1. Abend: Was ist Religion überhaupt?
Bevor über das Thema Weltreligionen gesprochen wird, sollte geklärt werden, was wir überhaupt
unter einer Religion verstehen.
Deshalb der erste Schritt:
1. Was ist Religion? Versuch einer eigenen Definition.
Sprechen Sie in der Runde darüber und versuchen einmal herauszufinden, was Sie darunter
verstehen. Bitte schauen Sie noch nicht in die unten aufgeführten Definitionen – machen Sie sich
die Arbeit und finden Ihre eigene Meinung. Gut ist es, Papier und Stift zur Hand zu haben, um die
eigenen Definitionsversuche nachher vergleichen zu können.
2. Was ist Religion? Verschiedene Definitionen.
Nun folgen diverse Versuche, Religion zu definieren. Es gibt bisher keine allgemein anerkannte
Definition!
Zuerst Wikipedia: „Als Religion bezeichnet man eine Vielzahl unterschiedlicher kultureller
Phänomene, die menschliches Verhalten, Handeln und Denken prägen und Wertvorstellungen
normativ beeinflussen.”
Das Wort „Religion“: Nach CICERO (1. Jh. v. Chr.) geht religio auf relegere zurück, was wörtlich
„wieder auflesen, wieder aufsammeln, wieder aufwickeln“, im übertragenen Sinn „bedenken,
achtgeben“ bedeutet. Cicero dachte dabei an den Tempelkult, den es sorgsam zu beachten galt.
Dieser religio (gewissenhafte Einhaltung überlieferter Regeln) stellte er superstitio (nach der
ursprünglichen Bedeutung Ekstase) als eine übertriebene Form von Religiosität (tagelanges Beten
und Opfern) gegenüber. Zu Beginn des 4. Jahrhunderts führte der christliche Apologet LACTANTIUS
dagegen das Wort religio auf religare = „an-, zurückbinden“ zurück, wobei er sich polemisch mit
Ciceros Auffassung über den Unterschied von religio und superstitio auseinandersetzte. Er meinte,
es handle sich um ein „Band der Frömmigkeit“, das den Gläubigen an Gott binde.
KARL BARTH (1886-1968) sah die Religion sehr negativ und stellte sie in Gegensatz zur
Offenbarung. Religion ist demnach der menschliche Versuch, Gott zu erreichen, Offenbarung
dagegen Gottes Kontaktaufnahme mit dem Menschen. Diese Kritik lehnt sich an LUDWIG
FEUERBACH an, der ja bekanntlich in Gott die Projektion menschlicher Wünsche an den Himmel
erkennen wollte.
DIETRICH BONHOEFFER (1906-1945) äußerte sich ebenfalls kritisch zur Religion und schrieb: „Was
heißt nun ‚religiös interpretieren‘? Es heißt m.E. einerseits metaphysisch, andererseits
individualistisch reden. Beides trifft weder die biblische Botschaft noch den heutigen Menschen.“
(Widerstand und Ergebung, Brief vom 5.5.1944)
In der evangelischen Theologie war seitdem der Begriff Religion negativ bewertet. Erst in neuester
Zeit traut man sich wieder heran.
GERD THEIßEN (geb. 1943, Neutestamentler in Heidelberg) hat 2001 das Buch „Die Religion der
ersten Christen“ veröffentlicht. Darin heißt es:
„Religion ist ein kulturelles Zeichensystem, das Lebensgewinn durch Entsprechung zu einer letzten
Wirklichkeit verheißt.“(S. 28)
Das bedeutet:
kulturelles Zeichensystem: Wie Sprache oder Schrift ist Religion ein von allen (oder wenigstens
vielen) Menschen verstandenes System. Symbole, Geschichten, Feiertage, heilige Orte usw. sind
bekannt und vermitteln einen bestimmten Inhalt. Religion muss deshalb erlernt werden und ist vom
religiösen Gefühl (etwa angesichts eines Sonnenuntergangs) zu unterscheiden. Wie Sprache ist
Religion immer im Fluss und verändert sich, folgt aber festgelegten Regeln.
letzte Wirklichkeit: Als Zeichensystem steht die Religion vor der letzten Wirklichkeit und deutet auf
sie hin, ist jedoch nicht das Gleiche. Wenn wir „Gott“ sagen, ist das nie Gott selbst, sondern nur ein
Hinweis auf Gott. Gott selbst lässt sich nicht fassen. Juden sprechen aus diesem Grund den
Gottesnamen nicht aus.
Das relativiert jede konkrete Religion (wie Lessing es in seiner Ringparabel so genial ausgedrückt
hat). Allerdings steht uns Menschen „nur“ Religion zur Verfügung, wir können die letzte
Wirklichkeit niemals direkt erreichen.1 Vielleicht passt ein moderner Vergleich: Religion ist die
Software, die unsere Lebenscomputer zum Laufen bringt. Man muss sich entscheiden, ob man
Microsoft, Apple oder Linux „glaubt“.
Lebensgewinn: Religion ordnet das Leben, gibt Hoffnung, Trost und Stärkung. Sie ist ein Bollwerk
gegen das bedrohliche Chaos. Religion kann zunächst allerdings auch alle (falsche!) Sicherheit
zerstören. Die Propheten des Alten Testaments haben das getan. Am Ende geht es aber auch hier
darum, einen echten Lebensgewinn zu erzielen.
Diese Definition halte ich für sehr sinnvoll. Sie vermeidet einige Fehler älterer Versuche.
„Religion ist Glauben“: Das Judentum kennt den Glaubensbegriff nicht, es gibt also genau
genommen keinen „jüdischen Glauben“ (sondern nur ein „jüdisches Leben“!)
„Religion hat etwas mit Gott zu tun“: Der Buddhismus kennt keinen personifizierten Gott,
und wurde deshalb schon als „Meditationstechnik“ bezeichnet.
„Religion ist etwas anders als Offenbarung“: Das stellt das Christentum auf eine höhere
Stufe und wertet die anderen Religionen ab.
Jede Religion hat drei Grundanliegen: ihre Grundgeschichte (den Mythos), ihre Rituale und
schließlich ihre Moral bzw. ihre Ethik. Im Christentum wären das ganz kurz gesagt: der Mythos von
Kreuzestod und Auferstehung Jesu,2 das Ritual Abendmahl, das diesen Mythos vergegenwärtigt
und die Moral der Nächsten- und Feindesliebe, die sich ebenfalls in Jesu Sterben und Auferstehen
für Andere gezeigt hat.
Anhand dieser drei Grundbegriffe werden wir die Weltreligionen anschauen. Ich schlage dabei den
Weg von der Außenseite nach Innen vor: Zuerst die Riten, dann die Moral, dann die Mythen bzw.
Grunderzählungen.
Zunächst aber: 3. Was ist eine Welt-Religion? Traditionelle und weitergehende Ansichten.
Die klassischen fünf Weltreligionen sind (nach dem Alter):
Hinduismus, Judentum, Buddhismus, Christentum, Islam; unterteilt in die drei westlichen
Buchreligionen (Juden, Christen, Moslems) und die beiden östlichen (Hindus und Buddhisten).
Definiert man weitergehend, kommen noch hinzu: die Sikhs in Indien, die Konfuzianer und
Taoisten in China, Zoroastrer im Iran, Baha’i weltweit, Shintoisten in Japan und die Jains in Indien.
Manche rechnen auch die Mormonen in den USA als eigene Weltreligion. Daneben gibt es viele
Abspaltungen (besonders bei uns Christen!) und natürlich die Naturreligionen (animistische
Religionen und Schamanismus).
Und was ist mit den Weltanschauungen, die quasi religiös geworden sind, allen voran der
Marxismus? Ist das auch schon eine Weltreligion?
Je nachdem, wie man Religion definiert, kommt man zu verschiedenen Antworten. Gerd Theißens
Definition umfasst alle Arten von Religion.
1
Ein Buddhist würde hier vermutlich widersprechen: Das Nirvana ist die letzte Wirklichkeit. Allerdings lässt sich über
das Nirvana keinerlei sinnvolle Aussage mehr machen, weil dort jede menschliche Erkenntnis versagt.
2
Karl Barth und seine ganze Theologengeneration würden sich im Grab umdrehen, wenn sie lesen würde, dass die
Auferstehung „nur“ ein Mythos sein soll! Für sie ist es die Offenbarung des einen Gottes, die weit mehr als jeder
Mythos ist. Heute sieht man das wieder gelassener.
4. Zuletzt sei einige Literatur genannt:
Es gibt unendlich viele Bücher zu dem Thema. Ich arbeite mit folgenden:
Gerd Theißen, Die Religion der ersten Christen. Eine Theorie des Urchristentums, Gütersloh
2001 (ziemlich kompliziertes Buch für Theologen)
Kevin O’Donnell, Die Weltreligionen kennen und verstehen, Freiburg 2008 (ein buntes, sehr
informatives Buch mit vielen Bildern)
Emma Brunner-Traut, Die fünf großen Weltreligionen, Freiburg 1974 (ein Klassiker, viel
Text, keine Bilder, gute Hintergrunddarstellung)
Christoph Peter Baumann, Der Knigge der Weltreligionen, Stuttgart 2005 (der Führer durch
die Multi-Kulti-Gesellschaft, sehr alltagsnah und nett zu lesen)
außerdem gibt es zu einigen der Religionen die Bücher „Was jeder vom … wissen muss“
„Was jeder vom Judentum wissen muss“, Gütersloh 1990
„Was jeder vom Islam wissen muss“, Gütersloh 1990
„Was jeder vom Buddhismus wissen muss“
5. Abschluss
Als Lied soll uns „Strahlen brechen viele aus einem Licht“ (EG 268) durch dieses Thema begleiten.
Gebet: Es kann eines der Gebete der Religionen ausgewählt werden.