Mathe Funktionen
Mathe Funktionen
Funktionen für
Höhlenmenschen
und andere Anfänger
Koordinatensysteme zur Darstellung
von Abhängigkeiten in der Mathematik
Jürgen Beetz
Berlin
Deutschland
Springer Spektrum
© Springer Fachmedien Wiesbaden 2015
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Was Sie in diesem Essential finden
können
V
Vorwort
Inhalt dieses „essentials“ sind stark reduzierte Auszüge aus dem dritten bis fünften
der insgesamt 13 Kapitel meines Buches „1 + 1 = 10. Mathematik für Höhlenmen-
schen“ (Beetz 2012).1 Weitere Kapitel des Buches beschäftigen sich mit Folgen
und Reihen, Differential- und Integralrechnung, Statistik und Wahrscheinlichkeits-
rechnung und Philosophie der Mathematik – mehr oder weniger Abitursstoff und
zusammen „das, was man über Mathematik wissen sollte“ (zuzüglich vieler amü-
santer Geschichten und sogar eines Ausblicks aus der Steinzeit in die moderne
Informatik).
Mehr als die einfache Logik eines Frühmenschen brauchen Sie nicht, um die
Grundzüge der Mathematik zu verstehen. Deswegen ist der Zusatz im Titel auch
nicht diskriminierend gemeint. Denn Sie treffen in diesem Werk viele einfache,
fast gefühlsmäßig zu erfassende mathematische Prinzipien des täglichen Lebens.
Wir sind zwar „im Grund noch immer die alten Affen“, wie es ein Dichter formu-
lierte, aber unser Gehirn ist schon das eines homo sapiens.2 Die Mathematik ist ja
eine Wissenschaft des Geistes, nicht der Experimente und nicht der Technik. Man
braucht nur ein Gehirn dazu, genauer: rationales Denken.
Deswegen kann ich bei dem Versuch, Mathematik „begreiflich“ zu machen,
in die Steinzeit zurückgehen – genauer gesagt: etwa in die Jungsteinzeit, zufällig
7986 v. Chr., also vor genau 10.000 Jahren. Jäger und Sammler waren zu Bauern
und Viehzüchtern geworden. Dorfgemeinschaften, Rundhäuser und eine arbeits-
teilige Gesellschaft existierten bereits. Dort treffen Sie Eddi Einstein (wie konnte
ein Top-Mathematiker in der Jungsteinzeit auch anders heißen!?), den Denker und
Rudi Radlos, den Erfinder (die paradoxe Bedeutung dieses Namens rührt daher,
1
Hierbei wurden die teilweise Unterkapitel des Originals zu Kapiteln hier und die Zwi-
schenüberschriften zu Unterkapiteln.
2
Gedicht von Erich Kästner (1899–1974): Die Entwicklung der Menschheit. Quelle: http://
www.gedichte.vu/?die_entwicklung_der_menschheit.html.
VII
VIII Vorwort
dass er gerade das Rad nicht erfunden hatte). Die „drei“ galt damals bereits als eine
magische Zahl – aber ich greife vor: Die „Zahl“ als abstraktes Gebilde war auch
noch nicht erfunden. Etwas Magisches also. Wie dem auch sei, ein dritter Geselle
gehörte zu der Truppe: Siegfried „Siggi“ Spökenkieker, der Druide und Seher.3
Siggis Rolle ist eine bedeutende: Man glaubte damals noch an Determinismus
und Vorbestimmung – da traf es sich gut, dass der Seher mit der Gabe der Präkog-
nition gesegnet war.4 So können wir Eddi, den Denker, mit Erkenntnissen ausstat-
ten, die erst Jahrtausende später von bedeutenden Philosophen und Mathematikern
erlangt worden waren.
Die wahre Meisterin dieser Wissenschaftsdisziplin ist jedoch Wilhelmine Wic-
ca, meist „Willa“ genannt. Sie ist die erste Mathematikerin der Geschichte und
würde es auch lange bleiben.5 Zu Unrecht, wie man weiß, benutzt eine Frau doch
nicht nur eine, sondern beide Gehirnhälften. Und da durch diese Verbindung nach
den Regeln der Systemtheorie ein neues Gesamtsystem entsteht („Das Ganze ist
mehr als die Summe seiner Teile“), ist es nicht verwunderlich, dass Willa so klug
war wie die drei Kerle zusammen. Deshalb galt sie auch als Hexe6 – was damals
ein Ehrentitel war – und als weise Frau.
Wir werden die Gedankengänge und Erfahrungen unserer Vorfahren hier ver-
folgen und nachvollziehen. Ich werde schwierige Gedanken nicht nur in einfache
3
Als Spökenkieker werden im westfälischen und im niederdeutschen Sprachraum, speziell
im Emsland, Münsterland und in Dithmarschen, Menschen mit „zweitem Gesicht“ bezeich-
net. Der Begriff Spökenkieker kann dabei in etwa mit „Spuk-Gucker“ oder „Geister-Seher“
übersetzt werden. Spökenkiekern wird die Fähigkeit nachgesagt, in die Zukunft blicken zu
können. Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Spökenkieker.
4
Determinismus (lat. determinare „abgrenzen“, „bestimmen“) bezeichnet die Auffassung,
dass zukünftige Ereignisse durch Vorbedingungen eindeutig festgelegt sind. Quelle: http://
de.wikipedia.org/wiki/Determinismus. Präkognition (lateinisch: vor der Erkenntnis) ist die
Bezeichnung für die angebliche Vorhersage eines Ereignisses oder Sachverhaltes aus der
Zukunft, ohne dass hierfür rationales Wissen zum Zeitpunkt der Voraussicht zur Verfügung
gestanden hätte. Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Präkognition.
5
Als erste Mathematikerin überhaupt gilt Hypatia von Alexandria (ca. 355–415), die ein
grausiges Ende fand (Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Hypatia). Die erste Mathema-
tikprofessorin, die russische Mathematikerin Sofja Kowalewskaja (1850–1891), betrat erst
1889 in Stockholm die akademische Bühne. Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Sofja_Ko-
walewskaja.
6
„Wicca“ ist eine neureligiöse Bewegung und versteht sich als eine wiederbelebte Natur-
und als Mysterienreligion. Wicca hat seinen Ursprung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhun-
derts und ist eine Glaubensrichtung des Neuheidentums. Die meisten der unterschiedlichen
Wicca-Richtungen sind […] anti-patriarchalisch. Wicca versteht sich auch als die „Religion
der Hexen“, die meisten Anhänger bezeichnen sich selbst als Hexen. Quelle: http://de.wiki-
pedia.org/wiki/Wicca.
Vorwort IX
Worte kleiden, sondern sie in kleine verdaubare Häppchen zerlegen. Ein kompli-
ziertes Problem bleibt nämlich kompliziert, auch wenn man es einfach nur um-
gangssprachlich ausdrückt. Erst die Verringerung des Schwierigkeitsgrades durch
Zerlegung in einzelne Teilprobleme schafft Klarheit – ein Vorgehen, das seit jeher
zum Prinzip der Naturwissenschaft gehört.
Mathematik ist eine exakte Wissenschaft – mit kleinen „Löchern“, die wir noch
thematisieren werden. Sie zeichnet sich auch durch eine präzise Schreibweise aus
und verschiedene typographische Regeln, die beachtet werden sollten. Aber an
diesem Konjunktiv merken Sie schon: so ernst wollen wir das hier nicht nehmen.
So werden hier manchmal mathematische Größen (wie es in Fachbüchern üblich
ist) klein oder groß oder kursiv oder steil geschrieben, manchmal aber auch nicht.
Da Sie ja mitdenken, wird Sie das nicht verwirren. Und die kursive Schreibweise
verwenden wir auch (wie Sie zwei Sätze weiter oben sehen), um etwas zu betonen
und hervorzuheben.
Mathematik ist nicht die merkwürdige Spielwiese lebensfremder Streber mit
ungepflegtem Äußeren, sondern sie durchzieht unseren Alltag und ist mit den
zentralen Fragen unseres Lebens verbunden: Was hängt wie zusammen? Welche
Gesetze bestimmen das Dasein des Menschen und der Natur? Welche Strukturen
gibt es und wie kann der menschliche Geist sie in Erkenntnisse umformen? Wie
ziehen wir aus unseren Wahrnehmungen angemessene und logische Schlüsse? Von
Anfang an war Mathematik deshalb mit der Philosophie verbunden. Deswegen
schrieb schon der große Philosoph Platon um 370 v. Chr.: „Und nun, sprach ich,
begreife ich auch, nachdem die Kenntnis des Rechnens so beschrieben ist, wie
herrlich sie ist und uns vielfältig nützlich zu dem, was wir wollen, wenn einer sie
des Wissens wegen betreibt und nicht etwa des Handelns wegen“.7 Allerdings kann
ich dem nicht ganz zustimmen – am Ende fehlt ein „nur“: „… nur des Handelns
wegen“. Denn Sie werden sehen, wie viele mathematische Erkenntnisse auch im
Alltag praktische Auswirkungen haben.
Naturwissenschaftliche Kenntnisse gehören nicht zur Bildung, das meinen vie-
le. Nein, finde ich, sie sind immens wichtig zum Verständnis der Kultur – die Wen-
dung vom erdzentrierten Weltbild des Mittelalters (und der Kirche) zur modernen
kopernikanischen Erkenntnis der Neuzeit, wonach die Sonne im Mittelpunkt unse-
res Planetensystems steht, hat unser gesamtes Denken und unsere Kultur beein-
flusst. Naturwissenschaft und Mathematik prägen unser gesamtes Weltbild, zum
Leidwesen vieler Dogmatiker, die im Mittelalter stehen geblieben sind. Aber ich
möchte nicht polemisieren, ich möchte begreiflich machen. Denn besonders die
7
Platons Höhlengleichnis. Das Siebte Buch der Politeia, Abschn. 107. c) Nutzen der Re-
chenkunst zur Bildung der philosophischen Seele.
X Vorwort
1 Einleitung ����������������������������������������������������������������������������������������������� 1
Anmerkungen ����������������������������������������������������������������������������������������������� 53
Literatur ������������������������������������������������������������������������������������������������������� 55
XI
Einleitung
1
Er hatte auch ein praktisches Zahlensystem erfunden, für das man nur 10 Ziffern
benötigte, aber alle der unendlich vielen Zahlen aufschreiben konnte. Man erkennt
es schon an der „10“ des vorstehenden Satzes (für die die alten Römer ein eigenes
Zeichen hatten, das „X“). Reichen die Ziffern 0, 1, 2, …, 9 nicht mehr aus, dann
nimmt man einfach eine weitere Position hinzu: die „Zehnerstelle“. So kann man
beliebig große Zahlen schreiben, z. B. 253 = 2 · 100 + 5 · 10 + 3 · 1. Oder beliebig
kleine: 0,253 = 2 · 0,1 + 5 · 0,01 + 3 · 0,001. Oder jeden beliebigen Mix.
Mit Hilfe eines Tricks konnte Eddi auch sehr große Zahlen (besonders, wenn
es auf die Ziffern nicht so genau ankommt) schreiben. Statt 1.000.000 schreibt
man einfach die Zahl der Nullen als „Hochzahl“ hinter die „10“. Die Million wird
damit zu 106, die Milliarde zu 109. Das ist die „Potenzschreibweise“ oder „Ex-
ponentialdarstellung“. Sie funktioniert auch mit 102 (100), 101 (10) und 100 (1).
Was mit negativen oder „krummen“ Hochzahlen passiert, das kann man an anderer
Stelle nachlesen (Beetz 2012, 2014). Auch die Umkehrung des Potenzierens, die
sog. Logarithmen sind eine spannende Angelegenheit und dort ebenso erklärt wie
die Behandlung einfacher Gleichungen mit einer unbekannten Größe x. Liest man
„3x = 15“, ist die Größe von x leicht mit x = 5 zu bestimmen. Liest man „3x = y“
und es gibt keine zweite Gleichung für einen bestimmten Wert von y, dann haben
wir eine neue Situation. Die zweite „Unbekannte“ y ist nun eine Größe, die von x
abhängig ist (in diesem Fall ist y immer das Dreifache von x). Um das hervorzu-
heben, schreibt man das y zuerst: y = 3x – und genau diesen Zusammenhang nennt
man „Funktion“. Man sagt „y ist eine Funktion von x“, und das kann natürlich auch
komplizierter werden, z. B. y = x2 – 7x + 3.
Beschäftigen wir uns also mit „Funktionen“ – ein Begriff, der in der Mathema-
tik eine von der Alltagssprache abweichende Bedeutung hat. Sie dienen zur Be-
schreibung von Abhängigkeiten zwischen zwei Größen (z. B. Weg und Geschwin-
digkeit oder Körpergröße und Lebensalter) und ihrer grafischen Darstellung in
einem „Koordinatensystem“.
Die Beschreibung der Lage von Punkten auf einer Geraden, in einer Ebene oder
im Raum durch eine, zwei oder drei Zahlen ist eine wichtige Innovation. Diese
„Koordinaten“, wie man die Achsen nennt, sind inzwischen fast unmerklich in
unser Leben gewandert. Die Lage eines Feldes auf einem Schachbrett, der Standort
auf einer Wanderkarte oder die Entwicklung eines Börsenkurses werden in einem
zweidimensionalen Koordinatensystem beschrieben.
Die erste bekannte Verwendung der Worte „Abszisse“ und „Ordinate“ findet
sich in einem Brief des deutschen Universalgelehrten Gottfried Wilhelm Leibniz
an den Sekretär der Royal Society in London, Henry Oldenburg, vom 27. August
1676. Das sind die gelehrten Ausdrücke für die beiden Achsen des Koordinaten-
systems in horizontaler und vertikaler Richtung (in dieser Reihenfolge). Das karte-
sische Koordinatensystem trägt seinen Namen zur Ehre des französischen Mathe-
matikers René Descartes, der sich vornehm (lateinisch, wie es damals üblich war)
auch Cartesius nannte.
Auch unsere Steinzeit-Wissenschaftler entdeckten diese Zusammenhänge. Seit
dieser (erdgeschichtlich winzigen) Zeit ist ja nicht nur unser Wissen, sondern auch
die Größe der Menschheit selbst „explodiert“. Ein „exponentielles Wachstum“ –
und das wird uns hier bald begegnen.
Kartesische Koordinaten
2
Eddi Einstein hatte mit seinem Freund das Bild der Zahlengeraden mit allen Reel-
len Zahlen ja bereits früher in den Sand gezeichnet (Abb. 2.1).
„Ich habe eine Idee“, sagte Eddi wenig später zu Rudi. Der wehrte ab: „Ver-
schone mich! Wieder so ein theoretisches Zeug… eine neue Art von Zahlen oder
so.“ „Nein, ich möchte auf die Zahlengerade im Nullpunkt eine senkrechte Linie
mit einer zweiten Zahlengeraden errichten. So kann ich Punkte in einer Ebene be-
stimmen.“ „Sag’ ich doch: theoretisches Zeug! Verschone mich!“ Und Rudi ging
seiner Wege.
Nun muss man wissenschaftliche Erkenntnisse manchmal auch gegen den Wi-
derstand der Uninteressierten durchsetzen. Eddi brauchte einen Verbündeten. Sig-
gi. Er sollte ihm sagen, ob seine Vorstellung Zukunft hätte.
Eddi fand Siggi auf einer Lichtung, wo er auf einem Bein im Kreise tanzte und
jaulend „Ei jei-jei-jei“ sang. Verwundert erkundigte er sich, ob jener sich etwas in
den Fuß getreten habe. Die Antwort beruhigte und erstaunte ihn zugleich: Siggi
verriet ihm, er habe sich in Trance versetzt und in die Zukunft geschaut, in eine
ferne Zukunft, die er – Eddi – sich kaum vorstellen könne. Er habe schon gewusst,
dass er kommen würde und Hilfe bräuchte. Man nenne es „kartesische Koordi-
naten“, verriet ihm Siggi. „Was ist das denn?“, wollte Eddi wissen. „Das muss
ich noch erahnen“, antwortete Siggi, „doch deine Idee mit der senkrechten Achse
macht Sinn.“ Abwesend fügte er hinzu: „Aber du bist ja der Denker – mach’ was
draus! Was du in den Sand gezeichnet hast, war ja absolut korrekt.“
Verwirrt blickte Eddi ihn an. Was konnte er wissen – Seher hin oder her?1,
fragte er sich. Er konnte doch nicht gesehen haben, wie er die beiden Linien in den
Sand gezeichnet hatte (Abb. 2.2) – oder doch?!
Nun konnte man in dieser Ebene nicht nur alle Punkte markieren (wie oben P
mit x = 5 und y = 3), sondern ganze Punkthaufen, durch die man eine Linie ziehen
konnte.
Das Koordinatensystem mit seinen Möglichkeiten wurde schnell beliebt. Stri-
che an zwei Achsen zu machen und Punkte an ihren Schnittlinien zu markieren,
das konnte jeder. Die meisten beschränkten sich auf positive Werte, also den ersten
Quadranten. Einer hielt die wöchentliche Entwicklung seiner Kinder in Wachs-
tumskurven fest, ein anderer (der Astronom) die Höhe der Sonne abhängig von
1
Siggi kannte den Philosophen, Mathematiker und Naturwissenschaftler René Descartes
(latinisiert Renatus Cartesius; 1596–1650), dem die Erfindung des Kartesischen Koordina-
tensystems zugeschrieben wird (Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Descartes und http://
de.wikipedia.org/wiki/Kartesisches_Koordinatensystem).
2 Kartesische Koordinaten 5
der Tageszeit. Der Nahrungsverwalter behielt eine Übersicht über die Entwicklung
seiner Vorräte, viel anschaulicher als in seinen Zahlentabellen. Die Viehbesitzer
zeichneten die Entwicklung ihrer Herde abhängig von der Jahreszeit auf.
Natürlich konkurrierten Männer schon damals. Jagen diente nicht nur der Nah-
rungsversorgung, es war auch ein sportlicher Wettkampf. Die drei Jagdgruppen
wetteiferten um den Titel „Team des Monats“ – und um es einfach zu machen, wur-
de einfach das Gesamtgewicht der Beute anstelle der Stückzahl erfasst. Schließlich
ist ein erlegtes Mammut etwas anderes als ein getöteter Hase.
So hing bald am Höhleneingang, sorgfältig gegen die Witterung geschützt, ein
Diagramm, das die Jagdbeute der drei Teams „rot“, „blau“ und „grün“ abhängig
vom Monat zeigte (Abb. 2.3). Der Stammeshäuptling hatte die Zahlen geliefert,
Eddi das Diagramm angefertigt.
Die Verwendung des Koordinatensystems erlaubt jedoch noch eine völlig an-
dere Interpretation. Bisher haben wir nur einfache Punktehaufen in der x|y-Ebene
betrachtet, ob als Balken, Punkte oder Linien dargestellt. Aber weitgehend zusam-
menhanglos, eine Abhängigkeit des y-Wertes vom x-Wert in der Form einer Regel
ist nicht zu erkennen. Es wäre doch schön, wenn die kontinuierliche Leistungsstei-
gerung des Teams „blau“ über die Monate zu einer Rechenformel führen könnte:
Jagdleistung y blau = a + b ⋅ x, wobei x der Monat ist. Eine Gerade, wie man sieht.
6 2 Kartesische Koordinaten
Über die zwei Konstanten a und b kann man sich dann ja immer noch Gedanken
machen. Die lineare Trendlinie ließ sich ja bequem nach Augenmaß einzeichnen,
wie man sehen konnte.
Der Anführer der Jagdgemeinschaften hatte auf natürliche Weise die Zeit (in
diesem Fall den Monat) als waagerechte Achse seines Diagramms gewählt. Die
x-Achse wird häufig als Zeitachse verwendet und dann oft mit dem Buchstaben t
(lateinisch tempus = Zeit) gekennzeichnet.
Jetzt bleiben wir mal in der Gegenwart und führen uns das Prinzip der Funktion
noch einmal vor Augen. Eine Funktion ist eigentlich eine Beziehung zwischen
zwei Mengen, die jedem Element der einen Menge genau ein Element der anderen
Menge zuordnet. Das hört sich sperrig an, wird aber sofort klar: Die „Elemente der
einen Menge“ sind Werte auf der x-Achse, auch „Funktionsargument“ oder „un-
abhängige Variable“ genannt, die wir frei bestimmen können. Der „Funktionswert“
oder die „abhängige Variable“ ist der zugehörige y-Wert, der durch die Funktion
bestimmt wird. Im modernen Sprachgebrauch kann man sagen: Eine Funktion ist
eine black box. Ein Wert x fließt hinein, wird verarbeitet und kommt verändert
als y wieder heraus. Eine Abbildungsvorschrift, ein Transformationsapparat, eine
Wurstmaschine. Kennt man die Transformationsregel der Beziehung zwischen den
zwei Mengen x und y (was meist der Fall ist), dann wird die Funktion eine white
box. Der mentalen Hygiene halber sollte man auch den Unterschied zwischen einer
Funktion an sich und dem Wert der Funktion an einer bestimmten Stelle ausein-
ander halten.
Die Funktion ist… na, klar: eine Gleichung (erst einmal ins Unreine gespro-
chen). Beginnen wir mit dem einfachsten Beispiel: y = x. „Langweilig!“, werden
Sie sagen. Zu jedem x-Wert, den ich aus der Menge der reellen Zahlen frei aus-
suchen kann (ob 0, 1, − 17, 365 oder π), ergibt sich der Funktionswert, der in die-
sem Fall exakt gleich groß ist. Die entsprechende „Kurve“ im Koordinatensystem
ist – das werden Sie schon messerscharf geschlossen haben – eine Gerade, eine
45°-Linie, wenn die Maßstäbe auf der x- und y-Achse gleich sind. Denn eine „Kur-
ve“ ist für Mathematiker nicht etwa eine Straßenkrümmung, sondern ein Funk-
tionsverlauf in einem Koordinatensystem (und sie ist selbst dann eine, wenn sie
schnurgerade ist!).
Funktionen haben oft (aber nicht notwendigerweise) Namen, z. B. allgemeine
wie „f“ oder „g“ oder (aussagekräftige) wie „sin“ oder „exp“ (zu ihrer Bedeutung
kommen wir noch). Man definiert sie, indem man eine explizite Zuweisung macht,
2.1 Das Herz des Koordinatensystems: die „Funktion“ 7
z. B. durch eine Gleichung wie f(x) = x oder g(x) = x2. Hier ist also „f“ der Name
der Funktion (allgemein, nur um sie von einer anderen zu unterscheiden), „x“ das
„Argument“ (der input) und „f(x)“ der dem Argument zugeordnete Wert (also der
output), den man als y-Wert in einem Koordinatensystem x|y zeichnen kann. In-
sofern ist eine Funktion nicht eine bloße Gleichung, sondern eine Regel, die man
durch eine Gleichung definieren kann.
Nehmen wir eine Funktion y = f(x). So ist oft die allgemeine Schreibweise,
wenn man die Art der Abhängigkeit noch nicht festgelegt hat („black box“), son-
dern nur die Variablen benennen und dem Ausgang bzw. Eingang zuordnen will.
Man spricht das als „y gleich f von x“. Manchmal findet man auch eine „Kurz-
form“, nämlich y(x) – damit sind abhängige und unabhängige Variable benannt.
Denn Sie erinnern sich ja: Für bestimmte Variablen hat sich in der Mathematik
und besonders in der Physik eine bestimmte Bezeichnung eingebürgert, etwa s für
einen Weg oder t für die Zeit. Also schreibt man s = f(t) und sagt: „Der Weg ist eine
Funktion der Zeit“ oder „s gleich f von t“. Welche Funktion, das ist noch offen. Die
Klammern haben hier also eine andere Bedeutung als in Ausdrücken wie (a + b)2.
Nun sind Ihrer Phantasie keine Grenzen gesetzt. Schauen wir uns die einfachsten
Funktionen im Diagramm an: y = x, y = x2, y = 1/x. Wir betrachten sie im Bereich
von x = − 3 bis x = + 3 (Abb. 2.4).
Die Gerade y = x ist (wegen der unterschiedlichen Achsenmaßstäbe) keine
45°-Linie, sondern flacher. Die Parabel y = x2 ist zur y-Achse symmetrisch, was ja
nicht anders zu erwarten war: − x ⋅ − x = + x . Sie wächst für x → ± ∞ natürlich
auch gegen Unendlich.
Die Hyperbel ist auf den ersten Blick harmlos: Sie wird für wachsende x immer
kleiner oder für schwindende x immer größer. Also für x = 5 ist y = 0,2 und x = 10
ist y = 0,1. Oder umgekehrt für x = 1 ist y = 1 und für x = 1 2 ist y = 2. Nichts deutet
auf die Katastrophe hin, die sich bei x = 0 ereignet. Die Mathematik macht kei-
ne Sprünge – jedenfalls meistens nicht. Doch wenn sie welche macht, sind auch
sie logisch. Ein Beispiel ist die Hyperbel y = 1/x. Geht ein positives x gegen null,
geht y gegen Unendlich und „springt“ auf minus Unendlich, wenn x negativ wird.
Sie hat im Nullpunkt eine „Unstetigkeit“, wie man sagt. Einen y-Wert, der nicht
definiert ist. Für x = 0 ist y = 1/0, was Sie ja als „verbotene“ Operation kennen ge-
lernt haben. Bei x = 0 ist y = − ∞ bzw. y = + ∞ , je nachdem, von welcher Seite Sie
kommen. Das hatten wir ja schon kurz erwähnt. Es ist wie der „blinde Fleck“ im
Auge eines Menschen, nur erheblich kleiner. Unendlich klein, um genau zu sein.
Noch präziser: die Breite der Unstetigkeit ist 0. Die Hyperbel hat bei x = 1 den
Wert y = 1 und bei x = − 1 den Wert y = − 1. Innerhalb dieses schmalen Streifens
steigt ihr Absolutwert (ohne Berücksichtigung des Vorzeichens) rasant an, denn
1/0,000.001 = 1/10−6 = 106. Umgekehrt nähert sie sich außerhalb des schmalen Inter-
8 2 Kartesische Koordinaten
10
0
-3 -2,5 -2 -1,5 -1 -0,5 0 0,5 1 1,5 2 2,5 3
-2
-4
-6
-8
-10
y=x y = x2 y = 1/ x
valls − 1| + 1 schnell der Nulllinie. Willa würde sagen, die Parabel sei perfekt, die
Hyperbel jedoch sei schön – denn Schönheit ist Perfektion und Symmetrie plus
einem „Schönheitsfleck“, einem ästhetischen Bruch.
Natürlich kann man auch geometrische Figuren im Koordinatensystem darstel-
len, denn nicht alle Kurven streben für x → ∞ gegen 0 oder Unendlich. Manche
wiederholen sich bis zum Ende aller Tage. Wir werden noch Funktionen kennen
lernen, die genau dieses Verhalten zeigen. Man spricht dann von „Periodizität“
oder periodischem Verlauf – Werte, die sich in regelmäßigen Abständen wiederho-
len. Denken Sie sich eine Welle, eine Schwingung, die nie abklingt (in der Physik,
also der realen Welt, nicht möglich – in der Mathematik, also der abstrakten Welt,
eine leichte Übung).
Auch der Kreis mit dem Radius r lässt sich im Koordinatensystem leicht dar-
stellen, wie Sie sofort sehen – der gute alte „Pythagoras“ hilft uns dabei. Denn
r2 = x2 + y2, und das lässt sich ja bequem nach y auflösen (Abb. 2.5). Natürlich ist
y für x > r nicht definiert – oder ist es Ihnen schon gelungen, die Wurzel aus einer
negativen Zahl zu ziehen, also aus (r2 − x2) für x > r?! Na, sehen Sie! Und seine per-
fekte Symmetrie erklärt sich mathematisch nicht nur aus der Tatsache, dass y für
ein positives x denselben Wert wie für ein negatives x hat (wegen der Quadrierung,
2.2 Die Königin: die Exponentialfunktion 9
r
y
x
x
Symmetrie zur y-Achse). Es ergeben sich auch für jede Wurzel zwei Lösungen
– daher stammt die Symmetrie zur x-Achse (denn z. B. ist mit r = 1 bei x = ½ das
y = ± ½ · √3).
Jetzt wird der Kreis gestaucht – Resultat: die Ellipse, eine spezielle geschlos-
sene ovale Kurve. Wenn x2 + y2 = 1 die Gleichung des Kreises mit dem Radius 1 ist
(der „Einheitskreis“), dann ist die Gleichung eines entlang der x-Achse um a und
entlang der y-Achse um b gestauchten Kreises logischerweise (x/a)2 + (y/b)2 = 1.
Eddi hatte inzwischen herausgefunden, dass es besser war, Siggi gleich nach den
richtigen Fachbegriffen für seine Entdeckungen zu fragen, anstatt sich selbst den
Kopf zu zerbrechen. Es war ja auch nicht sinnvoll, einen Begriff zu prägen, der
sich in der Zukunft nicht durchsetzen würde. Außerdem festigte dies die Zusam-
menarbeit mit Siggi und damit die Akzeptanz seiner – für viele seiner Stammens-
genossen manchmal ungewöhnlichen – Entdeckungen.
Deswegen beschäftigte er sich jetzt mit der „Exponentialfunktion“ y = irgend-
wasx oder in mathematische Schreibweise y = ax. Zum Beispiel y = 2x oder y = 3x.
Also eine fortlaufende Multiplikation der Basis a mit sich selbst – das Ganze x
Mal, wie die kleine Zahl im sog. „Exponenten“ angibt. Das sind echte Wumm!-
10 2 Kartesische Koordinaten
Funktionen (ein Begriff, den Sie in keinem Mathe-Buch finden), weil die y-Werte
sehr schnell sehr groß werden. Wenn a = 10, dann machen wir Sprünge in Zeh-
nerpotenzen. Die Basis a, das sei fast überflüssigerweise erwähnt, muss natürlich
eine Bedingung erfüllen: a > 0. Oft wird auch a ≠ 1 angegeben, denn die Expo-
nentialfunktion mit a = 1 ist etwas langweilig, weil sie überall den Wert 1 hat. Für
a können wir eine beliebige reelle Zahl nehmen, egal, wie krumm – sagen wir:
2,7182818. Wir kennen sie unter dem Namen „e“, die „Eulersche Zahl“. Vernach-
lässigen wir vorerst die Frage, wie wir denn z. B. 2,71828181,5 (also e1,5) mit ver-
tretbarem Aufwand berechnen. Prinzipiell ist dieser Fall ja klar: 1,5 = 3/2 und nach
den bekannten Potenzgesetzen ist das die Quadratwurzel (d. h. e1/2) aus e3. Was
die Rechnerei auch nicht einfacher macht – aber das haben andere schon für uns
erledigt. Die „e-Funktion“ ist keine Unbekannte und bereits nach allen Himmels-
richtungen untersucht
Interessant ist der Verlauf der „e-Funktion“: Bei x = 0 ist sie 1 (alles hoch null
ist ja 1), für negative x wird sie bei x = − 1 zu 1/e, bei x = − 2 zu 1/e2 und bei x = − 3
zu 1/e3. Sie nähert sie für negative x also auch sehr schnell der Nulllinie. Auf
der anderen Seite der y-Achse wächst sie… „exponentiell“, wie Sie zu Recht ver-
muten. Den Begriff hört man ja oft. Sie wird sehr schnell sehr groß. Bei x = 5 ist
y ≈ 148 und bei x = 10 ist y ≈ 22.000. Hinter alle diese Geheimnisse der „Königin
der Funktionen“ war Eddi auch schon gekommen. Deswegen konnte er sie an der
Höhlenwand mit einem neuen Kohlestift skizzieren (Abb. 2.6).
Rudi fand das auch elegant. Eine neue Art von „Wumm!-Kurve“, sozusagen.
„Der Logarithmus beschäftigt mich noch“, gestand Rudi seinem Freund, „denn
es kann ja nicht sein, dass ausgerechnet und immer die 10 die Basis ist.“ Er malte
zur Erinnerung noch einmal den Zusammenhang „10x = a ⇒ x = log a“ in den Sand
und fuhr fort: „Ich könnte doch genauso gut den Logarithmus zur Basis 2 oder
4711 oder π bilden.“ Eddi stimmte zu: „Wo du Recht hast, hast du Recht. Des-
wegen schreibt man die Basis manchmal tiefgestellt dran, zum Beispiel log10 a
oder log2 a. Aber meist wird mit dem Zehnerlogarithmus gearbeitet und mit einem
besonderen Spezi, dem du schon oft begegnet bist.“ „Und der wäre?“ „Euler. Der
so genannte „natürliche Logarithmus“ zur Basis e, einer ausgesprochen krummen
Zahl, wie du weißt.“ „Ja, geradezu irrational“, sagte Rudi, „Lass uns die Funktio-
nen doch einmal aufzeichnen!“ (Abb. 2.7).
Dann diskutierten sie eine Weile darüber, aber das würde uns hier keine tieferen
Erkenntnisse bringen. Der Logarithmus von 1, zu welcher Basis b auch immer, ist
0, denn b0 ist 1. Es ist auch klar, dass kein Logarithmus, zu welcher Basis auch im-
mer, im Punkt 0 definiert ist, denn es gibt kein x, für das 10x oder ex ein Ergebnis 0
liefern würde. Man kann sich herantasten: 10−6 = 0,000.001, und dieses Millionstel
2.2 Die Königin: die Exponentialfunktion 11
y
16
14
12
10
0 x
-3 -2,5 -2 -1,5 -1 -0,5 0 0,5 1 1,5 2 2,5 3
y = ex
0,5
0
0 0,5 1 1,5 2 2,5
-0,5
-1
-1,5
-2
-2,5
-3
y = l og x y = ln x
auf der x-Achse abgetragen liefert im Zehnerlogarithmus den y-Wert von − 10.
Aber nichts außer 10− ∞ ist 0.
Logarithmische Skalen treffen wir häufig an. Eine davon ist die „Richterska-
la“, mit der die Energiefreisetzung von Erdbeben gemessen wird. Wenn also dem-
nächst wieder ein AKW auf einer tektonischen Falte wackelt, dann wissen Sie: Ein
Punkt mehr (z. B. von 6,0 auf 7,0) bedeutet eine Verzehnfachung der Stärke und
zwei Punkte die hundertfache Stärke. Das Lexikon sagt uns, dass die „äquivalente
explosive Energie“ W in Tonnen TNT mit der „Magnitude“ M der Richterskala wie
folgt zusammenhängt:
3
2 ( M − 2)
M = 2 + log10 E oder umgekehrt E = 10 2
3
Logarithmen bestimmen auch viele andere Aspekte des Lebens. Die Stärke eines
Sinneseindrucks in Abhängigkeit von einer physikalischen Größe wie Helligkeit
oder Lautstärke nimmt zum Beispiel entsprechend dem Verlauf einer Logarith-
musfunktion zu, ebenfalls die wahrgenommene Tonhöhe in Abhängigkeit von der
Frequenz eines Tones.
Wenn sich also Ihr Nachbar bei Ihnen über die laute Musik beschwert, dann ant-
worten Sie ihm doch locker lächelnd: „Wieso? Es ist doch nur ein Bel mehr!“ Die
Veränderung von 60 auf 70 dB („dB“ ist eine „Dezibel“ und somit 1/10 Bel) ist aber
eine Verzehnfachung des Schalldrucks – und wehe, Ihr Nachbar kommt dahinter!
Jetzt lohnt es sich, einen Blick auf einen kleinen Kunstgriff zu werfen. Niemand
verlangt ja, dass die Maßstäbe der x- und der y-Achsen identisch sind. Das haben
Sie ja schon in vielen Abbildungen hier gesehen. Es waren beides jedoch immer
lineare Skalen: Die Strecke zwischen x = 1 und x = 2 ist genau so groß wie die zwi-
schen x = 11 und x = 12. Muss das so sein?
Diese Frage stellen heißt, sie verneinen. Warum stauchen wir nicht die Achsen
mit Hilfe des Logarithmus?! Besonders gerne macht man das mit der y-Achse: Sie
bekommt einen „logarithmischen Maßstab“. Das macht Sinn, wenn der Wertebe-
reich der dargestellten Daten viele Größenordnungen umfasst. Aber es „verfälscht“
auch die dargestellten Kurven, wie Sie gleich sehen werden (Abb. 2.8). In der „gu-
ten alten Zeit“, als man Kurven noch mit der Hand auf Millimeterpapier zeichnete,
verwendete man hierfür „Logarithmenpapier“.
Wer hätte das gedacht? Die optisch so eindrucksvollen Wumm!-Kurven aus
Abb. 2.6 mutieren in Abb. 2.8 zu einfachen Geraden, die optisch ihre Bedeutung
gut verstecken können. Das freut die „Zukunftsforscher“: Man nimmt ein Lineal,
2.3 Kurven und ihre Aussagen 13
10000
1000
100
10
1
0 2 4 6 8 10 12
a=2 a=3
verlängert die Gerade bis ins Jahr 20xx und fertig ist die Prognose.2 Darauf werden
wir in Kap. 4 noch zurückkommen.
Eine Kurve ist für Mathematiker also eine „Funktion“ y = f(x), genauer gesagt
der Graph einer Funktion. Oft will man wissen: Für welches x ist y = 0? Wo also
schneidet die Kurve des Funktionsverlaufs die x-Achse? Das ist eine so offenkun-
dige Frage, dass sie sich auch den Steinzeit-Mathematikern sofort stellte.
„Die Gleichung x2 = a haben wir ja schon gelöst“, sagte Rudi, „der Schnittpunkt
der Parabel mit der x-Achse. Oder anders herum: die Gleichung. x 2 − a = 0 Natür-
lich für anständige a, die größer als Null sind, sonst versuchen wir ja, die Wurzel
aus einer negativen Zahl zu ziehen… was nicht geht. Aber was ist, wenn noch ein
lineares Glied hinzukommt, sagen wir x 2 + bx + a = 0 ?“ Eddi wusste Rat: „Dann
verallgemeinern wir die Gleichung doch gleich so, dass wir drei beliebige Größen
2
Freunde des bissigen Kabaretts sehen hierzu Volker Pispers: Orakel (http://www.youtube.
com/watch?v=-x_KIJGk1|M).
14 2 Kartesische Koordinaten
darin unterbringen können. Sagen wir: a, b und c, von links nach rechts, mit jeweils
beliebigen Vorzeichen und Zahlenwerten. Also y = ax + bx + c = 0 . Übrigens…“
2
Eddi senkte die Stimme zu einem vertraulichen Flüstern: „Siggi hat das „ein Poly-
nom zweiten Grades“ genannt.“ „Ist ja toll!“, kommentierte Rudi völlig unbeein-
druckt, „Hat er dir auch gleich die Lösung dazu verraten?“ „Ja“, sagte Eddi, „und
noch einen Fachausdruck dazu: die „Diskriminante“.“ „Ach herrje! Er war wohl
wieder in der Zukunft und hat sich dort schlau gemacht. Was ist das nun wieder?“
„Der Ausdruck „b2 – 4ac“. Das Wort soll in der Römersprache „unterscheiden“
heißen. Man unterscheidet damit verschiedene Fälle. Ist der Ausdruck größer als
null, dann gibt es zwei verschiedene reelle Nullstellen x1 und x2. Zum Beispiel
im Fall 2 x 2 + 5x + 3 = 0 , denn b 2 − 4ac = 25 − 4 ⋅ 2 ⋅ 3 .“ „Gerade so eben an der
Null vorbei geschafft“, stellte Rudi fest, „Aber was ist, wenn der Ausdruck exakt
null ist? Wie im Fall 2 x + 4x + 2 = 0 .“ „Dann steht die Parabel wie ein Tonkrug
2
auf der x-Achse und berührt sie in einem einzigen Punkt. Die Lösungen x1 und
x2 fallen zusammen zu einem einzigen x.“ Rudi hatte das Wort schnell gelernt:
„Und wenn die Diskriminante negativ ist? Zum Beispiel bei x 2 + 4x + 2π = 0 ist
b 2 − 4ac = 16 − 4 ⋅1⋅ 2 ⋅ 3,1415 . Das ist etwa minus neun… Denn die Werte a, b und
c müssen ja nicht ganzzahlig sein.“ „Dann gibt es keine Lösung“, sagte Eddi kate-
gorisch.3 „Das sollten wir einmal aufmalen!“, entschied Rudi (Abb. 2.9). „Mit x
zwischen − 2,8 und + 0,3 könnten wir schöne Parabeln bekommen. Nennen wir die
„Diskriminante“ einfach D, das ist schneller zu schreiben.“
„Ist ja nicht sehr deutlich zu sehen“, meckerte Eddi. Rudi wusste, wer das zu
verantworten hatte: „Wenn du mit deiner ersten Diskriminante nicht so knapp an
der Null vorbei geschrappt wärest, wäre es deutlicher. Aber dicht daneben ist auch
vorbei. Doch ich finde das nicht schlecht: Man sieht, welchen Einfluss der Aus-
druck „D = b2 – 4ac“. auf die Kurve hat. Bei D = 0 steht die Parabel bei x = − 1 auf
der Achse. Und die negative Diskriminante d < 0 schafft es offensichtlich nicht bis
zur Nulllinie herunter.“
3
Womit er Unrecht hatte – teilweise. Genauer: Es gibt keine reelle Lösung der quadratischen
Gleichung. Wenn die „Komplexen Zahlen“ vorgestellt werden, wird sich das Blatt wenden.
Zur Formulierung „keine Lösung“ noch eine Anmerkung: In der exakten Sprache der Mathe-
matik bedeutet das, dass es ohne eine einzige Ausnahme wirklich gar keine (reelle) Lösung
gibt – im Gegensatz zu umgangssprachlichen Sätzen wie „Ich habe kein Geld“ (um dann
doch noch einen Zehner in der Brieftasche zu entdecken).
2.4 Die Lösungen der Quadratischen Gleichung 15
0
-3,1 -2,6 -2,1 -1,6 -1,1 -0,6 -0,1 0,4
-1
− b ± b 2 − 4ac
x1,2 =
2a
„Uh!“, sagte Rudi und verdrehte die Augen, „Das ist ja ein Formelmonster!“ „Ja“,
bestätigte Eddi, „das war die gute Nachricht. Die schlechte ist: Du musst sie aus-
wendig können! Wenn ich dich um Mitternacht wecke…“ „Niemand weckt mich
um Mitternacht!“, sagte Rudi drohend, und damit war das Thema erledigt.
16 2 Kartesische Koordinaten
Nicht für uns. Sie werden sich doch sicher dafür interessieren, wie man zu die-
ser „a-b-c-Formel“ oder „Mitternachtsformel“ kommt. Wir müssen mal wieder
eine Gleichung so lange umgraben, bis der gesuchte Wert x auf einer Seite steht:
Ein übler Trick, zugegeben. Aber Sie sehen sofort, wohin das führen soll. Der
Künstler möchte die „Binomische Formel“ anwenden: (a + b) = a + 2ab + b .
2 2 2
Oder hätte ich besser andere Buchstaben nehmen sollen, um einer Verwechslungs-
gefahr mit denen im Polynom zu vermeiden, etwa (p + q) 2 = p 2 + 2pq + q 2 ? Auf
jeden Fall nun können wir nun die linke und die rechte Seite geschickt umbauen
und sehen schon die „Diskriminante“ am Horizont erscheinen:
Diese Gleichung aber lässt sich nun wirklich sofort lösen, denn sie sagt nur, dass
das Quadrat einer Zahl – in diesem Falle (x + b/2a) – gleich einer anderen Zahl ist.
Also ziehen wir aus der linken Seite (x + b/2a)2 die Wurzel und setzen sie mit der
Wurzel aus der rechten Seite gleich:
Spätestens hier sehen Sie, dass eine Diskriminante D < 0 (noch) nichts bringt, da
der Ausdruck in der Wurzel negativ würde. (Noch) unlösbar!
Verifizieren wir noch kurz Rudis Vermutung über die Schnittpunkte mit der
x-Achse, auch „Nullstellen“ genannt: irgendwo bei − 1,5 und − 1, das konnte er
mühsam erkennen… Die Funktion war y( x ) = 2x + 5x + 3 , also ist a = 2, b = 5
2
und c = 3. Um die beiden x für y(x) = 0 zu finden, setzten wir diese Zahlen in die
a-b-c-Formel ein. Die Diskriminante D = b2 − 4ac ergibt 1. Je größer dieser Wert ist,
desto weiter liegen die Nullstellen auseinander (was hier gerade nicht der Fall ist).
Dann errechnet sich x1 = (− 5 + 1)/4 = − 1 und x2 = (− 5 − 1)/4 = − 1,5. Da hatte Rudi ja
ganz scharf hingesehen!
Wenn Sie das noch ein wenig verwirrt: Schreiben Sie es mit „ordentlichen“
waagerechten Bruchstrichen auf einen Zettel, dann wird es noch deutlicher. Das
Ergebnis ist in beiden Fällen die „Mitternachtsformel“. Und wenn Sie immer noch
zweifeln: nehmen Sie die Formel, quadrieren Sie beide Seiten und schieben Sie
die Gleichung fröhlich herum. Wetten, dass Sie bei ax 2 + bx + c = 0 landen?! Was
zu beweisen war – oder in der „Römersprache“: quod erat demonstrandum (ab-
gekürzt: q.e.d.).
Natürlich bleiben wir bei Gleichungen zweiter Ordnung nicht stehen.
Es gibt auch Gleichungen dritten Grades oder „kubische“ Gleichungen:
ax 3 + bx 2 + cx + d = 0 bzw. die dazu gehörige Funktion (mit resultierendem Gra-
phen) y = f ( x ) = ax + bx + cx + d . Korrekterweise ist sie nur für a ≠ 0 eine ech-
3 2
te kubische Gleichung – aber diese Pingeligkeiten kennen Sie ja schon. Sonst wird
die kubische Gleichung ja zur quadratischen. Und so geht es weiter: Die Gleichung
vierten Grades (auch biquadratische Gleichung, quartische Gleichung oder poly-
nomiale Gl. 4. Grades) hat die Form ax 4 + bx 3 + cx 2 + dx + e = 0 . Nun dürfen Sie
raten, wie die Gleichung fünften Grades oder „Quintische Gleichung“ aussieht…
2.5 Sinus & Co
1,5
0,5
/2 3 /2 2
0
0 1 2 3 4 5 6
-0,5
-1
-1,5
negativ wird, erhalte ich einen negativen Wert, denn sin (−α) = − sin α. Das habe
ich mir schon überlegt.“ Rudi war erstaunt: „Dann kannst du also den vollen Kreis
durchdrehen, 360°, und einen sin x mit x von null bis 2π zeichnen?!“ „Ja“, sagte
Eddi und tat es sofort (Abb. 2.10).
„Und wie geht es dann nach 2π weiter?“ „Es geht immer so weiter, jede weite-
re Drehung im Einheitskreis bringt weitere 2π auf der x-Achse hinzu. Bis in alle
Ewigkeit.“ Rudi war begeistert über die Schönheit dieser Kurve.
Der Sinus wird begleitet von einem Bruder, dem Kosinus. Während der Sinus
im rechtwinkligen Dreieck (siehe Abb. 2.5) als y/r definiert ist, ist der Kosinus cos
α = x/r (bzw. im Einheitskreis r = 1) cos α = x. Schieben Sie den Sinus in Abb. 2.10
einfach um π/2 nach links: Der Kosinus beginnt mit dem Scheitelwert 1 und fällt
dann schwungvoll und elegant ab, um bei x = π/2 die Nulllinie zu kreuzen. Weitere
sog. „trigonometrische Funktionen“ sind der Tangens tan α = y/x und der Kotan-
gens cot α = x/y. Ihre Kurvenverläufe sehen etwas exotischer aus.4
Schönheit ist ja eine Sache. Die andere aber ist die praktische Anwendung. Nun
sind der Sinus und alle anderen trigonometrischen Funktionen ja nichts, womit wir
im täglichen Leben zu tun hätten. Oder doch?
Ich muss Ihnen sagen: Der Sinus und seine Kollegen lauern an jeder Ecke. Sie,
meine Leser, werden von ihnen durchdrungen, ohne dass Sie es merken. Doch
4
Näheres in Beetz 2012, S. 49 f. und https://de.wikipedia.org/wiki/Tangens und Kotangens.
2.5 Sinus & Co 19
manchmal hören Sie sie. Sie spüren sie sogar in bestimmten Fällen auf Ihrer Haut.
Wenn Sie abends zu Bett gehen, schalten Sie sie aus. Und wenn Sie die Augen
aufmachen, sehen Sie nur Sinusse (oder wie immer der Plural lautet). Denn alle
Schwingungen haben Sinusform, manchmal rein, manchmal als Gemisch. Der
Kammerton a ebenso wie der Wechselstrom in Ihrer Steckdose, Fernsehsignale
ebenso wie das Licht, das Ihre Netzhaut trifft.
Dabei wird die x-Achse zur Zeitachse. Die Periode 2π heißt Wellenlänge,
die in m gemessen wird, die Häufigkeit der Schwingungen pro Sekunde ist die
„Frequenz“, wobei das Maß „Schwingungen pro Sekunde“ zu Ehren eines gro-
ßen Wissenschaftlers, des deutschen Physikers Heinrich Rudolf Hertz, in „Hertz“
(Hz) angegeben wird. Beispiele aus Ihrem Alltag? Aber gerne, schauen Sie sich
Abb. 2.11 an. Dabei ist zu beachten, dass die beiden Maßzahlen Frequenz und
Wellenlänge wegen ihrer oft extremen Wert die üblichen Abkürzungen tragen: „k“
für „kilo“ = 1000, „M“ für „Mega“ = 1.000.000 = 106, „G“ für „Giga“ = eine Mil-
liarde = 109, „T“ für „Tera“ = eine Billion = 1012 und auf der anderen Seite „m“ für
„milli“ = 1/1000, „µ“ für „mikro“ = 1/1.000.000 = 10−6, „n“ für „nano“ = 1/1.000.00
0.000 = 10−9. Übrigens besteht ein einfacher Zusammenhang zwischen Frequenz f
und Wellenlänge λ (der griechische Buchstabe lambda): f ⋅ λ = v , wobei v die Aus-
breitungsgeschwindigkeit der Welle ist. Diese extrem ungemütlichen Werte rühren
bei den elektromagnetischen Wellen (Licht, Radio, Fernsehen, Mikrowelle usw.)
natürlich von der Lichtgeschwindigkeit von ca. 300.000 m/sec her.
Violett sehen Sie, wenn eine elektromagnetische Welle mit 380–420 nm Ihr
Auge trifft. „Ich sehe rot!“ können Sie sagen, wenn die Wellenlänge 650–750 nm
beträgt. Bei längeren Wellen sehen Sie nichts mehr, aber Sie spüren es auf Ihrer
Haut: Ab 780 nm beginnt das „nahe Infrarot“, und 1000 nm = 1 µm = 1/1000 mm sind
schön warm zu spüren.
Natürliches Wachsen und Schrumpfen
3
Willa hatte sie dazu verdonnert, jeden Tag einige Stunden in schnellem Tempo
spazieren zu gehen – das täte der Gesundheit gut. Die anderen Stammesmitglieder,
speziell die Jäger, täten das auch oder arbeiteten zumindest körperlich. Dreißig
bis vierzig Kilometer am Tag wären schon empfehlenswert. Zwar verbrauche das
Gehirn auch erhebliche Energie, aber den ganzen Tag herumzusitzen und nur zu
denken – soweit das überhaupt bei ihnen feststellbar wäre –, das ginge nicht. Sie
wisse das aus der Zukunft, betonte sie, und schließlich sei sie ja für die Gesundheit
des Stammes verantwortlich. Und, das wolle sie nur nebenbei erwähnen, gerade
diese Betätigung mache das Hirn frei, bringe neue Gedanken hervor und mache
glücklich.1
So streiften die beiden durch die Gegend, studierten die Natur (Rudi speziell
unter physikalischen Gesichtspunkten) und diskutierten. Bis Eddi an einem Teich
mit Seerosen abrupt stehen blieb. „Kennst du das Seerosen-Rätsel?“, fragte er sei-
nen Begleiter und wartete die Antwort nicht ab: „Nein? Ich erzähle es kurz: Auf
einem Teich schwimmen abends zwei Seerosen, am nächsten Abend haben sie sich
verdoppelt, am nächsten Abend wieder. Sie verdoppeln sich jeden Tag. Am 10.
Tag ist der Teich voll. Wann war er halbvoll?“ Rudi grinste: „Darauf falle ich nicht
herein! Am vorletzten Tag, dem 9. Tag, war der Teich halbvoll. Wenn sie sich jeden
Tag verdoppeln, dann muss das ja auch am letzten Tag passiert sein.“ Eddi lobte
ihn: „Gut gedacht! Ich sehe schon, du erinnerst dich an die „Exponentialschreib-
weise“. Am 10. Tag sind 210 Seerosen im Teich, also 1024.“ Rudi ergänzte: „Also
ist die Zahl der Seerosen am letzten Tag genauso stark gewachsen wie an den 9
Tagen vorher zusammengenommen als es noch 512 waren, zwei hoch neun. Das
ist ja noch nicht sehr beeindruckend.“
„Ja, aber es gibt zwei interessante Aspekte dabei: Erstens ist das eine wahre
Zahlenbombe, wenn der Exponent größer wird. Warten wir einen Monat, sind es
230 davon, nämlich 1.073.741.824.“ Rudi musste lachen: „Über tausend Millio-
nen?! Das muss aber ein ziemlich großer Teich sein!“ „Sei nicht albern! Das ist
ja klar. Aber vielleicht gibt es etwas, was sich ebenso exponentiell vermehrt, aber
viel kleiner is. Ich muss mal Siggi danach fragen.2 Der zweite Aspekt ist, dass du
die Summe aller von 1 bis 2n – also 1 + 2 + 4 + 8 + … + 2n – sehr schnell berechnen
kannst, ohne alle mühsam zusammenzuzählen. Es ist nämlich einfach die nächst-
höhere Zweierpotenz minus eins.“
„Ach! Und kannst du das auch beweisen?“ „Ich arbeite daran…“, sagte Eddi
und wartete auf die von Willa versprochenen neuen Gedanken nebst zugehörigen
Glücksgefühlen.
Wir warten mit ihm. Der Beweis wird mit einem Standardverfahren der Ma-
thematik geführt, der „Vollständigen Induktion“. Mit ihr kann eine mathematische
Aussage für alle natürlichen Zahlen bewiesen werden. Darauf sollten Sie gespannt
1
Hier spielt die weise Frau auf die „Glückshormone“ wie Dopamin, Serotonin, Noradre-
nalin und andere Neurotransmitter an, die Wohlbefinden und Glücksgefühle hervorrufen.
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Glückshormone.
2
Siggi wird ihm sagen, dass z. B. die Anzahl von Viren oder Bakterien ähnlich wächst. Da-
bei kann die Verdoppelungsrate im Stundenbereich liegen. Ein Rechenbeispiel findet sich in
http://www.mathe-online.at/mathint/log/i.html#Bakterien.
3.1 Wumm! Ein exponentieller Verlauf als Zahlenbombe 23
70
60
50
40
30
20
10
0
0 1 2 3 4 5 6
y = 2x y = x2
sein, denn Sie erinnern sich: Die Menge aller natürlichen Zahlen ist unendlich
groß. Wie kann man also sicher sein, dass es nicht doch irgendwo eine Ausnahme
gibt? Darauf werden wir später noch eingehen.
Es lohnt sich natürlich, einen Blick auf den Verlauf der Seerosen-Population zu
werfen speziell im Vergleich zwischen den scheinbar so verwandten Kurven y = x2
und y = 2x. Die erste ist die „gemeine Parabel“, die einfachste nichtlineare Kurve.
Sie beginnt mit dem Wertepaar x|y gleich 0|0 und steigt über 3|9 bis 6|36, dem Ende
unserer Darstellung in Abb. 3.1. Die Funktion y = 2x beginnt mit einem Vorsprung
bei 0|1 und hält ihn bis 2|4 (denn 22 aus x2 und 22 aus 2x sind ja dasselbe). Dann
muss sie bis 4|4 der Parabel hinterher laufen, weil ja z. B. 32 schon 9 ergibt, aber
23 nur 8. Nun aber ist die Exponentialfunktion 2x ab x = 4 nicht mehr aufzuhalten,
denn 52 aus x2 ist 25 und 25 aus 2x ist 32. Bei x = 10 ist die Parabel bei y = 100 hoff-
nungslos abgeschlagen, denn 210 sind schon 1024.
Halten wir also zum Schluss nur Eddis Aussage als Formel fest: Die Summe al-
ler von 1 bis 2n ist 2n+1 − 1. Und wir merken uns: Mit exponentiellem Wachstum ist
nicht zu spaßen! Und noch eine – nun wirklich letzte – Bemerkung: Vielleicht ist
Ihnen aufgefallen, dass hier von der „Summe aller“ und nicht nur von der „Summe
aller Zahlen“ die Rede war. Letzteres würde man umgangssprachlich sagen und
glauben, der andere wisse schon, was man meint. Mathematiker legen ja großen
24 3 Natürliches Wachsen und Schrumpfen
Wert auf die exakte Benennung und Definition der Dinge, über die sie reden. Be-
griffe besser, sauberer oder überhaupt zu definieren, das kann ja nur nützen. Es
gäbe weniger Missverständnisse, weniger Streit und nutzlose Diskussionen. Wenn
es nur im täglichen Leben öfter so wäre!
Lassen wir die Historie einmal kurz zur Seite (es ist Nacht, Eddi und Rudi schla-
fen nach der langen Wanderung) und betrachten die „e-Funktion“ etwas genauer.
Die allgemeine Form ist y = ax mit der so genannten „Basis “(oder auch „Grund-
zahl“) a > 0 und a ≠ 1, um die Trivialitäten auszuschalten. Die Exponentialfunktion
im engeren Sinne, genauer „natürliche Exponentialfunktion“, ist unter dem Namen
„e-Funktion“ bekannt und hat als Basis die „Eulersche Zahl“ e – was nun wirklich
nicht überrascht. Diese Zahl e entstand aus der laufenden Verzinsung, wenn Sie
sich erinnern: e = (1 + 1/n)n, wenn n gegen Unendlich läuft (eine Schreibweise in
exakter mathematischer Kurzschrift bekommen Sie noch präsentiert).
Natürlich streben wir nach Allgemeinheit: Wir fügen eine beliebig wählba-
re Konstante a hinzu und erhalten die Funktionsdefinition y = eax. Im Diagramm
(Abb. 3.2) kann man mit verschiedenen a experimentieren, z. B. mit a = 1 und
a = 1,5. Nach Ihrer Kenntnis der Potenzregeln überrascht Sie es nicht, dass 1) beide
Kurven für x = 0 die y-Achse bei y = 1 schneiden, 2) sie sich für negative x wie 1/
eax an die x-Achse anschmiegen und 3) die Kurve für ein höheres a gekrümmter
verläuft. So weit, so gut.
Rudi fand das auch elegant. Er kam auch auf die Idee, einmal die Umkehrfunk-
tion sozusagen vergrößert dazuzumalen: y = 1/ex oder y = e−x. „Das ist ja die linke
Hälfte der e-Funktion“, erklärte er, „bloß nach rechts geklappt. Oder umgekehrt:
Wenn x negative Werte annimmt, sagen wir x = − 2, dann ist das ja y = e−(−2) oder
y = e2, sechs und ein paar Gequetschte. Wir zeichnen also einmal nur den rech-
ten Quadranten von 0 bis 1,9. Wir könnten auch noch einen Parameter zum Ex-
ponenten nehmen, damit wir etwas variieren können.“ „Ja, einen Para… was?“
„Siggis Wortschöpfung“, sagte Eddi, „einen frei wählbaren Faktor, der aber für
einen bestimmten Fall fest ist – im Gegensatz zur Variablen x, die wir ja ständig
verändern.“ „Unklar!“, protestierte Rudi, „Gib mal ein Beispiel.“ „Wir nehmen a
als Parameter und zeichnen y = e−ax. Während wir x von null bis sonstwohin laufen
3.3 Natürlicher Schwund und (k)ein Ende 25
4,5
3,5
2,5
1,5
0,5
0
-1 -0,5 0 0,5 1
y = ex y = e1,5x
lassen, um eine schöne Kurve zu bekommen, bleibt a fest. Bei der „einfachen“
Schwund-Funktion war er ja auch schon heimlich anwesend, denn a = 1 können wir
ja weglassen.“ Rudi war einverstanden und schlug den Faktor 3 vor. Gesagt, getan,
und so entstand Abb. 3.3. Eddi fand es etwas unappetitlich, dass Rudi mit seinem
abgenagten Mammutknochen auf dem Lehmboden herummalte, aber er freute sich
über die exakte Darstellung.
„Grandios“, fand Rudi, „Reihe 1 mit y = e−x und Reihe 2 mit y = e−3x fallen wun-
derschön ab.“ „Mit a = 1 eher mäßig“, bestätigte Eddi, „mit a = 3 schon dramati-
scher. So kann man über verschiedene Werte des Parameters a verschiedene Fälle
auseinander halten. Und a muss ja keine ganze Zahl sein, vielleicht ergeben sich
aus physikalischen Beobachtungen ja ganz krumme Werte.“ „Ich könnte mir vor-
stellen, dass das so ist. Wenn ich ein kleines Loch unten in einen großen Wasser-
tank mache, dann läuft das Wasser mit großem Druck aus, wenn der Tank ziemlich
voll ist. Je leerer er wird, desto geringer wird der Wasserdruck und desto kraftloser
wird der Strahl. Ich vermute, dass der Wasserstand einer solchen e-Funktion folgt.
Ich muss das mal mit meiner Sanduhr experimentell bestätigen.“
In der Tat, so ist es. Das war ein schönes Beispiel für eine wissenschaftliche
Hypothese und die Notwendigkeit, sie zu verifizieren. Wenn die Elektrotechnik
26 3 Natürliches Wachsen und Schrumpfen
1,2
0,8
0,6
0,4
0,2
0
0 0,5 1 1,5 2
Reihe1 Reihe2
erst einmal entdeckt sein wird, wird man viele solche Funktionsverläufe beobach-
ten. Auch die Schwingungsweite eines gedämpften Pendels nimmt in dieser Form
ab.
Eine andere „moderne“ Tatsache erkennt man an der „Abklingfunktion“, wie
man y = e−ax nennen könnte. Es handelt sich um den radioaktiven Zerfall. Ich möch-
te jetzt die Abb. 3.3 nicht mit unnötigen Linien garnieren, aber legen Sie doch
einmal ein Lineal oder ein gerades Stück Papier waagerecht bei y = ½ an. Dort ist
die Kurve e−3x (Reihe 2, markiert mit dem Dreieck „▲“) auf die Hälfte abgesun-
ken. Die andere natürlich auch, nur bei einem anderen x. Wenn Sie von dort auf
die x-Achse herunterloten, landen Sie bei etwa x = 0,22 (hätten Sie die langsamer
fallende die Kurve e−x genommen, wären Sie bei x ≈ 0,68 angekommen). Wäre die
x-Achse eine Zeitachse (was sie oft ist, z. B. bei radioaktiven Zerfallsprozessen),
dann wären diese beiden Werte die „Halbwertszeit“. Beim radioaktiven Caesium
137
Cs sind es mäßige 30 Jahre, bei Plutonium 239Pu satte 24.110 Jahre – vom Uran
238
U mit 4,4 Mrd. Jahren wollen wir gar nicht erst reden (diese Zeit hat die Erde zu
ihrer Entstehung aus der Verdichtung des Sonnennebels bis heute gebraucht). Bei
dem in der ersten Atombombe verwendeten Uran 235U sind es unerfreulich lange
703.800.000 Jahre. Das a bei y = e−ax ist also sehr klein. Jetzt darf man nicht glau-
ben, dass nach der zweiten Hälfte der Halbwertszeit alles weg ist – darauf wären
nicht einmal Steinzeitmenschen hereingefallen. Nein, nach einer weiteren Halb-
wertszeit ist von der Hälfte wieder die Hälfte zerfallen, der ursprüngliche Wert
3.3 Natürlicher Schwund und (k)ein Ende 27
(z. B. einer Strahlungsaktivität) also auf ¼ gesunken. Bist „nichts“ mehr da ist,
dauert es mathematisch gesehen unendlich lange. Was das bei der Radioaktivität
bedeutet, das kennen Sie ja bzw. können es nachlesen. Bei einer Halbwertszeit von
einigen zehntausend Jahren bei Atommüll wird der Unterschied allerdings bedeu-
tungslos. Erfreulicherweise gibt es diese Abklingfunktion auch in anderen Berei-
chen, z. B. in der Wärmelehre, auch „Thermodynamik“ genannt. Ein Topf warmen
Wassers verliert unter idealen Versuchsbedingungen nach derselben e-Funktion
seine Temperatur – was vielleicht sogar Rudi hätte feststellen können.
Eddis Ärgernis, der Mammutknochen, mit dem Rudi die „Abklingfunktion“
y = e−ax gezeichnet hatte, sollte ein Nachspiel haben. Allerdings erst sehr viel spä-
ter, genauer: vor kurzer Zeit, als der Archäologe Ive Gotcha Reste von ihm bei
Ausgrabungen fand.3 Da war es natürlich vordringlich, zuerst das Alter des Fund-
stücks zu bestimmen. Dazu eignet sich die Radiokohlenstoffdatierung, auch „Ra-
diokarbonmethode“ genannt. Wie praktisch, dass sie zugleich eine Anwendung
genau dieser e-Funktion ist.
Wir leben ja in einer „Kohlenstoff-Welt“, denn Grundlage aller organischen
Verbindungen ist dieses chemische Element mit dem Kürzel „C“. Alles lebende
Gewebe ist aus Kohlenstoffverbindungen aufgebaut. Im Graphit und im Diamant
liegt Kohlenstoff (auch Carbon genannt) sogar in reiner Form vor. Sein Atomge-
wicht beträgt 12 – in der Regel. Das heißt, in seinem Kern sind (nach etwas ver-
alteten, aber anschaulichen Vorstellungen) 12 „Kügelchen“ angesiedelt, nämlich 6
Protonen und 6 Neutronen. Es gibt aber noch 2 Varianten, die ein oder sogar zwei
Neutronen mehr haben, also im Kern 13 bzw. 14 „Kügelchen“ besitzen. Sie sind
selten: Während 12C (so die Fachbezeichnung) in etwa 98,89 % der Masse und 13C
in etwa 1,11 % vorkommen, taucht 14C nur in 0,000.000.000.1 % (also 10−10 %) auf.
Auf 1012 (1 Billion) 12C-Kerne kommt so statistisch gesehen nur ein einziger 14C-
Kern. Und er ist – im Gegensatz zu 12C und 13C – nicht stabil. Daher der Name „Ra-
diokohlenstoff“, weil er strahlt (lat. radiare „strahlen“ und radius „der Strahl“).
Er zerfällt. Womit wir – nach einem etwas längeren Anlauf – beim Thema wären.
Denn was kommt Ihnen dabei in den Sinn? Richtig: die Halbwertszeit. Sie
beträgt ca. 5730 Jahre. Zwar zerfällt der Radiokohlenstoff, er wird aber in der
Atmosphäre auch fortlaufend neu gebildet. In der Luft?! Ja, aber nicht aus herum-
fliegenden Graphitbrocken oder Diamanten – wir sprechen über atomaren Kohlen-
stoff. Er verbindet sich mit dem Luftsauerstoff zu Kohlendioxid (CO2) und gelangt
durch die Photosynthese in Pflanzen, von dort in bekanntem Weg in Tiere. Mam-
muts fressen Blätter und Pflanzen. Da Lebewesen bei ihrem Stoffwechsel ständig
3
Ive Gotcha: The extinction of the woolly mammoth (Mammuthus primigenius) in Europe.
Quaternary International 126–128 (2005), S. 71–74.
28 3 Natürliches Wachsen und Schrumpfen
4
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Radiokarbonmethode.
3.3 Natürlicher Schwund und (k)ein Ende 29
1,2
0,8
0,6
0,4
0,2
0
0 0,5 1 1,5 2 2,5 3 3,5 4
a=3 a=1
vier Fünftel der Zeit aufzuhören!“ „Schneller und billiger wäre es ja!“ „Ja, aber
willst du eine Hütte ohne Tür?!“
Die „80-zu-20-Regel“ wird auch als „Paretoprinzip“ oder „Pareto-Effekt“ be-
zeichnet. Manche treiben es noch weiter und machen daraus eine „90-zu-10-Re-
gel“, was dann durchaus manchen kostspieligen Perfektionismus verhindern kann.
Diese Regel zeigt sich auch in anderen Bereichen. So konstatierte der Namens-
geber dieses Phänomens, Vilfredo Pareto, dass Ende des 19. Jahrhunderts die Ver-
teilung des Volksvermögens in Italien auch so strukturiert war, dass etwa 20 % der
Familien etwa 80 % des Volksvermögens besaßen.
Grafiken und ihre (vermeintliche)
Aussage 4
Nicht nur in der (digitalen) Fotografie wird getrickst und manipuliert, was das
Zeug hält. Auch Journalisten und ehrbare Wissenschaftler erwecken (manchmal
unabsichtlich) mit grafischen Darstellungen falsche Eindrücke. Lügen mit Gra-
fiken – eine häufig anzutreffende Manipulation unserer Sinne und damit auch
unseres Verstandes. Und weil sie gerade dabei sind, werden Lügen auch gerne in
scheinbar einfache Zahlen verpackt. Besonders gut eignet sich die Angabe „Pro-
zent“ dafür. Das kommt aus dem Lateinischen und heißt (wie es manch’ ehrbarer
Kaufmann auch noch sagt) „von Hundert“. Aber von hundert was? Das bleibt oft
im Dunklen – und der Empfänger dieser Information darf in die gewünschte (fal-
sche) Richtung spekulieren. Und wenn man etwas Falsches oft genug wiederholt,
wird es auf geheimnisvolle Weise „wahr“.
Der Erfolg der Balkendiagramme hatte die Leute angestachelt. Der Leiter der Jagd-
gruppe „rot“ hatte die Gesamtbeute in den Monaten 1 bis 10 grafisch dargestellt
(Abb. 4.1 oben). Weniger als 200 kg hatten sie nie erbeutet.
Also machen wir das Diagramm kleiner, dachte er. Denn wenn man die übliche
Mindestbeute in der Zeichnung weglässt, dann braucht man weniger Kohlestift.
Gedacht, getan (Abb. 4.1 unten). Doch das Ergebnis überzeugt nicht so recht. Die
Beute im Monat 6 wirkt optisch wie ein Drittel des Ergebnisses im Vormonat, ist
aber tatsächlich halb so groß. Die Unterdrückung des Nullpunktes auf der y-Achse
liefert unseren Augen ein falsches Signal und führt zu falschen Interpretationen.
Denn falsch gesehen ist falsch gedacht.
Interessant wird es also, wenn man die y-Achse künstlich verkürzt, z. B. weil
kleine Werte nicht dargestellt werden sollen. Ein weiteres solches Beispiel sehen
Sie in einer Statistik über das Hausmüllaufkommen1 in Abb. 4.2 oben: Die Wer-
te unter ca. 46 Mio. t sind weggelassen. Das Ergebnis ist ein drastischer Anstieg
des Hausmülls im Jahre 2002. Erst gewaltige Anstrengungen der Bundesregierung
konnten ihn im Jahr 2003 wieder auf das Niveau von 2001 drücken. Danach ab
2005 sieht man eine offensichtliche Halbierung – welch’ eine Leistung des Um-
weltministers!
Schaut man sich die Grafik ohne Nullpunktunterdrückung an Abb. 4.2 unten,
so verliert sich die Dramatik. Es ist nur eine leichte Schwankung um den Wert von
50 Mio. t. Durch die Unterdrückung des Nullpunktes wurde das Auge getäuscht,
wurden falsche Verhältnisse suggeriert. Denn wir glauben ja unwillkürlich, was
wir sehen, ohne groß darüber nachzudenken. Daher fordert der Yale-Professor Ed-
1
Statistisches Bundesamt, Wiesbaden 2009. Tabelle: Zeitreihe des Abfallaufkommens
1996–2006 (aus http://www.destatis.de/).
4.1 Bilder sagen mehr als tausend Worte – sagen sie auch die Wahrheit? 33
2
Zahlen des Statistischen Bundesamtes, Quelle: Grafik „Jährliche Preisveränderungsraten
in Deutschland von 1952 bis 2007“ in http://de.wikipedia.org/wiki/Inflation.
4.1 Bilder sagen mehr als tausend Worte – sagen sie auch die Wahrheit? 35
keit sind es aber 101,60 + 2,5 % darauf, genauer 101,60 % · (1 + 0,025) = 104,14 %.
Das gute alte Zinseszins-Prinzip. „Na gut!“, sagen Sie, „4 Punkte in der Hunderts-
tel-Stelle, das ist doch gar nichts!“
Damit argumentieren auch diejenigen, die Sie mit solchen falschen Rechnun-
gen an der Nase herum führen wollen. Denn es summiert sich. „Fehlerfortpflan-
zung“ nennt man das, und die Fehler sind sehr vermehrungsfreudig. Schauen wir
uns die 51 Jahre in der Grafik an (Abb. 4.4), zuerst die vollständigen Prozentwerte
(beachtlich das Jahr 1986 mit deflationären − 0,10 % und 1973 mit dem Spitzen-
wert 7,10 %).
Stellen wir nun die (falsch zusammengezählten) Prozentwerte den richtig ge-
rechneten gegenüber, dann sehen wir, dass auch Ausgaben von 100 € im Jahr 1960
nicht 244 € geworden sind, sondern 410,76 €, also 310,76 % Zuwachs (Abb. 4.5).
Ein nicht mehr ganz kleiner Unterschied!
Auch andere Daten, wie z. B. der Zuwachs des jährlichen CO2-Ausstoßes, wer-
den gerne in Prozent angegeben. Auch das verzerrt die Interpretation. Und an der
Grafik selbst haben wir noch nicht mal etwas manipuliert!
The trend is your friend (der Trend ist dein Freund), das geben Börsianer gerne
von sich – besonders, wenn der Trend nach oben zeigt. Auch „Zukunftsforscher“
lieben ihn: Sie verlängern einfach die Entwicklung der Vergangenheit in die Zu-
kunft – und das ist dann ihre „mathematisch abgesicherte“ Prognose. Aber nicht
umsonst sind Banken jetzt dazu verpflichtet, den Satz „Die Entwicklung der Ver-
gangenheit ist keine Garantie für die Entwicklung in der Zukunft“ in ihre Hoch-
glanzprospekte zu drucken. Wie solche Prognosen zustande kommen, wollen wir
36 4 Grafiken und ihre (vermeintliche) Aussage
uns hier genauer ansehen. Das Stichwort ist „Extrapolation“. Doch was suggeriert
der Börsenkurs in den bekannten Kursgrafiken?
Eine Grafik zeigt Änderungen von Werten zwischen zwei Punkten durch die
Steigung der Linie, die sie verbindet. Je steiler die Linie ist, desto größer ist die
Steigung und daher die Wertänderung. Wenn wir aber zwei Linien in einem Dia-
gramm miteinander vergleichen, dann dürfen wir nicht von unterschiedlichen
Niveaus starten. Sonst sind die Steigungen nicht proportional zu den prozentualen
Änderungen. Beginnt eine Linie bei 10 und endet bei 20, so ist das eine 100-%-Än-
derung. Eine zweite Linie mit gleicher prozentualer Änderung, die aber bei 20
beginnt, endet bei 40 – und sieht doppelt so steil aus. Erst eine so genannte „log-
arithmische“ Skala (die Sie ja schon kennen gelernt haben) sorgt dafür, dass die
Steigungen die prozentualen Veränderungen genau zeigen. Wie sieht das aus?
Nehmen wir zur Illustration einmal Aktienkurse. Unter Börsianern herrscht eine
Art Glaubenskrieg, was die Wahl der Chartdarstellung betrifft.3 Grundsätzlich gibt
es zwei Arten, einen Kursverlauf abzubilden: mit linearer oder logarithmischer
Skalierung. Eine logarithmische Skala zeigt Werte nicht in proportionalem Ab-
stand (10, 20, 30, 40 usw. sind gleich weit voneinander entfernt), sondern in einem
„logarithmisch“ verzerrten, nach oben verdichteten Verhältnis. Der Unterschied
wird anhand eines konkreten Beispiels verständlich. In Abb. 4.6 sehen Sie den
3
Textteile mit freundlicher Genehmigung des Stuttgarter Aktienbriefs „Börse Aktuell“
(ehem. Stuttgarter Aktien-Club) Nr. 06/2009S. 13 (http://www.boerse-aktuell.de/).
4.1 Bilder sagen mehr als tausend Worte – sagen sie auch die Wahrheit? 37
4
Quelle: http://www.bwinvestment.de/dow.txt.
38 4 Grafiken und ihre (vermeintliche) Aussage
Abb. 4.7 Der Dow-Jones-Index seit Januar 1928 mit logarithmischer Achse
Abstand von 4000 auf 8000 (mit kleinen Konzessionen an die Ungenauigkeit der
Kurven, in der die Ähnlichkeit der Linien und nur schlecht zu erkennen ist).
Viele halten diese Darstellung für Langfristanleger für besser, denn die Aktionäre
dürfte vor allem die prozentuale Veränderung interessieren, nicht die absolute. In
anderen Worten: Wer eine Aktie kauft, die 5 € kostet, kann sich bei einem Anstieg
von weiteren 5 € über eine glatte Verdopplung freuen. Wenn die Aktie aber bereits
50 € kostet, macht der Zuwachs von 5 € gerade einmal 10 % aus. In einem linearen
Chart ist der Abstand in beiden Fällen gleich groß, obwohl der Erfolg, also die pro-
zentuale Entwicklung, einen himmelweiten Unterschied darstellt. Und dieser wird
nur bei der logarithmischen Darstellung sichtbar.
Ist also die logarithmische Darstellung die „richtige“? Das kann man so nicht
sagen, es gibt kein „richtig“ oder „falsch“ bei den Darstellungsmöglichkeiten. Bei-
des ist richtig und beides hat Vor- und Nachteile. Im kurzfristigen Bereich wählt
man üblicherweise lineare Charts, da hier die absolute Entwicklung im Vorder-
grund steht. Da Spekulanten eher nach dem kurzfristigen Chartverlauf schielen,
erfüllen die meisten Börsenmagazine ihren Wunsch nach linearen Kurzfristcharts.
4.2 Interpolation und Extrapolation 39
Bei Anbietern von Langfristcharts ist diese Darstellungsweise aber die übliche –
und seriöse Zeitschriften verschleiern die prozentualen Änderungen nicht.
Verharmlosen logarithmische Charts Rückschläge? Lügen diese Grafiken?
Klare Antwort: nein! Schauen Sie nochmals auf den linearen Chart des Dow
(Abb. 4.6): Der Kurs tritt bis etwa 1979 viele Jahre auf der Stelle und schießt dann
nach oben wie eine Rakete – der berühmte „exponentielle Anstieg“. Und die jüngs-
ten Rückschläge beim Platzen der „Dotcom-Blase“ im März 2000 und in der „Sub-
prime-Krise“ 2007 sehen aus wie der freie Fall. Im logarithmischen Diagramm ist
zwar die „Weltwirtschaftskrise“ 1929 deutlich zu erkennen, aber danach zeigt der
Dow eine relativ gleichmäßigen prozentualen Anstieg – und die jüngsten Krisen
sehen eher harmlos aus. Viele sind aber der Meinung, dass dieselben prozentualen
Veränderungen auch immer gleich stark im Chart erkennbar sein sollten. Denn der
Rückschlag von heute schmerzt die Anleger genauso wie der vor zwanzig Jahren.
Sie hatten ja schon gesehen, wie die logarithmische Skala macht aus der
„Wumm!-Kurve“ eine Gerade macht. Denn der explosionsartige Anstieg, der bei
einer linearen senkrechten Achse sichtbar wird, wird nun in ihrer Skalierung ver-
steckt, die dann gleiche Abstände zwischen 100, 1000, 10.000 usw. aufweist. Die-
ser simple „Trick“ (wertneutral: diese Skalentransformation) kann gewaltige Aus-
wirkungen auf die Interpretation haben.
Mit richtig gemachten Grafiken kann man Zusammenhänge sichtbar machen,
über die man vielleicht schon lange vergeblich nachgedacht hat. Inzwischen kön-
nen wir mit wenig Aufwand auch eigene statistische Interpretationen von Daten
zusammenstellen, sei es mit den auf jedem PC vorhandenen Programmen zur Ta-
bellenkalkulation oder direkt im Internet.5
Aber wir glauben, was wir sehen, auch wenn wir wissen, dass es nicht so ist
oder sein kann. Das gilt für Zauberer genauso wie für Grafiken.
Wer sich unter „Interpolation“ die Tätigkeit der europäischen Polizei vorstellt, liegt
falsch. Es ist die Ermittlung eines Zwischenwertes zwischen zwei bekannten Eck-
werten. Eines ungenauen Zwischenwertes, den man aber beliebig verfeinern kann.
Doch das ist meist nur der erste Schritt. Man will in der Regel aus mehreren Mess-
5
Christoph Drösser: Zahlen für die Massen. ZEIT online 21.5.2008 (http://www.zeit.de/
online/2008/21/statistik-internet-umsonst). Die „Do-it-yourself“-Statistikseite ist auf http://
de.statista.com/.
40 4 Grafiken und ihre (vermeintliche) Aussage
punkten die gesamte mathematische Funktion ableiten, die sich diesen Punkten am
besten annähert.
Diese Verfahren beherrschten schon die Mathematiker der Steinzeit. Denn wir
hören Rudi sagen: „Wenn ich zwei halbwegs nahe beieinander liegende Punkte
einer Kurve kenne, die einfach zu berechnen sind, dann kann ich doch einen Zwi-
schenpunkt einigermaßen genau ermitteln, ohne die möglicherweise komplizierte
Formel für die Funktion zu benutzen.“ „Aber sicher“, bestätigte Eddi, „nehmen wir
doch einmal die Kurve y = 5x3 + 2x − 3. Wir kennen ihren Wert bei x = 0,5 und 0,7
und suchen den Wert bei 0,6 oder 0,56. Wir tun so, als würden wir ihre Gleichung
nicht kennen.“ „Oder du bist einfach zu faul, eine Zahl mit zwei Nachkommastel-
len zur dritten Potenz zu erheben…“ Eddi überging die Beleidigung und begann zu
zeichnen (Abb. 4.8). Er fuhr fort: „Also ziehen wir einfach eine Gerade zwischen
den bekannten Punkten und bilden das Verhältnis der Strecken. Es ist ja offenkun-
dig b zu a wie d zu c.“ „Das sehe ich auch“, sagte Rudi, „und die vier Strecken sind
Koordinatendifferenzen. Das Wort ist zwar furchteinflößend, aber wenn man deine
Zeichnung betrachtet, ergibt sich ja eine ganz einfache Verhältnisgleichung.“ Eddi
nickte: „Die brauchen wir jetzt nur ein wenig umzugraben, und schon haben wir
das gesuchte y auf der linken Seite isoliert. Ich habe mal in einer kleinen Tabelle
einige interpolierte Werte mit den echten verglichen – die Abweichung ist gar nicht
so groß.“ „Und offensichtlich schneidet die Kurve irgendwo zwischen x = 0,5 und
0,7 die x-Achse…“ „Rudi, du bist mal wieder erstaunlich scharfsichtig.“
„Extrapolation“ ist im Prinzip dasselbe Verfahren und auch dieselbe Formel,
nur dass der Punkt x|y außerhalb der bekannten Punkte x0|y0 und x1|y1 liegt. Also
4.3 Wenn die Zahlen selber lügen 41
ermitteln wir nicht mit y0 und y1 den dazwischen liegenden Punkt y, sondern mit
y0 und y den außen liegenden Punkt y1. „Prognosen sind schwierig, besonders für
die Zukunft“, das ist ein Satz, dem jeder zustimmen kann – mit Ausnahme von
Siggi, der hier als „Seher“ wenig Problem hat und notfalls eine Zeitreise unterneh-
men kann. Aber „Zukunftsforscher“ haben es schwer: Auch der wissenschaftlich
klingende Begriff „Futurologie“ für ihre Tätigkeit täuscht nicht darüber hinweg,
dass ihre Vorhersagen oft so zuverlässig sind wie Kaffeesatzlesen. Aber wir wollen
nicht polemisieren, sondern nur auf das Verfahren der Extrapolation eingehen. Es
wird allerdings dadurch undurchsichtig und damit gefährlich, weil oft exponentiel-
le Verläufe damit behandelt werden. „Macht nichts!“, sagt sich der geübte Mathe-
matiker, „nehmen wir doch einfach einen logarithmischen Maßstab, dann bekom-
men wir eine schöne Gerade, die sich problemlos verlängern lässt.“
Kommen wir am Ende des Kapitels noch einmal auf das ursprüngliche Thema
zurück: falsche Deutungen. Da Paläontologen davon ausgehen, dass damals noch
Vertrauen die Grundlage menschlichen Zusammenlebens war, können wir bewuss-
te Täuschung ausschließen. Und da auch die führenden Mathematiker dieser Zeit
– wie wir gleich sehen werden – von den Phänomenen verblüfft waren, kann auch
kein Irrtum vorliegen. Es müssen die Zahlen selbst sein, die uns zum Narren hal-
ten. Doch schauen wir uns die Geschichten an.
Schon damals ging man mit Minderheiten – in diesem Fall mit geistig herausge-
forderten Stammesmitgliedern – nicht gerade politisch korrekt um.6 So gab es im
Dorf den Spruch: „Wenn der Dorftrottel in die Nachbarsiedlung zieht, dann steigt
die Denkfähigkeit in beiden Dörfern“. Dass darin eine mathematische Wahrheit
stecken könnte, das merkte Eddi, als die beiden Viehbesitzer zu ihm kamen. Otto
und Jon (aus Ihnen bekannten Gründen Otti und Jonni gerufen) wollten miteinan-
der ein kleines Geschäft machen. Eine Ziege sollte den Besitzer wechseln. Kein
großer Deal, wie beide dachten. Aber einer der Dorfältesten (eine Art Landwirt-
schaftsminister) führte eine Statistik über die Milchleistung. Und deswegen wollte
6
Der Ausdruck „behindert“ („handycapped“) ist zumindest in den USA politisch inkorrekt.
Bei körperlichen Gebrechen nennt man es „physically challenged“ („körperlich herausge-
fordert“), bei geistigen Defiziten „mentally challenged“. In England denkt man noch weiter:
wer political correctness ( pc) ironisiert, ist selbst nicht pc. Man spricht hier sogar nicht
von mentally challenged persons, sondern von persons with special needs. Pc kann auch zu
Sprachverstümmelung führen, wie Diane Ravitch zeigt (Ravitch 2004): Ein klarer deutlicher
Ausdruck wird zugunsten verschwommener Formulierungen geopfert, um keiner Interes-
sensgruppe zu nahe zu treten.
42 4 Grafiken und ihre (vermeintliche) Aussage
Otti, der die Statistik anführte, eine Ziege an Jonni verkaufen, der in der Rangfolge
hinter ihm lag. Das würde seine Statistik nur geringfügig verschlechtern, aber die
von Jonni aufbessern. Da ja keine Ziege hinzugekommen war, mussten sich Ver-
besserung und Verschlechterung ja unterm Strich aufheben. Eddi sollte nun helfen,
das Zahlenwerk zu aktualisieren. Die Ausgangslage war folgende (Eddi hatte die
Namen der Ziegen, die er nicht kannte, durch Symbole Zi ersetzt, um den Ganzen
einen wissenschaftlichen Anstrich zu geben):
Milchleistung (l/Woche)
Otti Jonni
Z1 5,00 Z1 4,50
Z2 6,50 Z2 5,10
Z3 7,90 Z3 5,70
Z4 9,60
∅ 7,25 ∅ 5,10 ← Durchschnitt
„Welche Ziege willst du denn nun verkaufen?“, fragte Eddi Otti. „Linda… äh,
zett-zwei, die mit sechseinhalb Liter pro Woche.“ „Ja“, bestätigte Jonni, „dann ver-
schlechtert sich sein Durchschnitt nicht sehr, weil es ja nur die zweitschlechteste
Milchleistung ist, und ich bekomme eine Superziege“. „Gut“, sagte Eddi, „dann
können wir die neue Statistik hinschreiben. Ich taufe Ottis Z2 um in Jonnis Z4,
damit wir wissen, worüber wir reden“.
Milchleistung (l/Woche)
Otti Jonni
Z1 5,00 Z1 4,50
Z2 5,10
Z3 7,90 Z3 5,70
Z4 9,60 Z4 6,50
∅ 7,50 ∅ 5,45 ← Durchschnitt
„Nanu?!“, sagte Otti. „Hoppla!“, sagte Jonni. „Na so was!“, sagte Eddi, „Beide
Durchschnitte sind gestiegen. Haben wir falsch gerechnet?“ „Sieht nicht so aus“,
meinte Jonni und grinste, „Wenn deine Statistik durch den Verkauf auch besser
wird, dann kann ich dir natürlich nicht so viel für die Ziege zahlen, wie du ver-
langst… Im Grunde könntest du sie mir schenken und müsstest mir noch dank-
bar sein!“ „Denke lieber an die Außenwirkung“, konterte Otti, „wir sind beide im
4.3 Wenn die Zahlen selber lügen 43
7
Dies war das „Will-Rogers-Phänomen“ (auch «stage migration effects» genannt, siehe
http://de.wikipedia.org/wiki/Will-Rogers-Phänomen). Der US-amerikanische Komiker
Will Rogers (1879– 1935) soll den Scherz gemacht haben: „Als die Einwohner von Ok-
lahoma nach Kalifornien umzogen, hoben sie die durchschnittliche Intelligenz in beiden
Staaten an.“ Peter Kleist schreibt dazu: „Zur Zeit der Wirtschaftskrise in den 1930er Jahren
wanderten viele Einwohner Oklahomas (die sog. „Okies“) nach Kalifornien aus. Rogers,
selber 1879 in Oklahoma geboren, hielt wenig von den Auswanderern, aber noch weni-
ger von den Kaliforniern, und ihm wird der folgende Ausspruch zugeschrieben: „When the
Okies left Oklahoma and moved to California, they raised the average intellectual level
in both states.““ (Quelle: Peter Kleist: Vier Effekte, Phänomene und Paradoxe in der Me-
dizin – Ihre Relevanz und ihre historischen Wurzeln. Quelle: www.medicalforum.ch/pdf/
pdf_d/2006/2006-46/2006-46-194.pdf). Als Mediziner zieht er den Schluss: „Die Prognose
eines Patienten kann sich verbessern, ohne dass sich an seinem Gesundheitszustand oder
seinen Messwerten irgendetwas geändert hat. […] Durch neue Diagnoseverfahren wird ein
Teil der Patienten in einer neueren Testgruppe jeweils einem höheren Erkrankungsstadium
zugeordnet, als dies in der älteren Gruppe der Fall war. Als Folge davon verbesserte sich die
Prognose sowohl in den unteren Krankheitsstadien (weil die Patienten mit einer schlechteren
Prognose in das nächsthöhere migrierten) als auch die im fortgeschrittenen Stadium (weil
die hochgestuften Patienten eine durchschnittlich bessere Prognose als diejenigen Patienten
aufwiesen, die diesem Stadium vorher zugeordnet worden waren).“ (Text leicht modifiziert).
Wir können Eddi helfen, denn im Grunde genommen ist die Erklärung sehr einfach: Otti
verliert eine Ziege mit (für ihn) unterdurchschnittlicher Milchproduktion, deswegen steigt
sein Durchschnitt an. Jonni bekommt eine Ziege mit (für ihn) überdurchschnittlicher Milch-
produktion, deswegen steigt sein Durchschnitt an.
44 4 Grafiken und ihre (vermeintliche) Aussage
trockene Rinde! – zum Sieger erklärt. Ich habe eine Kopie der Kuhhaut hier da-
bei… Schau’ dir das an! Eine Frechheit! Daraus geht angeblich hervor, dass seine
Methode wirksamer ist.“
Eddi schaute die Tabelle an und sagte: „Tja, mein Lieber, damit musst du dich wohl
abfinden. 46 % für dich und 54 % für ihn – das ist doch ein eindeutiger Beweis!
Was regst du dich also auf?!“ Siggi beruhigte sich nicht: „Paulus hat die Wahrheit
verdreht, und der Oberdruide hat es nicht gemerkt. Ich allerdings auch nicht. Ich
habe meine und seine Messungen verglichen. Meine Zahlen sind dieselben, aber
ganz anders.“ „Du sprichst in Rätseln… zeig doch mal her!“
„Aber es sind doch dieselben Zahlen, bloß summiert! 25 + 105 sind jeweils 130.
Brechnuss ist bei mir 18 mal und bei ihm 42 mal wirksam, zusammen 60 mal. Ich
gewinne mit 72 % in meinem Test und mit 40 % in seinem. Kein Rechenfehler,
keine Manipulation, bloß eine simple Summierung. Das ist doch paradox!“ „Dann
nennen wir es doch das „Spökenkieker-Paradoxon“.8 Darüber muss ich auch erst
einmal nachdenken. Mann, was ich so am Hals habe!“
8
Jahrtausende später wurde es in das „Simpson-Paradoxon“ umbenannt, das zuerst 1951
von dem britischer Statistiker Edward Hugh Simpson untersucht wurde (siehe http://de.wi-
kipedia.org/wiki/Simpson-Paradoxon). Peter Kleist (siehe vorige Anm.) schreibt dazu: „…
dies allerdings zu unrecht, denn schon lange zuvor hatten der britische Mathematiker Karl
Pearson (1899) und der schottische Statistiker George Udny Yule (1903) bereits auf dieses
statistische Problem aufmerksam gemacht“. Geschichte frei nach Elke Warmuth, Stephan
Lange: Materialien zum Kurs „Keine Angst vor Stochastik – Teil 1“ vom 12.06.2007 aus
„Mathematik Anders Machen“ – Eine Initiative zur Lehrerfortbildung der Deutschen Tele-
kom Stiftung (http://www.mathematik-anders-machen.de/index2.html). Quelle: www.schu-
le-interaktiv.de/mathematik-anders-machen/…/download.pdf. Dort steht auch: „Eines der
4.3 Wenn die Zahlen selber lügen 45
Wir haben also gesehen, dass man schon in der Steinzeit nicht nur richtig, son-
dern auch falsch rechnen konnte, ohne es zu wollen. Diese Möglichkeiten wurden
erst im 20. Jahrhundert wiederentdeckt und haben für die gleiche Verblüffung ge-
sorgt. Aber sie zu kennen heißt noch lange nicht, sie auch immer zu beachten. In
wie vielen „harten Statistiken“ mögen wohl solche Fehler stecken?
bekanntesten Beispiele für das simpsonsche Paradoxon geht auf eine Diskriminierungsklage
gegen die Universität von Kalifornien in Berkeley zurück. Es wurde darauf verwiesen, dass
im Herbst 1973 die Aufnahmequote für Frauen im Schnitt niedriger lag als die für Männer.
Aber bei genauerem Hinsehen entpuppte sich der Vorwurf als grundlos und es stellte sich
heraus, dass die Frauen bevorzugt solche Fächer wählten, die geringe Aufnahmequoten hat-
ten. Männer hingegen wählten überwiegend die weniger überlaufenen Fächer mit hohen
Aufnahmequoten.“
Zusammenfassung: dieses
Essential in Kürze 5
Neben der Gleichung ist die Funktion ein weiterer Granitpfeiler der Mathematik.
Das „kartesische Koordinatensystem“ ist ihr Ausgangspunkt. Cartesius ist nichts
anderes als der latinisierte Name des französischen Mathematikers René Des-
cartes, der dieses Konzept bekannt gemacht hat. Ein Multitalent, Mathematiker
und Physiker, Philosoph und Erkenntnistheoretiker. „Ich denke, also bin ich“ ist
sein berühmter Ausspruch. Er betrachtete die Mathematik als die Grundstruktur
der Ordnung der Dinge.
Die einfachste Funktion ist eine zweidimensionale Abhängigkeit, die sich in der
Ebene der kartesischen Koordinaten darstellen lässt: y = f(x), das heißt: y ist eine
Funktion von x. Ändere ich x, ändert sich y. Die Wertepaare xi|yi beschreiben eine
Kurve in der Ebene. Im Raum ergibt sich eine Kurve durch die Wertetripel xi|yi|zi
aus der Funktion z = f(x,y) – hier gibt es also zwei unabhängige Variablen x und y.
Leider versagt unsere Vorstellungskraft bei einer Funktion f(x,y,z) mit drei unab-
hängigen Variablen, vor der die Theorie natürlich nicht Halt macht.
Doch schon in der zweidimensionalen Ebene entfaltet die Funktion ihren Reiz,
denn die Abhängigkeit y = f(x) kann ja über einfache Polynome Σakxk weit hinaus-
gehen. Funktionen wie y = 1/x oder y = ex sind auch noch einfache Beispiele dafür.
Die Analytiker (die sich mit „Funktionentheorie“ beschäftigen) suchen oft nach
Besonderheiten im Funktionsverlauf, z. B. ihre Schnittpunkte mit der x-Achse
(die „Nullstellen“) oder „Maxima“ und „Minima“, also den größtmöglichen und
kleinstmöglichen y-Wert. Was natürlich nur Sinn macht, wenn diese von + ∞ bzw.
− ∞ verschieden sind. Ein Beispiel: y = x2 hat ein solches Minimum, das gleich-
zeitig seine einzige Nullstelle ist. Wo das liegt? Na, das sagt schon der Name: bei
x = 0. Im Falle y = 2,5 x3− 7x − 4 √x (eine Funktion, die ich soeben erfunden habe)
ist das schon etwas schwieriger. Rechnet man ein wenig herum (im Zeitalter der
Computer ja keine Schwierigkeit), dann findet man im Intervall zwischen x = 0 und
x = 2 zwei Nullstellen und ein schönes Minimum.
Eine letzte Anmerkung: Wie man in Abb. 2.5 sieht, kann man einen in Punkt
auf dem Kreis (und überall sonst in der Ebene) nicht nur durch das Paar x|y fest-
legen, sondern auch durch den Winkel α und den Radius r (die Entfernung vom
Nullpunkt). Dies nennt man „Polarkoordinaten“.
Im zweiten Teil (Kap. 3) war das Thema „Natürliches Wachsen und Schrump-
fen“. Die „Natur“ (für einen Mathematiker ein sträflich undefinierter Begriff) be-
steht aus zeitlichen und meistens nichtlinearen Verläufen. Selten produziert die
doppelte Zeit auch eine Verdopplung irgendwelcher Größen. Manchmal scheint es
so, und man muss genauer hinschauen, um dann doch den Verlauf einer e-Funktion
zu erkennen, der anfangs in gewissen Meßungenauigkeiten durchaus linear aus-
sieht. Aber das „e“, die Eulersche Zahl, heißt nicht umsonst die Zahl des „natürli-
chen Wachstums“, sozusagen der „stetigen Verzinsung“. Die verstrichene Zeit tritt
im Exponenten der „Exponentialfunktion“ (daher der Name) mit einer individuel-
len Konstante auf und kann dort – genügend große Werte vorausgesetzt – drama-
tische Zuwächse (oder ihr Gegenteil) auslösen. „Exponentielles Wachstum“ nennt
man das, und viele wundern sich, warum sie es so spät (oft zu spät) bemerkt haben.
Die Zeit t tritt auch in Zerfalls- und Sättigungsprozessen auf – noch dazu mit
negativem Vorzeichen. Denn eine „negative Zeit“ kann man sich ja eigentlich nicht
so richtig vorstellen, da sie doch eine gerichtete Größe ist – sie nimmt immer nur
zu. Aber das bedeutet ja nur, dass aus dem Ausdruck e-t der Kehrwert 1/et wird.
Und obwohl Zerfall und Sättigung zwei gegensätzliche Prozesse sind, gehorchen
sie doch demselben Gesetz (und das ist sogar noch logisch, da sie sich nur durch
das Vorzeichen unterscheiden). Wenn also demnächst bei Ihnen der Putz von den
Wänden bröckelt und den beginnenden Zerfall Ihrer Wohnung ankündigt, werden
Sie auf mathematischer Grundlage sagen: „O! Eine negative Sättigung!“
Im letzten Teil beschäftigten wir uns mit Grafiken und ihrer Interpretation. Eine
einfache Volksweisheit lautet bekanntlich: „Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte“
– aber es sagt auch oft etwas Falsches.1 Fallen Sie nicht darauf herein, sondern
schauen Sie genau hin! Auch „nackte“ Zahlen können in die Irre führen. Eben-
falls müssen Interpolationen und Extrapolationen mit Verstand und Augenmaß
vorgenommen werden. „Ausreißer“, die ihren Charakter nicht immer sofort of-
fenbaren, können vermutete Zusammenhänge und Verläufe zusätzlich verfälschen.
Ohne moralisch zu werden: Einfaches Rechnen reicht nicht, man muss auch dabei
1
Eine umfassende und ausführliche Darstellung dieses Themas mit zahlreichen aktuellen
Beispielen finden Sie in Bosbach und Korff 2011.
5 Zusammenfassung: dieses Essential in Kürze 49
nachdenken. Mathematik ist eine scharfe Waffe und muss mit gleicher Sorgfalt ge-
handhabt werden wie ein Sarazenen-Schwert oder ein japanisches Haiku-Messer.
Auf der anderen Seite muss man feststellen, dass insbesondere in den heutigen
Zeiten des Computers mit seiner gigantischen Rechenkraft graphische Darstellun-
gen enorme Bedeutung erlangt haben. Große Datenmengen („big data“) können
oft nicht anders analysiert werden, als sie zwei- oder dreidimensional (ggf. noch
eingefärbt) auf den Schirm zu bringen und mit kreativer Intelligenz zu betrachten.2
2
Siehe dazu Sascha Mertens: Formeln zum Leben erwecken. ChemieOnline 30.11.2006
(http://www.chemieonline.de/bibliothek/details.php?id=2258).
Was Sie aus diesem Essential
mitnehmen können
Bei dem, was ich mir ausborge, achte man darauf, ob ich zu wählen wusste, was mei-
nen Gedanken ins Licht rückt. Denn ich lasse andere das sagen, was ich nicht so gut
zu sagen vermag, manchmal aus Schwäche meiner Sprache, manchmal aus Schwäche
meines Verstandes. Ich zähle meine Anleihen nicht, ich wäge sie. Und hätte ich eine
Ehre im Zitatenreichtum gesucht, so hätte ich mir zweimal soviel aufladen können.
Michel de Montaigne, Essais II, 10 (Über die Bücher)