Ungleicheit
Ungleicheit
354–374
Johannes Berger
Universität Mannheim, Lehrstuhl für Soziologie III, Seminargebäude A5, D-68131 Mannheim
Zusammenfassung: Obwohl soziale Ungleichheit ein zentrales Forschungsgebiet der Soziologie darstellt, sieht es nicht
danach aus, als verfüge das Fach über eine schlüssige und allseits anerkannte Theorie, die erklärt, warum es Ungleichheit
gibt. Insbesondere fehlt es an einer Theorie der Einkommensungleichheit in Marktwirtschaften. Rousseaus „Discours
sur l’inegalité“ steht am Anfang einer kontroversen Diskussion. Auch wenn Rousseaus Abhandlung sich über weite Stre-
cken in Rhetorik erschöpft, enthält sie zwei wichtige Fingerzeige für die Beantwortung der Frage nach dem Ursprung
der Ungleichheit. Sie entsteht zum einen durch Abweichungen von einem ursprünglichen Zustand der Gleichheit; diese
Abweichungen beruhen zum anderen auf „Landnahme“, d. h. der Monopolisierung eines nicht beliebig vermehrbaren
Produktionsfaktors. Diese beiden Ideen aufgreifend möchte der Aufsatz zeigen, daß Entlohnungsunterschiede in Markt-
wirtschaften sich ausschließlich aus Wettbewerbsbeschränkungen ergeben. Im Konkurrenzgleichgewicht gibt es keine
Entlohnungs-, sondern allenfalls Ausstattungsunterschiede. Die vollständige Konkurrenz würde differentielle Faktorent-
lohnungen eliminieren und sicherstellen, daß die Erträge strikt proportional zu den Investitionen sind. Wettbewerbs-
beschränkungen hingegen bilden die Grundlage für die Zahlung ökonomischer Renten an den von der Marktschließung
begünstigten Personenkreis. Solche Renteneinkünfte, d. h. Zahlungen über den Betrag hinaus, der erforderlich ist, die
Abwanderung von Produktionsfaktoren in eine andere Verwendung zu verhindern, bedingen eine strukturelle, also nicht
lediglich auf individuellen Qualifikationsunterschieden fußende Einkommensungleichheit.
das hingenommen werden muß und an dem sich Ungleichheit entspringt Rousseau zufolge also gene-
nichts ändern läßt. Die Menschen unterscheiden rell einem Akt der Landnahme, durch die Gemein-
sich nun einmal nach Geschlecht, Alter, Talent, Ge- eigentum oder herrenloses Land in Privateigentum
sundheitszustand usw. Über den Ursprung der na- verwandelt wird und der Zustimmung zu dieser
türlichen Ungleichheit muß man, so Rousseau, Landnahme durch den Rest der Gesellschaft. Die
nicht viele Worte verlieren. Der Begriff gibt bereits bürgerliche Gesellschaft, mit der nach Rousseau die
die Antwort vor. Rousseau weist aber die Idee, daß Ungleichheit in die Welt kommt, ist allerdings nicht
die soziale Ungleichheit mit der natürlichen begrün- erst das Ergebnis der revolutionären Umwälzungen
det werden könnte, strikt zurück. Weder ist die so- des achtzehnten Jahrhunderts, sondern viel älter. Es
ziale Ungleichheit natürlich oder gottgewollt, wie ist die civil society Fergusons, welche die Zustände
die meisten Einsendungen von Rousseaus Konkur- der Wildheit und Barbarei hinter sich gelassen hat.6
renten annahmen, noch ist sie eine Konsequenz der In diesem Aufsatz gehe ich der Frage nach, wie un-
natürlichen Ungleichheit. Schon dieser Gedanke ter marktwirtschaftlichen, also nachrevolutionären
führt über das ancien régime hinaus.3 In die Zu- Bedingungen Ungleichheit entstehen kann. Es wird
kunft weist dann aber insbesondere die weitere, zu prüfen sein, inwieweit Rousseaus Antwort auch
schon in der Einleitung (dem sog. „Exordium“) ge- für Verhältnisse gilt, in denen Privatleute über den
äußerte, eminent soziologische Idee, daß die Un- Austausch von Gütern miteinander in Beziehung
gleichheit durch die Zustimmung anderer Legitimi- treten. Daß Individuen verschiedenen Tätigkeiten
tät gewinnt und sich so erst verfestigen kann. Diese nachgehen, kann solange keine Ungleichheit be-
beiden Gedanken reichen aus, Rousseau einen Platz gründen, als der Äquivalententausch den Verkehr
in der Ideengeschichte der Ungleichheitsforschung zwischen ihnen regelt. Marx hatte das angenom-
zu sichern.4 men. Der Ursprung von Einkommensungleichhei-
Wenn die soziale Ungleichheit nicht mit der natürli- ten liegt auch nicht in der Institution des Privat-
chen erklärt werden kann und auch die Zustim- eigentums. Letzteres könnte ja auch gleich verteilt
mung zu ihr noch keine zureichende Antwort auf sein. Unter modernen Verhältnissen ist das Privat-
die Frage nach ihrer Herkunft ist, woraus ent- eigentum nur die notwendige, nicht die hinreichen-
springt sie dann? Soziale Unterschiede, so Rousseau de Bedingung für soziale Ungleichheit. Rousseau
(1984: 67), bestehen in den unterschiedlichen Privi- wird jedoch bis heute so gelesen, als habe er die
legien, die einige zum Nachteil der anderen genie- Ungleichheit aus dem Privateigentum abgeleitet.7
ßen. Wodurch aber wird die differentielle Vertei- Ebensowenig kommt die Ungleichheit in die Welt
lung von Privilegien gesteuert? Man müßte wissen, durch die bloße Inbesitznahme von jungfräulichem,
welche gesellschaftlichen Sachverhalte eine unglei- herrenlosem Land. Solange durch die Besitzergrei-
che Verteilung bedingen. Zu Beginn des ersten Teils fung herrenlosen Landes zu dem Zweck, durch die
spricht Rousseau noch ganz allgemein von Konven- Bearbeitung des Bodens den eigenen Lebensunter-
tionen, in denen er die differentielle Verteilung von halt zu gewinnen, niemandem etwas genommen
Privilegien verwurzelt sieht. Die präzise, überaus wird, da „genug für alle da“ ist, kann auf diesem
provokante und die Essenz der Abhandlung aus-
machende These über den Ursprung der Ungleich- 5
Mit Äußerungen dieser Art, die wie Fanfarenstöße klin-
heit findet sich dann gleich zu Beginn des zweiten gen, stilisiert sich Rousseau zum Urbild des europäischen
Teils: „Der erste, der ein Stück Land eingezäunt Intellektuellen und Literaten. Sein geistiger Rang ist um-
hatte und es sich einfallen ließ zu sagen: dies ist stritten. Meier (1984) sieht in ihm einen Philosophen, des-
mein und der Leute fand, die einfältig genug waren, sen tiefe Einsichten es unter der durch die Zensur erzwun-
genen Rhetorik noch zu entdecken gelte. Friedell (1961:
ihm zu glauben, war der wahre Gründer der bürger-
84) z. B. hält ihn für einen genialen Journalisten, dessen
lichen Gesellschaft“ (Rousseau 1984: 172).5 Soziale Schriftstellerei von dem Motiv angetrieben war, Aufsehen
um jeden Preis zu erregen. „Das Phänomen Rousseau be-
3 zeichnet den Einbruch des durchtriebenen und brutalen
„Der Angelpunkt … für alle Behandlungen des Problems
vor dem 18. Jahrhundert“ betont auch Dahrendorf (1974: Plebejers in die Weltliteratur“ (ebd.: 88).
6
357), „lag in der Annahme, daß die Menschen von Natur Ferguson 1767. Die im Verlag Rütten und Loening er-
ungleichwertig seien, daß es also eine natürliche Rangord- schienene Ausgabe des Discours (1989) übersetzt societé
nung unter den Menschen gebe“. civile einfach mit „Gesellschaft“. Das ist mindestens eben-
4 so mißverständlich wie die Übersetzung „bürgerliche Ge-
Die Preisfrage der Akademie besteht eigentlich aus zwei
Teilfragen, einer objektiven nach den Ursachen der Un- sellschaft“. Für das, was Rousseau mit societé civile und
gleichheit und einer subjektiven nach ihrer potentiellen Ferguson mit civil society meinte, hat die moderne Sozio-
Rechtfertigung, was immer die objektiven Ursachen sein logie den Begriff „hochkulturelle Gesellschaft“ geprägt.
7
mögen. Vgl. nur Hradil 1999, Dahrendorf 1974: 359.
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Weg keine Ungleichheit entstehen. Gottes Frei- des Wettbewerbsmarkts ist aber nicht die Ungleich-
gebigkeit würde ausreichen, alle mit Land zu ver- heit, sondern der Gemeinschaftsverlust. Die drei
sorgen. Das jedenfalls war die Vorstellung der älte- Ideale der Französischen Revolution waren „Frei-
ren Okkupationstheorie des Eigentums.8 Anders heit, Gleichheit, Brüderlichkeit“. Märkte versagen
sieht es allerdings aus, wenn nicht genügend Land zwar in punkto Brüderlichkeit, befördern aber im-
für alle, die es bearbeiten wollen, vorhanden ist. merhin die Freiheit und Gleichheit der Marktteil-
Dann führt die Inbesitznahme von Land zum Aus- nehmer.10
schluß anderer von der Nutzung eines nicht oder Diese Thematik kann ich hier nicht weiter verfol-
nur schwer vermehrbaren Guts. Rousseau hat klar gen. Ich gehe im folgenden so vor, daß ich zunächst
gesehen, daß Ungleichheit etwas mit Einhegungen, Rousseaus Argumentation skizziere und im Lichte
also Zugangsbeschränkungen, zu tun hat. Daher heutigen Wissens überprüfe (II). Diese Überprüfung
wäre es verfehlt, das genaue Gegenteil von Zu- hat zum Ergebnis, daß Rousseaus Antwort, wie sie
gangsbeschränkungen, die freie Konkurrenz, für die gemeinhin verstanden wird (Illegitimität des Privat-
Entstehung, den Fortbestand und die Zunahme eigentums), falsch ist. Wenn man Rousseau aber
ökonomischer Ungleichheiten verantwortlich zu richtig versteht (Zugangsbeschränkungen als Ur-
machen, so populär diese Auffassung heute auch sprung der Ungleichheit), kann sein Ansatz durch-
sein mag. Angesichts der enormen Vermögensunter- aus den Ausgangspunkt einer soziologischen Ana-
schiede in westlichen Ländern9 mag diese Aussage lyse sozialer Ungleichheit bilden. Rousseau hat
manchem Leser als weltfremd erscheinen. Bei frei- zumindest die richtige Vorgehensweise gewählt. Er
em Zutritt zu allen Märkten könnte es aber nicht beginnt mit der Konstruktion eines Zustands, in
zu den in der Realität beobachteten Vermögens- dem völlige Gleichheit herrscht, und leitet dann die
und Einkommensunterschieden kommen. Würde Ungleichheit aus Abweichungen von diesem Zu-
freie Konkurrenz tatsächlich das ökonomische Ge- stand ab. Dieses Verfahren behalte ich bei. Die in-
schehen beherrschen, dann würde z. B. schon am haltlichen Mängel von Rousseaus Antwort zwingen
nächsten Tag die Idee, die ein Unternehmer heute jedoch dazu, die Frage der Akademie erneut auf-
hat, von anderen Unternehmern kopiert werden. zunehmen. Die Antwort auf sie ist eine strukturelle
Der Ursprung der Ungleichheit liegt insofern nicht Erklärung sozialer Ungleichheit (V). Als Vorberei-
im Wettbewerb, sondern in der (natürlichen) Exis- tung hierauf gehe ich in Abschnitt IV auf die Gren-
tenz und willentlichen Errichtung von Schutzmau- zen einer individualistischen, in den persönlichen
ern gegen sein Wirken (Berger 2003). Eigenschaften der Gesellschaftsmitglieder wurzeln-
Alle Ungleichheit in Marktwirtschaften entspringt, den Erklärung von Einkommensungleichheiten ein.
ökonomisch gesprochen, aus Zahlungen, die über Die Frage der Akademie müßte nicht erneut auf-
dem Niveau liegen, das bei vollständiger Konkur- genommen werden, wenn sie durch die soziologi-
renz vorherrschte. Solche Zahlungen werden Ren- sche Ungleichheitsforschung mittlerweile schlüssig
ten genannt. Die Konkurrenz würde Renten im beantwortet wäre. Danach sieht es nicht aus. Be-
ökonomischen Sinn zum Verschwinden bringen. handlungen des Themas in jüngeren Lehrbüchern
Ungleichheit hat, so gesehen, ihre Wurzel im Halten stimmen skeptisch, und auch die wenigen klassi-
von Besitztiteln, die solche Renteneinkünfte ermög- schen Arbeiten zum Thema dieses Aufsatzes (Lens-
lichen. Renten sind Einkünfte auf Güter, die, wie ki, Dahrendorf, Davis/Moore) bieten kein ausrei-
der Boden, nicht vermehrbar sind. Nicht die Zirku- chendes Fundament für die Erklärung sozialer
lation, sondern die Einschränkung der Zirkulation, Ungleichheit im allgemeinen und die Erklärung von
also der Sachverhalt, daß bestimmte Güter dem Einkommensungleichheiten in Marktwirtschaften
Markt entzogen werden, begründet und verfestigt im besonderen. Die soziologische Ungleichheitsfor-
die Ungleichheit. Das heißt jedoch nicht, daß der schung ist der Gegenstand von Abschnitt III. Ich
uneingeschränkte Wettbewerb über jede Kritik er- beschränke mich bei meiner Behandlung des The-
haben ist. Die „zügellose Konkurrenz“ ist kein ge- mas auf Marktwirtschaften und betrachte in erster
sellschaftlicher Idealzustand. Das zentrale Problem Linie Einkommensungleichheiten zwischen Per-
sonen oder Gruppen. Die funktionelle Einkom-
8
Vgl. Luhmann 1993: Im Anfang war kein Unrecht. Um-
fassend Brocker 1992. 10
„Brüderlichkeit“ steht für gemeinschaftliche Verbun-
9
Für einen Überblick über die personelle Verteilung von denheit. Daß Märkte Freiheit in einem wenigstens forma-
Einkommen und Vermögen in Deutschland vgl. Hauser len Verstand verwirklichen, ist allgemein anerkannt. Zu
2003, für die weltweite Verteilung Bourgignon/Morrison Märkten als Promotoren der Gleichheit siehe Berger
2002. 2003.
Johannes Berger: Über den Ursprung der Ungleichheit unter den Menschen 357
mensverteilung – darunter wird die Aufteilung des Französischen Revolution, also eine Gesellschaft,
Volkseinkommens auf die sog. Produktionsfaktoren deren zentrales Merkmal eine mit der Gesellschaft
Kapital und Arbeit verstanden – bleibt ebenso aus- verwobene staatliche Herrschaft ist. Dieser Gesell-
geklammert wie die Einkommensungleichheit zwi- schaftstypus war in allen Zivilisationen verbreitet
schen Ländern. Das Gleiche gilt für die Sekundär- und ist erst in der europäischen Doppelrevolution
verteilung infolge steuerlicher Abzüge vom des 18. Jahrhunderts untergegangen.
Primäreinkommen einerseits und staatlicher Trans- Rousseaus „Theorietechnik“, dem Ursprung der
ferzahlungen andererseits. Schließlich ist das Ein- Ungleichheit auf die Spur zu kommen, besteht in
kommen bei weitem nicht die einzige Ressource, der Kontrastierung eines Zustands, dem Ungleich-
die ungleich verteilt wird. Andere Ressourcen sind heit fremd ist, mit einem Zustand, für den sie kon-
Ansehen, Wissen und Macht. Ihre Verteilung ist stitutiv ist. Ersteren Zustand nennt er den Natur-
ebenfalls nicht Gegenstand der folgenden Analysen. zustand, letzteren bürgerliche Gesellschaft. Das
Sogar Vermögensungleichheiten bleiben außen vor, Rätsel des Ursprungs der Ungleichheit ist gelöst,
soweit sie eine eigenständige Dimension sozialer wenn es gelingt zu zeigen, wie der eine Zustand in
Ungleichheit bilden und nicht lediglich als Begrün- den anderen umschlägt. Rousseau wählt hierfür ei-
dung für Einkommensungleichheiten herhalten ne Mischung von realer und fiktiver Geschichte.
müssen. All das sind empfindliche Einschränkungen Fiktiv ist insbesondere der Naturzustand, obwohl
der Allgemeinheit des Ansatzes. Aber es ist besser, sich Rousseau alle Mühe gibt, durch die Heranzie-
den hier vorgestellten Ansatz zur Analyse sozialer hung zeitgenössischer Reisebeschreibungen und an-
Ungleichheiten zuerst einmal auf einem beschränk- derer Quellen dem Naturzustand einen Anstrich
ten Terrain zu erproben als einen dann doch nicht von Realität zu geben.
einlösbaren Universalitätsanspruch zu erheben.11
Soweit der Naturzustand reell und keine Konstruk-
tion ist, die, wie z. B. bei Hobbes, zur Demonstra-
II. tion eines Beweisziels gebraucht wird, besteht er in
der Entwicklungsstufe der Wildheit, die nach Rous-
seau der Stufe der Zivilisation vorhergeht. Zwi-
Sieht man einmal von dem Vorwort, dem „Exordi-
schen einer Phase der Wildheit und der civil society
um“, einer längeren Widmung und den ausführ-
zu unterscheiden, war im 18. Jahrhundert weit ver-
lichen Anmerkungen Rousseaus ab, dann zerfällt
breitet und ist insgesamt charakteristisch für die
der Discours in zwei Teile. Im ersten Teil beschäftigt
Gesellschaftstheorie der damaligen Zeit. Typisch
sich Rousseau mit dem der zivilisatorischen Phase
für Rousseau jedoch ist das „Lob des Wilden“. Mit
vorausliegenden Naturzustand des Menschen. In
seiner Beschreibung des „edlen Wilden“ hat er die
ihm gibt es keine Ungleichheit. Diese tritt erst mit
topoi geliefert, die bis heute in den vielfältigen „Zu-
dem Übergang zur bürgerlichen Gesellschaft auf den
rück zur Natur“ – Strömungen noch lebendig sind.
Plan. Ihr wendet sich Rousseau im zweiten Teil sei-
nes Essays zu. Rousseau kennt noch nicht den Un- Das hervorstechendste Merkmal der „Wildheit“ ist
terschied zwischen einer Gesellschaft, in der die pri- die solitäre Existenz des Menschen. Dadurch vor al-
vate von der öffentlichen Sphäre getrennt ist und lem unterscheidet sich der Naturzustand vom bür-
einer Gesellschaft, der diese Trennung fremd ist. Da- gerlichen Zustand, der im Gegensatz zur „Wild-
her trennt er terminologisch nicht zwischen societé heit“ sich durch „Soziabilität“ auszeichnet. Der
civile und societé politique (vgl. Meier 1984, Anm. Mensch im natürlichen Zustand lebt allein, er ist
214). Den Unterschied zwischen Staat und Gesell- nicht oder nur vorübergehend, soweit das für die
schaft und die Trennung beider als Signum der Mo- Reproduktion der Gattung nötig ist, „vergesell-
derne hat erst Hegel in seiner „Rechtsphilosophie“ schaftet“. Die „Wilden“ bedürfen einander nicht
herausgearbeitet. Die bürgerliche Gesellschaft Rous- (Rousseau 1984: 131). Die gesellschaftlichen Ban-
seaus ist die politisch verfaßte Gesellschaft vor der de, die so typisch sind für den bürgerlichen Zu-
stand, sind ihm fremd.12 Aus der solitären Existenz
11
Ein Gutachter regte an, noch auf die Frage einzugehen,
12
ob die hier vorgeschlagene Erklärung von Einkommens- Wenn Rousseau sich in seiner Beschreibung des „Wil-
ungleichheiten auch auf andere Ungleichheiten übertragen den“ irgendwo geirrt hat, dann in diesem zentralen Punkt.
werden könne. Platzgründe hindern mich an einer aus- Sowohl für die historische Anthropologie als auch für die
führlichen Behandlung dieses Problems. Voraussetzung Soziologie ist das Leben in den sog. primitiven Gesell-
für die Übertragbarkeit ist, daß Konkurrenzmärkte für die schaften durch die überwältigende Stärke der gesellschaft-
fragliche Ressource sich wenigstens gedanklich konstruie- lichen Bande geprägt, die keine individuelle Existenz au-
ren lassen. ßerhalb dieser Bande erlaubt.
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folgen alle anderen Eigenschaften, vor allem auch unterschieden: Reichtum, Rang, Macht und persön-
die postulierte Gleichheit und die Freiheit des Wil- liches Verdienst.14 Obwohl die persönlichen Eigen-
den. „Wenn man . . . die ungeheure Verschiedenheit schaften (qualités personelles) nach Rousseaus Mei-
der Erziehungen und der Lebensweisen“, formuliert nung der Ursprung aller anderen Ungleichheiten
Rousseau (1984:163) mit großem rhetorischen Auf- sind, macht er sich anheischig, zeigen zu können,
wand, „die in den unterschiedlichen Ständen des daß alle Ungleichheiten sich auf Reichtumsunter-
bürgerlichen Zustands herrscht, mit der Einfachheit schiede reduzieren lassen. Der Grund hierfür ist,
und Gleichförmigkeit des tierischen und wilden Le- daß Reichtum, anders als z. B. adliger Rang, sich
bens vergleicht, in dem sich alle von den gleichen leichter als die anderen Arten der Ungleichheit
Nahrungsmitteln ernähren, auf die gleiche Weise le- „kommunizieren“ läßt (ebd.: 257). Reichtum fun-
ben und exakt die gleichen Dinge tun, dann wird giert so als eine Art allgemeiner Währung der Un-
man verstehen, um wieviel der Unterschied zwi- gleichheit.
schen einem Menschen und einem anderen im Na- Wenn dem so ist, besteht die Aufgabe der „polit-
turzustand geringer sein muß als im Gesellschafts- ökonomischen“ Ungleichheitstheorie darin, zu er-
zustand“. Rousseau setzt den bürgerlichen Zustand klären, wie es zu Reichtumsunterschieden kommen
mit dem Gesellschaftszustand gleich. Ungleichheit kann. Anders als Rousseau oft gelesen wird, macht
ist die unvermeidliche Folge der Entwicklung des er hierfür nicht das Privateigentum, sondern die
Menschen von einem solitären zu einem soziablen „Landnahme“ verantwortlich. Rousseau war kein
Wesen. Erst in diesem zivilisatorischen Prozeß ent- Gegner des Privateigentums. Er hat sich explizit zu
steht die Ungleichheit, die „im Naturzustand kaum der Lockeschen Arbeitstheorie des Eigentums be-
fühlbar“ ist. Um was für eine Art von Ungleichheit kannt, wonach die Bearbeitung eines Stücks Boden
es sich handelt, läßt Rousseau allerdings offen. So- das Recht auf Eigentum an ihm stiftet (ebd.: 203f.).
wenig er zwischen der hochkulturellen und der mo- Diese Theorie hat die ältere Okkupationstheorie
dernen Gesellschaft unterscheidet, so wenig diffe- der Aneignung von Grund und Boden abgelöst, die
renziert er zwischen ständischer Ungleichheit und bislang das europäische Rechtsdenken beherrsch-
Einkommensungleichheit. Den Ursprung dieser te.15 Rousseau wendet sich mit aller Schärfe gegen
weit gefaßten Ungleichheit und „ihre Fortschritte in die Okkupationstheorie. Er bestreitet das Recht der
den sukzessiven Entwicklungen des menschlichen ersten Inbesitznahme.16 Solange die Menschen
Geistes“ (Rousseau 1984: 167) aufzuzeigen, ist die „sich nur Arbeiten widmeten“, lautet eine Schlüs-
Aufgabe des zweiten Teils des Diskurses. selstelle (1984: 195) „die ein einzelner bewältigen
Rousseau skizziert in diesem Teil des Discours zwei konnte, und Künsten, die nicht das Zusammenwir-
ineinander verwobene Erklärungen des Ursprungs ken mehrerer Hände erforderten, lebten sie so frei,
der Ungleichheit: eine „wissenssoziologische“, die gesund, gut und glücklich, wie sie es ihrer Natur
den Ursprung der Ungleichheit mit den „Fortschrit- nach sein konnten, und fuhren sie fort, untereinan-
ten des menschlichen Geistes“ in Zusammenhang der die Süße eines unabhängigen Verkehrs zu genie-
bringt, und eine „politökonomische“, die auf die ßen.17 Aber von dem Augenblick an, da ein Mensch
Inbesitznahme von Grund und Boden abstellt. Die die Hilfe eines anderen nötig hatte. . . verschwand
„Ungleichheit, die im Naturzustand nahezu null die Gleichheit, das Eigentum kam auf, die Arbeit
ist“, heißt es bei Rousseau (1984: 271), bezieht ihr wurde notwendig und die weiten Wälder verwan-
„Wachstum aus der Entwicklung unserer Fähigkei- delten sich in lachende Felder (blühende Landschaf-
ten und den Fortschritten des menschlichen Geis- ten, JB?), die mit dem Schweiß der Menschen ge-
tes“. Ihre Anfänge liegen dort, wo im Zusammenle- tränkt werden mußten und in denen man bald die
ben aus der wechselseitigen Wahrnehmung ein
System der Wertschätzung entspringt. Rousseau hat
damit ausdrücklich Rangunterschiede als einen spe- 13
Wenn man so will, hat Rousseau damit das Konzept ei-
zifischen Typus von Ungleichheit auf Wertschätzun- ner historischen Semantik formuliert.
gen zurückgeführt, die ganz unvermeidlich aus dem 14
Darunter versteht er die persönlichen Meriten im Un-
Zusammenleben erwachsen (ebd.: 189). Sie basie- terschied zu dem auf Geburt fußenden (adeligen) Rang.
15
ren auf Wahrnehmungen, nicht im Eigentum. Aber Ausführlich zu diesem Paradigmenwechsel Brocker
auch das Eigentum ist letztendlich eine Vorstellung, 1992.
16
die am Ende einer langen gedanklichen Entwick- Zum Unterschied von First Occupancy und First La-
bour Theories of Appropriation vgl. auch Waldron 1988,
lungsreihe steht (ebd.: 173).13 Rousseau hat darü-
besonders S. 171ff.
ber hinaus ganz auf der Linie der jüngeren Un- 17
doux commerce! Gemeint sind die Annehmlichkeiten
gleichheitsforschung vier Arten von Ungleichheit des Freihandels.
Johannes Berger: Über den Ursprung der Ungleichheit unter den Menschen 359
Sklaverei und das Elend sprießen und mit den Ern- Gütern, daß es nicht vermehrbar ist. Diese Eigen-
ten wachsen sah“. schaft bedingt, daß Landnahme, die Ausschließung
In marxistischen Begriffen gesprochen: solange anderer von nicht vermehrbaren Gütern, in einer
noch die einfache Warenproduktion die gesell- marktwirtschaftlichen Umgebung zur eigentlichen
schaftlichen Verhältnisse prägt, verfallen sie nicht Quelle der Ungleichheit avanciert. Wer immer über
dem Rousseauschen Verdikt, völlig „degeneriert“ ein nicht vermehrbares Gut verfügt (Monopol!)
zu sein. Erst mit dem Übergang zur erweiterten Wa- kann damit ein Einkommen erzielen, das höher ist
renproduktion verschwindet die Gleichheit und als das auf Wettbewerbsmärkten erzielbare.
endet das freie, gesunde und glückliche Leben. Jetzt Weiter unten (Abschnitt V) möchte ich diese Idee
kommt es zur Polarisierung zwischen wachsendem genauer ausführen. Die Analyse des Discours wäre
Elend auf der einen, wachsendem Reichtum („Ern- aber nicht vollständig, ohne auch dem Rousseau-
ten“) auf der anderen Seite. Die Bedingung hierfür schen Naturzustand eine aktuelle Interpretation zu
ist eine Produktionsweise, in der nicht mehr, wie in geben. Meines Erachtens lassen sich Rousseaus
der einfachen Warenproduktion, jeder als kleiner Ausführungen über den Naturzustand als Parabel
Selbständiger ohne die Zuarbeit anderer seine Pro- auf die sozialen Beziehungen in einer reinen Wett-
dukte erstellt, sondern in der die Produktion durch bewerbswirtschaft verstehen. Dies ist eine Wirt-
das Zusammenwirken vieler gekennzeichnet ist. schaft vereinzelter, „solitärer“ Privatleute, die ledig-
Rousseau sagt jedoch nicht, warum die Arbeit für lich über den Tausch und keinerlei sonstige soziale
andere zur Ungleichheit führt. Falls es nur die Ar- Bande miteinander verbunden sind. Sie sind wie
beit von B ist, die A reich macht, obwohl A für B’s Rousseaus „Wilde“ frei in ihren Entscheidungen.
Arbeit zahlt, könnte doch jeder versuchen, auf die- Anders als die den Hobbesschen Naturzustand be-
sem Weg reich zu werden. In Rousseaus Beispiel völkernden Subjekte, die voreinander nicht sicher
sind es bezeichnenderweise nicht industrielle Kapi- sein können, gehen sie lediglich ihren Interessen
talisten, sondern Grundbesitzer, die durch die Ar- nach, ohne anderen schaden zu wollen. „Sorge für
beit anderer auf ihrem Grund und Boden reich wer- dein Wohl mit dem geringstmöglichen Schaden für
den. Das liegt in der Stoßrichtung des schon andere“, so lautet die Handlungsmaxime der
zitierten Satzes gleich zu Beginn des zweiten Teils Selbstliebe, die für den Rousseauschen „Wilden“
des Discours: die Einzäunung von Land ist der Grundlage seines Handelns ist (1984: 150). Sie ist
Gründungsakt der bürgerlichen Gesellschaft. Rous- das Äquivalent der privaten Interessenverfolgung
seau spielt damit wahrscheinlich auf die Einhegun- auf Konkurrenzmärkten. Die Rousseausche Selbst-
gen von Gemeindeland an, die am Beginn einer ka- liebe sollte nicht mit dem Opportunismus verwech-
pitalistisch betriebenen Landwirtschaft stehen. selt werden, den die Neo-Hobbesianer als generel-
Zwar versteht Rousseau unter der „bürgerlichen les Handlungsmotiv unterstellen. Opportunistische
Gesellschaft“ generell nicht die Gesellschaft mit ka- Akteure schrecken auch vor der Schädigung ande-
pitalistischer Warenproduktion, sondern die hoch- rer nicht zurück. Sie kennen keine moralischen
kulturelle, ebenfalls schon auf Okkupation herren- Rücksichten. Hingegen enthalten die Regeln, wel-
losen oder in Gemeineigentum befindlichen Landes che für den Umgang der Privatleute auf Wett-
beruhende Gesellschaftsformation. Aber er sieht bewerbsmärkten miteinander gelten, bereits mora-
ganz richtig, daß durch Landnahme mittels Einzäu- lische Rücksichten, auch wenn sie so minimal sind,
nungen die Ungleichheit in die Welt kommt.18 daß sie praktisch von jedem erfüllt werden können.
Ein Stück Land einzuzäunen bedeutet, andere von Lediglich die Abstandnahme von der Schädigung
seiner Nutzung auszuschließen. Exklusion der Nut- anderer ist verlangt. „Tiefe Gleichgültigkeit“ (ebd.:
zung durch andere charakterisiert zwar jedes in Pri- 267), also Indifferenz (!) kennzeichnet die Einstel-
vateigentum befindliche Gut, aber Land unterschei- lung der Marktteilnehmer zu ihrer sozialen Um-
det sich dadurch von kapitalistisch produzierten welt. In einer solchen „moralischen“ Umgebung
hat es die Ungleichheit schwer. „Was allein hier
18
„The questions of the origin of private property and its herrscht, ist Freiheit, Gleichheit, Eigentum und
unequal distribution were of great concern to many seven- Bentham“ (Marx 1968: 189).19
teenth and eighteenth century philosophers. However,
their discussions were often confused, specifically in trea-
19
ting ethical and historical problems“ (Bowles 1985: 197). Bentham steht für „jedem . . . ist es nur um sich zu tun“
Dieses Urteil trifft auch auf Rousseau zu. Man vergleiche (Marx 1968: 190). In seinem Lob des Marktes ist sich
doch nur den deklamatorischen Stil des „Discours“ mit Marx völlig einig mit dem Liberalismus. Er wendet sich
den wenige Jahre später publizierten Arbeiten von Fergu- nur dagegen, wie „der Freihändler vulgaris. . . Anschau-
son und Millar zum gleichen Thema. ungen, Begriffe und Maßstab für sein Urteil über die Ge-
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Die Geschichte der Ungleichheit, die Rousseau Welt des Warenverkehrs und der gesellschaftlichen
schildert, ist wörtlich genommen die Geschichte des Arbeit von Privatleuten für den Markt sind Privile-
Übergangs vom Zustand der „Wildheit“ in den Zu- gien fremd. Solange es keine Zutrittsbeschränkun-
stand der Zivilisation. Aber Rousseaus Geschichte gen der Anbieter zu Märkten aller Art gibt, sorgt
läßt sich auch als Anspielung auf den Übergang von die Konkurrenz für gleiche Ertragsraten. Die Un-
einem Zustand einfacher Warenproduktion mit gleichheit hat ihren Ursprung in zur Landnahme
freier Konkurrenz zu kapitalistischer Warenpro- analogen Vorgängen: der ausschließlichen Ver-
duktion mit eingeschränkter Konkurrenz lesen.20 fügung über einen von Natur aus seltenen, das
Marx hat Rousseau wohl so verstanden. Zumindest heißt, nicht beliebig vermehrbaren Faktor oder sei-
hat er klar gesehen, daß die „großen und kleinen ner künstlichen Verknappung. Auf dieses Thema
Robinsonaden“ des achtzehnten Jahrhunderts nicht komme ich in Abschnitt V noch einmal zurück.
eine rückwärtsgewandte Verklärung des einfachen Wenn Rousseaus Behandlung der Frage nicht das
Lebens vor dem Zustand der Zivilisation sind, son- letzte Wort ist, vielleicht liefert die soziologische
dern eine „Vorwegnahme der ‚bürgerlichen Gesell- Forschung eine zufriedenstellendere Antwort?
schaft‘, die seit dem 16. Jahrhundert sich vorberei- Nach gut hundert Jahren akademischer Soziologie
tete und im 18. Riesenschritte zu ihrer Reife ist die Erwartung bestimmt nicht übertrieben, von
machte“ (Marx 1953 [1857]: 5). einer Disziplin, für die soziale Ungleichheit nach
verbreiteter Auffassung das Identität stiftende The-
ma ist,22 eine wissenschaftlich abgesicherte Ant-
III. wort auf die Frage der Akademie von Dijon zu
erhalten. Wer jedoch von der Soziologie der Gegen-
Rousseaus Antwort auf die Frage nach dem Ur- wart diese Antwort erwartet, wird schnell ent-
sprung der Ungleichheit lautet also: sie entsteht täuscht. Zwar gibt es durchaus Ansätze, an die
durch Privilegien, die ihren Ursprung in der Land- anzuknüpfen sich lohnt, aber es gibt keine ausgear-
nahme haben. Darunter versteht er illegitime Ein- beitete und fachweit anerkannte soziologische
zäunungen. Sie sind in seinen Augen deswegen ille- Theorie der sozialen Ungleichheit, geschweige denn
gitim, weil die Inbesitznahme nicht auf der eine Theorie der Einkommensverteilung in Markt-
Bearbeitung des Bodens beruht. Den Initiatoren sol- wirtschaften.23 Auch die Lektüre des von Müller
cher Einzäunungen ist es jedoch gelungen, gesell- und Schmid herausgegebenen Bandes über „Haupt-
schaftsweite Anerkennung für ihr Vorgehen gefun- werke der Ungleichheitsforschung“ (2003) vermit-
den zu haben. Diese Einzäunungen müssen meiner telt nicht den Eindruck, das Fach verfüge über eine
Ansicht nach jedoch nicht, wie bei Rousseau, auf Antwort auf die Frage der Akademie. Die Heraus-
Landnahme in der unmittelbaren Bedeutung des geber versuchen in ihrer Einleitung erst gar nicht,
Worts beschränkt werden. Jede Art von Vorteils- die Umrisse einer solchen Theorie zu skizzieren.
sicherung durch Einschränkung der Konkurrenz Ebenso verzichten sie darauf, die Ergebnisse der
hat den gleichen ausschließenden Effekt wie die Ungleichheitsforschung zusammenzufassen. Auf
Landnahme. Zweifelsohne war die Ständegesell- der Suche nach einem brauchbaren Ansatz wird
schaft des ancien régime geprägt von einem tief ge- man nicht einmal in der soziologischen Systemtheo-
gliederten System von Vorrechten, aber das heißt rie fündig. Zwar gilt die Verzahnung von Theorien
noch lange nicht, daß die Existenz von Privilegien funktionaler Differenzierung mit Theorien sozialer
auf diesen Gesellschaftstypus beschränkt wäre. Un- Ungleichheit als Desiderat (Schimank 1998), aber
ter kapitalistischen Produktionsbedingungen sind
alle über einen fixen Faktor verfügenden Produzen-
22
ten ebenfalls privilegiert.21 Nur der bürgerlichen Die Frage nach dem Ursprung der Ungleichheit war
„historisch die erste Frage der soziologischen Wissen-
schaft“ (Dahrendorf 1974: 353); nach Kreckel (1992: 21):
sellschaft des Kapitals und der Lohnarbeit“ der „Sphäre die „Schlüsselfrage“.
des Warenaustausches“ zu entnehmen (ebd.). 23
„There is no sociology of distribution“ konstatieren
20
Daß es die einfache Warenproduktion als Stadium der auch Shanahan/Tuma (1994: 733) unbeschadet der zahl-
gesellschaftlichen Entwicklung nie gegeben hat, ist kein reichen Studien zu Klasse, Schichtung und status attain-
Einwand. Rousseaus „Wildheit“ hat es auch nie gegeben. ment. Für ein ähnlich ernüchterndes Urteil über die Wirt-
21
Die theoretisch entscheidende Frage lautet, ob das Pri- schaftswissenschaften vgl. Sahota 1978. Die Differenz
vateigentum an den Produktionsmitteln bereits eine solche zwischen Soziologie und Ökonomik kann sich der Leser
Privilegierung darstellt. Wenn der Zugang zu ihm unres- z. B. anhand von von Weizsäcker (1986) verdeutlichen.
tringiert ist, nicht; wenn es ein Monopol darstellt, wie Ein an Systematik und Präzision vergleichbarer Text exis-
Marx annahm, schon. tiert in der Soziologie nicht.
Johannes Berger: Über den Ursprung der Ungleichheit unter den Menschen 361
es bleibt unklar, worin der Beitrag der soziologi- ändert. Aber auch Granovetter räumt ein, daß seine
schen Systemtheorie zum Thema liegen könnte. Ausführungen noch keine Theorie seien, sondern
Dies liegt nicht nur daran, daß die Einkommensver- eher „a statement of a puzzle and a display of many
teilung sich nicht aus der funktionalen Differenzie- of the pieces“ (1981: 42).
rung ableiten läßt (Schwinn 1998: 12), sondern Um das harsche Urteil, es fehle an einer ausgearbei-
auch daran, daß mit der Umstellung auf die „Beob- teten Theorie der Einkommensungleichheit, zu un-
achtung von Beobachtungen“ die Systemtheorie termauern, beschränke ich mich auf eine Durch-
sich von der Beobachtung der Realität entfernt hat sicht ausgewählter Lehr- und Handbücher jüngeren
und diese nur noch vermittelt über „Beobachtungen Datums einerseits und die Behandlung dreier aus-
zweiter Ordnung“ in den Blick bekommt. gewählter „klassischer“ Ansätze, die explizit den
Als Ausgangspunkt für eine soziologische Analyse Anspruch einer Grundlegung der soziologischen
von Einkommensdifferenzen erscheint mir der an Ungleichheitsanalyse erhoben haben, andererseits.
Max Webers Konzept der monopolistischen Schlie- Diese Durchsicht ergibt, daß von der Existenz einer
ßung anknüpfende Neuansatz der soziologischen die soziologische Ungleichheitsforschung anleiten-
Ungleichheitsforschung, der von Parkin (1974, den Theorie der Einkommensungleichheit nicht die
1979) initiiert worden ist, noch am besten geeig- Rede sein kann. Um Mißverständnissen vorzubeu-
net.24 Parkin selbst war aber mehr an klassentheo- gen: keineswegs möchte ich den Ertrag einer aus-
retischen Fragestellungen als an einer Soziologie gedehnten und mittlerweile auch feinverzweigten
von Einkommensdifferenzen interessiert. Wenn soziologischen Ungleichheitsforschung bestreiten.
nicht Sørensen in den letzten Jahren in mehreren Ohne Zweifel hat sie unser Verständnis der vielfäl-
Arbeiten einen ebenfalls die Idee der „Schließung“ tigen Erscheinungsformen sozialer Ungleichheit er-
benutzenden Erklärungsansatz vorgestellt hätte, sä- heblich bereichert. Aber hat sie zu einem eindeuti-
he es, was den Status einer soziologischen Theorie gen Ergebnis geführt? Man kann zwar mit Richard
der Einkommensungleichheit in Marktwirtschaften Münch (2003) der Meinung sein, daß die „empiri-
anbelangt, finster aus. Sørensen ist Soziologe, aber sche Realität der Soziologie“ der „artifiziellen
er ist inspiriert von der neoklassischen Ökonomie. Welt“ der Ökonomie überlegen ist. Aber so erfolg-
Der große Vorzug seines Ansatzes ist, die Idee der reich die soziologische Ungleichheitsforschung im
sozialen Schließung als Abkehr von der vollstän- einzelnen auch sein mag, so spürbar bleibt das Defi-
digen Konkurrenz zu interpretieren. Diese Abkehr zit eines tragfähigen Erklärungsansatzes für Ein-
ist dann ihrerseits die Bedingung der Möglichkeit kommensungleichheiten in Marktwirtschaften.25
von Renteneinkünften, auf denen Einkommens- Falls es eine soziologische Theorie sozialer Un-
ungleichheiten in Marktwirtschaften beruhen. Auf gleichheit im allgemeinen und von Einkommens-
Sørensens Arbeiten fußt Abschnitt V dieses Aufsat- ungleichheiten im besonderen gibt, dann sollte sie
zes. in einschlägigen Lehrbüchern zu finden sein. Alles
Eine der wenigen Arbeiten, die sich direkt mit unse- andere hieße ja, zu unterstellen, sie sei den Verfas-
rem Thema befassen, stammt von Granovetter sern der Lehrbücher nicht präsent.26 Schauen wir
(1981). Wie Sørensen plädiert er dafür, die charak- uns also an, was in deutschsprachigen Lehrbüchern
teristischen Merkmale von Personen einerseits und jüngeren Datums an prinzipiellen Aussagen über
Berufen andererseits strikt auseinander zu halten. den Ursprung sozialer Ungleichheit zu finden ist.
Das spezifische Profil einer Stelle ist unabhängig Stefan Hradil stellt sich im vierten Kapitel seines
von ihrem jeweiligen Stelleninhaber. „Three main Lehrbuchs die Aufgabe, den „derzeitigen Wissens-
factors“, so Granovetter (1981: 12), „contribute to stand“ (1999: 95) der soziologischen Ungleichheits-
earned income: (a) characteristics of the job and forschung zu skizzieren. Er bespricht erst „her-
employer; (b) characteristics of the individual who kömmliche“ und dann „neuere“ Theorien sozialer
occupies the job; and (c) how a and b get linked to- Ungleichheit. Unter die herkömmlichen Theorien
gether“. Weiter unten (Sektion V) möchte ich darle-
gen, daß die Haupterklärungslast für Einkom- 25
mensdifferenzen bei (a) liegt, weil persönliche Auch Walter Müller (1997: 39), der vielleicht wie kein
anderer Autor die empirische Erforschung sozialer Un-
Eigenschaften, soweit sie ausbildungsbedingt sind,
gleichheit in Deutschland geprägt hat, vermißt „am meis-
keine „wahre“ Ungleichheit begründen und weil ten“ systematische Theoriebildung.
durch matching – die Vermittlung von Personen an 26
Die Arbeiten von Sørensen seit den achtziger Jahren des
Stellen – sich an der gemessenen Ungleichheit nichts vorigen Jahrhunderts zur Soziologie sozialer Ungleichheit
haben in die deutschsprachigen Lehrbücher keinen Ein-
24
Hierzu auch Kreckel 1992: 190ff. gang gefunden.
362 Zeitschrift für Soziologie, Jg. 33, Heft 5, Oktober 2004, S. 354–374
fallen die Marxsche Klassentheorie, die Webersche sung auf Seite 242 heißt es dann, daß „man“ heute
Unterscheidung von Klassen, Ständen und Parteien Webers Auffassung teile, wonach die soziale
sowie die funktionalistische Schichtungstheorie. Ob Schichtung auf mehreren Faktoren basiere, darun-
Marx wirklich für die Soziologie reklamiert werden ter Reichtum, Einkommen – diese Kategorie avan-
kann, ist eine Frage für sich. Im Zentrum der ciert also flugs von einer abhängigen zu einer unab-
Marxschen Analyse steht die Unterscheidung von hängigen Variable –, Macht und Prestige. Damit
Revenueformen, nicht die quantitative Ermittlung beläßt es das „Lehrbuch“. Nach einem leitenden
von auf die Klassen der Gesellschaft entfallenden Gedanken für die Erklärung von Einkommens-
Einkommensanteilen. Auch die Webersche Typolo- unterschieden sucht man vergebens.
gie von Klasse, Stand und Partei liefert kein Fun- Ich bestreite nicht, daß die Unterscheidung zwi-
dament für eine solche Theorie, sondern beschränkt schen individuellen und strukturellen Faktoren ein
sich darauf, Dimensionen der Ungleichheit zu un- wichtiger Baustein der Ungleichheitsforschung ist
terscheiden. Nach Hradils eigenem Eingeständnis (siehe hierzu Abschnitt IV). Bezüglich der individu-
ist der Beitrag von Webers Typologie zur Erklärung ellen Faktoren sollte aber wenigstens zwischen zu-
sozialer Ungleichheit gering (1999: 108). Das glei- geschriebenen und erworbenen Merkmalen diffe-
che konstatiert der Verfasser von der funktionalisti- renziert werden. Andere Unterscheidungen, etwa
schen Schichtungstheorie; sie könne Ungleichheiten die zwischen verschiedenen Dimensionen der Un-
nicht befriedigend erklären. Aber nicht nur das. gleichheit oder zwischen personeller und funktio-
Hradil (1999: 111) hält die aus ihr ableitbaren neller Einkommensverteilung sind jedoch genauso
Schlußfolgerungen zudem noch für „ausgesprochen elementar. Das „Lehrbuch“ vermittelt nicht den
gefährlich“. Eindruck, als hätte es eine Vorstellung von der Be-
Was also die „klassischen Theorien“ betrifft: Fehl- deutung dieser Unterscheidungen für eine Analyse
anzeige. Was die neueren Theorien betrifft, so be- sozialer Ungleichheit. Die genannten Unterschei-
kommt der Leser ein Potpourri von Ansätzen vor- dungen zu treffen, ergibt noch keine Theorie, es
gestellt, das von neomarxistischen Klassentheorien könnte aber immerhin zur begrifflichen Klärung
über Arbeitsmarkttheorien, Annahmen vom Ende des Terrains beitragen – eine unabdingbare Voraus-
der Arbeitsgesellschaft, die Habitustheorie Bour- setzung für jedes darüber errichtete Theoriegebäu-
dieus bis zu der unvermeidlichen Individualisie- de.
rungsthese von Ulrich Beck reicht. Letztere, meint Hartmut Esser reserviert dem Ursprungsproblem ei-
Hradil (1999: 142) treffe „die gemischten Gefühle, nen eigenen Abschnitt in seiner sechsbändigen „So-
mit denen heute viele Menschen dem Modernisie- ziologie“. Auch wenn dieses Lehrbuch allein schon
rungsprozeß entgegensehen“. Das mag ja sein, aber wegen seiner begrifflichen Klarheit und der gedank-
auf den Stand der soziologischen Ungleichheitsfor- lichen Durchdringung des Stoffs einen „großen
schung wirft diese Aussage, wenn sie denn zutrifft, Sprung vorwärts“ darstellt, in seiner Behandlung
ein helles (oder betrübliches?) Licht. des Problems (2000: 214ff.) unterscheidet sich Es-
Auch das von Hans Joas herausgegebene „Lehr- ser kaum von Lenski (1977). Die Frage nach dem
buch der Soziologie“ (2001) greift die Frage nach Ursprung der sozialen Ungleichheit läuft für ihn
den Ursachen der sozialen Ungleichheit auf. Zum letztendlich auf die Frage nach dem Ursprung der
Teil erkläre sich sozialer Erfolg durch individuelle Herrschaft hinaus. Worin auch immer deren Ur-
Unterschiede. „In jeder Gesellschaft gibt es Kluge sprung beschlossen ist – Esser erwähnt Dekrete,
und weniger Kluge, Starke und weniger Starke . . .“ Verträge und (Ko)Evolution als drei Quellen –,
(224). In der Regel bestehe ein „Zusammenhang Herrschaft spielt bei der Entstehung sozialer Un-
zwischen diesen Variationen und ihrem Lebensstan- gleichheit eine doppelte Rolle. Sie ist erstens eine
dard“. Was das heißen soll, ist nicht ganz klar. Aber notwendige Bedingung für die Entstehung und Si-
vielleicht will der Bearbeiter dieses Kapitels, Peter cherung von Arbeitsteilung und Privateigentum.
A. Berger, sagen, daß die körperliche und mentale Erst dann ist es möglich, ein gesellschaftliches Sur-
Ausstattung von Menschen ein wichtiger Bestim- plus zu erzielen. Darunter versteht Esser in An-
mungsgrund der sozialen Ungleichheit ist. Zum an- schluß an Lenski ein Produktionsniveau, das über
deren Teil erkläre sich soziale Ungleichheit struktu- dem zur Existenzsicherung der Produzenten liegen-
rell. Der wichtigste einzelne Faktor für die den Minimum liegt. Zweitens ist Herrschaft die
Schichtung sei die ökonomische Struktur (ebd.: hinreichende Bedingung für Ungleichheit. Das ge-
232); hierin folge die heutige Soziologie Marx. sellschaftliche Surplus wird nämlich unter dem Ein-
Aber auch kulturelle (Prestige) oder politische Fak- satz von Herrschaft verteilt. „Herrschaft“, so Esser
toren (Macht) seien wichtig. In der Zusammenfas- (2000: 227), „wird von den Akteuren genutzt, um
Johannes Berger: Über den Ursprung der Ungleichheit unter den Menschen 363
ihre Vorstellungen von der ‚richtigen‘ Verteilung Privilegien weitgehend voneinander getrennt: „Wer
durchzusetzen“. die politische Macht hat, ist nicht länger zugleich
Mit dieser Auskunft hält Esser „die Fragen nach auch im Besitz entsprechend großer wirtschaftlicher
den Ursprüngen der Ungleichheit unter den Men- Privilegien“ (1977: 431) – und umgekehrt. Wenige
schen (für) eigentlich beantwortet“ (ebd.). Ich kann Seiten später dreht er den Zusammenhang von
ihm darin nicht folgen. Alle Ungleichheit, gleich in Macht und Privileg um. Privateigentum wird jetzt
welcher Gesellschaft sie auftaucht, auf Herrschaft zur Machtquelle (1977: 447). Damit wäre der Weg
(Macht?) zurückzuführen, ist keine theoretische Er- frei für eine Erörterung wirtschaftlicher Ungleich-
klärung, sondern eine Auskunft, die so allgemein heiten in westlichen Gesellschaften, die nicht mehr
ist, daß sie schwer zu widerlegen ist.27 Ihr können auf die bequeme Auskunft „Macht“ baut. Auf eine
Gewerkschafter, die immer schon der Meinung wa- solche Erörterung hat Lenski sich nicht mehr einge-
ren, Lohnfragen seien Machtfragen, sicherlich lassen. Sie hätte ihn unbarmherzig mit den Wider-
ebenso zustimmen wie historische Anthropologen. sprüchen seines Ansatzes konfrontiert.
Herrschaft, so Esser, sei nötig zur Einrichtung und Auf die Soziologie scheint der Gedanke, daß ein zu
Sicherung von Arbeitsteilung und Privateigentum. erklärendes Phänomen etwas mit Macht oder Herr-
Diese beiden Faktoren seien „zuerst“ (Esser 2000: schaft zu tun habe, eine geradezu magische Anzie-
219) die Ursache der Entstehung sozialer Ungleich- hungskraft auszuüben; so auch in unserem Fall.
heit gewesen. Gilt dies also nur für die Vergangen- Auch wenn undeutlich bleibt, was unter letzteren
heit oder auch für die Gegenwart? Was die Erklä- Begriffen zu verstehen sei, erscheint es plausibel,
rung sozialer Ungleichheit aus Arbeitsteilung und daß Machtdifferentiale soziale Ungleichheiten nach
Privateigentum betrifft, hat aber Dahrendorf sich ziehen. Die „politische Soziologie sozialer Un-
(1974) schon alles Notwendige gesagt: Wenn im gleichheit“ von Kreckel baut auf diesem Gedanken
Privateigentum der Ursprung der Ungleichheit läge, auf (1992: Kap. III). Das Bindeglied zwischen
müßte sie durch seine Beseitigung aufgehoben wer- Machtdifferentialen und sozialer Ungleichheit bil-
den können – dagegen spricht die historische Erfah- den für Kreckel Prozesse sozialer Schließung. Um
rung. Die Rückführung auf die Arbeitsteilung schei- daraus aber einen tragfähigen Erklärungsansatz für
tert hingegen an der Differenz zwischen Einkommensdifferentiale zu machen, müßten we-
Ungleichartigkeit und Ungleichwertigkeit. nigstens noch zwei Gedanken hinzukommen: ers-
Der locus classicus für diese Ansicht, daß die sozia- tens, die Bezugnahme auf freie Konkurrenz, welche
le Ungleichheit auf Macht fuße, ist Lenski (1977). die Ungleichheit beseitigt, als „benchmark“. Zwei-
Schon der Titel des Buchs (Macht und Privileg) deu- tens, Einschränkungen der Konkurrenz bedingen ei-
tet die zentrale These an: wirtschaftliche Privilegien ne künstliche Verknappung von Produktionsfak-
fußen auf Macht. Derartige Privilegien gibt es erst toren (z. B. einer beruflichen Qualifikation) in den
ab dem Moment, in dem die Gesellschaft technolo- geschützten Bereichen und sichern ihren Inhabern
gisch in der Lage ist, ein Produktionsniveau über damit ein über dem Wettbewerbsgleichgewicht lie-
dem zum puren Überleben (der „unmittelbaren Pro- gendes Einkommen. In Marktwirtschaften basiert
duzenten“) notwendigen Niveau zu realisieren. Al- Ungleichheit auf den Rentenbestandteilen des Ein-
les, was zur Subsistenz erforderlich ist, wird nach kommens.
dem Bedürfnis verteilt, alles darüber hinaus Liegen- Eine andere, typisch soziologische Erklärungsstra-
de nach Machtgefällen – das ist die simple These tegie ist, soziale Ungleichheit mit der normativen
des Buchs. Lenski gibt ihr eine entwicklungssozio- Struktur der Gesellschaft in Verbindung zu bringen.
logische Wendung: Mit dem technischen Fortschritt Eine Erklärung des Ursprungs sozialer Ungleichheit
wächst der Anteil der auf der Basis von Macht ver- auf dieser Linie hat Dahrendorf (1974) versucht.
teilten Güter (Lenski 1977: 74). Im hinteren Teil Auch wenn dieser Ansatz sich zugute halten kann,
des Buchs rückt Lenski aber von seiner zentralen genuin soziologisch vorzugehen, da er soziale Un-
These wieder ab. In den fortgeschrittenen Gesell- gleichheit letztlich auf die Erwartungsstruktur der
schaften des Westens seien politische Macht und Gesellschaft zurückführt, hat er sich nicht als all-
gemeine Erklärung sozialer Ungleichheit durchset-
zen können. Mir ist jedenfalls nicht bekannt, ob
27
Die Frage ist doch, worauf die Macht (oder Herrschaft) Dahrendorf selbst oder jemand anders diesen An-
einer Gruppe jeweils beruht. Die Macht des Unternehmers
satz fortgeführt und in empirische Analysen umge-
über seine Beschäftigten z. B. beruht auf der Arbeitslosig-
keit, also einer Marktunvollkommenheit. Ohne sie ver-
setzt hätte.
puffte die Entlassungsdrohung; vgl. hierzu Shapiro/Stiglitz Dahrendorf erblickt den „Ursprung der Ungleich-
1984. heit in der Existenz von mit Sanktionen versehenen
364 Zeitschrift für Soziologie, Jg. 33, Heft 5, Oktober 2004, S. 354–374
Normen des Verhaltens“ (1974: 370). Dieser Satz individuell, also durch Rollenkonformität, begrün-
läßt offen, ob soziale Schichtung in den mit Nor- den. Rollenkonformität (oder -abweichung) be-
men verbundenen Sanktionen oder den Normen gründet die Ungleichheit zwischen Menschen nach
der Gesellschaft selbst (oder in beiden) verankert dem Maß der Konformität ihres Verhaltens (ebd.:
ist. Versteht man unter Recht, erläutert Dahren- 391) aber davon unberührt sind Rollenunterschiede
dorf, „den Inbegriff sämtlicher, auch der nicht kodi- „nach der Ungleichheit ihrer Stellung“. Zwischen
fizierten Normen und (!) Sanktionen. . . dann könn- beiden bleibt aber „ein Sprung“ (ebd.).
te man sagen, daß das Recht die notwendige und Soziale Ungleichheit entsteht also entweder aus der
zureichende Bedingung der Ungleichheit in der Ge- unterschiedlichen Ausfüllung von Rollen oder aus
sellschaft ist“ (ebd.: 371). Da das Recht aber aus diesen Rollen selbst. Halbwegs verständlich ist
zwei Komponenten besteht, den Normen und den noch, daß unterschiedliche Rollenerfüllung soziale
Sanktionen, bleibt die Frage nach dem Beitrag die- Unterschiede schafft. Konformität wird belohnt,
ser Komponenten zur Entstehung sozialer Ungleich- abweichendes Verhalten bestraft. Auf diese Weise
heit bestehen. „Solange Normen noch nicht beste- entstehende Unterschiede sind Unterschiede des
hen“, führt Dahrendorf weiter aus (ebd.), „gibt es Rangs oder Ansehens in einer sozialen Gemein-
keine soziale Schichtung“. Insofern ist die Existenz schaft, nicht zwangsläufig Gehalts- oder Einkom-
eines Normensystems zumindest die notwendige mensunterschiede, obwohl diese durchaus auch aus
Bedingung für soziale Ungleichheit. Daraus läßt unterschiedlicher Normerfüllung entspringen kön-
sich aber nicht schließen, daß in dem Moment, in nen; man denke nur an Akkordnormen. Aber wieso
dem Normen bestehen, auch soziale Schichtung in impliziert ein Normensystem soziale Ungleichheit?
die Welt kommt. Der Autor läßt offen, ob Normen Das ist insbesondere angesichts der evolutionären
auch die hinreichende Bedingung für Schichtung Ausbreitung von Gleichheitsnormen ganz unein-
sind. „Gibt es aber Normen . . . und wird damit das sichtig. Dahrendorf müßte zeigen, daß der Begriff
Rollenverhalten an diesen Normen gemessen“, der sozialen Norm selbst die Verbindung zwischen
führt er vielmehr aus, „dann entsteht auch eine der Sanktionierung individuellen Verhaltens und
Rangordnung des sozialen Status“ (ebd.). Dieser der Ungleichheit sozialer Positionen herstellt (ebd.:
Satz läßt sich so verstehen, daß in allen Gesellschaf- 369). Ein Normensystem, so Dahrendorf, diskrimi-
ten rollenkonformes Verhalten belohnt und abwei- niert nicht nur gegen Individuen, die diese Normen
chendes Verhalten bestraft wird und daß auf diesem nicht befolgen, sondern auch gegen soziale Positio-
Wege eine „Rangordnung des sozialen Status“ ent- nen, die „ihren Trägern die Konformität mit den
steht. „Der harte Kern der sozialen Ungleichheit“, geltenden Werten geradezu verbieten“ (ebd.: 370).
heißt es ein paar Seiten zuvor (ebd.: 368) „liegt stets So wichtig für eine Soziologie sozialer Ungleichheit
in der Tatsache, daß die Menschen als Träger sozia- die Unterscheidung zwischen individuellen und
ler Rollen. . . Sanktionen unterliegen“. Wenn das strukturellen Faktoren auch und gerade dann ist,
stimmt, dann sind es die Sanktionen und nicht die wenn die individuellen Faktoren nicht mit norm-
Normen, die Ungleichheit begründen. konformem Verhalten in eins gesetzt werden und
Die Schwierigkeit, mit der Dahrendorf hier ringt, die strukturellen nicht mit den unterschiedlichen
ist, eine klare Unterscheidung zwischen zwei For- Chancen der Normbefolgung je nach sozialer Posi-
men sozialer Ungleichheit zu treffen und gleichzei- tion, Dahrendorfs einheitliche Erklärung der Ent-
tig an der Idee eines einheitlichen Ursprungs dieses stehung sozialer Ungleichheit führt in eine Sackgas-
Phänomens festzuhalten.28 Es kennzeichnet den se. Erklärt werden müßte, wie es möglich ist, daß
Rang des Autors, daß er sich dieses Problems völlig mit verschiedenen sozialen Positionen unterschied-
bewußt war. Der „Hiatus“ seiner Gedankenfüh- liche Belohnungen so verbunden sind, daß soziale
rung ist ihm nicht nur aufgefallen, er fand ihn sogar Ungleichheit entsteht. Zwar läßt sich nicht bestrei-
„nicht mehr erträglich“ (ebd.: 391). Soziale Un- ten, daß Belohnungen auch nach Maßgabe der Ein-
gleichheit ist nicht rein individuell bedingt, sondern haltung sozialer Normen verteilt werden und daß es
hängt an „Stellungen, die sich wenigstens gedank- Normensysteme gibt, die bestimmte Positionen dis-
lich von ihren Trägern ablösen lassen“ (ebd.: 369). kriminieren, aber in Frage steht, ob auf diesem Weg
Die Ungleichheit sozialer Positionen läßt sich nicht sich soziale Ungleichheit generell begründen läßt.
Wenn die Existenz von Normen Schichtung nicht
28
Vgl. zu diesem Problem auch die ausführliche Aus- begründen kann – weder in der Form, daß Normen
einandersetzung von Wiehn (1975: 50ff.) mit Dahrendorf: unterschiedlich eingehalten werden noch in der
Ungleichheit des sanktionierten Verhaltens ist nicht gleich- Form, daß das Normensystem berufliche Positionen
zusetzen mit der Ungleichheit von Rollen (ebd.: 56). sortiert – worin liegt dann der letzte Grund für so-
Johannes Berger: Über den Ursprung der Ungleichheit unter den Menschen 365
ziale Schichtung? Die bekannteste genuin soziologi- Qualifikationen auch höher vergütet werden. „So-
sche Antwort auf diese Frage ist die funktionalisti- cial inequality“, konstatieren Davis/Moore (1967:
sche Schichtungstheorie von Davis/Moore (1967). 48) „is thus an unconsciously evolved device by
Die Autoren gehen von der Beobachtung aus, daß which societies insure that the most important posi-
alle Gesellschaften ausnahmslos „stratifiziert“ sind, tions are conscientiously filled by the most qualified
es eine „klassenlose“ Gesellschaft also nie gegeben persons“. Zwischen diesen „most important positi-
hat. Wenn alle bekannten Gesellschaften stratifi- ons“ besteht keine Rangfolge; jeder Gesellschafts-
ziert sind, liegt es nahe, zu unterstellen, daß Schich- bereich hat vielmehr seine eigene Hierarchie. Welche
tung funktional notwendig für den Bestand von Ge- Positionen wirklich wichtig sind, steht nicht unver-
sellschaften ist. Um dies zu zeigen, unterstellen die rückbar fest. Ihre ganze Theorie läuft auf zwei simp-
Autoren, daß Gesellschaften ein System von Posi- le, in ihrer Allgemeinheit schwerlich bestreitbare
tionen sind. Gleich zu Beginn schärfen sie ein, ihre Prämissen und eine Schlußfolgerung hinaus: (a)
Analyse bezöge sich auf „the system of positions, nimm an, in einer gegebenen Gesellschaft sind wich-
not the individuals occupying those positions“ tige Positionen zu besetzen, und nimm weiterhin an,
(1967: 47). Mit dieser Unterscheidung qualifiziert (b) daß die möglichen Kandidaten für diese Position
sich der Ansatz von Davis/Moore als genuin sozio- knapp sind, dann muß ein Belohnungsmechanismus
logischer. Der nächste Baustein ihrer Theorie ist, bestehen, der die knappen Talente in diese wichtigen
daß mit Positionen Belohnungen unterschiedlichs- Positionen lenkt. Andernfalls wäre es unsicher, ob
ter Art verknüpft sind. Diese Verbindung von Posi- sie überhaupt besetzt oder zumindest ob sie adäquat
tionen mit differentiellen Belohnungen erzeugt ein besetzt werden.30
für die jeweilige Gesellschaft typisches Schichtungs- Kann die funktionalistische Schichtungstheorie ein
gefüge. Erklärt werden muß dann nur noch die Zu- geeigneter Ausgangspunkt für die Erklärung von
ordnung von Belohnungen zu Positionen, also wa- Einkommensungleichheiten bilden? In ihrer von
rum bestimmte Positionen höhere Gratifikationen Davis/Moore vorgestellten Version schon deswegen
gewähren als andere. Diese Gratifikationen können nicht, weil die Autoren ihre funktionalistische Er-
ganz verschiedener Art sein, z. B. ein hohes Gehalt klärung auf die wichtigen Positionen beschränken
oder hohes Ansehen, aber auch viel Freizeit etc. und nur vage Hinweise geben, wie diese wichtigen
Die zentrale These von Davis/Moore lautet nun, Positionen ermittelt werden können.31 Außerdem
daß es genau zwei Determinanten von differentiel- lassen sie alle möglichen Arten von Belohnungen
len Belohnungen gibt: „functional importance and zu, was die empirische Überprüfung der These
scarcity of personnel“ (1967: 49). Auf die erste schwierig, wenn nicht unmöglich macht. Aber diese
Teilbehauptung hat sich die Kritik gestürzt, dabei Beschränkungen lassen sich heilen. Man muß nur
aber übersehen, daß die Autoren nirgendwo die Be- wie die Humankapitaltheorie unterstellen, daß Ar-
hauptung aufstellen, die Positionen einer Gesell- beitsplätze sich allein nach den für sie erforderli-
schaft ließen sich in eine vollständige Rangfolge, chen Qualifikation unterscheiden und daß die Löh-
geordnet nach ihrer Wichtigkeit, bringen. Sie sind ne diesen Qualifikationen entsprechen müssen,
sich darüber im klaren, daß dies am allerwenigsten wenn sichergestellt werden soll, daß überhaupt in
für moderne, funktional differenzierte Gesellschaf- Humankapital investiert wird. Was jedoch bei Da-
ten zutrifft. Funktionale Bedeutung ist für sie aus- vis/Moore völlig fehlt, ist eine strukturelle Erklä-
drücklich nur eine notwendige und nicht eine hin- rung der mit Positionen verknüpften Annehmlich-
reichende Bedingung für den hohen Rang einer keiten. Die monetäre Kompensation richtet sich
Position (1967: 48). „If the skills required are scar- nach den für eine berufliche Position erforderlichen
ce… the position, if (!) functionally important, must Qualifikationen. Weede (1992: 210) hat darauf
have an attractive power that will draw the neces- aufmerksam gemacht, daß dies nur unter den „un-
sary skills in competition with other skills“ (ebd.: realistischen Voraussetzungen eines freien Wett-
49). Wenn das falsch ist, sollte man mit diesem An-
satz die gesamte Humankapitaltheorie gleich mit ad 30
„A position draws a high income because it is functio-
acta legen. Davis und Moore benutzen zur Ablei- nally important and the available personnel is for one rea-
tung der Schichtung genau die gleiche Idee, auf der son or the other scarce“ (Davis/Moore 1967: 50). „If a
zwanzig Jahre später die Humankapitaltheorie auf- position is easily filled it need not be heavily rewarded“
baute.29 Schon aus Anreizgründen müssen höhere (ebd.: 49).
31
Für Davis/Moore ist eine Position um so wichtiger, (a)
je mehr Positionen von ihr abhängen und (b) je weniger
29
Die Verwandtschaft mit der neoklassischen Ökonomie sie austauschbar ist mit hohen Positionen eines anderen
haben auch Shahanan/Tuma (1994) gesehen. Funktionsbereichs der Gesellschaft.
366 Zeitschrift für Soziologie, Jg. 33, Heft 5, Oktober 2004, S. 354–374
bewerbs um Positionen, einer validen Erfassung tur selbst, (c) Sitten und Bräuchen, (d) der Glie-
von Qualifikationsunterschieden und des Verzichts derung des Arbeitsmarkts in einen primären und
auf Manipulation des Angebots“ gilt. Wenn hin- sekundären Sektor und (e) Praktiken der Diskrimi-
gegen mit der Manipulierung des Angebots, also nierung. Jeder Zeitungsleser weiß, daß die Lohnfin-
monopolistischen Schließungsstrategien zu rechnen dung in Tarifverhandlungen nach anderen Regeln
ist, dann ist der Schritt zu der hier vorgeschlagenen verläuft als dem Ausgleich von Angebot und Nach-
strukturellen Erklärung getan. Unter realistischen frage über bewegliche Preise. Daß die monetäre
Annahmen ist jedoch kein freier Wettbewerb zu er- Kompensation am Arbeitsplatz haftet und nicht an
warten, sondern „die Einschränkung des Wett- der individuellen Qualifikation, ist eine Einsicht,
bewerbs, so daß die Ungleichheit der Entlohnung die den Unterschied einer typisch soziologischen
bzw. Privilegierung nicht nur echte Qualifikations- von einer typisch ökonomischen Betrachtung von
unterschiede, sondern auch ‚Erfolge‘ bei der Wett- Lohnunterschieden markieren könnte, auch dann,
bewerbsverzerrung widerspiegelt“ (ebd.: 210f.). wenn die klarsten Formulierungen hierfür von
Anders gesagt: den Anbietern gelingt es, mittels ei- Fachökonomen stammen.33 Auch in posttraditiona-
ner künstlichen Verknappung des Angebots Renten- len Gesellschaften beherrschen Vorstellungen einer
einkünfte zu erzielen und damit das Prinzip der statusgemäßen Bezahlung die Lohnfindung. Der Ar-
gleichen Faktorentlohnung auf Wettbewerbsmärk- beitsmarkt zerfällt in Segmente mit je eigenen Re-
ten zu verletzen. Auf diese strukturelle Erklärung geln, und schließlich führt Diskriminierung zu einer
komme ich in Abschnitt V noch einmal zurück. Zu- Bezahlung, die von der Bezahlung auf Wett-
vor möchte ich mich der Frage zuwenden, warum bewerbsmärkten abweicht.
Erklärungen mit Hilfe der individuellen Charakte- Auch der Studie von Szydlik (1993) liegt die Unter-
ristik von Personen ausscheiden. scheidung von individuellen und strukturellen Fak-
toren zugrunde. Einkommensunterschiede beruhen
demnach entweder auf individuell zurechenbaren
IV. Unterschieden der Arbeitnehmer oder sie sind
strukturell bedingt. Individuelle Differenzen model-
Zwischen individuellen und strukturellen Determi- liert Szydlik als vom Qualifikationserwerb abhängi-
nanten des Einkommens zu unterscheiden, ist in der ge unterschiedliche Produktivitäten der einzelnen
einschlägigen Literatur Standard. Z.B. widmet die Arbeitnehmer. Der einschlägige theoretische Ansatz
wohl immer noch bedeutendste ökonomische Mo- ist die Humankapitaltheorie, die in ihrer einfachs-
nographie zur Ungleichheit (Atkinson 1983) ein ten Version Lohnunterschiede ausschließlich durch
Kapitel individuellen und ein weiteres Kapitel Qualifikationsunterschiede generiert sieht. Bezüg-
strukturellen Faktoren der Streuung der Durch- lich der strukturellen Faktoren unterscheidet Szyd-
schnittsverdienste von Berufsgruppen. Individuelle lik zwischen innerbetrieblichen und überbetriebli-
Unterschiede sind dreierlei Art: angeborene Fähig- chen Strukturen. Erstere determinieren die Stellung
keiten und Talente, durch Ausbildung erworbene des Arbeitnehmers in der Organisation, letztere die
Fähigkeiten (Qualifikationen) und die soziale Her- Stellung der Organisation in der Wirtschaft. Die
kunft.32 Was die strukturellen Determinanten von wichtigsten Theorien der strukturellen Determi-
Einkommensunterschieden anbelangt, so ist es nation von Einkommensunterschieden sind für
zweckmäßig, zwischen Faktoren „within the mar- Szydlik Effizienzlohntheorien einerseits, der orga-
ket“ und „before the market“ (Phelps 1988) zu un- nisationsökologische Ansatz andererseits. Segmen-
terscheiden. Erstere setzen dem Wettbewerb auf tationstheorien des Arbeitsmarkts verknüpfen be-
Märkten Grenzen. Soweit allein die Einkommens- triebliche und überbetriebliche Aspekte der
unterschiede abhängig Beschäftigter betrachtet wer- Strukturierung des Arbeitseinkommens.34
den, handelt es sich um Faktoren, die den Wett-
bewerb auf dem Arbeitsmarkt beschränken. 33
„Wages are paid based on the characteristics of the job
Atkinson unterscheidet zwischen (a) der Rolle von in question and workers are distributed across job oppor-
Gewerkschaften in kollektiven Tarifverhandlungen tunities based on their relative position in the labor
mit den Arbeitgebern, (b) der Beschäftigungsstruk- queue“ (Thurow/Lucas, zitiert in Atkinson 1983: 139).
Man kann sich die Arbeitnehmer als in einer Schlange auf-
32 gereiht vorstellen. Sie konkurrieren nicht um Löhne, son-
Die soziale Herkunft limitiert die Wahlmöglichkeiten
von Individuen und damit die möglichen Einkünfte im dern um Arbeitsplätze. Die Löhne sind fest vorgegeben
späteren Berufsleben. Man könnte sie wegen ihres Einflus- und werden vom Arbeitgeber festgesetzt.
34
ses auf die Opportunitätsstruktur auch außermarktlichen Humankapital- und Effizienzlohntheorie sind typisch
strukturellen Faktoren zuschlagen. ökonomische Ansätze, die Organisationsökologie gilt als
Johannes Berger: Über den Ursprung der Ungleichheit unter den Menschen 367
Eine Erklärung des Ursprungs der Einkommens- schlüssigen Erklärung der Einkommensverteilung
ungleichheit, die sich auf die Behauptung be- geknüpft war: Arbeitsmärkte sind kompetitiv.36
schränkte, daß neben individuellen auch strukturel- Aber unter dieser Bedingung kann es Ungleichheit
le Determinanten wichtig seien, würde insoweit nur der Einkommen gar nicht geben! „Given a perfectly
die offenen Türen der Forschungsliteratur einren- functioning, competitive labor market, and all
nen. Von diesem Schema weicht die hier gegebene people and jobs being alike, there would be no dif-
Antwort auf das im Titel dieses Aufsatzes formu- ferences in earnings“ (Atkinson 1983: 104).
lierte Erklärungsproblem in doppelter Hinsicht ab: Und was ist, wenn es nach Qualifikationsvorausset-
Zum einen wird eine rein strukturelle Erklärung zungen unterscheidbare Berufe gibt? „Then there
versucht und zum anderen wird die gemeinsame would be earnings differentials such that everyone
Wurzel aller strukturellen Determinanten in Han- was indifferent about which job he did“ (ebd.:
delsbeschränkungen oder Marktunvollkommenhei- 105). Wenigstens kann man der Humankapital-
ten gesehen. Neu daran ist nicht der Gedanke der theorie nicht mangelnde Konsequenz vorwerfen.
monopolistischen Schließung an sich, sondern seine Theorien sind kein Fiaker, den man nach Belieben
Kombination mit dem Gedanken, daß Ungleichheit anhalten lassen kann, so ähnlich hat Max Weber es
durch Abweichungen vom Konkurrenzgleichge- seiner (späteren) Disziplin eingeschärft (ohne gro-
wicht entsteht und die Interpretation der Ungleich- ßen Erfolg). „The most reasonable interpretation of
heit bedingenden Einkünfte als Renten. Da letztere the human capital theory“, so noch einmal Atkin-
an der beruflichen Position haften, ist ihre Zahlung son (1983: 139) „was an equilibrium condition en-
unabhängig von den persönlichen Eigenschaften suring that (identical) people are indifferent bet-
des Stelleninhabers. ween jobs that require different amounts of
Wer die Behauptung wagt, eine rein strukturelle Er- education“. Das bedeutet nichts anderes, als daß
klärung sozialer Ungleichheit sei möglich, wendet die vollständige Konkurrenz keinen Raum läßt für
sich damit zugleich gegen Erklärungen, die bei den auf die Lebenszeit aufsummierte Einkommens-
individuellen Eigenschaften der wirtschaftlichen unterschiede. Zwar sind die Lohnsätze unterschied-
Akteure ansetzen. Das mit Abstand wichtigste For- lich – sie müssen es sogar sein – aber diese Unter-
schungsprogramm zur Erklärung der personellen schiede beschränken sich auf das Maß, das
Einkommensverteilung aus individuellen Eigen- erforderlich ist, um das Prinzip der gleichen Netto-
schaften ist immer noch die Humankapitaltheorie. vorteile (Adam Smith) in jedem Beruf zu realisie-
Die „Gründungsväter“ dieses Ansatzes, Becker, ren.37 Atkinson macht die Einschränkung identi-
Schultz und Mincer, haben mit ihren Schriften einen scher Personen. Sie ist nicht so zu verstehen, daß
wahren Paradigmenwechsel in den Wirtschaftswis- alle die gleichen beruflichen Präferenzen haben
senschaften bewirkt.35 Bildung wird seitdem nicht müßten. Aber die Wahlmöglichkeiten zwischen den
mehr als Konsum, sondern als Investition betrach- Berufen müssen für alle gleich sein. Für jeden be-
tet, die den gleichen Optimierungsregeln folgt wie steht die gleiche Chance, jeden beliebigen Beruf zu
jede andere Investitionsentscheidung. Damit war ergreifen.38 Diese Annahme läuft darauf hinaus,
empirisch die Hoffnung verbunden, daß die in Bil- den Einfluß von Begabung und Familienhinter-
dungsgängen erworbenen Produktivitätsunterschie- grund auszuschalten.
de der beste Ansatz zur Erklärung von Lohndiffe- In der Soziologie ist die Humankapitaltheorie so
rentialen sind. „The human capital theory“, so gut wie immer als Rationalisierung von Ungleich-
Atkinson (1983: 109) „leads to the prediction that heit gelesen worden, der Sache nach ist sie aber eine
earnings differentials depend on the degree of trai- Rationalisierung von Gleichheit.39 Ungleichheit
ning required“. Das ist die Botschaft, die in der So-
ziologie angekommen ist. Übersehen wurde in aller 36
„There is reason to believe, that this result“ (gemeint
Regel die Bedingung, an die das Versprechen einer ist die Erklärung der Einkommensvarianz mittels unter-
schiedlicher Ausbildungsdauer) „depends on the assump-
Domäne der Soziologie. An der Entwicklung von Segmen- tion that labor markets are sufficiently competitive to
tationstheorien des Arbeitsmarkts war die Soziologie be- equalize the private yields on all types of education and
teiligt. Für empirische Nachweise des Einflußes des Ar- training“ (Blaug 1976: 833).
37
beitsmarktsegments auf die Lohnhöhe vgl. Szydlik 1993: Instruktiv hierzu Preisendörfer 2002.
38
Kap. V. Auf einem perfekten Arbeitsmarkt dürften zwi- „If all individuals select from the same set of options,
schen den Teilmärkten keine Einkommensdifferenzen be- there is clearly no ‚true‘ inequality in the sense of unequal
stehen. Innerbetriebliche und überbetriebliche Strukturen opportunity“ (Shorrocks 1988: 824).
sind auch das Thema der Industrieökonomik. 39
Vgl. Sørensen 2000: 1541: „According to human capi-
35
Vgl. dazu Blaug 1976 tal theory, the higher incomes of the higher educated com-
368 Zeitschrift für Soziologie, Jg. 33, Heft 5, Oktober 2004, S. 354–374
kann nur entstehen, wenn die Welt vollständiger samer Konkurrenz zu schützen. Dadurch entstehen
Konkurrenz verlassen wird. Dann bewirken unter- geschützte Positionen, die ihren Inhabern erlauben,
schiedliche Ausstattungen der Individuen mit Hu- Renteneinkünfte einzustreichen. Alle „wahren“
mankapital, daß die Einkommen sich tatsächlich, Einkommensungleichheiten selbständiger oder ab-
nicht nur scheinbar unterscheiden. Wo Marktun- hängiger Arbeit sind rückführbar auf diese Einkom-
vollkommenheiten bestehen, ist nicht mehr garan- mensart. Abschließend möchte ich den auf dieser
tiert, daß es zum Ausgleich der rates of return von „Logik“ basierenden Erklärungsansatz näher erläu-
Bildungsinvestitionen kommt. Das Gleiche gilt für tern.40
angeborene Talente. Sie sind nicht vermehrbar. Sel-
tene Talente sichern Einkünfte, die oft weit über je-
nen liegen, die für Dienste beliebig vermehrbarer V.
Faktoren erzielt werden können.
Auch unter Wettbewerbsbedingungen verdienen In einer Marktwirtschaft sind Einkommen Preise
besser qualifizierte Personen mehr, aber Lohndiffe- für Faktorleistungen. Die Formulierung ist all-
rentiale kompensieren nur Mehraufwendungen für gemein genug, um die beiden Fälle der Ausleihung
die Ausbildung. Insofern existieren solche Unter- von Faktoren an einen fremden Betrieb oder der
schiede nicht tatsächlich, sondern nur zum Schein. Nutzung im eigenen Betrieb abzudecken. Wenn
Dauerhafte Einkommensunterschiede sind nur Einkommen Preise für Faktorleistungen sind, kön-
möglich, wenn vom Modell der vollständigen Kon- nen Einkommensunterschiede nur entstehen, wenn
kurrenz abgewichen wird. Dieses Modell kennt kei- entweder die Marktteilnehmer über ungleiche Men-
ne Strukturen oder Institutionen. Genauer: es kennt gen von Faktorausstattungen verfügen, oder wenn
nur jenes absolute Minimum von Strukturen (Pri- die Bezahlung für Faktorleistungen unterschiedlich
vateigentum und Vertrag), das erforderlich ist, ist.41 Darunter verstehe ich eine Bezahlung, die
Tauschprozesse solange in Gang zu halten, bis kein
Akteur mehr willens ist, eine weitere Tauschhand- 40
Ein Gutachten aus dem Kreis der Herausgeber macht
lung vorzunehmen. Die „Gesellschaft des Kapitals gegen die Grundgedanken dieses Aufsatzes geltend, daß
und der Lohnarbeit“ (Marx 1968: 191) besitzt für die Lohnspreizung z. B. in der regulierten Marktwirtschaft
dieses Modell bereits zu viel Struktur. Auf einem Schwedens geringer ist als in der unregulierten der USA.
Markt mit vollständiger Konkurrenz ist es ohne Be- „Mehr Markt“ bedeute also größere und nicht geringere
deutung, wer wen beschäftigt, also ob Kapital Ar- Ungleichheit. Es hält mir vor, daß mein Ansatz nicht Un-
beit oder ob Arbeit Kapital mietet. In einer solchen gleichheit im „allgemein üblichen Sinn“, sondern nur die
ökonomischen Umgebung kann es keine Klassen Abweichungen vom Konkurrenzgleichgewicht ins Auge
geben. Jeder Akteur hat zu jeder Position den glei- fasse. Dreh- und Angelpunkt jeder Erklärung von Un-
gleichheit ist in der Tat eine Idee der Gleichheit. Mein Vor-
chen Zugang. Arbeiter könnten ohne jedes Problem
schlag ist, die vollständige Konkurrenz als Bezugspunkt zu
in die Rolle von Kapitalisten schlüpfen. Sie müßten wählen. Es bietet sich keineswegs von selbst an, erst dann
dafür nur an einem ihnen offenstehenden Kapital- von Gleichheit zu sprechen, wenn alle Einwohner eines
markt einen Kredit aufnehmen und anschließend Landes exakt das gleiche Einkommen beziehen. Um dieses
Arbeiter beschäftigen. Klassenbildung kommt dann Kriterium zu erfüllen, müßten z. B. Lehrlinge und Rentner
zustande, wenn der Kreditmarkt unvollkommen ist. genauso viel verdienen oder erhalten wie mitten im Be-
rufsleben stehende Personen. Wenn ich recht sehe, stellen
Die Einkommensungleichheit kommt also in die
nicht einmal strikte Egalitaristen diese Forderung auf. Die
Welt durch Marktunvollkommenheiten. Diese Bezugnahme auf Konkurrenzverhältnisse erlaubt, zwi-
münden immer in Zutrittsbeschränkungen. Zwar schen tatsächlicher und scheinbarer Ungleichheit zu
können solche Zutrittsbeschränkungen auch tech- differenzieren. Diese Unterscheidung ist einer naiven so-
nisch bedingt sein – die natürlichen Monopole der ziologischen Ungleichheitsforschung fremd. Die Wirt-
ökonomischen Theorie – aber mehrheitlich sind sie schaftswissenschaften verfügen mit der Theorie kompen-
das Ergebnis von Bestrebungen, sich vor unlieb- sierender Lohndifferentiale über ein Instrument, ihr
gerecht zu werden.
41
Ich sehe davon ab, daß die Eigentümer die in ihrem Be-
pensate for higher training costs and do not create a per- sitz befindlichen Faktoren unterschiedlich nutzen können
manent advantage over the lifetime of persons. Thus, (z. B. wegen unterschiedlicher Freizeitpräferenzen oder Ri-
skills acquired according to the mechanism proposed by sikoneigungen). Die größere Arbeitsbereitschaft hat den
human capital theory do not create rents and therefore gleichen Effekt wie eine größere Faktorausstattung. „Flei-
not classes“. Zu einer strukturellen, auf Renteneinkom- ßige“ Arbeitnehmer oder Selbständige verdienen zwar
men basierenden Theorie sozialer Ungleichheit siehe Ab- mehr, aber daraus entsteht keine Ungleichheit im hier ver-
schnitt V. standenen Sinne.
Johannes Berger: Über den Ursprung der Ungleichheit unter den Menschen 369
nicht proportional zur Faktormenge im Wett- Aufwendige strukturelle Erklärungen wären über-
bewerbsgleichgewicht ist. Was immer die Ursachen flüssig, falls bereits eine Anhäufung von Zufällen
ungleicher Faktorausstattungen sind – die Literatur zu einer ungleichen Einkommensverteilung führte.
konzentriert sich auf „life cycle accumulation“, al- Zur Bekräftigung der Idee struktureller Erklärun-
so im Lebenslauf angesammelte Ersparnisse und gen empfiehlt sich daher ein kurzer Blick auf sto-
„inheritance“42 – sie verlangen eine von der Ein- chastische Theorien der Einkommensverteilung.
kommensungleichheit getrennte Behandlung. Aller- Diese gehen von der simplen Annahme aus, daß der
dings interagieren beide Größen. Höhere Einkom- Logarithmus des Einkommens zum Zeitpunkt t ab-
men führen über höhere Ersparnisse zu höheren hängig ist vom Einkommen der Vorperiode und ei-
Investitionen und größere Faktorausstattungen füh- nem Zufallsereignis, u:
ren ihrerseits zu höheren Einkommen. Bei vollstän- ln yt = ln yt–1 + ut (1)
diger Konkurrenz sind jedoch die Ertragsraten aller
Rekursive Anwendung des gleichen Gedankens auf
Anlagen gleich. Dennoch können Haushalte mit
die Einkommen aller früheren Perioden ergibt
größerer Faktorausstattung mehr sparen, einfach
deswegen, weil mit steigendem Einkommen der An- t–1
teil der Konsumausgaben am Einkommen sinkt.
Das Problem bleibt aber bestehen, ob die Faktor-
ln yt = ln y0 + Σu
j=0
t–j (2)
ausstattung eine unabhängige Quelle von Einkom- Mit wachsendem t wird y0 immer unwichtiger und
mensunterschieden ist oder ob die Untersuchung die Verteilung des Logarithmus der Einkommen ap-
letzterer sich auf die Bezahlung von Faktorleistun- proximiert die von Σut–j.45 Nach dem zentralen
gen konzentrieren kann. Man mag darunter ein Grenzwertsatz nähert sich eine Summe von Zufalls-
Henne-Ei-Problem sehen, aber der Sachverhalt, daß variablen mit steigendem Stichprobenumfang der
jedes Kapital als investiertes Einkommen betrachtet Normalverteilung an; wegen (2) gilt das Gleiche für
werden kann43, ist ein Argument dafür, Ausstat- ln yt:
tungsunterschiede aus der Betrachtung auszuschlie- ln yt 5 N(tm, s2t)
ßen.
Zwischen der Verteilung des Logarithmus einer Va-
Damit konzentriert sich die Erklärung der Einkom- riablen und der Verteilung der Variablen selbst be-
mensungleichheit auf die Frage, welche Mechanis- steht eine charakteristische Beziehung, die für die
men für die ungleiche Bezahlung von Faktorleistun- Erklärung der Ungleichheit in Marktwirtschaften
gen verantwortlich sind. Um sie zu ermitteln, muß herangezogen werden kann. Der Logarithmus einer
die Analyse von einer Situation ausgehen, in der al- nichtnegativen Zufallsvariablen ist genau dann nor-
le Faktoren in genau der Höhe entlohnt werden, die malverteilt, wenn die Zufallsvariable selbst loga-
erforderlich ist, sie in der gewünschten Verwendung rithmisch normalverteilt ist. Letztere Verteilung ist
zu halten. In einer solchen, das Wettbewerbsgleich- linkssteil (rechtsschief) und eignet sich daher sehr
gewicht kennzeichnenden Situation gibt es keine gut zur Modellierung der Einkommensverteilung.46
Ungleichheit, verstanden als Ungleichheit der Er-
tragsraten (Berger 2003). Abweichungen von die-
sem Gleichgewicht entstehen entweder rein zufällig daß die Faktorentlohnung abweicht von dem Niveau, das
oder sie sind strukturell bedingt. Diese Annahme ist sich bei ausschließlicher Orientierung an der Produktivität
für eine Erklärung von Einkommensungleichheiten ergäbe. Bei Diskriminierung wird dieses Niveau unter-
zentral. Strukturell bedingt sind Einkommens- schritten, bei Rentenzahlungen wird es überschritten. Zu-
ungleichheiten immer dann, wenn die Besitzer von dem ist Diskriminierung moralisch viel anfechtbarer als
der Bezug von Renten. Gegen Renteneinkünfte können
Produktionsfaktoren (seien dies Kapitalisten oder
nur strikte Egalitaristen etwas haben. Wegen ihrer mora-
Arbeitnehmer) sich in einer Situation befinden, die lischen Angreifbarkeit ist Diskriminierung wenigstens in
ihnen erlaubt, mehr zu verlangen, als erforderlich westlichen Gesellschaften auf dem Rückzug, was für Ren-
ist, die Abwanderung aus der Verwendung, in der ten ganz und gar nicht zutrifft. Die für eine strukturelle
sie sich gerade befinden, zu verhindern.44 Theorie der Ungleichheit zentrale Frage lautet aber, ob
Diskriminierung auf individuellen Praktiken beruht oder
42
Z.B. Davies und Shorrocks 2000: 606. strukturell verankert ist. Wenn das Beispiel der Apartheid
43 sich verallgemeinern läßt, beruht sie auf außermarktlichen
Vgl. nur Marx 1968: 595: „die bloße Kontinuität des
Produktionsprozesses (verwandelt) jedes Kapital notwen- Strukturen. Der Frage, ob Marktunvollkommenheiten in
dig in . . . kapitalisierten Mehrwert“. Unter Mehrwert ver- (Preis)Diskriminierung münden, gehe ich an dieser Stelle
steht Marx Einkommen aus Kapitalbesitz. nicht weiter nach.
44 45
Eine weitere Möglichkeit, die ich hier nicht behandele, Dazu Sahota 1978: 7
46
ist Diskriminierung. Mit Renteneinkünften hat sie gemein, „The lognormal distribution is the most popular para-
370 Zeitschrift für Soziologie, Jg. 33, Heft 5, Oktober 2004, S. 354–374
So elegant eine rein stochastische Erklärung von kungen erzeugen Ungleichheit immer dann, wenn
Einkommensungleichheiten auch sein mag, sie sie zu einer Verknappung des Angebots führen und
scheidet gleichwohl aus zwei Gründen aus dem damit zur Basis von Renteneinkommen werden.
Spektrum zu prüfender Ansätze aus. Dem Modell Damit gerät der Ursprung der Ungleichheit wieder
zufolge nimmt die Varianz wegen der multiplikati- in den Blick: die Abweichung vom Konkurrenz-
ven Verknüpfung mit t im Zeitablauf zu, was den gleichgewicht. Zu solchen Abweichungen kommt
Tatsachen widerspricht. Vor allem aber sind ran- es zwangsläufig dann, wenn das Angebot eines Pro-
dom walk-Modelle ökonomisch inhaltsleer.47 Sie duktionsfaktors beschränkt ist. Man darf aber das
sind daher kein ernsthafter Konkurrent zu einer beschränkte Angebot eines Faktors nicht mit dessen
strukturellen Erklärung ökonomischer Ungleich- Knappheit verwechseln. Ein Faktor ist knapp, wenn
heit. er auch anders genutzt werden könnte. Das Ange-
Bleibt aber wirklich nur eine strukturelle Erklärung bot an ihm ist beschränkt, wenn es nicht oder nur
der Ungleichheit übrig? sehr unelastisch auf den Anstieg der Nachfrage
Shorrocks (1988) zerlegt die Einkommensungleich- nach mit diesen Faktoren erstellten Produkten rea-
heit in drei Komponenten: chance, choice und op- giert. Zwei Fälle müssen unterschieden werden: die
portunity. Dem Zufall eine Schlüsselrolle bei der natürliche Begrenztheit einerseits, die künstlich er-
Entstehung von Ungleichheit einzuräumen, habe zeugte andererseits. Erstere führt zu einem „natürli-
ich eben verneint. Er spielt auch schon deswegen chen“ oder faktischem Monopol48, letztere zu ei-
diese Rolle nicht, weil sein Einfluß sich bei einer nem durch die Rechtsordnung abgesicherten
Gruppenbetrachtung nivelliert. Mit choice meint Monopol (ich binde den Begriff nicht wörtlich an
Shorrocks die Entscheidungen individueller Akteu- die Tatsache nur eines Anbieters). Ein gutes Beispiel
re z. B. über die Länge der Arbeitszeit oder das Stu- für „natürliche“ Monopole im Bereich der Arbeits-
dienfach. Weiter oben habe ich zu zeigen versucht, einkommen sind Talente, ein gutes Beispiel für die
daß daraus keine „wahre“ Ungleichheit resultieren Errichtung rechtlicher Monopole ist das Wirken
kann. Wenn A doppelt soviel verdient wie B, weil A von Berufsverbänden.
doppelt so lang arbeitet und B genau so lange arbei- Falls die vorgeschlagene Antwort, den Ursprung
ten könnte wie A, wenn B nur wollte, entsteht da- der Einkommensungleichheit in den einem fixen
raus keine Ungleichheit. Das höhere Einkommen Faktor zufließenden Rentenzahlungen zu sehen, zu-
wird durch höhere Aufwendungen wettgemacht. trifft, stellen sich zwei Anschlußfragen: wie kommt
„Indeed“, schreibt Shorrocks (1988: 824), „the es zu den Rentenzahlungen ermöglichenden Wett-
most controversial aspects of the study of income bewerbsbeschränkungen und warum wird gegen sie
distribution often reflect conflicting opinions on nicht vorgegangen? Eine ausführliche Behandlung
the relative importance of the ‚true‘ component of dieser Fragen würde tief in das Gebiet des Über-
income inequality arising from different opportuni- gangs vom Wettbewerb zum Monopol führen. We-
ties and the ‚spurious‘ element of inequality that re- nige Andeutungen müssen daher genügen. Zu-
sult from choice“. Strukturen konzeptualisiert nächst: Eine Welt ohne Handelsbeschränkungen ist
Shorrocks aus der Sicht der Akteure als Gelegen- keine bessere Welt als eine mit Handelsbeschrän-
heitsstrukturen. Deren opportunity set ist je nach kungen, nur eine andere. Es gibt sodann kein
Familienhintergrund oder natürlichem Talent ver- kollektives Interesse an einer von vollständiger
schieden. Dies ist eine klare Verletzung der Annah- Konkurrenz geprägten Wirtschaft, da der uneinge-
me, daß alle, die vor dem Eintritt ins Berufsleben schränkte Wettbewerb von allen Akteuren als stän-
stehen, die gleichen Möglichkeiten der Wahl zwi- dige Bedrohung der einmal ereichten Position emp-
schen Bildungsgängen haben. Daß die Wahlmög- funden würde. Bendix (1974) hat auf den vielleicht
lichkeiten von Individuum zu Individuum verschie- tiefsten Grund für das allgemeine Interesse an
den sind, heißt aber nichts anderes, als daß Schutzmauern gegen die Konkurrenz hingewiesen.
Beschränkungen bestehen, die dem Modell der voll- Jede Wahl einer Ausbildung oder eines Berufs be-
ständigen Konkurrenz fremd sind. Diese Beschrän-
48
Wie schon angedeutet, weiche ich hier von dem in den
metric form for modeling income distribution, and fits ob- Wirtschaftswissenschaften üblichen Sprachgebrauch ab.
served data particularly well in the middle-income range“ Dort wird unter einem natürlichen Monopol eine Situa-
(Lambert 1993: 27). tion verstanden, in der wegen steigender Skalenerträge
47
Random walk-Modelle enthalten keinerlei strukturelle sich das Größenwachstum eines Unternehmens „bezahlt“
Hinweise zur Entstehung und Verteilung der individuellen macht und alle kleineren Produzenten daher aus dem
Einkommen (von Weizsäcker 1986: 14). Markt verdrängt werden.
Johannes Berger: Über den Ursprung der Ungleichheit unter den Menschen 371
deutet eine Festlegung und mindert damit die Mo- zahlungen. Erstens, Renten sind Zahlungen über
bilität, welche die unabdingbare Voraussetzung der den Betrag hinaus, der erforderlich wäre, eine Res-
Konkurrenz ist: „All qualifications … represent cu- source unter Wettbewerbsbedingungen in der aktu-
mulative and increasingly irreversible commitments ellen Verwendung zu halten.50 Zahlungen in dieser
to an occupational way of life with its rewards and Höhe können keine „wahre“ Ungleichheit begrün-
liabilities – perhaps the most fundamental reason den. Diese entsteht erst mit Zahlungen über diesen
for the persistence of class- and status differences“ Betrag (die einschlägige Literatur spricht mit Bezug
(Bendix 1974: 154). Eine weitere mächtige, gegen auf Arbeitseinkommen vom Reservationslohn) hi-
die Expansion des Marktes gerichtete Institution ist naus. Zweitens sind sie Zahlungen an einen Faktor,
die Familie. „Status groups“, so noch einmal Ben- dessen Angebot limitiert ist, der also nicht beliebig
dix (ebd.: 153), „are rooted in family experience… vermehrt werden kann.51 Handelsrestriktionen (im
Where market mechanisms predominate, personal weitesten Sinne) sind die Bedingung der Möglich-
and familial distinctions of status are discounted“. keit von Renten. Auf beliebig vermehrbare Kapi-
Ähnlich hat Parsons (1968: 221) eine klassenlose talgüter würden keine Renten gezahlt. Drittens,
Gesellschaft so lange als utopisch angesehen, als ein „rents are resources that provide advantages for
Familiensystem besteht. Das Familiensystem als incumbents of social positions that are indepen-
Bollwerk gegen die uneingeschränkte Konkurrenz dent of the characteristics of the incumbents“ (Sø-
anzusehen, paßt schließlich auch gut zu der von rensen 1996: 1333). Daß Renten sozusagen an der
Weber (1922: 634) geäußerten Auffassung, daß ins- Sozialstruktur und nicht an den Fähigkeiten von
besondere die Stände sich einer „konsequenten Personen festgemacht sind, macht das Konzept so
Durchführung des nackten Marktprinzips“ ent- geeignet für eine soziologische Theorie der Un-
gegenstemmen. Gegen die „konsequente Durchfüh- gleichheit. Das hat Sørensen richtig gesehen. Die
rung des nackten Marktprinzips“ wehren sich heute soziologische Theorie der Ungleichheit unterschei-
in der Tradition der Ständegesellschaft vor allem det sich genau dadurch von einer neoklassischen,
die Berufsverbände. Hiervon legen sowohl die Ho- daß die Sozialstruktur (Marx: die Stellung im Pro-
norarordnungen für Ärzte, Anwälte, Steuerberater duktionsprozeß) die eigentliche Erklärungslast zu
etc. als auch die Handwerksordnungen ein beredtes tragen hat. „When inequalities result from posses-
Zeugnis ab.49 sion of rent-generating economic resources, they
Auf welchem Wege solche Monopole auch immer satisfy the main requirement of a structural theory
zustande kommen, sie bilden die Grundlage für eine of social inequality – inequalities created by rents
spezifische Einkommensart, die in der ökonomi- are created independently of the efforts and abili-
schen Literatur Rente genannt wird. Ursprünglich ties of the people occupying positions in social
wurden darunter Einkünfte auf den Bodenbesitz structure“ (Sørensen 1996: 1337). Eine genuin so-
verstanden, aber die Ausdehnung dieses Begriffs ziologische Theorie der Ungleichheit ist somit
auf alle Monopoleinkommen bietet sich an, weil je- zweistufig aufgebaut. Sie muß zum einen erklären,
des Monopol, sei es natürlich oder künstlich, mit wie eine bestimmte Struktur zustande kommt, und
dem Boden die begrenzte Verfügbarkeit des Faktors zum anderen, wie die Plätze in dieser Struktur ver-
teilt. Das Einkommen wird auf den puren Besitz ge- teilt werden (Granovetter 1981). Viertens schließ-
zahlt. Weder ist ihm eine Investition vorhergegan- lich, Renten sind Zahlungen, deren Grundlage le-
gen, noch kann es als Entlohnung für eine Arbeits- diglich ein Besitztitel und keine Leistung ist. Zur
leistung verstanden werden. eigentlichen Ursache sozialer Ungleichheit in
Marktwirtschaften avanciert damit der Besitz ren-
Vier Eigenschaften kennzeichnen damit Renten-
tenproduzierender Vermögenstitel (Sørensen 2000:
49
1532).
Erst Anfang 2004 wurde der Meisterzwang für eine
Reihe von Handwerksberufen abgeschafft. Er dient dazu,
die Meister vor unliebsamer Konkurrenz zu schützen. Das
geltende Rechtsberatungsgesetz stellt die kostenlose
50
Rechtsberatung bis heute (März 2004) unter Strafe. Dieses „The difference between the actual rental price and the
Gesetz hat, so die Bundesverfassungsrichterin Renate Jae- competitive price is what is called an economic rent“ (Sø-
ger, einen nicht zu rechtfertigenden „Schonraum“ für die rensen 2000: 1536). Ein Problem dieser Definition ist, daß
Anwaltszunft geschaffen. Die Verfassungsrichterin, die an sie wegen der Bezugnahme auf den Wettbewerbspreis ein
zahlreichen Urteilen gegen Wettbewerbsbeschränkungen kontrafaktisches Element enthält.
51
der Anwaltszunft mitgewirkt hat, warnte die Anwälte vor Vgl. Sørensen (1996: 1337) mit Berufung auf Alchian:
einer Abschottung des Berufsstands durch „althergebrach- „modern economic theory often defines rents as payments
te“ Regeln (FAZ vom 8.3.04). for a resource that is in fixed supply“.
372 Zeitschrift für Soziologie, Jg. 33, Heft 5, Oktober 2004, S. 354–374
Ich komme zum Schluß. In einem ersten Anlauf mit kein Wachstum des Sozialprodukts pro Kopf,
kann man versuchen, Einkommensunterschiede als um nur auf diesen Punkt aufmerksam zu machen.
Ausgleich für die mit einem Beruf verbundenen Einkünfte aus Renten beruhen zudem nicht auf Ge-
Nachteile zu verstehen. Diese Nachteile bestehen walt, sondern letzen Endes auf der Assoziationsfrei-
nicht nur in den vergleichsweise schlechten Arbeits- heit und sind daher genauso verfassungsmäßig wie
bedingungen, sondern auch in den höheren Auf- die Wettbewerbsfreiheit. Kerr (1950: 290) hat diese
wendungen, die für die Vorbereitung auf den Beruf Einsicht auf den Punkt gebracht: Wirtschaftliche
erforderlich sind. Aber auf diese Weise läßt sich die Gruppen schließen sich häufig zu dem Zweck zu-
Lohnstruktur bestenfalls zu einem Teil erklären. So- sammen, den Wettbewerb auszuschließen oder we-
weit diese Erklärung zutrifft, besteht keine Un- nigstens einzuschränken. „Yet freedom of associa-
gleichheit, sondern Gleichheit. Es bedarf zur Erklä- tion is as basic a political right as freedom of
rung der „wahren“ Ungleichheit also eines weiteren competition is an economic blessing“. Unter den
Ansatzes52. Wie ich zu zeigen versucht habe, resul- Bedingungen der Moderne gilt es, das widersprüch-
tiert die „wahre“ Ungleichheit aus der Zahlung von liche Verhältnis zwischen diesen beiden Prinzipien
ökonomischen Renten. Eine Theorie, die Ungleich- immer neu auszutarieren. Ihm zu entkommen, ist
heit auf diese Weise erklärt, ist nicht auf Einkom- nicht möglich.
men aus abhängiger Arbeit beschränkt, sondern
erhebt einen Geltungsanspruch für alle Faktorein-
kommen. Die conditio sine qua non für solche Zah- Literatur
lungen sind Wettbewerbsbeschränkungen, die aus
Prozessen der sozialen Schließung hervorgehen. Sie Atkinson, A.B., 1983: The Economics of Inequality. Ox-
führen zur Entstehung nicht-konkurrierender Grup- ford: Clarendon Press (Zweite Auflage).
pen (non-competing groups), um einen Ausdruck Bendix, R., 1974: Inequality and Social Structure: A Com-
von John E. Cairnes aufzugreifen.53 parison of Marx and Weber. American Sociological Re-
view 39: 149–161.
Meine Ausführungen wären mißverstanden, wenn Berger, J., 2003: Sind Märkte gerecht? Zeitschrift für So-
sie als Plädoyer für die schöne Welt des Konkur- ziologie 32: 462–473.
renzgleichgewichts gelesen würden. An Renten ist Blaug, M., 1976: The Empirical Status of Human Capital
an sich nichts „falsch“, nicht einmal an rent see- Theory. A Slightly Jaundiced Survey. Journal of Econo-
king. Nicht jeder Versuch, sich Einkommen in Ab- mic Literature 14: 827–855.
weichung vom Marktgleichgewicht zu verschaffen, Bowles, P., 1985: The Origin of Property and the Develop-
muß schon dem Verdikt verfallen, eine Verschwen- ment of Scottish Historical Science. Journal of the His-
tory of Ideas 96: 197–209.
dung von Ressourcen zu bedeuten, die besser zur
Brocker, M., 1992: Arbeit und Eigentum. Der Paradig-
Steigerung des Sozialprodukts verwendet würden. menwechsel in der neuzeitlichen Eigentumstheorie.
„Obviously“, räumt sogar Tullock (1988: 148), ei- Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft.
ner der schärfsten Kritiker von rent seeking ein, Bourguignon, F. / Morrison, C., 2002: Inequality among
„we have nothing against rents when they are gene- World Citizens: 1820–1992. The American Economic
rated by, let us say, discovering a cure for cancer Review 92: 727–744.
and then patenting it“. Ohne Marktunvollkom- Cairnes, J.E., 1874: Some leading Principles of Political
menheiten und daraus resultierende Renteneinkom- Economy Newly Expounded. New York: Harper and
men gäbe es keinen technischen Fortschritt und da- Brothers.
Dahrendorf, R., 1974: Über den Ursprung der Ungleich-
heit unter den Menschen. S. 352–379 in: ders., Pfade
52
Zu dieser Schrittfolge auch Dobb 1970, 6. Kapitel. aus Utopia. Zur Theorie und Methode der Soziologie.
53
Non-competing groups sind Gruppen, die von der Kon- München: Piper.
kurrenz ausgeschlossen sind: „It is nevertheless true that Davies, J.B. / Shorrocks, A.F., 2000: The Distribution of
the average workman, from whatever rank he be taken, Wealth. S. 605–676 in: A.B. Atkinson / F. Bourguignon
finds his power of competition limited for practical purpo- (Hrsg.), Handbook of Income Distribution, Volume 1.
ses to a certain range of occupations, so that, so whatever Amsterdam: Elsevier.
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may rise, he is excluded from sharing them. We are thus Stratification. S. 47–53 in: R. Bendix / S.M. Lipset
compelled to recognize the existence of non-competing in- (Hrsg.), Class, Status and Power. Social Stratification
dustrial groups as a feature of our economy“ (Cairnes in Comparative Perspective. London: Routledge & Ke-
1874: 66). Das Zitat könnte als Motto für diesen Aufsatz gan Paul LTD. Second Edition.
dienen. Cairnes, ein Schüler von John Stuart Mill, war Dobb, M., 1970: Der Lohn. Frankfurt: Europäische Ver-
Professor der politischen Ökonomie. Marx hat sich in sei- lagsanstalt.
nem Kapital mehrfach auf ihn bezogen. Esser, H., 2000: Soziologie. Spezielle Grundlagen, Band
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374 Zeitschrift für Soziologie, Jg. 33, Heft 5, Oktober 2004, S. 354–374
Summary: Although social inequality is a central area of research in sociology it does not look as if the discipline is able
to provide a conclusive and generally accepted answer to the question about the sources of inequality. In particular, a
theory of income inequality in market societies is not available. Rousseau’s „Discours sur l’inegalité“ inaugurated a
long-standing controversial debate. Although it amounts for long stretches, to nothing more than rhetoric, it, neverthe-
less, contains two important suggestions for answering the question: inequality arises by deviating from an original state
of equality; these deviations originate in enclosures, i.e. the appropriation of resources whose supply is limited. In taking
up these ideas this paper sets out to demonstrate that differences in remuneration in market societies result exclusively
from processes of monopolistic closure. In competitive equilibrium there are no differences in compensation but only
differences in endowment. Perfect competition eliminates the differential remuneration of factors of production thus
guaranteeing that returns are strictly proportional to investments. Restraints of trade, however, are the social basis for
the payment of economic returns to groups advantaged by the closure of markets. Economic returns beyond the amount
necessary to keep a factor of production in its present condition of employment, represent a structural inequality of in-
come not reducible to individual skill differences.