rauschers Sozialisierung: sie marschiert nicht.

106 9. November: Am 9. November 1918 wurde in Berlin, nach Absetzung Kaiser


Wilhelms II-, durch Philipp Scheidemann die Deutsche Republik ausgerufen. Siehe
auch die Vorbemerkungen zu diesem Band.

109 Flugblätter ... des Bundes für Dreigliederung: Siehe im A N H A N G dieses Bandes
und in «Beiträge zur Rudolf Steiner Gesamtausgabe» Heft 103, Michaeli 1989.
114 Arbeitsleiter: Siehe hierzu auch Rudolf Steiner, «Die Kernpunkte der sozialen Frage»,
GA 23, III. Kapitel.

vorgestern in Tübingen: Es handelt sich hier um einen öffentlichen Vortrag, den


Rudolf Steiner am 2. Juni gehalten hat. Eine Nachschrift liegt nur in Auszügen
vor. Diese sowie ein ausführliches Referat des Vortrages sind abgedruckt in Heft
103 der «Beiträge zur Rudolf Steiner Gesamtausgabe», Michaeli 1989.

120 der «Sozialdemokrat» über die Ausführungen Rudolf Steiners: U m welchen Artikel
es sich hier handelt, konnte nicht festgestellt werden. Wie aus einem Artikel von
W. Conradt in der Wochenschrift «Dreigliederung des sozialen Organismus», 1. Jg.
Sondernummer Juli 1919 hervorgeht, gab es im «Sozialdemokrat» verschiedentlich
polemische Äußerungen über Rudolf Steiner, u.a. in Nr. 143, 1919.

124 Ernst Abbe, 1840-1905, Physiker. Abbe übernahm 1867 die wissenschaftliche Leitung
der optischen Werkstätten von Carl Zeiss, wurde 1875 Mitinhaber und wandelte
1891, nach dem Tod von Zeiss, die Firma in eine Stiftung um, deren Gewinn zum
Teil an die Angestellten und Arbeiter verteilt wurde.

Friedrich Naumann, 1860-1919, protestantischer Pfarrer und Sozialpolitiker; arbeitete


u.a. im «Rauhen Haus» bei Hamburg. Im Jahre 1896 Gründung des «National-
sozialen Verein».

Waltber Rathenau: Siehe Hinweis zu S. 65 und 131.

131 das neueste Heft der «Zukunft» mit einem Aufsatz von Walther Rathenau: Wörtlich
heißt es in dem Aufsatz «Das Ende», erschienen in der von Maximilian Harden
herausgegebenen «Zukunft», 105. Band, April/Juni 1919, S. 249ff.: «Freilich ist uner-
träglich, was von uns verlangt wird: Zerreißung des deutschen Landes, Entfremdung
deutscher Menschen, Schuldfron, Verarmung, Bevormundung. Man sage es dem Volk;
aber man sage ihm die Wahrheit ... Nach kurzer Frist ist das Land leiblich und
seelisch am Ende, und gleichviel ob inzwischen eine neue Revolution erfolgt oder
nicht: so geht eine zweite Friedensdelegation, aus anderen Umlernern bestehend,
nach Paris und unterschreibt blindlings, was man ihr vorlegt. Das werden nicht
mehr die jetzigen Bedingungen sein, sondern andere, und weder das Reich noch
die letzte Spur von Selbständigkeit wird bestehen bleiben. Warum sagt man das
dem Volk nicht? ... Gewiß ist es ein echtes Gefühl zu sagen: Wir wollen lieber
sterben als den Vertrag unterschreiben. Die Einwohner von Numantia und die mei-
sten von Jerusalem sind gestorben, weil sie sich nicht ergaben. Aber glaubt ein
Mensch, daß sechzig Millionen Deutsche sterben werden? Also saget nicht die halbe
Wahrheit, sondern die ganze ... Was also soll geschehen? In Versailles muß das
Äußerste daran gesetzt werden, den Vertrag entscheidend zu verbessern. Gelingt es,
gut. Dann unterschreiben. Gelingt es nicht: was dann? Dann darf weder aktiver
noch passiver Widerstand versucht werden. Dann hat der Unterhändler, Graf Brock-
dorff-Rantzau, das vollzogene Auflösungsdekret der Nationalversammlung, die De-
mission des Reichspräsidenten und aller Reichsminister den gegen uns vereinten
Regierungen zu übergeben und sie aufzufordern, unverzüglich alle Souveränitätsrechte
des Deutschen Reiches und die gesamte Regierungsgewalt zu übernehmen. Damit
fällt die Verantwortung für den Frieden, für die Verwaltung und für alle Leistungen
Deutschlands den Feinden zu; und sie haben vor der Welt, der Geschichte und vor
ihren eigenen Völkern die Pflicht, für das Dasein von sechzig Millionen zu sorgen.»
132 Ulrich Graf von Brockdorff-Rantzau, 1869-1928. Diplomat. War von Dezember
1918 bis Juni 1919 Reichsaußenminister; er wurde bekannt durch seine würdige
Haltung als Leiter der deutschen Friedensdelegation in Versailles.

an einem wirklich ernsthaften sozialen Aufhau [...]: Die nachfolgenden Sätze weisen
manche Unstimmigkeiten auf und wurden daher nicht in den gedruckten Text mit
aufgenommen. Hier der Wortlaut entsprechend der Klartextübertragung S. 28: «Die
Kapitalisten werden sich gegenüber den Ententenkapitalisten kaum irgendwie wieder-
um reparieren lassen, aber diejenigen, die von unten auf arbeiten, die werden die
Mittel und Wege finden, daß in dem Augenblick, wo sie den ernsthaften Entschluß
fassen, durch ihre Arbeit nicht ihr Kapital zu erarbeiten, die werden den ernsthaften
Entschluß auch finden können, und der Weg wird sich finden, daß sie ihnen auch
nicht ihre Schulden bezahlen. Und wenn der Zustand herbeigeführt ist, daß sie
ihnen nicht ihre Schulden bezahlen, ihre Schulden bezahlen aus den Industrien, die
aus einer wirtschaftlichen Ordnung der werktätigen Bevölkerung Mitteleuropas ent-
stehen, dann erst wird der Boden gegeben sein - und es wäre traurig um die
Menschheit der Erde bestellt, wenn er dann nicht gegeben wäre - wo die Räteschaft
den Kapitalisten der Entente den Standpunkt klarmachen wird. Geben wir durch
wirkliche Sozialisierung ein Beispiel, so lange die Arbeiterschaft der Entente glauben
muß, es sind Abhängige der alten Kapitalisten, lassen sich die Arbeiter der Entente
auf nichts ein, denn an den alten Kapitalisten haben sie zu schlechte Erfahrungen
gemacht; da finden sie, daß ihnen die ihrigen noch lieber sind. Sie haben gesehen:
Ein richtig kapitalistisch denkender Mensch, wenn er wahr und ehrlich ist, er kommt
ans Ende. Wir aber brauchen einen Anfang.»

140 Wladimir Iljitsch Lenin, eigentlich Uljanow, 1870-1924. Sozialrevolutionär, bedeu-


tendster Theoretiker des dialektischen Materialismus. Aus russischem Bauernadel
stammend, Führer der Bolschewisten, wurde im November 1917 Vorsitzender des
Rates der Volkskommissare und zum Gründer der Sowjetunion (1922), deren Regie-
rungschef er bis zum Tode blieb.

141 «Arbeiterrat»: Organ der Arbeiterräte Deutschlands. «Die Zeitschrift der aufwärts-
strebenden Kopf- und Handarbeiter», Wochenzeitschrift, Schriftleitung Ernst Däu-
mig; der Aufsatz von Dr. Heuser, KPD, ist abgedruckt in der Ausgabe vom
14.6.1919.

148 die Rede des Genossen Däumig: Ernst Däumig, «Das Rätesystem. Reden auf dem
Parteitage der U.S.P.D. am 4. und 5. März 1919», erschienen im Verlag «Der Arbei-
ter-Rat», Berlin o.J. Ernst Däumig war zusammen mit Richard Müller einer der
führenden Vertreter der Rätebewegung. Beide gehörten dem linken Flügel der USPD
an und gaben sich betont antigewerkschaftlich, obwohl sie selbst aus der Gewerk-
schaftsbewegung kamen.

149 Artikel im «Spartakist» über die Dreigliederung: Konnte nicht festgestellt werden.

149/50 Artikel aus der «Süddeutschen Zeitung»: Konnte nicht festgestellt werden.

154 Carl Unger, 1878-1929, Ingenieur, Fabrikant. 1913-1923 Mitglied des Zentralvor-
standes der Anthroposophischen Gesellschaft. Vortragender und Autor zahlreicher
Aufsätze und Schriften über soziale, philosophische und anthroposophische Themen.
159 Herr Gönnewein, Mitglied des Arbeiterausschusses der Daimler-Motoren-Gesell-
schaft; Mitglied des Arbeitsausschusses des «Bundes für Dreigliederung des sozialen
Organismus».

165 Karl Marx, 1818-1883, Begründer des wissenschaftlichen Sozialismus und des dialek-
tischen Materialismus. In seiner «Kritik des Gothaer Programms» heißt es wörtlich:
«... nachdem mit der allseitigen Entwicklung der Individuen auch die Produktions-
kräfte gewachsen sind, und alle Springquellen des genossenschaftlichen Reichtums
voller fließen - erst dann kann der enge bürgerliche Rechtshorizont ganz überschrit-
ten werden und die Gesellschaft auf ihre Fahnen schreiben: Jeder nach seinen Fähig-
keiten, jedem nach seinen Bedürfnissen!»

168 jeder nach seinen Fähigkeiten und nach seinen Bedürfnissen: Siehe Hinweis zu S. 165.

174 Theobald von Bethmann-Hollweg, 1856-1921. 1909-1917 deutscher Reichskanzler.


Siehe seine «Betrachtungen zum Weltkriege», Teil I «Vor dem Kriege»; Teil II
«Während des Krieges», Berlin 1919-1921.

178 Herr Roser, Mitglied des Arbeiterausschusses der Firma Bosch, Zündkerzenwerk
Feuerbach und Mitglied des Arbeitsausschusses des «Bundes für Dreigliederung».
Siehe auch den Hinweis zu S. 238.

206 ein Aufsatz von einem sehr berühmten Volkswirtschaftslehrer: Es handelt sich hier
um den Aufsatz «Der Unternehmer» von Lujo Brentano, erschienen in der Zeitschrift
«Das gelbe Blatt», 1. Jg. Nr. 16, 1919, herausgegeben von Willi Berberich und Adolf
Reitz.

Lujo Brentano, 1844-1931, Professor der Nationalökonomie. Er galt als führender


Vertreter der sozialpolitischen Richtung in der deutschen Volkswirtschaftslehre, des
sogenannten «Kathedersozialismus». Er setzte sich besonders für das Gewerkschafts-
wesen und den freien Handel ein.

208 Emil Kirdorff 1847-1938, Industrieller; beteiligt am Aufbau der Gelsenkirchner


Bergwerks AG, Mitbegründer des Rheinisch-Westfälischen Kohlensyndikates 1893
und der Siemens-Rhein-Elbe-Schuckert-Union 1920. Gegner der Gewerkschaften,
unterstützte später Adolf Hitler. Das Zitat ist dem Aufsatz von Lujo Brentano -
siehe Hinweis zu S. 206 - entnommen.

212 ein Artikel in der «Tribüne»: Verfasser ist der Schriftsetzer und Mitherausgeber der
«Tribüne» Gustav Seeger. Der Artikel erschien in Heft 1, Juli 1919, der «Tribüne.
Eine Halbmonatsschrift für soziale Verständigung». Neben Gustav Seeger zeichnet
für die Herausgabe Karl Lieblich, Tübingen, verantwortlich. Im selben Heft, das
dem «Problem Steiner» gewidmet ist, befinden sich noch weitere Ausführungen über
Rudolf Steiner und den Dreigliederungsgedanken: Prof. Philipp v. Heck, «Die Drei-
gliederung des sozialen Körpers»; Stud. Alfred Mantz, «Mein Eindruck von Dr.
Steiner und seiner Dreigliederungs-Theorie»; Prof. Wilhelm v. Blume, «Rudolf Steiner
und der Völkerbund». Eine Widerlegung der Einwände von Mantz und Seeger brach-
te Ernst Uehli in seinem Aufsatz «Soziale Praxis», erschienen in der Wochenschrift
«Dreigliederung des sozialen Organismus», 1. Jg. Nr. 2 vom 15. Juli 1919, S. 3.
Siehe auch in Nr. 4, letzte Seite.
215 Emil Leinhas, 1878-1967, Kaufmann. Enger Mitarbeiter Rudolf Steiners insbesondere
im Zusammenhang mit der Begründung und Leitung von Einrichtungen, die aus
der Dreigliederungsidee hervorgegangen sind, u.a. Generaldirektor des «Kommenden
Tages». Siehe Emil Leinhas, «Aus der Arbeit mit Rudolf Steiner», Basel 1950.

217 Vortrag in Weil im Dorf: Gehalten am 28. Juni 1919 vor Arbeitern. Eine Nachschrift
liegt nicht vor.

227 Hans Kühn, 1889-1977, Kaufmann. Aktiv in der Dreigliederungsbewegung, u.a.


Geschäftsführer des «Bundes für Dreigliederung des sozialen Organismus». Siehe
Hans Kühn, «Dreigliederungszeit. Rudolf Steiners Kampf für die Gesellschaftsord-
nung der Zukunft», Dornach 1978.

230 Aufsatz von einem Universitätsprofessor: Philipp von Heck, 1858-1943, Rechtswis-
senschaftler. Sein Aufsatz «Die Dreigliederung des sozialen Körpers» erschien in
der Zeitschrift «Die Tribüne» N r . 1, Juli 1919; siehe Hinweis zu S. 212.

Professor Heck: Siehe voranstehenden Hinweis.

237 In einer Berliner Rede: Vortrag von Gustav Roethe über «Deutsche Dichter des
18. und 19. Jahrhunderts und ihre Politik. Ein vaterländischer Vortrag», erschienen
in Heft 1 der Reihe «Staat, Recht, Volk. Wissenschaftliche Reden und Aufsätze»,
hrsg. von Ulrich von Wilamowitz-Moellendorf. Weidmannsche Buchhandlung, Berlin
1919.

Elard von Oldenburg-]anuschau, 1855-1937. Er vertrat zunächst als konservatives


und später als deutschnationales Mitglied des Reichstages die ostelbischen Grundbe-
sitzer.

der tonangehende Professor: Gustav Roethe, 1859-1926. Wurde 1904 Sekretär der
Berliner Akademie der Wissenschaften. Er arbeitete vor allem über die ältere deutsche
Literatur und Goethe. Siehe auch obigen Hinweis «In einer Berliner Rede».

238 Als neulich unsere Freunde Gönnewein und Roser in einer Volksversammlung gespro-
chen haben: Am 4. Juli über Betriebsräte. Siehe den Bericht in der Wochenzeitung
«Dreigliederung des sozialen Organismus» Nr. 2, letzte Seite. Wiederabdruck in
«Beiträge zur Rudolf Steiner Gesamtausgabe» Heft 103, Michaeli 1989.

239 Wochenschrift «Dreigliederung des sozialen Organismus»: Die erste Nummer erschien
am 8. Juli 1919. Herausgeber war der «Bund für Dreigliederung des sozialen Organis-
mus», verantwortlicher Schriftleiter Ernst Uehli. Die Zeitschrift erschien von Juli
1919 bis Juni 1922. Dann wurde sie umbenannt in «Anthroposophie, Wochenschrift
für freies Geistesleben». Diese wurde 1931 mit der Zeitschrift «Die Drei» vereinigt
und als Monatsschrift herausgegeben. Im Vortrag vom 16.2.1921 (in G A 338) weist
Rudolf Steiner darauf hin, daß es notwendig sei, die Etappe zu erreichen, «wo die
Dreigliederungszeitung eine Tageszeitung wird.» Dieses Ziel wurde jedoch nicht
erreicht. In der Wochenschrift «Dreigliederung des sozialen Organismus» erschienen,
zumeist auf der ersten Seite, zahlreiche Beiträge von Rudolf Steiner. Innerhalb der
Gesamtausgabe sind sie enthalten in dem Band «Aufsätze über die Dreigliederung
des sozialen Organismus und zur Zeitlage 1915 bis 1921», GA 24.

240 Gustav Roethe: Siehe Hinweis zu S. 237 «der tonangebende Professor».


240 Rudolf Wissell, 1869-1962. 1919 Reichswirtschaftsminister; vertrat den Gedanken
einer nationalen Gemeinwirtschaft; siehe die «Denkschrift des Reichwirtschaftsmini-
sterium» vom 7. Mai 1919.

Wicbard von Moellendorff, 1881-1937. Ingenieur, 1919 Unterstaatssekretär im


Reichswirtschaftsamt; er entwickelte den Plan einer nationalen Gemeinwirtschaft, der
jedoch von der Nationalversammlung abgelehnt wurde. Siehe «Konservativer Sozialis-
mus», gesammelte Aufsätze aus den Jahren 1913-1922, Hamburg 1932.
241 Entente: Bündnis zwischen England und Frankreich 1904; durch Einbeziehung Ruß-
lands 1907 erweitert zur Tripelentente.

242 Eribergerei: Bezieht sich vermutlich auf die von Matthias Erzberger (1875-1921)
eingeleitete und umstrittene Finanzreform 1919/20. Erzberger war Abgeordneter der
Zentrumspartei im Deutschen Reichstag. 1919-1920 Reichsfinanzminister und Vize-
kanzler. Wurde 1921 ermordet.

243 Novemberrevolution: Siehe die Vorbemerkungen zu diesem Band und Hinweis zu


S. 36.
256 Bethmann-Hollweg: Siehe Hinweis zu S. 174.
257 im Geiste eines Legien: Carl Legien, 1861-1920, Drechsler; einflußreicher Gewerk-
schaftsführer, Reichstagsabgeordneter.

258 Wenn ich Daumig oder Müller lese: Siehe Hinweis zu S. 148.
271 Betriebsräteversammlung: Diese war als «geschlossene Versammlung» angekündigt
und fand statt im Restaurant Rechbergbräu, Lindenstraße 14, abends 7 Uhr; vgl.
Wochenschrift «Dreigliederung des sozialen Organismus», 1. Jg. Nr. 3, Juli 1919,
letzte Seite.
279 Professor Heck: Siehe Hinweis zu S. 230.

283 Ein sehr gescheiter Herr: Konnte nicht festgestellt werden.


284 ein Artikel von Dr. Georg Wilhelm Schiele: Unter dem Titel «Vom wahren, gereinig-
ten, preußischen Sozialismus» erschienen in der Wochenschrift «Eiserne Blätter», 1.
Jg. Nr. 2, S. 21 ff. Herausgeber der in Berlin erschienenen «Eisernen Blätter» war
D. Traub. Siehe auch den Kommentar «Bruchstücke einer Groteske aus der Literatur
der Ewig Gestrigen» in der Wochenschrift «Dreigliederung des sozialen Organismus»,
1. Jg. Nr. 4, 1919, letzte Seite.
ERGÄNZENDE LITERATUR

Dokumentation

«Alle Macht den Räten? Rudolf Steiner und die Betriebsrätebewegung 1919. Dokumente
aus der Arbeit des <Bundes für Dreigliederung>» in Schriftenreihe «Beiträge zur Rudolf
Steiner Gesamtausgabe» Nr. 103, Dornach, Michaeli 1989

Rudolf Steiner

«Neugestaltung des sozialen Organismus», 14 öffentliche Vorträge, gehalten in Stuttgart


zwischen dem 22. April und dem 30. Juli 1919, GA 330

«Nationalökonomischer Kurs», 14 Vorträge, gehalten in Dornach vom 24. Juli bis 6.


August 1922 für Studenten der Nationalökonomie, GA 340

«Nationalökonomisches Seminar», 6 Besprechungen mit den Teilnehmern am Nationalöko-


nomischen Kurs in Dornach vom 31. Juli bis 5. August 1922, GA 341

Zur Geschichte der Dreigliederungsbewegung

Schriftenreihe «Beiträge zur Rudolf Steiner Gesamtausgabe» (sämtliche Hefte sind lieferbar)

Heft 24/25, Ostern 1969


«50 Jahre <Die Kernpunkte der sozialen Frage>: April 1919 bis April 1969»
Aus dem Inhalt: H . Wiesberger: Rudolf Steiners öffentliches Wirken für die Dreigliederung
des sozialen Organismus. Von der Dreigliederungs-Idee des Jahres 1917 zur Dreigliede-
rungs-Bewegung des Jahres 1919. Eine Chronik / R. Steiner: Entwurf zu dem Aufsatz
«Internationale Wirtschaft und dreigliedriger sozialer Organismus» / Notizbucheintragun-
gen zu Vorträgen über die Dreigliederung und zur sozialen Frage

Heft 27/28, Michaeli/Weihnachten 1969


«1919 - Das Jahr der Dreigliederungsbewegung und der Gründung der Waldorfschule»
Aus dem Inhalt: H. Wiesberger: Rudolf Steiners öffentliches Wirken für die Dreigliederung
des sozialen Organismus. Fortsetzung der Chronik des Jahres 1919

Heft 88, Johanni 1985


«Die soziale Frage. Vor 66 Jahren: Dreigliederungszeit»
Aus dem Inhalt: R. Steiner: Die soziale Frage und die Theosophie, öffentlicher Vortrag,
Berlin, 26. Oktober 1905 / F. Piston: Assoziative Wirtschaft als Forderung Rudolf Steiners
(aus einer Dissertation, Tübingen 1923)
Heft 93/94, Michaeli 1986
«Polnisch oder Deutsch? Oberschlesien als Schulbeispiel für die Notwendigkeit der Drei-
gliederung»
Aus dem Inhalt: W. Kugler: Anmerkungen zum Schulungskurs für Oberschlesier. Die
oberschlesische Aktion 1921. Erinnerungen - Berichte - Pressestimmen - Dokumente

Heft 103, Michaeli 1989


«Alle Macht den Räten? Rudolf Steiner und die Betriebsrätebewegung 1919»
Aus dem Inhalt: Betriebsräte und Kulturräte. Referate von Emil Molt, Ernst Uehli und
Rudolf Steiner, Stuttgart, 10. Juli 1919 / R. Steiner, Vortrag am 2. Juni 1919 in Tübingen
über Dreigliederung. Zu Rudolf Steiners Vortrag über «Sozialisierung und Betriebsräte»,
Heilbronn 30. Juni 1919. / C. Unger: Zur Geschichte der Dreigliederung / Aufsätze und
Berichte aus der Wochenzeitung «Dreigliederung des sozialen Organismus» 1. Jg. 1919 /
Pressestimmen - Dokumente über und aus der Arbeit des Bundes für Dreigliederung
NAMENREGISTER

Abbe, Ernst 124, 127 Marx, Karl 28, 36, 38, 148, 158, 165,
Adler, Victor 38 168, 262
Moellendorff, Wichard von 240, 241,
Bethmann-Hollweg, Theobald von 174, 243
256 Molt, Emil 48
Brentano, Lujo 206, 208-211, 214, 226 Müller, Richard 258
Muff 260

Caruso, Enrico 114 Naumann, Friedrich 124, 133

Däumig, Ernst 141, 143, 148, 258 Oldenburg-Januschau, Elard von 237
Dernburg, Bernhard 47
Deutsch 216 Pernerstorfer, Engelbert 38
Dührig, Eugen 48 Physiokraten 33

Engels, Friedrich 38 Rantzau, Ulrich Graf v. Brockdorff 132


Erzberger, Matthias 242 Rathenau, Walther 65, 124, 131
Riebensam 160
Roethe, Gustav 240
Heck, Philipp von 230, 266, 279
Heuser, Dr. 141, 142
Thünen, Johann Heinrich von 27, 28
Hildebrand, Bruno 28, 29
Schiele, Georg Wilhelm 284
Kirdorff, Emil 208 Schiller, Friedrich 153
Kolb, Alfred 83
Traub, D. 285
Legien, Carl 257
Lenin (Uljanow), Wladimir Iljitsch 140 Wisseil, Rudolf 240, 241, 243

Diskussionsteilnehmer

Armbruster 120 Funk 107

Baumann, Paul 158 Glatz 218


Beierat 34 Gönnewein 159, 164, 177, 196, 203, 238
Biel 67, 96, 98, 195 Großhans 124
Bühl, Frau 120, 257
Hahl 180
Haller 194
Conradt, Walter 158, 217, 218
Haupt 190
Huch 248
Dorfner, Siegfried 221, 287 Huth 147, 257, 287

Fischer 248, 254, 257, 259, 262-264 Jansen 156, 219, 261
Kühn, Hans 227, 263, 287 Pfetzer 153

Lange 96, 153, 177, 227 Remmele 48


Leinhas, Emil 215, 216 Roser 178, 204, 214, 219, 226, 235, 238,
Lohrmann 135, 147 256, 263, 270, 287
Lorenz 158
Sander 150
Mittwich 74, 75, 80, 85, 102 Schlegel 192
Molt, Emil 259, 262, 285 Schreiber 40
Müller, Georg 180, 184 Sommer 152
Münzing 182 Spörr 195
Stecher 217
Nagel 221
Navrocki 156 Unger, Carl 154

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