Rudolf Steiner Gesamtausgabe Vorträge: Vorträge Über Das Soziale Leben U N D Die Dreigliederungdessozialenorganismus
Rudolf Steiner Gesamtausgabe Vorträge: Vorträge Über Das Soziale Leben U N D Die Dreigliederungdessozialenorganismus
VORTRÄGE
1985
Einzelausgaben
Bern, 11. März 1919: «Die wirklichen Grundlagen
eines Völkerbundes in den wirtschaftlichen,
rechtlichen und geistigen Kräften der Völker»
Bern 1944; 1946
Bibliographie-Nr. 329
Zeichen auf dem Einband nach einer Originalzeichnung von Rudolf Steiner
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlaßverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1985 by Rudolf Steiner-Nachlaß Verwaltung, Dornach/Schweiz
Satz: Kooperative Dürnau, Dürnau
Printed in Germany by Greiserdruck, Rastatt
ISBN 3-7274-3290-X
2« den Veröffentlichungen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Diskussion 41
Kritische Betrachtung sozialistischer Grundauffassungen: Über die Dikta-
tur des Proletariats; zu dem Problem: «Jeder nach seinen Fähigkeiten, je-
dem nach seinen Bedürfnissen»; Kritik an (Partei-)Programmen. Der
Gegenwarts- und Zukunftsaspekt der «Dreigliederung». Zur Militarismus-
frage unter Berücksichtigung der Clausewitz'sehen Formel. Über J. G.
Fichtes «Bolschewismus».
Der Geist als Führer durch die Sinnes- und in die übersinn-
liche Welt
Neunter Vortrag, Basel, 10. November 1919 285
Die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft als Fortsetzung der
naturwissenschaftlichen Denkweise. Goethes Idee der Urpflanze. Die
Herrschaft der religiösen Bekenntnisrichtungen als Instrument der Ver-
hinderung der Erforschung von Seele und Geist. Von der Bedeutung der
inneren Seelenarbeit in Form von Konzentrations- und Meditations-
übungen. Vom Wesen der Erinnerung. Vom bewußten Umgang mit der
Erinnerungskraft. Die Bedeutung des bewußten Willens. Die seelisch-
geistige Beziehung zum anderen Menschen. Die Erkenntnis wiederholter
Erdenleben und ihre Bedeutung für das soziale Zusammenleben der Men-
schen. Wille und Begierde. Mediumismus, Hypnose und Spiritismus.
Furchtlosigkeit und Leidfähigkeit im Zusammenhang mit dem inneren
Schulungsweg. Zur Methodik Schellings. Intellektuelle Bescheidenheit als
Voraussetzung für Geistesforschung. Übersinnliche Erkenntnisse und
ihre Bedeutung für das soziale Zusammenleben der Menschen.
Anhang
Aus einer Fragenbeantwortung, Münchenstein, 10. April 1919 314
Hinweise 321
Personenregister 345
Übersicht über die Rudolf Steiner Gesamtausgabe . . . . 347
DIE WIRKLICHEN GRUNDLAGEN EINES VÖLKERBUNDES
IN DEN WIRTSCHAFTLICHEN, RECHTLICHEN
UND GEISTIGEN KRÄFTEN DER VÖLKER
Im Laufe der letzten vier Jahre konnte man oftmals hören, daß Er-
eignisse, die für die Menschen so schrecklich gewesen sind wie die
gerade zurückliegenden, in der ganzen Zeit, über die sich das ge-
schichtliche Denken der Menschen erstreckt, nicht vorgekommen
seien. Weniger häufig kann man dieser Empfindung gegenüber hö-
ren, daß nun dem Furchtbaren, das die Menschheit getroffen hat,
auch wenigstens die Versuche einer Neugestaltung des sozialen Zu-
sammenlebens entgegengestellt werden müßten, die sich in ihren ge-
danklichen Grundlagen in ebenso gründlicher Weise unterscheiden
von dem, was man gewohnt ist zu denken, wie sich die schreckhaf-
ten Ereignisse der letzten Jahre unterscheiden von dem, was man er-
leben konnte im Lauf der Menschheitsentwickelung. Ja, wenn solch
ein Versuch auftaucht, Gedanken zu entwickeln, die den eingewur-
zelten Denkgewohnheiten zuwiderlaufen, dann hört man heute zu-
meist einem solchen Versuch mit dem Vorwurf begegnen: Nun,
auch wiederum eine Utopie! - Man hat aber mit der Gesinnung,
welche auch heute wiederum einem solchen Vorwurf zugrunde
liegt, im Laufe der neueren Zeit schon einige Erfahrungen machen
können. Gerade diejenigen Menschen, die so denken wie jene, die in
dem angedeuteten Falle von «Utopie» sprechen, die waren es ja, wel-
che auch eine Schilderung - wenn sie hätte jemand machen können -
von den katastrophalen Ereignissen, die uns betroffen haben, noch
im Frühling 1914 für eine Träumerei, für eine Phantastik gehalten
haben würden. Sie nennen sich ja Praktiker, diese Leute. Wie haben
sie dazumal, bevor die welterschütternde Katastrophe hereingebro-
chen ist, gesprochen? Schauen wir uns einige an. Wir brauchen nur
den Blick auf einige der damals, im Frühling 1914, leitenden Staats-
männer Europas zu lenken. Man führt fast Wörtliches an, wenn
man sagt: Solche Praktiker, solche Verächter dessen, was sie Uto-
pien nennen, die sprachen dazumal ungefähr so: Die Beziehungen,
in denen dank der Bemühungen der Kabinette die europäischen
Großmächte zueinander stehen, geben eine gewisse Garantie dafür,
daß für absehbare Zeiten der Weltfrieden nicht erschüttert werden
kann. - Solche Rede ist keine Erfindung, man kann sie in den Par-
lamentsberichten nachlesen; sie ist da in den verschiedensten Varia-
tionen enthalten.
Wer sich aber damals nicht nach der Denkgesinnung solcher Leu-
te in der inneren Verfassung seiner Seele richten konnte, sondern
wer versuchte, sich den unbefangenen Blick für die Ereignisse zu
wahren, der sprach vielleicht doch so, wie im April 1914 der spre-
chen mußte vor einer Versammlung in Wien, der auch heute zu Ih-
nen spricht. Mir war es dazumal durch mein intellektuelles Gewis-
sen und meine Beobachtungsgabe auferlegt zu sagen: Wir stehen in
bezug auf die Entwickelung unserer sozialen und Völkerverhältnisse
in etwas darinnen, das sich nur bezeichnen läßt als ein Karzinom, als
eine Krebskrankheit im Leben der Völker, die in kürzester Zeit in
einer furchtbaren Art zum Ausbruch kommen muß. - Vielleicht
wird die Gewalt der Ereignisse dann doch die Menschen zwingen,
weniger diejenigen als Utopisten anzusehen, die aus dieser Seelen-
verfassung heraus sprechen, als die anderen, die mit dem, was sie sa-
gen, so gut die Ereignisse treffen, wie ich es Ihnen eben angedeutet
habe. Heute wiederum hört man die Praktiker, die sich über man-
ches hermachen, was sie als Utopien bezeichnen, sagen: Wir können
in der Gegenwart nicht gleich die höchsten Berggipfel einer Neuord-
nung in der menschlichen gesellschaftlichen Ordnung besteigen, wir
müssen Schritt für Schritt vorwärtsgehen. Gewiß seien manche Ge-
danken - sagen solche Leute - ja schön, und man werde vielleicht
auch zu solchen Dingen in Jahrhunderten einmal kommen; aber
heute sei es uns auferlegt, eben die nächsten Schritte zu tun.
Nun ist es ganz gewiß einfach eine Selbstverständlichkeit, daß
man zunächst die allernächsten Schritte tun muß, aber derjenige
wird schlecht einen Berg heraufsteigen, der sich gar keine Vorstel-
lung macht, wenn er schon den nächsten Schritt unternimmt, wel-
ches seine Wegrichtung sein soll; der sich gar keine Vorstellung da-
von macht, in welcher Richtung der Gipfel eigentlich liegt. Und wer
nicht im Sinne dieser Utopieverächter denkt, sondern vielleicht ge-
rade in einem realistischen Sinne denkt, der wird heute vielleicht
noch von einem anderen Vergleich ausgehen müssen gegenüber
dem, was im Keime verborgen liegt und auch in furchtbarer Weise
zum Ausbruche kommen könnte. Er wird vielleicht nicht ausgehen
müssen von jenem Karzinom, das ja in der Kriegskatastrophe der
letzten Jahre zum Ausbruch gekommen ist. Er wird aber darauf hin-
weisen müssen, daß viele Menschen jetzt so denken, wie diejenigen,
die ein Haus bewohnen, das Risse und Sprünge hat, die dem Haus
mit Einsturz drohen, die aber sich nicht dazu entschließen können,
etwas vorzunehmen zum Neubau des Hauses, sondern die in allerlei
Beratungen darüber eintreten, wie man die einzelnen Zimmer, die
man da bewohnt, miteinander durch Türen verbinden kann, damit
man durch diese Türen leichter die Möglichkeit hat, sich gegenseitig
zu helfen. - Es wird die Hilfe, die man durch diese Türen sich leisten
kann, dann wenig helfen, wenn die Sprünge zu einer entsprechen-
den Stärke gediehen sein werden!
Solche Dinge zu denken, liegt, wie es scheint, wohl in der Ent-
wicklung der Tatsachen, die heute eine lautere und deutlichere Spra-
che sprechen, als die Menschen oftmals geneigt sind heute zu hören.
Nun hat diese Weltkriegskatastrophe aus den Schrecknissen her-
aus, die zu durchleben waren, eine Empfindung losgelöst, die sich in
solchen Ansichten allmählich kristallisiert hat, wie sie auch jetzt
wiederum zugrunde liegen der bedeutungsvollen Versammlung, die
hier in Bern als eine Völkerbundskonferenz abgehalten wird. Der
Ruf nach einem Völkerbund, er hat sich herausentwickelt aus den
schreckhaften Ereignissen der letzten Jahre. Man wird aber sagen
müssen, daß es vielleicht doch gerechtfertigt erscheinen könnte, mit
anderen Empfindungen noch an das heranzugehen, was in diesem
Ruf nach dem Völkerbund liegt, als dies manche heute tun. Denn
vielleicht ist es doch wichtiger, nicht allein zu fragen: Was könnte
man für diesen Völkerbund tun? Welche Maßregeln könnte man
unternehmen, damit er in der besten Weise - wie man sich das vor-
stellt - zustande kommt? Sondern es könnte vielleicht gerade die
Frage aufgeworfen werden: Welche Grundlagen bestehen im Leben
der Völker für die Errichtung eines solchen Völkerbundes ? Denn al-
lein wenn man hinsieht auf die Kräfte, die im Völkerleben sind,
kann man vielleicht aus diesen Kräften erkennen, inwieweit man in
der Lage ist, mit einem solchen Völkerbund etwas Fruchtbares zu
erreichen. Und scheint es nicht notwendig, ich möchte sagen, nach
dieser Richtung hin die Frage etwas zu verschieben, da ja die wichti-
ge, der Welt besonders einleuchtende Konzeption dieses Völkerbun-
des zusammen mit einem Gedanken entstanden ist, von dessen Ver-
wirklichung heute gar nicht mehr die Rede sein kann? Im Jahre
1917 tauchte in einer Rede Wilsons vor dem amerikanischen Senat
ein Gedanke auf, der in Verbindung mit einem anderen Gedanken
etwa so lautete: Das, was man anstreben könne mit diesem Völker-
bund, das habe eine gewisse Voraussetzung, die Voraussetzung näm-
lich, daß in den Kriegsereignissen sich weder von der einen noch
von der anderen Seite dasjenige ergebe, was man im entschiedenen
Sinne nennen müsse Sieg oder Niederlage. - Auf einen Ausgang
blickte Wilson hin, der nicht der von Sieg oder Niederlage der einen
Partei sei. Und aus der Gedankenrichtung nach einem solchen Aus-
gange leitete er die Empfindungen her, die ihn zu diesem Völker-
bund drängten.
Gewiß, der Gedanke hatte in sich eine Realität; aber von derjeni-
gen Realität, an die damals gedacht worden ist, von der kann heute
nicht mehr die Rede sein; denn heute ist der entschiedene Sieg auf
der einen Seite die entschiedene Niederlage auf der anderen Seite. Ja,
vielleicht muß gerade aus diesem Grunde zum Beispiel die Frage
nach dem Völkerbund in ganz anderer Weise gestellt werden.
Mir liegt es ganz besonders nahe, wenn ich schon selbst die Frage
nach dem Völkerbund stelle und mich getraue, sie vor Menschen
heute zu besprechen, diese Frage in einer ganz besonderen Art zu
stellen. Als Angehöriger desjenigen Volkes, auf dessen Seite die ent-
schiedene Niederlage ist, ist es heute nicht möglich, die Frage so zu
stellen, als ob ihre Beantwortung nur hervorgehen könne aus einer
freien Übereinkunft derjenigen Völker, die sich vielleicht verbinden
wollten in einem solchen Völkerbunde, und zu denen ja ihren inner-
sten Empfindungen nach ganz gewiß auch die mitteleuropäischen
Völker gehören. Die Pariser Ereignisse schließen für den Deutschen
eine solche Fragestellung im Grunde genommen heute aus, und man
soll sich darüber keinen Illusionen hingeben. Aber so will ich auch
diese Frage nicht stellen. Mir geht es darum, eine Fragestellung zu
finden und eine entsprechende Antwort zu formulieren, bei der
auch der mitsprechen kann, der vielleicht für die nächsten Zeiten
von der Teilnahme an diesem Völkerbund ausgeschlossen ist. Das
heißt, die Frage wird so gestellt werden müssen: Was kann, gleich-
gültig welche augenblicklichen Vereinbarungen zustande kommen,
jedes einzelne Volk aus seinen eigenen Kräften, ungeachtet dessen,
ob es Sieg oder Niederlage erlitten hat, für einen wirklichen Völker-
bund, der der Menschheit das bringen kann, was von ihr ersehnt
wird, beitragen?
Da aber wird man, da ein Völkerbund es ganz zweifellos zu tun
haben muß mit internationalen Angelegenheiten, sich vor allen Din-
gen den allerwichtigsten internationalen Angelegenheiten zuzuwen-
den haben, die unter allen Umständen in der nächsten Zeit alle Völ-
ker angehen werden.
Wenn man heute solche Verhältnisse behandelt, dann richtet
man, wie man es in der heutigen Zeit gewohnt ist, den Blick zu-
nächst nach zwei Richtungen hin. Man richtet den Blick hin auf der
einen Seite nach dem Staate, und auf der anderen Seite nach dem
Wirtschaftsleben. Diejenigen Menschen, die heute irgend etwas in
bezug auf das Zusammenleben der Menschen wollen, sie sehen mit
Bezug auf die Richtlinien dieses Wollens zunächst auf den Staat hin,
indem sie fragen: Was soll der Staat tun in dieser oder jener Angele-
genheit, für die eine Änderung spruchreif geworden ist? - Oder
aber, um zu einer Erklärung zu kommen, blicken die Leute heute,
wie, ich möchte sagen, mit hypnotisierten Blicken hin nach dem
Wirtschaftsleben; denn die wirtschaftlichen Verhältnisse scheinen
die einzigen zu sein, welche die heutigen Konflikte, die größten
Konflikte wenigstens der Gegenwart, hervorrufen.
Bei diesen Betrachtungen, die von diesen zwei Blickrichtungen
ausgehen, bleibt zunächst eines gewöhnlich unberücksichtigt. Wenn
man auch versichert, man wolle Rechnung tragen den Verhältnissen
der heutigen Zeit, und vor allen Dingen den Blick auf den Menschen
richten, so tut man dies in Wirklichkeit selten. Hier möchte ich ge-
rade versuchen, mich nicht zu scheuen, nachzugehen dem, was man
findet, wenn man den Blick einerseits auf den Staat, andererseits auf
das Wirtschaftsleben richtet. Aber vor allen Dingen möchte ich
nicht außer acht lassen, in ganz energischer Weise eine Frage zu stel-
len, ausgehend vom Gesichtspunkt des Menschen als solchem: Was
haben die Staaten zu tun, um sich zu einem Völkerbunde zu vereini-
gen? Das ist ja dasjenige, was zunächst vor allen Dingen gefragt
wird. Und mancherlei - glauben Sie nicht, daß ich kritisieren oder
verurteilen will -, mancherlei recht Gutes wird für die nächste Zeit
zustande kommen, wenn man diese Frage so aufwirft, indem man
versucht, aus der Konstruktion der Staaten, aus den einzelnen Ge-
pflogenheiten der Staaten nun auch gewissermaßen etwas die Staa-
ten Übergreifendes wie einen Weltenbund oder ein Weltenparla-
ment zu finden. - Allein, ich möchte heute gegenüberstellen der
Frage: Was sollen die Staaten tun? - die andere Frage: Was sollen die
Staaten zum Heile des Menschen unterlassen? - In vieler Beziehung
haben wir ja durch die furchtbaren Ereignisse der letzten Jahre ken-
nengelernt, was die Staaten zuwege gebracht haben mit ihrem Tun;
sie haben eben die Menschheit in diese furchtbare Katastrophe hin-
eingeführt. Wir können es nicht ableugnen, die Staaten sind es, wel-
che die Menschheit in diese furchtbare Katastrophe hineingeführt
haben!
Sollte es da nicht doch naheliegen, einmal zu überlegen, ob ein
Mensch, wenn er gesehen hat, daß er mit seinen Taten allerlei Un-
heil anrichtet, er sich denn da just immer fragen muß: Wie mache
ich die Sache nun anders? - Könnte es nicht einmal nützlicher sein
zu sagen: vielleicht überlasse ich dasjenige, was ich schlecht zustande
gebracht habe, besser einem anderen zu tun? - Da, sehen Sie, wird
vielleicht die Frage auf ein ganz anderes Geleise abgeleitet.
Man muß vielleicht doch zu den wichtigsten internationalen Fra-
gen greifen, wenn man fruchtbare Unterlagen zu demjenigen gewin-
nen will, wovon man sagen kann, daß es die Risse und Sprünge hin-
einbringt in das Haus, das, aus verschiedenen Staaten bestehend, die
gegenwärtige Menschheit bewohnt. Man muß vielleicht fragen: Wo-
her rühren diese Risse und Sprünge? Woher kommt es, daß die Staa-
ten die Menschen in diese furchtbare Kriegskatastrophe hineinge-
trieben haben?
Zwei Dinge sind im Laufe der neueren Zeit ganz gewiß interna-
tional geworden; außer manchem anderen sind es: der Kapitalismus
und die menschliche Arbeitskraft. Zweifellos, einen «Völkerbund»
oder irgend etwas, was dem ähnlich sieht, hatten wir: den Bund,
dem das internationale Kapital zugrunde lag. Und ein anderer «Völ-
kerbund» war auch im Werden, und er macht sich heute sehr gel-
tend: es ist derjenige, dem das Internationale der menschlichen
Arbeitskraft zugrunde liegt. Und man wird auf diese beiden Dinge
zurückgreifen müssen, wenn man zu den fruchtbaren Keimen eines
solchen Völkerbundes kommen will, der nun wirklich auf die Ange-
legenheiten des Menschen als solchem gebaut sein kann.
Bezüglich des Kapitals erleben wir es ja, daß von einer großen
Menge von Menschen die Art und Weise, wie es im Laufe der Zeit
verwaltet wurde und was zum sogenannten Kapitalismus geführt
hat, als dasjenige angesehen wird, was am meisten gerade gegen die
Interessen eines großen Teiles der Menschheit ist, und was außer-
dem durch vieles, was in ihm liegt, dazu geführt hat, daß wir in so
furchtbare Ereignisse hineingekommen sind. Und der Ruf wird von
vielen Seiten erhoben - der sich ausdrückt in einer Gegnerschaft
gegen diesen Kapitalismus -, der radikale Ruf, daß die gesamte auf
den Kapitalismus aufgebaute gesellschaftliche Menschenordnung
geändert werden müsse, daß die privatwirtschaftliche Verwaltung
des Kapitalismus dem weichen müsse, was man heute gewohnt wor-
den ist, die Sozialisierung zu nennen. Dieses, verbunden mit einer
Empfindung über die menschliche Arbeitskraft, das gibt heute dem
internationalen Leben seine Färbung. Man muß es immer wieder
wiederholen: So wenig deutlich es auch zum Ausdruck kommt
in den bewußt ausgesprochenen Gedanken der proletarischen Welt-
bevölkerung, unbewußt lebt es in den Untergründen einer nach
Millionen zählenden Menschenmenge, daß im Laufe der kapitalisti-
sehen Entwickelung gerade die menschliche Arbeitskraft einen Cha-
rakter angenommen hat, den sie weiterhin nicht haben dürfe.
Lassen Sie uns den Blick zunächst nach diesen beiden Richtungen
hin lenken. Das Kapital, die kapitalistische Verwaltung des Wirt-
schaftslebens, muß man, will man sie ganz klar durchschauen, ganz
entschieden trennen von dem, womit sie heute verbunden ist. Zwei
Dinge sind heute mit dem verbunden, was man Kapitalismus nennt:
das eine weist auf etwas hin, was von dem Kapitalismus gar nicht ab-
lösbar ist; das andere ist etwas, das von ihm Abstand nehmen muß.
Man mengt heute in eines zusammen wirtschaftliche Betriebe auf
Grundlage des Kapitals, und privaten Besitz von Kapital. Die Frage
muß aber gestellt werden: Sind diese beiden Dinge voneinander lös-
bar? Denn die private Verwaltung der wirtschaftlichen Betriebe, die
aufgebaut ist auf die größere oder geringere Intensität individueller
menschlicher Fähigkeiten, diese private Verwaltung, die zu ihrer Be-
tätigung eines Hilfsmittels, des Kapitals, bedarf, die kann nicht auf-
gehoben werden. Wer irgendwie sich unbefangen bemüht zu fragen,
unter welchen Verhältnissen der soziale Organismus lebensfähig ist,
wird immer darauf kommen, sich sagen zu müssen: Dieser soziale
Organismus ist nicht lebensfähig, wenn ihm seine wichtigste Quelle
entzogen wird, nämlich dasjenige, was in ihn hineinfließt durch die
individuellen Fähigkeiten, die sich in verschiedenen Maßstäben der
eine oder der andere Mensch aneignen kann. Was in der Richtung
des Kapitals arbeitet, das muß auch in der Richtung der individuel-
len menschlichen Fähigkeiten arbeiten. Das weist darauf hin, daß in
keinerlei Art im Zukunftsstaat trennbar sein kann die notwendige
Beigabe zum sozialen Leben, die von Seiten der individuellen
menschlichen Fähigkeiten kommt, von seinem Mittel, dem Kapital.
Etwas anderes aber ist der private Besitz an Kapital, ist das Eigen-
tum an Privatkapital. Dieses Eigentum an Privatkapital, das hat eine
andere gesellschaftliche Funktion als die Verwaltung der Betriebe,
zu denen Kapital notwendig ist, durch die individuellen menschli-
chen Fähigkeiten. Dadurch, daß jemand, wodurch auch immer, Pri-
vatkapital erwirbt oder erworben hat, dadurch kommt er zu einer
gewissen Macht über andere Menschen. Diese Macht, die zumeist ei-
ne wirtschaftliche Macht sein wird, kann auf keine andere Weise ge-
regelt werden als dadurch, daß sie in Zusammenhang gebracht wird
mit den Rechtsverhältnissen des sozialen Organismus. Dasjenige,
was dem sozialen Organismus wirklich fruchtbare Kräfte zuführt,
das ist die Arbeit, die die individuellen Fähigkeiten durch das Kapi-
tal leisten. Dasjenige aber, was den sozialen Organismus schädigt,
das ist, wenn Menschen, die selber durch ihre individuellen Fähig-
keiten eine solche Arbeit nicht leisten können, dennoch durch ir-
gendwelche Verhältnisse in dauerndem Besitze von Kapital sind.
Denn solche haben wirtschaftliche Macht. Was heißt es denn: Kapi-
tal haben? - Kapital haben heißt: eine Anzahl von Menschen nach
seinen Intentionen arbeiten zu lassen, Macht haben über die Arbeit
einer Anzahl von Menschen.
Die Gesundung kann nur dadurch herbeigeführt werden, daß al-
les, was mit dem Mittel des Kapitals erarbeitet werden muß im sozia-
len Organismus, nicht abgetrennt wird von der menschlichen Per-
sönlichkeit mit ihren individuellen Fähigkeiten, die dahinter stehen.
Gerade aber durch den Besitz des Kapitals auf Seiten solcher Perso-
nen, welche nicht ihre individuellen Fähigkeiten in die Verwendung
des Kapitals hineinlegen, gerade dadurch wird immer wieder und
wiederum im sozialen Organismus losgelöst das Fruchtbare der Ka-
pitalwirkung von demjenigen, was Kapital im allgemeinen ist, und
was auch sehr, sehr schädliche Folgen für das soziale Zusammenle-
ben der Menschen haben kann. Das heißt, wir stehen im gegenwär-
tigen, geschichtlichen Augenblicke der Menschheit vor der Notwen-
digkeit, daß abgetrennt werden muß der Besitz des Kapitals von der
Verwaltung des Kapitals. Das ist die eine Frage. Lassen wir sie zu-
nächst so stehen. Wir werden gleich nachher sehen, welcher mögli-
che Lösungsversuch sich für diese Frage ergeben kann.
Das zweite ist die Frage nach der sozialen Bedeutung der mensch-
lichen Arbeitskraft. Diese soziale Bedeutung der menschlichen Ar-
beitskraft sieht man ein, wenn man verfolgen kann, was im letzten
Jahrzehnte durch die Seelen der proletarischen Bevölkerung gezo-
gen ist, wenn man gesehen hat, wie einschlagend in diese Seelen das-
jenige war, was ein Karl Marx und diejenigen, die in seiner Richtung
gearbeitet haben, über diese menschliche Arbeitskraft gesagt haben.
Was Karl Marx in seiner Theorie von dem Mehrwert gesagt hat, es
schlug zündend ein in die Proletarierseelen! Warum? Weil Empfin-
dungen in ihnen waren, die diese Frage nach der menschlichen Ar-
beitskraft zusammenbrachten mit den tiefsten Fragen nach der Men-
schenwürde und nach einem menschenwerten Dasein überhaupt. In
solche Worte mußte Marx kleiden, was er über die soziale Bedeu-
tung der menschlichen Arbeitskraft zu sagen hatte, welche besagten,
daß die menschliche Arbeitskraft durch die moderne kapitalistische
Wirtschaftsordnung bisher noch nicht befreit wurde von dem Cha-
rakter, eine Ware zu sein. Im Wirtschaftsprozeß zirkulieren Waren;
aber im modernen Wirtschaftsprozeß zirkulieren nicht nur Waren;
da folgen nicht nur Waren den Geboten des Angebotes und der
Nachfrage, da kommen auf den Warenmarkt, der in diesem Falle
Arbeitsmarkt heißen muß, auch die menschlichen Arbeitskräfte
zum Angebot, und sie werden bezahlt, so wie sonst Waren bezahlt
werden. Derjenige, der seine menschliche Arbeitskraft zum Markte
zu tragen hat, der empfindet, trotz des Vorhandenseins des moder-
nen Arbeitsvertrages, das Entwürdigende für seinen Menschenwert,
wenn er also die Arbeitskraft zur Ware gemacht sieht. Denn dieser
moderne Arbeitsvertrag, er wird unter der Voraussetzung geschlos-
sen, daß der Arbeitsleiter - in diesem Falle der Unternehmer - dem
Arbeiter seine Arbeitskraft abnimmt gegen eine Entschädigung, die
sich eben auf dem Wirtschaftsmarkte als notwendig erweist. Kurz:
die Arbeitskraft wird zur Ware gemacht.
Erst dadurch wird aber diese Frage gelöst werden können, daß
man nicht stehenbleibt bei demjenigen, was Karl Marx ausgespro-
chen hat. Es wird heute eine Lebensfrage sein für das, was zu errei-
chen ist - sei es auf Seiten der proletarischen Bevölkerung, sei es auf
seiten der bürgerlichen leitenden, führenden Kreise -, gerade in die-
sem Punkte die Befreiung dadurch herbeizuführen, daß man in der
richtigen Weise hinausgehen lernt über dasjenige, was Karl Marx der
proletarischen Bevölkerung auf diesem Gebiete hat beibringen kön-
nen. Wo auch heute Leute sind, die da glauben, mit ihrem sozialen
Wollen ganz in der Richtung des Proletariats zu denken, immer und
immer liegt ihnen doch die Empfindung zugrunde: derjenige, der
sonst besitzlos ist, der nur seine Arbeitskraft hat, er muß eben auf
Lohn ausgehen; das heißt, er muß seine Arbeitskraft zur Ware ma-
chen. Wie kann man am besten die Arbeitskraft zur Ware machen? -
so etwa wird die Frage formuliert, wie kann man sie am erträgnis-
reichsten machen? - Man wird niemals diese Frage in einer solchen
Weise lösen, daß aus ihr nicht neue soziale Erschütterungen hervor-
gehen können, wenn man nicht die entgegengesetzte Forderung auf-
stellt: Wie kann menschliche Arbeitskraft überhaupt des Charakters
der Ware entkleidet werden ? Wie ist eine soziale Organisation mög-
lich, in welcher die menschliche Arbeitskraft fortan keine Ware
mehr ist? - Der Tatbestand des Arbeitens ergibt ja im eigentlichen
Sinne doch das folgende. Durch die gemeinsame - nennen wir es
jetzt Arbeit -, durch die gemeinsame Arbeit des handwerklich Ar-
beitenden und des geistig Leitenden entsteht ein Produkt. Die Frage
ist diese: Wodurch kann diese gemeinsame Erzeugung eines Produk-
tes für den Warenmarkt in ein befriedigendes Verhältnis gebracht
werden zu dem, was man heute den Arbeitnehmer, und zu dem, was
man heute den Arbeitgeber nennt?
Dies sind doch die zwei bedeutungsvollsten Fragen, die heute
über das ganze internationale Völkerleben hin aufgeworfen werden
können und müssen: Was steckt in der Verwendung des Kapitals im
menschlichen sozialen Leben? Was steckt auf der anderen Seite in
dem Hineinfließen der menschlichen Arbeitskraft in dieses soziale
menschliche Leben?
Der Arbeiter heute - betrachten wir seine Lage -, er kann, wenn
er das eben auch nicht ausspricht, wenn auch Marx nicht gelernt
hat, in dieser Richtung zu Ende zu denken, der Arbeiter kann emp-
finden: Mit dem Unternehmer gemeinsam verfertige ich mein Pro-
dukt, Dasjenige, was an der Arbeitsstätte erzeugt wird, das geht von
uns beiden aus. Darum kann es sich nur handeln: welche Teilung
tritt ein zwischen dem, was man heute den Unternehmer nennt,
und demjenigen, der heute der handwerklich Arbeitende ist? Und
eine solche Teilung muß eintreten, welche nach beiden Seiten hin
befriedigend sein kann im unmittelbaren konkreten Falle.
Was ist denn eigentlich heute das Verhältnis, das sich abspielt zwi-
schen dem Arbeitgeber und dem Arbeitnehmer? Ich will nicht in
agitatorische Phrasen hinein verfallen. Nüchtern aber wollen wir
dieses ganze Verhältnis betrachten, nüchtern, wie es - allerdings
nicht einmal in klaren Begriffen - von dem heutigen Proletarier for-
muliert wird, wie es aber in den unterbewußten Empfindungen die-
ser Proletarier ganz tief und intensiv sitzt. Da der Arbeiter durch die
wirtschaftliche Macht des Unternehmers nicht in der Lage ist, über
dasjenige, was sie gemeinsam als Ware erzeugen, oder was das ge-
meinsame Erträgnis dieser Ware ist, darüber, wieviel dem einen und
dem anderen zufällt, einen Vertrag abzuschließen, da er nur in der
Lage ist, einen Arbeitsvertrag abzuschließen, so gerät der Arbeiter in
eine Seelenverfassung hinein, die ihm die Empfindung gibt, daß im
Grunde genommen niemals irgendwelche Arbeitskraft verglichen
werden kann mit irgendeiner Ware. Und doch spricht man heute
davon, daß man im Wirtschaftsprozeß Ware gegen Ware bezie-
hungsweise ihren Repräsentanten, das Geld, austauscht. Und man
spricht auch davon, daß man Ware beziehungsweise ihren Repräsen-
tanten, das Geld, gegen menschliche Arbeitskraft austauscht. So be-
kommt der Arbeiter heute die Empfindung, er arbeite zwar gemein-
sam mit dem Unternehmer an der Erzeugung der Waren, werde
aber eigentlich übervorteilt, indem ihm der ihm zustehende Teil
eben nicht zukommt.
Dadurch wird man schon hingewiesen darauf, daß die individuel-
len menschlichen Fähigkeiten, die sich des Kapitals bedienen müs-
sen, eigentlich auf einer schiefen Ebene laufen. Denn was diese indi-
viduellen menschlichen Fähigkeiten zuwege bringen, indem sie aus
der menschlichen Geistes- oder Körperkraft heraus das Kapital ver-
walten, das empfindet ein großer Teil der Menschheit als Übervor-
teilung, als eine Art Betrug. Ob das nun berechtigt ist oder nicht,
darüber wollen wir augenblicklich nicht nachforschen; aber emp-
funden wird es so. Und in der Empfindung bildet es die Grundlage
für die lautsprechenden Tatsachen der Gegenwart.
Damit aber wird man darauf gewiesen, daß die individuellen
Fähigkeiten der Menschen in etwas wurzeln müssen, das in einer
schiefen Art sich heute in den sozialen Organismus hineinstellt,
oder wenigstens hineinstellen kann. Diese Verwertung der indivi-
duellen Fähigkeiten des Menschen, sie ist verbunden heute im mo-
dernen kapitalistischen Wirtschaftsbetrieb mit dem Aneignen des
Besitzes der Produktionsmittel; sie ist dadurch verbunden mit dem
Aneignen einer bestimmten wirtschaftlichen Gewalt, einer wirt-
schaftlichen Übermacht. Dasjenige aber, was sich in einer Gewalt
ausdrücken kann, was sich in dieser Übermacht eines Menschen
über den anderen ausdrücken kann, das ist nichts anderes, als was im
menschlichen Leben ein Rechtsverhältnis ausmacht.
Wer nun einmal den Blick darauf lenkt, wie sich in merkwürdiger
Weise ein Rechtsverhältnis verquickt mit der Anwendung indivi-
dueller menschlicher Fähigkeiten, der wird vielleicht, wie es dem ge-
gangen ist, der hier zu Ihnen spricht, seinen Blick richten müssen
auf etwas, was tiefer in der ganzen Natur des sozialen Organismus
begründet ist als die Dinge, die man heute sehr häufig sucht. Es liegt
ja nahe, von solchen Voraussetzungen aus zu fragen: Wie ist Recht
und wie ist Aufwendung individueller menschlicher Fähigkeiten,
die immerzu aufs neue produktiv sein müssen, die aus ihrem Ur-
quell im Menschen immer wieder aufs neue hervorkommen müssen,
wie ist Verwertung individueller Fähigkeiten im sozialen Organis-
mus begründet?
Wer sich einen unbefangenen Blick auf das menschliche Leben
bewahrt hat, der wird allmählich dann zur Einsicht kommen, daß in
einem sozialen Organismus drei ganz verschiedene, ursprüngliche
Quellen des menschlichen Lebens zu unterscheiden sind. Diese drei
ursprünglichen Quellen des menschlichen Lebens, sie fließen ganz
natürlich im sozialen Organismus zusammen, sie wirken zusam-
men. Aber die Art und Weise, wie sie zusammen wirken, wird man
nur ergründen können, wenn man vermag, auf die Wirklichkeit des
Menschen als solchen hinzuschauen, der eine Einheit, ein einheitli-
ches Wesen innerhalb der sozialen Dreiheit sein muß.
Im sozialen Organismus sind zunächst einmal diese individuellen
menschlichen Fähigkeiten vorhanden. Und wir können ihr Gebiet
verfolgen von den höchsten geistigen Leistungen des Menschen in
der Kunst, in der Wissenschaft, im religiösen Leben bis herab zu je-
ner Form der Anwendung individueller menschlicher Fähigkeiten,
wie sie mehr oder weniger im Seelischen oder im Körperlichen be-
gründet sind, bis zu jener Anwendung individuell-menschlicher Fä-
higkeiten, die im gewöhnlichsten, im materialistischen Prozesse ver-
wendet werden müssen, der auf kapitalistischer Grundlage beruht,
bis in den Wirtschaftsprozeß hinein, den man gewöhnlich mit ei-
nem absprechenden Worte den materiellen Bereich nennt. Bis da
hinein läßt sich eine einheitliche Strömung von den sonstigen Gei-
stesleistungen herunter verfolgen. Innerhalb dieses Gebietes beruht
dann alles auf der entsprechenden, auf der fruchtbaren Anwendung
dessen, was immer von neuem aus den Urquellen der menschlichen
Natur herausgehoben werden muß, wenn es in der richtigen Weise
hineinfließen soll in den gesunden sozialen Organismus.
Ganz anders lebt im gesunden sozialen Organismus alles das, was
sich auf das Recht begründet. Denn dieses Recht ist etwas, was sich
abspielt zwischen Mensch und Mensch einfach dadurch, daß der
Mensch eben im allgemeinen Mensch ist. Wir müssen die Möglich-
keit haben, im sozialen Leben unsere individuellen Fähigkeiten aus-
zugestalten. Je besser wir sie ausgestalten, desto besser für die Allge-
meinheit des sozialen Organismus. Je mehr wir Freiheit haben im
Herausholen und im Verwerten unserer individuellen Fähigkeiten,
desto besser für den sozialen Organismus. Schroff steht dem gegen-
über im wirklichen Leben für jeden, der nicht von Theorien, von
Dogmen ausgeht, der das wahre Leben zu beobachten in der Lage
ist, alles das, was als Recht spielen muß zwischen Menschen. Da
kommt nichts anderes in Betracht als das, worin alle Menschen sich
einander gleich gegenüberstehen.
Und ein Drittes, was im menschlichen sozialen Zusammenleben
spielt, was wiederum total verschieden ist von den beiden anderen -
den individuellen menschlichen Fähigkeiten, die aus den Ungleich-
heiten der menschlichen Natur kommen, dem Recht, das aus dem
Rechtsbewußtsein kommt -, das ist das menschliche Bedürfnis, das
aus den Naturgrundlagen des körperlichen und seelischen Lebens
kommt, und das im Kreislauf des Wirtschaftslebens durch Produk-
tion, durch Zirkulation und Konsumtion seine Befriedigung finden
muß.
Diese Dreigliederung des sozialen Organismus hat nicht irgendein
abstraktes Denken zustande gebracht, diese Dreigliederung ist da.
Und die Frage kann nur sein: Wie kann diese Dreigliederung in der
entsprechenden Weise reguliert werden, so daß nicht ein kranker,
sondern ein gesunder sozialer Organismus herauskommt? Da führt
denn - und ich kann in diesen Andeutungen selbstverständlich nur
Ergebnisse anführen -, da führt denn ein unbefangenes Betrachten
des sozialen Organismus dazu, sich zu sagen: Gerade die Verken-
nung dieser radikalen Verschiedenheit der drei Quellen des sozialen
Lebens im Verlaufe der neueren geschichtlichen Entwickelung hat
zu der Erörterung geführt, in der wir heute schon drinnenstehen,
und in der wir immer mehr und mehr drinnenstehen werden. In ei-
ner unrechtmäßigen Weise sind im Laufe der neueren Zeit diese drei
Strömungen des menschlichen Zusammenwirkens vermengt worden.
Wodurch hat es begonnen? Als in der neueren Zeit das wirt-
schaftliche Leben, ich möchte sagen, den Blick wie hypnotisiert in
Anspruch nahm, da hat man es im Fortschritt der Menschheit be-
gründet gefunden, mit dem rein politischen Staate - der es ja zu tun
hat mit dem, worin alle Menschen gleich sind, mit dem eigentlichen
Rechte - zu verschmelzen zunächst gewisse Wirtschaftszweige, be-
sonders das Telegraphenwesen, Eisenbahnwesen und so weiter, also
diejenigen Wirtschaftszweige, welche als die geeignetsten erschie-
nen, mit dem Staate verquickt zu werden, auf den ja auch, wie auf
das Wirtschaftsleben, der menschliche Blick wie hypnotisiert hinge-
richtet war. Und was tut im Grunde genommen der sozialistisch
Denkende von heute? Er tritt nur das Erbe des bürgerlichen Den-
kens in dieser Beziehung an. Er will, daß nun nicht bloß gewisse ein-
zelne geeignet erscheinende Wirtschaftszweige verstaatlicht oder
vergesellschaftet werden. Er will entweder den gesamten Besitz oder
den gesamten Betrieb sozialisieren, vergesellschaften. Er will nur die
letzte Konsequenz desjenigen ziehen, was da getan worden ist.
Nun könnte man vieles anführen. Man braucht nur auf äußerem
politischem Gebiet anzuführen, welche Rolle unter den Verhängnis-
vollen Kriegsursachen, wie sie sich seit Jahren vorbereitet haben,
dasjenige spielt, was ich zu bezeichnen brauche mit dem einzigen
Wort «Bagdadbahn». Solche Dinge ließen sich zu Hunderten und
Hunderten anführen. Was bedeuten solche Dinge? Solche Dinge be-
deuten ein Zusammenwachsen wirtschaftlicher Interessen mit dem
reinen Staatsinteresse. So daß zuletzt das herauskommt, daß die Ver-
walter des Staatslebens sich dazu hergeben müssen, die Dienste, die
ihnen vermöge ihrer Macht möglich sind, wirtschaftlichen Interes-
sen folgend, zu leisten. Und in die Konflikte der wirtschaftlichen In-
teressen werden die politischen Interessen der Staaten auf diese Wei-
se hineingezogen. Die ganze Konfiguration der Staaten hat in der
neueren Zeit diese Vermengung des Wirtschaftslebens mit dem poli-
tischen Leben gezeigt.
Wer gerade das mitteleuropäische Leben von diesem Gesichts-
punkte aus betrachten konnte - wie derjenige, der heute zu Ihnen
spricht, es auf österreichischem Gebiete betrachten konnte -, der
weiß, daß viel zu dem, was heute den österreichischen Staat ausge-
löscht hat aus dem Kreise des Bestehenden, dasjenige beigetragen
hat, woran die Leute am wenigsten denken. Als man in den sechzi-
ger Jahren in Österreich daran dachte, ein Verfassungsleben einzu-
richten, wurde dieses Verfassungsleben darauf begründet, daß man
eigentlich für die Staatskonfiguration das bloße Wirtschaftsleben
herangezogen hat. Für den österreichischen Reichsrat war das Wäh-
len so eingerichtet, daß vier Wahlkurien wählten: die der Groß-
grundbesitzer, die der Handelskammern, die der Städte, Märkte und
Industrialorte sowie die der Landgemeinden, lauter wirtschaftliche
Gemeinschaften. Was aus diesen wirtschaftlichen Gemeinschaften
heraus gewählt wurde, das machte in Österreich das Recht. Was da
als Recht aus den rein wirtschaftlichen Interessen heraus entstand,
das konnte selbstverständlich nicht zurechtkommen mit etwas, was
aus geistig-individuellen Unterlagen der Menschheit heraus kommt:
mit den Völkerinteressen des sogenannten österreichischen Staates.
Und so verquickten sich die Dinge in der Weise, daß zum Recht ge-
macht wurde, was die von den vier Wirtschaftskurien Gewählten in
einem Scheinstaate aus ihren wirtschaftlichen Interessen heraus zum
Recht machen wollten. Das wiederum konfundierte sich mit dem,
was man aus den Empfindungen der neueren Zeit heraus besonders
gern konfundiert, das konfundierte sich mit den geistigen Interessen
und Aspirationen der Menschheit, mit all dem, was man nennen
kann den ganzen Umfang des geistigen Lebens.
Wenn auf der einen Seite das Wirtschaftsleben einbezogen ist in
das moderne Staatsleben, so ist auf der anderen Seite einbezogen
worden in dieses Staatsleben das gesamte geistige Leben. Man hat ja
auch darin dasjenige gesehen, was gerade im Sinne des modernen
Menschheitsfortschrittes liegt. Alles geistige Leben nach und nach
zu einem Gliede des politischen Staatslebens zu machen, das wurde
das Ideal. Wieviel ist heute noch frei geblieben? Einzelne Zweige der
Kunst und einzelne Zweige der Wissenschaft, die von denjenigen be-
sorgt werden, die nicht von einem Staate angestellt werden mögen,
und ähnliches. Man hat heute noch keinen Sinn dafür, daß geistiges
Leben seine Wirklichkeit nur dann dem sozialen Organismus in der
richtigen Weise eingliedern kann, wenn dieses geistige Leben völlig
emanzipiert von allem übrigen Leben auf sich selbst gestellt ist,
wenn es sich selbst seine Verwaltung, seine Struktur geben kann.
Während man in der neueren Zeit immer mehr und mehr danach
strebte, das ganze Schulwesen zu verstaatlichen, liegt es in den Ent-
wickelungskräften gerade des modernen Menschen, auf diesem Ge-
biete eine völlige Umkehr zu bewirken. Man stelle sich nur einmal
vor: Wenn der unterste Lehrer nicht der Diener des Staates ist, son-
dern wenn der unterste Lehrer sich hineinzustellen weiß in ein frei
organisiertes Geistesleben, sich hineinzustellen weiß in einen geisti-
gen Organismus, wie anders er dasjenige, was er zu leisten vermag,
dann gerade der Einheit des menschlichen sozialen Organismus ein-
gliedern kann, wie anders, als wenn der Staat von ihm fordert, was
er zu tun oder zu lassen hat, was er dem werdenden Menschen bei-
zubringen hat!
Diejenigen, welche über diese Dinge urteilen, die glauben viel-
leicht aus mancherlei üblen Erfahrungen, die gemacht worden sind,
daß die Leute, die zum Beispiel die Wissenschaft zu besorgen haben,
von der wieder so viel abhängt, nach gewissen Rücksichten ange-
stellt werden. Aber die Wissenschaft selbst und ihre Lehre sind frei.
Solche Gesetze findet man ja in den verschiedensten Staaten. Und
daß dies so sei, behaupten ja auch viele Leute. Wer die Dinge wirk-
lich kennt, der weiß, daß nicht nur in bezug auf die Anstellung,
nicht nur in bezug auf die Verwaltung der geistigen Ämter diese
Überschreitungen eintreten, sondern auch in der Arbeit selbst. Frei-
es Geistesleben, das kraftvoll mit seiner eigenen Wirklichkeit sich
hineinstellen kann in den gesunden sozialen Organismus, das muß
sich auch frei und abgesondert vom staatlichen und Wirtschafts-
leben als auf sich selbst gestellt entwickeln können.
Ich kenne die billigen Einwände, die gemacht werden können:
«Wenn wiederum die Schule befreit sein wird von dem Staatszwan-
ge, wenn jeder seine Kinder in die Schule schicken kann aus dem Ei-
fer, den er für die geistige Bildung hat, dann kehren wir wieder in
den Analphabetismus zurück.» Menschen, die so sprechen, rechnen
mit alten Empfindungen in modernen Verhältnissen. Wir werden
gleich sehen, wie diese modernen Verhältnisse ganz anderes bewir-
ken, als diese Menschen mit den alten Empfindungen vermuten.
Dasjenige aber ergibt sich - es muß vorausgeschickt werden -, daß
die wirkliche Wahrheit nur leben kann im sozialen Organismus,
wenn die notwendige Gliederung auch vorhanden ist und das fol-
gende umfaßt: den geistigen Organismus, der auf die individuellen
körperlichen und seelischen Fähigkeiten der Menschen gebaut ist -
was wir auch das geistige Leben in seinem vollen Umfange nennen
könnten; den Rechtsorganismus, der das Gebiet des eigentlichen po-
litischen Staates umfaßt; und den Kreislauf der Wirtschaftsprozesse,
in dem bloß Warenproduktion, -Zirkulation und -konsumtion be-
sorgt werden.
Man glaube nicht, daß dadurch die Einheit des Lebens zerstört
wird. Im Gegenteil, ein jedes dieser Glieder des gesunden sozialen
Organismus wird gerade dadurch wieder gesund werden, daß es sei-
ne Kräfte aus sich selbst bekommt und jedes Glied dem anderen die
entsprechende Beisteuer geben kann. Und so muß von demjenigen,
der auf die Gesundung unserer sozialen Verhältnisse hinsteuert, ge-
fordert werden die Verselbständigung dieser drei Glieder, die ein
wirres Denken und ein wirres Handeln in dem letzten Jahrhunderte
zusammengeschmolzen hat, also die Verselbständigung dieser drei
Glieder: des geistigen Lebens, des Rechtslebens und des Lebens, das
den Kreislauf des Wirtschaftsprozesses umfaßt.
Der Staat kann nicht Wirtschafter sein. Das wirtschaftliche Leben
muß notwendig nach seinen eigenen Verhältnissen auf seine eigene
Grundlage gestellt werden. Im wirtschaftlichen Leben hat sich dies
auch bis zu einem gewissen Grade herausgebildet im genossenschaft-
lichen, im gewerkschaftlichen Leben. Aber dieses genossenschaftli-
che, gewerkschaftliche Leben ist immer wieder in ungehöriger Wei-
se verquickt worden mit Rechtsverhältnissen. Dasjenige, was not-
wendig ist im wirtschaftlichen Leben, ist das Assoziationenwesen,
also die Zusammenschließung gewisser Menschenkreise nach den
Bedürfnissen des Konsums und der dazu notwendigen Produktion,
die Zusammenschließung von Menschen nach Berufsinteressen und
die Verwaltung desjenigen, was innerhalb dieser Kreise zirkuliert
nach entsprechenden menschlichen Bedürfnissen, wie es sich nur
aus einem sachverständigen Urteil des Wirtschaftslebens selbst erge-
ben kann.
In dieses Leben spielen nun die Wirkungen der menschlichen Ar-
beitskraft hinein, spielen hinein die Wirkungen des Kapitals. Ich
kann nur in einigen Linien andeuten, wie diese Wirkungen sich bil-
den. Die Verwendung der menschlichen Arbeitskraft im sozialen
Organismus besteht in dem Verhältnisse desjenigen, der handwerk-
lich arbeitet, zu irgendeinem geistigen Leiter, der sich des Kapitals
bedienen muß, indem er irgendeinen wirtschaftlichen Betrieb oder
überhaupt irgend etwas dem sozialen Organismus Nutzbringendes
verwaltet. Dieses Verhältnis kann nur ein Rechtsverhältnis sein. Das
Verhältnis, das der Arbeiter zu dem Unternehmer einnimmt, muß
sich auf ein Recht begründen. Das muß auf einem anderen Boden
begründet werden, als auf dem Boden des Wirtschaftslebens selbst.
Dadurch wird ein radikal anderes herbeigeführt, als wir es heute ha-
ben. Aber man muß heute gegenüber den radikalen Tatsachen auch
zu radikalen Urteilen kommen. Das Wirtschaftsleben ist heute auf
der einen Seite abhängig von der Naturgrundlage. Dieser muß der
Mensch mit sachverständigem Urteil gegenüberstehen. Er kann in
einer gewissen Weise das eine oder andere Bodenstück durch seinen
Fleiß und die Technik fruchtbar machen, aber nur innerhalb gewis-
ser Grenzen. Er ist in weitem Maße abhängig von seiner Natur-
grundlage. Ebenso wie das Wirtschaftsleben auf der einen Seite von
der Naturgrundlage abhängig ist, ebenso muß es abhängig werden
von dem, was festgestellt werden muß auf der Grundlage des Rechts-
staates, in dem Zusammenwirken aller Menschen, gleichgültig wel-
che Art von Arbeit sie betreiben. Ob sie geistige oder Handarbeiter
sind, sie gehen auf dem Boden des Rechtsstaates ein Verhältnis ein in
dem die Gleichheit der Menschen untereinander in Betracht
kommt. Und es wird festgestellt, jetzt nicht in assoziativer Weise,
wie es im Wirtschaftsleben sein muß, sondern in rein demokrati-
scher Weise, in einer Weise, die die Wirkungen auf dem politischen
Gebiete des Staates für alle Menschen gleich macht vor dem Gesetze.
Da wird das festgelegt, was sich auf die Verwertung der menschli-
chen Arbeitskraft bezieht, festgelegt, was sich auf das Verhältnis
vom Arbeiter zum Leiter bezieht. Da kann nur festgesetzt werden
ein Maximal- oder Minimalarbeitstag und die Art der Arbeit, die ein
Mensch leisten kann. Dasjenige, was festgesetzt wird - das muß be-
achtet werden -, wird zurückwirken auf den Volkswohlstand.
Wenn irgendein Produktionszweig nicht gedeihen sollte, aus dem
Grunde, weil für ihn zu viel rechtlich unmögliche Arbeit gefordert
wird, so soll sie nicht geleistet werden; dann soll auf andere Weise
Abhilfe geschaffen werden. Das Wirtschaftsleben soll auf beiden Sei-
ten an die Grenzen kommen: auf der einen Seite an die Grenze sei-
ner naturwissenschaftlichen Grundlage, auf der anderen Seite an die
Grenze des Rechtes. Kurz, wir kommen von dem einen Glied des
sozialen Organismus zu dem anderen Glied, dem politischen Staate,
in dem im weitesten Umfange alles Rechtliche und alles dem Rechte
Verwandte reguliert wird.
Und wir kommen dann zum dritten Gliede, das sich wiederum
aus seinen eigenen Verhältnissen und Bedürfnissen regulieren und
Gesetze geben muß: das ist die Organisation des Geistigen. Das Gei-
stige muß darauf beruhen, daß auf der einen Seite die freie Initiative
des Menschen steht, so daß der Mensch in der Lage ist, im freien
Geistesleben seine Kräfte individuell der Menschheit anzubieten.
Auf der anderen Seite muß das freie Verständnis und das freie Entge-
gennehmen dieser Geisteskräfte liegen. Wie kann das sein? Das
kann nur dadurch sein, daß bis in jene Verwendung des Geistesle-
bens, die sich ausdrückt in der Verwertung des Kapitals, das geistige
Leben, das frei ist im Schulleben, in allen geistigen Zweigen, daß bis
in die Verwendung des Kapitals hinein das geistige Leben einzig und
allein verwaltet wird von der geistigen Organisation. Wie ist das
möglich? Das ist nur dadurch möglich, daß nun wirklich jene Sozia-
lisierung eintritt, die nicht dadurch eintreten kann, daß man die
menschliche Gesellschaft zu einer einheitlichen Genossenschaft
macht, bei der vielleicht nur wirtschaftliche Interessen sich geltend
machen, und alles aus wirtschaftlichen Interessen organisiert werden
soll. Gliedert sich ab in gesunder Weise der geistige Organismus, frei
von den beiden anderen Zweigen, dem Staats- und dem Wirtschafts-
organismus, die angeführt worden sind, und ist man in der Lage,
von jenem geistigen Organismus aus auch jene Verwaltung zu
besorgen, die sich bezieht auf die Verwendung des Kapitals und das
ganze Wirtschaftsleben, das heißt: werden ausgefüllt alle Stellen,
die im Wirtschaftsleben notwendig sind, durch die Verwaltung
der geistigen Organisation, wird der Mensch mit seinen individuel-
len Fähigkeiten in das Wirtschaftsleben hineingestellt von der gei-
stigen Organisation aus, dann kommt man allein zu einer gesun-
den, fruchtbaren Sozialisierung. Denn nur damit ist man in der
Lage, das, was der Besitz des privaten Kapitals ist, von der Verwal-
tung dieses Kapitals zugunsten des gesunden sozialen Organismus
abzutrennen.
Was wird da eintreten? Nun, es wird mancherlei eintreten. Ich
will nur beispielhaft einiges anführen. Es ist ganz selbstverständlich,
daß der Mensch im Wirtschaftsprozesse privates Kapital, Eigentum
erwirbt. Aber so wenig man die Verwertung dieses privaten Kapitals
von der Verwertung der individuellen Fähigkeiten wird trennen
dürfen unmittelbar, solange diese individuellen Fähigkeiten des
Menschen tätig sein können, so sehr wird notwendig sein dann,
wenn deren Tätigkeit aufhört, die Trennung des privaten Eigentums
von dem Individuum vorzunehmen. Denn alles private Eigentum
wird doch erworben durch das, was in den sozialen Kräften spielt,
und es muß wiederum zurückströmen in den sozialen Organismus,
aus dem es entnommen ist. Das heißt, es wird etwa eintreten müs-
sen, daß ein Gesetz besteht aus dem Rechtsorganismus heraus - denn
Besitz ist ein Recht, das Recht, irgendeinen Gegenstand oder irgend
etwas ausschließlich zu benützen -, es wird ein Gesetz existieren
müssen, daß dasjenige, was man erworben hat als privaten Besitz aus
dem Wirtschaftsleben heraus, daß das - durch freie Verfügung aller-
dings desjenigen, der es erworben hat - nach einer gewissen Zeit
wiederum zurückfallen muß an den geistigen Organismus, der dafür
wiederum eine andere Individualität zu suchen hat, die es in entspre-
chender Weise verwerten kann.
Etwas Ähnliches wird eintreten für allen Besitz, der heute vor-
handen ist, wie für den Besitz gewisser geistiger Dinge, die man pro-
duziert, die ja dreißig Jahre nach dem Tode der allgemeinen Mensch-
heit gehören. Man kann gar nicht sagen, daß man mehr Anrecht hat
auf irgendeinen anderen Besitz als auf diesen geistigen Besitz. Wie
lange es auch dauern darf, daß man das Erworbene behalten darf,
der Zeitpunkt wird eintreten müssen, sei es für Erbschaftsbesitz
oder anders erworbenen Besitz, wo durch freie Verfügung des Pri-
vatbesitzers dasjenige an den geistigen Organismus zurückkommt,
was durch individuelle Arbeit in seinen Besitz übergegangen ist. Da-
neben wird sich das andere entwickeln, daß diejenigen, die aus dem
Wirtschaftsprozeß sich Privatbesitz erwerben, sich auf freie Art, aus
freiem Verständnisse denjenigen aussuchen können, den sie für indi-
viduell befähigt halten, irgend etwas zu betreiben. Das aber wird
durch die Kraft des Rechtsstaates, des eigentlichen politischen Staa-
tes unmöglich gemacht werden, daß ein beträchtlicher Teil des Pri-
vateigentums auf den reinen Zins verfällt, durch den jemand in der
Lage ist, ohne daß er individuelle Fähigkeiten aufwendet, die in den
Wirtschaftsprozeß des Gesamtlebens hineingehen, private Arbeit
und anderer Menschen Arbeit für sich zu verwenden. Möglich ist es,
und möglich wird es durch diese drei Glieder gemacht, daß die
menschliche Produktivität immer verbunden bleibt mit den indivi-
duellen Fähigkeiten des Menschen, mit denen sie sachgemäß ver-
bunden sein muß.
Diese Dreigliederung des sozialen Organismus erscheint heute
noch als ein radikaler Gedanke. Und doch, wer sich nicht bequemen
wird zu diesem Gedanken, wer nicht den ersten Schritt zu dem Gip-
fel, den wir erklimmen müssen in der Gesellschaftsordnung, in die-
ser Richtung wird machen wollen, wer nicht einsieht, daß die un-
mittelbarsten, alleralltäglichsten, allernächsten Handhabungen mit
dem Wissen von dieser Richtung entwickelt werden müssen, der
wird nicht im Sinn der Menschheitsentwickelung, sondern der wird
gegen diesen Sinn der Menschheitsentwickelung handeln. Wir ste-
hen heute vor Tatsachen, die Urempfindungen der Menschen auf
den Plan gefordert haben. Denen müssen wir die Urgedanken der
menschlichen sozialen Ordnung entgegensetzen. Und ein solcher
Urgedanke ist diese Dreigliederung.
Dieser Gedanke wird nun zunächst selbst von denjenigen, die ihn
nicht für eine reine Utopie halten, sondern die sich vielleicht durch-
ringen können dazu, ihn für etwas ganz Praktisches zu halten, er
wird selbst von denen nur für etwas gehalten werden können, was
sich auf das Innere der Staaten bezieht.
Und jetzt wird man fragen: Was hat denn das mit dem Völker-
bund zu tun? - Das ist dasjenige, was zugleich die allerrealste aus-
wärtige Politik sein kann! Denn wenn hingearbeitet wird auf die Be-
antwortung der Frage: Was soll der Staat unterlassen? - so bekommt
man aus dieser Betrachtung heraus die Antwort: Er soll unterlassen,
sich in die Funktionen des geistigen und in die Funktionen des wirt-
schaftlichen Lebens einzumischen. Er soll sich auf das Gebiet, das
das rein politische, das das rein rechtliche Gebiet ist, beschränken.
Dadurch aber wird auch im außerpolitischen Leben die notwendige
Konsequenz eintreten, daß über die ganze Erde hin die wirtschaftli-
chen Interessen des einen Gebietes unmittelbar zur Verhandlung,
zum Austausch, zum Verkehr kommen mit den wirtschaftlichen In-
teressen des anderen Gebietes, und ebenso die Rechtsverhältnisse
und die geistigen Verhältnisse. Sind die geistigen Verhältnisse auf ei-
nem Gebiete befreit, dann wird niemals aus diesem geistigen Gebiete
heraus irgendein Anlaß entstehen können, der sich in irgendeinem
kriegerischen Ereignisse entladen könnte. Man kann das im klein-
sten beobachten. Die geistigen Interessen können mit den kriegeri-
schen Konflikten nur in eine Beziehung kommen dadurch, daß das
staatliche Leben dazwischen tritt.
Auch da kann man eigentlich nur aus der Erfahrung heraus urtei-
len; aber schon kleine Erfahrungen können beredt sein. Man konnte
beobachten, wenn man für solche Dinge einen Blick hat, wie in Un-
garn zum Beispiel in den Zeiten, in denen das staatliche Leben in
Ungarn sich noch nicht in den deutschsprachigen Teilen in alles hin-
eingemischt hatte, in den zahlreichen deutschen Gegenden die Leu-
te, die eben deutsche Kinder hatten, sie in deutschsprachige Schulen
schickten, die in deutschen Gegenden wohnenden Magyaren sie in
die magyarischen Schulen schickten, und umgekehrt: Die Deut-
schen, die in Gegenden wohnten mit magyarischen Schulen, schick-
ten ihre Kinder in solche Gegenden, wo deutsche Schulen waren.
Dieser Kinderaustausch wurde gepflegt in freier Weise.
Es war ein freier Austausch des geistigen Gutes der Sprachen, so
wie man andere geistige Güter in freiem Austausch pflegen kann,
von Land zu Land, von Stadt zu Stadt. Dieser freie Austausch des
geistigen Gutes der Sprachen bedeutete für das Land Ungarn einen
tiefen Frieden in allen Gebieten, in denen er gepflegt worden ist. In
diesen freien Austausch wurde der innerliche Volkstrieb hineinge-
prägt. Als der Staat sich hineinmischte, da wurde die Sache anders.
Dasjenige, was da im inneren politischen Leben geschah, das ge-
schah im Verlauf der neueren Zeit immerzu im äußeren politischen
Leben. Derjenige, der für solche Dinge einen Blick hat, der konnte
sehen, wie eigentlich tief friedlich im Grunde genommen die deut-
schen Intellektuellen waren. Aus der Stimmung dieser deutschen In-
tellektuellen wäre nie die Kriegsstimmung erwacht! Aber aus dem
Verhältnisse, in dem sie standen zu dem Staat, ist dasjenige gewor-
den, was jenen Eindruck in bezug auf den Staat hat entstehen lassen.
Das soll weder ein Einwand noch etwas anderes sein, sondern nur
ein Begreifen der Tatsachen.
Das Wirtschaftsleben eines dreigliedrigen sozialen Organismus
wird gerade dadurch sich auch innerhalb des internationalen Wirt-
schaftslebens ausleben können, daß die wirtschaftlichen Verhältnis-
se nicht von Staatsverhältnissen gemacht werden, sondern von Men-
schen, welche aus solchen Territorien herauswachsen, in denen
nicht ein Parlament ist, sondern drei Parlamente, ein geistiges, ein
wirtschaftliches und ein Staatsparlament sind, in welchen nicht eine
Verwaltung ist, sondern drei Verwaltungen sind, die zusammenwir-
ken. Erst aus solchen Territorien werden die Menschen herauswach-
sen können, die dann in einer zwischenstaatlichen Organisation die
rechte Rolle spielen können. Und nicht auf den Staat und die Wirt-
schaft, sondern auf den Menschen, auf den ganzen, vollen Menschen
kommt es an.
Die Rolle der geistigen Führer wird eine andere sein, wenn sie aus
der emanzipierten geistigen Organisation heraus sich gestaltet, eine
andere als jene Theaterspielerei, die sich zum Beispiel zwischen den
Mittelstaaten und Amerika im Professorenaustausch abspielt, die ja
eben nur aus demjenigen heraus, was sich mit dem Staate in geistig
ungehöriger Weise verband, sich entwickeln konnte. Alle diese Ver-
hältnisse werden auch auf internationalem Gebiete auf eine gesunde
Grundlage gestellt, wenn die gesunde Grundlage erst im einzelnen
sozialen Territorium eingetreten sein wird. Aus diesen einzelnen so-
zialen Territorien wird dann der Mensch hervorgehen, der in der
rechten Weise auch zum internationalen Leben das seinige beitragen
kann.
Das scheint mir die Antwort zu sein, die so gegeben werden
kann, daß sie nicht nur das Zusammenstimmen der verschiedenen
Völker in Betracht zieht, sondern daß der Beitrag jedes Volkes für
die wirklichen Zukunftsideale des menschlichen Völkerbundes in
Betracht kommen kann. So kann auch ein Deutscher sprechen;
denn seien auch die mitteleuropäischen Länder oder Deutschland
ausgeschlossen von dem nächsten Völkerbund, sie können so arbei-
ten, daß sie durch die Gesundung des eigenen Territoriums für den
gesunden Völkerbund der Zukunft vorausarbeiten; sie können das
ihrige dazu beitragen.
Das ist eine Antwort, die jeder für sich selber geben kann. Das ist
eine Antwort, die auch jeder Staat als eigene Politik nach auswärts
hin entwickeln kann. Denn wie auch die Staaten, die in irgendeine
Friedensverhandlung zum Beispiel mit dem deutschen Reiche ein-
treten, selber ihre Friedensdelegierten wählen, dasjenige, was sich
dann aus dem chaotischen ehemaligen deutschen Reiche heraus er-
gibt, das wird nicht verhindert werden können: aus den drei Glie-
dern - aus dem Wirtschafts-, aus dem Staats-, aus dem geistigen Or-
ganismus - seine Delegierten besonders zu wählen, die in entspre-
chender Weise dann den gesunden sozialen Organismus auch nach
außen hin vertreten können. Das ist wirkliche, mögliche, das ist
wahre reale Politik.
Ich habe in den letzten Jahren vielfach diese Ideen vor Menschen
vorgetragen; ich habe sie auch, wie vielleicht manche von Ihnen ge-
sehen haben, in einem Aufruf zusammengefaßt, der jetzt durch die
Zeitungen erscheint, unterschrieben von einer mich sehr befriedi-
genden Anzahl von Menschen, unter denen solche sind, bei denen
ausgeschlossen ist, daran zu zweifeln, daß sie ein Recht haben, über
diese Dinge mitzuurteilen, und ich habe oftmals hören müssen:
durch eine solche Gliederung wird ja das Alte wieder hervorgerufen,
was gerade widerstrebt dem, was in den Empfindungen eines großen
Teils der modernen Menschheit liegt, die Menschheit werde wieder
gegliedert in die alten drei Stände: Nährstand, Wehrstand und Lehr-
stand. Das Gegenteil ist der Fall! Nichts unterscheidet sich so sehr
von diesen alten Ständen Nährstand, Wehrstand und Lehrstand wie
dasjenige, was hier gewollt wird; denn nicht die Menschen werden
gegliedert in Klassen, in Stände, wie frühere Zeiten gliederten, son-
dern das, was vom Menschen abgesondert ist, worin der Mensch
lebt: der soziale Organismus wird gegliedert. Und der Mensch ist ge-
rade dasjenige, was als ganzes, volles, in sich abgeschlossenes Wesen
innerhalb dieser von ihm abgeschlossenen Gliederung sich erst recht
als Mensch wird entwickeln können. Dieser befreite Mensch, er al-
lein wird es sein können, der auch zugrunde legen kann die Gedan-
ken, die Empfindungen, die Willenshandlungen, die im modernen
Völkerbund spielen müssen.
Man möchte ja, indem man über diese Dinge nachdenkt, nicht
einseitig werden. Und das wird man leicht, wenn man nur seine ei-
genen Empfindungen zugrunde legt. Daher möchte ich mich auf ei-
nen anderen jetzt zum Schluß berufen, nachdem ich dasjenige, was
ich ausgeführt habe als notwendig zur Gesundung des sozialen Or-
ganismus, so radikal hingestellt habe und es unterschieden wissen
will von dem, was sich bisher entwickelt hat, und was zu dieser
furchtbaren Katastrophe geführt hat. Ich möchte mich auf einen an-
deren berufen, auf einen Mann, auf den ich mich oftmals berufe,
wenn ich hinschaue nach einem hochstehenden geistigen Betrachter
derjenigen Dinge, die sich innerhalb der menschheitlichen Ent-
wickelung bis in die Gegenwart herauf ergeben haben: Herman
Grimm. Er sagt einmal an einer Stelle, die aus seinen Gedanken über
die neuzeitliche soziale Entwickelung der Menschheit hervorgegan-
gen ist, er sagt einmal: Wenn man das heutige Europa ansieht, so
sieht man auf der einen Seite, wie die Menschen miteinander in Ver-
bindungen gekommen sind, von denen sich ehemalige Zeiten nichts
träumen ließen; aber man sieht zu gleicher Zeit hereinragen in die-
ses, was man moderne Zivilisation nennt, dasjenige, was sich aus-
drückt in unserem kriegerischen Rüsten - so sagt er als Deutscher -,
in unserem eigenen Militarismus und in dem Rüsten der anderen
Staaten, das ja doch nur darauf hinauslaufen kann, sich eines schö-
nen Tages zu überfallen. Und wenn man sieht, was daraus werden
könnte - die Worte klingen wahrhaftig prophetisch, sie sind in den
neunziger Jahren geschrieben, Herman Grimm ist bereits 1901 ge-
storben -, wenn man darauf hinsieht, meint Herman Grimm, dann
ist es einem, als ob sich eine Zukunft aus lauter menschlichen Kon-
flikten bestehend entwickeln könnte, so daß man am liebsten einen
Tag zum allgemeinen Selbstmord der Menschheit ansetzen möchte,
damit sie nicht erleben muß das Schreckliche, das aus diesen Ver-
hältnissen folgt.
Seither haben die Menschen manches gesehen, was aus diesen
Verhältnissen folgt. Was sie gesehen haben, könnte wohl hinleiten
zu Gedanken, die dann nicht mehr für eine Utopie angesehen wer-
den, zumal wenn man gesehen hat, wie manches, was wirklich ent-
standen ist, sich gerade für den Blick der Praktiker wie eine Utopie
ausnehmen müßte gegenüber dem, woran sie vor kurzem noch als
an etwas Unmögliches geglaubt haben.
Das ist es, was die Leute heute nicht nur zur Veränderung ihres
Handelns, sondern zur Veränderung ihrer Gedanken, zum Umden-
ken bringen sollte. Wir brauchen zukünftig nicht allein andere Ein-
richtungen, wir brauchen letztlich neue Gedanken, neue Menschen,
die nur aus einer neuen Gliederung des sozialen Organismus heraus-
wachsen können. Internationale Bündnisse, wir haben sie ja auch im
Grunde genommen doch erlebt! Ob das, was angestrebt wird, feste-
ren Grund und Boden hat, festeren Halt bietet, als die alten Verhält-
nisse, das ist nur dann zu entscheiden, wenn man wirklich zurück-
geht auf die Grundbedingungen des menschlichen sozialen Zusam-
menlebens. Haben wir nicht auch in der Art, wie man früher unter
den Angehörigen der verschiedensten Fürstenhäuser zu heiraten
pflegte, so etwas wie ein internationales Leben sich entwickeln gese-
hen? Dagegen wäre ja nichts einzuwenden, wenn sich die Fürsten-
häuser in einer verheißungsvollen Art entwickelt hätten! Es hätte
sich dann auch im Sinne dieses «internationalen Bündnisses» etwas
ergeben können, was selbst unter dem monarchischen Prinzip sehr
nützlich gewesen wäre! - Wir haben andere internationale Bündnis-
se, so zum Beispiel das sehr reale internationale Bündnis des Kapitals
erlebt. Wir haben erlebt die internationale Sozialdemokratie. Wir
haben verschiedenes Internationales erlebt. Dasjenige, was auf das
Internationale der familiären Instinkte baute, es ist zerfallen. Was
auf die wirtschaftliche Gewalt des ungeistigen Kapitalismus baut,
dem unbefangenen Blick zeigt es sich: es wird zerfallen. Aber auch
das, worauf der internationale Sozialismus hinzielt, ist im Grunde
genommen die Sehnsucht nach Macht. Diese Macht wird in Zu-
kunft dem Rechte weichen müssen, denn was der Mensch durch
sein Machtstreben im sozialen Leben an sich reißen kann, kann nur
zum Heil der Menschheit ausschlagen, wenn es dem Rechtsleben
eingegliedert, vom Rechtsleben durchleuchtet wird.
Und so darf vielleicht doch in dem gegenwärtigen Menschen ge-
genüber mancherlei Internationalem die Empfindung entstehen,
daß ein wirklich fruchtbar wirkender Völkerbund der Menschheit
gegründet sein muß auf etwas anderes, als auf diese alten Verhältnis-
se. Er muß gegründet sein auf ganz neuen Menschengedanken, ganz
neuen Menschenimpulsen und nicht auf fürstlichem Geblüt, nicht
auf der Macht des Kapitals oder der Arbeit. Er muß gegründet sein
auf das Recht, auf den wirklich befreiten ganzen Menschen. Denn
nur dieser wirklich befreite, ganze, für internationale Empfindung
wache Mensch wird auch in der rechten Weise Verständnis haben
für das, was ihm dann leuchten kann als das Licht des internationa-
len Rechts.
Diskussion
1. Redner: Erklärte, die von Herrn Dr. Steiner vorgeschlagene Lösung sei ihm nicht klar ge-
worden. Auch sei es nicht möglich, den Sozialismus als große geistige Konzeption in der Wei-
se, wie es Herr Dr. Steiner getan habe, abzufertigen, denn schließlich entstehe ein neues
Recht nicht dadurch, daß man den gesunden Kern des Sozialismus wegwische. Die Idee der
Dreigliederung scheine wohl eine Lösung zu sein, sie sei aber eine willkürliche Lösung. Die
Bodenreform ist nach der Ansicht dieses Redners etwas, was im Wesen der Zeit liegt. Zum
Schluß wurde auf die fortschreitende Ausbreitung des Sozialismus hingewiesen, als ein Zeug-
nis dafür, daß dieser nicht ein ausgedachtes System ist, sondern einer Realität entspricht.
2. Redner (Baron von Wrangeil): Sieht in der von Herrn Dr. Steiner vorgeschlagenen Dreiglie-
derung des sozialen Organismus die richtige Lösung. Wie der Gedanke verwirklicht werden
kann, scheint ihm eine andere Frage zu sein. Der Grundfehler des Sozialismus liege darin, daß
er zu einer Überbewertung des Staates führe.
3. und 4. Redner: Wandten im wesentlichen ein, daß eine Verwirklichung der Idee der Drei-
gliederung die Verhältnisse unnötig verkomplizieren würde, was gegen diese Lösung spreche.
Die Dreigliederung würde zu einer Zersplitterung führen, während das Leben des Menschen
eine Einheit bilden solle.
Rudolf Steiner: Nun, ich glaube, vielleicht doch ganz kurz noch
etwas sagen zu müssen. Ich kann ganz gut verstehen, was der verehr-
te Herr Vorredner will; aber ich habe das Gefühl, daß er sich selber
nicht ganz gut versteht! Ich meine, er sollte die ganze Lage, in der
wir sind, beurteilen aus etwas größeren Gesichtspunkten heraus.
Wir Menschen haben wirklich nicht bloß die Aufgabe, uns das Le-
ben bequem einzurichten. Es gibt noch manches andere im Leben,
als es sich bequem einzurichten! Und ich glaube, ein großer Teil der
Schäden, unter denen wir heute leiden, kommt eben gerade davon
her, daß ein großer Teil der Menschheit nur danach strebt, das Le-
ben bequem einzurichten, eben in ihrer Art. Aber dasjenige, worauf
es ankommt, scheint mir etwas anderes zu sein.
Sehen Sie, ich würde Sie nicht behelligen mit irgendeinem Einfall
über eine Dreiteilung, wenn diese drei Teile nicht veranlagt wären
in der Wirklichkeit des sozialen Organismus. Daß diese Dreigliede-
rung geschehen will, das ist etwas, was nicht von uns abhängt, das
können wir nicht ändern, das macht sich selber. Ich hatte wirklich,
ich muß noch einmal darauf zurückkommen, in dieser schweren
Zeit Gelegenheit, mit manchem Menschen zu sprechen, von dem
ich glaubte, er solle irgend etwas von den Stellen aus tun, die heute
so sehr die autoritativen sind - es war vor zweieinhalb Jahren schon,
es wäre noch die Möglichkeit gewesen, etwas zu tun -, und sagte
manchem: Sehen Sie, das, was hier ausgesprochen wird, ist nicht ei-
ne einfache Sache. Es ist entstanden durch eine durch Jahrzehnte
hindurch gehende Beobachtung dessen, was sich über Europa hin im
Laufe der nächsten zehn, zwanzig, dreißig Jahre verwirklichen will.
Wer nämlich den Gang der Ereignisse betrachtet - und anders kann
man gar nicht zum Verständnis der sozialen Dreigliederung kom-
men, als aus dem ganzen Gegenwärtigen auch die Entwickelungs-
möglichkeiten für die Zukunft zu erkennen -, der sieht, daß, ob wir
wollen oder nicht, diese Dreigliederung sich vollzieht. Sie hat sich in
früheren Zeiten instinktiv ergeben; immer mehr und mehr hat sich
in der neueren Zeit eine Konfundierung, eine Zusammenschmel-
zung der drei Teile ergeben. Jetzt wollen diese drei Teile wieder in
der ihnen entsprechenden Weise auseinandergehen, zu ihrer Selb-
ständigkeit kommen. - Und ich sagte das manchem mit dem drasti-
schen Wort: Sehen Sie, derjenige, der jetzt am Ruder ist, könnte
manches nach dieser Richtung noch mit Vernunft tun; die Men-
schen haben die Wahl - auch schon Goethe hat mit Bezug auf die
Revolution gesagt: Entweder Evolution oder Revolution -, sie ha-
ben die Wahl, entweder jetzt durch Vernunft das zu tun, oder sie
werden Revolutionen und Kataklysmen erleben. Nicht nur diejeni-
gen, die bisher am Ruder waren, werden die Kataklysmen erleben,
sondern auch diejenigen, die an den Dogmen des Sozialismus bloß
festhalten wollen, werden die Kataklysmen erleben. Es handelt sich
darum, daß diese Dreigliederung des sozialen Organismus sich sel-
ber vollzieht. Und Sie können ja auch sehen: Dasjenige, was natür-
lich ist, das tritt immer unter gewissen außerordentlichen Verhält-
nissen in gewissen Einseitigkeiten der Entwickelung auf; diese drei
Glieder wollen sich immer mehr verselbständigen. Und sie verselb-
ständigen sich in einer unnatürlichen Weise, wenn man ihnen nicht
ihre natürliche Selbständigkeit gibt, wenn man sie konfundiert,
wenn man sie zusammenwirft; sie entwickeln sich in einer die
Menschheit aufhaltenden Weise. Die geistige Macht, die geistige Or-
ganisation entwickelt sich, sei es als Kirchenstaat oder Staatskirche
oder was immer, verselbständigt sich, und wenn sie auch nicht das
Ganze des Geisteslebens umfassen kann, so sucht sie doch so viel zu
erhaschen, als sie erhaschen kann. Das andere, das Rechtsleben
nimmt der Staat in Anspruch, macht wiederum dem Staate dienst-
bar das, was sich zu verselbständigen suchen wird. Was im politi-
schen Leben in unnatürlicher Weise sich verwirklichen will, das ist
alles das, was heute der viel verpönte Militarismus ist. Denn sehen
Sie, über diesen Militarismus und sein einseitiges Verhältnis zum
Staatsleben hat sich gerade während des Krieges manche Meinung in
gesunder Weise geäußert. Aber wenn man diesen Meinungen mit ge-
sundem Menschenverstand auf den Grund geht, dann merkt man
auch, daß der Militarismus nichts anderes ist, als die einseitige Ver-
wirklichung dessen, dem man seine natürliche Selbständigkeit nicht
geben will, des politischen Lebens wiederum. Und Clausewitz sagte:
Der Krieg ist die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln; bei
Clausewitz steht es in einem gewissen Zusammenhang; da kann
man noch auf diese Dinge eingehen, nicht wie in den letzten Jahren,
in denen man viele solche Einseitigkeiten sagen hörte. Man kann
auch sagen: Der Ehestreit und die Scheidung sind die Fortsetzung
der Ehe mit anderen Mitteln! Solche Einseitigkeiten wurden einem
in den letzten Jahren sehr viele gesagt; da wirft man eben alles
durcheinander. Das aber, worauf alles beruht, wenn man fruchtbar
im Leben Ansichten entwickeln will, die auch dann in wirkliche
Einrichtungen übergehen, das ist, daß man diese Verhältnisse gesund
ansieht. Und so wollen sich diese Dinge wirklich verselbständigen,
selbständig entwickeln. Der Wirtschaftsorganismus hat in der neue-
ren Zeit eine so große Überflutung des ganzen öffentlichen Lebens
bewirkt, daß heute schon viele überhaupt gar nichts mehr sehen als
einen Wirtschaftsorganismus. Und dann sehen sie in dem, was sonst
da sein kann, nur eine Verwaltung des Wirtschaftsorganismus.
Das ist, was Sie zum Beweise führen kann. Aber vor allen Din-
gen, wenn ich nichts anderes erreicht habe, als daß es manchen an-
regt, so ist mir das schon vollständig genügend. Mehr will ich gar
nicht! Denn ich glaube gar nicht, daß man ein Richtiges sagen kann
über das, was sozial geschehen soll. Ich möchte folgendes doch noch
beifügen: Sie wissen, in der Gegenwart gibt es zwei Bolschewisten:
der eine ist Lenin, der andere Trotzki, Ich kenne einen dritten, der
allerdings nicht in der Gegenwart lebt, an den denken die wenigsten
Menschen, wenn sie über die Bolschewisten sprechen, das ist Johann
Gottlieb Fichte ! Lesen Sie seinen «Geschlossenen Handelsstaat», und
Sie haben, theoretisch betrachtet, ganz genau dasjenige, was Sie bei
Lenin und Trotzki lesen können! Warum ? Weil Fichte ein Staatssy-
stem aus der eigenen Seele heraus spinnt! Aus den Kräften, mit de-
nen Sie in der Philosophie zu den höchsten Höhen kommen kön-
nen, entwickelt er ein Staatssystem, ein politisches, respektive ein
soziales System. Warum geschah das so? Weil überhaupt aus dem
einzelnen Menschen heraus gar nicht eine Ansicht zu gewinnen ist
über dasjenige, was sozial fruchtbar ist! Das kann nur von Mensch
zu Mensch gefunden werden. Wie die Sprache nicht entwickelt wer-
den kann, wenn ein Mensch einsam auf einer Insel lebt, sondern wie
die Sprache nur als soziale Erscheinung, nur im richtigen Zusam-
menleben der Menschen sich entwickeln kann, so ist dasjenige, was
überhaupt sozial ist, nicht durch Herausspinnen aus einem einzel-
nen Menschen zu gewinnen! Man kann nicht aus sich heraus ein
Programm aufstellen. Man kann aber darüber nachdenken, in wel-
che soziale Ordnung die Menschen gestellt sein müssen, damit sie so
natürlich zueinander stehen, daß sie von sich aus finden, was die
richtige soziale Ordnung ist.
Die soziale Frage wird nicht von der Tagesordnung verschwin-
den! Die ist da und muß weiterhin immer mehr gelöst werden. Aber
das, was als Aufgabe vorliegt, ist, die Frage zu beantworten: Wie sol-
len die Menschen zueinander stehen im dreigliedrigen sozialen Or-
ganismus? Dann werden Sie immer mehr oder weniger die Lösung
finden. Die Menschen müssen im sozialen Organismus so zueinan-
der in Verbindung treten, daß aus ihrem Zusammenleben die Lösun-
gen entstehen. Diese Vorarbeit zu leisten, das ist ja das, was die Auf-
gabe eines wirklich sozialen Denkens ist, jene Vorarbeit, die zeigt,
wodurch die Menschen im wirklichen sozialen Leben die sozialen
Fragen lösen können.
Ich sagte schon, ich glaube nicht, daß ich so gescheit sein könnte,
ein soziales Programm aufzustellen. Aber ich machte darauf auf-
merksam, daß, wenn die Menschen in dieser naturgemäßen Dreitei-
lung leben, und wenn sie das, was in dieser naturgemäßen Dreiglie-
derung als Einrichtungen ihren Impulsen entspricht, wirklich in der
Welt entstehen lassen, daß dann durch die Menschen, in diesem dem
gesunden sozialen Organismus angemessenen Zusammenwirken der
Menschen, die soziale Ordnung erst entsteht! Da kann man mitar-
beiten! Man kann es nicht so machen, wie die modernen Marxisten
sagen: Wir machen zuerst einen großen Kladderadatsch, dann
kommt die Diktatur des Proletariats, dann wird sich das Richtige
schon ergeben. - Nein, zum mindesten das ist notwendig, daß diese
Vorarbeit geleistet wird, daß man sich fragt: Wie müssen die Men-
schen dastehen im sozialen Organismus, so daß durch ihr Zusam-
menwirken das geschieht, was eben heute die wahrhaftig laut spre-
chenden Tatsachen von uns fordern?
WELCHEN SINN HAT DIE ARBEIT
DES MODERNEN PROLETARIERS?
Bern, 17. März 1919
Glauben Sie nicht, daß ich heute Abend zu dem Zwecke das Wort
ergreifen will, um in dem Sinne von einer Verständigung der ver-
schiedenen Klassen der heutigen Bevölkerung zu sprechen, wie na-
mentlich von seiten der herrschenden, bisher herrschenden Klassen
gegenwärtig so oft von Versöhnung und von Verständigung gespro-
chen wird. Ich möchte heute Abend zu Ihnen von einer ganz ande-
ren Verständigung sprechen, von der Verständigung, die herausge-
fordert wird durch die heute laut sprechenden sozialen Tatsachen
und den in den Lauf der Menschheitsentwickelung gegenwärtig ein-
tretenden großen geschichtlichen Kräften. Von dem möchte ich
sprechen, was mir insbesondere gegenüber der proletarischen Bewe-
gung gefordert erscheint, von diesen heute, man kann sagen, welt-
umwälzenden geschichtlichen Kräften.
Von einer anderen Verständigung zu sprechen, verbietet ja fast
das ganze moderne Leben, dasjenige Leben, das von gewissen Seiten
her genannt wird: die moderne Zivilisation. Was haben wir für
Stimmen vernehmen können im Laufe der letzten Jahrzehnte inner-
halb dieser modernen Zivilisation! Erinnern wir uns einmal, wie die
bisher herrschenden Klassen diese moderne Zivilisation empfunden
haben, man möchte sagen, bis weit hinein in die furchtbare Kriegs-
katastrophe, die als ein Schrecken der Menschheit in den letzten Jah-
ren heraufgezogen ist. Wie oft wurde gesagt, wie wir Menschen es
weit gebracht haben im Schaffen, im Produzieren! Wie wir es dazu
gebracht haben, daß der Gedanke in kurzer Zeit weit über die Erde
hin geschickt werden kann, wie Verbindungen geschaffen worden
sind zwischen den fernsten Ländern, wie das Geistesleben in all sei-
nen Formen eine ungeheure Ausbreitung gewonnen hat. Nun, ich
könnte das Loblied, nicht wie ich es singen will, sondern wie es von
dieser herrschenden Klasse über die moderne Zivilisation ange-
stimmt worden ist, noch lange fortsetzen. Allein, sehen wir uns jetzt
die Dinge von der anderen Seite an. Wodurch war denn diese mo-
derne Zivilisation, auf die so viele Loblieder gesungen worden sind,
eigentlich möglich? Dadurch allein war sie möglich, daß sie gewis-
sermaßen unterhöhlt war von denen, die aus dem innersten Wesen
ihrer Menschlichkeit heraus nicht einverstanden sein konnten mit
dem, was die Träger dieser modernen Zivilisation taten. Und so
konnte man neben all dem, was man auch eine Art Luxuskultur nen-
nen könnte, die Stimmen vernehmen, die von der anderen Seite ka-
men, und die im wesentlichen doch immer austönten in die Worte:
So kann es nicht weitergehen! So herrlich für euch auch eure Zivili-
sation sein mag, sie ist gar nicht anders möglich, als daß der weitaus
größte Teil der Erdbevölkerung an dieser Zivilisation keinen unmit-
telbaren Anteil haben kann. Er muß sich ausgeschlossen fühlen von
dieser Zivilisation, er muß gewissermaßen von außen zuschauen,
aber auf der anderen Seite für diese Zivilisation alles erarbeiten!
Hat man irgendwie nun auf der anderen Seite in den letzten Jahr-
zehnten Verständnis gezeigt für die Gründe und Untergründe, aus
denen ein solcher Ruf hervorgekommen ist? Man kann das nicht sa-
gen. Überhaupt reden heute gewisse Menschen eine ganz merkwür-
dige Sprache. Ich habe in den letzten Tagen einiges mitgemacht von
dem, was sich hier in Bern abgespielt hat als Völkerbundskonferenz.
Man hat da allerlei schöne Reden hören können, das heißt Reden,
welche die Herren für sehr schön hielten. Aber wer imstande ist, ein
wenig tiefer in das hineinzuschauen, was sich ausspricht in den welt-
umwälzenden Taten, die heute durch Europa hindurchgehen, der
konnte bei dem, was da geredet wurde, vor allen Dingen das verneh-
men, daß vorbeigeredet wurde und auch vorbeigedacht wurde an
der allerwichtigsten Frage der Gegenwart, an dem, was als Frage ei-
nen großen Teil der Menschheit in immer steigendem Maße bewegt.
Es wurde vorbeigeredet und vorbeigedacht an dem eigentlichen
Nerv der sozialen Frage! Für diese Frage zeigte diese Konferenz au-
ßerordentlich wenig Verständnis, und man wurde dabei an etwas an-
deres erinnert, nämlich an die Wochen des Frühlings und Frühsom-
mers des Jahres 1914. Da konnte man von Seiten der bisher herr-
schenden Kreise und deren Führern auch gar manche sonderbare
Rede hören. Man könnte viele ähnliche Reden anführen wie diejeni-
ge, die von einem führenden Staatsmanne in einem Staate Mitteleu-
ropas 1914 vor einem Parlament gehalten wurde und in der er sagte:
Dank der energischen Bemühungen der europäischen Kabinette
können wir hoffen, daß für absehbare Zeit der Friede unter den
Großmächten Europas gesichert sein werde. - So ist in allen mögli-
chen Abänderungen im Mai, im Juni 1914 noch gesprochen worden.
Und dann? Dann kam dasjenige, was Millionen von Menschen
tötete, was Millionen von Menschen zu Krüppeln machte. So gut
wurde vorausgesehen das, was sich auch geltend machte neben dem,
dem man solche Loblieder als der modernen Zivilisation sang!
Ich selbst, wenn ich diese persönliche Bemerkung machen darf,
mußte dazumal allerdings anders reden als diese Staatsmänner. Vor
einer Versammlung in Wien im Frühling 1914 mußte ich sagen:
Wer das Leben der gegenwärtigen europäischen Menschheit an-
schaut, der sieht in ihm etwas wie eine schleichende Krebskrankheit,
die zum Ausbruch kommen muß. - Nun, man kann es heute dem
Urteil der Menschheit anheimstellen, wer ein besserer Prophet war:
derjenige, der von einer Krebskrankheit sprach, die so furchtbar in
dem sogenannten Weltkriege zum Ausbruch gekommen ist, oder
diejenigen, die da meinten, daß dank der Bemühungen der Kabinette
ein längerer Friede in Aussicht stehen werde. Gerade so wie die Her-
ren dazumal vorbeigeredet haben an dem, was als schwarze Wolke
am politischen Himmel Europas heraufzog, so reden heute gewisse
Menschen vorbei an dem, was das allerwichtigste ist: an den in das
Völkerleben der Erde einziehenden sozialen Mächten und Kräften.
Da die Dinge so liegen, ist zunächst wahrhaftig recht wenig Aus-
sicht vorhanden, sozusagen durch Vernunft eine Verständigung her-
beizuführen. Aber eine Verständigung nach der anderen Seite, wie
ich schon sagte, kann gesucht werden. Und diese Verständigung
scheint sich mir dann zu ergeben, wenn man folgenden Ausgangs-
punkt nimmt.
Bis in unsere Zeit hinein war die proletarische Bevölkerung im
Grunde genommen in einer ganz anderen Lage, als sie von nun an
sein wird. Wer nicht nur von einem gewissen theoretischen Gesichts-
punkte über die proletarische Bewegung gedacht hat, sondern wer
diese proletarische Bewegung so erlebt hat, daß er mit ihr gelebt hat,
der weiß, daß dasjenige, was das moderne Proletariat erlebte, die
große, eindringliche Kritik war dessen, was durch Jahrhunderte,
durch drei bis vier Jahrhunderte die Einrichtungen, die Maximen
der bisher führenden Kreise angerichtet haben. Für alles dasjenige,
was sie geglaubt hatten der Menschheit einfügen zu müssen, war das-
jenige, was der moderne Proletarier erlebte, die lebendige, die welt-
geschichtliche Kritik. Und im Grunde genommen war dasjenige,
was innerhalb des Proletariats vorging, eine große, gewaltige Kritik.
Während die bisher führenden Kreise innerhalb ihrer bürgerlichen
Kultur, auf die sie solche Loblieder sangen, verweilten, während sie
in ihren Hörsälen dasjenige hören konnten, was ihrem Staate diente,
während sie in ihren Theatern die Scheinwelt ihrer Angelegenheiten
vernahmen, während sie noch manches andere von dem trieben,
was sie als eine so heilsame moderne Zivilisation empfanden, fanden
sich die proletarischen Massen in den Stunden, die sie sich erübrigen
konnten von der schweren, mühevollen Arbeit des Tages, zusam-
men, um über die ernsten Fragen der menschlichen Entwickelung,
die ernsten Fragen der Weltgeschichte nachzudenken. Hatte doch
die moderne technische und die mit ihr verbundene kapitalistische
Entwickelung den modernen Proletarier hinweggeholt von allen
übrigen menschlichen Zusammenhängen, die zum Beispiel das alte
Handwerk gegeben hatte, hatte ihn hingestellt an die Maschine,
eingespannt in die kapitalistische Weltordnung und damit ausge-
schlossen im unmittelbaren Empfinden von dem, was die leitenden^
führenden Kreise trieben. Da wandte sich dem allgemeinen, und
von einem gewissen Gesichtspunkte aus dem höchsten Menschheits-
interesse, der Seelenblick, der geistige Blick des Proletariers zu. Und
getrieben wurde in den Proletarierversammlungen eben dasjenige,
was dann immer wiederum austönen mußte in den Ruf: So kann es
nicht weitergehen!
Aber auch in dem, was sich da entwickelte, lag eine gewaltige,
großartige Kritik der bisherigen Politik, der bisherigen Wirtschafts-
führung der leitenden Kreise vor. Das ist in der Gegenwart in ein
neues Stadium getreten. Und diesen Eintritt in ein neues Stadium
wirklich mit Aufmerksamkeit zu verfolgen, das scheint mir heute
eine der allernotwendigsten sozialen Aufgaben zu sein.
Wie hat der moderne Proletarier das empfunden, was als eine Ge-
sellschaftsordnung sich herausgebildet hat seit drei bis vier Jahrhun-
derten, seit jener Zeit, in der auch der moderne Kapitalismus und die
moderne Technik in die Menschheitsentwickelung eingetreten sind?
Wie hat der moderne Proletarier das alles empfunden, was er wie ein
Außenstehender ansehen mußte, was er, soweit er es gebrauchen
konnte, ja gerade mit seinem innigen Anteil aufnehmen wollte, da-
mit er etwas auch für seine Seele habe? Die alten führenden Kreise
sprachen zu ihm von mancherlei Mächten und Kräften, die im ge-
schichtlichen Werden der Menschheit tätig sind; sie sprachen zu ihm
von allerlei sittlichen Weltordnungen und ähnlichem. Er aber, der
moderne Proletarier, der den Blick hinaufwendete zu dem, was diese
herrschenden Klassen taten, der empfand wenig von der Kraft, von
der inneren Ursprünglichkeit solcher sittlichen Weltordnungen; er
empfand, daß das Handeln, das Denken, das Empfinden der führen-
den, leitenden Kreise im wesentlichen geprägt ist von dem, wie sie
leben können vermöge ihrer Wirtschaftsformen, ihrer Wirtschafts-
ordnung, durch die sie in der Lage sind, sich ihre Zivilisation zu be-
gründen als eine Art Überbau auf dem Elend, auf der Bedrückung
größerer Menschheitsmassen, die für sie arbeiten mußten.
Und so kam in dem modernen Proletariat das herauf, was gegen-
über der Wirklichkeit, bezüglich dieser neueren Gedanken über die
Menschheitsentwickelung, die Wahrheit war. Der moderne Proleta-
rier empfand eine Wahrheit über das, worüber die anderen in einer
gewissen Weise im Lügenhaften phantasierten; sie sprachen von sitt-
licher, von göttlicher Weltenordnung, durch die die Menschen in ge-
genseitige gesellschaftliche Verhältnisse auf der Erde gebracht wer-
den. Der Proletarier empfand das als eine tiefe Lüge. Und er emp-
fand, daß in alledem die Wahrheit ja ist, daß die Leute so leben, wie
sie können dadurch, daß sie das wirtschaftliche Leben zu ihrer Be-
quemlichkeit, zu ihren Gunsten ausnützten. Und so entstand - und
man muß jetzt sagen, als richtiges Erbgut desjenigen, was bürgerli-
che Wissenschaft war - die materialistische Geschichtsauffassung,
diejenige Auffassung, die nicht zuließ, daß die eigentlich wirksamen
Mächte im geschichtlichen Werden der Menschheit etwas anderes
seien, als die wirtschaftlichen Kräfte sind. Und das wurde zu dem
Glauben, daß sich wie eine Art «Überbau» über den wirtschaftli-
chen Kräften alles dasjenige, was menschliche Religion, menschliche
Wissenschaft, menschliche Geistigkeit ist, erhebt, und daß darunter
als einzige Wirklichkeit, auf die höchstens der Überbau zurück-
wirkt, die wirtschaftlichen Kräfte walten. Recht hatte gegenüber
dem, was aus dem gesellschaftlichen Leben die bürgerliche Weltord-
nung gemacht hat - ein bloßes Wirtschaften -, recht hatte gegenüber
dem das moderne Proletariat.
Ein zweites, was ausging von der Denkergewalt des Karl Marx
und sich verbreitete in die Proletarierversammlungen hinein, in die
Proletarierseelen hinein, das ist jetzt nicht die Geistesfrage, wie ich
sie eben charakterisieren konnte in der materialistischen Geschichts-
auffassung, das ist die Rechtsfrage. Diese kulminiert in dem einen
Wort, das Sie alle kennen, das aber wie elektrisierend wirkte inner-
halb der modernen Proletarier-Bewegungen, das Verständnis her-
vorrief in den innersten Empfindungen der modernen Proletarier-
seelen, als es von Marx und seinen Nachfolgern diesen Proletarier-
seelen vorgebracht wurde: es ist das Wort vom Mehrwert. Und hin-
ter manchem, was um dieses Wort vom Mehrwert herum gespro-
chen wurde, was der moderne Proletarier eigentlich als seine wich-
tigste Menschheitsfrage empfindet, verbirgt sich die Frage, die mehr
oder weniger bewußt oder unbewußt, mehr oder weniger bloß emp-
funden oder mit dem Verstände gestellt ist, die aber tief empfunden
wurde. Welchen Sinn hat denn eigentlich meine Arbeit innerhalb
der modernen Gesellschaftsordnung? Und man muß sagen: Glän-
zend ist, was Karl Marx in verschiedener Art als Antwort gegeben
hat. - Aber heute leben wir in einer Zeit, in der noch weitergegan-
gen werden muß, als selbst Marx gegangen ist, gerade dann, wenn
man Marx in der richtigen Weise versteht, nicht nach der Richtung
der Opportunitäts-Politiker hin, sondern nach einer ganz anderen
Richtung, wie wir gleich sehen werden.
Wenn der moderne Proletarier die Frage nach dem Sinn seiner
Arbeit aufwarf und dieser ihm zur Frage wurde nach seiner Stellung
innerhalb der modernen Gesellschaft, nach seiner Menschenwürde,
so trat ihm immer wieder das Problem vor Augen, daß seine Arbeit
gewissermaßen aufgesogen wird von dem kapitalistischen Wirt-
schaftsprozeß. Er erlebte, daß seine Arbeit etwas geworden ist, was
sie nur scheinbar sein kann, nämlich: Ware. Der moderne Proleta-
rier, der als einzigen «Besitz» sich lediglich seine Arbeitskraft von
neuem erwerben kann, erlebte, daß er seine Arbeitskraft ebenso
zu Markte tragen muß, seine Arbeitskraft behandeln lassen muß
nach den Regeln von Angebot und Nachfrage, wie sonst vom Men-
schen abgesonderte, objektive Waren auf dem Warenmarkte behan-
delt werden.
Nun ist das Eigentümliche innerhalb des Menschenlebens, daß
Dinge in diesem Menschenleben auftreten können, die wirklich
sind, die aber doch keine Wahrheiten sind, die Lebenslügen sind.
Und eine solche Lebenslüge ist es, daß menschliche Arbeitskraft
überhaupt jemals Ware werden kann. Denn menschliche Arbeits-
kraft kann niemals irgendwelche Vergleiche, irgendwelche Preisver-
gleiche mit Waren eingehen. Sie ist etwas prinzipiell Verschiedenes
von den Waren. Es ist also eine Lebenslüge, wenn dasjenige, was nie
Ware werden kann, dennoch zur Ware gemacht wird. Wenn das
auch nicht in dieser deutlichen Weise ausgesprochen wird, so ist es
aber doch etwas, was empfunden wird als, ich möchte sagen, der
Mittelpunkt der proletarischen Frage der neueren Zeit. Dadurch,
daß die menschliche Arbeitskraft zur Ware geworden ist, ist ein
Rechtsverhältnis, wie es zwischen dem Unternehmer und dem Ar-
beiter über das Arbeiten bestehen sollte, zu einem Kaufverhältnis
geworden. Und moderne bürgerliche Nationalökonomen reden in
der Tat so, als ob man innerhalb des Wirtschaftslebens auf der einen
Seite Ware gegen Ware, auf der anderen Seite Ware gegen Arbeit
austauschen könne.
Dadurch, daß ein sogenannter Arbeitsvertrag existiert im moder-
nen Sinne des Wortes, dadurch wird die Sache nicht anders; denn
über das Verhältnis zwischen Unternehmer und Arbeiter kann nur
ein Rechtsvertrag geschlossen werden in dem Sinne, wie wir das spä-
ter sehen werden. Befreit könnte die menschliche Arbeitskraft von
dem Warencharakter nur werden - und sie muß befreit werden -,
wenn der einzige Vertrag, der möglich wäre zwischen dem Arbeit-
nehmer und dem Arbeitgeber nicht der über die geleistete Arbeit,
sondern der über die dem gesunden Organismus in richtigem Sinne
dienende Verteilung der gemeinsam produzierten Waren oder Lei-
stungen wäre. Das ist die Forderung, die sich hinter der marxisti-
schen Theorie des Mehrwertes verbirgt. Das ist zugleich der Weg,
bezüglich dessen man hinausgehen muß über das bloß marxistisch
Gedachte. Und die Frage muß man stellen: Wie hört das Lohnver-
hältnis auf? Wie tritt an die Stelle des Arbeitsvertrages ein Waren-
verteilungsvertrag ?
Damit aber haben wir das zweite angedeutet, was immer wieder
durch die Seele des modernen Proletariers zog und was als gewaltige
Kritik den führenden Kreisen entgegengeschleudert wurde.
Und das dritte, das war die Überzeugung, daß alles, was sich im
modernen Leben abspielt und was zu diesen Zuständen, in die wir
nun einmal hineingeraten sind, geführt hat, nicht in einer Harmonie,
nicht in einem aus gemeinsamem Sinn hervorgehenden Arbeiten der
modernen Menschen besteht, sondern in einem Kampf zwischen
Menschengruppen, in dem die eine zunächst im Vorteil ist; das ist der
Klassenkampf des modernen Proletariats mit den führenden Klassen.
Wahrhaftig, diese drei Punkte: die materialistische Geschichtsauf-
fassung, die Mehrwert- und Arbeitskraftlehre sowie die Klassen-
kampf-Theorie wurden mit mehr zeitgemäßer Kraft studiert, als al-
les das, was innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft in der neueren
Zeit geschrieben worden ist. Denn man sah ein, daß das, wozu die
menschliche Entwickelung in den letzten Jahrhunderten gekommen
ist, bloß ein Ergebnis von Wirtschaftsformen ist. Alles andere Aus-
deuten ist im Grunde genommen eine große Menschheitslüge^.
Und so wurde denn das ganze Geistesleben, wie es für die herr-
schende Klasse zu einer Art Kulturluxus geworden war, für das mo-
derne Proletariat zu einer «Ideologie», ein Wort, das man ja immer
wieder und wiederum vernahm. Es wurde zu einem bloßen Gewebe
von Gedanken und Empfindungen und Gefühlen, die sich ausleben
als Rauch, der herausströmt aus der wahren Wirklichkeit des Wirt-
schaftslebens.
Aber man versteht die Sache nicht, wenn man sie nur so auffaßt.
Man versteht die Sache nur richtig, wenn man weiß, daß gegenüber
dieser verödenden Ideologie, dieser seelentötenden Ideologie, die im
wesentlichen ein Erbgut des Denkens der bisher herrschenden Klas-
se ist, in der modernen Proletarierseele, die Zeit hatte, über die Men-
schenwürde und über das wahrhaftige Menschenwerden nachzuden-
ken an der Maschine und in der Einklammerung durch den kapitali-
stischen Wirtschaftsprozeß eine wirkliche Sehnsucht nach einem
wahren Geistesleben, nicht nach einem Geistesluxus, nicht nach ei-
nem Überfluß, erwachte. Man kann heute noch oft in bürgerlichen
Kreisen hören, wie eigentlich die moderne Proletarierfrage, nach
dieser oder jener Seite betrachtet, eine Brotfrage sei. Gewiß, sie ist ei-
ne Brotfrage; aber darüber, daß sie eine Brotfrage ist, braucht man
wahrhaftig nicht in einer Versammlung, in der Proletarierverstand
herrscht, zu sprechen. Denn nicht darum handelt es sich, daß man
in ähnlicher Weise denkt, wie etwa ein bürgerlicher Soziologe und
Pädagoge, der jetzt viel in mancherlei Gegenden herumreist, und der
unter anderem neulich die Worte geprägt hat: Man muß nur einmal
wirklich die moderne Armut kennen, dann wird man schon zu der
Sehnsucht nach einer Humanisierung der menschlichen Gesellschaft
kommen. - Hinter solchen Worten steckt von solcher Seite ge-
wöhnlich doch nichts anderes, als die Frage: Wie kann man in dem
Wahn des alten Lebens der herrschenden Kreise fortfahren und wie
kann man in der besten Art Brocken abfallen lassen für diejenigen,
die nicht teilnehmen sollen an diesem Leben der herrschenden Klas-
se ? Wie kann man der Arbeit beikommen unter Aufrechterhaltung
der bisherigen Gesellschaftsordnung? - Nicht eine Brotfrage ist es,
um die es sich handelt. Wenn es eine Brotfrage ist, so handelt es sich
vor allen Dingen darum, wie um das Brot gekämpft wird, aus wel-
chen Seelenmotiven heraus.
Das hängt mit viel tieferen geschichtlichen Kräften zusammen als
diejenigen, die oftmals von solcher Seite über Geschichte sprechen,
auch nur ahnen. Und heute sind die drei Fragen, die ich vorhin cha-
rakterisiert habe, dadurch in ein neues Stadium gekommen, daß vie-
les in ihnen liegt, was man noch nicht deutlich auszusprechen in der
Lage ist, was aber der vernimmt, der ein Gehör hat für das Walten
geschichtlicher Mächte, für die Töne, welche die großen welthistori-
schen Umwälzungen ankündigen. Heute ist die proletarische Bewe-
gung nicht mehr eine bloße Kritik, heute ist sie dasjenige, was von
den weltgeschichtlichen Mächten selbst aufgefordert wird, zum
Handeln überzugehen, also die große Frage aufzuwerfen: Was hat
zu geschehen? - Und da scheint mir dasjenige, was ich vorhin cha-
rakterisiert habe, sich etwas zu verwandeln, so zu verwandeln, daß
gegenüber dem rein materiellen Leben, wie es sich bisher gestaltet
hat, ein anderes sich entwickeln soll, welches gestattet, auch dem un-
terdrückten Teile der Menschheit ein wahrhaftig auch seelisch men-
schenwürdiges Dasein zu geben. Das ist das erste, die Frage nach
dem Geistesleben: Wie kann man die Luxus-Ideologie, das Überfluß-
Geistesleben verwandeln in das, was aus der innersten Natur des
Menschen heraus der Mensch wirklich für ein menschenwürdiges
Dasein erleben muß?
Das andere, das sich entwickelt hat, ist, neben diesem Geistigen,
auf dem Gebiete des Rechtslebens eben dasjenige, was die menschli-
che Arbeitskraft des Proletariers zur Ware gemacht hat. Das konnte
sich nur entwickeln dadurch, daß in der unter dem Kapitalismus
und der modernen Technik heraufkommenden Gesellschaftsord-
nung in vieler Beziehung das Recht zum Vorrecht wurde. Wie kann
an die Stelle des Vorrechtes wiederum das Recht treten, innerhalb
dessen Ordnung die menschliche Arbeitskraft des Proletariers ent-
kleidet wird des Charakters einer bloßen Ware?
Und das dritte ist: Wie kann sich das, was sich als Klassenkampf
entwickelt hat, in anderen Formen weiterentwickeln ? Der Proleta-
rier hat sehr wohl gefühlt, daß das, was im Leben geschehen muß,
sich nur in diesem gegenseitigen Kampf ausbilden kann. Aber die
Kämpfe, die im Laufe der neueren Geschichte stattgefunden haben,
die empfindet er als solche, die überwunden werden müssen. Und so
wird die Frage nach der Notwendigkeit von Klassenkämpfen nun-
mehr sich im heutigen Stadium der Entwickelung verwandeln in die
Frage: Wie überwinden wir die Klassenkämpfe? - Die Frage nach
dem Mehrwert, die innerhalb der Gesellschaftsordnung, wie sie sich
herausgebildet hat in den letzten Jahrhunderten, in das Reich der
Vorrechte gerückt ist, diese Frage nach dem Mehrwert begründet
die andere: Wie findet man in der menschlichen Gesellschaft im
wahren Sinne des Wortes einen alle Menschen befriedigenden
Rechtszustand?
In bezug auf die erste Frage, die geistige Seite der sozialen Frage,
muß man nur einmal sehen, wie tief der Abgrund zwischen den bis-
her herrschenden Klassen und denjenigen ist, die auf der anderen
Seite eine neue Welt- und Gesellschaftsordnung anstreben. Und da
muß man sagen, daß das, was als Geistesleben den modernen Prole-
tarier erfüllt, im Grunde genommen als ein Erbgut von der bürgerli-
chen Klasse, die die Wissenschaft, die Kunst und so weiter, pflegen
konnte, übernommen worden ist. - Aber dieses Geistesleben hat
innerhalb des Proletariats anders gewirkt, denn der Proletarier war
gegenüber dem, was er als Erbgut an Wissenschaft und so derglei-
chen übernommen hat, in einer anderen Lage als gegenüber dem,
was da als modernes Geistesleben heraufgezogen ist bei denen, die
bürgerliche, die leitende Kreise waren. Man konnte selbst ein sehr
überzeugter Anhänger des modernen Geisteslebens sein, man konn-
te sich sehr aufgeklärt vorkommen, man stand doch als Mitglied der
herrschenden Klasse innerhalb einer solchen gesellschaftlichen Ord-
nung, die durchaus nicht nach diesem modernen Geistesleben geord-
net war. Man konnte ein Naturforscher Vogt, ein naturwissenschaft-
licher Popularisator wie Büchner sein, man konnte glauben, ein ganz
und gar Aufgeklärter zu sein - das war vielleicht gut für den Kopf,
für die Verstandes-Überzeugung; das war aber nicht geeignet für ein
Begreifen der Stellung des Menschen im wirklichen Leben. Denn die
Art, wie diese Leute im Leben standen, ließ sich nur dadurch recht-
fertigen, daß die gesellschaftliche Ordnung von ganz anderen Mäch-
ten, von religiösen, von veralteten sittlichen Weltanschauungen,
jedenfalls von anderen Mächten herrührte, als diejenigen waren, die
sich als wissenschaftlich beglaubigte Mächte diesen herrschenden,
führenden Klassen dargestellt hatten. Daher wirkte auch das, was
moderner wissenschaftlicher Geist ist und zu dem einfach aus der
Kultur der neueren Zeit der Proletarier sich selbst heranführte, in
der Proletarierseele ganz anders.
Ich darf an eine kleine Szene erinnern, woran das ganz besonders
anschaulich werden konnte, dieses andere Wirken des modernen
Geisteslebens auf den Proletarier, der genötigt war, dieses moderne
Geistesleben nicht bloß für den Kopf zu fassen, sondern für den gan-
zen Menschen, für seine ganze Stellung innerhalb der Menschheit.
Ich stand vor vielen Jahren einmal in Spandau auf dem gleichen
Podium mit der jetzt so tragisch geendeten Rosa Luxemburg. Sie
sprach dazumal über die Wissenschaft und die Arbeiter, und ich hat-
te als Lehrer der Arbeiterbildungsschule ihren Worten über dasselbe
Thema einiges anzufügen. Dieses Thema: «Die Wissenschaft und die
Arbeiter» gab ihr Veranlassung, ertönen zu lassen gerade dasjenige,
was mit Bezug auf das Geistesleben des modernen Proletariates so
charakteristisch ist. Sie sagte da: Die Empfindungen - trotz der Kopf-
überzeugung -, die Empfindungen der modernen führenden Klasse
der Menschheit, die wurzeln doch noch in Anschauungen, als ob der
Mensch herkäme von engelartigen Wesen, die ursprünglich gut wa-
ren; und aus diesem Ursprung rechtfertigt sich gefühls- und empfin-
dungsgemäß bei diesen herrschenden Klassen das, was sich an Rang-,
an Klassenunterschieden im Laufe der Entwickelung herausgebildet
hat. Aber der moderne Proletarier wird in einer ganz anderen Weise
dazu getrieben, die bürgerliche Wissenschaft ernst zu nehmen. Er
muß ernst nehmen, wenn ihm gelehrt wird, wie der Mensch ur-
sprünglich nicht ein engelartiges Wesen war, sondern wie ein Tier
auf Bäumen herumkletterte und sich höchst unanständig benom-
men hat. Auf diesen Ursprung der Menschen zurückzusehen im Sin-
ne der modernen Weltanschauung, das rechtfertigt nicht in demsel-
ben Sinne wie die anderen es gerechtfertigt glauben, Lebens- und
Standes- und Klassenunterschiede, das begründet eine ganz andere
Idee von der Gleichheit aller Menschen.
Sehen Sie, das ist der Unterschied! Der Proletarier war genötigt,
dasjenige, was die anderen wie eine Kopfüberzeugung nahmen, die
nicht sehr tief ging, wenn sie auch noch so sehr aufgeklärt waren, er
war genötigt, es mit seinem ganzen Menschen aufzunehmen, mit
bitterstem Lebensernst die Sache zu nehmen. Dadurch aber wob es
sich ganz anders in die Seele hinein. Man muß einfach auf solche
Dinge aufmerksam werden, dann wird man schon erkennen, in wel-
chem Sinne die moderne soziale Frage vor allen Dingen eine Frage
des Geisteslebens ist und hintendiert nach einer Entwkkelung eines
alle Menschen befriedigenden Geisteslebens.
Dann, wenn man sich auf die Ursachen all dessen einläßt, was ich
heute nur, ich möchte sagen, stammelnd habe schildern können,
weil es, wollte man es wirklich ausführlich schildern, eine zu große
Ausführlichkeit erfordert, wenn man also nach den Ursachen
forscht und sich dann fragt: welche Entwicklung muß angestrebt
werden? - so kann man folgendes sagen: Heute geht es wahrhaftig
nicht um die Frage, ob die materialistische Kultur der wirkliche Un-
terbau des Geisteslebens ist, sondern darum, wie wir zu einem Gei-
stesleben kommen, das die menschliche Seele, die Seele aller Men-
schen wirklich befriedigen kann. Heute kann es nicht mehr um eine
kritische Auslegung dessen gehen, was Mehrwert ist, als was sich die
menschliche Arbeitskraft innerhalb der kapitalistischen Weltord-
nung darstellt, sondern heute stellt sich die Frage: Wie befreit man
die menschliche Arbeitskraft von dem Charakter der Ware und wie
kommt man dahin, daß «Mehrwert» nicht Vorrecht bleibt, sondern
zum Recht wird? Und wenn Kämpfe innerhalb der menschlichen
Gesellschaftsordnung sein müssen, dürfen es Klassenkämpfe sein,
dürfen es diejenigen Kämpfe sein, die sich allmählich im Laufe der
neueren Jahrhunderte herausgebildet haben?
Heute sind wir in einem Stadium der Entwickelung, wo nicht
mehr die Kritik allein maßgebend ist, sondern wo die Frage maßge-
bend ist: Was ist zu tun? - Da ergibt sich nun allerdings für den, der
auf die Untergründe des Lebens eingeht, eine, ich möchte sagen,
sehr radikale Antwort. Sie sieht vielleicht für manche weniger radi-
kal aus, als sie ist, aber es ergibt sich eine radikale Antwort. Weil ja
das proletarische Denken in vieler Beziehung nur das Erbe ist des
bürgerlichen Denkens, weil die proletarischen Denkgewohnheiten
die Erbschaft sind der bürgerlichen Denkgewohnheiten, so wird zu-
nächst über die Fragen nachgedacht: Wie können die Schäden des
Kapitalismus beseitigt werden? Wie kann das Bedrückende, welches
die Prägung der menschlichen Arbeitskraft zur Ware hat, beseitigt
werden? Wie kann der Klassenkampf in einer menschenwürdigen
Weise überwunden werden?
Die Fragen müssen von einem viel tieferen Gesichtspunkt aus
heute gestellt werden. Und große Anforderungen werden heute von
den geschichtlichen Tatsachen selbst gestellt an die Denkgewohn-
heiten, an die Gedanken des Proletariers. Denn an ihm liegt es, der
Zeit gewachsen zu sein, sich zu fragen: Wie kommen wir über die
ungesunden Untergründe des heutigen materiellen Geschichtslebens
hinaus? Wie kommen wir über die Verheerungen, welche der Kreis-
lauf der Mehrwerterzeugung im Leben angerichtet hat, im Rechtsle-
ben angerichtet hat, hinaus ? Wie kommen wir hinaus über die Ver-
wüstungen der modernen Klassenkämpfe? Aus dem Negativen ins
Positive hinüber wandeln sich die wichtigsten drei modernen sozia-
len Fragen.
Schaut man hin auf die Ursachen der gegenwärtigen Lebensver-
hältnisse, so findet man, daß ja wiederum eigentlich die Tendenz be-
steht, das fortzusetzen, was die bürgerliche Weltordnung heraufge-
bracht hat. Es fragen sich heute viele: Wie können wir den Kapitalis-
mus überwinden? Wie können wir das Privateigentum an Produk-
tionsmitteln überwinden? - Und sie kommen dann auf die uralte
Ordnung der menschlichen Gesellschaftseinrichtungen, die der
Genossenschaft und dergleichen, das heißt, sie kommen darauf, ein
Gemeineigentum der Produktionsmittel als ein Ideal anzusehen.
Das ist verständlich, und wahrhaftig, nicht aus irgendeinem bür-
gerlichen Vorurteile soll hier über diese Dinge gesprochen werden,
sondern einzig und allein von dem Gesichtspunkte: Ist es möglich,
dasjenige, was der moderne Proletarier will, auf dem Wege zu errei-
chen, auf dem es heute mancher sozialistisch Denkende zu erreichen
glaubt? Kann man, indem man zu dem Rahmen des alten Staates
greift und in diesen alten Staat das einfügt, was Wirtschaftsordnung
ist, nur in einer anderen Form, kann man dadurch eine Erlösung
von dem Bedrückenden, das die Vergangenheit heraufgebracht hat,
herbeiführen?
Blicken wir hin auf den modernen Staat. Er ist ja dadurch entstan-
den, daß in einer Zeit - im 16., 17. Jahrhundert -, in der sich auch
die moderne Technik, der moderne Kapitalismus entwickelten, die
leitenden Kreise, die das Proletariat dann immer mehr und mehr an
die Maschine rufen mußten, fanden, in dem Rahmen des Staates
seien ihre Interessen am besten befriedigt. Und so fingen sie an, in
den Zweigen, wo es ihnen bequem war, das Wirtschaftsleben in den
Staat einlaufen zu lassen. Und insbesondere als die modernen Errun-
genschaften heraufkamen, wurden ja weite Teile des Wirtschafts-
lebens, wie das Post-, Telegraphen- und Eisenbahnwesen, in die
Wirtschaft des Staates übernommen, die ja von altersher überkom-
men war. Dazumal ließ man auch das Geistesleben in das moderne
Staatsgefüge einlaufen!
Und immer mehr und mehr kam es zu dieser Verschmelzung von
Wirtschaftsleben, Rechtsleben des Staates und geistigem Leben.
Diese Verschmelzung führte nicht nur zu all den unnatürlichen Zu-
ständen, welche mit dem Bedrückenden der neueren Zeit zusam-
menhingen, sondern es führte diese Verschmelzung zuletzt auch zu
den verheerenden Wirkungen der Weltkriegskatastrophe.
Wer heute aus den geschichtlichen Tatsachen heraus denkt, der
wird nicht fragen: Was sollen die Staaten tun? - sondern im Gegen-
teil, er wird vielleicht zu der Frage gedrängt: Was sollen die Staaten
unterlassen ? - Denn was sie tun und dadurch bewirken, das haben
wir in der Tat erlebt in der Tötung von zehn Millionen Menschen
und in dem, was achtzehn Millionen Menschen zu Krüppeln machte.
Und so drängt sich die Frage vielleicht doch in die Seele herein:
Was sollen die Staaten unterlassen? - Das ist es, was ich hier nur an-
deuten kann, was aber wahrhaftig aus tiefen Grundlagen einer wah-
ren sozialen Wissenschaft gegenwärtig schon gefragt werden kann.
Wenn man sieht auf gewisse politisch-gesellschaftliche Zustände,
wie sie sich, ich möchte sagen, typisch entwickelt haben, wie sie
aber auch typisch zu ihrem wohlverdienten Ende geführt haben,
dann braucht man nur zum Beispiel auf Österreich zu sehen, das
sich in den sechziger Jahren hinwandte zu einem gemeinsamen Ver-
fassungswesen im österreichischen Reichsrate.
Was sich dazumal herausgebildet hatte - ich habe drei Jahrzehnte
meines Lebens in Österreich zugebracht, habe die Verhältnisse
gründlich kennengelernt, habe kennengelernt, was sich dazumal im
österreichischen Staate als Verfassungsleben entwickelte -, das paßte
zu dem Zusammengewürfeltsein der verschiedenen Nationen wahr-
haftig wie die Faust aufs Auge. Und für den, der geschichtliche Tat-
sachen wirklich verfolgen kann, ist es klar, daß gerade in dem, was
dazumal im österreichischen Verfassungsleben gegründet worden
ist, was Österreichs Politik geworden ist schon in den sechziger,
siebziger Jahren, die Ursache mit veranlagt ist zu dem Ende, in das
die jetzigen Jahre führten.
Warum? Nun, dazumal wurde ein österreichischer Reichsrat be-
gründet. In diesen österreichischen Reichsrat wurde zunächst hin-
eingewählt die reine Wirtschaftskurie, die Kurie der Großgrundbe-
sitzer, die Kurie der Märkte, der Städte und Industrialorte, die Kurie
der Landgemeinden. Die hatten ihre Wirtschaftsinteressen zu vertre-
ten in dem Staatsparlament. Und sie machten Rechte, sie machten
Gesetze aus ihrem Wirtschaftsleben heraus. Es entstanden nur Rech-
te, welche eine Umwandlung der Wirtschaftsinteressen waren. Mit
Bezug auf das Recht aber hat man es nicht mit demselben zu tun,
womit man es zu tun hat auf dem Boden des Wirtschaftslebens. Auf
dem Boden des Wirtschaftslebens hat man es zu tun mit den mensch-
lichen Bedürfnissen, mit Warenerzeugung, Warenzirkulation, Wa-
renkonsum. Auf dem Gebiete des Rechtslebens hat man es aber mit
dem zu tun, was, abgesehen von allen übrigen Interessen, den Men-
schen, insofern er rein nur Mensch ist, insofern er als Mensch allen
anderen Menschen gleich ist, angeht. Aus ganz anderen Untergrün-
den heraus muß geurteilt werden, wenn die Frage gestellt ist: Was ist
rechtens? - als: Was hat zu geschehen, um irgendein Produkt in den
Kreislauf des Wirtschaftslebens einzuführen? - Die unnatürliche Zu-
sammenkoppelung der Wirtschaftskurie mit dem Rechtsleben, das
ist es, was als eine Krebskrankheit am sogenannten österreichischen
Staate fraß.
Diese Dinge könnte man durch die modernen Staaten hindurch
an vielen Beispielen verdeutlichen. Es handelt sich nicht darum, daß
man diese Dinge bloß studiert, sondern darum, daß man den richti-
gen Gesichtspunkt findet, unter dem man einen Einblick in die wah-
re Wirklichkeit gewinnen kann, in dasjenige, was lebt und webt,
nicht in dasjenige, wovon sich die Leute einbilden, daß es politisch
oder wirtschaftlich das Richtige ist.
Und wiederum, man sehe auf den Deutschen Reichstag, seligen
Angedenkens, hin, auf dieses demokratische Parlament mit glei-
chem Wahlrecht, in welchem zugleich eine Interessenvertretung
sein konnte wie der Bund der Landwirte, in welchem aber auch sein
konnte eine Vertretung einer bloßen geistigen Gemeinschaft, wie
das Zentrum! Da sehen wir hineingeschweißt, hineingeschmolzen
in das rein politische Leben etwas, was nur dem Geistesleben ange-
hört. Und zu welchen unnatürlichen Verhältnissen hat dieses ge-
führt ! Wiederum könnte man zu dem einen Beispiel hinzu viele an-
führen. Will man das Leben der modernen Menschheit kennenler-
nen, dann muß man in der Lage sein, es einmal radikal von diesem
Gesichtspunkte aus anzufassen. Man muß wirklich den Mut haben,
solchen Dingen ins Angesicht zu schauen, dann wird man auf etwas
kommen, was die modernen Menschen nocht nicht zugeben wollen,
ich möchte sagen, sogar daß es nicht zugeben wollen die Menschen
aller Parteien. Was aber einzig und allein der Impuls sein kann für ei-
ne Gesundung unseres sozialen Organismus, das ist die Anerken-
nung, daß fortan nicht mehr eine Zusammenschweißung, eine Zu-
sammenkoppelung der drei Lebensgebiete sein darf - Geistesleben,
Rechtsleben und Wirtschaftsleben -, sondern daß jedes dieser Gebie-
te seine eigenen Lebensgesetze hat, daß jedes dieser Gebiete daher
auch aus seinen eigenen Quellen heraus sich seine gesellschaftliche
Formation geben muß.
Im Wirtschaftsleben können bloß die Interessen der Warenerzeu-
gung, des Warenkonsums und der Warenzirkulation walten. Die
Grundgesetze dieses Wirtschaftslebens müssen maßgebend sein für
die Verwaltung und Gesetzgebung. Auf dem Gebiete des Rechtsle-
bens muß herrschen dasjenige, was unmittelbar aus dem menschli-
chen Rechtsbewußtsein hervorquillt, dasjenige, worinnen alle Men-
schen wirklich gleich sind als Menschen. Auf dem Gebiete des geisti-
gen Lebens muß herrschen dasjenige, was aus der natürlichen
menschlichen Begabung in voller freier Initiative erfließen kann.
Die moderne Sozialdemokratie hat Breschen hineingeschlagen -
ich möchte sagen, von einem ganz anderen Gesichtspunkte aus,
doch das kann uns heute hier nicht berühren - auf einem einzigen
Gebiete, indem sie den Satz in ihren Anschauungen hat: Religion
muß Privatsache sein. - Der Satz muß ausgedehnt werden auf alle
Zweige des geistigen Lebens. Alles geistige Leben muß eine Privat-
angelegenheit sein gegenüber dem Rechtsstaate und gegenüber dem
Kreislaufe des Wirtschaftslebens. Dasjenige Geistesleben allein, wel-
ches auf seine eigenen Kräfte gewiesen ist, dasjenige Geistesleben al-
lein, welches aus seinem eigenen Impuls heraus immerzu seine
Wirklichkeit erweist, das wird kein Geistesluxus, das wird kein Gei-
stesüberfluß sein, das wird ein Geistesleben sein, das von allen Men-
schen in gleicher Weise ersehnt werden muß. Man hat, indem man
das mittelalterliche Geistesleben angesehen hat, zum Beispiel die
Wissenschaft im Verhältnis zur Religion und Theologie, oftmals den
Satz ausgesprochen: Die Philosophie, die Weltenweisheit, trägt der
Theologie die Schleppe nach. - Nun ja, man hat auch geglaubt, das
sei in der neueren Zeit anders geworden. Es ist auch anders gewor-
den, aber wie ist es anders geworden? Die weltlichen Wissenschaf-
ten sind zu Dienern der weltlichen Mächte, der Staaten, der Wirt-
schaftskreisläufe geworden. Und sie sind wahrhaftig dadurch nicht
besser geworden. Und warum sind sie nicht besser geworden?
Wenn man sieht, daß im Grunde genommen eine einheitliche Strö-
mung geht, eine einheitliche Kraft, von den höchsten Zweigen des
Geisteslebens bis herunter in die Verwertung der individuellen Fä-
higkeiten des Menschen, wie sie getragen werden durch das Kapital
und den Kapitalismus, dann sieht man der Frage, die sich hier auftut,
auf den Grund. Wer die Funktionen, die Betätigungen des Kapitals
in der modernen Gesellschaftsordnung nicht lostrennt von dem
übrigen Geistesleben, der sieht nicht auf den Grund. Arbeiten auf
Grundlage eines Kapitals ist nur möglich in einer Gesellschaft, in
welcher ein gesundes, emanzipiertes Geistesleben ist, aus dem her-
auswachsen kann auch die Entwickelung solcher Fähigkeiten, die
auf das Kapital gegründet sind.
Was in der neueren Zeit geschehen ist, braucht ja nicht immer so
grotesk zutage zu treten, wie es einmal zutage trat, als ein moderner,
sehr bedeutender Forscher, ein Physiologe, charakterisieren wollte,
was die Berliner Akademie der Wissenschaften, das heißt, die gelehr-
ten Herren dieser Berliner Akademie der Wissenschaften eigentlich
seien: Er nannte sie, diese gelehrten Herren, «die wissenschaftliche
Schutztruppe der Hohenzollern». Sehen Sie, die Sache war etwas an-
deres geworden. Die Wissenschaft war nicht mehr der Diener der
Theologie; aber ob sie gerade nun zu einer höheren Würde dadurch
aufgestiegen ist, daß sie der Schuldiener des Staates geworden ist, das
ist eine andere Sache.
Ich müßte viel reden, wenn ich Ihnen die gut fundierte, gut be-
gründete Wahrheit in allen ihren Teilen darbieten wollte dafür, daß
einzig und allein die Umkehr von jener Bewegung, die in der neue-
ren Zeit eintrat, nämlich die Befreiung des geistigen Lebens in allen
Zweigen von dem Staatsleben, zur Gesundung unseres sozialen Or-
ganismus führen kann. Wie anders wird sich der unterste Lehrer
fühlen, wenn er in all dem, was er zu vertreten hat, sich nur abhän-
gig weiß von Verwaltung und Gesetzgebung, die auf der Grundlage
des Geisteslebens selber aufgebaut ist, als wenn er die Maximen, die
Impulse des politischen Lebens auszuführen hat! Lehrstand sollte
sich ehemals entwickeln. Dienerstand hat sich gerade auf diesem Ge-
biete entwickelt. Und dieser Dienerstand auf diesem Gebiete, er ent-
spricht auf dem Gebiete des Wirtschaftslebens wahrhaftig auch wie-
der dem, was sich da entwickelt hat. Nährstand nannte man es im
Altertum. Ausbeuterstand und ausgebeuteter Stand hat sich in der
neueren Zeit entwickelt. Die Dinge gingen aber durchaus parallel.
Das eine ist nicht ohne das andere möglich.
Alles dasjenige, was sich auf das persönliche Verhältnis zwischen
Mensch und Mensch bezieht - und dieses persönliche Verhältnis
von Mensch zu Mensch bezieht sich auch auf dasjenige, was Arbeit-
nehmer und Arbeitgeber miteinander abmachen -, alles das kann
nur von demjenigen Gliede des sozialen Organismus verwaltet wer-
den, welches selbständig auf Grundlage des geistigen Lebens organi-
siert ist. Alles, was mit dem Rechte zusammenhängt, und mit dem
Rechte hängt vor allen Dingen das Arbeitsverhältnis zusammen, das
muß Domäne bleiben des politischen, des Rechtsstaates. Das aber,
was mit Warenproduktion, Warenzirkulation und Konsum zusam-
menhängt, das muß ein eigenes Glied der gesellschaftlichen Ord-
nung werden, in welchem nur die Lebensgesetze dieses Organismus
tätig sind.
So kommt man, indem man sich auf die Grundlagen dieser Dinge
einläßt, allerdings zu der radikalen, für manchen sich als unbequem
erweisenden Ansicht, daß sich für die Gesundung unserer sozialen
Verhältnisse drei selbständige soziale Organisationen nebeneinander
entwickeln müssen, die gerade dadurch in der richtigen Weise zu-
sammenwirken werden, daß sie nicht eine einheitliche Zentralisa-
tion haben, sondern zentralisiert in sich selber sind: ein Parlament,
welches die geistigen Angelegenheiten verwaltet, eine Verwaltung,
die nur diesen geistigen Angelegenheiten dient; ein Parlament und
eine Verwaltung des Rechtsstaates, des im engeren Sinne politischen
Staates; ein Parlament und eine selbständige Verwaltung des wirt-
schaftlichen Kreislaufes für sich; gewissermaßen wie souveräne Staa-
ten nebeneinander. Die werden durch ihr Nebeneinanderstehen das
verwirklichen können, was die moderne Proletarierseele will, was
aber durch eine bloße zentralistische Verstaatlichung der gesell-
schaftlichen Ordnung nicht erreicht werden kann.
Nehmen Sie nur einmal das Wirtschaftsleben. Heute steht es so,
daß es auf der einen Seite angehängt ist an die Naturgrundlagen.
Man kann diese Naturgrundlagen durch Bodenverbesserung und
dergleichen auch verbessern, dann können die Arbeitsbedingungen
durch die Verbesserung der Arbeitsgrundlagen günstiger werden;
aber man steht da an einer Grenze, über die man nicht hinausgehen
kann. An einer solchen Grenze muß man auch nach der anderen
Seite stehen. Wie das Wirtschaftsleben an die Natur, die außerhalb
ist, angehängt ist, so muß auf der anderen Seite der Rechtsstaat ste-
hen. Aus diesem Rechtsstaat heraus werden die Rechte und Gesetze
so bestimmt, daß sie abgesondert vom Wirtschaftsleben bestimmt
werden. Wie der Richter abgesondert von seinen Familien- oder
menschlichen Beziehungen zu urteilen hat, wenn er nach dem Ge-
setze urteilt, wie er da ja aus einer anderen Quelle heraus seinen
Menschenwillen funktionieren läßt als im alltäglichen Leben, so
werden, wenn es auch dieselben Menschen sind - denn durch alle
drei Gebiete der sozialen Organisation werden es ja dieselben Men-
schen sein, die da walten -, so werden sie, wenn sie aus dem moder-
nen Rechtsstaate heraus urteilen, doch aus ganz anderen Prinzipien
urteilen. Es wird sich zum Beispiel, um nur das eine anzuführen, ge-
rade dadurch aus dem, was menschliche Anforderung an das Leben
ist, das ergeben, was das Maß der Arbeit ist, das einer leisten kann,
die Zeit, in welcher einer arbeiten kann. Das alles muß unabhängig
sein von der Preisbildung, die im Wirtschaftsleben herrscht. Und
wie die Natur auf der einen Seite dem Wirtschaftsleben die Preisbil-
dung aufdrängt, so muß auf der anderen Seite die freie unabhängige
Menschlichkeit aus dem Rechtsbewußtsein heraus zuerst immer die
Arbeit entscheiden. Und vom außerhalb des Wirtschaftslebens ste-
henden politischen Staate muß die Arbeit hineingestellt werden in
das Wirtschaftsleben. Dann ist die Arbeit preisbildend; dann wird
nicht Warencharakter der Arbeit aufgedrückt werden, dann wirkt
die Arbeit mit an der Bildung des Preises, ist nicht abhängig von der
Preisbildung der Ware. Geradeso wie die Natur von außen wirkt auf
das Wirtschaftsleben, so muß das Recht, welches verkörpert ist in
der menschlichen Arbeitskraft, von außen wirken.
Es mag sein - denn das kann man einwenden -, daß davon in ei-
ner gewissen Weise der Wohlstand eines sozialen Organismus ab-
hängig wird, wenn die Arbeit zuerst ihr Recht geltend macht; aber
diese Abhängigkeit ist eine gesunde Abhängigkeit, und sie wird in
derselben Weise zu einer gesunden Verbesserung führen, wie zum
Beispiel die Bodenverbesserung durch technische Mittel, wenn es
notwendig oder zweckmäßig ist oder sich als möglich herausstellt.
Aber niemals wird in einer solchen Weise die Arbeitskraft preisbil-
dend sein können, wie sie der Menschenwürde entsprechend preis-
bildend sein muß, wenn man das Wirtschaftsleben wie in eine große
Genossenschaft in den Rahmen des modernen Staates hineinstellt.
Das Wirtschaftsleben muß herausgenommen werden, auf sich selbst
gestellt werden. Herausgenommen werden muß das Rechtsleben,
das politische Leben, das Sicherheitsleben und auf sich gestellt wer-
den. Da haben zu sprechen Leute aus der demokratischsten Grund-
lage heraus über dasjenige, was alle Menschen berührt. Dann wird
das in der richtigen Weise zurückwirken auf das Wirtschaftsleben
und dasjenige, was dadurch kommen muß. Niemals wird aus einer
wie immer gearteten Genossenschaft oder staatlichen Einrichtung
der Genossenschaft selbst, das geschehen können. Man wird es erle-
ben, daß, wenn es so bleibt, wie die jetzigen Unterdrücker sich aus
anderen, historischen Grundlagen herauf entwickelt haben, sich
auch so die neuen Unterdrücker entwickeln werden, wenn nicht
wirkliche demokratische Grundlagen außerhalb des Wirtschafts-
lebens geschaffen werden.
Ebenso wie außerhalb des Wirtschaftslebens das staatliche Rechts-
leben stehen muß, so das gesamte Geistesleben von der niedersten
Schule bis hinauf zur Hochschule. Dann wird dasjenige, was aus die-
sem Geistesleben heraus sich entwickelt, eine wirkliche geistgemäße
Verwaltung sein können der beiden übrigen Zweige des Lebens.
Dann wird es möglich sein, daß dasjenige, was sich im Wirtschafts-
leben als Profit herausbildet, wirklich der Allgemeinheit zugeführt
wird, aus der es genommen ist. Dann wird es möglich sein, daß für
die materiellen Güter etwas ähnliches Platz greift, wie heute bloß
für die schoflen Geistesgüter. Denn eigentlich sind die Geistesgüter
der modernen Gesellschaft doch das Allerschofelste. Es ist so: in be-
zug auf dieses Geistesgut, da gilt es, daß dasjenige, was produziert
wird, wenigstens dreißig Jahre nach dem Tode der Allgemeinheit
zugeführt wird, Freigut wird, von jedem verwaltet werden kann.
Das lassen sich die Leute heute mit Bezug auf die materiellen Güter
wahrhaftig nicht gefallen
Der Besitz ist im gesellschaftlichen Leben nicht das, wovon so
sehr häufig diese oder jene Sozialökonomen in einer sonderbaren
Weise träumen; man kann ihn nur so auffassen für das gesellschaftli-
che Leben: Der Besitz ist das ausschließliche Verfügungsrecht über
eine Sache; Besitz in produktivem Sinne, im Sinne von Grund und
Boden, ist ein Recht. Und dieses Recht kann nur dann statt zu ei-
nem Vorrecht zu einem Recht gemacht werden, das dem Rechtsbe-
wußtsein aller Menschen entspricht, wenn auf einem Boden, wo nur
das Recht bestimmt wird, die Urteilsbildung stattfindet, wenn es
möglich wird, daß dasjenige, was als Profit sich ergeben hat, durch
den Rechtsstaat in die Verfügung der geistigen Organisation überge-
führt werden kann, so daß die geistige Organisation die richtigen in-
dividuellen Fähigkeiten zu finden hat für dasjenige, was nicht mehr
zur Produktion, das heißt, zum Menschendienste verwendet wird,
sondern zum bloßen Profit wird. So wird es möglich werden, im-
mer neue individuelle Fähigkeiten der Menschheit zuzuführen.
Aber damit wirklich eine Gewalt da ist, die in der richtigen Wei-
se, nicht in Bürokratismus hinein, sondern in die freie Verwaltung
der individuellen geistigen Fähigkeiten der Menschen dasjenige führt,
was als Besitz von der einen Seite genommen werden muß, dazu ist
notwendig, daß der Rechtsstaat den Besitz überwacht, das heißt das
Besitzrecht, und daß er nicht seinerseits selber zum Eigentümer wird,
sondern daß er das freie Eigentum an denjenigen geistigen Kreis ab-
geben kann, von dem aus es am besten verwaltet werden kann.
Daraus ersehen Sie, daß man allerdings aus solchen Untergründen
heraus heute zu radikalen Anschauungen kommt, die selbst Sie ver-
wundern werden; aber ich meinerseits bin überzeugt davon, daß die
weltgeschichtlichen Tatsachen heute solche Dinge von den Men-
schen fordern. Ich bin überzeugt davon, daß dasjenige, was der mo-
derne Proletarier will, nicht auf eine andere Weise erreicht werden
kann als dadurch, daß er seine Hand reicht der Trennung der Ge-
walten. Das ist die allein einzig mögliche «auswärtige Politik» heute.
Und merkwürdigerweise kann das ein jedes einzelne Territorium
für sich durchführen. Würde Deutschland heute für sich darauf ein-
gehen, wie es neulich von mir in einem «Aufruf an die Deutschen
und an die Kulturwelt», der viele Unterschriften gefunden hat, aus-
gesprochen worden ist, würden die Deutschen heute auf diese Drei-
teilung eingehen, dann könnten sie doch vielleicht in anderer Weise
mit den anderen verhandeln, als sie es heute können, wo sie als ein
vollständig überwundener, gerade durch seine frühere Zentralisa-
tion vollständig überwundener Einheitsstaat dastehen und im Grun-
de genommen gar nichts vermögen.
Ich will damit gar nicht Partei ergreifen, sondern nur sagen, daß
dasjenige, was ich ausführe, gerade die Grundlage nicht nur aller in-
neren, sondern auch einer wahren auswärtigen Politik werden kann
aus dem Grunde, weil es jedes einzelne Land, jedes einzelne Volk für
sich allein durchführen kann. Man wird ja heute, wenn man die ge-
waltig sprechenden Tatsachen ins Auge faßt, zu der Überzeugung
geführt, daß es nicht mehr bloß darum zu tun ist, einiges in den Zu-
ständen nach den alten Gedanken zu ändern, sondern daß es not-
wendig ist, neue Gedanken, neue Tatsachen zugrunde zu legen. Man
hat in den letzten Jahren wahrhaftig recht oft hören können: So ge-
waltige Schreckensereignisse, wie die der letzten viereinhalb Jahre,
hat es, solange die Menschen eine Geschichte haben, noch nicht ge-
geben. Das kann man heute öfter hören. Was aber das Echo auf die-
se Behauptung sein müßte, das hört man nicht so oft heute, nämlich:
Noch niemals haben es die Menschen so nötig gehabt umzudenken,
umzulernen wie heute, wo die soziale Frage auf das hindeutet, wo
am meisten umzulernen ist, hindeutet auf das, an dem am meisten
vorbeigeredet und vorbeigedacht wird.
Heute zeigt es sich, daß die Menschen es sind, die zu handeln ha-
ben. Da hat man nicht mit fertigen Programmen zu kommen! Was
ich hier entwickelt habe, ist kein Programm, ist keine soziale Theo-
rie. Dasjenige, was ich hier entwickelt habe, ist eine wirklichkeitsge-
mäße Menschheitstheorie. Ich bilde mir nicht ein, über alle Zustän-
de, die entstehen sollen, ein Programm aufstellen zu können; das
kann der einzelne von sich aus nicht. Denn so wenig der einzelne
von sich aus die Sprache, die eine soziale Erscheinung ist, bilden
kann, sondern so wie die Sprache sich im Zusammenleben der Men-
schen bildet, so muß alles soziale Leben sich im Zusammenleben der
Menschen entwickeln.
Dazu müssen die Menschen aber erst im richtigen Verhältnisse
zueinander stehen. [. . .] Derselbe Mensch kann im Wirtschaftsparla-
ment, im demokratischen Parlament, im geistigen Parlament zu-
gleich sein; er wird nur darauf sehen müssen, wie er aus der Objekti-
vität der Verhältnisse immer aus den verschiedenen Quellen heraus
das Urteil zu finden hat.
Wie die Menschen Rechts- und Wirtschafts- und Geistesleben ver-
walten werden, wenn sie richtig zueinander stehen, was die Men-
schen sagen werden über das Soziale, das möge man ergründen;
nicht ein abstraktes, theoretisches Programm über dasjenige, was in
allen Fällen richtig ist, hinstellen! Die Menschen in ein solches Ver-
hältnis zu bringen, daß sie in der richtigen Weise miteinander wir-
ken, dafür - könnte man glauben - hätte insbesondere das moderne
Proletariat Verständnis, und dies aus dem einfachen Grunde, weil
das moderne Proletariat gesehen hat, wie die verschiedenen Interes-
sen, die Rechts-, die Wirtschafts- und die geistigen Interessen gegen-
einander wirken. So bringt man sie in ein solches gegenseitiges Wir-
ken, daß sie aus ihren eigenen Kräften heraus für jeden ein men-
schenwürdiges Dasein, für das Ganze einen lebensfähigen Organis-
mus ergeben. Wenn es auch radikal ist, nichts anderes glaube ich, als
daß der gute Wille und die Einsicht dazu gehören, um dieses soziale
Programm, das kein Programm im landläufigen Sinne ist - man
muß es so nennen, weil man einmal nicht andere Worte hat -, um
dieses soziale Programm ins Leben überzuführen. Die soziale Frage
wird dadurch allerdings als das erscheinen, was sie in Wirklichkeit
ist. Es gibt gewisse Menschen, die glauben, die soziale Frage, die her-
aufgekommen ist, werden wir lösen, wenn wir dies oder jenes tun,
[. . .] nein, die soziale Frage ist heraufgekommen, weil die Menschen
eine bestimmte Entwickelungsstufe erlangt haben. Und jetzt ist sie da
und wird immer da sein und wird immer von neuem gelöst werden
müssen. Und wenn die Menschen sich nicht einlassen werden auf
immer neue Lösungen, so werden die Kräfte zuletzt in solche Dis-
harmonien kommen, die immer mehr zu revolutionären Erschütte-
rungen der gesellschaftlichen Ordnungen führen müssen. Revolutio-
nen muß man Stufe um Stufe im kleinen besiegen; dann werden sie
nicht im großen auftreten. Besiegt man aber nicht dasjenige, was als
berechtigte revolutionäre Kräfte Tag für Tag ins Leben hereintritt,
dann, ja dann braucht man sich auch nicht zu wundern, wenn das-
jenige, auf das man nicht aufmerksam sein will, in großen Erschütte-
rungen sich entlädt. Dann muß man dies vielmehr in gewissem Sin-
ne als etwas Begreifliches ansehen.
So glaube ich, daß sich gerade im Proletariat für eine wirklich
weitgehende Überschau über die soziale Frage, wie sie sich in dieser
Dreigliederung des sozialen Organismus ergibt, ein Verständnis ent-
wickeln könnte. Und ich bin überzeugt davon, daß, wenn sich eini-
ges Verständnis entwickelt, dann der Proletarier erst begreifen wird,
wie er im wahren Sinne des Wortes der echte moderne Mensch ist.
Er, den man aus den alten Gesetzlichkeiten herausgerissen hat, an
die öde Maschine hingestellt hat, in den seelenlosen Wirtschaftspro-
zeß eingespannt hat, er hat die Möglichkeit, neben diesem Men-
schentötenden, Menschenzerstörenden über das Menschenwürdige
nachzudenken, über dasjenige, was das Menschenleben wahrhaftig
menschenwürdig macht; er hat die Möglichkeit, von den fundamen-
talen Grundlagen aus darüber nachzudenken und den Menschen als
reinen Menschen ins Auge zu fassen. Daher darf man auch glauben,
daß, wenn sich aus dem modernen proletarischen Klassenbewußt-
sein dasjenige herausentwickelt, was in ihm verborgen ist, was da-
hinter steht: das Bewußtsein der Menschenwürde - «ein menschen-
würdiges Dasein muß allen Menschen zukommen» -, dann wird mit
der Lösung der proletarischen Frage, mit der Befreiung des Proleta-
riats, die Lösung einer großen weltgeschichtlichen Menschheitsfrage
geschehen. Dann wird der Proletarier nicht nur sich erlösen, dann
wird der Proletarier der Erlöser der gesamten Menschlichkeit in der
Menschheit werden. Dann wird mit der proletarischen Befreiung
zugleich die ganze Menschheit, dasjenige, was in dieser Menschheit
wert ist, befreit zu werden, befreit werden können.
PROLETARISCHE FORDERUNGEN
UND DEREN KÜNFTIGE PRAKTISCHE VERWIRKLICHUNG
Winterthur, 19. März 1919
Glauben Sie nicht, daß ich heute das Wort ergreifen möchte, um zu
Ihnen in dem Sinne von Verständigung zwischen den verschiedenen
Menschenklassen der Gegenwart zu sprechen, wie es so sehr häufig
jetzt von gewissen Seiten her gepflogen wird, wo gesagt wird, es sei
notwendig, daß man über Verständigung spreche. Ich möchte von
einer ganz anderen Verständigung sprechen, wie wir gleich nachher
sehen werden. Von jener Verständigung zu sprechen, verbietet sich,
wenn man darauf hinblickt, wie sich dieses Leben im Laufe der letz-
ten Jahrzehnte, vielleicht schon länger und bis in unsere Tage herein
entwickelt hat, wie es nunmehr ausgelaufen ist in laut sprechende
Tatsachen, die allerdings für manche Menschen, die sich von diesen
Tatsachen vor kürzerer Zeit noch nichts haben träumen lassen,
recht schreckhaft sind. Was würde es auch viel nützen, von Verstän-
digung in dieser Art zu sprechen gegenüber dem, was man auf der
Seite hören kann, wo heute so häufig diese Verständigung ersehnt
wird?
Vor wenigen Tagen konnte man wiederum von einer solchen Sei-
te allerlei hören, in Bern, bei der sogenannten Völkerbundskonfe-
renz. Was da vorgebracht worden ist über das wünschenswerte und,
wie die Leute glauben, mögliche internationale Leben der nächsten
Zukunft, das erinnerte einen wahrhaftig an die Reden gewisser
Staatsmänner, an Reden, die stets von demselben Grundton aus im
Frühling und Frühsommer des Jahres 1914 gehalten worden sind.
Ein paar Worte aus einer solchen Rede eines früheren Staatsmannes
der später kriegführenden Mächte lassen Sie uns anführen. Sie laute-
ten etwa so - er sagte das zu seinem Reichstag -: Dank der Bemü-
hungen der Kabinette der Regierungen der europäischen Groß-
mächte dürfen wir annehmen, daß der europäische Friede auf lange
Zeiten hinaus gesichert sein werde. - Im Mai 1914! Das war der Frie-
de, von dem gesprochen worden ist, der dann gekommen ist, und
der mindestens zehn Millionen Tote gebracht hat und achtzehn Mil-
lionen Menschen zu Krüppeln gemacht hat! So kannten die Men-
schen dasjenige, was in der Zeit schlummerte.
Ich selbst, wenn ich diese persönliche Bemerkung machen darf,
mußte im Frühling 1914 angesichts dessen, was man herankommen
sehen konnte, wenn man nicht blind und taub war für die Wirklich-
keiten, in einer Versammlung, die ich in Wien halten konnte, die
Worte sprechen: Wir leiden im sozialen Organismus der Gegenwart
an einer schleichenden Krebskrankheit, die in kürzester Zeit als ein
mächtiges Geschwür aufbrechen müsse. - So konnte man auch re-
den dazumal.
Nun, ich denke, die Tatsachen haben gezeigt, daß man mehr
recht hatte, wenn man sprach von der schleichenden Krebskrank-
heit in der gesellschaftlichen Ordnung der damaligen Gegenwart, als
wenn man so sprach, wie die damaligen Staatsmänner zur Betäu-
bung, zur Illusionserweckung für die Menschen gesprochen haben.
Und so reden jetzt wiederum sehr, sehr viele Leute von dem, was
zwischen den Völkern kommen soll an internationalem Leben. Und
sie reden vorbei und denken vorbei an dem, was das Allerwichtigste
und Wesentlichste ist und sein wird und was heute schon durch laut
sprechende Tatsachen sich ankündigt; sie reden vorbei an den ei-
gentlichen wahren sozialen Forderungen der Gegenwart.
Wie hat man von gewisser Seite bis zu den Schreckensjahren, die
1914 begonnen haben, das Leben der sogenannten modernen Zivili-
sation geschildert? Man konnte es immer wieder hören, wie gewal-
tig die Menschheit fortgeschritten sei, wie gegenüber früheren Zei-
ten es möglich sei, rasch über weite Strecken der Erde hin zu reisen,
um Geschäfte zu machen, wie der Gedanke blitzschnell über die Er-
de hinfliege, wie Wissenschaft und Kunst - was man eben in gewis-
sen Kreisen Wissenschaft und Kunst nennt - sich ausbreiten und so
weiter. Loblied über Loblied wurde angestimmt auf diese moderne
Zivilisation. Und die letzten viereinhalb Jahre? Was ist in ihrem
Laufe aus dieser modernen Zivilisation in Europa geworden? Wie
konnte das werden? Allein dadurch konnte es werden, daß diese
moderne Zivilisation, der man solche Loblieder gesungen hat, auf ei-
nem Untergrunde ruhte, der unterhöhlt war, unterhöhlt allerdings
nicht von irgend etwas der Menschheit als solcher Feindlichem, son-
dern unterhöhlt war von den nach den verschiedensten Richtungen
hin berechtigtsten Forderungen eines großen Teiles der gegenwärti-
gen Erdbevölkerung. Die empfand dasjenige, was uns diese Zivilisa-
tion gebracht hat, nicht als ein menschenwürdiges Dasein.
Allein dadurch aber war diese Zivilisation möglich, daß sie sich
erhob wie ein Überbau auf dem Unterbau, der darin besteht, daß
unzählige Menschen kein menschenwürdiges Dasein hatten. Und
dasjenige, was man als das Schlimmste ansehen muß, das ist, daß sich
eine tiefe Kluft mit Bezug auf das Verständnis aufgetan hatte, eine
Kluft zwischen denen, die auf der einen Seite die Loblieder ange-
stimmt haben und denen, die auf der anderen Seite immer wieder
und wieder aus den Versammlungen heraus, die sie sich abrangen
von der schweren Arbeit, den Ruf ertönen lassen mußten: So kann
es nicht weitergehen!
Wenig Neigung war in den führenden, leitenden Kreisen zu einer
wirklichen Verständigung, wie sie hätte gesucht werden müssen seit
Jahrzehnten, ja seit vielleicht mehr als einem halben Jahrhundert.
Seit diesem halben Jahrhundert ist die proletarische Bewegung im-
mer mehr und mehr im Wachsen. Und sie ist so im Wachsen, daß
man sagen kann: Bisher stand das Leben der proletarischen Bevölke-
rung da wie eine mächtige weltgeschichtliche Kritik dessen, was die
bisher herrschenden und führenden Klassen in der Weltgeschichte,
in der Entwickelung der Menschheit angerichtet hatten. Heute spre-
chen die Tatsachen diese Sprache der Kritik, die so und so oft diesen
herrschenden Klassen entgegengehalten worden ist. Wie haben die
bisher herrschenden Klassen sehr häufig dasjenige, was ihnen da ent-
gegentönte als der Ruf: So kann es nicht weitergehen - wie haben sie
das aufgenommen? Man brauchte ja nur - ich möchte Beispiele an-
führen - nicht gleich so weit zu gehen, wie zum Beispiel eine charak-
teristische Persönlichkeit, die sich aus den herrschenden Klassen der
unmittelbaren Vergangenheit herausgehoben hat, wie etwa der deut-
sche Kaiser, der mit Bezug auf die proletarische Masse, insofern sie
sich als Sozialisten auslebten, sagte: Diese Tiere, die den Boden des
Deutschen Reiches unterhöhlen, müssen ausgerottet werden. -
Oder ein andermal sagte er - das sind seine eigenen Worte: Diese
Menschen sind die Feinde der göttlichen Weltordnung. - Nicht
bloß seien sie die Feinde anderer Menschen, sondern die Feinde der
göttlichen Weltordnung. - Man brauchte, wie gesagt, nicht gleich so
weit zu gehen; aber sonderbare Vorstellungen hatte man doch. Da
hatten zum Beispiel im Deutschen Reiche aus gewissen Gründen
heraus, die ich hier keiner Kritik unterwerfen will, die Sozialdemo-
kraten gestimmt für die Kriegskredite, wenigstens ein überwiegen-
der Teil der Sozialdemokraten hatte für Kriegskredite gestimmt,
und hatte auch - wiederum aus Gründen, die ich nicht erörtern will -
ihre Soldatenpflicht getan, hatten sich überhaupt in einer gewissen
Weise gegenüber dem sogenannten Weltkrieg verhalten. Glauben
Sie nicht, daß die Meinung von Leuten aus den bürgerlichen intel-
lektuellen Kreisen eine so seltene war, die, als sie gesehen haben, wie
patriotisch sich die Sozialdemokratie verhielt, ernsthaftig geglaubt
haben - das ist eine Tatsache -, daß eigentlich die Soldaten in der
Zukunft lauter Männer würden, die brav sich brauchen lassen wür-
den zu dem, wozu man sie ja, namentlich im vorigen Reiche, recht
gern gebraucht haben würde, wenn die Dinge anders, aber recht
sehr anders ausgegangen wären, als sie ausgegangen sind. Man hätte
sie nämlich sehr gern gebraucht zur Steuerbewilligung im Reichs-
tage seligen Andenkens.
Nun, selbst auf mancher sozialistischen Seite hat man sich nichts
träumen lassen von den laut sprechenden Tatsachen, die nunmehr
aber eingetreten sind. Selbst auf sozialistischer Seite ist oft und oft
wieder betont worden: Die Regierung wird nach diesem Weltkriege
nicht so verfahren können mit der proletarischen Bevölkerung wie
vorher; sie wird auf deren Willen Rücksicht nehmen müssen. -
Nun, die Tatsachen sind ziemlich anders geworden, nicht wahr?
Diese Regierung, wenigstens ein großer Teil von ihr, kann heute
nicht viel Rücksicht nehmen auf den Willen der proletarischen
Bevölkerung.
Wenn man nach beiden Seiten hin sieht, so zeigt sich auf der ei-
nen Seite, was der österreichische Sozialist Pernerstorfer aus der Ge-
sinnung gewisser bürgerlicher Kreise während des Weltkrieges so
charakterisierte, indem er sagte: Diese Millionen schlössen, insofern
sie den kriegführenden Staaten angehörten, ihren Frieden gern mit
der Sozialdemokratie; aber sie möchten einen Frieden etwa unter
der Bedingung, der dem entsprechen würde, daß der andere, dem
man lebenslängliche Freundschaft anbietet, sie annehme, aber daß
sich der Betreffende hinterher aufhänge. - Sehen wir aber nach der
anderen Seite, da war auch keine Möglichkeit, viel Verständnis her-
vorzurufen. Ich darf hier sehr wohl aus persönlicher Erfahrung re-
den, denn ich arbeitete als Lehrer jahrelang an der von Wilhelm
Liebknecht begründeten Arbeiter-Bildungsschule an dem Werden
desjenigen, was sich in Proletarierseelen als Weltanschauung ausge-
bildet hatte, mit. Wer weiß, was sich in der proletarischen Seele aus-
bildete, der weiß auch, welche proletarischen Forderungen in dem
steckten, was immer wieder und wiederum eben in jenen Versamm-
lungen, die sich der Proletarier abrang von seiner Arbeitszeit, ab-
rang auch von seiner körperlichen Gesundheit oftmals, was in jenen
Versammlungen die Seelen durchtönte. Das kleidete sich immer
wieder und wieder in dreierlei. Mancher sprach allerdings nicht mit
einem vollen breiten Verständnis über dasjenige, was sich in diesen
drei Dingen offenbarte, aber eine tiefe Empfindung war in den Pro-
letarierseelen, was in diese drei Forderungen, wenn sie sich auch
scheinbar nicht als Forderungen aussprechen, was in diese drei For-
derungen verwoben ist. Das erste kleidete sich in die Worte: Mate-
rialistische Geschichtsauffassung; das zweite kleidete sich in das
Wort, in das für den Proletarier vielbedeutende Wort von dem
Mehrwert; und das dritte war dasjenige, was der Proletarier seit
Jahrzehnten, wenn er auch von seinem Verständnis, von seiner Auf-
fassung aus sprach, mit dem Klassenkampf meinte, der andeutete,
wie innerhalb der neueren Zeit der Proletarier innerhalb des Klassen-
kampfes das geworden ist, was man nennen kann eben den klassen-
bewußten Proletarier.
Was kleidete sich eigentlich in diese drei Worte ? Es sieht zunächst
recht theoretisch, recht schulmäßig aus, wenn man sagt: man beken-
ne sich zur materialistischen Geschichtswissenschaft; allein wir wol-
len heute lebenspraktisch und nicht theoretisch sprechen. Was war
eigentlich gemeint mit dem, was der Proletarier gegenüber seiner
Weltanschauung zum Ausdruck bringen wollte und will, wenn er
von materialistischer Geschichtsauffassung spricht? Er hatte seit je-
ner Zeit, seitdem sich im Laufe der neueren Geschichte gleichzeitig
mit der modernen Technik der moderne Kapitalismus entwickelt
hat, er hatte seit dieser Zeit von den führenden, leitenden Kreisen
ein altes Lied hören können. Aber von dem, wovon man heute be-
hauptet, daß es angeregt würde in der Menschenseele bei diesem al-
ten Liede, bemerkte der Proletarier, wenn er hinsah auf die leiten-
den Kreise, blutwenig. Da sprachen die Menschen der leitenden und
führenden Kreise: Der Mensch lebt in einer gewissen sozialen Ord-
nung von Generation zu Generation. Wie sich eben das geschichtli-
che Leben entwickelt, so lebt die Menschheit; und sie lebt nach Ge-
setzen, welche entsprechen einer göttlichen Weltordnung. Man
nannte es eine sittliche Weltordnung, man nannte es die Ideen viel-
leicht auch, wenn man aufgeklärt sein wollte, welche das geschichtli-
che Leben der Menschheit beherrschen.
Der Proletarier schaute sich diejenigen Kreise an, die da so spra-
chen, als wenn ihr Leben bedingt wäre von geistig-sittlichen Mäch-
ten, die durch die Welt gehen und weben. Aber er hatte seinerseits
nichts von diesen sittlichen Mächten; er sah wohl noch weniger et-
was von einer in den Tatsachen sich auswirkenden göttlichen Welt-
ordnung. Man sprach von einer göttlichen Weltordnung, aber man
sah sie nicht, diese göttliche Weltenordnung. Er sah sie vor allen
Dingen nicht in den Handlungen der Menschen, in dem Verhalten
der Menschen zueinander. Er war ja - seit Jahrhunderten hatte sich
das entwickelt - eingespannt worden in die kapitalistische Wirt-
schaftsordnung, in die seelenlose, verödende kapitalistische Wirt-
schaftsordnung. Sie war heraufgekommen gleichzeitig mit der mo-
dernen Technik, die zahlreiche Menschen weggerufen hat von jenem
alten Handwerk, von dem man sagte, daß es einen goldenen Boden
hatte - es hatte in einer gewissen Weise einen goldenen Boden -,
aber das hatte keinen goldenen Boden, was der moderne Proletarier
erlebte an der Maschine in der Fabrik. Für ihn war diese gesellschaft-
liehe Ordnung ausgedrückt in seinem Stehen an der Maschine, in
seinem Eingespanntsein in die kapitalistische Wirtschaftsordnung.
Und er sah, indem dieses neuere technische und kapitalistische Leben
heraufkam, wie die leitenden, führenden Kreise sich dasjenige, was
sie von einem gewissen sozialen Organismus von alten Zeiten her
übernommen haben, als modernen Staat nach ihrem Interesse einge-
richtet hatten. Er sah vor allen Dingen, wie die leitenden, führenden
Kreise aus dem, was sie als Erträgnis hatten durch die moderne Wirt-
schaftsordnung, durch den modernen Staat, wie sie sich anstellten
ihre sogenannten geistigen Leiter, wie sie sich anstellten ihre Lehrer-
schaft, ihre Juristen, ihre Mediziner und so weiter. Und er bemerk-
te, wie gesagt, wenig davon, daß in dieser geistigen Leitung eine gött-
liche, sittliche Weltordnung waltete. Er bemerkte vielmehr, weil er
es ja gewohnt war, hinzuschauen auf die Abhängigkeit des Men-
schen von der wirtschaftlichen Ordnung, er bemerkte, wie auch die-
se leitenden Kreise durchaus von der wirtschaftlichen Ordnung ab-
hängig waren. Der Kapitalismus, die moderne Technik, das Ausbeu-
tersystem, von denen sah er, daß sie die geistigen Leiter hinstellten
an die Plätze, wo sie standen. Man hatte, als so dieses moderne geistige
Leben im modernen Staate heraufkam, aus gewissen Kreisen dieses
geistigen Lebens heraus oftmals gesagt: Ach, dieses ferne Mittelalter,
da war die Philosophie, die Weltweisheit - und man meinte damit
die Wissenschaft überhaupt - in gewisser Weise die Magd der Theo-
logie. Weniger wurde aber von dieser Seite her betont, daß in der
neueren Zeit die Wissenschaft wahrhaftig nicht irgend etwas gewor-
den war, das eine auf sich selbst gestellte freie Wissenschaft war, son-
dern daß sie war eine treue Dienerin des modernen Staatssystems.
Man brauchte auch wiederum nicht gleich so weit zu gehen, wie ein
moderner, berühmter Physiologe, der einmal von einer gelehrten
Körperschaft, von der Berliner Akademie der Wissenschaften gesagt
hat: diejenigen Gelehrten, die dieser Berliner Akademie der Wissen-
schaften angehören, seien die geistigen Schutztruppen der Hohen-
zollern. Man brauchte, wie gesagt, nicht gleich so weit zu gehen;
aber man hatte doch zum Beispiel sehen können - und es kam ja al-
les während des Weltkrieges zu einer bestimmten Höhe -, man hatte
doch Merkwürdiges sehen können während dieses Weltkrieges. Ge-
wiß, die Mathematiker, die Chemiker, denen kann man nicht so-
gleich nachweisen, wie sie den Befehlen von oben gehorchen; dafür
glänzt ja auch ihre Wissenschaft weniger stark, hängt weniger stark
auffällig zusammen mit dem, was das Leben durchpulst. Geschichte
hängt schon mehr zusammen mit demjenigen, was das Leben durch-
pulst. Wer das verfolgt, was als Geschichte produziert worden ist ge-
rade von denen, die als Staatsdiener dieses Gebietes gewirkt und ge-
waltet haben, der konnte sich wohl ein unbefangeneres Urteil als
mancher andere bilden, wenn er zum Beispiel alles dasjenige ansah,
was während dieses Weltkrieges und schon vorher, wahrhaftig lange
vorher, über die geschichtliche Bedeutung der Hohenzollern gespro-
chen wurde. Wahrhaftig, die Geschichte der Hohenzollern wird an-
ders ausschauen, wenn sie nunmehr in der Zukunft geschrieben wer-
den wird! Man kann schon sagen, dasjenige, was diese Herren pro-
duzierten auf diesem Gebiete, das war ein getreuliches Spiegelbild
dessen, was eigentlich die Machthaber haben wollten; das war wirk-
lich nicht freies Geistesleben, das war nichts anderes als ein geistiger
Überbau über die Wirtschaftsordnung der letzten Jahrhunderte und
namentlich der neueren Zeit. Was Wunder aber, wenn der Proleta-
rier, anschauend alle diese Verhältnisse, sich sagte: Ach was, alle sitt-
liche Weltordnung, alle Ideen in der Geschichte! Was hat göttliche
Weltordnung zu sagen! Abhängig ist jeder Mensch von den wirt-
schaftlichen Grundlagen. Wie diese wirtschaftlichen Grundlagen
sind, so breitet er seine Gedanken aus, so lebt er seine Empfindun-
gen dar, so denkt er zuletzt auch selbst in bezug auf seine religiösen
Vorstellungen: alles ein ideologischer Überbau! Das wahrhaft
Wirkliche ist die Wirtschaftsordnung!
Begreifen kann man, wie gesagt, dasjenige, was als Eindruck ent-
stand aus dem unmittelbaren Leben in der Seele des Proletariers.
War doch dieser Proletarier genötigt - die herrschende Klasse mußte
selbst ihn zu einer gewissen Bildung aufrufen, sie konnte die alten
Ungebildeten, den alten Analphabetismus nicht mehr gebrauchen in
ihrer Wirtschaftsordnung -, war doch dieser Proletarier genötigt in-
nerhalb der Bildung, die er aufnehmen wollte, nach der er sich sehn-
te, das entgegenzunehmen, was heraufgekommen war als Wissen-
schaft, als das ganze wissenschaftliche Denken über die Welt in der
neueren Zeit.
Aber dieser Proletarier war auch zu etwas anderem noch genötigt
als zum Aufnehmen der Wissenschaft in einer solchen Art, wie etwa
die herrschenden Kreise diese neuere Wissenschaft, die gleichzeitig
heraufkam mit der modernen Technik und dem Kapitalismus, auf-
nahmen. Ich möchte immer wieder und wiederum ein Beispiel an-
führen, das ich schon neulich hier in dieser Frage zur Illustration
brachte. Ich habe gerade über dieses Gebiet gesprochen. Man konn-
te selbst ein so draufgängerischer Naturforscher sein wie Karl Vogt,
der dicke Vogt, man konnte ein naturwissenschaftlicher Popularisa-
tor sein, wie Büchner, man konnte sich in der Art von beiden recht
freidenkerisch, recht aufgeklärt vorkommen; man konnte sich sa-
gen: hinweg von mir alle die alten Vorurteile. Aber dabei wirkte
doch dasjenige, was diese moderne wissenschaftliche Gesinnung bei
diesen Klassen hervorgebracht hatte, ganz anders, als es wirkte in
der Seele des modernen Proletariers. Die leitenden, führenden Krei-
se, sie sprachen davon, daß die Menschen abstammen von tierischen
Lebewesen. Ich will jetzt nicht davon sprechen, ob diese Lehre un-
sinnig oder irgendwie berechtigt ist, aber man sprach so, ich will nur
die Tatsachen anführen. Aber diese Lehre ist von den herrschenden
Klassen so gedacht, daß sie nur in die Köpfe hineinging. Man konnte
eine Kopfübernatur gewinnen. Aber in dem gesellschaftlichen Le-
ben, in der gesellschaftlichen Lebensordnung, in der man drinnen
stand, da walteten Gesetze, die wahrhaftig nicht hergenommen wa-
ren von der Grundanschauung, daß alle Menschen in gleicher Weise
von irgendwelchem Tiere abstammten. Und man fand es bequem,
die gesellschaftliche Ordnung nicht sich einzurichten, nicht einmal
recht sie zu denken im Sinne dieser modernen naturwissenschaftli-
chen Anschauung.
Ich stand einmal, wie gesagt, ich erwähne diese Tatsache noch ein-
mal hier in dieser Stadt, auf einem gemeinsamen Podium mit der
kürzlich tragisch geendeten Rosa Luxemburg. Sie und ich sprachen
dazumal vor einer größeren Arbeiterschaft in der Nähe von Berlin
über die Wissenschaft und die Arbeiter. In ihrer ganz besonders ein-
dringlichen Weise, in ihrer ruhigen und gelassenen Art sprach sie da-
zumal vor allem aus dem Geiste der modernen Wissenschaft heraus;
aber sie sprach eben zu modernen Proletariern. Sie sprach zu diesen
modernen Proletariern etwa so: Man sehe nur einmal die Wissen-
schaft heute an. Es heißt, daß der Mensch seinen Ursprung nicht aus
irgendeinem geistigen Urzustände hat, denn, so sagte sie - ich zitiere
ihre Worte fast wörtlich -, der Mensch wäre ursprünglich ein recht
unanständiges Wesen gewesen, das auf Bäumen kletterte, und von
solchen Wesen stammen wir alle ab. Da ist natürlich - sagte sie dann
- kein Grund dazu, Rangunterschiede unter den Menschen zu ma-
chen, wie sie die heutige gesellschaftliche Ordnung macht. - Ja, se-
hen Sie, man konnte ein aufgeklärter Mensch sein und in dem Kreise
der führenden, leitenden Klasse drinnen stehen, man konnte eine
Kopfüberzeugung haben, aber dasjenige, was so gesprochen wurde,
das wirkte doch anders auf den modernen Proletarier. Der moderne
Proletarier kam mit einem großen, mit einem riesengroßen Vertrau-
en dieser - man muß es sagen - bürgerlichen Wissenschaft entgegen,
denn er glaubte, daß sie die absolute Wahrheit enthalte. Und weil er
hinweggerufen worden war an die Maschine, in die Fabrik, in die
kapitalistische Wirtschaftsordnung hinein, weil er aus allem Frühe-
ren herausgerissen war, weil er auch nicht mehr Überlieferungen er-
halten hatte, keine Traditionen, weil er nicht in einem ganz neuen
Lebensverhältnis bleiben konnte, war er genötigt, das, was ihm diese
bürgerliche Wissenschaft gab, als an den ganzen Menschen gerichtet
zu nehmen und sich zu fragen: Ist sie so, die Welt, wie sie sich dar-
stellt in den Augen dieser modernen Wissenschaft?
Das ist die Hauptrichtung des geistigen Lebens des modernen
Proletariers. Das ist dasjenige, was ihn immer wieder und wieder in
der Seele zu der Empfindung nötigt, daß es so nicht weitergehen
kann. Und dahinter verbirgt sich die eine der Forderungen.
Die zweite der Forderungen, man konnte sie immer wieder und
wieder hören, wenn man nicht bloß den leitenden Kreisen angehör-
te und dadurch in bestimmter Weise über das Proletariat dachte,
sondern wenn man, unter dem Proletariat lebend, mit dem Proleta-
Hat denken und sprechen konnte - man konnte es immer wieder
und wiederum fühlen und empfinden. Jeder, der innerhalb dieser
Kreise lebte, weiß, daß mit dem Begriff «Mehrwert» und allem, was
damit zusammenhängt, durch Karl Marx und seine Nachfolger in
theoretischer Art etwas in die Arbeiterschaft hineingeworfen wur-
de, das zündend wirkte. Denn in dieser modernen Arbeiterschaft
war etwas, das aus den Lebensverhältnissen der neueren Zeit heraus
verstand, tief schmerzlich verstand, was Mehrwert ist.
Hier ist der Punkt, wo man sagen muß: Wir stehen heute an ei-
nem Wendepunkte der geschichtlichen Entwickelung. Eine Kritik
war dasjenige, was im modernen Proletariat lebte, an dem, was die
leitenden Kreise bisher in der geschichtlichen Entwickelung der
Menschheit besorgt haben. Zum Handeln ist heute das moderne
Proletariat aufgerufen. Dieses Handeln wird nur möglich sein, wenn
gerade in diesem Punkte, der sich an das Wort Mehrwert anschließt,
man den Mut haben wird, allüberall, wo man weiterkommen will
im menschlichen Leben selbst, über das hinauszugehen, was Karl
Marx gemeint hat, als er von Mehrwert und dem damit Zusammen-
hängenden sprach.
Was war es denn, was in Anknüpfung an diesen Mehrwert ein so
tiefes, empfindungsgemäßes Verständnis hervorrief in der Seele des
modernen Proletariers? Es war dasjenige, was den Grundnerv des
ganzen modernen Wirtschaftssystems berührte. Was ist Wirtschaft ?
Wirtschaft, auf deren Grundlage wir alle materiell leben? Was ist
Ware, Produktion, Zirkulation, Konsumtion? In diesen Kreislauf
des Wirtschaftslebens, in welchem nur Ware zirkulieren sollte, ist in
einer gewissen Form seit alten Zeiten, sich abschälend von anderen
Formen, dasjenige eingetreten, was man nur dadurch charakterisie-
ren kann, daß man sagt: Innerhalb der modernen kapitalistischen
Wirtschaftsordnung lebt weiter die Arbeitskraft des modernen Pro-
letariers in derselben Weise wie eine Ware. Sie wird gekauft, sie wird
wie eine Ware getauscht gegen andere Waren. - Das empfindet der
moderne Proletarier. Was auch immer in kleinen Brocken gesche-
hen ist, um gewissermaßen seine Aufmerksamkeit abzulenken von
dieser Fundamentaltatsache, wir stecken tief drinnen in einem Zu-
sammenhang, in dem die proletarische Arbeit nichts weiter ist als ei-
ne Ware. Hier empfindet der moderne Proletarier noch viel mehr,
als man eigentlich bisher genötigt war, in theoretischen Worten,
selbst in der sozialistischen Wissenschaft, zum Ausdruck zu brin-
gen, hier empfindet der moderne Proletarier das ganze Menschenun-
würdige seines Daseins. Er sieht in seinem Dasein nur die Fortset-
zung des alten Sklavendaseins, des mittelalterlichen Systems der Leib-
eigenschaft. Der Sklave wird als ganzer Mensch verkauft; der moder-
ne Proletarier muß, weil er selbst nichts besitzt, auf den Arbeits-
markt seine Arbeitskraft tragen, die ihm abgekauft wird. Aber kann
man denn die Arbeitskraft auf den Arbeitsmarkt tragen, ohne sich
selbst hinzutragen? Ist man nicht mit ihr als Mensch so verknüpft,
daß man als Mensch das Schicksal erleidet, das die eigene Arbeits-
kraft erleidet? Das ist es, worauf es ankommt: Nicht nur eine andere
Form der Entlohnung, die nichts weiter ist als ein Kauf von Arbeits-
kraft als Ware, sondern die Entkleidung der Arbeitskraft von dem
Warencharakter im modernen Wirtschaftsleben muß angestrebt
werden. Das ist gerade die mehr oder weniger deutlich ausgespro-
chene Frage des modernen Proletariats: Wie kann es geschehen, daß
der Mensch, auch wenn er nichts anderes in den gesellschaftlichen
Organismus hineinzutragen hat als seine Arbeitskraft, ein men-
schenwürdiges Dasein erhält? Was bedeutet es eigentlich, daß seine
Arbeitskraft, die in keiner Weise sich vergleichen läßt mit irgendei-
ner Ware, nicht mehr als Ware ist? Was ist das eigentlich? Das ist die
große Lebenslüge: Dasjenige, was nie in Wirklichkeit Ware werden
kann, Arbeitskraft, wird im modernen Leben zur Ware gemacht.
Dadurch ist das eine experimentierende, eine in die Wirklichkeit
hineingeworfene Tatsachenlüge; die muß in Wahrheit umgewandelt
werden -, so könnte man radikal die Forderung in diesem Punkte
stellen, formulieren.
Und das dritte ist dasjenige, was der moderne Proletarier sieht: Es
ist Kampf. Er blickt hin auf das moderne Wirtschaftsleben; er hat in
den Tiefen seiner Seele ein Gefühl davon, daß im Wirtschaftsleben
Heilsames nur erblühen kann aus Gemeinsinn heraus. Wie würde er
sich im speziellen Falle zum Beispiel ausdrücken, der Gemeinsinn?
Nun, man kann ja in einem Spezialfall sagen: Der Unternehmer, der
Arbeitgeber und der Arbeiter, sie produzieren miteinander. Es müß-
te also die Gemeinsamkeit, der Gemeinsinn darin bestehen, daß sie
gegenüber dem sozialen Organismus dasselbe Interesse haben. Statt-
dessen kauft der Unternehmer wie eine Ware dem Arbeiter die Ar-
beitskraft ab, während sie das Erzeugnis, das Produkt gemeinsam
produzieren. Er gibt ihm von dem Produkte eben nichts weiter als
den Kaufpreis für diese Ware ab. Darüber hilft nicht hinweg, wie es
auch immer mehr oder weniger verbrämt auftritt, der Arbeitsver-
trag. Solange dieser Arbeitsvertrag geschlossen wird über die Ver-
wendung der Arbeit des Proletariers, so lange muß dieser Vertrag
immer die Arbeitskraft zur Ware machen. Einzig und allein möglich
muß es werden, daß der Vertrag zwischen dem, was man heute den
Arbeiter, und dem, was man heute den Unternehmer nennt, nicht
geschlossen zu werden braucht, nicht geschlossen werden darf über
die Arbeit, sondern daß er geschlossen werden muß über die Tei-
lung des Produkts zwischen dem Arbeiter und dem Leiter der Ar-
beit. Es gibt keine andere Gerechtigkeit auf diesem Gebiete. Es gibt
keinen anderen wirklichen Ausdruck dessen, was man als Gemein-
sinn bezeichnete auf diesem Gebiete. Was aber sieht der moderne
Proletarier statt eines solchen Gemeinsinnes? Nun, er sieht den
Klassenkampf. Er sieht seine aus der physischen Arbeitskraft heraus
produzierende Klasse im Kampfe mit der Unternehmerklasse, und
er sieht in die Unternehmerklasse hineinfließen den Mehrwert,
ohne daß er einen Anteil hat an denjenigen «Schicksalen», welche
dieser Mehrwert hat innerhalb des sozialen Organismus.
Der Proletarier ist wahrhaftig nicht so dumm, daß er glaubt,
Mehrwert brauche man nicht zu erzeugen. Wenn man alles aufessen
würde, was man durch Handarbeit erzeugt, dann gäbe es keine
Schulen, überhaupt keine geistige Kultur, dann könnte auch kein
Staatswesen existieren; Steuern würde es nicht geben und so weiter;
denn alles dasjenige, was in diesen Dingen ist, von denen doch wohl
auch der Proletarier weiß, daß sie der Entwickelung der Menschheit
notwendig sind, das fließt aus dem Mehrwert. Aber der Proletarier
will etwas anderes. Und diejenigen verhüllen die Tatsachen, die die
moderne proletarische Frage nur wie eine Brotfrage auffassen. Ge-
wiß, sie ist eine Brotfrage; aber darauf kommt es an, wie diese Brot-
frage gefühlt wird. Aus ganz anderen Untergründen heraus, aus dem
Gefühle eines menschenunwürdigen Daseins empfindet heute der
moderne Proletarier. Das ist es, worauf es ankommt. Und statt des
Gemeinsinnes fühlt er den Klassenkampf zwischen sich und dem-
jenigen, mit dem er gemeinsam für den sozialen Organismus
produziert.
Was also ist dann denn die Erfahrung dieses modernen Proleta-
riers im modernen Leben eigentlich? Indem man diese Frage auf-
wirft, sachgemäß, kommt man schon darauf, durch welche prakti-
schen Maßnahmen die proletarischen Forderungen der neueren Zeit
in der Zukunft befriedigt werden können. Man kann sagen: Jawohl,
bisher hat es sich in einer gewissen Weise als eine Wahrheit erwie-
sen, als eine Wahrheit der letzten Jahrhunderte, daß das geistige Le-
ben nur etwas wie ein Überbau, wie eine Ideologie ist, wie ein
Rauch, der herauskommt aus dem, was das bloße Wirtschaftssystem
ist. Allein, tief im Innern empfindet der Proletarier die Sehnsucht
nach einem wirklichen Geistesleben, nach einem Geistesleben, das
da ist zur Befriedigung jedes menschlichen Daseins. Wenn er auch
sagt, alles Geistesleben komme aus der Wirtschaftsordnung heraus,
im Unbewußten will er gerade ein Geistesleben, das nicht aus der
Wirtschaftsordnung herauskommt, will er ein freies, auf sich selbst
gestelltes geistiges Leben, will er ein wahres geistiges Leben. Das ist
das eine.
Das zweite ist: Er sieht hin auf den modernen Staat. Was sieht er
in diesem modernen Staat? Er sieht in diesem modernen Staate den
Klassenkampf, und er hat das Gefühl, da, wo der Klassenkampf
herrscht, da herrscht etwas nicht, was aus jedem menschlichen Be-
wußtsein heraus als eine notwendige Forderung des Lebens sich er-
gibt. In einer gesellschaftlichen Ordnung, in welcher der Klassen-
kampf herrschen kann, herrscht das Vorrecht; denn woher würde
der Kampf der leitenden Kreise gegen die besitzlosen Kreise kom-
men, wenn nicht von einem Vorrechte? Aber es darf nicht das Vor-
recht herrschen - so sagt die Seele -, es muß das Recht herrschen.
Das ist die zweite Forderung. Das ist diejenige, die sich etwa so aus-
sprechen läßt: Der moderne Proletarier sieht in dem modernen Staat
die Verkörperung des Klassenkampfes. Er aber fordert auf dem Bo-
den, auf dem der Klassenkampf herrscht, das Recht. Und er sieht auf
dem Boden der modernen Wirtschaftsordnung sich dasjenige ent-
wickeln, was seine Arbeitskraft zu einer Ware macht. Er sieht sich
hineingespannt in diesen Wirtschaftsprozeß. Gewiß, theoretisch hat
das Proletariat bisher als Wissenschaft aufgestellt, daß alles vom
volkswirtschaftlichen Leben abhängig ist. Allein in den Tiefen der
Seele, da wühlt es: ich will unabhängig werden von jenem Wirt-
schaftsleben, das jetzt herrscht; ich will ein ganz anderes Leben, als
dasjenige, was von diesem Wirtschaftsleben abhängig ist.
Sehen wir von diesem Gesichtspunkte aus die großen, weithin
sprechenden Tatsachen der Gegenwart, die Europa beunruhigen,
und immer mehr beunruhigen werden, sehen wir sie uns an, dann
sprechen sie so: Aus rein materiellen Interessen der leitenden, füh-
renden Kreise hat sich ein Geistesleben ergeben. Das ist nicht dasje-
nige, was allen Menschen ein menschenwürdiges Dasein gibt. Aus
dem, was die leitenden Kreise unter der Entwickelung von Technik
und Kapitalismus aus dem modernen Staate gemacht haben, hat sich
ein Gemeinwesen des Vorrechtes, nicht des Rechtes ergeben. Und
Klassenkampf muß aufhören, Rechtsleben muß an dessen Stelle tre-
ten. Im Wirtschaftsleben hat sich ergeben, daß die Arbeitskraft ein-
gespannt wurde in die Warenzirkulation; auf den Warenmarkt
bringt man die menschliche Arbeitskraft. Herausgenommen werden
muß aus dem reinen Wirtschaftskreislauf die menschliche Arbeits-
kraft. Das ist es, was sich in den jetzigen welthistorischen Tatsachen
ausspricht. Wodurch ist das alles gekommen?
Nun, man braucht nur einige Tatsachen, die sich aber verhun-
dertfachen ließen, einmal unter den Gesichtspunkt einer bestimm-
ten Frage zu stellen. Es wird Sie vielleicht überraschen, daß hier ge-
rade von dem Gesichtspunkte gesprochen wird, den ich jetzt andeu-
te. Allein, wir stehen heute in einem entscheidenden Wendepunkte
der sozialen Bewegung. Man hat in der letzten Zeit oftmals, mehr
oder weniger geistreich ausgedrückt, die Phrase hören können, die
aber gewiß nicht, durchaus nicht bloß Phrase ist: Dasjenige, was die-
se Weltkriegskatastrophe heraufgebracht hat, das war noch nicht da,
seit die Menschheit eine geschichtliche Erinnerung hat. Das ist oft
und oft wiederholt worden. Weniger hört man aber die Empfindung
betonen: Nun, wenn das so ist, wenn die Menschen in verhältnismä-
ßig kurzer Zeit dazu gekommen sind, zehn Millionen Menschen zu
erschlagen, und achtzehn Millionen zu Krüppeln zu machen, wenn
dieses unvergleichlicherweise eingetreten ist, warum bequemen sich
denn die Menschen nicht vielleicht zu fragen: Müssen wir nicht, um
solche Dinge unmöglich zu machen, zu neuen Gedanken greifen, zu
Gedanken, die ebenso unmöglich sind gegenüber den bisherigen
Denkgewohnheiten, wie dieser Weltkrieg gegenüber den bisherigen
Erlebnissen der menschheitlichen Geschichte ? Sie müssen entschul-
digen, wenn nach der einen oder anderen Seite hin ich die Gedan-
ken, die hier gemeint sind, etwas radikal ausdrücke. Sehen wir uns
einzelne Tatsachen, die, wie gesagt, sich verhundertfachen ließen,
an. Ein recht charakteristisches Beispiel, wie ein Staat aus den Bedin-
gungen der abgelaufenen Epoche heraus lebte, das ist Osterreich. Ich
kann gerade darüber reden, denn ich habe drei Jahrzehnte, die Hälf-
te meines bisherigen Lebens, in Österreich verbracht. Man kann ge-
rade an diesem österreichischen Staate studieren, worinnen eigent-
lich dasjenige liegt, was einen sozialen Organismus in unserer Zeit
zugrunde richten kann, ja zugrunde richten muß. Als man in den
sechziger Jahren anfing, aus dem alten österreichischen Patriarcha-
lismus, Despotismus heraus ein sogenanntes bürgerliches Verfas-
sungsleben zu entwickeln, da wurden in den Österreichischen
Reichsrat hinein die Abgeordneten gewählt nach vier Kurien: er-
stens die Kurie der Großgrundbesitzer; zweitens die Kurie der Han-
delskammer; drittens die Kurie der Städte, Märkte und Industrial-
orte; viertens die Kurie der Landgemeinden. Die letzteren sogar
wurden nicht unmittelbar gewählt, sondern mittelbar, weil man die
Landgemeinden nicht für so ganz sicher hielt. Die Vertreter dieser
vier Kurien waren nun im Österreichischen Reichsrat und machten
Gesetze, machten Rechte. Was heißt das aber? Das heißt, es waren
reine Wirtschaftsvertreter, Vertreter des reinen Wirtschaftslebens in
dem Parlamente, und die machten Gesetze. Was muß da herauskom-
men? Die Interessen des Wirtschaftslebens müssen sich einfach um-
wandeln in Gesetze, in Rechte, in Rechte über die Arbeitskraft, in
Rechte über den Besitz. So sonderbar es scheint, es wurde über den
Besitz auch manche bürgerliche nationalökonomische Rede gehalten:
Besitz nämlich ist ein Recht, Besitz an Produktionsmitteln, Besitz an
Grund und Boden ist ein Rechtsverhältnis. Denn alles andere, was Sie
über den Besitz definieren werden, hat im volkswirtschaftlichen Pro-
zeß keine Bedeutung. Bedeutung hat allein das, was Besitz begründet,
das Recht, sich einer Sache ausschließlich, mit Ausschluß der anderen,
zu bedienen. Das Verfügungsrecht darüber zu haben, das ist dasjenige,
was die volkswirtschaftliche Grundlage ausmacht. Wir haben es im
bisherigen Staat statt mit einem Recht mit einem Vorrecht zu tun.
Da haben wir das eine Beispiel, das man unendlich vermehren
könnte. Wo das nicht durch ein Wahlgesetz bestimmt war in der al-
ten Ordnung, konnte es sich von selbst machen. Jener Bund, der
sich der Bund der Landwirte nannte, war ja zum Beispiel im Deut-
schen Reichstage eine rein wirtschaftliche Interessenvertretung.
Nehmen wir ein anderes Beispiel. Im Deutschen Reichstag gab es ja
auch das sogenannte Zentrum, eine rein religiöse Gemeinschaft. Da
wurde das Geistesleben hineingetragen in das Rechtsleben. Also gei-
stige Interessen sprachen sich im Rechtsleben aus. Das alles hängt
zusammen mit dem, was aus den Interessen der bisher führenden
Kreise allmählich aus dem modernen Staat geworden ist. Als die
neuere Zeit heraufkam mit ihrer Technik, mit dem Kapitalismus, da
fand man diesen Staat, wie er sich aus dem Mittelalter herausgebildet
hatte, als einen Rahmen vor. Man bezog in diesen Staat zunächst das
Geistesleben ein, bildete das Theologische aus, Theologen, wie man
sie im Staate haben wollte, Juristen, Mediziner, insbesondere die
Schulmänner; alles das bildete man aus. Das ganze geistige Leben
spannte man in den Staat ein. Wie hypnotisiert war man von dem
Gedanken: der Staat kommt ja unseren Interessen entgegen, also las-
sen wir in ihm auch so lehren, lassen wir das geistige Leben so ver-
walten, wie es unseren Interessen angemessen ist, wie es aus diesem
Staate selbst hervorgehen kann.
Und auf der anderen Seite glaubte man dem Fortschritte zu die-
nen, im Sinne der neueren Zeit zu wirken, wenn man zunächst
gewisse Wirtschaftszweige, das Postwesen, Telegraphenwesen, Ei-
senbahnwesen in diesen modernen Staat einspannte. Das ist die
Tendenz: alles zusammenzuschmelzen in dem modernen Staat. Das
ist eine bürgerliche Tendenz. Auch der Sozialismus ist im Grunde
genommen nichts anderes als die Erbschaft des Bürgertums, die er
angetreten hat, indem er seinerseits die Ideen des alten Genossen-
schaftswesens wieder aufnahm, dadurch aufnahm die kapitalistische
Wirtschaftsordnung, die aus seinen Forderungen heraus mit Recht
überwunden werden muß. Daß er aber nun wiederum, den Rahmen
des Staates benutzend, den sozialen Organismus zu einer großen
Genossenschaft machen will, das ist das bürgerliche Erbe. Eine Hei-
lung, eine wirkliche Gesundung des sozialen Organismus kann sich
nur ergeben, wenn man einen Blick dafür hat, wie die Schäden,
unter denen wir leben, gerade dadurch entstanden sind, daß man
drei Gebiete, die nichts miteinander zu tun haben, miteinander
verschmolzen hat, und daß der moderne Staat alles aufnehmen muß-
te, weil immer mehr und mehr gefragt wurde: Was soll der Staat
tun? - Was er tun kann, man hat es gesehen in den Verheerungen,
Verwüstungen Europas, die in den letzten viereinhalb Jahren einge-
treten sind! Heute gebührt es vielmehr zu fragen: Was soll der Staat
eigentlich unterlassen? Was ist besser, wenn er es nicht tut? - Zu
dieser Frage müßte man sich heute aufschwingen. Wenn Sie den
ganzen Kreis der Auseinandersetzungen betrachten, wie wir sie bis-
her gepflogen haben, dann werden Sie nicht erstaunt sein, wenn ich
Ihnen sage, daß man auf der Grundlage gewissenhaftester Betrach-
tung des sozialen Lebens, wirklich mit ebenso guter Wissenschaft,
die nur nicht in allen Einzelheiten im Laufe eines einzigen Vortrages
vorgeführt werden kann, dazu kommt, die Forderung aufzustellen,
die heute notwendigste praktische Forderung geradezu zur Befriedi-
gung der proletarischen Bedürfnisse, nämlich: den Rückweg anzu-
treten in bezug auf das Verstaatlichen, in bezug auf das Zusammen-
schweißen von drei Dingen, die im Leben ganz verschieden von-
einander sind.
Damit wir uns besser verstehen, lassen Sie mich Sie erinnern an
jene drei Grundideen der neueren Zeit, die am Ende des 18. Jahr-
hunderts aus innerstem Bedürfnisse der Menschheit heraus, aus der
Französischen Revolution heraus wie eine Devise der neueren Zeit
erklungen sind: Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. - Nun, es
waren keineswegs dumme Leute des 19. Jahrhunderts und bis in un-
sere Zeit, die immer wieder und wiederum gezeigt haben, daß diese
drei Ideen miteinander nicht vereinbar sind, daß Freiheit nicht ver-
einbar ist mit Gleichheit und so weiter. Dennoch, wer das empfin-
den kann, empfindet diese Ideen selber als gesunde Stufen des
menschlichen Lebens, selbst wenn sie sich widersprechen. Und wa-
rum widersprechen sie sich? Sie widersprechen sich nur, weil man
sie als Forderung erhoben hat immer mehr innerhalb dessen, was
nimmermehr eine einzige Zentralisation in sich selber sein kann,
sondern was sich in drei voneinander unabhängige, nebeneinander
sich entwickelnde Glieder spalten muß. Teilen muß sich in der Zu-
kunft der soziale Organismus, wenn er gesund wirken will, zu-
nächst in einen geistigen Organismus, wo alles geistige Leben seine
eigene Gesetzgebung und seine eigene Verwaltung hat, wo vom un-
tersten Lehrer an der Mensch nicht hört auf die Verfügung eines
Staates, nicht eingezwängt wird in die Gewalt des Wirtschaftslebens,
sondern einzig und allein lebt in einer Organisation, die auf geistige
Gesetze selbst begründet ist, wo er sich ganz drinnen weiß in einer
geistigen Welt, in einer rein geistigen Welt. Nicht darum handelte es
sich, daß wir immer mehr und mehr in einen Beamtenorganismus,
in einen Bürokratismus hineingeschnürt werden; denn Geistesleben
kann sich nur entwickeln, wenn Herz und Sinn sich entwickeln für
individuelle Initiative, für dasjenige, was in den persönlichen, in den
individuellen Fähigkeiten des Menschen liegt. Werden sie im freien
Geistesleben gepflegt, dann wird sich ein solches Geistesleben ent-
wickeln, welches jedem Menschen ein menschenwürdiges Dasein
bieten kann. Denn dann wird dasjenige, was als geistiges Leben sich
entwickelt, nicht auf einem wirtschaftlichen Zwang, nicht auf ei-
nem staatlichen Zwang beruhen, sondern es wird allein aus den Im-
pulsen entspringen, die der freien Menschlichkeit zugrunde liegen.
Wer geistig produziert, wird zu allen Menschen sprechen und die
geistige Organisation wird einzig und allein das Interesse haben, gei-
stige Individualitäten zu pflegen. Die individuellen menschlichen Fä-
higkeiten sind eine Einheit, eine Einheit in Schulen, Mittelschulen,
Universität, eine Einheit in Kunst und Wissenschaft. Einheitlich
wirken aber diese mehr rein geistigen Zweige wiederum zusammen
mit jenen individuellen Fähigkeiten, die in das Kapital hinein sich
ergießen im sozialen Organismus.
Der Kapitalismus kann allein dadurch auf eine gesunde Grundlage
gestellt werden, daß er der Träger wird eines freien Geisteslebens.
Das allein würde die Möglichkeit gewähren, die Forderung zu erfül-
len, die heute gewöhnlich ausgesprochen wird mit der Vergesell-
schaftung der Produktionsmittel. Denn nur ein freies Geistesleben
kann soziales Verständnis hervorrufen, und nur im freien Geistesle-
ben ist es möglich, immerzu in die Allgemeinheit dasjenige überzu-
leiten, was mit Hilfe von Produktionsmitteln und von Grund und
Boden zustande kommt. Das zunächst in bezug auf das freie Geistes-
leben.
Als eine selbständige Organisation muß sich im gesunden sozia-
len Organismus auch dasjenige entwickeln, was Rechtsstaat ist, der
eigentliche politische Staat. Er hat es zu tun zum Beispiel mit der Re-
gelung der Verwaltung der Leitungsverhältnisse. Er hat es aber vor
allem zu tun mit der Regelung der menschlichen Arbeitskraft, die
herausgehoben werden muß nicht durch abstrakte Gesetze, sondern
durch Menschen selber herausgehoben werden muß aus dem bloßen
Wirtschaftsprozeß.
Wie muß der Wirtschaftsprozeß verlaufen ? Der Wirtschaftspro-
zeß ist auf der einen Seite abhängig von dem, was an seiner Grenze
steht, von der Naturgrundlage, von den vorhandenen Rohstoffen ei-
nes Gebietes, von den Erträgnissen des Bodens und so weiter. Man
kann bis zu einem gewissen Grade das Erträgnis des Bodens verbes-
sern durch die Technik; aber eine Grenze ist da geboten, eine Gren-
ze, welche errichtet wird für den Wohlstand, eine Grenze, von wel-
cher die Preise abhängig sind. Das ist die eine Grenze. Im gesunden
sozialen Organismus muß es eine zweite Grenze geben. Diese zwei-
te Grenze ist der selbständig neben dem Wirtschaftsorganismus sich
entwickelnde Rechts-, der politische Organismus. Im politischen
Organismus wirkt das, wovor alle Menschen gleich sind, was demo-
kratisch jeden Menschen angeht, wo jeder Mensch mit jedem Men-
schen sich verständigen muß. Das ist der Boden, auf dem entschie-
den werden muß aus den Interessen dieser Menschlichkeit heraus
Maß und Art der menschlichen Arbeit. Dann erst, wenn auf dem
vom Wirtschaftsboden unabhängigen Rechtsboden entschieden ist
über Maß und Art der menschlichen Arbeit, dann fließt diese Arbeit
in den Wirtschaftsprozeß hinein, dann ist die Arbeitskraft des Men-
schen preisbildend. Dann diktiert niemand der Arbeitskraft den
Preis, dann ist sie so preisbildend, wie der Boden mit seinen Erträg-
nissen und so weiter selbst preisbildend ist. Das wird das große wirt-
schaftliche Gesetz der Zukunft sein, daß das Wirtschaftsleben einge-
spannt ist zwischen zwei Grenzen, so daß nicht aus den wirtschaftli-
chen Kräften selbst heraus Maß und Preis der menschlichen Arbeit
bestimmt werden.
Und das dritte unabhängige Gebiet wird das Wirtschaftsleben
selbst sein. Ich kann der Kürze der Zeit willen nur andeuten, wie be-
deutsam diese Umgestaltung des Wirtschaftslebens ist. Ich will ein
konkretes Beispiel anführen, damit Sie sehen, daß ich Ihnen hier
nicht vertrackte Theorien vortrage, sondern dasjenige, was aus dem
praktischen Leben heraus ablesbar ist und in das praktische Leben
hinein kann. Man braucht nur ein Wort zu nennen, dann steht in
diesem Worte mit seinen Gedanken jeder Mensch sogleich im Wirt-
schaftsleben drinnen - nun, der eine in anderer Art als der andere -,
man braucht nur das Wort «Geld» zu nennen. Aber sehen Sie, das
Geld kennen ja die meisten Menschen; manche kennen es von den
reichlichen Mengen, in denen sie es haben, manchen von den gerin-
gen Mengen, in denen sie es haben; aber sie glauben es zu kennen.
Was aber Geld im sozialen Organismus eigentlich ist, davon haben,
ich will nicht nur sagen, die Alltagsmenschen keine rechte Ahnung,
sondern es haben unsere heutigen gelehrten Volkswirtschaftslehrer
recht wenig Ahnung von dem, was eigentlich Geld ist. Die einen
sind der Ansicht, das Geld beruhe auf dem Metallwert des Goldes
oder des Silbers, der zugrunde liegt; die anderen sind der Ansicht, es
sei eine bloße Marke, je nachdem der Staat mehr oder weniger dün-
ne Anweisungen auf Waren und so weiter abstempelt. Man spricht
von einem metaphysischen Prozeß des Geldes und so weiter, wie al-
le die Dinge sind; man hat ja in der Wissenschaft immer das Bedürf-
nis, recht gelehrte Worte zu wählen. Aber auf das alles kommt es
nicht an; sondern die gelehrtesten Herren sind heute darinnen ein-
verstanden, daß für das Austauschmittel Geld etwas da sein müsse.
Dasjenige, was da sein müsse, sei der Goldschatz, auf den man immer
wieder zurückkommen müsse, damit das Geld einen Wert habe.
Nun läßt sich ja heute, nicht wahr, da England die Weltmacht
besitzt und auf Gold besteht, im internationalen Verkehr selbstver-
ständlich die Goldwährung nicht von heute auf morgen überwin-
den. Aber die Frage muß man doch gerade gegenüber der Gesun-
dung des Wirtschaftslebens aufwerfen: Wie verhält es sich eigentlich
damit, daß die Leute sagen, das zirkulierende Geld, gleichgültig in
welcher Form, muß immer wieder zurückbezogen werden auf die
Menge von Gold, die vorhanden ist in irgendeinem Staat, denn, so
sagt man, Gold ist eine beliebte Ware, eine Ware, die längere Zeit
ihren Wert nicht verändert. - Alle diese Theorien können Sie ja
nachlesen. Man bezieht sich eben darauf, welche vorzüglichen
Eigenschaften das Gold hat, um sich repräsentieren zu lassen durch
das Geld.
Nun, was ist es denn aber eigentlich, worauf in Wirklichkeit Geld
sich bezieht, so bezieht, wie die Nationalökonomen glauben, daß
sich das Geld auf das Gold bezieht ? Hier ist ein größerer Fortschritt
der Wissenschaft notwendig. Eine Antwort ist notwendig, an die die
Leute heute noch nicht glauben werden. Ich werde ausführlicher in
meinem demnächst erscheinenden Büchelchen über die soziale Fra-
ge auch von diesem sprechen. Die Leute behaupten heute noch,
nicht an diese Antwort zu glauben. Allein, wer unbefangen hin-
blickt auf das Wirtschaftsleben, der bekommt zur Antwort, wenn er
fragt: Was ist eigentlich der wirkliche, der reale Gegenwert für das
zirkulierende Geld? - er bekommt die Antwort, so sonderbar es
dem heutigen Menschen noch klingt: Gold ist nur ein Scheinwert,
wo er auch sein mag. - Dasjenige, was in Wahrheit dem Gelde ent-
spricht, das ist die Summe aller in einem sozialen Territorium vor-
handenen Produktionsmittel, einschließlich Grund und Boden.
Darauf bezieht sich alles das, was durch Geld nur ausgedrückt wird.
Alle die schönen Eigenschaften, die die Nationalökonomen dem
Golde zuschreiben, damit es die Währung abgeben kann, alle diese
Eigenschaften, sie sind in Wahrheit zuzuschreiben den Produktions-
mitteln. Daher muß gerade aus der Warenzirkulation mit Hilfe des
Geldes die Frage resultieren: Wie kann werden dasjenige, was aller-
dings in immer fortgehender Verwandlung, in immer fortgehender
Neugestaltung, aber als ein bester Wert, aller Volkswirtschaft zu-
grundeliegt, wie kann werden solch eine einheitliche Grundlage des
Wirtschaftslebens, wie das Geld selbst, das nur der Repräsentant ist?
Alles, was in den Produktionsmitteln lebt, so gemeinsam, wie seiner
Art nach das Geld ist, so gemeinsam müssen die Produktionsmittel
sein. Das heißt, ihre Zirkulation muß eine solche sein, welche dem
entspricht, daß niemand an Produktionsmitteln arbeiten kann als
dadurch, daß der gesamte soziale Organismus mitarbeitet.
Zweierlei ist zu berücksichtigen dabei. Erstens, daß dem gesell-
schaftlichen Organismus Unendliches verloren gehen würde, wenn
man die individuellen Fähigkeiten ausschließen würde. Der Mensch
soll durch seine individuellen Fähigkeiten, solange er sie hat und so-
lange er sie gebrauchen will, für den sozialen Organismus arbeiten.
Aber in dem Augenblicke, wo er nicht mehr für den sozialen Orga-
nismus arbeitet, müssen die Produktionsmittel, die er verwaltet,
übergeführt werden durch den Rechtsstaat in die Allgemeinheit des
sozialen Organismus.
Ich brauche nur auf einen Zweig unseres modernen Lebens hin-
zuweisen, da ist die Sache durchgeführt. Es ist derjenige Zweig, der
dem modernen Menschen so ziemlich als der schofelste, als der alier-
unbedeutendste, unbeträchtlichste gelten muß, weil man ihn so be-
handelt im modernen Kapitalismus: das ist das geistige Leben. Was
man geistig produziert, das hängt ganz gewiß mit der individuellen
Fähigkeit zusammen; aber dreißig Jahre nach dem Tode geht es in
die Allgemeinheit über, gehört einem nicht mehr. - Dieses schofel-
ste, dieses unbedeutendste Gut, das wird heute so behandelt. Man
sucht einen Weg, wodurch das, was der einzelne hervorbringt, über-
geleitet wird in die Gesellschaft. Um diese Überleitung geht es. Es ist
auch auf geistigem Gebiete durchaus gerecht. Denn das, was man auf
Grundlage seiner individuellen Fähigkeiten hat, verdankt man trotz-
dem dem sozialen Organismus, und man muß dem sozialen Orga-
nismus das wieder zurückgeben, was man auf Grund seiner indivi-
duellen Fähigkeiten erlangt hat.
So muß in der Zukunft durch den Rechtsstaat auch das, was mit
Hilfe von materiellen Produktionsmitteln hervorgebracht wird, in
die Allgemeinheit übergeleitet werden. Nicht darüber hat man nach-
zudenken, wie man bürokratisch vergesellschaften kann die Produk-
tionsmittel, wie in der bisherigen Gesellschaftsordnung. Herausge-
wachsen sind diejenigen, die unterdrücken, aus dem Kapitalismus
heraus. So wird sich in der zukünftigen Gesellschaftsordnung aus
dem Bürokratismus heraus, aus den eigenen Reihen derer, die sich
heute Sozialisten nennen, der Unterdrücker rekrutieren, wenn man
nur hinarbeiten würde auf eine genossenschaftliche Vergesellschaf-
tung der Produktionsmittel. Aber eine gerechte Entfaltung dessen,
was der einzelne aus seinen individuellen Fähigkeiten heraus produ-
ziert, eine gerechte Überleitung ist diejenige in die Vergesellschaftli-
chung. Dahin hat man zu streben. Dann wird man, wenn man dies
durchdenkt, einsehen: Viele haben aus einer alten Wirtschaftsgestal-
tung und Staatsordnung, Geistesordnung heraus gesagt: wollen wir
die Menschheit zusammenhalten, dann brauchen wir, was sich ge-
genseitig stützt, Thron und Altar. Nun ja, in der neueren Zeit ist der
Thron oftmals ein Präsidentensessel, und der Altar eine Wertheim-
sche Kasse. Die Gesinnung ist aber bei beiden oftmals ganz ähnlich.
Es fragt sich nur, ob es besonders viel besser werden würde, wenn
sich Thron und Altar bloß verwandeln würden in Kontor und Ma-
schine und Fabrik, und wenn alles statt der bisherigen Verwaltung
eine bloße Buchführung würde. Dasjenige, was man als soziale For-
derung stellt, das ist tief berechtigt; allein, wir leben in einem ge-
schichtlichen Wendepunkte. Wir brauchen Gedanken, welche das
Alte gründlich umformen. Und wie zueinander gestrebt haben Gei-
stesleben, wirtschaftliches Leben, politisches Staatsleben unter dem
Einfluß der bürgerlichen Kreise der neueren Zeit, so sollte verstehen
der moderne Proletarier, daß der Rückweg angetreten werden muß.
Hat doch dieser moderne Proletarier sich ein Verständnis für die
Gliederung angeeignet dadurch, daß er studiert hat, wie die ein-
zelnen Wirtschafts- und Lebenskreise zueinander wirken müssen,
hat er doch den Klassenkampf studiert, hat er doch die Wirtschafts-
kreise in ihrem Verhältnis zueinander wirklich kennengelernt! Ein
Verständnis müßte er haben, daß die Einheit des sozialen Organis-
mus nicht gestört, sondern im Gegenteil gefördert wird, wenn nicht
eine bloße einheitliche Zentralisierung, in der alles vermuddelt wird,
gesucht wird, sondern wenn voneinander getrennt werden mit eige-
nen Verwaltungen, mit eigenen Gesetzmäßigkeiten die drei Zweige,
geistige Organisation, Rechts- oder Staatsorganisation, Wirtschafts-
organisation.
Sagen Sie nicht, das sei kompliziert, wie souveräne Staaten aufein-
ander wirken sollten! Das wird sich alles in viel intensiverer Weise,
in einer viel harmonischeren Weise ergeben als jetzt, wo alles durch-
einanderflutet und chaotisch ist. Wird der moderne Proletarier, hin-
schauend und hinfühlend auf seine Forderungen, nach wirklich
praktischen Lösungen seiner Lebensfragen, nach Erfüllung seiner
Hoffnungen streben, dann wird er dieser Gliederung, die vielleicht
heute noch fremd klingt, sich zuwenden. Und ich glaube nicht, daß
in anderen Kreisen soviel Verständnis jemals sein könnte für die
neueren geschichtlichen Dinge, wie gerade in proletarischen Krei-
sen. Oh, ich habe es gesehen, indem ich in den letzten viereinhalb
Jahren oft und immer wiederum den Leuten Vorschläge nach dieser
Richtung gemacht habe, ich habe ihnen gesagt: Dasjenige, was mit
dieser Dreigliederung gefordert wird, das ist nicht ein abstraktes
Programm, nicht ein Hirngespinst, das in einer Nacht entstanden
ist, das ist aus dem Leben heraus, das ist dasjenige, was in den näch-
sten zehn, zwanzig, dreißig Jahren sich namentlich in Europa ver-
wirklichen will. Und es wird sich verwirklichen, ob ihr nun wollt
oder nicht; ihr habt nur die Wahl, entweder jetzt Vernunft anzuneh-
men, und aus der freien Wahl heraus manches zu verwirklichen,
oder ihr steht vor Revolutionen ungeheuerster Art. - Nun, die
Revolutionen sind bald gekommen!
Deshalb glaube ich, daß derjenige, der durch die äußeren Lebens-
verhältnisse hingestellt worden ist an dasjenige, was menschlich zu-
nächst nichts sagt, an die leblose Maschine, eingespannt worden ist
in den verödenden Kapitalismus, ich glaube, der müsse ein Verständ-
nis haben für solche Ideen, die vom Alten sich unterscheiden, die
aber mit dem Neuen, Entstehenden, Werdenden innig verwandt
sind. Und ich habe die Überzeugung und glaube, daß sie sich all-
mählich in die Herzen und Seelen des neueren Menschen, des mo-
dernen Proletariers insbesondere, einsenken werden, ich habe die
Überzeugung: Versteht der Proletarier im richtigen Sinne diese For-
derungen und die Möglichkeit ihrer Lösung, dann wird er, indem er
ein klassenbewußter Proletarier geworden ist, der nach seiner Be-
freiung hinarbeitet, seine Klasse, damit zugleich aber den Menschen
befreien, dann wird er etwas anderes an die Stelle der Klasse setzen:
den dreigliedrigen gesunden sozialen Organismus. Er wird dann da-
mit nicht bloß der Befreier seiner Klasse werden, sondern der Befrei-
er der ganzen Menschheit, das heißt alles desjenigen, was als wahr-
haft Menschliches in der Menschheit befreit zu werden verdient und
befreit werden soll.
Diskussion
Der Veranstalter spricht in tief empfundenen Worten sein Erstaunen darüber aus, daß der Ar-
beiterbewegung von ihr bisher ganz unbekannter Seite Verständnis entgegengebracht wird.
Er spricht seinen Dank nicht nur für den Vortrag, sondern auch für die diesem vorausgegan-
gene Geistesarbeit aus.
/. Redner (Dr. Schmidt): Ist mit der Zielsetzung Steiners einverstanden, fragt nach dem Weg
zur Verwirklichung. Dieser sei vorgezeichnet durch die bisherige sozialistische Bewegung:
Partei, Gewerkschaft, genossenschaftliche Bewegung. Die drei Lebensgebiete werden wie
heute so auch in Zukunft unter sich verbunden bleiben, aber von den Trägern der sozialisti-
schen Bewegung gestaltet werden. Erstes Ziel muß Änderung der wirtschaftlichen Ordnung
im Sinne der Gleichheit sein.
2. Redner: Über den Inhalt der Zielsetzung wird man leicht einig werden. Dreigliederung
sei eine Utopie (Hinweis auf Fourier). Der Weg dahin ist durch die Entwicklungstendenz der
Zeit vorbestimmt: den Klassenkampf.
3. Redner: Auch die geistige Bewegung ist zu berücksichtigen. Jede Revolution ist durch
Ideen vorbereitet worden.
4. Redner: Die Kriegserfahrungen haben die materialistische Geschichtsauffassung bestä-
tigt. Widerspricht der Feststellung, daß der Sozialismus die bürgerliche Staatsgläubigkeit
übernehme. Die Diktatur des Proletariats hat keinen anderen Zweck, als die Abschaffung des
Staates vorzubereiten. Geistige Freiheit wird erst in einer Gemeinschaft frei produzierender
Menschen möglich sein. Nur die proletarische Massenbewegung hat Aussicht auf Erfolg.
Rudolf Steiner. Was die verehrten Herren Redner gesagt haben, wird
eigentlich gar nicht viel Möglichkeit bieten, auf das eine oder andere
einzugehen, aus dem Grunde, weil es ja ganz natürlich ist, daß aus
den geläufigen Anschauungen heraus die gemachten Einwendungen
eben getan werden. Ich möchte sagen, ich habe bis ins einzelste her-
ein die Dinge, die gesagt worden sind, erwarten können. Ich möchte
nur mit Bezug auf einige mir wichtig erscheinende Punkte Ihre Zeit
noch ein wenig in Anspruch nehmen.
Vorerst möchte ich auf folgendes aufmerksam machen. Man
kann, wenn so etwas gesagt wird, wie ich heute abend es gesagt ha-
be, immer wiederum eine Art Einwand hören, der darinnen besteht,
daß gesagt wird: Ich kann mir nicht gut vorstellen, wie die Dinge
sich in Wirklichkeit umsetzen. Und auf der anderen Seite wird ver-
langt geradezu, daß man nur ja keine Utopie geben soll. Ich glaube
schon, daß es eine Zeitlang dauern wird, bis man erkennen wird,
daß dasjenige, was ich heute abend vorgebracht habe, sich zu einer
Utopie wirklich verhält, wie sich das Schwarze zum Weißen verhält:
es ist nämlich das Gegenteil einer Utopie. Die Dinge hängen ein biß-
chen zusammen. Dasjenige, was ich sagen wollte, ist eben wirklich
nicht anders zu charakterisieren als so, wie ich schon manchem
Menschen gesagt habe: Das liegt in der Entwickelungstendenz der
nächsten zehn, zwanzig, dreißig Jahre. Und ob wir wollen oder
nicht, wir werden es durchführen müssen, entweder durch Vernunft
oder durch Revolutionen. Es gibt eben keine Wahl, es nicht durch-
zuführen, weil die Zeit selbst es will. Und die Entwickelung der
Menschheit hat schon zuweilen wirklich Richtlinien, die sie einge-
schlagen hat, auch wiederum zurückgemacht scheinbar, und es han-
delt sich ja natürlich nicht um einen wirklichen Rückweg in frühere
Zustände, sondern natürlich ist dann der Rückweg ein Weg zu völ-
lig neuer Gestaltung. Nicht wahr, das weiß man natürlich, daß das
Gewerkschaftsleben, das Genossenschaftsleben, das politische Par-
teileben in der neueren Zeit Ungeheures geleistet haben und daß
dem sehr viel zu verdanken ist. Aber auf der anderen Seite muß man
sagen, daß in all den Dingen, die da geleistet worden sind, eben doch
irgend etwas Unbefriedigendes, etwas noch nicht Fertiges drinnen
stecken muß. Wir stehen heute nicht vor der Überzeugung, daß
neue Tatsachen da sind. Aber es ist etwas da in der Tat, was nun end-
lich in anderer Weise eine Orientierung fordert, als man es bisher ge-
habt hat! Wenn gesagt wird, ich hätte die Macht der Idee über-
schätzt - ich habe ja gar nicht von Ideen gesprochen! Ich habe gera-
de das Gegenteil von dem gesprochen, was man als Macht der Idee
bezeichnen könnte. Was habe ich denn eigentlich hingestellt als For-
derung? Ich habe hingestellt eine mögliche gesellschaftliche Organi-
sation. Ich habe hingewiesen darauf, wie die Menschen stehen sollen
zueinander, damit sie das Richtige finden. Ein Utopist geht eigent-
lich immer von der Idee aus, so und so solle die gesellschaftliche
Ordnung gestaltet sein. Er hält sich im Grunde genommen für ge-
scheiter als alle anderen Leute; auf ihn hat man zu warten, und nach-
dem er geredet hat, hat man nichts mehr weiter zu reden. Er setzt
sich dann, wenn er den Kontakt nicht findet, in seine Dachkammer
und wartet. Es fällt mir gar nicht ein, nicht im allergeringsten, weder
auf einen Millionär zu warten, noch irgendwie zu glauben, daß ich
über diese oder jene Dinge Besseres weiß als ein anderer Mensch,
Sehen Sie, es gibt eine sehr allgemeine soziale Erscheinung, die
der Mensch als einzelner Mensch nicht erreichen kann, das ist die
menschliche Sprache selber. Unzählige Male wird gesagt: Wenn der
Mensch auf einer einsamen Insel lebt, allein aufwächst, ohne andere
Menschen reden zu hören, so kommt er selbst auch nicht zur Spra-
che. Die Sprache entwickelt sich aus einer sozialen Erscheinung am
Menschen, durch die anderen Menschen. So ist es mit allen sozialen
Impulsen. Wir können zu gar nichts Sozialem kommen, als indem
die Menschen in der richtigen Weise aufeinander wirken; deshalb
mußte ich entwickeln eine Idee. Es fällt mir gar nicht ein, zu glau-
ben, daß man mit einer Idee irgend etwas reformieren kann. Ich
suchte die Frage zu beantworten: Wie werden die Menschen, wenn
sie in der richtigen Weise zueinander stehen, wenn sie verwalten auf
der einen Seite das Wirtschaftsleben, auf der anderen Seite das
Rechtsleben, auf der dritten Seite das Geistesleben, wie werden dann
die Menschen sich entwickeln? Man wird vorzugsweise Assoziatio-
nen einrichten im Wirtschaftsstaat, aus Produzenten und Konsu-
menten, aus Berufsständen zusammengesetzt und so weiter; wenn
sie im demokratischen Rechtsstaate leben, werden aus ganz anderen
Voraussetzungen heraus erwachsen die Ideen, der Impuls der
Gleichheit aller Menschen vor der Wirklichkeit. Wenn sie in der gei-
stigen Organisation drinnen stehen: Wie werden sie da aufeinander
wirken? Sehen Sie, man braucht ja nur auf die Wirklichkeit hinzu-
schauen. Ein Richter kann Tanten, Onkels, Großväter, Enkel haben
und so weiter, die kann er recht lieb haben, zärtlich lieben, und das
ist gut. Wenn aber einer stiehlt, und er gerade als Richter urteilen
soll, so wird er es genau ebenso verurteilen müssen, aus der anderen
Quelle heraus, wie er einen ganz Fremden verurteilen müßte.
Es ist mir öfter gerade von Professoren erwidert worden, ich wol-
le die Menschheit in drei Klassen teilen. Das Gegenteil will ich! Frü-
her wurde geteilt in Nährstand, Lehrstand und Wehrstand. Aber der
heutige Lehrstand lehrt nichts. Der Nährstand ist nichts weiteres als
ein Gewaltstand, und der Wehrstand, dem wird ja die Aufgabe ge-
stellt, dasjenige den Besitzlosen zu sagen, was die Besitzenden wol-
len! Ja, sehen Sie, das ist dasjenige, was gerade überwunden werden
soll: die Stände, die Klassen sollen überwunden werden gerade da-
durch, daß man den Organismus als solchen, abgesondert vom Men-
schen gliedert. Der Mensch ist ja das Vereinigende. Er wird auf der
einen Seite im Wirtschaftsorganismus drinnen stehen, und kann
ebenso, indem er im Wirtschaftsorganismus drinnen steht, Mitglied
der Vertretung des politischen Staates sein; er kann auch dem Gei-
stesleben angehören. Dadurch ist die Einheit geschaffen. Ich will ge-
rade den Menschen dadurch befreien, daß ich den sozialen Organis-
mus in drei Teile gliedere. Man verstehe das nur, um was es sich han-
delt: Um das Gegenteil einer Utopie, um eine wirkliche Realität
handelt es sich. Es handelt sich darum, die Menschen aufzurufen,
nicht zu glauben, daß man irgendeine vertrackte Utopie ausdenkt,
sondern zu fragen: Wie soll man die Menschen sich gliedern lassen,
damit sie im Zusammenwirken von sich aus das Richtige finden?
Das ist der radikale Gegensatz zu allem anderen. Alle anderen gehen
von der Idee aus; hier wird ausgegangen von der wirklichen sozialen
Gliederung der Menschen, hier wird wirklich darauf aufmerksam
gemacht, daß alle Unterschiede weggewischt werden dadurch, daß
der Mensch selber, als bloßer Mensch das Einheitliche bildet. Und
daher würde es mir leid tun, wenn gerade diejenige Ansicht Ein-
druck machte, die das Gegenteil von allem Utopismus für eine Uto-
pie erklärt! Das ist dasjenige, was eigentlich die einzige mir leid
tuende Einwendung ist, weil sie gerade den Nerv meiner Auseinan-
dersetzungen nicht getroffen hat. Das ist das Wichtige, und darauf
möchte ich ganz besonders aufmerksam machen.
Also es handelt sich auch nicht um die Überschätzung irgendei-
ner Macht der Idee. Hier wird gar nichts auf die Macht der Utopie
gegeben, sondern auf dasjenige, was Menschen sagen und denken
und empfinden und wollen werden, wenn sie in einer menschen-
würdigen Weise in den sozialen Organismus hineingestellt sind. Ge-
rade deshalb, weil hier real gedacht wird, deshalb ist es natürlich
schwierig, auf Einzelheiten hinzuweisen. Man kann das schon; aber
jeder, der selber sich angewöhnt, real zu denken, der weiß, daß,
wenn man die Menschen wirklich urteilen läßt, aus sich heraus ur-
teilen läßt, sie über einen konkreten Fall vielleicht sogar verschieden
urteilen können, und beide Arten können richtig sein. Ich will fol-
gendes Beispiel anführen:
Sehen Sie, man wird sich natürlich auch künftig durch seine indi-
viduellen Fähigkeiten der Produktionsmittel bedienen müssen;
denn wer irgendeinen Betrieb leiten kann, der wird nicht um seinet-
willen die Produktion zu leiten haben, sondern weil diejenigen, die
bei ihm arbeiten, einen freien Vertrag mit ihm schließen, weil sie
einsehen, daß ihre Arbeit besser gedeiht, wenn sie gut geleitet wird. -
Das ist eine Sache, die unbedingt zugrunde gelegt werden muß in
der Zukunft, die ganz von selbst entstehen wird. Dann muß man sa-
gen: Es entsteht eigentlich unter den Voraussetzungen, die hier ge-
macht werden, etwas Neues; es entsteht gar kein Besitz mehr, son-
dern nur eine Verwaltung. Man kennt dann nur eine Verwaltung.
Denn ich habe darauf aufmerksam gemacht, daß das materielle Gut
ähnlich behandelt werden kann, wie das, was heute als das Schofelste
angesehen wird, das Geistesgut. Das heißt, nach einer bestimmten
Zeit, wobei wir nicht «nach dem Tode» denken, sondern dann, wenn
der Betrieb nicht mehr mit den Produktionsmitteln produktiv arbei-
tet, gehen die Produktionsmittel an eine andere Leitung über. Das
ist im einzelnen sehr kompliziert, aber eben, gerade weil wirklich-
keitsgemäß gedacht wird, und nicht utopistisch gedacht wird, des-
halb kann nur darauf hingewiesen werden: Die Menschen werden,
wenn sie in der richtigen Weise zueinander stehen werden, das rich-
tige Verhältnis finden. Das ist es, worauf es ankommt.
Sehen Sie, man kann, nachdem so entscheidende Tatsachen einge-
treten sind, nachdem gerade der Weltkrieg eingetreten ist, die Mei-
nung haben, es müssen wirklich neue Ideen kommen, aber man
kann nicht immer wiederum betonen: Wir müssen stehenbleiben
bei unseren Forderungen! Das ist dasjenige, was seit Jahrzehnten
proklamiert worden ist. Damit kommen wir nicht weiter, daß wir
sagen: Wir wünschen eine Gesellschaft, die frei sich entfaltet, wir
wünschen eine freie soziale Gesellschaft für den Menschen - aber
wie} - Ich habe gesagt, bisher war es eine Art Politik, jetzt geht die
Sache zu den Tatsachen über. Der verehrte Vorredner hat ganz rich-
tig auf Rußland hingewiesen. Das ist ganz richtig. In dem Augen-
blicke, wo wirklich solche entscheidenden Tatsachen auftreten, da
kann man nicht mehr bloß im Ungewissen tappen. Ja, darum han-
delt es sich, daß man irgend etwas ganz Bestimmtes sich vorstellen
kann. Und das, glaube ich, könnte man an demjenigen, was ich vor-
getragen habe, bemerken: Es ist nicht ein Programm, sondern es ist
eine Wegrichtung. Sie können überall, wo Sie wollen, die gegenwär-
tigen Zustände von ihrem jetzigen Ausgangspunkte fortsetzen,
wenn Sie nur wollen. Nehmen Sie nur einen solchen Umbau der
früheren Verhältnisse, wie er in Rußland ist. Sie können jederzeit
auf irgendeinem Gebiete, wenn damit begonnen wird, staatlich zu
verwalten, dieses Geistesleben abstoßen, indem Sie zunächst freie
Schulen begründen lassen, indem Sie im Wirtschaftsleben gerade
freie Genossenschaften und so weiter begründen lassen. Sie können
an jedem Punkte weiterarbeiten, wie auch der Ausgangspunkt sein
mag. Man darf sich das nicht alles nach schweizerischen Verhältnis-
sen vorstellen. Das Leben wird immer mehr international. In
Deutschland ist heute schon etwas ganz anderes notwendig, als zum
Beispiel vor einigen Jahren. Man kann von jedem Ausgangspunkt
aus weiterarbeiten; es wird sich nur darum handeln, daß man weiter
aufbaut. Und ich rechne eben darauf, sei es nun in einer Genossen-
schaft, in einer Gewerkschaft, in irgendeiner Partei, es ist ja schon da
oder dort die Möglichkeit, daß etwas entsteht; wo man auch sitzt,
man kann die Dinge so gliedern, daß diese drei Teile auf allen Gebie-
ten herauskommen. Dann kommen wir zu einer wirklich sachgemä-
ßen, vom gesunden sozialen Organismus geforderten Organisation,
gerade nicht zu einer utopistischen oder utopischen Sozialisierung.
Jede Utopie zu vermeiden, das ist dasjenige, was vor allen Dingen
anzustreben ist, jeden Glauben auszurotten, daß man mit abstrakten
Ideen irgend etwas machen kann. Man kann im sozialen Leben nur
etwas mit Menschen machen, die wissen, was sie in der ganz be-
stimmten Lage, in die sie hineingestellt sind, wollen. Da handelt es
sich gar nicht darum, daß heute ein Kampf vorliegt zwischen denje-
nigen, die noch Besitzlose und Besitzende zu nennen sind. Wenn sie
arbeiten, wie das in der Bewegungsrichtung liegt, die ich heute vor-
getragen habe, wenn die Besitzenden und die Besitzlosen in der rich-
tigen Weise arbeiten, so wird es zu ihren Gunsten ausschlagen. Weh-
ren sich die Besitzenden, so werden sie ihren Besitz bald verloren ha-
ben. Aber darum handelt es sich, daß in den Massen ein Wissen von
dem lebt, was geschehen soll. Und sehen Sie, in dieser Beziehung ist
es, möchte man sagen, mit sozialen Impulsen noch schlimmer, als
mit medizinischen, mit technischen Stoffen. Wenn einer nichts ver-
steht vom Brückenbau, und doch eine Brücke bauen wollte, so wür-
de sie einbrechen. Wenn einer jemanden kuriert, na ja, da kann man
meistens nicht nachweisen, ob der Patient gestorben ist trotz der
Kur oder vielleicht sogar durch die Kur; da wird die Sache schon
sengerig. Und beim sozialen Organismus, da wird die Sache am al-
lermeisten sengerig, da kann man meistens nicht nachweisen, was
Heilmittel und was Kurpfuscherei ist, weshalb man meistens im Un-
bestimmten herumredet. Sehen Sie, ich habe einen Redner gehört,
der sprach auch über soziale Dinge; er wollte hauptsächlich bewei-
sen, daß man eigentlich alles andere nicht brauchte, nur den Christus,
dann wird alles im sozialen Leben gut. Nun, man soll durchaus
nicht meinen, daß eine Debatte darüber nun angefangen werde.
Aber ich habe dabei folgendes erlebt. Ich habe mich erinnern müs-
sen an etwas, was ich in meiner Schulbubenzeit, ich glaube fast vor
fünfundvierzig Jahren gelesen habe. Da stand: Christus war entwe-
der ein Heuchler oder ein Narr, oder er war dasjenige, als was er sich
selber bezeichnet hat: der Sohn des lebendigen Gottes. - Wie gesagt,
ich kritisiere nicht, weder nach der einen noch nach der anderen
Richtung; ich bemerke nur: Neulich war ich in Bern, und ein Herr
hielt dort im Anschluß an die Völkerbundskonferenz eine Rede, in
der er sagte, der ganze Völkerbund wird falsch organisiert - daß er
falsch organisiert wird, glaube ich ja selber -, aber der sagte, er wird
falsch organisiert, wenn man nicht eingeht darauf: Christus war ent-
weder ein Narr, oder ein Heuchler, oder er war der Sohn des leben-
digen Gottes, als den er sich selbst bezeichnete. - Kurz, alles das, was
vor fünfundvierzig Jahren in meinem Schulbuch stand, das hat der
Herr seiner gläubigen Versammlung vorgebracht. Und das ist vor al-
len Dingen ja zu bemerken: Dazwischen liegt doch eben gerade der
Weltkrieg! Die Leute haben, nachdem sie zwei Jahrtausende Zeit ge-
habt haben, um ihre Dinge der Welt zu bringen, es so weit gebracht,
daß trotzdem der Weltkrieg gekommen ist. Weist das nicht alles dar-
auf hin, daß gerade durch den Weltkrieg etwas gelernt werden müs-
se? Ist es nicht sozial besser und den sozialen Organismus heilend,
wenn auch auf sozialistischem Gebiete, auf dem Gebiete des soziali-
stischen Wissens, durch den Weltkrieg wirklich etwas Neues gelernt
wird? Muß man sagen, wir bleiben konservativ bei den alten Ideen
stehen, die ja auch in vieler Beziehung durch den Weltkrieg Schiff-
bruch gelitten haben? Das ist dasjenige, was ich besonders betonen
will: Es ist wirklich vorauszusehen gewesen und es ist mir durchaus -
ich sage das ohne alle Ablehnung - sehr wichtig, ich bin sehr froh,
daß Dinge gesagt worden sind, wie sie gesagt worden sind. Aber ich
möchte doch betonen, daß ja durch das konservative Stehenbleiben,
durch das starre Betonen dessen, was man ja gesagt hat durch die
Jahrhunderte und was nun gesagt wird seit Jahrzehnten, durch die-
ses starre Betonen, durch dieses Stehenbleiben in diesem Konservati-
ven, viel Schaden in der Welt angerichtet worden ist! Möge der So-
zialismus nur ja nicht durch dieses konservative Stehenbleiben auch
bei sich Schaden anrichten! Denn dieser Schaden wäre ein sehr, sehr
großer, vielleicht ein viel größerer als der, der sonst schon angerich-
tet worden ist.
Sie haben vielleicht gehört aus dem, was ich am Schlüsse meines
Vortrages gesagt habe, daß darauf gerechnet werden kann, daß gera-
de aus dem Sozialismus heraus, mehr noch aus dem Proletariat her-
aus, gerade die Befreiung dessen erfolgen kann, was im Menschen
befreit werden soll. Es handelt sich also nicht um eine Idee, es han-
delt sich nicht um eine Überschätzung einer Idee, und ich habe auch
nichts davon gesagt, daß der Sozialismus sich einigen müsse mit dem
Staatsbetrieb und dergleichen; sondern es handelt sich darum, ein
Menschheitsproblem zu lösen!
Und weil ich glaube, daß beim einzelnen es ziemlich gleichgültig
ist, was er von sich aus fordert, so solle er Gemeinsames mit anderen
Menschen fordern. Man kann gar nicht anders, als mit sozialisti-
schen Forderungen scheitern, wenn man sie als einzelner Mensch
aufstellen will. Man muß sie aufstellen in der menschlichen Gemein-
schaft.
Also was ich fordere, ist nicht irgendeine Idee, nicht irgendeine
Utopie, sondern dasjenige, was die Menschen von sich aus werden
sagen können, wenn sie im sozialen Organismus drinnen stehen.
PROLETARISCHE FORDERUNGEN UND DEREN
K Ü N F T I G E PRAKTISCHE V E R W I R K L I C H U N G
Glauben Sie nicht, daß ich heute hier das Wort nehmen möchte, um
mit Bezug auf die soziale Frage von jener billigen Verständigung zu
sprechen, von der heute so viele Leute gerne sprechen möchten und
die namentlich gerne gehört sein möchten. Ich möchte von einer
ganz anderen Verständigung sprechen, von jener Verständigung, die
mir scheint durch laut, laut sprechende Tatsachen, die über einen
großen Teil Europas hin sich heute ausbreiten, gefordert zu sein:
von der Verständigung mit den in der Gegenwart und in die Zu-
kunft hinein wirkenden geschichtlichen Kräften, welche ein ganz
bestimmtes klares und energisches Verhalten zu dem, was seit mehr
als einem halben Jahrhundert die soziale Frage genannt wird, her-
ausfordert. Wie sollte man auch heute von jener anderen, eingangs
erwähnten Verständigung sprechen wollen? Ist nicht für diese Ver-
ständigung allzuviel verloren worden? Hat sich nicht ein gewisser
Teil der neueren Menschheit recht viel Zeit gelassen, eine solche
Verständigung zu suchen? Heute tut sich ein tiefer Abgrund auf
zwischen denjenigen, die die bisher führenden Klassen der Mensch-
heit waren, und denjenigen, die herandrängen mit neueren, aus der
Zeit heraus mit Notwendigkeit folgenden Forderungen, also zwi-
schen den bisher führenden Klassen der Menschheit und dem Prole-
tariat mit seinen berechtigten Forderungen.
Schauen wir uns einmal das neuere Leben an, um zunächst ein
Urteil zu gewinnen über die Unmöglichkeit eines leichten Verständ-
nisses heute. Vieles ist gesprochen worden jahrzehntelang von dieser
modernen Zivilisation, von dieser Zivilisation, die so Großes, so Ge-
waltiges für die Menschheit heraufgebracht haben soll. Wie hat man
sie immer wieder und wiederum hören können, die Lobhudeleien
auf die moderne Technik, auf das moderne Verkehrswesen! Kennt
man sie nicht, all die Phrasen davon, wie heute es den Menschen
möglich ist - ja, welchen Menschen möglich ist!? -, in Verhältnis-
mäßig kurzer Zeit weite Landstrecken zu durchmessen, wie es den
Gedanken möglich geworden ist, fast jede Raumesweite zu über-
brücken, wie es möglich geworden ist, das sogenannte Geistesleben
auszubreiten ? Nun, ich brauche das ganze Loblied, das so und so oft
gehört worden ist, nicht ausführlicher darzustellen. Aber worüber
hat sich all das, dem ein solches Loblied gesungen wird, erhoben?
Ohne was wäre es nicht möglich gewesen? Es wäre nicht möglich
gewesen ohne die Arbeit des größten Teiles der Menschheit, jenes
Teiles, der nicht teilnehmen durfte an all dem, was so gelobt worden
ist, jenes Teiles, der unter körperlichen und seelischen Entbehrun-
gen für diese Lebensbequemlichkeiten zu sorgen hatte, ohne daß er
irgendwie Anteil nehmen konnte an all dem, was die moderne Zivi-
lisation an Errungenschaften hervorgebracht hatte.
Sehen wir uns einmal genauer an, wie es seit mehr als einem hal-
ben Jahrhundert dazu gekommen ist, daß wir noch heute sagen
müssen, der Abgrund besteht. Und wenn heute vielfach von einer
Verständigung gesprochen wird, so ist es eben deshalb, weil man
Furcht, weil man Angst hat vor den Tatsachen, die so drohend für
manche Menschen heraufziehen. Womit hat sich zum Beispiel - um
von einem beliebten Gegenstande der seither führenden Klassen aus-
zugehen -, womit hat sich die moralische Weltanschauung dieser
führenden Klassen besonders gern beschäftigt? Besonders gern be-
schäftigt hat sich die Weltanschauung, die moralische Weltanschau-
ung dieser führenden Klassen in unendlichen Reden, in salbungs-
vollen Darstellungen, in Worten, die nur so von Gefühl überzutrie-
fen schienen, damit, wie die Menschen füreinander Liebe entfalten
müssen, wie die Menschen dafür sorgen müssen, daß Brüderlichkeit
sich ausbreite, wie die Menschen nur dadurch sich die geistige Welt
erobern können, daß sie auf solche Brüderlichkeit eingehen. Derlei
von scheinbar tiefem Gefühle triefende Reden wurden von den lei-
tenden Geisteskreisen der bisher führenden Klasse der Menschheit
wahrhaftig recht viele geführt. Versetzen wir uns einmal an die Stel-
le solcher Reden in Spiegelsälen oder dergleichen und denken wir,
wie da über Menschenliebe, über Nächstenliebe, über Religiosität
gepredigt wurde, gepredigt wurde bei einer Ofenheizung, die gelei-
stet wurde von Kohlen - ich möchte, um ein wenig den Hergang der
heutigen Tatsachen zu charakterisieren, doch auf dieses aufmerksam
machen -, die gefördert wurden aus jenen Kohlengruben, über die
eine englische Enquete im Beginn der neueren Arbeiterbewegung
ganz merkwürdige Dinge zutage gefördert hat. Da unten in den
Schächten der Erde, da arbeiten neun-, elf-, dreizehnjährige Kinder,
die den ganzen Tag unten in den Schächten waren, Kinder, die außer
am Sonntag niemals das Sonnenlicht sahen, aus dem einfachen
Grunde, weil sie, als es noch finster war, hinunterstiegen in die Gru-
ben, und erst als es nicht mehr hell war, wiederum heraufgebracht
wurden. Männer standen da unten, vollständig nackt, neben Frauen,
die schwanger waren und die auch halb nackt unten standen und ar-
beiten mußten.
Das war das erste Mal, als man aufmerksam machen wollte durch
eine Regierungsenquete darauf, was eigentlich vorgeht unter den
Menschen, daß man solche Erfahrungen machte, über die sich die
Gedankenlosigkeit niemals hat aufklären wollen, trotz aller Predig-
ten von Humanität, Nächstenliebe und Religiosität. Allerdings, das
war im Anfange der modernen proletarischen Bewegung. Aber man
kann nicht sagen, daß dasjenige, was wenigstens einigermaßen die
Lage weiter Menschenkreise besser gemacht hat, herrührt von dem
Verständnisse, das in den bisher führenden Klassen der Menschen
gewonnen worden wäre. Ein großer Teil dieser führenden Klassen
der Menschheit steht heute ebenso verständnislos den wahren For-
derungen der Zeit gegenüber, die aus solchen Tatsachen folgen, wie
er ihnen vor fünfzig und mehr Jahren gegenübergestanden hat.
Man braucht ja nicht gleich so weit zu gehen, wie eine bisher füh-
rende, wenigstens scheinbar führende Persönlichkeit der Mensch-
heit gegangen ist: der gewesene deutsche Kaiser, der die sozialistisch
denkenden Menschen genannt hat: Tiere, welche den Unterbau des
deutschen Reiches benagen und die Wert sind, ausgerottet zu wer-
den. Das sind seine eigenen Worte. Wie gesagt, man braucht nicht
gleich so weit zu gehen, aber immerhin gar so sehr verschieden sind
die Urteile, die heute noch in gewissen Kreisen gefällt werden, nicht
von diesem eben angeführten, besonders charakteristischen Urteile.
Wenn wir nun hinblicken auf dasjenige, was sich abgespielt hat
im Laufe der letzten fünf bis sechs Jahrzehnte, seitdem es das gibt,
was heute die soziale Frage genannt wird, so erblicken wir auf der ei-
nen Seite eben den gedankenlosen Unverstand mit Bezug auf alles
dasjenige, was heraufgekommen ist in der Entwickelung der Mensch-
heit, und auf der anderen Seite erblicken wir den Ansturm, den
berechtigten Ansturm der weiten proletarischen Massen, der sich
immerzu zusammendrängte in die Worte: So kann es nicht weiter-
gehen. Aber heute sprechen Tatsachen noch eine ganz andere Spra-
che, als sie in den letzten Jahrzehnten gesprochen haben. Und die
Urteile, die manche Leute sprechen, wie nehmen sie sich gegenüber
den Tatsachen aus? Darüber ist uns die Schreckenskatastrophe, die
wir in den letzten vier bis fünf Jahren durchlebt haben, eine gute
Lehre.
Gestatten Sie die folgende persönliche Bemerkung. Dasjenige,
was ich mir seit Jahrzehnten als Urteil über die europäischen politi-
schen Verhältnisse bilden mußte, ich mußte es zusammenfassen in
einem Vortrage, den ich im Frühling des Jahres 1914 in Wien vor ei-
nem kleineren Kreise gehalten habe - ein größerer hätte mich dazu-
mal wahrscheinlich verlacht -, ich mußte zusammenfassen dasjeni-
ge, was dazumal unter den Menschen Europas wob, unter denjeni-
gen Menschen, von denen man sagen konnte, daß sie etwas zu tun
haben mit der politischen Schicksalsbildung in Europa. Damals
mußte man sagen, wenn man unbefangenen Blickes in die Zeit hin-
einsah: Wir leiden mit Bezug auf die politischen und Staatenverhält-
nisse Europas an einem schleichenden Geschwür, an einer Krebs-
krankheit, die in der allernächsten Zeit in einer furchtbaren Weise
wird zum Ausbruche kommen müssen. Die Zeit, in der diese Krebs-
krankheit ausgebrochen ist, sie kam sehr bald. Aber was sprachen
die «Praktiker»? Was sprachen die «Staatsmänner»? Man ist heute
versucht, wenn man von Staatsmännern spricht, immer Gänsefüß-
chen zu machen bei dem Worte. Was sprachen die «Staatsmänner»?
Was dazumal der leitende auswärtige Staatssekretär im deutschen
Reichstag gesagt hat, das ist das Folgende. Er sagte: Dank den Bemü-
hungen der Kabinette können wir sagen, daß für absehbare Zeiten
der europäische Frieden gesichert sein werde. - Das wurde im Mai
1914 von einem leitenden Staatsmann gesagt. Dieser Friede war so
gesichert, daß seither zwölf bis fünfzehn Millionen Menschen totge-
schossen worden sind, dreimal so viel zu Krüppeln geschlagen wor-
den sind. So wie dazumal diese Staatsmänner sprachen über dasjeni-
ge, was auf dem politischen Himmel ist, so sprechen heute viele Leu-
te über dasjenige, was heute durch Tatsachen bedeutsamster, energi-
schester Art durch die ganze gebildete Welt spricht. So sprechen die
Leute vielfach gegenüber der sozialen Frage. Keine Ahnung ist in
vielen Kreise von dem vorhanden, was da kommen muß und was
sicher kommen wird, und dem gegenüber unbedingt von jedem
vernünftigen Menschen ein Urteil zu gewinnen ist.
Was ich in dieser Angelegenheit zu sagen habe, ist wahrhaftig
nicht aus irgendeiner theoretischen Anschauung heraus gesprochen.
Ich war jahrelang Lehrer an der in Berlin von Wilhelm Liebknecht,
dem alten Liebknecht gegründeten Arbeiter-Bildungsschule, habe in
den verschiedensten Zweigen gelehrt, von da aus auch innerhalb des
Bildungswesens des modernen Proletariats in Gewerkschaften, in
Genossenschaften und auch innerhalb der politischen Partei ge-
wirkt. Gerade wenn man in dieser Weise bei denen, die bestrebt wa-
ren, aus wirklichen Gedanken, aus wirklichen Geistesgrundlagen
heraus die moderne Arbeiterbewegung zu tragen, wenn man unter
ihnen gelebt hat, wenn man mit ihnen gearbeitet hat, dann kann
man vielleicht sagen, man könne sich ein Urteil bilden, nicht so, wie
einer, der über das Proletariat denkt. Solches Urteilen hat heute kei-
nen Wert. Heute kann nur einen Wert haben das Urteilen, das mit
dem Proletariat gebildet ist, aus der Mitte des Proletariats heraus
selbst gebildet ist.
In den Stunden, die sich die Arbeiter abrangen nach der harten
Arbeit des Tages, in denen sie, während andere Klassen ins Theater
gingen oder Skat spielten - ich will die schönen Dinge nicht alle auf-
zählen -, in den Stunden, in denen der Proletarier versuchte sich auf-
zuklären über seine Lage, in denen konnte man lernen, wie aus der
modernen proletarischen Frage etwas ganz anderes geworden ist
und werden wird als eine bloße Lohn- oder Brotfrage, wie heute
noch viele glauben, nämlich eine Frage der Menschenwürde. Eine
Frage des menschenwürdigen Daseins, das ist dasjenige, was doch
hinter allen proletarischen Forderungen steckt, und seit langem
steckte.
Auf drei Grundlagen, kann man sagen, ruhen die heutigen prole-
tarischen Forderungen. Die eine Grundlage, sie wird von den Prole-
tariern selbst sehr häufig bezeichnet dadurch, daß sie sprechen in
Anknüpfung an den großen Lehrer des Proletariats, an Karl Marx,
von dem Vorhandensein des sogenannten Mehrwertes. Mehrwert,
es war stets ein Wort, welches tief hineindrang in die Seele des mo-
dernen Proletariers; es war ein Wort, welches zündend auf die Emp-
findungen dieses modernen Proletariers wirkte. Welches Wort stell-
ten die bisher führenden Klassen diesem Mehrwert entgegen? Man
wird vielleicht überrascht sein, wenn ich gerade die folgenden zwei
Dinge gegenüberstelle.
Die führenden Klassen stellten diesem Mehrwert entgegen das
Wort von dem großen, bedeutenden Geistesleben, das die Zivilisa-
tion der Menschheit heraufgebracht hat. Der Proletarier, was wußte
er von diesem Geistesleben? Was war für ihn die große, die Mensch-
heitsfrage? Er wußte, daß der Mehrwert, den er produziert, verwen-
det wird, um dieses Geistesleben möglich zu machen, und ihn auszu-
schließen von diesem Geistesleben. Mehrwert war für ihn die ganz
abstrakte Grundlage des Geisteslebens. Was war das für ein Geistes-
leben? Es war das Geistesleben, das entstanden ist in der Morgenröte
der modernen bürgerlichen Wirtschaftsordnung. Man spricht oft da-
von, gewiß nicht mit Unrecht, daß das moderne Proletariat geschaf-
fen worden sei durch die moderne Technik, durch den modernen
Industrialismus, durch den modernen Kapitalismus, und wir wollen
von diesen Dingen gleich auch nachher sprechen. Aber gleichzeitig
mit dieser modernen Technik, mit diesem Kapitalismus ist etwas an-
deres heraufgezogen, was man nennen kann die moderne wissen-
schaftliche Orientierung. Da war es - es ist schon ziemlich lange her -,
daß gegenüber dem, was das moderne Bürgertum als die moderne
wissenschaftliche Orientierung heraufgebracht hat, das Proletariat
das letzte große Vertrauen dem Bürgertum entgegengebracht hat.
Und dieses letzte große Vertrauen, weltgeschichtliche Vertrauen ist
enttäuscht worden.
Wie war die Sache eigentlich? Nun, aus alten Weltanschauungen
heraus, deren Berechtigung wir heute wahrhaftig nicht prüfen wol-
len, hat sich das gebildet, was heute aufgeklärte, wissenschaftliche
Weltanschauung ist. Der Proletarier, der hinweg von dem mittelalter-
lichen Handwerk an die seelentötende Maschine gerufen worden ist,
in den modernen Kapitalismus eingespannt worden ist, konnte nicht
entgegennehmen dasjenige, was die alten Klassen in ihrem Geistesle-
ben aufgenommen hatten. Er konnte nur entgegennehmen gewisser-
maßen das modernste Produkt, den modernsten Ausfluß dieses Gei-
steslebens. Aber für ihn wurde dieses Geistesleben etwas ganz, ganz
anderes als für die führenden Klassen. Das muß man nur mit Bezug
auf alle Tiefen der proletarischen Seele einmal sich vor Augen füh-
ren. Man muß sich vorstellen, wie Leute aus den bisher führenden
Klassen, selbst wenn sie so aufgeklärte Leute waren wie der Natur-
forscher Vogt oder der naturwissenschaftliche Popularisator Büch-
ner, wie sie mit dem Kopfe, mit dem Verstände aufgeklärte Leute im
Sinne der heutigen Wissenschaft sein konnten; aber sie waren so auf-
geklärte Leute nur deshalb, weil sie mit ihrem ganzen Menschen in
einer gesellschaftlichen Ordnung drinnen lebten, die noch herrührte
von den alten religiösen und sonstigen Weltanschauungen, in denen
das Alte noch fortlebte. Ihr Leben war ein anderes als dasjenige, wozu
sie sich bekannten, wenn sie theoretisch noch so ehrlich waren. Der
moderne Proletarier war genötigt, dasjenige, was ihm da blieb als die
Erbschaft des Bürgertums, im vollsten menschlichen Ernst zu neh-
men. Man muß nur einmal gesehen haben, was es für eine Bedeu-
tung hatte für den modernen Proletarier, wenn ihm, wie einst von
Lassalle, gesprochen wurde von der Wissenschaft und den Arbeitern.
Ich stand - wenn ich diese persönliche Bemerkung auch noch ma-
chen darf - vor jetzt mehr als achtzehn Jahren in Spandau, in der
Nähe von Berlin, auf der gleichen Rednerbühne mit der kürzlich so
tragisch geendeten Rosa Luxemburg. Wir sprachen beide vor einer
Proletarierversammlung über die Wissenschaft und die Arbeiter.
Rosa Luxemburg sagte dazumal Worte, von denen man sehen konn-
te, wie zündend sie hineinwirkten in die Seelen dieser proletarischen
Menschen, die am Sonntagnachmittag gekommen waren und Frau
und Kind mitgebracht hatten; es war eine herzerquickende Ver-
sammlung. Sie sagte, die Menschen können sich unter dem Einflüsse
der modernen Wissenschaft nicht mehr einbilden, daß sie aus Zu-
ständen heraufgekommen sind, die engelgleich waren, aus denen
sich rechtfertigen würden die modernen Rang- und Klassenunter-
schiede. Nein, sagte sie ungefähr wörtlich: der Mensch, der physi-
sche Mensch von heute war einmal höchst unanständig, kletterte auf
Bäumen herum, und wenn man sich dieses Ursprunges erinnert,
dann findet man wahrhaftig keinen Anlaß, von den heutigen Klas-
senunterschieden zu sprechen.
Das wurde verstanden, aber anders als von den leitenden Kreisen.
Es wurde so verstanden, daß der ganze Mensch hineingestellt sein
wollte in diese Weltanschauung, die dem an der öden Maschine
verschmachtenden Proletarier die Frage beantworten sollte: Was
bin ich als Mensch? Was ist der Mensch überhaupt in der Welt?
Nun konnte aber der moderne Proletarier aus dieser ganzen Wis-
senschaft heraus nichts anderes gewinnen als dasjenige, was er ein
Spiegelbild nennen konnte dessen, was als moderne kapitalistische
Wirtschaftsordnung heraufgezogen ist. Er empfand: die Leute spre-
chen so, wie sie sprechen müssen nach ihren wirtschaftlichen Verhält-
nissen, nach ihrer wirtschaftlichen Lage. In diese wirtschaftliche Lage
hatten sie ihn hineingestellt; aus der heraus konnte er auch nur urtei-
len. Die leitenden Kreise sagten: Wie die Menschen jetzt leben, ist
das ein Ergebnis der göttlichen Weltordnung, oder aber ein Ergebnis
der moralischen Weltordnung, oder aber ein Ergebnis der geschicht-
lichen Ideen und so weiter. Der moderne Proletarier, der konnte das
alles nur so empfinden, daß er sich sagte: Ihr habt mich aber hinein-
gestellt in dieses Wirtschaftsleben, und was habt ihr aus mir ge-
macht? Zeigt das, was ihr aus mir gemacht habt, diese göttliche Welt-
ordnung, diese moralische Weltordnung, diese historischen Ideen?
Und so zündete der Begriff vom Mehrwert - jenem Mehrwert,
den er produzierte, der ihm abgezogen wurde, der dieses Leben der
führenden Klassen möglich machte - in seiner Empfindungswelt
und in ihm entstand die Meinung, daß alles, was an Geistesleben von
den leitenden Kreisen hervorgebracht wird, doch nur das Spiegelbild
ihrer wirtschaftlichen Ordnung ist.
Schließlich, für die letzten Jahrhunderte hatte der proletarische
Theoretiker mit dieser Anschauung zweifellos Recht. Die letzten
Jahre, sie haben ja auf den verschiedensten Gebieten das hinlänglich
gezeigt. Oder kann man glauben, daß die Menschen, die an den ver-
schiedenen Schulen - ich will nicht sagen Mathematik und Physik,
da kann man nicht viel in Weltanschauungen machen - zum Beispiel
Geschichte gelehrt oder über die Geschichte geschrieben haben, kann
man sagen, daß die schließlich etwas anderes zum Ausdruck gebracht
haben als ein Spiegelbild desjenigen, was staatlich-wirtschaftliche
Ordnung war? Man sehe sich die Geschichte derjenigen Staaten an,
die in den Weltkrieg eingetreten sind. Ganz sicher wird die Ge-
schichte der Hohenzollern in der Zukunft anders ausschauen, als die
deutschen Professoren sie in den letzten Jahren und in den letzten
Jahrzehnten geschrieben haben. Sie wird allerdings gemacht wer-
den, diese Geschichte, von Leuten, denen gegenüber man gesagt hat -
es ist ja auch ein Wort des deutschen Kaisers -, daß sie nicht nur
Feinde der herrschenden Klasse, sondern Feinde der göttlichen Welt-
ordnung seien.
So wurde das, was das Geistesleben der herrschenden Klassen
war, für den Proletarier zu einer öden Ideologie, zu einem Luxus der
Menschheit, zu etwas, wofür er kein Verständnis aufbringen konn-
te. Dennoch, seine tiefste Sehnsucht ging dahin, gerade etwas zu fin-
den, was ihm sagte, was Menschenwürde, was Menschenwert ist.
Daher ist die erste proletarische Forderung eine Geistesforderung.
Und man mag da oder dort sagen, was man will, die erste proletari-
sche Forderung ist eine Geistesforderung, die Forderung nach einem
solchen Geistesleben, in dem man empfinden kann, was man als
Mensch ist, in dem jeder Mensch empfinden kann, was das Men-
schenleben auf der Erde wert ist. Das ist auf geistigem Gebiete die
erste proletarische Forderung.
Die zweite proletarische Forderung, sie entspringt dem Gebiet
des Rechtslebens, des eigentlich politischen Staates. Es ist schwierig,
theoretisch über das zu reden, was eigentlich das Recht ist. Jedenfalls
ist das Recht etwas, das alle Menschen angeht, und man braucht ei-
gentlich über das Recht nur das Folgende zu sagen: Geradeso, wie
man mit dem, der blind ist, nicht sprechen kann über das, was eine
blaue Farbe ist, aber man nicht viel zu theoretisieren nötig hat über
die blaue Farbe mit dem, der sieht, so läßt sich auch über das Recht
mit denjenigen nicht reden, welche für das Recht blind sind. Denn
auf einem ursprünglichen menschlichen Rechtsbewußtsein ruht das
Recht. Auf den Geboten des politischen Staates, den sich in den letz-
ten Jahrhunderten die herrschenden Klassen so fein zurechtgezim-
mert haben, suchte der Proletarier sein Recht, sein Recht vor allen
Dingen mit Bezug auf sein Arbeitsgebiet. Was fand er? Er fand sich
zunächst eingespannt nicht in den Rechtsstaat, er fand sich einge-
spannt in den Wirtschaftsstaat. Und da sah er, daß gegenüber allen
Humanitätsideen, gegenüber allen Ideen von reiner Menschlichkeit
für ihn ein Rest alter Unmenschlichkeit, ein furchtbarer Rest alter
Unmenschlichkeit geblieben ist. Das ist wiederum etwas, was so
zündend durch Karl Marx eingeschlagen hat in die Proletarierseelen.
Sklaven hat es in alten Zeiten gegeben. Der ganze Mensch wurde
wie eine Ware gekauft und verkauft. Später hat es Leibeigene gege-
ben. Da wurde dann weniger vom Menschen gekauft und verkauft
als in der alten Sklavenzeit. Auch jetzt noch wird vom Menschen
etwas gekauft und verkauft wie eine Ware. Was Karl Marx und seine
Nachfolger immer wieder und wiederum so verständlich für die pro-
letarische Seele ausgesprochen haben, das ist, daß die menschliche
Arbeitskraft verkauft wird. Die Arbeitskraft wird auf dem moder-
nen Warenmarkt, wo nur Waren sein sollten, selber wie eine Ware
behandelt. Das ruht in den Tiefen, wenn auch oft unbewußt, der
proletarischen Seele, so daß sich diese sagt: Die Zeit ist gekommen,
wo meine Arbeitskraft nicht mehr Ware sein darf.
Das ist die zweite proletarische Forderung. Sie entspringt dem
Rechtsboden. Indem Karl Marx auf dieses Verhältnis aufmerksam
machte, da sprach er wiederum eines seiner zündenden Worte. Aber
noch radikaler, als Karl Marx selber dabei zu Werke gegangen ist,
muß gerade auf diesem Gebiete zu Werke gegangen werden. Klar
muß es werden: eine Weltordnung, eine Gesellschaftsordnung muß
heraufziehen, in der die Arbeitskraft des Menschen keine Ware
mehr ist, in der sie vollständig entkleidet wird des Charakters der
Ware. Denn muß ich meine Arbeitskraft verkaufen, so kann ich
auch gleich meinen ganzen Menschen verkaufen. Wie kann ich mei-
nen Menschen noch zurückbehalten, wenn ich an irgend jemanden
meine Arbeitskraft verkaufen muß? Er wird Herr meines ganzen
Menschen. Damit ist der letzte Rest des alten Sklaventums, aber
wahrhaftig nicht in geringerer Gestalt, heute noch da in dieser
«humanen» Zeit.
So fand sich der Proletarier mit seiner Arbeitskraft und deren
Verkauf vom Rechtsleben in das Wirtschaftsleben hinausgestoßen.
Und wenn gesagt wird, nun, es besteht ja der Arbeitsvertrag, so muß
dem entgegengehalten werden, daß so lange, wie überhaupt über das
Arbeitsverhältnis zwischen Unternehmer und Arbeiter ein Vertrag
geschlossen werden darf, so lange ist das Sklavenverhältnis in bezug
auf die Arbeitskraft da. Erst dann, wenn hinübergenommen werden
wird auf den bloßen Rechtsboden das Verhältnis mit Bezug auf die
Arbeit zwischen Arbeitsleiter und physischen Arbeitern, erst dann
ist dasjenige da, was die moderne Proletarierseele fordern muß.
Das kann aber nur dann sein, wenn ein Verhältnis nurmehr abge-
schlossen wird nicht über den Lohn, sondern lediglich abgeschlos-
sen wird über dasjenige, was von dem physischen und dem geistigen
Arbeiter gemeinschaftlich produziert wird. Verträge kann es nur ge-
ben über Waren, nicht über Stücke Menschen. Statt sein Arbeitsver-
hältnis geschützt zu wissen auf dem Boden des Rechtes, was fand der
moderne Proletarier auf diesem Rechtsboden? Fand er Rechte?
Wenn er auf sich sah, fand er wahrhaftig keine Rechte. Gewisse Leu-
te hatten sich ja allmählich angewöhnt, diesen modernen Staat wie
eine Art Gottheit, wie einen Götzen zu empfinden. Fast wie der
Faust zum Gretchen im ersten Teile über Gott sprach, so sprachen
gewisse Leute über den modernen Staat. Man könnte sich ganz gut
denken, daß ein moderner Arbeitsunternehmer seine Arbeiter un-
terrichtete über die Göttlichkeit des modernen Staates und sagte von
diesem Staat: «Der Allerhalter, der Allumfasser, faßt und erhält er
nicht dich, mich und sich selbst?» Denken wird er dabei wahr-
scheinlich immer: besonders mich. - Rechte erwartete das Mensch-
heitsbewußtsein auf dem Boden des Staates. Vorrechte derjenigen,
welche sich diese Vorrechte aus dem Wirtschaftsleben, namentlich
in der neueren Zeit, errungen haben, fand der moderne Proletarier.
Statt desjenigen, was in bezug auf alles Recht gefordert werden muß -
Gleichheit aller Menschen -, was fand der moderne Proletarier?
Wenn man hinblickt auf das, was er da fand auf dem Boden des
Rechtsstaates, dann kommt man zu seiner dritten Forderung; denn
er fand auf dem Boden, auf dem er das Recht finden sollte, nament-
lich das Recht seiner Arbeit und das entgegengesetzte Recht, das
Recht des sogenannten Besitzers, er fand den Klassenkampf. Der
moderne Staat ist für den modernen Proletarier nichts weiter als der
klassenkämpferische Staat.
Damit bezeichnen wir die dritte proletarische Forderung als dieje-
nige, welche darauf hinzielt, den Klassenstaat zu überwinden und
den Rechtsstaat an seine Stelle treten zu lassen. Arbeit und Arbeits-
leitung sind Gegenstände des Rechtes. Was ist denn schließlich der
Besitz? Der wird im Laufe der neueren Zeit etwas werden müssen,
das zu den alten verrosteten Dingen gehört; denn was ist er in Wirk-
lichkeit? Im sozialen Organismus ist nur der Begriff zu brauchen,
der da sagt: der Besitz ist das Recht irgendeines Menschen, sich ir-
gendeiner Sache zu bedienen. Besitz beruht immer auf einem Rech-
te. Nur dann, wenn auf dem Boden, aber jetzt wahrer demokrati-
scher Gesellschaftsordnung, die Rechte geregelt sind, dann werden
den sogenannten Besitzrechten die Arbeiterrechte gegenüberstehen.
Nur dann aber kann dasjenige erfüllt werden, was des modernen
Proletariers berechtigte Forderungen sind.
Wenn man so die heutigen Tatsachen, die so laut sprechen, sich
ansieht, dann kommt man dahin, sich zu sagen: Genauer muß dasje-
nige, was sich allmählich als sozialer Organismus unter dem Einfluß
der modernen Technik, unter dem Einfluß des modernen Kapitalis-
mus herausgebildet hat, angesehen werden. - Und man braucht nur
hinzuschauen auf die eben charakterisierten drei Forderungen des
modernen Proletariats, dann wird man auch sehen, was not tut zur
Gesundung des sozialen Organismus. Ein Geistiges, ein Rechtliches,
ein Wirtschaftliches, das sind die drei Momente, auf die man hin-
schauen muß. Wie aber sind diese drei Momente in der modernen
geschichtlichen, eben unter dem Einfluß von Technik und Kapitalis-
mus stehenden Ordnung behandelt worden?
Hier kommen wir aus der Kritik dessen, was sich herausgebildet
hat durch die herrschenden Klassen der Gegenwart, zu dem, was
heute als geschichtliche Forderung auftritt. Ich kann mir vorstellen,
daß mancher in dem, was ich nunmehr sprechen werde, nicht mit
mir vollständig übereinstimmen werde. Aber zeigen nicht die Tatsa-
chen, die sich entwickelt haben, daß die Gedanken der Menschen
vielfach hinter diesen Tatsachen zurückgeblieben sind? Deshalb ist
es vielleicht doch berechtigt, darauf zu hören, wenn jemand sagt:
Wir haben nicht nur allerlei Redensarten über Umwandlung der Zu-
stände nötig, nein, wir haben es heute nötig, zu ganz neuen Gedan-
ken vorzuschreiten. Neue Gedanken müssen in die menschlichen
Hirne hinein, denn die alten Gedanken haben gezeigt, wozu sie die
menschliche Gesellschaftsordnung gemacht haben. Umdenken und
umlernen, nicht bloß umprobieren ist heute notwendig. Und wenn
das, was ich zu sagen habe, in manchem abweichen wird von ge-
wohnten Gedanken, so bitte ich Sie, die Sache so aufzunehmen, daß
es aus der Lebensbeobachtung der Tatsachen heraus genommen ist
und ebenso ehrlich gemeint ist wie manches andere, was ehrlich für
die Gesundung der neueren sozialen Verhältnisse vorgebracht wird.
Ich sehe, wie zum Beispiel in der neueren Zeit gerade unter dem
Einfluß der bürgerlichen Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung das
Wirtschaftsleben immer mehr und mehr mit dem Rechtsleben zu-
sammengewachsen ist, wie der politische Staat und der Wirtschafts-
staat eins geworden sind. Nehmen wir ein recht charakteristisches
Beispiel der Gegenwart. Nehmen wir das Beispiel des eben seinem
Schicksal erlegenen Osterreich. Als in den sechziger Jahren des 19.
Jahrhunderts dieses Österreich sich endlich einmal entschloß, ein so-
genanntes Verfassungsleben einzurichten, wie wurde denn da der
Reichsrat, dieser alte selige Reichsrat - man nannte, weil man einen
so recht deutlichen kurzen Namen haben wollte, diesen österreichi-
sehen Staat außer Ungarn, den Ländern der sogenannten heiligen
Stefanskrone, «die im Reichsrate vertretenen Königreiche und Län-
der», - kurzer Name für Österreich! - gewählt? Da wurde gewählt
für diesen Reichsrat nach vier Kurien, erstens der Großgrundbesit-
zer, zweitens der Handelskammern, drittens der Städte, Märkte und
Industrialorte, viertens der Landgemeinden. Die letzteren durften
nur indirekt wählen. Aber was sind alle diese Kurien? Wirtschafts-
kurien waren sie. Bloße wirtschaftliche Interessen hatten sie zu ver-
treten, und sie wählten ihre Abgeordneten in den österreichischen
Reichsrat. Was war dort zu tun? Rechte waren festzusetzen, politi-
sche Rechte. Was hatte man für Vorstellungen über politische Rech-
te, indem man den österreichischen Reichsrat auf diesen vier Kurien
aufbaute? Nun, man hatte die Vorstellung: im Reichsrate, wo das
Recht beschlossen werden soll, wandelt man die wirtschaftlichen In-
teressen bloß um in Rechte. Und so kam es, und so ist es noch, daß
im Grunde genommen die staatlichen Vertretungen in sich ein-
schließen, zumeist offen oder versteckt, die bloßen wirtschaftlichen
Interessen. Man sehe auf den Bund der Landwirte im deutschen
Reichstag hin; näherliegende Beispiele erlassen Sie mir aufzuzählen.
Überall sehen wir, wie die Tendenz der neueren Zeit dahin ging, das
Wirtschaftsleben zusammenzuschmelzen mit dem politischen Le-
ben des eigentlichen Staates. Das nannte man den Fortschritt. Man
begann mit denjenigen Zweigen, die den herrschenden Klassen be-
sonders genehm waren, dem Post-, Telegraphen-, Eisenbahnwesen
und dergleichen, und dehnte das immer mehr und mehr aus. Das
ist das eine, was man zusammengeschweißt hat. Das andere, was
man verschmolzen, was man zusammengeschweißt hat, das war das
Geistesleben und der politische Staat.
Ich weiß, daß ich gewissermaßen auf Eis trete, wenn ich gerade
über dieses Zusammenschmelzen des Geisteslebens mit dem politi-
schen Staate spreche, wenn ich heute davon spreche, daß diese Zu-
sammenschmelzung zum Nachteil, zum Schaden, zur Erkrankung
des sozialen Organismus geführt hat. Gewiß, für die herrschenden
Klassen war das in den letzten Jahrhunderten, und namentlich im
19. Jahrhundert, notwendig. Aber man darf nicht bloß glauben, daß
die Verwaltung, der Betrieb von Wissenschaft und anderen Zweigen
des Geisteslebens korrumpiert, beeinträchtigt worden ist durch die
Staatsverwaltung, sondern der Inhalt der Wissenschaft selber. Auch
da braucht man ja nicht gleich wiederum so weit zu gehen, wie der
berühmte Physiologe Du Bois-Reymond, der einmal in einer schönen
Rede - die Herren sprechen ja immer sehr, sehr schön, wenn sie von
solchen Dingen reden -, in einer schönen Rede die Mitglieder der
Berliner Akademie der Wissenschaften «die wissenschaftliche
Schutztruppe der Hohenzollern» genannt hat.
Man hat ja in einer aufgeklärten Zeit viel darüber gespottet, wie
im Mittelalter die äußere Wissenschaft und Weltanschauung, die
Magd, die Dienerin der Theologie war. Gewiß, man wird diese Zei-
ten wohl niemals wieder zurückwünschen wollen. Wer die heutigen
Dinge mit unbefangenem Urteil überblickt, der weiß, daß eine späte-
re Zeit über die unsrige in einer ähnlichen Weise urteilen wird. Die
Schleppe der Theologie tragen vielfach die Gelehrten nicht mehr,
na, ich will nicht sagen, daß sie die Stiefel putzen der betreffenden
Staaten, aber Schleppenträger der betreffenden Staaten sind die Gei-
stesträger in vieler Beziehung schon geworden. Das ist dasjenige,
was man sich immer wieder und wiederum vor Augen halten muß,
wenn man davon sprechen will, was es eigentlich bewirkt hat, daß
in der neueren Zeit auf der einen Seite das Wirtschaftsleben zusam-
mengeschmolzen wurde mit dem politischen Staatsleben, auf der an-
deren Seite das Geistesleben zusammengeschmolzen wurde mit eben
diesem politischen Staatsleben. Wer in diese Dinge hineinschaut, der
fragt jetzt nicht, wie so viele Leute fragen: Was soll der Völkerbund
tun, der jetzt von dem einen oder von dem anderen Standpunkt aus
gegründet werden soll? Ich habe neulich in Bern gehört, wie ein
Herr, der sich besonders gescheit dünkt, sagte: Der Völkerbund
muß einen Überstaat begründen, er muß ein Überparlament ins Le-
ben rufen. Ja, sehen Sie, wer mit unbefangenem Blick auf das schaut,
was die bisherigen Staaten in diesen vier Schreckensjahren bewirkt
haben, der möchte mit Bezug auf den Völkerbund wahrhaftig nicht
fragen: Wie soll man die verschiedenen Maßnahmen und Einrich-
tungen der bisherigen Staaten auf diesen Völkerbund übertragen?
Was soll man tun, damit dieser Völkerbund möglichst ähnlich wer-
de dem Staate? - Er wird wohl anders fragen. Er wird vielleicht fra-
gen: Was sollte denn dieser Staat unterlassen ? - Denn das, was er ge-
tan hat, hat wahrhaftig in den letzten vier Jahren nicht sonderlich
gute Früchte getragen. Da kommt man allmählich dazu, wenn man
wirklich mit gesundem Sinn hineinschaut in das Getriebe des mo-
dernen sozialen Lebens, dasjenige zu sagen, was die geschichtlichen
Mächte und Kräfte wirklich fordern in der neueren Zeit.
Während der Weltkrieg gewütet hat, habe ich so manchem dasje-
nige vorgetragen, was ich auch hier vortrage. Tauben Ohren hat man
gepredigt. Gar manchem habe ich gesagt: Jetzt haben Sie noch Zeit;
solange die Kanonen donnern, schickt es sich, daß in den Kanonen-
donner hinein von denjenigen Staaten, die vernünftig diesen Krieg
beenden wollen, Worte gesprochen werden, wie sie von der Zeit
gefordert werden, wie sie sich unbedingt realisieren werden in den
nächsten zehn, zwanzig Jahren. Sie haben heute die Wahl, entweder
Vernunft anzunehmen und durch Vernunft sie zu realisieren, oder,
wenn Sie das nicht wollen, gehen Sie eben Kataklysmen und Revolu-
tionen entgegen. Wie Schall und Rauch ging das an den Ohren vorbei.
Das, was die Zeit von uns fordert ist, daß wir uns wirklich dazu
aufraffen, selbständige soziale Gebilde zu schaffen: ein freies, auf
sich selbst gestelltes Geistesleben, einen politischen Staat, dem wir
nur das Rechtsleben überlassen, und ein Wirtschaftsleben, das wir
auf seine eigene Grundlage stellen. - Wie schauderhaft ist das für
manchen, der sich im Sinne der alten Denkgewohnheiten für einen
Praktiker hält, daß man nun dem Komplizierten entgegengehen
soll, drei nebeneinanderstehende soziale Organismen, eine besonde-
re Geistesorganisation, eine besondere Rechtsorganisation und eine
besondere Wirtschaftsorganisation! Allein, machen wir uns das nur
klar, was das zum Beispiel für das wirtschaftliche Leben für eine
Wirkung haben wird. Da haben wir das wirtschaftliche Leben auf
der einen Seite begrenzt durch die Naturgrundlage, Klima, Bodenbe-
schaffenheit. Man kann auf der einen Seite dadurch, daß man allerlei
technische Verbesserungen macht, der Natur beikommen, aber eine
Grenze ist gesetzt, über die man nicht hinausgehen kann. Die Na-
turgrundlage bildet die eine Grenze des Wirtschaftslebens. Man
braucht sich nur an extreme Beispiele zu erinnern. Denken wir an
ein Land, wo viele Leute sich von Bananen ernähren können. Um
die Banane von ihrem Ausgangsorte zum Konsum zu bringen, ist
hundertmal weniger Arbeit nötig, als um unseren Weizen in unse-
ren Gegenden von der Aussaat bis zur Konsumfähigkeit zu bringen.
Nun, so extreme Beispiele klären die Sache auf. Aber wenn auch die
Dinge sonst in einem geschlossenen sozialen Territorium nicht so
extrem nebeneinanderstehen, die Naturgrundlage ist da. Sie ist die
eine Grenze des Wirtschaftslebens. Eine andere Grenze muß noch
da sein. Das ist diejenige, die von dem selbständig neben dem Wirt-
schaftsleben stehenden Staate gebildet wird. Innerhalb dieses Staates,
der auf rein demokratischer Grundlage stehen muß, weil er das be-
handelt, was für alle Menschen gleich gilt, worüber alle Menschen
sich verständigen müssen, weil er aus dem Rechtsbewußtsein, das in
der Seele jedes Menschen wurzelt, hervorgehen muß, in diesem
Rechtsstaat wird auch bestimmt werden ganz unabhängig von dem
Wirtschaftsleben Maß, Zeit und manches andere mit Bezug auf die
menschliche Arbeit. Geradesowenig wie das Samenkorn in bezug
auf die Kräfte, die es erfassen unter der Erde, schon im Wirtschaftsle-
ben drinnensteht, sondern wie diese Naturkräfte das Wirtschaftsle-
ben selbst bestimmen, so muß von Seiten des selbständigen Staates
dem Wirtschaftsleben auch das Arbeitsrecht zugrunde gelegt wer-
den. Der Preis der Ware muß bestimmt werden, wie durch die Na-
turgrundlage auf der einen Seite, so auf der anderen Seite durch das
vom Wirtschaftsleben unabhängige Arbeitsrecht. Warenpreise müs-
sen abhängig sein vom Arbeitsrecht, nicht, wie es heute der Fall ist,
Arbeitspreise von Warenpreisen.
Das ist dasjenige, was im geheimen, im Innersten seiner Seele im
Grunde jeder wirkliche Arbeiter erwartet, daß die Regelung der Ar-
beitskraft und auch die Regelung des sogenannten Besitzes, der da-
durch gar kein Besitz mehr sein wird, abgesondert wird vom Wirt-
schaftsleben, damit auf wirtschaftlichem Gebiete nicht mehr ein
Zwangsverhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer, son-
dern lediglich ein Rechtsverhältnis sein könne. Dann wird es im
Wirtschaftsleben nur dasjenige geben, was einzig und allein in das
Wirtschaftsleben gehört: Warenerzeugung, Warenverkehr, Waren-
konsum. Und verwirklicht werden kann dasjenige, was gerade das
sozialistische Denken zu verwirklichen anstrebt, daß fortan nicht
mehr produziert werde, um zu profitieren, sondern daß produziert
werde, um zu konsumieren. Das kann nur geschehen, wenn ebenso
unabhängig über Arbeit und Arbeitsleistung die Regeln getroffen
werden, wie von der Natur für die wirtschaftliche Ordnung unab-
hängig von dieser wirtschaftlichen Ordnung, die Regeln selber ge-
troffen werden. Dann wird auf dem Gebiete des Wirtschaftslebens
erst das zu seinem Rechte kommen, was sich heute alles herausbildet
als das Genossenschaftswesen, das Assoziationswesen; das muß eine
sachgemäße Verwaltung auf dem Boden des Wirtschaftslebens fin-
den. Da muß nach dem Konsumbedürfnisse das Produktionsleben
in Assoziationen, in Genossenschaften geregelt werden. Da muß vor
allen Dingen genommen werden dem politischen Staate die ganze
Regelung der Währung. Währung, Geld kann nicht mehr etwas
sein, was dem politischen Staat untersteht, sondern etwas, was in
den Wirtschaftskörper hineingehört. Was wird dann dasjenige sein,
was der Repräsentant des Geldes ist ? Nicht mehr irgendeine andere
Ware, die eigentlich nur eine Luxusware ist und deren Wert auf
menschlicher Einbildung beruht, das Gold, sondern dem Gelde
wird entsprechen - ich kann das nur andeuten, Sie werden es näch-
stens in meinem Buche über die soziale Frage, das in ein paar Tagen
erscheinen wird, ausgeführt finden -, dem Gelde wird entsprechen
alles dasjenige, was vorhanden ist an brauchbaren Produktionsmit-
teln. Und diese brauchbaren Produktionsmittel, sie werden so be-
handelt werden können, wie sie eigentlich behandelt werden sollen
im Sinne des modernen sozialen Denkens, sie werden so behandelt
werden können, wie man heute nur dasjenige, was man in unserer
Zeit als das schofelste Eigentum ansieht, behandelt.
Was gilt in unserer Zeit als das schofelste Eigentum? Na, selbst-
verständlich das Geistige, das geistige Eigentum. Von dem weiß man
in unserer Zeit, daß man es hat von der sozialen Ordnung. Ja, wenn
man ein noch so gescheiter Mensch ist, wenn man noch so viel lei-
sten kann, noch so schöne Sachen hervorbringt, gewiß, den Anlagen
entspricht es, manchem anderen auch noch, aber insofern man es
verwertet im sozialen Organismus, insofern hat man es vom sozia-
len Organismus. Deshalb ist es gerecht, daß dieses Geistesgut nicht
bei den Erben verbleibt, sondern wenigstens nach einer Anzahl von
Jahren in den sozialen Organismus übergeht, Gemeineigentum
wird, verwendet werden kann von dem, der dazu durch seine indivi-
duellen Fähigkeiten geeignet ist. Dieses schofelste Eigentum, das gei-
stige Eigentum, wird heute so behandelt. So wird in der Zukunft be-
handelt werden jedes sogenannte Eigentum. Nur wird es viel früher
übergehen müssen in das Gemeineigentum, so daß derjenige, der da-
zu die Fähigkeiten hat, diese Fähigkeiten an diesem Eigentum wie-
derum im Sinne des Nutzens und Zweckes des sozialen Organismus
einbringen kann. Deshalb habe ich in dem Buch, das in ein paar Ta-
gen erscheinen wird, gezeigt, wie es notwendig ist, daß die Produk-
tionsmittel nur so lange bei der Leitung eines Menschen bleiben, als
die individuellen Fähigkeiten dieses Menschen die Leitung dieser
Produktionsmittel rechtfertigen, daß alles dasjenige, was profitiert
wird auf Grundlage der Produktionsmittel, wenn es nicht wiederum
hineingesteckt wird in die Produktion selbst, übergeleitet werden
muß an die Allgemeinheit. Durch den geistigen Organismus kann
derjenige aufgesucht werden, der im Sinne seiner individuellen
Fähigkeiten das für die soziale Gemeinschaft weiterleiten kann.
Es ist, wenn man wirklich aus dem Leben heraus diesen sozialen
Organismus kennengelernt hat, nicht so einfach, diese moderne For-
derung zu erfüllen, die Produktionsmittel nicht mehr in das Privat-
eigentum zu übergeben, damit sie in diesem Privateigentum bleiben.
Es müssen aber die Mittel gefunden werden, wodurch dieses Privat-
eigentum allen Sinn verliert, so daß dann der sogenannte Privatei-
gentümer nur der zeitweilige Leiter ist, weil er die Fähigkeiten hat,
die Produktionsmittel durch seine Fähigkeiten zum Wohle der
Gemeinschaft am besten zu verwalten.
Wenn auf der einen Seite das Arbeiterrecht in dem politischen
Staate geregelt wird, wenn auf der anderen Seite der Besitz so in wah-
rem Sinne des Wortes ein Besitz-Kreislauf wird, dann wird ein freies
Vertragsverhältnis über die gemeinschaftliche Produktion zwischen
Arbeiter und Arbeitsleiter erst möglich sein. Arbeiter und Arbeits-
leiter wird es geben, Unternehmer und Arbeitnehmer nicht mehr.
Ich kann alle diese Dinge eben nur kurz skizzieren. Deshalb ge-
statten Sie mir, daß ich auch noch darauf hinweise, daß als besonde-
res Gebiet neben dem selbständigen Wirtschaftsgebiet, das auf der
anderen Seite das selbständige politische Staatsgebiet, den Rechts-
staat hat, der unabhängig, souverän neben dem Wirtschaftsgebiet
steht, wie die Natur selbst, stehen wird das Geistesleben. Dieses Gei-
stesleben, das kann sich nur seinen eigenen, wahren, wirklichen
Kräften gemäß entwickeln, wenn es in der Zukunft auf seinen eige-
nen Boden gestellt ist, wenn der unterste Lehrer bis hinauf zu dem
höchsten Leiter irgendwelchen Unterrichts- oder Bildungszweiges
nicht mehr abhängig ist von irgendeiner Kapitalgruppe oder von
dem politischen Staat, sondern wenn der unterste Lehrer und alle
diejenigen, die am geistigen Leben beteiligt sind, wissen: dasjenige,
was ich tue, ist nur abhängig von der geistigen Organisation selber.
Aus einem guten Instinkt heraus, wenn auch nicht gerade aus einer
besonderen Schätzung der Religion, aus einem guten Instinkt heraus
hat mit Bezug auf Religion die moderne Sozialdemokratie das Wort
geprägt: Religion muß Privatsache sein. In demselben Sinne, so son-
derbar das auch heute noch den Menschen klingt, muß alles geistige
Leben Privatsache sein und auf dem Vertrauen beruhen, das diejeni-
gen, die es entgegennehmen wollen, zu denjenigen haben, die es lei-
sten sollen. Gewiß, ich weiß, viele Menschen fürchten heute, daß wir
alle wiederum, respektive unsere Nachkommen, Analphabeten wer-
den, wenn wir uns unsere Schule selber wählen können. Das werden
wir schon nicht werden. Es haben ja heute vielleicht gerade Angehö-
rige leitender Kreise, bisher leitender Kreise, recht viel Veranlassung,
so über die Bildung zu denken; sie erinnern sich, was es ihnen für
Mühe gemacht hat, das bißchen Bildung sich anzueignen, welches
ihnen ihre gesellschaftliche Stellung sichert. Dasjenige aber, was der
dreigeteilte soziale Organismus von den Menschen fordert, das wird
gerade unter dem Einfluß des modernen Proletariats bei einem freien
Geistesleben wahrhaftig nicht zum Analphabetismus führen.
Ich bin völlig überzeugt davon, wenn man auf diese Weise zu ver-
wirklichen in der Lage ist den völlig demokratischen Rechtsstaat,
der das Arbeiterrecht sichert, in dem jeder Mensch über dasjenige,
was gleich ist für alle Menschen, mitzuberaten hat, dann wird sich
insbesondere das moderne Proletariat nicht dazu hergeben, den An-
alphabetismus besonders zu predigen, dann wird es schon von sich
aus auch in einem freien Geistesleben fordern, daß die Menschen
nicht so zur Wahlurne geführt werden, wie es jetzt erzählt werden
kann zuweilen aus einzelnen Gegenden eines Nachbarstaates, wo
die Mönche und die Landpfarrer die Idioten- und Irrenanstalten aus-
geräumt haben, um diejenigen Leute, die nicht einmal wußten, wie
sie hießen, zur Wahlurne zu führen.
Wer an diese Dinge glauben und auf diese Dinge hoffen will, der
muß allerdings den Glauben haben an wirkliche Menschenkraft und
an wirkliche Menschenwürde. Wer wie ich sein ganzes Leben unab-
hängig war von einer jeglichen staatlichen Ordnung, wer sich nie
gefügt hat in eine Abhängigkeit von irgendeiner staatlichen Ord-
nung, der hat sich auch die Unbefangenheit bewahren können für
dasjenige, was als ein auf sich selbst gestelltes, vom Staate unabhängi-
ges Geistesleben sich aufbauen läßt. Dieses Geistesleben, das wird
nicht die individuellen menschlichen Fähigkeiten so pflegen, wie es
das Luxusgeistesleben, die Ideologie des bisherigen Geisteslebens ge-
tan hat. Das Geistesleben, das auf sich selbst gebaut ist, wird auch
kein philiströses, kein bürgerliches Geistesleben sein, das wird ein
Menschheits-Geistesleben sein, ein Geistesleben, das von den höch-
sten, allerhöchsten Gliedern des geistigen Schaffens hinunterreichen
wird bis in die einzelnen Details der menschlichen Arbeit und ihrer
Leitung hinein; die Leiter der einzelnen Wirtschaftsgebiete, sie wer-
den Zöglinge des freien Geisteslebens sein und aus diesem freien
Geistesleben heraus nicht das entwickeln, was heute zum Unterneh-
mergeist, zum Kapitalismusgeist geworden ist.
Arbeitsverträge gibt es, aber über die Arbeit kann man eigentlich
keinen wirklichen Vertrag schließen. Dasjenige, was heute Arbeits-
vertrag ist, ist eine Lebenslüge, denn in Wirklichkeit ist Arbeit nicht
vergleichbar mit irgendeiner Ware. Daher muß man sagen: Wenn in
der Zukunft irgendein Vertrag geschlossen werden soll, so wird er
über das gemeinsam geleistete Produkt geschlossen werden, und
man wird dann erst recht empfinden: Was war denn eigentlich die-
ser bisherige Arbeitsvertrag? Auf was beruhte er? - Er beruhte auf
keinem Recht, sondern auf einem Mißbrauch persönlicher, indivi-
dueller Fähigkeiten. Im Grunde genommen war er eine Übervortei-
lung. Aber Übervorteilung, woraus geht sie denn hervor? Aus der
Klugheit, die das heutige Geistesleben vielfach gezeitigt hat. Dasjeni-
ge Geistesleben, das ich mir denke, das auf sich selbst gestellt ist, das
wird nicht diese Klugheit, das wird nicht die Lebenslüge, das wird
Lebenswahrheiten zeitigen. Da werden keine Schutztruppen mehr
für irgendwelche Throne und Altare herrschen, sondern da wird der
Geist selber bis hinein in die einzelnen Menschenzweige die indivi-
duellen Fähigkeiten des Menschen verwalten. Kapitalismus ist nur
möglich, wenn das Geistesleben auf der andern Seite geknechtet sein
kann. Wird das Geistesleben befreit, dann verschwindet in seiner
heutigen Form der Kapitalismus. Ich wollte nachdenken, wie der
Kapitalismus verschwinden kann. Sie können es in meinem Buch
über die soziale Frage in einigen Tagen lesen, daß dieser Kapitalis-
mus verschwinden wird, wenn das Geistesleben wirklich emanzi-
piert ist und die Lebenswahrheiten an die Stelle der Lebenslüge
gesetzt werden.
Im Grunde genommen klingt das, was ich Ihnen heute in einer
kurzen Skizze auseinandergesetzt habe, seit langer Zeit durch die
Menschheit hindurch. Ende des 18. Jahrhunderts erklangen wie eine
gewaltige Devise in Frankreich die Worte: Freiheit, Gleichheit, Brü-
derlichkeit. - Im Lauf des 19. Jahrhunderts haben ganz gescheite
Leute immer wieder den Beweis geliefert, daß diese drei Ideen im so-
zialen Organismus einander widersprechen. Freiheit auf der einen
Seite fordert, daß die Individualität sich frei bewegen kann. Gleich-
heit schließt diese Freiheit aus. Brüderlichkeit wiederum wider-
spricht den beiden anderen.
Solange man unter der Hypnose des Dogmas stand: Der All-
erhalter, Allumfasser, umfaßt er nicht dich und mich, sich selbst?
Solange man unter der Hypnose dieses Einheitsstaatsgötzen stand,
so lange waren diese drei Ideen Widersprüche. In dem Augenblicke,
wo die Menschheit sich verständnisvoll finden wird für den dreige-
teilten gesunden sozialen Organismus, werden sich diese drei Ideen
nicht mehr widersprechen, denn dann wird herrschen auf dem Ge-
biete des selbständigen, souveränen Geistesorganismus die Freiheit,
auf dem Gebiete des Staatsorganismus, des Rechtsorganismus die
Gleichheit aller Menschen, und auf dem Gebiete des Wirtschaftsor-
ganismus die Brüderlichkeit, jene Brüderlichkeit im großen Stile, die
auf den Produktions- und Konsumgenossenschaften beruhen wird,
die beruhen wird auf den Assoziationen der einzelnen Berufe, die
sachgemäß brüderlich das Wirtschaftsleben verwalten werden. Die
drei großen Ideen Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, sie wer-
den einander nicht mehr widersprechen, wenn die drei Gebiete, Gei-
stiges, Rechtliches, Wirtschaftliches, selbständig zu ihrem Rechte ge-
kommen in der Welt dastehen werden. Nehmen Sie das heute noch
so auf als etwas, an das wenig gedacht wird, aber es ist keine Utopie,
es ist nicht dasjenige, was irgendwie ausgedacht nur ist, sondern es
ist dasjenige, was aus einer jahrzehntelangen Beobachtung der mo-
dernen politischen, wirtschaftlichen und geistigen Verhältnisse hat
gewonnen werden können, von dem geglaubt werden kann, daß es
im Schöße der Menschheitsentwickelung selber wie ein Keim ruht,
der sich in der nächsten Zeit verwirklichen will. Und man kann
wahrnehmen in den laut sprechenden Tatsachen der heutigen Tage,
man kann wahrnehmen in den Forderungen des Proletariats, wenn
auch vieles noch anders ausgesprochen wird, daß die Sehnsucht nach
solcher Verwirklichung durchaus heute schon vorhanden ist.
Viele nennen das, was ich ausspreche, eine Utopie. Sie ist einem
wirklichkeitsfreundlichen, einem wirklichkeitsgemäßen Denken ent-
nommen. Diese Idee der Dreiteilung, sie ist keine Utopie. Sie kann
überall von jedem sozialen Zustand aus sofort in Angriff genommen
werden, wenn man dazu nur den guten Willen hat, an dem es heute
leider so sehr häufig fehlt. Glaubt man, dasjenige, was ich aus-
spreche, sei eine Utopie, dann möchte ich doch dem gegenüber dar-
an erinnern, daß das, wie ich hier von dem gesunden sozialen Orga-
nismus spreche, doch anders gesprochen ist, als gewöhnlich gespro-
chen wird. Leute, die von sozialen Ideen sonst sprechen, stellen Pro-
gramme auf. Ich denke nicht an ein Programm, ich denke nicht dar-
an, gescheiter sein zu wollen als andere Leute und über alles das Be-
ste zu wissen, wie man's machen muß und so weiter, sondern ich
denke nur daran, die Menschheit, die sich selber zum Wahren, zum
Guten, zum Zweckmäßigen entschließen soll, in der richtigen Wei-
se zu gliedern. Und mir scheint, wenn sie so gegliedert ist, daß die
Menschen drinnenstehen erstens in einem freien Geistesleben, zwei-
tens in einem freien politischen Rechtsleben, drittens in einem sach-
gemäß aus den wirtschaftlichen Kräften heraus verwalteten Wirt-
schaftsleben, daß dann die Menschen aus sich selber heraus das Beste
finden werden; nicht an eine Gesetzgebung über das Beste denke
ich, sondern an die Art und Weise, wie die Menschen aufgerufen
werden müssen, um durch sich selber dasjenige zu finden, was ihnen
frommt. Ich denke auch nicht, wie manche geglaubt haben, an eine
Wiedergeburt der alten Stände und Klassen: Lehrstand, Wehrstand,
Nährstand - nein, das Gegenteil ist es, von dem ich hier rede. Nicht
die Menschen sollen geteilt werden in Klassen. Klassen, Stande, sie
sollen verschwinden dadurch, daß das Leben außerhalb des Men-
schen, das objektive Leben gegliedert wird. Der Mensch aber ist die
Einheit, der in alle drei Organismen hineingehört. In dem geistigen
Organismus werden seine Anlagen, seine Fähigkeiten gepflegt. Im
staatlichen Organismus findet er sein Recht. Im wirtschaftlichen
Organismus findet er die Befriedigung seiner Bedürfnisse.
Ich glaube allerdings, daß der moderne Proletarier aus seinem
Klassenbewußtsein heraus das wahre Menschheitsbewußtsein ent-
wickeln wird, daß er Verständnis finden wird immer mehr und
mehr für das, worauf hier hingewiesen worden ist: für die wahre Be-
freiung der Menschheit. Und ich hoffe, daß wenn einmal ganz klar
vor des modernen Proletariers Seele stehen wird, wie er gerade nach
dem wahren Menschheitsziel hinzustreben berufen ist, daß er dann
werden wird, dieser moderne Proletarier, nicht nur der Befreier des
modernen Proletariats - das muß er ganz gewiß werden -, daß er
werden wird der Befreier alles Menschlichen, alles desjenigen, was
im Menschenleben wahrhaft wert ist, befreit zu werden. Das wollen
wir hoffen, dahin wollen wir wirken. Wenn gesagt wird: Der Worte
sind nun genug gesprochen, Taten wollen wir sehen - ich wollte
heute in solchen Worten sprechen, die unmittelbar in Taten wirk-
lich übergehen können.
Diskussion
1. Redner (Herr Handschin): Spricht sehr temperamentvoll von der Unterdrückung des Arbei-
ters durch das Bürgertum. Das Bürgertum zwinge dem Proletariat die Gewalt auf. Das Privat-
eigentum der Besitzenden ist durch die Arbeiter erarbeitet worden. Erst der Kommunismus
werde Ruhe bringen.
2. Redner (Herr Studer): Weist auf die Ideen von Freigeld und Freiland hin, welche die Befrei-
ung des Wirtschaftslebens ermöglichen sollen.
3. Redner (Herr Mühlestein): Zeigt, wie in Deutschland die alten Mächte wieder aufkommen
und sich nichts geändert hat. Kritik an Sozialdemokratie und Zentrum. Kritik an der Drei-
gliederung: Durch sie werde das Recht aus dem Wirtschafts- und Geistesleben herausgenom-
men; Gerechtigkeit müsse aber in allen drei Gebieten, nicht nur im Rechtsstaat walten.
4. Redner: Will über einen «Schweizerischen Bund für Reformen der Übergangszeit» berich-
ten; wird aber unterbrochen und damit die Diskussion geschlossen.
Rudolf Steiner: Sie werden bemerkt haben, daß die beiden ersten
Diskussionsredner im Grunde genommen nicht etwas vorgebracht
haben, wogegen ich nötig hätte, zu diskutieren, da ja, mindestens
nach meinem Gefühl, dasjenige, was von den beiden Herren vorge-
bracht worden ist, im wesentlichen zeigt - mir wenigstens -, wie
sehr notwendig das ernst zu nehmen ist, was von mir versucht wor-
den ist in einer vielleicht schwachen, aber ehrlichen Weise, in der ge-
genwärtigen ernsten Zeit, soweit es menschenmöglich ist, zur Lö-
sung der sozialen Frage beizutragen. Und daß dies notwendig ist,
daß heute die Zeit dazu da ist, das werden Sie jedenfalls aus dem ha-
ben entnehmen können, was gerade der erste Diskussionsredner aus
einer gewiß warm empfundenen Seele heraus Ihnen vorgebracht hat.
Ich möchte deshalb, weil die Zeit schon weit vorgeschritten ist,
nur noch auf einige wenige Punkte hier eingehen. Da ist von Seiten
des verehrten zweiten Diskussionsredners das Wort «Freiland, Frei-
geld» gefallen. Sehen Sie, damit ist etwas angedeutet worden, mit
dem es einem so geht wie mit sehr vielem in der Gegenwart, wenn
man gerade auf solchen Wegen, wie ich sagte, auf Wirklichkeitswe-
gen, der sozialen Frage sich nähern möchte, wie es in meinen Darle-
gungen versucht worden ist. Ich bin bei solchen Gelegenheiten sehr
häufig in der Situation gewesen, sagen zu müssen: Ich bin ja mit Ih-
nen vollständig einverstanden; der andere sagt es nur gewöhnlich,
oder wenigstens sehr häufig nicht zu mir! Die Sache ist nämlich so:
Wenn ich glauben würde, daß meine Ideen so einfach aus der Luft ir-
gendwoher geholt seien, dann würde ich Sie nicht langweilen damit,
dann würde ich glauben, daß sie längst nicht reif geworden sind. Das
gerade ist es, was ich glaube, daß Wesentliches den Ihnen heute vor-
getragenen Ideen anhaftet. Die Materie, die Bausteine dazu finden
Sie überall. Ich habe den Vortrag ähnlich neulich in Bern drüben ge-
halten. Ein Herr kam dazumal, nicht nur in der Diskussion, son-
dern am nächsten Tag zu einer Unterredung zu mir, sprach auch
über «Freiland, Freigeld». Wir konnten uns allerdings nach einer
Stunde darüber verständigen, daß ja dasjenige, was eigentlich ge-
wollt wird in der Regulierung der Währungsfrage, in der Herstel-
lung einer absoluten Währung, einfach dann erreicht wird, wenn
sachgemäß - allerdings sachgemäß - diese Dreiteilung durchgeführt
wird, von der ich Ihnen heute gesprochen habe, wenn einfach die
Verwaltung der Werte, die Verwaltung des Geldes weggenommen
wird vom politischen Staate und in das Wirtschaftsleben hineinver-
setzt wird. Wie gesagt, ich werde in meinem Buche «Die Kernpunk-
te der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart
und Zukunft» zeigen, daß dann die Grundlage der Währung eine
ganz andere sein wird als dasjenige, was sie heute ist, außerdem in-
ternational wird. So lange natürlich der führende Staat, England, an
der Goldwährung festhält, wird außenpolitisch die Goldwährung
gelten müssen; aber im Innern werden diejenigen das Gold im sozia-
len Organismus nicht mehr brauchen, die nun wirklich die eine
wahre Währung haben; die einzig wirkliche wahre besteht nämlich
in den Produktionsmitteln, die dann da sein werden, um Währung
zu sein für das Geld. Das Geld verkennt man eben heute vollständig.
Geld begreift man nur dann, wenn man es fassen kann als den vollen
Gegensatz zu der alten Naturalwirtschaft.
Was ist eigentlich für den heutigen sozialen Organismus das
Geld? Es ist das Mittel, um gemeinsame Wirtschaft zu führen. Stel-
len Sie sich nur einmal die ganze Funktion des Geldes vor. Sie be-
steht darinnen, daß ich einfach für dasjenige, was ich selber arbeite,
Anweisung habe auf irgend etwas anderes, was ein anderer arbeitet.
Und sobald Geld etwas anderes ist als diese Anweisung, ist es unbe-
rechtigt im sozialen Organismus.
Ich könnte, um das zu bestätigen, lange Ausführungen machen;
ich will das aber nur kurz anführen: das muß das Geld werden! Es
wird es werden, wenn alle übrigen Machinationen aufhören werden,
die in die Zirkulation des Geldes hineinspielen. Denn lediglich das
Geld ist der gemeinsame Index, der zu dem gemeinsamen Vergleich
für die gegenseitigen Werte der Waren da ist. Das ist dasjenige, was
auch durch die Art dieser Dreiteilung erreicht werden kann, und
was partiell, einzeln angestrebt wird von der Freiland-Freigeld-
Bewegung; deshalb habe ich in einem solchen Falle gesagt: Ich bin
ganz mit dieser Bewegung einverstanden - weil ich immer versuche,
die einzelnen Bewegungen in ihrer Berechtigung einzusehen, und
ich möchte sie in einen gemeinsamen großen Strom leiten, weil ich
eben nicht glaube, daß ein Mensch, oder selbst eine Gruppe von
Menschen das Richtige finden kann, sondern weil ich demokratisch
glaube, daß die Menschen zusammen in der Wirklichkeit, im Zusam-
menwirken, allein richtig organisiert, erst das Rechte finden werden.
Das ist dasjenige, was ich als Wirklichkeitsansicht bezeichnet
habe, nicht als irgendeine objektive Entwickelung ansehe. Aber ich
glaube, daß der wirkliche Mensch aus seinem gesunden Menschener-
leben heraus im Verein mit den anderen Menschen das finden wird,
was dem sozialen Organismus frommt.
Wir haben eines, wovon jeder Mensch weiß, daß es nur im sozia-
len Leben möglich ist - die heutigen Egoisten möchten wahrschein-
lich auch das für sich haben -, das ist für einen geschlossenen Orga-
nismus die Sprache. Immer wiederum wird in den Schulen gepredigt:
Wäre der Mensch auf einer einsamen Insel, einsam aufgewachsen, so
würde er nicht sprechen können; denn Sprechen kann sich nur im
sozialen Leben ausbilden. Man muß erkennen [. . .], daß alle die
Dinge, die sich verbergen hinter Privatkapital, Besitz, die sich ver-
bergen hinter der Herrschaft über irgendeine Arbeit und derglei-
chen, daß alle diese Dinge, auch die menschlichen Talente, die indi-
viduellen Begabungen, genau so wie die Sprache, soziale Funktionen
haben, daß sie ins soziale Leben hineingehören und nur innerhalb
desselben möglich sind. Es muß eine Zeit kommen, wo das in den
Schulen den Menschen schon klar wird, was sie durch den sozialen
Organismus sind, und was sie daher verpflichtet sind, dem sozialen
Organismus wiederum zurückzugeben. Worauf ich also zähle, das
ist: soziales Verständnis, welches kommen muß, wie heute von den
Schulen das Einmaleins kommt. Darinnen wird man auch noch um-
lernen müssen. Es gab Zeiten, in denen man in den Schulen etwas
ganz anderes gelernt hat als heute; man denke nur an die römischen
Schulen. Es werden Zeiten kommen, wo man gerade das in den
Schulen den Kindern schon beibringen wird, was soziales Verständ-
nis ist. Weil dieses versäumt worden ist unter dem Einfluß der neue-
ren Technik und des Kapitalismus, deshalb sind wir in die heutigen
Zustände, in die krankhaften Zustände des sozialen Organismus
hineingekommen.
Auch was Herrn Mühlestein betrifft, muß ich sagen, gleichfalls
bin ich in der Lage, eigentlich gar nichts zu haben gegen das, was er
vorgebracht hat; ich glaube nur, daß, wenn sich seine Ideen noch
weiter ausbilden werden, sie dann einmünden werden in dasjenige,
was ich gesagt habe.
Er hat zum Beispiel ganz und gar nicht ins Auge gefaßt, daß ich ja
nicht - natürlich nicht! - aus dem Wirtschaftsleben und Geistesle-
ben das Recht herausnehmen will. Nein, im Gegenteil, ich will es
gerade drinnen haben. Und weil ich es drinnen haben will, deshalb
will ich eine selbständige Sozialwissenschaft ausgebildet haben, wo
es erst wirklich ausgebildet, erzeugt werden kann. Wenn es erzeugt
worden ist, dann kann es in bezug auf die übrigen Gebiete wirken.
Ein umfassendes Denken zeigt Ihnen das. Wenn Sie zum Beispiel
folgendes ins Auge fassen: Heute denkt auch das naturwissenschaft-
liche Denken noch nicht wirklich folgerichtig und sachgemäß mit
Bezug auf den natürlichen menschlichen Organismus. Da denken
die Menschen heute: die Lunge - ein Stück Fleisch; Hirn - auch ein
Stück Fleisch, und so weiter. Die Wissenschaft sagt es zwar anders,
aber sie sagt nicht viel anderes; denn für sie sind diese einzelnen
Glieder des menschlichen Organismus Teile einer großen Zentrali-
sation. Anderes sehen sie in Wahrheit nicht. Der Mensch als natür-
licher Organismus ist ein dreigliedriges System: Wir haben einen
Nerven-Sinnesorganismus. Das eine steht für sich zentralisiert da,
hat seine eigenen Ausgänge bei den Sinnesorganen. - Wir haben ei-
nen rhythmischen Organismus, den Lungen-Herzorganismus; er
hat seine eigenen Ausgänge in den Atmungswegen. - Wir haben den
Stoffwechsel-Organismus, der wiederum seinen eigenen Ausgang
nach der Außenwelt hat. Und wir sind gerade dadurch dieser natür-
liche Mensch, daß wir diese drei Glieder, diese drei in sich zentrali-
sierten Glieder des Organismus haben.
Kann nun jemand kommen und sagen - wenn ich, wie ich es jetzt
getan habe in meinem letzten Buche «Von Seelenrätseln», sage, daß
einfach die sachgemäße naturwissenschaftliche Betrachtung diese
drei Glieder des menschlichen natürlichen Organismus ergibt -,
kann jemand kommen und sagen, die Natur hätte nicht diese drei
Glieder entwickeln sollen, denn es komme darauf an, daß alle drei
Glieder Luft haben? - Selbstverständlich haben alle drei Glieder
Luft! - Wenn die Luft erst eingeatmet wird durch die Lunge, und
entsprechend verarbeitet wird; dadurch haben gerade die Stoffwech-
selglieder und das Gehirn ihre Luft, daß diese Luft eingesogen und
verarbeitet wird, und daher auch mit aller natürlichen Sorgfalt be-
handelt werden kann in einem besonders abgetrennten Gliede des
menschlichen natürlichen Organismus. Ich will nicht, wie Schaffte,
oder wie jetzt wiederum Meray oder andere, dieses Analogiespiel
treiben zwischen physiologischen und sozialen Begriffen, das fällt
mir gar nicht ein; ich will nur darauf aufmerksam machen, daß ein
durchgebildetes Denken auch den Menschen als natürlichen Orga-
nismus nicht begreift, wenn man nur denkt: alles ist auf eines
hin zentralisiert -, sondern man begreift den Menschen, wenn man
seine drei in sich zentralisierten Organsysteme begreift.
Gerade dadurch ist der Mensch vollkommen, daß er diese drei in
sich zentralisierten Organsysteme hat. Das wird ein großer Fort-
schritt in der Naturwissenschaft sein, wenn man das einsehen wird!
Und das Denken, das so gesund über den Menschen denkt, das
denkt auch gesund über den sozialen Organismus, und empfindet
gesund über den sozialen Organismus. Das Geistesleben wird am
freiesten sein, und am besten organisiert, wenn es emanzipiert ist.
Denn auf dem Gebiete des emanzipierten Geisteslebens finden sich
schon die Menschen, die für dieses freie Geistesleben sorgen werden.
Da werden diejenigen erstehen, welche tatsächlich diesem Geistesle-
ben die nötige Herrschaft bringen werden. Diejenigen, die sie ihm
nicht bringen, sind eben die knechtisch vom Kapitalismus oder
anderem Abhängigen. Diejenigen, die als Geistesverwalter frei
sein werden, die werden den anderen beiden Gliedern auch die
Segnungen des Geisteslebens bringen können.
Und so wird man, wenn Recht wirklich in einem für sich beste-
henden, wirklich in sich zentralisierten Rechtsstaate erzeugt wird,
nicht zu sorgen haben, daß die beiden anderen Glieder kein Recht
haben, gewiß in günstiger Verteilung; in all den Dingen, die berührt
worden sind von Herrn Mühlestein, muß Gerechtigkeit sein; die
wird hineinkommen, wenn sie erst erzeugt ist.
Also nicht, um in einem abgesonderten Organ Recht zu haben,
und in dem anderen nicht, nehme ich diese drei Teile, sondern
gerade, um in allen dreien das Recht richtig zu haben, sehe ich die
Notwendigkeit, daß es erst erzeugt wird.
Ich möchte wissen, ob irgend jemand sagen kann: In einem Hau-
se, da sind Vater, Mutter, da sind Kinder, die Mägde; aber du teilst
nun dieses Haus in Vater, Mutter, Mägde und zwei Kühe, die Milch
geben, aber alle brauchen die Milch, also müssen alle Milch erzeugen,
nicht bloß die zwei Kühe? - Nein, ich sage: Die Kühe müssen die
Milch erzeugen, damit alle im Hause richtig mit Milch versorgt wer-
den können. Und so muß der Rechtsstaat das Recht planmäßig ha-
ben, das Recht erzeugen, dann werden dort die Rechte sein, wo sie
gebraucht werden. Gerade dann werden sie es sein, wenn sie - ver-
zeihen Sie den etwas trivialen Vergleich - an dem Rechtsstaat gemol-
ken werden können!
Das ist dasjenige, was ich betonen möchte; daß es heute darauf
ankommt, nicht irgendwie Lieblingsideen nachzugehen, sondern
gerade darauf ankommt, dasjenige, was in vielen Herzen pulst als
Forderung, dasjenige, was in vielen Köpfen, wenn auch mehr oder
weniger unbewußt, aus den Zeitkräften heraus schon vorhanden ist,
zusammenzufassen, und das wirklich zu erfassen in den Impulsen,
die als die großen Kräfte der Zeit da sind, die sich verwirklichen wol-
len, die wir nun durch Vernunft verwirklichen sollten. Aber wollen
wir sie nicht durch Vernunft verwirklichen, so wird das sie nicht
hindern, in die Wirklichkeit überzutreten.
Sehr verehrte Anwesende, wir haben entweder die Wahl, eben
vernünftig zu sein, oder auf eine andere Weise die Verwirklichung
dessen abzuwarten, was sich verwirklichen muß, weil es sich aus den
Kräften der Geschichte selbst heraus verwirklichen will.
In diesem Sinne glaube ich, daß allerdings das proletarische Be-
wußtsein dazu geeignet ist, diese Forderungen, die in der Geschichte
selbst liegen, zu erfassen und damit das, was ich zum Schlüsse be-
merkte, wirklich anzustreben und zu erreichen, soweit es Menschen
möglich ist: die Befreiung alles desjenigen, was in der Menschheit
wert ist, befreit zu werden.
SOZIALES WOLLEN U N D P R O L E T A R I S C H E F O R D E R U N G E N
Diskussion
Dr. Roman Boos macht darauf aufmerksam, daß auch hier in der Schweiz auf wirtschaftli-
chem Gebiet die Gefahr ungeheuer groß sei, und daß man deshalb imstande sein sollte,
Schöpferisches herauszuholen, was eben unbedingt notwendig sein werde, und daß mit vol-
lem Gewicht das aufgefaßt werden müsse, was Dr. Steiner in seinen Ausführungen heute nur
andeuten konnte. (Eine Diskussion scheint nicht stattgefunden zu haben.)
Wenn Sie von hier aus nach Basel fahren, dort am Aeschenplatz
einsteigen in die elektrische Bahn, den Weg nach Dornach neh-
men, so finden Sie dort auf dem benachbarten Hügel einen Bau -
der allerdings noch nicht vollendet ist, aber schon die Absichten
auch in seinem Außenwerk zeigt, die mit ihm verbunden sind -,
einen Bau, der sich nennt, der dienen soll als freie Hochschule für
Geisteswissenschaft, der repräsentieren soll äußerlich dasjenige,
was angestrebt wird durch jene geistige Bewegung, welche sich sel-
ber nennt: anthroposophisch orientierte, geisteswissenschaftliche
Bewegung.
Man kann heute schon, seit der Bau ja auch äußerlich sichtbar ge-
zeigt hat, daß es so etwas wie eine solche Bewegung gibt, mancherlei
hören und mancherlei lesen über das, was dieser geistigen Kulturbe-
wegung zugrunde liegt. Gewiß ist auch mancherlei, was als eine
Ausnahme aber noch zu gelten hat, vorhanden, was Treffendes ent-
hält über diese Bestrebungen. Im ganzen darf aber heute noch gesagt
werden, daß das, was so in der Öffentlichkeit gesagt oder geschrie-
ben wird über sie, ziemlich das Gegenteil von dem ist, was durch
diese Bewegung wirklich angestrebt wird. Sie wird sehr häufig ge-
schildert wie eine unwissenschaftliche, obskure, im schlimmen Sinne
mystische Bewegung. Sie wird namentlich sehr häufig so geschildert,
als ob sie im Gegensatz stehen wollte zu dem oder jenem, zu Gesell-
schaften, Bekenntnissen und dergleichen mehr. In Wahrheit will
diese Bewegung und dieser Dornacher Bau, das Goetheanum, durch
den sie repräsentiert wird, denjenigen Sehnsuchten, denjenigen Zie-
len dienen, die heute oftmals so unbewußt wohnen in den Men-
schenseelen, in den Menschenseelen breitester Massen, die in vieler
Beziehung noch nicht die Form finden, sich auszusprechen, die aber
zusammenhängen mit alledem, was die gegenwärtige und die zu-
künftige Menschheit herausführen soll aus dem Kulturchaos, das ja
für jeden Unbefangenen wahrzunehmen ist, und aus dem sich jeder
Unbefangene in der Gegenwart herauslösen muß.
Soll man andeuten aus geschichtlichen Erscheinungen heraus,
worinnen, ich möchte sagen, der Hauptnerv dieser Bewegung liegt,
so darf man vielleicht hinweisen auf etwas, was dem heutigen Men-
schen scheinbar recht ferne Hegt, was auch scheinbar recht abstrak-
ten Regionen des Denkens und Vorstellens angehört, was aber nur
ausgebildet zu werden braucht für die allgemeinsten und breitesten
menschlichen Interessen, um uns mitten in dasjenige hineinzufüh-
ren, was gerade der heutigen Kultur zu ihrer Erneuerung, zu ihrer
Wiedergeburt nötig ist. Hinweisen mochte ich auf dasjenige, was
Goethe angestrebt hat aus der ganzen Breite und Tiefe seiner Weltan-
schauung heraus, die heute noch lange nicht genug gewürdigt ist,
hinweisen auf das, was er angestrebt hat als eine Erkenntnis der le-
bendigen Welt im Gegensatze zu der toten, zur unlebendigen, zu
der unorganischen Welt.
Dasjenige, was Goethe als Erkenntnis angestrebt hat, hing eng zu-
sammen mit seinem gesamten geistigen Streben, und er hat sich das
Beste, was seine Weltanschauung zum Inhalte hat, hervorgeholt aus
der Anschauung der Kunst, hat aber dasjenige, was er aus der An-
schauung der Kunst gewonnen hat, ausgedehnt auf das wirklich wis-
senschaftliche Erkennen, wie er es anschauen mußte eben im Sinne
der Weite und Breite seiner Weltanschauung. Goethe ließ auf sich
wirken, allerdings mit Bezug auf die ihm so liebe Pflanzenwelt und
ihre Betrachtung, alles dasjenige, was ihm zur Verfügung stehen
konnte in bezug auf die Pflanzenwelt aus der damaligen Wissen-
schaft; aber man kann sagen, nichts genügte ihm zur Erklärung des
Wesens der Geheimnisse dieser Pflanzenwelt von dem, was er auf-
finden konnte in der damaligen Wissenschaft. Und so wendete er
denn seinen umfassenden Blick selber aus der Ursprünglichkeit sei-
nes Wesens heraus über die ganze Pflanzenwelt, soweit sie ihm zu-
gänglich war, über alle ihre Formen, und suchte aus der Mannigfal-
tigkeit, aus der Verschiedenheit der Pflanzen heraus eine Einheit. Er
suchte dasjenige aus der Mannigfaltigkeit der Pflanze heraus, was er
seine Urpflanze nannte. Wenn man definieren hört, was er unter sei-
ner Vorstellung versteht, so könnte es abstrakt scheinen, es ist aber
nicht so. Goethe verstand unter seiner Urpflanze ein Einheitsbild,
von dem jede Pflanze, welche äußere Form sie auch tragen mag, ein
Abbild ist, ein einheitliches, ideelles, geistiges Gebilde, mit dem man
die Pflanzenwelt durchlaufen kann, und das sich gewissermaßen in
jeder einzelnen Pflanze offenbart.
Eine solche Urpflanze - so schrieb Goethe aus Italien seinen Wei-
marischen Freunden -, eine solche Einheitspflanze, die nur im Geiste
zu erschaffen ist, die nirgends in der äußeren Welt zu ersehen ist, die
müsse es doch geben können - so sagte er scheinbar abstrakt -, wie
könnte man sonst wissen, daß ein einzelnes Gebilde eine Pflanze ist?
Allein darauf kommt es weniger an, was er für eine abstrakte Mei-
nung über diese Dinge hatte, es kommt vielmehr darauf an, daß er
den Glauben hatte, den tiefgehenden und mit dem Wesen der Dinge
zusammenhängenden Glauben hatte, der sich in den folgenden
Worten ausspricht. Er sagte und schrieb über diese Urpflanze: Wenn
man sie gefaßt hat im Geiste, dann muß es einem möglich sein, nicht
nur mit ihr die Pflanzenformen, die da draußen in der Welt sind, zu
vergleichen und zu erkennen, sondern es muß einem möglich sein,
innerlich geistig selber Pflanzenformen zu ersinnen, die, wenn sie
auch nicht existieren, doch existieren könnten.
Es ist dieses ein gewichtiges, ein bedeutsames Wort. Denn was
will ein Mensch, ein erkennender Mensch, der solch eine geistige
Idee erfassen will? Er will nichts Geringeres als in seiner Seele einen
Gedanken wachrufen, der ihn dazu führen kann, ich möchte sagen,
um seinen eigenen Ausdruck zu gebrauchen: zu erfinden die äußere
Wirklichkeit, die dann in die Erscheinung treten kann. Er möchte
also innerlich so verwandt werden mit dem, was in der Pflanze, was
in den lebenden Gebilden überhaupt heranwächst, daß er in seinem
eigenen Geiste, in seinem Denken, in seinem Vorstellen das inner-
lich habe, was sich äußerlich im Wachstum als Kraft offenbart. Er
möchte also innerlich untertauchen mit seinem ganzen Wesen in die
äußere Welt. Es ist das Streben viel bedeutsamer als dasjenige, was
Goethe im einzelnen damit erreicht hat. Wie gesagt, wenn man es
nur so in bezug auf die Pflanzenwelt, die ja den einen interessieren
mag, den anderen weniger, wenn man es nur so in bezug auf die
Pflanzenwelt charakterisiert, was Goethe gewollt hat, so könnte es
manchem abstrakt erscheinen. Aber in dieser Art geistiger Bestre-
bung liegt etwas, was man erweitern kann über den ganzen Umfang
menschlicher Erkenntnis, menschlicher Weltanschauung.
Dann steigt man auf von der Betrachtung des einzelnen, unbedeu-
tenden Lebewesens zu derjenigen des ganzen Menschen, des Men-
schen, der in sich nicht nur enthält dann, wenn man zu seiner Ganz-
heit aufsteigt, dasjenige, was heute die äußere Naturwissenschaft
beobachtet, was vielfach der materialistische Sinn der Zeit als das
einzige ansieht an dem Menschen, sondern der umfaßt Leib, Seele
und Geist.
Goethe ist von der Naturwissenschaft ausgegangen. Was sich
anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft nennt, geht auf
der einen Seite von Goethe aus, indem es ausbilden möchte die Welt-
anschauungsgesinnung, die im Geiste solches verarbeitet, solches
sich offenbaren läßt, das mit der Wirklichkeit so wirklich innig ver-
wandt ist, wie Goethes Idee von der Urpflanze mit der einzelnen
Pflanze; andererseits weiß sich diese geistige Bewegung in völligem
Einklänge ihrerseits mit der wahrhaftigen naturwissenschaftlichen
Gesinnung in unserer Zeit, nicht mit irgendeiner obskuren Mystik.
Und sie weiß sich auf der anderen Seite in vollem Einklänge mit ei-
nem wirklichen ehrlichen und zeitbedingten religiösen Bestreben
des Menschengeistes in der modernen Zeit. Ich habe auch an diesem
Orte in den verflossenen Jahren öfters gesprochen davon, daß die
Anthroposophie, die anthroposophisch orientierte Geisteswissen-
schaft diese Naturwissenschaft durchaus nicht in ihrer Bedeutung,
in ihrem gewaltigen Einflüsse auf die moderne Kultur verkennt, ja,
daß sie diese Naturwissenschaft viel besser würdigt, als mancher der-
jenigen, die auf dem Boden dieser Naturwissenschaft stehen wollen.
Wer nicht nur die landläufigen Vorurteile über die Naturwissenschaft
sich aneignet und damit glaubt, ein echter Naturwissenschafter zu
sein, sondern wer mit vollem Bewußtsein sich in dasjenige vertieft,
was die Naturwissenschaft für die ganze Erziehung der Menschen-
seele und des Menschengeistes leisten könnte, der muß sagen: würde
diese Naturwissenschaft, wie sie sich seit drei bis vier Jahrhunder-
ten, insbesondere aber im Laufe der zweiten Hälfte des 19. Jahrhun-
derts, entwickelt hat, würde diese Naturwissenschaft sich in ihrem
eigenen Wesen voll selbst ergreifen, würden diejenigen, die sie
betreiben, ihre eigene Art voll verstehen, dann würde diese Natur-
wissenschaft heute bereits von sich aus dasjenige verkünden, was
anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft verkünden will.
Es würde diese Naturwissenschaft von sich aus sprechen von Men-
schenseele und Menschengeist, von dem, was Ewigkeitswert in der
menschlichen Wesenheit ist.
Warum tut das die Naturwissenschaft nicht, trotzdem sie so
gewissenhaft, mit so eindringlichen Methoden in die äußere sinnli-
che Wirklichkeit der Natur eindringt? Warum erhebt sich diese Na-
turwissenschaft auf der anderen Seite nicht in derselben Art, wie
Goethe für die Pflanzenwelt, zu solcher innerer Verarbeitung der
Naturidee, daß man in seinem Inneren eins wird mit der schaffen-
den Natur selber?
Um diese Frage zu beantworten, muß man ein wenig zurück-
blicken auf die geschichtliche Entwickelung der Menschheit in der
neueren Zeit. In der Naturwissenschaft selber wurden große, gewal-
tige Fortschritte gemacht. Man braucht nur zurückzugehen auf das-
jenige, was von Kopemikus, von Galilei ausgegangen ist, was sich
entwickelt hat bis herauf in die neueste Zeit, bis in die Gegenwart an
Natureinsichten. Aber man muß zu gleicher Zeit in Erwägung zie-
hen, wie wenig eigentlich dieser Betrieb der Naturwissenschaft völlig
frei in bezug auf sein ganzes Walten, in bezug auf seine ganze Arbeit
innerhalb des Geisteslebens der modernen Zivilisation war. Er war
es nicht, denn nicht eine einheitliche Weltanschauung gestaltete sich
aus im Laufe der neueren Menschheitsentwickelung, die neben der
freien, unabhängigen Naturwissenschaft auch einzudringen versuch-
te in das Wesen der äußeren Sinneswelt. In der äußeren Sinneswelt
gab es Monopole, Monopole für die Erkenntnis der Seele und des
Geistes. Die religiösen Weltanschauungen behielten weiterhin ge-
wisse Ideen über Seele und Geist. Und sie brachten es dahin, daß in
der Öffentlichkeit man ihnen, mehr oder weniger gezwungen oder
frei, zugestand, daß nur sie irgend etwas zu sagen haben über des
Menschen Seele, über des Menschen Geist.
Die Naturforscher standen ebenso wie andere Menschen unter
dem Einfluß desjenigen, was sich so, ich möchte sagen, als eine
Monopolerkenntnis über Seele und Geist geltend machte. Und sie
beschränkten sich, weil sie sich nicht getrauten aufzusteigen von der
Erkenntnis der Welt zu der Erkenntnis der Seelenwelt, zu der Welt
des Geistes, sie beschränkten sich darauf, zu sagen: Ja, die Naurwis-
senschaft hat eben ihre Grenzen; sie müsse sich auf die Sinneswelt
allein beschränken.
Solch ein Geist wie Goethe, der gewiß durchdrungen gewesen ist
sein ganzes Leben von einem verehrungsvollen religiösen Auf-
schwung im Empfinden eines Göttlichen in der ganzen Natur und
in der ganzen Welt, er hat immer auch die Notwendigkeit empfun-
den, einheitlich zu gestalten seine Anschauung über das Leibliche,
über das Seelische und über das Geistige.
Nur muß man hinsehen auf das, worin sich in gewisser Beziehung
die Naturwissenschaft durch den Druck der eben genannten Er-
kenntnismonopole befand, hinsehen auf das, was die Naturwissen-
schaft durch ihre eigene Kraft dem Menschen geben kann. Dann
wird man ein solches einheitliches Erkenntnis- und Geistesstreben,
wie es bei Goethe vorhanden war, verstehen. Wer sich nicht bedrük-
ken läßt, ich möchte sagen, durch das Gebot, du sollst nicht Seele
und Geist erkennen, der wird gerade durch die Art und Weise, wie
der moderne Geist einzudringen versucht in die Geheimnisse der
Naturwissenschaft, er wird eine Erziehung seines Geistes durchma-
chen. Und diese Erziehung gibt dann die Anregung, fortzusetzen die
Entwicklung des Menschengeistes zu höheren Entwickelungsstufen
als diejenigen sind, die man einfach hat, indem man als Mensch
geboren wird.
Um aber solche Entwickelungsstufen zu verstehen, dazu bedarf
man einer gewissen intellektuellen Bescheidenheit. Diese intellek-
tuelle Bescheidenheit, sie ist sehr notwendig dem gegenwärtigen
Menschen. Diese intellektuelle Bescheidenheit muß den gegenwärti-
gen Menschen dazu führen, sich zu sagen: Du bist nicht nur ein We-
sen, das sich vielleicht im Werden der Weltenordnung aus niederen
Organismen heraufentwickelt hat zu der gegenwärtigen Vollkom-
menheit, sondern du bist ein Wesen, das sich selber weiterentwik-
keln kann, weiterentwickelt hat in diesem Leben; so daß die Kräfte,
die du bei der Geburt empfangen hast, eine höhere und immer höhe-
re Ausbildung erfahren können.
Sehen Sie, man muß sich folgendes sagen können. Man muß un-
befangen auf das fünfjährige Kind hinsehen können, das etwa einen
Band lyrischer Gedichte von Goethe in der Hand hat. Dieses fünf-
jährige Kind wird mit dem lyrischen Gedichtband Goethes wahrhaf-
tig nicht viel anfangen können, jedenfalls nicht das, was der erwach-
sene Mensch mit dem lyrischen Band von Goethe anzufangen weiß.
Es wird vielleicht den Band zerreißen oder irgend etwas anderes mit
ihm machen. Es muß erst heranwachsen, dann wird es den Band ly-
rischer Gedichte von Goethe in der rechten Weise behandeln. Es
muß seine Entwickelung in die Hand genommen werden. Denn als
fünfjähriges Kind ist zwar auch alles dasjenige, was in dem Bande ly-
rischer Gedichte drinnen ist, vor den Augen dieses Menschen, aber
es ist noch nicht die Möglichkeit vorhanden, daß dieser Mensch aus
diesem Band lyrischer Gedichte alles dasjenige herauszieht, was für
ihn darinnen sein kann. So muß der Mensch der Gegenwart sich
fühlen lernen gegenüber der ganzen Weite des Natur- und Welten-
daseins. Er muß sich sagen können in intellektueller Bescheidenheit:
Du stehst gegenüber der Natur so, daß sie dir vermöge deiner gegen-
wärtigen Entwickelung nicht dasjenige geben kann, was sie wahr-
haftig in sich enthält; man muß die Möglichkeit voraussetzen kön-
nen, seine Entwickelung in die Hand zu nehmen, damit man dann,
indem man eine höhere Entwickelungsstufe erlangt als diejenige, die
einem einfach durch die Geburt zukommt, indem man dann dasjeni-
ge, was man immer vor sich hat, was man zu erkennen glaubt - wie
das fünfjährige Kind, das noch nichts damit anzufangen weiß -, daß
man das in derjenigen Weise zu behandeln vermag, daß es einem al-
les dasjenige offenbart, was es in sich an Geheimnissen verschließt.
Gerade die Anstrengung, die man vollführt, wenn man heute die na-
turwissenschaftliche Methode anwendet, intensiv anwendet, die Tie-
fe, in die man eindringt, die kann einen dazu veranlassen, aus der
Anstrengung des Geistes heraus eine Kraft wie erweckt zu fühlen,
durch die man eine solche Entwickelung durchmacht. Es liegt wahr-
haftig nicht an der modernen Naturwissenschaft, daß die Menschen
so ungerne zugeben, daß der Mensch eine Entwickelung durchma-
chen kann! Nein, es liegt an dem Druck, den ich eben vorhin cha-
rakterisiert habe, und den man nur vorurteilslos anschauen muß,
um sich frei hingeben zu können dem, was in der naturwissenschaft-
lichen Behandlung der Welt selber liegt. Dann wird man fühlen, daß
die Seele innerlich erweckt wird, gerade indem sie die Natur im mo-
dernen Sinne betrachtet, daß in ihr Kräfte erwachsen, die vorher
nicht da sind. Zur Erweckung dieser Kräfte bringen sich in der Re-
gel gerade die Naturwissenschafter der Gegenwart nicht. Aber wenn
sie sich dazu brächten, so kämen sie eben dazu, daß gerade sie ver-
kündigen könnten dasjenige, was man sucht in dem Problem der
Unsterblichkeit der Seele, der Ewigkeit des Menschengeistes. Natur-
wissenschaftliches Denken, naturwissenschaftliche Gesinnung, sie
können zu einer inneren Erweckung des Menschengeistes führen.
Und die kann dann fortgesetzt werden, kann systematisch ausgebil-
det werden.
Wie das möglich ist, habe ich öfter skizzenhaft von diesem Orte
aus und ausführlich geschildert in meinem Buche «Wie erlangt man
Erkenntnisse der höheren Welten?», und im zweiten Teile meiner
«Geheimwissenschaft» dargestellt. Man kann dasjenige, wovon man
bemerkt, daß es sich durch die moderne naturwissenschaftliche Er-
kenntnis entwickelt, in voller Selbsterziehung fortsetzen. Man kann
dasjenige anwenden auf den Geist, was man Meditation, Konzentra-
tion des Gedankenlebens, des Fühlens, des Willens nennt. Man
kann jene innere Vorstellungswelt so weit treiben, oder wenigstens
die Vorstellungen, die man anwendet, indem man Sterne beobach-
tet, indem man im chemisch-physikalischen Laboratorium arbeitet,
indem man äußerlich Pflanzen oder Menschen oder Tiere betrachtet,
man kann dasjenige, was man da anwendet an innerer Geisteskraft,
weiter ausbilden, indem man sich Gedanken so hingibt, daß man
nur in diesen Gedanken so leben will, bis wenigstens der Gedanke
die Seele dahin bringt, innere Zusammenhänge zu erfassen. Die
kann man nicht erfassen, wenn man nicht der Seele eine solche inne-
re Selbstkultur angedeihen läßt. Eine Erweckung einer inneren See-
lenkultur ist möglich. Man kann in der Tat eine solche Erweckung
erreichen, so daß einem das gewöhnliche Leben, das man auslebt
auch in der gewöhnlichen Wissenschaft, wie ein Schlafen vorkommt,
aus dem man erwacht. Und aus diesem Erwachen kann man neu
das, was einen als Welt umgibt, beobachten.
Das ist das eine, was der moderne Mensch durchmachen kann.
Wird er die Naturwissenschaft in der richtigen, ich möchte sagen, in
der goetheschen Weise anwenden, so wird er zu einer religiösen
Erkenntnis, zu einer wirklichen Geist-Erkenntnis kommen.
Aber auch aus dem Leben des modernen Menschen selber geht
dasjenige hervor, was auf einen solchen Weg und, ich möchte sagen,
zu einem entsprechenden Zukunftsziele hin führt.
Wer die Geschichte äußerlich betrachtet, so wie sie gewöhnlich
heute äußerlich dargestellt wird, der hat nicht die wirkliche Ge-
schichte vor sich. Man muß das geschichtliche Leben der Menschen
mehr innerlich betrachten. Man muß vergleichen können, wie zum
Beispiel noch ein Mensch des 9., 10. nachchristlichen Jahrhunderts
in seiner ganzen Seelenverfassung war, und wie ein Mensch der Ge-
genwart, selbst wenn er ein einfachst primitiv lebender Mensch
draußen ist, wie ein Mensch der Gegenwart ist; denn auch der ein-
fachste Mensch unterscheidet sich heute ganz wesentlich von dem
Menschen des 9., 10. nachchristlichen Jahrhunderts. Ich will gar
nicht weiter zurückgehen. Die Menschen sind durchaus in Entwik-
kelung begriffen. Man muß heute das Wort Entwickelung nicht
bloß in jenem eingeschränkten Sinne nehmen, in dem es die Natur-
wissenschaft gewöhnlich nimmt. Man muß es in einem viel weiteren
Sinne nehmen können, wenn man in das Wesen der Menschheits-
entwickelung eindringen will.
Man muß sich sagen können, daß vor einer Reihe von Jahrhun-
derten, also in den Jahrhunderten, die ich eben angedeutet habe, die
Menschen sich viel näher standen innerhalb gewisser Verbände. Ein
Mensch war mit seinem Nächsten vor dieser verhältnismäßig kur-
zen Zeit dadurch verbunden, daß er ihm blutsverwandt war, daß er
ihm stammesverwandt war. Diese Nähe, dieses Nahe, das die Men-
schen zusammenführte in Verbände vor verhältnismäßig kurzer
Zeit, ist in der modernen Zeit nicht mehr vorhanden. Wenn man
unbefangen ist, kann man das überall sehen. Der moderne Mensch
ist vielmehr in sich abgeschlossen; der moderne Mensch ist viel
mehr, ich möchte sagen, ein Einsamer seiner Seele geworden. Die
Menschen der älteren Zeit gingen nicht so aneinander vorbei wie die
Menschen der neueren Zeit. Die Menschen der neueren Zeit sind
sich fremder geworden, sind sich ferner geworden. Aber es ent-
springt dafür, möchte ich sagen, aus einem geistigen Gewissen her-
aus etwas anderes, als noch vor Jahrhunderten für den Menschen
entsprungen ist. Es entspringt - wiederum kann man es sehen, wenn
man unbefangen in die eigene Seele hineinblickt und einen Sinn für
solche Sachen hat, wiederum kann man wahrnehmen etwas wie eine
innere Stimme - , es entspringt etwas wie eine innere Verpflichtung:
Du sollst nun, da du nicht mehr durch Blutsverwandtschaft, Stam-
mesverwandtschaft den dir unmittelbar Nächststehenden dich nahe
genug fühlst, durch deine Seelenentwickelung ihm nahe kommen
können. Du sollst seinen Willen in einer wirklichen Menschenliebe
in dir aufnehmen. Du sollst, damit du sozial mit ihm leben kannst,
nicht an ihm vorbeigehen, sondern du sollst seinen Willen in deinen
aufnehmen können, seine Gedanken zu deinen Gedanken machen
können. Du sollst mit seiner inneren Seelenverfassung in deiner
inneren Seelenverfassung denken, fühlen und wollen können. Du
sollst dich ihm geistig-seelisch nähern können.
Gerade so, wie das Beschäftigen mit der Naturwissenschaft eine
Art Erweckung für das seelische Leben darstellt, eine Art Aufwa-
chen im gewöhnlichen Bewußtsein, das man sonst im Alltag und in
der gewöhnlichen Wissenschaft hat, wenn man nur die gewöhnliche
Wissenschaft richtig betrachtet, so gibt diese gewöhnliche Wissen-
schaft, ich möchte sagen, innere soziale Pflichten, die immer mehr
und mehr im Menschen erwachen. Sie stellt etwas dar, was man im
Gegensatze zu dieser Erweckung bezeichnen kann - ich werde es
jetzt etwas paradox ausdrücken müssen, allein manche von den
Wahrheiten, die in der Gegenwart sich dem Kulturleben einverlei-
ben müssen, müssen heute noch paradox klingen -, was man be-
zeichnen kann als ein Gefühl, das uns überkommt, wenn wir so
recht innerlich fühlen: geistig-seelisch nahe müssen wir dem Näch-
sten treten, wir müssen uns in seinen Willen, seine Gedanken einle-
ben; es ist das etwas, was sich wie ein Verlieren in den Menschen
ausnimmt. Dieses Verlieren in den Nächsten mit seinem Geistig-
Seelischen, diese Hingabe an den Nächsten, das liegt eigentlich zu-
grunde dem sovielfach karikierten Vorgang von sozialer Empfindung
in der Gegenwart.
Und wenn man sagt: Die Naturwissenschaft kann uns aufwek-
ken -, dieses Gefühl, es bringt, ich möchte sagen, die entgegenge-
setzte Seelenverfassung über uns, eine merkwürdige Seelenverfassung,
wenn man sie nur verstehen kann. Aber geradesowenig wie man das
Erwachen aus der naturwissenschaftlichen Methode heraus gewahr
wird, ebensowenig wird man dieses Sich-in-den-Nächsten-Hinein-
fühlen gewahr. Aber es wird immer mehr und mehr den modernen
Menschen ergreifen. Dann werden sie dieses, im Gegensatze zu der
Erweckung durch die Wissenschaft, empfinden wie ein Einschlafen,
wie ein Ruhen in der Umgebung, wie ein Übergehen der eigenen
Seele in die Seele des anderen. Und wie aus dem natürlichen Schlafe
heraus erwacht, lebensvoll erwacht das geheimnisvolle Leben des
Traumes, so kann erwachen aus dieser Hingabe an das Menschlich-
Seelenvolle, das immer mehr und mehr wie eine Gewissenspflicht
die moderne Menschheit überkommen wird, es kann heraus erwa-
chen aus dieser Hingabe, die, ich möchte sagen, in einem höheren
Sinne die eines Schlafens ist, Liebe, die sich ausdrückt in einer sol-
chen Hingabe. Es ist eine Art Schlaf in der menschlichen Umgebung;
aus der heraus aber hebt sich etwas wie ein Traum aus dem natürli-
chen Schlaf. Und dieser Traum aus dem natürlichen Schlaf läßt sich
vergleichen mit dem, was auftauchen wird immer mehr und mehr
aus der wirklichen, nicht aus der karikierten sozialen Empfindung.
Dieser Traum, er wird erstehen lassen dasjenige, was dem Men-
schen sagt: Siehe, indem du dich einlebst in den Willen, der da neben
deinem Willen sich entwickelt, indem du verwachsen wirst mit dem
Gedanken, der neben deinen Gedanken sich entwickelt, weißt du,
wie du mit diesem Menschen innerlich zusammenhängst.
Wie Goethe fühlte etwas, das ihm gegeben wurde durch seine
Idee der Urpflanze, was er bezeichnen mußte als ein Einleben in die
ganze Kraft der Pflanzenwelt selber, so lebt man sich hinein wie in
die Umgebung, in die lebendige Umgebung der Menschenwelt, gera-
de durch das modernste Empfinden. Und wiederum erwacht einem
aus diesem Einleben in die Menschenwelt heraus etwas, was nun wie
eine neue Erkenntnis gerade aus dem sozialen Leben aufgeht. Man
fühlt, mit dem Wesen des anderen Menschen bist du verbunden.
Man fühlt, aus dem Wesen des anderen Menschen spricht wie
traumhaft in dir etwas, was dir bezeugt: du warst mit diesem Men-
schen in Vorzeiten schon verbunden.
Aus diesem wirklichen Erleben, aus diesem echt modernen Erle-
ben wird der neueren Menschheit als eine Erfahrung, als ein richti-
ges Erlebnis erwachsen dasjenige, was einzelnen bevorzugten Gei-
stern schon erwachsen ist, wie zum Beispiel Lessing. Man kann,
wenn man durchaus pedantisch sein will, wenn auch im höheren
Sinne pedantisch, man kann sagen: Lessing, solch ein Mensch war
gewiß groß, aber er hat in seinem Alter, als er schon halb schwach-
sinnig war, seine «Erziehung des Menschengeschlechts» geschrieben
und ist da auf die verrückte Idee gekommen, daß die Menschheit in
wiederholten Erdenleben lebe. Es ist aber für denjenigen, der nicht
ein Pedant ist, sondern der wirklich hineinblicken kann in die Ent-
wickelung eines solchen Menschen wie Lessing, der doch immer
weiter und weiter aufgestiegen ist, ganz anschaulich, daß ein solcher
Mensch nur der Vorgänger war für alle diejenigen, die kennenlernen
diese Eigentümlichkeit, diese gewaltige Erfahrung, die aus dem rich-
tig verstandenen sozialen Fühlen hervorgehen wird, aus ihm auftau-
chen wird, lebensvoll, wie ein Traum; aber es wird ein lebensvoller
Traum sein, nicht bloß wie träumend, das Verbunden-gewesen-Sein
mit Menschen, die man wieder antrifft im Erdenleben, das Verbun-
den-gewesen-Sein in früheren Erdenleben, mit dem Hinsehen darauf,
daß man in späteren Erdenleben wieder mit ihnen Zusammensein
wird. Dasjenige, was die Erfahrung der wiederholten Erdenleben ist,
es wird gerade sich entwickeln aus dem richtigen sozialen Leben und
Empfinden des modernen Menschen heraus.
Die gewöhnliche Naturwissenschaft, sie ist ja heute auch schon
durch ihre Forschungen dazu gekommen, nicht mehr rein materiali-
stisch sein zu wollen, mindestens bei einzelnen Geistern. Aber wenn
dann der gewöhnliche Naturforscher nachweisen will, daß in dem
Menschen etwas lebt, was geistig-seelischer Natur ist, was nicht bloß
ein Ausdruck ist des Leibes, dann wendet er sich nicht an solche
Erscheinungen, die er nachweisen kann, hinstellen kann, wie man
Erscheinungen des Laboratoriums, der Klinik und dergleichen hin-
stellt, sondern er wendet sich gerade an die abnormen Erscheinun-
gen des menschlichen Lebens. Und ich möchte sagen, in die Mode
gekommen ist gerade da, wo man versucht, darauf hinzuweisen, wie
der Mensch auch ein Geistiges und ein Seelisches in sich hat, die
Traumwelt zu untersuchen, die so geheimnisvoll aufwacht aus dem
natürlichen Schlafe. Aber das heißt, alles dasjenige zu untersuchen,
was sich ergibt aus den Erscheinungen der Suggestion, der Hypnose,
des Somnambulismus und der Mediumschaft und so weiter. Auch
da liegt es nahe, während die anthroposophisch orientierte Geistes-
wissenschaft aus einer gesunden Naturerkenntnis und aus einem ge-
sunden Miterleben der Menschenwelt heraus schöpfen will, sie zu
verwechseln mit demjenigen, was sich anlehnen möchte für eine
wirkliche Erkundung des menschlichen geistig-seelischen Wesens
an solche Erscheinungen wie Hypnotismus, Somnambulismus und
dergleichen.
Man kann, um diesen Erscheinungen etwas näherzukommen,
geradezu von der Traumeswelt ausgehen, man kann darauf aufmerk-
sam machen, wie diese Traumeswelt in Sinnbildern etwas vor die
Menschen, die menschliche Seele hinzaubert in der Zeit zwischen
dem Einschlafen und Aufwachen, da der Mensch nicht voll gebun-
den ist mit seinem geistig-seelischen Leben an den ruhenden Leib.
Aber derjenige, der diese Traumeswelt sachgemäß studieren kann,
wird er sich jemals etwa auf die Frage: Was ist diese Traumeswelt ? -
die Antwort geben: Diese Traumeswelt ist etwas, was den Menschen
über sein gewöhnliches äußeres Tagesleben hinausführt. - Dann
müßten nicht in diese Traumeswelt - für den Unbefangenen ist es
ganz klar - sich einmischen allerlei Dinge, die bloß von den niede-
ren, tierähnlichen Trieben der Menschennatur kommen.
Bedenken Sie nur, was der Mensch alles im Traume in der Lage ist
zu tun, wie er hinneigt zum niederen Triebleben, wie er hinneigt
selbst oftmals zum Verbrecherleben in dem, was er im Traume sich
vorgaukelt. Der Mensch muß sich sagen: nicht in irgendein höheres
Geistiges ist er versetzt, wenn er träumt, sondern im Gegenteil, in
das Untermenschliche ist er hinuntergewandert. Wahrhaftig, es ist
selber ein Traum, wenn die Menschen heute behaupten wollen -
ganz gutwillig behaupten wollen -, im Traume würden sie in eine
höhere Welt entrückt. Nein, in eine niedrigere Welt als diejenige ist,
in die wir blicken durch unsere Sinne, werden wir durch den Traum
gebracht. Und erst recht dann, wenn auf den Menschen ein solcher
Einfluß ausgeübt wird, von selten irgendeines geeigneten Mitmen-
schen, daß er in den schlafähnlichen Zustand der Hypnose versetzt
wird, kann man es dazu bringen, daß, ich möchte sagen, sogar un-
verantwortliche Einflüsse auf den Menschen ausgeübt werden, in-
dem man hereinwirkt in eine Art schlafähnlichen Zustand. Dann
sieht er eine Kartoffel für eine Birne an und ißt sie für eine Birne,
deshalb, rein deshalb, weil ihm suggeriert wird, eingegeben wird
diese Idee: diese Kartoffel ist eine Birne. Und noch ganz andere
Dinge können ihm eingegeben werden! Es ist ja nur der extreme
Zustand, der auch sonst als, ich möchte sagen, nicht ein ganz er-
laubter Zustand existiert, wo man rechnet auf die Herabdämpfung
des Bewußtseins durch den anderen Menschen, und ihm im, ich
möchte sagen, Vergewaltigen Ideen einreden will. Für denjenigen,
der im Sinne wahrer Geisteswissenschaft arbeitet, für den entsteht
die Frage: Was ist es für eine Seelenverfassung, in der der Mensch
im Traume ist? Was ist es für eine Seelenverfassung, in der der
Mensch ist, wenn er in einem solchen hypnotischen oder medialen -
der ist ja auch einem hypnotischen Zustand ähnlich -, wenn er
in einem solchen hypnotischen Zustand solche Einflüsse erfahren
kann von irgendeinem Mitmenschen oder auch von anderer Um-
gebung?
In hypnotischem Zustand ist es in der Tat möglich, daß Gedan-
kenübertragungen über weite Entfernungen sich darstellen können,
sie können experimentell dargeboten, bewiesen werden. Aber es
fragt sich nur, in welche Regionen man einen Menschen bringt, mit
seinem ganzen menschlich-leiblich-seelisch-geistigen Wesen, wenn
man in diese Regionen hinuntersteigt. Man bringt ihn dann in eine
Region, die ein Untermenschliches ist, die das Tierische in dem
Menschen darstellt.
In der Tat wird der Mensch heruntergeschraubt, herunterhypno-
tisiert, herunterprofaniert in dasjenige, was als Tierisches in ihm
spielt. Und gerade dadurch lernt man das Tierische im Menschen
kennen, das doch noch etwas ganz anderes als das Tierische der
Tierreihe ist; aber man gelangt in die Region des Untermenschli-
chen hinein.
Im Gegensatz zu alledem, was da sich darbietet, möchte die hier
gemeinte anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft dahin
führen, das Seelisch-Geistige im Menschen dadurch zu erreichen,
daß man nicht das, was schon im Menschen ist, herunterdämpft, um
scheinbar etwas Geistig-Seelisches zu empfinden, sondern daß man
hinaufentwickelt dasjenige, was schon in der Sinneswelt da ist, zu
einer höheren Anschauung dadurch, daß man den Gedanken, den
Willen, die Empfindung durch Meditation, Konzentration so er-
zieht, wie es in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der
höheren Welten?» dargestellt ist. - Den Menschen über sich hinaus-
führen, in gesunder Weise über sich hinausführen über das, was in
der Sinnesanschauung und gewöhnlichen Wissenschaft schon da ist,
das will anthroposophische Geisteswissenschaft.
Dadurch gelangt sie in eine Region hinein, die durchaus etwas
Neues ist gegenüber der äußeren Sinneswelt. Das ist sehr wichtig,
daß man einsieht, daß der Mensch abhängig wird, indem er in Hyp-
nose, in somnambulen, in medialen Zustand versetzt wird, oder
auch, indem er sich gewöhnlich der Traumphantasie bloß hingibt,
daß er abhängig wird von seiner äußeren sinnlichen Umgebung in
einer solchen Weise, wie er nicht mehr abhängig ist, wenn er sich
dem normalen Sinnesleben hingibt; wenn wir uns in wachem Zu-
Stande dem Sinnesleben hingeben, dann kann unser Wille die Augen
abwenden von etwas, auf das hin er sie nicht wenden will, kann so-
gar geringe Aufmerksamkeit auf das, was er hört, wenden. Kurz, wir
sind unserer Menschlichkeit mächtiger durch den Willen, wenn wir
durch die Sinne mit der Umgebung in Beziehung stehen. Das, was
da in die Freiheit unseres Wollens gestellt ist, was uns in ein freies
Verhältnis bringt, wenn wir im wachen Zustande sinnlich wahrneh-
men, wird ein Zwangsverhältnis, wie es in der Tierheit ist, wenn wir
heruntergedämpft werden im Wachzustand durch Hypnose. Da ent-
decken wir nicht das eigentlich Seelische im Menschen, da entdek-
ken wir dasjenige von der Tierheit in uns, was sonst verhüllt wird
durch unsere freie Geistigkeit; was sonst verhüllt wird, das wirkt
herauf, wird beherrschend den Menschen. Der Mensch wird hinun-
terorganisiert zum Tiere. Nur erkennt man nicht - da der Mensch
sich nicht benimmt wie das Tier, sondern sich schon geistiger zum
Ausdruck bringt -, daß es sich doch um ein Hinunterorganisieren
zu der Tierheit handelt. Das, was anthroposophische Geisteswissen-
schaft will, das will im Gegensatz dazu den Menschen hinauferhe-
ben zu einer höheren Bewußtseinsstufe, und dadurch erkennt man
erst dasjenige, was sich auf einer niedrigeren Bewußtseinsstufe dar-
stellt. Denn dann, wenn der Mensch so sein Geistiges, wie ich es dar-
gestellt habe in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der
höheren Welten?», entwickelt, dann tritt auch eine andere Bezie-
hung zur Welt auf. Aber nicht diejenige Welt stellt sich dar, die sich
darstellt, wenn wir hypnotisiert sind oder wenn wir in medialem
Zustande sind, oder wenn wir somnambul werden, nicht die Welt
der gewöhnlichen sinnlichen Umgebung stellt sich dar, sondern eine
neue Welt, eine geistige Welt, eine Welt, die der Mensch früher
nicht gekannt hat, aber die sich ihm darstellt als eine wirkliche, so
wie sich die äußere Sinneswelt für die Sinne als eine wirkliche Welt
ankündigt.
Sehen Sie, diese Entwicklung kann der Mensch durchmachen,
indem er hinaufsteigt von dem Menschlichen in ein Übermenschli-
ches, so wie er von der Hypnose, vom Somnambulismus aus hinun-
tersteigt in ein Untermenschliches. Diese Entwickelung kann durch-
gemacht werden, und der Mensch kann dadurch hinaufkommen
zu einem unmittelbaren Wahrnehmen, unmittelbaren Erleben des
Geistigen. Der Geist kann dadurch hereintreten in das menschliche
Bewußtsein.
Nun kann man ja sagen: Gewiß, in einem solchen Buche, wie in
dieser Schrift «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?»
ist dargestellt, welche Entwickelung man durchmachen muß, um zu
begreifen, daß das wirklich eine wahre Welt ist, die man auf diese
Weise kennenlernt, wie ich es geschildert habe. Aber es kann nicht
jeder Mensch selbst ein Geistesforscher werden, es kann nicht jeder
Mensch selber eintreten in diese geistige Welt, so daß er Mitteilun-
gen aus dieser geistigen Welt machen kann. Derjenige allerdings, der
bis zu jener Entwickelung kommt, die man immer, da wo man wuß-
te von dem Vorhandensein einer geistigen, einer übersinnlichen
Welt, genannt hat die Welt jenseits der Schwelle des gewöhnlichen
Bewußtseins, wer eintritt in diese Welt, in der er das Geistige so um
sich herum hat, wie man für das gewöhnliche Bewußtsein das Sinnli-
che um sich hat, der macht seine Entdeckungen im Geistigen. Der
weiß zum Beispiel mit diesen Entdeckungen unmittelbar, daß durch
dasjenige, was heute vom Menschen erscheint, indem man ihn in
hypnotischem, somnambulem Zustand hat, indem man medial
wird, sein gewöhnliches Bewußtsein herabgedämpft wird. Was da
im Menschen erscheint als das Untermenschliche, das stellt in Wahr-
heit eine frühere Entwickelungsstufe des Menschen dar, und dasjeni-
ge, was sich heute als seine Sinneswahrnehmung, seine Verstandes-
wahrnehmung entwickelt, das stellt eine spätere Entwickelungsstufe
dar. Und sogar das kann man erkennen - Sie können es nachlesen in
der «Geheimwissenschaft» -, daß der Mensch heute, wenn man ihn
in Hypnose versetzt, so wird auf eine abnorme Weise, wie er war in
seiner Umgebung in einer Entwickelung der Erdenwelt, die weit zu-
rückliegt hinter dem, was uns die geologische äußere Wissenschaft
als Erdenentwickelung darstellt. Man kann geradezu etwas erfahren
über einen viel geistig-seelischeren Zustand des Erdenplaneten, in
dem der Mensch aber auch schon vorhanden war und so seine Um-
gebung wahrnahm, wie er heute seine Umgebung wahrnimmt,
wenn sein Bewußtsein herabgedämpft ist. Wir erkennen etwas von
der Vergangenheit der Erde, die nicht so war, wie es die Kant-Lapla-
cesche Theorie darstellt, sondern so war, wie ein geistig-seelisches
Wesen selbst, in das der Mensch als Sinneswesen eingebettet war.
Und andrerseits erkennt man den Menschen der irdischen Zukunft,
wo die Erde wieder geistiger sein wird, wo der Mensch durch seine
natürliche Beschaffenheit so erkennen wird, wie man heute erkennt,
wenn man die Seele weiterentwickelt, wie ich es geschildert habe.
Allein diese Erkenntnisse, sie werden zunächst, obwohl sie ein
Bedürfnis sind des neueren, des modernen Menschen, sie werden zu-
nächst selbstverständlich, möchte ich sagen, nur von einzelnen Men-
schen erreicht werden, einzelne Menschen werden hineinkommen
in diejenige Region des Lebens, die da liegt jenseits der Schwelle des
gewöhnlichen Bewußtseins. So vieles ist notwendig, wenn man wirk-
lich zu diesen höheren Erkenntnissen kommen will. Sehen Sie, ich
will Ihnen eine einfache höhere Erkenntnis anführen. In dieser ein-
fachen höheren Erkenntnis aber sieht derjenige, der zu ihr kommt,
zum Beispiel, worauf das Erlangen höherer Erkenntnisse, die Ent-
deckung höherer Erkenntnisse eigentlich beruht. In der gewöhnli-
chen Geschichte weiß man heute nicht, daß im Grunde genommen
die Entwickelung der ganzen Menschheit ebenso innerlich bedingt
ist wie die Entwickelung des einzelnen Menschen. Wer würde es
heute nicht lächerlich finden, wenn man sagen würde: der Mensch,
der sieben, vierzehn, zwanzig Jahre und so weiter alt wird, der ist
immer das Ergebnis desjenigen, was er ißt und trinkt; dasjenige was
er ißt, das bewirkt, daß das Kind von Kindheit auf sich immer wei-
ter entwickelt, das macht es zum erwachsenen Menschen. Jeder
Mensch weiß, daß das nicht der Fall ist, daß der Mensch gewisse Stu-
fen seiner Entwickelung durchmacht, die ihn sogar über gewisse
Sprünge in der natürlichen Entwickelung führen. Einen solchen
deutlichen Sprung haben wir zum Beispiel um das siebente Jahr her-
um, wenn der Zahnwechsel eintritt. Derjenige, der einen Sinn hat
für solche Dinge, der weiß, welch gewaltige Revolutionen sich im
menschlichen Organismus abspielen zum Beispiel dann, wenn die
Geschlechtsreife eintritt; später sind die Umschwünge nicht mehr so
deutlich und klar wahrzunehmen, sind aber dennoch vorhanden. Da
entwickelt sich im Menschen etwas, was aus der Tiefe seines Wesens
herausspringt. So aber auch bei der ganzen Menschheit. Und so war
es etwa um die Mitte des 15. Jahrhunderts unserer nachchristlichen
Zeit, wo die Menschheit einen Sprung in ihrer Entwickelung durch-
machte. Die Seelenverfassung der Menschen ist eine ganz andere ge-
worden. Eben dasjenige ist aufgetreten, was ich heute charakterisiert
habe als das, daß der Mensch sich einsam fühlt gegenüber dem ande-
ren Menschen, daß er in sich abgeschlossen ist, daß er nicht mehr
durch die bloße Blutsverwandtschaft sich dem Menschen so nahe
fühlt wie früher. Dieses Selbständigerwerden, dieses Persönlicher-
werden hat sich so entwickelt, wie das aufgetreten ist, daß der Zahn-
wechsel, die Geschlechtsreife eintritt bei der einzelnen menschlichen
Individualität, bei der einzelnen menschlichen Organisation. So, aus
der ganzen Menschheitsentwickelung heraus, ist da etwas gekom-
men in der Mitte des 15. Jahrhunderts. Solch ein Erkenntnisinhalt
kann nur aus der geistigen Welt kommen. Und erst wenn man einen
solchen Erkenntnisinhalt gewinnt, wie eine innere Erfahrungstatsa-
che, kann man ein Urteil auch haben über die Wirklichkeiten der
wiederholten Erdenleben, über den Gang des Geistes in der mensch-
lichen Entwickelung, über das Leben des Geistes in dem natürlichen
Dasein und so weiter.
Aber alles dasjenige, was man tun kann, um zu solchen Erkennt-
nissen zu kommen, das ist: man kann sich dazu vorbereiten, durch
Meditation, Konzentration, durch Hingebung der Gedanken, Emp-
findungen, Willensimpulse, wie es geschildert ist in «Wie erlangt
man Erkenntnisse der höheren Welten?». Man kann sich entwik-
keln, kann sich dann sagen: Du bist jetzt bereit, höhere Erkenntnis
aufzunehmen; aber dann hat der Mensch zu warten. Die Art der
Geisteswissenschaft bezieht sich nicht darauf, daß man losgehen
kann und Erkenntnisse sammeln; sondern man kann nur die eigene
Seele bereit machen; dann muß sie warten. Dann muß man, ich
möchte sagen, auf den Moment warten, den man empfindet wie eine
Gnadenwirkung aus der geistigen Welt heraus; man muß warten, bis
die Erleuchtung kommt. Daß Erleuchtungen aus der geistigen Welt
auftreten, tritt bei dem einen Menschen auf, bei dem anderen Men-
schen nicht. Daher sind die Wahrheiten so, daß sie in einigen Men-
schen auftreten, die sie ihren Mitmenschen mitteilen müssen. Selbst
wenn solche einfachen Erkenntnisse, wie die von dem Umschwünge
der ganzen Entwickelung der Menschheit im 15. Jahrhundert, auf-
treten, man muß sie heute kennengelernt haben im reinen Seelenle-
ben. Man muß verzichten gelernt haben auf das gewaltsame Erobern
der geistigen Welt, man muß gearbeitet haben nur an der Entwicke-
lung der Seele, um sich bereit zu machen zum Empfangen der Wahr-
heiten. Dann kommen sie, kommen im geeigneten Moment. Man
muß sich darauf beschränken, sie als solche einzelnen Wahrheiten
hinzunehmen. Man muß sich nur klar sein darüber: wenn man Kon-
sequenzen daraus ziehen will, so wie einzelne Menschen es machen,
dann bringt man nur Karikaturen der geistigen Welt. Nehmen wir
an, irgendein Mensch hat mancherlei innere Entdeckungen gemacht;
er kommt zu einer Idee; dann baut er gleich ein ganzes System dar-
aus, ein Natursystem, ein Geschichtssystem, ein ökonomisches oder
ein soziales System, oder irgend etwas. Die Menschen sind nicht zu-
frieden, solche einzelnen geistigen Erfahrungen zu machen, sondern
ziehen weiterhin ihre Konsequenzen, bauen Systeme darüber auf.
Derjenige, der erfahren ist in der geistigen Welt, der arbeitet nur an
seiner geistigen Entwickelung, daß er bereit ist, zu empfangen, was
sich ihm offenbart. Dann nimmt er wiederum eine solche einzelne
Erfahrung hin, wartet wiederum, bis sich ihm eine andere ergibt.
Wie in der äußeren sinnenfälligen Wirklichkeit auch die neue Erfah-
rung herankommt, so muß man warten, so muß man immer inner-
lich von Resignation erfüllt sein, durch die man warten kann, bis
sich die einzelnen inneren Erkenntnisse ergeben. Sonst bringt man
oftmals Gebilde der Phantasie zustande. Und weil die meisten Men-
schen nur solche verschwommenen Phantasievorstellungen haben,
deshalb meint man, die Gesetze, die in Betracht kommen, kämen
nur aus Phantasiegebilden heraus. In Wahrheit kommen aber keine
Phantasiegebilde heraus, wenn der Mensch sich anstrengt, vorwärts-
zukommen. Nur wenn er sich nicht anstrengt, über das Unsichtbare
Ideen zu gewinnen, kommt er zu Phantasiegebilden. Sondern nur,
wenn er anstrebt, alle Gedanken und Entwickelung, alles Arbeiten
im Geiste lediglich darauf abzielen zu lassen, daß der Geist in seinem
Erkenntnisvermögen immer vollkommener und vollkommener
wird, dann kann er genügend weit kommen; wenn er warten gelernt
hat, dann ergeben sich ihm die Entdeckungen in der geistigen Welt
durch dasjenige, was mitzuteilen ist in der geistigen Welt. - Es kann
allerdings der Mensch, wenn ihm sein Schicksal, ich möchte sagen,
nach dieser Richtung hin günstig ist, und er warten lernt, selber zu
Entdeckungen kommen. Aber er kann vor allen Dingen dahin kom-
men, daß er dasjenige, was geistige Entdecker ihm sagen, als Wahr-
heit anerkennen kann, und daß er sich die Urteile aneignet durch
eine solche innerliche Entwickelung, um auch dasjenige, was ihm
der andere gibt, in seiner Wahrheit einzusehen.
Das ist gerade das Geheimnis des Lebens, das die Menschen füh-
ren werden , wenn der Geist ihr Führer in der Sinneswelt und in die
übersinnliche Welt werden wird. Gerade das wird die Eigentümlich-
keit sein, daß das menschliche Zusammenleben intimer werden
wird. Heute sehen wir einen illusionären, einen falsch verstandenen
Sozialismus, sehen, wie die Menschen sozial wirken wollen, aber im-
mer mehr und mehr sozial sich eigentlich voneinander entfernen.
Dann aber, wenn man einsehen wird: Du kannst dich dazu entwik-
keln, daß du dasjenige, wozu der andere durch die Intimitäten seines
Innenlebens kommt, wodurch er geistige Entdeckungen macht,
wirst anerkennen können, dann wirst du dich selber im Zusammen-
leben mit ihm geistig bereichern können. Dann wird man einsehen,
daß gerade wenn der Geist Führer sein wird in dem Sinnesreich des
Menschen, durch diesen Geist auch das soziale Leben erst seinen
rechten Sinn wird erhalten können.
Das Hineindringen in geistige Welten setzt ja voraus, wenn man
wirklich bewußt jenseits der Schwelle kommen will, daß man in
einem gewissen Sinne furchtlos werde gegenüber den Erlebnissen
der geistigen Welt. Die gewöhnliche Sinneswelt, sie läßt uns, ich
mochte sagen, in einer gewissen Weise in Sicherheit eingewiegt sein.
Derjenige, der von dieser Sinneswelt über die Schwelle der geistigen
Welt hinübergelangt in die wirklichen geistigen Welten, die zugrun-
de liegen unserer Sinneswelt, der macht die Erfahrung, daß gewisser-
maßen der bequeme, feste Erdboden nicht mehr unter ihm ist. Die
geistige Welt hat nicht dieselben Kräfte der Schwere und derglei-
chen, die diese Sinneswelt hat. Innerhalb der geistigen Welt fühlt
sich der Mensch wie auf einem wogenden Meere, und diejenige Si-
cherheit, die man sonst durch einen festen Standpunkt in der äuße-
ren Sinneswelt hat durch das gewöhnliche Leben, diese Festigkeit,
die muß gegeben werden durch innere Kraft, durch die man durch-
steuert die geistige Welt.
Außerdem müssen Sie bedenken, daß, wenn man hineingelangt
in diese geistige Welt, man zunächst an diese geistige Welt nicht an-
gepaßt ist. Man ist angepaßt einer Welt als Mensch zwischen Geburt
und Tod; man ist nicht angepaßt an dasjenige, was als Ewiges sich
enthüllt der Menschennatur, wenn man gerade in die Geisteswelt
eindringt. Man ist angepaßt an die diesseitige Welt, an die Welt hier.
Tritt man nun ein in die geistige Welt, nachdem man sich entwickelt
hat, um hineinzugelangen, so fühlt man sich eigentlich zunächst, so-
lange man noch im Leibe ist, noch nicht durch die Pforte des Todes
gegangen ist, noch nicht für die ganze Entwickelung angepaßt. Man
fühlt das oftmals als brennenden Schmerz, möchte ich sagen. Davor
schrecken viele zurück. Nur wenn man sich gut vorbereitet, um das
eine wie das andere zu erfahren, kann man über sich selbst hinaus-
wachsen, kann sich hinauswagen auf das offene Meer der geistigen
Erkenntnisse, auf dem man den Führer, den geistigen Führer in sich
selber haben muß.
Aber für jeden Menschen ist es heute schon möglich, wenn er be-
obachtet solche Dinge, wie ich sie dargestellt habe in «Wie erlangt
man Erkenntnisse der höheren Welten?», einzusehen aus seiner ei-
genen Überzeugung heraus, nicht durch Überlegungen, einzusehen,
daß dasjenige auf Wahrheit beruht, der Wirklichkeit entnommen
ist, was die Geist-Entdecker, die modernen Seher wirklich der Welt
enthüllen können.
Ein menschliches Zusammenleben wird sich dadurch ergeben,
daß wir wiederum einsehen lernen können, wenn der andere in sich
die Fähigkeiten entwickelt, das Entdeckte voll anzuerkennen. Ein
Zusammenleben im Geistigen wird sich ergeben, das die Grundkraft
abgeben wird für ein Leben, wie es die Menschheit in der Zukunft
brauchen wird, gerade wenn manche Strukturen im sozialen Orga-
nismus überwunden werden sollen, die aus alten Kräften hervorge-
gangen sind und die nur überwunden werden durch neue Kräfte des
Geistes, die sich von Seele zu Seele entwickeln.
Gerade dadurch, daß das Geistige für die Menschen eine Wirk-
lichkeit werden wird, gerade dadurch werden die Menschen einan-
der näher kommen. Man muß nur bedenken, ob der eine Mensch
dies oder jenes in der geistigen Welt entdeckt; das hängt ab von der
Art und Weise, wie sein Leben ist. Nicht wahr, von der äußeren Sin-
neswelt weiß der Mensch anderes, je nachdem er, ich will sagen, in
Europa oder in Amerika oder in Asien geboren ist. So weiß jeder
Mensch auch, wenn er ein geistiger Entdecker, ein Seher ist, von der
geistigen Welt etwas anderes. Das andere, das er weiß, das ist wieder-
um dem anderen Menschen, der wiederum etwas anderes weiß, eine
Ergänzung zu seinem eigenen Wissen. Die Menschen werden einzel-
nes, vom Geiste her verschiedenes wissen. Aber sie werden einander
ergänzen können.
Vor einer wirklichen Geist-Erkenntnis, die so gemeint ist, wie sie
heute hier vorgetragen worden ist, ist es wahrhaftig keine Schande
oder irgend etwas Herabwürdigendes, wenn der eine Mensch in
einem wirklich sozialen Dasein einfach dasjenige aus der geistigen
Welt heraus ihm Übermittelte aufnimmt, was der andere zu entdek-
ken befähigt ist. Denn das ist nicht zu fürchten, daß irgendein
Mensch, der ein geistiger Entdecker wird, durch Unbescheidenheit
glänzen würde innerhalb seiner Mitmenschengenossenschaft. Man
muß, gerade wenn man in die geistige Welt eindringen will, sich zu-
erst dasjenige gar sehr in der entsprechenden hohen Kraft aneignen,
was ich intellektuelle Bescheidenheit genannt habe, und man weiß
sehr gut, gerade dann, wenn man beginnt, etwas von der geistigen
Welt zu wissen, wie wenig man eigentlich weiß. Das ist nicht zu
fürchten, daß die geistigen Erkenner besonders hochmütig werden.
Diejenigen, die von der geistigen Welt in Phrasen reden, die von
dem Geiste reden, ohne daß sie etwas von ihm wissen, die von ihm
reden durch bloße philosophische Schlüsse, die mögen hochmütig
werden. Aber diejenigen, die in die geistigen Welten eindringen, die
wissen außerdem, wie klein sie sind als Menschen gegenüber dieser
geistigen Welt, die sich durch sie verwirklichen will, und sie wissen
wahrhaftig, daß sie weder hochmütig noch rechthaberisch werden
sollen.
Nun möchte ich noch etwas anderes erwähnen. Wenn man auf
der einen Seite sagen muß: zum Heile der Zukunft der Menschheit
ist es heute notwendig, daß hingehorcht werde von Seiten derjeni-
gen, die noch nicht gewisse Wahrheiten entdeckt haben, auf diejeni-
gen, die sie entdeckt haben, und das durchaus nicht etwas Beschä-
mendes, die Freiheit Herabwürdigendes ist, so kann zu gleicher Zeit
auch darauf hingewiesen werden, daß ja auch derjenige, der vielleicht
in einem hohen Grade schon erkennen kann, der ein Seher ist, an
seinem Mitmenschen Ungeheures lernt. Das ist das Merkwürdige,
daß man in dieser Richtung ein ganz neues Verhältnis gerade durch
das Sehertum, gerade durch die Entwickelung des Seelisch-Geistigen,
zu seinem Mitmenschen gewinnt. Man muß sich sagen, daß auch in
einer einfachen, elementaren Lebensart Dinge sich offenbaren kön-
nen. Wir erfahren sie, wir haben den Sinn, einzudringen in dasjeni-
ge, was als geheimnisvolle seelisch-geistige Tiefen sich zum Beispiel
auch durch ein Kind offenbart. Das gibt Veranlassung, wenn wir
nur nicht es symbolisch deuten, wenn wir nur nicht nachgrübeln,
sondern uns ihm in Liebe hingeben, gerade es geistig zu erkennen,
daß nachher, wenn der Seher eine solche Liebe ausgeübt hat für das
Einfache, für ihn der begnadete Moment eintritt, etwas Großes zu
erkennen. Und jeder große, wirkliche Geist-Erkenner wird Ihnen
erzählen können von denjenigen Momenten, wo nicht durch Ausle-
gung desjenigen, was er eben gesehen hat, sondern wie wirklich ge-
rade dann, wenn in ihm diese Kraft ausgelöst worden ist, er hinter-
her an irgendeinem Menschen etwas anderes erfahren hat, indem er
den Geist zu seinem Führer erkor. Man lernt einen Menschen ken-
nen. Dasjenige, was er einem mitteilt aus seinen Erlebnissen, aus
seinen Erfahrungen heraus, vielleicht als einfachster, primitivster
Mensch, führt einen in seelische Tiefen hinein, wenn man richtig zu
erkennen vermag, den richtigen Zusammenhang zu finden vermag.
Man macht die Entdeckung, daß, was die Menschen erleben, was die
Menschen erfahren, daß das bei jedem Menschen zu einer Offen-
barung führen kann.
Ja, über die ganzen weiten Umkreise der Menschen hin kann von
jedem Menschen, dem wir gegenübertreten, wenn wir den Geist
zum Führer der Sinneswelt und zum Führer in die übersinnliche
Welt wählen, es kann von jedem Menschen uns, wenn er uns seine
Erfahrungen und Erlebnisse mitteilt, dasjenige, was er aus der Welt
mehr gewonnen hat, etwas geben, es kann in uns zur Offenbarung
kommen etwas, was man zu seiner weiteren Entwickelung durchaus
nötig hat. Wir merken nur oftmals, daß die Menschen selber mit
ihren mangelhaften Kräften nicht auf ihr Leben anwenden, was sie
in ihrem Bewußtsein, in ihrem bewußten Seelenleben zu haben
glauben; sie meinen, das ist etwas höchst Unwichtiges, weil die Men-
schen unzulänglich sind, durch ihre eigene Urteilskraft zu erreichen,
Übersinnliches zu schauen. Sieht man hinein in die Tiefen der Men-
schenseele, wenn man sich den Sinn auf diese Weise angeeignet hat,
wie ich es heute geschildert habe, so kann man auch gerade als Gei-
stesforscher so viel gewinnen in der neueren Naturwissenschaft,
durch die Art, wie die Naturwissenschaft in den Kliniken, auf den
Sternwarten, in chemischen und physikalischen Laboratorien arbei-
tet. Wenn wir dasjenige, was die Forscher mit ihrer Urteilskraft
oftmals aus sich selber sehr unzulänglich auffassen, wenn sie be-
schreiben ihr Tun und ihre Ergebnisse, was sie selbst mit dem, was
sie darüber sagen, durchaus nicht recht erreichen, nicht in seinen
Tiefen enthüllen können, wenn wir dasjenige hinnehmen, was uns
erzählt wird von der Arbeit in den naturwissenschaftlichen Werk-
stätten, dann enthüllen sich uns tiefe Naturgeheimnisse. Und gerade
durch dasjenige, was Geisteswissenschaft auf diesem Gebiete macht,
wird sich vergeistigen dasjenige, was die Medizin heute so vielfach
anstrebt, was sie mit eigenen Mitteln nicht erreichen kann, was in
Verbindung steht mit dem, was ich geschildert habe, daß die Medi-
zin, die Naturwissenschaft gerade durch Geisteswissenschaft be-
fruchtet werden können.
Aber auch das Soziale wird befruchtet werden können, wenn der
Geist wird Führer werden können durch die sinnliche und in die
übersinnliche Welt hinein. Und man wird nicht zu glauben brau-
chen, daß dasjenige, was als religiöses Element eine der Grundkräfte
jedes Menschenwesens sein sollte, durch die Erkenntnis des geistigen
Lebens, dadurch, daß das geistige Leben unter uns Platz greift und
der Geist zum Führer des Menschen in der Menschenwelt wird, daß
das etwa darunter leiden würde! Nein, das Gegenteil ist gerade der
Fall. Gerade dasjenige, was die religiösen Bekenntnisse selber gesucht
haben, zu dem konnten sie wegen der Bedürfnisse, die aus dem ge-
sunden naturwissenschaftlichen Leben hervorgegangen sind, nicht
gelangen, indem sie alte Traditionen bewahrt haben. Dadurch konn-
ten sie dasjenige, was sie über Seele und Geist als Glaube des Men-
schen erzeugen wollten, nur durch dogmatische Gebote erreichen,
während in Wahrheit, indem die Menschen dazu kommen werden,
daß sie den Geist zu ihrem Führer in der Sinneswelt machen, die
Menschen im Geistigen drinnenstehen werden mit ihrem Seelen-
leben. Menschen aber, die den Geist erkennen, Menschen, die mit
ihren Vorstellungen, mit ihren Empfindungen im Geiste leben, sie
werden auch den Geist verehren können, sie werden den Weg zur
wahrhaft religiösen Verehrung finden können. Diejenigen Men-
schen, die nichts wissen vom Geiste, werden auch nicht, wenn sie
einer «Wortreligion» sich zuzählen, in Wirklichkeit religiöse Men-
schen sein. Diejenigen, die den Geist zum Führer haben, die fürch-
ten nicht, daß das Christentum Schaden nehmen könnte dadurch,
daß durch moderne Geisteswissenschaft der Geist durchdrungen
werde. O nein, diejenigen zeigen sich klein, die da sagen: es soll kei-
ne Geist-Erkenntnis kommen, denn die wird das religiöse Gefühl,
die wird das Christentum untergraben. Wer wirklich den Geist er-
kennt, kann nicht so gering denken von der Kraft des Christus-
Impulses, der seit dem Mysterium von Golgatha in der Welt wirk-
lich wirkt. Er muß viel höher denken. Er muß so denken, daß er
sich sagt: was auch für Erkenntnisse kommen mögen, je mehr man
in den Geist eindringen wird, desto besser wird man gerade auch
verehren lernen dasjenige, was nur erhöht werden kann in seiner
Bedeutung für die Menschen dadurch, daß es immer besser und
besser erkannt werde.
Nicht Geisteswissenschaft wird die wirkliche religiöse Entwicke-
lung der Menschheit hindern, sondern das Stehenbleiben-Wollen
jenseits der wirklichen Erkenntnis und des geistigen Fortschritts
wird hemmend wirken auf die religiöse Entwickelung. Und es
könnte sein, daß in einer gar nicht zu fernen Zeit zahlreiche Men-
schen einsehen werden, woher eigentlich die Hemmnisse der religiö-
sen Entwickelung kommen. Sie kommen davon, daß die Konfessio-
nen nicht mehr leben wollen mit demjenigen, was im innerlichsten
Menschen als Bedürfnis vorhanden ist.
Sehen Sie, ich wollte damit nur - ich kann das allerdings skizzen-
haft nur tun in einem solchen Vortrage, wie ich ihn hier halten durf-
te -, ich wollte damit nur kennzeichnen, wie der Geist der Führer
des Menschen werden kann durch die Sinneswelt hindurch und in
die übersinnliche Welt hinein.
Der Mensch lernt dasjenige in ihm, was ewig und unsterblich ist,
was durch Geburt und Todespforte geht, gerade dadurch kennen,
daß er den Geist in sich entwickelt, dem er angehörig ist. Er lernt
erkennen, daß er durch seine Seele und seinen Geist ein Angehöriger
der geistigen Welt ist, so wie er durch seinen Leib ein Angehöriger
dieser Welt ist.
Heute ist es ja allerdings so, daß dasjenige, was ich charakterisiert
habe, zwar in den tiefen Untergründen des Unterbewußten voll lebt.
Derjenige, der heute durchschaut die Dinge, der weiß es, wie zahlrei-
che Menschen da sind, welche die Sehnsucht haben nach einer sol-
chen Gefolgschaft des Geistes; aber in dem Bewußtsein der Men-
schen ist das oftmals nicht so. In weitesten Kreisen ist noch, möchte
ich sagen, eine Abneigung, eine Antipathie gegen solche geistige
Führerschaft. Derjenige aber, der drinnensteht in einer solchen gei-
stigen Bewegung, der sieht auf die Art und Weise, wie geistigen Be-
wegungen oder auch äußeren Kulturbewegungen begegnet worden
ist im Laufe der geschichtlichen Entwickelung der Menschheit! Und
wenn man heute mit Herz und Sinn hängt daran, daß so etwas wie
der Dornacher Bau, die Freie Hochschule für Geisteswissenschaft,
das Goetheanum, als äußerer Repräsentant - er ist ja noch nicht fer-
tig, ist ja erst im Bau begriffen, aber er wird in nicht allzulanger Zeit
hoffentlich fertig werden -, daß so etwas dastehen soll als das sicht-
bare Zeichen für die geistige Bewegung, die ich Ihnen heute im Vor-
trage charakterisiert habe, so hat man schon nötig, gegenüber man-
cherlei absprechenden Urteilen, sich an Geschichtliches zu erinnern.
Denken Sie, wie die heutige Welt aussehen würde, wenn damals,
als Kolumbus ein paar Schiffe ausrüsten wollte, um nach Westen hin
zu steuern in Gegenden, von denen er wahrhaftig nichts wußte, und
die anderen auch nichts wußten, wenn die Meinung gesiegt hätte -
Sie können es in der Geschichte nachlesen, daß sie sehr vorhanden
war, diese Meinung -, die diese Absicht des Kolumbus für eine Narr-
heit, für einen Wahnsinn angesehen hat! Aber schließlich, er hat ge-
siegt. Denken Sie, was geworden ist in der modernen Zeit dadurch,
daß nicht die Gescheitheit derjenigen, die dem Kolumbus die Schiffe
verweigert haben, gesiegt hatte, sondern daß gesiegt hat der «Wahn-
sinn» des Kolumbus. Dieser Wahnsinn des Kolumbus ist für viele
Menschen dasjenige, was anthroposophische Geisteswissenschaft
will. Heute noch ist es vielen ein Wahnsinn. Dieser Wahnsinn aber
schließt nicht bloß ein dasjenige, was nur eine Geist-Erkenntnis ist,
nein, dieser Wahnsinn schließt ein eine solche Entwicklung des
Geistes, durch die man auch ein wirklich praktischer Mensch wird,
durch die man zu einem solchen Menschen wird, daß man praktisch
wird angreifen können eine Entdeckungsfahrt in das wirkliche Le-
ben. Eine wirkliche Entdeckungsfahrt in das Leben soll inauguriert
werden durch dasjenige, für das dieser Dornacher Bau der äußere
Repräsentant sein soll.
Mögen daher viele Menschen in dem, was damit unternommen
werden soll, einen Wahnsinn sehen. Wer aus innerer Erkenntnis
heraus Herz und Sinn verbunden hat mit dem, was als Wahrzeichen
dafür stehen soll, daß beginnen soll der Geist Führer in der Mensch-
heitsentwickelung zu werden durch die sinnliche Welt und in die
übersinnliche Welt hinein, der weiß, daß sich entwickeln muß aus
diesem «Wahnsinn» heraus dasjenige, was viele Menschen, und zu-
letzt alle Menschen der zivilisierten Welt suchen müssen, damit her-
ausgekommen werde aus manchem von dem, was von dem Unbe-
fangenen heute als Chaotisches, als Kulturwirrwarr empfunden
wird, um hinzugelangen zu demjenigen, was zahlreiche Menschen
und zahlreiche Seelen doch ersehnen, mehr ersehnen, als einstmals
die Zeitgenossenschaft des Kolumbus Indien ersehnt hat, ersehnen
als dasjenige Licht, das der Menschheit aufgehen soll, damit sie wirk-
lich höheren Kulturzielen in der Menschheit entgegengehen könne.
DER GEIST ALS FÜHRER DURCH DIE
SINNES- UND IN DIE ÜBERSINNLICHE WELT
Es gilt wohl heute noch in weiten Kreisen als das Zeichen eines be-
sonders aufgeklärten Geistes, wenn man die Möglichkeit ablehnt,
durch menschliche Erkenntnis einzudringen in die geistige, in die
übersinnliche Welt. Man kann zwar sagen, daß in einzelnen Kreisen
gerade der naturwissenschaftlichen Denkungsart gegenwärtig schon
gegen diese sogenannte Aufklärung Front gemacht wird. Allein so
viel auch vielleicht von dieser Seite über Geist und übersinnliche
Welt von diesem oder jenem Gesichtspunkte aus gesprochen wird,
man kann nicht sagen, daß ein wirklich befriedigender Weg in die
Welt des Geistes in weiteren Kreisen heute schon auch nur versucht
oder angestrebt wird.
Daß es die Möglichkeit gibt, nicht bloß durch einen unbestimm-
ten, schulmäßigen Glauben, sondern durch eine echte und wahre
Fortsetzung derjenigen Vorstellungsart, welche gerade das naturwis-
senschaftliche Denken in der neueren Menschheit so groß gemacht
hat, in die übersinnliche Welt einzudringen, das sucht die anthropo-
sophisch orientierte Geisteswissenschaft, die - wie ich schon vor
einigen Wochen hier sagte - ihre äußere Repräsentation finden soll
durch das Goetheanum in Dornach, als einen durch das Erlebnis des
Geistes zu ergründenden Beweis vor der Welt hinzustellen.
Wenn ich wiederum von einem anderen Gesichtspunkte aus, als
ich das in zahlreichen Vorträgen schon hier getan habe, begreiflich
machen soll, wie gerade der Weg dieser anthroposophisch orientier-
ten Geisteswissenschaft ist, so möchte ich heute einleitungsweise
über etwas scheinbar recht Abstraktes, für manchen vielleicht fern-
liegend Scheinendes sprechen.
Das Goetheanum hat ja nicht umsonst seinen Namen von Goethe
genommen. In einer gewissen Beziehung bildet die ganze Weltan-
schauung, die ganze Vorstellungsart Goethes den Ausgangspunkt
für ein neueres geisteswissenschaftliches Streben. Und wenn man
auch sagen kann, daß dasjenige, was man bei Goethe findet, noch
durchaus als ein Anfang sich darstellt, so kann man gerade das Prin-
zipielle am besten vielleicht veranschaulichen, wenn man von gewis-
sen einfachen Gedanken oder Ideen Goethes ausgeht. In weiteren
Kreisen wohl bekannt, aber leider heute noch allzuwenig gewürdigt,
ist ja dasjenige, was Goethe seine Metamorphosenlehre genannt hat,
in der wir auch seine Idee von der Urpflanze finden.
Mit dieser Urpflanze meint Goethe nicht etwa ein sinnliches
Pflanzengebilde einfacher Art, wie der richtige heutige Naturfor-
scher sagen müßte, sondern Goethe meint mit seiner Urpflanze et-
was, das nur im Geiste zu erfassen und zu erleben ist. Aber er meint
zu gleicher Zeit mit dieser Urpflanze etwas, das nicht in irgendeiner
einzelnen Pflanze zu finden ist, sondern das auffindbar ist in jeder
einzelnen Pflanze des weiten Pflanzenreiches der Erde. Er setzt also
voraus, daß - ich möchte sagen - innerhalb jeder sinnlichen Pflanze
eine übersinnlich zu erfassende, im Geiste zu erlebende Urpflanze
vorhanden ist.
Dasselbe stellt er sich auch vor, obwohl er es weniger deutlich
ausgeführt hat, für die anderen, für die nichtpflanzlichen Organis-
men. Und wenn Goethe, zum Teil gerade aus seiner künstlerischen
Gesinnung heraus, diese Idee von der Urpflanze entwickelt hat, so
muß man doch sagen, daß sein hauptsächlichstes Streben darauf
gerichtet war, durch so etwas wie die Urpflanze etwas im allerbesten
Sinne Wissenschaftliches zu finden, etwas, das dem Menschen als
Idee Führer sein kann, geistig Führer sein kann durch die ganze
weite Pflanzenwelt.
Als Goethe zur Klärung und Reifung seiner Weltanschauung
durch Italien zog, da schrieb er einmal an seine Weimarer Freunde,
die gut dasjenige kannten, was er eigentlich mit seiner Urpflanze
wollte, daß ihm besonders in der reichen, strotzigen Pflanzenwelt
Italiens wiederum das Bild der Urpflanze aufgegangen sei. Zunächst
abstrakt - man braucht sich nicht, wie wir gleich sehen werden, an
das Abstrakte zu halten -, zunächst abstrakt sagt er: Eine solche Ur-
pflanze muß es doch geben, denn wie könnte man sonst in dem gan-
zen mannigfaltigen Pflanzenreiche finden, daß jedes einzelne Wesen
wirklich eine ganze Pflanze sei ? - Wie gesagt, das ist abstrakt ausge-
sprochen, aber Goethe drückt sich über diese Urpflanze noch viel
bestimmter, wesentlich eindringlicher aus. So sagt er zum Beispiel:
Wenn man im Geiste diese Urpflanze erfaßt hat, dann kann man aus
dem lebendigen Bilde dieser Urpflanze heraus selber sich Bilder von
einzelnen wirklichen Pflanzen machen, welche die Möglichkeit des
Existierens haben.
Man muß nur im rechten Sinne auf das hinschauen, was mit ei-
nem solchen Worte eigentlich gesagt ist. Goethe will also im Geiste
zu einer Idee von dem Pflanzenwesen kommen, und er will im Gei-
ste die Möglichkeit haben, aus seiner Urpflanze heraus ein Gebilde
geistig zu formen, das eine einzelne Pflanze ist, nicht aber gleich ei-
ner Pflanze, die er sinnlich sieht, sondern das gewissermaßen zu den
sinnlichen Pflanzen eine solche hinzu erfindet, die nicht sinnlich
existiert, die aber doch die Möglichkeit hätte, wenn die Bedingungen
da wären, in der Sinnlichkeit zu existieren. Worauf ist da eigentlich
hingewiesen? Da ist darauf hingewiesen, daß der Mensch durch sei-
ne Seele in die sinnliche Wirklichkeit so untertauchen kann und in
diesem Untertauchen in die sinnliche Wirklichkeit das Geistige, das
in der sinnlichen Wirklichkeit drinnen ist, so erleben kann, daß er
ganz zusammenwächst mit diesem Geiste, der überall in der Natur
schaffend webt und lebt.
Das ist gerade das Große der Goetheschen Weltanschauung, daß
sie hinzielt auf dieses Untertauchen in die Wirklichkeit, und daß sie
überzeugt davon ist, daß, sofern man in diese Wirklichkeit unter-
taucht, man auf das Geistige dieser Wirklichkeit kommt, so daß
man den Geist der Wirklichkeit entdeckt, der einem dann Führer
sein kann durch die ganze verwirrende Mannigfaltigkeit des Sinn-
lichen selbst.
N u n kann man dasjenige, was Goethe angestrebt hat, ausdehnen
auf die gesamte, den Menschen umgebende Welt und auf den Men-
schen selbst. Diese Vorstellungsart im weitesten Kreise auf alles das-
jenige auszudehnen, was dem Menschen von anderem und von sich
selbst entgegentritt, das macht sich die anthroposophisch orientierte
Geisteswissenschaft zur Aufgabe. Sie ist damit das Gegenteil von
allem unklaren Obskurantismus, das Gegenteil von allem unklaren
Mystizismus. Sie strebt dasjenige an, was Goethe für seine Weltan-
schauung beansprucht: mit mathematischer Klarheit, mit mathema-
tischer Durchsichtigkeit in die geistige Welt unterzutauchen.
Nun fühlt sich diese Geisteswissenschaft darin durchaus im Ein-
klänge gerade mit der neueren Naturwissenschaft, obwohl sie weit
über die Naturwissenschaft der neueren Zeit hinausgeht. Man muß
nur durch diese Naturwissenschaft durchgegangen sein um einzuse-
hen, wie aus dieser Naturwissenschaft selbst diese Geisteswissen-
schaft heraussprießen muß. Sehen wir einmal hin auf dasjenige, was
gerade diese neuere Naturwissenschaft eigentlich anstrebt. Sie sieht
ja ihr eigentliches Ziel darin, eine solche Erkenntnis der den Men-
schen umgebenden Dinge, der mineralischen, pflanzlichen und tieri-
schen Welt, ja des Menschen selbst zu finden, bei welcher nichts
mitspricht von irgendwelchen subjektiven Gefühlen oder Vorstel-
lungen des Menschen selbst. Diese Naturwissenschaft sucht nament-
lich auf ihrem neueren Standpunkte, dem des Experimentes, auf den
sie sich mit Recht gestellt hat als Naturwissenschaft, die Natur so zu
erforschen, daß die einzelnen Erscheinungen und Vorgänge der Na-
tur selbst ihr Wesen, ihre Gesetze enthüllen, daß der Mensch nichts
hineinwebt in dasjenige, was er Naturerkenntnis nennt, von dem
was er in sich selbst findet.
Dadurch unterscheidet sich dasjenige, was seit drei bis vier Jahr-
hunderten, insbesondere aber im 19. Jahrhundert als Naturwissen-
schaft aufgetreten ist, von dem Naturerkennen früherer Zeiten. Wer
dieses Naturerkennen früherer Zeiten verfolgt, der weiß, daß die
Menschen dasjenige, was sie sich in ihren Vorstellungen ausbildeten,
in die Naturerscheinungen hineintrugen und gewissermaßen selbst
das wiederum aus den Naturerscheinungen herausholten, was sie
erst hineingetragen hatten. Daß das gerade nicht geschehe, daß der
Mensch ganz unbefangen die Natur zu sich sprechen lasse, das ist das
Bestreben der neueren Naturwissenschaft.
Aber man kann doch nicht anders, wenn man über die Natur
forscht, als den Geist forschen lassen. Man kann nicht anders, als
dasjenige, was man als Gedanken-, als Ideenleben in sich hat, und
was geistiger Natur ist, auf den Zusammenhang der Naturerschei-
nungen anwenden. Nun kann man einen zweifachen Weg einschla-
gen. Den einen Weg hat die gewöhnliche naturwissenschaftliche
Weltanschauung der neueren Zeit eingeschlagen; den anderen aber
möchte die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft ein-
schlagen.
Wenn die Naturwissenschaft ihre Ideen ausbildet, diese Ideen, die
so rein, wie ich es dargestellt habe, an der Natur gewonnen sein sol-
len, dann kann sie mit diesen Ideen, ich möchte sagen, sich selbst be-
trachten; dann kann sie sich fragen: Welches Wesen, welchen Wert
haben denn die Ideen, die wir auf die äußere Natur anwenden? - Das
tut die neuere Naturwissenschaft nicht. Die neuere Naturwissen-
schaft beschränkt sich darauf, alles dasjenige über die Natur zu er-
kennen, was nicht eine Antwort gibt auf die Frage: Was ist denn der
Mensch eigentlich selbst? - Das ist ja das Charakteristische, von al-
len, man darf sagen, einsichtigen Naturforschern, das Hervorgeho-
bene, daß man sagt: Ja, wir können vieles erforschen über die physi-
sche Welt außer uns und in uns - die Frage wird dadurch nicht
beantwortet: Was ist der Mensch selbst? - Und immer wieder und
wiederum muß man betonen: Indem die Naturwissenschaft die Na-
tur zu erkennen bestrebt ist, stellt sie ein Weltbild hin, in dem der
Mensch nicht drinnen ist als Seele und Geist. Auf die Frage nach
Seele und Geist hat die ehrlich auf dem heutigen Standpunkte
stehende Naturwissenschaft keine Antwort.
Man muß die Frage, warum dies so ist, historisch beantworten.
Die Naturforschung weiß selbst nicht, warum sie nicht vordringt zu
der Erkenntnis von Seele und Geist, warum sie haltmacht trotz ihrer
bewunderungswürdigen Resultate über die äußere Natur vor Seele
und Geist, warum immer wieder und wieder Naturforscher auftre-
ten, die sagen: Ja, wenn die Naturwissenschaft sprechen würde von
Seele und Geist, würde sie ihre Grenzen überschreiten. - Man glaubt
unbefangen über die Natur zu reden. Man redet nicht unbefangen,
denn als eine Last, als ein Druck befindet sich über der Naturwissen-
schaft, eigentlich über der Denkweise der neueren Naturforschung
dasjenige, was sich seit Jahrhunderten als eine gewisse Vorstellungs-
art festgesetzt hat. Und dieser Druck besteht darinnen, daß von ge-
wissen Bekenntnisströmungen aus ein Monopol beansprucht wurde
über die Wahrheiten von Seele und Geist.
Gehen wir einige Jahrhunderte zurück, so finden wir gerade in
derjenigen Zeit, in der die neuere Naturwissenschaft ihr Frührot
hatte, wie die religiösen Bekenntnisse ihr Monopol beanspruchen,
die Wahrheiten zu diktieren über Seele und Geist. Vor diesem Mo-
nopolanspruch wich die Naturwissenschaft der neueren Zeit zu-
rück. Die Naturwissenschaft der neueren Zeit ist mit Großartigkeit
eingedrungen in die äußere Natur; aber nicht, weil man durch dieses
Eindringen in die äußere Natur erkannt hätte, daß man nicht auf-
steigen könnte zu Seele und Geist, hat man dieses Aufsteigen unter-
lassen, sondern weil es so festgewurzelt war in den unbewußten
menschlichen Anschauungen, daß Rechnung getragen werden muß
dem Monopolanspruch der Bekenntnisreligionen. Deshalb verwan-
delte sich dieser Glaube in einen scheinbaren Beweis, man könne
nicht in Seele und Geist eindringen.
Wer sich ernst befaßt hat mit den naturwissenschaftlichen For-
schungsmethoden der neueren Zeit, und der dann gerade dasjenige
innerlich seelisch verarbeitet hat, was sich als Ideen über die äußere
Natur mit Ausnahme des eigentlichen Wesens des Menschen ergibt,
der weiß, daß der andere Weg, den die anthroposophisch orientierte
Geisteswissenschaft einschlägt, weiter in die Menschheitszukunft
hinein gegangen werden muß. Würde die Naturforschung sich selbst
verstehen, würde sie nicht unter dem angedeuteten Drucke leben,
dann würde sie gerade, weil sie eine Naturwissenschaft anstrebt, die
vom Subjektiven des Menschen absieht, zu dem Goetheschen Prin-
zipe kommen, zusammenwachsen mit dem Geiste, der in den Er-
scheinungen und Tatsachen und Wesen der Natur ausgebreitet ist.
Und die neuere Naturwissenschaft würde, wenn sie sich selbst ver-
stünde, von sich aus gerade dasjenige erwählen, was nun die anthro-
posophisch orientierte Geisteswissenschaft als Fortsetzung der na-
turwissenschaftlichen Richtung für sich in Anspruch nehmen muß.
Allerdings, wesentlich unterstützt werden muß dasjenige, was
sich an innerlicher Vorstellungskraft, an Denkkraft, gerade durch
die Naturwissenschaft heranerziehen läßt, durch sorgfältige innere
geistige Methoden. Und auf der Ausbildung solcher innerer geistiger
Methoden beruht alles dasjenige, wodurch die hier gemeinte Gei-
steswissenschaft den Weg in die übersinnliche, in die geistige Welt
hinein überhaupt finden will.
Man stellt sich heute vielleicht dasjenige viel zu leicht vor, was
hier mit diesem Weg in die übersinnliche Welt gemeint ist. Man
denkt, da sei so etwas gemeint wie ein inneres Spintisieren, ein Sich-
Hingeben an allerlei Vorstellungen, durch die man allerlei auswebt
von dem, was das Wesen der Dinge sein soll. Man stellt sich viel-
leicht vor, das sei leicht gegenüber der Schwierigkeit der Experimen-
tiermethode oder gegenüber den Methoden, die an Sternwarten und
in Kliniken angewendet werden. Allein wenn Sie so etwas durchle-
sen, wie ich versucht habe darzustellen in meinem Buche «Wie er-
langt man Erkenntnisse der höheren Welten ?» oder in meiner «Ge-
heimwissenschaft», so werden Sie sehen, daß es sich nicht um
irgendein beliebiges Herumspinnen in inneren Vorstellungen han-
delt, sondern um ein streng gesetzmäßiges, inneres seelisches Arbei-
ten des Geistes in den Geist hinauf. Denn wirkliche Geisteswissen-
schaft kann nimmermehr der Anschauung sein, daß man in den
Geist eindringen könne durch äußere Experimentiermethoden, son-
dern wahre Geisteswissenschaft muß die Anschauung vertreten, daß
nur der Geist im Menschen den Geist der Welt finden kann.
Was da der Mensch in seinem Inneren durchzuführen hat, habe
ich hier in diesen Vorträgen, habe ich in meinen Büchern als Medita-
tion, als Konzentration des öfteren bezeichnet. Ich möchte heute
nur darauf hinweisen, daß diese Konzentrations-, diese Meditations-
arbeit eine rein innere Seelenarbeit ist. Aber wohin strebt diese inne-
re Seelenarbeit? Wohin strebt dieses Arbeiten nur mit inneren See-
lenkräften, diese Hingabe an das reine Walten des Seelisch-Geistigen
in dem Menscheninneren?
Sie wissen, indem wir in der Welt leben, nehmen wir durch unse-
re Sinne die Welt wahr, und dann verarbeiten wir diese Welt. So
macht es ja auch die Naturwissenschaft. Dann verarbeiten wir diese
Welt, indem wir über sie nachdenken, indem wir ihre Gesetze ent-
hüllen, indem wir uns Vorstellungen über sie machen. Sie wissen
aber auch, daß dieses Vorstellungmachen zu etwas anderem noch
führt, zu etwas, das innig zusammenhängt mit der Gesundheit unse-
res persönlichen Menschenwesens. Dieses Vorstellungmachen über
die Welt hängt zusammen damit, daß wir die Eindrücke der Welt,
wie wir sagen, durch unser Gedächtnis, durch unsere Erinnerungs-
kraft behalten können. Über diese Erinnerungskraft, dieses Ge-
dächtnis des Menschen geht der Mensch so leicht hinweg, weil sie
ihm etwas so Alltägliches sind. Aber das ist gerade das Eigentümli-
che des wirklichen Erkenntnisstrebens, daß dasjenige, was vielfach
Alltägliches ist, für den Menschen gerade als dasjenige aufgefaßt wer-
den muß, dem gegenüber die wichtigsten, die bedeutungsvollsten
Fragen aufgeworfen werden müssen.
Wenn wir die Sinneswelt wahrnehmen, uns Vorstellungen von
ihr bilden, nach einiger Zeit scheinbar diese wiederum aus unserem
Inneren hervorbringen, so daß wir uns an erlebte Ereignisse erin-
nern, so lebt in diesen Erinnerungen, in diesem Gedächtnis-Walten
viel Unbewußtes. Denken Sie nur, wie wenig Sie eigentlich mit
Ihrem Willen Herr sind Ihres Gedächtnisses, wie wenig Sie befehlen
können sozusagen Ihrer Erinnerungskraft. Bedenken Sie vor allen
Dingen, wie wenig Sie in der Lage sind, während Sie äußerlich wahr-
nehmen, auch an diese Erinnerung zu denken. Oder ist es etwa so,
daß der Mensch, indem er mit seinem Auge hinaus in die Welt sieht,
indem er mit seinem Ohre die Töne hört, daß er da zu gleicher Zeit
dafür sorgt, daß Vorstellungen da sind, die eine Wiedererinnerung
möglich machen ? Nein, da müßte der Mensch neben den Wahrneh-
mungen, neben den inneren Sinneswirkungen noch eine andere
Kraft bewußt ausüben. Das tut er in Wirklichkeit im gewöhnlichen
Leben nicht. Ich möchte sagen, das Gedächtnis mit seiner Kraft läuft
so nebenher neben dem äußeren Leben. Es ist aber dasjenige, was da
unterbewußt wirkt, was gewissermaßen alles Leben in der äußeren
Sinneswelt mitbestimmt, so daß wir dieses Leben mittragen durch
unsere Erinnerung durch das Leben. Es ist dieses aus dem Unterbe-
wußten als eine Kraft heraufzuholen. Mit anderen Worten: Wir
können dasjenige, was wir so nebenherlaufend unbewußt in Erinne-
rungskraft ausüben, nicht heraufholen aus den Tiefen unserer Seele,
indem wir uns bloß an unsere Erlebnisse erinnern, sondern indem
wir versuchen, die Kraft, die wir sonst gar nicht kennen, die eben
nebenher läuft, wie ich es gesagt habe, zu einer solchen bewußten
Klarheit zu bringen, wie sonst nur das äußere sinnliche Wahrneh-
men ist, indem wir diese Kraft heraufholen aus den unterbewußten
Tiefen und weben und leben in dem, was sonst im Unterbewußten
des Gedächtnisses ist. Wenn wir die Erinnerungskraft nicht zum
Gedächtnis, nicht zur Erinnerung verwenden, sondern dazu, Ideen
und Vorstellungen, die sonst eben nur durch die Erinnerungskraft
wachgehalten werden, bewußt in unserem Geiste anwesend sein zu
lassen, so stärken wir etwas in unserem Geiste, wodurch wir, wenn
der nötige Zeitpunkt eingetreten ist, kennenlernen ein ganz anderes
Erwachen als dasjenige ist, das wir jeden Morgen erleben. Wenn
man immer wieder und wiederum bewußt so arbeitet, wie sonst nur
das Gedächtnis, die Erinnerungskraft arbeitet, dann erlebt man et-
was von einem neuen Erwachen in der Seele. Man erlebt etwas von
einem Auftreten eines ganz anderen Menschen in der Seele, als derje-
nige Mensch ist, der sonst durch die Sinneswelt geht. Den Geist
kann man nicht durch Theoretisieren erreichen. Jede philosophische
Auseinandersetzung, die den Geist durch bloße Schlußfolgerung er-
reichen will, hat eigentlich nichts anderes im Auge als das Wort oder
die Worte vom Geiste. Der Geist will erlebt sein. Und er kann da-
durch allein erlebt sein, daß wir dasjenige, was sonst unterbewußte
Erinnerungstätigkeit ist, was in tieferen Schichten unseres Men-
schenseelenwesens lebt, heraufheben, so daß es in uns lebt mit einer
solchen lichten Klarheit, wie sonst dasjenige in uns lebt, was wir
durch unsere Augen sehen, was wir durch unsere Ohren hören, und
daß in diesem Heraufgeholten der bewußte Wille so lebt, wie der
bewußte Wille lebt, wenn ich das Auge von dieser Wand richte nach
jener Wand hinüber, um den Blick von dem abzuwenden, was ich
hier sehe, und hinzuschauen auf dasjenige, was ich dort sehen kann.
Indem ich mich meiner Sinne bediene, lebt in diesem Sich-Bedienen
der Sinne der bewußte Wille. Dieser Wille muß voll durchdringen
diese innere Seelenarbeit, dann kommt man zu etwas, was eine Fort-
Setzung der gewöhnlichen Seelentätigkeit des Menschen ist, was sich
ebenso verhält zu der gewöhnlichen Seelentätigkeit des Menschen,
wie sich das wache Tagesleben zu dem Schlafesleben, aus dem höch-
stens der Traum heraufspricht, verhält.
Daß es so etwas in der Menschennatur gibt, was heraufgeholt
werden kann und was ein neues Erkenntnisorgan wird, was zu dem
wird, was Goethe nennt Seelenauge, Geistesauge, das ist dasjenige,
was durch allmähliches Einleben in solche innere Seelenarbeit anthro-
posophisch orientierte Geisteswissenschaft erweisen will. Sie wird
dadurch dasjenige sagen, was Naturwissenschaft nicht zu sagen ver-
mag, weil sie unter dem angedeuteten Druck lebt. Dieser Druck aber
muß, weil die Menschheit danach Sehnsucht hat - man kann diese
Sehnsucht bemerken, wenn man nur unbefangen genug dazu ist -,
dieser Druck muß hinwegfallen von der Menschheitserkenntnis.
So sehen Sie, daß anthroposophisch orientierte Geisteswissen-
schaft nicht irgendeine verkehrte Mystik, nicht irgend etwas Obsku-
res, sondern eine wirklich echte Fortsetzung desjenigen sein will,
was gerade in der Naturwissenschaft gewußt wird. Und gerade der-
jenige, der eine naturwissenschaftliche Erziehung genossen hat, wird
es leichter haben mit dem Konzentrieren und Meditieren der Ge-
danken; denn er ist gewöhnt an Methoden, an Forschungsweisen,
die von dem Subjektiven des Menschen absehen, die ins Objektive
ganz hineingehen. Wendet man nun dasjenige, was man so sich her-
anerzogen hat an der Naturwissenschaft, gerade auf das Meditieren
an, dann schaltet man alle menschliche Willkür aus, dann bringt
man etwas in das Meditieren, in die innere Seelenarbeit herein, was
eine solche objektive Gesetzmäßigkeit ist, wie diejenige der Natur
selber. Gerade indem man die Denk- und Vorstellungsweise der Na-
turwissenschaft herein nimmt in den Menschen, wird die chaotische,
die unklare Selbsterkenntnis, die mit mancher vertrackten und ver-
kehrten Mystik angestrebt wird, wo man nur immer hineinbrüten
will in sein eigenes Inneres, überwunden. Gegen dieses ungeschulte
Hineinbrüten in sein eigenes Inneres steht dasjenige Arbeiten in
dem eigenen Inneren, das bei jedem Schritte dieses Arbeitens so ver-
fährt, wie nur der gewissenhafteste Naturforscher verfährt, indem er
seine Urteilskraft ausdehnt über dasjenige, was sich vor seinem Auge
oder vor seinen Instrumenten ausbreitet.
Das ist die eine Seite. Ich möchte sagen, es ist die Seite, die hin-
weist auf die Erweckung besonderer Erkenntniskräfte. Die gewöhn-
liche Erinnerungskraft wird allerdings in solchen Augenblicken
nicht da sein, in denen man das Geistige unmittelbar erforschen
will, denn diese Erinnerungskraft hat selbst eine Metamorphose
durchgemacht. Sie ist zu einem Geistauge geworden, das den Geist
wahrnehmen kann. Mit den gewöhnlichen Schlußfolgerungen, die
die heutige landläufige Logik hat, kann man nicht zum wirklichen
Geiste vordringen. Wer sprechen will von einem wirklichen Vor-
dringen zum Geiste, der muß hinweisen auf die real vorhandenen
Kräfte, die zu diesem Geiste führen. Und eine solche real vorhande-
ne Kraft ist die Erinnerungskraft. Nur muß diese Erinnerungskraft
umgewandelt werden, muß zu etwas ganz anderem werden. Jedes
andere Eindringen in den Geist führt zu gleicher Zeit ins Dunkle,
weil der menschliche Wille dabei ausgeschaltet wird, und damit das
wichtigste Stück des menschlichen Wesens selbst. So wie wir dasje-
nige, was aus, ich möchte sagen, organischen Untergründen unseres
Geistes aufsteigt als phantastisch, so wie wir das, was wir nicht in
der Gewalt haben, nicht als richtige Erinnerung bezeichnen, so wird
der wahre Geistesforscher keinen Seeleninhalt annehmen für seine
Geistesforschung, den er nicht mit dem Lichte seines Willens voll-
ständig durchdringt.
Soviel über die eine Seite, das Vorstellungsleben, wie es die Gei-
stesforschung verwendet. Aber noch etwas anderes im Menschen ist
verwendbar und muß verwendet werden, wenn man den Weg in das
Übersinnliche, in die geistige Welt hinein wirklich finden will. Und
geradeso wie aus dem Geiste der Naturwissenschaft durch die Vor-
stellungsweise der neueren Zeit die Geisteswissenschaft herausgefor-
dert ist, so ist auf der anderen Seite durch das menschliche Leben in
der neueren Zeit die Geisteswissenschaft herausgefordert. Wer unbe-
fangen, nicht mit dem Vorurteil des heutigen Historikers, sondern
eben unbefangen die Entwickelung der Menschenseele durch die
letzten Jahrhunderte verfolgt, der kann sich sagen, daß gerade um
die Mitte des 15. Jahrhunderts ein gewaltiger Umschwung eingetre-
ten ist in der Verfassung der Menschenseelen, allerdings nur inner-
halb der zivilisierten Welt, aber eben innerhalb dieser zivilisierten
Welt. Es ist nur ein Vorurteil, wenn man hinblickend bloß auf die
äußeren historischen Tatsachen glaubt, eine Menschenseele der zivi-
lisierten Welt im 8., 9. nachchristlichen Jahrhundert habe dieselbe
innere Verfassung gehabt wie die heutigen Menschenseelen. Gewiß,
es gibt auch heute zurückgebliebene Menschenseelen, die mehr oder
weniger noch auf dem Standpunkte des 8., 9. Jahrhunderts stehen;
aber die sind gerade lehrreich, weil sie uns auch äußerlich zurück-
führen in jene Zeit. Aber im ganzen können wir sagen: Man braucht
ja nur der Erfahrung gemäß wirklich hinzublicken auf das menschli-
che Leben. Es ist ein gewaltiger Umschwung eingetreten, der seit
der Mitte des 15. Jahrhunderts immer stärker und stärker in seinen
Wirkungen sich zeigte. Will man ihn näher bezeichnen, so muß
man sagen: Wenn man hinter diesen Zeitpunkt zurückgeht, so fin-
det man, daß der Mensch dem Menschen ganz anders gegenüber-
stand, als das heute eigentlich der Fall ist, und als es von unbewuß-
ten menschlichen Kräften in die Zukunft hinein von der Menschheit
eigentlich erstrebt wird. Was man auch aus gewissen Vorurteilen da-
gegen sagen mag, es wird etwas in bezug auf das Verhältnis von
Mensch zu Mensch erstrebt, das in dem bezeichneten Zeitpunkte
seinen Anfang genommen hat. In der früheren Zeit stand der
Mensch dem Menschen nahe durch Blutsverwandtschaft, durch
Stammesverwandtschaft, durch alles dasjenige, was aus seinem Orga-
nismus heraus ihn verwandt machte mit dem anderen Menschen,
oder was ihn verwandt machte mit dem anderen Menschen auch aus
dem organischen Zusammenhange heraus, der sich zum Beispiel in
der Geschlechtsliebe äußert. Sehen wir denn nicht, wenn wir nur
sehen wollen, daß an die Stelle des alten Blutszusammenhanges, an
die Stelle des alten Sippenzusammenhanges, des alten Familienzu-
sammenhanges, des alten Stammeszusammenhanges, immer mehr
und mehr dasjenige tritt, was von Mensch zu Mensch so wirkt, daß
es von der Seele, von der wollenden Seele des einen Menschen über-
geht auf die wollende Seele des anderen Menschen ? Sehen wir nicht,
daß die Entwickelung der Neuzeit immer mehr und mehr notwen-
dig macht, daß der Mensch durch etwas ganz anderes als durch sei-
nen bloßen leiblichen Organismus dem anderen Menschen nahe-
tritt? Wir sehen ja, daß das Bewußtsein der Persönlichkeit seit dem
angegebenen Zeitpunkte wächst, daß der Mensch immer innerlicher
und innerlicher und damit auch immer einsamer und einsamer ge-
worden ist. Der Mensch lebt mit seinem Seelenleben seit diesem
Zeitpunkt, ich möchte sagen, in sich immer mehr und mehr isoliert.
Das Seelenleben schließt sich gegenüber der Außenwelt ab. Das Blut
spricht nicht mehr, wenn wir den Nächsten gegenüberstehen. Wir
müssen unser Inneres regsam machen. Wir müssen uns hinüberle-
ben in den anderen. Wir müssen seelisch in dem anderen aufgehen.
Man mißversteht sehr, vielfach besonders in denjenigen Kreisen, die
sich heute die sozialistischen mit Recht zu nennen glauben, dasjeni-
ge, was man das soziale Prinzip, den sozialen Impuls der neueren
Zeit nennen kann. Man sieht ihn aufgehen, diesen sozialen Impuls;
man weiß aber heute noch in den wenigsten Kreisen, worin er
eigentlich besteht.
Er besteht darin, daß immer mehr und mehr in dem einsam
gewordenen Menschen der Impuls erwacht, seelisch-geistig durch
seinen Willen sich hinüberzuleben in die anderen Menschen, so daß
der Nächste derjenige wird, der es durch unser Bewußtsein, nicht
durch unser Blut, nicht durch unseren organischen Zusammenhang
wird. Da stehen wir den Menschen gegenüber und haben die Not-
wendigkeit, uns in sie einzuleben. Was wir heute Wohlwollen, was
wir heute Liebe nennen, ist etwas anderes, als was man vor Zeiten so
genannt hat. Aber indem wir uns so in die anderen Menschen einle-
ben, ist es, wie wenn alles dasjenige, was in uns selber pulsiert, was
in uns als Wille lebt, aufnehmen würde den Willen des anderen. Wir
treten ganz hinüber mit unserer Seele in den anderen. Wir gehen
gleichsam aus unserem Leibe heraus und gehen in den Leib des ande-
ren hinein. Wenn dieses Gefühl immer mehr und mehr überhand
nimmt, wenn dieses Gefühl liebedurchdrungen, ich möchte sagen,
als moderne Nächstenliebe über die Menschen sich ausbreitet, dann
tritt aus diesem Miterleben des Willens, des ganzen Seelenlebens des
anderen Menschen etwas auf, was eine wirkliche Lebenserfahrung
ist. Heute könnten viele Menschen schon diese Lebenserfahrung ha-
ben, wenn sie sich nicht durch Vorurteile sie trüben lassen würden.
Wo sie auftritt, da schlägt man sie zurück mit wahrhaftig nicht gu-
ten Gründen. Man braucht sich nur zu erinnern an einen Menschen
wie Lessing. Er hat am Ende seines Lebens, als alles dasjenige durch
seine Seele gezogen war, was er an menschlich Großem hervorbrin-
gen konnte, noch seine «Erziehung des Menschengeschlechts» ge-
schrieben, die gipfelt in der Anerkenntnis der Tatsache der wieder-
holten Erdenleben des Menschen. Es gibt höhere Philister, wie es
höhere Töchter gibt, und die haben ihr Urteil fertig über so etwas.
Die sagen: Ja, der Lessing war eben sein ganzes Leben gescheit; aber
dann ist er altersschwach geworden und ist zu solchen vertrackten
Ideen gekommen, wie die der wiederholten Erdenleben.
Aber diese wiederholten Erdenleben sind keine erfundene Idee;
sie sind dasjenige, was wir erleben, wenn wir nun nicht durch bloße
Blutsverwandtschaft oder durch bloßes organisches Zusammenge-
hören dem anderen Menschen gegenüberstehen, sondern wenn wir
wirklich uns hinüberleben können in dasjenige, was in seiner Seele
lebt. Da geht uns auf dasjenige, was uns entgegendringt, da tritt der
Geist des einen Menschen dem Geist des anderen Menschen gegen-
über, da entspringt ihm erfahrungsgemäß das, wovon er sagen kann:
das, was hier ein Band für deine Seele, für deinen Geist mit dem an-
deren Menschen knüpft, das ist nicht durch dieses Leben entstanden.
Durch dieses Leben ist entstanden dasjenige, was im Blute liegt. Was
aber im Geiste als Notwendigkeit auftritt, das ist entstanden durch
etwas, was diesem Leben vorangegangen ist. Wer wirklich diese Ent-
wicklung des neueren Menschheitslebens seit der Mitte des 15. Jahr-
hunderts verfolgt - es ist nur ein Nebel noch darüber gebreitet für
die weitesten Kreise der Menschheit -, der wird aus dem Zusammen-
leben mit den Menschen zu der Idee der wiederholten Erdenleben
kommen. Und was da zur Erscheinung kommt, das tritt auf, ich
möchte sagen, wie ein Traum. Ich sage «wie ein Traum» aus folgen-
dem Grunde: Indem wir einschlafen, schlafen wir in ein Unbewuß-
tes hinein. Dann tritt aus diesem Unbewußten das oder jenes als
Traum heraus. Man kann dieses Einschlafen ins Unbewußte hinein
vergleichen mit dem Untertauchen in die Seelen unserer Mitmen-
schen, so wie ich es eben charakterisiert habe. Dann taucht aus die-
sem Untertauchen, ich möchte sagen, nicht eigentlich bildlich, son-
dern sehr eigentlich, aus diesem Hineinschlafen in unsere Mitmen-
schen auch zunächst etwas auf wie der Traum der wiederholten Er-
denleben und macht uns aufmerksam darauf, daß so etwas gesucht
werden muß, um das Leben zu begreifen, um den Weg durch die
Sinneswelt zu finden. Und dasjenige, was wie ein Traum aus dem so-
zialen Leben herausleuchtet, das wird zu einer vollständigen Gewiß-
heit, wenn wir nun ebenso, wie ich es vorhin dargestellt habe für das
Gedächtnis, den menschlichen Willen ausbilden. Aber so wie das
Gedächtnis zu einer vollbewußten Kraft werden muß, so muß der
Wille andererseits etwas ablegen, was ihn im gewöhnlichen Leben
ganz und gar dirigiert.
Was dirigiert denn im gewöhnlichen Leben unseren Willen, unse-
re Begehrungen, unsere Begierden? Würden unsere Begierden nicht
entspringen aus unserem organischen Leibesleben heraus, der Wille
hätte gewissermaßen nichts zu tun. Wer den Willen erfahrungsge-
mäß durchschaut, der weiß, daß dieser Wille sich stützt auf die Be-
gierde. Aber wir können auch dasjenige, was als die eigentliche Kraft
des Willens wirkt, von unseren Begierden loslösen. Bis zu einem
gewissen Grade lösen wir es eben los im sozialen Leben. Aber das
macht uns erst aufmerksam auf das, worauf es eigentlich ankommt.
Wir lösen es los im sozialen Leben dadurch, daß wir, indem wir un-
seren Nächsten lieben, indem wir in dem Nächsten untergehen, ihn
ja nicht begehren wie ein Stück Fleisch. Nicht aus unseren Begier-
den heraus lieben wir den Nächsten, sondern es ist da ein Anwenden
eines begierdelosen Willens. Aber auch dieser begierdelose Wille
kann durch eine besondere Schulung herangezogen werden. Das ge-
schieht dann, wenn wir nicht bloß das wollen, was in der Außen-
welt zu erreichen ist, das, wonach das eine oder das andere Begehren
geht, sondern wenn wir den Willen auf unseren Menschen und seine
Entwickelung selber anwenden. Das können wir. Wir überlassen
uns nur zu häufig dem Leben, wie es uns trägt. Aber man kann auch
dann, wenn man der Schule entwachsen ist, das heißt, wenn die an-
deren nicht mehr die Erziehung besorgen, eine fortwährende Selbst-
erziehung, eine fortwährende Selbstzucht ausüben. Man kann sein
eigenes seelisches Wesen in die Hand nehmen, man kann sich vor-
nehmen, dies und jenes zu erreichen. Man kann sich vornehmen,
wenn einen das Leben bis zu einem gewissen Zeitpunkte dahin ge-
führt hat, in diesem oder jenem Gebiete des Lebens sich auszuken-
nen, auf ein anderes Gebiet des Lebens seine Urteilskraft zu übertra-
gen, kurz, man kann den Willen umkehren. Während sonst der
Wille immer von innen nach außen wirkt, wie die Begierde das
Äußere beherrscht, so kann der Wille umgekehrt werden, nach
innen gekehrt werden. Indem wir durch unseren Willen Selbst-
zucht üben, indem wir versuchen, uns immer besser und besser nach
der einen oder anderen Richtung zu machen, wenden wir die
eigentliche begierdelose Willenskraft an. Und dasjenige, was Sie in
meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Wel-
ten?» und im zweiten Teil meiner «GeheimWissenschaft» finden,
das zielt neben dem anderen, was ich schon charakterisiert habe,
darauf hin, daß der Mensch eine solche Willenskultur auf sich sel-
ber anwende, so daß er immer mehr und mehr, ich möchte sagen,
mit seinem Willen in sich selber hineindringt. Dann aber, wenn
diese zwei Kräfte zusammenwirken, die aus dem Unbewußten her-
ausgeholte Erinnerungskraft, die dann erfaßt den menschlichen
Willen, dann weiß sich der Mensch innerlich als Geist, dann weiß
er, daß er auf rein geistige Weise innerlich den Geist ergriffen
hat, dann weiß er, daß er das nicht durch die Organe des Leibes
ausführt. Dann weiß er, wie geistiges Handeln im Geiste ist,
dann weiß er, was es heißt: Seele und Geist sind unabhängig vom
Leibe.
Man kann nicht beweisen, daß die Seele und der Geist unabhän-
gig vom Leibe sind, denn sie sind es im gewöhnlichen Leben nicht.
Im gewöhnlichen Leben ist Geist und Seele vom Leibe durchaus
abhängig. Aber in uns lebt ein anderer Mensch, der ist unabhängig,
den können wir aus seinen Tiefen heraufholen. Dann zeigt sich uns
erst dasjenige, was im Menschen als das Ewige waltet.
Sie sehen, es ist durchaus nicht eine verkehrte, vertrackte Mystik
in dieser anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft. Es ist in
ihr durchaus dasjenige, was sich in vollständig klarer Weise ausdrük-
ken läßt, wozu man aber nur kommt, wenn man es sich wirklich
innerlich erklärt und nicht nur sagt: Du sollst dein Inneres ausbilden,
du sollst in dich hineinschauen, du sollst den Gott in deiner eigenen
Natur finden. - In der anthroposophisch orientierten Geisteswissen-
schaft wird auf ganz bestimmte Kräfte, die in einer ganz bestimmten
Weise in Zucht genommen werden sollen, hingewiesen. Das ist es,
worauf es hier ankommt. Damit ist allerdings diese anthroposo-
phisch orientierte Geisteswissenschaft in einer anderen Art die Fort-
setzung des modernen naturwissenschaftlichen und sozialen Stre-
bens. Man kann ja auf dem Gebiete der Naturwissenschaft nicht
mehr ganz und gar vom Geiste absehen. Und so ist es gekommen,
daß, weil man den Druck nicht beseitigen wollte, den ich eingangs
charakterisiert habe, man mit denselben Methoden, mit denen man,
ich möchte sagen, sich duckt unter den gekennzeichneten Druck,
auch den Nachweis führen will heute, daß es im Menschen so etwas
gibt wie einen Geist, wie eine Seele. Und das ist dasjenige, was aufge-
treten ist bei denen, die die ganze Sachlage in der Kulturentwicke-
lung der Gegenwart nicht durchschauen.
Diesem Streben nach dem Geiste, das aber in einer verkehrten
Richtung sich bewegt, verdanken wir alle die Hoffnungen, die sich
auf gewisse berechtigte Untergründe aufbauen, die Hoffnungen, die
gerade manche Naturforscher haben in bezug auf Hypnotismus, in
bezug auf die Möglichkeit, daß der eine Mensch dem anderen bei
herabgedämpftem Bewußtsein irgendeine Idee einsuggeriert. Wir
verdanken diesem Streben die Hoffnungen, die manche setzen auf
die Untersuchung des Traumlebens und dergleichen mehr, und wir
verdanken diesem Streben, doch zum Geiste zu kommen - weil der
Mensch nicht anders kann, als den Geist doch zu suchen -, den
ganzen Irrtum des Spiritismus.
Was wird eigentlich auf diesem Gebiete gesucht? Nun, nehmen
Sie so etwas, wie es der Fall ist beim Hypnotisieren oder beim Medi-
umismus, was geschieht denn da eigentlich? Da wird dasjenige, was
das normale menschliche Bewußtsein ist, durch das der Mensch fest
drinnensteht im gewöhnlichen Leben, herabgedämpft. Indem der
Mensch hypnotisiert wird, wird dasjenige, was seine bewußte Fähig-
keit ist im gewöhnlichen Leben, herabgedämpft. Gewissermaßen
auf den unbewußten oder halbbewußten oder viertelsbewußt ge-
wordenen Menschen wirken dann andere Kräfte ein, die vielleicht
vom Nebenmenschen oder von anderen ausgehen. Da kommt, das
ist zweifellos, allerlei Interessantes zutage. Gewiß, es kommt auch
durch den Mediumismus allerlei Interessantes zutage; aber dasjenige,
was zutage tritt, das ist erreicht auf der Grundlage einer Herabdämp-
fung, einer Einschläferung des gewöhnlichen Bewußtseins. Das wird
niemals angestrebt bei den Forschungsmethoden der anthroposo-
phisch orientierten Geisteswissenschaft. Die Forschungsmethode
der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft sagt: Der
Mensch ist vorgedrungen in seiner Entwickelung zu dem Bewußt-
sein, das er im gewöhnlichen Leben durch seine Sinne im wachen
Zustande hat; will man etwas über den Menschen ersprießliches
Neues erkennen, so soll man ihm nicht dieses Bewußtsein lähmen,
es nicht herabdämpfen, sondern im Gegenteil weiterführen, wie ich
das angedeutet habe. Man soll die Klarheit erhöhen, die Sinneswahr-
nehmungen hinführen in die Erinnerungskraft, indem man den Wil-
len, der sonst nur aus der dumpfen Begierde entspringt, anwendet
auf die Selbstzucht. Weil man diesen Weg nicht geht, nicht den Mut
und die Ausdauer hat zu diesem Weg, dämpft man den Willen herab
und glaubt, daß man dadurch zu einer Erkenntnis des Seelischen,
des Geistigen im Menschen komme.
Wozu aber kommt man dadurch, daß man dem Menschen seine
sonstige Fähigkeit nimmt? Dadurch, daß man den Menschen ein-
schläfert, kommt man zu einer äußeren Betrachtungsweise des Men-
schen, die ihn nicht zeigt als Geistig-Seelisches, die ihn zeigt gerade
in seinem Untermenschlichen, in demjenigen, was ihn dem Tiere
ähnlicher macht, als er im gewöhnlichen Leben ist. Das muß streng
betont werden, daß durch alle diese manchmal gut gemeinten For-
schungsmethoden der Mensch in das Untermenschliche hinunterge-
führt wird. Wenn ich jemanden hypnotisiere und ihm eine Kartoffel
gebe, aber durch die suggestive Kraft ihm klarmache, das ist eine Bir-
ne, und er in die Kartoffel hineinbeißt mit dem Bewußtsein, in eine
Birne hineinzubeißen, dann umdüstere ich sein höheres Bewußtsein
so, wirke auf ihn so, wie gewirkt wird auf den Instinkt des Tieres.
Nur daß der Mensch auch in seinem Untermenschlichen nicht ganz
ein Tier ist, sondern daß sich seine Tiernatur in einer anderen Weise
äußert. Das ist das Wesentliche. Und wenn man sucht nach irgend-
welcher Gedankenübertragung im eingeschläferten Zustande oder
bei herabgesetztem Bewußtsein überhaupt, so hat man es wiederum
zu tun mit einer ins Menschliche übersetzten instinktiven Tätigkeit,
das heißt mit einem Untermenschlichen. Wer zusammenwirft dasje-
nige, was anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft sein will,
mit diesen Dingen, der verleumdet anthroposophisch orientierte
Geisteswissenschaft. Denn hier handelt es sich nicht darum, den
Menschen herunterzuführen von seinem gewöhnlichen Bewußtseins-
zustand in ein Untermenschliches, sondern ihn über sich hinauszu-
führen, so daß das gewöhnliche Bewußtsein fortwirkt und ein höhe-
res Bewußtsein zu diesem gewöhnlichen Bewußtsein hinzukommt.
Gerade das ist es, was anthroposophisch orientierte Geisteswis-
senschaft durch ihre Forschungsmethode zeigt, daß dem Menschen,
den wir hier haben in der Sinneswelt, zugrunde liegt ein tierischer,
ein untermenschlicher Instinkt; und den kann man, indem man das
gewöhnliche Bewußtsein einschläfert, hervorrufen, aufzeigen. Wenn
er sich anders äußert als im gewöhnlichen Bewußtsein, so kann gera-
de die hier gemeinte Geisteswissenschaft diese andere Äußerung ver-
folgen. Sie charakterisiert diese andere Äußerung, die immer in der
Hypnose, im mediumistischen Zustande stattfindet, als ein Unter-
menschliches, als ein Herabsteigen in die Tierheit. Aber es zeigt sich
zu gleicher Zeit, daß dasjenige, was als Tierisches im Menschen lebt,
nicht so ist wie beim gewöhnlichen Tier. Die Forschungsmethode,
von der ich hier gesprochen habe als von der der hier gemeinten
Geisteswissenschaft, die weiß, daß dasjenige, was zum Vorschein
kommt durch solche Experimente wie beim Hypnotismus, wie beim
Mediumismus, etwas ist, was im Menschen heute noch lebt aus frü-
heren menschlichen Zuständen. Gerade dadurch, daß diese Geistes-
Wissenschaft nicht zu einer subjektiv gefärbten, sondern zu einer
objektiven Selbsterkenntnis kommt, kann sie ein Urteil darüber
gewinnen, was das eigentlich ist, was durch Hypnose, was durch
Mediumismus auftritt. Das ist etwas, was dieser irdischen Welt gar
nicht angehört.
Verfolgt man mit den Mitteln der Geisteswissenschaft dasjenige,
was in der irdischen Welt sich ausbreitet im tierischen, im pflanzli-
chen, im mineralischen Reich, verfolgt man es in seiner Beziehung
zum Menschen, dann findet man, daß der Mensch, wie er jetzt ist,
der Erde gerade dadurch angepaßt ist, daß er sein heutiges Bewußt-
sein hat. Die Bewußtseinszustände, die bei eingeschläfertem, nicht
gewöhnlichem Bewußtsein, die in der Hypnose, im Mediumismus
auftreten, sind nicht Bewußtseinszustände, sind nicht menschliche
Kräfte, die davon herrühren könnten, daß der Mensch der Erde
angepaßt ist; das rührt her von einer solchen Anpassung, die dem
Menschen eigen war, bevor die Erde Erde geworden ist. Und zu-
rückgewiesen wird gerade durch solche Zustände durch die For-
schung auf Zustände der Erde selbst, die aber dem heutigen Erden-
zustand vorangegangen sind.
Erforscht man nun weiter, wie der heutige Erdenzustand zusam-
menhängt mit der Tier- und Pflanzenwelt, so sieht man, daß der
Mensch etwas in sich trägt, was ihn nicht als angepaßt erscheinen
läßt an das heutige Erdendasein, daß die Tier- und Pflanzenwelt aber
an das heutige Erdendasein angepaßt ist. Damit gewinnt man dann
den Ausblick darauf, daß der Mensch allerdings in primitiven Zu-
ständen, die, wenn heute hervorgerufen, nichts als sein Bewußtsein
herabdämpfend sind, vorhanden war, bevor die heutigen Tiere in
ihrer jetzigen Gestalt vorhanden waren. So daß wir zu sagen haben:
Nicht aus der tierischen Welt ist der Mensch aufgestiegen, sondern
der Mensch war, allerdings mit solchen Seelenzuständen und Gei-
steszuständen, wie wir sie heraufholen, wie sie tierähnlich auftreten
in den charakterisierten Zuständen, vorhanden, bevor die Erde zu
diesem jetzigen planetarischen Zustande kam.
Ich kann Ihnen heute nicht die Einzelheiten, die Sie in meinen
Büchern nachlesen können, auseinandersetzen. Ich wollte aber we-
nigstens andeuten, daß gerade, indem verfolgt wird manches, worauf
heute Hoffnungen gesetzt werden für die Erkenntnis des heutigen
Wesens des Menschen, damit ein Weg gezeigt wird, um den Aus-
blick in vorirdische Zeiten und in das Wesen des Menschen in sol-
chen Vorzeiten zu gewinnen. Ebenso aber werden wir dadurch, daß
wir Bewußtseinszustände hervorrufen können, welche über dem
heutigen, der Erde angepaßten Bewußtseinszustand liegen, darauf
hingewiesen, wie wir leben werden in diesen höheren Bewußtseins-
zuständen dann, wenn die Erde nicht mehr unser Wohnplatz sein
wird.
Diese Dinge eröffnen sich dem inneren Schauen. Man kann nicht
sagen: Diese Dinge kann man nicht beweisen, geradesowenig wie Sie
beweisen können, daß es Kamele gibt. Sie müssen sie gesehen haben,
oder irgend jemand muß sie gesehen haben, dann weiß man, daß es
Kamele gibt. So kann man nicht mit der gewöhnlichen Urteilskraft,
die nur für die gewöhnliche Welt gilt, das Übersinnliche beweisen.
Man muß zeigen, wie man zum Schauen des Übersinnlichen kommt.
Aus diesem Schauen des Übersinnlichen ergibt sich dasjenige, was
zwar in die Sinneswelt hereinwirkt, was aber in der Sinneswelt
selber niemals gesehen werden kann.
So könnte natürlich nun gesagt werden: Ja, du zeigst uns, wie es
einzelnen Menschen gelingt, durch ein übersinnliches Schauen den
Geist zum Führer zu machen durch die Sinneswelt und in die über-
sinnliche Welt hinein. Aber können denn alle Menschen so zum
Schauen in die übersinnliche Welt hinein kommen? - Mit dieser
Sache verhält es sich so: Wenn Sie dasjenige auf sich wirken lassen,
was in den schon angeführten Büchern von mir beschrieben ist als
eine innere Zucht, als eine innere Entwicklung, die Sie selbst in die
Hand nehmen für Ihre Seele, so gelangen Sie unbedingt dazu, aus
Ihrer eigenen Urteilskraft, aus Ihrem eigenen gesunden Menschen-
verstand, der dann eben entwickelt ist, dasjenige einzusehen, was
der Geistesforscher in der geistigen Welt entdecken kann. Aber
geradeso, wie es für die physische Forschung einzelne Forscher gibt,
die das eine oder das andere aufsuchen, und man dann entgegenneh-
men muß, was sie aufgefunden haben, so wird es in der Zukunft der
Menschheitsentwickelung einzelne Geistesforscher geben, die dies
oder jenes in der geistigen Welt erforschen. Für sie hängt, ob sie
etwas erforschen können, davon ab, ob ihnen in gewissen Augen-
blicken des Lebens, auf die sie gewartet haben, ohne ihr Zutun -
denn man kann nur durch Seelenentwickelung sich zum Wartenden
machen - , dasjenige, was als geistige Tatsache auftritt, erkennbar
wird. Das muß, so könnte man, einen religiösen Ausdruck gebrau-
chend, sagen, wie durch eine Gnade kommen. Diese Gnade wird für
den Menschen als Geistesforscher ebenso eintreten, wie, sagen wir,
für den einen Menschen und für den anderen diese oder jene Erfah-
rung in der sinnlichen Welt eintritt. So wird es sein, daß gewisse
Tatsachen immer einzelne Menschen aus der geistigen Welt hervor-
holen werden.
U m diese Tatsachen hervorzuholen, ist verschiedenes nötig; da ist
nicht bloß nötig, daß man dasjenige durchgemacht hat, was in den
genannten Büchern steht, daß man restlos verstehen kann, was der
Geistesforscher ausspricht, sondern da ist nötig etwas, was als Eigen-
schaft des Menschen bezeichnet werden kann mit «furchtlos» in
einem sehr hohen Grade gegenüber der geistigen Welt. Die Men-
schen dringen ja so ungern in die geistige Welt ein aus dem Grunde,
weil sie eigentlich Furcht haben vor dem Unbekannten, wie der
Mensch immer Furcht hat vor dem Unbekannten. Furchtlos muß
der Geistesforscher werden. Und auf der anderen Seite muß er sich
die Eigenschaft der Leidfähigkeit, der Schmerzfähigkeit aneignen;
denn eine wirkliche Entdeckung aus der geistigen Welt heraus, sie
kann nicht erreicht werden ohne einen gewissen Schmerz, ohne ein
gewisses Leid. Sie werden begreifen, daß das so sein muß, wenn Sie
sich einfach vorstellen, daß ja der Zustand des geistigen Schauens
nicht angepaßt ist an die gewöhnlichen Erdenverhältnisse, ebenso-
wenig angepaßt ist im Grunde genommen, wie angepaßt ist unsere
Seele unserem krank gewordenen Organismus, der schmerzt. Ver-
setzt man sich wirklich mit der entwickelten Seele in die Tatsachen
der geistigen Welt, so ist man in einer Welt, für die man zunächst
nicht organisiert ist. Man dringt ein in eine Welt, die da schneidet,
die da brennt. Das muß durchgemacht werden. Und man dringt zu
den Tatsachen nur, wenn man wirklich mit der Gesinnung sich
ihnen nähert, die darinnen besteht, daß man alles anwendet, was die
Seele entwickeln kann, daß man dann aber wartet, bis in gewissen,
ich möchte noch einmal sagen, gnadevollen Augenblicken die geisti-
gen Tatsachen an die Menschen herantreten.
Das soll man sich durchaus nicht vorstellen als irgend etwas, das
an einen so herantritt wie eine Phantasie-Idee, sondern das soll man
sich vorstellen als ein Erlebnis von einer durchgreifenden Intensität
in bezug auf das innere Dasein des Menschen. Ich will nur diese ein-
fache Tatsache nehmen, die ich schon angeführt habe, die eigentlich
nur durch Geistesforschung heute vor der Menschenseele auftreten
kann, die Tatsache, daß in der Mitte des 15. Jahrhunderts das ganze
Menschengeschlecht der zivilisierten Welt einen Umschwung erlebt
hat - eine einfache Tatsache. Daß man sie aussprechen darf wie eine
naturwissenschaftliche Tatsache, das darf nur davon herrühren, daß
man an seiner Seele gearbeitet hat, emsig gearbeitet hat, daß man
nicht durch Willkür den Geist hat erobern wollen, sondern daß man
sich durch dieses Arbeiten versetzt hat in einen erwartungsvollen
Zustand, bis da gekommen ist dasjenige, was sich als eine solche
scheinbar einfache Wahrheit enthüllt.
Dann ist noch etwas notwendig. Es gibt Menschen, ich erinnere
nur zum Beispiel an den Philosophen Schelling oder an andere, die
bekamen durch besondere Gnadenaugenblicke den einen oder ande-
ren Eindruck aus der geistigen Welt. Was taten sie? Sie konnten
nicht schnell genug, wenn sie einen Eindruck aus der geistigen Welt
empfingen, eine Weltanschauung aufbauen. Sie ziehen Konsequen-
zen aus irgendeiner Impression, die sie aus der geistigen Welt be-
kommen. Einen Eindruck haben sie bekommen, dann machen sie
ein ganzes System daraus, eine ganze Weltanschauung. Das ist es,
was sich der wirkliche Geistesforscher ganz und gar abgewöhnen
muß. Der wirkliche Geistesforscher muß stehenbleiben bei dieser
einzelnen Tatsache, die sich ihm enthüllt, und er muß weiter warten,
bis sich ihm eine andere Tatsache enthüllt. Man darf nicht, wenn
man zum Beispiel die Tatsache, die ich heute erwähnt habe, kennen-
gelernt hat, daß der Erde vorirdische Zustände vorangegangen sind,
in denen der Mensch schon gelebt hat, daraus ein ganzes wissen-
schaftliches System ableiten über die Evolution der Erde, sondern
muß solch eine Tatsache hinnehmen als eine isolierte, einzelne Tat-
sache und andere ebenso isolierte, einzelne Tatsachen herankom-
men lassen, so daß sich Tatsache nach Tatsache hinstellt, reichhaltig
oder weniger reichhaltig. Aber man muß auf jede einzelne Tatsache
warten; darauf kommt es an. Wenn auch geistige Erleuchtungen
durchaus dasjenige sind, was zugrunde liegt der Geistesforschung, so
treten diese geistigen Erleuchtungen nur ein, wenn das Schicksal den
Menschen dazu prädestiniert. Geradeso wie man nicht schließen darf
aus der nördlichen Halbkugel der Erde auf dasjenige, was auf der
südlichen Halbkugel der Erde ist, sondern gesondert erforschen
muß, was auf der südlichen Halbkugel der Erde ist, so darf man
nicht von einem Winkel der geistigen Welt aus auf das andere der
geistigen Welt schließen, sondern muß in der geistigen Welt lernen
herumzuwandern, die Einzelheiten in ihrer Isolierung aufzufassen.
Daraus schon ersehen Sie, daß verteilt sein wird über die Menschen
dasjenige, was sie erforschen können aus der geistigen Welt; sie kön-
nen ja manches lernen.
Nun könnten Sie sagen: Ja, aber liegt denn da nicht die Gefahr
vor, daß diejenigen, denen sich solche geistigen Tatsachen enthüllen,
nun hochmütig unter den Menschen werden, daß sie sich als beson-
dere Geschöpfe betrachten, die hervorragen über die übrigen Men-
schen? - Dafür ist schon gesorgt. Dasjenige, was als erstes vorange-
hen muß der wirklichen Geistesforschung, das ist absolute Beschei-
denheit, gerade intellektuelle Bescheidenheit. Ohne daß diese Be-
scheidenheit entwickelt wird gegenüber der ganzen übrigen Mensch-
heit, kann man nicht weiterkommen auf geistesforscherischem Ge-
biete. Der Geistesforscher weiß zwar seinen Mitmenschen einzelne
Tatsachen aus der geistigen Welt mitzuteilen, aber die Tatsache, daß
er die Gnade hat, mitzuteilen etwas, was ihm geoffenbart wird, ver-
dankt er zu gleicher Zeit der Art, wie er seinen Mitmenschen entge-
gentritt. Der Geistesforscher ist ein solcher, der mit wahrer Ehr-
furcht selbst dem kleinsten Kinde gegenübertritt, wenn es ihm etwas
vorlallt aus dem in dem Menscheninnern verborgenen Geist und der
in ihm verborgenen Seele, auch wenn sie nur aus Kindeskehle schrei-
end sich geltend macht. Der Geistesforscher ist froh, wenn er dies
oder jenes aus der Erfahrung des einzelnen Menschen hört. Die
Erlebnisse, die ihm die Menschen mitteilen, sind seine Schule. Der
ordnet er sich vollständig unter. Er weiß nur eines, er weiß, daß das-
jenige, was die Menschen erleben, und wenn sie auch auf noch so
primitiven Bildungsstufen stehen, ein unendlich Wertvolles ist, daß
nur dasjenige dabei nicht nachkommt, was gewöhnlich des Men-
schen Urteilskraft ist. Wenn die Menschen das, was sie erlebt haben,
richtig beurteilen würden, würden sie Seelen- und Geistesschätze
aus ihrem Innern und aus dem Untergrund ihres Wesens hervorho-
len. Auf die blickt der Geistesforscher hin. Jeder Mensch ist für ihn
ein gleiches Wesen mit heiligen Rätseln in der Seele, nur daß das
Oberbewußtsein, das Urteilsvermögen manchmal nicht nachkommt
dem, was in den Tiefen der Seele ist. So wird gerade der Geistesfor-
scher ein bescheidener Mensch, weil er in dieser Beziehung die gei-
stige Gleichheit der Menschen immerfort vor seinem Auge hat, und
weil er weiß, daß er dasjenige, was er in der geistigen Welt erforscht,
nur dadurch hat, daß er ein Mensch unter Menschen ist. Dadurch ist
er aber prädestiniert, zu arbeiten im Geiste für die anderen Men-
schen, die nun ihrerseits durch Meditation, Konzentration ihre See-
len so weit bringen können, daß sie dasjenige entgegennehmen, was
der Geistesforscher sagt.
Sie können erwidern, das sei aber doch nicht sehr gut eingerichtet,
daß die Menschen so nebeneinander leben sollen, daß man von ein-
zelnen Menschen erfahren soll, was man zwar begreifen kann, was
man aber nicht selbst erforschen kann. Darauf kann ich Ihnen ein
Zweifaches erwidern. Das eine ist, daß dies eben eine Tatsache ist,
die man hinnehmen muß wie eine andere Tatsache des Lebens, mag
es für manchen auch anders wünschenswert sein. Das ist das eine,
was ich erwidern kann. Das andere aber ist, daß derjenige, der eine
solche Menschenzukunft voraussieht, eine Menschenzukunft, in der
es unter den Menschen solche gibt, die hineinschauen in die geistige
Welt, und aus dieser geistigen Welt den Menschen intime Angele-
genheiten enthüllen, so daß auf diese Weise die anderen Menschen
aus ihrem Verständnisse heraus miterleben, was sie auf die angedeu-
tete Weise gewinnen können, der weiß auch, daß sich dann intimste
Verhältnisse von Mensch zu Mensch entwickeln. Und er weiß auch,
daß gerade dadurch die sozialen Impulse von Seele zu Seele hinüber-
gehen und dadurch das wirkliche soziale Leben im Geiste hervorge-
rufen wird, wovon man heute glaubt, es nur mit äußeren Mitteln er-
ringen zu sollen. Denken Sie nur, wie die Menschen zusammenge-
bracht werden, wie sie in ihrem Zusammenleben eine soziale Struk-
tur darstellen werden, wenn die Menschen so einander gegenüber-
stehen werden, daß der eine Mensch annimmt das, was der andere
als eine für ihn wichtigste, intime Angelegenheit erforscht. Gerade
dadurch werden die Menschen in der Zukunft einander in der wün-
schenswerten Weise nahekommen, daß so Geist in die Seele des
nächsten Menschen hinüberwirkt, wie das angedeutet worden ist.
Diejenigen, die den Geist erforschen können, werden für die ande-
ren Menschen wie eine Notwendigkeit empfunden werden. Auf der
anderen Seite wird die ganze Menschheit auch von dem Geistesfor-
scher empfunden als das, in dem er wurzelt, ohne das er nicht leben
kann, ohne das er selbst mit seiner Geistesforschung nicht den aller-
geringsten Sinn hätte.
Hat man heute auch die soziale Frage zu etwas gemacht, was bloß
äußerlich materialistisch aufgefaßt wird, so zeigt - gerade innerlich
angesehen - dasjenige, was anthroposophisch orientierte Geisteswis-
senschaft ist, daß, wenn der Geist der Führer wird durch die Sinnes-
welt und aus der Sinneswelt heraus in die übersinnliche Welt, da-
durch auch im sozialen Zusammenleben der Menschen diejenige
Struktur herbeigeführt wird, durch die der Mensch in der Zukunft
für den Menschen das werden kann, was er eigentlich werden soll.
Damit versuchte ich Ihnen heute wiederum von einem anderen
Gesichtspunkte aus, als ich es in den zahlreichen früheren Vorträgen
gemacht habe, zu charakterisieren, wie durch Anthroposophie ver-
sucht wird, in den Geist einzudringen, und wie dieses Eindringen
auf der Grundlage ruht, die Eigenkräfte der menschlichen Seele zu
entwickeln. Das versuche ich - es sind bald zwei Jahrzehnte - in
dem zu vertreten, was ich anthroposophisch orientierte Geisteswis-
senschaft nenne. Noch immer wird in zahlreichen Kreisen gesagt,
daß diese anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft darstelle
irgend etwas von einem Streben nach Buddhistischem oder derglei-
chen. Ich habe schon im letzten Vortrage hier angedeutet, wie gera-
de diese anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft, die aus
der Wesenheit des Menschen, aus der gegenwärtigen Wesenheit des
Menschen selbst heraus arbeitet, perhorresziert jene Schwäche der
Menschen, die nicht aus dem, was da ist, nicht aus dem, was wir uns
in der neueren Naturwissenschaft angeeignet haben, streben will,
sondern die meinetwillen nach dem Orient, nach Indien hinüberge-
hen und da dasjenige nehmen will, was für ein ganz anderes Zeitalter
angepaßt war und in unsere Gegenwart nicht mehr hereinpaßt. Wir
erleben es immer wieder und wieder. Vor ein paar Tagen konnte es
hier wiederum erlebt werden, daß Leute sagen: Anthroposophismus,
wie sie sich ausdrücken, stelle auch irgendeine Flucht nach Indien
dar. Wenn das insbesondere gesagt wird von Leuten, die sich «christ-
lich» nennen, dann möchte ich diesen Christen einmal ins Gedächt-
nis rufen etwas, was sie vielleicht kennen werden: «Du sollst nicht
falsch Zeugnis ablegen wider deinen Nächsten.» Denn es ist nichts
anderes als ein falsch Zeugnis ablegen wider seinen Nächsten, wenn
man von dem, was hier gemeint ist als anthroposophische Geistes-
wissenschaft, so spricht, als ob das irgend etwas Obskures, als ob das
irgend etwas von einem Suchen sei für die rein passiv gewordene
Menschheit und dergleichen. Weil die Menschheit passiv geworden
ist, weil die Menschheit nicht mehr zur Tätigkeit kommen kann
durch dasjenige, was ihr durch die Jahrhunderte traditionell vermit-
telt wird, muß gesucht werden ein neuer Geist als Führer durch die
Sinneswelt und in die übersinnliche Welt hinein.
Denjenigen, die immer nur von der Aufwärmung des alten Gei-
stes sprechen und perhorreszieren, wie man die Naturwissenschaft
zu Galileis Zeit perhorresziert hat, dasjenige, was als Geisteswissen-
schaft auftritt, denen sollte vor allen Dingen gesagt werden, nament-
lich wenn sie vom christlichen Geiste aus sprechen wollen: Derjeni-
ge, der es mit dem Christentum ernst nimmt, der braucht keine
Furcht davor zu haben, daß durch irgendeine, sei es auch geistige
Entdeckung, dem Christus-Impuls in seiner wahren Bedeutung, dem
religiösen Verehren der Menschen überhaupt Abbruch getan werde.
Im Gegenteil, höherer Glanz wird dem religiösen Leben dadurch
verliehen, daß die Menschen wiederum wissen werden, was Geist
und was Seele ist, daß sie sich nicht diktieren lassen werden, was
Geist und was Seele ist, daß sie suchen werden im Innern der Seele
den Weg zum Erleben des Geistes und der Seele. Das aber ist es, was
angestrebt wird in derjenigen Bewegung, die draußen in Dornach im
Goetheanum ihre äußere Repräsentation hat.
Durch diese Bewegung wird das angestrebt, was in zahlreichen
Seelen, ohne daß sie es wissen, unbewußt als Sehnsucht lebt. Man
wird es aus diesen Seelen nicht durch ein bloßes Dekret oder Diktat
herausholen können, sondern es wird in den Seelen als ein Streben
leben, auch wenn man es dahin bringen würde, die eigentliche Ver-
tretung dieses Strebens niederzutreten. Denn geradeso wie der
Mensch absterben würde, wenn er in seinem fünfunddreißigsten Le-
bensjahr aufhören würde, neue Lebenskräfte in sich aufzunehmen,
wie er von diesem Zeitpunkt an nicht weiterleben könnte, wenn er
sich nicht neue materielle Lebenskräfte zuführen würde, so kann die
Menschheit nicht weiterleben, wenn sie nur das Alte, Traditionelle
verarbeiten will, wenn nicht in gehörigem Zeitmomente ein neuer
Geist auftritt, der sich in die Menschheitsentwickelung hineinwebt.
Denn das möchte diese Geisteswissenschaft hinstellen, klar und
deutlich hinstellen, nicht Obskurantismus, nicht vertrackte Mystik.
Das möchte sie klar und deutlich hinstellen, daß der Geist das Le-
bendige ist, der rechte Führer ist durch die Sinneswelt und in die
übersinnliche Welt. In der Sinneswelt werden wir richtungslos ohne
den Geist. Entwickeln wir aber den Geist als einen Führer durch die
Sinneswelt, dann erweist er sich nicht als ein abstrakter Ideengeist al-
lein, dann erweist er sich als der lebendige Geist in uns. Und dann
müßten wir ihm geradezu die Schwingen beschneiden, durch die er
in sein eigentliches Heimatland, in das Heimatland des Geistes hin-
einstreben will, wenn wir nicht, nachdem wir ihn zum Führer
durch die Sinneswelt gewählt haben, aufsteigen wollten durch ihn,
durch seine Führerschaft in die übersinnliche Welt. Denn der Geist
ist lebendig. Und wenn der Glaube sich verbreiten kann, daß der
Geist gegenüber der Materie nichts selbständig Lebendiges ist, was ist
Schuld daran ? Schuld daran ist nur dieses, daß der Mensch den Geist
in sich durch seinen Willen ertötet, und so der tote Geist den leben-
digen Geist nicht erfassen kann. Wird aber der Geist im Menschen
belebt, dann ergreift lebendiger Geist im Menschen den lebendigen
Geist in der Welt.
ANHANG
Frage: Ist es nicht ein großer Fehler, daß die Sozialdemokratie das Geistige und Seelische leug-
net und nur den Leib anerkennt?
Rudolf Steiner: Nun, es ist nicht so leicht, mit ein paar Worten gera-
de auf diese umfassende Frage einzugehen, aus dem einfachen Grun-
de, weil dasjenige, was in den gelobhudelten wissenschaftlichen
Kreisen als geistiges und seelisches Leben vielfach geschildert und
vertreten wird, tatsächlich für den Einsichtigen nicht etwas im Auf-
stieg Begriffenes eigentlich ist, sondern etwas ist, was im Grunde ge-
nommen seine letzte Entwickelungsphase, seinen letzten Abstieg
durchmacht. Wenn man vom Geistigen spricht, sollte man nicht im
allgemeinen vom Geistigen sprechen, sondern man sollte sich immer
klar sein, daß das Geistige absteigende und aufsteigende Entwicke-
lungen durchmacht. Und wenn heute das landläufige, gebräuchliche
Geistesleben, das ich ja auch im Vortrage charakterisiert habe, das
ein Ergebnis der führenden Klasse in den letzten Jahrhunderten ist,
wenn dieses Geistesleben abgelehnt wird, gerade dieses Geistesleben,
das durch die staatliche und wirtschaftliche Entwickelung, insbeson-
dere des 19. Jahrhunderts so geworden ist, so kann man das begrei-
fen. Es handelt sich ja darum, gerade ein wirkliches Geistesleben zu
finden, ein Geistesleben, das seine eigene Wirklichkeit behält. Und
dann muß ich sagen, dazu ist vor allen Dingen heute notwendig, daß
erfüllt werde das eine, was ich mir erlaubte im Vortrag auszuspre-
chen: daß wirklich von den Ereignissen gelernt werde . . .
Es ist ja gerade das Eigentümliche, daß sich innerhalb der so viel-
fach gelobten Zivilisation die Menschen gefunden haben, die von
Nächstenliebe, von Gottesliebe, von Brüderlichkeit gesprochen ha-
ben, gesprochen haben, nun, aus dem Zeitalter der sogenannten Hu-
manität heraus. Sie haben sehr gescheit, sehr vernünftig gesprochen,
oftmals in Zimmern mit Spiegelscheiben, in geheizten Räumen. Die-
se waren geheizt mit Kohlen, bei deren Förderung - Untersuchun-
gen haben das gezeigt gerade im Aufgang der sozialen Bewegung der
neueren Zeit - Kinder von neun bis elf, zwölf, dreizehn Jahren mit-
gearbeitet haben! Diese Kohlen wurden gefördert in Zechen, in
denen nackte Männer unter halbnackten Frauen standen, wo wahr-
haftig keine Veranlassung war, das Schamgefühl, geschweige denn
irgendwelche christlichen Ideen zu beachten. Das muß man wirk-
lich bedenken, daß es sich nicht bloß darum handelt, ein solches
Wort, wie das von der Nächstenliebe, hinauszuschmettern. Durch
die Richtigkeit und Wichtigkeit des Gefühlsinhaltes wird man damit
natürlich immer einen Eindruck machen . . .
Da nimmt man es doch lieber hin, zunächst einmal weniger ver-
standen zu werden und hinzustellen dasjenige, durch das man der
neuen Zeit dienen kann, als nur das Alte immer wieder und wieder-
um wiederholen zu müssen. Es muß eben die Frage aufgeworfen wer-
den für alle diejenigen, die da sagen: Behaltet nur eure alte Religiosi-
tät, bewahrt auch den früheren Gottesglauben und dergleichen -,
für alle diese muß gesagt werden: Nun, ihr habt ja schließlich 2000
Jahre lang immer dieses bringen wollen. Wie weit habt ihr es eigent-
lich gebracht damit, wenn ihr euch gegen dasjenige, was der Zeit die-
nen will, so widersetzt? Bedenket eben, daß ihr doch Zeit genug
gehabt hättet! Euch ist die Zeit gelassen worden durch 2000 Jahre
hindurch; jetzt ist es notwendig, daß ihr anerkennet, daß ein Neues
hereinbrechen muß über die geprüfte und geplagte Menschheit. Das
muß gerade jemand aussprechen, der ganz auf dem Standpunkte
steht, daß er gerade die Hoffnung hegen darf, weil er auf dem Boden
wahren sozialen Denkens steht, durch das ein neues Geistesleben
begründet werde, das den Menschen wirklich wieder zusammen-
bringen wird mit einem lebendig empfundenen Geistigen, nicht mit
einem Toten, zu dem die alten Traditionen und dergleichen doch
schon geworden sind.
Gewiß, man kann dem Sozialismus vorwerfen, wenn man will, daß
er bis jetzt wenig das Geistesleben berücksichtigte. Aber warten wir
es ab. Das Geistesleben, das heute selbst von unseren Universitäten
her tönt, das kann keine besondere Vorliebe finden bei denjenigen
Menschen, die etwas Menschliches haben wollen, die ein Geistes-
leben haben wollen, das allen Menschen wiederum das Bewußtsein
geben wird, daß ihr physischer Mensch mit innerer Notwendigkeit
zusammenhängt mit dem Seelisch-Geistigen im Menschen. Warten
wir es ab, ob nicht gerade die sozialistisch denkenden Menschen die
nächsten sein werden, die sich dem eigentlichen Geistesleben zu-
wenden und nicht länger verständnislos dem entgegenstehen wer-
den! Man kann nicht sagen, daß man in den heutigen bürgerlichen
Kreisen gerade auf besondere Gegenliebe stößt, wenn man versucht,
ihnen diese Geistesrichtung nahe zu bringen . . .
Die Leute kommen und wollen Programme haben. Die Leute ha-
ben allerlei Wünsche, schöne Zukunftsziele und dergleichen. - Pro-
gramme sind heute billig wie Brombeeren! Es werden Gesellschaf-
ten begründet, Programme verfaßt und so weiter. Aber darauf
kommt es nicht an. Sondern worauf es ankommt, das ist, daß man
die Wirklichkeit erfaßt. Ich bin der Überzeugung, daß, wenn man
sagen kann, wie sich die Menschen organisieren müssen in einem ge-
sunden sozialen Organismus - und ich sehe eben in der Dreigliede-
rung des sozialen Organismus etwas Gesundes -, daß dann die Men-
schen finden werden, was ihnen frommt. Dann werden sie finden
die Gestaltung, die Struktur des sozialen Organismus, in dem die
Menschen dasjenige entsprechend verwirklichen können, was für
die Menschheit kommen muß. Vielleicht bleibt kein Stein von dem,
was ich heute auszusprechen habe, bestehen; darauf kommt es nicht
an. Sondern darauf kommt es an, daß man die Dinge irgendwo an-
faßt wie ich es meine. Dann kommt vielleicht etwas ganz anderes
heraus. Es handelt sich eben um die Anregung, irgendwo im Gebiete
der Wirklichkeit ernsthaft irgend etwas zu tun, was aus der Dreiglie-
derung des sozialen Organismus, aus der Lebenserfahrung heraus,
nicht aus einer grauen Theorie, nicht aus einem egoistischen Vor-
urteil heraus gedacht ist. Das ist es, worauf es ankommt.
Deshalb ist mein Programm ein solches, das die Menschen vor
allen Dingen aufruft, daß sie wieder die Möglichkeit haben, das in ei-
nem gewissen Sinne zu verwirklichen. Das, was ich gerade ausgespro-
chen habe, das unterscheidet sich wesentlich von den üblichen Pro-
grammen. Und deshalb glaube ich, die Zeit wird ihren Gang gehen,
selbstverständlich. Und im Grunde genommen ist das, was heute so
vielfach ausgesprochen wird, gar nicht so sehr jung. Einer derjeni-
gen, die am meisten angeregt haben, Karl Marx, der sozialistische
Bekenner, er sprach in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als er
noch jung war, etwa folgende Worte aus: Sollte alle Aufklärung und
Überzeugungskraft an der Hartnäckigkeit der besitzenden Klasse
abprallen, so sei es die heiligste Pflicht seitens des Proletariats gegen
das Bollwerk des Kapitalismus anzustürmen . . .
Es wird von einem Zuhörer die Bemerkung gemacht: Die Kapitalistenseele hat kein Gefühl für
die Proletarierseele.
Zwischenfrage: Ja, aber es müssen doch zum Beispiel für alle drei Gebiete Recht und Gerichte
sein?
Im Februar 1919 hatte die öffentliche Wirksamkeit Rudolf Steiners für die Dreigliederung des
sozialen Organismus mit der Unterschriftensammlung für den Aufruf «An das deutsche Volk
und an die Kulturwelt» und mit dessen Veröffentlichung begonnen. Im gleichen Monat hielt
er in Zürich jene Vorträge, aus denen dann die grundlegende Schrift «Die Kernpunkte der
sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft» hervorging.
Diese Vorträge sind innerhalb der Gesamtausgabe veröffentlicht in dem Band «Die soziale
Frage», G A Bibl.-Nr. 328. Die in dem vorliegenden Band abgedruckten Vorträge vom März
und April setzen diese Vortragstätigkeit innerhalb der Schweiz fort. Am 20. April ging
Rudolf Steiner nach Stuttgart und blieb dort - mit kurzen Unterbrechungen, bedingt durch
Vortragsreisen nach Tübingen, Berlin und Dornach - bis Ende September. In Stuttgart entfal-
tete er eine umfassende öffentliche Tätigkeit, um eine grundlegende Umgestaltung des öffent-
lichen sozialen Lebens im Sinne der Dreigliederung zu bewirken. Am 22. April wurde der
«Bund für Dreigliederung des sozialen Organismus» gegründet, in zahlreichen Besprechungen
die Gründung von Kultur- und Betriebsräten in die Wege geleitet. Zugleich bereitete Rudolf
Steiner zusammen mit Emil Molt, dem Direktor der Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik in
Stuttgart, die Gründung der Waldorfschule vor, die am 7. September 1919 eröffnet werden
konnte. Im Hinblick auf die bevorstehenden Friedensverhandlungen in Versailles unternahm
Rudolf Steiner im Zusammenhang mit der Veröffentlichung der Erinnerungen des deutschen
Generalstabschefs H. von Moltke den Versuch, die Hintergründe, die zum Ausbruch des
Ersten Weltkrieges führten, einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen.
All dies wurde in einer Situation unternommen, da alle Verhältnisse durch den Versuch
radikaler Kräfte, die Revolution weiterzuführen, ins Wanken geraten waren. Im Juli nahm
dann die umgekehrte Richtung überhand. Die scheinbare Stabilisierung, die Herstellung von
«Ruhe und Ordnung» gab denjenigen Kräften die Oberhand, welchen es lediglich darum
ging, die bestehenden Verhältnisse unverändert aufrechtzuerhalten, womit eine grundlegende
innere Erneuerung gänzlich unmöglich gemacht wurde. Emil Molt faßt seine Erinnerungen
an die Ereignisse dieser Monate mit den Worten zusammen: «Größte Intensität des Wirkens
war aus zwei Gründen geboten: Zunächst mußte die chaotische Lage, wie sie sich aus der
Revolution ergab, benützt werden, ehe sich die Verhältnisse wieder verfestigten, und dann
sollte außenpolitisch auf die Verhandlungen in Versailles eingewirkt und die Kriegsschuldlüge
aufgedeckt werden. Die Verständnislosigkeit und der Widerstand unserer Zeitgenossen war
stärker, als wir vermuteten. Die Aufgaben, in die wir mit frischem Mut und mit Begeisterung
hineinsprangen, waren letzten Endes auch größer als unser Können und unsere Ausdauer.»
Dann weist Molt auf die trotz allem erreichten Ziele wie die Errichtung der Waldorfschule
hin. (Siehe E. Molt, «Entwurf meiner Lebensbeschreibung», Stuttgart 1972, S. 160)
Im Oktober kehrte Rudolf Steiner nach Dornach zurück. Noch im gleichen Monat hielt er
in Zürich die Vorträge «Soziale Zukunft» (GA Bibl.-Nr. 332a). Der vorliegende Band enthält
nun auch die Vorträge, die er im Oktober und November in Bern und Basel über die soziale
Frage gehalten hat. Von diesen Vorträgen gibt Emil Leinhas, ein enger Mitarbeiter Rudolf
Steiners, die folgende Schilderung:
«Am 1. Oktober 1919 kehrte Rudolf Steiner für längere Zeit nach Dornach zurück. Ich
durfte ihn begleiten, um in Dornach einige Ferienwochen zu verbringen. Bald darauf hielt
Rudolf Steiner an verschiedenen Orten der Schweiz öffentliche Vorträge über die Dreigliede-
rung. Der erste dieser Vorträge fand vor einem ausgesprochen bürgerlichen Publikum in
Bern statt. Bei dieser Gelegenheit konnte ich, zusammen mit Dr. Boos und zu unserer ge-
meinsamen Verwunderung, wieder einmal eindrucksvoll erleben, wie sehr Rudolf Steiner
seine Art, sich auszudrücken, auf die jeweilige Zuhörerschaft abzustimmen wußte; wie er es
verstand, auf die Lebenslage und Auffassungsfähigkeit seiner Hörer Rücksicht zu nehmen
und ganz aus den Herzen der Anwesenden heraus zu sprechen. Seine Art der Darstellung der
Dreigliederung vor dem bürgerlichen Publikum in Bern, das weder einen Weltkrieg noch
eine Revolution mitgemacht hatte, war eine ganz andere als diejenige, die uns von Stuttgart
her geläufig war. Diese absolut lebendige und sich unmittelbar aus den vorliegenden Zusam-
menhängen heraus ergebende Art des Vortrags Rudolf Steiners, die weit entfernt war von
allem Theoretischen, die denselben Gegenstand von immer neuen Seiten beleuchtete und ihm
dadurch neue Perspektiven abgewann, war ganz unvergleichlich. Rudolf Steiner sprach nie
aus einem abstrakten Denken heraus, sondern - selbst bei häufiger Wiederholung derselben
Vorträge - immer aus einem unmittelbaren geistigen Erleben. Darauf beruhte die außer-
ordentlich zündende und zu Herzen dringende Wirkung seiner Vorträge, einerlei, über wel-
ches Thema und vor welchem Publikum er auch sprach.»
(Emil Leinhas, «Aus der Arbeit mit Rudolf Steiner», Basel 1950, S. 80 f.)
Textgrundlage: Die Vorträge wurden von der Berufsstenographin Helene Finckh (1883 —
1960) mitstenographiert und von ihr in Klartext übertragen. Für den Druck wurden einige
wenige unklare Stellen mit dem Originalstenogramm verglichen und entsprechende Korrek-
turen vorgenommen.
Die Titel der Vorträge stammen von Rudolf Steiner; der Titel des Bandes ist von den
Herausgebern.
Werke Rudolf Steiners innerhalb der Gesamtausgabe (GA) werden in den Hinweisen mit
der Bibliographie-Nummer angegeben. Siehe auch die Übersicht am Schluß des Bandes.
Zu Seite
13 Die wirklichen Grundlagen eines Völkerbundes: Vom 7. - 13. März 1919 fand in Bern die
Internationale Völkerbunds-Konferenz statt, an der Rudolf Steiner als Gast teilnahm.
Anläßlich dieser Konferenz, d. h. außerhalb des offiziellen Programmes, hielt er am 11.
März im Großratssaal des Berner Rathauses einen Vortrag über grundlegende Aspekte
eines Völkerbundes, zu dem auch namhafte Persönlichkeiten eingeladen wurden. Für
die persönlichen Einladungen zeichneten die Nationalräte J. Hirter und O. Weber,
ferner Baron von Wrangel, Dr. Hanns Buchli und Dr. Roman Boos.
13 leitende Staatsmänner Europas: In seinem Vortrag vom 15. März 1919 (vgl. den Band
«Die soziale Frage als Bewußtseinsfrage», G A Bibl.-Nr. 189) nennt Rudolf Steiner im
Zusammenhang mit diesem Problem den Staatssekretär im Deutschen Auswärtigen
Amt, Gottlieb von Jagow (1863- 1935). Die Äußerungen Jagows faßt er dort in die
Worte zusammen: «Durch die Bemühungen der europäischen Kabinette ist es gelungen,
solche befriedigenden Verhältnisse zwischen den Großmächten Europas herzustellen,
daß der Friede für lange Zeiten hinaus in Europa gesichert ist.»
14 das sich nur bezeichnen läßt als ein Karzinom: Diese Äußerung findet sich im sechsten
Vortrag des in Wien im April 1914 gehaltenen Zyklus «Inneres Wesen des Menschen
und Leben zwischen Tod und neuer Geburt», GA Bibl.-Nr. 153. Wörtlich heißt es dort:
«Es wird also heute für den Markt ohne Rücksicht auf den Konsum produziert, nicht
im Sinne dessen, was in meinem Aufsatz < Geisteswissenschaft und soziale Frage > [in
< Luzifer-Gnosis 1903 - 1908 >. S. 191; Anm. d. Herausg.] ausgeführt worden ist, sondern
man stapelt in den Lagerhäusern und durch die Geldmärkte alles zusammen, was pro-
duziert wird, und dann wartet man, wieviel gekauft wird. Diese Tendenz wird immer
größer werden, bis sie sich . . . in sich selber vernichten wird. Es entsteht dadurch, daß
diese Art von Produktion im sozialen Leben eintritt, im sozialen Zusammenhang der
Menschen auf der Erde genau dasselbe, was im Organismus entsteht, wenn so ein Karzi-
nom entsteht. Ganz genau dasselbe, eine Krebsbildung, eine Karzinombildung, Kultur-
krebs, Kulturkarzinom! So eine Krebsbildung schaut derjenige, der das soziale Leben
geistig durchblickt; er schaut, wie überall furchtbare Anlagen zu sozialen Geschwürbil-
dungen aufsprossen. Das ist die große Kultursorge, die auftritt für den, der das Dasein
durchschaut. Das ist das Furchtbare, was so bedrückend wirkt, und was selbst dann,
wenn man sonst allen Enthusiasmus für Geisteswissenschaft unterdrücken könnte,
wenn man unterdrücken könnte das, was den Mund öffnen kann für die Geisteswissen-
schaft, einen dahin bringt, das Heilmittel der Welt gleichsam entgegenzuschreien für
das, was so stark schon im Anzüge ist und was immer stärker und stärker werden wird.
Was auf seinem Felde in dem Verbreiten geistiger Wahrheiten in einer Sphäre sein muß,
die wie die Natur schafft, das wird zur Krebsbildung, wenn es in der geschilderten
Weise in die Kultur eintritt.»
Siehe hierzu auch die entsprechende Äußerung Rudolf Steiners im IV, Kapitel seiner
grundlegenden Schrift «Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkei-
ten der Gegenwart und Zukunft», GA Bibl.-Nr. 23; Taschenbuchausgabe TB 606.
16 in einer Rede Wilsons: Woodrow Wilson, 1856- 1924, Präsident der Vereinigten Staaten
von Amerika 1913- 1921, hielt die hier erwähnte Rede vor dem Senat am 22. Januar
1917. Wörtlich sagte er: «Vor allem andern ist damit gesagt, daß ein Friede ohne Sieg
sein muß. Es ist nicht angenehm, das sagen zu müssen. Man wolle mir gestatten, meine
eigene Auffassung dafür darzulegen und zu betonen, daß mir keine andere Auffassung
in den Sinn gekommen ist. Ich suche bloß den Tatsachen ins Gesicht zu sehen, und
zwar ohne alle schonenden Vertuschungen. Ein Sieg würde zu bedeuten haben, daß der
Friede dem Besiegten aufgezwungen würde, daß der Unterlegene sich den Bedingungen
des Siegers zu beugen hätte. Solche Bedingungen könnten nur in tiefer Demütigung, im
Zustande der Nötigung und unter unerträglichen Opfern angenommen werden; und es
würde eine schmerzende Wunde, ein Gefühl des Grolls und eine bittere Erinnerung
zurückbleiben. Ein Friede, der auf solcher Grundlage ruhte, könnte keinen Bestand
haben, sondern wäre wie auf Treibsand gebaut. Nur ein Friede zwischen Gleichgestell-
ten kann von Dauer sein - ein Friede, der seinem ganzen Wesen nach auf Gleichheit
und auf dem gemeinsamen Genüsse einer allen gemeinsam zugute kommenden Wohltat
beruht. Die rechte Gesinnung, die rechte Gefühlsstimmung zwischen den verschiede-
nen Nationen ist für einen dauernden Frieden ebenso notwendig wie die gerechte Beile-
gung hartnäckiger Streitfragen über Gebiets- oder Rassen- oder Volkszugehörigkeit.»
(Aus: «Die Reden Woodrow Wilsons», englisch und deutsch, hg. vom Committee on
Public Information of the United States of America. Der freie Verlag, Bern 1919.)
Die Idee eines zu gründenden Völkerbundes ist auch in dem letzten der 14 Punkte
Wilsons vom 8. Januar 1918 enthalten.
17 Die Pariser Ereignisse: Gemeint sind hier die Pariser Friedensverhandlungen, die am
18. Januar 1919 mit 70 Delegierten aus 27 Siegerstaaten begannen und mit der Unter-
zeichnung des Friedensvertrages durch den deutschen Außenminister Hermann Müller
und den Verkehrsminister Johannes Bell am 28. Juni ihren Abschluß fanden. Die Ver-
fassung des Völkerbundes wurde in der Vollversammlung der Pariser Friedenskonfe-
renz am 29. April 1919 angenommen.
21 daß abgetrennt werden muß der Besitz des Kapitals von der Verwaltung des Kapitals: Zur
Besitzfrage und die sog. «Neutralisierung des Kapitals» siehe insbesondere das dritte
Kapitel «Kapitalismus und soziale Ideen» in der Schrift «Die Kernpunkte der sozialen
Frage», GA Bibl.-Nr. 23.
Karl Marx, 1818- 1883. Über die «Arbeitskraft als Ware» siehe das «Kommunistische
Manifest», 1. Teil: «Diese Arbeiter, die sich stückweise verkaufen müssen, sind eine
Ware wie jeder Handelsartikel und daher gleichmäßig allen Wechselfällen der Konkur-
renz, allen Schwankungen des Marktes ausgesetzt. . . Der Preis einer Ware, also auch
der Arbeit, ist aber gleich ihren Produktionskosten.» Ausführlicher in «Das Kapital»,
1. Bd., 2. Abschn., 4. Kap. «Kauf und Verkauf der Arbeitskraft» und 3. Abschn., 5. Kap.
«Arbeitsprozeß und Verwertungsprozeß». - Über die Mehrwerttheorie siehe «Das Ka-
pital», 1. Band, Abschnitte 3 - 5 «Produktion des Mehrwertes». Zum Thema «Arbeits-
kraft als Ware» siehe auch Rudolf Steiner, «Die Kernpunkte der sozialen Frage», GA
Bibl.-Nr. 23, am Ende des 1. Kapitels und den Aufsatz «Marxismus und Dreigliederung»
in «Aufsätze über die Dreigliederung des sozialen Organismus und zur Zeitlage 1915 -
1921», GA Bibl.-Nr. 24.
28 «Bagdadbahn»: Der Bau der Bagdadbahn von Kleinasien über Bagdad zum Persischen
Golf wurde einer 1903 gegründeten Gesellschaft übertragen, in der die Deutsche Bank
bzw. das Deutsche Reich entscheidenden Einfluß besaßen, was zu außenpolitischen
Mißstimmigkeiten, speziell mit England, führte.
29 wenn der unterste Lehrer sich hineinzustellen weiß in ein frei organisiertes Geistesleben:
Siehe dazu Rudolf Steiners Aufsatz «Freie Schule und Dreigliederung», in «Aufsätze über
die Dreigliederung des sozialen Organismus und zur Zeitlage 1915 - 1921», GA Bibl.-Nr.
24. Dort heißt es: «Nicht gefragt soll werden: Was braucht der Mensch zu wissen und zu
können für die soziale Ordnung, die besteht; sondern: Was ist im Menschen veranlagt
und was kann in ihm entwickelt werden? Dann wird es möglich sein, der sozialen Ord-
nung immer neue Kräfte aus der heranwachsenden Generation zuzuführen . . . Der
werdende Mensch soll erwachsen durch die Kraft des von Staat und Wirtschaft unab-
hängigen Erziehers und Lehrers, der die individuellen Fähigkeiten frei entwickeln
kann, weil die seinigen in Freiheit walten dürfen.» (2. Aufl., Dornach 1982, S. 37/39).
32 Ebenso wie das Wirtschaftsleben auf der einen Seite von der Naturgrundlage abhängig ist:
An dieser Stelle wurden einige Worte, die im Stenogramm angeführt sind, aber den
Sinnzusammenhang nicht rekonstruieren lassen, fortgelassen. Siehe hierzu die Ausgabe
von Eymann, a. a. O., S. 22.
38 Ich habe in den letzten Jahren vielfach diese Ideen vor Menschen vorgetragen; ich habe sie
auch... in einem Aufruf zusammengefaßt: Bereits im Jahr 1917 verfaßte Rudolf Steiner
nach Gesprächen mit Graf O t t o Lerchenfeld und Graf Ludwig Polzer-Hoditz zwei
Memoranden, in denen er zu grundlegenden politischen Fragen angesichts der damali-
gen Situation Stellung nahm. Die beiden genannten Persönlichkeiten wandten sich mit
diesen Memoranden an einflußreiche Politiker, so u. a. an den deutschen Staatssekretär
Kühlmann und an Arthur Polzer-Hoditz, den Kabinettchef Kaiser Karls von Öster-
reich. Die Memoranden wurden erstmals veröffentlicht in: Roman Boos «Rudolf Stei-
ner während des Weltkrieges», Dornach 1933. Innerhalb der Gesamtausgabe siehe
«Aufsätze über die Dreigliederung . . .», GA Bibl.-Nr. 24.
Rudolf Steiners Aufruf «An das deutsche Volk und an die Kulturwelt» wurde erst-
mals im März 1919 veröffentlicht und von zahlreichen Persönlichkeiten des kulturellen
und politischen Lebens unterzeichnet. Als Anhang wurde er auch dem Buch Rudolf
Steiners «Die Kernpunkte der sozialen Frage», GA Bibl.-Nr. 23, beigefügt. Über die
Sammlung der Unterschriften usw. vgl. Rudolf Steiners Vorträge vom Februar und
März 1919, insbesondere vom 15. Februar (1. Vortrag in «Die soziale Frage als Bewußt-
seinsfrage»), GA Bibl.-Nr. 189.
38 die Menschheit werde wieder gegliedert in die alten drei Stände: Die Formulierung «Nähr-
stand, Wehrstand, Lehrstand» stammt von Erasmus Alberus (1500- 1553), ähnlich auch
Luther; sie faßt das von Plato in der «Politeia» über die Stände Gesagte zusammen; siehe
den «phönikischen Mythos», wonach Gott den Herrschenden (Weisen) bei der Geburt
Gold, ihren Beihelfern, den Wächtern, Silber, den Bauern und Handwerkern aber Eisen
und Erz beigemischt habe («Politeia» III. Buch, 414 ff.). Siehe hierzu auch Vincenz
Knauer, «Die Hauptprobleme der Philosophie», Wien und Leipzig 1892. Das Buch
befindet sich in der Bibliothek Rudolf Steiners. Dort heißt es in den Vorlesungen über
Plato (S. 124): «Wie sich das Seelische im einzelnen Menschen in das Vernünftige, Iras-
cible und Concupiscible gliedert, so finden sich im Staate drei Stände, die wir einer uns
geläufigen Redeweise ganz entsprechend als Lehr-, Nähr- und Wehrstand bezeichnen
können.»
39 Herman Grimm, 1828 - 1901. Die hier zitierte Äußerung ist enthalten in «Die deutsche
Schulfrage und unsere deutschen Klassiker» (aus: «Fünfzehn Essays», 4. Folge, Güters-
loh 1890, S. 46/47). Dort heißt es wörtlich:«Die Welt erfüllt der Drang nach Errei-
chung eines unbekannten Zieles, dem zu Liebe die ungeheueren Anstrengungen ge-
macht werden, deren Zeuge wir sind. Es ist, als empfänden alle Völker der Erde, jedes in
seiner Art, Vorbedingung für einen allgemeinen geistigen Ringkampf sei, sich vom Ver-
gangenen als maßgebender Macht zu befreien und zur Aufnahme eines Neuen sich
tauglich zu machen. Erfindungen und Entdeckungen, meist unerhörter Art und oft von
umfassenden augenblicklichen Folgen begleitet, befördern diesen Zustand unseres er-
wartungsvollen Fortmarschierens in geschlossenen Massen. Wohin? - Es belebt uns ein
Gefühl, als ob die gebrachten Opfer später einmal, jedes einzelne als gering, alle zusam-
men als unentbehrlich erscheinen müßten. Das Ziel ist: die gesamte Menschheit in ihrer
letzten Gestaltung zu einem Reiche von Brüdern zu machen, die nur den edelsten Be-
weggründen nachgebend gemeinsam sich weiterbewegen. Wer die Geschichte nur auf
der Karte von Europa verfolgt, könnte glauben, ein gegenseitiger allgemeiner Mord
müsse unsere nächste Zukunft erfüllen; während er, der sie am Globus studiert, sich der
Gewißheit hingeben darf, daß vielmehr die Stunde herannahe, wo die in gleichen
Gedanken höchsten geistigen Strebens vereinten germanischen Völker all den ungezähl-
ten Millionen Asiens und Afrikas und was der Erdkreis sonst beherbergt, den Weg zu
den wahren Gütern des menschlichen Lebens erschließen werden. Man gestatte diesen
Gedanken, der mit unseren ungeheuren kriegerischen Rüstungen und denen unserer
Nachbarn nicht im Einklänge zu stehen scheint, an den ich aber glaube und der uns
erleuchten muß, wenn es nicht überhaupt besser sein sollte, das menschliche Leben
durch einen Gemeinbeschluß abzuschaffen und einen offiziellen Tag des Selbstmordes
anzuberaumen.»
41 Diskussion: Nach Beendigung des Vortrages eröffnete Roman Boos - nach einer kurzen
Pause - die Diskussion mit den Worten: «Verehrte Anwesende, es wird nun die Diskus-
sion eröffnet. Wenn jemand ein Votum abgeben will, so wird er gebeten, vielleicht hier-
her zu kommen. Kurze Fragen können vom Sitzorte aus gestellt werden. Es ist auch
möglich, wenn jemand lieber eine Frage schriftlich stellen will, daß er es auf diesem
Wege tut.»
Die Voten der Diskussionsredner, die zumeist nur unvollständig (vermutlich auch
aus akustischen Gründen) mitgeschrieben wurden, sind von der Stenographin im nach-
hinein sinngemäß zusammengefaßt worden.
43 eine Anzahl entsprechender älterer Redaktoren: Einer von ihnen, Emil Unger-Winkelried,
war zeitweilig Redakteur des «Vorwärts», später Redakteur verschiedener Tageszeitun-
gen und zuletzt leitender Redakteur der «Bremer Nachrichten». Über seine Erlebnisse
als Schüler an der Arbeiterbildungsschule und seine dortige Begegnung mit Rudolf Stei-
ner siehe: E. Unger-Winkelried «Von Bebel zu Hitler», Berlin 1934, S. 47f.. Ferner
Konrad Donat «Vorträge von Dr. Rudolf Steiner in Bremen», Manuskriptdruck,
Bremen 1980.
44 Lenin und Trotzki: Über den Zusammenhang zwischen den beiden Vertretern des Bol-
schewismus und dem Zarismus spricht Rudolf Steiner in verschiedenen Vorträgen. Im
3. Vortrag des Bandes «Geistige und soziale Wandlungen in der Menschheitsentwicke-
lung», GA Bibl.-Nr. 196, Dornach 1966, S. 265 heißt es: «Dasjenige, was russischer Za-
rismus war, das heißt heute, wo es in seiner Wahrheit erschienen ist, Lenin, Trotzki,
Bolschewismus. Das ist die konkrete Wahrheit desjenigen, was damals bloß eine Illu-
sion war. Der Zarismus ist bloß die an der Oberfläche schwimmende Lüge; dasjenige,
was aber dieser Zarismus wirklich gepflegt hat, erschien, sobald er selbst weggefegt war,
in seiner wahren Wirklichkeit.» Siehe auch die Fragenbeantwortung zum 2. Vortrag
Rudolf Steiners in dem Band «Soziale Zukunft», GA Bibl.-Nr. 332 a.
Und Lenin macht gerade aufmerksam auf zwei Dinge bei Marx: Die Idee der Diktatur des
Proletariats, durch welche der Staat schließlich zur Auflösung gelangt, ist der Sache
nach schon im «Kommunistischen Manifest» enthalten: «Die politische Gewalt im
eigentlichen Sinne ist die organisierte Gewalt einer Klasse zur Unterdrückung einer
anderen. Wenn das Proletariat im Kampfe gegen die Bourgeoisie sich notwendig zur
Klasse vereint, durch eine Revolution sich zur herrschenden Klasse macht und als herr-
schende Klasse gewaltsam die alten Produktionsverhältnisse aufhebt, so hebt es mit die-
sen Produktionsverhältnissen die Existenzbedingungen des Klassengegensatzes, die
Klassen überhaupt und damit seine eigene Herrschaft als Klasse auf.» In einem Brief an
Wedemeyer vom 5. März 1852 nennt Marx diese Herrschaft des Proletariats «Diktatur
des Proletariats» und bezeichnet sie als Übergang zur klassenlosen (d.h. staatslosen)
Gesellschaft. - Lenin greift diese Idee auf in seiner Schrift «Staat und Revolution. Die
Staatstheorie des Marxismus und die Aufgaben des Proletariats in der Revolution»,
Belp/Bern 1918. Er äußert sich dort weitläufig über das auf die Diktatur des Proletariats
folgende allmähliche Absterben des Staates, ständig unter Hinweis auf Marx und Engels.
Auch der «neue Menschenschlag», der für die zukünftige kommunistische Gesellschaft
vorausgesetzt wird, ist dort erwähnt: «Der Staat wird dann völlig absterben können,
wenn die Gesellschaft den Grundsatz «Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen
Bedürfnissen» verwirklicht haben wird, das heißt, wenn die Menschen sich so an die
Befolgung der Grundregeln des gesellschaftlichen Zusammenlebens gewöhnt haben
werden und ihre Arbeit so produktiv sein wird, daß sie freiwillig nach ihren Fähigkei-
ten tätig sein werden . . . die höhere Entwicklungsphase des Kommunismus . . . setzt
auch eine Produktivität der Arbeit und einen Menschenschlag voraus, der vom heuti-
gen weit entfernt ist, von diesem hastigen Menschen, der imstande ist. . . Magazine
öffentlicher Vorräte zu beschädigen und das Blaue vom Himmel zu verlangen.» (S. 147)
Eine ausführliche Charakteristik des Bolschewismus findet sich auch in Rudolf Steiners
Vorträgen «Die soziale Grundforderung unserer Zeit. In geänderter Zeitlage», GA Bibl.-
Nr. 186.
45 Jeder nach seinen Fähigkeiten: In der «Kritik des Gothaer Programms» (1875) von Karl
Marx heißt es: « . . . nachdem mit der allseitigen Entwicklung der Individuen auch die
Produktionskräfte gewachsen sind, und alle Springquellen des genossenschaftlichen
Reichtums voller fließen - erst dann kann der enge bürgerliche Rechtshorizont ganz
überschritten werden und die Gesellschaft auf ihre Fahnen schreiben: Jeder nach seinen
Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen!». Urheber dieser «Formel» ist Louis
Blanc.
48 Adolf Damaschke, 1865- 1935. Führer der deutschen Bodenreformbewegung. Vgl. sein
Werk «Die Bodenreform. Der Weg zur sozialen Versöhnung», Berlin 1919, Siehe auch
R. Steiner «Soziale Zukunft», GA Bibl.-Nr. 332a, Dornach 1977, S. 178; Taschenbuch-
ausgabe TB 631.
Broschüre: Rudolf Steiner, «Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwen-
digkeiten der Gegenwart und Zukunft», GA Bibl.-Nr. 23; Taschenbuchausgabe TB 606.
49 Das habe ich gestern als die Lösung der sozialen Frage antworten gehört: Vortrag von Prof.
Johannes Ude (geb. 1874), einem katholischen Theologen und Sozialpolitiker. In einer
Rede an der Völkerbundskonferenz in Bern am 10. März sagte er: «Und da sie nicht
wagen werden, den Christus einen Narren oder einen Heuchler zu nennen, so kann er
nur das gewesen sein, was er selber von sich sagte, der Sohn des lebendigen Gottes.»
Ausführlicher besprochen in R. Steiner, «Die soziale Frage als Bewußtseinsfrage», GA
Bibl.-Nr. 189, Dornach 1980, S. 138.
52 Johann Gottlieb Fichte, 1762 - 1814, «Der geschlossene Handelsstaat. Ein philosophischer
Entwurf als Anhang zur Rechtslehre und Probe einer künftig zu liefernden Politik»,
Tübingen 1800. Ausführlicher geht Rudolf Steiner auf Fichtes Schrift ein im 5. Vortrag
in «Die soziale Frage als Bewußtseinsfrage», GA Bibl.-Nr. 189. Dem Bolschewismus
verwandte Formulierungen in Fichtes Schrift sind z. B. folgende: «Die Hauptresultate
der aufgestellten Theorie sind diese: daß in einem dem Rechtsgesetze gemäßen Staate
die drei Hauptstände der Nation [Ackerbauer, Fabrikanten, Kaufleute] gegeneinander
berechnet, und jeder auf eine bestimmte Anzahl von Mitgliedern eingeschränkt; daß
jedem Bürger sein verhältnismäßiger Anteil an allen Produkten und Fabrikaten des
Landes gegen seine ihm anzumutende Arbeit, ebenso wie den Öffentlichen Beamten
ohne sichtbares Äquivalent, zugesichert; daß zu diesem Behufe der Wert aller Dinge
gegeneinander, und ihr Preis gegen Geld festgesetzt, und darüber gehalten; daß endlich,
damit dieses alles möglich sei, aller unmittelbare Handel der Bürger mit dem Auslande,
unmöglich gemacht werden müsse . . . Man hat ferner die Aufgabe des Staates bis jetzt
nur einseitig, und nur halb aufgefaßt, als eine Anstalt, den Bürger in demjenigen Besitz-
stande, in welchem man ihn findet, durch das Gesetz zu erhalten. Die tiefer liegende
Pflicht des Staates, jeden in den ihm zukommenden Besitz erst einzusetzen, hat man
übersehen. Dieses letztere aber ist nur dadurch möglich, daß die Anarchie des Handels
ebenso aufgehoben werde, wie man die politische allmählich aufhebt, und der Staat
ebenso als Handelsstaat sich schließe, wie er in seiner Gesetzgebung und seinem Rich-
teramte geschlossen ist.» (Fichtes sämtliche Werke, hg. von I. H. Fichte, Bd. III, S. 440
u. 453.)
54 Welchen Sinn hat die Arbeit des modernen Proletariers?: Öffentlicher Vortrag in Bern,
gehalten am 17. März 1919 auf Einladung des «Bildungsausschusses der Arbeiterunion
Bern». Zum selben Thema hatte Rudolf Steiner wenige Tage zuvor, am 8. März, vor
Arbeitern in Zürich gesprochen. Siehe den Band «Die soziale Frage», GA Bibl.-Nr. 328.
Die ersten vier der dort abgedruckten sechs Vorträge bildeten die Grundlage für die
Schrift «Die Kernpunkte der sozialen Frage», GA Bibl.-Nr. 23.
55 Völkerbundskonferenz: Siehe Hinweis zu S. 13, sowie den ersten Vortrag in diesem Band.
64 Carl Vogt, 1817 - 1895, Naturforscher, engagierter Demokrat, Mitglied der Frankfurter
Nationalversammlung 1848. «Physiologische Briefe für Gebildete aller Stände» (1857).
65 Rosa Luxemburg, 1870-1919. Nahm 1905 an der russischen Revolution teil; galt als
Vertreterin der radikalen Richtung innerhalb der Sozialdemokratischen Partei Deutsch-
lands. Lehrte an der Parteischule marxistische Nationalökonomie. Während des Ersten
Weltkrieges war sie wegen Aufrufen gegen den Krieg fast ständig in Haft. Mit Karl
Liebknecht Führerin der Spartakisten, welche die Keimzelle der am 31. Dezember 1918
von Liebknecht gegründeten Kommunistischen Partei bildeten. Rosa Luxemburg und
Karl Liebknecht wurden am 15. Januar 1919 in Berlin ermordet. - Über die Arbeiterbil-
dungsschule siehe den Hinweis zu S. 42. In Spandau sprach Rosa Luxemburg am 12. Ja-
nuar 1902 zur Eröffnung der dortigen Arbeiterbildungsschule über das Thema «Die
Wissenschaft und der Arbeiterkampf», anschließend sprach Rudolf Steiner zum selben
Thema. Siehe hierzu W. Kugler, «Rudolf Steiner und die Anthroposophie», 3. Kap. S.
173 ff., DuMont-Dokumente, Köln 1983 (4. Aufig.). - In einem Brief Rosa Luxemburgs
an Rudolf Steiner vom 14. 10. 1902 heißt es, dessen Tätigkeit an der Arbeiterbildungs-
schule betreffend: «Von Ihren Erfolgen in der Arbeiterbildung höre ich immer von Zeit
zu Zeit...»
66 wie kommt man dahin, daß «Mehrwert» nicht Vorrecht bleibt, sondern zum Recht wird?:
Im Stenogramm heißt es an dieser Stelle: «Wie kommt man darüber hinaus, daß Mehr-
wert zum Vorrecht, nicht zum Recht wird?» - Da diese Formulierung zu Mißverständ-
nissen führen kann, wurde der Satz sinngemäß geändert, was dann im übrigen auch
dem ähnlich lautenden Passus auf S. 76 entspricht. Dort heißt es: «Und dieses Recht
kann nur dann statt zu einem Vorrecht zum Recht gemacht werden . . . » .
Was ist zu tun ?: Diese Frage taucht insbesondere in der russischen Literatur und revolu-
tionären Bewegung immer wieder auf. 1863 schreibt N. G. Tschernyschewskij seinen
grundlegenden Roman «Was tun? Aus Erzählungen von neuen Menschen». In seiner
Schrift «Was sollen wir denn tun?» (1884- 1886) stellt Tolstoi seinen Zeitgenossen das
entsetzliche Elend der städtischen Massen vor Augen. Und Lenins Schrift «Was tun ?»
(1902), in der die Lehre von der Elitepartei aufgestellt wird, veranlaßte Trotzki, aus
Sibirien zu fliehen und sich Lenin anzuschließen.
72 ein moderner, sehr bedeutender Forscher: Emil Du Bois-Reymond, 1815 - 1896, General-
sekretär der Preußischen Akademie der Wissenschaften. In einer akademischen Rede
vom 3. August 1870 in Berlin sagte er: «Die Berliner Universität, dem Palaste gegenüber
einquartiert, ist durch ihre Stiftungsurkunde das geistige Leibregiment des Hauses Ho-
henzollern.» (Aus: «Reden», Band I, S. 92)
79 Dann wird der Proletarier nicht nur sich erlösen: Auch Marx vertrat - auf seine Weise -
die Ansicht, daß die Befreiung des Proletariats zugleich die Befreiung der Menschheit
bedeute. So schreibt er in «Die Heilige Familie» (1844/45) im 4. Kapitel: «Wenn das
Proletariat siegt, so ist es dadurch keineswegs zur absoluten Seite der Gesellschaft ge-
worden, denn es siegt nur, indem es sich selbst und sein Gegenteil aufhebt . . . Es kann
seine eigenen Lebensbedingungen nicht aufheben, ohne alle unmenschlichen Lebensbe-
dingungen der heutigen Gesellschaft, die sich in seiner Situation zusammenfassen, auf-
zuheben.»
82 wie etwa der deutsche Kaiser: Wilhelm II. hat sich verschiedentlich in diesem Sinne
geäußert. Siehe hierzu die Sammlung solcher Aussprüche von Joachim Kürenberg,
«War alles falsch? Das Leben Wilhelm IL», Basel 1940; Kap. 60, «Der Kaiser und die
Reichstagsparteien». Einige Beispiele: «Für mich ist jeder Sozialdemokrat gleichbedeu-
tend mit Reichs- und Vaterlandsfeind!» - «Eine Rotte von Menschen, nicht wert, den
Namen Deutscher zu tragen . . . möge das ganze Volk in sich die Kraft finden, diese
unerhörten Angriffe zurückzuweisen! Geschieht es nicht, nun, dann rufe ich Sie, um
der hochverräterischen Schar zu wehren, um einen Kampf zu führen, der uns befreit
von solchen Elementen!»
83 Engelbert Pernerstorf er, 1850- 1918. Neben Victor Adler einer der Führer der österrei-
chischen Sozialdemokratie. Während des Ersten Weltkrieges war er Vizepräsident des
Reichsrates. Über seine Begegnung mit Pernerstorfer berichtet Rudolf Steiner im 8.
Kap. seiner autobiographischen Aufzeichnungen «Mein Lebensgang», GA Bibl.-Nr. 28.
In der von Pernerstorfer herausgegebenen Monatsschrift «Deutsche Worte», XII. Jg.
1893 (Dez.) erschien auch eine kurze Besprechung von R. Steiners «Die Philosophie der
Freiheit», GA Bibl.-Nr. 4, verfaßt von Aug. Schroeder. (S. 795/6).
84 als Lehrer der von Wilhelm Liebknecht begründeten Arbeiter-Bildungsschule: Siehe die
Hinweise zu S. 42 und 65 (R. Luxemburg).
86 die Magd der Theologie: Der Ursprung des im Mittelalter häufig verwendeten Ausspru-
ches «philosophia ancilla theologiae» geht auf Petrus Damiani (1007- 1072) zurück. Sie-
he auch: Immanuel Kant (1724- 1804), «Der Streit der Fakultäten in drei Abschnitten»
(1798), in: «Sämtliche Werke», hg. v. G. Hartenstein, Leipzig 1868, Bd. VII, S. 344:
«Auch kann man allenfalls der theologischen Fakultät den stolzen Anspruch, daß die
philosophische ihre Magd sei, einräumen . . . » .
92 Klassenkampf: Siehe hierzu den ersten Satz des «Kommunistischen Manifestes»: «Die
Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen.»
96 das sogenannte Zentrum: Im Jahre 1870 aufgrund eines Aufrufes von Peter Reichensper-
ger wurde das «Zentrum» als katholische Partei gegründet und bildete die Opposition
gegen die kleindeutsch-preußische Reichsgründung. Nach 1914 gab sie sich den Namen
«Deutsche Zentrumspartei». Während des Ersten Weltkrieges verband sie sich unter
dem Einfluß Erzbergers mit den «Fortschrittlern» und Sozialdemokraten zur Reichs-
tagsmehrheit der Friedensresolution (1917).
101 in meinem demnächst erscheinenden Büchelchen: «Die Kernpunkte der sozialen Frage in
den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft» (1919), GA Bibl.-Nr. 23.
wer unbefangen hinblickt auf das Wirtschaßsieben: Siehe auch R. Steiner, «Nationalöko-
nomischer Kurs», GA Bibl.-Nr. 340. Zu Fragen der Währung siehe insbesondere den
14. Vortrag.
102 Was man geistig produziert: Werke aus geistiger Arbeit unterstanden damals einer
Schutzfrist von 30 Jahren, die inzwischen in den meisten Ländern, so auch in der
Schweiz, auf 50 Jahre, in Deutschland auf 70 Jahre verlängert wurde. Nach Ablauf die-
ser Frist geht das Recht der Erben auf die Allgemeinheit über, d. h. daß dann jedermann
das Recht hat, die betreffenden Werke nachzudrucken.
105 Diskussion: Die Voten der einzelnen Diskussionsredner sind nur bruchstückhaft erhal-
ten. Die Zusammenfassungen stammen von den Herausgebern.
107 auf einen Millionär zu warten: Anspielung auf den Sozialreformer Charles Fourier
(1772 - 1837), der in den letzten zehn Jahren seines Lebens täglich um die Mittagszeit zu
Hause blieb, um den großen unbekannten Gönner nicht zu verpassen, den er auf diese
Zeit bestellt hatte und der ihm die Millionen bringen sollte, mit der er die ersten «Pha-
lange» - die von ihm konzipierte Produktionsgenossenschaft - errichten wollte. Siehe
dazu Werner Hofmann, «Ideengeschichte der sozialen Bewegung des 19. und 20. Jahr-
hunderts», Sammlung Göschen 1962, S. 57.
116 Eine englische Enquete: Bericht der Children's Employment Commission von 1842.
Friedrich Engels hat sie in seinem epochemachenden Buch «Die Lage der arbeitenden
Klasse in England», 1845, gründlich ausgewertet.
118 Über Wilhelm Liebknecht und die Arbeiter-Bildungsschule: Siehe Hinweis zu S. 42.
auch innerhalb der politischen Partei: Kann nur heißen, innerhalb des Bildungswesens im
Rahmen der Partei, nicht bei politischen Aktionen der Partei. Rudolf Steiner wurde die
Weiterarbeit an der Arbeiter-Bildungsschule in dem Augenblick unmöglich gemacht,
als einige führende Parteifunktionäre bemerkten, daß er nicht in ihrem materialistisch-
marxistischen Sinne unterrichtete.
119 Karl Marx und die Theorie des Mehrwertes: Siehe Hinweis zu S. 21.
Ferdinand Lassalle, 1825- 1864; begründete 1863 in Leipzig den Allgemeinen Arbeiter-
verein. Als er unter Anklage gestellt wurde, die besitzlosen Klassen zu Haß und Verach-
tung der Besitzenden aufgewiegelt zu haben, hielt er vor dem Berliner Kriminalgericht
am 16. Januar 1863 seine viel beachtete Verteidigungsrede «Die Wissenschaft und die
Arbeiter». Dort sagte er u.a.: «Dies gerade ist die Größe der Bestimmung dieser Zeit,
auszuführen, was finstere Jahrhunderte nicht einmal zu denken für möglich gehalten
haben, die Wissenschaft an das Volk zu bringen!» Aus: «Ferdinand Lassalles Reden und
Schriften», Berlin 1893, S. 83. - Über Lassalle siehe auch die Biographie von Hermann
Oncken, 3. Auflg. 1923.
129 Tauben Ohren hat man gepredigt: Siehe den Hinweis zu S. 38.
131 in meinem Buche, das in ein paar Tagen erscheinen wird: Siehe Hinweis zu S. 101.
135 Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit: Innerhalb des dreigegliederten sozialen Organismus
ordnet Rudolf Steiner die Freiheit dem Geistesleben, die Gleichheit dem Rechtsleben
und die Brüderlichkeit dem Wirtschaftsleben zu. Siehe auch «Die Kernpunkte der sozia-
len Frage», GA Bibl.-Nr. 23, Ende des 2. Kapitels; «Neugestaltung des sozialen Organis-
mus», GA Bibl.-Nr. 330, 10. Vortrag.
137 daß er werden wird der Befreier alles Menschlichen: Siehe Hinweis zu S. 79.
138 Willy Handschin, Vorstandsmitglied der «Jungburschen», Mitglied der Ende 1918 in
Basel gegründeten «Altkommunistischen Partei», die den Klassenkampf und die Bewaff-
nung der Arbeiter befürwortete. Im März wurde er zusammen u. a. mit Fritz Platten
und Humbert-Droz in das Zentralkomitee der neu gegründeten Kommunistischen
Partei der Schweiz gewählt. Der Gründer des Jugendverbandes, dem Handschin ange-
hörte, war Jakob Herzog, den Lenin als echten revolutionären Typus hoch schätzte.
Siehe M. Bolliger, a.a.O., vor allem S. 70, 137f., 242, 283.
Herr Studer weist auf die Ideen von Freigeld und Freiland hin: Es handelt sich um die Frei-
wirtschaftslehre von Silvio Gesell (1862 - 1930), dargestellt in seinem Werk «Die natür-
liche Wirtschaftsordnung durch Freiland und Freigeld», 1916. - Otto Studer, von Beruf
Musiker, war Begründer und Leiter der Basler Gruppe des Schweizerischen Freiwirt-
schaftsbundes.
Hans Mühlestein, 1887- 1969; aus Biel stammend. Vielseitige und hochgebildete Persön-
lichkeit von unkonventioneller, durchaus selbständiger, zum Teil abenteuerlicher Le-
bensführung. Lyriker, Dramatiker, Gelehrter, Übersetzer von Renaissance-Dichtungen,
Verfasser wissenschaftlicher Werke über die verschiedensten Gebiete: Etrusker, Hod-
ler, Bauernkrieg, Religionsgeschichte («Die verhüllten Götter»), Atomphysik und alt-
griechische Philosophie. Als Sozialpolitiker immer auf der Seite der Verfolgten stehend.
1918 Deputierter der USPD Göttingen am Kongreß der Arbeiter- und Soldatenräte in
Berlin. Zeitweise der PdA nahestehend. Mühlestein weist wie Rudolf Steiner auf das
«Versanden» der deutschen Revolution hin. Siehe auch den Hinweis zu S. 128.
«Schweizerischer Bund für Reformen der Übergangszeit»: Dieser Bund wird von P.
Schmid-Ammann in seinem Buch über den Generalstreik im Zusammenhang mit der
verworrenen Lage nach dem Generalstreik erwähnt (S. 375).
139 Ein Herr kam dazumal: Es läßt sich nicht eindeutig feststellen, um welchen Vortrag in
Bern es sich handelt. In der Diskussion vom 11. März ist die Freiwirtschaft nicht er-
wähnt; nach dem Vortrag vom 17. März fand keine Diskussion statt. Möglicherweise
handelt es sich bei dem Besucher um Fritz Schwarz, der damals Geschäftsführer des
Schweizerischen Freiwirtschaftsbundes, mit Sitz in Bern, war und der als sachkundiger
Vertreter der Freiwirtschaftsidee in Bern galt.
140 Man muß erkennen: Hier mußte eine kurze Passage weggelassen werden, da der Manu-
skripttext keine eindeutige Textwiedergabe möglich machte.
142 «Von Seelenrätseln» (1917), GA Bibl.-Nr. 21. Die grundlegende Darstellung der Dreiglie-
derung des menschlichen Organismus gibt Rudolf Steiner im Kapitel «Die physischen
und die geistigen Abhängigkeiten der Menschenwesenheit». Taschenbuchausgabe TB
637.
C. H. Meray, «Weltmutation. Schöpfungsgesetze über Krieg und Frieden und die Geburt
einer neuen Zivilisation», Zürich 1918. Die Schriften von Schäffle und Meray werden
von Rudolf Steiner auch erwähnt in den «Kernpunkten der sozialen Frage», a.a.O.,
2. Kapitel, und in den Vorträgen «Die soziale Frage», GA Bibl.-Nr. 328, S. 27 u. 118.
145 Soziales Wollen und proletarische Forderungen: Öffentlicher Vortrag, gehalten am 9.
April 1919 im großen Hörsaal des Bernoullianums in Basel. Veranstalter war der Basler
Studentenbund. - Am 25. Februar 1919 hatte Rudolf Steiner vor der Zürcher Studen-
tenschaft über «Das soziale Wollen als Grundlage einer neuen Wissenschaftsordnung»
gesprochen. Siehe den Band «Die soziale Frage», GA Bibl.-Nr. 328.
148 Einen solchen Zeitpunkt glaubt Marx herannahen zu sehen: «Seit Dezennien ist die Ge-
schichte der Industrie und des Handels nur die Geschichte der Empörung der modernen
Produktivkräfte gegen die modernen Produktionsverhältnisse . . . Aber die Bourgeoisie
hat nicht nur die Waffen geschmiedet, die ihr den Tod bringen; sie hat auch die Männer
gezeugt, die diese Waffen führen werden - die modernen Arbeiter, die Proletarier . . .
Mit der Entwicklung der großen Industrie wird also unter den Füßen der Bourgeoisie
die Grundlage selbst weggezogen, worauf sie produziert und die Produkte sich aneignet.
Sie produziert vor allem ihre eigenen Totengräber. Ihr Untergang und der Sieg des Pro-
letariats sind gleich unvermeidlich.» (Kommunistisches Manifest)
155 die beiden Hauptpunkte dieses sozialdemokratischen Ideales: 1863 gründete Lassalle den
«Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein», der als «sittliche Pflicht» des Staates die Bre-
chung des ehernen Lohngesetzes durch staatlich unterstützte Produktionsgenossen-
schaften forderte. 1868 gründeten die Marxisten August Bebel und Wilhelm Liebknecht
die «Sozialistische Deutsche Arbeiterpartei». 1875 vereinigten sich die beiden Richtun-
gen in Gotha zur «Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands». Das Gothaer Pro-
gramm enthielt die beiden ersten von Rudolf Steiner genannten Hauptpunkte. Es erreg-
te den Zorn von Karl Marx, weil es nicht mit seiner materialistischen Auffassung über-
einstimmte (vgl. Karl Marx, «Kritik des Gothaer Programms 1875»). Nach diesem Pro-
gramm «erstrebt» die Partei «den freien Staat und die sozialistische Gesellschaft.. .
Abschaffung des Systems der Lohnarbeit, die Aufhebung der Ausbeutung in jeder Ge-
stalt, die Beseitigung aller sozialen und politischen Ungleichheit». 1881, nach dem Er-
lebnis der Bismarckschen Sozialistengesetze, arbeitete Kautsky ein neues, rein marxisti-
sches Programm aus, das in Erfurt angenommen wurde und in dem die beiden späteren,
von Rudolf Steiner genannten Forderungen stehen: «Nur die Verwandlung des kapitali-
stischen Privateigentums an Produktionsmitteln - Grund und Boden, Gruben und
Bergwerke, Rohstoffe, Werkzeuge, Maschinen, Verkehrsmittel - in gesellschaftliches
Eigentum und die Umwandlung der Warenproduktion in sozialistische, für und durch
die Gesellschaft betriebene Produktion kann es bewirken, daß der Großbetrieb und die
stets wachsende Ertragsfähigkeit der gesellschaftlichen Arbeit für die bisher ausgebeute-
ten Klassen aus einer Quelle des Elends und der Unterdrückung zu einer Quelle der
höchsten Wohlfahrt und allseitiger harmonischer Vervollkommnung werde.» Siehe
auch Rudolf Steiners Äußerungen über die sozialistischen Programme in «Neugestal-
tung des sozialen Organismus», GA Bibl.-Nr. 330, S. 110f.; siehe auch Horst Seefeld
«Programme der deutschen Sozialdemokratie», Bonn 1963, und Eduard von der Hellen,
«Das rote Programm», 1892.
160 Vorsitzender der «Goethe-Gesellschaft»: Georg Kreuzwendedich Freiherr von Rheinbaben
1855- 1921; preußischer Finanzminister 1901 - 1909, Präsident der Goethe-Gesellschaft
1913- 1921. Siehe auch Rudolf Steiner «Geschichtliche Symptomatologie», GA Bibl.-
Nr. 185, S. 129. - Rudolf Steiner ist in den Goethejahrbüchern von 1892 - 1898 als in
Weimar ansäßiges Mitglied der Goethe-Gesellschaft aufgeführt.
161 Oscar Hertwig, 1849- 1922. Sein Buch über das soziale Leben: «Zur Abwehr des ethi-
schen, des sozialen, des politischen Darwinismus», Jena 1918. Die Unfruchtbarkeit
naturwissenschaftlicher Denkweise für das soziale Leben erweist sich z. B. in folgenden
Sätzen:
«In der Reihe der verschiedenen Organisationsstufen des Stoffes ist eine jede mit den
ihr eigenen Wirkungsweisen ausgestattet. Diese sind einfacher beim chemischen Atom
und Molekül, entsprechend ihrer Stellung in der Stufenreihe, und lassen sich daher mit
den Methoden der Naturforschung genauer bestimmen und in feste Regeln und Gesetze
einordnen. Auf jeder höheren Stufe aber gewinnen sie zusehends an Komplikation, bis
sie endlich in ihrer ungeheuren Mannigfaltigkeit kaum noch zu übersehen, geschweige
denn in irgendeiner festen Formel auszudrücken sind. Kaum läßt sich dann vorausbe-
rechnen, mit welcher Wirkungsweise der Mensch oder gar die menschliche Gesellschaft
auf irgendeine Veränderung ihrer Umgebung, auf einen Eingriff von außen, reagieren
werden.» -
Dann stellt er die verschiedensten Arten von «Kräften» in eine Linie:
«. . . wenn man von Atom-, von Molekular- und Zellkräften, von chemischer und ve-
getativer Affinität, von den Kräften der Pflanzen und Tiere, von geistigen und sittlichen
Kräften des Menschen, von der Kraft eines Staates usw. spricht. . . wir können, wie
schon früher nachgewiesen wurde, nur nach den Wirkungen forschen, die den verschie-
denen Organisationsstufen eigen sind; wir können versuchen, dieselben unter allgemei-
ne Regeln zu bringen und ihre Entstehung uns aus der Organisation des Stoffes und sei-
nen Beziehungen zur Umwelt, also aus den gegebenen Systembedingungen, verständ-
lich zu machen. Von diesem Standpunkt aus ordnet sich der Mensch mit seiner Ge-
schichte und Kultur, mit seinen in ihr sich offenbarenden sittlichen und geistigen Kräf-
ten in das System der Natur ebenso vollständig und restlos ein, wie jedes andere Natur-
objekt und kann zum Gegenstand der Naturforschung gemacht werden. Wenn ich nach
diesen Vorbemerkungen wieder auf unser Thema zurückkomme, dann läßt sich ohne
mißverstanden zu werden, sagen, daß Handlungen, in denen wir den Ausdruck sittli-
cher Mächte erblicken, ihren Ursprung in dem Gemeinschaftsleben von Tieren finden,
die auch in geistiger Hinsicht schon höher ausgebildet sind. Sie entstehen allmählich
und in demselben Maße, als zwischen den ursprünglich vereinzelten und nur für sich
bedachten Individuen ein gewisses Gefühl der Zusammengehörigkeit und Verwandt-
schaft lebendig wird. . . . (Es) entwickeln sich in der Klasse der Insekten schon Tierstaa-
ten in verschiedenen Formen der Ausbildung. Auch läßt ihr Studium bei den sozialen
Insekten, bei Bienen, Ameisen, Termiten mancherlei Vergleichspunkte mit menschli-
chen Verhältnissen gewinnen. Bei dieser Auffassung sind auch die ungeheuren Unter-
schiede, die zwischen der Menschheit mit ihrer geistigen und sittlichen Welt auf der
einen Seite und dem Tierreich auf der anderen Seite bestehen, keine prinzipiellen, son-
dern nur solche des Grades.» (S. 35-37)
162 Heinrich Friedjung, 1851- 1920; Historiker und politischer Schriftsteller. U.a. begrün-
dete er die «Deutsche Wochenschrift», die Rudolf Steiner von Januar bis Juli 1888 redi-
gierte. Siehe hierzu Rudolf Steiner, «Mein Lebensgang», GA Bibl.-Nr. 28, Kap. VIII. -
Heinrich Friedjung hatte im Jahre 1909 Abgeordnete des kroatischen Landtages «in
aufsehenerregenden Zeitungsartikeln hochverräterischen Einverständnisses mit den
Führern der großserbischen Bewegung jenseits der Grenzen beschuldigt. Die Kläger
konnten vor Gericht nachweisen, daß die Beschuldigungen Friedjungs auf gefälschten
Dokumenten beruhten, die diesem vom Außenministerium in Wien zur Verfügung
gestellt worden waren. Friedjung, der sich durch seine kritiklose Verwendung gefälsch-
ten Materials bloßgestellt hatte, mußte den Rückzug antreten». Siehe R. von Salis
«Weltgeschichte der neuesten Zeit», 2. Band, S. 350.
163 Graf mit den zwei Hosentaschen: Ließ sich nicht ermitteln.
170 ein volkswirtschaftliches Prinzip: Gemeint ist hier das von Rudolf Steiner in einem Auf-
satz aufgestellte «Soziale Hauptgesetz». Hier sein Wortlaut: «Das Heil einer Gesamtheit
von zusammenarbeitenden Menschen ist umso größer, je weniger der einzelne die Er-
trägnisse seiner Leistungen für sich beansprucht, das heißt, je mehr er von diesen Er-
trägnissen an seine Mitmenschen abgibt und je mehr seine eigenen Bedürfnisse nicht aus
seinen Leistungen, sondern aus den Leistungen der anderen befriedigt werden.» Aus
«Geisteswissenschaft und soziale Frage», 1905/06 in «Luzifer-Gnosis. Gesammelte Auf-
sätze 1903-1908», GA Bibl.-Nr. 34, S. 191 ff.; auch als Einzelausgabe, Dornach 1977.
171 «Die Kernpunkte der sozialen Frage» (1919), GA Bibl.-Nr. 23; Schneiderbeispiel siehe
5. 133f.; vgl. auch «Nationalökonomischer Kurs», GA Bibl.-Nr. 340, S. 44-46, 47f.,
5 1 - 5 3 , 66; ferner «Nationalökonomisches Seminar», GA Bibl.-Nr. 341, S. 42-45, 48.
173 Auch das wird weiter ausgeführt werden: Siehe «Die Kernpunkte der sozialen Frage», GA
Bibl.-Nr. 23, III. Kap. «Kapitalismus und soziale Ideen».
176 Kurt Eisner, 1867- 1919; Sozialistischer Politiker, Journalist, Schriftsteller; gehörte der
extremen «Unabhängigen Sozialistischen Partei» an und war als Kriegsgegner im Ge-
fängnis. Am 8. November 1918 rief er in München die Republik Bayern aus und trat an
die Spitze der Regierung. Am 21, Februar 1919 wurde er auf dem Weg zur Eröffnung
des Landtages vom Grafen Arco erschossen. Rudolf Steiner sprach mit ihm über Fragen
der Kriegsschuld während der internationalen Sozialistenkonferenz in Bern vom 3. - 10.
Februar 1919, an der Eisner als bayrischer Ministerpräsident teilgenommen hatte. Sein
Vortrag «Der Sozialismus und die Jugend» fand statt am 10. Februar 1919 auf Einladung
der Basler Studentenschaft. Das Gespräch mit Kurt Eisner ist vermittelt durch Hans
Kühn, siehe sein Buch «Dreigliederungszeit», Dornach 1978, S. 33 f. Siehe auch Rudolf
Steiner «Die soziale Grundforderung unserer Zeit. In geänderter Zeitlage», GA Bibl.-
Nr. 186, 1. Vortrag; ferner «Die soziale Frage als Bewußtseinsfrage», GA Bibl.-Nr. 189,
6. Vortrag (ausführlich). Siehe auch Schriftenreihe «Beiträge zur Rudolf Steiner Gesamt-
ausgabe», vormals «Nachrichten der Rudolf Steiner-Nachlaß Verwaltung», Nr. 24/25,
Sonderheft «50 Jahre «Die Kernpunkte der sozialen Frage» April 1919-April 1969»,
S. 14, 16, 23 ff. - Wenn auch Rudolf Steiner vor jenem Treffen im Jahre 1919 nie per-
sönlich Kurt Eisner begegnet war, so gab es doch einige Berührungspunkte zwischen
ihnen. So hat Rudolf Steiner im «Literarischen Merkur», XIII. Jg. Nr. 4, 1893 Eisners
Schrift «Psychopathia spiritualis. Friedrich Nietzsche und die Apostel der Zukunft»
besprochen. Siehe «Gesammelte Aufsätze zur Kultur- und Zeitgeschichte 1887- 1901»,
G A Bibl.-Nr. 31, S. 467 ff.; am 3. Dezember 1893 bat Steiner in einem Brief Kurt Eisner,
er möge sich «öffentlich» über die «Philosophie der Freiheit», die er durch den Verleger
Emil Felber an Eisner senden ließ, «aussprechen». O b Eisner dieser Bitte nachgekom-
men ist, ließ sich bisher nicht feststellen. Von einer «persönlichen Einwirkung» Rudolf
Steiners auf Kurt Eisner sprechen die Herausgeber des Buches «Kurt Eisner. Die Halbe
Macht den Raten», Renate und Gerhard Schmölze (Köln 1969, S. 7). In dem gleichen
Buch {S. 29) ist auch zu lesen, daß Eisner die Anstellung Steiners an der Berliner Arbei-
terbildungsschule vermittelt habe. Ähnliches schreibt auch Alwin A. Rudolph in seinen
«Erinnerungen an Rudolf Steiner und seine Wirksamkeit an der Arbeiterbildungsschule
1899-1904», Basel 1979, S. 40.
177 Diskussion: Von ihr liegt keine Mitschrift vor. Das Schlußwort sprach Rudolf Steiner
auf Bitten des Veranstalters. In späteren Vorträgen erwähnt Rudolf Steiner die Äuße-
rung eines Herrn in dieser Diskussion, der erklärte, es könne nichts besser werden,
bevor nicht Lenin Weltherrscher geworden sei. Siehe «Die Erziehungsfrage als soziale
Frage», GA Bibl.-Nr. 296, S. 32 f., und «Soziale Zukunft», GA Bibl.-Nr. 332, S. 66.
179 wirkliche Irrtümer: Hier weist das Stenogramm einige Unstimmigkeiten auf, daher
wurde der Manuskriptwortlaut nicht in den laufenden Text aufgenommen. Die Steno-
grammübertragung ergibt folgenden Wortlaut:
«so haben wir methodische Erkenntnisse, Theoretisches drinnen, wirkliche Irrtü-
mer, wie gesagt, in diesem Kreise darf ich schon auf so etwas aufmerksam machen. Sie
können in jedem Physikbuch definiert finden zum Beispiel: Undurchdringlichkeit ist
die Eigenschaft des Körpers, so daß am selben Ort und in derselben Zeit nur ein und
nicht zwei Körper sein können. - Es ist eine Definition, die durch nichts gerechtfertigt
ist, die nur aus der Luft heraus geholt ist. Erkenntnistheoretisch richtig gedacht, müßte
es heißen: Einen physischen Körper nennt man denjenigen, an dessen Stelle zu gleicher
Zeit, wenn er sich an der Stelle befindet, nicht ein zweiter sein kann. Es gibt überhaupt
nur Postulate für das Begriffsvermögen in diesen Definitionen. Heute fordert man nur
Definitionen. In Wirklichkeit gibt es nur Postulate, gibt es nur Charakteristiken im
Begriffsvermögen. Das Begriffsvermögen als solches darf überhaupt nicht irgendwie
tonangebend sein. Dieses wird weniger bemerkt im naturwissenschaftlichen Denken, es
ist aber fundamentale Irrtümer legend auf dem Gebiete des sozialen Denkens . . .»
Neulich hat mir ein Zuhörer in Basel erwidert: Siehe Hinweis zu S. 138; Hans Mühlestein.
187 Die geisteswissenschaftliche Grundlage der sozialen Frage: Öffentlicher Vortrag in Bern
am 14. Oktober 1919, veranstaltet vom Schweizerischen Bund für Dreigliederung des
sozialen Organismus und dem Berner Zweig der Anthroposophischen Gesellschaft,
eröffnet durch Roman Boos.
«Soziale Zukunft»: Vom «Schweizerischen Bund für Dreigliederung des sozialen Orga-
nismus» herausgegebene und von Roman Boos redigierte Zeitschrift, 1919-^1921. Siehe
«Das literarische Werk von Roman Boos. Bibliographie und biographische Notiz»,
Basel 1973, S. 39 f.
190 Ich mußte im Frühling 1914 in Wien es aussprechen: Siehe Hinweis zu S. 14 «das sich nur
bezeichnen läßt . . .».
Über das Scheitern des Marxismus in Rußland, das Scheitern der ungarischen Revolution
und das Versanden der deutschen Revolution: Siehe R. von Salis, «Weltgeschichte der
neuesten Zeit», 3. Band, S. 88ff., 24ff., 151 ff.
205 Francois Marie Charles Fourier, 1772- 1837; arbeitete ein soziales System aus, in dem
durch die Produktivassoziation Landwirtschaft und Industrie verbunden und jeder
Zwischenhandel ausgeschaltet werden sollte. Die erdachten Produktivgenossenschaften
nannte er «Phalange». Siehe auch Hinweis zu S. 107.
208 Wir haben versucht.,. durch unseren Freund Emil Molt... eine Schule zu gründen: Ge-
meint ist die erste Freie Waldorfschule in Stuttgart, die als einheitliche Volks- und
höhere Schule von Emil Molt, Direktor der Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik, und
Rudolf Steiner, der die Leitung bis zu seinem Tod im März 1925 innehatte, im Jahre
1919 gegründet wurde. Auf der Grundlage der von Steiner entwickelten Menschenkun-
de und Erziehungskunst arbeiten heute über 200 Schulen in Europa und Übersee. -
Siehe Rudolf Steiners Vorträge über Erziehungskunst, innerhalb der Gesamtausgabe in
den Bänden Bibl.-Nrn. 293-311. Siehe auch Emil Molt «Entwurf meiner Lebensbe-
schreibung», Stuttgart 1972. - Die Gründung der Schule war zugleich ein erster Schritt
zur Loslösung des Schulwesens vom Staate im Sinne des Dreigliederungsgedankens.
Siehe hierzu auch Walter Kugler, «Selbstverwaltung als Gestaltungsprinzip eines zu-
kunftsorientierten Schulwesens, dargestellt am Beispiel der Freien Waldorfschulen»,
Stuttgart 1981.
Dann aber sieht man, daß man die Verordnungen in die Hand bekommt: Bezieht sich
wohl darauf, daß die Erziehungsbehörden der Waldorfschule Verpflichtungen auferleg-
ten, im dritten, sechsten, achten Schuljahr jeweils die «Lehrziele» der Staatsschule er-
reicht zu haben. Dazu sagte Rudolf Steiner in einer Ansprache vom 20. August 1919:
«Schlechte Lehrziele, schlechte Abschlußziele werden uns vom Staat vorgeschrieben.
Diese Ziele sind die denkbar schlechtesten, und man bildet sich das denkbar Höchste
auf sie ein. Die Politik . . . von jetzt wird sich dadurch äußern, daß sie den Menschen
schablonenhaft behandeln wird, daß sie viel weitergehend als jemals versuchen wird,
den Menschen in Schablonen einzuspannen. Man wird den Menschen behandeln wie
einen Gegenstand, der an Drähten gezogen werden muß und wird sich einbilden, daß
das einen denkbar größten Fortschritt bedeutet. Man wird unsachgemäß und möglichst
hochmütig solche Dinge einrichten, wie es Erziehungsanstalten sind. Ein Beispiel und
Vorgeschmack davon ist die Konstruktion der russischen bolschewistischen Schulen,
die eine wahre Begräbnisstätte sind für alles wirkliche Unterrichtswesen. Wir werden
einem harten Kampf entgegengehen und doch diese Kulturtat tun.» Aus: Rudolf Steiner
«Konferenzen mit der Lehrern der Freien Waldorfschule in Stuttgart», G A Bibl.-Nr.
300/1, S. 61 f.; zu den Vorschriften der Erziehungsbehörden siehe im gleichen Band
S. 26 ff.
214 Lenin und Trotzki: Maßgebende Führer der russischen sozialistischen Bewegung. Siehe
auch den Hinweis zu S. 44.
216 Heute hören Sie von sozialistischer Seite immer wieder: Gemeint ist offenbar die u. a. von
Lenin vertretene marxistische Utopie, nach welcher der Mensch durch soziale Struktu-
ren erzogen werden soll. Der Rat der Volksbeauftragten hatte im Dezember 1918 eine
«Sozialisierungskommission» eingesetzt, an deren Spitze Karl Kautsky stand. Als Ant-
wort darauf verfaßte Rudolf Steiner unter dem Titel «Vorschläge zur Sozialisierung.
Leitsätze für die Dreigliederungsarbeit» und etwas später das Flugblatt «Der Weg des
dreigliedrigen sozialen Organismus», das der weiteren Dreigliederungsarbeit zugrunde
gelegt wurde. Am 6. März 1919 erließ die Nationalversammlung ein Gesetz, das die
Arbeitskraft als höchsten wirtschaftlichen Wert unter den Schutz des Reiches stellte
und Bestimmungen über die «Vergesellschaftung» geeigneter Betriebe enthielt. Im Juli
mußte der Bund für Dreigliederung in einer Erklärung gegen den Mißbrauch der Be-
triebsräteidee von seiten der Linksradikalen Stellung nehmen. Siehe Rudolf Steiner,
«Aufsätze über die Dreigliederung und zur Zeitlage. 1915-1921», GA Bibl.-Nr. 24,
S. 424 ff. - Die Einführung von Arbeiterbetriebsräten und die Sozialisierung «dazu
geeigneter Betriebe» wurde schließlich in die neue Reichsverfassung aufgenommen.
222 erschien in einer Zeitschrift eine lange Besprechung dieser Dreigliederung: Gemeint ist der
Aufsatz «Die Dreigliederung des sozialen Körpers» von Prof. Philipp von Heck in der
Zeitschrift «Die Tribüne», Nr. 1, Juli 1919. Eine Erwiderung Rudolf Steiners erschien
in der selben Zeitschrift in den Heften 3/4 und 5/6; abgedruckt innerhalb der Rudolf
Steiner Gesamtausgabe in dem Band «Aufsätze zur Dreigliederung des sozialen Organis-
mus und zur Zeitlage 1915-1921», GA Bibl.-Nr. 24, S. 444ff.
225 Bosnien- und Herzegowina-Sache: Im Jahre 1878 wurden die bisher türkischen Provinzen
Bosnien und Herzegowina gemäß Art. 25 des Berliner Kongreßvertrages von Öster-
reich-Ungarn besetzt und in Verwaltung genommen. Seitdem strebte die Monarchie
danach, die Okkupation in eine Annexion zu verwandeln. Nach Vereinbarung mit dem
russischen Außenminister, dem der österreichisch-ungarische Außenminister Alois
Freiherr von Aehrenthal dafür eine Zustimmung zur Öffnung der Dardanellen für rus-
sische Kriegsschiffe versprach, erklärte 1908 Österreich-Ungarn die Annexion von Bos-
nien und der Herzegowina, die ein Schritt zur Verwirklichung des Trialismus - d. h. der
Einigung der Südslawen unter der Herrschaft der Donaumonarchie - sein soll.
232 «Die Neue Freiheit. Ein Aufruf zur Befreiung der edlen Kräfte eines Volkes», München
1914. Der Vergleich der sozialen Kritik Wilsons mit derjenigen Lenins und Trotzkis
wird von Rudolf Steiner ausführlich behandelt in «Soziale Zukunft», GA Bibl.-Nr. 332,
S. 17-20. - Nachfolgend einige Passagen aus Wilsons «Die Neue Freiheit», die der bol-
schewistischen Kritik entsprechen (S. 86, 144, 179):
«Die Hände, die sich ausstrecken, um unsere Wälder mit Beschlag zu belegen, die die
Ausnutzung unserer großen kraftspendenden Flüsse verhindern oder für sich reservie-
ren, die Hände, die sich zum Herzen der Erde ausstrecken, um jene gewaltigen Reich-
tümer zu packen, die in Alaska oder in anderen Gebieten unserer unvergleichlichen
Staaten verborgen liegen, - es ist überall die Faust des Monopols. Sollen diese Männer
auch fürderhin an der Schulter der Regierung stehen und uns raten, wie wir uns schüt-
zen sollen - vor ihnen schützen?.. . Bin ich nicht tüchtig genug, meine Konkurrenten
zu schlagen, dann werde ich dazu neigen, mich mit ihnen zu verständigen. < Laßt uns
einander nicht die Kehlen abschneiden; schließen wir uns zusammen. Wir setzen die
Produktion fest, bestimmen damit die Preise: und wir beherrschen und bestimmen da-
mit den Markt.> Das ist durchaus natürlich. Das geschah immer, seitdem es Freibeuterei
gab. Das geschah stets, seitdem Macht dazu benutzt wurde, eine Vorherrschaft aufzu-
richten . . .
Es gibt in den Vereinigten Staaten kaum einen Landesteil, der nicht wüßte, daß Son-
derinteressen und Sonderabsichten die Regierung führen. Das geschah durch das Wal-
ten jener interessanten Leute, die wir in der Politik < Bosses > nennen. Ein Boß ist weni-
ger Politiker als ein politischer Geschäftsagent für Sonderinteressen. Ein Boß gehört zu
keiner Partei, er steht hoch über den Parteien. Er hat seine Abmachung mit dem Boß
der anderen Partei, so daß, ob nun Kopf oder Schwanz, stets wir es sind, die verlieren
müssen. Aus den gleichen Quellen beziehen die beiden Bosses ihre Einnahmen, und sie
verwenden die Beiträge für die gleichen Zwecke. Es sind Leute, die die einflußreiche
Stelle, auf der sie stehen, durch geheime Machenschaften erlangten; Leute, die nie ge-
wählt wurden, die das Volk nicht zum Regieren bestimmte und die weit mächtiger sind,
als sie es wären, wenn man sie gewählt oder berufen hatte.»
234 Er sagt zum Beispiel: Wortlaut von Wilsons Definition der Freiheit, a.a.O., S. 218:
«Was ist Freiheit? Man sagt von einer Lokomotive, daß sie frei laufe. Was meint man
damit? Man will sagen, die einzelnen Bestandteile seien so zusammengesetzt und inein-
ander gepaßt, daß die Reibung auf ein Minimum beschränkt wird. Man sagt von einem
Schiff, das leicht die Wellen durchschneidet: wie frei läuft es, und meint damit, daß es
der Stärke des Windes vollkommen angepaßt ist. Richte es gegen den Wind, und es wird
halten und schwanken, alle Planken und der ganze Rumpf werden erzittern, und sofort
ist es < gefesselt). Es wird nur dann frei, wenn man es wieder abfallen läßt und die weise
Anpassung an die Gewalten, denen es gehorchen muß, wiederhergestellt hat. Die Frei-
heit des Menschen besteht in dem richtigen Ineinandergreifen der menschlichen Interes-
sen, des Handels und der Kräfte. Die notwendigen Beziehungen zwischen den einzel-
nen, zwischen ihnen und den ganzen menschlichen Einrichtungen, unter denen sie le-
ben, ferner zwischen diesen Einrichtungen und der Regierung sind heute viel kompli-
zierter als je zuvor. Es mag ermüdend und umständlich sein, über diese Dinge zu reden,
aber es ist doch wohl der Mühe wert, uns darüber klar zu werden, wodurch denn ei-
gentlich die ganze jetzige Verwirrung veranlaßt ist. Das Leben ist komplizierter gewor-
den, es setzt sich aus viel mehr Elementen und Teilen zusammen als früher. Und darum
ist es schwieriger, alles in Ordnung zu halten und herauszufinden, woran es liegt, wenn
die Maschine nicht mehr läuft.»
240 Calvin Thomas, Professor of Germanic Languages and Literatures an der Universität
von Michigan. Siehe auch Rudolf Steiner, «Geschichtliche Symptomatologie», GA
Bibl.-Nr. 185, Dornach 1982, S. 128.
243 eines der Hauptbücher: «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» (1904),
GA Bibl.-Nr. 10; Taschenbuchausgabe TB 600.
246 Durch viele Jahrhunderte haben gewisse soziale Mächte darüber gewacht: Gemeint sind hier
die Konzilien der römisch-katholischen Kirche, insbesondere das achte Ökumenische
Konzil von Konstantinopel. In den «Canones contra Photium» wird in diesem gegen
den Patriarchen Photius veranstalteten Konzil unter Can. 11 festgelegt, daß der Mensch
nicht «zwei Seelen», sondern «unam animam rationabilem et intellectualem» habe.
247 «Von Seelenrätseln» (1917), GA Bibl.-Nr. 21. Siehe den Hinweis zu S. 142.
248 Tabes dorsalis: Rückenmarksschwindsucht.
249 Revolutionen in Rußland, Ungarn, Deutschland: Siehe Hinweis zu S. 190.
251 Saint-Simon, Fourier, Louis Blanc: Siehe Hinweis zu S. 148.
252 Rabindranath Tagore, 1861-1941. Indischer Dichter, Philosoph und Pädagoge. Mit
seinem Werk «Gitanjali», einer englischen Prosafassung einer Auswahl seiner religiösen
Lyrik, wurde er international bekannt. 1913 erhielt er für dieses Werk den Nobelpreis
für Literatur. Seine Kritik an der modernen westlichen Kultur erscheint vor allem in
dem Buch «Nationalismus», deutsch 1918. Einige Sätze aus diesem Werk (S. 22f., 35 u.
42): Die «Geschichte ist in ein Stadium gekommen, wo der sittliche Mensch, der ganze
Mensch, fast ohne es zu wissen, immer mehr und mehr dem politischen Menschen und
dem Geschäftsmenschen, dem Menschen des begrenzten Ziels, Platz macht. Dieser Vor-
gang, der unterstützt wird durch die erstaunlichen Fortschritte der Naturwissenschaft,
wird immer riesiger und gewaltiger und bringt den Menschen aus seinem sittlichen
Gleichgewicht, indem er die menschliche Seite seines Wesens durch seelenlose Organi-
sation überwiegen l ä ß t . . . Dieser beständige, ungeheure mechanische Druck des Leb-
losen auf das Lebendige ist es, worunter die heutige Welt stöhnt. Nicht nur die unter-
worfenen Rassen, sondern ihr selbst, die ihr glaubt frei zu sein, opfert täglich eure Frei-
heit und Menschheit dem Götzen Nationalismus und lebt in der dumpfen, vergifteten
Atmosphäre von Mißtrauen, Gier und Angst, die sich über die ganze Welt erstreckt. . .
Aber dürft ihr sagen, daß nicht die Seele, sondern die Maschine das Wertvollste für uns
ist und daß das Heil des Menschen davon abhängt, daß er es in der Kunst, sich dem
Rhythmus des toten Räderwerks anzupassen, zur Vollkommenheit bringt?»
258 Urpflanze: Brief Goethes, Palermo, 17. April 1787: «Im Angesicht so vielerlei neuen
und erneuten Gebildes (Pflanzen im < Giardino Publico>, Palermo) fiel mir die alte Gril-
le wieder ein, ob ich nicht unter dieser Schar die Urpflanze entdecken könnte. Eine
solche muß es denn doch geben! Woran würde ich sonst erkennen, daß dieses oder
jenes Gebilde eine Pflanze sei, wenn sie nicht alle nach einem Muster gebildet wären ?» -
Italienische Reise, Kap. Sizilien.
Er sagte und schrieb über diese Urpflanze: Goethe an Herder, Neapel, 17. Mai 1787: «Fer-
ner muß ich Dir vertrauen, daß ich dem Geheimnis der Pflanzenzeugung und -Organi-
sation ganz nahe bin und daß es das Einfachste ist, was nur gedacht werden kann . . .
Die Urpflanze wird das wunderlichste Geschöpf von der Welt, um welches mich die
Natur selbst beneiden soll. Mit diesem Modell und dem Schlüssel dazu kann man alsdann
noch Pflanzen ins Unendliche erfinden, die konsequent sein müssen, das heißt: die
wenn sie auch nicht existieren, doch existieren könnten und nicht etwa malerische oder
dichterische Schatten und Scheine sind, sondern eine innerliche Wahrheit und Not-
wendigkeit haben. Dasselbe Gesetz wird sich auf alles Lebendige anwenden lassen.» -
Italienische Reise, Zweiter Aufenthalt in Rom, Juli.
Monopole für die Erkenntnis der Seele und des Geistes: Paulus unterschied zwischen dem
«psychischen» (seelischen) und dem «pneumatischen» (geistigen) Menschen. Das achte
ökumenische Konzil (von der Ostkirche nicht anerkannt) in Konstantinopel von 869
erklärte, daß der Mensch nicht zwei Seelen, sondern «eine vernunftbegabte und geistige
Seele» habe. Dazu sagte der von Rudolf Steiner sehr geschätzte katholische Philosoph
Otto Willmann in seinem dreibändigen Werk «Geschichte des Idealismus», 1. Auflage
Braunschweig 1894, im § 54, Der christliche Idealismus als Vollendung des antiken
(Band II, Seite 111): «Der Mißbrauch, den die Gnostiker mit der paulinischen Unter-
scheidung des pneumatischen und des psychischen Menschen trieben, indem sie jenen
als den Ausdruck ihrer Vollkommenheit ausgaben, diesen als den Vertreter der im Ge-
setze der Kirche befangenen Christen erklärten, bestimmte die Kirche zur ausdrückli-
chen Verwerfung der Trichotomie.» - Diese mit geistigen Fähigkeiten begabte Seele gilt
in der Scholastik als «forma corporis» (formgebende Kraft des Körpers). Von hier ist es
nur ein Schritt bis zur modernen naturwissenschaftlichen Auffassung, daß die Seele nur
eine Funktion des Körpers sei. Gleichzeitig mit der Ablehnung des eigenständigen
menschlichen Geistes übernahm die Kirche das Monopol des Lehramtes und legte die
zu glaubenden Dogmen fest. Die folgenden Konzilien, vor allem dasjenige von Trient
(1547-63) bestätigten das kirchliche Monopol. Verfolgt wurden am konsequentesten
alle Lehren, die dem Menschen einen selbständigen Geist zusprachen (Katharer, Bogu-
milen). Noch der Jesuit Zimmermann sagt in seinen Artikeln gegen Rudolf Steiner
(Stimmen der Zeit, 1918, S. 561): «Das Bewußtsein der Menschen in Vergangenheit und
Gegenwart sagt durchgehends, daß sie keine unmittelbare Geistesschau haben . . . Wir
haben kein leibfreies Denken. Leib und Seele sind zu einer Natureinheit verbunden; der
Geist in uns bedarf, obwohl innerlich unabhängig vom Leibe, doch als einer inneren
Wirkensbedingung des leiblichen Lebens und der Organe, einiger insbesondere. Eine
Psychologie, die diese erfahrungsmäßigen Überzeugungen des Menschengeschlechtes
Lügen strafen will, verdient von vornherein Mißtrauen.» - In seinem dritten Artikel
erklärt Zimmermann, «daß die Kirche ein solches Bearbeiten der menschlichen Seele,
um Wege in die geistige Welt zu finden, verbiete». (Formulierung von Rudolf Steiner in
«Die soziale Grundforderung unserer Zeit - In geänderter Zeitlage», GA Bibl.-Nr. 186,
Vortrag vom 21. Dezember 1918)
261 Solch ein Geist wie Goethe: Siehe Rudolf Steiner «Goethes Weltanschauung» (1897), GA
Bibl.-Nr. 6; Taschenbuchausgabe TB 625; siehe auch Rudolf Steiner, «Goethe-Studien.
Schriften und Aufsätze aus den Jahren 1884- 1901», Dornach 1982, TB 634.
263 «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten» (1904), GA Bibl.-Nr. 10; Taschen-
buchausgabe TB 600.
267 Gotthold Ephraim Lessing, 1729-1781; siehe «Die Erziehung des Menschengeschlech-
tes», Berlin 1780. Die entscheidende Frage wird in § 94 gestellt: « . . . Aber warum könn-
te jeder einzelne Mensch nicht mehr als einmal auf dieser Welt vorhanden gewesen
sein?» - § 96 «Warum könnte auch ich nicht hier bereits einmal alle die Schritte zu mei-
ner Vervollkommnung getan haben, welche bloß zeitliche Strafen und Belohnungen
den Menschen bringen können?» - § 97 «Und warum nicht ein andermal alle die, wel-
che zu tun uns die Aussichten in ewige Belohnungen so mächtig helfen?» - § 98 «Wa-
rum sollte ich nicht so oft wiederkommen, als ich neue Kenntnisse, neue Fertigkeiten
zu erlangen geschickt bin? Bringe ich auf einmal so viel weg, daß es der Mühe wiederzu-
kommen etwa nicht lohnet?» - Der letzte Satz (in § 100) lautet: «. . . Und was habe ich
denn zu versäumen? Ist nicht die ganze Ewigkeit mein?»
269 wenn auf den Menschen ein solcher Einfluß ausgeübt wird..., daß erin... Hypnose versetzt
wird: Siehe dazu Rudolf Steiner «Geschichte des Hypnotismus und des Somnambulis-
mus», in «Spirituelle Seelenlehre und Weltbetrachtung», GA Bibl.-Nr. 52; Einzelausga-
be unter dem Titel «Das Suchen nach übersinnlichen Erfahrungen», Dornach 1972.
289 die Naturwissenschaft... würde... ihre Grenzen überschreiten: Siehe dazu die Rede von
Du Bois-Reymond «Über die Grenzen der Naturerkenntnis» vom 14. August 1872.
Siehe auch Hinweis zu S. 72.
294 was Goethe nennt Seelenauge: «Ich sah nicht mit den Augen des Leibes, sondern des
Geistes, mich mir selbst, denselben Weg, zu Pferde wieder entgegenkommen . . .» (Dich-
tung und Wahrheit, 3. Tl., 11. B.) - «Das Auge mag wohl der klarste Sinn genannt
werden . . . Aber der innere Sinn ist noch klarer. ..» (Shakespeare und kein Ende,
1813-16). - «Wir lernen mit Augen des Geistes sehen, ohne die wir, wie überall, so
besonders auch in der Naturforschung blind umhertasten» (Entwurf einer Einleitung in
die vergleichende Anatomie).
307 Friedrich Wilhelm Schelling, 1775 - 1854. Siehe Rudolf Steiner «Die Rätsel der Philoso-
phie» (1914), GA Bibl.-Nr. 18; Taschenbuchausgabe TB 610/611; Kapitel «Die Klassiker
der Welt- und Lebensanschauung».
PERSONENREGISTER
(H - Hinweis)
345