RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
VORTRÄGE
VORTRÄGE ÜBER NATURWISSENSCHAFT
RUDOLF STEINER
Das Verhältnis der verschiedenen
naturwissenschaftlichen Gebiete
zur Astronomie
Dritter naturwissenschaftlicher Kurs
Himmelskunde in Beziehung zum Menschen
und zur Menschenkunde
Achtzehn Vorträge, gehalten in Stuttgart
vom 1. bis 18. Januar 1921
1997
R U D O L F STEINER VERLAG
DORNACH / SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlaßverwaltung
Die Herausgabe besorgten Gian Andrea Baiaster,
Hendrik Knobel und Georg Unger
1. Auflage Dornach 1926
2., neu durchgesehene Auflage
Gesamtausgabe Dornach 1983
3. Auflage Gesamtausgabe Dornach 1997
Bibliographie-Nr. 323
Zeichnungen im Text nach Zeichnungen in den Nachschriften,
ausgeführt von Leonore Uhlig, siehe Seite 341
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlaßverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1997 by Rudolf Steiner-Nachlaßverwaltung, Dornach/Schweiz
Druck: Greiserdruck, Rastatt / Bindung: Spinner GmbH, Ottersweier
Printed in Germany
ISBN 3-7274-3230-6
Zu den Veröffentlichungen
aus dem Vortrags werk von Rudolf Steiner
Die Gesamtausgabe der Werke Rudolf Steiners (1861-1925) gliedert
sich in die drei großen Abteilungen: Schriften - Vorträge - Künstleri-
sches Werk (siehe die Übersicht am Schluß des Bandes).
Von den in den Jahren 1900 bis 1924 sowohl öffentlich wie für die
Mitglieder der Theosophischen, später Anthroposophischen Gesell-
schaft zahlreichen frei gehaltenen Vorträgen und Kursen hatte Rudolf
Steiner ursprünglich nicht gewollt» daß sie schriftlich festgehalten wür-
den, da sie von ihm als «mündliche, nicht zum Druck bestimmte Mit-
teilungen» gedacht waren. Nachdem aber zunehmend unvollständige
und fehlerhafte Hörernachschriften angefertigt und verbreitet wurden,
sah er sich veranlaßt, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe
betraute er Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der
Stenographierenden, die Verwaltung der Nachschriften und die für die
Herausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus
Zeitmangel nur in ganz wenigen Fällen die Nachschriften selbst korri-
gieren konnte, muß gegenüber allen VortragsveröfFentlichungen sein
Vorbehalt berücksichtigt werden: «Es wird eben nur hingenommen
werden müssen, daß in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich
Fehlerhaftes findet.»
Über das Verhältnis der Mitgliedervorträge, welche zunächst nur als
interne Manuskriptdrucke zugänglich waren, zu seinen öffentlichen
Schriften äußert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie «Mein
Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut ist am Schluß
dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt gleichermaßen auch
für die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche sich an einen begrenz-
ten, mit den Grundlagen der Geisteswissenschaft vertrauten Teilneh-
merkreis richteten.
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemäß
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamtaus-
gabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil dieser
Gesamtausgabe. Nähere Angaben zu den Textunterlagen finden sich
am Beginn der Hinweise.
INHALT
ERSTER VORTRAG, Stuttgart, 1. Januar 1921 15
Über den Titel des Kurses. Die Notwendigkeit der Umgliederung der ver-
schiedenen Wissenschaftsgebiete. Anschauung und Beweis. Die ma-
thematisch-mechanische Anschauungsweise der Astronomie seit Koper-
nikus und Galilei. Sie gilt nicht absolut, sondern ist aus dem Bedürfnis
der Menschheitsentwicklung entsprungen. Die moderne Menschheit
strebt nach leicht überschaubaren und nach zwingenden Vorstellungen.
Kant, Du Bois-Reymond, Newton. Das gegenseitige Sich-nicht-Verstehen
des Mathematikers und Mediziners. Umstülpung des Röhrenknochens
zum Schädelknochen. Goethe, Oken, Gegenbaur. Die heutige Mathema-
tik stellt sich nicht der Wirklichkeit. Das Fehlen der Grundlagen zu einer
Sozialwissenschaft. Notwendigkeit des Brückenschlags zwischen Astrono-
mie und Embryologie. Das Wesen der Zelle als Abbild des Kosmos. Eizel-
le und Samenzelle. Der konkrete Sinn astronomischer Erkenntnis in der
Geisteswissenschaft und der abstrakte bei Du Bois-Reymond. Das Zusam-
menbringen von Embryologie und Astronomie ist Vorbedingung, um So-
zialwissenschaft und Naturwissenschaft zusammenzubringen.
ZWEITER VORTRAG, 2, Januar 1921 36
Der fehlende Zusammenhang von Astronomie und Embryologie. Goe-
thes Ausspruch in «Sprüchen in Prosa». Über das methodische Vorgehen in
diesem Kurs. Die respektable Richtigkeit der Kalenderwissenschaft der
Chaldäer. Anschauung des Tycho de Brahe. Kopernikus und die Plane-
tenschleifen. Die Berechnungsmethode verläuft auch heute gemäß Tycho.
Das dritte kopernikanische Gesetz und seine heutige Eliminierung. Die
Unsicherheiten in der modernen Astronomie. Notwendigkeit, Astrono-
mie auf den Menschen zu gründen. Solarisches und Tellurisches im Jah-
reslauf. Seine Beziehung zum Gegensatz des Polarischen und Tropischen.
Beziehung zum dreigliedrigen Menschen. Lunarisches in Ebbe und Flut;
im Rhythmus der weiblichen Funktionen; im Auf- und Abfluten des
Phantasielebens. Solarisches und Tellurisches im Tageslauf. Goethe,
Schiller, Byron. Das Heimweh. Das Herausbilden des Menschen aus dem
ganzen Weltenall.
DRITTER VORTRAG, 3. Januar 1921 58
Das Problematische unserer Anschauungen vom Himmel. Ausspruch von
Ernst Mach. Überwinden des Ungewissen dieser Anschauung durch Her-
einstellen des Menschen in den Kosmos. Die Erde der Geologen ist Ab-
straktion. Das Pflanzenreich als Augenöffnen der Erde nach dem Kosmos
bzw. als Augenschließen. In-die-Gestalt-Schießen des Vegetativen durch
das Solarische, Zentrierung im Keim durch das Tellurische. Analoge Wir-
kungen in den ersten Jahren des Kindes. Solarisches und Tellurisches wir-
ken im Tageslauf geistig-seelisch auf den Menschen, im Jahreslauf
leiblich-physisch. Beim Lunarischen entsprechen 28 Tage einem Tages-
lauf. Verwandtschaft mit dem Bilden einer Erinnerung. 28 Jahre entspre-
chen einem Jahreslauf. Die Vorstellungen Keplers. Seine 3 Gesetze.
Ableitung des Newtonschen Gravitationsgesetzes aus dem 3. Gesetz.
Das Lebendige in den Keplerschen Gesetzen. Ihre Verinnerlichung.
VIERTERVORTRAG, 4 . J a n u a r 1921 75
Ziel des Kurses: Brückenschlag von der Geisteswissenschaft zur gewöhnli-
chen Denkweise. Die 3 Gesetze Keplers als geniale Induktionen. Die dar-
auf folgenden vorurteilsvollen Deduktionen. Die «regula philosophandi»
als Vorurteil. Welterklärungen aus Hypothesen. Newton, Kant, Laplace.
Die Nebularhypothese. Methodische Gesichtspunkte. Gegen die Nebu-
larhypothese lehnen sich auf Kometen und Meteoritenschwärme. Die
Wirklichkeit entzieht sich dem Begriff von Ellipsenbahnen um die Sonne.
Diese müssen nach Form und Lage veränderlich gedacht werden. Lebendige
Beweglichkeit im Planetensystem. Die Folge der Störungen wäre aber sei-
ne Erstarrung. Inkommensurabilität der Umlaufszeiten macht es unbere-
chenbar. Peter Hille und das Überbrettl. Die kosmischen Vorgänge ent-
schwinden der Erkenntnis ins arithmetisch Unfaßbare - die embryonalen
treten aus dem geometrisch Unfaßbaren in die faßbare Form hervor. An-
wendbarkeit der Mathemathik auf die Wirklichkeit als Problem. Die Re-
chengesetze (kommutatives, assoziatives, distributives) sind Postulate,
keine Axiome der Wirklichkeit. Vergleich mit dem Trägheitsprinzip.
FüNFTER VORTRAG, 5. Januar 1921 94
Erkenntnistheoretische Betrachtung zur Naturwissenschaft. Bedeutung
der Inkommensurabilität: die Mathematik wird in einem gewissen Mo-
ment inkompetent. Dieser Moment in den Himmelserscheinungen und
in der Embryologie. Das biogenetische Grundgesetz und die Entwick-
lungsmechanik, Haeckel, Oscar Hertwig. Ohne Einbeziehung des Men-
schen als Ganzen sind die naturwissenschaftlichen Erkenntnisgrenzen
nicht zu überwinden. Bedeutung des Metamorphosegedankens, in der
Morphologie (Goethe) und im Funktionellen. Die Dreigliederung der
menschlichen Wesenheit und ihr dreifaches Verhältnis zur Außenwelt.
Der Gegensatz von Nervensinnesprozess und Stoffwechselprozeß, von
Vorstellen und Befruchtungsvorgang. Die rhythmischen Prozesse als mitt-
lere. Geordneter und ungeordneter Kosmos. Haupt: Astronomisches;
Stoffwechsel: Meteorologisches. Parallelität von Erinnerungsbildung und
dem Prozeß der weiblichen Funktionen. Der Eikeim vor der Befruchtung:
Glied des Organismus; nach der Befruchtung: Glied des Kosmos. Duali-
tät im Menschen von Bildvorstellen und Realitätserleben als erkenntnis-
theoretische Frage. Das Jogasystem als alter Weg zu einer Lösung. Die
biblische Schöpfungsgeschichte und ihre embryologische Interpretation.
Notwendigkeit einer Selbstentwicklung des Menschen zur Überbrückung
der Gegensätze zwischen Astronomie und Embryologie.
SECHSTER VORTRAG, 6. Januar 1921 114
Gesichtspunkt: Die Geistesentwicklung der Menschheit als Reagens auf
die Genesis der Himmelserscheinungen. Das 13. Jahrhundert als wichti-
ger Zeitpunkt in der Menschheitsentwicklung. Die Scholastik und der Ge-
gensatz von Realismus und Nominalismus. Heraufkommen des Gottesbe-
weises. Vincenz Knauer als später Realist. Das B.Jahrhundert als Mitte
zwischen zwei Eiszeiten. Die Entwicklung der menschlichen Verständig-
keit. Die Geistesentwicklung von der urindischen bis zur gegenwärtigen
Kultur. Zusammenhang mit Veränderungen der Erdenverhältnisse seit
der letzten Eiszeit. Polarzone, gemäßigte Zone, tropische Zone in ihrer
Einwirkung auf die menschliche Organisation. Der Rhythmus in den Eis-
zeiten und in den kosmischen Vorgängen. Das platonische Jahr im Ver-
hältnis zu den Atemzügen des Menschen. Die Verehrung der Götter einst
und jetzt.
SIEBENTERVORTRAG, 7. Januar 1921 128
Bildung von wirklichkeitsgemäßen und unwirklichkeitsgemäßen Begrif-
fen. Die Vorstellung der Überschallgeschwindigkeit. Verschiedenheit des
Sinnes- und Vorstellungslebens. Zunehmen des Sinneslebens seit der Eis-
zeit. Vorstellungsleben ist qualitativ gleich dem Traum; Sinnesleben ragt
herein von der Außenwelt, enthält das Selbstbewußtsein. Dieses schlägt
ein mit dem Aufwachen. Vergleich des Sehvorgangs mit dem Befruch-
tungsprozeß. Wirklichkeitserkenntnis benötigt noch andere Vorstellun-
gen als mathematische und phoronomische. Analyse der menschlichen
Organisation seit der letzten Eiszeit. Notwendigkeit eines nicht-
euklidischen Raumes. Bildungstendenzen bei Tier und Mensch in
Beziehung zur Sonne. Das empfindliche Instrument der Organisation
als Reagens für Bewegungen im Himmelsraum. Starres euklidisches
und innerlich bewegliches Koordinatensystem, aber anders als bei
Minkowski. Gegensatz der Vertikalen bei Pflanze und Mensch.
ACHTER VORTRAG, 8. Januar 1921 145
Rückblick auf die bisherigen sieben Vorträge. Gesichtspunkt der Emanzi-
pation: In der heutigen Willenskultur des Sinneslebens hat der Mensch
einen inneren Fonds von Kräften gewonnen, während sein Vorstellungs-
leben vor der Eiszeit (in der atlantischen Zeit) ganz von der Umwelt ab-
hängig war. Die Periode von hellerem und dunklerem Vorstellungsleben,
von Tag und Nacht emanzipiert. Vergleich mit dem von den Mondphasen
emanzipierten Rhythmus der weiblichen Funktionen; mit dem Gegensatz
von einjähriger und Dauer-Pflanze; mit der Entwicklung des Menschen-
wesens nach der Geschlechtsreife im Gegensatz zum Tier. - Inkommensu-
rabilität der Umlauf Zeiten hält das Planetensystem am Leben. Berechnun-
gen fußen auf Gravitation, welche konsequenterweise kommensurable
Verhältnisse ergeben müßte. Gegensatz von Planeten mit Gravitation
und Kometen mit Abstoßungskräften von der Sonne. Hegel über Kome-
ten und gute Weinjahre. Kepler. Sein tiefer Ausspruch über die Fülle der
Kometen und dessen Bestätigung heute. Druck- und Saugkräfte im äthe-
rischen Bereich. Wärme als Wechsel von positiver und negativer Materie.
Anwendung auf den Planeten- und Kometenbereich. Die Aufgabe, den
Gegensatz des Planetensystems zum Bereich der Kometen zu vergleichen
mit dem Verhältnis des Eikeims zur Samenzelle.
NEUNTER VORTRAG, 9. Januar 1921 163
Kann man so entferntliegende Dinge wie die der Aufgabe im 8. Vortrag
vergleichen? Verwandtschaft mit den faßbar-unfaßbaren Erscheinungen
in der Mathematik, arithmetisch bei der inkommensurablen Zahl, geome-
trisch bei den geläufigen Kurven. Ellipse, Hyperbel, Cassinische Kurve,
Kreis als Kurven der Addition, Subtraktion, Multiplikation, Division. Die
4 Formen der Cassinischen Kurve. Die Zwei-Ast-Form nötigt das konti-
nuierliche Vorstellen zum Verlassen des Raumes. Der Divisionskreis mit
äußerer Krümmung tut dies in noch stärkerem Maß. Die Cassinische Kur-
ve als Ort konstanten Leuchtglanzes. Vergleich der Zwei-Ast-Form mit der
Beziehung zwischen Haupt und übriger Organisation, zwischen den
Spektren mit Grün bzw. Pfirsichblüt in der Mitte. Der unendlich ferne
Punkt der Geraden. Solche qualitative Anwendung der Mathematik ist
nur eine Fortsetzung ihrer Anwendung überhaupt. Anwendung auf das
Verhältnis des chemischen Prozesses außerhalb des Menschen und des Er-
nährungsprozesses im Menschen. Die Ausbildung des kontinuierlichen
Vorstellens fehlt im Hochschulunterricht.
ZEHNTERVORTRAG, 10. Januar 1921 183
Das Beispiel der Magnetnadel und seine Anwendung auf die menschliche
Organisation. Goethe, Oken, Gegenbaur und der Versuch der Metamor-
phose von Wirbel- in Schädelknochen. Umwendung der Röhrenknochen
in Schädelknochen als das wahre Prinzip der Metamorphose. Der bedeu-
tende Gegensatz von Radius und Sphäre. Im Seelenleben zeigt er sich als
Gegensatz von Innengefühl und Bewußtseinsweite beim Wahrnehmen
der äußeren Welt, einförmiger Willenswelt und ausgedehnter Vorstel-
lungswelt; im Organismus als Gegensatz von Stoffwechselsystem und
Kopfsystem, der im rhythmischen System zu einer Resultierenden verei-
nigt ist. Derselbe Gegensatz im Embryonalleben. - Das menschliche Er-
kenntnisvermögen ist heute nur angepaßt der mineralischen Welt. Bewir-
kung dieses Erkenntisvermögens heute - ursprüngliche Konstituierung
der Erde selbst aus dem Kosmischen heraus. Scheinbare Unsicherheit der
geisteswissenschaftlichen Methode. - Variabilität erster und zweiter Ord-
nung, z.B. bei der Cassinischen Kurve. Anwendung auf die Reflexion des
Lichtes. - Neben radialen mechanischen Kräften (Zentralkräften) müssen
rotierende, scherende, deformierende peripherische Kräfte berücksichtigt
werden.
11. Januar 1921
ELFTER V O R T R A G , 201
Der Gegensatz von Radius und Sphäre in der Gestalt des Menschen und im
Kosmos. Menschliche Gestalt und Menschheitsentwicklung als Hilfen zur
richtigen Interpretation der Himmelserscheinungen. - Die Bewegungen
der Fixsterne. Bewegungen und Schleifenbildungen bei den Planeten
Merkur, Venus, Mars, Jupiter, Saturn. Die Schleifen (Lemniskatenform)
in der menschlichen Organisation. Unterschied in der Lemniskatenform
bei Mensch und Tier. Anwendung der Mathematik auf die organischen
Formen durch das Prinzip der Variabilität zweiter Ordnung. Gestaltfor-
men des menschlichen Organismus und Bewegungsformen der Planeten.
Das Planetensystem hängt zusammen mit der Gestalt des Menschen, die
Fixsternbewegung mit seiner seelisch-geistigen Entwicklung. Die Form
der Erdbewegung im Jahreslauf als Lemniskate, unabhängig von Sonne
und Planeten zu konstatieren. Planetenbahnen als Projektionen der Erd-
bewegung auf das Himmelsgewölbe.
ZWöLFTER VORTRAG, 12. Januar 1921 218
Drei Gestaltungsprinzipien am Menschen: Sphäre, Radius, Schleife.
Metamorphosen der Lemniskatenform im menschlichen Knochenbau.
Gegensatz von Haupt und Gliedmaßen in ihren Entsprechungen zu den
ober- und untersonnigen Planeten in Oppositionsstellung bzw. Konjunk-
tionsstellung. Das Radial-Vertikale in der menschlichen Gestalt in seiner
Zuordnung zu der Bahn der Sonne. Die Rückgratslinie des Menschen und
des Tieres im Verhältnis zur Sonnen- und Mondenbahn. Das Nachfolgen
der Erde bezüglich der Sonne und das Zusammenfallen ihrer Bahn. Vor-
behalt gegen das Märchen, daß eine Revolution der Astronomie vorgetra-
gen werde. Es geht um Einordnung der menschlichen Gestalt in das Be-
wegungssystem der Gestirne. Die Schwierigkeiten des Zusammendenkens
der beobachteten und der errechneten Gestirnbahnen. Die Anschauung
der 3 Sonnen. Die Naturreiche: Stein, Pflanze, Tier, Mensch und ihre
ideale Mitte. Selenka.
DREIZEHNTERVORTRAG, 13. Januar 1921 235
Das heliozentrische System des Aristarch von Samos. Es ist das System der
3. nachatlantischen Kultur. Das ptolemaische Weltsystem. Es ist auf den
4. Kulturzeitraum beschränkt. Unterschied der untersonnigen und ober-
sonnigen Planeten als Grundlage des ptolemäischen Systems. Beziehung
zur menschlichen Organisation unterhalb und oberhalb des Herzens. Die
Bedeutung des ptolemäischen Systems in der historischen Entwicklung
der Menschheit. Kepler und sein scheinbares Zurückgehen auf das helio-
zentrische System der Ägypter. Kennzeichnung des alten heliozentrischen
und des ptolemäischen Systems. Der Abstraktionsprozeß in der Newton-
schen Anschauung. Der Gegensatz von obersonnigen und untersonnigen
Planeten und der Gegensatz von Mensch-Tier und Pflanze-Mineral.
VIERZEHNTER VORTRAG, 14. Januar 1921 250
Die bisher dargestellten Tatsachen weisen auf einen Zusammenhang der
Bewegungen der Himmelskörper mit der Gestaltung des Menschen und
der übrigen Organismen. Notwendigkeit von Vorsicht beim Bestimmen
der Bewegungen der Himmelskörper. Beispiel des im Bilde herumlaufen-
den Pferdes. Betrachtungsweise des kopernikanischen und des ptolemäi-
schen Systems. Die Mondsphäre als Rotationsellipsoid und ihr Analogon
in der Beschaffenheit der Keimzelle. Der Gegensatz vom Mond als Licht-
bild und vom Drinnenstehen in der Substantialität der Mondsphäre.
Konkretisierung der Gravitationsvorstellung. Erde und Mond zusammen
als eine Organisation. Die verschiedenen Substantialitäten der Himmels-
körper und ihr Ausdruck in der Gestaltung des menschlichen Organis-
mus. Das mathematische Problem der drei Körper: Sonne, Mond, Erde.
Das Zurückhalten der menschlichen Bildung auf einer früheren Stufe und
ihr kosmisches Korrelat in der Wirkung des Mondes. Der Pflanzen-
Mineralisierungsprozeß als Erden-Sonnenwirkung. Der ideelle Mittel-
punkt zwischen Mensch-Tier und Pflanze-Mineral in Zusammenhang mit
Sonne, Mond, Erde. Die Lösung des Problems der drei Körper in jedem
einzelnen Menschen.
FüNFZEHNTER VORTRAG, 15. Januar 1921 266
Die inkommensurablen Zahlen weisen auf die Schwierigkeit, die Him-
melserscheinungen als überschaubare Einheit zu fassen. Metamorphose
zwischen den Gliedern der menschlichen Organisation. Beispiel der Um-
wendung von Röhren- in Schädelknochen. Radius und Sphäre. Notwendig-
keit, dabei aus dem Raum herauszugehen. Zweiästige Cassinische Kurve,
Divisionskreis, Variabilität zweiter Ordnung. Konstruktion des Gegen-
raumes. Milchstraßensystem und Tierkreis als Beispiele. Das Auslöschen
der drei Dimensionen in der Anschauung und in der menschlichen Orga-
nisation. Zusammenhang von Sehvorgang und Nierenabsonderung. Der
Raum der unteren Planeten und der Gegenraum der oberen Planeten.
Punkte mit Krümmung und Wirkungsfeld nach außen bzw. nach innen.
Der gegenräumliche Punkt, der in die Weiten reicht und seine Fortset-
zung im Zentrum findet. Anwendung auf Mond und Sternenwelt. Ver-
gleich dieser kosmischen Verhältnisse mit Nierenabsonderung und Augen-
organismus.
SECHZEHNTERVORTRAG, 16. Januar 1921 285
Bemerkung zum Gang der Vorträge. Kritik an der vorschnellen Art,
Theorien aufzustellen. Die Forderung der Unterscheidung von relativen
und absoluten Bewegungen. Sphärische und radiale Bewegungen und das
Dopplersche Prinzip. Das Kriterium der wirklichen Bewegung liegt in den
inneren Verhältnissen des Bewegten. - Der entwickelte Mensch ist weitge-
hend vom Kosmos emanzipiert, nicht aber der Embryo. Dieser «vererbt»
die Weltenkräfte auf das spätere Leben. Horizontale und Vertikale: Der
Schlaf muß horizontal erfolgen, die willkürliche Bewegung erfolgt beim
Menschen in vertikaler Lage. Gegensatz im Stoffwechsel bei beiden La-
gen. Die Ermüdung. Hinweis auf die Sozialwissenschaft. Gegensatz von
Mensch und Tier. Sowohl die willkürliche Bewegung als auch der Tod sind
bei beiden etwas ganz Verschiedenes. - Erscheinungen durch Erscheinun-
gen definieren. Phänomenologie als Methode. Aufgaben für das For-
schungsinstitut. Die Konstitution der Sonne. Die Prozesse verlaufen um-
gekehrt im Vergleich zur Erde. Sonnenflecken. - Analytische Geometrie
im Zusammenhang mit synthetischer Geometrie betrachten ist ein sehr
guter Anfang zu einer qualitativen Mathematik.
SIEBZEHNTERVORTRAG, 17. Januar 1921 302
Lemniskate in der Fläche und als Rotations-Lemniskate. Veränderung des
Stoffwechsels im Schlafen und im Wachen als Reagens für die Bewegun-
gen von Erde und Sonne. Wachstumsrichtungen von Pflanze und Mensch
als Verbindungslinien von Erde und Sonne, aber im umgekehrten Sinn.
Polarität von Pflanze und Mensch, von Erde und Sonne; von Gliedmaßen
und Kopf des Menschen. Die Bewegungen gegeneinander von Sonne und
Erde auf der Rotationslemniskate. Sonne und Erde im Verhältnis zu den
anderen Planeten. Sie vertauschen gewissermaßen ihren Platz. Gravita-
tion als das Prinzip des «Nachziehens». Die Lemniskatenbewegungen der
inneren und äußeren Planeten. Ihre Gegensätzlichkeit als radiale und
sphärische Bewegungen. - Es ist nicht darum zu tun, etwas auszuspre-
chen, was von vornherein mit dem Anerkannten nicht im Einklang steht.
Hinweis auf die in der Astronomie nötigen Korrekturen: wahre Sonne,
Zwischen-Sonne, mittlere Sonne; Besselsche Gleichungen (Korrekturen).
Ablehnung der Forderung nach Einfachheit. - Physisch-sinnliche und
moralische Weltordnung und ihr Auseinanderfallen in der Neuzeit. Der
Gegensatz von mathematischer Astronomie und Astrologie. Zusammen-
setzung der Himmelsbewegungen aus den Richtungen im Menschen.
ACHTZEHNTER VORTRAG, 18. Januar 1921 .' 318
Erde und Sonne als drückende positive bzw. saugende negative Materie.
Erklärung für die Gravitation. Die imaginären Zahlen als Übergang zum
Astralischen. Sonnenentität und Erdenentität sind überall im Menschen
zu verfolgen. Zerlegen der Sonnenwirksamkeit in verschiedene Kompo-
nenten. Das Aufsuchen der Totalitäten. Rose und Rosenstock. - Die Va-
riabilität der lemniskatischen Himmelsbewegung. Starrheit und Verän-
derlichkeit im Planetensystem. Der Komet ist kein bloßer Körper. Sein
Gegensatz zu den Planeten. Licht in Luft ist eine homogene, der Komet
eine inhomogene Begegnung ponderabler und imponderabler Materie.
Anregungen zum Experimentieren. Neue Versuchsanordnungen sind nö-
tig, die alten ergeben, was in den Physikbüchern steht. Bemerkungen zu
Versuchen: Deformation eines Kinderballons; Ausbreitungslinien der Er-
wärmung; das Spektrum im Goetheschen Sinne; warum das Hineininter-
pretieren von Lichtstrahlen in die Lichterscheinungen abzuweisen ist, He-
bung; peripherische und zentrale Kräfte bei der Magnetnadel, bei Katho-
de und Anode. - Die Verwendung von Imagination, Inspiration, Intui-
tion in der naturwissenschaftlichen Forschung als Frage des seelischen Mu-
tes. Die Überwindung des heutigen Denkens. - Das Sonnenspektrum als
Bild des Gegensatzes von Sonne und Erde. Die Weltentstehung nach der
Kant-Laplaceschen Theorie und ihr Mangel.
Hinweise
Zu dieser Ausgabe 339
Hinweise zum Text 342
Namenregister 374
Rudolf Steiner über die Vortragsnachschriften 375
LITERATUR-HINWEIS
Faksimile-Wiedergaben von sämtlichen handschriftlichen
Aufzeichnungen Rudolf Steiners zum vorliegenden Kurs - insgesamt
114 Seiten - mit zahlreichen Skizzen und einer separat beigefügten
Transkription (Lesehilfe) der Handschrift in der Schriftenreihe
BEITRÄGE ZUR RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
Heft 104, Rudolf Steiner Verlag, Dornach 1990
*
Verzeichnis von Büchern, Broschüren und Zeitschriftenartikeln
in der Bibliothek Rudolf Steiners zu den Fachgebieten Astronomie,
Physikalische Kosmologie, Mathematik, Relativitätstheorie u. a. in
BEITRÄGE ZUR RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
Heft 114/115 «Rudolf Steiner und der mehrdimensionale Raum»
Rudolf Steiner Verlag, Dornach 1995
ERSTER VORTRAG
Stuttgart, 1. Januar 1921
Meine lieben Freunde! Zu den Auseinandersetzungen, die ich hier
in den folgenden Tagen geben will, möchte ich heute eine Einlei-
tung sprechen. Schon aus dem Grunde möchte ich dieses tun, damit
Sie von vorneherein unterrichtet sind über die Absicht dieser Bespre-
chungen. Es soll nicht meine Aufgabe sein, irgendein engbegrenztes
Fach gerade in diesen Tagen abzuhandeln, sondern einige weitere
Gesichtspunkte mit einem ganz bestimmten Ziele in wissenschaft-
licher Beziehung zu geben. Ich möchte warnen davor, diesen so-
genannten «Kurs» als einen «astronomischen Kurs» zu bezeichnen.
Das soll er nicht sein. Sondern er soll gerade etwas behandeln, was in
dieser Zeit zu behandeln mir von ganz besonderer Wichtigkeit
scheint. Ich habe deshalb als Titel angegeben: «Das Verhältnis der
verschiedenen naturwissenschaftlichen Gebiete zur Astronomie.»
Und ich will heute namentlich auseinandersetzen, was ich mit dieser
Titelgebung eigentlich meine.
Es ist durchaus so, daß in verhältnismäßig kurzer Zeit innerhalb
des sogenannten wissenschaftlichen Lebens, wenn es nicht zu einem
vollständigen Verfall kommen soll, manches sich wird ändern müs-
sen. Namentlich werden gewisse Wissenschaftsmassen, die man jetzt
unter gewissen Titeln zusammenfaßt und die man unter diesen Ti-
teln vertreten läßt durch unsere gebräuchlichen Schulen, aus ihrem
Gefüge genommen werden müssen und nach anderen Rücksichten
einzuteilen sein, so daß gewissermaßen eine weitgehende Umgrup-
pierung unserer wissenschaftlichen Gebiete wird stattfinden müssen.
Denn die Gruppierung, welche man jetzt hat, reicht eben durchaus
nicht aus, um zu einer wirklichkeitsgemäßen Weltanschauung zu
kommen. Auf der anderen Seite haftet so stark unser gegenwärtiges
Leben an dieser Gliederung, daß eben einfach die Lehrkanzeln be-
setzt werden nach dieser traditionellen Gliederung. Man beschränkt
sich höchstens darauf, die bestehenden wissenschaftlich umgrenzten
Gebiete wiederum in Spezialgebiete zu zerlegen und für die Spezial-
gebiete einzelne Fachleute, wie man sie nennt, zu suchen. Aber in
diesem ganzen Wissenschaftsleben wird insofern eine Änderung ein-
treten müssen, als ganz andere Kategorien werden erscheinen müs-
sen, und in diesen Kategorien wird man Verschiedenes, das heute,
sagen wir, in der Zoologie behandelt wird, meinetwillen in der
Physiologie behandelt wird, dann wiederum in der Erkenntnis-
theorie behandelt wird, zusammengefaßt finden in ein neu ent-
stehendes Wissenschaftsgebiet. Dagegen die älteren Wissenschafts-
gebiete, die stark mit Abstraktionen arbeiten, die werden verschwin-
den müssen. Es werden eben ganz neue wissenschaftliche Zusam-
menfassungen stattfinden müssen. Das wird zunächst Schwierig-
keiten begegnen nach der Richtung hin, daß ja heute die Leute
dressiert werden auf die bestimmten wissenschaftlichen Kategorien
und nur sehr schwer eine Brücke finden zu dem, was sie notwendig
brauchen für ein wirklichkeitsgemäßes Zusammenfügen des wissen-
schaftlichen Stoffes.
Wenn ich mich schematisch ausdrücken soll, so möchte ich sa-
gen: Wir haben heute eine Astronomie, wir haben eine Physik,
wir haben eine Chemie, wir haben eine Philosophie, wir haben eine
Biologie, meinetwillen, wir haben eine Mathematik und so weiter.
Dadrinnen hat man Spezialgebiete geschaffen, mehr, möchte ich sa-
gen, aus dem Grunde, damit die einzelnen Fachleute nicht so viel zu
tun haben, um sich zurechtzufinden, auch damit sie nicht zuviel zu
tun haben, um all die einschlägige Literatur, die ja ins Unermeßliche
sich ausweitet, zu beherrschen. Aber es wird sich darum handeln,
daß man neue Gebiete schafft, welche ganz anderes umfassen, ein
Gebiet, das vielleicht etwas von der Astronomie, etwas von der Bio-
logie und so weiter umfaßt. Dazu wird natürlich ein Umgestalten
unseres ganzen Wissenschaftslebens unbedingt notwendig sein. Da
muß gerade das, was wir Geisteswissenschaft nennen und was ja
etwas Universeiles sein will, nach dieser Richtung hin wirken. Sie
muß es sich zur besonderen Aufgabe machen, nach dieser Richtung
hin zu wirken. Denn wir kommen einfach mit den alten Gliede-
rungen nicht mehr weiter. Unsere Hochschulen stehen heute so vor
der Welt, daß sie eigentlich ganz lebensfremd sind. Sie bilden uns
Mathematiker, Physiologen, sie bilden uns Philosophen aus, aber
die haben alle eigentlich gar keinen besonderen Bezug zur Welt.
Die können alle nichts anderes, als gerade in ihren engbegrenzten
Gebieten arbeiten. Sie machen uns die Welt immer abstrakter und
abstrakter, immer wirklichkeitsunmöglicher und -unmöglicher. Und
diesem in der Zeitnotwendigkeit Liegenden möchte ich gerade in
diesen Vorträgen Rechnung tragen. Ich möchte Ihnen zeigen, wie es
auf die Dauer unmöglich sein wird, bei den alten Gliederungen zu
bleiben. Und daher möchte ich zeigen, wie die verschiedensten
anderen Gebiete, die sich heute um Astronomie nicht kümmern,
gewisse Beziehungen haben zu einer ja räumlich universellen Er-
kenntnis, zur Astronomie, so daß einfach gewisse astronomische
Erkenntnisse in anderen Gebieten werden auftauchen müssen, da-
mit man diese anderen Gebiete in einer wirklichkeitsgemäßen Weise
bezwingen lernt.
Also darum wird es sich handeln in diesen Vorträgen, daß die
Brücke geschlagen wird von verschiedenen Wissenschaftsgebieten
hinüber in das Gebiet des Astronomischen und daß in richtiger
Weise in den einzelnen Wissenschaftsgebieten das Astronomische
erscheine.
Damit ich nicht mißverstanden werde, möchte ich noch eine
methodische Bemerkung dazu vorausschicken. Sehen Sie, die Art
und Weise des Darstellens in der Wissenschaft, die heute üblich ist,
die wird ja manche Änderung erfahren müssen aus dem Grunde,
weil sie eigentlich auch herausgeboren ist aus unserer heute zu über-
windenden wissenschaftlichen Struktur. Es ist heute üblich, daß, ge-
rade wenn auf irgendwelche Tatsachen hingewiesen wird, die dem
Menschen ferner liegen, weil er heute mit seinen Wissenschaften
eben gar nicht darauf kommt, oftmals gesagt wird: Das wird be-
hauptet, aber nicht bewiesen. - Es handelt sich allerdings darum,
daß man einfach bei der wissenschaftlichen Betätigung heute eben
in die Notwendigkeit versetzt wird, manches zunächst rein aus der
Anschauung heraus zu sagen, was man dann zu verifizieren hat, in-
dem man immer mehr und mehr Tatsachen heranträgt, die die Veri-
fizierung leisten. Daß man also nicht voraussetzen kann, daß, sagen
wir, gleich im Beginne irgendeiner Betrachtung alles so erscheint,
daß nicht irgendeiner einhaken könnte und sagen könnte: Es ist
nichts bewiesen. Es wird schon im Laufe der Zeit bewiesen, verifi-
ziert werden, aber es muß manches zunächst aus der Anschauung
heraus einfach dargestellt werden, damit der betreffende Begriff,
die betreffende Idee geschaffen ist. Und so bitte ich Sie, diese Vor-
träge als ein Ganzes zu fassen, also für manches, was in den ersten
Stunden so erscheinen wird, als ob es zunächst nur hingestellt
wäre, die deutlichen Belege dann in den letzten Stunden zu suchen.
Da wird sich dann eben manches verifizieren, was ich zunächst so
behandeln werde, daß überhaupt einmal Ideen und Begriffe vor-
handen sind.
Sehen Sie, dasjenige, was wir heute Astronomie nennen, ein-
schließlich des Gebietes der Astrophysik, das ist ja im Grunde ge-
nommen eine Schöpfung der neueren Zeit erst. Vor der Zeit des
KopernikuSy des Galilei hat man über astronomische Dinge wesent-
lich anders gedacht, als man heute denkt. Es ist heute sogar schon
außerordentlich schwierig, auf die besondere Art hinzuweisen, wie
man astronomisch, ich will sagen, noch im 13., 14. Jahrhundert
gedacht hat, weil das dem Menschen von heute ganz und gar fremd
geworden ist. Wir leben nur mehr in den Vorstellungen - das ist ja
von einer gewissen Seite her sehr berechtigt -, welche seit der Gali-
lei-, Kepler-, Kopernikus-Zeit her geschaffen worden sind, und das
sind Vorstellungen, welche im Grunde die weiten Erscheinungen
des Weltenraumes, insofern sie für Astronomie in Betracht kom-
men, in einer mathematisch-mechanischen Weise behandeln. Man
denkt über diese Erscheinungen mathematisch-mechanisch. Man
legt dasjenige zugrunde bei der Betrachtung dieser Erscheinungen,
was man aus einer abstrakten Wissenschaft der Mathematik oder
einer abstrakten Wissenschaft der Mechanik gewinnt. Man rechnet
mit Entfernungen, mit Bewegungen und mit Kräften, aber die qua-
litative Art der Betrachtung, welche eben noch im 13., 14. Jahr-
hundert durchaus vorhanden war, so daß man unterschied Indivi-
dualitäten in den Sternen, daß man unterschied eine Individualität
des Jupiter, eine Individualität des Saturn, die ist der heutigen
Menschheit ganz abhanden gekommen. Ich will jetzt mich nicht kri-
tisch ergehen über diese Dinge, sondern ich will nur darauf hin-
weisen, daß die mechanische und mathematische Behandlungsweise
die ausschließliche geworden ist für dasjenige, was wir das astrono-
mische Gebiet nennen. Auch wenn wir, ohne daß wir Mathematik
oder Mechanik verstehen, uns in populärer Weise heute Kenntnisse
verschaffen über den Sternenhimmel, so geschieht es trotzdem,
wenn es auch in laienhafter Weise geschieht, nach rein räumlich-
zeitlichen Begriffen, also nach mathematisch-mechanischen Vorstel-
lungen. Und es besteht bei unseren Zeitgenossen, die über diese
Dinge glauben maßgebend urteilen zu können, gar kein Zweifel
darüber, daß man nur so den Sternenhimmel betrachten könne, daß
alles andere etwas Dilettantisches sei.
Wenn man sich nun fragt, wie es denn eigentlich gekommen ist,
daß diese Betrachtung des Sternenhimmels heraufgezogen ist in
unsere Zivilisationsentwickelung, dann wird man bei denjenigen,
die die heutige wissenschaftliche Denkweise als etwas Absolutes be-
trachten, eine andere Antwort bekommen müssen, als wir sie geben
können. Derjenige, der die wissenschaftliche Entwickelung, wie sie
heute üblich ist, als etwas absolut Gültiges betrachtet, wird sagen:
Nun ja, bei der früheren Menschheit lagen eben noch nicht streng
wissenschaftlich ausgebildete Vorstellungen vor; zu denen hat man
sich erst durchgerungen. Und das, wozu man sich durchgerun-
gen hat, die mathematisch-mechanische Betrachtungsweise der
Himmelserscheinungen, das entspricht eben der Objektivität, das ist
in der Wirklichkeit begründet. - Mit andern Worten wird man sagen:
Die früheren Leute haben etwas Subjektives in die Welterscheinun-
gen hereingebracht; die neuere Menschheit hat sich durchgearbeitet
zur streng wissenschaftlichen Erfassung desjenigen, was nun der
Wirklichkeit eigentlich entspricht.
Diese Antwort können wir nicht geben, sondern wir müssen uns
auf den Gesichtspunkt der Entwickelung der Menschheit stellen, die
im Laufe ihres Daseins verschiedene innere Kräfte ins Bewußtsein
hereingebracht hat. Wir müssen uns sagen: Für diejenige Art, die
Himmelserscheinungen anzuschauen, wie sie bestanden hat bei den
alten Babyloniern, den Ägyptern, vielleicht auch bei den Indern,
für diese war maßgebend eine bestimmte Art der Entwickelung
der menschlichen Seelenkräfte. - Diese Seelenkräfte der Menschheit
mußten dazumal entwickelt werden mit derselben inneren Notwen-
digkeit, mit der ein Kind zwischen dem zehnten und fünfzehnten
Jahr gewisse Seelenkräfte entwickeln muß, während es in einer
anderen Zeit andere Seelenkräfte entwickelt. Entsprechend kommt
die Menschheit in anderen Zeiten zu anderen Forschungen. - Dann
ist gekommen das ptolemäische Weltsystem. Es ging wiederum aus
anderen Seelenkräften hervor. Dann unser kopernikanisches Welt-
system. Es ging wiederum aus anderen Seelenkräften hervor. Die
entwickelten sich nicht deshalb, weil wir gerade jetzt als Menschheit
glücklich so geworden sind, daß wir uns nun zur Objektivität durch-
gerungen haben, während die anderen vorher alle Kinder waren,
sondern weil die Menschheit seit der Mitte des 15. Jahrhunderts die
Entwickelung gerade der mathematisch-mechanischen Fähigkeiten
braucht, die früher nicht da waren. Die Menschheit braucht für sich
das Hervorholen dieser mathematisch-mechanischen Fähigkeiten,
und daher sieht die Menschheit heute die Himmelserscheinungen in
dem Bilde der mathematisch-mechanischen Fähigkeiten an. Und sie
wird sie einmal wieder anders anschauen, wenn sie zu ihrer eigenen
Entwickelung, zu ihrem eigenen Heil und Besten andere Kräfte aus
den Tiefen der Seele hervorgeholt haben wird. Es hängt also von der
Menschheit ab, welche Gestalt die Weltanschauung annimmt, und
es kommt nicht darauf an, daß man mit Hochmut zurückschauen
kann auf frühere Zeiten, wo die Menschen kindlich waren, um auf
die jetzige Zeit zu schauen, wo man sich endlich zur Objektivität,
die nun für alle Zukunft bleiben könne, durchgerungen hat.
Dasjenige, was ein besonderes Bedürfnis der neueren Mensch-
heit geworden ist und was dann abgefärbt hat auch auf das wissen-
schaftliche Bedürfnis, das ist, daß man zwar darnach strebt, auf
der einen Seite möglichst leicht überschaubare Vorstellungen zu
haben - das sind die mathematischen -, auf der anderen Seite strebt
man aber darnach, Vorstellungen zu bekommen, bei denen man
möglichst stark sich einem inneren Zwang hingeben kann. Der
moderne Mensch wird sogleich unsicher und nervös, wenn er nicht
einen so starken inneren Zwang vorliegend hat, wie bei dem Urteil,
das dem pythagoreischen Lehrsatz zugrunde liegt, sondern wenn er
verspürt: Er muß selber entscheiden, es entscheidet für ihn nicht die
aufgezeichnete Figur, sondern er muß selber entscheiden, muß Akti-
vität der Seele entwickeln. Da wird er sogleich unsicher und nervös.
Da geht er nicht mit, der moderne Mensch. Da sagt er, das ist nicht
exakte Wissenschaft, da kommt Subjektivität hinein. Der moderne
Mensch ist eigentlich furchtbar passiv. Er möchte, daß er überall am
Gängelband ganz objektiver Verkettungen der Urteilsteile geführt
würde. Diesem genügt die Mathematik, wenigstens in den meisten
Teilen, und wo sie nicht genügt, wo der Mensch in der neueren Zeit
eingegriffen hat mit seinem Urteil - ja, da ist es auch danach! Da
glaubt er zwar noch exakt zu sein, aber er gerät in die unglaublich-
sten Vorstellungen hinein. Also, in der Mathematik und Mechanik,
da glaubt sich der Mensch am Gängelband der sich selbst verbinden-
den Begriffe fortgezogen. Da ist er so, daß er Boden unter den Fü-
ßen fühlt. Und in dem Augenblick, wo er da heraustritt, will er
nicht mehr mit. Diese Überschaubarkeit auf der einen Seite und die-
ser innere Zwang auf der anderen Seite, das ist das, was die moderne
Menschheit braucht zu ihrem Heil. Und aus dem heraus hat sie im
Grunde genommen auch die moderne Wissenschaft der Astronomie
in ihrer besonderen Gestalt gebildet als Weltbild. Ich sage jetzt
nichts über die einzelnen Wahrheiten, sondern über das Ganze als
Weltbild zunächst.
Nun ist das so in das Bewußtsein der Menschheit eingedrungen,
daß man überhaupt dazu gekommen ist, alles andere mehr oder
weniger als unwissenschaftlich zu betrachten, was nicht auf diese
Art behandelt werden kann. Daraus ging dann hervor so etwas wie
der Ausspruch Kants, der gesagt hat: In allen einzelnen Wissen-
schaftsgebieten ist nur so viel wirkliche Wissenschaft darinnen, als
Mathematik darin angetroffen werden kann. Also, man müßte ei-
gentlich das Rechnen in alle Wissenschaften hineintragen oder die
Geometrie hineintragen. Aber das scheitert ja daran, daß die ein-
fachsten mathematischen Vorstellungen wiederum ferne liegen den-
jenigen Menschen, die zum Beispiel Medizin studieren. Mit denen
läßt sich heute aus unserer wissenschaftlichen Gliederung heraus
über einfache mathematische Vorstellungen gar nicht mehr reden.
Und so kommt es, daß auf der einen Seite als Ideal hingestellt wor-
den ist dasjenige, was man astronomische Erkenntnis nennt. Du
Bois-ReymondhvX das in seiner Rede über die Grenzen des Naturer -
kennens formuliert, indem er sagte: Wir begreifen nur dasjenige in
der Natur und befriedigen nur mit dem unser Kausalitätsbedürfnis,
was uns astronomische Erkenntnis werden kann. - Also die Himmels -
erscheinungen übersehen wir so, daß wir aufzeichnen die Himmels-
tafel mit den Sternen, daß wir rechnen mit dem, was uns als Mate-
rial gegeben ist. Wir können genau angeben: Da ist ein Stern, er übt
eine Anziehungskraft auf andere Sterne aus. Wir beginnen zu rech-
nen, wir haben die einzelnen Dinge, die wir in unsere Rechnung
einbeziehen, anschaulich vor uns. Das ist dasjenige, was wir in die
Astronomie zunächst hineingetragen haben. Jetzt betrachten wir,
sagen wir, das Molekül. Wir haben darin, in dem Molekül, wenn es
kompliziert ist, allerlei Atome, die aufeinander Anziehungskraft
ausüben, die umeinander sich bewegen. Wir haben ein kleines
Weltenall. Und wir betrachten dieses Molekül nach dem Muster, wie
wir sonst den Sternenhimmel betrachten. Wir nennen das «astrono-
mische Erkenntnis». Wir betrachten die Atome als kleine Weltkör-
per, das Molekül als ein kleines Weltsystem und sind befriedigt,
wenn uns das gelingt. Aber es ist ja der große Unterschied: Wenn
wir den Sternenhimmel anschauen, sind uns all die Einzelheiten
gegeben. Wir können höchstens fragen, ob wir sie richtig zusam-
menfassen, ob nicht etwas doch anders ist, als es zum Beispiel
Newton angegeben hat. Wir spinnen darüber ein mathematisch-
mechanisches Netz. Das ist eigentlich hinzugefügt. Aber es befrie-
digt die modernen Menschheitsbedürfnisse in bezug auf das Wissen-
schaftliche. In die Atomen-Moleküle-Welt, da tragen wir dann das
System hinein, das wir erst ausgedacht haben, und denken die Mole-
küle und Atome hinzu. Da denken wir dasjenige dazu, was uns
sonst gegeben ist. Aber wir befriedigen unser sogenanntes Kausali-
tätsbedürfnis, indem wir sagen: Wenn sich das, was wir als kleinste
Teile denken, so und so bewegt, ist das das Objektive für das Licht,
für den Schall, für die Wärme und so weiter. Wir tragen astronomi-
sche Erkenntnisse in alle Welterscheinungen hinein und befriedigen
so unser Kausalitätsbedürfnis. Du Bois-Reymond hat es geradezu
trocken ausgesprochen: Wo man das nicht kann, da gibt es über-
haupt keine wissenschaftliche Erklärung.
Sehen Sie, dem, was da geltend gemacht wird, müßte eigentlich
entsprechen, wenn man zum Beispiel zu einer rationellen Therapie
kommen wollte, also einsehen wollte die Wirksamkeit eines Heilmit-
tels, daß man in der Substanz dieses Heilmittels die Atome so verfol-
gen können müßte, wie man sonst den Mond, die Sonne, die Plane-
ten und die Fixsterne verfolgt. Es müßten das alles kleine Weltsyste-
me werden können. Man müßte aus dem Errechnen heraus sagen
können, wie irgendein Mittel wirkt. Das ist ja allerdings für manche
ein Ideal sogar gewesen vor nicht zu ferner Zeit. Jetzt hat man solche
Ideale ja aufgegeben. Aber es scheiterte nicht nur in bezug auf so
entlegene Gebiete wie etwa die rationelle Therapie, sondern für viel
näherliegende schon einfach daran, daß unsere Wissenschaften so
gegliedert sind, wie es heute ist. Sehen Sie, der heutige Mediziner
wird ja so gebildet, daß er außerordentlich wenig wirkliche Mathe-
matik innehaben kann. Also man kann mit ihm vielleicht von der
Notwendigkeit astronomischer Erkenntnisse reden, aber man kann
nichts anfangen mit ihm, wenn man davon spricht, mathematische
Vorstellungen in sein Gebiet einzugliedern. Daher müßte also das-
jenige, was wir außer der Mathematik und Mechanik und Astrono-
mie haben, im strengen Sinne des Wortes heute als unwissenschaft-
lich bezeichnet werden. Das tut man natürlich nicht. Man bezeich-
net auch diese anderen Wissenschaften als exakt, aber das ist ja wie-
derum nur eine Inkonsequenz. Aber charakteristisch für die Gegen-
wart ist es, daß man die Forderung, man solle alles nach dem Muster
der Astronomie verstehen, überhaupt aufstellen konnte.
Wie schwer es ist, heute mit den Leuten wirklich durchgreifend
über gewisse Dinge zu reden, möchte ich Ihnen durch ein Beispiel
anschaulich machen. Sie wissen ja, es hat eine große Rolle gespielt
in der modernen Biologie die Frage nach der Form der mensch-
liehen Schädelknochen. Ich habe ja auch im Zusammenhang unserer
anthroposophischen Vorträge über diese Sache vielfach gesprochen.
Die Form der menschlichen Schädelknochen: Goethe, Oken haben
großartige Vorausnahmen gemacht in bezug auf diese Sache. Dann
hat klassische Untersuchungen darüber angestellt die Schule des
Gegenbaur, Aber etwas, was ein tiefergehendes Erkenntnisbedürfnis
nach dieser Richtung befriedigen könnte, liegt im Grunde heute
nirgends vor. Man streitet sich herum, ob Goethe mehr oder weniger
Recht hatte, indem er sagte, die Schädelknochen seien umgewan-
delte Wirbelknochen, Knochen der Wirbelsäule, aber zu irgend-
einer durchgreifenden Ansicht über diese Sache kann man ja heute
aus einem ganz bestimmten Grunde heraus nicht kommen, weil
man da, wo man über diese Dinge redet, kaum verstanden werden
kann. Und wo man verstanden werden könnte, da redet man über
diese Dinge nicht, weil sie nicht interessieren. Sehen Sie, es ist heute
fast ein unmögliches Kollegium, das entstehen würde, wenn man ei-
nen richtigen heutigen Mediziner, einen richtigen heutigen Mathe-
matiker, das heißt einen solchen, der die höhere Mathematik be-
herrscht, und einen Menschen zusammenbrächte, der beides ziem-
lich gut verstünde. Diese drei Menschen könnten sich heute kaum
verständigen. Derjenige, der da in der Mitte säße, der beides ein
bißchen verstünde, der würde zur Not mit dem Mathematiker reden
können, auch mit dem Mediziner. Aber der Mathematiker und der
Mediziner würden sich über wichtige Probleme nicht verständigen
können, weil, was der Mediziner dazu zu sagen hat, den Mathe-
matiker nicht interessiert, und was der Mathematiker zu sagen hat -
oder hätte, wenn es überhaupt zur Sprache käme -, das versteht der
Mediziner nicht, weil er nicht die nötigen mathematischen Voraus-
setzungen hat. Das wird gerade anschaulich bei dem Problem, das
ich eben angeführt habe.
Man stellt sich heute eben vor: Wenn die Schädelknochen um-
gewandelte Wirbelknochen sind, so muß man in gerader Richtung
fortgehen können durch irgendeine räumlich vorstellbare Metamor-
phose von dem Wirbelknochen zu dem Schädelknochen. Die Vor-
stellung noch auszudehnen auf den Röhrenknochen, das gelingt aus
den angegebenen Untergründen eben schon gar nicht. Der Mathe-
matiker wird sich heute nach seinen mathematischen Studien eine
Vorstellung machen können, was es eigentlich bedeutet, wenn ich
einen Handschuh umdrehe, wenn ich die Innenseite nach außen
drehe. Man muß sich eine gewisse mathematische Behandlung der
Tatsache denken, daß man das, was früher nach außen gekehrt war,
nach innen kehrt, und das, was früher innen war, nach außen. Ich
will das schematisch so aufzeichnen (Fig. 1): irgendein Gebilde, das
nach außen hin zunächst weiß sei und nach innen rot. Dieses Ge-
bilde behandeln wir nach dem Muster des Handschuhumdrehens, so
daß es also jetzt außen rot wird und innen weiß ausgekleidet ist
(%• 2).
weiß
rot- M
-
:->%*,:Ä F '
Fig.l Fig. 2
Aber jetzt gehen wir weiter. Stellen wir uns vor, daß das, was wir
da haben, mit inneren Kräften ausgestattet ist, daß also das sich
nicht so einfach umdrehen läßt wie ein Handschuh, der umgedreht
auch wie ein Handschuh ausschaut, sondern nehmen wir an, daß
das, was wir umdrehen, nach außen mit andern Kräftespannungen
auftritt als nach innen. Dann werden wir erleben, daß durch die ein-
fache Umdrehung eine ganz andere Form herauskommt. Dann wird
das Gebilde eben so sein, bevor wir es umgedreht haben (Fig. 1).
Drehen wir es um, so kommen andere Kräfte in Betracht beim Ro-
ten, andere beim Weißen, und die Folge ist vielleicht, daß durch die
bloße Umdrehung dieses Gebilde entsteht (Fig. 3, S.26). Es ist die
Möglichkeit, daß durch die bloße Umdrehung dieses Gebilde ent-
steht. Als das Rote nach innen gestülpt war, konnte es nicht seine
Kraft entwickeln. Jetzt kann es sie anders entwickeln, wenn es nach
außen gestülpt wird. Und ebenso das Weiße. Es kann seine Kraft erst
nach innen gestülpt entwickeln.
l
Fig. 3 ^ ^
Es ist natürlich durchaus denkbar, daß man eine solche Sache
einer mathematischen Behandlung unterwirft. Aber man ist heute
ganz und gar abgeneigt, dasjenige, was man so in Begriffe bekom-
men kann, auf die Wirklichkeit anzuwenden. Denn in dem Augen-
blick, wo man lernt, dieses auf die Wirklichkeit anzuwenden,
kommt man dazu, in unseren Röhrenknochen, also im Oberarm-
knochen, im Ober- oder Unterschenkelknochen und Unterarmknochen
ein Gebilde zu sehen, das umgedreht zum Schädelknochen wird! Es
sei das hier nach innen bis zum Mark hin durch Rot charakterisiert,
nach außen durch das Weiße (Fig. 4). Es wendet nach innen die-
jenige Struktur, diejenigen Kräfteverhältnisse, die wir untersuchen
können; nach außen das, was wir sehen, wenn wir den Muskel ab-
ziehen vom Röhrenknochen. Denken Sie diesen Röhrenknochen
aber nach demselben Prinzip, das ich Ihnen angegeben habe, umge-
dreht und seine anderen Spannungsverhältnisse geltend gemacht,
Ih
•iti i
Weiß
I
m
i i VM
Fig. 4 Fig. 5
dann können Sie ganz gut das bekommen (Fig. 5). Jetzt hat er inner-
lich dieses (weiß) und nach außen macht sich dasjenige, was ich
durch Rot kennzeichnete, so geltend. So ist in der Tat das Verhältnis
eines Schädelknochens zu einem Röhrenknochen. Und in der Mitte
drinnen steht der eigentliche Rückenknochen oder Wirbelknochen
der Rückenmarksäule. Sie müssen einen Röhrenknochen umdrehen
wie einen Handschuh nach seinen in ihm wirkenden Kräften, dann
bekommen Sie den Schädelknochen heraus. Die Umwandlung des
Schädelknochens aus dem Röhrenknochen ist nur zu verstehen,
wenn Sie sich diese Umdrehung denken. Und Sie bekommen die
ganze Bedeutung davon, wenn Sie sich vorstellen, daß das, was der
Röhrenknochen nach außen wendet, beim Schädelknochen nach in-
nen gewendet ist, daß der Schädelknochen einer Welt sich zu-
wendet, die im Inneren des Schädels liegt. Da ist eine Welt. Dahin
ist der Schädelknochen orientiert, so wie der Röhrenknochen nach
außen orientiert ist, nach der äußeren Welt. Beim Knochensystem
kann man es besonders leicht anschaulich machen. Aber so ist der
ganze menschliche Organismus orientiert, daß er zunächst eine
Schädelorganisation und auf der anderen Seite eine Gliedmaßen-
organisation hat so, daß die Schädelorganisation nach innen, die
Gliedmaßenorganisation nach außen orientiert ist. Der Schädel faßt
eine Welt nach innen, der Gliedmaßenmensch faßt eine Welt nach
außen, und zwischen beiden ist wie eine Art von Ausgleichsystem
dasjenige, was dem Rhythmus dient.
Nehmen Sie heute irgendeine Schrift in die Hand, die von
der Funktionentheorie handelt oder von der nichteuklidischen Geo-
metrie, und sehen Sie sich an, was da für eine Summe von allerlei
Erwägungen aufgewendet wird, um über die gewöhnliche geometri-
sche Vorstellungsweise im dreigliederigen Raum hinauszukommen,
um das, was euklidische Geometrie ist, zu erweitern, so werden Sie
sehen, daß da ein großer Fleiß und großer Scharfsinn aufgewendet
wird. Aber nun, sagen wir, sind Sie ein großer mathematischer
Knopf geworden, der gut die Funktionentheorie kennt, der auch
alles versteht, was heute über nichteuklidische Geometrie verstan-
den werden kann. Nun möchte ich aber die Frage aufwerfen - ver-
zeihen Sie, es sieht etwas geringschätzig aus, wenn man in diese Tri-
vialität hinein die Sache kleidet, aber ich möchte es doch tun gegen-
über vielem, was nach dieser Richtung hintendiert, und ich bitte die
Anwesenden, besonders geschulte Mathematiker, sich die Sache zu
überlegen, ob es nicht so ist -, ich kann die Frage aufwerfen: Was
kaufe ich mir für all dasjenige, was da rein mathematisch auser-
sonnen worden ist? Es interessiert einen gar nicht das Gebiet, wo es
vielleicht eine reale Anwendung findet. Wenn man alles das, was
man da ausersonnen hat über nichteuklidische Geometrie, auf den
Bau des menschlichen Organismus anwenden würde, dann würde
man in der Wirklichkeit stehen und ungeheuer Bedeutsames auf die
Wirklichkeit anwenden und nicht in wirklichkeitslosen Spekulatio-
nen sich ergehen. Wenn der Mathematiker entsprechend vorbereitet
würde, damit ihn auch die Wirklichkeit interessierte, damit ihn
interessierte, wie zum Beispiel das Herz ausschaut, so daß er eine
Vorstellung darüber gewinnen kann, wie er durch mathematische
Operationen den Herzorganismus umdrehen kann und wie dadurch
die ganze menschliche Gestalt entstehen würde; wenn er eine Anlei-
tung darüber bekäme, so zu mathematisieren, dann würde dieses
Mathematisieren in der Wirklichkeit drinnenstehen. Dann würde
das nicht mehr möglich sein, daß man auf der einen Seite den
geschulten Mathematiker sitzen hat, den die anderen Dinge nicht
interessieren, die der Mediziner lernt, und auf der anderen Seite den
Mediziner, der nichts versteht davon, wie der Mathematiker Formen
umwandelt, metamorphosiert, aber im rein abstrakten Elemente.
Das ist dasjenige, über das wir hinauskommen müssen. Wenn
wir nicht über dieses hinauskommen, so versumpfen unsere Wissen-
schaften. Sie gliedern sich immer mehr und mehr. Die Leute ver-
stehen einander nicht mehr. Wie soll man denn die Wissenschaft
überführen in sozialwissenschaftliche Betrachtungen, wie alles das,
was ich Ihnen zeigen werde in diesen Vorträgen, fordert? Aber sie ist
nicht da, diese Wissenschaft, die übergeführt werden könnte in eine
Sozialwissenschaft.
Nun, wir haben also auf der einen Seite die Astronomie, die
immer mehr und mehr zu der mathematischen Vorstellungsweise
hintendiert, und die in ihrer jetzigen Gestalt dadurch groß geworden
ist, daß sie eben rein mathematisch-mechanische Wissenschaft ist.
Wir haben aber auch einen anderen Pol zu dieser Astronomie, der
ohne diese Astronomie seiner Wirklichkeit gemäß überhaupt nicht
studiert werden kann unter den heutigen wissenschaftlichen Ver-
hältnissen. Aber es ist gar nicht möglich, eine Brücke zu bauen
zwischen der Astronomie und diesem anderen Pol unserer Wissen-
schaften. Dieser andere Pol ist nämlich die Embryologie. Und nur
derjenige studiert die Wirklichkeit, der auf der einen Seite den
Sternenhimmel studiert und auf der anderen Seite die Entwickelung
namentlich des menschlichen Embryos studiert. Aber wie studiert
man nun in der heute üblichen Weise den menschlichen Embryo?
Nun, man sagt: Der menschliche Embryo entsteht durch das Zusam-
menwirken von zwei Zellen, den Geschlechtszellen, der männlichen
und der weiblichen Zelle. Diese Zellen entwickeln sich in dem
übrigen Organismus so, daß sie bis zu ihrer Zusammenwirkens-
möglichkeit eine gewisse Selbständigkeit erreichen, daß sie dann
einen gewissen Gegensatz darstellen, daß die eine Zelle in der an-
deren Zelle andere Entwickelungsmöglichkeiten hervorruft, als sie
vorher hat. Es bezieht sich das auf die weibliche Keimzelle. Davon
ausgehend studiert man die Zellenlehre überhaupt. Man fragt sich:
Was ist eine Zelle? - Sie wissen ja, ungefähr seit dem ersten Drittel
des 19-Jahrhunderts baut man die Biologie eigentlich auf die Zellen-
lehre auf. Man sagt sich: Eine solche Zelle besteht aus einem mehr
oder weniger großen oder kleinen Kügelchen von Substanz, die aus
Eiweißverbindungen besteht. Sie hat in sich einen Kern, der etwas
andere Struktur aufweist, und um sich herum eine Membran, die
zum Abschließen notwendig ist. Sie ist so der Baustein alles des-
jenigen, was als organisches Wesen entsteht. Solche Zellen sind ja
auch die Geschlechtszellen, nur in verschiedener Weise gestaltet
als weibliche und männliche Zellen. Und aus solchen Zellen baut
sich ein jeder komplizierter Organismus auf.
Ja nun, was meint man eigentlich, wenn man sagt: Aus solchen
Zellen baut sich ein Organismus auf? Man meint: Das, was man
sonst an Substanzen in der übrigen Natur hat, wird in diese Zellen
aufgenommen und es wirkt nun nicht mehr unmittelbar wie sonst
in der Natur. Wenn in diesen Zellen zum Beispiel Sauerstoff, Stick-
stoff oder Kohlenstoff enthalten ist, so wirkt dieser Kohlenstoff auf
irgendeine andere Substanz außerhalb nicht so wie sonst, sondern
es ist diese unmittelbare Wirkung ihm entzogen. Er ist aufgenom-
men in den Organismus der Zelle und kann nur so wirken, wie er
eben in der Zelle wirken kann, er wirkt nicht unmittelbar, sondern
die Zelle wirkt und sie bedient sich seiner besonderen Eigenschaften,
indem sie ihn in einer gewissen Menge in sich eingegliedert hat. Was
wir zum Beispiel im Menschen haben als Metall, als Eisen, das wirkt
erst auf dem Umweg durch die Zelle. Die Zelle ist der Baustein.
Nun geht man also zurück, indem man den Organismus studiert,
auf die Zelle. Und wenn man zunächst nur die sogenannte Haupt-
masse der Zelle betrachtet, außer dem Kern, außer der Membran, so
kann man in ihr zwei voneinander zu unterscheidende Teile nach-
weisen. Man hat einen dünnflüssigen, durchsichtigen Teil, und man
hat einen Teil, welcher eine Art Gerüst bildet. So daß man schema-
tisch gezeichnet eine Zelle etwa so darstellen kann, daß man sagt,
man habe das Zellengerüst und dann dieses Zellengerüst gewisser-
maßen eingebettet in derjenigen Substanz, die nicht in dieser Weise
geformt ist wie das Zellengerüst selbst (Fig. 6). Also, die Zelle würde
Fig. 6
man sich aufgebaut zu denken haben aus einer dünnflüssig blei-
benden Masse, die nicht in sich Form annimmt, und aus ihrem Ge-
rüste, das in sich Form annimmt, das in der verschiedensten Weise
gestaltet ist. Das studiert man nun. Man bekommt es mehr oder
weniger fertig, so die Zelle studieren zu können: Gewisse Teile in
ihr sind färbbar, andere sind nicht färbbar. Dadurch bekommt man
durch Karmin oder Safranin oder so etwas, was man anwendet, um
die Zellen zu färben, eine überschaubare Gestalt der Zelle, so daß
man also sich gewisse Vorstellungen bilden kann auch über das
innere Gefüge der Zelle. Und man studiert das. Man studiert, wie
sich dieses innere Gefüge ändert, während die weibliche Keimzelle
zum Beispiel befruchtet wird. Man verfolgt die einzelnen Stadien,
wie die Zelle sich in ihrer inneren Struktur ändert, wie sie sich dann
teilt, wie sich der Teil, Zelle an Zelle, angliedert und aus der Zu-
sammenfügung eine kompliziert aufgebaute Gestalt entsteht. Das
studiert man. Aber es fällt einem nicht ein, sich zu fragen: Ja, wo-
mit hängt denn eigentlich dieses ganze Leben in der Zelle zusam-
men? Was liegt denn da eigentlich vor? - Es fällt einem nicht ein,
das zu fragen.
Was da vorliegt in der Zelle, das ist ja zunächst mehr abstrakt
so zu fassen: Ich habe die Zelle. Nehmen wir sie zunächst in ihrer
am häufigsten vorkommenden Form, in der kugeligen Form. Diese
kugelige Form wird ja mitbedingt von der dünnflüssigen Substanz.
Diese kugelige Form hat in sich eingeschlossen die Gerüstform. Und
die kugelige Form, was ist sie? Die dünnflüssige Masse ist noch ganz
sich selbst überlassen, sie folgt also denjenigen Impulsen, die um sie
herum sind. Was tut sie? Ja - sie bildet das Weltenall nach! Sie hat
deshalb ihre kugelige Form, weil sie den ganzen Kosmos, den wir
uns auch zunächst ideell als eine Kugelform, als eine Sphäre vor-
stellen, weil sie den ganzen Kosmos in Kleinheit nachbildet. Jede
Zelle in ihrer Kugelform ist nichts anderes als eine Nachbildung der
Form des ganzen Kosmos. Und das Gerüst darin, jede Linie, die da
im Gerüst gezogen ist, ist abhängig von den Strukturverhältnissen
des ganzen Kosmos. - Wenn ich mich jetzt zunächst abstrakt aus-
drücken soll: Nehmen Sie an, Sie haben die Weltensphäre, ideell
begrenzt (Fig. 7). Darin meinetwillen haben Sie hier einen Planeten
und hier einen Planeten (a, ai). Die wirken so, daß die Impulse,
mit denen sie aufeinander wirken, in dieser Linie liegen. Hier (m)
bildet sich, natürlich schematisch gezeichnet, eine Zelle, sagen wir.
Ihre Umgrenzung bildet die Sphäre nach. Hier innerhalb ihres Ge-
rüstes (Fig. 8) hat sie ein Festes, welches von der Wirkung dieses
Planeten (a) auf diesen (ai) abhängt. Nehmen Sie an, hier wäre
eine andere Planetenkonstellation, die so aufeinander wirkt (b, bi).
Fig. 7 Fig. 8
Hier wäre wiederum ein anderer Planet (c), der keinen Gegensatz
hat. Der verrenkt diese ganze Sache, die sonst vielleicht rechtwin-
kelig stünde. Es entsteht die Bildung etwas anders. Sie haben in der
Gerüststruktur eine Nachbildung der ganzen Verhältnisse im Pla-
netensystem, überhaupt im Sternensystem. Sie können konkret hinein-
gehen in den Aufbau der Zelle, und Sie bekommen eine Erklärung
für diese konkrete Gestalt nur, wenn Sie in der Zelle sehen ein Ab-
bild des ganzen Kosmos.
Und nun nehmen Sie die weibliche Eizelle und stellen sich vor,
diese weibliche Eizelle hat die kosmischen Kräfte zu einem gewissen
inneren Gleichgewicht gebracht. Diese Kräfte haben Gerüstform an-
genommen und sind in der Gerüstform in einer gewissen Weise zur
Ruhe gekommen, gestützt durch den weiblichen Organismus. Nun
geschieht die Einwirkung der männlichen Geschlechtszelle. Die hat
nicht den Makrokosmos in sich zur Ruhe gebracht, sondern sie wirkt
im Sinne irgendwelcher Spezialkraft. Sagen wir, es wirkt die männ-
liche Geschlechtszelle im Sinne gerade dieser Kraftlinie auf die
weibliche Eizelle, die zur Ruhe gekommen ist, ein. Dann geschieht
durch diese Spezialwirkung eine Unterbrechung der Ruheverhält-
nisse. Es wird gewissermaßen die Zelle, die ein Abbild ist des ganzen
Makrokosmos, dazu veranlaßt, ihre ganze mikrokosmische Gestalt
wiederum hineinzustellen in das Wechselspiel der Kräfte. In der
weiblichen Eizelle ist zunächst in ruhiger Abbildung der ganze Ma-
krokosmos zur Ruhe gekommen. Durch die männliche Geschlechts-
zelle wird die weibliche herausgerissen aus dieser Ruhe, wird wieder-
um in ein Spezialwirkungsgebiet hineingezogen, wird wiederum zur
Bewegung gebracht, wird wiederum herausgezogen aus der Ruhe.
Sie hat sich zur Nachbildung des Kosmos in die ruhige Form zusam-
mengezogen, aber diese Nachbildung wird hineingezogen in die
Bewegung durch die männlichen Kräfte, die Bewegungsnachbil-
dungen sind. Es werden die weiblichen Kräfte, die Nachbildungen
der Gestalt des Kosmos und zur Ruhe gekommen sind, aus der
Ruhe, aus der Gleichgewichtslage gebracht.
Da bekommen Sie Anschauungen über die Form und Gestaltung
des Kleinsten, des Zellenhaften, von der Astronomie aus. Und Sie
können gar nicht Embryologie studieren, ohne daß Sie Astronomie
studieren. Denn das, was Ihnen die Embryologie zeigt, ist nur der
andere Pol desjenigen, was Ihnen die Astronomie zeigt. Wir müssen
gewissermaßen auf der einen Seite den Sternenhimmel verfolgen,
wie er aufeinanderfolgende Stadien zeigt, und wir müssen nachher
verfolgen, wie eine befruchtete Keimzelle sich entwickelt. Beides ge-
hört zusammen, denn das eine ist nur das Abbild des anderen.
Wenn Sie nichts von Astronomie verstehen, werden Sie niemals die
Kräfte verstehen, die im Embryo wirken. Und wenn Sie nichts von
Embryologie verstehen, so werden Sie niemals den Sinn verstehen
von den Wirkungen, die dem Astronomischen zugrunde liegen.
Denn diese Wirkungen zeigen sich im Kleinen in den Vorgängen
der Embryologie.
Es ist denkbar, daß man aufbaut eine Wissenschaft, daß man
rechnet auf der einen Seite, daß man die astronomischen Vorgänge
beschreibt, und auf der anderen Seite alles das beschreibt, was zu
ihnen gehört in der Embryologie, denn es ist ja nur die andere Seite.
Nun schauen Sie sich den heutigen Zustand an in den Wissen-
schaften. Da finden Sie: Die Embryologie wird als Embryologie stu-
diert. Es würde als Wahnsinn aufgefaßt, wenn Sie einem heutigen
Embryologen zumuten würden, er müsse Astronomie studieren, um
die Erscheinungen seines Gebietes zu verstehen. Und doch ist es so.
Das ist das, was notwendig macht eine vollständige Umgruppierung
der Wissenschaften. Man wird kein Embryo löge werden können,
wenn man nicht Astronomie studiert hat. Man wird nicht Menschen
ausbilden können, die bloß ihre Augen und ihre Teleskope auf die
Sterne richten. Denn so die Sterne zu studieren, hat ja keinen wei-
teren Sinn, wenn man nicht weiß, daß aus der großen Welt nun wirk-
lich die kleinste Welt hervorgebildet wird.
Aber das alles, was ganz konkret ist, hat sich ja in der Wissen-
schaft in äußerste Abstraktionen verwandelt. Denken Sie, es gibt
eine Wirklichkeit, wo man sagen kann: Man muß nach astronomi-
scher Erkenntnis streben in der Zellenlehre, besonders in der Embry-
ologie. Würde also Du Bois-Reymond gesagt haben: Man muß wirk-
lich konkret Astronomie wiederum so für die Zellenlehre anwenden,
dann hätte er aus der Wirklichkeit geschöpft. Er hat aber etwas ver-
langt, was keiner Wirklichkeit entspricht, was erdacht ist: Das Mole-
kül; die Atome drinnen sollen astronomisch untersucht werden. Da
soll das astronomische Mathematisieren, das hinzugefügt wurde zur
Sternenwelt, wieder gesucht werden. Also, Sie sehen, auf der einen
Seite liegt die Wirklichkeit: Die Bewegung, die Kraftwirkung der
Sterne und die embryologische Entwickelung, worin nichts anderes
lebt, als was in der Sternenwelt lebt. Da liegt die Wirklichkeit. Da
müßte man sie suchen; auf der anderen Seite liegt die Abstraktion.
Da rechnet der Mathematiker und Mechaniker die Bewegungen und
Kraftwirkungen der Himmelskörper aus und erfindet die molekulare
Struktur, auf die er seine astronomischen Erkenntnisse anwendet.
Da hat er sich entfernt vom Leben, da lebt er in reinen Abstrak-
tionen drinnen.
Das ist dasjenige, was wir doch so betrachten sollen, daß wir uns
ein bißchen erinnern, wie wir mit voller Bewußtheit wiederum dazu
kommen müssen, etwas zu erneuern, was ja in früheren Zeiten tat-
sächlich in einem gewissen Sinne vorhanden war. Gehen wir zurück
zu den ägyptischen Mysterien, so finden wir da in den ägyptischen
Mysterien astronomische Beobachtungen, so wie man sie damals ge-
macht hat. Aber aus diesen Beobachtungen hat man nicht nur be-
rechnet, wann wiederum eine Sonnenfinsternis und eine Mond-
finsternis sein wird, sondern was in der sozialen Entwickelung zu ge-
schehen hat. Man hat sich nach dem, was man am Himmel gesehen
hat, gerichtet in dem, was man den Leuten sagte, was sie tun
müßten, was in der sozialen Entwickelung eingetreten ist. Man hat
also Soziologie und Astronomie als eines behandelt. Wir müssen
auch wiederum lernen, wenn auch jetzt in anderer Weise als die
Ägypter, wir müssen lernen dasjenige, was im sozialen Leben ge-
schieht, anzuknüpfen an die Erscheinungen des großen Weltenalls.
Wir verstehen ja nicht, was sich in der Mitte des 15 Jahrhunderts
vollzogen hat, wenn wir nicht anknüpfen können an die Erscheinun-
gen des Weltenalls, an dasjenige, was dazumal erschienen ist. Es re-
det einer wie ein Blinder von der Farbe, wenn er von den Umwand-
lungen in der zivilisierten Welt in der Mitte des 15.Jahrhunderts
spricht und dieses nicht berücksichtigt. Geisteswissenschaft ist davon
schon ein Ansatz. Aber wir können nicht dazu kommen, dieses
komplizierte Gebiet der Soziologie, der Sozialwissenschaft mit dem
Gebiet der Naturbetrachtung zusammenzubringen, wenn wir es
nicht auf dem Umwege tun, daß wir zuerst Astronomie mit Embryo-
logie zusammenbringen, die embryo logischen Tatsachen anknüpfen
an die astronomischen Erscheinungen.
Das ist das, was ich heute als Einleitung geben wollte und was
morgen fortgesetzt werden soll.
ZWEITER VORTRAG
Stuttgart, 2. Januar 1921
Ich habe gestern zwei nach unseren gegenwärtigen Anschauungen
zunächst scheinbar weit auseinanderliegende Wissenschaftszweige in
einer Art von Verbindung gezeigt. Ich versuchte nämlich zu zeigen,
daß die Wissenschaft der Astronomie uns gewisse Erkenntnisse ge-
ben soll, welche verwertet werden müssen in einem ganz anderen
Wissenschaftszweige, von dem man heute eine solche Betrachtung,
die sich auf astronomische Tatsachen bezieht, gänzlich ausschließt;
daß, mit anderen Worten, die Astronomie verbunden werden muß
mit der Embryologie; daß man die Erscheinungen der Entwickelung
der Zelle, insbesondere der Geschlechtszelle, nicht verstehen kann,
ohne zu Hilfe zu rufen die scheinbar von der Embryologie so ent-
fernt liegenden Tatsachen der Astronomie.
Ich habe daraufhingewiesen, wie eine wirkliche Umgruppierung
innerhalb unseres wissenschaftlichen Lebens wird eintreten müssen,
weil man heute ja vor der Tatsache steht, daß einfach der Mensch,
der einen gewissen Bildungsgang durchmacht, sich nur hineinfindet
in die heutigen abgezirkelten Wissenschaftskategorien und dann
nicht die Möglichkeit hat, dasjenige, was nur so behandelt wird in
abgezirkelten Wissenschaftskategorien, anzuwenden auf Gebiete,
die der Sache nach naheliegen, die er aber eigentlich nur nach Ge-
sichtspunkten kennenlernt, nach denen sie nicht ihr volles Antlitz
zeigen. Wenn es einfach, wie im Verlauf dieser Vorträge sich zeigen
wird, wahr ist, daß wir die aufeinanderfolgenden Stadien der em-
bryonalen Entwickelung des Menschen nur verstehen können, wenn
wir ihr Gegenbild verstehen, die Erscheinungen des Himmels; wenn
das wahr ist - und es wird sich eben zeigen, daß das wahr ist -,
dann können wir nicht Embryologie treiben, ohne Astronomie zu
treiben. Und wir können auf der anderen Seite nicht Astronomie
treiben, ohne gewisse Ausblicke zu schaffen in die embryologi-
schen Tatsachen. Wir studieren mit der Astronomie ja dann etwas,
was eigentlich seine bedeutsamste Wirkung zeigt bei der Ent-
Wickelung des menschlichen Embryos. Und wie sollen wir uns
denn über Sinn und Vernünftigkeit der astronomischen Tatsachen
aufklären, wenn wir dasjenige, worin sie gerade diesen Sinn und
diese Vernünftigkeit zeigen, in gar keinen Zusammenhang mit
ihnen bringen?
Sie sehen, wieviel heute notwendig ist, um zu einer vernünf-
tigen Weltanschauung zu kommen heraus aus dem Chaos, in dem
wir gerade im wissenschaftlichen Leben drinnen stecken. Wenn man
aber nur dasjenige nimmt, was heute gang und gäbe ist, so wird
es einem außerordentlich schwer, zunächst auch nur in einem all-
gemeinen Gedanken so etwas zu fassen, wie ich gestern charakteri-
siert habe. Denn es hat eben die Zeitentwickelung mit sich gebracht,
daß man die astronomischen Tatsachen nur mit Mathematik und
Mechanik erfaßt und daß man die embryologischen Tatsachen in
einer solchen Weise registriert, daß man bei ihnen gänzlich absieht
von alledem, was mathematisch-mechanisch ist, oder höchstens,
wenn man das Mathematisch-Mechanische in irgendeine Beziehung
zu ihnen bringt, dies in einer ganz äußerlichen Weise tut, ohne dar-
auf Rücksicht zu nehmen, wo der Ursprung desjenigen ist, was sich
auch als Mathematisch-Mechanisches ausdrücken könnte in der em-
bryologischen Entwicklung.
Nun braucht man nur auf ein Diktum hinzuweisen, das Goethe
aus einer gewissen Empfindung, Erkenntnisempfindung möchte ich
es nennen, heraus gesprochen hat, das aber im Grunde doch auf
etwas außerordentlich Bedeutsames hinweist. Sie können darüber
nachlesen in Goethes «Sprüchen in Prosa» und in dem Kommentare,
den ich dazugefügt habe in der Ausgabe in der «Deutschen National-
Litteratur», wo ich über diese Stelle ausführlich spreche. Goethe
sagt da, daß man die Naturerscheinungen so abgesondert vom Men-
schen betrachtet, daß man immer mehr und mehr bestrebt ist, die
Naturerscheinungen nur so zu betrachten, daß man auf den Men-
schen gar keine Rücksicht nimmt. Er glaubte dagegen, daß die Na-
turerscheinungen ihre wahre Bedeutung erst dann zeigen, wenn
man sie durchwegs im Zusammenhang mit dem Menschen, mit der
ganzen menschlichen Organisation ins Auge faßt. Damit hat Goethe
hingewiesen auf eine Forschungsart, die heute im Grunde genom-
men verpönt ist. Man möchte heute zur Objektivität dadurch kom-
men, daß man über die Natur ganz in Absonderung vom Menschen
forscht. Nun zeigt sich ja das ganz besonders bei solchen Wissen-
schaftszweigen, wie die Astronomie einer ist. Da nimmt man ja
heute schon gar nicht mehr irgendwie Rücksicht auf den Menschen.
Man ist im Gegenteil stolz darauf geworden, daß die scheinbar ob-
jektiven Tatsachen das Resultat zutage gefördert haben, daß der
Mensch nur solch ein Staubpunkt ist auf der zum Planeten zusam-
mengeschmolzenen Erde, welche sich im Räume, zunächst um die
Sonne, dann mit der Sonne oder sonst im Räume bewegt; daß man
keine Rücksicht zu nehmen braucht auf diesen Staubpunkt, der da
auf der Erde herumwandelt; daß man nur Rücksicht zu nehmen
braucht auf das, was außermenschlich ist, wenn man vor allen Din-
gen die großen Himmelserscheinungen ins Auge faßt. Nur fragt es
sich, ob denn wirklich auf eine solche Weise reale Resultate zu ge-
winnen sind.
Ich möchte noch einmal aufmerksam darauf machen, wie der
Gang der Betrachtung gerade in diesen Vorträgen sein muß: Das-
jenige, was Sie als Beweise empfinden werden, wird sich erst im Lau-
fe der Vorträge ergeben. Es muß manches heute aus der Anschauung
herausgeholt werden, um zunächst gewisse Begriffe zu bilden. Wir
werden zunächst gewisse Begriffe bilden müssen, die wir erst haben
müssen, und dann werden wir zum Verifizieren dieser Begriffe
schreiten können.
Woher können wir denn überhaupt etwas Reales über die Him-
melserscheinungen gewinnen? Diese Frage muß uns vor allen Din-
gen beschäftigen. Können wir durch die bloße Mathematik, die wir
anwenden auf die Himmelserscheinungen, über dieselben irgend
etwas gewinnen? Der Gang der menschlichen Erkenntnisentwicke-
lung kann schon enthüllen - wenn man nicht gerade auf dem Hoch-
mutsstandpunkt steht, daß wir es heute «ganz herrlich weit ge-
bracht» haben und alles übrige, was vorher gelegen hat, kindisch
war -, wie die Gesichtspunkte sich verschieben können.
Sehen Sie, man kommt von gewissen Ausgangspunkten aus zu
einer großen Verehrung desjenigen, was für die Himmelsbeobach-
tung geleistet haben zum Beispiel die alten Chaldäer. Die alten
Chaldäer haben außerordentlich genaue Beobachtungen über den
Zusammenhang der menschlichen Zeitrechnung mit den Himmels-
erscheinungen gehabt. Sie haben eine außerordentlich bedeutsame
Kalenderwissenschaft gehabt. Und vieles, was heute uns wie eine
selbstverständliche Handhabung der Wissenschaft erscheint, führt
eigentlich in seinen Anfängen auf die Chaldäer zurück. Und den-
noch waren die Chaldäer zufrieden damit, sich das mathematische
Bild des Himmels so vorzustellen, daß die Erde eine Art von flacher
Scheibe wäre, über die sich hinübergewölbt hat die halbe Hohl-
kugel des Himmelsgewölbes, an der die Fixsterne angeheftet waren,
gegenüber welcher sich die Planeten bewegt haben - zu den Plane-
ten haben sie auch die Sonne gerechnet. Sie haben ihre Rechnungen
angestellt, indem sie dieses Bild zugrunde gelegt haben, und sie
haben in hohem Maße richtige Berechnungen gemacht trotz der
Zugrundelegung dieses Bildes, das selbstverständlich die heutige
Wissenschaft als einen Grundirrtum, als etwas Kindliches bezeich-
nen kann.
Die Wissenschaft, oder besser gesagt die Wissenschaftsrichtung,
ist dann fortgeschritten. Wir können auf eine Etappe hinweisen, in
welcher man sich vorgestellt hat, daß die Erde zwar stillsteht, daß
aber Venus und Merkur sich um die Sonne bewegen, daß also gewis-
sermaßen die Sonne den Mittelpunkt abgibt für die Bewegung von
Venus und Merkur, die anderen Planeten, Mars, Jupiter und Saturn,
sich aber noch um die Erde bewegen, nicht um die Sonne, der Fix-
sternhimmel wiederum sich um die Erde bewegt.
Wir finden dann, wie fortgeschritten wird dazu, daß man nun
auch um die Sonne sich herumbewegen ließ den Mars, den Jupiter,
den Saturn, daß man aber immer noch die Erde stille stehen ließ
und nun die Sonne mit den sich um sie herumbewegenden Planeten
um die Erde herum sich bewegen ließ und den Sternenhimmel da-
zu. Im Grunde genommen war das noch die Ansicht des Tycho de
Brake, während sein Zeitgenosse Kopernikus dann die andere Auf-
fassung geltend gemacht hat, daß die Sonne als stillstehend anzu-
sehen wäre, die Erde zu den Planeten hinzuzurechnen sei und sich
mit den Planeten um die Sonne herumbewege. Hart aneinander
stoßen in der Zeit des Kopernikus eine Anschauung, die schon im
alten Ägypten da war, von der stillstehenden Erde, von den um die
Sonne sich bewegenden anderen Planeten, die noch Tycho de Brahe
vertrat, und die Anschauung des Kopernikus, die radikal brach mit
dem Annehmen des Koordinatenmittelpunktes im Mittelpunkt der
Erde, die den Koordinatenmittelpunkt einfach in den Mittelpunkt
der Sonne verlegte. Denn im Grunde genommen war das ganze Um-
ändern des Kopernikus nichts anderes als dieses, daß der Koordina-
tenmittelpunkt verlegt worden ist von dem Mittelpunkt der Erde
in den Mittelpunkt der Sonne.
Welches war denn eigentlich die Frage des Kopernikus? - Die
Frage des Kopernikus war: Wie kommt man dazu, diese kompliziert
erscheinende Planetenbewegung - denn so erscheint sie von der Erde
aus beobachtet - auf einfachere Linien zurückzuführen? Wenn man
von der Erde aus die Planeten betrachtet, muß man allerlei Schlei-
fenlinien ihren Bewegungen zugrunde legen, etwa solche Linien
Fig.l
(Fig. 1). Wenn man also den Mittelpunkt der Erde als Koordinaten-
mittelpunkt ansieht, hat man nötig, außerordentlich komplizierte
Bewegungskurven den Planeten zugrunde zu legen. Kopernikus
sagte sich etwa: Ich verlege einmal zunächst probeweise den Mittel-
punkt des ganzen Koordinatensystems in den Mittelpunkt der Son-
ne, dann reduzieren sich die komplizierten Planetenbewegungs-
Kurven auf einfache Kreisbewegungen oder, wie später gesagt wor-
den ist, auf Ellipsenbewegungen. Es war das Ganze nur ein Kon-
struieren eines Weltensystems mit dem Zwecke, die Planetenbahnen
in möglichst einfachen Kurven darstellen zu können.
Nun, heute liegt ja eine sehr merkwürdige Tatsache vor. Dieses
kopernikanische System, das läßt natürlich, wenn man es anwendet
als rein mathematisches System, die Berechnungen, die man
braucht, ebensogut auf die Wirklichkeit anwenden wie irgendein
anderes früheres. Man kann mit dem alten chaldäischen, mit dem
ägyptischen, mit dem tychonischen, mit dem kopernikanischen
System Mond- und Sonnenfinsternisse berechnen. Man kann also
die äußeren auf Mechanik, auf Mathematik beruhenden Vorgänge
am Himmel voraussagen. Das eine System eignet sich dazu ebenso-
gut wie das andere. Es kommt nur darauf an, daß man gewisser-
maßen mit dem kopernikanischen System die einfachsten Vorstel-
lungen verbinden kann. Nur liegt das Eigentümliche vor, daß ei-
gentlich in der praktischen Astronomie nicht mit dem kopernika-
nischen System gerechnet wird. Kurioserweise wendet man, um die
Dinge herauszubekommen, die man zum Beispiel in der Kalender-
wissenschaft braucht, das tychonische System an! So daß man eigent-
lich heute folgendes hat: Man rechnet nach dem tychonischen Sy-
stem, richtig ist das kopernikanische System. Aber gerade daraus
zeigt sich ja, wie wenig ganz Prinzipielles, wie wenig Wesenhaftes
eigentlich bei diesen Darstellungen in rein mathematischen Linien
und mit der Zugrundelegung mechanischer Kräfte in Betracht
gezogen wird.
Nun liegt noch etwas anderes, sehr Merkwürdiges vor, das ich
heute zunächst nur andeuten will, damit wir, möchte ich sagen,
über das Ziel unserer Vorträge uns verständigen, über das ich schon
in den nächsten Vorträgen sprechen will. Es liegt das Merkwürdige
vor, daß nun Kopernikus aus seinen Erwägungen heraus drei Haupt-
sätze seinem Weltensystem zugrunde legt. Der eine Hauptsatz ist
der, daß sich die Erde in 24 Stunden um die eigene Nord-Süd-Achse
dreht. Das zweite Prinzip, das Kopernikus seinem Himmelsbilde
zugrunde legt, ist dieses, daß die Erde sich um die Sonne her-
um bewegt, daß also eine Revolution der Erde um die Sonne
vorhanden ist, daß dabei natürlich sich die Erde auch in einer
gewissen Weise dreht. Diese Drehung geschieht aber nicht um
die Nord-Süd-Achse der Erde, die immer nach dem Nordpol
hinweist, sondern um die Ekliptikachse, die ja einen Winkel bil-
det mit der eigentlichen Erdachse. So daß also gewissermaßen
die Erde eine Drehung erfährt während eines vierundzwanzig -
stündigen Tages um ihre Nord-Süd-Achse, und dann, indem sie
ungefähr 365 solcher Drehungen im Jahre ausführt, kommt noch
dazu eine andere Drehung, eine Jahresdrehung, wenn wir ab-
sehen von der Bewegung um die Sonne. Nicht wahr, wenn sie
sich immer so umdreht und sich noch einmal um die Sonne dreht,
ist das so, wie sich der Mond um die Erde dreht, der dieselbe
Fläche uns immer zuwendet. Das tut die Erde auch, indem sie
sich um die Sonne dreht, aber nicht um dieselbe Achse, um
die sie sich dreht, indem sie die tägliche Achsendrehung ausführt.
Sie dreht sich also gewissermaßen in diesem Jahrestag, der zu
den Tagen hinzukommt, die nur 24 Stunden lang sind, um eine
andere Achse.
Das dritte Prinzip, das Kopernikus geltend macht, ist dieses, daß
nun nicht nur eine solche Drehung zustande kommt der Erde um
die Nord-Süd-Achse und eine zweite um die Ekliptikachse, sondern
daß noch eine dritte Drehung stattfindet, welche sich darstellt als
eine rückläufige Bewegung der Nord-Süd-Achse um die Ekliptik-
achse selber. Dadurch wird in einem gewissen Sinne die Drehung
um die Ekliptikachse wiederum aufgehoben. Dadurch weist die Erd-
achse stets auf den Nordpol (den Polarstern) hin. Während sie sonst,
indem sie um die Sonne herumgeht, eigentlich einen Kreis bezie-
hungsweise eine Ellipse beschreiben müßte um den Ekliptikpol,
weist sie durch ihre eigene Drehung, die im entgegengesetzten
Sinne erfolgt - jedesmal, wenn die Erde ein Stück weiter rückt, dreht
sich die Erdachse zurück -, immerfort auf den Nordpol hin. Koper-
nikus hat dieses dritte Prinzip angenommen, daß das Hinweisen auf
den Nordpol dadurch geschieht, daß die Erdachse selber durch eine
Drehung in sich, eine Art Inklination, fortwährend die andere Dre-
hung aufhebt. So daß diese eigentlich im Laufe des Jahres nichts be-
deutet, indem sie fortwährend aufgehoben wird.
In der neueren Astronomie, die auf Kopernikus aufgebaut hat,
ist das Eigentümliche eingetreten, daß man die zwei ersten Haupt-
sätze gelten läßt und den dritten ignoriert und sich über dieses Igno-
rieren des dritten Satzes in einer Art, ich möchte sagen, mit leichter
Hand hinwegsetzt, indem man sagt: Die Sterne sind so weit weg,
daß eben die Erdachse, auch wenn sie immerfort parallel bleibt,
nach demselben Punkte immer zeigt. - So daß man also sagt: Die
Nord-Süd-Erdachse bleibt bei dieser Drehung um die Sonne immer
zu sich parallel. - Das hat Kopernikus nicht angenommen, sondern
er hat eine fortwährende Drehung der Erdachse angenommen. Man
steht also nicht auf dem Standpunkte des kopernikanischen Systems,
sondern man hat, weil es einem bequem war, die zwei ersten Haupt-
sätze des Kopernikus genommen, den dritten weggelassen und sich
in das Geflunker verloren, daß man das nicht anzunehmen brauche,
daß die Erdachse sich bewegen müßte, um nach demselben Punkte
zu zeigen, sondern der Punkt sei so weit weg, daß, wenn die Achse
sich auch vorwärtsschiebt, sie doch auf denselben Punkt zeigt. Jeder
wird einsehen, daß das einfach ein Geflunker ist. So daß wir also
heute ein kopernikanisches System haben, das eigentlich ein ganz
wichtiges Element wegläßt.
Fig. 2
Man stellt die Geschichte der modernen Astronomie-Entwicke-
lung durchaus so dar, daß kein Mensch diese Tatsache bemerkt, daß
man eine wichtige Sache wegläßt. Nur dadurch aber ist man über-
haupt imstande, noch immer die Geschichte so schön zu zeichnen,
daß man sagt: Hier die Sonne, die Erde geht herum in einer Ellipse,
in deren einem Brennpunkt die Sonne steht (Fig. 2).
Und nun ist man ja nicht mehr in der Lage gewesen, bei dem
kopernikanischen Ausgangspunkt stehen zu bleiben, daß die Sonne
stillstehe. Man gibt der Sonne eine Bewegung, aber man bleibt da-
bei, daß die Sonne fortrückt mit der ganzen Ellipse, daß irgend
etwas entsteht, immer neue Ellipsen (Fig. 3). Man fügt einfach, in-
dem man genötigt ist, die Sonnenbewegung einzuführen, zu dem,
Fig. 3 Vu^^ssjur^
was man schon hat, ein Neues hinzu, und man bekommt dann auch
eben eine mathematische Beschreibung heraus, die ja allerdings
bequem ist, bei der man aber nach den Wirklichkeits-Möglich-
keiten, nach den Wirklichkeiten wenig fragt. Wir werden sehen,
daß man nach dieser Methode nur nach der Stellung der Sterne,
der scheinbaren Stellung der Sterne, bestimmen kann, wie die Erde
sich bewegt, und daß es eine große Bedeutung hat, ob man eine Be-
wegung, die man notwendig annehmen muß, nämlich die Inklina-
tion der Erdachse, die fortwährend die jährliche Drehung aufhebt,
annimmt oder nicht. Denn man bekommt ja doch resultierende
Bewegungen heraus, indem man sie zusammensetzt aus den ein-
zelnen Bewegungen. Läßt man eine weg, so ist es schon zusammen
nicht mehr richtig. Daher ist die ganze Theorie in Frage gestellt,
ob nun gesagt werden kann, daß die Erde sich in einer Ellipse um
die Sonne dreht.
Sie sehen einfach aus dieser historischen Tatsache, daß heute in
der scheinbar sichersten, weil mathematischsten Wissenschaft, in der
Astronomie, brennende Fragen vorliegen, brennende Fragen, die
sich einfach aus der Geschichte ergeben. Und daraus entsteht dann
die Frage: Ja, wodurch lebt man denn in einer solchen Unsicherheit
gegenüber dem, was eigentlich astronomische Wissenschaft ist? Und
da muß man weiter fragen, muß die Frage nach einer anderen Rich-
tung lenken: Kommt man denn überhaupt durch eine bloß mathe-
matische Betrachtung zu irgendeiner realen Sicherheit? Bedenken
Sie doch nur, daß, indem man mathematisch betrachtet, man die
Betrachtung heraushebt aus jeder äußeren Realität. Das Mathema-
tische ist etwas, was aus unserem Innern aufsteigt. Man hebt sich
heraus aus jeder äußeren Realität. Daher ist es schon von vorne-
herein zu fassen, daß, wenn man nun mit einer Betrachtungsweise,
die sich heraushebt aus jeder Realität, an die äußere Realität heran-
tritt, man unter Umständen tatsächlich nur zu etwas Relativem
kommen kann.
Ich will im voraus bloße Erwägungen hinstellen. Wir werden
schon hinkommen zur Wirklichkeit. Es handelt sich darum, daß
vielleicht das vorliegt, daß man, indem man bloß mathematisch be-
trachtet und seine Betrachtung nicht genügend mit Wirklichkeit
durchdringt, gar nicht genügend energisch Wirklichkeit in der Be-
trachtung drinnen hat, um an die Erscheinungen der Außenwelt
richtig herantreten zu können. Das fordert dann auf, eventuell doch
näher die Himmelserscheinungen an den Menschen heranzuziehen
und sie nicht nur ganz abgesondert vom Menschen zu betrachten. Es
war ja nur ein Spezialfall dieses Heranziehens an den Menschen,
wenn ich sagte: Man muß dasjenige, was draußen am gestirnten
Himmel vor sich geht, in seinem Abdruck in den embryonalen Tat-
sachen sehen. Aber betrachten wir die Sache zunächst etwas ober-
flächlicher. Fragen wir, ob wir vielleicht einen anderen Weg als den-
jenigen finden, der bloß auf das Mathematische losgeht in bezug auf
die Himmelserscheinungen.
Da können wir in der Tat die Himmelserscheinungen in ihrem
Zusammenhang mit dem irdischen Leben zunächst qualitativ an den
Menschen etwas näher heranbringen. Wir wollen heute nicht ver-
schmähen, scheinbar elementare Betrachtungen zugrunde zu legen,
weil diese elementaren Betrachtungen gerade ausgeschlossen werden
von demjenigen, was man heute der Astronomie zugrunde legt.
Wollen wir einmal uns fragen: Wie nehmen sich denn die Dinge
aus, die auch hineinspielen in das astronomische Betrachten, wenn
wir das menschliche Leben auf der Erde ins Auge fassen? Da können
wir in der Tat die äußeren Erscheinungen um den Menschen herum
aus drei verschiedenen Gesichtspunkten heraus betrachten. Wir
können sie betrachten von dem Gesichtspunkte, den ich nennen
möchte den des solarischen Lebens, des Sonnenlebens, den des
lunarischen Lebens und den des terrestrischen, des tellurischen
Lebens.
Betrachten wir zunächst ganz populär, eben elementar, wie sich
diese drei Gebiete um den Menschen und am Menschen abspielen.
Da zeigt sich uns ganz klar, daß etwas auf der Erde in einer durch-
greifenden Abhängigkeit ist vom Sonnenleben; vom Sonnenleben,
innerhalb dessen wir dann auch jenen Teil suchen werden, der Be-
wegung oder Ruhe und so weiter der Sonne ist. Wollen wir aber zu-
nächst vom Quantitativen absehen und heute einmal auf das Quali-
tative sehen, wollen wir einmal versuchen, uns klarzumachen, wie
zum Beispiel die Vegetation irgendeines Erdengebietes von dem
solarischen Leben abhängt. Da brauchen wir ja in bezug auf die Ve-
getation nur dasjenige, was allbekannt ist, uns vor Augen zu rufen,
den Unterschied der Vegetationsverhältnisse im Frühling, Sommer,
Herbst und Winter, und wir werden sagen können: Wir sehen in der
Vegetation selber eigentlich den Abdruck des solarischen Lebens.
Die Erde öffnet sich auf einem bestimmten Gebiet demjenigen, was
außer ihr am Himmelsraum ist, und dieses Öffnen zeigt sich uns
in der Entfaltung des vegetativen Lebens. Verschließt sie sich wieder-
um dem solarischen Leben, so tritt die Vegetation zurück.
Wir finden aber eine gewisse Wechselwirkung zwischen dem
bloß Tellurischen und dem Solarischen. Fassen wir nur einmal ins
Auge, welcher Unterschied besteht gerade innerhalb des solarischen
Lebens, wenn das tellurische Leben ein anderes wird. Wir müssen
elementare Tatsachen zusammentragen. Sie werden dann sehen, wie
uns dies weiterführt. Nehmen wir einmal Ägypten und Peru als zwei
Gebiete in der tropischen Zone, Ägypten als Tiefebene, Peru als
Hochebene. Nun, vergleichen Sie die Vegetation, dann werden Sie
sehen, wie das Tellurische, also einfach die Entfernung vom Mittel-
punkt der Erde, hineinspielt in das solarische Leben. Sie brauchen
also nur die Vegetation über die Erde hin zu verfolgen und die Erde
nicht bloß als Mineralisches zu betrachten, sondern das Pflanzliche
dazu zu rechnen zur Erde, so haben Sie im Bilde der Vegetation
einen Anhaltspunkt, um über die Beziehungen des Irdischen zum
Himmlischen Anschauungen zu bekommen. Ganz besonders be-
kommen wir sie aber, wenn wir auf das Menschliche Rücksicht
nehmen.
Da haben wir zunächst zwei Gegensätze auf der Erde: das Pola-
rische und das Tropische. Die Wirkung dieses Gegensatzes zeigt sich
ja deutlich im menschlichen Leben. Nicht wahr, das polarische Le-
ben bringt im Menschen einen gewissen geistig-apathischen Zustand
hervor. Der schroffe Gegensatz, ein langer Winter und langer Som-
mer, die fast Tag- und Nacht-Bedeutung haben, bringt im Menschen
eine gewisse Apathie hervor, so daß man sagen kann, da lebt der
Mensch in einem Weltmilieu drinnen, das ihn apathisch macht. In
der tropischen Gegend lebt der Mensch auch in einem Weltmilieu
drinnen, das ihn apathisch macht. Aber der Apathie der polarischen
Gegenden liegt eine äußere spärliche Vegetation zugrunde, die auf
eigentümliche Weise auch da, wo sie sich entfaltet, mager, spärlich
ist. Der tropischen Apathie des Menschen liegt zugrunde eine rei-
che, üppige Vegetation. Und aus diesem Ganzen der Umgebung
kann man sagen: Die Apathie, die den Menschen befällt in polari-
schen Gegenden, ist eine andere Apathie als diejenige, die den Men-
schen befällt in tropischen Gegenden. Apathisch wird er in beiden
Gegenden, aber die Apathie ergibt sich gewissermaßen aus verschie-
denen Untergründen. In der gemäßigten Zone ist ein Ausgleich vor-
handen. Da entwickeln sich, möchte ich sagen, in einem gewissen
Gleichgewicht die menschlichen Fähigkeiten.
Nun wird niemand daran zweifeln, daß das etwas zu tun hat mit
dem solarischen Leben. Aber wie ist der Zusammenhang mit dem
solarischen Leben? Sehen Sie, wenn man - wie gesagt, ich will zuerst
einiges durch Anschauen entwickeln, damit wir zu Begriffen kom-
men -, wenn man den Dingen zugrunde geht, findet man, daß das
polarische Leben auf den Menschen so wirkt, daß das Sonnenleben
zunächst stark sich da auslebt. Die Erde entringt sich da dem Sonnen-
leben, sie laßt ihre Wirkungen nicht von unten herauf in die Vegeta-
tion schießen. Der Mensch ist dem eigentlichen Sonnenleben
ausgesetzt - Sie müssen nur das Sonnenleben nicht bloß in der Wärme
suchen -, und daß er das ist, bezeugt das Aussehen der Vegetation.
Wir haben also ein Überwiegen des solarischen Einflusses in der
polarischen Zone. Welches Leben überwiegt in der tropischen Zone?
Dort überwiegt das tellurische Leben, das Erdenleben. Das schießt
in die Vegetation hinein. Das macht die Vegetation üppig, reich.
Das benimmt dem Menschen auch das Gleichmaß seiner Fähigkei-
ten, aber es kommt von einer anderen Seite her im Norden wie im
Süden. Also, in polarischen Gegenden unterdrückt das Sonnenlicht
seine innere Entfaltung; in den tropischen Gegenden unterdrückt
dasjenige, was von der Erde aufschießt, seine inneren Fähigkeiten.
Und wir sehen einen gewissen Gegensatz, den Gegensatz, der sich
zeigt in einem Überwiegen des solarischen Lebens um den Pol her-
um; in einem Überwiegen des tellurischen Lebens in den tropischen
Gegenden, in der Äquatornähe.
Und wenn wir dann hinschauen auf den Menschen und die
menschliche Gestalt ins Auge fassen, dann werden wir uns sagen:
Dasjenige, was - bitte nehmen Sie zunächst nur als Paradoxie das
hin, wenn ich jetzt die menschliche Gestalt in einem gewissen Sinne
ernst nehme - in der äußeren Gestalt nachbildet den Weltenraum,
die Kugel, die Sphärengestalt des Weltenraumes - das menschliche
Haupt -, das ist auch während des Lebens in der polarischen Zone
zunächst, ist dem Außerirdischen ausgesetzt. Dasjenige, was Stoff-
wechselsystem im Zusammenhang mit den Gliedmaßen ist, das ist
in der tropischen Zone dem irdischen Leben ausgesetzt. Wir kom-
men so zu einer besonderen Beziehung des menschlichen Hauptes
zum außerirdischen Leben und des menschlichen Stoffwechselsy-
stems zusammen mit dem Gliedmaßensystem zum irdischen Leben.
Wir sehen also, daß der Mensch so im Weltenall drinnensteht, daß
er mit seinem Haupt, der Nerven-Sinnesorganisation, mehr der
außerirdischen Umwelt zugeordnet ist, mit der Stoffwechselorgani-
sation mehr dem irdischen Leben, und wir werden in der gemäßig-
ten Zone eine Art fortwährenden Ausgleichs zu suchen haben zwi-
schen dem Kopfsystem und dem Stoffwechselsystem. Wir werden in
der gemäßigten Zone vorzugsweise das rhythmische System im Men-
schen in Ausbildung begriffen haben.
Jetzt sehen Sie, daß ein gewisser Zusammenhang zwischen dieser
Dreigliederung des Menschen - Nerven-Sinnessystem, rhythmisches
System, Stoffwechselsystem - und der Außenwelt vorhanden ist. Sie
sehen, daß das Kopfsystem mehr der ganzen Umwelt zugeordnet ist,
daß das rhythmische System der Ausgleich zwischen der Umwelt
und der irdischen Welt ist und das Stoffwechselsystem zugeordnet
ist der irdischen Welt.
Nun haben wir zugleich den anderen Hinweis aufzunehmen, der
uns das solarische Leben in einer anderen Beziehung auf den Men-
schen zeigt. Nicht wahr, dasjenige, was wir jetzt betrachtet haben,
diesen Zusammenhang des menschlichen Lebens mit dem solari-
schen Leben, das können wir ja schließlich nur beziehen auf das-
jenige, was sich zwischen dem irdischen und außerirdischen Leben
im Jahreslauf abspielt. Aber im Tageslauf haben wir es ja im Grunde
genommen mit einer Art Wiederholung oder etwas Ähnlichem zu
tun wie im Jahreslauf. Der Jahreslauf wird bestimmt durch die Be-
ziehung der Sonne zur Erde, der Tageslauf aber auch. Wenn wir ein-
fach mathematisch-astronomisch sprechen, so reden wir beim Tages-
lauf von der Umdrehung der Erde um ihre Achse, beim Jahreslauf
von der Revolution der Erde um die Sonne. Aber wir beschränken
uns dann beim Ausgangspunkt auf sehr einfache Tatsachen. Wir
haben aber keine Berechtigung zu sagen, daß wir da wirklich aus-
gehen von etwas, das ein hinreichender Boden ist für eine Betrach-
tungsweise und uns hinreichende Unterlagen dafür gibt. Fassen wir
beim Jahreslauf einmal alles das ins Auge, was wir jetzt gesehen
haben. Ich will noch nicht sagen: Umdrehung der Erde um die
Sonne, sondern daß der Jahreslauf, die Wechseltatsache des Jahres-
laufes zusammenhängen muß mit der Dreigliederung des Menschen
und daß, indem dieser Jahreslauf durch die irdischen Verhältnisse
in einer verschiedenen Weise sich ausbildet im Tropischen, im Ge-
mäßigten, im Polarischen, sich daran zeigt, wie dieser Jahreslauf mit
der ganzen Bildung des Menschen, mit den Verhältnissen der drei
Glieder des dreigliedrigen Menschen, etwas zu tun hat. Wenn wir
das in Betracht ziehen können, dann bekommen wir eine breitere
Basis und können vielleicht auf etwas ganz anderes kommen, als
wenn wir einseitig bloß die Winkel abmessen, die die eine Fern-
rohrrichtung bildet mit der anderen. Es handelt sich darum, breitere
Grundlagen zu gewinnen, um die Tatsachen beurteilen zu können.
Und wenn wir vom Tageslauf sprechen, dann sprechen wir im
Sinne der Astronomie von der Umdrehung der Erde um ihre Achse.
Nun zeigt sich da allerdings zunächst etwas anderes. Es zeigt sich
eine weitgehende Unabhängigkeit des Menschen von diesem Tages-
lauf. Die Abhängigkeit der Menschheit vom Jahreslauf, namentlich
von dem, was zusammenhängt mit dem Jahreslauf, die Bildung der
Menschengestalt in den verschiedensten Gegenden der Erde, das
zeigt uns eine sehr weitgehende Abhängigkeit des Menschen vom
solarischen Leben, von den Veränderungen, die auf der Erde auf-
treten infolge des solarischen Lebens. Der Tageslauf zeigt das weni-
ger. Wir können allerdings sagen: Es tritt auch in bezug auf den
Tageslauf gar manches Interessante zutage, aber es ist verhältnis-
mäßig nicht sehr bedeutend im Zusammenhang des menschlichen
Gesamtlebens.
Gewiß, es ist ein großer Unterschied schon bei einzelnen mensch-
lichen Persönlichkeiten vorhanden. Goethe, der ja schließlich schon
in einer gewissen Beziehung für das Menschliche als eine Art Nor-
malmensch, als eine Art Normalwesen angesehen werden kann, er
fühlte sich am günstigsten zur Produktion aufgelegt am Morgen,
Schiller mehr in der Nacht. Das weist darauf hin, daß dieser Tages-
lauf auf gewisse feinere Dinge in der menschlichen Natur dennoch
einen gewissen Einfluß hat. Und derjenige, der für solche Dinge
einen Sinn hat, wird ja die Tatsache bestätigen, daß ihm viele Men-
schen im Leben begegnet sind, die ihm anvertraut haben, daß die
eigentlich bedeutsamen Gedanken, die sie gehabt haben, in der
Dämmerung ausgebrütet worden sind, also auch gewissermaßen in
der gemäßigten Zeit des Tageslaufes, nicht um die Mittagsstunde,
nicht um die Mitternachtsstunde, sondern in der gemäßigten Zeit
des Tageslaufes. Das ist aber doch sicher, daß der Mensch in einer
gewissen Weise unabhängig ist von dem Tageslauf der Sonne. Wir
werden auf die Bedeutung dieser Unabhängigkeit noch einzugehen
und zu zeigen haben, worin dennoch eine Abhängigkeit besteht.
Nun, ein zweites Element ist aber das lunarische Leben, das
Leben, das zusammenhängt mit dem Monde. Es mag sein, daß un-
endlich vieles, was in dieser Beziehung gesagt worden ist im Laufe
der Menschheitsentwickelung, heute sich nur als Phantasterei her-
ausstellt. Aber in irgendeiner Weise sehen wir ja, daß das irdische
Leben als solches in den Erscheinungen der Ebbe und Flut ganz
zweifellos mit der Mondenbewegung etwas zu tun hat. Aber auch
das darf doch nicht übersehen werden, daß schließlich die weib-
lichen Funktionen, wenn sie auch zeitlich nicht mit den Mondpha-
sen zusammenfallen, so doch ihrer Länge und dem Verlauf nach mit
den Mondphasen zusammenfallen, daß also dasjenige, was mit der
menschlichen Entwickelung etwas Wesentliches zu tun hat, in bezug
auf die Zeitlänge mit den Mondphasen zusammenhängend sich
zeigt. Und man kann sagen: Es ist aus dem allgemeinen Natur-
lauf dieser Gang der weiblichen Funktionen herausgehoben, aber
er ist doch ein treues Abbild geblieben. Er vollzieht sich in der-
selben Zeit.
Ebensowenig darf übersehen werden - nur stellt man über diese
Dinge keineswegs vernünftige, exakte Beobachtungen an, wenn
man von vorneherein solche Dinge ablehnt -, es darf nicht über-
sehen werden, daß das Phantasieleben des Menschen tatsächlich
außerordentlich viel zu tun hat mit den Mondphasen. Und wer ei-
nen Kalender fuhren würde über das Auf- und Abfluten seines Phan-
tasielebens, der würde eben bemerken, wieviel das zu tun hat mit
dem Gang der Mondesphasen. Das aber, daß auf gewisse unter-
geordnete Organe das Mondenleben, das lunarische Leben einen
Einfluß hat, das muß eben an der Erscheinung des Nachtwandeins
studiert werden. Und da können interessante Erscheinungen stu-
diert werden, die überdeckt sind durch das normale Menschen-
leben, die aber in den Tiefen der menschlichen Natur vorhanden
sind und die in ihrer Gesamtheit darauf hinweisen, daß das luna-
rische Leben ebenso zusammenhängt mit dem rhythmischen System
des Menschen, wie das solare Leben mit dem Nerven-Sinnessystem
des Menschen zusammenhängt.
Jetzt haben Sie schon eine Kreuzung. Wir haben gesehen, wie
sich das solare Leben im Zusammenhang mit der Erde so entwickelt,
daß für die gemäßigte Zone schon auf das rhythmische System ge-
wirkt wird. Nun tritt, sich kreuzend mit dieser Wirkung, das lunari-
sche Leben als direkt beeinflussend das rhythmische System auf.
Und wenn wir auf das eigentliche tellurische Leben sehen, dann
darf doch nicht außer acht gelassen werden, daß der Einfluß des Tel-
lurischen auf den Menschen sich zwar in einer Region vollzieht, die
gewöhnlich nicht beobachtet wird, daß aber der Einfluß auf diese
Region durchaus vorhanden ist. Ich bitte Sie, doch nur einmal Ihr
Augenmerk zu lenken auf eine solche Erscheinung wie zum Beispiel
das Heimweh. Man kann über das Heimweh gering denken. Gewiß,
man kann es aus sogenannten seelischen Gewohnheiten und der-
gleichen erklären. Aber ich bitte Sie doch zu berücksichtigen, daß
durchaus im Gefolge des sogenannten Heimwehs auftreten können
physiologische Erscheinungen. Bis zum Siechtum des Menschen
kann das Heimweh führen. In asthmatischen Erscheinungen kann es
sich ausleben. Und wenn man den Komplex der Erscheinungen des
Heimwehs mit seinen Folgen, eben mit den asthmatischen Erschei-
nungen und allgemeinem Siechtum, eine Art von Auszehrung, stu-
diert, dann kommt man auch dazu einzusehen, daß schließlich das
Heimweh als Gesamtgefühl auf einer Veränderung des Stoffwechsels
beruht, auf einer Veränderung des Stoffwechselsystems; daß dieses
Heimweh nur der Bewußtseinsreflex ist von Veränderungen im
Stoffwechsel und daß diese Veränderungen lediglich herrühren von
der Veränderung desjenigen, was in uns vorgeht, wenn wir von
einem Ort mit seinen tellurischen Einflüssen von unten auf an
einen anderen Ort mit seinen tellurischen Einflüssen von unten auf
versetzt werden. Bitte nehmen Sie das zusammen mit anderen Din-
gen, die einem ja gewöhnlich keine wissenschaftliche Betrachtung ab-
nötigen, aber leider eben nicht.
Goethe, so sagte ich schon, fühlte sich besonders angeregt zum
Dichten, zum Niederschreiben seiner Sachen am Morgen. Brauchte
er aber eine Anregung, so nahm er diejenige Anregung, welche
ihrer Natur nach am wenigsten unmittelbar in den Stoffwechsel ein-
greift, sondern ihn nur vom rhythmischen System aus irritiert, das ist
der Wein. Goethe regte sich mit Wein an. Er war in dieser Bezie-
hung überhaupt eben ein Sonnenmensch. Er ließ auf sich nament-
lich die Einflüsse des solarischen Lebens wirken. Bei Schiller oder
Byron war das umgekehrt. Schiller dichtete am liebsten, wenn die
Sonne untergegangen war, wenn also das solare Leben wenig mehr
tätig war, und er regte sich an mit etwas, was gründlich in den Stoff-
wechsel eingreift, mit warmem Punsch. Das ist etwas anderes als die
Wirkung, die Goethe vom Wein hatte. Das ist eine Einwirkung auf
das gesamte Stoffwechselsystem. Durch den Stoffwechsel wirkt die
Erde auf den Menschen. So daß man sagen kann, Schiller ist im
wesentlichen ein tellurischer Mensch gewesen. Die tellurischen Men-
schen wirken auch mehr durch das Emotionelle, das Willenhafte,
die solarischen Menschen mehr durch das Ruhige, Kontemplative.
Goethe wurde ja auch immer mehr und mehr für diejenigen Men-
schen, die das Solarische nicht mögen, die nur das Tellurische, das-
jenige, was an der Erde haftet, mögen, «der kalte Kunstgreis», wie
man ihn in Weimar nannte, «der kalte Kunstgreis mit dem Doppel-
kinn». Das war ein Name, der Goethe in Weimar im 19. Jahrhun-
dert immer wiederum gegeben worden ist.
Nun möchte ich Sie noch auf etwas anderes aufmerksam machen.
Bedenken Sie einmal, nachdem wir beobachtet haben dieses Hinein-
gestelltsein des Menschen in den Weltenzusammenhang: Erde, Son-
ne, Mond - die Sonne mehr wirkend auf das Nerven-Sinnessystem;
der Mond mehr wirkend auf das rhythmische System; die Erde, da-
durch, daß sie dem Menschen ihre Stoffe zur Nahrung gibt, also die
Stoffe direkt in ihm wirksam macht, wirkt auf das Stoffwechsel-
system, wirkt tellurisch. Wir sehen im Menschen etwas, wo wir viel-
leicht Anhaltspunkte finden können, uns das Außermenschliche,
das Himmlische zu erklären auf breiterer Grundlage als durch die
bloße Winkelstellung des Fernrohres und dergleichen. Insbesondere
finden wir solche Anhaltspunkte, wenn wir noch weitergehen, wenn
wir nun die außermenschliche Natur betrachten, aber auch so be-
trachten, daß wir in ihr mehr sehen als bloß eine Registratur der auf-
einanderfolgenden Tatsachen. Betrachten Sie das Metamorphosen-
leben der Insekten. Es ist im Jahreslauf durchaus etwas, was das
äußere solare Leben widerspiegelt. Ich möchte sagen: Beim Men-
schen müssen wir forschend mehr nach innen gehen, um Solarisches,
Lunarisches und Tellurisches in ihm zu verfolgen. Beim Insekten-
leben in seinen Metamorphosen sehen wir direkt den Jahreslauf in
den aufeinanderfolgenden Gestalten, die das Insekt annimmt, zum
Ausdruck kommen. So daß wir uns sagen können, wir müssen viel-
leicht nicht nur quantitativ vorgehen, sondern wir müssen auch auf
das Qualitative sehen, das sich uns in solchen Erscheinungen aus-
drückt. Warum immer bloß fragen: Wie sieht im Objektiv darinnen
irgendeine Erscheinung da draußen aus? - Warum nicht fragen: Wie
reagiert nicht bloß das Objektiv des Fernrohres, sondern das Insekt?
Wie reagiert die menschliche Natur? Wie wird uns dadurch etwas
verraten über den Gang der Himmelserscheinungen? Und wir müs-
sen uns zuletzt fragen: Werden wir da nicht auf breitere Grund-
lagen geführt, so daß es uns nicht passieren kann, daß wir theore-
tisch, wenn wir philosophisch das Weltenbild erklären wollen, Ko-
pernikaner sind und wiederum für Kalender oder sonstwie rechnend
das tychonische Weltbild zugrunde legen, was heute praktisch die
Astronomie noch macht; oder daß wir zwar Kopernikaner sind, aber
das Wichtigste bei Kopernikus, nämlich seinen dritten Hauptsatz,
einfach weglassen? Können wir vielleicht nicht die Unsicherheiten,
die heute geradezu die astronomischen Grundfragen zu brennenden
machen, dadurch überwinden, daß wir auf breiterer Grundlage ar-
beiten, daß wir auch auf diesem Gebiet aus dem Quantitativen in das
Qualitative hineinarbeiten?
Ich habe gestern versucht hinzuweisen zunächst auf den Zusam-
menhang der Himmelserscheinungen mit den embryonalen Erschei-
nungen, heute mit dem fertigen Menschen. Da haben Sie einen
Hinweis auf eine notwendige Umgruppierung des wissenschaftli-
chen Lebens. Aber nehmen Sie eines, was ich im Laufe der heutigen
Betrachtung auch erwähnt habe. Ich habe Sie hingewiesen auf Zu-
sammenhänge des menschlichen Stoffwechselsystems mit dem irdi-
schen Leben. Wir haben im Menschen das Wahrnehmungsvermögen
durch das Nerven-Sinnessystem vermittelt, das irgendwie zusam-
menhängt mit dem solarischen, dem Himmelsleben überhaupt; wir
haben das rhythmische System zusammenhängend mit dem, was
zwischen Himmel und Erde ist; wir haben das Stoffwechselsystem
zusammenhängend mit dem, was mit der eigentlichen Erde zusam-
menhängt, so daß wir, wenn wir auf den eigentlichen Stoffwechsel-
menschen sehen würden, wir vielleicht dadrinnen nun wiederum nä-
her kommen könnten der eigentlichen Wesenheit des Tellurischen.
Was tun wir denn heute, wenn wir dem Tellurischen näher kommen
wollen? Wir benehmen uns wie Geologen. Wir untersuchen die
Dinge von der Außenseite. Aber sie haben doch auch eine Innen-
seite! Zeigen sie die vielleicht erst, wenn sie durch den Menschen
gehen, in der wahren Gestalt?
Es ist heute ein Ideal geworden, das Verhältnis der Stoffe zuein-
ander abgesondert vom Menschen zu betrachten und dabei zu blei-
ben, im chemischen Laboratorium die gegenseitige Wirkung der
Stoffe zu betrachten durch Hantierungen, um hinter das Wesen der
Stoffe zu kommen. Wenn es aber so wäre, daß die Stoffe erst ihre
Wesenheit enthüllen in der menschlichen Natur, dann müßten wir
Chemie so treiben, daß wir bis zur menschlichen Natur herangehen.
So würden wir einen Zusammenhang zu konstruieren haben zwi-
schen wirklicher Chemie und den Stoffvorgängen im Menschen, so
wie wir einen Zusammenhang sehen zwischen Astronomie und Em-
bryologie, zwischen Astronomie und der menschlichen Gesamt-
gestalt, der dreigliedrigen menschlichen Wesenheit. Sie sehen, die
Dinge wirken ineinander. Wir kommen erst in wirkliches Leben hin-
ein, wenn wir diese Dinge ineinandergehend betrachten.
Aber auf der anderen Seite werden wir ja wiederum den Zusam-
menhang zu sehen haben, da die Erde im Weltenraum sich befin-
det, zwischen dem, was tellurisch ist, und den astronomischen Vor-
gängen. Jetzt haben wir einen Zusammenhang zwischen der Astro-
nomie und den Stoffen der Erde, einen Zusammenhang zwischen
der Erde und dem, was menschlicher Stoffwechsel ist und wiederum
einen direkten Einfluß der solarischen, himmlischen Vorgänge auf
den Menschen selber. Im Menschen also gleichsam haben wir ein
Zusammentreffen desjenigen, was aus dem Himmel kommt, sowohl
direkt wie auf dem Umweg durch die Stoffe der Erde. Die Stoffe der
Erde wirken auf den menschlichen Stoffwechsel. Und auf den Men-
schen als solchen wirken wiederum direkt die Himmelseinflüsse.
Es begegnen sich im Menschen also die direkten Einflüsse, die wir
dem solaren Leben verdanken, mit denjenigen Einflüssen, die indi-
rekt durch die Erde durchgehen, also eine Veränderung erfahren
haben durch die Erde. So daß wir sagen können: Das Innere des
Menschen wird uns auch physisch-anatomisch erklärbar werden als
Zusammenwirken direkter außerirdischer Einflüsse mit solchen
außerirdischen Einflüssen, die durch die Erdenwirkungen durch-
gegangen sind und wiederum ineinanderströmen in dem Menschen
(Fig. 4).
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Fig. 4
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Sie sehen, wie sich uns, indem wir den Menschen in seiner Tota-
lität betrachten, die gesamte Welt zusammenschließt und wie es
notwendig ist, um zu einer Menschenbetrachtung zu kommen, die-
sen Zusammenschluß ins Auge zu fassen. Was hat daher die Spezia-
lisierung in der Wissenschaft getan? Sie hat uns abgeführt von der
Realität. Sie hat uns in lauter abstrakte Gebiete hineingebracht.
Und wir haben gezeigt, wie sich die Astronomie, trotzdem sie als
sichere Wissenschaft gilt, nur zu helfen weiß, indem sie bei der
Kalenderrechnung etwas anderes vertritt als in der Theorie; wie sie
kopernikanisch ist, aber bei Kopernikus das Wichtigste wegläßt;
daß also überall Unsicherheit eintritt und daß in dem, was man da
zutage fördert, nicht das enthalten ist, um was es sich handeln muß:
das Herausbilden des Menschen aus dem gesamten Weltenall.
D R I T T E R VORTRAG
Stuttgart, 3. Januar 1921
Ich habe Sie auf der einen Seite darauf aufmerksam gemacht, wie
problematisch es ist, die Himmelserscheinungen nur zusammen-
zufassen unter rein geometrisch-mathematischen Gesichtspunkten.
Daß dies problematisch ist, das sieht man ja auf den verschiedensten
Seiten heute schon ein. Und es wird eigentlich nur noch zurück-
gebliebene Geister geben, welche in einem solchen Weltenbilde,
wie es das kopernikanisch-galileische ist, die Wiedergabe einer Wirk-
lichkeit sehen. Dagegen häufen sich die Stimmen immer mehr und
mehr, die die ganze Art des Zusammenfassens der Himmelserschei-
nungen unter solchen Gesichtspunkten ja praktisch und nützlich
finden für Berechnungen, die aber betonen, daß das Ganze doch
eben nur eine bestimmte Art der Zusammenfassung ist, die auch
anders sein könnte. Und auch solche Persönlichkeiten gibt es ja
jetzt, welche, wie etwa Ernst Mach, sagen: Im Grunde genommen
kann man das kopernikanische Weltensystem ebenso vertreten wie
das ptolemäische. Man könnte sich auch ein drittes ausdenken. Man
habe es da eben nur mit einer praktischen Art der Zusammenfassung
desjenigen, was man beobachten kann, zu tun. Man müsse sich die-
ser ganzen Welt in einer freieren Weise der Auffassung gegenüber-
stellen. - Sie sehen also, das Problematische der noch vor kurzem
wie Abbilder der Wirklichkeit geschilderten Himmelskarten wird in
weitesten Kreisen eigentlich heute ziemlich zugegeben. Dagegen
kann ein Ausweg aus dem Problematischen und Ungewissen, das
sich da darbietet, nur gefunden werden durch solche Betrachtungen,
wie wir sie gestern wenigstens zunächst in skizzenhafter Weise ange-
stellt haben, durch Betrachtungen, welche den Menschen nicht her-
ausnehmen aus dem ganzen kosmischen Zusammenhang, sondern
ihn hineinstellen in diesen Zusammenhang, so daß man gewisser-
maßen an den Vorgängen im Menschen selber sieht, wie diese Vor-
gänge zusammenhängen mit solarischen Erscheinungen, mit luna-
rischen Erscheinungen, mit terrestrischen Erscheinungen, um von
da aus dann - also von dem, was im Menschen vorgeht - den Weg
zu finden zu demjenigen, was in einer gewissen Beziehung als Ur-
sachen solcher inneren Vorgänge im Menschen draußen im Kosmos
geschieht.
Natürlich kann ein solcher Weg nur von dem Gesichtspunkte
geisteswissenschaftlicher Betrachtung beschritten werden. Und Sie
werden sehen, daß wir, gerade wenn wir die Astronomie zu den ver-
schiedensten Lebensgebieten in Beziehung bringen wollen, finden
werden, wie wir immer mehr und mehr in eigentlich geisteswissen-
schaftliche Betrachtungen durch das Astronomische selbst hinein-
getrieben werden. Bedenken Sie, daß zunächst dasjenige, was von
den Himmelserscheinungen sichtbar ist, was wahrnehmbar ist unse-
ren Sinnen, auch unseren bewaffneten Sinnen, sich darstellt als das-
jenige, was gewissermaßen schon außerhalb des Menschen als Offen-
barung dieser Himmelserscheinungen sich geltend macht. Der
Mensch hält gewissermaßen dasjenige, was an ihn herantritt, mit sei-
nen Sinnen auf und vergegenwärtigt es sich durch sein Bewußtsein
in seinem Weltbilde. Aber diese Impulse, die da von allen Seiten
auf uns zuströmen, die machen ja gewiß nicht vor unseren Sinnen
Halt. Und dasjenige, was vorgeht, ohne daß der Mensch es aufhält
durch seine Sinne und es sich zum Bewußtsein bringt, was da lebt
in dem, was uns gewissermaßen von allen Seiten zuströmt von den
Himmelswirkungen, das muß aufgesucht werden in unserem Orga-
nismus, der ja alles in einer gewissen Weise wiedergeben muß, aller-
dings in unbewußten, unterbewußten Vorgängen, die erst auf kom-
pliziertere Art heraufgeholt werden müssen ins Bewußtsein.
Wir wollen nun dasjenige, was wir gestern begonnen haben,
nach einer gewissen Richtung hin fortsetzen. Es ist ja nur eine Ab-
straktion unserer irdischen Welt, was der Geologe oder Mineraloge
betrachtet. Denn dasjenige, was der Geologe, der Mineraloge schil-
dert von der Erde, das, so könnte man sagen, gibt es ja gar nicht.
Das ist nur herausgeschnitten aus einer viel größeren, umfassenderen
Wirklichkeit. So wahr als unsere Erde besteht aus den Mineralien
und so wahr sie sich in der mineralischen Sphäre entwickelt hat,
so wahr also Kräfte in ihr vorhanden sind, die die Mineralien aus
ihr heraustreiben, so wahr gehört zur Erde auch dasjenige, was in
den Pflanzen, den Tieren, was in den physischen Menschen lebt.
Und wir betrachten die Erde nur in ihrer Ganzheit, wenn wir nicht
einfach hinwegheben dasjenige, was in Pflanzen, Tieren und Men-
schen lebt, und nur das Abstraktum «mineralische Erde» ins Auge
fassen, sondern wenn wir die Erde so betrachten, daß wir sie in
ihrer Totalität uns vor das Bewußtsein bringen. Das heißt, daß eben
zu ihr dann gehören alle diejenigen Wesenheiten und Wesenhaftig-
keiten, die aus ihr emporgetrieben werden.
Nun nehmen Sie von dem, was zu dieser totalen Erde gehört,
zunächst das Pflanzenreich. Wir wollen es heranziehen, um dann
den Übergang zu finden zu dem, was uns im Menschen entgegen-
tritt. Während das mineralische Reich in einer gewissen Weise, aller-
dings nur bis zu einem gewissen Grade, sozusagen ein innerlich
selbständig-irdisches Dasein führt, nur in einer solchen Beziehung
zum außerirdischen Kosmos steht, die sich etwa äußert in der Ver-
wandlung des Wassers im Winter in Eis und dergleichen, steht das
Pflanzenreich mit der irdischen Umgebung, mit alledem, was auf
die Erde hereindringt aus dem Kosmos, in einer viel innigeren Be-
ziehung. Durch das Pflanzenreich öffnet sich gewissermaßen das
Erdensein dem Kosmos. Und in denjenigen Gebieten, wo in einer
gewissen Jahreszeit eine besonders intensive Wechselwirkung statt-
findet zwischen der Erde und der Sonne, schließt sich bei den Pflan-
zen das Pflanzenleben auf. Es schließt sich auf, indem eine Wechsel-
wirkung eben eintritt zwischen der Erde und dem Kosmos. Wir
müssen so etwas, was uns gewissermaßen nicht bloß quantitativ, son-
dern qualitativ hineinführt in das astronomische Feld, durchaus be-
achten. Wir müssen von diesen Dingen ebenso Vorstellungen ge-
winnen, wie sie der heutige Astronom gewinnt von Winkelbezie-
hungen, von Parallaxen und so weiter. Wir müssen zum Beispiel uns
sagen: Es ist gewissermaßen die Pflanzendecke eines Erdgebietes
eine Art Sinnesorgan für dasjenige, was herein sich offenbart aus
dem Kosmos. Es ist, wenn eine besondere Wechselwirkung statt-
findet zwischen einem Teil der Erdoberfläche und dem Kosmos,
gewissermaßen so, wie wenn der Mensch nach außenhin aufschließt
die Augen, weil er einen Sinneseindruck bekommt. Und im ande-
ren Falle, wenn die Wechselwirkung weniger intensiv ist zwischen
der Erde und dem Kosmos, ist das Zurücktreten der Vegetation, das
Sich-Verschließen der Vegetation etwas wie ein Augenschließen
gegenüber dem Kosmos. Es ist mehr als ein bloßer Vergleich, wenn
man davon spricht, daß ein Territorium durch die Vegetation die
Augen öffnet nach dem Kosmos im Frühling und im Sommer, daß
es die Augen schließt im Herbst und Winter. Und da man durch
Augenöffnen und Augenschließen sich in einer gewissen Weise ver-
ständigt mit der äußeren Welt, so muß auch so etwas gesucht werden
wie Aufschlüsse über den Kosmos in dem terrestrischen Augenauf -
schließen und Augenzuschließen durch die Vegetation.
Fassen wir das Ganze etwas genauer noch ins Auge. Sehen wir
uns an, welch ein Unterschied besteht zwischen der Vegetation auf
einem Erdgebiet, das gewissermaßen der lebendigsten Wechselwir-
kung ausgesetzt ist, sagen wir, mit dem solaren Leben, und wenden
wir dann die Aufmerksamkeit der Vegetation zu, wenn dieses Ge-
biet nicht ausgesetzt ist dem solaren Leben. Der Winter unterbricht
ja natürlich nicht das vegetative Leben der Erde. Es ist ja ganz natür-
lich, daß das vegetative Leben durch den Winter fortdauert. Aber es
äußert sich in einer anderen Weise als indem es ausgesetzt ist der
intensiven Wirkung der Sonnenstrahlen, also sagen wir des Kosmos.
Dieses vegetative Leben schießt unter der Einwirkung des Solari-
schen in die Gestalt. Das Blatt bildet sich aus, es kompliziert sich,
die Blüte bildet sich aus. Tritt dasjenige ein, was man nennen
könnte das Augenverschließen gegenüber dem Kosmos, dann geht
das vegetative Leben in sich, in den Keim hinein. Es entzieht sich
der Außenwelt, es schießt nicht in die Gestalt; ich möchte sagen,
es zieht sich in den Punkt zusammen, es zentriert sich. Da haben wir
einen Gegensatz, den wir geradezu als eine Gesetzmäßigkeit an-
sprechen können. Wir können sagen: Die Wechselwirkung zwischen
dem irdischen und solarischen Leben stellt sich für die Vegetation
so dar, daß das vegetative Leben unter dem Einfluß des Solarischen
in die Gestalt schießt, unter dem Einfluß des irdischen Lebens in
den Punkt sich zusammenschließt, zum Keim wird. Sie sehen: Etwas
Ausbreitendes - etwas sich Zentrierendes liegt darin. Wir ergreifen
die Raumesverhältnisse unmittelbar aus dem Qualitativen heraus.
Das ist es, was wir uns für die Bildung gewisser Ideen angewöhnen
müssen, wenn wir zu fruchtbaren Anschauungen auf diesem Gebiet
kommen wollen.
Und gehen wir nun vom Pflanzenleben hinüber auf den Men-
schen. Es ist ja natürlich, daß dasjenige, was sich in bezug auf die
Pflanzen äußert, auch im Menschen sich äußert. Aber wie äußert es
sich? Wir können am Menschen selbst dasjenige, was wir da im
Pflanzenleben äußerlich wahrnehmen, was wir gewissermaßen,
wenn wir auf das Qualitative hinschauen, vor unsern Augen haben,
wir können das im Menschen im Grunde genommen nur in dem er-
sten Kindesalter verfolgen. Verfolgen wir einmal, so wie wir das
jetzt für die Pflanze getan haben, die Wechselwirkung zwischen
dem solaren und dem terrestrischen Leben für den Menschen in den
Kindesjahren. Das Kind schließt sich ja schon durch die Sinne den
Eindrücken der äußeren Welt auf. Das ist im wesentlichen ein Sich-
Aufschließen dem solarischen Leben. Sie brauchen nur ein wenig
sich die Dinge zurechtzurücken, so werden Sie sehen, daß das, was
da an unsere Sinne herandringt, im wesentlichen zusammenhängt
mit dem, was bewirkt wird durch das Kosmische im Terrestrischen.
Sie können auf den speziellen Fall des Lichtes reflektieren, daß,
wenn sich im Tag-Nacht-Wechsel Licht und Finsternis ablösen, auf
unsere Augen bei Tag Eindrücke gemacht werden, bei Nacht keine
Eindrücke gemacht werden. Sie können aber das auch auf andere
Wahrnehmungen, wenn es da auch schwieriger klar zu machen ist,
anwenden. Sie können sich sagen: Da ist eine gewisse Wirkung des
Wechselverhältnisses zwischen dem Solarischen und Irdischen, das
sich im Menschen so äußert, daß es seelisch bei ihm auftritt. Der
Mensch hat seelische Wirkungen durch dasjenige, was da zunächst
im Tageszeitenwechsel auftritt. Dasjenige gewissermaßen, was die
Sonne über die Erde bringt, äußert sich zunächst im Seelischen des
Menschen.
Wenn wir aber das Wachstum des Kindes, namentlich bis zum
siebenten Jahr hin, bis zum Zahnwechsel, verfolgen und wenn wir
auf die Einzelheiten eingehen, dann finden wir, wie in der Tat jedes
Jahr, besonders in den ersten Jahren der kindlichen Entwickelung -
es wird immer weniger, je älter das Kind wird - deutlich wahrnehm-
bar ist, daß dasjenige, was als Jahreszeitenwechsel besteht, geradeso
wie für das Hervorsprießen und Zurückziehen der Vegetation auch
für das menschliche Wachstum eine Bedeutung hat. Wenn wir uns
schematisch darstellen wollen, wie das eigentlich ist, wenn wir zum
Beispiel studieren sorgfältig aber auch vernünftig den Entwicke-
lungsgang des menschlichen Gehirns in den ersten Jahren, eben von
Jahr zu Jahr, so werden wir folgendes finden, schematisch gezeich-
net: Wir haben gewissermaßen den menschlichen Schädel mit sei-
nem Gehirninhalt (Figur). Er bildet sich um, und man kann ver-
folgen, wie er sich umbildet durch dasjenige, was da im Lauf des
Jahreswechsels geschieht. Dasjenige, was bauend, gestaltend wirkt
auf das menschliche Haupt, was gewissermaßen von außen auf das
menschliche Haupt wirkt leiblich-physisch, das finden wir in einem
innigen Zusammenhang mit den Kräften, die im Wechselspiel sich
geltend machen zwischen der Erde und der Sonne im Jahreslauf.
Im Tageslauf finden wir dasjenige, was durch die Sinne nach
innen geht, sich unabhängig macht vom Wachstum, was seelisch-
geistig im Menschen wirkt. Wir sehen gewissermaßen, wie dasjenige,
was durch die Sonne geschieht mit dem Menschen im Tageslauf,
eine innerliche Wirkung hat, die sich emanzipiert von dem Äußeren
und seelisch-geistig wird - dasjenige, was das Kind lernt, was es sich
aneignet durch Beobachtung, was also vorgeht mit dem Seelisch -
Geistigen; wir sehen, wie dann in wesentlich anderem Tempo,
von einer wesentlich anderen Seite her das Gehirn sich ausbildet,
sich gliedert, wächst. Das ist die andere Wirkung. Das ist die Jahres-
wirkung des Solaren. Wir wollen jetzt gar noch nicht davon spre-
chen, welche Veränderungen zwischen Sonne und Erde im Welten-
all draußen vorgehen, wir wollen lediglich die Äußerungen, die an
gewisse Veränderungen im solarisch-irdischen Leben geknüpft sind,
im Menschen selbst betrachten. Wir betrachten den Tag und wir fin-
den das seelisch-geistige Leben des Menschen mit dem Sonnengang
zusammenhängend; wir betrachten die Jahreszeitenwechsel und wir
finden das Wachstumsleben des Menschen, das Physisch-Leibliche,
mit dem Sonnengang zusammenhängend. Wir werden uns sagen:
Dasjenige, was als Veränderungen zwischen Erde und Sonne in 24
Stunden geschieht, das hat gewisse Wirkungen im Seelisch-Geisti-
gen des Menschen; dasjenige, was zwischen Erde und Sonne im
Jahreslauf geschieht, das hat gewisse Wirkungen im Leiblich-Physi-
schen des Menschen. Wir werden diese Wirkungen mit anderen in
Zusammenhang bringen müssen, um von da aus aufzusteigen zu
einem Weltenbilde, das nun nicht trügen kann, weil es uns unter-
richtet über Vorgänge, die nun reale Vorgänge an uns selbst sind,
die nicht abhängen von irgendwelchen illusionären Sinnesein-
drücken oder dergleichen.
Sie sehen, wir müssen uns ganz allmählich nähern demjenigen,
was eine sichere Grundlage geben kann für ein auch astronomisches
Weltenbild. Wir können aber nur von dem ausgehen, was uns am
Menschen selbst erscheint. So daß wir sagen können: Der Tag, er ist
irgend etwas im Zusammenhang des Menschen mit dem Weltenall,
was sich seelisch-geistig äußert; das Jahr, es ist irgend etwas im Zu-
sammenhang des Menschen mit dem Weltenall, was sich physisch-
leiblich äußert in Wachstumserscheinungen und so weiter.
Betrachten wir jetzt einen anderen Komplex von Tatsachen. Ich
habe schon gestern darauf hingewiesen. Mit demjenigen, was zu-
sammenhängt mit der menschlichen Fortpflanzung müssen wir ver-
binden gewisse Vorstellungen, die sich auch auf das kosmische
Leben beziehen. Wir haben gestern daraufhingewiesen, daß es sich
ja in auffälliger Weise im weiblichen Organismus zeigt, wo mit dem
Geschlechtsleben zusammenhängende monatliche Funktionen zwar
nicht zusammenfallen mit den Mondesphasen, aber in ihrem zeit-
lich-rhythmischen Verlauf ein Abbild davon sind. Der Vorgang reißt
sich gewissermaßen aus dem Kosmos heraus, aber er ahmt in seinem
Verlauf die Vorgänge des Mondes noch nach. Wir haben da einen
Hinweis auf innere Vorgänge im menschlichen Organismus, die wir
nur studieren können, wenn wir uns, ich möchte sagen, alltäglichere
Erscheinungen vor Augen führen, die uns diese weiter abliegenden
Erscheinungen verständlich machen können. Und da verweise ich
Sie darauf, daß es ja in unserem Seelenleben etwas gibt, was die Vor-
gänge, auf die ich hier anspiele, eigentlich im Kleinen abbildet. Wir
haben ein gewisses äußeres Erlebnis, bei dem wir mit unseren Sin-
nen, mit unserem Verstand beschäftigt sind, vielleicht auch mit
unserem Gefühl und so weiter. Wir behalten eine Erinnerung von
diesem Erlebnis zurück. Diese Erinnerung, dieses Zurückbehalten,
sie führen ja dazu, daß das Bild dieses Erlebnisses später wiederum
auftreten kann. Und derjenige, der nun nicht aus phantastischen
Theorien heraus, sondern aus gesunder, aber das Intensive berück-
sichtigender Beobachtung auf die Dinge sieht, der wird sich sagen
müssen, daß an allem, was als Erinnerung in uns auftaucht, unsere
leiblich-physische Organisation beteiligt ist. Gewiß, der Prozeß des
Erinnerns selbst ist ein Seelisches, aber wir brauchen die innerliche
Widerlage des Physisch-Leiblichen, damit sie zustande komme. Es
ist bei dem, was in der Erinnerung sich abspielt, durchaus ein Zu-
sammenwirken mit leiblichen Vorgängen, die nur von der äußeren
Wissenschaft heute noch nicht genügend erforscht sind. Vergleicht
man nun dasjenige, was im weiblichen Organismus - allerdings auch
im männlichen Organismus, wo es nur sich mehr zurückzieht, wo es
mehr im ätherischen Organismus zu beobachten ist, was ja gewöhn-
lich nicht geschieht -, vergleicht man dasjenige, was im weiblichen
Organismus mit der monatlichen Periode geschieht, mit dem, was
im gewöhnlichen Erleben bei einer Erinnerung geschieht, so wird
man zwar einen Unterschied finden, aber man wird, wenn man mit
gesunden Seelenaugen den Vorgang ins Bewußtsein sich hinein-
schafft, doch nicht anders sagen können, als daß dasjenige, was in
der Erinnerung sich abspielt, dieses auf seelenhafte Art auftretende
Geschehen im physischen Organismus, etwas ähnlich ist demjenigen,
was mit den monatlichen Funktionen des Frauenorganismus vor-
geht, nur im Kleinen, mehr ins Seelische gezogen, weniger in den
Leib hineingepreßt. Und von da aus werden Sie die Möglichkeit fin-
den, sich zu sagen: Indem der Mensch sich herausindividualisiert aus
dem Kosmos, entwickelt er die Fähigkeit des Sich-Erinnerns. Indem
der Mensch aber noch drinnensteht im Kosmos, indem er mehr seine
unterbewußten Funktionen entwickelt, bildet sich etwas wie ein Er-
leben mit dem Kosmos, also mit etwas, was mit den Mondenvorgän-
gen zusammenhängt, was bleibt so wie ein Erlebnis, das wir haben
und das später in inneren Bildungsvorgängen wie eine mehr in den
Leib hereingedrückte, organisch gewordene Erinnerung auftritt.
Auf eine andere Weise kommt man nicht zu Vorstellungen über
diese Dinge als dadurch, daß man vom Einfacheren zum Kompli-
zierteren, zum Zusammengesetzten vorgeht. Geradeso wie nicht zu-
sammenzufallen braucht eine Erinnerung mit einem neuen Erlebnis
in der Außenwelt, braucht dasjenige, was dann gesetzmäßig wie
eine Erinnerung an einen früheren kosmischen Zusammenhang der
menschlichen Organisation mit den Mondesphasen im weiblichen
Organismus auftritt, nicht zeitlich zusammenzufallen mit diesen
Mondesphasen, aber es hängt ebenso wesenhaft im Grunde genom-
men das wiederkehrende ehemalige Erlebnis mit den Mondesphasen
zusammen. Sie sehen, wir kommen da dahin, daß wir im mensch-
lichen Organismus mehr nach der geistig-seelischen Seite hin etwas
finden, was sich ausnimmt wie Wirkungen, aber jetzt in die Zeit
hineingesetzte Wirkungen desjenigen, was vom Monde aus ge-
schieht. Ungefähr 28 Tage umfaßt der Vorgang, um den es sich hier
handelt.
Nehmen Sie jetzt das Folgende: Wir haben hier erstens, wenn wir
die Tagessonnenwirkung betrachten, ein innerlich Geistig-Seeli-
sches; wenn wir die Jahressonnenwirkung betrachten, dann haben
wir ein äußerlich dem Leiblich-Physischen angehöriges Wachstums -
Verhältnis. Also sagen wir für das solare Leben:
1. Geistig-Seelisches: Tag
2. Physisch-Leibliches: Jahr
Und jetzt kommen wir zu den lunarischen Wirkungen, zu dem
Mondenleben. Dasjenige, was ich Ihnen eben davon geschildert ha-
be als das erste, das ist ja ein Geistig-Seelisches. Es hat sich nur
sehr tief in den Leib hineingedrückt. Es ist wirklich im feineren
Sinne physiologisch kein Unterschied zwischen dem, was im Leibe
beim Auftreten einer Erinnerung vor sich geht in bezug auf das Er-
lebnis, auf das die Erinnerung zurückgeht, und demjenigen, was
bei der monatlichen Frauenperiode im Leibe vor sich geht in Bezie-
hung auf dasjenige, was einmal der weibliche Organismus mit den
Mondesphasen zusammen erlebt hat. Nur daß das eine eben ein
stärkeres, ein intensiveres, ein intensiver in den Leib hineingedrück-
tes geistig-seelisches Erlebnis ist. Also für das lunare Leben:
1. Geistig-Seelisch: 28-Tage-Wirkung
Suchen wir jetzt die entsprechenden leiblich-physischen Erschei-
nungen. Was müßte sich dann herausstellen? Sie können es deduk-
tiv selber finden. Wir werden zweitens haben die physisch-leib-
lichen Erscheinungen, die müssen eine 28-Jahre-Wirkung sein. Wie
hier (oben) ein Tag einem Jahr entspricht, so müssen wir hier 28
Jahre haben.
2. Physisch-Leiblich: 28-Jahre-Wirkung
Sie brauchen sich nur daran erinnern, daß 28 Jahre die Zeit ist bis
zu unserem vollen innerlichen Auswachsen. Da hören wir eigentlich
erst auf, in der aufsteigenden Wachstumsentwickelung zu sein.
Gerade so, wie die Sonne von außen auf uns wirkt in ihrem Jahr,
in einer Jahreswirkung, um dasjenige von außen an uns zu voll-
bringen, was entspricht der Tageswirkung im inneren Geistig-Seeli-
schen, so arbeitet irgend etwas im Kosmos draußen in einer 28-jäh-
rigen Periode, um uns voll zu organisieren von außen, wie innerlich
organisiert wird geistig-seelisch die menschliche Frauennatur gewis-
sermaßen in einem 28-tägigen Tageslauf- bei der Frauennatur ist das
nur mehr zu beobachten als beim Manne, wo der entsprechende
Tageslauf sich mehr ins Ätherische zurückzieht. So daß Sie sagen
können: Wie das Tagessonnenleben zum Jahressonnenleben sich
verhält in bezug auf den Menschen, so verhält sich das 28-tägige
Mondenleben zum 28-jährigen Mondenleben in bezug auf den gan-
zen Menschen - sonst ist es mehr in bezug auf das menschliche
Haupt.
Da sehen Sie, wie wir den Menschen hineinstellen, richtig hin-
einstellen in den ganzen Kosmos, wie wir wirklich aufhören, von
Sonne und Mond nur so zu sprechen, als ob wir hier auf der Erde
in Isolierung stünden und draußen nur unsere Augen oder unsere
Fernrohre sehen würden Sonne und Mond. Wir reden von Sonne
und Mond als von etwas, was innig verbunden ist mit unserem Le-
ben, und die Verbindung selbst, wir nehmen sie wahr in der beson-
deren Konfiguration unseres Lebens auch in der Zeit. Ehe man nicht
den Menschen wiederum hineinstellen wird in dasjenige, was Sonne
und Mond tun, eher wird man nicht eine feste Grundlage für
wahrhaftige astronomische Anschauungen entwickelt haben. Sie
sehen, es muß geisteswissenschaftlich aufgebaut werden eine neue
astronomische Wissenschaft. Sie muß hervorgeholt werden aus einer
intimeren Kenntnis des Menschen selber. Wir werden erst einen
Sinn verbinden können mit demjenigen, was die äußere Astronomie
sagt, wenn wir in die Lage kommen, aus dem Menschen heraus
unsere Vorbedingungen zu nehmen, um dann mit diesen Vorbedin-
gungen zu verfolgen dasjenige, was die äußere Astronomie in sche-
matischer Weise sagt. Und wir werden auch Wesentliches in dieser
äußeren Astronomie dadurch korrigieren können.
Aber was folgt denn eigentlich aus alledem? Es folgt daraus, daß
wirklich in diesen Vorgängen, zunächst gleichgültig, was hinter ih-
nen steckt, ein universelles Leben sich äußert. Mag - wir werden
später noch darüber sprechen - die tägliche Erdrotation, die jähr-
liche Erdrevolution hinter dem stehen, was ich hier als solarisches
Leben in bezug auf das Geistig-Seelische für den Tag, das Physisch-
Leibliche für das Jahr bezeichnet habe; mögen diejenigen Bewegun-
gen des Mondes, die heute schon die Astronomie verzeichnet, oder
möge anderes dahinterstehen: Das Ganze können wir nicht so ver-
folgen, daß wir nur das bekannte Schulbild aufstellen, sondern wir
müssen das als ein kontinuierliches, fortdauerndes Leben, ein uni-
verselles Leben auffassen, was sich da äußert, wo wir nicht einfach so
Schema neben Schema hinstellen können.
Wir wollen jetzt von einem anderen Zipfel, möchte ich sagen,
die Sache anfassen. Wir wollen einmal die Sache anfassen von jenem
Zipfel, der sich darbietet in der astronomischen Auffassung einer
Persönlichkeit, die noch viel von Älterem hatte. Auf die älteren Vor-
stellungen wollen wir ja nicht zurück. Wir wollen durchaus aus
neuen Vorstellungen heraus arbeiten. Aber diese Persönlichkeit
hatte noch viel von alten, Qualitatives in sich enthaltenden Vorstel-
lungen. Ich meine Kepler. Die Astronomie ist ja in der neueren Zeit
immer quantitativer und quantitativer geworden und man würde
sich einer Täuschung hingeben, wenn man die Astrophysik etwa als
das Eintreten des Qualitativen in die Astronomie ansehen würde.
Auch da ist die Betrachtung eine quantitative. Aber hinter Kepler
lag noch etwas von dem Bewußtsein eines universellen Lebens. In
ihm war noch ein Bewußtsein davon, daß in demjenigen, was sich
äußert für die gewöhnliche astronomische Beobachtung, schließlich
etwas liegt wie die Gebärde eines sich äußernden Lebens.
Nicht wahr, wenn wir einen Menschen vor uns haben und wir
sehen, wie er einen Arm bewegt, wie er eine Hand bewegt, so wer-
den wir nicht bloß den Mechanismus berechnen, sondern wir werden
die Bewegung auffassen als die äußere Offenbarung eines inner-
lichen geistig-seelischen Vorganges. Wir werden dasjenige, was sonst
bloß räumlich-mathematisch angeschaut werden kann, auffassen als
eine gebärdenhafte, gestenhafte Äußerung. Je weiter man nun zu-
rückgeht in den astronomischen Anschauungen der Menschen, desto
mehr findet man, daß ein Bewußtsein vorhanden war, daß in den
Bildern, die man sich machte von dem Gang der Sonne oder dem
Gang der Sterne, nicht etwas bloß von passiver Bildhaftigkeit war,
sondern daß das Gesten waren. Es ist zum Beispiel in älteren Zeiten
durchaus diese Empfindung zu verspüren von dem Gestenhaften
der Weltkörperbewegungen. Sehen Sie, wenn meine Hand durch
die Luft fährt, so werde ich nicht bloß ihre Bahn berechnen, sondern
ich werde in dieser Bahn einen seelischen Ausdruck sehen. So sah
der ältere Beobachter in der Bahn des Mondes einen seelischen Aus-
druck für etwas. Er sah in allen Bewegungen der Himmelskörper
seelische Ausdrücke für etwas. Er stellte sich gewissermaßen das so
vor - nicht wahr, wenn ich hier einen Schirm halten könnte, so daß
man nur meine Hand sehen würde, so würde meine Hand eine un-
erklärliche Bewegung machen, denn ich stehe hinter dem Schirm,
man sieht nicht mich, sondern nur die Hand. So gewissermaßen
stellte man sich in älteren Zeiten vor, daß das, was da als Mond-
bewegung geschieht, nur der äußere Ausdruck eines Endgliedes ist
und daß dahintersteht dasjenige, was eigentlich agiert. Daher sprach
man auch in älteren Zeiten nicht von einem einzelnen Himmels-
körper, von den Planeten, sondern von den Sphären, von demjeni-
gen, was dazugehörte zu den Himmelskörpern - den Sphären. Man
unterschied also die Mondsphäre, die Merkursphäre, die Venus-
sphäre, die Sonnensphäre, die Marssphäre, die Jupitersphäre, die
Saturnsphäre und die achte Sphäre, die der Fixsternhimmel war.
Man unterschied diese acht Sphären, und man sah in ihnen das-
jenige, was sich so darstellt in äußeren Gebärden, daß eine bestimm-
te Sphäre sich so gebärdet, daß man sie jetzt hier, jetzt da aufleuch-
ten sieht. Das Reale war zum Beispiel die Sphäre des Mondes, und
der Mond, der war nicht eine abgeschlossene Wesenheit, sondern
nur die Gebärde. Da, wo er erscheint, da macht diese Sphäre eine
bestimmte Gebärde. Ich erwähne das nur, um Sie hinzuweisen auf
das Lebendige dieser Anschauung.
Aber gerade Kepler hatte noch etwas in seinem ganzen Bewußt-
sein von diesem universellen Leben im Raum, und nur das befähigte
ihn wohl, seine drei berühmten Gesetze aufzustellen. Diese drei be-
rühmten Keplerschen Gesetze, sie sind ja für die heutige Astronomie
durchaus nur etwas Quantitatives, etwas, was man betrachtet nach
dem Muster rein räumlich-zeitlicher Anschauungen. Für einen Men-
schen, der noch aus solchem Vorstellungsleben heraus arbeitete wie
Kepler, war das nicht der Fall. Vergegenwärtigen wir uns einmal
diese drei Keplerschen Gesetze. Sie heißen ja:
Das erste: Die Planeten bewegen sich in Ellipsen um ihren
Zentralkörper, und in einem der Brennpunkte dieser
Ellipsen steht der Zentralkörper.
Das zweite: Die Radienvektoren eines Planeten beschreiben in
gleichen Zeiten gleiche Sektoren, gleiche Flächen.
Das dritte: Für verschiedene Planeten verhalten sich die Qua-
drate der Umlaufzeiten wie die Kuben der großen
Halbachsen.
Nun, wie gesagt, für eine heutige rein quantitative Betrachtung
sind das auch nur Quantitäten. Für so jemand, wie Kepler war,
lag noch einfach in dem Aussprechen des Elliptischen etwas, was bei
ihm, indem er an die Kurve dachte, eine größere Lebendigkeit dar-
stellte als der Kreis. Wenn irgend etwas sich elliptisch bewegt, ist es
lebendiger, als wenn es sich nur kreisförmig bewegt, denn es muß
innerliche Impulse anwenden, um den Radius zu verändern. Wenn
sich etwas nur im Kreis bewegt, so braucht es nichts zu tun, um den
Radius zu verändern. Es muß ein intensiveres inneres Leben an-
wenden, wenn der Radiusvektor fortwährend geändert werden muß.
Also einfach in dem Aussprechen des Satzes «die Planeten bewegen
sich in Ellipsen um ihren Zentralkörper, und der Zentralkörper ist
nicht im Mittelpunkte, sondern in einem Brennpunkte der Ellipse»,
lag ein Zugeständnis, daß man es zu tun habe mit einem Leben-
digeren, als wenn man es zu tun hätte mit etwas, was sich im Kreise
bewegt.
Und weiter: «Die Radienvektoren beschreiben in gleichen Zeiten
gleiche Sektoren.» Wir haben da den Übergang von der Linie zur
Fläche. Bitte, beachten Sie das! Indem uns zuerst bloß die Ellipse
beschrieben wird, stehen wir in der Linie, in der Kurve. Indem wir
hingeführt werden zu dem Weg, den der Radiusvektor beschreibt,
werden wir in die Fläche geführt. Es wird eine wesentlich intensivere
Beziehung enthüllt für die Planetenbewegung. Wenn so der Planet
dahinrollt, wenn ich mich so ausdrücken darf, so drückt er etwas
aus, was nicht nur in ihm liegt, sondern er zieht gewissermaßen
seinen Schweif nach sich. Die ganze Fläche, die der Radiusvektor
beschreibt, die gehört geistig dazu. Und man muß weiter charak-
terisieren, nämlich, daß sie in gleichen Zeiten einen gleichen Flächen-
inhalt hat, muß ihren Charakter hervorheben, wenn man das cha-
rakterisieren will, was mit dem Planeten geschieht.
Und erst das dritte Gesetz, das sich ja allerdings erstreckt auf das
Leben, wie es sich abspielt zwischen verschiedenen Planeten, das
bringt eine sehr komplizierte Gliederung zur Darstellung. «Die
Quadrate der Umlauf Zeiten verhalten sich wie die Kuben der großen
Halbachsen» - der mittleren Entfernungen vom Zentralkörper.
Sehen Sie, dieses Gesetz, das enthält eigentlich sehr viel, wenn man
es noch so, wie es Kepler getan hat, lebendig auffaßt. Newton hat
dann das ganze Gesetz getötet. Das hat er auf eine außerordentlich
einfache Weise gemacht. Nehmen Sie einmal das dritte Keplersche
Gesetz. Sie können es aufschreiben:
t2 t2
t\ : t\ = r\ : r\ , oder anders geschrieben: r
: r— = fi ' r2 •
i 2
Nun schreiben Sie das einmal in etwas anderer Form. Schreiben
Sie das so:
1 1 r< r,
r\ r\ t\ t\
Ich kann es natürlich auch umgekehrt aussprechen.
Was haben wir auf der linken Seite der Gleichung, hier in der
letzten Proportion? Nichts anderes als dasjenige, was ausdrückt die
eine Hälfte des Newtonschen Gesetzes, und auf der anderen Seite
die andere Hälfte, die Kräfte des Newtonschen Gesetzes. Sie brau-
chen nur das Keplersche Gesetz anders zu schreiben und das, was
herauskommt, auszusprechen, so können Sie sagen: «Die Anzie-
hungskräfte verhalten sich umgekehrt wie die Quadrate der Entfer-
nungen.» Da haben Sie das ganze Newtonsche Gravitationsgesetz
aus dem Keplerschen Gesetz deduziert: Die Gravitationskräfte, die
Anziehungskräfte zwischen den Planeten, den Himmelskörpern,
verhalten sich umgekehrt wie die Quadrate der Entfernungen. Es ist
nichts anderes als die Tötung des dritten Keplerschen Gesetzes. Es
ist im Prinzip ganz genau dasselbe.
Aber nehmen Sie jetzt die Sache lebendig. Setzen Sie nicht vor
sich hin das tote Produkt «Anziehungskraft»: «Die Anziehungskräfte
nehmen ab mit den Quadraten der Entfernungen», sondern das, was
lebendig in der Keplerschen Form drinnensteckt. Da haben Sie die
Quadrate der Zeiten drin. Füllen Sie das caput mortuum der New-
tonschen Anziehungskräfte, was bloß äußerlich angeschaut ist, aus
mit dem, was Quadrat der Zeit ist, und Sie erfüllen auf einmal
den Begriff der Anziehungskraft, der bei Newton wirklich ein Leich-
nam von einer Vorstellung ist, mit einem innerlichen Leben. Denn
das, was mit der Zeit zu tun hat, ist innerliches Leben. Und Sie
haben nicht einmal die Zeit im einfachen Verlauf vor sich. Sie haben
die Zeit im Quadrat! Wir werden erst noch darauf zurückkommen
müssen, was für einen Sinn es hat, von der Zeit im Quadrat zu spre-
chen. Aber jetzt können Sie sich vergegenwärtigen: Sie sprechen von
der Zeit im Quadrat, also Sie sprechen von etwas Innerlichem. Denn
die Zeit ist auch beim Menschen dasjenige, was eigentlich den inner-
lichen Seelenablauf darstellt. Nun handelt es sich wirklich darum,
daß man durch diesen toten Begriff der Newtonschen Anziehungs-
kraft durchblickt auf dasjenige, was plötzlich ins Zentrum schießt
und die Zeit hineinbringt und damit innerliches Leben hinein-
bringt.
Nun aber betrachten wir die Sache einmal von einem anderen
Gesichtspunkte aus. Beachten Sie, daß das so ist, daß sich ja diese
erste Formel auch auf die Erde bezieht im Keplerschen Sinn. Dann
beschreibt die Erde nicht nur eine Ellipse, sondern Sie, indem Sie
auf der Erde sich befinden, beschreiben die Ellipse mit. Und das-
jenige, was äußerlich vorgeht, ist im inneren Vorgang in Ihnen drin-
nen. Sie müssen also davon reden, daß das, was ich gesagt habe,
daß es Kepler noch hatte, dieses lebendige Hervorgehen der Ellipse
aus dem Kreis, einem innerlichen Vorgang entspricht in Ihrem eige-
nen Inneren. Und indem Sie in der Linie sich bewegen, die so ver-
läuft, daß in gleichen Zeiten der Radiusvektor den gleichen Sektor
beschreibt, sind Sie es ja fortwährend, der sich auf den Zentralkörper
bezieht, zur eigenen Sonne in Beziehung setzt. Sie beschreiben ja
mit der Kurve in der Zeit eine solche Strecke, daß Sie fortwährend in
Beziehung zur Sonne sind. Wenn ich mich etwas anthropomorphisch
ausdrücken darf, müßte ich sagen: Sie müssen fortwährend acht-
geben, daß Sie nicht ausrutschen, daß Sie nicht zu schnell sich be-
wegen, daß Ihr Radiusvektor keine zu große Fläche beschreibt. Er
muß fortwährend im richtigen Verhältnis zur Sonne sein, der äußere
Punkt, der sich in der Ellipse bewegt. Da (erstes Gesetz) haben Sie
die Bewegung, die Sie selber machen, absolut linienhaft im Raum
charakterisiert. Im zweiten Gesetz haben Sie das Verhältnis zur
Sonne charakterisiert. Und gehen wir über auf das dritte Gesetz,
dann haben Sie als inneres Erlebnis das Verhältnis zu den übrigen
Planeten und Ihre Beziehung zu diesen Planeten. Diese lebendige
Beziehung ist einfach in dem dritten Keplerschen Gesetz ausge-
drückt. Wir müssen also nicht nur im Menschen suchen die Vor-
gänge, die uns dann wiederum hinausführen in den Kosmos, son-
dern wenn wir nur richtig interpretieren dasjenige, was uns mathe-
matisch versinnbildlicht die kosmischen Vorgänge, dann können wir
auch, weil ja der Mensch die Mathematik da miterlebt, weil er selbst
drinnensteht in der lebendigen Mathematik, wiederum daraufkom-
men, daß wir das äußerlich Quantitative verinnerlichen müssen.
Davon wollen wir morgen weiter reden.
VIERTER VORTRAG
Stuttgart, 4. Januar 1921
Würde ich die Aufgabe haben, das Darzustellende nach den Metho-
den der Geisteswissenschaft selber darzustellen, so müßte ich natür-
lich von anderen Voraussetzungen ausgehen und würde gewisser-
maßen zu dem Ziele, dem wir zusteuern wollen, auch schneller
kommen können. Aber eine solche Auseinandersetzung würde Ih-
nen nicht die Absicht gerade dieser Vorträge erfüllen können. Denn
in diesen Vorträgen soll es sich darum handeln, eine Brücke zu
schlagen zu demjenigen, was die gewohnte wissenschaftliche Denk-
weise ist, wenn ich auch gerade für diese Darstellungen Kapitel aus-
gesucht habe, bei denen diese Brücke deshalb schwer zu schlagen
ist, weil die gewohnte Denkweise sehr weit von einem wirklichkeits-
gemäßen Standpunkte abliegt. Aber wenn auch der unwirklichkeits-
gemäße Standpunkt bekämpft werden muß, so wird gerade in die-
sem Bekämpfen ersichtlich sein, wie man herauskommt aus dem
Unbefriedigenden der modernen Theorien und hineinkommt in
eine wirklichkeitsgemäße Erfassung der in Frage kommenden Tat-
sachen. Ich möchte heute deshalb anknüpfen an die Art, wie sich die
Vorstellungen über die Himmelserscheinungen im Laufe der neue-
ren Zeit gebildet haben.
Wir müssen ja beim Bilden dieser Vorstellungen zweierlei unter-
scheiden: Erstens, daß diese Vorstellungen hergeleitet sind von
Beobachtungen, von Beobachtungen der Himmelserscheinungen,
und daß dann theoretische Erwägungen geknüpft worden sind an
diese Beobachtungen. Manchmal wurden ja sehr weit ausgesponnene
Theorien geknüpft an verhältnismäßig sehr wenige Beobachtungen.
Das ist das eine, daß von Beobachtungen ausgegangen worden ist
und man dadurch zu bestimmten Vorstellungen gekommen ist. Das
andere ist aber, daß man dann, indem man zu bestimmten Vorstel-
lungen gekommen ist, diese Vorstellungen weiter zu Hypothesen
ausgebildet hat. Und in diesem Ausbilden zu Hypothesen, die dann
landen bei der Aufstellung eines ganz bestimmten Weltbildes, wal-
tet zumeist eine außerordentliche Willkür deshalb, weil in dem Aus-
bauen der Theorien sich durchaus dasjenige geltend macht, was als
Vorurteil bei der einen oder anderen Persönlichkeit vorhanden ist,
die solche Theorien ausbaut.
Ich will Sie da zunächst auf etwas aufmerksam machen, was Ih-
nen vielleicht anfänglich paradox erscheinen könnte, was aber im-
merhin, wenn es präzise ins Auge gefaßt wird, im weiteren Verlauf
des Forschens sich durchaus fruchtbar erweisen muß. Sehen Sie, in
dem ganzen neueren Denken der Naturwissenschaft herrscht ja das-
jenige, was man nennen könnte, und übrigens auch genannt hat, die
regula philosophandi. Sie besteht darin, daß man sagt: Was man in
irgendeinem bestimmten Gebiete der Realität auf bestimmte Ur-
sachen zurückgeführt hat, das muß auch in anderen Gebieten des
Daseins, der Realität, auf dieselbe Ursache zurückgeführt werden.
Man geht, indem man eine solche regula philosophandi aufstellt,
gewöhnlich von etwas sehr Einleuchtendem, etwas Selbstverständ-
lichem aus. So, wenn man etwa sagt, wie das die Newtonianer im-
mer tun: Der Atmungsprozeß muß dieselben Ursachen beim Tier
und beim Menschen haben. Das Entzünden eines Spanes muß die-
selbe Ursache haben, ob es in Europa oder in Amerika erfolgt. - Bis
hierher bleiben die Dinge durchaus in der Sphäre der Selbstver-
ständlichkeit. Dann wird aber ein gewisser Sprung gemacht, den
man aber nicht merkt, sondern als etwas Selbstverständliches an-
nimmt. Das charakterisiert sich uns, wenn wir etwas sehen, was eben
gerade bei solchen Persönlichkeiten, die mit dieser Denkweise be-
haftet sind, angeschlossen wird. Da wird gesagt: Wenn eine Kerze
leuchtend wird und wenn die Sonne leuchtet, so muß dem Leuchten
der Kerze und dem Leuchten der Sonne dieselbe Ursache zugrunde
liegen. Wenn ein Stein zur Erde fällt und wenn der Mond um die
Erde kreist, so muß der Bewegung des Steines und der Bewegung des
Mondes dieselbe Ursache zugrunde liegen. - Man schließt an eine
solche Auseinandersetzung dann auch noch etwas anderes an: Man
käme zu keinen Erklärungen in der Astronomie, wenn das nicht der
Fall wäre, denn man kann Erklärungen eben nur von dem Irdischen
gewinnen. Wenn also nicht im weiten Himmelsraum dieselbe Kausa-
lität herrschen würde wie auf der Erde, könnte man nicht zu einer
Theorie kommen.
Aber bitte berücksichtigen Sie, daß das, was hier als regula philo -
sophandi ausgesprochen wird, doch nichts weiter ist als ein Vor-
urteil. Denn wer bürgt denn irgendwie in der Welt dafür, daß nun
wirklich die Ursachen des Leuchtens einer Kerze und die Ursachen
des Leuchtens der Sonne dieselben sind? Oder daß beim Fallen des
Steines oder beim Fallen des berühmten Apfels vom Baume, durch
den Newton zu seiner Theorie gekommen ist, dieselben Ursachen
zugrunde liegen wie den Bewegungen der Weltenkörper? Das war ja
etwas, worauf man erst kommen mußte. Das ist durchaus nur ein
Vorurteil. Und solche Vorurteile fließen durchaus überall da ein, wo
man zuerst induktiv gewisse theoretische Erwägungen, gewisse Bild-
vorstellungen anknüpft an Beobachtungen und wo man dann ein-
fach blindwütig ins Deduzieren hineinkommt und Weltensysteme
durch dieses Deduzieren konstruiert.
Dasjenige, was ich Ihnen hier so abstrakt charakterisiere, ist aber
historische Tatsache geworden. Denn sehen Sie, es ist eine konti-
nuierliche Entwickelung zu verfolgen in demjenigen, was aus we-
nigen Beobachtungen gezogen haben die großen Geister am Aus-
gang der neueren Zeit, Kopernikus, Kepler, Galilei. Insbesondere
bei Kepler wird man sagen müssen, daß in dem dritten, gestern an-
geführten Gesetz etwas ganz Außerordentliches liegt in bezug auf
die Analyse der Tatsachen, die ihm allein vorliegen konnten. Es ist
eine ungeheure geistige Spannkraft, die da in Tätigkeit versetzt wur-
de bei Kepler, wenn er aus dem Wenigen, was ihm vorlag, dieses,
sagen wir, «Gesetz» - besser wäre zu sagen: diese begriffliche Zusam-
menfassung - über die Welterscheinungen gefunden hat. Aber
dann setzt eine Entwickelung ein, die über Newton geht und die
nicht eigentlich ausgeht von wirklichen Beobachtungen, sondern die
im Grunde genommen schon von dem Theoretischen ausgeht und
die allerlei Kraft- und Massenbegriffe konstruiert, die wir einfach
weglassen müssen, wenn wir bei der Realität bleiben wollen. Und
dann setzt sich das fort. Und es erscheint, ich möchte sagen, auf
einem gewissen Höhepunkt durchaus mit Scharfsinn, mit Genialität
erfaßt da, wo es zu einer genetischen Erklärung führt für das Welt-
system, wie bei Laplace, wovon Sie sich überzeugen können, wenn
Sie durchlesen sein berühmtes Buch «Exposition du Systeme du
monde» oder bei Kant in seiner «Naturgeschichte und Theorie des
Himmels». Und in alledem, was dann in der Entwickelung weiter
gefolgt ist, sehen wir, wie versucht wird aus dem heraus, was man
sich als Vorstellungen machte über den Zusammenhang der Him-
melsbewegungen, rückschließend auch die Entstehung dieses Welt-
systems zu erklären, aus der Nebularhypothese heraus und so weiter.
Das muß durchaus berücksichtigt werden, daß hier im histori-
schen Gang der Entwickelung etwas liegt, was sich zusammensetzt
aus Induktionen, die allerdings gerade in diesem Gebiet in genialer
Weise gemacht worden sind, und aus nachfolgenden Deduktionen,
in denen aber durchaus mitgenommen ist dasjenige, was die betref-
fenden Persönlichkeiten gerade als in ihrer Vorliebe liegend an-
gesehen haben. So daß man sagen kann: Insofern irgend jemand
materialistisch dachte, war es für ihn ganz selbstverständlich, in den
deduktiven Begriff hinein materialistische Vorstellungen zu mi-
schen. Denn da sprachen nicht mehr die Tatsachen. Da konnte man
jetzt ausgehen von demjenigen, was sich erst durch die Deduktion
als eine Theorie ergeben hatte. Und so kann man sagen: Es bildete
sich zum Beispiel durchaus induktiv die Vorstellung aus, die man
jetzt zusammenfassen mußte in den Begriff: Zentralkörper Sonne,
die Planeten in Ellipsen umgehend nach einem bestimmten Gesetz,
die Radienvektoren beschreiben in gleichen Zeiten gleiche Sek-
toren. - Und indem man den Blick auf die einzelnen Planeten des
Sonnensystems lenkte, konnte man wiederum zusammenfassen das
gegenseitige Verhältnis durch das dritte Keplersche Gesetz: Für ver-
schiedene Planeten verhalten sich die Quadrate der Umlaufzeiten
wie die Kuben der mittleren Entfernungen von der Sonne. - Das er-
gab ein gewisses Bild. Die Frage war aber nicht entschieden, ob die-
ses Bild nun eine völlige Deckung in sich enthielt mit der Realität,
sondern es war eine Abstraktion, die herausgenommen war aus der
Realität. Wie sich dieses Bild zur Totalität des Realen verhält, das
war damit ja nicht gegeben. Aber aus diesem Bilde heraus, durchaus
nicht aus der Realität, sondern aus diesem Bilde heraus deduzierte
man alles das, was dann im Grunde eine genetische Astronomie ge-
worden ist. Das ist dasjenige, was durchaus ins Auge gefaßt werden
muß. Und der Mensch der Gegenwart wird von Kindheit auf so
unterrichtet, als ob das, was seit einigen Jahrhunderten deduziert
worden ist, irgend welchen Realitäten entsprechen würde.
Wir wollen daher, durchaus anknüpfend an das wirklich Wissen-
schaftliche, so gut es irgend geht, absehen von alledem, was in die-
sem Entwickelungsgang drinnen ist an rein Hypothetisch-Theoreti-
schem, und wollen an die Vorstellungen anknüpfen, die sich nur so-
weit von der Realität wegbegeben, daß man in ihnen noch die Bezie-
hung zur Realität später wird entdecken können. Das wird also in
der ganzen heutigen Darstellung meine Aufgabe sein, daß ich mich
nur so lange bewege in der Richtung, in der sich das neuere Denken
auf diesen Gebieten bewegt hat, daß ich, um eben gerade im Wis-
senschaftlichen drinnen stehenzubleiben, mitgehen werde bis zu der
Gestalt der Begriffe, die dann, wenn man sie als Begriffe nimmt,
noch gestatten, den Weg in die Realität wiederum zurückzufinden.
Ich will mich also nicht so weit von der Realität entfernen, daß die
Begriffe so grob werden, daß man Nebularhypothesen aus ihnen de-
duzieren kann.
Wollen wir in dieser Weise heute in unserer Betrachtung verfah-
ren, dann können wir sagen: Wenn wir diese neuere Begriffsbildung
auf dem uns interessierenden Felde verfolgen, so haben wir zuerst
einen Begriff zu bilden, der sich nun wirklich induktiv gerade dem
Kepler ergeben hat, der dann auch weiter ausgebildet worden ist
und den man zunächst ins Auge zu fassen hat. Ich bemerke noch
einmal ausdrücklich, ich will in diesen Begriffen nur so weit gehen,
daß selbst wenn dieser Begriff, so wie er konzipiert ist, falsch sein
sollte, er sich nur so wenig von der Realität entfernt hat, daß man in
ihm das Falsche eliminieren und auf das Richtige wird zurückführen
können. Es handelt sich darum, daß wir einen gewissen Takt ent-
wickeln für dasjenige, was noch wittert die Realität in den Begriffen,
die man ausbildet. Anders kann man nämlich nicht vorgehen, wenn
man eine Brücke schlagen will zwischen dem, was wirklichkeits-
gemäß ist, und der in die neueren Theorien so eingesponnenen Wis-
senschaftlichkeit.
Da ist zunächst ein Begriff, auf den wir eingehen müssen: Die
Planeten haben exzentrische Bahnen, beschreiben Ellipsen. Das ist
etwas, was wir zunächst vertreten können: Die Planeten haben ex-
zentrische Bahnen und beschreiben Ellipsen; in einem Brennpunkt
steht die Sonne, und zwar beschreiben sie diese Ellipsen eben nach
dem Gesetz, daß die Radienvektoren in gleichen Zeiten gleiche Sek-
toren beschreiben.
Ein zweites Wichtiges ist es, daß wir festhalten an der Vorstel-
lung, daß für jeden Planeten eine eigene Bahnebene vorhanden ist.
Wenn also auch im allgemeinen die Planeten, ich möchte sagen,
in der Nachbarschaft ihre Umdrehungen vollführen, so ist doch für
jeden Planeten eine bestimmte eigene Bahnebene vorhanden, wel-
che geneigt ist gegen die Ebene des Sonnenäquators. Also einfach,
wenn das die Ebene des Sonnenäquators charakterisieren würde
(Figur), so würde eine Bahnebene eines Planeten so sein, und nicht
in irgendeiner Weise zusammenfallen etwa mit der Ebene des Son-
nenäquators.
Das sind zwei sehr wichtige, bedeutsame Vorstellungen, die man
sich aus den Beobachtungen heraus bilden muß. Und sogleich, in-
dem man sich diese Vorstellungen bildet, muß man Rücksicht neh-
men auf etwas, was gegen diese Vorstellungen, so möchte ich sagen,
im wirklichen Weltenbilde sich auflehnt. Wenn man nämlich ver-
sucht, einfach unser Sonnensystem in seiner Totalität zusammen-
zudenken und man würde dabei nur diese zwei Vorstellungen zu-
gründe legen: Die Planeten bewegen sich in exzentrischen Bahnen
und die Bahnebenen sind in verschiedenen Graden gegen die Ebene
des Sonnenäquators geneigt -, so würde man, indem man dieses als
Gesetz ausdehnen wollte, nicht mehr in irgendeiner Weise zurecht-
kommen in dem Augenblick, wo man die Kometen bewegungen ins
Auge fassen wollte. Sobald man diese ins Auge faßt, reicht man
nicht mehr aus, man kommt nicht zurecht. Und die Folgen mögen
Sie lieber durch historische Tatsachen einsehen als durch theore-
tische Erwägungen.
Aus den Vorstellungen heraus, daß annähernd in der Ebene des
Sonnenäquators die Bahnebenen der Planeten liegen, daß die Bah-
nen exzentrische Ellipsen sind, aus dieser Vorstellung heraus haben
ja Kant, Laplace und ihre Nachfolger eben die Nebularhypothese
gebildet. Nun verfolgen Sie einmal dasjenige, was da zutage ge-
treten ist. Es ist zur Not - auch nur zur Not, übrigens - eine Art
Entstehungsgeschichte des Sonnensystems darstellbar. Aber das-
jenige, was da als Weltensystem herauskonstruiert worden ist, das
enthält eigentlich niemals eine irgendwie befriedigende Erklärung
über den Anteil, den die Kometenkörper dabei haben. Die fallen
immer aus der Theorie heraus. Dieses Herausfallen aus den Theo-
rien, wie man sie auf dem historischen Wege gewinnt, ist nichts
anderes als ein Beweis der Auflehnung des kometarischen Lebens
gegen das, was nicht aus der Totalität, sondern nur aus einem Teil
der Totalität heraus als Begriff konstruiert worden ist. Dann müssen
wir ja uns klar sein darüber, daß die Kometen in ihren Bahnen ja
vielfach wiederum zusammenfallen mit andern Körpern, die auch
in unser System hereinspielen und die eben gerade durch ihre Eigen-
schaft als Begleiter der Kometen ein Rätsel abgeben. Das sind die
Meteoritenschwärme, die sehr häufig, wahrscheinlich immer, in ih-
ren Bahnen zusammenfallen mit den Kometenbahnen. Wir sehen
also da etwas hereinspielen in die Totalität unseres Systems, was uns
dazu führt, daß wir uns sagen: Es hat sich allmählich aus der Be-
trachtung der Totalität unseres Systems eine Summe von Vorstellun-
gen gebildet, mit denen man nicht bewältigen kann dasjenige, was
uns nun, durch dieses System sehr unregelmäßig, fast willkürlich
durchgehend, die Kometen und Meteoritenschwärme darstellen.
Diese entziehen sich durchaus demjenigen, was man noch umfassen
kann mit den abstrakten Vorstellungen, die man gewonnen hat. Ich
müßte Ihnen eine lange historische Auseinandersetzung geben,
wenn ich im einzelnen darstellen wollte, wie Schwierigkeiten immer
im Konkreten vorliegen, wenn aus astronomischen Theorien heraus
die Forscher, oder besser gesagt, die Denker, auf die Kometen und
Meteoritenschwärme kommen. Aber ich will ja überall nur auf die
Richtungen hinweisen, in denen das Gesunde gesucht werden kann.
Wir kommen zu diesem Gesunden, wenn wir noch etwas anderes
berücksichtigen.
Sehen Sie, jetzt wollen wir einmal versuchen aus Begriffen, die
nun real geblieben sind, das heißt, noch einen Rest von Realität in
sich haben, wiederum ein bißchen zurückzuwandern. Das muß man
ja überhaupt immer tun in bezug auf die äußere Welt, damit man
sich nicht zu stark mit seinen Begriffen von der Realität entfernt.
Es ist ja menschlicher Hang, das zu tun. Man muß immer wiederum
zurück. Es ist schon etwas außerordentlich Gefährliches, wenn man
den Begriff gebildet hat: Die Planeten bewegen sich in Ellipsen, und
nun anfängt, auf diesen Begriff eine Theorie aufzubauen. Es ist viel
besser, wenn man, nachdem man einen solchen Begriff gebildet hat,
wiederum zurückkehrt zur Realität, um nun zu probieren, ob man
diesen Begriff nicht korrigieren oder wenigstens modifizieren muß.
Das ist das allerwichtigste. Im astronomischen Denken zeigt es sich
so ganz klar. Im biologischen und namentlich im medizinischen
Denken wird dieser Fehler so stark gemacht, daß man das Richtige
überhaupt schon nicht mehr macht, daß man niemals Rücksicht
nimmt darauf, wie notwendig es ist, sofort wenn man einen Begriff
gebildet hat, wiederum zurückzuwandern zur Realität, um zu se-
hen, ob man ihn nicht modifizieren muß.
Also die Planeten bewegen sich in Ellipsen, aber diese Ellipsen
sind veränderlich, sie sind manchmal mehr Kreis, manchmal mehr
Ellipse. Das finden wir wiederum, wenn wir nun wieder mit dem
Ellipsenbegriff zur Realität zurückgehen. Im Lauf der Zeit wird eine
Ellipse mehr ausgebaucht, wird mehr zu einem Kreis, dann wieder-
um mehr zu einer Ellipse. Also es umfaßt gar nicht die totale Wirk-
lichkeit, wenn ich sage: Die Planeten bewegen sich in Ellipsen,
sondern ich muß den Begriff modifizieren. Ich muß sagen: Die Pla-
neten bewegen sich in Bahnen, die fortwährend dagegen kämpfen,
ein Kreis zu werden oder eine Ellipse zu bleiben. Wenn ich die
Linie nun ziehe (Ellipse), muß ich eigentlich, um dem Begriff gerecht
zu werden, die Linie aus Kautschuk oder wenigstens beweglich bil-
den, ich müßte sie in sich fortwährend verändern. Denn wenn ich
mir einmal die Ellipse ausgebildet habe, die für eine Umgehung des
Planeten da ist, so paßt sie schon wieder nicht auf die nächste Umge-
hung und noch weniger auf die folgende. Also die Geschichte ist
nicht so, daß, wenn ich übergehe von der Realität in die Starrheit
des Begriffes, ich noch in der Realität bleiben kann. Das ist das eine.
Das andere ist: Wir haben gesagt, die Ebenen der Planetenbah-
nen sind geneigt gegen die Ebene des Sonnenäquators. Weil die
Planeten an den Schnittpunkten nach oben oder nach unten gehen,
sagt man, sie bilden Knoten. Diese sind aber auch nicht feste Punkte.
Es sind die Linien, die solche Knoten verbinden (Figur S. 80, KKi)
beweglich, ebenso die Neigungen der Ebenen zueinander. Also
auch diese Neigungen, wenn wir sie aussprechen in Begriffszusam-
menfassungen, bringen uns wiederum zum starren Begriff, den wir
gleich modifizieren müssen an der Wirklichkeit. Denn wenn einmal
eine Bahn in einer bestimmten Weise geneigt ist, ein andermal wie-
der anders geneigt ist, modifiziert sich dadurch alles dasjenige, was
man zunächst als Begriff herausbringt. Gewiß, man kann jetzt an-
fangen, wenn man an einen solchen Punkt gekommen ist, bequem
zu werden und kann sagen: Ganz gewiß, in der Wirklichkeit sind
Störungen vorhanden, die Wirklichkeit wird mit unseren Begriffen
nur approximativ umfaßt. - Und dann kann man bequem fort-
schwimmen in den Theorien. Dann schwimmt man aber so weit,
daß, sobald man phantastischerweise aus den Theorien Bilder zu
konstruieren versucht, die der Wirklichkeit entsprechen sollen, diese
der Wirklichkeit nicht entsprechen.
Das ist ja natürlich leicht zuzugeben, daß zusammenhängen muß
irgendwie mit dem Leben des ganzen Planetensystems oder, sagen
wir, mit der Wirksamkeit im ganzen Planetensystem dieses Verän-
derliche der exzentrischen Bahnen, der Neigungen der Bahnebenen.
Das muß mit der ganzen Wirksamkeit irgendwie zusammenhängen,
muß dazugehören. Das ist ja ganz selbstverständlich. Aber wenn
man nun von da aus wiederum den Begriff sich bildet, das heißt,
wenn man sich sagt: Nun ja, ich will also mein Denken so weit in
Bewegung bringen, daß ich mir die Ellipse fortwährend ausbau-
chend und zusammenziehend denke, die Bahnebene auf- und ab-
steigend, sich drehend denke, dann kann man von da ausgehend
sich wiederum ein Planetensystem konstruieren als Wirklichkeit. -
Schön. Aber wenn Sie den Begriff zu Ende denken, dann bekom-
men Sie gerade bei konsequentem Denken ein Planetensystem, das
nicht bestehen kann. Durch die Summierung der Störungen, die
entstehen, besonders auch durch die Veränderlichkeit der Knoten,
würde das Planetensystem fortwährend seinem Tode entgegengehen,
seiner Starrheit. Dann aber tritt das ein, was Philosophen immer be-
tont haben: Wenn man ein solches System sich ausmalt, so hat ja die
Wirklichkeit nun wirklich Zeit genug gehabt, bis zum Endpunkte
zu kommen. Es ist kein Grund vorhanden, warum das nicht wahr
sein sollte. Wir hätten es zu tun mit erfüllter Unendlichkeit, und es
müßte die Starrheit schon da sein. Wir kommen da in ein Gebiet
hinein, das sollte uns klar sein, welches schon scheinbar so dasteht,
daß das Denken stillestehen bleibt. Denn gerade indem ich mein
Denken bis zum letzten Punkt verfolge, kriege ich ein Weltsystem
heraus, das ruhig und starr ist. Es ist aber nicht das wirkliche, was
ich vor mir habe.
Nun kommt man aber noch auf etwas anderes, und das ist das-
jenige, was wir ganz besonders berücksichtigen müssen. Man kommt
darauf, indem man diese Dinge weiter verfolgt - besonders bei
Laplace können Sie es verfolgen, ich will nur die Erscheinungen
immer angeben -, daß deshalb dieses Weltsystem unter dem Ein-
flüsse der Störungen durch die Veränderlichkeit der Knoten und so
weiter nicht zur Starrheit gekommen ist, weil die Verhältniszahlen
der Umlauf Zeiten der Planeten nicht kommensurabel sind, weil sie
inkommensurable Größen sind, Zahlen mit unendlich vielen Dezi-
malen. Also kommen wir dazu, uns zu sagen: Wenn wir vergleichen
die Umlaufzeiten der Planeten im Sinne des dritten Keplerschen
Gesetzes, dann sind die Verhältnisse dieser Umlaufzeiten nicht
angebbar durch ganze Zahlen, auch nicht durch endliche Brüche,
sondern nur durch inkommensurable Zahlen, durch Zahlen, die
nicht irgendwie aufgehen. Deshalb ist sich die heutige Astronomie
auch klar darüber, daß diesem Umstände der Inkommensurabilität
der Verhältnisse zwischen den Umlaufzeiten auch im dritten Kepler-
schen Gesetz das Planetensystem seine weitere Beweglichkeit ver-
dankt, sonst müßte es längst zum Stillstand gekommen sein.
Aber jetzt halten wir uns das ganz genau vor Augen. Wir kom-
men zuletzt dazu, festhalten zu müssen dasjenige, was wir an Begrif-
fen über das Planetensystem ausgebildet haben, in Zahlen, die sich
überhaupt nicht mehr fassen lassen. Das ist etwas außerordentlich
Bedeutsames. Durch die Notwendigkeit des wissenschaftlichen Ent-
wicklungsganges selber kommen wir also dazu, über das Planeten-
system mathematisch so zu denken, daß dieses Mathematische nicht
mehr kommensurabel ist. Und wo Inkommensurabilität eintritt, da
stehen wir doch gerade an dem Ort, in jenem Moment, wo wir doch
landen müssen in der mathematischen Entwickelung bei einer kom-
mensurablen Zahl. Wir lassen die inkommensurable Zahl stehen,
schreiben den Dezimalbruch hin, aber nur bis zu einer gewissen
Stelle. Irgendwo verlassen wir das, was wir da treiben, wenn wir zum
Inkommensurablen kommen. Die Mathematiker unter Ihnen mö-
gen sich das klar machen. Sie werden sehen, daß da etwas vorliegt
bei der inkommensurablen Zahl, wo ich sage: Ich mathematisiere bis
hierher und muß dann sagen: Hier geht es nicht weiter. - Ich kann
es nicht anders sagen - verzeihen Sie, wenn ich für ein Ernstes einen
etwas komischen Vergleich gebrauche -, als daß mich dieses Stehen-
bleibenmüssen in der Mathematik sehr erinnert an eine Szene, die
ich in Berlin einmal mitgemacht habe. Es kam damals auf die Mode
der Überbrettl durch einige Männer, und ein solcher Mann war Peter
Hille. Er hatte auch ein Überbrettl gegründet und wollte dort seine
Gedichte vorlesen. Er war sehr liebenswürdig, er war in seinem In-
nern durchaus Theosoph, aber er ist etwas im Bohemienleben aufge-
gangen. Ich kam einmal zu einer Darstellung, wo er seine eigene
Dichtung vortrug im Überbrettl. Diese Dichtung war so weit gedie-
hen, daß einzelne Zeilen fertig waren, und so las er die Dichtung vor:
«Es kam die Sonne . . . und so weiter» - die erste Zeile.
«Der Mond ging auf... und so weiter» - das war die zweite Zeile.
Bei jeder Zeile sagte er: und so weiter, und dergleichen! Das war
eine Vorlesung, die ich einmal mitgemacht habe. Es war im Grunde
außerordentlich anregend. Jeder konnte die Zeile ergänzen, wie er
wollte. Das ist bei den inkommensurablen Zahlen zwar nicht der
Fall. Aber es ist doch so etwas, sobald man in die Inkommensurabi-
lität hineinkommt, daß man den weiteren Prozeß nur andeuten
kann. Man kann nur sagen: In der Richtung geht es nun weiter. Es
ist nichts gegeben, wodurch man eine Vorstellung sich macht, was
da noch alles für Zahlen kommen. Das ist wichtig, daß wir gerade
auf dem Gebiet der astronomischen Betrachtung in die Inkommen-
surabilität hineingeführt werden, daß wir also gar nicht anders
können, als mit der Astronomie an die Grenze des Mathematisierens
zu kommen, daß einfach einmal uns die Wirklichkeit durchgeht. Es
geht uns die Wirklichkeit durch, anders können wir nicht sagen. Es
entfällt uns die Wirklichkeit.
Ja, was bedeutet das aber? Wir wenden das, was unsere sicherste
Wissenschaft ist, die Mathematik, an auf die Himmelserscheinun-
gen, aber diese Himmelserscheinungen beugen sich nicht dieser
sichersten Wissenschaft, sie entschlüpfen uns an einem Punkte.
Gerade da, wo es ihnen ans Leben geht, da schlüpfen sie hinein in
das Gebiet der Inkommensurabilität. So daß wir also da die Erschei-
nung haben, daß das Ergreifen der Wirklichkeit an einem bestimm-
ten Punkte aufhört und die Wirklichkeit in Chaos hineingeht. Wir
können nicht von vorneherein sagen: Was macht denn nun eigent-
lich diese Wirklichkeit, die wir da mathematisierend verfolgen, wo
sie ins Inkommensurable hineinschlüpft? - Sie macht da drinnen
ganz gewiß etwas, was mit ihrer Lebensfähigkeit zusammenhängt.
Wir müssen also heraus aus demjenigen, was wir mathematisch be-
herrschen, wenn wir in die astronomische Wirklichkeit hineinwollen.
Das zeigt einfach der Kalkül selber, das zeigt die Entwickelung der
Wissenschaft selber. Auf solche Punkte muß man hinarbeiten, wenn
man wirklichkeitsgemäß Geist entfalten will.
Und jetzt möchte ich Ihnen den anderen Pol der Sache hin-
stellen. Sehen Sie, wenn Sie es physiologisch verfolgen, da können
Sit ausgehen von irgendeinem Punkt der embryonalen Entwicke-
lung, sei es der der Entwickelung des menschlichen Embryos im
dritten, im zweiten Monat, sei es eines andern Lebewesens. Sie kön-
nen sie zurückverfolgen und Sie können dann, soweit das mit den
heutigen Hilfsmitteln der Wissenschaft möglich ist - es ist ja in
sehr, sehr eingeschränktem Maße möglich, wie die, die sich damit
befaßt haben, wissen werden -, Sie können, soweit einigermaßen
gültige Vorstellungen darüber gemacht worden sind, sehen: Es wird
eben zurückgegangen bis zu einem bestimmten Punkte, zu dem
Punkte - und viel weiter kommt man nicht zurück - der Ablösung
der Eizelle, der unbefruchteten Eizelle. Stellen Sie sich vor, wie weit
Sie da zurückgehen können. Sit müssen aber, wenn Sic noch weiter
zurückgehen wollen, in das Unbestimmte des ganzen mütterlichen
Organismus zurückgehen. Das heißt, Sie kommen da im Zurück-
gehen in eine Art Chaos hinein. Das können Sie gar nicht vermei-
den, und daß man das nicht kann, zeigt Ihnen wieder der Gang der
wissenschaftlichen Entwickelung. Ich bitte Sie, verfolgen Sie doch
nur dasjenige, was da als wissenschaftliche Hypothese aufgetreten ist
in der Panspermie und ähnlichen Dingen, wo darüber spekuliert
worden ist, ob aus den Kräften des ganzen Organismus, was mehr
Darwins Ansicht ist, sich vorbildet der einzelne Eikeim, oder ob sich
dieser Eikeim mehr abgesondert in den bloßen Sexualorganen ent-
wickelt und so weiter. Sie werden sehen, wenn Sie den Gang der
wissenschaftlichen Entwickelung auf diesem Gebiet verfolgen, daß
da zutage getreten ist eine reiche Fülle von Phantasie sogar, wie es
sich verhält mit dem, was da der Genesis zugrunde liegt, wenn man
sie nach rückwärts verfolgt im Hervorgehen des Eikeimes aus dem
mütterlichen Organismus. Da kommen Sie ins völlig Unbestimmte
hinein. Heute ist überhaupt kaum mehr da in der äußeren Wissen-
schaft über diese Sache als Spekulationen über den Zusammenhang
des Eikeimes mit dem mütterlichen Organismus.
Dann aber tritt dieser Eikeim in einem bestimmten Punkte sehr
determiniert auf in etwas, das Sie wenigstens annähernd ganz gut
fassen können mathematisierend, wenn auch nur geometrisierend.
Sie können Zeichnungen machen von einem bestimmten Punkte an.
Solche Zeichnungen sind in der Embryologie ja auch vorhanden.
Den Eikeim, die Zelle können Sie zeichnen, können die Entwicke-
lung verfolgen, real verfolgen mehr oder weniger. So kann man an-
fangen etwas darzustellen, was Geometrie-ähnlich ist, was man in
Formen bringen kann. Man verfolgt hier eine Realität. Sie ist in
einer gewissen Weise umgekehrt demjenigen, was wir in der Astro-
nomie gesehen haben. Da verfolgen wir erkennend eine Realität und
wir kommen in die inkommensurable Zahl hinein. Die ganze Sache
entschlüpft uns in das Chaos durch den Erkenntnisprozeß selber; in
der Embryologie schlüpfen wir aus dem Chaos heraus. In einem
gewissen Punkte können wir dasjenige, was aus dem Chaos hervor-
geht, erfassen mit gewissen Formen, die der Geometrieform ähnlich
sind. Gewissermaßen können wir sagen: Mathematisierend kommen
wir ins Chaos hinein durch die Astronomie im Erkenntnisprozeß;
und im bloßen Beobachten in der Embryologie haben wir gar nichts
vor uns als ein Chaos, es wird ein Chaos, wenn die Beobachtung
nicht mehr möglich ist. Da kommen wir aus dem Chaos heraus und
kommen ins Geometrisieren hinein. Und es ist daher ein Ideal ge-
wisser Biologen und ein sehr berechtigtes Ideal sogar, dasjenige, was
sich darstellt in der Embryologie, in einer geometrisierenden Weise
zu fassen. Die Figuren nicht nur als naturalistische Abbildungen
des werdenden Embryos hinzumalen, sondern sie aus einer inneren
Gesetzmäßigkeit, die ähnlich ist der Gesetzmäßigkeit geometrischer
Figuren, zu konstruieren, das ist ein berechtigtes Ideal.
Nun, da können wir also sagen: Indem wir die Wirklichkeit
beobachtend verfolgen, kommen wir aus etwas heraus, was zunächst
unserem Erkennen ebenso wenig nahe liegt wie dasjenige, was da (in
der Astronomie) die inkommensurable Zahl ist. Wir haben gewisser-
maßen unser Erkennen nach der einen Seite geführt bis dahin, wo
wir mit der Mathematik nicht mehr mitkommen; und wir haben
unser Erkennen an einem bestimmten Punkte angefangen in der
Embryologie, wo wir erst einsetzen können mit etwas, was ein Geo-
metrie-Ähnliches ist. Bitte, denken Sie den Gedanken zu Ende. Sie
können es, weil er ja ein methodologischer Gedanke ist, das heißt,
seine Wirklichkeit in uns liegt.
Wenn wir mit dem Rechnen bei der inkommensurablen Zahl an-
kommen, das heißt an einem bestimmten Punkte, wo wir das Reale
nicht mehr hereinbringen in die Zahl, die wir abschließend dar-
stellen können, dann muß unser Nachforschen darüber beginnen -
und das ist dasjenige, wozu wir uns im nächsten Vortrag wenden
werden -, ob es nicht auch mit den geometrischen Gebilden so ist
wie mit den arithmetischen Gebilden, den analytischen Gebilden.
Das analytische Gebilde führt zur inkommensurablen Zahl. Setzen
wir zunächst einmal die Frage hin: Wie bilden die geometrischen
Formen die Himmelsbewegungen ab? Führt uns nicht vielleicht
dieses Abbilden an einen bestimmten Punkt ähnlich dem, wohin
uns die Analysis führt, indem wir in die inkommensurable Zahl
hinein müssen? Kommen wir nicht vielleicht, indem wir die Welten-
körper, die Planeten verfolgen, an einer Grenze an, wo wir sagen
müssen: Jetzt können wir nicht mehr in geometrischen Formen dar-
stellen, jetzt ist das nicht mehr mit geometrischen Formen zu um-
fassen? Gerade so, wie wir das Gebiet der faßbaren Zahl verlassen
müssen, kann es sein, daß wir das Gebiet desjenigen verlassen
müssen, wo wir in die geometrischen - auch arithmetischen, alge-
braischen, analytischen - Formen, in Spiralen und so weiter, die Wirk-
lichkeit mit der Zeichnung einfassen können. Da kommen wir ins
Inkommensurable auch geometrisch hinein. Und so ist immerhin
der folgende Tatbestand merkwürdig. Sehen Sie, Analysis kann man
noch nicht viel anwenden in der Embryologie, aber die Geometrie
erscheint schon sehr spukend da, wo wir anfangen, aus dem Chaos
heraus die embryologischen Tatsachen zu entwickeln. Da erscheint
an diesem Ende nicht so sehr das zahlenmäßig Inkommensurable,
sondern das, was sich herausarbeitet aus dem formenhaft Inkom-
mensurablen in die kommensurable Form hinein.
Wir haben jetzt an zwei Polen die Wirklichkeit zu erfassen ver-
sucht: da, wo uns der Erkenntnisprozeß hinausführt aus der Analysis
in das Inkommensurable hinein; da, wo uns das Beobachten hin-
führt aus dem Chaos zu einem Erfassen der Wirklichkeit in immer
kommensurableren und kommensurableren Formen. Das sind die
Dinge, die man sich unbedingt zunächst einmal mit völliger Klar-
heit vor die Seele führen muß, wenn man überhaupt eine wirklich-
keitsgemäße Betrachtung anknüpfen will an dasjenige, was heute in
der äußeren Wissenschaft vorliegt.
Daran möchte ich nun eine methodologische Betrachtung an-
knüpfen, damit wir morgen mehr in Realeres hineinkommen kön-
nen. Ich will anknüpfen an das Folgende. Sehen Sie, alles was wir bis
jetzt dargestellt haben, hat ja in einer gewissen Weise zur Voraus-
setzung gehabt, daß man sich immerzu als Mathematiker an die Er-
scheinungen der Welt heranbegeben hat. Dann hat sich herausge-
stellt, daß an einem Punkt der Mathematiker an eine Grenze
kommt, eine Grenze, an die er auch in der formalen Mathematik
kommt. Nun liegt nämlich unserer Denkweise etwas zugrunde, was
vielleicht am allerwenigsten bemerkt wird, weil es sozusagen in die
Maske der Selbstverständlichkeit fortdauernd sich hüllt und wir das
Problem nicht eigentlich an seiner richtigen Ecke anfassen. Das be-
zieht sich auf das Problem des Anwendens der Mathematik über-
haupt auf die Wirklichkeit. Wie gehen wir dann da eigentlich vor?
Wir bilden die Mathematik aus als eine formale Wissenschaft, und
dann - sie erscheint uns absolut gewiß in ihren Folgerungen - wen-
den wir die Mathematik auf die Realität an und denken nicht daran,
daß wir sie eigentlich im Grunde unter gewissen Voraussetzungen
anwenden. Nun ist heute durchaus auch schon eine Basis dafür ge-
schaffen, einzusehen, wie sehr wir die Mathematik eigentlich nur
unter gewissen Voraussetzungen anwenden auf die äußere Wirklich-
keit. Das stellt sich heraus, wenn man die Mathematik nun über ge-
wisse Grenzen hinaus erweitern will. Da geht man davon aus, daß
man auch gewisse Gesetze, die man eigentlich nun nicht, wie ich es
vorhin dargestellt habe bei der Zusammenfassung der Keplerschen
Gesetze, an der äußeren Wirklichkeit gewinnt, sondern an dem ma-
thematischen Prozeß selbst, daß man gewisse Gesetze ausbildet, die
eigentlich nichts anderes sind als induktive Gesetze, an dem Mathe-
matischen ausgebildet. Die verwendet man dann deduktiv, indem
man auch da nun weitergeht und weit ausgesponnene mathemati-
sche Theorien darauf baut.
Solche Gesetze sind ja diejenigen, denen heute jeder, der sich
mit Mathematik befaßt, begegnet. Es ist schon in Dornacher Vorträ-
gen von unserem Freund Blümel auf diesen Gang der mathemati-
schen Untersuchungen bedeutsam hingewiesen worden. Eines der
Gesetze, um die es sich handelt, ist zunächst dasjenige, das man
das kommutative Gesetz nennt. Das kann ja ausgesprochen werden
damit, daß man sagt: Es ist selbstverständlich
a +b =b +a oder
a• b-b . a .
Es ist eine Selbstverständlichkeit, solange man innerhalb reeller
Zahlen bleibt. Aber es ist eben nur ein induktives Gesetz, aus der
Handhabung der Rechnungspostulate mit reellen Zahlen abgeleitet.
Das zweite Gesetz ist das assoziative Gesetz. Es würde sich etwa
so aussprechen lassen:
(a + b) + c = a + (b + c).
Wiederum ein Gesetz, das eben einfach abgeleitet ist aus der Hand-
habung der Rechnungspostulate mit reellen Zahlen.
Das dritte Gesetz ist das sogenannte distributive Gesetz. Es ließe
sich aussprechen etwa in der Form, daß man sagt:
a - (b + c) = ab + ac.
Wiederum ein Gesetz, das eben einfach induktiv gewonnen ist
an der Handhabung der Rechnungspostulate mit reellen Zahlen.
Das vierte Gesetz ist dasjenige, das man etwa so aussprechen
muß: Es kann ein Produkt nur gleich Null werden, wenn einer der
Faktoren gleich Null ist. - Dieses Gesetz ist aber wiederum nur ein
induktives Gesetz, aus der Handhabung der Rechnungspostulate
mit reellen Zahlen abgeleitet. Wir haben also diese vier Gesetze:
Das kommutative Gesetz, das assoziative Gesetz, das distributive
Gesetz und dieses Gesetz vom Nullwerden des Produktes. Diese Ge-
setze werden nun heute in der formalen Mathematik zugrunde gelegt,
und es wird weiter mit ihnen verfahren. Man kommt da zu außer-
ordentlich interessanten Dingen, das ist gar nicht abzuleugnen.
Aber die Frage ist nun diese: Diese Gesetze gelten, solange man
im Gebiet der reellen Zahlen und ihrer Postulate bleibt. Aber es
ist dabei nie eine Rücksicht daraufgenommen, ob die Wirklichkeit
dem entspricht. Wir können sagen, innerhalb unserer formalen Er-
fahrungsarten gilt a + b = b + a, aber gilt das auch innerhalb der
Wirklichkeit? Es ist gar kein Grund aufzufinden, warum das nun
innerhalb der äußeren Wirklichkeit gelten soll. Wir könnten ja sehr
gut einmal überrascht werden damit, daß wir nicht zurecht kom-
men, wenn wir sagen wollten, bei einem Prozeß der Wirklichkeit
wäre a + b = b + a. Aber die Sache hat eine andere Seite. Wir haben
in uns das Hängen an dieser Gesetzmäßigkeit und mit dieser Gesetz-
mäßigkeit gehen wir daher an die Wirklichkeit heran; aus unserer
Beobachtung fällt heraus, was dieser Gesetzmäßigkeit nicht ent-
spricht. Das ist die andere Seite. Mit anderen Worten: Wir stellen
Postulate auf, die wir auf die Wirklichkeit anwenden und halten sie
für Axiome der Wirklichkeit selber. Wir dürften nur sagen: Ich be-
trachte ein gewisses Gebiet der Wirklichkeit und schaue nach, wie
weit ich komme mit dem Satz a + b = b + a. Mehr darf ich nicht
sagen. Denn indem ich mit diesem Satz an die Wirklichkeit heran-
trete, wird sich alles finden, was dem entspricht. Und dasjenige
stoße ich mit den Ellbogen beiseite, was dem nicht entspricht. Diese
Gewohnheit haben wir auch auf anderen Gebieten. Wir sagen zum
Beispiel in der elementaren Physik: Die Körper haben ein Behar-
rungsvermögen, eine Trägheit, und wir definieren dann, die Träg-
heit bestünde darin, daß die Körper ohne bestimmten Anstoß den
Ort nicht verlassen, an dem sie sind, oder daß sie ihre Bewegung
nicht ändern. Aber das ist kein Axiom, sondern ein Postulat. Ich
dürfte nur sagen: Ich nenne einen Körper, bei dem ich finde, daß er
seinen Bewegungszustand nicht ändert, träge, und ich untersuche
nun in der Wirklichkeit, was diesem Postulat entspricht. - Also,
indem ich mir gewisse Begriffe bilde, bilde ich mir eigentlich nur
Richtlinien, um die Wirklichkeit in einer gewissen Weise mit diesen
Begriffen zu durchsetzen, und ich muß mir den Weg offen halten,
andere Tatsachen mit anderen Begriffen zu durchsetzen. Ich denke
eben die vier Grundgesetze der Zahlenlehre nur dann richtig, wenn
ich sie ansehe als etwas, was mir Richtung gibt; als etwas, was mich
befähigt, in regulativer Weise einzudringen in die Wirklichkeit.
Aber ich befinde mich auf falschem Wege, wenn ich die Mathema-
tik als konstitutiv für die Wirklichkeit annehme. Denn da wird mir
die Wirklichkeit durchaus widersprechen in gewissen Gebieten. Und
ein solcher Widerspruch ist der, von dem ich gesprochen habe, wo
die Inkommensurabilität bei der Betrachtung der Himmelserschei-
nungen eintritt.
FÜNFTER VORTRAG
Stuttgart, 5. Januar 1921
Es ist notwendig für den weiteren Fortgang unserer Betrachtungen,
daß ich heute gewissermaßen etwas episodisch einschiebe. Wir wer-
den uns dann in bezug auf unsere eigentliche Aufgabe leichter ver-
ständigen können. Ich möchte heute also eine allgemeinere Betrach-
tung über das Erkenntnistheoretische der Naturwissenschaft, aller-
dings von einem besonderen Gesichtspunkte aus, einschieben. Wir
knüpfen insofern an das Gestrige an, als wir uns noch einmal ver-
gegenwärtigen, zu welchen Resultaten wir gestern, wenigstens vor-
läufig, gekommen sind. Die Verifizierung dieser Resultate wird sich
allerdings ja auch erst im Laufe der Vorträge ergeben können.
Wir haben gesehen aus der Betrachtung der Himmelserschei-
nungen, insofern diese Himmelserscheinungen ausgedrückt werden
von unserer Astronomie in geometrischen Formen oder auch zahlen-
mäßig verfolgt werden, daß man geführt wird zu inkommensurablen
Größen. Das heißt, wie wir gestern auseinandergesetzt haben, daß es
einen gewissen Moment in unserem Erkenntnisprozeß gibt, wenn
wir diesen Erkenntnisprozeß auf die Himmelserscheinungen an-
wenden, wo wir gewissermaßen stille stehen müssen, wo wir auf-
hören müssen, die mathematischen Betrachtungen für kompetent
zu erklären. Wir können einfach von einem bestimmten Punkte
an nicht mehr fortfahren, Linien zu zeichnen, um Bewegungen
von Himmelskörpern zu verfolgen, wir können auch nicht mehr
fortfahren, die Analysis anzuwenden, sondern können nur sagen:
Bis zu einem gewissen Punkte führen uns Analysis und geome-
trische Betrachtungsweise, aber von diesem Punkte an geht es
nicht weiter. Daraus werden wir, allerdings zunächst auch wieder
provisorisch, eine wichtige Folgerung ziehen müssen: daß wir
dann, wenn wir dasjenige mathematisch betrachten, was wir se-
hen, sei es mit dem unbewaffneten oder mit dem bewaffneten
Auge, es nicht in irgendwelche geometrische Figuren oder mathe-
matische Formeln hineinbringen können. Wir umfassen also nicht
die Totalität der Erscheinungen mit Algebra, Analysis oder Geo-
metrie.
Bedenken Sie, was sich daraus für Bedeutsames ergibt. Es ergibt
sich, daß, wenn wir den Anspruch erheben, die Totalität der Him-
melserscheinungen zu betrachten, wir darauf verzichten müssen,
dies so zu tun, daß wir sagen: Die Sonne bewegt sich so, daß wir
diese Bewegung in einer Linie nachzeichnen können; der Mond be-
wegt sich so, daß wir diese Bewegung in einer Linie nachzeichnen
können. Also gerade auf dasjenige, was wir fortwährend als unseren
sehnlichsten Wunsch empfinden, müssen wir im Grunde, wenn wir
uns der Totalität der Erscheinungen gegenüberstellen, eigentlich
verzichten. Es ist dies um so bedeutsamer, als ja heute in dem Au-
genblick, wo man sagt: Es genügt das kopernikanische Weltsystem
so wenig als das ptolemäische -, jeder antwortet: Also zeichnen wir ein
anderes auf. - Und wir werden erst im Verlauf dieser Vorträge sehen,
was an die Stelle des Zeichnens gesetzt werden muß, wenn man die
Totalität der Erscheinungen wirklich ins Auge fassen will.
Ich muß zuerst dieses Negative vor Sie hinstellen, bevor wir in das
Positive hineinkommen können, weil es außerordentlich wichtig ist,
hier zu ganz klaren Begriffen vorzuschreiten. Auf der anderen Seite
haben wir gestern gesehen, wie aus unbestimmten, chaotischen Re-
gionen heraufsteigt dasjenige, was wir dann von einem bestimmten
Punkte an bildhaft, also auch in einem gewissen Sinne geometrisch,
erfassen können, nämlich dasjenige, was uns durch die Embryologie
entgegentritt. Man möchte sagen: Wenn man im Erkenntnispro-
zeß - ich habe es auch gestern ausgesprochen - die Himmelserschei-
nungen verfolgt, so kommt man in diesem Erkenntnisprozeß an
einen Punkt, wo man sich sagen muß, die Welt ist anders, als man
mit diesem Erkenntnisprozeß sie zunächst auffassen möchte; wenn
man die embryologischen Erscheinungen betrachtet, so muß man
sagen, man muß irgend etwas voraussetzen, das vorangeht jener
Wirklichkeit, die wir noch umfassen können.
Nun trat ja außer anderen Dingen, ich will die Dinge nur ganz
grob kennzeichnen, in der embryologischen Betrachtungsweise ein
Zweifaches zutage in der neueren Zeit. Auf der einen Seite waren
die Menschen noch stramme Anhänger des biogenetischen Grund-
gesetzes, welches ja besagt, daß die individuelle Entwickelung des
Keimes eine Art verkürzter Stammesentwickelung ist. Diese Men-
schen wollten also gewissermaßen kausal zurückführen die Keimes -
entwickelung auf die Stammesentwickelung. Dagegen traten dann
andere auf, welche von einer solchen Herleitung des Individuell-
Keimhaften aus der Stammesentwickelung nichts wissen wollten
und davon sprachen, daß man sich an die unmittelbar in den Er-
scheinungen des Embryonalen vorhandenen Kräfte halten müsse;
welche, mit anderen Worten, von einer Art Entwickelungsmechanik
sprachen. Man kann eigentlich sagen: Aus der strammen biogeneti-
schen Schule Haeckels ist Oscar Hertwig hervorgegangen, der dann
ganz übergegangen ist zur Anerkennung der Entwickelungsmecha-
nik. Da man das Mechanische wenigstens Mathematik-ähnlich fas-
sen muß, wenn man auch nicht zu einer genauen Mathematik
kommt, so tritt uns da auch historisch entgegen - und auf die
Dinge, wie sie sich historisch entwickelt haben, wollen wir ja hin-
weisen -, wie zuerst etwas anderes vorausgesetzt wird und dann ein-
gesetzt wird mit einer Mechanik-Mathematik-ähnlichen Betrach-
tungsweise.
Diese Dinge liegen zunächst, möchte ich sagen, mehr erkenntnis-
theoretisch vor. Auf der einen Seite werden wir im Erkenntnis-
prozeß an eine Grenze getrieben, wo wir nicht mehr weiterkommen
mit der Betrachtungsweise, die wir zunächst als die uns beliebte
haben; auf der anderen Seite kommen wir in der Beobachtung des
Embryonalen nur dann zu irgendeiner Möglichkeit, die Sache in der
gewöhnlichen Weise zu fassen, wenn wir Voraussetzungen machen,
die wir zunächst liegen lassen; wenn wir uns also sagen: Im Gebiete
des Wirklichen ist etwas, was wir zunächst hegen lassen im Unbe-
stimmten, und an einem bestimmten Punkte fangen wir an, das
Beobachtbare wenigstens in Formen und Verhältnissen anzuschau-
en, die Mathematik- und Mechanik-ähnlich sind.
Diese Dinge machen es eben notwendig, daß wir heute eine Art
allgemeiner Betrachtung einschieben. Ich habe schon darauf auf-
merksam gemacht, daß die naturwissenschaftliche Betrachtung heu-
te im Grunde genommen nach dem Ideal strebt, die äußere Natur
möglichst unabhängig vom Menschen zu betrachten, die einzelnen
Erscheinungen gewissermaßen in der Objektivität zu fixieren und
den Menschen auszuschalten. Wir werden sehen, daß gerade durch
diese Betrachtungsweise, die den Menschen ausschaltet, es unmög-
lich ist, über solche Schranken hinauszukommen, wie wir sie jetzt
nach zwei Seiten hin haben bemerken können. Und das hängt damit
zusammen, daß der Metamorphosengedanke, den ja Goethe, ele-
mentar zuerst, umfassend dargestellt hat, eigentlich noch recht we-
nig verfolgt worden ist. Er ist allerdings in bezug auf das Morpholo-
gische bis zu einem gewissen Grade verfolgt worden, allein auch da
hat sich uns ja schon gezeigt, wie die Morphologie von heute aus
dem Grunde zu keinem Ziel kommen kann, weil zum Beispiel die
Formkonstruktion eines Röhrenknochens im Vergleich mit einem
Schädelknochen nicht in der richtigen Weise angeschaut werden
kann. Dazu müßte man ja vorschreiten zu Betrachtungen, welche
uns dazu führen, das eine Mal das Innere, die innere Fläche des
Knochens beim Röhrenknochen zum Beispiel zu verfolgen, und
dann dieser inneren Fläche parallel zu stellen gerade die äußere Flä-
che des Schädelknochens, so daß man es da zu tun hat mit einer Um-
wendung, wie wenn man einen Handschuh umwendet, und zu glei-
cher Zeit mit einer Formänderung, also Änderung der Flächen-
Spannungsverhältnisse beim Umwenden, beim Kehren des Innern
nach dem Äußeren. Erst wenn man die Metamorphose in dieser ja
für manche kompliziert ausschauenden Weise verfolgt, kommt man
in diesen Betrachtungen an ein Ziel.
Aber wenn man herauskommt aus dem Morphologischen und
mehr in das Funktionelle hineinkommt, dann sind erst ganz wenige
Ansätze dazu vorhanden in dem heutigen menschlichen Vorstellen,
den Metamorphosengedanken weiter zu verfolgen. Es wird unerläß-
lich sein, diese Metamorphosengedanken auch auf das Funktionelle
des Organismus auszudehnen. Der Anfang ist gemacht an der Stel-
le, wo ich in meinem Buche «Von Seelenrätseln» wenigstens zu-
nächst skizzenhaft angegeben habe die Anschauung von der Drei-
gliederung der menschlichen Wesenheit, insofern diese menschliche
Wesenheit als eine Summe und als ein Ineinanderwirken von Funk-
tionen aufgefaßt wird. Ich habe wenigstens skizzenhaft ausgeführt,
wie wir zu unterscheiden haben am Menschen zunächst jene Funk-
tionen, jene Vorgänge, Prozesse, die wir auffassen können als die
Nerven-Sinnesprozesse; wie wir dann als verhältnismäßig selbstän-
dige Prozesse aufzufassen haben alle rhythmischen Prozesse im
menschlichen Organismus; und wiederum als selbständige Prozesse
aufzufassen haben die Stoffwechselprozesse. Und ich habe aufmerk-
sam gemacht darauf, daß diese drei Prozeßformen eigentlich das
Funktionelle am Menschen erschöpfen. Was sonst Funktionelles am
menschlichen Organismus vorkommt, sind eigentlich Unterarten
dieser drei Prozesse.
Nun aber handelt es sich darum, daß man alles dasjenige, was im
Organischen vorkommt, so aufzufassen hat, daß dasjenige, was
scheinbar neben dem anderen steht, doch wiederum durch eine
Metamorphose mit diesem anderen zu verbinden ist. Man ist heute
abgeneigt, makroskopisch zu betrachten, allein in einer gewissen
Weise muß man wiederum zum Makroskopischen zurückkommen,
sonst wird man eben aus dem Mangel an jeder synthetischen Lebens-
betrachtung überall zu Problemen kommen, die nicht an sich un-
möglich zu lösen sind, sondern durch unsere methodologischen Vor-
urteile unlösbar werden.
Wenn wir den Menschen nach dieser Dreigliederung betrachten,
so haben wir zunächst in dieser Dreigliederung gegeben eine drei-
fache Art, wie der Mensch mit der Außenwelt in irgendeinem Ver-
hältnis steht. In den Nerven-Sinnes Vorgängen haben wir eine Art,
wie der Mensch mit der Außenwelt in einem Verhältnis steht; in
allen rhythmischen Vorgängen haben wir eine andere Art. Die
rhythmischen Vorgänge sind durchaus so, daß sie nicht isoliert im
Menschen betrachtet werden können, liegt ja doch den rhythmi-
schen Vorgängen die Atmung zugrunde, die durchaus ein Wechsel-
verhältnis des Innern des menschlichen Organismus mit der Außen-
welt darstellt; und wiederum in alledem, was Stoffwechsel ist, liegt
ja ganz klar ein Wechselverhältnis des Menschen mit der äußeren
Welt vor. Die Nerven-Sinnesprozesse sind gewissermaßen nach dem
Innern des Menschen eine Fortsetzung der Außenwelt. Auf diese
Fortsetzung kommen wir, wenn wir unterscheiden zwischen der
eigentlichen Wahrnehmung, die wesentlich durch die Sinne vermit-
telt wird, und dem, was sich dann für unsere menschliche Erkennt-
nis anschließt, dem Vorstellen. Wir brauchen uns jetzt nicht einzu-
lassen auf tiefere Betrachtungen, sondern es wird von vorneherein
ziemlich einleuchtend erscheinen müssen, daß dasjenige, was in der
Sinnes Wahrnehmung vorliegt, ein mehr nach der Außenwelt gerich-
tetes Wechselverhältnis zwischen dem Menschen und seiner Außen-
welt ist, als dasjenige, was in den Vorgängen des Vorstellens vor-
liegt. Zweifellos werden wir mehr nach dem Innern des Menschen
gewiesen - ich spreche jetzt nur vom Organismus, nicht vom Seeli-
schen - beim Vorstellen als bei der Sinneswahrnehmung.
Und wiederum - wenn wir zunächst das rhythmische System, At-
mung, Zirkulation, beiseite lassen - werden wir, wenn wir das Stoff-
wechselsystem betrachten, auf etwas anderes verwiesen, das in einer
ganz bestimmten Weise ein Gegensatz ist zu diesem Nach-innen-
geführt-Werden von der Sinneswahrnehmung zum Vorstellen.
Wenn man vollständig den Stoffwechsel studiert, dann muß man ei-
ne Verbindung herstellen zwischen demjenigen, was innere Stoff-
Wechselvorgänge sind, und demjenigen, was die Funktionen der
menschlichen Gliedmaßen sind. Diese Funktionen der Gliedmaßen
hängen ja zusammen mit der Funktion des Stoffwechsels. Und wür-
de man in diesen Dingen überhaupt rationeller verfahren, als man es
gewöhnlich tut, dann würde man eben entdecken den Zusammen-
hang zwischen dem mehr nach innen gelegenen Stoffwechsel und
den Vorgängen, denen wir uns unterwerfen, indem wir unsere
Gliedmaßen entsprechend bewegen. Es sind immer Stoffwechsel-
vorgänge, die als die eigentlichen organischen Funktionen den Be-
wegungen der Gliedmaßen zugrunde liegen. Verbrauch von Stof-
fen, das ist es, worauf wir zuletzt kommen, was uns das eigentliche
organische Funktionieren dabei darstellt.
Nun aber ist es nicht damit getan, daß wir stehenbleiben bei
diesem Stoffwechselvorgang. Dieser führt uns vielmehr in einer ge-
wissen Weise ebenso von dem Menschen aus nach der äußeren Welt,
wie uns der Sinneswahrnehmungsvorgang von der äußeren Welt
nach dem Inneren des Organismus führt. Solche Betrachtungen,
die fundamental sind, müssen eben einmal angestellt werden, sonst
kommt man nicht weiter auf bestimmten Gebieten. Und was
ist es denn, was vom Stoffwechsel aus ebenso nach außen weist, wie
etwas vom Sinnesvorgang aus zum Vorstellen nach innen weist?
Das ist der Befruchtungsvorgang. Der Befruchtungsvorgang weist
gewissermaßen nach der entgegengesetzten Richtung hin, von dem
Organismus nach außen. Wenn Sie sich schematisch die Sinnes-
wahrnehmung von außen nach innen vorstellen, dann wird dieser
von außen nach innen gerichtete Sinneswahrnehmungsvorgang ge-
wissermaßen - bitte stoßen Sie sich nicht an dem Ausdruck, wir wer-
den schon später die Realität an die Stelle des vorläufig symbolisch
Aussehenden setzen können - befruchtet durch den Organismus,
und dadurch begegnet uns das Vorstellen (Fig. 1). Dasjenige, was
ö».^,
«swW******m*
Fig.l
wir Stoffwechselvorgänge nennen, das weist uns nach der anderen
Seite, nach außen, und wir kommen zum Befruchtungsvorgang.
So daß wir nunmehr schon in dem, was gewissermaßen an den
zwei Polen der dreigliedrigen Menschennatur liegt, etwas haben,
was wir nach den entgegengesetzten Richtungen hin betrachten
können.
In der Mitte liegt ja alles dasjenige, was dem rhythmischen
System zugehört. Und wenn Sic sich fragen: Was weist im rhythmi-
schen System nach außen? Was weist nach innen? - so werden Sie
nicht so genaue Unterscheidungen finden können, wie zwischen
innerem Stoffwechsel und Befruchtung oder Wahrnehmung und
Vorstellung, sondern Sie werden mehr ineinanderschwimmend fin-
den bei der Ein- und Ausatmung dasjenige, was hier der Prozeß ist.
Er ist mehr ein einheitlicher Prozeß. Man kann da nicht in der glei-
chen Weise genau unterscheiden, aber man kann doch sagen
(Fig. 1): Wie wir hier die Wahrnehmung von außen finden, hier die
Befruchtung nach außen, so können wir in der Ein- und Ausatmung
finden nach innen Gehendes und nach außen Gehendes. Wir haben
gewissermaßen den Atmungsprozeß als einen mittleren Prozeß.
Und jetzt werden Sie schon aufmerksam werden auf dasjenige,
was sich hier ausnimmt wie eine Art Metamorphose, ein Einheit-
liches, das zugrunde liegt der dreigliedrigen Menschennatur, das
sich das eine Mal nach einer bestimmten Weise hin bildet, das
andere Mal nach einer anderen Weise hin bildet. Sie können gewis-
sermaßen physiologisch nach der einen Richtung, nämlich nach
oben, sehr gut verfolgen dasjenige, was hier eigentlich vorliegt. Eine
Anzahl von Ihnen kennt schon dasjenige, um was es sich handelt.
Wenn wir den Atmungsprozeß betrachten, so wird, indem wir die
Luft aufnehmen, unser Organismus in einer gewissen Weise be-
einflußt. Er wird so beeinflußt, daß durch die Atmung das aus
Rückenmark und Schädelhöhle auslaufende Gehirnwasser nach
oben gedrängt wird. Sie müssen ja berücksichtigen, daß wir unser
Gehirn in Wirklichkeit durchaus schwimmend haben im Gehirn-
wasser, daß es dadurch einen Auftrieb hat und so weiter. Wir wür-
den gar nicht leben können ohne diesen Auftrieb. Aber davon wol-
len wir jetzt nicht sprechen, sondern nur davon, daß wir ein gewisses
Nachaufwärtsbewegen des Gehirnwassers beim Einatmen haben, ein
Abwärtsbewegen beim Ausatmen. So daß also wirklich der At-
mungsprozeß auch in unseren Schädel hineinspielt, in unseren Kopf
hineinspielt, und daß dadurch ein Prozeß geschaffen wird, der
durchaus ein Zusammenwirken, ein Ineinanderwirken darstellt des-
jenigen, was Nerven-Sinnesvorgänge sind, mit den rhythmischen
Vorgängen.
Sie sehen, wie die Organe arbeiten, um gewissermaßen die Meta-
morphose der Funktionen zustande zu bringen. Dann können wir
zunächst ja gewissermaßen hypothetisch, oder vielleicht nur wie ein
Postulat, sagen: Ja, vielleicht ist so etwas auch der Fall in bezug auf
den Stoffwechsel und in bezug auf die Befruchtung. - Aber wir wer-
den da nicht so leicht zurechtkommen, wenn wir ein solches Verhält-
nis aufsuchen. Und gerade das ist das Charakteristische, daß es uns
verhältnismäßig leicht gelingt, in mit den Gedanken verfolgbaren
Prozessen dasjenige zu erfassen, was Wechselverhältnis ist zwischen
dem rhythmischen System und dem Nerven-Sinnessystem, daß wir
aber nicht in der Lage sind, ein ebenso leicht durchschaubares Ver-
hältnis zwischen dem rhythmischen und dem Stoffwechsel-Befruch-
tungsprozeß zu finden. Sie können alles, was Ihnen in der Physio-
logie zur Verfügung steht, aufrufen und Sie werden, je genauer Sie
gerade auf die Dinge eingehen, desto besser dieses bemerken. Übri-
gens können Sie sich das ganz banal vor Augen halten, warum das so
ist. Wenn Sie den regelmäßigen Wechsel von Schlafen und Wachen
verfolgen, so werden Sie sich sagen: In bezug auf das Sinneswahr-
nehmen sind Sie eigentlich überall der Außenwelt ausgesetzt. Sie
stehen immerfort der Außenwelt exponiert da. Nur wenn Sie mit
dem Denken und Vorstellen eingreifen, dann wird das, was im
wachen Zustand eigentlich um einen ist, geordnet, wird in einer
gewissen Weise von innen aus orientiert. Also die Orientierung
kommt von innen. Wir können eigentlich das sagen, wir stehen der
in sich gesetzmäßig angeordneten Außenwelt gegenüber, und wir
bringen eine andere Ordnung in dieselbe hinein aus unserem In-
nern. Wir denken über die Außenwelt, wir kombinieren die Ver-
hältnisse der Außenwelt gewissermaßen nach unserem Belieben -
leider sehr häufig nach einem sehr schlechten Belieben. Aber da
kommt etwas hinein von unserem Inneren in die Außenwelt, was gar
nicht dieser Außenwelt zu entsprechen braucht. Wenn das nicht der
Fall wäre, würden wir uns niemals einem Irrtum hingeben. Da
kommt von unserem Inneren heraus ein gewisses Umgestalten der
Außenwelt.
Wenn wir den anderen Pol der menschlichen Natur anschauen,
so werden Sie nach beiden Richtungen hin zugeben, daß da die
Unordnung von außen kommt. Denn es ist in unsere Willkür ge-
stellt, wie wir den Stoffwechsel unterhalten durch die Ernährung,
und erst recht ist in unsere Willkür gestellt dasjenige, was Befruch-
tung genannt wird. Da werden wir also an die Außenwelt verwiesen,
wenn es sich darum handelt, nach der Willkür hinzuschauen. Die
Außenwelt ist uns zunächst ganz fremd. Mit jener Willkür, die wir
hineinbringen in den Wahrnehmungsprozeß von innen, fühlen wir
uns wenigstens vertraut; mit der Willkür, die wir von der Außenwelt
in uns hineinbringen, da fühlen wir uns nicht sehr vertraut. Wir
haben zum Beispiel in einem sehr geringen Grade - wenigstens die
meisten Menschen in einem ganz außerordentlich geringen Grade -
eine Ahnung davon, was eigentlich geschieht in bezug auf unseren
Zusammenhang mit der Welt, wenn wir dieses oder jenes essen,
wenn wir dieses oder jenes trinken und so weiter. Und wie wir gar
zusammenhängen mit der Welt in den Zeiten zwischen denjenigen,
in denen wir unsern Stoffwechsel unterhalten, dem wird außer-
ordentlich wenig Aufmerksamkeit zugewendet. Und wenn wir dem
Aufmerksamkeit zuwenden würden, so würde uns das auch zu-
nächst nicht besonders viel helfen. Wir kommen da in ein Un-
bestimmtes, in ein Ungreifbares, möchte ich sagen, hinein. So daß
wir an dem einen Pole des Menschen haben den geordneten Kos-
mos, der gewissermaßen seine Golfe in unsere Sinne hereinerstreckt
(Fig. 2). Das Wort «geordnet» braucht dabei nicht mißverstanden zu
werden, es soll nur den Tatbestand charakterisieren, wir wollen uns
nicht in philosophische Betrachtungen verlieren, ob der Kosmos als
geordnet betrachtet werden darf oder nicht, sondern es soll nur der
Tatbestand ausgedrückt werden. Diesem Pol steht der andere gegen-
über, dasjenige, was wir wirklich den ungeordneten Kosmos nennen
müssen, wenn wir die Vorgänge betrachten, die an uns selbst heran-
treten aus dem Kosmos, wenn wir alles übersehen, was wir in uns
hereinpfropfen, oder wie die Menschen in unregelmäßigen Zeiträu-
men für die Befruchtung sorgen und so weiter. Wenn wir alle diese
Vorgänge, die da an den Stoffwechsel von der Außenwelt herantre-
ten, ins Auge fassen, müssen wir sagen: Da haben wir es zu tun mit
dem zunächst für uns ungeordneten Kosmos.
i
georänef ev .
Kosmoj
ungeordneter
Fig. 2 Kösrrvos
•
Sehen Sie, wir können daran jetzt anknüpfen, ich möchte sagen
mehr universell erkenntnistheoretisch, die Frage - ich will das durch-
aus heute episodisch einschieben -: Inwiefern stehen wir denn mit
dem Sternenhimmel in Verbindung? Ja, zunächst schauen wir ihn
an. Und insbesondere werden Sie ein lebendiges Gefühl haben, wie
unsicher die Dinge werden in bezug auf den Sternenhimmel, wenn
wir anfangen, über ihn zu denken. Wir haben ja da nicht nur vor-
liegen, daß die verschiedensten astronomischen Weltsysteme den
Menschen eingeleuchtet haben, sondern wir haben auch das, nach
unserer gestrigen Betrachtungsweise, daß wir überhaupt mit dem-
jenigen, was uns innerlich im Vorstellen das allergewisseste ist, dem
mathematisch-mechanischen Betrachten, nicht die Totalität des
Sternenhimmels umfassen können. Wir müssen nicht nur sagen, wir
können uns dem Sternenhimmel gegenüber nicht auf den Sinnen-
schein verlassen, sondern wir müssen sogar sagen, wir erkennen, daß
wir mit dem, was nun hier weiter innen liegt im Menschen, gar
nicht an den Sternenhimmel herankommen, insofern wir ihn mit
den Sinnen überschauen. Es ist durchaus real gesprochen, nicht
irgendwie bloß vergleichsweise, wenn man sagt: Der Sternenhimmel
liegt uns eigentlich in seiner Totalität - natürlich in seiner relativen
Totalität - nur für die Sinneswahrnehmung vor. Denn wenn wir aus
der Sinneswahrnehmung heraus mehr in das Innere kommen in
der Auffassung des Sternenhimmels, müssen wir uns als Menschen
dem Sternenhimmel gegenüber ziemlich fremd fühlen. Jedenfalls
müssen wir stark das Gefühl bekommen, wir können ihn nicht er-
fassen. Aber wir müssen doch zugeben, daß irgend etwas, was einer
Erfassung zugrunde liegen könnte, auch in dem enthalten ist, was
wir da anschauen.
Nun müssen wir also sagen: Außer uns liegt der geordnete Kos-
mos. Der bietet sich eigentlich nur dar unserer Sinneswahrneh-
mung. Er erschließt sich zunächst unserer Verstandeserkenntnis ganz
gewiß nicht. Wir haben ihn auf der einen Seite, diesen geordneten
Kosmos, und können nun nicht herein mit ihm in den Menschen.
Wir sagen uns, wir werden gewiesen von der Sinneswahrnehmung
nach dem Innern des Menschen, aber wir können mit dem Kosmos
nicht in den Menschen hereinkommen. Astronomie ist also etwas,
was eigentlich nicht in unseren Kopf hereingeht. Es ist das gar nicht
vergleichsweise gesprochen, sondern ganz erkenntnistheoretisch ge-
zeigt. Astronomie ist etwas, was nicht in den Kopf hereingeht. Sie
paßt nicht herein.
Was hegt denn auf der anderen Seite, wo wir den ungeordneten
Kosmos haben? Wir wollen jetzt nur die Tatsachen ins Auge fassen,
keine Theorien aufstellen, keine Hypothesen suchen, sondern nur
die Tatsachen klarmachen. Sehen Sie, wenn Sie in der Welt den
Gegensatz suchen zu dem Astronomischen, rein tatsachengemäß,
und den Gegensatz im Menschen zu demjenigen, was da liegt
im Wahrnehmungs- und Vorstellungsprozeß (als Fortsetzung der
Außenwelt, des geordneten Kosmos), so werden Sie beim Menschen
geführt zu dem Stoffwechselprozeß mit der Befruchtung, werden
in ein Ungeordnetes hinausgeführt. Wenn ich ebenso hier in der
Außenwelt beginne mit meiner Betrachtung (Fig. 2), und ich will
dann hier in der Außenwelt heruntergehen, gewissermaßen von der
Astronomie herunterkommen, wo hinein werde ich denn da ge-
führt? Ich werde geführt in die Meteorologie, in alles dasjenige, was
mir nun auch in den äußeren Erscheinungen entgegentritt und was
Gegenstand der Meteorologie ist. Wenn Sie nämlich die meteorolo-
gischen Erscheinungen auffassen und versuchen, eine Gesetzmäßig-
keit hineinzubringen, so verhält sich das, was Sie da an Gesetzmäßig-
keit hereinbringen können, ganz genau so zu dem geordneten Kos-
mos in der Astronomie, wie sich verhält alles das, was da unten im
Stoffwechsel- und Befruchtungssystem wetterwendisch ist, zu dem-
jenigen, was da oben zunächst in der Wahrnehmung auftritt, in die
ja der ganze Sternenhimmel hineinleuchtet, und was erst anfängt
ungeordnet zu werden in unserem Innern, im Vorstellen,
Sie sehen also: Wenn wir den Menschen nicht abgesondert be-
trachten wollen, sondern die äußere Naturordnung in Zusammen-
hang mit dem Menschen betrachten wollen, dann können wir ihn
so hineinstellen, daß wir sagen: Der Mensch nimmt teil durch sein
Haupt an dem Astronomischen, und er nimmt teil durch seinen
Stoffwechsel an dem Meteorologischen. Da steht dann der Mensch
nach beiden Seiten drinnen im ganzen Kosmos.
Nun fügen Sie an diese Betrachtung eine andere an. Wir haben
vorgestern gesprochen von jenen Vorgängen, die gewissermaßen eine
innere organische Nachbildung der Mondenvorgänge sind, den Vor-
gängen im weiblichen Organismus. Wir haben im weiblichen Orga-
nismus gewissermaßen etwas wie einen Phasenwechsel, eine Aufein-
anderfolge von Vorgängen, die in 28 Tagen ablaufen und die natür-
lich so, wie die Dinge jetzt sind, gar nicht zusammenhängen mit
irgendwelchen Mondvorgängen, die aber innerlich diese Mondvor-
gänge nachbilden. Ich habe auch schon auf die psychologisch-phy-
siologische Tatsache hingewiesen, die in der Erinnerung des Men-
schen vorliegt. Wenn man diese wirklich analysiert und den inneren
organischen Prozeß nimmt, der der Erinnerung des Menschen zu-
grunde liegt, so muß man ihn parallelisieren, als einen organischen
Prozeß, mit diesem Prozeß der weiblichen Funktionen. Dieser er-
greift eben nur intensiver den Organismus, als der Organismus er-
griffen wird, wenn er in der Erinnerung festhält irgend etwas, was er
als äußere Erlebnisse gehabt hat. Es liegt nicht mehr im indivi-
duellen Leben zwischen Geburt und Tod dasjenige, was da als Er-
gebnis äußerer Eindrücke sich in diesen 28 Tagen zum Ausdruck
bringt, während die Zusammenhänge zwischen dem Erleben von
äußeren Vorgängen und der Erinnerung eben kurzfristiger sind und
im individuellen Leben zwischen Geburt und Tod darinnenliegen.
Aber es ist durchaus in bezug auf das Psychologisch-Physiologische
dasselbe Prozeßerleben eines äußeren Vorganges. In meiner «Ge-
heimwissenschaft» habe ich sehr deutlich auf dieses Erleben an der
Außenwelt hingewiesen.
Wenn Sie nun die Funktionen des Eikeimes bis zur Befruchtung
verfolgen, dann werden Sie finden, daß diese Funktionen vor der
Befruchtung durchaus einbezogen sind in diesen inneren, 28-tägi-
gen Prozeß. Sie sind gewissermaßen zugehörig diesem Prozeß. Sofort
fällt dasjenige, was im Eikeim vor sich geht, aus diesem Innern des
Menschen heraus, wenn die Befruchtung eingetreten ist. Da wird so-
fort ein Wechselverhältnis zur Außenwelt hergestellt, so daß wir,
wenn wir den Befruchtungsvorgang beobachten, dazu geführt wer-
den einzusehen, daß er nichts mehr zu tun hat mit inneren Vor-
gängen im menschlichen Organismus. Der Befruchtungsvorgang
entreißt den Eikeim dem bloßen inneren Vorgang und führt ihn
hinaus in den Bereich jener Vorgänge, die dem menschlichen Inne-
ren und dem Kosmischen gemeinschaftlich angehören, die keine
Grenze setzen zwischen dem, was im menschlichen Inneren vorgeht
und im Kosmischen. Was daher vorgeht nach der Befruchtung, was
vorgeht in der Bildung des Embryos, muß man im Zusammenhang
betrachten mit äußeren kosmischen Vorgängen, nicht mit irgend-
einer bloßen Entwickelungsmechanik, die man am Eikeim und sei-
nen aufeinanderfolgenden Stadien selbst betrachtet.
Denken Sie, was man da eigentlich hat. Dasjenige, was im Ei-
keim vor sich geht bis zur Befruchtung, ist gewissermaßen eine An-
gelegenheit des menschlichen organischen Innern; dasjenige, was
nach der Befruchtung vorgeht und schon durch die Befruchtung, das
ist etwas, wodurch sich der Mensch öffnet dem Kosmos, was be-
herrscht wird von kosmischen Einflüssen.
Jetzt haben wir also auf der einen Seite den Kosmos auf uns wir-
kend bis zu der Sphäre des Vorstellens hin. Wir haben in der Sinnes-
wahrnehmung ein Wechselverhältnis zwischen dem Menschen und
dem Kosmos. Wir untersuchen dieses Wechselverhältnis, meinetwillen
durch das Gesetz der Perspektive und Ähnliches, durch die Gesetze
der Sinnesphysiologie und dergleichen. Wie wir einen Gegenstand
sehen, das muß durch solche Gesetze untersucht werden. Nicht
wahr, wenn wir uns aufstellen hier, und hier fährt ein Eisenbahnzug
an uns vorüber (quer zur Blickrichtung), so sehen wir diese ganze
Bewegung, ich möchte sagen, der Länge nach. Wenn wir uns aber so
aufstellen (mit Blick in Richtung des Zuges), so kann er geradeso
schnell fahren, und wir sehen ihn in völliger Ruhe, wenn der Zug ge-
nügend weit entfernt ist. Es hängt also dasjenige, was in uns bildhaft
vorgeht, von Verhältnissen des Kosmos in bezug auf uns ab. Wir ste-
hen drinnen in Bildvorgängen und gehören selber diesem Bilde an.
Und Sie sehen, wir verwickeln uns in ein Chaotisches - denn schließ-
lich sind die verschiedenen Weltsysteme etwas Chaotisches -, wenn
wir nun einfach Schlüsse ziehen wollen aus dem, was wir äußerlich
vorgehen sehen, auf die wahren Vorgänge.
Auf der anderen Seite steht der Mensch mit der Befruchtung
drinnen in realen, jetzt nicht bildhaften, sondern realen kosmischen
Prozessen. Da haben Sie an einem Pol bildhaftes Drinnenstehen, an
dem anderen Pol haben Sie reales Drinnenstehen. Gewissermaßen
dasjenige, was sich Ihnen entzieht, wenn Sie den Kosmos anschau-
en, das wirkt auf den Menschen, wenn er dem Befruchtungsvorgang
unterworfen ist. Wir sehen hier ein Einheitliches auseinanderge-
zogen in zwei Glieder. Das eine Mal liegt uns bloß das Bild vor, und
wir können nicht zur Realität durch. Das andere Mal liegt uns die
Realität vor, denn durch diese entsteht der neue Mensch. Aber das
wird nicht Bild, das bleibt ebenso im Ungesetzmäßigen für uns, wie
es für uns im Ungesetzmäßigen bleibt, wenn wir das Wetter be-
trachten, überhaupt die meteorologischen Verhältnisse. Wir stehen
hier wirklich zwei Polen gegenüber. Wir bekommen von zwei Seiten
her zwei Hälften von der Welt, das eine Mal bekommen wir ein
Bild, das andere Mal gewissermaßen die zugrunde liegende Realität.
Sie sehen, das Gegenüberstehen des Menschen zur Welt ist nicht
so einfach, wie man es sich philosophisch vorstellt, wenn man sagt:
Ja, wir haben das Sinnesbild der Welt gegeben. Wir wollen jetzt
philosophisch herausspintisieren, welches die Realität ist. - Die Fra-
ge, wie man die Realität in der Sinneswahrnehmung findet, das ist ja
eine philosophische, erkenntnistheoretische Grundfrage. Wir sehen
hier, daß die Einrichtung des Menschen als solchen sich zwischen das
Bild und die Realität kurios hineinstellt. Wir müssen jedenfalls auf
eine ganz andere Weise diese Vermittelung zwischen Bild und Reali-
tät suchen als durch eine philosophische Spekulation.
Sie wurde schon einmal im Weltengange gesucht, indem man
sich gehalten hat an dasjenige, was Vermittelung ist: Einatmung
und Ausatmung. Sehen Sie, die altindische Weisheit, die wir natür-
lich nicht nachmachen können, wie ich ja schon oftmals gesagt habe,
sie ging mehr oder weniger instinktiv von der Voraussetzung aus:
Mit der Sinneswahrnehmung ist nichts zu machen, wenn man in die
Wirklichkeit hinein will; mit demjenigen, was die Befruchtung, die
Sexualvorgänge sind, ist nichts zu machen, denn die geben kein
Bild. Also halten wir uns an das Mittlere, welches gewissermaßen das
eine Mal nach dem Bild-Erzeugenden hin metamorphosiert ist, das
andere Mal nach der Realität hin metamorphosiert ist. Halten wir
uns an das Mittlere, in welchem irgendwie eine Annäherung an die
Wirklichkeit und zu gleicher Zeit an das Bild möglich sein muß. -
Daher bildete die altindische Weisheit diesen künstlichen Atmungs-
prozeß in dem Jogasystem aus und versuchte, den Atmungsprozeß
in bewußter Weise durchzuführen in einer gewissen Realität, um im
Atmungsprozeß zu gleicher Zeit Bild und Realität zu ergreifen. Und
wenn man nach den Gründen fragt - wenn es auch nur eine mehr
oder weniger instinktive Antwort ist, ist sie doch nicht bloß instink-
tiv; Sie können in der indischen Philosophie selber verfolgen, wie
dieses sonderbare Atmungssystem entstanden ist -, wenn man nach
den Gründen fragt, so ist einem die Antwort darauf so gegeben, daß
man sagt: Die Atmung verbindet Bild und Realität miteinander.
Man erlebt innerlich das Bild im Zusammenhang mit der Realität,
wenn man den Atmungsprozeß aus dem Unbewußten in das Be-
wußte hinauf erhebt. Man versteht durchaus dasjenige, was da im
Laufe der geschichtlichen Entwickelung der Menschheit aufgetreten
ist, nur, wenn man die Sache innerlich-physiologisch betrachtet.
Wenn Sie dies ins Auge fassen, so werden Sie sich sagen können:
Man hat einmal gesucht nach einem Erfassen des Wirklichen, indem
man sich an den Menschen selbst gewendet hat. So wie man die
äußeren Sinne für die Bilder hat, wie man aber für die Realität
etwas ganz anderes hat, so hat man sich gewendet an dasjenige im
Menschen, was weder abgeschlossen ist schon zur Bildauffassung,
noch in sich abgeschlossen ist nach der anderen Seite zum Realität-
erleben: an das Undifferenzierte des Atmungsprozesses. Aber man
hat den Menschen dadurch eingeschaltet in den ganzen Kosmos.
Man hat nicht die Welt betrachtet, die abgesondert ist vom Men-
schen wie diejenige unserer naturwissenschaftlichen Betrachtung,
sondern man hat eine Welt betrachtet, für die durchaus der Mensch
als rhythmischer Mensch Wahrnehmungsorgan wird. Man sagte sich
gewissermaßen: Die kann der Mensch weder ergreifen als Nerven-
Sinnesmensch, noch als Stoffwechselmensch. - Als Nerven-Sinnes-
mensch wird er so bewußt, daß sich dasjenige, was dem Nerven-
Sinnesleben gegeben ist, zum Bild verdünnt; im Stoffwechsel liegt
die Realität so vor, daß sie nicht zum Bewußtsein erhoben wird.
Dieses Zusammenwirken des Realen, bloß unbewußt Erlebten und
des bis zum Bild Verdünnten, das suchte der altindische Weise in
dem regulierten Atmungsprozeß. Und man versteht auch dasjenige,
was älter ist als das ptolemäische System, nur dann, wenn man eine
Ahnung bekommt von dem, wie sich das Weltenall darstellt, wenn
in einer solchen Weise eine allerdings undifferenzierte Synthese
gebildet wird zwischen dem, was wir heute den Erkenntnispro-
zeß nennen, und dem, was die Realität des Fortpflanzungspro-
zesses ist.
Und nun bitte ich Sie, von diesem Gesichtspunkte aus einmal
diejenige Weltentstehungslehre zu betrachten, die Ihnen besonders
entgegentritt in der Bibel, allerdings so, daß man die Sache, so wie
die Dinge heute vorliegen, nicht sehr genau durchschauen kann.
Betrachten Sie die Weltentstehungslehre der Bibel, namentlich da,
wo sie interpretiert wird von denjenigen, die diese Weltentstehung
eben noch nach den älteren Traditionen interpretiert haben. Sie ha-
ben im Grunde nur die Möglichkeit, die biblische Schöpfungs-
geschichte zu verstehen, wenn Sie dasjenige, was sich als Genesis
darstellen kann, wenn man die Welt anschaut, zusammendenken
mit dem, was sich embryologisch darstellt. Es ist durchaus ein Zu-
sammendrängen des Embryologischen mit dem, was der äußere Sin-
nenschein darbietet, was in der biblischen Genesis dargestellt ist.
Daher immer wiederum der Versuch, bis auf das Wort hin biblische
Schöpfungsgeschichte durch embryologische Tatsachen zu inter-
pretieren. Diese Interpretation steckt durchaus darinnen.
Ich habe dieses heute eingefügt aus einem ganz bestimmten
Grunde. Wenn überhaupt diese Betrachtungen hier, die eine
Brücke schlagen sollen zwischen der äußeren, heute getriebenen
Wissenschaft und der Geisteswissenschaft, einen Sinn haben sollen,
dann ist es notwendig, daß wir uns zunächst einmal ein ganz be-
stimmtes Gefühl aneignen. Von diesem Gefühl müssen wir uns
durchdringen, sonst geht die Sache doch nicht weiter. Und dieses
Gefühl, das müssen wir dadurch bekommen, daß wir die Möglich-
keit finden, gewisse Methoden der heutigen Betrachtungsweise
oberflächlich zu finden, äußerlich zu finden, aber in einem recht tie-
fen Sinn sie äußerlich zu finden. Wir müssen die Möglichkeit ge-
winnen, einzusehen die Oberflächlichkeit, die darin liegt, wenn
man Weltenbilder aufstellt, die nur in der einen oder anderen Weise
das kopernikanische System etwas korrigieren wollen, und wenn man
auf der anderen Seite bloß solche Betrachtungen über das Embryo-
logische anstellen würde, wie man sie heute gewöhnt ist anzu-
stellen. Man möchte sagen: Aus einem solchen Gefühl ging ja wirk-
lich das Nietzschesche Diktum hervor: Die Welt ist tief, und tiefer
als der Tag gedacht. - Man muß einen Impuls bekommen, nicht in
jenem oberflächlichen Hinnehmen desjenigen, was sich einem un-
mittelbar darbietet, sei es auch dem bewaffneten Auge im Teleskop,
im Mikroskop, durch den Röntgenapparat, die Möglichkeit für Er-
klärungen zu suchen. Man muß einen gewissen Respekt bekommen
für andere Arten der Erklärung, die nach anderem Erkenntnisver-
mögen hinstreben, wie der alte Inder gestrebt hat durch das Joga-
system, um in die Wirklichkeit einzudringen und um die Möglich-
keit zu bekommen, ein adäquates Bild der Wirklichkeit zu schöpfen.
Man muß von da aus, weil wir einmal entwachsen sind dem alten
Jogasystem, den Drang bekommen nach einem neuen Eindringen in
die Welt durch Vorgänge, die erst auszubilden sind, die sich nicht
einfach einstellen mit demjenigen, was wir heute gewohnheitsmäßig
haben. Denn der Mensch stellt sich mitten zwischen das Bild der
Welt, das uns ganz besonders stark entgegentritt in dem Sternen-
himmel, der sich uns gar nicht enträtseln will durch ein verstandes-
gemäßes Vorstellungsvermögen, und das, was uns wetterwendisch
entgegentritt in den Vorgängen der Fortpflanzung, durch die ja das
Menschengeschlecht da ist. In das, was sich uns da auseinanderlegt,
da stellt sich der Mensch mitten hinein und er muß, um einen Zu-
sammenhang zu finden, eben selber eine Entwickelung suchen, wie
sie auf eine ältere, heute nicht mehr gangbare Art im Jogasystem ge-
sucht worden ist.
Astronomie, wenn wir sie betreiben wie bisher, führt uns durch-
aus niemals zu einem Ergreifen der Realität, sondern lediglich zu ei-
nem Ergreifen von Bildern; Embryologie führt uns zwar zum Er-
greifen der Realität, aber niemals zur Möglichkeit, diese Realität mit
irgendwelchen bildhaften Vorstellungen zu durchdringen. Astrono-
mische Weltbilder sind realitätsarm; embryologische Bilder sind vor-
stellungsarm, wir können nicht durchdringen durch die Tatsachen
mit den Vorstellungen. Man muß auch im Erkenntnistheoretischen
an den ganzen Menschen herangehen, nicht bloß herumphantasie-
ren durch irgendeine philosophisch-psychologische Erkenntnis-
theorie an den Sinneswahrnehmungen, sondern man muß an den
ganzen Menschen herangehen. Und man muß in die Lage kommen,
diesen ganzen Menschen in die Welt hineinzustellen. Man merkt
durchaus auf der einen Seite, wie man den Erkenntnisboden verliert
in der Astronomie. Man merkt durchaus auf der anderen Seite, wie
gewissermaßen, wenn man aus der Realität heraus keine Erkenntnis
schöpfen kann, alles nur ein Herumreden über die Tatsachen wird, sei
es im Verfolgen des biogenetischen Grundgesetzes, sei es in der Ent-
wickelungsmechanik. Man merkt ganz genau, daß da nach beiden
Seiten hin etwas vorliegt, was einer Erweiterung bedarf.
Ich mußte Ihnen dieses vorausschicken, damit wir uns in der
Folge besser verständigen können. Denn Sie werden jetzt einsehen,
daß es nichts nützen würde, wenn ich Ihnen zu den alten Welten-
bildern nun irgendein neues hinzuzeichnen würde, was ja allerdings
in der Gegenwart am meisten gewollt wird.
SECHSTER VORTRAG
Stuttgart, 6. Januar 1921
Sie werden aus den bisherigen Auseinandersetzungen, die hier ge-
pflogen worden sind, ersehen haben, daß es darauf ankommt, einen
Weg zu finden in die Erklärung der Naturerscheinungen, welcher
hinausführt aus dem Verstandesmäßig-Mathematischen. Es soll
selbstverständlich nicht - das geht aus dem ganzen Geiste der Aus-
einandersetzungen hervor - die Berechtigung des Mathematischen
irgendwie angefochten werden, aber es handelt sich darum, daß wir
ja scharf aufzeigen konnten den Punkt, wo es mit der Zugrunde-
legung der mathematischen Vorstellungen im Himmelsraum auf der
einen Seite und gegenüber den embryologischen Tatsachen auf der
anderen Seite nicht weitergeht. Wir müssen uns also einen Weg
bahnen gewissermaßen zu Erkenntnismitteln. Es wird sich darum
handeln, die Berechtigung gewisser Erkenntnismittel gerade durch
diese Vorträge anschaulich zu machen. Ich werde versuchen, die Be-
rechtigung davon zu zeigen, daß dasjenige, was sonst eigentlich nur
durch den Augenschein und durch dasjenige, was erweiterter Au-
genschein ist, im Himmelsraum aufgesucht wird, auf einer breiteren
Basis aufgesucht werden muß, so daß man gewissermaßen den gan-
zen Menschen zum Reagens macht für dasjenige, was man mit Bezug
auf die Himmelserscheinungen erkunden will. Die Berechtigung da-
von werde ich heute zu zeigen oder wenigstens anzudeuten ver-
suchen, indem ich von einer ganz anderen Seite her unser Problem
ins Auge fasse, und zwar von einer Seite her, die manchem gerade
gegenüber unserem Thema als außerordentlich paradox erscheinen
wird. Aber die Gründe, warum man auch von diesem Ende aus sich
unserem Problem nähern muß, die werden sich Ihnen ja ergeben.
Wenn wir die Entwickelung der Menschheit auf der Erde be-
trachten, so muß sich eigentlich aus dieser Menschheitsentwickelung
irgend etwas ergeben, was uns auf die Genesis der Himmelserschei-
nungen hinweist. Wir müßten ja sonst, was ja gewiß nicht der Fall
ist, annehmen, daß die außertellurischen Vorgänge auf den Men-
sehen beziehungsweise auf die Menschheitsentwickelung keinen
Einfluß haben. Das wird ja niemand annehmen, obwohl der eine
diesen Einfluß überschätzt, der andere ihn unterschätzt. So mag es
schon berechtigt erscheinen, zunächst wenigstens methodisch be-
rechtigt erscheinen, wenn wir uns fragen: Was zeigt sich in der Ent-
wickelung der Menschheit selber, das uns dann irgendwie hinweisen
könnte auf Wege, die uns in die Himmelsräume hinausführen? Nun
wollen wir keine geisteswissenschaftlichen Tatsachen zunächst ins
Auge fassen, sondern diejenigen Tatsachen, die eigentlich ein jeder
empirisch aus der Geschichte sich zusammentragen kann.
Wenn wir zurückblicken in der Entwickelung der Menschheit auf
dem Gebiete, wo sich die Gedanken der Menschen ausleben, wo sich
das Erkenntnisvermögen auslebt, wo sich also gewissermaßen das
Wechselverhältnis und die Beziehung zur Welt in dem sublimierte-
sten Sinne beim Menschen auslebt, da werden wir, wie Sie ja auch
aus meinem Buche «Die Rätsel der Philosophie» entnehmen kön-
nen, bis zu einem Umschwung zurückgeführt eigentlich zunächst
nur um ein paar Jahrhunderte. Es wird von mir immer als einer der
wichtigsten Zeitpunkte in der letzten Phase der Menschheitsent-
wickelung derjenige angegeben, der im 15. Jahrhundert liegt. Das
ist natürlich nur eine approximative Bestimmung. Es ist eben ge-
meint das Zeitalter um die Mitte des Mittelalters. Und selbstver-
ständlich fassen wir zunächst auch wiederum nur dasjenige ins Auge
von dieser Menschheitsentwickelung, was sich innerhalb der zivili-
sierten Menschheit ergibt.
Man betrachtet immer nicht genau genug, wie stark ausdrucks-
voll der Umschwung ist, der in diesem Zeitalter in der Gedanken-
und Erkenntnis-Entwickelung der Menschheit eingetreten ist. Es ist
sogar eine Zeitlang eine rechte Abneigung gewesen namentlich un-
ter den Philosophen und denjenigen, die ihnen in der Weltbetrach-
tung verwandt sind, gegen die Erfassung gerade desjenigen Zeit-
alters europäischer Zivilisationsentwickelung, das man nennen
könnte das Zeitalter der Scholastik, in welchem bedeutsame Fragen
an die Oberfläche des menschlichen Erkennens heraufgetrieben wor-
den sind. Fragen, bei denen man fühlt, wenn man sie nur genau
genug betrachtet, wie sie nicht etwa bloß aus der logischen Deduk-
tion herausfließen, in die sie gewöhnlich eingekleidet werden im
Mittelalter, sondern von denen man empfindet, daß sie aus tiefen
menschlichen Untergründen hervorgehen. Man braucht sich nur zu
erinnern an dasjenige, was dazumal eine gründlich tiefe Frage war
der Menschheitserkenntnis, die Frage nach dem Realismus, dem
Nominalismus. Oder man braucht sich nur zu erinnern, was in der
Geistesentwickelung Europas das eigentlich bedeutet hat, daß solche
Gottesbeweise, wie der sogenannte ontologische Gottesbeweis, her-
aufkamen, wo man aus dem Begriff heraus selber zu einem Beleg,
einem Erhärten der Existenz Gottes kommen wollte. Man erinnere
sich, was das eigentlich in der ganzen Entwickelung der menschli-
chen Erkenntnis bedeutet. Da wühlte etwas im innersten Unter-
grund der ganzen menschlichen Wesenheit. Das drückt sich nur aus
im Vollbewußtsein durch jene Deduktionen, die da gepflogen wur-
den. Die Menschen werden in dieser Zeit gewissermaßen irre daran,
ob die Begriffe, die Vorstellungen, die sie sich ausbilden, irgendwie,
wenn sie in Worte gekleidet werden, etwas Reales darstellen, oder ob
sie nur eine formale Zusammenfassung der äußeren, sinnlichen Tat-
bestände sind. Die Nominalisten sehen in den allgemeinen Begrif-
fen, die sich der Mensch bildet, eine formale Zusammenfassung, die
keine Bedeutung hat für die äußere Realität, sondern die den Men-
schen nur die Möglichkeit bieten soll sich zurechtzufinden, eine
Orientierung zu haben in der verwirrenden äußeren Welt. Die Rea-
listen dagegen - der Ausdruck wurde ja anders gebraucht dazumal
als heute - behaupteten, in den allgemeinen Begriffen etwas Reales
zu finden, etwas Reales, in dem sie leben, innerlich zu haben, nicht
bloß Weltzusammenfassungen oder abstrakte Schemen.
Ich habe ja in den Vorträgen, die ich sonst mehr populär ge-
halten habe, oftmals erwähnt, wie mein alter Freund Vincenz
Knauer auf diese Fragen aufmerksam machte. Er war, ich möchte
sagen, als ein Spätscholastiker - er hat das sicher selber nicht sein
wollen, aber er war es wenigstens in erkenntnistheoretischen Fra-
gen - durch und durch Realist und hat daher in seinem immerhin
sehr interessanten Buche über «Die Hauptprobleme der Philosophie
in ihrer Entwicklung und teilweisen Lösung von Thaies bis Robert
Hamerling» gesagt: Nun ja, da behaupten die Nominalisten, daß
der Allgemeinbegriff «Lamm» nichts anderes sei als eine im mensch-
lichen Geiste entstandene Zusammenfassung und der Begriff «Wolf»
auch eine im menschlichen Geiste entstandene Zusammenfassung;
daß also nur die Materie in verschiedener Weise verknüpft sei im
Lamm und im Wolf. Diese fasse man einmal unter dem Schema des
Lammes, ein andermal unter dem Schema des Wolfes zusammen. -
Und er meint, man solle nur einmal probieren, einen Wolf von aller
sonstigen Nahrung abzuhalten und ihm nur Lämmer zu fressen zu
geben, dann wird er zwar nach der nötigen Zeit ganz aus Lammes-
materie bestehen, aber er wird durchaus seine Wolfsnatur nicht auf-
geben! Also diese Wolfsnatur, die durch den Allgemeinbegriff
«Wolf» ausgedrückt wird, muß etwas Reales sein.
Nun, daß der Gottesbeweis, den man den ontologischen nennt,
überhaupt aufkommen konnte, das zeugt schon von einer durch-
greifenden Bewegung innerhalb der menschlichen Natur. Denn im
Grunde genommen hätte kurz vor dem Aufbringen dieses ontolo-
gischen Gottesbeweises dem Menschen innerhalb des europäischen
Lebens gar nicht der Einfall kommen können, das Dasein Gottes be-
weisen zu wollen, sondern man nahm es als eine Selbstverständlich-
keit an. Und erst als die Zeit herankam, wo diese Selbstverständlich-
keit nicht mehr im Menschen lebte, verlangte man nach einem Be-
weise. Dasjenige, was als eine Selbstverständlichkeit in einem lebt,
das will man nicht beweisen. Also, es war den Menschen etwas ab-
handen gekommen, was bis dahin als Selbstverständlichkeit in ihnen
war und es war etwas in sie hineingekommen, was den Geist in eine
ganz andere Bahn und zu ganz anderen Bedürfnissen brachte. Ich
könnte noch vieles anführen, was Ihnen zeigen würde, wie gerade -
cum grano salis sei es gesagt - auf der höchsten Stufe der Gedan-
ken- und Erkenntnisentwickelung um diese Zeit des Mittelalters es
in der menschlichen Natur wühlte.
Nun, wenn man - was eben nicht abgeleugnet werden kann -
einen Zusammenhang desjenigen, was in der Menschheit vorgeht,
mit den aussertellurischen Erscheinungen, mit den Himmelserschei-
nungen annimmt, zunächst ganz im allgemeinen, das Speziellere
wird uns dann schon zu beschäftigen haben, dann darf man fragen
- zunächst nur fragen, denn wir wollen ganz vorsichtig vorgehen
in unseren Auseinandersetzungen -: Wie stellt sich in die Erdenent-
wickelung, die uns dann vielleicht aus sich auch wiederum heraus-
führen wird, dasjenige selber herein, was die Menschen dazumal
(um die Mitte des Mittelalters) auf der Erde erlebt haben? Steht das
irgendwie in der Erdenentwickelung an einem besonderen Punkte?
Könnten wir auf etwas hinweisen, was uns gewissermaßen eine kon-
krete Bestimmung dieses Punktes der Menschheitsentwickelung
zeigt? Nun, da können wir auf etwas hinweisen, was in der Tat tief
einschneidet nun wiederum in demselben Gebiete, demselben Er-
dengebiete, wo sich dies, was ich jetzt in dem sublimiertesten geisti-
gen Leben dargestellt habe, zugetragen hat. Wir sehen, daß gerade
der Zeitpunkt, in dem die Menschheit so aufgewühlt wird, in der
Mitte zwischen zwei End-Zeitpunkten drinnen liegt; zwischen zwei
Zeitpunkten, in denen innerhalb des Gebietes, wo dieses Wühlen
stattgefunden hat, also innerhalb jener europäischen Gebiete, wo
dieses besondere Ausleben der Zivilisation stattgefunden hat, ganz
gewiß eine besonders intensive Betätigung des Menschengeschlechtes
nicht hat stattfinden können. Wenn wir von diesem Zeitpunkte,
den ich als A bezeichnen will (Figur), ebensoweit nach einer ziem-
lich fernen Zukunft vorwärts- und nach einer ziemlich fernen Ver-
gangenheit rückwärtsgehen, dann finden wir Zeitpunke, in denen es
A
J
ioooo
.-^V^WV^Vt^^^'Wt^m^^^^^^^
I 10000
da, wo gerade dieses Wühlen stattfand im 13., 14., 15. Jahrhundert,
eine gewisse Ödigkeit, einen Tod der Zivilisation gab. Denn da fin-
den wir, wenn wir etwa 10000 Jahre vorwärtsgehen und 10000 Jahre
zurückgehen von diesem Zeitpunkt, die größtmögliche Ausbildung
der Eiszeiten in diesen Gegenden, jener Eiszeiten, welche ganz gewiß
eine besondere menschliche Entwickelung nicht aufkommen lassen.
Wir haben also, wenn wir so die Entwickelung dieses Gebietes
von Europa überblicken, im 10. Jahrtausend vor der christlichen
Zeitrechnung eine eiszeitliche Verödung in der Kultur, und werden
sie wieder haben etwa 10 000 Jahre nach diesem Zeitpunkte. Mitten
darinnen, also zwischen zwei Verödungen in der menschlichen Ent-
wickelung, liegt dieses Wühlen. Und wer einen Sinn hat für die Be-
trachtung der menschlichen Erkenntnisentwickelung, der weiß, wie
sehr, trotzdem wir eine Abneigung haben, gerade dieses Gebiet der
philosophischen Entwickelung, das im 13., 14. Jahrhundert liegt, zu
betrachten - die Leute betrachten es eben noch nicht genau - im
Grunde genommen die philosophische Entwickelung durchaus noch
immer unter der Nachwirkung desjenigen steht, was da in der
Menschheit gewühlt hat, was sich auch auf anderen Gebieten der
menschlichen Zivilisation geltend gemacht hat, was sich aber ins-
besondere symptomatisch klar in dieser Entwickelungsphase der Er-
kenntnis zeigt.
Nun ist diese Entwickelungsphase, die sich uns da zeigt in der
Mitte des Mittelalters, ja eine einschneidende in der europäischen
Zivilisation, wie Sie wissen. Ich habe das ja öfter in den anthroposo-
phischen Vorträgen auseinandergesetzt. Es ist ein Einschnitt. Es än-
dert sich da etwas in dem ganzen Duktus der Menschheitsentwicke-
lung, was eigentlich schon begonnen hat im 8. vorchristlichen Jahr-
hundert und was man nennen kann die intensivste Entwickelung der
menschlichen Verständigkeit. Was wir seither in der Menschheits-
kultur ausbilden, das ist die besondere Entwickelung des Ich-Be-
wußtseins. Alle Verirrungen und alle Weistümer, die wir seit dieser
Zeit des Mittelalters uns erobert haben als allgemeine Menschheit,
beruhen eigentlich auf dieser Ich-Entwickelung, auf dem immer
stärkeren Herausarbeiten des Ich-Bewußtseins im Menschen, wäh-
rend das griechische Bewußtsein, auch das Bewußtsein der Lateiner -
das zeigen sowohl die Lateiner des eigentlichen lateinischen Zeit-
alters wie ihre Nachkommen, die heutigen romanischen Völker -
noch nicht das entsprechende Gewicht gelegt haben auf die Ich-
Entwickelung. Zum großen Teil bedienen sie sich sogar in der Spra-
che, im Satz bau, nicht des deutlichen Aussprechens des Ich, sondern
sie legen das eben in das Verb hinein. Es ist noch nicht das Ich so
scharf herausgekehrt. Nehmen Sie Aristoteles, P/ato, besonders den
größten Philosophen des Altertums, Heraklit. Sie finden überall,
daß da nicht das Hervorheben des Ich ist, sondern ein noch mehr
oder weniger selbstloses - ich bitte den Ausdruck durchaus nicht zu
pressen, aber man kann ihn anwenden, relativ - Ergreifen der Welt-
erscheinungen mit dem verständigen Prinzip, ohne daß man sich in
einer so scharfen Weise selber heraushebt aus den Welterscheinun-
gen, wie das angestrebt wird im neuen Zeitalter, in dem Bewußt-
seinszeitalter, in dem wir jetzt leben.
Dann kommen wir zurück, wenn wir hinter das 8. vorchristliche
Jahrhundert gehen, in das Zeitalter hinein, das ich genannt habe das
ägyptisch-chaldäische Zeitalter - Sie finden alles Nähere darüber in
meiner «Geheimwissenschaft», in dem es nun wiederum eine ganz
andere Seelenverfassung gab. Dieses Zeitalter, das ja natürlich auch,
wie das andere, mehr als zwei Jahrtausende gedauert hat, es zeigt
uns den Menschen so, daß er noch nicht in verstandesmäßiger Weise
die äußeren Erscheinungen verknüpft, sondern bis in die Himmels-
richtung hinein empfindungsmäßig die Welt erfaßt. Es ist ganz
falsch und zu keinem Resultat führend, wenn man das, was erhalten
ist in der ägyptischen, in der chaldäischen Astronomie, decken will
mit jenen Verstandesurteilen, die wir selber haben, die wir noch als
eine Erbschaft aus der griechisch-lateinischen Zeit haben. Es ist
schon notwendig, daß man da etwas das Seelische metamorphosiert
innerlich, daß man sich hineinversetzt in diese ganz andere Seelen-
verfassung, wo der Mensch noch durchaus die Welt nur in der Emp-
findung auffaßte; wo sich der Begriff noch nicht lossonderte von der
Empfindung; wo es zum Beispiel so war, daß der Mensch auch in der
Sinnesempfindung keinen besonderen Wert legte - das läßt sich
auch noch geschichtlich-philologisch nachweisen - auf die sprach-
liche Nuancierung der blauen oder violetten Farbe, während er eine
sehr scharfe Empfindung hatte für den roten und gelben Teil des
Spektrums. Wir sehen geradezu, wie mit dem Heraufkommen der
Empfindung für die dunkeln Farben zu gleicher Zeit das verstandes-
mäßige Begriffsvermögen heraufkommt. Dieses Zeitalter geht nun
zurück bis ins 3. Jahrtausend etwa, also von 747 - es sind etwa
2160 Jahre - bis in den Beginn des 4. Jahrtausends. Dann kommen
wir weiter zurück zu dem Zeitalter, in dem die Anschauungsweise
der Menschen von der gegenwärtigen schon so verschieden war, daß
wir es außerordentlich schwierig haben, ohne Zuhilfenahme von
geisteswissenschaftlichen Methoden uns überhaupt zu versetzen in
die Art und Weise, wie im 4. Jahrtausend oder 5. Jahrtausend die
Menschheit die Welt um sich herum eigentlich anschaute. Das war
nicht ein Empfinden allein, sondern das war ein Miterleben der
äußeren Ereignisse, ein Drinnenstecken in den äußeren Ereignissen.
Es war etwas, wo der Mensch sich noch so als ein Glied der ganzen
äußeren Natur fühlte, wie etwa mein Arm sich fühlen würde als ein
Glied meines Organismus, wenn er ein Bewußtsein hätte.
Also, wir kommen da zu einem ganz anderen inneren Duktus in
der Stellung des Menschen zur Welt. Und gar wenn wir in noch
frühere Zeiten zurückgehen, ist noch eine Erhöhung des Verwach-
senseins des Menschen mit seiner Umgebung da. Da kommen wir
aber zurück in Zeiten, welche Kulturen nur da entwickeln können,
wo ganz besondere Erdverhältnisse dies möglich machen; in jene
Zeit, die ich in der «Geheimwissenschaft» geschildert habe als die
urindische Kultur, die der Vedenkultur vorangeht, von der die Ve-
denkultur nur ein letzter Nachklang ist. Wir kommen zurück in ein
Zeitalter, das sich durchaus nähert in merkwürdiger Weise dem Zeit-
alter, wo unsere Gegenden vereist sind. Wir nähern uns da jenem
Entwickelungsalter in der Menschheitsentwickelung, welches eben
eine Kultur, die so war wie die urindische Kultur, nur dort ent-
wickeln konnte, wo dasjenige, was wir jetzt erleben mehr oder weni-
ger in den gemäßigten Zonen, eigentlich bis gegen den heutigen
Äquator hin vorhanden war. Denn das Tropenmäßige - das ergibt
sich einfach aus der Betrachtung des Vorschreitens und Rückgehens
des Eises - ist in Indien ja erst spätei eingetreten, als die Vereisung
der nördlichen Welt wiederum zurückgegangen war.
Wir sehen also, wie die Entwickelung der Menschheit in einer ge-
wissen Weise sich modifiziert, indem sich die Verhältnisse auf der
Erde, auf der Erdoberfläche in der angedeuteten Weise modifizie-
ren. Nur derjenige, der sozusagen sehr kurzfristig die Menschheits-
entwickelung der Erde ansieht, kann glauben, daß unsere gegen-
wärtigen Vorstellungen, wie wir sie uns machen in den verschieden-
sten Wissenschaften, nun irgend etwas Absolutes darstellen, was wir
uns endlich errungen haben. Derjenige jedoch, der einen tieferen
Blick tut in die Umwandlung, in das Metamorphosenhafte der
menschlichen Geistesentwickelung, wird ohne weiteres erkennen, wie
dieses Metamorphosieren fortschreiten wird und wie gewisse Gegen-
den der Erde, die heute eine gewisse Konfiguration ihres Geistes-
lebens haben, zusteuern wiederum einer Art von Verödung, die vor
uns liegt. Und Sie können sich ja, wenn Sie die Zahl nehmen, die
nach rückwärts weist, ausrechnen, wie das in der Zukunft kommen
wird, wenn eine neue Eisperiode über diese Zivilisation hereinbricht.
Aber Sie sehen daraus auch, daß wir, wenigstens zunächst unter der
Voraussetzung, daß wir vielleicht herausfinden können irgendeinen
Zusammenhang der Himmelserscheinungen mit den Tatsachen, die
da vorliegen in der Erdenentwickelung bei einer Eiszeit und bei
dem, was in der Mitte liegt, dann auch haben werden dasjenige, was
auf der Erde in dem feinsten Gebiete des Zivilisationslebens, dem
Erkenntnisleben sich ergibt. Das haben wir sogar zu beziehen auf
die Verhältnisse auf der Erde. Wir können sagen: Es weist uns dann
die rein empirische Betrachtungsweise darauf hin, wie der Mensch
dasjenige, was er ist, nicht bloß durch die Erdenverhältnisse ist, son-
dern durch außerirdische Verhältnisse.
Wenn wir also in einer ganz empirischen Art einfach die Tat-
sachen nehmen - sie werden ja sonst in der Wissenschaft auch so ge-
nommen, nur dehnt man sich nicht aus über solch weite Territo-
rien -, so erweitert sich der Blick selber zu einem solchen Zusam-
menhang, wie wir ihn charakterisiert haben. Nun können wir ja in
einer gewissen Weise heute noch sehen, wie ein Zusammenhang der
Verhältnisse zwischen der Erde und den außerirdischen Himmels-
körpern eine gewisse Geistesart der Menschen bewirkt. Wir haben
das schon auseinandergesetzt in diesen Vorträgen, haben darauf
hingewiesen, wie in der Äquatorialzone auch heute eine andere
Geisteskonfiguration vorhanden ist als in den polarischen Gegen-
den. Und wenn man nachforscht, was da eigentlich tätig ist, findet
man heraus: die besondere Stellung der Erde zur Sonne. Sie be-
dingt - vielleicht ist etwas anderes noch darin, das werden wir schon
finden, aber nehmen wir jetzt einmal diejenigen Dinge, deren wir
uns bedienen können nach gebräuchlichen Vorstellungen -, sie be-
dingt, daß einfach in der Polarzone der Mensch weniger frei wird
von seinem Organismus. Der Mensch kommt aus seinem Organis-
mus weniger heraus zu einer freien Handhabung des Seelenlebens.
Wir brauchen uns nur ein Bild davon zu machen, wie anders die
Menschen in der Polarzone ergriffen werden von demjenigen, was
bei uns nur im Hintergrund steht. Bei uns Menschen der gemäßigten
Zone haben wir einen kurzfristigen Wechsel zwischen Tag und
Nacht. Bedenken Sie, wie lang dieser Wechsel, wie lang Tag und
Nacht eigentlich werden, je mehr man sich der Polarzone nähert.
Der Tag dehnt sich sozusagen aus zum Jahr. Ich habe Ihnen geschil-
dert dasjenige, was von der Geburt bis zum Zahnwechsel beim Kin-
de wirkt von Jahr zu Jahr, dieses Wirken in der Organisation. Aus
dem reißt sich heraus das selbständige Wirken des Seelischen, das
dem kurzfristigen Tag hingegeben ist. Das kann da im Polarischen
nicht so wirken. Da wird mehr dasjenige sich geltend machen, was
gegen das Jahr hingeht. Es wird mehr an der menschlichen Organisa-
tion gearbeitet. Der Mensch wird nicht so herausgerissen aus dem
Arbeiten in der Organisation.
Und wenn Sie jetzt nehmen die spärlichen Überreste, die von der
Kultur aus früheren Zeiten über die Eiszeit herübergerettet worden
sind, wenn Sie dasjenige nehmen, was da war, so werden Sie sehen:
Es waren ganz gewiß Zeiten da, in denen eine - bitte nehmen Sie
den Ausdruck nur im richtigen Sinn - «Polarisierung» über die
heutige gemäßigte Zone sich verbreitete, in denen so etwas statt-
finden mußte, wie es stattfindet in den heutigen Polargegenden.
Da dehnte sich einfach über einen großen Teil der Erde dasjenige
aus, was nun zurückgedrängt ist nach dem Nordpol zu.
Ich bitte davon ganz loszulösen, was an heutigen Vorstellungen
zur Erklärung da ist, sonst kommt man nicht zum reinen Phäno-
men, sondern nehmen Sie nur das reine Phänomen als solches.
Heute ist es auf der Erde so, daß wir gewissermaßen haben die Men-
schen der tropischen Zone, die Menschen der gemäßigten Zone, die
Menschen der Polarzone. Natürlich beeinflussen sie sich gegenseitig,
so daß in der äußeren Wirklichkeit das Phänomen sich nicht so ganz
rein darstellt. Was wir aber da räumlich haben, wir finden es, indem
wir zurückgehen, zeitlich. Wir kommen gewissermaßen zum Nord-
pol der Zivilisationsentwickelung, indem wir zurückgehen in der
Zeit, und wir haben wiederum einen anderen Pol, indem wir in der
Zeit vorschreiten. Und wenn man sich vorstellt, daß dasjenige, was
als polarischer Einfluß auf den Menschen sich äußert, zusammen-
hängt mit den Wechselverhältnissen von Erde zu Sonne, dann muß
man sich vorstellen, daß diese Änderung, die sich da vollzogen hat,
dieses Entpolarisieren, zusammenhängt mit einer Veränderung, die
geschehen sein muß im Wechselverhältnis von Erde zu Sonne. Und
es springt für uns die Frage heraus aus den Tatsachen: Was ist denn
da geschehen ? Auf was in der Genesis des Himmelsraumes weist uns
denn dieses eigentlich hin?
Betrachten wir die Sache einmal näher. Natürlich sind diese Ver-
hältnisse für die nördliche und südliche Halbkugel der Erde anders,
aber das tut ja nichts zur Sache. Das wird uns höchstens dazu brin-
gen, entsprechende Bilder zu schaffen für dasjenige, was reale Vor-
gänge sind. Aber wir müssen zunächst von den empirischen Tat-
sachen ausgehen. Und was enthüllt sich uns denn da, wenn wir
ohne Hypothese, ohne irgendwelche vorgefaßte Meinung an die Er-
scheinungen einfach herangehen? Was enthüllt sich uns da? Da
müssen wir sagen: Die Erde und die Geschehnisse auf der Erde sind
ein Ausdruck für Weltenverhältnisse, die in gewissen Rhythmen of-
fenbar werden. Denn eine Erscheinung, die etwa im 10. Jahrtausend
vor der Entstehung des Christentums da war, die wiederholt sich
etwa im 11. Jahrtausend nach der Entstehung des Christentums.
Und dasjenige, was dazwischen ist, es muß sich auch in einer gewis-
sen Weise wiederholen. Das, was hier (zwischen den beiden Eiszeit-
Perioden) dazwischen ist, war gewiß auch vorher vorhanden. Wir ha-
ben da einen Rhythmus. Wir werden da auf einen rhythmischen
Gang hingewiesen.
Nun, wenn Sie jetzt den Blick hinauswenden zu den Himmels-
erscheinungen und eine Tatsache besonders herausheben, die ich in
meinen Vorträgen schon öfter hervorgehoben habe, werden Sie fol-
gendes finden können. Wir wissen ja - ich will die Sache nur ganz
skizzenhaft charakterisieren -, daß der Frühlingspunkt, der Sonnen-
aufgangspunkt im Frühling, in der Ekliptik fortrückt. Wir wissen ja
auch, daß dieser Frühlingspunkt heute im Sternbild der Fische liegt,
vorher im Sternbild des Widders gelegen hat, vorher im Sternbild
des Stieres - das war die Zeit, in der besonders der Stierdienst bei
den Ägyptern und Chaldäern gepflegt wurde -, vorher war er im
Sternbild der Zwillinge, vorher im Sternbild des Krebses, des Lö-
wen. Da kommen wir aber schon zurück in die Zeiten, die beinahe
die sind der Eiszeitentwickelung. Und wenn wir uns dasjenige, was
da vorliegt, zu Ende vorstellen, so müssen wir sagen, dieser Früh-
lingspunkt rückt in der ganzen Bahn der Ekliptik herum. Wir wissen
ja, daß wir das das platonische Jahr nennen, das große Weltenjahr.
Und wir wissen, daß es approximativ eine Länge hat von 25920
Jahren, so daß wir sagen können, diese 25 920 Jahre, die umschlie-
ßen eine Summe von Vorgängen. Diese Vorgänge sind so, daß sich
innerhalb dieser auf der Erde eine rhythmische Bewegung von Eis-
zeit, mittlerer Zeit, Eiszeit, mittlerer Zeit zeigt. Wir sehen, daß ein-
tritt in der Zeit, in der die Menschheit geistig durchwühlt wird, der
Frühlingspunkt in das Zeichen der Fische. In der griechisch-lateini-
schen Zeit war er im Zeichen des Widders, vorher im Zeichen des
Stieres und so weiter. Wir kommen ungefähr zum Löwen, respektive
zur Jungfrau zurück in derjenigen Zeit, in der es gerade in unseren
Gegenden und weit über Europa hin, auch über Amerika, eisig
wird. Und wir werden den Frühlingspunkt zu suchen haben im Zei-
chen des Skorpions, wenn wir wiederum in diesen Gegenden Eiszeit
haben werden. Da umschließt also dasjenige, was in 25920 Jahren
sich abwickelt, etwas Rhythmisches; etwas Rhythmisches, das aller-
dings ein weit Ausgedehntes ist.
Aber dieser Rhythmus erinnert, wie ich ja auch schon öfter er-
wähnt habe, an einen anderen Rhythmus, rein als Zahlenrhythmus.
Wir wollen ja auch nicht mehr hineinlegen. Aber wenn es sich um
einen Rhythmus handelt und wenn man das zahlenmäßig aus-
drückt und wenn die entsprechenden Zahlen die gleichen sind,
so sind es gleiche Rhythmen, mit denen man es zu tun hat. Sie
wissen, daß die Zahl der Atemzüge eines Menschen - Einatmung
und Ausatmung - approximativ etwa 18 in der Minute ist. Wenn Sie
diese Zahl der Atemzüge für den Tag ausrechnen, dann bekommen
Sie wiederum die gleiche Zahl 25 920. Das heißt, der Mensch zeigt in
seinem täglichen Leben dieselben Zeiten, denselben Rhythmus we-
nigstens, welche sich uns im großen Weltenjahr enthüllen durch
das Herumgehen des Frühlingspunktes. Das ist im Tag, wo der
Mensch diesen Rhythmus zeigt, im Tag! Der Tag entspricht also mit
Bezug auf die Atmung diesem platonischen Jahr. Nun, der Früh-
lingspunkt, also etwas, was mit der Sonne zusammenhängt, geht
scheinbar herum in 25 920 Jahren. Aber das geht ja auch im Tag her-
um. Das geht im Tag herum in 25920 menschlichen Atemzügen.
Das ist dasselbe Bild wie draußen im Weltenall. Wenn es also -
natürlich, so etwas ist eine törichte Hypothese, die nur etwas klar-
machen will - ein Wesen gäbe, welches jedes Jahr einmal aus- und
einatmete, so würde es, wenn es so lange lebte, in 25920 Jahren
denselben Prozeß durchmachen, wie der Mensch in einem Tag. Je-
denfalls sehen wir, wie da der Mensch gewissermaßen im Kleinen
nachbildet dasjenige, was in einer anderen Form im großen Welten-
prozeß sich darstellt.
Diese Dinge machen heute auf den Menschen einen sehr gerin-
gen Eindruck, weil er nicht gewöhnt ist, nach dem Qualitativen die
Welt zu betrachten. Und in bezug auf das Quantitative spielen diese
Dinge, die nur Rhythmen ausdrücken, keine so große Rolle. Da will
man andere Beziehungen zwischen den Zahlen haben als solche,
die in Rhythmen sich ausleben. Daher beachtet man diese Dinge
heute weniger. In einer Zeit aber, in welcher man mehr empfunden
hat den Zusammenhang des Menschen mit dem Weltenall, in wel-
chem man überhaupt als Mensch sich mehr drinnen fühlte in den
Welterscheinungen, da empfand man das stark. Und deshalb finden
wir, indem wir zurückgehen in der Menschheitsentwickelung, wenn
wir hinter das 2., 3. Jahrtausend zurückkommen, überall ein starkes
Hinschauen auf dieses platonische Jahr. Und in dem, was ich auch
gestern erläuternd - nicht etwa erklärend, aber erläuternd - heran-
zog, im indischen Jogasystem, wo der Mensch sich hineinlebte ins
Atmen, wo er versuchte, den Atmungsprozeß bewußt zu machen,
da ging ihm auch dieses Verhältnis auf zwischen dem, was da im
Menschen als Rhythmus sich abspielt, was er zusammengedrängt
innerlich eratmet, und den großen Welterscheinungen. Daher
sprach er von seinem Ein- und Ausatmen und von dem großen Ein-
und Ausatmen des Brahma, das ein Jahr umfaßt und für das 25920
Jahre ein Tag sind, ein Tag des großen Geistes.
Ja, kh möchte nicht eine boshafte Bemerkung machen, aber in
einer gewissen Weise bekommt man doch Respekt vor diesem Ab-
stand, den einmal die Menschen da fühlten zwischen sich und dem
Geiste des Makrokosmos, den sie verehrten. Denn ungefähr das
stellte sich einmal der Mensch vor, daß er so weit unter dem Geiste
des Makrokosmos stehe, wie ein Tag unter 25920 Jahren. Das ist
schon ein sehr großer Geist, den sich da der Mensch vorstellte. Und
das Verhältnis zu ihm, das stellte sich der Mensch wahrhaftig recht
bescheiden vor. Und es würde immerhin nicht uninteressant sein,
damit zu vergleichen, wie groß der wirklich innerlich erfaßte Ab-
stand des modernen Menschen vielfach ist von seinem Gotte, wie
dieser moderne Mensch sehr häufig in dem Gotte nichts anderes hat
als einen ein wenig idealisierten Menschen.
Nun, nur scheinbar gehört das nicht in unser Thema hinein.
Denn wenn wir zu wirklichen Erkenntnismitteln auf diesem Ge-
biet kommen wollen, müssen wir uns eben herausfinden aus bloß
errechenbaren Gebieten in ganz andere hinein, weil uns ja die Be-
trachtung der Keplerschen Gesetze und ihrer Zusammenhänge
selbst gezeigt hat, wie wir beim Rechnen in inkommensurable Zah-
lenansätze kommen und das Rechnen uns einfach über sich selbst
hinausdrängt.
SIEBENTER VORTRAG
Stuttgart, 7. Januar 1921
Sie haben gesehen, die Bestrebungen dieser Vorträge gingen dahin,
die Voraussetzungen für ein Weltbild zu finden. Und ich mußte Sie
immer wiederum darauf verweisen, daß uns die astronomischen Er-
scheinungen selbst die Notwendigkeit auferlegen, aus dem bloßen
Quantitativen heraus in das Qualitative hineinzukommen. Es ist ja
in der neueren, von der Naturwissenschaft sehr beeinflußten Wissen-
schaftsbetrachtung die Neigung heraufgezogen, überall vom Quali-
tativen abzusehen und auch die Vorgänge im Qualitativen zu über-
setzen durch Darstellungen, die dem Quantitativen oder wenigstens
dem Formhaften, ich möchte sagen dem Starr-Formhaften, entspre-
chen. Denn an sich führt eine formhafte Betrachtung ja sehr leicht,
selbst wenn man die Formen als bewegliche, in sich bewegliche be-
trachten will, ganz unwillkürlich in die Betrachtung des starren For-
menhaften hinein. Und die Frage muß uns ja beschäftigen, ob wir
mit starr-formenhaften Begriffsgebilden irgendwie die Erscheinun-
gen des Weltenalls erkenntnismäßig decken können. Bevor diese
Frage beantwortet ist, ist kein Aufbau des astronomischen Welten-
bildes möglich.
Nun hat dieses Hinneigen zu dem Quantitativen, bei dem man
abstrahiert von dem Qualitativen, auch zu einer gewissen Abstrak-
tionssucht geführt, welche in gewissen Partien unseres Wissen-
schaftslebens außerordentlich schädlich zu werden beginnt, weil sie
von der Wirklichkeit abführt. Man liebt es ja heute sogar auszu-
rechnen, unter welchen Umständen man von zwei Schallquellen, die
nacheinander Schall abgeben, den später abgegebenen Schall früher
hören kann als den früher abgegebenen. Dazu ist ja nur die Kleinig-
keit notwendig, nicht wahr, daß man sich selber mit einer größeren
Geschwindigkeit bewegt als der Schall. Derjenige, der mit seinen
Begriffen im wirklichen Leben drinnensteht, der nicht mit seinen
Begriffen aus der Wirklichkeit herausgeht, der kann unmöglich an-
ders, als in dem Augenblick, wo es sich darum handelt, die Bedin-
gungen des Hineingestelltseins des Menschen in die Umwelt aufzu-
heben, auch mit seinen Begriffsbildungen aufhören. Es hat nicht
den geringsten Sinn, Begriffsbildungen zu formulieren für Zustän-
de, in denen man nicht sein kann. Zu dieser Art von Betrachtung
muß ja der Geisteswissenschafter sich erziehen, der überall auch mit
seinen Begriffen mit der Wirklichkeit verbunden sein will, der also
niemals mit seinen Begriffsbildungen aus der Wirklichkeit heraus-
geht, wenigstens niemals stark, indem er immer wieder an die Wirk-
lichkeit zurückgeht. Und alle Schädlichkeiten der neuzeitlichen Hy-
pothesenbildung beruhen ja im Grunde genommen auf diesem
mangelnden Sinn für das Verbundensein mit der Wirklichkeit. Man
würde viel eher zu dem, was unbedingt angestrebt werden muß, zu
einer hypothesenfreien Auffassung der Welt kommen, wenn man
sich durchdringen würde mit diesem Wirklichkeitssinn. Allerdings
muß man dann auch wirklich dasjenige, was in der Erscheinungs-
welt gegeben ist, betrachten wollen. Das tut man ja heute nicht in
Wirklichkeit. Würde man vorurteilslos die Erscheinungen betrach-
ten, dann würde sich ein ganz anderes Weltbild ergeben, als heute
vielfach da ist in dem wissenschaftlichen Leben, aus dem dann aller-
lei Schlüsse und Konsequenzen gezogen werden, bei denen nichts
herauskommen kann, weil sie Unwirkliches auf Unwirkliches bauen
und man bloß in hypothetische Ideensysteme hineinkommt.
Von diesem und von dem gestern hier Auseinandergesetzten
ausgehend, muß ich noch auf einige Begriffe eingehen, die schein-
bar wiederum nicht mit unserem Thema zusammenhängen, aber Sie
werden ja sehen im weiteren Verlauf der Vorträge, wie das gerade
zum Aufbau eines Weltbildes notwendig ist, was ich hier entwik-
kele. Ich muß weiter eingehen auf das, was ich Ihnen gestern in
Anlehnung an die Erscheinungen der Eiszeiten und der sonstigen
Erdenentwickelung dargestellt habe. Fangen wir wiederum an einem
ganz anderen Ende an. Unser Erkenntnisleben setzt sich zusammen
aus den gegebenen Sinneseindrücken und aus jenen Gebilden,
wenn ich mich so ausdrücken darf, die entstehen, indem wir die
Sinneseindrücke innerlich verarbeiten. Wir trennen ja daher unser
Erkenntnisleben in das der Sinneswahrnehmungen und in das ei-
gentliche Vorstellungsleben. Ohne daß man sich zunächst diese zwei
Begriffe bildet, den Begriff der noch unverarbeiteten Sinneswahr-
nehmung und den Begriff der innerlich verarbeiteten Sinneswahr-
nehmung, die zur Vorstellung geworden ist, kommt man der Wirk-
lichkeit, die in diesem Gebiete vorliegt, nicht nahe. Nun handelt es
sich darum, vorurteilslos zu erfassen, welches eigentlich der Unter-
schied ist zwischen dem Leben in der Erkenntnissphäre, insofern
diese Erkenntnissphäre durchzogen ist von den Sinneswahrnehmun-
gen und insofern sie bloße Vorstellungssphäre ist. Da handelt es sich
darum, daß man beobachten kann nicht nur, wie man es heute ge-
wöhnt ist, im Reiche des Nebeneinander, sondern auch beobachten
kann in demjenigen, was seiner Intensität nach, seiner Qualität nach
in verschiedener Art an uns herantritt.
Wenn wir das Reich der Sinneswahrnehmungen, sofern wir drin-
nen stehen, vergleichen mit dem Traumleben, so können wir einen
wesentlichen qualitativen Unterschied selbstverständlich bemerken.
Diesen Unterschied muß man auch bemerken. Anders aber liegt
die Sache, wenn Sie das Vorstellungsleben selbst nehmen, wenn
Sie, ohne jetzt auf das Inhaltliche einzugehen, nur auf die ganze
Qualität des Vorstellungslebens sehen. Darüber täuscht der In-
halt des Vorstellungslebens hinweg, weil er ja durchsetzt ist von
den Reminiszenzen des Sinneslebens. Aber wenn Sie absehen von
dem, was inhaltlich im Vorstellungsleben liegt, wenn Sie bloß dar-
auf sehen, wie qualitativ das Vorstellungsleben im Menschen eben
da ist, dann bekommen Sie einen qualitativen Unterschied des Vor-
stellungslebens als solchen von dem Traumleben nicht heraus. Es ist
durchaus unser Tagesleben so, daß in demjenigen, was wir präsent
haben in unserem Bewußtseinsfelde, wenn wir unsere Sinne nach
außen öffnen und dadurch innerlich vorstellungsgemäß tätig sind,
im Vorstellungsbilden dieselbe innere Tätigkeit vorliegt, die beim
Träumen vorliegt, und daß alles dasjenige, was zu diesem Traum-
erlebnis hinzukommt, inhaltlich bedingt ist durch die Sinneswahr-
nehmung. Dadurch kommt man dazu zu verstehen, daß das Vorstel-
lungsleben des Menschen mehr nach innen gelegen ist als das Sin-
nesleben. Unsere Sinnesorgane sind ja so einkonstruiert in den
menschlichen Organismus, daß die Vorgänge, in denen wir durch sie
leben, verhältnismäßig stark sich loslösen von dem sonstigen organi-
schen Leben (Fig. 1). Das Sinnesleben ist ein Leben, das, wenn man
es darstellen würde, besser dargestellt würde der reinen Tatsächlich-
keit nach als ein golfartiges Hereinragen der Außenwelt in unseren
Organismus denn als etwas, was von unserem Organismus umfaßt
wird. Es ist durchaus dem beobachteten Tatbestand gemäß richtiger
zu sagen: Wir erleben durch das Auge ein golfartiges Hereinragen
der Außenwelt, wir erleben durch diese Absonderung der Sinnes-
Fig.l
organe die Sphäre der Außenwelt mit. Es ist am wenigsten gebunden
dasjenige, was gerade im ausgesprochensten Maße Sinnesorgan an
uns ist, an die innere Organisation. Dagegen ist ganz gebunden an
unsere innere Organisation dasjenige, was sich im Vorstellungsleben
geltend macht. Wir haben also im Vorstellungsprozeß ein anderes
Element innerhalb unseres Erkenntnislebens als im Sinneswahrneh-
mungs-Prozeß. Ich mache Sie dabei darauf aufmerksam, daß ich
überall diese Prozesse so betrachte, wie sie im gegenwärtigen Stadi-
um der Menschheitsentwickelung vorliegen.
Nun, wenn Sie dasjenige noch einmal ins Auge fassen, was ich
Ihnen gestern gesagt habe über die Erkenntnisentwickelung von Eis-
zeit zu Eiszeit, so werden Sie zurückblicken darauf, wie dieses ganze
Zusammenströmen von Sinneswahrnehmungen und Vorstellungsle-
ben eine Änderung erfahren hat seit der letzten Eiszeit. Und wenn
Sie ganz erfassen die Art, wie ich zurückverfolgend gestern die Meta-
morphose des Erkenntnislebens dargestellt habe, so werden Sie sich
sagen: Eigentlich ist unmittelbar nach dem Abfluten der Eiszeit das
menschliche Erkenntnisleben von ganz anders erlebten Qualitäten
ausgegangen, als es heute der Fall ist. Will man zu einer bestimmte-
ren, konkreteren Vorstellung darüber kommen, muß man sagen: Es
ist immer mehr hineingedrungen in unser Erkenntnisleben das-
jenige, was wir von den Sinnen haben, und es ist immer mehr das-
jenige geschwunden, was wir nicht von den Sinnen haben, sondern
was wir einst hatten durch ein ganz andersgeartetes Zusammen-
leben mit der Außenwelt. Aber diesen Charakter des ganz anders-
gearteten Zusammenlebens mit der Außenwelt haben auch unsere
Vorstellungen. Sie sind von der Dumpfheit des Traumlebens ihrer
Qualität nach, aber sie sind durchaus so, daß wir in ihnen auch er-
leben das mehr Hingegebensein an die Umwelt, das wir im Traum
erleben. Wir unterscheiden uns im Vorstellungsleben eigentlich
nicht von unserer Umwelt. Wir sind im Vorstellungsleben an die
Umwelt hingegeben. Wir sondern uns erst durch die Sinneswahr-
nehmung von der Umwelt ab. Es war also ein fortwährendes Auf-
leuchten des Ich, des Selbstbewußtseins, was sich herausbildete, in-
dem das eben mit dem menschlichen Erkenntnisvermögen geschah,
was seit der letzten Eiszeit geschehen ist.
Auf was werden wir denn also zurückgehen - das ist nichts Hy-
pothetisches, sondern ein einfaches Verfolgen der Vorgänge -, indem
wir mit der Entwickelung hinter die letzte Eiszeit zurückgehen? Wir
werden zurückgehen auf ein solches Seelenleben innerhalb des Men-
schen, welches zwar traumhafter ist, welches aber verwandter ist
unserem Vorstellungsleben als unserem Sinnesleben. Nun ist aber
das Vorstellungsleben mehr an unsere Organisation gebunden als
das Sinnesleben. Es wird also auch dasjenige, was im Vorstellungs-
leben sich äußert, mehr in der Organisation sich äußern, als unab-
hängig von dieser Organisation. Dadurch werden wir aber geführt,
wenn Sie das nehmen, was ich in den letzten Tagen auseinander-
gesetzt habe, von den Tageseinflüssen der umgebenden Welt zu
den Jahreseinflüssen. Denn ich habe Ihnen ja gezeigt, die Tages-
einflüsse sind eben diejenigen, welche unser Weltbild formen, die
Jahreseinflüsse diejenigen, die unsere Organisation umändern. Also
wir werden geführt von dem seelischen Erleben zu dem körper-
liehen, dem organischen Erleben, wenn wir auf dasjenige zurück-
gehen, was da innerlich im Menschen sich abspielt.
Mit anderen Worten: Vor der letzten Eiszeit hat alles dasjenige,
was im Jahreswechsel begründet ist, einen größeren Einfluß gehabt
auf den Menschen, als es nach der letzten Eiszeit hat. Wir haben also
wiederum in dem Menschen ein Reagens, um zu beurteilen, wie die
um die Erde herumliegenden Einflüsse sind. Und erst wenn wir das
haben, können wir uns Vorstellungen darüber machen, wie die Ver-
hältnisse, auch die Bewegungsverhältnisse, zwischen der Erde und
den umliegenden Himmelskörpern sind. Denn wir müssen durchaus
von dem, ich möchte sagen, empfindlichsten Instrumente ausgehen,
von dem Menschen selber, wenn wir die Bewegungserscheinungen
des Himmels studieren wollen. Dazu müssen wir aber zuerst den
Menschen kennen, müssen wirklich zuteilen können dasjenige, was
zu dem einen Tatsachengebiet gehört, zu den Tageseinflüssen, und
dasjenige, was zu dem anderen Gebiet der Tatsachen gehört, zu den
Jahreseinflüssen. Diejenigen, die sich etwas ernster beschäftigt ha-
ben mit Anthroposophie, brauche ich ja nur darauf zu verweisen,
wie ich aus der Anschauung heraus beschrieben habe die Verhält-
nisse der alten Atlantis, wie sie gelegen haben vor der letzten Eiszeit.
Dann werden sie sehen, wie dort von einer anderen Seite her, also
aus der unmittelbaren Anschauung heraus, dasjenige beschrieben
ist, dem man sich nähert, wenn man, wie wir es jetzt tun, rein ver-
standesmäßig versucht, in den Tatsachen der Außenwelt zurecht-
zukommen. Wir kommen also zurück zu einer solchen Wechselwir-
kung der Erde mit ihrer Himmelsumgebung, die den Menschen ge-
bracht hat zu dem Vorstellungsleben und die sich dann verwandelt
hat, so daß das heutige Sinnesleben - natürlich nicht das Sinnes-
leben als solches, sondern die heutige Art - daraus entstanden ist.
Nun müssen wir noch eine feinere Unterscheidung machen. Es ist
richtig: Zu dem, was wir im gewöhnlichen Leben Selbstbewußtsein
nennen, Ich-Bewußtsein, kommen wir eigentlich erst immer im
Moment des Aufwachens. Im Moment des Aufwachens schlägt das
Selbstbewußtsein in uns ein. Die Beziehung, in die wir uns zur Welt
setzen, indem wir unsere Sinne gebrauchen, ist also diejenige, die
uns das Selbstbewußtsein gibt. Aber wenn wir nun tatsachengemäß
analysieren dasjenige, was da einschlägt in uns, so kommen wir aller-
dings dazu, uns zu sagen: Bliebe das Vorstellungsleben bloß in der
Qualität des Traumlebens, und schlüge bloß das Sinnesleben ein, so
würde in unserem Vorstellen etwas fehlen. Wir würden bloß zu Be-
griffen kommen, die etwa den Phantasiebegriffen ähnlich sind -
nicht gleich, aber ähnlich sind -, aber wir würden nicht zu jenen
scharf umgrenzten Begriffen kommen, die wir brauchen für das äu-
ßere Leben. Es fließt also mit dem Sinnesleben zu gleicher Zeit das-
jenige in uns ein, was unseren gewöhnlichen Erkenntnisbildern die
scharfen Umrisse, die scharfen Konturen gibt. Das ist etwas, das uns
auch die Außenwelt gibt. Wir würden, wenn uns das die Außenwelt
nicht geben würde, durch das Zusammenwirken der Sinneseffekte
mit den Vorstellungseffekten ein bloßes Phantasieleben zustande
bringen; wir würden nicht zustande bringen das scharf konturierte
Tagesleben.
Wenn man nun einfach die Erscheinungen im Goetheschen
Sinne miteinander vergleicht - oder auch in dem Sinne, wie dann
abstrakter Kirch hoff sich, ausgedrückt hat -, dann bietet sich einem
noch folgendes dar. Allerdings muß ich da eine Zwischenbemerkung
machen: Heute ist man gewöhnt, von einer Sinnesphysiologie zu
sprechen, und man baut darauf auch allerlei Sinnespsychologien
auf. Wer auf die Dinge der Wirklichkeit eingeht, der kann nichts
Wirklichkeitsgemäßes, weder in diesen Sinnesphysiologien noch in
diesen Sinnespsychologien, finden, denn unsere Sinne sind so
durchaus verschieden voneinander, daß wir in einer sie alle in ein-
heitlicher Wesenheit behandelnden Sinnesphysiologie nur ein
höchst abstraktes Gebilde haben. Es kommt auch kaum mehr heraus
als eine spärliche und sehr fragwürdige Physiologie und Psychologie
des Tastsinnes, die dann einfach durch Analogien auf die anderen
Sinne übertragen wird. Derjenige, der auf diesem Gebiet das Wirk-
lichkeitsgemäße sucht, der braucht für jeden einzelnen Sinn eine
gesonderte Physiologie und eine gesonderte Psychologie.
Wenn wir das voraussetzen, also uns dessen bewußt sind, dann
können wir, selbstverständlich mit allen Einschränkungen, auch das
Folgende sagen: Betrachten wir einmal das menschliche Auge. Ich
kann natürlich nicht auf die elementaren Einzelheiten eingehen, die
können Sie in jedem entsprechenden naturwissenschaftlichen Lehr-
buch finden. Betrachten wir das menschliche Auge. Es ist eines der
Organe, die uns überliefern Eindrücke der Außenwelt, Sinnesein-
drücke mit demjenigen, was diese Sinneseindrücke in bestimmter
Weise konturiert. Und diese Eindrücke des Auges stehen wiederum
in Verbindung mit dem, was wir innerlich zu Vorstellungen ver-
arbeiten. Sondern wir jetzt einmal ordentlich dasjenige, was zu-
grunde liegt der scharfen Konturierung, was unsere Vorstellungen
aus bloßen Phantasievorstellungen heraushebt und sie zu scharf kon-
turierten Vorstellungen macht, sondern wir das einmal von dem,
was wirkt, wenn wir diese scharfe Konturierung nicht finden, so daß
wir in einem Phantasieleben sein würden. Wir würden durchaus
durch dasjenige, was wir mit Hilfe der Sinnesorgane erleben und
was das Vorstellungsvermögen innerlich daraus macht, in einer Art
Phantasieleben sein. Scharfe Konturen bekommt dieses Leben durch
die Außenwelt, durch etwas, was in einer bestimmten Art zu unse-
rem Auge in einem Wechselverhältnis steht. Und sehen wir uns jetzt
um. Übertragen wir dasjenige, was wir so für das Auge herausbe-
kommen haben, auf den ganzen Menschen, suchen wir es einfach
ganz empirisch auf im ganzen Menschen. Wo finden wir denn das-
jenige, was uns, nur in einer metamorphosierten Form, ebenso ent-
gegentritt? Wir finden es im Befruchtungsvorgang. Das Wechsel-
verhältnis des ganzen Menschen, insofern er weiblicher Organismus
ist, zu der Umgebung, ist metamorphosiert dasselbe, wie das Ver-
hältnis des Auges zu der Umgebung. Es muß ohne weiteres dem-
jenigen, der auf diese Dinge eingehen will, einleuchten, wie, man
kann sagen, nur ins Materielle umgesetzt, das weibliche Leben das
Phantasieleben des Universums ist, das männliche Leben dasjenige,
was die Konturen bildet, was dieses unbestimmte Leben zu dem be-
stimmten, konturierten macht. Und wir haben im Sehvorgang,
wenn wir ihn so betrachten, wie wir es heute getan haben, nichts
anderes als die Metamorphose des Befruchtungsvorganges. Und um-
gekehrt.
Solange man nicht auf diese Dinge eingehen wird, wird es un-
möglich sein, überhaupt zu brauchbaren Vorstellungen über das
Weltenall zu kommen. Es ist mir nur leid, daß ich diese Dinge bloß
andeuten kann. Aber ich will Sie ja auch in diesen Vorträgen nur
anregen. Dasjenige, was ich mir eigentlich als Aufgabe solcher Vor-
träge denke, das ist, daß als Ergebnis jeder einzelne von Ihnen dann
soviel als möglich weiter arbeitet nach diesen Richtungen. Ich möch-
te eben nur die Richtungen angeben. Diese Richtungen können
nach allen möglichen Seiten verfolgt werden. Es gibt heute unzäh-
lige Möglichkeiten, die Forschungsmethoden in neue Richtungen zu
bringen, aber man muß gewissermaßen dasjenige, was man gewöhnt
worden ist, bloß ins Quantitative hinüber zu treiben, ins Qualita-
tive treiben. Dasjenige, was man so quantitativ treibt, man bildet es
aus zunächst - die Mathematik ist das beste Beispiel, Phoronomie ist
ein anderes Beispiel - und sucht es wieder in der empirischen Reali-
tät. Aber wir brauchen auch noch anderes, um die Mathematik und
Phoronomie empirisch real zu decken. Wir müssen mit reicherem
Inhalt an die empirische Realität herantreten als bloß mit dem ma-
thematischen und dem phoronomischen. Wir finden eben nichts an-
deres als phoronomisch und mathematisch angeordnete Welten -
und Entwickelungsmechaniken, wenn wir bloß herangehen an die
Welt mit den Voraussetzungen der Phoronomie und Mathematik.
Aber wir finden anderes in der Welt, wenn wir auch mit der experi-
mentellen Forschung von anderen Gebilden ausgehen als den ma-
thematischen und phoronomischen.
Es war also jene Differenzierung zwischen dem menschlichen
Sinnesleben und dem menschlichen Gesamtleben, dem gesamten
organischen Leben, vor der letzten Eiszeit eben noch nicht einge-
treten, es war da noch ein viel synthetischeres, einheitlicheres organi-
sches Leben des Menschen vorhanden. Seit der letzten Eiszeit haben
wir eine reale Analyse für das menschliche organische Leben erlebt.
Das weist uns darauf hin, daß wir uns die Beziehung der Erde zur
Sonne anders zu denken haben vor der letzten Eiszeit als nach
der letzten Eiszeit. Wir müssen von solchen Voraussetzungen aus-
gehen, um allmählich zu bildartigen Vorstellungen über das Welten-
all in seinem Zusammenhang mit der Erde und dem Menschen
zu kommen.
Aber das weist Sie nach einer anderen Richtung hin; das weist Sie
daraufhin, die Frage aufzuwerfen, inwiefern wir überhaupt für un-
sere Weltenbetrachtung den euklidischen Raum gebrauchen können.
Ich nenne euklidischen Raum - es kommt nicht auf die Bezeich-
nung an - denjenigen, der charakterisiert wird durch drei aufein-
ander senkrechte, starre Richtungen. Das ist wohl dasjenige, was
man als eine Art Definition des euklidischen Raumes geben kann.
Ich könnte ihn auch den kantischen Raum nennen, denn was Kant
gibt, wird unter der Voraussetzung gegeben, daß man es zu tun hat
mit drei aufeinander senkrechten, starren Richtungen, nicht inein-
ander verschiebbaren Richtungen. Gegenüber demjenigen, was wir
da als den euklidischen oder meinetwillen den kantischen Raum
haben, muß auch durchaus die Frage aufgeworfen werden: Ent-
spricht er einer Realität oder ist er ein Gedankenbild, eine Abstrak-
tion? Es könnte ja sein, daß dieser starre Raum überhaupt nicht vor-
handen ist. Ich bitte Sie aber zu bedenken, daß wir, wenn wir ana-
lytische Geometrie treiben, durchaus davon ausgehen, daß wir die
x, y, z- Achse als in sich unbeweglich annehmen dürfen und daß wir
irgendein Reales damit decken, wenn wir einfach das x, y, z in sich
starr setzen. Wenn es nirgends im Reiche der Wirklichkeit so etwas
gäbe, was uns erlaubte, die drei Achsen unseres gewöhnlichen Ko-
ordinatensystems in der analytischen Geometrie als starr anzu-
nehmen, dann wäre ja unsere gesamte euklidische Mathematik ei-
gentlich nur etwas, was wir gewissermaßen als eine Annäherung an
die Wirklichkeit in uns ausbilden würden, als ein bequemes Mittel,
diese Wirklichkeit zu umfassen. Aber sie wäre eigentlich nichts,
was in der Anwendung auf die Wirklichkeit versprechen könnte,
uns irgend etwas zu sagen über diese Wirklichkeit.
Nun fragt es sich, ob wir irgendwo Anhaltspunkte dafür finden,
daß der euklidische Raum nicht in dieser Starrheit eigentlich fest-
gehalten werden darf. Ich komme da allerdings auf etwas, was den
meisten Menschen heute die größten Schwierigkeiten machen wird,
aus dem Grunde, weil sie eben nicht wirklichkeitsgemäß denken;
weil sie immer glauben, man könne am Gängelband der Begriffe
fortdeduzieren und -logisieren, -mathematisieren und so weiter. Das
ist gerade dasjenige, was wir gegenüber den heutigen Wissenschafts -
neigungen lernen müssen: aus der Wirklichkeit heraus zu denken;
gar nicht uns zu erlauben, irgendein Bild bloß auszubilden, ohne
daß wir nachsehen wenigstens, ob es der Wirklichkeit entsprechend
ist. Man muß untersuchen, ob es, wenn wir auf das Konkrete ein-
gehen, tatsächlich so etwas gibt wie eine Art qualitativer Bestim-
mung des Raumes. Ich weiß, daß diejenigen Vorstellungen, die ich
jetzt entwickele, eigentlich den größten Widerstand finden müssen.
Aber es ist nicht anders möglich, als auch auf solche Dinge aufmerk-
sam zu machen. Sehen Sie, wenn man die Entwickelungslehre be-
trachtet, wie sie in der neueren Zeit immer mehr und mehr in das
wissenschaftliche Gebiet sich hineinbegeben hat, so ist es ja in ge-
wissen Kreisen - die Zeiten sind jetzt schon wiederum etwas vor-
über, aber bis vor kurzem war es so - üblich gewesen, diese Ent-
wickelungslehre auch auf die Astronomie auszudehnen und auch da
zu sprechen zum Beispiel von der Selektion, wie man sie in dem
radikalen Darwinismus für die Organismen geltend gemacht hat. Es
ist üblich geworden, auch da mit Bezug auf die Genesis der Him-
melskörper von einer Art Selektion zu sprechen, so daß gewisser-
maßen dasjenige, was wir jetzt als unser Sonnen-Planetengebilde vor
uns haben, entstanden wäre durch Auslese von alle dem, was her-
ausgesondert worden ist. Auch diese Theorie ist ja vertreten worden.
Man hat einmal die Gewohnheit, alles dasjenige, was man aus irgend-
einem Tatsachengebiet gewinnt, auf den ganzen Umfang der Welt
womöglich auszudehnen.
So ist man auch dazu gekommen, den Menschen an das Ende der
tierischen Entwickelungsreihe einfach heranzustellen, indem man
ihn untersuchte in bezug auf seine Morphologie und Physiologie
und so weiter. Nun handelt es sich darum, ob man durch eine solche
Untersuchung tatsächlich die Totalität der menschlichen Organisa-
tion umfassen kann. Man muß bedenken, daß bei einer solchen Un-
tersuchung etwas, was uns rein empirisch als ganz Wesentliches ent-
gegentreten muß, einfach weggelassen wird. Man hat erleben kön-
nen, wie die Haeckelianer einfach zählten, wieviel Knochen der
Mensch hat, wieviel Muskeln und so weiter und wieviel die voll-
kommenen Tiere haben. Wenn man so zählt, wird man schwer an-
ders können, als den Menschen an das Ende der Tierreihe zu stellen.
Aber etwas ganz anderes ist es, wenn es ganz offen zutage liegt, daß
des Menschen Rückgratlinie vertikal liegt, die des Tieres im wesent-
lichen horizontal. Das ist approximativ, aber nicht weniger deutlich
ausgesprochen. Wo eine Abweichung ist bei einzelnen Tieren, da
zeigt gerade diese Abweichung, wenn man sie im einzelnen em-
pirisch untersucht, daß durch die Abweichung, das heißt durch die
Vertikaldrehung der Rückgratlinie, auch Abänderungen in dem
Tiere hervorgerufen werden, die von einer bestimmten Wichtigkeit
sind. Im wesentlichen muß hingeschaut werden auf diesen charakte-
ristischen Unterschied des Menschen von dem Tiere, der darin be-
steht, daß des Menschen Rückgratlinie in der Richtung des Erd-
radius, der Vertikalen liegt, des Tieres Rückgratlinie parallel der
Erdoberfläche geht. Damit haben Sie auf Raumerscheinungen hin-
gewiesen, die in sich offenbar differenziert sind, insofern wir sie an-
wenden auf die Gestalt, auf die Formation des Tieres und des Men-
schen. Wir dürfen nicht, wenn wir vom Konkreten ausgehen, die
Horizontale in derselben Weise betrachten wie die Vertikale. Ich
meine, wenn wir uns hineinstellen in den wirklichen Raum und
sehen, was da drinnen im wirklichen Raum geschieht, so können
wir nicht die Horizontale als gleichbedeutend mit der Vertikalen
ansehen.
Nun aber hat das etwas anderes im Gefolge. Sehen Sie die tieri-
sche Form an und sehen Sie die menschliche Form an. Gehen wir
von der tierischen Form aus. Ich bitte Sie einmal dasjenige, was ich
Ihnen jetzt darstellen werde, durch eine sinnvolle Betrachtung ir-
gendeines Säugetierskeletts ordentlich für sich selber, für Ihr An-
schauungsvermögen zu ergänzen. Die Betrachtungen, die man nach
dieser Richtung hin anstellt, sind immer viel zu wenig konkret, das
heißt viel zu wenig auf die Wirklichkeit eingehend. Wenn Sie das
Skelett betrachten - ich will jetzt beim Skelett stehenbleiben, aber
was ich vom Skelett sage, gilt in einem noch höheren Maße von den
anderen Teilen der tierischen und menschlichen Organisation -,
wenn Sie das Skelett eines Tieres betrachten, sehen Sie auf die Diffe-
renzierung hin, welche gegeben ist im Schädelskelett; sehen Sie sich
an diese Differenzierung im Schädelskelett und vergleichen Sie diese
mit dem anderen Pol des Tieres! Gehen Sie wirklich innerlich mor-
phologisch dabei vor, so werden Sie charakteristische Einklänge und
charakteristische Verschiedenheiten sehen. Es liegt hier eine Rich-
tung der Forschung vor, die eben genauer verfolgt werden muß.
Denn hier muß etwas durchschaut werden, was einen tiefer in die
Wirklichkeit hineinbringt, als man es heute gewöhnt ist.
Es liegt in der Natur dieser Vorträge, daß ich eben Dinge nur an-
deuten kann, gewissermaßen über Mittelglieder hinweggehen muß;
daß ich appellieren muß an Ihre Intuition und voraussetzen muß,
daß Sie zwischen zwei Vorträgen sich die Dinge zurechtlegen, damit
Sie sehen, wie das eine mit dem andern zusammenhängt. Sonst wür-
de ich in den paar Vorträgen, die ich halten kann, eben nicht zu
einem Resultat kommen können.
Fig. 2
Ich will nun schematisch darauf hinweisen, wie die tierische Or-
ganisation sich gestaltet (Fig. 2). Wenn Sie sich fragen: Woher rührt
denn eigentlich der charakteristische Unterschied von Vorne und
Rückwärts? - dann kommen Sie nach Prüfung von unermeßlich vie-
len Zwischengliedern zu etwas sehr Merkwürdigem. Sie kommen da-
zu, die Differenzierung von Vorne mit den Wirkungen der Sonne
zusammenzubringen. Sie haben da die Erde (Fig. 3, rechts), Sie
haben das Tier, ein Tier auf der Sonnenseite der Erde. Und nehmen
Sie dann an, durch irgendwelche Vorgänge kommt zustande, daß
das Tier dann auf der anderen, auf der abgewendeten Seite ist
(Fig. 3, ganz rechts), dann haben Sie auch die Wirkung der Sonnen-
strahlen auf das Tier, aber die Erde ist dazwischen. Sie haben also
Fig- 3 "*******<
das eine Mal zu reden von der Wirkung der Sonnenstrahlen auf das
Tier direkt, das andere Mal von der Wirkung der Sonnenstrahlen auf
das Tier indirekt, indem die Erde dazwischen ist, indem die Sonnen-
strahlen die Erde erst zu passieren haben. Exponieren Sie nun die
Gestalt des Tieres der direkten Sonnenwirkung, so bekommen Sie
den Kopf; exponieren Sie das Tier denjenigen Sonnenstrahlen, die
erst durch die Erde hindurchgehen, so bekommen Sie den entgegen-
gesetzten Pol des Kopfes. Sie müssen studieren das Schädelskelett als
ein Ergebnis der direkten Sonnenwirkung; Sie müssen studieren die
Formen, die Morphologie des entgegengesetzten Poles als die Wir-
kung der Sonnenstrahlen, vor die sich die Erde gestellt hat, der indi-
rekten Sonnenstrahlen. Es weist uns also die Morphologie des Tieres
auf ein Wechselverhältnis zwischen Erde und Sonne hin. Wir müs-
sen aus demjenigen, was sich im Tiere heranbildet, nicht aus dem
bloßen Augenschein, auch wenn das Auge durch das Teleskop be-
waffnet ist, die Vorbedingungen schaffen für das Erkennen der
Wechselverhältnisse zwischen Erde und Sonne.
Und bedenken Sie jetzt, daß die menschliche Rückgratlinie im
Verhältnis zur tierischen um einen rechten Winkel gedreht ist, daß
also hinzukommt eine wesentliche Modifikation dieser Wirkungen;
daß wir im Grunde genommen etwas ganz anderes von Sonnen-
einflüssen haben im Menschen als im Tier; daß wir nötig haben, das-
jenige, was im Menschen wirkt, im Sinne einer Resultierenden dar-
zustellen (Fig. 4). Wenn wir nämlich die Linie (parallel zur Erdober-
fläche in Fig. 3), ob sie nun direkte oder indirekte Sonnenwirkung
darstellt, symbolisch durch diese Länge darstellen (die Horizontale
in Fig.4), so müssen wir uns sagen: Da wirkt auch eine Vertikale.
Und erst wenn wir die Resultierende bilden, bekommen wir das-
jenige, was im Menschen wirkt. Mit anderen Worten: Wenn wir
etwa genötigt sein sollten, der Bildung der tierischen Form zugrunde
zu legen, sei es eine Umdrehung der Sonne um die Erde, sei es eine
Bewegung der Erde um ihre eigene Achse, so sind wir genötigt, noch
eine andere Bewegung der Erde beziehungsweise der Sonne zu-
zuschreiben, eine Bewegung, die mit der menschlichen Bildung zu-
sammenhängt und die im Effekt zu einer Resultierenden sich ver-
einigt mit der ersten Bewegung, die der tierischen Bildung zugrunde
liegt. Das heißt: Wir müssen herausbekommen an dem, was sich im
Menschen und im Tier äußert, die Grundlage für dasjenige, was
etwaige gegenseitige Bewegungen der Weltenkörper sind. Wir müs-
sen herausheben die astronomischen Betrachtungen aus den Din-
gen, die wir verfolgen können, wenn wir in der Sphäre der bloßen
Anschauung bleiben, auch wenn wir mit dem Teleskop oder der
Rechnung oder der Mechanik vorgehen. Wir müssen hineinheben
das, was Astronomie ist, in dasjenige, was sich äußert in diesem
empfindlichen Instrument, der Organisation. Denn offenbar weist
uns auf Bewegungen im Himmelsraum dasjenige hin, was formend
als Kräfte im Tiere wirkt, was formend im Menschen wirkt.
Und bleiben wir jetzt innerhalb der Sphäre einer Art qualitativer
Mathematik. Wenn wir vom Tiere übergehen zur Pflanze, wie müs-
sen wir denn da gewissermaßen die Vorstellung umformen? Von die-
sen beiden Richtungen, die wir jetzt angegeben haben, können wir
keine brauchen. Allerdings, es könnte scheinen, als ob die Vertikal-
richtung der Pflanzen in derselben Lage ist wie die Vertikalrichtung
des menschlichen Rückgrates. Für den euklidischen Raum ist das ja
der Fall, selbstverständlich - jetzt nicht für den euklidischen Raum
in seiner Figuralität, sondern in seiner Starrheit. Also, für den eukli-
dischen Raum ist das der Fall, es muß aber deshalb nicht der Fall sein
für einen Raum, der in sich nicht starr ist, sondern beweglich ist,
dessen Dimensionen etwa so beweglich sind, daß, sagen wir, wir
nicht einfach in den Gleichungen die j/-Richtung und die x- Rich-
tung gleich setzen können, von gleicher innerer Tragweite, sondern
wo wir setzen müssen die ^-Richtung als Vertikalrichtung und zu
gleicher Zeit als eine Funktion der x- Richtung: y =f(x). Man könnte
die Gleichung auch anders schreiben. Sie werden mehr aus den
Worten ersehen, was ich sagen will, denn es ist eben mathematisch
nicht so leicht auszudrücken. Hätten wir ein Koordinatensystem, das
dem entsprechen würde, was ich jetzt sage, so würden wir von die-
sem Koordinatensystem verlangen müssen, daß wir nicht mit den-
selben inneren Maßen, denselben starr bleibenden Maßen die Ordi-
naten messen dürfen wie die Abszissen. Das ist dasjenige, was hin-
weisen würde von einem starren euklidischen Koordinatensystem
auf ein in sich bewegliches Koordinatensystem.
Wenn wir uns nun die Frage vorlegen: Wie verhält sich die Ver-
tikale des Pflanzenwachstums zur Vertikalen des menschlichen
Wachstums? - so kommen wir dazu, zwischen Vertikaler und Verti-
kaler zu unterscheiden und uns zu fragen: Welches ist der Weg zu
einer anderen Vorstellung des Raumes, als es der starre euklidische
Raum ist? Wenn nämlich unsere Himmelserscheinungen nur be-
griffen werden können etwa mit einem solchen Raum, der nicht der
euklidische ist, allerdings auch nicht der ausgedachte Raum der
neueren Mathematik, sondern ein wirklicher, ein der Wirklichkeit
entnommener Raum, dann müssen wir auch die Himmelserschei-
nungen in diesem Raum begreifen und nicht in dem euklidischen
Raum.
Sie sehen, wir kommen in Vorstellungen hinein, die uns auf der
einen Seite auf die Eiszeit hinführen, auf der anderen Seite zu einer
Reform gewissermaßen des euklidischen Raumes, aber aus anderem
Geiste heraus, als es Minkowski und andere tun. Wir kommen, rein
indem wir die Tatsachen betrachten und eine hypothesenfreie Wis-
senschaft suchen, zu der Notwendigkeit, den Raumbegriff einmal
ordentlich zu kritisieren. Davon wollen wir dann morgen weiter
reden.
ACHTER VORTRAG
Stuttgart, 8. Januar 1921
Es ist schon notwendig, daß wir, um diese Betrachtungen 2u einem
gewissen Ende zu führen, diesen subtilen Gang nehmen, den ich
bisher eingehalten habe, das heißt möglichst viel von jenen Vorstel-
lungen herbeizuschaffen, welche uns dann zu diesem Ziel, diesem
Ende führen können. Dazu wird notwendig sein, daß ich auch wäh-
rend der Zeit, während welcher ich die anderen Vorträge halte, also
vom 11. bis 15., diese Vorträge in einer Weise, wie wir es mit der
Waldorfschule vereinigen können, fortsetze, sonst würde der Stoff
nicht bewältigt werden können. Aber ich werde dann auch, weil ja
gerade an diejenigen Dinge, die hier durchgeführt werden, sich
wirklich sehr viele Bedenken, Zweifel und Fragen anknüpfen kön-
nen, Sie bitten, daß für einen Tag der nächsten Woche jeder das-
jenige vorbereitet, was er gerne in Anknüpfung an die Darstellun-
gen fragen möchte zur Verdeutlichung und dergleichen. Ich werde
das, was in dieser Weise gefragt wird, dann einmal in einem der Vor-
träge der nächsten Woche verarbeiten, das heißt, es vor Ihnen vor-
bringen, damit wir ein möglichst vollständiges Bild der Sache be-
kommen. Unter diesen Voraussetzungen werden wir auch die sub-
tileren Dinge, möchte ich sagen, die ich eingefügt habe in diesen
Gang der Darstellungen, beibehalten können.
Machen wir uns noch einmal klar, wie wir eigentlich die ganze
Betrachtung, die uns hineinführen soll in das Verständnis der Him-
melskunde und des Zusammenhanges mit den irdischen Erschei-
nungen, wie wir den ganzen Gang dieser Betrachtungen eingerichtet
haben. Wir sind davon ausgegangen, darauf hinzuweisen, wie ge-
wöhnlich solche Betrachtungen nur daraufhinzielen, das zu berück-
sichtigen, was der Sinnesbeobachtung, auch der bewaffneten Sinnes-
beobachtung, vorliegt. So war ja im wesentlichen alles dasjenige
orientiert, was auch bis in unsere Tage für das Verständnis, für die
Erklärung der Himmelserscheinungen beigebracht worden ist. Nicht
wahr, man hat ja zunächst dasjenige in den Kreis der Beobachtung
hereingezogen, was man heute die scheinbaren Bewegungen der
Himmelskörper nennt. Man hat die scheinbare Bewegung des Ster-
nenhimmels um die Erde herum, die scheinbare Bewegung der
Sonne ins Auge gefaßt. Man hat dann gesehen, wie die Planeten
merkwürdige Bahnen beschreiben. Teile dieser Planetenbahnen sind
einfach für den Augenschein so etwas wie Schleifen (Fig. 1). Der Pla-
net geht so, geht wieder zurück, geht so. Man hat sich gesagt: Wenn
die Erde selber in Bewegung ist, so muß dadurch, daß ja diese Eigen-
bewegung der Erde zunächst nicht in die Wahrnehmung hineintritt,
das vorliegen, daß die wirklichen Bewegungen der Himmelskörper
andere sind, als sie dem unmittelbaren Augenschein gegeben sind. -
Fig.l
Und man hat dann durch Interpretationen sich eine Vorstellung dar-
über gemacht, wie eben unter Beobachtung der mathematischen
Figuralität die wirklichen Bewegungen sein könnten. Da ist man zu-
nächst zu dem kopernikanischen System gekommen, dann zu all
den Modifikationen, die seither an diesem vollzogen worden sind.
Man hat also im wesentlichen dasjenige ins Auge gefaßt, was sich
dem Erkenntnisvermögen ergibt, insofeme dieses Erkenntnisvermö-
gen sich den Sinnen und der Verarbeitung der Sinneseindrücke
durch den Verstand, durch die Interpretation, überlassen will.
Wir haben nun darauf aufmerksam gemacht, wie eine solche Be-
trachtungsweise nicht ausreichen kann, um in die Realität der Him-
melserscheinungen hineinzudringen, aus dem einfachen Grunde,
weil ja das mathematische Vorgehen nicht genügt; weil wir gewisser-
maßen, wenn wir Rechnungsansätze machen, aufhören müssen in
einem gewissen Moment mit dem Ausrechnen. Ich habe Sie darauf
aufmerksam gemacht, daß jene Verhältniszahlen, die bestehen zwi-
schen den Umlaufzeiten der verschiedenen Planeten, inkommensu-
rable Zahlen, inkommensurable Größen sind, daß dies uns zeigt:
Wir kommen mit dem Rechnen nicht hinein in das eigentliche Ge-
füge der Himmelserscheinungen, wir müssen irgendwo stehen blei-
ben. Daraus folgt aber, daß wir eine andere Betrachtungsweise an-
wenden müssen, eine solche Betrachtungsweise, welche sich eben
nicht darauf beschränkt, bloß das ins Auge zu fassen, sagen wir zu-
nächst am Menschen, wozu die äußere Sinnesbeobachtung führt,
sondern was zugrunde liegt dem ganzen Menschen, was vielleicht
auch zugrunde liegt den anderen Wesen der Naturreiche auf der
Erde. Auf alle diese Dinge haben wir schon hingewiesen, und ich
habe dann gezeigt, wie mit der menschlichen Organisation in Zu-
sammenhang gebracht werden können gewisse Erscheinungen, die
im Laufe der Erdenentwickelung uns entgegentreten; wie also etwas,
wie zum Beispiel die Eiszeiten, die in einer gewissen Weise rhyth-
misch im Gange der Erdenentwickelung eintreten, in Zusammen-
hang gebracht werden müssen mit der Menschheitsentwickelung,
mit der Entwickelung des Menschen. Wenn dann das der Fall ist,
dann geben uns solche Zusammenhänge einen Hinweis, wie es
eigentlich beschaffen sein mag mit den Bewegungen im Himmels-
raum. Und solche Dinge müssen wir weiter verfolgen.
Bevor wir die mehr formale Betrachtungsweise, zu der wir gestern
gekommen sind, fortsetzen, wollen wir noch einmal aufnehmen das-
jenige, was sich uns ergeben hat für den Zusammenhang des Men-
schen in seiner Entwickelung mit der Entwickelung der Erde durch
die Eiszeiten hindurch. Das haben wir ja schon sagen können, daß
die besondere Art von Erkenntnis, die der Mensch in der Gegenwart
sein eigen nennt, im Grunde genommen ihm nur wirklich eigen ist
seit der letzten Eiszeit, daß seit der letzten Eiszeit ja auch jene
Kulturperioden verflossen sind, von denen ich immer spreche als der
urindischen Kulturperiode, der urpersischen Kulturperiode, der
ägyptisch-chaldäischen, der griechisch-lateinischen bis herein zu un-
serer Kulturperiode. Wir haben auch darauf hingewiesen, daß vor
dieser Eiszeit vorzugsweise sich entwickelt haben müsse in der
menschlichen Natur dasjenige, was jetzt im gegenwärtigen Men-
schen mehr zurückliegt, weniger an der Oberfläche liegt: die Orga-
nisation seines Vorstellungsvermögens. Und wir haben gestern dar-
auf aufmerksam gemacht, daß diese Organisation des Vorstellungs-
lebens aus ihrer Qualität heraus dann begriffen wird, wenn man
weiß, dieses Vorstellungsleben ist in seiner Qualität nur zu verglei-
chen eigentlich mit dem Traum. Nur dadurch bekommen unsere
Vorstellungen, sagte ich, eine gewisse Konfiguration und einen
gesättigten Inhalt, daß eben das Sinneserlebnis da ist. Dasjenige,
was da gewissermaßen hinter den Sinneswahrnehmungen aus unse-
rer Organisation heraus im Vorstellungsleben wirkt, das wirkt mit
der Dumpfheit des Traumlebens. Wir würden nur mit der Dumpf-
heit des Traumlebens vorstellen können - wenn man überhaupt so
etwas sagen darf -, wenn nicht hereinschlüge mit jedem Aufwachen
in dieses Vorstellungsleben das Sinneserleben. Dieses Vorstellungs-
leben, das also ein dumpferes ist als das Sinnesleben, das führt uns
zurück in jene Entwickelungsphasen der menschlichen Natur, die
vor der letzten Vereisungszeit liegen - in unserer anthroposophi-
schen Sprache: die im alten atlantischen Gebiet liegen.
Was muß denn da eigentlich für den Menschen Tatsache ge-
wesen sein? Erstens etwas, wodurch er einen innigeren Zusammen-
hang hatte mit der ihn umgebenden Welt, als das jetzt bei der
Sinneswahrnehmung der Fall ist. Die Sinneswahrnehmung beherr-
schen wir mit dem Willen. Wenigstens richten wir unsere Augen
durch den Willen und wir können ja vermöge der Aufmerksamkeit
auch weitergehen in der Beherrschung der Sinneswahrnehmung
durch den Willen. Jedenfalls wirkt in unseren Sinneswahrnehmun-
gen der Wille. Wir sind in einer gewissen Weise unabhängig von der
Außenwelt, indem wir aus innerer Willkür uns selber orientieren
können. Das ist aber nur dadurch der Fall, daß wir in einer gewissen
Weise uns als Menschen vom Weltenall emanzipiert haben. So
emanzipiert können wir nicht gewesen sein vor der letzten Eiszeit -
ich sage jetzt können, weil ich eben von Seiten der äußeren empiri-
schen Wissenschaft sprechen will. Da muß, während unser Vorstel-
lungsvermögen sich ausgebildet hat, der Mensch in seinen Zustän-
den mehr abhängig gewesen sein von demjenigen, was sich in seiner
Umgebung abspielte. Wie wir jetzt durch das Sonnenlicht um uns
herum die Welt sehen, aber wie dieses Sehen der Welt einer ge-
wissen Willkür von innen unterworfen ist, so muß dazumal im Hin-
gegebensein an die äußere Welt der Mensch abhängig gewesen sein
von der beleuchteten Erde und ihren beleuchteten Gegenständen
und wiederum von der Dunkelheit, der Finsternis, wenn die Sonne
zur Nachtzeit nicht geschienen hat. Also der Mensch muß Wechsel-
zustände erlebt haben zwischen dem Aufglimmen desjenigen, was
das Vorstellungsvermögen, das sich ja damals entwickelt hat, ist,
und wiederum dem Abfluten dieses Vorstellungslebens. Wir haben,
mit anderen Worten, einen ähnlichen inneren Zustand, zubereitet
durch des Menschen Wechselverhältnis mit dem Weltenall, wie er
uns entgegengetreten ist in jenen eigentümlichen Zusammenhängen
der weiblichen Funktionen mit den Mondenphasen in bezug auf
ihre Zeitlänge. Dieses innere Funktionieren der weiblichen Natur -
ich sagte ja, bei der männlichen Natur ist es auch vorhanden, aber
mehr nach innen, daher wird es weniger wahrgenommen - ist so, daß
es einmal zusammengehangen hat mit den Vorgängen des äußeren
Weltenalls, dann sich von ihnen emanzipiert hat und eine Eigen-
tümlichkeit der menschlichen Natur selber geworden ist, so daß
nicht mehr dasjenige, was jetzt im Menschen vor sich geht, zusam-
menzufallen braucht mit den äußeren Tatsachen, daß aber die Zeit-
folge, die Phasenfolge noch dieselbe ist, wie sie war, als die Dinge
äußerlich zusammenfielen.
Etwas Ähnliches ist in der Tat der Fall für dasjenige, was ein
innerer Wechsel ist in unserm, jetzt vom Sinnesleben mehr oder we-
niger unabhängigen, in der Zeit zurückliegenden Organisiertsein
mit Bezug auf das Vorstellungsleben. Ein Ähnliches ist dafür vor-
handen. Wir machen einen innerlichen Rhythmus durch von helle-
ren Vorstellungskräften und dunkleren Vorstellungskräften, die in ei-
nem täglichen Wechsel auf und ab fluten. Und nur dadurch, daß das
ein viel weniger intensiver Vorgang ist als der andere, welcher mit
den Mondphasen parallel geht, bemerken wir ihn nicht. Wir tragen
in der Tat in unserer Hauptesorganisation heute einen Wechsel zwi-
schen einem dumpferen und einem helleren Leben. Wir tragen in
unserer Hauptesorganisation ein rhythmisches Leben. Das eine Mal
sind wir mehr geneigt, von innen heraus etwas entgegenzubringen
den Sinneswahrnehmungen, das andere Mal sind wir weniger ge-
neigt, etwas entgegenzubringen den Sinneswahrnehmungen, nur
daß diese Wechselzustände eben den Zeitraum von 24 Stunden um-
fassen. Und es wäre interessant, etwa durch Kurven zu beobachten,
wie die Menschen verschieden sind gerade in bezug auf diese inner-
liche Kopfperiode des Wechsels von helleren oder regeren Vorstel-
lungskräften und dumpfen, schläfrigen Vorstellungskräften. Denn
die dumpfen, schläfrigen Vorstellungskräfte, die sind dasjenige, was
sozusagen eine innere Nacht des Hauptes ist; die helleren sind das-
jenige, was ein innerer Tag des Hauptes ist. Das stimmt nicht über-
ein mit dem äußeren Wechsel von Tag und Nacht. Wir haben einen
inneren Wechsel von Helligkeit und Dunkelheit. Und je nachdem
der eine Mensch dieses innere Wechseln von Hell und Dunkel so
hat, daß eine größere Neigung vorhanden ist, sagen wir, den hellen
Teil, den hellen Ablauf seiner Vorstellungskraft zusammenzubrin-
gen mit den Sinneswahrnehmungen, oder den dunklen Teil zusam-
menzubringen mit den Sinneswahrnehmungen, je nachdem der
Mensch das eine oder andere in seiner Organisation hat, ist er ver-
schieden in bezug auf die Möglichkeit, die Fähigkeit, die äußere
Welt zu beobachten. Der eine hat eine starke Neigung, die äußeren
Erscheinungen scharf ins Auge zu fassen; der andere hat eine weni-
ger starke Neigung, die äußeren Erscheinungen scharf ins Auge zu
fassen, er wendet sich mehr dem inneren Brüten zu. Das rührt eben
von diesem Wechselverhältnis her, das ich eben geschildert habe.
Solche Beobachtungen, meine lieben Freunde, die sollten wir ganz
besonders als Erzieher uns angewöhnen zu machen. Denn sie wer-
den uns wichtige Fingerzeige geben, um im Erziehen und Unter-
richten in entsprechender Weise die Kinder zu behandeln.
Dasjenige, was uns aber heute besonders interessiert, ist, daß der
Mensch gewissermaßen verinnerlicht dasjenige, was er einmal durch-
gemacht hat im Wechselverhältnis mit der Außenwelt, daß das dann
in ihm auftritt als ein innerer Rhythmus, der zwar noch den Zeit-
ablauf bewahrt, der aber nicht mehr zusammenfällt in bezug auf
seine Zeitgrenze mit dem Äußeren. So daß wir sagen müssen: Der
Mensch vor der Eiszeit wird regelmäßig zusammenfallend gehabt ha-
ben mit den äußeren Vorgängen sein bald helleres, innigeres Mit-
erleben des Weltenalls, sein bald dumpfes Zurückgezogensein in
sich selber. Die Nachwirkungen dieses damaligen im Zusammen-
leben mit dem Weltall hervorgehenden Erhelltwerdens, Erfüllt-
werdens des Bewußtseins mit Bildern und des Zurücktretens, des
Brütens über die Bilder, was seinen Nachklang hat in unserem inner-
lichen mehr oder weniger melancholischen Brüten, dasjenige also,
was dazumal der Mensch erlebt hat, ist heute zurückgedrängt wor-
den in die innere Organisation, und an der äußeren Peripherie ist
dafür eine neue Entwickelung des Sinnesvermögens eingetreten, das
ja schon in früheren Erdperioden da war, natürlich aber nicht so ent-
wickelt wie jetzt.
Wir sehen also hinein in das Weltenall, wenn wir auf dasjenige
blicken, was im Menschen als die Folge seines Zusammenhanges mit
den Weltenerscheinungen Platz gegriffen hat. Der Mensch muß uns
erscheinen als ein Reagens für die Beurteilung der Himmelserschei-
nungen. Aber wir müssen zu Hilfe nehmen die anderen Natur-
wesen, wenn wir eine gewisse Vollständigkeit erzielen wollen. Und
da möchte ich zunächst Ihren Blick lenken auf etwas, was ja jedem
sich darbietet, was aber seiner Wichtigkeit nach gewöhnlich nicht
betrachtet wird. Nehmen Sie die einjährige Pflanze in ihrer Ent-
wickelung. Sie macht einen gewissen Kreislauf durch. Dieser Pflan-
ze in ihrer einjährigen Entwickelung ist ja ganz offenbar auch das-
jenige anzusehen, was ich gestern auseinandergesetzt habe: der Un-
terschied von direkter Sonnenwirkung und indirekter Sonnenwir-
kung. Das eine Mal ist die Sonnenwirkung direkt: Blütenentste-
hung; das andere Mal ist die Sonnenwirkung so, daß die Erde da-
zwischen ist: Wurzelentstehung. Wir haben also auch bei der Pflan-
ze dasjenige, was wir gestern für das Tier ausführen konnten und
was wir dann in einer gewissen Weise auf den Menschen angewendet
haben.
Nun aber werden wir eine solche Tatsache nur in der richtigen
Weise würdigen, wenn wir sie auch zusammenbringen mit einer
anderen. Das ist diese, daß es ja auch dauernde Pflanzen gibt. Wie
steht die dauernde Pflanze zu der einjährigen Pflanze in bezug auf
die Zusammengehörigkeit des Pflanzenwachstums zur Erde? Die
dauernde Pflanze behält den Stamm, und eigentlich wächst jedes
Jahr, man könnte sagen, an dem Stamm eine neue Pflanzenwelt. Es
wächst an dem Stamm, natürlich modifiziert, metamorphosiert,
eine Pflanzenwelt; an dem Stamm, der aus der Erde herauswächst.
Und es ist einfach ganz selbstverständlich für den, der morpholo-
gischen Sinn hat, zu sagen: Da habe ich auf der einen Seite die Erd-
oberfläche, daraus wächst mir die Pflanze heraus; und dann habe ich
den Stamm der Dauerpflanze, der jedes Jahr den Pflanzenansatz be-
kommt. Dann muß ich irgend etwas - zunächst will ich nur sagen:
irgend etwas - mir fortgesetzt denken von der Erde in den Pflanzen-
stamm hinein. Dasjenige, worauf da (Fig. 2, links) die Pflanze
wächst, das muß sich hier (Fig. 2, rechts) auch im Stamm finden.
Fig. 2
Das heißt, es muß gewissermaßen etwas aus der Erde in den Stamm
hineingehen. Ich habe kein Recht, den Pflanzenstamm der Dauer-
pflanze nur als etwas anzusehen, was gar nicht zur Erde gehört,
sondern ich habe ihn als einen modifizierten Teil der Erde selber
anzusehen. Nur dann betrachte ich ihn in der richtigen Weise.
Nur dann komme ich darauf, die Zusammenhänge, die da beste-
hen, wirklich ins Auge zu fassen. Es ist also da etwas in der Pflanze
drinnen, was sonst nur in der Erde drinnen ist und wodurch die
Pflanze gerade dauernd wird. Sie entreißt sich dadurch, daß sie
etwas von dem Irdischen in sich selber aufnimmt, der Abhängigkeit
vom jährlichen Sonnenlauf. Wir können also sagen: Die Dauer-
pflanze entreißt sich der Abhängigkeit vom jährlichen Sonnenlauf.
Dadurch, daß sie sich emanzipiert von diesem jährlichen Sonnen-
lauf, insoferne sie Stamm ist, dadurch nimmt sie in ihre eigene Na-
tur auf und kann jetzt gewissermaßen selber, was früher nur zustan-
de gekommen ist durch die Einwirkung der kosmischen Umwelt.
Haben wir da nicht schon bei der Pflanze vorgebildet dasjenige,
was ich zum Beispiel jetzt am Menschen eben auseinandergesetzt
habe für die Voreiszeit? Ich habe auseinandergesetzt, daß durch die
Zusammenhänge mit der Umwelt sich gerade der Rhythmus des
Vorstellungslebens entwickelt hat. Das, was zuerst sich bloß ent-
wickelt hat im Wechselverhältnis des Menschen mit der Umgebung,
das ist etwas in seinem Innern geworden. Bei der Pflanze haben wir
dies angedeutet, indem aus der einjährigen Pflanze die Dauer-
pflanze wird. Wir haben also da einen ganz allgemeinen Prozeß im
Weltenall: Die organischen Wesen sind auf dem Wege einer Eman-
zipation von den Zusammenhängen mit der Umwelt. Indem wir ei-
ne Dauerpflanze entstehen sehen, müssen wir sagen, es lernt gewis-
sermaßen - verzeihen Sie, daß ich diesen Ausdruck gebrauche - die
Dauerpflanze etwas aus der Zeit, in der sie in Abhängigkeit von der
kosmischen Umwelt ist, und dann kann sie das selber. Sie bringt
dann gewissermaßen jedes Jahr neue Pflanzensprößlinge hervor. Das
ist eine für das Verständnis der Weltenzusammenhänge außer-
ordentlich wichtige Tatsache. Man kommt nicht zu dem Verständnis
der Welterscheinungen, wenn man nur immer die Dinge, die ne-
beneinander sind, oder diejenigen, die sich einem gerade in das
Blickfeld des Mikroskops hineindrängen, betrachtet. Man kommt
zum Verständnis der Welterscheinungen nur, wenn man die Einzel-
heiten aus dem großen Ganzen heraus wirklich zusammenhängend
begreifen kann.
Aber fassen wir die Sache jetzt ins Auge, indem wir sie einfach
anschauen. Wir haben die einjährige Pflanze unterworfen dem
Wechselverhältnis gegenüber dem Kosmos im Laufe eines Jahres;
wir haben dann verschwindend diesen Einfluß des Kosmos in der
Dauerpflanze. Wir haben gewissermaßen in der Dauerpflanze be-
wahrt dasjenige, was sonst verschwindet im Laufe eines Jahres. Wir
sehen gewissermaßen im Stamm heraussprossen aus der Erde das-
jenige, was Wirkung des Jahres ist und aufbewahrt wird. Dieses
Übergehen desjenigen, was sonst zusammenhängt mit der Außen-
welt, in die innere Wirkungsweise, das können wir im ganzen Ver-
lauf der Naturerscheinungen betrachten, sofern diese Naturerschei-
nungen kosmische sind. Wir müssen daher die Zusammenhänge un-
serer Erde mit dem Kosmos immer bei gewissen Erscheinungen su-
chen, und bei anderen Erscheinungen müssen wir sagen, daß sich
diese kosmischen Wirkungen verbergen. Es kommt daher darauf an,
daß wir gerade dasjenige herausfinden, was uns hinführt auf die kos-
mischen Einflüsse, was ein wirkliches Reagens dafür ist. Die ein-
jährige Pflanze sagt uns etwas über den Zusammenhang der Erde
mit dem Kosmos; die Dauerpflanze kann uns darüber nicht mehr
viel sagen.
Wiederum muß uns das Verhältnis vom Tier zum Menschen auf
eine wichtige Fährte bringen. Betrachten Sie das Tier in seiner Ent-
wickelung. Sehen wir zunächst vom Embryonalleben ab - wir könn-
ten es auch einbeziehen. Das Tier wird geboren, es wächst bis zu ei-
ner gewissen Grenze heran, wird geschlechtsreif. Betrachten Sie die-
ses ganze tierische Leben bis zur Geschlechtsreife hin und dann über
dieselbe hinaus. Sie können ganz hypothesenfrei die Tatsache be-
trachten und Sie werden sich sagen müssen, mit dem Tier geht doch
etwas Eigentümliches vor, wenn es die Geschlechtsreife erlangt hat.
Es ist dann in einer gewissen Weise eigentlich fertig für diese irdische
Welt. Wir können eigentlich - natürlich, die Dinge sind ja alle
approximativ, aber im wesentlichen sind sie so - Fortschrittsprozesse
nach der Geschlechtsreife beim Tiere nicht mehr verfolgen. Es ist der
wichtigste Zielpunkt in seiner Entwickelung diese Geschlechtsreife.
Und dasjenige, was sie unmittelbar im Gefolge hat, was eben zutage
tritt durch die Geschlechtsreife, das ist dann da, aber wir können
nicht sagen, daß danach irgend etwas, was wir als Progression be-
zeichnen können, eintritt.
Anders ist das beim Menschen. Der Mensch bleibt entwicke-
lungsfähig bis über die Geschlechtsreife hinaus, nur verinnerlicht
sich diese Entwickelung. Es wäre etwas höchst Trauriges um den
Menschen in seiner Menschennatur, wenn er in derselben Weise fer-
tig wäre mit seiner Entwickelung bei der Geschlechtsreife, wie das
Tier fertig ist. Der Mensch geht darüber hinaus und hat dann noch
einen Fonds in sich, der weiter hinausdringt, der besondere Wege
einschlägt, der nichts zu tun hat mit der Geschlechtsreife. Wir kön-
nen sagen, hier liegt etwas Ähnliches vor wie die Verinnerlichung
des Jahresprozesses bei der Dauerpflanze gegenüber der einjährigen
Pflanze. Dasjenige, was beim Tier vorliegt bei der Geschlechtsreife,
sehen wir verinnerlicht beim Menschen von der Geschlechtsreife an-
gefangen. Es muß uns also etwas auf Kosmisches hinweisen beim
Menschen, insofern er in der Entwickelung von der Geburt bis zur
Geschlechtsreife ist, was dann sich von diesem Kosmischen emanzi-
piert, wenn der Mensch über die Geschlechtsreife hinausgewachsen
ist, gerade so wie bei der Dauerpflanze.
Das, sehen Sie, ist ein Weg, um die Erscheinungen der Wesen zu
taxieren und allmählich Wegweiser zu finden für die Zusammen-
hänge der irdischen Wesen mit dem Kosmos. Denn wir sehen da-
durch, daß, wenn diese kosmischen Einflüsse aufhören, sie sich in
das Innere der Natur der einzelnen Wesen selber verlegen. Dieses
wollen wir nun auf die eine Seite legen und wollen dann später
es im Zusammenhang betrachten, zu einer Synthese vereinigt mit
etwas wesentlich anderem.
Greifen wir jetzt auf, was ich wiederholt gesagt habe: Die Ura-
laufzeiten der Planeten im Sonnensystem stehen in Verhältnissen
zueinander, die inkommensurabel sind. Wenn man von da ab nun
sich überlegt, was geschehen würde, wenn die Verhältniszahlen der
Umlaufzeiten der Planeten nicht inkommensurabel wären, so müß-
te man sich sagen: Es würden im Planetensystem Störungen ent-
stehen, die sich immer wiederholen würden und die durch ihre Wie-
derholungen das Planetensystem zum Stillstand bringen würden. Es
ist durch eine einfache Rechnung, die uns aber hier zu weit führen
würde, nachzuweisen, daß nur durch die Inkommensurabilität der
Verhältniszahlen bei den Umlaufzeiten der Planeten das Planeten-
system gewissermaßen im Leben bleibt. Es muß also einen Zustand
im Sonnensystem geben, der immer hindrängt eigentlich nach Still-
stand. Und diesen Zustand, den rechnen wir eigentlich, wenn wir an
ein Ende der Rechnung kommen. Kommen wir aber an das Inkom-
mensurable, so kommen wir nicht an ein Ende der Rechnung. Da
kommen wir gerade an das Leben des Planetensystems heran. Wir
sind in einer merkwürdigen Lage, wenn wir das Planetensystem be-
rechnen. Würde es so sein, daß wir es berechnen könnten, dann
würde es sterben, würde längst gestorben sein, wie ich früher schon
einmal sagte. Es lebt dadurch, daß wir es nicht berechnen können.
Alles dasjenige, was wir nicht berechnen können im Planetensystem,
ist das Lebendige. Was legen wir der Rechnung zugrunde, wenn wir
ausrechnen bis zu dem Punkte, wo das Planetensystem sterben
müßte? Wir legen zugrunde die Gravitationskraft, die Weltengra-
vitation! In der Tat, wenn wir nur die Gravitationskraft zugrunde le-
gen und von da aus dann konsequent denken, bis wir zu einem Bilde
kommen des Planetensystems unter dem Einfluß der Gravitations-
kraft, dann kommen wir ja allerdings zur kommensurablen Verhält-
niszahl. Aber das Planetensystem müßte ersterben. Wir rechnen also
gerade soweit, als im Planetensystem der Tod ist, und verwenden
dazu die Gravitationskraft. Es muß im Planetensystem etwas sein,
was etwas anderes ist als die Gravitationskraft und was gerade der
Inkommensurabilität zugrunde liegt.
Ganz gut lassen sich mit der Gravitationskraft vereinigen, auch
der Genese nach, die Planetenbahnen, nur müßten die Umlauf -
zeiten dann kommensurabel sein. Was sich dann aber nicht ver-
einigen läßt mit der Gravitationskraft, was gar nicht hereinpaßt in
unser Planetensystem, das ist dasjenige, was uns in den kometari-
schen Körpern zutage tritt. Diese kometarischen Körper, die eine
merkwürdige Rolle in unserem Sonnensystem spielen, sie haben ja
in der letzten Zeit die Wissenschaft zu ganz merkwürdigen Dingen
gedrängt. Ich will dabei ganz absehen davon, daß man innerhalb der
Wissenschaft ja gern alles dasjenige, was gerade erkannt wird, als
Erklärungsprinzipien anwendet. Zum Beispiel auf dem physiologi-
schen Gebiet redete man ja eine Zeitlang gern davon, daß sich unse-
re sogenannten sensitiven Nerven von der Peripherie nach dem
Innern erstrecken wie Telegraphendrähte, die dann ankommen und
gewissermaßen durch eine Art von Umschaltung weiterleiten das-
jenige, was dann Willenshandlungen, Willensimpulse sind. Daß so
dasjenige, was durch die zentripetalen Nerven geht, übertragen wer-
de auf zentrifugale Nerven, das hat man immer verglichen mit Tele-
graphenleitungen. Nun, vielleicht, wenn einmal etwas gefunden
wird, das sich in anderer Weise darstellt wie just der Telegraphen-
draht, wird man nach dieser Methode ein anderes Bild für diese
Sache gebrauchen können. Und so wendet man, wie man in den
Moden wechselt, alle diejenigen Dinge, die in irgendeinem Zeitalter
gefunden werden, an, um der Erklärung gewisser Erscheinungen
beizukommen. Man macht es da fast so wie auf gewissen Gebieten
der Therapie, wo, kaum daß irgend etwas gefunden ist, es auch
gleich als Heilmittel «entdeckt» wird, ohne daß man darüber nach-
denkt, wie das im Grunde zusammenhängt. Nun man die Röntgen-
strahlen hat, sind sie ein Heilmittel; hätte man sie nicht, so könnte
man sie nicht anwenden. Es liegt darin etwas, wo man sich ganz der
Willkür des Weltenganges in einer chaotischen Weise überläßt. So
auch ist es gekommen, daß man durch die spektroskopischen Unter-
suchungen und durch den Vergleich mit den spektroskopischen Er-
gebnissen bei den Planeten auf gewisse elektromagnetische Wir-
kungen innerhalb der kometarischen Erscheinungen gekommen ist.
Diese Dinge führen aber doch nicht weiter als höchstens zu Analo-
gien, die ja zuweilen gewiß mit der Wirklichkeit zusammenhängen,
die aber den ganz gewiß nicht befriedigen können, der tiefer hinein-
schauen will in die Realität.
Aber eines ist, möchte ich sagen, wie eine Notwendigkeit hervor-
getreten bei der Betrachtung der Erscheinungen an den Kometen.
Man ist, mag man nun nach der Mode die Dinge so oder so nennen,
gedrängt worden, während man sonst überall im Planetensystem
von Gravitationskräften spricht, bei der eigentümlichen Stellung des
Kometenschweifes zur Sonne von Abstoßungskräften von der Sonne
zu sprechen, von Rückstoßkräften. Man ist genötigt, zur Gravitation
etwas hinzuzusuchen, was dieser Gravitation entgegengesetzt ist. Es
tritt also mit den Kometen in unser Planetensystem fortwährend et-
was herein, was dem inneren Gefüge des Planetensystems entgegen-
gesetzt ist. So daß hier etwas liegt, was es begreiflich erscheinen läßt,
daß man das Kometenrätsel durch lange Zeiten hindurch mit einem
gewissen Aberglauben betrachtet hat. Man hat ein Gefühl davon ge-
habt: In dem Gang der Planeten drücken sich die Naturgesetze aus,
da drückt sich dasjenige aus, was angemessen ist unserem Planeten-
system; in den Erscheinungen der Kometen drückt sich etwas Ent-
gegengesetztes aus, da kommt etwas herein in unser Planetensystem,
das sich invers verhält zu unseren planetarischen Erscheinungen. Das
führte dazu, auf der einen Seite zu sehen die planetarischen Erschei-
nungen und in ihnen gewissermaßen die Naturgesetze verkörpert,
realisiert zu sehen; auf der anderen Seite in den kometarischen Er-
scheinungen das Entgegengesetzte von den Naturgesetzen zu sehen.
So hat man zusammengebracht, nicht in den ältesten Zeiten, aber in
gewissen Zeiten, die Kometen mit gewissermaßen fliegenden mora-
lischen Kräften, welche Zuchtruten sein sollten für die sündigen
Menschen. Wir sehen das heute mit Recht als einen Aberglauben
an. Aber schon Hege/kann sich an so etwas nicht gut vorbeidrücken,
was, ich möchte sagen, sich so halb wie etwas mit dem Natürlichen
nicht zu Durchdringenden ausspricht. Man glaubte natürlich im 19.
Jahrhundert nicht mehr, daß die Kometen irgendwie als moralische
Richter auftreten, aber man brachte sie in der esten Hälfte des 19.
Jahrhunderts durch eine gewisse Statistik in Zusammenhang mit gu-
ten und schlechten Weinjahren, die ja auch etwas scheinbar recht
Unregelmäßiges haben, was auch in der Aufeinanderfolge den Na-
turgesetzen nicht ganz entspricht. Und Hegel konnte sich um das
nicht herumdrücken. Das erscheint ihm sehr plausibel, daß mit
guten und schlechten Weinjahren das Erscheinen oder Nichterschei-
nen von Kometen etwas zu tun habe.
Jetzt steht der Mensch auf dem Standpunkt, insofern er ein Ver-
hältnis zur zeitgenössischen Wissenschaft hat, daß er sagt: Unser
Planetensystem hat von den Kometen nichts zu fürchten. Die Ko-
meten rufen Erscheinungen hervor innerhalb unseres Planeten-
systems, die eigentlich mit diesem keinen rechten inneren Zusam-
menhang haben. Sie kommen als solche Sonderlinge des Weltenalls
aus fernen Gegenden in unsere Sonnennähe, rufen da gewisse Er-
scheinungen hervor durch rückstoßende Kräfte von der Sonne, ha-
ben eine Zunahme ihrer Erscheinungen, eine Abnahme, und ver-
schwinden dann wieder. Eine Persönlichkeit, die noch einen gewis-
sen Fonds in sich hatte, die äußere Welt nicht bloß mit dem Intellekt
aufzufassen, sondern mit dem ganzen menschlichen Wesen, die
noch eine gewisse Intuition hatte für die Erscheinungen des Him-
mels, Kepler, er hat einen merkwürdigen Satz über die Kometen
ausgesprochen, der ungeheuer viel dem zu denken gibt, der über-
haupt die ganze Seelenverfassung dieses Kepler ein wenig auf sich
wirken läßt. Wir haben die drei Keplerschen Gesetze besprochen,
die etwas so außerordentlich Genialisches im Grunde darstellen,
wenn man sie im Zusammenhang betrachtet mit dem, was dazumal
als Vorstellungen über das Planetensystem da war. Die setzen aber
voraus, daß Kepler ein tiefes Gefühl hatte von einer inneren Harmo-
nie im planetarischen System, nicht bloß von irgend etwas, was sich
einfach trocken errechnen läßt, sondern von einer inneren Harmo-
nie. Und als den letzten Ausdruck, möchte ich sagen, dieser inneren
Harmonie, als den letzten quantitativen Ausdruck für etwas Quali-
tatives, empfand er selbst seine drei Hauptgesetze des Planeten-
systems. Und aus dieser Empfindung heraus hat er einen Ausspruch
getan über die Kometen, der außerordentlich bedeutsam ist und
den man nachfühlen kann, wenn man sich auf solche Dinge einläßt.
Er hat gesagt: Es gibt im Weltenall, also in dem uns überschaubaren
Weltenall, so viele Kometen wie Fische im Meer, nur sehen wir die
wenigsten von ihnen. Diejenigen, die wir sehen, sind nur ein kleiner
Teil davon. Die anderen bleiben durch ihre Kleinheit oder durch
sonstige Verhältnisse unsichtbar. - Im Grunde genommen hat auch
die äußere Forschung diesen Ausspruch Keplers ja bestätigt, indem
einfach seit der Erfindung des Teleskops viel mehr Kometen ge-
sehen worden sind als früher, wo dieselben auch verzeichnet worden
sind, so daß man vergleichen kann. Außerdem haben andere Mittel
ergeben, daß, wenn man unter veränderten Beleuchtungsverhält-
nissen, also bei starker Dunkelheit, das Himmelsgewölbe betrachtet,
man auch mehr Kometen verzeichnen muß als sonst. Also in ei-
ner gewissen Weise nähert sich selbst die empirische Forschung
demjenigen, was Kepler aus tiefem Naturempfinden heraus geäu-
ßert hat.
Wenn man aber überhaupt von einem Zusammenhang desjeni-
gen, was auf der Erde geschieht, mit dem Kosmos spricht, dann er-
scheint es doch nicht so ohne weiteres tunlich, daß man wohl von
dem Zusammenhang anderer Weltenkörper, anderer Körper unseres
Planetensystems mit der Erde spricht, daß man aber nicht spricht
von denjenigen, die in einer solchen Weise hereinkommen und wie-
der hinausgehen wie die Kometen; insbesondere dann, wenn wir
heute zugeben müssen, daß der Komet Erscheinungen hervorruft,
die gerade eben auf entgegengesetzte Kräfte hinweisen, als die-
jenigen sind, die gewöhnlich für unser Planetensystem als zusam-
menhaltende Kräfte genommen werden. In der Tat kommt durch
den Kometen in unser System etwas herein, was diesem System ent-
gegengesetzt ist. Verfolgt man das weiter, so muß man sich sagen,
es bedeutet in der Tat die Tatsache etwas ganz Besonderes, daß die
Kometen so hereinkommen als Entgegengesetztes zu dem, was die-
ses Planetensystem selbst zusammenhält.
Nun habe ich in einem vorigen Kurs auf etwas hingewiesen im
Zusammenhang der Naturerscheinungen, an das ich jetzt erinnern
muß. Diejenigen, die bei diesem vorigen Kurs, dem Kurs über
Wärmelehre, dabei waren, werden sich vielleicht erinnern, daß ich
darauf hingewiesen habe, daß wir eigentlich, wenn wir die Wärme-
erscheinungen verfolgen im Zusammenhang mit den anderen Er-
scheinungen des Weltenalls, genötigt sind den Äther, von dem man
gewöhnlich hypothetisch spricht, in konkreter Weise zu fassen, in-
dem wir einfach in unsere Formeln, die wir haben, dann, wenn wir
für die ponderable Materie einsetzen den Druck, die Druckkraft, für
den Äther die Saugkraft einsetzen müssen. Mit anderen Worten:
Wenn wir die Intensität der Kraft in der ponderablen Materie mit
plus einsetzen, müssen wir die Intensität im Äther mit minus ein-
setzen. Ich habe dazumal ja aufgefordert, die gebräuchlichen For-
meln auf das hin durchzusehen, damit man sieht, wie sie dann an-
fangen, mit den Naturerscheinungen in einer merkwürdigen Weise
übereinzustimmen. Wichtig ist noch, daß wir die ganze Spielerei,
möchte ich sagen, der Clausiusschen Wärmetheorie mit dem gegen-
seitigen Sich-Stoßen der Moleküle und dem Stoßen an die Wand,
diesem ganzen grausamen Spiel des Stoßens, des Aufeinander-
prallens, an die Wand Prallens, wieder Zurückprallens, das eigent-
lich den Wärmezustand irgendeines Gases darstellen soll, daß wir
das richtig sinnlich durchschaubar bekommen, wenn wir innerhalb
der Wärme zwei Zustände ins Auge fassen, den einen, den wir ver-
wandt mit den Zuständen der ponderablen Materie betrachten, und
den anderen, den wir verwandt mit dem Äther betrachten. So daß
wir bei der Wärme etwas anderes haben als bei der Luft oder beim
Licht. Beim Licht müssen wir, wenn wir richtig rechnen wollen, alles
mit negativen Vorzeichen einsetzen, was uns die Wirkung des Lich-
tes darstellen soll. Bei der Luft, bei dem Gas müssen wir alles das-
jenige, was wirkt, mit positiven Vorzeichen einsetzen. Bei der Wär-
me haben wir nötig, Positives und Negatives wechseln zu lassen, und
dadurch wird erst durchsichtig dasjenige, was wir gewöhnlich be-
trachten als leitende Wärme, strahlende Wärme und so weiter.
Diese Dinge zeigen uns innerhalb der Materie selbst die Not-
wendigkeit, in der Charakteristik der Kräfte von dem Positiven ins
Negative einzutreten. Jetzt sehen wir merkwürdigerweise, wie wir im
Planetensystem selber von dem Positiven, von der Gravitation, ins
Negative, in die Rückstoßkraft eintreten müssen.
Nun will ich heute nur noch das sagen, um es gewissermaßen als
die Formulierung eines Problems hinzustellen, nicht um mehr da-
mit zu sagen - wir werden auf alle diese Sachen in weiteren Vorträ-
gen näher eingehen: Ich will, nachdem wir das an den Kometen her-
ausgefunden haben, was wir jetzt gesagt haben, den Vergleich hin-
stellen zwischen demjenigen, was Verhältnis ist unseres Planeten-
systems zu den kometarischen Körpern und dem, was vorhanden ist
beim weiblichen Eikeim gegenüber dem befruchtenden männlichen
Samenkern. Versuchen Sie sich nur einmal rein in der Anschauung
das vorzulegen: Das Planetensystem, das etwas aufnimmt in sich,
den Effekt eines Kometen; die Eizelle, welche aufnimmt in sich den
Effekt der Befruchtung durch die Samenzelle. Sehen Sie sich diese
beiden Erscheinungen nur einmal nebeneinander an, aber seien Sie
dabei so vorurteilslos, daß Sie das so tun, wie Sie sonst irgend etwas,
was im Leben nebeneinander ist und sich vergleichen läßt, ansehen.
Sehen Sie sich das an, und ich frage Sie dann, ob Sie nicht, wenn
Sie es ordentlich ansehen, Vergleichspunkte genug finden können.
Ich will heute keine Theorie behaupten, keine Hypothese aufstellen,
sondern ich will nur darauf hinweisen, sich diese Dinge einmal
in dem richtigen Zusammenhang anzusehen.
Von da ausgehend werden wir dann morgen versuchen, eben zu
konkreteren Erscheinungen zu kommen.
NEUNTER VORTRAG
Stuttgart, 9. Januar 1921
Wir sind jetzt an einem Punkt unserer Betrachtungen angekommen,
von dem aus wir gewissermaßen außerordentlich vorsichtig weiter-
schreiten müssen, damit wir klar sehen, inwieweit die Gefahr be-
steht, aus der Realität hinauszukommen mit den Vorstellungen,
oder ob wir eben innerhalb realer Vorstellungen bleiben, das heißt
der Gefahr entgehen.
Nun handelt es sich ja darum, daß wir das letzte Mal hingestellt
haben gewissermaßen als ein Postulat, einfach die beiden Tatsachen
zu vergleichen: Innerhalb des Planetensystems das Auftreten der
kometarischen Erscheinungen und - schließlich ja auch innerhalb
des Planetensystems, wenn es auch vielleicht nicht in demselben
Zusammenhang damit steht - dasjenige, was wir beobachten in den
Erscheinungen der Befruchtung. Um aber hier überhaupt zu Vor-
stellungen zu kommen, die in irgendeiner Weise berechtigt sind,
muß man einmal sehen, ob es denn möglich ist, zwischen zwei Din-
gen, die uns so entfernt in der äußeren Tatsachenwelt entgegentre-
ten, Beziehungen aufzusuchen. Und wir werden methodologisch zu
keinem Ziel kommen, wenn wir nicht auf irgend etwas hinweisen
können, wo etwas Ähnliches vorliegt, das uns dann in der Betrach-
tungsweise weiterleiten könnte.
Wir haben ja gesehen, wie wir auf der einen Seite das Figurale,
das Formhafte, das Mathematische anwenden müssen, wie wir aber
immer wiederum dazu gedrängt werden, das Qualitative in irgend-
einer Weise zu fassen, dem Qualitativen irgendwie näherzukommen.
Wir wollen deshalb heute etwas einfügen, was sich mit Bezug auf
den Menschen ergibt, wenn man diesen Menschen betrachtet, der ja
schließlich doch ein Abbild ist, wie wir aus allen einzelnen Dingen
dieser Vorträge entnehmen können, ein Abbild der Himmelser-
scheinungen in irgendeiner Weise, die wir noch festzustellen haben.
Da der Mensch das ist, so müssen wir irgendwie über den Menschen
selbst erst uns Klarheit verschaffen. Wir müssen gewissermaßen das
Bild verstehen, von dem wir ausgehen wollen, wir müssen die innere
Perspektive verstehen. Wie man bei einem gemalten Bilde auch zu-
nächst sich klar sein muß, was irgendeine Verkürzung oder so etwas
bedeutet, um von dem Bilde auf die Raumverhältnisse überzugehen,
um also das Bild auf seine Wirklichkeit zu beziehen, so müssen wir,
wenn wir auf die Realität im Weltenall interpretierend vom Men-
schen aus eingehen wollen, zuerst über den Menschen uns klar sein.
Nun ist es aber außerordentlich schwierig, dem Menschen, der man
ja selber ist, mit irgendwelchen faßbaren Vorstellungen beizukom-
men. Daher möchte ich heute Ihnen aus sehr einfachen Verhält-
nissen, ich möchte sagen, faßbar-unfaßbare Vorstellungen vor die
Seele führen, Vorstellungen, die wahrscheinlich die meisten von
Ihnen längst gut kennen, aber die wir doch in einem gewissen Zu-
sammenhang uns vor die Seele führen müssen, damit wir an diesen
Vorstellungen, die zum Teil scheinbar recht gut zu fassen sind, zum
Teil aber durchaus wiederum unfaßbar erscheinen in gewissen Gren-
zen, uns orientieren in bezug auf das Ergreifen überhaupt der Au-
ßenwelt durch die Vorstellungen.
Es könnte erzwungen erscheinen, daß hier immer wiederum be-
tont wird, daß man, um die Himmelserscheinungen zu begreifen,
auf das Vorstellungsleben des Menschen zurückgehen muß. Aber es
ist doch klar, daß wir, wenn wir auch noch so vorsichtig Beschreibun-
gen der Himmelserscheinungen geben, darin ja doch zunächst
nichts anderes haben als eine Art optischer Bilder, durchtränkt von
allerlei mathematischen Vorstellungen. Dasjenige gerade, was uns
die Astronomie gibt, hat den Grundcharakter, ein bloßes Bild zu
sein. Wir müssen daher eingehen auf die Entstehung des Bildes im
Menschen, wenn wir zurechtkommen wollen, sonst werden wir gar
keine richtige Stellung gewinnen können zu dem, was uns die Astro-
nomie sagen kann. Und da möchte ich heute von etwas ganz ein-
fachem Mathematischen ausgehen, um Ihnen zu zeigen, wie auf
einem anderen Gebiet als dem, auf das wir geführt worden sind
durch die Verhältniszahlen der Umlaufzeiten der Planeten, inner-
halb der Mathematik selbst eine Art Unfaßbares auftritt. Das tritt
uns entgegen, wenn wir gebräuchliche Kurven in einem gewissen
Zusammenhang betrachten. Viele von Ihnen kennen die Sache
schon, ich möchte nur von einem besonderen Gesichtspunkte aus sie
heute beleuchten.
Wenn wir dasjenige betrachten, was Sie als Ellipse kennen mit
ihren zwei Brennpunkten A und B, so wissen Sie ja, daß die Ellipse
dadurch charakterisiert ist, daß irgendein Punkt M der Ellipse so sich
verhält, daß die Summe seiner Abstände a + b von den zwei Brenn-
punkten stets konstant bleibt. Das ist die Charakteristik der Ellipse,
daß die Summe der Abstände irgendeines ihrer Punkte von zwei
fixen Punkten, den zwei Brennpunkten, konstant bleibt (Fig. 1).
Fig. 1
mm^tmfmi>«»i^"'
M^
«^
f.*j& r'-ipVf
Fig. 2
Dann haben wir eine zweite Kurve, die Hyperbel (Fig. 2). Sie
wissen ja, sie hat zwei Äste. Sie ist dadurch charakterisiert, daß die
Differenz a-b der Abstände irgendeines Punktes von den zwei
Brennpunkten eine konstante Größe ist. Nun hätten wir also in der
Ellipse die Kurve der konstanten Summe, in der Hyperbel die Kurve
der konstanten Differenz, und wir werden uns nun fragen müssen:
Welches ist die Kurve des konstanten Produktes?
Ich habe ja schon öfter darauf aufmerksam gemacht, diese Kurve
des konstanten Produktes ist die sogenannte Cassinische Kurve
(Fig. 3). Betrachten wir die Sache in der folgenden Weise: Wir haben
hier zwei Punkte A und B, und wir betrachten einen Punkt M in be-
zug auf seine Abstände von A und B. Wir haben also den einen Ab-
stand AM, den anderen Abstand BM, und wir stellen die Forde-
rung, daß diese beiden Abstände, miteinander multipliziert, gleich
Fig. 3
seien einer konstanten Größe. Ich will diese konstante Größe, weil
das die Rechnung vereinfacht, b2 nennen, und den Abstand AB
will ich 2a nennen. Wenn wir die Mitte zwischen A und B als den
Mittelpunkt eines Koordinatenachsen-Systems annehmen (O) und
für jeden Punkt, der diese Bedingung erfüllt, die Ordinate be-
rechnen - wenn wir also hier herumlaufen lassen den Punkt, so daß
immer bei jedem Punkt dieser Kurve AM- BM= b2 bleibt -, so
bekommen wir für die Ordinate irgendeines Punktes, die wir y nen-
nen, die folgende Gleichung - ich werde Ihnen nur die Resultate
mitteilen, aus dem einfachen Grunde, weil ja die Ausrechnung jeder
auf einfache Weise sich verschaffen kann. Sie ist in jedem mathe-
matischen Lehrbuch, das diese Dinge enthält, zu finden. Wir be-
kommen für y den Wert:
y=± (a2 + x2) ± ] / b* + 4* 2 X a
Wenn man hier (vor der inneren Wurzel) berücksichtigt, daß wir
ja das negative Vorzeichen nicht brauchen können zunächst, weil wir
dadurch imaginäre y bekommen würden, also nur das positive Vor-
zeichen berücksichtigen, so bekommen wir:
2 2 2
y= ± 1 / - 0 + x ) + j / b* + 4* x''
Wenn wir dann die entsprechende Kurve ziehen, bekommen
wir eine ellipsenähnliche, aber durchaus nicht mit der Ellipse zusam-
menfallende Linie, welche die Cassinische Kurve nach ihrem Ent-
decker genannt wird. Sie ist nach links und rechts symmetrisch zur
Ordinatenachse, nach oben und unten symmetrisch zur Abszissen-
achse. Das ist, was festgehalten werden muß.
Nun aber hat diese Kurve verschiedene Formen, und das ist das
Wichtige an ihr, für uns wenigstens. Diese Kurve hat verschiedene
Formen, je nachdem b, wie ich es hier angenommen habe, größer ist
als a, oder b gleich ist a, oder b kleiner ist als a. Die Kurve, die ich
eben aufgezeichnet habe, entsteht dann, wenn b>a und außerdem
noch eine gewisse Bedingung erfüllt wird, nämlich diejenige, daß b
auch größer oder gleich ist ay 2. Und zwar, wenn b>a 1/2, so
haben wir hier oben und unten eine deutliche Krümmung. Wenn
b - a 1/ 2, so geht an diesem Punkte oben und unten die Kurve in
die Gerade über, es flacht sich die Kurve so ab, daß sie oben und
unten fast eine Gerade ist (Fig.4). Kommen wir aber dazu, daß
MmmaM*'mMi*tt#*#*<i*f<to
\
%
f.
-*«.
/
b<ay2, dann ändert sich der ganze Verlauf der Kurve. Sie be-
kommt diese Form (Fig. 5). Und ist nun b = a, dann geht die Kurve
in eine ganz spezielle Form über, in diese Form (Fig. 6). Sie läuft
gewissermaßen in sich zurück, durchschneidet sich selber und findet
sich wiederum, und wir bekommen die spezielle Form der Lemnis-
kate, so daß also die Lemniskate eine besondere Form der Cassi-
nischen Kurve ist. Die besondere Form wird hervorgerufen durch das
Verhältnis der in der Gleichung der Kurve, der Charakteristik der
Kurve vorkommenden konstanten Größen. Wir haben in der Glei-
chung nur diese zwei konstanten Größen b und a, und von dem Ver-
hältnis dieser zwei konstanten Größen hängt die Form der Kurve ab.
Fig. 5
Fig. 6
Nun ist aber noch der dritte Fall möglich, daß b<a. Wenn
b<a, so bekommt man auch Werte für die Kurve. Man kann immer
die Gleichung auflösen und bekommt Werte für die Kurve, Ordi-
naten und Abszissen, auch wenn man b kleiner hat als a, nur setzt
gewissermaßen die Kurve ihr eigentümliches Verhalten fort. Denn
dann, wenn b<a, bekommen wir zwei Äste der Kurve, die un-
gefähr so aussehen (Fig. 7). Wir bekommen eine diskontinuierliche
Kurve. Hier stehen wir eben an dem Punkte, wo gewissermaßen in
der Mathematik uns entgegenspringt das Faßbar-Unfaßbare, das
heißt, das im Raum schwer zu Fassende. Denn das sind im Sinne
ihrer mathematischen Gleichung nicht zwei Kurven, das ist eine
Kurve, genau ebenso eine Kurve, wie diese oder diese oder diese
(Fig. 3-5). Bei dieser da (Lemniskate) liegt die Sache schon im Über-
gang. Da macht der Punkt, den die Kurve beschreibt, diesen Weg,
geht hier herunter, durchschneidet hier seinen früheren Weg und
findet sich wiederum. Hier (Fig. 7) müssen wir uns vorstellen: Wenn
wir den Punkt M bewegen lassen in dieser Linie - er durchläuft nicht
etwa die Bahn einfach hier herüber, das tut er nicht, sondern er
durchläuft geradeso wie hier (Lemniskate) den Weg, beschreibt hier
eine Kurve und kommt dann wiederum dazu, sich hier zu finden.
Fig. 7
Also Sie sehen: Dasjenige, was den Punkt durch die Linien trägt, das
verschwindet hier in der Mitte. Sie können sich nur vorstellen, daß
das in der Mitte verschwindet, wenn Sie die Kurve verstehen wollen.
Wenn Sie hier versuchen, eine Vorstellung sich zu bilden, die im
Vorstellen rein kontinuierlich bleibt, was müssen Sie denn da tun?
Nicht wahr, wenn Sie sich eine solche Kurve (die ersten drei Formen)
vorstellen - das sage ich nur in Parenthese für gewöhnliche Phi-
lister -, dann ist das leicht. Sie können immerfort einen Punkt vor-
stellen und Sie kommen nicht dazu, daß Ihre Vorstellung abreißt.
Hier (bei der Lemniskate) müssen Sie ja allerdings schon die be-
queme Art, einfach herumzugehen, modifizieren. Da geht es aber
noch immer. Sie können das Vorstellen festhalten. Aber jetzt weiter,
wenn Sie bei dieser Kurve (Form mit zwei Ästen), die eben nicht
eine Philisterkurve ist, ankommen, wenn Sie die vorstellen wollen,
dann müssen Sie, um im kontinuierlichen Vorstellen zu bleiben,
sich sagen: Der Raum gibt mir dazu keinen Anhaltspunkt mehr. Ich
muß, indem ich hier (von 1 nach 2) vorschreite mit meinem Vorstel-
len, wenn ich nicht das Vorstellen abreißen und den anderen Ast
isoliert für sich betrachten will, ich muß mit meinem Vorstellen aus
dem Raum heraus (nach 3 bis 4), ich kann nicht drinnen bleiben im
Raum. Also Sie sehen, die Mathematik selber liefert uns Tatsachen,
die es für uns notwendig machen, aus dem Raum herauszugehen,
wenn wir im kontinuierlichen Vorstellen bleiben wollen. Die Wirk-
lichkeit, sie ist so, daß sie an uns den Anspruch stellt, aus dem Raum
herauszugehen mit unserem Vorstellen. Da also tritt uns etwas in-
nerhalb der Mathematik selber auf, wo gewissermaßen sich zeigt,
daß wir den Raum verlassen müssen, wenn wir einfach mit dem Vor-
stellen zurechtkommen wollen. In dem, was wir selber mit dem Vor-
stellen angerichtet haben, indem wir angefangen haben zu denken,
müssen wir in einer solchen Weise weiter denken, daß uns der Raum
nichts mehr hilft. Sonst würde nicht allen Möglichkeiten in der Glei-
chung Rechnung getragen werden.
Nun, solche Dinge treffen wir, wenn wir ein ähnliches Vorstellen
durchmachen, mehrere. Ich will nur noch auf das Allernächst -
liegende aufmerksam machen, das dann für Sie sich realisiert, wenn
Sie nun die Frage aufwerfen: Also, die Ellipse ist der geometrische
Ort der konstanten Summe, sie ist dadurch charakterisiert, daß sie
die Linie der konstanten Summe ist. Die Hyperbel ist die Kurve der
konstanten Differenz. Die Cassinische Kurve mit ihren verschie-
denen Formen ist die Linie des konstanten Produkts. Es muß also
auch irgendwie, wenn wir hier A, hier B haben, hier einen Punkt M
und nun BM durch AM als Quotienten bilden, es muß auch eine
solche Linie der konstanten Quotienten sich finden. Wir müssen also
verschiedene Punkte finden, Mi, M2 usw., für die immer
BMX BM2
- T T F = —nrr usw.
einander gleich sind und immer einer bestimmten konstanten Zahl
gleich sind. Diese Kurve ist ja der Kreis. Wir bekommen dann,
wenn wir die Punkte Mi, M2 suchen, einen Kreis, der etwa in die-
sem Verhältnis zu den Punkten A und B liegt (Fig. 8). So daß wir
sagen können: Es gibt neben der Definition des Kreises, die die
triviale Definition ist - daß nämlich der Kreis der geometrische Ort
aller Punkte ist, die von einem festen Punkt gleich weit abstehen -,
eine andere Definition des Kreises: Der Kreis ist diejenige Linie, bei
der jeder Punkt die Bedingung erfüllt, daß seine Abstände von zwei
konstanten Punkten, zwei fixen Punkten, in ihren Quotienten
gleich sind.
y
Fig. 8
Nun, hier beim Kreis haben wir die Möglichkeit, noch auf etwas
anderes hinzuschauen. Denn sehen Sie, wenn wir BM:AM aus-
drücken durch min, also
BM m
AM n
so bekommen wir immer entsprechende Werte in der Gleichung.
Wir können den Kreis irgendwo finden. Und wenn man das tut, so
bekommt man verschiedene Formen des Kreises, je nachdem das
Verhältnis von mzun ist: Wenn n stark größer ist als m, bekommen
wir einen stark gebogenen Kreis; wenn n kleiner wird, bekommen
wir einen geringer gebogenen Kreis (Fig. 8, rechts), und so wird der
Kreis immer größer, je weniger sich m von n unterscheidet. Und der
Kreis geht dann, wenn man dieses Verhältnis m:n weiter verfolgt,
allmählich über in eine Gerade. Sie können das in der Gleichung
verfolgen. Er geht über in die Ordinatenachse selber. Der Kreis wird
die Ordinatenachse, wenn m-n, wenn also der Quotient m:n
gleich 1 wird. Auf diese Weise geht also der Kreis allmählich über in
die Ordinatenachse, in eine Gerade.
Es braucht Ihnen nicht besonders verwunderlich zu erscheinen,
daß dies geschieht. Das ist ja etwas, was man sich vorstellen kann.
Nun aber liegt die Sache dann anders, wenn man hier weitergehen
will, wenn man sich sagt, der Kreis flacht sich immer mehr und
mehr ab und wird gewissermaßen durch Abflachen von innen eine
Gerade. Er wird es dadurch, daß einfach das konstante Verhältnis
in dieser Gleichung eine Änderung erfährt. Es kann natürlich dieses
konstante Verhältnis auch noch über 1 hinauswachsen, so daß die
Kreisbögen hier erscheinen (links von dery- Achse), aber was hat man
dann nötig mit seiner Vorstellung zu tun? Man hat etwas ganz
Besonderes nötig. Man hat sich dann nämlich einen Kreis zu den-
ken, der nicht nach innen gekrümmt ist, sondern der nach außen ge-
krümmt ist. Ich kann Ihnen natürlich diesen Kreis nicht aufzeich-
nen, aber es ist ein Kreis denkbar, der nach außen gekrümmt ist.
v.
¥
Fig. 9
Nicht wahr, beim gewöhnlichen Kreis haben wir die Krümmung
nach innen (Kreis a der Fig. 9, schraffierte Seite). Wenn wir seinen
Weg verfolgen, so schließt er sich. Wenn wir die Konstante, die wir
in der Gleichung haben, in entsprechender Weise nehmen, so be-
kommen wir eine Gerade. Die hat ihre Krümmung hier wiederum
(rechts der Geraden, schraffierte Seite). Aber diese Krümmung, die
macht es uns nicht so bequem, wie es uns die andere Krümmung
machte. Die andere Krümmung tendiert überall nach dem Mittel-
punkt des Kreises. Diese Krümmung (bei der Geraden) verweist uns
darauf, daß der Mittelpunkt irgendwo in unendlicher Entfernung
liegt, wie man sagt. Aber nun entsteht uns hier (links der Geraden)
der Gedanke eines Kreises, der nach außen gekrümmt ist. Seine
Krümmung ist dann nicht da (Kreis b, nicht schraffierte Seite), das
wäre ja der Philisterkreis, sondern seine Krümmung ist da (Kreis b,
schraffierte Seite). Und eben deshalb ist nicht dieses hier (nicht
schraffiert) die Innenseite des Kreises, sondern das Außen des Kreises,
und das da (schraffiert) ist das Innen des Kreises.
Und nun bitte ich Sie, vergleichen Sie damit dasjenige, was ich
Ihnen hier dargestellt habe: die Cassinische Kurve mit ihren Unter-
arten, mit der Lemniskate und der Form, wo sie die zwei Äste hat.
Und jetzt haben wir den Kreis dargestellt so, daß er einmal eine sol-
che (gewöhnliche) Krümmung hat, daß dieses hier sein Innen, das
sein Außen ist. Wir haben eine zweite Form des Kreises (b) - man
kann jetzt nur den Kreis andeuten -, wo die Krümmung hier ist
(außen) und hier ein Innen (schraffiert) und hier ein Außen (nicht
schraffiert). Die erste Form des Kreises würde etwa entsprechen,
wenn wir sie vergleichen mit der Cassinischen Kurve, den geschlos-
senen Formen derselben bis zur Lemniskate. Und wir haben jetzt
einen zweiten Kreis (b), der nach dieser Richtung gedacht werden
muß (nach außen), der seine Krümmung hier hat, sein Innen hier,
sein Außen hier. Sie sehen, die Realität ist hier so, daß, wenn wir
es mit dem Produkt zu tun haben, wir Formen der Cassinischen
Kurve bekommen, wo wir, wenn wir aus dem Raum herausgeworfen
werden, wiederum auf der anderen Seite den anderen Ast zeichnen
können. Der liegt dann im Räume wieder drinnen. Aber wir wer-
den, um von einem zum anderen zu kommen, aus dem Räume eben
herausgeworfen. Hier, beim Kreis, wird die Sache schon schwie-
riger. Hier werden wir ja ganz gewiß auch beim Übergang vom Kreis
in die Gerade aus dem Raum herausgeworfen, aber wir können dann
überhaupt nicht mehr irgend etwas Geschlossenes zeichnen. Wir
kommen nicht dazu. Wir können den Gedanken gerade noch räum-
lich andeuten, wenn wir übergehen von der Kurve des konstanten
Produktes zur Kurve des konstanten Quotienten.
Es ist außerordentlich bedeutsam, daß man sich abgibt mit dem
Erzeugen von Vorstellungen, die, möchte ich sagen, in solche Kur-
venformen noch hineinschlüpfen. Ich bin überzeugt davon, daß die
meisten derjenigen Menschen, die sich mit Mathematik abgeben,
zwar zu solchen Diskontinuitäten übergehen, aber dann sich das
Vorstellen doch eigentlich etwas bequem machen, indem sie sich
bloß an dasjenige halten, was eben die Formeln sind und nicht über-
gehen zu irgend etwas, was nun die Formeln begleiten soll als eine
wirklich kontinuierliche Vorstellung. Ich habe auch noch niemals
gesehen, daß in der Behandlung des mathematischen Lehrstoffes ein
großer Wert daraufgelegt wird, solche Vorstellungen auszubilden.
Nun weiß ich nicht, ich frage die anwesenden Mathematiker, Herrn
Blümel, Herrn Baravalle, ob das nicht so ist, ob also irgendwie heute
im Hochschulunterricht ein großer Wert darauf gelegt wird? (Herr
Dt. Carl Unger macht aufmerksam auf kinematographische Dar-
stellungen.) Ja, das ist ein Pseudoverlauf, wenn man es irgendwie
innerhalb des empirischen Raumes machen will, also durch solchen
Kinematographen oder dergleichen. Dann muß man hier einen
Schwindel einfügen. Es ist nicht möglich, es im empirischen Raum
adäquat darzustellen, man muß einen Schwindel einfügen.
Es handelt sich nun darum, ob es irgendwo in der Realität etwas
gibt, was uns nötigt, in solchen Kurven real zu denken. Das ist das-
jenige, was ich als Frage aufwerfen möchte. Dazu aber möchte ich,
noch bevor ich übergehe zur Charakteristik dessen, was etwa in der
Wirklichkeit dem entsprechen könnte, etwas einfügen, was Ihnen
vielleicht den Übergang zu der Wirklichkeit von diesen abstrakten
Vorstellungen erleichtern kann. Das ist das Folgende. Sie können
auch noch ein anderes Problem in der theoretischen Astronomie, in
der theoretischen Physik stellen. Sie können nämlich das Problem
stellen: Nehmen wir an, hier wäre eine Lichtquelle in A und diese
Lichtquelle in A beleuchte einen Punkt M (Fig. 10). Dieser Punkt M
würde mit Bezug auf die Stärke seines Leuchtglanzes in B beobach-
tet. Also, man beobachtet von B aus irgendwie mit den entsprechen-
den optischen Instrumenten den Leuchtglanz des Punktes M, der
von A beleuchtet ist. Wir würden ja selbstverständlich die Stärke
dieses Leuchtglanzes verschieden sehen, je nachdem B von M ent-
fernt ist. Aber es gibt eine Bahn, die dieser Punkt M beschreiben
kann, die so verläuft, daß, wenn er von A beleuchtet ist, er in B
immer mit derselben Glanzstärke strahlt. Es gibt eine solche Bahn.
Fig.10
Wir können also fragen: Welches muß die Bahn eines Punktes sein,
der von einem fixen Punkte A beleuchtet wird, damit er in einem
anderen fixen Punkte B im Glanz immer dieselbe Stärke hat? Und
diese Kurve, in der ein solcher Punkt sich bewegt, das ist die Cassi-
nische Kurve! Sie sehen daraus, daß hier sich hineinstellt in ein
Raumverhältnis, in eine komplizierte Kurve dasjenige, was nun
schon in das Qualitative hinüberfällt. Die Qualität, die wir ja schon
im Leuchtglanz sehen, in der Stärke des Glanzes sehen müssen, die-
se Qualität wird hier abhängig von dem Figuralen in den Raum-
verhältnissen.
Nun, ich wollte dieses nur anführen, damit Sie sehen, daß aller-
dings eine Art Weg hinüberführt aus dem figural-geometrisch zu
Erfassenden in das Qualitative. Aber dieser Weg ist in einer gewissen
Beziehung doch wiederum weit. Und wir wollen jetzt auf etwas
übergehen, was allerdings, um es in allen Einzelheiten darzustellen,
Monate fordern würde, auf das ich Sie aber hinweisen will. Und Sie
müssen dabei durchaus berücksichtigen, daß ich ja nur Richtlinien
angeben will, deren weitere Ausführung, namentlich deren Ausfüh-
rung in bezug auf die Einzelheiten, wo Sie sie immer verifiziert fin-
den werden, eigentlich Ihnen überlassen bleibt. Denn sehen Sie,
das, was als eine Beziehung zwischen Geisteswissenschaft und den
heutigen empirischen Wissenschaften eintreten muß, das ist eine
sehr breite Arbeit, eine ungeheuer breite Arbeit. Aber wenn Richt-
linien einmal gegeben sind, so kann diese Arbeit in einer gewissen
Weise ausgeführt werden. Sie ist möglich. Man muß sich nur hinein-
finden in die empirischen Erscheinungen in einer ganz bestimmten
Weise.
Wenn wir nun das Problem von einem ganz anderen Orte aus er-
greifen - wir haben es jetzt gewissermaßen von der mathematischen
Seite her zu ergreifen versucht -, so kann demjenigen, der sich mit
der menschlichen Organisation befaßt, etwas doch nicht entgehen,
was innerhalb unseres Kreises ja schon Öfter hervorgehoben worden
ist, insbesondere auch in vieler Beziehung betont worden ist bei den
Besprechungen, die sich an den Dornacher Ärztekurs im Frühling
1920 angeschlossen haben. Es kann ihm nicht entgehen, daß gewisse
Verhältnisse bestehen zwischen der Organisation des Hauptes und
der übrigen Organisation des Menschen, zum Beispiel der Organisa-
tion des Stoffwechsels. Es ist ein zunächst undefinierbarer Zusam-
menhang zwischen dem, was sich in dem dritten menschlichen Sy-
stem, im Stoffwechselsystem mit seinen Organen abspielt, und dem,
was sich im Haupte abspielt. Dieses Verhältnis, das da vorhanden
ist, das ist aber schwer zu fassen. So klar es in der Erscheinung auf-
tritt, so klar man zum Beispiel sieht, daß mit gewissen Erkrankungen
Schädel-, Kopfdeformationen zusammenhängen und ähnliche Din-
ge, so klar solche Dinge verfolgbar sind für den, der sie vernünftig
biologisch verfolgt, so schwer sind sie vorstellungsgemäß zu fassen.
Gewöhnlich bleiben dann die Leute stehen dabei, daß sie sagen: Es
muß irgendeinen Zusammenhang geben zwischen dem, was sich im
Haupt abspielt, und demjenigen, was sich in der übrigen Organisa-
tion des Menschen abspielt. - Es ist das deshalb eine schwer vollzieh-
bare Vorstellung, weil es dem Menschen so schwer wird, eben gerade
aus dem Quantitativen ins Qualitative überzugehen. Wenn man
nicht erzogen wird durch eine geisteswissenschaftliche Methodo-
logie, diesen Übergang doch zu finden und ganz unabhängig von
dem, was einem die äußere Erfahrung bietet, doch gewissermaßen
dieselbe Art des Vorstellens, die man im Quantitativen anwendet,
auch auf das Qualitative auszudehnen, wenn man sich nicht metho-
dologisch dazu erzieht, dann wird sich immer für unser Begreifen
eine scheinbare Grenze der äußeren Erscheinungen aufrichten.
Ich möchte nur auf eines hinweisen, wie Sie sich erziehen können
methodologisch, das Qualitative in einer ähnlichen Weise zu den-
ken wie das Quantitative. Es ist Ihnen allen bekannt die gewöhn-
liche Erscheinung des Sonnenspektrums, des gewöhnlichen konti-
nuierlichen Spektrums. Sie wissen, da gehen wir von der Farbe des
Rot zu der Farbe des Violett. Nun wissen Sie ja alle, daß Goethe mit
dem Problem gerungen hat, wie dieses Spektrum in gewissem Sinne
das umgekehrte Spektrum ist von dem, was enstehen muß, wenn
man gewissermaßen die Dunkelheit geradeso behandelt durch das
Prisma, wie man gewöhnlich die Helligkeit behandelt. Man be-
kommt dann eine Art umgekehrten Spektrums, das Goethe ja auch
rot qrOh violett"
Fig. 11 n**K.*'Mtmm\<mimmiwm*Lmm*wi**m***.nn wmmmmwmtMM&immmtmomum&im
(btau)viofefr Pfbluf rotCqelb)
JM, . » . . » - » - im umi i » i i i , ii« i i m m • i « i i i m i m n n ., w _ _„ —
Fig.12
angeordnet hat. Nicht wahr, beim gewöhnlichen Spektrum haben
wir das Grün, hier nach dem Violetten gehend, auf der andern
Seite nach dem Rot gehend (Fig. 11), und bei dem Spektrum, das
Goethe bekommt, wenn er ein schwarzes Band auflegt, hat er hier
das Pfirsichblüt und wiederum auf der einen Seite das Rot, auf
der andern Seite das Violett (Fig. 12). Man bekommt gewisser-
maßen zwei Farbbänder, die in der Mitte einander entgegengesetzt
sind, qualitativ entgegengesetzt sind, und die beide zunächst für
uns, man möchte sagen, nach der Unendlichkeit verlaufen. Aber
man kann sich zunächst einfach denken, daß diese Achse, die Längs-
achse des gewöhnlichen Spektrums, nicht eine einfache Gerade ist,
sondern ein Kreis ist, wie ja jede Gerade ein Kreis ist. Wenn diese
Gerade ein Kreis ist, dann kehrt sie in sich selbst zurück und dann
können wir einfach diesen Punkt hier, in dem das Pfirsichblüt er-
scheint, als den anderen Punkt betrachten, in dem sich trifft das
Violett, das nach rechts geht, und das Rot, das nach links geht. Es
trifft sich ja links und rechts in unendlicher Entfernung. Aber wenn
es uns gelingen würde - ich weiß nicht, ob Sie wissen, daß gerade
nach dieser Richtung eine der ersten Versuchsanordnungen in
unserem physikalisch-wissenschaftlichen Institut gemacht werden
soll -, das Spektrum in gewisser Weise in sich zu biegen, dann wür-
den auch diejenigen, die zunächst aus den Gedanken heraus die
Sache nicht begreifen wollen, sehen, wie man es tatsächlich hier
auch mit Qualitativem zu tun hat. Solche Vorstellungen sind End-
vorstellungen des Mathematischen, wo wir genötigt sind, wie auch
in der synthetischen Geometrie, die Gerade auch innerlich sachlich
durchaus als einen Kreis anzusehen, wo wir genötigt sind, als unend-
lich fernen Punkt einer Geraden nur einen anzunehmen; wo wir
genötigt sind, als eine Grenze der Ebene nicht oben und unten
irgendeine Linie anzunehmen, sondern eine einzige Gerade als
Grenze der Ebene anzunehmen; wo wir genötigt sind, die Grenzen
des unendlichen Raumes nicht zu denken etwa sphärisch oder so et-
was, sondern als eine Ebene. Aber solche Vorstellungen werden,
wenn wir nur die sinnliche empirische Wirklichkeit betrachten wol-
len, auch in einer gewissen Weise EndVorstellungen der sinnlich-
empirischen Wirklichkeit.
Nun, das leitet uns auf etwas, was sonst immer dunkel bleiben
wird. Ich habe es eben erwähnt. Es leitet uns darauf, jene Vorstel-
lungen, die wir gewinnen können, wenn wir die Lemniskatenform
der Cassinischen Kurve übergehen lassen in die Zwei-Ast-Form,
diese Zwei-Ast-Form, wo wir aus dem Raum heraus müssen, ein-
mal ordentlich zu denken und dann das zu vergleichen mit dem-
jenigen, was sich uns in der empirischen Wirklichkeit darbietet. Sie
tun ja auch nichts anderes, wenn Sie die Mathematik sonst auf die
empirische Wirklichkeit anwenden. Dasjenige, was Sie gegeben ha-
ben in dem Dreieck, das nennen Sie ein Dreieck, weil Sie sich das
Dreieck zuerst mathematisch konstruiert haben. Sie wenden das,
was innerlich konstruktiv in Ihnen ausgebildet ist, auf die äußere
Form an. Es ist nur der Vorgang komplizierter, den ich jetzt angebe,
aber es ist derselbe Vorgang, wenn Sic als eins denken die zwei Äste
der zwei-ästigen Cassinischen Kurve. Wenden Sie diese Vorstellung
an auf dasjenige, was im Haupte des Menschen den Dingen im übri-
gen Organismus entspricht, dann müssen Sie so denken, daß da im
Haupte eine Abhängigkeit ist von dem übrigen Organismus, aus-
drückbar durch einen ebensolchen Zusammenhang, durch die Glei-
chung (S. 167), die aber eine diskontinuierliche Kurve verlangt. Sie
können dies nicht verfolgen durch die anatomisierende Methode.
Sie müssen aus dem, was den Körper physisch umfaßt, heraus, wenn
Sie das, was im Haupte sich ausdrückt, in seinem Zuammenhang
mit dem, was sich im Stoffwechsel-Organismus ausdrückt, verfolgen
wollen. Sie müssen also durchaus mit Vorstellungen den mensch-
lichen Organismus verfolgen, die nicht zu bekommen sind, wenn
man für jedes einzelne Glied dieser Vorstellung eine adäquate
sinnlich-empirische haben will. Man muß aus dem Sinnlich-Empi-
rischen heraus zu etwas anderem, wenn man finden will, welches
dieser Zusammenhang im Menschen ist.
Das ist, wenn man es weiter nun methodologisch verfolgt, wenn
man sich wirklich einläßt auf eine solche Betrachtung, etwas, was
außerordentlich aufschlußreich ist. Denn es gliedert in der Tat die
menschliche Organisation in etwas ein, was nicht umfaßt werden
kann, wenn man nur anatomisiert. Man wird, geradeso wie man
durch die Cassinische Kurve herausgetrieben wird aus dem Raum,
bei der Betrachtung des Menschen herausgetrieben aus dem Körper
durch die Betrachtungsweise selbst. Es ist zunächst vorstellungs-
gemäß zu fassen, daß man, um den ganzen Menschen zu betrach-
ten, herausgetrieben wird aus dem, was physisch-empirisch am Men-
schen zu fassen ist. Es ist durchaus nicht irgendeine Versündigung
gegen die Wissenschaftlichkeit, wenn man solche Dinge anführt. Sie
sind weit entfernt von dem, was öfter als reine Phantasien hypo-
thetisch über die Naturerscheinungen gegeben wird. Denn diese
Dinge gehen wirklich zurück auf die ganze Art, wie der Mensch in
der Welt drinnensteht. Und Sie suchen nicht nach irgend etwas,
was sonst nicht vorhanden ist, sondern Sie suchen nach etwas, was
ganz dasselbe ist wie dasjenige, was sich im Verhältnis des mathema-
tisierenden Menschen zur empirischen Wirklichkeit ausdrückt.
Es ist gar nicht die Frage, irgendwelche unberechtigte Hypotheti-
siererei zu suchen, sondern es ist nur die Frage, da die Wirklichkeit
offenbar eine komplizierte ist, auch noch andere Erkenntnisverhält -
nisse zur inneren Wirklichkeit zu suchen, als es das einfache ist des
mathematisierenden Menschen zu der physisch-empirischen Wirk-
lichkeit. Und wenn Sie einmal auf solche Dinge hingesehen haben,
dann werden Sie auch hingeleitet zu suchen, wie dasjenige, was
außerhalb des Menschen geschieht auf anderen Gebieten als auf
dem astronomischen, was geschieht außerhalb des Menschen zum
Beispiel innerhalb derjenigen Erscheinungen, die wir die chemi-
schen, die physikalischen nennen, dann werden Sie hingeleitet zu
suchen, ob denn dieselben Erscheinungen, die wir außen als die che-
mischen betrachten, im Menschen, wenn er lebt, auch so verlaufen
wie außerhalb des Menschen, oder ob sie da auch einen Übergang
brauchen, der gewissermaßen aus dem Raum hinausführt.
Nun bedenken Sie die wichtige Frage, die daraus entsteht. Wir
würden hier irgendeine chemische Erscheinung haben, hier die
Grenze gegen das Innere des Menschen (Fig. 13). Würde diese che-
mische Erscheinung eine andere so hervorrufen können, daß der
Mensch da (drinnen) reagiert, so würde selbstverständlich der Raum
der Vermittler sein, wenn wir im empirischen Felde bleiben. Wenn
aber diese Erscheinung sich fortsetzt im Menschen dadurch etwa,
daß sich der Mensch durch die Nahrung ernährt und die Prozesse
sich im Innern fortsetzen, dann ist die Frage: Bleibt das, was da an
Kraft wirkt in der chemischen Tatsache, in demselben Raum drin-
nen, in dem es sich abspielte draußen, wenn es sich im Menschen
fortsetzt? Oder müssen wir vielleicht aus dem Raum heraus? Und da
haben Sie das Analogon mit dem Kreis, der in eine gerade Linie
übergeht. Und wenn Sie seine andere Form suchen, wo dasjenige,
was sonst nach außen gewendet ist, nach innen gewendet ist, so sind
Sie ganz aus dem Räume heraus.
Reaktion im
X
chem isChe
Fi 13
s frjchewvng
Es ist die Frage, ob wir nicht solche Vorstellungen brauchen, die
ganz aus dem Räume herausgehen, wenn sie kontinuierlich bleiben
sollen, wenn wir das, was außen geschieht außerhalb des Menschen,
weiter verfolgen in seinem Verlauf, wenn es sich nach dem Innern
des Menschen hin fortsetzt. Das einzige, was zu sagen ist gegen
solche Dinge, das ist, daß sie allerdings größere Anforderungen an
die menschliche Kapazität stellen als diejenigen, mit denen man
heute an die Erscheinungen herantritt, und daß sie deshalb auch im
Hochschulunterricht unangenehm sind. Sie sind recht unangenehm,
denn man müßte da eigentlich verlangen, daß der Mensch erst, be-
vor er herantritt an die Erscheinungen, etwas aufnehmen würde, was
ihn befähigt, diese Erscheinungen zu erfassen. Es ist heute gar nichts
Ähnliches überhaupt im Verlauf unseres Unterrichtes vorhanden,
aber das muß hinein, das muß unbedingt hinein, sonst geraten wir
einfach, von einer Erscheinung redend, durchaus ins Disparateste
hinein, ohne daß wir irgendwie auf die Realität hinsehen. Denn be-
denken Sie einmal: Was würde geschehen, wenn jemand den Kreis
beobachtet, wie er sich nach dieser Seite krümmt (Fig. 9, a), und
er würde das hier betrachten, das sich nach dieser Seite krümmt
(b), aber er bleibt der Philister, er geht absolut nicht ein darauf, daß
sich jetzt der Kreis nach dieser Seite hin krümmt. Er sagt: Das gibt es
ja gar nicht, daß sich der Kreis so krümmt, ich muß die Krümmung
hierhersetzen (Kreis c statt b), ich muß mich einfach auf die andere
Seite stellen. Er spricht in diesem Falle scheinbar über dasselbe,
nur verändert er seinen Standpunkt.
So macht man es nämlich heute einfach, indem man den Men-
schen innerlich schildert im Verhältnis zu dem, wie man die äußere
Natur schildert. Man sagt: Dasjenige, was im Menschen drinnen ist,
das gibt es ja gar nicht, sondern ich stelle mich in den Menschen hin-
ein und sage: Dahin (c) ist die Krümmung gerichtet. Ich betrachte
also das Innere ohne Rücksicht darauf, daß sich mir die Krümmung
umdreht. Ich mache das, was im Innern des Menschen ist, zu einer
äußeren Natur. Ich setze mir einfach durch die Haut hindurch die
äußere Natur fort. Ich drehe mich um, weil ich nicht mitgehen will
mit der andersgearteten Krümmung, und dann theoretisiere ich, -
Das ist das Kunststück, das heute eigentlich ausgeführt wird und
das nur ausgeführt wird zur Festhaltung bequemer Vorstellungen.
Man will nicht mit der Wirklichkeit gehen, und damit man das nicht
zu tun braucht, kehrt man sich einfach um, und statt daß man den
Menschen - das ist jetzt ein Vergleich - von der Vorderseite betrach-
tet, betrachtet man die Natur von der Hinterseite und gelangt da-
durch zu den verschiedenen Theorien über den Menschen.
Hier wollen wir dann morgen weiter fortfahren.
ZEHNTER VORTRAG
Stuttgart, 10. Januar 1921
Ich habe gestern, ausgehend von gewissen formalen Betrachtungen,
daraufhingewiesen, wie die Zusammenhänge gedacht werden sollen
zwischen dem, was man nennen kann die Vorgänge im mensch-
lichen Stoffwechselsystem, und den Vorgängen im menschlichen
Kopfsystem, im Nerven-Sinnessystem, oder wie Sie es nennen wol-
len im Sinne der Andeutungen, die ich in meinem Buche «Von
Seelenrätseln» gegeben habe.
Wenn man eine Magnetnadel so betrachten würde in ihren
Schwankungen auf der Erdoberfläche, daß man versuchen wollte,
diese Schwankungen lediglich zu erklären durch dasjenige, was man
beobachten kann innerhalb des Raumes, in dem die Magnetnadel
sich befindet, so würde man das selbstverständlich als etwas Unmög-
liches bezeichnen. Sie wissen ja, daß diese Schwankungen der Mag-
netnadel zusammengebracht werden mit dem Erdmagnetismus. Sie
wissen, daß man die jeweilige Richtung der Magnetnadel zusam-
menbringt mit der Richtung des Erdmagnetismus, beziehungsweise
mit jener Richtungslinie, die zwischen dem nördlichen und süd-
lichen Magnetpol der Erde gezogen werden kann, daß man also,
wenn es sich darum handelt, die Erscheinungen, die uns die Magnet-
nadel darbietet, zu erklären, aus dem Bereich der Magnetnadel
selbst herausgeht und versucht, einzutreten mit den Elementen, die
man zur Erklärung heranzieht, in jene Totalität, die erst die Mög-
lichkeit bietet, die Erscheinungen von etwas, das zu dieser Totalität
im Tatsachenablauf dazugehört, zu erklären. Diese methodische Re-
gel wird ja zwar für gewisse Erscheinungen, man kann sagen, für
diejenigen Erscheinungen, für die die Sache ganz an der Oberfläche
liegt, durchaus beobachtet. Allein sie wird nicht beobachtet, wenn
es sich darum handelt, kompliziertere Erscheinungen zu erklären,
zu verstehen.
Ebenso untunlich, wie es wäre, die Erscheinungen an der Mag-
netnadel aus dieser selbst zu erklären, ebenso untunlich ist es im
Grunde, die Erscheinungen, die am Organismus vor sich gehen, aus
diesem Organismus oder aus gewissen, keiner Totalität angehörigen
Zusammenhängen zu erklären. Und gerade aus diesem Grunde,
weil das Bestreben so wenig vorliegt, zu Totalitäten vorzuschreiten,
wenn man Erklärungen haben will, kommen wir zu dem, was die
Betrachtungsweise unserer Wissenschaft darstellt, insofern man grö-
ßere Zusammenhänge heute fast ganz unberücksichtigt läßt. Sie
schließt irgendwelche Erscheinungen, möchte ich sagen, in das
Blickfeld des Mikroskops ein und dergleichen; sie schließt Sternen-
erscheinungen ein in dasjenige, was wir zunächst äußerlich wahr-
nehmen können, vielleicht auch wahrnehmen können durch die
Instrumente, die wir dazu verwenden, aber es liegt nicht das Bestre-
ben vor, daß in erster Linie zu berücksichtigen ist, wo es sich um Er-
klärungen handelt, zu dem totalen Umkreis vorzuschreiten, inner-
halb dessen irgendeine Erscheinung liegt. Nur wenn man mit die-
sem ganz unerläßlichen methodischen Prinzip sich bekanntmacht,
ist man in der Lage, solche Dinge richtig zu beurteilen, wie die-
jenigen sind, auf die ich gestern aufmerksam gemacht habe. Denn
nur dadurch wird man darauf kommen, in der richtigen Weise zu
würdigen, wie sich in einem abgeschlossenen Totalzusammenhange
solche Erscheinungsgebiete ausnehmen wie diejenigen, die uns am
menschlichen Organismus entgegentreten.
Erinnern wir uns noch einmal an die Ausführungen, die ich ganz
im Anfang dieser Betrachtungen gemacht habe. Ich habe Sie darauf
aufmerksam gemacht, daß das Prinzip der Metamorphose eigentlich
modifiziert werden muß, wenn es sich darum handelt, diese Meta-
morphose, wie sie zuerst bei Goethe, bei Oken zutage getreten ist,
wirklich verständlich auf die Morphologie des Menschen anzuwen-
den. Nicht wahr, man hat ja versucht - und es war ein genialischer
Versuch, der bei Goethe aufgetreten ist -, die Formation der Schä-
delknochen auf die Formation der Wirbelknochen zurückzuführen.
Diese Untersuchungen sind dann in einer der Methode des 19. Jahr-
hunderts mehr entsprechenden Weise von anderen fortgesetzt wor-
den, und den ganzen Fortgang - ob es ein Fortschritt war oder nicht,
will ich jetzt nicht entscheiden - in der Untersuchungsweise kann
man studieren, wenn man vergleicht, wie dieses Problem der meta-
morphosischen Umgestaltung der Knochen aufgefaßt wurde auf der
einen Seite von Goethe und Oken, auf der anderen Seite zum Bei-
spiel von dem Anatomen Gegenbaur. Diese Dinge sind erst auf eine
reale Basis zu bringen, wenn man weiß - wie gesagt, ich habe das ja
im Verlauf dieser Vorträge schon erwähnt, aber wir wollen jetzt an
diesen Punkt anknüpfen -, wie zwei in ihrer Morphologie am weite-
sten entfernt liegende Knochen des menschlichen Skeletts - also
nicht des tierischen, sondern des menschlichen Skeletts - eigentlich
zusammenhängen. Da liegen eben am weitesten entfernt vonein-
ander ein Röhrenknochen, zum Beispiel ein Oberschenkel- oder
Oberarmknochen, und ein Schädelknochen. Wenn man äußerlich
einfach vergleicht, ohne auf das Innere einzugehen und ohne eine
totale Erscheinungssphäre heranzuziehen, kann man nicht auf den
morphologischen Zusammenhang kommen zwischen zwei polarisch
einander entgegengesetzten Knochen, polarisch einander entgegen-
gesetzt in bezug auf die Form. Man kommt nur darauf, wenn man
die Innenfläche eines Röhrenknochens vergleicht mit der Außen-
fläche eines Schädelknochens. Denn dann bekommt man die ent-
sprechende Fläche, um die es sich handelt (Fig. 1) und die man
i
f
Fig.l
braucht, um den morphologischen Zusammenhang konstatieren zu
können. Man kommt dann darauf, daß die Innenfläche des Röh-
renknochens der Außenfläche des Schädelknochens entspricht - das
ist morphologisch - und daß das ganze darauf beruht, daß der
Schädelknochen aus dem Röhrenknochen hergeleitet werden kann,
wenn man sich ihn gewendet denkt nach dem Prinzip zunächst der
Umwendung eines Handschuhs. Wenn ich die Außenfläche des
Handschuhs zur inneren, die innere Fläche zur äußeren mache, so
bekomme ich allerdings beim Handschuh eine ähnliche Form, aber
wenn außerdem noch in dem Augenblick sich geltend machen ver-
schiedene Spannungskräfte, wenn gewissermaßen in dem Augen-
blick, wo ich das Innere des Röhrenknochens nach außen wende, die
Spannungsverhältnisse sich so verändern, daß dadurch die nach au-
ßen gewendete innere Form sich anders verteilt in der Fläche, dann
bekommt man durch Umwendung nach dem Prinzip des Hand-
schuhumdrehens die Außenfläche des Schädelknochens, hergeleitet
von der Innenfläche des Röhrenknochens. Daraus aber geht Ihnen
hervor: Dem Innenraum des Röhrenknochens, diesem zusammen-
gedrängten Innenraum des Röhrenknochens entspricht in bezug auf
den menschlichen Schädel die ganze Außenwelt. Sie müssen also als
zusammengehörig betrachten in der Wirkung auf den Menschen:
die Außenwelt, formierend das Äußere seines Hauptes, und das-
jenige, was im Innern wirkt, gewissermaßen hintendierend nach der
Innenfläche der Röhrenknochen. Das müssen Sie als zusammen-
gehörig betrachten. Sie müssen gewissermaßen die Welt im Innern
der Röhrenknochen als eine Art inverser Welt zu derjenigen an-
sehen, die uns äußerlich umgibt.
Da haben Sie zunächst für den Knochenbau das wahre Prinzip
der Metamorphose. Denn die anderen Knochen, sie sind im wesent-
lichen Zwischengebilde, morphologische Zwischengebilde zwischen
den polarischen Gegensätzen, die völliger Umwendung entsprechen
mit Änderung der die Fläche bedingenden Kräfte. Das aber muß
ausgedehnt werden auf die gesamte menschliche Organisation. Bei
den Knochen tritt es uns in einem gewissen Sinn besonders deutlich
zutage. Es ist für alle Organe des Menschen zu beachten, daß wir,
wenn wir von der Organisation sprechen, zu unterscheiden haben
zwischen zwei polarischen Gegensätzen, zwischen dem, was von ei-
nem, wir wollen jetzt zunächst sagen, unbekannten Innern gewisser-
maßen nach außen wirkt, und demjenigen, was von außen nach
innen wirkt. Demjenigen aber, was von außen nach innen wirkt,
entspricht im Grunde alles dasjenige, was uns Menschen von außer-
halb der Erde umgibt. Und Sie bekommen ja tatsächlich zwei außer-
ordentliche Gegensätze, wenn Sie, sagen wir, den Röhrenknochen
ins Auge fassen und sich diese Linie darin denken (Fig. 2). Sie be-
kommen gewissermaßen eine Linie, welche die Ursprungsstelle des-
jenigen enthält, was da wirkt senkrecht auf die betreffende Fläche
(Fig.3).
Fig. 2 " » ' * Fig. 3
Und Sie bekommen, wenn Sie sich die menschliche Schädelum-
hüllung denken, auch dasjenige, was dieser Linie entspricht (Fig. 2,
gestrichelt). Aber wie müssen Sie das zeichnen, was dieser Linie ent-
spricht? Sie müssen es sich zeichnen irgendwo als einen Kreis, re-
spektive sogar eine Kugelfläche, eine in irgendeiner unbestimmten
Entfernung gelegene Kugelfläche (Fig. 4). Und all die Linien, die Sie
sich zeichnen von der Geraden gegen die Fläche des Röhrenknochens
hin (Fig. 3), die entsprechen in bezug auf den Schädelknochen all
den Linien, die Sie sich ziehen gewissermaßen als im Mittelpunkt
der Erde sich treffend von irgendeiner Sphäre her (Fig. 4, S. 188).
Dadurch bekommen Sie einen Zusammenhang - natürlich sind die
Dinge approximativ - zwischen einer Geraden oder zwischen einem
System von Geraden, die durch einen Röhrenknochen gehen und
die alle in einer gewissen Beziehung stehen zu der Vertikalachse der
Organisation, zwischen dieser Richtung, die eigentlich zusammen-
fällt mit der Richtung des Erdradius, und einer Sphäre, die die Erde
in einer unbestimmten Entfernung umgibt. Sie bekommen den Zu-
sammenhang, daß Sie sagen können: Mit Bezug auf den senkrecht
zur Erdoberfläche gerichteten Bau des Menschen hat der Radius der
Erde denselben kosmischen Wert, wie eine Kugelfläche, eine kosmi-
sche Kugelfläche mit Bezug auf die Schädelorganisation.
Fig. 4
Dadurch aber bekommen Sie ja denselben Gegensatz heraus,
den Sie eigentlich, wenn Sie achtgeben auf das In-sich-Fühlen Ihres
Organismus und zu gleicher Zeit auf die äußere Erfahrung, als in
sich tragend empfinden. Diesen Gegensatz bekommen Sie heraus,
wenn Sie Ihr Eigengefühl nehmen, dasjenige Eigengefühl, das ja im
wesentlichen dadurch begründet ist, daß Sie sich ruhig im normalen
Leben Ihrer Körperlichkeit überlassen können, daß Sie nicht
schwindlig werden, sondern in einem Verhältnis zur Schwerkraft ste-
hen, und wenn Sie dann dieses, was in einem gewissen Sinn Ihr
Eigengefühl ist, vergleichen mit all dem, was in Ihrem Bewußtsein
präsent ist mit Bezug auf dasjenige, was Sie durch die Sinne rund-
herum sehen bis zu den Sternen hinauf.
Wenn Sie das zusammennehmen, so können Sie sagen: Es ist
dasselbe Verhältnis zwischen diesem Innengefühl und dem Bewußt-
seinsgefühl im Wahrnehmen der äußeren Welt, wie zwischen Ihrem
Körperbau und Ihrem Schädelbau. Und damit sind wir hingewiesen
auf die Beziehung dessen, was man nennen könnte zunächst: Erden-
wirkung auf den Menschen mit dem Charakter, daß sie im Sinne des
Radius der Erde wirkt, zu demjenigen, was man nennen könnte
Wirkung, die sich äußert in dem Umfange unseres Bewußtseins, die
wir suchen müssen in der Sphäre, in demjenigen, was eigentlich
einem die innere Wandung, die innere Fläche einer Kugelschale ist.
Und für unser normales Tagesbewußtsein ist es dieser Gegensatz,
den wir, wenn wir auslassen dasjenige, was in unserem Bewußtsein
ist von den Beobachtungsergebnissen unserer irdischen Umgebung,
grob angesehen auffassen können als den Gegensatz desjenigen, was
Sternensphäre ist, zum Erdenbewußtsein, zum Als-erden-sich-Erfüh-
len, zum Erdenimpuls, der in uns lebt. Wenn wir diesen Erden-
impuls, den radialen Erdenimpuls ins Verhältnis bringen zu unse-
rem Bewußtsein von der Sphäre, so ist dieser Gegensatz, wenn wir
uns ihn anschauen in unserem gewöhnlichen Tagesbewußtsein, im
wesentlichen etwas, was in uns, eben in unserem Bewußtsein, vor
sich geht. Wir leben in diesem Gegensatz drinnen mehr, als wir ge-
wöhnlich meinen. Es ist eigentlich immer dieser Gegensatz da, in
dem wir drinnen leben. Und wir können eigentlich nicht anders stu-
dieren das Verhältnis der Vorstellung zum Wollen, als indem wir
diesen Gegensatz zwischen der Sphäre und dem Radius betrachten.
Man würde auch in der Psychologie zu realeren Resultaten kommen
über das Verhältnis unserer doch jedenfalls außerordentlich aus-
gedehnten Vorstellungswelt zur einförmigeren Willenswelt, wenn
man diese mannigfaltige, ausgedehntere Vorstellungswelt in ein
ähnliches Verhältnis zur Willenswelt bringen würde, wie man es sich
versinnlichen kann durch das Verhältnis des Flächeninhaltes einer
Sphäre zu dem entsprechenden Radius dieser Sphäre.
Was nun so in unserem Tagesbewußtsein wirkt, daß es gewisser-
maßen die Erfüllung unseres Seelenlebens ist, betrachten wir das
doch jetzt einmal dann, wenn wir in einer anderen Lage sind als in
der, in der wir dieses Tagesbewußtsein ausbilden. Betrachten wir
dasjenige, was so auf uns wirkt, einmal in derjenigen Zeit, in der
wir unser Embryonalleben durchmachen, und wir können uns gut
vorstellen, müssen es sogar, daß da ja derselbe Gegensatz wirkt,
nur sich in einer anderen Weise auslebt. Da tragen wir nicht der
Welt entgegen dieselbe Aktivität, die dann abschwächt diesen gan-
zen Gegensatz zu einem Bildgegensatz, sondern da ist dieser Gegen-
satz auf unsere formbare Organisation in einer realeren Weise wirk-
sam, als er als Bildgegensatz wirksam ist, wenn wir ihn in unserem
Seelenleben haben. Projizieren wir zeitlich zurück die Bewußtseins-
wirkungen auf das Embryonalleben, dann haben wir im Embryonal-
leben, man kann sagen, um einen Grad intensiver, realer dasjenige,
was wir sonst in den Bewußtseinswirkungen haben. Und so, wie wir
deutlich sehen die Beziehungen von Sphäre zu Radius in unserem
Bewußtsein, müssen wir auch suchen, wenn wir überhaupt irgend-
wie zu einem Resultat kommen wollen, diesen Gegensatz von Him-
melssphäre und Erdenwirkung in demjenigen, was in der Embryo-
nalwirkung vor sich geht. Wir müssen, mit anderen Worten, die
Genesis des menschlichen Embryonallebens suchen dadurch, daß
wir eine Resultierende bilden zwischen demjenigen, was außen in
den Sternen vorgeht als Sphärenwirkung und demjenigen, was im
Menschen vorgeht infolge der radialen Erdenwirkung.
Wir müssen mit derselben methodologischen Notwendigkeit das
ins Auge fassen, was ich jetzt gesagt habe, wie wir bei der Magnet-
nadel den Erdmagnetismus ins Auge fassen. Gewiß, es mag viel
Hypothetisches dabei sein, das will ich jetzt nicht in Anschlag brin-
gen, ich will nur darauf hinweisen, daß wir kein Recht dazu haben,
bloß den Embryo zu betrachten und seine Vorgänge aus ihm selbst zu
erklären. Wie wir kein Recht haben, die Vorgänge der Magnetnadel
aus ihr selbst zu erklären, so haben wir kein Recht, die Formung des
Embryos aus ihm selbst zu erklären, sondern wir müssen ihn er-
klären, indem wir die beiden charakterisierten Gegensätze ins Auge
fassen. Wie wir bei der Magnetnadel den Erdmagnetismus ins Auge
fassen, so müssen wir den Gegensatz ins Auge fassen Sphäre - Ra-
dialwirkung, um dasjenige, was sich formt im Embryo, zu erklären,
was sich dann, wenn der Embryo geboren ist, eben ins Bildhafte des
Bewußtseinserlebens abschwächt. Sie sehen also, es handelt sich
eben darum, daß wir die Beziehung betrachten, welche im Men-
schen so besteht zwischen Röhrenknochen und Kopfknochen, auch
zwischen den anderen Systemen, dem Muskelsystem, dem Nerven-
system und so weiter, und daß, wenn wir diesen Gegensatz be-
trachten, wir hinausgeführt werden in das kosmische Leben. Und
wenn Sie ins Auge fassen, in welch enger Beziehung zu dem, was ich
angedeutet habe als den Inhalt des Stoffwechselsystems des Men-
schen in meinem Buche «Von Seelenrätseln», dasjenige steht, was
ich jetzt charakterisiert habe als unter dem Einfluß der Radialität
stehend, und in welch enger Beziehung dasjenige steht, was das
Kopfsystem ist, zu dem, was ich jetzt charakterisiert habe als unter
dem Einfluß der Sphäre stehend, so werden Sie sich sagen: Wir
haben im Menschen zu unterscheiden dasjenige, was Bedingungen
seines Sinneswesens sind und dasjenige, was Bedingungen seines
Stoffwechsellebens sind, und diese beiden verhalten sich zueinander
wie Himmelssphäre und Erdenradius.
Wir haben also in all dem, was wir in unserer Hauptesorganisa-
tion tragen, das Ergebnis der Himmelswirkung zu suchen, und wir
haben, zu einer Resultierenden damit sich vereinigend, zu suchen in
den Wirkungen in unserem Stoffwechsel dasjenige, was zur Erde ge-
hört, was nach dem Erdenmittelpunkt gewissermaßen tendiert. Die-
se zwei Wirkungsgebiete, sie treten auseinander im Menschen, sie
konstituieren gewissermaßen zwei Einseitigkeiten, und es ist die Ver-
mittelung das mittlere Gebiet, das rhythmische Glied, so daß wir im
rhythmischen Glied in der Tat etwas haben, was uns eine Wechsel-
wirkung des Irdischen und des Himmlischen, wenn ich mich das
Ausdrucks bedienen darf, darstellt.
Wenn wir nun weiterkommen wollen, so müssen wir einige an-
dere Verhältnisse, die sich in der Wirklichkeit uns offenbaren, noch
ins Auge fassen. Ich mache auf etwas aufmerksam, was sehr innig
mit dem zusammenhängt, das ich eben jetzt charakterisiert habe.
Sehen Sie, wir haben ja gewöhnlich die Gliederung der uns um-
gebenden Außenwelt, zu der wir selbst als physischer Mensch ge-
hören, so, daß wir einteilen in Mineralreich, Pflanzenreich, Tier-
reich, und daß wir dann den Menschen als die höchste Spitze dieser
Außenwelt, dieser Reiche der Natur, ansehen. Nun, wenn wir aber
uns eine Vorstellung machen wollen, wie eigentlich dasjenige näher
beschaffen ist, was wir jetzt zugeordnet haben in bezug auf die Wir-
kungen den himmlischen Erscheinungen, so müssen wir noch auf et-
was anderes schauen.
Es ist ja nicht zu leugnen, denn es ist eigentlich für jeden klar,
der die Sache unbefangen beobachtet, daß wir mit unserer mensch-
lichen Organisation, so wie wir jetzt, in der jetzigen Phase unserer
Weltentwickelung sind als Menschheit, angepaßt sind mit Bezug auf
unser Erkenntnisvermögen lediglich an das Mineralreich. Nehmen
Sie diejenige Art von Gesetzmäßigkeit, die wir aufsuchen in der Na-
tur, dann kommen Sie dazu, sich zu sagen: Für dasjenige, was uns
umgibt, sind wir durchaus nicht nach allen Seiten angepaßt. Wir
verstehen eigentlich, trocken gesagt, nur das mineralische Reich.
Deshalb bemühen sich die Leute so stark, auch die anderen Reiche
zurückzuführen auf die Gesetze des mineralischen Reiches. Und
schließlich ist ja aus diesem Grunde die Verwirrung in bezug auf
Mechanismus und Vitalismus entstanden. Entweder bleibt der Vita-
lismus, wie er in älteren Zeiten war, für die gewöhnliche Anschau-
ung, die einmal die heutige ist, eine vage Hypothese, oder aber man
löst dasjenige, was im Vitalismus zutage tritt, in mechanische, mine-
ralische Wirkungen auf. In dem Ideal, einmal das Leben zu ver-
stehen, liegt ja durchaus nicht die Anerkennung, daß man das
Leben als Leben verstehen will, sondern es liegt das Bestreben zu-
grunde, das Leben auf Mineralisches zurückzuführen. Gerade auch
darin drückt sich das unbestimmte Bewußtsein aus, daß der Mensch
eigentlich angepaßt ist in bezug aufsein Erkenntnisvermögen nur an
das Mineralreich, nicht an das Pflanzenreich, nicht an das Tierreich.
Wenn wir nun verfolgen auf der einen Seite das Mineralreich, auf
der anderen Seite sein Gegenbild, unsere Erkenntnis des Mineral-
reiches, dann werden wir, indem sich diese beiden entsprechen,
nach den eben vorausgegangenen Auseinandersetzungen genötigt
sein, weil wir unsere Erkenntnis beziehen müssen auf die Himmels-
sphäre, auch dasjenige in irgendeiner Weise mit der Himmelssphäre
in Zusammenhang zu bringen, an das diese Erkenntnissphäre ange-
paßt ist, nämlich das Mineralreich. Wir sagen uns: Wir sind gewis-
sermaßen mit Bezug auf unsere Hauptesorganisation aus der Him-
melssphäre heraus organisiert. Es muß also auch herausorganisiert
sein aus der Himmelssphäre in irgendeiner Weise dasjenige, was den
Kräften des Mineralreiches zugrunde liegt. Und vergleichen Sie das-
jenige, was Sie haben in Ihrer Erkenntnissphäre als den ganzen Um-
fang Ihrer Erkenntnis vom Mineralreich, mit demjenigen, was drau-
ßen im Mineralreich ist, so werden Sie sich sagen: Zu dem, was
in Ihnen ist, verhält sich das, was draußen im Mineralreich ist, wie
Bild zu Realität.
Aber wir haben doch nötig, diese Beziehung uns konkreter vor-
zustellen als zwischen Bild und Realität, und da nehmen wir zu
Hilfe dasjenige, was wir eben ausgesprochen haben. Wir werden
hingewiesen auf dasjenige, was unserem Stoffwechselsystem zugrun-
de Hegt, und auf die Wirkungskräfte, die drinnen sind, die mit dem
Erdenwirken zusammenhängen, mit der Radialität, mit dem Radius
auch. Wir werden also, indem wir uns umsehen nach dem, was in
uns selber der Gegensatz ist gegenüber derjenigen Organisation, die
uns unsere Erkenntnis bringt, von der Sphäre in die Erde verwiesen.
Die Radien gehen alle nach dem Erdmittelpunkt. Da haben wir das-
jenige in dem Radialen, was wir erfühlen, wodurch wir uns real füh-
len. Da haben wir nicht dasjenige, was uns in den Bildwirkungen er-
füllt, wo wir bloß bewußt sind, sondern da haben wir dasjenige, was
in unserem Erleben uns selbst als eine Realität erscheinen läßt. Wir
kommen immer, wenn wir diesen Gegensatz wirklich erleben, in das
hinein, was uns das Mineralreich darstellt. Wir werden gewisser-
maßen von dem, was nur organisiert ist für das Bild, zu dem ge-
führt, was organisiert ist für die Realität. Das heißt mit anderen
Worten: Wir werden geführt in bezug auf dasjenige, was als Ur-
sache zugrunde liegt für unsere Erkenntnis, auf den ganzen Umfang
der Sphäre, die wir zunächst also als Sphäre auffassen; und wir wer-
den auf der anderen Seite gewiesen, indem wir da alle diejenigen
Radien, die von der Sphäre ausgehen, verfolgen, wie sie nach dem
Mittelpunkt der Erde hingehen, wir werden gewiesen nach dem
Mittelpunkt der Erde als dem polarischen Gegensatz.
Wenn wir uns das im einzelnen, im speziellen denken, so könn-
ten wir geradezu so denken, wie das ptolemäische Weltensystem ge-
dacht hat: da draußen die blaue Sphäre, hier (auf der Sphäre) einen
Punkt (Fig. 5). Dazu müßten wir uns in einem gewissen Sinne einen
Fig. 5 Fig. 6
Gegenpunkt im Mittelpunkt der Erde denken. So einfach gedacht,
würde für jeden Punkt ein Gegenpunkt im Mittelpunkt der Erde
sein. Aber Sie wissen ja - ich werde darauf noch näher zu sprechen
kommen; das kommt für uns jetzt nicht in Frage, inwieweit die Din-
ge genau der Realität entsprechen -, wir haben es nicht so aufzu-
fassen, sondern wir haben zum Beispiel hier die Sterne (Fig. 6,
äußere Punkte a, b, c). Wenn wir uns die Sphäre selbst im Mittel-
punkt der Erde konzentriert denken müssen, so müssen wir uns na-
türlich die Gegenpole so konstruieren, daß wir sagen: Der Gegenpol
dieses Sternes ist hier, der Gegenpol dieses Sternes ist da und so
weiter. Wir kommen dadurch zu einem vollständigen Gegenbild
desjenigen, was draußen ist, im Erdinnern selber.
Wir kommen gewissermaßen nun, wenn wir das für irgendeinen
Planeten auffassen, zum Jupiter und zu einem Gegenjupiter im
Innern der Erde. Wir kommen zu etwas, was vom Innern der Erde
nach außen so wirkt, wie der Jupiter draußen wirkt. Wir kommen zu
einer Spiegelung - in Wirklichkeit ist die Sache umgekehrt, aber ich
will jetzt so sagen -, zu einer Spiegelung desjenigen, was draußen
ist, im Innern der Erde. Und wenn wir uns nun die Wirksamkeit
denken dieser Spiegelung in den Gestalten unserer Mineralien, dann
müssen wir uns denken die Wirksamkeit desjenigen, was in der
Sphäre draußen wirkt, in der Gestaltung unseres Erkenntnisvermö-
gens für das Mineralische. Mit anderen Worten: Wir können uns
denken die ganze Himmelssphäre in der Erde gespiegelt; wir können
uns denken das Mineralreich der Erde als ein Ergebnis dieser Spiege-
lung, und wir können uns denken, daß dasjenige, was in uns lebt
zur Auffassung dieses Mineralreiches, von dem, was draußen im
Räume uns umgibt, herrührt. Und die Realien, die wir begreifen da-
durch, die rühren vom Innern der Erde her.
Sie brauchen diese Vorstellung nur zu verfolgen und brauchen
dann bloß einen Blick auf den Menschen zu werfen, auf das mensch-
liche Antlitz, und Sie werden, wenn Sie sich dieses menschliche Ant-
litz anschauen, kaum gar so stark zweifeln können, daß da irgend
etwas von einem Abdruck der äußeren Himmelssphäre in diesem
menschlichen Antlitz enthalten ist, und daß da in dem, was als Bild-
Erleben der Himmelssphäre präsent ist in der Seele, eben wiederum
dasjenige zutage tritt, was, nachdem die Kräfte intensiver gewirkt
haben während des Embryonallebens, aus dem Gebiete der körper-
lichen Wirksamkeit gewissermaßen herauforganisiert wird in das Ge-
biet der seelischen Wirksamkeit. Und so bekommen wir zunächst
einen Zusammenhang zwischen demjenigen, was draußen in der Re-
alität ist und unserer Organisation für diese äußere Realität. Wir
sagen uns gewissermaßen: Dasjenige, was in der äußeren Realität
draußen ist, das produziert der Kosmos, und unser Erkenntnisver-
mögen für diese Realität wird dadurch physisch organisiert, daß die
Sphäre bloß auf unser Erkenntnisvermögen noch wirkt. Daher haben
wir zu unterscheiden, selbstverständlich auch in der Genesis der
Erde, eine Phase, in der starke Wirkungen so auftreten, daß aus dem
Kosmos heraus konstituiert wird die Erde selbst, und eine spätere
Phase der Erdenentwickelung, wo die Kräfte so wirken, daß konsti-
tuiert wird das Erkenntnisvermögen für diese realen Dinge.
Nur auf diese Weise kommt man wirklich heran an die Welt.
Sie können nun sagen: Ja, das ist eine Erkenntnismethode, die
weniger sicher ist als diejenige, die heute mit dem Mikroskop und
dem Teleskop befolgt wird. Mag sein, daß sie dem Menschen weni-
ger sicher vorkommt, aber wenn die Dinge so beschaffen wären, daß
man eben mit denjenigen Methoden, die heute beliebt sind, nicht
an die Realität herankommen könnte, wenn eben die absolute Not-
wendigkeit vorläge, daß man mit anderen Arten des Erkennens die
Wirklichkeit umfassen muß, dann muß man sich eben bequemen,
diese anderen Arten des Erkennens auszubilden. Damit ist es ja
nicht getan, daß jemand sagt: Solche Gedankengänge, wie sie hier
entwickelt werden, die wolle er nicht mitmachen, weil sie ihm zu
unsicher erschienen. Ja, aber wenn nur dieser Grad eben der Sicher-
heit möglich wäre! Sie werden jedoch sehen, wenn Sie wirklich die-
sen Gedankengang verfolgen, daß dieser Grad von Sicherheit eben
in derselben Weise intensiv ist, wie dasjenige, was lebt in Ihrer Auf-
fassung eines äußeren realen Dreiecks, wenn Sie es mit der inneren
Konstruktion des Dreiecks umfassen. Es ist schon dasselbe Prinzip,
dieselbe Art und Weise der Erfassung der äußeren Wirklichkeit in
dem einen wie in dem anderen wirksam. Das ist dasjenige, was ins
Auge gefaßt werden muß.
Nun fragt es sich allerdings: Wenn wir diese Gedanken nehmen,
wie ich sie jetzt entwickelt habe, dann kann man in einer gewissen
allgemeinen Weise solche Zusammenhänge sich vergegenwärtigen,
aber wie kommen wir dann dazu, vielleicht noch in einer bestimm-
teren Art diese Dinge aufzufassen? Denn erst in einer bestimmteren
Art können sie uns dazu dienen, daß wir von uns aus das Gebiet
der Wirklichkeit begreifen. Und um das hier verfolgen zu können,
muß ich noch auf etwas anderes aufmerksam machen. Gehen wir
noch einmal zurück auf dasjenige, was ich gestern zum Beispiel
gesagt habe mit Bezug auf die Cassinische Kurve (siehe Fig. 3-7,
S. 166ff.). Wir wissen, daß die Cassinische Kurve drei, sogar, wenn wir
wollen, vier Formen hat. Es beruht, wie Sie wissen, die Cassinische
Kurve darauf, daß, wenn ich den Abstand von A zu B mit 2a be-
nenne, irgendein Punkt M so liegt, daß AM • MB = b1, also kon-
stant ist. Ich bekomme die verschiedenen Formen der Cassinischen
Kurve heraus, je nachdem a, also die halbe Entfernung der beiden
Brennpunkte, größer ist als b oder gleich oder kleiner. Ich bekomme
die Lemniskate, wenn a gleich b ist, und ich bekomme die diskonti-
nuierliche Kurve, wenn a größer ist als b.
Nun denken Sie sich, ich würde nicht bloß diese geometrische
Aufgabe lösen wollen, unter der Voraussetzung von zwei konstanten
Größen a und b durch die entsprechenden Gleichungen die Ent-
fernung von M z u A und B zu bestimmen, sondern ich würde noch
etwas anderes machen. Ich würde die Aufgabe lösen, aus einer
Linienform in die andere in der Fläche überzugehen, indem ich die-
jenigen Größen, die für eine besondere Linie konstant bleiben, als
veränderliche Größen behandle. Nicht wahr, ich habe hier nur
Einzelfälle ins Auge gefaßt, einmal wenn a größer ist als b, dann
wenn a kleiner ist als b. Zwischen diesen Einzelfällen sind unzäh-
lige andere möglich. Ich kann, wenn ich unzählige mache, dazu
übergehen, ganz kontinuierlich verschiedene Formen der Cassini-
schen Kurve zu konstruieren. Ich werde diese verschiedenen For-
men dann bekommen, wenn ich, sagen wir, der Variabilität der er-
sten Ordnung, die ich jetzt zwischen y und x hingestellt habe, eine
Variabilität der zweiten Ordnung zufüge; wenn ich meine Kon-
struktion der kontinuierlich ineinander übergehenden Linien in der
Fläche so verlaufen lasse, daß ich a eine Funktion von b sein lasse.
Also, was mache ich dann? Ich konstruiere dann so, daß ich ein
System, aber ein kontinuierliches, fortlaufendes System von Cassini-
schen Kurven, in die Lemniskate übergehend, in das Diskontinuier-
liche übergehend, konstruiere, aber nicht beliebig, sondern so, daß
ich zugrunde lege eine Variabilität der zweiten Ordnung, indem
ich die Konstanten für die eine Kurve erst selber in den Zusammen-
hang einer Gleichung bringe, so daß a eine Funktion von b ist,
a = (p (b). Es ist durchaus eine mathematisch vollziehbare Sache,
selbstverständlich. Was aber bekommen wir dadurch? Denken Sie,
dadurch bekomme ich das Gesetz für den Inhalt einer Fläche, die in
sich selber aber in all ihren Punkten schon in der mathematischen
Auffassung qualitativ verschieden ist. An jedem Punkte ist eine an-
dere Qualität vorhanden. Ich kann die Fläche, die ich dadurch
herausbekomme, nicht so auffassen, wie eine abstrakte euklidische
Ebene etwa, sondern wie eine in sich differenzierte Fläche. Und
wenn ich daraus durch Rotieren Körper bilde, so würde ich bekom-
men in sich differenzierte Körper.
Wenn Sie dasjenige bedenken, was ich gestern gesagt habe, daß
die Cassinische Kurve zu gleicher Zeit die Kurve noch anzeigt, in
der sich ein Punkt bewegen muß im Räume, damit er, wenn er von
Punkt A beleuchtet ist, in Punkt B stets denselben Glanz zeigt
(Fig. 10, S. 175); wenn Sie also bedenken, daß in der Tat von der
Konstanz, die dieser Kurve zugrunde liegt, hier ein Zusammenhang
in der Lichtwirkung hervorgeht, so können Sie sich denken, daß
geradeso, wie hier aus dem Zusammenhang der Konstanten eine
gewisse Lichtwirkung hervorgeht, man sich auch denken kann, daß
ein System von Lichtwirkungen folgt, wenn ich zur Variabilität der
ersten Ordnung eine Variabilität der zweiten Ordnung hinzufüge.
Sie können sich also tatsächlich hier einen Übergang vom Quanti-
tativen ins Qualitative aus der Mathematik heraus selber bilden.
Diese Erwägungen muß man eben anstellen, wenn man, was
doch nicht aufgegeben werden darf, einen Übergang finden will
vom Quantitativen ins Qualitative. Denn man kann jetzt ausgehen
von dem, was man da eigentlich tut, indem man eine Funktion bil-
det innerhalb der Variabilität der zweiten Ordnung in Abhängigkeit
von einer Funktion innerhalb einer Variabilität erster Ordnung - der
Ausdruck hat nichts zu tun mit dem Ausdruck «Ordnung», wie man
ihn sonst vielfach gebraucht; wir verstehen uns ja wohl, da ich die Sa-
che vom Ursprung aus erläutert habe. - Wenn man diesen Zusammen-
hang zwischen dem, was ich da erste und zweite Ordnung genannt
habe, ins Auge faßt, dann wird man nach und nach dazu kommen,
einzusehen, daß unsere Gleichungen anders gebildet werden müs-
sen, je nachdem man ins Auge faßt, was zum Beispiel bei einer
gewöhnlichen Körperoberfläche zwischen der Körperoberfläche und
unserem Auge liegt, und demjenigen, was hinter der Körperober-
fläche liegt. Denn ein ähnliches Verhältnis wie das hier zwischen der
Variabilität der ersten Ordnung und der Variabilität der zweiten
Ordnung besteht zwischen dem, was ich zu berücksichtigen habe
zwischen mir und der Oberfläche eines ganz gewöhnlichen Körpers,
und demjenigen, was hinter der Körperoberfläche liegt. So zum Bei-
spiel, wenn einmal der Versuch gemacht werden muß, die sogenann-
te Reflexion des Lichtstrahles zu durchschauen, die einfach dadurch
beobachtet wird, daß ich eine spiegelnde Fläche habe, also ein Vor-
gang, der sich zunächst abspielt zwischen mir und der Körperober-
fläche. Wenn ich das so durchschaue, daß ich es fasse als einen Zu-
sammenfluß von Gleichungen, die zwischen mir und der Oberfläche
eines Körpers in einer Variabilität erster Ordnung abfließen, und
jetzt in diesem Zusammenhang das, was hinter der Oberfläche
wirkt, damit die Reflexion zustande kommt, als Gleichung der Va-
riabilität der zweiten Ordnung betrachte, dann werde ich ganz an-
dere Formeln herausbekommen, als diejenigen sind, die man gegen-
wärtig nach rein mechanischen Gesetzen durch Weglassung von
Schwingungsphasen und so weiter für die Reflexions- und Bre-
chungsgesetze anwendet.
Dadurch wird man in die Möglichkeit kommen, eine Mathe-
matik zu schaffen, die mit den Realitäten wirklich rechnen kann.
Und das muß im Grunde geschehen, wenn man gerade auf dem Ge-
biet der astronomischen Erscheinungen wiederum zu Erklärungen
kommen will. Denn in bezug auf die äußere Welt haben wir vor uns
dasjenige, was gewissermaßen zwischen der Oberfläche der Erden-
körper und uns sich abspielt. Wenn wir die Himmelserscheinungen
betrachten, irgendeine Venusschleife oder so was, so haben wir vor
uns, wenn wir den gewöhnlichen Tatbestand betrachten, auch et-
was, was zwischen uns und irgend etwas anderem sich abspielt. Nur
haben wir vor uns dasjenige, was sich so verhält, wie sich dasjenige
verhält, was hinter der Sphäre liegt, zu dem, was im Mittelpunkt
liegt. Wir müssen also immer, wenn wir auf Himmelserscheinun-
gen hinsehen, uns klarmachen, daß wir sie nicht bloß nach dem
System der Zentralkräfte betrachten können, sondern daß wir sie be-
trachten müssen nach dem System, welches zu dem System der Zen-
tralkräfte sich so verhält, wie die Kugelsphäre zum Radius sich
verhält.
Also, wollen wir überhaupt zu einer Erklärung der Himmels-
erscheinungen kommen, so müssen wir nicht die Berechnungen so
anstellen, daß wir sie zum Abbild derjenigen Berechnungen ma-
chen, die die Mechanik anwendet, indem sie die Zentralkräfte aus-
bildet, sondern wir müssen sie so machen, daß diese Berechnungen,
das ganze Figurale auch, sich zur Mechanik verhalten wie die Sphäre
zum Radius. Dann wird sich schon ergeben, und darüber wollen wir
das nächste Mal sprechen, daß wir nötig haben erstens die Denk-
weise der Mechanik und der Phoronomie, die es im wesentlichen mit
Zentralkräften zu tun hat, und daß wir zweitens hinzufügen müssen
zu dem ein anderes System, dasjenige System, das es zu tun hat mit
rotierenden Bewegungen, mit scherenden Bewegungen und mit de-
formierenden Bewegungen. Erst dann, wenn wir ebenso berück-
sichtigen das meta-mechanische, das meta-phoronomische System
für die rotierenden, für die scherenden, für die deformierenden
Bewegungen, wie wir heute berücksichtigen das System der Mecha-
nik und der Phoronomie für die Zentralkräfte, für die zentralen Be-
wegungserscheinungen, dann werden wir zu einer Möglichkeit kom-
men, aus demjenigen, was uns empirisch vorliegt, eine Erklärung
der Himmelserscheinungen gewinnen zu können.
ELFTER V O R T R A G
Stuttgart, 11. Januar 1921
Es werden jetzt durch die vorhergehenden Betrachtungen die we-
sentlichsten Vorbedingungen geschaffen sein, um nun einiges von
Himmelserscheinungen und auch von physikalischen Erscheinungen
zu betrachten, natürlich nur von einem gewissen Gesichtspunkte
aus. Wir haben ja den großen, bedeutsamen Gegensatz in der Men-
schennatur charakterisiert zwischen der Organisation des Hauptes
und der Organisation des Stoffwechselsystems, zu dem dann auch die
Gliedmaßen zu rechnen sind. Dabei muß man, wie Sie ja leicht be-
greifen werden, von der tierischen Organisation absehen. Wir haben
gesehen, daß, wenn wir den Menschen hinordnen wollen auf den
Kosmos, wir zuzuordnen haben dasjenige, was Stoffwechselsystem
ist, dem Erdhaften, demjenigen also, was sich zum Menschen ver-
hält in einer Radialrichtung. Wir haben ferner gesehen, daß wir der
Hauptesbildung zuzubeziehen haben alles dasjenige, was der Sphäre
entspricht, was also gewissermaßen seine Wirkungslinien von der
Sphäre nach dem Mittelpunkt der Erde hin so lenkt, wie der Radius
in seinem Verlauf Wirkungslinien, die von ihm ausgehen, nach seiner
Umgebung lenkt (Fig. 4 und 3, S. 188 und 187). Wir haben uns das
veranschaulicht an der Konstruktion der ausgesprochenen Röhren-
knochen und an der Konstruktion des sphärenartigen oder Sphären-
segment-artigen Schädelknochens.
Wenn wir nun diesen Unterschied ins Auge fassen, dann müssen
wir ihn ja zunächst beziehen auf dasjenige, was uns im Zusammen-
hang zwischen Erde und Himmelssphäre erscheint. Sie wissen ja alle,
wie das wissenschaftliche Bewußtsein heute sich unterscheidet von
dem, was der naive Mensch, der etwa gar nicht berührt ist von ir-
gendwelchen Schulerkenntnissen, hält von dem Aussehen der Sphä-
re, von den Bewegungen der Sterne über die Sphäre hin und so
weiter. Und Sie wissen, daß das letztere ja bezeichnet wird als der
«scheinbare Aspekt» unseres Himmelsgewölbes. Sie wissen, daß dem
gegenübertritt dann ein Bild, ein Weltenbild, welches in einer sehr
komplizierten Weise durch Interpretation der scheinbaren Bewe-
gungen und so weiter zustandekommt und das man gewöhnt ist in
der Form, in der es sich aus dem großen Umschwung in den An-
schauungen seit der kopernikanischen Zeit herausgebildet hat, der
Betrachtung der Himmelserscheinungen zugrunde zu legen.
Es ist sich ja wohl heute jeder darüber klar, daß dieses Weltenbild
nicht der absoluten Wirklichkeit entsprechen kann, daß man also
nicht etwa sagen kann, dasjenige, was uns da entgegentritt zum Bei-
spiel als Planetenbewegungen oder als Verhältnis der Sonne zu den
Planeten, sei die wahre Gestalt des dabei Zugrundeliegenden, und
dasjenige, was das Auge sieht, sei eben nur das Scheinbare. Auf die-
sem Standpunkte dürfte wohl heute kaum irgendein Urteilsfähiger
stehen. Aber ein solcher wird doch das Gefühl haben, daß man sich
von einem Scheinbilde, das durch allerlei Illusionsursachen in der
Betrachtung hervorgerufen wird, mehr dem wahren Bilde nähert,
indem man vorschreitet von diesem doch tatsächlich und sachlich
zu beobachtenden Bilde zu dem, was die rechnende, beobachtende
Astronomie daraus interpretierend macht.
Nun handelt es sich darum, ob es wirklich für eine umfassende
Betrachtung der Naturerscheinungen auf diesem Gebiete tunlich ist,
nur diejenige Art von Interpretation zugrunde zu legen zur Ausge-
staltung eines Weltbildes, die gewöhnlich zugrunde gelegt wird. Sie
haben ja schon gesehen, es wird dabei eigentlich nur dasjenige
zugrunde gelegt, was sich gewissermaßen dem Kopfmenschen er-
gibt; was gewissermaßen der Aspekt ist, den sich das Beobachtungs-
vermögen des Menschen, auch das bewaffnete Beobachtungsvermö-
gen des Menschen macht. Aber wir haben auf die Notwendigkeit
hingewiesen, zu einer umfassenderen Interpretation dieses Welt-
bildes zu Hilfe zu nehmen alles dasjenige, was überhaupt vom Men-
schen gewußt werden kann; gewußt werden kann einerseits durch
die Betrachtung seiner Gestalt. Wir haben zu diesem Zwecke hervor-
gehoben, wie man nach einer wahren Metamorphosenlehre diese
Gestalt des Menschen zu betrachten hat. Andererseits haben wir
auch hervorgehoben, daß zu Rate gezogen werden muß die Ent-
wickelung des Menschen und die Entwickelung der Menschheit, und
daß man eigentlich erst dann über gewisse Erscheinungen am Him-
mel eine Aufklärung erwarten kann, wenn man eben so weit geht in
der Zuhilfenahme desjenigen, was man vom Menschen wissen kann,
zur Interpretation der Himmelserscheinungen. Indem wir das vor-
aussetzen, was wir in Anlehnung an die menschliche Gestalt und
menschliche Entwickelung gewissermaßen wie eine qualitative Ma-
thematik uns angeeignet haben, wollen wir nunmehr ausgehen von
dem, was sich zunächst der äußeren Betrachtung als sogenanntes
Scheinbild darbietet, und wollen dann versuchen, von diesem
Scheinbilde aus die Frage zu stellen, wie der Weg nun sein könne
zur entsprechenden Wirklichkeit.
Da wollen wir zunächst uns die Frage vorlegen: Was bietet sich
uns nach der Empirie, nach der Beobachtung, also gewissermaßen
nach dem Augenschein - wir können ja nur versuchen, dasjenige,
was der Augenschein darbietet, dann gewissermaßen auszufüllen
mit dem, was die ganze menschliche Organisation nach Morphologie
und Entwickelung darbietet -, was bietet uns zunächst der Augen-
schein, wenn wir diejenigen Sterne betrachten, die man gewöhnlich
Fixsterne nennt? Ich wiederhole wohl jetzt für die meisten gut Be-
kanntes, aber wir müssen uns dieses gut Bekannte vergegenwärtigen,
weil wir nur dadurch, daß wir die entsprechenden Beobachtungs-
resultate zusammenhalten, dann zu Begriffen fortschreiten können.
Was bietet uns die Bewegung der sogenannten Fixsterne? Da
müssen wir natürlich längere Zeiträume zu Hilfe nehmen, denn in
kurzen Zeiträumen ist es ja so, daß der Fixsternhimmel im wesent-
lichen Jahr für Jahr dasselbe Bild darbietet. Erst dann, wenn längere
Zeiträume ins Auge gefaßt werden, stellt sich heraus, daß allerdings
über diese längeren Zeiträume hin der Fixsternhimmel keineswegs
dieses gleichmäßige Bild darbietet, daß er in seiner ganzen Konfigu-
ration sich verändert. Nun, wir wollen uns nur von einem Punkte
ausgehend etwa diese Veränderung vor Augen stellen, denn dasjeni-
ge, was ein Gebiet darbietet, bieten ja in dieser Beziehung auch die
anderen Gebiete dar. Nehmen Sie einmal diese Sternzusammen-
häufung, die Sie gut kennen, den «Großen Bären» oder den «Wagen»
am nördlichen Himmel. Diese Sternzusammenhäufung, sie sieht
heute so aus (Fig. 1). Wenn Sie sich bekanntmachen mit den Be-
obachtungen, welche die kleinen Verschiebungen der sogenannten
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TT 1 ^ ®
Flg. 1
Fixsterne liefern, die aber durchaus auch übereinstimmen mit dem-
jenigen, was Sternkarten, die den älteren Zeiten angehören, dar-
bieten, obwohl sie nicht immer ganz verläßlich sind, und wenn
Sie durch Summierung dieser kleinen Verschiebungen diese Stern-
zusammenhäufung für einen sehr weit zurückliegenden Zeitraum
errechnen, so sieht sie so aus (Fig. 2), Sie sehen, die einzelnen soge-
nannten Fixsterne haben sich wesentlich verschoben; das ganze
Sternbild hat, wenn man es ausrechnet nach den kleinen Verschie-
bungen für einen Zeitraum, der etwa 50 000 Jahre hinter unsere Zeit
zurückrückt, so ausgesehen.
o
0
* §
Fig. 2 Fig. 3
Wenn wir die Verschiebungen, die wir konstatieren können, wei-
ter summieren für die Folgezeit, wenn wir also voraussetzen, was ja
durchaus eine zuverlässige Annahme ist, daß die Verschiebungen
in demselben Sinn, oder wenigstens annähernd demselben Sinn,
sich weiter vollziehen, dann wird in weiteren 50000 Jahren das
Sternbild etwa so aussehen (Fig. 3). Und geradeso wie dieses Stern-
bild, das wir nur als ein Beispiel vor uns hinstellen wollen, sich so im
Lauf der Jahre verändert, so verändern sich auch die anderen Stern-
bilder. Wenn wir uns in seiner heutigen Gestalt den Tierkreis auf-
zeichnen, so müssen wir durchaus uns klar sein, daß dieses ganze
figurale Gebilde des Tierkreises, insofern wir rechnend interpre-
tieren und die Zeit überhaupt in unsere Rechnung einbeziehen,
eigentlich im Laufe der Zeit ein anderes Aussehen annimmt. Wir
sehen also, wir haben die Sphäre so zu betrachten, daß sie sich
gewissermaßen innerlich verändert, daß sie fortwährend, wenn auch
dieses «fortwährend» natürlich in kleinen Zeitabschnitten nicht
beobachtet werden kann, eine andere Konfiguration in bezug auf
den Aspekt des Sternhimmels, der sich uns in den Fixsternen dar-
bietet, zeigt. Die Beobachtungen können hier selbstverständlich zu-
nächst nicht sehr weitgehend sein in bezug auf dasjenige, was wir
für ihre Interpretation tun können, obwohl, wie einige von Ihnen
wissen werden, gerade neuere physikalische Versuchsanordnungen
gemacht worden sind, die es ermöglichen, auch die Bewegungen des
Sternes, die in der Visierlinie liegen, also Bewegungen von uns weg
und zu uns hin, zu konstatieren. Es bleibt aber doch eine große
Schwierigkeit selbstverständlich immer übrig, dasjenige, was da
eigentlich als der fortwährende Aspekt des Sternenhimmels sich dar-
bietet, zu interpretieren. Es wird sich allerdings im weiteren Verlauf
unserer Betrachtungen zeigen, inwiefern diese Interpretation irgend-
einen menschlich bedeutungsvollen Wert haben könnte.
Nun, nachdem wir auf diese Weise gesehen haben, welches die
Bewegungen der Fixsterne sind, wollen wir einmal nach der Bewe-
gung der planetarischen Sterne fragen. Diese Bewegung der planeta-
rischen Sterne, so wie sie sich uns darbietet, die zeigt allerdings
einige Komplikationen. Die beobachtbare Bewegung ist so, daß
man den Planeten, wenn man seine Bahn, soweit sie sichtbar ist, ver-
folgt, in einer Kurve sich bewegen sieht, die aber eine merkwürdige
Gestalt annimmt, für die einzelnen Planeten verschieden und auch
bei ein und demselben Planeten nacheinander verschieden, und die
zunächst dasjenige ist, an das wir uns zu halten haben. Nehmen
wir zum Beispiel den Planeten Merkur. Er zeigt uns gerade dann,
wenn er am meisten in unserer Nähe ist, eine merkwürdige Gestal-
tung seiner Bahn. Gewissermaßen kommt er am Himmel in einer
bestimmten Richtung daher. Wir sehen ihn in dieser Weise sich be-
wegen (Fig. 4), wenn wir ihn, da wo er sichtbar ist, täglich studieren.
Dann aber wendet er sich um, bildet eine Schleife, und geht dann
Fig. 4
***** *
wiederum so fort. Diese Schleife bildet er einmal während eines Jah-
res. Das Phänomen ist zu beobachten beim Merkur gewöhnlich im
Beginn des Jahres, und es ist dasjenige, was wir zunächst für die Be-
obachtung eben die Merkurbewegung nennen können. Die übrige
Bahn ist einfach, nur an der einen Stelle zeigt er diese Schleife. -
Wenn wir zur Venus gehen, so zeigt uns diese eine ähnliche Erschei-
nung, nur etwas anders gestaltet. Sie bewegt sich so (Fig. 5), wendet
sich dann um und geht so weiter. Wiederum finden wir nur eine
Fig. 5
einzige Schleife im Laufe des Jahres, und zwar auch wiederum dann,
wenn uns der Planet, wie man eben nach anderen astronomischen Be-
griffen annehmen muß, am nächsten steht. - Wenn wir zum Mars ge-
hen, so hat er auch eine ähnliche Bahn, nur ist sie mehr abgeflacht.
Wir können die Bahn des Mars etwa so zeichnen (Fig. 6). Sie sehen,
die Schleife ist hier mehr zusammengedrückt, aber man hat es auch
Fig. 6 *»%* 11.11 HMUMHIWilWlWW
mit einer Schleife, mit einer Schleifenerscheinung zu tun. Wir fin-
den aber auch seine Bahn, oder die der anderen Planeten, oft so ge-
staltet, daß die Schleife sich förmlich aufgelöst hat; sie ist so abge-
flacht, daß sie sich aufgelöst hat. Es ist also, könnte man sagen, nur
eine schteifen-ä'finficfie Bahn (Fig. 7). - Wenn wir dann absehen von
den ja auch immerhin interessanten kleinen Planeten und betrach-
ten den Jupiter oder den Saturn, so finden wir, daß auch diese bei-
den Planeten dann diese Schleife oder schleifenähnliche Bahn (wie
Mars) ziehen, wenn sie der Erde besonders nahe sind, und nur ein-
mal während des Jahreslaufes. Also, sie bilden im allgemeinen im
Jahre eine einzige Schleife.
jfc»rfWTW*H^»,
Fig. 7
Nun haben wir da also zunächst von Fixsternen gewisse Bewegun-
gen uns vorzuhalten und dann die Bewegungen von Planeten; von
Fixsternen solche Bewegungen, die ganz offenbar Riesenzeiträume
umfassen, wenn wir unsere Zeitvorstellungen zugrunde legen; von
Planeten solche Bewegungen, welche das Jahr oder Teile eines Jahres
umfassen, und welche uns durch eine kurze Zeit eben ganz merk-
würdige Abweichungen von ihrer sonstigen Bahn in Schleifenlinien
zeigen. Die Frage entsteht nun: Was sollen wir aus diesen zwei
Arten von Bewegungen machen? Wie können wir zu einer Interpre-
tation zum Beispiel dieser Schleifenbewegung kommen? Das ist ja in
der Tat die große Frage. Und es kann nur die folgende Erwägung
dazu führen, irgendeine Interpretation dieser Schleifenbewegung zu
finden.
Sehen Sie, bei unserer menschlichen Beobachtung liegt ja das in
durchgreifender Weise vor, daß wir in einer ganz anderen Art uns
verhalten zu demjenigen, was unser eigener Zustand ist, und dem-
jenigen, was nicht unser eigener Zustand ist, was also gewisser-
maßen, abgesehen von uns, außer uns sich abspielt. Sie brauchen
sich ja nur daran zu erinnern, welch gewaltiger Unterschied ist zwi-
schen der Art, wie Sie sich verhalten zu irgendeinem Objekt der
sogenannten Außenwelt und zu einem Objekt in Ihrem eigenen
Innern, das Sie gewissermaßen miterleben. Wenn Sie irgendeinen
Gegenstand vor sich haben, so sehen Sie ihn, beobachten Sie ihn.
Dasjenige, in dem Sie leben, Ihre Leber, Ihr Herz, die Sinnesorgane
selber zunächst, das können Sie nicht beobachten. Dieser Gegensatz
ist aber auch vorhanden, wenn auch nicht in demselben scharfen
Maße, in bezug auf Zustände, in denen wir uns in der Außenwelt
befinden. Wenn wir selber in Bewegung sind, können wir, wenn es
möglich ist, unbewußt zu bleiben über dasjenige, was wir zu dieser
Bewegung unternehmen müssen, von dieser Bewegung selbst nichts
wissen und können dann unsere Eigenbewegung unberücksichtigt
lassen gegenüber äußeren Bewegungen; wir können uns gewisser-
maßen, trotzdem wir bewegt sind, als in Ruhe befindlich ansehen
und nur die äußere Bewegung ins Auge fassen. Das ist ja dasjenige,
was im wesentlichen der Interpretation der Bewegung der Himmels-
erscheinungen zugrunde gelegt worden ist. Sie wissen, es ist gesagt
worden, daß der Mensch ja selbstverständlich, indem er auf einem
Punkt der Erde steht, die Bewegung des betreffenden Punktes auf
dem Parallelkreis im Raum durchaus mitmacht, aber nichts davon
weiß, sondern im Gegenteil dasjenige, was außer ihm geschieht, als
eine entgegengesetzte Bewegung sieht. Und von diesem Prinzip hat
man ja in ausgiebigster Weise Gebrauch gemacht. Nun fragt es sich,
wie dieses Prinzip eventuell sich modifizieren könnte, wenn wir dar-
auf Rücksicht nehmen, daß wir ja in der menschlichen Organisation
eine wirkliche Polarität haben: daß wir organisiert sind als Stoff-
wechselmensch, wenn ich mich des Ausdrucks bedienen darf, im
radialen Sinn, und daß wir orientiert sind als Hauptesmensch im
Sphärensinn. Wenn nun unserer Eigenbewegung das zugrunde lie-
gen würde, daß wir uns in verschiedener Weise verhalten würden in
bezug auf den Radius und in bezug auf die Sphäre, dann würde
das sich irgendwie bemerklich machen müssen in demjenigen, was
uns in der Außenwelt erscheint.
Nun stellen Sie sich einmal vor, daß dieses, was ich jetzt gesagt
habe, irgendeine reale Bedeutung hätte, daß Sie zum Beispiel sich
selber bewegen würden in der folgenden Weise (Fig. 8), so daß Sie
Fig. 8 -•«•»„.- Fig. 9
selber eine Lemniskate beschreiben. Aber nehmen wir zu gleicher
Zeit an, daß Sie die Lemniskate nicht so beschreiben, sondern daß in
einer gewissen Weise durch Variabilität der Konstanten die Lemnis-
kate in der Weise entsteht, daß der untere Ast sich nicht schließt, so
daß die Lemniskate diese Form hat (Fig. 9). Nehmen Sie an, daß also
gewissermaßen eine Lemniskate entsteht, die durch die Variabilität,
die Variation der Konstanten nach der einen Seite hin offen ist,
dann werden Sie in dieser Kurve, die durchaus mathematisch denk-
bar ist, etwas haben, was, wenn Sie es in der richtigen Weise in die
menschliche Gestalt einzeichnen, Sie in diese menschliche Gestalt
durchaus hereinbringen. Nehmen Sie einmal an, das hier wäre die
Erdoberfläche (Fig. 10). Wir würden in irgendeiner Weise im Ver-
hältnis zur Erde dasjenige zu zeichnen haben, was durch die Glied-
maßennatur geht, was in irgendeiner Weise sich wendet, durch die
Kopforganisation geht und wiederum zurückgeht in die Erde. Dann
Fig. 10
könnten Sie in die menschliche Natur, in die menschliche Organisa-
tion eine solche offene Lemniskate einzeichnen, und wir würden sa-
gen können: Es gibt in der menschlichen Organisation eine solche
offene Lemniskate. Nun entsteht aber die Frage, ob es eine reale
Bedeutung hat, von einer solchen offenen Lemniskate in der
menschlichen Natur zu sprechen.
Es hat eine Bedeutung, denn man braucht nur die menschliche
Natur wirklich morphologisch zu studieren, und man wird finden,
daß diese Lemniskate so oder etwas modifiziert in vielfacher Weise
in die menschliche Natur eingeschrieben ist. Man verfolgt nur die
Dinge nicht in wirklich systematischer Weise. Aber ich rate Ihnen,
versuchen Sie einmal - wie gesagt, hier sollen ja zunächst nur An-
regungen gegeben werden, und es sollte durchaus sehr emsig wissen-
schaftlich nach dieser Richtung gearbeitet werden -, versuchen Sie
einmal, Untersuchungen darüber anzustellen, welche Kurve ent-
steht, wenn Sie die mittlere Linie der linken Rippe zeichnen, über
den Anschluß der Rippe hinausgehen in den Rückenwirbel, da sich
drehen und wiederum zurückgehen (Fig. 11). Bringen Sie in An-
schlag, daß der Wirbel eine wesentlich andere innere Struktur auf-
weist als die Rippen, und bringen Sie in Anschlag, daß das bedeutet,
daß bei diesem Beschreiben der Linie Rippe-Wirbel-Rippe, natürlich
nicht nur quantitativ, sondern qualitativ, innere Wachstumsverhält-
nisse in Betracht kommen, dann werden Sie die Morphologie dieses
ganzen Systems verstehen durch die Lemniskate, durch die Schlei-
fenbildung. Sie werden, je mehr Sie hinaufgehen zur Kopforganisa-
tion, notwendig haben, starke Modifikationen dieser Lemniskate
vorzunehmen. Es wird ein gewisser Punkt eintreten, wo Sie genötigt
sind, dasjenige, was ja schon vorbereitet ist in der Bildung des Brust-
beines, das Zusammengehen der beiden Bögen hier (Fig. 11),
Fig. 11
sich eigentlich als verwandelt zu denken, aber Sie bekommen eine
Metamorphose, eine Modifikation dieser Lemniskatenbüdung,
wenn Sie zum Haupte hinaufgehen. Und Sie bekommen, wenn Sie
gewissermaßen studieren die gesamte menschliche Figur in dem
Gegensatz von Sinnes-Nervenorganisation und Stoffwechsel-Orga-
nisation, eine nach unten auseinandergehende und nach oben
sich schließende Lemniskate. Sie bekommen auch Lemniskaten,
nur sind die Lemniskaten eben sehr modifiziert, die eine Hälfte
durch die eine Schleife ist außerordentlich klein, wenn Sie den
Weg verfolgen, der genommen wird von Zentripetalnerven durch
das Zentrum zum Ende der Zentrifugalnerven. Sie bekommen
überall eingeschrieben, wenn Sie die Dinge sachgemäß verfolgen,
gerade in die menschliche Natur in einer gewissen Weise diese
Lemniskate.
Und wenn Sie dann beim Tiere die tierische Organisation im
ausgesprochen horizontalen Rückgrat nehmen, so werden Sie fin-
den, daß diese tierische Organisation sich von der menschlichen Or-
ganisation dadurch unterscheidet, daß diese Lemniskaten, diese
nach unten offenen Lemniskaten oder auch etwas geschlossenen
Lemniskaten, beim Tier wesentlich weniger Modifikationen auf-
weisen als beim Menschen, namentlich aber auch, daß die Ebenen
dieser Lemniskaten beim Tier immer parallel sind, während sie beim
Menschen schiefe Winkel miteinander einschließen.
Hier liegt ein ungeheures Arbeitsfeld, ein Arbeitsfeld, welches
uns daraufhinweist, das morphologische Element immer weiter und
weiter auszubauen. Erst wenn man auf solche Dinge kommt, ver-
steht man diejenigen Menschen, die es ja immer gegeben hat, wie
Moriz Benedikt, den ich ja öfter schon erwähnt habe, der auf vielen
Gebieten schöne Intentionen gehabt hat, ganz schöne Gedanken
gehabt hat. Er bedauerte ungeheuer - Sie können das in seinen
Lebenserinnerungen nachlesen -, daß so wenig die Möglichkeit vor-
handen ist, zu Medizinern von einem mathematischen Gesichts-
punkte aus, mit mathematischen Anschauungen, zu sprechen. Im
Prinzip ist das durchaus berechtigt, nur muß man natürlich die
Sache eigentlich erweitert denken, so daß man zu sagen hat, daß
einem die gewöhnliche Mathematik, welche im wesentlichen die
starren Linienformen zugrunde legt, und darauf aus ist, mit dem
starren euklidischen Raum zu rechnen, einem wenig helfen würde,
wenn man sie anwenden wollte auf die organischen Bildungen.
Allein dann, wenn man sich dadurch hilft, daß man gewissermaßen
in die mathematischen Gebilde, die geometrischen Gebilde selbst
Leben hineinbringt dadurch, daß man dasjenige, was in einer Glei-
chung auftritt als unabhängige Veränderliche und abhängige Ver-
änderliche, wiederum in einer gesetzmäßigen Weise innerlich verän-
derlich denkt, so wie in dem Prinzip, das wir gestern hervorheben
konnten bei der Cassinischen Kurve selber: Variabilität der ersten
Ordnung und Variabilität der zweiten Ordnung; wenn man sich in
dieser Weise hilft, werden ungeheure Möglichkeiten eröffnet. Das
ist im Grund genommen schon angedeutet in den Prinzipien, die
man anwendet, wenn man etwa eine Zykloide oder eine Cardioide
und so weiter beschreibt, wenn man nur auch da nicht mit einer
gewissen Starrheit vorgeht.
Wenn man gewissermaßen dieses Prinzip der innerlichen Beweg-
lichkeit des Beweglichen selbst anwendet auf die Natur und ver-
sucht, dieses Bewegende des Beweglichen in Gleichungen hineinzu-
bringen, so ist es möglich, mathematisch hineinzukommen in das
Organische selber. So daß man wird sagen können - es ist durchaus
eine Möglichkeit, dies so auszusprechen -: Die Voraussetzungen des
starren, in sich unbeweglichen Raumes führen einen zum Begreifen
der unorganischen Natur; wenn man übergeht zu dem in sich be-
weglichen Raum oder auch zu Gleichungen, deren Funktionalität in
sich selber eine Funktion darstellt, dann kann man auch den Über-
gang finden zu der mathematischen Auffassung des Organischen.
Und das ist ja eigentlich der Weg, welcher, der Gestalt nach wenig-
stens, begleiten muß die ja sonst wertlosen, aber dadurch, daß man
sie so begleitet, außerordentlich zukunftsicheren Untersuchungen,
die heute angestellt werden über die Übergangsformen des Un-
organischen in das Organische.
Und nun bitte ich Sie, nehmen Sie diese Tatsache, die Tatsache
des Vorhandenseins der Schleifentendenz im menschlichen Organis-
mus, und vergleichen Sie das mit demjenigen, was da allerdings
zunächst in einer mehr irrationalen Form einem entgegentritt in den
Bewegungsformen der Planeten, dann werden Sie sich sagen kön-
nen: In dem, was man gewöhnlich die scheinbaren Bewegungen der
Planeten nennt, ist in einer ganz merkwürdigen Art an den Himmel
gezeichnet in Bewegungsformen dasjenige, was eine Gestaltform,
eine Grund-Gestaltform im menschlichen Organismus ist. Und wir
haben zum mindesten zunächst zuzuordnen die Grund-Gestaltform
im menschlichen Organismus diesen Erscheinungen am Himmel.
Wir werden jetzt uns sagen können: Wenn wir die Schleife betrach-
ten, so ist es ja so, daß diese Schleife sich immer dann zeigt, wenn
der Planet in Erdnähe ist. Jedenfalls zeigt diese Schleife sich, wenn
wir selbst in bezug auf unsere Stellung auf der Erde in einem beson-
deren Verhältnis sind zu dem Planeten. Wenn wir einfach die Stel-
lung der Erde im Jahreslauf der Erde und unsere eigene Stellung auf
der Erde in Erwägung ziehen, dann finden wir - natürlich muß dann
das zurückbezogen werden auf unser Bildungsleben, das Embryonal-
leben, das ist ja selbstverständlich -, wie wir abwechseln zwischen
einer Lage, in der wir uns so zum Planeten befinden, daß wir unser
Haupt seiner Schleife zuwenden, und einer Lage, in der wir wieder-
um aus der Schleife herausgehen und das Haupt zuletzt von der
Schleife abwenden. Wir stehen also zum Planeten so, daß wir unsere
Bildung aussetzen einmal seiner Schleife, einmal seiner übrigen
Bahn. Dann können wir zuordnen eben dasjenige, was mehr nach
unserem Haupte zu gelegen ist, der Schleife, dasjenige, was mehr
unserem übrigen Organismus zugehört, dem, was als Bahn außer-
halb der Schleife liegt.
Und nehmen Sie jetzt zu diesem dazu das, was ich sagte. Ich
sagte Ihnen in bezug auf das morphologische Verhältnis des Röhren-
knochens zum Schädelknochen: Versuchen Sie, wie Sie dieses mor-
phologische Verhältnis zeichnen müssen. Sie müssen es so zeichnen,
daß Sie hier den Radius haben durch den Röhrenknochen, und Sie
müssen dann, indem Sie zum Schädelknochen übergehen, diese
Wendung machen (Fig. 12). Projizieren Sie diese Wendung im Zu-
Fig. 12
sammenhang mit der Erdenbewegung auf den Himmel hinaus, so
bekommen Sie ja eben eine Schleife und die übrige Bahn des Pla-
neten. Wir können also nicht anders, wenn wir einen Sinn haben für
eine morphologische Betrachtungsweise im höheren Sinne, wir kön-
nen nicht anders, als die menschliche Gestalt dem Planetensystem
zuzuteilen.
Und gehen wir jetzt an die Bewegung der Fixsterne heran. Diese
Bewegungen der Fixsterne, die werden natürlich für die einzelnen
menschlichen Bewegungen wenig in Betracht kommen, aber wenn
Sie die Entwickelung der Menschheit auf der Erde betrachten und
alles dasjenige ins Auge fassen, was wir in diesen Tagen hier gesagt
haben von der Beziehung der Sphäre zu der menschlichen Hauptes-
bildung, dann werden Sie nicht anders können, als die Metamor-
phose des Himmelsaspektes in irgendeinen Zusammenhang zu brin-
gen mit der Metamorphose der Menschheitsentwickelung in geistig-
seelischer Beziehung. Da wölbt sich die Sphäre über uns, breitet nur
denjenigen Teil der Bewegungen aus, der hier bei den Planeten der
Schleife entspricht, zunächst sogar nur einem Teil der Schleife ent-
spricht (Fig. 13, gestrichelt). Es ist also aus den Bewegungen der Fix-
sterne das weggelassen, was die übrige Bahn ist. Wir sehen da diesen
Fig.13
gewaltigen Unterschied: Die Planeten müssen irgendwie zusammen-
hängen mit unserem ganzen Menschen, die Fixsterne nur mit unse-
rer Hauptesbildung. Und jetzt eröffnet sich uns in einer gewissen
Weise ein Ausblick, wie wir die Schleife zu deuten haben:
Wir sind ja als Menschen gewissermaßen zusammen mit der Erde.
Wir befinden uns an irgendeinem Punkte der Erde. Wir bewegen
uns mit der Erde. Dasjenige, was sich uns nun als Projektion am
Himmelsgewölbe zeigt, das müssen wir zurückführen auf diejenigen
Bewegungen, die wir mit der Erde selber ausführen. Denn indem
wir mit der Erde selber Bewegungen ausführen, wiederum zurück-
projiziert auf unser Embryonalleben, unsere Embryonalzeit, entsteht
dasjenige, was in uns ist, was ja durch die Bewegungskräfte sich bil-
det. Und indem wir ja immer hier nach unten die Schleife eigentlich
offen sehen - sie schließt sich dann ja auch nicht für den unmittel-
baren Aspekt, wir würden sogar, wenn wir dieses betrachten, nicht
einmal eine geschlossene Bahn bekommen, die bekommen wir erst,
wenn wir den ganzen Umlauf beobachten - so haben wir die Notwen-
digkeit, in den Bewegungen, die wir da eben in ihren Scheinbildern
sehen, wenn wir uns der Schleife nähern, dasjenige zu sehen, was
wir selber als kosmische Bewegungen ausführen im Jahreslauf. Ich
sage Ihnen das, ich möchte sagen, so schnell. Sie müssen sich das in
allen Einzelheiten überlegen, was ich ausgesprochen habe, und
müssen versuchen, die Dinge zusammenzuhalten. Je minuziöser
und je genauer Sie sie zusammenhalten, desto mehr werden Sie
finden, daß sich Ihnen das ergibt, daß Sie in den planetarischen
Bewegungen zunächst Abbilder haben - wir werden sehen, wie sich
dann die einzelnen planetarischen Bewegungen zusammenfügen -,
Abbilder derjenigen Bewegungen, die Sie mit der Erde zusammen
im Jahreslauf ausführen. Wir dürfen also, wenn wir in dieser Weise
den totalen Menschen zusammenfassen, seine Projektion zum Kos-
mos ins Auge fassen, und dürfen als die Form der Bewegung der
Erde im Jahreslauf dann die Schleifenlinie oder Lemniskate ansehen.
Wir müssen das natürlich in den nächsten Tagen genauer studieren,
aber wir sind zunächst dahin geführt, die Bahn der Erde selber, ganz
abgesehen von irgendwelchen Beziehungen jetzt zur Sonne oder zu
etwas anderem, aufzufassen als eine Schleifenlinie, und dasjenige,
was sich uns in den Planetenbahnen mit ihren Schleifen projiziert,
haben wir aufzufassen eben als die Projektion der Erdenschleifen-
bahn durch die Planeten hinaus in das Himmelsgewölbe, wenn man
einen komplizierten Tatbestand so einfach ausdrücken darf. Und
den Grund, warum wir da, wo sich der Planet der Schleife nähert,
die übrige Bahn dann offen lassen müssen in einem verhältnismäßig
kürzeren Zeitraum, den müssen wir darin sehen, daß wir ja unter
gewissen Bedingungen eine geschlossene Kurve in der Projektion als
eine offene erhalten können. Wenn Sie zum Beispiel aus einem
biegsamen Stabe eine Lemniskate bilden würden, so können Sie
durchaus eine solche Anordnung machen, daß Ihnen ein irgendwie
geworfener Schatten so erscheint auf einer Ebene, daß Sie den un-
teren Teil nicht geschlossen, sondern auseinandergehend bekom-
men und den oberen Teil geschlossen, so daß also das Ganze ähnlich
wird der Planetenbahn. Sie können einfach in der Schattenfigur die
Ähnlichkeit mit der Planetenbahn konstruieren.
ZWÖLFTER VORTRAG
Stuttgart, 12. Januar 1921
Heute möchte ich Sie daraufhinweisen, wie sich aus diesen Betrach-
tungen ein ganz bestimmtes Resultat gezeigt hat. Wir haben auf der
einen Seite den Blick gewendet nach den Bewegungen der Himmels-
körper, und wenn wir auch noch nicht diese Dinge konkret betrach-
tet haben - wir werden es noch tun - , so werden wir doch wenigstens
im allgemeinen eine Vorstellung davon bekommen haben, daß wir
es eben zu tun haben mit einer bestimmten Anordnung von sich
bewegenden kosmischen Körpern. Wir haben auf der anderen Seite
unsern Blick gewendet nach der menschlichen Gestaltung. Wir
haben ab und zu auch einen Blick auf die tierische und pflanzliche
Gestaltung geworfen und werden das noch weiter tun, um diese
Dinge zur Unterstützung der Sache heranzuziehen. Aber wir haben
in der Hauptsache den Blick auf die Gestalt des Menschen gerichtet.
Es ist uns dabei aufgegangen, daß diese Gestaltung des Menschen in
einem Zusammenhang steht mit dem, was in der Bewegung der
Himmelskörper sich ausdrückt - wir wollen unsere Satze so vor-
sichtig wie möglich formen.
Ich habe Sie gestern darauf hingewiesen, daß wir, wo wir auch
hinsehen mögen im menschlichen Organismus, überall finden kön-
nen das Gestaltungsprinzip der Schleife, wenn wir absehen davon,
daß die zwei äußersten polarischen Gegensätze die des Radius und
der Sphäre sind. So daß wir also im menschlichen Organismus su-
chen müssen diese drei Gestaltungsprinzipien (Fig. 1): Die Sphäre
mit der Wirkung nach innen zunächst; den Radius; dazwischen die
Schleife, die Lemniskate. Nun werden Sie in der richtigen Weise
diese Gestaltungsprinzipien des menschlichen Organismus beurtei-
len, wenn Sie die Schleifenlinie, die Lemniskate in sich mit variablen
Konstanten denken, wenn ich mich paradox ausdrücken darf; also
wenn wir Variable denken an der Stelle, wo sonst eine Kurve in
ihrer Gleichung Konstanten hat. Wir haben wohl am deutlichsten
ausgesprochen diese Variabilität in demjenigen, was gewissermaßen
das Mittelstück des menschlichen Organismus ist. Wenn wir zusam-
menhalten die ganze Konstruktion von Rippenpaar und Rücken-
wirbel, so haben wir zwar im Rückenwirbel die eine Hälfte der Lem-
niskate in einer gewissen Weise sehr zusammengedrückt, zusam-
"""""•H».
Fig.l
mengedrängt, und die andere Hälfte in dem Rippenpaar ausein-
andergezogen (Fig. 2), aber das soll uns nicht darüber täuschen, daß
doch als Bildungsprinzip dabei diese Lemniskate zugrunde liegt.
Fig. 2 *jr **' Fig. 3
Denn wir haben einfach uns vorzustellen, daß dasjenige, was im Rip-
penpaar, bei den Rippen nämlich, die sich vorne über das Brustbein
zusammenschließen, geweitet ist in bezug auf den Raum, also gewis-
sermaßen durch ein Dünnerwerden der Materie, beim Rückenwirbel
ausgeglichen ist durch das Zusammengedrängtsein der Materie.
Wenn wir aber nun die Gestalt des Menschen von diesem Mittel-
stück gewissermaßen nach oben und nach unten betrachten, dann
finden wir, daß nach oben der Rückenwirbel sich weitet, daß er also
übergeht in eine große Ausweitung (Fig. 3), und daß uns gewisser-
maßen die Äste der Lemniskate entschwinden, daß sie sich gewisser-
maßen verkriechen in die innere Bildung, daß sie unbestimmt wer-
den. Gehen wir von dem Mittelstück hier (Fig. 2) nach unten, be-
trachten wir zum Beispiel den Ansatz der unteren Gliedmaßen im
Becken, dann werden wir finden, daß demjenigen, was da nach un-
ten sich weitet, ein Verkümmern des anderen Teiles der Schleife ent-
spricht. Also, wir haben die in sich bewegliche Schleife zu denken,
beherrschend das Mittelstück des Menschen, wo wir nur die Bil-
dungskräfte uns dann so vorzustellen haben, daß bei der Auswei-
tung eben, gewissermaßen durch das Dünnerwerden der materiellen
Kräfte, die eine Hälfte der Schleife ausgeweitet wird, die andere
in sich zusammengezogen wird. Wir haben uns also vorzustellen,
daß von diesem Mittelstück nach aufwärts der Teil der Schleife, der
zunächst im Wirbel zusammengezogen war, sich weitet und der an-
dere, der nach unten offene Teil der Schleife, uns entschwindet;
Fig. 4
und wir haben den Fall, daß die geschlossene Schleife verkümmert
nach unterhalb des Mittelstücks und daß die nach oben (nach dem
Haupte) entschwindenden Teile der Schleife sich unten fortsetzen,
indem sie gewissermaßen sich angliedern dem Radialen (Fig. 4).
Sie sehen, wenn wir uns hineinfinden in die Möglichkeit, an-
schaulich zu verfolgen die in sich bewegliche Lemniskate, und wenn
wir das Bildungsprinzip dieser in sich beweglichen Lemniskate uns
kombiniert denken mit denjenigen Kräften, die entweder sphäroidal
sind oder in bezug auf die Erdenmitte radial sind, so haben wir da-
mit ein System von Kräften gegeben, das wir zugrunde liegend den-
ken können - Sie brauchen sich bei «Kräften» nicht irgend etwas
Hypothetisches zu denken, sondern lediglich dasjenige, was in der
Formung drinnen sich ausspricht -, das wir aber zugrunde liegend
denken können der ganzen Formung, der ganzen Gestaltung des
menschlichen Organismus.
Nun, dementsprechend finden wir auch draußen im Welten-
raum in den Bewegungen der Himmelskörper eine merkwürdige
Konfiguration dieser Bewegungen. Wir haben gestern gesehen, wie
wir ja gewissermaßen in der Schleifenbildung der Planeten das-
jenige Prinzip außer uns sehen, das in uns als Bildungsprinzip vor-
handen ist. Und wenn wir verfolgen dieses Prinzip der Schleifen-
bildung, so ist ja interessant, daß die Schleife beim Merkur und bei
der Venus auftritt, wenn diese Planeten in unterer Konjunktion
sind, also wenn sie sich zwischen die Erde und die Sonne stellen,
wenn also gewissermaßen dasjenige, was die Sonne für den Men-
schen ist, durch sie verstärkt wird. Wenn wir die Schleifen auf-
suchen für Mars, Jupiter, Saturn, so finden wir, daß diese Schleifen
auftreten in der Oppositionsstellung dieser Planeten. So daß wir also
aus diesem Gegensatz der Konjunktions- und Oppositionsstellung
etwas finden können, was auch entsprechen muß einem gewissen
Gegensatz in den Bildungskräften des Menschen. Wenn wir uns vor-
stellen, daß von Saturn, Jupiter und Mars, weil sie uns ihre Schleifen
in der Oppositionsstellung zeigen, diese Schleifen eine ganz beson-
dere Wirksamkeit entwickeln, als Schleifen ganz besonders tätig
sind, dann werden wir diese Schleifenbildung in Beziehung zu brin-
gen haben zu demjenigen im Menschen, was - bedenken Sie, es ist
die Oppositionsstellung - wenig von der Sonne beeinflußt ist; wäh-
rend wir, weil Venus und Merkur in der Konjunktionsstellung ihre
Schleifenbildung entwickeln, diese Schleifenbildung in eine gewisse
Beziehung bringen müssen zu demjenigen, was gerade von der
Sonne oder durch dasjenige, was der Sonne zugrunde liegt, in den
Bildungsprinzipien des Menschen bewirkt wird. Wir werden gewis-
sermaßen uns vorzustellen haben, daß durch Venus und Merkur ver-
stärkt wird die Sonnenwirkung; daß sich gewissermaßen die Sonnen-
wirkung zurückzieht gegenüber den sogenannten oberen Planeten,
die gerade während ihrer Schleifenbildung ausdrücken irgend etwas,
was in direkter Beziehung zum Menschen steht, nicht in indirekter
Beziehung.
Wenn wir uns das weiter überlegen und uns klar sind darüber,
daß der Gegensatz besteht zwischen Radius und Sphäre, dann brau-
chen wir nur der Form zu gedenken, die da in diesen Bewegungen zum
Ausdruck kommt, und wir werden uns sagen müssen: Verwandt
müssen sein Mars, Jupiter und Saturn, weil ja gerade ihre Sphären
sich entsprechen da, wo sie übergehen in die Schleifenbildung, also
gewissermaßen dann, wenn die Sphärenbildung hinaus sich drängt.
Es müssen Saturn, Jupiter, Mars, von andern Planeten ganz abge-
sehen, ihre Wirkungen äußern auf dasjenige, was beim Menschen
mit der Sphärenbildung in Zusammenhang steht, also auf das
Haupt; dagegen müssen, weil sie wirklich polarische Gegensätze
sind, die Schleifenbewegungen von Venus und Merkur sich äußern
irgendwie in demjenigen, was auch polarisch entgegengesetzt ist im
Menschen der Hauptesbildung, was sich also entparallelisiert der
sphärischen Bildung und parallelisiert der radialen Bildung, also in
demjenigen, was da bei der Verkümmerung des einen Teiles der
Schleife gewissermaßen hineinwächst in die Gliedmaßenentwicke-
lung, in die radiale Entwicklung. Das müssen wir in Zusammen-
hang bringen mit Venus und Merkur. Aber wir werden dann dazu
geführt, uns zu sagen: Bei den oberen Planeten, die in der Opposi-
tionsstellung die Schleife entwickeln, kommt es auf die Schleife an,
auf die Entwickelung ihrer Intensität während der Schleifenbildung;
bei den unteren Planeten, Venus und Merkur, wird es hauptsächlich
darauf ankommen, daß sie wirksam sind durch dasjenige, was nun
nicht die Schleife ist, was gerade der Schleife entgegengesetzt ist,
also durch den übrigen Teil der Bahn. Und Sie brauchen ja nur sich
so eine Schleife zu denken bei der Venus, wenn ich sie jetzt schema-
tisch zeichne (Fig. 5), so werden Sie gut zurechtkommen, wenn Sie
sich bei ihr diesen Teil so denken, daß er immer unwirksamer wird,
Fig. 5
je weiter das nach unten geht, das heißt, daß sich das, was sich
in der Venusbahn schließt, in den Wirkungen nicht mehr schließt,
sondern ins meinetwillen Parabolische übergeht, gerade durch die
Verkümmerung, die in der menschlichen Gliederbildung entspricht
den verkümmerten Rückenwirbeln und dergleichen, was dazuge-
hört. Dieses Verkümmern entspricht gerade der Schleife der Bahn,
die dadurch nicht voll festgehalten wird, die gewissermaßen nur die
Richtung gibt und dann nicht festhalten kann die Richtung. Das-
jenige, was sich schließt in bezug auf die Venusbahn, fällt in der
menschlichen Bildung auseinander. So daß wir sagen müssen: Mit
alle dem, was modifizierend dem menschlichen Gestaltungsprinzip
so zugrunde liegt, daß die Metamorphose herauskommt zwischen
dem Haupt und den Gliedmaßen mit dem ihnen zugeordneten
Stoffwechsel, haben wir das, was im Weltenall dem Gegensatz ent-
spricht zwischen Planeten mit ihren Schleifen in Konjunktions-
stellung und solchen, die sie in Opposition entwickeln. Und zwi-
schen beiden drinnen steht also dann die Sonne.
Daraus aber geht uns etwas ganz Bestimmtes hervor. Es geht uns
daraus hervor, daß wir auch mit Bezug auf diese qualitative Wir-
kung, die wir da konstatieren, in der Sonnenbahn etwas sehen
müssen, was auch der Form nach irgendwie drinnen liegt zwischen
demjenigen, was uns sind die Formen der oberen Planetenbahnen
und die Formen der unteren Planetenbahnen. Und Sie sehen dar-
aus, daß wir zuteilen müssen dasjenige, was sich uns ausspricht in
der Bahnbewegung der Sonne, all demjenigen, was beim Menschen
hineinfällt in die Mitte zwischen der Hauptesbildung und der Stoff-
wechselbildung, daß wir also zuteilen müssen das rhythmische Sy-
stem demjenigen, was irgendwie zusammenhängt mit der Sonnen-
bahn. Daraus werden Sie aber schon sehen, daß wir einen Gegensatz
uns zu denken haben zwischen den Bahnen der oberen Planeten,
den Bahnen der unteren Planeten und wiederum irgend etwas in der
Sonnenbahn, was zwischendrinnen steht. Nun, sowohl mit Bezug
auf die Sonnenbahn wie mit Bezug auf die Mondenbahn liegt ja
etwas sehr Bedeutsames vor. Es liegt vor, daß weder Sonnenbahn
noch Mondenbahn, wenn wir die Bewegungen der entsprechenden
Himmelskörper verfolgen, Schleifenbildung zeigen. Sie haben keine
Schleife. Wir müssen also in einen gewissen Gegensatz bringen das-
jenige, was der Zusammenhang ist von Sonne und Mond mit dem
Menschen, überhaupt mit dem irdischen Wesen, und dasjenige, was
die Planetenbahnen mit ihren Schleifen sind. Die Planetenbahnen
mit ihren Schleifen entsprechen offenbar demjenigen, was im Men-
schen sich wirbelt, Lemniskatenform annimmt.
Wenn wir die menschliche Gestalt einfach ins Auge fassen und
sie in ihrem Verhältnis zur Erde denken, werden wir gar nicht anders
können als dasjenige, was in der menschlichen Gestalt radial ist,
in einen ebensolchen Zusammenhang zu bringen mit der Bahn der
Sonne, wie wir in einen Zusammenhang bringen dasjenige, was
lemniskatisch angeordnet ist, mit der Planetenbahn.
Sie sehen, was herauskommt, wenn man den ganzen Menschen,
nicht bloß das menschliche Erkenntnisorgan, in ein gewisses Verhält-
nis bringt zu dem Sternenhimmel. Da kommt das heraus, daß wir in
der Vertikalachse des Menschen in einer gewissen Weise werden zu
suchen haben dasjenige, was der Sonnenbahn entspricht; daß wir
werden zu suchen haben in alle dem, was lemniskatisch angeordnet
ist, dasjenige, was den Planetenbahnen entspricht, den lemnis-
katischen, allerdings variabel lemniskatischen Planetenbahnen. Dar-
aus wird aber etwas außerordentlich Bedeutsames folgen. Wir wer-
den uns vorzustellen haben, daß der Mensch durch seine Vertikale
in einer Beziehung steht zur Sonnenbahn. Wo haben wir die Mög-
lichkeit, jetzt an die andere Bahn zu denken, die auch nicht eine
Schleife zeigt, an die Mondenbahn? Wir werden natürlich - Sie
brauchen ja nur unbefangen die Bildungen auf der Erde anzu-
schauen - in dem, worauf wir schon gewiesen haben, in der Linie,
welche längs des tierischen Rückgrates verläuft, das der Mondbahn
Entsprechende zu suchen haben. Und wir werden in dieser Tatsache,
daß des Menschen Rückgratlinie der Sonnenbahn zugeteilt ist, daß
des Tieres Rückgratlinie der Mondenbahn zugeteilt ist, zu suchen
haben den morphologischen Unterschied des Menschen von dem
Tiere.
Also gerade wenn wir aufsuchen wollen den Unterschied des
Menschen von dem Tier, können wir nicht auf der Erde stehen blei-
ben. Es hilft uns nichts, da eine bloß komparative Morphologie zu
treiben, sondern wir müssen dasjenige, was wir in der Morphologie
finden, dem ganzen Weltenall zuteilen, so daß wir also daraus auch
eine Andeutung bekommen werden darüber, wie Sonnenbahn und
Mondenbahn zueinander gelegen sein müssen, wenigstens zunächst
perspektivisch gelegen sein müssen. Man muß sich immer ganz vor-
sichtig ausdrücken. Sie müssen so gelegen sein, daß approximativ
die eine Bahn auf der anderen Bahn senkrecht steht.
Wenn Sie bedenken, daß wir es also bei der menschlichen Verti-
kalen, oder sagen wir besser bei demjenigen, was der Hauptlinie
des menschlichen Rückgrates entspricht, zu tun haben mit etwas,
was gegenüber dieser sinnvollen morphologischen Betrachtungs-
weise ganz entschieden seine Zugeordnetheit zeigt zur Sonnenbahn,
dann werden wir nicht anders können, als die Sonnenbahn in einen
Zusammenhang zu bringen, den wir allerdings in den nächsten
Stunden noch genauer werden zu definieren haben, mit demje-
nigen, was in irgendeiner Weise zusammenfällt mit dem Radius der
Erde, wobei ja die Erde Bewegungen ausführen mag, so daß sie mit
vielen Radien zusammenfällt mit der Sonnenbahn. Jedenfalls gibt es
eine Vorstellung, wenn wir sagen, es muß die Sonnenbahn in ihrer
Richtung radial zur Oberfläche der Erde stehen. Wenn wir uns das
vorstellen, so bleibt ja nichts anderes übrig, als daran zu denken,
daß die Erde jedenfalls in keiner Weise eine Drehung um die Sonne
ausführen kann, daß also dasjenige, was man mit vollem Recht sorg-
fältig herausrechnet als die Drehung der Erde um die Sonne, ganz
gewiß die Resultierende sein muß von irgendwelchen anderen Bewe-
gungen.
Nun sind ja natürlich alle Einzelheiten, die dabei in Betracht
kommen in bezug auf die menschliche Bildung, so kompliziert, daß
die Kürze dieses Kurses nicht gestattet, Ihnen alles auszuführen.
Aber wenn Sie die angedeuteten morphologischen, qualitativ-
morphologischen Darstellungen ernsthaft ins Auge fassen, so wer-
den Sie es der menschlichen Bildung anmerken, daß wir es zu tun
haben mit einem Nachfolgen der Erde gegenüber der Sonne, gewis-
sermaßen mit einem Vorauseilen der Sonne und einem Nachfolgen
der Erde. Es muß sich also darum handeln, daß Erdenbahn und Son-
nenbahn in einer gewissen Art zusammenfallen, daß die Erde in ei-
ner gewissen Weise der Sonne nachfolgt, so daß es möglich ist, daß
die Radien der Erde bei der Drehung der Erde in die Sonnenbahn
hineinfallen, oder wenigstens in einer bestimmten Beziehung zu ihr
stehen.
Nun können Sie ja natürlich einwenden, daß dieses alles wider-
spreche demjenigen, was die gewöhnliche Astronomie sagt. Aber es
ist nicht einmal der Fall, es ist in der Tat nicht einmal der Fall! Denn
Sie wissen ja, daß die gewöhnliche Astronomie zu Hilfe nehmen
muß, um alle Erscheinungen zu erklären, außer dem Stillestehen der
Sonne in einem bestimmten Punkt, der der Brennpunkt einer Ellip-
se sein soll, in der sich die Erde bewegt, auch noch eine Bewegung
der Sonne nach einem bestimmten Sternbilde hin. Wenn Sie sich
entsprechende Vorstellungen machen über die Richtung dieser Be-
wegung, dann werden Sie schon unter Umständen aus Sonnenbewe-
gung und Erdenbewegung, wie sie da konstruiert werden, wiederum
eine resultierende Bahn erhalten für die Erdenbewegung, die nicht
zusammenfällt mit der gedachten Ellipse, in der sich die Erde um
die Sonne dreht, sondern die eine andere Gestalt hat, die also durch-
aus nicht braucht so zu sein (Ellipse). Ich will Sie nach und nach auf
diese Dinge hinführen, will heute nur daraufhinweisen, daß es nicht
nötig ist, daß Sie das, was ich hier sage, für besonders umwälzend
gegenüber der gewöhnlichen Astronomie halten. Das wichtigere ist
die methodologische Betrachtungsweise, die Einordnung der
menschlichen Gestalt in das ganze Bewegungssystem der Gestirne.
Es handelt sich mir durchaus nicht darum, irgendwie hier eine Revo-
lution der Astronomie vorzutragen. Das ist auch gar nicht besonders
der Fall. Wenn Sie sich vorstellen, daß so etwas Bewegung der Erde
ist (Fig. 6) und die Sonne auch eine Bewegung hat, so werden Sie
••"Sv. *,*)Ä ^vattW^
Fig. 6
sich leicht vorstellen können, daß, wenn die Erde hinter der Sonne
nachfolgt und die Sonne sich bewegt, es nicht unbedingt notwendig
ist, auch nach den gegenwärtigen astronomischen Ansichten nicht,
daß die Erde hier vorbeiläuft an der Sonne, sondern daß die Erde ir-
gendwie, wenn hier die Sonne schon entschlüpft ist, nachzieht in
der Sonnenbahn selber. Es ist sogar möglich, wenn Sie die hypothe-
tische Geschwindigkeit ins Auge fassen, die ausgerechnet ist für die
Sonnenbahn, daß Sie ein sehr nettes rechnerisches Resultat heraus-
bekommen, daß Ihnen die Bildung der Resultierenden aus der ange-
nommenen Erdenbewegung und der angenommenen Sonnenbewe-
gung allerdings eine resultierende Bewegung gibt, sogar mit einer
entsprechenden Geschwindigkeit, die sich in die heutige Astrono-
mie einordnen läßt. Ich möchte nur darauf aufmerksam machen,
daß die Dinge, die hier vorgetragen sind, durchaus nicht ohne Be-
ziehung zur gegenwärtigen Astronomie vorgetragen werden, son-
dern mit einer gründlicheren Beziehung dazu als gewisse Theorien,
die man, indem man heraussondert einige Bewegungen und die an-
deren unberücksichtigt läßt, eben als gewisse Theorien vorträgt. Mir
kommt es nicht darauf an, hier geradezu eine Revolution der Astro-
nomie Ihnen vorzutragen - ich betone das ausdrücklich, damit nicht
Märchen entstehen -, sondern mir kommt es darauf an, das, was
menschliche Gestaltung ist, zuzuordnen den Bewegungen der Him-
melskörper, überhaupt dem ganzen System des Kosmos. Ich mache
Sie im übrigen darauf aufmerksam, daß ja die Dinge durchaus nicht
so einfach liegen in bezug auf das Zusammendenken der astronomi-
schen Beobachtungen mit den Bahnen, die man für die Gestirne
konstruiert, da ja, wie Sie aus dem zweiten Keplerschen Gesetz wis-
sen, die Bahnformen wesentlich zusammenhängen mit den Radien-
vektoren, das heißt mit der Geschwindigkeit, die der Radiusvektor
hat. Also, die ganze Form der Bahn ist ja abhängig von der Gestal-
tung des Radiusvektor. Wenn das der Fall ist, dann müssen wir auch
in den Bahnformen, die uns entgegentreten, etwas sehen, worüber
wir uns unter Umständen beim bloßen Aspekt Illusionen hingeben
können. Denn es könnte ja durchaus sein, daß wir in demjenigen,
was wir ausrechnen aus der Geschwindigkeit und wiederum aus der
Länge des Radiusvektor, schon nicht ursprüngliche Größen hätten,
sondern wiederum Resultierende von ursprünglichen Größen, so
daß das Scheinbild, das entsteht, auf ein weiter Zurückliegendes
weist.
Nun braucht man durchaus nicht einen solchen Ausspruch als
etwas Besonderes anzusehen. Denn sehen Sie, wenn Sie im Sinne
unserer gegenwärtigen Astronomie den Ort der Sonne zu irgend-
einer Tageszeit an irgendeinem Tage ausrechnen wollen, so brau-
chen Sie ja eigentlich heute mehr als bloß eine Rechnung, die etwa
davon ausginge, dasjenige zugrunde zu legen, was der einfachen
Aufstellung des Gesetzes entspricht: Es bewegt sich die Erde um die
Sonne. Man hat es als besonders merkwürdig hervorgehoben, daß in
der älteren Mysterien-Astronomie - nicht in der exoterischen - nicht
von einer Sonne, sondern von drei Sonnen gesprochen worden ist,
daß man drei Sonnen unterschieden hat. Nun, ich muß gestehen,
daß ich eigentlich darin nichts besonders Auffälliges finde, denn die
gegenwärtige Astronomie hat auch drei Sonnen. Sie hat die Sonne,
deren Bahn sie ausrechnet als das scheinbare Gegenbild der Erden-
bewegung um die Sonne. Nicht wahr, sie hat diese Sonne, deren
Bahn sie ausrechnet. Sie hat dann noch eine Sonne, die eigentlich
nur eine gedachte Sonne ist, durch die sie gewisse Dinge, die nicht
stimmen, korrigiert. Und dann hat sie auch noch eine dritte Sonne,
durch die sie die Dinge wiederum zurückkorrigiert, die dann doch
noch nicht stimmen, wenn man die erste Korrektur vorgenommen
hat. So daß man in der Tat auch in der gegenwärtigen Astronomie
drei Sonnen unterscheidet: die wirkliche und zwei gedachte. Die
braucht man, denn dasjenige, was man ausrechnet, das stimmt eben
nicht für den wirklichen Sonnenort. Man muß immer korrigieren.
Und das weist Sie schon darauf hin, daß wir ja auf unsere Rech-
nungen nicht allzu stark bauen dürfen, daß es schon anderer Mittel
bedarf, um sich adäquate Vorstellungen von den Bewegungen der
Gestirne zu machen als diejenigen sind, die aus den Rechnungsan-
sätzen gegenwärtig gemacht werden.
Nun werden wir aber nicht dasjenige, was wir so, ich möchte sa-
gen, an allgemeinen Vorstellungen über die Planetenbahnen bisher
herausgerechnet haben, zu großer Bestimmtheit bringen können,
wenn wir nicht weitergehen können in der Betrachtung der irdischen
Wesen selber. Und da ist es schon notwendig, daß man sich einmal
unbefangen anschaut, wie in einer gewissen Hinsicht die Reiche der
Natur eigentlich zueinander stehen. Man betrachtet ja gewöhnlich
diese Reiche so, daß man sie in einer geraden Linie denkt: Minerali-
sches Reich, pflanzliches Reich, tierisches Reich. Ich will noch an-
schließen das menschliche Reich, das ja manche nicht gelten lassen,
aber das ist ja gleich. Nun fragt es sich, ob denn eine solche Anord-
nung überhaupt einen Sinn hat. Diese Anordnung liegt ja vielen
unserer gegenwärtigen Betrachtungen zugrunde, hat wenigstens in
der Blütezeit der mechanistischen Naturbetrachtung zugrunde gele-
gen. Gegenwärtig herrscht ja auf solchen Gebieten eine gewisse -
Verzweiflung könnte man es nennen, in der Wissenschaft, aber die
Denkgewohnheiten sind doch noch dieselben geblieben, wie sie vor
zwanzig oder dreißig Jahren noch in voller Blüte bestanden haben.
Am liebsten wäre es da den Leuten gewesen, diese Reihenfolge: Mi-
neralreich, Pflanzenreich, Tierreich, Mensch so verfolgen zu kön-
nen, daß das Mineralreich das einfachste wäre, dann vielleicht durch
eine gewisse Kombination der Mineralstruktur die Pflanzenstruktur
zu gewinnen, wiederum durch die weitere Kombination der Pflan-
zenstruktur die Tierstruktur, und so bis hinauf zum Menschen. In all
den Gedanken, die man entwickelt hat über Urzeugung, generatio
aequivoca, in all diesen Dingen spricht sich ja die Tendenz aus, das-
jenige, was beseeltes Lebendiges ist, auf das Unbeseelte, das Un-
organische, Mineralische zurückzuführen. Und ich glaube, daß es
heute noch viele Wissenschafter gibt, welche daran zweifeln, daß
man in irgendeiner anderen Weise vernünftig den Zusammenhang in
der Reihe der Naturreiche sich denken könne, als eben so, daß man
dasjenige, was zuletzt im Menschen erscheint, zurückführt auf das
Unorganische. In wie vielen Abhandlungen, Büchern, Vorträgen
und sonstigen wissenschaftlichen Offenbarungen, die durchaus ernst
und fachmännisch genommen sein wollen, finden Sie überall wie
hypnotisiert den Blick darauf hingewendet, auf welche Weise ei-
gentlich irgendeinmal im Naturzusammenhang aus bloß mineralisch
zu betrachtenden Atomanordnungen das belebte Urwesen entstan-
den sein könnte. Nun fragt es sich, ob man in dieser Weise über-
haupt die ganze Reihe der Naturwesen ins Auge fassen kann; ob
man dann, wenn man sie so ins Auge faßt, auf die bedeutsamsten
Merkmale, die ganz offen zutage liegen, Rücksicht nimmt.
Wenn Sie zunächst ein Pflanzenwesen mit einem Tierwesen ver-
gleichen, so werden Sie, wenn Sie alles zusammennehmen, was Ih-
nen die Betrachtung darbietet, finden, daß in der Tierbildung durch-
aus nicht etwas liegt, was bloß sich ausnimmt wie eine Fortsetzung
der Pflanzenbildung. Man kann sich, wenn man die einfachste ein-
jährige Pflanzenbildung betrachtet, deren Fortsetzung denken in
der Dauerpflanze. Aber es ist unmöglich, aus den organischen Bil-
dungsprinzipien irgend etwas herauszufinden, was die Pflanzenbil-
dung in Fortsetzung zeigen würde zur Tierbildung hin. Dagegen ist
es sehr wohl möglich, einen polarischen Gegensatz herauszufinden
zwischen der Pflanzenbüdung und der Tierbildung. Diesen polari-
schen Gegensatz können Sie einfach ergreifen an der auffälligsten
Erscheinung, an demjenigen, was der Gegensatz ist in den Assimila-
tionsprozessen zwischen dem Verhalten der Pflanze und des Tieres
zum Kohlenstoff und der eigentümlichen Verwendung des Sauer-
stoffs. Es muß natürlich durchaus darauf aufmerksam gemacht wer-
den, daß man diese Dinge in der richtigen Weise anschauen soll.
Man darf natürlich nicht sagen, das Tier atmet bloß Sauerstoff ein,
die Pflanze atmet bloß Sauerstoff aus und Kohlenstoff ein. So liegt
ja die Sache nicht. Aber dennoch, im Ganzen der pflanzlichen Bil-
dung ist in bezug auf das organische Leben ein polarischer Gegen-
satz im Verhalten zum Sauerstoff und zum Kohlenstoff. Es läßt sich
am leichtesten dasjenige, was da vorliegt, so aussprechen, daß man
sagt: Dasjenige, was beim Tier dadurch eintritt, daß sich der Sauer-
stoff an den Kohlenstoff bindet und die Kohlensäure ausgeschieden
wird, ist beim Tier eigentlich Entbüdungsprozeß, Entbildungspro-
zeß in dem Sinne, daß es aufgehoben werden muß, wenn das Tier
bestehen will. Beim Menschen ist es geradeso. Bei der Pflanze aber
muß dieses gerade gebildet werden.
Denken Sie sich, daß dasjenige, was da in einer gewissen Beziehung
als Ausscheidungsprozeß auftritt, was weg muß beim Tier, gerade
den Bildungsprozeß der Pflanze ausmacht. Da ist wirklich ein polari-
scher Gegensatz mit Händen zu greifen. Sie können sich nicht den
Pflanzenbildungsprozeß entsprechend gradlinig fortdenken, um
daraus den tierischen Bildungsprozeß zu haben. Aber Sie können
sich dasjenige, was beim tierischen Bildungsprozeß verhindert wer-
den muß, umgekehrt aus dem Pflanzenbildungsprozeß vorstellen.
Wie weggenommen werden muß vom tierischen Bildungsprozeß der
Kohlenstoff durch den Sauerstoff in der Kohlensäure, so können Sie
sich geradezu, wenn Sie den Prozeß umdrehen, ihn als den Pflan-
zenbildungsprozeß vorstellen. So daß Sie in irgendeiner gradlinigen
Fortsetzung von der Pflanze zum Tier nicht kommen. Wohl aber
können Sie, ohne daß wir hier in eine falsche Symbolik verfallen,
sich eine ideale Mitte denken und können auf der einen Seite den
Pflanzenbüdungsprozß, auf der anderen Seite den Tierbildungspro-
zeß sehen: ein Gabelungsprozeß (Fig. 7). Dasjenige, was in der Mitte
Fig. 7 pfiqnse ji<?r
drinnen liegt, das stellen wir uns zunächst als irgendeine ideale Mitte
dar, so daß, wenn wir uns den Pflanzenbildungsprozeß gradlinig
fortgesetzt denken würden, wir zur Dauerpflanze kommen würden,
nicht zum Tier. Aber wenn wir zur Dauerpflanze kommen, dann
stellt sich uns ja gleich etwas dar, was wir nur entsprechend weit zu
verfolgen brauchen, um zu etwas anderem zu kommen. Wenn Sie
sich die Dauerpflanze vorstellen, so werden Sie nicht anders können,
als dasjenige, was in gewisser Beziehung in der Fortsetzung dieser
Entwickelungsströmung der Dauerpflanze liegt, sich vorzustellen als
den Weg zur Mineralisierung. Da haben Sie den Weg zur Minerali-
sierung. Wir können also sagen: Wir haben in der direkten Fortset-
zung des Pflanzenbildungsprozesses den Weg zur Mineralisierung.
Suchen wir den polarischen Gegensatz an dem anderen Ast, bei der
Tierbildung, so würde natürlich jemand, der schematisch vorgeht,
sagen, er muß hier auch die andere Seite, den anderen Ast der Gabel
fortsetzen. Das wäre aber kein polarisches Fortsetzen, sondern Sie
müssen sich jetzt denken: Beim Pflanzenbildungsprozeß haben wir
eine Fortsetzung; beim Tierbildungsprozeß muß ich negativ gehen,
muß ich zurückgehen, da muß ich umkehren, muß ich mir vorstel-
len, daß der Tierbildungsprozeß nicht über sich hinausschießt, son-
dern zurückbleibt hinter seinem Werden.
Nun studieren Sie einmal dasjenige, was in der Zoologie vorliegt,
ich will sagen, durch die Untersuchungen von Selenka über den Un-
terschied zwischen Mensch und Tier in der embryonalen Bildung,
und wie diese Bildung dann erscheint nach der Geburt beim Men-
schen, wie sie erscheint bei dem höheren Tier, dann werden Sie eine
Vorstellung verknüpfen können mit diesem Zurückbleiben. In der
Tat verdanken wir unsere menschliche Bildung dem Umstände, daß
wir während der Embryonalbildung nicht so weit vorschreiten wie
das Tier, sondern zurückbleiben. So daß also, indem wir ganz äußer-
lich hypothesenfrei diese drei Reiche betrachten, wir allerdings nötig
haben, hier eine merkwürdige mathematische Linie zu ziehen, näm-
lich eine, die bei ihrer Fortsetzung verschwindet, wenn wir vom Tier
zum Menschen übergehen, und hier (bei der Pflanze) eine Linie,
die sich verlängert (Fig. 8). Wiederum eine Erweiterung der Mathe-
matik! Es ist bei der Zeichnung dieses Schemas ein Unterschied, der
Fig. 8
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^inerql
ein rein mathematischer ist: Es gibt Linien, die, wenn wir sie fortset-
zen, länger werden, und solche, die, wenn wir sie fortsetzen, kürzer
werden. Das ist eine vollständig gültige mathematische Vorstellung.
Wir müssen also, wenn wir schematisch die Reiche der Natur anord-
nen wollen, sie so anordnen, daß wir irgendeinen idealen Punkt ha-
ben, von dem aus sich gabelt Pflanzenreich, Tierreich, und dann
müssen wir die Linien fortsetzen, aber wir müssen die Linie im
Pflanzenreich so fortsetzen, daß sie länger wird bei ihrem Verlän-
gern, im Tierreich so fortsetzen, daß sie kürzer wird bei ihrer Verlan-
gerung. Das ist durchaus eine mathematische Vorstellung. Dann
werden wir die Beziehungen bekommen zwischen den Reichen der
Natur, zunächst einfach nebeneinanderstellend die Reiche der Na-
tur. Die Frage entsteht jetzt - und nur diese Frage wollen wir uns
jetzt als die Frage vorstellen, die zu beantworten wichtig ist: Was
entspricht diesem idealen Punkt in der Wirklichkeit? Und da wer-
den wir ahnen können, wie auf dieselbe Weise zusammenhängen
muß die Gestaltung der verschiedenen Reiche der Natur mit diesem
idealen Punkt hier, wie im Weltenall irgendwelche Bewegungen zu-
sammenhängen müssen mit irgend etwas, was wiederum diesem
idealen Punkt da in der Mitte entspricht.
Das ist dasjenige, was wir uns dann für morgen überlegen wollen.
DREIZEHNTER VORTRAG
Stuttgart, 13. Januar 1921
Sie wissen ja, es wird die Entwickelung unserer astronomischen An-
sichten so dargestellt in der populären Literatur, daß man sagt, bis
zur Zeit des Kopernikus habe geherrscht das ptolemäische Weltensy-
stem, und durch Kopernikus sei dann dasjenige System geistiges Ei-
gentum der zivilisierten Welt geworden, welches wir mit den ent-
sprechenden Modifikationen heute noch anerkennen. Nun wird es
für die Betrachtungsweise der folgenden Tage von einer besonderen
Wichtigkeit sein, daß wir uns eine gewisse Tatsache heute vor Augen
rücken, eine Tatsache, die ich Ihnen nur eben mitteilen will, indem
ich Ihnen vorlese ein Zitat des Archimedes über die Anschauung
vom Weltensystem, vom Sternensystem des Aristarch von Samos.
Archimedes sagt: «Nach seiner Meinung ist die Welt viel größer, als
soeben gesagt wurde, denn er setzt voraus, daß die Sterne und die
Sonne unbeweglich seien, daß die Erde sich um die Sonne als Zen-
trum bewege, und daß die Fixsternsphäre, deren Zentrum ebenfalls
in der Sonne liege, so groß sei, daß der Umfang des von der Erde be-
schriebenen Kreises sich zu der Distanz der Fixsterne verhalte wie
das Zentrum einer Kugel zu ihrer Oberfläche.»
Wenn Sie diese Worte, die die räumliche Weltanschauung des
Aristarch von Samos charakerisieren sollen, nehmen, so werden Sie
sich sagen: Zwischen dem räumlichen Weltenbilde des Aristarch von
Samos und unserem räumlichen Weltenbilde, wie es sich herausge-
bildet hat seit der Zeit des Kopernikus, ist absolut gar kein Unter-
schied. Aristarch von Samos hat ja gelebt im 3. Jahrhundert vor dem
Anfang der christlichen Zeitrechnung, so daß wir für diejenigen
Menschen, die wie Aristarch von Samos damals auf einem gewissen
Gebiete führend waren im geistigen Leben, anzunehmen haben,
daß sie durchaus der räumlichen Weltanschauung gehuldigt haben,
der heute die Astronomie huldigt. Und es liegt demgegenüber doch
die bedeutsame Tatsache vor, daß dann eigentlich im allgemeinen
Bewußtsein derjenigen Menschen, die über solche Dinge nachge-
dacht haben, diese, nennen wir sie heliozentrische, Weltanschau-
ung verschwunden ist, und daß die ptolemäische Weltanschauung
an ihre Stelle trat, bis mit dem Heraufkommen desjenigen, was wir
ja gewöhnt sind die fünfte nachatlantische Kulturperiode zu nen-
nen, wiederum heraufkommt diese heliozentrische Weltanschau-
ung, die wir finden bei solchen Menschen wie Aristarch von Samos,
also im 3. vorchristlichen Jahrhundert. Und Sie werden ja leicht
glauben können, daß dasjenige, was für diesen Aristarch von Samos
gilt, für viele Menschen gegolten hat. Wer die Entwickelung der gei-
stigen Anschauung der Menschheit studiert, der findet auf einem
gewissen Gebiet der menschheitlichen Entwickelung, wenn das auch
heute schwierig durch äußerliche Dokumente zu belegen ist, daß
diese heliozentrische Weltanschauung gerade um so mehr anerkannt
wird von denjenigen, die für diese Anerkennung in Betracht kamen,
je weiter man von Aristarch von Samos in frühere Zeiten zurückgeht.
Und geht man in diejenige Zeit zurück, die wir gewohnt sind die
dritte nachatlantische Zeit zu nennen, so muß man sagen, daß bei
den maßgebenden Menschen, bei denjenigen Menschen, die als Auto-
ritäten galten in solchen Dingen, in dieser dritten nachatlantischen
Zeit durchaus die heliozentrische Weltanschauung vorhanden war,
die Archimedes als bei Aristarch von Samos vorhanden schildert,
so schildert, daß wir sie von der heutigen nicht unterscheiden können.
Wir müssen also sagen: Es liegt gerade das Eigentümliche vor,
daß die heliozentrische Weltanschauung im menschlichen Denken
vorhanden ist, abgelöst wird von dem ptolemäischen System und
wiederum zurückerobert wird im fünften nachatlantischen Zeit-
raum. Es ist geradezu so, daß das ptolemäische System eigentlich
nur maßgeblich ist im wesentlichen für den vierten nachatlantischen
Zeitraum. Es ist nicht willkürlich, daß ich dieses jetzt gerade ein-
schalte, nachdem ich Sie gestern hingewiesen habe auf einen gewis-
sen ideellen Punkt in der Entwickelungsgeschichte der Naturreiche,
sondern wir werden sehen, daß zwischen diesen Tatsachen durchaus
ein organischer Zusammenhang waltet. Aber wir werden uns noch
etwas nährer befassen müssen gerade mit dieser eben angeführten
Tatsache.
Worin besteht denn das Wesentliche des ptolemäischen Welt-
systems? Das Wesentliche besteht darin, daß Ptolemäus und die
Seinen wiederum zurückgehen auf die Anschauung von der still-
stehenden Erde, von der Bewegung des Fixsternhimmels um die
Erde herum, ebenso der Bewegung der Sonne um die Erde herum,
und daß er für die Bewegungen der Planeten, mit deren Scheinbil-
dern wir uns ja schon befaßt haben, ganz besondere mathematische
Formeln aufstellt. Ptolemäus denkt sich im wesentlichen die Sache
so, daß, wenn er hier die Erde annimmt, da herum den Fixsternhim-
mel, daß die Sonne sich in einem exzentrischen Kreis um die Erde
herumbewegt. Auch die Planeten bewegen sich im Kreise, aber
nicht so, daß er sie einfach wie die Sonne in einem Kreise herumbe-
wegen lassen würde (Fig. 1). Das tut er nicht. Sondern er nimmt
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Fig.l
einen Punkt an, der sich in diesem exzentrischen Kreise bewegt, den
er den «deferierenden Kreis» nennt, und läßt diesen Punkt wieder-
um den Mittelpunkt eines Kreises sein. Und nun läßt er den Plane-
ten sich bewegen auf diesem Kreise, so daß also der wahre Weg der
Planetenbewegung entsteht aus dem Zusammenwirken der Bewe-
gungen in diesem Kreise (1) und auf diesem Kreise (2). Also sagen
wir, Ptolemäus nimmt an etwa für die Venus, daß sie wiederum
auf einem Kreis (2) rotiert, dessen Mittelpunkt sich in diesem
Kreise (1) bewegt, so daß eigentlich der Weg der Venus eine resultie-
rende Bewegung aus diesen zwei Bewegungen wäre. Man hat nötig,
um diese Bewegung zu verstehen, diese zwei Kreise anzunehmen:
diesen Kreis, den Deferent (1) und den kleinen, der dann der epizy-
klische Kreis (2) wäre. Solche Bewegungen nimmt Ptolemäus an für
Saturn, Jupiter, Mars, Venus, Merkur, nicht aber für die Sonne,
während er den Mond noch in einem kleinen Kreise, in einem epizy-
klischen sich bewegen läßt. Es beruhten diese Annahmen darauf,
daß die Ptolemäer berechneten - man kann eigentlich nur sagen:
sehr sorgfältig berechneten - die Orte am Himmel, in denen sich die
Planeten befinden, und daß sie daraus diese Bewegungen zusam-
mensetzten, um zu verstehen, daß die Planeten an einem bestimm-
ten Orte zu einer bestimmten Zeit seien. Es ist erstaunlich, wie ge-
nau, relativ genau wenigstens, die Berechnungen der Ptolemäer, des
Ptolemäus und seiner Anhänger, in dieser Beziehung eigentlich wa-
ren. Es ist so, daß, wenn man zum Beispiel die Bahn irgendeines Pla-
neten, sagen wir des Mars, heute nach unseren gegenwärtigen astro-
nomischen Berechnungen aufzeichnet und vergleicht dann das, was
man heute nach den Beobachtungsresultaten als diese sogenannte
scheinbare Bahn des Mars aufzeichnen kann mit dem, was man ge-
zeichnet hat mit Zugrundelegung der Theorie der deferierenden
und epizyklischen Kreise nach Ptolemäus, so unterscheiden sich die-
se zwei Kurven kaum. Es ist ein ganz geringfügiger Unterschied, der
nur darauf beruht, daß man heute mit genaueren Beobachtungsre-
sultaten rechnet. Also, in bezug auf die Genauigkeit der Beobach-
tungen waren eigentlich diese Leute nicht weit hinter den heutigen
Resultaten zurückgeblieben. Es lag also nicht an ihren Beobachtun-
gen, daß sie dieses merkwürdige System der Planetenbewegungen
annahmen, bei dem einem ja vorzugsweise die Kompliziertheit auf-
fällt; denn jeder wird sich natürlich sagen, das kopernikanische Sy-
stem ist wesentlich einfacher. - Da haben wir die Sonne in der Mitte,
die Planeten bewegen sich in Kreisen oder Ellipsen um die Sonne
herum. Das ist sehr einfach, nicht wahr. Das hier (Fig. 1), das ist sehr
kompliziert, da hat man es zu tun mit einer kreisförmigen Bahn,
noch einmal ein Kreis, und sogar noch mit einem exzentrischen
Kreis.
Nun geht mit einer gewissen Zähigkeit das Festhalten an diesem
ptolemäischen System gerade durch die ganze vierte nachatlantische
Zeit hindurch, und man muß sich eigentlich fragen: Wodurch unter-
scheidet sich denn die Art und Weise des Denkens über den Welten-
raum und seinen Inhalt bei den Ptolemäern von dem bei Aristarch
von Samos und denjenigen, die so dachten wie er? Wodurch unter-
scheiden sich diese Denkweisen über das Weltsystem? Es ist aller-
dings schwer, über diesen Unterschied populär zu sprechen, aus dem
Grunde, weil ja manches sich äußerlich gleich ausnimmt, aber inner-
lich durch und durch verschieden ist. Wenn so Archimedes be-
schreibt das System des Aristarch von Samos, so müssen wir sagen:
Dieses heliozentrische System, das ist im Grunde gar nicht von dem
kopernikanischen unterschieden. - Wenn wir aber genauer eingehen
auf den ganzen Geist des Weltenbildes des Aristarch, so finden wir
doch etwas anderes. Auch bei Aristarch von Samos ist ganz gewiß
vorhanden ein Verfolgen der äußeren Erscheinungen mit mathema-
tischen Linien. Er stellt durch mathematische Linien sich die Bewe-
gungen der Himmelskörper vor. Die Kopernikaner stellen auch
durch mathematische Linien diese Bewegungen der Himmelskörper
dar. Dazwischen liegt dieses andere merkwürdige System, das Sy-
stem der Ptolemäer. Man kann nicht sagen, daß da in derselben
Weise das mathematische Vorstellen zusammenfällt mit dem, was
beobachtet wird.
Sehen Sie, das ist ein durchgreifender Unterschied. Das mathe-
matische Vorstellen lehnt sich nicht an die Folge der Beobachtungs-
punkte an, sondern das mathematische Vorstellen nimmt sich aus
als etwas, was, um den Beobachtungen gerecht zu werden, sich ab-
sondert von den Beobachtungen, etwas anderes wird als das bloße
Verknüpfen der Beobachtungen, und findet dann, daß man die Be-
obachtungen verstehen kann, wenn man solche Vorstellungen hat.
Denken Sie sich doch einmal, heute würde ein Mensch ein Modell
machen von dem Planetensystem, er würde irgendwo die Sonne an-
bringen, würde Drähte ziehen, welche die Planetenbahnen darstel-
len, und diese Drähte würden ihm eben auch die Planetenbahnen
bedeuten. Er würde also zusammenfassen die Orte der Planeten ge-
wissermaßen durch mathematische Linien. Das hat Ptolemäus nicht
getan. Ptolemäus würde sein Modell so konstruieren müssen, daß er
etwa hier einen Drehpunkt annimmt, daß er dann hier eine Stange
annimmt, am Ende dieser Stange ein Rad drehen läßt, dann hier
wiederum ein Rad drehen läßt. So würde er ein Modell machen
(Fig. 2). Und dasjenige, was er da als Modell macht, was in seinen
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Fig. 2
Vorstellungen lebt als mathematisches Bild, das hat gar keine Ähn-
lichkeit mit dem, was äußerlich gesehen wird. Das mathematische
Bild ist bei ihm etwas anderes als dasjenige, was äußerlich gesehen
wird. Und nun kommt man im kopernikanischen System darauf zu-
rück, die einzelnen empirischen Beobachtungsorte wiederum zu
verbinden durch die mathematischen Linien, die demselben entspre-
chen, was bei Aristarch von Samos da war. - Aber ist es dasselbe?
Das ist es gerade, was wir fragen müssen: Ist es dasselbe?
Ich glaube, wenn Sie verfolgen, aus welchen Voraussetzungen
heraus das kopernikanische System entstanden ist und wie es auf-
rechterhalten wird, dann werden Sie sich sagen: Das ist so, daß es ei-
gentlich sehr ähnlich ist unserem ganzen mathematischen Verhalten
im empirischen Felde. Kopernikus, das läßt sich ja nachweisen, hat
zuerst sich so ideell konstruiert das Planetensystem, wie wir ideell ein
Dreieck konstruieren, das wir dann in der empirischen Wirklichkeit
draußen finden. Er ging also gewissermaßen aus von einer Art a prio-
rischen mathematischen Urteils und wendete das an auf die empiri-
schen Tatsachen.
Was liegt denn aber wohl zugrunde diesem komplizierten Sy-
stem des Ptolemäus, daß es eben so kompliziert wurde? Es war so
kompliziert, daß ja, als man es dem bekannten König Alfons von
Spanien - Sie kennen ja wohl die Geschichte - vorgelegt hat, der
aus seinem königlichen Bewußtsein heraus gesagt hat: Wenn ihn
Gott bei der Schöpfung der Welt zu Rate gezogen hätte, so wäre die
ganze Welt auf eine einfachere Art entstanden als auf eine solche,
wo so viele Zykel und Epizykel nötig sind. In diesem Aufstellen von
Zykel und Epizykel ist da etwas darinnen, was doch einen Zusam-
menhang hat mit einem Wirklichkeitsinhalt? Diese Frage möchte
ich einmal vor Sie hinstellen: Ist das wirklich nur etwas phantastisch
Ersonnenes, oder ist darin irgend etwas, was doch vielleicht darauf
hinweist, daß es sich auf eine Wirklichkeit bezieht, was da auserson-
nen ist? Das können wir wohl nur entscheiden, wenn wir auf die Sa-
che etwas genauer eingehen.
Sehen Sie, wenn man verfolgt ganz im Sinne des ptolemäischen
Systems, also mit Zugrundelegung der ptolemäischen Theorien die
Bewegungen der Sonne, die scheinbaren Bewegungen der Sonne,
wie wir sagen, die scheinbaren Bewegungen von Merkur, Venus,
Mars, Jupiter, Saturn, so kann man sagen, die Bewegungswinkel er-
geben immer eine gewisse Größe. Und wir können daher die Bewe-
gungen vergleichen, welche die Orte der betreffenden Gestirne am
Himmel zeigen. Die Sonne bewegt sich nicht in einem Epizykel.
Daher können wir sagen, ihre Tagesbewegung im Epizykel ist
gleich Null. Dagegen müssen wir, wenn wir damit vergleichen die Ta-
gesbewegung im Epizykel beim Merkur, sie mit irgendeiner Zahl an-
setzen, ich will sie nennen x\, bei Venus will ich sagen x2, bei Mars X3,
bei Jupiter #4, Saturn #5. Und jetzt wollen wir ins Auge fassen jene
Bewegungen, welche die Mittelpunkte der Epizykel im Sinne des
ptolemäischen Systems auf den deferierenden Kreisen haben. Neh-
men wir für die Sonne y an, dann stellt sich das Merkwürdige her-
aus, daß, wenn wir für die Bewegung des Mittelpunktes des Epizy-
kels den Wert aufsuchen für Merkur, so ist er gleich der Bewegung
der Sonne. Wir müssen wieder y ansetzen. Und bei Venus müssen
wir auch y ansetzen. Das heißt: Für Merkur und Venus gilt dieses,
daß sich die Mittelpunkte ihrer Epizykel auf Bahnen bewegen, die
durchaus zusammenfallen mit der Sonnenbahn, entsprechen der
Sonnenbahn, also parallel sind. Dagegen sind die Bewegungen
der Mittelpunkte der Epizykel für Mars, Jupiter, Saturn verschieden,
sagen wir: x\ x", x"\ Aber das Eigentümliche besteht, daß, wenn
ich bilde x3+x', x±+x", X5+x"\ daß ich dann durch Zusam-
menzählen der Bewegungen in den Epizykeln und der Bewegungen
des Mittelpunktes der Epizykel, also im deferierenden Kreis, für
diese Planeten bekomme eine konstante Größe, und zwar dieselbe,
die ich bekomme als y für die Bewegung der Sonne und des Mittel-
punktes der Merkur- und Venus-Epizykel:
X3+x' = y
X4+x" = y
X5 +x"' = y.
Sie sehen, da ist eine merkwürdige Regelmäßigkeit drinnen! Die-
se Regelmäßigkeit, die führt uns dazu, in anderer Art anzusehen die
kosmische Bedeutung des Mittelpunktes des Epizykels bei Venus
und Merkur, die wir also die sonnennahen Planeten nennen, wie bei
Jupiter, Mars, Saturn und so weiter, die wir die Sonnenfernen Plane-
ten nennen. Bei diesen Sonnenfernen Planeten hat der Mittelpunkt
des Epizykels nicht dieselbe kosmische Bedeutung. Es ist irgend etwas
drinnen, was die ganze Bedeutung des Bahnverlaufs zu einer andern
macht als bei den sonnennahen Planeten. Diese Tatsache war gut
bekannt den Ptolemäern und sie war mitbestimmend für den gan-
zen Ausbau dieses merkwürdigen, sich im Geiste von den empiri-
schen Tatsachen loslösenden Zykel- und Epizykel-Gedankens. Sie
haben geradezu in einer solchen Tatsache eine Notwendigkeit gese-
hen, ein solches System aufzustellen. Denn es liegt darin, für den
heutigen Menschen mehr oder weniger ganz unausgesprochen,
denn der läßt sich einfach erzählen, daß sie die Zykel gebildet
haben und so weiter, für diese Leute aber nach ihrer besonderen
Art der Anschauung durchaus faßbar der Gedanke: Wenn Mer-
kur und Venus in etwas anderem dieselben Werte haben wie Ju-
piter, Saturn und Mars, so darf man nicht einfach die Sache so
behandeln, daß man von einem gleichmäßigen Umkreis oder so
etwas spricht. Denn ein Planet hat eine Bedeutung nicht nur inner-
halb seines Raumes, sondern auch noch außerhalb seines Raumes.
Er benimmt sich so, daß man nicht bloß auf ihn hinschauen soll,
wenn man ihn ins Auge faßt an seinem Ort am Himmel und in
seinen Beziehungen zu den andern Himmelskörpern, sondern man
muß aus ihm hinausgehen zum Mittelpunkt des Epizykels. Und
dieser Mittelpunkt seines Epizykels benimmt sich im Raum so wie
die Sonne sich im Raum benimmt. So daß diese Leute sagten,
wenn ich das in die moderne Sprache übersetze: Die Epizykelmit-
telpunkte für Merkur und Venus verhalten sich im kosmischen
Raum mit Bezug auf ihre Bewegungen, wie sich die Sonne selbst
verhält. Aber die anderen, Mars, Jupiter, Saturn verhalten sich
nicht so, sondern die nehmen das Recht für sich in Anspruch,
erst dann, wenn man summiert ihre Epizykelbewegungen mit
den Bewegungen im deferierenden Kreis, so zu sein in ihren Be-
wegungen wie die Sonne. Also ihr Verhalten zur Sonne ist ein
anderes.
Auf dieses verschiedene Verhalten zur Sonne hat man im ptole-
mäischen System gebaut, und das ist im wesentlichen ein Grund für
die Ausbildung des Systems, weil man eben nicht einfach durch Zu-
sammenfassung der empirisch gegebenen Planetenorte in Linien
ein Gedankensystem aufbauen wollte, sondern man wollte auf etwas
anderes ein Gedankensystem aufbauen. Zugrunde lag eine wirkliche
Erkenntnis. Das ist ganz und gar nicht zu leugnen, wenn man sich
einfach richtig historisch darauf einläßt. Der heutige Mensch sagt
natürlich: Wir haben es mit der kopernikanischen Anschauung so
weit gebracht und haben nicht nötig, uns auf diese Geister einzulas-
sen. - Der heutige Mensch läßt sich nicht ein darauf, aber wenn man
sich wirklich einläßt, so kommt man darauf, daß die Ptolemäer sich
sagten: Ja, Mars, Jupiter, Saturn, sie stehen eben in einem anderen
Verhältnis zum Menschen als Merkur und Venus; es entspricht ande-
res im Menschen dem Jupiter, Saturn, Mars als dem Merkur und der
Venus. Und sie brachten Jupiter, Saturn und Mars in Zusammen-
hang mit der Gestaltung des menschlichen Hauptes, dagegen Venus
und Merkur mit der Gestaltung desjenigen, was in der menschlichen
Organisation unter dem Herzen ist. Besser gesagt als «Haupt» wäre
eigentlich, wenn ich sagte: Es wurden zusammengebracht Jupiter,
Saturn und Mars mit der Gestaltung alles desjenigen, was über dem
Herzen gelegen ist, Venus und Merkur mit demjenigen, was unter
dem Herzen gelegen ist im Menschen. Also, sie bezogen schon, die-
se Ptolemäer, dasjenige, was sie ausdrückten in ihrem System, auf
den Menschen.
Und worauf stützte sich denn das? Ich glaube, wenn Sie darüber
ein richtiges Urteil gewinnen wollen, so müssen Sie recht sorgfältig
den innersten Grundton meiner «Rätsel der Philosophie» lesen, wo
ich versuchte herauszugestalten, wie ganz anders die Art, sich er-
kenntnismäßig zur Welt zu stellen, vor dem 15. Jahrhundert war
und nachher. Dieses Sich-Herausschälen aus der Welt, das war erst
nach dem 15. Jahrhundert vorhanden, vorher nicht. In diesem Punk-
te wird man allerdings nicht leicht verständlich der gegenwärtigen
Welt. Heute sagen sich die Menschen: Ich denke mir dieses oder je-
nes über die Welt, habe so oder so meine Sinneswahrnehmungen.
Wir sind in der neueren geschichtlichen Entwickelung furchtbar ge-
scheit geworden, früher waren die Menschen dumm, haben allerlei
Kindisches sich vorgestellt. - Aber viel anders stellt man sich die Sa-
che doch nicht vor, als daß die Kerle, wenn sie sich früher nur genü-
gend angestrengt hätten, schon ebenso gescheit geworden wären. Es
habe nur erst die ganze Entwickelung im Unterricht der Menschheit
dauern müssen, daß die Menschen so gescheit geworden sind wie
dann später. Darauf nimmt man eben keine Rücksicht, daß das An-
schauen selbst, das ganze Sich-Verhalten zur Welt ein anderes war.
Wenn Sie die verschiedenen Stufen, die ich ja charakterisiert habe in
meinen «Rätseln der Philosophie», vergleichen, so werden Sie sich
sagen: Es war wirklich durch die ganze Zeit hindurch vom Beginn
der vierten Epoche bis zu ihrem Ende eigentlich eine solche scharfe
Trennung von Begriff, Vorstellung und sinnlichen Inhalten nicht
wie später. Sie fielen mehr zusammen. Man sah zu gleicher Zeit
in der Sinnesqualität das Vorstellungsmäßige. Das wird natürlich
immer intensiver, je weiter man in der Zeit zurückgeht. In dieser
Beziehung muß man sich wirkliche Vorstellungen machen über
die Evolution der Menschheit. Denn sehen Sie, für unsere heutige
Zeit ist dasjenige, was Dt. Stein in seinem Buch geschrieben hat
über das Wesen der Sinneswahrnehmung, ja ganz ausgezeichnet,
aber wenn er dazumal auf der Schule in Alexandrien über desselbe
Thema eine Dissertation hätte schreiben sollen, dann würde er ganz
anders über die Sinneswahrnehmung haben schreiben müssen. Das
will man eben heute nicht anerkennen, in der Zeit, wo wir alles ver-
absolutieren.
Nun also, wenn wir noch weiter zurückgehen, gar in die
ägyptisch-chaldäische Zeit in ihrer Blütezeit, dann finden wir ein
noch intensiveres Zusammensein des Begriffes, der Vorstellung mit
der äußeren physisch-sinnlichen Realität. Und sehen Sie, aus diesem
intensiveren Zusammensein sind die Anschauungen entstanden, die
wir zuletzt schon in der Dekadenz bei Aristarch von Samos finden.
Bei den Früheren waren sie ja viel mehr vorhanden. Das heliozentri-
sche System fühlte man, als man eben noch ganz und gar mit der
Vorstellung drinnen lebte in der äußeren Sinnlichkeit. Und in der
vierten nachatlantischen Zeit, vom 8. vorchristlichen Jahrhundert
bis zum 15. nachchristlichen Jahrhundert, da mußte ja der Mensch
heraus aus dieser ganzen Sinneswelt, mußte heraus aus diesem Zu-
sammensein mit der Sinneswelt. In welchem Felde konnte er das am
besten? Er konnte es am besten da, wo das Zusammenbringen der
äußeren Realität mit der Vorstellung scheinbar die allergrößten
Schwierigkeiten machte. Da konnte er sich losreißen in bezug auf
sein Vorstellen von den sinnlichen Eindrücken.
Wenn wir von diesem Gesichtspunkte aus das ptolemäische Sy-
stem wie ein wichtiges Mittel der menschlichen Erziehung ansehen,
dann kommen wir erst auf sein Wesen. Es ist die große Schule des
Sich-Emanzipierens der menschlichen Vorstellungen von der sinnli-
chen Wahrnehmung. Und als diese Emanzipation soweit eingetreten
war, daß ein gewisser Grad erreicht wurde im innerlichen Denken-
können, was sich später dadurch zeigte, daß solche Geister wie
Galilei und die anderen im eminentesten Sinne mathematisch-
abstrakt denken, sehr kompliziert mathematisch-abstrakt denken,
da konnte Kopernikus kommen und konnte sich gerade diese Tat-
sachen, diese Beobachtungsresultate von dem Gleichsein des y an
verschiedenen Orten vorlegen und konnte daraus dann wiederum
zurück von diesen mathematischen Resultaten sein kopernikani-
sches Weltensystem konstruieren. Denn das ist aus diesen Resultaten
heraus gezeichnet. Das ist also ein Wiederzurückgehen von den
abstrakt gefaßten Vorstellungen zu der äußeren, physisch-sinnlichen
Wirklichkeit.
Es ist außerordentlich interessant, sich das einmal vorzuhalten, wie
gerade im astronomischen Bild die Menschheit sich losreißt von der
äußeren Wirklichkeit. Und wenn man sich das vorhält, dann wird
man auch eine Möglichkeit gewinnen, in der richtigen Weise zu be-
werten die Art, wie wir wiederum auch in umfassenderem Sinne zu-
rück müssen. Aber wie zurück müssen? Kepler hatte davon noch ein
Gefühl. Ich habe öfter einen Ausspruch zitiert, der ganz pathetisch
klingt, wo er etwa sagt: Ich habe die heiligen Gefäße der Ägypter aus
ihren Tempeln entwendet, um sie den modernen Menschen wieder-
um zu bringen. - In seinem Planetensystem, das ja bei ihm ent-
sprungen ist aus einer sehr, sehr romantischen Auffassung des Wel-
tenbaues, empfand er so etwas wie eine Erneuerung des alten helio-
zentrischen Systems in seinem eigenen. Aber dieses alte heliozentri-
sche System war eben nicht aus dem Anschauen mit den Augen
heraus gemacht, sondern es war gemacht aus dem Erfühlen desjeni-
gen, was in den Sternen lebte.
Der Mensch, der ursprünglich aufgestellt hat dasjenige Weltensy-
stem, das in Aristarch von Samos' scher Weise die Sonne zum Zen-
trum macht und die Erde herumkreisen läßt und so weiter, dieser
Mensch hat in seinem Herzen die Wirkungen der Sonne gefühlt, in
seinem Kopf die Wirkungen von Jupiter, Saturn und Mars, und er
hat in seinem Magen und in seiner Leber und seiner Milz die Wir-
kung von Venus und Merkur gefühlt. Das war reale Erfahrung, und
aus dieser realen Erfahrung im ganzen Menschen ist dieses System
herausgebildet. Dann verlor man diese umfassende Erfahrung. Man
konnte noch wahrnehmen mit den Augen und Ohren und der Nase,
aber nicht mehr mit dem Herzen, mit der Leber. So etwas, wie etwas
aus der Sonne wahrnehmen mit dem Herzen, etwas aus dem Jupiter
wahrnehmen mit der Nase, das ist natürlich der helle Wahnsinn für
die Menschen der Gegenwart. Geradeso genau aber kann man so et-
was erkennen, wie die andern es für einen Wahnsinn halten, man
weiß schon warum. Dieses intensive Miterleben des Weltenalls, das
verlor sich im Lauf der Zeit. Und Ptolemäus bildete zunächst ein
mathematisches Weltbild heraus, das noch etwas hatte vom alten
Fühlen, aber als Qualität, möchte man sagen, sich schon losgelöst
hatte. Die Ptolemäer fühlten nur mehr in ihren älteren Zeiten,
später gar nicht mehr, sie fühlten nur mehr ganz leise, daß mit der
Sonne etwas anderes los ist als zum Beispiel mit dem Jupiter. Die
Sonne äußert ihre Wirkung in verhältnismäßig einfacher Weise
durch das Herz; der Jupiter geht einem schon wie ein Rad im Kopf
herum, worin sich der Epizykel ausdrückt; und in einem anderen
Sinn, der hier (Fig.l) charakterisiert ist, geht wiederum die Venus
unter dem Herzen durch. Aber von dem hat man nur noch zurück-
behalten in dieser Zeit das Mathematische, das man in Kreisform
darstellt: das Einfachere, die Sonnenbahn, im Verhältnis zum Kom-
plizierteren der Planetenbahn, aber das doch noch wenigstens in sei-
ner mathematischen Konfiguration in Beziehung zur menschlichen
Organisation.
Dann geht das ganz verloren und es tritt die völlige Abstraktion
ein. Aber heute muß wiederum der Weg zurück gesucht werden,
um vom ganzen Menschen aus wiederum eine Beziehung zum Kos-
mos herzustellen. Es muß nicht gewissermaßen von Kepler zu einer
weiteren Abstraktion gegangen werden, wie es Newton gemacht hat,
der Abstraktionen gesetzt hat an die Stelle der Konkretheit, Masse
und so weiter eingesetzt hat, was ja nur eine Umformung, eine
Transformation ist, wofür aber zunächst gar kein empirischer Tatbe-
stand vorliegt. Es muß der andere Weg eingeschlagen werden, der
Weg, wo in die Wirklichkeit noch tiefer hineingegangen wird, als
Kepler hineingegangen ist. Dazu muß man aber allerdings nun auch
dasjenige betrachten, was ja zusammenhängt mit Auf- und Unter-
gang der Sonne, Sonnenwandel, Sternenwandel und so weiter: die
besondere Artung und Gestaltung der Reiche der äußeren Natur. Es
ist doch eigentümlich, daß wir einen Gegensatz finden zwischen den
sogenannten äußeren Planeten und den inneren Planeten, und in
der Mitte finden wir nach heliozentrischer Anschauung die Erden-
wesenheit. Und ebenso finden wir in einer ganz merkwürdigen Wei-
se eine Art von Gegensatz, wie wir gestern gesagt haben, zwischen
Mineral, Pflanze auf der einen Seite, auf dem einen Ast liegend,
und Tier und Mensch wie auf dem anderen Ast liegend, auf der an-
dern Seite. Und wir müssen, wenn wir die Gabelung zeichnen,
Pflanze und Mineral in der Fortsetzung zeichnen; wir müssen Tier
und Mensch so zeichnen, daß die Bildung in sich selber zurückkehrt
(Fig-3).
en^H
Fig. 3
So haben wir zweierlei vor uns hingestellt: Dasjenige, was ge-
nannt werden kann das besondere Verhältnis der Wege der Epizy-
kelmittelpunkte und der Punkte an den Epizykelumfängen, wo-
durch ein ganz anderes Verhalten zur Sonne entsteht bei den oberen
wie bei den unteren Planeten; und weiter das Fortschreiten im Pflan-
zenwerden, das Hineinsausen ins Mineralische einerseits, die Tierbil-
dung und die Umkehrung von der Tierbildung zum Menschen an-
dererseits. Sie brauchen, wie ich es schon gestern sagte, nur in der
Selenka-Yoischung ein wenig sich umzusehen, so werden Sie man-
ches in diesem Symbolischen gerechtfertigt finden.
Diese zwei Dinge wollen wir als Probleme aufstellen und wollen
von da aus versuchen, ein wirklichkeitsgemäßes Weltsystem zu be-
kommen.
VIERZEHNTER VORTRAG
Stuttgart, 14. Januar 1921
Wir werden heute die gestern angeschlagenen Töne unserer Betrach-
tung in der Weise fortsetzen, daß wir versuchen werden aus dem
Material, das ja schließlich zusammengesetzt ist aus Beobachtungen
der Himmelserscheinungen, hinter deren wahre Gestalt wir zu
kommen suchen, versuchen werden Vorstellungen zu gewinnen, die
uns in das Gefüge der Himmelserscheinungen hineinführen kön-
nen. Da möchte ich noch einmal zunächst auf etwas hinweisen, was
aus der gestern anfänglich mehr historisch gehaltenen Betrachtung
folgen kann.
Wir müssen ja uns klar sein darüber, daß schließlich sowohl das
ptolemäische Weltensystem wie auch dasjenige, das in der gegen-
wärtigen Astronomie gebräuchlich ist, Versuche darstellen, dasjeni-
ge in irgendeiner Weise zusammenzufassen, was sich der Beobach-
tung darbietet. Und ein Versuch, dasjenige, was man wahrgenom-
men hat - Sie wissen, ich kann nach dem gestern Ausgeführten nicht
sagen: «gesehen» hat -, in gewissen Mathematik-ähnlichen Figuren
zusammenzufassen, der liegt sowohl im ptolemäischen System vor
wie auch schließlich im kopernikanischen System. Denn dasjenige,
was zugrunde gelegt werden muß einer jeglichen Geometrie oder ei-
nem jeglichen Rechnen und Messen, sind ja schließlich doch eben
die Beobachtungen. Und um das richtige Auffassen des beobachtba-
ren Tatbestandes kann es sich ja im Grunde einzig und allein han-
deln. Aber man muß sich schon einmal vertraut machen mit der Er-
kenntnistatsache, daß im heutigen wissenschaftlichen Leben dasjeni-
ge, was beobachtet, was wahrgenommen werden kann, viel zu leicht
hingenommen wird, um eine entprechende Ansicht darüber wirk-
lich zu gewinnen.
Es muß sich ja für uns zunächst eine Frage aufwerfen, die unmit-
telbar aus den beobachtbaren Tatsachen erfließt. Natürlich, ich
konnte nicht alle Einzelheiten in diesen Vorträgen, die so skizzen-
haft wie möglich sein müssen wegen der Kürze der Zeit, auch wirk-
lieh vorführen und durchsprechen. Ich konnte nur die Richtungen
angeben. Aber in diesem Angeben der Richtungen habe ich ver-
sucht, Sie darauf hinzuweisen, daß den Bewegungen der Himmels-
körper im Himmelsraum in irgendeiner Weise zugeordnet sein
muß dasjenige, was gestaltet ist im menschlichen Organismus, ja
schließlich auch im tierischen, im pflanzlichen Organismus. Es muß
da einen Zusammenhang geben. Daß es einen solchen Zusammen-
hang geben muß, das kann man ersehen aus der Art und Weise, wie
wir die Tatsachen betrachtet haben. Und je weiter Sie auf die Tatsa-
chen eingehen würden, desto mehr würden Sie diesen Zusammen-
hang eben sehen. Ich wollte Sie nur auf den Weg, ich sage das noch
einmal, hinweisen, auf dem zum Schluß das Ergebnis gefunden wer-
den kann: Dieser menschliche und auch der tierische, der pflanzli-
che Organismus, sie sind so gestaltet, daß, wenn man diese Gestalt li-
nienhaft ins Auge faßt, wie wir es getan haben, indem wir zum Bei-
spiel den Verlauf der Lemniskate nach den verschiedenen Richtun-
gen hin im Organismus uns vor die Seele geführt haben, daß man
dann zunächst etwas Ähnliches findet zwischen dieser Gestaltung
und denjenigen Liniensystemen, die man ziehen kann, wenn man
die Bewegungen der Weltenkörper ins Auge faßt. Dann aber ent-
steht die Frage: Ja, wodurch ist denn dieser Zusammenhang eigent-
lich bedingt? Welche Möglichkeit gibt es denn, diesen Zusammen-
hang sich wirklich als einen durchsichtigen, als einen in sich begrün-
deten, vor Augen zu führen? Und um dieser Frage näherzutreten,
müssen wir die besondere Anschauungsart, die dem ptolemäischen
Weltensystem zugrunde liegt, vergleichen mit derjenigen Anschau-
ungsart, die unserem heutigen kopernikanischen Weltensystem zu-
grunde liegt.
Was tun wir denn, wenn wir im Sinne des heutigen kopernikani-
schen Weltsystems uns denkend, rechnend, geometrisierend ein
Weltensystem zurechtlegen? Wir beobachten. Wir beobachten Kör-
per im Himmelsraum, die wir einfach nach dem Augenschein als
identisch ansehen können. Sie sehen, ich drücke mich sehr vorsichtig
aus. Mehr dürfen wir aber auch nicht sagen, als daß wir diese Körper
dem Augenschein nach als identisch ansehen. Derjenige, der gewisse,
ganz einfache Experimente macht, der wird nämlich durchaus zu
solcher Vorsicht in der Ausdrucksweise gegenüber der Außenwelt auf-
gefordert. Ich mache Sie auf folgendes kleine Experiment aufmerk-
sam, das an sich keinen Wert hat, sondern das nur eine Bedeutung
hat zur Heranbildung gewisser Vorsichten im menschlichen Vorstel-
lungsleben.
Denken Sie sich einmal, ich würde ein Pferd in einer gewissen
Weise abrichten, so daß, indem es fortläuft, es eine gewisse Regel-
mäßigkeit der Schrittentfaltung hat - das hat ja ein Pferd sogar im-
mer - und ich würde jetzt zwölf aufeinanderfolgende Stellungen des
Pferdes photographieren. Ich würde also zwölf Bilder des Pferdes be-
kommen. Diese zwölf Bilder des Pferdes, die würde ich so anordnen,
daß sie in einem Kreise angeordnet sind, vor dem ich in einer gewis-
sen Entfernung als Beobachter mich befinde. Und jetzt würde ich
hier drüber eine Trommel geben, welche ein Loch hat, eine Trom-
mel, die ich ins Rotieren bringe, so daß ich zunächst nur ein Bild des
Pferdes sehe, dann, wenn die Trommel weitergelaufen ist im Rotie-
ren, sehe ich das nächste Bild und so weiter. Ich werde das Schein-
bild bekommen eines herumlaufenden Pferdes. Ich werde meinen,
ein kleines Pferdchen läuft da im Kreis herum. Und dennoch, der
reale Tatbestand, der da zugrunde liegt, ist nicht der, daß da ein
reales Pferd herumläuft, sondern der, daß zwölf Pferdebilder von mir
in einer gewissen Weise angeschaut sind, von denen jedes eigent-
lich an seinem Ort bleibt.
Sie sehen also, ich kann nicht nur den Schein einer Bewegung im
perspektivischen Sinn hervorrufen, ich kann auch den Schein einer
Bewegung durchaus in qualitativer Weise hervorrufen. Es muß nicht
alles, was wie eine Bewegung erscheint, eine Bewegung auch wirklich
sein. Daher muß schon derjenige, der vorsichtig sprechen will und
erst durch sorgfältige Untersuchung zur Wahrheit kommen will,
eben zunächst sagen, so sonderbar und paradox es unseren ja so ge-
scheiten Zeitgenossen klingt: Ja, ich betrachte drei aufeinanderfol-
gende Lagen desjenigen, was ich einen Himmelskörper nenne, so,
daß ich dasjenige, was da zugrunde liegt, für identisch hinnehme.
Das heißt: Ich verfolge den Mond in seiner Bahn und lege dabei zu-
nächst hypothetisch das zugrunde, daß es immer derselbe Mond ist.
Das ist durchaus richtig, aber nur gegenüber einer so progredieren-
den Erscheinung. Was tun wir also? Wir sehen dasjenige, was wir für
identische Himmelskörper nehmen, in einer sogenannten Bewe-
gung, verbinden, was wir an verschiedenen Orten sehen, in Linien
und versuchen diese Linien zu interpretieren. Das ist dasjenige, was
uns das kopernikanische Weltensystem gibt.
In einer solchen Weise ist nicht vorgegangen ursprünglich dieje-
nige Schule, aus der das ptolemäische Weltensystem hervorgegan-
gen ist. Man lebte noch immer wahrnehmend im ganzen Menschen,
wie ich Ihnen gestern angedeutet habe. Und weil man noch wahr-
nehmend im ganzen Menschen lebte, war auch die ganze Vorstel-
lung, die man da hatte gegenüber einem Himmelskörper, eine we-
sentlich andere, als sie später geworden ist. Derjenige, der noch im
wahrnehmenden Sinne das ptolemäische Weltensystem vor sich hat-
te, der sagte nicht: Der Mond steht da oben. Das sagte er eben
nicht, das interpretiert man nur jetzt hinein ins Weltensystem. Er
sagte eben nicht: Der Mond ist da oben, denn da hätte er die Er-
scheinung bloß auf das Auge bezogen. Das tat er nicht, er bezog die
Erscheinung auf den ganzen Menschen und meinte das so: Hier
stehe ich auf der Erde, und ebenso wahr wie ich auf der Erde
stehe, stehe ich auch im Mond drinnen, denn der Mond, das ist das da
(Fig. 1, S. 254 schraffierte Fläche). Das ist die Erde und das Ganze ist
der Mond, der ja viel größer ist als die Erde. Der ist nämlich im Radius
so groß, wie dasjenige ist, was wir jetzt nennen die Entfernung des
Mondes, ich kann nicht sagen des Mondmittelpunktes, von dem Er-
denmittelpunkt. So groß ist der Mond im Sinne des ptolemäischen
Weltensystems, wie es ursprünglich ausgebildet worden ist. Und
dieser Körper, der sonst überall unsichtbar ist, der entwickelt an
dem einen Ende einen Vorgang, durch den dieses kleine Stückchen
sichtbar wird. Alles andere ist unsichtbar und ist außerdem von sol-
cher Substantialität, daß man drinnen leben kann, daß man von ihm
durchdrungen wird. Nur an diesem einen Ende, da wird es sichtbar.
Und im Verhältnis zur Erde dreht sich diese ganze Sphäre, die
übrigens nicht eine Sphäre ist, sondern ein Rotations-Ellipsoid, und
~s
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Fig. 1 : > "
*s**»*' i m m i W M m w i i w ^
damit dreht sich dasjenige, was da das sichtbare Stückchen ist, also
dasjenige, was der sichtbare Mond ist. Das ist nur ein Teil der vollen
Wirklichkeit, mit der man es hier zu tun hat.
Es wird Ihnen dasjenige, was da auftritt als eine Vorstellung, die
wirklich da war, in seinem Formbild nicht so schrecklich paradox er-
scheinen, wenn Sie ein Analogon sich vor die Seele führen. Führen
Sie sich das Analogon der menschlichen oder tierischen Keimzelle
vor das Auge (Fig. 2). Sie wissen, in einem gewissen Stadium der
Fig. 2
Entwickelung bildet sich an der einen Stelle des sonst im wesentli-
chen durchsichtigen Eikeimes der sogenannte Fruchthof, und von
dem Fruchthof geht die Bildung des übrigen Embryos aus. Also ex-
zentrisch, peripher bildet sich ein Mittelpunkt, von dem dann die
übrige Bildung ausgeht. Wenn Sie dieses kleine Körperchen verglei-
chen mit demjenigen, was hier als Vorstellung dem ptolemäischen
Weltensystem zugrunde liegt zum Beispiel vom Monde, dann haben
Sie Vorstellungen von demjenigen, was man da durchaus analog
dachte. So daß man sagen kann: Im Sinne dieser ptolemäischen
Weltauffassung ist eben noch eine ganz andere Wirklichkeit vorhan-
den als diejenige ist, welche nur eingeschlossen ist innerhalb des
Lichtbildes des Mondes.
Das ist dasjenige, was eingetreten ist mit dem Menschen seit
jener Zeit, da das ptolemäische Weltensystem als eine Realität
empfunden wurde: Das innerliche Erleben, das innerliche Fühlen
im Organismus, daß man da drinnen ist im Monde, das hat sich
ganz verloren, und man ist beschränkt worden auf das Lichtbild. Der
Mensch des fünften nachatlantischen Zeitraumes kann nicht sagen,
weil er es nicht mehr weiß: Ich stehe im Mond drinnen, respektive
der Mond durchdringt mich, weil für ihn der Mond nur die kleine
Lichtscheibe oder Lichtkugel oder Kugel überhaupt ist. Aus solch in-
nerlichen Wahrnehmungen heraus wurde das ptolemäische Welten-
system konstruiert. Nun, auf diese Wahrnehmungen kommt man ja
auch heute wieder, wenn man die Dinge im richtigen Licht betrach-
tet, wenn man sich zurückerobert die Möglichkeit, wiederum den
ganzen Mond zu erleben. Aber es bleibt durchaus begreiflich, daß
derjenige, der heute von der gebräuchlichen Vorstellung «der Mond»
ausgeht, nun sagt: Ja, ich kann nicht recht fassen, was da eigentlich
für ein Bezug sein sollte zwischen dem Mond und irgend etwas in
mir. Und es ist wirklich schließlich noch besser, wenn die Leute ab-
sprechend urteilen über irgend etwas, was vom Mond ausgeht und
auf den Menschen einen Einfluß hat, als wenn sie sich darüber aller-
lei phantastische Vorstellungen machen. Sobald aber wiederum die
Vorstellung eine real entsprechende wird, daß wir ja im Mond drin-
nen leben, daß also das, was Mond genannt werden kann, ein Kraft-
zusammenhang ist, der uns fortwährend durchdringt, dann braucht
nicht mehr Verwunderung darüber einzutreten, daß dieser Kraftzu-
sammenhang auch gestaltend im Menschen auftritt und im Tier,
daß wirklich dasjenige, was da uns durchdringend wirkt, eben etwas
ist, was mit dem Gestalten unseres Organismus etwas zu tun hat.
Solche Vorstellungen also sind es, die wir uns wiederum zurücker-
obern müssen. Wir müssen uns durchaus klar sein darüber, daß der
sichtbare Himmel eben durchaus nur eine fragmentarische Offenba-
rung des wirklichen, substanzerfüllten Weltenraumes ist.
Wenn Sie nun die Vorstellung entwickeln, Sie leben so in einem
Substanz-Zusammenhang drinnen, so werden Sie das Gefühl ha-
ben: Das ist etwas sehr, sehr Reales. Wir haben es aber heute in un-
serer gebräuchlichen astronomischen Anschauung durch etwas Er-
dachtes ersetzt. Wir haben es ersetzt durch dasjenige, was wir die
Gravitation nennen. Wir finden nur, daß eine gegenseitige Anzie-
hungskraft desjenigen, was wir als Körper des Mondes und was wir
als Körper der Erde denken, stattfindet. Diese Gravitationslinie, die
könnten wir uns rotierend denken, dann würden wir ungefähr aus
dem Bilde, das entsteht durch diese rotierende Gravitationslinie, das
herausbekommen, was in früheren astronomischen Ansichten die
Sphäre genannt worden ist, die Sphäre irgendeines Planeten. Es ist
im Grunde nichts anderes geschehen, als daß dasjenige, was substan-
tiell empfunden worden ist und nun auch wiederum substantiell er-
lebt werden kann, in gedachte Linien verwandelt worden ist.
Sie sehen, wir müssen uns also die ganze Konfiguration der diffe-
renzierten Weltenraumerfüllung anders denken, als wir das gewohnt
sind. Wir richten uns heute nach den Gravitationsvorstellungen, zum
Beispiel sagen wir, daß Ebbe und Flut zusammenhängen mit gewis-
sen vom Mond ausgehenden Gravitationskräften. Wir reden davon,
wie da eine Gravitation vom Weltenkörper ausgeht und das Wasser
hebt. Im Sinne jener anderen Vorstellungsweise müssen wir sagen,
der Mond durchdringt auch die Erde, und indem er die wässerige
Erdensphäre durchdringt, spielt sich etwas ab, was hier an dieser
Stelle als Wassererhebung sich abspielt; an einer andern Stelle gibt
sich die Mondensphäre als Lichterscheinung kund. Wir brauchen
nicht zu denken, daß da eine besondere Anziehungskraft vorhanden
ist, sondern wir denken, daß gewissermaßen diese die Erde durch-
dringende Mondensphäre mit der Erde zusammen eine Organsiation
bildet, und wir sehen in den zwei Vorgängen bloß zwei Seiten eines
Vorganges.
Ich habe die historische Betrachtungsweise von gestern nur zu
Hilfe genommen, um Sie auf gewisse Begriffe zu führen. Ich hätte
ebenso gut den Versuch machen können, diese Begriffe ganz ohne
Anlehnung an ehemalige Vorstellungen zu gewinnen, aber da hätte
ja die ganze Betrachtung von geisteswissenschaftlichen Vorausset-
zungen ausgehen müssen, aus denen heraus man zu denselben Vor-
stellungen kommen würde.
Stellen Sie sich nun hier die Erdensphäre vor (Fig. 3). Ich stelle
dasjenige, was die feste Erdkugel ist, als Erdensphäre vor. Natürlich
muß ich mir in wesentlich anderer Konsistenz und Substantialität
Fig-3
nun die Mondensphäre vorstellen. Ich kann natürlich auch dasjeni-
ge, was rauminhaltlich durchdrungen ist von diesen zwei Sphären,
von einer dritten, vierten Sphäre durchdrungen denken. Also ich
denke in irgendeiner Weise das durchdrungen von einer dritten
Sphäre, das würde die Sonnensphäre sein können, die qualitativ in-
nerlich verschieden ist von der Mondensphäre. Ich bin also durch-
drungen, sage ich, als Mensch von der Sonnen- und Mondensphäre.
Die stehen natürlich in einem Wechselverhältnis, indem sie sich
durchdringen, und der Ausdruck dieser Wechselbeziehung ist ir-
gend etwas im Organismus Gestaltetes. Und jetzt werden Sie darauf
kommen, daß man schließlich zusammenschauen kann dasjenige,
was in dieser Weise in verschiedener Substantialität durchdringt den
Organismus, und das, was seinen Ausdruck finden kann in der Gestal-
tung; daß die Gestaltung einfach das Ergebnis ist dieser Durchdrin-
gung. Und dasjenige, was wir dann als Bewegungen der Himmels-
körper sehen, das ist gewissermaßen das Zeichen, das Sichtbarwer-
den unter gewissen Verhältnissen der Grenze dieser Sphären. Das ist
etwas, was zunächst durchaus notwendig ist, um wiederum zu reale-
ren Vorstellungen über den Bau unseres Weltensystems zu kommen.
Und Sie können jetzt schon etwas Wirklicheres als früher mit der Idee
verbinden, daß die menschliche Organisation etwas zu tun hat mit
diesem Bau des Weltensystems. So lange man da draußen die Him-
melskörper sieht, so lange wird man keine sehr klaren Vorstellungen
gewinnen können über diese Zusammenhänge. In dem Augenblick,
wo man übergeht zu dem Wirklichen, kann man diese klare Vorstel-
lung gewinnen, wenn auch natürlich die Dinge anfangen, etwas ver-
wirrend zu werden, weil es so viele Sphären gibt, von denen man
durchdrungen ist, so daß man tatsächlich ja etwas unangenehm von
all diesem Durchdringen des Organismus berührt werden kann.
Die Sache wird aber noch schlimmer, möchte ich sagen. Wir sind
zunächst ja von der Erdensphäre in einer gewissen, sogar erweiterten
Weise durchdrungen, denn zur Erde gehört ja nicht nur die feste
Erdkugel, auf der wir stehen, sondern auch die Wassermasse; es ge-
hört aber auch die Luft, in der wir ja schon drinnen sind, dazu. Das
ist schon eine Sphäre, in der wir da drinnen sind. Diese Luft, sie ist
nur im Verhältnis zu demjenigen, was die Himmelserscheinungen
bewirken, noch etwas sehr Grobes. Nun denken Sie sich also, wir ste-
hen in der Erdensphäre drinnen, wir stehen in der Sonnensphäre
drinnen, in der Mondensphäre und noch in vielen anderen. Aber wir
wollen nur die drei einmal herausheben und uns also sagen: Irgend
etwas in uns ist das Ergebnis der Substantialitäten dieser drei Sphä-
ren. Wir haben qualitativ jetzt etwas, was, wenn es quantitativ auf-
tritt, der Mathematiker mit einem gewissen Horror empfindet, das-
jenige, was er das Problem der drei Körper nennt. Das aber wirkt in
seinem Ergebnis, in seiner Realität, in uns. Wir müssen uns dadurch
klarwerden, daß das wirkliche Entziffern der Realität, der Wirklich-
keit keine einfache Sache ist, und daß die Gewöhnung, in einfacher,
bequemer Weise die Wirklichkeit aufzufassen, eigentlich wirklich
nur ihren Ursprung hat in der menschlichen Denkbequemlichkeit.
Und vieles von dem, was eben als wissenschaftlich gilt, hat nur sei-
nen Ursprung in dieser menschlichen Denkbequemlichkeit. Sieht
man von ihr ab, dann muß man eben so vorsichtig zu Werke gehen,
wie wir das in diesen Vorträgen versuchten, die nur manchmal des-
halb nicht vorsichtig genug aussehen, weil gesprungen werden muß-
te skizzenhaft von dem einen zum andern, so daß Sie sich selbst die
Verbindungen suchen müssen; sie sind aber da.
Nun müssen wir aber ebenso vorsichtig vorgehen, wenn wir das-
selbe Problem von einer anderen Seite anfassen wollen, auf die ich
auch schon aufmerksam gemacht habe, nämlich von der Seite des
menschlichen Organismus selbst im Vergleich mit den Wesen der
anderen Naturreiche. Ich habe Ihnen gesagt, wir können uns vorstel-
len eine Gabelung, von einem ideellen Punkte ausgehend. Auf dem
einen Aste haben wir dann zu verzeichnen die Pflanzenwelt, auf
dem andern Ast die Tierwelt. Wenn wir uns das Werden der Pflan-
zenwelt fortgesetzt denken im wirklichen Naturreich, so kommen
wir in das Mineralisieren des Pflanzenreiches hinein. Das werden
wir uns ja durchaus als einen realen Vorgang vorstellen können,
wenn wir es am gröbsten Beispiel anfassen. Wir treffen heute die mi-
neralische Steinkohle und sehen in ihr mineralisiertes Pflanzliches.
Was sollte uns denn abhalten davon, auf analoge Vorgänge, die sich
abgespielt haben für anderes Pflanzenartiges, hinzuschauen und, sa-
gen wir, die kieseligen und sonstigen Bestandteile der mineralischen
Erdsubstanz aus dem Mineralisieren des Pflanzlichen abzuleiten?
Nicht in derselben Weise, sagte ich, können wir vorgehen, wenn
wir die Beziehungen suchen des Tierreiches zum Menschenreich. Da
müssen wir gewissermaßen uns vorstellen, die Entwickelung rückt im
Tierreich vor, neigt sich aber dann auf sich selbst zurück und reali-
siert sich physisch auf früherer Stufe als diejenige des Tieres ist. So
daß man gewissermaßen sagen kann: Die tierische und die menschli-
che Bildung marschiert von einem gemeinsamen Punkte aus. Das
Tier geht aber weiter, bevor es äußerlich physisch real wird; der
Mensch hält sich auf einer früheren Stufe zurück und macht sich auf
dieser Stufe physisch real. Dadurch ist es ja möglich - denn diese
Vorgänge müssen wir auf die Embryonal-Entwickelung beziehen -,
daß der Mensch noch in ganz anderem Maße als das Tier entwicke-
lungsfähig bleibt, nachdem er geboren ist. Im Mineral ist die pflanz-
liche Bildung über das Extrem des Pflanzlichen hinausgegangen; im
Menschen wird die tierische Bildung nicht bis zum Extrem getrie-
ben, sondern in sich zurückbehalten und auf einer früheren Stufe
die äußere Ausgestaltung von der Natur vorgenommen. So daß wir
eben diesen ideellen Punkt bekommen, von dem aus sich gabelt in
einen längeren, unbegrenzt langen Ast und in einen kürzeren, in
sich auch von der negativen Seite unbestimmten Ast: Pflanzenreich,
Mineralreich; Tierreich, Menschenreich.
Nun handelt es sich darum, eine gewisse Vorstellung zu gewin-
nen von dem, was da eigentlich vorliegt mit dieser Bildung des Men-
schen im Verhältnis zur Bildung des Tieres. Zurückgehalten also ist
die Entwickelung beim Menschen, gewissermaßen vorzeitig real ge-
macht ist dasjenige, was sich realisieren will. Wenn man studiert in
der Weise, wie der Vorgang vorgestellt werden muß nach dem, was
ich Ihnen bereits in diesen Vorträgen mitgeteilt habe, wenn man
studiert den Anteil, den die Sonnenentität hat bei der Bildung des
Tierkörpers - natürlich immer auf dem Umwege durch die Embryo-
nalbildung -, so weiß man, daß gewissermaßen der direkte Sonnen-
schein etwas zu tun hat mit der Konfiguration des tierischen Kop-
fes, das Indirekte des Sonnenlichtes, also ich möchte sagen der Son-
nenschatten im Verhältnis zur Erde, etwas zu tun hat mit dem pola-
rischen Gegenteil des tierischen Kopfes. Wenn wir nun ins Auge fas-
sen ganz stramm dieses Durchdringen der tierischen Bildung mit der
kosmischen Sonnensubstantialität und die Formen ins Auge fassen,
dann werden wir damit eine Vorstellung verbinden lernen, die ich in
der folgenden Weise vor Sie hinzeichnen möchte. Nehmen Sie ein-
mal an, die tierische Bildung wird in irgendeiner Weise bewirkt im
Zusammenhang mit der Sonne. Nun, nehmen wir jetzt eine ge-
bräuchliche astronomische Vorstellung und fragen wir uns im Sinne
dieser Vorstellung: Gibt es außer dem, was da durch besondere Kon-
stellation eben vorliegen wird als Wirkungsweise zwischen Sonne
und Tier, irgendwo die Möglichkeit einer Wirkung des Sonnenlich-
tes im Kosmos, die nicht so ohne weiteres mit der Sonne selbst zu-
sammenhängt? Ja, die gibt es. Jedesmal, wenn uns der Vollmond
bescheint oder überhaupt nur der beleuchtete Mond, so scheint uns
das Sonnenlicht an. Da wird uns gewissermaßen kosmisch die Mög-
lichkeit geschaffen, daß das Sonnenlicht uns bestrahlt. Das ist natür-
lich auch beim werdenden Menschen, in der Keimeszeit, der Embryo-
nalzeit der Fall und war der Fall in früheren Erdenstadien so, daß es
damals eine direkte Wirkung war. Das, was heute als Nachklang da
ist, ist eben vererbt. Da haben wir also wiederum ein Sonnenwirken,
einmal direkt und einmal ein indirektes, im Rückstrahlen des Son-
nenlichtes vom Monde her.
Und nun stellen Sie sich das Folgende vor. Stellen Sie sich einmal
vor, wenn ich es wiederum schematisch zeichnen will, beim Tiere
läge es mit der Entfaltung, dem Werden des Tieres so, daß es unter
dem Eindruck der Sonnenwirkungen nach diesem Schema entstünde
(Fig. 4). Ich möchte sagen, das wäre die gewöhnliche Tag- und
Fig. 4
Nachtwirkung, also Kopf und polarer Gegensatz des Kopfes. Das
wäre die gewöhnliche Sonnenwirkung beim Tier. Und jetzt nehmen
wir einmal jene Wirkung des Sonnenlichtes, die auftritt, wenn der
Mond in Opposition steht, wenn Vollmond ist, wenn also gewisser-
maßen von der Gegenseite her das Sonnenlicht wirkt, durch die Re-
flexion sich entgegenwirkt. Wenn wir dieses (Pfeil senkrecht nach
unten in Fig. 5, S. 262) als die Richtung für die tierischen Bildungen
der direkten Sonnenstrahlen denken, so müßten wir uns vorstellen,
die tierische Bildung ginge immer weiter im Sinne dieses direkten
Sonnenstrahles (Fig. 5), und es würde ein Tier immer mehr und mehr
Tier, je mehr die Sonne auf es wirkt. Wenn aber von der Gegenseite
her der Mond entgegenwirkt, beziehungsweise die Sonne auf dem
Fig. 5 V y Fig. 6
Umweg des Mondes, dann wird von dem Tierwerden weggenom-
men, es wird in sich zurückgenommen (Fig. 6). Das entspricht der
Verkürzung des zweiten Gabelastes, dieses Zurücknehmen (Fig. 7).
Sie sehen also, wir bekommen ein kosmisches Korrelat für dasjenige,
was ich Ihnen als eine gewisse Charakteristik für den Unterschied des
Menschen mit dem Tier gegeben habe.
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Dasjenige, was ich Ihnen da jetzt gesagt habe, das ist unmittelbar
wirklich wahrzunehmen für den, der sich die Möglichkeit verschafft,
solche Dinge wahrzunehmen. Der Mensch verdankt tatsächlich die-
ses Zurückhalten seiner Organisation der Gegenwirkung des Son-
nenlichtes auf dem Umweg des Mondes. Es wird die Wirkung des
Sonnenlichtes dadurch, und zwar die eigene Qualität - es ist ja im-
mer Sonnenlicht - abgeschwächt, indem sich die Sonne selbst in der
Mondwirkung ein Gegenbild entgegenstellt. Würde sie sich nicht
selber entgegenstellen in der Mondenlichtwirkung, so würde das,
was als Bildungstendenz in uns liegt, uns die tierische Gestalt geben.
So wirkt das entgegen, was eben Sonnenwirkung, reflektiert vom
Monde, ist. Die Bildung wird angehalten, indem das Negative
wirkt, und die Menschengestalt ist die Folge.
Verfolgen wir nun auf dem anderen Gabelast die Pflanze in ihrer
Bildung und stellen wir uns vor dasjenige, was in der Pflanze Son-
nenwirkung ist - daß eine Sonnenwirkung da ist, ist ja handgreiflich -,
das würde sich nicht entfalten können zu einer gewissen Zeit. Es
kann sich ja während des Winters dasjenige nicht entfalten, was in
der Pflanze sprießendes, sprossendes Leben ist. Man sieht schon den
Unterschied in der Entfaltung der Pflanze, wenn man einfach den
Unterschied von Tag und Nacht ins Auge faßt. Aber denken Sie sich
nun diese Wirkung, die immer im Rhythmus abläuft, in unbegrenz-
ter Anzahl wiederholt, möchte ich sagen, was haben wir dann ei-
gentlich? Wir haben Wirkung der Sonne, und Eigenwirkung der Er-
de, wenn die Sonne also nicht direkt wirkt, sondern von der Erde be-
deckt ist. Die Sonne wirkt; die Sonne wirkt wiederum nicht, sondern
die Erde, wenn die Sonne von unten wirkt, die Erde ihr entgegen-
liegt. Wir haben also den Rhythmus: Sonnenwirkung vorwiegend;
Erdenwirkung vorwiegend. Wir haben also das Pflanzliche ausgesetzt
abwechselnd der Sonne und dann wiederum hineingezogen, bild-
haft ausgedrückt, in das Irdische, gewissermaßen vom Irdischen in
sich gezogen. Wir haben da etwas anderes. Wir haben im letzten
Falle eine wesentliche Verstärkung desjenigen, was in der Pflanze als
das Sonnenhafte wirkt, und diese Verstärkung des Sonnenhaften
durch das andere, Erdhafte, das drückt sich dadurch aus, daß die
Pflanze allmählich dem Mineralisierungsprozeß verfällt. So daß wir
also sagen müssen: Wir gabeln so, daß wir in bezug auf die Pflanze
Sonnenwirkung sehen, fortgesetzt durch die Erde zur Mineralisie-
rung; Sonnenwirkung im Tiere, in sich zurückgenommen durch die
Mondenwirkung im Menschen (Fig. 7). Ich könnte auch diese Figur
noch etwas anders zeichnen, dann würde sie diese Gestalt bekom-
men können (Fig.8): hier zum Menschlichen zurückgehend; hier
zum Mineralischen, das natürlich in einer anderen Form sein müßte,
vorschreitend. Es ist zunächst ja nur eine symbolische Figur, aber diese
symbolische Figur drückt uns in einer gewissen Weise klarer als die
erste Figur, die bloß in Linien da ist, dasjenige aus, was ich diese Ga-
belung nennen möchte zwischen dem Mineralreich und Pflanzen-
reich auf der einen Seite und dem menschlichen und tierischen
Reich auf der anderen Seite.
/Hewcfj
Hg. s /Hmeral
Man wird niemals gerecht einer Systematik der Naturwesen,
wenn man sie nur gradlinig vorstellt, wenn man nicht diese Vorstel-
lung zugrunde legt. Daher werden alle Natursysteme immer unbe-
friedigend ausfallen, die bloß in gradliniger Weise vom Mineralreich
angefangen zum Pflanzenreich übergehen, dann zum Tierreich,
dann zum Menschen. Es handelt sich darum, daß man es, wenn man
diese Vierheit darstellt, mit einem viel komplizierteren Zusammen-
hang zu tun hat als mit einem solchen, der bloß etwa in einer grad-
linigen Entwickelungsströmung und dergleichen läge. Wenn man
von einer solchen Vorstellung ausgeht, wird man ganz gewiß nicht
zu irgendeiner generatio aequivoca, zu irgendeiner Urzeugung ge-
führt, sondern zu diesem ideellen Mittelpunkt, der irgendwo zwi-
schen Tier und Pflanze liegt, der überhaupt nicht im Physischen ge-
funden werden kann, der aber ganz gewiß einen Zusammenhang
hat mit dem Problem der drei Körper: Erde, Sonne, Mond. Wenn
Sie also auch vielleicht nicht mathematisch vorstellbar haben dasjeni-
ge, was man sich vorstellen könnte als eine Art von ideellem Schwer-
punkt der drei Körper Sonne, Mond und Erde, wenn Sie auch da-
mit das Problem der drei Körper nicht gut lösen können - im Men-
schen ist es gelöst! Indem der Mensch Mineralisches, Tierisches,
Pflanzliches in sich verarbeitet, ist in ihm tatsächlich dasjenige ge-
schaffen, was eine Art ideeller Durchschnittspunkt der drei Wirkun-
gen ist. Es ist in ihm eingezeichnet, es ist ganz zweifellos da. Und
weil es da ist, hat man sich damit abzufinden, daß gerade dasjenige,
was da im Menschen ist, ganz gewiß empirisch an verschiedenen Or-
ten ist, weil es in jedem einzelnen Menschen ist, in allen Menschen,
die über die ganze Erde zerstreut sind, so daß sie in einer gewissen
Beziehung stehen müssen zu Sonne, Mond und Erde. Und wenn
es in einer gewissen Weise gelingt, eine Art ideellen Durch-
schnittspunkt zu finden von Sonnen-, Mond- und Erdenwirkung,
und man die Bewegung dieses Punktes für jeden einzelnen Men-
schen finden könnte, dann würde uns das wesentlich weiter führen
zu dem Begreifen desjenigen, was wir vielleicht Bewegung nennen
können in bezug auf Sonne, Mond und Erde.
Aber, wie gesagt, hier wird das Problem eigentlich nur verwickel-
ter, weil wir so viele Punkte haben, als Menschen auf der Erde sind,
für die wir die Bewegungen suchen müssen. Aber es könnte ja sein,
daß diese Bewegungen für die verschiedenen Menschen nur schein-
bar verschieden sind. Darüber wollen wir uns dann morgen weiter
unterhalten.
FÜNFZEHNTER VORTRAG
Stuttgart, 15. Januar 1921
Ich möchte heute versuchen, einiges von dem, was vielleicht Schwie-
rigkeiten macht in der Auffassung der Dinge, die wir bisher betrach-
tet haben, hinüberzuführen zu Vorstellungen, welche Ihnen zeigen
werden, wie man in der Tat mit demjenigen nicht auskommen kann
im Begreifen der Welterscheinungen, das man so gerne, natürlich nach
der Bequemlichkeit der menschlichen Denkgewohnheiten, zugrun-
de legen möchte. Wir haben ja die Welterscheinungen im Zusam-
menhang mit dem Menschen nach den verschiedensten Richtungen
hin betrachtet. Wir haben namentlich immer wiederum daraufhin-
gewiesen, wie ein gewisser Zusammenhang sich zeigt zwischen der
menschlichen Gestaltung und demjenigen, was uns in den Himmels-
erscheinungen entgegentritt, gleichgültig, ob wir im Sinne eines äl-
teren Weltsystems oder im Sinne der kopernikanischen Theorien
die Bewegungen der Weltenkörper zu einem Bilde zusammenfas-
sen. Das Bild muß immer in verschiedener Weise zum Menschen in
ein Verhältnis gebracht werden, das haben wir gesehen, aber wir
kommen in einer wirklichen Wissenschaft nicht darum herum, die-
ses Verhältnis auch wirklich anzunehmen.
Nun stellen sich aber dabei ganz erhebliche Schwierigkeiten ein.
Wir haben zuerst im Verlauf dieser Vorträge auf die Schwierigkeit
hingewiesen, die sich darin ausdrückt, daß, sobald man versucht, die
Verhältnisse der Umlaufzeiten der Planeten unseres Systems zu be-
trachten, sich inkommensurable Zahlen ergeben, daß es also not-
wendig ist, gewissermaßen mit dem Rechnen aufzuhören. Denn wo
sich inkommensurable Zahlen ergeben, da ist keine überschaubare
Einheit vorhanden. Und so sehen wir, daß wir mit derjenigen ma-
thematischen Denkweise und Methodik, durch die wir zusammenfas-
sen möchten die Erscheinungen unseres Weltenraumes, durch die
Erscheinungen selbst aus der Wirklichkeit herausgetrieben werden,
daß wir also nicht voraussetzen dürfen, wir könnten mit demjeni-
gen, was wir im gewöhnlichen, starren dreidimensionalen Raum für
unsere Geometrie zugrunde legen, uns irgendwie die Welterschei-
nungen erklärlich machen. Insbesondere aber tauchte uns ja gestern
eine Schwierigkeit auf: Wir waren in die Notwendigkeit versetzt,
vorauszusetzen ein gewisses Verhältnis von Sonne, Mond und Erde,
das in irgendeiner Weise im Menschen, im Bau des Menschen zum
Ausdruck kommen muß und das man fassen möchte. Und in dem
Augenblick, wo sich solch ein Zusammenwirken einer Dreiheit gel-
tend macht, da kommt man mit dem Rechnen im Raum in beträcht-
liche Schwierigkeiten hinein. Auf alles das habe ich ja bisher auf-
merksam gemacht. Nun kann sich uns etwas ergeben, wenigstens als
ein Anhaltspunkt, um rein geometrisch, aber in einem erhöhteren
Maße geometrisch, eine Vorstellung zu gewinnen von dem, was da
eigentlich zugrunde liegt als Schwierigkeit, mit dem Rechnen im
Raum die Zusammenhänge der Himmelserscheinungen zu erfassen.
Wenn wir noch einmal zurückgehen auf die verschiedenen Ver-
suche, die ich Ihnen angedeutet habe, die Gestaltung des Menschen
selber wirklich zu erfassen, so kommen wir auf folgendes. Wir kön-
nen den Versuch machen, die Gliederung der menschlichen Wesen-
heit, von der wir ja auch in diesen Vorträgen öfter gesprochen ha-
ben, wirklich ernst zu nehmen, wie es ja sein muß. Wir können da-
von sprechen, daß die menschliche Hauptesorganisation mit ihrer
Zentrierung im Nerven-Sinnessystem eine gewisse Selbständigkeit
für sich hat; ebenso das rhythmische System mit allem, was dazu ge-
hört; und schließlich hat auch das Stoffwechselsystem mit alledem,
was in der Gliedmaßenorganisation dazu gehört, wiederum eine
Art Selbständigkeit für sich. Wir können also in der menschlichen
Organisation auf drei in sich selbständige Systeme hinweisen, und
wir werden, wenn wir in einer venünftigen Weise dabei das Prinzip
der Metamorphose zugrunde legen, das ja unbedingt in der organi-
schen Natur zugrunde gelegt werden muß, uns Vorstellungen zu bil-
den haben darüber, wie sich nach dem Prinzip der Metamorphose
diese drei Glieder der menschlichen Organisation zueinander ver-
halten.
Also, verstehen Sie mich recht! Wir wollen uns eine, wenn auch
vielleicht zunächst nur bildhafte Vorstellung davon machen, wie
sich die drei Glieder der menschlichen Organisation zueinander
verhalten. Oberflächlich angesehen wird das natürlich schwierig
sein. Es wird schwierig sein, dasjenige, was im menschlichen Haupte
an Organen angetroffen werden kann, deutlich zu erkennen als
Metamorphose derjenigen Organe, welche dem Stoffwechsel-Glied-
maßensystem zugrunde liegen. Aber wenn man so weit auf die
Morphologie des Menschen eingeht, wie ich es angedeutet habe,
dann kommt man doch in einer gewissen Weise zurecht, wenn man
wirklich die Vorstellung gründlich durchdenkt, daß wir es in dem
Wechselverhältnis zwischen Röhrenknochen und Schädelknochen zu
tun haben mit einer vollständigen Wendung der Innenfläche des
Knochens nach außen nach dem Prinzip, wie man einen Handschuh
umdreht, und daß man bei dieser Umwendung es zugleich zu tun
hat mit einer Änderung der Kraftverhältnisse. Es würde, wenn ich
so, wie ich einen Handschuh drehe, im Röhrenknochen das Innere
nach außen wenden würde, wieder ein Röhrenknochen entstehen,
natürlich. Wenn wir aber voraussetzen, daß der Röhrenknochen nur
dadurch sich konfiguriert hat, daß er angeordnet ist, wie ich es darge-
stellt habe, nach innen zu in durchlaufendes Radiales, daß er also
genötigt ist, seine Materienanordnung dem Radialen entsprechend
zu machen, und ich ihn dann so umwende, daß das Innere nach au-
ßen kommt, und er dann nicht dem Radialen folgt in seiner Anord-
nung, sondern dem Sphäroidalen, so wird das Innere, das sich jetzt
dem Sphäroidalen zuwendet, eben diese Form bekommen (Fig. 1).
S
" äußern
Fig. 1
Das frühere Äußere ist jetzt das Innere und umgekehrt. Wenn Sie
dieses ins Auge fassen im extremsten Fall der Umwandelung des
Röhrenknochens in den Schädelknochen, dann werden Sie sich sa-
gen: Die äußeren Enden der menschlichen Gliederung, das Glied-
maßensystem und das Schädelsystem, sie stellen gewissermaßen Pole
der Organisation dar, aber so, daß wir nicht einfach die Pole im line-
aren Sinne als entgegengesetzt zu denken haben, sondern daß wir,
wenn wir übergehen von einem Pol zum anderen, auch entspre-
chend einen Übergang annehmen müssen zwischen Radius und Ku-
geloberfläche. Ohne daß man so komplizierte Vorstellungen zu Hil-
fe nimmt, ist es durchaus unmöglich, irgendwie eine der Sache adä-
quate Vorstellung vom menschlichen Organismus zu bekommen.
Nun, dasjenige, was gewissermaßen die Mitte bildet, das mittlere
Glied der Organisation des Menschen, dasjenige also, was zugeord-
net ist dem rhythmischen Organismus, das wird in der Mitte drin-
nenstehen, wird gewissermaßen wie den Übergang bilden von Radial-
struktur zu Sphäroidalstruktur. Aus diesem Prinzip heraus ist nun
morphologisch die ganze menschliche Organisation zu begreifen.
Wir müssen uns also klarmachen, wenn wir irgend etwas in der
Stoffwechselorganisation haben als Organ, also sagen wir zum Bei-
spiel die Leber oder irgendeines der Organe eben, die dem Stoff-
wechsel im eminentesten Sinne angehören - man kann immer nur sa-
gen «im eminentesten Sinne angehören», denn die Dinge sind ja
wiederum ineinandergeschoben -, wenn wir also ein solches Organ
haben, und wir suchen entsprechend dasjenige Organ, das in der
Hauptesorganisation durch Umwendung metamorphosiert mit ihm
zusammenhängen kann, dann werden wir natürlich eine ganz ge-
waltige Deformation des betreffenden Organs zu konstatieren ha-
ben, wenn wir mit dem Begreifen der Form zurechtkommen wollen.
Daher wird es schwierig sein, mathematisch irgendwie die Sache zu
fassen. Aber ohne daß man irgendwo anfaßt mit dem Mathemati-
schen, wird man überhaupt nicht zurechtkommen. Und wenn Sie
bedenken - nehmen Sie es selbst nur wie ein Bild -, daß man in dem
Begreifen der menschlichen Gestalt etwas hat, was hinausweist auf die
Bewegungen der Himmelskörper, so wird es sich darum handeln,
daß, wenn man zusammenfassen will dasjenige, was in den Bewe-
gungen der Himmelskörper auftritt, man es auch in einer ähnlichen
Weise auffassen muß; daß man nicht so vorgeht, als ob einfach die
Dinge sich abspielten in einer Weise, an die man herankommt mit
der Geometrie, die einfach mit dem gewöhnlichen Raum rechnet
und die daher, weil sie das tut, ja mit keiner Umwendung rechnen
kann. Sobald man von einer solchen Umwendung spricht, wie ich es
getan habe, kann man nicht mehr mit dem gewöhnlichen Raum
rechnen. Der gewöhnliche Raum gilt da, wo ich Kubikinhalte bilde
im gewöhnlichen Sinne. Wenn ich aber genötigt bin, das Innere
zum Äußeren zu machen, dann hört die Möglichkeit auf, mit den-
jenigen Vorstellungen rechnend fortzugehen, die ich im gewöhnli-
chen Raum habe.
Nun, wenn ich aber die menschliche Gestalt mir so vorstellen
muß, daß ich Wendungen in dem entsprechenden Sinne dazu brau-
che, so muß ich mir auch die Bewegungen der Himmelskörper vor-
stellen so, daß ich Wendungen dazu brauche. Ich kann also unmög-
lich in demselben Sinne vorgehen, wie die gegenwärtige Astronomie
vorgeht, die sich eben zum Begreifen der Himmelserscheinungen
einfach nur des gewöhnlichen, starren Raumes bedient. Wenn Sie
einfach zunächst die Kopforganisation und die Stoffwechselorgani-
sation des Menschen nehmen, so müssen Sie, um von der einen zur
anderen überzugehen, eine solche Wendung und noch dazu mit Va-
riationen der Formen sich vorstellen. Nun, suchen wir uns eine Mög-
lichkeit, zunächst bildhaft so etwas vorzustellen.
Sehen Sie, dazu haben wir ja schon vorgearbeitet, indem wir hin-
gewiesen haben auf die Cassinische Kurve und auch auf diejenige
Auffassung des Kreises, in der der Kreis nicht einfach eine Linie ist,
bei der jeder Punkt von einem Mittelpunkt gleich weit entfernt steht,
sondern diejenige Linie, bei der jeder Punkt von zwei fixen Punkten
in der Weise entfernt ist, daß der Quotient dieser Entfernungen eine
konstante Größe ist. Da haben wir also den Kreis durch eine andere
Auffassung gegeben. Wir haben zunächst also auf die Cassinische
Kurve hingewiesen und haben gezeigt, wie diese Cassinische Kurve
im wesentlichen drei Formen hat: Die eine Form ist ellipsenähnlich,
wie ich Ihnen gesagt habe. Sie entsteht dann, wenn zwischen den
Konstanten ein bestimmtes Verhältnis ist, das wir angegeben haben;
die zweite Form ist die Lemniskate; die dritte Form, die ist so, daß
wir der Vorstellung gemäß eine Einheit haben, daß wir auch analy-
tisch eine Einheit haben, daß wir aber in der Anschauung eine Ein-
heit nicht haben. Diese zwei Äste der Cassinischen Kurve sind eben
eine Kurve. Wir müssen aber, wenn wir die Linie ziehen, eben aus
dem Raum heraus und kommen dann eigentlich wiederum in den
Raum herein, wenn wir den anderen Ast ziehen. Begrifflich ist es so,
daß wir einen einzigen Zug mit unserer Hand machen, wenn wir
diese zwei anschaulich voneinander getrennten Gebiete hinzeich-
Fig. 2
nen. Wir können nicht im gewöhnlichen Raum diese Linie ziehen,
aber begrifflich ist dasjenige, was da oben ist und dasjenige, was da
unten ist, eben durchaus eine Linie (Fig. 2). Nun aber habe ich Ih-
nen gesagt, daß diese Linie noch in einer anderen Weise vorgestellt
werden kann. Sie kann so vorgestellt werden, daß man fragt: Welche
Bahn muß ein von dem einen fixen Punkte A beleuchteter Punkt
durchlaufen, damit er in dem anderen fixen Punkte B stets mit glei-
cher Glanzstärke erscheint? Also ich bekomme da die Cassinische
Kurve als den geometrischen Ort all derjenigen Punkte, die durch-
laufen muß ein von dem einen fixen Punkte A beleuchteter Punkt,
damit dieser Punkt in dem anderen fixen Punkte B immer mit dem
gleichen Leuchtglanz beobachtet werden kann.
Nun wird es Ihnen nicht schwer sein sich vorzustellen, daß, wenn
etwas von A nach C leuchtet und durch Reflexion wiederum nach B
leuchtet, daß das denselben Glanz liefern kann wie das, was von A nach
D leuchtet und so weiter. Das wird Ihnen ja nicht sonderlich schwer
sein sich vorzustellen. Aber Sie werden schon gewisse Schwierigkeiten
haben vorzustellen, wenn es an die Lemniskate herankommt. Da
werden Sie nicht so ganz leicht zurechtkommen mit dem gewöhnli-
chen Abzirkeln nach den Reflexionsgesetzen und so weiter. Und erst
recht schwierig wird es Ihnen werden, nun die Vorstellung zu bil-
den, daß von dem Punkte B aus hier in diesem Ast der Cassinischen
Kurve (welcher B umschlingt) immer derselbe Leuchteglanz beob-
achtet werden soll, der durch den Lichtpunkt A bewirkt wird. Denn
Sie müßten sich ja vorstellen, daß da der Lichtstrahl (beim Übergang
vom einen Ast zum andern) aus dem Räume herausgeht, und daß er
da wiederum in den Raum hineinleuchtet. Es würde dieselbe
Schwierigkeit geben, die es gibt, wenn ich eben einfach nur verlan-
ge, daß wir mit der Hand durch den Raum mit einem Linienzug die
zwei Äste ziehen. Aber ohne daß man diese Vorstellung ausbildet,
kommt man wiederum nicht zurecht, wenn man die Formumwand-
lung oder den Formzusammenhang sucht irgendeines Organes des
Kopfes mit irgendeinem Organ des Stoffwechsels des Menschen. Da
müssen Sie unbedingt, wenn Sie den Zusammenhang suchen wol-
len, aus dem Raum heraus. Das heißt mit anderen Worten, so son-
derbar, so paradox es klingt: Wenn Sie mit dem Verstehen irgendei-
ner Form Ihres Kopfes zum Verstehen irgendeiner Form innerhalb
des Stoffwechselsystems übergehen wollen, dann können Sie nicht
im Räume verbleiben, dann müssen Sie aus dem Räume heraus. Sie
müssen aus sich selber heraus und müssen etwas suchen, was nicht
im Räume ist, was ebensowenig im gewöhnlichen Räume ist, wie
dasjenige, was zwischen dem oberen und dem unteren Ast der Cassi-
nischen Kurve liegt. Es ist das ja nichts anderes als ein anderer Aus-
druck dafür, daß man die Metamorphose sich vorzustellen hat als
eine vollständige Wendung.
Nun, wenn wir uns hier noch vorstellen den Zusammenhang zwi-
schen dem oberen Ast der diskontinuierlichen Cassinischen Kurve
und dem unteren Ast, dann legen wir zugrunde wirkliche Konstan-
ten, unveränderliche, starre Konstanten. Wenn wir aber die Kon-
stanten selbst, wie wir es getan haben, veränderlich machen, dann
gibt es einfach die Möglichkeit, bei veränderlicher Konstante, also
bei doppelt variablen Gleichungen, den oberen Ast zum Beispiel so
vorzustellen und den unteren Ast so vorzustellen (Fig. 3). Wir wer-
den allerdings daraufhinauskommen, daß der obere Ast so sich ge-
staltet. Wenn Sie also die Cassinische Kurve so verändern, daß Sie
statt der Konstanten selber wieder Variable nehmen, das heißt
Funktionen zugrunde legen statt der unveränderlichen Konstanten,
dann werden Sie zwei verschiedene Äste bekommen. Und darunter
wird auch der Fall sein können, daß der eine Ast gewissermaßen aus
dem Unendlichen kommt und wiederum ins Unendliche fortgeht.
?
Fig. 3 ' I Fig. 4
Dieses Verhältnis aber, das ist es, was Sie zugrunde legen können,
wenn Sie gewisse Gestalten innerhalb des menschlichen Hauptes
verfolgen, sie linienhaft zusammenfassen und dann sie beziehen auf
die Gestalten gewisser Organzusammenhänge im Stoffwechselsy-
stem, die Sie wiederum linienhaft zusammenfassen. Da haben wir
die ganze Komplikation der menschlichen Gestalt. Und die Sache wird
allerdings dadurch nicht einfacher, daß Sie sich eben vorstellen
müsssen, daß diese Linie mit der Tendenz nach außen vorzustellen
ist, diese Linie mit der Tendenz nach innen gewendet zu denken ist
(Fig.4).
Sie werden sagen - ich hoffe es zwar nicht, daß Sie allzuviel Wert
darauflegen, sondern das nur als vorübergehende Anwandlung emp-
finden -: Dann ist ja diese menschliche Organisation so kompliziert,
daß man fast auf das Begreifen verzichten möchte. Da ist einem
schon lieber das gewöhnliche Philisterbegreifen, wie es heute in der
Physiologie und Anatomie geübt wird. Da braucht man sich nicht so
anzustrengen, braucht nicht die Vorstellungen verschwinden zu las-
sen und doch wiederum nicht verschwinden zu lassen, die Vorstel-
lungen umzuwenden und dergleichen! - Aber man gelangt dann
eben nicht zu einer Erfassung der menschlichen Organisation, son-
dern man gibt sich nur der Täuschung hin, daß man dazu gelange.
Nun, wenn Sie in die menschliche Organisation so hineinsehen
und sich sagen: Da ist also etwas in der menschlichen Organisation,
was aus dem Räume herausfällt, was nicht im Räume drinnen ist, was
mir die Notwendigkeit gibt, so vorzustellen, daß ich räumlich von-
einander getrennte Liniensysteme habe, die nach einem anderen
Prinzip zusammenhängen als demjenigen, das unser dreidimensio-
naler Raum bietet -, wenn Sie sich das vorstellen, dann werden Sie ja
vielleicht nicht mehr weit davon entfernt sein, sich zunächst in for-
maler Weise auch das Folgende vorzustellen. Etwas eingewendet
werden kann ja zunächst gegen das formale Vorstellen von dem, was
ich jetzt sagen werde, von niemandem, denn es handelt sich nur dar-
um, in der gleichen Weise zu einer Vorstellung zu kommen, wie
man in der Mathematik zu einer Vorstellung kommt. Da kann nie-
mand einwenden, daß man die Sache nicht beweisen könne oder
dergleichen. Denn da handelt es sich nur darum, zu einer in sich ge-
schlossenen Vorstellung zu kommen.
Denken Sie sich einmal, Sie hätten es nicht bloß zu tun mit dem
gewöhnlichen Raum, der also drei gedachte Dimensionen hat, son-
dern Sie hätten es zu tun mit einem Gegenraum. Ich nenne ihn zu-
nächst Gegenraum, und ich möchte ihn in der folgenden Weise für
die Vorstellung zunächst entstehen lassen: Denken Sie sich, ich bil-
de in der Vorstellung den gewöhnlichen dreidimensionalen, starren
Raum; ich bilde die erste Dimension, ich bilde die zweite Dimen-
sion und ich bilde die dritte Dimension (Fig. 5). Indem ich diese drei
Dimensionen gebildet habe, habe ich gewissermaßen vorstellungs-
gemäß die Erfüllung geschaffen desjenigen, was sich mir darbietet
als der gewöhnliche dreidimensionale Raum. Aber Sie wissen ja,
man kann überall nicht bloß vorgehen bis zu einer gewissen Intensi-
tät, sondern man kann auch davon z u n e h m e n , immer weiter weg-
nehmen und kommt dann zur Negation. Sie wissen, es gibt nicht
nur Vermögen, sondern auch Schulden. Es ist möglich, daß ich nicht
nur die drei Dimensionen entstehen lasse, sondern daß ich sie auch
verschwinden lasse. Nur stelle ich mir den Vorgang des Entstehens
. -*sffi*«**«*«fcwii''ii!ii»iM wjMii»iiiiiiiiiiii ipaiiNiwii«
Fig. 5 Fig. 6
und Verschwindens als einen realen vor, als etwas, was ist. Ich kann
auch bloß in zwei Dimensionen vorstellen, aber das meine ich jetzt
nicht, sondern ich meine: Daß da nur zwei Dimensionen sind, davon
ist die Ursache nicht, daß ich nie eine dritte gehabt habe, sondern
davon ist die Ursache, daß ich wohl eine dritte gehabt habe, aber
daß sie mir wiederum entschwunden ist. Die zwei Dimensionen sind
das Ergebnis des zuerst Entstehens und dann Vergehens der dritten
Dimension. Ich habe also jetzt einen Raum, der nur äußerlich noch
zwei Dimensionen zeigt, den ich aber innerlich mir so vorzustellen
habe, daß er zwei dritte Dimensionen, eine positive und eine nega-
tive, zeigt; die negative Dimension kommt aus etwas heraus, was
nicht mehr in meinem dreidimensionalen Raum drinnen sein kann,
was ich natürlich nicht als vierte Dimension im gewöhnlichen Sinn
vorstellen muß, sondern als etwas, was sich zur dritten verhält wie
das Negative zum Positiven (Fig. 6).
Nun nehmen Sie einmal an, ich würde jetzt so etwas nun einfü-
gen demjenigen, was wir uns da ausgebildet haben (Fig. 7); das wäre
irgendwie real vorhanden, aber so, wie in der Wirklichkeit zumeist
die Dinge real sind; so, daß es approximativ das nachbildet, was ich
R
s-7 NL ^ - - - • . ^
hier gezeichnet habe, nicht ganz pedantisch genau. Es ist das ja
nicht etwas, worüber man sich besonders verwundern darf. Denn Sie
finden in der äußeren sinnlichen Wirklichkeit die mathematischen
Figuren nicht anders als approximativ. Sie brauchen also nicht zu
verlangen, daß es hier anders sei, wenn ich für dieses Bild eine Wirk-
lichkeit suche, daß die anders sein soll als approximativ. Aber den-
ken Sie einmal, ich müßte eine Wirklichkeit zeichnen, die irgendwie
dem entspräche, dann müßte ich dies nicht ganz genau ebenso zeich-
nen, sondern etwas Abgeflachtes zeichnen, was dem entsprechen
würde. Nun, daß da etwas war und wieder verschwunden ist, das
will ich jetzt so andeuten, daß meinetwillen die Dichtigkeit einer
Wirkung, die durch diese starke Schattierung angedeutet ist, da ent-
standen ist, aber wiederum sich abgeschwächt hat (Fig. 8). Sie haben
hier eine Sphäre, die aber eigentlich in der Mitte einen verdichteten
Teil hat. Nun bitte ich Sie, vergleichen Sie mit dem, was hier aufge-
zeichnet ist, erstens das reale Weltensystem, wie es sich dem Augen-
schein darbietet, die Sphäre mit ihren seltener stehenden Sternen
und das nach diesem Prinzip gehäufte Sternensystem, das man ge-
wöhnlich das Milchstraßensystem nennt. Aber vergleichen Sie auch
die gewöhnlichen Sternkarten. Sie werden finden, daß sich dieses -
bitte bleiben wir zunächst dabei, es als Bild zu betrachten - , daß sich
dieses Bild gar nicht anders zeigt als dasjenige, was man immer auf-
zeichnet als Durchgang der Sonne oder der Erde durch den Tier-
kreis, während man da hinaus (oben und unten) irgendwo zu verle-
gen hat den Nord- und Südpol. Sie sehen, so ganz ferne stehe ich
dem, was in der äußeren Wirklichkeit ist, mit der Vorstellung nicht,
die hier gebildet worden ist. Die realen Beziehungen werden wir
schon in den nächsten Vorträgen aufsuchen.
J' r
Zur Erfassung desjenigen aber, was wir vorhin gerade angeführt
haben für den Menschen, ist dasjenige, was wir da ausgebildet ha-
ben, noch nicht hinreichend, sondern da müssen wir weiter gehen.
Da müssen wir sagen: Wir lassen jetzt auch noch die zweite Dimen-
sion verschwinden, so daß wir nur eine Dimension, eine Gerade be-
kommen; aber diese Gerade ist eben nicht eine Gerade, die einfach
im dreidimensionalen Raum gezogen ist, sondern sie ist noch ste-
hengeblieben, nachdem ich die dritte und die zweite Dimension ha-
be verschwinden lassen. Und jetzt lassen wir auch noch die dritte Di-
mension verschwinden und bekommen dadurch eben einfach den
Punkt. Halten wir das fest, daß wir den Punkt bekommen haben da-
durch, daß die drei Dimensionen verschwunden sind, und nehmen
wir an, dieser Punkt böte sich uns dar in der Realität als irgend etwas
selber Existierendes. Aber wie müssen wir dann, wenn er sich als et-
was Wirksames zeigt, seine Wirksamkeit uns vorstellen? Wir könn-
ten, wenn wir seine Wirksamkeit uns vorstellen, diese Wirksamkeit
in keine Beziehung bringen zu irgendeinem Punkt, sagen wir, der
im Raum der x-Achse liegt. Denn diese gibt es nicht, die ist ver-
schwunden. Wir könnten ihn auch nicht beziehen auf etwas, was
eine x- und y-Koordinate hätte, denn das gibt es auch nicht, das ist
verschwunden aus dem Raum. Auch nicht auf die dritte Dimension
des Raumes könnten wir ihn beziehen in seiner Wirksamkeit, sondern
wir müßten sagen: Wenn er uns seine Wirksamkeit darbietet, dann
müssen wir ihn beziehen auf dasjenige, was ganz außerhalb des drei-
dimensionalen Raumes liegt. Es ist unmöglich nach diesem Vorge-
hen unseres Denkprozesses, ihn auf etwas zu beziehen, das wir irgend-
wie hineinbeziehen können in den dreidimensionalen Raum. Wir kön-
nen ihn nur auf etwas beziehen, was außerhalb des dreidimensio-
nalen Raumes liegt, nicht auf «x ausgelöscht», «y ausgelöscht», «z
ausgelöscht», sondern auf das, was x y z auslöscht, was also im drei-
dimensionalen Raum gar nicht darinnen ist.
Wir haben das zunächst als eine formale Vorstellung gebildet.
Diese Vorstellung wird aber höchst real. Sie wird sehr, sehr real,
wenn man nicht mit den bequemen wissenschaftlichen Vorstellun-
gen, mit denen man heute die Dinge beherrschen möchte, vorgeht,
sondern sich etwas tiefer in die Dinge einläßt. Betrachten Sie näm-
lich einmal mit der wirklichen Tendenz, etwas zu begreifen, den
Sehvorgang in seinem Zusammenhang mit der Organisation des Au-
ges. Betrachten Sie diese ganze Organisation des Auges, wie sie sich
darstellt. Sie wissen ja vielleicht, ich habe es in andern Vorträgen öf-
ter erwähnt, man muß das Auge begreifen nicht als eine bloße Bil-
dung von innen nach außen, sondern als etwas, was von außen nach
innen einorganisiert ist. Man kann die Bildung von außen nach in-
nen verfolgen, indem man phylogenetisch die Bildung der niederen
Tiere verfolgt und dann zum Sehvorgang übergeht. Wenn Sie den
Sehvorgang studieren, müssen Sie versuchen, sich innerlich begreif-
lich zu machen, wie er von außen angeregt wird, wie das Organ ihm
angepaßt ist, auch von außen angeregt zu werden, wie es nach dem
Sehnerv zu nach innen weiter wirkt und dann in die allgemeine
Organisation übergehr, gewissermaßen in der allgemeinen Orga-
nisation verschwindet. Man kann ja natürlich die Endigung der
Sehnerven finden, aber - das ist ja etwas, was sich approximativ aus-
drückt - wenn man in die feinere Organisation übergeht, kann man
schon sagen: Es schwindet hinein in diese Organisation. Wenn Sie
nun diesen Sehvorgang mit den zu ihm gehörigen Organen wieder-
um ganz gewissenhaft vergleichen, zum Beispiel mit dem Nieren-
absonderungsvorgang, dann müssen Sie den Ausführungsgang bei
der Nierenabsonderung beziehen auf dasjenige, was auf der andern
Seite sich auslebt von außen nach innen, indem das Auge in den
Sehnerv übergeht.
Wenn Sie zu Vorstellungen kommen wollen, die diese zwei Din-
ge miteinander in Beziehung bringen, so daß Sie dann aus diesen
Beziehungen die Erscheinungen bei dem einen und dem anderen
Prozeß begreifen können, dann müssen Sie zu Hilfe nehmen solche
Vorstellungen wie die vorhin angedeuteten. In dem Augenblick, wo
Sie, wir können ja das eine für das andere setzen, solche Vorstellun-
gen sich im dreidimensionalen Raum denken für den Sehvorgang
und dann das Entsprechende beim Nierenabsonderungsvorgang su-
chen, müssen Sie sich die Wirkung so denken, als ob Sie aus dem
dreidimensionalen Raum herauskommen würden. Sie müssen ganz
genau einen solchen Gedankenprozeß durchmachen, wie ich ihn
jetzt mit dem Auslöschen der Dimensionen durchgemacht habe; Sie
kommen sonst nicht zurecht.
Und in einer ähnlichen Weise müssen Sie vorgehen, wenn Sie
versuchen, die Kurven zu verstehen, die sich Ihnen ergeben, wenn
Sie einschließlich der Schleifen die gewöhnliche, durch das Auge zu
beobachtende Bahn von Venus und Merkur am Himmel untersu-
chen, und dann die Bahn von Jupiter und Mars untersuchen. Sie
können, sagen wir unter Benützung von Polarkoordinaten, den Aus-
gangspunkt ihres Koordinatensystems bei der Venusschleife im drei-
dimensionalen Raum nehmen. Da können Sie das. Sie kommen
aber nicht zurecht, wenn Sie nun die Schleifenlinie des Mars zum
Beispiel begreifen wollen nach demselben Prinzip. Sie müssen ideell
voraussetzen, daß hier die Ausgangspunkte für ein Polarkoordina-
tensystem außerhalb des dreidimensionalen Raumes liegen. Und Sie
sind in die Notwendigkeit versetzt, überall die Koordinaten so zu
nehmen, daß Sie das eine Mal, sagen wir für die Venusbahn mit der
Schleife, von dem Koordinatenpol ausgehen und diese Koordinaten
hier annehmen (Fig. 9); das andere Mal, für die Jupiterbahn oder
Fig. 9
die Marsbahn mit der Schleife, kommen Sie nur dann zurecht, wenn
Sie sich sagen: Ich nehme nicht einen solchen Ausgangspunkt mei-
nes Polarkoordinatensystems, wo ich immer ein Stück zugeben muß,
um die Polarkoordinaten zu bekommen, sondern ich nehme als Aus-
gangspunkt meines Polarkoordinatensystems die Sphäre, also alles
dasjenige, was da ins Unbestimmte hinein dahinterliegt (Fig. 10), und
Fig. 10
bekomme dann solche Koordinaten (gestrichelte Linien); dann muß
ich immer ein Stück weglassen. Und ich bekomme dann die Linie,
die auch etwas hat wie einen Mittelpunkt, aber dieser Mittelpunkt
ist in unermeßlichen Sphären. Es könnte also notwendig sein, daß
wir zum weiteren Verfolgen der Bahnen der Planten schon die Vor-
stellung gebrauchen, daß bei der Konstitution der Bahn der inneren
Planeten wir in die Notwendigkeit versetzt werden, uns vorzustel-
len, daß für sie irgendein Zentrum da ist im gewöhnlichen Raum,
daß wir aber dann die Notwendigkeit hätten, aus dem gewöhnlichen
Raum herauszugehen, wenn wir Zentren vorstellen wollen für die
Jupiterbahn, die Marsbahn und so weiter.
Sie sehen, wir kommen hier dazu, den Raum überwinden zu
müssen. Es ist durchaus notwendig. Sie werden sehen, wenn Sie
wirklich gewissenhaft vorgehen im Begreifen der Erscheinungen, daß
Sie nicht auskommen mit den bloßen dreidimensionalen Raumvor-
stellungen. Sie müssen das Zusammenwirken ins Auge fassen zwischen
einem Raum, der die drei gewöhnlichen Dimensionen hat und den
Sie sich ideell vorstellen können als von einem Mittelpunkt radial
auslaufend, und einem anderen Raum, der diesen dreidimensiona-
len Raum fortwährend vernichtet, und der nun nicht von einem
Punkte ausgehend gedacht werden darf, sondern der ausgehend ge-
dacht werden muß von der in unbegrenzter Weite liegenden Sphäre;
wobei also der Punkt das eine Mal den Flächeninhalt Null hat und
das andere Mal den Flächeninhalt einer unermeßlich großen Kugel-
fläche. Wir müssen also unterscheiden zwischen zweierlei Punkten:
zwischen einem Punkt, der den Flächeninhalt Null hat, den er nach
außen wendet, und einem Punkt, der den Flächeninhalt einer unbe-
grenzt großen Kugelfläche hat, den er nach innen wendet. Im rein
Geometrischen genügt es, wenn wir uns den abstrakten Punkt vor-
stellen. Im Reiche der Wirklichkeit genügt das nicht. Wir kommen
nicht zurecht, wenn wir uns den bloß abstrakten Punkt vorstellen.
Da müssen wir überall fragen, ob der Punkt, den wir uns vorstellen,
nach innen oder nach außen gekrümmt ist, denn danach richtet sich
sein Wirkungsfeld.
Aber noch etwas anderes müssen Sie ins Auge fassen. Sie können
sich ja nun vorstellen, Sie hätten irgendwo diesen Punkt, der eine
Sphäre ist (Fig. 11, starker Kreis). Zunächst ist für Sie keine Notwen-
digkeit, den Punkt, der ja in unermeßlichen Weiten liegt, gera-
de just hier (ä) vorzustellen. Wir können ihn ja auch ein Stück-
chen weiter draußen vorstellen (bt c). Jeden Punkt können Sie ir-
gendwo draußen vorstellen, nur müssen Sie sich diese Sphäre hier
(innerer Kreis) frei lassen. Denn das ist ausgespart gewissermaßen,
Fig. 11
das ist der umgekehrte Kreis oder die umgekehrte Kugel, wenn Sie
wollen. Aber denken Sie sich, es läge das Folgende vor: Dasjenige,
was da außerhalb dieses abstrakten Kreises (starker Kreis) liegt, was
also dieser Punkt ist, der seine Krümmung nach innen kehrt - denn
der ganze Raum, der da außerhalb dieser Kugelfläche (starker Kreis)
liegt, ist eben dann ein Punkt, der seine Krümmung nach innen
kehrt -, dieser Raum, der wäre wiederum doch irgendwo begrenzt.
Also, Sie können weit gehen, aber die Wirklichkeit wäre nicht so,
daß Sie überall hingehen könnten, da läge wiederum irgendwo eine
Grenze ganz anderer Art (gestrichelter Kreis). Was müßte denn das
zur Folge haben? Das müßte zur Folge haben, daß hier irgendwo (P)
auftreten müßte dasjenige, was wiederum dazu gehört zu dem, was
da draußen liegt. Es müßte da drinnen eine kleine Sphäre auftre-
ten, die zu dem gehört, was da draußen liegt. Sie würden also sagen
müssen: Da außerhalb einer Sphäre gibt es etwas; aber sehen kann
ich das, was da draußen liegt, indem ich da (P) hineinschaue. Denn das
ist dasjenige, was da wieder erscheint, was da sich wieder geltend
macht, was die Fortsetzung ist von dem, was da draußen liegt. Das-
jenige, was ich suche, wenn ich in die unendlichen Fernen gehe,
kommt mir aus dem Zentrum wiederum zum Vorschein.
Sehen Sic, solche Vorstellungen bilde man in genügender Weise
aus. Sie machen ja immerhin den Eindruck von etwas, was schon for-
mal durchaus berechtigt ist. Aber es wird noch etwas ganz anderes
damit getan werden können, wenn man versucht, mit solchen Vor-
stellungen zu durchdringen dasjenige, was äußerlich wirklich ist.
Denn denken Sie sich einmal, es gäbe eine Erscheinung innerhalb
des Himmelsraumes, nennen wir sie zunächst Mond. Diese Erschei-
nung hätte man nicht dadurch zu begreifen, daß man einfach sagt:
Der Mond, er ist ein Körper, er hat da seinen Mittelpunkt und wir
untersuchen ihn nach dem Prinzip, daß er da seinen Mittelpunkt hat
und ein Körper ist. - Nehmen Sie an - verzeihen Sie, wenn ich etwas
euphemistisch rede -, diese Denkweise paßte nicht in die Wirklich-
keit, sondern ich müßte anders sagen, ich müßte sagen: Wenn ich in
meiner Welt von einem Punkt aus immer weiter und weiter gehe,
dann komme ich dahin, wo ich nicht mehr andere Himmelskörper
finde, wo ich, wenn es sich aber um eine Wirklichkeit handelt, doch
auch nicht bloß den leeren euklidischen Raum finden kann, wo ich
aber etwas finde, das mich durch seine Wirklichkeit nötigt, seine
Fortsetzung hier (P) zu denken. Ich wäre dann genötigt, den Rau-
mesinhalt dieses Mondes als ein Stück der gesamten Welt zu den-
ken, mit Ausnahme alles desjenigen, was an Sternen und so weiter
außerhalb des Mondes ist. Ich müßte mir also denken auf der einen
Seite alles dasjenige, was ich an Sternen im Weltenraum habe
(a, b, c in Fig. 11). Die müßte ich in einer einheitlichen Weise
behandeln, das setze ich zunächst voraus. Aber das Innere des Mon-
des, den Rauminhalt des Mondes dürfte ich nicht so behandeln, son-
dern nur so, daß ich sagte: Ich kann auf der einen Seite gehen ins
Weite. Da setze ich voraus, daß da irgendwo die Sphäre ist - es ist ja
zunächst die scheinbare Sphäre, aber es muß irgendwie gedacht wer-
den, daß da auch etwas Effektives dem zugrunde liegt. Aber mit alle
dem, was sich mir da in den Weiten ergibt, hat das nichts zu tun,
was innerhalb der Kugeloberfläche des Mondes liegt; das hat zu tun
mit demjenigen, was beginnt, wenn die Sterne aufhören. Das ist ein
Stück, in einer sonderbaren Weise zugehörig nicht zu meiner Welt,
sondern zu derjenigen Welt, der die anderen Sterne alle nicht ange-
hören. Wenn sich so etwas innerhalb einer Welt findet, dann haben
wir es zu tun mit einem Einschub in die Welt, der ganz anderer Na-
tur ist, der ganz andere innere Qualitäten zeigt als dasjenige, was
um ihn herum ist. Und wir dürfen dann vergleichen das Verhältnis
eines solchen Mondes zu seinem umliegenden Himmel mit dem
Verhältnis, das wir haben zum Beispiel zwischen den Nierenabson-
derungen mit dem zugrunde liegenden Organismus und dem Augen-
organismus. Von diesem Punkt aus wollen wir dann morgen weiter
reden.
Es liegt nicht an mir, daß ich versuchen muß, Ihnen komplizierte
Vorstellungen zu formen über den Bau des Weltenalls, sondern es
liegt daran, daß man mit anderen Vorstellungen nur dann zurecht-
kommt, wenn man sagt: Nun, wir fassen die Erscheinungen mit die-
sen Vorstellungen zusammen, und dann - dann ist halt eine Gren-
ze, dann kommt man halt nicht weiter. Es liegt an der Wirklichkeit
und durchaus nicht an irgendeiner Sucht, besondere Vorstellungen
auszubilden, wenn man, um Sie in das Verständnis des Weltenbaus
einzuführen, eben solch komplizierte Vorstellungen ausbildet.
SECHZEHNTER VORTRAG
Stuttgart, 16. Januar 1921
Es handelt sich, wie Sie gesehen haben, darum, die Elemente zu-
sammenzutragen, die zuletzt dazu führen können, die Formen der
Bewegungen der Himmelskörper zu bestimmen und zu diesen For-
men hinzuzubestimmen dasjenige, was man die gegenseitige Lage
der Himmelskörper nennen könnte. Denn eine Anschauung unseres
Himmelskörpersystems läßt sich nur gewinnen, wenn man imstande
ist, insofern man Bewegungsformen Kurven nennt, erstens Kurven-
formen zu bestimmen, also das Figurale, und dann die Zentren der
Beobachtung zu bestimmen. Das ist die Aufgabe, die eigentlich ei-
ner solchen Betrachtung gestellt ist, wie wir sie jetzt eingeleitet ha-
ben. Ich habe mit voller Absicht diese Betrachtung zunächst hier
diesmal so gehalten, wie es eben geschehen ist, aus bestimmten
Gründen.
Die größten Fehler, die im Wissenschaftsleben gemacht werden,
die bestehen darin, daß man versucht, Zusammenfassungen zu ma-
chen, bevor man die Bedingungen dieses Zusammenfassens wirklich
hergestellt hat. Man hat den Hang, Theorien zu machen, das heißt
abschließende Ansichten zu gewinnen. Man kann gewissermaßen
nicht abwarten, bis die Bedingungen da sind zum Theorienmachen.
Und das muß in unser Wissenschaftsleben hineingeworfen werden,
daß man dazu kommt, ein Gefühl dafür zu bekommen, wie man
einfach nicht versuchen darf, gewisse Fragen zu beantworten, bevor
die Bedingungen zur Antwort wirklich hergestellt sind. Ich weiß,
daß es natürlich - die Anwesenden sind selbstverständlich ausge-
nommen - vielen Leuten heute lieber ist, wenn man ihnen fertige
Kurven hinstellt für planetarische und sonstige Bewegungen, weil
sie dann etwas haben, was ihnen Antwort gibt auf ihre Frage: Wie
verhält sich das und jenes gemäß der Summe der Begriffe, die vor-
handen sind? Aber wenn die Fragen so liegen, daß man sie mit die-
ser Summe von Begriffen, die vorhanden sind, nicht beantworten
kann, dann ist eben alles Reden in theoretischer Beziehung ein Un-
ding. Man kommt dadurch nur zu einer scheinbaren, ganz illusionä-
ren Beruhigung über die Sache. Daher versuchte ich auch in bezug
auf die Wissenschaftspädagogik diese Vorträge so zu gestalten, wie
ich sie eben gestaltet habe.
Nun haben wir ja bisher Ergebnisse gewonnen, die uns zeigen,
daß wir sorgfältig unterscheiden müssen, wenn wir die Kurvenfor-
men für die Himmelsbewegungen herausfinden wollen, solche Din-
ge, wie sie uns auftreten in den scheinbaren Bewegungen, sagen wir
zum Beispiel in der Schleifenform der Venusbahn, die in der Kon-
junktion auftritt, und die Schleifenform für die Marsbahn, die in
der Opposition auftritt. Wir sind zu einer Ansicht gekommen, daß
wir da sorgfältig unterscheiden müssen dadurch, daß wir ja auf-
merksam machen wollten, wie verschieden die Kurvenformen sind,
die sich in der menschlichen Gestaltungskraft geltend machen auf
der einen Seite für die Kopforganisation, auf der anderen Seite für
die Organisation des Stoffwechsels und der Gliedmaßen, und daß
doch ein gewisser Zusammenhang zwischen diesen zwei Formen vor-
handen ist, nur eben ein solcher, der gesucht werden muß durch
einen Übergang außerhalb des Raumes, nicht in dem starren euklidi-
schen Raum.
Nun handelt es sich hier darum, daß man einen Übergang erst
finden muß von dem, was man da gewissermaßen am eigenen mensch-
lichen Organismus entdeckt, zu dem, was draußen im Welten-
raum vorhanden ist, der ja zunächst eigentlich scheinbar nur als der
euklidische Raum auftritt, als der starre Raum vorhanden ist. Man
bekommt darüber eine Anschauung aber nur, wenn man dieselbe
Methode fortsetzt, die wir gewonnen haben, wenn man nämlich
wirklich den Zusammenhang sucht zwischen dem, was im Menschen
selber vorgeht, und demjenigen, was draußen in der Bewegung der
Himmelskörper im Weltenraum vor sich geht. Man kann dann nicht
anders, als die Frage aufwerfen: Welche Erkenntnisbeziehung besteht
zwischen Bewegungen, die im relativen Sinne aufgefaßt werden dür-
fen, und Bewegungen, die eben durchaus nicht im relativen Sinne
aufgefaßt werden dürfen? Wir sind uns ja klar darüber, daß wir un-
ter den Gestaltungskräften des menschlichen Organismus solche ha-
ben, die radial wirken, und solche, die wir uns in der Sphäre denken
müssen (Fig.l). Nun handelt es sich darum, wie sich für unsere
menschliche Erkenntnis bei einer äußeren Bewegung dasjenige dar-
stellt, was nur in der Sphäre verläuft, und wie dasjenige, was nur
verläuft in der Richtung des Radius.
Fig.l
Es ist ja heute schon ein gewisser Anfang gemacht, sogar in expe-
rimenteller Beziehung, solche Bewegungen auch im Raum zu unter-
scheiden. Man kann verfolgen die Bewegungen eines Weltenkörpers
in der Sphäre durch den Augenschein; man kann aber heute durch
die Spektralanalyse auch Bewegungen verfolgen, die in dem Sinne
des Radius gehen, kann verfolgen in der Visierlinie liegende Annä-
herungen und Entfernungen der Weltenkörper. Sie wissen ja, daß
die Verfolgung dieses Problems zu den interessanten Resultaten ge-
führt hat der Doppelsterne, die sich umeinander bewegen, welche
Bewegungen man ja nur feststellen konnte dadurch, daß man durch
Anwendung des Dopplerschen Prinzipes eben das Problem, das ich
da andeutete, verfolgt hat.
Nun aber handelt es sich darum, festzustellen, ob wir bei jenem
Vorgehen, das den Menschen in das ganze Weitengebäude einbe-
zieht, auch die Möglichkeit haben, irgend etwas auszumachen dar-
über, ob - ich will mich zunächst ganz vorsichtig ausdrücken - eine
Bewegung nur eine scheinbare sein kann, oder ob diese Bewegung
irgendwie eine wirkliche sein muß, ob irgend etwas darauf hin-
deutet, daß eine Bewegung eine wirkliche ist. Ich habe Ihnen ja
schon erwähnt, wir müssen den Unterschied machen zwischen sol-
chen Bewegungen, die eben relativ sein können, und solchen Bewe-
gungen, die, wie die rotierenden, die scherenden, die deformieren-
den, hindeuten darauf, daß sie nicht im relativen Sinne aufgefaßt
werden können. Da muß man suchen nach einem Kriterium der
wirklichen Bewegungen. Dieses Kriterium der wirklichen Bewegun-
gen kann sich nur dadurch ergeben, daß man die inneren Verhält-
nisse des Bewegten ins Auge faßt. Es kann sich niemals darauf be-
schränken, bloß die äußeren Beziehungen der Orte ins Auge zu
fassen.
Ich habe öfter das ganz triviale Beispiel gebraucht von zwei Men-
schen, die ich nebeneinander stehen sehe um 9 Uhr vormittags und
um 3 Uhr nachmittags, wobei nur der Unterschied besteht, daß der
eine von den beiden stehengeblieben ist, und der andere, nachdem
ich weggegangen war, nachdem ich mit der Beobachtung aufgehört
habe, einen Gang gemacht hat, der ihn 6 Stunden beschäftigt hat.
Jetzt steht er wieder neben dem andern um 3 Uhr. Ich werde doch
aus den bloßen Beobachtungen der Orte niemals darauf kommen
können, was da eigentlich vorliegt. Bloß dann, wenn ich die Ermü-
dung des einen oder anderen ins Auge fasse, also einen inneren Vor-
gang, werde ich mich über die Bewegung unterrichten können. Dar-
um also handelt es sich, daß man darauf kommen muß, was von
dem Bewegten mitgemacht, durchgemacht wird, wenn man eine
Bewegung eben als Bewegung in sich charakterisieren will. Nun
ist dazu noch etwas anderes notwendig, das ich dann morgen vor-
nehmen will, aber wir wollen uns heute wenigstens dem Problem
nähern.
Nun müssen wir da von einer ganz anderen Ecke her die Sache
wiederum ins Auge fassen. Sehen Sie, wenn wir heute die Gestal-
tung des menschlichen Organismus betrachten, so können wir na-
türlich im Grunde zunächst nur eine Art Anschauungszusammen-
hang gewinnen mit demjenigen, was draußen im Weltenraum ist.
Denn es weist ja alles darauf hin, daß der Mensch in einem hohen
Grade unabhängig ist von den Bewegungen des Weltenraumes und
daß er gewissermaßen gerade mit demjenigen, was sich ausdrückt in
seinem unmittelbaren Erleben, sich emanzipiert hat von den Welten-
erscheinungen, so daß wir nur zurückverweisen können auf Zeiten,
in denen der Mensch noch weniger sein Seelenleben in bezug auf
dasjenige, was er erlebt, in die Waagschale wirft als im gewöhnli-
chen, das heißt nachgeburtlichen Erdenleben. Wir können nur zu-
rückverweisen auf die Embryonalzeit, wo ja in der Tat die Bildung
im Einklang mit den Weltenkräften erfolgt. Und dasjenige, was
dann noch bleibt, das ist gewissermaßen, was sich innerhalb der
menschlichen Organisation aus dem während der Embryonalzeit
Eingepflanzten forterhält. Man kann da nicht ganz in dem Sinne,
wie es sonst üblich ist, von Vererbung sprechen, weil ja nichts ei-
gentlich «vererbt» ist, aber man muß sich einen ähnlichen Vorgang
denken in diesem Zurückbleiben von gewissen Entitäten aus einer
früheren Entwickelungszeit.
Nun handelt es sich aber darum, die Frage zu beantworten: Ist
denn in diesem gewöhnlichen Leben, das wir führen nach unserer
Geburt, wenn wir schon zum vollen Bewußtsein gekommen sind,
gar keine Andeutung mehr darauf zu finden, wie der Zusammen-
hang mit den kosmischen Kräften ist? Wenn wir den menschlichen
Wechselzustand zwischen Wachen und Schlafen betrachten, so fin-
den wir bei dem heutigen Kulturmenschen zwar noch, daß er einen
solchen Wechsel eintreten lassen muß zwischen Wachen und Schla-
fen, aber Sie wissen ja alle sehr gut, daß er diesen Wechsel, obwohl
er in seiner Zeitenfolge zur Erhaltung der menschlichen Gesundheit
durchaus übereinstimmen muß mit dem natürlichen Wechsel von
Tag und Nacht, heute heraushebt von demjenigen, was der Natur-
laufist. In den Städten läßt man das ja nicht mehr zusammenfallen,
auf dem Lande bei den Bauern ist es doch noch da. Gerade dadurch
sind diese in ihrer besonderen seelischen Konstitution, daß sie die
Nacht durchschlafen und den Tag durchwachen. Wenn der Tag län-
ger und die Nacht kürzer wird, schlafen sie weniger; wenn die Nacht
länger wird, schlafen sie länger. Aber das sind schließlich doch Din-
ge, die nur zu vagen Vergleichen führen können, auf die sich keine
klare Anschauung aufbauen läßt. Wir müssen schon nach etwas an-
derem fragen, wenn wir das Hereinragen desjenigen, was Weltver-
hältnisse sind, in die menschlichen subjektiven Verhältnisse ins Auge
fassen wollen, um dadurch etwas herauszufinden im menschlichen
Inneren, was uns auf absolute Bewegungen im Weltenall hinweisen
kann.
Und da möchte ich auf etwas aufmerksam machen, was schließ-
lich sehr gut beobachtet werden kann, wenn man nur seine Beob-
achtungen über größere Felder ausdehnt: daß zwar der Mensch sich
leicht emanzipiert mit Bezug auf das Abwechseln von Schlafen und
Wachen, sich leicht emanzipiert von der Zeitenfolge, daß er sich
aber, ohne daß die Folgen bemerkbar werden, nicht emanzipieren
kann in bezug auf seine Lage. Selbst diejenigen Menschen, die, wie
es ja auch jetzt schon solche Kulturlinge unter uns gibt, die Nacht
zum Tage und den Tag zur Nacht machen, selbst die müssen doch
für das Schlafen diejenige Lage wählen, die nicht die aufrechte Lage
des Wachens ist. Sie müssen gewissermaßen ihre Rückgratlinie in die
Richtung der Rückgratlinie des Tieres bringen. Und gerade wenn
man auf diese Dinge weiter eingeht, wenn man zum Beispiel auch in
Erwägung zieht die physiologische Tatsache, daß es Menschen gibt,
die unter gewissen Krankheitsverhältnissen nicht gut in der horizon-
talen Lage schlafen können, sondern möglichst aufrecht sitzen müs-
sen, dann wird man gerade durch solche Abweichungen des Zusam-
menhanges zwischen der horizontalen Lage und dem Schlafen auf
Gesetzmäßigkeiten kommen. Gerade wenn man die Ausnahmen
betrachtet, die durch mehr oder weniger bemerkbare Krankheiten
eintreten, bei Asthmatikern zum Beispiel, wird man auf die Gesetz-
mäßigkeiten in diesem Felde sehr deutlich hinweisen können. Und
man kann durchaus, wenn man alle Tatsachen zusammenfaßt, sa-
gen, daß der Mensch sich um des Schlafens willen in eine Lage brin-
gen muß, die sein Leben so verlaufen läßt während des Schlafes, wie
in einer gewisse Beziehung das Tierleben verläuft. Wenn Sie solche
Tiere, die nicht genau ihre Rückgratlinie parallel zur Erdoberflä-
che haben, genau betrachten, werden Sie eine weitere Bestätigung
der Sache finden. Das alles ist ja etwas, was ich nur in Richtlinien an-
geben kann, was im einzelnen vielfach ja erst Gegenstand der Wis-
senschaft werden muß, weil man die Dinge ja nicht in dieser Art bis-
her erschöpfend betrachtet hat. Da und dort sind ja immer wieder-
um kleine Hinweisungen von Leuten geschehen, aber nicht in er-
schöpfender Weise; es sind die für den wissenschaftlichen Fortgang
notwendigen Untersuchungen nicht getrieben worden.
Das ist zunächst eine Tatsache. Eine andere Tatsache ist die
folgende. Sie wissen, dasjenige, was man trival Ermüdung nennt,
was eine sehr komplizierte Tatsachenreihe ist, das kann eintreten,
wenn wir uns willkürlich bewegen. Wir bewegen uns dann willkür-
lich, indem wir unseren Schwerpunkt in der Richtung parallel
zur Erdoberfläche führen. Wir bewegen uns gewissermaßen in einer
Fläche, die parallel zur Erdoberfläche liegt. In einer solchen Fläche
verläuft der Vorgang, der unsere äußeren willkürlichen Bewegungen
begleitet. Und wir können in demjenigen, was sich da abspielt, et-
was durchaus Zusammengehörendes finden. Wir können finden auf
der einen Seite die Beweglichkeit parallel zur Erdoberfläche und das
Ermüdetwerden; wir können weitergehen und können sagen: Durch
diese Bewegung parallel zur Erdoberfläche, die sich symptomatisch
in der Ermüdung zum Ausdruck bringt, liegt ja ein Stoffwechselvor-
gang, liegt Stoffwechselverbrauch vor. Es liegt also etwas zugrunde
dem Horizontalbewegen, was wir durchaus beobachten können wie
einen inneren Vorgang des menschlichen Organismus. Nun tritt
aber erstens das auf, daß der Mensch so veranlagt ist, daß er diese Be-
wegung, selbstverständlich mit ihren Parallelerscheinungen des Um-
satzes im Stoffwechsel, nicht entbehren kann, durchaus nicht ent-
behren kann für seine Organisation. Bei demjenigen, der Briefträger
ist, sorgt schon der Beruf dafür, daß er sich in horizontaler Weise be-
wegt; und wer nicht Briefträger ist, der muß spazieren gehen. Es be-
ruht ja darauf auch die volkswirtschaftlich interessante Beziehung
zwischen der Verwertbarkeit der in die Volkswirtschaft einfließenden
Beweglichkeit des Menschen und der aus der Volkswirtschaft drau-
ßen bleibenden Beweglichkeit des Menschen, im Spiel, im Sport und
dergleichen. Da fließen schon die physiologischen Dinge mit den
volkswirtschaftlichen zusammen. Nun, ich habe ja öfter bei der Kri-
tik des Arbeitsbegriffes gerade auf diesen Zusammenhang hingewie-
sen, und man kann nicht Nationalökonomie treiben, wenn man
nicht hier den Zusammenhang sucht eben zwischen der reinen So-
zialwissenschaft und der Physiologie. Aber dasjenige, was für uns
jetzt in diesem Augenblick wichtig ist, das ist, daß wir beobachten
können diesen parallelen Vorgang: Bewegung in der horizontalen
Fläche und einen gewissen Stoffwechselvorgang.
Wir können diesen Stoffwechselvorgang auch woanders aufsu-
chen. Wir können ihn aufsuchen in dem Wechselzustand zwischen
Schlafen und Wachen. Nur wird gewissermaßen der Vorgang bei
willkürlichen Bewegungen so vollzogen, daß, auch ganz abgesehen
von dem, was im Inneren des Menschen vorgeht, der Stoffwech-
selumsatz zu gleicher Zeit ein äußerer Vorgang ist. Ich möchte
sagen, es geschieht da etwas, wofür die Oberflächenbegrenzt-
heit des menschlichen Leibes nicht einzig und allein maßgebend ist.
Es wird Stoff umgesetzt, aber so, daß diese Stoffverwandlung, die da
geschieht, gewissermaßen im Absoluten, im «relativ Absoluten» na-
türlich, sich vollzieht, so daß man nicht sagen kann, daß das nur ei-
ne Bedeutung für die menschliche innere Organisation hat.
Aber die Ermüdung, die wiederum die symptomatische Begleit-
erscheinung der Bewegung mit dem Stoffwechselumsatz ist, tritt
auch dann ein, wenn man einfach einen Tag gelebt hat und nichts
getan hat. Das heißt, dieselben Entitäten, die wirksam sind bei der
willkürlichen Bewegung, wirken auch im Menschen im täglichen Le-
ben rein durch die innerliche Organisation. Und es muß daher der
Stoffwechselumsatz auch dann stattfinden, wenn dieser Vorgang der
Ermüdung einfach eintritt, ohne daß wir ihn willkürlich herbeifüh-
ren. Wir bringen uns selbst in die horizontale Lage zum Herbeifüh-
ren dieses Stoffwechsels, der da eintritt bei dem nicht willkürlichen
Handeln, der einfach im Lauf der Zeit eintritt, wenn ich mich so
ausdrücken darf. Wir bringen uns in die horizontale Lage während
des Schlafes, um in dieser horizontalen Lage unsern Leib etwas aus-
führen zu lassen, was er auch dann ausführt, wenn wir in willkürli-
cher Bewegung sind. Daher sehen Sie, daß die horizontale Lage et-
was Bedeutsames ist, daß es nicht gleichgültig ist, ob wir die hori-
zontale Lage einnehmen, daß wir, wenn wir unsern Organismus et-
was ausführen lassen wollen, ohne daß wir etwas dazu tun, uns in
diese Lage bringen müssen. Das heißt mit anderen Worten: Wir brin-
gen uns während des Schlafes in eine Lage, wo etwas geschieht in
unserem Organismus, was sonst geschieht, wenn wir uns willkürlich
bewegen.
Es muß also eine Bewegung in unserem Organismus vor sich ge-
hen, die wir nicht willkürlich herbeiführen. Es muß eine Bewegung
Bedeutung haben für unseren Organismus, die wir nicht willkürlich
herbeiführen. Und Sie brauchen sich nur ein wenig beobachtend die
Tatsachen zurecht zu legen, so werden Sie zu dem folgenden Resul-
tate kommen, wozu ich hier die Zwischenglieder weglassen muß, weil
ich keine Zeit dazu habe. Genau ebenso, wie der absolute Stoffwech-
sel ausgeführt wird durch die menschliche Bewegung, so daß dasjenige,
was da im Stoffwechsel vor sich geht, gewissermaßen eine reale chemi-
sche oder physikalische Bedeutung hat, für die die Begrenzung
durch die Haut zunächst nicht da ist, die also im Menschen so
geschieht, daß der Mensch dem Kosmos angehört, genau derselbe
Vorgang, dieser selbe Stoffwechselumsatz wird beim Schlafen her-
beigeführt so, daß er innerhalb des menschlichen Organismus seine
Bedeutung hat. Dasjenige, was sich umsetzt bei der willkürlichen
Bewegung, setzt sich auch um im Schlaf. Aber das Resultat wird
übergeführt von dem einen Teil des Organismus in den andern Teil
des Organismus. Wir versorgen unser Haupt, unsern Kopf während
des Schlafes. Wir vollziehen oder lassen vielmehr unseren Organis-
mus im Innern vollziehen einen Stoffwechselumsatz, für den jetzt
die menschliche Haut als Abschließung eine Bedeutung hat, wo die
Umwandlung so geschieht, daß der Endprozeß eine Bedeutung für
das Innere der menschlichen Organisation hat.
Wir können also sagen: Wir bewegen uns willkürlich - ein Stoff-
wechselumsatz findet statt; wir lassen uns bewegen vom Kosmos -
ein Stoffwechselumsatz findet statt. Der letztere findet so statt, daß
das Ergebnis, das bei dem ersteren Stoffwechselumsatz gewisserma-
ßen in der Außenwelt verläuft, jetzt umkehrt und im menschlichen
Haupte als solchem sich geltend macht. Es kehrt einfach um, es ver-
fließt nicht weiter, aber wir müssen uns, damit es umkehrt, damit es
überhaupt da ist, in die horizontale Lage bringen. Wir müssen also
studieren den Zusammenhang zwischen jenen Vorgängen im
menschlichen Organismus, die bei der willkürlichen Bewegung sich
vollziehen, und jenen Vorgängen, die sich vollziehen im Schlafe.
Und daraus, daß wir das an einem bestimmten Punkte unserer Be-
trachtung so tun müssen, daraus können Sie ja sehen, welche Bedeu-
tung es hat, wenn in den allgemeinen anthroposophischen Vorträ-
gen immer betont werden muß, daß wir unseren Willen, der an den
Stoffwechsel gebunden ist, eigentlich in einem solchen Verhältnis
zum Vorstellungsleben haben, wie das des Schlafens zum Wachen.
In bezug auf die Entfaltung des Willens, sagte ich immer wieder
und wiederum, schlafen wir fortwährend. Jetzt haben Sie hier die
genaue Determination der Sache. Sie haben jetzt hier gewisserma-
ßen den Menschen willkürlich bewegt in der horizontalen Fläche,
und er vollzieht da dasselbe wie im Schlafe, nämlich Schlafen durch
seinen Willen. Schlafen und Bewegung durch den Willen stehen in
dieser Beziehung. Und wir schlafen in der horizontalen Lage, wobei
nur das Ergebnis das andere ist, daß dasjenige, was in die Außenwelt
verpufft bei der willkürlichen Bewegung, von unserer Hauptesorga-
nisation aufgenommen und weiter verarbeitet wird.
Wir haben also zwei streng auseinander zu haltende Vorgänge:
Das Verpuffen des Stoffwechselprozesses bei der willkürlichen Bewe-
gung und das innerliche Verarbeiten des Stoffwechselumsatzes bei
demjenigen, was während des Schlafes in unserem Haupte sich ab-
spielt. Und wir können, wenn wir jetzt das Ganze auf die Tierheit
beziehen, ermessen, welche Bedeutung es hat, wenn wir sagen: Das
Tier vollbringt überhaupt sein Leben in der horizontalen Lage. Es
muß in einer ganz anderen Weise beim Tier organisiert sein diese
Umkehrung des Stoffwechsels für das Haupt, und es bedeutet die
willkürliche Bewegung beim Tier durchaus etwas ganz anderes als
beim Menschen. Das ist dasjenige, was in der Gegenwart so wenig
wissenschaftlich berücksichtigt wird. Jetzt wird nur gesprochen von
dem, was sich äußerlich darbietet, und es wird übersehen, daß der-
selbe äußere Vorgang bei dem einen Wesen etwas ganz anderes dar-
stellen kann als bei dem anderen Wesen. Ich will jetzt absehen von
allen religiösen Intentionen, sondern nur <3&zrauf hinweisen: Der
Mensch stirbt, das Tier stirbt; das braucht in psychologischer Bezie-
hung durchaus bei den beiden Wesen nicht dasselbe zu sein. Denn
derjenige, der es dasselbe sein läßt und daraufhin seine Untersu-
chungen anstellt, der gleicht einem Menschen, der ein Rasiermesser
findet und sagt, es ist ein Messer, die Funktion muß dieselbe Bedeu-
tung haben wie bei einem anderen Messer, also schneide ich mit
dem Rasiermesser meine Knödel. - Wenn man die Dinge so trivial
ausspricht, wird man sagen: Das wird der Mensch doch nicht tun. -
Aber wenn er nicht acht gibt, passieren diese Dinge nämlich gerade
mit dem vorgerücktesten Untersuchen.
Nun werden wir also daraufhingewiesen, daß wir in unseren will-
kürlichen Bewegungen eben denjenigen Vorgang finden, der sich
ausdrückt in einer Kurvenrichtung, die parallel zur Erdoberfläche
geht. Wir werden da also gedrängt zu einer Kurvenrichtung, die die-
sen Verlauf nimmt. Nun, was haben wir denn da zugrunde gelegt?
Wir haben zugrunde gelegt einen inneren Vorgang, etwas, was im
Menschen vor sich geht, was wir auf der einen Seite als etwas Gegebe-
nes haben im Schlafe, was wir auf der anderen Seite als etwas haben,
was wir selber ausführen, so daß wir in dem, was wir ausführen, die
Möglichkeit haben, das andere zu bestimmen. Wir haben also die
Möglichkeit, dasjenige, was aus dem Weltenraum heraus mit unse-
rem Organismus im Schlafe getan wird, als das zu Definierende zu
betrachten, das wir erkennen sollen, und das andere, das wir äußer-
lich vollziehen, das wir also kennen in bezug auf seine Lageverhält-
nisse, als den Oberbegriff des Definierens zu betrachten.
Das ist dasjenige, wonach man streben muß in einer wirklichen
Wissenschaft: Nicht Erscheinungen durch abstrakte Begriffe zu defi-
nieren, sondern Erscheinungen durch Erscheinungen zu definieren.
Das ist dasjenige, was natürlich notwendig macht, daß man zuerst
die Erscheinungen wirklich versteht, dann kann man sie durch einan-
der definieren. Das ist überhaupt das Charakteristische desjenigen,
wonach gestrebt wird von anthroposophischer Geisteswissenschaft:
Zum wirklichen Phänomenalismus zu kommen, Erscheinungen
durch Erscheinungen zu erklären, nicht abstrakte Begriffe zu bil-
den, durch die die Erscheinungen erklärt werden; und auch nicht
die Erscheinungen einfach hinzustellen und sie zu lassen, wie sie
sind im zufälligen empirischen Tatbestand, denn da können sie
nebeneinanderstehen, ohne daß sie einander irgendwie erklären
können.
Von da aus möchte ich nun zu etwas übergehen, was Ihnen zei-
gen wird, welche Tragweite überhaupt dieses phänomenologische
Streben hat. Man kann sagen, um zu entsprechenden Vorstellungen
zu kommen, ist heute eine Überfülle von empirischem Material
schon da. Dasjenige, was uns fehlt, ist nicht empirisches Material,
sondern das sind die Zusammenfassungsmöglichkeiten, die ja zu
gleicher Zeit die Möglichkeiten sind, das eine Phänomen durch das
andere Phänomen wirklich zu erklären. Man muß die Phänomene
zuerst verstehen, bevor man sie durch einander erklären kann. Man
muß aber den Willen entwickeln, so vorzugehen, wie wir hier vorge-
hen, daß man zuerst die Tendenz entwickelt, eine Erscheinung wirk-
lich zu durchdringen. Diese Tendenz läßt man heute vielfach außer
acht. Daher wird in unserem Forschungsinstitut es sich in erster Linie
nicht darum handeln, im Sinne der alten experimentellen Methoden
weiter zu experimentieren, denn da ist eigentlich wirklich eine Über-
fülle von empirischem Material vorhanden, nicht zur Technik, wohl
aber zum wirklichen Zusammenfassen. Es wird sich nicht darum
handeln, die alten Experimentierrichtungen weiter fortzusetzen,
sondern, wie ich ja auch in dem Wärmekurs im letzten Winter auf-
merksam gemacht habe, handelt es sich darum, die Versuchsanord-
nungen anders zu machen. Wir werden nicht nur die Instrumente
brauchen, die man heute in gewohnter Weise bei dem Optiker und
so weiter kauft, sondern wir werden nötig haben, unsere Instrumente
schon selbst zu konstruieren, damit wir andere Versuchsanordnun-
gen haben, und die Phänomene so hinzustellen, daß das eine durch
das andere erklärt werden kann. Wir müssen wirklich von Grund auf
arbeiten. Dann wird sich aber auch eine Überfülle wiederum erge-
ben von demjenigen, was wirklich eine lichtvolle Perspektive darbie-
ten kann. Mit denjenigen Instrumenten, die da sind, können die
Leute der Gegenwart wirklich genügend viel machen. Sie sind außer-
ordentlich geschickt geworden in ihrer Einseitigkeit, damit zu expe-
rimentieren. Wir brauchen neue Versuchsanordnungen, das muß
durchaus ins Auge gefaßt werden, denn mit den alten Versuchsan-
ordnungen kommen wir über gewisse Fragen einfach nicht hinaus.
Und auf der anderen Seite darf auch wiederum nicht auf Grundlage
der Resultate, die durch die alten Untersuchungen gewonnen sind,
einfach blind weiter spekuliert werden, sondern es müssen uns die
experimentellen Ergebnisse immer wiederum die Möglichkeit ge-
ben, so viel wie möglich, wenn wir uns entfernt haben von den Tat-
sachen, zu den Tatsachen zurückzukehren. Wir müssen immer
gleich die Möglichkeit finden können, wenn man an einen bestimm-
ten Punkt gekommen ist mit den Versuchen, nicht weiter zu theore-
tisieren, sondern mit dem, was sich ergibt, sogleich zu der Beobach-
tung zu gehen, die dann eine erläuternde Beobachtung ist. Sonst
wird man über gewisse Grenzen, die aber nur Augenblicksgrenzen
der Wissenschaft sind, nicht hinauskommen. Und da mache ich auf-
merksam auf eine solche Grenze, die übrigens von keinem Men-
schen so genommen wird, als ob sie nicht überwindbar wäre, die
aber nur überwindbar sein wird, wenn man auf dem betreffenden
Felde zu anderen Versuchsanordnungen übergeht. Das ist die Frage
der Sonnenkonstitution.
Nicht wahr, zunächst ergibt sich ja aus wirklich sorgfältigen, ge-
wissenhaften Beobachtungen, die mit allen heute zur Verfügung
stehenden Mitteln angestellt worden sind, daß wir zu unterscheiden
haben irgend etwas in der Sonnenmitte, worüber alle Menschen im un-
klaren sind. Es wird einfach vom Sonnenkern gesprochen. Was der
ist, darüber kann kein Mensch eine Auskunft geben, bis dahin reicht
die Untersuchungsmethode nicht. Das ist keine Kritik und kein
Tadel, denn das gibt ja jeder zu. Den Sonnenkern läßt man dann
umgeben sein von der Photosphäre, der Atmosphäre, der Chromo-
sphäre und der Korona. Es beginnt die Möglichkeit, sich Vorstellun-
gen zu machen, bei der Photosphäre. Man kann sich auch Vorstel-
lungen über die Atmosphäre, die Chromosphäre machen. Nehmen
Sie nun einmal an, man wolle sich Vorstellungen machen über das
Auftreten der Sonnenflecken. Man wird finden, indem man an diese
merkwürdige Erscheinung herantritt, die ja nicht ganz willkürlich
verläuft, sondern die einen gewissen Rhythmus zeigt in Maxima
und Minima der Sonnenfleckenbildung, nach ungefähr 11-jähriger
Periode sich regelnd, daß diese Sonnenfleckenphänomene, wenn
man sie verfolgt, in Zusammenhang gebracht werden müssen mit
Vorgängen, die in irgendeiner Weise außerhalb des Sonnenkernes
liegen. Man legt sich gewisse Vorgänge da zurecht und spricht von
explosionsartigen oder ähnlichen Verhältnissen. Nun handelt es sich
darum, daß man, wenn man so vorgeht, immer von Voraussetzungen
ausgeht, die man im irdischen Felde gewonnen hat. Wenn man
nämlich nicht versucht, sein Begriffsfeld zuerst zu bearbeiten und zu
erweitern, wie wir es getan haben, indem wir Kurven uns vorgestellt
haben, die aus dem Raum herausgehen; wenn man nicht zu seiner
Selbsterziehung so etwas macht, möchte ich sagen, dann gibt es ja
auch keine andere Möglichkeit als dasjenige, was vorliegt an Beob-
achtungsergebnissen von einem außerhalb der irdischen Welt be-
findlichen Körper, so zu erklären, wie es die irdischen Verhältnisse
darstellen.
Was läge denn überhaupt im Sinne der heutigen Vorstellungs-
welt näher, als einfach sich die Vorgänge im Sonnenleben ähnlich
den Vorgängen im Erdenleben, nur modifiziert, vorzustellen! Es bil-
den sich da aber zunächst relativ unübersteigbare Hindernisse. Das,
was man physische Konstitution der Sonne nennt, das läßt sich nicht
durchschauen mit den Vorstellungen, die man im irdischen Leben
gewinnt. Es kann sich nur darum handeln, die Beobachtungsresulta-
te, die bis zu einem gewissen Grade auf diesem Felde durchaus spre-
chend sind, in einer ihnen adäquaten Weise vorstellungsgemäß zu
durchdringen. Man wird sich da schon ein wenig befreunden müssen
mit dem, was ich charakerisieren möchte etwa in der folgenden Wei-
se. Nicht wahr, hat man irgendeinen äußeren Zusammenhang, den
man mit einer geometrischen Wahrheit durchleuchtet, so sagt man
sich: Dasjenige, was man zuerst geometrisch konstruiert hat,
schnappt ein; die äußere Wirklichkeit ist so. - Man fühlt sich ver-
bunden mit der äußeren Wirklichkeit, wenn man das wiederfindet,
was man zuerst konstruiert hat. Nun darf ja natürlich dieses innerli-
che Erfreutsein, daß es einschnappt, nicht zu weit getrieben werden,
denn es schnappt auch immer ein bei denjenigen, die bei diesem
Einschnappen schon übergeschnappt sind. Die finden auch immer,
daß die Vorstellungen, die sie ausgebildet haben, durchaus überein-
stimmen mit der äußeren Wirklichkeit. Aber es liegt doch etwas
Gültiges in diesen Dingen.
Nun handelt es sich darum, daß eben einfach der Versuch ge-
macht werden muß, sich vorzustellen zuerst einen Vorgang, der im
irdischen Leben so verläuft, daß wir uns seinen Verlauf vorstellen
durch das Verfolgen der Richtung vom Mittelpunkt nach außen, also in
der Richtung des Radialen. Wir fassen einen Vorgang ins Auge, sagen
wir zum Beispiel einen gewissen Ausbruch, einen vulkanischen
Ausbruch oder die Richtung irgendeiner Deformation bei Erdbe-
ben und dergleichen. Wir verfolgen also Vorgänge auf der Erde im
Sinne einer Linie, die vom Mittelpunkt nach auswärts geht. Nun
können Sie sich aber auch vorstellen, das sogenannte Sonneninnere
sei so geartet, daß es seine Erscheinungen nicht vom Mittelpunkt nach
außen stößt, sondern daß die Erscheinungen von der Korona über die
Chromosphäre, Atmosphäre, Photosphäre, nun statt von innen nach
außen, von außen nach innen verlaufen. Daß die Vorgänge also
(Fig. 2), wenn das die Photosphäre ist, das die Atmosphäre, das die
«Qirji# o #
Fig. 2
Chromosphäre, hier die Korona, nach innen verlaufen, und sich ge-
wissermaßen nach dem Mittelpunkt hin, nach dem sie tendieren,
verlieren, so wie sich die Erscheinungen, die von der Erde ausgehen,
in der Flächenausdehnung verlieren. Dann kommen Sie zu einem
Vorstellungsbilde, das Ihnen gestattet, in einer gewissen Weise
die empirischen Resultate zusammenzufassen. Wenn Sie also kon-
kret sprechen, so werden Sie sagen: Wenn auf der Erde Ursachen
dazu vorliegen, daß nach oben hin ein Kraterausbruch erfolgt, so wür-
de der Ursachenzusammenhang auf der Sonne so liegen, daß von
außen nach innen so etwas geschieht wie ein Kraterausbruch, so daß
seine Natur die ganze Sache anders zusammenhält, weil das eine Mal
alles in die Weite auseinanderläuft, das andere Mal ins Zentrum
zusammenstrebt.
Sie sehen, es würde sich darum handeln, die Phänomene, die
man hier verfolgt, erst zu durchdringen, zu verstehen, um sie dann
durch einander erklären zu können. Und erst wenn man in dieser
Weise auf das Qualitative der Dinge eingeht, wenn man sich wirk-
lich darauf einläßt, im umfassendsten Sinne eine Art qualitativer
Mathematik zu finden, kommt man vorwärts. Davon werden wir
morgen noch sprechen. Heute möchte ich nur noch erwähnen, daß
es ja auch noch die Möglichkeit gibt gerade für die Mathematiker,
aus dem Mathematischen heraus schon Übergänge zu finden zu ei-
ner qualitativen Betrachtung, zu einer qualitativen Mathematik.
Und diese Möglichkeit ist sogar in unserem Zeitalter in ganz intensi-
ver Weise vorhanden, indem man einfach versucht, die analytische
Geometrie und ihre Ergebnisse im Zusammenhang zu betrachten
mit synthetischer Geometrie, mit innerem Erleben der projektiven
Geometrie. Das liefert einen Anfang zwar, aber einen sehr, sehr gu-
ten Anfang. Und derjenige, der mit solchen Dingen den Anfang ge-
macht hat, der also durchaus darauf eingegangen ist, einmal sich
klarzumachen, wie es doch so ist, daß eine Linie nicht zwei unend-
lich ferne Punkte hat, den einen auf einer, den andern auf der an-
dern Seite, sondern unter allen Umständen nur einen unendlich fer-
nen Punkt hat, der findet dann auch realere Begriffe auf diesem Ge-
biet und von da aus eine qualitative Mathematik, durch die er nicht
mehr das, was sich polarisch ausnimmt, bloß entgegengesetzt, sondern
gleichgerichtet denkt. Es ist ja auch nicht qualitativ gleich gerichtet.
Die Erscheinungen der Anode und Kathode sind nicht gleich gerich-
tet, sondern es liegt etwas anderes dahinter. Und der Weg, einmal
dahinterzukommen, was da für ein Unterschied vorliegt, der liegt
eben darin, daß man sich nicht gestattet, überhaupt eine reale Linie
mit zwei Enden zu denken, sondern daß man sich klar wird darüber,
daß eine reale Linie in ihrer Totalität nicht mit zwei Enden gedacht
werden darf, sondern mit einem Ende, und das andere Ende geht
einfach durch reale Verhältnisse über in eine Fortsetzung, die ir-
gendwo liegen muß.
Beachten Sie nur die Tragweite einer solchen Auseinanderset-
zung. Sie führt tief hinein in manches Rätsel der Natur, das, wenn
man ohne diese Vorbereitung an es herangeht, eben doch nur so
aufgefaßt werden kann, daß niemals die Vorstellung die Erschei-
nung durchdringen wird.
SIEBZEHNTERVORTRAG
Stuttgart, 17. Januar 1921
Ich möchte zuerst auf eine Sache noch einmal zurückkommen, die
vielleicht Mißverständnisse hervorrufen könnte, wenn einmal sich
der eine oder andere der verehrten Zuhörer veranlaßt finden könnte,
die Dinge, die hier vorgetragen sind, weiter durchzudenken. * Es han-
delt sich darum, daß Sie sich vorzustellen haben, daß zu gleicher
Zeit die Fläche, in der ich die Lemniskate zeichne, um die Achse der
Lemniskate, um die Verbindungslinie der zwei Brennpunkte, oder
wie Sie es nennen wollen, sich dreht. Dann muß ich natürlich in den
Raum hinein die Lemniskate zeichnen. Das (Fig. 1) ist die Projek-
/ " ~ ^ \
hs
Fig. 1 *tamn
tion. Und mit dieser räumlichen Zeichnung der Lemniskate hat man
es zu tun, wenn man all die Dinge berücksichtigt, die ich gesagt ha-
be, wenn man also das Knochensystem und Nervensystem verfolgt -
sogar die Blutzirkulation kann man verfolgen. Das alles ist nicht auf
der Ebene, sondern im Raum zu denken. Daher ist zwar diese Ach-
terfigur der Lemniskate durchaus berechtigt, aber ich habe ja schon
angedeutet, daß man es hier eigentlich mit Rotationskörpern zu tun
hat. Das also liegt auch dem zugrunde, was ich eben ausgeführt ha-
be dadurch, daß ich sagte: Es sind in einer gewissen Weise die Orga-
nisationsgestaltungen in dem Nerven-Sinnessystem und in dem
Stoffwechsel-Gliedmaßensystem eben nach dem Prinzip einer sol-
chen Rotations-Lemniskate einander zugeordnet.
Nun handelt es sich darum, daß wir ja genötigt waren, gewisser-
maßen das Kriterium der Bewegungen unserer Erde im Räume,
* Siehe Hinweis zu S. 302.
denn mit unserer Erde sind wir ja in einer gewissen Weise räumlich
verbunden, zu suchen in den Veränderungen, die im Menschen sel-
ber vor sich gehen. Ich sagte: Wenn man Bewegungen bloß äußerlich
anschaut, dann ist es nicht möglich, hinauszukommen über die Rela-
tivität der Bewegungen. In dem Augenblick aber, wo man die Bewe-
gungen mitmacht und wo man durch das Mitmachen der Bewegun-
gen Veränderungen im Inneren des betreffenden Körpers konsta-
tieren kann, handelt es sich darum, daß man an den inneren Verän-
derungen die Realität der Bewegungen gewissermaßen ablesen kann.
Wir haben hingewiesen darauf, daß wir ja in den Stoffwechsel-
vorgängen ein Kriterium haben für die willkürliche Bewegung, die
der Mensch vornimmt, indem er gewissermaßen seinen Schwerpunkt
parallel zur Erdoberfläche bewegt. Und in denjenigen Vorgängen,
welche ähnlich verlaufen wie diese Stoffwechsel Vorgänge beim will-
kürlichen Bewegen, in den Ermüdungserscheinungen, die im Lauf
des Tages, also bei wechselndem Sonnenstand eintreten, haben wir
ein Kriterium für eine Bewegung, die wir ganz zweifellos mit der Er-
de im Weltenraum vollführen. Wir können also sagen: Dasjenige,
was sich abspielt zwischen dem Haupte und dem übrigen Menschen
in der vertikalen Richtung, wenn der Mensch aufrecht steht, das
spielt sich ab in der Richtung parallel zur Erdoberfläche, in der im
wesentlichen das tierische Rückgrat verläuft, wenn der Mensch
schläft. So daß wir also eigentlich im Vergleich des Stoffwechsels für
Schlafen und Wachen eine Art Reagens haben für die Bewegungs-
verhältnisse von Erde und Sonne.
Wir können dann von da aus zu den anderen Wesen der Natur
gehen. Wir sehen die Pflanze, die eine Richtung radial einhält. Das
ist dieselbe Richtung, welche wir als Mensch im wachenden Zustand
haben. Nur müssen wir uns klar sein, daß, insofern wir unsere Verti-
kalrichtung mit der Vertikalrichtung des Pflanzenwachstums verglei-
chen, wir beide nicht mit denselben Vorzeichen einsetzen dürfen,
sondern daß wir beide mit entgegengesetzten Vorzeichen einsetzen
müssen. Es gibt viele Gründe, die uns dazu zwingen, die Vertikal-
richtung des Menschen entgegengesetzt der vertikalen Wachstums-
richtung der Pflanze einzusetzen. Es gibt viele Gründe. Ich will nur
auf denjenigen noch einmal hinweisen, den ich ja schon erwähnt ha-
be. Es ist der, daß der Pflanzenwachstumsprozeß, der mit der Abla-
gerung des Kohlenstoffes endet, im Menschen aufgehoben wird,
daß der im Menschen gewissermaßen negativ gemacht werden muß.
Dasjenige, was die Pflanze in sich konsolidiert, das muß der Mensch
wegschaffen. Dieses und Ähnliches zwingt uns dazu, uns zu sagen:
Wenn wir die Richtung des Pflanzenwachstums so setzen, so müssen
wir die entsprechende Richtung beim Menschen in dieser Weise set-
zen (Fig. 2). Nun handelt es sich um die Frage: Was haben wir in
A
C
£
t5
Fig. 2 OL t
dieser Richtung eigentlich? Wir haben dasjenige in dieser Richtung,
was zusammenhängt mit unserem Wachstum von Jahr zu Jahr, so-
lange wir überhaupt wachsen, dasjenige, was also bei uns einen ähn-
lichen Prozeß vorstellt wie bei der Pflanze. Wir kommen aber nur
zurecht, wenn wir uns vorstellen: Die Pflanze wächst von der Erde
radial nach aufwärts, nach dem Weltenraum; uns selbst müssen wir
aber so vorstellen, daß unserem physisch sichtbaren Wachstum ein
Überphysisch-Unsichtbares entgegenwächst, gewissermaßen von
oben nach unten in uns hineinwächst. Wir haben ein Verständnis
der menschlichen Gestalt in vertikaler Richtung dadurch zu suchen,
daß wir uns gewissermaßen vorstellen: Der Mensch wächst nach
oben, aber es wächst ihm entgegen eine Art unsichtbare Pflanzenbil-
dung, die ihre Wurzeln nach oben, nach dem Kopfe entwickelt, ihre
Blüten nach unten entwickelt. Es ist ein negativer Pflanzenbildungs-
prozeß, der dem physischen Menschenbildungsprozeß entgegenge-
setzt ist. In dieser Richtung (die beiden Pfeile) haben wir also zu su-
chen gleichartige Bewegungen. So wie die Pflanze von der Erde weg-
wächst, so haben wir uns vorzustellen, daß aus dem Weltenraum
heraus von der Sonne her diese überphysische Menschenpflanze dem
Mittelpunkt der Erde entgegenwächst. Und wir haben - wie gesagt,
ich kann jetzt nur die Richtung angeben, Sie können das durchaus
aus den empirischen Erscheinungen weiter verfolgen - in dem, was
da als eine gleich gerichtete Linie uns erscheint, eine Wachstumsli-
nie, nur das eine Mal positiv herausstrebend, das andere Mal negativ
zurückstrebend, wir haben in dem zu suchen die Verbindungslinie
zwischen Erde und Sonne. Sie werden sich das nicht anders vorstel-
len können, das ist sogar eine ziemlich triviale Vorstellung, als daß Sie
zu gleicher Zeit darin zu suchen haben die Bewegungslinien sowohl
für die Erde wie für die Sonne. Wir haben also Bewegungslinien für
Erde und Sonne zu suchen in der Verbindung der beiden, aber so,
daß diese Linie eine Vertikallinie ergibt für die Oberfläche der Erde.
Dasjenige, was ich Ihnen hier vortrage, müßte eigentlich in vie-
len Vorträgen auseinandergesetzt werden, aber ich möchte Ihnen
doch gewissermaßen etwas Substantielles geben, das Sie dann weiter
verfolgen können, und ich möchte Sie zu einem gewissen Resultat
führen, das allerdings abrupt an die mehr methodisch angeordne-
ten Betrachtungen jetzt wird angereiht werden müssen: Nun, auf
diese Weise kommen wir dazu, uns vorstellen zu müssen, daß in ei-
ner gewissen Weise eigentlich Erde und Sonne sich in derselben Bahn
und doch wiederum einander entgegengesetzt bewegen. Gewisser-
maßen substantiell können Sie für diesen Tatbestand durch dasje-
nige eine Vorstellung gewinnen, was ich gestern auseinandergesetzt
habe. Ich habe Ihnen nämlich gesagt, es gehe nicht anders, als sich
die Konstitution der Sonne - Sonnenkern, Photosphäre, Atmosphä-
re, Chromosphäre, Korona - so vorzustellen, daß man in demselben
Sinne, wie man bei der Erde für die Kraterbildung gewisser Entströ-
mungen, sogar für Ebbe und Flut, von innen nach außen geht, bei
der Sonne von außen nach innen geht, so daß die Sonne ihre Aus-
strömungen von der Peripherie nach dem Innern des Sonnenkerns
schickt. So daß wir gewissermaßen die Dinge da in der Umgebung
der Sonne so sehen, wie wir sehen würden die Dinge auf der Erde,
wenn wir im Mittelpunkt der Erde stünden und hinausschauen wür-
den, nur würden wir die Sache aus dem Konvexen ins Konkave ge-
bogen haben. Wir sehen gewissermaßen die Erdvorgänge, wenn wir
in die Sonne blicken, doch so, wie wenn wir im Mittelpunkt der Erde
stünden, aber wie wenn die Innenfläche der Erde aus dem Konkaven
in das Konvexe gebogen wäre, so daß das Innere der Erde Sonnenäu-
ßeres geworden wäre. Wenn Sie nämlich diese Vorstellung zugrunde
legen, so werden Sie die polarisch gegensätzliche Natur von Erde
und Sonne sehr gut ins Auge fassen können. Das ist auch wichtig,
daß Sie eine Vorstellung davon bekommen, wie man die Sonnen-
konstitution aus der Erdenkonstitution auch bekommt durch ein sol-
ches Umwenden, wie ich es Ihnen gezeigt habe in bezug auf den
Stoffwechsel-Gliedmaßenorganismus mit dem Röhrenknochen und
den Nerven-Sinnesorganismus mit dem Schädelknochen. Damit
aber bekommen Sie erst recht eine Zuordnung des Menschen zum
Kosmos. Es verhält sich in der Tat die Polarität im Menschen so, wie
sich die Polarität zwischen Sonne und Erde verhält.
Ich werde jetzt einen gewissen, vielleicht für manchen problema-
tisch ausschauenden Gedankengang verfolgen. Er würde sich Ihnen
als ganz sicher ausnehmen, wenn wir alle Mittelglieder studieren
könnten, aber ich möchte Sie, wie ich schon sagte, zu etwas Substan-
tiellem führen. Wir haben also eine Kurve zu suchen, welche uns
möglich macht vorzustellen, daß die Bewegungen von Sonne und
Erde in ein und derselben Bahn verlaufen, und doch wiederum ent-
gegengesetzt. Diese Kurve, die ist eindeutig zu bestimmen. Wenn
man alle in Betracht kommenden geometrischen Örter, die man auf
diese Weise findet, ins Aufe faßt, dann ist diese Kurve durchaus ein-
deutig zu bestimmen. Sie brauchen nur diese Kurve so vorzustellen,
daß sie so verläuft, daß sie eine Rotations-Lemniskate ist, die aber zu
gleicher Zeit im Raum fortschreitet (Fig. 3). Stellen Sie sich dann vor,
an irgendeinem Punkte dieser lemniskatischen Schraubenlinie sei
die Erde, an einem anderen Punkte sei die Sonne, und die Erde be-
wege sich der Sonne nach. So haben Sie hier die Bewegung der Erde
hinauf, die Bewegung der Sonne hinunter (bei Ei, Sx). Sie gehen an-
einander vorbei. Sie bekommen keine Möglichkeit, dasjenige vorzu-
stellen, was nun wirklich zugrunde liegt nach den Kriterien, die gel-
ten können als Bewegungen sowohl der Erde als der Sonne, Sie be-
kommen keine andere Möglichkeit, als sich das alles aus dem heraus
vorzustellen, daß Erde und Sonne sich in einer lemniskatischen
Schraubenlinie bewegen, einander nachfolgen, und daß dasjenige,
was sich nun in den Raum projiziert, dadurch entsteht. Hier haben
Fig. 3 •"•«^riJwTW«* «***«•"•«* "Ä^'
Sie die Visierlinie (ES); denken Sie sich, Sie projizieren den Sonnen-
stand hier (S); nehmen Sie an, die Sonne sei vorwärtsgegangen (Si),
Sie bekommen die scheinbaren Orte mit alle dem, was dabei zu be-
rücksichtigen ist, durchaus als Projektion desjenigen, was sich er-
gibt, wenn sich Erde und Sonne aneinander vorbeibewegen. Sie
müssen nur, wenn Sie diese Rechnung stimmend finden wollen, alle
die verschiedenen Korrekturen, zum Beispiel die Besselschen Glei-
chungen und dergleichen, einbeziehen, Sie müssen in die Orte alles
das einbeziehen, was wirklich da ist. Sie müssen berücksichtigen,
daß ja für die Rechnung die gegenwärtige Astronomie drei Sonnen
hat, wie ich schon erwähnt habe, nämlich die wirkliche Sonne, die
Zwischensonne und die mittlere Sonne. Von diesen drei Sonnen
sind zwei natürlich gedachte, denn nur die wahre Sonne ist eben da.
Aber dasjenige, was wir in unserer Zeitbestimmung haben, das rech-
net erstens mit der Zwischensonne, die nur in Perigäum und Apo-
gäum zusammenfällt, sonst überall auseinanderfällt mit der wahren
Sonne, und ferner mit der anderen Sonne, die nur in der Tagund-
nachtgleiche zusammenfällt mit der Zwischensonne. Man braucht
das, was man sonst als Sonnenbahn bestimmt hat, nur nach all dem
zu korrigieren. Wenn man das alles zusammennimmt und nun die
Rechnung anstellt, so bekommt man allerdings dieses Resultat her-
aus. Man bekommt auf diese Weise ein Resultat, das mit demjeni-
gen stimmt, was uns durch die Beobachtung des Zusammenhanges
des Menschen mit dem Kosmos sich eben auch ergibt.
Nun handelt es sich darum, daß wir diese Kurve, die wir hier be-
kommen haben, in der richtigen Weise beziehen auf unser Sonnen-
system. Ich will zu diesem Zweck Ihnen einzeichnen, ohne daß ich
heute schon berücksichtige die beiden äußersten Planeten - sie sind
in diesem Zusammenhang nicht nötig -, zunächst das gewöhnliche
hypothetische Sonnensystem (Fig.4): die Saturnbahn - es kommt
Fig. 4
****** *%»w 3 »»a^'''»" , " a **''
auf die Verhältnisse nicht an - die Jupiterbahn, die Marsbahn, die
Erdenbahn mit der Mondenbahn, die Venusbahn, die Merkurbahn,
die Sonne. Irgendwo auf diesen Bahnen hätten wir dann die betref-
fenden Planeten zu suchen. Nun handelt es sich darum, wenn wir
zunächst als irgendein perspektivisches Bild dasjenige gelten lassen,
was da ist, wie sich da hineinstellt dasjenige, was wir eben jetzt über
die Sonnen-Erdenbahn gesagt haben. Das stellt sich nämlich, wenn
wir in der Weise, wie ich es vorhin gesagt habe, die Rechnung verfol-
gen, in der folgenden Weise hinein. Wir haben zu zeichnen die
Bahn der Erde so, daß sie gewissermaßen hinstrebt nach dem Orte,
den früher die Sonne gehabt hat, und wiederum die Sonne nach
dem Ort, den früher die Erde gehabt hat. Wir bekommen auf diese
Weise die Hälfte der Lemniskate heraus: Erde, Sonne, Erde, Sonne;
wenn die herumgegangen ist, dann geht es weiter (Fig. 5). Sie sehen,
Fig. 5
sie bewegen sich aneinander vorbei. So daß wir die wirkliche Bahn
von Erde und Sonne bekommen, wenn wir uns abwechselnd denken
die Erde einmal so, daß sie an der Stelle steht, wo wir sonst gewohnt
sind, die Sonne hinzuzeichnen, und dafür dann die Sonne dorthin
zeichnen müssen, wo wir sonst gewohnt sind, die Erde hinzuzeich-
nen. In der Tat bekommen wir das, was Bewegungsverhältnis von
Erde und Sonne ist, nicht, wenn wir die eine oder die andere als ru-
hend annehmen, sondern wenn wir beide in einer Bewegung den-
ken, wodurch die eine der anderen nachfolgt, aber zu gleicher Zeit
sie aneinander vorbeigehen. So daß wir uns vorstellen müssen: Per-
spektivisch gesehen ist abwechselnd die Sonne im Mittelpunkt unse-
res Planetensystems, und dann wiederum ist eigentlich die Erde an
der Stelle, wo sonst die Sonne ist. Sie wechseln gewissermaßen ab.
Nur ist die Sache kompliziert, weil mittlerweile selbstverständlich
die Planeten auch ihren Ort ändern, und dadurch kommt eine be-
deutsame Komplikation heraus. Aber wenn ich zunächst diese per-
spektivische Zeichnung (Fig.4) gelten lasse, dann muß ich die Sache
so zeichnen (Sonne im Mittelpunkt). Und ich bekomme gewisserma-
ßen die andere Anordnung, wenn ich ideal hinzeichne die Folge der
Planeten so, daß hier (im Mittelpunkt) die Erde ist, dann der Mond,
Merkur, Venus, Sonne, Mars, Jupiter, Saturn. Sie sehen also, es han-
delt sich darum, daß wir gewissermaßen verführt werden durch die
Perspektiven, ein höchst einfaches System aufzustellen, das aber
nicht so einfach ist. Es ist tatsächlich so, als ob in bezug auf die Pla-
neten Erde und Sonne ihre Orte wechseln würden in bezug auf den
Mittelpunkt.
Es ist mir eigentlich gar nicht leicht, muß ich sagen, diese Dinge,
die ja heute noch als etwas Phantastisches genommen werden könn-
ten, Ihnen vorzutragen, denn es ist ja schon einmal nicht möglich,
sie mit allen Schikanen im einzelnen zu rechnen, sie können aber
gerechnet werden. Aber man wollte schon einmal, daß ich die Bezie-
hungen von Astronomie zu anderen wissenschaftlichen Gebieten Ih-
nen auseinandersetze, und da bleibt nichts anderes übrig, als jetzt
auch eine klare Zusammenfassung des Ganzen zu geben.
Nun haben wir also, wenn wir die Bahn von Erde und Sonne ver-
folgen, wiederum abgesehen vom Planetensystem, uns zu denken
eine Lemniskate, in der die Erde der Sonne nachläuft. Sie ist hier
projiziert (Fig.6). Sie sehen dadurch auch eine Möglichkeit, mit der
Gravitation eine vernünftige Vorstellung zu verbinden. Sie liegt zu-
grunde dem Prinzip des Nachziehens. Und wenn Sie die Sache so
vorstellen, so brauchen Sie nicht die etwas fragliche Zweiheit von
Gravitationskraft und Tangentialkraft, denn die sind hier auf eine
Kraft reduziert, wenn Sie sich die Sache ordentlich durchdenken. Es
ist ja ohnedies, nicht wahr, eine etwas problematische Vorstellung,
daß man sich denken soll die Sonne im Mittelpunkt und darum her-
um die Planeten, durch welche so ein Schubs in der Tangentenrich-
tung geht, wie ja das doch eigentlich vorausgesetzt werden muß,
wenn man den Newtonianismus festhalten will. Wenn Sie sich nun
hier dieses als die Erden-Sonnenbahn denken, dann sind Sie genö-
tigt, um in der Perspektive die Formen herauszubringen, welche
die andern Planetenbahnen haben mit dem Verlauf der Erden-
Sonnenbahn, die Bahn der sonnennahen Planeten sich so vorzustel-
len, daß sie etwa so einzuzeichnen wären. Sie haben dadurch die Mög-
Fig. 6 £rd<?
lichkeit, wenn Sie hier die Visierlinie haben, bei einem gewissen an-
deren Stand des Planeten in der Bahn die Schleife als perspektivi-
sches Gebilde herauszubekommen. Die Visierlinie (v) ist hier. Wir
bekommen hier die Schleife (s) und diese zwei Äste verlaufen
scheinbar ins Unendliche (u). Dagegen hat man sich vorzustellen,
daß, wenn dies hier zunächst die Erden-Sonnenbahn ist und hier die
Bahn der inneren Planeten, daß die entsprechenden Bahnen der
äußeren Planeten solche Lemniskaten sind (Fig. 7, S. 312; die neue
Bahn wurde um Fig.6 herumgezeichnet); ich müßte sie jetzt hin-
aufzeichnen, aber die nächste wäre eben so. Aber nun schreitet die
Lemniskate fort, drückt sich also durch durch diese Lemniskate, die
die äußeren Planeten darstellt.
Wir haben ein System bestimmt angeordneter Lemniskaten als die
Bahnen der Planeten und auch als die Erden-Sonnenbahn. Sie wer-
den leicht dies, was ich jetzt schematisch darstelle, in Einklang brin-
gen können mit der Tatsache, daß wir in der Perspektive sehen die
Venusschleife, die Merkurschleife in der Konjunktionsstellung, daß
wir dann sehen müssen in der Perspektive die Jupiter-, Mars- und
Saturnschleifen in der Oppositionsstellung. Und Sie werden jetzt vor
Fig-7
allen Dingen einsehen, welcher Zusammenhang wiederum ist zwi-
schen den Planeten als solchen und dem Menschen. Denn Sie brau-
chen das nur anzuschauen und Sie werden sich sagen: Dasjenige,
was Sie in Merkur und Venus haben, das liegt nahe der Richtung der
Erden-Sonnenbahn selber. Das ist gewissermaßen in kosmischer Nä-
he der Erden-Sonnenbahn. Es ist daher sich so verhaltend, daß es et-
was mit der radialen Linie zu tun hat, die ja im Grunde die Verbin-
düng von Erde und Sonne darstellt. Dagegen die anderen Bahnen,
die Bahnen der äußeren Planeten, der oberen Planeten, die kommen
mehr in Betracht durch ihre seitliche Richtung, ihre sphärische Rich-
tung; die nähern sich in ihrer Wirksamkeit mehr dem an, was peri-
pherisch in seiner Bewegung verläuft. Wir können daher auch sagen:
Dasjenige, was wir an Venus und Merkur sehen, das ist viel mehr
verwandt mit dem, was als kosmische Wirklichkeit in uns lebt; dasje-
nige, was wir in der Bahn der äußeren Planeten sehen, das ist viel
mehr mit demjenigen verwandt, was der Fixsternhimmel im allge-
meinen ist. Und wir kommen daher auch da zu einer Art qualitativer
Bewertung desjenigen, was sich da im Kosmos eigentlich abspielt.
Natürlich sind die Linien, die ich hier gezogen habe, durchaus nur
schematisch gemeint, und eigentlich müßte man sagen: Ein innerer
Planet hat eine Bahn, die eine Schleife macht, deren Mitte die
Erden-Sonnenbahn selber ist; ein äußerer Planet nimmt in seine
Schleife die Erden-Sonnenbahn auf.
Das ist dasjenige, was eigentlich das Wesentliche ist, denn die Sa-
che selbst ist so außerordentlich kompliziert, daß man eigentlich
eben nur zu den schematischen Vorstellungen gelangen kann. Aber
Sie sehen daraus auch, wie notwendig es ist, wiederum abzukom-
men, so unangenehm das auch manchem klingen mag, von einem
gewissen Prinzip, das im Beginn der neueren Zeit in unsere Naturer-
klärungen eingezogen ist. Es ist das Prinzip, alles nach der Einfachheit
zu erklären. Es wurde einmal zur Tendenz: Das Einfache ist das Rich-
tige. Und heute wird man ja noch immer heftig getadelt, wenn man
Dinge gibt, die nicht einfach genug sind. Aber die Natur ist eben
durchaus nicht einfach. Ja, man möchte sogar sagen, die Natur, die
Wirklichkeit ist dasjenige, was einfach ausschaut, was aber, wenn man
es wirklich untersucht, kompliziert ist, so daß man in der Regel in
demjenigen, was sich als einfach darbietet, ein Scheingebilde hat.
Es ist mir gar nicht darum zu tun gewesen, etwa nach diesem hin
die Vorträge zu gipfeln, denn irgend etwas auszusprechen, was von
vornherein nicht im Einklang steht mit dem Anerkannten, das ist
dasjenige nicht, was ich prinzipiell anstrebe, sondern hier handelt es
sich wirklich darum, hinter die Wahrheit zu kommen. Nun bergen
aber die Annahmen des heutigen astronomischen Weltenbildes so
viele Widersprüche in sich, daß man tatsächlich ganz unbefriedigt
zurückkommt, wenn man heute die gang und gäbe Astronomie
durchgemacht hat. Man sieht ja, daß angenommen wird hypothe-
tisch das Weltenbild, das ich ja auch aufgezeichnet habe: Die Plane-
tenbahnen in Ellipsen, in einem Brennpunkt die Sonne und so wei-
ter. Man läßt dann, weil man nicht anders kann, diese Planetenbah-
nen verschiedene Neigungen haben. Diese verschiedenen Neigun-
gen ergeben sich durch die Perspektive; diese komplizierten Dinge,
es sind alles perspektivische Dinge. Aber man rechnet ja eigentlich
nicht mit diesem einfachen planetarischen System, das man den
Kindern in der Schule erklärt und das dann später beibehalten wird,
sondern tatsächlich nach dem Weltenbild des Tycho de Brake, und
es müssen außerdem fortwährend Korrekturen eingesetzt werden.
Denn wenn man nach den gebräuchlichen Formeln, sagen wir den
Sonnenort für einen bestimmten Zeitpunkt ausrechnet, stimmt es
nicht. Dann steht an dem Ort, statt daß die wahre Sonne dort stün-
de, entweder die Zwischensonne oder die mittlere Sonne, also ge-
dachte Dinge. Ja, es ist so, es stehen ganz gedachte Dinge dort, und
man muß immer Korrekturen einführen, um zum Richtigen zu
kommen. In diesen Korrekturen, da steckt dasjenige drin, was zur
Wahrheit führt. Wenn man, statt daß man bei den Formeln stehen
bleibt und zu gedachten Dingen kommt, die Formeln in sich beweg-
lich macht und dann versucht, Kurven zu zeichnen, dann kommt
man schon zu diesem System, das hier gezeichnet ist, wenn auch
schematisch.
Nun, sehen Sie, ich habe versucht, vor allen Dingen Wert darauf
zu legen, daß in Ihnen ein Bild entstehe von dem Zusammenklang
der menschlichen Organisation mit der Konstitution des Kosmos.
Diesen Zusammenklang werden Sie, wenn Sie alles bisher verfolgt
haben, nicht als etwas ansehen können, das sich versündigt gegen
diejenige Art von Gesinnung, die in der Wissenschaft sein soll. Es ist
in der Zeit, in welcher der Übergang sich herausentwickelt hat von
dem ptolemäischen zu dem kopernikanischen Weltenbilde, auch
mit der ganzen Deutung des Zusammenhanges zwischen Mensch und
Himmelserscheinungen eine Veränderung eingetreten. Wenn man
in jene älteren Zeiten zurückgeht, in denen, wenn auch in einer an-
deren Perspektive, möchte ich sagen, ich habe vor einigen Tagen
darüber gesprochen, man durchsichtige Vorstellungen hatte über
den Zusammenklang der Himmelsbewegungen mit der Gestalt des
Menschen, dann findet man durchaus etwas, was ja instinktiv war,
was aber, ins Bewußtsein hinaufgehoben, schon unsere gegenwärtige
Wissenschaftsgesinnung ergibt, der wir auch wiederum treu bleiben
müssen, wenn wir uns gerade auf ein so problematisches und gewag-
tes Gebiet begeben.
Es ist eigentlich kein Unterschied zwischen der Art und Weise,
wie wir Mathematik sonst anwenden, und wie wir diese qualitative
Mathematik, die wir allmählich uns herausgebildet haben, nun an-
wenden auf den Menschen und die Himmelserscheinungen. Aber
sehen Sie, es hat sich ja in derselben Zeit, in der der Übergang sich
entwickelt hat von dem alten heliozentrischen System zu dem neuen
heliozentrischen System, auch in der Menschheitsentwickelung inso-
fern für die Erkenntnis ein Bruch ergeben, als keine Brücke mehr ge-
lassen worden ist zwischen der physisch-sinnlichen Weltenordnung,
der natürlichen Weltenordnung, und der moralischen Weltenord-
nung. Ich habe es ja öfter in anderen Vorträgen erwähnt: Wir sind
heute eben durchaus in dem Zwiespalt drinnen, daß wir genötigt
sind, auf der einen Seite die theoretischen Naturvorstellungen aus-
klingen zu lassen in irgendeinem Urgebilde, daß sich also aus rein
natürlichen Vorgängen die Welt entfaltet hat; so unsere Erde, da sind
wir drinnen, da geht das wiederum nach rein natürlicher Gesetzmä-
ßigkeit weiter, erreicht sein Ende. Mitten drinnen leben wir. Aus un-
serm Innern steigen auf moralische Impulse, man weiß nicht, woher
sie kommen. Man weiß aber ganz gewiß, wenn man im Sinne dieses
Dualismus denkt, daß einstmals gerade für diese moralischen Impulse
ein großes Grab da sein wird. So denkt man, wenn man so wenig die
Brücke schlägt zwischen der natürlichen Weltenordnung und der
moralischen Weltenordnung. Dieser Übergang zwischen der na-
türlichen Weltenordnung und der moralischen Weltenordnung
muß eben wieder gefunden werden. Wir müssen wieder in die Lage
kommen, in Einklang miteinander denken zu können die natürliche
Weltenordnung und die moralische Weltenordnung. Ich habe bei
anderen Gelegenheiten davon gesprochen, wie dieser Übergang
gesucht werden kann. Er kann eben durch anthroposophische Geistes-
wissenschaft wirklich gefunden werden.
Hier aber möchte ich Sie darauf aufmerksam machen, daß sich
dieses Auseinanderfallen der natürlichen Weltenordnung und der
moralischen Weltenordnung auch im Speziellen auf gewissen Ge-
bieten zeigt. Und ein solches Gebiet ist dasjenige, mit dem wir es
hier zu tun haben. Da ist auch in einer gewissen Weise innerhalb der
Menschheitsentwickelung auseinandergefallen der natürliche Aspekt
und der moralische Aspekt. Der moralische Aspekt hat sich heraus-
gebildet in der Astrologie, der natürliche Aspekt in der geistentblöß-
ten Astronomie. Daß wir in der Astrologie, wie sie heute getrieben
wird, nichts zu sehen haben, was mit irgendeiner Wissenschaft, so
wie sie aufgefaßt wird, etwas zu tun hat, das brauche ich Ihnen ja
nicht auseinanderzusetzen; daß das eine Verirrung nach der einen
Seite ist, das wird Ihnen ja nicht bewiesen zu werden brauchen.
Aber nach der anderen Seite haben wir in dem, was man unser
astronomisches Weltensystem nennt, eben auch eine Verirrung. Wir
haben es nicht zu tun mit Wirklichkeiten, etwa bei den perspektivi-
schen Linien oder meinetwillen projektivischen Linien, die gewöhn-
lich gezeichnet werden, wenn wir unser Planetensystem aufzeich-
nen, auch bei den Linien nicht, die noch entstehen, wenn nun wie-
derum eine aus vielen Komponenten zusammengesetzte Resultie-
rende beobachtet wird in dem Lauf, den die Sonne selber macht mit
dem ganzen Planetensystem. Wir haben es bei all dem zu tun mit
Dingen, die sich aus sehr vielen Komponenten zusammensetzen.
Und weil wir es da mit Relativitäten zu tun haben, so ist es eben not-
wendig, daß man sich an ein Kriterium hält, das einen zum wirkli-
chen Verständnis der Kurven führen kann, wenn es auch manchem
ein noch so vages Kriterium scheint, wenn wir einfach hinter das Ge-
heimnis zu kommen versuchen, warum der Mensch das Bedürfnis
hat, sich im Schlafe horizontal zu legen, also eben herauszukom-
men aus der Verbindungslinie zwischen Erde und Sonne. Wie er
seine willkürlichen Bewegungen nur vollziehen kann, wenn sein
Schwerpunkt sich bewegt senkrecht auf der Verbindungslinie von
der Erde zur Sonne, so kann er, wenn er seine unwillkürlichen Bewe-
gungen vollführt, diese nur vollziehen, indem er sich selbst hinein-
legt in die Richtung senkrecht auf die Bahn Erde-Sonne. Will er her-
auskommen aus der Wirksamkeit der willkürlichen Bewegung, so
daß dasjenige, was sonst in seiner willkürlichen Bewegung wirkt, in-
nerlich wirkt und einen Stoffwechselumsatz zwischen Leib und Kopf
bewirkt, dann muß er sich in diese Linie hineinlegen. Und ebenso
können Sie den Übergang finden zu den anderen Richtungen des
Menschen, und Sie werden aus Richtungen, die im Menschen zu ver-
zeichnen sind, die aus seiner Gestaltung heraus zu gewinnen sind,
zusammensetzen können diejenigen Kurven, um die es sich bei der
Bewegung der Himmelskörper handelt. Das ist nicht so leicht wie
dasjenige, was man mit den bloßen Fernrohren und ihren Winkeln
macht. Aber es ist der einzig mögliche Weg, durch den man diesen
Zusammenhang zwischen dem Menschen und den Himmelserschei-
nungen finden kann.
ACHTZEHNTER VORTRAG
Stuttgart, 18. Januar 1921
Wenn wir uns noch einmal zurückerinnern an dasjenige, was von
mir gesagt worden ist mit Bezug auf die Gegensätzlichkeit von Erde
und Sonne, so werden wir daraus ersehen, daß es sich bei der Beant-
wortung solcher Fragen darum handelt, die empirischen Tatsachen
in einer bestimmten Art zu verfolgen. Es ist durchaus nicht möglich,
sich Anschauungen zu bilden über etwas, was man sieht, wenn man
nicht voraussetzt, daß eventuell radikale Verschiedenheiten in der
Interpretation des Gesehenen notwendig sind. Man kommt zur rich-
tigen Deutung von solchen Erscheinungen, wie sie dargeboten wer-
den im Anblick des sogenannten Sonnenkörpers doch nur, wenn
man ausgeht von solchen Voraussetzungen, wie wir sie gemacht ha-
ben, von der Frage etwa: Wie muß man, wenn man auf der Erde ge-
wisse Erscheinungen deutet, Erscheinungen, die auf der Erde die
Gestalt annehmen, daß sie vom Mittelpunkte nach dem Umfang zu,
gegen den Weltenraum hinaus wirken, wie muß man ähnliche Er-
scheinungen, also für den äußeren Anblick ähnliche Erscheinungen
dann deuten, wenn man das Auge oder das bewaffnete Auge nach
der Sonne richtet? Und es werden sich erst die empirisch beobachtbaren
Erscheinungen im rechten Lichte zeigen, wenn man so etwas zu-
grunde legen kann, wie: Während irgendwo an der Oberfläche der
Erde ein gewisser Ausbruch oder dergleichen gedeutet werden muß
als nach oben tendierend (Fig.la), muß ein Vorgang der Sonne,
meinetwillen ein Sonnenfleck, so gedeutet werden, daß er von au-
ßen nach innen tendiert (Fig.lb). Und wie man dann, wenn man
diese Betrachtungsweise fortsetzt, sich zu denken hat, daß man, in-
dem man sich hinunter bewegt unter die Oberfläche der Erde, eben
in die dichte Materie kommt, so wird man sich vorzustellen haben,
daß man in die Materienverdünnung kommt, indem man sich von
dem Sonnenäußern gegen das Sonneninnere zu bewegt. So daß man
sagen kann: Schauen wir die Erde in ihrem ganzen Hineingestelltsein
in die Welt an, so nimmt sie sich für uns aus als ponderable Materie,
in die Welt hineingestellt; mit der Sonne werden wir nur zurecht-
kommen, wenn wir sie so vorstellen, daß wir, gerade indem wir von
dem Umfang gegen das Innere gehen, uns von der ponderablen Ma-
terie immer mehr und mehr entfernen, immer mehr und mehr in
das Imponderable hineinkommen, daß wir also genau das entgegen-
gesetzte Verhalten haben beim Annähern an den Mittelpunkt. Wir
q -
Fig.l
müßen uns also die Sonne gewissermaßen vorstellen wie eine Aus-
höhlung der, sagen wir, Weltenmaterie, wie einen Hohlraum, eine
Hohlkugel, die von Materie umhüllt wird; im Gegensatz zur Erde,
die dichte Materie darstellt und von dünnerer Materie umhüllt wird.
Wir haben uns also bei der Erde vorzustellen: Außen Luft, innen
dichtere Materie; bei der Sonne ist es umgekehrt: Wir kommen von
der relativ dichteren Materie hinein in die dünnere Materie, und
endlich in die Negation der Materie. Wer die Erscheinungen auf
diesem Gebiet wirklich unbefangen zusammennimmt, der kann
nicht anders, als sich sagen: In der Sonne haben wir nicht einen ge-
genüber der Erdenmaterie einfach verdünnten Weltenkörper vor
uns, sondern wir haben in gewisser Beziehung, wenn wir die Erde in
ihrer Materialität als positiv ansetzen, in der Sonne, in dem innern
Teil der Sonne, negative Materie vor uns. Wir kommen mit den Er-
scheinungen nur zurecht, wenn wir uns im inneren Sonnenraum ne-
gative Materie denken.
Nun, negative Materie ist gegenüber der positiven Materie sau-
gend. Die positive Materie ist drückend, die negative ist saugend.
Wenn Sie sich aber vorstellen, daß die Sonne eine Ansammlung von
Saugekraft ist, dann brauchen Sie gar nicht weiter irgendeine Erklä-
rung der Gravitation als nur diese, denn das ist schon die Erklärung
der Gravitation. Und wenn Sie sich weiter vorstellen dasjenige, was
ich Ihnen gestern auseinandergesetzt habe, daß die Bewegung von
Erde und Sonne einfach so ist, daß die Erde der Sonne nachfolgt in
derselben Bahnrichtung, dann haben Sie den kosmischen Zusam-
menhang zwischen Sonne und Erde: Voran die Sonne als Ansamm-
lung von Saugekraft und durch diese Saugekraft die Erde im Wel-
tenraum in derselben Bahnrichtung nachgezogen, in der die Sonne
selber im Weltenraum sich vorschiebt. Sie durchschauen auf diese
Weise dasjenige, was Sie sonst nicht innerlich mit Vorstellungen be-
gleiten können. Sie werden niemals irgendwie zurechtkommen mit
einer Vorstellung, die zusammenhält die Erscheinungen, wenn Sie
nicht solche Vorstellungen zugrunde legen, wenn Sie nicht wirklich
in der Materie sich eine positive und eine negative Intensität den-
ken, so daß die Materie selber als Erdenmaterie positiv ist, als Inten-
sität positiv ist, während die Sonnenmaterie als Intensität negativ ist,
also gegenüber dem erfüllten Raum nicht nur ein leerer Raum ist,
sondern eine Raumaussparung, weniger als ein leerer Raum.
Das ist eine Vorstellung, die vielleicht schwierig zu bilden ist.
Aber warum sollten sich nicht diejenigen, die gewohnt sind, mathe-
matische Vorstellungen zu haben, eine gewisse Erfüllung des Rau-
mes unter der Größe + a vorstellen können, dann den leeren Raum als
Null, und einen Raum, der weniger ist als leer, als - a vorstellen kön-
nen? Und Sie haben jetzt die Möglichkeit, eine richtige mathema-
tische oder wenigstens zur Mathematik analoge Beziehung zu den-
ken zwischen verschiedenen Intensitäten der Materie, hier in diesem
besonderen Fall zwischen der Erden- und der Sonnenmaterie.
Gewissermaßen wie in Parenthese möchte ich nur einfügen:
Ganz gleichgültig, wie man nun denkt über die Beziehungen des reel-
len Positiven und Negativen zum Imaginären - wie man darüber
denkt, will ich nicht erörtern; irgendeine Interpretation wird sich ja
doch finden lassen müssen für die sogenannten imaginären Zahlen,
da sie sich ebenfalls als Auflösung von Gleichungen und dergleichen
ergeben -, wenn man in dieser Weise im Intensiven ein Positives
und ein Negatives zugrunde legt, so könnte man ja auch ein Imaginä-
res zugrunde legen, und man würde dann bekommen
—a 0 +a
und man hätte auch eine Möglichkeit, zu der positiven und negati-
ven Materie dasjenige hinzuzufügen, was man in der Anthroposophie
zum Beispiel die Materie oder, wenn man so will, die Geistigkeit des
Astralischen zu nennen hat. Man hätte dann eine Möglichkeit, auch
einen mathematischen Übergang zum Astralischen zu finden. Das
wollte ich aber, wie gesagt, nur in Parenthese einfügen.
Nun nehmen Sie wiederum den Zusammenhang desjenigen, was
ich jetzt ausgeführt habe, mit dem Menschen selbst. Sie können sich
folgendes sagen: Es ist ja zweifellos, daß des Menschen physischer
Leib seine Beziehungen zur ponderablen Erdenmaterie hat. Da der
Mensch als wachender Mensch, im physischen Leibe stehend, seine
Beziehungen zur Erdenmaterie hat, so können wir diese Beziehun-
gen zur Erdenmaterie im Sinne der früheren Ausführungen verglei-
chen mit der Vertikalrichtung der Pflanze. Aber wir haben gestern
gesehen, daß wir eigentlich die Pflanze uns entgegengesetzt zu den-
ken haben im Menschen in ihrer Richtung, daß wir gewissermaßen
die äußere Pflanze von unten nach oben wachsend vorzustellen ha-
ben, die im Menschen zu denkende Pflanze von oben nach unten
(Fig.2, S. 322). Ja, was wächst denn da von oben nach unten? Etwas
Sichtbares gewiß nicht, etwas Übersinnliches. Da wir das mit der
Sonne in Beziehung bringen, so müssen wir, wenn wir die Pflanzen-
wachstumskräfte mit der Sonnen-Erdenbahn in Beziehung bringen
so, daß wir sie denken von der Erde gegen die Sonne hin gerichtet,
uns dasjenige, was im Menschen heranwächst im umgekehrten Sinne,
als in seinem Ätherleibe wachsend denken. Also dasjenige, was von
der Sonne ausgeht, diese Saugekraft, wirkt im Menschen, seinen
Ätherleib von oben nach unten durchdringend. So daß am Men-
sehen, wenn Sie den menschlichen Leib nehmen, zwei einander ent-
gegengesetzte Entitäten wirksam sind: Sonnenentität und Erdenen-
tität. Wir müssen im einzelnen nachweisen können, daß das da ist,
und wenn wir die Dinge in der richtigen Weise interpretieren kön-
nen, so können wir es auch nachweisen. Denn dasjenige, was da
0
Fig. 2
im Menschen von oben nach unten wirkt, es kann sich ja in der ver-
schiedensten Weise auseinanderlegen. Wenn wir eine Kraft haben,
die in der Richtung a - b wirkt, so können wir sie nicht nur in dieser
Richtung verfolgen. Wir können sie auch verfolgen imaginär. Wenn
sie diese Stärke hat, brauchen wir uns nur diese Kraft zerlegt zu
Fig. 3
denken in zwei Komponenten (Fig. 3). Wir können also überall
Komponenten der Kräfte bilden, die eigentlich in der Richtung der
Erden-Sonnenbahn liegen.
Wenn ich mit einem Finger hierher drücke, so ergibt sich für die
Druckfläche der Druck, den die ponderable Materie auf mich aus-
übt, und der Gegendruck entspricht der Sonnenkraft, die durch
mich, das heißt durch meinen Ätherleib wirkt. Sie haben, wenn Sie
sich hier eine Fläche denken, die auf den Menschen drückt, oder ge-
gen die der Mensch drückt, entgegengesetzt die Wirkung der pon-
derablen Kraft und die Wirkung der imponderablen Kraft. Und
dasjenige, was Ihnen hier eine Druckempfindung gibt, ist nichts an-
deres als die Wechselwirkung des ponderablen Druckes von außen
nach innen und des imponderablen Druckes von innen nach außen
(Fig.4).
i'mpoiidefabel
nach aupon
nach innen
Fig.4
Man kann sagen: Wenn man mit klarem innerem Seelenauge die
Dinge überblickt, so spürt man den Gegensatz von Erde und Sonne,
in den man hineingestellt ist, in jeder Sinneswahrnehmung. Alles ist
am Menschen so zu verfolgen, daß man Kosmisches darin erkennen
kann. Das Kosmische spielt überall herein in den Menschen. Und
das ist so ungeheuer wichtig, daß man wirklich diese den Menschen
abschließende Betrachtungsweise überwindet, die nur haften bleibt
an demjenigen, was eigentlich ohne Zusammenhang mit der Umge-
bung ins Auge gefaßt wird. Ich habe ja in diesen Betrachtungen
schon den Vergleich angeführt: Wenn wir den Menschen so hinein-
stellen in die Welt, daß wir Kopf und Gliedmaßen und so weiter be-
trachten, so ist eine solche Betrachtungsweise einfach so, wie wenn
wir eine Magnetnadel betrachten, die sich richtet nach einer be-
stimmten Richtung, und wir suchen nun in der Magnetnadel die Ur-
sache dafür, statt sie in den magnetischen Polen der Erde zu suchen.
Wir müssen eben wirklich, wenn wir ein Ding oder ein Faktum ver-
stehen wollen, in die Totalität hineingehen, aus der heraus dieses
Ding oder diese Tatsache zu verstehen ist. Es kommt eben überall
darauf an, daß wir suchen nach der entsprechenden Totalität. Das ist
dasjenige, was der heute üblichen Betrachtungsweise so ungeheuer
fremd ist: Bevor man irgend etwas entscheidet, erst sich die entspre-
chende Totalität, auf die es ankommt, aufzusuchen. Wenn Sie ei-
nen Salzkristall in die Hand nehmen, können Sie ihn, so wie er ist,
allerdings auch nur relativ, aber wenigstens relativ, als eine Totalität
betrachten. Er ist etwas wie eine abgeschlossene Entität in sich.
Pflücken Sie eine Rose ab und stellen Sie sie vor sich hin - sie ist so,
wie Sie sie da hinstellen, keine abgeschlossene Entität. Sie könnte ja
so, wie sie dasteht, nicht in demselben Sinne dastehen wie ein Salz-
kristall. Der muß sich zwar auch in einem Medium bilden und der-
gleichen, ist aber eine Totalität. Die Rose ist erst dann als Totalität
zu betrachten, wenn man sie im Zusammenhang mit dem ganzen
Rosenstock betrachtet. Da hat sie die entsprechende Totalität, die
der Salzwürfel von sich aus hat, so daß wir gar keine Berechtigung
haben, eine Rose als eine Realität für sich zu betrachten. Und so
müssen wir auch, indem wir den Menschen in bezug auf seine ganze
Wesenheit betrachten, nicht stehenbleiben dabei, ihn nur in seiner
Haut zu fassen, sondern wir müssen ihn im Zusammenhang mit
dem ganzen Weltenall betrachten, das uns sichtbar ist; denn nur aus
diesem Zusammenhang heraus ist er zu verstehen. Und wenn man
eine solche Betrachtungsweise fortsetzt, dann kommt man auch da-
zu, einen gewissen tieferen Sinn verbinden zu können mit den Er-
scheinungen, wie sie sich darbieten und von uns in der Erkenntnis
beherrscht werden können.
Wir haben im Verlauf dieser Betrachtungen gesagt: Wenn wir
die Umlaufzeiten der Planeten miteinander vergleichen, so stellen
sich inkommensurable Größen heraus. Denn wären die Größen
kommensurabel, so würden die Planetenbahnen nach und nach in
ein solches Verhältnis kommen, daß das ganze Planetensystem starr
würde. Aber es ist ja in unserem Planetensystem diese Tendenz zum
Erstarren, zum Totwerden drinnen. Wenn man die Tatsache nimmt,
die dadurch gegeben ist, daß man durch gewisse Kurven und Rech-
nungsformeln dasjenige ausdrückt, was im Planetensystem vorliegt,
und diese Kurven und diese Rechnungsformeln, wie wir gesehen ha-
ben, niemals mit der Realität völlig stimmen, so muß man sagen:
Versucht man mit leicht durchschaubaren Formeln oder leicht
durchschaubarem Figuralen die Erscheinungen des Himmels zu fas-
sen, so entschlüpfen einem die Erscheinungen; sie entschlüpfen fort-
während. Es ist also wahr: Wenn wir den Blick hinausrichten auf das
reale Bild der Himmelserscheinungen und dann den Blick wenden
auf das, was wir machen können in der Rechnung, kriegen wir nie-
mals eine Formel zustande, die sich vollkommen mit den Erschei-
nungen deckt. Wir können solch eine Zeichnung machen, wie ich sie
Ihnen gestern als System der Lemniskaten entworfen habe; das kön-
nen wir machen. Dieses System wird aber nur dann in der richtigen
Art aufgefaßt, wenn man sagt: Würde ich es nun ganz bestimmt
hinzeichnen in irgendeiner Form, so könnte es höchstens das Richti-
ge sein für die gegenwärtige Zeit. Schon wenn die Zeit eintritt, die
so weit entfernt ist von der unsrigen, wie diejenige, die ich als die
künftige Eiszeit angegeben habe, dann müßte ich dieses System in
einer wesentlichen Art modifizieren, so modifizieren, daß ich die
Konstanten der Kurve variabel nehme und sie selber wiederum
ziemlich komplizierte Funktionen sind. So daß ich niemals einfache
Linien zeichnen kann, sondern ich kann nur komplizierte Linien
zeichnen. Und auch, wenn ich diese Linien hier zeichne, so müßte
ich eigentlich sagen: Ja schön, ich zeichne also einmal für irgendei-
nen Himmelskörper eine Bahn hin - wir haben gestern gesehen, es
wird immer eine lemniskatische Bahn sein. Ja, aber nach einiger Zeit
kommt für mich die Notwendigkeit, diese Zeichnung nicht mehr
gelten zu lassen, sondern die Lemniskate etwas breiter zu machen,
und ich muß dann solch eine Lemniskate zeichnen und so weiter
(Fig.5).
Das heißt, wenn ich anfangen würde, den Bahnen der Himmels-
körper nachzufahren, so müßte ich eigentlich mich hineinstellen ins
Weltenall und immerfort die Bahn verfolgen, immerfort variieren.
Ich darf gar nicht eine konstante Bahn aufzeichnen. Ich muß jede
Bahn, die ich aufzeichne, mit dem Bewußtsein aufzeichnen, daß ich
fortwährend verändern muß, weil mit jedem Zeitenverlauf von mir
gefordert wird, daß die Bahn wiederum etwas anders ist. Also, ich
,,**—«•"'
Fig-5
bin gar nicht in der Lage, wenn ich adäquat die Himmelskörper mit
ihren Bahnen fassen will, fertige Linien zu zeichnen. Wenn ich fer-
tige Linien zeichne, sind es Annäherungslinien, und ich muß Korrek-
turen einführen. Das heißt: Jeder fertigen Linie entschlüpft hinter-
her dasjenige, was real am Himmel ist. Ich mag was immer für eine
fertige mathematische Linie denken, das Reale entschlüpft mir, es
faßt sich nicht hinein. Damit aber spreche ich selber eine Realität
aus: Es ist etwas in einem Planetensystem, was auf der einen Seite ins
Starre, auf der anderen Seite ins bewegliche Lemniskatisieren hin-
eintendiert. Es ist ein Gegensatz im Sonnen- oder Planetensystem
zwischen der Tendenz nach der Starrheit und der Tendenz nach der
Veränderlichkeit, nach dem Heraustreten aus sich selber.
Wenn man anschauend, jetzt nicht spekulierend, sondern an-
schauend diesen Gegensatz verfolgt, dann kommt man darauf, sich
zu sagen: Dasjenige, was der kometarische Körper ist, das ist eigent-
lich gar nicht in demselben Sinn ein Körper wie der Planet. - Sie
können dasjenige, was ich als Richtlinien gebe, sich verifizieren gera-
de durch ganz genaues Verfolgen desjenigen, was die empirischen
Tatsachen geben, wenn Sie nur nicht haften an den Theorien, durch
die manche diese Tatsachen in Fesseln schlagen. Sie können sich
überzeugen, wie sich das verifizieren läßt, was ich Ihnen sagen wer-
de, und wie es sich immer mehr und mehr verifizieren wird, je mehr
man empirische Tatsachen zusammenfassen wird. Wenn man näm-
lich die kometarische Natur verfolgt, so kommt man nicht zurecht,
wenn man sich den kometarischen Körper auch so denkt, wie man
gewöhnt ist, sich den planetarischen Körper zu denken. Den plane-
tarischen Körper - ich komme jetzt auf etwas zurück, was ich metho-
dologisch schon angeführt habe - können Sie immerhin so vorstel-
len, wie wenn er ein abgeschlossener Körper wäre und sich weiter be-
wegen würde, und Sie werden den Tatsachen nicht sehr widerspre-
chen. Beim kometarischen Körper werden Sie immer gegenüber den
Erscheinungen auf Widersprüche stoßen, wenn Sie ihn nach dem
Muster des planetarischen Körpers betrachten. Sie werden einen ko-
metarischen Körper niemals verstehen in seinem Hinziehen, seinem
scheinbaren Hinziehen durch den Weltenraum, wenn Sie ihn so be-
trachten, wie Sie gewöhnt sind, planetarische Körper zu betrachten.
Aber versuchen Sie einmal, ihn in der folgenden Weise zu betrach-
ten und alle empirischen Tatsachen, die es gibt, aufzureihen auf
dem Faden dieser Betrachtungsweise. Denken Sie sich, in der Rich-
tung hier (Fig.6) - man kann sagen: gegen die Sonne zu - da ent-
Fig.6
steht fortwährend der Komet. Er schiebt seinen Kern, seinen schein-
baren Kern, vor; rückwärts, da verliert sich die Sache. Und so schiebt
er sich vor, auf der einen Seite immer neu entstehend, auf der an-
dern Seite vergehend. Er ist gar nicht in demselben Sinn ein Körper,
wie der Planet. Er ist etwas, was fortwährend entsteht und vergeht,
was vorne Neues ansetzt und hinten das Alte verliert. Er schiebt sich
wie ein bloßer Lichtschein vorwärts, aber ich sage nicht, daß er ein
solcher bloß ist.
Nun, erinnern Sie sich an dasjenige, was ich Ihnen vor ein paar
Tagen gesagt habe, daß wir es eigentlich nicht zu tun haben bloß
mit dem Monde hier (Fig. 7) und der Erde hier, sondern daß jeder
Fig. 7
Planet eine gewisse Sphäre hat und eigentlich das da nur ein Punkt
der Peripherie ist, so daß der Mond im Grunde genommen dasjenige
ist, das begrenzt wird von seiner Bahn. Wir stehen mit der Erde in
der Mondensphäre drinnen. So stehen wir in einer gewissen Bezie-
hung auch in der Sonnensphäre drinnen, so stehen wir in der Sphäre
der Planeten drinnen. Die sind nicht bloß dasjenige, was sich da in
den Lemniskaten bewegt und was dort an jenem Punkte ist, sondern
der Punkt ist nur ein besonders ausgezeichneter Teil; ich sagte Ih-
nen: wie der Fruchthof im Eikeim des menschlichen Embryos. Wenn
Sie das aber ins Auge fassen, so werden Sie sich sagen: Ich betrachte
die Erde, ich betrachte die Sonne. Da aber schieben sich zwei Sphä-
ren ineinander, und diese Sphären drücken sich so aus, daß sie ge-
wissermaßen von entgegengesetzt gerichteten Materien herkommen,
vom Sonnenmittelpunkt, gegen den negative Materie hintendiert,
vom Erdenmittelpunkt, von dem positive Materie ausstrahlt. Da
durchdringt sich positive und negative Materialität. Es durchdringt
sich natürlich nicht so, daß die Durchdringung überall eine homo-
gene ist - so würden sich nicht einmal zwei Wolken durchdringen,
wenn sie durcheinanderziehen -, sondern sie sind durchaus inhomo-
gen. Und nun stellen Sie sich vor in diesem Durchdringen das Auf-
einanderstoßen bestimmter Dichtigkeitsverhältnisse, dann haben
Sie die Bedingungen gegeben, daß einfach durch die eine Substan-
tialität, die von der anderen durchdrungen wird, solche Erscheinun-
gen wie die Kometen entstehen. Das sind werdende Erscheinungen,
fortwährend werdende und fortwährend vergehende Erscheinungen,
und wir haben uns nicht vorzustellen, wenn wir theoretisch im Sinne
des kopernikanischen Systems unser Planetensystem aufzeichnen,
daß da die Sonne ist, Uranus, Saturn, und dann kommt von weit her
der Komet und geht wieder weit hinaus (Fig. 8). Da außerhalb brau-
Fig.8
chen wir uns ihn überhaupt nicht vorzustellen, sondern er wird, ver-
ändert im Perihel seine Gestalt, die fortwährend etwas Werdendes
ist, verliert sich da wiederum. Er ist etwas Entstehendes und Verge-
hendes, kann daher unter Umständen auch scheinbar Bahnen neh-
men, die nicht geschlossen sind, parabolische oder hyperbolische
Bahnen, weil es sich nicht darum handelt, daß da etwas herumzieht,
was in geschlossener Bahn zu sein braucht, sondern weil etwas ent-
steht und durchaus entstehen kann in einer parabolischen Richtung,
und hier verschwindet, nicht mehr ist. Den Kometen müssen wir
durchaus als etwas Flüchtiges ansehen, einen Ausgleich, wenn wir
die Sonne und die Erde in Betracht ziehen, zwischen ponderabler
Materie und imponderabler Materie; ein Sich-Begegnen von ponde-
rabler und imponderabler Materie, die sich nicht gleich so ausglei-
chen, wie sie sich ausgleichen, wenn das Licht in der Luft sich aus-
breitet, wo sich ja auch Ponderables und Imponderables begegnen,
aber da breiten sie sich stetig aus, gewissermaßen homogen, sie sto-
ßen sich nicht. Beim Kometen haben wir ein gegeseitiges Sich-
Stoßen, weil sie sich nicht anpassen. Nehmen Sie zum Beispiel Luft,
und es gehe das Licht mit einer gewissen Stärke durch die Luft hin-
durch, es breite sich aus, homogen; wenn das Licht sich aber nicht
Luft
Fig. 9
schnell genug anpaßt an die Luftausbreitung, dann geschieht gewis-
sermaßen - aber ich bitte, das nicht im mechanischen Sinn zu neh-
men, sondern als etwas Innerliches - eine innerliche Reibung zwi-
schen ponderabler und imponderabler Materie (Fig.9). Verfolgen
Sie den Komenten, da ist diese durch den Raum ziehende Reibung
von ponderabler und imponderabler Materie etwas fortwährend Ent-
stehendes und Vergehendes.
Mit diesen Betrachtungen, meine lieben Freunde, habe ich Ihnen
etwas geben wollen, was vorzugsweise in methodologischer Richtung
wirken soll. Wenn es auch die Kürze der Zeit notwendig gemacht
hat, daß ich das eine oder das andere skizzenhaft nur andeutend be-
handelt habe, so wird doch, wenn die Gedanken und die Angaben
dieser Vorträge verfolgt werden, gesehen werden, wie ich hinweisen
wollte auf eine notwendige Umgestaltung der Methodologie unserer
naturwissenschaftlichen Betrachtungsweise. Von besonderer Wich-
tigkeit wäre es, daß von solchen Vorträgen eine Anregung ausginge.
Ich kann ja, ich möchte sagen, nur Direktiven geben, aber überall,
wo hier scheinbar mit mathematischen Linien gearbeitet worden ist,
werden Sie Anregungen finden zum empirischen Forschen, zum Ex-
perimentieren. Sie können überall, im Groben und im Feinen,
durchaus versuchen dasjenige zu verifizieren, was hier scheinbar
mathematisch und figural dargestellt worden ist. Ob Sie einen blau-
en oder roten Kinderballon nehmen und untersuchen, wie irgendein
Effekt auf diesen Ballon ausgeübt wird, wenn Sie dem Ballon gewis-
sermaßen hier einen von außen nach innen wirkenden Insult bei-
bringen, so daß er in einer gesetzmäßigen Weise nach innen sich
vertieft, und dann probieren, wie sich dasselbe gestaltet, wenn Sie
irgendwie in einer Versuchsanordnung die Kräfte von innen nach
außen wirken lassen in radialer Beziehung - wenn Sic diese Erschei-
nung in Spannkräften, in Deformationen auch nur so im Groben
verfolgen; oder wenn Sie versuchen, durch Erwärmung gewisser
Stoffe, Ausbreitungslinien für die Erwärmung zu gewinnen - hier
von innen nach außen, dort von der Peripherie nach innen; oder
wenn Sie versuchen, die Erscheinungen optisch oder magnetisch
oder sonstwie zu verfolgen - überall werden Sie sehen, wie das, was
hier angeführt worden ist zum Beispiel über den Gegensatz von
Sonne und Erde, sich experimentell verfolgen läßt. Vor allen Din-
gen wird man, wenn solche Experimente wirklich gemacht werden,
in einer ganz andern Weise eindringen in die Wirklichkeit, als man
bisher eingedrungen ist, weil man gewisse Wirklichkeitsverhältnisse
treffen wird, die man bisher gar nicht getroffen hat. Man wird auf
diese Art aus dem Lichte, aus der Wärme usw. noch ganz andere
Wirkungen herausholen können, als bisher herausgeholt worden
sind, weil man an die Erscheinungen nicht herangegangen ist so,
daß sie sich voll enthüllt hätten.
Zu solchen Dingen wollte ich anregen. Wir können in Vorträgen,
die demnächst oder nach einiger Zeit wiederum gehalten werden, ja
selbst zu Experimenten durchdringen. Das wird davon abhängen,
ob wir bis dahin durch das Gedeihen unseres physikalischen und
sonstiger Forschungsinstitute schon Versuchsanordnungen haben,
die in die Zukunft hineinsprechen. Es wird sich ja durchaus darum
handeln, daß wir nicht in unseren Forschungsinstituten das Ideal
verfolgen, möglichst tadellose Instrumente von den Instrumenten-
verkäufern zu erwerben und die hinzustellen, und da auch so zu ex-
perimentieren, wie die anderen experimentieren. Denn nach der
Richtung hin ist ja wirklich überall Außerordentliches geleistet wor-
den. Dasjenige, was für uns notwendig ist, ist durchaus, wie ich
schon erwähnt habe, das Herstellen neuer Versuchsanordnungen.
Wir müssen nicht von einem fertig eingerichteten physikalischen
Kabinett, sondern möglichst von einem leeren Zimmer ausgehen,
und hineingehen nicht mit den heutigen fertigen Instrumenten,
sondern mit den in unserer Seele werdenden neuen physikalischen
Gedanken. Je leerer die Zimmer und je voller unsere Köpfe, desto
bessere Experimentatoren werden wir nach und nach werden, meine
lieben Freunde!
Das ist dasjenige, worauf es gerade ankommt in diesem Zusam-
menhang. Wir haben nötig, die Aufgaben der Zeit in dieser Weise
zu fassen. Man braucht sich ja nur zu erinnern, welche Fesseln einem
im gewöhnlichen heutigen Studiengang in den einzelnen experi-
mentellen Wissenschaften einfach dadurch angelegt waren, daß man
ja nichts anderes sehen konnte, nichts anderes hinstellen konnte als
dasjenige, was durch die Apparate hinstellbar ist. Wie wollen Sie
denn das Spektrum im Goetheschen Sinn mit den heutigen Instru-
menten studieren? Das können Sie ja gar nicht! Sie können ja mit
den heutigen Instrumenten nichts anderes herausbekommen als das-
jenige, was Sie in den Physikbüchern lesen. Sie können nicht einmal
einen vernünftigen Sinn damit verbinden, daß man abweist das
Hineininterpretieren von Lichtstrahlen in die Lichterscheinungen -
da doch nirgends Strahlen sind. Wir machen, wenn wir die Vorstel-
lung haben, das sei ein Gefäß, mit Wasser gefüllt, da unten sei eine
Münze, und diese Münze erscheint woanders, wir machen da flott
Einfallslot und alles mögliche (Fig. 10), wir verfolgen das alles mit Li-
nien, während wir solch eine Einzelheit überhaupt nicht verfolgen
sollten. Wir haben es nirgends mit einer solchen Einzelheit zu tun.
den
Fig. 10 Hg. 11 Cjiefopej
Wenn das der Boden eines Gefäßes ist (Fig. 11) und hier eine Münze
liegt, so kommen wir dazu, wie wir diese Münze zu behandeln ha-
ben, erst, wenn wir das Folgende denken: hier den Boden eines Ge-
fäßes und hier nicht eine Münze, sondern einen Papier kreis (Fig. 12).
Die Erscheinung ist diese, daß, wenn das gesehen wird durch eine
Wasseroberfläche, der Papierkreis gehoben und vergrößert ist. Das
ist die Erscheinung, die kann man aufzeichnen. Und wenn Sie nun
nicht einen Papierkreis haben, sondern ein Stück von diesem Papier-
kreis da unten, so haben Sie kein Recht, es anders zu behandeln.
Das (die Münze) ist nur ein Stück des Kreises. Da haben Sie nicht
Papier-
Kreis
'a«W»»iH***,
Fig.12
Fig. 13 PapieHcreises
einzuzeichnen allerlei Linien, sondern Sie haben das als ein Stück
des Kreises zu behandeln, der nicht da ist im differenziert Sichtba-
ren, der aber durchaus da ist, indem er ein Stück Boden ist. Einfach
dadurch, daß ich hier unten einen Punkt sichtbar habe, habe ich
diesen sichtbaren Punkt in der Theorie so zu behandeln, daß er gar
keinen Punkt bedeutet, sondern den Teil eines Kreises (Fig. 13). Ge-
radeso wenig wie ich eine Magnetnadel, wenn ich sie richtig in ihrer
Wirklichkeit behandeln soll, nicht so behandeln darf, als ob hier ein
Mittelpunkt wäre und hier ein Nord- und Südpol, sondern so, daß
einfach durch diese Anordnung das Ganze eine unbegrenzte Linie
m,
Fig. 14
ist, daß auf der einen Seite die Kräfte peripherisch wirken, auf der
anderen Seite zentral wirken (Fig. 14). Bei elektrischen Erscheinun-
gen drückt sich das dadurch aus, daß wir auf der einen Seite die Ka-
thode, auf der anderen Seite die Anode bekommen, auf der einen
Seite das Licht nur erklären können, wenn wir es ansehen als ein
Stück einer Sphäre, deren Radius uns gegeben ist in der Richtung, in
der die Elektrizität wirkt, und der andere Pol uns als kleiner Teil des
Radius gegeben ist. Wir dürfen gar nicht von einer einfachen Polari-
tät der Pole sprechen, sondern wir müssen davon sprechen, daß, in-
dem irgendwo Anode und Kathode auftreten, das einem ganzen Sy-
stem angehört, einfach durch die ganze Anordnung. Erst dadurch
wird man zu einer richtigen Erfassung der Erscheinungen kommen.
Nun, meine lieben Freunde, ich habe mich befaßt mit dem
Durchlesen der verschiedenen Fragen. Ich glaube aber, wenn sich
die Fragesteller ihre Fragen überlegen, so werden sie finden, daß in
dem, was ich auseinandergesetzt habe, die Elemente für die Beant-
wortung liegen, wenn sie versuchen, den Weg überall zu finden von
dem, was ich hier dargestellt habe, zu ihren Fragen. Es ist schon
wirklich so, daß man in dieser Weise versuchen sollte, Stück für
Stück vorwärts zu gehen. Nur mit einer Frage möchte ich mich mit
ein paar Worten befassen. Das ist die Frage: «Bei der Vertretung ei-
ner derartigen Naturwissenschaft vor der Außenwelt kann leicht die
Frage aufgeworfen werden, inwiefern zur Auffindung solcher Zu-
sammenhänge der Erscheinungen die Erkenntnisse von Imagination,
Inspiration und Intuition notwendig sind. Wie wird diese Frage zu
beantworten sein?»
Ja nun, meine lieben Freunde, wenn es so wäre, daß zur Auffin-
dung gewisser Dinge eben Imagination, Inspiration und Intuition
nötig wären? Wie soll man denn herumkommen um die Imagina-
tion, Inspiration und Intuition, wenn einfach der gewöhnlichen,
gegenständlichen, intellektualistischen Erfahrung sich eben die
Wahrheit nicht ergibt, die Wirklichkeit nicht ergibt? Was soll man
denn anders tun, als zu den Erkenntnissen der Imagination, Inspira-
tion und Intuition zu gehen? Es ist ja immer durchaus möglich -
wenn die Dinge so liegen, daß man durchaus nicht vorwärtsrücken
will zu Imagination, Inspiration und Intuition -, daß man dann die
Forschungsergebnisse nehmen und sie an dem prüfen kann, was
man im äußeren empirischen Felde findet. Man wird schon immer
die Dinge verifiziert finden. Aber die Dinge sind im Grunde ge-
nommen doch heute nicht mehr so ferne liegend, als man gewöhn-
lich denkt. Und wenn eben nur der Weg gegangen würde von der
gewöhnlichen analytischen Betrachtungsweise der Mathematik zur
Betrachtungsweise der projektivischen Mathematik und darüber hin-
aus, wenn mehr kultiviert würde die Vorstellung, die ich hier zu-
grunde legte in den Kurven, bei denen man aus dem Raum heraus
muß - man würde es tatsächlich nicht so schwer haben, zur Imagi-
nation vorwärts zu dringen. Es ist durchaus eine Frage des innerlich
seelischen Mutes. Und diesen innerlich seelischen Mut, man braucht
ihn zum heutigen Forschen. Daher ist es schon notwendig, daß man
durchaus geltend macht: Für die gewöhnliche Anschauungsweise
entpuppt sich eben nicht die volle Wirklichkeit. Für diejenige An-
schauungsweise, die sich nicht scheut, die menschliche Seelenkraft
weiter zu entwickeln, enthüllen sich immer mehr und mehr sonst
verhüllte Tiefen der Wirklichkeit.
Das ist dasjenige, was ich Ihnen am Schlüsse sagen möchte. Im
übrigen möchte ich aber nur den Wunsch aussprechen, daß dasjeni-
ge, was ich nur anregen wollte, was ich gewissermaßen fadenzeichnen
wollte, insbesondere in experimenteller Beziehung, in experimentel-
ler Richtung Anregung bringen möchte. Das ist dasjenige, was wir
brauchen. Wir brauchen empirische Verifizierungen desjenigen, was
durchaus in solcher Art aufgefaßt werden muß zunächst, wie es hier
vorgebracht worden ist. Wir müssen einmal darüber hinauskom-
men, nur immer wiederum auf Grundlage desjenigen zu urteilen,
was nun seit langer Zeit solche Tatsachen erzeugt, wie die ist, die ich
gleich erzählen werde; wir müssen über solche Dinge hinauskom-
men. Ich sprach einmal mit einem Hochschulprofessor der Physik
über die Goethesche Farbenlehre. Der Mann hat sogar die Goethesche
Farbenlehre herausgegeben und einen Kommentar dazu geschrie-
ben. Ich sprach mit ihm über die Goethesche Farbenlehre, und er
sagte mir, nachdem wir uns auseinandergesetzt hatten, er wäre ein
strenger Newtonianer. Er sagte: Bei der Goetheschen Farbenlehre
kann sich ja überhaupt kein Mensch etwas denken, ein Physiker
kann sich dabei nichts vorstellen. - Also der Mann ist durch seine
physikalische Erziehung dazu gebracht worden, sich nichts vorstellen
zu können bei der Goetheschen Farbenlehre. Ich konnte das begrei-
fen. Es kann sich eigentlich der heutige Physiker, wenn er ehrlich ist,
bei der Goetheschen Farbenlehre nichts vorstellen. Er muß einfach
die Grundlagen des heutigen physikalischen Denkens überwinden,
muß abkommen können von ihnen. Dann wird er aber eben jenen
Übergang finden, der zu finden ist von den Erscheinungen zu jener
Interpretation, die in der Goetheschen Farbenlehre liegt und die zu
gleicher Zeit sein kann ein wichtiger Ausgangspunkt für sonstige
physikalische Betrachtungen, für physikalische Betrachtungen, die
bis zum Astronomischen hinreichen.
Wenn Sie, ohne befangen zu sein, den Wärmeteil des Spektrums
und den chemischen Teil des Spektrums in ihrem ganz verschiede-
nen Verhalten gegenüber gewissen Reagenzien betrachten, dann
werden Sie finden, daß Sie schon in diesem Spektrum den Gegen-
satz haben, den ich heute zwischen Erd- und Sonnenwirkung darge-
stellt habe. Im Spektrum selber haben wir ein Bild des Gegensatzes
Erde und Sonne, so wie im ganzen menschlichen Organismus wie-
derum dieser Gegensatz ausgedrückt ist. In jeder Berührung eines
Körpers durch die Tastempfindung wirken Sonne und Erde. So wir-
ken wiederum im Spektrum Sonne und Erde. Und man kann nicht
das Spektrum als einfach so etwas in den Raum Hineingesetztes be-
trachten, wenn man es als Sonnenspektrum hat, sondern man muß
sich klar sein, daß das in den konkreten Raum, der zwischen Sonne
und Erde liegt, hineingesetzt ist. Man hat es ja niemals mit abstrak-
tem Raum bei konkreten Erscheinungen zu tun, sondern es sind ja
überall die konkreten Dinge auch da, und man muß sie mitrechnen.
Sonst kommt es eben dahin, das Himmelssystem in seiner Entste-
hung nach dem Muster zu erklären, wie man das tut: Man nimmt
ein kleines Öltröpfchen, das im Wasser schwimmt, schneidet ein
Kartenblatt in Kreisform aus, schiebt es hinein, steckt von oben eine
Stecknadel durch und fängt nun an zu drehen. Das Öltröpfchen
plattet sich ab, sondert kleine Tröpfchen ab: Ein Planetensystem
ist entstanden! Man erklärt das den Zuhörern und sagt ihnen: Da,
seht Ihr, das ist das Planetensystem. - Das vergleicht man mit dem
Planetensystem draußen, mit dem kopernikanischen System, und
sagt: Das ist das gleiche. - Nun schön, aber man darf nicht verges-
sen, der Herr Lehrer war ja da und hat gedreht. Also man muß auch,
wenn man nicht unwahr sein will, diesen Riesendämon dazusetzen,
der da draußen die Weltenachse dreht, sonst entsteht ja nicht das-
jenige, wovon man erklärt hat, daß es entstünde. Sonst dürfte man ja
nicht die Sache als Versinnlichung anführen, wenn man da draußen
nicht den Riesendämon hätte. Man muß auch in der wissenschaftli-
chen Erklärung ehrlicher und auch bedachter werden, als man es
heute eigentlich im Grunde ist.
Gerade auf diese innerlich-methodologischen Beziehungen wollte
ich Sie in diesen Vorträgen hinweisen, und das nächste Mal wollen
wir dann von anderen Gesichtspunkten aus über gewisse Gebiete
wiederum sprechen.
H I N WE I S E
Zu dieser Ausgabe
Aus der intensiven Zusammenarbeit Rudolf Steiners mit dem Lehrerkollegium der
Waldorfschule ist der Kurs hervorgegangen. Dieser Entstehung muß der heutige
Leser Rechnung tragen. Was vorliegt, ist kein Lehrbuch, sondern Zeugnis von einem
Bildungsgeschehen innerhalb eines Kreises ganz bestimmter Persönlichkeiten, wel-
chen eindringliche Zukunftsimpulse für die Entwicklung der Wissenschaften über-
geben wurden. Der Kurs hat seinen Zuhörern, wie man empfinden kann, viel
zugemutet und ist wohl so weit gegangen, als irgend Aussicht auf ein Verständnis
noch vorhanden sein mochte. Dieses ist aber bis heute erst in einem bescheidenen
Maße zustandegekommen. Große Fragen, wie etwa diejenige der lemniskatischen
Sonnen- und Erdbewegung, sind nicht abschließend gelöst, obschon es an Bemü-
hungen nicht gefehlt hat. Auch andere Fragestellungen haben in zahlreichen Arbei-
ten ihre Fruchtbarkeit erweisen können, in stärkstem Maße vielleicht das Problem
des «Gegenraumes» (S. 274), worüber ein Hinweis noch näher orientieren wird. -
Ein Lehrbuch der Astronomie oder der Naturwissenschaft ist der Kurs also nicht. Er
hat eigentlich das schulmäßige Wissen über die behandelten Dinge vorausgesetzt.
Nur so waren die Zuhörer in der Lage, die Freiheit wahrzunehmen, aus welcher
heraus dieses Wissen gehandhabt wurde. Hier stellten sich auch herausgeberische
Probleme. Ein Beispiel mag sie illustrieren: Bei der Beschreibung der Planetenschiei-
fen S. 206 wird in einer kühnen Vereinfachung dem Merkur gleich wie allen übrigen
Planeten nur eine einzige Schleife im Jahr zugeschrieben. Lehrbuchmäßig ist diese
Behauptung nicht, denn Merkur macht drei Schleifen im Jahr. Die Stelle ist beim
ersten Druck denn auch so erschienen, daß sie korrigiert wurde. In der gegenwär-
tigen Ausgabe wurde auf den ursprünglichen Text zurückgegangen. Die Stelle kann
auch so verstanden werden, daß eben nur eine Schleife zu guter Merkur-Sichtbarkeit
führt. Darauf wird im Hinweis zu S. 206 noch näher eingegangen. Allerdings
stimmt die Schleife guter Morgen-Sichtbarkeit nicht überein mit jener guter Abend-
Sichtbarkeit. Gleichwohl war die Stelle des Kurses eine Herausforderung, sich mit
dem Problem Merkurs genauer zu befassen. - Daß Rudolf Steiner es in den
allermeisten Fällen nicht nötig hatte, von anderen belehrt zu werden, haben die
Kursteilnehmer wohl aus vielfacher Erfahrung gewußt. Doch wußten sie wohl nicht,
wie er, bevor er seine Ausführungen gab, auch die Lehren der Wissenschaft sich
intensiv vergegenwärtigt hat. Zum vorliegenden Kurs existieren 114 Seiten Notiz-
bucheintragungen, welche in Nr. 104 der «Beiträge zur Rudolf Steiner-Gesamtaus-
gabe» 1990 gedruckt worden sind. Da findet man auf S. 65 der Eintragungen auch
die Aufzeichnung von der einen Merkurschleife im synodischen Umlauf, also in 116
Tagen. — Aus dem Beispiel geht hervor, daß es sinnlos war, dem Leser dieses Kurses
einen auf die landläufige Darstellung «korrigierten» Text zu überliefern. Nötig ist
aber der Einblick in die Tatsache, daß der Vortragende das landläufige Wissen
kannte und dennoch die Ausführungen machte, die er eben gemacht hat. - Ein
eindrückliches Beispiel der Notizbucheintragungen ist die Vergegenwärtigung des
Wissens über die Cassinische Kurve auf S. 48/49, und dann der Vergleich dieser
doch spärlichen Aufzeichnungen mit den beschwingten Ausführungen im 9. Vor-
trag. - Aus den Beispielen geht auch hervor, daß die Herausgabe nicht ohne
ausführlichere Hinweise gemacht werden konnte. Das hatte sich eigentlich schon
beim ersten Druck gezeigt, wo einige Fußnoten nicht zu vermeiden gewesen waren.
- Die Haltung des Kurses ist, wie auf S. 75 und 133 direkt ausgesprochen wird und
aus anderen Stellen indirekt hervorgeht, im Unterschied zu den allermeisten anthro-
posophischen Ausführungen Rudolf Steiners nicht diejenige der geistigen Anschau-
ung, sondern eine rein verstandesmäßige. Die des gesunden Menschenverstandes
also, des so gesunden, daß er, wie Rudolf Steiner oft ausgeführt hat, die Ergebnisse
der geistigen Anschauung zu beurteilen fähig ist.
Dem Kurs ist die Besonderheit widerfahren, daß er, noch bevor der Druck von
1926 vorlag, aus der Nachschrift heraus zu einer Schrift verarbeitet wurde durch Dr.
W. Kaiser, damals noch cand. phil. II. Das Buch erschien 1925 in Stuttgart unter
dem Titel «Astronomie in geisteswissenschaftlicher Beleuchtung». Rudolf Steiner
hatte das Manuskript noch kurz vor seinem Tode gesehen und die Drucklegung
gutgeheißen. Die Schrift enthält nicht nur ein Referat des Kurses, sondern enthält
auch die Auseinandersetzung des Autors mit vielen Fragen, welche durch den Kurs
aufgeworfen werden. Sie ist wohl die einzige Schrift geblieben, welche sich mit dem
Kurs als Ganzem auseinandersetzt. Ein Jahr später erschien er dann im Druck,
herausgegeben von Dr. Elisabeth Vreede, der Leiterin der Mathematisch-Astronomi-
schen Sektion am Goetheanum. Den Herausgebern der gegenwärtigen Ausgabe war
es eine große Hilfe, auf die Arbeit des ersten Druckes aufbauen zu können. In den
folgenden Hinweisen wird der Textvergleich, wo nichts anderes gesagt ist, auf diesen
ersten Druck bezogen.
Textunterlagen: Das Hauptstenogramm und die aus ihm hergestellte maschinen-
schriftliche Übertragung in Langschrift, im Folgenden «Nachschrift» genannt,
stammten von Hedda Hummel. Das Stenogramm ist verloren, während Exemplare
der Nachschrift noch vorhanden sind. Als Textunterlage für den ersten Druck
scheint allein eine solche gedient zu haben. Im Gegensatz dazu hatte die gegenwär-
tige Ausgabe die Möglichkeit, während des Kurses gemachte private stenografische
Notizen zweier Zuhörer verwenden zu können, recht ausführliche von Dr. Karl
Schubert und wesentlich knappere von Dr. med. Eugen Kolisko. Beide waren als
Lehrer der Waldorfschule Teilnehmer des Kurses. Die Aufzeichnungen sind partien-
weise wörtlich, dann wieder zusammengezogen. Große Stücke fehlen ganz. Dennoch
haben sie zur Aufklärung fragwürdiger Stellen gute Dienste geleistet. Die Entziffe-
rung der Gabelsberger Stenogrammnotizen sind Herrn Richard Schönberg und
Herrn Günther Frenz zu verdanken. Insgesamt gehen etwa 70 Textänderungen
darauf zurück. Falls sie in den nachfolgenden Hinweisen nachgewiesen sind, wird
auf ihre Quelle mit dem Wort «Stenogramm» verwiesen. Die genannten Aufzeich-
nungen enthalten ferner viele Zeichnungen, welche zur Sicherstellung der während
des Sprechens entworfenen Figuren beigetragen haben. - W o der vorliegende Text
vom ersten Druck abweicht, handelt es sich entweder um bloß stilistische Änderun-
gen oder um eigentliche Korrekturen. Erstere sind zahlreich, weil die beiden Texte
nicht dieselbe Zielsetzung haben. Der erste Druck war als Arbeitsmaterial für einen
Personenkreis bestimmt, welcher wie eine Erweiterung des ursprünglichen Zuhörer-
kreises angesehen werden muß. Dieser Druck wurde darum auch nur in numerierten
Exemplaren abgegeben, nicht zur bloßen Lektüre, sondern für die eigene Arbeit,
insbesondere für Forschungen in den angegebenen Richtungen. Das war die Inten-
tion Rudolf Steiners mit solchen Kursen. Für die Herausgabe in der Gesamtausgabe
besteht eine solche Einschränkung nicht. Das stellt an die Form des Textes andere
Ansprüche, welche zu stilistischen Änderungen geführt haben. Die eigentlichen
Korrekturen reichen von trivialen bis zu verantwortungsvollen, etwa der Ergänzung
fehlender Wörter oder auch Gruppen von Wörtern. Soweit derartige Korrekturen,
welche bei den Mängeln der Stenogramme und bei den Gegebenheiten der freien
Rede unumgänglich sind, auch schon für den ersten Druck vorgenommen wurden,
sind sie fast ausnahmslos in den neuen Text übernommen worden. Die wenigen
Stellen, wo auf die Nachschrift zurückgegangen wurde, sind im Folgenden vermerkt.
Nicht vermerkt sind stilistische und triviale Korrekturen, sondern nur solche, welche
Sinn, Verständnis und Interpretation der Ausführungen tangieren können. Dasselbe
gilt auch für die Änderungen, welche durch das Stenogramm veranlaßt sind. Einige
von diesen zeigen erneut, wie sehr die Nachschriften durch stenografische Lesefehler
verunstaltet sind, zeigen erneut die Bedeutung eines Originalstenogramms. W o ein
solches fehlt, fehlt auch die Hoffnung, so und so viele Wörter, die nur «von
Stenografie- Gnaden» Einlaß gefunden haben, rektifizieren zu können. Denn wer
könnte ohne Stenogramm zum Beispiel darauf kommen, daß «wie gewöhnlich» als
«wie Geologen» gelesen werden muß (S. 55)?
Der Titel des Kurses «Das Verhältnis der verschiedenen naturwissenschaftlichen
Gebiete zur Astronomie» stammt von Rudolf Steiner (siehe Seite 15).
Die beiden Untertitel stammen von den Herausgebern: «Dritter naturwissenschaft-
licher Kurs» soll zum Ausdruck bringen, daß er im gleichen Rahmen und etwa vor
derselben Zuhörerschaft stattgefunden hat wie die beiden rein naturwissenschaftli-
chen Kurse, im Kreise der Lehrerschaft nämlich der etwa 16 Monate vorher
gegründeten Freien Waldorfschule in Stuttgart und weniger anderer, zumeist natur-
wissenschaftlich oder mathematisch gebildeter Persönlichkeiten. Rudolf Steiner war
Leiter der Schule und es spielen in den Kurs ganz natürlicherweise die Dinge herein,
welche in den pädagogischen Zusammenhängen von Bedeutung waren. Ein pädago-
gischer Kurs ist er dennoch nicht, aber das Menschenkundliche tritt so bedeutsam
auf, daß er oft wie eine Fortsetzung der «Allgemeinen Menschenkunde als Grund-
lage der Pädagogik» (GA 293), welche zur Begründung der Schule gehalten wurde,
empfunden werden kann. So war ein weiterer Titel nötig, welcher dieses Menschen-
kundliche zum Ausdruck bringt.
Hinweise zum Text
Werke Rudolf Steiners, welche innerhalb der Gesamtausgabe (GA) erschienen sind,
werden in den Hinweisen mit der Bibliographie-Nummer angegeben.
Zu Seite
18 Nikolaus Kopernikus, Thorn 1473—1543 Frauenburg. Begründer der neuzeitli-
chen Astronomie.
Galileo Galilei, Pisa 1564-1642 Arcetri bei Florenz. Einer der Pioniere der
naturwissenschaftlichen Entwicklung.
Johannes Kepler, Weil der Stadt (Württemberg) 1571-1630 Regensburg. Fort-
setzer der neuen Astronomie des Kopernikus. Fußend auf den Beobachtungen
Tycho de Brahes, entdeckt er die 3 nach ihm benannten Gesetze der Planeten-
bewegung.
20 Entsprechend kommt die Menschheit ...zu anderen Forschungen: Die Nachschrift
hat «Forschungen» statt «Folgerungen», was einen guten Sinn ergibt, wenn der
Satz wie angegeben ergänzt wird.
21 Immanuel Kant, Königsberg 1724-1804 ebenda. Sein Ausspruch lautet wört-
lich: «Ich behaupte aber, daß in jeder besonderen Naturlehre nur so viel eigent-
liche Wissenschaft angetroffen werden könne, als darin Mathematik anzutreffen
ist.» (Vorrede zu der 1786 veröffentlichten Schrift «Metaphysische Anfangs-
gründe der Naturwissenschaft»)
22 Emil Du Bois-Reymond, Berlin 1818-1896 ebenda. Seine berühmte Rede «Über
die Grenzen des Naturerkennens» fand statt an der öffentlichen Sitzung der 45.
Versammlung deutscher Naturforscher und Ärzte zu Leipzig, am 14. Aug.
1872.
Sir Isaac Newton, Woolsthorpe, Lincolnshire 1642—1727 Kensington, London.
Mathematiker, Physiker, Astronom. Formulierte abschließend die Prinzipien
der klassischen Mechanik und wurde durch ihre Anwendung auf die Himmels-
erscheinungen der Begründer der Himmelsmechanik. Sein Hauptwerk «Philo-
sophiae naturalis principia mathematica», 1687.
24 Johann Wolfgang Goethe, Frankfurt a. M. 1749-1832 Weimar. Seine Wirbel-
theorie des Schädels findet sich in den «Naturwissenschaftlichen Schriften»,
herausgegeben von Rudolf Steiner in Kürschners «Deutscher National-Littera-
tur», 5 Bände, Nachdruck Dornach 1975, GA la-e, im Band 1, S. 3l6ff. In
der Anmerkung S. 322 ist die Okensche Entdeckung von 1807 besprochen.
Lorenz Oken, Bohlsbach bei Offenburg 1779—1851 Zürich. Veröffentlichte
seine Wirbeltheorie des Schädels in der Programmschrift, mit welcher er 1807
eine Professur in Jena antrat.
24 Carl Gegenbaur, Würzburg 1826-1903 Heidelberg. Anatom. Die bezügl. Ar-
beiten sind: «Über die Kopfnerven von Hexanchus und ihr Verhältnis zur
<Wirbeltheorie> des Schädels», Jenaische Zeitschr. f. Naturwsch., Bd. 6, 1871;
«Das Kopfskelett der Selachier, ein Beitrag zur Erkenntnis der Genese des
Kopfskeletts der Wirbeltiere. Untersuchung zur vergl. Anatomie der Wirbeltie-
re», 3. Heft, Leipzig 1872.
29 Dieser andere Pol ist ... die Embryologie: Damit wird der Faden aufgegriffen,
welcher am Ende des «Zweiten naturwissenschaftlichen Kurses» angeknüpft
worden ist (14. Vortrag in «Geisteswissenschaftliche Impulse zur Entwickelung
der Physik», GA 321).
dem ersten Drittel des 19. Jahrhunderts: Nach Stenogramm, statt «der Mitte
des ... ».
32 Fig. 8: Die Figur ist eine vergrößerte Herauszeichnung des Gebietes M in Fig.
7, wobei unklar ist, ob sie so ausgeführt oder nur innerhalb von M angedeutet
wurde.
Makrokosmos in sich zur Ruhe gebracht: «in sich» ergänzt.
gerade dieser Kraftlinie: Es bleibt offen, auf welche Linie im Sprechen hinge-
wiesen wurde.
36 auf Gebiete, die der Sache nach naheliegen: «der Sache nach» statt «ihm» gesetzt.
37 Goethesches Diktum: Gemeint ist wohl das Wort «Der Mensch begreift niemals,
wie anthropomorphisch er ist». Siehe Hinweis zu S. 24, Band V, «Sprüche in
Prosa», S. 353.
38 «ganz herrlich weit gebracht»: Aus Goethes «Faust» I, Nacht (gotisches Zim-
mer), Wagner im Gespräch mit Faust.
39 Die alten Chaldäer haben ... Beobachtungen ... gehabt: Hervorragend ist ihre
Kenntnis der Perioden für die Wiederkehr der Ereignisse. So des nach dem
Griechen Meton benannten Zyklus von 19 Jahren für die Wiederkehr der
Stellungen von Sonne und Mond in bezug zu den Fixsternen. Der griechische
Astrologe Rhetorios zählt auf Grund chaldäischer Quellen viele solcher Peri-
oden auf, z. B. für Mars: 284 Jahre = 1 5 1 Umläufe = 133 synodische Perioden.
Beide Zahlen sind nach heutigen Kenntnissen um einen Tag falsch, haben also
einen relativen Fehler von 0,01 Promille (gerechnet mit siderischen Jahren,
weil nach v. d. Waerden die Babylonier das tropische Jahr nicht gekannt ha-
ben). Rhetorios und andere geben auch «große Jahre» für die Wiederkehr des
Gleichen an, z. B. den Satz: «Die kosmische Wiederkehr geschieht in
1'753'005 Jahren; dann kommen alle Sterne im 30. Grad des Krebses oder im
1. Grad des Löwen zusammen und es findet eine volle Erfüllung statt; aber in
dem Krebse geschieht eine Überschwemmung in einem Teil des Weltalls.»
(Nach B. L. van der Waerden, «Erwachende Wissenschaft», Bd. 2, Basel 1968,
S. 109 und 116.)
39 daß aber Venus und Merkur sich um die Sonne bewegen: Vgl. Hinweis zu S. 236.
Tycho de Brake, Knudstrup in Schonen 1546-1601 Prag. Erreichte eine neue
Stufe in der Exaktheit der astronomischen Beobachtung. Über das «Tychoni-
sche Planetensystem» vgl. man S. 236 und den entsprechenden Hinweis.
40 Hart aneinander stoßen in der Zeit des Kopernikus: Rudolf Steiner hat auffallend
oft von Kopernikus gesprochen, öfter z.B. als von Kepler, wie ein Vergleich der
Stellen in den Nachschlagewerken ergibt (Adolf Arenson, «Leitfaden durch 50
Vortragszyklen Rudolf Steiners» und Emil Mötteli, «Sachwort- und Namenre-
gister der Inhaltsangaben, Übersichtsbände zur Gesamtausgabe II»). Der tiefste
Grund findet sich wohl in den Vorträgen «Mysterienstätten des Mittelalters,
Rosenkreuzertum und modernes Einweihungsprinzip» GA 233a, Vortrag 4.
Man vgl. auch «Die geistige Führung des Menschen und der Menschheit» S.
81-88 (GA 15, 1974) und «Der Entstehungsmoment der Naturwissenschaft in
der Weltgeschichte und ihre seitherige Entwickelung» (GA 326, Personenver-
zeichnis). — Kopernikus hat sein Werk über das heliozentrische Planetensystem
im wesentlichen 1507 vollendet, hielt es aber zurück. Er lag 1543 schon im
Sterben, als «De revolutionibus orbium coelestium» durch einen Freund, der
die Drucklegung leitete, veröffentlicht und mit einem Vorwort versehen wurde,
welches das Werk als rein hypothetisch-fachwissenschaftliche Berechnungsme-
thode darstellte. Kopernikus hatte es Papst Paul III. gewidmet. So kam es
durch die Zensur. Erst ab der 3. Auflage 1616/17 wurde es verboten. Dabei
blieb es bis 1822.
41 wie wenig Wesenhafies ... in Betracht gezogen wird: Geändert aus «in Betracht
kommt».
43 ist das Eigentümliche eingetreten: «das Eigentümliche» ist ergänzt nach dem
Stenogramm.
man hat ... die zwei ersten Hauptsätze des Kopernikus genommen, den dritten
weggelassen: Laplace gibt davon in der «Mecanique Celeste» zu Beginn des
Kapitels «Über die Libration des Mondes» (Bd. V) folgende Darstellung: «Die
Alten hatten erkannt, daß der Mond in seiner Bewegung um die Erde uns
immer dasselbe Gesicht zeigt; doch weit entfernt, sich darüber zu wundern,
betrachteten sie dieses Phänomen für jeden Körper, der sich um ein Zentrum
herumbewegt, als natürlich. Dieser Irrtum, oder besser gesagt, diese Illusion
nötigte Kopernikus, zur Wahrung der Parallelität der Erdachse dieser eine jähr-
liche Bewegung zuzuschreiben entgegengesetzt dem Umlauf der Erde in ihrer
Bahn und ausgestattet mit denselben Ungleichheiten, was sein System beträcht-
lich komplizierte. Es war Kepler, der als erster bemerkte, daß die Parallelität der
Rotationsachse einer Kugel von selbst sich erhalten muß bei den verschieden-
sten Bewegungen des Kugelmittelpunktes. Durch diese Bemerkung ist das
System des Kopernikus einfacher geworden; ...». Gegen diese Auffassung in
der Himmelskunde hat sich Rudolf Steiner immer wieder gewendet. Das erste
Mal vielleicht 1906 (in «Vor dem Tore der Theosophie», GA 95, 1978, S.
105), dann in einer längeren, aber ganz vereinzelten Ausführung am 29. 4.
1908 (in GA 98 «Natur- und Geistwesen — ihr Wirken in unserer sichtbaren
Welt»). Wiederholt kommt die Sprache darauf in den Zusammenhängen der
Waldorfschule, zuerst ganz überraschend in dem vorbereitenden Lehrerkurs
«Erziehungskunst. Seminarbesprechungen und Lehrplanvorträge» (GA 295,
1977, S. 141). Dann wiederum drei Wochen später in den Lehrerkonferenzen.
Dasselbe Thema behandelt weiter ein Mitgliedervortrag, ebenfalls in Stuttgart
(«Geisteswissenschaftliche Behandlung sozialer und pädagogischer Fragen», GA
162, Vortrag vom 28. 9. 1919). Diese gehäufte Besprechung in den Stuttgarter
Schulzusammenhängen ist wohl nur so zu verstehen, daß sie sich an Persön-
lichkeiten innerhalb der Lehrerschaft richtete, welchen Rudolf Steiner zutraute,
aus diesen Ausführungen etwas machen zu können. Nach 1919 blieb dann das
Thema fast unberührt bis zum vorliegenden Kurs. (Eine kurze Erwähnung
findet sich S. 39 und 97 in «Entsprechungen zwischen Mikrokosmos und
Makrokosmos», GA 201.) Die Art, wie hier darüber gesprochen ist, hängt
zusammen mit den Antezedenzien und den Gegebenheiten bei diesen ange-
sprochenen Persönlichkeiten. Dieser Schwierigkeit muß beim Erscheinen des
Kurses in der Gesamtausgabe Rechnung getragen werden. Wenn es auch un-
möglich ist, für die bei den damaligen Zuhörern vorhandenen Voraussetzungen
mit wenigen Worten einen Ersatz zu schaffen, so besteht anderseits durch die
Gesamtausgabe eine umfassende Orientierungsmöglichkeit über das, worum es
sich im Rahmen der ganzen Geisteswissenschaft handelt. Aus dem Vielen, was
genannt werden müßte, sei nur Weniges herausgenommen: Die im Hinweis zu
Kopernikus, S. 40, erwähnten Vorträge «Mysterienstätten des Mittelalters», GA
233, besprechen das ganze Problem der kopernikanischen Weltanschauung
wohl in seinem tiefsten Aspekt; im Zyklus «Geistige Hierarchien und ihre
Widerspiegelung in der physischen Welt», GA 110, vergleicht der 6. Vortrag
das kopernikanische mit dem ptolemäischen Weltsystem und charakterisiert die
beiden als physischen bzw. geistigen Aspekt des Kosmos; am Ende des 3.
Vortrages der «Exkurse in das Gebiet des Markus-Evangeliums», GA 124, ste-
hen die Worte: «Vom Kopernikanismus kennt man heute in der äußeren Wis-
senschaft nur den Teil, der zum Absterbenden gehört. Der Teil, der weiterle-
ben soll - nicht nur das, wodurch er durch die vier Jahrhunderte schon gewirkt
hat, sondern was weiterleben soll —, das muß sich die Menschheit erst er-
obern.»; der 12. Vortrag des Zyklus «Das Johannes-Evangelium im Verhältnis
zu den drei anderen Evangelien, besonders zu dem Lukas-Evangelium», GA
112, gibt eine sehr grundsätzliche Charakterisierung des Verhältnisses gegen-
wärtiger Wissenschaft zum alten Hellsehen, die darin gipfelt, daß in der Wis-
senschaft nur soviel an wahrhafter Erkenntnis enthalten ist, als die dabei ver-
wendeten Begriffe umgewandelten alten Schauungen entstammen, welche in
der Form des Begriffes aber immer dünner und dünner werden. - Auf dem
Hintergrunde der beiden zuletzt genannten Gesichtspunkte vermag man für
die Betonung des 3. Hauptsatzes des Kopernikus die richtige Perspektive zu
gewinnen: Es geht um mehr als nur um historische Richtigkeit, es geht gerade
um dasjenige im Werk des Kopernikus, was das Zukunftsträchtige enthält und
was er mit einem genialen Gedanken ergriffen hat. - Allerdings, wer dem 3.
Hauptgesetz eine selbständige Bedeutung zuerkennt, nimmt die Himmelsme-
chanik nicht für allein maßgebend. Das ist hier in der Tat der Fall. Eine
knappe Formulierung der Haltung gegenüber der Himmelsmechanik enthielt
schon ein Passus in dem vorhin genannten Vortrag vom 28. 9. 1919: «Und im
wesentlichen steht die Menschheit der Gegenwart durchaus noch auf diesem
Standpunkt: sich vorzustellen die Erde als eine große Kugel im Weltenraum,
und das Außerirdische eigentlich nur umfassend mit mathematischen, mecha-
nischen Vorstellungen, die höchstens für einzelne, etwas exakter denkende
Menschen bloß mathematische sind, weil ja die ersonnenen Begriffe über aller-
lei Gravitationskräfte von besonneneren Menschen weggelassen werden, und
eigentlich das außerirdische Weltenbild nur mathematisch vorgestellt wird.»
Bei diesen «Besonneneren» muß ganz gewiß Kirchhoffs gedacht werden, wel-
cher S. 134 genannt werden wird, vgl. auch den entsprechenden Hinweis. Ein
schwerwiegender Einwand gegen die rein himmelsmechanische Denkweise,
welcher an vielen Orten ausgeführt ist, wird ganz am Ende dieses Kurses wie-
derholt (S. 337). - Zusammen mit dem Weglassen des 3. Hauptsatzes des
Kopernikus wird auch die Behauptung besprochen, daß eine Verschiebung der
Erdachse parallel zu sich selber den Ort des Himmelspoles nicht verändere.
N u n wird zwar kaum jemand leugnen, daß wegen der endlichen Entfernung
der Sterne eine Verschiebung des Poles eintreten müsse, aber im Verhältnis zu
anderen Vernachlässigungen, die gemacht werden, wird sie als unwesentlich
weggelassen. Diese Haltung macht das Ausmaß eines Effektes zum Kriterium
seiner Wesentlichkeit. Ohne dieses würde der Praktiker mathematischer Ap-
proximation dastehen wie ein Kämpfer, dem die Waffe aus der Hand geschla-
gen ist. Doch gibt die Quantität als Kriterium der Wesentlichkeit eine Gewähr
nur für das Gewordene, nicht für das Werdende. Es .ist ein Darüberhinausge-
hendes nötig, um im Meer der unüberschaubaren kleinen Effekte die signifi-
kanten auffinden zu können. Im Sinne des vorliegenden Kurses muß gesagt
werden, daß er geradezu dieses Darüberhinausgehende an die Hand gibt, in-
dem er z.B. die Brücke von der Astronomie zur menschlichen Gestalt schlägt.
45 Das Mathematische ... aus unserem Innern aufsteigt: Das Verhältnis des Mathe-
matischen zur äußeren Realität ist ausführlich im 1. Vortrag des Bandes «Gei-
steswissenschaftliche Impulse zur Entwickelung der Physik. Erster naturwissen-
schaftlicher Kurs», GA 320, auseinandergesetzt.
51 Wir werden ... noch ...zu zeigen haben: Man vgl. S. 289f.
Zeitlänge: Statt «Zeit und Länge», nach Stenogramm.
52 zum Siechtum ... kann das Heimweh fiihren: Die Geschichte des Wortes ist
aufschlußreich. Friedrich Kluge berichtet (Programm der Albert-Ludwigs-Uni-
versität, Freiburg i. Br., 1901, S. 26): «Aber es ist nicht eigentlich ein ausge-
sprochenes Heimatgefühl, das in dem Wort Heimweh steckt. Die ältesten
Zeugnisse für das Wort, die wir besitzen, kennzeichnen das Wort als Namen
einer Krankheit ... Wir treffen es zunächst in medizinischen Fachschriften.»
53 «der kalte Kunstgreis mit dem Doppelkinn»: Der Ausspruch konnte bisher nicht
nachgewiesen werden.
55 wie Geologen: Statt «wie gewöhnlich», nach Stenogramm.
58 das sieht man ... heute schon ein: Ernst Mach schreibt («Die Mechanik in ihrer
Entwicklung, historisch-kritisch dargestellt», 1883, 7. Aufl. 1912, S. 226):
«Bleibt man aber auf dem Boden der Tatsachen, so weiß man nur von relativen
Räumen und Bewegungen. Relativ sind die Bewegungen im Weltsystem ...
dieselben nach der ptolemäischen und nach der kopernikanischen Auffassung.
Beide Auffassungen sind auch gleich richtig, nur ist die letztere einfacher und
praktischer.» — Der Philosoph Christian von Ehrenfels spricht in seiner «Kos-
mogonie» (Jena 1916, S. 109) von der Bevorzugung der jeweilig «einfachsten»,
«natürlichsten» und «schlußkräftigsten» Hypothese. Hierher gehöre die Bevor-
zugung des kopernikanischen Sonnensystems vor dem ptolemäischen.
Ernst Mach, Turas (Mähren) 1838-1916 Haar bei München. Physiker und
Erkenntnistheoretiker.
59 der mineralischen Sphäre: Geändert aus «der Mineraliensphäre».
64 wir betrachten die Jahreszeitenwechsel: Korrigiert aus «Jahreswechselzeiten», in
Übereinstimmung mit dem vorhergehenden Absatz.
66 nach der geistig-seelischen Seite: «geistig-seelischen» statt «psychologischen», nach
Stenogramm.
68 Grundlage fiir wahrhaftige astronomische Anschauungen: Statt «wahrhaftige
Astronomie», nach Stenogramm.
69 In ihm war noch ein Bewußtsein davon: «ein Bewußtsein» statt «etwas» gesetzt.
72 oder anders geschrieben: In den beiden folgenden Proportionen sind die Glieder
anders als im 1. Druck angeordnet aufgrund der Eintragung in ein Notizbuch
(Nr. 52, 1921). Dadurch stehen in der letzten Proportion rechts die Zentral-
beschleunigungen.
... das ... Newtonsche Gravitationsgesetz aus dem Keplerschen Gesetz deduziert:
Eine ähnliche Deduktion findet sich in Hegels «Enzyklopädie der Philosophi-
schen Wissenschaften», § 270.
73 caput mortuum: Wörtlich «Totenkopf», heute im Sinn von nutzlos, wesenlos
gebraucht.
Wir werden erst noch darauf zurückkommen müssen: Dazu ist es nicht gekom-
men.
74 anthropomorphisch: Die Nachschrift hat «alchimistisch», was ohne weitere erklä-
rende Worte nicht verständlich ist. Es dürfte die anthropomorphische, perso-
nifizierende Ausdrucksweise der Alchimie gemeint sein.
76 was man ... genannt hat die regula philosophandi: Newton in seinem Hauptwerk
«Philosophiae naturalis principia mathematica» (1687). Er formuliert an der
Stelle, wo es um die Inauguration der Himmelsmechanik geht, zu Beginn des
3. Buches, als Leitgedanken zur Übertragung der irdischen Mechanik auf den
Himmel drei (später vier) «regulas philosophandi» und gibt Beispiele, die z.T.
genau, z.T. mit unwesentlichen Variationen mit den hier gegebenen überein-
stimmen.
kann Erklärungen eben nur ... gewinnen: Geändert aus «kann es elementar ...
gewinnen.»
78 Pierre Simon Marquis de Laplace, Beaumont-en-Auge, Dep. Calvados 1 7 4 9 -
1827 Paris. Baute die von Newton begründete Himmelsmechanik in großarti-
ger Weise aus. «Mecanique Celeste», 5 Bde., Paris 1799—1825. Diesen schickte
er die ohne mathematische Formeln geschriebene «Exposition du Systeme du
monde» 1796 voraus, welche auch sein schriftstellerisches Niveau bekundet.
78 «Naturgeschichte und Theorie des Himmels»: Anonym erschienen 1755. Ganz
naturwissenschaftlich, aus den Anschauungen der Newtonischen Himmelsme-
chanik geschrieben. «Gebt mir nur Materie, ich will eine Welt daraus bauen!»,
ruft der Verfasser in der Vorrede aus.
80 Ebene des Sonnenäquators: Man ist sonst gewohnt, auf die Ebene der Ekliptik
zu beziehen. Vom genetischen Aspekt der Kant-Laplaceschen Theorie aus er-
scheint allerdings die Ebene des Sonnenäquators als maßgeblicher, und sie tritt
denn auch bei Kant konsequenterweise auf, ebenso bei Laplace. Dieser nennt
sie die natürliche Bezugsebene («Exposition du Systeme du monde», 5. Buch,
6. Kapitel). Eigentlich müßte die Theorie erwarten, daß beide Ebenen zusam-
menfallen. Das ist nicht der Fall. Sie sind um 7° gegeneinander geneigt. Fast
dieselbe Neigung hat auch die Bahnebene des Sonnen-nächsten Planeten
Merkur, sie stimmt im übrigen aber mit derjenigen des Sonnenäquators nur
grob überein, indem die Knotenlinien der beiden in der Ekliptik einen Winkel
von 27° einschließen, der jährlich um 8" wächst. - Indem hier der Sonnen-
äquator als Bezugsebene genannt wird, werden die vielen Tatsachen ins Blick-
feld gerückt, welche die Astronomie ohne Erklärung als bloße Fakten hinneh-
men muß: die Abweichungen der Bahnebenen voneinander und die meist star-
ken Abweichungen der Äquatorebenen der Planeten von den Bahnebenen. Bei
der Erde ist dies die für alles Leben so bedeutsame Inklination der Erdachse
(von 23 lh °). Wenn Rudolf Steiner einen so starken Nachdruck auf das 3.
Hauptgesetz des Kopernikus gelegt hat, so gewiß auch deshalb, weil es anders
sich zum Rätsel der Inklination stellt als die Himmelsmechanik. Diese müßte
erwarten, daß alle Beziehungen so schön in Ordnung stehen wie bei Jupiter, wo
Planetenbahn, Planetenäquator und Bahnebenen der Haupttrabanten (und
sogar die Ekliptik) sehr wenig voneinander abweichen. Das ist bei der Erde
anders. Daß hierbei viel im Spiel ist, zeigt der Nachdruck, womit davon ge-
sprochen wurde, wenn es auch nur bei wenigen Gelegenheiten der Fall gewesen
ist. Man vgl. dazu z. B. den im ersten Hinweis zu S. 119 genannten Vortrag.
84 was Philosophen immer betont haben: Bei den bekanntesten Philosophen hat der
Gedanke nicht gefunden werden können. Am nächsten kommen ihm Denker,
welche ausgesprochen oder unausgesprochen Kants «Naturgeschichte und
Theorie des Himmels» weiter denken. So Carl du Prel («Entwicklungsgeschich-
te des Weltalls. Entwurf einer Philosophie der Astronomie. Dritte vermehrte
Auflage der Schrift: Der Kampf ums Dasein am Himmel», Leipzig 1882, S.
166): «Das System der Planeten ist demnach konservativ, das der Kometen
wandelbar ... Diesen anscheinenden Widerspruch, daß die Gravitation Resul-
tate so verschiedener Art herbeiführen kann, löst die Entwicklungtheorie: die
beiden Hauptgruppen des Sonnensystems befinden sich in verschiedenen Sta-
dien eines Prozesses gegenseitiger Anpassung der Einzelglieder; hinsichtlich des
Planetensystems ist dieser Prozeß abgeschlossen, es hat seinen Gleichgewichts-
zustand, daher ist es konservativ; das Kometensystem dagegen ist wandelbar,
weil es sein Gleichgewicht noch nicht gefunden hat.»
besonders bei Laplace können Sie es verfolgen: Ein erster Beweis für die Stabilität
des Planetensystems wurde unter vereinfachten Annahmen von Lagrange gege-
ben. Von ihm stammt auch das erste Beispiel einer «dynamischen Starrheit»,
nämlich von Planeten, die durch die Gravitationskräfte eine gebundene Um-
laufzeit haben. (Zu einem großen Planeten gibt es in seiner Bahn in 60° Ab-
stand die sog. «Lagrangeschen Punkte», um welche kleine Körper Schwankun-
gen, «Librationen» ausführen können; auch Librationspunkte genannt.) Unter
den Planetoiden wurde später in den «Trojanern» ein Beispiel dafür gefunden.
Neuerdings spielen die Lagrange-Punkte eine Rolle bei den durch Weltraum-
sonden näher untersuchten Satelliten des Saturn. — Von Laplace stammen die
Reihenentwickelungen für die näherungsweise Lösung des Vielkörperproblems,
aus denen gefolgert wurde, daß sich bei rationalen Verhältnissen der Umlaufs-
zeiten von Planeten die Störungen bis zur Instabilität summieren müßten.
Später führte eine Preisaufgabe der Schwedischen Akademie zu einer großen
Arbeit (1885) von Poincare, in welcher gezeigt wurde, daß die fraglichen Rei-
hen divergieren, daß also keine (allgemeinen) Lösungen existieren. - Diese
Reihen sind bei kommensurablem bzw. rationalem Verhältnis der Umlaufszei-
ten unbrauchbar, sind brauchbar bei inkommensurablen Umlaufszeiten, aber,
wie Heinrich Bruns nachwies, liegen auch dann die Stellen der Konvergenz
und Divergenz überall dicht ineinander verzahnt. (Darüber vergleiche man
Carl Ludwig Charlier, Die Mechanik des Himmels, 1907, Bd. 2, S. 307ff.) -
Die modernen Ergebnisse erlauben von einer «praktischen Inkommensurabili-
tät» im Planetensystem zu sprechen, z. B, wenn die Summe der ganzzahligen
Vielfachheiten der Umlaufszeiten in einer Gleichung zwischen diesen Zeiten
gleich oder größer als 4 ist. Die Instabilität bei kleineren Vielfachheiten zeigt
sich z. B. im Zusammenhang von Jupiter mit den Kirkwoodschen Lücken des
Planetoidengürtels. Hier herrscht gewissermaßen «erfüllte Unendlichkeit», wie
der Text sich ausdrückt. Dabei darf man die «Erstarrung» teilweise im Sinne
dynamischer Starrheit deuten, wie sie auch bei der gebundenen Eigenrotation
des Erdmondes und anderer Planetenmonde vorliegt. Darauf wird S. 155ff.
nochmals eingegangen. - In der Auflage des Kurses von 1983 wurde im Hin-
weis noch auf die moderne KAM-Theorie eingegangen, unberechtigter Weise,
wie sich seither gezeigt hat. Jürgen Moser, einer der Begründer der Theorie,
hatte 1975 in seiner Wolfgang Pauli-Vorlesung an der Technischen Hochschu-
le in Zürich eine begeisternde Darstellung der Geschichte der Himmelsmecha-
nik und der Aussichten der KAM-Theorie gegeben. Heute, d. h. in den «Mit-
teilungen der Deutschen Mathematiker-Vereinigung» 4/1996, veröffentlicht
der Autor erstmals seinen damaligen Vortrag in einer Fachzeitschrift, doch
ergänzt durch einen Anhang, in welchem er markante Forschungsergebnisse
seit jener Zeit bespricht. Einschneidend für die damaligen Hoffnungen sind vor
allem Ergebnisse von J. Laskar von 1994, welche zu den Worten Anlaß geben:
«Was also sind die Ergebnisse dieser Berechnungen, und was ist das Verdikt für
die Anwendbarkeit der KAM-Theorie auf dieses Problem? ... Das Urteil von
Laskar über die Anwendbarkeit der KAM-Theorie auf das Sonnensystem fällt
also negativ aus. Viele der Planeten weisen nicht das quasi-periodische Verhal-
ten auf, das in jener Theorie beschrieben wird, sondern besitzen sogar Unsta-
bilitäten, die allerdings auf gewissen Gebieten im Phasenraum begrenzt zu sein
scheinen, und nicht zum Auseinanderfallen des Systems führen. ... Also ...
bleibt auch heute die Frage nach der Stabilität des Sonnensystems weiterhin
offen!» Die Anwendbarkeit der KAM-Theorie auf das Sonnensystem wird also
hier von einem der Autoren der Theorie selber verneint. Es sei noch hinzuge-
fügt, daß die vorhin berührten Schwierigkeiten im Planetensystem vor allem
seine Berechenbarkeit betreffen. Es stimmt, daß bei kommensurablen Verhält-
nissen die Reihen zur Berechnung unbrauchbar werden. Weil aber alle gemes-
senen Größen immer kommensurabel sind - das liegt schon im Begriff des
Messens -, wären die Reihen der Planetenbewegung immer unbrauchbar. Das
ist eine Aussage über die Reihen, nicht über das Planetensystem. Und könnte
man bei gegebenen Zahlenverhältnissen beweisen, daß das System selber ge-
fährlich instabil sei, so spielt eine Rolle, daß das Sonnensystem kein bloßes
Newtonsches n-Körperproblem ist, denn es ist von Kometen durchzogen, von
Magnetfeldern durchwirkt und von Licht durchflutet. Sorgen diese nicht dafür,
daß auf lange Zeit keine bis zur xten Dezimalen konstante Zahlenverhältnisse
walten? Der 8. Vortrag wird dazu den umfassenderen Einblick geben.
85 Und wo Inkommensurabilität eintritt ..., schreiben den Dezimalbruch hin: Die
Stelle heißt im ersten Druck «Und wo Inkommensurabilität eintritt, da stehen
wir doch gerade an dem Ort, in jenem Moment, wo wir landen müssen in der
mathematischen Entwickelung an einer inkommensurablen Zahl. Da lassen wir
die Zahl stehen, wir hören eigentlich auf. Wir schreiben den Dezimalbruch
hin ...». Sie wurde sinngemäß geändert, weil es fast unmöglich ist, eine solche
Stelle ohne sachliches Verständnis mitzuschreiben. Es kann nicht ausbleiben,
daß die Worte mit der Vorsilbe «in» und diejenigen ohne «in» durcheinander
geraten. Leider fehlt das Stenogramm von dieser und auch von der analogen
Stelle S. 156.
Peter Hille, Erwitzen bei Paderborn 1854-1904 Berlin-Lichterfelde.
87 der unbefruchteten Eizelle: «unbefruchtet» statt «befruchtet», nach Stenogramm.
Panspermie: Damit ist hier gemeint die von Darwin vertretene und «Pangene-
sis» genannte Anschauung (Charles Darwin, «Das Variieren der Tiere und
Pflanzen im Zustande der Domestikation» mit dem Anhang «Vorläufige Hy-
pothese der Pangenesis», 1868). «Panspermie» etwa im Sinne von Svante
Arrhenius hat die Verteilung und Wanderung der Lebenskeime im Weltall zum
Inhalt.
Charles Darwin, Shrewsbury 1809-1882 Down b. Beckenham. Sein Haupt-
werk «Die Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl» erschien 1859.
88 ebenso wenig nahe liegt: «wenig» ist ergänzt.
da (in der Astronomie) die inkommensurable Zahl ist: «inkommensurable Zahl»
statt «jenseits der inkommensurablen Zahl» gesetzt.
89 was ein Geometrie-Ahnliches ist: Das Stenogramm hat «was Genesis der Zahl
ist».
91 Ernst Blümel, Wien 1884-1952 Königsfelden. Mathematiker. Lehrer an der
Freien Waldorfschule und anderen Schulen. Von ihm stammt, mit großer
Wahrscheinlichkeit an den handschriftlichen Formeln und Korrekturen beur-
teilt, eine vollständig durchgeführte Textgestaltung für den vorliegenden Kurs.
Sie erreichte die Herausgeber in einer so späten Phase der Arbeit, daß sie auf
den vorliegenden Text kaum von Einfluß war. Eine andere Unterlage für den
Text als die Hummel-Nachschrift scheint nicht verwendet worden zu sein.
Vermutlich ist die Ausarbeitung dem ersten Druck vorangegangen, ohne ihn
allerdings zu beeinflussen.
92 das ist kein Axiom, sondern ein Postulat: Siehe dazu in den Einleitungen zu
Goethes Naturwissenschaftlichen Schriften, Hinweis zu S. 24, Bd. III, S. IX.
96 Ernst Haeckel, Potsdam 1834-1919 Jena. Zoologe.
Oscar Hertwig, Friedberg, Hessen 1849-1922 Berlin. Anatom.
zuerst etwas anderes vorausgesetzt wird: «anderes» ergänzt.
in Formen und Verhältnissen: «Formen» aus «Formeln» geändert.
97 «Von Seelenrätseln», GA 2 1 .
101 Eine Anzahl von Ihnen kennt schon dasjenige ...: Die Teilnehmer am ersten
naturwissenschaftlichen Kurs. Vgl. «Geisteswissenschaftliche Impulse zur
Entwicklung der Physik. Erster naturwissenschaftlicher Kurs», GA 320, 1964,
S. 126.
103 Und wie wir gar zusammenhängen mit der Welt in den Zeiten zwischen den-
jenigen: Statt «Und wie gar zusammenhängen die Zwischenzeiten» gesetzt.
107 In meiner «Geheimwissenschaft» habe ich ... hingewiesen: «Die Geheimwis-
senschaft im Umriß», GA 13, 1977, S. 63/64 und S. 418.
108 denn schließlich sind die verschiedenen Weltsysteme etwas Chaotisches: «ver-
schiedenen» ergänzt nach S. 104, Zeile 14.
110 wir ... den Erkenntnisprozeß nennen: «Erkenntnisprozeß» statt «Erkennungs-
prozeß», gemäß Nachschrift.
111 biblische Schöpfungsgeschichte durch embryologische Tatsachen zu interpretieren:
Es wird gesagt, daß es sich um Traditionen handelt, also nicht um Embryologie
im naturwissenschaftlichen Sinne. H. P. Blavatsky referiert in der «Isis ent-
schleiert» (Bd. 1, Deutsche Ausgabe Leipzig o.J., S. 388) kabbalistische An-
schauungen über die Harmonie zwischen der embryonalen und der kosmischen
Entwicklung, allerdings ohne Angabe bestimmter Literatur. Über die verborge-
ne Embryologie in alchimistischen Schriften vgl. man die Bemerkung Rudolf
Steiners im ersten Vortrag von «Mysterienstätten des Mittelalters», GA 233a,
1980, S. 26.
111 das Nietzschesche Diktum: Aus «Das trunkene Lied» im 4. Teil von «Also sprach
Zarathustra».
115 «Die Rätsel der Philosophie», GA 18, 1968, 5. Kapitel, S. 91 f.
bis zu einem Umschwung zurückgeführt: «bis zu einem Umschwung» ist ergänzt
in Anlehnung an den Beginn des nächsten Abschnittes.
116 Frage nach dem Realismus, dem Nominalismus: Vgl. in den eben angeführten
«Rätseln der Philosophie», S. 94, oder «Philosophie und Anthroposophie», GA
35, 1965, S. 89.
der sogenannte ontologische Gottesbeweis: Von Anselm von Canterbury ( 1 0 3 3 -
1109). Über ihn vgl. die angeführten «Rätsel der Philosophie», S. 94.
Vincenz Knauer, Wien 1828-1894 Wien. Kath. Theologe, Privatdozent an der
Wiener Universität.
117 es war etwas in sie hineingekommen, was den Geist ...: «hineingekommen» ist
ergänzt.
119 die größtmögliche Ausbildung der Eiszeiten: Wie aus «Mein Lebensgang» (GA 28,
1982, S. 48) zu entnehmen ist, hat Rudolf Steiner schon am Ende seiner
Schulzeit durch den Aufsatz seines Lehrers Franz Kofler die Anregung erhalten,
sich mit der Eiszeit zu befassen, ein Interesse, das ihn durch das Leben begleitet
hat. Kofiers Aufsatz fußt auf der astronomischen Erklärung der Eiszeit durch
A. J. Adhemar («Revolutions de la mer», Paris 1842, 3. Aufl. 1874). Er erschien
1879 im 14. Jahresbericht der Nied. Oestr. Landesoberrealschule Wiener-Neu-
stadt und ist 1927 durch C. S. Picht in einem Privatdruck wieder zugänglich
gemacht worden. 10 Jahre nach der Beschäftigung mit diesem Aufsatz schrieb
Rudolf Steiner den Artikel «Eiszeit» in «Pierers Konversations-Lexikon» (7.
Aufl., herausgegeben von Joseph Kürschner, Berlin und Stuttgart 1889). Als
die wesentlichen Ursachen der Eiszeit werden hier angegeben Veränderungen
in der Verteilung von Wasser und Land und in der Dauer der Winterszeit.
Nach dem 2. Keplerschen Gesetz ist der Winter lang, wenn die Erde im Winter
durch das Aphel hindurchgeht, kurz im entgegengesetzten Fall. Diese Verhält-
nisse ändern sich mit einer Periode von 21000 Jahren. Da hinein wirken aller-
dings noch Veränderungen in der Exzentrizität der Erdbahn und Neigung der
Erdachse, die, wenn sie überhaupt periodisch sind, sich über noch größere
Zeiträume erstrecken. Während diese letzteren Einflüsse bei Kofier ausführlich
besprochen sind, werden sie im Lexikon-Artikel nur knapp berührt und sind
im vorliegenden Kurs nicht direkt erwähnt. Man vgl. zum Aufsatz und Lexi-
kon-Artikel und zum Eiszeitproblem überhaupt Elisabeth Vreede, «Astronomie
und Anthroposophie», Dornach 1980, S. 360—389. - Das Problem der Eiszeit
im Zusammenhang mit der Stellung der Erdachse ist im Vortrag vom
3 1 . 12. 1910 (im Band «Okkulte Geschichte», GA 126) vom unmittelbar spi-
tituellen Gesichtspunkt aus besprochen.
119 öfter in den anthroposophischen Vorträgen auseinandergesetzt: Z. B. in der Schrift
«Die geistige Führung des Menschen und der Menschheit», GA 15, S. 57,
welche Vorträge des Jahres 1911 in umgearbeiteter Form wiedergibt.
120 Aristoteles, 384-322 v. Chr. Schüler Piatos und Erzieher Alexanders des
Großen.
Plato, 4 2 7 - 3 4 7 v. Chr., von Athen. Schüler des Sokrates. Gründete im Haine
Akademos seine Schule, der Ausgangspunkt aller «Akademien».
Heraklit, etwa 540-480 v. Chr., in Ephesos wirkend.
Sie finden ... in meiner «Geheimwissenschaft»: Auf S. 282; siehe Hinweis zu
S. 107.
sprachliche Nuancierung der blauen ... Farbe: Eine frühere Ausführung findet
sich im öffentlichen Vortrag vom 24. 3. 1920 in Dornach, welcher einstweilen
gedruckt nur in «Die Menschenschule», Jg. 13, Basel 1939, S. 256, vorliegt.
121 das Tropenmäßige ... ist in Indien ja erst ... eingetreten: Vgl. dazu den Vortrag
«Die vor- und frühgeschichtlichen Kulturen Europas und Asiens» in GA 325,
1969.
123 Wir haben das schon auseinandergesetzt: S. 47f.
Ich habe Ihnen geschildert dasjenige, was ... beim Kinde wirkt: S. 62f.
125 eine Tatsache ..., die ich ... schon öfter hervorgehoben habe: Z.B. in den Vorträ-
gen «Entsprechungen zwischen Mikrokosmos und Makrokosmos. Der Mensch
- eine Hieroglyphe des Weltenalls», GA 201, Vortrag 4, 12 und 14.
126 wie ich ja auch schon öfter erwähnt habe: in den im vorigen Hinweis genannten
Vorträgen.
128 von zwei Schallquellen: «Schallquellen» statt «Schallwellen», nach Stenogramm.
mit einer größeren Geschwindigkeit bewegt als der Schall: Darüber spricht aus-
führlicher der Vortrag vom 2 1 . 8. 1916 (in «Das Rätsel des Menschen», GA
170). Daß es sich nicht um eine Kleinigkeit handelt, hat sich in den letzten
Jahrzehnten im Auftreten der «Schallmauer» erwiesen, an welcher der Mensch
zuschande kommen müßte, wenn er dagegen keinen technischen Schutz hätte
finden können. Darüber hat sich das wirklichkeitsfremde Denken ahnungslos
hinweggesetzt.
133 wie ich ... beschrieben habe die Verhältnisse der alten Atlantis: In der Schrift «Aus
der Akasha-Chronik», GA 11, im Kapitel «Unsere atlantischen Vorfahren».
134 wie dann abstrakter Kirchhoff sich ausgedrückt hat: Er schreibt in der Vorrede
seiner «Mechanik» (Vorlesungen über Mathematische Physik. Mechanik, Leip-
zig 1876): «Man pflegt die Mechanik als Wissenschaft von den Kräften zu
definieren, und die Kräfte als die Ursachen, welche Bewegungen hervorbringen
oder hervorzubringen streben ... Aber dieser Definition haftet die Unklarheit
an, von der die Begriffe der Ursache und des Strebens sich nicht befreien lassen
... Aus diesem Grunde stelle ich es als die Aufgabe der Mechanik hin, die in
der Natur vor sich gehenden Bewegungen zu beschreiben, und zwar vollständig
und auf die einfachste Weise zu beschreiben. Ich will damit sagen, daß es sich
darum handelt, anzugeben, welches die Erscheinungen sind, die stattfinden,
nicht aber darum, ihre Ursachen zu ermitteln.» Das Kirchhoffsche Buch be-
zeugt, daß sich in dieser Haltung die ganze Mechanik entwickeln läßt.
Gustav Robert Kirchhoff, Königsberg 1824-1887 Berlin.
in einheitlicher Wesenheit behandelnden Sinnesphysiologie: «einheitlicher» statt
«ihrer» gesetzt.
136 Phoronomie ist ein anderes Beispiel: Die Nachschrift hat statt «Phoronomie» und
«phoronomisch» hier und in den nächsten Sätzen «Embryologie» bzw. «geome-
trisch» oder gar «physiologisch».
von anderen Gebilden ausgehen: «Gebilden» statt «Gebieten», nach Stenogramm.
138 diese Entwickelungslehre auch auf die Astronomie auszudehnen: Carl du Prel
schrieb eine «Entwicklungsgeschichte des Weltalls» (Leipzig 1882), welche die
3. Auflage der Schrift «Der Kampf ums Dasein am Himmel» ist, vgl. Hinweis
zu S. 84. H. Lotze setzt sich mit solchen Gedanken in seinem «Mikrokosmus»
auseinander und gibt davon etwa folgende Beschreibung (S. 29): «Die Wirk-
lichkeit aber enthält aus der unendlichen Anzahl der Elementenverbindungen,
welche ein vernunftloses Chaos liefern konnte, nicht eine Auswahl, welche eine
berechnende Absicht geschaffen hätte, sondern die kleinere Summe jener Ge-
bilde, die der mechanische Naturlauf selbst in dem unermeßlichen Wechsel
seiner Ereignisse prüfte und als in sich zweckmäßige zur Erhaltung fähige
Ganze von der zerstiebenden Spreu des Verkehrten schied, das er unparteiisch
auch entstehen, aber eben so unparteiisch auch wieder zu Grunde gehen ließ.»
(4. Aufl. Leipzig 1885).
138 Sonnen-Planetengebilde: Nach Stenogramm, statt «Sonnen-Planetensystem».
144 Hermann Minkowski, Alexota bei Kowno 1864-1909 Göttingen. Hielt 1909
den Vortrag «Raum und Zeit».
145 die anderen Vorträge: 4 halböffentliche Vorträge für Akademiker «Proben über
die Beziehungen der Geisteswissenschaft zu den einzelnen Fachwissenschaften»,
11.-15. Januar 1921, erschienen in der «Gegenwart», Jg. 14, Bern 1952/53.
Waldorfschule: Freie Waldorfschule, Stuttgart, 1919 gegründet von Emil Molt
(1876-1936) für die Arbeiterkinder der Waldorf-Astoria Zigarettenfabrik und
für die Öffentlichkeit. Einheitliche Volks- und höhere Schule, geleitet von
Rudolf Steiner bis zu seinem Tode 1925.
was er ... in Anknüpfung an die Darstellungen fragen möchte: Die Beantwortung
der Fragen fand am Ende des letzten Vortrages statt, vgl. S. 334ff.
146 Ich habe Sie darauf aufmerksam gemacht, daß jene Verhältniszahlen ... inkom-
mensurable Größen sind: Auf der S. 84f. und im Folgenden S. 155f. und 324ff.
147 urindische Kulturperiode: Siehe «Geheimwissenschaft», Hinweis zu S.107, auf
S. 272ff.
148 daß eben das Sinneserlebnis: «Sinneserlebnis» statt «Sinnesergebnis», gemäß
Stenogramm.
im alten atlantischen Gebiet: Siehe den Hinweis zu S.133.
149 einer gewissen Willkür ... unterworfen: «Willkür» statt «Willenskultur», nach
Stenogramm.
151 ein Reagens für die Beurteilung der Himmelserscheinungen: «Himmelserschei-
nungen» statt «Weltenerscheinungen», nach Stenogramm.
154 die Dauerpflanze kann uns darüber nicht mehr viel sagen: «mehr viel» statt «viel
mehr» gesetzt.
155 Es würden im Planetensystem Störungen entstehen, die ... das Planetensystem zum
Stillstand bringen würden: Man vgl. dazu «Brockhaus abc Astronomie», Leipzig
1977, Artikel «Sonnensystem»: «Durch die dauernden Störungen, welche die
großen Planeten, vor allem der massereiche Jupiter, auf die Bahnen derjenigen
Körper ausüben, die sich die meiste Zeit in ihrer Nähe, nämlich in den inneren
Teilen des Sonnensystems aufhalten, sind enge Beziehungen zwischen deren
Bahnen und den Planetenbahnen entstanden. Solche Zusammenhänge zeigen
die Planetoidenbahnen mit der Jupiterbahn und die Bahnen der kurzperiodi-
schen Kometen mit einigen Planetenbahnen.» Und im Artikel «Planetoiden»:
«So haben zahlreiche Planetoiden etwa die gleiche Perihellänge wie Jupiter.»
«Stillstand» ist in diesem Zusammenhang als gleichbedeutend mit Kommensu-
rabilität, d. h. mit der ewigen Wiederkehr des Gleichen zu verstehen.
155 Es ist durch eine einfache Rechnung ... nachzuweisen: Kommensurabilität ist
gleichbedeutend damit, daß alle Verhältnisse solche zwischen ganzen Zahlen
sind. Die Rechnung würde dann etwa so verlaufen, daß man sie alle als Brüche
schreibt, und diese auf Hauptnenner bringt. Dieser gibt die Zeit an, nach
welcher das ganze Geschehen wieder bei seinem Ausgangspunkt angelangt ist.
Eine solche Zeit gibt es bei inkommensurablen Verhältnissen nicht.
156 Und diesen Zustand, den rechnen wir ... Da kommen wir ...: Geändert aus
«Und diesen Zustand, den rechnen wir eigentlich, denn wenn wir an das Ende
der Rechnung kommen, kommen wir an das Inkommensurable; da kommen
wir . . . » des 1. Druckes. Man vergleiche die entsprechende Stelle S. 85 und den
Hinweis dazu.
wenn wir nur die Gravitationskraft zugrundelegen ..., dann kommen wir ... zur
kommensurablen Verhältntszahl: Das zeigt sich immer wieder, wo die Gravita-
tionskraft stark ist. Zum Beispiel im Umlauf der Haupttrabanten des Jupiter.
Schon Laplace war es bekannt, daß folgende Zahlenbeziehung besteht: Die
mittlere Bewegung des ersten Trabanten plus zweimal die des dritten ist genau
das dreifache derjenigen des zweiten. Ferner zeigen die Satelliten dem Jupiter
immer dasselbe Gesicht. Das macht auch der Mond gegenüber der Erde.
Dasselbe wird auch angenommen für die den Saturn am nächsten umlaufenden
Trabanten, obwohl es schwierig zu bestätigen ist. Es gilt auch hier eine ähnliche
Kommensurabilität wie beim Jupiter: Die mittlere Bewegung von Thetys plus
die vierfache von Dione plus die fünffache von Mimas ist gleich der zehnfachen
von Enceladus. Bei dem die Sonne am nächsten umlaufenden Merkur wurde
bis bis in die sechziger Jahre ebenfalls angenommen, daß er der Sonne immer
dieselbe Seite zuwende. Das hat sich allerdings nicht bestätigt, wohl aber die
Kommensurabilität: Auf 3 Umdrehungen Merkurs um seine Achse kommen 2
Umläufe um die Sonne, vgl. den Hinweis zu S. 206. (Nach Gilbert E. Sat-
terthwaite, «Encyclopedia of Astronomy», London 1970, und «Encyclopaedia
Britannica», Knowledge in Depth, 1974, Artikel Saturn, Jupiter und Merkur).
158 das sich invers verhält: «invers» statt «divers», nach Stenogramm.
Hegel konnte sich um das nicht herumdrücken: Sein Ausspruch über Kometen
und gute Weinjahre findet sich in der «Encyklopädie der philosophischen Wis-
senschaft im Grundriß», 2. Teil, Naturphilosophie, herausgegeben von Carl
Ludwig Michelet, Berlin 1847, S. 154.
Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Stuttgart 1770—1831 Berlin.
159 so viele Kometen wie Fische im Meer: Johannes Kepler, «Ausführlicher Bericht
von dem neulich erschienenen Haarstern» [des Jahres 1607], Hall in Sachsen
1608. Die Abhandlung beginnt mit den Worten: «Von den Cometen ist dies
meine einfältige Meinung, daß wie es natürlich, daß aus jeder Erden ein Kraut
wachse, auch ohne Samen, und in jedem Wasser, sonderlich im weiten Meere,
Fische wachsen und darinnen umschweben, also daß auch das große Meer
Oceanus nicht allerdings leer bleibe, sondern aus sonderem Wohlgefallen
Gottes des Schöpfers die großen Walfische und Meerwunder dasselbige mit
ihren weitschüchtigen Streifen hin und her besuchen und durchwandern; aller-
maßen sei es auch mit der himmlischen und überall durchgängigen und ledigen
Luft beschaffen: daß nämlich dieselbige diese Art habe, aus ihr selber die
Cometen zu gebären, damit sie, wie weit die auch sei, an allen Orten von den
Cometen durchgangen werde und also nicht allerdings leer bleibe... Solcher
Cometen halte ich der Himmel so voll sei, als das Meer voller Fische ist.»
Heute werden im Sonnensystem 1010 Kometen angenommen (Brockhaus abc
der Astronomie, Artikel «Sonnensystem», Leipzig 1977, S. 372).
160 dem Kurs über Wärmelehre: «Geisteswissenschaftliche Impulse zur Entwickelung
der Physik. Zweiter naturwissenschaftlicher Kurs», GA 321, Ende von Vortrag
11 und Vortrag 12.
164 gebräuchliche Kurven in einem gewissen Zusammenhang betrachten: Eine erste,
ähnliche Betrachtung der Kurven der Addition, Subtraktion, Multiplikation
und Division findet sich im dritten der Vorträge «Wege zu einem neuen Bau-
stil» (vom 28. Juni 1914, GA 286). Man weiß, daß die Zuhörer sehr überrascht
waren, im Rahmen dieser künstlerischen Ausführungen, welche sich an die
Mitarbeiter bei der Errichtung des ersten Goetheanumbaues richteten, plötz-
lich einen mathematischen Vortrag anzuhören. Erst lange nach dem Tode
Rudolf Steiners kam Carl Kemper gerade auf Grund dieses Vortrages zu der
Erkenntnis, daß dem Grundriß des Baues ein Divisionskreis des Quotienten
1:3 zugrunde lag, womit der mathematische Vortrag in «Wege zu einem neuen
Baustil» plötzlich seine Erklärung fand. Vorher hatte man über den Grundriß
ganz andere Meinungen gehabt. Der Vortrag enthält auch ausführliche Ausfüh-
rungen über die Cassinische Kurve und ihre Formen. Die Darstellung dieser
Kurve im vorliegenden Kurs schließt sich bis in die Bezeichnungen hinein eng
an das Lehrbuch von Lübsen an (Heinrich Borchert Lübsen, «Ausführliches
Lehrbuch der analytischen oder Höheren Geometrie, zum Selbstunterricht»,
11. Auflage 1876). Diese und frühere Auflagen des Buches finden sich nicht in
der Bibliothek Rudolf Steiners. Doch weiß man aus dem «Lebensgang» («Mein
Lebensgang», GA 28, S. 42), welche Bedeutung den mathematischen Büchern
Lübsens in der Schulzeit Rudolf Steiners zugekommen ist. Diese frühen Auf-
lagen enthalten nichts von dem systematischen Gedanken, die Kurven mit den
vier arithmetischen Operationen in Verbindung zu bringen. Der Divisionskreis
fehlt ganz. Dieser systematische Gedanke taucht aber auf in der Neubearbei-
tung der Schrift durch A. Donadt (15. Auflage, 1908), wovon dann die Auflage
von 1919 sich in der Bibliothek Rudolf Steiners findet, aber — merkwürdiger-
weise - an dieser Stelle nicht aufgeschnitten. Wenn es auch nahezuliegen
scheint, die Kurven der 4 arithmetischen Grundoperationen zusammen zu be-
handeln, so findet der Gedanke sich sonst kaum in der mathematischen Lite-
ratur, denn niemand bringt sonst gerne die Cassinische Kurve in einen Zusam-
menhang mit den viel einfacheren 3 anderen Kurven.
166 Cassinische Kurve: Im vorliegenden Zusammenhang ist sehr interessant, daß die
Kurve ganz aus astronomischen Überlegungen, und zwar als Bahn der Sonne,
entstanden ist. Das bezeugt der Sohn Jacques Cassini (in «Elements
d'astronomie», Paris 1740, S. 149-151). Vom Entdecker selber, Giovanni Do-
menico Cassini (Nizza 1625-1712 Paris), konnte unter seinen vielen Abhand-
lungen keine gefunden werden, welche über die Kurve näheren Aufschluß gibt.
Man scheint nicht zu wissen, wie er auf die Multiplikationskurve kam. Schon
1755 ist D'Alembert auf eine bloße Vermutung darüber angewiesen (in Bd. 5
der Enzyklopädie von Diderot, Artikel «Ellipse, Ellipse de M. Cassini»). Cassini
dürfte ausschließlich an der ellipsenartigen Form interessiert gewesen sein und
bei der Bekanntmachung (in einer Sitzung der Pariser Akademie?) seiner Ent-
deckung auch nur diese gekannt haben. Die anderen Formen hat erst James
Gregory, der Freund Newtons, entdeckt und 1704 in den Transactions Cam-
bridge Royal Society bekannt gemacht. Er schließt seinen Artikel mit der ganz
aus dem Newtonischen Attraktionsgesetz geholten Forderung: «Diese Kurve
muß aus der Astronomie verschwinden.» — Auf den Wegen, welche Rudolf
Steiner zur Erweiterung der Wissenschaft eingeschlagen hat, ist der Cassini-
schen Kurve eine erhebliche Bedeutung zugekommen. Er nennt sie am Philo-
sophenkongreß von Bologna 1911 als ein wichtiges Beispiel eines Meditations-
inhaltes, durch das die Erweiterung des Bewußtseins zu übersinnlicher Er-
kenntnis aufgesucht werden kann («Philosophie und Anthroposophie», GA 35,
1965, S. 118).
169 indem ich hier (von 1 nach 2) vorschreite: Die Klammer ist Interpretation des
Wortes «hier» durch die Herausgeber. Die überlieferte Figur enthält keine
Ziffern.
den andern Ast isoliert für sich betrachten: «isoliert» ist ergänzt.
171 bekommt man verschiedene Formen des Kreises: Der Formunterschied liegt hier
in der Krümmung.
171 Sie können das in der Gleichung verfolgen. Er geht über in die Ordinatenachse
selber: Im Notizbuch Nr. 52 (1921) ist dieses Verfolgen in der folgenden Weise
durchgeführt (in «Beiträge zu Rudolf Steiner Gesamtausgabe», Nr. 104, S. 50):
((x-a)2 + y2) m
: ((x+a)2 + y2) m
=m : n
(n 2 -m 2 ) • x2 + (n 2 -m 2 ) • y 2 - 2a(n 2 +m 2 ) • x + (n 2 -m 2 ) • a2 = 0
Mittelpunkt hat die Koordinaten a • (n2+m2) : (n 2 -m 2 ) , 0
r = a • 2mn : (n 2 -m 2 ) - m = n Gleichung der Ordinatenachse
(Aus satztechnischen Gründen sind hier statt der Bruchstriche Divisionszeichen
und statt der Quadratwurzeln Exponenten l/i gesetzt.)
172 Ich kann Ihnen natürlich diesen Kreis nicht aufzeichnen: Sein Inneres kann man
nicht zeichnen, denn es reicht nach Unendlich; den Rand davon kann man
zeichnen als gewöhnlichen Kreis.
174 Ernst Blümel: Siehe Hinweis zu S. 9 1 .
Hermann von Baravalle, Wien 1898-1973 Wiesneck. Mathematiker, Pädagoge
der Mathematik und Physik, Verfasser von Lehrbüchern, Lehrer an der Wal-
dorfschule und Gründer entsprechender Schulen in USA.
Carl Unger, Bad Cannstadt, Stuttgart 1878-1929 Nürnberg. Dr. Ing. Inhaber
und Leiter einer Maschinenfabrik. Erkenntnistheoretiker. Vorstandsmitglied
der Anthroposophischen Gesellschaft.
175 Bahn eines Punktes ... damit er ... im Glanz ... dieselbe Stärke hat: In der
«Höheren Geometrie» von Lübsen (vgl. Hinweis zu S. 164 «gebräuchliche
Kurven») ist diese Eigenschaft der Cassinischen Kurve in einer Fußnote ohne
nähere Erläuterung erwähnt. - Wenn ein Punkt M eine von A ausgehende
Welle so streut, wie man es bei Anwendung des Huygensschen Prinzips an-
nimmt, nämlich isotrop und der einfallenden Intensität proportional, muß er
in der Tat eine Cassinische Kurve beschreiben, damit die von ihm ausgehende
Sekundärwelle in B mit konstanter Intensität ankommt. Beim Lichtglanz wäre
dies dann der Fall, wenn es isotrop streuende Teilchen gäbe.
176 an den Dornacher Ärztekurs... angeschlossen haben: Die Vortragsreihe «Entspre-
chungen zwischen Mikrokosmos und Makrokosmos» (GA 201), insbesondere
Vortrag 2, siehe Hinweis zu S.125.
177 eine Art umgekehrten Spektrums, das Goethe ja auch angeordnet hat: Siehe den 1.
und 2. naturwissenschaftlichen Kurs, «Geisteswissenschaftliche Impulse zur
Entwickelung der Physik», GA 320 und 321, besonders Vortrag 4 bzw. Vor-
träge 8, 9 und 11. - In Fig. 12 sind «blau» und «gelb» ergänzt als die Außen-
teile des umgekehrten Spektrums. Hier ist die Rede nur von dem inneren Teil.
Wird er allein, wie beim 1. Druck, rechts in die Verlängerung von Fig. 11
gelegt und so, daß die beiden Violett aneinandergrenzen, so entsteht ideell die
geschlossene Figur in Form der über Unendlich (rot) sich schließenden Gera-
den. Gelb und Blau sind dann beiden Spektren gemeinsam.
178 eine der ersten Versuchsanordnungen in unserem physikalisch-wissenschaftlichen
Institut: Diese war um die Zeit des 2. naturwissenschaftlichen Kurses im Stutt-
garter Forschungsinstitut eingerichtet worden. Schon bald wurde dieses ein
Opfer der Inflation der 20er Jahre. Die Experimente sind trotz teilweise posi-
tiver erster Ergebnisse nicht abgeschlossen worden. Die anspruchsvollen Ver-
suchsbedingungen der 20er Jahre haben sich später nicht mehr realisieren las-
sen (siehe «Beiträge zur Rudolf Steiner Gesamtausgabe», Nr. 95/96, 1987).
183 «Von Seelenrätseln»: GA 2 1 .
184 aufmerksam gemacht, daß das Prinzip der Metamorphose ... modifiziert werden
muß: Auf S. 24.
191 Himmelssphäre und Erdenradius: «Erdenradius» statt «Erdenwirksamkeit», nach
Stenogramm.
191 konstituieren gewissermaßen zwei Einseitigkeiten: «konstituieren» geändert aus
«konstruieren»; «Einseitigkeiten» statt «Eiszeiten», nach Stenogramm.
das rhythmische Glied: «Glied» statt «Gebiet», nach Stenogramm.
192 mit unserer menschlichen Organisation: «menschlichen Organisation» statt
«Menschheitsorganisation», nach Stenogramm.
199 durch Weglassung von Schwingungsphasen ... anwendet: Es dürften die Fresnel-
schen Formeln gemeint sein, welche besagen, welcher Teil einer Lichtwelle, die
auf ein optisch dichteres Medium trifft, an der Grenzfläche reflektiert und
welcher unter Änderung der Richtung eindringt. Dabei erfolgt die Reflexion
mit einem Phasensprung von einer halben Periode. Fresnel hatte die Formeln
auf mechanischem Wege gewonnen, d.h. aus der elastischen Lichttheorie. Sie
sind in der heutigen elektromagnetischen Theorie der Lichtausbreitung unver-
ändert gültig geblieben.
200 Denkweise der Mechanik ... die es ... mit Zentralkräften zu tun hat: Im ersten
Vortrag des ersten naturwissenschaftlichen Kurses («Geisteswissenschaftliche
Impulse zur Entwickelung der Physik. Erster naturwissenschaftlicher Kurs»,
GA 320) ist der Gegensatz von Zentralkräften mit Potential und Universalkräf-
ten ohne Potential ausgeführt. Die gegenwärtige Stelle kennzeichnet letztere
durch rotierende, scherende und deformierende Bewegungen. Analog hat Edu-
ard von Hartmann seine «organischen Oberkräfte» charakterisiert. Rudolf Stei-
ner erwähnte diese letzteren im öffentlichen Vortrag vom 12. 11. 1917 («Er-
gänzung heutiger Wissenschaften durch Anthroposophie», GA 73, 1973, S.
124). Als tiefer Kenner der Naturwissenschaft hatte Hartmann eingesehen, daß
diese um Kräfte nicht herumkommt, welche über Zentralkräfte hinausgehen.
Er beschreibt sie im «System der Philosophie im Grundriß, Bd. 2, Grundriß
der Naturphilosophie» (1907), S. 213ff. mit Worten wie den folgenden: «Die
organischen Oberkräfte sind erstens keine materiellen, mechanischen, energe-
tischen Kräfte ... sind zweitens nicht bewußte Intelligenzen ... sind drittens
nicht individuell ... Die organischen Oberkräfte wirken erstens krummlinig
(nicht geradlinig), drehend, scherend oder deformierend ... entfalten zweitens
eine überbewußte ... Intelligenz ... sind drittens supraindividuell ... Es gibt
organische Oberkräfte der Zellorgane, der Zellen, ... der Naturreiche, der
Himmelskörper und des Universums.» Man vgl. auch den Hinweis zu S. 337.
204 Zeitraum, der etwa 50'000 Jahre ... zurückrückt: Die Figuren 2 und 3 finden
sich samt der Angabe von 50'000 Jahren in dem verbreiteten Buche von A.
Disterweg, «Populäre Himmelskunde», 20. Aufl., 1904, S. 346. Neue Nach-
schlagewerke wie Meyers Lexikon (1972) oder Brockhaus abc Astronomie
(1977) enthalten etwa dieselben Figuren, aber mit der Angabe von lOO'OOO
Jahren.
205 Bewegungen des Sternes ... in der Visierlinie: Darauf wird S. 287 zurück-
gekommen.
206 Dann aber wendet er sich um ... und geht dann wiederum so fort: Die auf diese
Worte folgende Ausführung über Merkur wurde im 1. Druck in folgender
veränderter Form wiedergegeben: «Solche Schleifen bildet er einmal während
eines sogenannten synodischen Umlaufes (Fig. 4). Das ist dasjenige, was wir
zunächst für die Beobachtung eben die Merkurbewegung nennen können. Die
übrige Bahn ist einfach, nur an einzelnen Stellen zeigt er eben diese Schleifen.»
Diese Änderung entspricht der elementaren Astronomie, wird aber der Haltung
des Vortragenden nicht gerecht. Darauf wurde zu Beginn der Hinweise schon
kurz eingegangen. Neu zu berühren ist hier das moderne, aus Radarbeobach-
tungen gewonnene Ergebnis, das die Rotationsdauer von Merkur um seine
Achse nicht, wie die alten Beobachtungen, insbesondere diejenigen Schiaparel-
lis, ergeben hatten, gleich der siderischen Umlaufszeit von 88 d sei, sondern
2
li von 88 d . Die Schwierigkeit der teleskopischen Beobachtung war so groß,
daß der Sachverhalt den früheren Beobachtern entgangen ist. Während nach
Schiaparelli Merkur nach jedem synodischen Umlauf dasselbe Gesicht der Erde
oder der Sonne zeigen sollte, ist das nur nach jedem dritten Umlauf einiger-
maßen der Fall. Die Radarbeobachtung hat sich so auch fotografisch bestätigt.
- Es sei hier noch hervorgehoben, daß Hermann von Baravalle, ein Teilnehmer
am vorliegenden Kurs, im «Sternkalender» 1937 der Mathematisch-Astronomi-
schen Sektion am Goetheanum die Kurve der Merkurstellungen relativ zur
untergehenden bzw. aufgehenden Sonne entworfen und daran die günstigen
Beobachtungszeiten abgelesen hat. Die Baravallesche Kurve kann als eine späte
Frucht des vorliegenden Kurses betrachtet werden. - Eine neue, einfache
Methode zur Feststellung guter Merkursichtbarkeiten kann auf dem Wege über
das «Oval» gewonnen werden. Dieses ist die Kurve, welche der Scheitelpunkt
der Ekliptik im Verlaufe des Sterntages über dem Horizont beschreibt. Für die
geographische Breite von Basel von 47,5° ist es folgende Kurve:
Die Kurve gibt z. B. am Ort ]£ an, wo der Beginn des Tierkreisabschnittes
«Zwillinge» sich in dem Moment befindet, da er der Scheitelpunkt der Ekliptik
ist. Man kann aus der Figur herauslesen: 65° über Horizont und auf dem
Vertikal von 17° östlich der Mittagslinie. Das bei der Sternzeit 3 h 17. Für gute
Sichtbarkeit am Abend kommt es darauf an, daß in der Zeit großer östlicher
Elongation des Planeten die Ekliptik bei Sonnenuntergang bzw. wenig später
genügend steil über den Horizont aufsteigt. - Nun ist das Datum der größten
Elongation Merkurs in den Ephemeriden verzeichnet, ebenso die Zeit des
Sonnenuntergangs. Zu diesem Datum und dieser Uhrzeit kann auf der Stern-
karte die Stellung des Himmels abgelesen werden und auf der Mittagslinie die
Rektaszension der Sterne, welche im Moment durch diese Linie gehen. Diese
Rektaszension ist aber die Sternzeit des Augenblicks. Was man nun dem Oval
entnehmen kann, ist, daß für die Sternzeiten von 2h bis 10h die Ekliptik sehr
steil steht. Es herrscht dann beste Merkursichtbarkeit. Ein Beispiel: 1985 be-
steht am 17. 3. eine östliche Elongation von 18°. Sonnenuntergang ist um
18 h 38. Diese Zeit am 17. 3. eingestellt zeigt die Sternzeit von 5h42 an, also eine
ganz hervorragend steile Ekliptik und damit beste Merkursichtbarkeit. (Zur
Theorie des «Ovals» vergleiche man die Darstellung im Heft 117 der «Beiträge
zur Rudolf Steiner-Gesamtausgabe» von 1996.) Nun verschieben sich die größ-
ten Elongationen des Merkur von Jahr zu Jahr etwa um 18 Tage im Kalender
nach rückwärts. 1988 ist die vorige Elongation auf den 26. 1. gerückt, und die
Sternzeit ist l h 10. Das ist keine sehr steile Stellung der Ekliptik mehr. Die
Sichtbarkeit ist nur eine mäßige geworden. Das die früheste Sichtbarkeit von
1988. Die darauf folgende mit der Elongation vom 19. 5. ist noch etwas
schlechter, nämlich mit der Sternzeit l l h 1 7 . Sie rückt aber 1989 auf den 1. 5.
vor und bekommt die Sternzeit 9 h 42, also eine wesentliche Verbesserung. In
den folgenden Jahren wird diese Sichtbarkeit zunächst noch besser, nimmt
dann wieder ab usw. usw.
206 Figuren 4-7: Die Form der Schleifen, die unvertraut anmuten mag, geht sofort
in vertraute Formen über, wenn Links und Rechts vertauscht wird. Dann
zeigen auch die Pfeile im rechtläufigen Sinn. Die Umkehrung des Drehsinnes
hat Gründe, über welche nichts gesagt wird. Sie kommt auch vor in der Eu-
rythmie bei der Darstellung der «Zwölf Stimmungen», wo die Sonne bei jeder
der 12 Strophen den ganzen Tierkreis durchläuft. Dieser ist im Uhrzeigersinn
aufgestellt, und so bewegt sich auf der Bühne auch die Sonne (vgl. «Die Ent-
stehung und Entwickelung der Eurythmie», GA 277a, 1982, S. 70). Als Rudolf
Steiner bei einer Eurythmieprobe wegen dieses Umlaufsinnes gefragt wurde,
antwortete er, der müsse so sein, denn es handle sich um eine Spiegelung
(Mitteilung von Ilona Schubert). In diesem Zusammenhang sei noch hingewie-
sen auf die Spiegelung, in welcher die astrale Welt alle Dinge und Vorgänge
zeigt, man vgl. etwa «Vor dem Tore der Theosophie», 2. Vortrag, GA 95.
211 auseinandergehende ... Lemniskate: Statt «ausgehende», nach Stenogramm.
212 Moriz Benedikt, Eisenstadt 1835-1920 Wien. Mediziner, Kriminalanthro-
pologe.
212 in die mathematischen Gebilde, die geometrischen Gebilde: «Gebilde» statt
«Gebiete», nach Stenogramm.
216 da eben in ihren Scheinbildern: «eben» statt «oben», gemäß Nachschrift.
219 Figur 1: Sie ist so zu verstehen, daß die Schleife in einer Ebene senkrecht zum
Radius liegt.
229 in der älteren Mysterien-Astronomie ... von drei Sonnen gesprochen worden ist:
Dies bezeugt Julianus Apostata in seiner «Rede auf den König Helios» (vgl.
Anna Margaret Derbe, «Gestaltwandel im Geschichtswerden», Stuttgart 1979,
S. 39ff.). H. P. Blavatsky geht in der «Geheimlehre», Bd. 3, Abt. XXIII, sowohl
auf diese Anschauung im allgemeinen als auf ihren Vertreter Julianus Apostata
näher ein. Man vgl. auch den nach dem vorliegenden Kurs gehaltenen Londo-
ner Vortrag vom 24. 4. 1922 in «Das Sonnenmysterium und das Mysterium
von Tod und Auferstehung», GA 211.
229 die gegenwärtige Astronomie hat auch drei Sonnen: Eine genauere Ausführung
findet sich auf S. 307.
230 durch ... Kombination der Mineralstruktur die Pflanzenstruktur zu gewinnen:
«zu gewinnen» ist ergänzt.
230 generatio aequivoca: Gleichbedeutend mit «Urzeugung».
232 ein Gabelungsprozeß: Ein solcher und der ideelle Punkt kommt schon vor in
Goethes «Naturwissenschaftlichen Schriften». Siehe Hinweis zu S. 24, Band 1,
S. 11 und die dazugehörige Anmerkung.
233 Emil Selenka, Braunschweig 1842-1902 München. Zoologe.
235 Zitat des Archimedes: Rudolf Steiner hat das Zitat Plutarch zugeschrieben. Die
Stelle findet sich jedoch schon in der «Sandrechnung» des Archimedes. O b
auch Plutarch sie wiedergegeben hat, konnte nicht entschieden werden. Mög-
licherweise liegt eine Verwechslung vor mit einer andern Erwähnung des Ari-
starch durch Plutarch. Darüber berichtet Rudolf Wolf (Handbuch der Astro-
nomie, Bd. 1, Zürich 1890, S. 536): «Zur Ergänzung des Berichtes von Archi-
medes ist zu erinnern, daß Plutarch in seiner Schrift <De facie in orbe lunae>
erzählt, man habe daran gedacht, den Samier Aristarch als Religionsverächter
vor Gericht zu stellen, da er den heiligen Weltherd verrücke, indem er, <um die
Himmelserscheinung richtig zu stellen den Himmel stille stehen, die Erde
dagegen in einem schiefen Kreise fortwälzen und zugleich um ihre eigene Achse
drehen ließ.»>
Aristarch von Samos, lebte um 320—250 v. Chr.
Archimedes, lebte in Syracus 287-212 v. Chr. Bedeutender Mathematiker und
Mechaniker. Gibt in der «Sandrechnung» an, daß die Zahl der Sandkörner,
welche das Weltall des Aristarch zu umfassen imstande wäre, modern ausge-
drückt 10 63 sei.
235 Plutarch, 4 6 - 1 2 0 . Griechischer Schriftsteller, Platoniker, Priester in Delphi.
Von ihm stammt ein großes literarisches Werk, das reichen Aufschluß gibt
über Persönlichkeiten und Anschauungen der Alten Welt. Vgl. zu Plutarch die
Ausführungen des Kapitels «Mysterien und Mysterienweisheit» in «Das Chri-
stentum als mystische Tatsache ...» (1902), GA 8.
236 die fünfte nachatlantische Kulturperiode: Siehe Hinweis zu S. 147.
was für diesen Aristarch von Samos gilt, für viele Menschen gegolten hat: Es wird
dazu gesagt, daß dies schwer durch äußere Dokumente zu belegen sei. Das
Plutarch-Zitat weiter oben zeigt, wie Kräfte dahin wirkten, solche Anschauun-
gen sich nicht ausbreiten zu lassen. Dennoch sind sie in Spuren vorhanden.
Zunächst bei den Pythagoreern. Diese lehrten die Drehung der Erde um ihre
Achse und ihre Bewegung um ein «Zentralfeuer». Eine bewegte Erde ist also
kein für Griechen unmöglicher Gedanke. Dann bei Piaton. Wohl liest man in
den Geschichten der Astronomie, er habe die Aufgabe gestellt, die Planetenbe-
wegungen durch gleichmäßige Kreisbewegungen darzustellen, was durch die
großartigen Konstruktionen des Eudoxos und Aristoteles mit homozentrischen
Sphären gelöst wurde. Doch berichtet R. Wolf (a.a.O.) über ihn: «Ob Aristarch
... Ideen weiter verfolgte, die schon Piaton teils in seinem <Timaeus>, wo er die
Achsendrehung der Erde andeutete, teils im höheren Alter, wo er nach Plutarch
<die Erde nicht mehr die Mitte des Ganzen einnehmen ließ, sondern diesen
Platz einem andern, besseren Gestirn einräumte), schüchtern aussprach, weiß
man nicht.» Weiter bemerkt Wolf, es sei auch nicht unbekannt gewesen, «daß
die alten Ägypter die unteren Planeten für Trabanten der Sonne hielten.»
Genau dieses behauptet nun, ohne Bezugnahme auf die Ägypter allerdings, der
Platon-Schüler Herakleides von Pontus. Ja, dieser scheint noch weiter gegangen
zu sein. Im Artikel «Astronomia» der Enciclopedia Italiana, welcher auf den
Forschungen Schiaparellis fußt, wird ausgeführt, in der Zeit des Herakleides
seien, durch ihn selber oder durch andere, auch die oberen Planeten zu Tra-
banten der Sonne gemacht worden, so daß damals schon das System des Tycho
de Brahe konzipiert worden sei. Und auch den weiteren Schritt — den eigent-
lich heliozentrischen - habe Herakleides getan. So berichtet nämlich ein von
Simplicius überliefertes Fragment, das allerdings in die philologischen Kontro-
versen hineingerät. - Bald nach Aristarch begründet der Chaldäer Seleukos von
Seleukia den von diesem zunächst hypothetisch aufgestellten Gedanken. Dann
aber geht seine Spur für Jahrhunderte verloren.
237 Claudius Ptolemäus, lebte 138—180 in Alexandrien. Sein Hauptwerk, von den
Arabern «Almagest» genannt, entwickelt die von den Griechen erarbeitete
Astronomie im systematischen Überblick, hauptsächlich fußend auf Hipparch
(190-120 v. Chr.).
238 daraus diese Bewegungen zusammensetzten: «zusammensetzten» statt «zusam-
menrechneten», nach Stenogramm.
so unterscheiden sich diese zwei Kurven kaum. Es ist verschiedentlich bemerkt
worden, daß die Konstruktionen der Ptolemäer auf eine geometrische Weise
der Beginn desjenigen sind, was die Reihenentwicklungen der Himmelsmecha-
nik auf analytische Weise geben.
241 König Alfons: Alfons X. von Kastilien, Toledo 1223-1284 Sevilla. Sein Aus-
spruch: «Wenn Gott mich bei Erschaffung der Welt zu Rate gezogen hätte, so
hätte ich es einfacher gemacht.» Alfons wurde mit dem Namen «der Weise, der
Astronom» belegt. Er hat ein Kollegium von 50 arabischen, jüdischen und
christlichen Astronomen gebildet, welches 1252 die sog. Alfonsinischen Tafeln
herausbrachte, die maßgebende Ephemeride bis in die Renaissance hinein.
242 Gleichungen: Sie gelten für die oberen Planeten und bedeuten geometrisch, daß
der Radius im Epizykel, der nach dem Planeten zeigt, immer die Richtung
Erde-Sonne hat. Dies als Folge der fundamentalen Annahme von Ptolemäus,
daß die Umlaufszeit im Deferent gleich der siderischen, diejenige im Epizykel
gleich der synodischen sein soll (Almagest, 9. Buch, 6. Kap.): Beide Umlaufs-
zeiten lassen sich direkt an den Erscheinungen bestimmen. Es ist also, geschrie-
ben mit den Bezeichnungen des Mars, x3= 360° : synodische Umlaufszeit
x' = 360° : siderische Umlaufszeit, die beiden Zeiten in Tagen gerechnet. N u n
hat die synodische Umlaufszeit mit der Sonne zu tun. Sie ist die Zeit, in
welcher diese um volle 360° dem Planeten vorauseilt. x3 ist also der Schritt, um
welchen sich die Sonne im Mittel während eines Tages vom Planeten entfernt.
Analog ist x' der Schritt des Planeten gegenüber den Sternen, x3 + x' also der
tägliche Schritt der Sonne gegenüber den Sternen, und das ist y. Die Gleichun-
gen sind also richtig schon aus den Begriffen der siderischen und synodischen
Umlaufszeit heraus. Dies zunächst ohne Bezugnahme auf Deferent und Epizy-
kel. Betrachtet man jetzt diese, ausgehend z.B. von einer Konjunktion, wo Erde
E, Sonne S, Mittelpunkt M des Epizykels und Planet P in gerader Linie stehen,
so dreht sich die Richtung EM täglich um x \ M P dreht sich um x3, und zwar,
nach Auffassung der Ptolemäer, vom Radius EM aus gemessen. Indem beide
Drehungen im selben Sinn erfolgen, hat sich M P gegenüber den Sternen um
x' + x? = y gedreht, also gleich stark wie ES, und ES und MP sind dauernd
parallel. Nach Ablauf der synodischen Umlaufszeit fallen ES und EP überein-
ander schon nach dem Begriff, aber es ist auch M P parallel ES und damit M
in gerader Linie mit E, S, P. Die Konjunktionsstellung ist ganz zu sich zurück-
gekehrt, womit die innere Stimmigkeit der Ptolemäischen Annahmen sich
bestätigt. Man vgl. zum ptolemäischen Weltsystem auch Elisabeth Vreede,
«Astronomie und Anthroposophie», Dornach 1980, S. 6 4 - 8 1 .
243 Zusammenfassung der empirisch gegebenen Planetenorte: Statt «Zusammenfügung
... Weltenorte», nach Stenogramm.
244 «Rätsel der Philosophie»: Siehe Hinweis zu S. 115.
245 Walter Johannes Stein, Wien 1891-1957 London. Ursprünglich Mathematiker,
dann Schriftsteller philosophischer und historischer Richtung. Lehrer an der
Waldorfschule.
246 Galilei: Siehe S. 18.
Kepler: Siehe S. 18. Sein Ausspruch: «Ja, ich bin es, ich habe die goldenen
Gefäße der Ägypter geraubt, um meinem Gott aus ihnen ein Heiligtum zu
errichten, fern von den Grenzen Ägyptens. Wenn ihr mir vergebt, werde ich
mich freuen, wenn ihr zürnt, werde ich es tragen; - hier werf ich den Würfel
und schreibe dies Buch für den heutigen wie den dereinstigen Leser - was liegt
daran?» («Harmonices mundi», 1619, Vorrede zum 5. Buch. Übertragen von
Max Caspar).
247 daß man in Kreisform darstellt: «in» statt «die», nach Stenogramm.
Newton: Siehe S. 22.
249 Selenka: Siehe S. 233.
253 Das ist... richtig ... gegenüber einer so progredierenden Erscheinung: «progredie-
renden» statt «programmatischen» gesetzt.
257 in verschiedener Substantialität durchdringt den Organismus, und das, was ...:
«das, was» statt «daß das» gesetzt.
259 auf früherer Stufe als diejenige des Tieres: «früherer» statt «höherer», nach
Stenogramm.
260 daß wir eben diesen ideellen Punkt bekommen: Siehe S. 232.
wie der Vorgang vorgestellt werden muß: Siehe S. 139ff.
dem polarischen Gegenteil des tierischen Kopfes: So die Nachschrift und der
1. Druck. Das Stenogramm hat «Menschenkopfes» statt «tierischen Kopfes».
264 Figur 8: Die Aufstülpung rechts ist durch den Kursteilnehmer Dr. H . Poppel-
baum bezeugt.
269 gewaltige Deformation: «gewaltige» statt «umgewandelte», nach Stenogramm.
270 Wir haben ... auf die Cassinische Kurve hingewiesen: S. I66ff.
273 bei doppelt variablen Gleichungen: Siehe S. 197f. und S. 212f.
Funktionen zugrunde legen: «Funktionen» geändert aus «Gleichungen» nach
S. 213, wo es in diesem Zusammenhange heißt «... deren Funktionalität in
sich selber eine Funktion darstellt».
274 Gegenraum: In den 30er Jahren begann George Adams (-Kaufmann) und, un-
abhängig von ihm, Louis Locher die Vorstellungswelt der projektiven Geome-
trie zur Interpretation verschiedener Angaben Rudolf Steiners heranzuziehen.
(Vor allem auch der späteren Stelle in einer Fragenbeantwortung vom 12. April
1922, Den Haag, gedruckt in «Damit der Mensch ganz Mensch werde»,
GA 82, Dornach 1994. Eine vollständige Bibliographie findet sich bei Olive
Whicher in «Projektive Geometrie», 1970 Stuttgart, Kap. IX.)
Das Gesetz der Dualität läßt einem jeden Gebilde aus Punkten ein ebensol-
ches aus Ebenen entsprechen; z. B. entsprechen den Punkten einer Geraden,
die Ebenen durch eine Gerade, den Punkten einer Ebene alle Ebenen eines
Punktes. Einem Kubus, begrenzt von sechs quadratischen Ebenen, entspricht
ein Oktaeder mit sechs vierkantigen Ecken, den acht dreikantigen Ecken des
Kubus entsprechen die acht dreiseitig begrenzten Flächen des Oktaeders.
Adams und Locher haben die anschauliche Ausgestaltung der konkreten Erfül-
lung eines «aus Ebenen bestehenden Gebildes» in ihren Werken ausgestaltet.
Zwar ist die Idee von Räumen mit anderen Raumelementen als dem Punkt
bereits im letzten Jahrhundert gebildet worden, hat aber nie ernste Beachtung
für eine Beschreibung der Wirklichkeit gefunden. In späteren Veröffentlichun-
gen nehmen Autoren wie Bernhard und Gschwind (Mathematisch-Astronomi-
sche Blätter - Neue Folge, Nr. 1 und Nr. 4, 2. Aufl. Dornach 1991 und 1996)
darauf Bezug. - In der Schrift «Universalkräfte in der Mechanik» hat Adams
seinen Ansatz einerseits in die theoretische Physik, anderseits in Gebiete der
höheren Geometrie erweitert. Gschwind in Mathematisch- Astronomische
Blätter Nr. 6 knüpft hieran und an die Grundaussagen Rudolf Steiners an.
278 ich habe in andern Vorträgen öfter erwähnt: Z. B. Vortrag vom 30. 12. 1917 in
«Mysterienwahrheiten und Weihnachtsimpulse», GA 180.
282 was da außerhalb dieses abstrakten Kreises: «außerhalb» statt «innerhalb», nach
Stenogramm.
eine kleine Sphäre: «kleine» statt «gleiche», nach Stenogramm.
285 Zentren der Beobachtung: Das Stenogramm hat «Bögen» statt «Beobachtung».
für planetarische ... Bewegungen: «planetarische» statt «phantastische», nach
Stenogramm.
287 Doppelsterne ... umeinander bewegen: Nach solchen wurde systematisch und
mit viel Erfolg gesucht, nachdem John Michell 1784 ausgesprochen hatte, daß
es viel mehr nahe beieinander erscheinende Sterne gebe, als dem Zufall entspre-
che. Die Paare hätten also etwas miteinander zu tun. Es zeigte sich, daß sie sich
umeinander bewegen. Diese Bewegung spiegelt sich wegen des Dopplereffektes
im Spektrum. Solche Bewegungen im Spektrum kann man auch feststellen in
Fällen, wo man es visuell scheinbar nur mit einem Stern zu tun hat. Man hat
einen «spektroskopischen Doppelstern».
des Dopplerschen Prinzipes: Bezieht sich auf alle Wellenvorgänge. Für den Be-
obachter, der sich dem Ausgangspunkt der Welle nähert, erscheint ihre Fre-
quenz erhöht, wenn er sich entfernt erniedrigt. Die Erscheinung ist alltäglich
für die Höhe eines Pfeiftones von einem vorbeifahrenden Fahrzeug. Im Sinne
der Wellentheorie des Lichtes mußte erwartet werden, daß die Spektrallinien
eines Sternes gegen Blau verschoben sind, wenn der Stern sich der Erde nähert;
gegen Rot, wenn er sich entfernt. W. Huggins hat 1867 solche Verschiebungen
beobachtet und nach dem Dopplerschen Prinzip auf Annäherung bzw. Entfer-
nung zurückgeführt.
287 Christian Doppler, Salzburg 1803-1853 Venedig. Physiker.
291 bei der Kritik des Arbeitsbegriffes: Z. B. Vortrag vom 11.8.1919 in «Die Erzie-
hungsfrage als soziale Frage», GA 296.
294 wenn in den allgemeinen Anthroposophischen Vorträgen immer betont werden
muß: Z. B. Vortrag vom 25.6.1918 in «Erdensterben und Weltenleben»,
GA 181.
Bewegung durch den Willen stehen in: «stehen» ergänzt.
braucht in psychologischer Beziehung: «psychologischer» gemäß Nachschrift und
1. Druck. Das Stenogramm hat «physiologischer».
296 in unserem Forschungsinstitut: Es wurde 1920 mit einer physikalischen und
einer biologischen Abteilung im Zusammenhang mit dem wirtschaftlichen Zu-
sammenschluß «Der Kommende Tag» in Stuttgart gegründet und ist in die
Notlage der Inflationszeit der 20er Jahre hineingeraten. Es konnte später nur
in kleinerem Rahmen am Goetheanum in Dornach fortgeführt werden.
in dem Wärmekurs: Siehe den Hinweis zu S. 160.
298 außerhalb des Sonnenkernes: «Sonnenkernes» statt «Sonnenkörpers», nach
Stenogramm.
302 die Dinge ... weiter durchzudenken: Es ist beim Lesen zu bemerken, daß zwi-
schen diesen und den darauf folgenden Worten eine Lücke ist. Das fehlende
Stück bezieht sich auf eine Einzelheit, über welche am Vortage eine Diskussion
stattgefunden hatte. Sei es, daß es als zu sehr von der Hauptsache wegführend
erschienen ist, sei es, daß die Nachschrift hier als zu unvollständig und dunkel
erachtet wurde, es ist beim ersten Druck, durch eine Fußnote gekennzeichnet,
ausgelassen worden. Doch haben die knappen Worte einen präzisen und auf-
schlußreichen mathematischen Hintergrund und werfen ein neues Licht auf die
im Zusammenhang des ganzen Kurses so bedeutsame Lemniskate. Man verge-
genwärtige sich dabei, daß die folgenden Worte die Antwort sind auf eine am
Vortage aufgeworfene Frage:
«Es hat einer der verehrten Zuhörer gestern eine sehr wichtige Bemerkung nach
dem Vortrage gemacht, die wichtig ist aus dem Grunde, weil vielleicht eben
gerade geglaubt werden könnte, daß sie einen gewissen Einfluß hat auf das
Prinzipielle, das hier betrachtet worden ist. Das letztere ist nicht der Fall,
sondern es liegt etwas anderes vor. Es ist nämlich dies: Der Herr hat mich
aufmerksam gemacht, wenn man die Gleichung der Cassinischen Kurve nach-
rechnet, so bekommt man heraus, wie man die sogenannte Lemniskate eigent-
lich zu ziehen hat. Die Rechnung ergibt — ich konnte nicht anders, als dem
Herrn Recht geben, als ich die Sache nachgerechnet habe — die Rechnung
ergibt, wenn man dasjenige, was bei gewöhnlichen Koordinaten schwer festzu-
stellen ist, in bezug auf diese Kurve mit Polarkoordinaten untersucht, daß man
diese Lemniskate, von der ich gesprochen habe und die ein spezieller Fall der
Cassinischen Kurve ist - also, wenn ich hier diese besondere Form der Cassi-
nischen Kurve zeichne (Fig. la) —, daß ich die Lemniskate nicht so ziehen darf
la lb
(wie eine Acht, Fig. la), sondern sie so ziehen m u ß (Fig. lb). Das ist also
dasjenige, was sich aus der Gleichung in Wirklichkeit ergibt. Dagegen hat es
auf diejenigen Dinge, die wir hier auseinandergesetzt haben, keinen prinzipi-
ellen Einfluß, weil die Sache sofort anders wird, wenn Sie sich vorstellen, daß
ich diese Lemniskate nicht so zeichne, wie ich sie jetzt hier gezeichnet habe
(Fig. lb), sondern daß ich, während ich die Lemniskate zeichne, die Zeich-
nungsebene um die Achse der Lemniskate herumdrehe. Wenn ich also, wäh-
rend ich zeichne, um die Achse der Lemniskate herumdrehe, dann bekomme
ich in der Tat diese Figur (la) heraus.»
Erst jetzt erhalten die nun folgenden Worte ihren rechten Sinn. Aber wie
sind die Dinge genauer zu verstehen? Es wurde gesagt, daß die Frage nur in
Polarkoordinaten zu klären sei. In diesen schreibt sich, wenn man alle Längen
mit dem längsten Radiusvektor der Lemniskate als Einheit mißt, ihre Glei-
chung: r = (cos2f ) 1 / 2 . Hier wird r imaginär, also aus dem Raum hinausgehend,
wenn cos2f negativ wird. Der Vorzeichenwechsel erfolgt an den Winkelhalbie-
renden der 4 Quadranten, r ist reell in den beiden Winkelfeldern, welche von
der x-Achse halbiert werden, imaginär in den Feldern, welche die y-Achse
durchsetzt. Da das reelle r immer als positiv genommen wird, sind die Kurven-
punkte mit f = 45°- a und f = 135° + f symmetrisch zur y-Achse. Zwischen
45° und 135° gibt es keine Punkte, ebensowenig zwischen —45 und —135°. Bei
stetiger Zunahme von f verläuft die Lemniskate mit einem Knick gemäß Fig.
l b . Das etwa dürfte die am Vortag gemachte Bemerkung gewesen sein. - Die
Rotationslemniskate wird nun am einfachsten, wenn man die Ebene der Lem-
niskate mit derselben Geschwindigkeit um den längsten Durchmesser der Lem-
niskate dreht, mit welcher sich der Radiusvektor in der Ebene dreht. Der
Drehwinkel ist dann ebenfalls f. Die Projektion des laufenden Punktes auf die
Ausgangsebene hat dasselbe x wie der entsprechende Punkt der Lemniskate in
der Ausgangsebene. Das y jedoch erleidet den Faktor cosf. Weil nun für reelle
Punkte der Kurve cosf betragsmäßig nie kleiner als cos45° = 0,707 wird,
weicht die Projektion der Kurve nie stark von Punkten der Ausgangslemniskate
ab. Wohl aber in ihrem Verlauf. Denn cosf ist im 2. und 3. Quadrant negativ,
und die Projektion der Rotationslemniskate verläuft achtförmig wie Fig. la,
wenn die Lemniskate wie Fig. 1 b durchlaufen wird, und umgekehrt. Ist bei der
Lemniskate der Winkel im Kreuzungspunkt ein rechter, so bei der neuen
Kurve 2arctan(l:2 1 / 2 ) = 70,5°.
1 gewöhnliche Lemniskate 2 Projektion der Rotationslemniskate
302 mit dieser räumlichen Zeichnung: «räumlichen» ist ergänzt.
angedeutet, daß man ... mit Rotationskörpern zu tun hat: Siehe S. 198.
304 denjenigen ..., den ich schon erwähnt habe: Auf S. 230f.
der dem physischen Menschenbildungsprozeß: «physischen» ergänzt.
306 Diese Kurve ... ist eindeutig zu bestimmen ... daß sie eine Rotations-Lemniskate
ist: Die Angaben zur lemniskatischen Bewegung haben viele Kommentatoren
beschäftigt (siehe Literaturangaben weiter unten). Zum Sachlichen seien nur
die folgenden Bemerkungen gemacht:
1. Versuch und Anschauung lehren rasch, daß eine ebene und ruhende Ach-
terschleife (Lemniskate) keine Lösung der geometrischen Aufgabe besitzt:
von zwei Punkten einigermaßen festen Abstandes so durchlaufen zu wer-
den, daß die Visierlinie vom einen zum andern ein ebenes Strahlenbüschel
ohne Rückläufigkeiten oder Stillstände durcheilt. Dies ist notwendig für
Erde - Sonne.
2. Läßt man eine Bewegung der Lemniskate zu, steht man vor der Qual der
Wahl; denn man denke das zuletzt genannte Strahlenbüschel, so kann
man die Lemniskate mit 2 Freiheitsgraden um die Strecke Erde - Sonne
schieben und (räumlich) drehen.
3. Es sind Ansätze mit mehr als einer Lemniskate von L. Locher (1),
G. Adams, J. Schultz und anderen gegeben worden (2). Später haben
G. Unger und H. Bauer weiterführende Beiträge gegeben (3).
Literatur:
(1) L. Locher-Ernst bei der Herausgabe der Vorträge «Der Mensch, eine Hie-
roglyphe des Weltenalls» (Gesamtausgabe unter dem Titel «Entsprechun-
gen zwischen Mikrokosmos und Makrokosmos», GA 201, 1958, 2. Aufl.
1987) in den «Mathematisch-Astronomischen Blättern», Nr. 4 (Dornach
1942, vergriffen; siehe Lit. 3).
(2) In einem ebenfalls vergriffenen Bericht der Mathematisch-Astronomi-
sehen Sektion am Goetheanum von 1967 wurden verschiedene Ansätze,
speziell der von J. Schultz, durch S. Vetter referiert (siehe Lit. 3).
(3) In Nr. 121 der Mathematisch-Physikalischen Korrespondenz (Dornach
1981) sind Lochers und Schultz' Arbeiten erneut referiert, ein Ansatz von
G. Unger mit einer räumlichen Lemniskate skizziert und eine ausführliche
Arbeit zum Thema von H. Bauer abgedruckt. Dieser hat 1988 eine
Schrift «Über die lemniskatischen Planetenbewegungen» im Verlag Freies
Geistesleben, Stuttgar, herausgegeben.
(4) Es existiert in der Bibliothek der Mathematisch-Astronomischen Sektion
am Goetheanum eine ausführliche Sammlung aller einschlägigen Vor-
tragsstellen von Rudolf Steiner (ca. 100 Seiten). Eine Liste der Stellen
kann bezogen werden.
307 die Besselschen Gleichungen: Sie heißen auch Besselsche «Reduktionen» oder
«Korrekturen». Auf sie hat Rudolf Steiner wiederholt hingewiesen, wenn er die
lemniskatische Sonnen- und Erdbewegung oder das 3. Kopernikanische
Hauptgesetz besprach, außer in dem im Hinweis zu S. 43 genannten Vortrag
vom 28. 9. 1919 z. B. auch in den Vorträgen «Soziales Verständnis aus geistes-
wissenschaftlicher Erkenntnis» (GA 191, 1989, S. 26). Diese Reduktionen ent-
halten verschiedene Bewegungen und Effekte, welche den scheinbaren Ort
eines Sternes beeinflussen und welche Bessel auf eine für die praktische Astro-
nomie rationelle Form gebracht hat. Es handelt sich durchwegs um kleine
Größen, in welchen aber zum Ausdruck kommt, daß es in der Astronomie
nichts Festes gibt und die Koordinatensysteme, durch die man sich orientiert,
alle selber in Veränderung begriffen sind. Die bedeutendste dieser Änderungen
ist die Präzession des Frühlingspunktes im Betrag von jährlich 50,4". Die
andern sind periodisch, mit den größten vorkommenden Amplituden von
20,5" (Aberration), 17,2" (Nutation in Länge) und 9,2" (Nutation in Schiefe
der Ekliptik) und den zugehörigen Perioden von einem Jahr bzw. 182/3 Jahren
und 182/3 Jahren. Übersichtliche Aufstellungen und die praktische Handha-
bung enthalten die Astronomischen Jahrbücher.
307 Friedrich Wilhelm Bessel, Minden 1784-1846 Königsberg. Astronom, ur-
sprünglich Kaufmann.
308 in der Tagundnachtgleiche zusammenfällt mit der Zwischensonne: «Zwischenson-
ne» geändert aus «wahren Sonne». Es müßte sonst der Unterschied zwischen
wahrer Zeit und mittlerer Zeit in der Tagundnachtgleiche verschwinden. Das
ist nicht der Fall, sondern findet gegenwärtig (1997) statt am 16. April, 13.
Juni, 1. September und 25. Dezember. Bei der Verwechslung von «Zwischen-
sonne» und «wahrer Sonne» handelt es sich wohl um einen Schreibfehler oder
Sprechfehler, denn ändert man das Wort, so hat man just die astronomische
Definition der drei Sonnen (man vgl. etwa Rud. Wolf, «Handbuch der Astro-
nomie», Bd. 2, Zürich 1892, S. 350, oder P. S. Laplace, «Exposition du Syste-
me du Monde», 3. Auflage Paris 1808, S. 15). Eine ausführliche Erklärung des
Unterschiedes von mittlerer Zeit und wahrer Zeit findet sich im «Sternkalender
1946» der Mathematisch-Astronomischen Sektion am Goetheanum.
309 Hälfte der Lemniskate ... geht es weiter: Die Nachschrift gibt diesen Satz mit
einer andern Interpunktion: «... Hälfte der Lemniskate heraus: Erde, Sonne,
Erde, Sonne, wenn die herumgegangen ist; dann geht es weiter.»
311 Figur 6: Im 1. Druck enthält die Figur links vom kleinen Pfeil zwei Zeichen,
zuerst eine Art r, dann ein v. Die Meinung ist, daß das r durch das v hätte
ersetzt werden sollen, was nicht richtig geschehen ist.
314 Tycho de Brahe: Siehe S. 39.
315 in anderen Vorträgen erwähnt: Wir sind ... in dem Zwiespalt: Zum Beispiel in
der Vortragsreihe «Die Brücke zwischen der Weltgeistigkeit und dem Physi-
schen des Menschen», GA 202, besonders Vortrag vom 18.12.1920.
316 habe bei andern Gelegenheiten davon gesprochen: Siehe den vorigen Hinweis.
321 die Geistigkeit des Astralischen: Siehe in der «Geheimwissenschaft» das Kapitel
«Wesen der Menschheit», vgl. Hinweis zu S. 107.
322 Wir können ... verfolgen imaginär: Das Wort «imaginär» taucht hier unvorbrei-
tet auf und bleibt isoliert und gleicht insofern einem Stenografie-Fehler. In den
stenografischen Notizen ist die Stelle leider nur summarisch festgehalten und
sie geben zur Frage keinen Aufschluß. Doch kann man durchaus der Meinung
sein, daß «imaginär» wirklich gemeint war: Das Wort ist bis auf die rein schul-
mäßige Bemerkung S. 167 bisher nicht aufgetreten außer in der kurz vor der
gegenwärtigen Stelle eingefügten «Parenthese», welche einen ganz neuen, gei-
steswissenschaftlichen Aspekt gibt, im übrigen aber in einer figurativen Form
dem Imaginären die Dimension senkrecht zum Reellen zuordnet, ähnlich der
Gauß'schen Darstellung. - Soll nun der Vektor a-b eine schiefe Komponente
heraussetzen, so muß eine Wirkung quer zu seiner Richtung aktiv werden. In
diesem Sinne kann das Wort gemeint sein. Seine Isoliertheit muß auch daran
beurteilt werden, daß in die Vorträge nicht nur das hereinspielt, was von vorn-
herein gesagt werden sollte, sondern auch die Fragen, welche bei den einzelnen
Zuhörern sich einstellten. Die darauf bezügliche Ausführung auf der folgenden
S. 376 ist hier sehr zu beachten: «Ich höre auf die Schwingungen im Seelen-
leben der Mitgliedschaft ...».
323 Ich habe ... schon den Vergleich angeführt: Auf Seite 183.
325 komplizierte Funktionen sind: «Funktionen» statt «Kurven», nach Stenogramm.
Man vergleiche den zweiten Hinweis zu S. 273.
327 Den planetarischen Körper ... können Sie ...so vorstellen: «vorstellen» statt «dar-
stellen», nach Stenogramm.
327 was ich methodologisch schon angeführt habe: Siehe S. 252.
331 Wir können in Vorträgen, die demnächst ... wiederum gehalten werden: Dazu
ist es nicht mehr gekommen.
332 das Gedeihen unseres physikalischen ... Forschungsinstitutes: Siehe S. 296.
336 mit einem Hochschulprofessor der Physik: Es kann sich nur um Salomon Kali-
scher (Thorn 1845-1924 Berlin) handeln. In der damaligen Zeit hat nicht
mancher Hochschulphysiker Goethes Farbenlehre herausgegeben, wohl aber
Kalischer, zuerst 1878 in der Hempelschen Ausgabe von Goethes Werken,
dann auch in der Sophienausgabe 1890—1906. Über die Korrespondenz zwi-
schen Rudolf Steiner und Kalischer und die Begegnung der beiden im Goethe-
archiv vgl. den Artikel von Kurt Franz David in der Zeitschrift «Das Goethea-
num», 1971, S. 281.
... uns auseinandergesetzt hatten ... Bei der Goetheschen Farbenlehre ...: Die
Stelle könnte auch lauten: «... uns auseinandergesetzt hatten - er war ein
strenger Newtonianer - : Bei der Goetheschen Farbenlehre ...», doch fehlen
hinreichende Anhaltspunkte.
337 das Himmelssystem ... nach dem Muster zu erklären: Des sog. Plateauschen
Versuches, auf Jos. Ant. Plateau (1873) zurückgehend. Diesen Versuch und die
charakteristische Bemerkung dazu hat Rudolf Steiner in vielen seiner Vorträge
erwähnt. Daß er den vorliegenden Kurs mit dieser Schilderung abschließt, gibt
ihr einen besonderen Nachdruck. Sie enthält den zentralen Einwand gegen die
Nebularhypothese, daß sie nämlich, abstrakt formuliert, gegen den Satz von
der Erhaltung des Drehimpulses verstößt. Kant fußte auf Newton, und dieser
hatte nicht erkannt, daß die von ihm aufgestellte Mechanik diese Grenze im-
pliziert. Erst in der Zeit, als Kant schrieb, hat unter anderen Euler diese Kon-
sequenz durchschaut und als «allgemeinen Flächensatz» ausgesprochen. Es ist
unmöglich, daß der Urnebel, von welchem Kant ausgegangen ist, durch innere
mechanische Wechselwirkung in Drehung geraten kann. Das Bewußtsein da-
von hat sich jedoch nur langsam ausgebreitet. So sieht man auch noch bei
du Prel der Mechanik Dinge zugeschrieben, die sie nicht kann. Ein so gewiegt-
er Kenner der Mechanik wie Laplace hat darum mit seinen Betrachtungen bei
einem schon sich drehenden Urnebel eingesetzt. Wenn aber seine Begegnung
mit Napoleon sich so, wie berichtet wird, abgespielt hat, dann hat er ein
Wesentliches übersehen, als er auf dessen Frage nach der Rolle Gottes in dem
ganzen System die Antwort gab: Sire, ich hatte diese Hypothese nicht nötig. -
Laplace hatte, bewußt oder unbewußt, den «Herrn Lehrer» des Plateauschen
Versuchs schon im voraus drehen lassen. Man vergleiche dazu S. 200 und den
zugehörigen Hinweis.
337 das nächste Mal wollen wir dann von anderen Gesichtspunkten ... wiederum
sprechen: Dazu ist es nicht gekommen, wenigstens nicht in demselben Men-
schenkreis. Möglicherweise sind die «anderen Gesichtspunkte» eingegangen in
den halböffentlichen Vortragszyklus «Der Entstehungsmoment der Naturwis-
senschaft in der Weltgeschichte und ihre seitherige Entwicklung» (GA 326),
welcher zwei Jahre später in Dornach gehalten wurde.
NAMENREGISTER
= im Text nicht namentlich erwähnt
Alfons von Spanien 241 Kant, Immanuel 2 1 , 78, 81, 137
Archimedes 235, 236, 239 Kepler, Johannes 18, 69-74, 77,
Aristarch von Samos 235, 236, 76, 85, 90, 127, 159, 246-248
239, 240, 245, 246 Kirchhoff, Gustav Robert 134
Aristoteles 120 Knauer, Vincenz 116
Kopernikus, Nikolaus 18, 20,
Baravalle, Hermann von 174 39-44, 54, 57, 58, 77, 95, 111,
Benedikt, Moritz 212 235, 238-241, 243, 246, 250,
Bessel, Friedrich Wilhelm 307 251, 253, 260, 314, 329, 337
Blümel, Ernst 9 1 , 174
Byron, George N. Gordon Lord 53 Laplace, Pierre Simon Marquis de
78, 8 1 , 84
Cassini, Giovanni Domenico
166-170, 173, 175, 178, 179, Mach, Ernst 58
196-198, 212, 270-273
Clausius, Rudolf Emanuel 161 Newton, Sir Isaac 22, 72, 73, 76,
77, 247, 310, 336
Darwin, Charles 87, 138 Nietzsche, Friedrich 111
Doppler, Christian 287
D u Bois-Reymond, Emil 22, 23, Oken, Lorenz 24, 184, 185
34
Plato 120, 125-127
Euklid 27, 28, 137, 143, 198, 212, Ptolemäus 20, 58, 95, 110, 194,
283, 286 235-247, 250, 251, 253, 255, 314
Pythagoras 21
Galilei, Galileo 18, 58, 77, 246
Gegenbaur, Carl 24, 185 Schiller, Friedrich 50, 53
Selenka, Emil 233, 249
Goethe, Johann Wolfgang von Stein, Walter Johannes 245
24, 37, 50, 53, 97, 134, 177, 184, Steiner, Rudolf, Werke:
185, 332, 336 - Die Rätsel der Philosophie
(GA 18) 115, 244, 245
Haeckel, Ernst 96, 139 - Die Geheimwissenschaft im Umriß
Hamerling, Robert 117 (GA 13) 107, 120, 121
- Von Seelenrätseln (GA 21) 97,
Hegel, Georg Wilhelm Friedrich 183, 191
158
Hertwig, Oscar 96, 120 Thaies 117
Hille, Peter 85, 86 Tycho de Brahe 39-41, 54, 314
Kalischer, Salomon* 336 Unger, Carl 174
ÜBER DIE VORTRAGSNACHSCHRIFTEN
Aus Rudolf Steiners Autobiographie
«Mein Lebensgang» (35. Kap., 1925)
Es liegen nun aus meinem anthroposophischen Wirken zwei Ergebnisse
vor; erstens meine vor aller Welt veröffentlichten Bücher, zweitens eine
große Reihe von Kursen, die zunächst als Privatdruck gedacht und ver-
käuflich nur an Mitglieder der Theosophischen (später Anthroposophi-
schen) Gesellschaft sein sollten. Es waren dies Nachschriften, die bei den
Vorträ gen mehr oder weniger gut gemacht worden sind und die — wegen
mangelnder Zeit — nicht von mir korrigiert werden konnten. Mir wäre es
am liebsten gewesen, wenn mündlich gesprochenes Wort mündlich ge-
sprochenes Wort geblieben wäre. Aber die Mitglieder wollten den Privat-
druck der Kurse. Und so kam er zustande. Hätte ich Zeit gehabt, die
Dinge zu korrigieren, so hätte vom Anfange an die Einschränkung «Nur
für Mitglieder» nicht zu bestehen gebraucht. Jetzt ist sie seit mehr als
einem Jahre ja fallen gelassen.
Hier in meinem «Lebensgang» ist notwendig, vor allem zu sagen, wie
sich die beiden: meine veröffentlichten Bücher und diese Privatdrucke in
das einfügen, was ich als Anthroposophie ausarbeitete.
Wer mein eigenes inneres Ringen und Arbeiten für das Hinstellen der
Anthroposophie vor das Bewußtsein der gegenwärtigen Zeit verfolgen
will, der muß das anhand der allgemein veröffentlichten Schriften tun. In
ihnen setzte ich mich auch mit alle dem auseinander, was an Erkenntnis-
streben in der Zeit vorhanden ist. Da ist gegeben, was sich mir in «gei-
stigem Schauen» immer mehr gestaltete, was zum Gebäude der Anthro-
posophie - allerdings in vieler Hinsicht in unvollkommener Art — wurde
Neben diese Forderung, die «Anthroposophie» aufzubauen und dabei
nur dem zu dienen, was sich ergab, wenn man Mitteilungen aus der
Geist-Welt der allgemeinen Bildungswelt von heute zu übergeben hat,
trat nun aber die andere, auch dem voll entgegenzukommen, was aus der
Mitgliedschaft heraus als Seelenbedürfnis, als Geistessehnsucht sich offen-
barte.
Da war vor allem eine starke Neigung vorhanden, die Evangelien und
den Schrift-Inhalt der Bibel überhaupt in dem Lichte dargestellt zu hören,
das sich als das anthroposophische ergeben hatte. Man wollte in Kursen
über diese der Menschheit gegebenen Offenbarungen hören.
Indem interne Vortragskurse im Sinne dieser Forderung gehalten
wurden, kam dazu noch ein anderes. Bei diesen Vorträgen waren nur
Mitglieder. Sie waren mit den Anfangs-Mitteilungen aus Anthroposophie
bekannt. Man konnte zu ihnen eben so sprechen, wie zu Vorgeschrittenen
auf dem Gebiete der Anthroposophie. Die Haltung dieser internen Vor-
träge war eine solche, wie sie eben in Schriften nicht sein konnte, die ganz
für die Öffentlichkeit bestimmt waren.
Ich durfte in internen Kreisen in einer Art über Dinge sprechen, die
ich für die öffentliche Darstellung, wenn sie für sie von Anfang an be-
stimmt gewesen wären, hätte anders gestalten müssen.
So liegt in der Zweiheit, den öffentlichen und den privaten Schriften,
in der Tat etwas vor, das aus zwei verschiedenen Untergründen stammt.
Die ganz öffentlichen Schriften sind das Ergebnis dessen, was in mir rang
und arbeitete; in den Privatdrucken ringt und arbeitet die Gesellschaft
mit. Ich höre auf die Schwingungen im Seelenleben der Mitgliedschaft,
und in meinem lebendigen Drinnenleben in dem, was ich da höre, ent-
steht die Haltung der Vorträge.
Es ist nirgends auch nur in geringstem Maße etwas gesagt, was nicht
reinstes Ergebnis der sich aufbauenden Anthroposophie wäre. Von irgend
einer Konzession an Vorurteile oder Vorempfindungen der Mitgliedschaft
kann nicht die Rede sein. Wer diese Privatdrucke liest, kann sie im voll-
sten Sinne eben als das nehmen, was Anthroposophie zu sagen hat. Des-
halb konnte ja auch ohne Bedenken, als die Anklagen nach dieser Rich-
tung zu drängend wurden, von der Einrichtung abgegangen werden, diese
Drucke nur im Kreise der Mitgliedschaft zu verbreiten. Es wird eben nur
hingenommen werden müssen, daß in den von mir nicht nachgesehenen
Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.
Ein Urteil über den Inhalt eines solchen Privatdruckes wird ja allerdings
nur demjenigen zugestanden werden können, der kennt, was als Urteils-
Voraussetzung angenommen wird. Und das ist für die allermeisten dieser
Drucke mindestens die anthroposophische Erkenntnis des Menschen, des
Kosmos, insofern sein Wesen in der Anthroposophie dargestellt wird, und
dessen, was als «anthroposophische Geschichte» in den Mitteilungen aus
der Geist-Welt sich findet.