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Die Grosse Inflation

Der Artikel analysiert die Parallelen zwischen der Inflation der 1970er Jahre und der heutigen wirtschaftlichen Situation, wobei er auf die schmerzhaften Lektionen hinweist, die aus der damaligen Geld- und Wirtschaftspolitik gelernt wurden. Trotz der aktuellen Herausforderungen gibt es jedoch noch keinen Anzeichen für einen Paradigmenwechsel, wie es damals vom Keynesianismus zum Monetarismus der Fall war. Der Autor betont, dass der Lernprozess aus der Geschichte bald beginnen sollte, um die gegenwärtigen Probleme zu bewältigen.

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Die Grosse Inflation

Der Artikel analysiert die Parallelen zwischen der Inflation der 1970er Jahre und der heutigen wirtschaftlichen Situation, wobei er auf die schmerzhaften Lektionen hinweist, die aus der damaligen Geld- und Wirtschaftspolitik gelernt wurden. Trotz der aktuellen Herausforderungen gibt es jedoch noch keinen Anzeichen für einen Paradigmenwechsel, wie es damals vom Keynesianismus zum Monetarismus der Fall war. Der Autor betont, dass der Lernprozess aus der Geschichte bald beginnen sollte, um die gegenwärtigen Probleme zu bewältigen.

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GESELLSCHAFT & FINANZEN 03/06/2022

Die große Inflation: Lernen durch Schmerz

von MARIUS KLEINHEYER

Zusammenfassung

In den 1970er Jahren haben Wissenschaft und Politik die geld-


und wirtschaftspolitischen Lektionen schmerzvoll durch Infla-
tion und Rezession gelernt. Obwohl die Situation damals mit
heute vergleichbar ist, gibt es heute noch keine Anzeichen für
einen Paradigmenwechsel wie in den 1970er Jahren vom Key-
nesianismus zum Monetarismus.

Abstract

In the 1970s, science and politics learned the lessons of mone-


tary and economic policy painfully through inflation and reces-
sion. Although the situation then is comparable to today, a par-
adigm shift in economic science as in the 1970s from Keynesian-
ism to monetarism is not yet in sight today.
I. Geschichte wiederholt sich nicht, aber reimt sie sich?
Die Zeit zwischen 1965 und 1982 ist in die Wirtschaftsgeschichte als Zeit der
„Great Inflation“ eingegangen. Die Herausforderungen, vor der die westliche
Welt damals stand, sind vergleichbar mit heute. Ähnlich wie heute wurde
die Inflation durch eine expansive Geldpolitik der Zentralbanken erzeugt.
Ähnlich wie heute wurde dieser Prozess verstärkt durch externe Schocks, die
insbesondere Auswirkungen auf die Energiepreise hatten. In der Zeit der
Great Inflation gab es zwei Ölkrisen. Ähnlich wie heute, überlagerten geopo-
litische Spannungen die großen ökonomischen und gesellschaftlichen Her-
ausforderungen der Zeit.
Aus heutiger Sicht lässt sich konstatieren, dass die Herausforderungen da-
mals gemeistert werden konnten. Die Inflation wurde in den Griff bekom-
men, das Fiat-Kreditgeldsystem, das erst 1971 in die Welt gekommen war,
noch einmal gerettet werden. Dem Westen blieb eine einschneidende Sys-
temkrise erspart, während Ende der 1980er Jahre das kommunistische Sys-
tem der Sowjetunion implodierte. Dadurch ergab sich eine neue Perspektive
des Friedens und wachsenden Wohlstandes für die Industrienationen.
Die westliche Welt erlebte Anfang der 1980er Jahre einen Wandel des domi-
nierenden sozio-ökonomischen Narratives, weg vom Glauben in die Pla-
nungsallmacht des Staates und hin zu einer Weltanschauung, die heute
gerne neoliberal genannt wird. Wichtige Voraussetzung dafür war das Schei-
tern des keynesianischen Paradigmas in der Stagflation. Die Lücke füllte ein
anderes Paradigma, der Monetarismus, das in den Jahren davor entwickelt
worden war.
In den 1970er Jahren haben Wissenschaft und Politik die geld- und wirt-
schaftspolitischen Lektionen schmerzvoll durch Inflation und Rezession ge-
lernt. Im Laufe der Zeit hat man diese Lektionen wieder vergessen. Nun steigt
der Schmerz erneut, durch Inflation und Sorgen vor einer Rezession. Der
Lernprozess sollte bald beginnen.

II. In den USA


II. a) Hochkonjunktur des Keynesianismus in den 1960er Jahren
Bei der Präsidentschaftswahl 1964 setzte sich Präsident Lyndon B. Johnson
gegen seinen Herausforderer Barry Goldwater aus Arizona mit einem Erd-
rutschsieg durch. Bis heute ist kein Wahlergebnis in der amerikanischen Ge-
schichte so eindeutig ausgefallen. Diese Präsidentschaftswahl war eine deut-
liche politische Richtungsentscheidung für die folgenden gut 15 Jahre in den
USA. Johnson und Goldwater hatten grundsätzlich verschiedene Weltan-
schauungen.

2
Johnson entwarft die Vision der „Great Society“ und vergrößerte damit noch
den Einfluss des keynesianischen Paradigmas auf die Wirtschaftspolitik, der
bereits unter dem Amtsvorgänger John F. Kennedy vorherrschte. Johnson, in
früheren Jahren selbst ein begeisterter New Dealer, stand in seiner Politik
Franklin D. Roosevelt in nichts nach. Der demokratische Vorsitzende des „Co-
mittee on Ways and Means“1 Wilbur Mills kommentierte: „Johnson always
was a spender, in a sense different from Kennedy. He thought you could al-
ways stimulate the economy better through public spending than you could
through private spending.”2 Johnson erklärte den „War on poverty“, und ließ
einen umfangreichen Ausbau des amerikanischen Sozialstaats folgen. Außer-
dem eskalierte er den Vietnamkrieg. In seiner Präsidentschaft waren zeit-
weise eine halbe Millionen Soldaten in Vietnam stationiert. Die Inflation stieg
ab 1964 an und näherte sich 1968 der Fünf-Prozent-Marke.
1965 druckte das Time Magazin John Maynard Keynes Porträt auf die Titel-
seite. Keynes war mit Abstand der einflussreichste Ökonom der Zeit. Das
Magazin schrieb: “Today, some 20 years after his death, his theories are a
prime influence on the world´s free economies. (…) Economists sit confi-
dently at the elbow of almost every important leader in government and
business, where they are increasingly called upon to forecast, plan and de-
cide.”3 In der gleichen Ausgabe wurde Milton Friedman, der im Wahlkampf
1964 auf der Seite von Barry Goldwater arbeitete, mit seinen berühmt ge-
wordenen Worten zitiert: „We are all Keynesians now“.4
Der unterlegene republikanische Herausforderer Goldwater verkörperte die
entgegengesetzte Philosophie. Er war angetan von dem liberalen Denker
Friedrich von Hayek und seinem Werk „Der Weg in die Knechtschaft“ und
überlegte, wie seine Ideen in der politischen Realität umgesetzt werden
könnten. Dazu versammelte er einen kleinen Kreis von Beratern, darunter
Milton Friedman. Wahlkampfhelfer für Goldwater war außerdem ein gewis-
ser Schauspieler namens Ronald Reagan. Er hatte in den Drehpausen die Bü-
cher von Hayek und Mises gelesen. Seine Schwiegereltern waren Nachbarn
von Goldwater. So kam der Kontakt mit der Politik und letztlich Reagans Weg
dorthin zustande. Einen ersten aufsehenerregenden Auftritt hatte Reagan im
Wahlkampf 1964 mit seiner Rede „A Time for Choosing“5. Letztlich konnte
Reagan den Wahlkampf von Goldwater nicht entscheidend beeinflussen,
aber er hatte mit dieser Rede ein erstes Ausrufezeichen in der amerikani-
schen Öffentlichkeit gesetzt. "You and I are told we must choose between a

1 Ein mächtiger Ausschuss im amerikanischen Kongress, der in Deutschland Haushalts- Fi-


nanz- und Sozialausschuss umfassen würde.
2 Wilbur Mills in einem Interview 1971, zitiert in Wapshott, Nicholas (2011) Keynes – Hayek

The Clash that defined Modern Economics, Norton & Company: New York, S.240.
3 Time, 31. Dezember 1965.
4 Time, 31. Dezember 1965.
5 Reagan, Ronald (1964) A Time for Choosing, siehe:

https://www.youtube.com/watch?v=qXBswFfh6AY

3
left or right, but I suggest there is no such thing as a left or right. There is only
an up or down. Up to man's age-old dream – the maximum of individual free-
dom consistent with law and order – or down to the ant heap of totalitarian-
ism." Die Zeit war 1964 nicht reif für diese Botschaft. Mit Reagan und Fried-
man hatten sich aber schon wichtige Protagonisten des Wandels der 1980er
Jahre in den 1960er Jahren zusammengefunden.

II. b) Der Weg von Milton Friedman zum Monetarismus


Auch wenn Reagan und Friedman Anfang der 1960er Jahre keinen politischen
Erfolg hatten, kam Friedmans akademische Karriere im Verlauf der 1960er
Jahre in Schwung. Friedman kam als Masterstudent 1932 nach Chicago und
lernte die damaligen Größen der Wirtschaftswissenschaften Frank Knight
und Henry Simons kennen. Die USA befanden sich mitten in der Großen De-
pression und in Chicago setze man sich für eine regelbasierte liberale Gesell-
schaftsordnung ein. Ein Bestandteil war die grundsätzlich Geldreformidee
des sogenannten „Chicago Plans“. Kernelement der sich in dieser Zeit her-
ausbildenden Chicago Schule ist das Plädoyer für eine regelgebundene statt
diskretionäre Wirtschafts- und Geldpolitik. Als verantwortlich für die ökono-
mischen Probleme wurden Wirkungsverzögerungen und Erwartungsbildun-
gen erkannt, die die interventionistische Wirtschaftspolitik konterkarierten.6
Durchgesetzt hat sich aber der britische Ökonom John Maynard Keynes. In
seinem berühmtesten Werk General Theory of Employment, Interest and
Money7 beschreibt er einen Weg aus der Depression über staatliche Ausga-
ben. Inflation wird als Weg aus der Arbeitslosigkeit gesehen. Lockere Geld-
politik und ausgabenfreudige Fiskalpolitik sind das Mittel, die Zinsen zu sen-
ken und Einkommen zu steigern, bis die Vollbeschäftigung erreicht ist. In der
keynesianischen Logik bestimmt die Nachfrage die Arbeitslosigkeit. Man
schraubt sich so zu sagen kollektiv mit Geldausgeben selbst aus der Krise.
Problematisch wird es, wenn das Geld nicht ausgegeben, sondern „gehortet“
wird. Um die dann entstehende Liquiditätsfalle zu vermeiden, muss die Re-
gierung einschreiten und zum Beispiel mit öffentlichen Aufträgen aktiv wer-
den. Dadurch soll die Wirtschaft stimuliert werden.
1948 veröffentliche Friedman einen Aufsatz, in dem er sich der Tradition der
Chicago-Schule anschloss.8 Darin fordert er unter anderem: Ein Primat der
Preisstabilität; stabile, nicht antizyklisch schwankende staatliche Ausgaben;

6 Janssen, Hauke (2006) Milton Friedman und die monetaristische Revolution in Deutschland,
S. 29.
7 Keynes, John Maynard (1936) The General Theory of Employment, Interest and Money, Mac-

Millan: London.
8 Friedman, Milton (1948) A Monetary and Fiscal Framework for Economic Stability, in: AER

(38) S.245-264.

4
Einhaltung einer 100% Reservepflicht für Bankeinlagen9; sowie die grund-
sätzliche Kritik, dass während des „New Deal“ staatliche Eingriffe das freie
Unternehmertum zurückgedrängt haben.
Gut zehn Jahre später veröffentlicht Friedman sein Buch Program for Mone-
tary Stability.10 Er trennte sich von seinen fiskalpolitischen Vorstellungen und
ließ auch die Forderung nach einer 100% Reservepflicht fallen. Dadurch ge-
wann er entscheidend an politischer Bedeutung.11 Stattdessen setzte er auf
„eine gesetzliche Regelung, die die Finanzbehörden anweist, eine festge-
setzte Wachstumsrate für die vorhandene Geldmenge zu erzielen.“12 Die
Steuerung der Geldmenge setzte Handlungsspielraum in den einzelnen Län-
dern voraus. Statt fester Wechselkurse, wie sie zu der Zeit in der Form des
Bretton-Woods Abkommens geregelt waren, plädierte Friedman schon sehr
früh für ein System flexibler Wechselkurse.13
Ebenfalls bereits in den 1950er Jahren konstituierte Friedman in Chicago den
Workshop Money and Banking. Wichtigstes Ergebnis und das Fundament des
Monetarismus war die Wiederentdeckung der Quantitätstheorie des Geldes.
Sie wurde bereits im 16. Jahrhundert in Europa erstmals formuliert und in
den USA in den 1920er Jahren unter dem Namen Fishersche Verkehrsglei-
chung diskutiert. Aufgrund der Keynesianischen Revolution geriet sie wäh-
rend der 1930er Jahre in Vergessenheit. Die Grundaussage bestand darin,
dass die Geldmenge bei langfristig gleichbleibender Geldnachfrage das Preis-
niveau bestimmt. Während Keynes insbesondere eine schwankende Geld-
nachfrage als Problem für das Wirtschaftswachstum ansah, verortete Fried-
man Störungen beim Geldangebot, zum Beispiel durch die ungerechtfertigte
Ausweitung der Geldmenge durch die Zentralbank. Diese Rückbesinnung auf
die Wichtigkeit der Geldmenge ist der Wesenskern des Monetarismus.
Die Popularität von Friedman nimmt in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre
deutlich zu, auch wenn es noch lange nicht zu einer Anwendung seiner Vor-
stellungen in der Politik kommt. 1965 wurde Friedman zum Präsidenten der
American Economic Association gewählt. Seit 1966 veröffentlichte er regel-
mäßig eine Kolumne in der Newsweek. Ende 1969, vier Jahre nach Keynes,
zierte Friedmans Porträt das Cover des Time Magazins. In dieser Zeit beginnt

9 So, wie im Chicago-Plan gefordert.


10 Friedman, Milton (1959) Program for Monetary Stability, Fordham University Press: New
York.
11 Förterer (1978) Die stabilitätspolitischen Vorschläge von Milton Friedman, Duncker &

Humblot: Berlin, S.106.


12 Friedman, Milton (1962) Capitalism and Freedom, University of Chicago Press: Chicago, S.

77.
13 Friedman, Milton (1953) The Case for flexible Exchange Rates, in: Essays in Positive Econom-

ics University of Chicago Press: Chicago, S. 157-303.

5
sich auch die Redewendung der „monetaristischen Revolution“ zu etablie-
ren.14

II. c) Eskalation der Inflation in den 1970er Jahren


In der Politik hielt man weiter an keynesianischen Rezepten fest. Präsident
Johnson stürzte 1969 politisch über den Verlauf des Vietnamkrieges, nicht
über die wirtschaftliche Lage. Aber auch die Inflation war bereits Ende der
1960er Jahre ein wichtiges Thema in der amerikanischen Öffentlichkeit. Als
sein Nachfolger, der republikanische Präsident Richard Nixon ins Amt kam,
betonte er die Wichtigkeit, die Staatsausgaben in den Griff zu bekommen,
um die Inflation zu bekämpfen. Der Anstieg der Arbeitslosigkeit während ei-
ner relativ milden Rezession 1970 ließ ihn jedoch seine Politik radikal ändern.
In einer Rede an die Nation kündigte er an, die Staatsausgaben zu erhöhen,
um „Arbeitsplätze für Millionen Amerikaner“ zu schaffen. Im Januar 1971 er-
klärte er folgerichtig und in Anlehnung an Friedman: „Now I am a Keynesian
in economics.“15 Nixons Selbsternennung zum Keynesianer brachte ihm kei-
nen politischen Erfolg. Der damalige Leiter des Council of Economic Adviders,
Herbert Stein, stellte rückblickend fest, dass die Bezeichnung als Keynesianer
ihm von den keynesianischen Ökonomen nicht gedankt wurde und auch die
Republikaner empörte.16 Milton Friedman war auch als ökonomischer Bera-
ter von Richard Nixon aktiv, war jedoch in seinem Urteil über ihn später noch
kritischer Nixons Parteifreunde. So bezeichnete er in einem Fernsehinter-
view im Jahr 2000 Nixon als „den sozialistischsten Präsidenten der USA im
20. Jahrhundert“.17
Im Juni 1971 versammelte er amerikanische Ökonomen auf seinem Landsitz
in Camp David, um über die zukünftige Ausrichtung der Wirtschaftspolitik zu
beraten. Die Meinungen dazu sollen in der Runde zum Teil weit auseinander
gegangen sein. Nixon nahm als Ergebnis die Politik der „Four Noes“ mit:
Keine Ausgabensteigerung, keine Steuersenkungen, keine Preis und Lohn-
kontrollen sowie keine Abwertung des Dollars.18 Drei Monate später war al-
les genau anders gekommen. Nixon stieg aus dem Goldstandard des Bretton-
Woods Systems aus und schrieb somit ganz nebenbei Geldgeschichte, wer-
tete den Dollar ab, versuchte mit Steuersenkungen und Haushaltsdefiziten

14 Janssen, Hauke (2006) Milton Friedman und die monetaristische Revolution in Deutschland,
S. 44.
15 The New York Times, 7. Januar 1971.
16 Stein, Herbert (1995) On the Other Hand – Essays on Economics, Economists and Politics,

AEI Press: Washington D.C., S. 101.


17 Interview mit Milton Friedman auf PBS im Oktober 2000, zitiert in: Wapshott, Nicholas

(2011) Keynes – Hayek. The Clash that defined Modern Economics, Norton & Company: New
York, S.243.
18 Stein, Herbert (1995) On the Other Hand – Essays on Economics, Economists and Politics,

AEI Press: Washington D.C., S. 101.

6
die Wirtschaft anzukurbeln. Er rettete das amerikanische Luftfahrtunterneh-
men Lockheed mit Staatshilfen vor der Pleite und ließ im August 1971 kurz
nach dem Ende des Bretton-Woods-Goldstandards Preise und Löhne für 90
Tage einfrieren.19 Danach durften sie nur in einer von der Regierung festge-
legten Größe ansteigen.
Friedman sagte später über Nixon: „He was intensely ambitious and seem-
ingly ready to jettison his professed principles at the slightest sign of political
advantage”20 Eine Anekdote verdeutlicht das Denken des Präsidenten. Nixon
wollte Friedman zum damaligen FED-Präsidenten Arthur Burns schicken, mit
der Empfehlung, die Geldmenge zu erhöhen. Friedman protestierte, dass
diese Maßnahme das Inflationsproblem verschärfen würde. Nixon soll dem
zugestimmt haben mit der Erwiderung, dass die erhöhte Geldmenge aber
vorher zu Wirtschaftswachstum und damit bessere Chancen auf die Wieder-
wahl führen würde. Friedman antwortete, dass eine Inflationskrise das grö-
ßere Problem im Vergleich zu einer verlorenen Präsidentschaftswahl dar-
stelle. Worauf Nixon erwidert haben soll, sich über die Inflation Gedanken
machen zu wollen, wenn sie wirklich da ist.21 Nixon gewann die Präsident-
schaftswahl 1972 eindeutig, versetzte die amerikanische Wirtschaft aber in
eine denkbar ungünstige Ausgangslage für das Krisenjahr 1974.
War 1965 der Höhepunkt des Keynesianismus erreicht, kam er 1974 an einen
Tiefpunkt. Nixon stürzte zwar über die Watergate Affäre, aber sowohl Infla-
tion als auch Arbeitslosigkeit stiegen dramatisch an und zeigten das Scheitern
seiner Wirtschaftspolitik an. Die grundlegende Annahme des Keynesianismus
der 60er und 70er Jahre war, dass Arbeitslosigkeit und Inflation nicht in die
gleiche Richtung laufen. Diese Idee geht auf den britischen Ökonomen Alban
Phillips zurück und wird deshalb Phillips-Kurve genannt. Phillips beobachtete
für Großbritannien einen Zusammenhang zwischen der Zuwachsrate der No-
minallöhne und der Arbeitslosenquote. Der keynesianische Ökonom Paul Sa-
muelson wendete diesen Zusammenhang auf die Inflationsrate an und postu-
lierte eine inverse Beziehung zwischen Inflation und Arbeitslosigkeit. Die Phil-
lips-Kurve ist das Fundament keynesianischer Wirtschaftspolitik. Dahinter
steckt die Überzeugung, dass die Nachfrage den entscheidenden Impuls für
das Wirtschaftswachstum und die Konjunktur gibt.
1974 vervierfacht sich der Preis des Rohöls, weil die OPEC, ein arabisch domi-
niertes Ölkartell, die USA für ihre militärische Unterstützung Israels während
des Yom Kippur Krieges bestrafen wollte. Die Folge war ein massiver negativer
Angebotsschock. Sowohl Inflation als auch Arbeitslosigkeit stiegen an. Dieses

19 Wapshott, Nicholas (2011) Keynes – Hayek. The Clash that defined Modern Economics, Nor-

ton & Company: New York, S.243.


20 Friedman, Milton and Friedman, Rose (1998) Two Lucky People Memoirs, University of Chi-

cago Press: Chicago, S.388.


21 Ibid.

7
aus keynesianischer Sicht mysteriöse Phänomen wurde Stagflation genannt22
und markierte das endgültige Ende des Keynesianismus als dominierendes wis-
senschaftliches Paradigma.
Eine der letzten Amtshandlungen Nixons war es, den als damals „ultra-kon-
servativ“ eingeschätzten Alan Greenspan23 als Vorsitzenden des Councils of
Economic Advisers zu benennen. Greenspan beobachtete aus dieser Position
den Meinungsumschwung und erinnerte sich an die Zeit: „Suddenly every-
one was looking to restrain inflation, cut deficit spending, reduce regulation,
and encourage investment.”24 Friedman stellte fest: “Stagflation was the end
of naïve Keynesianism”25.
Dieser Meinungsumschwung zeigte sich allerdings 1974 weder in der Politik
noch in der Geldpolitik der FED. Der Nachfolger von Gerald Ford, Jimmy Car-
ter kam mit dem keynesianischen Versprechen ins Amt, wieder für Vollbe-
schäftigung zu sorgen. Der „Humphrey-Hawkins Full Employment Act“ ver-
pflichtete den Präsident und die Federal Reserve, dafür zu sorgen, dass die
aggregierte Nachfrage immer so hoch sei, dass für Vollbeschäftigung gesorgt
ist. Anfang 1979 traf die amerikanische Wirtschaft die zweite Ölkrise auf-
grund der „Islamischen Revolution“ im Iran. Die wieder zu gravierenden Kon-
sequenzen für den amerikanischen Konsumenten führten. In Reaktion darauf
nominierte Carter den Ökonomen und demokratischen Parteifreund Paul
Volcker mit der klaren Aufgabe, mit Zinserhöhungen die Nachfrage ausrei-
chend abzuwürgen und so die Inflation zu bekämpfen.
Volcker warf den Keynesianern vor, die Inflation nicht ernst genommen zu
haben. Später blickte er auf die Zeit zurück: “I certainly thought that inflation
was a dragon that was eating at our innards, or more than our innards, and
if anyone was going to deal with this it was going to have to be the Federal
Reserve.” Weiter führte er in dem Interview aus: “It came to be considered
part of Keynesianism doctrine that a little bit of inflation is a good thing. What
happens than, you get a little bit of inflation, then you need a little more,
because it peps up the economy. People get used to it, and it loses its effec-
tiveness. Like an antbiotic, you need a new one.“26

22 Die Wortschöpfung wird ausgerechnet dem Erfinder der Phillips-Kurve, Paul Samuelson, zu-
geschrieben.
23 Greenspan schrieb Sätze wie: “In the abscence of the gold standard, there is no way to

protect savings from confiscation through inflation.” Greenspan, Alan (1967) Gold and
Economic Freedom.
24 Greenspan, Alan (2008) The Age of Turbulence: Adventures in a New World, Penguin: Lon-
don, S. 72.
25 Interview mit Milton Friedman auf PBS im Oktober 2000, zitiert in: Wapshott, Nicholas

(2011) Keynes – Hayek. The Clash that defined Modern Economics, Norton & Company: New
York, S.245.
26 Fernsehinterview von Paul Volcker mit PBS im September 2000, Commanding Heights : Paul

Volcker on PBS

8
Volcker lieferte und 1980 gewann Ronald Reagan die Wahl zum amerikani-
schen Präsidenten. 1981 sank die USA in eine scharfe Anpassungsrezession.
Hausbauer schickten Vierkanthölzer an Volcker auf denen sie sich über die
ökonomische Situation beschwerten.
Nachdem der Keynesianismus sowohl theoretisch als auch praktisch überholt
war, scheiterten noch die drei amerikanische Präsidenten Nixon, Ford und
Carter bei dem Versuch, keynesianische Wirtschaftspolitik erfolgreich umzu-
setzen. In den 1970er Jahren stiegen die Preise in den USA stärker als in jeder
anderen Dekade des 19. und 20. Jahrhunderts. Erst Anfang der 1980er Jahre
wurde von dem frisch gebackenen Präsidenten Reagans die schmerzhafte
Anpassung zugelassen. Nicht ohne Konsequenzen: Die Inflation sank von 14
Prozent Anfang 1980 auf 3,7 Prozent Ende 1982, aber die Arbeitslosigkeit
stieg von 6,3 Prozent Anfang 1980 auf 10,8 Prozent Ende 1982.

Grafik 1: Inflationsrate und Arbeitslosenquote USA 1964 – 1984 (in %)

16

14

12

10

0 1983
1964
1965
1966
1967
1968
1969
1970
1971
1972
1973
1974
1975
1976
1977
1978
1979
1980
1981
1982

Inflationsrate % yoy Arbeitslosenquote

Quelle: Macrobond, Flossbach von Storch Research Institute

II. d) Die Rolle der Zentralbank


Die Inflation der 1970er Jahre lässt sich nicht allein durch die Mehrausgaben
im Vietnamkrieg und die sozial- und konjunkturpolitischen Programme von
Johnson, Nixon, Ford und Carter erklären. Für eine Inflation größeren Aus-
maßes ist die Ausweitung der Geldmenge erforderlich, für die in den USA die
FED verantwortlich ist. Der amerikanische Ökonom Thomas Mayer ging der
Frage nach, wieso die FED zwischen 1965 und 1979 so inflationär war. Er zählt
die folgenden Gründe auf: Prognosefehler, der Widerwillen, größere

9
Zinsänderungen vorzunehmen, politischer Druck. 27 Aber der wichtigste
Grund war laut Mayer das vorherrschende intellektuelle Klima unter den
Ökonomen, die Kosten der Inflation zu unterschätzen und auf die Gültigkeit
des trade-offs zwischen Inflation und Arbeitslosigkeit, der Phillips-Kurve, zu
vertrauen.28
Während die FED in den Anfangsjahren von Bankern und deren Interessen
bestimmt war, setzten sich in den 60er und 70er Jahren der Einfluss profes-
sioneller Ökonomen durch. Das zeigte sich bei der Nominierung des Präsi-
denten. Arthur F. Burns war der erste Präsident der FED, der eine wirtschafts-
wissenschaftliche Reputation mitbrachte. Unter seiner Führung baute die
amerikanische Zentralbank auch die volkswirtschaftliche Forschung aus.
Zentralbanken gehören seitdem zu den wichtigsten Finanzierern volkswirt-
schaftlicher Forschung und sorgen durch Berufung auf die Wissenschaft für
Legitimität und Akzeptant ihrer Geldpolitik. Die wissenschaftliche Expertise
ist auch ein wichtiges Instrument für die Bewahrung der Unabhängigkeit ge-
genüber der Politik. In den 1970er Jahren wurde diese Unabhängigkeit nicht
auf die Probe gestellt, weil die beiderseitigen Vorstellungen durch den Key-
nesianismus geprägt waren.
Zwar hatte Friedman in seiner Presidential Address an die American Econo-
mic Association die Gültigkeit der Phillips-Kurve theoretisch bezweifelt, doch
hatte sich diese Erkenntnis weder empirisch noch in der Meinung der füh-
renden keynesianischen Ökonomen durchgesetzt. Ein anschauliches Beispiel
wie stark Keynesianer Kritik an der Phillips-Kurve zurückwiesen zeigt Paul Sa-
muelson, in seinem Grundlagenlehrbuch Economics in der Ausgabe von
1973, dem Standardwerk für Studenten zu der Zeit: „No statistical evidence
establishing so definite a view has yet been forthcoming. And even if this
pessimistic view were to have an element of truth, no doubt many would
argue that, in an uncertain world it is better to grasp lower unemployment
that can be had at hand than to wait for the lower unemployment that, so to
speak, can be found only in some future bush.”29
An gleicher Stelle führt Samuelson aus, dass die Gesellschaft lieber einer
schleichende Inflation akzeptieren solle, als die Wirtschaft durch Inflations-
bekämpfung abzuwürgen und so vor allem den Arbeitern zu schaden.30 Fried-
man hielt dem entgegen, dass es in einer Wirtschaft eine natürliche Arbeits-
losenquote gäbe, die nicht durch die Geldmenge beeinflusst wird. Mit ande-
ren Worten, die Phillips-Kurve ist langfristig senkrecht. Um diese natürliche

27 Mayer, Thomas (1996) Why was the Fed so Inflationary in the 1960s and 1970s? UC Davis
Working Paper No. 96-10.
28 Ibid., S. 14, Economists´ Thinking and the FOMC.
29 Samuelson, Paul (1973) Economics, S. 835.
30 Ibid., S. 834-835.

10
Arbeitslosenquote zu senken bedarf es struktureller Reformen wie zum Bei-
spiel Arbeitsmarkt- oder Steuerrechtsreformen.
Eine zweite wissenschaftliche Begründung, warum Inflation nicht ernst ge-
nommen wurde, war die weitverbreitete Meinung, dass die Inflation nicht
durch die Geldpolitik, sondern durch erhöhte Kosten zustande gekommen
ist. Eine rein kosteninduzierte Inflation ist jedoch kein Grund für eine Zent-
ralbank, Preisniveaustabilität nicht zu erreichen.
Mayer fasst seine Erkenntnisse so zusammen: “Finally, there was the intel-
lectual atmosphere, or more specifically the received doctrine of macroeco-
nomics. By and large, economists did not consider inflation a disaster and
were more concerned about unemployment. (…) The temptation to listen to
the experts, both on its staff and in academia must have been strong. More-
over, it would have meant adopting a policy contrary to what many FOMC
members had been taught as students.”31

III. In Deutschland
III. a) Sehr kurze Hochkonjunktur des Keynesianismus Ende der 1960er Jah-
ren
Anders als in den USA, war die Wirtschaftsordnung der Nachkriegszeit in
Deutschland gekennzeichnet durch das Konzept der Sozialen Marktwirt-
schaft und das Vertrauen in die Stabilität der Deutschen. Planwirtschaftliche
Aktivitäten waren durch die Erfahrungen der Kommandowirtschaft im Drit-
ten Reich und die Abgrenzung zum Sozialismus in der DDR verpönt. Deutsch-
land erlebte in den 1950ern und Anfang der 1960er Jahre das sogenannte
Wirtschaftswunder, gekennzeichnet durch hohe Wachstumsraten, steigende
Reallöhne, und Vollbeschäftigung.
Im Zuge der Verpflichtung auf feste Wechselkurse im Rahmen des Bretton
Woods Systems kam es zu einer schleichenden Inflation durch Devisenüber-
schüsse, die die Bundesbank immer wieder zu Interventionen nötigte. Der
Spielraum der Bundesbank, einer potentiell überhitzten Wirtschaft entge-
genzuwirken war im Bretton-Woods-System begrenzt. Doch das war lange
Zeit kein Problem, da die Produktivitätsgewinne der Unternehmer die Infla-
tion überdeckten. Zudem übernahm gegebenenfalls eine restriktive Fiskalpo-
litik die Verantwortung für stabile Preise.
Mit dem Abgang von Ludwig Erhard und dem Zustandekommen der ersten
großen Koalition änderte sich das politische Klima und die damit einherge-
hende wirtschaftspolitische Grundausrichtung in Deutschland. Mit dem

31
Mayer, Thomas (1996) Why was the Fed so Inflationary in the 1960s and 1970s? UC Davis
Working Paper No. 96-10, S. 20.

11
Wachstums- und Stabilitätsgesetz von 1967 wurden keynesianische Ele-
mente der Globalsteuerung auch in Deutschland aufgenommen. Mit dem
dort festgeschrieben „magischen Viereck“ sollte der Zielzustand der Wirt-
schaftspolitik beschrieben werden. Die festgeschriebenen Staatsziele waren:
hoher Beschäftigungsgrad, stabile Preise, stetiges und angemessenes Wirt-
schaftswachstum und außenwirtschaftliches Gleichgewicht. Mit dem Wort
„magisch“ waren die Zielkonflikte benannt. Im Grunde genommen war es die
Aufnahme der Phillips-Kurve in umfassenderer Form in das Gesetz.
Mit dem Zustandekommen der sozialliberalen Koalition 1969 war der Zeit-
geist in Deutschland etwa an dem Punkt, wo er in Amerika wenige Jahre zu-
vor in den Regierungsjahren Kennedys und Johnsons war. Die Wochenzei-
tung „Zeit“ rief die goldenen siebziger Jahre aus: „Die Propheten sind voller
Zuversicht. Die wirtschaftliche Zukunft der Bundesrepublik scheint gesichert.
Die „ewige Hochkonjunktur“ mit Vollbeschäftigung, hohen sozialen Leistun-
gen, kräftig wirtschaftlichen Wachstumsraten und relativ stabilen Preisen
sorgen dafür, dass der Wohlstand in der Bundesrepublik weiter wächst.“32
Sinnbildlich für die kurze Blütezeit des Keynesianismus war der im Kabinett
Brandt ausgerufene Superminister Karl Schiller, der 1971 und 1972 sowohl
das Wirtschafts- als auch das Finanzministerium übernahm. Er scheiterte
letztlich an der politischen Achillesverse des Keynesianismus, in Zeiten der
Hochkonjunktur Sparmaßnahmen durchzusetzen.

III. b) Der Weg des Monetarismus nach Deutschland


Während es in den USA keinesfalls eine Übertreibung ist, den Monetarismus
an der Person Milton Friedman festzumachen, gab es in Deutschland meh-
rere verantwortliche Köpfe, insbesondere den Schweizer Karl Brunner und
sein Kollege Alan Meltzer. Brunner lehrte ab 1969 jedes Sommersemester in
Konstanz und veranstaltete dort ein regelmäßiges Seminar, bei dem junge
Notenbanker und Wissenschaftler über Geldpolitik diskutierten. In der
Selbstdarstellung hieß es: „Eine Gruppe von Ökonomen um Karl Brunner und
Allan H. Meltzer hat sich die Aufgabe gestellt, die geldtheoretische Diskus-
sion in Deutschland wie auch in anderen europäischen Ländern aus dem ver-
engten heimischen Blickwinkel herauszuführen“33 Ziel war es dabei auch, die
Trennung von wissenschaftlicher Theorie und Politik zu überwinden. Das
erste Seminar 1970, als zahlreiche Monetaristen und Keynesianer sich leb-
hafte Diskussionen geliefert haben sollen, fand auch in den USA Beachtung.
Die New York Times überschrieb ihren Bericht: „Is Europe ready for Fried-
man?“34

32 Zeit, 9. Januar 1970


33 Proceedings of the First Konstanzer Seminar on Monetary Theory and Monetary Policy
34 New York Times, 1. November 1970

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Zumindest die Veröffentlichte Meinung in Deutschland blieb lange skeptisch.
Beispielhaft ist die Art und Weise wie der Spiegel die Abneigung gegen den
Friedmanschen Liberalismus im Jahr 1970 ausdrückte:
„Anders als Ökonomen wie John Kenneth Galbraith, die den privaten Konsum
zugunsten staatlicher Aktivitäten zurückdrängen wollen und energische Ein-
griffe des Staates gegen Luft- und Wasserverschmutzung, mangelnde Ausbil-
dung und verelendete Städte fordern, sucht Friedman das Heil der Gesell-
schaft in der ungezügelten Marktwirtschaft mit totaler Freiheit der privaten
Vermögensbesitzer.“35

III. c) Eskalation Anfang der 1970er Jahre


Anders als prognostiziert, stieg in den 1970er Jahren die Arbeitslosigkeit ste-
tig an. Gleichzeitig stiegen die Staatschulden. Bald wurde an der Sinnhaf-
tigkeit der Preisstabilität gezweifelt und mehr Wirtschaftswachstum und Be-
schäftigung gefordert. Allerdings kam auch die Inflation in Schwung. Ähnlich
wie in Amerika steuerte Deutschland in die Stagflation. Finanzminister Hel-
mut Schmidt, in dieser Funktion Nachfolger von Karl Schiller war noch voll in
der Logik der Phillips-Kurve, als er den berühmt gewordenen Ausspruch tä-
tigte: „Lieber fünf Prozent Inflation als fünf Prozent Arbeitslosigkeit.“ Die Ge-
sellschaftliche Polarisierung nahm zu, das Motto Wohlstand für Alle war ver-
blichen. Dazu kam 1972 das Gutachten im Auftrag des Club of Rome, der die
Grenzen des Wachstums aufgrund von Ressourcenknappheit propagierte.
Nachdem die sozialliberalen Reformpolitik in der finanzpolitischen Praxis ge-
scheitert war, entzog der Monetarismus ihr auch noch den Rückhalt in der
Wissenschaft. Man sollte an dieser Stelle betonen, dass die Krise der Preis-
stabilität, der Staatsfinanzen und der Finanzen der Sozialversicherungen dem
Durchbruch dieser Theorien in der interessierten Öffentlichkeit vorausgin-
gen. Es ist wohl nicht falsch davon auszugehen, dass diese veränderte Sicht-
weise auch deshalb so schnell Anhänger gewann, weil sie eine Deutung für
das ohnehin nichtmehr zu leugnende Desaster boten.36
Der Zeithistoriker Bökenkamp beschreibt den Paradigmenwechsel treffend:
„Hatten die Sozialdemokraten im Wahlkampf 1969 mit dem Zugpferd Karl
Schiller und den Instrumenten von Globalsteuerung und Nachfragepolitik
den Wind des wissenschaftlichen Zeitgeistes im Rücken, so blies er ihnen von
nun an ins Gesicht. Die Politik der Sozialdemokratie und der Gewerkschaften
hatte sich für kurze Zeit mit dem Lorbeer der wissenschaftlichen Modernität
schmücken können. Damit war es von nun an erstmal vorbei.“37

35
Spiegel, Januar 1970
36
Bökenkamp, Gerard (2011) Das Ende der Sozialen Marktwirtschaft S.84
37
Ibid., S.85

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Auch im Sachverständigenrat kam man zu dem Ergebnis, dass die Nachfrage-
steuerung an ein Ende geraten war und während des Ölschocks 1974 keine
Lösung zu bieten hatten. Der damalige Vorsitzende Olaf Sievert beschrieb die
Lage wie folgt:
„Das Konzept der Nachfragesteuerung musste vor der Destabilisierung der
Erwartungen kapitulieren, die sich aus dem inflatorischen Treiben der voran-
gegangenen Jahre ergeben hatte, aus der exzessiven und defizitträchtigen
Ausweitung der Staatsausgaben, aus dem ungehemmten Streben nach Ein-
kommensumverteilung, das die Gewerkschaften ergriffen hatte, nachdem
diese einst mit ihrer vergleichbar moderaten Art wesentlich zum deutschen
Wirtschaftswunder beigetragen hatten – man sollte vielleicht, um sie nicht
unnötigerweise zu loben, besser sagen: nachdem die Gewerkschaften einst
mit ihrer moderaten Art dem deutschen Wirtschaftswunder nicht im Wege
gestanden hatten.“38
Wenn ein ausgabefreudiger Staat hingegen der Schulden wegen, die er ma-
chen muss, eher dazu beiträgt, die wirtschaftlichen Erwartungen zu destabi-
lisieren, eben weil die Menschen mit ihm schlechte Erfahrungen gemacht ha-
ben und ihm deshalb nichts mehr zutrauen, so ist die Nachfragepolitik das
viele Geld, das sie kostet, nicht wert.

III. d) Die Rolle der Bundesbank


Anfang der 1970er Jahre stand die Bundesbank unter dem Druck steigender
Inflation, angefacht durch monetäre Expansion innerhalb des Bretton Woods
Systems, sowie steigende Staatsausgaben und Löhne. Otmar Issing, ab 1990
Chefvolkswirt der Bundesbank und später der EZB, stellte für die Zeit fest:
„Die Bundesbank hatte die Kontrolle über die Geldmenge verloren.“39
Der Mit dem Ende der festen Wechselkurse durch das Scheitern des Bretton-
Woods Abkommens bekam die Bundesbank die Möglichkeit, ihre eigene
Geldpolitik festzulegen. Sie nutzte die Gelegenheit von Anfang an, um sich
als Instanz der Inflationsbekämpfung zu inszenieren. Sowohl die Erfahrung
der Hyperinflation und Währungsreformen in der jüngeren Geschichte als
auch die unmittelbare Erfahrung der außer Kontrolle geratene Geldmenge
Anfang der 1970er Jahre sorgten dafür, dass die Bundesbank im Gegensatz
zur amerikanischen FED die Inflation nicht unterschätzte.
Die Bundesbank war die erste Zentralbank, die ein jährliches Geldmengenziel
ankündigte, um so die Inflationserwartungen und damit auch die tatsächli-
che Inflation zu steuern. Dieser Strategie liegt zunächst die monetaristische

38 Sievert, Olaf (2003) Vom Keynesianismus zur Angebotspolitik, in: Vierzig Jahre Sachverstän-
digenrat, S. 42.
39 Issing, Otmar (2005) Why did the Great Inflation not happen in Germany? Federal Reserve

Bank of St. Louis Review, April 2005, S. 329.

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Einsicht zugrunde, dass die Inflation ein Ergebnis der Geldmenge ist und so
durch sie kontrolliert werden kann. Außerdem verfolgte die Bundesbank da-
mit das Ziel, insbesondere für die Verhandlungen der Tarifpartner, eine An-
haltspunkt für die Geldmengenentwicklung zu geben und so Inflationserwar-
tungen zu steuern.40

IV. Der Reim lässt auf sich warten


Die Erfahrungen der 1970er Jahre haben ihre Spuren sowohl in der Politik als
auch in der akademischen Welt hinterlassen. Der keynesiansche Nobelpreis-
träger Alan S. Blinder gab seinen Eindruck wieder, dass es 1980 schwer ge-
wesen wäre, einen amerikanischen Ökonom zu finden, der unter 40 Jahre alt
war und sich als Keynesianer bezeichnet hätte.41 James K. Galbraith, der Sohn
des aus den 1960ern bekannten John Kenneth Galbraith meinte: „Suddenly
it was the conservatives who were the brave and brash bad boys of American
culture, while liberals like myself had become the country´s killjoys, young
fogies hopelessly in the grip of old ideas.”42
Keynesianische Ideen waren trotz dieser Entwicklungen nicht aus der akade-
mischen Welt, und erst recht nicht aus der Welt der praktischen Politik ver-
schwunden. Zwischen den eher an Friedman orientierten „Freshwater Eco-
nomists“, hauptsächlich aus Chicago (an der Küste der Great Lakes) und den
eher an Keynes orientierten „Saltwater Economists“, aus Universitäten wie
Harvard. MIT oder Princeton (an der Ostküste) gab es eine inoffizielle Arbeits-
teilung. Die Frischwasser-Ökonomen kümmerten sich hauptsächlich um den
Finanzmarkt, während die Salzwasserökonomen Konjunktur- und Fiskalpoli-
tik betrieben. Der daraus entstandene „Friedman-Keynes “Cocktail“ schien
für lange Zeit eine gelungen Mischung zu sein. Mit dem Ende des Kalten Krie-
ges rief Francis Fukuyama „das Ende der Geschichte aus“43. Dieses Gefühl
dürfte wohl auch viel Makroökonomen seit den 1990er Jahren beschlichen
haben. Alan Greenspan wurde als amerikanischer Notenbankpräsident zwi-
schen 1987 und 2006 die Symbolfigur für die „Great Moderation“, in der
Zentralbanken Konjunkturzyklen, Arbeitslosigkeit und Inflation scheinbar in
den Griff bekommen wurden.
Nach Finanz- und Eurokrise, Coronakrise und Russlands Angriffskrieg gegen
die Ukraine steht nicht nur die Politik, sondern auch die ökonomische Wis-
senschaft vor großen Herausforderungen. Statt dem Ende der Geschichte er-
leben wir die Rückkehr der Konsumentenpreisinflation. Während sich im

40 Ibid. S. 330.
41 Blinder, Alan S. (1988) The Fall and Rise of Keynesian Economics, Economic Record, Dezem-
ber 1988.
42 Galbraith, James K. (2008) The Predator State: How Conservatives Abandoned the Free Mar-

ket and Why Liberals should Too, Free Press: New York, S.4.
43 Fukuyama, Francis (1989) The End of History? In: The National Interest 1989 (16), S. 3-18.

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Vergleich zu den 1970er Jahren die Ereignisse schneller und mit größerer Dy-
namik entfalten, scheint das dominierende ökonomische Narrativ ein größe-
res Beharrungsvermögen zu haben. Während die Politik heute etwa auf dem
Stand von 1974 steht und die Inflation langsam aber sicher als gravierendes
Problem begreift, ist die Wissenschaft noch nicht über das Jahr 1964 hinaus-
bekommen. Kein Friedman, kein Reagan in Sicht. Eine abermalige Renais-
sance der Quantitätsgleichung und der Anerkennung ihres langfristigen
grundsätzlichen Wirkungszusammenhangs wäre auch heute ein Schritt in die
richtige Richtung. Dabei dürfte es geschichtlich einmalig sein, dass die Zent-
ralbanken in den vergangenen Jahren nicht mehr gegen die Inflation ge-
kämpft haben, sondern bei dem Versuch gescheitert sind, sie künstlich zu er-
höhen. Dadurch hatten sie ein Glutnest erzeugt, das nur noch den entschei-
denden Windstoß brauchte, damit die Inflationsflammen aufschlagen konn-
ten.
Falls Schmerzen positiv mit dem Lerneffekt korrelieren, ist bei ausbleibender
Kurskorrektur der Zentralbanken auch eine grundsätzlichere Geldreform
möglich. Inspiration dafür findet sich passenderweise ebenfalls in den 1970er
Jahren. Friedrich August von Hayek veröffentlichte die Idee der „Entnationa-
lisierung des Geldes“ und formulierte damit eine trotzige Antwort auf die
Wirren der Zeit.44

44 von Hayek, Friedrich A. (1977) Entnationalisierung des Geldes, Mohr Siebeck: Tübingen.

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Finanzdienstleistungsaufsicht, Marie-Curie-Straße 24 – 28, 60439 Frankfurt / Graurheindorfer Str. 108, 53117 Bonn,
www.bafin.de; Autor Marius Kleinheyer; Redaktionsschluss 02. Juni 2022

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