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Goethe Studien I

goethe nachahmungen und übersetzungen

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Torsten Schwanke
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GOETHE STUDIEN

VON TORSTEN SCHWANKE

GOETHE UND DIE EWIGE FRAU

„Von mir erführen sie den Weg der Liebe.“


(Goethe)

ERSTER GESANG

Die Mutter war mit siebzehn Jahren


Noch fast ein Kind, als sie gefreit,
Sich mit dem Herren Rat zu paaren
Als eine junge Jungfraun-Maid.

Sie war so lebhaft wie das Leben,


Poetisch wie ein Abenteuer,
War launenhaft in allem Streben,
In allem Lieben voller Feuer.

Sie war bereit, mit ihren Kindern,


Mit ihrer Tochter und dem Sohn,
Ein Kind zu sein; ungleich den Sündern,
Die Kinder anschaun voller Hohn.

Kornelia, die Tochter, kam


Ein Jahr nach Johann Wolfgang an.
Das Weib war keusch in Scheu und Scham,
Ein edler Ritter war der Mann.

Das weibliche Geschlecht mag schwächer


An Kräften sein, doch angenehm
Und süß wie Honigmilch im Becher,
Ist auch der Becher nur von Lehm.

Die Mädchen sind ein Freudenborn


Und Friedenskinder sind die Schönen,
Die, kennen sie auch manchmal Zorn,
Doch immer wieder sich versöhnen.

Die kleinen Freunde balgen, streiten,


Sie heben die geballten Fäuste.
Die Mädchen haben sanfte Leiden
Und wissen immerdar das Neuste.

Zu sticheln wussten sie, zu mäkeln,


Doch auch mit sanfter Hand zu tätscheln,
Des kleinen Träumers Träume-Häkeln
Wohl zu bewundern und zu hätscheln.

Wie wirkt auf Kinder Schönheit schon,


Auf alle Sinne und das Herz,
Gewinnt uns eine durch den Ton,
Die andre durch den süßen Schmerz;

Der einen liebliche Figur


Ist bei der anderen der Blick,
Ist da der Seele Frohnatur
Und dort das Herz in Leid und Glück.

So ward der Knabe in den Mädchen


Des Guten sinnlich-schön gewahr,
Sie waren ihm in Dorf und Städtchen
Als wie Verheißung und Gefahr.

Die Mädchen aus der Schwester Kreis


Sich gerne auch zum Sohn gesellen,
Der schaute sie so schön und leis,
Die Mädchen, Jungfraun, Demoisellen.

Die Charitas von Worms gefiel


Aus seiner Schwester Kreis ihm gut,
Empfindsam war ihr Mienenspiel
Und keusch war ihrer Wange Glut.

Lisette war sehr angenehm


Und gar sehr lieblich anzuschauen
Wie die Marie von Bethlehem,
Dem Inbegriff der holden Frauen.

ZWEITER GESANG

Die Einsamkeit ist meine Trauer,


Wenn ich verwildert lieg am Fluß,
Im Walde unter Blütenschauer,
An meine Lieben denken muß.

Der Zephyr säuselt fort und fort


Durch leere weltverlassne Mauern,
Er schwillt, er stürmt, er wird zum Nord,
Er bläst mich an in wildem Trauern.

Weh mir! ich werde melancholisch,


Der ich mit Eulenaugen starre.
Die Schwermut bläht sich hyperbolisch,
Der ich auf kleinste Freuden harre.

In Veilchen such ich Nachtigallen,


Der schwarze Rabe krächzt: Remember!
Die dunklen Traurigkeiten wallen
Wie düstre Nebel im November.

Das war der Bote erster Liebe,


Wo Angst und Hoffnung in der Brust,
Traumbilder schweben vor dem Triebe
Als Inbegriff der Lebenslust.

Unglücklich Liebender gedenke,


Die beten ohne Hoffnung an,
Daß sich die hohe Fraue schenke
Dem armen unglücklichen Mann.

Da ist es Gnade, wenn sein Vers


Mit seiner Liebessehnsucht Reim
Sich betten darf an ihrem Herz,
Ist wie am Musenberg daheim.

In jener Zeit der Ostermesse,


Da Auferstehung uns errette,
Da sah er durch der Tränen Nässe
Die wunderliebliche Anette.

Er sagte ihr: Ich hab dich lieb


Wie Rosen lieben Nachtigallen!
Sie nahm es an wie Vogelpiep,
Ließ sich’s als Schmeichelei gefallen.

An Heirat war ja nicht zu denken,


Doch unterhaltend und belehrend
War er, ihr seine Weisheit schenkend,
Sie allezeit als Jungfrau ehrend.

Sie machte ihm doch viel zu schaffen


In lauter Freuden, lauter Qualen.
Eroten nahten ihm mit Waffen,
Die ihm die Seelenruhe stahlen.

Sie war ihm Dienerin und Herrin,


Dem Hausfreund gut die Freundin scheint.
Doch seine Seele, diese Närrin,
Vertraute oft sich ihrem Freund.

Mag auch ein andrer Mann umwerben


Die kleine Schönkopf als Galan,
Mag er vor lauter Feuer sterben,
Mir hat sie Liebes angetan!

Und bringt er ihr drei Äpfel auch,


Daß er der Schönsten Schönheit preise,
Sie kommen doch in meinen Bauch,
Die Liebe sorgt für meine Speise.
Gerechter Himmel! welch Vergnügen,
Mit Liebchen sich allein zu wissen!
Studieren sie in allen Zügen
Und weise ihren Mund zu küssen!

Vier Stunden sind so schnell vergangen,


Wie Tau an Wasservogels Schnabel,
Wie Hauch von Rot auf ihren Wangen
Und wie des Menschenleibes Adel!

Wie machte diese Zeit mich glücklich!


Ihr Busen wärmte meine Brust!
Zehntausend Küsse, keusch und schicklich!
Ich flog vor ungeahnter Lust!

Das ist ein Minne-Abenteuer,


Der Ritter huldigt ihrer Jugend,
Und alles glüht von keuschem Feuer
Der Liebe in der reinsten Tugend.

Fast bin ich schon ihr Bräutigam


Und fast schon ist sie meine Braut.
O Hauch von Röte ihrer Scham,
Wenn sie vor Wollust glühend schaut!

O wenn vor Lust die Wangen glühen,


Das Auge senkt sich immer scheuer,
Um diesen Lohn für meine Mühen
Durchwandre ich das Fegefeuer!

Doch ist sie schwach wie alle Frauen,


Will sich an einen Gatten binden.
Da lohnt der Ritter ihr Vertrauen,
Bereit, sich selbst zu überwinden.

Wenn bange ihre Seufzer fliegen


Und wünscht sie, ganz sich hinzugeben,
Dann muß der Ritter männlich siegen,
Sich überwinden ohne Beben.

Auf daß die Frau nicht untergehe,


Muß jederzeit der Mann verzichten!
Was ist ein Ritter in der Ehe?
Will denn der Dichter nicht nur dichten?

Ich bin zu stolz, um was zu büßen,


Ich glaub, die Macht der Liebe rettet!
Sie ist so stolz, zu ihren Füßen
Zu sehn den Sklaven angekettet!

Die Eifersucht ist höllenheiß,


Ich sollte sie damit nicht plagen,
Des Eifersüchtigen Auge weiß
Mehr als das Aug des Herrn zu sagen!

Begierig war ich, sie zu sehen,


Doch wollt sie die Begier nicht lohnen.
Kaltherzig ihre Blicke gehen,
Sie mocht den Liebenden nicht schonen.

Da ward ich so erregt vor Wut,


Da ward ich hitzig, zornig, zag,
Da fiel mich an die Fieberglut,
Daß ich am Abend niederlag.

Da ward ich Armer zur Tragödie,


Geschlagen von des Schicksals Bann!
Sie ging zu Lessing, zur Komödie
So froh mit einem andern Mann.

Das Fieber fiel mich an mit Frost,


Ein Fieberfrost hat mich geschüttelt.
Doch bei der Kunde jener Post,
Ward ich von Feuersturm durchrüttelt!

Doch still! sie reichte mit der Linken


Mir lässig hin das schlimmste Gift,
Ich muß den Schierlingsbecher trinken
Und schreiben Testamentes Schrift.

Mein Freund, o laß mich schreiben, schreiben,


Als Dichter will ich ihr verbrennen,
Sonst würd ich großen Unsinn treiben
Und gegen eine Mauer rennen.

Wie werd ich diese Nacht verbringen,


Vor der mir wie vorm Teufel graut?
Doch werde ich vor allen Dingen
Gleich morgen früh beschaun die Braut.

Mein Herz wird heiß und heftig pochen,


Mir treten in die Augen Tränen,
Werd sehn ich ihre Wangenknochen
Und um die Wangen ihre Strähnen.

Dann werd ich denken: Gott verzeih,


Geliebte, ich will dir verzeihen!
Und jeden Herbst und jeden Mai,
Den du mir raubst, will ich dir weihen!

All diese Wonnen, alle diese


Entzückungen und alle Zweifel,
Sind in uns! alle Paradiese
In uns! wir sind uns selber Teufel!

Sie kam, sie fiel mir um den Hals:


Verzeihe mir! und ich vergab!
O holde Königin des Alls,
Mein Himmel du und du mein Grab!

Sie hat an meinem Hals gehangen,


Vergalt mir alle meine Qualen!
Zum Segen ward mir alles Bangen,
Wollt sie mit Küssen mich bezahlen.

Ich bin ein Narr, ich bin ein Tor,


So sagt es jedenfalls Anette.
Doch bin ich gut, der ich beschwor
Die Frau beim frommen Amulette.

Wie sollte seine Liebe enden,


Was war der Liebe letztes Ziel?
Wer hielt ihr Schicksal in den Händen?
War alles nur der Götter Spiel?

Ach durfte er denn ihr Vertrauen


Und ihre Liebe von sich stoßen?
Was macht ein Dichter mit den Frauen,
Was Nachtigallen mit den Rosen?

Es ist ein Gift in ihren Küssen!


Was müssen sie so süße sein?
Nur Eine Stunde auf den Kissen
Wiegt auf Jahrhunderte von Pein!

O Freund, ich sag mir oft: wenn sie


Die Meine wär fürs ganze Leben?
Doch denk ich es zuende: Nie
Darf Gott mir die Anette geben!

Da kam der Blutsturz über ihn,


Da fühlte er die Grabesnähe,
Er sah den Tod, hat Blut gespien,
Da war so fern, so fern die Ehe.

DRITTER GESANG

Wie gut, ein freies Herz zu haben,


Nachdem man Liebestod gestorben.
Doch werden großer Freuden Gaben
Durch große Mühen nur erworben.

Ist weich das Herz, so ist es schwach,


Da schlägt es warm an meine Brust,
Die Augen drücken Tränen, ach,
Da sitzt man da in weher Lust,

Da sitzt man da in weher Wonne,


Wenn Tränen fließen. Blumenketten,
Sie binden uns an die Madonne
Und kein Verstand kann uns erretten.

Die Liebe kommt, die Liebe flammt,


Die Liebe glüht, erlischt wie Feuer.
Der aber aus dem Feuer stammt,
Wird im Sich-selbst-Verzehren neuer.

Wie Mädchen alle Mädchen leben,


Der Mann ein wahrer Mann sein muß.
Doch Liebe kann nichts andres geben
Als gegenwärtigen Genuß.

Du liebst, o Herz, wie wirst du lieben?


Freu dich der Liebe Gegenwart!
Von allem Glück ist nichts geblieben,
Verflog wie Tau auf Blumen zart.

Viel Schönes ist ihm doch geblieben,


Viel Schönes wird noch zu ihm treten.
Manch schönes Lied hat er geschrieben,
Das kommende Geschlechter beten.

Die Liebe ist fatal! Das Glück


Und Unglück kommt aus Gottes Hand,
Aus Gottes Hand kommt das Geschick,
In Gott der Stern der Stunde stand.

Wie Elieser resigniere


Und weih der Weisheit deine Seele:
Wer wird dir tränken auch die Tiere,
Wer führt zum Brunnen die Kamele?

Du wende dich zu Gott dem Vater


Um Hilfe als ein Gottesmann.
Läßt wer sich raten nicht vom Rater,
Ach der ist wahrlich übel dran.

Auf also nun nach Sesenheim,


Zu Vater Brion an den Rhein,
Der da in der Pfarrei daheim,
Bei der Familie Gast zu sein.

Der Arm von Vater Rhein war nah


Und auch die Schwarzwaldberge grüßten,
Obstgärten schauten fruchtbar da
Und Blumen in den Gärten sprießten.
Mit achtzehn Jahren Friederike
Wie junges neues Leben lacht,
Von einem ihrer Sonnenblicke
Sind Johanns Geister aufgewacht.

Sie war so hoch und schlank gewachsen,


Mit blassen Wangen, schön errötend,
Anmutig wie die Fraun von Sachsen,
Nicht wie die Fraun von Sachsen tötend.

Die blauen Augen schauen nieder,


Das reiche blonde Haar in Flechten,
Von weißer Farbe Rock und Mieder,
Wie er geträumt in manchen Nächten.

Da sah er sie und mußte scheiden,


In Hoffnung, wieder sie zu sehn,
An der Gestalt den Blick zu weiden,
Denn sie war gar zu lieb und schön.

Sei ruhig, liebes Herz, denn mild


Steht alles Himmelreich dir offen,
Sie gab dir ja ihr Schattenbild
Und heißt dich glauben, lieben, hoffen!

Er sang ein Lied, daß er sie rühre,


Er sang vom süßen Stelldichein.
Jetzt spürt der Engel, was ich spüre,
Jetzt ist sie ganz von Herzen mein!

Gott lehr mich, ihrer würdig sein,


Verehre ich die Makellose,
Ein Kuß wär süßer mir als Wein,
Schau ich die schöne junge Rose.

Auf meine Lieder sie begierig,


Sie sang so gern, so süß im Freien,
Er kannte alte Lieder schwierig
Und sang auch neue ihr im Maien.

Er schickte viele Lieder über


Und über, alles rosenrote,
Er schickte sie, doch vielmals lieber
War er sein eigner Liebesbote.

O allerschönste Frühlingstage,
Die sie zusammen da genossen!
Die Blüten schimmerten so vage,
Die jungen starken Stämme sprossen.

Zusammen durch die Lenzgefilde


In lauter Liebe hinzuschweifen,
O welche Seligkeit! wie milde
War Liebesglück umher zu greifen!

Sei ewig glücklich! sang er ihr,


Sie war sein blühendes Ergötzen.
Doch manchesmal auch einsam hier
Durchrann ihn eisiges Entsetzen.

Den früheren Gedanken denkend,


Daß alles das Gefühl vergänglich,
Daß finsteres Geschick uns lenkend
Den Tod bereitet, stimmt ihn bänglich.

Gefühle haben keine Dauer!


So haben wir nur Augenblicke!
Fleuch aus der Seele, dunkle Trauer!
O küss mich, küss mich, Friederike!

Wo er so selig ganz im Grunde,


An ihrer Liebe sich zu weiden,
Da nahte schon die Abschiedsstunde,
Der Dichter mußte wieder scheiden.

Mein Kopf ist eine Wetterfahne,


Windstöße und Gewitter brausen,
Wenn mir nach des Geschickes Plane
Die Bilder so im Herzen sausen!

O Glück der Liebe! Ja wie gut


War Friederikes Tun und Treiben,
Wer wollte da nicht voller Glut
Für immer an dem Herde bleiben?

O wer es nur genießen könnte!


Da muß der Fromme sich erbauen,
Es wandeln sich die Elemente,
Dem Augenblick ist nur zu trauen.

O draußen Regen, drinnen Regen,


Ich les den griechischen Homer.
In all dem lautern Liebessegen
Ist mir mein Herz gewitterschwer!

Die angenehmste Gegend, Leute,


Die lieben mich, der Freunde Kreis,
Erfüllen sich nicht herrlich heute
Der Kindheit Träume, Gott zum Preis?

O Horizont von Seligkeiten


In zauberhaften Elfengärten!
Doch wenn Gedanken näher schreiten,
Da muß man melancholisch werden.

O wer bewahrt vorm Mißmut uns


In tausendfachem Lebensleide?
Und Friederike süßen Munds
Sah daß der Freund und Dichter scheide.

VIERTER GESANG

Von Shakespeare war sein Schädel voll


Und von dem heiligen Homer,
Koran und Ossian erscholl,
Er wanderte durchs Rote Meer,

Wallfahrte, Muschel an dem Hut,


Die Wüste durch an Moses Hand,
Es zog der Feuersäule Glut
Voran ihm ins Gelobte Land.

Unsteter Pilger ohne Rast,


Durft er kein Weib schon an sich binden,
Er mußte seines Schicksals Last
Ertragen und des Dämons Sünden.

Wohl sah er andrer Menschen Glück


In ihrem stillbescheidnen Haus,
Der Mutter und des Kindes Blick,
Und ging ins Freie doch hinaus.

Sie sorgen sich um ihre Speise


Und ein Geschlecht hervorzubringen,
Doch Johann auf der Lebensreise
War nur bestimmt, sein Lied zu singen.

Die süße Mutter sah er gern


Mit ihren schwärmerischen Augen,
Mit ihres Blickes Meeresstern,
Den Sohn an ihrem Busen saugen.

Sie lud ihn ein zum Abendmahl,


Als noch ihr Gatte nicht zuhause,
Da saß er in dem Tempelsaal
Vor ihr beim götterfrohen Schmause.

Doch ruft das Schicksal ihn vom Ort,


Ihn ruft die innere Natur
Von Frau und Kind und Hütte fort,
Zu wallen auf der Pilgerspur.

Er muß zum Cuma der Sibylle,


Dort wird ihm wehn des Schicksals Wind
Zuletzt in eines Abends Stille
Zu jener Mutter mit dem Kind.

Doch noch war er ein Aar, getroffen


Von eines wilden Schützen Pfeil,
Darnieder lag sein frohes Hoffen,
Da bangt ihn um des Herzens Heil.

Er war am Leben und gesund,


Doch seine Schwingkraft weggeschnitten.
Er lag am Grund, so weh und wund,
Und hat die Schmerzen durchgelitten.

Die Weisheit aber, eine Taube,


Sie sprach von Selbstgenügsamkeit.
Und Johann ging in Herders Laube
Zu weiblicher Empfindsamkeit.

Da blickte er in Frauenseelen,
Wie er sie nie bisher gekannt.
Er sah der stillen Gluten Schwelen
Und schaute ein Gelobtes Land.

Sie waren schwach wie andre Frauen,


Voll Sehnsucht nach dem Idealen,
Es in der Seele anzuschauen
Und es im Leben abzumalen.

Wie innerliche Pietisten


Und mystische Gemüter auch,
So gingen diese schönen Christen.
Und alles unterm Mond war Hauch.

Sie liebten Klopstocks zarte Seele


Und wollten zur Natur zurück,
Das Gras war edler als Juwele
Und Milch und Beeren höchstes Glück.

Und ihre süße Seelenspeise


War Freundschaft, Liebe unter Freunden,
Die sie die Hände küssten leise
Und überschwänglich einsam weinten.

Sie sahen in der Seele Tiefe,


Ein Seelenkern war ihnen sicher.
Sie schrieben lange, lange Briefe
Und umfangreiche Tagebücher.

Mit aller Zärtlichkeit von Mädeln


Mit dem ästhetischen Bekenntnis
Versuchten sie sich zu veredeln
Durch seelenvolle Selbsterkenntnis.
Da schaute er im bunten Kleid
Psyche im schönen Sonnenstrahl,
Da hat er mit Gesang geweiht
Den Felsen ihr in einem Tal.

Da sah er auch Urania


Im blühenden Elysium,
Da alle Götterschönheit nah -
Ach warum n u r Elysium?

Da schaute er des Schlosses Turm,


Da lebte Lila hold und heiter,
Umstürmt von einem Wettersturm
Der Wandrer aber mußte weiter.

FÜNFTER GESANG

Er kam nach Wetzlar an der Lahn,


Zu Hügeln und zu Hügelhängen,
Bei Gassen, Treppen, Brunnen an
Mit einem Herzen voll Gesängen.

Das liebe Tal, die vielen Höhen


Den Wanderer ins Offne locken,
Die grünen Wälder anzusehen
Und Mühlen, Klöster auch mit Glocken.

Und Wetzlars Damen machen Hof


Und jede hält sich den Galan,
Der sei Poet, sei Philosoph,
Geld aber hab der Ehemann.

Da ward der Dichter melancholisch


Und ging so einsam hin und her,
Die Trauer stimmte alkoholisch
Das Herz ihm, welches öd und leer.

Da lud man ihn zu einem Ball,


Da sah er Demoiselle Charlotte -
Da schoß den Pfeil durchs Sternenall
Die Grausamkeit vom Liebesgotte!

Sie war so frisch und unbefangen,


So frei von jeder Prüderie,
Ein heitres Lächeln auf den Wangen
Entflammte seine Sympathie.

In ihren Augen alles Schöne


Ward durch ihr Auge schöner noch.
Es lag das Glück der Menschensöhne
Versklavt vor ihrem Wangenjoch.

So schlank gewachsen und gesund


Und blondes Haar und blaue Augen,
Er wollte von dem Musenmund
Die Küsse der Begeisterung saugen!

Beim Tanz die ganze Sommernacht


War ihre Laune seine Wonne,
Die Freundlichkeit und Seelenpracht
War Licht wie eine zweite Sonne.

Die ganze Sommernacht beim Tanz


Flog er aus seinem Herz hinaus,
Erwarb sie sich den Dichter ganz,
So trat er in ihr Deutsches Haus.

O wie sie stand als Jungfrau-Mutter


Im Kreis der Schwestern, ihrer Kinder,
Zu reichen ihnen Brot und Butter
Und Gottes Liebe für die Sünder!

Die hungrig waren, nährte sie,


Sie hatte Trauben allen Mäulern,
Den Traurigen gab Tröstung sie
Und reinigte von Glockensäulern.

O Lotte unter den Geschwistern,


Da mußt das Herz dem Frommen pochen,
Der fern Gesetzen von Philistern,
Die dem Philister war versprochen.

Ein tätiger, ein tüchtiger,


Ein guter Mensch, wie Lotte dachte,
Der Dichter nur ein flüchtiger
Geselle, der nur Lieder machte.

Da trat der Dichter zu den Kindern,


Erzählte ihnen alte Märchen
Von Deutschen, Arabern und Indern
Und von dem frohen Hochzeitspärchen.

Er konnte wie ein Jäger pirschen


Und wie ein Räuber Schätze suchen.
Die Kinder liebten auch die Kirschen,
Die Kinder liebten auch den Kuchen.

Auch sah man oft den Dichter trippeln


Der Herrin nach mit treuen Blicken,
Sah sklavisch ihn die Bohnen schnippeln
Und knechtisch ihn die Birnen pflücken.
Auch gingen sie hinaus zum Heu,
Das Heu in Haufen aufzuhäufen.
Wie Weizenmohn die Jungfrau scheu,
Er schien in Wonne zu ersäufen.

Bewunderung verbarg er nicht.


Soll man nicht lieben solch ein Mädchen?
Der andre Mann soll das Gedicht
Ertragen, das er sang dem Mädchen!

Worauf geht das hinaus? du spannst


Sie gar dem Anderen noch ab?
Der Tag, der sie mir gibt, du kannst
Mirs glauben, wär der Liebe Grab!

Ich bin nun gar der Narr, der Narr,


Ich bin der Liebe grüner Tor,
Der ich Besonderes erfahr
Durch Sie, der Liebe Rosentor!

Hochachtung vor den Frauenzimmern


War Johann eigen, der die Weiber
Sah dunkeln vor der Dame Schimmern,
Die war die Seele unter Leibern.

Er selber war ja abgesondert


Und flehte zu der Hochgestalt,
Die wie ein Wunder ihn verwundert,
Die wie die Schöpfung mannigfalt.

Er sehnte sich nach tiefer, reiner,


Geistvoller Liebe zu der Einen,
Das wußt in Wetzlars Gassen keiner,
Das fühlten nur die Seelenreinen.

Sie mußte das Verlangen spüren,


Und sie empfing die Schmeichelei
Als Huldigung in holden Zieren
Und glühte selber süß wie Mai.

Nur Narren werden sich beklagen,


Sie dürften nur den Handschuh küssen,
Sie werden sich den Kopf einschlagen,
Wenn sie mit Keuschheit leben müssen.

O Genius des Vaterlands,


Laß einen Dichterjüngling blühen,
Der wert des Ruhmes Lorbeerkranz
Allein durch keusches Minneglühen!

Sei nicht nur schön die Göttin, nicht


Nur kalt sie halte sich zurück!
Wenn er verehrt ihr Lebenslicht,
Sei sie sein Elend und sein Glück!

Er jauchze unbezwungnen Herzens,


Dann freun wir uns des Flatterhaften,
Dem nicht genügt das Glück des Scherzens,
Der will das Leid der Leidenschaften!

O Genius des Vaterlands,


Ihn finden laß, die seiner wert!
Sei ihr Gemüt der Güte Glanz,
In höchste Anmut eingekehrt!

Unwiderstehlich reiß ihr Herz


An sich den Dichter und den Weisen.
Sei ihre Demut groß im Schmerz,
Sei ihre Schönheit hoch zu preisen!

Wenn sie in Einsamkeit empfindet,


Daß etwas ihr zur Freude fehle,
Dann gib, daß sie der Dichter findet
Und gibt sich als Geschenk der Seele!

Und wenn sie auf den Lebensbahnen


Geleitet vom Geschick sich finden,
Laß du sie augenblicklich ahnen,
Daß Amor säuselt in den Winden!

Sein Ideal war Lottes Bild,


Und war sie gut, wuchs seine Liebe,
Und hielt sie sich zurück, ward wild
Und ungestüm die Kraft im Triebe.

Auch neckte Lotte ihn aus Lust,


Die Macht des Weibes zu versuchen.
Was auch der Dichter tragen mußt,
Nie wird er seiner Göttin fluchen!

Und eines Abends sie gestand


Dem Anvertrauten einen Kuß,
Den sie dem Dichter gab, da fand
Der Dichter seinen Musenkuß.

Am nächsten Tage sah man fliegen


Den Dichter in das Deutsche Haus,
Doch ließ man frostig links ihn liegen
Und unbesehn den Blumenstrauß.

Da predigte die schöne Lotte,


Er dürfe nichts als Freundschaft hoffen.
In Einsamkeit vor seinem Gotte
Verschmähter Liebe Tränen troffen.
Und dann in einem Abendrot,
Da blutig sanken sieben Sonnen,
Hat von dem Leben nach dem Tod
Frau Lotte das Gespräch begonnen.

O wenn wir scheiden von der Erde


Und um die Hinterbliebnen schweben -
Wenn ich als Erste scheiden werde,
Geb Kunde ich vom ewigen Leben.

Und Johann ging, er ging für immer,


Er war allein und durfte weinen,
Im heißen heulenden Gewimmer
Lag er in frostigen Gebeinen.

Weil er gegangen, war betrübt


Frau Lotte, ihre Träne rollte,
Doch hat sie ihn ja nicht geliebt,
Der mehr als ihre Freundschaft wollte.

Ins Haus der lieben Mutter eilte


Der arme Dichter jener Stunde,
Daß dort die Zeit die Wunden heilte
Erhoffte sich der Liebeswunde.

Sie schickte ihm die grüne Schleife,


In der er sie zuerst geschaut,
Daß in ihm die Erinnerung reife,
Wie sie ihm immerdar vertraut.

Auch hing ihr Bild, ihr Schattenriß,


Vor ihm an seines Zimmers Wand.
His goddess kiss was all his bliss -
Der sie in manchem Traum erfand.

Jerusalem, Jerusalem!
Der arme Mann hat sich erschossen!
Der Falter flog, es lag der Lehm,
Erlösend ist das Blut geflossen!

Der Arme! Sah ich ihn im Mondschein,


Dann sagte ich: Er ist verliebt,
Von Liebe trunken wie von Mohnwein
Und wie von Mohnwein tief betrübt.

Der Dichter aber lebte ganz


In der Erinnerung vor dem Bild,
Er sprach mit seines Traumes Glanz,
Mit seiner Göttin gnadenmild.

Verehrung der Geliebten sprießte


In jeder Nacht in seinem Bette,
Da sah er auf zu ihr und grüßte
Der Gnadenvollen Silhouette.

Und wie ein Engel Gottes schwebte


Um Johann Lottes Silhouette,
Als ob ihm die Madonna lebte,
Die malte Raffaels Palette.

Ich wandre unter Wüstensonnen


Allein mit meinen tausend Schafen,
Mein schwarzes Blut ist wie ein Bronnen,
Doch Sie fährt in den Ehehafen!

Mein Herz ist reich, mein Herz ist edel,


Doch wird zuteil mir nicht das Glück,
Laß ich aus meinem schwarzen Schädel
Der Nachwelt nur mein Lied zurück!

Brennt vor den Heiligengebeinen


Verehrungsvoll des Glaubens Flamme,
So darf ich huldigen der Einen,
Indem ich ehre ihre Amme.

So wars am Ende immer Lotte,


Die ihn beschäftigte, nur Lotte,
Vor seinem Gott bat er für Lotte,
Und Tod und Trauer war ihm Lotte!

Da dichtete er Werthers Leiden


Wie Klagelieder Jeremias,
Daß alle sich am Leiden weiden
Wie an dem Epos vom Messias.

SECHSTER GESANG

Im Karneval sah er sie tanzen,


Die Schönste aller Tänzerinnen,
Mit blonden Haaren, Wimpern-Lanzen
Cupidos und er mußte minnen.

Nicht nur die Frau von Fleisch und Blut,


Nein, auch die Phantasiegestalt
Der Ferne fachte seine Glut,
Die ihn verzehrt zu Asche bald.

Ein sehnendes, ein fühlendes,


Ein Mädchen ohne Leiblichkeit!
Ein singendes, ein spielendes
Kind Gottes liebte diese Maid!
Er liebte diese schwarze Rose
In ihrem schönen Schattenrisse,
Frei von gemeinen Lebens Prose
Das Bild bedeckten seine Küsse.

Ich will dir keinen Namen geben,


Geliebte, Schwester, Freundin, Braut,
Das Schönste du, was ich im Leben
Mit Geistesaugen angeschaut!

Ich fühl, du kannst das Stammeln tragen,


Das mich vorm Ewigen befällt.
Gott wollte aus dem Steine schlagen
Die schöne Frau zum Heil der Welt!

Adam und Eva schuf der Herr,


Ein Bild und Gleichnis, das ihm ähnlich.
Ich sehn mich nach dem Bilde. Wer
War je wie ich nach Eva sehnlich?

Vergangen und verbrannt das Gestern,


Die Zukunft liegt in schwarzen Schlünden.
Die Brüder wollen in den Schwestern
Ein Doppel und ein Gleichnis finden.

Und ob ich glücklich bin? O ja,


Ich fühle alles Glück, und nein,
Des Schicksals ganzer Grimm ist da,
Ist Liebesglück und Liebespein!

Und ob du mir verraten willst,


Wer du und wo du seist, ist gleich,
Wenn du nur meine Liebe fühlst,
Du meiner Liebe Himmelreich!

Im Karneval sah er sie tanzen,


Die Schönste aller Tänzerinnen,
Mit blonden Haaren, Wimpern-Lanzen
Cupidos und er mußte minnen.

Er mußte für die Lili glühen,


Das schöne Schönemann, das Mädchen,
Und wollt er flüchten, wollt er fliehen,
Fing sie ihn mit dem Zauberfädchen.

O meine Seele, du verachtest


Den Kerker der Philisterwelt!
O meine Seele, wie du schmachtest,
Daß Sie dich in den Armen hält!

Und ist er auch Galan beim schönen


Geschlechte lustig, froh und munter,
Ganz plötzlich hört ihn einer stöhnen
Und seine Laune sinkt hinunter.

Geschöpf mit jungem frischem Blut,


Wie schrecklich du zur Liebe zwangst!
Du unterwirfst die Liebeswut,
Doch vor der Ehe bleibt die Angst!

Kaufleute ihr und Frauchen ihr,


Die ihr so fromm seid und so zahm,
Entkleidet Lili ihrer Zier
Und nichts bleibt übrig als die Scham.

Ihr Praktisch-Reformierten, klug


Und voller Anstand frommer Sitte,
Nie Lili euren Anschein trug,
Sie war ein Engel meiner Bitte.

In Gärten wollen wir spazieren


Und an den Flüssen und den Teichen.
Von Liebe die Gespräche führen
Die Liebenden, die Ohnegleichen.

Es scheint, als ob des Schicksals Zwirn


Sich endlich glücklich knüpfen wolle,
Doch Wirrwarr ist in meiner Stirn,
Heiß ist die Brust, die liebesvolle!

O sie war lieblich wie ein Engel


Bekränzt von roter Rosenblüte,
In ihrer Linken Lilienstengel,
Schien sie mir die Person der Güte.

Doch wer kann finden reines Glück?


Da sind die Eltern und die Tanten,
Die weichen vor dem Freund zurück,
Vorm armen Dichter die Bekannten.

Der Schönemann, der Lili Mutter


War ja französisch-reformiert,
Der Dichter aber sprach von Luther
Und so als ob er Gott verliert.

Auch mag ein Kaufmann Reichtum bringen


Und ihrer Tochter Sicherheit,
Was soll das Flattern und das Singen
In aller seiner Ärmlichkeit?

Er war ein Tier aus dunklem Walde,


Das in die Straßen sich verlaufen;
Daß er der Liebe Becher halte,
Die Liebeslust wie Wein zu saufen.
Er war der armen Turtel Girren,
Die Herrin kam, ihn zu verspeisen!
In ihrem Park nicht mehr zu irren,
Versuchte er, sich loszureißen!

Der Hafen der Glückseligkeit


Und Erdenfreude einer Ehe
Schien nah, doch bin ich wieder weit
Allein in wilden Fluten, wehe!

O dieses Schweben, dieses Schwanken,


Dies angezogen, abgestoßen!
Kein Ausweg öffnet sich dem Kranken,
Der stirbt an Dornen roter Rosen!

Wird er beim besten Weibe nicht


Unglücklich werden in der Ehe?
Wenn jede Schönheit zu mir spricht,
Die ich in meinem Leben sehe?

Ich bin so unstet, wandelbar,


In meiner Brust ein stetes Gären.
Wie soll ich einem Weibe gar
Allein die ewige Treue schwören?

Wenn eine mit der Zaubermacht


Der Liebe mich zu fangen naht,
Gleich eine andre lieblich lacht,
Da weiß ich keinen Weg und Rat.

Und kommt mir neuer Liebe Macht,


Gedenk ich heiß der alten Herrin.
Hab voller Zärtlichkeit gedacht
An jede Freundin, jede Närrin.

Wenn Amor schläft, da kann man treu sein,


Doch weh, wenn Eros aufersteht!
Da wird das ganze Leben neu sein
Und alles Alte weit verweht!

Es ist doch gegen die Natur,


Nur e i n e Frau allein zu lieben,
Ist sie doch auch nur Kreatur
Und ist nicht ganz und heil geblieben.

Sie spricht nur eine Seite an,


Die andre Seite eine andre,
Drum ich von Lili Schönemann
Zu der Auguste Stolberg wandre.

Wie herrlich ist, o große Mutter


Natur, die schöpferische Pracht!
Auf Zürichs See im kleinen Kutter
Ist Lilis Bild vor ihm erwacht.

Da schwebte sie vor seinem Geist,


Wie sie die Alpenberge küsst,
Ein goldner Traum hinweg ihn reißt,
Doch hier auch Lieb und Leben ist.

O Träume, Träume, kommt ihr wieder?


Will mir dies schöne Bild nie sterben?
Es reißt mich in den Abgrund nieder
Der Liebe ewiges Verderben!

Da kam der heilige Lavater


Mit einem Schattenbilde fein:
So schuf der Höchste, unser Vater,
Die Frau - das war die Frau von Stein!

Sie sieht die Welt durchs Medium


Der Liebe, dieser Welt Theater
In ihrer Seele Heiligtum
Uns offenbart der Liebe Vater!

Ein Adler soll auf Füßen trippeln,


Statt in die Sonne tief zu schauen?
Soll denn ein Dichter Bohnen schnippeln
Fürs Gleichnis Unsrer Lieben Frauen?

Soll leben denn der Hirsch im Käfig


Und soll der Dichter Spinnen jagen?
Der Liebe Freiheit bleibe ewig
Als wie in Salomonis Tagen!

Unseligkeit des Schicksals schnitte


Mir ab des Atems Lebensfädchen,
Wenn ich begehrte goldne Mitte
Und mich verknüpfte einem Mädchen.

Verwirrter und Verlorner! Nacht


Ist Himmel gegen solchen Blinden!
In Grases Bett die Schlange lacht,
Ich bin wie Kain in seinen Sünden.

Ich habe auf der Stirn dies Zeichen


Der Rast- und Ruhelosigkeit,
Ich muß mich dem Orest vergleichen,
Dem Furien gewirkt das Leid!

Oh werd ich einmal im Genuß


Erfahren meine Seligkeit?
Der ich so hitzig stürmen muß
In überspannter Sinnlichkeit?

Ich streck zum Vater meine Arme,


Zum höchsten namenlosen Wesen,
Daß sich der Ewige erbarme,
Aus meinem Elend mich zu lösen!

Wie dick die feuchten Qualme qualmen!


Erlös mich von des Lebens Not!
Ich sing voll Lust dir meine Psalmen
Und sterben muß ich Liebestod!

O sende deinen tiefen Frieden


In meinen Busen unverwandt.
Doch wieder geißeln Eumeniden
Mich zornig aus dem Vaterland!

O Freiheit aus Gefangenschaft,


Daß wieder ich im Walde sei!
Mit eines Bären Leidenschaft
In schöner Herrin Tyrannei!

Er mußte Lili kurze Zeit


Entfliehn, er wollte wieder frei sein
Von sklavischer Gebundenheit,
Im Herzen sollte wieder Mai sein.

O Liebe, Liebe, laß mich los!


Doch bindet ihn der Liebe Fessel,
Wenn sie vor ihm so makellos
Madonnenähnlich saß im Sessel!

O immerdar und ganz und ewig


Der heiligen Liebe bin geweiht!
Laß deinen Hirsch aus deinem Käfig,
O Herrscherin, o schöne Maid!

Die weibliche Gewöhnlichkeit


Ernüchtert dann in ihr zu sichten,
Die Mittelmäßigkeit im Kleid
Des Alltags, führte zum Verzichten.

Auguste! Idealgestalt
Der Ferne, laß du dich verehren!
Du meine Hilfe, du mein Halt,
Mein Leuchtturm in des Lebens Meeren!

Es ist doch wie Gebet so tief


Zu Heiligen in sieben Himmeln,
Was ich dir anvertrau im Brief,
Das Herz in all dem Letternwimmeln.
Den Engel meiner Sehnsucht grüßen
Will ich, sieh du die Feder fliegen,
Ich eile, um vor deinen Füßen
Als dein Verehrer fromm zu liegen!

Das Mädchen, das mein Unglück ist,


Mein Unglück, ohne ihre Schuld,
Die eines Engels Seele ist,
Ertrag mich heiliger Geduld!

Ich liebe Lili, meine Taube,


Ich sterbe ihr den Liebestod!
Und du, Auguste, bist mein Glaube,
Errette mich aus tiefster Not!

Der ich die eine liebte, wußte


Von der Vergeblichkeit betrübt
Und wußte auch, daß wie Auguste
Kein andres Mädchen mich so liebt!

O grausam, feierlich und süß


War mir in dieser Schicksalsstunde.
In Mond und Nacht ein Paradies
Und ich verweint der Liebeswunde.

Nicht ruhig bin ich, aber still,


Ich laß mich auf dem Meere treiben,
Der ich das Ruder halten will
Und muß, daß ich gestrandet, schreiben.

Ich kann von Lili doch nicht lassen


Und muß ich an der Frau auch sterben!
Er wollte ewig sie umfassen
Und sprach, um ihre Hand zu werben.

Die reformierte Mutter aber,


Sie lehnte ab sein Luthertum
Und in geselligem Palaber
Zerstörte sie sein Heiligtum.

Adieu nun, Lili, nun Adieu!


Allein nun meine Rolle spiel ich!
Und, blaue Blume aus der Höh,
Wie scheide ich von dir? was fühl ich?

Unschuldig in der Schuld ich winde


Mich durch die dunkle Welt allein.
Am siebenten November finde
Ich mich im schönen Weimar ein.

SIEBENTER GESANG
Die Frau von Stein war dreiunddreißig
Und reich an trauriger Erfahrung.
Die Schönheit ihres Wandels preis ich
Euch als geheime Offenbarung.

Im leichten Zephyrgang der Dame


Erregte sie Bewunderung.
Die Braut von ihrem Bräutigame
War nicht wie lose Mädchen jung.

O südlich-brauner Ton der Haut,


O ihrer Wangen schöne Röte!
Ein großes dunkles Auge schaut
Durchdringend in die Seele Goethe.

Wohlklingend-angenehm die Stimme,


Gleichmäßig-ruhig ihre Sprache.
Versöhnung war sie allem Grimme,
Erlösung allem Ungemache.

Die Wehmut ihres Blickes sprach


Von trügerischer Hoffnung nüchtern,
Die sie mit dieser Welt längst brach
Und lebte in der Welt von Dichtern.

Und Goethe saß mit ihr am Feuer,


Die Flamme schien auf ihre Wangen.
Da ward er eingeweiht als treuer
Verehrer und ward hold empfangen.

Daß er die Freundschaft nicht verhehle


Und Freundschaft nicht von Liebe scheide!
Wie liebenswert die schöne Seele
Und welche reine Augenweide!

Sie sah den Dichter anders nicht


Als durch der Liebe Medium.
Der Gatte war gewöhnlich, schlicht,
Ungeistig, praktisch, einfach stumm.

Der gute Doktor Goethe brachte


Viel Lust mit, Kinder zu erfreuen,
Die kleine Schar der Söhne lachte,
Die Mutter ließ sich auch zerstreuen.

Doch sah er sie als Mutter nicht,


Ihr Gang war eher mädchenhaft.
Und die sie von Entsagung spricht,
Erfuhr noch keine Leidenschaft.

Sein alter Traum will sich erfüllen


Uneigennützig-reiner Liebe.
Hier lagen nicht vorm stolzen Willen
Des Götzen hingegebne Triebe.

Vielmehr die Frau von Stein ermahnte,


Er solle sich ein Mädchen freien.
Ihm aber solche Liebe schwante,
Daß sie wie reine Geister seien.

Ich leide so, daß ich dich liebe,


O liebe Frau, ich will’s dir klagen,
Und wenn ich eine Andre liebe,
Dann brauch ich dich nicht mehr zu plagen.

Nun bist du da, geplagt zu werden,


An meiner Liebe dich nicht härme,
Gib nur mit freundlichen Gebärden
Auch mir, ach, nur ein wenig Wärme!

Und wenn ich dich nur lieben darf,


Ist mirs genug, ist mirs ein Wunder,
Der ich noch deiner Hoheit harf,
Geh ich ins Totenreich hinunter.

Du einzig Weib in meinem Leben,


Du meiner Liebe goldner Morgen!
Und weil die Frau von Stein vergeben,
Nichts von prosaischem Versorgen.

Und reimte Wieland auch ironisch


Und sah am Werk die ganze Arma
Cupidos, Goethe war platonisch
Die Liebe zu der Frau sein Karma.

Sie war mir Schwester oder Frau


In einem abgelebten Leben.
In meiner Seele lebt die Schau,
Wie wir uns ineinander weben.

Die Feste, die Verzichtende,


Die Gütige gab immerzu
In seine rastlos dichtende
Verliebte Seele solche Ruh!

O Engel du des Himmels, du,


Du wandelst gnadenhaft hienieden.
Rastlosen bringst du tiefe Ruh
Und Ruhelosen tiefen Frieden.

Er ging ja nicht nach alter Sitte


Und hergebrachter Sittlichkeit,
Gewährt dem Herzen jede Bitte
Gradliniger Wahrhaftigkeit.

So hat er Stella auch gedichtet,


Nicht um die Ordnung festzuschreiben,
Zu schreiben nur, was er gesichtet
In seines Herzens wildem Treiben.

Und war die Frau von Stein vermählt


Mit ihrem Oberhofstallmeister,
Von Liebe der Poet beseelt
Und frei im Seelenbund der Geister.

So war sein Motto: Alles Liebe!


Um Liebe alles! war sein Siegel.
Nichts anderes dem Dichter bliebe
Als seines Dichterrosses Flügel.

Sie aber bat ihn: Sag nicht Du,


Es wäre übel auszulegen.
Und gehn Sie nicht mit solcher Ruh
Auf meines Ehemannes Wegen.

Ach wenn der sanfte Sittenlehrer


Gekreuzigt ward an seinem Kreuz,
So wird der minnige Verehrer
Zerrissen durch des Glückes Geiz!

Doch konnte sie nur Stunden zürnen,


Kam er im Übermaß der Liebe.
Dienstwillig brachte er die Birnen
Und huldigend die Blumentriebe.

Er bat sie oft um ihren Rat


Und schenkte ganz ihr sein Vertrauen,
Wie sie sich ausgesprochen hat
Und ließ ihn in ihr Innres schauen.

Wie sie das Leben doch schon hinter


Sich habe, nichts mehr mocht erwarten,
Da weckte er in diesem Winter
Die Rose in des Herzens Garten.

Unglauben Ihrer Seele werde


Ich nicht begreifen; sei Sie fröhlich!
An Sie zu glauben macht die Herde
Verirrter schwarzer Schafe selig!

Uneigennützig in der Tat


Und in dem Wort zu sein und mild,
Begehrte Goethe und er hat
Gesehen dies in ihrem Bild.
Und neigte er zur Liebes-Narrheit
Und ist vom lautern Weg gewichen,
Blieb sie in stiller Ruh der Wahrheit,
In weiser Klugheit ausgeglichen.

Auf die Ergüsse seiner Seele


Sprach sie, war sie mit ihm allein:
Und wenn ich als Geliebte fehle,
So will ich Ihre Schwester sein.

Selbstlosigkeit und Seelenreinheit


Und nach den hohen Himmeln Streben,
Da seh ich, Goethe, Ihre Feinheit,
Ein heilig-edles Dichterleben!

Nach allem Schiffbruch, allem Scheitern,


Sie müssen sich vom Rest der Erden
In reiner Liebe Feuer läutern,
Um noch ein Heiliger zu werden!

Zum Heiligen den Dichter machen


Und ihn zu pflanzen auf den Sternen,
Geeignet ists, sprach er mit Lachen,
Mich deinem Herzen zu entfernen.

Und leb ich hoch auf dem Saturne


Und dort nach Gottes Weisheit hasche,
Halt mein Gebein in dieser Urne,
Verbranntest du mich doch zu Asche!

Doch gönnt der Ewige ein Päuschen,


Bis ein ich geh zur Ewigkeit,
Will an der Ilm im Gartenhäuschen
In dienen deiner Seligkeit!

ACHTER GESANG

Sie sprachen über Religion,


Natur und Wissenschaftlichkeit,
Sie sprachen allen Narren Hohn
Und träumten Träume ihrer Zeit.

Er schrieb die süßesten Gedichte,


Sie schrieb sie ab mit eigner Hand,
Sie hob sie auf für die Geschichte
Der Nachwelt in dem Vaterland.

Er schenkte Blumen, Obst, Gemüse,


Er schenkte Bänder, Schleifen, Schmuck
Und Zier aus seinem Paradiese
Und einen heiligen Nepomuk.
Charlotte lud ihn oft zu Tische,
Zu Mittagsmahl und Abendbrot,
Da ruhte aus der träumerische
Poet vor ihrem Wangenrot.

So ist die Liebe dieser Frau:


Ich wohn nicht mehr in Wanderzelten,
Unendlich lieb ich und vertrau
In ihr dem höchsten Herrn der Welten!

Da machte er sich auf die Reise


Zur eigenen Vergangenheit,
Zu weihen Frau von Stein zum Preise
Unglückliche vergangne Zeit.

Da traf er auf der Türe Schwelle


Das Riekchen, welches Lenz umworben.
Wahnsinniger Poet der Hölle,
Sprach sie, er ist so ganz verdorben!

Er sah ins freundliche Gesicht


Der guten Frau zum letzten Gruß,
Er war versöhnt und wandte schlicht
Zur schönen Lili seinen Fuß.

Die sprach mit Liebe von dem Gatten


Und von dem Haus, in dem sie wohnt.
Und er ging fort und ging im Schatten
Allein im wehmutvollen Mond.

Wohlwollendes Gefühl in Reinheit


Ließ beten mich den Rosenkranz
Der treuen Freundschaft, Seeleneinheit
In Schicksals ätherlichtem Glanz.

Frau von Branconi traf er da,


Die schöne fürstliche Mätresse.
Wer solche schöne Dame sah
In ihrer Glut und Lilienblässe,

Der fragt sich, ob es wahr sein könnte,


Ob solche Schönheit wahr sein kann!
Da brennen alle Elemente
Vor ihrem Lebensgeist im Mann.

Die aufgetürmte Pracht von Haar!


Die süßen Blicke! Fingerglieder!
Der schöngeschwungnen Lippen Paar!
Die runde weiße Brust im Mieder!

Ein Skylla-Fels ins Meer gesetzt,


Kein Vogel streicht da heil vorbei,
Auch nicht die Taube unverletzt,
Und wenns des Jovis Adler sei!

Der Mann, der ihr das Kind erzog,


Gelehrter Diener schöner Mutter,
So hoch dem Mann der Geist auch flog,
Ihm wars wie in der Sonne Butter.

So sah sie Goethe. Etwas später


Hat ihre Wirkung er erfahren
Und erst nach der Entfernung Meter
Fing sie ihn ein mit ihren Haaren.

So ist der Süßwein schon hinunter,


Dann erst des Rausches Wirkung tut.
So tauchte dieses Weibes Wunder
Als Schönheit rein aus seinem Blut.

Sie weiß so Schönes schön zu sagen,


Da wird dem Herz wie in der Sonne.
Scheint die denn mir in Sommertagen?
Und doch ist sie mir solche Wonne!

Da hat die schöne Frau geschrieben


Und trat in seine Seele ein.
Nun, welcher Dame galt sein Lieben,
Branconi oder Frau von Stein?

In hohen Wipfeln keinen Hauch


In deiner Seele spürest du,
Es ruht die Nachtigall und auch
Dem Wald gleich bald auch ruhest du.

Ich will als Heilige und Hohe


Die schöne Fürstin nur betrachten.
Besudle sie nicht niedre Lohe
Und der Begier gemeines Schmachten.

Ich will der Fürstin huldigen,


Doch mich ihr nimmerdar verbinden,
Sie würd (nie zu entschuldigen)
Der Herz mir aus den Gliedern winden.

Doch hab ich einen Talisman,


Ich weiß mich welcher Frau zu weihn,
Weil alle meine Träume sahn
In höchster Reinheit Frau von Stein.

Sie hat sich in mein Herz gekerbt


Und sich in meinen Geist geschrieben,
Mutter und Schwester mir beerbt,
Die Erbin aller meiner Lieben.

Und Goethe wurde stark im Schweigen,


Galt für unnahbar und verschlossen,
Verzweiflung ließ das Haupt ihn neigen
Und Trauertränen sind geflossen.

Er kannte Seligkeit von Göttern


Und die Verzweiflung auch von Teufeln,
Die Seligkeit von Maienwettern
Und winternächtliches Verzweifeln.

Und da empfand er Tassos Wahn,


Empfand den Wahnsinn des Orest,
Da sah er Leonore an
Und Iphigenie auf dem Fest.

Sie war die Heilige, die Schwester,


Die Jungfrau an dem Horizonte,
Er glaubte an sie immer fester,
Zu der er flehend beten konnte.

Ich steh so tief in deiner Schuld,


O Liebste du und meine Ruhe!
So beten Juden zu der Huld
Jehovas auf der Bundestruhe!

Als jüdische Gebetsschnur winde


Dein Band ich mir an meinen Arm
Und bet gleich einem Gotteskinde
Zur Liebe Gottes herzenswarm.

Die Liebe Gottes bist du mir,


Mir im wahnsinnigen Gemüte,
Die Schönheit Gottes, Gottes Zier,
Mir Gottes Gnade, Huld und Güte!

Ich steh so tief in deiner Schuld,


Doch du gibst meinem Herzen Mut,
Auf deine heilige Geduld
Will hoffen ich, o mach mich gut!

Die Leidenschaften im Gemüte


Soll deine Grazie veredeln
Zu einer reinen innern Güte!
Bewahr mich Gott vor leichten Mädeln!

Ich will dich preisen, will dir danken,


Denn Götterruhe gabst du mir!
Erfuhr das Herz des Seelenkranken
Das Göttlichste allein in dir!
Madonna, die gen Himmel fährt,
Madonna in der Himmelfahrt,
Hat dich ein Genius gelehrt,
Hat dich die Gottheit offenbart!

Da reichte sie ihm einen Ring


Mit ihrem eingravierten Namen,
Daß er sie als die Jungfrau sing
Als seiner hohen Liebe Amen.

Ich wollt, es gäb ein Sakrament,


Das gäbe dich mir ganz zu eigen!
....................................................
...................................................

NEUNTER GESANG

Er wohnte an dem Frauenplan


Und in dem Gartenhaus im Sommer,
Da seine Augen Schönheit sahn,
Sah Gottes Schönheit als ein Frommer.

Wenn er zu der Branconi ging


Und trat vor ihres Blickes Blitz,
Daß sie ihn nicht mit Schönheit fing,
Charlottes Sohn war bei ihm, Fritz.

Und trat er in den Zauberkreis


Der schönen Fee von Langenstein
(Sie war wie Sommersonne heiß)
Bewahrte ihn die Frau von Stein.

Nicht einmal Freundschaft kann ich geben,


Weil meine Liebe dir gehört,
Charlotte! meiner Liebe Leben
Ward mir durch deine Huld vermehrt.

Ich wünsche nur, dir zu gefallen


Und wert zu werden deinem Neigen.
Ich will in allem Wesen, allen
Erfahrungen zur Liebe steigen!

Er nahm den Sohn der Frau von Stein,


Nahm Fritzchen auf in seine Wohnung,
Er wollte ihm ein Lehrer sein,
Und Fritz war liebende Belohnung.

Ich drück den Knaben an das Herz,


Dich kos ich, Liebste, in dem Knaben!
Ich herzte ihn mit süßem Scherz
Und nährte ihn mit Geistesgaben.
Du willst, daß er der meine sei?
Sehr angenehm ist Fritz von Stein,
Ist meiner Liebe süßer Mai
Zu dir allein, ich bin ganz dein!

Er stand im Sommer seines Lebens,


Da braucht der Mann des Weibes sehr!
Allein zu sein ist doch vergebens
Und ohne Liebe ist man leer!

Unfertig bin ich, bin nur halbe


Und will ein Ganzes werden, einig!
Drum du mit deiner Liebe Salbe
Des Geistes dich mit mir vereinig!

Denn ich alleine bin ein Nichts,


Du bist die Hälfte mir zum Ganzen!
Schau ich das Licht des Angesichts,
Will ich vor meiner Gottheit tanzen!

Und ihre Seele stand ihm offen,


Teilnehmerin von Freud und Leid,
Die sein Verzagen und sein Hoffen
Empfing in ihrem Herzen weit.

Sie war sein stilles Widerstrahlen


Des Liebeslichts, in dem der glühte.
Ihr Wesen glich er grünen Talen,
Ihr Herz der roten Rosenblüte.

Nun hatte Ruhe er und Bleiben,


Die Liebe ward ihm eine Heimat.
Nun konnte er den Meister schreiben,
Da auch der Harfner seinen Reim hat.

Sie war die Eine, anzusehen


Als seines Lebens Mittelpunkt.
Da konnte keine Frau bestehen,
Wie sehr sie auch mit Schönheit prunkt.

Doch manchmal saß er auch im Sessel


Am Frauenplan im leichten Kleid
Und sah die Liebe nur als Fessel
Und sklavische Abhängigkeit.

Die Liebe ist nicht Leidenschaft


Mir mehr, ist Krankheit mir geworden!
Und mir verkümmert alle Kraft
Und Lebenslust im Nebelnorden!

Vermehr durch deine Süßigkeit


Nicht meine große Liebe täglich!
Entlaß mich aus dem Liebesleid,
Sonst ende ich unsäglich kläglich!

Doch nur in dir mein Herz ich kenne,


Du bist mein Dichten und mein Streben,
In deinem Feuer ich verbrenne,
Mein Leben weiht sich deinem Leben!

Und er war fort. Er war in Rom.


Hat er Charlotte abgelehnt?
Ihr Meer für seiner Liebe Strom
Nun aus den Frauenaugen tränt.

Er wollte ihr die Hände reichen


An jedem Abend in dem Garten
Und konnte nun aus Weimar weichen
Und nicht auf ihre Liebe warten?

Bedurfte er der Freundin noch,


Da er sich wagte in die Ferne,
So fern von ihrem Wangenjoch
Und ihrem dunklen Augensterne?

War diese Reise nicht ein Fliehen


Und ein Versuch, sich zu befreien?
War müde er der Liebe Mühen,
Ob sie auch noch so selig seien?

Schon lange hat er zwischen Mund


Und Herz gestellt die Wand aus Schweigen,
Nicht mehr wie in der ersten Stund
Verzückt in ihrem Herz zu zeugen.

Da wollte sie ihm nicht mehr schreiben


Und forderte zurück die Briefe.
Doch alte Liebesbriefe bleiben
Verwahrt, als ob der Gott nur schliefe.

Das sagtest du dem Freunde, das,


Der sich nach gutem Wort nur sehnte?
Mein Antlitz ist von Tränen naß
Und einsam meine Liebe tränte.

Hab jeden Tag und jede Stunde


In Rom allein an dich gedacht,
Der herzenswunde, liebeswunde
Poet gedenkt dein jede Nacht!

Dein Blatt hat mir das Herz zerrissen!


Verhärt dein Herz nicht gegen mich!
Und muß ich dich in Rom auch missen,
Ich denke keine Frau als dich!

O Herrlichkeiten ihr von Rom,


Du Stadt, der Ewigkeit gebaut,
Du Marmorfrau am Tiberstrom,
Genie der goldnen Zeiten Braut!

Wie waren deine Schätze weckend


Mit Lebenslust den Tiefbetrübten,
Dem Frohen glänzte jäh erschreckend
Das Inbild der allein Geliebten!

Zehn Jahre lang mit dir zu leben


Und nun mit einem Mal allein
In diesen fremden Weltgeweben
Und meiner Liebsten fern zu sein!

Notwendigkeit mit harten Händen


Trieb mich nach Rom, des Schicksals Weben,
Und doch: Zusammen laß uns enden
Vereint in Liebe unser Leben!

Du sollst nicht trauern, liebe Frau,


Daß ich gegangen in die Ferne,
Mich läutern soll der Schönheit Schau,
Ich kehr dir rein am Herzenskerne.

Nun liebe mich und sei mir treu,


Führ zu mir deiner Gnaden Strom,
Auf daß ich mich im Herzen freu,
Durchwandle ich das Ewige Rom!

Zu denken, doch nicht zu besitzen,


Hat mich verzehrt und aufgerieben!
Soll ich in lauter Weisheit sitzen
Und doch unglücklich sein im Lieben?

Die Maler malten die Modelle,


Die allerschönsten Römerinnen,
Wie Aphroditen aus der Welle,
Ein Hochgenuß den Mannessinnen.

Da fand er Neigung und Vertrauen


In einer Witwe süßen Miene,
In Fleischeslust und Lust am Schauen
Ergab der Dichter sich Faustine.

An jedem ihrer nackten Glieder


Bemaß er den antiken Vers,
Er sang dem blinden Eros Lieder,
Als Rom erheiterte sein Herz.
Da schrieb er in den Wein zum Spaße,
Wie Naso vor ihm auch getan.
Dann aus der Kleine-Leute-Gasse
Schied heim er an den Frauenplan.

ZEHNTER GESANG

Ich mag nicht seinen Bettschatz singen,


So sehr ich auch das Bett begehre,
Mag auch nicht reden von den Dingen
Des Haushalts und der Farbenlehre.

Drum laßt mich nur die Vulpia,


Die Geisterfüchsin überspringen,
Der den Geheimen Rat nur sah
Den unerreichbarn Frauen singen.

So schreibe ich mit meinem Füller


Den zehnten Canto kurz und nicht
Verschweige ich, daß Friedrich Schiller
Die Elegien veröffentlicht.

Erotica romana schrieb


Der Dichter, der sein Schätzchen pries,
Die tat ihm Zärtliches zulieb,
Ins Feuer im Kamine blies.

Da wurde sinnlich, wurde dick


Und häuslich der Poet und blinken
Sah man des Dichters großen Blick,
Gabs was zu essen und zu trinken.

Was die Gesellschaft ungern litt,


Die Frauen Schiller, Stein und Herder,
Nahm der Poet ins Leben mit,
Er war nicht mehr der junge Werther.

Doch durfte er und durft sein Schätzchen


Liebäugeln auch mit andern Augen.
Er spielte mit den jungen Kätzchen,
Von Mädchenlippen Tau zu saugen.

So schaute er die Silvie an,


Die konnte seine Tochter sein,
Er stand in ihrer Jugend Bann
Und ging mit ihr im Sonnenschein.

Da wehten ihre blonden Haare


Um ihre Brust im roten Mieder,
Da sang sie gern auch zur Gitarre
Im Freien die Tiroler Lieder.
Dann sah der Dichter Wilhelmine,
Die Minne-Herzlieb ward genannt.
Daß ich in der Adventszeit diene
Der Herzlieb, die ich minnig fand!

O Träumerische, hingegeben
Wohlwollend allen und bescheiden,
Ein Anmutwesen voller Leben
Und schön, die Augen dran zu weiden!

Die Lieblichste der Jungfraunrosen


Mit großen dunklen Augen hold,
Die alle voller Unschuld kosen
Mit Schimmer von des Herzens Gold!

Die langen Flechten schwarz wie Raben


Um die Gestalt im weißen Kleid.
Verschlossen hielt die innern Gaben
Im Inneren die holde Maid.

Zu diesem Ebenbild Marias


In dieses Minneparadies
Die Dichter eilten, Zacharias
Werner und neben Goethe Gries.

O neuer Wartburg Sängerfest


Vor holder Minneköniginne!
Da Werner gerne hören läßt
Sonette seiner Herzlieb-Minne.

O dieses reimende Verschränken,


Mit Vogelleim vom Vogelpiep
Die Reimer leimen, sie zu schenken
Der Minnemaid, dem Herzelieb!

Auch Goethe in Sonettwut brennt


Wie einst Petrarca zu Karfreitag.
Da ward dem Dichter der Advent
Ein Minnepfingsten, ewiger Maitag!

ELFTER GESANG

Das Heil zu suchen in der Ferne,


Bewegte ihn Napoleon,
Da strahlten günstig seine Sterne
Hoch auf des Lebens Pavillon.

Da wies des Schicksals Sternenstand


Ihn in den Patriarchen-Osten,
In Mohammeds und Moses Land,
Um Paradiesesluft zu kosten.

Da schlürfte er den Wein Hafis’


Und aß des Rumi Gottesfleisch.
Und Salomon nach Frau Bilkis
Sich sehnte in der Liebe keusch.

Denn lieben muß der Dichter, lieben,


Denn lieben muß er, um zu schreiben!
Wenn ohne Liebe er geschrieben,
Das Lied wärs wenig wert, zu bleiben.

Wer war dem alten Mann gewogen


In all der jungen Mädchen Kreis?
Er schimmerte, ein Regenbogen,
Wenn auch von Nebelhaaren weiß.

Doch sind die Haare weiß, o Greis,


Dich nicht betrübe, fühle Liebe!
Da lächelte so sanft und leis
Die Sonne durch die Nebeltrübe.

Die Sonne mit erneutem Schwung


War günstig und war warm dem Manne,
Da er beim Freunde sah Frau Jung,
Sah die Poetin Marianne.

Er war kein polternder Tyrann,


War liebenswürdig, offen, heiter,
Ein reicher Geist, ein guter Mann,
Am Fuß der Liebeshimmelsleiter.

Und Grashalm, Blume oder Stein,


In allem sprach Natur zu ihm,
Die Seele war so reich an Sein
Wie reich an Weisheit Cherubim.

Von Gott mit Gaben überschüttet,


War er die Demut des Gefäßes.
Und Marianne Goethe bittet
Um ein Gedicht, wie gern sie läs es.

Wie wollt sie seine Gnadengaben


Und seinen dichterischen Sang
In ihrem eignen Stammbuch haben,
So lang wie breit und breit wie lang.

Ich hoffe diese frohen Worte


Recht bald mit Gaben zu erwidern
Und sing Suleika, meine Sorte
Von ostgebornen Liebesliedern.
Da kam er auf die Gerbermühle
Und stand schon ganz in Hafis’ Banne,
Da suchte er die Liebesspiele
Des Liederspiels mit Marianne.

Da kränzte er die Müllerin


Mit einem Turban der Türkei,
Suleika sang so vor sich hin,
Als ob sie Don Giovanni sei.

Da schaute Goethe mit dem Herze


Voll Liebe, des nicht ungewohnt,
Da hob er in die Nacht die Kerze,
Um Licht zu werfen auf den Mond.

Wir wollen immerdar im Mondschein


An Hatem und Suleika denken
Und wollen auch den Ring mit Mondstein
Im Strom des Heiligen Lands versenken.

Denn nur von dir hab ich mein Leben,


Du warst an meinem Herzen Dieb,
Du stahlst mein Herz, nun muß ich geben
Dem Diebe Leben, Herz und Lieb!

Wie Lüfte durch die Wälder schauern


Und hauchen durch die Rebenhänge!
In Heidelberg in Schlosses Mauern
Alt-Orientalische Gesänge!

In der romantischen Ruine


Sang Liebe als das Lüftchen leiser
Von der Geliebten Sonnenmiene,
Die herrlicher als Bagdads Kaiser!

O Du! ein einzig Mal: o Du!


Sollst nimmer Hatems Atems wehren!
Sie sandten mir den Diwan zu,
Als Allahs Bild mich zu verklären!

Was Liebesfreimut spricht im Loben,


Das zähle ich zu meinem Glücke,
Denn Gott gab diese Huld von oben
Durch Dichters weise Silberblicke.

ZWÖLFTER GESANG

Und fährt ein Dichter in ein Bad,


Gewiß, er muß sich da verlieben.
Es sei ein neues Magnificat
Der Benedeiten nun geschrieben.
Wenn Wimpern schatten, Augen blitzen,
So alles nur zum heitern Scherz.
Soll Amors Pfeil nur leichthin ritzen
Und nicht verwunden so das Herz.

Da traf die sanfte er, die schlanke


Ulrike, hold im schönen Schweigen,
Ein siebzehnjähriger Gedanke
Begann im Alten Gunst zu zeugen.

Die Mutter und die beiden Töchter


Von Welt und Schicksal sprachen klug,
Des Weisen heiteres Gelächter
Entlarvte aller Narrheit Trug.

Er lehrte Wunder der Natur


Und Wunder auch der Geisteswelt,
Gelehrig Gottes Kreatur
Sich zu dem Altersweisen hält.

Die Mutter lud den immerneuen


Poeten nach Marienbad:
Ulrike wird sich herzlich freuen
Wie einst Marie im Magnificat!

Ulrike wird Sie tief verehren,


Die Jungfrau den Geheimen Rat,
Der Weisheit weise weiß zu lehren
Im Sommer in Marienbad.

Da war das Sommerwetter schön,


Da streifte er durchs Blumental,
Da bracht er von den Blumenhöhn
Ulrike Blumen ohne Zahl.

Dann wieder mußte Goethe scheiden,


Zurückgelassen sein Verlangen,
In seinem Alter sich bescheiden
Des Traums von ihrer Jugend Prangen.

Ihr holder Brief, o meine Teure,


Erweckt lebendige Gestalt,
Die ich im Inneren erneure
Und hoff erneut zu sehen bald.

O daß Sie mein in hohem Grad


Gedachten und empfanden Neigung!
O Sommer von Marienbad,
In meinem Herzen schöne Zeugung!

Da ward er krank und um und um


Stiegs ihm zu Leibe und zu Kopfe,
Da ward ihm dumpf, da ward ihm dumm
Als wie so einem armen Tropfe.

Da krankte er an Herzentzündung,
Da ward er krank an seinem Herzen.
Des lieben Lebens Überwindung
Erreichen diese Herzensschmerzen!

Er war betäubt und phantasierte


Und war so elend und so krank,
Ein süßes Seidenhäschen zierte
Das Krankenlager, Gott sei Dank!

Der Tod steht hier in allen Ecken,


Auf einen Lebenden zu lauern.
O Gott, zu meines Heiles Zwecken
Muß ich in langen Leiden dauern?

Wie häufst du Leiden auf die Menschen,


O Christi Gott im Himmel oben,
Doch sollen wir mit Träumen, Wünschen,
Entsagung und Verzicht dich loben!

Um Pfingsten der Geheime Rat


Gesundete und wurde froh
Und reiste nach Marienbad
Zu sehn Ulrike Levetzkow.

O Frühstück früh auf der Terrasse,


Das Mädchen noch von Traum umflort!
Daß ich das liebe Leben fasse
Und herz mit einem guten Wort!

Sich sehen immer, immer wieder,


Sich sehen immer, bis zur Nacht!
Wie hold schlägt sie die Wimpern nieder,
Wie süß die Perlenreihe lacht!

Er sah den Spielen und den Tänzen


Der lebensfrohen Jugend zu
Und opferte im Mondesglänzen
Ulrike gerne seine Ruh.

Die süßen Kristallisationen


Der kleinen Tafeln Schokolade
Er schenkte ihr, sie mög es lohnen
Mit einem Lächeln ihrer Gnade.

Ich wandele und seh dich nicht,


Verschwunden bist du in der Nähe.
Im Innern aber in dem Licht
Bin ich dir eins in mystischer Ehe.

Mein Töchterchen, mein Liebling, Sie,


Sie trägt die Seide leicht und weit,
Ich sage voller Sympathie:
Das schönste ist Ulrikes Kleid!

Und hängt sie so an meinem Arm


Und ihre Schwester auch ganz schicklich
Und schaut mich an mit warmem Charme,
Bin ich vergnügt und beinah glücklich.

In seinem Ausdruck solche Weichheit,


In seinem Auge öfters Feuchte,
Da sah man seines Lebens Reichheit
Und seines nahen Scheidens Leuchte.

Wie kräftig dastand auch der Greis


Und auch wie reich noch an Gefühl,
Wer diesen Goethe sieht, der weiß,
Er ist schon nahe seinem Ziel.

Zumindest von Ulrike scheiden


War des Geschicks Gebot hienieden.
Da kam in diesen sanften Leiden
In ihn geweht der Gottesfrieden.

Da wirkte Freundschaft, alles Schöne,


Ach daß es doch für immer bliebe!
Gesteigert wirkten da die Töne,
Das Glück der Töne und der Liebe.

Auf musikalischen Genüssen


Geflügelt in das höchste Leben
Stieg er, als wie in Liebesküssen
Sich aus sich selbst hinauszuheben.

Dann sah er sie in Karlsbad wieder


Mit Feigen und mit Aprikosen
Und am Dreikreuzberg glänzte nieder
Der Mond wie Blüte weißer Rosen.

Sie reichte ihren Handschuh ihm,


Er hat ihn selbst sich angeeignet,
Als ihm die Glut der Seraphim
In seinem Herzen sich ereignet.

Wie lange solch ein Wohlbefinden


An Leib und Geist mich nicht erfreute!
Ich reise heim mit guten Winden
Und bin im Zauberkreis der Leute.
Das Schloß, Dreifaltigkeitskapelle,
Wer konnte uns den Vater rauben?
Des Vaters Liebe ist die Welle,
In der sich baden Turteltauben.

Der Vater in der höchsten Ferne


Begann dereinst, das All zu drechseln,
Auch uns zu kneten, die wir Sterne
Mit andern Sternen gern verwechseln.

Ich fühl mich jünger als die Jungen


Und siegen werde ich durch Nike
Und schwelge in Erinnerungen
Mit meiner lieblichen Ulrike.

Sie lächelt süß in holder Huld,


An der sich meine Augen weiden.
Tumultuarischer Tumult
War dann der Abschied und das Scheiden.

O himmlische Erscheinung du,


O Gottes Gleichnis einem Reinen!
In dir fand Frieden ich und Ruh,
Kann ohne dich nur weinen, weinen!

Von Himmelsfrieden ganz erfüllt


War er, der süßes Glück genossen
In seines Gottes Ebenbild,
Das wolkengleich vorbeigeflossen.

Und doch vorbeigeflossen nicht,


Ist sie im Inneren geblieben,
Scheint da in höchster Schönheit Licht,
So schön, so wahr und tief zu lieben!

Da füllte seine Seele ganz


Des tiefen Dunkels Mondenschein
Wie treuer Liebe Rosenkranz
Und er gedachte Frau von Stein.

Und als in der Natur der Lenz


Mit neuer Lebenslust erwacht,
Als wärs die Muse von Florenz,
Erschien ein Bild aus tiefer Nacht.

Mehr Licht!... Ich möchte dich beschauen!


Du Schönste aller schönen Damen!
Er schied in Unsrer Lieben Frauen
Zu Gottes ewiger Liebe. Amen.
GOETHES TOD

ERSTE SZENE

(Goethe in seinem Schlafgemach allein. Der Schattenriß einer schönen Frau an der Wand. Davor
eine Kerze, brennend. Goethe schaut abwechselnd in die Kerzenflamme und in das Antlitz der
Frau.)

GOETHE
(trinkt den letzten Becher dunkelroten Weines aus und murmelt, fast lallend)
Wem soll ich aber den Gedanken sagen?
Wie einsam ist der Weise! Nicht verzagen
Darf doch der Diener an dem Wahren-Schönen,
Wenn auch die Toren meinen Geist verhöhnen.
Ich aber muß mit liebevollen Tränen
Mich hier nach meinem Liebestode sehnen!
Die Liebenden ja stets in Tränen schwammen,
Der Liebende ersehnt der Liebe Flammen,
Ersehnt der Liebe letztes Abenteuer,
Ersehnt den Liebestod im Liebesfeuer!

(Schweigend starrt er eine Weile in den Tanz der seraphischen Flamme.)

Denke ich an jene dunkle Nacht,


Da mein Schöpfer meinen Leib gemacht,
Als der Gatte für die Gattin brannte,
Als der Bräutigam die Braut erkannte,
Als der Mannessame ist geronnen
In des Weibes Ei mit Wollustwonnen,
Als der Ewige die Seele hauchte –
Damals auch die stille Flamme rauchte!
Aber denk ich auch an jene Kammer,
Da das Eisen schmiedete der Hammer,
Donnernd auf den Amboß niedersauste,
Funkenglut in Feuerströmen brauste,
Die Geliebte mit der Wonnebrust
Schmolz in eins mit meiner Liebeslust
Und gestillt der Wollust Spannungsschmerzen –
Damals strahlten auch wie Tempelkerzen
Sieben Lichter über uns zusammen,
Sieben Sternenkerzen voller Flammen!
Nein, ich will nicht bleiben in der Nacht,
Liebe reißt mich mit Gewalt und Macht
Aus der Finsternis der Todesschatten,
Himmlisch will ich mich der Liebe gatten,
Werde alle Liebeskünste lernen
Mit der Paradiesfrau auf den Sternen!
Liebe reißt mit heißer Feuersbrunst
Mich zur Lehrerin der Liebeskunst!
Über dieses Todes Nebeldünsten
Lebt die Meisterin von Liebeskünsten,
Die der Liebe Lehrbuch las auf Sternen!
Auf dem Venussterne will ich lernen
Ihre Weisheit mit Begeisterung
Von den Künsten der Vereinigung!
Ist sie noch so fern, ich darf nicht weilen,
Weil die Liebe lockt, so muß ich eilen,
Wie die Schmetterlinge liebend kosen
Mit den Fühlern Kelche roter Rosen,
Also sei der Liebe Licht erkannt,
Bin ich doch zuletzt in Lust verbrannt,
Der ich nach dem Schein der Schönheit hasche,
Bleibt auf Erden nur ein Häufchen Asche!
Schwebt mein Seelchen doch, der Psyche-Falter,
Auf zur Liebe mit der Liebe Psalter!
Also will ich sterben! Also werden!
Will kein trüber Gast sein auf der Erden,
Werde liebend sterben und vergehen
Und in Liebeswonnen auferstehen!

ZWEITE SZENE

(Goethe und ein Priester, der ihm das letzte Bekenntnis als Geständnis entlockt und ihn segnet für
die mystische Reise.)

PRIESTER
Gehst du getrost, getröstet in den Tod?

GOETHE
Ganz ruhig kann ich denken an den Tod,
Mein Geist ist doch ein Wesen unzerstörbar,
Geistwesen, das unsichtbar und unhörbar,
Fortlebend Ewigkeiten Ewigkeiten
In der Äonenwelt der Himmelsweiten.

PRIESTER
Unsterblichkeit ist also deine Wonne?

GOETHE
Ja, meine Seele ist wie eine Sonne!
Die Menschenaugen sehn das Abendrot
Und sehn die Nacht und sehn das Morgenrot
Und doch ists immerdar dieselbe Sonne,
Die leuchtet fort und fort in heller Wonne!

PRIESTER
Und kann der Sarg dir gar nicht imponieren?
Kannst du da deinen Glauben nicht verlieren?
GOETHE
Ein starker Geist lässt sich gar niemals rauben
An die Unsterblichkeit den wahren Glauben.

PRIESTER
So fürchtest du dich gar nicht vor dem Nichts?

GOETHE
Die Seele, Tochter himmlischreinen Lichts,
Sie bleibt doch treu der Mutter, der Natur,
Sie ist ja doch der Mutter Kreatur,
Und diese Mutter lässt ihr Kind nicht enden,
So wird sie ihre Schöpfung nicht verschwenden!

PRIESTER
Natur lehrt also dich Unsterblichkeit?

GOETHE
Der die Natur in meines Lebens Zeit
Betrachtet und erforscht und tief erkannt,
Ich überall doch in der Schöpfung fand
Nicht Tod und Nichts, allein nur Metamorphose,
Sie lehrte mich der Falter und die Rose.

PRIESTER
Denkst du, die eigene Persönlichkeit
Bestehe fort und fort in Ewigkeit?

GOETHE
Ach, was von der Persönlichkeit noch bliebe,
Was wert des Dauerns sei, entscheid die Liebe!
Was bleibt von der Person, will ich gelassen
Geheimnisvoller Gottheit überlassen.

PRIESTER
Was ist die Seele aber, was der Geist,
Den du als ewig und unsterblich preist?

GOETHE
Ich glaub an Anfangspunkte der Erscheinung
In der Natur, ich denk an Leibnitz’ Meinung,
Ur-Seele ist es, schaffende Monade,
Der Kosmos wird durch der Monaden Gnade,
Ur-Keime sind es oder Ur-Gestalten,
Die schöpfrisch tätig eine Welt entfalten.
Monaden gibt es schwache oder starke,
So wird der Staub, so wird mit Saft und Marke
Die Pflanze und so wird das Tier, der Stern,
So auch der Schöpfung Krone, Fraun und Herrn.
Die Hauptmonade als des Menschen Geist
Die Schar Monaden schaffend an sich reißt,
Die Hauptmonade, königliches Weib,
Sie bildet sich als Hofstaat einen Leib.
Auflösung aber nennen wir den Tod.
Die Monas dann gebietet mit Gebot,
Daß die Monaden sich im letzten Leiden
Von ihrer Herrin Monas schließlich scheiden,
Daß die Monaden auf der Schöpfung Spur
Eingehen in die Seele der Natur,
Zu Meer und Land, zu Bergen in der Ferne,
Verschweben in die Feuer, in die Sterne.
Die Herrin Monas aber, trotz den Spöttern,
Die Monas teil hat an der Lust von Göttern!
Bei schöpferischen Göttern oder Engeln
Die Hauptmonaden frei von allen Mängeln
Sich selig in der Götter goldnen Netzen
Sich Ewigkeit um Ewigkeit ergötzen!

PRIESTER
Du denkst die Hauptmonade also süß
Als Monas selig in dem Paradies?

GOETHE
Ich zweifle nicht nach allem meinen Lernen,
Daß da ein Leben ist auf höhern Sternen.
Der Mensch ist ja das Sprechen der Natur
Mit Gott! Der Mensch als Wort der Kreatur
Wird sprechen noch mit Gott und Weisheit lernen
Und Liebe singen auf den Morgensternen!
Dann stöhnt man von der Liebe süßer, leiser,
Der Weisen Diskussionen werden weiser
Und glühender der Lodernden Gestöhn,
Dort sind die schönen Frauen mehr als schön!

PRIESTER
Sagt einer aber, dass der liebe Gott
Die Welt schuf in sechs Tagen ohne Spott
Und sich am siebten Tage gönnte Ruhe?

GOETHE
Hier ist der Boden heilig! Ohne Schuhe
Will ich den Schöpfer preisen, nicht wie Pfaffen,
Den Schöpfer nicht, der einst die Welt geschaffen,
Der dann großväterlich sich ausgeruht,
Den Schöpfer preis ich, der mit Schöpferwut
Alltäglich schafft und wirkt und an sich reißt
In Hauch-Begeisterung des Menschen Geist!
Den Schöpfer preis ich, der auf dieser Erde
Die Menschheit schafft, auf dass auf Erden werde
Die Höhere, die Geisterwelt erzogen,
Die steten Umgang mit dem Herrn gepflogen,
Die Geisterwelt, mit Gott vereinter Geist,
Die alles Niedre machtvoll aufwärts reißt,
Gott bildet überall ein Geisterreich
Von Geistern, die den Göttersöhnen gleich!
Des Menschen Geist ist ja ein Gottessohn!
Anbetend schweig ich vor der Gottheit Thron!

PRIESTER
Und so erteil ich dir die Absolution.

DRITTE SZENE

(An der Perlenpforte des Paradieses erscheint der verklärte Goethe als Jüngling Hatem, die
Schönste der Huris, Sankt Haura, empfängt ihn.)

SANKT HAURA
Heut steh ich an des Paradieses Pforte
Zum Garten Eden, dem geliebten Orte.
Du aber, so gelassen und bedächtig,
Wer bist du denn? Du bist mir fast verdächtig!
Bist du denn einer von den frommen Christen,
Daß ich dich lasse ein zu Himmelslüsten
Und Wonnen in des Garten Eden Lauben,
Bist du denn einer auch vom wahren Glauben?
Hat dich Verdienst? hat dich allein die Gnade
Gebracht in Zions Gartenstadt von Jade?
Bist du Bekenner? Doktor? Marterzeuge?
Von deinem Marterzeugnis mir nicht schweige!
Zeig mir die Wunde für den Glauben an,
Die dir den Weg ins Paradies gewann!

HATEM
Leg mir mein Wort nicht auf die goldne Waage,
Verstehe mit dem Herzen, was ich sage:
Ich war als Mann ein Minner reiner Minne,
Durch Minne ich das Paradies gewinne,
Ich hab zur Paradiesestür gefundnen
Und zeige rühmlich meine Minnewunden,
Die Minne hat gemartert mich am Herzen,
Die Minne war mir Kreuz und Todesschmerzen!
Du sollst mit deinen lichten Mandelaugen
Mir in die Seele schauen: Sie wird taugen
Zu Paradieseslust und Himmelsliebe,
Denn Liebe lebt im tiefsten Seelentriebe!
Schau, Haura, in das Innre meiner Brust,
Hier lebt der Liebe Leid, der Liebe Lust!
Doch trotz der Liebeswunden, Liebesschmerzen
Anstaunend stand ich vor der Herrin Herzen,
Bewundernd hoch aus meinem tiefbetrübten
Gemüt stand preisend ich vor der Geliebten
Und schien in Ihr, der Schönsten aller Frauen,
Der Gottheit Gloria schon anzuschauen!
Mein Zeuge aber sei der Totenrichter:
Die Schöne Liebe sang ich als Ihr Dichter,
Verewigte die Vielgeliebte rein
Und ging zum Nachruhm in die Nachwelt ein!
Du wählst nicht den Geringen und Gemeinen,
Du Himmlische, du kannst dich mir vereinen,
Komm, laß uns wandeln, Haura, Hand in Hand,
Gemeinsam hier durch Edens Gartenland,
Und wenn wir ganz verschmolzen unsre Seelen,
Will ich an deinen Fingern Jamben zählen!

SANKT HAURA
Da draußen vor der Paradiesespforte
Im Wind des Geistes an dem Himmelsorte,
Da dacht ich an die göttlichen Gebote
Und wie gerettet wird so mancher Tote,
Da hört ich, ohne irgendwas zu sehen,
So einen Klang von Jamben und Trochäen,
So einen Klang von altvertrauten Reimen,
So wonnesüß wie Schmack von Wabenseimen.
Ich dacht im himmlischen Jerusalem,
Das sei von dir ein frommes Verspoem!

HATEM
Du Ewige Geliebte, meine Braut,
Wie sind wir doch von Ewigkeit vertraut,
Ins eins geschlungen unsre Himmelsglieder!
Und nun denkst du auch noch an meine Lieder,
Wie ich mit Patriarchen mich besinne
Und sing Mysterien der frommen Minne!
Auf Erden schallen irdisch hin und wieder
So erdgeborner Erdenmenschen Lieder,
So Kling und Klang vom sündigen Gelichter!
Propheten aber sind wir Priesterdichter
Und wissen alle nur von Einem Worte,
Sie schweben um die Paradiesespforte
Und haben nur vom Paradies geschrieben
Und werden ewige Geliebte lieben!
Wenn aber deine schönen Schwestern, Huri,
Die Lieder an Sulima, an Siduri
Und an Suleika auf der Erde hören,
So sollen sie aus ihren Engelschören
Mit inspirierendem Gebläse stärken
Die Dichter meisterlich zu Meisterwerken!
Das wird den Himmel ehren und auf Erden
Die Guten werden schön getröstet werden.
Wenn aber dann der Minnedamen Dichter
Ins Jenseits treten vor den Totenrichter,
Das Weltgericht wird ihre Liebe lohnen,
Die Dichter dürfen bei den Huris wohnen!
Du aber bist mir einzig anvertraut,
Die Ewige, die Einzige, die Braut,
Von Ewigkeit zu Ewigkeit bist du
Mein Licht des Lebens, meiner Seele Ruh,
Dich, Haura, laß ich nicht aus meinem Zelt,
Die andern Huri in der Himmelswelt,
Sie sollen warten an der Himmelspforte
Auf andre Minnedichter edler Sorte!

SANKT HAURA
Schon wieder schlugst du liebend deinen Arm
Um Haura, tief bezaubert von dem Charme,
Und wie betrunken von den Himmelsdüften
Ergötzt du dich an der Geliebten Hüften!
Wie viele Ewigkeiten Ewigkeiten
Wir uns die Liebeslüste schon bereiten!

HATEM
Was weiß denn ich, wie lange es schon währt?
Von Ewigkeit zu Ewigkeit begehrt
Die Ewige Geliebte nur mein Geist,
Die Paradiesfrau, die mich an sich reißt!
In Ewigkeit glückseliger Genuß!
Als währte ewig unser Erster Kuß!

SANKT HAURA
Doch seh ich schweben meinen Freier schon
In Einsamkeit hinan zu Gottes Thron!
Als ob der Ewige dich herberiefe,
Singst du vorm Thron der Ewigen Liebe Tiefe!
Sing du als Lobgesang dem Lieben Gotte
Nur immerdar dein Liebeslied an Lotte!

VIERTE SZENE

(Hatem im Chor der Seraphim anbetend schwebt mit der goldenen Harfe im geflügelten Arm vor
dem Thron der Ewigen Liebe.)

SERAPHIM
Daß wir von nichts als von der Liebe singen!

HATEM
Man möge in den eignen Busen dringen!

SERAPHIM
Wie Liebe ewig selig anzuschauen!

HATEM
Schaut, Freier, an die Schönheit lieber Frauen!

SERAPHIM
So singen wir der Liebe Seelenfrieden!
HATEM
Wie Selige der Liebe auch hienieden!

SERAPHIM
Der Selige an Gottes Brust gebettet!

HATEM
Der Mensch weiß gern sein Wahres Selbst gerettet!

SERAPHIM
Wer immer liebte, wird die Liebe preisen!

HATEM
Die schönen Frauen, frommen Dichter, Weisen!

SERAPHIM
Frau Minne preisen wir voll Liebesdrang!

HATEM
Ganz wie im reinen deutschen Minnesang!

SERAPHIM
Das Wort der Liebe preisen wir in Worten!

HATEM
Mit Maß und Reim im Himmel allerorten!

SERAPHIM
Und vor der Einen Liebe, höchstverehrten –

HATEM
Empfinden sich unendlich die Verklärten!

SERAPHIM
So schwingen wir und dringen wir durch Sphären –

HATEM
Voll Liebe mit unendlichem Begehren –

SERAPHIM
Durch Liebesparadiese fort und fort –

HATEM
Durchhaucht das Paradies von Gottes Wort –

SERAPHIM
Mit Feuersbrunst und Leidenschaft der Triebe –

HATEM
Wir beten an die Macht der Schönen Liebe –

SERAPHIM
Die Ewige Schöne Liebe makellos –

HATEM
Und sinken, ah, der Liebe in den Schoß...

siegfried und marie

erster gesang

wahrlich ich habe den markt und die straße noch nie so verlassen gesehen
wie sieht die stadt aus als wäre sie überschwemmt oder zugrunde gegangen nicht fünfzig
gibt es glaube ich von all unseren bewohnern noch übrig
was wird die neugier nicht tun hier läuft jeder
ich beeile mich die traurige prozession der erbärmlichen verbannten zu bestaunen
eine ganze meile muss es bis zum damm sein den sie überqueren müssen
doch alle eilen in der staubigen mittagshitze nach unten
ich würde mich mit gutem gewissen nicht von meinem platz rühren um den kummer mitzuerleben
getragen von guten flüchtigen menschen die nun mit ihren geretteten besitztümern
leider gefahren von jenseits des rheins von ihrem schönen land
sie kommen zu uns und durch die wohlhabende ecke
durchstreifen sie dieses üppige tal und durchqueren sie seine windungen
du hast es gut gemacht gute frau unsern sohn als du so freundlich warst
ihn zu beladen mit etwas zu essen und zu trinken und mit einem vorrat an alter wäsche
unter die armen leute zu verteilen denn das geben gehört den reichen
gewiss wie die jugend fährt welche kontrolle er über die pferde hat
macht unser wagen nicht ein hübsches aussehen der neue mit komfort
darin konnten vier personen platz nehmen auf dem bock war noch ein platz für den kutscher
diesmal fuhr er alleine wie leichtfüßig rollte er um die ecke

während er also gemütlich auf der veranda seines hauses auf dem markt saß
zu seiner frau sprach der gastgeber des goldenen löwen

daraufhin antwortete und sagte die kluge und weise hausfrau


vater ich habe keine lust meine alte wäsche wegzugeben
da es vielen zwecken dient und kann nicht für geld gekauft werden
wenn wir es vielleicht wollen heute jedoch gab ich und zwar mit freude
manches stück war tatsächlich besser in hemden und in bettwäsche
denn mir wurde von alten und kindern erzählt die nackt gehen mussten
aber willst du mir verzeihen vater? auch deine garderobe wurde geplündert
und vor allem die decke mit den ostindischen blumen
aus feinstem chitin gefertigt und mit zartem flanell gefüttert
habe ich verschenkt es war dünn und alt und ganz aus der mode

daraufhin antwortete und sagte lächelnd der vorzügliche wirt


glaube es tut mir leid es zu verlieren mein gutes altes kattunpapier
echtes ostindisches zeug so etwas werde ich nie wieder bekommen
nun ich hatte es aufgegeben es zu tragen heutzutage zwingt uns der brauch
immer im überrock zu gehen und nie anders als im jackett zu erscheinen
immer in unseren stiefeln verboten sind nachtmütze und hausschuhe
siehe unterbrach die frau selbst jetzt kehren einige von dort zurück
wer hat die prozession gesehen? dann muss sie schon vorbei sein
schau dir den staub auf ihren schuhen an und sieh wie ihre gesichter strahlen
jeder trägt sein kopftuch und wischt sich damit den schweis ab
nicht für einen solchen anblick würde ich so weit laufen und so leiden
durch solch eine hitze in der tat werde ich genug davon haben was ich erzähle

daraufhin antwortete und sagte der gute vater mit nachdruck


so ein wetter begleitet eine solche ernte selten
wir werden unser getreide trocken einbringen wie das heu zuvor
nicht die geringste wolke ist zu sehen so vollkommen klar ist der himmel
und mit köstlicher kühle weht der wind aus östlicher richtung
das ist das wetter für die ewigkeit überreif sind die maisfelder schon
wir werden morgen mit dem einbringen unserer reichen ernte beginnen

während er so sprach strömten ständig menschenmengen von männern und frauen


deren heimweg über den marktplatz ging
und mit den übrigen kehrten auch sie zurück seine töchter an seiner seite
zurück zu seinem modernisierten haus auf der gegenüberliegenden seite des marktes
erster kaufmann der ganzen stadt ihr wohlhabender nachbar
rasante fahrt mit seiner offenen kutsche sie wurde in landau gebaut
jetzt wurde es lebhaft auf den straßen denn die stadt war reich bevölkert
dort wurde mancher handel betrieben und große manufakturen hergestellt

unter ihrer tür saß also das liebevolle paar


erfreuen sich mit vielen bemerkungen über das umherziehende volk
schließlich brach jedoch die würdige hausfrau ein und rief
da drüben kommt unser pfarrer und es kommt mit ihm
unser nachbar der arzt kommt und soll uns alles erzählen
alles was sie im ausland gesehen haben und es ist ein trauriger anblick

dann näherten sich die beiden männer herzlich und grüßten das paar
setzten sich auf die holzbänke die in der tür aufgestellt waren
sie schüttelten den staub von ihren füßen und fächelten sich mit ihren tüchern luft zu
dann kam der arzt sobald die gegenseitigen grüße ausgetauscht wurden
als erster begann er und sagte fast in verärgertem ton
so ist die menschheit wahrlich und ein mann ist wie der andere
liebt es zu gaffen und anzustarren wenn seinem nachbarn unglück widerfahren ist
jeder beeilt sich die flammen zu betrachten während sie in zerstörung aufsteigen
läuft um den armen täter zu sehen bis zur hinrichtung
jetzt machen sich alle auf den weg um auf die not dieser verbannten zu blicken
es gibt auch niemanden der glaubt dass er durch ein ähnliches vermögen
kann in der zukunft wenn nicht sogar in der nächsten ebenfalls überwunden werden
leichtfertigkeit die meiner meinung nach nicht zu verzeihen ist
dennoch liegt es in der natur des menschen

daraufhin antwortete und sagte der edle intelligente pfarrer


zierde er der stadt noch jung in der blüte seines mannesalters
er war mit dem leben vertraut und kannte die bedürfnisse seiner zuhörer
er war tief beeindruckt von der bedeutung der heiligen schrift
wenn sie uns das schicksal des menschen und seine disposition offenbart
darüber hinaus ist er mit den besten weltlichen schriften bestens vertraut
ich würde es ablehnen antwortete er einen unschuldigen instinkt zu tadeln
was mutter natur der menschheit schon immer gegeben hat
was verständnis und vernunft manchmal nicht erreichen können
oft wird es so einen glücklichen impuls geben der uns widerstandslos mit sich trägt
hat die neugier nicht den menschen mit ihrer starken anziehungskraft angezogen?
sag mal hätte er jemals erfahren wie harmonisch zusammenpassend
weltliche erfahrungen sind? erstens begehrt er das neue
dann folgt er mit unermüdlichem fleiß dem nützlichen
schließlich sehnt er sich nach dem guten durch das er erzogen und geadelt wird
solange er jung ist ist eine solche leichtigkeit des geistes ein freudiger begleiter
die spuren des schmerzverursachenden bösen verschwinden sobald es vorbei ist
in der tat ist der zu loben der aus dieser fröhlichen stimmung heraus
hat sich in seinen reifejahren ein fundiertes verständnis entwickelt?
wer im glück oder im unglück mit eifer und tatendrang arbeitet
ein solcher bringt das gute zustande und heilt das böse

dann brach die ungeduldige hausfrau vertraut aus und rief


erzählen sie uns was sie gesehen haben davon möchte ich unbedingt hören

kaum antwortete der dorfarzt mit nachdruck


kann ich nach all den szenen die ich gesehen habe so schnell geist finden?
oh das vielfältige elend wer soll es ihnen sagen können?
noch bevor wir die wiesen überquerten und als wir noch in einiger entfernung waren
wir sahen den staub aber immer noch von hügel zu hügel die prozession
verschwand aus unseren augen und wir konnten nur wenig unterscheiden
aber als wir endlich die straße erreichten die das tal durchquert
groß war das gedränge und die verwirrung der fußgänger und wagen
da leider sahen wir genug von diesen armen unglücklichen vorbeigehen
und konnte von einigen von ihnen erfahren wie bitter die traurige flucht war
doch wie freudig war das so hastig gerettete lebensgefühl
es war traurig die verschiedensten habseligkeiten zu sehen
alle dinge die in jeder gut eingerichteten wohnung untergebracht sind
alles durch die pflege der haushälterin an den geeigneten orten aufgestellt
immer einsatzbereit denn nützlich ist jedes und wichtig
nun sind diese dinge zu sehen aufgetürmt auf allen möglichen wagen
einer auf dem anderen so eilig waren sie gerettet worden
über der kommode lagen das sieb und die wolldecke
in den backtrog geworfen lagen das bett und die laken auf dem spiegel
gefahr leider wie wir selbst in unserer großen feuersbrunst erfahren haben
zwanzig jahre seitdem werden einem mann alle fähigkeit zum nachdenken nehmen
damit er das wertlose ergreift und das kostbare hinter sich lässt
auch hier trugen sie mit rücksichtsloser sorgfalt mit sich herum
erbärmlichen müll der nur die pferde und ochsen belastete
wie zum beispiel alte fässer und bretter der gänsestall und der vogelkäfig
auch frauen und kinder schufteten mit ihren bündeln

keuchend unter körben und kübeln voll mit wertlosen dingen


der mensch ist so unwillig seinen geringsten besitz aufzugeben
so zog der überfüllte zug auf der staubigen straße vorwärts
alles verwirrt und ungeordnet derjenige dessen tiere die schwächeren waren
wollte langsamer fahren während ein anderer sich schneller beeilen würde
plötzlich erklang ein schrei der eng umschlungenen frauen und kinder
und mit dem jaulen der hunde vermischte sich das brüllen des viehs
kummerschreie von den alten und kranken die oben auf dem wagen waren
schwer und daher überfüllt saßen und schwankten die betten
endlich aus der spur gedrängt und hinaus an den rand der bahn gedrängt
das knarrende rad ist ausgerutscht der wagen verlor das gleichgewicht und kippte um
in den graben gefallen in der schaukel wurden die menschen in die ferne geschleudert
weit weg ins feld mit schrecklichen schreien durch glück
später wurden die kisten geworfen und fielen näher an den wagen heran
wahrlich alle die den fall miterlebt hatten erwarteten ihn zu sehen
unter dem gewicht von stämmen und pressen in stücke zerquetscht
so lag der karren in trümmern und machte die menschen hilflos
die anderen setzten ihren weg fort und fuhren hastig an ihnen vorbei
jeder denkt nur an sich selbst und wird von der strömung mitgerissen
dann liefen wir zur stelle und fanden die kranken und alten
diejenigen die zu hause und im bett liegen
konnten ihren anhaltenden beschwerden vorbeugen
kaum ertragen mit blauen flecken am boden liegend klagend und stöhnend
erstickt vom aufgewirbelten staub und versengt von der mittagshitze

darauf antwortete und sagte der gutherzige wirt mit gefühl


ich wünschte unser siegfried möge sie treffen und ihnen erfrischung und kleidung geben
ekel sollte ich fühlen sie zu sehen der anblick des leidens schmerzt mich
berührt von den frühesten nachrichten über ihr so grausames leid
hast hastig ein bisschen aus unserem überfluss geschickt
nur dass einige gestärkt und wir selbst erleichtert werden könnten
aber erneuern wir diese traurigen bilder jetzt nicht mehr
wissend wie leicht sich die angst in die herzen von uns sterblichen einschleicht
und angst schlimmer für mich als das eigentliche übel
komm mit mir in den raum dahinter unsere kühle kleine stube
wo nie ein sonnenstrahl scheint und kein schwüler atem jemals eindringt
durch seine wandstärke dort wird uns mutter einen krug bringen
von unserem alten dreiundachtziger mit dem wir unsere fantasien verbannen können
hier ist es nicht angenehm zu trinken die fliegen summen so um die gläser
dann begaben sie sich dorthin und alle freuten sich über die kühle

sorgfältig brachte die mutter den klaren und herrlichen jahrgang zur welt
eingehüllt in eine gut polierte flasche auf einem teller aus glitzerndem zinn
rund gestellt mit großen grünen gläsern treffen sich die trinkbecher zum rheinwein
so saßen die drei zusammen an dem stark gewachsten tisch
glänzend und rund und braun der auf mächtigen füßen getragen wurde
freudig klingelten zugleich die gläser des wirts und pfarrers
aber es hielt regungslos der dritte fest und saß in gedanken versunken da
bis der wirt ihn mit gut gelaunten worten herausforderte und sagte
kommen sie herr nachbar leeren sie ihr glas für gott in seiner barmherzigkeit
bisher hat er uns vor dem bösen bewahrt und wird uns auch in zukunft bewahren
denn wer erkennt nicht dass seit unserem schrecklichen flächenbrand
als er uns so hart züchtigte segnet er uns jetzt fortwährend
ständig abschirmend während der augapfel des menschen über ihn wacht
hält er es für wertvoller und wichtiger als alle anderen seiner mitglieder?
wird er uns in zukunft nicht verteidigen und uns beistand leisten?
erst wenn die gefahr naht erkennen wir wie groß seine macht ist
soll er diese blühende stadt die er einst von fleißigen bürgern erbauen lies
aus seiner asche neu aufgebaut und danach mit fülle gesegnet
jetzt wieder abreißen und die ganze arbeit zunichte machen?

fröhlich und freundlich antwortete der ausgezeichnete pfarrer


bleibe fest im glauben und bleibe fest in dieser gesinnung
denn es macht standhaft und weise wenn das glück gerecht ist und wenn es böse ist
spendet süßen trost und weckt die erhabensten hoffnungen

dann antwortete der wirt mit vernünftigen und männlichen gedanken


oft habe ich den breiten strom des rheins mit erstaunen begrüßt
da ich nach einer geschäftsreise ins ausland wieder in die nähe gekommen bin
es kam mir immer majestätisch vor und mein geist und meine seele waren erhoben
aber ich hätte mir nie vorstellen können dass die schönen ufer
so bald so schnell erreicht werden würden
seien zu einem wall verwandelt um den franzosen von unseren grenzen fernzuhalten
und sein weitläufiges bett ist ein graben der jeden durchgang behindert
siehe so schützt die natur die tapferen deutschen beschützen uns
und so beschützt uns der herr wer wird dann schwach verzagen?
die kämpfer sind bereits erschöpft alles deutet auf frieden hin
wäre es vielleicht so dass als dieses so sehnsüchtig ersehnte fest
soll in unserer kirche gefeiert werden wenn das heilige te deum erklingt
anschwellend durch das läuten von orgeln und glocken und das schmettern von trompeten
könnte es sein dass an diesem tag mein siegfried herr pfarrer
seine entscheidung nun getroffen mit seiner braut vor dir am altar steht
machen sie diesen festtag der in jedem land geehrt werden soll
auch mein jubiläum von nun an häuslicher freude
aber mit bedauern beobachte ich dass die jugend so effizient und aktiv ist
immer in häuslichen angelegenheiten wenn man im ausland schüchtern ist
es macht ihm wenig freude unter anderen herumzulaufen
nein er wird sogar die gesellschaft junger damen ganz meiden
meidet den belebenden tanz an dem sich alle jungen menschen erfreuen

so sprach und hörte er denn jetzt war in der ferne zu hören


das klappern der herannahenden pferdehufe und das rollen des wagens
der mit rasender eile donnernd unter dem tor hindurchraste

zweiter gesang

als nun der sohn mit hübscher miene in die kammer kam
mit forschendem blick richteten sich die augen des predigers auf ihn
und mit dem blick des lehrers der den ausdruck leicht ergründen kann
untersuchte sein gesicht seine gestalt und seine allgemeine haltung genau
dann sprach er mit einem lächeln und sagte in liebevollen worten
du bist wirklich ein anderes wesen ich habe dich nie gesehen
fröhlich wie jetzt noch nie habe ich deine blicke so strahlend gesehen
fröhlich kommst du und glücklich das ist klar unter den armen leuten
du hast deine gaben geteilt und ihre segnungen für dich empfangen
leise und mit ernsten worten ließ ihm der sohn antworten
ob ich so gehandelt habe wie ihr es raten wollt weis ich nicht aber ich bin dem gefolgt
was mir mein herz befohlen hat das werde ich ihnen genau erzählen
du hast mutter so lange in deinen alten stücken gekramt
beim pflücken und auswählen war dein bündel erst spät zusammen
auch der wein und das bier brauchten viel zeit und sorgfalt beim verpacken
als ich endlich durch das tor herauskam und auf die hauptstraße hinauskam
rückwärts strömte die menge der bürger mit frauen und kindern
kommt mir entgegen denn weit war schon die bande der verbannten
schneller setzte ich meinen weg fort und fuhr zügig ins dorf
dort wollten sie sich ausruhen wie ich hörte und bis zum morgen verweilen
während ich dorthin eilte die neue straße hinauf ein kräftiger holzwagen
von zwei ochsen gezogen sah ich die größten und stärksten dieser region
während mit kräftigen schritten eine jungfrau neben ihnen ging
und mit einem langen stab in ihrer hand führten die beiden mächtigen kreaturen
mal drängt man sie mal hält man sie zurück mit geschick fuhr sie sie
sobald das mädchen mich bemerkte näherte es sich ruhig den pferden
und mit diesen worten wandte sie sich an mich nicht immer so bedauerlich
war unser zustand so wie du ihn heute auf dieser reise siehst
ich habe mich noch nicht daran gewöhnt einen fremden um geschenke zu bitten
was er oft unwillig gibt um den bettler loszuwerden
aber die notwendigkeit treibt mich zum sprechen denn hier auf dem stroh liegt
ein frisch entbundenes kind die frau eines reichen gutsbesitzers die ich kaum kenne
hat sie in ihrer schwangerschaft sicher mit ochsen und wagen weggebracht
nackt liegt nun in ihren armen das neugeborene kind
und die hilfe die unsere freunde leisten können ist gering
wenn wir tatsächlich im nachbardorf wären wo wir uns heute ausruhen wollten
dennoch werden wir sie finden obwohl ich große angst habe
dass sie es bereits bestanden haben
solltest du wäsche jeglicher art übrig haben vorausgesetzt sie ist vorhanden
du aus dieser nachbarschaft gib es den armen in almosen

so sprach sie und die blasse mutter richtete sich schwach auf
vom stroh auf und schaute zu mir dann sagte ich als antwort
gewiss zu den guten redet oft ein geist vom himmel
sie sollen die not spüren die einen leidenden bruder bedroht
denn du musst wissen dass meine mutter die bereits deinen kummer vorhersagt
gab mir ein bündel um es sofort für die bedürfnisse der nackten zu verwenden
dann löste ich die knoten der schnur und die hülle meines vaters
ich gab sie ihr und gab ihr auch die hemden und die wäsche
und sie dankte mir freudig und rief die glücklichen glauben es nicht
es können noch wunder gewirkt werden denn nur in der not erkennen wir
gottes eigene hand und finger die die guten dazu bringen gutes zu zeigen
was er uns durch dich getan hat möge er auch dir tun
und ich sah mit welcher freude die kranke mit der wäsche umging
besonders erfreulich ist jedoch der zarte flanell des morgenmantels
lasst uns eilen sagte die jungfrau zu ihr und ins dorf kommen
wo unsere leute übernachten werden und sich bereits ausruhen
da werde ich diese kleider für alle kinder sogleich verteilen
dann salutierte sie erneut und drückte ihren dank aufs herzlichste aus
die ochsen starteten der wagen fuhr weiter aber da blieb ich noch
hielt immer noch die pferde unter kontrolle denn jetzt war mein herz geteilt
ob man schnell ins dorf fährt und dort proviant holt
zu teilen es mit dem rest des volkes oder ob ich hier zur jungfrau geh
alles sollte auf einmal geliefert werden damit sie es diskret portionieren kann
und in einem augenblick hatte mein herz entschieden und fuhr ruhig weiter
nach der jungfrau überholte ich sie bald und sagte schnell zu ihr
höre gute jungfrau meine mutter hat nicht nur wäschezeug eingepackt
in die kutsche damit ich kleidung habe um die nackten auszustatten
wein und bier fügte sie auserdem hinzu und versorgte sie mit proviant
von all diesen dingen habe ich jede menge in der kiste der kutsche
aber jetzt fühle ich mich dazu bewegt auch diese opfer darzubringen
in deine hand denn so werde ich meinen auftrag am besten erfüllen
du wirst sie mit urteil teilen während ich zufällig angewiesen werden müsste
daraufhin antwortete das mädchen ich werde mit treue teilen
das sind deine gaben damit allen denen trost zu spenden die in not sind
so sprach sie und schnell öffnete ich den kasten der kutsche
brachte von dort die kräftigen schinken hervor und holte das brot heraus
flaschen wein und bier und alles gab ich der jungfrau
gerne hätte ich ihr mehr gegeben aber der wagen war leer
alles packte sie zu füßen der kranken frau und machte sich auf den weg
ich fuhr mit meinen pferden und der kutsche schnell zurück in die stadt

genau jetzt als siegfried aufgehört hatte der gesprächige nachbar


nahm das wort auf und rief oh glücklich in tagen wie diesen
tagen der flucht und verwirrung der allein in seiner wohnung lebt
da er weder frau noch kind hat die sich voller angst an ihn klammern könnten
glücklich fühle ich mich jetzt und würde nicht umsonst vater genannt werden
ich hätte heute keine frau und keine kinder um die ich mir sorgen machen müsste
an diese flucht habe ich schon oft gedacht und haben zusammen gepackt
alle meine besten sachen schon die ketten und alten geldstücke
das gehörte meiner heiligen mutter von denen noch kein einziges verkauft wurde
es wäre wahr dass vieles zurückbleiben würde das nicht leicht zu bekommen wäre
sogar die wurzeln und kräuter die mit so viel fleiß gesammelt wurden
es würde mir leid tun zu verlieren obwohl der wert der ware nur unbedeutend ist
wenn mein lieferant bliebe könnte ich zufrieden meine wohnung verlassen
wenn ich mein geld sicher weggebracht und meine person gerettet habe
alles ist sicher niemandem fällt das fliehen so leicht wie dem junggesellen

nachbar antwortete der junge siegfried mit nachdruck auf seine worte
ich kann dir hier in keiner weise zustimmen und deine sprache muss ich tadeln
ist er tatsächlich ein mann der im guten wie im bösen geschätzt wird
denkt nur an sich selbst und freut sich und trauert mit anderen
weiß nicht wie man teilt und spürt auch nicht wie sein herz ihn so treibt?
eher als je zuvor würde ich mich heute zum heiraten entschließen
viele würdige mädchen brauchen den schutz ihres mannes
und der mann braucht eine inspirierende frau wenn krankheit droht

daraufhin antwortete der vater lächelnd so liebe ich es dich zu hören


das ist ein vernünftiges wort wie ich es selten von dir gehört habe
doch sogleich unterbrach die mutter schnell und rief
junge natürlich hast du recht wir eltern haben das beispiel gegeben
da wir uns nicht in unserer zeit der freude füreinander entschieden haben
es waren eher die traurigsten stunden die uns zusammen verbanden
montagmorgen es macht mir nichts aus für den tag davor
es kam das schreckliche feuer das unsere stadt verwüstete
zwanzig jahre werden vergangen sein der tag war ein sonntag
die jahreszeit war heiß und trocken das wasser war fast erschöpft
alle leute schlenderten in ihren festtagskleidern durchs land
es liegt teilweise in den dörfern und teilweise in den mühlen und tavernen
und am ende der stadt begannen die flammen und gingen weiter
schnell durch die straßen dabei einen luftzug erzeugend
die scheunen in denen bereits die reiche ernte eingefahren worden war brannten nieder
die straßen bis zum markt waren niedergebrannt das haus meines vaters
des nachbarn haus wurde zerstört und auch dieser fiel mit ihm
wenig konnten wir retten ich saß in dieser traurigen nacht da
außerhalb der stadt auf dem gelände um die betten und kisten zu bewachen
endlich überkam mich der schlaf und als ich wieder wach wurde
spürte ich die kälte des morgens die immer vor sonnenaufgang hereinbricht
es gab rauch und grelles licht und die wände und schornsteine lagen in trümmern
dann fiel mir eine last aufs herz aber majestätischer denn je
die sonne ging wieder auf und erfüllte meine brust mit mut
dann erhob ich mich hastig und sehnte mich danach den ort wiederzusehen
worauf unsere behausung gestanden hatte und um zu sehen ob die hühner gerettet worden seien
die ich besonders liebte da ich in meinen gefühlen immer noch ein kind war
so wie ich über die noch rauchenden balken des hauses und des hofes schweife
ich wählte meinen weg und sah die wohnung so zerstört und verwüstet
du bist heraufgekommen um den ort aus der anderen richtung zu untersuchen
unter den trümmern war dein pferd in seinem stall begraben der müll
legte sich auf die stelle und die schimmernden balken von dem pferd sahen wir nichts
nachdenklich und trauernd standen wir so da einer dem anderen gegenüber
jetzt da die mauer gefallen ist die einst unsere höfe geteilt hatte
daraufhin nahmst du mich bei der hand und redest zu mir und sprachst
Dorothea wie ernst bist du hier geh zurück deine sohlen müssen brennen
heiß der müll ist hier er versengt meine stiefel die stärker sind
und du hobst mich empor und trugst mich hinaus durch deinen hof
da war noch die tür des hauses mit ihrem torbogen stehen geblieben
so wie es jetzt steht ist nur noch das einzige übrig
dann hast du mich niedergesetzt und mich geküsst dagegen habe ich einspruch erhoben
aber du hast geantwortet und mit freundlicher bedeutungsvoller sprache gesagt
siehe mein haus liegt in trümmern bleib hier und hilf mir es wieder aufzubauen
so werde ich im gegenzug beim bau des hauses deines vaters helfen
doch ich habe dich nicht verstanden bis du deine mutter sandtest
zu meinem vater und schnell wurde die glückliche vermählung zustande gebracht
bis heute erinnere ich mich mit freude an diese halb verzehrten balken
und ich kann noch einmal sehen wie die sonne in solcher pracht aufgeht
denn es war der tag der mir meinen mann gab und vor der ersten staffel
nachdem ich diese wilde verwüstung hinter mir gelassen hatte
war meiner jugend ein sohn geschenkt worden
darum preise ich dich siegfried dass du mit ehrlicher gewissheit
solltest du in diesen traurigen tagen an eine jungfrau denken
und inmitten von ruinen und krieg sollte man den mut haben sie zu umwerben

da antwortete ihr der vater sofort und mit wärme


lobwürdig ist das gefühl und wahrhaftig auch die geschichte
mutter die hast du erzählt denn so geschah tatsächlich alles
besser ist jedoch besser es ist nicht die sache aller männer
so zu beginnen ihr leben und ihren besitz von grund auf
jeder braucht sich nicht so viele sorgen zu machen wie wir und die anderen
oh wie glücklich ist der dessen vater und mutter ihm geben werden
möbel und fertig ein haus das er mit seinem einkommen schmücken kann
aller anfang ist schwer aber am meisten der anfang eines haushalts
vieles sind menschliche bedürfnisse und jedes ding wird täglich teurer
daher muss ein mann darüber nachdenken wie er sein einkommen steigern kann
das hoffe ich also von dir mein siegfried dass in unsere wohnung
du wirst schon bald eine braut mitbringen die reich beschenkt ist
denn es ist angemessen dass ein galanter junger mann eine üppige jungfrau hat
großartig ist die behaglichkeit zu hause wenn die gewählte frau
gibt die nützlichen geschenke außerdem in die schachtel und den korb ein
nicht schon seit vielen jahren war die mutter umsonst beschäftigt
mit herstellung der bettwäsche ihrer tochter mit starker und zarter textur
nicht umsonst haben die paten ihre silbernen gefäße geschenkt
und der vater legte die seltenen geldstücke in seinen schreibtisch
denn es wird der tag kommen an dem mit ihren gaben und besitztümern
soll sich die jugend freuen die sie aus allen anderen ausgewählt hat?
nun weis ich wie gut die stellung einer frau in einem haus ist
die kennt ihre eigenen möbel um sie herum in küche und kammer
die selbst das bett und sich selbst den tisch gedeckt hat
nur eine wohlhabende braut möchte ich in meine wohnung aufnehmen
wer arm ist muss am ende mit sicherheit von seinem mann verachtet werden
und als dienerin wird gehalten werden die als dienerin mit ihrem bündel hereinkam
die menschen werden ungerecht bleiben wenn die zeit der liebe vorbei ist
ja mein siegfried das alter deines vaters kannst du sehr erfreuen
wenn du schnell eine schwiegertochter in meine wohnung bringst
aus der nachbarschaft hier aus dem haus dort drüben dem grünen
reich ist der mann das kann ich dir sagen seine herstellungen und sein verkehr
täglich machen ihn reicher denn woher zieht der kaufmann nicht seinen gewinn?
er hat nur drei töchter unter denen er sein vermögen aufteilen kann
zwar ist die älteste bereits vergeben aber es gibt noch die zweite
noch zu haben ebenso wie die dritte und vielleicht nicht mehr lange
an deiner stelle wäre ich nie hier geblieben
aber ich hätte eine der jungfrauen geholt wie ich einst deine liebe mutter entführte
bescheiden antwortete der sohn dann auf den drängenden vater
es war wahrlich auch mein und dein wunsch gewählt zu haben
eine der töchter unseres nachbarn denn wir waren zusammen aufgewachsen
haben gespielt in der anfangszeit um den marktplatzbrunnen
und aufgrund der unhöflichkeit der anderen jungen war ich oft ihr verteidiger
das ist jedoch längst vorbei die mädchen als sie älter wurden
blieben ordnungsgemäß im haus und mieden die ausgelasseneren freizeitbeschäftigungen
gut erzogen sind sie sicherlich ich bin manchmal hinübergegangen
zum teil zu ihrer freude und wegen unserer früheren bekanntschaft
aber es bereitete mir nie freude unter ihnen zu sein
denn ich war immer gezwungen ihre vorwürfe gegen mich zu ertragen
mein mantel war viel zu lang der stoff zu grob und die farbe
ziemlich häufig meine haare waren nicht so geschnitten wie sie sein sollten und kraus
ich war schließlich entschlossen mich auch fein zu kleiden
so wie es die bürojungen tun die sonntags immer dort zu sehen sind
im sommer trugen sie ihre halbseidenen lappen die um sie herumbaumelten
aber ich habe mit der zeit herausgefunden dass sie mich immer zum gespött gemacht haben
und ich war verärgert als ich es sah es verletzte meinen stolz aber tiefer
ich empfand es als bedauerlich dass sie den guten willen bisher falsch interpretierten
dass ich sie in meinem herzen trug besonders Edda die jüngste
es war am ostertag als ich sie das letzte mal besuchte
ich trage meinen besten neuen mantel der jetzt im schrank hängt
und hatte mir die haare gekräuselt genau wie die der anderen jungen leute
sobald ich eintrat kicherten sie aber das war nicht meine art wie ich es mir vorgestellt hatte
bevor Edda am klavier platz nahm der vater war anwesend
seine töchter singen zu hören voller freude und guter laune
vieles von dem was im gesang gesagt wurde konnte ich nicht verstehen
aber von pamina habe ich oft gehört und oft von tamino
und ich konnte außerdem nicht stumm bleiben also sobald sie zu ende war
etwas über die worte wie ich gefragt habe und über die beiden personen
daraufhin schwiegen alle und lächelten aber der vater antwortete
du kennst niemanden mein freund glaube ich außer adam und eva?
niemand hielt sich länger zurück aber lauter lachten die mädchen
laut lachten die jungen der alte mann hielt sich zum lachen die seiten
ich ließ aus verlegenheit meinen hut fallen und das kichern ging weiter
immer weiter und weiter trotzdem spielten und sangen sie weiter
zurück zum haus hier eilte ich überwältigt von scham und ärger
habe meinen mantel in den schrank gehängt und die locken mit meinen fingern herausgezogen
ich schwöre dass mein fuß diese schwelle nie wieder überschreiten darf
und ich hatte vollkommen recht denn eitel sind die jungfrauen und herzlos
noch heute werde ich wie ich höre von ihnen immer tamino genannt

darauf antwortete die mutter und sagte du solltest nicht siegfried


so lange verärgert sein über die kinder tatsächlich sind sie alle kinder
Edda glaub mir ist gut und war dir immer freundlich gesinnt
es ist noch nicht lange her seit sie nach dir gefragt hat lass sie deine auserwählte sein

nachdenklich antwortete der sohn ich weiß es nicht diese demütigung


hat sich so tief in mich eingeprägt dass ich es nie ertragen konnte sie anzusehen
setzen sie sich vor das klavier oder zuzuhören noch einmal ihrem gesang

dann brach der vater hervor und antwortete mit worten des zorns
mein leben wird wenig freude an dir haben ich sagte es würde so sein
als ich merkte dass deine freude ausschließlich pferden und der landwirtschaft galt
arbeit die tatsächlich ein diener für einen reichen herrn verrichtet
das tust du der vater muss inzwischen seines sohnes beraubt werden
der als sein stolz vor den augen der übrigen bürger erscheinen sollte
schon früh pflegte deine mutter mich mit leeren hoffnungen zu täuschen
wenn du in der schule bist würdest du nie lernen zu lesen und zu schreiben
wie bei den anderen gelingt es dir aber dein platz wäre immer der unterste
das geschieht freilich dann wenn ein jugendlicher kein ehrgefühl hat
in seiner brust wohnen noch der wunsch sich höher zu erheben
hätte nur mein vater so für mich gesorgt wie für dich gesorgt wurde
wenn er mich zur schule geschickt und mir so lehrer gegeben hätte
ich glaube ich sollte etwas anderes sein als der wirt des goldenen löwen

dann erhob sich der sohn von seinem sitz und ging lautlos zur tür
langsam und ohne ein wort zu sprechen der vater jedoch in leidenschaft
danach rief er ja geh du widerspenstiger kerl ich kenne dich
geh und kümmere dich fortan um das geschäft damit ich dich nicht tadeln muss
aber stell dir nicht vor dass es sich jemals um ein bauernmädchen handelte
du sollst als schwiegertochter in meine wohnung kommen das luder
ich lebe schon lange auf der welt und weiß wie mit der menschheit umzugehen ist
wissen sie wie sie damen und herren so unterhalten dass sie zufrieden sind
sie werden mein haus verlassen und fremde können angenehm schmeicheln
dennoch bin ich fest entschlossen dass ich eines tages eine tochter haben werde
die wird mich in gleicher weise belohnen und meine vielfältige arbeit versüßen
die soll mir auch das klavier vorspielen so dass es mit freude dort sein wird
alle hübschen und feinsten menschen der stadt versammeln sich
wie sie es jetzt sonntags im haus unseres nachbarn tun hier siegfried
drückte sanft auf den riegel und verließ so die kammer

dritter gesang

so entging der bescheidene sohn dem zornigen vorwurf


aber in dem ton den er zuerst angenommen hatte fuhr der vater fort
das kommt nicht aus einem menschen was er nicht in sich hat und
soll ich jemals die freude haben meinen sehnlichsten wunsch erfüllt zu sehen?
dass mein sohn nicht wie sein vater sei sondern ein besserer
was würde aus dem haus und was aus der stadt werden wenn jeder einzelne
wäre nicht gerne und stets auf die erhaltung erneuerung aus
ja und wir verbessern uns auch wie die zeit und der fremde es uns lehren
der mensch ist wahrlich nicht dazu bestimmt wie ein pilz aus der erde zu wachsen
er verging schnell auf dem fleck erde der ihn hervorgebracht hatte
er hinterlässt keine spuren von sich selbst und seiner lebhaften aktion
wie am haus können wir sofort erkennen was der herr dachte
wenn wir also durch eine stadt gehen beurteilen wir die personen die sie regieren
denn wo die türme und mauern verfallen wo innereien
liegt in haufen in den dachrinnen und gassen sind mit innereien übersät
wo der stein seinen platz verlassen hat und niemand ihn zurücksetzt
wo das holz verrottet und das haus wartet
vergebens sind seine neuen stützen dieser ort
von dem wir vielleicht wissen dass er schlecht regiert wird
denn wenn nicht von oben arbeitsordnung und sauberkeit nach unten
leicht gewöhnt sich der bürger an unordentliches aufschieben
so wie der bettler sich auch an seine zerlumpte kleidung gewöhnt
deshalb wünschte ich dass unser siegfried bald zu einigen reisen aufbrechen würde
dass er wenigstens die städte straßburg und frankfurt sehen könnte
auch das freundliche mannheim das fröhlich und gleichmäßig gebaut ist
er der einmal städte so sauber und groß gesehen hat nie danach
hört auf seine heimatstadt so klein sie auch sein mag zu verschönern
loben nicht die fremden die hierher kommen die reparaturen in unserem tor
beachten sie unseren weiß getünchten turm und die kirche die wir neu aufgebaut haben?
loben nicht alle unseren bürgersteig? die überdachten kanäle voller wasser
mit einer klugen verteilung ausgestattet die uns gewinn und sicherheit verschafft
kaum ein feuer ausbricht wird er sofort verhaftet?
ist das nicht alles seit der zeit unseres großen flächenbrandes geschehen?
der baumeister wurde sechsmal vom rat benannt und erhielt die genehmigung
gewann außerdem den herzlichen dank aller guten bürger
das was ich mir vorgenommen habe aktiv umzusetzen und auch zu erfüllen
was von aufrichtigen männern entworfen und unvollendet gelassen wurde
schließlich wuchs in jedem einzelnen ratsmitglied derselbe eifer
alle arbeiten jetzt zusammen und haben sich bereits fest entschieden
steht bevor den neuen damm zu bauen der uns mit der hauptstraße verbinden soll
aber ich habe große angst dass das bei unseren kindern nicht so sein wird
manche denken nur an vergnügen und vergängliche kleidung
andere kauern zu hause und sitzen grübelnd hinter dem herd
eines dieser art werden wir wie ich fürchte bis zuletzt in unserem siegfried finden

sofort antwortete und sagte die gute und intelligente mutter


warum willst du vater unserem sohn immer so unrecht tun?
das ist der allerwenigste weg deinen wunsch in erfüllung zu bringen
wir haben keine macht unsere kinder nach unseren vorstellungen zu gestalten
da sie von gott gegeben sind müssen wir sie auch haben und lieben
lehren sie so gut wir können und lassen sie jeden von ihnen seiner natur folgen
der eine wird die eine art von talenten haben der andere unterschiedliche talente
jeder benutzt sein eigenes auf seine ganz individuelle art
jeder muss glücklich und gut sein ich werde nicht zulassen dass mein siegfried bemängelt wird
denn ich weis dass er der güter würdig ist die er eines tages erben wird
wird ein ausgezeichneter vermieter sein ein vorbild für bürger und bauherren
auch im rat wird er wie ich vorhersehen kann nicht der rückständigste sein
aber du hältst den ganzen geist des armen kerls in seiner brust eingeschlossen
ich finde täglich solche fehler bei ihm und tadele ihn wie du es jetzt getan hast
und im selben moment verließ sie das zimmer und eilte ihm nach
in der hoffnung dass sie ihn irgendwo finden könnte und zwar mit ihren liebevollen worten
jubelte sie ihm noch einmal zu ihrem hervorragenden sohn denn er hat es verdient

als sie fort war fuhr der vater lächelnd fort


was für ein seltsames volk sind diese frauen freilich und genau wie die kinder
beide waren bestrebt so zu leben wie es ihnen gefiel
während wir anderen niemals etwas anderes tun dürfen als ihnen zu schmeicheln und sie zu loben
ein für alle mal gilt das vertrauenswürdige sprichwort der alten
wer nicht vorwärts geht kommt zurück so muss es immer sein

daraufhin antwortete der arzt und sagte nachdenklich


das herr nachbar gebe ich gerne zu für mich selbst ich immer
suche nach verbesserungen neuen dingen damit sie nicht zu kostspielig sind
aber was nützt ein mann der nicht viel geld hat
so aktiv und bewegend zu sein und sich innerlich und äußerlich zu verbessern?
nur zu sehr ist der bürger eingeengt das gute obwohl er es weiß
hat er keine mittel zum erwerb weil sein geldbeutel zu knapp ist
während seine bedürfnisse zu groß sind und dadurch wird er ständig behindert
viele der dinge die ich getan hatte aber dann die kosten solcher änderungen
wer hat keine angst besonders jetzt in dieser zeit der gefahr?
längst lächelte mich mein haus in modischer kleidung an
längst glänzten in allen fenstern große glasscheiben
aber wer kann das tun was der kaufmann tut der mit seinen mitteln
kennt auch die methoden mit denen das beste erreicht wird
schauen sie sich das haus dort drüben an das neue siehe mit welcher pracht
vor dem grünen hintergrund stechen die weißen spiralen aus stuck hervor
toll sind die scheiben in den fenstern und wie das glas funkelt und glitzert
stellt den rest der markthäuser ganz schön in den schatten
doch kurz nach dem brand waren unsere beiden häuser die schönsten
dies vom goldenen löwen und meins vom zeichen des engels
so war auch mein garten in der ganzen nachbarschaft berühmt
jeder reisende blieb stehen und blickte durch die roten palisaden
gefangen von den in stein gemeißelten bettlern und den zwergen in leuchtenden farben
wer sich dann in der schönen grotte kaffee servieren lies
jetzt stehen sie da ganz mit staub bedeckt und teilweise in trümmern
früher freute er sich riesig über das schimmernde licht der muscheln
in schöner ordnung ausgebreitet und sogar das auge des kritikers
ich werde vom anblick meiner korallen und meines erzes geblendet
auch in meinem salon bewunderten sie immer das gemälde
wo in einem garten fröhlich gekleidete damen und herren spazieren gehen
und mit ihren spitzen fingern pflücken und halten sie die blumen
aber wer würde es sich jetzt ansehen in der tat so groß ist mein ärger
ich wage mich kaum ins ausland alles muss jetzt anders und geschmackvoll sein
so nennen sie es und weiß sind die latten und bänke aus holz
alles einfach und reibungslos kein schnitzen mehr oder vergolden mehr
erträglich und die hölzer aus dem ausland sind von allen die teuersten
nun auch ich wäre froh wenn ich mir etwas neues besorgen könnte
ich bin froh mit der zeit schritt zu halten und meine möbel oft zu wechseln
dennoch müssen wir alle angst haben die kleinste kleinigkeit anzufassen
denn wer von uns hat mittel um den lohn der arbeiter zu bezahlen?
kürzlich hatte ich die idee den erzengel michael zu beschenken
ich mache das schild meines ladens einen weiteren frischen anstrich mit vergoldung
und zu dem schrecklichen drachen der sich um seine füße windet
aber ich lies ihn lieber so bleiben wie er ist ich fürchtete mich vor der anklage

vierter gesang

während sie sich so amüsierten saßen die männer da und unterhielten sich die mutter
unterdessen ging vor der wohnung auf die suche nach ihrem sohn
zuerst auf der steinernen sitzbank auf der er zu sitzen pflegte
als sie bemerkte dass er nicht da war ging sie weiter um im stall nachzusehen
ob er sich vielleicht um seine edlen pferde die hengste kümmern würde
die er als fohlen gekauft hatte und deren pflege er niemandem anvertraute
und von dem diener dort wurde ihr gesagt er ist in den garten gegangen
dann durchquerte sie mit flinken schritten die langen doppelhöfe
sie ließ die ställe hinter sich und auch die gut gebauten scheunen
betrat den garten so weit die mauern der stadt reichten
ging durch die ganze länge und freute sich als sie in alles hineinging was wuchs
stellte man die stützen auf auf denen die äste ruhten
schwer beladen mit äpfeln und belastenden zweigen des birnbaums
als nächstes wurden einige raupen von einem kräftigen anschwellenden kohl entfernt
denn eine fleißige frau lässt keinen schritt ungenutzt
so kam sie endlich ans ende des weitläufigen gartens
wo stand die laube umhüllt von rankenholz
nicht dort fand sie ihn mehr als bisher bei all ihrer suche im garten
aber die pforte stand offen die aus der laube herausführte
einmal war sie durch besondere gunst durch die mauern der stadt gegangen
geschnitten von ihrem großvater dem verehrten bürgermeister
so überquerte sie als nächstes bequem den jetzt ausgetrockneten wassergraben
wo am straßenrand der gut eingezäunte weinberg
erhob sich mit steilem anstieg dessen hang der sonne ausgesetzt ist
auch diesen stieg sie hinauf und zwar mit freude beim aufstieg
bemerkte den reichtum der büschel die durch ihr spärliches blattwerk verborgen waren
schattig und verdeckt der weg durch die erhabene mittlere gasse
über stufen aus unbehauenen blöcken stieg sie hinauf
es gab den muskateller und den hängenden chasselas
seite an seite von ungewöhnlicher größe und purpurn gefärbt
alles mit dem ziel den tisch des besuchers zu decken
während der rest des hanges mit einzelnen rebstöcken bedeckt war
mit minderwertigen trauben aus denen der delikate wein entsteht
so ging sie den hang hinauf und genoss bereits den jahrgang
und diesen festlichen tag an dem das ganze land jubelte
pflückt und zerstampft die trauben und sammelt den most in gefäßen
feuerwerk wenn es abend ist aus allen richtungen und ecken
knistern und lodern und so wird die schönste ernte geehrt
aber noch unruhiger wurde sie als ihr sohn nach zwei oder dreimaligen anrufen
keine antwort gab außer vom gesprächigen echo
das erklang mit vielen wiederholungen von den türmen der stadt

seltsam war es für sie ihn zu suchen er war nie auf distanz gegangen
dass er ihr nicht zuerst sagte sie solle seine liebevolle mutter
jeden ängstlichen gedanke und die angst meiden
dass etwas schlimmes geschehen sein könnte
dennoch hoffte sie ständig dass sie ihn finden würde wenn sie weiterginge
denn die beiden türen des weinbergs die untere und die obere
beide standen gleichermaßen offen nun betrat sie das kornfeld
dass mit seiner weiten ausdehnung der hügelkamm überdeckt wurde
der boden den sie allein beschritt war immer noch und die ernte über die sie sich freute
alle gehörten noch ihr und ihr gehörte auch das stolz wehende korn
über das ganze weite feld in goldener kraft die sich bewegte
sie behielt den höhenweg den fußweg zwischen den feldern bei und ging weiter
den hohen birnbaum im blick der auf dem gipfel stand
und war die grenzmarkierung der felder die zu ihrer wohnung gehörten
wer ihn gepflanzt haben könnte konnte niemand wissen aber sichtbar war er
weit und breit durchs land die frucht des birnbaums war berühmt
darunter pflegten die schnitter ihre mahlzeit am mittag zu genießen
und die hirten waren es gewohnt in seinem schatten ihre herden zu hüten
bänke aus unbehauenen steinen und rasen die sie gefunden hatten standen darum herum
und sie hatte sich nicht getäuscht denn da saß ihr siegfried und ruhte
er saß da den kopf auf die hand gestützt und schien die landschaft zu betrachten
das lag in den bergen sein rücken war seiner mutter zugewandt
sie schlich sanft auf ihn zu und berührte leicht seine schulter
schnell drehte er sich um als er ihr begegnete standen ihm tränen in den augen

mutter wie hast du mich überrascht sagte er verwirrt und schnell


wischte dem übermütigen jugendlichen die tränen weg aber die mutter
was finde ich dich weinend mein sohn? rief sie erstaunt aus
nein das ist nicht wie du selbst bist ich habe dich noch nie so gesehen
sag mir was belastet dein herz was treibt dich hierher um hier zu sitzen
allein unter dem birnbaum diese tränen in deinen augen was hat sie gebracht?

da sammelte sich der vortreffliche jüngling und gab ihr die antwort
wahrlich dieser mann kann kein herz in seinem eisernen busen haben
der ist jetzt unempfindlich gegenüber den bedürfnissen dieses auswanderervolkes
er hat kein gehirn im kopf der nicht zu seiner persönlichen sicherheit
um das wohl seines vaterlandes in zeiten wie der gegenwart die so bange sind besorgt ist
der anblick und die geräusche des morgens hatten mein herz tief berührt
da ging ich hinaus und betrachtete die weite und herrliche landschaft
sie breitet ihre fruchtbaren hänge in alle richtungen um uns herum aus
ich sah wie sich das goldene korn den schnittern zuneigte
und das versprechen gut gefüllter scheunen durch die reiche ernte
aber ach wie nah ist der feind der rhein mit seinen gewässern
beschützt uns tatsächlich aber ach was sind denn nun flüsse und berge
gegen dieses schreckliche volk das wie ein sturm voranschreitet
denn sie rufen ihre jugend von allen seiten zusammen
rufen sie auch ihre alten männer zusammen und drängen sie mit gewalt vorwärts
der tod kann die menge nicht erschrecken eine menge folgt der anderen
und soll ein deutscher es wagen auf seinem gehöft zu verweilen?
hofft er vielleicht dem überall drohenden bösen zu entkommen?
nein liebe mutter ich sage dir der heutige tag hat mich gereut
dass ich kürzlich befreit wurde als aus unseren städten bürger gewählt wurden
diejenigen die in der armee dienen sollten ein einziger sohn bin ich wirklich
auch unser geschäft läuft großartig und die verantwortung für unseren haushalt ist schwer
doch wäre es meiner meinung nach besser an der front widerstand zu leisten
dort an der grenze als hier um unglück und knechtschaft zu erwarten
so hat es mein geist erklärt und zwar tief in meinem innersten busen
mut und sehnsucht sind nun geweckt für mein land zu leben
ja und zu sterben um anderen ein würdiges beispiel zu geben
wenn nur die kräfte der deutschen jugend gebündelt würden
dort an der grenze entschlossen dass sie dem fremden niemals nachgeben würde
ach er sollte nicht auf unserem herrlichen boden seine fusstapfen setzen
weder verzehren die früchte unserer arbeit vor unseren augen
er regiert unsere männer und macht unsere frauen und töchter zu seiner beute
höre auf mich mutter denn in der tiefe meines herzens bin ich entschlossen
schnell und sofort zu tun was mir richtig und vernünftig erscheint
denn nicht immer wählt der am besten aus der am längsten überlegt
höre ich werde nicht mehr ins haus zurückkehren aber direkt
gehen von diesem ort in die stadt und präsentieren mich dort den soldaten
dieser rechte arm und dieses herz sollen im dienst des vaterlandes eingesetzt werden
dann lass meinen vater sagen wenn es kein gefühl der ehre gibt
in meiner brust wohnen noch der wunsch mich höher zu erheben
dann sprach die gute und intelligente mutter mit bedeutungsvollen worten
während aus ihren augen lautlos die schnell einsetzenden tränen flossen
sohn welche veränderung ist heute über dich und über dein temperament gekommen
dass du nicht mehr sprichst wie du es gestern getan hast und es immer getan hast
offen und frei zu deiner mutter und deine wünsche genau sagend
jeder andere hätte dich wenn er dich so reden gehört hätte mit gewissheit gelobt
und diese deine entscheidung hätte als die edelste hochgelobt
lassen sich von ihrem ton und ihrer bedeutungsvollen sprache in die irre führen
dennoch habe ich nichts als tadel zu sagen denn besser kenne ich dich
du verbirgst dein herz und deine gedanken sind nicht so wie du es sagst
nun weiß ich dass es nicht die trommel nicht die posaune ist die dich ruft
auch in uniform würdest du nicht in den augen der mädchen erscheinen
denn trotz aller ehrlichkeit und tapferkeit ist es deine berufung
hier dich zu kümmern in ruhe um den hof und versorgen den haushalt
sag mir also ehrlich was treibt sie zu einer solchen entscheidung?

der sohn antwortete ernst nein du irrst dich liebe mutter


ein tag ist nicht wie der andere der jüngling reift zum mann heran
besser in der stille die oft zu taten reift als im tumult
wild und wüst in der existenz die so mancher jugendliche verdorben hat
und so still wie ich immer bin und war noch da in meiner brust
ist ein solches herz so geformt dass es alles unrecht und jede ungerechtigkeit verabscheut
und ich habe gelernt richtig zwischen weltlichen dingen zu unterscheiden
außerdem wurden arme und füße durch die arbeit enorm gestärkt
all dies ist meiner meinung nach wahr ich wage es mit kühnheit es zu behaupten
doch gibst du mir mit gutem grund die schuld o mutter denn du hast mich überrascht
mit einer halb wahrheitsgetreuen und halb verheimlichenden sprache
denn ich muss ehrlich zugeben dass es nicht die unmittelbare gefahr ist die mich ruft
aus dem haus meines vaters es ist auch nicht der hohe ehrgeiz
hilfreich für mein land und schrecklich für den feind
es waren nur worte die ich sprach sie waren nur zum verbergen gedacht
dieser gefühle vor dir mit denen mein herz abgelenkt ist
und so verlass mich o mutter denn die wünsche sind fruchtlos
was ich in meinem herzen schätze mein leben muss fruchtlos vorübergehen
denn wie ich weiß verletzt sich derjenige der sich einzig und allein ergeben hat
wenn für die gemeinsame sache nicht alle zusammenarbeiten

zögere nicht antwortete die intelligente mutter daraufhin


alles was mich berührt das kleinste wie das größte
die menschen werden immer voreilig sein und ihre gedanken immer auf die spitze treiben
die eiligen werden durch ein hindernis leicht aus der bahn geworfen
eine frau hingegen ist klug im denken über die mittel und wird es wagen
selbst auf einem umweg geschickt um ihr ziel zu erreichen
dann lass mich alles wissen sag warum so sehr aufgeregt
wie ich dich noch nie zuvor gesehen habe warum fliest dein blut so heiß
deshalb füllen deine augen gegen deinen willen tränen bis zum überfließen

dann überließ er sich der arme junge seinem kummer und weinte
er weinte laut an der brust seiner gütigen mutter und antwortete gebrochen
wahrlich die worte meines vaters haben mich heute sehr verletzt
worte die ich nicht verdient habe weder heute noch jemals
denn es war für mich schon früh die größte freude meine eltern zu ehren
niemand wusste mehr also dachte ich oder war klüger als die mich gezeugt haben
und hatten die dunkle zeit der kindheit mit strenge regiert
viele dinge habe ich wahrlich mit geduld von meinen spielkameraden ertragen
wenn ich ihnen mein wohlwollen entgegenbrachte vergelteten sie es oft mit bosheit
oft lies ich zu dass ihre schläge und hiebe unerwidert blieben
aber wenn sie es wagten den vater lächerlich zu machen wenn er eines sonntags
mit seiner feierlichen und würdevollen haltung würde aus der kirche nach hause kommen
wenn sie sich über seine hutschnur lustig machten oder über die blumen auf dem einband lachten
er trug eine solche pracht die erst heute morgen verschenkt wurde
drohend ballte ich augenblicklich meine faust mit wütender leidenschaft
ich stürzte mich auf sie und schlug zu und schlug sie blindlings
ich sehe nicht wo sie heulten als das blut aus ihren nasen strömte
kaum konnten sie meinen leidenschaftlichen tritten und schlägen entkommen
als ich dann älter wurde musste ich viel von meinem vater ertragen
gewalttätige worte ließ er oft an mir aus anstatt an anderen
als der rat bei der letzten vorstandssitzung seinen unmut geweckt hatte
und ich musste für die streitereien und list seiner kollegen büßen
du hast selbst oft mitleid mit mir gehabt denn viel habe ich gelitten
immer mit herzlichem respekt an die freundlichkeit der eltern denkend
einzig und allein darauf bedacht ihre güter und besitztümer für uns zu vermehren
viele verleugnen sich selbst um für ihre kinder zu sparen
aber leider allein sparen um eines verspäteten vergnügens willen
das ist kein glück haufen auf haufen und acker auf acker
machen uns nicht glücklich egal wie schön unsere güter auch sein mögen
denn der vater wird alt und mit ihm werden auch die kinder alt
die freuden des tages verlieren und die sorgen von morgen tragen
schau nach unten und sieh wie in herrlichkeit vor uns liegt
schön und reichlich die kornfelder unter ihnen der weinberg und der garten
dort drüben die ställe und scheunen unsere schöne besitztumsgrenze
aber wenn ich auf die wohnung dahinter schaue wo oben im giebel
wir können das fenster erkennen das mein zimmer im dachboden markiert
wenn ich zurückblicke und mich an die vielen nächte an diesem fenster erinnere
ich habe für den mond gewacht für die sonne wie viele morgen
als mir der gesunde schlaf von ein paar kurzen stunden genügte
ach so einsam kommen sie mir dann vor die kammer und der hof
garten und herrliches feld weit über dem hügel der sich erstreckt
alles ist so verlassen vor mir liegt es – es ist die frau die fehlt

daraufhin sprach die gute mutter und antwortete so mit intelligenz


mein sohn dein wunsch dir eine braut in dein gemach zu bringen ist nicht größer
damit du deine nächte als einen schönen teil des daseins empfindest
und damit die arbeit des tages unabhängigkeit und freiheit erlangt
das ist auch der wunsch deines vaters und deiner mutter wir haben immer beraten
ja wir haben sogar darauf bestanden dass du dir eine jungfrau aussuchen sollst
aber ich war mir immer bewusst und jetzt gibt mir mein herz gewissheit
bis die bestimmte stunde gekommen ist und die jungfrau ernannt ist
soll mit der stunde erscheinen bleibt die wahl für die zukunft übrig
stärker als alles andere wird jedoch die angst sein die falsche zu greifen
wenn ich es sagen darf mein sohn ich glaube dass du dich bereits entschieden hast
denn dein herz wurde berührt und überaus zärtlich gemacht
dann sprich es ehrlich aus denn meine seele hat es mir vorher gesagt
es ist dieselbe jungfrau die verbannte die du erwählt hast

das hast du gesagt mutter daraufhin antwortete der sohn eifrig


ja sie ist es und wenn ich sie heute als meine braut nicht mitbringe
zuhause in unserer wohnung sie wird von mir gehen vielleicht für immer verschwinden
verloren in den wirren des krieges und den traurigen hin und her bewegungen
mutter für immer würden unsere reichen besitztümer umsonst
gedeihen vor mir und die kommenden zeiten werden für mich vergebens fruchtbar sein
ja ich würde das gewohnte haus und den garten in abscheu halten
sogar die liebe meiner mutter leider würde meine trauer nicht trösten
jedes band so fühle ich in meinem herzen wird durch die liebe gelöst
sobald sie ihre eigenen befestigt und nicht das mädchen ist es nur
das lässt vater und mutter zurück um dem mann zu folgen den sie gewählt hat
auch der jüngling weiß nichts mehr von mutter und vater
wenn er die jungfrau seine einzig geliebte von ihm verschwinden sieht
erlaube mir also von hier wegzugehen wohin auch immer mich die verzweiflung treibt
da von meinem vater selbst die entscheidenden worte gesprochen wurden
da sein haus nicht mehr mein sein kann wenn er das mädchen ausschließt
sie die ich allein als meine braut in unsere wohnung bringen möchte

daraufhin antwortete die gute und intelligente mutter schnell


wie gerne wahrlich zwei männer werden einander gegenüberstehen
stolz und unerschütterlich wird er sich seinem nächsten nicht nähern
keiner wird seine zunge rühren um das erste wort der güte auszusprechen
deshalb sage ich dir mein sohn eine hoffnung lebt noch in meinem herzen
so sei sie ehrlich und gut dein vater wird dich mit ihr verloben lassen
obwohl arm und gegen ein armes mädchen war sein urteil so entscheidend
vieles pflegt er auf seine gewalttätige art auszusprechen
was er jedoch nie ausführt und so wird er dem zustimmen was er leugnet
doch er verlangt ein freundliches wort und zwar zu recht er ist der vater
außerdem wissen wir dass sein zorn nach dem abendessen
wenn er am hastigsten spricht und die meinungen aller anderen in frage stellt
bedeutet nichts die volle kraft seines gewalttätigen willens ist erregt
dann durch den wein der ihn nicht auf die sprache anderer achten lässt
niemand außer sich selbst sieht und fühlt er aber jetzt ist es abend geworden
zwischen ihm und seinen nachbarn kam es zu gesprächen über verschiedene themen
sanft ist er ich bin mir sicher dass seine kleine aufregung jetzt vorbei ist
und er kann spüren wie ungerecht ihn seine leidenschaft anderen gegenüber gemacht hat
komm wagen wir es sofort der erfolg liegt allein bei den tapferen
außerdem brauchen wir die freunde die immer noch mit ihm zusammensitzen
und vor allem der würdige pfarrer wird uns beistand leisten

so sprach sie hastig und als sie sich von dem stein erhob
riss sie ihren sohn von seinem platz der ihr bereitwillig folgte schweigend
beide stiegen den hügel hinab ihre wichtige aufgabe wartete auf sie

füńfter gesang

hier saßen die drei männer jedoch immer noch und unterhielten sich
mit meinem wirt des löwen der dorfarzt und pfarrer
und ihr gespräch drehte sich immer noch um dasselbe unveränderliche thema
sie drehen es hin und her und betrachten es aus allen richtungen
aber mit seinem nüchternen urteil antwortete der ausgezeichnete pfarrer
hier werde ich dir nicht widersprechen ich weiß dass der mensch immer
streben sollte nach dem besseren tatsächlich erreicht er wie wir sehen etwas
immer auf der suche nach dem höheren zumindest nach etwas neuem
aber seien sie vorsichtig dass sie mit dieser disposition nicht zu weit gehen
die natur hat uns freude daran gemacht an dem vertrauten festzuhalten
hat uns darin die freude beigebracht an die wir seit langem gewöhnt sind
jeder zustand ist gut der auf vernunft und natur beruht
viele wünsche hat der mensch doch wenig braucht er
zu sehen dass die tage kurz sind und das schicksal der sterblichen begrenzt ist
niemals würde ich den mann tadeln den eine ruhelose aktivität drängt
mutig und fleißig auf allen wegen des landes und des ozeans
immer unermüdlich umherzustreifen der sich am reichtum erfreut
überschüttet ihn großzügig ihn und seine kinder
doch auch der stille bürger ist für mich nicht unbeachtet
den geräuschlosen rundgang durch seine eigenen geerbten hektar machend
den boden bebauend wie es ihm die immer wiederkehrenden jahreszeiten gebieten
nicht mit jedem jahr wird der boden um ihn herum verklärt
nicht in eile streckt sich der baum aus sobald er gepflanzt ist
ausgewachsene arme richtung himmel und geschmückt mit üppigen blüten
nein der mensch braucht geduld und geduld braucht er auch
ruhe und klarheit des geistes und ein reines und richtiges verständnis
es gibt nur wenige samen die er dem alles nährenden schoß der erde anvertraut
es gibt nur wenige geschöpfe die er zu erziehen und zur perfektion zu bringen weiß
alle seine gedanken sind allein auf das nützliche ausgerichtet
glücklich wem die natur einen solchen geist verleiht
denn er unterstützt uns alle und sei gegrüßt der mann dessen wohnsitz ist
wo in einer stadt die aktivitäten auf dem land mit denen der stadt verschmelzen
auf ihm lastet nicht der druck der den bauern schmerzlich belastet
er lässt sich auch nicht vom gierigen ehrgeiz der städte mitreisen
wo ihre dürftigen besitztümer allzu oft der nachahmung überlassen werden
vor allem ehefrauen und töchter die höher und reicher sind
gesegnet sei daher dein sohn in seinem leben der stillen beschäftigung
gesegnet ist die frau die ihm gleichgesinnt ist und die er sich eines tages erwählen wird

so sprach er und kaum war er fertig als die mutter eintrat


sie hielt ihren sohn an der hand und führte ihn zu ihrem mann
vater sagte sie wie oft wenn wir zwei miteinander geplaudert haben
haben wir uns über siegfrieds zukünftige verlobung gefreut
wenn er seine braut zum licht unserer wohnung machen würde
immer wieder dachten wir nach über dieses mädchen
ich habe mich zuerst um ihn gekümmert und dann mit dem klatsch der eltern
aber dieser tag ist jetzt gekommen und der himmel hat endlich die jungfrau
zu ihm gebracht und ihm gezeigt und nun hat sein herz entschieden
sagten wir nicht immer dass er in dieser angelegenheit seine eigene entscheidung haben sollte?
war es nicht gerade jetzt dein wunsch dass er es mit lebhafter zuneigung möge?
fühlt er sich zu einer jungfrau hingezogen? die stunde ist gekommen auf die wir gehofft haben
ja er hat gefühlt und eine männliche entscheidung getroffen
es ist dieselbe jungfrau die ihn heute morgen traf den fremden
sag er könnte sie haben sonst wird er wie er schwört ein junggesellenleben führen

gib sie mir vater so fügte der sohn hinzu mein herz hat gewählt
klar und sicher sie wird für euch beide die edelste aller töchter sein

aber der vater schwieg dann erhob sich hastig der gute pfarrer
ergriff das wort und sagte allein der augenblick ist entscheidend
reguliert das leben des menschen und regelt sein zukünftiges schicksal
nach langer beratung doch nur die arbeit eines augenblicks
jede entscheidung muss sein und der weise allein ergreift den richtigen
es ist immer gefährlich das eine mit dem anderen zu vergleichen
wenn wir unsere wahl treffen und so unsere gefühle verwirren
siegfried ist rein von kindheit an kannte ich ihn und nie
schon als junge pflegte er nach diesem und dem anderen zu greifen
was er sich wünschte war auch für ihn das beste und er hielt daran fest
sei nicht überrascht und beunruhigt dass jetzt plötzlich aufgetaucht ist
was du dir so lange gewünscht hast es ist wahr dass das gegenwärtige erscheinungsbild
nicht die form des wunsches trägt genau so wie du sie dir vorgestellt hast
denn unsere wünsche verbergen oft vor uns selbst den gegenstand den wir uns wünschen
geschenke kommen von oben in den vom himmel bestimmten formen herab
darum verkenne das mädchen nicht falsch das jetzt seine geliebte ist
der gute und intelligente sohn war der erste der die zuneigung berührte
glücklich wem sofort die hand seiner ersten liebe gegeben wird
und in dessen herzen kein zärtlichster wunsch heimlich schwelgen muss
ja sein ganzes verhalten gibt mir die gewissheit dass sein schicksal nun entschieden ist
wahre liebe lässt in einem augenblick die jugend zum mann heranreifen
er lässt sich nicht leicht bewegen und ich fürchte wenn ihm dies verweigert wird
leider werden seine jahre vergehen die jahre die die schönsten sein sollten

sofort antwortete der arzt in nachdenklichem ton


auf dessen zunge schon lange die worte zitterten
bete dass wir hier wie zuvor nur den sicheren mittelweg verfolgen
eile langsam das war das motto des kaisers augustus
gerne stelle ich mich selbst meinem geliebten nachbarn zur verfügung
ich bin bereit ihm mit meinem schlechten verständnis
den dienst zu erweisen den ich nur kann
vor allem die jugend braucht jemanden der sie anleitet
lass mich nun hinausgehen um das mädchen zu untersuchen
und will die menschen befragen unter denen sie lebt und die sie kennen
es ist nicht leicht mich zu betrügen ich weiß wie worte geschätzt werden sollten

da unterbrach ihn der sohn und ließ ihm mit geflügelten worten antworten
tu das nachbar und geh und erkundige dich aber bei dir
ich würde mich freuen wenn unser gottesdiener hier bei dieser aufgabe unterstützt würde
zwei so hervorragende männer wären einwandfreie richter
o mein vater glaube mir sie ist keine dieser wandernden jungfrauen
keine von denen die auf der suche nach abenteuern durch das land schlendern
und die versuchen unerfahrene jugendliche in ihre netze zu locken
nein das harte schicksal des krieges dieses universellen zerstörers
der die erde erschüttert und sie aus ihren tiefen grunden geschleudert wird
viele strukturen haben das arme mädchen bereits ins exil geschickt
sind jetzt nicht männer von hoher herkunft die edelsten im elend umherirrend?
fürsten fliehen verkleidet und könige leben in der verbannung
also leider auch sie ist die beste unter all ihren schwestern
aus der heimat vertrieben doch ihre persönlichen sorgen vergessend
sie widmet sich anderen sie selbst ohne hilfe sie ist hilfsbereit
groß ist die not und das leid das sich über die erde ausbreitet
sollte aus all diesem elend nicht auch etwas glück hervorgehen?
und soll ich nicht in den armen meiner frau meiner vertrauenswürdigen begleiterin
schauen mit freude auf den krieg zurück wie ihr es auch auf die große feuersbrunst tut?

dann sprach der vater in einem entschiedenen tonfall und antwortete


seltsamerweise hat sich deine zunge gelöst mein sohn was schon so manches jahr her ist
scheint in deinem mund stecken geblieben zu sein und sich nur aus zwang zu bewegen
ich muss heute so scheint es erleben was allen vätern droht
dass dem eigensinnigen willen des sohnes die mutter bereitwillig gnaden gibt
zu leichtfertige nachsicht zeigend und jeder nachbar steht auf ihrer seite
wenn etwas gegen den vater und den ehemann vorzubringen ist
aber ich werde mich dir nicht widersetzen so vereint wie könnte ich?
denn hier nehme ich schon vorher tränen und trotz wahr
geht also hin und erkundigt euch im namen gottes bringt mir die tochter
ist das aber nicht der fall soll der knabe nicht mehr an das mädchen denken

also der vater der sohn schrie mit freudiger miene


bevor es abend ist wirddir die edelste der töchter hierher gebracht werden
eine mit dem ein mann mit gesundem menschenverstand zufrieden sein kann
glücklich das wage ich zu hoffen wird auch das vortreffliche mädchen sein
ja sie wird immer dankbar dafür sein vater und mutter gehabt zu haben
noch einmal in dir gegeben und so wie ein kind seine größte freude hat
nun will ich nicht länger zögern sondern spanne sofort die pferde ein
treibe unsere freunde sofort auf die spuren meiner geliebten
überlassen wir es ihnen dann selbst zu handeln wie es ihre weisheit vorschreibt
ich verspreche dass ich mich ganz nach dem richten werde was sie bestimmen
und bis ich sie mein eigen nennen darf schau ich niemals auf das mädchen
so ging er weiter die anderen blieben unterdessen im gespräch
schnell und ernsthaft als sie tief über ihr großes unterfangen nachdenken

siegfried eilte sofort zum stall wo er ruhig stand


er fand die temperamentvollen hengste den sauberen hafer der schnell verschlungen
und das gut getrocknete heu das von den reichsten wiesen gemäht wurde
auf ihnen richtete er ohne verzögerung die leuchtenden teile ein
hastig die riemen durch die schnallen aus wunderschöner panzerung gezogen
fest angebunden waren dann die langen breiten zügel und die pferde
führte er nach draußen in den hof wohin der willige helfer
hatte mit leichtigkeit an der stange schon den wagen nach vorn gezogen
neben dem baum achten sie sorgfältig auf die sorgfältig gepflegten spuren
verbunden mit der ungestümen kraft der frei reisenden pferde
mit der peitsche in der hand nahm siegfried seinen platz ein und fuhr unter der tür hindurch
sobald die freunde sogleich ihre bequemen plätze eingenommen hatten
schnell rollte die kutsche davon und ließ den bürgersteig hinter sich
dahinter blieben die mauern der stadt und die frisch gebleichten türme
so fuhr siegfried weiter bis er den bekannten damm erreichte
schnell nirgendwo herumlungernd sondern bergauf und bergab eilend
doch als er nun vor sich den turm des dorfes wahrnahm
und nicht mehr fern lagen die gartenumgürteten häuser
da dachte er in sich selbst dass er hier die pferde zügeln würde

unter dem feierlichen schatten hoher linden liegend


was seit jahrhunderten an diesem ort verwurzelt war
vor dem dorf breitete sich ein breiter grasbewachsener gemeinschaftsplatz aus
beliebter urlaubsort der bauern und der umliegenden städter
hier am fuße der bäume befand sich tief im boden eine quelle
als sie die stufen hinunterstiegen fanden sie unten steinbänke
stationiert um die quelle deren reines lebendiges wasser sprudelte
unaufhörlich weiter zur erleichterung des ziehens von niedrigen mauern eingegrenzt
siegfried beschloss hier mit seinen pferden und seinem wagen anzuhalten
im schatten der bäume er tat es und sagte zu den anderen
steigt hier aus meine freunde und macht euch auf den weg um zu entdecken
ob das mädchen wirklich der hand würdig ist die ich biete
das ist sie glaube ich ihr werdet mir nichts neues oder seltsames erzählen
wenn ich auf eigene faust handeln müsste würde ich schnell ins dorf gehen
wo ein paar worte von den lippen der jungfrau über mein schicksal entscheiden sollten
ihr werdet sie bereitwillig von allen anderen hervorheben
denn es kann kaum jemanden geben der in seinem verhalten mit ihr vergleichbar wäre
aber ich werde euch außerdem als zeichen ihre bescheidene kleidung geben
bemerkt also das scharlachrot des mieders das die wölbung ihres busens hervorhebt
hübsch geschnürt und das schwarze oberteil schmiegt sich eng an ihre figur an
der rand ihres kopftuchs ist sorgfältig zu einer rüsche geflochten
der runde umriss ihres kinns umschließt es mit schlichter anmut
frei und leicht erhebt sich darüber das zierliche oval des kopfes
und ihr üppiges haar über silbernen borten ist geflochten
unter ihrem mieder hervor der weite blaue unterrock fällt herab
wickelt sich beim gehen um ihre wohlgeformten knöchel
doch eines möchte ich sagen und möchte es zu meiner ernsthaften bitte machen
sprecht nicht mit der jungfrau und lasst nicht zu dass eure absicht entdeckt wird
erkundigt euch lieber bei anderen und hört zu was sie euch vielleicht sagen
wenn ihr genug neuigkeiten habt um vater und mutter zufrieden zu stellen
dann kehrt hierher zu mir zurück und wir werden darüber nachdenken was weiter geschieht
so habe ich alles in meinem kopf geplant während ich euch hierher gefahren habe

so sprach er daraufhin machten sich die freunde auf den weg ins dorf
wo in den häusern gärten und scheunen die menschen wimmelten
wagen über wagen standen dicht gedrängt entlang der breiten straße
männer kümmerten sich um die angeschnallten pferde und das brüllen des viehs
während die frauen damit beschäftigt waren ihre kleidung an den hecken zu trocknen
und im fließenden bach planschten die kinder fröhlich
sie bahnen sich ihren weg durch den druck der wagen der menschen und des viehs
die beauftragten spione gingen und schauten sich rechts und links um
ob sie eine gestalt sehen könnten die der beschreibung des mädchens entspricht
aber nicht eine von allen erschien als die schöne jungfrau
tumult vergrößerte bald den druck um die wagen entstand ein wettbewerb
unter den drohenden männern in denen sich die schreie der frauen vermischten
dann kam schnell und mit würdevollem schritt ein ältester zur stelle
schloss sich der lärmenden gruppe an und der aufruhr verstummte sofort
als er frieden befahl und mit väterlicher strenge zurechtwies
hat denn das unglück rief er uns noch nicht so sehr aneinander gebunden
dass wir endlich gelernt haben einander zu ertragen und zu verzeihen
obwohl jeder seinen anteil an der arbeit nicht bemessen kann?
wer glücklich ist ist wahrlich streitsüchtig und wird niemals leiden
lehren sie mit ihren alten schlägereien zwischen bruder und bruder aufzuhören?
gönnen einander nicht einen platz auf dem boden der fremden
teilen sie lieber was sie haben wie sie selbst und hoffen sie gnade zu finden
so sprach der mann und alles verstummte wieder in guter laune
friedlich stellten die menschen dann ihr vieh und ihre wagen auf
als nun aber der geistliche hörte was der fremde sagte
und wäre der standhafte geist der fremden gerechtigkeit entdeckt worden
er näherte sich dem mann und redete ihn mit bedeutungsvollen worten an
es ist wahr vater wenn die menschen im wohlstand leben
sich von der erde ernähren die ihren busen weit und breit öffnet
und in den jahren und monaten erneuert sich der begehrte segen
alles geht von selbst und jeder selbst hält sich für den weisesten
hält es für den besten und so bleiben sie weiterhin zusammen
derjenige mit der höchsten intelligenz rangiert nicht höher als andere
alles geschieht wie von selbst und geht leise voran
aber lass die katastrophe den gewohnten lauf der existenz durcheinander bringen
reißen sie die gebäude um uns herum nieder verwüsten sie die ernte und den garten
vertreiben den mann und die frau aus ihrer alten vertrauten behausung
treiben sie dazu durch nächte und tage der entbehrung ins ausland zu wandern
dann ah dann wir schauen uns um um zu sehen welcher mensch der weiseste ist
und seine herrlichen worte werden nicht länger umsonst gesprochen werden
sag mir bist du nicht richter unter diesem flüchtigen volk?
vater wer kann seinen leidenschaften nicht in einem augenblick zum schweigen verhelfen
du erscheinst heute als einer dieser ersten führer
der die auswanderervölker durch wüsten und irrwege führte
ja ich konnte sogar glauben dass ich mit josua oder mose spreche

dann antwortete ihm der richter mit ernstem blick und sagte
wahrlich unsere zeit könnte durchaus mit allen anderen an fremdartigkeit verglichen werden
die in der geschichte erwähnten profanen oder heiligen traditionen sind
denn wer hat gestern und heute in zeiten wie der gegenwart gelebt
er hat schon jahre gelebt die ereignisse sind so dicht gedrängt
wenn ich nur ein wenig zurückblicke kommt es mir so vor als ob mein kopf grau sein muss
unter der last der jahre und doch ist meine kraft immer noch aktiv
mögen wir uns heute mit diesem volk vergleichen
die aus dem brennenden dornbusch die stunde ihrer gefahr sahen
gott den herrn auch wir haben ihn in wolken und im feuer gesehen

als er den priester sah war er geneigt noch mehr mit dem fremden zu sprechen
und er wollte seine geschichte und die seines volkes erfahren
sein begleiter flüsterte ihm heimlich ins ohr
sprich weiter mit dem richter und veranlasse ihn von der jungfrau zu sprechen
ich jedoch werde mich auf die suche begeben und sobald ich sie finde
komm ich und erstatte dir hier bericht der gottesmann nickte zustimmend
und durch die gärten hecken und scheunen ging der spion auf seinem weg

sechster gesang

nun war der ausländische richter vom gottesmann befragt worden


was die not seines volkes betrifft und wie lange die verbannung gedauert hat
so antwortete der mann unsere sorgen sind nicht aus jüngerer zeit
seit der ansammlung bitterer jahre hat unser volk getrunken
die bitterkeit war umso schrecklicher weil eine solch gute hoffnung zunichte gemacht worden war
wer wird so tun als würde er leugnen dass sein herz in seiner brust hoch geschwollen ist
und dass seine freiere brust mit reinerem puls schlug
als wir sahen wie die neue sonne in ihrer frühesten pracht aufging
als wir von den rechten der menschen hörten die allen gemeinsam sein sollten
wurde von einer gerechten gleichheit erzählt und die freiheit inspiriert
jeder hoffte dass er dann sein eigenes leben leben würde und die fesseln
die bindung der verschiedenen länder schien ihren halt zu verlieren
fesseln die in der hand von faulheit und selbstsucht gehalten wurden
während dieser katastrophalen zeit schauten nicht alle nationen in die augen
zur welthauptstadt denn so hatte man schon lange gedacht
und war dieser glorreiche titel nun nicht mehr denn je würdig?

waren nicht die namen der männer die als erste die botschaft überbrachten
namen die man mit den höchsten namen unter den himmeln vergleichen kann?
sind nicht in jedem menschen mut geist und sprache gewachsen?
und als nachbarn waren wir zuallererst eifrig angefeuert
daraufhin folgte der krieg und die bewaffneten verbände der franzosen
näher an uns gedrückt doch schienen sie nichts als freundschaft mitzubringen
ja und sie haben es auch mitgebracht denn der geist in ihnen erhob sich
sie freuten sich über die gepflanzten festlichen bäume der freiheit
er versprach jedem was ihm gehörte und versprach jedem seine eigene herrschaft
das herz der jünglinge schlug hoch und selbst die alten jubelten
fröhlich begann der tanz um die neu erhobene standarte
so hatten sie schnell gesiegt diese überwältigenden franzosen
zuerst die geister der menschen durch das feuer und die kraft ihrer haltung
dann die herzen der frauen mit unwiderstehlicher anmut
sogar der druck des hungerkrieges schien leicht auf uns zu lasten
bevor unsere vision als hoffnung auf die zukunft schwebte
unseren blick ins ausland lockend auf neue wege
oh wie freudig war die zeit als der geliebte bei ihr war
wirbelt im tanz der ersehnte tag ihrer vereinigung wartet
aber noch herrlicher ist der tag an dem unsere vision am höchsten ist
das herz des menschen schien uns nahe und erreichbar
jede zunge war gelöst und die männer die alten die jünglinge
sprachen laut in worten die voller hochgefühl und weisheit waren
bald jedoch war der himmel bedeckt eine korrupte generation
für das herrschaftsrecht gekämpft unwürdig das gute zu etablieren
damit sie einander töteten ihre neuen nachbarn und brüder
unterworfen gehalten und dann die selbstsüchtigen massen gegen uns geschickt
häuptlinge verübten exzesse und plünderungen im großen stil an uns
während die niederen bis zum untersten plünderten und randalierten
jeder schien sich nur darum zu kümmern dass etwas für morgen übrig blieb
große vergangenheit erduldete die not und täglich wuchs die unterdrückung
sie waren die herren des tages es war niemand da der unsere klage hören konnte
dann überkamen selbst den stillsten geist ärger und zorn
einen gedanken hatten nur alle und schworen für ihr unrecht rache
und für den bitteren verlust ihrer hoffnung die so doppelt getäuscht wurde
da wandte sich das schicksal um und erklärte sich auf der seite des deutschen
und mit eiligen märschen zogen sich die franzosen vor uns zurück
ah dann spürten wir wie nie zuvor das traurige schicksal des krieges
der sieger ist großartig und gut oder zumindest erscheint er so
und er wird als einer der seinen den mann verschonen den er besiegt hat
der dessen dienst er täglich braucht und dessen eigentum er nutzt
aber der flüchtling kennt kein gesetz außer der selbsterhaltung
und mit rücksichtsloser gier verschlingt er alle besitztümer um ihn herum
dann sind auch seine leidenschaften entfacht die verzweiflung die in ihm ist
aus seinem herzen bricht sie hervor und nimmt in krimineller tat gestalt an
nichts wird weiter für heilig gehalten aber alles dient der plünderung sein verlangen
wendet sich in wut gegen die frau und die lust verwandelt sich in grauen
den tod sieht er überall um sich herum und er genießt wahnsinnig seine letzten augenblicke

freude am blut freude am schreien der angst


daraufhin erhob sich in unseren männern heftig der strenge entschluss
was verloren gegangen war um sich zu rächen und zu verteidigen was übrig blieb
jeder mann sprang in seine arme durch die flucht des feindes ermutigt
und an seinen bleichen wangen und seinen ängstlichen schwankenden blicken
unaufhörlich erklang nun das klirrende glockengeläut
der gedanke dass keine gefahr drohte zügelte ihren wütenden zorn
schnell in die kriegswaffen in die friedlichen utensilien des landmannes
alle wurden bekehrt die sense und die pflugschar waren blutgetränkt
keinem wurde gnade gezeigt der feind fiel gnadenlos
überall tobte die wut und die feige list der schwäche
niemals darf ich menschen so von schädlicher leidenschaft mitgerissen
wiedersehen der anblick des tobenden wilden tieres wäre schöner
möge der mensch nicht von der freiheit reden als ob er selbst regieren könnte
sobald die barrieren weggerissen sind dann alles böse
scheint losgelassen worden zu sein das war per gesetz tief in die enge getrieben worden

ausgezeichneter mann daraufhin antwortete der pfarrer mit nachdruck


obwohl du die menschheit falsch einschätzt kann ich dich dafür nicht tadeln
schlimm genug ich gestehe du musstest unter den leidenschaften der menschen leiden
doch würdest du über diese katastrophale zeit hinwegblicken
du würdest dir selbst anerkennen wie viel gutes du auch gesehen hast
wie viele wunderbare dinge hätte das herz verborgen
hatte sie nicht die gefahr geweckt und nicht der druck der not
bringe den engel im menschen hervor und mache ihn zu einem gott der erlösung

daraufhin antwortete und sagte der ehrwürdige richter lächelnd


da erinnerst du mich treffend daran wie wir den armen kerl trösten
nachdem sein haus niedergebrannt war zählte er das gold und das silber
geschmolzen und im müll verstreut ist das noch übrig
wenig genug das ist wahr aber selbst das wenige ist kostbar
dann wird der arme kerl danach graben und sich freuen wenn er es findet
dadurch werde ich mich ebenfalls mit glücklicheren gedanken dankbar umdrehen
zu den wenigen schönen taten an die ich mich erinnere
ja ich werde es nicht leugnen ich habe gesehen wie alte streitigkeiten vergessen wurden
ich bin krank mich vom staat abzuwenden ich habe auch miterlebt wie freundschaft
liebe zu eltern und kind kann unmöglichkeiten wagen
gesehen wie der jüngling sofort zum menschen heranreifte wie alt
wurde wieder jung und selbst das kind wurde bis in die jugend hinein entwickelt
ja und auch das schwächere geschlecht wie wir es zu nennen pflegen
zeigte sich mutig und stark und bereit für jeden auftritt
an erster stelle möchte ich eine schöne tat erwähnen
tapfer ausgeführt von der hand eines mädchens einer ausgezeichneten jungfrau
die zusammen mit denen die jünger waren als sie die leitung eines bauernhauses überlassen hatte
auch dort waren die männer gegen den eindringling marschiert
plötzlich überfiel das haus eine flüchtige bande von plünderern
gierig nach beute die sich sofort in das zimmer der frauen drängte

dort sahen sie die schöne gestalt des ausgewachsenen mädchens


schaute auf die bezaubernden jungen mädchen die man lieber noch als kinder bezeichnen könnte
wildes verlangen beherrschte sie auf einmal mit gnadenloser leidenschaft
diese zitternde bande griff das hochherzige mädchen an
aber sie hatte im nu das schwert eines mannes aus der scheide gerissen
sie warf ihn mit gewalt zu boden und streckte ihn blutend vor sich hin
dann befreite sie mit kräftigen schlägen tapfer die jungfrauen
noch vier der räuber erschlagen die sich nur durch fliehen retteten
dann verriegelte sie die tore und wartete bewaffnet auf hilfe

als nun der pfarrer hörte wie dieses lob der jungfrau zuteil wurde
sogleich stieg für seinen freund ein gefühl der hoffnung in seiner brust auf
und er hatte seine lippen geöffnet um zu fragen was ihr weiter widerfuhr
ob auf dieser traurigen flucht sie jetzt mit ihren leuten dabei wäre
als mit hastigen schritten der dorfarzt auf sie zukam
zupfte den mantel des geistlichen und flüsterte ihm ins ohr
ich habe das mädchen endlich unter mehreren hunderten entdeckt
nach der beschreibung kannte ich sie also komm lass deine eigenen augen sie sehen
bring auch den richter mit damit wir ihn noch weiter hören können
doch als sie sich umdrehten um zu gehen wurde der richter aufgefordert sie zu verlassen
von einigen seiner leute geschickt die seinen rat brauchten

der prediger war jedoch sofort dem beispiel des arztes gefolgt
bis zu einer lücke im zaun auf die er bedeutungsvoll mit dem finger zeigte
siehst du das mädchen? er sagte sie hat ein paar kleidungsstücke für das baby gemacht
vom bekannten chitin ich unterscheide es deutlich und weiter
da sind die blauen decken die siegfried in seinem bündel gegeben hat
nun ja schnell hat sie die geschenke zu ihrem vorteil genutzt
offensichtliche zeichen sind diese und alles andere entspricht gut der beschreibung
beachte wie das scharlachrot des mieders die wölbung ihres busens hervorhebt
hübsch geschnürt und das schwarze oberteil schmiegt sich eng an ihre figur an
der rand ihres kopftuchs ist sorgfältig zu einer rüsche geflochten
der abgerundete umriss ihres kinns umschließt mit schlichter anmut
frei und leicht erhebt sich darüber das zierliche oval der perle
und ihr üppiges haar über silbernen Spangen ist geflochten
jetzt sitzt sie und doch sehen wir immer noch ihre majestätische statur
und die weiten zöpfe zum blauen unterrock die ihr von der brust herabfielen
hängen in üppigen falten um ihre wohlgeformten knöchel
sie ist es ohne frage komm also und lass uns entdecken
ob sie ehrlich und tugendhaft sei eine hausfrauliche jungfrau

da antwortete der pfarrer während er die sitzende gestalt betrachtete


wahrlich ich finde es kein wunder dass dich das mädchen so verzaubert hat
denn für das erfahrene auge eines mannes scheint es ihr an nichts zu mangeln
glücklich wem mutter natur eine harmonische form gegeben hat
das wird sie immer loben und sie kann nirgends eine fremde sein
alle kommen freudig herbei und alle verweilen gerne
wenn der äußeren form aber ein höflicher geist entspricht
ich kann dir versichern in ihr hat der jüngling eine jungfrau gefunden
die in den kommenden tagen sein leben herrlich erhellen wird
mit weiblicher stärke in jeder not an seiner seite stehen
sicherlich muss die seele rein sein die einen so perfekten körper bewohnt
und eine solch kraftvolle jugend verspricht ein glückliches alter

daraufhin antwortete der arzt und sagte in warnender sprache


oft täuscht der schein ich mag es nicht auf äußerlichkeiten zu vertrauen
denn ich habe oft gesehen wie die wahrheit des sprichworts auf die probe gestellt wurde
bis du einen scheffel salz mit einer neuen bekanntschaft gegessen hast
sei nicht zu bereit ihm zu vertrauen denn die zeit allein macht dich sicher
wie wird es euch miteinander ergehen und wie gut wird eure freundschaft gedeihen
lass uns also zunächst einmal bei den guten leuten nachfragen
wem das mädchen bekannt ist und wer uns über sie informieren kann

ich begrüße deine vorsicht sehr antwortete der prediger als er ihm folgte
nicht für uns selbst ist der antrag und es ist heikel für andere zu werben

dann richteten die männer ihre schritte auf den guten richter
der in erfüllung seiner pflichten wieder die straße hinaufging

der umsichtige pfarrer sprach ihn sofort und mit vorsicht an


siehe ein mädchen haben wir hier im benachbarten garten erblickt
unter einem apfelbaum sitzend und kleidungsstücke für kinder anfertigend
aus gebrauchten sachen die zweifellos jemand gegeben hat
und wir waren mit ihrem aussehen zufrieden
sie scheint ein mädchen zu sein dem man vertrauen kann
sag uns alles was du weißt wir bitten es mit ehrlicher absicht

als der magistrat näher kam und in den garten blickte


du kennst sie schon sagte er denn als ich es erzählte
von der heldentat die die hand dieser jungfrau vollbrachte
als sie das schwert des mannes ergriff und sich und ihre schützlinge übergab
diese war es sie ist kräftig geboren wie du an ihrer statur erkennst
dennoch ist sie genauso stark denn sie kümmerte sich um ihren alten verwandten
bis zu seinem tod der schließlich durch trauer beschleunigt wurde
über die not seiner stadt und seine eigenen gefährdeten besitztümer
auch mit stiller unterwerfung ertrug sie den tod ihres geliebten
der ein übermütiger jüngling im ersten anflug von aufregung
entfacht von der erhabenen entschlossenheit für eine glorreiche freiheit zu kämpfen
eilte nach paris wo er früh einen schrecklichen tod erlebte
denn wie zu hause waren seine feinde auch dort betrug und unterdrückung

so sprach der richter die anderen salutierten und dankten ihm


und der pfarrer zog aus seinem geldbeutel ein goldstück hervor denn das silber
hatte er einige stunden zuvor bereits für wohltätige zwecke gespendet
als er in traurigen gruppen die armen flüchtlinge vorbeigehen sah
und er reichte es dem richter und sagte verteile das geld
unter deinem mittellosen volk und gott schenke ihm zuwachs
aber der fremde lehnte ab und antwortete wir haben gerettet
manch einen taler unter uns mit kleidung und anderen besitztümern
und wir werden wie ich hoffe zurückkehren bevor unser vorrat erschöpft ist

da antwortete der pfarrer und drängte ihm das geld auf


niemand sollte in tagen wie diesen zurückhaltend sein wenn es darum geht zu geben und niemand
sollte sich weigern geschenke anzunehmen die aus freundlichkeit angeboten werden
niemand kann sagen wie lange er das was er besitzt in ruhe behalten kann
keiner wie lange wird er noch durch das land des fremden streifen
und seines hofes beraubt und des gartens beraubt der ihn ernährt

ja natürlich unterbrach ihn auf seine geschäftige art der arzt


wenn ich nur etwas geld bei mir hätte dann sollte es sicherlich haben
klein und groß denn sicherlich müssen es viele unter euch brauchen
doch ich werde nicht gehen ohne dir etwas zu geben um zu zeigen was mein wille ist
auch wenn ich leider hinter meinem guten willen zurückbleiben muss muss die leistung
zurückbleiben
so während er sprach an den riemen seiner bestickten ledertasche
dort wo sein tabak aufbewahrt wurde zog er heraus jetzt war genug darin
mehrere pfeifen zu füllen und vorsichtig geöffnet und portioniert
klein ist das geschenk fügte er hinzu der richter antwortete jedoch
guter tabak darf dem reisenden nie entgehen willkommen zu sein
dann begann der dorfarzt seinen knaster zu loben

aber der geistliche zog ihn weg und sie verließen den hof
lass uns eilen sagte der nachdenkliche mann der jüngling wartet in folter
komm ich lasse ihn sobald er kann die frohe botschaft hören

sie beschleunigten ihre schritte und gelangten unter die linden


siegfried lehnte gegen die kutsche die pferde stampften wild
den rasen er hielt sie in schach und in grübeln versunken
stand ins leere und blickte vor sich hin noch sah er die beiden gesandten
bis sie als sie kamen laut riefen und ihm zeichen des triumphs machten
noch so weit weg wie sie damals waren begann der arzt ihn anzusprechen
doch bald kamen sie näher und dann der gute pfarrer
ergriff seine hand und rief aus wobei er das wort seines kameraden unterbrach
gegrüßt seist du o junger mann dein wahres auge und herz haben gut gewählt
freude sei dir und der frau deiner jugend denn deiner ist sie würdig
dann komm und dreh uns den wagen um und fahr geradewegs ins dorf
dort sollst du die gute jungfrau umwerben und sie bald nach hause in deine wohnung bringen

dennoch stand der junge mann ohne anzeichen von freude da


er hörte die worte seiner boten obwohl sie himmlisch und tröstend waren
tief seufzte er als er sagte mit eiligen rädern kamen wir hierher
und werden vielleicht gezwungen sein beschämt und langsam nach hause zu gehen
denn unruhe ist über mich gekommen seit ich hier warte
zweifel und misstrauen und alles was das herz eines liebhabers quälen kann
denkt wir müssen nur noch kommen und dann wird die jungfrau folgen
nur weil wir reich sind während sie arm und im exil ist

auch armut macht stolz wenn sie unverdient ist aktiv


sie scheint zufrieden zu sein und die welt ist ihre herrin
denkt an eine jungfrau wie sie mit den manieren und der schönheit die sie hat
kann zu einer frau herangewachsen sein ohne dass die liebe eines würdigen mannes sie angezogen
hätte?
glaubt ihr dass die liebe bis jetzt aus ihrem busen ausgeschlossen sein könnte?
fahrt nicht zu voreilig dorthin das könnte zu unserer demütigung führen
wir müssen die köpfe unserer pferde sanft nach hause drehen denn meine angst ist
dass dieses herz bereits einem jugendlichen gegeben wurde bereits
diese tapfere hand wurde ergriffen sie hat einem glücklichen liebhaber die treue geschworen
dann leider mit meinem angebot ich würde verwirrt vor ihr stehen

sofort hatte der pfarrer seine lippen geöffnet um trost zu spenden


als sein begleiter einbrach und in seiner geschwätzigen art sagte
vor jahren war unbekanntheit tatsächlich ein solches dilemma
alle diese angelegenheiten wurden dann ordnungsgemäß abgewickelt
sobald die eltern eine braut für ihren sohn ausgewählt hatten
zuerst würden sie einen freund der familie in ihren rat rufen
den sie später als bewerber zu den eltern schickten
von der gewählten braut in seinem schönsten gewand gekleidet
bald nach dem abendessen am sonntag suchte er den ehrbaren bürger auf
als einige freundliche worte über allgemeine themen ausgetauscht wurden
er wusste wie er den diskurs so lenken konnte wie es seinem zweck entsprach
nach langem umschweifen erwähnte er schließlich die tochter
ich lobe sie sehr und sie loben den mann und das haus das ihn gesandt hatte
taktvolle personen erkannten seine absicht und der höfliche gesandte
er sah sofort wie ihre gedanken eingestellt waren und erklärte sich weiter
wurde das angebot dann abgelehnt brachte das nein keine demütigung mit sich
hatte es aber erfolg war der verehrer danach immer gefragter
war bei jedem festlichen anlass der hauptgast im haus
denn für den rest ihres lebens vergaß das paar nie sich zu erinnern
durch seine erfahrene hand wurde der erste knoten geknüpft
all das ändert sich jedoch und ist mit vielen anderen guten bräuchen
ziemlich aus der mode gekommen denn jetzt wirbt jeder um sich selbst
darum höre jedem die ablehnung ins gesicht
kommt es zu einer weigerung so stehen sie beschämt vor dem mädchen da

lass das sein wie es sei antwortete dem jüngling der kaum
den worten beachtung geschenkt hatte aber im stillen hatte er seine entscheidung getroffen
ich werde selbst dorthin gehen werde selbst mein schicksal hören
von den lippen einer jungfrau zu der ich mein vertrauen hege
größer als das herz eines mannes hat jemals zuvor eine frau geschätzt
sag was sie will sie wird gut und weise sein da bin ich mir sicher
sollte ich sie nie wieder sehen werde ich sie doch dieses eine mal sehen
doch dieses mal wird mir der klare blick dieser dunklen augen begegnen
wenn ich sie nie an mein herz drücken darf so doch an diesem hals und an dieser brust
werde ich noch einmal sehen dass mein arm sich so danach sehnt sie zu umschließen?
noch einmal wird dieser mund sehen wessen kuss und wessen ja es für immer tun würde
mach mich glücklich ein nein wird mich für immer zerstören
aber ihr müsst mich in ruhe lassen wartet hier nicht auf mich aber kehrt zurück
noch einmal zu meinem vater und meiner mutter und gebt ihnen das wissen
dass ihr sohn nicht betrogen wurde dass die jungfrau würdig ist
also dann lasst mich in ruhe ich werde dem kreuzweg folgen
über den hügel am birnbaum und von dort hinab durch unseren weinberg
einen kürzeren weg nach hause nehmen und oh darf ich zu unserer wohnung bringen
fröhlich und schnell meine geliebte aber vielleicht schleiche ich allein
über diesen weg zum haus und werde nie wieder mit freude darauf treten

so sprach er und übergab die zügel in die hand des pfarrers


der sie verständnisvoll erfasste die schäumenden pferde kontrollierend
rasch bestieg er den wagen und setzte sich auf den fahrersitz

aber du hast gezögert vorausschauender nachbar und hast zum vorwurf gesagt
herz und seele und geist mein freund ich vertraue dir gerne
aber was leib und leben anbelangt so sind sie nicht besonders sicher aufgehoben
wenn die weltlichen zügel von der hand des klerus usurpiert werden

aber du hast über seine worte gelacht intelligenter pfarrer und geantwortet
setze dich und vertraue mir mit leib und seele zufrieden an
denn als ich die zügel hielt wurde meine hand schon vor langer zeit geschickter
mein auge ist seit langem darin geschult die schönsten kurven zu machen
denn in straßburg waren wir im wagenfahren gut geübt
als ich den jungen baron dorthin begleitete dann täglich
rollte die kutsche von mir geführt durch das hallende tor
raus über staubige straßen bis wir die wiesen und linden erreichten
lenkten durch gruppen der stadtbewohner und vergnügen uns dort mit spaziergängen

daraufhin bestieg der nachbar halb beruhigt den wagen


saß wie einer der sich zum klugen sprung bereithält
und die hengste stürmten schnell heimwärts und verlangten nach ihrem stall
unter ihren kräftigen hufschlägen wirbelten staubwolken auf
noch lange stand der jüngling da und sah den staub aufsteigen
sah wie sich der staub wieder legte er stand da und achtete nicht darauf

siebenter gesang

wie der reisende der wenn die sonne ihrem untergang entgegengeht
fixiert seinen blick noch einmal darauf bevor es schnell verschwindet
dann an den seiten der felsen und an allen dunkler werdenden büschen
sieht sein schwebendes bild egal in welche richtung er schaut
das eilt voran und flackert und glänzt in strahlenden farben-
so bewegte sich vor siegfrieds augen die schöne gestalt des mädchens
leise und scheinbar dem weg folgend der ins kornfeld führte
aber er erwachte aus seinem wilden traum und drehte sich langsam um
dorthin wo das dorf lag und wieder verödet war denn wieder kam
ihm entgegen bewegt sich die erhabene gestalt der herrlichen jungfrau
er blickte sie fest an sie selbst war es und kein phantom
in jeder hand ein größeres glas und ein kleineres haltend
jedes am griff mit geschäftigem schritt näherte sie sich dem brunnen
dann eilte er freudig ihr entgegen der anblick von ihr gab ihm
mut und stärke und so sprach er das erstaunte mädchen an
finde ich dich denn tapferes mädchen so bald wieder beschäftigt
leistest du anderen hilfe und freust dich ihnen trost zu spenden?
sag warum du allein zu diesem brunnen kommst der so weit entfernt liegt
wenn alle anderen mit dem wasser zufrieden sind das sie im dorf finden?
das hat besondere vorzüge das stimmt und der geschmack ist köstlich
du würdest es zu dieser mutter bringen ich glaube die deine treue gerettet hat

sogleich mit herzlicher begrüßung antwortete das gütige mädchen


hier wurde mein spaziergang zur quelle bereits reichlich belohnt
seit ich den guten freund gefunden habe der uns so viel geschenkt hat
denn ein vergnügen nicht geringer als die geschenke ist der anblick des schenkenden
komm ich bitte dich und sieh selbst wer deine großzügigkeit gekostet hat
komm und empfange den stillen dank für alles was getröstet hat
aber damit du sofort weißt warum ich hier bin
komm um zu schöpfen wo das wasser rein und unaufhörlich fließt
das muss ich dir sagen das ganze wasser das wir im dorf haben
wurde von unvorsichtigen leuten mit pferden und ochsen belästigt
waten sie direkt durch die quelle die den bewohnern wasser bringt
und außerdem haben sie mit ihren waschungen und spülungen auch unheil angerichtet
alle tröge des dorfes und alle brunnen sind besudelt
denn es gibt nur einen gedanken und zwar den wie man am schnellsten zufriedenstellt
sich selbst und das bedürfnis des augenblicks unabhängig davon was danach kommen mag

so sprach sie und inzwischen war sie die breiten steinstufen herabgestiegen
mit ihrem begleiter neben ihr und auf der niedrigen mauer des brunnens
beide setzten sich hin sie beugte sich zum ziehen vor und er auch
er nahm das übriggebliebene glas in die hand und beugte sich vor
und im blau des himmels sahen sie wie sich ihr bild widerspiegelte
freundliche grüße und nicken im zitternden spiegel

gib mir zu trinken bat der jüngling daraufhin in seiner freude


und sie reichte den krug sie saßen vertraut da und ruhten sich aus
beide beugten sich über ihre gläser bis sie schließlich ihren begleiter fragte
sage mir warum ich dich hier finde und ohne deine pferde und deinen wagen
weit weg von dem ort an dem ich dich zum ersten mal getroffen habe? wie bist du hierher
gekommen?

nachdenklich richtete er seinen blick auf den boden und hob ihn dann leise
bis zu ihrem gesicht und dem blick des mädchens mit offenheit begegnend
fühlte sich getröstet und beruhigt aber dann war es unmöglich
dass er von liebe sprechen sollte ihr blick verriet nichts von zuneigung
nur klares verständnis das eine intelligente antwort erfordert
und er beruhigte sich schnell und sagte herzlich zu dem mädchen
höre mir zu mein kind und lass mich auf deine frage antworten
um deinetwillen bin ich hierher gekommen warum sollte man es verheimlichen?
wisse dass ich glücklich zu hause mit meinen beiden liebevollen eltern lebe
ich helfe ihnen treu ihr haus und ihre ländereien bei der verwaltung zu unterstützen
da ich ein einziger sohn bin und weil unsere angelegenheiten umfangreich sind
mir obliegt die verantwortung für die farm mein vater leitet den haushalt
während der leitende geist aller die fleißige mutter ist
aber deine erfahrung hat dich zweifellos gelehrt wie schmerzlich diener
mal durch täuschung mal durch ihre nachlässigkeit belästigen die herrin
sie zwingt sie immer wieder einen fehler zu ändern und durch einen anderen zu ersetzen
aus diesem grund hat sich meine mutter schon lange eine magd im haushalt gewünscht
die nicht nur mit der hand sondern auch mit herz ihr beistehen wird
den platz der tochter einnehmend die leider früh entzogen wurde
als ich dich heute am wagen sah so bereit und fröhlich
habe die stärke deiner arme und deiner gliedmaßen von so gesundem ausmaß gesehen
als ich deine intelligente rede hörte war ich von staunen überwältigt
ich eilte nach hause und brachte die fremde zu meinen eltern und nachbarn
gelobt wie sie es verdient hat aber jetzt bin ich hierher gekommen um es dir zu sagen
was ist ihr wunsch wie meiner verzeihe mir meine stotternde sprache

zögere nicht antwortete sie mir zu sagen was folgt


du beleidigst mich nicht ich habe dir mit dankbarkeit zugehört
sprich es deshalb ehrlich aus der klang wird mich nicht beunruhigen
du würdest mich als dienerin engagieren um deinem vater und deiner mutter zu dienen
und für das wohlgeordnete haus zu sorgen dessen eigentümer ihr seid
und du glaubst in mir eine fähige dienerin zu finden
jemand der in seiner arbeit kompetent und nicht unhöflich ist
dein vorschlag war kurz und kurz wird auch meine antwort sein
ja ich werde mit dir nach hause gehen und dem ruf des schicksals folgen
hier ist meine pflicht erfüllt ich habe die frischgebackene mutter mitgebracht
noch einmal zurück zu ihren verwandten die alle in ihrer sicherheit jubeln
die meisten unserer leute sind bereits versammelt die anderen werden folgen
alle glauben dass sie in ein paar tagen sicher wiederkommen werden
zu ihren häusern denn das ist die ständige täuschung des verbannten
aber ich hoffe nicht dass ich betrogen werde
in diesen traurigen tagen die noch mehr tage voller trauer versprechen
alle bande der welt sind gelöst und was soll sie vereinen?
allein das bedürfnis zu retten das höchste bedürfnis das auf uns liegt
wenn ich im haus eines guten mannes meinen lebensunterhalt durch dienst verdienen kann
unter den augen einer hervorragenden herrin werde ich es gerne tun
da ihr ruf zweifelhaft ist muss sie immer eine wandernde jungfrau sein
ja ich werde mit dir gehen sobald ich die krüge zum ersten mal getragen habe
zurück zu meinen freunden und bitte die guten menschen mir ihren segen zu geben
komm du musst sie selbst sehen und aus ihren händen musst du mich empfangen

freudig lauschte der jüngling der entscheidung des willigen mädchens


zweifelhaft ob er nicht sofort ein ehrliches geständnis ablegen sollte
doch es schien ihm das beste sie eine weile in ihrem irrtum zu lassen
auch nicht um ihre liebe zu verklagen bevor er sie nach hause zu seiner wohnung führte
ah und er sah den goldenen ring an der hand des mädchens
deshalb lies er sie weiterreden und lauschte fleisig ihrer sprache

komm sagte sie plötzlich lass uns zurück ins dorf gehen denn ein mädchen
die zu lange am brunnen verweilt muss sich immer die schuld geben
doch wie schön ist es am plätschernden wasser zu plaudern

dann erhoben sie sich von ihren sitzen und wandten sich beide dem brunnen zu
noch ein blick nach hinten und eine zarte sehnsucht erfasste sie
dann nahm sie schweigend die beiden wasserkrüge am griff
sie trug sie die stufen hinauf während ihr ihr geliebter folgte
er bat sie ihm einen der krüge zu geben um die last zu erleichtern
nein lass es sein sagte sie ich trage sie besser wenn sie ausgewogen sind
auch soll der herr der befehlen soll mir keinen dienst erweisen
schau nicht so ernst auf mich dass du meinst mein schicksal sei schwierig
eine frau sollte früh lernen zu dienen denn das ist ihre berufung
da sie allein durch ihren dienst schließlich die leitung übernimmt
kommt zu dem gebührenden befehl der ihr im haushalt zusteht
früher musste die schwester auf ihren bruder und auf ihre eltern warten
das leben muss immer ein ständiges kommen und gehen bei ihr sein
oder ein holen und tragen machen und tun für andere sein
sie freut sich für sie und denkt immer dass kein weg zu beschwerlich ist
und wenn die stunden der nacht für sie wären wie die stunden des tages
wenn ihr nie eine nadel zu fein und keine arbeit zu unbedeutend erscheint
völlig vergessend gegenüber sich selbst und darauf bedacht nur in anderen zu leben
denn sie wird als mutter sicherlich aller tugenden bedürfen
wenn sie in der zeit ihrer schwäche durch die schreie ihres säuglings erregt wird
er ruft nach nahrung aus seiner schwäche und sorgen kommen zu ihrem leid hinzu
zwanzig zu einem mann zusammengebundene männer waren nicht in der lage eine solche last zu
tragen
es ist auch nicht so gemeint dass sie es tun sollten doch sollten sie es mit dankbarkeit betrachten

so sprach sie und war inzwischen mit ihrem stillen begleiter gekommen
bis zum boden der scheune am äußersten ende des gartens
wo lag die kranke die sie voller freude mit ihren töchtern zurückgelassen hatte
diese spät geretteten jungfrauen waren ein schönes bild der unschuld
beide betraten die scheune und als sie das taten wurde der gerechte geehrt
in jeder hand ein kind führend kam er aus der anderen richtung herein
diese waren bisher den augen ihrer trauernden mutter entgangen
aber inmitten der menge hatte der alte mann sie jetzt entdeckt
freudig sprangen sie vorwärts um den umarmungen ihrer lieben mutter zu begegnen
und mit freude ihren bruder ihren unbekannten gefährten zu grüßen
als nächstes sprangen sie mit herzlichem gruß auf Marie zu
bitten um brot und obst vor allem aber um etwas wasser
da reichte sie das wasser herum und nicht nur die kinder
haben getrunken aber auch die kranke und ihre töchter und mit ihnen der gerechte
alle waren erfrischt und lobten das herrliche wasser
es war säuerlich im geschmack belebend und bekömmlich zum trinken

dann antwortete ihnen das mädchen mit ernstem gesicht und sagte
freunde zum letzten mal habe ich meinen krug zu eurem mund erhoben
und zum letzten mal wurden eure lippen von mir mit wasser befeuchtet
aber von nun an in der hitze des tages wenn die zugluft euch erfrischen wird
wenn ihr im schatten seid und an einem klaren brunnen ruht
denkt dann manchmal an mich und an all meine liebevollen dienste
mehr durch meine liebe als durch die pflicht die ich euch als verwandtschaft schuldete motiviert
solange ich lebe werde ich die freundlichkeit anerkennen die ihr mir erwiesen habt
es ist ein bedauern dass ich euch verlasse aber jeder ist jetzt eine last
mehr als nur eine hilfe für seinen nachbarn und alle müssen endlich zerstreut werden
weit weg durch ein fremdes land wenn uns die rückkehr in unsere heimat verwehrt bleibt
seht hier steht die jugend der wir für die geschenke dank schulden
er gab den umhang für das baby und all diese willkommenen vorräte
nun ist er gekommen und hat mich gefragt ob ich in seiner wohnung etwas machen möchte
damit ich darin seinen wohlhabenden und hervorragenden eltern dienen kann
und ich lehne das angebot nicht ab denn jungfrauen müssen immer dienen
es wäre für sie eine belastung sich auszuruhen und im haushalt versorgt zu werden
deshalb folge ich ihm gerne er scheint ein junger mann von intelligenz zu sein
und so wird es auch mit den eltern sein wie es sich für die reichen gehört
dann lebe wohl liebe freundin und mögest du dich über dein kind freuen
lebendig und in seinem gesicht schon so gesund aussehend
wenn du ihn in diesen bunten umhüllungen an deine brust drückst
o dann denke an den freundlichen jugendlichen der sie uns geschenkt hat
und die ich auch von nun an deine schwester beherbergen und nähren werde
auch du ausgezeichneter mann sagte sie als sie sich an den richter wandte
nimm meinen dank an dass ich in mancher not einen vater in dir gefunden habe
dann kniete sie sich neben der frischgebackenen mutter auf den boden
die weinende frau küssend und ihren leise geflüsterten segen entgegennehmend
unterdessen hast du verehrter richter zu siegfried gesprochen und gesagt
mit recht darfst du mein freund zu den guten meistern gezählt werden
sorge dafür dass sie ihre haushaltsangelegenheiten mit fähigen bediensteten regeln
denn ich habe oft beobachtet wie bei schafen wie bei pferden und ochsen
männer schließen niemals einen handel ab ohne sie genau zu prüfen
während er mit einem diener zusammen ist der alles bewahrt wenn er ehrlich und fähig ist
und wer wird alles verlieren und zerstören wenn er falsch an die arbeit geht
er wird uns durch einen zufall oder ein los in unsere wohnung einlassen
und wenn es zu spät ist müssen wir eine übereilte entscheidung bereuen
du verstehst die sache wie es scheint weil du dich entschieden hast
dir und deinen eltern soll im haus eine ehrliche magd dienen
halte sie vorsichtig denn solange dein haus unter ihrer obhut ist
dir und deinen eltern soll es weder an einer schwester noch an einer tochter mangeln

viele waren mittlerweile in der nähe der verwandten der mutter angekommen
bringen ihr verschiedene geschenke und kündigen passendere unterkünfte an
als alle die entscheidung der jungfrau hörten gaben sie siegfried ihren segen
gepaart mit bedeutungsvollen blicken während jeder seine besonderen überlegungen anstellte
hastig sagte einer und der andere seinem nachbarn ins ohr
wenn sie im herrn einen liebhaber findet ist für sie gut gesorgt
siegfried nahm sie endlich bei der hand und sagte dabei
lass uns gehen der tag neigt sich dem ende zu und die stadt entfernt sich
eifrig und wortreich umarmten die frauen Marie
siegfried zog sie weg aber es muss noch ein anderer abschied gesagt werden
schließlich fielen die kinder mit schreien und schrecklichem weinen über sie her
klammerten sich an ihre kleider und wollten dass ihre liebe zweite mutter sie nicht verließe
aber in befehlendem ton sagten die frauen nacheinander
still kinder sie geht in die stadt und wird euch gleich mitbringen
jede menge schöner süßer kuchen der von eurem bruder maßgeschneidert wurde
als er gerade vom storch am laden des bäckers vorbeigebracht wurde
bald werdet ihr sie mit prächtig vergoldeten zuckerpflaumen zurückkommen sehen
da verloren die kleinen ihren halt und siegfried wenn auch kaum
riss sie von weiteren umarmungen weg und weit wehenden tüchern

achter gesang

der untergehenden sonne entgegen machten sich die beiden also auf den weg
es hatte sich eng mit wolken umwickelt die ein unwetter ankündigten
aus dem schleier mal hier und mal dort mit feurigen blitzen
über dem feld schimmerte der unheilvolle blitz hervor
mögen diese drohenden himmel nicht gleich senden sagte siegfried
hagelkörner über uns und heftige regenfälle denn schön ist die ernte
und im wogenden üppigen getreide erfreuten sie sich gemeinsam
es reichte fast so hoch wie die erhabenen gestalten die sich durch es bewegten

da sprach das mädchen und sagte zu ihrem führer und gefährten


freund dem ich bald ein so gütiges vermögen schulden werde
schutz und zuhause während viele verbannte dem sturm ausgesetzt sind
erzähl mir von deinen eltern ich bitte dich und lehre mich sie kennenzulernen
sie denen ich in zukunft von ganzem herzen dienen möchte
wer seinen herrn versteht gibt leichter genugtuung
angesichts der dinge die ihm am wichtigsten erscheinen
und auf dessen taten ist sein fester wille angewiesen
sag mir also ich bitte wie ich deinen vater und deine mutter gewinnen kann
und auf ihre frage antwortete der gute und kluge siegfried
ach was für eine weisheit beweist du du gute du vorzügliche jungfrau
ich frage also zunächst einmal nach dem geschmack meiner eltern
wisse dass ich bisher vergeblich versucht habe meinem vater zu dienen
ich übernehme die verantwortung für den haushalt als wäre es mein eigener
früh und spät bei der arbeit auf den feldern und bei der überwachung des weinbergs
aber mit meiner mutter bin ich vollkommen zufrieden die meinen dienst wertschätzen kann
und du wirst in ihren augen auch als die würdigste jungfrau erscheinen
wenn dir das haus am herzen liegt so würdest du es behalten als ob es dein eigentum wäre
ansonsten liegt es beim vater der auf das äußere erscheinungsbild achtet
betrachte mich gute jungfrau nicht als einen der kalt und gefühllos ist
da du eine fremde bist erkennst du sofort meinen vater
nein ich versichere dir dass es noch nie zuvor worte wie diese gegeben hat
freiwillig von meiner zunge fallen gelassen die es nicht gewohnt ist zu plappern
aber aus meiner brust lockst du jedes geheimnis heraus
einige der gnaden des lebens die sich mein guter vater für sich wünscht
er wünscht sich äußere zeichen der zuneigung und der ehre
und ein minderwertiger diener könnte möglicherweise genugtuung geben
der könnte diesen zur rechenschaft ziehen während er mit einem besseren unzufrieden sein könnte

daraufhin sagte sie voller freude während sie ihre schritte beschleunigte
mit sanften bewegungen beschleunigte sie über den immer dunkler werdenden weg
wahrlich ich hoffe dass ich beiden gleichermaßen genugtuung bereiten werde
denn in der natur deiner mutter finde ich eine solche wie meine eigene
und an die äußeren anmutungen bin ich seit meiner kindheit gewöhnt
höflichkeit wurde von unseren franzosen sehr geschätzt
während ihrer früheren tage es war den adligen und bürgern gemeinsam
was den bauern betrifft so machte es jeder zur herrschaft seines haushalts
auf der seite der deutschen waren die kinder also ebenfalls daran gewöhnt
täglich mit handküssen und knicksen zu den eltern zu bringen
gute wünsche für den morgen und den ganzen tag über hübsche manieren
alles was ich so gelernt habe und woran ich seit meiner kindheit gewöhnt bin
alles was meinem herzen vorschlagen wird soll für deinen vater in die tat umgesetzt werden
aber wer soll mir von dir erzählen und wie du behandelt werden sollst?
du bist der einzige sohn des hauses und von nun an mein herr
so sagte sie und während sie sprach standen sie unter dem birnbaum
vom himmel herab verströmte der vollmond seinen glanz
die nacht war angebrochen und der letzte strahl des sonnenlichts war völlig verdunkelt
damit gegensätzliche massen nebeneinander liegen
klar und hell wie der tag und schwarz von den schatten der mitternacht
dankbar fiel siegfried die freundlich gestellte frage ins ohr
im schatten des herrlichen baumes dem ort den er so schätzte
der erst heute morgen zeuge der tränen geworden war
die er wegen der verbannten vergossen hatte
und während sie sich hinsetzten um sich hier ein wenig auszuruhen
so sprach der verliebte jüngling als er die hand des mädchens ergriff
erlaube mir deinem herzen eine antwort zu geben und folge ihr in allen dingen frei
doch er wagte nichts weiter zu sagen obwohl es so günstig war
es schien die stunde gekommen zu sein er fürchtete
dass er sich bei einer weigerung nur beeilen sollte
ah und er fühlte außerdem den ring an ihrem finger ein trauriges zeichen
deshalb saßen sie still und leise nebeneinander

zuerst sprach das mädchen wie süß ist dieses herrliche mondlicht
sie sagte schließlich es ist wie das licht des tages in seiner helligkeit
dort in der stadt sehe ich deutlich die häuser und höfe
und im giebel ich glaube ich kann die scheiben nummerieren ist ein fenster

was du siehst antwortete ihr der bescheidene jüngling


was du siehst ist unsere wohnung zu der ich dich hinabführe
und das fenster da drüben gehört zu meinem zimmer auf dem dachboden
das wird vielleicht deins sein denn es finden verschiedene veränderungen statt
auch alle diese bereiche gehören uns sie sind morgen reif für die ernte
hier im schatten werden wir uns ausruhen und unsere mittagserfrischung genießen
aber es ist zeit dass wir unseren abstieg durch den weinberg und den garten beginnen
denn bemerkst du wie die drohende sturmwolke immer näher kommt
mit blitzen aufgeladen und bereit unseren schönen vollmond auszulöschen?

sie standen also von ihren sitzen auf und stiegen hinab über die kornfelder
durch das üppige korn die helligkeit des abends genießend
bis sie zum weinberg kamen und so in seinen schatten traten
dann führte er sie über die zahlreichen liegenden blöcke hinunter
der weg war rau und unbehauen und diente als stufen der gasse
langsam stieg das mädchen herab und legte ihre hände auf seine schulter
während der mond sie mit unsicheren strahlen durch die blätter übersah
bevor luna von der wolke verschleiert wurde ließ sie das paar in der dunkelheit zurück
sorgfältig stützte siegfrieds kraft die jungfrau die über ihm hing
aber da sie den weg und die grob behauenen stufen die ihn hinunterführten nicht kannte
sie verlor den halt ihr knöchel verdrehte sich und sie wäre sicher gestürzt
hätte der geschickte jüngling nicht augenblicklich seinen arm ausgestreckt
und ihr geliebter unterstützte sie sie sank sanft auf seine schulter
brust an brust und wange an wange gepresst so stand er da
als marmorstatue fixiert hält ihn die willenskraft standhaft
er zog sie nicht näher an sich heran sondern wehrte sich gegen ihren druck
so fühlte er die herrliche last die wärme ihrer brust
und den duft ihres atems der über ihre lippen ausströmte
er trägt mit dem herzen eines mannes die majestätische gestalt der frau
aber sie sagte spielerisch und verbarg den schmerz den sie erlitten hatte
das ist ein zeichen des unglücks so würden uns ängstliche menschen sagen
wenn wir uns einem haus nähern stolpern wir nicht weit von der schwelle entfernt
und für mich selbst gestehe ich könnte ich mir ein glücklicheres omen wünschen
lass uns hier eine weile verweilen damit deine eltern dir keine vorwürfe machen müssen
wenn du ein hinkendes mädchen siehst scheinst du ein inkompetenter zu sein

neunter gesang

muse o du die den weg der wahren liebe so bereitwillig begünstigst


du die bisher auf seinem weg den hervorragenden jugend geleitet hast
schon vor der verlobung drückte er das mädchen an seine brust
deine hilfe sichert diesem bezaubernden paar weiterhin die vereinigung
sofort zerstreust du die wolken die über ihrem glück hängen
doch erkläre zunächst einmal was mittlerweile beim löwen vor sich geht

nun war zum dritten mal wieder die ungeduldige mutter eingetreten
wo waren die männer versammelt die besorgt waren aber jetzt hatte sie aufgegeben
sie sprach vom aufziehenden sturm und der raschen verdunkelung des mondlichts
dann über den späten aufenthalt ihres sohnes im ausland
und die gefahren des einbruchs der dunkelheit
sie tadelte ihre freunde scharf dass sie ohne von der jungfrau zu sprechen
und ohne ihn zu drängen hatten sie sich so früh von siegfried getrennt

mach es nicht schlimmer als es ist antwortete der vater unzufrieden


denn wie du siehst verweilen wir und warten auf den ausgang

doch ruhig antwortete der nachbar von seinem platz aus


in solchen unruhigen stunden verliere ich niemals die dankbarkeit
an meinen verstorbenen gesegneten vater der voller ungeduld war
als ich ein kind war riss er es mir aus dem herzen und hinterließ keine fasern mehr
so lernte ich sofort wie keiner eurer weisen zu warten

erzähle uns erwiderte der pfarrer von welchen tricks er gebrauch gemacht hat
das erzähle ich gerne denn jeder kann daraus eine lehre ziehen
so antwortete der nachbar als junge stand ich einmal an einem sonntag
voller ungeduld und gespannt nach der kutsche ausschau haltend
die sollte uns zur quelle tragen die unter den linden liegt
trotzdem kam der kutscher nicht ich rannte wie ein wiesel mal hierhin mal dorthin
treppen hinauf und hinunter und vorwärts und rückwärts zwischen der tür und dem fenster
sogar meine finger juckten danach sich zu bewegen ich habe auf den tischen gekratzt
ich stampfte und stampfte herum und konnte mich kaum vom weinen abhalten
alles wurde von dem ruhigen mann beobachtet aber endlich als meine torheit
zu weit getragen wurde am arm nahm er mich leise
führte mich zum fenster und sprach in dieser ernsten sprache
siehst du dort die tischlerwerkstatt die sonntags geschlossen ist?
er wird morgen wieder öffnen wenn hammer und säge gestartet werden
und wird die arbeit von morgens bis abends durchhalten
aber bedenke folgendes der tag wird bald kommen
wenn dieser mann selbst und alle seine arbeiter in aufruhr sein werden
einen sarg für dich anzufertigen schnell und fachmännisch fertig
dann werden sie eifrig das bretterhaus hierher bringen
das endlich die ungeduldigen und geduldigen gleichermaßen empfangen muss
und das soll demnächst mit dichtem dach abgedeckt werden
sofort sah ich das ganze in meinem kopf als ob es so wäre
sah wie die bretter zusammenpassten und sah wie die schwarze farbe vorbereitet wurde
dann setzte ich mich geduldig hin und wartete schweigend auf die kutsche
wenn ich jetzt andere sehe in zeiten ängstlicher erwartung
rennen zerstreut umher muss ich an den sarg denken

lächelnd antwortete der pfarrer das ergreifende bild des todes steht fest
nicht als schrecken für die weisen und nicht als ende für die frommen
diejenigen die es wieder ins leben drängt und lehrt es zu nutzen
diese werden durch bedrängnis in der hoffnung auf zukünftige erlösung gestärkt
der tod wird für beide zum leben dein vater hat sich sehr geirrt
als einem sensiblen jungen der tod im tod so dargestellt wurde
lass uns den wert des edlen reifen alters dem jungen mann verdeutlichen
und den alten dden wert der jugend im ewigen fortschritt
beide mögen sich freuen und das leben im leben möge so seine vollendung finden

doch nun öffnete sich die tür und zeigte das majestätische paar
die freunde waren voller staunen und die liebevollen eltern waren erstaunt
zu sehen dass die gestalt des mädchens so gut mit der ihres geliebten übereinstimmte
ja die tür schien zu niedrig um den großen gestalten den eintritt zu ermöglichen
als sie nun zusammen auftauchten kamen sie über die schwelle

siegfried stellte sie seinen eltern mit hastigen worten vor


hier ist ein mädchen sagte er so eine wie ihr wollt im haushalt
nimm sie freundlich auf lieber vater sie hat es verdient und du mutter
frage sie sofort nach allem was zu den pflichten einer haushälterin gehört
damit ihr seht wie sehr sie es verdient dass ihr beiden ihr näher seid

dann zog er den hervorragenden geistlichen schnell beiseite und sagte


hilf mir o würdiger herr und schnell aus dieser not heraus
löse ich bitte dich diesen knoten vor dessen lösung ich zittere
wisse dass ich die jungfrau nicht aus liebe hierher gebracht habe
sondern sie glaubt dass sie als dienerin ins haus kommt und ich zittere
damit sie nicht aus unmut flieht sobald von einer heirat die rede ist
aber sei es gleich entschieden denn sie irrt nicht mehr
so soll es bleiben und ich kann diese spannung nicht länger ertragen
beeile dich und zeige uns darin einen beweis der weisheit die wir ehren

der geistliche wandte sich sofort der gesellschaft zu


aber leider schon wäre die seele der jungfrau beunruhigt gewesen
die rede des vaters zu hören denn er in seiner geselligen art
hatte sie mit diesen spielerischen worten in der freundlichsten absicht angesprochen
ja das ist gut mein kind mit freude nehme ich das wahr mein siegfried
hat den guten geschmack seines vaters den er in jungen jahren oft bewiesen hat
immer die schönsten zum tanzen herauszuführen und die schönsten mitzubringen
endlich als seine frau zu hause das war unsere liebe kleine mutter
denn an der braut die ein mann wählt können wir beurteilen was er selbst ist
sagt was der geist in ihm ist und ob er seinen eigenen wert spürt
du selbst brauchtest auch nicht viel zeit um eine entscheidung zu treffen
denn ehrlich gesagt denke ich ist es keine schwierige person ihm zu folgen

siegfried hatte es nur zum teil gehört seine glieder zitterten innerlich
und plötzlich herrschte im ganzen kreis stille

aber durch diese spöttischen worte denn sie konnte nicht umhin sie für solche zu halten
verwundet und bis in die tiefen ihrer seele verletzt die vortreffliche jungfrau
stand während das flüchtige blut über ihre wangen und sogar bis zu ihrer brust floss
hat seine flut eingegossen aber sie beherrschte sich selbst und sammelte ihren mut
dem alten mann antwortete so ihren schmerz nicht ganz verbergend
wahrlich auf einen solchen empfang hatte mich dein sohn in keiner weise vorbereitet
als er die lebensart seines vaters beschrieb des vortrefflichen bürgers
du bist ein gebildeter mann das weiß ich vor dem ich stehe
gehst mit jedem weise um je nachdem wie es seiner stellung entspricht
aber du hast anscheinend kaum mitleid mit jemandem wie mir
die als ein armes mädchen übertritt jetzt deine schwelle mit der absicht dir zu dienen
sonst hättest du mich mit solch bitterem spott nicht daran erinnern können
wie weit ist mein vermögen von deinem und deinem sohn entfernt ist
wahrlich ich komme arm in dein haus und bringe nichts mit als mein bündel
hier gibt es jede fülle um die wohlhabenden bewohner zu erfreuen
dennoch weiß ich es selbst gut ich spüre die beziehungen zwischen uns
sprich ist es edel mich gleich mit so viel spott zu begrüßen
dass ich aus dem haus geschickt werde während mein fuß noch kaum auf der schwelle steht?

besorgt drehte sich siegfried um und gab seinem verbündeten dem pfarrer ein zeichen
dass er zur rettung eilen und die täuschung sofort zerstreuen sollte
da trat der weise mann hastig vor und blickte auf das mädchen
tränen in den augen ihr stiller schmerz und ihre unterdrückte empörung
und in seinem herzen fühlte er sich nicht sofort dazu gedrängt die verwirrung aufzuklären
eher um den unruhigen geist des mädchens auf die probe zu stellen
deshalb sagte er zu ihr in einer sprache die sie auf die probe stellen wollte
wahrlich du im ausland geborenes mädchen du hast nicht reiflich darüber nachgedacht
als du dich allzu voreilig entschlossest in den dienst von fremden zu treten
das alles ist damit gemeint dass du dich der herrschaft eines herrn unterstellst
denn durch unsere hand wird das schicksal des jahres bestimmt
und schon ein einziges ja erfordert viel geduldiges durchhaltevermögen
nicht das schlimmste am dienst sind die mühsamen schritte die unternommen werden müssen
weder der bittere schweiß einer unaufhörlichen arbeit
denn der fleißige freie muss genauso schuften wie der diener
aber man muss die launen des meisters ertragen wenn er zu unrecht tadelt
oder wenn er im widerspruch zu sich selbst mal dies mal das andere anordnet
ertragen auch die gereiztheit der herrin die leicht verärgert ist
und mit der unhöflichen überheblichen art unmanierlicher kinder
es ist schwer das alles zu ertragen und dennoch seinen pflichten nachzukommen
schnell und ohne verzögerung wirst du nicht mürrisch und stur
doch dafür scheinst du ungeeignet zu sein da du schon so tief darin bist
gestochen von den scherzen des vaters wobei es nichts gewöhnlicheres gibt
als dass ein mädchen wegen einer jugend gehänselt wird die vielleicht gefällt
so sprach er das mädchen hatte die volle kraft seiner sprache gespürt
und sie hielt sie nicht mehr zurück aber mit leidenschaftlichem ausbruch ihrer gefühle
ein schluchzen brach aus ihrer jetzt wogenden brust hervor
und während die kochend heißen tränen über sie herabflossen antwortete sie sofort
ah dieser vernünftige mann der uns im kummer rat geben will
weiß nicht wie wenig kraft seine kalten worte zur linderung haben
immer ein herz von dem leid das ein souveränes schicksal verursacht hat
ihr seid wohlhabend und glücklich wie sollte euch denn eine höflichkeit verletzen?
doch schon die leichteste berührung ist für den kranken eine quelle des schmerzes
ja die verschleierung selbst hätte wenn sie erfolgreich wäre nichts genützt
zeigt jetzt besser was sich später zu einer bittereren qual entwickelt hatte
und vielleicht hätte mich eine innerlich verzehrende verzweiflung reduziert
lass mich zurückgehen denn hier in diesem haus kann ich nicht länger verweilen
ich werde weggehen und auf der suche nach meinen unglücklichen gefährten umherwandern
die ich in ihrer not verlassen habe ich allein wähle das bessere
das ist mein fester entschluss und deshalb darf ich ein geständnis ablegen
was vielleicht jahrelang in meiner brust verborgen gelegen hätte
die spöttischen worte des vaters schmerzten mich tatsächlich zutiefst
nicht dass ich sensibel oder stolz wäre über das hinaus was einer dienerin gebührt
sondern dass mein herz tatsächlich das gefühl hatte von zuneigung erfüllt zu sein
gegenüber der jugend die mir heute als retter erschienen war
als er mich zum ersten mal dort auf der straße zurückließ blieb er noch präsent
verfolgte jeden meiner gedanken ich stellte mir das glückliche mädchen vor
die als braut vielleicht schon sein herz erwählt hatte
als ich ihn am brunnen wieder traf erweckte sein anblick
eine so große freude als wäre mir ein engel vom himmel begegnet
und mit welcher freude folgte ich als ich gebeten wurde als seine dienerin zu kommen
es ist wahr dass ich mir in meinem herzen geschmeichelt habe ich werde es nicht leugnen
während wir hierher kamen könnte ich ihn vielleicht verdienen
sollte ich endlich das wichtige familienmitglied werden
jetzt muss ich leider zum ersten mal sehen welches risiko ich eingegangen bin
als ich dem heimlich geliebten menschen mein zuhause so nahe bringen wollte
spüre jetzt zum ersten mal wie weit ein armes mädchen entfernt ist
kommt er aus einer wohlhabenden jugend egal wie großartig sie es verdient
das alles bekenne ich jetzt damit ihr mein herz nicht falsch interpretiert
dabei wurde es durch einen zufall verletzt dem ich mein erwachen verdanke
diese angst verbarg meine geheimen wünsche und war schon immer vor mir
dass er sich eines tages eine braut in seine wohnung bringen würde
und ach wie hätte ich dann unter meiner inneren qual leiden können
glücklicherweise wurde ich gewarnt und habe nun meinen busen befestigt
ich wurde von seinem geheimnis befreit obwohl es doch ein heilmittel für das übel gibt
aber nicht mehr ich habe gesprochen und jetzt wird mich nichts mehr aufhalten
länger hier in einem haus in dem ich bleibe aber in scham und verwirrung
ich bekenne frei meine liebe und die törichte hoffnung die ich hege
nicht die nacht die im ausland von sinkenden gewitterwolken bedeckt ist
nicht das grollen des donners ich höre seinen klang soll mich abschrecken
nicht das fallen des regens der draußen wütend schlägt
weder der tosende sturm denn all das habe ich gelitten
während unserer traurigen flucht und während der nächste feind uns verfolgte
nun gehe ich wieder hinaus wie ich es so lange gewohnt bin
vom wirbel der zeit mitgerissen und von allem getrennt
lebt wohl ich zögere nicht länger jetzt ist alles vorbei
so sprach sie und zurück zur tür drehte sie sich hastig um
sie trug immer noch ihr bündel unter dem arm wie sie es mitgebracht hatte
doch mit beiden armen ergriff die mutter das mädchen
umklammerte ihre taille und rief erstaunt und verwirrt aus
sag mir was bedeutet das alles? und sag diese müßigen tränen was bedeuten sie?
ich lasse dich nicht gehen du bist die verlobte meines siegfried

doch der vater stand immer noch da und beobachtete die szene mit unmut
schaute das weinende mädchen an und sagte in verärgertem ton
dies muss dann die belohnung sein die ich für all meine nachsicht bekomme
dass am ende des tages das lästigste aller dinge passieren sollte
denn es gibt nichts was ich weniger ertragen kann als weibisches weinen
heftige schreie die nur unordnung und leidenschaft beinhalten
was mit ein wenig gespür sanfter eingestellt werden könnte
erledigt die sache selbst ich gehe ins bett ich habe keine geduld
länger um ein zuschauer dieser wunderbaren taten zu sein
während er sprach drehte er sich schnell um und beeilte sich in die kammer zu gehen
wo er zu ruhen pflegte und sein ehebett stehen blieb
aber er wurde von seinem sohn festgehalten der flehend sagte
vater eile nicht von uns und sei nicht zornig auf das mädchen
ich nur ich trage die schuld an all dieser verwirrung
was unser freund durch seine verstellung unerwartet verstärkte
sprich oh würdiger herr denn dir habe ich meine sache anvertraut
schüre nicht kummer und zorn sondern lass dies alles ein ende haben
denn ich könnte dich nie wieder so hoch schätzen
wenn du nur freude am schmerz zeigen würdest nicht überragende weisheit

darauf antwortete und sagte der ausgezeichnete geistliche lächelnd


sag mir welches andere mittel hätte dieses bezaubernde geständnis hervorrufen können
von den lippen der guten jungfrau und so ihre zuneigung offenbart?
hat sich deine not nicht sofort in freude und entzücken verwandelt?
deshalb sprich für dich selbst was braucht es die zunge eines anderen?

daraufhin trat siegfried vor und sprach mit diesen liebevollen worten
bereue deine tränen nicht noch bereue diese vorübergehenden nöte
denn sie vollenden meine freude und darf ich das nicht hoffen auch deine?
die fremde die vortreffliche jungfrau nicht als dienerin zu engagieren
zum brunnen kam ich aber um deine liebe zu erbitten bin ich hierher gekommen
nur leider mein ängstlicher blick könnte die neigung deines herzens
nirgendwo wahrnehmen ich lese in deinen augen nichts als freundlichkeit
wie aus dem ruhigen spiegel des brunnens grüßtest du mich
könnte ich dich nur nach hause bringen die hälfte meiner freude war erfüllt
aber du vervollständigst es mir jetzt o gesegnet seist du dafür
da blickte das mädchen mit tiefer rührung auf das jüngling
keiner verbot ihnen sich zu umarmen und zu küssen der gipfel der verzückung
wenn sie einem liebenden paar als die ersehnte gewissheit kommen
versprechen eines lebens voller glückseligkeit das ihnen jetzt endlos erscheint

den anderen hatte der pfarrer inzwischen eine erklärung gegeben


aber mit gefühl und anmut ging die jungfrau nun auf den vater zu
neigte sie vor ihm und küsste die hand die er am liebsten zurückgehalten hätte
sagte du wirst wahrlich gerecht sein und jemandem vergeben der so erschrocken war wie ich
zuerst wegen meiner tränen der not und jetzt wegen der tränen meiner freude
dieses gefühl vergib mir und oh vergib mir auch das
denn ich kann das glück das mir neu beschert wurde kaum begreifen
ja lass den ersten ärger dessen ich verwirrt schuldig war
sei er auch der letzte was auch immer die magd des liebevollen dienstes
treu versprochen wird es dir nun von der tochter erfüllt werden
sofort umarmte der vater sie seine tränen verbergend und umarmte sie
auch herzlich trat die mutter vor und küsste sie inbrünstig
sie drückte ihre hände in ihre eigenen die weinenden frauen schwiegen

daraufhin ergriff schnell der gute und kluge pfarrer


zuerst die hand des vaters und den ehering zog er von seinem finger
auch nicht so leicht der finger war prall und hielt ihn fest
dann nahm er auch den ring der mutter und verlobte mit ihnen die kinder
sagte diese goldenen ringe erfüllen wieder einmal ihr amt
fest wird ein band euch vereinen das in allen dingen dem alten gleich sein wird
dieser junge mann ist zutiefst von der liebe zum mädchen erfüllt
und wie die jungfrau gesteht ist auch ihr herz bei ihm
hier verlobe ich euch und segne euch für die kommenden jahre
mit zustimmung der eltern und mit diesem freund als zeugen

da grüßte der nachbar sofort und äußerte seine guten wünsche


aber als der geistliche nun den goldenen reif zog
über die hand des mädchens hinweg beobachtete er mit erstaunen den anderen ring
den siegfried bereits ängstlich am brunnen bemerkt hatte
und mit einem freundlichen spott wandte er sich daraufhin an sie
also dann ist das deine zweite verlobung? hoffen wir dass es der erste bräutigam ist
ein anderer darf nicht am altar erscheinen und so die ehe verbieten

aber sie antwortete und sagte oh lassen sie mich auf diese erinnerung zurückkommen
doch einen moment widmen denn dem guten geber gebührt so viel
er der es beim abschied schenkte und nie zu seinen verwandten zurückkehrte
alles was kommen würde sah er voraus als die leidenschaft für die freiheit in eile war
als der wunsch entsteht in der neu veränderten ordnung der dinge zu funktionieren
drängte es ihn weiter nach paris wo ihm ketten und tod begegneten
lebe wohl waren seine worte ich gehe denn alles ist in bewegung
nun ist es eine zeit lang auf der erde und alles scheint sich zu trennen
selbst in den stabilsten staaten lösen sich grundlegende gesetze auf
eigentum fällt aus der hand des alten besitzers
freund trennt sich vom freund und so trennt sich liebhaber vom liebhaber
hier verlasse ich dich und wo werde ich dich wiederfinden oder ob jemals
wer kann es sagen? vielleicht sind diese worte unsere letzten gemeinsamen
der mensch ist hier auf der erde nur ein fremder wird uns mit gutem grund gesagt
und jeder von uns ist jetzt fremd geworden mehr als je zuvor
der boden gehört uns nicht mehr und unsere schätze verändern sich alle
silber und gold lösen sich von ihren altbewährten mustern
alles ist in bewegung als würde die bereits geformte welt ins chaos geraten
soll sich rückwärts in die nacht auflösen und sich neu formen
mein herz wirst du behalten und sollten wir jemals vereint sein
über den ruinen der erde wird es wie neu geschaffene kreaturen sein
verwandelte und freie wesen nicht mehr vom glück abhängig
denn nichts kann einen mann fesseln der tage wie diese durchlebt hat
aber wenn es nicht so sein sollte dass diese gefahren glücklich vorüber sind
immer wieder wird uns die glückseligkeit gegenseitiger umarmungen geschenkt
oh dann behalte mein schwebendes bild vor deinen gedanken
dass du mit unerschütterlichem geist zum guten oder zum bösen bereit bist
sollten dich neue bindungen und eine neue wohnung wieder locken
tritt mit dankbarkeit in die freuden ein die das schicksal dir bereiten wird
liebe diejenigen die dich lieben sei denen dankbar die freundlichkeit zeigen
aber dein unsicherer fuß sollte noch leicht gepflanzt werden
denn es lauert der doppelte schmerz einer erneuten trennung
segen begleite dein leben aber der wert der existenz ist nicht höher
als deine anderen besitztümer und alle besitztümer sind betrug
so sprach der edle jüngling und ich sah ihn nie wieder
mittlerweile habe ich alles verloren und tausendmal an seine warnung gedacht
auch hier denke ich an seine worte wenn sich die liebe süß vorbereitet
glück für mich von neuem und herrliche hoffnungen erwachen wieder
oh vergib mir ausgezeichneter freund auch wenn ich dich halte
an meiner seite zittere ich so dem spät gelandeten seemann
scheinen die solidesten fundamente der feststen erde zu wanken

so sprach sie und steckte die beiden ringe an ihren finger


aber ihr geliebter antwortete mit einer edlen und männlichen emotion
umso fester inmitten dieser allgemeinen erschütterungen
sei Marie unsere vereinigung wir zwei werden festhalten und weitermachen
wir bewahren uns selbst und das recht auf unseren großen besitz
denn der mann der in unsicheren zeiten im geiste schwankt
verstärkt nur das böse und verbreitet es immer weiter
während der die welt umgestaltet der seinen geist unerschütterlich behält
dem deutschen steht es schlecht diesen furchtbaren aufregungen nachzugeben
ein ausdruck des fortbestehens oder des hin und her neigens
das ist unser eigenes lass das unser wort sein und lass es uns aufrechterhalten
denn diesen entschlossenen völkern wird immer respekt zuteil werden
wer für gott und die gesetze für eltern frauen und kinder
sie kämpften und starben während sie gemeinsam mit der front zum feind standen
du gehörst mir und jetzt gehört das was mir gehört mehr denn je mir
nicht mit angst und zitternder freude werde ich es bewahren
eher mit mut und kraft sollte heute der feind drohen
oder rüste mich in zukunft selbst aus und gib mir meine waffen
lass mich wissen dass mein haus und meine lieben eltern unter deiner obhut stehen
o dann kann ich mit sicherheit meine brust dem feind aussetzen
und wenn nur jeder so gesinnt wäre wie ich gäbe es einen nachwuchs
macht gegen macht und der frieden sollte uns alle mit seiner freude wiederkehren

FAUST

ZUEIGNUNG

Der oft gefunden Trost bei Vater Goethe,


Der singt nun voller Trauer Hosianna,
Denn Sie ist hin, die blies die Knochenföte,
Und deren Mund war süßer noch als Manna.
Adieu denn! Bis zur Jüngsten Morgenröte!
Dir weih ich diese wilden Verse, Anna!
Was Goethe baute auf in vierzig Jahren,
Hier ist es in drei Tagen zu erfahren.

ERSTER TEIL

PROLOG IM HIMMEL

(Der Herr Zebaoth, die himmlischen Heere. Später Asmodäus. Die drei Erzengel Sankt Michael,
Sankt Gabriel und Sankt Raphael erscheinen.)

SANKT RAPHAEL
Die Sonne singt in alter Weise
In heiliger Geschwister Chor,
Bei ihrer großen Sphärenreise
Oft kommen Donnerschläge vor.
Die Engel stehn, sich zu ergötzen,
Ein jeder Engel, wie er mag.
Das Spiel nach ewigen Gesetzen
Ist lustig wie am ersten Tag.
SANKT GABRIEL
Du kannst das Beste doch nicht fassen,
Wie Mutter Erde sich bewegt,
Mal von der Sonne übergossen,
Mal samtnes Schwarz sich niederlegt.
Da bäumt sich auf die See mit Schäumen
Und spritzt aus tiefem Felsenspalt
Und geistig Wassernymphen träumen,
Die Erde leidet die Gewalt!
SANKT MICHAEL
Und wilde Stürme, immer reger,
Von Land zu See, von See zu Land,
Die wilde Jagd, der wilde Jäger,
Der Jäger steckt das Haus in Brand.
Ein Blitz, ein Schlag vom Donnerhammer,
Der Hammer donnert immerzu.
Dein Sklave, Gott, in seiner Kammer
Liegt da in schönster Seelenruh.
DIE DREI
Die Engel stehn, sich zu ergötzen,
Ein jeder Engel, wie er mag.
Das Spiel nach ewigen Gesetzen
Ist lustig wie am ersten Tag.
ASMODÄUS
Herr, wieder gibst du eine Audienz,
Willst hören, ob wir sind mit dir zufrieden.
Sonst gnädig auch, mein Gott in Evidenz,
Bescheiden hab ich mich zu dir beschieden.
Alexandriner auf Franzosenweise
Kann ich nicht machen, wie der Franke macht,
Doch sollst du lächeln, Gottheit, lieblich leise,
Hat Jesus doch mit Kindern auch gelacht!
Vom Universum weiß ich nicht zu reden,
Von Adam doch und Eva nackt in Eden,
Und jeder Mann behauptet, er hab Recht,
Er sei ein Mann vom göttlichen Geschlecht!
Doch ist es wie beim ersten Sündenfall
Gleich nach des Weltalls allererstem Knall,
Da Adam pflückte sich die Feige weg:
Auf Evas linker Brust den Schönheitsfleck!
Der Mann doch lebte glücklich seine Brunft,
Wenn du ihm nicht gegeben die Vernunft.
Ja, graut dir nicht, siehst du das Affentier?
Von hinten auf die Kuh dringt ein der Stier.
Bei Tieren wohl geschieht das dann und wann,
Wenn aber viehisch sich verhält der Mann,
Wenn er es nicht gesteht dem Ohrenpriester,
So ist er bestialischer als Biester.
O Majestät, geschehe Euer Wille!
Der Mann erscheint mir ähnlich einer Grille,
Die vor der Pforte der Geliebten zirpt,
Ums Plätzchen an dem warmen Ofen wirbt,
Allmorgentlich in feuchten Nebelschwaden
Süß zirpt wie die französischen Zikaden,
Meint, seine Stimme sei wie Orpheus stark,
Hüpft einfach in den allerersten Quark!
HERR ZEBAOTH
Was läuft dir sonst noch über deine Galle?
Verklagst du nicht die Menschensöhne alle?
Bist du mit dem, was weise ich beschieden,
Mit meiner Liebesgunst denn nie zufrieden?
ASMODÄUS
Nein, Donnerer, mit deinem Donnerhammer,
Mich jammert so des armen Menschen Jammer
Und ich kann nur noch lamentieren, klagen!
Frau Armut selber wag ich nicht zu plagen!
HERR ZEBAOTH
Kennst du den Doktor Johann Faustus recht?
Der Dulder Hiob ist mein bester Knecht!
ASMODÄIS
Der Doktor Mysticus der Kabbala?
Mein Drittes Auge ihn heut morgen sah,
Wie geistig seinen Esel er geritten,
Beflügelt ist ins Paradies geglitten.
Vom Himmel will er Lämmerwolken pflücken
Und auf der Erde weiche Weiber ficken.
Herr! Bleibe hart bei solcherlei Begehren,
Sollst ewig eine Vulva ihm verwehren,
Er wäre nach dem Akte schlaff und matt
Und all sein Liebeshunger doch nicht satt,
Denn wie nach den Mätressen einst die Fürsten,
Ist in ihm ewig-ewigliches Dürsten!
HERR ZEBAOTH
Geht er auch in der Gottesfinsternis,
Will dringen er in jeglichen Abyss,
Einst wird entschleiern sich die Gotteswahrheit,
Er schaut die Gottheit dann in bloßer Klarheit!
Und liebt und hofft er, weiß er auch zu schweigen,
Die Ewigkeit einst schenkt ihm ihre Feigen!
ASMODÄUS
Ha! Majestät, ich packe Euren Knecht,
Den Faust, an seinem göttlichen Geschlecht,
Versuche ihn mit Geld und Macht und Sex,
So ist er bald der lieben Gottheit Ex!
HERR ZEBAOTH
Geh, Asmodäus, prüfe meinen Knecht,
Ich aber sprech aus Gnade ihn gerecht.
Versuche ihn mit Unzucht, ob er fehle,
Doch Mein bleibt seine gottgeweihte Seele!
ASMODÄUS
Wohlan, ich geh wie andre Gottesboten,
Versuchen kann ich ja nicht mehr die Toten,
Versuchen will ich jene, die noch leben,
Die Männer, die vor Weiberbrüsten beben!
Die Toten, Herr, die kann ich nicht mehr packen,
Die Lebenden jedoch mit prallen Backen!
Was soll mir in dem Grabe das Skelett?
Die leben, lock ich in der Unzucht Bett!
HERR ZEBAOTH
Gut, Asmodäus, Doktor Faust sei dein,
Versuche ihn, ob er die Quelle rein
Der Liebe, dieser Herrscherin von Sternen,
Verlassen wird für schmutzige Zisternen?
Und wenn vergebens meine Gnade quölle,
Kommt er zum Teufel in die Feuerhölle!
Doch, Dämon, sei beschämt, musst du bekennen:
Allein muß ich im Pfuhl aus Feuer brennen,
Der Wahre Mensch ist mir zur Last geworden,
Zur Last – und nicht zur Lust im Wollust-Orden!
ASMODÄUS
Gut, geh ich zu den Dornen und den Nesteln,
Ich will ihn mit dem Nesselhemde fesseln,
Versuch ihn, nichts als Lust um Lust zu suchen,
Mit geilen Huren will ich ihn versuchen,
Und will es mir mit Huren nicht gelingen,
Die schon so manchen freien Christen fingen,
Ich Dämon bleibe dennoch unverzagt,
Versuche ihn mit einer frommen Magd!
Er buhlt mir noch um ihre Apfelwangen!
Verflucht ist er wie andre kluge Schlangen,
Soll wie die Schlange und wie andre Lurche
Mir kriechen durch die schwarze Ackerfurche!
HERR ZEBAOTH
Du hast den freien Willen, freier Geist,
Ob du auch unrein bist und Dämon heißt,
Zur Erde geh hinab von Zions Hügel,
Sei einsichtsvoll und klug wie Eulenspiegel.
Der Mann, ich rufe ihn, sich aufzuraffen,
Mit seiner Schöpferkraft ein Werk zu schaffen,
Und sehnt er sich nach absoluter Ruh,
Geselle ich ihm einen Bruder zu.
Der Freund und Bruder, das ist ohne Zweifel
Sein Schatten oder auch sein eigner Teufel.
Ihr aber, meine gottgetreuen Engel,
Gehorsam ihr der Jungfrau ohne Mängel,
Den Menschen führt ins Land von Seim und Butter,
Gott liebt den Menschen ja wie eine Mutter!
So soll der Mann in seines Gottes Namen
Zur Engelsernte säen seinen Samen.

(Der Himmel schließt sich.)

ASMODÄUS
So ab und an hör ich doch gern den Vater,
In Uranos den liebevollen Pater.
Ich möcht mit meinem Gott und Herrn nicht brechen,
Der menschlich mit Dämonen weiß zu sprechen.

NACHT. FAUST IN SEINER ZELLE.

FAUST
Ich las so manchen Philosophen,
Gold aus der Weisheit Feuerofen,
Doch fand ich nicht die Dame Chockmah.
Ich kenn der Theologen Dogma
Und auch die Politik der Staaten
Und leider, ach, die Advokaten!
So steh ich nun als Tor der Toren,
Als hätt ich den Verstand verloren!
Geworden bin ich ein Magister,
Ein Doktor auch wie die Geschwister.
Seit sieben Jahren bin ich Lehrer
Und mach es meinen Schülern schwerer
Und schwerer Jahr um Jahr, sie müssen
Erkennen, dass sie gar nichts wissen,
Ob sie es auch nicht wollen leiden,
Doch sollen bleiben sie bescheiden.
Ich aber bin nicht wie die Affen,
Die Wissenschaftler und die Pfaffen.
Ich lob mir schöpferischen Zweifel
Und habe keine Angst vorm Teufel.
Doch seit ich Weisheit zu mir nahm
Mit Löffeln, fühl ich Gram, nur Gram,
Seit ich geheime Einsicht seh,
Ich fühle in der Seele Weh.
O Demut! Dies ist einzusehen:
Ich kann die Gottheit nicht verstehen!
Ich habe mich des Amts entledigt,
Ich hab schon lang nicht mehr gepredigt
Und allen Weisheit angeboten,
Ich gleiche mehr den Idioten,
Bei all der Vielgelehrten Tanz
Bin ich der Doktor Ignoranz!
Frau Armut hält mich jetzt besetzt,
Das Geld, das alle Welt ergötzt,
Das rinnt mir nur durch meine Finger,
Ich bin nicht Mammons treuer Jünger.
Auch bin ich schön nicht von Gestalt,
Der Bart ist grau, jetzt bin ich alt,
Und faulig dampft mein Atemhauch
Und vor mir her trag ich den Bauch
Und hab im Hirne manche Grille
Und vor den Augen eine Brille.
Durch meine Seele geht ein Messer!
Da geht es jeder Hündin besser,
Die, wenn die jämmerliche jault,
Von ihrem Frauchen wird gekrault!
So! Jetzt studier ich die Magie,
Erforsch geheime Sympathie
Der Zwillingsseelen und der Geister
Und lerne Zauberwort der Meister
Und gurre wie ein Turteltauber,
Ein Psalm ist mir ein Liebeszauber,
Mit Salomo ich tue kund,
Wie eng der Hindin Muttermund,
Frau Weisheit will ich nicht vertauschen,
An ihren Brüsten mich berauschen!
Doch in dem Dunkel meiner Nächte
Ich suche jene Macht der Mächte,
Die in dem ganzen Weltgetriebe
Die Energeia ist, Frau Liebe!
Komm nur ins Offene, mein Freund!
Schau, ob die Sonne heiter scheint?
Mit des okkulten Philosophen
Agrippa aus dem Feuerofen
Der heiligen Magia geh
Ich durch die Sphären, ob ich seh
Geschrieben dort das Zauberwort:
Verkehrtes Wesen, fliege fort!
Die Unverschleierte, Frau Wahrheit,
Will schauen ich in bloßer Klarheit,
Die Unverschleierte erreichen!
O, Pentagramm – okkultes Zeichen!

(Er schlägt das Buch der Okkulten Philosophie auf.)


Was ist das für ein Pentagramm?
Ein Drache kommt und nicht ein Lamm?
Der Mutter Erde Seele will
Beschwören magisch ich und still.
Der Mutter Erde Seele seh
Als Lebewesen ich, als Fee.
Jetzt fühl ich Grünkraft, Lebenskraft,
Vitalität voll Lebenssaft!
Die Schlange steigt mir durch den Sexus
Und aufwärts durch den Solarplexus
Und löst den Knoten in der Kehle!
Erleuchte meine Gottesseele,
Mein Drittes Auge in der Stirne,
Du Gott im eigenen Gehirne!
Nun geht zu Bett die junge Luna,
Aurora lächelt als Fortuna!
Ich fühle neues Liebesleben!
Von oben fallen Spinneweben,
Mir in das Haupthaar fällt die Spinne,
Vor Angst mir schwinden meine Sinne!
Weg, Geist der Angst, ich will dich bannen,
Nicht weibisch zagen, mich ermannen!
Ich sehe dich, o Mutter Erde,
O Göttin, schrecklicher Gebärde,
Nicht eben wie Madonna edel,
An deiner Brust ein Totenschädel,
Ein Rosenkranz von Totenschädeln!
Die Haare dir wie Schlangen wedeln!
Ha! Aber dir will ich mich schenken,
In deinen Schoß mich tief versenken!
Und ob die Göttin auch mich quäle –
Dir, Elfe, weih ich meine Seele!

(Er spricht ein orphisches Gebet an die Göttin Gäa. Die elfengleiche Seele der Mutter Erde
erscheint.)

SEELE DER MUTTER ERDE


Da bin ich! Du hast mich beschworen.
FAUST
Ich Narr der Narren, Tor der Toren!
Nun hör ich deine Seele brausen,
Sanft säuselnd sausen, fühl ich Grausen!
SEELE DER MUTTER ERDE
Dein Wort hat mich zitiert, berufen,
Ich kam herauf die Treppenstufen.
Was möchtest du von mir, mein Faust?
FAUST
O Mutter Erde, wie mir graust!
SEELE DER MUTTER ERDE
Du riefest mich mit deinem Leben,
Mit heimlich magischen Geweben.
Was soll ich geben meinem Toren,
Der mich mit seinem Wort beschworen?
Wie? Nun du machst dir in die Hose,
Da ich erschein als rote Rose?
Ein echter Übermensch bist du!
Ein Weiser ohne Seelenruh!
FAUST
Hier stehe ich wie Doktor Luther,
Ich kann nicht anders, Große Mutter!
SEELE DER MUTTER ERDE
In allem Lebensdrang der Triebe
Ich wehe geistig voller Liebe
Von Alpha bis nach Omega
Im Namen Gottes: Ich bin da!
Das Leben, prall von Wollust-Wut,
Das Leben gleicht der wilden Flut!
Die Ebbe in dem Abendrot,
Das leise Fliehen, ist der Tod!
Ich bin die Weberin und webe,
Ich nur an meinem Webstuhl lebe,
Denn Gottes Kleid ist die Natur,
Ein transparentes Kleidchen nur!
FAUST
Dein sanftes Sausen ohne Fehle,
Das fühle ich, du Weltenseele,
Dein sanft verschwebend Säuseln sacht,
Weltseele, fühl dich in der Nacht!
Die Täubchen gehn in ihre Nester –
Weltseele, du bist meine Schwester!
SEELE DER MUTTER ERDE
In meinem gottgehauchten Wesen
Kannst du in Wahrheit gar nicht lesen.
Doch zeig ich dir mein schönes Scheinen.
Faust, bleibe du mit deinen Beinen
Nur sicher auf der Erde stehn.
Ein Mann wird Gott doch nie verstehn!

(Die Seele der Mutter Erde wird wieder unsichtbar.)

FAUST
Ich Übermensch! Ich bin kein Gott?
O Weltenseele, welch ein Spott!
Gott schuf den Mann nach seinem Bilde,
Zumeist die Frau, so sanft und milde!
Von Elfenbein ist Sie ein Turm –
Ich aber zucke wie ein Wurm!

(Es klingelt an der Tür.)

O Bruder Tod! Das ist wohl der Student


Der Alchemie? Beim fünften Element!
Bei allen Göttinnen, die um mich werben,
Der Hanswurst wird mir alle Lust verderben!

(Doktor Wagner im Schlafrock und in Pantoffeln tritt ein.)

DOKTOR WAGNER
Du deklamiertest wie Rhapsoden laut.
Wer kriegt in der Komödie denn die Braut?
Wie? Oder sprichst du tragisches Theater,
Wo Ödipus Rival war seinem Vater?
Von dem Theater unsrer alten Griechen
Ist viel zu lernen. Ihnen nachzukriechen
Schien Nyssos’ Gregor wert und auch Sankt Paul.
Wie tragisch ist der Selbstmord doch von Saul!
Auch das Theater scheint mir wie geschaffen
Für das Sakraltheater unsrer Pfaffen.
FAUST
Wenn nur der Pfaffe nicht mit großem Durst
In der Komödie spielt nur den Hanswurst!
DOKTOR WAGNER
Ach, ist ein Pfaffe doch kein Philosoph! Ah,
Er sitzt gemütlich sonntags auf dem Sofa
Und tut sich des Gebets entledigen
Und kann nur Ungesalznes predigen.
Wer nicht hinaustritt in das Weltgetriebe
Und nie besessen war von heißer Liebe
Und tat auch nie ein schönes Weib begehren,
Was soll der gute Mann die Männer lehren?
FAUST
Man liest in Büchern alter Kirchenväter
Und hört den Vater in dem Dom Sankt Peter.
Wenn aber Gott ist nicht erlitten worden,
Dem hilft auch nicht der Mönche Mystik-Orden!
In deinem Innern suche deinen Gott,
Sonst wird dir selbst die Bibel nur zum Spott!
Doch plappre nach den Katechismus nur,
Fühlst du nicht, wie der Herr gen Himmel fuhr
Als Feuerphönix aus der heißen Asche,
Dann weiter nicht nach Luftgespinsten hasche.
Dann, Wissenschaftler vor dem Tuch der Tücher,
Dann schreibe lieber Kinderfabelbücher.
Ein wahrer Gaudi ist ein Kinderbuch!
Doch wer nie roch der Rose Wohlgeruch,
Der kann auch plappern nächtlicher Vigilien
Von kühler Keuschheit rauhreifweißer Lilien!
Wer Gott erfahren nicht in Todesschmerzen,
Der rührt auch nie die schönen Frauenherzen!
DOKTOR WAGNER
Ein Prediger zu sein gelehrter Predigt,
Der sich der Bibelwissenschaft entledigt,
Rhetorik braucht es mehr als Fanatismus,
Historisch-kritisch sei der Biblizismus.
Denn wenn die Schwärmer sterben ihren Göttern,
Wir Prediger, wir lehren nach den Lettern.
FAUST
Ja, lesen muss man können, das hilft viel,
Am allermeisten bei dem Kartenspiel,
Und wer nicht rechnen kann wie Mammonas,
Herzdame er verwechselt mit Pik-As.
Doch Freundschaft – ach die Freundschaft! – oder Liebe –
Da braucht es heißes Blut und Lebenstriebe!
Es lehrt dich doch kein Buch das rechte Rammeln!
Du glühe nur, dann strömt dir schon dein Stammeln!
DOKTOR WAGNER
Ach, vieles will ich wissen von der Welt,
Will kennen Papst und König, Narr und Held,
Weltwissen steht in Büchern, die sind dick,
All das zu lesen, das ist mein Geschick.
Ach, manchmal brennen mich auch heiße Lüste,
Passionen mir durchwühlen meine Brüste,
Doch Arbeit kühlt mich ab! Das ist perfekt,
Den Eros treibt nur aus der Intellekt!
Bevor du Blutschweiß schwitzt von Eros heiß,
Verdiene Geld in Angesichtes Schweiß!
FAUST
Der rationale Intellekt befriedigt
Den Busen dir? O Mann, wie du erniedrigt
Durch deine Arbeit bist, durch den Verstand!
Ah, meine Seele lodert stets im Brand!
DOKTOR WAGNER
Man muss doch bei den biblischen Geschichten
Und was die Hagiographen alles dichten
Bedenken der Historie Fundament.
Wenn man wie ich so gut die Bibel kennt,
Berührt dich weiter nicht das Hohelied,
Das allegorisch man zu sehr bemüht.
FAUST
Ja, steige in die Lettern, tret das Pflaster
Der Bibelwissenschaft! „Ich bin der Aster“,
So sagt der Herr. Der Herr sich offenbarte
In diesem Wort als göttliche Astarte!
DOKTOR WAGNER
Die Wissenschaft ist rational und kühl,
Denn allzu heiß scheint mir das Liebesspiel.
Bevor ich selbst verbrenne an der Liebe,
Von Liebeskunst ich lieber Bücher schriebe!
FAUST
Ach, alle Weisen müssen mystisch schweigen!
Wer je sich pflückte der Erkenntnis Feigen,
Der schweige von der Gottheit höchstem Reize,
Sonst findet er sich wieder an dem Kreuze!
Am Kreuze aber findet er nur Hohn:
Du hältst dich selber wohl für Gottes Sohn?
Doch es ist spät, mein lieber Freund und Bruder,
Die Nacht ist schwarz und Laila ist ein Luder!
DOKTOR WAGNER
Tiefsinnigster Genosse meines Lebens,
Wie inspirierst du meines Wissenstrebens
Gewissenhaften Fleiß! Ich hätt die Nacht
Noch gern mit dir beim Glase Wein verbracht.
Ist morgen doch der Ostersonntag! Siehe,
Ich bin schon wach vorm Morgenrote frühe.
Nach einer Flasche Rotwein übernachte,
Weil ich nach meinem Ostersonntag schmachte!

(Doktor Wagner ab.)

FAUST
Ah weh! Mir ist zum Heulen und zum Schreien!
In seinem Kopf nur Spiegelfechtereien!
Er gräbt ein Loch, als ob er Gott ergründet,
Ist froh schon, wenn er nackte Würmer findet!

OSTERSPAZIERGANG

(Johann Faust und Doktor Wagner.)

FAUST
Von Eis befreit ist nun der klare Bach,
Der Zephyr bläst die kleinen Hügel wach.
In Wiesen grün die Gräser sind voll Saft,
Dem Winter ist erschlafft die scharfe Kraft,
Der Winter schleicht an seinem Stocke fort,
Noch kommt des Hagelschlages böser Mord,
Auch das Spektakel geht doch bald vorbei,
Die weißen Tropfen auf dem grünen Mai.
Die Sonne strahlt im heitern Herzen schön!
Die Knospe auch mit seufzendem Gestöhn
Leis öffnet ihre Lippen Taues Tropfen,
Die Falter, sich mit Nektar vollzustopfen,
Umflattern allerschönste Blumen heute
Und freundlich sind die wundervollen Leute.
Von Berg zu Stadt die Menschen voller Ruhe
Dem Tor entquellen, gürten ihre Schuhe.
Die Kleinen und die Großen fröhlich blicken,
Schön sind die Schlanken, schön sind auch die Dicken.
Und alle tragen ihren Sonntagsstaat,
Als ob der Tag der Auferstehung naht,
Der Auferstandne kommt aus seinem Grab
Und segnet Magdalena mit dem Stab.
Aus guter Stube zu dem roten Staube
Das Menschenvolk wie eine pralle Traube,
Dort tanzen sie im lüsternen Getümmel,
Der Frauen Tanz, das ist der Männer Himmel.
Und jeder fühlt die Liebe Gottes rein:
Hier bin ich Mensch, hier darf ich menschlich sein!
DOKTOR WAGNER
Mit dir, mein Doktor Faust, spazierengehn,
Mit deinen Augen die Natur zu sehn,
Ist pure Poesie. Was ich nicht lobe,
Das Allzumenschliche, das Stofflichgrobe!
Ich nur allein wär sicherlich nicht hier.
Der Mann in seiner Lust brüllt wie ein Stier.
Ihr Hörnerblasen und ihr schrilles Geigen
Ist nicht so schön wie meiner Zelle Schweigen.
Und dieses Stöhnen zu der Trommeln Klang,
Die Eselsschreie nennt man dann Gesang!

(Tanz lustiger Dirnen! Der alte Bauer Georg mit einem breiten Becher Wein tritt zu Faust.)

BAUER GEORG
Mein lieber Doktor, Freund und Kupferstecher,
Vergessen hat uns nicht der große Zecher!
Daß so ein tiefgelehrter Weiser heute
Auch freundlich denkt an seine kleinen Leute!
Hier wie ein Becken reich ich dir den Becher,
Den breiten Becher sauge leer der Zecher!
Und hast du diesen Becher leergetrunken,
Noch einmal füllt der Becher sich mit Funken,
Wie aus dem Becher rote Tropfen rinnen,
So mögest du Frau Ewigkeit gewinnen!
FAUST
Ja, Dank für dieser Liebe Feuerregen!
Die Liebe Gottes spende dir den Segen!

(Er setzt den breiten Becher an die Lippen und schlürft bacchantisch-genüsslich.)

BAUER GEORG
Gut, dass du kommst, um kräftig zu genießen,
Weil deiner Nächstenliebe Gnaden fließen
Doch allezeit zu Krüppeln, Seelenkranken,
Die todgeweihten Kinder kommen danken!
Du warest Retter in der schwersten Stunde,
Nun küss den Becher auch mit heißem Munde!
Dein Vater Konrad half uns, als die Pest
Auf Erden hielt ihr großes Totenfest,
Du, noch ein junger Mann, um uns zu retten,
Du hieltest Wache an den Krankenbetten.
Wen gestern tat das Leben lustig laben,
Den haben heut die Pfaffen schon begraben.
Du warest unser Retter, so als sei
Der Heiland mit dir, Christus stand uns bei!
VOLK
Gesundheit dir am Leib und an der Seele,
Daß nie uns deine starke Hilfe fehle!
FAUST
Der Hilfe Gottes sei allein die Ehre,
Daß uns die Hilfe hilft und uns bekehre!

(Johann Faust und Detlev Wagner gehen weiter.)

DOKTOR WAGNER
Das strömt dir doch wie Wein durch deine Kehle,
Wirst du so hoch gelobt, du feine Seele!
Durch dich die Gnaden zu den Kranken fließen,
Nun darfst du auch ihr Dankeschön genießen!
FAUST
Komm, setzen wir uns hier auf diese Bank,
Hier wollen wir von allem Rennen rasten.
Hier, als die Menschen von dem Pesthauch krank,
Hier saß ich oft zu beten und zu fasten.
Hier wagte ich, und keiner konnt mich dämpfen,
Wie Jakob selber mit dem Herrn zu kämpfen!
Wie Jakob tat ich mit dem Engel ringen,
Der Krankheit Ende rasch herbei zu zwingen!
Was soll der Toren Lob, der Toren Tadel,
Was der Gesang von meinem Seelenadel?
Ich kenne meines Vaters Konrad Plan,
Adept der Alchemie, ein Scharlatan,
Mit Elixieren und geheimen Pillen
Gott aufzuzwingen seinen eignen Willen
Und mit der Energie der Nervenbahnen
Des ganzen Universums Heil zu planen,
Aus Sonnenstrahlen wollt er saugen Geister,
Bezaubern Kranke wie ein Zaubermeister,
Wie weise Magier vom Morgenland
Zu heilen durch die Segnung seiner Hand,
Zu heilen jede seelische Psychose
Durch die Magie bezaubernder Hypnose,
Zu rufen die Dämonen wie Schamanen,
Weltseelenpriester gleich den Scharlatanen,
Und doch zu sein vorm großen Gott ein Spötter,
Sich selbst zu sehn als höchsten Gott der Götter!
DOKTOR WAGNER
Ein junger Mann soll von dem Alten lernen,
Der wanderte durch weltenweite Fernen,
An Vater Konrad denk ich noch in Wehmut.
Ein Alleswisser! Doch ihm fehlte Demut!
FAUST
Glückselig ist der Mann, der sich erlösen,
Befreien kann aus aller Macht des Bösen.
Mein Glück ist sicher nicht von dieser Welt,
Was meine Seele in den Händen hält,
Das will ich nicht, das ist nur meine Pflicht,
Was ich begehre, das bekomm ich nicht,
Was ich nicht haben darf, das ist das Beste
Und machte erst mein Leben mir zum Feste.
Doch muß ich mich ja meinem Schicksal fügen
Und ist auch grenzenlos mein Ungenügen!
Tarnkappe auf des starken Siegfried Haupt –
So hat er die Brunhilde sich geraubt!
Die Siebenmeilenstiefel an den Füßen,
So möcht ich wohl den Garten Gottes grüßen.
Auf einem Teppich wollt ich fliegen können,
Prinzessinnen von Hindostan mir gönnen.
Möcht auf dem Flügelross wie Mohammed
Zum Huri-Himmel, wo die Latte steht!
Mit Pegasos vom Schoße der Meduse
Ich wollte reiten wohl zum Kuss der Muse!
Die Wirklichkeit jedoch behält den Sieg,
Das lehren mich Doktoren der Physik.
DOKTOR WAGNER
Ach, fliegen kann ich selbst in Träumen nicht,
Und flattern Schmetterlinge in dem Licht,
Beneid ich nicht der Schmetterlinge Flügel.
Wohl wallt ich gerne über kleine Hügel,
Doch mehr noch als der Rose Wohlgeruch
Lieb ich in langer Winternacht ein Buch,
Wo Männer streuen ihre Geistessamen
Und schön und liebevoll sind alle Damen.
FAUST
Du willst nur weise werden durchs Studieren,
Ich will mich in der Lebenslust verlieren!
Di-Psychos bin ich, Doktor Schizophrenus,
Will Sapientia und auch die Venus!
Ich will hinan zur höchsten Gottesliebe
Und auch befriedigen die heißen Triebe!
Will, dass mein Geist der Gottheit Antlitz schaut
Und will im Bette willig meine Braut!
Ach wenn ich zaubern könnte, Gott beschwören
Und durch Magie das schönste Weib betören,
Ich gäbe für ein Weibchen, willig, weich,
Für ihren Schoß dahin das Himmelreich!
DOKTOR WAGNER
Ich las, des Weibes Wollust sei erlabend.
Doch lass uns gehn. Wie kühl ist doch der Abend.

(Sie gehen)

FAUST
Siehst du die schwarze Hündin auf der Wiese,
Die schwarze Hündin mit dem schwarzen Vliese?
DOKTOR WAGNER
Läuft brünstig um wie eine junge Hindin!
FAUST
Was hältst du von der jungen schwarzen Hündin?
DOKTOR WAGNER
Was soll ich mir bei einer Hündin denken?
Den Berna-Sennen-Hund lass ich mir schenken,
Am Abend nach der Arbeit zu spazieren.
Ich gehe gerne um mit schönen Tieren.
Ein Tier vermag uns nicht das Herz zu brechen
Und nicht wie Frauen stets zu widersprechen!
FAUST
Doch siehst du nicht? Das Auge einer Lüchsin,
Die Gier der Wölfin und die List der Füchsin,
Umkreist sie uns in Kreisen der Magie.
DOKTOR WAGNER
Ich seh nur eine schwarze Hündin, die
Nach einem Herrchen sucht, das ihr befehle.
FAUST
Sie kommt heran! Bei meiner armen Seele!
Sie hat wohl großen Hungern nach was Leckerm?
Siehst du die Zunge an der Schnauze schleckern?
Die schwarze Hündin – Dämon, will mir scheinen –
Ist mit der Schnauze zwischen meinen Beinen!
DOKTOR WAGNER
Ich weiß, dass du der Teufel Namen kennst,
Doch dies ist eine Hündin, kein Gespenst.
FAUST
Ach, leider, ja, ganz hündische Natur,
Kein Geist! Ist alles nichts als nur Dressur!

DIE ZELLE DES WEISEN

FAUST
Verlassen habe ich den Garten,
Die liebe stille Nacht ist da.
Was Weise mir doch offenbarten,
Ich selbst mit eignen Augen sah.
Doch nehm ich jetzt die liebste Bibel,
Ist alles andre nur von Übel.
Still, Hündin, belle nicht so laut,
Frau Weisheit ist jetzt da, die Braut!
Was hat die Hündin doch für Launen!
Was hör ich doch die Winde raunen?
Ach, wem nur in der eignen Kammer
Die Lampe wieder ruhig brennt,
Dahin ist aller Elendsjammer
Der Seele, die sich selber kennt.
Still, Hündin, nicht so laut gebellt,
Ich bin im Offenbarungszelt!
Was von der lieben Bibel weht
Und sanft durch meine Seele geht
Wie Geisthauch über Chaoswellen,
Da passt mir nicht der Hündin Bellen.
Frau Welt, Frau Welt, beim Friedefürsten,
Du kannst mir stillen nicht mein Dürsten.
Steht, was mir in der Seele brennt,
Doch längst im Neuen Testament!
Will ich die Koine einmal lesen,
Studieren das geheime Wesen,
Und schaun, wie man die Griechenzunge
Verdolmetscht deutsch. Mein lieber Junge!
Des Evangeliums Ergötzen
Ist schwer in Deutsch zu übersetzen.

(Er schlägt den Urtext der Bibel auf.)

Im Anbeginne war das Wort,


Das Wort war Gottheit fort und fort.
Das Wort? Das kann ich nicht verstehn.
Das Wort? Das finde ich nicht schön.
Ah, bei der Inbrunst meiner Brunft:
Am Anfang war die Allvernunft!
Doch denke nach. Nur keine Eile.
Gut Ding will haben lange Weile.
Ist das Vernunft, die alles schafft?
Am Anfang war die Lebens-Kraft!
Doch kann ich dieses Wort nicht lieben:
Private Gründe. Drum geschrieben
Sei diese Weisheit als ein Fakt:
Am Anbeginne stand der Akt!

(Er lächelt.)

Ha, biblizistische Gesellen!


He, Hündin, lass dein lautes Bellen!
Halt deine Schnauze, Hündin, still,
Ich dir den Hintern prügeln will!
Was seh ich da im Lampenscheine?
Was, Hündin, bist denn du für eine?
Aus dieser Hündin schwarzem Vliese
Aufsteigt ein roter Geistesriese!
Das ist nicht hündische Gestalt,
Das ist dämonische Gewalt!
Jetzt ist er größer als ein Ochse!
Der Dämon da, der orthodoxe,
Er spiegelt sich in meinem Fenster
Als Urgespenst der Nachtgespenster!
Wer bist du, schrecklicher Geselle,
Du Junker aus der Feuerhölle?
Zur Feige ich die Finger spreiz
Und schlage mit der Hand das Kreuz!

(Aus einer Rauchwolke tritt Asmodäus hervor.)

ASMODÄUS
Was sollen diese Frömmeleien nun?
Was kann ich jetzt für meinen Meister tun?
FAUST
Das also war der schwarzen Hündin Wesen?
ASMODÄUS
Ich bin so froh wie eine Magd mit Besen!
Ich grüße meinen Meister sehr gewitzt,
Wie hab ich doch für meinen Herrn geschwitzt!
FAUST
Mir deinen eigentlichen Namen sage!
ASMODÄUS
Mein Freund, was ist denn das für eine Frage
Für einen, der das Wort so sehr verschmäht?
FAUST
Wer bist du? Sag, wohin dein Leben geht!
ASMODÄUS
Mein Name ist des Bösen Geistes Kraft,
Die Böses will, notwendig Gutes schafft.
FAUST
Der Böse auch muss dienen Gottes Segen?
Das Wort will ich im Herzen oft bewegen.
ASMODÄUS
Ich heiße Kraft, der ewige Rivale
Des Guten! In dem Namen aller Baale,
Ich will, was fließet aus des Ursprungs Schlunde,
Zu Leere werde, Nichts und geh zugrunde!
Was ist, wär besser, wenn es gar nicht wäre!
Ich liebe nur die Absolute Leere!
Und was ihr Unzucht nennt, Begierde, Sünde,
Das ist die Höchste Lust, die ich verkünde,
Wonach die Seelen insgeheim doch jagen,
Ich weiß, auch du! Wir werden uns vertragen.
Um deine Doktorgrillen wegzufegen,
Komm ich als Hausknecht dir doch ganz gelegen.
Ich komm zu dir in allerfeinstem Mantel,
Komm, weltlich sei gesinnt dein Erdenwandel!

(Er kokettiert mit seinem teuren Mantel.)

O Stoff, wie Spitzenseide von Brabant!


Bin ich gekleidet nicht sehr elegant?
Die Hahnenfeder sieh am Hute stehen,
Der Degen an der Hüfte ist zu sehen.
Herr Doktor, willst du froh dein Leben treiben,
So musst du dich bekleiden und beleiben.
FAUST
Ich kann aus dieses Tränentals Verließ
Mich nicht erlösen durch ein Goldnes Vlies.
Ich bin zu alt zu frohem Kinderspiel,
Zu jung und heiß, zu opfern mein Gefühl!
ASMODÄUS
Ach, was du Mystik nennst, ist Unzucht auch,
Du schmachtest brünstig nach der Gottheit Hauch,
Daß Elohim dem Adam in die Nase
Das Ewig-Leben in der Fülle blase!
Tu unter schönen Weibern nicht so keusch,
Der liebe Gott weiß wohl, du bist vom Fleisch!
Ich spaße! Will ich aus der Mystik Nebel
Dich jagen nicht zum ordinären Pöbel,
Dein Feuer will ich zünden, altes Haus,
Die Lust am Leben, alter Bruder Klaus,
Nicht so in deiner hohlen Zelle lunger
Um alte Pergamente. Liebeshunger!
Den Liebeshunger werde ich dir stillen
Und dich mit allerhöchster Wollust füllen!
Fort aus der Drangsal, Trübsal und Bedrängnis,
Geist, fliehe aus dem Kerker und Gefängnis,
Zu Diensten stehen dir Dämonengeister
Wie einst dem weisen Salomo. Mein Meister
Und Herr bist du, o Faust, so ist es recht,
Du bist der Herr und ich bin nur der Knecht.
FAUST
Was willst du denn von mir für all dein Werben?
ASMODÄUS
Ach Doktor, heute sollst du noch nicht sterben.
FAUST
Ach, Luzifer, der ist ein Egomane,
Tut ohne Geld doch gar nichts der Schamane,
Du dienst mir, du, ein Fürst im Höllenthron,
So sag nur offen: Was soll sein dein Lohn?
ASMODÄUS
Die Erde mach ich dir zum Garten Eden,
Im Jenseits sollst du Luzifer anbeten.
FAUST
Was kümmert mich die geistige Verbindung
Mit Jenseitsgeistern? Jenseits ist Erfindung
Der klerikalen Reaktion: Erlösten
Sie malen Himmelslust, sie zu vertrösten.
Mein Motto sei ein Carpe diem tüchtig,
Bis ich im Hades Schatten werde flüchtig.
Und schaffst du es, den Kopf mir zu verdrehen,
Kann ich der Lebenslust nicht widerstehen,
Soll zum Genießer ich der Erde werden,
Daß ich nicht lassen will die Lust auf Erden,
Daß ich mir selbst gefalle, mir gefällt
Die Lady Vanity der schönen Welt,
Daß ich mich kann an Vanitas erlaben,
Dann sollst du jenseits meine Seele haben.
ASMODÄUS
Die Weihe gilt, geschlossen ist der Pakt.
FAUST
Sag ich, mit Lady Vanitas im Akt,
Daß diese Welt auf Erden mir gefalle,
Ich alsogleich in die Gehenna walle.
ASMODÄUS
Ich steh zu Diensten! Doch ich bin durchtrieben,
Erst werde dieses Schriftstück unterschrieben.
FAUST
Ein Mann – ein Wort! Ich hab mein Wort gegeben.
ASMODÄUS
Der Satan ist ein Bürokrat im Leben,
Und amtlich muss es sein mit Brief und Siegel,
Sonst öffnet Hedoné nicht ihren Riegel!
FAUST
Ich tauch die Feder in das Tintenfass!
Das Himmelreich für Lady Vanitas!
Das ist ein Schnäppchen. Ha, ich fühl mich gut.
ASMODÄUS
Nicht Tinte, pfui! Du unterschreibst mit Blut!
In deinem Blut ist deine Lebens-Kraft,
Die Lebens-Kraft von ganz besondrem Saft!

(Johann Faust unterschreibt bürokratisch den Pakt.)

FAUST
Ich werde meinen Treuebund nicht brechen,
Ich halt der Hölle treulich mein Versprechen.
ASMODÄUS
Nun Schluss mit den gelehrten Spinnereien,
Der Mystik Unzucht mit den Innereien!
Das allerschönste Leben wartet draußen,
Komm, Reiter, lass uns auf den Hengsten brausen!
Ja, wiehern wie die Hengste nach den Stuten!
Da warten sie im Grünen schon, die Guten!
Ein Mann, der sich ergibt der Theorie,
Ist wie ein Hengst in einer Wüste, sieh,
Ob er auch schnaubend Atem schnaube, blase,
Vergeblich wiehert er in trockner Wüste,
In Nachbarschaft, da wartet die Oase,
Daß er der Stute feuchte Schnauze küsste!
FAUST
Was tun wir jetzt, du Teufel voller Kraft?
ASMODÄUS
Besuchen wir des Lebens Nachbarschaft!

IN DER SCHENKE ZUM JUNGEN FUCHS

(Jugendliche Säufer.)

VOLKER
Wollt ihr nicht saufen? Noch einen Kurzen!
Die Böcke stinken, die Hexen furzen!
Ihr seid mir heute wie nasses Heu!
Ihr wollt nicht brennen! Evoe! Eu!
WERNER
Erzähle doch einen versauten Witz:
Die Ehefrau erschlug der Blitz...
VOLKER
(schüttet dem Werner Wein auf den Kopf)
Empfange so deine Feuertaufe!
WERNER
Du Schweinehund! Saufe, Genosse, saufe!
VOLKER
Na, endlich feierst du deine Genossen!
Wir haben doch all alle Weiber genossen!
THOMAS
Ich hab den Jungfraunberg bestiegen!
SONJA
Ich lache, dass sich die Balken biegen!
VOLKER
Lirum-Larum-Löffelstiel,
Wer nicht trinkt, der wird nicht viel.
THOMAS
Der Träumer aber, der gar nichts wird,
Wird eben freizügiger Thekenwirt.
VOLKER
Freizügiger oder Freigebiger? Hatem,
Ich lob mir betrunken die Jubelflöte!
THOMAS
Deutschland, einig Vaterland!
Ihr bringt mich noch um den Verstand!
WERNER
Nichts von Politik! Bei Beelzebul:
Wie findet ihr den Neuen in Peters Stuhl?
VOLKER
Was reimt sich denn auf Benedikt?
THOMAS
Der Papst, der Papst, von Maria ge—schickt!
ERICH
(singt)
Ich hatte eine Geliebte, Anette,
Die war wie eine Zigarette,
Die ich jetzt liebe, mit Venus-Augen,
Ist wie an der Meerschaumpfeife zu saugen!

(Johann Faust und Asmodäus erscheinen in der Tür.)

ASMODÄUS
Faust, wenn dir so was Wonne macht,
Das kannst du haben jede Nacht.
FAUST
Moin, Brüder, Freunde und Genossen!
ALLE
Die Theke ist noch nicht geschlossen!
Komm nur herein, bei Babels Leben,
Uns allen einen auszugeben!
THOMAS
Was für nichtswürdige Figuren!
Sie kommen wohl vom Haus der Huren?
VOLKER
Sie halten sich für Geniusse
Von Gnaden Ihro Musenkusse!
WERNER
Ne, ne, das sind nur Harlekine.
SONJA
Und wo ist denn die Colombine?
VOLKER
Ich zieh es ihnen aus der Nase,
Woher der Sturm die Herren blase.

(Volker tritt zu Faust und Asmodäus.)

Kamst du von Hamburg lange Strecken?


FAUST
Wie, Hamburg? Von den Pfeffersäcken?
Gott Brahma reitet auf dem Hansa,
Auf seinem Esel Sancho Pansa.
VOLKER
Seid ihr denn von der Heilsarmee
Und reitet brünstig, wie ich seh,
Fielt auch wie Saulus von dem Gaul
Und missioniert jetzt in Sankt Paul,
Wo Huren frieren in dem Winter,
Wie Paul die Huren der Korinther?
FAUST
Apostelfürsten Paul und Kefa!
Wir alle kommen doch von Eva!
THOMAS
Hat Gott den Adamas geschaffen?
Sprich! Oder stamm ich ab vom Affen?
FAUST
Der Affe kennt sich seinen Trost.
WERNER
Nastrowje, lieben Brüder, Prost!

(Faust und Asmodäus setzen sich, alle trinken.)

VOLKER
Nun sollst du uns ein Ständchen bringen.
FAUST
Ich kann doch nicht nach Noten singen.
ASMODÄUS
Ich kann! Ich kann! Ich kann es immer!
Nur kein elegisches Gewimmer!
(singt)
Ich komme aus Arabiens Wüste,
Ich habe Nachtigallenbrüste,
Dort sang ich allen den Suleiken
Von süßen Paradiesesfeigen!
THOMAS
Ha, Bruder, das wird ein Genuss!
SONYA
Hier – hast du deinen Musenkuss!
(Sonja küsst Asmodäus auf die Nase.)

ASMODÄUS
(singt)
Es war eine Hure in Korinth,
Wo allerlieblichste Huren sind.
Man nannte die Hure Jungfrau Floh,
Sie knackte die Flöhe auf dem Klo!
Die Flöhe juckten in meiner Scham!
So juckt es der Huren Bräutigam!
THOMAS
Der reine Wahnsinn! Sing doch weiter!
Ich steig noch auf die Himmelsleiter,
Die ganze Arche auszumessen!
ASMODÄUS
Wie’s weiter geht, hab ich vergessen.
VOLKER
Vergessen! Bestes der Gebete!
Ich saufe leer die ganze Lethe!
FAUST
Genossen, Freunde, lieben Brüder!
Trinkt ihr denn Essig immer wieder?
Den Messwein habt ihr wohl vergessen?
Trinkt Satansblut in Schwarzen Messen?
WERNER
Er scherzt, uns einen auszugeben!
THOMAS
Er lebe hoch! Hoch soll er leben!
SONJA
Ich trinke Wodka nackt im Schnee,
Ich mag nicht Hagebuttentee!
THOMAS
Weinrosentee von Hagebutten,
Sankt Pauli trinkt es mit den Nutten.
FAUST
Bei meiner Herrin Vanitas,
Die rund ist wie ein dickes Fass,
Ich ziehe jetzt den dicken Pfropfen,
Euch allen euer Maul zu stopfen!
WERNER
Ja, darf ich noch? Kann ich noch stehen?
Ich sehe alles rings sich drehen!
Ich sehe alle Dinge doppelt,
Dort schon die Mausfamilie hoppelt!
Doch nicht geklagt die süßen Schwächen,
Denn Männer können immer – zechen!
FAUST
Gebt einen Korkenzieher! Schaut,
So bohr ich euch die rote Braut,
Mit Feuer euren Geist zu taufen!
Was, lieben Brüder, wollt ihr saufen?
THOMAS
Nacktärscherl diese gute Stunde!
Denn soff ich einst bei Kunigunde.

(Faust bohrt mit dem Korkenzieher in den Thekentresen, und weißer Nacktärscherl-Süßwein fließt
hervor.)

FAUST
Nacktärscherl ist für dich. Und was willst du?
WERNER
Der Dompfaff raubt mir meine Ruh!
Der Dompfaff mahnt mir mein Gewissen,
Das ist das beste Ruhekissen!

(Faust bohrt ihm den Dompfaff an.)

FAUST
Das ist der Dompfaff. Aber nun?
VOLKER
Liebfrauenmilch! Dann kann ich ruhn!
Liebfrauenmilch ist meine Lust
Von Unsrer Lieben Frauen Brust!
FAUST
Liebfrauenmilch! Und du, dein Traum?
SONJA
Rotkäppchensekt mit rosa Schaum!
Rotkäppchen lieb ich, Schaum des Sekts,
So bet ich täglich meine Sext.
FAUST
Der letzte nun? Sprich, bei Don Bosco!
ERICH
Den süßen Perlenwein Lambrusco!

(Alle saufen ihren Lieblingsfusel.)

THOMAS
So große Gnade, ohne Zweifel,
Das kann nur kommen von dem Teufel.
ERICH
Ja, Wein, das war sein letztes Wort,
Dann trugen ihn die Teufel fort.
ALLE
(singen)
Wir kommen alle in die Hölle!
Ah Hölle, Hölle, Hölle, Hölle!
ERICH
He, Sonja! Deine Brüste – Trauben!
An solche Trauben will ich glauben!
Ich bin der Weinstock, du die Rebe,
Nur immer innig an mir klebe!
VOLKER
He, tut doch nicht so aufgeblasen!
Fasst euch doch an die eignen Nasen!
SONJA
Ich hab euch lang genug erlitten!
Die Nasen werden abgeschnitten!
ERICH
Die Nase lass ich mir nicht rauben!
Die Nase steck ich in die Trauben!
SONJA
Wir alle miteinander machen
Der Freien Liebe schönste Sachen!

(Asmodäus wirft Feuer in die Schenke zum Jungen Fuchs.)

FAUST
Genossen! Heil der Mitternacht!

(Faust und Asmodäus ab.)

ERICH
Ich schaute sie die Himmelsleiter
Gen Himmel reiten, Schimmelreiter!
SONJA
Ich sah die beiden als Vampir!
VOLKER
Genossen! Vorwärts! Weg von hier!

NACHDURST-GASSE

(Faust. Röschen geht nah an ihm vorüber, er spürt ihre Nähe.)

FAUST
O liebe süße Frau, darf ich es wagen,
Als Kavalier der Frau mich anzutragen?
RÖSCHEN
Bin keine Göttin und kein Überweib
Und auch nicht schön, ach, sterblich ist mein Leib.

(Sie geht weiter.)

FAUST
Ich suchte ja nur süßen Zeitvertreib.
Ach, die ist doch ein wahres Wonne-Weib!
Wie fein ironisch! Grimmig, dennoch gütig!
Wie wär sie denn erst, wär sie liebeswütig?
In meinem Leben sah ich nie solch Schätzchen
Wie diese Muschi, dieses schwarze Kätzchen!
O Sanftmut, Demut! Niedliche und Nette!
Ach läg ich mal bei ihr in ihrem Bette!

(Asmodäus kommt.)
ASMODÄUS
Mein Herr, wie kann ich heut dir dienen?
FAUST
Oh, jene Miene aller Mienen:
Dies Weibchen sollst du mir besorgen!
Ach wär ich doch in ihrem Schoß geborgen!
ASMODÄUS
Du hast kein anderes Problem?
Von wem denn redest du, von wem?
FAUST
Sie ist mir eben erst erschienen!
Ihr möchte ich in Liebe dienen!
Besuchen will ich sie heut abend!
Wie ist mir der Gedanke labend!
ASMODÄUS
Ach die! Kommt eben von der Beichte,
Doch ihre Schuld war keine feuchte,
Die Sünde lässlich, lästig, lässig,
Sie war fürwahr nicht übermäßig,
Es ist ein sanftes Ruhekissen
Ihr feingesponnenes Gewissen.
Ja, diese Röschen ist ein Engel,
Ein Sternenwesen ohne Mängel,
Mit ihren grünen Mandelaugen
Kann sie zur Himmelsvenus taugen!
Hat nichts Besonderes zu beichten,
Dämonen all von ihr entweichten.
Geläutert ihr Gewissen, hold,
Der Engel ist so rein wie Gold.
FAUST
Doch will ich ihren Jungfernkranz!
ASMODÄUS
Du bist ein geiler Eselsschwanz!
Willst alle Jungfraun deflorieren,
Womit sie ihre Zierrat zieren?
FAUST
Verschone mich mit deiner Ethik!
Vom Eros stammt doch die Poetik!
Gehorche! Mir besorg das Weib,
Den Engel in der Venus Leib!
Die schwarze Muschi, sie mein Schätzchen,
Dies samtne schwarze Schmusekätzchen!
Wenn ich sie heute Nacht nur hätte
Zum Liebesspiel in meinem Bette!
ASMODÄUS
Nicht vierzehn Jahre sollst du warten,
Wie Jakob einst auf seine Rachel,
In vierzehn Tagen in dem Garten
Die Blume sticht der Bienenstachel!
FAUST
Nicht vierzehn Tage! Ich will lieben
Die liebste Frau in sechs, in sieben!
Hätt ich nur sieben Tage Zeit,
Da fänd ich schon Gelegenheit,
Sie zu verführen, ohne Zweifel,
Dafür ich brauche nicht den Teufel.
ASMODÄUS
Wir gehn mal eben in ihr Zimmer.
FAUST
Ihr Bett zu sehn im Lampenschimmer?
ASMODÄUS
Ja, eben leert die Kaffee-Kanne
Sie bei der Busenfreundin Anne.
Jetzt eben wär Gelegenheit,
So einen Hauch von Ewigkeit
An ihrem leeren Bett zu riechen,
Auch unters Laken schnell zu kriechen
Und dann mit heißen schwülen Küssen
Sich zu ergießen in dem Kissen!
Das wird noch was mit euch, ihr Lieben,
Die ihr es schon im Geist getrieben!
FAUST
Geht es an diesen Himmelsort
Jetzt, auf der Stelle, gleich, sofort?
ASMODÄUS
Den Hengst, den zügle mit Geduld,
Bald schenkt die Frau dir ihre Huld.
FAUST
Oh, bei dem Gürtel ihre Taille!
Kauf eine silberne Medaille
Mit ihrer Schutzpatronin drauf
Und Rosenöl und Seide kauf!
ASMODÄIS
Was die erhitzten Freier denken!
Von all den brünstigen Geschenken
Macht selbst der Mammonas bankrott!
Das liebe Geld! Mein lieber Gott!

ABENDDÄMMERUNG. RÖSCHENS SCHLAFZIMMER.

RÖSCHEN
(vor dem Spiegel ihre Haare frisierend)

Wenn ich nur wüsste, wer der Mann heut war.


Sein Wort war glühend, Liebe offenbar!
Wohl nicht von schlechten Eltern, wohlerzogen,
Die Augenbrauen fast wie Amors Bogen,
In seinem Angesicht erhabner Geist!
Ich fand ihn aber übermäßig dreist!

(Sie geht aus dem Haus. – Faust und Asmodäus schleichen sich ein.)
ASMODÄUS
Komm, heimlich in ihr Schlafgemach!
FAUST
O Brautgemach des Himmels! Ach!
Geh, Dämon, lass mich hier allein!
ASMODÖUS
Wie fein ist alles hier! Fein, fein!

(Asmodäus ab.)

FAUST
Ja, brenne, nackte Lampenbirne,
Ein Feuer lodert mir im Hirne,
Ein Schmerz ist in mein Herz gefallen!
Was soll das Stottern, Stammeln, Lallen?
Ihr Atem! Ein Gefühl von Ruhe!
Vorm Bette hier die schwarzen Schuhe!
Bescheidenheit ist ihr beschieden,
Hier ist man doch sogleich zufrieden.
Ach, ach, und dieses Bettes Fläche!
Da überkommt mich eine Schwäche!
Wie zuckt es mir in meiner Hand!
Ach, ich verliere den Verstand!

(Asmodäus ist plötzlich wieder da.)

ASMODÄUS
Verlasse jetzt dies Himmelsglück,
Das süße Weibchen kommt zurück.

(Asmodäus reicht dem Faust eine Handvoll Schmuck. Faust verstreut den Schmuck auf Röschens
Bett.)

FAUST
Soll ich den ganzen Schmuck ihr weihen?
ASMODÄUS
Willst du sie nun als Freier freien?
Ich habe alles das besorgt,
Hab mehr gestohlen als geborgt.
Mit diesem Glitzer-Glitter-Haufen
Kannst du Prinzessinnen dir kaufen.
Die Zeit geht flöten! Rasch gesputet!
Was hast du mir nicht zugemutet?
Die Arme wirst du wohl erringen
Mit diesen goldnen Silberdingen,
Mit diesen Muscheln, diesen Perlen!
Als sprächest du mit deinen Kerlen
Im Hörsaal physisch-metaphysisch,
So stehst du da, du Freier mystisch!
Ich hör der Pforte Flügel, rums!
Nur Fidibums, nur Fidibums!
(Beide ab. Röschen erscheint wieder.)

RÖSCHEN
Hier ist es feucht und dampfend-schwül!
Zwar draußen ist es klar und kühl,
Doch in dem Innern ist mir bange
Als schlich sich durch mich eine Schlange.
Wär Mütterchen Elfriede nur
Zurück, die Seele der Natur!
Ein Schauer zückt mir durch den Leib!
Ach, sterblich bin ich schwaches Weib!

(Indem sie sich auszieht – singt sie ein Lied)

Der König von Thule – sein Leben,


Das war ein breiter Becher,
Den ihm seine Freundin gegeben,
Dem ewig betrunkenen Zecher!

Er nahm es als Testamente


Und hat allnächtlich gesoffen
Bis an sein seliges Ende
In Glauben und Lieben und Hoffen!

Und als es ging an ein fröhliches Sterben,


Das Testament verfasste der Zecher,
Vermachte alles den gierigen Erben,
Doch nicht der Geliebten Becher!

Am Abend die Brüder ihn grüßen,


Schneeflöckchen-Weißröckchen auf allen Bäumen,
Das letzte Abendmahl zu genießen,
Die Meerflut stöhnte mit spritzenden Schäumen!

Der König erhob sich, der wankende Zecher,


Betrunken vom Himmel zu träumen,
Mit der Hand er schleuderte lachend den Becher,
Versenkte ihn ins feuchte Schäumen!

Die Nixen den Becher entgegennahmen,


Der Todesengel kam schüchtern,
Der König stöhnte: Ja und Amen –
Und starb! Da war er zum ersten Mal nüchtern!

(Jetzt erblickt sie ihr durchwühltes Bett und den Schmuck darauf.)

Wie kommt der Schmuck denn auf die Decke?


Da seh ich perlenvolle Säcke!
Die Engel flüstern, Engel tuscheln,
Da, Venusmuscheln, Pilgermuscheln,
Ein Armband, eine Perlenkette,
Verstreute Perlen auf dem Bette,
Ein Liebreizgürtel für die Taille,
Dort eine heilige Medaille,
Wie schön ist alles anzublicken!
Ich will mich einmal damit schmücken!

(Röschen schmückt sich vor dem Spiegel.)

Woher sind all die Herrlichkeiten?


Wer wollt mir solchen Schatz bereiten?
Schön von Natur sind zwar die Ricken,
Doch Frauen lieben’s, sich zu schmücken!
Zwar von Natur die Augen blinken,
Doch schön, die Wimpern auch zu schminken!
Am Munde auch der Lippenstift
Ist doch kein Zahn voll Schlangengift!
Zwar, wahre Schönheit kommt von innen,
Doch Männer lieben mit den Sinnen!
Wer hässlich ist, der trägt sein Kreuz –
Die Schöne triumphiert durch Reiz!

ALLEE

(Faust in Gedanken wandelnd. Zu ihm tritt Asmodäus.)

ASMODÄIS
Der Herr verdamm mich in den Feuerpfuhl,
In heiße Höllenglut mit Beelzebul!
Für solch ein Weib ist das geringste Wort
Zu gut. Ich bin hier nicht am rechten Ort.
FAUST
Was machst du Satan deine Reverenz?
Schau nicht so trübe drein in diesem Lenz!
ASMODÄUS
Ich möchte mich dem Teufel übergeben,
Wär ich nicht selber doch der Teufel eben.
FAUST
Was ist denn? Hör doch auf, so wild zu toben!
ASMODÄUS
Da soll ich doch die Mutter Kirche loben!
Den schönen Schmuck, den Röschen ich beschaffen,
Den haben jetzt die alten faulen Pfaffen!
Denn Röschens Mutter ward mit einmal bange,
Der schöne Schmuck vielleicht käm von der Schlange?
Sie hat so eine Katholiken-Nase
Und riecht des Teufels Angstschweiß leicht. Ich spaße,
Obwohl mir nicht zum Spaß zumute ist.
Die Mutter, die das Beten nie vergisst
Und immer ausstreckt sich zum Unerreichten,
Die schickt das arme Röschen: Geh du beichten!
Und Röschen, die so fromm und die so hold,
Sie bringt dem alten Pfaffen all mein Gold,
Die Muschelperlen, all die Augenweide.
FAUST
Und auch den Unterrock von schwarzer Seide?
ASMODÄUS
Da sprach der Pfaffe: Du sollst nicht begehren –
Und unrecht Gut kann nicht auf Dauer währen,
Und wollt sie sich des Höchsten Tochter nennen,
Die schwarze Seide solle sie verbrennen!
FAUST
Verbrennen soll man alte Zauberbücher,
Jedoch nicht solch ein feines Tuch der Tücher!
ASMODÄUS
Was wissen schon von Seide diese Pfaffen?
FAUST
Du musst ein neues Tüchlein mir beschaffen!
Doch diesmal soll es haben an den Kanten
So einen feinsten Saum mit Diamanten.
ASMODÄUS
Du tust, als wenn das etwas Spielzeug wäre,
Ein kleines Kriegerpüppchen mit Gewehre,
Doch solche Seide, o beim Höllenfeuer,
Ist selbst für Satans Portemonnaie zu teuer.
FAUST
Lass ab vom Geiz! Ich scheiß auf Satanas
Und seinen alten Geizhals Mammonas!
Ich sage dir: Schaff meiner Augenweide
Umgehend schöne schwarze Spitzenseide!
ASMODÄUS
Ja, Mond und Sonne und die Sterne all
Und alle Galaxien im Weltenall,
Die hättst du als Raketen rasch verpufft
Für Röschen – Puff! Fliegt alles in die Luft!

IN DER WOHNUNG VON RÖSCHENS BUSENFREUNDIN


ANNE SCHEIDLEIN

ANNE
Erbarmen habe Gott mit meinem Mann,
Er tat mein Leben lang mir Leiden an,
Er schreitet in die große Welt hinein
Und lässt mich liegen in dem Bett allein.
Was hat ihn nur so sehr an mir betrübt?
Wie haben wir uns doch geliebt, geliebt!
Am Ende ist gar tot mein Tor, ach mein,
Ach hätte ich doch nur den Totenschein.

(Röschen kommt.)

RÖSCHEN
Ach Anne, meine Busenfreundin Anne,
Ich träum so viel von jenem seltnen Manne!
ANNE
Wie geht es dir? Wie fühlst du dich, mein Röschen?
RÖSCHEN
Schau dieses schwarze Spitzenunterhöschen,
Das Säckchen hier mit Perlen und mit Muscheln!
Was werden da die lieben Nachbarn tuscheln?
Viel schöner diese als die erste Seide,
Der schwarze Schlüpfer eine Augenweide!
ANNE
Bewahre das vor deiner Mutter Gaffen
Und lass das wissen nicht den dicken Pfaffen!
RÖSCHEN
Verstreut die Perlen all auf meinem Bette!
ANNE
Ach Evastochter, Niedliche und Nette!
RÖSCHEN
Ich darf mich leider damit in den Gassen
Und in dem Gotteshaus nicht sehen lassen!
ANNE
Komm manchmal abends her zu mir, du Fesche,
Dann trägst du diese schwarze Unterwäsche!
Wenn so dich sehen könnte jener Mann!
Da lassen wir den Gottesmann nicht ran!
So nach und nach, da wählst du eine Perle
Und schmückst dich schön, das merken wohl die Kerle,
Das Armband legst du an von Süßmeermuscheln,
Da hör ich leis die heißen Männer tuscheln,
So trittst du schön geschmückt ins Licht des Lichts,
Davon merkt deine alte Mutter nichts.

(Asmodäus tritt einfach unangemeldet durch die offene Tür in Anne Scheidleins Wohnung.)

ASMODÄUS
Verehrte Damen, lieben Frauen, Frommen,
Ich bin so dreist zu euch hereingekommen.

(Er verneigt sich tief vor Röschen.)

Frau Anne Scheidlein komm ich zu verehren.


ANNE
Wie? Das bin ich! Was ist denn dein Begehren?
ASMODÄUS
Du hast Besuch? Da möchte ich nicht stören,
Ich lass mich morgen Mittag wieder hören.
ANNE
(zu Röschen)
Hör, Schwesterchen, so wahr ich Schwester bin,
Der dort hält dich für eine Königin!
RÖSCHEN
Ich tadle selbst mich oft mit strengem Tadel.
ASMODÄUS
Du bist von göttergleichem Seelenadel!
Du hast so etwas – ach, wie sag ich’s doch?
So etwas, ach, Gewisses! Lebe hoch!

ANNE
Was führt dich her? Was möchtest du berichten?
ASMODÄUS
Das gäbe doch unendliche Geschichten.
Unnütze Worte möchte ich nicht büßen.
Ich soll von deinem toten Mann dich grüßen!
ANNE
Mein Göttergatte tot? Der Liebste tot?
Ah weh, ah weh! Ich bin in tiefer Not!
RÖSCHEN
Ach Annchen mein, was kann ich für dich tun?
ASMODÄUS
Es möge seine Arme Seele ruhn!
ANNE
Ach hätt ich das zuvor voraus gewusst,
Wie mich das schmerzen wird! Ach, all die Lust!
ASMODÄUS
Die Liebeslust verschafft ein Liebesleid,
Die Leiden suchen neue Lustigkeit!
ANNE
Oft träum ich noch von unsern Liebesspielen.
Dahin sind all die Wonnen nun, die vielen!
ASMODÄUS
Sein Grab ist in Assisi, dort sein Kranz,
Wo Vögeln einst gepredigt hatte Franz.
ANNE
Sonst nichts? Und hatte er mich nicht vergessen?
ASMODÄUS
Er bittet seine Frau um Seelenmessen,
Ihn zu befreien aus dem Fegefeuer!
Vom Gelde weiß ich nichts. Das Grab war teuer.
ANNE
Kein Angedenken? Nichts? Kein kleinstes Ding?
Nicht einmal einen schwarzen Freundschaftsring?
ASMODÄUS
Er sprach zuletzt: Daß Jesus sich erbarm,
Ich hatte meine Sünden und war arm!
RÖSCHEN
Wollt Gott, er wäre in Jerusalem!
Ich will ihm singen schön das Requiem.
ASMODÄUS
Du bist so gütig, Röschen! Deine Nähe
Beglücke einen Mann im Bett der Ehe!
RÖSCHEN
Vom Sakrament der Ehe weiß ich nichts.
ASMODÄUS
O keusche Unschuld deines Angesichts!
Soll dich der Ehemann noch nicht beglücken,
Lass gnädig oft den Hausfreund dich erblicken!
RÖSCHEN
Ein Hausfreund soll zuhause mich erblicken?
Das würde sich nicht schicken, ach, nicht schicken!
ASMODÄUS
Ob sich das schickt, sich nicht schickt, ach,
Oft steht ein Hausfreund in dem Schlafgemach.
ANNE
Erzähle! Hat er viel zum Schluß gelitten?
ASMODÄUS
Ich bin zum Sterbebette hingeschritten,
Da lag er da in seinem Exkrement,
Jedoch: Er starb mit Christi Sakrament!
Er seufzte: Soll ich werden Überwinder?
Muß ich verlassen meine Frau und Kinder?
Ich habe meine Lebenssünden über,
Barmherzigkeit von Jesus hätt ich lieber!
ANNE
Ich habe ihm auch alles schon vergeben!
ASMODÄUS
Allein, er sprach: Sie hinderte mein Streben!
ANNE
Was? Lüge! Immer reicht ich ihm die Hand!
ASMODÄUS
Kurz vor dem Tod verlor er den Verstand
Und war in seiner Todesangst von Sinnen
Und tat wie Spinnen Spinnenweben spinnen:
Wie hat sie mich so sehr doch ausgenutzt!
Ich hab den Kindern ihren Po geputzt,
Dieweil sie lag gemütlich faul im Bette!
Wenn ich ins Bette nur gedurft doch hätte!
Allein, der Herr erlöse uns vom Übel,
Ich musste schleppen ihren Abfallkübel!
ANNE
Was? Was? Hat er vergessen meine Brüste
Und wie ich ihm bereitet höchste Lüste?
ASMODÄUS
Bewahre Gott! Er dachte daran immer!
An jene Kammer, jenes kleine Zimmer,
Darin nichts stand als jenes Bett und, ach,
Und ach, wie du geliebt im Schlafgemach!
ANNE
So bleib ich in Erinnerung? Der geile
Genosse geh verlustig seinem Heile!
ASMODÄUS
Er ist gestorben, das ist offenbar.
So traure du ein ganzes Trauerjahr,
Dann schaue dich nach einem Neuen um.
ANNE
Ach, du bist dumm, du bist unglaublich dumm,
Wie jener Mann wird keiner sich mir gatten!
Vielleicht kommt er zu mir nach Art der Schatten?
Ach, denk ich an den guten Mann, den harten!
Nur, all der Wein! Und immer diese Karten!
War allzeit auch bereit, sich umzuschauen
Und nachzuschauen allen jungen Frauen!
ASMODÄUS
Du warest auch nicht von den Immertreuen
Und tatest an so manchem dich erfreuen.
Lässt nur die Frau dem Manne manchen Flirt,
Lässt er der Frau den ihren ungestört.
Bei solcher freien Liebe, will ich meinen,
Ich möcht fast selber gern mich dir vereinen.
ANNE
Du liebst mich nicht! Du denkst nur mit dem Schwanz!
Nicht Liebe willst du, nur der Lüste Kranz!
ASMODÄUS
Gefährlich ist des Wonnebusens Nähe!
Die finge selbst den Luzifer zur Ehe!

(zu Röschen)

Wie steht es denn bei dir mit einer Heirat?


Steh zur Verfügung dir mit Rat und Beirat.
RÖSCHEN
Ich weiß es nicht. Ich denke nicht an das.
ASMODÄUS
O Sankt Simplicitas! Simplicitas!
Nun muß ich scheiden, meine lieben Frauen,
Euch voller Sehnsucht ewig nachzuschauen!
ANNE
Noch eins! Kann einer seinen Tod bezeugen?
ASMODÄUS
Ich weiß, wer da geeignet ist zum Zeugen!
Ich bring ihn mit, er dient als Zeuge schlicht,
Zu zeugen vor dem höchsten Weltgericht!
ANNE
So finde ich vielleicht die Seelenruhe.
RÖSCHEN
Ich bins nicht wert, zu wichsen ihm die Schuhe!
ASMODÄUS
Du bist die schönste aller Badenixen
Und wert, dem Papst selbst seinen Schuh zu wichsen!
ANNE
Kommt beide morgen in den Rosengarten,
Wir werden wirklich willig auf euch warten!

IM ROSENGARTEN DER ANNE SCHEIDLEIN

(Röschen Seite an Seite mit Faust. Asmodäus und Anne, die Arme untergehakt. Die Paare wandeln
auf und ab.)

RÖSCHEN
Ach, warum liebst du mich so sehr?
Mein Leben ist oft öd und leer!
Du konntest doch schon viele Frauen
Und schönere auf Erden schauen?
FAUST
Geheimnisvoll ein Wort von dir,
Ein süßes Lächeln, ach, ist mir
Mehr wert als Fürstin und Prinzess,
Du meine wandelnde Zypress!

(Er küsst ihr zärtlich die Hand.)

RÖSCHEN
Ach, Freund, ach, küss nicht meine Hand,
Wie oft ich schon im Hause stand
Und hielt in meiner Hand den Besen,
Zu fegen fort des Staubes Wesen.
FAUST
Nein, diese Hand ist ohne Mängel,
Mit solchen Händen segnen Engel!
RÖSCHEN
Bisher ist meiner Arbeitshand
Das Segenszeichen unbekannt.

(Sie wandeln vorüber.)

ANNE
Und du, mein Freund, bist weit gereist?
ASMODÄIS
Fand wenig Nahrung für den Geist
Auf allen meinen weiten Reisen,
Die Welt selbst ist nicht gut zu speisen.
Ach, immer weiter, weiter treiben!
Daheim ich sollte lieber bleiben.
ANNE
Das Reisen gut ist in der Jugend,
Das ist des Wandervogels Tugend.
Man denkt, die Liebe liebt das Wandern,
Sie will von einem zu dem andern.
Doch kalt wird dann dem Philosophen,
Er sehnt sich nach dem warmen Ofen,
Nach all dem lustigen Geschwärme
Ein trautes Heim wär schön voll Wärme.
ASMODÄUS
Wie einsam werd ich sein im Alter!
Im Winter geht es schlecht dem Falter!
ANNE
Drum, weitgereister weiser Mann,
Beizeiten schließ dich freundlich an.

(Sie wandeln vorüber.)

RÖSCHEN
Ach, aus den Augen, aus dem Sinn!
Jetzt deinen Augen schön ich bin,
Doch hast du ja in der Gemeinde
Noch andre allerbeste Freunde,
Die mehr verstehn von deiner Weisheit
Als ich mit meines Flüsterns Leisheit.
FAUST
Ach, was die Freunde Klugheit nennen
Und von dem großen Gott erkennen,
Ist auch nur Eitelkeit der Welt!
Gott mir in deinem Bild gefällt!
RÖSCHEN
Bin noch erleuchtet nicht vom Licht.
FAUST
Du, Demut, kennst dich selber nicht!
RÖSCHEN
Ach, denkst du auch sehr oft an mich?
Ich sprech mit Anne über dich.
FAUST
Und denkst an mich in Einsamkeit?
RÖSCHEN
Bin gern allein in stiller Zeit.
Ach, Zeit zu beten und zu fasten!
Doch Arbeit lässt mich immer hasten,
Muß kochen, fegen, Wäsche waschen,
Ist wenig Zeit, nach Wind zu haschen.
Genug des Brotes ist zuhaus,
Auch Bier geht bei uns ein und aus.
Vom Vater habe ich das Erbe,
Das Gartenhaus, in dem ich sterbe.
Mein junger Bruder ist Soldat,
Der Mutter bald das Ende naht.
Mein kleines Schwesterchen ist tot!
Ich hab mein eigen Kreuz und Not.
Der toten Schwester Zwillings-Blagen,
Die nahm ich auf, tat gern mich plagen.
FAUST
Du Engelin an diesem Ort!
Ich will dich lieben fort und fort!
RÖSCHEN
Ich hab wie eine Kuh gebuttert,
Der Schwester Zwillinge bemuttert,
In meinem Arm, auf meinem Schoß
Die Zwillingsknaben wurden groß.
FAUST
Und hast darin dein Glück gefunden?
RÖSCHEN
Ach, leider, viele schwere Stunden!
Nachts wacht ich immer an den Wiegen,
Ob sie vielleicht das Fieber kriegen,
Stets wollten sie auch was zu naschen
Und täglich musst ich Wäsche waschen,
Ihr Leid hat mir das Herz gebrochen,
Musst dennoch täglich Essen kochen
Und war aktiv von morgens an
Und nachts war schlecht der Schlummer dann,
So ging es täglich, immerzu,
Wie gerne hatt ich da die Ruh,
Und hat der Herr ein wenig Gnade,
So schenke er mir Schokolade.

(Sie wandeln vorüber.)

ANNE
Hast du noch keine Frau gefunden,
Die Wärme schenkt in stillen Stunden?
ASMODÄUS
Der Weise sagt: Der eigne Herd,
Das eigne Weib ist Perlen wert!
ANNE
Hast du nicht Lust, nicht Lust zu scherzen?
ASMODÄUS
Ich fand bei manchen offne Herzen.
ANNE
Wars einmal ernst in Herzenssachen?
ASMODÄUS
Will Frauen keinen Kummer machen.
ANNE
Mein Freund, du kannst mich nicht verstehn!
ASMODÄUS
Das tut mir leid, mein Tausendschön,
Und doch, vernimm du mein Bekenntnis,
Ich weiß: Du sprichst von der – Erkenntnis!

(Sie wandeln vorüber.)

FAUST
Hast du mich gleich erkannt, du Fromme,
So gleich ich in den Garten komme?
RÖSCHEN
Hast du erkannt nicht meine Gnaden?
Ich selber hab dich eingeladen!
FAUST
Und war mir böse nie dein Geist,
Daß ich so frech war und so dreist?
RÖSCHEN
Ich hab mich nur gefragt im Herzen:
Lud ich dich ein zu solchen Scherzen?
War da in meinem frommen Wesen
So eine Frechheit auch zu lesen?
Ich sagte mir: Ihr guten Geister,
Was will von mir der weise Meister?
Da war ich böse mir allein,
Dir mochte ich nicht böse sein.
FAUST
Ach, mehr als Zucker süße Frau!
RÖSCHEN
Lass! – Dieses Gänseblümchen schau!

(Sie pflückt einzeln die Blütenblätter des Gänseblümchens ab.)

Er liebt mich – liebt mich nicht – er liebt mich –


FAUST
Die Blume redet wahr: Er liebt dich!
Ich liebe dich von tiefstem Herzen
Und kostet es auch Todesschmerzen!
RÖSCHEN
Ein Schauer läuft mir übern Rücken!
FAUST
Du mein entsetzliches Entzücken!

(Röschen läuft eilig davon, Faust erstarrt, dann eilt er ihr hinterher.)

ANNE
Jetzt bricht herein die dunkle Nacht!
ASMODÄUS
Wir wollen gehen, sanft und sacht.
ANNE
Ach, könntest du noch etwas bleiben!
Was sollen da die Leute sagen?
Wie die es da gar heimlich treiben!
So würden sie uns doch verklagen,
Die superfrommen Nachbarsfraun
Stets spionieren durch den Zaun
Und sehn sie Schatten hinterm Fenster
In Liebe zärtlich, Nachtgespenster,
Dann reden diese Weiber dreist:
Begonnen habt ihr es im Geist
Und rein wie Ideale keusch
Und wollt vollenden es im Fleisch!
Wo aber sind denn Faust und Röschen?
ASMODÄUS
Der Schminkstift liegt im offnen Döschen.
ANNE
Ich weiß, ich weiß, er mag sie leiden!
ASMODÄUS
Und sie, die Demut selbst, bescheiden,
Sie hat ihn auch von Herzen lieb,
Wie es kein Dichter je beschrieb.
Die Liebe ist nicht auszusagen!
Nach Liebeswonnen kommen Klagen!

IM CHINESISCHEN GARTENPAVILLON

RÖSCHEN
(Sie schlüpft in den Pavillon, spioniert durchs Schlüsselloch)
Er kommt! Ich muss nicht länger harren!
FAUST
Vor Liebe werde ich zum Narren!

(Er küsst sie zärtlich auf die Wange.)

RÖSCHEN
(Seine Hüfte umfassend und ihn zärtlich auf den Hals küssend)
Wir beiden Narren Christi, sag,
Ich möcht dich haben jeden Tag!

(Es klopft jemand von draußen an die Tür.)

FAUST
Wer pocht von draußen an die Pforte?
ASMODÄUS
Nun fort von diesem trauten Horte!

(Asmodäus tritt mit Anne ein.)

ANNE
Verzeihung, wenn ich stören muss.
FAUST
Ach Röschen! Noch so einen Kuss!
RÖSCHEN
Was soll da meine Mutter sagen?
FAUST
Könnt ich der Mutter Hallo sagen.
RÖSCHEN
Nun, gute Nacht und schlaf recht süß
Und schau im Traum das Paradies!
ANNE
Wünsch guten Schlaf im warmen Bette!
FAUST
Ach Röschen, Niedliche und Nette,
Ich hab dich lieb, du bist so süß!
Adieu, Geliebte! Röschen, Tschüß!

(Faust und Asmodäus ab.)

RÖSCHEN
Du lieber Gott! Er ist so weise,
Was sucht er nur in meinem Kreise?
Ich arme Frau von schlichter Sorte,
Ich höre alle seine Worte
Und wie ich lausch den Worten, da
Will ich nur immer sagen: Ja!
Ich bin nicht weise, bin nicht schön,
Was will sein seufzendes Gestöhn?
RÖSCHENS SCHLAFZIMMER

(Sie legt Wäsche zusammen.)

Dahin ist meine Ruhe,


Wie bin ich doch von Sinnen,
Ich find nicht Ruhe draußen,
Ich find nicht Ruhe drinnen!

Ach, wenn er mich verließe,


Ah weh, das wär mein Tod,
In meinem Garten blühte
Nie mehr ein Röschen rot!

Auf ihn nur muß ich warten


An diesem trauten Orte,
Nach ihm nur schau ich sehnend
Und öffne meine Pforte.

Dahin ist meine Ruhe,


Wie bin ich doch von Sinnen,
Ich find nicht Ruhe draußen,
Ich find nicht Ruhe drinnen!

Oh seine Mannesstärke!
Sein Lächeln um den Mund!
Gefährlich, ach, gefährlich
Der Augen tiefer Grund!

Sein Wandeln, seine Worte

Und wie er sich erbarmt,


O seine Art, sein Adel
Und wie er mich umarmt!

Ich bin im tiefsten Herzen


Von ihm allein besessen!
Ich habe längst mein Leben,
Mein Ich und Selbst vergessen!

Dahin ist meine Ruhe,


Wie bin ich doch von Sinnen,
Ich find nicht Ruhe draußen,
Ich find nicht Ruhe drinnen!

IN ANNES GARTEN

(Röschen und Faust)

RÖSCHEN
O sag mir doch, o du, o mein Johannes...
FAUST
Was willst du wissen von dem Geist des Mannes?
RÖSCHEN
Wie denkst du über Gott und die Natur?
Du bist ein Weiser und Gelehrter, nur
Mir scheint, du glaubst nicht an des Heilands Blut?
FAUST
Geliebte! Dir bin ich von Herzen gut!
Ich liebe mit der Liebe in dem Blute
Das Wahre und das Schöne und das Gute,
Will keinem seine Überzeugung rauben.
RÖSCHEN
Doch muss man an den Christus Jesus glauben!
FAUST
Was redest du im Glauben denn von Müssen?
Ach, was wir müssen, das ist, uns zu küssen!
RÖSCHEN
Und ehrst du nicht der Liebe Sakrament?
FAUST
Doch! Zu der Liebe sich mein Herz bekennt!
RÖSCHEN
Doch du begehrst nicht, deine Schuld zu beichten!
Wann riefest du zuletzt zum Unerreichten,
Empfingest in der Kirche Christi Leib?
Glaubst du an Gott? Sags einem armen Weib!
FAUST
Geliebte, mancher redet wie ein Spott
Und sagt so leichthin: Ich glaub auch an Gott.
Frag doch die Priester und die Tiefgelehrten,
Frag die Gerechten und frag die Bekehrten,
Nur Phrasen dreschen sie des Biblizismus,
Auswendig lernten sie den Katechismus.
RÖSCHEN
So glaubst du nicht, wie in der Schrift zu lesen?
FAUST
Ich mag von Gottes unnennbarem Wesen
Nicht Phrasen dreschen, Theologen-Phrasen.
Der wert ist der verzückendsten Ekstasen,
Wird abgespeist mit einem Credo nur,
Herabgeleiert. Oh, die Gott-Natur,
Das Höchste Wesen, laß ich mir nicht rauben,
Muß jede Seele an den Gott doch glauben.
Die Welten all aus Gottes Busen stammen,
Die Liebe Gottes hält sie all zusammen.
Die Mutter Erde mit den breiten Brüsten
Gab Gott den Menschen zu des Lebens Lüsten.
Vom Himmel abends grüßt der Abendstern,
Früh morgens segnet uns der Morgenstern.
Die Morgenröte lässt die langen Wimpern
Fein lächelnd über lichten Augen klimpern.
Und unsere Gedanken fliegen ferne
Zu Apfelgärten auf dem Venussterne.
Und unsre Körper bleiben auf dem Boden,
Bis uns zuletzt bedecken grüne Soden.
Der Geist lebt in Vernunft und allen Sinnen
Und Seele webt von außen sich nach innen.
Erfüllt ist doch dein Herz mit Ahnung, Liebe,
Weltseele ahnst du in dem Weltgetriebe,
Die Liebe unaussprechlich lässt dich beben.
So sage: Gottheit! Oder: Ewig Leben!
Die Ew'ge Liebe in dem Seelensamen,
Die Eine Gottheit hat sehr viele Namen.
Fühlst du nicht schon des Ew'gen Lebens Wonne,
Wenn dich am Morgen segnet Gottes Sonne?
RÖSCHEN
So steht das nicht im Katechismus! Zwar
Dein liebendes Bekenntnis lieblich war,
Wenn auch des Priesters Predigt andrer Sorte,
Bekennen Gott doch gleichfalls deine Worte.
FAUST
Schau dich doch um in allen Erdenkreisen,
Wie stammeln und wie lallen nur die Weisen!
So tu ich gleichfalls wie die andern alle:
Von Gott in meiner eignen Sprache lalle!
RÖSCHEN
Doch ich empfinde leider melancholisch,
Dein Glaube ist nicht kirchlich und katholisch.
FAUST
Geliebte! Liebe ist mein Christentum
Und Zärtlichkeit mein Kirchenheiligtum!
So kirchlich-christlich bin ich auch bereit
Zur seligmachenden Liebeszärtlichkeit!
RÖSCHEN
Doch ach, so lange tut es mir schon weh,
In welcher Art Gesellschaft ich dich seh!
FAUST
Wen meinst du mit dem Wort, mein kleiner Christ?
RÖSCHEN
Den Mann, der stets an deiner Seite ist!
Ich mag ihn nicht! In meinem ganzen Leben
Hat nie ein Mensch mir solchen Stich gegeben
Ins Herz, wie diese hässliche Visage!
FAUST
Er kann nichts für die hässliche Visage.
RÖSCHEN
Ich wäre gerne allen Menschen gut,
Doch jener Kerl, der plagt mich bis aufs Blut!
Wie seine seelenlosen Augen schauen
So ohne Liebe, ach, das ist ein Grauen!
Ich halte ihn für einen Hanswurst nur!
Vergebe Gott der schlimmen Kreatur!
FAUST
Er hat so seine Macken, das ist üblich.
RÖSCHEN
Ach, lieber Mann, du aber bist so lieblich!
Mit solchem schlimmen Kerl wollt ich nicht leben,
Wollt ihm in Liebe nicht die Hände geben!
Er ist von jener allerschlimmsten Sorte,
Die allzeit haben nichts als harte Worte.
Mein Herz, bin ich bei dir, in deinem Arm,
Wie ist mir wohl, wie fühlt mein Herz sich warm!
Wenn aber er dazu tritt mit Gewalt,
Ist alles wie der Frost des Winters kalt.
So sehr verehrt und liebt dich meine Seele,
Doch jener Kerl, der schnürt mir zu die Kehle!
FAUST
(leise)
So ahnungsvoll ist diese fromme Frau!
RÖSCHEN
Und wenn ich plötzlich dann den Hanswurst schau
Mit seinen toten Augen, kalt wie Stahl,
Dann denke ich, ich sei dir ganz egal,
Und seh ich ihn an deiner Seite dann,
Frag ich mich gar, ob du ein edler Mann,
Verzeih! Und mein Gebet will mir vergehen,
Muss ich den aufgeblasnen Kraftprotz sehen.
Ach Liebster, meine Seele ganz beseelend,
Warum wird dir bei jenem Kerl nicht elend?
FAUST
Der ist dir einfach unsympathisch nur.
RÖSCHEN
Ich geh! O Mutter heilige Natur!
FAUST
Ach, dürfte ich dich einmal so umfangen
Wie in dem Morgenland die schönen Schlangen
Umschlingen einen süßen Sandelbaum
Und lieben dich – o Gott – ein schöner Traum!
RÖSCHEN
Ja, wenn ich mal allein im Bette liege –
Die Mutter wacht doch immer an der Wiege!
Wenn Mutter wüsste... ach das wär mein Tod!
FAUST
Ich weiß ein Mittel gegen diese Not:
Der Mutter gebe diesen Baldrian,
Dann wird der Schlaf auf samtnen Pfoten nahn,
Dann wird sie tiefer als die Tiefsee schlafen
Und kann uns nicht für unsre Liebe strafen.
RÖSCHEN
Und keine Nebenwirkung, welche schädlich?
FAUST
Nein, meine Medizin ist nichts als redlich.
RÖSCHEN
Geliebter! Seh ich dich – du bist mein Leben!
Ich gab schon viel – ich will dir Alles geben!

(Sie geht fort. – Asmodäus kommt hervor.)


ASMODÄUS
Die schwarze Muschi, schlich sie sich davon?
FAUST
Im Haus der Liebe wieder mal Spion?
ASMODÄUS
Sie fragte dich nach deinem Biblizismus,
Ob du gelesen auch den Katechismus?
Ja, wenn wir folgen ihrer Religion,
So dienen sonst wir auch in ihrer Fron.
Das wollen sie mit ihrem ganzen Reize,
Daß wir vor ihnen kriechen noch zu Kreuze!
FAUST
Du kannst das nicht begreifen, Finsterling!
Nichts andres möchte dieses hübsche Ding,
Als mich für alle Ewigkeit zu retten!
ASMODÄUS
Ja, lieben dich noch in den Himmelsbetten!
Du übersinnlich-sinnlicher Gefährte
Saugst an der Hoffnung Busen, die dich nährte!
FAUST
Du Arsch! Du kannst den Himmel nur verspotten,
Wo uns die Ew'ige Liebe wird vergotten!
ASMODÄUS
Sieht mich mit grünem Aug die schwarze Katze,
So stört an Satan sie die Teufelsfratze!
So schaut doch kein Genie! So schaut ein Teufel!
Und heute Nacht? Ihr liebt euch? Ohne Zweifel?
FAUST
Heut Nacht erweist mir Gnade die Madonne!
ASMODÄUS
Ha, Unzucht ist der freien Liebe Wonne!

AUF DEM MARKTPLATZ

(Röschen und Madel mit Körben voller Möhren, Rüben und Zucchini.)

MADEL
Hast du gehört schon von Susanne heute?
RÖSCHEN
Ich treffe so rein gar nicht mehr die Leute.
MADEL
Susanne ist so ganz und gar verstört,
Wie sich das für die Dirne auch gehört!
RÖSCHEN
Was wissen von Susanne denn die Kenner?
MADEL
Ist Einer nicht genug? Sie braucht zwei Männer!
RÖSCHEN
Sonst war der eine Freier schon ihr schnuppe.
MADEL
Sie tut wie eine Fee, wie eine Puppe,
Will doch die Gurke nur für ihren Topf,
Hat nichts als Kerle in dem hübschen Kopf!
Da stand der eine Mann als Ehrenmann,
Als Kavalier der andre drängte ran,
Da spritzte Schaum des Sekts, man tanzte Tanz,
Ein Hengst der Kavalier mit langem Schwanz,
Kam mit Geschenken, kam mit Schokolade,
Sie ließ ihn ansehn ihre nackte Wade,
Und als der Andre eben weggeblickt,
Hat sie den guten Kavalier gefickt!
RÖSCHEN
Darüber muss mein frommes Seelchen trauern.
MADEL
Mein Schatz, nur kein bigott-frigid Bedauern!
Uns armen Weibern ist das Leben bitter,
Denn nachts bewachen uns die alten Mütter,
Susanne aber schlich wie eine Katze
Und nahm sich, was sie wollte, von dem Schatze.
Den Kavalier, der, ach, so liebeskrank,
Den nahm sie nachts sich auf der Gartenbank!
Nun kann sie bei des Himmelreichs Eunuchen
Barmherzige Vergebung flehend suchen!
RÖSCHEN
Er sich gewiss zum Traualtare schickt.
MADEL
Zum Traualtare? Nein! Zuerst gefickt
Und dann davon gehuscht und sie verlassen!
So etwas sollten Frauen unterlassen!

(Madel ab.)

RÖSCHEN
Wie können sich empören fromme Seelen,
Wenn solche jungen Dinger sich verfehlen!
Die Pharisäer! Die scheinheil'gen Heuchler!
Mag jede Muschi den charmanten Schmeichler,
Der als ihr Kavalier sein Süßholz raspelt,
Und schon sie sich in seinem Netz verhaspelt.
Ich selbst hab auch gelästert und geflucht!
Jetzt aber ward ich selber heimgesucht,
In Sack und Asche meine Sünde büß
Und doch – ach Gott – die Sünde war so süß!

RÖSCHEN IM GEFÄNGNIS

(In einer Nische eine Statue der Gottesmutter. In einer Vase eine rote Rose davor.)

RÖSCHEN

Komm, Jungfrau, komm zu mir,


In all mein Elend hier,
Steh deiner Tochter bei in ihrer Not!
Die Schärfe eines Schwerts
Durchbohrt dein reines Herz,
Du leidest mit dem Gottessohn den Tod!
Zum Himmel auf du blickst,
Gebete weinend schickst
Zum Ewigen, die Tränen blutigrot!

Ach, ob es einer fühlt,


Wie mir das Leiden wühlt
Durch meine Seele und durch meinen Leib?
Wonach mein Herz verlangt,
Verzagt verschmachtend bangt,
Ach, davon weiß kein andres Erdenweib!

Wo immer ich auch bin,


Die Pein ist Königin!
Des Schicksals schwarzen Raben ich erblicke.
Und bin ich ganz allein,
Ich wein und wein und wein,
Mein Herz, mein Herz bricht mir in tausend Stücke!

Aus meinem Auge strömt ein Tränenregen,


Die Trauertränen meiner Herzensnot,
So will ich deine rote Rose pflegen,
Die Rose rot, wie Blut und Feuer rot!

Was kann ich Hoffnungslose jetzt noch hoffen?


Es fällt kein Licht in meine dunkle Kammer!
Allnächtlich habe ich das Auge offen
Und liege wach auf meinem Bett voll Jammer!

O Jungfrau! Steh mir bei in meiner Pein!


Vom Himmel komm herab!
Die Mutter schläft im Grab!
Ich bin allein – Maria – ich bin dein!

KAPELLE. TOTENFEIER FÜR RÖSCHENS MUTTER.

(/Alle Verwandten. Chor.)

FINSTERER ENGEL
(Hinter Röschen)
Anders war es damals, Röschen,
Als du knietest vorm Altare
Und aus dem Gesangbuch sangest,
Was du nicht verstanden hattest,
Halb naiven Kinderglauben,
Halb Gefühl vom Höhern Wesen.
Röschen! Aber was empfindest
Du jetzt in der jungen Seele?
Was willst du in der Kapelle?
Eine Seelenmesse singen
Für die Seele deiner Mutter?
Eingeschlafen ist die Mutter
Von dem Opium des Glaubens,
Das du selber ihr gespendet.
Deine Seele ist voll Sünden!
Und es regt sich unterm Herzen
Dir sogar die Frucht des Leibes,
Die du ehelos empfangen!
RÖSCHEN
Wehe, wehe, wehe, wehe!
Die Gedanken, die mich plagen,
Werde ich nicht los, mich jagen
Hin und her und ohne Ruhe
Die Gedanken meiner Sünden!
Wohin könnte ich noch fliehen?
CHOR
Vater unser in den Himmeln,
Sei dein Name uns geheiligt,
Bring dein Königreich der Himmel,
Und geschehe nur dein Wille
Wie im Himmel so auf Erden!

(Die Orgel schwillt an.)

FINSTERER ENGEL
Wehe, die Posaunen blasen,
Öffnen werden sich die Gräber
Und dein Herz wird aus dem Staube
Auferstehen von den Toten
Und vor deinen Richter treten!
RÖSCHEN
Fort, nur fort aus der Kapelle,
Dieses Orgelspiel des Himmels
Presst zusammen meine Lunge,
Weh mir, ich kann hier nicht atmen!
Diese Lieder, diese Töne,
Wollen lösen meine Zunge,
Alles möchte ich gestehen,
Aber das darf keiner wissen!
CHOR
Vater unser in den Himmeln,
Gib uns täglich unser Manna
Und befrei uns von den Schulden,
Wie wir allen selbst verzeihen.
RÖSCHEN
Wehe mir, mich packt der Wahnsinn!
Diese Kirchenchöre machen
Angst mir vor dem Weltenrichter!
Berge, fallt mir auf den Schädel,
Hügel, mir bedeckt den Körper!
Das Gewölbe der Kapelle
Mich verschließt in einem Sarge!
Luft! Die Lüfte will ich atmen!
CHOR
Vater unser in den Himmeln,
Führe uns aus der Versuchung
Und befrei uns von dem Bösen.
FINSTERER ENGEL
Ja, versteck dich vor dem Richter!
Gottes Zorn wird dich ergreifen!
Nie wird Gott sich dein erbarmen!
Luft und Licht, Natur und Himmel –
Armes Herz, du gehst verloren!
CHOR
Vater unser in den Himmeln,
Dein ist alles Reich der Himmel,
Dein sind Mächte und Gewalten,
Alle Herrlichkeit und Schönheit!
FINSTERER ENGEL
Gottes Engel dich verlassen,
Sie verschmähen deine Seele!
Gottverlassne Seele, weh dir!
CHOR
Vater unser in den Himmeln!
Ewigkeiten – Ja und Amen!
RÖSCHEN
Weihrauch! Weihrauch will ich riechen!

(Röschen fällt in Ohnmacht.)

NACHT. VOR RÖSCHENS HAUS.

(Klaus, Röschens Bruder.)

KLAUS
Wenn ich beim Gelag gesessen
Und zu trinken nicht vergessen,
Wenn dann alle Trankbetreiber
Allzeit schwatzten über Weiber,
Die vertraut mit allen Lüsten
Und auch Kochrezepte wüssten
Und auch sanft und ehrlich wären,
Dacht ich an die Frau der Ehren.
Wer die Frau der Ehren ist?
Röschen ist es, dass ihrs wisst!
Also sprach ich zu den Zechern
Bei dem Süßwein in den Bechern.
Sprach ich: Mag wohl manches Mädchen
Hübsch und niedlich sein im Städtchen,
Tauben hocken sich in Nester,
Aber hold wie meine Schwester
Ist mir keine und so heilig!
So bekannt ich allen eilig.
Meinem Röschen alle Ehre!
Und als ob sie Göttin wäre,
Hoben alle wilden Zecher
Auf mein Röschen ihre Becher.
Die da andrer Meinung waren,
Rauften sich in ihren Haaren,
Fassten sich an ihre Nasen,
Wussten nichts von Tut und Blasen!
Aber nun muss ich mich schämen!
Nach der Heiligkeit Extremen
Sie extreme Sünderin,
Hure sie! Ein Narr ich bin!
Alle heben ihre Humpen,
Lachen laut, die dummen Lumpen,
Lästern lachend: Deine Pure
Ist nur ordinäre Hure,
Deine Hure, deine Hexe,
Packt am Schwanze jede Echse!
Da kommt einer und dabei
Noch ein zweiter, es sind zwei.

(Faust und Asmodäus kommen.)

FAUST
Wie des nachts im Gottesdome
Leuchtet gleich dem Gnadenstrome
Eine Lampe mit Gefunkel,
Flackerlicht im tiefen Dunkel,
Schläft auch tiefen Schlaf der Priester,
Ists in meinem Herzen düster!
ASMODÄUS
Aber ich bin gar nicht müde,
Bin so läufig wie ein Rüde,
Der zu seiner Hündin trachtet
Und inbrünstig-brünftig schmachtet!
Will nicht wie ein Faultier gammeln,
Will wie ein Kaninchen rammeln!
Bald ist ja Walpurgisnacht,
Wo die Hexe Liebe macht,
Wo sie hebt den kurzen Rock
Für den geilen Ziegenbock!

(Er singt zur Gitarre.)

Was willst du, willst du, süßes Mädchen,


Du Buhlerin um Mitternacht?
Gib acht, gib acht, du wildes Käthchen,
Du wildes Käthchen, gib gut acht,
Er stillt dir alles dein Geschmacht!
Nehmt euch in acht, ihr jungen Dinger,
Der Buhler ist ein schlimmer Finger,
Es will ja nichts der Liebesjünger
Als euch zu schwören, euch betören,
Ihr müsstet Einmal ihn erhören!

KLAUS
Was singst du, gottverdammter Sänger,
Du Flötenbläser, Rattenfänger?
Ich erst zerschlag dir die Gitarre
Und dann den Kopf dir, alter Narre!

(Klaus zerschlägt dem Asmodäus die Gitarre. Faust und Klaus fechten. Klaus fällt, zu Tode
verwundet.)

VOLK
(herbeieilend)
Da liegt der arme Bruder Klaus,
Ist mausetot wie eine Maus!
RÖSCHEN
O Gott, o Gott! O große Not!
Erbarmen, Herr Gott Zebaoth!
KLAUS
(mit letztem Atem röchelnd)
Mit Einem fängst du an zu huren
Und dann mit Allen Kreaturen!
Ja, wenn man erst ein Dutzend hätte!
Geht mit der ganzen Stadt ins Bette!
RÖSCHEN
Mein kleiner Bruder, sei mir gut!
KLAUS
Wein du nicht wegen meinem Blut!
Verscheidend sage ich dir barsch:
Du liebtest einen dummen Arsch!
Hanswurst vom alten Satans-Orden,
Der tat den Bruder Klaus ermorden!
Ich spotte aller Teufel Spott:
Ach, Röschen, ach – ich geh zu Gott!

FAUST UND ASMODÄUS

FAUST
Im Elende! Von aller Hilfe verlassen, allein im Kerker! Zu den Verbrechern gezählt, in eisernen
Ketten, eingeschlossen in ein finsteres Verließ! Ach diese unschuldig-unselige Evastochter! So weit
ist es schon! Und mir hast du das verheimlicht? Ja, blitze nur mit deinen eiskalten Augen, du
Satansbraten! Ich kann dich leider nicht bannen! Sie, in dunkler Nacht, gefangen zwischen
Spinnenweben, allein mit den Mäusen des Kerkers! Vorgeführt dem Pöbel und den ungerechten
Justizräten! Du kennst den Jammer und jagst mich dennoch durch die Welt, eine flüchtige Lust zu
erhaschen, sprichst kein Wort und lässt die gute Seele ohne Hilfe verlassen sein?
ASMODÄUS
Sie ist die erste nicht, die du so ruiniert hast.
FAUST
Arschloch! Der heiligste Engelsgeist möge dich bannen in die schwarze Hundegestalt, in der du
dich heran geschmeichelt hast, dass du winselnd vor mir liegst und ich dich peitsche mit der
ledernen Leine! Sie wär die erste nicht, die ich so ruiniert hätte? O Jammer, Jammer! Keine
Menschenseele kann meinen Jammer begreifen!
ASMODÄUS
Ach du lieber Harlekin, jetzt bist du am Ende mit deinem Mönchslatein und an der Schwelle des
Wahnsinns angelangt! Was gibst du denn den okkulten Dämonen erst die Hand, wenn du doch nicht
treu bleiben willst? Erst willst du fliegen in ätherische Sphären und dann wird dir schwindlig! Hab
ich mich angebiedert oder hast du dich angeboten?
FAUST
Du kotzt mich an! O heiligster Engelsgeist, du hast dich mir offenbart! Ach, warum muß ich
gefesselt sein an diesen okkulten Dämon?
ASMODÄUS
Bist du bald fertig?
FAUST
Befreie sie aus dem Gefängnis!
ASMODÄUS
Ich habe keine Macht, sie zu befreien. Das ist nicht mein Amt, Ketten zu lösen. Befreiung? Wer hat
die gute Seele denn so bekümmert, ich oder du?
FAUST
Trage mich zu ihr! Ich will sie erlösen!
ASMODÄUS
Da gibt es noch eine Blutschuld! Auf den Menschenmörder haben noch Rechte die höllischen
Geister.
FAUST
Gib nicht immer andern die Schuld! An allem Übel der Welt bist du selber schuld! Bring mich rasch
zu der guten Seele, gebiete ich dir!
ASMODÄUS
Sei’s drum. Aber ich habe nicht alle Macht im Himmel und auf Erden. Ich kann allerdings den
Wächter einschläfern. Die gute Seele befreien, das musst du schon selber tun. Ich werde die
Hengste holen.
FAUST
Auf, reiten wir rasch zu ihr!

NACHT. OFFENES FELD

(Faust und Asmodäus reiten auf schwarzen Rossen.)

FAUST
Ein Nebelschleier überm Hexenhügel!
ASMODÄUS
Die Hexen spreizen ihre Drachenflügel!
FAUST
Mit Schwänzen peitschen dort die Riesenechsen!
ASMODÄUS
Die Schwarze Messe feiern da die Hexen!
FAUST
Wer ist die Frau, die ich dort oben schau?
ASMODÄUS
Die Göttin Lilith - - - Adams erste Frau!

DER HEXENSABBATH

(Ein Gebirge, auf dem sich die Hexen zur Schwarzen Messe am Hexen-Sabbath versammeln. Faust
und Asmodäus.)

ASMODÄUS
Willst du auf einem Besen reiten?
Ich wünschte mir in diesen Zeiten,
Zu reiten einen Ziegenbock!
FAUST
Ich wollte reiten einen Rock!
Doch jetzt genügt der Wanderstab,
Den ich in meiner Rechten hab.
Wie labyrinthisch ist der Wald
In diesen Tälern mannigfalt,
Den Felsen möchte ich besteigen,
Die Quelle mögest du mir zeigen.
Das Wandern ist des Müller Lust!
Den Frühling spür ich in der Brust,
In Spanien und auch in Germanien,
Den Frühling spüren die Kastanien
Und auch die jungen schlanken Birken.
Der Lenz beginnt in mir zu wirken!
ASMODÄUS
Ich fühle nichts von Frühlingslust,
Ich habe Frost in meiner Brust,
Nicht Lenzes süßes Liebesweh,
Ich liebe Frostigkeit und Schnee.
Wie traurig schleicht am Horizont
Die Luna hin, man nennt sie Mond,
Die Luna gibt so matten Schimmer,
Man stößt sich an den Steinen immer.
Hinan, hinan zum Felsenturm!
Die Wege der Johanniswurm
Uns zeige! Ach Johannestrieb,
Der ist den alten Weisen lieb!
He du, Johanniswürmchen da,
Du kleiner Glühwurm, komm nur nah,
Flieg uns voran den Waldeswipfel
Und zeig den Weg hinan zum Gipfel!
JOHANNISWÜRMCHEN
In Ehrfurcht meine Reverenz!
Ich führe euch durch diesen Lenz,
Traut mir als trautet ihr den Engeln,
Wo sich hinan die Pfade schlängeln.
ASMODÄUS
Den Engeln denkst du’s nachzuahmen?
So schlängle dich, in Satans Namen,
Sonst blas ich dir als wie ein Weib
Die Seele aus dem heißen Leib!
JOHANNISWÜRMCHEN
Ich merke wohl, vom Herrn und Meister
Bist einer du der bösen Geister,
Gehorchen will ich meinem Herrn!
Doch Freitag ists, beim Venusstern,
Die Hexen reiten auf dem Besen,
Die Weiber treiben toll ihr Wesen!
FAUST
In Träume, wie sie träumen Schlangen,
In Träume sind wir eingegangen.
FAUST UND ASMODÄUS
Johanniswürmchen, durch die Träume
Führ uns durch dunkle leere Räume!
JOHANNISWÜRMCHEN
Wie rasch die Bäume sich verrücken,
Wie sich die Felsenspitzen bücken,
Die Gipfel mit den steilen Nasen,
Die Windsbraut saust, um scharf zu blasen!
FAUST
Auch die Quelle sprudelt nieder!
Hör ich freche Gassenlieder,
Gassenhauer voller Klage?
Lebt sie heute noch, die Sage,
Von dem Schlüssel Salomonis
Und von Venus und Adonis?
JOHANNISWÜRMCHEN
Uhu! Tödliches Geheule!
Uhu heult und Schleiereule!
FAUST
Wo wir einer mit dem andern
Durch die dunklen Wälder wandern,
Labyrinthe und Mäander,
Wie im Feuer Salamander!
ASMODÄUS
Und aus Höhle und Gehäuse
Scharenweise weiße Mäuse,
In den Büschen, wie im Schatten,
Huschen hin die fetten Ratten.
Nicht nur Ratten, nicht nur Mäuse,
Auch die Flöhe, auch die Läuse!
FAUST
Aber ob wir Menschen stehen,
Sich um uns die Welten drehen,
Oder ob wir Menschen wandern,
Stille stehen alle andern?
FAUST UND ASMODÄIS
Alles scheint um uns zu wanken,
Scheint zu taumeln, scheint zu schwanken,
Tote in den Bäumen baumeln,
Trunkne torkeln, Trunkne taumeln!
ASMODÄIS
Fasse meines Rockes Zipfel,
Schauen wir von diesem Gipfel
Zu dem alten Gott von Ammon,
Zu dem goldnen Gotte Mammon!
FAUST
Steckt das Gold doch in den Erzen,
Aber mehr noch in den Herzen,
Steckt das Gold in rauen Felsen,
Komme Feuer, Gold zu schmelzen,
Einzig wegen diesem Feuer
Ist das reine Gold uns teuer!
Nur das Purgatorium
Macht das Gold zum Heiligtum!
ASMODÄUS
Vater Mammon hat Gefallen
Hier an diesen offnen Hallen,
Mammon dünkte, Mammon däuchte,
Daß uns Mammons Glanz erleuchte!
O die Feiern, o die Feste!
Wir sind ungebetne Gäste!
FAUST
O wie scharf die Windsbraut bläht
Ihre Backen, o wie weht
Dort die Windsbraut, mich zu packen,
Hockt sich mir auf meinen Nacken!
ASMODÄUS
Hier an dieser steilen Klippe
Halte fest die alte Rippe!
Sonst wird dich die Windsbraut stürzen
Und das Leben dir verkürzen!
Graue Nebelschleier fließen
Über diese leeren Wiesen!
Wölfe in den Wäldern heulen,
Von den Bäumen schaun die Eulen!
In der Ulme hängen Fische!
Welch ein Blasen, ein Gezische,
Wie sich schlängeln die Lianen,
Wandern Schatten, sinds die Ahnen,
Eichen stürzen, Eichen splittern
In den donnernden Gewittern!
Einsam gurrt der Turteltauber!
Weiber heulen Liebeszauber!
CHOR DER HEXEN
Die Hexen ziehn zur Sabbatfeier,
Es ist doch nur die alte Leier,
Du, Eva, möchtest einen Freier,
Du, nackte Eva, fragst nicht lange,
Du packst am Schwanze gleich die Schlange!
EINE HEXE
Demeter soll uns Göttin sein,
Sie kommt auf einem Mutterschwein!
O große Göttin, Gottheit-Frau,
Wir weihen dir die alte Sau!
CHOR DER HEXEN
Viel Ferkel an der Säue Zitzen!
Wir sehen auf den Säuen sitzen
Demeter, die uns backt das Brot!
Ach, Kore tot, ach, Kore tot!
EINE HEXE
Ich will, dass alle Mütter platzen,
Ich will aus ihren Schößen kratzen
Und reißen aus dem Mutterschoß
Die Leibesfrüchte, Embryos!
DIE MAGIER
Die Frauen stets das Böse spüren,
Drum sollen uns die Frauen führen.
Wir Männer, wahre Frauenkenner,
Den Frauen folgen wir, die Männer.
CHOR DER HEXEN
Lasst nicht die Mutterkühe kalben!
Zum Fluge wollen wir uns salben!
Der Mohn mit seiner Milch ist gut,
Stechapfel schafft uns Übermut,
Tollkirsche schafft uns Todeswut,
Der Schierling schafft die innre Glut!
ASMODÄUS
Wie Besen dort an Besen klappert,
Das Weibchen mit dem Weibchen plappert,
Die Hexe furzt, die Hexe brennt,
Das ist der Weiber Element!
O Johann Faust, wo bist du jetzt?
FAUST
Die Hexe da hat mich verletzt!
ASMODÄUS
Gehorche, Hexe, deinem Herrn,
Ich komm vom Meister Luzifern!
FAUST
Welträtsel will ich alle lösen!
Da! Weiber in der Macht des Bösen!
ASMODÄUS
Wolfsrudel oder Hunderudel,
Die Weiber treiben dort im Strudel,
Nur fort und fort, hinan nach oben,
Zum Bösen drängts, da wird geschoben.
ALTE HEXE VOM FLOHMARKT
Wandrer, schleiche nicht so lahm
Hier vorüber, sieh den Kram,
Altes ist als Neues besser,
Siehe hier die scharfen Messer,
Menschen taten selbst sich töten,
Schaue hier die goldnen Kröten,
Schau, bereit für Gift der Becher,
Mancher Ehemann war Zecher,
Als von seinem Eheweibe
Gift ging ein zu seinem Leibe.
ASMODÄUS
Alte Weiber, breite Spalten!
Alte, weg mit deinem Alten!
An den Engen, an den Neuen
Kann ein Mann sich nur erfreuen!
FAUST
Bist du nun ein Dämon, Herr,
Oder nur ein Magier?

(Sie sind auf dem Gipfel angekommen.)

STIMMENGEWIRR
Ja, er kommt, der Satan kommt,
Wie es alten Hexen frommt!
Also freut es Hexenmeister,
Kommt der Herr der bösen Geister!

(Hörner werden geblasen. Qualm. Gestank. Satan erscheint auf dem Gipfel. Die Hexen frohlocken.)

SATANSNOVIZE
Satan, der du Meister bist,
Dir allein will ich gefallen,
Zwar ich bin ein Kommunist,
Doch ich küsse dir die Krallen!
ZEREMONIENMEISTER
Sollst nicht nur die Krallen küssen,
Wirst dich tiefer bücken müssen!
NOVIZE
Was verlangt das Ritual?
ZEREMONIENMEISTER
Wenn du ehren willst den Baal,
Musst du tiefer noch dich bücken,
Tiefer noch, bis untern Rücken,
Bis zu Satan leckst den Arsch!
Hexenmeister reden barsch.
NOVIZE
Komme über mich der Zorn!
Doch ich küss ihn auch von vorn!

(Der Satan, der dem Novizen erst den Arsch gezeigt hat, wendet sich um und dreht ihm seinen
starrenden Phallus zu.)

Daß ich Satans rote Nase


Küsse, ihm den Phallus blase!
Aber was begehr ich noch
Als in Satans schwarzes Loch,
Mag es noch so übel riechen,
Satan in den Arsch zu kriechen!

(Stille. Plötzlich kreischen alle alten Hexen laut auf vor Entzücken.)
Was will Satan weiter noch?
Will ich doch ins schwarze Loch!
SATAN
Satans Knecht, du bist erprobt,
Wer so gut wie du gelobt
Satans Arschloch, ohne Heucheln,
Dem wird Satan ewig schmeicheln.

(Mitternacht. Satan setzt sich auf seinen Thron.)

Hier in meinem Weltgericht


Böcke mir zur Rechten dicht,
Sollen sich die Böcke schmiegen
An die Zicken, an die Ziegen,
Jede Zicke sage Dank,
Dankt dem Bock den Bocksgestank!
HEXEN
Fallt nun nieder in den Staub!
Kommt der Dieb doch jetzt zum Raub!
Dürfen wir in unsern Sünden
Satans Tiefen doch ergründen!
SATAN
Seien euch zwei Dinge hold,
Ehrt zumeist das gelbe Gold,
Der Vergänglichkeit zum Trotze,
Ehrt des Weibes feuchte Fotze!
MAGIER
Dürfen wir in unsern Sünden
Gottes Tiefen doch ergründen!
SATAN
Seien euch zwei Dinge hold,
Ehrt zumeist das gelbe Gold,
Dann zum Becken eurer Tänze
Wie die Schlangen ehrt die Schwänze!
HEXEN
Satan, schenke uns Ekstasen,
Wenn wir Männerschwänze blasen!
EINE HEXE
Ah, auch ich in meinen Sünden
Gottes Tiefe darf ergründen!
ASMODÄUS
(zu einem sechzehnjährigen Mädchen)
Was denn fürchtest du, mein Kind?
Warum zagst du? Sags geschwind!
MÄDCHEN
Ach der große Herr und Meister
Und der Gott der freien Geister
Sprach von Fotzen und von Schwänzen,
Das verletzt der Sitte Grenzen!
ASMODÄUS
Junges Mädchen, hübsche Nichte,
Auf die Wollust nicht verzichte,
Greife nach erhitztem Tanz
Deinem Onkel an den Schwanz!
SATAN
Ihr hübschen Mädchen, schönen Frauen,
Wie lasst ihr gerne euch versauen!
Tags Putzfrau auf des Herren Spuren,
Doch Nachts die allergeilsten Huren,
So preisen euch die Frauenkenner,
Die meine Knechte sind, die Männer.

(Orgie. Die Sauforgie geht rasend über in eine Sexorgie.)

FAUST
Daß ich mich nicht selbst vergesse
Bei der schwarzen Satansmesse!
ASMODÄUS
Komm nur her zum breiten Becher,
Sind wir doch die besten Zecher,
Frauen, Geister im Gehirne,
Frauen, nackt wie eine Dirne,
Schönste Frauen aus dem Städtchen,
Doch am allerliebsten Mädchen!
Wollen wir doch nicht verzichten
Auf die kaum verhüllten Nichten!
FAUST
Aber wer ist jene Frau?
ASMODÄUS
Die studiere du genau!
Lilith ist des Weibes Name,
Sie ist Adams erste Dame.
Ihre Macht liegt in den Haaren,
In den langen schönen Haaren!
Blitze schleudern ihre Augen,
Dir den Samen auszusaugen,
Will sie in der Nacht nicht säumen,
Saugt an dir in deinen Träumen,
Von dem Samen, den du spendest,
Wenn dich ihrem Mund zuwendest,
Sie gebiert Dämonensöhne!
Lilith, Lilith, wie ich stöhne!
FAUST
Schaue dort die weiche Mutter
Mit dem Busen weiß wie Butter
Und bei ihr das junge Mädchen,
Schönste Dirne aus dem Städtchen!
Nach der Liebeskünste Regeln
Wissen beide wohl zu vögeln!
ASMODÄUS
Heute gibt es keine Ruh,
Also rasch, wir greifen zu!
FAUST
(mit dem Mädchen flirtend)
Kürzlich hatt ich einen Traum,
Schaute einen Apfelbaum,
Schöne Äpfel, bei den Göttern,
Wollte ich den Baum beklettern!
MÄDCHEN
Hör von Äpfeln immer reden,
Immer von dem Garten Eden,
Äpfel hüpfen, Äpfel nicken,
Tust du nur die Äpfel pflücken!
ASMODÄUS
(mit der Mutter flirtend)
Weichen Herzens, süße Alte,
Wie ein Baum mit breiter Spalte,
An dem Baume hing die Feige,
Doch was weiter kommt? Ich schweige.
MUTTER
Alter Esel! Aber doch
In dem Baum das breite Loch,
Breite Spalte in den Borken,
Stopfe nur hinein den Korken!

(Das junge Mädchen singt. Ihr Gesang ist wie brünstiges Liebesgestöhn, sich steigernd zu
animalischer Brunft. Ihr Tanz gleicht den rhythmischen Bewegungen des Beckens beim Liebesakt –
fast kopuliert sie auf öffentlicher Bühne – da reißt sich Faust los.)

ASMODÄUS
Was willst du dieses Weib nicht necken?
Willst du denn nicht ihr Becken lecken?
FAUST
Grad, da ich fast sie schon begatte,
Schlüpft aus dem Mund ihr eine Ratte!
ASMODÄUS
Was solls, wenn Ratten quiekend piepen!
Das Mädchen wollt sich lassen lieben!
FAUST
Ich sehe, siehe, was ich schau - -

(In der Ferne ist Ann-Marie zu sehen, die Jugendgeliebte des Faust. Sie ist nackt.)

ASMODÄUS
Was schaust du? Etwa eine Frau?
FAUST
Siehst du die nackte Frau dort? Sie
Ist meine Liebe, Ann-Marie!
ASMODÄUS
Du leidest Halluzinationen
Und hältst die Träume für Visionen.
Die Frau dort ist nur ein Phantom,
Ein Schatte nur vom Lethe-Strom.
FAUST
Nein, das ist meiner Jugend Muse!
ASMODÄUS
Du lasest wohl von der Meduse!
FAUST
Ich seh die Lippen, rosenrote!
Erbarmen! Ach es ist die Tote!
Das ist die Brust, die ich genoss,
Der Schoß, den ich geliebt, der Schoß!
ASMODÄUS
Nein, du verliebter Turteltauber,
Das ist Magie nur, das ist Zauber,
Wie du sie siehst, die nackte Schöne,
So Paris sah einst die Helene.
FAUST
Ach welche Reue! Welche Leiden!
Ich will von dieser Frau nicht scheiden!

(Gericht. Ann-Marie steht auf dem Scheiterhaufen. Die Söhne des heiligen Dominikus und die
Söhne des heiligen Franziskus begleiten sie bis zum Tode.)

DAS FROMME VOLK


Heiliger Gott! Heiliger starker Gott! Heiliger unsterblicher Gott! Wir opfern dir auf den Leib und
das Blut, die Seele und die Gottheit unsres Herrn Jesus Christus, deines Sohnes, um Erbarmen zu
erlangen für uns und für die ganze Welt! Herr Jesus, bewahre uns vor dem Feuer der Hölle! Führe
alle Seelen in den Himmel, besonders jene, die deiner Barmherzigkeit am meisten bedürfen! Ave
Maria!
PATER
Du, Ann-Marie, stehst vor dem Tod,
Schrei du aus allertiefster Not
Zu Jesus Christus voll Erbarmen:
Erbarm dich, Jesus, deiner Armen!
Ich traue dir, mein Jesus Christ,
Der du allein mein Retter bist!
Ich bin ein Weib – ein schlechtes Weib –
Doch, Jesus, schenk mir deinen Leib!
O geh du ein zu meinem Munde,
Mein Gott, in meiner Todesstunde!

(Die Erscheinung verlöscht. Die tiefste Nacht bricht über Faust herein.)

FAUST
(allein)
Erbarme dich, Herr Jesus Christus!

IM TIEFSTEN VERLIESS

(Una Poenitentium, vormals Röschen genannt, in Ketten. Faust vor der Tür mit brennender Fackel
und Schlüsselbund.)

FAUST
Es geht ein Messer durch meine Seele! Entsetzlicher Schrecken! Muß ich noch barfuß durch die
Hölle pilgern? Doch sammle dich, Seele, ich will mit der Geliebten reden.
UNA POENITENTIUM
(singt)
Meine Mutter, meine Mutter,
Dieses Weib hat mich vergessen,
Ach mein Vater, ach mein Vater,
Ach der hat mich aufgefressen,
Meine Schwester streckt die Beine,
Oh wie möchte ich mich tümmeln,
Fühl mich gleich den jungen Vögeln,
Fliegen will ich in den Himmeln!
FAUST
Geliebte! Freundin!
UNA
Ist das der Engel des Todes?
FAUST
Hab keine Angst! Ich bin’s! Ich komme, dich zu befreien!
UNA
Jetzt schon? Komm doch morgen wieder!
FAUST
Lass mich nur machen.
UNA
Ich will leben, ich will leben! Ach in der Mitte meines Lebens! Ich war doch schön in meiner
Jugend, nicht wahr? Ich bin nur ein armes Weib. Ach wie schön die Blumen sind, schau doch mal,
die rosa Tulpe. Ach, was hab ich getan! Ich kenne dich nicht. Ich habe mein ganzes Leben lang dich
nicht Einmal angeschaut!
FAUST
Sie ist verrückt.
UNA
Sieh doch mein Kind! Ach, ich muß meinem Kindchen die Brust geben! Wo ist mein Kind? Da war
der Knabe doch eben noch, da war er doch eben noch! Weh mir, sie haben mir meinen Knaben
weggenommen! Sie sagen, ich hätte mein eignes Kind ermordet! Am Ort der Gerechtigkeit herrscht
die Ungerechtigkeit! Die Richter lügen!
FAUST
Geliebte, Geliebte!
UNA
Ich hör’s rufen: Geliebte, Geliebte! Ist Er das? In all meiner Todesangst kenn ich Seine Stimme, Er
ruft: Geliebte, Geliebte!
FAUST
(hält ihre Hand)
O Freundin! Komm, Geliebte, ich bin’s! Ich bringe dich ins Leben zurück! Komm mit mir in die
Freiheit!
UNA
Küss mich!
FAUST
Ich gebe dir tausend Küsse, zehntausend Küsse, aber nicht im Kerker hier, sondern dort in der
Freiheit!
UNA
Küss mich! Oh du kannst küssen! Oh wie du küssen kannst! Küss mich, sonst küss ich dich!
(Sie küsst ihn.)
Küsse ich den Engel des Todes?
FAUST
Komm! Zehntausend Küsse, mehr als der Sand am Meer, aber komm, komm in die Freiheit!
UNA
Du löst die Ketten?
FAUST
Komm, komm rasch, Geliebte!
UNA
Meine Mutter ist tot, mein Kind ward mir genommen! Dein Liebling, mein Freund! Lieber Gott im
Himmel! Du bist doch kein Traum? Mein Freund, gib mir deine Hand! Ach, ich werde verrückt!
FAUST
Ich sterbe vor Schmerzen!
UNA
Nein, du musst noch leben bleiben! Wer soll denn sonst mein Grab pflegen? Leg mir meinen
kleinen Knaben an den Busen! Gib mir deine Hand, mein Freund, du bist mein Ehemann.
FAUST
Siehst du mich? Hörst du mich? Ich bin’s! Ich bin gekommen, dich in die Freiheit zu holen!
UNA
In die Welt? Auf keinen Fall! Ich will in die Ewige Ruh!
FAUST
Die Tür ist offen, komm!
UNA
Da warten welche...
FAUST
Freundin, Geliebte, in die Freiheit komm!
UNA
Siehst du meinen kleinen Liebling? Er weint! Rette meinen Sohn! Rette unsern Liebling! Bring ihn
in Sicherheit!
FAUST
Dich will ich retten! Deine Seele!
UNA
Meine Großmutter sitzt im Sessel. Ihr Kopf ist herabgesunken. Ihr Strickzeug liegt in ihrem Schoß.
Sie macht die Augen auf und lächelt mich an.
FAUST
Ich sehe die Wimpern der Morgenröte, Geliebte, Freundin!
UNA
Der Morgenstern ist aufgegangen in meinem Herzen. Das ist mein Hochzeitstag! Ach, du warst ja
schon in der dunklen Nacht vor dem Hochzeitstag im Schoße deiner Geliebten, bekenn es nur! Ach,
ich verlasse dich nicht. Wir werden uns wiedersehen. Die Glocke! Hörst du? Die Glocke läutet die
Morgenmesse ein!

(Asmodäus tritt ein.)

ASMODÄUS
Mein Hengst wird unruhig. Mein Hengst wiehert schon brünstig.
UNA
Schick den da weg, schick den Satansbraten weg! O Mütterchen Gottesmutter! Rette mich,
Mütterchen Gottesmutter! Adieu, mein Freund!
FAUST
Ich verlasse dich nicht!
UNA
Mütterchen Gottesmutter, ich lege meine Seele in deinen Schoß! Adieu, Geliebter, pass gut auf dich
auf!
ASMODÄUS
Sie muß vor den Richter!

(Asmodäus verschwindet mit Faust. Una Poenitentium bleibt allein zurück.)

UNA
(verhallend)
Mein Jesus, Barmherzigkeit...........

ZWEITER TEIL

ERSTER AKT

(Szene: Griechenland. Zeit: Antike.)

DIE NYMPHEN
O Schwestern, beuget euch und legt die Ohren
An grünen Rasen an des Flusses Ufer.
Was ich vernehme, in der Nähe kommend,
Das ist der Klang von Hufen auf der Erde.
Wenn ich nur wüsste, wer da Nachricht bringt.
Schnell, schnell, und in die dunkle Nacht hinein!

FAUST
Für mich scheint dieser Boden schön zu klingen
Von eines schnellen Hengstes harten Hufen.
Dort, schaut, ihr meine Augen! Lust ist nah!
O wird sie zu mir kommen, diese Gute?
O, frage mich, sie ist die Ohnegleiche!
Ein Reiter trabt nun sicher auf mich zu,
Begabt, beglänzt mit hohem Geist und Kraft,
Auf einem weißen Pferd, so weiß wie Schnee…
Ich kenne ihn, ich kann da falsch nicht liegen,
Es ist der weltberühmte Sohn Philyras!
Halt, Chiron, halt, und höre meine Rede!

CHIRON
Was ist geschehn und wer ist gegenwärtig?

FAUST
O Chiron, zögre einen Augenblick!

CHIRON
Ich habe nie in meinem Herzen Ruhe.

FAUST
Nun, nimm mich mit mit dir auf deinem Schimmel!
CHIRON
Steig auf! Und ich will dir die Frage stellen:
Wo willst du hin? Es geht durch einen Fluss,
Ich trage durch die Flut dich mit Vergnügen.

FAUST (steigt auf Chirons Rücken.)


Wohin du willst! Mein Dank gilt dir für immer.
Du bist der große Mann, der edle Lehrer,
Berühmt für die Erziehung großer Helden,
Der Lehrer bei dem Werk der Argonauten
Und aller, die erbauen die Poeten.

CHIRON
Ja, aller, die an rechter Stelle waren,
Als Mentor wurde Pallas nicht geschätzt.
Am Ende gingen sie die eignen Wege,
Als wären sie von mir erzogen nicht.

FAUST
Den Arzt, der alle Pflanzen kann benennen
Und der zutiefst versteht der Heilung Wurzeln,
Der heilt die Kranken und der stillt die Wunden,
Den, stark an Leib und Geist, hab ich gefunden.

CHIRON
Wenn nahe mir ein Heros wird verletzt,
Ich hab das Recht zu Hilfe und Beratung.
Doch schließlich übergab ich meine Künste
Den frommen Nonnen und den alten Hexen.

FAUST
Du hast die Fähigkeit des großen Mannes:
Er will sein Lob aus fremdem Mund nicht hören,
Er ist bescheiden, er will uns erhöhen,
Wird handeln so, als wären alle gleich.

CHIRON
Du scheinst mir sehr geschickt in diesen Sachen,
Wie man dem Volke und dem Fürsten schmeichelt.

FAUST
Doch wenn du heute es gestehen müsstest:
Ich sah den größten aus dem Altertum,
Bereit zu Taten, welche vornehm waren,
Der lebte beinah eines Halbgotts Leben.
Doch unter all den edel-großen Helden,
Wer war der beste von den Helden allen?

CHIRON
Nun, bei den Argonauten ihrer Zeit
War jeder würdig auf die eigne Art.
Und von den Mächten, die sie eingeatmet,
Sie wussten viel, wenn andre scheiterten.
So Kastor hat und Pollux hat gewonnen,
Wenn Jugendreiz und Schönheit wird geehrt.
Bei der Bestimmung schneller Hilfe waren
Die Ersten Calais und sein Bruder Zetes,
Nachdenklich, klug und stark und gut beraten,
Und Jason war des Frauenvolkes Freude.
Dann Orpheus, sanft und immer sinnend brütend,
Die Leier spielend übermächtig schön.
Dann Lynkeus auch mit scharfen Augen, immer
Das Schiff er führt vorbei an Riff und Kliff.
Stets der Gefahr als Brüder konfrontiert,
Wenn etwas man erreicht, wird man gelobt.

FAUST
Von Herakles ist nichts zu sagen? Oder?

CHIRON
Oh wecke nicht in mir die Sehnsuchtsglut!
Nie stellt man fest, wie Phöbus oder Hermes,
Wie herrlich Ares wurde definiert,
Mit meinen eignen Augen sah ich ihn,
Was alle Menschen doch als göttlich loben!
Geborner König er, nichts anderes,
Und eine herrlich-schöne Jugendkraft,
Nachgebend seinem erstgebornen Bruder,
Nachgebend auch der Schönsten aller Frauen.
Der Gäa ist ein zweiter nicht bekannt,
Den Hebe so geführt in Himmelszonen.
Vergeblich singen sie die Lieder ihm,
Vergeblich schnitzen sie den Marmor ihm.

FAUST
Bildhauer haben nie die Form empfangen,
Doch viele Bilder haben sie gebildet.
Du hast gesprochen von dem schönsten Mann,
O bitte, sprich nun von dem schönsten Mädchen!...

CHIRON
Die!… Nein, ich rede nicht von Frauenschönheit,
Sie ist so oft gefrorner Maske ähnlich.
Ich kann nur wahrlich loben die Natur,
Die frei und fließend ist und immer heiter.
Oft ist die Schönheit mit sich selbst zufrieden,
Unwiderstehlich ist der Grazie Anmut,
So wie Helene, die ich einst getragen.

FAUST
Du tugest sie, die herrliche Helene?

CHIRON
Auf diesem Rücken trug ich sie zurück.
FAUST
Fürwahr, ausreichend bin ich aufgeweckt!
Ein solcher Sitz! Er muss mir Freude bringen!

CHIRON
Sie packte an der Mähne mich, wie du.

FAUST
Ich bin besiegt, ah, ich bin überwältigt,
Vollkommen! Sag mir, warum war sie hier?
Sie ist mein Ein-und-Alles, mein Begehren!
Du trugest sie, von woher und wohin?

CHIRON
Ist leicht zu sagen, was du wissen willst.
Zu dieser Zeit die Dioskuren Kastor
Und Pollux haben sie befreit, Helene,
Ihr Schwesterchen, aus einem Nest von Räubern.
Die Räuber kaum sind überwunden worden,
Da haben sie erneut den Mut gewonnen
Und jagten nach der herrlichen Helene.
Die Schwester und die Zwillingsbrüder eilten.
Natürlich wurden sie da aufgehalten
Durch Sümpfe, die da bei Eleusis liegen.
Die Brüder wateten. Und ich schwamm schnell,
Da sprang sie ab und streichelte mir sanft
Die feuchte Mähne, streichelte und dankte,
So süß und klüglich ihre Fähigkeiten,
Sie war charmant! Ihr Lächeln sehr charmant!
Die Jugend, die den alten Mann begeistert!

FAUST
Zehn Jahre jung die liebliche Helene?

CHIRON
Gelehrte Philologen täuschen sich,
Ich sehe aber, dass du auch dich täuschst.
So seltsam ist es mit der Frau der Mythe,
Poeten nehmen sie, uns zu verführen,
Sie kann nicht älter werden, ist nie alt,
In gleiche Form gegossen, stets verlockend,
Verführerisch, ist sie ein jungen Mädchen,
Und also einen alten Mann begeisternd,
Zeit nicht beschränkt die Flüge des Poeten.

FAUST
Du ließt sie, die kein Alter je gefesselt?
Achilles fand auf Pherä einmal sie,
Erhaben über alle Altersgruppen.
Was für ein seltnes Glück war das für ihn,
Trotz Schicksal, ihre Liebe zu gewinnen!
Und red ich von der Stärke meiner Sehnsucht,
Zu ziehn die Form an mich, die einzigartig,
Lebendig, reines Sein, der Gottheit ähnlich,
Noch zart, schon groß, wie sie erhaben ist.
Sie schaute. Heut hab ich zu ihr gesehn,
Die Attraktion, so lieblich wie erwünscht.
Und jetzt ist meine Seele stark gebunden,
Krieg ich sie nicht, dann überleb ich nicht!...

CHIRON
Ach Fremder, du bist hingerissen, Mensch,
Und unter uns Dämonen: Du bist irre!
Doch jetzt dein Schicksal soll sich hier erfüllen,
Wenn auch nur einen Augenblick im Jahr,
Ich nehm die Zeit mir, Manto anzurufen,
Die Tochter Äskulaps, im stillen Beten
Sie zu dem Vater fleht, mehrt seinen Ruhm,
Erleuchtet so den Arzt des Rückenmarks,
Er soll sich um den Tod nicht weiter sorgen.
Sie ist die Liebste mir von den Sibyllen,
Frei von Grimassen, freundlich und voll Großmut.
Willst bleiben du bei ihr, sie hat die Macht,
Zu heilen dich mit Kräutern und mit Wurzeln.

FAUST
Ich brauche keine Heilung von der Ärztin,
Mein Geist ist strahlend und von Kraft erfüllt!

CHIRON
Verachte nicht die Heilkraft einer Quelle!
Wir sind am Ort, jetzt schnell, steig ab vom Pferd!

FAUST
Sag mir, wo über Kiesel läuft das Wasser
In dunkler Nacht. Wohin bin ich gekommen?

CHIRON
Hier Griechenland und Rom dem Kampfe trotzen,
Olympus linker Hand und rechts der Peneus,
Das größte Reich ward hier im Sand verloren,
Ein König fliegt, um Bürger zu gewinnen.
Schau! In der Nähe das berühmte Tempe,
Das ewige, dort unterm Mondscheinhimmel.

MANTO (von innen, träumend.)


Hufe der Pferde ertönen
Hier auf dem heiligen Boden,
Halbgötter kommen zum Tempel!

CHIRON
Sehr richtig, Manto. Nur die Augen öffne!
MANTO (wandelnd)
Gegrüßt! Ich seh, du bist nicht weggeblieben.

CHRON
Und hier dein Tempel ist noch immer da.

MANTO
Du willst noch unermüdlich galoppieren?

CHIRON
Und du, wie immer, friedlich sitzt du da,
Dieweil genieße ich das runde Kreisen.

MANTO
Ich warte, und die Zeit zieht ihre Kreise,
Die ich gefunden bin. Und wer ist der?

CHIRON
Die schattenhafte Nacht hat ihn gewirbelt
In unsre Augen. Er begehrt Helene,
Helene macht ihn irre und verrückt!
Er weiß nicht, wie er es beginnen soll.
Vor allem braucht er deine Heilung, Ärztin.

MANTO
Ich mag, die das Unmögliche begehren.

(Chiron ist schon weit weg.)

Rasch, Mann, und komm, hier wartet Lust auf dich!


Der dunkle Weg führt zu der Jungfrau Kore…
Tief unter dem Olympus hört die Göttin
Geheimnisvolle und verborgne Grüße.
Ich habe Orpheus einst hier eingeschmuggelt.
Nutz deine Chance besser! Schnell! Sei achtsam!

(Sie steigen hinab.)

ZWEITER AKT

(Szene: Im Mittelmeer.)

DIE SIRENEN
Jetzt leicht zu sehen und mit weichen Schritten,
Rund um die Wagen klingeln laut die Räder,
Oft weben wir nur Zeile still um Zeile,
Ist alles klar, und rundum schlängelt es.
Nun kommt zu uns, aktive Nereiden,
Und bringt auch die Doriden mit, inmitten
Steht Galathea, Tochter sie der Mutter,
Die ruht am meisten, so wie ihre Göttin,
Die wahrlich würdig der Unsterblichkeit,
Verlockend auch mit ihrem süßen Charme,
Als Menschlichkeit und reine Weiblichkeit.

DIE DORIDEN (im Chor, auf Delphinen reitend, vorbei an Nereus.)


So leihe uns, o Luna, Licht und Schatten,
Gib Klarheit du der blühendschönen Jugend!
Bezaubernde Genossen sind hier da,
Fürbitte du für sie bei unserm Vater!

(Zu Nereus.)

Hier sind die Knaben, die wir einst gerettet


Aus dem verschlingend offnen Rachen, dann
Wir haben sie in Schilf und Moos gebettet,
Erwärmend wieder sie zu neuem Leben,
Und jetzt mit glühendheißen Küssen sie
Uns wirklich müssen danken, hier und jetzt.
Schau gnädig auf die Knaben, Herr, herab!

NEREUS
Hier gibt es einen zweiten Preis und Schatz,
Ihr zeigt Barmherzigkeit, das macht euch glücklich...

DIE DORIDEN
O Vater, lobe unsere Mission
Und sanktioniere gerne unsre Bitten.
Umfangen wir sie schnell, unsterblich jung
Und froh an jeder ewigjungen Brust!

NEREUS
Seid glücklich mit dem Fang, dem großen Fang,
Und akzeptiert die Knaben hier wie Männer.
Ich kann es nicht gewähren, was ihr bittet,
Zeus-Vater möge es euch möglich machen.
Die Wellen, die sie hieven, die sie schaukeln,
Die lassen keinen Platz mehr für die Liebe.
Wenn also eure Neigung euch verlässt,
So schickt getrost die Knaben an das Land.

DIE DORIDEN
Ach süße Knaben, wie sie lieb uns sind!
Doch leider müssen wir uns wieder trennen.
Wir hofften auf die ewigtreue Liebe,
Die Götter, ach, verbietens und das Schicksal.

DIE KNABEN
Wir sind die tapfern Knaben, die Matrosen,
Ach möchtet ihr uns doch nur weiter halten!
Wir hattens nie so gut als wie bei euch
Und werdens nie auf Erden besser haben.

(Galathea nähert sich auf ihrem Muschel-Wagen.)

NEREUS
Du bist mein Liebling, schönste Galathea!

GALATHEA
O Vater mein im Meere, meine Wonne!
Delphine, still, ich bin vom Schaun ergriffen!

NEREUS
Vergangnes ist bereits Vergangenheit,
In Kreisbewegung immer zyklisch kreisend.
Ach welche Pflege fürs Gefühl des Herzens!
Wenn sie mich mit sich nehmen würde schließlich!
Und doch gibt es hier nur den Einen Blick,
Den Blick, der lange Jahre dauern wird.

THALES
Heil, Heil und Heil! Wie selig ich mich fühle,
Durchbohrt so ganz vom Wahren, Guten, Schönen!
Das alles wurde durch den feuchten Blick,
Die Dinge alle wurden durch das Wasser.
Du Ozean, gib uns das Reich für immer!
Und wenn du nicht bis zu den Wolken reichtest,
So gäb es keine Bäche, die da fließen,
Die Flüsse würden brüllen nicht und schreien,
Die Ströme würden niemals Blasen werfen,
Wo wären dann die Hügel und die Welt?
Des Lebens Frische ists, die du erhältst.

ECHO (Chor der kollektiven Kreise.)


Des Lebens Frische fließt erneut von dir.

NEREUS
So treib dich, Ort, und dreh und ändre dich,
Nicht mehr von Angesicht zu Angesicht,
In Kreisen sich erweitert die Verknüpfung,
Zur Feier passend die Gemeinden weben.
Jedoch den Muschelthron der Galathea,
Ich seh ihn klar, ich seh ihn immer noch,
Er glänzt so wie ein Sternbild durch die Menge,
Ach Menge, die Geliebte unter ihnen!
Obwohl so fern, doch glänzt sie hell und klar,
Ist immer wahr, ist immer in der Nähe.

HOMUNKULUS
In diesem reizevollen Ozean
Ich kann nicht strahlen, hier ist alles schön!

PROTEUS
In diesem lebensvollen Ozean
Sind leuchtende Bewegungen des Lichts,
Sind erste Ringe da in Pracht und Prunk.

NEREUS
Hier in der Menge Herzen welche Rätsel
Doch offenbaren sich vor unsern Augen!
Was schimmert um die Muschel in dem Meer,
Was schimmert hier zu Galatheas Füßen?
Sie werden stark, jetzt sind sie sanft und süß,
Wie vom Impuls der Liebe eingeführt.

THALES
Homunkulus, gezogen dort von Proteus,
Symptome sinds der Herrscherin, der Sehnsucht!
Ich würde Glockenläuten jetzt erwarten,
Er wird sich setzen auf den Glitzerthron,
Er glitzert und er blinkt und geht davon.

DIE SIRENEN
O Feuerwunder, die das Meer verklären!
Nun einer auf dem andern funkelnd ruht!
Es blinkt und flackert und es hellt sich auf,
Nachts glänzen uns die Körperspuren an
Und alles, was mit Flammen nah umgeben.
So preisen wir des großen Eros Regel,
Der große Eros hat das Spiel begonnen!
Den Ozeanen Heil und Heil der Flut!
Die eingekreist jetzt von des Himmels Feuer!
Heil Wasser! Feuer Heil! Und Heil der Luft!

ALLE IM CHOR
Heil sei dem sanften Fluss des Kinderspiels!
Gegrüßt seist du, verborgne Meeresgrotte!
Vier Elemente und die Quintessenz
Von Ewigkeit zu Ewigkeit gefeiert!

DRITTER AKT

(Szene: Vor dem Palast des Menelaos in Sparta.)

(Helene tritt mit dem Chor der gefangenen trojanischen Frauen auf. Panthalis ist Führerin des
Chores.)

HELENE
Ich bin Helene, viel geschmäht und viel bewundert,
Ich komme von der Küste, wo wir landeten,
Benetzt noch von der Macht des Schaukelns dieser Wellen,
Von Phrygiens Höhe auf dem hochgewölbten Rücken,
Von Posidaons Gnade und des Ostwinds Macht,
Die uns hierher getragen an der Heimat Küste.
Dort, unter uns, bei seinen tapfersten Soldaten
Der König Menelaos feiert seine Rückkehr.
Du aber heiße mich willkommen, hohes Haus,
Das Vater Tyndareus baute, als er heim kam,
Kam von den Steigungen des Hügels der Athene:
Hier, wo mit Klytämnestra, meiner Schwester, ich
Und aufgewachsen mit den Zwillingen und spielte,
Sie mehr als edel sind geschmückt, die Häuser Spartas.
Sei mir gegrüßt, du vielgeehrte Doppeltür!
Einst Menelaos kam zu mir, der Bräutigam,
Er kam zu mir durchs freundlich ladende Portal,
Zu mir, die ward herausgegriffen unter vielen.
So tu dich wieder auf, dass ich vielleicht erfülle
Des Herrn Befehl. Ich sollte das als eine Frau.
So lass mich ein! Und alles sei zurück gelassen,
Das um mich wütet jetzt so voll von Untergang.
Denn da im Licht des Herzens ich verließ den Ort,
Ich suchte auf der Venus Tempel, meine Pflicht,
Stattdessen dort entführte mich ein Räuber Troas'.
Geschehn sind viele Dinge, Männer, weit und breit,
Die gerne man erzählt, wills keiner auch vernehmen,
Wie die Geschichte wuchs, der Mythos ward gesponnen.

CHOR
O wundervolle Dame, nicht verachte
Das Erbe du der Häuser alten Adels!
Das Schicksal hat es dir allein gewährt,
Den Ruhm der Schönheit, über allen thronend.
Des Helden Name klingt ihm laut voraus,
Er schreitet stolz auf seiner Heldenbahn,
Doch beugt er sich, der stolzeste der Männer,
Vor deiner Herrlichkeit in Geist und Form!

HELENE
Genug davon! Ich ward zu meinem Mann gebracht,
Ich bin zu ihm gesendet, jetzt, in seine Stadt:
Was aber ist der Sinn? Ich kann es kaum erraten.
Komm ich als seine Frau? Komm ich als Königin?
Bin ich ein Opfer, für des Fürsten bittre Schmerzen,
Der er der Griechen Unglück lange ausgehalten?
Erobert ich, bin ich Gefangene? Ich weiß nicht.
Es stimmt, die Himmlischen ernennen Ruhm und Schicksal,
Zweideutige und zweifelhafte Wegbegleiter
Der Schönheit, hier zu stehn mit mir an dieser Schwelle,
Bedrohlich-düstere Präsenz an meiner Seite.
Auch in dem hohen Schiff mein Mann nur blickte selten
Mich an und sprach ein Wort, ermutigend die Frau.
Er saß vor mir, als ob er wär voll bösen Denkens,
Kaum hatte er vom Schiffsbug schon begrüßt das Land
In dieser Bucht, die machte des Eurotas Mündung,
Als er zu mir gesprochen, wie die Götter drängten:
„Hier die Soldaten steigen aus in Reihen-Ordnung,
Ich werde führen sie entlang des Meeresufers,
Du aber, du wirst gehen an dem Ufersaum
Des heiligen Eurotas, hell von Apfelgärten,
Die Pferde führe, die im Glanz des Wassers weiden,
Bis deiner schönen Reise wird ein frommes Ende,
Wo Lakedämon, einst ein reiches Erntefeld
Durch strenge Berge, von den Göttern ward erschaffen.
Spaziere durch das hohe Turmhaus dann des Fürsten,
Beschwöre dann die alte Magd in ihrer Lage
Mit ihren Mägden, die ich hab zurückgelassen,
Und lass sie zeigen dir den reichen Schatz des Hauses,
Das, was verlassen hat dein Vater und was ich
Hinzugefügt und angehäuft in Krieg und Frieden.
Du wirst es alles in vollkommner Ordnung finden,
Es ist ein Privileg, dass es ein Fürst soll finden,
Nach seiner Rückkehr in sein Haus Loyalität,
Was er zurück ließ, noch an seinem Platz zu finden,
Kein Sklave hat die Macht, Verändrung zu bewirken.“

CHOR
Lass diesen Schatz, so fest zusammgezogen,
Begeistrung bringen jetzt der Brust, den Augen!
Halsketten hell und Kronen ganz aus Gold,
Die ruhten dunkel dort in stolzer Ruhe.
Jetzt aber geh, behaupte du sie alle,
Sie alle werden reagieren schnell.
Ich lieb, zu sehn die Schönheit konkurrieren
Mit Gold und Perlen und mit Edelsteinen.

HELENE
So wieder kam die strenge Rede meines Herrn:
„Wenn man das in der Reihenfolge untersucht,
Nimm so viel Gaben, wie du denkst, dass du sie brauchst,
Wie viele Schiffe sind erforderlich zum Opfer,
Um zu erfüllen die gewohnten frommen Riten.
Nimm Kessel du und Becken und die runden Schalen,
Das reinste Wasser aus der Heiligkeit der Quelle
In tiefen Urnen, achte, dass du trocknes Holz hast,
Das eilig Feuer fängt, und alles halt bereit,
Nicht zu vergessen auch ein gut geschliffnes Messer,
Das andre alles überlass ich deiner Wahl.“
So sprach er in der gleichen Zeit und drängte mich,
Doch nichts Lebendiges bezeichnend er befahl,
Dass es getötet werde, Götter anzubeten.
Ich aber denke nicht mehr länger drüber nach
Und lasse alles in der Götter guten Händen.
Denn sie erfüllen, was in ihrem Geist zu tun ist,
Ob wir es gut nun oder böse finden mögen,
In jedem Fall die Menschen müssen es ertragen.
Die schwere Axt des Priesters wurde aufgehoben
Oft über den gebeugten Hals des Opfertieres,
Doch konnte er nicht schlachten, denn er ward behindert
Durch Feinde in der Nähe oder Götter-Einspruch.

CHOR
Was könnte dir geschehen? Denk nicht dran!
O Königin, voran, und geh nach innen,
Sei guten Mutes! Gut und Böse sind
Unangekündigt oft den Menschenkindern,
Verkündigt wird es, doch wir glauben nicht,
So Troja ward verbrannt, noch sahn wir nicht
Die Schmach des Tods in unsern Angesichtern.
Sind wir nicht hier, die Freundinnen, die dienen?
Schau auf zur blendend-hellen Himmelssonne,
Schau an die schönsten Blumen auf der Erde,
Wir sind von gleicher Art, die Freudenreichen!

HELENE
Lasst sein es, wie es will. Was immer mich erwartet,
Ich muss doch gehen schnell in dieses Königshaus,
Das lang verlassen, oft ersehnt und fast verloren,
Hier sieht mein Auge es noch mal, ich weiß nicht wie?
Die Füße tragen mich nicht weiter tapfer jetzt,
Bis Stufen übersprungen, die das Kind betrat.

CHOR
O ihr schmerzhaften Gefangen,
Werft nun, o ihr lieben Schwestern,
Eure Schmerzen in die Winde,
Teilt die Freuden eurer Herrin,
Teilt die Freude mit Helene,
Die zurückkehrt, spät am Abend,
In das Heim, zum Herd des Vaters,
Tut mit allem eure Schritte,
Nähert euch als die Entzückten!

Lobt die Heiligkeit der Götter,


Denn sie bringen Glück und Freude,
Bringen Wanderer nach Hause!
Seht, befreit sind die Gefangnen,
Und sie steigen auf mit Flügeln,
Steigen über harte Felsen,
Während alles ist vergeblich,
Die Gefangnen, voller Sehnsucht,
Ausgestreckt sind ihre Arme
Bis an die Gefängnismauern.

Einer hat sie aufgefangen,


Gott, die fern in der Verbannung,
Und vom heißen Sturz von Troja
Trug der Gottherr sie nach Hause,
In das alte, neu geschmückte,
In das Haus des Vaterlandes,
Fort von namenlosen Qualen,
Neu geboren, sich erinnernd
An die heitern Kindheitstage.

PANTHALIS (Führerin des Chores.)


Jetzt lass den Pfad zu deinem freudigen Gesang
Und wende deine Augen zu der offnen Tür!
Was muss ich sehen, Schwestern? Kehrt die Herrin doch
Aufwachend uns sich zu mit angsterfüllten Schritten!
Was ist es, Herrin? Was magst du gesehen haben
In deines Hauses Hallen statt des Friedensgrußes,
Was Zittern dir verursacht? Du kannst nichts verbergen,
Da Schüchternheit auf deiner Stirn geschrieben steht,
Und dein Erstaunen konkurriert mit edlem Zorn.

HELENE (Sie hat die Türen offen gelassen in ihrem Aufruhr.)


Zeus' Tochter wird von keiner dummen Angst gerührt,
Nicht eine leichte Hand des Schreckens sie berührt,
Nein, nur der Horror, dass der Schoß der alten Nacht
Erwacht ist aus dem Chaos und zu Form gestaltet,
Die Wolken, die nach oben schießen und nach außen,
Der Feuer-Rachen lässt die Heldenbrust erbeben.
Die Götter heute hier des Styx bezeichnen so
Den Eingang zu dem Haus mit Schrecken. Gerne würde
Ich wegbegeben mich und gehen wie ein Gast,
Fern dieser oft betretnen, lang ersehnten Schwelle.
Ich hab mich hier zurückgezogen in das Licht,
Ihr werdet mich nicht weiter drängen, wer ihr seid,
Ihr Mächte! Vielmehr denke ich an eine Weihe,
So dass der Herd gereinigt grüßt die Frau des Herrn.

PANTHALIS
O Dame, offenbare deinen Mägden hier,
Die dir zu helfen willig sind: Was ist geschehen?

HELENE
Du wirst es sehen, was ich selbst gesehen habe,
Wenn nicht die alte Nacht es wieder gleich verschluckt,
Die Form von ihr zurück zog in des Herzens Tiefen.
Ich will es zeigen dir in Worten, dass du weißt:
Mit meinen letzten Fragen in dem Kopfe trat ich
Erst in den innern Raum des königlichen Schlosses,
Beeindruckt von der Stille düstrer Korridore,
Kein Ton der Arbeits-Unrast grüßte meine Ohren,
Kein Ton von aufgewandter Mühe, die mein Blick sah,
Und keine Schaffnerin erschien und keine Mägde,
Kein Gruß der Höflichkeit, wie man den Fremden grü0t.
Als ich der Feuerstelle mich aus Stein genähert
Und ihrer Asche, die noch glühte, schaute ich
Ein Weib verschleiert, großer Form, am Boden hockend,
Nicht so wie eine Schlafende, doch in Gedanken.
Ich rief ihr zu, sie solle schaffen, ich befahl es,
Mir schien, sie sei die Schaffnerin, die mein Gemahl
Vielleicht einst angestellt, mit Weitblick, als er ging.
Sie saß noch immer da, geduckt und unbeweglich,
Durch meine Drohung dann gerührt, hob sie den Arm,
Als ob sie mich weg winkte so von Herd und Halle.
Da stellte ich mich neben sie, war wütend, zornig,
Und schritt dahin, wo schön der Thalamos geschmückt
Dicht neben ihr und hoch des Schatzes Kammer.
Die Form sprang auf vom Boden, seltsame Gestalt,
Sie stellte sich mir in den Weg und schaute herrisch,
So groß und hohl und hager, blutig rot der Blick.
Die Form so hässlich, dass geängstigt ward mein Auge,
Doch red ich in den Wind, die Worte selbst ermüden
Bei dem Versuch, die Form zu zaubern, ganz vergeblich.
Du überzeug dich selbst! Sie traut sich an das Licht!
Hier ich bin Herrin, bis der König kommen wird!
O Phöbus, Freund der Schönheit, treib die Ausgeburt
Der Nacht zurück in unterirdische Kavernen!

(Phorkyas erscheint auf der Schwelle zwischen den Türpfosten.)

CHOR
Viel habe ich gelernt, auch wenn die Strähnchen
Sind jugendlich noch über meinen Schläfen.
Viel Schreckensdinge, die ich hab gesehen,
Soldaten-Elend, Trojas Brand und Fall.

Durch Trübsal und durch Staub der Turbulenzen


Der Krieger-Masse hörte ich die Götter
Erschrecklich rufen, hörte auch das Klingeln
Der Zwietrachts-Stimme hin durch Feld und Stadt.

Sie standen immer noch, von Ilion


Die Mauern, doch der rote Schein der Flammen
Bald lief von Nachbarhaus zu Nachbarhaus,
Sich immer mehr verbreitend, hin und her,
Mit Sturmes-Atem in der dunklen Stadt.
Und fliehen sah durch Rauch und Hitze ich
Sie unter lodernd heißen Feuerzungen,
Bang vor der zornigen Präsenz der Götter,
So furchtbar sah ich schreiten diese Mengen
Wie Riesen durch die dichte Finsternis,
Das Feuer nur erleuchtete den Qualm.

So habe ich gesehen die Verwirrung.


Wie, oder hat der Angstgeist mich verbraucht?
Ich werde niemals in der Lage sein,
Zu sagen das, doch bin mir wirklich sicher
Darüber, was ich hier nun sehe: Sie,
Monströse Form, so hässlich meinen Augen,
Mit meiner Hand ich konnte sie berühren,
Der Schreck hielt mich zurück vor der Gefahr.

Welches Kind von Phorkyas bist du?


Ich vergleich dich dieser Sippe.

Bist du eine von den Graien,


Nur ein Zahn und nur ein Auge,
Bist du eine von den Grauen?

Monster! Kannst du das denn wagen,


Neben dieser reinen Schönheit
Dich zu zeigen Phöbus' Augen,
Seine Blicke zu erdulden?

Phöbus ist es nicht gleichgültig,


Der nichts sieht, was hässlich aussieht,
So wie seine lichten Augen
Nie gesehen haben Schatten.

Wir Menschen aber leider sind gezwungen


Durch unglückselig-düsteres Geschick,
Zum unaussprechlich schmerzensreichen Anblick
Der ganz verwerflichen, von Qual verfolgten,
Die provoziert die Freundinnen der Schönheit.

Doch höre du uns zu, wenn du hier mutig


Begegnest uns, so höre diesen Fluch,
Die Drohung höre eines jeden Missbrauchs,
Hör dies vom Munde des verklagten Glücks,
Des Glückes, das die Götter selbst geschaffen!

PHORKYAS (Der transformierte Asmodäus.)


Das Sprichwort ist schon alt, das kündet wahr und edel,
Dass Scham und Schönheit nie zusammen gehen, nie
Verfolgen sie den gleichen Weg auf grüner Erde.
Solch alter Hass mit tiefer Wurzel lebt in beiden,
Wenn sie sich treffen, nur durch Zufall, auf dem Weg.
Die eine wendet sich von der Rivalin ab.
Dann schnell und heftig gehn die beiden Wesen weiter,
Betrübt die Scham die Schönheit spöttisch in dem Geist,
Bis schließlich Dunkelheit des Orkus sie empfängt,
Wenn nicht das Alter schon zuvor gezähmt den Stolz.
Jetzt finde ich dich frech, dich aus dem Ausland kommend,
Von Arroganz erfüllt, so wie die Kraniche,
Laut quaken sie in Reihen oben in den Lüften,
Die lange Wolke sendet ihren Ton nach unten,
Verlockend ruhig Reisende, hinauf zu schauen,
Doch sie verfolgen ihren Weg, er folgt dem seinen,
Und das ist ebenso, wie es bei uns auch ist.
Was dann seid ihr, ihr rasenden Bacchantinnen,
Die wagen es, zu wüten in der Königshalle?
Wer seid ihr denn, vor diesem hohen Hause heulend
So wie ein Rudel Hündinnen in Lunas Schein?
Glaubt ihr, mir wärs verborgen, welcher Art ihr seid?
Ihr in der Schlacht gezeugt, erhoben bei der Schlachtung.
Ihr grübelt, lüstern, ihr Verführer und Verführte,
Aussaugend der Soldaten und der Bürger Kräfte!
Das Publikum zu sehen, diesen Riesen-Schwarm,
Lasst ihr euch nieder wie Heuschrecken auf die Felder.
Ihr seid Verschwenderinnen nur von Andrer Arbeit!
Zerstörerinnen reifender Kultur von Wohlstand!
Besiegt, getauscht, verkauft die Waren auf dem Markt!

HELENE
Wer schändet hier die Dienerinnen ihrer Herrin,
Vermessen reißend an dem wahren Recht der Frau?
Nur ihr ist es gegeben, was auch je das Lob
Macht lobenswert, und zu bestrafen, was da Schuld ist.
Ich bin zufrieden wohl mit allen Leistungen,
Die sie geleistet, als das große Troja stand,
Als Troja fiel in Schutt und Asche. Und desgleichen,
Als wir das Elend unsrer Wanderschaft ertragen
Der Reise, wo oft einer denkt nur an sich selbst,
Hier habe ich erwartet eine frohe Mannschaft.
Der Herr fragt, wie der Sklave dient, nicht, was er ist.
So schweige du, und länger nicht verhöhne sie!
Wenn du das Königshaus bewacht hast auch bis jetzt
Anstatt der Herrin, wie es deine Pflicht gewesen,
Jetzt, da sie selber kommt, da ziehe dich zurück,
Damit nicht Strafe du gerechten Lohnes findest.

PHORKYAS
Disziplinierung ihres Dieners ist das Vorrecht
Der edlen Frau des Königs, die geliebt von Göttern,
Sie hat zurecht verdient vom klugen Maß der Jahre.
Sie räumte auf, sie nahm den Ort von einstmals ein,
Nun wieder hier als Königin, des Hauses Herrin,
Sie lockerte die Zügel, und nun herrscht sie wieder,
So halt den Schatz in deiner Hand und uns mit ihm!
Zunächst verteidige, die ich die Ältere,
Du mich vor diesem Publikum, die sind doch nur
Vor deiner Schwanenschönheit schnatternd fette Gänse!

VIERTER AKT

(Szene: Landschaft, umgeben von reich verzierten Gebäuden aus dem Mittelalter.)

CHORFÜHRERIN
Geschwätzigkeit und Dummheit, typisch für die Frauen!
Sie hängen am Moment, ein Spielball jeder Brise,
Von jedem Augenblick und jedem Leid, nie wissend,
Wie still man leiden muss! Doch eins ist immer sicher,
Zu andern heftig, wenn die andern widersprechen,
Sie lachen, weinen gleichermaßen, freudig, leidend.
Nun still! Und hört, was unsre hochgesinnte Herrin
Hier wird entscheiden für sich selber und für uns.

HELENE
O Pythia, wo bist du? Doch du bist berufen,
Komm aus den Bögen dieser dunklen Burg heraus.
Wenn du von wundersamen Herrn und Helden kommst,
Gib alles mir bekannt, den Sitz zur Rezeption,
Nimm meinen Dank entgegen und so führ mich schnell,
Ich wünsche endlich meine Wanderschaft beendet.

CHORFÜHRERIN
O Königin, vergeblich, schau in jede Richtung,
Die hässliche Gestalt ist fort, sie blieb vielleicht
Dort in dem Rauch, aus dessen Tiefe wir gekommen,
Ich kann nicht sagen wie, so schnell und ohne Trittschall.
Vielleicht ging sie im großen Labyrinth verloren
Von diesen vielen Burgen, wunderbar vereint.
Ich schaue auf und seh den Fürstengruß des Herrn.
Schau, eine Menge, sich bewegend in Bereitschaft.
Daneben Galerien sind und Tür und Fenster
Und Dienerscharen kommen, huschend hin und her,
Sie künden herzlichen Empfang für ihren Gast.

CHOR
Erleichtert ist mein Herz. O siehe dort,
Wie eine Schar von Jugendlichen kommt
Mit festen Schritten würdevoller Ordnung,

Marschieren sie in Reihen. Wer befiehlt


Der Ordnung, wer so schnell hat angeordnet
Die jungen Scharen solcher schönen Rasse?
Was sollte denn am meisten ich bewundern?
Sind es die leichten Schritte voller Anmut,
Der Haare Locken auf den weißen Stirnen,
Die runden Wangen mit dem Rouge des Pfirsichs?
Hinein zu beißen wäre mein Begehr,
Doch bin ich ängstlich, solches zu versuchen,
Ein Fall war ähnlich, und mir graut zu sangen,
Der Mund war plötzlich angefüllt mit Asche!

Aber der Schönste


Ist jetzt gekommen.
Was sie hier tragen?
Stufen zum Throne,
Teppiche, Sessel,
Vorhang und Vordach,
Schmuck von Juwelen,
Über uns winkend
Mit den Girlanden,
Über dem Kopfe
Unserer Herrin,
Sie ist geladen,
Steigt auf den Thronsitz
Herrlichen Adels.
Vorwärts, ihr Schwestern,
Schritte um Schritte,
Festlich geordnet,
Würdig und würdig,
Dreifach gewürdigt,
Wird sie empfangen,
Ist sie gesegnet!

(Was der Chor beschrieben hat, findet statt. Nachdem die Jünglinge und Knaben in langen
Prozession hinab gestiegen, erscheint Faust oben an der Spitze der Treppe, in der Tracht der Ritter
des Mittelalters, und dann steigt er langsam und mit Würde herab.)

CHORFÜHRERIN (ihn streng beobachtend.)


Wenn in der Tat die Götter nicht, wie oft sie tun,
Geliehn dem Mann die schöne Form für den Moment,
Ehrfürchtig seine Würde ist, er scheint charmant,
Vorübergehend handelnd, was er immer tut,
Es ist erfolgreich, ob mit kämpferischen Männern,
Ob in den Liebeskriegen mit den schönen Weibern.
Fürwahr, er ist mein Favorit, der Wirt der andern,
Den meine Augen schauten an, den hochgelobten.
Ich seh den Fürstengang mit Schritten langsam-vornehm,
Verhaltner Ehrfurcht. Königin, zu ihm dich wende!

FAUST (sich annähernd, ein Mann in Ketten an seiner Seite.)


Nun statt des Friedensgrußes, des gewohnten,
Statt des Empfangs voll Ehrfurcht und Verehrung,
Hier bring ich einen armen Mann in Ketten,
Der er in seines Amtes Pflicht versagte.
Knie nieder hier, so dass die edle Dame
Kann hören gleich die Beichte deiner Sünden.
Der, Königin, der Mann ist auserwählt
Für seinen klaren Blick, für die Vision
Vom hohen Turm von Elfenbein, der schaut
In Himmelsräume, auf der Erde Breite,
Um zu berichten, was sich hier bewegt,
Auf Hügeln ringsumher und in der Burg,
Ob eine Wanderung bewollter Herden,
Ob Krieger, so dass wir die Herde hüten,
Die Krieger greifen an. Doch er versagte:
Sie kam hierher, er hat es nicht berichtet,
Wir nicht empfingen sie, wie sie verdient,
Zur Ehre hohen Gastes. Jetzt verliert er
Sein Leben und sein Blut, es wird vergossen
In dem verdienten Tod! Nur du allein
Kannst ihm vergeben oder ihn bestrafen.

HELENE
Solch großes Werk, wie du erwählt, mir zu verleihen,
Als Richterin, als Herrin auch – doch ich vermute,
Du willst es nur als eine Art von Prüfung, dennoch
Ich übe aus die Pflichten einer Richterin,
Ich will den Angeklagten hören. Sprich, mein Sohn!

LYNKEUS (der Bewohner des Elfenbeinturms)


Lass knieen mich und lass mich schauen an,
O lass mich leben oder lass mich sterben,
Schon bin ich dir geweiht, o Himmelsdame!

Ich warte auf der Morgenröte Kommen,


Den Blick gerichtet auf den Orient,
Da plötzlich tanzt die Sonne bunt im Süden!

Ich, angezogen, anzuschaun das Wunder,


Statt Schlucht und Gipfel, Himmelshöh und Erde,
Ich starre sie nur an, die schönste Wonne!

Mir war das Sehvermögen ja gewährt


So wie dem Luchs, der hoch im Wipfel sitzt,
Jetzt sehe ich in Unentschlossenheit
So wie in einem dunklen und bewölkten Traum.

Was denken? Auch wenn ich mir dieses wünschte?


Turm, Mauer oder ein verschlossnes Tor?
Der Nebel stieg und breitete den Dunst aus,
Da kam die Himmelsgöttin hier im Staat!

Mein Herz ergab ich und mein Auge ihr,


Da sog ich trunken ein das süße Licht,
Die Schönheit war verschleiert, aber ich
Geblendet war allein durch ihren Anblick!

Ich hab das Amt des Wächters, der Posaune,


Jetzt aber droht sie, ach, mich zu zerstören,
Denn Grimm und Zorn sind in der Schönheit Bann!

HELENE
Ich kann bestrafen nicht das Übel, das ich brachte.
Ah wehe mir! Was für ein hartes Schicksal ist es,
Das mich verfolgt, dass überall, wo ich besitze
Die Männerherzen, sie nicht selbst sich geben hin.
Sie stehlen, kämpfen und verführen, immer hetzend,
Halbgötter und Dämonen, Himmlische und Helden,
Sie führten mich auf allen meinen Wanderungen.
Allein hab ich die Welt verwirrt, verwirrt sie doppelt,
Jetzt bring ich dreifach, vierfach nichts als Leid auf Leid.
Nimm diesen Makellosen weg und lass ihn gehen,
Nicht Schande ist es, wenn die Götter einen täuschten.

FAUST
O Herrin, staunend seh ich euch zusammen,
Den Bogenschützen, das geweihte Opfer,
Ich seh den Bogen, ausgeschickte Pfeile,
Ich seh, die ihn verwundeten, die Pfeile,
Jetzt fällt es auch mir auf. Ich hör das Surren
Der Pfeile überquerend jeden Hof.
Wer bin ich? Meine Mauern machst du schwach
Und meine Knechte machst du zu Rebellen.
Schon fürchte ich, dass die Armee gehorcht
De Siegerin, der unbesiegten Herrin.
Was bleibt zu tun? Ich füg mich selbst hinzu!
Ist alles, was ich träume, denn vergeblich?
Nun lieg ich frei und treu zu deinen Füßen,
So lass mich dich als Herrin anerkennen!
Dein Dasein bringt dir Thron und Eigentum.

LYNKEUS
O Herrin, wieder schaue ich voraus,
Der Reiche bittet dich um einen Blick.
Es sieht der Reiche dich, auf einen Blick
Ist er ein Bettler und ein Bettlerkönig.

Wer bin ich jetzt? Und wer war ich dereinst?


Was ist zu wollen? Was ist nun zu tun?
Was nützt den Augen denn die klarste Sicht?
Er wirft sein Auge auf die Macht der Herrin.

Von Osten drängten wir bis an die Grenze,


Und plötzlich ist verschwunden uns der Westen.
So breit wie lang die Völker sind versammelt,
Die Ersten wissen gar nichts von den Letzten.

Der erste Rang geht, steht der nächste schnell,


Des dritten Ranges Speer unübertroffen.
Ein jeder Mann war hier wie hundertfach,
Es starben Tausende, unsäglich alle.

Wir vorn gedrängt, wir stürmten so hinauf,


Wir waren Meister, dann wir waren weg,
Wo ich entschieden, der ich Häuptling heute,
Und morgen ausgeraubt und weggestohlen.

Gesehen haben wir, schnell war der Blick,


Die schönsten Weiber nahmen wir uns mit,
Wir holten alle Ochsen aus dem Stall,
Wir nahmen Pferde, nahmen alle Pferde.

Doch meine Freude war es, zu entdecken


Die seltnen Dinge, die ich sehen konnte,
Und was die andern Menschen fassen konnten,
Das war für mich nichts als nur Stroh und Heu.

Da war ich auf den Spuren eines Schatzes,


Was immer meine scharfen Augen sahen,
In jede tiefe Tasche konnt ich sehen
Und jeder Busen war wie Glas für mich.

Sie waren da wie Haufen Gold für mich,


Die besten Edelsteine konnt ich finden,
Doch jetzt sind es allein nur die Smaragde,
Die sind es wert, den Thronstuhl dir zu schmücken.

So schwanke zwischen Ohren jetzt und Wangen


Die Perle aus dem tiefen Ozean,
Ein Ort, den nicht Rubine aufzusuchen
Es wagen können, die so blass nur sind
Verglichen mit der Rosenwange dein.

So ist der Reichtum, so ist jeder Preis,


Den ich hier setze ein vor deinen Augen,
Ich deinen Füßen gerne unterwerfe
Die Beute aus Gefilden blutbefleckt.

Wie viele Truhen hab ich mitgebracht,


Ich hab dazu auch eherne Schatullen,
So lass mich treulich deinem Wege folgen
Und füllen dir die Kammern deiner Schätze.

Du würdest anders kaum den Thron besteigen,


Wenn alle neigen sich vor dir allein,
Wenn Weisheit sie und Erdenmacht und Reichtum
Empfangen heute nur von deiner Huld.

Das alles hab ich schnell bekommen, wahrlich,


Jetzt aber ist es frei und ganz für dich.
Mich dünkt, sein Wert ist deutlich zu erkennen,
Jetzt ist es alles nicht mehr viel für mich.

Was ich besessen habe, geht vorüber


Wie das von mir gemähte welke Gras.
O gib nur einen lichten Blick mir hin!
Das alles sei der Lohn für deinen Tanz.

FAUST
Entferrn die Haufen, die der Mut gewonnen,
Nimm keine Schuld auf dich und such kein Lob.
Das alles ist schon ihres, was die Burg
In ihrem Schoß versteckt, die Dinge schenkst du
Vergeblich. Geh und staple Schatz auf Schatz
In rechter Reihenfolge. Präsentiere
Die feinste Auswahl unsichtbarer Pracht!
Lass die Gewölbehallen himmlisch glänzen!
Lass deine Toten Paradiese schaffen!
Lass Blumenteppich schnell auf Blumenteppich
Ihr rollen unterm Fuß, so wird sie schreiten
Auf weicher Erde, lass den edlen Blick
Wie Götter blendend fallen auf die Pracht!

LYNKEUS
Ich tu es, wie der Herr befiehlt,
Für Diener ist es nur ein Spielzeug,
Die Regeln der erhabnen Schönheit,
Sie gelten auch in Blut und Geld.
Das ganze Heer ist jetzt gezähmt,
Die Schwerter sind nun wieder stumpf
Nah dieser Form von reinem Gold,
Die Sonne selbst ist blass und kalt
Nah dieses Angesichtes Reichtum,
Sonst alles ist nur leerer Raum.

HELENE (Zu Faust.)


Ich möchte mit dir sprechen, komm zu mir!
Hier neben mich! Der leere Platz lädt ein
Den Herrn, so sicher ist der Ort für mich.

FAUST
Empfange meine Ganzhingabe bitte,
Ich kniee, edle Dame, lass mich küssen
Die Hand, die mich an deine Seite hebt.
Sag, ich sei Mitregent von einem Reich
Von unbekannten Grenzen. Du gewinnst
Dir einen Sklaven, einen Wächter und
Verehrer deiner Huld in Einem Mann.

HELENE
So viele Wunder kann ich sehn und hören,
Ja, mich ergreift ein staunendes Entzücken,
Und da ist viel, das möcht ich gerne wissen.
Und lehre mich wie eure Dichter sprechen,
Mit neuer Rede, so vertraut, doch seltsam.
Ein Ton macht frei den Weg dem nächsten Ton,
Und wenn ein Wort den Ohren Freude gab,
Ein andres kommt, dem ersten gleich zu streicheln.

FAUST
Wenn meiner Dichter Sprache dir gefällt,
Du wirst begeistert sein von ihren Liedern,
Die Herz und Geist vollkommen schön erfüllen.
Doch willst du sicher werden, üben wir,
Die Wechselrede lockt und ruft uns weiter.

HELENE
Wie spricht man so mit dieser schönen Kunst?
FAUST
Es kommt alleine aus der Liebe Brunst!
Man schaut sich um, wer noch voll Liebesglut?

HELENE
Wem noch das Herz brennt voll von heißem Blut?

FAUST
In Gegenwart schaut nur die Geistessonne -

HELENE
Der Augenblick ist Ewigkeit der Wonne!

FAUST
Die Liebe ist uns Schatz und Gold und Land -

HELENE
Die Liebe gibt dem Liebsten ihre Hand.

CHOR
Wer beleidigt die Prinzessin,
Die gewährt dem Burgen-Meister
Eine Show von Freundlichkeiten?
Lasset uns gestehen, wir sind
Im Gefängnis, wie bis heute,
Wie der Fall in großer Schande
Ilions, der bange, stattfand,
Traurig, und die irren Fahrten.

Frauen, Männern gern erfüllend


Ihren Wunsch, sind nichts besondres.
Sie beherrschen Zauberkünste.
Sie verleihn die gleichen Rechte
Einzig mit den goldnen Haaren,

Frauen, die sich schnell ergeben,


Wenn die Möglichkeit sich bietet
Mit den Körper und den Trieben.
Schon, schon sitzt man näher, dichter,
Zueinander hingezogen,
Am in Arm und Knie an Knieen,
Hand in Hand sich zärtlich wiegend,
Auf dem Throne weich gepolstert,
Majestätisch wie die Götter,
In privaten Schwärmereien
Offenbart des Mannes Augen.

FÜNFTER AKT
(Helene, Faust, und ihr Kind Euphorion, im griechischen Kostüm.)

EUPHORION
So hör gesungen nun das Lied der Kindheit,
Denn ihre Freude, sie gehört euch allen,
So seht mich überspringen jetzt die Zeit,
Ich springe in die Herzen meiner Eltern.

HELENE
Erforderlich zwei reine Herzen sind,
Aus Liebe zu der Menschlichkeit zu segnen,
Ein einig Ding zusammen soll es sein,
Sie sollen sein die Heiligkeit der Drei.

FAUST
Was wir gesucht, wird alles nun entdeckt,
So ich bin dein, mein Schatz, und du bist mein,
Wir zwei gebunden aneinander sind,
Das nenne ich das allerschönste Schicksal.

CHOR
Sie sind seit vielen Jahren schon begeistert
An dieses Kindes feuervollem Toben,
Ah, diese Partnerschaft von den Genossen,
Wie solche Schönheit mich so sehr bewegt!

EUPHORION
Lasset mich springen,
Lasset mich Lenz sein!
Hoch in die Lüfte,
Kreisend die Dinge,
Ist mein Verlangen,
Sind meine Triebe.

FAUST
Stürze in Vorsicht!
Stürz in Gefahr nicht,
Solcherlei Stürzen
Harrt auf den Wilden,
Gründe dich sicher,
Lieblicher Knabe!

EUPHORION
Ich kann nicht kleben
Fest an der Erde,
Lasst meine Hände,
Lasst meine Haare,
Lasst meine Kleider,
Alles ist meines.

HELENE
Denke, o denke,
Wem du gehörst doch.
Uns wär es traurig,
Würdest zerstört du,
All deine Arbeit,
Dein, sein und meine.

CHOR
Ach diese Einheit
Wird sich zerstreuen.

HELENE UND FAUST


Ruhe, nur Ruhe,
Bitten die Eltern.
Allzu lebendig
Bist du, gewaltig.
Ländlicher Ruhe
Leb in der Ebne.

EUPHORION
HJ, wenn es das ist, was ihr möchtet, ja,
Ich höre auf, ich halte mich zurück.

(Er windet sich, tanzend, durch den Chor und zieht sie fort mit sich.)

Hier schweben werde ich, ganz leicht


Und voller Leben ist die Schar.
Ist das die schöne Melodie,
Die nach dem Takt gemessen ist?

HELENE
Ja, das ist ordentlich getan.
Die Schönen führe du herauf.

FAUST
Ach wäre es nur erst vorbei!
Denn solche Unterhaltung kann
Mir nicht begeistern die Vernunft.

CHOR (mit Euphorion, flink tanzend und singend, in verschlungenen Reihen.)


Wenn deine Arme gleichermaßen
Charmant du angehoben hast,
Dann deine Lockenhaare blond
Sind aufgelöst und hold verwirrt.

Und wenn mit einem Fuß so leicht


Du überm Grund im Fluge bist,
So dorthin und zurück sogleich,
Dann regne Schritt auf Schritt herab.

Dann ist dein Ziel bereits in Sicht,


Du goldner Knabe, schönstes Kind!
Betört sind alle unsre Herzen,
Sich dir zu einigen gewillt.

(Pause)

EUPHORION
Du bist wie viele
Hüpfende Kitze,
Neuere Spiele,
Wiedergeboren,
Ich bin der Jäger,
Du bist die Beute.

CHOR
Willst du uns fangen?
Ach wir sind eifrig,
Dich zu erhaschen,
Wir sind gespannt schon,
Wann es vorbei ist,
Sich an die Formen
Liebend zu klammern,
Du bist so niedlich!

EUPHORION
Jetzt durch die Täler,
Über die Felsen,
Was ich gewinne,
Sieht aus wie Mühe,
Nur mit Gewalt will
Stark ich gewinnen,
Das ist mir Freude.

HELENE UND FAUST


Wie wild er ist! Und ach, wie stur er ist!
Nur wenig Hoffnung gibt’s auf Mäßigung.
Das ist der Klang des frohen Hörnerblasens,
Das tönt so durch die Wälder und die Felder,
Was für ein Lärm und närrische Verwirrung!

CHOR (eine nach der anderen, in Eile.)


Wie eilig läuft er von uns weg, der Junge!
Verachtet uns! Ist immer voller Spott!
Jetzt zieht er eine von der Menge an,
Das ist die wildeste von allen Frauen.

EUPHORION (zieht ein junges Mädchen an sich.)


Hier ziehe ich die Schelmin eng an mich,
Ganz durchzusetzen meinen höchsten Wunsch,
Denn meine Wonne, mein Begehren ist es,
Ans Herz zu drücken sie voll heißem Feuer,
Zu küssen dreist sie auf den roten Mund,
Dann auszurufen meine große Kraft!
DAS JUNGE MÄDCHEN
Nein, lass mich gehn! Da gibt es eine Kraft,
Beständigkeit des Geistes in dem Körper,
Mein Wille, wie bei dir, wenn ich nicht irre,
Mein Wille sagt: Ich bin nicht leicht zu haben.
Du denkst vielleicht, ich wäre in Gefahr?
Gewalt der Waffen ist es, die du ausübst.
So fange schnell mich, ach du dummer Racker!
Ich spiele gern mit dir dein kleines Spielchen.

(Sie wird zu einer Flamme und leuchtet in der Luft.)

Folg durch die Luft mir,


Folg in der Höhe!
Fang deine Beute,
Flüchtige Beute!

EUPHORION (abschüttelnd die Flammen.)


Felsen sind um mich,
Wälder zu sehen,
Gib die Gefangne,
Ich bin ja jung noch!

Brisen wehn Düfte,


Wellen jetzt brechen,
Töne der Ferne
Hör ich von fern her,
Dort wär ich gerne.

(Er springt weiter auf den Felsen.)

HELENE, FAUST UND DER CHOR


Du möchtest einer Gämse gleichen?
Ach Kind, wir bangen um dein Schicksal!

EUPHORION
Höher und höher
Will ich nun klettern,
Weiter und weiter
Will ich nun sehen,
Hier auf der Insel,
Landschaft des Pelops,
Erde wird Meerflut.

CHOR
Warum nicht hier in Frieden leben
Auf Hügeln und in grünen Wäldchen?
Weinberge werden wir dir suchen
Und Reben schön in ihren Reihen.

Die Reben hoch auf Bergesrücken,


Figuren dort und Äpfel-Gold,
Du bleib in diesem schönen Land,
Du bleibe hier und werde alt!

EUPHORION
Könnt ihr denn stille Tage träumen?
Träumt, was der Träumer träumen kann!
Der Krieg ist aber meine Losung,
Der Sieg! So klingt das Echo schön.

CHOR
Er, der in stiller Zeit des Friedens
Den wilden Krieg sich wünscht herbei,
Bald wird sein Zeuge Bruder Tod,
Und Hoffnung sind und Glück dahin.

EUPHORION
Die dieses Land hat,
Ists auch gefährlich,
Frei sind und mutig,
Schütten ihr Blut aus,

Bringen Bedeutung
Heiligem Opfer,
Keiner erobert
Uns, die wir kämpfen!

CHOR
Schaut oben, wie so hoch er klettert!
Doch scheint er kleiner nicht zu werden,
In seiner Rüstung triumphierend
Er glänzt in Edelstahl und Silber.

EUPHORION
Der, der sich selber nicht bewusst ist
Der hohen Mauer und der Ruhe,
Dem deine dauerhafte Festung
Ist des Soldaten Eisen-Brust.

Und wollt ihr leben unbesiegt,


So schnell bewaffnet in den Kampf,
Zum Kampfe mit dem wahren Feind!

Die Frau ist eine Amazone,


Der junge Knabe ist ein Heros.

CHOR
Heilige Dichtkunst
Klettert gen Himmel!
Schimmernde Sterne
Weit in der Ferne!
Hier ists erreicht schon,
Immer wir hören,
Wo wir gewärtig,
Freude und Wonne!

EUPHORION
Nein, nicht als Knabe ich erscheine,
Die Jugend kommt bewaffnet, siehe,
Im Geiste ist er schon ein Fürst,
Ist einer von den starken, kühnen.
Jetzt gehe ich! Jetzt, siehe da,
Der Weg zum Ruhm strahlt auf für mich.

HELENE UND FAUST


Kaum bist ins Leben du gekommen,
Kaum kamest du zum Tagesschimmer
Und von den Höhen sehnst du dich
Schon nach dem Ort der Schmerzren, scheints.
Sind denn wir beiden nichts für dich,
Ist diese Bindung nur ein Traum?

EUPHORION
Seht ihr denn nicht den Wellendonner?
Durchs Tal die Nymphe Echo ruft,
Die Heere stehn in Sand und Schaum,
So Schar auf Schar in banger Ernte,
Verstehen das Kommando sie,
Es ist der Tod für alle jetzt.

HELENE, FAUST UND DER CHOR


O Horror! Welche Katastrophe!
Ist denn der Tod für dich verordnet?

EUPHORION
Soll ich es sagen aus der Ferne?
Ich werde eure Sorgen teilen.

HELENE,FAUST UND DER CHOR


Schwinge hinweg dich,
Todesgefahr du,
Tödliches Schicksal!

EUPHORION
Ich bin beflügelt,
Werde nicht warten,
Denn ich muss vorwärts,
Lasset mich fliegen!

(Er stürzt sich in die Luft: seine Kleider tragen ihn einen Augenblick, sein Kopf ist erleuchtet und
ein Lichtstreifen folgt ihm.)

CHOR
O Ikarus, o Ikarus!
Er ist nicht mehr! Wir seufzen wehe.
(Ein schöner Jugendlicher fällt zu den Füßen der Eltern. Wir sehen eine bekannte Form in der
Leiche, aber der physische Teil verschwindet auf einmal, während eine Aureole wie ein Komet in
den Himmel steigt. Das Kleid, der Mantel und die Lyra bleiben auf dem Boden.)

HELENE UND FAUST


Auf einmal folgt der Freude
Der bitterlichste Schmerz!

EUPHORION (aus der Tiefe)


O Mutter! Lass mich nicht allein
In der Domäne dunkler Schatten.

(Pause)

CHOR
O lass ihn nicht allein! Gleich, wo du bist,
Wir glauben über dich das Folgende:
Obwohl der Tag uns scheidet nun von dir,
Wird dennoch keine Seele dich vergessen.
Wir wünschen nicht den Bleibenden die Trauer,
Wir singen voller Neid des Toten Schicksal.
Dir gab das allerhellste Licht des Himmels
Die wahren Lieder und den großen Mut.
Geboren wurdest du fürs Erdenschicksal,
Von edlem Stammbaum und von guter Macht,
Als Jugendlicher gingst du in die Irre,
Du wurdest früh schon von uns fortgenommen.
Die Seele sah die Welt in klarer Schau,
Des Herzens Sehnsucht hatte sie verstanden,
Die Glut der Leidenschaft für eine Frau,
So sang die Seele mit der schönsten Kunst.
Unwiderstehlich lief er doch vergebens
Im Netze ohne Disziplin. Er ist
Geschieden von der Welt mit Heftigkeit,
Nach der Gewohnheit und der festen Regel,
Bis endlich, durch das Denken tief geworden,
Du Mut gefunden hast und mehr Gewicht,
Du wolltest Glanz und Gloria gewinnen,
Doch das war nicht dein vorbestimmtes Schicksal.
Ja, wessen Schicksal denn? Die düstre Frage
Lässt, ach, das Schicksal selber ohne Antwort,
Dieweil in Freudentagen unglückselig
Das stumme Blut gerinnt des ganzen Volkes.
Auch neue Lieder wird er wieder singen,
Nicht mehr sich beugen auf die schwarze Erde,
Die Erde wird ihn einmal noch erkennen,
Wie wir, die Weisen, ihn bereits erkannt.

(Eine komplette Pause. Die Musik endet.)

HELENE (Zu Faust.)


Ach, es erweist sich doch das Wort für mich als wahr,
Dass Glück und Schönheit nie für lange sich vereinen.
Der Lebensfaden ist, das Liebesband zerrissen,
Im Schmerz beklagen wirs. Nun muss ich sagen: Abschied,
Umarme mich noch einmal und dann nimmer mehr.
Es ist Persephone, die uns im Tod empfängt.

(Sie umarmt Faust: ihr Körper verschwindet, nur ihr Kleid und Schleier bleiben in seinen Händen.)

DRITTER TEIL

DIE HIMMLISCHEN HEERSCHAREN


Boten, es folgen genug,
Himmlischen Volkes voll Leben,
Fliegen gemütvollen Flug,
Die sie die Sünden vergeben,
Staubwolken lassen sie schweben.
Freundschaft ists, welche sie zeigen
Dem Natürlichen drunten,
Dort in der Schöpfung, der bunten,
Langsam gen Himmel sie steigen.

ASMODÄUS
Ich hab gehört der Dissonanzen Klingeln
Von droben diesen Tag, von all den Schlingeln.
Die kindisch-mädchenhafte Stümperei,
Ganz im Geschmack bigotter Frömmelei!
Sie sehn voll Abscheu stets der Menge Masse
Und sehen als Ruine nur die Rasse.
Das dümmste Kompliment im ganzen Lande
Ist ein Gebet wie eine böse Schande!
Die Dandys kommen, will sie Heuchler heißen,
Die ganze Haufen Seelen uns entreißen
Mit unsern eignen Waffen, niemand schonen
Die Teufel, die verkleideten Dämonen.
An sie verlieren wir die Seelen nackt -
Auf, Faust, erneure deinen Teufelspakt!

DER CHOR DER ENGEL (Rosen streuend)


Rosen, die blendenden,
Balsamen spendenden,
Schwimmenden, Bebenden,
Heimlich Belebenden,
Selig begeistern uns!
Die schon bemeistern uns,
Knospen, sich mühende,
Jugendlich blühende,
Grünliche, rötliche,
Frühlinge, tödliche,
Tragen den Träumenden,
Schlummernden Schäumenden
Durch das Gewimmel gleich
Heim in das Himmelreich!

ASMODÄUS (zu den anderen Teufeln)


Taucht unter wie die Enten in das Nass?
Ist denn der frechen Hölle Brauchtum das?
Steht ihr noch immer hier, verstreut euch stumm?
Nein, kraftvoll seht euch nach den Seelen um!
Ihr meint, mit ein paar Brocken, eitlen Spielen,
Ihr könntet so den Mut der Racker kühlen?
Der Atem schmilzt, es schrumpft der Atemzug.
Jetzt blast ihr wieder? Nein, genug, genug!
Was soll das Sprudeln denn und die Ekstase?
Nein, nicht so wild und wüst! Schließt Mund und Nase!
Die ihr zu heftig auf den Rosen rollt,
Wo ist die Sanftmut, die ihr üben sollt?
Ihr schrumpft nicht nur, ihr brennt, ihr seid verbrannt!
Ihr schwebt in Flammen giftig durch das Land!
Steht nicht so dicht zusammen, drängt euch nicht!
Es schwindet euer Mut schon, ihr Gezücht,
Doch selbst die Teufel müssen hoch erstaunen
Vor diesen Duftendsüßen, Reizendbraunen!

DER CHOR DER ENGEL


Blüten der Fröhlichkeit,
Flammen der Seligkeit,
Liebeslust strahlen sie,
Wonne schön malen sie,
Wie es die Seele mag.
Worte, die wahren,
Himmel, die klaren,
Knaben, die stammeln,
Engel, die sammeln,
Sehen den ewigen Tag!

ASMODÄUS
Verfluchte Schande, nun die Schuppen fallen!
Selbst Satan scheint hier auf den Kopf gefallen!
Die kreiseln hier, in Kurven, voller Schnelle,
Die stürzen ärschlings abwärts in die Hölle!
Ins heiße Bad im Inneren der Erde!
Ich aber fest hier weiter stehen werde.

(Er schlägt nach den schwebenden Rosen.)

Weg mit den Blumensträußen! Die ihr blinkend


Hier flattert, ihr seid doch am Ende stinkend!
Nur weg, ihr Fliegen voller Fluch und Frevel!
Ihr klebt zusammen doch wie Pech und Schwefel!
CHOR DER ENGEL
Das was nicht zu heilen,
Du musst es nicht teilen.
Was innen lässt klagen,
Sollst du nicht ertragen.
Mit Kraft es versenken,
Vom Kurs abzulenken!
Die Liebe, die schnelle,
Führt heim dich zur Quelle!

ASMODÄUS
Mein Kopf und Herz verbrannt, die Leber brennt,
Das Feuer ist des Teufels Element!
Noch schärfer als die Glut der Höllennacht,
Das ist es, was euch Menschen weinen macht,
Der Liebe Pech! Verschmähte und Betrübte,
Die Augen wendet, schaut die Vielgeliebte!
Ich auch! Ich winde mich wie Liebestoren!
Ihr Engel, sind wir nicht dem Krieg verschworen?
Ich bin euch spinnefeind und eurem Wort,
Doch nun hat fremde Macht mein Herz durchbohrt!
Ich möchte gern die lieben Knaben suchen,
Doch was hält mich zurück, euch zu verfluchen?
Und wenn ich mich betören lass von vielen,
Wer wird den Clown dann in der Zukunft spielen?
Die Luftikusse, Schüler, die ich hasse,
Wie gern ich jedes Kindchen nun umfasse!
Ihr süßen Knaben, sagt mir, seid gerecht,
Seid ihr nicht Teil von Luzifers Geschlecht?
Ihr seid so schön! Ich möcht euch küssen! Schnelle!
Es fühlt sich an, das ist die beste Stelle!
Ja, habewn wir uns tausendmal getroffen,
Wie Kater lüstern, was bleibt da zu hoffen?
Die Huld mit jedem Blick erquickt mein Ich,
Kommt näher! Einen Blick nur noch auf mich!

DIE ENGEL
Wir sind ja da, was bangst du in dem Leibe?
Und kannst du uns ertragen, nun, so bleibe!

(Die Engel kommen vorwärts und besetzen den ganzen Raum.)

ASMODÄUS (ins Proszenium)


Sie achten nicht die Geister der Verdammten,
Der alten Magier und Lustentflammten.
Sie Führen Mann und Frauen in die Irre!
Was für ein Elendsglück und ein Gewirre!
Ist das der Liebe Element, das raucht?
Mein ganzer Körper ist in Glut getaucht!
Mein Kopf verbrennt, mein Hauch beginnt zu stinken.
Sie schwimmen hin und her, und sie versinken.
Den Leib bewegen sie mir kluger List,
Der Grabes-Ausduck für euch passend ist.
Ich möcht euch sehen! Lächelt, liebe Leute,
Das wär mir eine Ewigkeit der Freude!
So wie der Minner Wechselblick, so schaut,
Ein Lächeln um den Mund, wie junge Braut,
Den großen Knaben könnt ich ewig lieben,
Nur schau nicht wie ein Priester so durchtrieben.
So zeigt ein wenig Sehnsucht nach dem Akt,
Zeigt euch wie Adam in dem Garten nackt
Statt so im langen Kleide, so exakt.
Sie wenden sich, ich seh sie, ah und oh,
Zu appetitlich dieser Schelme Po!

CHOR DER ENGEL


Ihr liebevollen Flammen,
Jetzt lodert auf zusammen
Und rettet die Entflammten
Und in die Glut Verdammten,
So rettet sie durch Wahrheit,
Durch Güte, Schönheitsklarheit!
Ihr möget sie befreien
Von Krieg und Streitereien
Und führen zum Erbarmen,
Ins ewige Umarmen!

ASMODÄUS (sammelt sich)


Wie geht es mir? Wie Hiob geht’s mir schlecht,
Da alles mich erschreckt in dem Gefecht,
Und doch hab ich gewonnen, ich bin frei,
Nun, da die strenge Prüfung ist vor
Und ich vertrau mir selbst und nicht der Welt,
Nun mein Geschlecht ist herrlich aufgestellt:
Des Teufels Sippe mir erscheint intakt,
Vorüber ist der Liebeszauber nackt:
Erstickt schon sind die heißen Liebesflammen,
Und so verfluche ich euch all zusammen!

CHOR DER ENGEL


Weißglut solls regnen,
Flammen euch segnen,
Seligen Strebens
Ist er voll Lebens,
Kommt, um zu rühmen,
Lobpreis und Hymnen
Singt voller Odem
Über dem Brodem!

(Sie erheben sich und reißen den unsterblichen Teil des Faust hinan.)

ASMODÄUS (blickt ihm nach)


Wie nun? Wohin sie sich gewendet haben?
Sie überraschten mich, die Himmelsknaben!
Sie raubten ihn dem Grab, dem Erdgewimmel,
Mit dem Profit sie eilen in den Himmel:
Gestohlen haben sie den Schatz, ein Fakt,
Der mir die Seele weihte in dem Pakt,
Sie haben ihn entrissen mir mit List!
Wer nun der Advokat des Teufels ist?
Wer gibt mir nun das wohlverdiente Recht?
Ich Alter bin betrogen, das ist schlecht.
Ich habs verdient, dies Elend ohne Zweck,
Beschämend ists, die Seele ist nun weg:
Ich hab es falsch gemacht trotz aller Kraft,
Gemeine Lust, absurde Leidenschaft,
Da schwankte selbst des Teufels Torheit gar,
Und ob Erfahrung in dem Chaos war
Mit allen diesen kindisch-dummen Dingen,
War es Frau Torheit, die mich tat bezwingen?
Frau Weisheit riss ihn fort mit ihren Schwingen!

(Berg-Schluchten, Wald, Felsen, Wüsten. Heilige Eremiten, in aufsteigenden Ebenen aufgeteilt,


zwischen den Schluchten sichtbar.)

CHOR UND ECHO


Wälder, sie locken herbei,
Droben die Klippen gefunden,
Wurzeln am Felsboden frei,
Stämme an Stämme gebunden,
Wellen auf Wellen nun spritzen,
Heimliche Höhlen uns schützen,
Schleichen die Löwen im Stillen,
Immer doch freundlich und eilig,
Ehren den heiligen Willen,
Lieb ist Geborgenheit heilig.

PATER ECSTATICUS (schwebend auf und ab)


Ewige Feuer glückseliger Lust,
Glühend vom Opfer der Liebe der Brust,
Schmerzen im Herzen und immerdar träumend,
Gottes Begeisterung, gischtend und schäumend!
Die mich durchbohren, es fliegen die Pfeile,
Lanzen bezwingen mich römisch und stark,
Die mich erschüttert, es hämmert die Keule,
Blitze durchzucken elektrisch mein Mark!
So geht die Nichtigkeit hin in den Fernen,
Unwirklich scheint diese Trugwelt dem Herrn,
Und von den ewigen Blumen, den Sternen
Funkelt der ewigen Liebeslust Kern.

PATER PROFUNDIS (auf niedrigerer Ebene. )


Da dieser Abgrundsfels zu meinen Füßen
Auf unergründlich tiefem Abgrund ruht,
So tausend glitzernd lichte Bäche fließen
Ins Abwärts-Zischen aufgeschäumter Flut,
Wie bei dem heftigen Impuls nach drüben,
Der Baum gen Himmel in die Luft sich regt,
So ist die Allmacht auch von allem Lieben,
Von Liebe wird die ganze Welt gepflegt.
Um mich herum ein tobendes Gebrüll,
Als ob sich Fels und Wälder hier bewegen,
Doch voller Liebe fließt das Wasser still,
Rauscht reichlich fern auf allen seinen Wegen,
Geschickt, die tiefen Täler zu bewässern,
Die Blitze zeigen ihre lichten Kämpfe,
Die dumpfe Atmosphäre muss sich bessern
Und ledig werden ihrer Schwefeldämpfe.
Die Boten sagen uns vom hohen Minnen,
Von dem, was ewig uns so bunt umschwirrt,
Es möge sich entzünden mir im Innen,
Mein Geist jedoch apathisch und verwirrt,
Ich quäl mich selbst in stumpfen Nerven, kranken,
Gefesselt von der Künste Zähnen scharf.
O Gott! Beruhige mir doch die Gedanken
Und bring den Lichtglanz, dessen ich bedarf!

PATER SERAPHICUS (in den mittleren Regionen. )


Was für ein Nebeldunst schwebt dort im Morgen
Hin durch der Pinien wallende Locken?
Kann ich erraten? Was ist dort verborgen?
Scharen von Genien läuten die Glocken.

CHOR DER SELIGEN KNABEN


Sag es, o Väterchen, sag, wo wir wandern,
Sag es uns Kindern, wir lauschen im Schweben,
Fröhlich wir sagen es weiter den andern,
Allen, die weben, und allen, die leben.

PATER SERAPHICUS
Geboren, Knaben, in der Mitternacht,
Geist-Seele halb enthüllt in ihrer Pracht,
Für ihre Eltern, ach, verlorne Gabe,
Doch für die Engel ganz gewisse Habe.
Sie wissen, wer Gefühle liebt, die Frommen,
Ist ihnen nahe, wenn sie zu mir kommen:
Doch von dem Erdenweg und dem Bewegen
Ist nichts an ihnen mehr, ist nur noch Segen!
So kommt in meine Augen, Licht zu spenden,
Ich seh mit euren Augen Seher-Träume,
Will euren Blick als meinen nun verwenden,
Um anzustaunen all die schönen Räume!

(Er nimmt sie in sich auf.)

Da sind Bäume, da sind Klippen,


Wasserströme, Schaum in Runden,
Springt hinab die Felsenlippen,
Kürzt die Pilgerfahrt nach unten.

DIE KNABEN (aus ihm redend.)


Das sind Visionen, im Geiste zu sehen!
Aber hier leider im Düstern und Bittern,
Lässt uns das Bangen und Ängsten erzittern,
Vater der Kinder, lass bitte uns gehen!

PATER SERAPHICUS
Steiget nach oben zur höchsten der Sphären,
Ewig zu wachsen und ewig zu lehren,
Während in reiner und ewiger Weise
Macht euch die göttliche Gegenwart weise.
Geistiges Trankopfer ist es voll Duft,
Ist dort gemischt mit der Freiheit der Luft,
Apokalypse der Liebe, gestaltet,
Seligkeit ist dort in Freuden entfaltet.

CHOR DER KNABEN (kreisend rund um die höchsten Gipfel.)


Die Hände jetzt klingen,
Der Freudenkreis kreist,
Ein Jubeln und Singen,
Gefühle und Geist!
Voll Weisheit beladen,
Nun darfst du vertrauen,
Was sucht Euer Gnaden,
Ihr werdet es schauen!

DIE ENGEL (fliegend in der höchsten Atmosphäre, mit sich führend die Entelechie des Faust.)
Er entkam, das edle Glied
Aus der Geistwelt, dieses Lied
Gottes konnten wir erlösen
Aus dem Todesnetz des Bösen.
Den, der glaubt in seiner Not,
Retten wir vorm zweiten Tod.
Wer in schöner Liebe lebt,
Die von oben zu ihm schwebt,
Trifft das Gottesvolk der Frommen
Voll von Liebe und Willkommen.

DIE JÜNGEREN ENGEL


Jener erhebt sich nun an der Hand
Liebesdurstiger Büßerinnen,
Diese werden den Sieg gewinnen,
Führen ihn in das Freudenland,
Dieser Geist ward von uns gewonnen,
Und der Böse flieht vor den Rosen,
Die Dämonen vor den Madonnen,
Vor den rettenden Makellosen,
Nun die Teufel voll Liebesschmerzen
Haben Höllenangst in den Herzen,
Nun ist Satan hinweg gesendet.
Jubel! Das Werk ist nun vollendet.

EIN VOLLKOMMENER ENGEL


Zu tragen sterbliche Überreste,
Ist schwer zu ertragen beim himmlischen Feste.
Zwar überleben sie die Flammen,
Doch Holz und Stroh wird brechen zusammen.
Einmal im großen Geist der Stärke
Wurden gefügt die Elemente,
Engel spalten nicht die Werke
Aus Leib und Seele am jüngsten Ende,
Diese sind im Innern verbunden.
Aber erlöst von den irdischen Wunden
Ist er in Ewiger Liebe verschwunden.

DIE JÜNGEREN ENGEL


Auf den felsigen Höhen im Licht
Können wir die Gefühle lesen,
Dicht vor der Augen klaren Sicht
Schweben reine geistige Wesen.
Diese Wolken werden verschwinden,
Menschen sehen wir weit und breit,
Heilige Jünglinge wehn in den Winden,
Ganz vom irdischen Staub befreit,
Diese umkreisen die hohen Hügel,
Wieder erfreut von des Frühlings Duft,
Schweben mit hellem blühendem Flügel
In der Höhe der himmlischen Luft.
Lasst sie ewig zusammen sein.
Führt ihn hinan zum einigen Ein,
Zum vollkommenen ewigen Sein!

DIE KNABEN
Freudig empfangen wir ihn als Puppe,
Segensreich wie des Sternes Schnuppe,
Dass wir erreichen, von oben befreit,
Das Unterpfand unsrer Glückseligkeit.
Lasst alle Fäden verloren gehen,
Die ihn wie Spinnennetze umwehen.
Er ist bereits vom Himmel gesegnet:
Er ist der Schönen Liebe begegnet!

DOCTOR MARIANUS (der transformierte Faust, in der höchsten reinsten Zelle.)


Frei ist die Sicht auf der Wolken Gewimmel,
Nun mein Geist getrieben gen Himmel.
Frauen bewegen sich, herrlich zu loben,
Treiben schwebend aufwärts nach oben.
Welche Pracht in Girlanden der Sterne,
Denn es strahlt aus der himmlischen Ferne
Heilig vor meinem trunkenen Sinn:
Maria! Die Himmelskönigin!
(begeistert)

O höchste Königin der Welt!


O lass mich nur im Himmelblauen,
Da breitet sich das Himmelszelt
Dein heiliges Geheimnis schauen!
O dass ich stets voll Staunen bliebe,
Wie rührst du an des Menschen Herz,
Und mit dem Segen deiner Liebe
Die Seele hebe himmelwärts!
Ist unbesiegbar unser Mut
Auf deine Weisung doch hienieden,
Still in den Adern ist das Blut,
Wenn du, o Frau, mit uns zufrieden.
O Jungfrau rein, du schönster Geist,
O Mutter du von höchstem Adel,
O Frau, um die das Weltall kreist,
O Liebesfürstin ohne Tadel!
Und das Fragment der goldnen Wolke
Weht um der Frauen feine Art,
Die Büßerinnen sinds im Volke,
Die schönsten Frauen, sanft und zart,
An deines Mantels Saum sie hangen,
Die Lüfte atmend voller Ruh,
Sie wollen deine Huld erlangen,
O Mutter du, o Jungfrau du,
Es überrascht ja nicht dein Kind,
Zu sehen Frauen, die verführten,
Dir gegenüber steigend sind,
Die uns durch ihre Schwäche rührten,
Sie alle waren schwer zu retten,
Wenn wir nur widerstanden hätten
Der Lustbegier, die uns versklavte!
Gut, dass uns unser Gott nicht strafte!
Wie schnell die Füße sind geführt
Auf glattes Eis durch solche Schönen!
Wer bleibt von Lippen unverführt
Und von des Liebesflüsterns Tönen?

(Die Gottesmutter Maria steigt in den Raum.)

CHOR DER BÜẞERINNEN


O die du aufsteigst in die Höhen,
Ins Reich der Himmel einzugehen,
O Herrin, höre unser Flehen,
Du reine Eine, Ohnegleiche,
Du Gottgeliebte, Gnadenreiche!

MARIA MAGDALENA
Ich beschwör dich bei der süßen
Liebe zu den Füßen, Gott,
Tränen lass wie Balsam fließen
Trotz des Pharisäers Spott,
Ich beschwör dich bei dem Öle,
Welches duftete so süße,
Bei den Locken meiner Seele,
Die getrocknet deine Füße.

DIE SAMARITANISCHE FRAU


Bei dem Land, wo einst gespielt
Jakobs Herde an den Ktrippen,
Bei dem Becher, der gekühlt
Des Messias heiße Lippen,
Ich beschwör dich bei der Quelle
Und dem Lebenswasser klar,
Überquellend, rein und helle,
Durch die Welten immerdar.

MARIA ÄGYPTIACA
Bei Jerusalem, dem Orte,
Wo der Corpus Christi lag,
Bei der Warnung jenen Tag,
Die mich fortstieß von der Pforte,
Ich beschwör dich bei der Buße,
Die ich tat im Wüstenland,
Und beim Wort zu meinem Fuße,
Das ich malte in den Sand.

ALLE DREI
Die du gönnst dein hohes Minnen
Allen schönen Sünderinnen,
Deren Lobpreis ihrer Buße
Legt sich hin vor deinem Fuße,
Steigt gen Himmel aus der Fehle,
Gönne der verlornen Seele,
Die gesündigt, die nicht rein,
Welche härter war als Stein,
Unermessliches Verzeihn!

UNA
O neige, du Gnadenreiche,
Du Reine, du Ohnegleiche,
Du strahlendes Himmelslicht,
Dein heiliges Angesicht,
Voll Barmherzigkeit, ach,
Mit meiner elenden Schmach!
Möge mein ewig Geliebter,
Der nun nicht mehr zu Tode Betrübter,
Dass er singe dir heilige Lieder,
Kommen zu seiner Geliebten wieder!

DIE SELIGEN KNABEN (sich nähernd, schwebend im Kreis.)


Mit den kräftigen Gliedern
Ging er ferne Wege,
Kehrte reich zu uns wieder
Und genoss unsre Pflege.
Wir waren früh entfernt
Von des Irdischen Kreise,
Aber er hat gelernt
Und belehrt uns nun weise.

UNA
Er ist noch sich kaum bewusst
Himmlischer Geister himmlischer Lust,
Kennt kaum das Leben immerdar,
Nähert sich schon der Jungfrauen Schar.
Siehe, wie selig er in der Fülle
Nackt ist ohne irdische Hülle,
Findet wieder die Jugendlichkeit
In dem transparenten Kleid.
Ich will ihm weisen der Weisheit Gesicht,
Dass er sie schaue im ewigen Licht!

DIE GOTTESMUTTER MARIA


Komm, steige du hinan zu Gottes goldner Wolke!
Gewinne Geist für ihn, gewiss, dass er dir folge!

DOCTOR MARIANUS (sich verbeugend, in der Hyperdulie.)


Schaut auf eure Retterin,
All ihr zärtlichen Büßerinnen,
Dankt der Erlöserin gnädigem Sinn,
Dankt und dient ihr mit hohem Minnen!
Möge jeder verklärte Sinn
Sein ihrem ewigen Dienst bereit!
Jungfrau, Mutter, Königin,
Göttin! erweise Barmherzigkeit!

DER MYSTISCHE CHOR


Alle irdischen Schatten
Sind ein Abbild nur.
Der Idee sich zu gatten,
Folgt des Urbilds Spur.
Kommt zur seligen Schau,
Schaut mit dem Seelentriebe:
Lockt uns die ewige Frau
In die göttliche Liebe!

DIE SYRISCHE FRAU ODER THORSTEN UND LAYLA

FRAGMENT

ERSTER GESANG
Wahrlich, ich sah den Markt und die Straße nie so verlassen!
Wie wenn alles gefegt wär, sieht mein Oldenburg aus nun,
Oder alle sind umgekommen! Nicht mehr fünfzig nun gibt es
Von den Bewohnern der Stadt! Was wird die Neugier nicht sehen!
Hier rennt jeder in Eile, um die traurigen Ströme
Syrischer Flüchtlinge anzuschauen, die elenden Leute.
Ja, sie kommen am Damm des Heiligen Geistes vorüber.
Alle eilen herzu in der sengenden Hitze des Mittags.
Ich, gut gläubig, wollt mich nicht von der Stelle bewegen,
Um die Sorgen zu bezeugen von flüchtenden Menschen,
Die mit wenig geretteter Habe sind hier her vertrieben,
Kommen von jenseits des Mittelmeeres, der syrischen Heimat,
Ihrem schönen Land, das im Bürgerkriege befindlich,
Kommen zu uns, und durch das grüne Ammerland schweifen
Sie und kommen hierher, gelegen an Hunte und Haaren.
Du hast Gutes getan, du meine treuherzige Doris,
Unser Sohn, der Thorsten, ist so freundlich gewesen,
Etwas zu bringen von Essen und Trinken und etliche Kleidung,
Dieses unter dem syrischen Volke lieb zu verteilen,
Denn, wie Jesus sagt, das Geben ist frommer als Nehmen.
Wie die Jugend den Wagen fährt und ist sicher am Steuer,
Welche Krontrolle hat er über die Stärke der Pferde,
Ist nicht unser Mercedes eine schöne Erscheinung?
Mit Bequemlichkeit sitzen vier im Innern des Wagens,
Und im Kofferraume ist Platz für Kisten und Kästen.
Diesmal ist er allein gefahren mit unserem Wagen.
O wie leicht ist um die Ecke gerollt der Mercedes. -
So, als er saß auf der Bank vor seinem eigenen Hause,
Sprach der fromme Johann zu seiner treuherzigen Doris,
Er, der war der Wirt des sauberen Goldenen Löwen.

Darauf sagte die weise und gebildete Hausfrau:


Lieber, ich will nicht alle alten Kleider verschenken,
Weil ich sie noch könnte für viele Zwecke gebrauchen,
Und man kann ja nicht immer für Geld gleich Neues erstehen.
Heute aber gebe ich, und mit großem Vergnügen,
Manch ein Hemd und manch ein Kleid, einst besser gewesen,
Denn mir wurde von Alten und von Kindern berichtet,
Welche nackt fast entfliehen mussten dem syrischen Lande.
Deine Garderobe wurde von mir schön geplündert
Und besonders der Morgenmantel chinesischer Seide,
Er war dünn und alt und war schon ganz aus der Mode.

Darauf sagte mit einem Lächeln der liebende Johann:


Glaube nur! Es tut mir leid, den Rock zu verlieren,
Meinen guten Morgenmantel chinesischer Seide,
Nimmer werde ich so etwas schönes wiederbekommen.
Nun, ich hatte es aufgegeben, den Mantel zu tragen,
Heute trägt man dergleichen nicht mehr. Und immer in Stiefeln
Muss man gehn und verboten sind die weichen Pantoffel.

Da unterbrach ihn Doris: Jetzt sind schon einige drüben,


Die die Prozession gesehen der syrischen Christen,
Ja, es muss schon vorbei sein. Schau nur den Staub auf den Schuhen,
Sieh, wie ihre Gesichter glühen von sengender Hitze,
Manche Frau trägt ein Kopftuch und wischt mit dem Tuche den Schweiß ab.
Nicht, um das zu sehen, werde ich rennen und laufen
Und an der Hitze leiden. Genug, das man mirs berichtet.

Darauf gab Antwort und sagte ihr der ehrliche Johann:


Selten nimmt solche Hitze teil an so fruchtbarer Ernte,
Wie es diese ist. Die Bauern bringen Getreide,
Und das Heu wird gesammelt in den Scheunen der Bauern.
Nicht das geringste Wölkchen ist zu sehen am Himmel,
Strahlend lichter Azur ist der ganz heitere Himmel,
Und mit köstlicher Kühle kommt ein Windhauch von Osten.
Das ist das Wetter, das mir gefällt. Die Kornfelder golden
Sind schon überreif. Der Bauer wird morgen beginnen,
Einzusammeln die Ernte in die geräumigen Scheunen.

Ständig aber wuchsen die Scharen von Männern und Frauen,


Deren Heimweg über den Marktplatz der Innenstadt führte.
Und mit andern kehrte auch, und bei sich die Töchter,
Heim der Nachbar zu seinem modernen, prächtigen Hause,
Holger, mit seinen Töchtern Leonore und Julie,
Er war Kaufmann und reich und fuhr ein schneeweißes Auto.
Lebhaft wurden die Straßen, die Stadt war reichlich bevölkert.
Mancher Handel wurde getrieben, es gab auch Fabriken.

Vor der Türe saßen die Liebenden, Johann und Doris,


Freuten sich mit vielen Bemerkungen über die Leute.
Endlich aber sprach die würdige Hausfrau und sagte:
Siehe da drüben unsre Pastorin, die heilige Gudrun,
Mit ihr kommt auch Ariadne, die Ärztin, die schöne,
Diese sollen uns alles erzählen vom syrischen Elend,
Alles, was sie wissen von Bürgerkrieg, schrecklichem Terror,
Christenverfolgung, das ganze Leid dieser Erde.

Herzlich nahten die beiden Frauen und grüßten das Pärchen,


Setzten sich auf die Bank aus Holz, die da vor der Tür stand,
Schüttelten ab den Staub von ihren nackenden Füßen,
Fächelten frische Luft sich zu mit spanischen Fächern.
Dann begann die Ärztin Ariadne, die schöne,
Nach dem Wechseln der Grüße, so mit heiligen Ernste:
So ist die törichte Menschheit in ihrer Fürsorge! Mütter
Lieben mit Affenliebe und ein Mann ähnelt dem andern,
Alle kommen, zu gaffen und zu starren, wenn Unglück
Einen Nachbarn getroffen. Jeder beeilt sich, die Flammen
Zu betrachten, wenn sie aufsteigen von der Zerstörung,
Alle laufen, die armen Übeltäter zu sehen,
Wenn die Terroristen kommen und kreuzigen Christen!
Jetzt aber kommen sie und fragen nach den Vertriebnen
Und nach ihren Bedürfnissen, und ein jeder bedankt sich,
Dass nicht ihm ist Hab und Gut und Heimat genommen.
So ist nun die Natur des Menschen, voll sündiger Ichsucht!

Darauf gab Antwort und sagte Gudrun, die weise Pastorin,


Zierde der Stadt und der evangelischen Kirche,
In den besten Jahren der Weiblichkeit, goldener Locken,
Sie verstand das Leben und das Herz der Gemeinde,
Tief durchdrungen von den Worten der heiligen Bibel,
Wie sie uns offenbart das ewige Schicksal des Menschen,
Unterrichtet auch in den besten weltlichen Dichtern:
Ich bin nicht so abscheulich, sagte die heilige Gudrun,
Um die unschuldvollen Instinkte der Menschen zu tadeln,
Was der Menschheit gegeben von der Mutter Natur ist,
Was Verstand und Vernunft nicht erreichen, das bringen Instinkte
Und Impulse des Herzens. Hat nicht die Neugier den Menschen
Angezogen mit starker Anziehung, hätte man jemals
Je gelernt, wie harmonisch Erfahrungen passen zusammen?
Denn zuerst begehrt der Mensch die romantische Liebe,
Dann auch strebt er mit unermüdlicher Arbeit zum Nutzen,
Schließlich sehnt er sich nach dem Guten, das in der Kindheit
Eingegossen wurde ihm mit Taufe und Glauben.
Ist der Mensch jung, so ist er voll des fröhlichen Geistes,
Leichtsinnig heiter, der Geist ist voll Lust sein Genosse,
Spuren des schmerzen-bringenden Übels aber verschwinden,
Wenn das Übel vorüber. Er ist wahrlich zu loben,
Der aus den Freuden der Jugend dann im reiferen Alter
Sich entwickelt ein gutes Verständnis, vernünftige Weisheit.
Wer, im Glück des Lebens oder in Krankheit und Trauer,
Eifrig strebt nach göttlichen Tugenden, himmlischer Weisheit,
Der tut Gutes und leistet Sühne für mancherlei Böses.

Da unterbrach sie die ungeduldige Doris, die Hausfrau,


Rufend: Erzählt von dem, was ihr gesehn von den Syrern,
Von den anderen auch, den Afghanen und den Irakern,
Und den Flüchtlingen auch aus des schwarzen Afrika Elend,
Bitte erzählt genau, denn zu wissen ist all meine Sehnsucht!

Kaum kann ich schildern im Geist, sprach Ariadne, die Ärztin,


Alle die schlimmen Schicksale unserer lieben Vertriebnen.
Sechzig Millionen zählen weltweit die Flüchtlinge heute,
Sechzig Millionen wurden im Zweiten Weltkrieg ermordet.
Wir sind mitten im Dritten Weltkrieg, überall Terror,
Bürgerkriege und Stammesfehden und Hunger und Seuchen,
Meeresbeben und Erdbeben und Vulkane und Stürme,
Elend, wohin wir schauen, die Sonne ward unsere Feindin,
Über die Erde ziehen Prozessionen des Elends,
Babylon ist verwüstet, zerstört ist Syriens Garten,
Terror und Hunger und Bürgerkrieg Afrika plagen,
Dreißigtausend Menschen im Mittelmeere ertrunken,
Flüchtlinge kommen vom Mittelmeere nach Österreich, Bayern,
Deutschlands Kanzlerin öffnet die Grenzen, gastfreundlich Schweden
Gibt den Flüchtlingen Heimat in ihrem nordischen Eden.
Leider sah ich die Menschen, die vom Unglück beladen,
Alle trugen auf ihrem Rücken das Kreuz des Erlösers,
Syrische Maroniten, orthodoxe Chaldäer,
Die katholischen Aftikaner oder die Pfingstler,
Die Jessiden des gequälten kurdischen Volkes,
Aleviten aus Syrien, auch Shiiten, Sunniten,
Alle hängen vereint an dem Einen Kreuz des Messias!
Nun befinden sie sich in den leeren Heeresbaracken
Hier in Oldenburg, das ist ein wahres Babel von Zungen,
Da sie leben von Almosen oldenburgischer Bürger,
Was der Staat ihnen spendet und von den Gaben der Kirche.
Kinder sind unter ihnen, ohne Eltern gekommen,
Sprechen nicht deutsch, nicht englisch und sind arm und verlassen.
Ach wie plagt mich meine Ohnmacht angesichts alles
Dieses Elends auf Erden! Ich fürchte, das Jüngste Gericht kommt!
So war es auch bei der Feuersbrunst vor einigen Jahren,
Da wird der Mensch der Vernunft beraubt, entlaufen dem Tollhaus
Irrt er schreiend umher und klammert sich an die Bibel
Und die letzte Zigarette, die Flasche mit Wasser,
Müll liegt auf den Straßen unter Trümmern, Ruinen,
Raben krächzen und Stadttauben picken die Krümel der Brötchen,
Frauen und Kinder gehen in Lumpen und Säuglinge weinen.

Ja, ich sah die Flüchtlinge in den Heeresbaracken,


Von den Almosen lebten sie von Staat und Gemeinde,
Lagen auf zerrissnen Matratzen, in Lumpen von Kleidung,
Die die Armen in Deutschland ihnen mit Großmut gespendet,
Kochten in zerbeulten Kannen Tee sich von Mate,
Tranken ihn ohne Zucker, aßen Gemüse und Nudeln,
Vegetarische Speisen der evangelischen Mütter,
Einige fuhren auf klapprigen Fahrrädern, schauten die Stadt an,
Alte vergruben sich stumm in ihrem unendlichen Kummer,
Heimweh hatten alle nach ihrer vernichteten Heimat,
Müd waren alle der Streitigkeiten der Weltreligionen,
Kinder trauten sich an den christlichen Großmüttern, Damen,
Freundinnen Gottes mit barmherzigen Herzen von Müttern.
Aber die reichen Deutschen haben die Schoßhündin lieber,
Die rassistischen Gruppen gewinnen Stimmen am Wahltag,
Christliche Fundamentalisten sind Ausländerfeinde,
Bürgerinnen haben Furcht vor dem Aussehn der Fremden,
Alle Araber werden als Terroristen verdächtigt,
Nationalismus ersteht in allen Staaten Europas,
Ja, Europa ist gottlos geworden, vermauert die Grenzen,
Reiche Christen sagen: Der Afrikaner ist selbst schuld
An dem Hunger, weil er korrupt und gottlos und faul ist.
Deutsche Bürger kümmern sich nicht um das Elend im Osten
Und im Süden, solange Deutschland nur herrlich und reich ist
Und die Geschäfte überquellen von Nahrung in Menge
Und von Naturkatastrophen bewahrt bleibt das heimische Deutschland.
Nichts als Rassismus und Nationalismus und Gleichgültigkeit nur,
Fremdenfeindlichkeit unter den fanatischen Christen,
Arroganz der Reichen, des Nationalgotts Verehrer!
Ach ich schäme mich für die Christen und Bürger von Deutschland,
Ach ich schäm mich Europas, Europa ist gottlos geworden!

Drauf gab Antwort und sagte der treue und freundliche Johann:
Möchte doch unser Thorsten sie treffen und ihnen bescheren
Schwarzen Kaffee zu Stärkung und vom fettigen Braten,
Jeans und T-Shirts den Männern und lange Kleider den Frauen,
Und ein gutes Wort von der göttlichen Liebe zur Tröstung.
Aber was soll ich tun, was kann ich tun bei dem Elend?
Dieses Starren auf solche Leiden schmerzt meine Seele.
Mich betrüben die Nachrichten über so grausames Schicksal,
Schreibt die Nordwestzeitung täglich doch von dem Elend des Weltkriegs.
Wenig können wir geben nur und nur falten die Hände.
Lasst uns erneuern nun nicht mehr diese traurigen Bilder,
Weiß ich doch, wie gerne die Angst das Herz sticht des Menschen,
Ja, die Angst ist oft schlimmer als das eigentlich Böse.
Kommt nun, Ariadne und Gudrun, freundliche Damen,
Kommt mit Doris und mir in unsre dämmrige Stube,
Wo die sengende Sonne nicht sticht, die Schwüle nicht plagt uns,
Da die festen Mauern uns frische Kühle bescheren.
Dort wird Doris uns eine Flasche französischen Weines
Öffnen, roten Bordeaux, der wird den Kummer uns brechen.
Hier vor der Tür ist es gut nicht zu trinken in sengender Hitze,
Wespen summen und Fliegen hier um die Gläser voll Rotwein. -
So verlegte man die Beratung ins kühlere Zimmer.

Vorsichtig brachte Doris den herben köstlichen Rotwein


Von der Garonne in einer golden umwickelten Flasche,
Brachte den Rotwein auf des glitzernden Zinntellers Weisheit,
Darauf auch große Gläser standen als Kelche des Blutes.
So saßen Johann und Doris, Ariadne und Gudrun
Um den breiten Eichentisch auf den mächtigen Füßen.
Freudig klangen die Gläser nun von Johann und Gudrun,
Aber Ariadne hielt mit der Hand fest den Becher,
Schaute versonnen in den den glühenden Blutspiegel. Schließlich
Forderte Johann sie auf zu jugendlich heiterer Laune:

Komm nun, Ariadne, und sauge den Becher des Bacchus,


Sei getrost, denn grenzenlos ist des Heilands Erbarmen,
Hat uns Gott doch bisher erhalten und tut es auch weiter.
Wie nach der Feuersbrunst, die wir gedeutet als Strafe des Höchsten,
Gott uns wieder gesegnet und uns für immer beschirmte,
Da uns der Ewige Vater wie seinen Augapfel lieb hat,
Da das allwissende Auge Gottes wacht über alles!
Ist nicht Gott uns Arzt und Heiland und Hilfe und Beistand?
Nur wenn groß die Gefahr, erkennt man die Allmacht des Retters!
So auch, was die Feuersbrunst uns hat an Häusern vernichtet,
Das haben fleißige Bürgerinnen wieder errichtet.

Freudig sagte darauf die an Klugheit vollkommene Gudrun,


Die Pastorin, und sagte es mit freundlichen Worten:
Bleibe nur fest im Glauben, denn Gott ist Wehr uns und Waffe,
Gott ist ein feste Burg, und bleibe im guten Humor nur,
Denn der Glaube macht weise, wenn uns Fortuna ist gnädig,
Kommen Kreuz und Leiden, bietet der Glaube die Tröstung
Und belebt in uns die immerjungfräuliche Hoffnung.

Da sprach Johann gedankenvolle männliche Worte:


Oftmals hab ich begrüßt die allgewaltige Nordsee,
Wenn ich von Reisen kam aus Spanien, aus der Toskana,
Majestätisch erschien mir die See, die Mutter der Friesen,
Sah ich die Deiche und sah die Schafe weiden am Deiche,
Möwen gellen am Himmel, die Austernfischer spazieren
In dem glänzenden Watt und sah den Wattwurm sich winden,
Sah ich die herrliche Schöpfung und droben den Vater im Himmel!
Dachte ich da an den Dritten Weltkrieg, Flüchtlinge, Terror?
So beseligt mich immer die Mutter Natur voller Schönheit,
Da vertrau ich den Friesen, den Teutonen, den Sachsen,
Und vor allem, wenn ich in den romanischen Kirchen,
Die wie Großmütter stehen fest mit schönsten Altären,
Höre, wie die Gemeinde Te Deum singt in den Chören,
Heilig schwellen die Orgeln und es blasen Posaunen
Und der Glocken heiliger Laut heißt: Friede auf Erden!
Das sind heilige Nächte! Nun überstehen wir alles!
Und ich möchte den Tag noch erleben, da Thorsten, mein Jüngling,
Liebe Pastorin, steht am Altar mit der Braut seines Herzens,
Hochzeit zu feiern zu der Ehre von Himmel und Heimat,
Dass von diesem Tage an herrsche die häusliche Freude!
Aber ich muss beobachten doch mit etwas Bedauern,
Dass die heutige Jugend lebt nach dem Motto: Drum prüfe
Ewig, bis du dich bindest, denn so lesen sie Schiller,
Und zu Hause wollen sie nicht bleiben, ins Ausland,
In die schöne Provence im Süden des Frankreichs der Liebe
Wollen sie, und der Haushalt scheint ihnen wenig bedeutsam.
Ach und mein Thorsten bleibt am liebsten mit Büchern alleine,
Wenig sucht er doch die Gesellschaft von Mädchen und Damen,
Scheut die Tanzschule auch, den argentinischen Tango
Oder den Walzer von der herrlichen bläulichen Donau.

Also redete Johann und lauschte dem Wehen der Lüfte,


Ferne donnerten Autos, die Luft verpestend mit Rauchqualm.

ZWEITER GESANG

Freundlich kam Thorsten, und da ging der Sohn in die Wohnung,


Und mit einem prüfenden Blick sah die heilige Gudrun
Auf den Jüngling, mit dem Blick der frommen Studentin,
Welcher leicht den Ausdruck des Antlitzes auslotet, prüfte
Sie sein Gesicht und seine Gestalt und Haltung des Körpers.
Dann sprach Gudrun mit einem Lächeln und sagte voll Liebe:
Wahrlich, wahrlich, als anderes Wesen kommst du verwandelt!
Nie hab ich dich so fröhlich gesehen wie heute, so heiter,
Niemals bisher hab ich deine Blicke so leuchtend gesehen.
Fröhlich bist du und glücklich. Es ist klar, dass den Armen
Deine Almosen du gegeben mit schenkender Liebe
Und dass auf dich herab gekommen der Elenden Segen!

Ruhig und ernst gab Antwort der Sohn von Johann und Doris:
Wenn ich gehandelt, wie du es loben magst, heilige Gudrun,
Weiß ich es nicht, ich folgte dem, was mein Herz mir geboten,
Wie ich genau berichten werde. Liebliche Mama,
Lange hast du gewühlt in deinen älteren Sachen,
Sammelnd und wählend, dass nicht zu spät ein Bündel entstanden,
Auch für Wein hast du gesorgt und für knusprige Brote.
Als ich dann aus der Haustür trat und kam zu der Straße,
Strömte eine Schar von syrischen Flüchtlingen, Männern,
Frauen und Kindern, dahin und ich sah der Flüchtlinge Elend.
Schnell ging ich weiter und fuhr mit Schnelligkeit mit dem Motorrad
In das Heerlager, wo, wie ich hörte, sie ausruhen sollten,
Wo sie geduldig warten auf einen besseren Morgen.
Dahin die Alexanderstraße hinab ich mich stürzte,
Und da sah ich einen Karren mit manchem Gerümpel,
Neben dem Karren ging mit raschen Schritten ein Mädchen,
Und mit Wanderstöcken bei ihr gebrechliche Alte.
Vorwärts drängen sie jetzt, und jetzt mit langsamen Schritten
Bleiben sie zurück, geschickt lässt der Karren sich lenken.
Als das Mädchen mich wahrnahm, nahte sie still dem Motorrad,
Und sie wandte sich an mich mit den folgenden Worten:
Nicht so beklagenswert ist unser Zustand wie heute
Hier auf dieser Wanderung. Das ist nicht meine Gewohnheit,
Um Geschenke bei Fremden zu betteln, denn selten gibt gerne
Ein Germane, um loszuwerden den lästigen Bettler.
Aber die Not treibt mich zu sprechen. Hier ist eine Mutter,
Welche schwanger mit einer gesegneten Frucht ihres Leibes,
Die mit Ächzen und Stöhnen wanderte, kurz vor den Wehen,
In das Lager der Flüchtlinge, wo wir ausruhen wollen,
Wenn wir ankommen, sie ist vielleicht schon nieder gekommen.
Solltest du Wäsche jeglicher Art haben, gib sie der Mutter,
Wenn du voll bist von Nächstenliebe zum Herzen der Armen.

Also sprach sie, und die bleichen Alten sahn zu mir.


Und da gab ich zur Antwort: Wahrlich, der Heilige Geist spricht
Zu den Menschen mit gutem Willen, barmherzigem Herzen,
Lässt sie das Elend mitleiden eines leidenden Bruders.
Du musst wissen, dass meine Mutter vorher sah den Kummer,
Mir ein Bündel gegeben, um die Nackten zu kleiden. -
Und dann löst ich die Knoten der Schnur, den Mantel von Johann
Gab ich ihr und auch die Unterwäsche und Hemden.
Und sie dankte mit Freude und sagte: O glückliche Wunder,
Die man kaum glauben kann, sie werden bewirkt von der Gottheit.
Nur in Not erkennen wir Gottes eigenen Finger,
Der die Barmherzigen leitet zu barmherzigen Werken.
Was du für uns gewesen, das möge Gott auch für dich sein. -
Und ich sah, mit welchem Vergnügen die Wäsche sie ansah,
Und besonders des Morgenmantels chinesische Seide.
Lass uns weiter wandern, sagten die Alten zum Mädchen,
Dass wir zur Nacht ins Flüchtlingslager kommen und ruhen.
Da dann werden die Kleider wir alle verteilen,
Kleider den Frauen, Jeans und T-Shirt den Knaben und Männern. -
Wieder dankte das Mädchen mir mit herzlichem Lächeln.
Und es rollte der Karren weiter. Da bin ich geblieben,
Ließ nur einmal aufheulen mein geliebtes Motorrad,
Denn geteilt war mein Herz, ob ich mit Schnelligkeit fahren
Solle ins Flüchtlingslager, dort den Kram zu verteilen,
Oder ob ich dem Mädchen gebe alles auf einmal,
Dass sie mit Weisheit alles verteilt in gerechter Verteilung.
Und in Einem Augenblick hatte mein Herz schon entschieden,
Ruhig neben dem Mädchen schreitend, sagt ich dem Mädchen:
Hör mal, schönes Mädchen, meine Mutter gab nicht nur
Kleider und Jeans und T-Shirts und Unterwäsche und Hemden,
Um die Nackten zu kleiden, auch französischen Rotwein,
Bayrisches Bier und Wiener Schnitzel, paniert und gebraten.
Manches davon hab ich im Beiwagen meines Motorrads.
Aber jetzt fühl ich mich bewegt, dieses Opfer zu legen
Ganz in deine Hände, so kann ich den Auftrag erfüllen
Auf die beste Weise. Du sprichst der Gerechtigkeit Urteil,
Während ich nur zufällig hier und da etwas schenke. -
Darauf gab Antwort das Mädchen: Ich werde mit Lust die Geschenke
Weiter verschenken, so will ich deine Tröstungen spenden
Allen Armen und Elenden in der Flüchtlinge Lager. -
Also sprach sie. Da hab ich schnell geöffnet die Kiste,
Die in dem Beiwagen wartete meines geliebten Motorrads,
Holte die Schnitzel heraus und auch französisches Weißbrot,
Flaschen Bordeaux, und bayrischen Franziskaner, das Weißbier,
Alles gab ich dem Mädchen. Und bereitwillig hätte
Ich ihr mehr noch gegeben, aber leer war die Kiste.
Alles packte sie auf den Karren und wanderte weiter.
Ich bin mit meinem Motorrad und meinem Beiwagen eilig
In die Innenstadt gefahren, in Oldenburg-City.

Gleich als Thorsten die Rede beendet, beredsam gab Antwort


Ariadne und sagte: O Glück in der Gegenwart Tagen,
Tagen der Flucht und des Krieges, dem, der heute allein lebt
In der eigenen Wohnung, keine Frau, keine Kinder
Hat, die sich klammern an ihn mit einem erschrocknen Entsetzen!
Ich aber bin eine Gattin, eine Mutter von Kindern,
Darum bin ich voll Angst in diesen schrecklichen Zeiten.
Oft denk ich, was denn wär, wenn ich selber flüchten und fliehen
Müsste vor einer Diktatur und Bürgerkriegsterror?
Was denn würde ich einpacken? Etwa die Geldscheine, Goldschmuck?
Heute verehrt man die Geldscheine doch als heilige Väter!
Vieles müsst ich zurück lassen, was nicht leicht zu bekommen,
Auch die Heilkräuter, die ich nach Hildegards Weisheit gesammelt,
Und die medizinischen Bücher aus Studienzeiten.
Dann bedenke ich, wie mein Mann und all meine Kinder
Mit mir fliehen müssten. Da hat es leichter ein Single!

Herrliche Ariadne, gab nun Thorsten zur Antwort,


Ich will in keiner Weise das Single-Leben lobpreisen.
Wird doch ein Mensch nur geschätzt, der nicht nur denkt an sich selber.
Sahen wir Egozentriker stolz doch zur Unterwelt fahren!
Was ist ein Mensch, der sich nur selber liebt, nicht den Nächsten,
Nicht die Gottheit der Liebe? Eher möchte ich freien.
Manch ein reines Mädchen braucht den Schutz eines Mannes,
Und der Mann braucht eine inspirierende Dame.

Daraufhin sagte lächelnd der Vater Johann, der gute:


Solches lieb ich zu hören, das sind vernünftige Worte,
Wie ich sie selten höre in diesen unzüchtigen Zeiten. -
Aber die Mutter Doris unterbrach den Geliebten,
Redend: Sohn, du hast recht, es sei dir ein Beispiel gegeben,
Wie deine Großmutter Margarethe, die du so liebtest,
Schloss ihre Ehe mit Ulrich, westpreußischem Flüchtling,
Welche nicht in den Zeiten des Friedens wählten einander,
Sondern in den traurigsten Stunden germanischer Heimat,
Da sie zusammenfanden als wahre Röte des Morgens.
Zwölf der traurigsten Jahre das Tausendjährige Reich des
Antichrist war hereingebrochen über die Deutschen
Und die geliebten anderen Völker, die unsere Brüder,
Und der Dämon führte den männermordenden Weltkrieg,
Und die Gerechten unter der Führung der Mutter Maria
Stürzten den Dämon des Selbstmords und seine Genossen zur Hölle.
Deutschland lag in Trümmern. Hannovers brennende Trümmer
Waren die Heimat deiner lieben Großmutter, Thorsten,
Da sie irrte durch brennende Straßen, allein und verloren,
Einen Kinderwagen voll Hab und Gut in den Händen,
Hungernd, hatte sie Brot kaum und keine Butter zum Brote,
Aber sie freute sich über des Friedens Wiederkunft, dachte:
Lieber arm als sonst ein Werkzeug des teuflischen Herrschers,
Deutschland wird auferstehen aus Trümmern und Brand und Ruinen!
Alles war Rauch und Asche von den englischen Bomben,
Deutschland säte den Sturm und erntete Donnergewitter!
Da war schwer das Herz deiner Großmutter, aber erhaben
Über das Elend durch den evangelischen Glauben.
Einmal sah sie die Sonne, wie sie aufging am Morgen,
Und die himmlische Sonne inspirierte den Geist ihr,
Hoffnung zu schöpfen, die schöne immerjungfräuliche Hoffnung.
Und sie kehrte zum Haus ihrer Eltern, der Vater gestorben
In dem Krieg und die Mutter gestorben an tödlicher Krankheit,
Sah sie des Vaterhauses Ruine, bitterlich weinend.
In der Ruine hauste aber Ulrich, der Flüchtling,
Westpreuße er, vertrieben von den Armeen der Russen,
War er gekommen nach Hannover, Englands Domäne,
Um den Kommunisten zu entkommen, den Mördern,
Vergewaltigern deutscher Frauen, betrunkener Russen,
Von dem Stalinismus verwildert. Weh, heiliges Russland!
Ulrich nahm Margarethe bei den zitternden Händen,
Führte sie durch das Haus und stand im offenen Tore,
Legte Margarethe auf eine Bank, sie zu küssen,
Aber Margarethe erhob einen Einwand aus Keuschheit,
Aber Ulrich sprach die klugen bedeutenden Worte:
Siehe, das Haus liegt in Trümmern. Bleib du bei mir und hilf mir,
Und wir bauen das Haus wieder auf, das Haus deines Vaters. -
Thorsten, Deutschland ist ja das Werk der Fraun in den Trümmern,
Mütter erbauten Deutschland, Deutschland ist unsere Mutter.
Margarethe verstand nicht, was der Ulrich begehrte,
Aber der Mann ihr geduldig erklärte, er wolle sie freien
Und zur Hausfrau nehmen und zur Mutter von Kindern.
Noch im Alter erinnerte Margarethe mit Freude
Sich Hannovers in Trümmern, da sie die Liebe gefunden.
Immer, wenn sie die Sonne sah aufgehen herrlich am Morgen,
Sie gedachte der Hoffnung, der immerjungfräulichen Hoffnung,
Da die Verwüstung des Terrors war vorüber gegangen
Und über Deutschland der Regenbogen des Friedens erschienen.
Darum preise ich, Thorsten, dass in den heutigen Zeiten,
Da wir stehen im Dritten fragmentarischen Weltkrieg,
Du mit Ehegedanken denkst an ein freundliches Mädchen
Und inmitten von Krieg und Terror und Stürmen und Hunger
Du den Mut hast, zu werben um ein liebliches Mädchen.

Da sprach Vater Johann, voll von der herzlichen Wärme:


Loben muss ich die Gefühle, die wahre Geschichte,
Mama, die du erzählt hast, so ist es wirklich geschehen.
Aber es gibt auch andere Wege, bessere Wege.
Denn nicht jeder muss aufs Neue von Grund auf beginnen,
Braucht sich nicht jeder zu sorgen wie die am Ende des Weltkriegs.
Glücklich ist der, dem Vater und Mutter bauten das Haus schon,
Schön möbliert und bereit zum Einzug von Gatten und Kindern.
Aller Anfang ist schwer, und besonders der Anfang des Haushalts.
Vielfältig sind die Bedürfnisse unseres Menschengeschlechtes,
Alles, was täglich benötigt wird, das wird teurer und teurer,
So dass der Mann muss nachdenken über die Mittel zum Leben,
Wie er sein Einkommen sichert für die Frau und die Kinder.
Dieses hoff ich, mein Thorsten, dass du ein Mädchen ins Haus bringst,
Eine makellose Braut mit dem Liebreiz der Jugend.
Sei du galant, mein Junge, und freie die lieblichste Jungfrau.
Groß ist der Trost im Hause, wenn man ein liebendes Weib hat,
Wenn man der Frau die schönsten Geschenke gibt, Blumen und Goldschmuck.
Nicht umsonst war ja Mama beschäftigt, die Wäsche zu sammeln,
Dass ihre Schwiegertochter habe ihr Bettzeug von Linnen.
Auch deine Paten Heinrich und Edith gaben vom Silber,
Und dein Großvater Ulrich hat manches Goldstück gesammelt.
Denn es wird kommen ein Tag, da wird sich die Jugend erfreuen
An dem Besitztum der Alten und der Gotteltern Gaben,
Wenn der Jüngling aus allen anderen Weibern ein Weib wählt.
Gut ist im Haus die Stellung der Frau, die eigene Möbel
Mitbringt und weiß Bescheid in den Dingen von Küche und Keller,
Gut ists, wenn die Frau sich selber den Tisch deckt, das Bett macht.
Eine chiq gekleidete Frau will ich gerne empfangen
Hier in meiner Wohnung. Die Frau, die arm ist und elend,
Die wird am Ende doch von ihrem Gatten verachtet.
Kam sie als Magd mit geringem Bündel, hält er als Magd sie.
Männer werden gemein, wenn vorbei ist die Stunde der Liebe.
Thorsten, das Alter deines Vaters sollst du erfreuen,
Wenn du eine Schwiegertochter mir schnell in mein Haus bringst,
Aus der Nachbarschaft hier. Denk doch an Holger, den Vater.
Seine Töchter Leonore und Julie sind herrlich.
Leonore ist schon vergeben, doch Julie ist frei noch.
Wenn ich an deiner Stelle wäre, ich hätt schon geworben,
Ja, ich hätte mir diese liebliche Jungfrau genommen,
Wie ich in meiner Jugend hab deine Mama genommen.

Da gab Antwort der Sohn dem eiligen Vater bescheiden:


Das war auch mein Verlangen, die göttliche Julie zu nehmen.
Lange schon kenne ich sie, als sie noch ein niedliches Mädchen,
Ward sie von frechen Kerlen belästigt, hab ich sie gerettet,
Aber das ist lange vorbei. Sie wurde zur Göttin,
Ward zum Mannequin, ward zur florentinischen Venus
Oder besser gesagt, Madonna des Neuplatonismus!
Manchmal ging ich zu ihr, um dich zu befriedigen, Johann,
Und auch wegen unserer früheren Sandkastenfreundschaft.
Aber ich konnte mich nicht erfreuen im Hause von Holger,
Denn sie haben mich immer scharf und kritisch betrachtet.
Meine Arbeiterjacke war zu grob und zu fleckig,
Meine Haare zu lang und ungekämmt und der Bart auch.
Soll ich mich kleiden im Anzug wie diese dummen Beamten,
Die dort am Sonntagnachmittag sitzen bei Kaffee und Kuchen?
Aber ich weiß, der Vater und die Mädchen verspotten
Mich mit höhnischen Worten, was meinen Hochmut verwundet.
Aber vor allem kränkt meinen Stolz, dass die göttliche Julie
Denkt: Wie kann sich Hoffnung machen der närrische Thorsten!
Letztes Jahr zu Ostern ging ich einmal hinüber,
Trug ein chiqes Sakko und hatte gekämmt meine Haare,
Hatte den Bart abgenommen wie die dummen Beamten.
Als ich eintrat, hört ich das girlish giggle der Mädchen.
Leonore und Julie saßen am Violoncello,
Holger spielte Gitarre und ihr Großvater lauschte,
Dem sie zum achtzigsten Wiegenfest Halleluja gesungen.
Oh wie Julie lächelte! Lächelnliebende Venus!
Ich überreichte ihr mein Gedicht von Romeos Liebe
Zu der göttlichen Julie in dem schönen Verona.
Leonore kicherte, nannte mich Romeo immer,
Julie las die Reime und wurde zornrot vor Ärger.
Holger sagte: Dichte doch lieber von Adam und Eva.
Alle lachten, und der Großvater lachte am meisten.
Ich ward rot vor Verlegenheit, und ich schwitze vor Schande.
Ärgerlich ging ich davon, warf zu Hause das Sakko zu Boden,
Zog meinen Arbeiterkittel an und ließ wachsen das Barthaar.
Nie mehr werde ich übertreten die Schwelle der Göttin!
Ach die schönen Jungfraun sind stolz und herzlos und grausam!
Heute noch, wie ich weiß, dass sie mich immer Romeo nennen.

Darauf gab Antwort die Mutter und sagte: Du sollst nicht, mein Thorsten
Nachtragend sein und dich ärgern über die kindischen Mädchen,
Ja, die Menschen sind Kinder, und du liebst doch die Kinder.
Julie, mein ich, die Schöne, ist doch heimlich geschmeichelt.
Lass deine Auserwählte sein die entzückende Julie!

Nachdenklich sagte der Sohn: Ich weiß nicht, sind sie nur kindisch
Oder böse? Diese Kränkung sitzt tief mir im Herzen.
Nein, ich kann nicht mehr ertragen ihr Violoncello
Und ihre heuchlerischen Halleluja-Gesänge!

Da sprach Thorstens Vater laut mit zornigen Worten:


Wenig Freude wird mein Leben haben am Sohne!
Ja, ich weiß, du denkst an nichts als Verse und Reime.
Soll der Vater denn des eigenen Sohnes beraubt sein?
Wollt ich doch über den Sohn vor den stolzen Mitbürgern prahlen.
Früh schon mit leeren Hoffnungen hast du enttäuscht deine
Mutter.
Wenn in der Schule übten die andern die Studien fleißig,
Hattest du anderes nicht im Sinn als Mädchen und Reime!
Hast du denn gar kein Gefühl der Bürgerehre im Busen?
Willst du nicht auch eine höhere Stellung haben im Staate?
Hätte um mich so gekümmert sich mein eigener Vater,
Wie ich um dich mich gekümmert mit Gütern und Gaben,
Aber mein Vater starb als Soldat im schrecklichen Weltkrieg,
Ja, dann wäre ich nicht nur Wirt geworden im Gasthaus,
Aber ich konnte ja kaum zwei Jahre zur Volksschule gehen!

Da erhob sich der Sohn von seinem Stuhl und bewegte


Langsam zur Haustür sich und sprach kein Wort mehr zum Vater.
Aber der Vater in Leidenschaft und Zorn rief dem Sohn nach:
Bursche, geh nur! Ich kenne dich nicht! Du bist nicht mein Sohn mehr!
Solltest du jemals mir ein arm geborenes Weibchen,
Eine Bäuerin, eine Magd mir bringen als Tochter,
Schicke das Flittchen nur fort! Ich lebe lang schon auf Erden,
Und ich weiß, wie man umgehen muss mit dem Menschengeschlechte,
Und ich weiß, wie man unterhalten muss Herren und Damen,
Dass sie zufrieden sind mit dem Braten, dem Bier, den Kartoffeln.
Meine Gäste gehen von mir mit zufriedenem Bauche
Und die Fremden schmeicheln sich meiner besten Bedienung.
Eines Tages soll mir doch eine Tochter im Haus sein,
Die mir meine Lebensmühen im Alter verzuckert.
Möge sie mir Choräle auf dem Harmonium spielen,
Möge sie sammeln im Haus die Jungfraun, die Schönsten der Schönen,
Wie sie es machen jeden Sonntag im Hause bei Holger. -
Thorsten drückte die Klinke und ging still aus dem Hause.

DRITTER GESANG

So entglitt der bescheidene Sohn dem wütenden Vorwurf.


Aber der Vater fuhr fort in dem angenommenen Tonfall:
Hat er denn keine Männlichkeit in sich, der zärtliche Jüngling?
Werde ich nicht die Freude haben, mich besser zu sehen
In dem eigenen Sohn, dass er meine Träume erfülle?
Was wird aus Haus und Stadt, wenn nicht jeder immer erneuert
Und verbessert, wie die Zeit und die Fremde uns lehren?
Nein, der Mensch soll nicht wie ein Trüffel im Erdboden kleben,
Nicht auf der Scholle vergehen, die ihn als Mutter geboren,
Sondern Spuren von sich zurücklassen kommenden Zeiten!
An dem Haus erkennt man sogleich die Seele des Bauherrn.
Wenn wir gehen durch eine Stadt, so sehn wir Personen,
Die regieren die Stadt als Bürgermeister und Ratsherrn.
Wo verfallen die Kirchtürme und die adligen Schlösser,
Wo man stattdessen Konsumtempel aufbaut dem Götzen des Geldes,
Wo zerbrochene Bierflaschen liegen auf Fußgängerwegen,
Wo der Park ist voll von Bestecken der Drogenbesessnen,
Wo rumänische Bettler in Lumpen erfüllen die City,
Wo die Häuser verfallen und werden zur Wohnung der Ratten,
Da wird der Ort nicht gut regiert von den Herrn der Parteien.
Kommt nicht Ordnung von oben, so verwildert der Bürger,
Dann geht der Bürger fast in stinkenden Lumpen der Bettler.
Deshalb will ich, dass Thorsten geht auf Reisen durch Deutschland,
Dass er sehe den Kölner Dom, das herrliche Bingen,
Rothenburg ob der Tauber, und das heilige Bayern,
Dass er sehe die Türme Tübingens, Heidelbergs Schlossburg,
Das ist alles herrlich gebaut und reinlich zu sehen.
Wer einmal sah so schöne Städte, der wird seine Heimat
Gerne verschönern, dass die Ausländer, kommend von ferne,
Loben unser herrliches Oldenburg, loben die Kirche
Und das Schloss und den Park, die klassizistischen Häuser,
Loben die Kanäle und der Innenstadt Reinheit.
Nicht umsonst war ich Ratsherr von den Sozialdemokraten
Und gewann den herzlichen Dank von heimischen Bürgern,
Tat aktiv, was ich plante, im Geist von aufrechten Männern,
Was ich entworfen, das blieb nicht unvollendet am Ende.
Endlich packte der selbe Eifer jeglichen Ratsherrn,
Alle wirkten zusammen, die Christdemokraten, die Grünen,
Liberale und Linke am demokratischen Hause.
Blumen wurden gepflanzt auf dem Damm des Heiligen Geistes,
Eine vietnamesische Bratküche füttert die Deutschen.
Aber ich habe Angst, dass unsere eigenen Kinder
Sich nicht engagieren, sie sitzen nur vor dem Bildschirm,
Hocken zuhause und hocken brütend hinter dem Ofen.
Ach, ich fürchte, auch Thorsten hockt nur noch dumpf in der Stube!

Da gab Antwort und sprach die gute verstehende Mutter:


Vater, was willst du immer den Sohn so ungerecht sehen?
Das ist nicht der Weg, deinen sehnlichen Wunsch zu erfüllen,
Dass der Sohn was Besseres werde. Wir haben die Macht nicht,
Unsere leiblichen Kinder nach eignem Geschmack zu gestalten.
Kinder sind Gottes Geschenke und Gaben des Vaters im Himmel,
Darum wollen wir lieben unsere leiblichen Kinder.
Lehren wir sie, so gut wie können, in Denken und Sitte,
Lassen wir sonst sie folgen ihrem eignen Naturgeist.
Hat doch der eine diese, der andre jene Talente,
Jeder benutze sein eignes Talent mit fruchtbarem Wucher,
Glücklich soll jeder werden auf die eigene Weise.
Ich will nicht, dass du an Thorsten die Mängel nur anschaust,
Denn ich weiß, er ist würdig einst zu ihm kommenden Erbes,
Wird ein ausgezeichneter Hausherr, ein Muster für Bürger,
Wird auch in der politischen Szene die Stimme erheben.
Aber du hältst den Geist des Burschen in Fesseln gefangen,
Täglich suchst du die Schuld an ihm und zensierst ihm sein Denken. -
Just in diesem Augenblick hat sie die Wohnung verlassen,
Eilte dem Sohne nach und hoffte, dass sie ihn fände
Und mit eigenen Worten der Liebe ihm zujubeln könne,
Ihrem ausgezeichneten Sohne, der voll von Verdienst war.

Als sie fort war, sprach also der milde lächelnde Vater:
Was für ein Volk sind die Frauen! Genau wie die lieblichen Kinder,
Kinder und Frauen wollen leben nach eignem Gefallen,
Während wir Männer nichts tun, als zu loben, zu schmeicheln.
Immer gilt doch das vertrauenswürdige Sprichwort der Alten:
Wer nicht voran schreitet, der geht zurück im geistigen Leben.

Darauf gab Antwort und sagte Ariadne, die Schöne,


Nachdenklich und empfindsam, wahrlich mit englischer Güte:
Johann, mein alter Freund, mit dem Geld ist das so eine Sache.
Was denn nutzt auch das Erbe, wenn der Staat alles einzieht,
Wie ich es oft erfahren von meinen Herren, den Kranken?
Überhaupt ist das Bauen des Lebens auf Geld-Fundamenten
Wie das Bauen im Moor, das Bauen auf sinkendem Müllplatz.
Ist nicht der Gott des Geldes heute der scheußlichste Götze?
Aber er wird gestürzt, wie die monopolistischen Banken
Ja schon gestürzt die Wirtschaft der Welt in die schrecklichste Krise,
Denk nur ans heilige Griechenland und die wachsende Armut.
Aber noch steht mein Haus in schöner modischer Kleidung,
Da die Fenster bemalt sind wie die Fenster der Kirchen.
Aber sieh dir das Haus in der Nachbarschaft an und bedenke,
Wie ein schlechter Geschmack bemalt mit Blau dort die Bäume.
Schön vor allem find ich die Kirchenfenster Sankt Peters,
Das ist noch einmal eine Kathedrale der Schönheit.
Schönheit lieb ich zumeist und möchte auch wohnen in Schönheit.
Dazu verhilft das Geld nun nicht, geschmackloser Mammon
Baut nur Tempel des Mammon, wie die Hochhäuser Japans.
So ist mein Garten auch berühmt in der Umgegend, jeder
Flüchtling blieb stehen und schaute durch die Wildrosenpforte,
Sah die Anadyomene sich baden im Teiche,
Sah die Geißblattlaube, da wurde Kaffee getrunken,
Alle Beete in schöner Ordnung, Vergissmeinnicht, Poppie,
Iris der heimlichen Liebe und die purpurne Malve,
Fruchtbar der Hibiskus und schön zu Ostern der Krokus,
Selbstverliebte Narzissen und die Tulpen aus Holland,
Schmetterlingsflieder mit den verliebten Zwiefalter-Pärchen,
Der Holunderbaum und mit Pagoden Kastanien,
Wo die Turteltaubenpärchen spreizen die Schwingen,
Picken den Busen und turteln, dass krachen die Gipfel der Tannen,
Pfingstrosen künden an ein neues Pfingsten der Liebe,
Weiße und rote und goldene Rosen verehren Maria.
Und dann denk an die Möbel in meinem Haus, die antiken,
Friesische Uhren aus uraltem Holz und mit goldenen Glocken,
Atlas darauf, der muss die Leiden der Erde ertragen,
Und die drei Schwestern, Glaube und Hoffnung und Liebe, die schönste,
Sieh das antike Klavier mit den Schnörkeln am Rande
Und das antike Harmonium mit dem pechschwarzen Holze,
Restaurierte Stühle auch mit Jugendstil-Zierrat,
Auch aus chinesischem Porzellan zwei Prinzessinnen wachen
Über die Zeit, doch sind die Zeiger stehen geblieben.
Aber vor allem lieb ich den Erzengel Raphael, Schutzgeist
Jeden Arztes, des Heilands, der nicht gekreuzigt muss werden,
Jahwe ist dein Arzt, bedeutet der Name des Engels.

VIERTER GESANG

Ariadne und Gudrun und Johann sprachen noch weiter.


Aber Doris, die Mutter, suchte den Sohn vor dem Hause,
Auf der Terrasse, wo er sonst seinen Tabak geraucht hat.
Als sie ihn dort nicht fand, ging sie weiter in die Garage,
Wo er oft sein Fahrrad reparierte und putzte,
Auch das Fahrrad der Mutter pflegte der Sohn mit Besorgnis.
Aber der kleine Junge der Nachbarschaft sagte der Mutter,
Thorsten sei mit dem Fahrrad gefahren, er wollte zum Schlosspark.
Doris setzte sich auf ihr Fahrrad und trat die Pedalen,
Ließ die Garage hinter sich, verließ ihren Garten,
Freute sich an den Bäumen mit Äpfeln, den Bäumen mit Birnen,
Freue sich an den Bäumen mit Pflaumen, den Bäumen mit Kirschen,
Hielt kurz an und pflückte sich eine Erdbeer vom Strauche.
Und sie sah mit Besorgnis auch die Schnecken im Kohlbeet,
Und beschloss, etwas Bier zu opfern den gierigen Schnecken,
Dass sie ersaufen im Bier und lassen den Kohlkopf in Ruhe.
Weiter fuhr sie nun und sah die Blutbuche rötlich,
Einen uralten Baum, der stand an der Grenze des Gartens.
Angelehnt war die Gartentür, die Mutter fuhr weiter,
Fuhr vorbei an der Mauer der Stadt, am Pulverturm, welcher
Nah dem Theater stand, dem Tempel der heiligen Musen.
Und sie hielt vor der Weinhandlung, welche Veritas hieß, und
Dachte, ob sie dem Vater Johann kauf eine Flasche.
Dieser mochte zu Feiertagen die Weinflasche öffnen,
Meistens trank er den Cabernet Sauvignon, der aus Chile
War gekommen, er mochte den Merlot nicht sehr gerne,
Aber sein Lieblingswein war doch Bordeaux aus dem Süden
Frankreichs. Johann liebte italienischen Wein nicht,
Doris dagegen liebte besonders den spanischen Rotwein,
Gran Reserva, die Flasche umwunden mit goldenen Fäden,
Spanien nämlich war Doris immer das Land ihrer Seele.
Zwar sie liebten ihr deutsches Vaterland, wie sich gebührte,
Da der Herr gebot: Du sollst Vater und Mutter verehren,
Aber was den Wein betraf, so waren sie deutsch nicht,
Sie verachteten Nacktärschel, Dompfaff und andre Gesöffe,
Liebten allein die mediterranen Trauben des Bacchus.
Aber die Mutter dachte wieder an Thorsten, den Lieben,
Rief ihn dreimal, da schallte vom Schloss die Echo, die Nymphe.
Seltsam war es für Doris, ihren Thorsten zu suchen,
Weil er nie noch gegangen war in weitere Ferne,
Seiner liebevollen Mutter nie Sorgen zu machen.
Doris hoffte noch immer, wenn sie weiterfuhr radelnd,
Sollte sie finden den Sohn. Die Tür zum Schlosspark stand offen.
An der Seite des Schlossparkes floss die bräunliche Haaren,
Da mit Tretbooten fuhren scherzend Väter und Söhne.
Hier im Schlosspark ward auf dem Festival immer im Sommer
Shakespeares Sommernachtstraum gespielt, Titania herrschte
Hier im Garten über die Glühwürmchen, über die Elfen.
Auf der Wiese im Schlosspark saßen die heidnischen Trommler,
Frauen spielten Gitarre und Männer rauchten die Pfeife
Wohl mit Haschisch gefüllt, dem Sakramente des Satan.
Abseits aber saß Thorsten am Teiche mit Seerosenblüten,
Saß und sann und stützte den Kopf mit tröstenden Händen,
Wie vom Kummer gebeugt. Die Mutter fühlte ein Mitleid.
Leise lehnte ihr Fahrrad sie an die Eiche, die deutsche,
Trat dann leise zu ihm und berührte leicht seine Schulter,
Schnell er wandte sich um, da waren Tränen im Auge.

Mama, wie hast du mich überrascht, sprach er in Verwirrung,


Eilig wischte der Jüngling die Tropfen vom weinenden Auge.
Aber die Mutter sprach: Ich finde dich weinend, mein Lieber?
Nein, das bist du nicht selbst, ich hab dich nie so gesehen.
Sag mir, was beschwert so dein Herz! Was trieb in den Park dich,
Dass du am Seerosenteiche sitzt in trister Besinnung?
Wer oder was hat dir gebracht die Tränen ins Auge?

Der sich gesammelt, der sprach, der ausgezeichnete Jüngling:


Teure Mama, ich denk an die Katastrophen der Erde,
Sechzig Millionen Flüchtlinge aus der Heimat vertrieben,
Islamistischer Terror und der Zank der Muslime
Zwischen Schiiten und Sunniten plagen die Völker,
Ob der Iran der Schiiten oder Arabiens Saudis
Und die Sunniten herrschen im islamischen Hause des Friedens,
Wer von ihnen unterwirft die Juden und Christen,
Das bringt Unfriede nur, wie Mohammed auch mit dem Schwerte
Seine Religion verbreitet und Juden ermordet,
Militärisch erobert hat den christlichen Osten,
Wie jetzt die Terroristen danken dem Satan auf Knieen,
Wenn sie vergewaltigen dürfen ein christliches Mädchen
Oder ein jessidisches Mädchen der elenden Kurden,
Nach der Vergewaltigung danken sie wieder dem Satan,
Ihrem Gott, dass er den Männern die Wollust gewährte,
Teure Mutter, was ist mein bisschen teutonisches Träumen
Oder teutonisches Denken oder teutonisches Dichten
Angesichts der Flüchtlingsströme, von Kriegen und Terror?
Gegen die schrecklichen Männer, die wie Heuschreckenschwärme
Überfallen den Garten Eden an Babylons Strömen,
Fressen die Menschen und lassen zurück nur Trümmer und Wüste,
Die sie die Knaben auch zum Selbstmord mit Bomben bewaffnen,
Prediger mit sehr langen Graubärten predigen Hass nur,
Wie der leibhaftige Gott des Todes, der Hölle, der Teufel
Triumphiert auf Erden, und ich bin fast schon verzweifelt!
Ach dann möchte ich Krieger sein, ein Kreuzritter Christi,
Möchte mit einem Maschinengewehr nach Afrika gehen
Und den Terroristen die christlichen Kinder entreißen,
Die sie entführten und vergewaltigten christliche Mütter,
Möchte als Partisan dann in der irakischen Wüste
Kämpfen mit der Armee der guten Kurden und Christen
Gegen das Kalifat des Terrors, die Sklaven des Satan,
Möchte Geheimagent werden und dem jüdischen Volke
Dienen als Schutz und Schirm in einer bedrohlichen Umwelt,
Möchte zum deutschen Heere, zur Bundeswehr Deutschlands,
Und als Soldat in den Freiheitskrieg nach Afghanistan gehen!
Oder ich möchte in Deutschland den armen Flüchtlingen helfen,
Refugees welcome! schreiben an alle Mauern und Tore,
Möchte mit evangelischen und katholischen Christen
Und mit allen Menschen mit gutem Willen im Herzen
Sorgen für die Flüchtlinge, dass sie haben zu trinken,
Dass sie haben zu essen und Kleider, ein Dach überm Kopfe,
Möchte sie unterweisen in der germanischen Sprache
Und sie freundlich grüßen: Salam aleikhum! God bless you!
Und sie würden lächeln, die Schwarzen, die glauben an Gott noch.
Und ich möchte dann Reden verfassen, politische Reden,
Feurige Zungenreden, gegen die ekligen Nazis,
Gegen den scheißbraunen Pöbel und gegen die grausamen Skinheads,
Kämpfen gegen Populismus und Nationalismus!
Teure Mutter, ich will wie David ein Krieger des Herrn sein!

Darauf mit intelligenten Worten sagte die Mutter,


Während von ihren Wimpern tropften die traurigen Tränen:
Söhnchen, welche Veränderung hat deine Seele ergriffen,
Dass du nicht mehr sprichst wie gestern Worte des Friedens?
Immer doch hast du deine Mutter dein Herz ausgeschüttet
Und verkündet dein Verlangen. Ein Anderer, hätte
Er dich gehört, der hätte deine Worte gerühmt wohl,
Irregeführt durch deinen Ton und die feurige Zunge,
Aber ich, ich muss dich tadeln. Verschweige dein Herz nicht,
Deine Gedanken sind nicht so wie die Masken der Worte.
Nun, ich weiß, dich ruft nicht die Trommel, nicht die Posaune,
Nicht willst du in Uniform mit den Soldaten marschieren.
Da du friedlich gesonnen bist, ist es deine Berufung,
Hier im Lande zu bleiben und zu nähren dich redlich,
Eine Familie zu gründen, zu lieben die Frau und die Kinder.
Sag mir also ehrlich: Was denkt dein Herz dir im Busen?

Ernst gab Antwort der Sohn: Du täuschst dich, liebliche Mama,


Eine Zeit ist nicht wie die andre, vom Jüngling zum Mann bin
Ich herangewachsen nun zu ruhiger Reife,
Lebe nicht im Tumult der Leidenschaften wie andre
Und in der Wollust, die schon manchen Jüngling verdorben,
Wenn sie Bäumchen-wechsle-dich spielen und hüpfen wie Falter
Immer von Blume zu Blume, Nektar vom Kelche zu naschen,
Nein, mein Herz verabscheut diese sündige Unzucht.
Meine Glieder sind trainiert durch den Sport auf dem Fahrrad
Und mein Geist ist erleuchtet durch das Denken und Beten.
Ja, ich traue mir zu, durch dieses Leben zu schreiten.
Nun, du redest von der Vernunft so weise, o Mutter,
Und du hast mich durchschaut und redetest Worte der Liebe.
Ja, ich bekenne: Es ist nicht Flucht und Bürgerkriegsterror,
Was mich von Zuhause vertreibt, die Strenge des Vaters
Ist es und sein kaltes Herz für die Armut der Frauen.
Ach, meine liebe Mama, ich will mein Herz offenbaren,
Wie ich mich sehne nach Liebe und mich sehne vergeblich,
Wie mir ein eisernes Schicksal alle Wünsche verweigert,
Wie ich enttäuscht von dem Leben mein Leben verbringe.
Da will ich vom Kummer der Liebe mich selber erlösen,
Mama, indem ich als Patriot das Vaterland liebe.

Zögere nicht, so sprach die kluge gebildete Mutter,


Alles mir zu erzählen, das Kleinste, wie auch das Größte.
Menschen sind immer hastig, ihre Gedanken zu äußern
Bis zu dem äußersten Ende, die immer laufen in Eile.
Leicht vom Kurs ab werden die Eilen aber gewendet
Durch ein Hindernis. Frauen sind klug, auf ein Mittel zu denken,
Und sie werden es immer auf Umwegen wagen, geschickt sein,
Ihren Wunsch zu erreichen und das Objekt der Begierde.
Lass mich wissen, warum du so aufgewühlt bist in der Seele!
So hab ich dic bisher nicht gekannt. Das Blut fließt so heftig!
Warum gegen deinen Willen träufeln dir Tränen?

Da gab der arme Junge sich ganz seinem Kummer hin, weinend
Lag er am tröstenden Busen seiner heiligen Mutter,
Und er gab Antwort gebrochen: Wahrlich, die Worte des Vaters
Haben mich verletzt, die Worte, die ich nicht verdient hab,
Heute nicht, noch zu irgend einem anderen Zeitpunkt,
Denn es war früh meine heilige Pflicht, die Eltern zu ehren.
Keiner wusste mehr vom Leben, so dachte ich immer,
Keiner war reicher an Altersweisheit, so dachte ich immer,
Als die Eltern, die mich gezeugt und hatten mit Strenge
Mich erzogen die Zeit meiner Kindheit, die seligen Tage.
Vieles von meinen Spielkameraden ertrug ich in Wahrheit,
Doch ward mein Wohlwollen, das ich ihnen bereitwillig schenkte,
Oft mit Bosheit erwidert. Oft hab ich Schläge erduldet,
Um nicht verspottet zu werden als ein frömmelnder Feigling.
Aber wenn sie es wagten, meinem Vater zu spotten,
Wenn er sonntags spazieren ging mit der Frau in den Armen,
Würdiger Haltung, wenn sie seine Mütze verhöhnten
Oder die maritime Anstecknadel der Mütze,
Die er so stolz getragen wie einen Orden des Kaiserrs,
Drohend erhob ich die Faust und war bereit, mich zu prügeln.
Kam es zum Kampf, so schlug ich ihnen blutig die Nase.
Als ich älter geworden, da hatte ich viel zu ertragen
Von der Strenge des Vaters, gewaltsamen Worten, gerichtet
Eher an mich als an die andern, die schuldiger waren.
So der Parteivorstand der Sozialdemokraten geärgert
Hatte meinen Vater, ich musste den Ärger ertragen.
Hast du nicht Mitleid gehabt mit mir, dem gezüchtigten Sohne?
Vieles hab ich gelitten. Doch denk ich immer noch herzlich
Und mit Respekt an die Großmut der Eltern, der Fürsorge Mühe,
Gaben und Güter mir zu bescheren und reinliches Hochdeutsch
Und die Ehrfurcht vor Gott, der Großmutter lag sie am Herzen,
Und der Vater verstand die Klugheit, Vermögen zu sparen
Für den Sohn. Doch leider! Zu sparen, um später zu ernten
In der ungewissen Zukunft, das macht nicht glücklich,
Haufen auf Haufen und Haus auf Haus, das macht uns nicht selig,
Wen es auch schön ist, wenn man nicht leiden muss Elend und Hunger.
Auch der Vater wird alt und älter wird auch der Sprössling,
Soll ich die Sorgen von morgen tragen, mit Sorgen mich plagen,
Und die Freude des Tages verlieren, die seltenen Freuden?
Schau den Obstgarten an, das Maisfeld, des Weinkellers denke,
Fruchtbar ist die Mutter Natur und Gott ist uns gnädig!
Aber seh ich das Fenster meines Zimmers im Hause,
Ach, wie oft hab ich nachts da gelegen, den Mond angeschmachtet,
Oder die Sonne ersehnt, den einzigen Engel der Erde!
Wenige Stunden Schlaf nur gönnte der Mohn mir des Traumgotts,
Alles erschien mir einsam, Haus und Garten und Wäldchen,
Wie eine Wüste, die schmachtet nach der Liebe der Frauen!

Darauf sprach die Mutter und gab so Antwort mit Klugheit:


Ach mein Lieber, dein Wunsch ists, eine Braut in dein Zimmer
Heimzuholen, die Frau als die andere Hälfte des Kosmos,
Dass du selbständig lebst ein eigenes Leben in Freiheit.
Das ist auch der Wunsch deiner Mutter und auch deines Vaters.
Ja, wir haben oftmals beraten, wir du dir gewinnen
Könntest eine Jungfrau von Tugend, Frömmigkeit, Schönheit.
Aber ich bin mir gewiss, und jetzt ist die Stunde gekommen,
Die Entscheidung für deine Zukunft ist schon gefallen,
Siehe, wir hatten nur Angst, du könntest die Falsche dir wählen.
Was soll ich sagen, mein Sohn, ich glaube, du hast dich entschieden,
Denn dein Herz ist gerührt und mehr als zärtlich geworden.
Sprich es nur offen aus, da schon es weiß meine Seele,
Die mit dem Flüchtlingsstrom in unser Oldenburg kam, die
Hast du erwählt zur Lieben Frau, die syrische Jungfrau.

Du hast wahr gesprochen, o Mama, gab Thorsten zur Antwort,


Ja, sie ist es, und wenn ich sie heute als Braut mir nicht hole
In mein Haus, dann wird sie von mir gehen für immer,
Tief verloren in der Verwirrung von Krieg und von Terror.
Mama, für immer umsonst dann würde der reiche Besitz mir
Fruchtbar gedeihen, die Jahreszeiten kommen vergebens.
Ach wie abscheulich wäre mir dann das Haus und der Garten,
Sogar die Mutterliebe wird mir den Kummer nicht trösten.
Jede Bindung, so fühl ich im Herzen, gelöst wird durch Liebe,
Wenn die Liebe die eigene Bindung sicher befestigt.
Nicht nur das Mädchen allein verlässt den Vater, die Mutter,
Um dem Manne zu folgen, den sie von Herzen erkoren,
Auch der Jüngling weiß nichts mehr von den eigenen Eltern,
Wenn er die Jungfrau sieht, die einzig Geliebte des Herzens,
Wenn sie von ihm verschwindet. Leide mit mir, o Mama,
Wohin auch immer die Verzweiflung mit treiben wird rastlos,
Da der Vater selbst gesprochen entscheidende Worte,
Da sein Haus mir nicht mehr gehört, da er ablehnt die Jungfrau,
Die ich allein will bringen als Braut ins Haus meiner Mutter.

Darauf gab Antwort schnell die gute vernünftige Mutter:


Ach wie zwei Felsen stehen sich oft zwei Männer entgegen!
Stolz und unbeweglich, keiner naht dem Gefährten,
Keiner rührt seine Zunge, das Wort der Versöhnung zu sprechen.
Darum sage ich dir, mein Sohn, noch lebt mir im Busen
Hoffnung, denn ist das Mädchen ehrlich und gütig und fromm auch,
Wird der gnädige Vater deine Verehrung gestatten,
Auch wenn er ein strenges Urteil gefällt hat im Zorne
Über die armen Weiber, die kommen, um Gaben zu betteln.
Vieles sagt der Vater in seiner heftigen Rage,
Was er dann niemals tut, weil er erbarmt sich von Herzen,
Was er zuerst verneint, dem wird er zustimmen schließlich.
Aber er braucht ein freundliches Wort von dem eigenen Sohne
Und hat Recht, ein freundliches Wort vom Sohn zu verlangen,
Er ist der Vater nach dem Vaterherzen des Höchsten!
Außerdem wissen wir doch, dass sein Zorn nach dem leckeren Essen
Nichts bedeutet, wenn er hastig redet und wütend
Und in Frage stellt die Meinungen aller der andern,
Und die volle Stärke seines gewaltsamen Willens
Wird erregt durch den spanischen Rotwein, der ihn die Sprache
Anderer Menschen nicht achten lässt, er sieht sich nur selber.
Aber jetzt ist es Abend, und es sind schöne Gespräche
Schon geführt zwischen ihm und Ariadne und Gudrun
Über verschiedene Themen, über Gott und die Welt auch.
Ich bin sicher, jetzt ist sein kleiner Zorn schon vorüber,
Und er fühlt, wie ungerecht ihn die Leidenschaft machte
Gegen die andern. Komm nun, lass es uns wagen. Erfolg kommt
Zu den Mutigen! Weiter brauchen die Freundinnen auch wir,
Unsre studierte Pastorin und die heilsame Ärztin,
Die noch immer zusammen mit ihm sitzen am Tische,
Und besonders Gudrun wird von Herzen dir beistehn.

So sprach eilig die Mutter, und vom Schlossparke Thorsten


Folgte der Mutter bereitwillig. Schweigend fuhren die beiden
Mit den Rädern wieder vom Schlosspark zum eigenen Hause.

FÜNFTER GESANG

Hier war Johann noch im Gespräch mit der lieblichen Ärztin


Ariadne und der Pastorin, der heiligen Gudrun,
Und die Rede ging noch über die Zukunft des Sohnes,
Und sie bewegen das Thema hin und her, es bedenkend.
Aber mit ihrer weisen Güte sprach die Pastorin:
Ich will nicht widersprechen deiner Ansicht, o Johann.
Siehe, ich weiß, die Menschen streben stets nach dem Bessern,
Wahrlich, wie wir sehn, er will immer zu höheren Gütern,
Und wenn nicht zu besseren, dann doch zu neueren Dingen.
Aber sei vorsichtig, geh nicht zu weit, denn die Mutter Natur gibt
Uns auch unser Vergnügen an bestehenden Dingen
Und wir halten fest das Vertraute mit unserem Herzen,
Dass wir uns freuen an dem, was wir schon lange gewöhnt sind.
Alles ist gut, was auf Vernunft und Glauben gegründet.
Viele sind die Wünsche des Menschen, doch wenig nur braucht er,
Denn die Tage sind kurz und begrenzt ist das Schicksal des Menschen.
Niemals werde ich tadeln den Mann, der ein Kaufmann will werden,
Tätig im Handel der Erde, einer globalisierten,
Der im Austausch steht mit Amerika oder mit China,
Wenn er sich bescheidenen Wohlstands freut mit den Seinen,
Seine Frau liebt und anständig seine Sprösslinge großzieht.
Aber auch verachte ich nicht den arbeitenden Bauern,
Der den Boden bearbeitet in den Tages des Frühlings
Und im Herbst die Ernte einfährt am Erntedankfeste.
Nicht in Eile streckt sich der Baum, sobald er gepflanzt ist,
Ausgewachsene Arme zum Himmel streckend mit Blüten,
Sondern der Mensch braucht Geduld, das ist die Lehre der Weisheit,
Zu dem Menschen gehören Ruhe und Klarheit des Geistes
Und ein reines und rechtes Verständnis von Himmel und Erde.
Wenige sind der Samen, die der fleißige Bauer
In den alle ernährenden Busen der Erde, der Mutter,
Sät und wenige sind der Geschöpfe, die er zu lieben
Und zu züchten versteht. Er denkt auf nützliche Dinge.
Glücklich, wem von Natur ein solcher guter Humor ward,
Nämlich der Bauer ernährt uns alle mit Brot und mit Braten.
Aber glücklich preise ich auch den stilleren Bürger,
Einen Angestellten, der im Büro ist beschäftigt,
Der nicht so mühselig schaffen muss wie der Bauer der Erde,
Der auch nicht den Ehrgeiz hat des handelnden Kaufmanns,
Und besonders Frauen und Töchter arbeiten gerne
In den Berufen des Lebens, werden zum Segen der Menschen.
Darum sei gesegnet mein Sohn im Leben der Arbeit,
Und gelobt sei die Frau, die eines Sinnes mit ihm ist,
Die er eines Tages sich wählen wird zur Gemahlin.

Also sprach er und hatte knapp geendet, als Doris


Eintrat mit dem Sohn an der Hand und sprach zu dem Gatten:
Liebling, sprach sie zum Manne, wie haben wir oft uns beredet,
Haben uns schon gefreut an Thorstens kommender Hochzeit,
Wenn er eine Braut führt heim in unsere Wohnung!
Immer wieder haben wir nachgedacht über die Zukunft
Unseres Sohnes mit dem Klatsch der plaudernden Eltern.
Aber jetzt ist gekommen der Tag! Nun endlich der Himmel
Hat ein Mädchen zu ihm gebracht und die Schönheit gezeigt ihm,
Jetzt hat sein Herz entschieden. Sagten wir denn nicht immer,
Dass er selber sollte wählen in eigener Sache?
War es nicht dein Wunsch auch, dass er mit Zuneigung lebhaft
Hingezogen sich fühle zu einer lieblichen Jungfrau?
Nun ist die Stunde gekommen, auf die wir hofften, mein Liebling.
Ja, er hat gefühlt und gewählt und männlich entschieden.
Diese Jungfrau ist es, die ihm heut morgen begegnet,
Jene syrische Christin. Sag, er könne sie haben,
Sonst, wie er schwört, wird er sein Leben lang zölibatär sein!

Gib sie mir, Papa, sagte der Sohn zum heiligen Vater,
Sicher gewählt hat mein Herz, sie ist die Beste der Töchter!

Aber der Vater war stumm. Da hob sich die heilige Hirtin
Gudrun, ergriff das Wort und sagte: Der Augenblick ist es,
Der entscheidet. Fixiert ist doch das Leben der Menschen
Und es setzt sich durch mit Macht sein künftiges Schicksal.
Lange wird beraten, aber des Augenblicks Arbeit
Muss die Entscheidung sein. Der Weise allein kennt den Kairos.
Immer ist es gefährlich, sich mit andern vergleichen,
Wenn wir treffen die Wahl, wir so nur die Gefühle verwirren.
Thorsten ist rein. Von Kindheit an hab ich gekannt den Getauften,
Niemals als Knabe wollte er dieses und jenes erhaschen,
Was er wünschte, war auch für ihn das Gute und Beste,
Und er hielt daran fest. So musst du dich nicht verwundern,
Was du dir lange gewünscht hast, eine Braut deinem Sohne.
Es ist wahr, dass die gegenwärtige Frauen-Erscheinung
Nicht die Form deiner Wünsche trägt, wie du dirs gedacht hast,
Unsere Wünsche verbergen oft vor uns selbst die Objekte,
Die wir wünschen. Geschenke kommen von oben in Formen,
Wie sie der Himmel bestimmt. So missversteh nicht die Jungfrau,
Die jetzt von deinem guten und klugen Sohne geliebt wird!
Glücklich der Mensch ist, dem die Erste Liebe die Hand gibt
Und in dessen Herz nicht schmachten vergebens die Wünsche.
Seine ganze Haltung versichert mir, dass jetzt sein Schicksal
Ist entschieden. Wahre Liebe reift im Momente
Und der Jugendliche reift heran zu der Männlichkeit Stärke.
Er ist nicht leicht zu bewegen. Ich fürchte, wird sie ihm verweigert,
Wird seine Jugend ihm traurig vergehen, die sollte doch schön sein.

Nachdenklich Antwort gab drauf Ariadne, die Ärztin,


Deren Zunge seit langem schon gezittert von Worten:
Bitte, lasst uns wie immer den goldenen Mittelweg gehen.
Eile langsam! Das war das Motto des Kaisers Augustus.
Ich bereitwillig stelle mich zur Verfügung dem Nächsten,
Bin bereit, ihm zu tun, was ich tun kann mit schlichtem Verständnis.
Denn die Jugend braucht vor allem die weisere Führung.
Lass mich also gehn, dass ich untersuche die Jungfrau,
Dass ich frage die Leute, da sie lebt, die sie kennen.
Es ist nicht einfach mich zu betrügen. Ich kenne den Wortsinn.
Drauf gab Antwort mit geflügelten Worten der Jüngling:
Tu das, kluge Ärztin, geh und erkundige dich nur,
Aber ich würde froh sein, wenn unsere Dienerin Gottes
Mit dir verbunden wäre in der klugen Besorgung,
Zwei solche auserkorenen Frauen sind fehllose Richter.
Oh mein Vater, glaub mir, sie ist keine wandernde Hure,
Eine von denen, die nach Abenteuern nur suchen,
Unerfahrene Jünglinge fangen mit Netzen der Wollust.
Nein, das schwere Schicksal des Krieges in Syrien, dieser
Universelle Zerstörer, der die Erde erschüttert
Und die Fundamente der Erde erbeben macht, der hat
Dieses arme Mädchen geschickt in die deutsche Verbannung.
Wandeln jetzt nicht auch vornehme Männer im solchem Exile?
Sie ist auch die Beste unter allen den Schwestern,
Die vertrieben sind von Zuhause in die Verbannung,
Sie vergessen alle ihre persönlichen Sorgen.
Sie ist andern ergeben, und mit Kraft ist sie hilfreich,
Hat sie auch selbst keine Hilfe, und ist trostloser Tröster.
Groß ist die Not und das Leiden gebreitet über die Erde!
Soll nicht ein Glück auch entstehen aus diesem Bürgerkriegsterror?
Soll ich nicht in den Armen der Frau, der treuen Genossin,
Freudig schaun auf den Krieg, der solchen Frieden mir brachte?

Da sprach der Vater in einem strengen Ton der Entscheidung:


Seltsamerweise ist deine Zunge gelockert jetzt worden,
Sohn, vor einigen Jahren schien sie gelähmt in dem Munde
Und nur mit Zwang zu bewegen! Ich muss heute erleben,
Wie es scheint, was alle Väter bedroht in dem Hause,
Dass die Mutter eigensinnig zu gütig zum Sohn ist,
Immer nachsichtig ist und immer zärtlich besorgt ist.
Alle Nachbarinnen sind solidarisch mit Mama,
Gilt es, etwas zu unternehmen gegen den Vater.
Aber geht nur, Gudrun und Ariadne, im Namen
Gottes, bringt mir die Tochter. Aber will sie nicht kommen,
Dann soll mein Junge Thorsten nicht mehr denken ans Mädchen.

Also der Vater. Der Sprössling rief mit freudigem Geiste:


Es ist Abend. Die edelste Tochter wird zu dir kommen,
Dass zufrieden sein muss ein Mann mit gesundem Verstande.
Glücklich, ich wag es zu sagen, wird sein die erkorene Jungfrau,
Ja, sie wird hier noch einmal finden Vater und Mutter.
Ich will nicht mehr warten, ich nehme das schnelle Motorrad,
Unsere Freundinnen Ariadne und Gudrun zu führen
Auf dem Weg zu der Jungfrau, meiner schönen Geliebten,
Dass die Frauen handeln nach ihrer Weisheit des Herzens.
Ich verspreche, zu tun, was diese Frauen empfehlen.
Bis ich die Jungfrau mein nenne, will ich sie nicht mehr schauen. -
Und er ging fort. Die anderen blieben im ernsten Gespräche,
Schneller Zungen, in Anbetracht ihres großen Geschäftes.

Thorsten eilte zur Garage, zum schönen Motorrad,


Füllte Benzin in den Tank und prüfte das Öl des Motores,
Legte die Lederklamotten an und setzte den Helm auf,
Startete das Motorrad, da kamen die heiligen Frauen
Ariadne und Gudrun und setzten sich in den Fiat,
In das Auto der lieben Pastorin, Gudrun am Lenker,
Und so fuhren die drei nun schnell zum Heiligen-Geist-Damm,
An der Lamberti-Kirche vorüber, am Tempel der Musen
Auch, am klassischen schönen Theater, fuhren die Straße
Zu der Universität, dem Lehrstuhl der Weisheit,
Fuhren zum Gelände der Bundeswehr, friedlichen Zwecken
Dienend, zum Sammellage der armen Flüchtlinge, welche
Auf den Plätzen saßen unter Kastanienbäumen.
Hier nun hielt Thorsten das Motorrad, es hielt auch der Fiat.

TORSTEN SCHWANKE

TRAGÖDIE

PERSONEN.

GRAF ANTON GÜNTHER, Graf von Oldenburg.


EVI, seine Schwester.
ANNA, Freundin Evis.
TORSTEN SCHWANKE, Dichter.
MARCO, Angestellter.

Die Szene ist im Oldenburger Schloss.

AKT I

SZENE I.

(Der Schlosspark, geschmückt mit den Symbolen deutscher Dichter. Auf der Vorderseite der Bühne
rechts Goethe, links Schiller. Evi und Anna.)

EVI.
Du siehst mich lächelnd an, Anna, und du siehst dich selbst an und lächelst wieder. Was hast du?
Lehre es mich, Freundin! Du scheinst nachdenklich und doch zufrieden zu sein.

ANNA.
Ja, Evi, ich sehe uns beide gerne hier in diesen ländlichen Kleidchen. Wir scheinen gesegnete
Hirtinnen zu sein, und wir sind genauso beschäftigt wie diese glücklichen jungen Mädchen: Wir
weben Kränze. Dieser mit Emaille-Blumen gezierte schwillt immer mehr in meiner Hand an; aber
du, mit einem Gefühl, höher, und mit einem größeren Herz, hast den eleganten und flexiblen
Lorbeer gewählt.

EVI.
Diese Zweige, die ich beim Träumen miteinander verflochten habe, fanden zuerst einen würdigen
Kopf: Ich lege sie mit Dankbarkeit auf den von Goethe.
(Evi krönt die Büste von Goethe.)

ANNA.
Und ich pflege mit meiner reichen und lachenden Krone die weite Stirn von Meister Schiller.

(Sie krönt die Büste von Schiller.)

Er, dessen Hoheit niemals verdorren wird, empfing zuerst seinen Anteil am neuen Frühling.

EVI.
Mein Bruder ist charmant, uns jetzt hierher gebracht zu haben. Wir können alleine sein und
stundenlang im goldenen Zeitalter träumen. Ich liebe diesen Schlosspark, wo ich glücklich mehr als
einen Tag meiner Jugend verbracht habe; und dieses neue Grün und diese Sonne geben mir die
Eindrücke einer Zeit zurück, die es nicht mehr gibt.

ANNA.
Ja, eine neue Welt umgibt uns. Der Schatten dieser immergrünen Bäume wird schon angenehm; das
Murmeln dieser Brunnen stellt sich für uns bereits wieder her; die jungen Zweige schwanken, vom
Morgenwind geschaukelt; die Blumen in den Beeten lächeln uns mit ihren kindlichen Augen an; der
Gärtner öffnet souverän das Winterhaus aus Zitronen- und Orangenbäumen; der blaue Himmel ist
ruhig über unseren Köpfen.

EVI.
Ich würde mit großer Freude die Ankunft des Frühlings sehen, wenn er meine Freundin nicht von
mir wegnehmen würde.

ANNA.
Erinnere mich in diesen schönen Stunden nicht daran, oh Evi, dass es so nahe ist, dass ich dich
verlassen muss.

EVI.
Was du übrig hast, findest du zweimal in dieser großartigen Stadt.

ANNA.
Die Pflicht ruft mich, die Liebe ruft mich zum Bräutigam, der mir so lange geraubt war. Ich bringe
ihm seinen Sohn, den dieses Jahr schnell wachsen und sich formen gesehen hat, und ich werde seine
väterliche Freude teilen. Berlin ist groß und wunderschön, aber der Preis all seiner angehäuften
Schätze entspricht nicht den Juwelen von Oldenburg. Es sind die Menschen, die Berlin zu einer
berühmten Stadt gemacht haben: Oldenburg ist durch seine Herzöge großartig geworden.

EVI.
Noch mehr durch die hervorragenden Männer, die sich hier zufällig trafen und glücklich
wiedervereinigten.

ANNA.
Der Zufall verteilt leicht, was er sammelt. Ein edler Geist zieht edle Geister an und weiß, wie man
sie wieder herstellt, wie du es tust. Um deinen Bruder und dich sind Herzen versammelt, die deiner
würdig sind, und du bist deinen berühmten Ahnen gleichgestellt. Glücklicherweise wurde hier das
schöne Licht der Wissenschaft und des freien Denkens beleuchtet, als die Barbarei die Welt noch in
ihren schweren Schatten hüllte. Oldenburg wurde mit Rom und mit Berlin von meinem Vater sehr
gelobt. Ich wollte es oft sehen und bin jetzt hier. Hier wurde Tischbein begrüßt, von Fürsorge
umgeben, und Nietzsches Jugendfreund fand hier seine Vorbilder. Deutschland zitiert keinen großen
Namen, den dieses Haus nicht als Gast empfangen hat; und es ist vorteilhaft, Genie in seinem Haus
willkommen zu heißen; für das Geschenk der Gastfreundschaft, das wir ihm anbieten, hinterlässt er
uns ein schöneres. Der Aufenthalt, den ein großer Mann besuchte, ist geweiht.

EVI.
Die Ahnen!... Wenn sie stark nach dir riechen! Sehr oft beneide ich dich um dieses Glück...

ANNA.
Was du wie wenige Menschen ohne Lärm und ohne Mischung genießt. Wenn mein Herz, das
überläuft, mich dazu drängt, plötzlich auszudrücken, was ich scharf fühle, fühlst du es besser, fühlst
es tief und lautlos! Der Glanz des Augenblicks blendet dich nicht; Projektionen verführen dich
nicht; vergebens gleitet Schmeichelei geschickt in Richtung deines Ohrs. Dein Gefühl behält seine
Festigkeit und dein Geschmack seine Richtigkeit, dein Urteil seine Rechtschaffenheit; immer ist
dein Mitgefühl groß für das, was großartig ist, wo du dich befindest.

EVI.
Du solltest dieser extremen Schmeichelei nicht den Schleier intimer Freundschaft verleihen.

ANNA.
Freundschaft ist gerecht; sie allein kann das volle Ausmaß deiner Verdienste schätzen. Und bitte,
dass ich auch den Umständen, dem Vermögen, einen Teil deiner Kultur zuschreibe, wie auch immer
du es hast; nun, das ist es, was du bist. Und die Welt ehrt dich vor allen als die berühmteste Frau
deiner Zeit.

EVI.
Es kann mich kaum berühren, Anna, wenn ich darüber nachdenke, wie klein man ist; und was wir
sind, verdanken wir anderen. Die Kenntnis der alten Sprachen und der schönsten Werke, die uns die
Antike hinterlassen hat, verdanke ich meiner Mutter; dennoch war ihr keine ihrer Töchter in der
Wissenschaft und im Urteil jemals gleichgestellt; und wenn auch nur eine von uns mit ihr
verglichen werden soll, ist es sicherlich Claudia, die das Recht dazu hat. Ich kann dir also
versichern, dass ich nie als Titel oder Eigentum angesehen habe, was die Natur, was das Vermögen
mir gegeben hat. Ich gratuliere mir, wenn weise Männer sprechen, dass ich ihre Meinungen
verstehen kann. Es sei ein Urteil über einen Mann der Antike und über das Verdienst seiner
Handlungen; dass wir über eine Wissenschaft sprechen, die, durch Gebrauch entwickelt, für Männer
nützlich ist, indem man sie erhöht... Welche Richtung auch immer das Gespräch dieser edlen
Geister einschlagen mag, ich bin bereitwillig, weil es mir leicht fällt, ihnen zu folgen. Ich nehme
mit Vergnügen an den Debatten der Weisen teil, wenn die Stimme des Sprechers angenehm mit den
Kräften spielt, die so süß und so schrecklich sind und das Herz des Menschen erschüttern, wenn die
Leidenschaft der Grafen für Ruhm und Eroberungen zur Sache des Denkers wird und wenn uns eine
feine Politik, die von einem geschickten Mann genial entwickelt wurde, anstatt uns zu täuschen, uns
unterweist.

ANNA.
Und dann, nach diesen ernsthaften Gesprächen, ruhen unsere Ohren und unser Herz sanft auf den
Liedern des Dichters, der mit seinem süßen Akzent vermittelt die intimsten Seelen und die
liebenswürdigsten Gefühle. Dein erhabener Geist umfasst einen weiten Bereich: Ich liebe mehr die
Insel der Poesie unter den Lorbeerhainen.

EVI.
In diesem schönen Land (das wollten sie mir versichern) blühen Rosen mehr als andere Pflanzen
gern. Und obwohl die Musen zahlreich sind, versuchen wir selten, zwischen ihnen einen Freund,
einen Gefährten zu wählen, als den Dichter zu treffen, der uns zu meiden und sogar zu fliehen
scheint; er scheint nach etwas zu suchen, das wir nicht kennen, und das er am Ende vielleicht selbst
nicht kennt. Es wäre also sehr charmant, wenn er uns zur richtigen Zeit treffen würde, wenn er in
uns plötzlich entzückt den Schatz erkennte, den er lange Zeit vergeblich im riesigen Universum
gesucht hatte!

ANNA.
Ich muss mich dem Witz hingeben; die Linie hat zwar getragen, aber der Angriff ist nicht tief. Ich
ehre in jedem Mann die, die es verdient, und ich bin nur gerecht zu Torsten. Sein Auge bleibt kaum
auf dieser Erde stehen; sein Ohr erfasst die Harmonie der Natur; was die Geschichte bietet, was das
Leben darstellt, empfängt sein Herz sofort mit Eifer; sein Genie sammelt, was weit weg verstreut
ist, und sein Gefühl belebt leblose Dinge. Oft veredelt er, was uns vulgär erschien, und was wir
schätzen, wird von ihm vernichtet. Dieser erstaunliche Mann geht in diesem magischen Kreis, der
sein eigener ist, und lädt uns ein, mit ihm zu gehen, mit ihm zu fühlen: Er scheint sich uns zu
nähern, und er bleibt weit von uns entfernt; er scheint uns anzusehen, und vielleicht erscheinen ihm
an unserer Stelle wunderbare Engel.

EVI.
Du hast ein schönes und zartes Gemälde des Dichters gezeichnet, der in den Regionen
liebenswürdiger Träume schwebt. Aber die Realität scheint mir ihn auch anzuziehen und ihn
gleichzeitig kraftvoll zurückzuhalten. Die schönen Blätter, die wir manchmal an unseren Bäumen
finden und die uns wie goldene Äpfel mit ihren Düften einen neuen Garten der Hesperiden
darstellen: Erkennst du sie nicht alle als die anmutigen Früchte einer wahren Liebe?

ANNA.
Ich freue mich auch über diese schönen Gedichte. Mit einem abwechslungsreichen Geist feiert er in
all seinen Liedern ein einziges Objekt. Manchmal hebt er es in einem strahlenden Heiligenschein
bis zum Sternenhimmel und beugt sich wie die Engel mit Respekt vor diesem Bild; manchmal tritt
er in seinen Fußstapfen durch die friedliche Landschaft und flicht ausgerechnet eine Krone. Das
verehrte Bild geht zurück, er weiht den Weg, den seine hübschen Füße mit einem leichten
Spaziergang genommen haben. Versteckt im Busch, wie eine Nachtigall, sein Herz krank vor Liebe,
lässt er die Luft und den Hain mit seinen melodiösen Klagen widerhallen. Ihr bezaubernder
Schmerz, ihre köstliche Melancholie fesseln alle Ohren, und alle Herzen werden angezogen.

EVI.
Und wenn er das Objekt seiner Flamme nennt, gibt er ihm den Namen Maria.

ANNA.
Ich wäre schockiert, wenn er einen anderen feiern würde. Ich bin entzückt, dass er unter dieser
Zweideutigkeit seine Gefühle für dich verbergen kann. Ich möchte, dass er sich bei dem süßen
Klang dieses Namens auch an mich erinnert. Es ist hier nicht eine Liebe, die ihren Gegenstand
ergreifen, ihn ausschließlich besitzen, mit Eifersucht den Anblick einem anderen verbieten will;
wenn er in einer hinreißenden Betrachtung mit deinem Verdienst beschäftigt ist, kann er mir auch,
einer leichten Kreatur, gefallen. Es sind nicht wir, die er liebt, vergib mir, dass ich es gesagt habe!
Von allen Sphären überträgt er das, was er mag, auf einen Namen, und er lässt uns fühlen, was er
fühlt: Wir scheinen den Menschen zu lieben, und mit ihm lieben wir nur das Objekt. Das
Erhabenste, das wir lieben können.

EVI.
Du hast diese Wissenschaft gründlich studiert, Anna; du sagst mir Dinge, die mein Ohr kaum
berühren und die kaum in meine Seele eindringen.
ANNA.
Du, Schülerin von Platon, verstehst nicht, was ein Neuling vor dir zu stammeln wagt? Wenn es
stimmt, dass ich mich zu sehr getäuscht habe, aber ich habe mich nicht völlig geirrt, ich kenne ihn
gut. Amor zeigt sich in dieser edlen Schule nicht wie anderswo als verwöhntes Kind; es ist der
Jugendliche, der der Ehemann der Psyche war, der Sitz und Stimme im Rat der Götter hat. Hier und
da trägt er seine schuldige Raserei nicht von einem Herzen zum anderen; er wird nicht plötzlich mit
einem sanften Fehler an Schönheit und Gesicht gebunden und verfällt nicht durch Ekel und
Langeweile einer schnellen Vergiftung.

EVI.
Da ist mein Bruder. Lassen wir ihn nicht den Kurs erraten, den das Gespräch dieses Mal wieder
genommen hat; wir würden uns mit seinen Witzen abfinden müssen, bis unsere Kleidung seine
spöttischen Reden auslöscht.

SZENE II

(EVI, GRAF ANTON GÜNTHER, ANNA.)

GRAF ANTON GÜNTHER.


Ich suche Torsten, den ich nirgendwo finden kann, und treffe ihn nicht einmal bei dir. Kannst du mir
keine Neuigkeiten geben?

EVI.
Ich habe ihn gestern und heute nicht gesehen.

GRAF ANTON GÜNTHER.


Es ist bei ihm ein alter Fehler, mehr die Einsamkeit als Gesellschaft zu suchen. Wenn ich ihm
vergebe, wenn er aus der turbulenten Menschenmenge flieht und lieber schweigend mit seinem
Genie spricht, kann ich ihn nicht dafür loben, dass er auch aus einem Freundeskreis geflohen ist.

ANNA.
Oh Graf, wenn ich mich nicht irre, wirst du die Schuld bald in fröhliches Lob verwandeln. Ich habe
ihn heute von weitem gesehen; er hielt ein Buch und einen Notizblock; er schrieb, er ging, er
schrieb. Ein Wort, das er mir gestern im Vorbeigehen sagte, schien das Ende seiner Arbeit
anzukündigen. Er denkt nur daran, ein paar kleine Details zu polieren, um endlich eine würdige
Hommage deiner Gnade zu erweisen, für die er so viele Töne hat.

GRAF ANTON GÜNTHER.


Er wird willkommen sein, wenn er es mir anbietet, und ich werde ihn festhalten für eine lange Zeit.
So sehr ich mich für seine Arbeit interessiere und so sehr mich diese großartige Arbeit bezaubert
und in mehrfacher Hinsicht bezaubern muss, so viel wird das auch durch meine Ungeduld getrübt.
Es kann nicht beendet werden, es kann nicht abgeschlossen werden; es ändert sich ständig, er rückt
langsam vor, er bleibt wieder stehen, er täuscht die Hoffnung. Wir sehen mit Trauer die Freude, von
der wir glaubten, dass sie zurückkommt.

EVI.
Ich bin mit der Reserviertheit einverstanden, der Vorsichtsmaßnahme, mit der er Schritt für Schritt
auf das Ziel zugeht. Durch die alleinige Gunst der Musen können so viele Worte zu einem Ganzen
verbunden werden. Und seine Seele nährt kein anderes Verlangen; sein Roman muss zu einem
regelmäßigen Ganzen abrundet werden; er will keine Geschichten nach Geschichten aufhäufen, die
sich über ihre Freuden amüsieren, und sich schließlich wie leere Worte in der Luft verlieren und uns
nur täuschen. Lass es, mein Bruder, denn Zeit ist nicht das Maß für ein gutes Werk, und damit die
Nachwelt es wiederum genießen kann, müssen die Zeitgenossen des Künstlers vergessen werden.

GRAF ANTON GÜNTHER.


Lass uns zusammen handeln, meine liebe Schwester, wie wir es oft zum Wohle beider getan haben.
Wenn meine Begeisterung zu stark ist, wirst du mich beruhigen, und wenn du zu ruhig bist, werde
ich dich drängen. Dann werden wir ihn vielleicht plötzlich an einem Punkt sehen, an dem wir ihn
uns schon lange gewünscht haben. Dann wird die Heimat, dann wird die Welt erstaunt sein, welche
Arbeit geleistet wurde. Ich werde meinen Teil dieser Herrlichkeit nehmen, und der Dichter wird ins
Leben treten. Ein edler Geist kann seine Entwicklung nicht in einem engen Kreis erreichen. Das
Vaterland und die Welt müssen auf ihn einwirken; er muss lernen, Lob und Tadel zu ertragen. Er ist
gezwungen, sich und andere gut zu kennen. Einsamkeit wiegt ihn nicht mehr mit schmeichelhaften
Illusionen. Der Feind will nicht - der Freund darf ihn nicht verschonen. So übt der junge Mann
seine Kraft aus, indem er kämpft.

ANNA.
Also, Herr, wirst du von nun an alles für ihn tun, da du bis jetzt schon viel getan hast. Ein Talent
entsteht in der Stille, ein Charakter im Strom der Welt. Oh! Möge er seinen Charakter wie seine
Kunst in deinem Unterricht formen, Menschen länger meiden, und möge sein Misstrauen sich am
Ende nicht in Angst und Abneigung verwandeln!

GRAF ANTON GÜNTHER.


Der allein fürchtet Menschen, der sie nicht kennt, und wer sie meidet, muss sie bald ignorieren. So
ist Torsten, und auf diese Weise wandert ein freies Herz Stück für Stück voran und ist verbunden.
So oft macht er sich viel mehr Sorgen um meine Huld, als er sollte; er pflegt das Misstrauen
gegenüber vielen Menschen, die, wie ich sehr gut weiß, nicht seine Feinde sind. Wenn es passiert,
dass ein Brief verloren geht, dass ein Diener von seinem Dienst zu dem eines anderen übergeht,
dass ein Papier seine Hände verlässt, sieht er sofort einen Plan, er sieht einen Verrat und einen
Trick, die leise für seinen Untergang arbeiten.

EVI.
Vergessen wir nicht, mein lieber Bruder, dass der Mensch sich nicht von sich selbst trennen kann.
Wenn ein Freund, der mit uns gehen sollte, seinen Fuß verletzt, ziehen wir es vor, unseren Schritt zu
verlangsamen und ihm bereitwillig zu helfen.

GRAF ANTON GÜNTHER.


Es wäre besser, ihn heilen zu können, zuerst auf treuen Rat des Arztes eine Behandlung zu
versuchen und dann mit dem geheilten Patienten fröhlich den neuen Weg eines blühenden Lebens
einzuschlagen. Ich hoffe jedoch, meine Freundinnen, niemals den Vorwurf zu verdienen, ein
strenger Arzt zu sein. Ich tue, was ich kann, um Sicherheit und Vertrauen in sein Herz zu prägen.
Ich gebe ihm oft in Gegenwart vieler Zeugen entscheidende Zeichen meiner Huld. Wenn er mir eine
Beschwerde schickt, lasse ich sie untersuchen, wie ich es kürzlich getan habe, als er vermutete, dass
sein Zimmer durchsucht worden wäre. Wenn nichts entdeckt wird, erkläre ich ihm ruhig, wie ich die
Sache sehe, und da es notwendig ist, alles zu üben, übe ich Geduld mit Torsten, weil es es verdient,
und du, ich weiß, du wirst mir gerne helfen. Ich habe dich hierher gebracht, und ich, wird heute
Abend in nach Berlin gehen. Du wirst Marco für einen Moment sehen: Er ist aus Venedig
angekommen und wird kommen und mich abholen. Wir haben viel zu sagen, um Resolutionen zu
machen, viele Briefe zu schreiben: All dies zwingt mich, nach Berlin zu fahren.

EVI.
Erlaubst du uns, dich zu begleiten?
GRAF ANTON GÜNTHER.
Bleibt in Oldenburg und fahrt gemeinsam an die Nordsee, genießt die sonnigen Tage wie ihr wollt.

EVI.
Kannst du nicht bei uns bleiben? Kannst du nicht hier und in Berlin Geschäfte abwickeln?

ANNA.
Du nimmst Marco zuerst von uns weg, der sollte uns so viel über Venedig erzählen?

GRAF ANTON GÜNTHER.


Das kann nicht sein, Kinder, die ihr seid; aber ich werde so bald wie möglich mit ihm
zurückkommen; dann wird er euch seine Geschichten erzählen, und ihr werdet mir helfen, den
Mann zu belohnen, der sich gerade so viel Mühe für meinen Dienst gemacht hat; und wenn wir alles
unter uns gesagt haben, möge die Menge der Bürger kommen und unsere Gärten beleben und mir
natürlich auch im Schatten eine Schönheit anbieten, von der ich Spuren gesucht habe.

ANNA.
Als Freundinnen werden wir wissen, wie wir unsere Augen schließen können.

GRAF ANTON GÜNTHER.


Ihr wisst andererseits, dass ich gern vergebe.

EVI.
(drehte sich zum hinteren Teil der Bühne um.)
Ich habe Torsten schon lange näher kommen sehen. Er geht langsam; manchmal hört er plötzlich
auf, als ob er unschlüssig wäre, dann kommt er schneller zu uns und hört wieder auf.

GRAF ANTON GÜNTHER.


Wenn er meditiert und komponiert, verwirrt ihn nicht in seinen Träumen und lasst ihn seinen Weg
gehen.

ANNA.
Nein, er hat uns gesehen, er kommt hierher.

SZENE III

(DIE VORHERIGEN, TORSTEN.)

TORSTEN
(Er hält ein gebundenes Buch in der Hand.)
Ich komme langsam, um dir eine Arbeit zu bringen, die ich dir immer gerne anbiete. Ich weiß zu
gut, dass sie immer noch unvollkommen ist, auch wenn sie fertig zu sein scheint; aber wenn ich
Angst hatte, sie dir unvollendet anzubieten, tut mir heute eine neue Angst weh: Ich möchte nicht zu
besorgt erscheinen, ich möchte nicht undankbar erscheinen; und, genau wie ein Mann, um seine
Freunde zu befriedigen und ihre Nachsicht zu verdienen, kann er ihnen nur sagen: Hier bin ich! Ich
kann nur sagen: Akzeptiere meine Arbeit.

(Er bietet das Buch an.)


GRAF ANTON GÜNTHER.
Dein Geschenk überrascht mich und du machst diesen schönen Tag zu einem Fest. Also halte ich es
endlich in meinen Händen und kann in gewissem Sinne sagen, dass es meins ist! Lange wollte ich
sehen, wie du dich erlöst und schließlich sagst: Lass uns aufhören; das ist genug!

TORSTEN.
Wenn du glücklich bist, ist das Buch perfekt; weil es dir in jeder Hinsicht gehört. Als ich über die
Arbeit nachdachte, kostete es mich Kraft; als ich die Linien meines Stiftes beobachtete, konnte ich
sagen: Dies ist meine Arbeit. Aber wenn ich genauer beobachte, was diesem Roman seinen eigenen
Wert und seine Würde verleiht, erkenne ich, dass ich es allein von dir habe. Wenn mich die
wohlwollende Natur mit einer großzügigen Laune befreit hat, bin ich ein glückliches Geschenk der
Poesie, bizarres Vermögen hatte mich mit barbarischer Gewalt davon vertrieben, und wenn das
schöne Universum mit all seinem Reichtum und seiner Pracht die Augen des Kindes anzog, war
sein junges Herz bald traurig über die unverdiente Not geliebter Eltern. Meine Lippen öffneten sich
zum Singen, ihnen entkam eine schmerzhafte Melodie, und ich begleitete mit schwachen Akzenten
die Schmerzen meines Vaters und die Qualen meiner Mutter. Du allein hast mich von diesem engen
Leben zu einer schönen Freiheit erhoben; du verbannst alle Sorgen aus meinem Gedanken; du hast
mir Unabhängigkeit gegeben, damit sich meine Seele öffnen und heldenhafte Akzente setzen kann;
und jetzt, wer auch immer mein Werk lobt, ich bin dir zu Dank verpflichtet, denn es gehört dir.

GRAF ANTON GÜNTHER.


Zum zweiten Mal verdienst du unser ganzes Lob, und durch deine Bescheidenheit ehrst du dich und
uns mit dir.

TORSTEN.
Oh! Wenn ich nur sagen könnte, wie sehr ich das Gefühl habe, von dir allein zu haben, was ich dir
präsentiere! Hat der obskure junge Mann Worte aus sich gezogen? Hat er sich das geschickte
Verhalten des Lebens Mariens vorgestellt? Die Wissenschaft des Glaubens, die jeder Heilige am
festgesetzten Tag mit Energie einsetzt, die Weisheit des Herrn, der Mut der Märtyrer, der Kampf der
Klugheit und Wachsamkeit, bist du es nicht, o weiser und tapferer Graf, der hat mich inspiriert wie
ein Genie, das es genießen würde, durch die Stimme eines Sterblichen seine erhabene und
unzugängliche Natur zu enthüllen?

EVI.
Nun genieße die Arbeit, die uns glücklich macht.

GRAF ANTON GÜNTHER.


Sei glücklich mit dem Wahlrecht aller edlen Herzen.

ANNA.
Sei glücklich mit deinem universellen Ruhm.

TORSTEN.
Dieser Moment ist genug für mich. Ich habe nur an dich gedacht, meditiert und geschrieben; dir zu
gefallen war mein höchster Wunsch; dich neu zu erschaffen war mein letztes Ziel. Wer die Welt in
seinen Freunden nicht sieht, verdient es nicht, dass die Welt sich um ihn kümmert. Hier ist meine
Heimat, hier der Kreis, in dem meine Seele gerne stehen bleibt. Hier höre ich, hier respektiere ich
das geringste Zeichen; hier spricht Erfahrung, Wissen, Geschmack: Ja, ich habe die gegenwärtige
Welt und die kommende Welt vor Augen. Die Menge führt den Künstler in die Irre und schüchtert
ihn ein: derjenige, der dir ähnelt, derjenige, der verstehen und fühlen kann, dieser allein muss
urteilen und belohnen.
GRAF ANTON GÜNTHER.
Und wenn wir die gegenwärtige Welt und die kommende Welt repräsentieren, sollten wir dein
Angebot nicht kalt annehmen. Das herrliche Abzeichen, das den Dichter ehrt, das die Helden selbst,
die ihn immer brauchen, sehen, ohne Neid um seinen Kopf zu gürten, treffe ich hier auf der Stirn
deines Vorgängers.

(Zeigt auf Goethes Büste.)

War es Zufall, war es ein Genie, das diese Krone geflochten und gebracht hat? Es ist nicht umsonst,
dass es sich uns hier anbietet. Ich höre Goethe zu mir sagen: „Warum ehrst du die Toten? Sie hatten,
als sie lebten, ihren Lohn und ihre Freude. Und wenn du uns bewunderst, wenn du uns ehrst, gib
auch den Lebenden ihren Anteil. Mein Marmor ist bereits gekrönt: Der grüne Ast gehört dem
Lebenden.“

(GRAF ANTON GÜNTHER nickt seiner Schwester zu; sie nimmt die Krone von Goethes Büste
und nähert sich Torsten Schwanke, der einen Schritt zurück tritt.)

ANNA.
Du verweigerst sie? Siehe, welche Hand dir die schöne, unvergängliche Krone präsentiert!

TORSTEN.
Ah! lass mich zögern! Weil ich nicht sehe, wie ich nach so einer Stunde leben kann.

GRAF ANTON GÜNTHER.


Im Genuss des edlen Schatzes, der dich im ersten Moment erschreckt.

EVI
(hebt die Krone)
O Torsten, beneide mich nicht um das seltene Vergnügen, dir ohne Worte zu sagen, was ich denke.

TORSTEN.
Ich empfange auf meinen Knien von deinen lieben Händen diese edle Last auf meinem schwachen
Kopf.

(Torsten beugt die Knie, Evi krönt ihn.)

ANNA
(applaudiert)
Es lebe der, den wir gerade zum ersten Mal gekrönt haben! Möge die Krone für den bescheidenen
Mann gut geeignet sein!

GRAF ANTON GÜNTHER.


Es ist nur ein Omen desjenigen, der sich im Vatikan die Stirn umgürten lassen muss.

EVI.
Dort wirst du mit brillanten Stimmen begrüßt; hier belohnt dich die Freundschaft mit wenig Lärm.

TORSTEN.
Oh! nimm es zurück von meiner Stirn, nimm es zurück! Sie verbrennt mir die Haare, und wie ein zu
feuriger Sonnenstrahl, der meinen Kopf treffen würde, verbraucht er die Kraft des Denkens in
meinem Gehirn. Eine fieberhafte Begeisterung rührt mein Blut. Vielen Dank! Das ist zu viel!
ANNA.
Im Gegensatz dazu schützt dieser Zweig den Kopf des Mannes, der in den sengenden Regionen der
Herrlichkeit wandeln muss, und erfrischt die Stirn.

TORSTEN.
Ich bin es nicht wert, die Erfrischung zu spüren, die mit ihrem Atem nur die Stirn der Helden
nachbilden sollte. O Göttin, nimm diese Krone ab und verändere sie inmitten der Wolken. dass sie
zu unermesslichen, unzugänglichen Höhen aufsteigt; dass mein Leben nach einem kontinuierlichen
Marsch in Richtung dieses Ziels dürstet.

GRAF ANTON GÜNTHER.


Wer früh erhält, lernt früh, den hohen Wert der gütigen Güter dieses Lebens zu schätzen; wer früh
genießt, verzichtet nie freiwillig auf das, was er einst besaß; und wer besitzt, muss bewaffnet sein.

TORSTEN.
Und wer Waffen ergreifen will, muss in seinem Herzen eine Kraft spüren, die er niemals versagt.
Ah! Ich vermisse sie jetzt. Sie lässt mich glücklich die einheimische Kraft, die mich lehrte, ständig
mit dem Unglück zu kämpfen, stolz mit der Ungerechtigkeit. Hat die Freude, die Bewegung dieses
Augenblicks das Mark meiner Knochen verzehrt? Meine Knie beugen sich. Oh Evi, du siehst mich
immer noch mich vor dir niederwerfen. Höre mein Gebet; nimm mir diese Krone weg. Wie aus
einem schönen Traum erwacht, wie fühle ich ein gestärktes Leben, ein neues Leben!

EVI.
Wenn du weißt, wie du das Talent, das die Göttin gibt, mit ruhiger Bescheidenheit tragen kannst,
lerne auch, diese Zweige zu tragen, das schönste Geschenk, das wir dir geben können. Derjenige,
den sie einst mit Würde gekrönt haben, wird sie immer um seine Stirn schwingen sehen.

TORSTEN.
Jetzt, dass ich in meiner Verwirrung von hier wegkomme. Auf, dass ich mein Glück in diesem
dichten Hain verstecke, wie ich dort meine Schmerzen versteckte. Dort möchte ich alleine wandern;
dort wird mich kein Blick an mein unverdientes Glück erinnern. Und wenn mir zufällig ein klarer
Brunnen in seinem klaren Spiegel einen Mann zeigt, der wunderbar gekrönt träumerisch im Spiegel
des Himmels, mitten in den Bäumen, mitten in den Felsen liegt: es wird mir scheinen, dass ich das
Elysium in diesem magischen Spiegel dargestellt sehe; ich werde mich schweigend beraten und
mich fragen, wer dieser Schatten sein kann, dieser junge Mann vergangener Jahrhunderte, der so
gnädig gekrönt ist. Wer wird mir seinen Namen, seine Verdienste sagen? Ich werde lange warten
und mir sagen: Oh! wenn da noch einer und noch einer käme, um mit ihm ein angenehmes
Gespräch zu führen! Oh! Wenn ich die Helden, die Dichter der Antike sehen würde, die sich um
diesen Brunnen versammelt haben! Wenn ich sie hier noch unzertrennlich sähe, wie eng sie zu
Lebzeiten verbunden waren! Da der Magnet durch seine Kraft Eisen mit Eisen verbindet, vereint
dieselbe Tendenz Helden und Dichter. Homer vergaß sich selbst; sein ganzes Leben war der
Betrachtung zweier Krieger gewidmet; und Alexander im Elysium beeilte sich, Achilles und Homer
zu suchen. Oh! wäre ich in ihrer Nähe, um diese großen Seelen jetzt wieder vereint zu sehen!

ANNA.
Aufwachen! aufwachen! Lass uns nicht das Gefühl haben, dass du die Gegenwart völlig ignorierst.

TORSTEN.
Es ist die Gegenwart, die meine Gedanken erhebt. Ich scheine abwesend zu sein: Ich freue mich!

EVI.
Ich mag es, zu sehen, dass du im Umgang mit deinen Genies eine menschliche Sprache sprichst,
und ich habe Freude daran, sie zu hören.

(Ein Knabe nähert sich dem Grafen und spricht mit leiser Stimme zu ihm.)

GRAF ANTON GÜNTHER.


Er ist angekommen! Es ist sehr aktuell Marco! Lass ihn kommen! Hier ist er.

DIE NEUEN LEIDEN DES JUNGEN W.

FRAGMENT

ERSTER TEIL

Was ich von der Geschichte des jungen W. sagen konnte, das habe ich hier nun alles aufgeschrieben,
ich lege es dem deutschen Volk vor und hoffe zu Gott, dass eines Tages das deutsche Volk – wenn
es sich bekehrt hat – mir noch danken werde. Mann kann den Leiden des jungen W. sein Mitgefühl
und Mitleid nicht entziehen, wenn man nicht gerade ein Herz wie ein Roboter hat. Und du, liebe
Seele in kommenden Zeiten, die du meine Muse liebst und mich gerne zum Freund hättest, wähle
diese kleine Schrift zu deiner Freundin in einsamen nächtlichen Stunden. Wer sich der Ewigen
Weisheit weiht, der verliert der Reihe nach alle Freunde, und wer verlangt nach der union mystique
à Marie, der muss bereit sein zur totalen Menscheneinsamkeit. Dem möge meine Muse Freundin,
Schwester und Trösterin sein.

AN BELLARMIN

5. Mai 1998

Ich bin nun endlich weg aus dem saudummen Ostfriesland, lieber Bruder, wo nicht nur die Zunge,
sondern auch der Geist platt ist! Ich bin nun angekommen im klassischen Oldenburg, dem Athen
Norddeutschlands. Pallas Athene und Amor schauen von allen Giebeln. Lieber, ein wenig hängt mir
noch nach die Geschichte mit der kleinen Marion aus der Herrlichkeit Dornum, die ich, denn ich bin
namensabergläubisch, mit der Jungfrau Maria verwechselt hatte. O die Ärzte hatten recht, ich habe
zu viel Phantasie! Und die Träume haben mir manchen Streich gespielt, ich hielt meine Träume für
Orakel der Himmlischen, und während ich die arme Kunigunde im Arm liegen hatte, träumte ich
von Madonna Marion-Maria, und mein Gewissen war gespalten, zwei Seelen wohnten ach in
meiner Brust, die eine wollte die irdischen Liebe mit Kunigunde genießen und die andere die
himmlische Liebe der Madonna Marion zu Füßen legen. Aber das liegt nun hinter mir, und ich
wünschte, ich könnte das alte platte Leben von mir abstreifen wie ein altes Kleid und neugeboren
ein ein neues, klassisches Kleid schlüpfen. Ja, mir scheint, ich habe sieben Leben. Ich war nicht nur
chinesischer Dichter in der Tang-Dynastie, ich war auch griechischer Odendichter auf Lesbos zur
Zeit von Sappho und Alkäus. Nun, ich kanns nicht lassen, zu schwärmen, zu träumen. Freund und
Bruderherz, nur wie von Metempsychose zu Metempsychose der unsterbliche Gottesfunken in der
Seele erhalten bleibt, so nehm ich deine Freundschaft und herzliche Bruderliebe mit in mein neues
Leben. Ecce homo!
Lieber Bruder, der du mir näher stehst als ein leiblicher Bruder, sei so gut, meiner treuen Mutter zu
sagen, sie solle sich keine Sorgen um mein finanzielles Fortkommen machen. Ich vertraue mich der
siebenfach verschleierten Gottheit namens Vorsehung an. Was meine liebe Tante Petheda betrifft, so
sag meiner Mutter, ich fand ihre Schwester nicht so unlieb, wie sie mir geschildert worden. Sie ist
eine Tochter Hiobs, am ganzen Leibe leidend und die Seele voll von Witwen-Einsamkeit, dazu hat
sich ihr einziger Sohn Joachim, ein Kommunist, von seiner Mutter losgesagt. Nun sitzt die einsame
alte Witwe in ihrer Gebrechlichkeit und Krankheit, nahezu erblindet, in ihrer Einsamkeit mit
gebrochenem Herzen da und wartet nur noch auf den Moment, der sie mit ihrem geliebten und
vergötterten Ehemann Arno im Jenseits wieder vereinigt wird. Und sie bat mich, dafür zu sorgen,
dass auf ihrem Grabe stehe der Spruch: Ich hab so wunderliche Schmerzen in meinem Herzen. Und
dass auf ihrer Beerdigung gesungen werde: Ich bete an die Macht der Liebe!… Gott sei ihrer armen
Seele gnädig! Was aber die Erbschaftsstreitigkeiten unter den Schwestern über das Erbe meiner
vergötterten Großmutter betrifft, so wird sich meine Großmutter im Grabe umdrehen, wenn sie
sieht, dass ihre Töchter das selige Angedenken ihrer all-liebenden Mutter entweihen durch den
Zungenzank um den schnöden Mammon. Du Narr, sagt der Menschensohn, wer hat mich unter euch
zum Erbschaftsverwalter eingesetzt? Niemand lebt davon, dass er viel besitzt. Du dachtest: Ich hab
mir mit Fleiß und Sparsamkeit bis zum Geiz und glücklichen Spekulationen ein kleines Vermögen
angehäuft, nun will ich die Rente genießen und Andalusien und Marokko und Kalifornien und Kuba
und Lesbos besuchen und immer gut und lecker essen, so denkst du, gottloser Narr, aber heute
Nacht wird der HERR deine Seele von dir fordern, und dann wehe dir, wenn du arm bist vor Gott!

Übrigens geht es mir gut in Oldenburg. Hier im Schlosspark oder in der Haaren-Niederung im
Schutz der Universität oder im botanischen Garten spazieren zu gehen, wenn die Sonne einen
liebevoll anlacht, ist ein offener Himmel auf Erden. So viele Gnaden strömen von der Frau in der
Sonne zu mir herab, und jede Gnade ist ein junges wunderschönes Mädchen! Ob blond, ob schwarz,
ob rot, ob braun, ich liebe alle schönen Fraun! Wenn ich dann sehe die Kohlweißlinge wie weiße
Seidenschmetterlinge um die Krokuskelche gaukeln oder im lichtblauen Äther (Vater Äther!
Heiter!) ihre Hochzeitstänze tanzen, dann denk ich, das auf griechisch Psyche sowohl Seele als auch
Schmetterling heißt, und dass sterbende Kinder kein Kreuz malen, sondern Schmetterlinge, und
dass wir alle Raupen sind, die eines Tages zu Schmetterlingen werden, doch ach, die Menschen um
mich sind nur dumme Raupen, die an nichts als ihren Kohl denken und lachen über den Träumer,
der sich für einen tanzenden Schmetterling hält! Ja, was Schmetterling, meine Seele, das wird nicht
gebraucht, das ist nicht nützlich, und die lieben Weiber wollen lieber, dass du ein belastbarer Esel
bist!

Die City ist mir unangenehm, zu viel Konsum und Materialismus. Aber die Natur! Da ist der schöne
Schlosspark, den einst Graf Anton Günther, der Friedefürst von Oldenburg, für seine Braut Sophia
angelegt hat. Hier liege ich unter der Blutbuche und die Venen meines Leibes fühlen sich
blutsverwandt mit den Venen der Blutbuche. Meine Schwester, das Leben! Und überall in der Natur
fühl ich quellen die heilige Grünkraft, wie sie aus Gott strömt, und in aller Grünkraft der heiligen
Mutter Natur empfinde ich einen immanenten göttlichen Eros, der mich berauscht und nüchtern
trunken macht! Und dann denk ich an den Friedefürsten, den Grafen von Oldenburg, und seine
göttliche Sophia, und ich besuche ihr Grab in der Lambertikirche und danke dem Grafen, dass er
Oldenburg weise vor dem dreißigjährigen Krieg bewahrt hat, dieser Erfindung des Teufels, um die
Christenheit in Deutschland zu spalten und zu schwächen, und ich verfluche jeden Krieg, und
gelobe der göttlichen Sophia meine treue Verehrung.

AN BELLARMIN

10 Mai 1998
Mein Freund, ich bin so ganz selig in diesem Wonnemond, dem Minnemond, dem Marienmond!
Die Sonne scheint, die Sonne heilt, die Sonne ist der einzige gute Engel der Erde. Der Frühling ist
Gottes Melodie, den Zebaoth auf seiner Harfe spielt, der Frühling ist der Glaube Gottes, der jedes
Jahr wieder zur Welt kommt, die heiligen Juden sagen, Gott hat die Welt im Frühling geschaffen, im
Frühling, da die Mutter Natur in ihrer heiligen Liturgie das Hohelied Salomos singt! Wenn ich so
die goldene Sonne sehe schimmern durch das transparente grüne Chlorophyll der Blätter der
Bäume, dann scheint mir die Luft eine geistige Person zu sein, dann scheint mir in den Blüten der
Bäume die Königin der Feen zu leben, dann sehe, dann schaue ich die weibliche Weltseele! Ich
liege dann auf der Wiese und beobachte die Hirschhornkäfer, die Maikäfer, die kleinen Marienkäfer.
Weißt du, warum die Marienkäfer nach Unserer Lieben Frau benannt sind? Sie vertilgen die
schädlichen Blattläuse wie die Madonna die Dämonen vertilgt. Und sie krabbeln über die
Grashalme, ich reiche ihnen meinen Finger, sie spazieren über meine Hand, als ob ich ein Grashalm
wäre. Leaves of grass! Gräslein, in Gottes Namen! Eine Novizin fragte mich, welche Blume ich
gerne wäre, und sie sagte, sie wäre am liebsten ein demütiger Grashalm. Und wenn dann die
Mücken im Sonnenuntergang tanzen, so tanzen sterbende Völker auf ihrem Vulkan – ach, vielleicht
ist das deutsche Volk auch schon ein sterbendes Volk! Und wenn ich durch mein Wäldchen
spaziere, und der goldene Strahl der Herrlichkeit der Sonne fällt durch das blaue Fenster des
Himmels in diesen grünen Dom der Natur, da hör ich alle vegetativen und animalischen Seelen in
ihrer göttlichen Liturgie anbeten den Schöpfer, und die Amseln und Tauben singen in ihren Chören
die himmlischen Hymnen zum Lobe des Schöpfers, und der Mensch neigt demütig und barhäuptig
sein Haupt vor der Herrlichkeit des Herrn! Da ist mein Herz so voll, so voll, so übervoll von
himmlischer Glückseligkeit und göttlicher Liebe, dass meine Kunst versagt, die wahren Wonnen
des Paradieses lassen sich doch in irdischen Worten nicht sagen, da verschwebt meine Seele im
schweigender Anbetung! O das ist fast zu groß für unsere unsterbliche Seele im sterblichen Körper,
und nur zu Zeiten erträgt der sterbliche Mensch die Fülle der himmlischen Wonnen!

Und dann weiß ich auch die Innenstadt zu schätzen. Nichts mehr sehe ich von Konsumtempeln,
nein, plötzlich spaziere ich durchs himmlische Jerusalem! Die Straßen sind aus goldenem Glas, die
Tore der Stadt aus Perlen, die Mauern aus weißem Jaspis! Und über die goldenen Gassen der
himmlischen Stadt spazieren lauter Gnaden – oder soll ich Grazien sagen – nicht Thalia und Aglaja
und Euphrosyne, wie die Mythendichter erfanden, sondern die heilige Ursula und ihre elftausend
Jungfrauen! Plötzlich duftet auch Arabien auf vom Kiosk, und die Huris und Peris umschweben
mich und laden mich ein zum Glase Wein, der keinen Kopfschmerz bereitet, und zum
Hähnchenbraten. Das ist die von der göttlichen Architektin Sophia erfundene Gartenstadt! Und
nicht Sonne und Mond erleuchten sie, sondern die weibliche Herrlichkeit des Herrn, die in der
goldenen Wolke vor mir einherzieht! Da fühl ich mich wie Moses, der die Feuersäule und die
Wolkensäule der Herrlichkeit sah. Da fühl ich mich wie Jakob, der die Himmelstreppe schaute und
schöne Engel hinauf und hinab in langen weißen Seidenkleidern wallen, da werde ich zum alten
Patriarchen der Genesis, um mich wimmeln Kinder und Kindeskinder, und Gott gibt seinen Segen!

AN BELLARMIN

13. Mai 1998

Mein Lieber, du fragst, ob du mir Bücher schicken sollst? Ich bitte dich, lass das sein! Ich habe
tausende Bücher gelesen, um am Ende alle zu vergessen und nur eine kleine Handvoll bei mir
aufzubewahren, Propheten der Muse. Und wenn du mich fragst, es sind die Griechen! So bin ich
ganz in den wandernden Odysseus versunken. Ich habe mich aus den Armen der sinnlichen Kalypso
losgerissen, bin vom Meer verschlagen an eine der Inseln der Seligen und warte, ob mir Pallas
Athene ein göttliches Mädchen sendet. Überhaupt brauch ich keine Poeten, um mein Herz zur
Poesie zu treiben. Mein eigenes Herz ist beredsam geworden durch all die göttliche Liebe, die mich
inspiriert! Du weißt, mein Geist ist himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt! Wie oft hast du mich
ertragen müssen, wenn der dämonische Geist der Schwere mich niedergedrückt! Und der wahre
Gram geht nicht über in ein Lied. Und manchen Gesang, den ich dem Ewigen zu singen gesonnen
war, den hat mir die Schwermut weggezehrt. Krankhafte Melancholie ist der Fluch, der mich durchs
Leben treibt, und die ich wie eine geliebte Feindin zu lieben beginne. Aber dann kommt nach der
Niederfahrt zur Hölle auch die Himmelfahrt! Und wer dies nicht hat, dies stirb und werde, ist nur
ein armer Gast auf der trüben Erde. Ja, wem Gott die höchsten Wonnen der Glückseligkeit schenken
will, dass er tanzt mit dem Heiligen Geist, den muss er immer wieder führen durch die dunkle
Nacht der Seele. Aber heute bin ich wie ein kleiner kranker Knabe, und die allerzärtlichste Mutter
gewährt mir alle Wünsche. Sag das nicht den Christen, sie möchten es mir übel nehmen und mich
zu Askese und Demut ermahnen.

AN BELLARMIN

15. Mai 1998

Das Volk von Oldenburg schließt mir sein Herz auf. Wenn ich in der Innenstadt einen Bettler sehe,
gehe ich zu ihm, gebe ihm die Hand, gebe ihm eine Mark, schaue ihm in die Augen und sage ein
freundliches Wort zu ihm. Und der Bettler gibt mir seinen Segen. So mancher Bettler ist wohl die
heimliche Inkarnation Jesu, der mir seinen Segen gibt. Und wie bin ich verliebt in all die jungen
blonden Verkäuferinnen in den Supermärkten, ich schaue ihnen in die Augen, lobe ihre schön
geflochtenen Zöpfe oder ihr Perlenarmband und bin ihr heimlicher Minnesänger, Hofpoet und
Ritter, und sie schenken mir dafür ihr huldvollstes Lächeln. Und wenn ich die Arbeiter sehe in
ihrem blauen Kittel, ergreift mich eine fast kommunistische Ehrfurcht vor diesen Helden des
Alltags, und ich komme mir recht demütig als ein Taugenichts und Grillenfänger vor. Aber vor
allem die Kinder der Armen sehen in mir ich weiß nicht was, den Rattenfänger von Hameln oder
Don Quichote auf der Wallfahrt ins Morgenland, sie jubeln über mich, und besonders die Knaben,
die leiden unter einem Tunichtgut von Erzeuger, wählen mich zum Vater, und so trag ich, wie eine
Große Mutter ihre neunzehn Brüste, eine Schar von jauchzenden Knaben vor mich her. Wie ist mir
dann zuwider der Intellektuellenhochmut, der die Armen verachtet, und selbst wenn er als Marxist
die Proletarier beschwört, so bleibt er doch in seinem Kastenstolz, der Lehrer, der Advokat, diese
Leute wollen den Arbeitern den Klassenhass beibringen, von oben herab, als Avantgarde, aber der
Arbeiter will gar nichts wissen vom Klassenhass.

Neulich fand ich einen Knaben am Wegrand, der vom Fahrrad gefallen war, die Kette vom Rad war
ab, der Knabe hatte sich am Bordstein das Knie wundgescheuert, er saß am Straßenrand und weinte.
Ich beugte mich zu ihm und tröstete ihn, als wenn ich seine Großmutter wäre, reparierte sein
Fahrrad, als wenn ich sein Vater wäre, gab ihm einen Segen, als wenn ich sein Pate wäre, und
schickte ihn heim zu seiner Mutter, als wenn ich Jesus wäre, der den Knaben von Nain vom Tode
auferweckte und ihn seiner Mutter wiedergab. Und all diese Kinder sind meine Kinder, und ich
habe mehr Söhne und Töchter als die Eheleute, die in ihrem Egoismus-zu-zweit sich nur um die
Früchte ihrer Lenden sorgen und um sonst niemand.

AN BELLARMIN

Den 17. Mai

Ich habe Bekannte gefunden. Keine Freunde, nein! Nur so Leute, die einem durch Zufall über den
Weg laufen, und denen man sich aus Einsamkeit und Langeweile eine Zeit anschließt. Die
Menschen kommen und gehen, das Leben bleibt bestehen. Wie finden mich doch die Menschen so
sonderbar, so merkwürdig, halb scheine ich ihnen ein Weiser, und halb ein unbegreiflicher Narr! Ich
weiß nicht, warum die Menschen mich so meiden? Besonders die Frauen scheinen hellsichtig zu
sein und an meiner Stirn ein Zeichen zu lesen, dass ich nicht einer Frau allein je gehören darf, weil
ich verliebt bin – ich weiß nicht in wen! Ich liebe wohl die Weltseele oder die göttliche Liebe
selbst! Was sich aber so Mensch nennt, mit dem stolzen Namen homo sapiens, der wissende
Mensch, ist doch nur der homo faber, der arbeitende Mensch. Sie rennen jeden Tag auf ihre
Arbeitsstelle, um ja nicht zur Besinnung zu kommen und halten im übrigen die Arbeitssucht für die
beste Medizin gegen den Kummer der unerwiderten Liebe. Und wenn sie dann den Mammon
erworben haben, tun sie alles, um die freie Zeit totzuschlagen, mit Kartenspiel oder dem Götzenbild
des Antichristen auf dem Hausaltar, ich meine die Television, das Propagandainstrument des
Atheismus und der Kulturbarbarei. Und wenn einer einmal ein sinnvolles Gespräch beginnen will
über Philosophie oder Kunst, dann gähnen sie und holen das Kartenspiel hervor.

Aber manchmal findet man bei diesen kindischen Menschen doch noch eine gütige Hausfrau. Und
dann mag ich mich ab und an an ihren Tisch setzen und die Künste der kochenden Hausfrau
bewundern, wohl eine Seezunge mit Spargel und Kartoffeln essen, auch einen Spaziergang machen
mit Mann und Frau und mit der Frau über die Zukunft der Töchter reden. Nur darf ich dann nicht
daran denken, dass viele Geheimnisse der Nacht auf mich warten und viele Visionen und
Offenbarungen, für die den Weltkindern der sechste Sinn mangelt, denn dann sehne ich mich zurück
in meine innere Einsiedlerzelle, um zu reden mit Heiligen und Engeln und Toten. Ich hatte in
meiner Jugend einmal ein leeres Buch, in das ich meine ersten Liebesgedichte schrieb, das trug den
Titel: Notizen eines verkannten Genies. Ja, nun denn, das ist wohl mein Schicksal zu Lebzeiten, das
war providentiell.

Ach dass ich die erste Liebe meiner Jugend verloren habe! Ach, dass ich sie nie kennen gelernt
hätte! Sie schien mir der Sinn meines Lebens, und als sie mich verlassen, hatte mein Leben seinen
Sinn verloren!… Andere kennen die Madonna nur den Texten und Bildern nach, aber ich hab sie
gesehen, sie stand leibhaftig vor mir auf >Erden und legte ihre Hände segnend auf mein Haupt und
erzählte mir von ihren Visionen! Wie waren wir weise, wenn wir die Dummheit von Karl Marx
auslachten! Wie waren wir eins, wenn wir Lao Tse verstanden! Wie vertraut war mir mit ihr der
Sternenhimmel, wie verstand ich die Sprache der Pferde, konnte ich deuten den Flug der Schwalben
und die Schrift der Wolken! Sie war wohl die inkarnierte Weltseele? Aber als sie mich verließ,
begann in meiner Jugend schon der Winter meines Lebens, der klang wie ein Klagelied von Franz
Schubert! Sie aber ging nach Italien, nein, wie sie bezeugte, nicht nach Italien, sondern – ins
Paradies!

Ich lernte eine Studentin namens Regina kenen, sie studierte Altphilologie, las Homer und Platon im
Original, las Vergil und Augustinus auf Latein, bezeugte aber von sich selbst, dass sie verblendet sei
von Ate… Dazu war sie hässlich wie eine thessalische Hexe. Aber sie erzählte mir von Phidias und
Praxiteles, von der Venus von Milo und der knidischen Aphrodite, von Tizians Venus von Urbino,
von Botticellis Geburt der Venus, von Raffaels Galathea und den drei Grazien Aglaja, Euphrosyne
und Thalia. Das bildete mein Schönheitsideal. Die Närrin ließ ich aber gehen in ihre Veganer-
Religion.

Noch einen Gentleman lernte ich kennen, einen Computer-Fachmann, a very sophisticated
gentleman. Man muss ihn sehen, wenn er mit seiner Frau und seinen Töchtern spielt. Besonders von
seiner jüngsten Tochter ward viel gerühmt, sie habe ein Antlitz von makelloser Schönheit und
erinnere an Jeanne d‘Arc und die sechzehnjährige Amazonenkönigin Penthesilea! Er wohnte im
Herzogtum Rastede nahe am Schloss, wo ich ihn manchmal besuchte und für seine schöne
dreizehnjährige Tochter schwärmte.
Sonst sind mir nur noch unerträgliche Fratzen der Torheit begegnet, fromme Narren, die ein
unglaubliches Geschrei von der Torheit ihrer Sekten machten. Unerträgliche Fanatiker und
Barbaren, an denen alles unausstehlich war, besonders ihre Freundschaftsbezeigungen. Solche
Narren, die den Weisen für einen Narren halten, sind widerliche Feinde im Schafspelz eines
Freundes und Bruders.

Adieu, mein Bellarmin! Mein Brief wird dir lieb sein, er ist ganz historische Wahrheit.

AN BELLARMIN

Am 22. Mai

Die Welt ein Traum! Das sagten schon Calderon und Schopenhauer. Wenn Tschuang Tse träumt, er
sei ein Schmetterling, ist er dann Tschuang Tse, der träumt, er sei ein Schmetterling, oder ist er ein
Schmetterling, der träumt, er sei Tschuang Tse? Frag das einmal Knaben, mit denen lässt sich noch
herrlich philosophieren! Aber was sagen die praktischen, nützlichen Weltmenschen? Seht, da
kommt der Träumer! Das sind so rechte Brüder Josefs und Freunde Hiobs! Sie jagen den ganzen
Tag den Geschäften nach und machen sich viel Sorgen um ein gutes Essen, ihr Sonntagsgottesdienst
ist das Tortenessen, sie verwöhnen ihren lüsternen Leib und halten die Gesundheit für das Höchste
Gut. Sie sparen und geizen, um in der Rente das Leben in vollen Zügen genießen zu können und
ahnen nicht, dass Gott zu ihnen sagt: Du Narr! Heute Nacht wird dein Leben von dir gefordert! Und
dann siehst du, reicher Mann, wenn du im Feuer brennst, den armen Lazarus schweben in Mariens
Schoß, und das brennt dich, das vergeblich zu betrachten! Wie scheint mir das Welttreiben so
sinnlos! Da möchte man am liebsten schweigen und sich in eine Waldeinsiedelei zurückziehen, um
Psalmen zu singen und Rosenkränze zu meditieren, wo einem Raben des morgens und abends
Fleisch bringen und die Engel gebackenes Brot und kalte Milch! Da lebe ich dann in meinen
Träumen, und meine Träume scheinen mir mehr Substanz zu haben als das Irrenhaus des
Welttheaters! Da scheinen mir die sogenannten Lebenden wie Zombies oder programmierte
Roboter, aber die sogenannten Toten wahrhaft lebendig, ganz Herz und Seele und Liebe und Geist!

Die Erwachsenen meinen, die Kinder seien dumm. O glaube ihnen nicht. Was haben denn die
Erwachsenen den Kindern voraus als eine lange Anhäufung von Schuld? Schau in eines kleinen
Kindes Augen, und du siehst den Himmel! Schau in eines erwachsenen Mannes Augen, und du
siehst Neid und Eifersucht und Groll und Bitterkeit und Feindschaft und Hass und Begierde, die
Früchte des Teufels! Und sind die Erwachsenen denn vernünftiger? Sie wissen nicht, woher sie
kommen und wohin sie gehen und scheren sich einen Dreck um den Sinn des Lebens, sondern wie
die Knaben lassen sie sich regieren von Süßigkeiten und Näschereien, die Frauen von Schokolade
und die Männer von Frauenleibern. Den lieben Gott lassen sie alle einen guten Mann sein. Dagegen
lobe ich mir die große Gottesliebe der Kinder! Nein, die Kinder sind weiser als die großen Narren!

das lied des paradieses

der wahre muslim spricht vom paradies


als ob er selbst ganz da gewesen wäre
er glaubt dem koran wie es ihm versprochen wurde
das ist die grundlage der reinen lehre

aber der prophet der autor dieses buches


weiß unsere fehler oben herauszufinden
und sieht dass trotz des donners seines fluches
die zweifel verschärfen oft unseren glauben

deshalb schickt er in die ewigen räume


ein jugendliches muster um alles zu verjüngen
sie schwebt auf und fesselt ohne zu säumen
um meinen hals die süßesten fallen

auf ihrem schoß an ihrem herzen hält sie mich fest


das himmlische wesen mag nichts anderes wissen
und jetzt glaube iche enorm an das paradies
für immer möchte ich sie so treu küssen

ii

ihre toten können vom feind beklagt werden


denn sie liegen ohne wiederauferstehung
ihr werdet unsere brüder nicht beklagen
denn sie gehen über diesen sphären

die planeten haben alle sieben


die metalltore weit aufgetan
und schon klopft die verklärte liebe an
paradieses pforte kühn

finden ungehofft und überglücklich


herrlichkeit die mein flug berührt
als das wunderpferd mich sofort sah
durch die himmel gingen alle

weisheitsbaum an weisheitsbaum zypressen


erheben das goldene ornament der äpfel
lebensbäume die weite schatten werfen
decken blumensitz und kräuterflor

und jetzt bringt ein süßer wind aus dem osten


bringt die himmlische schar von mädchen hervor
mit deinen augen fängst du an zu schmecken
sogar der anblick davon sättigt dich schon

sie suchen nach dem was du getan hast


tolle pläne? gefährlich blutverschmierten kampf?
dass du ein heros bist sehen sie weil du gekommen bist
was für ein heros bist du? sie untersuchen es

und sie sehen es bald in deinen wunden


die schreiben sich selbst ein denkmal
glück und hoheit alles ist verschwunden
nur die wunde des glaubens bleibt übrig

sie führen sie zu kiosken und arkaden


reich an säulen aus farbenfrohem hellem stein
und zu dem edlen saft der verklärten trauben
laden sie mit schlucken freundlich ein

mann! mehr als junge männer bist du willkommen


alle sind wie alle anderen leicht und klar
hast du dir eine ans herz gelegt?
herrin und freundin ist sie deiner herde

aber die hervorragende gefällt sich selbst


überhaupt nicht in diesem glanz
fröhlich neidisch ehrlich unterhält sie dich
von den vielen anderen trefflichkeiten

die eine führt dich zur anderen


die jeder von uns erfindet
viele frauen hast du und ruhst dich im haus aus
es lohnt sich das paradies dafür zu gewinnen

und so sende dich in diesen frieden


denn du kannst es nicht mehr austauschen
solche mädchen werden nicht müde
solche weine werden nicht betrunken machen

und so gab es wenig zu berichten


wie derselbe muslimische mann prahlt
das paradies der menschen der heroen des glaubens
es ist vollkommen schön ausgestattet

iii

ich will nicht dass frauen etwas verlieren


reiner treue gebührt die hoffnung
aber wir kennen nur vier frauen
sie sind bereits angekommen

zuerst suleika erden-sonne


gegen jussuf ganz begierde
nun die freude des paradieses
leuchtet sie die zier des verzichts

dann die allmächtige mirjam


die hat den heiden die erlösung geboren
und in bitterer trauer
sah den sohn am kreuz verloren gehen

mohammeds frau auch sie hat sie erbaut


wohlstand für ihn und herrlichkeit
und auf lebenszeit empfohlen
einen GOTT und eine vertraute

dann kommt fatima die holde


tochter und frau ohne fehler
englische reine seele
im körper aus honiggold.

wir finden sie überall


und der frauen lobt
der verdient es an ewigen orten zu sein
in lust wahrscheinlich mit ihnen zu wandeln

iv

huri:
heute stehe ich auf der wache
vor dem paradies-tor
ich weis nicht genau wie man das macht
du siehst so misstrauisch aus

ob du unseren muslimischen brüdern bist


auch sehr verwandt?
ob du kämpfst ob du krieg führst ob du verdienst.
ins paradies geschickt zu werden?

zählst du dich zu diesen helden?


zeige deine wunden
die mir lobenswerte dinge sagen
und ich werde dich hineinführen

dichter:
nicht so viel federlesen
lass mich immer rein
denn ich war ein mann
und das bedeutet ein kämpfer zu sein

schärfe deinen starken blick


hier siehe durch diese brust
schau dir die lebenswunden an
die der verrat verursachte
siehe, wie die liebe die lust verletzte

und doch sang ich treu


dass meine geliebte treu
dass die welt wie sie sich dreht
liebevoll und dankbar sei

zusammen mit den hervorragendsten


ich arbeite bis ich selbst erreiche
dass mein name in der liebe in flammen steht
in den schönsten herzen

nein du wählst nicht das geringere


gib mir die hand tag für tag
ich will an deinen zarten fingern
ewigkeiten zählen

huri:
draußen im freien
wo ich zum ersten mal mit dir sprach
ich wache oft am tor
nach den geboten
dort höre ich ein seltsames flüstern
eine welle aus tönen und silben
das ist es was hereinkam
aber niemand ließ sich sehen
dann verblasste es etwas zu klein
aber es klang fast wie deine lieder
ich erinnere mich daran

dichter:
ewig geliebte wie zärtlich
erinnerst du dich an unsere hochzeit?
was auch immer in irdischer luft und kunst
für töne kommen lese sie bitte
sie gehen alle nach oben
viele verblassen da unten
andere schweben mit geisterflug
wie das geflügelte pferd des propheten
steh auf und blase die flöte
draußen am tor
kommt dir so etwas in den sinn mit deinem spiel?
lass es freundlich bemerken
verstärke das echo süß
dass es wieder nachhallen könnte
und sei vorsichtig
dass jedenfalls
wenn er kommt seine geschenke
nutzen allen
dies wird beiden welten dienen
mögen sie ihn freundlich belohnen
auf eine liebevoll gefügige art und weise
sie ließen ihn bei sich wohnen
alle guten sind genügsam
aber du gehörst mir
ich werde dich nicht aus dem ewigen frieden entlassen
du sollst nicht zur wache gehen
schicke eine alleinstehende schwester dorthin
vi

dichter:
deine liebe dein kuss erfreut mich
ich mag es nicht geheimnisse zu erfragen
aber sag mir ob an irdischen tagen
warst du schon mal darin?
es ist mir oft so passiert
ich wollte es beschwören ich wollte es beweisen
du wurdest mal sulamith genannt

huri:
wir sind aus den elementen gemacht
aus wasser feuer erde luft und äther
und irdischer duft
er ist nicht wie unserer
wir werden nie zu euch hinabsteigen
aber wenn du bei uns zur ruhe kommst
wir haben viel zu tun
denn siehe wie die gläubigen kamen
so gut empfohlen vom propheten
aus dem paradies
da waren wir wie er befohlen hat
so freundlich so charmant
dass die engel selbst uns nicht erkannten
nur der erste zweite dritte
sie hatten schon mal eine favoritin
es waren böse dinger gegen uns
aber sie dachten wir wären weniger
wir waren schön spirituell lebendig
die muslime wollten wieder heruntergehen
jetzt uns himmlisch hochgeborenen
ein solches verhalten war sehr abstoßend
wir haben uns verschwörerisch aufgeregt
wir haben von zeit zu zeit darüber nachgedacht
als der prophet durch den ganzen himmel ging
wir passten seiner spur auf
als er zurückkam verpasste er uns nicht
das geflügelte pferd musste stehen
da hatten wir ihn in der mitte
freundlich ernsthaft nach dem brauch des propheten
wurden wir kürzlich von ihm kontaktiert
aber wir waren sehr unzufrieden
um seine ziele zu erreichen
wir sollten einfach alles dulden
so wie du gedacht hast sollten wir denken
wir sollten wie deine geliebte sein
unsere selbstliebe war verloren
die mädchen kraulten hinter ihren ohren
aber wir dachten im ewigen leben
du musst dich allem hingeben
jetzt sieht jeder was er gesehen hat
und was ihm dort passiert ist passiert ihm hier
wir sind die blonden wir sind die brünetten
wir haben launen und stimmungen
ja nun ich schätze manchmal ist es etwas schlaff
jeder denkt dass er zu hause ist
und wir sind frisch und glücklich darüber
dass sie denken dass sie es sind
aber du hast einen freien sinn für humor
ich komme dir wie ein paradies vor
du ehrst den blick den kuss
und wenn ich auch nicht sulamith wäre
aber weil sie allzu reizend war
sah sie aus wie ein haar auf meinem kopf

dichter:
du blendetest mich mit himmlischer klarheit
es ist jetzt täuschung oder wahrheit
genug ich bewundere dich vor allen anderen
um ihre pflicht nicht zu verpassen
um einem deutschen zu gefallen
spricht einen huri in freien versen

huri:
ja selbst du lalle nur unverschämt
wie es aus deiner seele kommt
wir paradiesischen genossinnen
sind worten und taten der reinen bedeutung geneigt
die tiere weißt du sind nicht ausgeschlossen
wer gehorsam ist wer treu ist
ein freches wort kann deine huri nicht ärgern
wir spüren was vom herzen spricht
und was aus neuen quellen kommt
ihm ist es erlaubt im paradies zu fließen

vii

huri:
du willst wieder meine hand halten
weißt du denn wie viele Äonen das sind
die wir leben bereits im vertrauen zusammen?

dichter:
nein ich will es auch nicht wissen
abwechslungsreicher frischer genuss
ewiger keuscher brautkuss
wenn jeder moment durch mich hindurch strahlt
was soll ich fragen wie lange wird es dauern?

huri:
du bist ab und zu abwesend
ich kann es ohne takt und zahl sehen
du hast nicht verzweifelt im universum
bis in die tiefen GOTTES hast du dich gewagt
sei jetzt auch für deine geliebte da
hast du das lied noch nicht beendet?
wie klang es draußen am tor?
wie klingt das? ich will nicht stärker in dich dringen
sing mir die lieder an sulamith vor
denn weiter kommst du nicht im paradies

viii

vier tieren wurden ebenfalls versprochen


ins paradies zu kommen
dort leben sie das ewige jahr
mit heiligen und jüngern

der erste der hier schreitet ist der esel


er kommt mit fröhlichen schritten
denn JESUS kommt in die stadt der propheten
er hat sich in ihn verliebt

halb schüchtern kommt dann ein wolf


dem befahl mohammed
überlass das schaf dem armen mann
du kannst es dem reichen mann wegnehmen

nun immer wackelig lebhaft brav


bei seinem herrn dem guten
der hund der sieben-schläfer
so treu schlief er mit ihnen

abuherriras katze hier


knurrt den herrn an und schmeichelt ihm
denn es ist immer ein heiliges tier
dass der prophet streichelte

ix

dass wir solche dinge lehren


mögen wir nicht bestraft werden
wie man das alles erklärt
mögen sie ihre tiefsten fragen stellen

und so werdet ihr es hören


dieser mann mag mit sich selbst zufrieden sein
ich würde ihn gerne gerettet sehen
genau da oben wie hier unten

und meine liebe ich würde sie brauchen


viele annehmlichkeiten
ich habe sie genossen sie hier zu saugen
ich wünsche sie mir für immer und ewig

so schöne gärten bitte


blumen und früchte und hübsche kinder
das hat uns allen hier gefallen
auch einem verjüngten geist

und so will ich alle meine freunde


jung und alt versammelt
ich würde gerne deutsch sprechen
lallende worte des paradieses

aber jetzt hörst du dir dialekte an


wie mann und engel sich gegenseitig streicheln
die grammatik die verborgene
deklinierend mohn und rosen

möge man weiter auch einen blick tun


um rhetorisch glücklich zu sein
und zur freude des himmels
erhöhen sie ohne ton den ton

klang und ton werden jedoch entfernt


das wort ist selbstverständlich
und fühlt sich entschlossener an
die verklärte ist unendlich

ist also den fünf sinnen


wie im paradies vorhergesagt wurde
sicher ist es ich bekomme
einen sinn für all das

und jetzt dränge ich überall hinauf


einfacher durch die ewigen kreise
sie sind von dem Wort durchdrungen
GOTTES rein lebendiger art

ungehemmt bei heißen trieben


es gibt kein ende
bis zur schau der ewigen liebe
wir schweben wir versinken

nun legt euch hin liebe lieder


auf die brüste meines volkes
und in einer moschuswolke
gabriel hüllt die gliedmaßen ein
die müdigkeit ist erfreulich
dass es frisch und gepflegt sein kann
glücklich wie immer gesellig
mögen sich die felsspalten auflösen
um die weiten des paradieses herum
mit heroen aller zeiten
um im vergnügen hindurch zu gehen
wo das schöne immer das neue
immer in alle richtungen wachsend
damit sich die myriaden freuen können

GOETHES SUSANNE

Freitag, den 19.

Da es heute nicht mehr möglich war, Frau Susanne rechtzeitig zu erreichen, frühstückte die ganze
Familie in Eile, bedankte sich mit versteckten Glückwünschen und ließ die zurückgelassene
Geschirrschublade mit den für die Jungfrauen bestimmten Geschenken etwas üppiger und
bräutlicher als am Vortag zurück, worüber sich der gute Mann sehr freute.

Diesmal ging die Reise früh los; nach einigen Stunden sahen wir in einem ruhigen, nicht zu breiten,
flachen Tal, dessen eine felsige Seite, leicht umspült von den Wellen des klarsten Sees, gut
reflektierte und anständig gebaute Häuser, um die herum ein besserer, sorgfältig gepflegter Boden,
in sonniger Lage, etwas Gartenarbeit begünstigte. Vom Garnboten in das Haupthaus eingeführt und
Frau Susanne vorgestellt, fühlte ich etwas ganz Eigenartiges, als sie uns freundlich ansprach und
uns versicherte: Es wäre für sie sehr angenehm, dass wir freitags, als ruhigstem Tag der Woche,
kamen, da donnerstags abends die fertigen Waren zum See und in die Stadt gebracht wurden. Auf
den eintreffenden Boten des Garnes, der sagte: „Daniel wird sie jederzeit herunterbringen“,
antwortete sie: „Sicherlich wird er die Geschäfte so lobenswert und treu erledigen, als wären es
seine eigenen.“ Er übernahm einige Aufträge von der freundlichen Wirtin und beeilte sich, seine
Geschäfte in den Seitentälern zu erledigen, wobei er versprach, in ein paar Tagen zurückzukommen
und mich abzuholen.

Ich fühlte mich jedoch recht seltsam; sobald ich das Haus betrat, hatte ich eine Vorahnung, dass sie
diejenige war, nach der ich mich gesehnt hatte; als ich sie längere Zeit ansah, war sie es nicht,
konnte es nicht sein, und doch, wenn ich wegsah oder sie sich umdrehte, war sie es wieder, so wie
in einem Traum Erinnerung und Phantasie ihr Wesen gegeneinander treiben.

Einige der Spinnerinnen, die mit ihrer wöchentlichen Arbeit gezögert hatten, brachten sie mit; die
Herrin, mit der freundlichsten Ermahnung zum Fleiß, marktete mit ihnen, überließ aber das
Geschäft zwei Mädchen, die sie Gretchen und Elise nannte, und die ich umso aufmerksamer ansah,
als ich herausfinden wollte, wie sie mit der Beschreibung übereinstimmten. Diese beiden Figuren
machten mich völlig verrückt und zerstörten jede Ähnlichkeit zwischen der Frau, die ich suchte,
und der Hausfrau.

Aber ich beobachtete sie umso genauer, und sie schien mir das würdigste, liebenswerteste Wesen
von allem, was ich auf meiner Bergreise sah. Ich war bereits hinreichend über das Gewerbe
informiert, um mit ihr mit Kenntnissen über das Geschäft sprechen zu können, das sie gut verstand;
sie war sehr erfreut über meine verständnisvolle Teilnahme, und als ich sie fragte, woher sie ihre
Baumwolle bezog, deren großen Transport über die Berge ich vor einigen Tagen sah, antwortete sie,
dass ihr gerade dieser Transport einen beträchtlichen Vorrat brachte. Die Lage ihres Hauses war
auch deshalb so günstig, weil die Hauptstraße, die zum See hinunterführt, nur etwa eine
Viertelstunde talabwärts führt, wo sie die Baumwollballen, die aus Triest bestimmt und an sie
adressiert werden, entweder persönlich oder durch einen Händler erhält, wie vorgestern geschehen.

Sie ließ den neuen Freund nun in einen großen, luftigen Keller schauen, in dem der Vorrat
aufbewahrt wird, damit die Baumwolle nicht zu sehr austrocknet, ihr Gewicht verliert und weniger
geschmeidig wird. Dann fand ich auch das, was ich schon im Detail wusste, meist hier gesammelt;
sie wies nach und nach auf dies und jenes hin, und ich interessierte mich sachkundig. Inzwischen
wurde sie ruhiger, ich konnte aus ihren Fragen schließen, dass sie vermutete, dass ich ein
Handwerker sei. Denn sie sagte, da die Baumwolle gerade erst angekommen sei, erwarte sie bald
einen Kommissar oder Teilnehmer an der Aktion in Triest, der in bescheidener Ansicht über ihren
Zustand das von ihr geschuldete Geld abholen würde; es stünde für jeden bereit, der sich
legitimieren könne.

Es war mir etwas peinlich und ich sah ihr nach, als sie mit einigen Befehlen durch den Raum ging;
sie kam mir vor wie Penelope unter den Dienstmädchen.

Sie kehrt zurück, und ich glaube, dass etwas Eigenes in ihr vorging. „Sie gehören nicht zur Klasse
des Kaufmanns“, sagte sie, „ich weiß nicht, woher ich mein Vertrauen nehme und wie ich mich
verpflichten kann, das Ihre zu fordern; ich möchte nicht in dieses Vertrauen eindringen, sondern es
mir gewähren, so wie es Ihr Herz gibt.“ Und ein fremdes Gesicht sah mich mit so vertrauten,
erkennenden Augen an, dass ich mich völlig durchdrungen fühlte und mich selbst kaum fassen
konnte. Meine Knie, mein Verstand, waren im Begriff, mich im Stich zu lassen, als sie
glücklicherweise in großer Eile abgerufen wurde. Ich konnte mich erholen und meinen Entschluss
stärken, so lange wie möglich an mir festzuhalten, denn ich hatte das Gefühl, dass mir eine andere
unglückliche Beziehung drohte.

Gretchen, ein gütiges, ruhiges Kind, führte mich, mir die künstlichen Gewebe zu zeigen; sie tat es
weise und ruhig, und ich schrieb, um ihre Aufmerksamkeit zu beweisen, das, was sie mir erzählte,
auf meine Tafel, wo es immer noch steht, als Zeugnis eines rein mechanischen Vorgangs, denn ich
hatte ganz andere Absichten; es lautet wie folgt:

„Der Eintrag sowohl des getretenen als auch des gezogenen Webens erfolgt, wie es das Muster
erfordert, mit weißem, locker gezwirntem, sogenanntem Muggengarn, manchmal auch mit türkisrot
gefärbtem, und ebenso mit blauen Garnen, die auch für Streifen und Blumen verwendet werden.“

„Beim Scheren wird der Stoff auf Rollen gewickelt, die einen tischähnlichen Rahmen bilden, um
den mehrere Personen sitzen.“

Elise, die unter der Schere saß, steht auf, gesellt sich zu uns, ist damit beschäftigt, sich
hineinzureden, und zwar so, dass sie nur durch Widersprüche in die Irre geführt wird; und als ich
Gretchen trotzdem mehr Aufmerksamkeit zeigte, ging Elise herum, um etwas zu holen, zu bringen,
und dabei, ohne durch die Enge des Raumes gezwungen zu sein, streichelte sie meinen Arm mit
ihrem zarten Ellbogen zweimal merklich bedeutsam, was mir nicht besonders gefallen wollte.

Die Gute-Schöne (sie verdient es, so genannt zu werden, besonders wenn man sie mit den anderen
vergleicht) holte mich im Garten ab, wo wir die Abendsonne genießen sollten, bevor sie sich hinter
den hohen Bergen versteckte. Ein Lächeln schwebte um ihre Lippen, wie es ist, wenn man zögert,
etwas Angenehmes zu sagen; auch ich fühlte mich in dieser Verlegenheit ganz reizend. Wir gingen
nebeneinander her, ich wagte es nicht, ihr die Hand zu geben, so gerne ich es getan hätte; wir
schienen beide Angst vor Worten und Zeichen zu haben, die der Öffentlichkeit die glückliche
Entdeckung nur allzu bald offenbaren konnten. Sie zeigte mir einige Blumentöpfe, in denen ich
gesprossene Baumwollpflanzen erkannte. „So nähren und pflegen wir die Samen, die für unser
Geschäft nutzlos, ja sogar ekelhaft sind und die mit der Baumwolle einen so langen Weg zu uns
zurücklegen. Es geschieht aus Dankbarkeit, und es ist unsere eigene Freude, den lebendig zu sehen,
dessen tote Überreste unsere Existenz beleben. Sie sehen hier den Anfang, die Mitte ist Ihnen
vertraut, und heute Abend, wenn das Glück mitspielt, einen angenehmen Abschluss.“

„Wir, als Hersteller selbst, oder ein Händler, bringen unsere eingehenden Waren am
Donnerstagabend in das Marktschiff und kommen so, in Gesellschaft anderer, die das gleiche
Geschäft betreiben, am Freitagmorgen in der Stadt an. Hier trägt jeder seine Ware zu den Händlern,
die in großem Umfang Handel treiben, und versucht, sie so gut wie möglich zu verkaufen,
akzeptiert aber nur die Nachfrage nach Rohbaumwolle an Zahlung statt.“

„Aber es ist nicht nur der Bedarf an Rohstoffen für die Produktion und die Bareinnahmen, den sich
die Marktleute in der Stadt holen, sondern sie versorgen sich auch mit allen möglichen anderen
Dingen für ihre Bedürfnisse und ihr Vergnügen. Wann immer ein Familienmitglied auf einen Markt
in der Stadt geht, werden Erwartungen, Hoffnungen und Wünsche, ja sogar Angst und Bangen
geweckt. Es gibt Stürme und Gewitter, und man hat Angst, dass das Schiff beschädigt wird! Die
Gewinnsüchtigen warten darauf, zu erfahren, wie die Waren verkauft werden, und berechnen im
Voraus den Betrag des reinen Einkaufs; die Neugierigen warten auf Nachrichten aus der Stadt, die
sich gerne schön schmücken warten auf die Kleidung oder Modeartikel, die der Reisende
mitbringen soll; schließlich warten die Leckermäulchen und vor allem die Kinder auf das Essen,
auch wenn es nur Brötchen sind.“

„Die Abfahrt aus der Stadt dauert gewöhnlich bis zum Abend, wenn der See allmählich zum Leben
erwacht und die Schiffe über seine Oberfläche gleiten, entweder segelnd oder von der Kraft der
Ruder getrieben; jeder versucht, dem anderen zu erscheinen; und diejenigen, denen dies gelingt,
verspotten diejenigen, die gezwungen sind, zurückzubleiben.“

Es ist ein angenehmes, schönes Schauspiel über die Reise auf dem See, wenn der Spiegel des Sees
mit den angrenzenden Bergen warm beleuchtet wird und durch den Sonnenuntergang allmählich
immer tiefer schattet, die Sterne sichtbar werden, die Abendglocken zu hören sind, in den Dörfern
am Ufer Lichter angezündet werden, die im Wasser leuchten, dann geht der Mond auf und streut
seinen Schimmer über die kaum bewegte Oberfläche. Das reiche Land flieht vorbei, Dorf um Dorf,
Gehöft um Gehöft bleibt zurück, nähert sich schließlich der Heimat, wird von einem Horn
getroffen, und sofort sieht man Lichter hier und da im Berg auftauchen, die zum Ufer
hinunterziehen, jedes Haus, das einen Verwandten im Schiff hat, schickt jemanden, der beim Tragen
des Gepäcks hilft.“

„Wir sind höher oben, aber jeder von uns ist oft genug auf dieser Reise gewesen, und was das
Geschäft betrifft, so sind wir alle gleich interessiert.“

Ich hatte ihr mit Erstaunen zugehört, wie gut und schön sie all dies sprach, und ich konnte nicht
umhin, offen zu fragen: Wie konnte sie eine solche Ausbildung in dieser rauen Umgebung, in einem
so mechanischen Geschäft, erreichen? Sie bewegte sich und schaute mit einem sehr lieben, fast
schelmischen Lächeln vor sich hin: „Ich wurde in einer schönen und freundlichen Region geboren,
in der ausgezeichnete Menschen herrschen und leben, und obwohl ich als Kind wild und
hemmungslos war, war der Einfluss der geistreichen Besitzer auf ihre Umgebung unverkennbar.
Aber die größte Wirkung auf ein junges Wesen hatte eine fromme Erziehung, die in mir ein
gewisses Gefühl des Rechtlichen und Anständigen entwickelte, getragen von der Allgegenwart der
göttlichen Liebe. Wir emigrierten“, fuhr sie fort - das feine Lächeln verließ ihren Mund, eine
unterdrückte Träne füllte ihr Auge -, „wir wanderten weit, weit, von einer Region zur anderen,
geleitet von frommen Fingerzeigen und Empfehlungen; endlich kamen wir hier an, in dieser
aktivsten Region; das Haus, in dem Sie mich finden, wurde von Gleichgesinnten bewohnt, wir
wurden treu aufgenommen, mein Vater sprach dieselbe Sprache, im selben Sinne schienen wir bald
zur Familie zu gehören.“

„In allen Haus- und Handwerksberufen habe ich effizient eingegriffen, und alles, was Sie jetzt unter
meinem Kommando sehen, habe ich Schritt für Schritt gelernt, geübt und erreicht. Der Sohn des
Hauses, ein paar Jahre älter als ich, gut gebaut und schön im Aussehen, gewann mich lieb und
machte mich zu seiner Vertrauten. Er war von tüchtiger und zugleich feiner Natur; die Frömmigkeit,
wie sie im Haus geübt wurde, fand bei ihm keinen Eingang, es genügte ihm nicht, er las heimlich
Bücher, die er in der Stadt zu beschaffen wusste, von der Art, die dem Geist eine allgemeinere,
freiere Richtung geben, und da er denselben Instinkt, dasselbe Temperament in mir bemerkte,
bemühte er sich, mir allmählich das mitzuteilen, was ihn so innig beschäftigte. Endlich, als ich mich
auf alles einließ, zögerte er nicht mehr, mir sein ganzes Geheimnis zu offenbaren, und wir waren
wirklich ein sehr seltsames Paar, das auf einsamen Spaziergängen nur über jene Prinzipien sprach,
die den Menschen unabhängig machen, und dessen wahre Neigung nur darin zu bestehen schien,
sich in solchen Haltungen gegenseitig zu stärken, wodurch die Menschen sonst völlig voneinander
entfernt werden.“

Obwohl ich sie nicht scharf ansah, sondern nur ab und zu wie zufällig zu ihr aufschaute, bemerkte
ich mit Erstaunen und Interesse, dass ihre Gesichtszüge gleichzeitig den Sinn ihrer Worte zum
Ausdruck brachten. Nach einer Schweigeminute heiterte ihr Gesicht auf: „Ich muss“, sagte sie, „ein
Geständnis zu Ihrer Hauptfrage ablegen, damit Sie mein Wohlwollen, das manchmal nicht ganz
natürlich erscheint, besser erklären können.“

„Leider mussten wir beide so tun, als wären wir anders als die anderen, und auch wenn wir sehr
darauf bedacht waren, nicht zu lügen und im weitesten Sinne falsch zu liegen, so waren wir doch
zerbrechlicher Art, indem wir nicht an den viel besuchten Treffen der Brüder und Schwestern
teilnahmen, nie konnten wir Ausreden finden. Aber weil wir uns viele Dinge gegen unsere
Überzeugungen anhören mussten, machte er mir bald klar und machte mir deutlich, dass nicht alles
aus freiem Herzen kam, sondern dass viele Worte, Bilder, Gleichnisse, konventionelle Sprüche und
sich wiederholende Verse sich immer um eine gemeinsame Achse drehten. Ich merkte es nun besser
und machte mir die Sprache so zu eigen, dass ich bestenfalls eine Rede so gut hätte halten wollen
wie jeder Schulleiter. Zuerst hatte der gute Mann Freude daran; endlich, als er müde war, wurde er
ungeduldig, dass ich, um ihn zu besänftigen, den umgekehrten Weg einschlug, ihm aber umso
aufmerksamer zuhörte, und acht Tage später konnte ich seine herzliche und getreue Rede
wiederholen, zumindest mit einem Grad an Freiheit und einem spirituellen Charakter, der nicht ganz
unähnlich war.“

„Auf diese Weise wuchs unsere Beziehung zur innigsten Verbundenheit, und die Leidenschaft für
eine wahre, gute Sache und für die mögliche Ausübung dieser Sache war es eigentlich, was uns
verband.“

„Wenn man nun bedenkt, was Sie zu einer solchen Erzählung veranlasst haben mag, so war es
meine lebhafte Beschreibung des glücklich verlaufenen Markttages. Seien Sie nicht überrascht,
denn es war eine freudige, von Herzen kommende Betrachtung sanfter und erhabener Naturszenen,
die mich und meinen Bräutigam in ruhigen und geschäftsfreien Stunden am besten unterhielt.
Ausgezeichnete patriotische Dichter hatten das Gefühl in uns geweckt und genährt, Hallers Alpen,
Geßners Idyllen, Kleists Frühling wurden von uns oft wiederholt, und wir betrachteten die herrliche
Welt um uns herum, manchmal von ihrer anmutigen, manchmal von ihrer erhabenen Seite.“
„Ich erinnere mich noch gut daran, wie wir beide, scharf und weitsichtig, oft in Eile versuchten, die
Aufmerksamkeit auf die wichtigen Phänomene von Erde und Himmel zu lenken, und wie wir beide
versuchten, einander voraus zu sein und uns gegenseitig zu übertreffen. Das war die schönste
Erholung, nicht nur vom Tagesgeschäft, sondern auch von jenen ernsten Gesprächen, die uns oft nur
zu tief in unser eigenes Inneres stürzten und uns dort zu beunruhigen drohten.“

„In diesen Tagen kam ein Reisender zu uns, wahrscheinlich unter einem geliehenen Namen; wir
dringen nicht weiter in ihn ein, denn er erweckt durch sein Wesen sofort Vertrauen in uns, da er sich
hochmoralisch verhält und bei unseren Begegnungen anständig aufmerksam ist. Geführt von
meinem Freund in den Bergen, ist er ernst, verständnisvoll und kenntnisreich. Auch ich schließe
mich ihren moralischen Gesprächen an, in denen nach und nach alles angesprochen wird, was für
den Menschen in seinem Inneren wichtig werden kann, und er bemerkt bald etwas Schwankendes in
unserer Denkweise in Bezug auf die göttlichen Dinge. Die religiösen Äußerungen waren für uns
trivial geworden, der Kern, den sie enthalten sollten, war uns verloren gegangen. Dann ließ er uns
die Gefahr unseres Zustandes erkennen, wie prekär die Distanz zum Traditionellen, an der von
Jugend an so viel festgehalten worden war, sein musste; sie war höchst gefährlich in der
Unvollständigkeit vor allem des eigenen Inneren. Zwar wäre eine tägliche und stündliche Andacht
letztlich nur ein Zeitvertreib und hätte die Wirkung einer Art Polizei auf den äußeren Anstand, aber
nicht mehr auf den tiefsten Sinn; das einzige Mittel dagegen wäre, aus der eigenen Brust moralisch
gleich gültige, gleich wirksame, gleich beruhigende Haltungen zu evozieren.“

„Die Eltern hatten sich schweigend unserer Vereinigung angenommen, und ich weiß nicht, wie es
dazu kam; die Anwesenheit des neuen Freundes beschleunigte die Verlobung; es schien, dass es sein
Wunsch war, diese Bestätigung unseres Glücks im stillen Kreis zu feiern, da er hören musste, wie
der Obere die Gelegenheit nutzte, um uns an den Bischof von Laodizea und an die große Gefahr der
Lauheit zu erinnern, die wir zur Kenntnis nehmen sollten. Wir besprachen diese Fragen noch einige
Male, und er hinterließ uns ein Blatt Papier zu diesem Thema, dessen Vernunft ich oft wieder fand,
wenn ich es mir noch einmal ansah.“

„Er verabschiedete sich nun, und es war, als ob alle guten Geister mit ihm fortgegangen wären. Es
ist keine neue Beobachtung, wie das Erscheinen eines exquisiten Mannes in irgendeinem Kreis
Epoche macht, und wenn er geht, entsteht eine Lücke, in die oft ein zufälliges Unglück eindringt.
Und nun lassen Sie mich einen Schleier über das werfen, was folgt; durch Zufall wurde das
kostbare Leben meines Verlobten, seine ruhmreiche Gestalt, plötzlich zerstört; er setzte seine letzten
Stunden unerschütterlich dazu ein, sich mit mir endgültig verbunden zu sehen und mir die Rechte
an seinem Erbe zu sichern. Doch was diesen Fall für die Eltern umso schmerzlicher machte, war,
dass sie kurz zuvor eine Tochter verloren hatten und sich nun im wahrsten Sinne des Wortes
verwaist sahen und ihr zartes Gemüt so angegriffen wurde, dass sie nicht lange mehr lebten. Bald
folgten sie ihren Lieben, und eine weitere Katastrophe ereilte mich, dass mein Vater, gerührt von
dem Schlag, zwar noch sinnliches Wissen über die Welt besaß, aber keine geistige oder körperliche
Aktivität gegen sie behielt. Und so gebrauchte ich in größter Not und Isolation jene
Unabhängigkeit, in der ich schon früh selbst praktiziert hatte, in der Hoffnung auf eine glückliche
Vereinigung und ein glückliches Zusammenleben, und die ich vor kurzem tatsächlich durch die rein
belebenden Worte des geheimnisvollen Reisenden gestärkt hatte.“

„Aber ich darf nicht undankbar sein, denn in diesem Zustand bleibt mir noch ein tüchtiger Helfer
übrig, der als Händler von allem das leistet, was in solchen Betrieben die Pflicht der männlichen
Tätigkeit zu sein scheint. Wenn er heute Abend aus der Stadt zurückkehrt und Sie ihn getroffen
haben, werden Sie meine wunderbare Beziehung zu ihm kennen.“

Ich hatte viele Dinge eingeworfen und durch meine Zustimmung zu einem vertraulichen Teil
versucht, ihr Herz mehr und mehr zu öffnen und ihre Rede im Fluss zu halten. Ich vermied es nicht,
das, was noch nicht vollständig zum Ausdruck gebracht worden war, sehr nahe zu berühren; auch
sie kam immer näher, und wir waren so weit, dass bei der geringsten Provokation das gelüftete
Geheimnis ins Wort gekommen wäre.

Sie stand auf und sagte: „Lassen Sie uns zum Vater gehen!“ Sie eilte voraus, und ich folgte ihr
langsam; ich schüttelte den Kopf über die wundersame Situation, in der ich mich befand. Sie zwang
mich, hinten in einen sehr sauberen Raum zu treten, wo der gute alte Mann regungslos in seinem
Sessel saß. Er hatte sich kaum verändert. Ich ging auf ihn zu, er sah mich an, zuerst starrte er mich
an, dann mit lebhafteren Augen; seine Gesichtszüge jubelten, er versuchte, seine Lippen zu
bewegen, und als ich die Hand ausstreckte, um seine ruhende Hand zu ergreifen, ergriff er von sich
aus die meine, drückte sie und sprang auf, wobei er seine Arme gegen mich ausstreckte. „O Gott!“
rief er, „der Knappe Leon! Er ist es, er ist es!“ Ich konnte nicht umhin, ihn an mein Herz zu
drücken; er sank zurück in den Stuhl, die Tochter eilte ihm zu Hilfe, auch sie rief: „Er ist es, er ist
es! Du bist es, Leon!“

Die jüngere Nichte war herübergekommen, sie führten den Vater, der plötzlich wieder laufen
konnte, zurück in die Kammer und wandten sich gegen mich, er sprach sehr deutlich:

„Wie glücklich, wie glücklich! Wir werden uns bald wiedersehen!“

Ich stand da, schaute vor mich hin und dachte, dass Marie zurückgekommen war und mir ein Blatt
Papier reichte, auf dem stand, dass es dasselbe war, von dem ich gesprochen hatte. Sofort erkannte
ich Wolfgangs Handschrift, so wie seine Person aus der Beschreibung gerade zu mir gekommen
war; so manches fremde Gesicht wimmelte um mich herum, es war eine eigene Bewegung im Haus.
Und dann ist es ein ekelhaftes Gefühl, aus der Begeisterung des reinen Wiedererkennens, aus der
Überzeugung des dankbaren Erinnerns, des Erkennens eines wunderbaren Lebensablaufs und was
auch immer für warme und schöne Dinge sich in uns entwickeln mögen, plötzlich in die harte
Realität eines zerstreuten Alltags zurückgeführt zu werden.

Diesmal war der Freitagabend keineswegs so fröhlich und lustig, wie er sonst hätte sein können; der
Händler war nicht mit dem Marktschiff aus der Stadt zurückgekehrt, er berichtete nur in einem
Brief, dass die Geschäfte ihn erst morgen oder übermorgen wieder zurückgehen lassen würden; er
würde bei anderer Gelegenheit kommen und alles mitbringen, was bestellt und versprochen worden
war. Die Nachbarn, jung und alt, die sich wie immer in Erwartung versammelt hatten, machten
mürrische Gesichter; besonders Elise, die ihm entgegengekommen war, schien sehr schlecht gelaunt
zu sein.

Ich hatte mich in mein Zimmer geflüchtet und das Blatt in der Hand gehalten, ohne
hineinzuschauen, denn es hatte mich schon insgeheim verärgert, aus dieser Geschichte zu hören,
Wolfgang habe die Verbindung beschleunigt. „Alle Freunde sind so, alle sind Diplomaten; anstatt
unser Vertrauen ehrlich zu erwidern, folgen sie ihren Ansichten, durchkreuzen unsere Wünsche und
führen unser Schicksal in die Irre“, rief ich aus, doch schon bald kehrte ich von meiner
Ungerechtigkeit zurück, indem ich meinem Freund zustimmte, insbesondere in Anbetracht seiner
gegenwärtigen Position, und verzichtete nicht darauf, das Folgende zu lesen.

„Jeder Mensch findet sich von den frühesten Augenblicken seines Lebens an, zuerst unbewusst,
dann halbbewusst, dann schließlich völlig bewusst, immer konditioniert, in seiner Position
eingeschränkt, weil niemand den Zweck und das Ziel seiner Existenz kennt, sondern das Geheimnis
seiner Existenz von des Höchsten Hand verborgen wird, er tastet nur, streckt die Hand aus, lässt los,
steht still, bewegt sich, zögert und eilt, und in vielerlei Hinsicht entstehen all die Fehler, die uns
verwirren.“
„Selbst der besonnenste Mensch im täglichen Leben der Welt ist gezwungen, nur für den
Augenblick weise zu sein, und erreicht deshalb in der Regel keine Klarheit. Selten weiß er mit
Sicherheit, wohin er sich wenden und was er tatsächlich tun sollte.“

„Glücklicherweise sind all diese und hundert andere wunderbare Fragen durch Ihren
unaufhaltsamen Lebensweg beantwortet worden. Fahren Sie in direkter Befolgung der Pflicht des
Tages fort und prüfen Sie die Reinheit Ihres Herzens und die Sicherheit Ihres Geistes. Wenn Sie
dann erleichtert aufatmen und Raum finden, um sich zu erheben, werden Sie sicherlich eine
korrekte Position gegenüber dem Erhabenen einnehmen, dem wir uns in jeder Hinsicht in Ehrfurcht
widmen, um jedes Ereignis mit Ehrfurcht zu betrachten und darin eine höhere Führung zu
erkennen.“

Samstag, den 20.

Tief in Gedanken versunken, auf deren skurrile Verirrungen mich eine fühlende Seele gerne
begleiten wird, ging ich in der Morgendämmerung am See auf und ab; die Hausfrau - ich war sehr
erfreut, sie nicht als Witwe zu betrachten - zeigte sich begehrenswert, zuerst am Fenster, dann an
der Tür; sie sagte mir, dass der Vater gut geschlafen habe, fröhlich aufgewacht sei und mit klaren
Worten eröffnete, dass er im Bett bleiben wolle, mich heute nicht sehen wolle, sondern erst morgen
nach dem Gottesdienst, wo er sich sicherlich recht gestärkt fühlen würde. Sie sagte mir, dass sie
mich heute viel allein lassen würde; es war ein sehr arbeitsreicher Tag für sie, also kam sie herunter
und berichtete mir davon.

Ich hörte ihr zu, nur um sie zu hören, in der Überzeugung, dass sie von der Sache durchdrungen
war, von ihr als konventionelle Pflicht angezogen und mit dem besten Willen beschäftigt. Sie fuhr
fort: „Es ist üblich und vereinbart, dass das Tuch bis zum Ende der Woche fertig ist und am
Samstagnachmittag zum Vertreiber getragen wird, der es durchsieht, misst und wiegt, um zu prüfen,
ob das Werk sauber und einwandfrei ist und ob ihm das Gewicht und die Maße des Materials
geliefert wurden, und wenn sich alles als richtig herausstellt, dann den vereinbarten Weberlohn zu
zahlen. Er seinerseits bemüht sich nun, das gewebte Stück von allen eventuell angebrachten Fäden
und Knoten zu reinigen, es auf feinste Weise zu vertreiben, die schönste, fehlerfreie Seite oben vor
das Auge zu bringen und so die Arbeit höchst akzeptabel zu machen.“

In der Zwischenzeit kamen viele Weberinnen und Weber aus den Bergen und brachten ihre Waren
ins Haus, und ich sah diejenige, die unseren Harnischmacher beschäftigte. Sie dankte mir sehr
freundlich für das Geschenk, das ich ihr hinterlassen hatte, und erzählte mir mit Anmut: Herr
Geschirrhersteller war bei ihnen und arbeitete heute an ihrem leeren Webstuhl und hatte ihr beim
Abschied versichert: Was er darauf machte, sollte Frau Susanne sofort sehen. Sie ging dann wie die
anderen ins Haus, und ich konnte nicht umhin, die liebe Wirtin zu fragen: „Um Himmels willen,
wie sind Sie denn auf diesen seltsamen Namen gekommen?“ - „Es ist“, antwortete sie, „der dritte,
der mir auferlegt wird; ich habe ihn gerne erlaubt, weil meine Schwiegereltern es wünschten, weil
es der Name ihrer verstorbenen Tochter war, an deren Stelle sie mich eintreten ließen, und doch
bleibt der Name immer der schönste, lebendigste Vertreter der Person.“ - „Ich habe damit gerechnet:
Ein Vierter ist schon gefunden, ich würde Sie Gute-Schöne nennen, soweit es von mir abhing.“ Sie
machte eine süße, bescheidene Verbeugung und verstand es, ihre Freude über die Genesung des
Vaters mit der Freude, mich wiederzusehen, so zu verbinden und zu verstärken, dass ich dachte, ich
hätte in meinem Leben nichts Schmeichelhafteres oder Angenehmeres gehört oder gefühlt.

Die Schöne-Gute, die zweimal und dreimal zum Haus zurückgerufen wurde, übergab mich einem
weisen, unterwiesenen Mann, der mir die Kuriositäten der Berge zeigen sollte. Wir wanderten
gemeinsam, bei schönstem Wetter, durch abwechslungsreiche Gegenden. Aber man kann sicher
sein, dass weder Felsen, noch Wald, noch Wasserfall, noch Mühlen, noch Schmieden, noch
Familien, die künstlich in Holz arbeiten, irgendwelche Aufmerksamkeit in mir erregen konnten.
Inzwischen war die Wanderung für den ganzen Tag geplant, der Bote trug ein feines Frühstück im
Rucksack, und mittags fanden wir eine gute Mahlzeit im Zechenhaus eines Bergwerks, wo sich
niemand so recht einen Reim auf mich machen konnte, da es für fähige Menschen nichts
ermüdenderes gibt als eine leere, partizipatorische Pseudo-Beteiligung.

Aber der Bote, auf den mich der Garnträger eigentlich hingewiesen hatte, verstand mich am
wenigsten, war dennoch voll großem Lob für meine schönen technischen Kenntnisse und das
besondere Interesse an solchen Dingen. Der gute Mann hatte auch von meinen vielen Notizen und
Bemerkungen gehört, und auch der Bergkamerad hatte sich darauf vorbereitet. Lange wartete mein
Begleiter etwas ungeduldig darauf, dass ich meine Schreibtafel, um die er schließlich bat,
herausbrachte.

Sonntag, den 21.

Der Mittag kam fast, bevor ich meine Freundin wiedersehen konnte. In der Zwischenzeit war die
Hausandacht, bei der sie mich nicht dabei haben wollte, abgehalten worden; der Vater war
anwesend gewesen und hatte, indem er die erbaulichsten Worte klar und deutlich hörbar sprach, alle
Anwesenden und sich selbst zu den innigsten Tränen gerührt. „Es waren“, sagte sie, „vertraute
Sprüche, Reime, Ausdrücke und Wendungen, die ich schon hundertmal gehört hatte und die mich
geärgert hatten, wie wenn ich hohle Töne hörte; aber diesmal flossen sie so innig zusammen, ruhig
glühend, rein von Schlacke, wie wir sehen, wie das aufgeweichte Metall den Rinnstein
hinunterfließt. Ich hatte Angst und Sorge, dass er sich in diesen Ergüssen verzehren könnte, aber er
ließ sich fröhlich zu Bette führen; er wollte, so sagte er, sich sammeln und den Gast rufen lassen,
sobald er sich stark genug fühlte.“

Nach Tisch wurde unser Gespräch lebhafter und vertraulicher, aber ebenso spürte ich mehr und
bemerkte, dass sie etwas zurückhielt, dass sie mit beunruhigenden Gedanken kämpfte, genauso wie
sie nicht ganz in der Lage war, ihr Gesicht aufzumuntern. Nachdem ich versucht hatte, sie zu
erheben, gestand ich ehrlich, dass ich eine gewisse Melancholie zu sehen glaubte, einen Ausdruck
der Besorgnis, sei sie häuslich oder geschäftlich, dass sie sich mir gegenüber öffnen sollte; ich wäre
reich genug, um eine alte Schuld ihr gegenüber auf jede erdenkliche Weise zu begleichen.

Mit einem Lächeln bestritt sie, dass dies der Fall war. „Ich habe“, fuhr sie fort, „als Sie das erste
Mal hereinkamen, gedacht, ich sehe einen dieser Herren, die mir in Triest Kredit geben, und war
zufrieden mit mir, als ich wusste, dass mein Geld vorrätig war, sie könnten es ganz oder teilweise
verlangen. Aber was mich bedrückt, ist ein kommerzielles Anliegen, leider nicht für den
Augenblick, nein, für die ganze Zukunft. Die wuchernde Maschinerie quält und erschreckt mich, sie
rollt sich wie ein Gewitter zusammen, langsam; aber sie hat ihre Richtung genommen, sie wird
kommen und zuschlagen. Mein Mann war bereits von diesem traurigen Gefühl durchdrungen. Man
denkt darüber nach, man spricht darüber, und weder Denken noch Reden können helfen. Und wer
will sich solche Schrecken vorstellen! Denken Sie daran, dass sich viele Täler durch die Berge
schlängeln, wie das, durch das Sie heruntergekommen sind; stellen Sie sich auch das schöne,
freudige Leben vor, das Sie dort in diesen Tagen gesehen haben, von dem Ihnen die gereinigte
Menge von allen Seiten gestern das freudigste Zeugnis gegeben hat; denken Sie daran, wie die
Berge allmählich versinken, die von Jahrhunderten belebte und bevölkerte Trostlosigkeit in ihre alte
Einsamkeit zurückfallen wird.“

„Hier bleibt nur ein doppelter Weg, einer so traurig wie der andere: entweder das Neue für sich zu
ergreifen und seinen Untergang zu beschleunigen, oder sich auf den Weg zu machen, die Besten und
Würdigsten mitzunehmen und ein günstigeres Schicksal jenseits der Meere zu suchen. Einer wie der
andere hat seine Zweifel, aber wer hilft uns, die Gründe abzuwägen, die uns bestimmen sollten? Ich
weiß ganz genau, dass die Idee, Maschinen zu bauen und die Nahrung der Massen zu
beschlagnahmen, in der Nähe erwogen wird. Ich kann niemandem vorwerfen, dass er sich für
seinen eigenen Nächsten hält, aber ich würde mich verächtlich fühlen, wenn ich diese guten
Menschen ausgeplündert sähe, und am Ende sähe, wie sie arm und hilflos umherirren; und sie
müssen früh oder spät umherirren. Sie ahnen es, sie wissen es, sie sagen es, und niemand
entscheidet sich, irgendeinen heilsamen Schritt zu tun. Und doch, woher soll die Entscheidung
kommen? Wird sie nicht allen so schwer gemacht werden wie mir?“

„Mein Bräutigam war entschlossen, mit mir auszuwandern; er diskutierte oft über Mittel und Wege,
von hier zu fliehen. Er schaute sich nach den Besseren um, um sie um ihn zu versammeln, mit
denen er gemeinsame Dinge tun, die er anziehen, mit denen er weggehen wollte; wir sehnten uns,
vielleicht mit zu viel jugendlicher Hoffnung, nach solchen Orten, wo das, was hier ein Verbrechen
wäre, für Pflicht und Recht gelten könnte. Jetzt bin ich in der umgekehrten Situation: die ehrliche
Hilfe, die mir nach dem Tod meines Mannes geblieben ist, in jeder Hinsicht ausgezeichnet, mir in
Freundschaft liebevoll ergeben, ist er der gegenteiligen Meinung.“

„Ich muss Ihnen von ihm erzählen, bevor Sie ihn gesehen haben; am liebsten hätte ich es hinterher
getan, denn die persönliche Anwesenheit eröffnet so manches Geheimnis. Als mein Mann etwa
dreiundvierzig Jahre alt war, schloss er sich als kleiner, armer Junge der wohlhabenden,
wohlwollenden Verspieltheit, der Familie, dem Haus, dem Geschäft an; sie wuchsen zusammen auf
und hielten zusammen, und doch waren sie zwei ganz verschiedene Naturen; der eine war frei und
kommunikativ, der andere gedrückt, verschlossen, hielt sich am geringsten Besitz fest, den er
ergriff, so fromm er auch sein mochte, aber er dachte mehr an sich selbst als an andere.“

„Ich weiß sehr gut, dass er mich vom ersten Mal an im Auge behielt, das durfte er auch, denn ich
war ärmer als er, aber er hielt sich zurück, sobald er die Zuneigung seines Freundes zu mir
bemerkte. Durch ununterbrochenen Fleiß, Aktivität und Loyalität machte er sich bald zu einem
Kameraden in der Branche. Mein Mann hatte insgeheim die Idee, dass er, wenn wir auswanderten,
diesen nutzen und ihm das, was er hinterlassen hatte, anvertrauen würde. Bald nach dem Tod des
ausgezeichneten Mannes kam er auf mich zu, und vor einiger Zeit hat er sich nicht versagt, um
meine Hand zu bitten. Nun aber ergibt sich der doppelt seltsame Umstand, dass er sich immer gegen
die Emigration ausgesprochen hat und uns unbedingt dazu bringen will, Maschinen zu bauen. Seine
Gründe sind natürlich dringend, denn in unseren Bergen gibt es einen Mann, der uns zerstören
könnte, wenn er unsere einfacheren Werkzeuge vernachlässigen und versuchen würde, sich selbst
aufzubauen, indem er sie zusammenbaut. Dieser Mann, der sehr geschickt in seinem Handwerk ist -
wir nennen ihn den Tellerwäscher -, widmet sich einer wohlhabenden Familie in der Nachbarschaft,
und man darf wohl glauben, dass er vorhat, diese zunehmenden Erfindungen für sich und seine
Nutznießer nützlich zu verwenden. Gegen die Gründe, warum ich ihm helfe, ist nichts
einzuwenden, denn es ist sozusagen schon zu viel Zeit versäumt worden, und wenn diesen Gründen
Vorrang eingeräumt wird, müssen wir das auch tun, und zwar ungestraft. Das ist es, was mich
erschreckt und quält, das ist es, was Sie, mein Liebster, mir als Schutzengel erscheinen lässt.“

Ich hatte wenig Trost als Antwort darauf zu sagen, ich musste den Fall so kompliziert finden, dass
ich bat, mich darüber nachdenken zu lassen. Aber sie fuhr fort: „Ich muss noch viele Dinge
eröffnen, damit Ihnen meine Situation noch wundersamer erscheint. Der junge Mann, dem ich
persönlich nicht abgeneigt bin, der aber auf keinen Fall meinen Mann ersetzen und sich meine
wirkliche Neigung nicht aneignen würde“, seufzte sie, als sie sprach, „ist seit einiger Zeit
entschieden dringlicher geworden, seine Vorträge sind ebenso liebevoll wie intelligent. Die
Notwendigkeit, ihm die Hand zu reichen, die Unvorsichtigkeit, an Auswanderung zu denken und
damit das einzig wahre Mittel zur Selbsterhaltung zu verpassen, lässt sich nicht widerlegen, und es
scheint ihm, dass mein Widerstreben, meine Laune der Auswanderung, so wenig mit meinem
übrigen Haushaltssinn übereinstimmt, dass ich in einem letzten, etwas heftigen Gespräch spüren
konnte, dass meine Neigung irgendwo anders angebunden werden muss.“ Sie brachte das letzte nur
mit wenig Zögern heraus und schaute vor sich hin.

Was mir durch den Kopf ging, als ich diese Worte hörte, denken sich alle, und doch muss ich mit
blitzschnellem Denken das Gefühl haben, dass jedes Wort die Verwirrung nur noch verstärken
würde. Aber gleichzeitig war mir, als ich vor ihr stand, klar bewusst, dass ich sie im höchsten Maße
lieb gewonnen hatte und dass ich nun alles, was an vernünftiger, verständlicher Kraft noch in mir
war, aufwenden musste, um ihr nicht sofort meine Hand zu reichen. Ich dachte, sie würde am
liebsten alles hinter sich lassen, wenn sie mir folgen würde! Aber die Leiden der vergangenen Jahre
hielten mich zurück. Sollten Sie eine neue falsche Hoffnung haben, um sie ein Leben lang zu
bezahlen?

Wir hatten beide eine Zeit lang geschwiegen, als Elise, die ich nicht hatte kommen sehen,
unerwartet vor uns erschien und um Erlaubnis bat, den Abend im nächsten Hammerwerk verbringen
zu dürfen. Dies wurde ohne Zögern erlaubt. Inzwischen hatte ich mich zusammengerissen und
begann allgemein zu erzählen, wie ich all dies auf meinen Reisen längst herannahen sah, wie der
Drang und die Notwendigkeit zur Auswanderung von Tag zu Tag zunahm; aber ein solches
Abenteuer blieb immer das gefährlichste. Unvorbereitetes Wegstürmen bringt eine unglückliche
Rückkehr; kein anderes Unternehmen erfordert so viel Vorsicht und Führung wie dieses. Diese
Überlegung war ihr nicht fremd, sie hatte viel über alle Umstände nachgedacht, aber am Ende
sprach sie mit einem tiefen Seufzer: „Ich habe immer gehofft, in diesen Tagen Ihrer Anwesenheit
hier Trost durch vertrauliche Erzählungen zu finden, aber ich fühle mich schlechter vorbereitet als
zuvor, ich fühle ganz tief, wie unglücklich ich bin.“ Sie hob ihre Augen zu mir, aber um die Tränen
zu verbergen, die aus ihren schönen, guten Augen sprudelten, drehte sie sich um und ging ein paar
Schritte weg.

Ich möchte mich nicht entschuldigen, aber der Wunsch, diese wunderbare Seele zu zerstreuen, wenn
nicht, um sie zu trösten, so doch zu zerstreuen, brachte mich auf die Idee, ihr von der wunderbaren
Vereinigung mehrerer Wanderer und abreisender Menschen zu erzählen, in die ich seit einiger Zeit
eingetreten war. Plötzlich hatte ich mich so weit herausgelassen, dass ich mich kaum hätte
zurückhalten können, als mir klar wurde, wie leichtsinnig mein Vertrauen gewesen sein könnte. Sie
beruhigte sich, war erstaunt, erheitert, entfaltete ihr ganzes Wesen und fragte mit solcher Neigung
und Weisheit, dass ich ihr nicht mehr ausweichen konnte, dass ich ihr alles beichten musste.

Gretchen trat vor uns hin und sagte: Wir sollen zum Vater kommen! Das Mädchen wirkte sehr
nachdenklich und verdrießlich. Als sie ging, sagte das gutaussehende Mädchen: „Wir wollen zum
Vater kommen. Elise hat für heute Abend Ferien, du kümmerst dich um die Geschäfte.“ - „Du
hättest ihr nicht Ferien geben sollen“, sagte Gretchen, „sie gibt zu viel Geld aus; du kümmerst dich
mehr um die Schelmin als billig ist, vertraust ihr mehr, als es richtig ist. Jetzt höre ich, dass sie ihm
gestern einen Brief geschrieben hat. Sie hat Ihr Gespräch mitgehört, jetzt wird sie ihn treffen.“

In der Zwischenzeit bat mich ein Kind, das bei ihrem Vater geblieben war, mich zu beeilen. Der
gute Mann war unruhig. Wir traten ein; er saß aufrecht im Bett, fröhlich, sogar verklärt. „Kinder“,
sagte er, „ich habe diese Stunden in ständigem Gebet verbracht, nichts von Davids Danksagung und
Lobpreis ist von mir unberührt geblieben, und ich füge mit gestärktem Glauben von mir aus hinzu:
Warum hofft der Mensch nur in der Nähe? Er muss handeln und sich selbst helfen, er muss in die
Ferne hoffen und Gott vertrauen.“ Er nahm Leons Hand, und damit die Hand seiner Tochter, und
indem er sie ineinander verschränkte, sagte er: „Dies soll kein irdisches Band sein, sondern ein
himmlisches Band; so wie Bruder und Schwester einander lieben, vertrauen, nutzen und helfen, so
uneigennützig und rein, wie Gott euch hilft!“ Als er dies sagte, sank er mit einem himmlischen
Lächeln zurück und ging heim. Die Tochter fiel vor dem Bett hin, Leon neben ihr, ihre Wangen
berührten sich, ihre Tränen vereinten sich auf seiner Hand.

Der Helfer rannte in diesem Moment herein, wie erstarrt über der Szene. Mit wildem Blick, seine
schwarzen Locken schüttelnd, schreit der wohlgeformte junge Mann auf: „Er ist tot; in dem
Augenblick, in dem ich mich dringend auf seine wiederhergestellte Sprache, mein Schicksal,
berufen wollte, um über das Schicksal seiner Tochter zu entscheiden, des Wesens, das ich nach Gott
am meisten liebe, dem ich ein gesundes Herz wünschte, ein Herz, das den Wert meiner Neigung
spüren konnte! Für mich ist sie verloren, sie kniet neben einem anderen! Hat er Sie gesegnet?
Beichte es!“

Das glorreiche Geschöpf war aufgestanden, Leon war aufgestanden und hatte sich erholt, da sagte
sie: „Ich erkenne dich nicht mehr, den sanften, frommen, plötzlich so wilden Mann; du weißt, wie
sehr ich dir danke, wie sehr ich an dich denke.“

„Es ist hier nicht die Rede von Dank oder Gedanken“, sagte er, „hier geht es um das Glück oder
Unglück meines Lebens. Dieser seltsame Mann beunruhigt mich; ich traue mich nicht, ihn
abzuwägen, wenn ich ihn ansehe; ich kann frühere Rechte nicht unterdrücken oder frühere
Bindungen brechen.“

„Sobald Sie in sich selbst zurücktreten können“, sagte die gute Frau, schöner denn je, „wenn man
mit Ihnen wie gewohnt und wie immer sprechen kann, werde ich Ihnen bei den irdischen Resten
meines verklärten Vaters sagen, dass ich von diesem Herrn und Freund nichts anderes erkenne als
das, was Sie kennen, gutheißen und teilen und woran Sie sich erfreuen müssen.“

Leon schauderte tief in seiner Seele, alle drei standen still, stumm und nachdenklich für eine Weile;
der junge Mann ergriff als erster das Wort und sagte: „Der Moment ist zu wichtig, um nicht
entscheidend zu sein. Es ist nicht leichtfertig, was ich sage, ich hatte Zeit zum Nachdenken, das
heißt, zum Hören: Der Grund, warum Sie mir Ihre Hand verweigerten, war meine Weigerung, Ihnen
zu folgen, wenn Sie aus der Not oder aus Laune heraus gehen würden. Hier erkläre ich also vor
diesem gültigen Zeugen feierlich, dass ich Ihrer Auswanderung kein Hindernis in den Weg legen,
sondern sie fördern und Ihnen überall hin folgen will. Gegen diese Erklärung, zu der ich nicht
gezwungen wurde, die aber durch die seltsamsten Umstände beschleunigt wurde, fordere ich Ihre
Hand zur Heirat.“ Er streckte sie aus, stand fest und sicher da, die beiden anderen zogen sich
überraschend und unfreiwillig zurück.

„Es ist ausgesprochen“, sagte der junge Mann ruhig und mit einer gewissen frommen Majestät,
„dies soll geschehen, es ist zum Besten von uns allen, Gott hat es gewollt; aber damit Sie nicht
denken, es sei Eile und Laune, wissen Sie nur, dass ich um Ihretwillen auf Berge und Felsen
verzichtet und gerade jetzt alles in der Stadt in die Wege geleitet habe, um nach Ihrem Willen zu
leben. Aber jetzt gehe ich allein, Sie werden mir die Mittel dazu nicht verweigern, Sie haben immer
noch genug übrig, um es hier zu verlieren, wie Sie befürchten und zu Recht fürchten. Denn ich habe
mich endlich überzeugt: Der künstliche, arbeitende Schlingel ist ins obere Tal geflüchtet, dort stellt
er Maschinen auf, Sie werden sehen, wie er alle Lebensmittel mitnimmt, vielleicht rufen Sie, und
nur zu bald, einen treuen Freund zurück, den Sie vertreiben wollten.“

Noch peinlicher ist, dass sich drei Menschen nicht so leicht gegenüberstehen konnten, alle
zusammen in der Angst, einander zu verlieren, und im Moment nicht wissen, wie sie sich
gegenseitig erhalten können.

Leidenschaftlich entschlossen eilte der junge Mann zur Tür hinaus. Auf die kalte Brust ihres Vaters
hatte die Schönheitsgöttin ihre Hand gelegt: „Man sollte nicht auf etwas in der Nähe hoffen“, rief
sie aus, „aber in die Ferne, das war das sein letzter Segen. Wenn wir Gott vertrauen, jeder auf sich
selbst und auf den anderen, wird alles gut werden.“

BRIEF DER PASTORIN

Gudrun zu Oldenburg-Dietrichsfeld
an die neue Pastorin Anja zu Oldenburg-Bürgerfelde

Liebe Schwester Anja,

Da die Veränderung in meiner Nachbarschaft vorging, dass der alte Pastor starb, an dessen Stelle du
kommst, freute ich mich von ganzem Herzen. Denn ob ich gleich keine unwillige Frau bin und
meinen Nächsten nichts mehr gönne als ihr bisschen Leben, das bei manchen, wie bei den Tieren,
das einzige ist, was sie haben; so muss ich doch aufrichtig gestehen, dass deines Vorgängers
Totengeläut mir ebenso eine freudige Bewegung ins Blut brachte als das Glockenläuten sonntags
früh, wenn es mich zur Kirche ruft, da mein Herz vor Liebe und Sympathie gegen meine
Zuhörerinnen überfließt. Er konnte niemanden leiden, dein Vorgänger, und Gott möge mir vergeben,
dass ich ihn auch nicht leiden konnte; ich hoffe, du sollst mir soviel Freude machen, als er mir
schlechte Laune gemacht hat; denn ich höre soviel Gutes von dir, wie man von einer Geistlichen
sagen kann, das heißt: Du treibst dein Amt still und mit nicht mehr Eifer, als nötig ist, und bist eine
Feindin von Streitgesprächen. Ich weiß nicht, ob es deinem Denken oder deinem Herzen mehr Ehre
macht, dass du so jung und friedfertig bist, ohne deswegen schwach zu sein; denn freilich ist es
auch kein Vorteil für die Herde, wenn die Schäferin ein Schaf ist.

Du glaubst nicht, liebe Schwester, was mir dein Vorgänger für Not gemacht hat. Unsere
Gemeindebezirke liegen so nah beisammen, und da steckten seine Leute meine Leute an, dass die
zuletzt haben wollten, ich solle mehr Menschen verdammen; es wäre keine Freude, meinten sie, ein
Christ zu sein, wenn nicht alle Heiden ewig gebraten würden. Ich versichere dir, liebe Schwester,
ich wurde manchmal ziemlich mutlos, denn es gibt gewisse Dinge, von denen anzufangen zu reden
ich so entfernt bin, dass ich vielmehr jedes Mal am Ende der Woche Gott von ganzem Herzen
danke, wenn mich niemand danach gefragt hat, und, wenn es geschehen ist, ich Gott bitte, dass er es
künftig abwenden möge; und so wird es mit jeder frommen Geistlichen sein, die denkende
Menschen nicht mit leeren Worten befriedigen will und doch weiß, wie gefährlich es ist, sie
unbefriedigt wegzuschicken oder gar abzuweisen. Ich muss dir gestehen, dass die Lehre von der
Verdammnis der Heiden eine von denen ist, über die ich wie über glühendes Eisen hinweg eile. Ich
bin nicht mehr so jung wie du und habe die Wege Gottes betrachtet, soviele eine sterbliche Frau es
in Stille vermag; wenn du ebenso alt sein wirst wie ich, sollst du auch bekennen, dass Gott und
Liebe das Gleiche ist, wenigstens wünsche ich es dir. Zwar musst du nicht denken, dass meine
Toleranz mich indifferent gemacht habe. Das ist bei allen Eiferern für ihre Sekten ein mächtiges
Zeichen der Redekunst, dass sie mit Worten um sich werfen, die sie nicht verstehen. Sowenig die
ewige, einzige Quelle der Weisheit indifferent sein kann, so tolerant sie auch ist, sowenig kann eine
Seele, die sich ihrer Seligkeit gewiss werden will, die Gleichgültigkeit zu seinem Charakterzug
machen. Wer möchte zeitlebens auf dem Meer von Stürmen getrieben werden? Unsere Seele ist
einfach und zur Ruhe geboren; solang sie zwischen verschiedenen Gegenständen geteilt ist, fühlt sie
etwas, das jeder am besten kennt, der zweifelt.

Also, liebe Schwester, danke ich Gott für nichts mehr als die Gewissheit meines Glaubens; denn im
Glauben sterbe ich, dass ich kein Glück habe und keine Seligkeit zu hoffen habe, als die mir von der
Schönen Liebe Gottes mitgeteilt wird, die sich in das Elend der Welt einmischte und auch elend
wurde, damit das Elend der Welt durch sie selig gemacht werde. Und so liebe ich Jesus Christus,
und so glaub ich an ihn und danke Gott, dass ich an ihn glaube, denn wahrlich, es ist nicht mein
Verdienst, dass ich glaube. Es war eine Zeit, da ich Saula war, Gott sei Dank, dass ich Paula
geworden bin. Man fühlt Gott in Einem Augenblick, und der Augenblick ist entscheidend für das
ganze Leben, und der Geist Gottes hat sich vorbehalten, den Moment zu bestimmen. So wenig bin
ich indifferent, aber darf ich deswegen nicht tolerant sein? Um wie viel Millionen Kilometer
verrechnet sich der Astronom? Wer der Liebe Gottes Grenzen bestimmen wollte, würde sich noch
mehr verrechnen! Weiß ich, wie viele Wege zu Gott es gibt? So viel weiß ich, dass ich auf meinem
Weg gewiss in den Himmel komme, und ich hoffe, dass er andern auch auf ihrem Weg hineinhelfen
wird. Unsre Kirche behauptet, dass der Glaube allein und nicht Werke selig machen, und Christus
und seine Apostel lehren das so ungefähr auch. Das zeigt nun die große Liebe Gottes, denn für die
Erbsünde können wir nichts und für die wirklichen Sünden auch nichts, das ist so natürlich, wie
dass einer geht, der Füße hat; und darum verlangt Gott zur Seligkeit keine Taten, keine Tugenden,
sondern den kindlichsten Glauben, und durch den Glauben allein wird uns das Verdienst Christi
mitgeteilt, so dass wir die Herrschaft der Sünde einigermaßen loswerden hier im Leben, und nach
unserm Tod, Gott weiß wie, auch das angeborene Verderben im Grabe bleibt. Wenn nun der Glaube
das einzige ist, wodurch wir Christi Verdienst uns zueignen, so sage mir, wie ist es denn mit den
Kindern? Die spricht man selig! Nicht wahr? Warum denn? Weil sie nicht gesündigt haben! Das ist
ein schöner Satz, man wird ja nicht verdammt, weil man sündigt. Und das angeborene Verderben
haben sie ja doch an sich und werden also nicht aus Verdienst selig; so sage mir die Art, wie die
Gerechtigkeit der Mensch-gewordenen Liebe sich den Kindern mitteilt. Siehe, ich finde in dem
Beispiel einen Beweis, dass wir nicht wissen, was Gott tut, und dass wir keinen Grund haben, an
der Seligkeit von irgendeiner Person zu verzweifeln. Du weißt, liebe Schwester, dass viele Leute,
die so barmherzig sind wie ich, auf die Allversöhnung gekommen sind, und ich versichere dir, es ist
die Lehre,mit der ich mich heimlich tröste; aber das weiß ich wohl, es ist keine Sache, darüber zu
predigen. Über das Grab hinaus geht unser Amt nicht, und wenn ich einmal sagen muss, dass es
eine Hölle gibt, so rede ich davon, wie die Schrift davon redet, und sage, sie ist ewig. Wenn man
von Dingen spricht, die niemand begreift, so ist es gleich, was für Worte man gebraucht. Übrigens
hab ich gefunden, dass eine fromme Geistliche in dieser Zeit so viel zu tun hat, dass sie es gern Gott
überlässt, was in der Ewigkeit zu tun ist.

So, meine liebe Mit-Schwester, sind meine Gedanken über diesen Punkt: Ich halte den Glauben an
die göttliche Liebe, die vor zweitausend Jahren, unter dem Namen Jesus Christus, auf einem kleinen
Stückchen Erde, eine kleine Zeit lang als Mensch herumzog, für den einzigen Grund meiner
Seligkeit, und das sage ich meiner Gemeinde, sooft die Gelegenheit dazu ist; ich verflüchtige die
Materie nicht; denn da Gott Mensch geworden ist, damit wir armen sinnliche Kreaturen ihn fassen
und begreifen können, so muss man sich vor nichts mehr hüten, als ihn wieder zum bloßen Geist zu
machen.

Du hast in deiner vorigen Pfarrei, wie ich höre, viel von jenen Leuten um dich gehabt, die sich
Philosophen nennen und eine sehr lächerliche Rolle in der Welt spielen. Es ist nichts trauriger, als
Männer unaufhörlich von Vernunft reden zu hören, da sie doch allein nach ihrer Einbildung
handeln. Es liegt ihnen nichts so sehr am Herzen als die Toleranz, und ihr Spott über alles, was nicht
ihrer Meinung ist, beweist, wie wenig Friede man von ihnen zu hoffen hat. Ich war recht erfreut,
liebe Schwester, zu hören, dass du dich niemals mit ihnen gestritten hast noch dir die Mühe
gemacht hast, sie eines Bessern zu belehren. Man hält einen Aal am Schwanz eher fest als einen
Spötter mit Vernunftgründen.

„Bleibe denn Philosoph, weil du es nun einmal bist, und Gott habe Mitleid mit dir!“ So pflege ich
zu sagen, wenn ich mit so einem zu tun habe.
Ich weiß nicht, ob man die Heiligkeit der Bibel einem Menschen beweisen kann, der das nicht fühlt,
wenigstens halte ich es für unnötig. Denn wenn du fertig bist, und es antwortet dir einer: „Es ist
nicht meine Schuld, dass ich keine Gnade im Herzen fühle“, so bist du geschlagen und kannst nichts
antworten, wenn du dich nicht in das Problem des freien Willens und der Gnadenwahl einlassen
willst, wovon wir Theologinnen, alle zusammengenommen, zu wenig wissen, um darüber
diskutieren zu können.

Wer die Süßigkeit des Evangeliums schmecken kann, der mag so was Schönes keinem aufdrängen.
Und gibt uns Jesus nicht das beste Beispiel selbst? Ging er nicht gleich von Gergesa fort, ohne böse
zu werden, als man ihn darum bat? Und vielleicht war es ihm selbst um die Leute nicht zu tun, die
ihre Schweine nicht darum geben wollten, um den Teufel loszuwerden. Denn man mag ihnen sagen,
was man will, so bleiben sie immer in ihrem Starrsinn. Was wir tun können, ist die Suchenden zu
führen, und den anderen lässt man, weil sie es nicht besser haben wollen, ihre Teufel und ihre
Schweine.

Da hast du also den Grund, warum und wie tolerant ich bin; ich überlasse, wie du siehst, alle
Ungläubigen der ewigen Liebe und habe das Vertrauen zu ihr, dass sie am besten wissen wird, den
unsterblichen und makellosen Gottes-Funken, unsre Seele, aus dem Leib des Todes hinauszuführen
und mit einem neuen und unsterblich reinen Geistleib zu umgeben. Und diese Seligkeit meiner
friedfertigen Empfindung vertauschte ich nicht mit dem höchsten Ansehen der Unfehlbarkeit.
Welche Wonne ist es zu denken, dass der Moslem, der mich für einen ungläubigen Hund, und der
Jude, der mich für ein unreines Schwein hält, sich einst freuen werden, meine Brüder zu sein.

Soweit davon, meine liebe Schwester, und nur wie im Vorbeigehen; denn das Hauptelend der
Intoleranz offenbart sich doch am meisten in dem Zank in der Christlichen Kirche selbst, und das ist
etwas wirklich sehr Trauriges. Nicht, dass ich meine, man sollte die Vereinigung mit Rom suchen.
Wir sind alle Christen und Christinnen, und Augsburg und Genf machen sowenig einen
wesentlichen Unterschied der Religion als Frankreich und Deutschland in dem Wesen der
Menschheit. Eine Französin ist von Kopf bis auf die Füße eben ein Menschenkind wie eine
Deutsche, das andre sind politische Zankäpfel.

Wer die Geschichte des Wortes Gottes unter den Menschen mit liebevollem Herzen betrachtet, der
wird die Wege der Ewigen Weisheit anbeten. Aber wahrlich, weder Kardinal Bellarmin noch
Zinzendorf wird dir eine reine Geschichte erzählen. Warum sollte ich leugnen, dass der Anfang der
Reformation ein Zank von besoffenen Mönchen war und dass es Luthers Absicht am Anfang gar
nicht war, das zu tun, was er dann tat. Was sollte mich antreiben, die Augsburgische Konfession für
was anders als eine Formel auszugeben, die mich nur äußerlich bindet und mir übrigens meine
Bibel lässt. Kommt aber ein Credo dem Wort Gottes näher als das andre, so sind dessen Bekenner
besser dran, aber das kümmert niemanden.

Luther arbeitete, uns von der Knechtschaft zu befreien; möchten doch alle seine Jünger so viel
Abscheu vor den Pfaffen haben, wie er empfand.

Er arbeitete sich durch alte Vorurteile hindurch und trennte das Göttliche vom Menschlichen, soviel
wie ein Mensch es scheiden kann, und was noch mehr war, er gab dem Herzen seine Freiheit des
Gewissens wieder und machte es der Liebe fähiger; aber man lasse sich nicht verblenden, als hätte
er das Reich Gottes errichtet, daraus er andere hinauswarf, man bilde sich nicht ein, die Alte Kirche
sei deswegen ein Gegenstand des Abscheus und der Verachtung! Sie hat doch nur wenige Gesetze,
die nicht auf die göttliche Wahrheit gegründet sind. Warum lästert ihr die katholische Messe?
Verflucht sei der, der einen Gottesdienst Abgötterei nennt, dessen Gegenstand Christus ist. Liebe
Schwester, es wird täglich heller in der römisch-katholischen Kirche, und ob es Gottes Werk ist,
wird die Zeit zeigen. Vielleicht protestiert sie bald mehr, als gut ist... Luther hatte die Schwärmerei
zur Empfindung gemacht, Calvin machte die Empfindung zum Verstand. Ich bin fern, eine
Vereinigung der Kirchen zu wünschen, dass ich sie vielmehr für äußerst gefährlich halte, jede
Teilkirche, die sich ein Haar ausreißen ließe, hätte unrecht. Man würde vielleicht den Gewissen ihre
Freiheit rauben. Ob ein Sakrament nun nur ein Zeichen oder eine Realpräsenz ist - wie könnte ich
böse sein, dass ein andrer nicht empfinden kann wie ich. Ich kenne die Seligkeit zu gut, es für mehr
zu halten als nur ein Zeichen, und doch habe ich unter meiner Gemeinde eine große Anzahl
Menschen, die die Gnade nicht haben, es auch zu fühlen; es sind Männer, wo der Kopf das Herz
überwiegt, mit diesen lebe ich in so zärtlicher Eintracht und bitte Gott, dass er jedem Freude und
Seligkeit gebe nach seinem Maß; denn der Geist Gottes weiß am besten, was einer fassen kann.
Eben so ist es mit der Gnadenwahl, davon verstehen wir ja alle nichts, und so ist es mit tausend
Dingen. Denn wenn man es im Licht betrachtet, so hat jeder seine eigene Religion, und Gott muss
wohl mit unserm armseligen Dienst zufrieden sein, aus übergroßer Barmherzigkeit, aber das müsste
mir ein heiliger Mensch sein, der Gott dient, wie sich gebührt.

Ach, keiner kann dem widersprechen, liebe Schwester, dass keine Lehre uns von Vorurteilen
reinigen kann, als nur die, die vorher unseren Stolz zu demütigen weiß; und welche Lehre ist es, die
auf Demut aufbaut, als die aus der Höhe? Wenn wir das immer bedenken und im Herzen fühlen
würden, was das ist: Religion, und jeden auch fühlen ließen, wie er kann, und dann mit
geschwisterlicher Liebe unter alle Sekten und Kirchen träten, wie würde es uns freuen, den
göttlichen Samen des Wortes auf vielfältige Weise Frucht bringen zu sehen. Dann würden wir
ausrufen: Halleluja, dass das Reich Gottes auch da zu finden ist, wo ich es nicht vermutet.

Unser lieber Jesus wollte nicht, dass es das Leben kosten sollte, dieses Reich auszubreiten, er
wusste, dass das Reich Gottes nicht ausgerichtet wäre mit Gewalt, er wollte anklopfen an die Tür
und sie nicht eintreten. Wenn wir das nur bedenken und Gott danken würden, dass wir in diesen
bösen Zeiten noch ungestört predigen dürfen! Und ein für allemal, Herrschaft ist ganz und gar
gegen den Begriff der wahren Kirche. Denn, meine liebe Schwester, betrachte nur selbst die Zeiten
der Apostel gleich nach Christi Tod, und du wirst bekennen, es war keine sichtbare Kirche auf
Erden. Es sind seltsame Leute, die Theologen; da behaupten sie, was nicht möglich ist. Die
christliche Religion in ein Credo zu zwingen, o ihr guten Männer! Petrus sagte schon, in Paulus‘
Briefen ist vieles schwer zu verstehen, und Petrus war doch ein anderer Mann als unsere Bischöfe;
aber er hatte recht, Paulus hat Dinge geschrieben, die die ganze christliche Kirche bis auf den
heutigen Tag nicht versteht. Da sieht es denn schon merkwürdig um die Lehre aus, wenn wir alles,
was in der Bibel steht, in ein System zwängen wollen, und so lässt sich wenig Gewisses bestimmen.
Petrus tat schon Sachen, die Paulus nicht gefielen, und ich möchte wissen, mit was für Titeln der
große Apostel unsere Bischöfe beehren würde, die noch weit größere Heuchelei mit ihrer Sekte
treiben als Petrus mit den Juden.

Dass bei der Einsetzung des Abendmahls die Jünger das Brot und den Wein genossen wie die
evangelische Kirche, das glaube ich, denn ihr Meister, den sie kannten, der saß bei ihnen, sie
versprachen es zu seinem Gedächtnis zu wiederholen, weil sie ihn liebten, und mehr wollte er auch
nicht. Wahrlich, Johannes, der an seinem Herzen lag, brauchte nicht erst das Brot, um sich von der
Existenz seines Herrn lebendig zu überzeugen, es mag den Jüngern dabei der Kopf schwindlig
geworden sein, wie an jenem Abend, denn sie verstanden nicht eine Silbe von dem, was Jesus sagte!

Kaum war Jesus von der Erde gen Himmel gefahren, als zärtliche, liebende Menschen sich nach
einer innigen Vereinigung mit ihm sehnten, und weil wir immer nur halb befriedigt sind, wenn
unsere Seele genossen hat, so verlangten sie auch was für den Körper und hatten nicht unrecht, denn
der Körper bleibt immer ein wesentlicher Teil des Menschen, und dazu gaben ihnen die Sakramente
die erwünschte Gelegenheit. Durch die sinnliche Handlung der Taufe oder der Handauflegung
gerührt, gab ihr Körper der Seele eben den Ton, der nötig ist, um mit dem Wehen des Heiligen
Geistes zusammen zu stimmen, das uns unaufhörlich umgibt. Eben das fühlten sie beim Abendmahl
und glaubten, durch die Worte Christi geleitet, es für das halten zu dürfen, was sie so sehr
wünschten. Besonders da die Sünden ihres Körpers sich durch diese Heiligung am besten heilen
ließen, so blieb ihnen kein Zweifel übrig, dass ihr verewigter Bruder ihnen von dem Wesen seiner
göttlichen Menschheit durch diese sinnliche Zeichen mitteilt. Das waren unaussprechliche
Empfindungen, die sie im Anfang zur gemeinschaftlichen Erbauung einander kommunizierten, die
aber leider nachher zum Gesetz gemacht wurden. Und da konnte es nicht ausbleiben, dass die, deren
Herz keiner solchen Empfindung fähig war und die mit einer bedächtigen Andacht sich begnügten,
dass die sich trennten und zu behaupten wagten, eine Empfindung, die nicht allgemein sei, könne
kein allgemein verbindliches Gesetz sein.

Ich denke, dassß das der ehrlichste Zustand der ist, den man erwarten kann, und wenn man wohltun
will, so verfährt man mit seiner Gemeinde so duldsam wie möglich. Einem Meinungen
aufzuzwingen, ist schon grausam, aber von einem verlangen, er müsse empfinden, was er nicht
empfinden kann, das ist Unsinn.

Noch was, liebe Schwester, unsere lutherische Kirche hat sich nicht nur mit der reformierten Kirche
gezankt, weil die zu wenig empfindet, sondern auch mit andern ehrlichen Menschen, weil sie
vielleicht zu viel empfanden. Die Schwärmer und Charismatiker haben sich oft unglücklicherweise
viel auf ihre Erleuchtung eingebildet, man hat ihnen ihre phantastischen Privat-Offenbarungen
vorgeworfen; aber wehe uns, dass unsere Pastoren nichts mehr von einer unmittelbaren Eingebung
wissen! Und wehe dem Christen, der bloß aus Kommentaren die Heilige Schrift verstehen lernen
will! Wollt ihr die Wirkungen des Heiligen Geistes beschränken? Nennt mir die Zeit, da er
aufgehört hat, den Herzen zu predigen und euren leeren Diskussionen das Amt überlassen hat, das
Reich Gottes zu bezeugen. Was sah der Apostel Paulus im Dritten Himmel? Nicht wahr,
unaussprechliche Dinge? Und was waren denn das für Leute, die in der Gemeinde in Zungen
redeten, die einer Auslegung bedurften? O meine Herren Theologen, eure Dogmatik hat noch viele
Lücken! Liebe Schwester, der Heilige Geist gibt allen Weisheit, die ihn darum bitten! Und ich habe
Schuster gekannt, die Karl Barth Rätsel aufgegeben hätten...

Genug, die Weisheit sei uns lieb, wo wir sie finden! Lass uns unser Gewissen nicht beflecken, daß
wir am Jüngsten Tag rein sein mögen, wenn an das Licht kommen wird, dass die wahre Lehre von
Christus nirgends gedruckter war als in der heiligen Kirche. Und wem darum zu tun ist, die
Wahrheit dieses Satzes noch in seinem Leben zu erfahren, der wage es, ein Jünger Christi öffentlich
zu sein, der wage es, sich es merken zu lassen, dass ihm um seine Seligkeit wichtig ist! Er wird
einen Spott am Hals haben, eh er es denkt, und eine christliche Gemeinde macht ein Kreuz vor
ihm...

Lass uns also arbeiten, liebe Schwester, dass nicht unsere Meinung, sondern dass Christi Wahrheit
rein gepredigt werde. Lass uns unbekümmert um andere Reiche sein, nur lass uns für unser Reich
sorgen, und besonders hüte dich vor den falschen Propheten! Diese Heuchler nennen sich Christen,
und unter ihrem Schafspelz sind sie reißende Wölfe! Sie predigen eine glänzende Weisheit und eine
besonders eifrige Frömmigkeit und beleiden doch Christi Kirche, wo sie nur können! Wahrhaftig,
alle Spötter in der Welt sind doch wenigstens ehrliche Leute, die über das lachen, was sie nicht
verstehen, und einen öffentlichen Feind hat man wenig zu fürchten; aber diese heimlichen
Wühlmäuse versuche aus deiner Gemeinde auszuscheiden.

Der liebe Evangelist Johannes lehrt uns ganz kurz alle Unterscheidung in seinen Briefen; das sei die
einzige, die wir kennen. Ich habe in meinem Amt Jesus so rein gepredigt, dass die Antichristen sich
von mir geschieden haben, und weiter braucht es keine Scheidung. Wer Jesus seinen Herrn nennt,
der sei uns willkommen, mögen die anderen auf eigene Faust leben und sterben, wohl bekomms
ihnen. Wenn die Pastorin eine Frau ist, die nicht vom Wesentlichen abweicht, so wird unter der
Gemeinde auch kein Zwiespalt entstehen, hier hast du mein und meiner ganzen Gemeinde
Glaubensbekenntnis.

Wir sind elend! Wie wir es sind und warum wir es sind, das ist schwer zu sagen, wir sehnen uns nur
nach einem Weg, auf dem uns geholfen werden kann. Wir glauben, dass die Ewige Liebe darum
Mensch geworden ist, um uns das zu geben, wonach wir uns sehnen, und alles, was uns dient, uns
mit ihr zu vereinigen, ist uns liebenswürdig, und das, was zu diesem Ziel nicht führt, ist uns
gleichgültig, und das, was uns von der Liebe entfernt, das ist uns verhasst. Du kannst dir denken,
Frau Mit-Schwester, in was für einem Ansehen der Streit bei uns steht.

Lass uns den Frieden bewahren, liebe Frau Amts-Schwester, ich weiß nicht, wie eine Pastorin es
wagen sollte, mit Hass im Herzen auf eine Kanzel zu treten, von wo nur Liebe ertönen soll, und um
keinem Zwiespalt Gelegenheit zu geben, lass uns alle Kleinigkeiten fliehen, wo man Phantasie für
Wahrheit und Spekulation für Dogmen verkauft. Es ist immer lächerlich, wenn ein Pastor seine
Gemeinde belehrt, dass die Erde nicht um die Sonne kreist, und doch kommt so etwas vor...

Noch eins, Frau Schwester, las deine Gemeinde ja die Bibel lesen, soviel sie können, wenn sie sie
auch nicht verstehen, das tut nichts zur Sache; es kommt doch immer viel Gutes dabei heraus; und
wenn deine Leute Respekt vor der Bibel haben, so hast du viel gewonnen. Doch bitte ich dich,
nichts zu lehren, was du nicht jedem in seinem Herzen begründen kannst, und wenn es hundertmal
geschrieben stünde. Ich habe mich sonst auch gesorgt, die Leute möchten Anstoß an Dingen
nehmen, die hier und da in der Bibel vorkommen, aber ich habe gefunden, dass der Heilige Geist sie
gerade über die Stellen hinweg führt, die ihnen nichts nützen.

Überhaupt ist es eine eigene Sache mit der Erbauung. Es ist oft nicht das Wort an sich, das einen
erbaut, sondern die Situation des Herzens, worin es uns überrascht, das ist das, was einer
Kleinigkeit den Wert gibt.

Darum kann ich die modernen Lieder nicht leiden, die mögen für Leute sein, die dem Verstand viel
und dem Herzen wenig geben; was ist daran gelegen, was man singt, wenn sich nur meine Seele
erhebt und in den Flug kommt, in dem der Geist des Dichters war! Aber wahrlich, das wird einem
bei jenen modernen Liedern sehr gleichgültig bleiben, die mit aller Kälte auf dem Schreibtisch
poliert worden sind.

Adieu, liebe Schwester! Gott gebe deinem Amt Segen. Predige die Liebe, so wirst du geliebt! Segne
alles, was Christi Sache ist, und sei übrigens in Gottes Namen geduldig, wenn man dich verlästert.
Sooft ich an eurem Glockenläuten höre, dass du auf die Kanzel steigst, sooft will ich für dich beten.
Und wenn deine Predigt gut formuliert ist und du die Seelen, die sich dich besonders anvertrauen,
gut belehrst, so dass du sie alle auf den Mittelpunkt unsres Glaubens, die Ewige Liebe, hinweist;
und wenn du dem Starken im Glauben genug und dem Schwachen so viel gibst, wie er braucht,
wenn du die Skrupel verminderst und allen die Süßigkeit der Liebe begehrenswert machst, so wirst
du einst mit der Überzeugung, dein Amt gut geführt zu haben, vor den Richterstuhl Christi treten
können, der über Hirten und Schafe als oberster Hirte allein zu richten das Recht hat. Ich bin mit
aller Zärtlichkeit

Deine Schwester Gudrun


Pastorin zu Oldenburg-Dietrichsfeld

DIE LEIDEN DES JUNGEN SCHWANKE


VORWORT

Ich habe sorgfältig alles gesammelt, was ich über die Geschichte des armen Schwanke erfahren
konnte, und präsentiere es dir hier in dem Wissen, dass du mir dafür danken wirst. Seinem Geist
und Charakter kannst du deine Bewunderung und Liebe nicht verweigern. Seinem Schicksal wirst
du deine Tränen nicht verweigern.

Und du, gute Seele, die die gleiche Not erleidet, die er einmal ertragen hat, tröste dich mit seinem
Kummer; und lass dieses kleine Buch deinen Freund sein, wenn du aufgrund des Unglücks oder
durch deine eigene Schuld keinen lieben Begleiter finden kannst.

ERSTES BUCH

4. MAI 1998

Wie glücklich ich bin, dass ich weg bin! Mein lieber Freund, was für ein Ding ist das Herz des
Menschen! Dich zu verlassen, von dem ich unzertrennlich gewesen bin, den ich so sehr liebe, und
mich dennoch glücklich zu fühlen! Ich weiß, dass du mir vergeben wirst. Wurden nicht andere
Eigensinnige vom Schicksal speziell berufen, um einen Kopf wie meinen zu quälen? Arme Marion!
und doch war ich nicht schuld. War es meine Schuld, dass, während der eigentümliche Charme ihrer
Schwester mir eine angenehme Unterhaltung bot, eine Leidenschaft für mich in ihrem schwachen
Herzen erzeugt wurde? Und doch, bin ich völlig tadellos? Habe ich ihre Gefühle nicht gefördert?
Fühlte ich mich nicht entzückt von diesen wirklich echten Ausdrucksformen der Natur, die uns,
obwohl in Wirklichkeit nur wenig fröhlich, so oft amüsierten? Habe ich nicht - aber ah! Was ist der
Mensch? dass er es so wagt, sich selbst zu beschuldigen? Mein lieber Freund, ich verspreche dir,
dass ich mich verbessern werde. Ich werde nicht länger, wie es meine Gewohnheit war, weiter über
jeden kleinen Ärger nachdenken, den Fortuna auslösen kann. Ich werde die Gegenwart genießen,
und die Vergangenheit wird für mich Vergangenheit sein. Zweifellos habt ihr Recht, meine besten
Freunde, es würde unter der Menschheit weit weniger Leiden geben, wenn die Menschen - und Gott
weiß, warum sie so sind - ihre Phantasie nicht so eifrig einsetzen würden, um sich in der Erinnerung
an vergangene Trauer zu erinnern, statt zu ertragen ihr jetziges Los mit Gleichmut. Seiso freundlich,
meine Mutter darüber zu informieren, dass ich mich nach besten Kräften um ihre Geschäfte
kümmere und ihr die frühesten Informationen darüber geben werde. Ich habe meine Tante gesehen,
und finde, dass sie weit davon entfernt ist, die unangenehme Person zu sein, die unsere Freunde ihr
vorwerfen zu sein. Sie ist eine lebhafte, fröhliche Frau mit dem besten Herzen. Ich erklärte ihr das
Unrecht meiner Mutter in Bezug auf den Teil ihres Erbteils, der ihr vorenthalten wurde. Sie erzählte
mir die Motive und Gründe ihres eigenen Verhaltens und die Bedingungen, zu denen sie bereit ist,
das Ganze aufzugeben und mehr zu tun, als wir verlangt haben. Kurz gesagt, ich kann derzeit nicht
weiter auf dieses Thema eingehen. Versichere meiner Mutter nur, dass alles gut gehen wird. Und ich
habe wieder beobachtet, mein lieber Freund, in dieser unbedeutenden Angelegenheit, dass
Missverständnisse und Vernachlässigung mehr Unheil in der Welt verursachen als sogar Bosheit
und Gemeinheit. Die beiden letzteren treten jedenfalls seltener auf.

Ansonsten geht es mir hier sehr gut. Die Einsamkeit in diesem irdischen Paradies ist für mich ein
genialer Balsam, und der junge Frühling jubelt mit seinen großzügigen Versprechungen meinem
oftmals bedenklichen Herzen zu. Jeder Baum, jeder Busch ist voller Blumen; und man könnte sich
wünschen, sich in einen Schmetterling verwandelt zu haben, in diesem Ozean des Parfüms zu
schweben und seine ganze Existenz darin zu finden.
Die Stadt selbst ist unangenehm; Aber überall findest du eine unbeschreibliche Schönheit der Natur.
Dies veranlasste den verstorbenen Grafen, einen Garten auf einem der abfallenden Hügel
anzulegen, die sich hier mit der reizvollsten Vielfalt kreuzen und die schönsten Täler bilden. Der
Garten ist einfach; und es ist schon beim ersten Eintritt leicht zu erkennen, dass der Plan nicht von
einem wissenschaftlichen Gärtner entworfen wurde, sondern von einem Mann, der sich hier dem
Genuss seines eigenen sensiblen Herzens hingeben wollte. Manche Tränen habe ich bereits in einem
Sommerhaus, das jetzt in Trümmer gelegt ist, aber der sein Lieblingsort war und jetzt mir gehört, in
Erinnerung an seinen verstorbenen Meister vergossen. Ich werde bald Herr des Ortes sein. Der
Gärtner hat sich in den letzten Tagen an mich gebunden.

10. MAI 1998

Eine wunderbare Gelassenheit hat meine ganze Seele in Besitz genommen, wie diese süßen
Frühlingsmorgen, die ich von ganzem Herzen genieße. Ich bin allein und spüre den Reiz der
Existenz an diesem Ort, der für die Glückseligkeit von Seelen wie meiner geschaffen wurde. Ich bin
so glücklich, mein lieber Freund, so versunken in das exquisite Gefühl einer bloßen ruhigen
Existenz, dass ich meine Talente vernachlässige. Ich könnte im Moment nicht in der Lage sein,
einen einzigen Strich zu zeichnen, und doch habe ich das Gefühl, nie ein größerer Künstler gewesen
zu sein als jetzt. Wenn das schöne Tal von Dampf um mich herum wimmelt und die Meridiansonne
auf die Oberseite des undurchdringlichen Laubes meiner Bäume trifft und nur ein paar streunende
Schimmer in das innere Heiligtum eindringen, werfe ich mich zwischen das hohe Gras des
rieselnden Stroms; und, wenn ich nahe an der Erde liege, fallen mir tausend unbekannte Pflanzen
auf: Wenn ich das Summen der kleinen Welt zwischen den Stielen höre und mich mit den
unzähligen unbeschreiblichen Formen der Insekten und Fliegen vertraut mache, spüre ich die
Gegenwart des Allmächtigen, der uns nach seinem eigenen Bild geformt hat, und der Atem dieser
Universellen Liebe, die uns trägt und erhält, wie sie in einer Ewigkeit der Glückseligkeit um uns
herum schwebt; und dann, mein Freund, wenn Dunkelheit meine Augen überspannt und Himmel
und Erde in meiner Seele zu wohnen scheinen und ihre Kraft absorbieren, wie die Form einer
Geliebten, dann denke ich oft mit Sehnsucht: Oh, würde ich diese Vorstellungen beschreiben,
könnte ich auf dem Papier alles ausdrücken, was in mir so voll und warm lebt, dass es der Spiegel
meiner Seele sein könnte, wie meine Seele der Spiegel der unendlichen Gottheit ist! O mein Freund
- aber es ist zu viel für meine Kraft - ich versinke unter dem Gewicht der Pracht dieser Visionen!

12. MAI 1998

Ich weiß nicht, ob einige betrügerische Geister diesen Ort heimsuchen oder ob es die warme,
himmlische Phantasie in meinem eigenen Herzen ist, die alles um mich herum wie ein Paradies
erscheinen lässt. Vor dem Haus befindet sich ein Brunnen - ein Brunnen, an den ich durch einen
Zauber wie Melusine und ihre Schwestern gebunden bin. Wenn du einen sanften Hang
hinuntersteigst, kommst du zu einem Bogen, in dem etwa zwanzig Stufen tiefer Wasser aus dem
klarsten Kristall aus dem Marmorfelsen sprudelt. Die schmale Wand, die es oben umgibt, die hohen
Bäume, die den Ort umgeben, und die Kühle des Ortes selbst - alles vermittelt einen angenehmen,
aber erhabenen Eindruck. Es vergeht kein Tag, an dem ich dort keine Stunde verbringe. Die jungen
Mädchen kommen aus der Stadt, um Wasser zu holen - unschuldige und notwendige Beschäftigung,
und früher das Amt der Töchter der Könige. Während ich mich dort ausruhe, wird die Idee des alten
patriarchalischen Lebens um mich herum geweckt. Ich sehe sie, unsere alten Vorfahren, wie sie ihre
Freundschaften geschlossen und Bündnisse am Brunnen geschlossen haben; und ich fühle, wie
Brunnen und Bäche von wohltätigen Geistern bewacht wurden. Wer diesen Empfindungen fremd
ist, hat nach der Müdigkeit eines müden Sommertages nie wirklich kühle Ruhe an der Seite eines
Brunnens genossen.

13. MAI 1998


Du fragst, ob du mir Bücher schicken sollst. Mein lieber Freund, ich bitte dich, aus Liebe zu Gott,
befreie mich von einem solchen Joch! Ich brauche nicht mehr geführt, aufgeregt, erhitzt zu werden.
Mein Herz gärt genug in sich. Ich möchte, dass mich die Musen wiegen, und ich finde sie in
meinem Homer perfekt. Oft bemühe ich mich, das brennende Fieber meines Blutes zu lindern; und
du hast noch nie etwas gesehen, das so unsicher und ungewiss war wie mein Herz. Aber muss ich
dir das gestehen, mein lieber Freund, der so oft die Qual ertragen hat, meine plötzlichen Übergänge
von Trauer zu maßloser Freude und von süßer Melancholie zu gewalttätigen Leidenschaften
mitzuerleben! Ich behandle mein armes Herz wie ein krankes Kind und befriedige jede Phantasie.
Erwähne das nicht noch einmal: Es gibt Leute, die mich dafür tadeln würden.

15. MAI 1998

Die einfachen Leute des Ortes kennen mich bereits und lieben mich, besonders die Kinder. Als ich
mich zuerst mit ihnen verband und mich in einem freundlichen Ton nach ihren verschiedenen
Kleinigkeiten erkundigte, stellten sich einige vor, ich wolle sie lächerlich machen, und wandten sich
mit überaus schlechtem Humor von mir ab. Ich ließ mich von diesem Umstand nicht betrüben: Ich
fühlte nur am schärfsten, was ich zuvor oft beobachtet hatte. Personen, die einen bestimmten Rang
beanspruchen können, halten sich kalt von den einfachen Leuten fern, als würden sie befürchten,
durch den Kontakt ihre Bedeutung zu verlieren; während mutwillige Müßiggänger, die zu
schlechten Scherzen neigen, dazu neigen, auf ihr Niveau herabzusteigen, nur um die armen
Menschen ihre Unverschämtheit umso schärfer fühlen zu lassen.

Ich weiß sehr gut, dass wir nicht alle gleich sind und es auch nicht sein können; aber ich bin der
Meinung, dass derjenige, der das gemeine Volk meidet, um seinen Respekt zu bewahren, genauso
schuldig ist wie ein Feigling, der sich vor seinem Feind versteckt, weil er eine Niederlage fürchtet.

Neulich ging ich zum Brunnen und fand ein junges Mädchen, das ihren Krug auf die unterste Stufe
gestellt hatte und sah sich um, ob sich einer ihrer Gefährten näherte, um ihn auf ihren Kopf zu
setzen. Ich rannte runter und sah sie an. „Soll ich dir helfen, hübsches Mädchen?“ sagte ich. Sie
errötete tief. „Oh, Herr!“ rief sie aus. „Keine Zeremonie!“ antwortete ich. Sie stellte ihren Krug hin
und ich half ihr. Sie dankte mir und stieg die Stufen hinauf.

17. MAI 1998

Ich habe alle möglichen Bekanntschaften gemacht, aber noch keine Gesellschaft gefunden. Ich weiß
nicht, welche Anziehungskraft ich für die Menschen habe, so viele von ihnen mögen mich und
binden sich an mich; und dann tut es mir leid, wenn die Straße, die wir gemeinsam verfolgen, nur
eine kurze Strecke führt. Wenn du dich erkundigst, wie die Leute hier sind, muss ich antworten:
„Wie überall.“ Die Menschheit ist nur eine eintönige Angelegenheit. Die meisten von ihnen arbeiten
den größten Teil ihrer Zeit für den Lebensunterhalt; und der spärliche Teil der Freizeit, der ihnen
bleibt, beunruhigt sie so sehr, dass sie jede Anstrengung nutzen, um sie loszuwerden. Oh, das
Schicksal des Menschen!

Aber sie sind eine richtig gute Art von Menschen. Wenn ich mich gelegentlich vergesse und an den
unschuldigen Freuden teilnehme, die der Bauernschaft noch nicht verboten sind, und mich zum
Beispiel mit echter Freiheit und Aufrichtigkeit amüsiere, an einem gut gedeckten Tisch sitze oder
einen Ausflug oder Tanz passend arrangiere und so weiter, all dies wirkt sich gut auf mein Befinden
aus; nur muss ich vergessen, dass in mir so viele andere Eigenschaften schlummern, die sich nutzlos
verformen und die ich sorgfältig verbergen muss. Ah! Dieser Gedanke wirkt sich ängstlich auf
meinen Geist aus. Und doch, missverstanden zu werden, ist das Schicksal von uns.
Ach, dass die Freundin meiner Jugend weg ist! Ach, dass ich sie jemals gekannt habe! Ich könnte
mir sagen: „Du bist ein Träumer, der sucht, was hier auf Erden nicht zu finden ist.“ Aber sie war
mein. Ich habe dieses Herz besessen, diese edle Seele, in deren Gegenwart ich mehr zu sein schien
als ich wirklich war, weil ich alles war, was ich sein konnte. Du lieber Himmel! Ist denn eine
einzige Kraft meiner Seele nicht ausgeübt worden? Konnte ich in ihrer Gegenwart dieses
mysteriöse Gefühl, mit dem mein Herz die Natur umarmt, nicht in vollem Umfang zeigen? War
unser Verkehr nicht ein fortwährendes Netz feinster Gefühle, schärfsten Witzes, dessen Arten selbst
in ihrer Exzentrizität den Stempel des Genies trugen? Ach! Die wenigen Jahre, in denen sie meine
Freundin war, brachten sie vor mir ins Grab...

Vor ein paar Tagen traf ich eine gewisse junge Regine - eine offene Kameradin mit einem sehr
angenehmen Gesicht. Sie hat gerade die Universität verlassen, hält sich nicht für übertrieben klug,
glaubt aber, mehr zu wissen als andere Menschen. Sie hat hart gearbeitet, wie ich aus vielen
Umständen ersehen kann, und verfügt, kurz gesagt, über einen großen Informationsbestand. Als sie
hörte, dass ich viel zeichne und Griechisch kann (zwei wunderbare Dinge in diesem Teil des
Landes), besuchte sie mich und zeigte seinen gesamten Vorrat an Gelehrsamkeit: Sie versicherte
mir, sie habe Winckelmann durchgelesen und besitze auch ein Manuskript über das Studium der
Antike. Ich habe alles passieren lassen.

Ich habe auch eine sehr würdige Person kennengelernt, den Bezirksrichter, einen offenen und
aufgeschlossenen Mann. Mir wurde gesagt, es sei sehr erfreulich, ihn inmitten seiner Kinder zu
sehen, von denen er neun hat. Besonders von seiner ältesten Tochter wird viel gesprochen. Er hat
mich eingeladen, ihn zu besuchen, und ich habe vor, dies bei der ersten Gelegenheit zu tun. Er lebt
in einer der Jagdhütten, die von hier aus in anderthalb Stunden zu Fuß erreichbar sind und die er
nach dem Verlust seiner Frau bewohnen durfte, da es für ihn so schmerzhaft ist, zu wohnen in der
Stadt und am Hof.

Es sind mir auch einige andere Originale fragwürdiger Art in den Weg gekommen, die in jeder
Hinsicht unerwünscht und in ihrer Demonstration der Freundschaft am unerträglichsten sind. Auf
Wiedersehen! Dieser Brief wird dir gefallen: Er ist ziemlich historisch.

22. MAI 1998

Dass das Leben des Menschen nur ein Traum ist, haben viele Menschen bisher vermutet; und auch
ich werde überall von diesem Gefühl verfolgt. Wenn ich die engen Grenzen betrachte, innerhalb
derer unsere aktiven und forschenden Fähigkeiten begrenzt sind; wenn ich sehe, wie all unsere
Energien verschwendet werden, um für bloße Notwendigkeiten zu sorgen, die wiederum kein
anderes Ende haben, als eine elende Existenz zu verlängern; und dann, dass all unsere Befriedigung
über bestimmte Untersuchungsthemen in nichts Besserem als einem passiven Rücktritt endet,
während wir uns amüsieren, unsere Gefängnismauern mit hellen Figuren und brillanten
Landschaften zu streichen - wenn ich das alles betrachte, Mark, schweige ich. Ich untersuche mein
eigenes Wesen und finde dort eine Welt, aber eine Welt, die eher von Vorstellungskraft und
schwachen Wünschen als von Unterscheidbarkeit und lebendiger Kraft geprägt ist.

Alle gelehrten Professoren und Doktoren sind sich einig, dass Kinder die Ursache ihrer Wünsche
nicht verstehen; aber dass Erwachsene wie Kinder über diese Erde wandern sollten, ohne zu wissen,
woher sie kommen oder wohin sie gehen, so wenig beeinflusst von festen Motiven, aber wie sie von
Keksen, Zuckerpflaumen und Schokolade geführt - das ist es, was niemand anzuerkennen bereit ist;
und doch denke ich, dass es greifbar ist.

Ich weiß, was du als Antwort sagen wirst, denn ich bin bereit zuzugeben, dass die am glücklichsten
sind, die sich wie Kinder mit ihren Spielsachen amüsieren, ihre Puppen an- und ausziehen und
aufmerksam den Schrank beobachten, in dem Mama ihre Süßigkeiten eingesperrt hat, und wenn sie
es endlich bekommen ein köstliches Stückchen, essen sie es gierig und rufen aus: „Mehr!“ Dies sind
sicherlich glückliche Wesen; aber andere sind auch Objekte des Neides, die ihre dürftigen
Beschäftigungen und manchmal sogar ihre Leidenschaften mit pompösen Titeln würdigen und sie
der Menschheit als gigantische Errungenschaften darstellen, die für ihr Wohlergehen und ihren
Ruhm erbracht werden. Aber der Mann, der demütig die Eitelkeit all dessen anerkennt, der
beobachtet, mit welcher Freude der blühende Bürger seinen kleinen Garten in ein Paradies
verwandelt, und wie geduldig auch der arme Mann seinen müden Weg unter seiner Last verfolgt
und wie alle gleichermaßen das Licht der Sonne ein wenig länger sehen wollen - ja, ein solcher
Mann ist in Frieden und erschafft seine eigene Welt in sich selbst; und er ist auch glücklich, weil er
ein Mensch ist. Und dann, so begrenzt seine Sphäre auch sein mag, bewahrt er immer noch das süße
Gefühl der Freiheit in seinem Herzen und weiß, dass er sein Gefängnis verlassen kann, wann immer
er will...

26. MAI 1998

Du kennst meine alten Möglichkeiten, sich irgendwo niederzulassen, ein kleines Häuschen an
einem gemütlichen Ort auszuwählen und es mit allen Unannehmlichkeiten in Kauf zu nehmen.
Auch hier habe ich einen so gemütlichen Ort entdeckt, der für mich einen besonderen Reiz besitzt.

Etwa ein Kilometer von der Stadt entfernt liegt ein Ort namens Oldenburg. Er liegt herrlich auf der
Seite eines Hügels; und wenn du auf einem der Fußwege gehst, die aus dem Dorf herausführen,
kannst du einen Blick auf das ganze Tal haben. Dort lebt eine gute alte Frau, die ein kleines
Gasthaus unterhält. Sie verkauft Wein, Bier und Kaffee und ist trotz ihres Alters fröhlich und
angenehm. Der Hauptcharme dieses Ortes besteht in zwei Kastanienbäumen, die ihre riesigen Äste
über das kleine Grün vor der Kirche verteilen, die vollständig von Bauernhäusern, Scheunen und
Gehöften umgeben ist. Ich habe selten einen Ort gesehen, der so zurückgezogen und friedlich ist.
Und dort werden oft mein Tisch und mein Stuhl aus dem kleinen Gasthaus herausgebracht und dort
mein Kaffee getrunken und mein Homer gelesen. Der Zufall brachte mich eines schönen
Nachmittags an den Ort, und ich fand ihn vollkommen verlassen. Alle waren auf den Feldern, bis
auf einen kleinen Knaben von ungefähr vier Jahren, der auf dem Boden saß und ein etwa sechs
Monate altes Kind zwischen den Knien hielt. Er drückte es mit beiden Armen an seine Brust, was
eine Art Sessel bildete; und trotz der Lebendigkeit, die in seinen blauen Augen funkelte, blieb es
vollkommen still. Der Anblick bezauberte mich. Ich setzte mich auf einen Pflug gegenüber und
skizzierte mit großer Freude dieses kleine Bild brüderlicher Zärtlichkeit. Ich fügte die benachbarte
Hecke, das Scheunentor und einige kaputte Wagenräder hinzu, gerade wie sie zufällig da lagen; und
ich fand in ungefähr einer Stunde heraus, dass ich eine sehr korrekte und interessante Zeichnung
gemacht hatte, ohne das geringste von mir selbst einzubringen. Dies bestätigte mich in meinem
Entschluss, für die Zukunft ganz an der Natur festzuhalten. Sie allein ist unerschöpflich und in der
Lage, die größten Meister zu bilden. Es kann viel für Regeln behauptet werden, ebenso viel für die
Gesetze der Gesellschaft: Ein von ihnen gebildeter Künstler wird niemals etwas absolut Schlechtes
oder Ekelhaftes hervorbringen; als ein Mann, der die Gesetze beachtet und dem Anstand gehorcht,
kann er niemals ein absolut unerträglicher Nachbar oder ein entschiedener Bösewicht sein. Aber du
sage, was du willst, von den Regeln, sie zerstören das echte Gefühl der Natur sowie ihren wahren
Ausdruck. Sag mir nicht „dass das zu schwer ist, dass sie nur überflüssige Zweige zurückhalten und
beschneiden“. Meine guter Freund, ich werde dies durch eine Analogie veranschaulichen. Diese
Dinge ähneln der Liebe. Ein warmherziger Jugendlicher wird stark an ein Mädchen gebunden: Er
verbringt jede Stunde des Tages in ihrer Gesellschaft. Zermürbt seine Gesundheit und verschwendet
sein Vermögen, um fortwährend zu beweisen, dass er sich ganz ihr widmet. Dann kommt ein Mann
von Welt, ein Mann von Amt und Ansehen, und spricht ihn so an: „Mein guter junger Freund, Liebe
ist natürlich; aber du musst in Grenzen lieben. Teile deine Zeit auf: widme einen Teil dem Beruf und
gib deiner Geliebten die Stunden der Erholung. Berechne dein Vermögen; und aus dem Überfluss
heraus kannst du ihr ein Geschenk machen, nur nicht zu oft - an ihrem Geburtstag und zu solchen
Gelegenheiten.“ Wenn er diesen Rat befolgt, kann er ein nützliches Mitglied der Gesellschaft
werden, und ich sollte jedem Herren raten, ihm ein Amt zu geben. Aber es tötet seine Liebe und sein
Genie, wenn er Künstler ist. O mein Freund! Warum bricht der Strom des Genies so selten hervor,
rollt so selten im vollen Strom und überwältigt deine verblüffte Seele? Denn zu beiden Seiten dieses
Baches haben kalte und angesehene Personen ihren Wohnsitz bezogen, und außerdem würden ihre
Sommerhäuser und Tulpenbeete unter dem Strom leiden; deshalb graben sie Gräben und heben
Böschungen zwischenzeitlich an, um die drohende Gefahr abzuwenden.

27. MAI 1998

Ich finde, ich bin in Verzückung, Deklamation und Gleichnisse gefallen und habe infolgedessen
vergessen, dir zu erzählen, was aus den Kindern geworden ist. In meine künstlerischen
Überlegungen vertieft, die ich in meinem gestrigen Brief kurz beschrieben habe, saß ich zwei
Stunden lang auf dem Pflug. Gegen Abend kam eine junge Frau mit einem Korb auf dem Arm auf
die Kinder zugerannt, die sich die ganze Zeit nicht bewegt hatten. Sie rief aus der Ferne aus: „Du
bist ein guter Junge, Juri!“ Sie begrüßte mich: Ich gab es zurück, stand auf und näherte mich ihr. Ich
fragte, ob sie die Mutter dieser hübschen Kinder sei. „Ja“, sagte sie; und als sie dem Ältesten ein
Stück Brot gab, nahm sie den Kleinen in die Arme und küsste es mit der Zärtlichkeit einer Mutter.
„Ich habe mein Kind in Juris Obhut gelassen“, und dass ihr Mann für etwas Geld, das ihm ein
Verwandter hinterlassen hatte, auf eine Reise in die Schweiz gegangen war. „Sie wollten ihn
betrügen“, sagte sie, „und wollten seine Briefe nicht beantworten; also ist er selbst dorthin
gegangen. Ich hoffe, er hat keinen Unfall gehabt, da ich seit seiner Abreise nichts von ihm gehört
habe.“ Mit Bedauern verließ ich die Frau und gab jedem der Kinder ein Geldstück, einen
zusätzlichen für den Jüngsten, um etwas weißes Brot für ihn zu kaufen, wenn sie das nächste Mal in
die Stadt ging. Und so trennten wir uns. Ich versichere dir, mein lieber Freund, wenn meine
Gedanken alle in Aufruhr sind, beruhigt der Anblick eines solchen Geschöpfs meinen verstörten
Geist. Sie bewegt sich in einer glücklichen Gedankenlosigkeit innerhalb des engen Kreises ihrer
Existenz; sie besorgt ihre Bedürfnisse von Tag zu Tag; und wenn sie die Blätter fallen sieht, denkt
sie nicht mehr darüber nach, als dass der Winter näher rückt. Seitdem bin ich oft dort
hinausgegangen. Die Kinder sind mit mir ziemlich vertraut geworden; und jedes bekommt eine
Zuckerware, wenn ich meinen Kaffee trinke, und sie teilen abends meine Kakao, mein Brot und
meinen Käse. Sie erhalten ihr Geldstück immer sonntags, denn die gute Frau hat den Befehl, ihn
ihnen zu geben, wenn ich nach der Abendmesse nicht dorthin gehe. Sie sind ganz zu Hause bei mir,
erzählen mir alles; und ich bin besonders amüsiert darüber, ihre Gemüter und die Einfachheit ihres
Verhaltens zu beobachten, wenn einige der anderen Dorfkinder mit ihnen versammelt sind.

Es hat mir viel Mühe gemacht, die Angst der Mutter zu befriedigen, dass (wie sie sagt) „sie dem
guten Mann keine Unannehmlichkeiten bereiten“.

30. MAI 1998

Was ich kürzlich über Malerei gesagt habe, gilt auch für die Poesie. Wir müssen nur wissen, was
wirklich hervorragend ist, und es wagen, es zum Ausdruck zu bringen. und das sagt viel in wenigen
Worten. Heute hatte ich eine Szene, die, wenn sie buchstäblich benutzt wäre, die schönste Idylle der
Welt wäre. Aber warum sollte ich von Gedichten, Szenen und Idyllen sprechen? Können wir
niemals Freude an der Natur haben, ohne auf Kunst zurückzugreifen?

Wenn du von dieser Einführung etwas Großartiges oder Großartiges erwartest, wirst du dich leider
irren. Es handelt sich lediglich um einen Bauernjungen, der das wärmste Interesse in mir geweckt
hat. Wie immer werde ich meine Geschichte schlecht erzählen; und du wirst mich wie immer für
extravagant halten. Es ist wieder Oldenburg - immer Oldenburg -, das diese wunderbaren
Phänomene hervorbringt.

Vor dem Haus hatte sich unter den Kastanienbäumen eine Gruppe versammelt, um Kaffee zu
trinken. Die Firma hat mir nicht gerade gefallen; und unter dem einen oder anderen Vorwand blieb
ich zurück.

Ein Bauer kam aus einem angrenzenden Haus und machte sich an die Arbeit, um einen Teil
desselben Pfluges zu arrangieren, den ich kürzlich skizziert hatte. Sein Aussehen gefiel mir; und ich
sprach mit ihm, erkundigte mich nach seinen Umständen, machte seine Bekanntschaft und wurde,
wie ich es bei Personen dieser Klasse gewohnt bin, bald in sein Vertrauen aufgenommen. Er sagte,
er stehe im Dienst einer jungen Witwe, die großen Wert auf ihn legte. Er sprach so viel von seiner
Geliebten und lobte sie so extravagant, dass ich bald sehen konnte, dass er verzweifelt in sie verliebt
war. „Sie ist nicht mehr jung“, sagte er, „und sie wurde von ihrem ehemaligen Ehemann so schlecht
behandelt, dass sie nicht vorhat, wieder zu heiraten.“ Aus seinem Bericht ging hervor, welche
unvergleichlichen Reize sie für ihn besaß und wie leidenschaftlich er wünschte, sie würde ihn
erwählen, die Erinnerung an das Fehlverhalten ihres ersten Mannes auszulöschen, dass ich seine
eigenen Worte wiederholen müsste, um die Tiefe der Anhänglichkeit, Wahrheit und Hingabe des
armen Mannes zu beschreiben. Es würde in der Tat die Gaben eines großen Dichters erfordern, um
den Ausdruck seiner Züge, die Harmonie seiner Stimme und das himmlische Feuer seiner Augen zu
vermitteln. Keine Worte können die Zärtlichkeit jeder seiner Bewegungen und Merkmale darstellen:
Keine meiner Bemühungen könnte der Szene gerecht werden. Seine Aufregung, dass ich seine
Position in Bezug auf seine Geliebte falsch einschätzen oder die Angemessenheit ihres Verhaltens in
Frage stellen könnte, berührte mich besonders. Die charmante Art und Weise, mit der er ihre Form
und Person beschrieb, die, ohne die Grazien der Jugend zu besitzen, ihn gewann und ihn an sie
band, ist unaussprechlich und muss der Phantasie überlassen werden. Ich habe noch nie in meinem
Leben die Möglichkeit einer so intensiven Hingabe, solch leidenschaftlicher Zuneigung, verbunden
mit so viel Reinheit, gesehen oder mir vorgestellt oder gedacht. Beschuldige mich nicht, wenn ich
sage, dass die Erinnerung an diese Unschuld und Wahrheit meine Seele tief beeindruckt; dass dieses
Bild von Treue und Zärtlichkeit mich überall verfolgt; und dass mein eigenes Herz, als ob es von
der Flamme entzündet wird, in mir leuchtet und brennt.

Ich will jetzt versuchen, sie zu sehen, sobald ich kann: oder vielleicht, nach meinem zweiten
Gedanken, sollte ich es besser nicht tun; es ist besser, ich könnte sie mit den Augen ihres Geliebten
sehen. Für mich würde sie vielleicht nicht so erscheinen, wie sie jetzt im Geiste vor mir steht; und
warum sollte ich ein so süßes Bild zerstören?

16. JUNI 1998

Warum schreibe ich dir nicht? Du erhebst Anspruch auf Gelehrsamkeit und stellst eine solche Frage.
Du hättest erraten sollen, dass es mir gut geht - das heißt - mit einem Wort, ich habe eine
Bekanntschaft gemacht, die mein Herz gewonnen hat: Ich habe - ich weiß nicht.

Es wäre eine schwierige Aufgabe, dir regelmäßig zu berichten, wie ich die liebenswürdigste der
Frauen kennengelernt habe. Ich bin ein glücklicher und zufriedener Sterblicher, aber ein armer
Historiker.

Ein Engel! Unsinn! Jeder beschreibt so seine Geliebte; und doch finde ich es unmöglich, dir zu
sagen, wie perfekt sie ist oder warum sie so perfekt ist: es reicht zu sagen, dass sie alle meine Sinne
gefesselt hat.
So viel Einfalt mit so viel Verständnis - so mild und doch so entschlossen - ein so ruhiger Geist und
ein so aktives Leben.

Aber das alles ist hässlicher Quatsch, der weder ein einzelnes Zeichen noch ein Merkmal ausdrückt.
Ein anderes Mal - aber nein, nicht ein anderes Mal, jetzt, in diesem Augenblick, werde ich dir alles
darüber erzählen. Jetzt oder nie. Nun, seit ich meinen Brief angefangen habe, war ich dreimal im
Begriff, meinen Stift niederzuwerfen, meinen Wagen zu bestellen und hinauszufahren. Und doch
habe ich heute Morgen geschworen, heute nicht zu fahren, und doch eile ich jeden Moment zum
Fenster, um zu sehen, wie hoch die Sonne steht.

Ich konnte mich nicht zurückhalten - ich muss zu ihr gehen. Ich bin gerade zurückgekehrt, Mark;
und während ich zu Abend esse, werde ich dir schreiben. Was für eine Freude war es für meine
Seele, sie inmitten ihrer lieben, schönen Knaben zu sehen - fünf Brüder!

Aber wenn ich so vorgehe, wirst du am Ende meines Briefes nicht klüger sein als am Anfang.
Nimm also teil, und ich werde mich zwingen, dir die Details zu geben.

Ich erwähnte dir neulich, dass ich den Bezirksrichter kennengelernt hatte und dass er mich
eingeladen hatte, ihn in seinem Ruhestand oder vielmehr in seinem kleinen Herzogtum zu
besuchen. Aber ich habe es versäumt, hinzugehen, und hätte vielleicht nie gehen sollen, wenn mir
der Zufall nicht den Schatz entdeckt hätte, der an diesem Ort in Ruhe verborgen lag. Einige unserer
jungen Leute hatten vorgeschlagen, auf dem Land, zu dem ich zugestimmt hatte, anwesend zu sein,
eine Feier zu geben. Ich bot meine Hand für den Abend einem hübschen und angenehmen, aber eher
alltäglichen Mädchen aus der unmittelbaren Nachbarschaft an; und es wurde vereinbart, dass ich
einen Wagen mieten und Evi mit meinem Partner und ihrer Tante anbieten sollte, sie zum Fest zu
befördern. Meine Begleiterin informierte mich, als wir durch den Park zum Schloss fuhren, dass ich
eine sehr charmante junge Frau kennenlernen sollte. „Pass auf dich auf“, fügte die Tante hinzu,
„dass du nicht dein Herz verlierst.“ - „Warum?“ fragte ich. „Weil sie bereits mit einem Mann
verlobt ist“, antwortete sie, „der nach dem Tod seines Vaters seine Angelegenheiten regeln wird und
ein sehr beträchtliches Erbe erhalten wird.“ Diese Informationen hatten für mich kein Interesse. Als
wir am Tor ankamen, ging die Sonne hinter den Gipfeln der Bäume unter. Die Atmosphäre war
schwer; und die Frauen drückten ihre Angst vor einem herannahenden Sturm aus, als sich am
Horizont Massen von niedrigen schwarzen Wolken sammelten. Ich linderte ihre Ängste, indem ich
vorgab, wetterkundig zu sein.

Ich stieg aus; und ein Knabe kam zur Tür und bat uns, einen Moment auf seine Liebste zu warten.
Ich ging über den Hof zu einem gut gebauten Haus, stieg die Treppe hinauf, öffnete die Tür und sah
vor mir das bezauberndste Schauspiel, das ich je gesehen hatte. Fünf Knaben im Alter von sechs bis
fünfzehn Jahren rannten durch die Halle und umringten eine mittelgroße Frau mit einer hübschen
Gestalt, gekleidet in ein leichtes weißes Gewand, das mit rosa Blumen bestickt war. Sie hielt ein
Dinkelbrot in der Hand und schnitt den Knaben ringsum Scheiben, je nach Alter und Appetit. Sie
erfüllte ihre Aufgabe auf anmutige und liebevolle Weise; jeder Antragsteller wartet mit
ausgestreckten Händen darauf, an die Reihe zu kommen, und ruft lautstark seinen Dank. Einige von
ihnen rannten sofort weg, um ihr Abendessen zu genießen; während andere, die sanfter eingestellt
waren, sich in den Hof zurückzogen, um die Fremden zu sehen und den Wagen zu betrachten, in
dem ihre Evi wegfahren sollte. „Bitte, verzeihe mir, dass ich dir die Mühe gemacht habe, für mich
zu kommen, und dass ich die Frauen warten ließ. Aber das Anziehen und die Organisation einiger
Haushaltsaufgaben, bevor ich gehe, hatte mich das Abendessen meiner Kinder vergessen lassen;
und sie nehmen es nicht gern von jemandem außer mir.“ Ich machte ein gleichgültiges Kompliment:
aber meine ganze Seele war von ihrer Aura, ihrer Stimme, ihrer Art absorbiert; und ich hatte mich
kaum erholt, als sie in ihr Zimmer lief, um ihre Handschuhe und ihren Fächer zu holen. Die Knaben
warfen mir aus der Ferne fragende Blicke zu; während ich mich dem jüngsten näherte, einem sehr
leckeren kleinen Geschöpf. Er zog sich zurück; und Evi, die gerade eintrat, sagte: „Tom, gib deinem
Onkel die Hand.“ Der kleine Kerl gehorchte bereitwillig; und ich konnte nicht widerstehen, ihm
einen herzlichen Kuss zu geben, trotz seines ziemlich schmutzigen Gesichts. „Onkel“, sagte ich zu
Evi, als ich sie weiterführte, „glaubst du, ich verdiene das Glück, mit dir verwandt zu sein?“ Sie
antwortete mit einem bereiten Lächeln: „Oh! Es gibt viele Onkel, dass es mir leid tun würde, wenn
du der letzte von ihnen wärst.“ Als sie sich verabschiedete, bat sie ihre nächste Schwester, Christine,
ein Mädchen von ungefähr elf Jahren, sich sehr um die Kinder zu kümmern und sich von Papa an
ihrer Stelle zu verabschieden, wenn er von seiner Fahrt nach Hause käme. Sie forderte die Kknaben
auf, ihrer Schwester Christine wie ihr selbst zu gehorchen, worauf einige versprachen, dass sie es
tun würden; aber ein kleiner blonder Knabe, ungefähr sechs Jahre alt, sah unzufrieden aus und
sagte: „Aber Christine, das bist nicht du, Evi; und wir mögen dich am liebsten.“ Die beiden ältesten
Jungen waren auf den Wagen geklettert; und auf meine Bitte hin erlaubte sie ihnen, uns ein Stück
durch den Wald zu begleiten, nachdem sie versprochen hatten, sehr still zu sitzen und sich
festzuhalten.

Wir saßen kaum, und die Frauen hatten kaum Komplimente ausgetauscht und die üblichen
Bemerkungen über das Kleid der anderen und über die Gesellschaft gemacht, die sie erwarteten, als
Evi den Wagen anhielt und ihre Knaben aussteigen ließ. Sie bestanden darauf, ihr die Hand noch
einmal zu küssen; was der Älteste mit der Zärtlichkeit eines fünfzehnjährigen Jugendlichen tat, der
andere jedoch leichter und nachlässiger. Sie wollte, dass sie den Knaben ihre Liebe weitergäben,
und wir fuhren los.

Die Tante fragte Evi, ob sie das Buch zuende gelesen habe, das sie ihr zuletzt geschickt hatte.
„Nein“, sagte Evi; „es hat mir nicht gefallen: du kannst es wieder haben. Und das vorherige war
nicht viel besser.“ Ich war überrascht, als ich nach dem Autor fragte, dass es Brecht war.

Ich fand Durchdringung und Charakter in allem, was sie sagte: Jeder Ausdruck schien ihre
Gesichtszüge mit neuen Reizen aufzuhellen - mit neuen Strahlen des Genies -, die sich allmählich
entfalteten, wenn sie sich verstanden fühlte.

„Als ich jünger war“, bemerkte sie, „liebte ich nichts so sehr wie die Romantik. Nichts konnte
meiner Freude entsprechen, wenn ich mich in einem Urlaub ruhig in einer Ecke niederlassen und
mit ganzem Herzen und ganzer Seele in die Freuden oder Leiden einer fiktiven Diotima eintreten
konnte. Ich leugne nicht, dass sie noch einige Reize für mich besitzt. Aber ich lese so selten, dass
ich Bücher bevorzuge, die genau meinem Geschmack entsprechen. Und ich mag die Autoren am
liebsten, deren Szenen meine eigene Situation beschreiben: Das Leben - und die Freunde, die um
mich sind, deren Geschichten mich interessieren, weil sie meiner eigenen Existenz ähneln -, die,
ohne absolut paradiesisch zu sein, im Großen und Ganzen eine Quelle unbeschreiblichen Glücks
sind.“

Ich bemühte mich, die Emotionen zu verbergen, die diese Worte hervorriefen, aber es war von
geringem Nutzen; denn als sie so wahrhaftig ihre Meinung über „den Eremiten in Griechenland“
und andere Werke geäußert hatte, deren Namen ich weglasse, konnte ich mich nicht länger
zurückhalten, sondern äußerte mich voll und ganz zu dem, was ich darüber dachte: und erst als Evi
sich an die beiden anderen Frauen gewandt hatte, erinnerte ich mich an ihre Anwesenheit und
beobachtete sie stumm vor Erstaunen. Die Tante sah mich mehrmals mit einem Hauch von Scherz
an, was mir jedoch überhaupt nichts ausmachte.

Wir sprachen über die Freuden des Tanzens. „Wenn es ein Fehler ist, den Tanz zu lieben“, sagte Evi,
„bin ich bereit zu gestehen, dass ich ihn über alle anderen Vergnügungen schätze. Wenn mich etwas
stört, gehe ich zum Klavier, spiele eine Melodie, zu der ich getanzt habe, und alles geht direkt
wieder richtig.“
Du, der mich kennt, kannst dir vorstellen, wie standhaft ich während dieser Bemerkungen auf ihre
blauen Augen blickte, wie meine Seele sich über ihre warmen Lippen und frischen, leuchtenden
Wangen freute, wie ich mich in der entzückenden Bedeutung ihrer Worte ziemlich verlor, so sehr,
dass ich die tatsächlichen Ausdrücke kaum hörte. Kurz gesagt, ich stieg wie eine Person in einem
Traum aus dem Wagen und war so verloren für die trübe Welt um mich herum, dass ich kaum die
Musik hörte, die aus dem beleuchteten Festsaal hallte.

Die beiden Herren (ich kann mich nicht mit den Namen herumschlagen), die die Partner von Tante
und Evi waren, empfingen uns an der Wagentür und nahmen ihre Frauen in Empfang, während ich
mit meinem Mädchen folgte.

Wir begannen zu tanzen. Ich tanzte mit einer Frau nach der andere, und genau diejenigen, die am
unangenehmsten waren, konnten sich nicht dazu bringen, aufzuhören. Evi und ihr Partner begannen
einen amerikanischen Tanz, und du musst dir meine Freude vorstellen, als sie an der Reihe war, mit
mir zu tanzen. Du solltest Evi tanzen sehen. Sie tanzt mit ganzem Herzen und ganzer Seele: Ihre
Figur ist ganz Harmonie, Eleganz und Anmut, als ob sie sich nichts anderes bewusst wäre und
keinen anderen Gedanken oder ein anderes Gefühl hätte; und zweifellos ist für den Moment jede
andere Empfindung ausgestorben.

Sie war für den zweiten Tanz verabredet, versprach mir aber den dritten und versicherte mir mit der
angenehmsten Freiheit, dass sie sehr gerne tanzt. „Es ist hier Brauch“, sagte sie, „dass die
vorherigen Partner zusammen tanzen; aber mein Partner ist ein gleichgültiger Tänzer und wird sich
freuen, wenn ich ihm die Mühe erspare. Deine Partnerin kann nicht tanzen, und zwar ist sie eben
unfähig: aber ich habe während des Tanzes beobachtet, dass du gut tanzt; wenn du also mit mir
tanzen willst, bitte ich dich, es meinem Partner vorzuschlagen, und ich werde es deiner
vorschlagen.“ Wir waren uns einig, und es wurde vereinbart, dass sich unsere Partner gegenseitig
unterhalten sollten...

Wir machten uns auf den Weg und freuten uns zunächst über die üblichen anmutigen Bewegungen
der Arme. Mit welcher Anmut, mit welcher Leichtigkeit bewegte sie sich! Als der Tanz begann und
die Tänzer im schwindelerregenden Labyrinth umeinander wirbelten, gab es einige Verwirrung, da
einige der Tänzer nicht in der Lage waren. Wir blieben vernünftigerweise still und erlaubten den
anderen, sich selbst zu ermüden; und als sich die ungeschickten Tänzer zurückgezogen hatten,
machten wir mit und machten es zusammen mit einem anderen Paar. Nie habe ich leichter getanzt.
Ich fühlte mich mehr als sterblich, hielt diese schönste Kreatur in meinen Armen und flog mit ihr so
schnell wie der Wind, bis ich jedes andere Objekt aus den Augen verlor. Und, o Mark, ich schwor in
diesem Moment, dass sie die Jungfrau war, die ich liebte...

Wir drehten uns ein paar Mal im Raum um, um wieder zu Atem zu kommen. Evi setzte sich und
fühlte sich erfrischt, als sie einige Orangen aß, die ich mir gesichert hatte - die einzigen, die noch
übrig waren; aber bei jedem Stück, das sie aus Höflichkeit ihren Nachbarn anbot, fühlte ich mich,
als würde ein Dolch durch mein Herz gehen.

Wir waren das zweite Paar im dritten Tanz. Als wir hinuntergingen (und der Himmel weiß, mit
welcher Ekstase ich auf ihre Arme und Augen blickte und mit dem süßesten Gefühl reinen und
echten Genusses strahlte), kamen wir an einer Frau vorbei, die ich für ihren charmanten
Gesichtsausdruck bewunderte, obwohl sie nicht mehr jung war. Sie sah Evi mit einem Lächeln an,
dann hielt sie ihren Finger in einer bedrohlichen Haltung hoch und wiederholte zweimal in einem
sehr bedeutungsvollen Ton den Namen „Jörg“.
„Wer ist Jörg?“ fragte ich Evi, „wenn es nicht unverschämt ist zu fragen.“ Sie wollte gerade
antworten, als wir uns trennen mussten, um eine Figur im Tanz auszuführen; und als wir uns wieder
trafen, bemerkte ich, dass sie etwas nachdenklich aussah. „Warum soll ich es vor dir verbergen?“
sagte sie, als sie mir ihre Hand für den Spaziergang gab. „Jörg ist der Mann, mit dem ich verlobt
bin.“ Nun, das war nichts Neues für mich (denn die Mädchen hatten mir unterwegs davon erzählt);
aber es war so neu, dass ich im Zusammenhang mit ihr, von der ich in so kurzer Zeit gelernt hatte,
sie so hoch zu schätzen, nicht daran gedacht hatte. Genug, ich wurde verwirrt, stieg aus dem Tanz
aus und verursachte allgemeine Verwirrung; so dass Evi alle Kraft benötigte, die Ordnung wieder
herzustellen.

Der Tanz war noch nicht beendet, als der Blitz, der seit einiger Zeit am Horizont zu sehen war und
von dem ich behauptet hatte, er gehe ganz aus der Hitze hervor, heftiger wurde; und der Donner war
über der Musik zu hören. Wenn uns eine Not oder ein Schrecken inmitten unserer Vergnügungen
überrascht, macht sie natürlich einen tieferen Eindruck als zu anderen Zeiten, entweder weil der
Kontrast uns anfälliger macht oder weil unsere Sinne dann offener für Eindrücke sind, und der
Schock ist folglich stärker. Diesem Grund muss ich den Schreck und die Rufe der Frauen
zuschreiben. Eine setzte sich scharfsinnig mit dem Rücken zum Fenster in eine Ecke und hielt die
Finger an die Ohren; eine zweite kniete vor ihr nieder und versteckte ihr Gesicht in ihrem Schoß;
eine dritte warf sich zwischen sie, und umarmte ihre Schwestern mit tausend Tränen; einige
bestanden darauf, nach Hause zu gehen; andere, die sich ihrer Handlungen nicht bewusst waren,
hatten eine ausreichende Geistesgegenwart, um die Zumutung ihrer jungen Partner zu unterdrücken,
die versuchten, die Seufzer, die die Lippen unserer aufgeregten Schönheiten für den Himmel hatten,
auf sich zu lenken. Einige der Männer waren die Treppe hinuntergegangen, um eine Zigarette zu
rauchen, und der Rest der Gesellschaft nahm gerne einen glücklichen Vorschlag der Gastgeberin an,
sich in einen anderen Raum zurückzuziehen, der mit Fensterläden und Vorhängen versehen war. Wir
waren kaum dort angekommen, als Evi die Stühle in einen Kreis stellte; und als sich der Verein in
Übereinstimmung mit ihrer Bitte hingesetzt hatte, schlug sie sofort ein Spiel vor.

Ich bemerkte, dass einige der Leute ihren Mund vorbereiteten und sich in der Aussicht auf einen
angenehmen Verlust aufstellten. „Lasst uns beim Zählen spielen“, sagte Evi. „Jetzt passt auf: Ich
werde den Kreis von rechts nach links umrunden; und jeder Mensch soll nacheinander die Zahl
zählen, die zu ihm kommt, und muss schnell zählen; wer aufhört oder Fehler macht, soll eine
Ohrfeige bekommen, und so weiter, bis wir tausend gezählt haben.“ Es war herrlich, den Spaß zu
sehen. Sie ging mit erhobenem Arm um den Kreis. „Eins“, sagte der erste; „zwei“ der zweite; „drei“
der dritte, und so weiter, bis Evi immer schneller wurde. Man machte einen Fehler, sofort gab es
eine Ohrfeige; und inmitten des Lachens, das folgte, kam eine andere Ohrfeige; und so weiter,
schneller und schneller. Ich selbst bekam zwei. Ich stellte mir vor, sie wären härter als die anderen
und fühlte mich ziemlich erfreut. Ein allgemeines Lachen und Verwirrung beendeten das Spiel,
lange bevor wir bis tausend gezählt hatten. Die Party löste sich in kleine getrennte Knäuel auf: Der
Sturm hatte aufgehört, und ich folgte Evi in den Tanzsaal. Unterwegs sagte sie: „Das Spiel hat ihre
Angst vor dem Gewitter verbannt.“ Ich konnte keine Antwort geben. „Ich selbst“, fuhr sie fort, „war
genauso verängstigt wie jeder von ihnen; aber indem ich den Mut beeinflusste, die Stimmung der
anderen aufrechtzuerhalten, vergaß ich meine Befürchtungen.“ Wir gingen zum Fenster. In einiger
Entfernung donnerte es immer noch: Ein sanfter Regen strömte über das Land und erfüllte die Luft
um uns herum mit köstlichen Gerüchen. Evi beugte sich auf ihrem Arm vor; ihre Augen wanderten
über die Szene; sie hob sie zum Himmel und wandte sie dann auf mich; sie waren mit Tränen
angefeuchtet; sie legte ihre Hand auf meine und sagte: „Goethe...“ Sofort erinnerte ich mich an die
großartige Szene, die in ihren Gedanken war: Ich fühlte mich vom Gewicht meiner Empfindungen
unterdrückt und sank unter. Es war mehr als ich ertragen konnte. Ich beugte mich über ihre Hand,
küsste sie in einem Strom köstlicher Tränen und sah wieder zu ihren Augen auf. Göttlicher Goethe!
Warum hast du deine Apotheose nicht in diesen Augen gesehen? Und dein Name wurde so oft
entweiht, dass ich ihn nie so schön wiederholt hörte!
19. JUNI 1998

Ich erinnere mich nicht mehr, wo ich in meiner Erzählung aufgehört habe: Ich weiß nur, dass es
zwei Uhr morgens war, als ich ins Bett ging; und wenn du bei mir gewesen wärst, damit ich hätte
reden können, anstatt dir zu schreiben, hätte ich dich höchstwahrscheinlich bis zum Tagesanbruch
wach halten können.

Ich glaube, ich habe noch nicht erzählt, was passiert ist, als wir vom Fest nach Hause gefahren sind,
und ich habe auch keine Zeit, es dir jetzt zu sagen. Es war ein großartiger Sonnenaufgang: Das
ganze Land war erfrischt, und der Regen fiel Tropfen für Tropfen von den Bäumen im Wald. Unsere
Gefährten schliefen. Evi fragte mich, ob ich nicht auch schlafen wolle, und bat mich, für sie keine
Zeremonie abzuhalten. Ich sah sie standhaft an und antwortete: „Solange ich diese deine Augen
offen sehe, gibt es keine Sorge dass ich einschlafe.“ Wir waren beide wach, bis wir ihre Tür
erreichten. Das Mädchen öffnete es leise und versicherte ihr als Antwort auf ihre Anfragen, dass es
ihrem Vater und den Kindern gut gehe und sie immer noch schlafen. Ich verließ sie und bat um
Erlaubnis, sie im Laufe des Tages besuchen zu dürfen. Sie stimmte zu, und ich ging. Und seit dieser
Zeit können Sonne, Mond und Sterne ihren Kurs verfolgen: Ich weiß nicht, ob es Tag oder Nacht
ist; die ganze Welt ist nichts für mich.

21. JUNI 1998

Meine Tage sind so glücklich wie die, die Gott seinen Auserwählten vorbehalten hat. Und was auch
immer mein Schicksal danach sein mag, ich kann niemals sagen, dass ich keine Freude geschmeckt
habe - die reinste Lebensfreude. Du kennst Oldenburg. Ich bin jetzt vollständig dort angesiedelt. An
dieser Stelle bin ich nur einen Kilometer von Evi entfernt; und dort amüsiere ich mich und
schmecke all die Lust, das dem Los des Menschen zufallen kann.

Als ich Oldenburg für meine Ausflüge auswählte, konnte ich mir kaum vorstellen, dass der ganze
Himmel so nahe daran lag. Wie oft habe ich auf meinen Spazierfahrten vom Hang oder von den
Wiesen über den Fluss dieses Schloss gesehen, das jetzt die ganze Freude meines Herzens in sich
trägt!

Ich habe oft, mein lieber Mark, über den Eifer nachgedacht, den Männer verspüren, umherzureisen
und neue Entdeckungen zu machen, und über diesen geheimen Impuls, der sie danach dazu
veranlasst, in ihren engen Kreis zurückzukehren, sich an die Gesetze der Moral zu halten und sich
nicht mehr in Verlegenheit zu bringen mit dem, was um sie herum vorgeht.

Es ist so seltsam, wie ich mich, als ich zuerst hierher kam und vom Hang aus auf dieses schöne Tal
blickte, von der gesamten Szene, die mich umgab, entzückt fühlte. Das kleine Gehölz gegenüber -
wie herrlich, im Schatten zu sitzen! Wie schön die Aussicht von diesem Hügel! Dann diese
herrlichen Hügel und die exquisiten Täler zu ihren Füßen! Könnte ich nur wandern und mich in
ihnen verlieren! Ich ging und kehrte zurück, ohne zu finden, was ich wollte. Entfernung, mein
Freund, ist wie Zukunft. Eine trübe Weite breitet sich vor unseren Seelen aus: Die Wahrnehmungen
unseres Geistes sind so dunkel wie die unserer Visionen; und wir möchten ernsthaft unser ganzes
Wesen aufgeben, damit es mit der vollständigen und vollkommenen Glückseligkeit einer herrlichen
Emotion erfüllt wird. Aber leider! wenn wir unser Ziel erreicht haben, ist es enttäuschend...

So keucht der unruhige Reisende nach seiner Heimat und findet in seiner eigenen Hütte, in den
Armen seiner Ehefrau, in den Zuneigungen seiner Kinder und in der Arbeit, die für ihre
Unterstützung notwendig ist, das Glück, das er vergeblich gesucht hatte in der weiten Welt.
Wenn ich morgens bei Sonnenaufgang nach Oldenburg gehe und mit meinen eigenen Händen im
Garten die Erbsen sammle, die für mein Abendessen dienen sollen, wenn ich mich hinsetze, um sie
zu schälen, und in den Pausen meinen Homer lese, und dann wähle ich einen Topf aus der Küche
aus, hole meine eigene Butter, lege mein Holz ins Feuer, decke es zu und setze mich, um die Suppe
nach Bedarf umzurühren. Ich stelle mir die berühmten Freier von Penelope vor, die töten, sich
anziehen und ihre eigenen Ochsen und Schweine vorbereiten. Nichts erfüllt mich mit einem
reineren und aufrichtigeren Gefühl des Glücks als jene Merkmale des patriarchalischen Lebens, die
Gott sei Dank ich ohne Beeinträchtigung nachahmen kann. Glücklich ist es in der Tat.

29. JUNI 1998

Vorgestern kam die Ärztin aus der Stadt, um dem Richter einen Besuch abzustatten. Sie fand mich
auf dem Boden, ich spielte mit Evis Kindern. Einige von ihnen krabbelten über mich, andere tobten
mit mir; und als ich sie fing und kitzelte, machten sie ein großes Geschrei. Die Ärztin ist eine
formelle Art von Persönlichkeit: Sie passt ihre Zöpfe ihren Rüschen an und fasst ihre Rüschen
kontinuierlich an, während sie mit dir spricht. Und sie dachte, mein Verhalten sei unter der Würde
eines vernünftigen Mannes. Ich konnte das an ihrem Gesicht erkennen. Aber ich habe mich nicht
stören lassen. Ich erlaubte ihr, ihr weises Gespräch fortzusetzen, während ich die Kartenhäuser der
Kinder für sie so schnell wieder aufbaute, wie sie sie niederwarfen. Danach ging sie durch die Stadt
und beschwerte sich beim Richter.

Ja, mein lieber Mark, nichts auf dieser Erde beeinflusst mein Herz so sehr wie Kinder... Wenn ich
auf ihre Taten schaue; wenn ich in den kleinen Kreaturen die Samen all jener Tugenden und
Eigenschaften bemerke, die sie eines Tages so unverzichtbar finden werden; wenn ich hartnäckig
die ganze zukünftige Festigkeit und Beständigkeit eines edlen Charakters sehe; in der launischen
Art, dieser Leichtfertigkeit und Fröhlichkeit des Temperaments, die sie leicht über die Gefahren und
Schwierigkeiten des Lebens tragen wird, ihre ganze Natur einfach und unbefleckt - dann erinnere
ich mich an die goldenen Worte des Königs der Menschheit, Jesus: „Es sei denn, ihr werdet wie die
Kinder, sonst könnt ihr nicht in das Himmelreich kommen!“ Und jetzt, mein Freund, diese Kinder,
die uns gleichgestellt sind und die wir als unsere Vorbilder betrachten sollten, da behandeln wir sie
so, als wären sie unsere Untertanen. Sie dürfen keinen eigenen Willen haben. Und haben wir denn
selbst keinen? Woher kommt unser exklusives Recht? Liegt es daran, dass wir älter und erfahrener
sind? Großer Gott! Von der Höhe deines Himmels siehst du große und kleine Kinder und keine
anderen. Und dein Sohn Jesus hat längst erklärt, was dir das größte Vergnügen bereitet. Aber sie
glauben an ihn und hören ihn doch nicht - auch das ist eine alte Geschichte; und sie bilden ihre
Kinder nach ihrem eigenen Bild aus.

Adieu, Mark! Ich werde mich von diesem Thema nicht weiter verwirren lassen.

1. JULI 1998

Der Trost, den Evi meinem eigenen Herzen bringt, bringt sie einem Invaliden, der mehr unter ihrer
Abwesenheit leidet als so manche arme Kreatur, die auf einem Krankenbett verweilt. Sie ist weg,
um ein paar Tage in der Stadt mit einer sehr würdigen Frau zu verbringen, die von den Ärzten
aufgegeben wird und Evi in ihren letzten Augenblicken in ihrer Nähe haben möchte. Ich begleitete
sie letzte Woche zu einem Besuch beim Pastor von Rastede, einem kleinen Dorf, ungefähr fünf
Kilometer entfernt. Wir kamen gegen vier Uhr an: Evi hatte ihre kleine Schwester mitgenommen.
Als wir den Pfarrhof betraten, fanden wir den alten Pastoren auf einer Bank vor der Tür im Schatten
zweier großer Walnussbäume. Beim Anblick von Evi schien er neues Leben zu gewinnen, stand auf,
vergaß seinen Stock und wagte es, auf sie zuzugehen. Sie rannte zu ihm und ließ ihn sich wieder
setzen; dann stellte sie sich an seine Seite, gab ihm eine Reihe von Nachrichten von ihrem Vater und
holte dann sein jüngstes Kind, ein schmutziges, kleines Ding, die Freude seines Alters, und küsste
es. Ich wünschte, du hättest ihre Aufmerksamkeit für diesen alten Mann miterleben können - wie sie
ihre Stimme wegen seiner Taubheit erhob; wie sie ihm von gesunden jungen Menschen erzählte, die
zu Grabe getragen worden waren, als es am wenigsten erwartet wurde; lobte die Heilkräfte von Bad
Pyrmont und lobte seine Entschlossenheit, den folgenden Sommer dort zu verbringen; und
versicherte ihm, dass er besser und stärker aussähe als damals, als sie ihn zuletzt sah. In der
Zwischenzeit habe ich auf seine gute Frau Pastor geachtet. Der alte Mann schien ziemlich in guter
Stimmung zu sein; und da ich nicht anders konnte, als die Schönheit der Walnussbäume zu
bewundern, die bildeten einen so angenehmen Schatten über unseren Köpfen, begann er, wenn auch
mit ein wenig Schwierigkeiten, uns ihre Geschichte zu erzählen. „Was den ältesten Baum betrifft“,
sagte er, „wissen wir nicht, wer ihn gepflanzt hat - manche sagen, ein Geistlicher: aber der jüngere,
der hinter uns steht, ist genau das Alter meiner Frau, die nächstes Jahr fünfzig Jahre alt ist, im
November, ihr Vater hat ihn am Morgen gepflanzt, und am Abend ist sie auf die Welt gekommen.
Der Vater meiner Frau war mein Vorgänger hier, und ich kann euch nicht sagen, wie sehr er diesen
Baum liebte, und er ist mir genauso lieb. Im Schatten dieses Baumes saß meine Frau auf einem
Holzklotz und strickte, als ich, ein armer Student, vor siebenundzwanzig Jahren zum ersten Mal in
diesen Pfarrhof kam.“ Evi erkundigte sich nach seiner Tochter. Er sagte, sie sei mit einem Jüngling
auf die Wiesen gegangen und beim Heumachen. Der alte Mann nahm dann seine Geschichte wieder
auf und erzählte uns, wie sein Vorgänger sich für ihn interessiert hatte, ebenso wie seine Tochter;
und wie er zuerst sein Diakon und später sein Nachfolger als Pastor geworden war. Er hatte seine
Geschichte kaum beendet, als seine Tochter in Begleitung des oben genannten Jünglings durch den
Garten zurückkehrte. Sie begrüßte Evi liebevoll, und ich gestehe, dass ich von ihrem Aussehen sehr
angetan war. Sie war eine lebhaft aussehende, gut gelaunte Blondine, die ziemlich kompetent war,
einen für kurze Zeit auf dem Land zu unterhalten. Ihr Liebhaber (was der Jüngling offenbar zu sein
schien) war eine höfliche, zurückhaltende Persönlichkeit und wollte sich trotz allem nicht an
unserem Gespräch beteiligen. Evi bemühte sich, ihn herauszulocken. Ich war sehr verärgert darüber,
dass sein Schweigen nicht aus Mangel an Talent entstand, sondern aus übler Laune und Unmut.
Dies wurde später sehr deutlich, als wir uns auf den Weg machten und Valea sich Evi anschloss, mit
der ich sprach. Das Gesicht des Jünglings, das natürlich ziemlich düster war, wurde so dunkel und
wütend, dass Evi gezwungen war, meinen Arm zu berühren und mich daran zu erinnern, dass ich zu
viel mit Valea geflirtet habe. Nichts beunruhigt mich mehr, als zu sehen, wie Männer sich
gegenseitig quälen; besonders wenn sie in der Blüte ihres Alters, in der Zeit des Vergnügens, ihre
wenigen kurzen Sonnentage in Streitereien verschwenden und ihren Fehler nur dann wahrnehmen,
wenn es zu spät ist, ihn zu reparieren. Dieser Gedanke beschäftigte mich; und am Abend, als wir
zum Pastoren zurückkehrten und mit unserer Buttermilch um den Tisch saßen, drehte sich das
Gespräch um die Freuden und Sorgen der Welt, ich konnte der Versuchung nicht widerstehen, bitter
gegen die schlechte Laune zu schimpfen. „Wir sind geneigt“, sagte ich, „uns zu beschweren, aber
mit sehr geringem Grund, dass unsere glücklichen Tage wenige und unsere bösen Tage viele sind.
Wenn unsere Herzen immer bereit wären, die Vorteile zu empfangen, die der Himmel uns schickt,
sollten wir erwerben die Kraft, das Gute zu unterstützen, wenn es darum geht.“ - „Aber“, bemerkte
die Frau Pastor, „wir können unsere Gemüter nicht immer beherrschen, so viel hängt von der
Konstitution ab: Wenn der Körper leidet, fühlt sich der Geist unwohl.“ - „Ich erkenne das an“, fuhr
ich fort. „Ich würde mich freuen, etwas mehr darüber zu hören“, sagte Evi, „zumindest denke ich,
dass sehr viel von uns selbst abhängt; ich weiß, dass es bei mir so ist. Wenn mich etwas nervt und
mein Temperament stört, eile ich in den Garten, summe ein paar Lieder, und bei mir ist alles in
Ordnung.“ - „Das habe ich gemeint“, antwortete ich, „schlechte Laune ähnelt der Trägheit: Es ist für
uns selbstverständlich; aber wenn wir einmal den Mut haben, uns anzustrengen, geht uns die Arbeit
frisch von den Händen und wir erleben in der Aktivität, wie wir vorher einen echten Genuss
verloren haben.“ Valea hörte sehr aufmerksam zu, und der junge Mann beanstandete, dass wir keine
Meister unserer selbst und noch weniger unserer Gefühle seien. „Die Frage handelt von einem
unangenehmen Gefühl“, fügte ich hinzu, „dem jeder bereitwillig entkommen könnte, aber keiner
kennt seine eigene Macht ohne Prüfung. Invaliden sind froh, Ärzte zu konsultieren und sich dem
gewissenhaftesten Regime, den übelsten Medikamenten zu unterwerfen, um ihre Gesundheit
wiederherzustellen.“ Ich bemerkte, dass der gute alte Pastor seinen Kopf neigte und sich bemühte,
unseren Diskurs zu hören; also erhob ich mich meine Stimme und richtete mich direkt an ihn. „Wir
predigen gegen sehr viele Verbrechen“, bemerkte ich, „aber ich erinnere mich nie an eine Predigt
gegen die schlechte Laune.“ - „Das kann sehr gut für eure Stadtkleriker sein“, sagte er, „Landleute
sind niemals schlecht gelaunt; obwohl es in der Tat gelegentlich nützlich sein könnte, zum Beispiel
für meine Frau und den Richter.“ Wir alle lachten, ebenso wie er, ebenfalls sehr herzlich, bis er in
einen Hustenanfall geriet, der unser Gespräch eine Zeitlang unterbrach. Der Jüngling nahm das
Thema wieder auf. „Du nennst die schlechte Laune ein Verbrechen“, bemerkte er, „aber ich denke,
du verwendest da einen zu starken Begriff.“ - „Überhaupt nicht“, antwortete ich, „wenn das den
Namen verdient, der für uns und unsere Nachbarn so schädlich ist. Ist es nicht genug, dass wir die
Kraft wollen, einander glücklich zu machen, müssen wir uns gegenseitig das Vergnügen rauben, das
wir haben? Können alle für sich selbst sorgen? Zeige mir den Mann, der die Selbstberrschung hat,
seine schlechte Laune zu verbergen, der die ganze Last selbst trägt, ohne den Frieden der Menschen
um ihn herum zu stören. Nein: schlechte Laune entsteht aus einem eigenen inneren Bewusstsein
vom Mangel an Verdienst, von einer Unzufriedenheit, die immer diesen Neid begleitet, den die
dumme Eitelkeit erzeugt. Wir sehen Menschen glücklich, die wir nicht glücklich gemacht haben,
und den Anblick können wir nicht ertragen.“ Evi sah mich mit einem Lächeln an; sie beobachtete
die Emotion, mit der ich sprach: und eine Träne in den Augen von Valea regte mich an,
fortzufahren. „Wehe denen“, sagte ich, „die ihre Macht über ein menschliches Herz einsetzen, um
die einfachsten Freuden zu zerstören, die es natürlich genießen würde! Alle Gefälligkeiten, alle
Aufmerksamkeiten in der Welt können den Verlust dieses Glücks, das eine grausame Tyrannei
zerstört hat, nicht kompensieren.“ Mein Herz war voll, als ich sprach. Eine Erinnerung an viele
Dinge, die geschehen waren, drückte auf meinen Geist und erfüllte meine Augen mit Tränen. „Wir
sollten uns täglich wiederholen“, rief ich aus, „dass wir unsere Freunde nicht stören sollten, sondern
sie im Besitz ihrer eigenen Freuden lassen und ihr Glück steigern, indem wir es mit ihnen teilen!
Aber wenn ihre Seelen von einer gewalttätigen Leidenschaft gequält werden oder ihre Herzen vor
Kummer zerrissen werden, liegt es in deiner Macht, ihnen den geringsten Trost zu gewähren? Und
wenn die letzte tödliche Krankheit das Wesen erfasst, dessen vorzeitiges Grab du vorbereitet hast,
wenn es träge und erschöpft vor dir liegt, die trüben Augen zum Himmel erhoben und die
Feuchtigkeit des Todes auf der blassen Stirn, dann stehe du an dem Sterbebett aals ein verurteilter
Verbrecher mit dem bitteren Gefühl, dass dein ganzes Vermögen den Sterbenden nicht retten
könnte; und der qualvolle Gedanke ringt mit dir, dass alle deine Bemühungen machtlos sind, der
abreisenden Seele auch nur einen Moment Kraft zu verleihen oder sie mit einem vorübergehenden
Trost zu beleben...“

Bei diesen Worten fiel die Erinnerung an eine ähnliche Szene, bei der ich einmal anwesend gewesen
war, mit voller Kraft auf mein Herz. Ich vergrub mein Gesicht in meinem Taschentuch und eilte aus
dem Raum. Nur Evis Stimme erinnerte mich daran, dass es Zeit war, nach Hause zurückzukehren.
Mit welcher Zärtlichkeit schalt sie mich auf dem Weg für das zu eifrige Interesse, das ich an allem
hatte! Sie erklärte, es würde mich verletzen und ich sollte mich schonen. Ja, mein Engel! Ich werde
es für dich tun.

6. JULI 1998

Sie ist immer noch bei ihrer sterbenden Freundin und immer noch dieselbe helle, schöne Kreatur,
deren Anwesenheit den Schmerz lindert und das Glück ergießt, egal in welche Richtung sie sich
wendet. Sie ging gestern mit ihrer kleinen Schwester Christine und dem Knaben Milanaus: Ich
wusste es und ging ihnen entgegen; und wir gingen zusammen. In ungefähr anderthalb Stunden
kehrten wir in die Stadt zurück. Wir hielten an dem Brunnen an, den ich so gern habe und der mir
jetzt tausendmal teurer ist als je zuvor. Evi setzte sich auf die niedrige Mauer, und wir
versammelten uns um sie. Ich sah mich um und erinnerte mich an die Zeit, als mein Herz unbesetzt
und frei war. „Lieber Brunnen!“ sagte ich, „seit dieser Zeit bin ich nicht mehr gekommen, um kühle
Ruhe durch deinen frischen Strom zu genießen. Ich bin mit sorglosen Schritten an dir
vorbeigekommen und habe dir kaum einen Blick geschenkt.“ Ich sah nach unten und beobachtete
Evis kleine Schwester Christine, die mit einem Glas Wasser die Stufen hinaufkam. Ich drehte mich
zu Evi um und fühlte ihren Einfluss auf mich. Christine näherte sich im Moment mit dem Glas. Der
Knabe Milan wollte es ihr wegnehmen. „Nein!“ rief das Mädchen mit dem süßesten
Gesichtsausdruck, „Evi muss zuerst trinken.“

Die Zuneigung und Einfachheit, mit der dies ausgesprochen wurde, bezauberte mich so sehr, dass
ich versuchte, meine Gefühle auszudrücken, indem ich das Mädchen einholte und es herzlich
küsste. Sie hatte Angst und fing an zu weinen. „Das solltest du nicht tun“, sagte Evi. Ich fühlte mich
ratlos. „Komm, Christine“, fuhr sie fort, nahm ihre Hand und führte sie wieder die Stufen hinunter,
„es ist egal: wasche dich schnell im frischen Wasser.“ Ich stand auf und beobachtete sie; und als ich
sah, wie die kleine Liebliche ihre Wangen mit ihren nassen Händen rieb, in voller Überzeugung,
dass alle Unreinheiten, die sich von meinem hässlichen Bart zusammenzogen, durch das
wundersame Wasser abgewaschen würden, und wie Evi, obwohl sie es sagte, immer noch fortfuhr
mit aller Kraft waschen, als ob sie dächte, zu viel sei besser als zu wenig, versichere ich dir, Mark,
ich habe nie mit größerer Ehrfurcht an einer Taufe teilgenommen; und als Evi aus dem Brunnen
kam, hätte ich mich wie vor einem Propheten der jüdischen Nation niederwerfen können.

Am Abend konnte ich nicht widerstehen, die Geschichte einer Person zu erzählen, die, wie ich
dachte, ein natürliches Gefühl besaß, weil sie ein Mann des Verstehens war. Aber was für einen
Fehler habe ich gemacht. Er behauptete, es sei sehr falsch von Evi, dass wir Kinder nicht täuschen
sollten, dass solche Dinge unzählige Fehler und Aberglauben verursachten, vor denen wir die
jungen Leute schützen mussten. Mir fiel damals ein, dass genau dieser Mann erst eine Woche zuvor
von den Wiedertäufern getauft worden war; also sagte ich nichts weiter, sondern behielt die
Gerechtigkeit meiner eigenen Überzeugungen bei. Wir sollten mit Kindern umgehen, wie Gott mit
uns umgeht. Wir sind am glücklichsten unter dem Einfluss unschuldiger Wahnvorstellungen.

8. JULI 1998

Was für ein Kind ist ein Mann, dass er bei einem Blick so besorgt sein sollte! Was für ein Kind ist
ein Mann! Wir waren in Oldenburg gewesen: Die Frauen fuhren in einem Wagen; aber während
unseres Spaziergangs dachte ich, ich hätte in Evis blaue Augen gesehen - ich bin ein Dummkopf -,
aber vergib mir! Du solltest sie sehen - diese Augen. Um jedoch kurz zu sein (denn meine eigenen
Augen sind vom Schlaf beschwert), musst du wissen, dass die jungen Männer und ich es waren, als
die Frauen wieder in ihren Wagen stiegen, um die Tür zu stehen. Sie sind eine fröhliche Gruppe von
Leuten, und sie haben alle zusammen gelacht und gescherzt. Ich beobachtete Evis Augen. Sie
wanderten von einem zum anderen; aber sie beleuchteten mich nicht, mich, der regungslos da stand
und nichts als sie sah! Mein Herz hat sie tausendmal gesegnet, aber sie hat mich nicht bemerkt. Der
Wagen fuhr los; und meine Augen füllten sich mit Tränen. Ich sah ihr nach: Plötzlich sah ich Evis
Haare aus dem Fenster wehen, und sie drehte sich um, um zurückzuschauen, war es nach mir? Mein
lieber Freund, ich weiß es nicht; und in dieser Unsicherheit finde ich Trost. Vielleicht drehte sie sich
zu mir um. Vielleicht! Gute Nacht - was für ein Kind ich bin!

10. JULI 1998

Du solltest sehen, wie dumm ich in Gesellschaft aussehe, wenn ihr Name erwähnt wird, besonders
wenn ich deutlich gefragt werde, ob ich sie mag. Ob ich sie mag! Ich verabscheue den Satz. Was für
eine Kreatur muss er sein, der Evi nur mag, deren ganzes Herz und Sinne nicht vollständig von ihr
absorbiert wurden. Wie ich sie mag! Jemand hat mich in letzter Zeit gefragt, ob ich Ossian mag.

11. JULI 1998


Ihre Freundin ist sehr krank. Ich bete für ihre Genesung, weil Evi meine Leiden teilt. Ich sehe sie
gelegentlich bei meiner Freundin zu Hause, und heute hat sie mir den seltsamsten Umstand erzählt.
Der alte Mann der Freundin ist ein begehrlicher, geiziger Kerl, der die arme Frau lange bequält und
verärgert hat; aber sie hat ihre Leiden geduldig getragen. Als die Ärztin uns vor einigen Tagen
mitteilte, dass ihre Genesung hoffnungslos sei, rief sie ihren Ehemann (Evi war anwesend) und
sprach ihn folgendermaßen an: „Ich habe etwas zu gestehen, was nach meinem Tod zu Problemen
und Verwirrung führen kann. Ich habe deinen Haushalt bisher so sparsam und sorgsam wie möglich
geführt, aber du musst mir verzeihen, dass ich dich dreißig Jahre lang betrogen habe. Zu Beginn
unseres Ehelebens hast du eine kleine Summe für die Bedürfnisse der Küche und die anderen
Haushaltskosten zugelassen. Als unser Betrieb zunahm und unser Eigentum größer wurde, konnte
ich dich nicht überreden, die wöchentliche Zulage proportional zu erhöhen: Kurz gesagt, du weißt,
dass ich, als unsere Bedürfnisse am größten waren, alles mit siebzig Mark pro Woche versorgen
musste. Ich nahm dir das Geld ohne Beobachtung ab, machte aber den wöchentlichen Mangel aus
der Geldkiste wieder gut; denn niemand würde deine Frau verdächtigen, die Haushaltsbank
ausgeraubt zu haben. Aber ich habe nichts verschwendet und hätte mich damit zufrieden geben
sollen, meine ewige Richterin, die barmherzige Liebe, ohne dieses Geständnis zu treffen, wenn die,
auf die sich die Leitung deines Establishments nach meinem Tod übertragen wird, frei von
Verlegenheit wäre, wenn du darauf bestehst, dass sie mit siebzig Mark die Woche auskommt.“

Ich sprach mit Evi über die unvorstellbare Art und Weise, wie Männer sich blenden lassen; wie man
es vermeiden konnte, eine Täuschung zu vermuten, wenn nur siebzig Mark doppelt so hohe Kosten
tragen konnten. Aber ich habe selbst Leute gekannt, die ohne sichtbares Erstaunen glaubten, dass
ihr Haus den nie versagenden Ölkrug des Propheten Elias besäße.

13. JULI 1998

Nein, ich werde nicht getäuscht. In ihren blauen Augen las ich ein echtes Interesse an mir und
meinem Wesen. Ja, ich fühle es; und ich kann meinem eigenen Herzen glauben, das mir sagt - darf
ich es sagen? - darf ich die seligen Worte aussprechen? - dass sie mich liebt!

Dass sie mich liebt! Wie erhöht mich die Idee in meinen eigenen Augen! Und wie du meine Gefühle
verstehen kannst, kann ich dir sagen, wie ich mich selbst ehre, seit sie mich liebt!

Ist das eine bloße Vermutung oder ist es ein Bewusstsein der Wahrheit? Ich kenne keinen Mann, der
mich im Herzen von Evi ersetzen kann; und doch, wenn sie mit so viel Wärme und Zuneigung von
ihrem Verlobten spricht, fühle ich mich wie der Soldat, der seiner Ehre und seines Titels beraubt
und seiner Waffe beraubt wurde.

16. JULI 1998

Wie mein Herz schlägt, wenn ich versehentlich ihren Finger berühre oder meine Füße ihre Füße
unter dem Tisch treffen! Ich ziehe mich zurück wie von einem Ofen; aber eine geheime Kraft treibt
mich wieder vorwärts, und meine Sinne werden verstört. Ihr unschuldiges, unbewusstes Herz weiß
nie, welche Qual diese kleinen Vertrautheiten mir zufügen. Manchmal, wenn wir reden, legt sie ihre
Hand auf meine Hand, und im Eifer der Unterhaltung kommt sie mir näher, und ihr süßer Atem
erreicht meine Lippen - wenn ich das Gefühl habe, als hätte mich ein Blitz getroffen und ich könnte
in die Erde sinken. Und doch, Mark, mit all dieser himmlischen Zuversicht - wenn ich mich selbst
kenne und es jemals wagen sollte - verstehst du mich? Nein, nein! Mein Herz ist nicht so korrupt, es
ist schwach, schwach genug, aber ist das nicht ein gewisses Maß an Korruption?
Sie ist für mich ein heiliges Wesen! Alle Leidenschaft ist immer in ihrer Gegenwart da: Ich kann
meine Empfindungen nicht ausdrücken, wenn ich in ihrer Nähe bin. Ich habe das Gefühl, als würde
meine Seele in jedem Nerv meines Körpers schlagen. Es gibt eine Melodie, die sie mit engelhafter
Geschicklichkeit auf dem Klavier spielt - so einfach und doch so spirituell! Es ist ihre
Lieblingsmelodie; und wenn sie die erste Note spielt, verschwinden mir alle Schmerzen, Sorgen
und Kummer in Einem Moment.

Ich glaube an jedes Wort, das von der Magie der alten Musik gesprochen wird. Wie ihr einfaches
Lied mich verzaubert! Manchmal, wenn ich bereit bin, Selbstmord zu begehen, singt sie diese
Melodie; und sofort zerstreuen sich die Finsternis und der Wahnsinn, die über mir hingen, und ich
atme wieder frei.

18. JULI 1998

Mark, was ist die Welt für unsere Herzen ohne die Liebe? Was ist die Tele-Vision ohne Licht? Du
musst nur die Flamme in dir entzünden, und die hellsten Figuren leuchten auf dem gläsernen
Schirm; und wenn die Liebe uns nur flüchtige Schatten zeigt, sind wir doch glücklich, wenn wir sie
wie Kinder sehen und von den herrlichen Phantomen bewegt werden. Ich konnte Evi heute nicht
sehen. Ich wurde von einer Gesellschaft gehindert, von der ich mich nicht lösen konnte. Was war zu
tun? Ich schickte meine Magd zu ihrem Haus, damit ich heute wenigstens jemanden sehen könnte,
die in ihrer Nähe gewesen war. Oh, die Ungeduld, mit der ich auf ihre Rückkehr gewartet habe! die
Freude, mit der ich sie begrüßte! Ich hätte sie auf jeden Fall in meinen Armen fangen und küssen
wollen, wenn ich mich nicht geschämt hätte.

Es wird gesagt, dass der Karfunkel, wenn er in die Sonne gelegt wird, die Strahlen anzieht und eine
Zeit lang im Dunkeln leuchtend erscheint. So war es auch mit mir und dieser Magd. Die
Vorstellung, dass Evis Augen auf ihrem Gesicht, ihren Wangen und ihrem Kleid geblieben waren,
machte sie für mich unschätzbar beliebt, so dass ich mich im Moment nicht für tausend Mark von
ihr getrennt hätte. Ihre Anwesenheit hat mich so glücklich gemacht! Hüte dich vor mir, Mark. Kann
das eine Täuschung sein, die uns glücklich macht?

19. JULI 1998

„Ich werde sie heute sehen!“ rufe ich mit Freude, wenn ich morgens aufstehe, und schaue mit
Herzensfreude auf die helle, schöne Sonne. „Ich werde sie heute sehen!“ Und dann habe ich keinen
weiteren Wunsch: Alles, alles ist in diesem Einen Gedanken enthalten.

20. JULI 1998

Ich kann deinem Vorschlag nicht zustimmen, den Botschafter zu begleiten. Ich liebe Unterordnung
nicht; und wir alle wissen, dass er eine raue, unangenehme Person ist, mit der man in Verbindung
gebracht werden kann. Du sagst meine Mutter möchte, dass ich irgendwo angestellt werde. Ich
muss darüber lachen! Bin ich nicht ausreichend beschäftigt? Und ist es in Wirklichkeit nicht
dasselbe, ob ich Erbsen schäle oder Linsen zähle? Die Welt läuft von einer Torheit zur nächsten;
und der Mann, der allein aus der Sicht anderer und ohne eigenen Wunsch oder Notwendigkeit für
Geld, Ruhm oder einem anderen leeren Phantom arbeitet, ist nicht besser als ein Narr!

24. JULI 1998

Du bestehst so sehr darauf, dass ich meine Zeichnung nicht vernachlässige, dass es für mich auch
gut wäre, nichts zu sagen, als zu gestehen, wie wenig ich in letzter Zeit geschaffen habe.
Ich habe mich nie glücklicher gefühlt, ich habe die Natur nie besser verstanden, bis auf den
wahrsten Blumenstiel oder den kleinsten Grashalm; und doch kann ich mich nicht ausdrücken:
meine Einbildungskraft ist so schwach, dass alles vor mir zu schwimmen und zu schweben scheint,
so dass ich keinen klaren, deutlichen Umriss machen kann. Aber ich denke, ich sollte es besser
schaffen, wenn ich etwas Ton oder Wachs zum Modellieren hätte. Ich werde versuchen, wenn dieser
Geisteszustand viel länger anhält, und mich dem Modellieren widmen, und wenn ich nur
Kuchenteig knete.

Ich habe dreimal mit Evis Porträt begonnen und mich ebenso oft blamiert. Dies ist umso ärgerlicher,
als ich früher sehr glücklich war, Ähnlichkeiten zu gestalten. Ich habe seitdem ihr Profil skizziert
und muss mich damit zufrieden geben.

25. JULI 1998

Ja, liebe Evi! Ich werde alles bestellen und arrangieren. Gib mir nur mehr Provisionen, je mehr
desto besser. Eines muss ich jedoch verlangen: Verwende keinen Schreibsand mehr für die lieben
Notizen, die du mir sendest. Heute habe ich deinen Brief hastig an meine Lippen gehoben, und er
hat meine Zähne zum Knirschen gebracht.

26. JULI 1998

Ich habe oft beschlossen, sie nicht so oft zu sehen. Aber wer könnte eine solche Lösung einhalten?
Jeden Tag bin ich der Versuchung ausgesetzt und verspreche treu, dass ich morgen wirklich
fernbleibe. Aber wenn der Morgen kommt, finde ich einen unwiderstehlichen Grund, sie zu sehen,
und bevor ich es erklären kann, bin ich wieder bei ihr. Entweder hat sie am Abend zuvor gesagt:
„Du wirst sicher morgen anrufen“ - und wer könnte dann wegbleiben? - oder sie gibt mir einen
Auftrag, und ich finde es wichtig, ihr die Antwort persönlich zu überbringen; oder der Tag ist schön,
und ich gehe nach Oldenburg; und wenn ich dort bin, ist es nur einen halben Kilometer weiter von
ihr entfernt. Ich bin in der bezauberten Atmosphäre und finde mich bald an ihrer Seite. Meine
Großmutter erzählte mir die Geschichte eines Berges aus Magnetstein...

30. JULI 1998

Jörg ist angekommen, und ich muss abreisen. Wäre er der beste und klügste Mann und ich in jeder
Hinsicht sein Unterlegener, könnte ich es dennoch nicht ertragen, ihn in den Armen eines solch
perfekten Wesens zu sehen. In ihren Armen! - Genug, Mark: Ihr Verlobter ist da - ein Kerl, den man
ertragen muss. Zum Glück war ich bei ihrem Treffen nicht anwesend. Es hätte mein Herz
gebrochen! Und er ist so rücksichtsvoll: Er hat Evi in meiner Gegenwart keinen Kuss gegeben. Der
Himmel belohne ihn dafür! Ich muss ihn für die Gleichgültigkeit verachten, mit der er sie
behandelt. Er zeigt Rücksicht auf mich, aber ich vermute, dass ich Evi dafür mehr verpflichtet bin
als seiner eigenen Phantasie. Frauen haben in solchen Angelegenheiten ein feines Gespür, und das
soll auch so sein. Es kann ihnen nicht immer gelingen, zwei Rivalen miteinander in Einklang zu
bringen...

Ich kann nicht anders, als Jörg zu verachten. Die Kälte seines Temperaments steht in starkem
Kontrast zu meinem Ungestüm, das ich nicht verbergen kann. Er hat kein Gefühl und ist sich des
Schatzes, den er in Evi besitzt, nicht bewusst. Er ist stets geplagt von schlechter Laune, von der du
weißt, dass ich sie am meisten verabscheue.

Er betrachtet mich als einen Mann mit Geist; und meine Verbundenheit mit Evi und das Interesse,
das ich an allem habe, was sie betrifft, verstärken seinen Triumph. Ich werde nicht fragen, ob er sie
nicht manchmal mit ein wenig Eifersucht ärgert; wie ich weiß, würde ich, wenn ich an seiner Stelle
wäre, nicht frei von solchen Empfindungen sein.

Aber wie auch immer, meine Wollust mit Evi ist vorbei. Nennen wir es Torheit oder Verliebtheit,
was bedeutet ein Wort? Das Ding spricht für sich. Bevor Jörg kam, wusste ich alles, was ich jetzt
weiß. Ich wusste, dass ich keinen Anspruch auf sie erheben konnte, und ich erhob auch keinen, das
heißt, soweit es möglich war, bei so viel Lieblichkeit nicht nach ihrer Wollust zu keuchen! Und jetzt
sieh mich an wie einen dummen Kerl, der erstaunt starrt, wenn ein anderer hereinkommt und mich
meiner Liebste beraubt!

Ich beiße mir auf die Lippen und fühle unendliche Verachtung für diejenigen, die mir sagen, ich
solle zurücktreten, weil es keine Lösung für dies Problem gibt. Lass mich dem Joch solcher
albernen Pseudo-Weisheit entkommen! Ich streife durch den Wald; und wenn ich zu Evi
zurückkehre und Jörg im Sommerhaus im Garten an ihrer Seite sitzt, kann ich es nicht ertragen,
benehme mich wie ein Narr und begebe tausend Extravaganzen. „Um aller Engel willen“, sagte Evi
heute, „lass uns keine Szenen mehr wie die der letzten Nacht haben! Du erschreckst mich, wenn du
so stürmisch bist.“ Ich bin jetzt immer weg, wenn er kommt: und ich freue mich, wenn ich sie
alleine finde.

8. AUGUST 1998

Glaube mir, lieber Mark, ich habe nicht auf dich angespielt, als ich so streng von denen sprach, die
dem unvermeidlichen Schicksal den Rücktritt raten. Ich hielt es nicht für möglich, dass du dich
einem solchen Gefühl hingeben könntest. Aber tatsächlich hast du recht. Ich schlage nur einen
Einwand vor. In dieser Welt wird man selten bestimmt, um zwischen nur zwei Alternativen zu
wählen. Es gibt so viele Arten von Verhalten und Meinungen, wie es zwischen einer Adlernase und
einer Stupsnase Abstufungen gibt.

Du wirst mir darum erlauben, deine gesamten Argumente zuzugeben und dennoch Mittel zu suchen,
um dem Dilemma zu entkommen.

Deine Position ist diese, ich höre dich sagen: „Entweder hast du Hoffnungen, Evi zu bekommen,
oder du hast keine. Nun, im ersten Fall verfolge deinen Kurs und dränge auf die Erfüllung deiner
Begierden. Im zweiten Fall sei ein Mann und schüttle eine elende Leidenschaft ab, die dich nerven
und zerstören wird.“ Mein lieber Freund, das ist gut und leicht zu sagen.

Aber würdest du ein elendes Wesen wollen, dessen Leben unter einer andauernden Krankheit
langsam sich verzehrt, um sich sofort durch einen Messerstich wegzumachen? Entzieht ihm nicht
gerade das Chaos, das seine Kraft verbraucht, den Mut, seine Befreiung zu bewirken?

Du kannst mir mit einer ähnlichen Analogie antworten: „Wer würde die Amputation eines Armes
nicht der Lebensgefahr durch Zweifel und Aufschub vorziehen?“ Aber ich weiß nicht, ob du Recht
hast, lassen wir die Gleichnisse.

Genug! Es gibt Momente, Mark, in denen ich mich erheben und alles abschütteln könnte und wenn
ich nur wüsste, wohin ich gehen würde, von diesem Ort der Erde weg fliegen könnte!

DEN GLEICHEN ABEND

Mein Tagebuch, das ich seit einiger Zeit vernachlässigt habe, ist heute vor mich gekommen; und ich
bin erstaunt zu sehen, wie bewusst ich mich Schritt für Schritt verwickelt habe. Meine Position so
klar gesehen zu haben und sich dennoch so wie ein Kind verhalten zu haben! Trotzdem sehe ich das
Ergebnis deutlich und habe dennoch keinen Gedanken daran, mit größerer Vorsicht zu handeln.

10. AUGUST 1998

Wenn ich kein Dummkopf wäre, könnte ich hier das glücklichste und entzückendste Leben
verbringen. So viele angenehme Umstände, die das Glück eines klugen Mannes gewährleisten, sind
selten vereint. Ach! Ich sehe es ganz vernünftig - das Herz allein macht unser Glück! In diese
charmante Familie aufgenommen zu werden, vom Vater als Sohn, von den Kindern als Vater und
von Evi geliebt zu werden! Dann Jörg, der mein Glück oft durch einen Anschein von Unmut stört,
mich wortkarg empfängt und mich neben Evi besser verachtet wie die ganze Welt! Mark, du
würdest dich freuen, uns in unseren Streifzügen und Gesprächen zu hören. Nichts auf der Welt kann
absurder sein als unsere Verbindung, und doch bewegt mich der Gedanke daran oft zu Tränen.

Ich höre manchmal von ihrer ausgezeichneten Mutter; wie sie auf ihrem Sterbebett ihr Haus und
ihre Kinder Evi übergeben und Evi selbst die Verantwortung übertragen hatte; wie seit dieser Zeit
ein neuer Geist sie in Besitz genommen hatte; wie sie in Sorge und Kummer um ihr Wohlergehen
eine echte Mutter für sie wurde; wie jeder Moment ihrer Zeit einer Liebesarbeit für sie gewidmet
war - und doch hatte ihre Heiterkeit und Fröhlichkeit sie nie verlassen. Ich gehe umher, pflücke
Blumen, arrangiere sie sorgfältig zu einem Blumenstrauß, schleudere sie dann in den ersten Strom,
an dem ich vorbeigehe, und beobachte, wie sie sanft davon schweben. Ich vergesse, ob ich dir
gesagt habe, dass Jörg hier bleiben soll. Er hat eine Büroarbeit mit einem sehr guten Gehalt
erhalten; und ich verstehe, dass er im Büro nützlich ist. Ich habe nur wenige Menschen getroffen,
die so pünktlich und methodisch im Geschäft sind.

12. AUGUST 1998

Mit Sicherheit ist Jörg der dümmste Kerl der Welt. Ich hatte gestern eine seltsame Szene mit ihm.
Ich ging, um mich von ihm zu verabschieden; denn ich nahm es mir in den Kopf, ein paar Tage in
diesen Gegenden zu verbringen, von wo aus ich dir jetzt schreibe. Als ich in seinem Zimmer auf
und ab ging, fiel mein Blick auf seine Messersammlung. „Leih mir diese Messer“, sagte ich, „für
meine Reise.“ - „Auf jeden Fall“, antwortete er, „wenn du dir die Mühe machst, sie zu schleifen;
denn sie hängen nur zur Zierde dort.“ Ich nahm eins von ihnen herunter; und er fuhr fort: „Seit ich
trotz meiner äußersten Vorsicht beinahe gelitten habe, will ich nichts mit solchen Dingen zu tun
haben.“ Ich war neugierig, die Geschichte zu hören. „Ich war vor drei Monaten bei einem Freund
auf dem Land“, sagte er. „Ich hatte eine Reihe von Messern dabei; und ich schlief ohne Angst. An
einem regnerischen Nachmittag saß ich alleine und tat nichts. Als mir einfiel, ich wüsste nicht,
wenn das Haus angegriffen werden würde, wie wir die Messer benötigen könnten, kurz gesagt, du
weißt, wie wir uns alles Mögliche vorstellen. wenn wir nichts besseres zu tun haben. Ich gab dem
Freund die Messer. Er spielte mit seinem Mädchen und versuchte sie zu erschrecken, als sie in eins
der Messer griff - Gott weiß wie! - das Messer war scharf; und es ging direkt durch ihre rechte
Hand und zerschnitt den Daumen. Ich musste die ganze Klage ertragen und die Rechnung des
Chirurgen bezahlen; Seit dieser Zeit habe ich alle meine Messer nicht mehr von der Wand
genommen. Aber, Schwanke, was nützt schon die Klugheit? Ja, aber wir können niemals genug auf
der Hut sein vor allen möglichen Gefahren.“ Jetzt musst du wissen, dass ich alle Menschen
tolerieren kann, bis sie zu einem „ja aber“ kommen; denn es ist selbstverständlich, dass jede
universelle Regel ihre Ausnahmen haben muss. Aber er ist so außerordentlich pedantisch, dass,
wenn er nur ein Wort sagt, das zu präzise oder zu allgemein oder nur zur Hälfte wahr ist, er nie
aufhört, es zu qualifizieren, zu modifizieren und abzuschwächen, bis er schließlich überhaupt nichts
gesagt hat. Bei dieser Gelegenheit war Jörg tief eingetaucht in sein Thema. Ich hörte auf, ihm
zuzuhören, und verlor mich in Träumereien. Mit einer plötzlichen Bewegung richtete ich die Spitze
eines Messers auf mein Herz. „Was denkst du?“ rief Jörg und drehte sich um. „Es ist nicht
sonderlich spitz,“ sagte ich. „Und selbst wenn,“ antwortete er mit Ungeduld, „was soll das? Ich
kann nicht verstehen, wie ein Mann so wahnsinnig sein kann, sich selbst zu ermorden,und die bloße
Vorstellung davon schockiert mich.“

„Warum sollte jemand“, sagte ich, „wenn er von einer Handlung spricht, es wagen, sie für verrückt
oder weise oder gut oder schlecht auszusprechen? Was bedeutet das alles? Hast du die geheimen
Motive unserer Handlungen sorgfältig studiert? Verstehst du - kannst du die Ursachen erklären, die
sie verursachen, und sie unvermeidlich machen? Wenn du das kannst, wirst du mit deiner
Entscheidung weniger voreilig sein.“

„Aber du wirst zugestehen“, sagte Jörg, „dass einige Handlungen kriminell sind, mögen sie aus
beliebigen Motiven entspringen.“ Ich gab es zu und zuckte gleichgültig mit den Schultern.

„Aber dennoch, Jörg“, fuhr ich fort, „gibt es auch hier einige Ausnahmen. Diebstahl ist ein
Verbrechen; aber der Mann, der ihn aus extremer Armut begeht und keine andere Absicht hat, als
seine Familie vor dem Untergang zu retten, ist er ein Objekt des Mitleids oder der Bestrafung? Wer
will den ersten Stein auf einen Ehemann werfen, der in der Hitze des gerechten Grolls seine treulose
Frau und ihren perfiden Verführer totsticht? Oder auf die Jungfrau, die in einer schwachen Stunde
der Entrückung sich vergisst in den ungestümen Freuden der Liebe? Sogar unsere Gesetze, kalt und
grausam wie sie sind, geben in solchen Fällen nach und halten ihre Bestrafung zurück.“

„Das ist eine ganz andere Sache“, sagte Jörg, „weil ein Mann unter dem Einfluss gewalttätiger
Leidenschaft jede Reflexionskraft verliert und als betrunken oder verrückt angesehen wird.“

„Oh ihr Leute mit kaltem Verstand!“ antwortete ich, „ihr seid immer bereit: Extravaganz, Wahnsinn
und Rausch zu rufen! Ihr nüchternen Männer seid so ruhig und so gedämpft! Ihr verabscheut den
Betrunkenen und verabscheut den Extravaganten. Ihr geht vorbei wie der Levit und der Priester am
Mann, der unter die Räuber gefallen war, und dankt Gott wie der Pharisäer, dass ihr nicht wie einer
von ihnen sind. Ich war mehr als einmal berauscht, es grenzten meine Leidenschaften immer an
Extravaganz: Ich schäme mich nicht, es zu bekennen, denn ich habe aus eigener Erfahrung erfahren,
dass alle außergewöhnlichen Männer, die große und erstaunliche Taten vollbracht haben, immer von
der Welt verurteilt wurden als betrunken oder verrückt. Und auch im Privatleben ist es nicht
erträglich, dass niemand die Ausführung einer edlen oder großzügigen Tat unternehmen kann, ohne
den Ausruf hervorzurufen, dass der Handelnde betrunken oder verrückt ist! Schande über euch, ihr
Verstandesmenschen!“

„Dies ist ein weiterer deiner extravaganten Zustände“, sagte Jörg, „du übertreibst immer einen Fall,
und in dieser Angelegenheit liegst du zweifellos falsch; denn wir sprachen vom Selbstmord, den du
mit großen Handlungen vergleichst, wenn es doch unmöglich ist, ihn als solche zu betrachten. Es ist
viel einfacher zu sterben, als ein Leben in Elend mit Standhaftigkeit zu führen.“

Ich war kurz davor, das Gespräch abzubrechen, denn nichts bringt mich so völlig aus der Geduld
heraus wie die Äußerung eines dummen Alltäglichen, wenn ich aus tiefstem Herzen spreche. Ich
beruhigte mich jedoch, denn ich hatte oft dieselbe Beobachtung mit ausreichendem Ärger gehört;
und ich antwortete ihm deshalb mit wenig Wärme: „Du nennst dies eine Schwäche – hüte dich
davor, von den Erscheinungen in die Irre geführt zu werden. Wenn eine Nation, die lange unter dem
unerträglichen Joch eines Tyrannen gestöhnt hat, sich endlich erhebt und ihre Ketten abwirft, nennst
du das Schwäche? Der Mann, der, um sein Haus vor den Flammen zu retten, seine körperliche
Stärke verdoppelt findet, so dass er mit Leichtigkeit Lasten aufhebt, die er ohne Aufregung kaum
bewegen könnte; unter der Wut einer Beleidigung, greift er an und jagt eine große Zahl seiner
Feinde in die Flucht. Sind solche Personen als schwach zu bezeichnen? Nein, wenn Widerstand
Stärke ist, wie kann der höchste Grad an Widerstand eine Schwäche sein?“
Jörg sah mich hart an und sagte: „Nein, ich sehe nicht, dass die Beispiele, die du angeführt hast, in
irgendeiner Beziehung zur Frage stehen.“ - „Wahrscheinlich“, antwortete ich, „denn mir wurde oft
gesagt, dass mein Illustrationsstil ein wenig an das Absurde grenze. Aber lass uns sehen, ob wir die
Sache nicht in einen anderen Blickwinkel stellen können, indem wir nachfragen, was der
Geisteszustand eines Mannes sein kann, der sich entschließt, sich zu befreien von der Last des
Lebens - einer Last, die oft so angenehm zu tragen ist - weil wir sonst nicht gerecht über das Thema
nachdenken können.“

„Die menschliche Natur“, fuhr ich fort, „hat ihre Grenzen. Sie kann ein gewisses Maß an Freude,
Trauer und Schmerz ertragen, wird jedoch vernichtet, sobald dieses Maß überschritten wird. Die
Frage ist daher nicht, ob ein Mensch stark oder schwach ist, sondern ob er in der Lage ist, das Maß
seiner Leiden zu ertragen. Das Leiden kann psychisch oder körperlich sein, und meiner Meinung
nach ist es genauso absurd, einen Mann einen Feigling zu nennen, der sich selbst zerstört, wie einen
Mann ein Feigling ist, der an bösartigem Krebs stirbt.“

„Paradox!“ rief Jörg aus. „Nicht so paradox, wie du dir vorstellst“, antwortete ich, „du erlaubst, dass
wir eine Krankheit als tödlich bezeichnen, wenn die Natur so schwer angegriffen wird und ihre
Stärke so weit erschöpft ist, dass sie ihren früheren Zustand unter keinen Umständen wieder
herstellen kann.“

„Nun, Jörg, wende dies auf die Seele an; beobachte einen Mann in seinem natürlichen, isolierten
Zustand; überlege, wie Ideen funktionieren und wie Eindrücke auf ihn wirken, bis ihn schließlich
eine heftige Leidenschaft erfasst und alle seine Kräfte der Ruhe des Nachdenkens zerstört und ihn
völlig ruinieren!“

„Es ist vergebens, dass ein Mann mit gesundem Verstand und kaltem Temperament den Zustand
eines solch elenden Wesens versteht, vergebens berät er ihn! Er kann ihm seine eigene Klugheit
nicht mehr mitteilen, als ein gesunder Mann dem Invaliden seine Kraft einflößen kann, an dessen
Bett er sitzt.“

Jörg fand das zu allgemein. Ich erinnerte ihn an ein Mädchen, das sich kurz zuvor ertränkt hatte,
und erzählte ihre Geschichte.

„Sie war eine gute Kreatur, die in der engen Sphäre der Haushaltsindustrie aufgewachsen war und
wöchentlich Arbeitskräfte ernannte. Eine, die kein Vergnügen kannte, außer sonntags einen
Spaziergang zu machen, in ihrer besten Kleidung, begleitet von ihren Freundinnen, oder vielleicht
ab und zu auf einem Festival am Tanz teilzunehmen und ihre freien Stunden mit einem Nachbarn zu
plaudern und über den neusten Skandal zu diskutieren oder die Streitereien des Dorfes,
Kleinigkeiten, die ausreichten, um ihr Herz zu beschäftigen. Endlich wird die Wärme ihrer Natur
von bestimmten neuen und unbekannten Wünschen beeinflusst. Von den Schmeicheleien der
Männer entzündet, werden ihre früheren Freuden allmählich fade, bis sie schließlich einen
Jugendlichen trifft, zu dem sie von einem unbeschreiblichen Gefühl angezogen wird; auf ihm ruhen
jetzt alle ihre Hoffnungen; sie vergisst die Welt um sich herum; sie sieht, sie hört, sie wünscht nichts
als ihn und nur ihn. Er allein beschäftigt alle ihre Gedanken. Unverfälscht von der müßigen
Nachsicht einer enervierenden Eitelkeit, deren Zuneigung sich stetig ihrem Objekt nähert, hofft sie,
die Seine zu werden und in einer ewigen Vereinigung mit ihm all das Glück zu verwirklichen, das
sie suchte, all diese Glückseligkeit, nach der sie sich sehnte. Seine wiederholten Versprechungen
bestätigten ihre Hoffnungen: Umarmungen und Zärtlichkeiten, die die Begeisterung ihrer Wünsche
steigern, beherrschen ihre Seele. Sie schwebt in einer trüben, trügerischen Erwartung ihres Glücks;
und ihre Gefühle werden zur äußersten Spannung erregt. Sie streckt endlich ihre Arme aus, um das
Objekt all ihrer Wünsche zu umarmen - und ihr Geliebter verlässt sie. Betäubt und verwirrt steht sie
an einem Abgrund. Alles ist Dunkelheit um sie herum. Keine Aussicht, keine Hoffnung, kein Trost,
verlassen von dem, in dem ihre Existenz zentriert war! Sie sieht nichts von der weiten Welt vor sich,
denkt nichts von den vielen Individuen, die die Leere in ihrem Herzen versorgen könnten; sie fühlt
sich verlassen, verlassen von Gott und der Welt; und, geblendet und angetrieben von der Qual, die
in ihrer Seele ringt, taucht sie in die Tiefe des Meeres, um ihre Leiden in der weiten Umarmung des
Todes zu beenden. Siehe hier, Jörg, die Geschichte von Tausenden; und sag mir, ist das ein Fall von
körperlicher Gebrechlichkeit? Die Natur hat keine Möglichkeit, dem Labyrinth zu entkommen: Ihre
Kräfte sind erschöpft: Sie kann nicht länger kämpfen, und die arme Seele muss sterben.“

„Schande über den, der ruhig zuschauen und ausrufen kann: Das dumme Mädchen! Sie hätte warten
sollen; sie hätte sich Zeit lassen sollen, um den Eindruck abzubauen; ihre Verzweiflung wäre
gemildert worden, und sie hätte einen anderen Liebhaber gefunden, der sie trösten könnte. - Man
könnte genauso gut sagen: Der Dummkopf, an Krebs zu sterben! Warum hat er nicht gewartet, bis
seine Kraft wiederhergestellt war, bis sein Blut wieder rein wurde? Dann wäre alles gut gegangen,
und er wäre jetzt am Leben.“

Jörg, der die Gerechtigkeit des Vergleichs nicht erkennen konnte, legte einige weitere Einwände vor
und drängte unter anderem darauf, dass ich den Fall eines unwissenden Mädchens angenommen
habe. Aber wie ein vernünftiger Mann mit erweiterten Ansichten und Erfahrungen entschuldigt
werden könne, das könne er nicht verstehen. Ich rief aus: „Der Mensch ist nur der Mensch; und was
auch immer das Ausmaß seiner Denkkraft sein mag, sie nütztn wenig, wenn die Leidenschaft in ihm
wütet, und er fühlt sich an die engen Grenzen der Natur gebunden. Es wäre also besser - aber ich
werde ein anderes Mal darüber sprechen“, sagte ich und setzte meinen Hut auf. Ach! mein Herz war
voll; und wir trennten uns ohne Überzeugung auf beiden Seiten. Wie selten auf dieser Welt
verstehen sich Männer!

15. AUGUST 1998

Es kann keinen Zweifel geben, dass auf dieser Welt nichts so unverzichtbar ist wie die Liebe. Ich
beobachte, dass Evi mich nicht ohne Schmerzen verlieren könnte und die Kinder nur einen Wunsch
haben, das heißt, ich solle sie morgen wieder besuchen. Ich bin heute Nachmittag hingegangen, um
Evis Klavier zu stimmen. Aber ich konnte es nicht tun, denn die Kleinen bestanden darauf, dass ich
ihnen eine Geschichte erzähle; und Evi selbst drängte mich, sie zu befriedigen. Ich habe beim Tee
auf sie gewartet, und sie sind jetzt mit mir genauso zufrieden wie Evi; und ich erzählte ihnen meine
allerbeste Geschichte von Reinecke Fuchs. Ich verbessere mich durch diese Übung und bin ziemlich
überrascht über den Eindruck, den meine Geschichten erzeugen. Wenn ich manchmal einen Vorfall
erfinde, den ich bei der nächsten Erzählung vergesse, sie erinnern einen direkt daran, dass die
Geschichte vorher anders war; so dass ich mich jetzt bemühe, dieselbe Anekdote in demselben
monotonen Ton genau zu erzählen, der sich nie ändert. Ich finde dadurch, wie sehr ein Autor seine
Werke verletzt, indem er sie verändert, obwohl sie in poetischer Hinsicht verbessert werden. Der
erste Eindruck ist nicht leicht wieder zu bekommen. Wir sind so konstituiert, dass wir die
unglaublichsten Dinge glauben; und, sobald sie in die Erinnerung eingraviert sind, wehe dem, der
sich bemühen würde, sie auszulöschen.

18. AUGUST 1998

Muss es immer so sein, dass die Quelle unseres Glücks auch die Quelle unseres Elends ist? Das
volle und leidenschaftliche Gefühl, das mein Herz mit der Liebe zur Natur belebte, mich mit einem
Strom der Freude überwältigte und das das ganze Paradies vor mich brachte, ist jetzt zu einer
unerträglichen Qual geworden, zu einem Dämon, der mich ständig verfolgt und belästigt. Als ich in
vergangenen Tagen von diesen Dünen jenseits des Flusses und auf die grüne, blumige Gegend vor
mir blickte und sah, wie die ganze Natur auf und ab ging; die Hügel, die mit hohen, dichten
Waldbäumen bekleidet waren; die Ebenen in all ihren abwechslungsreichen Windungen, beschattet
von den schönsten Wäldern; und der weiche Fluss gleitet zwischen den lispelnden Schilfen entlang,
ich spiegelte die schönen Wolken wider, die die sanfte Abendbrise über den Himmel wehte, als ich
die Haine um mich herum mit der Musik von Vögeln melodiös hörte und die Millionen
Insektenschwärme in den letzten goldenen Strahlen der Sonne tanzen sah, deren untergehende
Strahlen erwachten, die summenden Käfer aus ihren Grasbeeten, während der gedämpfte Tumult
meine Aufmerksamkeit auf den Boden richtete, und ich beobachtete dort den trockenen Stein, der
gezwungen war, das trockene Moos mit Nährstoffen zu versorgen, während die Heide auf dem
kargen Sand unter mir blühte voll innerer Wärme, die die ganze Natur belebt und in meinem Herzen
glüht. Ich fühlte mich durch diese überfließende Fülle der Wahrnehmung Gottes erhöht und die
herrlichen Formen eines unendlichen Universums wurden für meine Seele sichtbar! Herrliche
Höhen umgaben mich, Abgründe gähnten zu meinen Füßen, und Wasser rauschten kopfüber vor mir
herab; ungestüme Flüsse rollten durch die Ebene, und von weitem hallten die Mauern. In den Tiefen
der Erde sah ich unzählige Kräfte in Bewegung, die sich bis ins Unendliche vermehrten. Auf seiner
Oberfläche und unter dem Himmel wimmelte es von zehntausend verschiedenen Lebewesen. Alles
um uns herum lebt mit einer unendlichen Anzahl von Formen; während die Menschheit aus
Sicherheitsgründen zu ihren kleinen Häusern flieht, von deren Schutz aus sie in ihren Vorstellungen
über das weit ausgedehnte Universum herrschen. Arme Narren! nach deren kleinlicher
Einschätzung sind alle Dinge klein. Von den unzugänglichen Bergen über die Wüste, die kein
sterblicher Fuß betreten hat, bis zu den Grenzen des Ozeans atmet alles den Geist des ewigen
Schöpfers; und jedes Atom, dem er Existenz gegeben hat, findet Gunst in seinen Augen. Ah, wie oft
hat mich damals der Flug eines Vogels, der über meinem Kopf schwebte, mit dem Wunsch
inspiriert, an die Ufer des unermesslichen Ozeans transportiert zu werden, um dort die Freuden des
Lebens aus dem schäumenden Kelch des Unendlichen zu schlürfen und, wenn auch nur für einen
Moment, mit den begrenzten Kräften meiner Seele an der Seligkeit des Schöpfers teilzunehmen, der
alle Dinge in sich selbst und durch sich selbst vollbringt!

Mein lieber Freund, die bloße Erinnerung an diese Stunden tröstet mich immer noch. Selbst diese
Anstrengung, diese unbeschreiblichen Empfindungen in Erinnerung zu rufen und ihnen Ausdruck
zu verleihen, erhöht meine Seele über sich selbst und lässt mich die Intensität meiner gegenwärtigen
Qual doppelt spüren.

Es ist, als wäre ein Vorhang vor meinen Augen aufgezogen worden, und statt der Aussicht auf
ewiges Leben gähnte der Abgrund eines immer offenen Grabes vor mir. Können wir von
irgendetwas sagen, dass es existiert, wenn alles vergeht, wenn die Zeit mit der Geschwindigkeit
eines Sturms alle Dinge vorwärts trägt und unsere vergängliche Existenz, die vom Strom
mitgenommen wird, entweder von den Wellen verschluckt oder gegen die Steine geschleudert wird?
Es gibt keinen Moment, sondern nur Beute für dich, und für alles um dich herum, keinen Moment,
in dem du selbst nicht zum Zerstörer wirst. Der unschuldigste Weg beraubt Tausende armer
Insekten des Lebens. Ein Schritt zerstört das Gewebe der fleißigen Ameise und verwandelt eine
kleine Welt in Chaos. Nein, es sind nicht die großen und seltenen Katastrophen der Welt, die
Überschwemmungen, die ganze Dörfer hinwegfegen. die Erdbeben, die unsere Städte verschlucken,
die mich betroffen machen. Mein Herz ist verzehrt von dem Gedanken an diese zerstörerische
Kraft, die in jedem Teil der universellen Natur verborgen liegt. Die Natur hat nichts geformt, was
sich selbst und jedes Objekt in ihrer Nähe nicht verzehrt. So wandere ich, umgeben von Erde und
Luft und allen aktiven Kräften, mit schmerzendem Herzen auf meinem Weg; und das Universum ist
für mich ein furchtbares Monster, das immer seine eigenen Kinder verschlingt.

21. AUGUST 1998

Vergebens strecke ich meine Arme nach ihr aus, wenn ich morgens aus meinem müden Schlummer
erwache. Vergebens suche ich sie nachts in meinem Bett, wenn mich ein unschuldiger Traum
glücklich getäuscht hat, und lege sie neben mich auf die Felder, wenn ich ihre Hand ergriffen und
sie mit unzähligen Küssen bedeckt habe. Und wenn ich in der halben Verwirrung des Schlafes sie
fühle, mit dem glücklichen Gefühl, dass sie nahe ist, fließen Tränen aus meinem unterdrückten
Herzen; und ohne jeglichen Trost weine ich über meine zukünftigen Leiden.

22. AUGUST 1998

Was für ein Unglück, Mark! Meine aktiven Geister sind zu zufriedener Trägheit verkommen. Ich
kann nicht untätig sein und kann mich trotzdem nicht an die Arbeit machen. Ich kann nicht denken:
Ich habe kein Gefühl mehr für die Schönheiten der Natur, und Bücher sind für mich langweilig.
Sobald wir uns aufgeben, sind wir total verloren. Manchmal und oft wünschte ich, ich wäre ein
gewöhnlicher Arbeiter; wenn ich am Morgen erwache, habe ich vielleicht nur eine Aussicht, einen
Dienst, eine Hoffnung für den Tag, der angebrochen ist. Ich beneide Jörg fast, wenn ich ihn in
einem Haufen Papiere und Akten begraben sehe, und ich glaube, ich sollte glücklich sein, wenn ich
an seiner Stelle wäre. Oft beeindruckt von diesem Gefühl, war ich im Begriff, dir und dem Minister
einen Termin für die Ernennung in der Botschaft zu schreiben, von der du glaubst, dass ich sie
erhalten könnte. Ich glaube, ich könnte es schaffen. Der Minister hat mir seit langem Respekt
entgegengebracht und mich häufig aufgefordert, eine Anstellung zu suchen. Es ist nur das Geschäft
einer Stunde. Hin und wieder kommt die Fabel des Pferdes mir wieder in den Sinn. Er war der
Freiheit überdrüssig, ließ sich satteln und zügeln und wurde wegen seiner Schmerzen zu Tode
geritten. Ich weiß nicht, worauf ich mich festlegen soll. Denn ist diese Angst vor Veränderung nicht
die Folge dieses unruhigen Geistes, der mich in jeder Lebenssituation gleichermaßen verfolgen
würde?

28. AUGUST 1998

Wenn meine Krankheit eine Heilung zugeben würde, würde sie hier sicherlich geheilt werden. Dies
ist mein Namenstag und am frühen Morgen erhielt ich ein Paket. Als ich es öffnete, fand ich einen
rosa Slip, den Evi unter ihrem Kleid trug, als ich sie das erste Mal sah, und den ich sie mehrmals
gebeten hatte, mir zu geben. Dabei waren zwei Bände von Schröders Homer, ein Buch, das ich mir
oft gewünscht hatte, um mir die Unannehmlichkeit zu ersparen, die alte Voss-Ausgabe auf meinen
Spaziergängen mitzunehmen. Du siehst, wie sie meine Wünsche antizipiert, wie gut sie all diese
kleinen Aufmerksamkeiten der Freundschaft versteht, die den kostspieligen Geschenken der
Großen, die demütigend sind, so überlegen sind. Ich habe den Slip tausendmal geküsst, und in
jedem Atemzug atmete die Erinnerung an jene glücklichen und unwiderruflichen Tage ein, die mich
mit der größten Freude erfüllten. So, Mark, ist unser Schicksal. Ich murre nicht darüber: Die
Blumen des Lebens sind nur visionär. Wie viele vergehen und hinterlassen keine Spuren - wie
wenige bringen Früchte hervor - und die Früchte selbst, wie selten reifen sie! Und doch gibt es
genug Blumen! und ist es nicht seltsam, mein Freund, dass wir das Wenige, das wirklich reift,
verrotten, verfallen und unglücklich umkommenlassen? Adieu! Dies ist ein herrlicher Sommer. Ich
klettere oft in die Bäume in Evis Obstgarten und schüttle die Birnen ab, die an den höchsten Ästen
hängen. Sie steht unten und fängt sie auf, wenn sie fallen.

30. AUGUST 1998

Unglücklich zu sein, wie ich es bin! Warum täusche ich mich so? Was soll aus all dieser wilden,
ziellosen, endlosen Leidenschaft werden? Ich kann nur zu ihr beten. Meine Vorstellungskraft sieht
nichts als sie: Alle umgebenden Objekte spielen keine Rolle, außer wenn sie sich auf sie beziehen.
In diesem verträumten Zustand genieße ich viele glückliche Stunden, bis ich mich endlich
gezwungen fühle, mich von ihr loszureißen. Ah, Mark, zu was mich mein Herz nicht oft zwingt!
Wenn ich mehrere Stunden in ihrer Gesellschaft verbracht habe, bis ich mich vollständig von ihrer
Figur, ihrer Anmut, dem englischen Ausdruck ihrer Gedanken absorbiert fühle, wird mein Geist
allmählich zum höchsten Übermaß erregt, mein Sehvermögen wird schwächer, mein Gehör
verwirrt, mein Atem unterdrückt wie von der Hand eines Mörders, und mein schlagendes Herz
versucht, Erleichterung für meine schmerzenden Sinne zu erlangen. Ich bin manchmal bewusstlos,
ob ich wirklich existiere? Wenn ich in solchen Momenten kein Mitgefühl finde und Evi mir nicht
erlaubt, den melancholischen Trost zu genießen, ihre Hand mit meinen Tränen zu baden, fühle ich
mich gezwungen, mich von ihr zu reißen, wenn ich entweder durch das Land wandere, eine steile
Mauer erklimme, oder einen Weg durch das spurlose Dickicht erzwinge, wo ich von Dornen und
Sträuchern verletzt und zerrissen werde; und dort finde ich Erleichterung. Manchmal liege ich
ausgestreckt auf dem Boden, von Müdigkeit überwältigt und vor Durst gestorben; manchmal, spät
in der Nacht, wenn der Mond über mir scheint, lehne ich mich gegen einen alten Baum in einem
abgeschotteten Wald, um meine müden Glieder auszuruhen, wenn ich erschöpft und abgenutzt bis
zum Morgengrauen schlafe. O Mark! die Zelle des Einsiedlers, sein Sackleinen und Dornengürtel
wäre Luxus und Nachsicht im Vergleich zu dem, was ich leide. Adieu! Ich sehe kein Ende dieses
Elends außer im Grab.

3. SEPTEMBER 1998

Ich muss weg! Danke, Mark, dass du meinen schwankenden Zweck bestimmt hast. Seit vierzehn
Tagen habe ich daran gedacht, sie zu verlassen. Ich muss weg. Sie ist in die Stadt zurückgekehrt und
im Haus eines Freundes. Und dann, Jörg - ja, ich muss gehen.

10. SEPTEMBER 1998

Ah, was für eine Nacht, Mark! Ich kann fortan alles ertragen! Ich werde sie nie wieder sehen. Oh,
warum kann ich nicht um deinen Hals fallen und mit Fluten von Tränen und Verzückungen all den
Leidenschaften Ausdruck verleihen, die mein Herz regieren! Hier sitze ich und schnappe nach Luft
und kämpfe darum, mich zu beruhigen. Ich warte auf den Tag und bei Sonnenaufgang soll der
Wagen vor der Tür stehen.

Und sie schläft ruhig und ahnt kaum, dass sie mich zum letzten Mal gesehen hat. Ich bin frei. Ich
hatte den Mut, in einem zweistündigen Interview meine Absicht nicht zu verraten. Und oh Mark,
was für ein Gespräch war das!

Jörg hatte versprochen, sofort nach dem Abendessen zu Evi in den Garten zu kommen. Ich war auf
der Terrasse unter den hohen Kastanienbäumen und beobachtete die untergehende Sonne. Ich sah
sie zum letzten Mal unter diesem herrlichen Garten und stillen Fluss sinken. Ich hatte oft mit Evi
denselben Ort besucht und diesen herrlichen Anblick gesehen; und jetzt - ich ging genau die Allee
auf und ab, die mir so lieb war. Ein geheimes Gefühl hatte mich häufig dorthin gezogen, bevor ich
Evi kannte; und wir waren begeistert, als wir in unserer frühen Bekanntschaft entdeckten, dass wir
beide denselben Ort liebten, der in der Tat so romantisch ist wie jeder andere, der jemals die
Phantasie eines Künstlers faszinierte.

Unter den Kastanienbäumen gibt es einen weiten Blick. Aber ich erinnere mich, dass ich all dies in
einem früheren Brief erwähnt und die hohe Masse der Buchen am Ende beschrieben habe und wie
die Allee dunkler und dunkler wird, wenn sie sich zwischen ihnen schlängelt, bis sie in einer
düsteren Nische endet, die den Charme einer mysteriösen Einsamkeit hat. Ich erinnere mich noch an
das seltsame Gefühl der Melancholie, das mich beim ersten Betreten dieses dunklen Rückzugsortes
am hellen Mittag überkam. Ich fühlte eine geheime Vorahnung, dass es eines Tages für mich der
Schauplatz eines Glücks oder Elends sein würde.

Ich hatte eine halbe Stunde damit verbracht, zwischen den konkurrierenden Gedanken des
Fortgehens und der Rückkehr zu kämpfen, als ich hörte, wie sie die Terrasse heraufkamen. Ich ging
ihnen entgegen. Ich zitterte, als ich ihre Hand nahm und sie küsste. Als wir die Spitze der Terrasse
erreichten, stieg der Mond hinter dem bewaldeten Hügel auf. Wir unterhielten uns über viele
Themen und näherten uns, ohne es zu bemerken, des düsteren Ruheortes. Evi trat ein und setzte
sich. Jörg setzte sich neben sie. Ich tat das Gleiche, aber meine Erregung ließ mich nicht lange
sitzen. Ich stand auf und stellte mich vor sie, ging dann hin und her und setzte mich wieder. Ich war
unruhig und elend. Evi machte uns auf die schöne Wirkung des Mondlichts aufmerksam, das einen
silbernen Farbton über die Terrasse vor uns hinter den Buchen warf. Es war ein herrlicher Anblick
und wurde durch die Dunkelheit, die die Stelle umgab, an der wir uns befanden, noch auffälliger.
Wir schwiegen einige Zeit, als Evi bemerkte: „Wann immer ich im Mondlicht gehe, erinnert es
mich an alle meine geliebten und verstorbenen Freundinnen, und ich bin erfüllt von Gedanken an
Tod und Zukunft. Wir werden wieder leben, Schwanke!“ fuhr sie mit einer fühlenden Stimme fort,
„aber werden wir uns wieder erkennen, was denkst du? was sagst du?“

„Evi“, sagte ich, als ich ihre Hand in meine nahm und meine Augen voller Tränen waren, „wir
werden uns wiedersehen - hier und im Himmel werden wir uns wiedersehen.“ Mehr konnte ich
nicht sagen. Warum, Mark, musste sie mir diese Frage gerade in dem Moment stellen, in dem die
Angst vor unserer grausamen Trennung mein Herz erfüllte?

„In dem Frieden und der Harmonie, die unter uns wohnen, würdest du Gott mit den wärmsten
Gefühlen der Dankbarkeit verherrlichen, an den du in deiner letzten Stunde so inbrünstige Gebete
für unser Glück gerichtet hast.“ So hat sie sich ausgedrückt, aber oh Mark! kann ich ihrer Sprache
gerecht werden? Wie können kalte und leidenschaftslose Worte den himmlischen Ausdruck der
Seele vermitteln? Jörg unterbrach sie roh. „Das betrifft dich zu tief, Evi. Ich weiß, dass deine Seele
mit intensiver Freude in solchen Erinnerungen schwelgt, aber ich bitte...“ - „Jörg!“ fuhr sie fort,
„ich bin sicher, du vergisst nicht die Abende, an denen wir drei am kleinen runden Tisch saßen, als
Papa abwesend war und die Kleinen sich zurückgezogen hatten. Du hattest manchmal ein Buch
dabei, last aber nie; die Unterhaltung dieses edlen Wesens war allem vorzuziehen - dieser schönen,
hellen, sanften und doch immer mühsamen Frau. Gott allein weiß, wie ich auf meinem nächtlichen
Bett mit Tränen gebetet habe, dass ich wie sie sein könnte.“

Ich warf mich zu ihren Füßen und ergriff ihre Hand und betäubte sie mit tausend Tränen. „Evi!“ rief
ich aus, „Gottes Segen und der Geist deiner Mutter sind über dir.“ - „Oh! Dass du sie gekannt hast“,
sagte sie mit einem warmen Druck der Hand, „sie war es wert, dir bekannt zu sein.“ Ich dachte, ich
hätte in Ohnmacht fallen können: Ich hatte noch nie ein so schmeichelhaftes Lob erhalten. Sie fuhr
fort: „Und doch war sie dazu verurteilt, in der Blüte ihrer Jugend zu sterben, als ihr jüngstes Kind
kaum sechs Jahre alt war. Ihre Krankheit war nur kurz, aber sie war ruhig und resigniert; und es war
nur für ihre Kinder, besonders den jüngsten, dass sie sich unglücklich fühlte. Als ihr Ende nahte, bat
sie mich, sie zu ihr zu bringen. Ich gehorchte. Die Jüngeren wussten nichts von ihrem
bevorstehenden Verlust, während die Älteren von Trauer überwältigt waren. Sie standen um das
Bett herum; und sie hob ihre schwachen Hände zum Himmel und betete über sie; dann küsste sie sie
der Reihe nach, entließ sie und sagte zu mir: Sei für sie eine Mutter. Ich gab ihr meine Hand. Du
versprichst viel, mein Kind, sagte sie, die Vorliebe einer Mutter und die Fürsorge einer Mutter! Ich
habe oft durch deine Tränen der Dankbarkeit gesehen, dass du weißt, was die Zärtlichkeit einer
Mutter ist: Zeige es deinen kleinen Brüdern und Schwestern und sei deinem Vater wie eine Ehefrau
pflichtbewusst und treu; du wirst sein Trost sein. Sie erkundigte sich nach ihm. Er hatte sich
zurückgezogen, um seine unerträgliche Qual zu verbergen - er lag mit gebrochenem Herzen. Jörg,
du warst im Raum. Sie hörte jemanden sich bewegen: Sie fragte, wer es sei und bat dich, dich zu
nähern. Sie musterte uns beide mit einem Ausdruck der Gelassenheit und Befriedigung, der ihre
Überzeugung zum Ausdruck brachte, dass wir glücklich sein sollten, glücklich miteinander. Jörg
fiel um ihren Hals und küsste sie und rief: Wir sind es und wir werden es sein! Sogar Jörg, im
Allgemeinen so kalt, hatte seine Fassung verloren; und ich war unaussprechlich aufgeregt.“
„Und solch ein Wesen“, fuhr sie fort, „sollte uns verlassen, Schwanke? Großer Gott, müssen wir uns
so von allem trennen, was uns auf dieser Welt am Herzen liegt? Niemand fühlte dies akuter als die
Kinder: Sie weinten und klagten, lange Zeit später beschwerten sie sich, dass Männer ihre liebe
Mutter weggetragen hatten.“

Evi stand auf. Es hat mich erregt; aber ich setzte mich wieder und hielt ihre Hand. „Lass uns
gehen“, sagte sie, „es wird spät.“ Sie versuchte, ihre Hand zurückzuziehen: Ich hielt sie still. „Wir
werden uns wiedersehen“, rief ich, „wir werden uns in jeder möglichen Verwandlung erkennen! Ich
werde“, fuhr ich fort, „bereitwillig gehen; aber sollte ich sagen: für immer, kann ich vielleicht mein
Wort nicht halten. Adieu, Evi. Wir werden uns wiedersehen.“ - „Ja, morgen, denke ich“, antwortete
sie mit einem Lächeln. Morgen! wie ich das Wort fühlte! Ah! sie dachte wenig nach, als sie ihre
Hand von meiner wegzog. Sie gingen die Allee entlang. Ich stand da und sah ihnen im Mondlicht
nach. Ich warf mich auf den Boden und weinte: Ich sprang dann auf, und rannte auf die Terrasse
hinaus und sah im Schatten der Kastanienbäume ihr weißes Kleid in der Nähe des Gartentors
verschwinden. Ich streckte meine Arme aus und sie verschwand.

ZWEITES BUCH

20. OKTOBER 1998

Wir sind gestern hier angekommen. Der Botschafter ist unbehaglich und wird einige Tage nicht
ausgehen. Wenn er weniger verärgert und mürrisch wäre, wäre alles in Ordnung. Ich sehe aber zu
deutlich, dass der Himmel mich zu schweren Prüfungen bestimmt hat; aber Mut! Ein leichtes Herz
kann alles tragen. Ein leichtes Herz! Ich lächle und finde ein solches Wort aus meiner Feder absurd.
Ein bisschen mehr Unbeschwertheit würde mich zum glücklichsten Wesen unter der Sonne machen.
Aber muss ich an meinen Talenten und Fähigkeiten verzweifeln, während andere mit weit
minderwertigen Fähigkeiten mit äußerster Selbstzufriedenheit vor mir einherziehen? Gnädige
Vorsehung, der ich alle meine Kräfte verdanke, warum hast du nicht einige meiner Segnungen
zurückgehalten und an ihre Stelle ein Gefühl des Selbstvertrauens und der Zufriedenheit gesetzt?

Aber Geduld! alles wird noch gut sein; denn ich versichere dir, mein lieber Freund, du hattest
Recht: Da ich gezwungen war, mich ständig mit anderen Menschen zu verbinden und zu
beobachten, was sie tun und wie sie sich beschäftigen, bin ich mit mir selbst weitaus zufriedener
geworden. Denn wir sind von Natur aus so konst