Rudolf Steiner Gesamtausgabe Vorträge
Rudolf Steiner Gesamtausgabe Vorträge
VORTRÄGE
Geisteswissenschaftliche Impulse
zur Entwickelung der Physik
2000
R U D O L F STEINER VERLAG
D O R N A C H / SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften,
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlaßverwaltung
Die Herausgabe besorgten G. A. Baiaster und H. O. Proskauer
Bibliographie-Nr. 320
Zeichnungen im Text von Max Schenk nach Skizzen in den Nachschriften
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlaßverwaltung, Dornach / Schweiz
© 1964 by Rudolf Steiner-Nachlaßverwaltung, Dornach / Schweiz
Printed in Germany by Greiserdruck, Rastatt
ISBN 3-7274-3200-4
Zu den Veröffentlichungen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Anhang
DISKUSSIONSVOTUM
von Rudolf Steiner am 8. August 1921
Nach den eben verlesenen Worten, von denen einige ja schon über
dreißig Jahre alt sind, möchte ich bemerken, daß es natürlich nur zu-
nächst Streiflichter sein können, die ich in dieser kurzen Zeit, die uns
zur Verfügung stehen wird, Ihnen werde für die Anschauung des
natürlichen Daseins bringen können. Denn erstens werden wir, zumal
ja nicht sehr viel Zeit sein wird, das diesmal Begonnene in nicht sehr
ferner Zukunft weiter hier fortsetzen können, zweitens aber ist mir ja
von der Absicht eines solchen Kurses erst, als ich hier schon an-
gekommen war, Mitteilung gemacht worden. Und daher wird es sich
um etwas recht, recht sehr Episodisches in diesen Tagen nur handeln
können.
Ich möchte Ihnen auf der einen Seite etwas geben, was für den Päd-
agogen brauchbar sein kann, weniger vielleicht nach der Richtung
hin, daß er es unmittelbar so, wie ich es hier geben werde, inhaltlich
im Unterricht verwerten wird können, als vielmehr nach der Richtung
hin, daß es das Lehren durchdringen könne als eine gewisse wissen-
schaftliche Grundrichtung. Auf der anderen Seite wird es ja immer für
den Pädagogen von ganz besonderer Bedeutung sein, neben den man-
cherlei Abirrungen, welche gerade das Naturwissen in der neueren
Zeit erfahren hat, wenigstens im Hintergrunde das Richtige zu haben,
und auch von diesem Gesichtspunkte aus möchte ich Ihnen einzelne
Anhaltspunkte geben.
Ich möchte zu den Worten, an die freundschaftlicherweise von
Dr. Stein eben erinnert worden ist, etwas hinzufügen, das ich im Be-
ginne der neunziger Jahre aussprechen mußte, als ich vom Frankfurter
Freien Hochstift aufgefordert wurde, einen Vortrag über Goethes
Naturwissenschaft zu halten. Ich sagte dazumal in der Einleitung, daß
ich mich darauf beschränken müsse, mehr über die Beziehungen
Goethes zur organischen Naturwissenschaft zu sprechen. Denn das-
jenige, was Goethesche Weltanschauung ist, heute schon hineinzu-
tragen etwa in die physikalische und chemische Anschauung, das ist
schier eine Unmöglichkeit, weil einfach die Physiker und Chemiker
heute dazu verurteilt sind durch alles das, was in Physik und Chemie
lebt, das von Goethe Ausgehende geradezu als eine Art Unsinn an-
zusehen, als etwas, wobei sie sich nichts vorstellen können. Und ich
meinte damals, man müsse abwarten, bis Physik und Chemie durch
ihre eigene Forschung gewissermaßen dahin geführt werden einzu-
sehen, wie der Grundbau ihres wissenschaftlichen Strebens sich selber
ad absurdum führt. Dann werde die Zeit gekommen sein, wo auch
auf dem Gebiete der Physik und Chemie Goethesche Ansichten Platz
greifen können.
Nun werde ich mich bemühen, einen Einklang zu schaffen zwischen
dem, was man etwa experimentelle Naturwissenschaft nennen kann,
und dem, was die Anschauung betrifft, die man über die Ergebnisse
des Experiments gewinnen kann. Heute möchte ich einleitungsweise
und, wie man oft sagt, theoretisch einiges zur Verständigung vor-
bringen. Ich möchte heute geradezu darauf abzielen, hinzuarbeiten auf
ein wirkliches Verstehen des Gegensatzes zwischen landläufiger, ge-
bräuchlicher Naturwissenschaft und demjenigen, was man als natur-
wissenschaftliche Anschauung aus Goethes allgemeiner Weltanschau-
ung gewinnen kann. Wir werden dazu allerdings ein wenig auf die
Voraussetzungen des naturwissenschaftlichen Denkens theoretisch
eingehen müssen. Wer heute im landläufigen Sinne über die Natur
denkt, der macht sich gewöhnlich nicht eine klare Vorstellung dar-
über, was eigentlich sein Forschungsfeld ist. Natur ist, ich möchte
sagen, zu einem ziemlich unbestimmten Begriff geworden. Wir wollen
daher nicht ausgehen etwa von der Anschauung, die man heute hat
über das Wesen dessen, was Natur ist, sondern vielmehr davon, wie
in der Naturwissenschaft gewöhnlich gearbeitet wird. Diese Arbeits-
weise, wie ich sie charakterisieren werde, ist ja in der Tat etwas in
Umwandlung begriffen, und es gibt manches, was man deuten kann
wie die Morgenröte einer neuen Weltanschauung. Aber im ganzen
herrscht doch dasjenige, was ich Ihnen heute ganz einleitungsweise
charakterisieren möchte.
Der Forscher sucht heute von drei Ausgangspunkten aus der Natur
beizukommen. Das erste ist, daß er versucht, die Natur so zu beob-
achten, daß er von den Naturwesen und Naturerscheinungen aus zu
Art- und Gattungsbegriffen kommt. Er versucht, die Naturerschei-
nungen und Wesenheiten zu gliedern. Sie brauchen sich nur daran zu
erinnern, wie dem Menschen in der äußeren, sinnlichen Erfahrung ge-
geben sind, ich will sagen, einzelne Wölfe, einzelne Hyänen, einzelne
Wärmeerscheinungen, einzelne Elektrizitätserscheinungen und wie er
dann versucht, solche einzelne Erscheinungen zusammenzufassen und
in Arten und Gattungen zu vereinigen; wie er spricht von der Art
Wolf, der Art Hyäne usw., wie er auch bei den Naturerscheinungen
spricht von gewissen Arten, wie er also das zusammenfaßt, was im
einzelnen gegeben ist. Man möchte sagen: Diese wichtige erste Tätig-
keit, die ausgeübt wird im Naturforschen, sie wird schon etwas unter
der Hand ausgeübt. Man wird sich nicht bewußt, daß man eigentlich
nachforschen müßte, wie sich dieses Allgemeine, zu dem man kommt,
wenn man einteilt und gliedert, wie sich das zu der Einzelheit verhält.
Das zweite, was heute getan wird, wenn man sich auf dem Felde
der Naturforschung betätigt, ist, daß man versucht, entweder durch
das vorbereitende Experiment oder durch dasjenige, was sich daran
anschließt durch die begriffliche Verarbeitung der Ergebnisse des-
selben, zu dem zu kommen, was man die Ursachen der Erscheinungen
nennt. Wenn man von denselben spricht, so hat man ja oftmals
im Sinne Kräfte, Stoffe - man spricht von der Kraft der Elektri-
zität, der Kraft des Magnetismus, der Kraft der Wärme usw. - , man
hat auch oftmals Umfassenderes im Sinne. Man spricht davon, daß
hinter den Lichterscheinungen oder auch hinter den Elektrizitäts-
erscheinungen so etwas ist wie der unbekannte Äther. Man versucht,
aus den Ergebnissen der Experimente auf die Eigenschaften dieses
Äthers zu kommen. Sie wissen, alles dasjenige, was über diesen Äther
ausgesagt wird, ist außerordentlich strittig. Aber auf eines darf wohl
dabei gleich aufmerksam gemacht werden: Man sucht, indem man so,
wie man sagt, zu den Ursachen der Erscheinungen aufsteigen will,
vom Bekannten in eine Art Unbekanntes hinein den Weg, und man
fragt nicht viel darüber nach, welche Berechtigung eigentlich vorliegt,
von dem Bekannten in das Unbekannte hineinzukommen. Man gibt
sich nur wenig zum Beispiel Rechenschaft darüber, welches Recht
eigentlich vorliegt, davon zu sprechen, daß, wenn wir irgendeine
Licht- oder Farbenerscheinung wahrnehmen, so sei das, was wir sub-
jektiv als Farbenqualität bezeichnen, die Wirkung auf uns, auf unser
Seelisches, auf unseren Nervenapparat, sei die Wirkung eines objek-
tiven Vorgangs, der sich im Weltenäther als Wellenbewegung ab-
spielt. So daß wir eigentlich unterscheiden müßten ein Zweifaches:
den subjektiven Vorgang und den objektiven, der in einer Wellen-
bewegung des Äthers oder in der Wechselwirkung desselben mit den
Vorgängen in der ponderablen Materie besteht.
Diese Anschauungsweise, die jetzt ja ein wenig ins Wanken gekom-
men ist, sie war diejenige, die das neunzehnte Jahrhundert beherrscht
hat und die eigentlich in der Art und Weise, wie man über die Er-
scheinungen spricht, heute noch überall zu finden ist, die noch unsere
wissenschaftliche Literatur durchdringt, die durchdringt die Art und
Weise, wie über die Dinge gesprochen wird.
Dann aber ist noch ein Drittes, wodurch sich der sogenannte Natur-
forscher zu nähern sucht der Konfiguration der Natur. Das ist, daß er
die Erscheinungen ins Auge faßt. Nehmen wir eine einfache Erschei-
nung, diejenige, daß jeder Stein, wenn wir ihn loslassen, zur Erde
fallt oder, wenn wir ihn an eine Schnur anbinden und hängen lassen,
er in senkrechter Richtung zur Erde zieht. Solche Erscheinungen faßt
man zusammen und kommt von diesen Erscheinungen zu demjenigen,
was man Naturgesetz nennt. So betrachtet man es als ein einfaches
Naturgesetz, wenn man sagt: Jeder Weltenkörper zieht die auf ihm
befindlichen Körper an. Man nennt die Kraft, die da wirkt, die Gravi-
tation oder Schwerkraft, und man spricht solch eine Kraft in bestimm-
ten Gesetzen aus. Ein Musterbeispiel für solche Gesetze sind zum Bei-
spiel die drei Keplerschen Gesetze.
Auf diese drei Arten versucht sich die sogenannte Naturforschung
der Natur zu nähern. Nun möchte ich gleich dem entgegenstellen, wie
Goethesche Naturanschauung eigentlich von allen dreien das Gegen-
teil anstrebt. Erstens war für Goethe, als er anfing, sich mit den Natur-
erscheinungen zu befassen, die Gliederung in Arten und Gattungen
sowohl der Naturwesen wie der Naturtatsachen sogleich etwas höchst
Problematisches. Er wollte nicht gelten lassen die Hinaufführung der
einzelnen konkreten Wesen und konkreten Tatsachen auf gewisse
starre Art- und Gattungsbegriffe, wollte vielmehr verfolgen den all-
mählichen Übergang der einen Erscheinung in die andere, wollte ver-
folgen den Übergang der einen Gestaltung eines Wesens in die andere.
Das, worum es ihm zu tun war, war nicht artliche und gattungsmäßige
Gliederung, sondern es war Metamorphose, sowohl der Naturerschei-
nungen wie auch der einzelnen Wesenheiten in der Natur. Aber auch
in dem Sinn, wie das noch die ganze Nach-Goethesche Naturforschung
getan hat, auf sogenannte Naturursachen zu gehen, auch das war nicht
eigentlich nach Goethes Vorstellungsart, und gerade in diesem Punkt
ist es von großer Wichtigkeit, sich bekanntzumachen mit dem prin-
zipiellen Unterschied, der besteht zwischen der Art der gegenwärtigen
Naturforschung und der Art, wie Goethe an die Natur herantritt.
Die gegenwärtige Naturforschung macht Experimente, Sie verfolgt
also die Erscheinungen, versucht dann, diese begrifflich zu verarbeiten
und sucht sich Vorstellungen zu bilden über dasjenige, was hinter den
Erscheinungen als die sogenannten Ursachen steht, zum Beispiel hin-
ter der subjektiven Licht- und Farbenerscheinung die objektive Wel-
lenbewegung im Äther.
Goethe verwendet das ganze naturwissenschaftliche Denken nicht
in diesem Stile. Er geht gar nicht in seiner Naturforschung von dem
sogenannten Bekannten in das sogenannte Unbekannte hinein, son-
dern er will immer in dem Bekannten stehenbleiben, ohne daß er sich
zunächst darum bekümmert, ob das Bekannte bloß subjektiv, also eine
Wirkung auf unsere Sinne oder auf unsere Nerven oder auf unsere
Seele ist, oder ob es objektiv ist. Solche Begriffe, wie die der subjek-
tiven Farbenerscheinungen und der objektiven Wellenbewegungen
draußen im Räume, solche bildet sich Goethe gar nicht, sondern ihm
ist dasjenige, was er ausgebreitet im Raum, was er vorgehend in der
Zeit sieht, ein durchaus Einheitliches, bei dem er nicht nach Subjek-
tivität und Objektivität fragt. Er verwendet gar nicht jenes Denken
und jene Methoden, die in der Naturwissenschaft angewendet werden,
dazu, um von dem Bekannten auf das Unbekannte zu schließen, son-
dern er verwendet alles Denken, alle Methoden dazu, die Phänomene,
die Erscheinungen selbst so zusammenzustellen, daß man durch diese
Zusammenstellung der Phänomene, der Erscheinungen zuletzt solche
Erscheinungen bekommt, die er Urphänomene nennt, die nun wieder-
um, ohne daß man Rücksicht nimmt auf subjektiv und objektiv, das
aussprechen, was er zur Grundlage seiner Welt- und Naturbetrachtung
machen will. Also, Goethe bleibt stehen innerhalb der Reihe der Er-
scheinungen, vereinfacht sie nur und betrachtet dann dasjenige, was
sich als einfache Erscheinungen überschauen läßt, als das Urphänomen.
Goethe betrachtet also das Ganze, was man nennen kann natur-
wissenschaftliche Methode, nur als Werkzeug, um innerhalb der Er-
scheinungssphäre selbst so die Erscheinungen zu gruppieren, daß sie
selbst ihre Geheimnisse aussprechen. Nirgends versucht Goethe von
einem sogenannten Bekannten auf irgendein Unbekanntes zu rekur-
rieren. Daher gibt es für Goethe auch nicht das, was man Naturgesetz
nennen kann.
Ein Naturgesetz haben Sie, wenn ich sage: Bei den Umläufen um
die Sonne machen die Planeten gewisse Bewegungen, bei denen diese
und diese Bahnen beschrieben werden. - Für Goethe handelte es sich
nicht darum, zu solchen Gesetzen zu kommen, sondern dasjenige, was
er ausspricht als die Grundlage seines Forschens, sind Tatsachen, zum
Beispiel die Tatsache, wie zusammenwirken Licht und in den Weg des
Lichts gestellte Materie. Wie die zusammenwirken, das spricht er in
Worten aus, das ist kein Gesetz, sondern eine Tatsache. Und solche
Tatsachen sucht er seiner Naturbetrachtung zugrunde zu legen. Er
will nicht von dem Bekannten zu dem Unbekannten aufsteigen, er will
auch nicht Gesetze haben, er will im Grunde genommen eine Art ratio-
neller Naturbeschreibung haben. Nur daß ein Unterschied für ihn be-
steht zwischen der Beschreibung des Phänomens, das unmittelbar ist,
das kompliziert ist, und dem anderen, das man herausgeschält hat, das
nur noch die einfachsten Elemente aufweist, das dann ebenso von
Goethe der Naturbetrachtung zugrunde gelegt wird wie sonst das Un-
bekannte oder auch der rein begrifflich festgesetzte, gesetzmäßige Zu-
sammenhang.
Nun liegt noch etwas vor, was geradezu Licht verbreiten kann über
dasjenige, was herein will in unsere Naturbetrachtung im Goetheanis-
mus, und über dasjenige, was da ist. Es Hegt die merkwürdige Tat-
sache vor, daß kaum irgend jemand so klare Anschauungen hatte über
die Beziehungen der Naturerscheinungen zu der mathematischen Be-
trachtung wie Goethe. Das wird ja immer gewöhnlich bestritten. Ein-
fach, weil Goethe selbst kein ausgepichter Mathematiker war, wird
bestritten, daß er eine klare Anschauung hatte von den Beziehungen
der Naturerscheinungen zu den mathematischen Formulierungen, die
immer beliebter und beliebter geworden sind und die im Grunde ge-
nommen das einfach Sichere in der Naturbetrachtung heute sind. Nun
handelt es sich darum, daß in neuerer Zeit immer mehr und mehr diese
mathematische Betrachtungsweise der Naturerscheinungen - also, es
wäre falsch zu sagen: die mathematische Naturbetrachtung -, diese
Betrachtung der Naturerscheinungen durch mathematische Formulie-
rungen, daß diese gerade auch maßgebend geworden ist für die Art,
wie man sich die Natur selbst vorstellt.
Nun muß man über diese Dinge zur Klarheit kommen. Sehen Sie,
da haben wir auf dem gebräuchlichen Wege zur Natur hin eigentlich
zunächst dreierlei. Dieses Dreierlei, das ist vom Menschen angewendet,
bevor er eigentlich zur Natur kommt. Das erste ist die gewöhnliche
Arithmetik. Wir rechnen außerordentlich viel in der Naturbetrachtung
heute, wir rechnen und zählen. Nun muß man sich klar darüber sein,
daß die Arithmetik etwas ist, was der Mensch durchaus durch sich
selbst begreift. Es ist ganz gleichgültig, was wir zählen, wenn wir
zählen. Indem wir Arithmetik in uns aufnehmen, nehmen wir etwas
in uns auf, das zunächst gar keinen Bezug zur Außenwelt hat. Daher
können wir ebensogut Erbsen wie Elektronen zählen. Die Art und
Weise, wie wir einsehen, daß unsere Zähl- und Rechnungsmethoden
richtig sind, die ist etwas ganz anderes als das, was sich uns ergibt in
dem Vorgang, auf den wir die Arithmetik anwenden.
Das zweite ist noch immer etwas, was wir ausüben, bevor wir
eigentlich an die Natur herankommen. Es ist das, was Gegenstand der
Geometrie ist. WTas ein Würfel, was ein Oktaeder ist, wie ihre Winkel
sind, das machen wir aus, ohne daß wir unsere Beobachtung über die
Natur ausdehnen, das ist etwas, was wir aus uns herausspinnen. Daß
wir die Dinge zeichnen, ist nur etwas, was unserer Trägheit dient. Wir
könnten ebensogut alles dasjenige, was wir durch Zeichnung veran-
schaulichen, uns bloß vorstellen, und es ist sogar nützlich, wenn wir
uns manches bloß vorstellen und weniger die Leiter der Veranschau-
lichung benützen. Daraus ergibt sich, daß dasjenige, was wir auszu-
sagen haben über die geometrische Form, aus einem Gebiet genom-
men ist, das zunächst fern der äußeren Natur steht. Was wir auszusagen
haben über einen Würfel, das wissen wir, ohne daß wir es ablesen vom
Steinsalzwürfel. Aber es muß sich an diesem auch finden. Wir machen
also etwas fern der Natur und wenden es dann auf die Natur an.
Ein Drittes, mit dem wir noch immer nicht an die Natur heran-
dringen, ist das, was wir treiben in der sogenannten Phoronomie, in
der Bewegungslehre. Nun ist es doch von einer gewissen Wichtigkeit,
daß Sie sich klar machen, wie auch diese Phoronomie etwas ist, was im
Grunde genommen noch ferne steht der sogenannten wirklichen Na-
turerscheinung. Sehen Sie, ich stelle mir vor - ich sehe nicht auf einen
bewegten Gegenstand hin, sondern ich stelle mir vor -, daß ein Gegen-
stand sich bewegt von, sagen wir, Punkt a nach Punkt b. Ich sage
\ ^ \
b
d
sogar, es bewege sich der Punkt a nach Punkt b hin. Das stelle ich
mir vor. Nun kann ich mir jederzeit vorstellen, daß diese Bewegung
von a nach by die ich durch den Pfeil angedeutet habe, aus zwei
Bewegungen zusammengesetzt ist. Denken Sie sich einmal, der
Punkt a würde nach b kommen sollen, aber er würde nicht gleich die
Richtung nach b einschlagen, sondern er würde^ sich zunächst in der
Richtung bewegen bis c. Wenn er sich dann hinterher von c nach b
bewegt, so kommt er auch bei b an. Ich kann also die Bewegung von
a nach b mir auch so vorstellen, daß sie nicht auf der Linie a-b verläuft,
sondern auf der Linie oder auf den zwei Linien a-c~b. Das heißt, ich
kann mir vorstellen, daß die Bewegung a-b zusammengesetzt ist aus
der Bewegung a-c und c-by also aus zwei anderen Bewegungen. Sie
brauchen gar nicht einen Naturvorgang zu verfolgen, sondern Sie
können sich vorstellen, daß die Bewegung a-b aus den beiden anderen
Bewegungen zusammengesetzt ist, das heißt, daß statt der einen Be-
wegung die beiden anderen Bewegungen mit demselben Effekt aus-
geführt werden könnten. Wenn ich mir das vorstelle, so ist dieses Vor-
gestellte rein aus mir herausgesponnen. Denn statt daß ich das ge-
zeichnet habe, hätte ich Ihnen Anleitung geben können zum Vor-
stellen der Sache, und das müßte eine für Sie gültige Vorstellung sein.
Aber wenn in der Natur wirklich so etwas wie ein Punkt a da ist, ein
kleines Schrotkorn etwa, und sich einmal von a nach b bewegt und
ein anderes Mal von a nach c und von c nach b bewegt, so geschieht
das wirklich, was ich mir vorgestellt habe. Das heißt, in der Be-
wegungslehre ist es so, daß ich mir die Bewegungen vorstelle, aber daß
dieses Vorgestellte anwendbar ist auf die Naturerscheinungen, sich
bewähren muß an-den Naturerscheinungen.
So also können wir sagen: In Arithmetik, in Geometrie, in Phoro-
nomie haben wir die drei Vorstufen der Naturbetrachtung. Die Be-
griffe, die wir dabei gewinnen, spinnen wir ganz aus uns selbst heraus,
aber sie sind maßgebend für dasjenige, was in der Natur geschieht.
Nun bitte ich Sie, einen kleinen Erinnerungs Spaziergang zu machen
in Ihr mehr oder weniger lang zurückliegendes Physikstudium und
sich zu erinnern, daß einmal darin Ihnen so etwas entgegengetreten
ist wie das sogenannte Kräfte-Parallelogramm: Wenn auf einen Punkt
a eine Kraft wirkt, so kann diese Kraft den Punkt a nach dem Punkt b
ziehen. Also unter dem Punkt a verstehe ich irgend etwas Materielles,
sagen wir wiederum ein kleines Körnchen. Das ziehe ich durch eine
Kraft von a nach b. Bitte den Unterschied zu beachten zwischen
dem, wie ich jetzt spreche und wie ich vorhin gesprochen habe.
Ich habe vorhin von der Bewegung gesprochen, jetzt spreche ich
davon, daß eine Kraft das a nach b zieht. Wenn Sie das Maß der
Kraft, die von a nach b zieht, sagen wir mit fünf Gramm, ausdrücken
durch Strecken (es wird gezeichnet): ein Gramm, zwei Gramm, drei
\ ^ ^ empirisch \
et
Gramm, vier Gramm, fünf Gramm, so können Sie sagen: Ich ziehe
mit der Kraft von fünf Gramm das a nach b. Ich könnte den ganzen
Vorgang auch anders gestalten, könnte mit einer gewissen Kraft das a
zuerst nach c ziehen. Wenn ich es aber von a nach c ziehe, dann kann
ich noch einen zweiten Zug ausführen. Ich kann ziehen in derselben
Richtung, die hier durch die Verbindungslinie von c nach b angegeben
ist, und ich muß dann ziehen mit einer Kraft, welche entspricht dieser
Länge. Wenn ich also hier mit einer Kraft von fünf Gramm ziehe, so
müßte ich aus dieser Figur ausrechnen, wie groß der Zug a-c sein muß
und wie groß der Zug c-b sein muß. Und wenn ich zu gleicher Zeit
ziehe von a nach c und a nach d> so ziehe ich das a so fort, daß es zu-
letzt nach b kommt, und ich kann berechnen, wie stark ich nach c und
wie stark ich nach d ziehen muß. Aber das kann ich nicht so aus-
rechnen, wie ich die Bewegung ausrechnen kann im obigen Beispiel.
Was ich hier oben für die Bewegung finde, das kann ich in der Vor-
stellung ausrechnen. Sobald ein wirklicher Zug, das heißt eine wirk-
liche Kraft ausgeübt wird, muß ich diese Kraft irgendwie messen. Da
muß ich an die Natur selbst herangehen, da muß ich schreiten von der
Vorstellung in die Tatsachenwelt hinein. Und je klarer Sie sich machen
diesen Unterschied zwischen dem Bewegungs-Parallelogramm - ein
Parallelogramm wird es ja auch, wenn Sie sich dieses (erste Figur, d)
ergänzen - und dem Kräfte-Parallelogramm, um so klarer und schärfer
haben Sie ausgedrückt den Unterschied zwischen all dem, was sich
innerhalb der Vorstellung festsetzen läßt, und dem, was da liegt, wo
die Vorstellungen aufhören. Sie können zu Bewegungen in der Vor-
stellung kommen, aber nicht zu Kräften. Die müssen Sie in der Außen-
weit messen. Und Sie können überhaupt nur, wenn Sie es äußerlich
experimentell feststellen, konstatieren, daß, wenn zwei Züge ausgeübt
werden, von a nach c und von a nach dt daß dann a nach b gezogen
wird nach den Gesetzen des Kräfte-Parallelogramms. Es gibt gar
keinen Vorstellungsbeweis wie oben. Das muß äußerlich gemessen
werden. Daher kann man sagen: Das Bewegungs-Parallelogramm wird
gewonnen aus der bloßen Vernunft heraus, das Kräfte-Parallelo-
gramm muß gewonnen werden auf empirische Weise durch äußere
Erfahrungen. Und indem Sie unterscheiden Bewegungs-Parallelo-
gramm von Kräfte-Parallelogramm, haben Sie haarscharf vor sich den
Unterschied zwischen Phoronomie und Mechanik. Die Mechanik,
die es schon zu tun hat mit Kräften, nicht mehr bloß mit Bewegungen,
ist bereits eine Naturwissenschaft. Eine eigentliche Naturwissenschaft
ist Arithmetik, ist Geometrie, ist Phoronomie noch nicht. Nur die
Mechanik hat es mit der Wirkung von Kräften im Raum und in
der Zeit zu tun. Aber man muß über das Vorstellungsleben hinaus-
gehen, wenn man zu dieser ersten Naturwissenschaft, zu der Mechanik,
vorschreiten will.
Schon hier in diesem Punkt denken eigentlich unsere Zeitgenossen
nicht klar genug. Ich will Ihnen an einem Beispiel anschaulich
machen, wie gewaltig eigentlich der Sprung ist von der Phoronomie
in die Mechanik hinein. Die phoronomischen Erscheinungen können
ganz innerhalb des Vorstellungsraumes verlaufen, die mechanischen
Erscheinungen aber werden von uns zunächst nur geprüft werden
können an der Außenwelt. Man macht sich das so wenig klar, daß
man eigentlich immer etwas konfundiert dasjenige, was man noch
mathematisch einsehen kann, mit demjenigen, worinnen schon die
Entitäten der Außenwelt spielen. Denn, was muß da sein, wenn wir
vom Kräfte-Parallelogramm reden? Solange wir vom Bewegungs-
Parallelogramm reden, braucht nichts da zu sein als ein gedachter
Körper. Aber dort beim Kräfte-Parallelogramm muß schon da sein
eine Masse, eine Masse, die zum Beispiel Gewicht hat. Darüber muß
man sich klar sein: In a muß eine Masse sein. Jetzt fühlt man sich wohl
auch gedrungen zu fragen: Was ist das eigentlich, eine Masse?
Ja, da wird man gewissermaßen sagen müssen: Hier stocke ich
schon. Denn es stellt sich heraus, daß, wo man dasjenige verläßt, was
in der Vorstellungswelt so festgesetzt werden kann, daß es für die
Natur gilt, daß wenn man da hineinkommt, man auf ziemlich un-
sicherem Gebiete steht. Sie wissen ja, daß man, um gewissermaßen
mit Arithmetik, mit Geometrie und Phoronomie und mit dem, was
man ein bißchen hereinholt von der Mechanik, auszukommen, sich
mit dem ausrüstet und dann versucht, durch die Mechanik der Mole-
küle, der Atome, in die man sich zerteilt denkt das, was man Materie
nennt, sich vorzustellen die Naturerscheinungen, die man zunächst
als subjektive Erfahrungen betrachtet. Wir greifen irgendeinen war-
men Körper an. Der Naturforscher erzählt uns: Das, was du da Wärme
nennst, ist Wirkung auf deine Wärmenerven. Objektiv vorhanden ist
die Bewegung der Moleküle, der Atome. Die kannst du studieren nach
den Gesetzen der Mechanik. - Und so studiert man die Gesetze der
Mechanik, Atome und Moleküle, und man hat ja lange Zeit geglaubt,
durch das Studium der Mechanik der Atome und so weiter überhaupt
alle Naturerscheinungen erklären zu können. Heute ist das ja schon im
Wanken. Aber auch dann muß man, selbst wenn man bis zum Atom
gedanklich vorgeht, durch allerlei Experimente dazu kommen, sich zu
fragen: Ja, wie tritt denn da die Kraft auf? Wie wirkt die Masse? Wenn
man bis zum Atom vordringt, so muß man fragen nach der Masse des
Atoms und muß weiter fragen: Wie erkennt man sie? Man kann ge-
wissermaßen die Masse auch nur an ihrer Wirkung erkennen.
Nun, man hat sich gewöhnt, das Kleinste, was man anspricht als
Träger mechanischer Kraft, so an der Wirkung zu erkennen, daß man
sich die Frage beantwortet hat: Wenn ein solcher kleinster Teil einen
anderen kleinen Teil, sagen wir einen kleinen Teil einer Materie von
dem Gewicht eines Gramms, in Bewegung versetzt, so muß da eine
Kraft ausgehen von dieser Materie, die die andere in Bewegung ver-
setzt. Wenn diese Masse die andere Masse, welche ein Gramm schwer
ist, so in Bewegung versetzt, daß diese andere Masse in einer Sekunde
einen Zentimeter weit fliegt, so hat die erste Masse eine Kraft an-
gewendet, die man sich gewöhnt hat als eine Art von «Welteinheit»
zu betrachten. Und wenn man sagen kann: Irgendeine Kraft ist soviel-
mal größer als diese Kraft, welche man anwenden muß, um ein Gramm
in einer Sekunde einen Zentimeter weit zu bringen, so weiß man, wie
sich diese Kraftanwendung zu einer gewissen Welteinheit verhält.
Diese Welteinheit ist, wenn man sie ausdrücken würde durch ein Ge-
wicht, 0,001019 Gramm. Also würde man sagen können: Solch ein
atomistischer Körper, über dessen Kraftanwendung wir nicht weiter
zurückgehen in der Natur, der ist imstande, irgendeinem Körper von
einem Gramm Größe einen solchen Schubs zu geben, daß dieser in
einer Sekunde einen Zentimeter weit fliegt.
Aber ausdrücken, was in dieser Kraft steckt, wie kann man es nur?
Man kann es, wenn man auf die Waage geht: Diese Kraft kommt
gleich dem Druck, der sich ausdrückt durch 0,001019 Gramm beim
Wägen. Also, durch etwas sehr Äußerliches, Reales muß ich mich aus-
drücken, wo ich an das heran will, was in der Welt Masse genannt
wird. Ich kann dasjenige, was ich da ersinne als Masse, dadurch aus-
drücken, daß ich etwas, was ich auf äußerlichen Wegen kennenlerne,
ein Gewicht, ins Feld führe. Ich drücke die Masse nur aus durch ein
Gewicht. Selbst wenn ich in das Atomisieren der Masse gehe, drücke
ich mich durch ein Gewicht aus.
Damit möchte ich Ihnen eben scharf den Punkt bezeichnen, wo wir
gewissermaßen aus dem a priori Festzustellenden in das Naturgemäße
hineinkommen. Und ich möchte Sie darauf aufmerksam machen, wie
notwendig es ist, sich klar zu machen, inwieweit anwendbar ist das-
jenige, was wir außer aller Natur feststellen in Arithmetik, Geometrie,
Phoronomie, inwieweit das maßgebend sein kann für das, was uns
eigentlich von ganz anderer Seite entgegentritt, was uns zum ersten
Mal entgegentritt in der Mechanik und was eigentlich erst der Inhalt
dessen sein kann, was wir als Naturerscheinung bezeichnen.
Sehen Sie, Goethe war sich darüber klar, daß man von Natur-
erscheinungen überhaupt erst sprechen kann in dem Augenblick, wo
wir von der Phoronomie in die Mechanik eintreten. Und weil er dieses
wußte, daher war es ihm so klar, welche Beziehung einzig und allein
die für die Naturwissenschaft auch so vergötterte Mathematik für diese
Naturwissenschaft haben kann.
An einem Beispiele möchte ich Ihnen dies noch klar machen: So
wie wir sagen können, das einfachste Element in der Naturkraft-
Wirkung, das wäre irgendein atomistischer Körper, der imstande ist,
ein Gramm in einer Sekunde einen Zentimeter weit zu schleudern,
so können wir schließlich bei allen Kraftwirkungen davon sprechen,
daß von irgendeiner Seite her die Kraft ausgeht und nach irgendeiner
Seite hin wirkt. Daher können wir uns gewöhnen - und diese Ge-
wöhnung ist ja auch in der Naturwissenschaft gang und gäbe - , für
die Naturwirkungen gewissermaßen überall die Punkte aufzusuchen,
von denen die Kräfte ausgehen. Wir werden an zahlreichen Fällen
sehen, daß wir gewissermaßen Erscheinungsfelder haben werden,
und von diesen gehen wir zurück auf die Punkte, von denen die
Kräfte ausgehen, die die Erscheinungen beherrschen. Daher spricht
man für solche Kräfte, für die man die Punkte sucht, von denen sie
ausgehen, damit sie die Erscheinungsfelder beherrschen, von Zentral-
kräften, weil sie immer von Zentren ausgehen. Wir könnten auch
sagen: Von Zentralkräften sind wir berechtigt zu reden, wenn wir an
einen Punkt gehen, von dem aus ganz bestimmte Kräfte gehen, die
ein Erscheinungsfeld beherrschen. Dann aber muß nicht immer dieses
Kräftespiel wirklich stattfinden, sondern es kann so sein, daß in dem
Zentralpunkt gewissermaßen nur die Möglichkeit vorhanden ist, daß
dieses Kräftespiel stattfindet und daß erst dadurch, daß gewisse Be-
dingungen eintreten in der umliegenden Sphäre, diese Kräfte zur
Tätigkeit kommen.
Wir werden sehen im Laufe dieser Tage, wie gewissermaßen in den
Punkten Kräfte konzentriert sind, die noch nicht spielen. Erst wenn
wir gewisse Bedingungen erfüllen, dann rufen sie in ihrer Umgebung
Erscheinungen hervor. Aber wir müssen doch einsehen, daß in diesem
Punkt oder in diesem Raum Kräfte konzentriert sind, die auf ihre Um-
gebung wirken können. Das ist es eigentlich, was wir immer auf-
suchen, wenn wir von der Welt physikalisch reden. Alles physikalische
Forschen besteht darin, daß wir die Zentralkräfte nach ihren Zentren
hin verfolgen, daß wir versuchen, zu den Punkten vorzudringen, von
welchen Wirkungen ausgehen können. Daher müssen wir annehmen,
daß es für solche Naturwirkungen Zentren gibt, die gewissermaßen
nach gewissen Richtungen hin mit Wirkungsmöglichkeiten geladen
sind. Diese Wirkungsmöglichkeiten können wir allerdings durch aller-
lei Vorgänge messen und wir können auch in Maßen ausdrücken, wie
stark solch ein Punkt wirken kann. Wir nennen da im allgemeinen,
wenn in einem solchen Punkt Kräfte konzentriert sind, die wirken
können, wenn wir gewisse Bedingungen erfüllen, wir nennen das Maß
solcher Kräfte, die da konzentriert sind, das Potential, das Kräfte-
Potential. Daher können wir auch sagen: Wir gehen darauf aus, wenn
wir Naturwirkungen studieren, Zentralkräfte nach ihren Potentialen
hin zu verfolgen. Wir gehen nach gewissen Mittelpunkten hin, um diese
Mittelpunkte als Ausgangspunkte von Potentialkräften zu studieren.
Sehen Sie, das ist im Grunde genommen der Gang, den diejenige
naturwissenschaftliche Richtung macht, die alles in Mechanik ver-
wandeln möchte. Sie sucht die Zentralkräfte, beziehungsweise die Po-
tentiale der Zentralkräfte. Hier handelt es sich darum, nun, wie durch
einen wichtigen Schritt in der Natur selbst sich klar zum Bewußtsein
zu bringen: Sie können unmöglich eine Erscheinung, in die das Leben
hineinspielt, verstehen, wenn Sie nur nach dieser Methode vorgehen,
wenn Sie nur suchen die Potentiale für Zentralkräfte. Wenn Sie nach
dieser Methode studieren wollten das Kräftespiel in einem tierischen
Keim oder in einem pflanzlichen Keim, Sie würden nie zurecht-
kommen. Es ist ja ein Ideal der heutigen Naturwissenschaft, auch
die organischen Erscheinungen durch Potentiale zu studieren, durch
irgendwie geartete Zentralkräfte. Das wird die Morgenröte einer neuen
Weltanschauung auf diesem Gebiete sein, daß man darauf kommen
wird: Durch das Verfolgen solcher Zentralkräfte geht es nicht, kann
man Erscheinungen, durch die das Leben spielt, nicht studieren. Denn
warum nicht? Ja, stellen wir uns einmal schematisch vor, wir gingen
darauf aus, physikalisch-versuchlich Naturvorgänge zu studieren.
Wir gehen zu Zentren, studieren die Wirkungsmöglichkeiten, die von
solchen Zentren ausgehen können. Da finden wir die Wirkung. Also,
wenn ich die drei Punkte a, b, c in ihren Potentialen ausrechne, so finde
ich, daß a auf a, /?, y wirken kann, ebenso c wirken kann auf a1, ß1, y1
usw. Ich bekäme dann eine Anschauung darüber, wie die Wirkung
einer gewissen Sphäre sich abspielt unter dem Einfluß von Potentialen
von gewissen Zentralkräften. Niemals werde ich auf diesem Wege die
Möglichkeit finden, etwas zu erklären, in das Lebendiges hineinspielt.
Warum denn? Weil die Kräfte, die nun für das Lebendige in Betracht
kommen, kein Potential haben und keine Zentralkräfte sind, so daß,
wenn Sie hier versuchen würden, in d physikalische Wirkungen zu
suchen unter dem Einflüsse von #, b, c, so würden Sie auf Zentral-
kräfte zurückgehen können; wenn Sie Lebenswirkungen studieren
wollen, können Sie niemals so sagen, weil es keine Zentren a, b, c
gibt für die Lebenswirkungen, sondern Sie kommen nur mit der Vor-
stellung zurecht, wenn Sie sagen: Nun, ich habe in d Lebendiges. Nun
suche ich die Kräfte, die auf das Leben wirken. In #, b, c kann ich sie
nicht finden, wenn ich noch weiter gehe, auch nicht, sondern gewisser-
maßen nur, wenn ich an der Welten Ende gehe, und zwar an deren
ganzen Umkreis. Das heißt, ich müßte hier von d ausgehend bis ans
Weltenende gehen und mir vorstellen, daß von der Kugelsphäre herein
überall Kräfte wirkten, die so zusammenspielten, daß sie in d zusam-
menkämen. Es ist also das volle Gegenteil von Zentralkräften, die ein
Potential haben. Wie sollte ich ein Potential ausrechnen für dasjenige,
was da von der Unendlichkeit des Raumes von allen Seiten herein-
spielt ! Da würde es so zu rechnen sein: Ich würde die Kräfte zu zer-
teilen haben, eine Gesamtkraft würde ich in immer kleinere Partien
zerteilen müssen und ich käme immer mehr an den Rand der Welt.
Dann würde die Kraft zersplittern. Jede Rechnung würde auch zer-
splittern, weil hier nicht Zentralkräfte, sondern Universalkräfte ohne
Potential wirken. Hier hört das Rechnen auf. Das ist der Sprung
wiederum von dem unlebendigen Natürlichen in das lebendige Natür-
liche hinein.
Nun kommt man mit einer wirklichen Naturbetrachtung nur zu-
recht, wenn man auf der einen Seite weiß, wie der Sprung von der
Phoronomie in die Mechanik ist und wie wiederum der Sprung ist von
der äußeren Natur in dasjenige, was nicht mehr durch Rechnung er-
reicht werden kann, weil jede Rechnung zersplittert, weil jedes Poten-
tial sich auflöst. Man kommt durch diesen zweiten Sprung von der
äußeren unorganischen Natur in die lebendige Natur hinein. Aber
man muß sich klar sein darüber, wie alles Rechnen aufhört, um das zu
begreifen, was das Lebendige ist.
Nun habe ich Ihnen hier hübsch auseinandergeschält alles, was auf
Potential- und Zentralkräfte zurückführt und was auf Universalkräfte
hinführt. Aber draußen in der Natur ist das nicht so auseinander-
geschält. Sie können die Frage aufwerfen: Wo ist etwas vorhanden,
wo nur Zentralkräfte wirken nach Potentialen, und wo ist das andere
vorhanden, wo Universalkräfte wirken, die nicht nach Potentialen sich
berechnen lassen? Man kann eine Antwort darauf geben, aber diese
beweist sogleich, auf welche wichtigen Gesichtspunkte man dabei
rekurrieren muß. Man kann sagen: Alles das, was der Menschan Ma-
schinen herstellt, was aus den Elementen der Natur heraus kombiniert
ist, dabei findet man rein abstrakt Zentralkräfte nach ihrem Potential.
Was aber, auch Unlebendiges, in der Natur draußen ist, läßt sich trotz-
dem nicht restlos nach Zentralkräften beobachten. Das gibt es nicht,
das geht nicht auf. Sondern es handelt sich darum, daß überall, wo
man es zu tun hat mit nicht künstlich vom Menschen Hergestelltem,
ein Zusammenfluß stattfindet zwischen Zentralkraftwirkungen und
Universalkraftwirkungen. Man findet im ganzen Reich der so-
genannten Natur nichts, was im wahren Sinn des Wortes unlebendig
ist, außer dem, was der Mensch künstlich herstellt, sein Maschinelles,
sein Mechanisches.
Und das war, ich möchte sagen, in einem tiefen Naturinstinkt für
Goethe etwas, was ihm durchaus klar-unklar war, weil es bei ihm
Naturinstinkt war, worauf er aber seine ganze Naturanschauung baute.
Und der Gegensatz zwischen Goethe und dem Naturforscher, wie er
repräsentiert wird durch Newton, besteht eigentlich darinnen, daß die
Naturforscher nur dieses betrachtet haben in der neueren Zeit: die äußere
Natur durchaus im Sinn der Zurückführung auf Zentralkräfte zu beob-
achten, aus ihr gewissermaßen alles das hinauszuwälzen, was sich nicht
durch Zentralkräfte und Potentiale feststellen läßt. Goethe wollte solch
eine Betrachtung nicht gelten lassen, weil für ihn dasjenige, was man
unter dem Einfluß dieser Betrachtung Natur nennt, nur eine wesenlose
Abstraktion ist. Für ihn ist ein wirklich Reales nur das, in das hinein-
spielen sowohl Zentralkräfte wie peripherische Kräfte als Universal-
kräfte. Und auf diesen Gegensatz ist im Grunde genommen auch seine
ganze Farbenlehre aufgebaut. Nun, davon wird ja in den nächsten
Tagen im einzelnen zu sprechen sein.
Sehen Sie, ich mußte insbesondere durch Berücksichtigung dessen,
was ich mir vorgesehen habe für heute, diese Einleitung zu Ihnen spre-
chen als eine Verständigung darüber, wie eigentlich das Verhältnis des
Menschen zu der Naturbetrachtung ist. Man muß in unserer Zeit
um so mehr einmal sich einer solchen Betrachtung, wie wir sie heute
gepflogen haben, zuwenden, aus dem Grunde, weil eigentlich heute
wirklich die Zeit herangekommen ist, wo unterbewußt schimmert,
möchte ich sagen, das Unmögliche der heutigen Naturanschauung und
mancherlei von der Einsicht, daß es anders werden muß. Man lacht
heute noch vielfach darüber, wenn Leute darauf kommen, daß es mit
der alten Anschauung nicht geht. Aber es wird eine Zeit kommen, die
gar nicht ferne liegt, wo dieses Lachen den Menschen vergehen wird,
die Zeit, wo man auch physikalisch im Sinne Goethes wird sprechen
können. Man wird vielleicht über die Farben im Sinne Goethes spre-
chen, wenn eine andere Burg erstürmt sein wird, die als noch viel
fester gilt und die eigentlich heute auch schon ins Wanken gekommen
ist. Das ist die Burg der Gravitationslehre. Gerade auf diesem Gebiete
tauchen heute fast jedes Jahr Anschauungen auf, die an den Newton-
schen Vorstellungen von der Gravitation rütteln, die davon sprechen,
wie unmöglich es eigentlich ist, mit diesen Newtonschen Vorstellun-
gen von der Gravitation zurecht zu kommen, die ja rein darauf be-
ruhen, daß der bloße Mechanismus der Zentralkräfte einzig und allein
figurieren soll.
Ich glaube, daß gerade heute der Lehrer der Jugend sowohl wie der-
jenige, der überhaupt in die Kulturentwickelung eingreifen will, sich
schon ein klares Bild davon machen muß, wie der Mensch zur Natur
stehen muß.
ZWEITER VORTRAG
Stuttgart, 24. Dezember 1919
Ich habe Ihnen gestern davon gesprochen, wie auf der einen Seite der
Naturbetrachtung steht das bloß Phoronomische, das wir gewinnen
können, indem wir einfach die Vorstellungen, die wir uns bilden
wollen über alles dasjenige, was an physikalischen Vorgängen durch
Zählbares, durch Räumliches und durch die Bewegung verläuft, aus
unserem Vorstellungsleben heraus bilden. Dieses Phoronomische
können wir gewissermaßen aus unserem Vorstellungsleben heraus-
spinnen. Aber so bedeutsam es ist, daß, was wir so auch etwa an mathe-
matischen Formeln gewinnen über alles, was sich auf Zählbares, auf
Raum und auf Bewegung bezieht, daß dieses auch paßt auf die Natur-
vorgänge selbst, so bedeutsam ist es auf der anderen Seite, daß wir in
dem Augenblick an die äußere Erfahrung herangehen müssen, in dem
wir von dem Zählbaren, von dem rein Räumlichen und von der Be-
wegung zum Beispiel nur schon zur Masse vordringen. Das haben wir
uns gestern klar gemacht, und wir haben vielleicht auch daraus ersehen,
daß für die gegenwärtige Physik der Sprung von der inneren Kon-
struktion des Naturgeschehens durch die Phoronomie in die äußere
physische Empirie hineingetan werden muß, ohne daß dieser Sprung
eigentlich verstanden werden kann. Sehen Sie, ohne daß man wird
Schritte dazu machen, diesen Sprung zu verstehen, wird es unmöglich
sein, jemals Vorstellungen über das zu gewinnen, was in der Physik
der Äther genannt werden soll. Ich habe Ihnen ja schon gestern an-
gedeutet, daß zum Beispiel für die Licht- und Farbenerscheinungen
die gegenwärtige Physik, obwohl sie schon in diesen Vorstellungen
ins Wanken geraten ist, vielfach noch sagt: Auf uns wird eine Licht-
und Farbenwirkung ausgeübt, auf uns als Sinnenwesen, als Nerven-
wesen oder auch als Seelenwesen. Aber diese Wirkung sei subjektiv.
Was draußen im Raum und in der Zeit vor sich geht, das sei objektiv
Bewegung im Äther. Wenn Sie aber in der heutigen physikalischen
Literatur oder sonst im physikalischen Leben nachsehen über die Vor-
stellungen, die man sich über diesen Äther gebildet hat, der bewirken
soll die Lichterscheinungen, so werden Sie finden, daß diese Vor-
stellungen einander widersprechend und verworren sind, und man
kann auch mit demjenigen, was der heutigen Physik zur Verfügung
steht, wirklich sachgemäße Vorstellungen über das, was Äther ge-
nannt werden soll, nicht gewinnen.
Wir wollen einmal versuchen, den Weg anzutreten, der wirklich zur
Überbrückung jener Kluft führen kann zwischen Phoronomie und
auch nur der Mechanik, denn diese hat es natürlich mit Kräften und
mit Massen zu tun. Ich will - obwohl das, was durch diese Formel aus-
gedrückt wird, uns später noch beschäftigen kann, so daß auch die-
jenigen von Ihnen, die sich vielleicht an diese Formel nicht mehr er-
innern aus ihrer Schulzeit her, das werden nachholen können, was
zum Verständnis gehört - , ich will sie heute nur als Lehrsatz vor-
führen. Ich werde die Elemente zusammenstellen, damit Sie sich diese
Formel ein wenig vor die Seele rücken können.
Sehen Sie, wenn wir im Sinne jetzt der Phoronomie annehmen, daß
ein Punkt - wir müssen da eigentlich immer sagen ein Punkt - , daß
ein Punkt sich bewegt, bewegt in dieser Richtung, so bewegt sich solch
ein Punkt - wir sehen jetzt nur auf die Bewegung, nicht auf ihre Ur-
sachen - entweder schneller oder langsamer. Wir können daher sagen:
Der Punkt bewegt sich mit größerer oder geringerer Geschwindig-
keit. Und ich will die Geschwindigkeit v nennen. Diese Geschwindig-
keit ist also eine größere oder eine geringere. Solange wir nichts an-
deres beachten, als daß sich ein solcher Punkt mit einer gewissen Ge-
schwindigkeit bewegt, so lange bleiben wir innerhalb der Phoronomie
stehen. Aber damit würden wir an die Natur nicht herankommen
können, nicht einmal an die bloß mechanische Natur. Wir müssen,
wenn wir an die Natur herankommen wollen, darauf Rücksicht neh-
men, wodurch der Punkt sich bewegt und daß ein bloß gedachter
Punkt sich nicht bewegen kann, daß also der Punkt etwas im äußeren
Raum sein muß, wenn er sich bewegen soll. Kurz, wir müssen an-
nehmen, daß eine Kraft wirkt auf diesen Punkt. Das v will ich die
Geschwindigkeit nennen, p will ich die Kraft nennen, die auf diesen
Punkt wirkt. Diese Kraft, wir wollen annehmen, daß sie nun nicht
bloß einmal auf diesen Punkt gewissermaßen drückt und ihn in Be-
wegung bringt, wodurch er ja schließlich fortfliegen würde mit einer
Geschwindigkeit, wenn er kein Hindernis fände, sondern wir wollen
ausgehen von der Annahme, daß diese Kraft fortwährend wirkt, daß
also während dieses ganzen Weges die Kraft auf diesen Punkt wirkt.
Und die Wegstrecke, während welcher diese Kraft auf den Punkt
wirkt, will ich s nennen. Dann müssen wir außerdem Rücksicht
nehmen darauf, daß der Punkt etwas sein muß im Raum, und dieses
Etwas, das kann größer oder geringer sein. Je nachdem dieses Etwas
größer oder geringer ist, können wir sagen: Der Punkt hat mehr oder
weniger Masse. Die Masse drücken wir ja zunächst aus durch das
Gewicht. Wir können das, was durch die Kraft bewegt wird, abwiegen
und können es durch das Gewicht ausdrücken; m nenne ich also die
Masse. Wenn aber nun auf die Masse m die Kraft p wirkt, so muß
natürlich eine gewisse Wirkung entstehen. Diese äußert sich dadurch,
daß die Masse nun nicht mit gleichförmiger Geschwindigkeit, sondern
schneller und schneller sich weiterbewegt, daß die Geschwindigkeit
immer größer und größer wird. Das heißt, wir müssen darauf Rück-
sicht nehmen, daß wir es mit einer zunehmenden Geschwindigkeit
zu tun haben. Es wird ein gewisses Maß vorhanden sein, nach wel-
chem die Geschwindigkeit zunimmt. Wenn auf dieselbe Masse eine
kleinere Kraft wirkt, so wird diese die Bewegung weniger schneller
und schneller machen können, und wenn auf dieselbe Masse eine
größere Kraft wirkt, so wird sie die Bewegung mehr schneller und
schneller machen können. Dieses Maß, in dem die Geschwindigkeit
zunimmt, will ich die Beschleunigung nennen und mit y bezeichnen.
Was uns aber jetzt vor allen Dingen interessiert, ist das Folgende. Und
da will ich Sie eben erinnern an eine Formel, die Sie wahrscheinlich
kennen, an die Sie sich nur erinnern sollen. Wenn man das Produkt
bildet aus der Kraft, welche auf die Masse wirkt, in die Wegstrecke,
so ist dieses Produkt gleich, das heißt es kann auch ausgedrückt wer-
den dadurch, daß man die Masse multipliziert mit dem Quadrate der
Geschwindigkeit und durch 2 dividiert, das heißt, es ist p s=&£-. Wenn
Sie die von mir aus rechte Seite der Formel in Betracht ziehen, so sehen
Sie darinnen eben die Masse. Sie können aus der Gleichung ersehen,
daß, je größer die Masse wird, desto größer muß die Kraft sein. Aber,
was uns jetzt interessiert, ist das, daß wir auf der rechten Seite der Glei-
chung die Masse haben, also dasjenige, was wir phoronomisch keines-
wegs erreichen können. Nun handelt es sich darum: Soll man sich nun
einfach gestehen, daß alles dasjenige, was außerhalb des Phoronomi-
schen liegt, immer unerreichbar bleiben müsse, daß wir das gewisser-
maßen nur vom Anglotzen, vom Anschauen kennenlernen sollen, oder
gibt es doch jene Brücke, die die heutige Physik nicht finden kann,
zwischen dem Phoronomischen und dem Mechanischen? Sehen Sie,
die heutige Physik kann den Übergang heute nicht finden - und die
Folgen davon sind ungeheuerlich - aus dem Grunde, weil sie keine
wirkliche Menschenkunde, keine wirkliche Physiologie hat, weil man
eigentlich den Menschen nicht wirklich kennt. Sehen Sie, schreibe ich
v2 hin, dann habe ich etwas, was rein im Zählbaren und in der Be-
wegung aufgeht. Insoweit ist die Formel gewissermaßen eine phoro-
nomische. Schreibe ich das m hin, so muß ich mich fragen: Gibt es
irgend etwas in mir selber, was dem entspricht, ähnlich dem entspricht,
wie meine Vorstellung des Zählbaren, des Räumlichen entspricht dem-
jenigen, was ich zum Beispiel mit v hinschreibe? Was entspricht also
dem m? Was tue ich denn eigentlich? Der Physiker ist sich gewöhnlich
nicht bewußt, indem er das m hinschreibt, was er da tut. Nun sehen
Sie, diese Frage führt darauf zurück: Kann ich überhaupt in ähnlicher
Art überschauen, was. in dem m Hegt, wie ich phoronomisch über-
schauen kann, was im v liegt? Man kann es, wenn man das Folgende
sich zum Bewußtsein bringt: Wenn Sie mit dem Finger auf irgend
etwas drücken, so machen Sie sich gewissermaßen bekannt mit der ein-
fachsten Form eines Druckes. Die Masse verrät sich ja - ich habe Ihnen
gesagt: Man kann sie sich vergegenwärtigen dadurch, daß man sie ab-
wiegt - durch nichts anderes zunächst als dadurch, daß sie einen Druck
auszuüben vermag. Mit einem solchen Druck kann man sich bekannt-
machen, indem man mit dem Finger auf etwas drückt. Aber nun muß
man sich fragen: Geht in uns etwas Ähnliches vor, wenn wir mit dem
Finger auf etwas drücken, also einen Druck erleben, wie wenn wir zum
Beispiel einen bewegten Körper überschauen? Ja, es geht schon etwas
vor. Das, was vorgeht, das können Sie sich dadurch klar machen, daß
Sie den Druck immer stärker und stärker machen. Versuchen Sie es
einmal - oder versuchen Sie es lieber nicht - , einen Druck auf eine
Körperstelle auszuüben und immer mehr und mehr zu verstärken,
stärker und stärker zu machen! Was wird geschehen? Nun, wenn Sie
ihn genügend stark machen, verlieren Sie die Besinnung, das heißt, Ihr
Bewußtsein geht Ihnen verloren. Daraus aber können Sie schließen,
daß diese Erscheinung des Bewußtsein-verloren-Gehens gewisser-
maßen im Kleinen auch stattfindet, wenn Sie den noch erträglichen
Druck ausüben. Nur geht eben so wenig von der Kraft des Bewußt-
seins verloren, daß Sie es noch aushalten können. Aber das, was ich
Ihnen charakterisiert habe als den Bewußtseinsverlust bei einem so
starken Druck, daß man ihn nicht mehr aushalten kann, das ist teil-
weise im Kleinen auch dann vorhanden, wenn wir irgendwie in Be-
rührung kommen mit einer Druckwirkung, mit einer Wirkung, die
von einer Masse ausgeht. Und jetzt brauchen Sie den Gedanken nur
weiter zu verfolgen, dann werden Sie nicht mehr ferne davon sein, das-
jenige, was mit dem m hingeschrieben wird, zu verstehen. Während
alles Phoronomische gewissermaßen neutral mit unserem Bewußtsein
vereint wird, sind wir bei dem, was wir mit dem m bezeichnen, nicht
in dieser Lage, sondern da dämpft sich unser Bewußtsein sogleich her-
ab. Kleine Partien der Herabdämpfung des Bewußtseins können wir
noch aushalten, große nicht mehr. Aber dasjenige, was zugrunde liegt,
ist dasselbe. Indem wir m hinschreiben, schreiben wir das in der Natur
hin, was, wenn es sich mit unserem Bewußtsein vereinigt, dieses Be-
wußtsein aufhebt, das heißt uns partiell einschläfert. So treten wir mit
der Natur in eine Beziehung, aber in eine solche Beziehung, die unser
Bewußtsein partiell einschläfert. Sie sehen, warum das nicht phorono-
misch verfolgt werden kann. Alles Phoronomische liegt neutral in un-
serem Bewußtsein. Wenn wir darüber hinausgehen, treten wir in die
Partien ein, die unserem Bewußtsein entgegengesetzt liegen und die es
aufheben. Also, indem wir die Formel ps = ^~ hinschreiben, müssen
wir uns sagen: Unsere Menschenerfahrung enthält ebenso das m wie
sie das v enthält, aber unser gewöhnliches Bewußtsein reicht nur nicht
aus, um dieses ?n zu umfassen. Dieses m saugt uns sogleich die Kraft
unseres Bewußtseins aus. Jetzt haben Sie eine reale Beziehung zum
Menschen. Eine ganz reale Beziehung zum Menschen. Sie sehen, es
müssen Bewußtseinszustände zu Hilfe genommen werden, wenn wir
das Naturgemäße verstehen wollen. Ohne diese Zuhilfenahme gelingt
es nicht, vom Phoronomischen auch nur zum Mechanischen vor-
zuschreiten.
Nun aber, wenn wir auch mit unserem Bewußtsein in all dem, was
zum Beispiel mit m bezeichnet werden kann, nicht drinnen leben
können, mit unserem ganzen Menschen leben wir doch darinnen. Na-
mentlich leben wir mit unserem Willen darinnen, und wir leben sehr
stark mit unserem Willen darinnen. Wie wir in der Natur mit unserem
Willen darinnenleben, will ich an einem Beispiel veranschaulichen.
Da muß ich aber ausgehen von etwas, das Sie wieder erinnern
müssen aus der Schulzeit. Ich will Ihnen etwas zurückrufen, was
Sie während Ihrer Schulzeit gut kennengelernt haben. Sie wissen, daß,
wenn wir hier eine Waage haben, so können wir, wenn wir hier das
Waaggewicht daraufgeben, einen gleichschweren Gegenstand, den ich
eben jetzt nur anhängen will, um die Waagebalken ins Gleichgewicht
zu bringen, können wir diesen Gegenstand abwiegen; wir finden sein
Gewicht. In dem Augenblick, wo wir ein Gefäß mit Wasser hierher
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Licht einlassen. Dieses Licht lassen wir also durch diesen Spalt herein-
fluten. Wenn wir dieses Licht hereinfluten lassen und gegenüber der
Wand, durch die das Licht hereinflutet, einen Schirm stellen, so er-
scheint eine beleuchtete Kreisfläche durch das hereinflutende Licht.
Am besten macht man das Experiment, indem man in den Fenster-
laden ein Loch schneidet und das Licht hereinfluten läßt. Man kann
da einen Schirm aufstellen und das Bild, das so entsteht, auffangen.
Wir können das hier nicht machen, aber dafür mit Hilfe dieses Pro-
jektions-Apparates, indem wir den Verschluß wegnehmen. Da be-
kommen wir, wie Sie sehen, eine leuchtende Kreisfläche. Diese
leuchtende Kreisfläche ist also zunächst nichts anderes als das Bild,
das entsteht dadurch, daß hier ein Lichtzylinder, der sich hieher
fortpflanzt, von der gegenüberliegenden Wand aufgefangen wird.
Nun kann man in den Weg dieses Lichtzylinders, der da hereinfällt,
ein sogenanntes Prisma schieben. Dann ist das Licht gezwungen,
nicht einfach nach der gegenüberliegenden Wand hinzudringen und
dort den Kreis zu bewirken, sondern dann ist das Licht gezwungen,
von seinem Weg abzukommen. Wir bewirken das dadurch, daß wir
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ein Hohlprisma haben, welches dadurch gestaltet ist, daß wir hier
ebene Glasscheiben haben, die keilförmig angeordnet sind. Dieses
Hohlprisma ist ausgefüllt mit Wasser. Wir lassen den Lichtzylinder,
der hier entstanden ist, durch dieses Wasserprisma hindurch. So sehen
Sie, wenn Sie jetzt hinschauen auf die Wand, daß nicht an der Stelle
da unten, wo sie früher war, diese Scheibe ist, sondern Sie sehen,
daß sie gehoben ist, daß sie an einer anderen Stelle erscheint. Sie
sehen aber außerdem noch etwas Merkwürdiges. Sie sehen oben den
Rand in einem bläulich-grünlichen Licht, mit einem bläulich-grün-
lichen Rand, bläulichen Rand. Sie sehen unten den Rand rötlich-gelb.
Da haben wir dasjenige, was wir ein Phänomen nennen, eine Erschei-
nung. Halten wir an dieser Erscheinung zunächst fest. Zeichnen wir
den Tatbestand auf, so müssen wir ihn so zeichnen: Es kommt das
Licht von seinem Weg irgendwie ab, indem es durch das Prisma geht.
Es bildet da oben einen Kreis. Würden wir ihn abmessen, so würden
wir finden, daß es kein genauer Kreis ist, sondern daß er nach oben
und unten ein wenig in die Länge gezogen und oben bläulich und
unten gelblich gerandet ist. Sie sehen also, wenn wir einen solchen
Lichtzylinder durch das prismatisch geformte Wasser gehen lassen -
wir können absehen von den Veränderungen, die die Glasplatten her-
vorrufen -, so treten an den Rändern Farbenerscheinungen auf. Ich
will nun das Experiment noch einmal machen mit einem Lichtzylinder,
der viel schmäler ist. Sie sehen nun eine viel kleinere Scheibe da unten.
Nun, lenken wir diese kleine Scheibe durch das Prisma ab, so sehen
Sie hier oben, also wiederum nach oben verschoben, den Lichtfleck,
den Lichtkreis; aber Sie sehen jetzt diesen Lichtkreis ziemlich ganz von
Farben durchzogen. Sie sehen, wenn ich das, was Sie hier jetzt haben,
zeichnen will, daß da oben jetzt das Verschobene so ist, daß es violett,
blau, grün, gelb, rot erscheint. Ja, wenn wir genau das alles verfolgen
könnten, es würde in den vollkommenen Regenbogenfarben ange-
ordnet sein. Bitte, wir nehmen rein das Faktum, und ich bitte jetzt alle
diejenigen von Ihnen, welche in der Schule gelernt haben all die
schönen Zeichnungen von Lichtstrahlen, von Einfallsloten und so
weiter, diese zu vergessen und sich an die reine Erscheinung, an das
reine Faktum zu halten. Wir sehen am Lichte Farben entstehen und
wir können uns fragen: Woran liegt es denn, daß am Licht solche
Farben entstehen? - Nun, wenn ich noch einmal den großen Kreis ein-
schalte, so haben wir also den durch den Raum gehenden Licht-
zylinder, der dort auftrifft auf den Schirm und dort ein Lichtbild
formiert. Wenn wir einschalten in den Weg dieses Lichtzylinders
wiederum das Prisma, dann bekommen wir die Verschiebung dieses
Lichtbildes und außerdem an den Rändern die farbigen Erschei-
nungen.
Nun aber bitte ich Sie, das Folgende zu beobachten. Wir bleiben
rein innerhalb der Fakten stehen. Ich bitte Sie, zu beobachten: Wenn
Sie so ein bißchen herumschauen würden, so würden Sie, indem das
Licht durchgeht durch das Glasprisma, genau da drinnen den leuch-
tenden Wasserzylinder sehen. Der Lichtzylinder geht - das ist rein
faktisch - durch das Wasserprisma durch und es findet also statt
eine Ineinanderfügung des Lichtes mit dem Wasser. Bitte darauf
jetzt wohl zu achten. Indem der Lichtzylinder durch das Wasser-
prisma hindurchgeht, findet statt eine Ineinanderfügung des Lichtes
mit dem Wasser. Dieses, was sich da ineinanderfügt von Licht und
Wasser, das ist nun keineswegs unwirksam für die Umgebung, son-
dern wir müssen sagen: Da geht der Lichtzylinder, der hat - wie
gesagt, wir bleiben innerhalb der Fakten stehen - irgendwie die
Kraft, auf die andere Seite des Prismas durch das Prisma durchzu-
dringen. Aber er wird durch das Prisma abgelenkt. Er würde gerade-
aus gehen, aber er wird hinaufgehoben, wird abgelenkt, dieser Licht-
zylinder, so daß wir konstatieren müssen: Hier ist etwas vorhanden,
was uns den Lichtzylinder ablenkt. Wenn ich das andeuten will durch
einen Pfeil, was uns den Lichtzylinder ablenkt, so müßte ich es durch
diesen Pfeil tun. Nun können wir sagen - wie gesagt, rein innerhalb
der Fakten stehenbleiben, nicht spekulieren - : Durch ein solches
Prisma wird der Lichtzylinder abgelenkt nach oben und wir können
die Ablenkungsrichtung angeben.
Nun bitte ich Sie, zu alledem das Folgende hinzuzudenken, was
wiederum nur Fakten entspricht. Wenn Sie durch ein trübes Milchglas
oder nur durch eine irgendwie getrübte Flüssigkeit, also durch eine
getrübte Materie, Licht dringen lassen, so wird dieses Licht abge-
schwächt selbstverständlich. Sie sehen, indem Sie durch ungetrübtes
Wasser das Licht sehen, es in seiner Helligkeit. Bei getrübtem Wasser
sehen Sie es abgeschwächt. Das können Sie in unzähligen Fällen be-
obachten, daß durch getrübte Medien, durch getrübte Mittel, das
Licht abgeschwächt wird. Das ist etwas, was man zunächst als Faktum
auszusprechen hat. In irgendeiner Beziehung, wenn auch noch so
wenig, ist aber jedes materielle Mittel, also auch das, was hier als
Prisma steht, ein getrübtes Mittel. Es trübt immer das Licht ab, das
heißt, mit Bezug auf das Licht, das da innerhalb des Prismas ist, haben
wir es zu tun mit einem abgetrübten Licht. Da (links) haben wir es zu
tun mit scheinendem Licht. Da (rechts) haben wir es zu tun mit dem
Licht, das sich den Durchgang verschafft hat durch das Mittel. Hier
aber, innerhalb des Prismas, haben wir es zu tun mit einem Zu-
sammenwirken von Materie mit dem Licht, mit dem Entstehen einer
Trübung. Daß aber eine Trübung wirkt, das können Sie einfach dar-
aus entnehmen, daß, wenn Sie eben durch ein getrübtes Mittel Licht
ansehen, Sie noch etwas sehen. Also eine Trübung wirkt - es ist das
wahrnehmbar. Was entsteht durch die Trübung? Wir haben es also
nicht bloß zu tun mit dem fortschreitenden und abbiegenden Licht-
kegel, sondern außerdem noch mit dem, was sich da hineinstellt als
eine Trübung des Lichtes, bewirkt durch die Materie. Wir können uns
also vorstellen: Hier in diesem Raum nach dem Prisma, da scheint
nicht nur herein das Licht, sondern da scheint herein, da strahlt in das
Licht hinein, was da als Trübung im Prisma lebt. Das strahlt da hinein.
Und wie strahlt das da hinein? Es breitet sich natürlich da aus, nach-
dem das Licht durch das Prisma gegangen ist. Das Getrübte strahlt in
das Helle hinein. Und Sie brauchen sich die Sache nur richtig zu über-
legen, so können Sie sich sagen: Da scheint das Trübe hinauf, und
wenn das Helle abgelenkt wird, wird auch das Trübe nach oben ab-
gelenkt. Das heißt, die Trübung, die wird hier nach oben abgelenkt in
derselben Richtung, in der die Helligkeit abgelenkt wird. Es wird ge-
wissermaßen der Helligkeit, die nach oben abgelenkt wird, noch eine
Trübung nachgeschickt. Die Helligkeit kann also da nach oben nicht
ohne weiteres sich ausbreiten. In sie hinein wird die Trübung nach-
geschickt. Und wir haben es zu tun mit zwei Zusammenwirkenden,
mit der abgelenkten Helligkeit und mit dem Hineinschicken der Trü-
bung in diese Helligkeit, nur daß die Ablenkung der Trübung in der-
selben Richtung geschieht wie die der Helligkeit. Den Erfolg sehen
Sie: Dadurch, daß nach oben hin in die Helligkeit der Schein der
Trübung hineinstrahlt, entstehen die dunklen Farben, die bläulichen
Farben. Und nach unten, wie ist es denn da? Nach unten scheint na-
türlich auch die Trübung. Aber Sie sehen ja, während hier (oben) eine
Partie ist des ausstrahlenden Lichts, wo die Trübung nach derselben
Richtung geht wie das mit Wucht durchgehende Licht, haben wir
hier eine Ausbreitung desjenigen, was als Trübung entsteht, so daß
es hinscheint und es einen Raum gibt, für den im allgemeinen der
Lichtzylinder nach oben abgelenkt wird. Aber in diesen nach oben ab-
gelenkten Lichtkörper strahlt ein die Trübung. Und hier haben wir
eine Partie, wo durch die oberen Partien des Prismas die Trübung nach
unten geht. Dadurch haben wir hier (unten) eine Partie, wo die Trü-
bung im entgegengesetzten Sinn abgelenkt wird, als die Ablenkung
der Helligkeit ist. Wir können sagen: Wir haben hier die Trübung, die
hineinwill in die Helligkeit; aber im unteren Teil ist die Helligkeit so,
daß sie entgegengesetzt wirkt in ihrer Ablenkung der Ablenkung der
Trübung. Die Folge davon ist, daß, während oben die Ablenkung der
Trübung im selben Sinn erfolgt wie die der Helligkeit und sie also
gewissermaßen zusammenwirken, die Trübung sich also sozusagen
wie ein Parasit hineinmischt, hier unten die Trübung zurückstrahlt
in die Helligkeit hinein, aber von der Helligkeit überwältigt, gewisser-
maßen unterdrückt wird, so daß hier die Helligkeit vorherrscht, auch
vorherrscht in dem Kampf zwischen der Helligkeit und der Trübung,
und die Folgen dieses Kampfes zwischen Helligkeit und Trübung, die
Folgen dieses Gegeneinander-sich-Stellens und des Durchschienen-
werdens der Trübung von der Helligkeit, das sind nach unten die roten
oder gelben Farben. So daß man sagen kann: Nach oben läuft Trübung
in Helligkeit ein, und es entstehen blaue Nuancen; nach unten über-
tönt eine Helligkeit die hineinlaufende Trübe oder Dunkelheit, und es
entstehen die gelben Nuancen.
Sie sehen also hier, daß wir es einfach dadurch, daß das Prisma ab-
lenkt, auf der einen Seite ablenkt den vollen hellen Lichtkegel, auf der
anderen Seite ablenkt die Trübung, zu tun haben nach zwei Seiten hin
mit einem verschiedenen Hineinspielen der Dunkelheit, der Trübung
in das Helle. Wir haben ein Zusammenspiel von Dunkelheit und
Helligkeit, die nicht zu einem Grau sich miteinander vermischen, son-
dern selbständig wirksam bleiben. Nur bleiben sie nach dem einen Pol
hin so wirksam, daß die Dunkelheit gewissermaßen nach der Hellig-
keit, also so wirken kann, daß sie innerhalb der Helligkeit zur Geltung
kommt, aber eben als Dunkelheit. Auf der anderen Seite stemmt sich
die Trübung entgegen der Helligkeit, bleibt als selbständig vorhanden,
aber wird übertönt von der Helligkeit. Da entstehen die hellen Farben,
das Gelbliche. So haben Sie, indem Sie rein innerhalb der Fakten
bleiben, dadurch, daß Sie das nehmen, was da ist, rein aus der An-
schauung heraus die Möglichkeit zu verstehen, warum auf der einen
Seite die gelblichen Farben, auf der anderen die bläulichen erscheinen,
und Sie sehen zu gleicher Zeit daraus, daß das materielle Prisma
einen ganz wesentlichen Anteil hat an dieser Entstehung der Farben.
Es geschieht ja durch das Prisma, daß nach der einen Seite hin in
demselben Sinn die Trübung abgelenkt wird wie der Lichtkegel, aber
auch, nach der anderen Seite hin, daß das Fortstrahlende und das Ab-
gelenkte sich kreuzen, weil eben das Prisma auch nach der anderen
Seite hin ausstrahlen läßt seine Dunkelheit, auch dahin, wo schon ab-
gelenkt ist. Dadurch entsteht die Ablenkung nach unten, und es wirken
nach unten anders zusammen die Dunkelheit und die Helligkeit als
nach oben. Farben entstehen also da, wo zusammenwirken Dunkel-
heit und Helligkeit.
Das ist dasjenige, was ich Ihnen heute besonders klarmachen wollte.
Sie müssen, wenn Sie sich nun überlegen wollen, ich möchte sagen,
aus welcher Ecke heraus das am besten zu begreifen ist, da müssen
Sie nur zum Beispiel daran denken, daß Ihr Ätherleib anders einge-
schaltet ist im Muskel als im Auge: Im Muskel so, daß er sich mit den
Funktionen des Muskels verbindet, im Auge so, daß gewissermaßen,
weil das Auge sehr isoliert ist, der Ätherleib nicht eingeschaltet ist in
den physischen Apparat, sondern verhältnismäßig selbständig ist. Da-
durch kann mit dem Ätherleibteil im Auge der Astralleib eine innige
Verbindung eingehen. Unser astralischer Leib ist innerhalb des Auges
ganz anders selbständig als innerhalb unserer anderen physischen Or-
ganisation. Nehmen Sie an, das da wäre ein Teil der physischen Orga-
nisation, in einem Muskel, das hier wäre physische Organisation des
Auges (es wird gezeichnet). Wenn wir beschreiben, so müssen wir
sagen: Unser Astralleib ist eingeschaltet sowohl hier wie da; aber es
ist ein beträchtlicher Unterschied. Da ist er so eingeschaltet, daß er
durch denselben Raum geht wie der physische Körper, aber nicht
selbständig. Hier ist er auch eingeschaltet, im Auge; aber da wirkt er
selbständig. Den Raum füllen beide in gleicher Weise aus; aber das
eine Mal wirken die Ingredienzien selbständig, das andere Mal wirken
sie nicht selbständig. Daher ist das nur halb gesagt, wenn man sagt:
Unser Astralleib ist im physischen Leibe drinnen. Wir müssen fragen,
wie er drinnen ist. Denn er ist anders drinnen im Auge und anders im
Muskel. Im Auge ist er relativ selbständig, trotzdem er drinnen ist wie
im Muskel. Daraus sehen Sie, daß Ingredienzien einander durch-
dringen können und dennoch selbständig sein können. So können Sie
Helligkeit und Dunkelheit zum Grau vereinigen, dann sind sie einan-
der so durchdringend wie Astralleib und Muskel. Oder aber sie können
sich so durchdringen, daß sie selbständig bleiben, dann durchdringen
sie sich so wie unser Astralleib und die physische Organisation im
Auge. Das eine Mal entsteht Grau, das andere Mal entsteht Farbe.
Wenn sie sich so durchdringen wie Astralleib und Muskeln, so ent-
steht Grau, und wenn sie sich so durchdringen wie unser Astralleib
und unser Auge, so entsteht Farbe, weil sie relativ selbständig bleiben,
trotzdem sie im selben Räume sind.
DRITTER VORTRAG
Es ist mir gesagt worden, daß dasjenige, worinnen wir die gestrige
Betrachtung gipfeln lassen mußten, die Erscheinung, die durch das
Prisma auftritt, doch Schwierigkeiten dem Verständnisse für viele ge-
boten habe, und ich bitte Sie, darüber sich zu beruhigen. Es wird
dieses Verständnis nach und nach kommen. Wir werden uns gerade
mit den Licht- und Farbenerscheinungen ein wenig eingehender be-
fassen, damit diese eigentliche piece de resistance - eine solche ist es
auch für die übrige Physik - uns eine gute Grundlage abgeben könne.
Sie sehen ein, daß es sich uns zunächst darum handeln muß, daß ich
Ihnen gerade einiges von demjenigen sage, was Sie nicht in Büchern
finden können und was nicht Gegenstand der gewöhnlichen natur-
wissenschaftlichen Betrachtungen ist, was wir gewissermaßen nur hier
behandeln können. Wir werden dann in den letzten Vorträgen darauf
eingehen, wie dasjenige, was wir hier betrachten, auch im Unterricht
zu verwerten ist.
Dasjenige, was ich versuchte gestern auseinanderzusetzen, ist ja im
wesentlichen eine besondere Art des Ineinanderwirkens von Hellig-
keit und Trübe. Und ich wollte zeigen, daß durch dieses verschieden-
artige Zusammenwirken von Helligkeit und Trübe, das besonders
auftritt beim Durchgang eines Lichtzylinders durch ein Prisma,
die polarisch zueinander sich verhaltenden Farbenerscheinungen ent-
stehen. Zunächst bitte ich Sie, die bittere Pille schon in Empfang zu
nehmen, daß die Schwierigkeit des Verständnisses dieser Sache dar-
innen liegt, daß Sie eigentlich - es geht diejenigen an, die Schwierig-
keit des Verständnisses finden - die Licht- und Farbenlehre phorono-
misch gestaltet haben möchten. Die Menschen haben sich nun schon
einmal gewöhnt durch unsere sonderbare Erziehung, nur sich solchen
Vorstellungen hinzugeben, die mit Bezug auf die äußere Natur mehr
oder weniger phoronomisch sind, das heißt sich nur befassen mit dem
Zählbaren, mit dem Räumlich-Formalen und mit dem Beweglichen.
Nun sollen Sie sich bemühen, in Qualitäten zu denken, und Sie können
wirklich in einem gewissen Sinne sagen: Hier stocke ich schon. - Aber
schreiben Sie das durchaus zu dem unnatürlichen Gang, den die wissen-
schaftliche Entwickelung in der neueren Zeit genommen und durch-
gemacht hat, den Sie sogar in gewisser Weise mit Ihren Schülern durch-
machen werden - ich meine jetzt die Lehrer der Waldorfschule und
andere Lehrer. Denn es wird natürlich nicht möglich sein, sogleich ge-
sunde Vorstellungen in die heutige Schule hineinzutragen, sondern
wir werden Übergänge schaffen müssen.
Nun gehen wir einmal für die Licht- und Farbenerscheinungen von
dem anderen Ende der Sache aus. Eine viel angefochtene Bemerkung
Goethes möchte ich heute vorausschicken. Sie können es bei Goethe
lesen, wie er bekannt geworden ist in den achtziger Jahren des acht-
zehnten Jahrhunderts mit allerlei Behauptungen über das Auftreten
von Farben am Lichte, also über diejenigen Erscheinungen, von denen
wir gestern begonnen haben zu sprechen, Es ist ihm gesagt worden, es
sei die allgemeine Anschauung der Physiker, daß, wenn man farbloses
Licht durch ein Prisma gehen lasse, dieses farblose Licht gespalten,
zerlegt würde. Also etwa so wurden die Erscheinungen interpretiert,
daß gesagt wurde: Fangen wir einen farblosen Lichtzylinder auf, so
zeigt er uns zunächst ein farbloses Bild. Stellen wir diesem Lichtzylin-
der in den Weg das Prisma, so bekommen wir die Aufeinanderfolge
der Farben Rot, Orange, Gelb, Grün, Blau - Hellblau, Dunkelblau -,
Violett. Nun, das ist etwas, was an Goethe herantrat, und zwar so, daß
er erfuhr: Man erklärt sich diese Sache so, daß das farblose Licht
eigentlich schon in sich enthält - wie, das ist ja natürlich schwer zu
denken, aber das wurde gesagt - diese sieben Farben. Wenn man
das Licht durch das Prisma gehen läßt, so tut das Prisma eigentlich
nichts anderes, als das, was im Licht schon drinnen ist, facherartig
auseinanderlegen, das Licht in die sieben Farben zerlegen. Nun,
Goethe wollte der Sache auf den Grund gehen und lieh sich allerlei
Instrumente aus, wie wir es versucht haben in diesen Tagen sie auch
zusammenzutragen, um selber zu konstatieren, wie die Dinge sind.
Er ließ sich diese Instrumente von dem Hofrat Büttner in Jena nach
Weimar hinüberkommen, stapelte sie auf und wollte zu gelegener
Zeit versuchen, wie sich die Sache verhält. Der Hofrat Büttner wurde
ungeduldig und forderte die Instrumente zurück, als Goethe noch
nichts gemacht hatte. Er mußte die Instrumente zusammenpacken
- bei manchen Dingen passiert uns ja so etwas, daß wir nicht gleich
dazu kommen. Er nahm schnell noch das Prisma und sagte: Also, durch
das Prisma wird das Licht zerlegt. Ich gucke es mir an an der Wand. -
Und nun hat er erwartet, daß das Licht schön siebenfarbig erscheint.
Es erschien aber nur da irgend etwas Farbiges, wo irgendein Rand war,
wo ein Schmutzfleck war, so daß das Schmutzige, das Trübe, mit dem
Hellen zusammenstieß. Da sah man Farben, wenn man durchguckte.
Aber wo gleichmäßiges Weiß war, sah man nichts. Da wurde Goethe
stutzig, er wurde irre an dieser ganzen Theorie. Und nun hatte er kei-
nen Sinn mehr für das Zurückschicken der Instrumente. Er behielt sie
und verfolgte die Sache weiter. Und da stellte sich heraus, daß die
Sache eigentlich gar nicht so ist, wie sie gewöhnlich dargestellt wurde:
Wenn wir Licht durchlassen durch den Raum des Zimmers, so be-
kommen wir auf einem Schirm einen weißen Kreis. Nun, wenn man
diesem Lichtkörper, der da durchgeht, in den Weg stellt das Prisma,
so wird der Lichtzylinder abgelenkt (vgl. die Figuren S. 53 und
S. 54). Aber es erscheinen zunächst durchaus nicht die sieben auf-
einanderfolgenden Farben, sondern nur am untern Rand tritt das
Rötliche auf, das ins Gelbliche übergeht, und am oberen Rand das
Bläuliche, das ins Grünliche übergeht. In der Mitte bleibt es weiß.
Was sagte sich nun Goethe? Er sagte sich: Da kommt es also über-
haupt nicht darauf an, daß irgend etwas aus dem Licht heraus sich
spaltet, sondern ich bilde ja eigentlich ab ein Bild. Dieses Bild ist nur
das Abbild des Ausschnittes hier. Der Ausschnitt hat Ränder und die
Farben treten nicht deshalb auf, weil sie aus dem Licht herausgeholt
werden, gewissermaßen weil das Licht in sie zerspalten würde, son-
dern weil ich das Bild entwerfe und das Bild als solches Ränder hat,
so daß ich es auch hier mit nichts anderem zu tun habe, als daß dort,
wo Helligkeit und Dunkelheit zusammentreten - denn außerhalb die-
ses Lichtkreises hier ist Dunkelheit in der Umgebung und innen ist es
hell - , da an den Rändern, die Farben auftreten. Es treten zunächst
überhaupt nur die Farben als Randerscheinungen auf, und wir haben,
indem wir die Farben als Randerscheinungen zeigen, im Grunde das
ursprüngliche Phänomen vor uns. Wir haben gar nicht vor uns das
ursprüngliche Phänomen, wenn wir nun den Kreis verkleinern und ein
kontinuierliches Farbenbild bekommen. Das kontinuierliche Farben-
bild entsteht nur dadurch, daß, während beim großen Kreis die Rand-
farben eben Randfarben bleiben, sich beim kleinen Kreis vom Rand
herein die Farben bis zur Mitte fortsetzen. Sie übergreifen sich in der
Mitte und bilden, was man ein kontinuierliches Spektrum nennt. Also,
die ursprüngliche Erscheinung ist diejenige, daß an den Rändern, wo
Helligkeit und Dunkelheit zusammenströmen, Farben auftreten.
Sie sehen, es handelt sich darum, daß wir nicht mit Theorien in die
Tatsachen hineinpfuschen, sondern reinlich bei einem Studium der
bloßen Tatsachen bleiben, der bloßen Fakta. Nun handelt es sich dar-
um, daß hier ja nicht nur dasjenige auftritt, was wir in den Farben
sehen, sondern Sie haben gesehen: Es tritt hier auch auf eine Verschie-
bung des ganzen Lichtkegels, eine seitliche Ablenkung des ganzen
Lichtkegels. Wenn Sie schematisch diese seitliche Ablenkung verfolgen
wollen, so könnten Sie es etwa auf die folgende Weise noch verfolgen.
Nehmen Sie an, Sie fügen zwei Prismen zusammen, so daß dann das
untere Prisma, das aber ein Ganzes bildet mit dem oberen, so steht wie
das, was ich Ihnen gestern aufgezeichnet habe. Das obere Prisma steht
entgegengesetzt dem unteren. Würde ich durch dieses Doppel-Prisma
einen Lichtzylinder durchgehen lassen, so würde ich natürlich etwas
Ähnliches bekommen müssen wie gestern. Ich würde eine Ablenkung
bekommen, das eine Mal nach unten, das andere Mal nach oben. Ich
würde, wenn ich hier ein solches Doppel-Prisma hätte, eine noch
mehr in die Länge gezogene Lichtfigur bekommen, aber zu gleicher
Zeit würde sich herausstellen, daß diese noch mehr in die Länge
gezogene Lichtfigur sehr undeutlich, düster ist. Das würde mir da-
durch erklärlich werden, daß ich dann, wenn ich hier die Figur mit
einem Schirm auffange, von diesem Lichtkreis hier ineinandergescho-
ben eine Abbildung bekommen würde. Aber ich könnte den Schirm
auch hereinrücken. Ich würde wiederum eine Abbildung bekommen.
Das heißt, es gäbe hier eine Strecke - das liegt alles innerhalb der Tat-
sachen - , auf der ich immer die Möglichkeit, eine Abbildung zu be-
kommen, antreffen würde. Sie sehen daraus, daß durch das Doppel-
r^o
far&iqe
Qbtrfoge
dazwischen
Prisma mit dem Lichte hantiert wird. Immer finde ich außen einen
roten Rand, und zwar jetzt oben und unten, und in der Mitte Violett.
Während ich sonst bloß bekomme das Bild vom Rot bis zum Violett,
bekomme ich jetzt die äußeren Ränder rot und in der Mitte Violett
und dazwischen die anderen Farben. Ich könnte also durch ein solches
Doppel-Prisma die Möglichkeit schaffen, daß eine solche Figur ent-
stünde, aber ich würde diese auch bekommen, wenn ich den Schirm
verschieben würde. Ich habe also eine gewisse Strecke, auf der die
Möglichkeit der Entstehung eines Bildes vorhanden ist, das an den
Rändern farbig ist, aber auch in der Mitte farbig ist und allerlei Über-
gangsfarben hat.
Nun kann man verhindern, daß hier, wenn ich mit dem Schirm auf
und ab gehe, ein ganz weiter Raum ist, auf dem die Möglichkeit be-
steht, solche Bilder zu schaffen. Aber Sie ahnen wohl, diese Möglich-
keit könnte nur geschaffen werden, wenn ich das Prisma immer ändern
würde, weil bei einem Prisma, dessen Winkel hier größer ist, das Bild
an einer anderen Stelle entworfen wird, als wenn ich den Winkel klei-
ner machen würde, und ich würde diese Strecke kleiner bekommen.
Ich kann die ganze Sache dadurch zu einer anderen machen, daß ich
nun hier nicht ebene Flächen für ein Prisma habe, sondern daß ich von
vornherein gekrümmte Flächen nehme. Dadurch wird dasjenige, was
beim Prisma noch außerordentlich schwer zu studieren ist, wesentlich
vereinfacht. Und wir bekommen dann folgende Möglichkeit: Wir
lassen zunächst durchgehen durch den Raum den Lichtzylinder, und
jetzt stellen wir die Linse, die also eigentlich nichts anderes ist als ein
Doppel-Prisma, aber mit gekrümmten Flächen, die stellen wir in den
Weg (Figur S. 65, unten). Jetzt bekomme ich das Bild zunächst wesent-
lich verkleinert. Also, was ist denn da eigentlich geschehen? Der ganze
Lichtzylinder ist zusammengezogen, verengt. Da haben wir eine neue
Wechselwirkung zwischen dem Materiellen, dem Materiellen in der
Linse, im Glaskörper, und dem durch den Raum gehenden Licht. Diese
Linse wirkt so auf das Licht, daß sie den Lichtzylinder zusammen-
zieht.
Wir wollen uns die ganze Sache einmal schematisch aufzeichnen. Ich
habe hier einen Lichtzylinder, von der Seite gezeichnet, und lasse sein
Licht durch die Linse gehen. Wenn ich eine gewöhnliche Glasplatte
oder eine Wasserplatte entgegensetzen würde, so würde der Licht-
zylinder einfach durchgehen und es würde sich auf dem Schirm eben
ein Abbild des Lichtzylinders ergeben. Das ist nicht der Fall, wenn ich
nicht eine Glasplatte oder eine Wasserplatte habe, sondern eine Linse.
Wenn ich einfach mit den Strichen nachfahre demjenigen, was ge-
schehen ist, so muß ich sagen: Es ist eine Verkleinerung des Bildes,
die sich ergeben hat. Also ist der Lichtzylinder zusammengezogen.
Es gibt noch eine andere Möglichkeit. Das ist diese, daß man die
Anordnung nachbildet nicht einem solchen Doppel-Prisma, wie ich
es dort gezeichnet habe, sondern einem Doppel-Prisma, das so im
Querschnitt gestaltet ist, daß mit dieser Kante hier die Prismen an-
einanderstoßen. Dann würde ich allerdings dieselbe Beschreibung,
die ich gemacht habe, mit einem wesentlich vergrößerten Kreis be-
kommen. Wiederum würde ich, indem ich mit dem Schirm auf und
ab gehe, während einer gewissen Strecke die Möglichkeit haben,
das Bild - mehr oder weniger undeutlich - zu bekommen. Ich würde
hier in diesem Fall oben Violett, Bläulich haben, unten auch Violett,
Blau und in der Mitte würde ich Rot haben. Dort war es umgekehrt.
Und dazwischen die Zwischenfarben.
Ich kann mir wiederum an die Stelle dieses Doppel-Prismas setzen
eine Linse mit folgendem Querschnitt: )_(. Während diese Linse ihrem
Querschnitt nach sich in der Mitte dick zeigt und an den Rändern
dünn, zeigt sich diese in der Mitte dünn und an den Rändern dick
(Figuren S. 65 und 67, unten). In diesem Fall bekomme ich auch durch
die Linse hier ein Bild, das wesentlich größer ist, als der gewöhnliche
Querschnitt wäre, der von dem Lichtzylinder entstehen würde. Ich
bekomme ein vergrößertes Bild, aber auch mit dieser Farbenabstufung
an den Rändern und gegen die Mitte zu. Will ich also hier die Er-
scheinungen verfolgen, so muß ich sagen: Der Lichtzylinder ist aus-
einandergeweitet worden, er ist im wesentlichen auseinandergetrieben
worden. Das ist das einfache Faktum.
Nun, was sehen wir aus diesen Erscheinungen? Wir sehen, daß eine
Beziehung herrscht zwischen dem Materiellen, das uns zunächst als
durchsichtiges Materielles entgegentritt in den Linsen oder Prismen,
zwischen diesem Materiellen und demjenigen, was durch das Licht zur
Erscheinung kommt. Und wir sehen auch in gewissem Sinn eine ge-
wisse Art dieser Wechselwirkung. Denn gehen wir von demjenigen
aus, was wir hier durch eine solche Linse gewinnen würden, die an
den Rändern dick und in der Mitte dünn ist, was müssen wir uns denn
da sagen, wenn wir eine solche Linse vor uns haben? Da müssen wir
sagen: Es ist auseinandergetrieben worden der ganze Lichtzylinder,
er ist geweitet worden. Und wir sehen auch, wie diese Weitung mög-
lich ist. Diese Weitung kommt ja dadurch zustande, daß das Materielle,
durch das das Licht durchgegangen ist, hier dünn ist, hier dicker ist.
Da muß das Licht durch mehr Materielles dringen als hier in der Mitte,
wo es durch weniger Materielles dringt. Was geschieht nun mit dem
Lichte? Nun, wir haben ja gesagt, es wird geweitet, es wird auseinan-
dergetrieben. In der Richtung dieser zwei Pfeile wird es auseinander-
getrieben. Wodurch kann es nur auseinandergetrieben werden? Nun,
lediglich durch den Umstand, daß es in der Mitte weniger Materie zu
passieren hat und an den Rändern mehr. Nun überlegen Sie sich die
Sache: In der Mitte hat das Licht weniger Materielles zu passieren,
geht also leichter durch, hat also, wenn es durchgegangen ist, noch
mehr Kraft. Also, es hat hier mehr Kraft, wo es durch weniger Mate-
rielles hindurchgeht, als hier, wo es durch mehr Materielles geht. Diese
stärkere Kraft in der Mitte, die hervorgerufen wird dadurch, daß das
Licht durch weniger Materielles hindurchgeht, die drückt den Licht-
zylinder auseinander. Das ist etwas, was Sie sozusagen an den Fakten
unmittelbar ablesen können. Ich bitte, sich nur ganz klar darüber zu
sein, daß es sich hier handelt um eine richtige Behandlung der Me-
thode, um eine richtige Führung des Denkens. Man muß sich klar
sein, wenn man das, was durch das Licht erscheint, mit Linien verfolgt,
daß man da eigentlich nur etwas hinzuzeichnet, was mit dem Lichte
nichts zu tun hat. Wenn ich hier die Linien zeichne, dann zeichne ich
bloß die Grenzen des Lichtzylinders. Dieser Lichtzylinder wird durch
diese Öffnung bewirkt. Ich zeichne also gar nichts, was mit dem Licht
zu tun hat, sondern nur etwas, was hervorgerufen wird dadurch, daß
das Licht durch den Spalt durchgeht. Und wenn ich hier sage: In die-
ser Richtung bewegt sich das Licht, so hat das wiederum mit dem
Lichte nichts zu tun; denn würde ich die Lichtquelle hinaufschieben,
so würde sich eben das Licht, wenn es durch den Spalt fallen würde,
so bewegen, und ich müßte diese Pfeilrichtung so zeichnen. Das alles
hätte mit dem Lichte als solchem nichts zu tun. Dieses Zeichnen von
Linien in das Licht hinein ist man gewohnt worden, und dadurch ist
man allmählich darauf gekommen, von den Lichtstrahlen zu reden.
Man hat es nirgends mit Lichtstrahlen zu tun; man hat es zu tun mit
einem Lichtkegel, der hervorgerufen ist durch einen Spalt, durch den
man das Licht dringen läßt, man hat es zu tun mit einer Verbreiterung
des Lichtkegels, und man muß sagen: Irgendwie muß die Verbreite-
rung des Lichtkegels zusammenhängen mit dem geringeren Weg hier
in der Mitte, den das Licht macht, als hier am Rande. Durch den ge-
ringeren Weg hier in der Mitte behält es mehr Kraft, durch den länge-
ren Weg am Rande wird ihm mehr Kraft genommen. Das schwächere
Licht am Rande wird gedrückt durch das stärkere Licht in der Mitte,
und es wird der Lichtkegel verbreitert. Das ist, was Sie ablesen können.
Nun sehen Sie: Während man es eigentlich nur zu tun hat mit Bil-
dern, redet man in der Physik von allem möglichen, von den Licht-
strahlen und dergleichen. Diese Lichtstrahlen, die sind nun eigentlich
zum Untergrund gerade für das materialistische Denken auf diesem
Gebiet geworden. Wir wollen, um das noch etwas anschaulicher zu
machen, was ich eben auseinandergesetzt habe, etwas anderes noch
betrachten. Nehmen wir an, wir haben hier eine Wanne, ein kleines
Gefäß. Wir haben hier in diesem kleinen Gefäß eine Flüssigkeit, zum
Beispiel Wasser, und da unten irgendeinen Gegenstand liegen, meinet-
wegen einen Taler oder dergleichen. Wenn ich hier ein Auge habe, so
kann ich folgendes Experiment machen: Ich kann zunächst das Wasser
f
k
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L^ J
weglassen und kann auf diesen Gegenstand sehen mit dem Auge.
Ich werde in dieser Richtung den Gegenstand sehen. Was ist der
Tatbestand? Ich habe auf dem Boden eines Gefäßes liegen einen
Gegenstand. Ich gucke hin und sehe in einer gewissen Richtung diesen
Gegenstand. Das ist der einfache Tatbestand. Wenn ich anfange nun
zu zeichnen: Von diesem Gegenstand geht ein Lichtstrahl aus, der wird
in das Auge geschickt und affiziert das Auge, dann phantasiere ich
schon alles mögliche dazu. Nun fülle ich bis hierher das Gefäß mit
Wasser oder irgendeiner Flüssigkeit an. Nun stellt sich etwas ganz
Besonderes heraus. Ich ziehe dieselbe Richtung, in der ich früher
den Gegenstand habe, vom Auge zum Gegenstand hin, gucke
nach der Richtung, in der ich früher geguckt habe. Ich könnte er-
warten, dasselbe zu sehen, tue es aber nicht, sondern etwas höchst
Merkwürdiges tritt ein: Ich sehe den Gegenstand etwas gehoben. Ich
sehe ihn so, daß er mit dem ganzen Boden in die Höhe gehoben wird.
Wie man das feststellen, ich meine messen kann, darüber können wir
ja noch sprechen. Ich will jetzt nur das Prinzipielle sagen. Worauf kann
denn das nur beruhen, wenn ich mir die Frage beantworte nach dem
reinen Tatbestand? Nun, ich erwarte, wenn ich früher so gesehen habe,
den Gegenstand wiederum in der Richtung zu finden. Ich richte das
Auge darauf hin, aber ich sehe ihn nicht in der Richtung, ich sehe ihn
in der anderen Richtung. Ja, früher, als noch kein Wasser in dem Trog
war, da konnte ich bis zu dem Boden direkt hinunterschauen, und zwi-
schen meinem Auge und dem Boden war nur die Luft. Jetzt stößt
meine Visierlinie hier auf das Wasser. Das läßt meine Sehkraft nicht
so einfach durch wie die Luft, sondern stellt ihr stärkeren Widerstand
entgegen, und ich muß vor dem stärkeren Widerstand zurückweichen.
Von hier ab muß ich vor dem stärkeren Widerstand zurückweichen.
Dieses Zurückweichen drückt sich dadurch aus, daß ich nicht bis unten
sehe, sondern daß das Ganze gehoben erscheint. Ich sehe gewisser-
maßen schwerer durch das Wasser als durch die Luft, überwinde den
Widerstand des Wassers schwerer als den Widerstand der Luft. Daher
muß ich die Kraft verkürzen, ziehe also selbst den Gegenstand herauf.
Ich verkürze die Kraft dadurch, daß ich den stärkeren Widerstand
finde. Würde ich in der Lage sein, hier ein Gas hineinzufüllen, das
dünner wäre als die Luft, dann würde der Gegenstand sich hier senken,
weil ich jetzt weniger Widerstand fände. Ich würde daher den Gegen-
'ornhauf"
Schichte, die sogenannte Netzhaut, die sich dann nach dem Schädel zu
in dem Sehnerv fortsetzt. Hier also würde der Sehnerv nach innen
gehen, würde bilden die Netzhaut. Und damit haben wir die drei Um-
hüllungen des Auges aufgezählt. Nun aber, hinter dieser Hornhaut,
eingebettet hier in den Ziliarmuskel, ist eine Art Linse. Sie wird hier
durch einen Muskel, den man den Ziliarmuskel nennt, getragen. Nach
vorne ist hier die durchsichtige Hornhaut, und zwischen der Linse und
ihr ist dasjenige, was man die wässerige Flüssigkeit nennt, so daß, wenn
das Licht in das Auge eindringt, es erst die durchsichtige Hornhaut
passiert, die wässerige Flüssigkeit passiert, dann durch diese Linse geht,
die in sich beweglich ist durch Muskeln. Dann aber gelangt das Licht
weiter von dieser Linse aus in dasjenige, was nun ausfüllt den ganzen
Augenraum und was man gewöhnlich den Glaskörper nennt. So daß
das Licht also geht durch die durchsichtige Hornhaut, die Flüssigkeit,
die Linse selbst, den Glaskörper und von da dann an die Netzhaut, die
eine Verzweigung ist des Sehnervs, der dann ins Gehirn geht. Das
sind zunächst schematisch - wir wollen zunächst das Prinzipielle
uns vor Augen stellen - diejenigen Dinge, die uns veranschaulichen
können, was dieses Auge, das da in eine Höhle der Schädelknochen
eingebettet ist, für Teile hat. Aber dieses Auge zeigt außerordentlich
große Merkwürdigkeiten. Zunächst, wenn wir studieren die Flüssig-
keit, die da ist zwischen dieser Linse und der Hornhaut, durch die
das Licht durchgehen muß, so ist diese Flüssigkeit ihrem Gehalte
nach fast eine richtige Flüssigkeit, fast eine äußere Flüssigkeit.
An der Stelle, wo der Mensch seine Augenflüssigkeit hat, zwischen
der Linse und der äußeren Hornhaut, ist der Mensch seiner Leiblich-
keit nach ganz so, gewissermaßen, wie ein Stück Außenwelt. Es ist fast
so, daß diese Flüssigkeit, die da ist in der äußersten Peripherie des
Auges, kaum sich unterscheidet von einer Flüssigkeit, die ich mir
hier auf die Hand schütten würde. Und das, was hier die Linse ist,
das ist auch noch etwas sehr, sehr Objektives, sehr, sehr Unleben-
diges. Gehe ich dagegen auf den Glaskörper über, der das Innere
des Auges ausfüllt und an die Nervenhaut grenzt, so kann ich diesen
Glaskörper keineswegs so betrachten, daß ich sage: Das ist auch etwas,
was fast wie eine äußere Flüssigkeit oder ein äußerer Körper ist. Da
drinnen ist schon Vitalität, da drinnen ist Leben, so daß, je weiter wir
zurückgehen im Auge, desto mehr dringen wir heran an das Leben.
Hier haben wir eine Flüssigkeit, die fast ganz objektiv äußerlich ist,
die Linse ist auch noch äußerlich; aber beim Glaskörper stehen wir
schon innerhalb eines Gebildes, das in sich Vitalität hat. Dieser Unter-
schied zwischen all dem, was da draußen ist, und dem, was da drinnen
ist, der zeigt sich auch noch in etwas anderem. Auch das könnte man
schon heute naturwissenschaftlich studieren. Wenn man nämlich die
Bildung des Auges komparativ von der niederen Tierreihe aus ver-
folgt, so findet man,.daß dasjenige, was äußerer Flüssigkeitskörper
ist und Linse, daß das nicht von innen heraus wächst, sondern
daß sich das ansetzt, indem sich die umliegenden Zellen ansetzen.
Also, ich müßte mir die Bildung der Linse so vorstellen, daß das Lin-
sengewebe und daß auch die vordere Augenflüssigkeit entsteht aus den
benachbarten Organen und nicht von innen heraus, während beim
Inneren das so ist, daß der Glaskörper entgegenwächst. Sehen Sie, da
haben wir das Merkwürdige: Hier wirkt die Natur des äußeren Lichtes
und bewirkt jene Umwandlung, die Flüssigkeit und Linse hervor-
bringt. Auf das reagiert das Wesen von innen und schiebt ihm ein
Lebendigeres, ein Vitaleres entgegen, den Glaskörper. Gerade im Auge
treffen sich die Bildungen, die von außen angeregt werden, und die-
jenigen, die von innen aus angeregt werden, in einer ganz merk-
würdigen Weise. Das ist die nächste Eigentümlichkeit des Auges.
Es gibt noch eine andere. Es gibt die Eigentümlichkeit des Auges,
die darinnen besteht, daß diese sich ausbreitende Netzhaut eigentlich
der sich ausbreitende Sehnerv ist. Nun besteht just die Eigen-
tümlichkeit - ich werde morgen versuchen ein Experiment zu
zeigen, das diese bekräftigt - , daß hier, wo der Sehnerv eintritt, das
Auge unempfindlich ist. Da ist es blind. Es breitet sich dann der
Sehnerv aus, und an einer Stelle, die also hier für das rechte Auge
etwas rechts liegt von der Eintrittsstelle, ist die Netzhaut am emp-
findlichsten. Man kann nun sagen: Der Nerv ist dasjenige, was das
Licht empfindet. Aber er empfindet das Licht just nicht da, wo er
eintritt. Man sollte glauben, wenn der Nerv wirklich das wäre, was das
Licht empfindet, dann müßte er am stärksten es empfinden da, wo er
eintritt. Das tut er aber nicht. Das bitte ich im Auge zunächst zu be-
halten.
Nun, daß diese Einrichtung des Auges eine außerordentlich von
Weisheit der Natur erfüllte ist, das können Sie etwa aus dem Fol-
genden entnehmen: Wenn Sie so des Tags über die Gegenstände um
sich herum beschauen, ja, dann finden Sie, daß die Gegenstände Ihnen,
soweit Ihre Augen gesund sind, mehr oder weniger scharf erscheinen,
aber so, daß die Schärfe, die Deutlichkeit für Ihre Orientierung ge-
nügt. Wenn Sie aber des Morgens aufwachen, da sehen Sie manchmal
sehr undeutlich die Ränder der Gegenstände, da sehen Sie diese so wie
mit einem kleinen Nebel umgeben. Wenn das ein Kreis ist, sehen Sie
da herum wie etwas Undeutliches, wenn Sie des Morgens gerade
aufgewacht sind. Worauf beruht denn das? Das beruht darauf, daß
wir dreierlei in unserem Auge haben, zunächst den Glaskörper - wir
wollen sogar nur auf zweierlei Rücksicht nehmen - , den Glaskörper
und die Linse. Sie haben, wie wir gesehen haben, ganz verschiedenen
Ursprung. Die Linse ist mehr von außen gebildet, der Glaskörper
mehr von innen, die Linse ist mehr unlebendig, der Glaskörper
von Vitalität durchzogen. In dem Augenblick, wo wir aufwachen, sind
beide einander noch nicht angepaßt. Der Glaskörper will uns noch die
Gegenstände so abbilden, wie er es kann, und die Linse so, wie sie es
kann. Und wir müssen erst warten, bis sie sich gegenseitig eingestellt
haben. Daraus ersehen Sie, wie innerlich beweglich das Organische ist
und wie die Wirkung des Organischen darauf beruht, daß zunächst
die Tätigkeit differenziert wird in Linse und Glaskörper und dann
wiederum aus dem Differenzierten zusammengesetzt wird. Da muß
sich dann das eine an das andere anpassen.
Wir wollen aus allen diesen Dingen versuchen, nach und nach darauf
zu kommen, wie sich aus dem Wechselverhältnis des Auges und der
Außenwelt die farbenbunte Welt ergibt. Zu diesem Zweck, um dann
morgen daran anknüpfen zu können Betrachtungen über diese Be-
ziehung des Auges zur Außenwelt, wollen wir uns noch folgendes Ex-
periment vor Augen führen:
Sehen Sie, ich habe hier eine Scheibe bestrichen mit den Farben,
die uns vorhin als Regenbogenfarben Violett, Indigo, Blau, Grün,
Gelb, Orange, Rot vor Augen getreten sind. Wenn Sie dieses Rad
hier anschauen, so sehen Sie diese sieben Farben - ich habe es so
gut gemacht, als es eben geht mit diesen Farben. Nun werden wir
zuerst die Scheibe drehen. Sie sehen noch immer, nur eben in Be-
wegung, die sieben Farben. Ich kann ziemlich stark drehen und Sie
sehen in Bewegung die sieben Farben. Nun werde ich aber recht
schnell die Scheibe zur Rotierung bringen. Sie sehen, wenn die
Sache stark genug rotiert, nicht mehr die Farben, sondern Sie sehen,
ich glaube, ein einfarbiges Grau. Nicht wahr? Oder haben Sie etwas
anderes gesehen? («Lila», «Rötlich».) Ja, das ist nur aus dem Grunde,
weil das Rot etwas zu stark ist gegenüber den anderen Farben. Ich
habe zwar versucht, die Stärke durch den Raum auszugleichen, aber
Sie würden, wenn die Anordnung ganz richtig wäre, eigendich ein ein-
farbiges Grau sehen. Wir müssen uns dann fragen: Warum erscheinen
uns diese sieben Farben in einfarbigem Grau? Diese Frage wollen wir
morgen beantworten. Heute wollen wir nur noch hinstellen, was
die Physik sagt. Sie sagt und hat auch schon zu Goethes Zeiten gesagt:
Da habe ich die Regenbogenfarben Rot, Orange, Gelb, Grün, Blau,
Indigo, Violett. Jetzt bringe ich die Scheibe in Rotierung. Dadurch
kommt der Lichteindruck nicht zur Geltung im Auge, sondern
wenn ich hier das Rot eben gesehen habe, dann ist durch die rasche
Rotierung schon das Orange da, und wenn ich das Orange gesehen
habe, schon das Gelb und so weiter. Und dann, während ich noch die
übrigen Farben habe, ist schon wieder das Rot da. Dadurch habe ich
alle Farben zu gleicher Zeit. Es ist der Eindruck vom Rot noch nicht
vorüber, wenn das Violett kommt. Dadurch setzt man für das Auge
die sieben Farben zusammen und das muß wiederum Weiß geben. -
Dieses war auch die Lehre zu Zeiten Goethes. Goethe hat das als
Lehre empfangen: Wenn man den Farbenkreisel macht, ihn rasch
rotieren läßt, dann werden die sieben Farben, die so artig gewesen
sind, auseinanderzutreten aus dem Lichtzylinder, die werden sich wie-
der vereinigen im Auge selbst. Aber Goethe hat niemals ein Weiß ge-
sehen, sondern er hat gesagt: Es kommt niemals etwas anderes zu-
stande als ein Grau. Allerdings, die neueren Physikbücher finden auch,
daß nur ein Grau zustande kommt. Aber damit die Geschichte doch
weiß wird, so raten sie, man soll in der Mitte einen schwarzen Kon-
trastkreis machen, dann wird das Grau im Kontrast weiß erscheinen.
Also, Sie sehen, in einer netten Weise wird das gemacht. Manche Leute
machen es mit «fortune», die Physiker machen es mit «nature». So
wird die Natur korrigiert. Das findet überhaupt bei einer Anzahl der
fundamentalsten Tatsachen statt, daß die Natur korrigiert wird.
Sie sehen, ich suche so vorzugehen, daß die Basis geschaffen wird.
Wir werden gerade, wenn wir eine richtige Basis schaffen, für alle an-
deren Gebiete die Möglichkeit bekommen, vorwärtszukommen.
VIERTER VORTRAG
Stuttgart, 26. Dezember 1919
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das Helle durch die Dunkelheit in dem Sinn der hellen Farben er-
scheinen, in dem Sinn des Gelblichen oder Rötlichen, mit anderen
Worten: Sehe ich zum Beispiel irgendein leuchtendes, sogenanntes
weißlich scheinendes Licht durch eine genügend dicke Platte, die
irgendwie abgetrübt ist, so erscheint mir dasjenige, was ich sonst, in-
dem ich es direkt anschaue, weißlich sehe, das erscheint mir gelblich,
gelb-rötlich. Hell durch Dunkelheit erscheint gelb oder gelblich-
rötlich. Das ist der eine Pol. Umgekehrt, wenn Sie hier einfach eine
schwarze Fläche haben und Sie schauen sie direkt an, dann sehen Sie
eben die schwarze Fläche. Nehmen Sie aber an, ich habe hier einen
Wassertrog, durch diesen Wassertrog jage ich Helligkeit durch, so daß
er aufgehellt ist, dann habe ich hier eine erhellte Flüssigkeit, und ich
sehe das Dunkel dunkel durch Hell, sehe es durch Erhelltes. Da
erscheint Blau oder Violett, Blaurot, das heißt der andere Pol der
Farbe. Das ist das Urphänomen - Hell durch Dunkel: Gelb; Dunkel
durch Hell: Blau.
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Körper
wir auch allmählich, wenn er bis zur Weißglut kommt, die Möglich-
keit haben, ein solches Spektrum zu haben. Es ist gleichgültig, ob
wir ein Sonnenspektrum haben oder ob das Spektrum von einem
weißglühenden Körper kommt.
Nun können wir aber auch noch auf eine etwas modifizierte Art ein
Spektrum erzeugen. Nehmen wir an, wir haben hier ein Prisma und
wir haben hier eine Natriumflamme, das heißt ein sich verflüchti-
gendes Metall: Natrium. Zu Gas wird da Natrium. Das Gas brennt,
verflüchtigt sich, und wir erzeugen ein Spektrum von diesem sich ver-
flüchtigenden Natrium. So tritt etwas sehr Eigentümliches auf. Wenn
wir das Spektrum erzeugen nicht von der Sonne oder nicht von einem
festen glühenden Körper, sondern von einem glühenden Gas, dann
ist eine einzige Stelle im Spektrum sehr stark ausgebildet, und zwar
bekommt Natriumlicht besonders das Gelb. Wir haben hier, nicht wahr,
Rot, Orange, Gelb. Der gelbe Teil, der ist beim Natrium besonders
stark ausgebildet. Das übrige Spektrum ist beim Natriummetall ver-
kümmert, fast gar nicht vorhanden. Also, alles vom Violett bis zum
Gelb herein und vom Gelben bis zum Rot ist verkümmert. Wir be-
kommen daher scheinbar einen ganz schmalen gelben Streifen, man
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sagt eine gelbe Linie. Die entsteht dadurch, daß sie der Teil eines gan-
zen Spektrums ist. Das andere des Spektrums ist nur verkümmert. So
kann man von den verschiedensten Körpern solche Spektren finden,
die eigentlich keine Spektren sind, sondern nur leuchtende Linien.
Daraus ersehen Sie, daß man umgekehrt, wenn man nicht weiß, was
da eigentlich in einer Flamme drinnen ist, und man ein solches Spek-
trum erzeugt, daß dann, wenn man ein gelbes Spektrum kriegt, in der
Flamme Natrium sein muß. Man kann erkennen, mit welchem Metall
man es zu tun hat.
Das Eigentümliche aber, was entsteht, wenn man nun diese zwei
Versuche kombiniert, so daß man hier diesen Lichtzylinder erzeugt
und hier das Spektrum, zu gleicher Zeit die Natriumflamme hinein-
tut, so daß das glühende Natrium sich vereinigt mit dem Licht-
zylinder, was da geschieht, ist etwas ganz Ähnliches wie das, was ich
Ihnen vorhin beim Fresnelschen Versuch gezeigt habe. Man könnte
erwarten, daß hier besonders stark das Gelb auftreten würde, weil
das Gelb schon drinnen ist; dann kommt noch das Gelb vom Na-
trium dazu. Aber das ist nicht der Fall, sondern das Gelbe vom
Natrium löscht das andere Gelb aus, und es entsteht hier eine dunkle
Stelle. Also, wo man erwarten würde, daß Helleres entstünde, entsteht
eine dunkle Stelle! Warum denn? Das hängt lediglich ab von der Kraft,
die entwickelt wird. Nehmen Sie an, es wäre das Natriumlicht, das da
entsteht, so selbstlos, daß es das verwandte gelbe Licht einfach durch
sich hindurchließe, dann müßte es sich ganz auslöschen. Das tut es
aber nicht, sondern stellt sich in den Weg gerade an der Stelle, wo das
Gelb herüberkommen sollte, stellt sich in den Weg. Es ist da, und
trotzdem es gelb ist, wirkt es nicht etwa verstärkend, sondern wirkt
auslöschend, weil es sich einfach als eine Kraft in den Weg stellt,
gleichgültig, ob das, was sich da in den Weg stellt, etwas anderes ist
oder nicht. Das ist einerlei. Der gelbe Teil des Spektrums wird aus-
gelöscht. Es entsteht dort eine schwarze Stelle.
Sie sehen daraus, daß man bloß wiederum das zu bedenken braucht,
was da ist. Da stellt sich einem aus dem flutenden Licht selbst heraus
die Erklärung dar. Das sind eben die Dinge, auf die ich Sie hinweisen
möchte. - Sehen Sie, der Physiker, der im Sinne Newtons erklärt,
der müßte natürlich sagen: Wenn ich hier ein Weißes habe, also einen
leuchtenden Streifen, und ich gucke mit dem Prisma durch nach die-
sem leuchtenden Streifen, so erscheint er mir so, daß ich ein Spektrum
bekomme: Rot, Orange, Gelb, Grün, Blau, Dunkelblau, Violett.
Nun, sehen Sie, Goethe sagte: Ja, zur Not geht's ja noch. Wenn
die Natur wirklich so ist, daß sie das Licht zusammengesetzt ge-
macht hat, so könnte man ja annehmen, daß dieses Licht durch das
Prisma wirklich in seine Teile zerlegt wird. Schön, aber dabei be-
haupten ja dieselben Menschen, die das sagen, daß das Licht aus diesen
sieben Farben als seinen Teilen besteht, zu gleicher Zeit, daß die
Dunkelheit gar nichts ist, nur die Abwesenheit des Lichtes ist. Ja,
aber wenn ich hier einen schwarzen Streifen lasse zwischen Weiß, und
ich gucke durch das Prisma durch, so bekomme ich auch einen Regen-
bogen, nur sind seine Farben anders angeordnet. Da ist er in der Mitte
Violett und geht nach der einen Seite ins Bläulich-Grünliche. Da be-
komme ich ein anders angeordnetes Band. Aber ich müßte sagen, im
Sinne der Zerlegungstheorie: Das Schwarze ist auch zerlegbar. Also, ich
müßte zugeben, daß die Dunkelheit nicht bloß die Abwesenheit des
Lichtes ist. Die Dunkelheit müßte auch zerlegbar sein. Sie müßte aber
auch aus sieben Farben bestehen. Das ist es, was Goethe irre gemacht
hat, daß er auch den schwarzen Streifen siebenfarbig sah, nur in an-
derer Anordnung. Das ist also dasjenige, was wiederum nötigt, ein-
fach die Phänomene so zu nehmen, wie sie sind. Nun, wir werden
sehen, daß wir morgen wiederum um halb zwölf Uhr in der Lage
sind, Ihnen das, was ich Ihnen heute leider nur theoretisch aus-
einandersetzen konnte, vorzuführen.
FÜNFTER VORTRAG
Stuttgart, 27. Dezember 1919
Es soll heute damit begonnen werden, daß, so gut es geht bei unseren
beschränkten Mitteln, der Versuch Ihnen gezeigt wird, von dem wir
gestern gesprochen haben. Sie wissen wohl noch, ich habe gesagt, daß,
wenn ein glühender fester Körper sein Licht verbreitet und wir dieses
Licht durch ein Prisma senden, so bekommen wir ein ähnliches Spek-
trum, ein ähnliches Lichtbild wie von der Sonne. Wir bekommen aber
auch, wenn wir ein glühendes Gas ein sich verbreitendes Licht er-
zeugen lassen, ein Lichtbild, das aber nur an einer Stelle - oder für
verschiedene Stoffe auch an mehreren Stellen - eigentliche Lichtlinien
oder kleine Lichtbänder zeigt. Das übrige Spektrum ist dann ver-
kümmert. Man würde, wenn man Anstalten machte, genaue Versuche
anzustellen, schon wahrnehmen, daß eigentlich für alles Leuchtende
ein vollständiges Spektrum vorhanden ist, also ein Spektrum, das da
reichte vom Roten ins Violette meinetwillen hinein. Wenn wir zum
Beispiel durch das glühende Natriumgas ein Spektrum erzeugen, so
bekommen wir eben ein sehr, sehr schwaches Spektrum und an einer
Stelle desselben eine stärkere gelbe Linie, die auch noch durch ihre
Kontrastwirkung alles andere abdämpft. Daher sagt man: Das Natrium
liefert überhaupt nur diese gelbe Linie. Nun ist das Eigentümliche,
daß - im wesentlichen ist ja diese Tatsache, obwohl sie früher schon
mannigfaltig bekannt war, erneuert worden durch den Kirchhoff-
Bunsenschtn Versuch im Jahre 1859 -, wenn man gewissermaßen gleich-
zeitig wirken läßt jene Lichtquelle, die das kontinuierliche Spektrum
erzeugt, und jene Lichtquelle, von der so etwas wie die Natriumlinie
kommt, daß dann einfach diese Natriumlinie wirkt wie ein undurch-
sichtiger Körper, sich gerade der Farbenqualität entgegenstellt, die an
der Stelle sein würde - also hier dem Gelb - , es auslöscht, so daß man
statt des Gelb dort eine schwarze Linie hat. Was man also, wenn man
innerhalb der Fakten stehenbleibt, sagen kann, ist, daß für das Gelb
im Spektrum ein anderes Gelb, das mindestens in seiner Stärke gleich
sein muß der Stärke, die an dieser Stelle gerade entwickelt wird, wie
ein undurchsichtiger Körper wirkt. Sie werden sehen, es werden sich
schon aus den Elementen, die wir zusammenstellen, Unterlagen für
ein Verstehen finden. Wir müssen uns zunächst nur an das Faktische
halten. Nun, wir werden, so gut das geht, Ihnen zeigen, daß wirklich
diese schwarze Linie im Spektrum ist, wenn wir das glühende Natrium
einschalten. Nur können wir den Versuch nicht so machen, daß wir
das Spektrum auffangen, sondern wir machen es so, daß wir das
Spektrum betrachten, indem wir es durch das Auge anschauen. Man
kann auch dadurch das Spektrum sehen, nur liegt es, statt daß es nach
oben verschoben ist, umgekehrt nach unten verschoben, und die Far-
ben sind umgekehrt. Wir haben ja davon gesprochen, warum diese
Farben so erscheinen, wenn ich einfach durch das Prisma durchschaue.
Wir erzeugen den Lichtzylinder aus diesem Apparat heraus, lassen ihn
hier durch und schauen hier den gebrochenen Lichtzylinder an, sehen
also zu gleicher Zeit, indem wir ihn anschauen, die schwarze Natrium-
linie. Ich hoffe, es wird sich Ihnen zeigen; aber Sie müssen in voll-
kommenster militärischer Ordnung - was ja auch jetzt in Deutschland
nicht zu schwierig sein soll - herankommen und hineinschauen. (Das
Experiment wird jedem einzelnen vorgeführt.)
Nun, wir wollen die kurze Zeit, die uns bleibt, noch benützen. Wir
werden jetzt übergehen müssen zur Betrachtung des Verhältnisses der
Farben zu den sogenannten Körpern. Nicht wahr, um zu dem Problem
übergehen zu können, die Beziehungen zu suchen der Farben zu den
sogenannten Körpern, möchte ich Ihnen noch folgendes zeigen. Sie
sehen jetzt aufgefangen auf dem Schirm das vollständige Spektrum.
Ich werde jetzt dem Lichtzylinder in den Weg stellen einen kleinen
Trog, der in sich hat Schwefelkohlenstoff, in dem etwas Jod aufgelöst
ist, und ich bitte Sie, die Veränderung des Spektrums dadurch zu be-
trachten. Was Sie sehen, das ist, daß Sie hier ein deutliches Spektrum
haben, und wenn ich in den Weg des Lichtzylinders die Auflösung von
Jod in Schwefelkohlenstoff stelle, so löscht diese vollständig das Licht
aus. Jetzt sehen Sie klar das Spektrum in seine zwei Teile auseinander-
gelegt dadurch, daß der mittlere Teil ausgelöscht ist. Also, Sie sehen
nur das Violett auf der einen Seite und das Rot-Gelbliche auf der an-
deren Seite. So sehen Sie das vollständige Spektrum dadurch, daß ich
das Licht durch die Lösung von Jod in Schwefelkohlenstoff gehen
lasse, in zwei Teile auseinandergelegt, und Sie sehen nur die beiden
Pole.
Nun habe ich allerdings viel Zeit verloren, und ich werde Ihnen nur
noch einiges Prinzipielles sagen können. Nicht wahr, die Hauptfrage
bezüglich des Verhältnisses der Farben zu den Körpern, die wir um
uns herum sehen - und alle Körper sind in gewisser Weise farbig -, die
Hauptsache muß sein, zu erklären, wie es kommt, daß uns die Körper
ringsherum farbig erscheinen, also ein gewisses Verhältnis zum Licht
ihrerseits haben, gewissermaßen durch ihr materielles Sein ein Ver-
hältnis zum Licht entwickeln. Der eine Körper erscheint rot, der andere
blau usw. Man kommt ja natürlich am einfachsten dadurch zurecht,
daß man sagt: Wenn farbloses Sonnenlicht - worunter der Physiker
eine Versammlung aller Farben versteht - auf einen Körper fällt, der
da rot erscheint, so rühre das davon her, daß dieser Körper alle an-
deren Farben, außer Rot, verschlucke und nur dieses Rot zurückwerfe.
Man hat es auch einfach zu erklären, wie ein Körper blau ist. Der
verschluckt eben alle anderen Farben und wirft nur das Blau zurück.
Nun handelt es sich darum, überhaupt ein solches spekulatives Prinzip
des Erklärens auszuschließen und sich dem offenbar etwas kompli-
zierten Faktum des Sehens der sogenannten farbigen Körper durch
ein Faktum zu nähern, Faktum an Faktum zu reihen, um so einzu-
fangen dasjenige, was sich als das komplizierteste Phänomen darstellt.
Nun führt uns auf den Weg das Folgende. Wir erinnern uns, daß
schon im siebzehnten Jahrhundert, als die Leute noch viel Alchimie
getrieben haben, von den sogenannten Phosphoren gesprochen wor-
den ist, von den Lichtträgern. Unter Phosphoren hat man dazumal das
Folgende verstanden. Da hat - nehmen wir ein Beispiel - ein Schuster
in Bologna alchimistisch experimentiert mit einer Art Schwerspat,
mit dem sogenannten Bologneser Stein. Er hat ihn dem Lichte aus-
gesetzt, und es stellte sich ihm die merkwürdige Erscheinung her, daß
der Stein dann, wenn er ihn dem Lichte exponierte, hinterher eine
Zeitlang noch in einer gewissen Farbe leuchtete. Also, der Bologneser
Stein hat zum Licht ein Verhältnis gewonnen, und dieses Verhältnis
hat dieser Bologneser Stein in der Weise zum Ausdruck gebracht, daß
er, nachdem er dem Lichte exponiert war, nachdem auch das Licht
hinweggeschafft war, nachleuchtete. Deshalb nannte man solche
Steine, die man verschiedentlich untersucht hat nach dieser Richtung,
Phosphore. Wenn Ihnen also in der Literatur dieser Zeit der Ausdruck
Phosphor begegnet, so müssen Sie nicht dasjenige darunter verstehen,
was heute darunter verstanden wird, sondern solche phosphoreszie-
rende Körper, Lichtträger, Phosphore. Nun ist aber diese Erschei-
nung des Nachleuchtens, des Phosphoreszierens, eigentlich auch schon
nicht mehr das ganz Einfache, sondern das Einfache ist eine andere
Erscheinung.
Wenn Sie gewöhnliches Petroleum nehmen und Sie sehen durch das
Petroleum durch nach einem Leuchtenden, so sehen Sie das Petroleum
schwach gelb. Wenn Sie sich aber so stellen, daß Sie das Licht durch
das Petroleum durchgehen lassen und es von hinten anschauen, so
erscheint Ihnen das Petroleum bläulich leuchtend, so lange aber nur,
als das Licht darauffällt. Diesen Versuch kann man mit verschiedenen
anderen Körpern machen. Besonders interessant wird er, wenn man
Chlorophyll, Pflanzengrün, auflöst. Wenn man durch eine solche Lö-
sung ins Licht schaut, so erscheint sie grün, wenn man sich aber ge-
wissermaßen dahinter aufstellt, so daß man hier die Lösung hat und
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Chlorophyll- Lösung
hier das durchgehende Licht, und man sieht nun von hinten die Stelle
an, wo hier das Licht durchgeht, dann leuchtet das Chlorophyll zu-
rück rötlich, rot, so wie das Petroleum blau leuchtet. Es gibt nun
die verschiedensten Körper, welche in dieser Weise zeigen, daß sie in
einer anderen Weise leuchtend werden, wenn sie das Licht gewisser-
maßen zurücksenden von sich aus, also mit dem Licht ein Verhältnis
eingegangen sind, das durch ihre eigene Natur verändert worden ist,
als wenn das Licht durch sie hindurchgeht wie durch einen durch-
sichtigen Körper. Wenn wir das Chlorophyll von hinten anschauen,
so sehen wir gewissermaßen dasjenige, was das Licht im Chlorophyll
angestellt hat, das Verhältnis zwischen dem Licht und dem Chloro-
phyll. Diese Erscheinung des Leuchtens des Körpers mit einem
Licht, während er von jenem Licht beschienen ist, die nennt man nun
Fluoreszenz. Und wir können sagen: Die Phosphoreszenz, was ist sie
nur? Sie ist nur eine Fluoreszenz, die andauert. Die Fluoreszenz be-
steht darinnen, daß zum Beispiel das Chlorophyll so lange rötlich er-
scheint, als das Licht darauf wirkt; bei der Phosphoreszenz ist es so,
daß wir das Licht wegnehmen können und zum Beispiel der Schwer-
spat noch ein wenig nachleuchtet. Also, er bewahrt sich diese Eigen-
schaft des farbigen Leuchtens, während sich bei dem Chlorophyll.die
Eigenschaft des farbigen Leuchtens nicht bewahrt. Jetzt haben Sie
zwei Stufen: Die eine ist die Fluoreszenz - wir machen einen Körper
farbig, solange wir ihn beleuchten - , die zweite Stufe ist die Phos-
phoreszenz - wir machen einen Körper farbig eine gewisse Zeit hinter-
her noch. Und jetzt ist eine dritte Stufe: Der Körper erscheint dauernd
farbig durch irgend etwas, was das Licht mit ihm vornimmt - Fluores-
zenz, Phosphoreszenz, Körperfarbigsein.
So haben wir gewissermaßen die Erscheinungen nebeneinander-
gestellt. Es handelt sich jetzt nur darum, daß wir uns in sachgemäßer
Weise den Erscheinungen mit unseren Vorstellungen nähern. Dazu
ist es nötig, daß Sie heute noch eine gewisse Vorstellung aufnehmen,
die wir dann in der nächsten Stunde mit alledem zusammen verarbeiten
werden.
Ich bitte Sie jetzt wiederum durchaus nur an das zu denken, was ich
Ihnen vorbringe, und möglichst exakt und genau zu denken und er-
innere Sie - wir haben sie ja schon erwähnt - an die Formel für die
Geschwindigkeit v. Irgendeine Geschwindigkeit, was immer geschwind
ist, wird ausgedrückt, wie Sie wissen, indem man s, die Strecke, die das
Bewegliche durchläuft, dividiert durch die Zeit t, so daß die Formel
heißt: v = -j• Nun besteht die Meinung, daß man hat irgendwo in
der Natur eine durchlaufene Raumstrecke s, eine Zeit, während wel-
cher die Raumstrecke durchlaufen worden ist, und dann dividiert die
reale Raumstrecke s durch die reale Zeit und bekommt die Geschwin-
digkeit, die man eigentlich als etwas nicht gerade sehr Reales, sondern
mehr als eine Funktion betrachtet, als etwas, das man als Rechnungs-
resultat herausbekommt. So ist es in der Natur nicht. Von diesen drei
Größen: Geschwindigkeit, Raum und Zeit, ist die Geschwindigkeit
das einzige wirklich Reale, das einzige Wirkliche. Dasjenige, was außer
uns ist, ist die Geschwindigkeit; das andere, s und t, das bekommen
wir nur dadurch, daß wir gewissermaßen dividierend spalten das ein-
heitliche v in zwei abstrakte Dinge, die wir auf Grundlage vorhande-
ner Geschwindigkeit bilden. Wir verfahren gewissermaßen so: Wir
sehen einen sogenannten Körper mit einer gewissen Geschwindigkeit
durch den Raum fliegen. Daß er diese Geschwindigkeit hat, ist das
einzig Wirkliche. Aber wir denken jetzt, statt daß wir diese Totalität
des Geschwinden, des geschwinde fliegenden Körpers, ins Auge fas-
sen, wir denken in zwei Abstraktionen, wir zerteilen uns das, was eine
Einheit ist, in zwei Abstraktionen. Dadurch, daß eine Geschwindig-
keit da ist, ist ein gewisser Weg da. Den betrachten wir zuerst. Dann
betrachten wir extra als zweites die Zeit, während welcher dieser Weg
durchmessen wird, und haben aus der Geschwindigkeit, die einzig und
allein da ist, herausgeschält durch unseren Auffassungsprozeß Raum
und Zeit. Aber dieser Raum ist gar nicht anders da, als daß ihn die
Geschwindigkeit macht, und die Zeit auch nicht anders. Raum und
Zeit, bezogen auf dieses Reale, dem wir das v zuschreiben, sind keine
Realitäten, sind Abstrakta, die wir eben von der Geschwindigkeit aus
bilden. Und wir kommen nur zurecht mit der äußeren Realität, wenn
wir uns klar sind darüber, daß wir in unserem Auffassungsprozeß diese
Zweiheit, Raum und Zeit, erst geschaffen haben, daß wir außer uns
als Reales nur die Geschwindigkeit haben, daß wir Raum und Zeit
erst geschaffen haben meinetwillen durch die zwei Abstraktionen, in
die uns die Geschwindigkeit auseinanderfallen kann. Von der Ge-
schwindigkeit können wir uns trennen, von Raum und Zeit können
wir uns nicht trennen, die sind in unserem Wahrnehmen, in unserer
wahrnehmenden Tätigkeit drinnen, wir sind eins mit Raum und Zeit.
Was ich jetzt sage, ist von großer Tragweite: Wir sind eins mit Raum
und Zeit. Bedenken Sie das! Wir sind nicht eins mit der Geschwindig-
keit draußen, aber mit Raum und Zeit. Ja, dasjenige, womit wir eins
sind, das sollten wir nicht so ohne weiteres den äußeren Körpern zu-
schreiben, sondern wir sollten es nur benützen, um in einer entspre-
chenden Weise zur Vorstellung der äußeren Körper zu kommen. Wir
sollten sagen: Durch Raum und Zeit, mit denen wir innig verbunden
sind, lernen wir erkennen die Geschwindigkeit, aber wir sollten nicht
sagen: Der Körper läuft eine Strecke durch, sondern nur: Der Körper
hat eine Geschwindigkeit. Wir sollten auch nicht sagen: Der Körper
braucht eine Zeit, sondern nur: Der Körper hat eine Geschwindigkeit.
Wir messen durch Raum und Zeit die Geschwindigkeit. Raum und
Zeit sind unsere Instrumente und sie sind an uns gebunden, und das
ist das Wichtige. Hier sehen Sie einmal wiederum scharf abgegrenzt
das sogenannte Subjektive mit Raum und Zeit und das Objektive, was
die Geschwindigkeit ist. Es wird sehr gut sein, wenn Sie sich gerade
dieses recht, recht klar machen, denn dann wird Ihnen eines auf-
leuchten innerlich, wird Ihnen klar werden, daß v nicht bloß der Quo-
tient aus s und t ist, sondern daß allerdings der Zahl nach das v aus-
gedrückt wird durch den Quotienten von s und t} aber was ich da
durch die Zahl ausdrücke, ist innerlich durch sich ein Reales, dessen
Wesen darinnen besteht, eine Geschwindigkeit zu haben. Was ich
Ihnen hier für Raum und Zeit gezeigt habe, daß sie gar nicht trennbar
sind von uns, daß wir uns nicht abtrennen dürfen von ihnen, das gilt
nun auch von etwas anderem.
Es ist jetzt noch viel Königsbergerei in den Menschen, ich meine
Kantianismus. Diese Königsbergerei muß noch ganz heraus. Denn es
könnte jemand glauben, ich hätte jetzt selber so gesprochen im Sinn
der Königsbergerei. Da würde es heißen: Raum und Zeit sind in uns.
Aber ich sage nicht: Raum und Zeit sind in uns, sondern: Indem wir
das Objektive, die Geschwindigkeit, wahrnehmen, gebrauchen wir
zur Wahrnehmung Raum und Zeit. Raum und Zeit sind gleichzeitig
in uns und außer uns, aber wir verbinden uns mit Raum und Zeit,
während wir uns mit der Geschwindigkeit nicht verbinden. Die saust
an uns vorbei. Also, das ist etwas wesentlich anderes als das Kantisch-
Königsbergische.
Nun gilt das eben auch noch von etwas anderem, was ich von Raum
und Zeit gesagt habe. Wir sind ebenso, wie wir durch Raum und Zeit
mit der Objektivität verbunden sind, aber diese Geschwindigkeit erst
suchen müssen, so sind wir in einem Elemente mit den sogenannten
Körpern drinnen, indem wir sie durch das Licht sehen. Wir dürfen
ebensowenig von einer Objektivität des Lichtes reden, wie wir reden
dürfen von einer Objektivität von Raum und Zeit. Wir schwimmen
in Raum und Zeit ebenso, wie mit einer gewissen Geschwindigkeit
Körper darinnen schwimmen. Wir schwimmen im Licht, wie die Kör-
per im Licht schwimmen. Das Licht ist ein gemeinsames Element zwi-
schen uns und demjenigen, was außer uns ist als sogenannte Körper.
Sie können sich also vorstellen: Wenn Sie das Dunkle allmählich er-
hellt haben durch Licht, so erfüllt sich der Raum mit irgend etwas -
wir wollen es meinetwillen x nennen -, etwas, in dem Sie drinnen sind,
in dem auch dasjenige, was außer Ihnen ist, drinnen ist. Ein gemein-
sames Element, in dem Sie und die Elemente schwimmen. Wir haben
uns nun zu fragen: Wie machen wir denn das eigentlich, daß wir da
in dem Lichte schwimmen? Mit unserem sogenannten Körper können
wir nicht darinnen schwimmen, aber wir schwimmen in der Tat mit
unserem Ätherleibe drinnen. Es kommt kein Begreifen des Lichtes
zustande, wenn man nicht auf die Wirklichkeiten übergeht. Wir
schwimmen mit unserem Ätherleibe im Lichte drinnen - meinetwegen
sagen Sie: im Lichtäther, darauf kommt es nicht an. Also, wir schwim-
men mit dem Ätherleibe im Lichte drinnen.
Nun haben wir im Laufe der Zeit gesehen, wie in der verschieden-
sten Weise am Lichte Farben entstehen. In der verschiedensten Weise
entstehen am Lichte Farben und wiederum entstehen in den soge-
nannten Körpern Farben oder bestehen in ihnen Farben. Wir sehen
gewissermaßen die gespenstigen Farben, die entstehen und vergehen
im Licht. Wenn ich nur ein Spektrum herwerfe, ist es wie Gespenster,
es huscht gewissermaßen im Räume. Wir sehen am Lichte solche Far-
ben. Ja, wie ist es denn da? Im Lichte schwimmen wir drinnen mit
unserem Ätherleibe; wie verhalten wir uns zu den Farben, die da hin-
huschen? Da ist es nicht anders, als daß wir da drinnen sind mit un-
serem Astralleibe, da sind wir mit den Farben verbunden mit unserem
Astralleibe. Es bleibt Ihnen nichts übrig, als sich klar zu sein darüber:
Wo Sie auch Farben sehen, sind Sie mit Ihrer Astralität mit den Farben
verbunden. Da bleibt Ihnen nichts anderes übrig, um zu einer realen
Erkenntnis zu kommen, als sich zu sagen: Während das Licht eigent-
lich unsichtbar bleibt, schwimmen wir drinnen. So wie Raum und Zeit
von uns auch nicht Objektivitäten genannt werden sollen, weil wir
mit den Dingen darinnen schwimmen, so sollten wir das Licht auch
als gemeinsames Element betrachten, die Farben aber als etwas, was
nur dadurch hervortreten kann, daß wir zu dem, was das Licht da
macht, durch unseren Astralleib in Beziehung treten.
Jetzt aber nehmen Sie an, Sie haben irgendwie in diesem Räume
hier A-B-C-D irgendeine Farbenerscheinung, irgendein Spektrum
A B
3 i
*
>
4
i
%
<
^£Ebr* i
—* 5
3-Spektrum I
C D
oder so etwas zustande gebracht, aber eine Erscheinung, die nur im
Lichte verläuft. Da müssen Sie rekurrieren auf eine astrale Beziehung
zu dem Licht. Aber Sie können auch zum Beispiel dieses hier als
Oberfläche gefärbt haben, so daß gewissermaßen Ihnen das A-C
als Körper, sagen wir, rot erscheint. Wir sagen: A-C ist rot. Da sehen
Sie zur Körperoberfläche hin und stellen sich zunächsthin grob vor:
Unter der Körperoberfläche, da sei das durch und durch rot. Sehen
Sie, das ist etwas anderes. Da haben Sie auch eine astrale Beziehung,
aber Sie sind von dieser astralen Beziehung, die Sie eingehen zur
Farbe, durch die Körperoberfläche getrennt. Fassen Sie das wohl
auf! Sie sehen Farben im Lichte, Spektralfarben, Sie haben astrale
Beziehungen direkter Natur, es stellt sich nichts zwischen Sie und
diese Farben; Sie sehen die Körperfarben, es stellt sich etwas zwischen
sie und Ihren Astralleib und durch dieses Etwas hindurch gehen Sie
doch astrale Beziehungen zu den Körperfarben ein. Diese Dinge
bitte ich Sie genau in Ihr Gemüt aufzunehmen und durchzudenken,
denn das sind wichtige Grundbegriffe, die wir verarbeiten werden.
Und dadurch allein werden wir für eine wirkliche Physik Grund-
begriffe bekommen.
Ich möchte nur noch zum Schlüsse erwähnen: Sehen Sie, ich ver-
suche Ihnen hier nicht vorzutragen dasjenige, was Sie sich leicht ver-
schaffen können, wenn Sie sich das nächstbeste Lehrbuch kaufen. Ich
will auch nicht versuchen, Ihnen das vorzutragen, was Sie lesen kön-
nen, wenn Sie Goethes «Farbenlehre» lesen, sondern dasjenige, was
Sie in beiden nicht finden können, wodurch Sie aber beide in entspre-
chender Weise sich geistig zuführen können. Wir brauchen durchaus,
wenn wir auch nicht Physikergläubige sind, auch nicht wiederum
Goethegläubige zu werden, denn Goethe ist 1832 gestorben, und wir
bekennen uns nicht zu einem Goetheanismus vom Jahre 1832, sondern
zu einem vom Jahre 1919, also zu einem fortgebildeten Goetheanis-
mus. Dasjenige, was ich Ihnen also heute gesagt habe von der astralen
Beziehung, das bitte ich besonders durchzudenken.
SECHSTER VORTRAG
dünneres dkhferes
tfedivm MflUom
die Schulbank, sich dabei erinnern, was Sie für die Beobachtung durch
das Auge von diesem Punkte aus für diese Erscheinung eigentlich ge-
lernt haben. Da ist Ihnen gesagt worden, von diesem Leuchtenden
gingen Strahlen aus - wir wollen auf eine bestimmte Sehrichtung des
Auges reflektieren, - d a s heißt, in der Richtung dieses Strahls dringt das
Licht, wie man sagt, aus einem dünneren Medium in ein dichteres Me-
dium ein. Man kann wahrnehmen, wenn man einfach durch schaut und
dann vergleicht dasjenige, was sich nach dem Durch-Schauen durch die
Platte ergibt, mit demjenigen, was da ist, zunächst, daß das Leuchtende
verschoben ist, an einer anderen Stelle erscheint, als es erscheint, ohne
daß man es durch eine Platte sieht. Nun sagt man, das rühre davon
her, daß das Licht gebrochen werde. Man sagt: Indem das Licht aus
einem dünneren in ein dichteres Medium eintritt, müsse man, um
die Richtung zu bekommen, in der das Licht gebrochen wird, ein
sogenanntes Einfallslot zeichnen, und dann, wenn das Licht seinen
Weg sonst, ohne daß es gehindert würde durch ein solches dichteres
Mittel, fortsetzen würde, so würde es ja in dieser Richtung gehen;
aber das Licht wird gebrochen, wie man sagt, und zwar in diesem Falle
gebrochen zum Einfallslote, zu dieser Senkrechten, die man im Ein-
fallspunkt errichtet. Und wenn es wiederum austritt, das Licht, wenn
man also verfolgt, wie man den Lichtstrahl durch das dichtere Medium
durch sieht, müßte man wiederum sagen: Hier ist ein Einfallslot zu
errichten, hier würde der Strahl, wenn er seinen Weg fortsetzen würde,
so gehen, er wird aber jetzt wiederum gebrochen, und zwar in diesem
Falle vom Einfallslote und so stark, daß seine Richtung jetzt parallel
ist zur früheren. Wenn das Auge nun so schaut, so verlängert es sich
die letzte Richtung und versetzt das Leuchtende eine Strecke höher
hinauf, so daß man also, wenn man so durch schaut, annehmen muß:
Hier fällt das Licht ein, wird zweimal gebrochen, das eine Mal zum
Einfallslot, das andere Mal vom Einfallslot, und es wird dadurch, daß
das Auge die innere Fähigkeit hat - oder die Seele oder irgendein
Dämon, wie man sagen will - , das Licht hinausversetzt in den
Raum, und zwar an eine andere Stelle des Raumes, als es erscheinen
würde, wenn man es nicht durch ein brechendes Medium, wie man
sagt, sehen würde.
Nun handelt es sich aber darum, folgendes festzuhalten. Sehen Sie,
wenn man das Folgende versucht, wenn man versucht, ein wenig Un-
terschied zu machen zwischen einer etwas, ich will sagen, helleren
Stelle und einer etwas dunkleren Stelle und dieses anschaut durch das-
selbe dichtere Mittel, so wird man nicht etwa bloß dieses Hellere nach
oben verschoben finden, sondern man wird auch das etwas Dunklere
nach oben verschoben finden. Man wird den gan2en Komplex,
den man hier sieht, verschoben finden. Ich bitte Sie, das wohl zu
beachten. Wir sehen hier verschoben ein Dunkleres, das von einem
Helleren begrenzt wird, wir sehen das Dunklere nach oben geschoben,
und weil es ein helleres Ende hat, so sehen wir das auch mit nach oben
geschoben. Sehen Sie, wenn man solch einen Komplex hinstellt, ein
Dunkleres und ein Helleres, dann muß man sagen: Es wird eigentlich
das Hellere nur als die obere Grenze verschoben. Wenn man abstra-
hiert einen hellen Fleck, dann spricht man aber oftmals so, als ob nur
dieser helle Fleck verschoben würde. Das aber ist ein Unding. Aber
auch, wenn ich hier auf diesen hellen Fleck hinschaue, so ist es nicht
wahr, daß bloß er verschoben wird, sondern in Wirklichkeit wird das-
jenige, was ich da unten das Nichts nenne, auch hinaufverschoben.
Dasjenige, was verschoben wird, ist niemals irgend etwas, was ich so
abstrakt abgrenzen kann. Wenn ich also das Experiment mache, das
Newton gemacht hat, wenn ich einlasse einen Lichtkegel, dieser ab-
gelenkt wird durch das Prisma, so ist es nicht wahr, daß bloß der Licht-
kegel verschoben wird, sondern es wird auch dasjenige, von dem von
oben her und nach unten hin der Lichtkegel die Grenze ist, das wird
mitverschoben. Ich sollte niemals sprechen von irgendwelchen Licht-
strahlen oder dergleichen, sondern von verschobenen Lichtbildern
oder Lichträumen. Und will ich irgendwo von einem isolierten Licht
sprechen, so kann ich davon gar nicht so sprechen, daß ich irgend
etwas in der Theorie auf dieses isolierte Licht beziehe, sondern ich
muß so sprechen, daß ich mein Gesprochenes zugleich auf das, was
angrenzt, beziehe. Nur wenn man so denkt, kann man wirklich fühlen,
was da eigentlich vorgeht, wenn man der Entstehung der Farben-
erscheinungen gegenübersteht. Man bekommt sonst eben einfach
durch seine Denkweise den Eindruck, als ob aus dem Lichte heraus
irgendwie die Farben entstünden. Man hat sich vorher den Gedanken
zurechtgelegt, daß man es nur mit dem Licht zu tun habe. In Wirk-
lichkeit hat man es nicht mit dem Licht zu tun, sondern mit irgend
etwas Hellem, an das an der einen oder andern Seite Dunkelheit an-
grenzt. Und ebenso, wie dieses Helle als Raumlicht verschoben wird,
ebenso wird das Dunkle verschoben. Aber was ist denn dieses Dunkle,
was ist es eigentlich? Sehen Sie, dieses Dunkle muß eben auch durch-
aus real erfaßt werden. Und alles das, was da seit etwa dem sechzehnten
Jahrhundert in die neuere Physik eingezogen ist, das konnte nur des-
halb einziehen, weil man niemals die Dinge zugleich geistig beob-
achtet hat, weil man immer die Dinge nur nach dem äußeren Sinnen-
schein beobachtet hat und dann hinzuerfunden hat zur Erklärung die-
ses Sinnenscheins allerlei Theorien. Sie werden keineswegs in Abrede
stellen können, daß, wenn Sie auf Licht schauen, das eine Mal das
Licht stärker, das andere Mal schwächer ist. Stärkeres und schwäche-
res Licht gibt es. Nun handelt es sich darum, zu verstehen, wie dieses
Licht, das stärker und schwächer sein kann, sich nun eigentlich zu der
Dunkelheit verhält. Der gewöhnliche Physiker denkt heute, es gibt
stärkeres und schwächeres Licht, alle möglichen Lichtgrade der Stärke
nach, aber eine einzige Dunkelheit, die eben einfach dann da ist, wenn
das Licht nicht da ist. Also ist «Schwarz » auf einerlei Weise. So wenig
es nur einerlei Helligkeit gibt, ebensowenig gibt es nur einerlei Dun-
kelheit, und davon zu reden, daß es nur einerlei Dunkelheit gibt,
ist so einseitig, wie wenn man sagen würde: Ich kenne vier Menschen.
Der eine davon hat ein Vermögen von fünfhundert Mark, der andere
ein Vermögen von tausend Mark. Der eine hat also ein größeres Ver-
mögen als der andere. Der dritte aber hat fünfhundert Mark Schulden
und der vierte tausend Mark Schulden. Aber was soll ich mich da
weiter bekümmern um diesen Unterschied? Das ist schließlich das-
selbe. Beide haben eben Schulden. Ich will unterscheiden zwischen den
Graden des Vermögens, aber ich will nicht erst unterscheiden zwischen
den Graden der Schulden, sondern Schulden sind Schulden. In diesem
Falle fällt einem ja die Sache auf, weil ja die Wirkung von fünfhundert
Mark Schulden eine geringere ist als die Wirkung von tausend Mark
Schulden. Bei der Dunkelheit verhält man sich aber so: Licht hat ver-
schiedene Helligkeitsgrade, Dunkelheit ist Dunkelheit. Das ist es, daß
man nicht vorrückt zu einem qualitativen Denken, was uns so sehr
hindert, die Brücke zwischen dem Seelisch-Geistigen und dem Kör-
perlichen auf der anderen Seite zu finden. Wenn ein Raum von Licht
erfüllt ist, so ist er eben mit Licht von eitler bestimmten Stärke erfüllt,
wenn ein Raum mit Dunkelheit erfüllt ist, so ist er mit Dunkelheit von
einer bestimmten Stärke erfüllt, und man muß fortschreiten von dem
bloß abstrakten Raum zu demjenigen Raum, der nicht abstrakt ist,
sondern in irgendeiner Weise positiv erfüllt ist durch Licht, negativ
erfüllt ist durch Dunkelheit. Man kann also gegenüberstehen dem
lichterfüllten Raum und kann ihn nennen qualitativ positiv; man kann
gegenüberstehen dem dunkelheiterfüllten Raum und kann ihn quali-
tativ negativ mit Bezug auf die Lichtverhältnisse finden. Beides aber
kann mit einem bestimmten Intensitätsgrade, mit einer bestimmten
Stärke angesprochen werden. Aber jetzt fragt man sich: Ja, wie
unterscheidet sich denn für unser Wahrnehmungsvermögen dieses
positive Erfülltsein des Raumes von dem negativen Erfülltsein des
Raumes? - Dieses positive Erfülltsein des Raumes, wir brauchen uns
nur zu erinnern, wie es ist, wenn wir aufwachen, von Licht umgeben
sind, unser subjektives Erleben vereinigen mit demjenigen, was uns
als Licht umflutet, wir brauchen diese Empfindung nur zu vergleichen
mit demjenigen, was wir empfinden, wenn wir von Dunkelheit um-
geben sind, und wir werden finden - ich bitte jetzt, das sehr genau ins
Auge beziehungsweise in den Verstand zu fassen - , wir werden uns
klar werden müssen, daß rein für die Empfindung ein Unterschied
besteht in dem Hingegebensein an den lichterfüllten Raum und in dem
Hingegebensein an den dunkelheiterfüllten Raum. Nun kann man sich
diesen Dingen überhaupt nur durch Vergleiche nähern.
Sehen Sie, man kann vergleichen jene Empfindung, die man hat,
wenn man sich mit dem lichterfüllten Raum zusammenfindet, man
kann das vergleichen mit einer Art Einsaugen des Lichtes durch unser
seelisches Wesen. Wir empfinden ja eine Bereicherung, wenn wir im
lichterfüllten Raum sind. Es ist ein Einsaugen des Lichtes. Wie ist es
denn mit der Dunkelheit? Da ist genau die entgegengesetzte Empfin-
dung. Die Dunkelheit saugt an uns, die saugt uns aus, der müssen wir
uns hingeben, an die müssen wir etwas abgeben. So daß wir sagen
können: Die Wirkung des Lichtes auf uns ist eine mitteilende, die
Wirkung der Dunkelheit auf uns ist eigentlich eine saugende. Und so
müssen wir auch unterscheiden zwischen den hellen und dunklen Far-
ben. Die helleren Farben haben etwas auf uns Losgehendes, das sich
uns mitteilt; die dunklen Farben haben etwas, das an uns saugt, dem
wir uns hingeben müssen. Damit aber kommen wir dazu, uns zu sagen:
Irgend etwas aus der Außenwelt teilt sich uns mit, indem Licht auf uns
wirkt; irgend etwas wird uns weggenommen, wir werden ausgesaugt,
indem Dunkelheit auf uns wirkt. Wir werden - ich habe Sie schon in
den Vorträgen auf das aufmerksam gemacht - in einer gewissen
Beziehung auch sonst mit Bezug auf unser Bewußtsein ausgesaugt,
wenn wir einschlafen. Da hört unser Bewußtsein auf. Es ist eine ganz
ähnliche Erscheinung des Auf hörens unseres Bewußtseins, wenn wir
uns von den immer helleren Farben her den dunkleren, dem Blau
und Violett, nähern. Und wenn Sie sich erinnern an das, was ich
Ihnen gesagt habe in diesen Tagen über die Beziehung unseres Seeli-
schen zur Masse, wenn Sie sich erinnern an dieses Hineinschlafen in
die Masse, an dieses Aufgesogenwerden des Bewußtseins durch die
Masse, dann werden Sie ein Ähnliches empfinden durch das Aufgeso-
gensein des Bewußtseins durch die Dunkelheit, und Sie werden die
innere Verwandtschaft herausfinden zwischen dem Dunkelsein des
Raumes und jener anderen Erfülltheit des Raumes, die man Materie
nennt und die sich als Masse äußert, das heißt, wir werden den Weg
zu suchen haben von den Lichterscheinungen hinüber einfach zu den
Erscheinungen des materiellen Daseins, und wir haben uns schon den
Weg dadurch gebahnt, daß wir zuerst die gleichsam flüchtigen Licht-
erscheinungen der Phosphoreszenz und Fluoreszenz aufgesucht haben
und dann feste Lichterscheinungen. In den festen Lichterscheinungen
haben wir bleibende Farben. Wir können diese Dinge nicht einzeln
betrachten, wir wollen zunächst einmal den ganzen Komplex der
Dinge vor uns hinstellen.
Nun handelt es sich darum, noch folgendes einzusehen. Sehen Sie,
wenn man im lichterfüllten Raum ist, so vereinigt man sich in gewisser
Weise mit diesem lichterfüllten Raum. Man kann sagen: Etwas in uns
schwimmt hinaus in diesen lichterfüllten Raum und vereinigt sich mit
ihm. Aber man braucht nur ein klein wenig auf das wirklich Tat-
beständliche zu reflektieren, dann wird man einen großen Unterschied
finden zwischen diesem Vereinigtsein mit der unmittelbaren licht-
flutenden Umgebung und jenem Vereintsein, das man als Mensch auch
hat, nämlich mit dem Wärmezustand der Umgebung. Wir nehmen an
diesem Wärmezustand der Umgebung teil, wir nehmen an ihm teil,
indem wir auch etwas wie eine Polarität dieses Wärmezustandes emp-
finden, das Warme und das Kalte. Aber wir können doch nicht anders,
als einen Unterschied wahrnehmen zwischen dem Sichfühlen in dem
Wärmezustand der Umgebung und dem Sichfühlen in dem Licht-
zustand der Umgebung. Dieser Unterschied ist nicht nur der neue-
ren Physik seit dem sechzehnten Jahrhundert vollständig verlorenge-
gangen, man kann sagen, nicht nur die Unbefangenheit im Unter-
scheiden des Lichtmiterlebens und des Wärmemiterlebens ist verloren-
gegangen, sondern man hat darauf hingearbeitet, solche Unterschiede
in irgendeiner Art zu verwischen. Wer diesen Unterschied wirklich
ins Auge faßt, der im Tatsächlichen ganz einfach gegeben ist, zwischen
dem Miterleben des Wärmezustandes und dem Miterleben des Licht-
zustandes der Umgebung, der kann zuletzt gar nicht anders als unter-
scheiden, daß wir an dem Wärmezustand mit unserem physischen
Leibe beteiligt sind und an dem Lichtzustand eben mit unserem Äther-
leibe beteiligt sind. Das Durcheinanderwerfen desjenigen, was wir
gewahr werden durch unseren Ätherleib, und desjenigen, was wir ge-
wahr werden durch unseren physischen Leib, das ist zu einem ganz
besonderen Übel geworden für die neuere physikalische Betrachtung
seit dem sechzehnten Jahrhundert, und dadurch hat sich nach und nach
alles verwischt. Denn sehen Sie, man hat verlernt, namentlich seit die
Physik allmählich gekommen ist unter den Newtonsch&i Einfluß, der
eigentlich heute noch immer wirksam ist, man hat verlernt, Tat-
bestände unmittelbar auszusprechen. Einzelne Menschen haben ja
wiederum versucht, auf das Unmittelbare der Tatbestände hinzuwei-
sen, Goethe im Großen, und Menschen wie zum Beispiel Kirchhoff in
einer mehr theoretischen Weise. Aber im ganzen hat man eigentlich
verlernt, die Aufmerksamkeit rein auf die Tatbestände zu richten. Und
so hat man zum Beispiel im Sinne von Newton den Tatbestand auf-
gefaßt, daß materielle Körper, die sich in der Nähe von anderen mate-
riellen Körpern befinden, auf diese anderen materiellen Körper hin-
fallen unter entsprechenden Voraussetzungen. Man hat dieses zu-
geschrieben einer Kraft, die von dem einen Körper ausgeht und auf
den anderen ausgeübt wird, der Schwerkraft. Sie können sich aber
überlegen, soviel Sie wollen, und Sie werden niemals dasjenige, was
man unter dem Worte Schwerkraft versteht, unter die Tatbestände
rechnen können. Wenn ein Stein zur Erde fällt, so ist der Tatbestand
lediglich der, daß er sich der Erde nähert. Sie sehen ihn an einem Orte,
sehen ihn an einem zweiten Orte, an einem dritten Orte usw. Wenn
Sie sagen: Die Erde zieht den Stein an, so denken Sie zum Tatbestand
etwas hinzu, Sie sprechen die Erscheinung, das Phänomen nicht mehr
rein aus. Dies hat man sich immer mehr und mehr abgewöhnt, die Er-
scheinung rein auszusprechen, aber es kommt darauf an, die Erschei-
nung rein auszusprechen. Denn spricht man die Erscheinungen nicht
rein aus, sondern geht man über zu erdachten Erklärungen, dann kann
man die verschiedensten erdachten Erklärungen finden, die oftmals das
gleiche erklären. Nehmen Sie also an, Sie haben zwei - meinetwillen -
Weltenkörper, so können Sie sagen: Diese beiden Weltenkörper ziehen
sich gegenseitig an, sie senden da so etwas Unbekanntes wie eine Kraft
in den Raum hinaus und ziehen sich gegenseitig an. Sie brauchen
O*0
aber nicht zu sagen: Diese Körper ziehen sich gegenseitig an, sondern
Sie können sich auch sagen: Hier ist der eine Körper, hier ist der
andere Körper, hier sind viele andere kleine Körperchen, meinetwillen
sogar Ätherteilchen, hierzwischen auch; diese Ätherteilchen sind in
Bewegung, bombardieren die beiden Weltenkörper, das bombardiert
so hin, das so her, und was dazwischen ist, fliegt hin und her und
bombardiert auch. Nun ist die Angriffsfläche hier eine größere als
Wir wollen heute beginnen mit einem Versuch, der noch anknüpfen
soll an unsere Betrachtungen über die Farbenlehre. Es ist ja, wie ge-
sagt, durchaus nur möglich, daß ich Ihnen Improvisiertes, gewisser-
maßen Aphoristisches in diesen Vorträgen vorbringe. Daher muß ich
auch die gewöhnlichen Kategorien, die Sie in den Physikbüchern
finden, vermeiden. Ich will nicht sagen, daß es besser wäre, wenn ich
diese Kategorien einhalten könnte, allein ich möchte Sie ja zuletzt
zu einer bestimmten naturwissenschaftlichen Einsicht führen, und
alles dasjenige, was ich vorher vorbringe, betrachten Sie als eine Art
Vorbereitung, die nicht so gemacht wird, daß man, wie es sonst üblich
ist, in gerader Linie fortschreitet, sondern daß man die Erscheinungen
zusammensucht, die man braucht, gewissermaßen einen Kreis schafft
und dann nach dem Mittelpunkt vordringt.
Sie haben gesehen, daß wir es zu tun haben, wenn Farben entstehen,
mit einem Zusammenwirken von Licht und Finsternis. Nun handelt
es sich darum, daß man möglichst viele wirkliche Erscheinungen be-
obachtet, bevor man sich eine Anschauung bildet über das, was in
dieser Wechselwirkung von Licht und Finsternis eigentlich zugrunde
liegt. Und da möchte ich Ihnen heute zunächst dieses Phänomen der
sogenannten farbigen Schatten vorführen.
Ich werde von zwei Lichtquellen aus, die diese Kerzchen hier dar-
stellen, durch diesen Stab Ihnen Schatten auf dem Schirm erzeugen,
der Ihnen gegenübersteht. Sie sehen zwei Schatten, welche eine deut-
liche Farbe nicht haben. Sie brauchen nur dasjenige, was hier ist,
ordentlich anzuschauen, so werden Sie sich sagen müssen: Der Schat-
ten, den Sie hier rechts sehen, ist natürlich der Schatten, der von dieser
Lichtquelle (links) ausgeht und der dadurch entsteht, daß das Licht
von dieser Quelle ausgeht und durch den Stab verdeckt wird. Und
der Schatten ist derjenige, der entsteht, indem das Licht unserer rechten
Lichtquelle verdeckt wird. Wir haben es also hier im Grunde ge-
nommen nur zu tun mit der Erzeugung gewisser dunkler Räume.
Das, was im Schatten liegt, ist eben dunkler Raum. Wenn Sie die
Fläche des Schirmes außerhalb der beiden Schattenbänder sich an-
sehen, so werden Sie sich sagen: Sie wird beleuchtet von den zwei
Lichtquellen. So daß wir es also da zu tun haben mit Licht. Ich will
nun das eine der Lichter färben, das heißt, ich will es gehen lassen
durch eine farbige Glasplatte, so daß das eine der Lichter gefärbt
wird. Wir wissen, was da geschieht: Es wird das eine der Lichter
abgedunkelt. Aber jetzt sehen Sie, daß durch das Abdunkeln dieser
Schatten (rechts), welcher durch den Stab bewirkt wird von meiner
linken Lichtquelle aus, deren Licht ich gerade abdunkle und rötlich
mache, daß dieser Schatten grün wird. Er wird so grün, wie grün wird -
wenn Sie zum Beispiel scharf an eine kleine rote Fläche hinschauen,
dann von dieser roten Fläche das Auge abwenden und dann einfach in
gerader Richtung nach einer weißen Fläche lenken -, wie grün wird das-
jenige, was Sie früher rot gesehen haben, ohne daß etwas da ist, son-
dern Sie sehen gleichsam die grüne Farbe selber auf die Fläche hin.
Wie Sie da sehen die grüne Fläche als ein zeitliches Nachbild der roten
Fläche, die Sie früher wirklich gesehen haben, indem Sie das Auge
dem Rot exponiert haben, so sehen Sie hier, indem ich die Lichtquelle
rot abdunkle, ihren Schatten. Also, was früher bloße Dunkelheit war,
sehen Sie jetzt grün. Wenn ich dieselbe Lichtquelle grün abdunkeln
werde, beobachten Sie, was dann entsteht! Sie sehen, der Schatten ent-
steht dann rot. Wenn ich dieselbe Lichtquelle blau abdunkle, so sehen
Sie, der Schatten entsteht dann orange; würde ich die Lichtquelle vio-
lett abdunkeln, so gäbe es Gelb.
Nun bitte ich Sie, folgendes zu berücksichtigen - gerade dieses
Phänomen ist von einer großen Bedeutung. Wenn Sie - ich erwähne
das deshalb noch einmal - zum Beispiel irgendwo liegen haben, sagen
wir, ein rotes Kissen, das einen weißen Überzug hat, der so gehäkelt
ist, daß es da rote Rhomben gibt, und Sie sehen nach diesen roten Rhom-
ben zuerst hin und von da weg auf das Weiße, so sehen Sie dieselbe
Gitterung auf dem Weißen grün. Sie ist natürlich nicht dort, aber Ihr
Auge übt eine Nachwirkung aus, und diese erzeugt, indem Sie visieren
nach dem Weiß, die grünen - wie man sagt - subjektiven Bilder. Nun,
Goethe wußte diese letztere Ihnen erwähnte Erscheinung und er kannte
auch dieses Phänomen der farbigen Schatten. Er sagte sich: Ich dunkle
diese Lichtquelle ab, bekomme grün, und nun beschreibt er das in der
folgenden Weise: Wenn ich hier die Lichtquelle abdunkle, so wird der
ganze weiße Schirm mit einem roten Schein bedeckt und ich sehe dann
eigentlich nicht den weißen Schirm, sondern einen roten Schein, ich
sehe den Schirm rötlich. Dadurch erzeuge ich, wie bei dem Kissen,
mit meinem Auge die Kontrastfarbe Grün, so daß also hier kein wirk-
liches Grün wäre, sondern es wird nur nebenbei gesehen, weil der
Schirm rötlich gefärbt ist. Aber diese Goethesche Anschauung ist
falsch. Sie können sich leicht überzeugen, daß sie falsch ist, denn wenn
Sie eine kleine Röhre nehmen und durchblicken, so daß Sie, nach der
Abdunklung, bloß diesen grünen Streifen ansehen, so sehen Sie ihn
auch grün*. Sie sehen dann nicht dasjenige, was in der Umgebung ist,
sondern Sie sehen nur das objektiv an dieser Stelle vorhandene Grün.
Sie können sich dadurch überzeugen, daß das Grün objektiv ist, daß
hier abgedunkelt wird und daß Sie dann das Grün ansehen. Es bleibt
grün, kann also nicht eine Kontrasterscheinung sein, sondern ist eine
objektive Erscheinung. Wir können das jetzt nicht so machen, daß es
alle einzeln sehen, aber: Durch zweier Zeugen Mund wird alle Wahr-
heit kund. Ich werde die Erscheinung hervorrufen und Sie müssen so
durchsehen, daß Sie auf das grüne Band hinsehen. Das bleibt grün,
nicht wahr? Und ebenso würde die andere Farbe, wenn ich durch
Grün Rot erzeugen würde, rot bleiben. In diesem Falle hat Goethe in
seine Farbenlehre den Irrtum, dem er sich hingegeben hat, aufgenom-
men, und der muß natürlich durchaus korrigiert werden.
Ich will zunächst nichts anderes, als daß Sie sich unter den mancher-
lei Erscheinungen auch bewahren das rein Faktische, das wir jetzt vor-
geführt haben, daß also ein Grau, das heißt ein Dunkles, das sonst als
bloßer Schatten entsteht, dann, wenn wir den Schatten selbst mit Farbe
gewissermaßen durchtränken, daß dann in anderer Weise Helligkeit
und Dunkelheit zusammenwirken, als wenn ich den Schatten nicht
durchtränkte mit einer Farbe. Und wir merken uns, daß hier durch
die Abdunkelung des Lichtes mit dem Rot die objektive Erscheinung
des Grün hervorgerufen wird. Nun habe ich Sie hingewiesen auf
* Siehe Hinweis zu Sehe 121.
dasjenige, was da subjektiv erscheint - wie man sagt, subjektiv. Wir
haben eine - wie man sagt - objektive Erscheinung, das Grün, das
auf dem Schirme gewissermaßen bleibt, wenn es auch nicht fixiert
ist, so lange, als wir die Bedingungen dazu hergestellt haben, und
hier etwas, was gewissermaßen subjektiv, von unserem Auge allein
abhängig ist. Goethe nennt die grüne Farbe, die dann erscheint,
wenn ich eine Zeitlang das Auge der Farbe exponiert habe, die ge-
forderte Farbe, das geforderte Nachbild, das durch die Gegenwirkung
selbst hervorgerufen wird.
Nun, hier ist eines streng festzuhalten. Die Unterscheidung des Sub-
jektiven und des Objektiven, zwischen der hier vorübergehend fixier-
ten Farbe und der durch das Auge scheinbar bloß als Nachbild ge-
forderten Farbe, diese Unterscheidung hat in keinem objektiven Tat-
bestand irgendeine Rechtfertigung. Ich habe es zu tun, indem ich
durch mein Auge hier das Rot sehe, einfach mit all den Ihnen be-
schriebenen physikalischen Apparaten, Glaskörper, Linse, der Flüssig-
keit zwischen der Linse und der Hornhaut. Ich habe es mit einem sehr
differenzierten physikalischen Apparat zu tun. Dieser physikalische
Apparat, der in der mannigfaltigsten Weise Helligkeit und Dunkelheit
durcheinandermischt, der steht zu dem objektiv vorhandenen Äther
in gar keiner anderen Beziehung als die Apparate, die ich hier auf-
gestellt habe, der Schirm, die Stange usw. Das eine Mal ist bloß die
ganze Vorrichtung, die ganze Maschinerie mein Auge, und ich sehe
ein objektives Phänomen durch mein Auge, genau dasselbe objektive
Phänomen, das ich hier sehe, nur daß hier das Phänomen bleibt. Wenn
ich aber mein Auge mir herrichte durch das Sehen so, daß es nachher
in der sogenannten geforderten Farbe wirkt, so stellt sich das Auge in
seinen Bedingungen wieder her in den neutralen Zustand.Aber das-
jenige, wodurch ich Grün sehe, ist durchaus kein anderer Vorgang,
wenn ich sogenannt subjektiv durch das Auge sehe, als wenn ich hier
objektiv die Farbe fixiere. Deshalb sagte ich: Sie leben nicht so mit
Ihrer Subjektivität, daß der Äther draußen Schwingungen macht und
die Wirkung derselben als Farbe zum Ausdruck kommt, sondern Sie
schwimmen im Äther, sind eins mit ihm, und es ist nur ein anderer Vor-
gang, ob Sie eins werden mit dem Äther hier durch die Apparate oder
durch etwas, was sich in Ihrem Auge selber vollzieht. Es ist kein wirk-
licher, wesenhafter Unterschied zwischen dem durch die rote Ver-
dunkelung räumlich erzeugten grünen Bild und dem grünen Nachbild,
das eben nur zeitlich erscheint; es ist ein - objektiv besehen - greifbarer
Unterschied nicht, nur der, daß das eine Mal der Vorgang räumlich,
das andere Mal der Vorgang zeitlich ist. Das ist der einzige wesenhafte
Unterschied. Die sinngemäße Verfolgung solcher Dinge führt Sie da-
hin, jenes Entgegenstellen des sogenannten Subjektiven und des Ob-
jektiven nicht in der falschen Richtung zu sehen, in der es fortwährend
von der neueren Naturwissenschaft gesehen wird, sondern die Sache
so zu sehen, wie sie ist, nämlich daß wir das eine Mal eine Vorrichtung
haben, durch die wir Farben erzeugen, unser Auge neutral bleibt, das
heißt sich neutral macht gegen das Farbenentstehen, also dasjenige,
was da ist, mit sich vereinigen kann. Das andere Mal wirkt es selbst
als physikalischer Apparat. Ob aber dieser physikalische Apparat hier
(außen) ist oder in Ihrer Stirnhöhle drinnen ist, ist einerlei. Wir sind
nicht außer den Dingen und projizieren erst die Erscheinungen in den
Raum, wir sind durchaus mit unserer Wesenheit in den Dingen und
sind um so mehr in den Dingen, als wir aufsteigen von gewissen physi-
kalischen Erscheinungen zu anderen physikalischen Erscheinungen.
Kein Unbefangener, der die Farbenerscheinungen durchforscht, kann
anders, als sich sagen: Mit unserem gewöhnlichen körperlichen Wesen
stecken wir nicht drinnen, sondern mit unserem ätherischen und da-
durch mit unserem astralischen Wesen.
Wenn wir vom Lichte heruntersteigen zur Wärme, die wir auch
wahrnehmen als etwas, was ein Zustand unserer Umgebung ist, der
für uns eine Bedeutung gewinnt, wenn wir ihm exponiert sind, so
werden wir bald sehen: Es ist eine bedeutsame Modifikation zwischen
dem Wahrnehmen des Lichtes und dem Wahrnehmen der Wärme. Für
die Lichtwahrnehmung können Sie genau lokalisieren diese Wahr-
nehmung in dem physikalischen Apparat des Auges, dessen objektive
Bedeutung ich eben charakterisiert habe. Für die Wärme, was müssen
.Sie sich denn da sagen? Wenn Sie wirklich sich fragen: Wie kann ich
vergleichen die Beziehung, in der ich zum Lichte stehe, mit der Be-
ziehung, in der ich zur Wärme stehe, so müssen Sie sich auf diese Frage
antworten: Zum Lichte stehe ich so, daß mein Verhältnis lokalisiert
ist gewissermaßen durch mein Auge an einen bestimmten Körperort.
Das ist aber bei der Wärme nicht so. Für sie bin ich gewissermaßen
ganz Sinnesorgan. Ich bin für sie ganz dasselbe, was für das Licht das
Auge ist. So daß wir also sagen können: Von der Wahrnehmung der
Wärme können wir nicht im selben lokalisierten Sinne sprechen wie
von der Wahrnehmung des Lichtes. Aber gerade, indem wir die Auf-
merksamkeit auf so etwas richten, können wir noch auf etwas anderes
kommen.
Was nehmen wir denn eigentlich wahr, wenn wir in ein Verhältnis
treten zu dem Wärmezustand unserer Umgebung? Ja, da nehmen wir
eigentlich dieses Schwimmen in dem Wärmeelement unserer Um-
gebung sehr deutlich wahr. Nur: Was schwimmt denn? Bitte, beant-
worten Sie sich diese Frage, was da eigentlich schwimmt, wenn Sie
in der Wärme Ihrer Umgebung schwimmen. Nehmen Sie folgen-
des Experiment. Sie füllen einen Trog mit einer mäßig warmen Flüs-
sigkeit, mit mäßig warmem Wasser, mit einem Wasser, das Sie als
lauwarm empfinden, wenn Sie beide Hände hineinstecken - nicht lange
hineinstecken, Sie probieren das nur. Dann machen Sie folgendes: Sie
stecken zuerst die linke Hand in möglichst warmes Wasser, wie Sie es
gerade noch ertragen können, dann die rechte Hand in möglichst kal-
tes Wasser, wie Sie es auch gerade noch ertragen können, und dann
stecken Sie rasch die linke und die rechte Hand in das lauwarme Was-
ser. Sie werden sehen, daß der rechten Hand das lauwarme Wasser
sehr warm vorkommt und der linken sehr kalt. Die heißgewordene
Hand von links fühlt dasselbe als Kälte, was die kaltgewordene Hand
von rechts als Wärme fühlt. Vorher fühlten Sie eine gleichmäßige
Lauigkeit. Was ist denn das eigentlich? Ihre eigene Wärme, die
schwimmt und verursacht, daß Sie die Differenz zwischen ihr und der
Umgebung fühlen. Dasjenige, was von Ihnen schwimmt in dem
Wärmeelement Ihrer Umgebung, was ist es denn? Es ist Ihr eigener
Wärmezustand, der durch Ihren organischen Prozeß herbeigeführt
wird, der ist nicht etwas Unbewußtes, in dem lebt Ihr Bewußtsein.
Sie leben innerhalb Ihrer Haut in der Wärme, und je nachdem diese
ist, setzen Sie sich auseinander mit dem Wärmeelement Ihrer Um-
gebung. In diesem schwimmt Ihre eigene Körperwärme. Ihr Wärme-
organismus schwimmt in der Umgebung.
Denken Sie sich solche Dinge durch, dann geraten Sie ganz anders
in die Nähe der wirklichen Naturvorgänge als durch dasjenige, was
Ihnen die heute ganz verabstrahierte und aus aller Realität heraus-
gezogene Physik bieten kann.
Nun gehen wir aber noch weiter hinunter. Wir haben gesehen, wenn
wir unseren eigenen Wärmezustand erleben, dann können wir sagen,
daß wir ihn dadurch erleben, daß wir mit ihm schwimmen in unserer
Wärmeumgebung, also entweder, daß wir wärmer sind als unsere Um-
gebung und es empfinden als uns aussaugend - wenn die Umgebung
kalt ist - , oder wenn wir kälter sind, es empfinden, als ob uns die Um-
gebung etwas gibt. Das wird nun ganz anders, wenn wir in einem
anderen Elemente leben. Sehen Sie, wir können also in dem leben, was
dem Licht zugrunde liegt. Wir schwimmen im Lichtelement. Wir
haben jetzt durchgeführt, wie wir im Wärmeelement schwimmen.
Wir können aber auch im Luftelement schwimmen, das wir eigentlich
fortwährend in uns haben. Wir sind ja in sehr geringem Maße ein
fester Körper, wir sind eigentlich nur zu ein paar Prozent ein fester
Körper als Mensch, wir sind eigentlich über 90 Prozent eine Wasser-
säule, und Wasser ist eigentlich, insbesondere in uns, nur ein Mittel-
zustand zwischen dem luftförmigen und dem festen Zustande. Wir
können uns durchaus in dem luftartigen Element selber erleben, so
wie wir uns im wärmeartigen Element erleben, das heißt, unser Be-
wußtsein steigt effektiv hinunter in das luftartige Element. Wie es in
das Lichtelement steigt und in das Wärmeelement, so steigt es in das
Luftelement. Indem es aber in das Luftelement steigt, kann es sich
wiederum auseinandersetzen mit demjenigen, was in der Luftumge-
bung geschieht, und diese Auseinandersetzung ist dasjenige, was in der
Erscheinung des Schalls, des Tones zum Vorschein kommt. Sie sehen,
wir müssen gewisse Schichten unseres Bewußtseins unterscheiden. Wir
leben mit einer ganz anderen Schichte unseres Bewußtseins mit dem
Lichtelement, indem wir selber teilnehmen an ihm, wir leben mit einer
anderen Schichte unseres Bewußtseins im Wärmeelement, indem wir
selber teilnehmen an ihm, und wir leben in einer anderen Schichte un-
seres Bewußtseins im Luftelement, indem wir selber teilnehmen an
ihm. Wir leben, indem unser Bewußtsein imstande ist, hinunterzu-
tauchen in das gasige, luftförmige Element, wir leben in dem luft-
förmigen Element unserer Umgebung und können uns dadurch fähig
machen, Schallerscheinungen wahrzunehmen, Töne wahrzunehmen.
Gerade so, wie wir selbst mit unserem Bewußtsein teilnehmen müssen
an den Lichterscheinungen, damit wir in den Lichterscheinungen un-
serer Umgebung schwimmen können, wie wir teilnehmen müssen am
Wärmeelement, damit wir in ihm schwimmen können, so müssen
wir auch teilnehmen an dem Luftigen, wir müssen selber in uns diffe-
renziert etwas Luftiges haben, damit wir das äußere, meinetwegen
durch eine Pfeife, eine Trommel, eine Violine differenzierte Luftige
wahrnehmen können.
In dieser Beziehung ist unser Organismus etwas außerordent-
lich interessant sich Darbietendes. Wir atmen die Luft aus - unser
Atmungsprozeß besteht ja darinnen, daß wir Luft ausatmen und
Luft wieder einatmen. Indem wir Luft ausatmen, treiben wir unser
Zwerchfell in die Höhe. Das ist aber mit einer Entlastung unse-
res ganzen organischen Systems unter dem Zwerchfell in Verbin-
dung. Dadurch wird gewissermaßen, weil wir das Zwerchfell nach
oben bringen beim Ausatmen und unser organisches System unter
dem Zwerchfell entlastet wird, das Gehirnwasser, in dem das Gehirn
schwimmt, nach abwärts getrieben, dieses Gehirnwasser, das aber
nichts anderes ist als eine etwas verdichtete Modifikation, möchte ich
sagen, der Luft, denn in Wahrheit ist es die ausgeatmete Luft, die das
bewirkt. Wenn ich wieder einatme, wird das Gehirnwasser nach auf-
wärts getrieben, und ich lebe fortwährend, indem ich atme, in diesem
von oben nach unten und von unten nach oben sich vollziehenden
Schwingen des Gehirnwassers, das ein deutliches Abbild meines
ganzen Atmungsprozesses ist. Lebe ich mit meinem Bewußtsein da-
durch, daß teilnimmt mein Organismus an diesen Oszillationen des
Atmungsprozesses, dann ist das eine innerliche Differenzierung im
Erleben eines Luftwahrnehmens, und ich stehe eigentlich fortwährend
durch diesen Vorgang, den ich nur etwas grob geschildert habe, in
einem Lebensrhythmus darinnen, der in seiner Entstehung und in
seinem Verlauf in Differenzierung der Luft besteht. Dasjenige, was
da innerlich entsteht - natürlich nicht so grob, sondern in mannig-
faltiger Weise differenziert, so daß dieses Auf- und Abschwingen
der rhythmischen Kräfte, die ich gekennzeichnet habe, selber etwas
ist wie ein komplizierter, fortwährend entstehender und vergehen-
der Schwingungsorganismus - , diesen innerlichen Schwingungs-
organismus, den bringen wir in unserem Ohre zum Zusammenstoßen
mit demjenigen, was von außen, sagen wir, wenn eine Saite ange-
schlagen wird, an uns tönt. Und gerade so, wie Sie den Wärmezustand
Ihrer eigenen Hand, wenn Sie sie ins lauwarme Wasser hineinheben,
wahrnehmen durch die Differenz zwischen der Wärme Ihrer Hand und
der Wärme des Wassers, so nehmen Sie wahr den entsprechenden Ton
oder Schall durch das Gegeneinanderwirken Ihres inneren, so wunder-
bar gebauten Musikinstrumentes mit demjenigen, was äußerlich in der
Luft als Töne, als Schall zum Vorschein kommt. Das Ohr ist gewisser-
maßen nur die Brücke, durch die Ihre innere Leier des Apollo sich aus-
gleicht in einem Verhältnis mit demjenigen, was von außen an diffe-
renzierter Luftbewegung an Sie herantritt. Sie sehen, der wirkliche
Vorgang - wenn ich ihn real schildere - , der wirkliche Vorgang
beim Hören, nämlich beim Hören des differenzierten Schalles, des
Tones, der ist von jener Abstraktion weit verschieden, wo man sagt:
Draußen, da wirkt etwas, das affiziert mein Ohr. Die Affektion des
Ohres wird als eine Wirkung auf mein subjektives Wesen wahrgenom-
men, das man wiederum - ja, mit welcher Terminologie auch? - be-
schreibt oder eigentlich nicht beschreibt. Man kommt nicht weiter,
wenn man klar ausdenken will, was da eigentlich immer als Idee zu-
grunde gelegt wird. Man kann gewisse Dinge, die gewöhnlich ange-
schlagen werden, nicht zu Ende denken, weil diese Physik weit ent-
fernt ist, einfach auf die Tatsachen einzugehen.
Sie haben tatsächlich drei Stufen vor sich der Beziehungen des Men-
schen zur Außenwelt, ich möchte sagen: die Lichtstufe, die Wärme-
stufe, die Ton- oder Schallstufe. Aber sehen Sie, da liegt etwas sehr
Eigentümliches noch vor. Wenn Sie unbefangen Ihr Verhältnis, das
heißt Ihr Schwimmen im Lichtelement betrachten, dann müssen Sie
sich sagen: Sie können selbst nur als Ätherorganismus in demjenigen,
was da draußen in der Welt vor sich geht, leben. Indem Sie im Wärme-
element leben, leben Sie mit Ihrem ganzen Organismus im Wärme-
element Ihrer Umgebung darinnen. Jetzt lenken Sie den Blick von die-
sem Drinnenleben herunter bis zum Drinnenleben im Ton- und Schall-
element, dann leben Sie eigentlich, indem Sie selbst zum Luftorganis-
mus werden, in der differenziert gestalteten äußeren Luft darinnen.
Das heißt, nicht mehr im Äther, sondern eigentlich schon in der äuße-
ren physikalischen Materie, in der Luft leben Sie da drinnen. Daher ist
das Leben im Wärmeelement eine ganz bedeutsame Grenze. Gewisser-
maßen bedeutet das Wärmeelement, das Leben in ihm, für Ihr Be-
wußtsein ein Niveau. Dieses Niveau können Sie auch sehr deutlich
_ Lfcht^ _
War im a t
t_
Luft (Ton, S c h o l l )
und diese Elektrizität mitteilt - was man kann - dem äußeren Belag,
so wird der äußere Belag zum Beispiel positiv elektrisch, erzeugt die
Erscheinungen der positiven Elektrizität. Dadurch aber wird der
innere Belag negativ elektrisch. Und wir können, wie Sie wissen, dann,
indem wir verbinden den Belag, der mit positiver Elektrizität angefüllt
ist, und den Belag, der mit negativer Elektrizität angefüllt ist, es zu
einer Verbindung der positiv elektrischen und negativ elektrischen
Kraft bringen, wenn wir sie in eine solche Lage versetzen, daß die eine
Elektrizität sich bis hierher fortsetzen kann und gegenübersteht der
anderen. Sie stehen sich mit einer gewissen Spannung gegenüber und
fordern ihren Ausgleich. Es springt der Funke von dem einen Belag
auf den andern über. Wir sehen also, daß Elektrizitätskräfte, die sich so
gegenüberstehen, eine gewisse Spannung haben und zum Ausgleich
streben. Der Versuch wird vor Ihnen oftmals gemacht worden sein.
Sie sehen hier die Leidener Flasche. Aber wir brauchen noch
eine Gabel. Ich will einmal hier laden. Es ist noch zu schwach. Ein
bißchen stoßen sich die Plättchen ab. Es würde also, wenn wir hier
genügend laden würden, die positive Elektrizität die negative hervor-
rufen, und wir würden, wenn wir beide einander gegenüberstehend
hätten, durch eine Entladungsgabel den Funken zum Überspringen
bringen. Sie wissen aber auch, daß diese Art, elektrisch zu werden, mit
dem Ausdruck Reibungselektrizität bezeichnet wird, weil man es zu
tun hat eben mit der durch Reibung hervorgegangenen, irgendwie
gearteten Kraft - so möchte ich vorläufig sagen.
Nun wurde, wie ich Ihnen auch nur zu wiederholen brauche, eigent-
lich erst um die Wende des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts
zu dieser Reibungselektrizität hinzugefunden, entdeckt dasjenige, was
man Berührungselektrizität nennt. Und damit wurde für die moderne
Physik ein Gebiet eröffnet, das sich gerade außerordentlich fruchtbar
erwiesen hat für die materialistische Ausgestaltung der Physik. Ich
brauche Sie auch da nur an das Prinzip zu erinnern. Galvant beobach-
tete einen Froschschenkel, der in Verbindung war mit Metallplatten
und der in Zuckungen geriet, und hatte damit eigentlich, man möchte
sagen, etwas außerordentlich Bedeutsames gefunden, hatte zwei Dinge
zugleich gefunden, die nur voneinander abgetrennt werden mußten
und die heute noch nicht ganz sachgemäß voneinander abgetrennt
sind zum Unheil der naturwissenschaftlichen Betrachtungen. Galvani
hatte dasjenige gefunden, was wenig später Volta eben als die eigent-
liche Berührungselektrizität bezeichnen konnte. Er hatte die Tatsache
gefunden, daß, wenn zwei verschiedene Metalle sich so berühren, daß
ihre Berührung vermittelt wird durch entsprechende Flüssigkeiten, so
entsteht eine Wechselwirkung, die in Form einer elektrischen Strö-
mung von dem einen Metall zu dem andern sich äußern kann. Damit
haben wir die elektrische Strömung, die verläuft rein auf dem Gebiete
des unorganischen Lebens scheinbar, wir haben aber, indem wir hin-
blicken auf dasjenige, was Galvani eigentlich bloßlegte, auch noch das,
was man gewissermaßen als physiologische Elektrizität bezeichnen
kann, einen Kraftspannungszustand, der eigentlich immer besteht
zwischen Muskel und Nerv und der geweckt werden kann, wenn
elektrische Ströme durch Muskel und Nerv hindurchgeführt werden.
So daß in der Tat dasjenige, was Galvani damals gesehen hat, zweier-
lei enthielt: Dasjenige, das man einfach auf unorganischem Gebiet
nachbilden kann, indem man Metalle durch Vermittlung von Flüssig-
keiten zur Ausbildung der elektrischen Ströme bringt, und dasjenige,
was in jedem Organismus ist, bei gewissen elektrischen Fischen und
anderen Tieren besonders hervortritt als Spannungszustand zwischen
Muskel und Nerv, der sich für den äußeren Anblick ähnlich ausnimmt
in seinem Ausgleich wie strömende Elektrizität und ihre Wirkungen.
Damit war aber alles dasjenige gefunden, was dann zu gewaltigen
wissenschaftlichen Erkenntnisfortschritten auf materialistischem Ge-
biete einerseits geführt hat, was auf der anderen Seite so gewaltige,
epochemachende Grundlagen für die Technik ergeben hat.
Nun handelt es sich darum, daß ja das neunzehnte Jahrhundert
hauptsächlich angefüllt war von der Anschauung, man müsse etwas
herausfinden, was als ein abstrakt Einheitliches allen Naturkräften
- wie man sie nennt - zugrunde liegt. In dieser Richtung hatte man ja
auch dasjenige, wovon ich Ihnen schon gesprochen habe, ausgedeutet,
was in den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts Julius Robert
Mayer, der bekannte geniale Heilbrunner Arzt, zutage gefördert hat.
Wir haben vorgeführt, was von ihm zutage gefördert worden ist: Wir
haben mechanische Kraft entwickelt, indem wir ein Schwungrad in
Drehung gebracht haben, das Wasser in innere mechanische Tätigkeit
versetzt haben. Dadurch aber ist das Wasser wärmer geworden. Die
Erwärmung konnten wir nachweisen, und man kann sagen, daß diese
Entwickelung der Wärme eine Wirkung ist der mechanischen Lei-
stung, der mechanischen Arbeit, die da war. Diese Dinge hat man so
ausgedeutet, daß man sie auf die verschiedensten Naturerscheinungen
angewendet hat, was man ja auch in gewissen Grenzen leicht konnte.
Man konnte die Entfaltung von chemischen Kräften bewirken, konnte
sehen, wie auch aus der Entfaltung von chemischen Kräften Wärme
sich bildet, man konnte umgekehrt Wärme gebrauchen, wie es ja in
der Dampfmaschine geschieht im umfassendsten Sinne, um mecha-
nische Arbeit hervorzurufen. Man hat den Blick insbesondere ge-
richtet auf diese sogenannte Umwandelung der Naturkräfte, und man
war dazu veranlaßt durch dasjenige, was man immer weiter ausgebildet
hat, was bei Julius Robert Mayer seinen Anfang genommen hat, daß
man zahlenmäßig berechnen kann, wieviel Wärme notwendig ist, um
eine bestimmte, meßbare Arbeit hervorzubringen, und umgekehrt,
wieviel mechanische Arbeit notwendig ist, um ein bestimmtes, meß-
bares Wärmequantum hervorzubringen. Man stellte sich vor, obwohl
zunächst nicht Veranlassung dazu vorhanden ist, daß sich einfach ver-
wandle Arbeit, die man verrichtet hat, indem man die Schaufel-
scheiben im Wasser in Drehung versetzt hat, daß sich diese mecha-
nische Arbeit in Wärme umgewandelt habe. Man nahm an, daß sich,
wenn wir Wärme anwenden in der Dampfmaschine, diese Wärme um-
wandelt in dasjenige, was dann als mechanische Leistung auftritt.
Diese Richtung des Denkens nahm das physikalische Nachsinnen im
neunzehnten Jahrhundert an, und daher war es bestrebt, Verwandtschaft
zu finden zwischen den verschiedenen sogenannten Naturkräften, Ver-
wandtschaften, die zeigen sollten, daß wirklich irgend etwas abstrakt
Gleiches in all diesen verschiedenen Naturkräften eigentlich steckt.
Eine gewisse Krönung hat dieses Bestreben gefunden, als am Ende
des neunzehnten oder gegen das Ende des neunzehnten Jahrhunderts
mit einer gewissen Genialität der Physiker Herf% die sogenannten
elektrischen Wellen gefunden hat - also auch hier Wellen -, welche
eine gewisse Berechtigung gaben, dasjenige, was als Elektrizität sich
ausbreitet, in Verwandtschaft zu denken mit demjenigen, was als
Licht sich ausbreitet, das man ja auch als eine wellenförmige Bewegung
des Äthers sich dachte. Daß dasjenige, was man als Elektrizität an-
zusprechen hatte, namentlich in der Form der strömenden Elektrizität,
nicht so einfach mit den primitiven mechanischen Grundbegriffen zu
erfassen ist, sondern eigentlich notwendig macht, ein wenig schon den
Ausblick der Physik auf das Qualitative zu erweitern, das hätte schon
zeigen können das Vorhandensein dessen, was man Induktionsströme
nennt, wo dadurch, daß - ich will das hier nur roh andeuten - ein
elektrischer Strom im Draht sich bewegt, ein in der Nähe befindlicher
Strom entsteht einfach dadurch, daß der eine Draht in der Nachbar-
schaft des anderen ist. Es geschehen also Wirkungen der Elektrizität
durch den Raum durch - so könnte man etwa sagen.
Nun war es Hertz gelungen, auf das ganz Interessante zu kommen,
daß in der Tat die Ausbreitung der elektrischen Agenzien etwas Ver-
wandtes hat mit allem, was sich wellenförmig ausbreitet oder so ge-
dacht werden kann. So hatte Hertz gefunden, daß, wenn man etwa
einen elektrischen Funken erzeugt auf dieselbe Weise, wie er hier er-
zeugt wird, das heißt die Spannung zur Entwickelung bringt, so würde
man das Folgende erreichen können: Nehmen Sie an, hier hätten wir
diesen überspringenden Funken. Wir würden immer die Möglichkeit
haben, an einem entsprechenden Ort, irgendwo anders, zwei solche
- man könnte sie kleine Induktoren nennen - einander gegenüber-
zustellen. Sie müssen nur an einem bestimmten Orte sich gegenüber-
gestellt werden. Es würde in einiger entsprechender Entfernung ent-
stehen können ein Überspringen auch hier, was ja keine andere Er-
scheinung wäre als eine solche, die ähnlich ist derjenigen, wo meinet-
willen hier eine Lichtquelle ist, hier ein Spiegel, der den Lichtkegel
reflektiert, durch einen anderen Spiegel hier sammelt und wo hier das
Büd dann erscheint. Man kann sprechen von einer Ausbreitung des
Lichtes und von einer Wirkung, die in der Entfernung sich vollzieht.
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TfStrthUn
\\ \ %* Lichtschwin 4fjktif
man gewisse Rechnungen anstellt, dann kann man dadurch, daß man
einen Magneten an dasjenige, was da strahlt, seitlich herankommen
läßt, die Ablenkung studieren und damit die Geschwindigkeit. Und
da stellte sich das Interessante heraus, daß die /9-Strahlen etwa sich be-
wegen mit 9/io Lichtgeschwindigkeit, die a-Strahlen mit etwa i/io Licht-
geschwindigkeit. Wir haben also da gewissermaßen Kraft-Explosio-
nen, die wir getrennt haben, analysiert haben, und die uns zeigen, wie
sie auffallende Verschiedenheiten in der Geschwindigkeit haben.
Ich erinnere Sie an dieser Stelle, daß wir rein geistig im Beginne
dieser Betrachtungen die Formel zu erfassen versuchten: ^ = 4 und
gesagt haben, daß das Reale im Raum die Geschwindigkeit ist, daß es
die Geschwindigkeit ist, was einen berechtigt, hier von Wirklichem
zu sprechen. Hier sehen Sie, wie dasjenige, was da, ich möchte sagen,
herausexplodiert, sich hauptsächlich dadurch charakterisiert, daß man
es zu tun hat mit verschieden stark aufeinander wirkenden Geschwin-
digkeiten. Denken Sie sich nur einmal, was das bedeutet, daß in dem-
selben Kraftzylinder, der hier herausstrahlt, etwas drinnen ist, was sich
9 mal so schnell bewegen will als das andere, daß also eine schießende
Kraft, die zurückbleiben will gegen die andere, die 9 mal so schnell
gehen will, sich geltend macht. Nun bitte ich, ein wenig auf dasjenige
zu sehen, wovon nur Anthroposophen das Recht haben, es heute noch
nicht als Verrücktheit anzusehen. Ich bitte, sich daran zu erinnern, wie
oft und oft wir sprechen mußten, daß in den größten uns überschau-
baren Aktionen der Welt Geschwindigkeitsunterschiede das Wesent-
liche sind. Wodurch spielen denn in unsere Gegenwart wichtigste Er-
scheinungen herein? Dadurch, daß mit verschiedener Geschwindig-
keit die normalen, die luziferischen, die ahrimanischen Wirkungen
ineinanderspielen, daß Geschwindigkeitsdifferenzen in den geistigen
Strömungen, denen das Weltgefüge unterworfen ist, vorhanden sind.
Der Weg, der sich der Physik eröffnet hat in der letzten Zeit, zwingt
sie, auf Geschwindigkeitsdifferenzen in einem ganz ähnlichen Sinn,
vorläufig ganz unbewußt, einzugehen, wie sie die Geisteswissenschaft
geltend machen muß für die umfassendsten Agenzien der Welt.
Es ist aber damit noch nicht erschöpft alles dasjenige, was da aus
diesem Radiumkörper herausstrahlt, sondern es strahlt noch etwas
anderes heraus, was wiederum in seinen Wirkungen nachgewiesen
werden kann und was sich in diesen Wirkungen zeigt als etwas, das
ausstrahlt wie eine Ausstrahlung der Radiummaterie, was sich aber
nach und nach nicht mehr als Radium zeigt, sondern zum Beispiel als
Helium, was ein ganz anderer Körper ist. Dieses Radium sendet also
nicht nur dasjenige, was da in ihm ist, als Agenzien aus, sondern gibt
sich selber hin und wird dabei etwas anderes. Mit der Konstanz der
Materie hat das nicht mehr viel zu tun, sondern mit einer Metamor-
phose der Materie.
Nun habe ich Ihnen heute Erscheinungen vorgeführt, welche alle
verlaufen in einem Gebiet, das man nennen könnte das elektrische
Gebiet. Diese Erscheinungen, sie haben alle ein Gemeinsames, näm-
lich das Gemeinsame, daß sie sich zu uns selber ganz anders verhalten
als zum Beispiel die Schall-, die Licht- und selbst die Wärmeerschei-
nungen. In Licht, Schall und Wärme schwimmen wir gewissermaßen
so darinnen, wie wir das in den vorhergehenden Betrachtungen be-
schrieben haben. Das können wir von den elektrischen Erscheinungen
nicht so ohne weiteres sagen. Denn Elektrizität nehmen wir nicht als
so etwas Spezifisches wahr wie das Licht. Wir nehmen selbst dann,
wenn die Elektrizität gezwungen wird, sich uns zu enthüllen, sie durch
eine Lichterscheinung wahr. Das hat ja längst dazu geführt, daß man
immer sagt: Elektrizität hat keinen Sinn im Menschen. Das Licht hat
im Menschen das Auge als Sinn, der Schall das Ohr, für die Wärme ist
eine Art von Wärmesinn konstruiert; für die Elektrizität ist so etwas
Ähnliches, sagt man, nicht vorhanden. Man nimmt sie mittelbar wahr.
Aber über diese Charakteristik des mittelbaren Wahrnehmens kann
man eben nicht hinausgehen, wenn man nicht vorrückt zu einer sol-
chen naturwissenschaftlichen Betrachtung, wie wir sie hier wenigstens
inauguriert haben. Wenn wir uns dem Lichte exponieren, so tun wir es
so, daß wir in dem Lichtelemente darinnen schwimmen und wir selber
an ihm, wenigstens teilweise, mit unserem Bewußtsein teilnehmen;
ebenso bei der Wärme, beim Schall, beim Ton. Das können wir nicht
sagen bei der Elektrizität.
, Aber nun bitte ich Sie, sich daran zu erinnern, wie ich Ihnen immer
vorgeführt habe, wie wir Menschen eigentlich, grob gesprochen,
Doppelwesen sind, in Wirklichkeit eigentlich dreigliedrige Wesen:
. Denkwesen, Fühlwesen, Willenswesen, und ich konnte Ihnen immer
zeigen, daß wir eigentlich nur in unserem Denken wachen, daß
wir in unseren Gefühlen träumen, in unseren Willensvorgängen,
auch wenn wir wachend sind, schlafen. Die Willensvorgänge erleben
wir nicht unmittelbar, wir verschlafen dasjenige, was im wesent-
lichen Wille ist, und in diesen Betrachtungen habe ich Sie darauf
hingewiesen, wie, wenn wir in den physikalischen Formeln, wo
wir das m - Masse hinschreiben, wenn wir da übergehen von dem
bloßen Zählbaren, von der Bewegung und von der Zeit, vom Raum,
zu etwas, was nicht bloß phoronomisch ist, wie wir uns klar sein
müssen, daß dem entspricht ein Übergehen unseres Bewußtseins in
einen Schlafzustand. Wenn Sie unbefangen betrachten diese Gliede-
rung der menschlichen Wesenheit, so können Sie sich sagen: Das Er-
leben von Licht, Schall, Wärme fallt bis zu einem gewissen Grade, bis
zu einem gewissen hohen Grade in das Feld, das wir mit unserem
Sinnesvorstellungsleben umfassen, besonders stark die Lichterschei-
nungen. So daß sich das einfach dadurch, daß wir unbefangen den
Menschen studieren, als verwandt zeigt mit unseren bewußten Seelen-
kräften. Indem wir zum eigentlich Massenhaften, zum Materiellen
vorschreiten, nähern wir uns demjenigen, was verwandt ist mit den
Kräften, die sich in uns entwickeln, wenn wir schlafen.
Genau denselben Weg machen wir, wenn wir aus dem Gebiet des
Lichtes, des Schalles, der Wärme hinuntersteigen in das Gebiet der
elektrischen Erscheinungen. Wir erleben unsere Willenserscheinungen
nicht direkt, sondern dasjenige, was wir von ihnen vorstellen können;
wir erleben die elektrischen Erscheinungen der Natur nicht direkt,
sondern dasjenige, was sie heraufliefern in das Gebiet des Lichtes, des
Schalles, der Wärme und so weiter. Wir betreten nämlich für die
Außenwelt, ich möchte sagen, denselben Orkus, indem wir schlafen,
den wir betreten in uns selbst, wenn wir aus unserem vorstellenden,
bewußten Leben hinunter steigen in unser Willensleben. Während ver-
wandt ist alles dasjenige, was Licht, Schall, Wärme ist, mit unserem
bewußten Leben, ist innig verwandt alles dasjenige, was auf dem Ge-
biet der Elektrizität und des Magnetismus sich abspielt, mit unserem
unbewußten Willensleben. Und das Auftreten der physiologischen
Elektrizität bei gewissen niederen Tieren, das ist nur ein sich an einer
bestimmten Stelle der Natur äußerndes Symptom für eine sonst nicht
bemerkbare, aber allgemeine Erscheinung: Überall, wo Wille durch
den Stoffwechsel wirkt, wirkt ein den äußeren elektrischen und magne-
tischen Erscheinungen Ähnliches. Und man steigt eigentlich, indem
man auf den komplizierten Wegen, die wir heute nur roh skizzieren
konnten, in das Gebiet der elektrischen Erscheinungen hinunter-
steigt, in dasselbe Gebiet hinunter, in das man hinuntersteigen muß,
wenn man überhaupt nur zur Masse kommt. Was tut man, wenn man
Elektrizität und Magnetismus studiert? Man studiert die Materie
konkret. Steigen Sie zur Materie hinunter, indem Sie Elektrizität und
Magnetismus studieren! Und es ist wahr, recht wahr, was ein eng-
lischer Philosoph, gesagt hat: Früher hat man in verschiedenster
Weise geglaubt, daß der Elektrizität Materie zugrunde Hegt. Jetzt
muß man annehmen, daß dasjenige, was man als Materie glaubt,
eigentlich nichts anderes ist als flüssige Elektrizität. Früher hat man
die Materie atomisiert. Jetzt denkt man: Die Elektronen, die be-
wegen sich durch den Raum und haben ähnliche Eigenschaften
wie früher die Materie. Man hat den ersten Schritt gemacht - nur
gibt man ihn noch nicht zu - zur Überwindung der Materie und
den ersten Schritt dazu, anzuerkennen, daß man hinuntersteigt
im Reich der Natur, indem man von den Licht-, Schall-, Wärme-
erscheinungen zu den elektrischen Erscheinungen übergeht, daß man
hinuntersteigt zu demjenigen, was sich zu jenen Erscheinungen ver-
hält wie unser Wille zu unserem Vorstellungsleben. Das möchte ich
Ihnen auf die Seele legen als ein Fazit der heutigen Betrachtung. Ich
will Ihnen ja hauptsächlich das sagen, was Sie in den Büchern nicht
vorfinden. Was davon doch vorgeführt wird, möchte ich nur sagen
als etwas, was das andere begründet.
ZEHNTER VORTRAG
HTJ"—8
Ebenso kann ich diesen Winkel ß hier herüberlegen und habe hier das
gleiche. Nun, der Winkel y bleibt ja liegen, und wenn y-y und a'= a
und ß'= ß ist und a'+ ß' + y zusammen einen gestreckten Winkel ge-
ben, so müssen auch a+ß+y einen gestreckten Winkel zusammen
bilden. Ich kann also das klar anschaulich beweisen. Etwas Klareres
und Anschaulicheres kann es, möchte man sagen, gar nicht geben.
Nun aber, die Voraussetzung, die man da macht, indem man dies be-
weist, ist die, daß diese obere Linie A ' - B ' parallel ist zu A-B. Denn
nur dadurch bin ich in der Lage, den Beweis zu führen. Nun gibt es
aber in der ganzen Euklidschen Geometrie kein Mittel zu beweisen,
daß zwei Linien parallel sind, das heißt sich in unendlicher Entfernung
erst schneiden, das heißt gar nicht schneiden. Das sieht so aus, als ob
sie parallel wären, nur solange ich beim gedachten Raum bleibe. Nichts
verbürgt mir, daß das auch bei einem wirklichen Raum so der Fall ist.
Und wenn ich daher nur das eine annehme, daß diese beiden Geraden
sich nicht in unendlicher Entfernung erst schneiden, sondern sich real
früher schneiden, dann geht mein ganzer Beweis für die 180° der Drei-
eckswinkel kaputt, dann würde ich herausbekommen, daß zwar nicht
in dem Raum, den ich mir selber in Gedanken konstruiere und mit
dem sich die gewöhnliche Geometrie befaßt - in diesem Raum haben
die Dreieckswinkel 180° als Winkelsumme -, daß aber, sobald ich einen
vielleicht anderen, wirklichen Raum ins Auge fasse, die Winkel-
summe des Dreiecks gar nicht mehr 180°, sondern vielleicht größer ist.
Das heißt, es sind außer der gewöhnlichen, von Euklid herstammen-
den Geometrie noch andere Geometrien möglich, für welche die
Summe der Dreieckswinkel durchaus nicht 180° ist. Mit Auseinander-
setzungen nach dieser Richtung hat sich das Denken des neunzehnten
Jahrhunderts, namentlich seit Lobatschewski], viel beschäftigt, und dar-
an anschließend mußte doch die Frage entstehen: Sind denn nun
eigentlich die Vorgänge der Wirklichkeit, die wir da verfolgen mit un-
seren Sinnen, wirklich auch zu fassen, vollgültig zu fassen mit denjeni-
gen Vorstellungen, die wir als geometrische Vorstellungen in dem von
uns gedachten Raum gewinnen? Der von uns gedachte Raum ist zwei-
fellos gedacht. Wir können zwar als eine schöne Vorstellung hegen,
daß dasjenige, was da draußen außer uns geschieht, teilweise zusam-
mentrifft mit demjenigen, was wir darüber aushecken, aber es garan-
tiert uns nichts dafür, daß dasjenige, was draußen geschieht, so wirke,
daß wir es restlos begreifen durch die von uns ausgedachte Euklidsche
Geometrie. Es könnte sehr leicht sein - darüber könnten uns aber nur
die Tatsachen selber belehren -, daß die Dinge draußen nach einer ganz
anderen Geometrie vorgehen und wir sie erst bei unserer Auffassung
übersetzen in die Euklidsche Geometrie und ihre Formeln. Das heißt,
wir haben zunächst, wenn wir uns bloß einlassen auf dasjenige,
was der Wissenschaft der Natur heute zur Verfügung steht, gar keine
Möglichkeit, irgend etwas zunächst darüber zu entscheiden, wie
sich verhalten unsere geometrischen, überhaupt die phoronomischen
Vorstellungen zu demjenigen, was uns draußen in der Natur erscheint.
Wir rechnen, zeichnen die Naturerscheinungen, insoferne sie physika-
lisch sind. Aber ob wir da irgend etwas nur äußerlich an der Ober-
fläche zeichnen oder in irgend etwas von der Natur eindringen, dar-
über ist zunächst ja nichts auszumachen. Und wenn man einmal an-
fangen wird, gründlichst zu denken in der namentlich physikalischen
Naturwissenschaft, dann wird man in eine furchtbare Sackgasse hin-
einkommen, dann wird man sehen, wie man nicht weiterkommt. Und
man wird nur weiterkommen, wenn man sich zuerst belehren wird
über den Ursprung unserer phoronomischen Vorstellungen, unserer
Vorstellungen über das Zählen, über das Geometrische und auch un-
serer Vorstellungen über die bloße Bewegung, nicht über die Kräfte.
Woher kommen denn alle diese phoronomischen Vorstellungen? Man
kann so gewöhnlich den Glauben haben, sie kommen aus demselben
Grunde heraus, aus dem die Vorstellungen kommen, die wir auch ge-
winnen, wenn wir uns auf die äußeren Tatsachen der Natur einlassen
und diese verstandesmäßig bearbeiten. Wir sehen durch unsere Augen,
hören durch unsere Ohren, wir verarbeiten das durch die Sinne Wahr-
genommene mit dem Verstände zunächst primitiv, ohne daß wir es
zählen, ohne daß wir es zeichnen, ohne daß wir auf die Bewegung
schauen. Wir richten uns nach ganz anderen Begriffskategorien. Da ist
unser Verstand an der Hand der Sinneserscheinungen tätig. Aber wenn
wir nun anfangen, sogenannt wissenschaftliche Geometrie-, Arithme-
tik-, Algebra- oder Bewegungs-Vorstellungen anzuwenden auf das-
jenige, was da äußerlich vorgeht, dann tun wir doch etwas anderes
noch, dann wenden wir Vorstellungen an, die wir ganz sicher nicht
aus der Außenwelt gewonnen haben, sondern die wir aus unserem
Inneren herausgesponnen haben. Woher kommen denn diese Vor-
stellungen eigentlich? - das ist die Kardinalfrage. Diese Vorstellun-
gen, die kommen nämlich gar nicht aus unserer Intelligenz, die wir
anwenden, wenn wir die Sinnes Vorstellungen verarbeiten, sondern
diese Vorstellungen kommen eigentlich aus dem intelligenten Teile
unseres Willens, die machen wir mit unserer Willensstruktur, mit
dem Willensteil unserer Seele. Es ist ein gewaltiger Unterschied
zwischen allen anderen Vorstellungen unserer Intelligenz und den
geometrischen, arithmetischen und Bewegungs-Vorstellungen. Die
anderen Vorstellungen gewinnen wir an den Erfahrungen der Außen-
welt; diese Vorstellungen, die geometrischen, die arithmetischen
Vorstellungen, die steigen auf aus dem unbewußten Teile von uns,
aus dem Willensteile, der sein äußeres Organ im Stoffwechsel hat.
Daraus steigen zum Beispiel im eminentesten Sinne die geometrischen
Vorstellungen auf. Sie kommen aus dem Unbewußten im Menschen.
Und wenn Sie anwenden diese geometrischen Vorstellungen - ich
werde sie jetzt gebrauchen auch für die arithmetischen und algebra-
ischen Vorstellungen - , wenn Sie sie anwenden auf Lichterschei-
nungen oder Schall- oder Tonerscheinungen, dann verbinden Sie
in Ihrem Erkenntnisprozeß dasjenige, was Ihnen von innen auf-
steigt, mit demjenigen, was Sie äußerlich wahrnehmen. Unbewußt
bleibt Ihnen dabei der ganze Ursprung der aufgewendeten Geo-
metrie. Sie vereinigen diese aufgewendete Geometrie mit den äuße-
ren Erscheinungen; unbewußt bleibt Ihnen der ganze Ursprung.
Und Sie bilden aus solche Theorien wie die Undulations-Theorie -
es ist ja ganz gleichgültig, ob man diese oder die Emissions-Theorie
Newtons ausbildet - , Sie bilden aus Theorien, indem Sie vereinigen,
was aus Ihrem unbewußten Teil aufsteigt, mit demjenigen, was sich
Ihnen als bewußtes Tagesleben darstellt, Schallerscheinungen und
so weiter, durchdringen das eine mit dem anderen. Diese beiden
Dinge gehören zunächst nicht zusammen. Sie gehören so wenig zu-
sammen, wie Ihr vorstellendes Vermögen mit den äußeren Dingen zu-
sammengehört, die Sie wahrnehmen in einer Art von Halbschlaf. Ich
habe Ihnen öfters Beispiele genannt in anthroposophischen Vorträgen,
wie der menschliche Traum symbolisiert: Ein Mensch träumt, daß er
mit einem anderen Menschen als Student steht an der Türe eines Hör-
saales, beide geraten in Streit, der Streit wird stark, sie fordern sich
- alles wird geträumt - , es wird geträumt, wie sie hinausgehen in den
Wald, es wird das Duell arrangiert. Der Betreffende träumt noch, wie
er losschießt. In dem Moment wacht er auf und - der Stuhl ist um-
gefallen. Das war der Stoß, der sich nach vorne fortsetzt in den Traum.
Die vorstellende Kraft hat sich in einer nur symbolisierenden Weise,
nicht in der dem Objekt adäquaten Erscheinung verbunden mit dem-
jenigen, was äußere Erscheinung ist. In einer ähnlichen Weise ver-
bindet sich dasjenige, was Sie in dem Phoronomischen heraufholen
aus dem unterbewußten Teil Ihres Wesens, mit den Lichterscheinun-
gen. Sie zeichnen Lichtstrahlen geometrisch. Dasjenige, was Sie da
vollziehen, hat keinen anderen Realitätswert als dasjenige, was sich im
Traum ausdrückt, wenn Sie solche objektive Fakten wie den Stoß des
Stuhles symbolisierend vorstellen. Dieses ganze Bearbeiten der opti-
schen, akustischen und zum Teil der Wärme-Außenwelt durch geo-
metrische, arithmetische und Bewegungs -Vorstellungen, das ist in
Wahrheit, wenn auch ein sehr nüchternes, so doch ein waches Träu-
men über die Natur. Und bevor man nicht erkennt, wie das ein waches
Träumen ist, wird man nicht mit der Naturwissenschaft so zurecht-
kommen, daß diese Naturwissenschaft einem Realitäten liefert. Das-
jenige, worinnen man glaubt, ganz exakte Wissenschaft zu haben, das
ist der Natur-Traum der modernen Menschheit.
Wenn Sie aber nun hinuntersteigen von den Lichterscheinungen,
von den Schallerscheinungen über die Wärmeerscheinungen in das
Gebiet, das man betritt mit diesen Strahlungserscheinungen, die eben
ein besonderes Kapitel der Elektrizitätslehre sind, dann verbindet man
sich mit demjenigen, was äußerlich in der Natur gleichwertig ist mit
dem menschlichen Willen. Aus demselben Gebiete im Menschen, das
als Willensgebiet gleichwertig ist dem Wirkensgebiet der Kathoden-,
Kanal-, Röntgenstrahlen, der a-, ß-, y-Strahlen usw., aus diesem selben
Gebiet, das beim Menschen das Willensgebiet ist, hebt sich heraus das-
jenige, was wir in unserer Mathematik, in unserer Geometrie, in un-
seren Bewegungs-Vorstellungen haben. Da kommen wir erst in ver-
wandte Gebiete hinein. Nun ist aber das heutige menschliche Denken
auf diesen Gebieten nicht so weit, bis hinein in diese Gebiete noch
wirklich zu denken. Träumen kann der heutige Mensch, indem er Un-
dulationstheorien ausdenkt, aber mathematisch ergreifen das Gebiet
der Erscheinungen, insoferne das verwandt ist mit dem menschlichen
Willensgebiet, aus dem auch urständet die Geometrie, die Arithmetik,
das bringt der Mensch heute noch nicht zustande. Dazu muß das arith-
metische, das algebraische, das geometrische Vorstellen selbst noch
wirklichkeitsdurchtränkter werden, und auf diesen Weg muß sich ge-
rade die physikalische Wissenschaft begeben. Wenn Sie sich heute mit
Physikern unterhalten, die ihre Bildung noch in der Zeit erlangt haben,
in der die Undulations-Theorie blühte, so finden sich viele von ihnen
recht unbehaglich diesen neueren Erscheinungen gegenüber, weil die
rechnerischen Vorstellungen dabei an allen möglichen Ecken und
Enden ein bißchen flötengehen. Und man hat ja in den letzten Zeiten
sich schon anders geholfen, indem man, weil das ganz gesetzmäßige
Arithmetisieren, Geometrisieren nicht mehr ging, eingeführt hat eine
Art statistischer Methode, die einem gestattet, mehr in Anknüp-
fung an die äußeren empirischen Tatsachen auch empirische Zahlen-
verbindungen zu knüpfen und da mit der Wahrscheinlichkeitsrechnung
zu operieren, wobei einem erlaubt ist zu sagen: Man rechnet eben eine
Gesetzmäßigkeit aus, die eine gewisse Reihe hindurch dauert; dann
kommt man an einen Punkt, wo die Geschichte nicht mehr so geht.
Solche Dinge zeigen oftmals gerade in dem Entwickelungsgang der
neueren Physik, wie man zwar den Gedanken verliert, aber gerade da-
durch, daß man den Gedanken verliert, in die Wirklichkeit hinein-
kommt. So zum Beispiel wäre es leicht denkbar gewesen, daß, unter
gewissen starren Vorstellungen über die Natur eines erwärmten Gases
oder erwärmter Luft und dem Verhalten dieser erwärmten Luft gegen-
über der Umgebung unter gewissen Bedingungen, jemand mit einer
ebensolchen mathematischen Sicherheit bewiesen hätte, daß die Luft
niemals hätte verflüssigt werden können. Sie ist doch verflüssigt wor-
den, weil an einer gewissen Stelle sich gezeigt hat, daß gewisse Vor-
stellungen, die Gesetzmäßigkeiten einer Reihe überbrücken, am Ende
dieser Reihe nicht mehr gelten. Solche Beispiele könnten viele ange-
führt werden. Solche Beispiele zeigen, wie die Wirklichkeit heute ge-
rade auf physikalischem Gebiete vielfach den Menschen zwingt, sich
zu gestehen: Mit deinem Denken, mit deinem Vorstellen tauchst du
nicht mehr voll in die Wirklichkeit unter. Du mußt die ganze Sache
an einem anderen Ende beginnen. - Und eben, um an diesem anderen
Ende zu beginnen, ist es so notwendig, daß man die Verwandtschaft
fühle zwischen all dem, was aus dem menschlichen Willen kommt -
und daher kommt die Phoronomie -, und demjenigen, was einem
äußerlich so entgegentritt, daß es von einem getrennt ist und nur
durch die Erscheinungen des anderen Pols sich ankündigt. Alles das,
was durch die Röhren da geht, kündigt sich an mit Licht und so wei-
ter. Aber das, was als Elektrizität fließt, das ist durch sich selbst nicht
wahrnehmbar. Daher sagen die Leute: Wenn man einen sechsten Sinn
hätte für die Elektrizität, würde man sie auch direkt wahrnehmen. - Es
ist natürlich ein Unsinn, denn nur dann, wenn man aufsteigt zur
Intuition, die im Willen ihre Grundlage hat, kommt man in die
Region auch für die Außenwelt hinein, in welcher die Elektrizität lebt
und webt. Aber man bemerkt damit zugleich, daß man in diesen
Erscheinungen, die man hier in dem zuletzt betrachteten Gebiete hat,
gewissermaßen das Umgekehrte vor sich hat wie beim Schall oder
beim Ton. Beim Schall oder beim Ton liegt das Eigentümliche vor
durch das bloße Hineingestelltsein des Menschen in die Schall- oder
Tonwelt, wie ich es charakterisiert habe, daß der Mensch sich nur
mit der Seele in den Schall oder Ton als solchen hineinlebt und
daß dasjenige, wo hinein er sich lebt durch den Leib, bloß dasjenige
ist, was im Sinn einer solchen Betrachtung, wie ich sie in diesen
Tagen gegeben habe, ansaugt das wirkliche Wesen des Schalles oder
Tones - Sie erinnern sich des Vergleiches mit dem ausgepumpten
Rezipienten - , ansaugt! Da bin ich drinnen, beim Schall, beim Ton, in
dem Geistigsten, und dasjenige, was der Physiker beobachtet, der na-
türlich nicht das Geistige, nicht das Seelische beobachten kann, das ist
die äußere sogenannte materielle Parallel-Erscheinung der Bewegung,
der Welle. Komme ich zu den Erscheinungen des letztbetrachteten
Gebietes, dann habe ich außer mir nicht nur die objektive - so-
genannte - Materialität, sondern ich habe außer mir dasselbe, was
sonst in mir im Seelischen, Geistigen als Schall und Ton lebt. Es
ist im wesentlichen auch im Äußeren vorhanden, aber ich bin mit
diesem Äußeren verbunden. Hier habe ich in derselben, ich möchte
sagen, Sphäre, in der ich nur die Wellen, die materiellen Wellen des
Tones habe, da habe ich dasjenige, was sonst beim Tone eben nur see-
lisch wahrgenommen werden kann. Da muß ich dasselbe physisch
wahrnehmen, was ich beim Tone nur seelisch wahrnehmen kann. An
ganz entgegengesetzten Polen im Verhältnis des Menschen zur Außen-
welt stehen die Tonwahrnehmungen und zum Beispiel die Wahrneh-
mungen der elektrischen Erscheinungen. Nehmen Sie Ton wahr, dann
zerlegen Sie sich gewissermaßen selbst in eine menschliche Zweiheit.
Sie schwimmen in dem ja auch äußerlich nachweisbaren Wellen-
Element, Undulations-Element, Sie gewahren: Da drinnen ist noch
etwas anderes als das bloß Materielle. Sie sind genötigt, innerlich sich
regsam zu machen, um den Ton aufzufassen. Mit Ihrem Leibe, mit
Ihrem gewöhnlichen Leibe, den ich hier schematisch hinzeichne, ge-
wahren Sie die Undulation, die Schwingungen. Sie ziehen zusammen
in sich Ihren Äther- und Astralleib, der nur einen Teil Ihres Raumes
dann ausfüllt, und erleben das, was Sie erleben sollen in dem Tone, in
dem innerlich konzentrierten Ätherischen und Astralischen Ihres We-
sens. Treten Sie gegenüber als Mensch den Erscheinungen des letzten
Gebietes, dann haben Sie zunächst überhaupt nichts von irgendeiner
Schwingung und dergleichen. Aber Sie fühlen sich veranlaßt, das-
jenige, was Sie früher konzentriert haben, zu expandieren. Sie treiben
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Über das Wesen einiger naturwissenschaftlicher Grundbegriffe
Fragenbeantwortung aus dem Jahre 1919
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HINWEISE
Zu dieser Ausgabe
Rudolf Steiners Vortragswerk ist aus dem Zusammenleben mit dem Kreise
seiner Schüler, aus dessen Bedürfnissen und den Erfordernissen der Stunde
mitbestimmt. Viele der Vorträge geben Antwort auf Fragen, die im Kreise
der Zuhörer lebten. Die Situation ist immer wiederum diejenige einer Fra-
genbeantwortung, eines Gespräches. Diesem Sprechen aus dem Augenblick,
das aber, bei allem Darinnenstehen im momentanen Zusammenhang, doch
immer auf die großen Perspektiven der Entwicklung ausgerichtet ist, sind
auch diese physikalischen Vorträge zu verdanken. Eine Anfrage aus dem
Lehrerkollegium der wenige Monate vorher gegründeten Waldorfschule (vgl.
den Hinweis zu S. 62), deren Leiter Rudolf Steiner war, wurde zum äußeren
Anlaß. Was so im kleinsten Kreis entstand - Zuhörer des Kurses waren in
der Hauptsache die Lehrer der Waldorfschule -, weist seinem Wesen nach
weit über diesen Kreis hinaus.
Parallel mit diesem Kurs entfaltete Rudolf Steiner noch nach verschiede-
nen anderen Richtungen eine intensive Tätigkeit, zum Aufbau der Waldorf-
schule und zu einer geistgemäßen Wandlung der sozialen Verhältnisse über-
haupt: Konferenzen mit den Lehrern, ein von diesen gewünschter Kurs über
«Geisteswissenschaftliche Sprachbetrachtungen», sozialwissenschaftliche
Vorträge in der Öffentlichkeit, Vorträge vor Mitgliedern der Anthroposo-
phischen Gesellschaft, Sitzungen und Besprechungen für das in Gründung
befindliche Unternehmen «Der Kommende Tag». Das alles machte diese
Stuttgarter Weihnachtszeit zu einer des reichsten Schaffens, aber auch stärk-
ster Beanspruchung.
Ihrer Entstehung gemäß waren diese Vorträge nicht vorgesehen für den
Druck. Nachschrift und Zeichnungen sind denn auch vom Vortragenden
nicht korrigiert. Es muß damit gerechnet werden, daß die Wiedergabe nicht
überall sinngemäß ist. Gilt dieser Vorbehalt für den größten Teil des Vor-
tragswerkes Rudolf Steiners überhaupt (vgl. S. 5), so gilt er, bei der Schwie-
rigkeit der Nachschrift solcher experimenteller Ausführungen, für diese
physikalischen Vorträge im besonderen.
Dem Kurs ist ein Diskussionsvotum vorangestellt, das in prägnanter Art
Sinn und Charakter dieser physikalischen Ausführungen zu verdeutlichen
vermag. Die im Anhang faksimilierte schriftliche Fragenbeantwortung ging
dem Kurs um wenige Monate voraus und hat dessen Veranstaltung mit
veranlaßt.
Textunterlagen: Für den Kurs war kein offzieller Stenograph bestellt wor-
den. Der Text der maschinenschriftlichen Ausschrift wurde aus stenographi-
schen Aufzeichnungen verschiedener Teilnehmer erarbeitet. So besagt eine
N o t i z von Helene Finckh, der offiziellen Stenographin in Dornach und auch
sonst der meisten Vorträge seit 1916. Näheres vom Zustandekommen des
Textes ist nicht bekannt. Die 2. Auflage und die folgenden sind diesem Text
sehr nahe gefolgt.
Der Titel des Bandes stammt von den Herausgebern. Ursprünglich hieß er
«Erster naturwissenschaftlicher Kurs».
Werke Rudolf Steiners innerhalb der Gesamtausgabe (GA) werden in den Hinweisen mit
der Bibliographie-Nummer angegeben. Siehe auch die Übersicht am Schluß des Bandes.
Zu Seite
9 Diskussionsvotum Rudolf Steiners vom 8." August 1921: Das Votum bezieht sich
auf ein Referat von Fräulein Dr. Rabel über «Entgegengesetzte Lichtwirkun-
gen». Der bisher nicht gedruckte Text liegt in einem Stenogramm mit starken
Kürzungen vor, die in der Nachschrift nicht mehr überall überbrückt werden
konnten.
eine ihrer Abhandlungen: Gabriele Rabel, «Farbenantagonismus oder die chemi-
sche und elektrische Polarität des Spektrums». Sonderdruck aus der Zeitschrift
für wissenschaftliche Photographie, Bd. 19 (1919).
mit dem ich ein Gespräch über Goethes Farbenlehre hatte: Mit Salomon Kali-
scher, dem Herausgeber von Goethes Farbenlehre in der Sophienausgabe. Vgl.
«Mein Lebensgang», GA 28, S. 338.
10 Vortrag über Goethes Naturanschauung: Am 27. August 1893. Gedruckt unter
dem Titel «Goethes Naturanschauung gemäß den neuesten Veröffentlichungen
des Goethe-Archivs» in «Methodische Grundlagen der Anthroposophie 1884-
1901», GA 30, S. 69. Vgl. «Mein Lebensgang», GA 28, S. 337.
12 Oskar Schmiedel, 1887-1959, Chemiker, langjähriger Leiter der Weleda AG in
Ariesheim und Schwäbisch Gmünd.
Gegensatz zwischen der roten Natur und der blauen Natur: Dieser und die
unmittelbar folgenden Sätze sind nur unsicher zu lesen. «Natur» steht ziemlich
klar, eventuell kann «Entität» gelesen werden. Die begleitenden Worte sind lük-
kenhaft und teilweise schwer zu entziffern.
Eugen Dreher, Stettin 1841-1900 Berlin. Vgl. dessen «Beiträge zu unserer mo-
dernen Atom- und Molekular-Theorie auf kritischer Grundlage», Halle 1882, S.
67, und die ausführliche Fußnote in «Goethes Naturwissenschaftlichen Schrif-
ten», herausgegeben und kommentiert von Rudolf Steiner 1884-97 in Kürsch-
ners «Deutsche National-Litteratur», 5 Bände, Nachdruck Dornach 1975, GA
la-e, Band 5, S. 147.
20 was der Anfang ist zu den Wegen der höheren Erkenntnis: Vgl. die Schrift «Wie
erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» (1904/05), GA 10.
21 Es kann keine Erkenntnistheorie geben, die jemals befriedigen kann: Vgl. neben
Rudolf Steiners erkenntnistheoretischen Schriften insbesondere: «Die psycholo-
gischen Grundlagen und die erkenntnistheoretische Stellung der Anthroposo-
phie.» Vortrag am Internationalen Philosophischen Kongreß in Bologua (1911),
in «Philosophie und Anthroposophie. Gesammelte Aufsätze 1904-1918», GA
35.
Aus «Die Geistige Führung des Menschen und der Menschheit», (1911), GA 15,
Dornach 1974, S. 66: «Künftig werden Chemiker und Physiker kommen, welche
Chemie und Physik nicht so lehren, wie man sie heute lehrt unter dem Einflüsse
der zurückgebliebenen ägyptisch-chaldäischen Geister, sondern welche lehren
werden: <Die Materie ist aufgebaut in dem Sinne, wie der Christus sie nach und
nach angeordnet hat.> Man wird den Christus bis in die Gesetze der Chemie und
Physik hinein finden. Eine spirituelle Chemie, eine spirituelle Physik ist das, was
in der Zukunft kommen wird.»
werden wir ... das Begonnene ... fortsetzen können: Ein zweiter naturwissen-
schaftlicher Kurs fand statt vom 1.-14. März 1920, dann der Kurs «Das Ver-
hältnis der verschiedenen naturwissenschaftlichen Gebiete zur Astronomie»
vom 1.-18. Januar 1921, beide in Stuttgart, GA 321 und 323. Über alle naturwis-
senschaftlichen Vorträge orientiert: Bibliographische Übersicht, Bd. 1 der Über-
sichtsbände zur Rudolf Steiner Gesamtausgabe.
30 Für Goethe handelt es sich nicht darum, zu solchen Gesetzen zu kommen: Vgl.
die Notizbucheintragung im Anhang S. 183.
35 Hier stock' ich schon: Goethes «Faust», 1. Teil, Studierzimmer.
36 Nun, man hat sich gewöhnt, das Kleinste ... so an der Wirkung zu erkennen: Der
mit diesen Worten beginnende Abschnitt ist ein Beispiel dafür, auf welche Art
manche Dinge in freier Schilderung vom Vortragenden gestaltet sind: In ge-
drängter Zusammenfassung werden gleichzeitig die Einheit der Kraft und die
atomistische Denkweise den Zuhörern vergegenwärtigt. Die Kraft und ihre Ein-
heit werden dabei nicht in der üblichen Weise, sondern durch den übertragenen
Impuls charakterisiert, und zwar in Gemäßheit der atomistischen Denkweise
(vgl. auch S. 44-45). Diese zielt ursprünglich darauf ab, die Erscheinungen aus
unteilbaren Einheiten oder Quanten zusammenzusetzen. Dadurch ist die Ver-
bindung zum Begriff der Einheit gegeben. Entsprechend der Entwicklung, die
mit Beginn des 20. Jahrhunderts eingesetzt hat, ist die Exemplifizierung des
Atomismus vom Gebiet der Materie in dasjenige der «Kraft» hinübergeführt.
Indem das Quantum der Kraft bzw. des Impulses mit der gewöhnlichen Einheit
zusammengezogen ist, gibt die Schilderung ein mit wenigen Strichen skizziertes
Bild der Denkweise. Man vergleiche dazu den methodischen Gesichtspunkt zu
Beginn des siebenten Vortrages.
54 Figur und Schilderung der Wirkungsweise des Prismas werden ergänzt durch die
im Anhang wiedergegebenen Notizbucheintragungen S. 184 und 190.
59 Zu Ätherleib und Astralleib siehe Hinweis zu S. 52.
Von augenärztlicher Seite wird darauf verwiesen, daß über das Verhältnis des
Astralleibes zum Ätherleib im Auge auch die Darstellung in GA 314, S. 316f,
konsultiert werden sollte.
62 Waldorfschule: Begründet 1919 von Kommerzienrat Molt für die Kinder der
Arbeiter und Angestellten der Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik in Stuttgart,
eingerichtet und geleitet von Rudolf Steiner (erste Rudolf Steiner-Schule).
Sie können es bei Goethe lesen: Materialien zur Geschichte der Farbenlehre,
Konfession des Verfassers. In Goethes Naturwissenschafilichen Schriften, Hin-
weis zu S. 15, Bd. 5, S. 128.
70 Die nicht schulgemäße Figur wird bestätigt durch die Notizbucheintragung S.
186. Bemerkenswerterweise findet sich dort zuerst die übliche, darunter die neue
Figur zur Hebung. Diese erinnert an den Anblick eines Stabes, der schräg in
einen Brunnen eintaucht.
79 eine Ablenkung würde stattfinden: Vgl. die Zeichnung, die während des sechsten
Vortrages S. 105 entworfen wurde.
82 Isaak Newton, Woolsthorpe 1643-1727 London. Physiker, Mathematiker,
Astronom.
Christian Huygens, Den Haag 1629-1695 ebenda. Physiker, Mathematiker,
Astronom.
82 Thomas Young, Milverton 1773-1829 London. Arzt, Naturwissenschaftler,
Ägyptologe.
105 eine hellere Stelle ... und eine dunklere Stelle: Siehe Hinweis zu S. 104.
110 Menschen, wie zum Beispiel Kirchhoff: Gustav Robert Kirchhoff, Königsberg
1824 bis 1887 Berlin. Physiker. Über seine wissenschaftliche Haltung finden sich
knappe Worte in der Vorrede zur Mechanik, «Vorlesungen über mathematische
Physik». Bd. 1, Leipzig 1876. Vgl. «Die Rätsel der Philosophie», GA 18, S. 433.
Über die Aufnahme und die Auswirkung dieser Haltung spricht Ludwig Boltz-
mann in «Gustav Robert Kirchhoff», Leipzig 1888.
112 es hat Menschen gegeben, die gesagt haben: Das ist ein Unsinn: Heinrich
Schramm «Die allgemeine Bewegung der Materie als Grundursache aller Natur-
erscheinungen», Wien 1872; vgl. «Mein Lebensgang», GA 28, S. 34-36.
118 Hermann Helmholtz, Potsdam 1821-1894 Charlottenburg. Physiker und
Physiologe. Der im Vortrag genannte Gedanke erfüllt Helmholtz* Forschen in
seinen beiden letzten Lebensjahren, so in der Abhandlung «Folgerungen aus
Maxwells Theorie über die Bewegungen des reinen Äthers», 1893.
121 wenn Sie eine kleine Röhre nehmen und durchblicken ...so sehen Sie ihn auch
grün: Dieser Versuch wurde von V. C. Bennie, damals Dozent für Physik am
Kings College der Universität London, wiederholt angestellt, nachdem er 1921
die Nachschrift des Kurses durch Rudolf Steiner erhalten hatte. Immer mit
negativem Ergebnis. Dadurch veranlaßt, kam es zu zwei Experimentalabenden
in Dornach Ende September 1922. Rudolf Steiner hatte gewünscht dabeizusein.
Die anderen Mitwirkenden waren Dr. Ernst Blümel, Mathematiker, V. C. Ben-
nie und Dr. Oskar Schmiedel, Pharmazeut und Leiter von Kursen über Goethes
Farbenlehre. Am ersten Abend war auch Dr. W. J. Stein beteiligt. Die beiden
Abende führten zu keiner Bestätigung des Experimentes mit dem Rohr. Im
übrigen wird das Ergebnis von den Teilnehmern verschieden überliefert. Worauf
es hier aber ankommt, scheint an den beiden Abenden gar nicht zur Sprache
gekommen zu sein, nämlich die durch Dr. Blümel überlieferte Absicht Rudolf
Steiners, die Objektivität der Farbe im Schatten auf fotografischem oder chemi-
schem Wege im Stuttgarter Forschungsinstitut nachzuweisen. Von solchen Ver-
suchen des damaligen Forschungsinstituts ist aber nichts bekannt, sicher nicht
von positiven Ergebnissen. Später, als die erste Auflage des Kurses in der Ge-
samtausgabe erscheinen sollte, lagen fotografische Versuche mit negativem Er-
gebnis vor: Trotz des Fortschrittes der Farbfotografie seit der Zeit Rudolf Stei-
ners war in den Aufnahmen des farbigen Schattens die Farbe nicht fixiert. Das
Gesamtbild zeigte zwar den Schatten in der geforderten Farbe, aber ausgeschnit-
ten erschien er grau.
127 mit welcher Terminologie auch: In der Nachschrift steht «Dämonologie» statt
«Terminologie».
129 Wo wir Luftmenschen werden und der äußeren Luft: Die Worte «und der
äußeren Luft» sind gemäß der Schilderung S. 127 zu dem unvollständig vorlie-
genden Satz hinzuergänzt.
Von Sinn wird gesprochen ... als ob es so etwas gäbe: Vgl. «Allgemeine Men-
schenkunde als Grundlage der Pädagogik» das Ende des 5. Vortrages, GA 293.
130 Julius Robert Mayer, Heilbronn 1814-1878 ebenda. Arzt und Physiker.
132 Leonardo da Vinci, Vinci bei Empoli 1452-1519 Schloß Cloux (Amboise). Vgl.
Marie Hertzfeld «Leonardo da Vinci, der Denker, Forscher und Poet», Jena
1906. II. Von der Natur, ihren Kräften und Gesetzen, S. 43. LXX. Vom Schlag.
MS. A. Fol. 22v.
134 wie wir den Ausdruck gewohnt sind von Goethe: Z. B. «... so dachte der treff-
liche Mann doch nicht, daß es ein Unterschied sei zwischen sehen und sehen,
daß die Geistesaugen mit den Augen des Leibes in stetem lebendigen Bunde zu
wirken haben, weil man sonst in Gefahr gerät, zu sehen und doch vorbeizuse-
hen.» Geschichte meines botanischen Studiums. Verfolg. «Goethes Naturwis-
senschaftliche Schriften», siehe Hinweis zu S. 15, Bd. 1, S. 107.
150 Heinrich Hertz, Hamburg 1857-1894 Bonn. Physiker. Vgl. «Über die Beziehung
zwischen Licht und Elektrizität», Vortrag, gehalten bei der 62. Versammlung
deutscher Naturforscher und Ärzte in Heidelberg 1889, Stuttgart 1905.
154 William Crookes, London 1832-1919 ebenda. Physiker und Chemiker. Vgl.
«Strahlende Materie oder der vierte Aggregatzustand», Vortrag, gehalten auf der
49. Jahresversammlung der Britischen Association zur Förderung der Wissen-
schaften in Sheffield am 22. August 1879.
158 die a-Strahlen mit etwa '/io Lichtgeschwindigkeit: Die ersten Messungen Ru-
therfords (1902) ergaben V12 Lichtgeschwindigkeit beim Radium, später wurden
niedrigere Werte gefunden, etwa V2Q Lichtgeschwindigkeit,
159 die luziferischen, die ahrimanischen Wirkungen: Vgl. «Die Geheimwissenschaft
im Umriß», GA 13, S. 246-298.
das ausstrahlt wie eine Ausstrahlung der Radiummaterie: Die Radium-Emana-
tion. Vom Radium-Blei ist an dieser Stelle nicht die Rede, jedoch wenig später
in einem medizinischen Vortrag, «Geisteswissenschaft und Medizin», GA 312,
S. 235.
161 was ein englischer Philosoph gesagt hat: Der Premierminister A. J. Balfour in
seiner Rede in der British Association 1904. Vgl. «Lucifer - Gnosis. Gesammelte
Aufsätze 1903-1908», GA 34, S. 467.
166 daß,., diese Substanzen... noch ein Viertes aussenden: Vgl. den Hinweis zu S. 159.
169 Nicolai Iwanowitsch Lobatschewski), Nischnij Nowgorod 1793-1856, ebenda.
Mathematiker.
174 wenn man aufsteigt zur Intuition: Siehe Hinweis zu S. 20.
176 Luziferisch-Lichtischem und Ahrimanisch-Elektrizitätsartigem: Siehe den 1.
Hinweis zu S. 159.
von denen ich hoffe, daß sie sich ... werden ausbauen lassen: Siehe den 2. Hin-
weis zu S. 25.
177 im pädagogischen Kurs bei Beginn des Unterrichtes an der Waldorfschule: «All-
gemeine Menschenkunde als Grundlage der Pädagogik», 14 Vorträgen Stuttgart
vom 21. August bis 5. September 1919 anläßlich der Gründung der Freien
Waldorfschule, GA 293.
178 Herman Grimm, Kassel 1828-1901 Berlin. Kunsthistoriker. Das Zitat findet sich
in «Goethe», 2. Bd., 23. Vortrag, S. 171f, Berlin 1877.
182 Notizbucheintragungen Rudolf Steiners in der Zeit des ersten naturwissenschaft-
lichen Kurses: In zwei Notizbüchern stehen eine größere Anzahl auf den Kurs
bezüglicher Eintragungen, in welchen zum größeren Teil Schulwissen über die
vorgebrachten Dinge zusammengestellt ist. Die hier wiedergegebenen fünf Dop-
pelseiten, in der Reihenfolge der Eintragungen, halten jedoch Ideen fest, die in
diesem Kurse erstmalig zur Sprache gekommen sind. Sie können das, was ge-
wollt ist, über manche Unsicherheit des Textes und der Zeichnungen hinweg,
klären und stützen helfen.
192f Zur Beantwortung von sechs Fragen über das Wesen einiger naturwissenschaft-
licher Grundbegriffe: Die Fragen wurden von Dr. Ing. Georg Herberg in Stutt-
gart gestellt und im Oktober 1919 von Rudolf Steiner beantwortet. Der Wort-
laut der Fragen liegt nicht mehr vor, ergibt sich jedoch sinngemäß aus den
Antworten. (Auf dem 2. Blatt, 10. Zeile von oben, dürfte, wie eingetragen,
«sich» zu lesen sein.)
KORRIGENDUM
Goethe, Johann Wolfgang von Rabel, Gabriele 9, 11, 13, 15, 19, 22
9-20, 25-31, 37, 41 f, 53, 62f, 77f, Röntgen, Wilhelm Conrad 156
91f, 102, 110, 120-122, 134, 144
Galvani, Luigi 148f Schmiedel, Oskar 12
Grimaldi, Francesco Maria 83 Schramm, Heinrich 112*
Grimm, Herman 178 Stein, Walter Johannes 22f, 25
Stockmeyer, F. A. Karl 134f
Haeckel, Ernst 10
Hamerling, Robert 136f Volta, Alessandro 148
Helmholtz, Hermann 118
Hertz, Heinrich 150-153 Young, Thomas 82