Goethe Studien I
Goethe Studien I
ERSTER GESANG
ZWEITER GESANG
DRITTER GESANG
O allerschönste Frühlingstage,
Die sie zusammen da genossen!
Die Blüten schimmerten so vage,
Die jungen starken Stämme sprossen.
VIERTER GESANG
Da blickte er in Frauenseelen,
Wie er sie nie bisher gekannt.
Er sah der stillen Gluten Schwelen
Und schaute ein Gelobtes Land.
FÜNFTER GESANG
Jerusalem, Jerusalem!
Der arme Mann hat sich erschossen!
Der Falter flog, es lag der Lehm,
Erlösend ist das Blut geflossen!
SECHSTER GESANG
Auguste! Idealgestalt
Der Ferne, laß du dich verehren!
Du meine Hilfe, du mein Halt,
Mein Leuchtturm in des Lebens Meeren!
SIEBENTER GESANG
Die Frau von Stein war dreiunddreißig
Und reich an trauriger Erfahrung.
Die Schönheit ihres Wandels preis ich
Euch als geheime Offenbarung.
ACHTER GESANG
NEUNTER GESANG
ZEHNTER GESANG
O Träumerische, hingegeben
Wohlwollend allen und bescheiden,
Ein Anmutwesen voller Leben
Und schön, die Augen dran zu weiden!
ELFTER GESANG
ZWÖLFTER GESANG
Da krankte er an Herzentzündung,
Da ward er krank an seinem Herzen.
Des lieben Lebens Überwindung
Erreichen diese Herzensschmerzen!
ERSTE SZENE
(Goethe in seinem Schlafgemach allein. Der Schattenriß einer schönen Frau an der Wand. Davor
eine Kerze, brennend. Goethe schaut abwechselnd in die Kerzenflamme und in das Antlitz der
Frau.)
GOETHE
(trinkt den letzten Becher dunkelroten Weines aus und murmelt, fast lallend)
Wem soll ich aber den Gedanken sagen?
Wie einsam ist der Weise! Nicht verzagen
Darf doch der Diener an dem Wahren-Schönen,
Wenn auch die Toren meinen Geist verhöhnen.
Ich aber muß mit liebevollen Tränen
Mich hier nach meinem Liebestode sehnen!
Die Liebenden ja stets in Tränen schwammen,
Der Liebende ersehnt der Liebe Flammen,
Ersehnt der Liebe letztes Abenteuer,
Ersehnt den Liebestod im Liebesfeuer!
ZWEITE SZENE
(Goethe und ein Priester, der ihm das letzte Bekenntnis als Geständnis entlockt und ihn segnet für
die mystische Reise.)
PRIESTER
Gehst du getrost, getröstet in den Tod?
GOETHE
Ganz ruhig kann ich denken an den Tod,
Mein Geist ist doch ein Wesen unzerstörbar,
Geistwesen, das unsichtbar und unhörbar,
Fortlebend Ewigkeiten Ewigkeiten
In der Äonenwelt der Himmelsweiten.
PRIESTER
Unsterblichkeit ist also deine Wonne?
GOETHE
Ja, meine Seele ist wie eine Sonne!
Die Menschenaugen sehn das Abendrot
Und sehn die Nacht und sehn das Morgenrot
Und doch ists immerdar dieselbe Sonne,
Die leuchtet fort und fort in heller Wonne!
PRIESTER
Und kann der Sarg dir gar nicht imponieren?
Kannst du da deinen Glauben nicht verlieren?
GOETHE
Ein starker Geist lässt sich gar niemals rauben
An die Unsterblichkeit den wahren Glauben.
PRIESTER
So fürchtest du dich gar nicht vor dem Nichts?
GOETHE
Die Seele, Tochter himmlischreinen Lichts,
Sie bleibt doch treu der Mutter, der Natur,
Sie ist ja doch der Mutter Kreatur,
Und diese Mutter lässt ihr Kind nicht enden,
So wird sie ihre Schöpfung nicht verschwenden!
PRIESTER
Natur lehrt also dich Unsterblichkeit?
GOETHE
Der die Natur in meines Lebens Zeit
Betrachtet und erforscht und tief erkannt,
Ich überall doch in der Schöpfung fand
Nicht Tod und Nichts, allein nur Metamorphose,
Sie lehrte mich der Falter und die Rose.
PRIESTER
Denkst du, die eigene Persönlichkeit
Bestehe fort und fort in Ewigkeit?
GOETHE
Ach, was von der Persönlichkeit noch bliebe,
Was wert des Dauerns sei, entscheid die Liebe!
Was bleibt von der Person, will ich gelassen
Geheimnisvoller Gottheit überlassen.
PRIESTER
Was ist die Seele aber, was der Geist,
Den du als ewig und unsterblich preist?
GOETHE
Ich glaub an Anfangspunkte der Erscheinung
In der Natur, ich denk an Leibnitz’ Meinung,
Ur-Seele ist es, schaffende Monade,
Der Kosmos wird durch der Monaden Gnade,
Ur-Keime sind es oder Ur-Gestalten,
Die schöpfrisch tätig eine Welt entfalten.
Monaden gibt es schwache oder starke,
So wird der Staub, so wird mit Saft und Marke
Die Pflanze und so wird das Tier, der Stern,
So auch der Schöpfung Krone, Fraun und Herrn.
Die Hauptmonade als des Menschen Geist
Die Schar Monaden schaffend an sich reißt,
Die Hauptmonade, königliches Weib,
Sie bildet sich als Hofstaat einen Leib.
Auflösung aber nennen wir den Tod.
Die Monas dann gebietet mit Gebot,
Daß die Monaden sich im letzten Leiden
Von ihrer Herrin Monas schließlich scheiden,
Daß die Monaden auf der Schöpfung Spur
Eingehen in die Seele der Natur,
Zu Meer und Land, zu Bergen in der Ferne,
Verschweben in die Feuer, in die Sterne.
Die Herrin Monas aber, trotz den Spöttern,
Die Monas teil hat an der Lust von Göttern!
Bei schöpferischen Göttern oder Engeln
Die Hauptmonaden frei von allen Mängeln
Sich selig in der Götter goldnen Netzen
Sich Ewigkeit um Ewigkeit ergötzen!
PRIESTER
Du denkst die Hauptmonade also süß
Als Monas selig in dem Paradies?
GOETHE
Ich zweifle nicht nach allem meinen Lernen,
Daß da ein Leben ist auf höhern Sternen.
Der Mensch ist ja das Sprechen der Natur
Mit Gott! Der Mensch als Wort der Kreatur
Wird sprechen noch mit Gott und Weisheit lernen
Und Liebe singen auf den Morgensternen!
Dann stöhnt man von der Liebe süßer, leiser,
Der Weisen Diskussionen werden weiser
Und glühender der Lodernden Gestöhn,
Dort sind die schönen Frauen mehr als schön!
PRIESTER
Sagt einer aber, dass der liebe Gott
Die Welt schuf in sechs Tagen ohne Spott
Und sich am siebten Tage gönnte Ruhe?
GOETHE
Hier ist der Boden heilig! Ohne Schuhe
Will ich den Schöpfer preisen, nicht wie Pfaffen,
Den Schöpfer nicht, der einst die Welt geschaffen,
Der dann großväterlich sich ausgeruht,
Den Schöpfer preis ich, der mit Schöpferwut
Alltäglich schafft und wirkt und an sich reißt
In Hauch-Begeisterung des Menschen Geist!
Den Schöpfer preis ich, der auf dieser Erde
Die Menschheit schafft, auf dass auf Erden werde
Die Höhere, die Geisterwelt erzogen,
Die steten Umgang mit dem Herrn gepflogen,
Die Geisterwelt, mit Gott vereinter Geist,
Die alles Niedre machtvoll aufwärts reißt,
Gott bildet überall ein Geisterreich
Von Geistern, die den Göttersöhnen gleich!
Des Menschen Geist ist ja ein Gottessohn!
Anbetend schweig ich vor der Gottheit Thron!
PRIESTER
Und so erteil ich dir die Absolution.
DRITTE SZENE
(An der Perlenpforte des Paradieses erscheint der verklärte Goethe als Jüngling Hatem, die
Schönste der Huris, Sankt Haura, empfängt ihn.)
SANKT HAURA
Heut steh ich an des Paradieses Pforte
Zum Garten Eden, dem geliebten Orte.
Du aber, so gelassen und bedächtig,
Wer bist du denn? Du bist mir fast verdächtig!
Bist du denn einer von den frommen Christen,
Daß ich dich lasse ein zu Himmelslüsten
Und Wonnen in des Garten Eden Lauben,
Bist du denn einer auch vom wahren Glauben?
Hat dich Verdienst? hat dich allein die Gnade
Gebracht in Zions Gartenstadt von Jade?
Bist du Bekenner? Doktor? Marterzeuge?
Von deinem Marterzeugnis mir nicht schweige!
Zeig mir die Wunde für den Glauben an,
Die dir den Weg ins Paradies gewann!
HATEM
Leg mir mein Wort nicht auf die goldne Waage,
Verstehe mit dem Herzen, was ich sage:
Ich war als Mann ein Minner reiner Minne,
Durch Minne ich das Paradies gewinne,
Ich hab zur Paradiesestür gefundnen
Und zeige rühmlich meine Minnewunden,
Die Minne hat gemartert mich am Herzen,
Die Minne war mir Kreuz und Todesschmerzen!
Du sollst mit deinen lichten Mandelaugen
Mir in die Seele schauen: Sie wird taugen
Zu Paradieseslust und Himmelsliebe,
Denn Liebe lebt im tiefsten Seelentriebe!
Schau, Haura, in das Innre meiner Brust,
Hier lebt der Liebe Leid, der Liebe Lust!
Doch trotz der Liebeswunden, Liebesschmerzen
Anstaunend stand ich vor der Herrin Herzen,
Bewundernd hoch aus meinem tiefbetrübten
Gemüt stand preisend ich vor der Geliebten
Und schien in Ihr, der Schönsten aller Frauen,
Der Gottheit Gloria schon anzuschauen!
Mein Zeuge aber sei der Totenrichter:
Die Schöne Liebe sang ich als Ihr Dichter,
Verewigte die Vielgeliebte rein
Und ging zum Nachruhm in die Nachwelt ein!
Du wählst nicht den Geringen und Gemeinen,
Du Himmlische, du kannst dich mir vereinen,
Komm, laß uns wandeln, Haura, Hand in Hand,
Gemeinsam hier durch Edens Gartenland,
Und wenn wir ganz verschmolzen unsre Seelen,
Will ich an deinen Fingern Jamben zählen!
SANKT HAURA
Da draußen vor der Paradiesespforte
Im Wind des Geistes an dem Himmelsorte,
Da dacht ich an die göttlichen Gebote
Und wie gerettet wird so mancher Tote,
Da hört ich, ohne irgendwas zu sehen,
So einen Klang von Jamben und Trochäen,
So einen Klang von altvertrauten Reimen,
So wonnesüß wie Schmack von Wabenseimen.
Ich dacht im himmlischen Jerusalem,
Das sei von dir ein frommes Verspoem!
HATEM
Du Ewige Geliebte, meine Braut,
Wie sind wir doch von Ewigkeit vertraut,
Ins eins geschlungen unsre Himmelsglieder!
Und nun denkst du auch noch an meine Lieder,
Wie ich mit Patriarchen mich besinne
Und sing Mysterien der frommen Minne!
Auf Erden schallen irdisch hin und wieder
So erdgeborner Erdenmenschen Lieder,
So Kling und Klang vom sündigen Gelichter!
Propheten aber sind wir Priesterdichter
Und wissen alle nur von Einem Worte,
Sie schweben um die Paradiesespforte
Und haben nur vom Paradies geschrieben
Und werden ewige Geliebte lieben!
Wenn aber deine schönen Schwestern, Huri,
Die Lieder an Sulima, an Siduri
Und an Suleika auf der Erde hören,
So sollen sie aus ihren Engelschören
Mit inspirierendem Gebläse stärken
Die Dichter meisterlich zu Meisterwerken!
Das wird den Himmel ehren und auf Erden
Die Guten werden schön getröstet werden.
Wenn aber dann der Minnedamen Dichter
Ins Jenseits treten vor den Totenrichter,
Das Weltgericht wird ihre Liebe lohnen,
Die Dichter dürfen bei den Huris wohnen!
Du aber bist mir einzig anvertraut,
Die Ewige, die Einzige, die Braut,
Von Ewigkeit zu Ewigkeit bist du
Mein Licht des Lebens, meiner Seele Ruh,
Dich, Haura, laß ich nicht aus meinem Zelt,
Die andern Huri in der Himmelswelt,
Sie sollen warten an der Himmelspforte
Auf andre Minnedichter edler Sorte!
SANKT HAURA
Schon wieder schlugst du liebend deinen Arm
Um Haura, tief bezaubert von dem Charme,
Und wie betrunken von den Himmelsdüften
Ergötzt du dich an der Geliebten Hüften!
Wie viele Ewigkeiten Ewigkeiten
Wir uns die Liebeslüste schon bereiten!
HATEM
Was weiß denn ich, wie lange es schon währt?
Von Ewigkeit zu Ewigkeit begehrt
Die Ewige Geliebte nur mein Geist,
Die Paradiesfrau, die mich an sich reißt!
In Ewigkeit glückseliger Genuß!
Als währte ewig unser Erster Kuß!
SANKT HAURA
Doch seh ich schweben meinen Freier schon
In Einsamkeit hinan zu Gottes Thron!
Als ob der Ewige dich herberiefe,
Singst du vorm Thron der Ewigen Liebe Tiefe!
Sing du als Lobgesang dem Lieben Gotte
Nur immerdar dein Liebeslied an Lotte!
VIERTE SZENE
(Hatem im Chor der Seraphim anbetend schwebt mit der goldenen Harfe im geflügelten Arm vor
dem Thron der Ewigen Liebe.)
SERAPHIM
Daß wir von nichts als von der Liebe singen!
HATEM
Man möge in den eignen Busen dringen!
SERAPHIM
Wie Liebe ewig selig anzuschauen!
HATEM
Schaut, Freier, an die Schönheit lieber Frauen!
SERAPHIM
So singen wir der Liebe Seelenfrieden!
HATEM
Wie Selige der Liebe auch hienieden!
SERAPHIM
Der Selige an Gottes Brust gebettet!
HATEM
Der Mensch weiß gern sein Wahres Selbst gerettet!
SERAPHIM
Wer immer liebte, wird die Liebe preisen!
HATEM
Die schönen Frauen, frommen Dichter, Weisen!
SERAPHIM
Frau Minne preisen wir voll Liebesdrang!
HATEM
Ganz wie im reinen deutschen Minnesang!
SERAPHIM
Das Wort der Liebe preisen wir in Worten!
HATEM
Mit Maß und Reim im Himmel allerorten!
SERAPHIM
Und vor der Einen Liebe, höchstverehrten –
HATEM
Empfinden sich unendlich die Verklärten!
SERAPHIM
So schwingen wir und dringen wir durch Sphären –
HATEM
Voll Liebe mit unendlichem Begehren –
SERAPHIM
Durch Liebesparadiese fort und fort –
HATEM
Durchhaucht das Paradies von Gottes Wort –
SERAPHIM
Mit Feuersbrunst und Leidenschaft der Triebe –
HATEM
Wir beten an die Macht der Schönen Liebe –
SERAPHIM
Die Ewige Schöne Liebe makellos –
HATEM
Und sinken, ah, der Liebe in den Schoß...
erster gesang
wahrlich ich habe den markt und die straße noch nie so verlassen gesehen
wie sieht die stadt aus als wäre sie überschwemmt oder zugrunde gegangen nicht fünfzig
gibt es glaube ich von all unseren bewohnern noch übrig
was wird die neugier nicht tun hier läuft jeder
ich beeile mich die traurige prozession der erbärmlichen verbannten zu bestaunen
eine ganze meile muss es bis zum damm sein den sie überqueren müssen
doch alle eilen in der staubigen mittagshitze nach unten
ich würde mich mit gutem gewissen nicht von meinem platz rühren um den kummer mitzuerleben
getragen von guten flüchtigen menschen die nun mit ihren geretteten besitztümern
leider gefahren von jenseits des rheins von ihrem schönen land
sie kommen zu uns und durch die wohlhabende ecke
durchstreifen sie dieses üppige tal und durchqueren sie seine windungen
du hast es gut gemacht gute frau unsern sohn als du so freundlich warst
ihn zu beladen mit etwas zu essen und zu trinken und mit einem vorrat an alter wäsche
unter die armen leute zu verteilen denn das geben gehört den reichen
gewiss wie die jugend fährt welche kontrolle er über die pferde hat
macht unser wagen nicht ein hübsches aussehen der neue mit komfort
darin konnten vier personen platz nehmen auf dem bock war noch ein platz für den kutscher
diesmal fuhr er alleine wie leichtfüßig rollte er um die ecke
während er also gemütlich auf der veranda seines hauses auf dem markt saß
zu seiner frau sprach der gastgeber des goldenen löwen
dann näherten sich die beiden männer herzlich und grüßten das paar
setzten sich auf die holzbänke die in der tür aufgestellt waren
sie schüttelten den staub von ihren füßen und fächelten sich mit ihren tüchern luft zu
dann kam der arzt sobald die gegenseitigen grüße ausgetauscht wurden
als erster begann er und sagte fast in verärgertem ton
so ist die menschheit wahrlich und ein mann ist wie der andere
liebt es zu gaffen und anzustarren wenn seinem nachbarn unglück widerfahren ist
jeder beeilt sich die flammen zu betrachten während sie in zerstörung aufsteigen
läuft um den armen täter zu sehen bis zur hinrichtung
jetzt machen sich alle auf den weg um auf die not dieser verbannten zu blicken
es gibt auch niemanden der glaubt dass er durch ein ähnliches vermögen
kann in der zukunft wenn nicht sogar in der nächsten ebenfalls überwunden werden
leichtfertigkeit die meiner meinung nach nicht zu verzeihen ist
dennoch liegt es in der natur des menschen
sorgfältig brachte die mutter den klaren und herrlichen jahrgang zur welt
eingehüllt in eine gut polierte flasche auf einem teller aus glitzerndem zinn
rund gestellt mit großen grünen gläsern treffen sich die trinkbecher zum rheinwein
so saßen die drei zusammen an dem stark gewachsten tisch
glänzend und rund und braun der auf mächtigen füßen getragen wurde
freudig klingelten zugleich die gläser des wirts und pfarrers
aber es hielt regungslos der dritte fest und saß in gedanken versunken da
bis der wirt ihn mit gut gelaunten worten herausforderte und sagte
kommen sie herr nachbar leeren sie ihr glas für gott in seiner barmherzigkeit
bisher hat er uns vor dem bösen bewahrt und wird uns auch in zukunft bewahren
denn wer erkennt nicht dass seit unserem schrecklichen flächenbrand
als er uns so hart züchtigte segnet er uns jetzt fortwährend
ständig abschirmend während der augapfel des menschen über ihn wacht
hält er es für wertvoller und wichtiger als alle anderen seiner mitglieder?
wird er uns in zukunft nicht verteidigen und uns beistand leisten?
erst wenn die gefahr naht erkennen wir wie groß seine macht ist
soll er diese blühende stadt die er einst von fleißigen bürgern erbauen lies
aus seiner asche neu aufgebaut und danach mit fülle gesegnet
jetzt wieder abreißen und die ganze arbeit zunichte machen?
zweiter gesang
als nun der sohn mit hübscher miene in die kammer kam
mit forschendem blick richteten sich die augen des predigers auf ihn
und mit dem blick des lehrers der den ausdruck leicht ergründen kann
untersuchte sein gesicht seine gestalt und seine allgemeine haltung genau
dann sprach er mit einem lächeln und sagte in liebevollen worten
du bist wirklich ein anderes wesen ich habe dich nie gesehen
fröhlich wie jetzt noch nie habe ich deine blicke so strahlend gesehen
fröhlich kommst du und glücklich das ist klar unter den armen leuten
du hast deine gaben geteilt und ihre segnungen für dich empfangen
leise und mit ernsten worten ließ ihm der sohn antworten
ob ich so gehandelt habe wie ihr es raten wollt weis ich nicht aber ich bin dem gefolgt
was mir mein herz befohlen hat das werde ich ihnen genau erzählen
du hast mutter so lange in deinen alten stücken gekramt
beim pflücken und auswählen war dein bündel erst spät zusammen
auch der wein und das bier brauchten viel zeit und sorgfalt beim verpacken
als ich endlich durch das tor herauskam und auf die hauptstraße hinauskam
rückwärts strömte die menge der bürger mit frauen und kindern
kommt mir entgegen denn weit war schon die bande der verbannten
schneller setzte ich meinen weg fort und fuhr zügig ins dorf
dort wollten sie sich ausruhen wie ich hörte und bis zum morgen verweilen
während ich dorthin eilte die neue straße hinauf ein kräftiger holzwagen
von zwei ochsen gezogen sah ich die größten und stärksten dieser region
während mit kräftigen schritten eine jungfrau neben ihnen ging
und mit einem langen stab in ihrer hand führten die beiden mächtigen kreaturen
mal drängt man sie mal hält man sie zurück mit geschick fuhr sie sie
sobald das mädchen mich bemerkte näherte es sich ruhig den pferden
und mit diesen worten wandte sie sich an mich nicht immer so bedauerlich
war unser zustand so wie du ihn heute auf dieser reise siehst
ich habe mich noch nicht daran gewöhnt einen fremden um geschenke zu bitten
was er oft unwillig gibt um den bettler loszuwerden
aber die notwendigkeit treibt mich zum sprechen denn hier auf dem stroh liegt
ein frisch entbundenes kind die frau eines reichen gutsbesitzers die ich kaum kenne
hat sie in ihrer schwangerschaft sicher mit ochsen und wagen weggebracht
nackt liegt nun in ihren armen das neugeborene kind
und die hilfe die unsere freunde leisten können ist gering
wenn wir tatsächlich im nachbardorf wären wo wir uns heute ausruhen wollten
dennoch werden wir sie finden obwohl ich große angst habe
dass sie es bereits bestanden haben
solltest du wäsche jeglicher art übrig haben vorausgesetzt sie ist vorhanden
du aus dieser nachbarschaft gib es den armen in almosen
so sprach sie und die blasse mutter richtete sich schwach auf
vom stroh auf und schaute zu mir dann sagte ich als antwort
gewiss zu den guten redet oft ein geist vom himmel
sie sollen die not spüren die einen leidenden bruder bedroht
denn du musst wissen dass meine mutter die bereits deinen kummer vorhersagt
gab mir ein bündel um es sofort für die bedürfnisse der nackten zu verwenden
dann löste ich die knoten der schnur und die hülle meines vaters
ich gab sie ihr und gab ihr auch die hemden und die wäsche
und sie dankte mir freudig und rief die glücklichen glauben es nicht
es können noch wunder gewirkt werden denn nur in der not erkennen wir
gottes eigene hand und finger die die guten dazu bringen gutes zu zeigen
was er uns durch dich getan hat möge er auch dir tun
und ich sah mit welcher freude die kranke mit der wäsche umging
besonders erfreulich ist jedoch der zarte flanell des morgenmantels
lasst uns eilen sagte die jungfrau zu ihr und ins dorf kommen
wo unsere leute übernachten werden und sich bereits ausruhen
da werde ich diese kleider für alle kinder sogleich verteilen
dann salutierte sie erneut und drückte ihren dank aufs herzlichste aus
die ochsen starteten der wagen fuhr weiter aber da blieb ich noch
hielt immer noch die pferde unter kontrolle denn jetzt war mein herz geteilt
ob man schnell ins dorf fährt und dort proviant holt
zu teilen es mit dem rest des volkes oder ob ich hier zur jungfrau geh
alles sollte auf einmal geliefert werden damit sie es diskret portionieren kann
und in einem augenblick hatte mein herz entschieden und fuhr ruhig weiter
nach der jungfrau überholte ich sie bald und sagte schnell zu ihr
höre gute jungfrau meine mutter hat nicht nur wäschezeug eingepackt
in die kutsche damit ich kleidung habe um die nackten auszustatten
wein und bier fügte sie auserdem hinzu und versorgte sie mit proviant
von all diesen dingen habe ich jede menge in der kiste der kutsche
aber jetzt fühle ich mich dazu bewegt auch diese opfer darzubringen
in deine hand denn so werde ich meinen auftrag am besten erfüllen
du wirst sie mit urteil teilen während ich zufällig angewiesen werden müsste
daraufhin antwortete das mädchen ich werde mit treue teilen
das sind deine gaben damit allen denen trost zu spenden die in not sind
so sprach sie und schnell öffnete ich den kasten der kutsche
brachte von dort die kräftigen schinken hervor und holte das brot heraus
flaschen wein und bier und alles gab ich der jungfrau
gerne hätte ich ihr mehr gegeben aber der wagen war leer
alles packte sie zu füßen der kranken frau und machte sich auf den weg
ich fuhr mit meinen pferden und der kutsche schnell zurück in die stadt
nachbar antwortete der junge siegfried mit nachdruck auf seine worte
ich kann dir hier in keiner weise zustimmen und deine sprache muss ich tadeln
ist er tatsächlich ein mann der im guten wie im bösen geschätzt wird
denkt nur an sich selbst und freut sich und trauert mit anderen
weiß nicht wie man teilt und spürt auch nicht wie sein herz ihn so treibt?
eher als je zuvor würde ich mich heute zum heiraten entschließen
viele würdige mädchen brauchen den schutz ihres mannes
und der mann braucht eine inspirierende frau wenn krankheit droht
dann brach der vater hervor und antwortete mit worten des zorns
mein leben wird wenig freude an dir haben ich sagte es würde so sein
als ich merkte dass deine freude ausschließlich pferden und der landwirtschaft galt
arbeit die tatsächlich ein diener für einen reichen herrn verrichtet
das tust du der vater muss inzwischen seines sohnes beraubt werden
der als sein stolz vor den augen der übrigen bürger erscheinen sollte
schon früh pflegte deine mutter mich mit leeren hoffnungen zu täuschen
wenn du in der schule bist würdest du nie lernen zu lesen und zu schreiben
wie bei den anderen gelingt es dir aber dein platz wäre immer der unterste
das geschieht freilich dann wenn ein jugendlicher kein ehrgefühl hat
in seiner brust wohnen noch der wunsch sich höher zu erheben
hätte nur mein vater so für mich gesorgt wie für dich gesorgt wurde
wenn er mich zur schule geschickt und mir so lehrer gegeben hätte
ich glaube ich sollte etwas anderes sein als der wirt des goldenen löwen
dann erhob sich der sohn von seinem sitz und ging lautlos zur tür
langsam und ohne ein wort zu sprechen der vater jedoch in leidenschaft
danach rief er ja geh du widerspenstiger kerl ich kenne dich
geh und kümmere dich fortan um das geschäft damit ich dich nicht tadeln muss
aber stell dir nicht vor dass es sich jemals um ein bauernmädchen handelte
du sollst als schwiegertochter in meine wohnung kommen das luder
ich lebe schon lange auf der welt und weiß wie mit der menschheit umzugehen ist
wissen sie wie sie damen und herren so unterhalten dass sie zufrieden sind
sie werden mein haus verlassen und fremde können angenehm schmeicheln
dennoch bin ich fest entschlossen dass ich eines tages eine tochter haben werde
die wird mich in gleicher weise belohnen und meine vielfältige arbeit versüßen
die soll mir auch das klavier vorspielen so dass es mit freude dort sein wird
alle hübschen und feinsten menschen der stadt versammeln sich
wie sie es jetzt sonntags im haus unseres nachbarn tun hier siegfried
drückte sanft auf den riegel und verließ so die kammer
dritter gesang
vierter gesang
während sie sich so amüsierten saßen die männer da und unterhielten sich die mutter
unterdessen ging vor der wohnung auf die suche nach ihrem sohn
zuerst auf der steinernen sitzbank auf der er zu sitzen pflegte
als sie bemerkte dass er nicht da war ging sie weiter um im stall nachzusehen
ob er sich vielleicht um seine edlen pferde die hengste kümmern würde
die er als fohlen gekauft hatte und deren pflege er niemandem anvertraute
und von dem diener dort wurde ihr gesagt er ist in den garten gegangen
dann durchquerte sie mit flinken schritten die langen doppelhöfe
sie ließ die ställe hinter sich und auch die gut gebauten scheunen
betrat den garten so weit die mauern der stadt reichten
ging durch die ganze länge und freute sich als sie in alles hineinging was wuchs
stellte man die stützen auf auf denen die äste ruhten
schwer beladen mit äpfeln und belastenden zweigen des birnbaums
als nächstes wurden einige raupen von einem kräftigen anschwellenden kohl entfernt
denn eine fleißige frau lässt keinen schritt ungenutzt
so kam sie endlich ans ende des weitläufigen gartens
wo stand die laube umhüllt von rankenholz
nicht dort fand sie ihn mehr als bisher bei all ihrer suche im garten
aber die pforte stand offen die aus der laube herausführte
einmal war sie durch besondere gunst durch die mauern der stadt gegangen
geschnitten von ihrem großvater dem verehrten bürgermeister
so überquerte sie als nächstes bequem den jetzt ausgetrockneten wassergraben
wo am straßenrand der gut eingezäunte weinberg
erhob sich mit steilem anstieg dessen hang der sonne ausgesetzt ist
auch diesen stieg sie hinauf und zwar mit freude beim aufstieg
bemerkte den reichtum der büschel die durch ihr spärliches blattwerk verborgen waren
schattig und verdeckt der weg durch die erhabene mittlere gasse
über stufen aus unbehauenen blöcken stieg sie hinauf
es gab den muskateller und den hängenden chasselas
seite an seite von ungewöhnlicher größe und purpurn gefärbt
alles mit dem ziel den tisch des besuchers zu decken
während der rest des hanges mit einzelnen rebstöcken bedeckt war
mit minderwertigen trauben aus denen der delikate wein entsteht
so ging sie den hang hinauf und genoss bereits den jahrgang
und diesen festlichen tag an dem das ganze land jubelte
pflückt und zerstampft die trauben und sammelt den most in gefäßen
feuerwerk wenn es abend ist aus allen richtungen und ecken
knistern und lodern und so wird die schönste ernte geehrt
aber noch unruhiger wurde sie als ihr sohn nach zwei oder dreimaligen anrufen
keine antwort gab außer vom gesprächigen echo
das erklang mit vielen wiederholungen von den türmen der stadt
seltsam war es für sie ihn zu suchen er war nie auf distanz gegangen
dass er ihr nicht zuerst sagte sie solle seine liebevolle mutter
jeden ängstlichen gedanke und die angst meiden
dass etwas schlimmes geschehen sein könnte
dennoch hoffte sie ständig dass sie ihn finden würde wenn sie weiterginge
denn die beiden türen des weinbergs die untere und die obere
beide standen gleichermaßen offen nun betrat sie das kornfeld
dass mit seiner weiten ausdehnung der hügelkamm überdeckt wurde
der boden den sie allein beschritt war immer noch und die ernte über die sie sich freute
alle gehörten noch ihr und ihr gehörte auch das stolz wehende korn
über das ganze weite feld in goldener kraft die sich bewegte
sie behielt den höhenweg den fußweg zwischen den feldern bei und ging weiter
den hohen birnbaum im blick der auf dem gipfel stand
und war die grenzmarkierung der felder die zu ihrer wohnung gehörten
wer ihn gepflanzt haben könnte konnte niemand wissen aber sichtbar war er
weit und breit durchs land die frucht des birnbaums war berühmt
darunter pflegten die schnitter ihre mahlzeit am mittag zu genießen
und die hirten waren es gewohnt in seinem schatten ihre herden zu hüten
bänke aus unbehauenen steinen und rasen die sie gefunden hatten standen darum herum
und sie hatte sich nicht getäuscht denn da saß ihr siegfried und ruhte
er saß da den kopf auf die hand gestützt und schien die landschaft zu betrachten
das lag in den bergen sein rücken war seiner mutter zugewandt
sie schlich sanft auf ihn zu und berührte leicht seine schulter
schnell drehte er sich um als er ihr begegnete standen ihm tränen in den augen
da sammelte sich der vortreffliche jüngling und gab ihr die antwort
wahrlich dieser mann kann kein herz in seinem eisernen busen haben
der ist jetzt unempfindlich gegenüber den bedürfnissen dieses auswanderervolkes
er hat kein gehirn im kopf der nicht zu seiner persönlichen sicherheit
um das wohl seines vaterlandes in zeiten wie der gegenwart die so bange sind besorgt ist
der anblick und die geräusche des morgens hatten mein herz tief berührt
da ging ich hinaus und betrachtete die weite und herrliche landschaft
sie breitet ihre fruchtbaren hänge in alle richtungen um uns herum aus
ich sah wie sich das goldene korn den schnittern zuneigte
und das versprechen gut gefüllter scheunen durch die reiche ernte
aber ach wie nah ist der feind der rhein mit seinen gewässern
beschützt uns tatsächlich aber ach was sind denn nun flüsse und berge
gegen dieses schreckliche volk das wie ein sturm voranschreitet
denn sie rufen ihre jugend von allen seiten zusammen
rufen sie auch ihre alten männer zusammen und drängen sie mit gewalt vorwärts
der tod kann die menge nicht erschrecken eine menge folgt der anderen
und soll ein deutscher es wagen auf seinem gehöft zu verweilen?
hofft er vielleicht dem überall drohenden bösen zu entkommen?
nein liebe mutter ich sage dir der heutige tag hat mich gereut
dass ich kürzlich befreit wurde als aus unseren städten bürger gewählt wurden
diejenigen die in der armee dienen sollten ein einziger sohn bin ich wirklich
auch unser geschäft läuft großartig und die verantwortung für unseren haushalt ist schwer
doch wäre es meiner meinung nach besser an der front widerstand zu leisten
dort an der grenze als hier um unglück und knechtschaft zu erwarten
so hat es mein geist erklärt und zwar tief in meinem innersten busen
mut und sehnsucht sind nun geweckt für mein land zu leben
ja und zu sterben um anderen ein würdiges beispiel zu geben
wenn nur die kräfte der deutschen jugend gebündelt würden
dort an der grenze entschlossen dass sie dem fremden niemals nachgeben würde
ach er sollte nicht auf unserem herrlichen boden seine fusstapfen setzen
weder verzehren die früchte unserer arbeit vor unseren augen
er regiert unsere männer und macht unsere frauen und töchter zu seiner beute
höre auf mich mutter denn in der tiefe meines herzens bin ich entschlossen
schnell und sofort zu tun was mir richtig und vernünftig erscheint
denn nicht immer wählt der am besten aus der am längsten überlegt
höre ich werde nicht mehr ins haus zurückkehren aber direkt
gehen von diesem ort in die stadt und präsentieren mich dort den soldaten
dieser rechte arm und dieses herz sollen im dienst des vaterlandes eingesetzt werden
dann lass meinen vater sagen wenn es kein gefühl der ehre gibt
in meiner brust wohnen noch der wunsch mich höher zu erheben
dann sprach die gute und intelligente mutter mit bedeutungsvollen worten
während aus ihren augen lautlos die schnell einsetzenden tränen flossen
sohn welche veränderung ist heute über dich und über dein temperament gekommen
dass du nicht mehr sprichst wie du es gestern getan hast und es immer getan hast
offen und frei zu deiner mutter und deine wünsche genau sagend
jeder andere hätte dich wenn er dich so reden gehört hätte mit gewissheit gelobt
und diese deine entscheidung hätte als die edelste hochgelobt
lassen sich von ihrem ton und ihrer bedeutungsvollen sprache in die irre führen
dennoch habe ich nichts als tadel zu sagen denn besser kenne ich dich
du verbirgst dein herz und deine gedanken sind nicht so wie du es sagst
nun weiß ich dass es nicht die trommel nicht die posaune ist die dich ruft
auch in uniform würdest du nicht in den augen der mädchen erscheinen
denn trotz aller ehrlichkeit und tapferkeit ist es deine berufung
hier dich zu kümmern in ruhe um den hof und versorgen den haushalt
sag mir also ehrlich was treibt sie zu einer solchen entscheidung?
dann überließ er sich der arme junge seinem kummer und weinte
er weinte laut an der brust seiner gütigen mutter und antwortete gebrochen
wahrlich die worte meines vaters haben mich heute sehr verletzt
worte die ich nicht verdient habe weder heute noch jemals
denn es war für mich schon früh die größte freude meine eltern zu ehren
niemand wusste mehr also dachte ich oder war klüger als die mich gezeugt haben
und hatten die dunkle zeit der kindheit mit strenge regiert
viele dinge habe ich wahrlich mit geduld von meinen spielkameraden ertragen
wenn ich ihnen mein wohlwollen entgegenbrachte vergelteten sie es oft mit bosheit
oft lies ich zu dass ihre schläge und hiebe unerwidert blieben
aber wenn sie es wagten den vater lächerlich zu machen wenn er eines sonntags
mit seiner feierlichen und würdevollen haltung würde aus der kirche nach hause kommen
wenn sie sich über seine hutschnur lustig machten oder über die blumen auf dem einband lachten
er trug eine solche pracht die erst heute morgen verschenkt wurde
drohend ballte ich augenblicklich meine faust mit wütender leidenschaft
ich stürzte mich auf sie und schlug zu und schlug sie blindlings
ich sehe nicht wo sie heulten als das blut aus ihren nasen strömte
kaum konnten sie meinen leidenschaftlichen tritten und schlägen entkommen
als ich dann älter wurde musste ich viel von meinem vater ertragen
gewalttätige worte ließ er oft an mir aus anstatt an anderen
als der rat bei der letzten vorstandssitzung seinen unmut geweckt hatte
und ich musste für die streitereien und list seiner kollegen büßen
du hast selbst oft mitleid mit mir gehabt denn viel habe ich gelitten
immer mit herzlichem respekt an die freundlichkeit der eltern denkend
einzig und allein darauf bedacht ihre güter und besitztümer für uns zu vermehren
viele verleugnen sich selbst um für ihre kinder zu sparen
aber leider allein sparen um eines verspäteten vergnügens willen
das ist kein glück haufen auf haufen und acker auf acker
machen uns nicht glücklich egal wie schön unsere güter auch sein mögen
denn der vater wird alt und mit ihm werden auch die kinder alt
die freuden des tages verlieren und die sorgen von morgen tragen
schau nach unten und sieh wie in herrlichkeit vor uns liegt
schön und reichlich die kornfelder unter ihnen der weinberg und der garten
dort drüben die ställe und scheunen unsere schöne besitztumsgrenze
aber wenn ich auf die wohnung dahinter schaue wo oben im giebel
wir können das fenster erkennen das mein zimmer im dachboden markiert
wenn ich zurückblicke und mich an die vielen nächte an diesem fenster erinnere
ich habe für den mond gewacht für die sonne wie viele morgen
als mir der gesunde schlaf von ein paar kurzen stunden genügte
ach so einsam kommen sie mir dann vor die kammer und der hof
garten und herrliches feld weit über dem hügel der sich erstreckt
alles ist so verlassen vor mir liegt es – es ist die frau die fehlt
so sprach sie hastig und als sie sich von dem stein erhob
riss sie ihren sohn von seinem platz der ihr bereitwillig folgte schweigend
beide stiegen den hügel hinab ihre wichtige aufgabe wartete auf sie
füńfter gesang
hier saßen die drei männer jedoch immer noch und unterhielten sich
mit meinem wirt des löwen der dorfarzt und pfarrer
und ihr gespräch drehte sich immer noch um dasselbe unveränderliche thema
sie drehen es hin und her und betrachten es aus allen richtungen
aber mit seinem nüchternen urteil antwortete der ausgezeichnete pfarrer
hier werde ich dir nicht widersprechen ich weiß dass der mensch immer
streben sollte nach dem besseren tatsächlich erreicht er wie wir sehen etwas
immer auf der suche nach dem höheren zumindest nach etwas neuem
aber seien sie vorsichtig dass sie mit dieser disposition nicht zu weit gehen
die natur hat uns freude daran gemacht an dem vertrauten festzuhalten
hat uns darin die freude beigebracht an die wir seit langem gewöhnt sind
jeder zustand ist gut der auf vernunft und natur beruht
viele wünsche hat der mensch doch wenig braucht er
zu sehen dass die tage kurz sind und das schicksal der sterblichen begrenzt ist
niemals würde ich den mann tadeln den eine ruhelose aktivität drängt
mutig und fleißig auf allen wegen des landes und des ozeans
immer unermüdlich umherzustreifen der sich am reichtum erfreut
überschüttet ihn großzügig ihn und seine kinder
doch auch der stille bürger ist für mich nicht unbeachtet
den geräuschlosen rundgang durch seine eigenen geerbten hektar machend
den boden bebauend wie es ihm die immer wiederkehrenden jahreszeiten gebieten
nicht mit jedem jahr wird der boden um ihn herum verklärt
nicht in eile streckt sich der baum aus sobald er gepflanzt ist
ausgewachsene arme richtung himmel und geschmückt mit üppigen blüten
nein der mensch braucht geduld und geduld braucht er auch
ruhe und klarheit des geistes und ein reines und richtiges verständnis
es gibt nur wenige samen die er dem alles nährenden schoß der erde anvertraut
es gibt nur wenige geschöpfe die er zu erziehen und zur perfektion zu bringen weiß
alle seine gedanken sind allein auf das nützliche ausgerichtet
glücklich wem die natur einen solchen geist verleiht
denn er unterstützt uns alle und sei gegrüßt der mann dessen wohnsitz ist
wo in einer stadt die aktivitäten auf dem land mit denen der stadt verschmelzen
auf ihm lastet nicht der druck der den bauern schmerzlich belastet
er lässt sich auch nicht vom gierigen ehrgeiz der städte mitreisen
wo ihre dürftigen besitztümer allzu oft der nachahmung überlassen werden
vor allem ehefrauen und töchter die höher und reicher sind
gesegnet sei daher dein sohn in seinem leben der stillen beschäftigung
gesegnet ist die frau die ihm gleichgesinnt ist und die er sich eines tages erwählen wird
gib sie mir vater so fügte der sohn hinzu mein herz hat gewählt
klar und sicher sie wird für euch beide die edelste aller töchter sein
aber der vater schwieg dann erhob sich hastig der gute pfarrer
ergriff das wort und sagte allein der augenblick ist entscheidend
reguliert das leben des menschen und regelt sein zukünftiges schicksal
nach langer beratung doch nur die arbeit eines augenblicks
jede entscheidung muss sein und der weise allein ergreift den richtigen
es ist immer gefährlich das eine mit dem anderen zu vergleichen
wenn wir unsere wahl treffen und so unsere gefühle verwirren
siegfried ist rein von kindheit an kannte ich ihn und nie
schon als junge pflegte er nach diesem und dem anderen zu greifen
was er sich wünschte war auch für ihn das beste und er hielt daran fest
sei nicht überrascht und beunruhigt dass jetzt plötzlich aufgetaucht ist
was du dir so lange gewünscht hast es ist wahr dass das gegenwärtige erscheinungsbild
nicht die form des wunsches trägt genau so wie du sie dir vorgestellt hast
denn unsere wünsche verbergen oft vor uns selbst den gegenstand den wir uns wünschen
geschenke kommen von oben in den vom himmel bestimmten formen herab
darum verkenne das mädchen nicht falsch das jetzt seine geliebte ist
der gute und intelligente sohn war der erste der die zuneigung berührte
glücklich wem sofort die hand seiner ersten liebe gegeben wird
und in dessen herzen kein zärtlichster wunsch heimlich schwelgen muss
ja sein ganzes verhalten gibt mir die gewissheit dass sein schicksal nun entschieden ist
wahre liebe lässt in einem augenblick die jugend zum mann heranreifen
er lässt sich nicht leicht bewegen und ich fürchte wenn ihm dies verweigert wird
leider werden seine jahre vergehen die jahre die die schönsten sein sollten
da unterbrach ihn der sohn und ließ ihm mit geflügelten worten antworten
tu das nachbar und geh und erkundige dich aber bei dir
ich würde mich freuen wenn unser gottesdiener hier bei dieser aufgabe unterstützt würde
zwei so hervorragende männer wären einwandfreie richter
o mein vater glaube mir sie ist keine dieser wandernden jungfrauen
keine von denen die auf der suche nach abenteuern durch das land schlendern
und die versuchen unerfahrene jugendliche in ihre netze zu locken
nein das harte schicksal des krieges dieses universellen zerstörers
der die erde erschüttert und sie aus ihren tiefen grunden geschleudert wird
viele strukturen haben das arme mädchen bereits ins exil geschickt
sind jetzt nicht männer von hoher herkunft die edelsten im elend umherirrend?
fürsten fliehen verkleidet und könige leben in der verbannung
also leider auch sie ist die beste unter all ihren schwestern
aus der heimat vertrieben doch ihre persönlichen sorgen vergessend
sie widmet sich anderen sie selbst ohne hilfe sie ist hilfsbereit
groß ist die not und das leid das sich über die erde ausbreitet
sollte aus all diesem elend nicht auch etwas glück hervorgehen?
und soll ich nicht in den armen meiner frau meiner vertrauenswürdigen begleiterin
schauen mit freude auf den krieg zurück wie ihr es auch auf die große feuersbrunst tut?
so sprach er daraufhin machten sich die freunde auf den weg ins dorf
wo in den häusern gärten und scheunen die menschen wimmelten
wagen über wagen standen dicht gedrängt entlang der breiten straße
männer kümmerten sich um die angeschnallten pferde und das brüllen des viehs
während die frauen damit beschäftigt waren ihre kleidung an den hecken zu trocknen
und im fließenden bach planschten die kinder fröhlich
sie bahnen sich ihren weg durch den druck der wagen der menschen und des viehs
die beauftragten spione gingen und schauten sich rechts und links um
ob sie eine gestalt sehen könnten die der beschreibung des mädchens entspricht
aber nicht eine von allen erschien als die schöne jungfrau
tumult vergrößerte bald den druck um die wagen entstand ein wettbewerb
unter den drohenden männern in denen sich die schreie der frauen vermischten
dann kam schnell und mit würdevollem schritt ein ältester zur stelle
schloss sich der lärmenden gruppe an und der aufruhr verstummte sofort
als er frieden befahl und mit väterlicher strenge zurechtwies
hat denn das unglück rief er uns noch nicht so sehr aneinander gebunden
dass wir endlich gelernt haben einander zu ertragen und zu verzeihen
obwohl jeder seinen anteil an der arbeit nicht bemessen kann?
wer glücklich ist ist wahrlich streitsüchtig und wird niemals leiden
lehren sie mit ihren alten schlägereien zwischen bruder und bruder aufzuhören?
gönnen einander nicht einen platz auf dem boden der fremden
teilen sie lieber was sie haben wie sie selbst und hoffen sie gnade zu finden
so sprach der mann und alles verstummte wieder in guter laune
friedlich stellten die menschen dann ihr vieh und ihre wagen auf
als nun aber der geistliche hörte was der fremde sagte
und wäre der standhafte geist der fremden gerechtigkeit entdeckt worden
er näherte sich dem mann und redete ihn mit bedeutungsvollen worten an
es ist wahr vater wenn die menschen im wohlstand leben
sich von der erde ernähren die ihren busen weit und breit öffnet
und in den jahren und monaten erneuert sich der begehrte segen
alles geht von selbst und jeder selbst hält sich für den weisesten
hält es für den besten und so bleiben sie weiterhin zusammen
derjenige mit der höchsten intelligenz rangiert nicht höher als andere
alles geschieht wie von selbst und geht leise voran
aber lass die katastrophe den gewohnten lauf der existenz durcheinander bringen
reißen sie die gebäude um uns herum nieder verwüsten sie die ernte und den garten
vertreiben den mann und die frau aus ihrer alten vertrauten behausung
treiben sie dazu durch nächte und tage der entbehrung ins ausland zu wandern
dann ah dann wir schauen uns um um zu sehen welcher mensch der weiseste ist
und seine herrlichen worte werden nicht länger umsonst gesprochen werden
sag mir bist du nicht richter unter diesem flüchtigen volk?
vater wer kann seinen leidenschaften nicht in einem augenblick zum schweigen verhelfen
du erscheinst heute als einer dieser ersten führer
der die auswanderervölker durch wüsten und irrwege führte
ja ich konnte sogar glauben dass ich mit josua oder mose spreche
dann antwortete ihm der richter mit ernstem blick und sagte
wahrlich unsere zeit könnte durchaus mit allen anderen an fremdartigkeit verglichen werden
die in der geschichte erwähnten profanen oder heiligen traditionen sind
denn wer hat gestern und heute in zeiten wie der gegenwart gelebt
er hat schon jahre gelebt die ereignisse sind so dicht gedrängt
wenn ich nur ein wenig zurückblicke kommt es mir so vor als ob mein kopf grau sein muss
unter der last der jahre und doch ist meine kraft immer noch aktiv
mögen wir uns heute mit diesem volk vergleichen
die aus dem brennenden dornbusch die stunde ihrer gefahr sahen
gott den herrn auch wir haben ihn in wolken und im feuer gesehen
als er den priester sah war er geneigt noch mehr mit dem fremden zu sprechen
und er wollte seine geschichte und die seines volkes erfahren
sein begleiter flüsterte ihm heimlich ins ohr
sprich weiter mit dem richter und veranlasse ihn von der jungfrau zu sprechen
ich jedoch werde mich auf die suche begeben und sobald ich sie finde
komm ich und erstatte dir hier bericht der gottesmann nickte zustimmend
und durch die gärten hecken und scheunen ging der spion auf seinem weg
sechster gesang
waren nicht die namen der männer die als erste die botschaft überbrachten
namen die man mit den höchsten namen unter den himmeln vergleichen kann?
sind nicht in jedem menschen mut geist und sprache gewachsen?
und als nachbarn waren wir zuallererst eifrig angefeuert
daraufhin folgte der krieg und die bewaffneten verbände der franzosen
näher an uns gedrückt doch schienen sie nichts als freundschaft mitzubringen
ja und sie haben es auch mitgebracht denn der geist in ihnen erhob sich
sie freuten sich über die gepflanzten festlichen bäume der freiheit
er versprach jedem was ihm gehörte und versprach jedem seine eigene herrschaft
das herz der jünglinge schlug hoch und selbst die alten jubelten
fröhlich begann der tanz um die neu erhobene standarte
so hatten sie schnell gesiegt diese überwältigenden franzosen
zuerst die geister der menschen durch das feuer und die kraft ihrer haltung
dann die herzen der frauen mit unwiderstehlicher anmut
sogar der druck des hungerkrieges schien leicht auf uns zu lasten
bevor unsere vision als hoffnung auf die zukunft schwebte
unseren blick ins ausland lockend auf neue wege
oh wie freudig war die zeit als der geliebte bei ihr war
wirbelt im tanz der ersehnte tag ihrer vereinigung wartet
aber noch herrlicher ist der tag an dem unsere vision am höchsten ist
das herz des menschen schien uns nahe und erreichbar
jede zunge war gelöst und die männer die alten die jünglinge
sprachen laut in worten die voller hochgefühl und weisheit waren
bald jedoch war der himmel bedeckt eine korrupte generation
für das herrschaftsrecht gekämpft unwürdig das gute zu etablieren
damit sie einander töteten ihre neuen nachbarn und brüder
unterworfen gehalten und dann die selbstsüchtigen massen gegen uns geschickt
häuptlinge verübten exzesse und plünderungen im großen stil an uns
während die niederen bis zum untersten plünderten und randalierten
jeder schien sich nur darum zu kümmern dass etwas für morgen übrig blieb
große vergangenheit erduldete die not und täglich wuchs die unterdrückung
sie waren die herren des tages es war niemand da der unsere klage hören konnte
dann überkamen selbst den stillsten geist ärger und zorn
einen gedanken hatten nur alle und schworen für ihr unrecht rache
und für den bitteren verlust ihrer hoffnung die so doppelt getäuscht wurde
da wandte sich das schicksal um und erklärte sich auf der seite des deutschen
und mit eiligen märschen zogen sich die franzosen vor uns zurück
ah dann spürten wir wie nie zuvor das traurige schicksal des krieges
der sieger ist großartig und gut oder zumindest erscheint er so
und er wird als einer der seinen den mann verschonen den er besiegt hat
der dessen dienst er täglich braucht und dessen eigentum er nutzt
aber der flüchtling kennt kein gesetz außer der selbsterhaltung
und mit rücksichtsloser gier verschlingt er alle besitztümer um ihn herum
dann sind auch seine leidenschaften entfacht die verzweiflung die in ihm ist
aus seinem herzen bricht sie hervor und nimmt in krimineller tat gestalt an
nichts wird weiter für heilig gehalten aber alles dient der plünderung sein verlangen
wendet sich in wut gegen die frau und die lust verwandelt sich in grauen
den tod sieht er überall um sich herum und er genießt wahnsinnig seine letzten augenblicke
als nun der pfarrer hörte wie dieses lob der jungfrau zuteil wurde
sogleich stieg für seinen freund ein gefühl der hoffnung in seiner brust auf
und er hatte seine lippen geöffnet um zu fragen was ihr weiter widerfuhr
ob auf dieser traurigen flucht sie jetzt mit ihren leuten dabei wäre
als mit hastigen schritten der dorfarzt auf sie zukam
zupfte den mantel des geistlichen und flüsterte ihm ins ohr
ich habe das mädchen endlich unter mehreren hunderten entdeckt
nach der beschreibung kannte ich sie also komm lass deine eigenen augen sie sehen
bring auch den richter mit damit wir ihn noch weiter hören können
doch als sie sich umdrehten um zu gehen wurde der richter aufgefordert sie zu verlassen
von einigen seiner leute geschickt die seinen rat brauchten
der prediger war jedoch sofort dem beispiel des arztes gefolgt
bis zu einer lücke im zaun auf die er bedeutungsvoll mit dem finger zeigte
siehst du das mädchen? er sagte sie hat ein paar kleidungsstücke für das baby gemacht
vom bekannten chitin ich unterscheide es deutlich und weiter
da sind die blauen decken die siegfried in seinem bündel gegeben hat
nun ja schnell hat sie die geschenke zu ihrem vorteil genutzt
offensichtliche zeichen sind diese und alles andere entspricht gut der beschreibung
beachte wie das scharlachrot des mieders die wölbung ihres busens hervorhebt
hübsch geschnürt und das schwarze oberteil schmiegt sich eng an ihre figur an
der rand ihres kopftuchs ist sorgfältig zu einer rüsche geflochten
der abgerundete umriss ihres kinns umschließt mit schlichter anmut
frei und leicht erhebt sich darüber das zierliche oval der perle
und ihr üppiges haar über silbernen Spangen ist geflochten
jetzt sitzt sie und doch sehen wir immer noch ihre majestätische statur
und die weiten zöpfe zum blauen unterrock die ihr von der brust herabfielen
hängen in üppigen falten um ihre wohlgeformten knöchel
sie ist es ohne frage komm also und lass uns entdecken
ob sie ehrlich und tugendhaft sei eine hausfrauliche jungfrau
ich begrüße deine vorsicht sehr antwortete der prediger als er ihm folgte
nicht für uns selbst ist der antrag und es ist heikel für andere zu werben
dann richteten die männer ihre schritte auf den guten richter
der in erfüllung seiner pflichten wieder die straße hinaufging
aber der geistliche zog ihn weg und sie verließen den hof
lass uns eilen sagte der nachdenkliche mann der jüngling wartet in folter
komm ich lasse ihn sobald er kann die frohe botschaft hören
lass das sein wie es sei antwortete dem jüngling der kaum
den worten beachtung geschenkt hatte aber im stillen hatte er seine entscheidung getroffen
ich werde selbst dorthin gehen werde selbst mein schicksal hören
von den lippen einer jungfrau zu der ich mein vertrauen hege
größer als das herz eines mannes hat jemals zuvor eine frau geschätzt
sag was sie will sie wird gut und weise sein da bin ich mir sicher
sollte ich sie nie wieder sehen werde ich sie doch dieses eine mal sehen
doch dieses mal wird mir der klare blick dieser dunklen augen begegnen
wenn ich sie nie an mein herz drücken darf so doch an diesem hals und an dieser brust
werde ich noch einmal sehen dass mein arm sich so danach sehnt sie zu umschließen?
noch einmal wird dieser mund sehen wessen kuss und wessen ja es für immer tun würde
mach mich glücklich ein nein wird mich für immer zerstören
aber ihr müsst mich in ruhe lassen wartet hier nicht auf mich aber kehrt zurück
noch einmal zu meinem vater und meiner mutter und gebt ihnen das wissen
dass ihr sohn nicht betrogen wurde dass die jungfrau würdig ist
also dann lasst mich in ruhe ich werde dem kreuzweg folgen
über den hügel am birnbaum und von dort hinab durch unseren weinberg
einen kürzeren weg nach hause nehmen und oh darf ich zu unserer wohnung bringen
fröhlich und schnell meine geliebte aber vielleicht schleiche ich allein
über diesen weg zum haus und werde nie wieder mit freude darauf treten
aber du hast gezögert vorausschauender nachbar und hast zum vorwurf gesagt
herz und seele und geist mein freund ich vertraue dir gerne
aber was leib und leben anbelangt so sind sie nicht besonders sicher aufgehoben
wenn die weltlichen zügel von der hand des klerus usurpiert werden
aber du hast über seine worte gelacht intelligenter pfarrer und geantwortet
setze dich und vertraue mir mit leib und seele zufrieden an
denn als ich die zügel hielt wurde meine hand schon vor langer zeit geschickter
mein auge ist seit langem darin geschult die schönsten kurven zu machen
denn in straßburg waren wir im wagenfahren gut geübt
als ich den jungen baron dorthin begleitete dann täglich
rollte die kutsche von mir geführt durch das hallende tor
raus über staubige straßen bis wir die wiesen und linden erreichten
lenkten durch gruppen der stadtbewohner und vergnügen uns dort mit spaziergängen
siebenter gesang
wie der reisende der wenn die sonne ihrem untergang entgegengeht
fixiert seinen blick noch einmal darauf bevor es schnell verschwindet
dann an den seiten der felsen und an allen dunkler werdenden büschen
sieht sein schwebendes bild egal in welche richtung er schaut
das eilt voran und flackert und glänzt in strahlenden farben-
so bewegte sich vor siegfrieds augen die schöne gestalt des mädchens
leise und scheinbar dem weg folgend der ins kornfeld führte
aber er erwachte aus seinem wilden traum und drehte sich langsam um
dorthin wo das dorf lag und wieder verödet war denn wieder kam
ihm entgegen bewegt sich die erhabene gestalt der herrlichen jungfrau
er blickte sie fest an sie selbst war es und kein phantom
in jeder hand ein größeres glas und ein kleineres haltend
jedes am griff mit geschäftigem schritt näherte sie sich dem brunnen
dann eilte er freudig ihr entgegen der anblick von ihr gab ihm
mut und stärke und so sprach er das erstaunte mädchen an
finde ich dich denn tapferes mädchen so bald wieder beschäftigt
leistest du anderen hilfe und freust dich ihnen trost zu spenden?
sag warum du allein zu diesem brunnen kommst der so weit entfernt liegt
wenn alle anderen mit dem wasser zufrieden sind das sie im dorf finden?
das hat besondere vorzüge das stimmt und der geschmack ist köstlich
du würdest es zu dieser mutter bringen ich glaube die deine treue gerettet hat
so sprach sie und inzwischen war sie die breiten steinstufen herabgestiegen
mit ihrem begleiter neben ihr und auf der niedrigen mauer des brunnens
beide setzten sich hin sie beugte sich zum ziehen vor und er auch
er nahm das übriggebliebene glas in die hand und beugte sich vor
und im blau des himmels sahen sie wie sich ihr bild widerspiegelte
freundliche grüße und nicken im zitternden spiegel
nachdenklich richtete er seinen blick auf den boden und hob ihn dann leise
bis zu ihrem gesicht und dem blick des mädchens mit offenheit begegnend
fühlte sich getröstet und beruhigt aber dann war es unmöglich
dass er von liebe sprechen sollte ihr blick verriet nichts von zuneigung
nur klares verständnis das eine intelligente antwort erfordert
und er beruhigte sich schnell und sagte herzlich zu dem mädchen
höre mir zu mein kind und lass mich auf deine frage antworten
um deinetwillen bin ich hierher gekommen warum sollte man es verheimlichen?
wisse dass ich glücklich zu hause mit meinen beiden liebevollen eltern lebe
ich helfe ihnen treu ihr haus und ihre ländereien bei der verwaltung zu unterstützen
da ich ein einziger sohn bin und weil unsere angelegenheiten umfangreich sind
mir obliegt die verantwortung für die farm mein vater leitet den haushalt
während der leitende geist aller die fleißige mutter ist
aber deine erfahrung hat dich zweifellos gelehrt wie schmerzlich diener
mal durch täuschung mal durch ihre nachlässigkeit belästigen die herrin
sie zwingt sie immer wieder einen fehler zu ändern und durch einen anderen zu ersetzen
aus diesem grund hat sich meine mutter schon lange eine magd im haushalt gewünscht
die nicht nur mit der hand sondern auch mit herz ihr beistehen wird
den platz der tochter einnehmend die leider früh entzogen wurde
als ich dich heute am wagen sah so bereit und fröhlich
habe die stärke deiner arme und deiner gliedmaßen von so gesundem ausmaß gesehen
als ich deine intelligente rede hörte war ich von staunen überwältigt
ich eilte nach hause und brachte die fremde zu meinen eltern und nachbarn
gelobt wie sie es verdient hat aber jetzt bin ich hierher gekommen um es dir zu sagen
was ist ihr wunsch wie meiner verzeihe mir meine stotternde sprache
komm sagte sie plötzlich lass uns zurück ins dorf gehen denn ein mädchen
die zu lange am brunnen verweilt muss sich immer die schuld geben
doch wie schön ist es am plätschernden wasser zu plaudern
dann erhoben sie sich von ihren sitzen und wandten sich beide dem brunnen zu
noch ein blick nach hinten und eine zarte sehnsucht erfasste sie
dann nahm sie schweigend die beiden wasserkrüge am griff
sie trug sie die stufen hinauf während ihr ihr geliebter folgte
er bat sie ihm einen der krüge zu geben um die last zu erleichtern
nein lass es sein sagte sie ich trage sie besser wenn sie ausgewogen sind
auch soll der herr der befehlen soll mir keinen dienst erweisen
schau nicht so ernst auf mich dass du meinst mein schicksal sei schwierig
eine frau sollte früh lernen zu dienen denn das ist ihre berufung
da sie allein durch ihren dienst schließlich die leitung übernimmt
kommt zu dem gebührenden befehl der ihr im haushalt zusteht
früher musste die schwester auf ihren bruder und auf ihre eltern warten
das leben muss immer ein ständiges kommen und gehen bei ihr sein
oder ein holen und tragen machen und tun für andere sein
sie freut sich für sie und denkt immer dass kein weg zu beschwerlich ist
und wenn die stunden der nacht für sie wären wie die stunden des tages
wenn ihr nie eine nadel zu fein und keine arbeit zu unbedeutend erscheint
völlig vergessend gegenüber sich selbst und darauf bedacht nur in anderen zu leben
denn sie wird als mutter sicherlich aller tugenden bedürfen
wenn sie in der zeit ihrer schwäche durch die schreie ihres säuglings erregt wird
er ruft nach nahrung aus seiner schwäche und sorgen kommen zu ihrem leid hinzu
zwanzig zu einem mann zusammengebundene männer waren nicht in der lage eine solche last zu
tragen
es ist auch nicht so gemeint dass sie es tun sollten doch sollten sie es mit dankbarkeit betrachten
so sprach sie und war inzwischen mit ihrem stillen begleiter gekommen
bis zum boden der scheune am äußersten ende des gartens
wo lag die kranke die sie voller freude mit ihren töchtern zurückgelassen hatte
diese spät geretteten jungfrauen waren ein schönes bild der unschuld
beide betraten die scheune und als sie das taten wurde der gerechte geehrt
in jeder hand ein kind führend kam er aus der anderen richtung herein
diese waren bisher den augen ihrer trauernden mutter entgangen
aber inmitten der menge hatte der alte mann sie jetzt entdeckt
freudig sprangen sie vorwärts um den umarmungen ihrer lieben mutter zu begegnen
und mit freude ihren bruder ihren unbekannten gefährten zu grüßen
als nächstes sprangen sie mit herzlichem gruß auf Marie zu
bitten um brot und obst vor allem aber um etwas wasser
da reichte sie das wasser herum und nicht nur die kinder
haben getrunken aber auch die kranke und ihre töchter und mit ihnen der gerechte
alle waren erfrischt und lobten das herrliche wasser
es war säuerlich im geschmack belebend und bekömmlich zum trinken
dann antwortete ihnen das mädchen mit ernstem gesicht und sagte
freunde zum letzten mal habe ich meinen krug zu eurem mund erhoben
und zum letzten mal wurden eure lippen von mir mit wasser befeuchtet
aber von nun an in der hitze des tages wenn die zugluft euch erfrischen wird
wenn ihr im schatten seid und an einem klaren brunnen ruht
denkt dann manchmal an mich und an all meine liebevollen dienste
mehr durch meine liebe als durch die pflicht die ich euch als verwandtschaft schuldete motiviert
solange ich lebe werde ich die freundlichkeit anerkennen die ihr mir erwiesen habt
es ist ein bedauern dass ich euch verlasse aber jeder ist jetzt eine last
mehr als nur eine hilfe für seinen nachbarn und alle müssen endlich zerstreut werden
weit weg durch ein fremdes land wenn uns die rückkehr in unsere heimat verwehrt bleibt
seht hier steht die jugend der wir für die geschenke dank schulden
er gab den umhang für das baby und all diese willkommenen vorräte
nun ist er gekommen und hat mich gefragt ob ich in seiner wohnung etwas machen möchte
damit ich darin seinen wohlhabenden und hervorragenden eltern dienen kann
und ich lehne das angebot nicht ab denn jungfrauen müssen immer dienen
es wäre für sie eine belastung sich auszuruhen und im haushalt versorgt zu werden
deshalb folge ich ihm gerne er scheint ein junger mann von intelligenz zu sein
und so wird es auch mit den eltern sein wie es sich für die reichen gehört
dann lebe wohl liebe freundin und mögest du dich über dein kind freuen
lebendig und in seinem gesicht schon so gesund aussehend
wenn du ihn in diesen bunten umhüllungen an deine brust drückst
o dann denke an den freundlichen jugendlichen der sie uns geschenkt hat
und die ich auch von nun an deine schwester beherbergen und nähren werde
auch du ausgezeichneter mann sagte sie als sie sich an den richter wandte
nimm meinen dank an dass ich in mancher not einen vater in dir gefunden habe
dann kniete sie sich neben der frischgebackenen mutter auf den boden
die weinende frau küssend und ihren leise geflüsterten segen entgegennehmend
unterdessen hast du verehrter richter zu siegfried gesprochen und gesagt
mit recht darfst du mein freund zu den guten meistern gezählt werden
sorge dafür dass sie ihre haushaltsangelegenheiten mit fähigen bediensteten regeln
denn ich habe oft beobachtet wie bei schafen wie bei pferden und ochsen
männer schließen niemals einen handel ab ohne sie genau zu prüfen
während er mit einem diener zusammen ist der alles bewahrt wenn er ehrlich und fähig ist
und wer wird alles verlieren und zerstören wenn er falsch an die arbeit geht
er wird uns durch einen zufall oder ein los in unsere wohnung einlassen
und wenn es zu spät ist müssen wir eine übereilte entscheidung bereuen
du verstehst die sache wie es scheint weil du dich entschieden hast
dir und deinen eltern soll im haus eine ehrliche magd dienen
halte sie vorsichtig denn solange dein haus unter ihrer obhut ist
dir und deinen eltern soll es weder an einer schwester noch an einer tochter mangeln
viele waren mittlerweile in der nähe der verwandten der mutter angekommen
bringen ihr verschiedene geschenke und kündigen passendere unterkünfte an
als alle die entscheidung der jungfrau hörten gaben sie siegfried ihren segen
gepaart mit bedeutungsvollen blicken während jeder seine besonderen überlegungen anstellte
hastig sagte einer und der andere seinem nachbarn ins ohr
wenn sie im herrn einen liebhaber findet ist für sie gut gesorgt
siegfried nahm sie endlich bei der hand und sagte dabei
lass uns gehen der tag neigt sich dem ende zu und die stadt entfernt sich
eifrig und wortreich umarmten die frauen Marie
siegfried zog sie weg aber es muss noch ein anderer abschied gesagt werden
schließlich fielen die kinder mit schreien und schrecklichem weinen über sie her
klammerten sich an ihre kleider und wollten dass ihre liebe zweite mutter sie nicht verließe
aber in befehlendem ton sagten die frauen nacheinander
still kinder sie geht in die stadt und wird euch gleich mitbringen
jede menge schöner süßer kuchen der von eurem bruder maßgeschneidert wurde
als er gerade vom storch am laden des bäckers vorbeigebracht wurde
bald werdet ihr sie mit prächtig vergoldeten zuckerpflaumen zurückkommen sehen
da verloren die kleinen ihren halt und siegfried wenn auch kaum
riss sie von weiteren umarmungen weg und weit wehenden tüchern
achter gesang
der untergehenden sonne entgegen machten sich die beiden also auf den weg
es hatte sich eng mit wolken umwickelt die ein unwetter ankündigten
aus dem schleier mal hier und mal dort mit feurigen blitzen
über dem feld schimmerte der unheilvolle blitz hervor
mögen diese drohenden himmel nicht gleich senden sagte siegfried
hagelkörner über uns und heftige regenfälle denn schön ist die ernte
und im wogenden üppigen getreide erfreuten sie sich gemeinsam
es reichte fast so hoch wie die erhabenen gestalten die sich durch es bewegten
daraufhin sagte sie voller freude während sie ihre schritte beschleunigte
mit sanften bewegungen beschleunigte sie über den immer dunkler werdenden weg
wahrlich ich hoffe dass ich beiden gleichermaßen genugtuung bereiten werde
denn in der natur deiner mutter finde ich eine solche wie meine eigene
und an die äußeren anmutungen bin ich seit meiner kindheit gewöhnt
höflichkeit wurde von unseren franzosen sehr geschätzt
während ihrer früheren tage es war den adligen und bürgern gemeinsam
was den bauern betrifft so machte es jeder zur herrschaft seines haushalts
auf der seite der deutschen waren die kinder also ebenfalls daran gewöhnt
täglich mit handküssen und knicksen zu den eltern zu bringen
gute wünsche für den morgen und den ganzen tag über hübsche manieren
alles was ich so gelernt habe und woran ich seit meiner kindheit gewöhnt bin
alles was meinem herzen vorschlagen wird soll für deinen vater in die tat umgesetzt werden
aber wer soll mir von dir erzählen und wie du behandelt werden sollst?
du bist der einzige sohn des hauses und von nun an mein herr
so sagte sie und während sie sprach standen sie unter dem birnbaum
vom himmel herab verströmte der vollmond seinen glanz
die nacht war angebrochen und der letzte strahl des sonnenlichts war völlig verdunkelt
damit gegensätzliche massen nebeneinander liegen
klar und hell wie der tag und schwarz von den schatten der mitternacht
dankbar fiel siegfried die freundlich gestellte frage ins ohr
im schatten des herrlichen baumes dem ort den er so schätzte
der erst heute morgen zeuge der tränen geworden war
die er wegen der verbannten vergossen hatte
und während sie sich hinsetzten um sich hier ein wenig auszuruhen
so sprach der verliebte jüngling als er die hand des mädchens ergriff
erlaube mir deinem herzen eine antwort zu geben und folge ihr in allen dingen frei
doch er wagte nichts weiter zu sagen obwohl es so günstig war
es schien die stunde gekommen zu sein er fürchtete
dass er sich bei einer weigerung nur beeilen sollte
ah und er fühlte außerdem den ring an ihrem finger ein trauriges zeichen
deshalb saßen sie still und leise nebeneinander
zuerst sprach das mädchen wie süß ist dieses herrliche mondlicht
sie sagte schließlich es ist wie das licht des tages in seiner helligkeit
dort in der stadt sehe ich deutlich die häuser und höfe
und im giebel ich glaube ich kann die scheiben nummerieren ist ein fenster
sie standen also von ihren sitzen auf und stiegen hinab über die kornfelder
durch das üppige korn die helligkeit des abends genießend
bis sie zum weinberg kamen und so in seinen schatten traten
dann führte er sie über die zahlreichen liegenden blöcke hinunter
der weg war rau und unbehauen und diente als stufen der gasse
langsam stieg das mädchen herab und legte ihre hände auf seine schulter
während der mond sie mit unsicheren strahlen durch die blätter übersah
bevor luna von der wolke verschleiert wurde ließ sie das paar in der dunkelheit zurück
sorgfältig stützte siegfrieds kraft die jungfrau die über ihm hing
aber da sie den weg und die grob behauenen stufen die ihn hinunterführten nicht kannte
sie verlor den halt ihr knöchel verdrehte sich und sie wäre sicher gestürzt
hätte der geschickte jüngling nicht augenblicklich seinen arm ausgestreckt
und ihr geliebter unterstützte sie sie sank sanft auf seine schulter
brust an brust und wange an wange gepresst so stand er da
als marmorstatue fixiert hält ihn die willenskraft standhaft
er zog sie nicht näher an sich heran sondern wehrte sich gegen ihren druck
so fühlte er die herrliche last die wärme ihrer brust
und den duft ihres atems der über ihre lippen ausströmte
er trägt mit dem herzen eines mannes die majestätische gestalt der frau
aber sie sagte spielerisch und verbarg den schmerz den sie erlitten hatte
das ist ein zeichen des unglücks so würden uns ängstliche menschen sagen
wenn wir uns einem haus nähern stolpern wir nicht weit von der schwelle entfernt
und für mich selbst gestehe ich könnte ich mir ein glücklicheres omen wünschen
lass uns hier eine weile verweilen damit deine eltern dir keine vorwürfe machen müssen
wenn du ein hinkendes mädchen siehst scheinst du ein inkompetenter zu sein
neunter gesang
nun war zum dritten mal wieder die ungeduldige mutter eingetreten
wo waren die männer versammelt die besorgt waren aber jetzt hatte sie aufgegeben
sie sprach vom aufziehenden sturm und der raschen verdunkelung des mondlichts
dann über den späten aufenthalt ihres sohnes im ausland
und die gefahren des einbruchs der dunkelheit
sie tadelte ihre freunde scharf dass sie ohne von der jungfrau zu sprechen
und ohne ihn zu drängen hatten sie sich so früh von siegfried getrennt
erzähle uns erwiderte der pfarrer von welchen tricks er gebrauch gemacht hat
das erzähle ich gerne denn jeder kann daraus eine lehre ziehen
so antwortete der nachbar als junge stand ich einmal an einem sonntag
voller ungeduld und gespannt nach der kutsche ausschau haltend
die sollte uns zur quelle tragen die unter den linden liegt
trotzdem kam der kutscher nicht ich rannte wie ein wiesel mal hierhin mal dorthin
treppen hinauf und hinunter und vorwärts und rückwärts zwischen der tür und dem fenster
sogar meine finger juckten danach sich zu bewegen ich habe auf den tischen gekratzt
ich stampfte und stampfte herum und konnte mich kaum vom weinen abhalten
alles wurde von dem ruhigen mann beobachtet aber endlich als meine torheit
zu weit getragen wurde am arm nahm er mich leise
führte mich zum fenster und sprach in dieser ernsten sprache
siehst du dort die tischlerwerkstatt die sonntags geschlossen ist?
er wird morgen wieder öffnen wenn hammer und säge gestartet werden
und wird die arbeit von morgens bis abends durchhalten
aber bedenke folgendes der tag wird bald kommen
wenn dieser mann selbst und alle seine arbeiter in aufruhr sein werden
einen sarg für dich anzufertigen schnell und fachmännisch fertig
dann werden sie eifrig das bretterhaus hierher bringen
das endlich die ungeduldigen und geduldigen gleichermaßen empfangen muss
und das soll demnächst mit dichtem dach abgedeckt werden
sofort sah ich das ganze in meinem kopf als ob es so wäre
sah wie die bretter zusammenpassten und sah wie die schwarze farbe vorbereitet wurde
dann setzte ich mich geduldig hin und wartete schweigend auf die kutsche
wenn ich jetzt andere sehe in zeiten ängstlicher erwartung
rennen zerstreut umher muss ich an den sarg denken
lächelnd antwortete der pfarrer das ergreifende bild des todes steht fest
nicht als schrecken für die weisen und nicht als ende für die frommen
diejenigen die es wieder ins leben drängt und lehrt es zu nutzen
diese werden durch bedrängnis in der hoffnung auf zukünftige erlösung gestärkt
der tod wird für beide zum leben dein vater hat sich sehr geirrt
als einem sensiblen jungen der tod im tod so dargestellt wurde
lass uns den wert des edlen reifen alters dem jungen mann verdeutlichen
und den alten dden wert der jugend im ewigen fortschritt
beide mögen sich freuen und das leben im leben möge so seine vollendung finden
doch nun öffnete sich die tür und zeigte das majestätische paar
die freunde waren voller staunen und die liebevollen eltern waren erstaunt
zu sehen dass die gestalt des mädchens so gut mit der ihres geliebten übereinstimmte
ja die tür schien zu niedrig um den großen gestalten den eintritt zu ermöglichen
als sie nun zusammen auftauchten kamen sie über die schwelle
siegfried hatte es nur zum teil gehört seine glieder zitterten innerlich
und plötzlich herrschte im ganzen kreis stille
aber durch diese spöttischen worte denn sie konnte nicht umhin sie für solche zu halten
verwundet und bis in die tiefen ihrer seele verletzt die vortreffliche jungfrau
stand während das flüchtige blut über ihre wangen und sogar bis zu ihrer brust floss
hat seine flut eingegossen aber sie beherrschte sich selbst und sammelte ihren mut
dem alten mann antwortete so ihren schmerz nicht ganz verbergend
wahrlich auf einen solchen empfang hatte mich dein sohn in keiner weise vorbereitet
als er die lebensart seines vaters beschrieb des vortrefflichen bürgers
du bist ein gebildeter mann das weiß ich vor dem ich stehe
gehst mit jedem weise um je nachdem wie es seiner stellung entspricht
aber du hast anscheinend kaum mitleid mit jemandem wie mir
die als ein armes mädchen übertritt jetzt deine schwelle mit der absicht dir zu dienen
sonst hättest du mich mit solch bitterem spott nicht daran erinnern können
wie weit ist mein vermögen von deinem und deinem sohn entfernt ist
wahrlich ich komme arm in dein haus und bringe nichts mit als mein bündel
hier gibt es jede fülle um die wohlhabenden bewohner zu erfreuen
dennoch weiß ich es selbst gut ich spüre die beziehungen zwischen uns
sprich ist es edel mich gleich mit so viel spott zu begrüßen
dass ich aus dem haus geschickt werde während mein fuß noch kaum auf der schwelle steht?
besorgt drehte sich siegfried um und gab seinem verbündeten dem pfarrer ein zeichen
dass er zur rettung eilen und die täuschung sofort zerstreuen sollte
da trat der weise mann hastig vor und blickte auf das mädchen
tränen in den augen ihr stiller schmerz und ihre unterdrückte empörung
und in seinem herzen fühlte er sich nicht sofort dazu gedrängt die verwirrung aufzuklären
eher um den unruhigen geist des mädchens auf die probe zu stellen
deshalb sagte er zu ihr in einer sprache die sie auf die probe stellen wollte
wahrlich du im ausland geborenes mädchen du hast nicht reiflich darüber nachgedacht
als du dich allzu voreilig entschlossest in den dienst von fremden zu treten
das alles ist damit gemeint dass du dich der herrschaft eines herrn unterstellst
denn durch unsere hand wird das schicksal des jahres bestimmt
und schon ein einziges ja erfordert viel geduldiges durchhaltevermögen
nicht das schlimmste am dienst sind die mühsamen schritte die unternommen werden müssen
weder der bittere schweiß einer unaufhörlichen arbeit
denn der fleißige freie muss genauso schuften wie der diener
aber man muss die launen des meisters ertragen wenn er zu unrecht tadelt
oder wenn er im widerspruch zu sich selbst mal dies mal das andere anordnet
ertragen auch die gereiztheit der herrin die leicht verärgert ist
und mit der unhöflichen überheblichen art unmanierlicher kinder
es ist schwer das alles zu ertragen und dennoch seinen pflichten nachzukommen
schnell und ohne verzögerung wirst du nicht mürrisch und stur
doch dafür scheinst du ungeeignet zu sein da du schon so tief darin bist
gestochen von den scherzen des vaters wobei es nichts gewöhnlicheres gibt
als dass ein mädchen wegen einer jugend gehänselt wird die vielleicht gefällt
so sprach er das mädchen hatte die volle kraft seiner sprache gespürt
und sie hielt sie nicht mehr zurück aber mit leidenschaftlichem ausbruch ihrer gefühle
ein schluchzen brach aus ihrer jetzt wogenden brust hervor
und während die kochend heißen tränen über sie herabflossen antwortete sie sofort
ah dieser vernünftige mann der uns im kummer rat geben will
weiß nicht wie wenig kraft seine kalten worte zur linderung haben
immer ein herz von dem leid das ein souveränes schicksal verursacht hat
ihr seid wohlhabend und glücklich wie sollte euch denn eine höflichkeit verletzen?
doch schon die leichteste berührung ist für den kranken eine quelle des schmerzes
ja die verschleierung selbst hätte wenn sie erfolgreich wäre nichts genützt
zeigt jetzt besser was sich später zu einer bittereren qual entwickelt hatte
und vielleicht hätte mich eine innerlich verzehrende verzweiflung reduziert
lass mich zurückgehen denn hier in diesem haus kann ich nicht länger verweilen
ich werde weggehen und auf der suche nach meinen unglücklichen gefährten umherwandern
die ich in ihrer not verlassen habe ich allein wähle das bessere
das ist mein fester entschluss und deshalb darf ich ein geständnis ablegen
was vielleicht jahrelang in meiner brust verborgen gelegen hätte
die spöttischen worte des vaters schmerzten mich tatsächlich zutiefst
nicht dass ich sensibel oder stolz wäre über das hinaus was einer dienerin gebührt
sondern dass mein herz tatsächlich das gefühl hatte von zuneigung erfüllt zu sein
gegenüber der jugend die mir heute als retter erschienen war
als er mich zum ersten mal dort auf der straße zurückließ blieb er noch präsent
verfolgte jeden meiner gedanken ich stellte mir das glückliche mädchen vor
die als braut vielleicht schon sein herz erwählt hatte
als ich ihn am brunnen wieder traf erweckte sein anblick
eine so große freude als wäre mir ein engel vom himmel begegnet
und mit welcher freude folgte ich als ich gebeten wurde als seine dienerin zu kommen
es ist wahr dass ich mir in meinem herzen geschmeichelt habe ich werde es nicht leugnen
während wir hierher kamen könnte ich ihn vielleicht verdienen
sollte ich endlich das wichtige familienmitglied werden
jetzt muss ich leider zum ersten mal sehen welches risiko ich eingegangen bin
als ich dem heimlich geliebten menschen mein zuhause so nahe bringen wollte
spüre jetzt zum ersten mal wie weit ein armes mädchen entfernt ist
kommt er aus einer wohlhabenden jugend egal wie großartig sie es verdient
das alles bekenne ich jetzt damit ihr mein herz nicht falsch interpretiert
dabei wurde es durch einen zufall verletzt dem ich mein erwachen verdanke
diese angst verbarg meine geheimen wünsche und war schon immer vor mir
dass er sich eines tages eine braut in seine wohnung bringen würde
und ach wie hätte ich dann unter meiner inneren qual leiden können
glücklicherweise wurde ich gewarnt und habe nun meinen busen befestigt
ich wurde von seinem geheimnis befreit obwohl es doch ein heilmittel für das übel gibt
aber nicht mehr ich habe gesprochen und jetzt wird mich nichts mehr aufhalten
länger hier in einem haus in dem ich bleibe aber in scham und verwirrung
ich bekenne frei meine liebe und die törichte hoffnung die ich hege
nicht die nacht die im ausland von sinkenden gewitterwolken bedeckt ist
nicht das grollen des donners ich höre seinen klang soll mich abschrecken
nicht das fallen des regens der draußen wütend schlägt
weder der tosende sturm denn all das habe ich gelitten
während unserer traurigen flucht und während der nächste feind uns verfolgte
nun gehe ich wieder hinaus wie ich es so lange gewohnt bin
vom wirbel der zeit mitgerissen und von allem getrennt
lebt wohl ich zögere nicht länger jetzt ist alles vorbei
so sprach sie und zurück zur tür drehte sie sich hastig um
sie trug immer noch ihr bündel unter dem arm wie sie es mitgebracht hatte
doch mit beiden armen ergriff die mutter das mädchen
umklammerte ihre taille und rief erstaunt und verwirrt aus
sag mir was bedeutet das alles? und sag diese müßigen tränen was bedeuten sie?
ich lasse dich nicht gehen du bist die verlobte meines siegfried
doch der vater stand immer noch da und beobachtete die szene mit unmut
schaute das weinende mädchen an und sagte in verärgertem ton
dies muss dann die belohnung sein die ich für all meine nachsicht bekomme
dass am ende des tages das lästigste aller dinge passieren sollte
denn es gibt nichts was ich weniger ertragen kann als weibisches weinen
heftige schreie die nur unordnung und leidenschaft beinhalten
was mit ein wenig gespür sanfter eingestellt werden könnte
erledigt die sache selbst ich gehe ins bett ich habe keine geduld
länger um ein zuschauer dieser wunderbaren taten zu sein
während er sprach drehte er sich schnell um und beeilte sich in die kammer zu gehen
wo er zu ruhen pflegte und sein ehebett stehen blieb
aber er wurde von seinem sohn festgehalten der flehend sagte
vater eile nicht von uns und sei nicht zornig auf das mädchen
ich nur ich trage die schuld an all dieser verwirrung
was unser freund durch seine verstellung unerwartet verstärkte
sprich oh würdiger herr denn dir habe ich meine sache anvertraut
schüre nicht kummer und zorn sondern lass dies alles ein ende haben
denn ich könnte dich nie wieder so hoch schätzen
wenn du nur freude am schmerz zeigen würdest nicht überragende weisheit
daraufhin trat siegfried vor und sprach mit diesen liebevollen worten
bereue deine tränen nicht noch bereue diese vorübergehenden nöte
denn sie vollenden meine freude und darf ich das nicht hoffen auch deine?
die fremde die vortreffliche jungfrau nicht als dienerin zu engagieren
zum brunnen kam ich aber um deine liebe zu erbitten bin ich hierher gekommen
nur leider mein ängstlicher blick könnte die neigung deines herzens
nirgendwo wahrnehmen ich lese in deinen augen nichts als freundlichkeit
wie aus dem ruhigen spiegel des brunnens grüßtest du mich
könnte ich dich nur nach hause bringen die hälfte meiner freude war erfüllt
aber du vervollständigst es mir jetzt o gesegnet seist du dafür
da blickte das mädchen mit tiefer rührung auf das jüngling
keiner verbot ihnen sich zu umarmen und zu küssen der gipfel der verzückung
wenn sie einem liebenden paar als die ersehnte gewissheit kommen
versprechen eines lebens voller glückseligkeit das ihnen jetzt endlos erscheint
aber sie antwortete und sagte oh lassen sie mich auf diese erinnerung zurückkommen
doch einen moment widmen denn dem guten geber gebührt so viel
er der es beim abschied schenkte und nie zu seinen verwandten zurückkehrte
alles was kommen würde sah er voraus als die leidenschaft für die freiheit in eile war
als der wunsch entsteht in der neu veränderten ordnung der dinge zu funktionieren
drängte es ihn weiter nach paris wo ihm ketten und tod begegneten
lebe wohl waren seine worte ich gehe denn alles ist in bewegung
nun ist es eine zeit lang auf der erde und alles scheint sich zu trennen
selbst in den stabilsten staaten lösen sich grundlegende gesetze auf
eigentum fällt aus der hand des alten besitzers
freund trennt sich vom freund und so trennt sich liebhaber vom liebhaber
hier verlasse ich dich und wo werde ich dich wiederfinden oder ob jemals
wer kann es sagen? vielleicht sind diese worte unsere letzten gemeinsamen
der mensch ist hier auf der erde nur ein fremder wird uns mit gutem grund gesagt
und jeder von uns ist jetzt fremd geworden mehr als je zuvor
der boden gehört uns nicht mehr und unsere schätze verändern sich alle
silber und gold lösen sich von ihren altbewährten mustern
alles ist in bewegung als würde die bereits geformte welt ins chaos geraten
soll sich rückwärts in die nacht auflösen und sich neu formen
mein herz wirst du behalten und sollten wir jemals vereint sein
über den ruinen der erde wird es wie neu geschaffene kreaturen sein
verwandelte und freie wesen nicht mehr vom glück abhängig
denn nichts kann einen mann fesseln der tage wie diese durchlebt hat
aber wenn es nicht so sein sollte dass diese gefahren glücklich vorüber sind
immer wieder wird uns die glückseligkeit gegenseitiger umarmungen geschenkt
oh dann behalte mein schwebendes bild vor deinen gedanken
dass du mit unerschütterlichem geist zum guten oder zum bösen bereit bist
sollten dich neue bindungen und eine neue wohnung wieder locken
tritt mit dankbarkeit in die freuden ein die das schicksal dir bereiten wird
liebe diejenigen die dich lieben sei denen dankbar die freundlichkeit zeigen
aber dein unsicherer fuß sollte noch leicht gepflanzt werden
denn es lauert der doppelte schmerz einer erneuten trennung
segen begleite dein leben aber der wert der existenz ist nicht höher
als deine anderen besitztümer und alle besitztümer sind betrug
so sprach der edle jüngling und ich sah ihn nie wieder
mittlerweile habe ich alles verloren und tausendmal an seine warnung gedacht
auch hier denke ich an seine worte wenn sich die liebe süß vorbereitet
glück für mich von neuem und herrliche hoffnungen erwachen wieder
oh vergib mir ausgezeichneter freund auch wenn ich dich halte
an meiner seite zittere ich so dem spät gelandeten seemann
scheinen die solidesten fundamente der feststen erde zu wanken
FAUST
ZUEIGNUNG
ERSTER TEIL
PROLOG IM HIMMEL
(Der Herr Zebaoth, die himmlischen Heere. Später Asmodäus. Die drei Erzengel Sankt Michael,
Sankt Gabriel und Sankt Raphael erscheinen.)
SANKT RAPHAEL
Die Sonne singt in alter Weise
In heiliger Geschwister Chor,
Bei ihrer großen Sphärenreise
Oft kommen Donnerschläge vor.
Die Engel stehn, sich zu ergötzen,
Ein jeder Engel, wie er mag.
Das Spiel nach ewigen Gesetzen
Ist lustig wie am ersten Tag.
SANKT GABRIEL
Du kannst das Beste doch nicht fassen,
Wie Mutter Erde sich bewegt,
Mal von der Sonne übergossen,
Mal samtnes Schwarz sich niederlegt.
Da bäumt sich auf die See mit Schäumen
Und spritzt aus tiefem Felsenspalt
Und geistig Wassernymphen träumen,
Die Erde leidet die Gewalt!
SANKT MICHAEL
Und wilde Stürme, immer reger,
Von Land zu See, von See zu Land,
Die wilde Jagd, der wilde Jäger,
Der Jäger steckt das Haus in Brand.
Ein Blitz, ein Schlag vom Donnerhammer,
Der Hammer donnert immerzu.
Dein Sklave, Gott, in seiner Kammer
Liegt da in schönster Seelenruh.
DIE DREI
Die Engel stehn, sich zu ergötzen,
Ein jeder Engel, wie er mag.
Das Spiel nach ewigen Gesetzen
Ist lustig wie am ersten Tag.
ASMODÄUS
Herr, wieder gibst du eine Audienz,
Willst hören, ob wir sind mit dir zufrieden.
Sonst gnädig auch, mein Gott in Evidenz,
Bescheiden hab ich mich zu dir beschieden.
Alexandriner auf Franzosenweise
Kann ich nicht machen, wie der Franke macht,
Doch sollst du lächeln, Gottheit, lieblich leise,
Hat Jesus doch mit Kindern auch gelacht!
Vom Universum weiß ich nicht zu reden,
Von Adam doch und Eva nackt in Eden,
Und jeder Mann behauptet, er hab Recht,
Er sei ein Mann vom göttlichen Geschlecht!
Doch ist es wie beim ersten Sündenfall
Gleich nach des Weltalls allererstem Knall,
Da Adam pflückte sich die Feige weg:
Auf Evas linker Brust den Schönheitsfleck!
Der Mann doch lebte glücklich seine Brunft,
Wenn du ihm nicht gegeben die Vernunft.
Ja, graut dir nicht, siehst du das Affentier?
Von hinten auf die Kuh dringt ein der Stier.
Bei Tieren wohl geschieht das dann und wann,
Wenn aber viehisch sich verhält der Mann,
Wenn er es nicht gesteht dem Ohrenpriester,
So ist er bestialischer als Biester.
O Majestät, geschehe Euer Wille!
Der Mann erscheint mir ähnlich einer Grille,
Die vor der Pforte der Geliebten zirpt,
Ums Plätzchen an dem warmen Ofen wirbt,
Allmorgentlich in feuchten Nebelschwaden
Süß zirpt wie die französischen Zikaden,
Meint, seine Stimme sei wie Orpheus stark,
Hüpft einfach in den allerersten Quark!
HERR ZEBAOTH
Was läuft dir sonst noch über deine Galle?
Verklagst du nicht die Menschensöhne alle?
Bist du mit dem, was weise ich beschieden,
Mit meiner Liebesgunst denn nie zufrieden?
ASMODÄUS
Nein, Donnerer, mit deinem Donnerhammer,
Mich jammert so des armen Menschen Jammer
Und ich kann nur noch lamentieren, klagen!
Frau Armut selber wag ich nicht zu plagen!
HERR ZEBAOTH
Kennst du den Doktor Johann Faustus recht?
Der Dulder Hiob ist mein bester Knecht!
ASMODÄIS
Der Doktor Mysticus der Kabbala?
Mein Drittes Auge ihn heut morgen sah,
Wie geistig seinen Esel er geritten,
Beflügelt ist ins Paradies geglitten.
Vom Himmel will er Lämmerwolken pflücken
Und auf der Erde weiche Weiber ficken.
Herr! Bleibe hart bei solcherlei Begehren,
Sollst ewig eine Vulva ihm verwehren,
Er wäre nach dem Akte schlaff und matt
Und all sein Liebeshunger doch nicht satt,
Denn wie nach den Mätressen einst die Fürsten,
Ist in ihm ewig-ewigliches Dürsten!
HERR ZEBAOTH
Geht er auch in der Gottesfinsternis,
Will dringen er in jeglichen Abyss,
Einst wird entschleiern sich die Gotteswahrheit,
Er schaut die Gottheit dann in bloßer Klarheit!
Und liebt und hofft er, weiß er auch zu schweigen,
Die Ewigkeit einst schenkt ihm ihre Feigen!
ASMODÄUS
Ha! Majestät, ich packe Euren Knecht,
Den Faust, an seinem göttlichen Geschlecht,
Versuche ihn mit Geld und Macht und Sex,
So ist er bald der lieben Gottheit Ex!
HERR ZEBAOTH
Geh, Asmodäus, prüfe meinen Knecht,
Ich aber sprech aus Gnade ihn gerecht.
Versuche ihn mit Unzucht, ob er fehle,
Doch Mein bleibt seine gottgeweihte Seele!
ASMODÄUS
Wohlan, ich geh wie andre Gottesboten,
Versuchen kann ich ja nicht mehr die Toten,
Versuchen will ich jene, die noch leben,
Die Männer, die vor Weiberbrüsten beben!
Die Toten, Herr, die kann ich nicht mehr packen,
Die Lebenden jedoch mit prallen Backen!
Was soll mir in dem Grabe das Skelett?
Die leben, lock ich in der Unzucht Bett!
HERR ZEBAOTH
Gut, Asmodäus, Doktor Faust sei dein,
Versuche ihn, ob er die Quelle rein
Der Liebe, dieser Herrscherin von Sternen,
Verlassen wird für schmutzige Zisternen?
Und wenn vergebens meine Gnade quölle,
Kommt er zum Teufel in die Feuerhölle!
Doch, Dämon, sei beschämt, musst du bekennen:
Allein muß ich im Pfuhl aus Feuer brennen,
Der Wahre Mensch ist mir zur Last geworden,
Zur Last – und nicht zur Lust im Wollust-Orden!
ASMODÄUS
Gut, geh ich zu den Dornen und den Nesteln,
Ich will ihn mit dem Nesselhemde fesseln,
Versuch ihn, nichts als Lust um Lust zu suchen,
Mit geilen Huren will ich ihn versuchen,
Und will es mir mit Huren nicht gelingen,
Die schon so manchen freien Christen fingen,
Ich Dämon bleibe dennoch unverzagt,
Versuche ihn mit einer frommen Magd!
Er buhlt mir noch um ihre Apfelwangen!
Verflucht ist er wie andre kluge Schlangen,
Soll wie die Schlange und wie andre Lurche
Mir kriechen durch die schwarze Ackerfurche!
HERR ZEBAOTH
Du hast den freien Willen, freier Geist,
Ob du auch unrein bist und Dämon heißt,
Zur Erde geh hinab von Zions Hügel,
Sei einsichtsvoll und klug wie Eulenspiegel.
Der Mann, ich rufe ihn, sich aufzuraffen,
Mit seiner Schöpferkraft ein Werk zu schaffen,
Und sehnt er sich nach absoluter Ruh,
Geselle ich ihm einen Bruder zu.
Der Freund und Bruder, das ist ohne Zweifel
Sein Schatten oder auch sein eigner Teufel.
Ihr aber, meine gottgetreuen Engel,
Gehorsam ihr der Jungfrau ohne Mängel,
Den Menschen führt ins Land von Seim und Butter,
Gott liebt den Menschen ja wie eine Mutter!
So soll der Mann in seines Gottes Namen
Zur Engelsernte säen seinen Samen.
ASMODÄUS
So ab und an hör ich doch gern den Vater,
In Uranos den liebevollen Pater.
Ich möcht mit meinem Gott und Herrn nicht brechen,
Der menschlich mit Dämonen weiß zu sprechen.
FAUST
Ich las so manchen Philosophen,
Gold aus der Weisheit Feuerofen,
Doch fand ich nicht die Dame Chockmah.
Ich kenn der Theologen Dogma
Und auch die Politik der Staaten
Und leider, ach, die Advokaten!
So steh ich nun als Tor der Toren,
Als hätt ich den Verstand verloren!
Geworden bin ich ein Magister,
Ein Doktor auch wie die Geschwister.
Seit sieben Jahren bin ich Lehrer
Und mach es meinen Schülern schwerer
Und schwerer Jahr um Jahr, sie müssen
Erkennen, dass sie gar nichts wissen,
Ob sie es auch nicht wollen leiden,
Doch sollen bleiben sie bescheiden.
Ich aber bin nicht wie die Affen,
Die Wissenschaftler und die Pfaffen.
Ich lob mir schöpferischen Zweifel
Und habe keine Angst vorm Teufel.
Doch seit ich Weisheit zu mir nahm
Mit Löffeln, fühl ich Gram, nur Gram,
Seit ich geheime Einsicht seh,
Ich fühle in der Seele Weh.
O Demut! Dies ist einzusehen:
Ich kann die Gottheit nicht verstehen!
Ich habe mich des Amts entledigt,
Ich hab schon lang nicht mehr gepredigt
Und allen Weisheit angeboten,
Ich gleiche mehr den Idioten,
Bei all der Vielgelehrten Tanz
Bin ich der Doktor Ignoranz!
Frau Armut hält mich jetzt besetzt,
Das Geld, das alle Welt ergötzt,
Das rinnt mir nur durch meine Finger,
Ich bin nicht Mammons treuer Jünger.
Auch bin ich schön nicht von Gestalt,
Der Bart ist grau, jetzt bin ich alt,
Und faulig dampft mein Atemhauch
Und vor mir her trag ich den Bauch
Und hab im Hirne manche Grille
Und vor den Augen eine Brille.
Durch meine Seele geht ein Messer!
Da geht es jeder Hündin besser,
Die, wenn die jämmerliche jault,
Von ihrem Frauchen wird gekrault!
So! Jetzt studier ich die Magie,
Erforsch geheime Sympathie
Der Zwillingsseelen und der Geister
Und lerne Zauberwort der Meister
Und gurre wie ein Turteltauber,
Ein Psalm ist mir ein Liebeszauber,
Mit Salomo ich tue kund,
Wie eng der Hindin Muttermund,
Frau Weisheit will ich nicht vertauschen,
An ihren Brüsten mich berauschen!
Doch in dem Dunkel meiner Nächte
Ich suche jene Macht der Mächte,
Die in dem ganzen Weltgetriebe
Die Energeia ist, Frau Liebe!
Komm nur ins Offene, mein Freund!
Schau, ob die Sonne heiter scheint?
Mit des okkulten Philosophen
Agrippa aus dem Feuerofen
Der heiligen Magia geh
Ich durch die Sphären, ob ich seh
Geschrieben dort das Zauberwort:
Verkehrtes Wesen, fliege fort!
Die Unverschleierte, Frau Wahrheit,
Will schauen ich in bloßer Klarheit,
Die Unverschleierte erreichen!
O, Pentagramm – okkultes Zeichen!
(Er spricht ein orphisches Gebet an die Göttin Gäa. Die elfengleiche Seele der Mutter Erde
erscheint.)
FAUST
Ich Übermensch! Ich bin kein Gott?
O Weltenseele, welch ein Spott!
Gott schuf den Mann nach seinem Bilde,
Zumeist die Frau, so sanft und milde!
Von Elfenbein ist Sie ein Turm –
Ich aber zucke wie ein Wurm!
DOKTOR WAGNER
Du deklamiertest wie Rhapsoden laut.
Wer kriegt in der Komödie denn die Braut?
Wie? Oder sprichst du tragisches Theater,
Wo Ödipus Rival war seinem Vater?
Von dem Theater unsrer alten Griechen
Ist viel zu lernen. Ihnen nachzukriechen
Schien Nyssos’ Gregor wert und auch Sankt Paul.
Wie tragisch ist der Selbstmord doch von Saul!
Auch das Theater scheint mir wie geschaffen
Für das Sakraltheater unsrer Pfaffen.
FAUST
Wenn nur der Pfaffe nicht mit großem Durst
In der Komödie spielt nur den Hanswurst!
DOKTOR WAGNER
Ach, ist ein Pfaffe doch kein Philosoph! Ah,
Er sitzt gemütlich sonntags auf dem Sofa
Und tut sich des Gebets entledigen
Und kann nur Ungesalznes predigen.
Wer nicht hinaustritt in das Weltgetriebe
Und nie besessen war von heißer Liebe
Und tat auch nie ein schönes Weib begehren,
Was soll der gute Mann die Männer lehren?
FAUST
Man liest in Büchern alter Kirchenväter
Und hört den Vater in dem Dom Sankt Peter.
Wenn aber Gott ist nicht erlitten worden,
Dem hilft auch nicht der Mönche Mystik-Orden!
In deinem Innern suche deinen Gott,
Sonst wird dir selbst die Bibel nur zum Spott!
Doch plappre nach den Katechismus nur,
Fühlst du nicht, wie der Herr gen Himmel fuhr
Als Feuerphönix aus der heißen Asche,
Dann weiter nicht nach Luftgespinsten hasche.
Dann, Wissenschaftler vor dem Tuch der Tücher,
Dann schreibe lieber Kinderfabelbücher.
Ein wahrer Gaudi ist ein Kinderbuch!
Doch wer nie roch der Rose Wohlgeruch,
Der kann auch plappern nächtlicher Vigilien
Von kühler Keuschheit rauhreifweißer Lilien!
Wer Gott erfahren nicht in Todesschmerzen,
Der rührt auch nie die schönen Frauenherzen!
DOKTOR WAGNER
Ein Prediger zu sein gelehrter Predigt,
Der sich der Bibelwissenschaft entledigt,
Rhetorik braucht es mehr als Fanatismus,
Historisch-kritisch sei der Biblizismus.
Denn wenn die Schwärmer sterben ihren Göttern,
Wir Prediger, wir lehren nach den Lettern.
FAUST
Ja, lesen muss man können, das hilft viel,
Am allermeisten bei dem Kartenspiel,
Und wer nicht rechnen kann wie Mammonas,
Herzdame er verwechselt mit Pik-As.
Doch Freundschaft – ach die Freundschaft! – oder Liebe –
Da braucht es heißes Blut und Lebenstriebe!
Es lehrt dich doch kein Buch das rechte Rammeln!
Du glühe nur, dann strömt dir schon dein Stammeln!
DOKTOR WAGNER
Ach, vieles will ich wissen von der Welt,
Will kennen Papst und König, Narr und Held,
Weltwissen steht in Büchern, die sind dick,
All das zu lesen, das ist mein Geschick.
Ach, manchmal brennen mich auch heiße Lüste,
Passionen mir durchwühlen meine Brüste,
Doch Arbeit kühlt mich ab! Das ist perfekt,
Den Eros treibt nur aus der Intellekt!
Bevor du Blutschweiß schwitzt von Eros heiß,
Verdiene Geld in Angesichtes Schweiß!
FAUST
Der rationale Intellekt befriedigt
Den Busen dir? O Mann, wie du erniedrigt
Durch deine Arbeit bist, durch den Verstand!
Ah, meine Seele lodert stets im Brand!
DOKTOR WAGNER
Man muss doch bei den biblischen Geschichten
Und was die Hagiographen alles dichten
Bedenken der Historie Fundament.
Wenn man wie ich so gut die Bibel kennt,
Berührt dich weiter nicht das Hohelied,
Das allegorisch man zu sehr bemüht.
FAUST
Ja, steige in die Lettern, tret das Pflaster
Der Bibelwissenschaft! „Ich bin der Aster“,
So sagt der Herr. Der Herr sich offenbarte
In diesem Wort als göttliche Astarte!
DOKTOR WAGNER
Die Wissenschaft ist rational und kühl,
Denn allzu heiß scheint mir das Liebesspiel.
Bevor ich selbst verbrenne an der Liebe,
Von Liebeskunst ich lieber Bücher schriebe!
FAUST
Ach, alle Weisen müssen mystisch schweigen!
Wer je sich pflückte der Erkenntnis Feigen,
Der schweige von der Gottheit höchstem Reize,
Sonst findet er sich wieder an dem Kreuze!
Am Kreuze aber findet er nur Hohn:
Du hältst dich selber wohl für Gottes Sohn?
Doch es ist spät, mein lieber Freund und Bruder,
Die Nacht ist schwarz und Laila ist ein Luder!
DOKTOR WAGNER
Tiefsinnigster Genosse meines Lebens,
Wie inspirierst du meines Wissenstrebens
Gewissenhaften Fleiß! Ich hätt die Nacht
Noch gern mit dir beim Glase Wein verbracht.
Ist morgen doch der Ostersonntag! Siehe,
Ich bin schon wach vorm Morgenrote frühe.
Nach einer Flasche Rotwein übernachte,
Weil ich nach meinem Ostersonntag schmachte!
FAUST
Ah weh! Mir ist zum Heulen und zum Schreien!
In seinem Kopf nur Spiegelfechtereien!
Er gräbt ein Loch, als ob er Gott ergründet,
Ist froh schon, wenn er nackte Würmer findet!
OSTERSPAZIERGANG
FAUST
Von Eis befreit ist nun der klare Bach,
Der Zephyr bläst die kleinen Hügel wach.
In Wiesen grün die Gräser sind voll Saft,
Dem Winter ist erschlafft die scharfe Kraft,
Der Winter schleicht an seinem Stocke fort,
Noch kommt des Hagelschlages böser Mord,
Auch das Spektakel geht doch bald vorbei,
Die weißen Tropfen auf dem grünen Mai.
Die Sonne strahlt im heitern Herzen schön!
Die Knospe auch mit seufzendem Gestöhn
Leis öffnet ihre Lippen Taues Tropfen,
Die Falter, sich mit Nektar vollzustopfen,
Umflattern allerschönste Blumen heute
Und freundlich sind die wundervollen Leute.
Von Berg zu Stadt die Menschen voller Ruhe
Dem Tor entquellen, gürten ihre Schuhe.
Die Kleinen und die Großen fröhlich blicken,
Schön sind die Schlanken, schön sind auch die Dicken.
Und alle tragen ihren Sonntagsstaat,
Als ob der Tag der Auferstehung naht,
Der Auferstandne kommt aus seinem Grab
Und segnet Magdalena mit dem Stab.
Aus guter Stube zu dem roten Staube
Das Menschenvolk wie eine pralle Traube,
Dort tanzen sie im lüsternen Getümmel,
Der Frauen Tanz, das ist der Männer Himmel.
Und jeder fühlt die Liebe Gottes rein:
Hier bin ich Mensch, hier darf ich menschlich sein!
DOKTOR WAGNER
Mit dir, mein Doktor Faust, spazierengehn,
Mit deinen Augen die Natur zu sehn,
Ist pure Poesie. Was ich nicht lobe,
Das Allzumenschliche, das Stofflichgrobe!
Ich nur allein wär sicherlich nicht hier.
Der Mann in seiner Lust brüllt wie ein Stier.
Ihr Hörnerblasen und ihr schrilles Geigen
Ist nicht so schön wie meiner Zelle Schweigen.
Und dieses Stöhnen zu der Trommeln Klang,
Die Eselsschreie nennt man dann Gesang!
(Tanz lustiger Dirnen! Der alte Bauer Georg mit einem breiten Becher Wein tritt zu Faust.)
BAUER GEORG
Mein lieber Doktor, Freund und Kupferstecher,
Vergessen hat uns nicht der große Zecher!
Daß so ein tiefgelehrter Weiser heute
Auch freundlich denkt an seine kleinen Leute!
Hier wie ein Becken reich ich dir den Becher,
Den breiten Becher sauge leer der Zecher!
Und hast du diesen Becher leergetrunken,
Noch einmal füllt der Becher sich mit Funken,
Wie aus dem Becher rote Tropfen rinnen,
So mögest du Frau Ewigkeit gewinnen!
FAUST
Ja, Dank für dieser Liebe Feuerregen!
Die Liebe Gottes spende dir den Segen!
(Er setzt den breiten Becher an die Lippen und schlürft bacchantisch-genüsslich.)
BAUER GEORG
Gut, dass du kommst, um kräftig zu genießen,
Weil deiner Nächstenliebe Gnaden fließen
Doch allezeit zu Krüppeln, Seelenkranken,
Die todgeweihten Kinder kommen danken!
Du warest Retter in der schwersten Stunde,
Nun küss den Becher auch mit heißem Munde!
Dein Vater Konrad half uns, als die Pest
Auf Erden hielt ihr großes Totenfest,
Du, noch ein junger Mann, um uns zu retten,
Du hieltest Wache an den Krankenbetten.
Wen gestern tat das Leben lustig laben,
Den haben heut die Pfaffen schon begraben.
Du warest unser Retter, so als sei
Der Heiland mit dir, Christus stand uns bei!
VOLK
Gesundheit dir am Leib und an der Seele,
Daß nie uns deine starke Hilfe fehle!
FAUST
Der Hilfe Gottes sei allein die Ehre,
Daß uns die Hilfe hilft und uns bekehre!
DOKTOR WAGNER
Das strömt dir doch wie Wein durch deine Kehle,
Wirst du so hoch gelobt, du feine Seele!
Durch dich die Gnaden zu den Kranken fließen,
Nun darfst du auch ihr Dankeschön genießen!
FAUST
Komm, setzen wir uns hier auf diese Bank,
Hier wollen wir von allem Rennen rasten.
Hier, als die Menschen von dem Pesthauch krank,
Hier saß ich oft zu beten und zu fasten.
Hier wagte ich, und keiner konnt mich dämpfen,
Wie Jakob selber mit dem Herrn zu kämpfen!
Wie Jakob tat ich mit dem Engel ringen,
Der Krankheit Ende rasch herbei zu zwingen!
Was soll der Toren Lob, der Toren Tadel,
Was der Gesang von meinem Seelenadel?
Ich kenne meines Vaters Konrad Plan,
Adept der Alchemie, ein Scharlatan,
Mit Elixieren und geheimen Pillen
Gott aufzuzwingen seinen eignen Willen
Und mit der Energie der Nervenbahnen
Des ganzen Universums Heil zu planen,
Aus Sonnenstrahlen wollt er saugen Geister,
Bezaubern Kranke wie ein Zaubermeister,
Wie weise Magier vom Morgenland
Zu heilen durch die Segnung seiner Hand,
Zu heilen jede seelische Psychose
Durch die Magie bezaubernder Hypnose,
Zu rufen die Dämonen wie Schamanen,
Weltseelenpriester gleich den Scharlatanen,
Und doch zu sein vorm großen Gott ein Spötter,
Sich selbst zu sehn als höchsten Gott der Götter!
DOKTOR WAGNER
Ein junger Mann soll von dem Alten lernen,
Der wanderte durch weltenweite Fernen,
An Vater Konrad denk ich noch in Wehmut.
Ein Alleswisser! Doch ihm fehlte Demut!
FAUST
Glückselig ist der Mann, der sich erlösen,
Befreien kann aus aller Macht des Bösen.
Mein Glück ist sicher nicht von dieser Welt,
Was meine Seele in den Händen hält,
Das will ich nicht, das ist nur meine Pflicht,
Was ich begehre, das bekomm ich nicht,
Was ich nicht haben darf, das ist das Beste
Und machte erst mein Leben mir zum Feste.
Doch muß ich mich ja meinem Schicksal fügen
Und ist auch grenzenlos mein Ungenügen!
Tarnkappe auf des starken Siegfried Haupt –
So hat er die Brunhilde sich geraubt!
Die Siebenmeilenstiefel an den Füßen,
So möcht ich wohl den Garten Gottes grüßen.
Auf einem Teppich wollt ich fliegen können,
Prinzessinnen von Hindostan mir gönnen.
Möcht auf dem Flügelross wie Mohammed
Zum Huri-Himmel, wo die Latte steht!
Mit Pegasos vom Schoße der Meduse
Ich wollte reiten wohl zum Kuss der Muse!
Die Wirklichkeit jedoch behält den Sieg,
Das lehren mich Doktoren der Physik.
DOKTOR WAGNER
Ach, fliegen kann ich selbst in Träumen nicht,
Und flattern Schmetterlinge in dem Licht,
Beneid ich nicht der Schmetterlinge Flügel.
Wohl wallt ich gerne über kleine Hügel,
Doch mehr noch als der Rose Wohlgeruch
Lieb ich in langer Winternacht ein Buch,
Wo Männer streuen ihre Geistessamen
Und schön und liebevoll sind alle Damen.
FAUST
Du willst nur weise werden durchs Studieren,
Ich will mich in der Lebenslust verlieren!
Di-Psychos bin ich, Doktor Schizophrenus,
Will Sapientia und auch die Venus!
Ich will hinan zur höchsten Gottesliebe
Und auch befriedigen die heißen Triebe!
Will, dass mein Geist der Gottheit Antlitz schaut
Und will im Bette willig meine Braut!
Ach wenn ich zaubern könnte, Gott beschwören
Und durch Magie das schönste Weib betören,
Ich gäbe für ein Weibchen, willig, weich,
Für ihren Schoß dahin das Himmelreich!
DOKTOR WAGNER
Ich las, des Weibes Wollust sei erlabend.
Doch lass uns gehn. Wie kühl ist doch der Abend.
(Sie gehen)
FAUST
Siehst du die schwarze Hündin auf der Wiese,
Die schwarze Hündin mit dem schwarzen Vliese?
DOKTOR WAGNER
Läuft brünstig um wie eine junge Hindin!
FAUST
Was hältst du von der jungen schwarzen Hündin?
DOKTOR WAGNER
Was soll ich mir bei einer Hündin denken?
Den Berna-Sennen-Hund lass ich mir schenken,
Am Abend nach der Arbeit zu spazieren.
Ich gehe gerne um mit schönen Tieren.
Ein Tier vermag uns nicht das Herz zu brechen
Und nicht wie Frauen stets zu widersprechen!
FAUST
Doch siehst du nicht? Das Auge einer Lüchsin,
Die Gier der Wölfin und die List der Füchsin,
Umkreist sie uns in Kreisen der Magie.
DOKTOR WAGNER
Ich seh nur eine schwarze Hündin, die
Nach einem Herrchen sucht, das ihr befehle.
FAUST
Sie kommt heran! Bei meiner armen Seele!
Sie hat wohl großen Hungern nach was Leckerm?
Siehst du die Zunge an der Schnauze schleckern?
Die schwarze Hündin – Dämon, will mir scheinen –
Ist mit der Schnauze zwischen meinen Beinen!
DOKTOR WAGNER
Ich weiß, dass du der Teufel Namen kennst,
Doch dies ist eine Hündin, kein Gespenst.
FAUST
Ach, leider, ja, ganz hündische Natur,
Kein Geist! Ist alles nichts als nur Dressur!
FAUST
Verlassen habe ich den Garten,
Die liebe stille Nacht ist da.
Was Weise mir doch offenbarten,
Ich selbst mit eignen Augen sah.
Doch nehm ich jetzt die liebste Bibel,
Ist alles andre nur von Übel.
Still, Hündin, belle nicht so laut,
Frau Weisheit ist jetzt da, die Braut!
Was hat die Hündin doch für Launen!
Was hör ich doch die Winde raunen?
Ach, wem nur in der eignen Kammer
Die Lampe wieder ruhig brennt,
Dahin ist aller Elendsjammer
Der Seele, die sich selber kennt.
Still, Hündin, nicht so laut gebellt,
Ich bin im Offenbarungszelt!
Was von der lieben Bibel weht
Und sanft durch meine Seele geht
Wie Geisthauch über Chaoswellen,
Da passt mir nicht der Hündin Bellen.
Frau Welt, Frau Welt, beim Friedefürsten,
Du kannst mir stillen nicht mein Dürsten.
Steht, was mir in der Seele brennt,
Doch längst im Neuen Testament!
Will ich die Koine einmal lesen,
Studieren das geheime Wesen,
Und schaun, wie man die Griechenzunge
Verdolmetscht deutsch. Mein lieber Junge!
Des Evangeliums Ergötzen
Ist schwer in Deutsch zu übersetzen.
(Er lächelt.)
ASMODÄUS
Was sollen diese Frömmeleien nun?
Was kann ich jetzt für meinen Meister tun?
FAUST
Das also war der schwarzen Hündin Wesen?
ASMODÄUS
Ich bin so froh wie eine Magd mit Besen!
Ich grüße meinen Meister sehr gewitzt,
Wie hab ich doch für meinen Herrn geschwitzt!
FAUST
Mir deinen eigentlichen Namen sage!
ASMODÄUS
Mein Freund, was ist denn das für eine Frage
Für einen, der das Wort so sehr verschmäht?
FAUST
Wer bist du? Sag, wohin dein Leben geht!
ASMODÄUS
Mein Name ist des Bösen Geistes Kraft,
Die Böses will, notwendig Gutes schafft.
FAUST
Der Böse auch muss dienen Gottes Segen?
Das Wort will ich im Herzen oft bewegen.
ASMODÄUS
Ich heiße Kraft, der ewige Rivale
Des Guten! In dem Namen aller Baale,
Ich will, was fließet aus des Ursprungs Schlunde,
Zu Leere werde, Nichts und geh zugrunde!
Was ist, wär besser, wenn es gar nicht wäre!
Ich liebe nur die Absolute Leere!
Und was ihr Unzucht nennt, Begierde, Sünde,
Das ist die Höchste Lust, die ich verkünde,
Wonach die Seelen insgeheim doch jagen,
Ich weiß, auch du! Wir werden uns vertragen.
Um deine Doktorgrillen wegzufegen,
Komm ich als Hausknecht dir doch ganz gelegen.
Ich komm zu dir in allerfeinstem Mantel,
Komm, weltlich sei gesinnt dein Erdenwandel!
FAUST
Ich werde meinen Treuebund nicht brechen,
Ich halt der Hölle treulich mein Versprechen.
ASMODÄUS
Nun Schluss mit den gelehrten Spinnereien,
Der Mystik Unzucht mit den Innereien!
Das allerschönste Leben wartet draußen,
Komm, Reiter, lass uns auf den Hengsten brausen!
Ja, wiehern wie die Hengste nach den Stuten!
Da warten sie im Grünen schon, die Guten!
Ein Mann, der sich ergibt der Theorie,
Ist wie ein Hengst in einer Wüste, sieh,
Ob er auch schnaubend Atem schnaube, blase,
Vergeblich wiehert er in trockner Wüste,
In Nachbarschaft, da wartet die Oase,
Daß er der Stute feuchte Schnauze küsste!
FAUST
Was tun wir jetzt, du Teufel voller Kraft?
ASMODÄUS
Besuchen wir des Lebens Nachbarschaft!
(Jugendliche Säufer.)
VOLKER
Wollt ihr nicht saufen? Noch einen Kurzen!
Die Böcke stinken, die Hexen furzen!
Ihr seid mir heute wie nasses Heu!
Ihr wollt nicht brennen! Evoe! Eu!
WERNER
Erzähle doch einen versauten Witz:
Die Ehefrau erschlug der Blitz...
VOLKER
(schüttet dem Werner Wein auf den Kopf)
Empfange so deine Feuertaufe!
WERNER
Du Schweinehund! Saufe, Genosse, saufe!
VOLKER
Na, endlich feierst du deine Genossen!
Wir haben doch all alle Weiber genossen!
THOMAS
Ich hab den Jungfraunberg bestiegen!
SONJA
Ich lache, dass sich die Balken biegen!
VOLKER
Lirum-Larum-Löffelstiel,
Wer nicht trinkt, der wird nicht viel.
THOMAS
Der Träumer aber, der gar nichts wird,
Wird eben freizügiger Thekenwirt.
VOLKER
Freizügiger oder Freigebiger? Hatem,
Ich lob mir betrunken die Jubelflöte!
THOMAS
Deutschland, einig Vaterland!
Ihr bringt mich noch um den Verstand!
WERNER
Nichts von Politik! Bei Beelzebul:
Wie findet ihr den Neuen in Peters Stuhl?
VOLKER
Was reimt sich denn auf Benedikt?
THOMAS
Der Papst, der Papst, von Maria ge—schickt!
ERICH
(singt)
Ich hatte eine Geliebte, Anette,
Die war wie eine Zigarette,
Die ich jetzt liebe, mit Venus-Augen,
Ist wie an der Meerschaumpfeife zu saugen!
ASMODÄUS
Faust, wenn dir so was Wonne macht,
Das kannst du haben jede Nacht.
FAUST
Moin, Brüder, Freunde und Genossen!
ALLE
Die Theke ist noch nicht geschlossen!
Komm nur herein, bei Babels Leben,
Uns allen einen auszugeben!
THOMAS
Was für nichtswürdige Figuren!
Sie kommen wohl vom Haus der Huren?
VOLKER
Sie halten sich für Geniusse
Von Gnaden Ihro Musenkusse!
WERNER
Ne, ne, das sind nur Harlekine.
SONJA
Und wo ist denn die Colombine?
VOLKER
Ich zieh es ihnen aus der Nase,
Woher der Sturm die Herren blase.
VOLKER
Nun sollst du uns ein Ständchen bringen.
FAUST
Ich kann doch nicht nach Noten singen.
ASMODÄUS
Ich kann! Ich kann! Ich kann es immer!
Nur kein elegisches Gewimmer!
(singt)
Ich komme aus Arabiens Wüste,
Ich habe Nachtigallenbrüste,
Dort sang ich allen den Suleiken
Von süßen Paradiesesfeigen!
THOMAS
Ha, Bruder, das wird ein Genuss!
SONYA
Hier – hast du deinen Musenkuss!
(Sonja küsst Asmodäus auf die Nase.)
ASMODÄUS
(singt)
Es war eine Hure in Korinth,
Wo allerlieblichste Huren sind.
Man nannte die Hure Jungfrau Floh,
Sie knackte die Flöhe auf dem Klo!
Die Flöhe juckten in meiner Scham!
So juckt es der Huren Bräutigam!
THOMAS
Der reine Wahnsinn! Sing doch weiter!
Ich steig noch auf die Himmelsleiter,
Die ganze Arche auszumessen!
ASMODÄUS
Wie’s weiter geht, hab ich vergessen.
VOLKER
Vergessen! Bestes der Gebete!
Ich saufe leer die ganze Lethe!
FAUST
Genossen, Freunde, lieben Brüder!
Trinkt ihr denn Essig immer wieder?
Den Messwein habt ihr wohl vergessen?
Trinkt Satansblut in Schwarzen Messen?
WERNER
Er scherzt, uns einen auszugeben!
THOMAS
Er lebe hoch! Hoch soll er leben!
SONJA
Ich trinke Wodka nackt im Schnee,
Ich mag nicht Hagebuttentee!
THOMAS
Weinrosentee von Hagebutten,
Sankt Pauli trinkt es mit den Nutten.
FAUST
Bei meiner Herrin Vanitas,
Die rund ist wie ein dickes Fass,
Ich ziehe jetzt den dicken Pfropfen,
Euch allen euer Maul zu stopfen!
WERNER
Ja, darf ich noch? Kann ich noch stehen?
Ich sehe alles rings sich drehen!
Ich sehe alle Dinge doppelt,
Dort schon die Mausfamilie hoppelt!
Doch nicht geklagt die süßen Schwächen,
Denn Männer können immer – zechen!
FAUST
Gebt einen Korkenzieher! Schaut,
So bohr ich euch die rote Braut,
Mit Feuer euren Geist zu taufen!
Was, lieben Brüder, wollt ihr saufen?
THOMAS
Nacktärscherl diese gute Stunde!
Denn soff ich einst bei Kunigunde.
(Faust bohrt mit dem Korkenzieher in den Thekentresen, und weißer Nacktärscherl-Süßwein fließt
hervor.)
FAUST
Nacktärscherl ist für dich. Und was willst du?
WERNER
Der Dompfaff raubt mir meine Ruh!
Der Dompfaff mahnt mir mein Gewissen,
Das ist das beste Ruhekissen!
FAUST
Das ist der Dompfaff. Aber nun?
VOLKER
Liebfrauenmilch! Dann kann ich ruhn!
Liebfrauenmilch ist meine Lust
Von Unsrer Lieben Frauen Brust!
FAUST
Liebfrauenmilch! Und du, dein Traum?
SONJA
Rotkäppchensekt mit rosa Schaum!
Rotkäppchen lieb ich, Schaum des Sekts,
So bet ich täglich meine Sext.
FAUST
Der letzte nun? Sprich, bei Don Bosco!
ERICH
Den süßen Perlenwein Lambrusco!
THOMAS
So große Gnade, ohne Zweifel,
Das kann nur kommen von dem Teufel.
ERICH
Ja, Wein, das war sein letztes Wort,
Dann trugen ihn die Teufel fort.
ALLE
(singen)
Wir kommen alle in die Hölle!
Ah Hölle, Hölle, Hölle, Hölle!
ERICH
He, Sonja! Deine Brüste – Trauben!
An solche Trauben will ich glauben!
Ich bin der Weinstock, du die Rebe,
Nur immer innig an mir klebe!
VOLKER
He, tut doch nicht so aufgeblasen!
Fasst euch doch an die eignen Nasen!
SONJA
Ich hab euch lang genug erlitten!
Die Nasen werden abgeschnitten!
ERICH
Die Nase lass ich mir nicht rauben!
Die Nase steck ich in die Trauben!
SONJA
Wir alle miteinander machen
Der Freien Liebe schönste Sachen!
FAUST
Genossen! Heil der Mitternacht!
ERICH
Ich schaute sie die Himmelsleiter
Gen Himmel reiten, Schimmelreiter!
SONJA
Ich sah die beiden als Vampir!
VOLKER
Genossen! Vorwärts! Weg von hier!
NACHDURST-GASSE
FAUST
O liebe süße Frau, darf ich es wagen,
Als Kavalier der Frau mich anzutragen?
RÖSCHEN
Bin keine Göttin und kein Überweib
Und auch nicht schön, ach, sterblich ist mein Leib.
FAUST
Ich suchte ja nur süßen Zeitvertreib.
Ach, die ist doch ein wahres Wonne-Weib!
Wie fein ironisch! Grimmig, dennoch gütig!
Wie wär sie denn erst, wär sie liebeswütig?
In meinem Leben sah ich nie solch Schätzchen
Wie diese Muschi, dieses schwarze Kätzchen!
O Sanftmut, Demut! Niedliche und Nette!
Ach läg ich mal bei ihr in ihrem Bette!
(Asmodäus kommt.)
ASMODÄUS
Mein Herr, wie kann ich heut dir dienen?
FAUST
Oh, jene Miene aller Mienen:
Dies Weibchen sollst du mir besorgen!
Ach wär ich doch in ihrem Schoß geborgen!
ASMODÄUS
Du hast kein anderes Problem?
Von wem denn redest du, von wem?
FAUST
Sie ist mir eben erst erschienen!
Ihr möchte ich in Liebe dienen!
Besuchen will ich sie heut abend!
Wie ist mir der Gedanke labend!
ASMODÄUS
Ach die! Kommt eben von der Beichte,
Doch ihre Schuld war keine feuchte,
Die Sünde lässlich, lästig, lässig,
Sie war fürwahr nicht übermäßig,
Es ist ein sanftes Ruhekissen
Ihr feingesponnenes Gewissen.
Ja, diese Röschen ist ein Engel,
Ein Sternenwesen ohne Mängel,
Mit ihren grünen Mandelaugen
Kann sie zur Himmelsvenus taugen!
Hat nichts Besonderes zu beichten,
Dämonen all von ihr entweichten.
Geläutert ihr Gewissen, hold,
Der Engel ist so rein wie Gold.
FAUST
Doch will ich ihren Jungfernkranz!
ASMODÄUS
Du bist ein geiler Eselsschwanz!
Willst alle Jungfraun deflorieren,
Womit sie ihre Zierrat zieren?
FAUST
Verschone mich mit deiner Ethik!
Vom Eros stammt doch die Poetik!
Gehorche! Mir besorg das Weib,
Den Engel in der Venus Leib!
Die schwarze Muschi, sie mein Schätzchen,
Dies samtne schwarze Schmusekätzchen!
Wenn ich sie heute Nacht nur hätte
Zum Liebesspiel in meinem Bette!
ASMODÄUS
Nicht vierzehn Jahre sollst du warten,
Wie Jakob einst auf seine Rachel,
In vierzehn Tagen in dem Garten
Die Blume sticht der Bienenstachel!
FAUST
Nicht vierzehn Tage! Ich will lieben
Die liebste Frau in sechs, in sieben!
Hätt ich nur sieben Tage Zeit,
Da fänd ich schon Gelegenheit,
Sie zu verführen, ohne Zweifel,
Dafür ich brauche nicht den Teufel.
ASMODÄUS
Wir gehn mal eben in ihr Zimmer.
FAUST
Ihr Bett zu sehn im Lampenschimmer?
ASMODÄUS
Ja, eben leert die Kaffee-Kanne
Sie bei der Busenfreundin Anne.
Jetzt eben wär Gelegenheit,
So einen Hauch von Ewigkeit
An ihrem leeren Bett zu riechen,
Auch unters Laken schnell zu kriechen
Und dann mit heißen schwülen Küssen
Sich zu ergießen in dem Kissen!
Das wird noch was mit euch, ihr Lieben,
Die ihr es schon im Geist getrieben!
FAUST
Geht es an diesen Himmelsort
Jetzt, auf der Stelle, gleich, sofort?
ASMODÄUS
Den Hengst, den zügle mit Geduld,
Bald schenkt die Frau dir ihre Huld.
FAUST
Oh, bei dem Gürtel ihre Taille!
Kauf eine silberne Medaille
Mit ihrer Schutzpatronin drauf
Und Rosenöl und Seide kauf!
ASMODÄIS
Was die erhitzten Freier denken!
Von all den brünstigen Geschenken
Macht selbst der Mammonas bankrott!
Das liebe Geld! Mein lieber Gott!
RÖSCHEN
(vor dem Spiegel ihre Haare frisierend)
(Sie geht aus dem Haus. – Faust und Asmodäus schleichen sich ein.)
ASMODÄUS
Komm, heimlich in ihr Schlafgemach!
FAUST
O Brautgemach des Himmels! Ach!
Geh, Dämon, lass mich hier allein!
ASMODÖUS
Wie fein ist alles hier! Fein, fein!
(Asmodäus ab.)
FAUST
Ja, brenne, nackte Lampenbirne,
Ein Feuer lodert mir im Hirne,
Ein Schmerz ist in mein Herz gefallen!
Was soll das Stottern, Stammeln, Lallen?
Ihr Atem! Ein Gefühl von Ruhe!
Vorm Bette hier die schwarzen Schuhe!
Bescheidenheit ist ihr beschieden,
Hier ist man doch sogleich zufrieden.
Ach, ach, und dieses Bettes Fläche!
Da überkommt mich eine Schwäche!
Wie zuckt es mir in meiner Hand!
Ach, ich verliere den Verstand!
ASMODÄUS
Verlasse jetzt dies Himmelsglück,
Das süße Weibchen kommt zurück.
(Asmodäus reicht dem Faust eine Handvoll Schmuck. Faust verstreut den Schmuck auf Röschens
Bett.)
FAUST
Soll ich den ganzen Schmuck ihr weihen?
ASMODÄUS
Willst du sie nun als Freier freien?
Ich habe alles das besorgt,
Hab mehr gestohlen als geborgt.
Mit diesem Glitzer-Glitter-Haufen
Kannst du Prinzessinnen dir kaufen.
Die Zeit geht flöten! Rasch gesputet!
Was hast du mir nicht zugemutet?
Die Arme wirst du wohl erringen
Mit diesen goldnen Silberdingen,
Mit diesen Muscheln, diesen Perlen!
Als sprächest du mit deinen Kerlen
Im Hörsaal physisch-metaphysisch,
So stehst du da, du Freier mystisch!
Ich hör der Pforte Flügel, rums!
Nur Fidibums, nur Fidibums!
(Beide ab. Röschen erscheint wieder.)
RÖSCHEN
Hier ist es feucht und dampfend-schwül!
Zwar draußen ist es klar und kühl,
Doch in dem Innern ist mir bange
Als schlich sich durch mich eine Schlange.
Wär Mütterchen Elfriede nur
Zurück, die Seele der Natur!
Ein Schauer zückt mir durch den Leib!
Ach, sterblich bin ich schwaches Weib!
(Jetzt erblickt sie ihr durchwühltes Bett und den Schmuck darauf.)
ALLEE
ASMODÄIS
Der Herr verdamm mich in den Feuerpfuhl,
In heiße Höllenglut mit Beelzebul!
Für solch ein Weib ist das geringste Wort
Zu gut. Ich bin hier nicht am rechten Ort.
FAUST
Was machst du Satan deine Reverenz?
Schau nicht so trübe drein in diesem Lenz!
ASMODÄUS
Ich möchte mich dem Teufel übergeben,
Wär ich nicht selber doch der Teufel eben.
FAUST
Was ist denn? Hör doch auf, so wild zu toben!
ASMODÄUS
Da soll ich doch die Mutter Kirche loben!
Den schönen Schmuck, den Röschen ich beschaffen,
Den haben jetzt die alten faulen Pfaffen!
Denn Röschens Mutter ward mit einmal bange,
Der schöne Schmuck vielleicht käm von der Schlange?
Sie hat so eine Katholiken-Nase
Und riecht des Teufels Angstschweiß leicht. Ich spaße,
Obwohl mir nicht zum Spaß zumute ist.
Die Mutter, die das Beten nie vergisst
Und immer ausstreckt sich zum Unerreichten,
Die schickt das arme Röschen: Geh du beichten!
Und Röschen, die so fromm und die so hold,
Sie bringt dem alten Pfaffen all mein Gold,
Die Muschelperlen, all die Augenweide.
FAUST
Und auch den Unterrock von schwarzer Seide?
ASMODÄUS
Da sprach der Pfaffe: Du sollst nicht begehren –
Und unrecht Gut kann nicht auf Dauer währen,
Und wollt sie sich des Höchsten Tochter nennen,
Die schwarze Seide solle sie verbrennen!
FAUST
Verbrennen soll man alte Zauberbücher,
Jedoch nicht solch ein feines Tuch der Tücher!
ASMODÄUS
Was wissen schon von Seide diese Pfaffen?
FAUST
Du musst ein neues Tüchlein mir beschaffen!
Doch diesmal soll es haben an den Kanten
So einen feinsten Saum mit Diamanten.
ASMODÄUS
Du tust, als wenn das etwas Spielzeug wäre,
Ein kleines Kriegerpüppchen mit Gewehre,
Doch solche Seide, o beim Höllenfeuer,
Ist selbst für Satans Portemonnaie zu teuer.
FAUST
Lass ab vom Geiz! Ich scheiß auf Satanas
Und seinen alten Geizhals Mammonas!
Ich sage dir: Schaff meiner Augenweide
Umgehend schöne schwarze Spitzenseide!
ASMODÄUS
Ja, Mond und Sonne und die Sterne all
Und alle Galaxien im Weltenall,
Die hättst du als Raketen rasch verpufft
Für Röschen – Puff! Fliegt alles in die Luft!
ANNE
Erbarmen habe Gott mit meinem Mann,
Er tat mein Leben lang mir Leiden an,
Er schreitet in die große Welt hinein
Und lässt mich liegen in dem Bett allein.
Was hat ihn nur so sehr an mir betrübt?
Wie haben wir uns doch geliebt, geliebt!
Am Ende ist gar tot mein Tor, ach mein,
Ach hätte ich doch nur den Totenschein.
(Röschen kommt.)
RÖSCHEN
Ach Anne, meine Busenfreundin Anne,
Ich träum so viel von jenem seltnen Manne!
ANNE
Wie geht es dir? Wie fühlst du dich, mein Röschen?
RÖSCHEN
Schau dieses schwarze Spitzenunterhöschen,
Das Säckchen hier mit Perlen und mit Muscheln!
Was werden da die lieben Nachbarn tuscheln?
Viel schöner diese als die erste Seide,
Der schwarze Schlüpfer eine Augenweide!
ANNE
Bewahre das vor deiner Mutter Gaffen
Und lass das wissen nicht den dicken Pfaffen!
RÖSCHEN
Verstreut die Perlen all auf meinem Bette!
ANNE
Ach Evastochter, Niedliche und Nette!
RÖSCHEN
Ich darf mich leider damit in den Gassen
Und in dem Gotteshaus nicht sehen lassen!
ANNE
Komm manchmal abends her zu mir, du Fesche,
Dann trägst du diese schwarze Unterwäsche!
Wenn so dich sehen könnte jener Mann!
Da lassen wir den Gottesmann nicht ran!
So nach und nach, da wählst du eine Perle
Und schmückst dich schön, das merken wohl die Kerle,
Das Armband legst du an von Süßmeermuscheln,
Da hör ich leis die heißen Männer tuscheln,
So trittst du schön geschmückt ins Licht des Lichts,
Davon merkt deine alte Mutter nichts.
(Asmodäus tritt einfach unangemeldet durch die offene Tür in Anne Scheidleins Wohnung.)
ASMODÄUS
Verehrte Damen, lieben Frauen, Frommen,
Ich bin so dreist zu euch hereingekommen.
ANNE
Was führt dich her? Was möchtest du berichten?
ASMODÄUS
Das gäbe doch unendliche Geschichten.
Unnütze Worte möchte ich nicht büßen.
Ich soll von deinem toten Mann dich grüßen!
ANNE
Mein Göttergatte tot? Der Liebste tot?
Ah weh, ah weh! Ich bin in tiefer Not!
RÖSCHEN
Ach Annchen mein, was kann ich für dich tun?
ASMODÄUS
Es möge seine Arme Seele ruhn!
ANNE
Ach hätt ich das zuvor voraus gewusst,
Wie mich das schmerzen wird! Ach, all die Lust!
ASMODÄUS
Die Liebeslust verschafft ein Liebesleid,
Die Leiden suchen neue Lustigkeit!
ANNE
Oft träum ich noch von unsern Liebesspielen.
Dahin sind all die Wonnen nun, die vielen!
ASMODÄUS
Sein Grab ist in Assisi, dort sein Kranz,
Wo Vögeln einst gepredigt hatte Franz.
ANNE
Sonst nichts? Und hatte er mich nicht vergessen?
ASMODÄUS
Er bittet seine Frau um Seelenmessen,
Ihn zu befreien aus dem Fegefeuer!
Vom Gelde weiß ich nichts. Das Grab war teuer.
ANNE
Kein Angedenken? Nichts? Kein kleinstes Ding?
Nicht einmal einen schwarzen Freundschaftsring?
ASMODÄUS
Er sprach zuletzt: Daß Jesus sich erbarm,
Ich hatte meine Sünden und war arm!
RÖSCHEN
Wollt Gott, er wäre in Jerusalem!
Ich will ihm singen schön das Requiem.
ASMODÄUS
Du bist so gütig, Röschen! Deine Nähe
Beglücke einen Mann im Bett der Ehe!
RÖSCHEN
Vom Sakrament der Ehe weiß ich nichts.
ASMODÄUS
O keusche Unschuld deines Angesichts!
Soll dich der Ehemann noch nicht beglücken,
Lass gnädig oft den Hausfreund dich erblicken!
RÖSCHEN
Ein Hausfreund soll zuhause mich erblicken?
Das würde sich nicht schicken, ach, nicht schicken!
ASMODÄUS
Ob sich das schickt, sich nicht schickt, ach,
Oft steht ein Hausfreund in dem Schlafgemach.
ANNE
Erzähle! Hat er viel zum Schluß gelitten?
ASMODÄUS
Ich bin zum Sterbebette hingeschritten,
Da lag er da in seinem Exkrement,
Jedoch: Er starb mit Christi Sakrament!
Er seufzte: Soll ich werden Überwinder?
Muß ich verlassen meine Frau und Kinder?
Ich habe meine Lebenssünden über,
Barmherzigkeit von Jesus hätt ich lieber!
ANNE
Ich habe ihm auch alles schon vergeben!
ASMODÄUS
Allein, er sprach: Sie hinderte mein Streben!
ANNE
Was? Lüge! Immer reicht ich ihm die Hand!
ASMODÄUS
Kurz vor dem Tod verlor er den Verstand
Und war in seiner Todesangst von Sinnen
Und tat wie Spinnen Spinnenweben spinnen:
Wie hat sie mich so sehr doch ausgenutzt!
Ich hab den Kindern ihren Po geputzt,
Dieweil sie lag gemütlich faul im Bette!
Wenn ich ins Bette nur gedurft doch hätte!
Allein, der Herr erlöse uns vom Übel,
Ich musste schleppen ihren Abfallkübel!
ANNE
Was? Was? Hat er vergessen meine Brüste
Und wie ich ihm bereitet höchste Lüste?
ASMODÄUS
Bewahre Gott! Er dachte daran immer!
An jene Kammer, jenes kleine Zimmer,
Darin nichts stand als jenes Bett und, ach,
Und ach, wie du geliebt im Schlafgemach!
ANNE
So bleib ich in Erinnerung? Der geile
Genosse geh verlustig seinem Heile!
ASMODÄUS
Er ist gestorben, das ist offenbar.
So traure du ein ganzes Trauerjahr,
Dann schaue dich nach einem Neuen um.
ANNE
Ach, du bist dumm, du bist unglaublich dumm,
Wie jener Mann wird keiner sich mir gatten!
Vielleicht kommt er zu mir nach Art der Schatten?
Ach, denk ich an den guten Mann, den harten!
Nur, all der Wein! Und immer diese Karten!
War allzeit auch bereit, sich umzuschauen
Und nachzuschauen allen jungen Frauen!
ASMODÄUS
Du warest auch nicht von den Immertreuen
Und tatest an so manchem dich erfreuen.
Lässt nur die Frau dem Manne manchen Flirt,
Lässt er der Frau den ihren ungestört.
Bei solcher freien Liebe, will ich meinen,
Ich möcht fast selber gern mich dir vereinen.
ANNE
Du liebst mich nicht! Du denkst nur mit dem Schwanz!
Nicht Liebe willst du, nur der Lüste Kranz!
ASMODÄUS
Gefährlich ist des Wonnebusens Nähe!
Die finge selbst den Luzifer zur Ehe!
(zu Röschen)
(Röschen Seite an Seite mit Faust. Asmodäus und Anne, die Arme untergehakt. Die Paare wandeln
auf und ab.)
RÖSCHEN
Ach, warum liebst du mich so sehr?
Mein Leben ist oft öd und leer!
Du konntest doch schon viele Frauen
Und schönere auf Erden schauen?
FAUST
Geheimnisvoll ein Wort von dir,
Ein süßes Lächeln, ach, ist mir
Mehr wert als Fürstin und Prinzess,
Du meine wandelnde Zypress!
RÖSCHEN
Ach, Freund, ach, küss nicht meine Hand,
Wie oft ich schon im Hause stand
Und hielt in meiner Hand den Besen,
Zu fegen fort des Staubes Wesen.
FAUST
Nein, diese Hand ist ohne Mängel,
Mit solchen Händen segnen Engel!
RÖSCHEN
Bisher ist meiner Arbeitshand
Das Segenszeichen unbekannt.
ANNE
Und du, mein Freund, bist weit gereist?
ASMODÄIS
Fand wenig Nahrung für den Geist
Auf allen meinen weiten Reisen,
Die Welt selbst ist nicht gut zu speisen.
Ach, immer weiter, weiter treiben!
Daheim ich sollte lieber bleiben.
ANNE
Das Reisen gut ist in der Jugend,
Das ist des Wandervogels Tugend.
Man denkt, die Liebe liebt das Wandern,
Sie will von einem zu dem andern.
Doch kalt wird dann dem Philosophen,
Er sehnt sich nach dem warmen Ofen,
Nach all dem lustigen Geschwärme
Ein trautes Heim wär schön voll Wärme.
ASMODÄUS
Wie einsam werd ich sein im Alter!
Im Winter geht es schlecht dem Falter!
ANNE
Drum, weitgereister weiser Mann,
Beizeiten schließ dich freundlich an.
RÖSCHEN
Ach, aus den Augen, aus dem Sinn!
Jetzt deinen Augen schön ich bin,
Doch hast du ja in der Gemeinde
Noch andre allerbeste Freunde,
Die mehr verstehn von deiner Weisheit
Als ich mit meines Flüsterns Leisheit.
FAUST
Ach, was die Freunde Klugheit nennen
Und von dem großen Gott erkennen,
Ist auch nur Eitelkeit der Welt!
Gott mir in deinem Bild gefällt!
RÖSCHEN
Bin noch erleuchtet nicht vom Licht.
FAUST
Du, Demut, kennst dich selber nicht!
RÖSCHEN
Ach, denkst du auch sehr oft an mich?
Ich sprech mit Anne über dich.
FAUST
Und denkst an mich in Einsamkeit?
RÖSCHEN
Bin gern allein in stiller Zeit.
Ach, Zeit zu beten und zu fasten!
Doch Arbeit lässt mich immer hasten,
Muß kochen, fegen, Wäsche waschen,
Ist wenig Zeit, nach Wind zu haschen.
Genug des Brotes ist zuhaus,
Auch Bier geht bei uns ein und aus.
Vom Vater habe ich das Erbe,
Das Gartenhaus, in dem ich sterbe.
Mein junger Bruder ist Soldat,
Der Mutter bald das Ende naht.
Mein kleines Schwesterchen ist tot!
Ich hab mein eigen Kreuz und Not.
Der toten Schwester Zwillings-Blagen,
Die nahm ich auf, tat gern mich plagen.
FAUST
Du Engelin an diesem Ort!
Ich will dich lieben fort und fort!
RÖSCHEN
Ich hab wie eine Kuh gebuttert,
Der Schwester Zwillinge bemuttert,
In meinem Arm, auf meinem Schoß
Die Zwillingsknaben wurden groß.
FAUST
Und hast darin dein Glück gefunden?
RÖSCHEN
Ach, leider, viele schwere Stunden!
Nachts wacht ich immer an den Wiegen,
Ob sie vielleicht das Fieber kriegen,
Stets wollten sie auch was zu naschen
Und täglich musst ich Wäsche waschen,
Ihr Leid hat mir das Herz gebrochen,
Musst dennoch täglich Essen kochen
Und war aktiv von morgens an
Und nachts war schlecht der Schlummer dann,
So ging es täglich, immerzu,
Wie gerne hatt ich da die Ruh,
Und hat der Herr ein wenig Gnade,
So schenke er mir Schokolade.
ANNE
Hast du noch keine Frau gefunden,
Die Wärme schenkt in stillen Stunden?
ASMODÄUS
Der Weise sagt: Der eigne Herd,
Das eigne Weib ist Perlen wert!
ANNE
Hast du nicht Lust, nicht Lust zu scherzen?
ASMODÄUS
Ich fand bei manchen offne Herzen.
ANNE
Wars einmal ernst in Herzenssachen?
ASMODÄUS
Will Frauen keinen Kummer machen.
ANNE
Mein Freund, du kannst mich nicht verstehn!
ASMODÄUS
Das tut mir leid, mein Tausendschön,
Und doch, vernimm du mein Bekenntnis,
Ich weiß: Du sprichst von der – Erkenntnis!
FAUST
Hast du mich gleich erkannt, du Fromme,
So gleich ich in den Garten komme?
RÖSCHEN
Hast du erkannt nicht meine Gnaden?
Ich selber hab dich eingeladen!
FAUST
Und war mir böse nie dein Geist,
Daß ich so frech war und so dreist?
RÖSCHEN
Ich hab mich nur gefragt im Herzen:
Lud ich dich ein zu solchen Scherzen?
War da in meinem frommen Wesen
So eine Frechheit auch zu lesen?
Ich sagte mir: Ihr guten Geister,
Was will von mir der weise Meister?
Da war ich böse mir allein,
Dir mochte ich nicht böse sein.
FAUST
Ach, mehr als Zucker süße Frau!
RÖSCHEN
Lass! – Dieses Gänseblümchen schau!
(Röschen läuft eilig davon, Faust erstarrt, dann eilt er ihr hinterher.)
ANNE
Jetzt bricht herein die dunkle Nacht!
ASMODÄUS
Wir wollen gehen, sanft und sacht.
ANNE
Ach, könntest du noch etwas bleiben!
Was sollen da die Leute sagen?
Wie die es da gar heimlich treiben!
So würden sie uns doch verklagen,
Die superfrommen Nachbarsfraun
Stets spionieren durch den Zaun
Und sehn sie Schatten hinterm Fenster
In Liebe zärtlich, Nachtgespenster,
Dann reden diese Weiber dreist:
Begonnen habt ihr es im Geist
Und rein wie Ideale keusch
Und wollt vollenden es im Fleisch!
Wo aber sind denn Faust und Röschen?
ASMODÄUS
Der Schminkstift liegt im offnen Döschen.
ANNE
Ich weiß, ich weiß, er mag sie leiden!
ASMODÄUS
Und sie, die Demut selbst, bescheiden,
Sie hat ihn auch von Herzen lieb,
Wie es kein Dichter je beschrieb.
Die Liebe ist nicht auszusagen!
Nach Liebeswonnen kommen Klagen!
IM CHINESISCHEN GARTENPAVILLON
RÖSCHEN
(Sie schlüpft in den Pavillon, spioniert durchs Schlüsselloch)
Er kommt! Ich muss nicht länger harren!
FAUST
Vor Liebe werde ich zum Narren!
RÖSCHEN
(Seine Hüfte umfassend und ihn zärtlich auf den Hals küssend)
Wir beiden Narren Christi, sag,
Ich möcht dich haben jeden Tag!
FAUST
Wer pocht von draußen an die Pforte?
ASMODÄUS
Nun fort von diesem trauten Horte!
ANNE
Verzeihung, wenn ich stören muss.
FAUST
Ach Röschen! Noch so einen Kuss!
RÖSCHEN
Was soll da meine Mutter sagen?
FAUST
Könnt ich der Mutter Hallo sagen.
RÖSCHEN
Nun, gute Nacht und schlaf recht süß
Und schau im Traum das Paradies!
ANNE
Wünsch guten Schlaf im warmen Bette!
FAUST
Ach Röschen, Niedliche und Nette,
Ich hab dich lieb, du bist so süß!
Adieu, Geliebte! Röschen, Tschüß!
RÖSCHEN
Du lieber Gott! Er ist so weise,
Was sucht er nur in meinem Kreise?
Ich arme Frau von schlichter Sorte,
Ich höre alle seine Worte
Und wie ich lausch den Worten, da
Will ich nur immer sagen: Ja!
Ich bin nicht weise, bin nicht schön,
Was will sein seufzendes Gestöhn?
RÖSCHENS SCHLAFZIMMER
Oh seine Mannesstärke!
Sein Lächeln um den Mund!
Gefährlich, ach, gefährlich
Der Augen tiefer Grund!
IN ANNES GARTEN
RÖSCHEN
O sag mir doch, o du, o mein Johannes...
FAUST
Was willst du wissen von dem Geist des Mannes?
RÖSCHEN
Wie denkst du über Gott und die Natur?
Du bist ein Weiser und Gelehrter, nur
Mir scheint, du glaubst nicht an des Heilands Blut?
FAUST
Geliebte! Dir bin ich von Herzen gut!
Ich liebe mit der Liebe in dem Blute
Das Wahre und das Schöne und das Gute,
Will keinem seine Überzeugung rauben.
RÖSCHEN
Doch muss man an den Christus Jesus glauben!
FAUST
Was redest du im Glauben denn von Müssen?
Ach, was wir müssen, das ist, uns zu küssen!
RÖSCHEN
Und ehrst du nicht der Liebe Sakrament?
FAUST
Doch! Zu der Liebe sich mein Herz bekennt!
RÖSCHEN
Doch du begehrst nicht, deine Schuld zu beichten!
Wann riefest du zuletzt zum Unerreichten,
Empfingest in der Kirche Christi Leib?
Glaubst du an Gott? Sags einem armen Weib!
FAUST
Geliebte, mancher redet wie ein Spott
Und sagt so leichthin: Ich glaub auch an Gott.
Frag doch die Priester und die Tiefgelehrten,
Frag die Gerechten und frag die Bekehrten,
Nur Phrasen dreschen sie des Biblizismus,
Auswendig lernten sie den Katechismus.
RÖSCHEN
So glaubst du nicht, wie in der Schrift zu lesen?
FAUST
Ich mag von Gottes unnennbarem Wesen
Nicht Phrasen dreschen, Theologen-Phrasen.
Der wert ist der verzückendsten Ekstasen,
Wird abgespeist mit einem Credo nur,
Herabgeleiert. Oh, die Gott-Natur,
Das Höchste Wesen, laß ich mir nicht rauben,
Muß jede Seele an den Gott doch glauben.
Die Welten all aus Gottes Busen stammen,
Die Liebe Gottes hält sie all zusammen.
Die Mutter Erde mit den breiten Brüsten
Gab Gott den Menschen zu des Lebens Lüsten.
Vom Himmel abends grüßt der Abendstern,
Früh morgens segnet uns der Morgenstern.
Die Morgenröte lässt die langen Wimpern
Fein lächelnd über lichten Augen klimpern.
Und unsere Gedanken fliegen ferne
Zu Apfelgärten auf dem Venussterne.
Und unsre Körper bleiben auf dem Boden,
Bis uns zuletzt bedecken grüne Soden.
Der Geist lebt in Vernunft und allen Sinnen
Und Seele webt von außen sich nach innen.
Erfüllt ist doch dein Herz mit Ahnung, Liebe,
Weltseele ahnst du in dem Weltgetriebe,
Die Liebe unaussprechlich lässt dich beben.
So sage: Gottheit! Oder: Ewig Leben!
Die Ew'ge Liebe in dem Seelensamen,
Die Eine Gottheit hat sehr viele Namen.
Fühlst du nicht schon des Ew'gen Lebens Wonne,
Wenn dich am Morgen segnet Gottes Sonne?
RÖSCHEN
So steht das nicht im Katechismus! Zwar
Dein liebendes Bekenntnis lieblich war,
Wenn auch des Priesters Predigt andrer Sorte,
Bekennen Gott doch gleichfalls deine Worte.
FAUST
Schau dich doch um in allen Erdenkreisen,
Wie stammeln und wie lallen nur die Weisen!
So tu ich gleichfalls wie die andern alle:
Von Gott in meiner eignen Sprache lalle!
RÖSCHEN
Doch ich empfinde leider melancholisch,
Dein Glaube ist nicht kirchlich und katholisch.
FAUST
Geliebte! Liebe ist mein Christentum
Und Zärtlichkeit mein Kirchenheiligtum!
So kirchlich-christlich bin ich auch bereit
Zur seligmachenden Liebeszärtlichkeit!
RÖSCHEN
Doch ach, so lange tut es mir schon weh,
In welcher Art Gesellschaft ich dich seh!
FAUST
Wen meinst du mit dem Wort, mein kleiner Christ?
RÖSCHEN
Den Mann, der stets an deiner Seite ist!
Ich mag ihn nicht! In meinem ganzen Leben
Hat nie ein Mensch mir solchen Stich gegeben
Ins Herz, wie diese hässliche Visage!
FAUST
Er kann nichts für die hässliche Visage.
RÖSCHEN
Ich wäre gerne allen Menschen gut,
Doch jener Kerl, der plagt mich bis aufs Blut!
Wie seine seelenlosen Augen schauen
So ohne Liebe, ach, das ist ein Grauen!
Ich halte ihn für einen Hanswurst nur!
Vergebe Gott der schlimmen Kreatur!
FAUST
Er hat so seine Macken, das ist üblich.
RÖSCHEN
Ach, lieber Mann, du aber bist so lieblich!
Mit solchem schlimmen Kerl wollt ich nicht leben,
Wollt ihm in Liebe nicht die Hände geben!
Er ist von jener allerschlimmsten Sorte,
Die allzeit haben nichts als harte Worte.
Mein Herz, bin ich bei dir, in deinem Arm,
Wie ist mir wohl, wie fühlt mein Herz sich warm!
Wenn aber er dazu tritt mit Gewalt,
Ist alles wie der Frost des Winters kalt.
So sehr verehrt und liebt dich meine Seele,
Doch jener Kerl, der schnürt mir zu die Kehle!
FAUST
(leise)
So ahnungsvoll ist diese fromme Frau!
RÖSCHEN
Und wenn ich plötzlich dann den Hanswurst schau
Mit seinen toten Augen, kalt wie Stahl,
Dann denke ich, ich sei dir ganz egal,
Und seh ich ihn an deiner Seite dann,
Frag ich mich gar, ob du ein edler Mann,
Verzeih! Und mein Gebet will mir vergehen,
Muss ich den aufgeblasnen Kraftprotz sehen.
Ach Liebster, meine Seele ganz beseelend,
Warum wird dir bei jenem Kerl nicht elend?
FAUST
Der ist dir einfach unsympathisch nur.
RÖSCHEN
Ich geh! O Mutter heilige Natur!
FAUST
Ach, dürfte ich dich einmal so umfangen
Wie in dem Morgenland die schönen Schlangen
Umschlingen einen süßen Sandelbaum
Und lieben dich – o Gott – ein schöner Traum!
RÖSCHEN
Ja, wenn ich mal allein im Bette liege –
Die Mutter wacht doch immer an der Wiege!
Wenn Mutter wüsste... ach das wär mein Tod!
FAUST
Ich weiß ein Mittel gegen diese Not:
Der Mutter gebe diesen Baldrian,
Dann wird der Schlaf auf samtnen Pfoten nahn,
Dann wird sie tiefer als die Tiefsee schlafen
Und kann uns nicht für unsre Liebe strafen.
RÖSCHEN
Und keine Nebenwirkung, welche schädlich?
FAUST
Nein, meine Medizin ist nichts als redlich.
RÖSCHEN
Geliebter! Seh ich dich – du bist mein Leben!
Ich gab schon viel – ich will dir Alles geben!
(Röschen und Madel mit Körben voller Möhren, Rüben und Zucchini.)
MADEL
Hast du gehört schon von Susanne heute?
RÖSCHEN
Ich treffe so rein gar nicht mehr die Leute.
MADEL
Susanne ist so ganz und gar verstört,
Wie sich das für die Dirne auch gehört!
RÖSCHEN
Was wissen von Susanne denn die Kenner?
MADEL
Ist Einer nicht genug? Sie braucht zwei Männer!
RÖSCHEN
Sonst war der eine Freier schon ihr schnuppe.
MADEL
Sie tut wie eine Fee, wie eine Puppe,
Will doch die Gurke nur für ihren Topf,
Hat nichts als Kerle in dem hübschen Kopf!
Da stand der eine Mann als Ehrenmann,
Als Kavalier der andre drängte ran,
Da spritzte Schaum des Sekts, man tanzte Tanz,
Ein Hengst der Kavalier mit langem Schwanz,
Kam mit Geschenken, kam mit Schokolade,
Sie ließ ihn ansehn ihre nackte Wade,
Und als der Andre eben weggeblickt,
Hat sie den guten Kavalier gefickt!
RÖSCHEN
Darüber muss mein frommes Seelchen trauern.
MADEL
Mein Schatz, nur kein bigott-frigid Bedauern!
Uns armen Weibern ist das Leben bitter,
Denn nachts bewachen uns die alten Mütter,
Susanne aber schlich wie eine Katze
Und nahm sich, was sie wollte, von dem Schatze.
Den Kavalier, der, ach, so liebeskrank,
Den nahm sie nachts sich auf der Gartenbank!
Nun kann sie bei des Himmelreichs Eunuchen
Barmherzige Vergebung flehend suchen!
RÖSCHEN
Er sich gewiss zum Traualtare schickt.
MADEL
Zum Traualtare? Nein! Zuerst gefickt
Und dann davon gehuscht und sie verlassen!
So etwas sollten Frauen unterlassen!
(Madel ab.)
RÖSCHEN
Wie können sich empören fromme Seelen,
Wenn solche jungen Dinger sich verfehlen!
Die Pharisäer! Die scheinheil'gen Heuchler!
Mag jede Muschi den charmanten Schmeichler,
Der als ihr Kavalier sein Süßholz raspelt,
Und schon sie sich in seinem Netz verhaspelt.
Ich selbst hab auch gelästert und geflucht!
Jetzt aber ward ich selber heimgesucht,
In Sack und Asche meine Sünde büß
Und doch – ach Gott – die Sünde war so süß!
RÖSCHEN IM GEFÄNGNIS
(In einer Nische eine Statue der Gottesmutter. In einer Vase eine rote Rose davor.)
RÖSCHEN
FINSTERER ENGEL
(Hinter Röschen)
Anders war es damals, Röschen,
Als du knietest vorm Altare
Und aus dem Gesangbuch sangest,
Was du nicht verstanden hattest,
Halb naiven Kinderglauben,
Halb Gefühl vom Höhern Wesen.
Röschen! Aber was empfindest
Du jetzt in der jungen Seele?
Was willst du in der Kapelle?
Eine Seelenmesse singen
Für die Seele deiner Mutter?
Eingeschlafen ist die Mutter
Von dem Opium des Glaubens,
Das du selber ihr gespendet.
Deine Seele ist voll Sünden!
Und es regt sich unterm Herzen
Dir sogar die Frucht des Leibes,
Die du ehelos empfangen!
RÖSCHEN
Wehe, wehe, wehe, wehe!
Die Gedanken, die mich plagen,
Werde ich nicht los, mich jagen
Hin und her und ohne Ruhe
Die Gedanken meiner Sünden!
Wohin könnte ich noch fliehen?
CHOR
Vater unser in den Himmeln,
Sei dein Name uns geheiligt,
Bring dein Königreich der Himmel,
Und geschehe nur dein Wille
Wie im Himmel so auf Erden!
FINSTERER ENGEL
Wehe, die Posaunen blasen,
Öffnen werden sich die Gräber
Und dein Herz wird aus dem Staube
Auferstehen von den Toten
Und vor deinen Richter treten!
RÖSCHEN
Fort, nur fort aus der Kapelle,
Dieses Orgelspiel des Himmels
Presst zusammen meine Lunge,
Weh mir, ich kann hier nicht atmen!
Diese Lieder, diese Töne,
Wollen lösen meine Zunge,
Alles möchte ich gestehen,
Aber das darf keiner wissen!
CHOR
Vater unser in den Himmeln,
Gib uns täglich unser Manna
Und befrei uns von den Schulden,
Wie wir allen selbst verzeihen.
RÖSCHEN
Wehe mir, mich packt der Wahnsinn!
Diese Kirchenchöre machen
Angst mir vor dem Weltenrichter!
Berge, fallt mir auf den Schädel,
Hügel, mir bedeckt den Körper!
Das Gewölbe der Kapelle
Mich verschließt in einem Sarge!
Luft! Die Lüfte will ich atmen!
CHOR
Vater unser in den Himmeln,
Führe uns aus der Versuchung
Und befrei uns von dem Bösen.
FINSTERER ENGEL
Ja, versteck dich vor dem Richter!
Gottes Zorn wird dich ergreifen!
Nie wird Gott sich dein erbarmen!
Luft und Licht, Natur und Himmel –
Armes Herz, du gehst verloren!
CHOR
Vater unser in den Himmeln,
Dein ist alles Reich der Himmel,
Dein sind Mächte und Gewalten,
Alle Herrlichkeit und Schönheit!
FINSTERER ENGEL
Gottes Engel dich verlassen,
Sie verschmähen deine Seele!
Gottverlassne Seele, weh dir!
CHOR
Vater unser in den Himmeln!
Ewigkeiten – Ja und Amen!
RÖSCHEN
Weihrauch! Weihrauch will ich riechen!
KLAUS
Wenn ich beim Gelag gesessen
Und zu trinken nicht vergessen,
Wenn dann alle Trankbetreiber
Allzeit schwatzten über Weiber,
Die vertraut mit allen Lüsten
Und auch Kochrezepte wüssten
Und auch sanft und ehrlich wären,
Dacht ich an die Frau der Ehren.
Wer die Frau der Ehren ist?
Röschen ist es, dass ihrs wisst!
Also sprach ich zu den Zechern
Bei dem Süßwein in den Bechern.
Sprach ich: Mag wohl manches Mädchen
Hübsch und niedlich sein im Städtchen,
Tauben hocken sich in Nester,
Aber hold wie meine Schwester
Ist mir keine und so heilig!
So bekannt ich allen eilig.
Meinem Röschen alle Ehre!
Und als ob sie Göttin wäre,
Hoben alle wilden Zecher
Auf mein Röschen ihre Becher.
Die da andrer Meinung waren,
Rauften sich in ihren Haaren,
Fassten sich an ihre Nasen,
Wussten nichts von Tut und Blasen!
Aber nun muss ich mich schämen!
Nach der Heiligkeit Extremen
Sie extreme Sünderin,
Hure sie! Ein Narr ich bin!
Alle heben ihre Humpen,
Lachen laut, die dummen Lumpen,
Lästern lachend: Deine Pure
Ist nur ordinäre Hure,
Deine Hure, deine Hexe,
Packt am Schwanze jede Echse!
Da kommt einer und dabei
Noch ein zweiter, es sind zwei.
FAUST
Wie des nachts im Gottesdome
Leuchtet gleich dem Gnadenstrome
Eine Lampe mit Gefunkel,
Flackerlicht im tiefen Dunkel,
Schläft auch tiefen Schlaf der Priester,
Ists in meinem Herzen düster!
ASMODÄUS
Aber ich bin gar nicht müde,
Bin so läufig wie ein Rüde,
Der zu seiner Hündin trachtet
Und inbrünstig-brünftig schmachtet!
Will nicht wie ein Faultier gammeln,
Will wie ein Kaninchen rammeln!
Bald ist ja Walpurgisnacht,
Wo die Hexe Liebe macht,
Wo sie hebt den kurzen Rock
Für den geilen Ziegenbock!
KLAUS
Was singst du, gottverdammter Sänger,
Du Flötenbläser, Rattenfänger?
Ich erst zerschlag dir die Gitarre
Und dann den Kopf dir, alter Narre!
(Klaus zerschlägt dem Asmodäus die Gitarre. Faust und Klaus fechten. Klaus fällt, zu Tode
verwundet.)
VOLK
(herbeieilend)
Da liegt der arme Bruder Klaus,
Ist mausetot wie eine Maus!
RÖSCHEN
O Gott, o Gott! O große Not!
Erbarmen, Herr Gott Zebaoth!
KLAUS
(mit letztem Atem röchelnd)
Mit Einem fängst du an zu huren
Und dann mit Allen Kreaturen!
Ja, wenn man erst ein Dutzend hätte!
Geht mit der ganzen Stadt ins Bette!
RÖSCHEN
Mein kleiner Bruder, sei mir gut!
KLAUS
Wein du nicht wegen meinem Blut!
Verscheidend sage ich dir barsch:
Du liebtest einen dummen Arsch!
Hanswurst vom alten Satans-Orden,
Der tat den Bruder Klaus ermorden!
Ich spotte aller Teufel Spott:
Ach, Röschen, ach – ich geh zu Gott!
FAUST
Im Elende! Von aller Hilfe verlassen, allein im Kerker! Zu den Verbrechern gezählt, in eisernen
Ketten, eingeschlossen in ein finsteres Verließ! Ach diese unschuldig-unselige Evastochter! So weit
ist es schon! Und mir hast du das verheimlicht? Ja, blitze nur mit deinen eiskalten Augen, du
Satansbraten! Ich kann dich leider nicht bannen! Sie, in dunkler Nacht, gefangen zwischen
Spinnenweben, allein mit den Mäusen des Kerkers! Vorgeführt dem Pöbel und den ungerechten
Justizräten! Du kennst den Jammer und jagst mich dennoch durch die Welt, eine flüchtige Lust zu
erhaschen, sprichst kein Wort und lässt die gute Seele ohne Hilfe verlassen sein?
ASMODÄUS
Sie ist die erste nicht, die du so ruiniert hast.
FAUST
Arschloch! Der heiligste Engelsgeist möge dich bannen in die schwarze Hundegestalt, in der du
dich heran geschmeichelt hast, dass du winselnd vor mir liegst und ich dich peitsche mit der
ledernen Leine! Sie wär die erste nicht, die ich so ruiniert hätte? O Jammer, Jammer! Keine
Menschenseele kann meinen Jammer begreifen!
ASMODÄUS
Ach du lieber Harlekin, jetzt bist du am Ende mit deinem Mönchslatein und an der Schwelle des
Wahnsinns angelangt! Was gibst du denn den okkulten Dämonen erst die Hand, wenn du doch nicht
treu bleiben willst? Erst willst du fliegen in ätherische Sphären und dann wird dir schwindlig! Hab
ich mich angebiedert oder hast du dich angeboten?
FAUST
Du kotzt mich an! O heiligster Engelsgeist, du hast dich mir offenbart! Ach, warum muß ich
gefesselt sein an diesen okkulten Dämon?
ASMODÄUS
Bist du bald fertig?
FAUST
Befreie sie aus dem Gefängnis!
ASMODÄUS
Ich habe keine Macht, sie zu befreien. Das ist nicht mein Amt, Ketten zu lösen. Befreiung? Wer hat
die gute Seele denn so bekümmert, ich oder du?
FAUST
Trage mich zu ihr! Ich will sie erlösen!
ASMODÄUS
Da gibt es noch eine Blutschuld! Auf den Menschenmörder haben noch Rechte die höllischen
Geister.
FAUST
Gib nicht immer andern die Schuld! An allem Übel der Welt bist du selber schuld! Bring mich rasch
zu der guten Seele, gebiete ich dir!
ASMODÄUS
Sei’s drum. Aber ich habe nicht alle Macht im Himmel und auf Erden. Ich kann allerdings den
Wächter einschläfern. Die gute Seele befreien, das musst du schon selber tun. Ich werde die
Hengste holen.
FAUST
Auf, reiten wir rasch zu ihr!
FAUST
Ein Nebelschleier überm Hexenhügel!
ASMODÄUS
Die Hexen spreizen ihre Drachenflügel!
FAUST
Mit Schwänzen peitschen dort die Riesenechsen!
ASMODÄUS
Die Schwarze Messe feiern da die Hexen!
FAUST
Wer ist die Frau, die ich dort oben schau?
ASMODÄUS
Die Göttin Lilith - - - Adams erste Frau!
DER HEXENSABBATH
(Ein Gebirge, auf dem sich die Hexen zur Schwarzen Messe am Hexen-Sabbath versammeln. Faust
und Asmodäus.)
ASMODÄUS
Willst du auf einem Besen reiten?
Ich wünschte mir in diesen Zeiten,
Zu reiten einen Ziegenbock!
FAUST
Ich wollte reiten einen Rock!
Doch jetzt genügt der Wanderstab,
Den ich in meiner Rechten hab.
Wie labyrinthisch ist der Wald
In diesen Tälern mannigfalt,
Den Felsen möchte ich besteigen,
Die Quelle mögest du mir zeigen.
Das Wandern ist des Müller Lust!
Den Frühling spür ich in der Brust,
In Spanien und auch in Germanien,
Den Frühling spüren die Kastanien
Und auch die jungen schlanken Birken.
Der Lenz beginnt in mir zu wirken!
ASMODÄUS
Ich fühle nichts von Frühlingslust,
Ich habe Frost in meiner Brust,
Nicht Lenzes süßes Liebesweh,
Ich liebe Frostigkeit und Schnee.
Wie traurig schleicht am Horizont
Die Luna hin, man nennt sie Mond,
Die Luna gibt so matten Schimmer,
Man stößt sich an den Steinen immer.
Hinan, hinan zum Felsenturm!
Die Wege der Johanniswurm
Uns zeige! Ach Johannestrieb,
Der ist den alten Weisen lieb!
He du, Johanniswürmchen da,
Du kleiner Glühwurm, komm nur nah,
Flieg uns voran den Waldeswipfel
Und zeig den Weg hinan zum Gipfel!
JOHANNISWÜRMCHEN
In Ehrfurcht meine Reverenz!
Ich führe euch durch diesen Lenz,
Traut mir als trautet ihr den Engeln,
Wo sich hinan die Pfade schlängeln.
ASMODÄUS
Den Engeln denkst du’s nachzuahmen?
So schlängle dich, in Satans Namen,
Sonst blas ich dir als wie ein Weib
Die Seele aus dem heißen Leib!
JOHANNISWÜRMCHEN
Ich merke wohl, vom Herrn und Meister
Bist einer du der bösen Geister,
Gehorchen will ich meinem Herrn!
Doch Freitag ists, beim Venusstern,
Die Hexen reiten auf dem Besen,
Die Weiber treiben toll ihr Wesen!
FAUST
In Träume, wie sie träumen Schlangen,
In Träume sind wir eingegangen.
FAUST UND ASMODÄUS
Johanniswürmchen, durch die Träume
Führ uns durch dunkle leere Räume!
JOHANNISWÜRMCHEN
Wie rasch die Bäume sich verrücken,
Wie sich die Felsenspitzen bücken,
Die Gipfel mit den steilen Nasen,
Die Windsbraut saust, um scharf zu blasen!
FAUST
Auch die Quelle sprudelt nieder!
Hör ich freche Gassenlieder,
Gassenhauer voller Klage?
Lebt sie heute noch, die Sage,
Von dem Schlüssel Salomonis
Und von Venus und Adonis?
JOHANNISWÜRMCHEN
Uhu! Tödliches Geheule!
Uhu heult und Schleiereule!
FAUST
Wo wir einer mit dem andern
Durch die dunklen Wälder wandern,
Labyrinthe und Mäander,
Wie im Feuer Salamander!
ASMODÄUS
Und aus Höhle und Gehäuse
Scharenweise weiße Mäuse,
In den Büschen, wie im Schatten,
Huschen hin die fetten Ratten.
Nicht nur Ratten, nicht nur Mäuse,
Auch die Flöhe, auch die Läuse!
FAUST
Aber ob wir Menschen stehen,
Sich um uns die Welten drehen,
Oder ob wir Menschen wandern,
Stille stehen alle andern?
FAUST UND ASMODÄIS
Alles scheint um uns zu wanken,
Scheint zu taumeln, scheint zu schwanken,
Tote in den Bäumen baumeln,
Trunkne torkeln, Trunkne taumeln!
ASMODÄIS
Fasse meines Rockes Zipfel,
Schauen wir von diesem Gipfel
Zu dem alten Gott von Ammon,
Zu dem goldnen Gotte Mammon!
FAUST
Steckt das Gold doch in den Erzen,
Aber mehr noch in den Herzen,
Steckt das Gold in rauen Felsen,
Komme Feuer, Gold zu schmelzen,
Einzig wegen diesem Feuer
Ist das reine Gold uns teuer!
Nur das Purgatorium
Macht das Gold zum Heiligtum!
ASMODÄUS
Vater Mammon hat Gefallen
Hier an diesen offnen Hallen,
Mammon dünkte, Mammon däuchte,
Daß uns Mammons Glanz erleuchte!
O die Feiern, o die Feste!
Wir sind ungebetne Gäste!
FAUST
O wie scharf die Windsbraut bläht
Ihre Backen, o wie weht
Dort die Windsbraut, mich zu packen,
Hockt sich mir auf meinen Nacken!
ASMODÄUS
Hier an dieser steilen Klippe
Halte fest die alte Rippe!
Sonst wird dich die Windsbraut stürzen
Und das Leben dir verkürzen!
Graue Nebelschleier fließen
Über diese leeren Wiesen!
Wölfe in den Wäldern heulen,
Von den Bäumen schaun die Eulen!
In der Ulme hängen Fische!
Welch ein Blasen, ein Gezische,
Wie sich schlängeln die Lianen,
Wandern Schatten, sinds die Ahnen,
Eichen stürzen, Eichen splittern
In den donnernden Gewittern!
Einsam gurrt der Turteltauber!
Weiber heulen Liebeszauber!
CHOR DER HEXEN
Die Hexen ziehn zur Sabbatfeier,
Es ist doch nur die alte Leier,
Du, Eva, möchtest einen Freier,
Du, nackte Eva, fragst nicht lange,
Du packst am Schwanze gleich die Schlange!
EINE HEXE
Demeter soll uns Göttin sein,
Sie kommt auf einem Mutterschwein!
O große Göttin, Gottheit-Frau,
Wir weihen dir die alte Sau!
CHOR DER HEXEN
Viel Ferkel an der Säue Zitzen!
Wir sehen auf den Säuen sitzen
Demeter, die uns backt das Brot!
Ach, Kore tot, ach, Kore tot!
EINE HEXE
Ich will, dass alle Mütter platzen,
Ich will aus ihren Schößen kratzen
Und reißen aus dem Mutterschoß
Die Leibesfrüchte, Embryos!
DIE MAGIER
Die Frauen stets das Böse spüren,
Drum sollen uns die Frauen führen.
Wir Männer, wahre Frauenkenner,
Den Frauen folgen wir, die Männer.
CHOR DER HEXEN
Lasst nicht die Mutterkühe kalben!
Zum Fluge wollen wir uns salben!
Der Mohn mit seiner Milch ist gut,
Stechapfel schafft uns Übermut,
Tollkirsche schafft uns Todeswut,
Der Schierling schafft die innre Glut!
ASMODÄUS
Wie Besen dort an Besen klappert,
Das Weibchen mit dem Weibchen plappert,
Die Hexe furzt, die Hexe brennt,
Das ist der Weiber Element!
O Johann Faust, wo bist du jetzt?
FAUST
Die Hexe da hat mich verletzt!
ASMODÄUS
Gehorche, Hexe, deinem Herrn,
Ich komm vom Meister Luzifern!
FAUST
Welträtsel will ich alle lösen!
Da! Weiber in der Macht des Bösen!
ASMODÄUS
Wolfsrudel oder Hunderudel,
Die Weiber treiben dort im Strudel,
Nur fort und fort, hinan nach oben,
Zum Bösen drängts, da wird geschoben.
ALTE HEXE VOM FLOHMARKT
Wandrer, schleiche nicht so lahm
Hier vorüber, sieh den Kram,
Altes ist als Neues besser,
Siehe hier die scharfen Messer,
Menschen taten selbst sich töten,
Schaue hier die goldnen Kröten,
Schau, bereit für Gift der Becher,
Mancher Ehemann war Zecher,
Als von seinem Eheweibe
Gift ging ein zu seinem Leibe.
ASMODÄUS
Alte Weiber, breite Spalten!
Alte, weg mit deinem Alten!
An den Engen, an den Neuen
Kann ein Mann sich nur erfreuen!
FAUST
Bist du nun ein Dämon, Herr,
Oder nur ein Magier?
STIMMENGEWIRR
Ja, er kommt, der Satan kommt,
Wie es alten Hexen frommt!
Also freut es Hexenmeister,
Kommt der Herr der bösen Geister!
(Hörner werden geblasen. Qualm. Gestank. Satan erscheint auf dem Gipfel. Die Hexen frohlocken.)
SATANSNOVIZE
Satan, der du Meister bist,
Dir allein will ich gefallen,
Zwar ich bin ein Kommunist,
Doch ich küsse dir die Krallen!
ZEREMONIENMEISTER
Sollst nicht nur die Krallen küssen,
Wirst dich tiefer bücken müssen!
NOVIZE
Was verlangt das Ritual?
ZEREMONIENMEISTER
Wenn du ehren willst den Baal,
Musst du tiefer noch dich bücken,
Tiefer noch, bis untern Rücken,
Bis zu Satan leckst den Arsch!
Hexenmeister reden barsch.
NOVIZE
Komme über mich der Zorn!
Doch ich küss ihn auch von vorn!
(Der Satan, der dem Novizen erst den Arsch gezeigt hat, wendet sich um und dreht ihm seinen
starrenden Phallus zu.)
(Stille. Plötzlich kreischen alle alten Hexen laut auf vor Entzücken.)
Was will Satan weiter noch?
Will ich doch ins schwarze Loch!
SATAN
Satans Knecht, du bist erprobt,
Wer so gut wie du gelobt
Satans Arschloch, ohne Heucheln,
Dem wird Satan ewig schmeicheln.
FAUST
Daß ich mich nicht selbst vergesse
Bei der schwarzen Satansmesse!
ASMODÄUS
Komm nur her zum breiten Becher,
Sind wir doch die besten Zecher,
Frauen, Geister im Gehirne,
Frauen, nackt wie eine Dirne,
Schönste Frauen aus dem Städtchen,
Doch am allerliebsten Mädchen!
Wollen wir doch nicht verzichten
Auf die kaum verhüllten Nichten!
FAUST
Aber wer ist jene Frau?
ASMODÄUS
Die studiere du genau!
Lilith ist des Weibes Name,
Sie ist Adams erste Dame.
Ihre Macht liegt in den Haaren,
In den langen schönen Haaren!
Blitze schleudern ihre Augen,
Dir den Samen auszusaugen,
Will sie in der Nacht nicht säumen,
Saugt an dir in deinen Träumen,
Von dem Samen, den du spendest,
Wenn dich ihrem Mund zuwendest,
Sie gebiert Dämonensöhne!
Lilith, Lilith, wie ich stöhne!
FAUST
Schaue dort die weiche Mutter
Mit dem Busen weiß wie Butter
Und bei ihr das junge Mädchen,
Schönste Dirne aus dem Städtchen!
Nach der Liebeskünste Regeln
Wissen beide wohl zu vögeln!
ASMODÄUS
Heute gibt es keine Ruh,
Also rasch, wir greifen zu!
FAUST
(mit dem Mädchen flirtend)
Kürzlich hatt ich einen Traum,
Schaute einen Apfelbaum,
Schöne Äpfel, bei den Göttern,
Wollte ich den Baum beklettern!
MÄDCHEN
Hör von Äpfeln immer reden,
Immer von dem Garten Eden,
Äpfel hüpfen, Äpfel nicken,
Tust du nur die Äpfel pflücken!
ASMODÄUS
(mit der Mutter flirtend)
Weichen Herzens, süße Alte,
Wie ein Baum mit breiter Spalte,
An dem Baume hing die Feige,
Doch was weiter kommt? Ich schweige.
MUTTER
Alter Esel! Aber doch
In dem Baum das breite Loch,
Breite Spalte in den Borken,
Stopfe nur hinein den Korken!
(Das junge Mädchen singt. Ihr Gesang ist wie brünstiges Liebesgestöhn, sich steigernd zu
animalischer Brunft. Ihr Tanz gleicht den rhythmischen Bewegungen des Beckens beim Liebesakt –
fast kopuliert sie auf öffentlicher Bühne – da reißt sich Faust los.)
ASMODÄUS
Was willst du dieses Weib nicht necken?
Willst du denn nicht ihr Becken lecken?
FAUST
Grad, da ich fast sie schon begatte,
Schlüpft aus dem Mund ihr eine Ratte!
ASMODÄUS
Was solls, wenn Ratten quiekend piepen!
Das Mädchen wollt sich lassen lieben!
FAUST
Ich sehe, siehe, was ich schau - -
(In der Ferne ist Ann-Marie zu sehen, die Jugendgeliebte des Faust. Sie ist nackt.)
ASMODÄUS
Was schaust du? Etwa eine Frau?
FAUST
Siehst du die nackte Frau dort? Sie
Ist meine Liebe, Ann-Marie!
ASMODÄUS
Du leidest Halluzinationen
Und hältst die Träume für Visionen.
Die Frau dort ist nur ein Phantom,
Ein Schatte nur vom Lethe-Strom.
FAUST
Nein, das ist meiner Jugend Muse!
ASMODÄUS
Du lasest wohl von der Meduse!
FAUST
Ich seh die Lippen, rosenrote!
Erbarmen! Ach es ist die Tote!
Das ist die Brust, die ich genoss,
Der Schoß, den ich geliebt, der Schoß!
ASMODÄUS
Nein, du verliebter Turteltauber,
Das ist Magie nur, das ist Zauber,
Wie du sie siehst, die nackte Schöne,
So Paris sah einst die Helene.
FAUST
Ach welche Reue! Welche Leiden!
Ich will von dieser Frau nicht scheiden!
(Gericht. Ann-Marie steht auf dem Scheiterhaufen. Die Söhne des heiligen Dominikus und die
Söhne des heiligen Franziskus begleiten sie bis zum Tode.)
(Die Erscheinung verlöscht. Die tiefste Nacht bricht über Faust herein.)
FAUST
(allein)
Erbarme dich, Herr Jesus Christus!
IM TIEFSTEN VERLIESS
(Una Poenitentium, vormals Röschen genannt, in Ketten. Faust vor der Tür mit brennender Fackel
und Schlüsselbund.)
FAUST
Es geht ein Messer durch meine Seele! Entsetzlicher Schrecken! Muß ich noch barfuß durch die
Hölle pilgern? Doch sammle dich, Seele, ich will mit der Geliebten reden.
UNA POENITENTIUM
(singt)
Meine Mutter, meine Mutter,
Dieses Weib hat mich vergessen,
Ach mein Vater, ach mein Vater,
Ach der hat mich aufgefressen,
Meine Schwester streckt die Beine,
Oh wie möchte ich mich tümmeln,
Fühl mich gleich den jungen Vögeln,
Fliegen will ich in den Himmeln!
FAUST
Geliebte! Freundin!
UNA
Ist das der Engel des Todes?
FAUST
Hab keine Angst! Ich bin’s! Ich komme, dich zu befreien!
UNA
Jetzt schon? Komm doch morgen wieder!
FAUST
Lass mich nur machen.
UNA
Ich will leben, ich will leben! Ach in der Mitte meines Lebens! Ich war doch schön in meiner
Jugend, nicht wahr? Ich bin nur ein armes Weib. Ach wie schön die Blumen sind, schau doch mal,
die rosa Tulpe. Ach, was hab ich getan! Ich kenne dich nicht. Ich habe mein ganzes Leben lang dich
nicht Einmal angeschaut!
FAUST
Sie ist verrückt.
UNA
Sieh doch mein Kind! Ach, ich muß meinem Kindchen die Brust geben! Wo ist mein Kind? Da war
der Knabe doch eben noch, da war er doch eben noch! Weh mir, sie haben mir meinen Knaben
weggenommen! Sie sagen, ich hätte mein eignes Kind ermordet! Am Ort der Gerechtigkeit herrscht
die Ungerechtigkeit! Die Richter lügen!
FAUST
Geliebte, Geliebte!
UNA
Ich hör’s rufen: Geliebte, Geliebte! Ist Er das? In all meiner Todesangst kenn ich Seine Stimme, Er
ruft: Geliebte, Geliebte!
FAUST
(hält ihre Hand)
O Freundin! Komm, Geliebte, ich bin’s! Ich bringe dich ins Leben zurück! Komm mit mir in die
Freiheit!
UNA
Küss mich!
FAUST
Ich gebe dir tausend Küsse, zehntausend Küsse, aber nicht im Kerker hier, sondern dort in der
Freiheit!
UNA
Küss mich! Oh du kannst küssen! Oh wie du küssen kannst! Küss mich, sonst küss ich dich!
(Sie küsst ihn.)
Küsse ich den Engel des Todes?
FAUST
Komm! Zehntausend Küsse, mehr als der Sand am Meer, aber komm, komm in die Freiheit!
UNA
Du löst die Ketten?
FAUST
Komm, komm rasch, Geliebte!
UNA
Meine Mutter ist tot, mein Kind ward mir genommen! Dein Liebling, mein Freund! Lieber Gott im
Himmel! Du bist doch kein Traum? Mein Freund, gib mir deine Hand! Ach, ich werde verrückt!
FAUST
Ich sterbe vor Schmerzen!
UNA
Nein, du musst noch leben bleiben! Wer soll denn sonst mein Grab pflegen? Leg mir meinen
kleinen Knaben an den Busen! Gib mir deine Hand, mein Freund, du bist mein Ehemann.
FAUST
Siehst du mich? Hörst du mich? Ich bin’s! Ich bin gekommen, dich in die Freiheit zu holen!
UNA
In die Welt? Auf keinen Fall! Ich will in die Ewige Ruh!
FAUST
Die Tür ist offen, komm!
UNA
Da warten welche...
FAUST
Freundin, Geliebte, in die Freiheit komm!
UNA
Siehst du meinen kleinen Liebling? Er weint! Rette meinen Sohn! Rette unsern Liebling! Bring ihn
in Sicherheit!
FAUST
Dich will ich retten! Deine Seele!
UNA
Meine Großmutter sitzt im Sessel. Ihr Kopf ist herabgesunken. Ihr Strickzeug liegt in ihrem Schoß.
Sie macht die Augen auf und lächelt mich an.
FAUST
Ich sehe die Wimpern der Morgenröte, Geliebte, Freundin!
UNA
Der Morgenstern ist aufgegangen in meinem Herzen. Das ist mein Hochzeitstag! Ach, du warst ja
schon in der dunklen Nacht vor dem Hochzeitstag im Schoße deiner Geliebten, bekenn es nur! Ach,
ich verlasse dich nicht. Wir werden uns wiedersehen. Die Glocke! Hörst du? Die Glocke läutet die
Morgenmesse ein!
ASMODÄUS
Mein Hengst wird unruhig. Mein Hengst wiehert schon brünstig.
UNA
Schick den da weg, schick den Satansbraten weg! O Mütterchen Gottesmutter! Rette mich,
Mütterchen Gottesmutter! Adieu, mein Freund!
FAUST
Ich verlasse dich nicht!
UNA
Mütterchen Gottesmutter, ich lege meine Seele in deinen Schoß! Adieu, Geliebter, pass gut auf dich
auf!
ASMODÄUS
Sie muß vor den Richter!
UNA
(verhallend)
Mein Jesus, Barmherzigkeit...........
ZWEITER TEIL
ERSTER AKT
DIE NYMPHEN
O Schwestern, beuget euch und legt die Ohren
An grünen Rasen an des Flusses Ufer.
Was ich vernehme, in der Nähe kommend,
Das ist der Klang von Hufen auf der Erde.
Wenn ich nur wüsste, wer da Nachricht bringt.
Schnell, schnell, und in die dunkle Nacht hinein!
FAUST
Für mich scheint dieser Boden schön zu klingen
Von eines schnellen Hengstes harten Hufen.
Dort, schaut, ihr meine Augen! Lust ist nah!
O wird sie zu mir kommen, diese Gute?
O, frage mich, sie ist die Ohnegleiche!
Ein Reiter trabt nun sicher auf mich zu,
Begabt, beglänzt mit hohem Geist und Kraft,
Auf einem weißen Pferd, so weiß wie Schnee…
Ich kenne ihn, ich kann da falsch nicht liegen,
Es ist der weltberühmte Sohn Philyras!
Halt, Chiron, halt, und höre meine Rede!
CHIRON
Was ist geschehn und wer ist gegenwärtig?
FAUST
O Chiron, zögre einen Augenblick!
CHIRON
Ich habe nie in meinem Herzen Ruhe.
FAUST
Nun, nimm mich mit mit dir auf deinem Schimmel!
CHIRON
Steig auf! Und ich will dir die Frage stellen:
Wo willst du hin? Es geht durch einen Fluss,
Ich trage durch die Flut dich mit Vergnügen.
CHIRON
Ja, aller, die an rechter Stelle waren,
Als Mentor wurde Pallas nicht geschätzt.
Am Ende gingen sie die eignen Wege,
Als wären sie von mir erzogen nicht.
FAUST
Den Arzt, der alle Pflanzen kann benennen
Und der zutiefst versteht der Heilung Wurzeln,
Der heilt die Kranken und der stillt die Wunden,
Den, stark an Leib und Geist, hab ich gefunden.
CHIRON
Wenn nahe mir ein Heros wird verletzt,
Ich hab das Recht zu Hilfe und Beratung.
Doch schließlich übergab ich meine Künste
Den frommen Nonnen und den alten Hexen.
FAUST
Du hast die Fähigkeit des großen Mannes:
Er will sein Lob aus fremdem Mund nicht hören,
Er ist bescheiden, er will uns erhöhen,
Wird handeln so, als wären alle gleich.
CHIRON
Du scheinst mir sehr geschickt in diesen Sachen,
Wie man dem Volke und dem Fürsten schmeichelt.
FAUST
Doch wenn du heute es gestehen müsstest:
Ich sah den größten aus dem Altertum,
Bereit zu Taten, welche vornehm waren,
Der lebte beinah eines Halbgotts Leben.
Doch unter all den edel-großen Helden,
Wer war der beste von den Helden allen?
CHIRON
Nun, bei den Argonauten ihrer Zeit
War jeder würdig auf die eigne Art.
Und von den Mächten, die sie eingeatmet,
Sie wussten viel, wenn andre scheiterten.
So Kastor hat und Pollux hat gewonnen,
Wenn Jugendreiz und Schönheit wird geehrt.
Bei der Bestimmung schneller Hilfe waren
Die Ersten Calais und sein Bruder Zetes,
Nachdenklich, klug und stark und gut beraten,
Und Jason war des Frauenvolkes Freude.
Dann Orpheus, sanft und immer sinnend brütend,
Die Leier spielend übermächtig schön.
Dann Lynkeus auch mit scharfen Augen, immer
Das Schiff er führt vorbei an Riff und Kliff.
Stets der Gefahr als Brüder konfrontiert,
Wenn etwas man erreicht, wird man gelobt.
FAUST
Von Herakles ist nichts zu sagen? Oder?
CHIRON
Oh wecke nicht in mir die Sehnsuchtsglut!
Nie stellt man fest, wie Phöbus oder Hermes,
Wie herrlich Ares wurde definiert,
Mit meinen eignen Augen sah ich ihn,
Was alle Menschen doch als göttlich loben!
Geborner König er, nichts anderes,
Und eine herrlich-schöne Jugendkraft,
Nachgebend seinem erstgebornen Bruder,
Nachgebend auch der Schönsten aller Frauen.
Der Gäa ist ein zweiter nicht bekannt,
Den Hebe so geführt in Himmelszonen.
Vergeblich singen sie die Lieder ihm,
Vergeblich schnitzen sie den Marmor ihm.
FAUST
Bildhauer haben nie die Form empfangen,
Doch viele Bilder haben sie gebildet.
Du hast gesprochen von dem schönsten Mann,
O bitte, sprich nun von dem schönsten Mädchen!...
CHIRON
Die!… Nein, ich rede nicht von Frauenschönheit,
Sie ist so oft gefrorner Maske ähnlich.
Ich kann nur wahrlich loben die Natur,
Die frei und fließend ist und immer heiter.
Oft ist die Schönheit mit sich selbst zufrieden,
Unwiderstehlich ist der Grazie Anmut,
So wie Helene, die ich einst getragen.
FAUST
Du tugest sie, die herrliche Helene?
CHIRON
Auf diesem Rücken trug ich sie zurück.
FAUST
Fürwahr, ausreichend bin ich aufgeweckt!
Ein solcher Sitz! Er muss mir Freude bringen!
CHIRON
Sie packte an der Mähne mich, wie du.
FAUST
Ich bin besiegt, ah, ich bin überwältigt,
Vollkommen! Sag mir, warum war sie hier?
Sie ist mein Ein-und-Alles, mein Begehren!
Du trugest sie, von woher und wohin?
CHIRON
Ist leicht zu sagen, was du wissen willst.
Zu dieser Zeit die Dioskuren Kastor
Und Pollux haben sie befreit, Helene,
Ihr Schwesterchen, aus einem Nest von Räubern.
Die Räuber kaum sind überwunden worden,
Da haben sie erneut den Mut gewonnen
Und jagten nach der herrlichen Helene.
Die Schwester und die Zwillingsbrüder eilten.
Natürlich wurden sie da aufgehalten
Durch Sümpfe, die da bei Eleusis liegen.
Die Brüder wateten. Und ich schwamm schnell,
Da sprang sie ab und streichelte mir sanft
Die feuchte Mähne, streichelte und dankte,
So süß und klüglich ihre Fähigkeiten,
Sie war charmant! Ihr Lächeln sehr charmant!
Die Jugend, die den alten Mann begeistert!
FAUST
Zehn Jahre jung die liebliche Helene?
CHIRON
Gelehrte Philologen täuschen sich,
Ich sehe aber, dass du auch dich täuschst.
So seltsam ist es mit der Frau der Mythe,
Poeten nehmen sie, uns zu verführen,
Sie kann nicht älter werden, ist nie alt,
In gleiche Form gegossen, stets verlockend,
Verführerisch, ist sie ein jungen Mädchen,
Und also einen alten Mann begeisternd,
Zeit nicht beschränkt die Flüge des Poeten.
FAUST
Du ließt sie, die kein Alter je gefesselt?
Achilles fand auf Pherä einmal sie,
Erhaben über alle Altersgruppen.
Was für ein seltnes Glück war das für ihn,
Trotz Schicksal, ihre Liebe zu gewinnen!
Und red ich von der Stärke meiner Sehnsucht,
Zu ziehn die Form an mich, die einzigartig,
Lebendig, reines Sein, der Gottheit ähnlich,
Noch zart, schon groß, wie sie erhaben ist.
Sie schaute. Heut hab ich zu ihr gesehn,
Die Attraktion, so lieblich wie erwünscht.
Und jetzt ist meine Seele stark gebunden,
Krieg ich sie nicht, dann überleb ich nicht!...
CHIRON
Ach Fremder, du bist hingerissen, Mensch,
Und unter uns Dämonen: Du bist irre!
Doch jetzt dein Schicksal soll sich hier erfüllen,
Wenn auch nur einen Augenblick im Jahr,
Ich nehm die Zeit mir, Manto anzurufen,
Die Tochter Äskulaps, im stillen Beten
Sie zu dem Vater fleht, mehrt seinen Ruhm,
Erleuchtet so den Arzt des Rückenmarks,
Er soll sich um den Tod nicht weiter sorgen.
Sie ist die Liebste mir von den Sibyllen,
Frei von Grimassen, freundlich und voll Großmut.
Willst bleiben du bei ihr, sie hat die Macht,
Zu heilen dich mit Kräutern und mit Wurzeln.
FAUST
Ich brauche keine Heilung von der Ärztin,
Mein Geist ist strahlend und von Kraft erfüllt!
CHIRON
Verachte nicht die Heilkraft einer Quelle!
Wir sind am Ort, jetzt schnell, steig ab vom Pferd!
FAUST
Sag mir, wo über Kiesel läuft das Wasser
In dunkler Nacht. Wohin bin ich gekommen?
CHIRON
Hier Griechenland und Rom dem Kampfe trotzen,
Olympus linker Hand und rechts der Peneus,
Das größte Reich ward hier im Sand verloren,
Ein König fliegt, um Bürger zu gewinnen.
Schau! In der Nähe das berühmte Tempe,
Das ewige, dort unterm Mondscheinhimmel.
CHIRON
Sehr richtig, Manto. Nur die Augen öffne!
MANTO (wandelnd)
Gegrüßt! Ich seh, du bist nicht weggeblieben.
CHRON
Und hier dein Tempel ist noch immer da.
MANTO
Du willst noch unermüdlich galoppieren?
CHIRON
Und du, wie immer, friedlich sitzt du da,
Dieweil genieße ich das runde Kreisen.
MANTO
Ich warte, und die Zeit zieht ihre Kreise,
Die ich gefunden bin. Und wer ist der?
CHIRON
Die schattenhafte Nacht hat ihn gewirbelt
In unsre Augen. Er begehrt Helene,
Helene macht ihn irre und verrückt!
Er weiß nicht, wie er es beginnen soll.
Vor allem braucht er deine Heilung, Ärztin.
MANTO
Ich mag, die das Unmögliche begehren.
ZWEITER AKT
(Szene: Im Mittelmeer.)
DIE SIRENEN
Jetzt leicht zu sehen und mit weichen Schritten,
Rund um die Wagen klingeln laut die Räder,
Oft weben wir nur Zeile still um Zeile,
Ist alles klar, und rundum schlängelt es.
Nun kommt zu uns, aktive Nereiden,
Und bringt auch die Doriden mit, inmitten
Steht Galathea, Tochter sie der Mutter,
Die ruht am meisten, so wie ihre Göttin,
Die wahrlich würdig der Unsterblichkeit,
Verlockend auch mit ihrem süßen Charme,
Als Menschlichkeit und reine Weiblichkeit.
(Zu Nereus.)
NEREUS
Hier gibt es einen zweiten Preis und Schatz,
Ihr zeigt Barmherzigkeit, das macht euch glücklich...
DIE DORIDEN
O Vater, lobe unsere Mission
Und sanktioniere gerne unsre Bitten.
Umfangen wir sie schnell, unsterblich jung
Und froh an jeder ewigjungen Brust!
NEREUS
Seid glücklich mit dem Fang, dem großen Fang,
Und akzeptiert die Knaben hier wie Männer.
Ich kann es nicht gewähren, was ihr bittet,
Zeus-Vater möge es euch möglich machen.
Die Wellen, die sie hieven, die sie schaukeln,
Die lassen keinen Platz mehr für die Liebe.
Wenn also eure Neigung euch verlässt,
So schickt getrost die Knaben an das Land.
DIE DORIDEN
Ach süße Knaben, wie sie lieb uns sind!
Doch leider müssen wir uns wieder trennen.
Wir hofften auf die ewigtreue Liebe,
Die Götter, ach, verbietens und das Schicksal.
DIE KNABEN
Wir sind die tapfern Knaben, die Matrosen,
Ach möchtet ihr uns doch nur weiter halten!
Wir hattens nie so gut als wie bei euch
Und werdens nie auf Erden besser haben.
NEREUS
Du bist mein Liebling, schönste Galathea!
GALATHEA
O Vater mein im Meere, meine Wonne!
Delphine, still, ich bin vom Schaun ergriffen!
NEREUS
Vergangnes ist bereits Vergangenheit,
In Kreisbewegung immer zyklisch kreisend.
Ach welche Pflege fürs Gefühl des Herzens!
Wenn sie mich mit sich nehmen würde schließlich!
Und doch gibt es hier nur den Einen Blick,
Den Blick, der lange Jahre dauern wird.
THALES
Heil, Heil und Heil! Wie selig ich mich fühle,
Durchbohrt so ganz vom Wahren, Guten, Schönen!
Das alles wurde durch den feuchten Blick,
Die Dinge alle wurden durch das Wasser.
Du Ozean, gib uns das Reich für immer!
Und wenn du nicht bis zu den Wolken reichtest,
So gäb es keine Bäche, die da fließen,
Die Flüsse würden brüllen nicht und schreien,
Die Ströme würden niemals Blasen werfen,
Wo wären dann die Hügel und die Welt?
Des Lebens Frische ists, die du erhältst.
NEREUS
So treib dich, Ort, und dreh und ändre dich,
Nicht mehr von Angesicht zu Angesicht,
In Kreisen sich erweitert die Verknüpfung,
Zur Feier passend die Gemeinden weben.
Jedoch den Muschelthron der Galathea,
Ich seh ihn klar, ich seh ihn immer noch,
Er glänzt so wie ein Sternbild durch die Menge,
Ach Menge, die Geliebte unter ihnen!
Obwohl so fern, doch glänzt sie hell und klar,
Ist immer wahr, ist immer in der Nähe.
HOMUNKULUS
In diesem reizevollen Ozean
Ich kann nicht strahlen, hier ist alles schön!
PROTEUS
In diesem lebensvollen Ozean
Sind leuchtende Bewegungen des Lichts,
Sind erste Ringe da in Pracht und Prunk.
NEREUS
Hier in der Menge Herzen welche Rätsel
Doch offenbaren sich vor unsern Augen!
Was schimmert um die Muschel in dem Meer,
Was schimmert hier zu Galatheas Füßen?
Sie werden stark, jetzt sind sie sanft und süß,
Wie vom Impuls der Liebe eingeführt.
THALES
Homunkulus, gezogen dort von Proteus,
Symptome sinds der Herrscherin, der Sehnsucht!
Ich würde Glockenläuten jetzt erwarten,
Er wird sich setzen auf den Glitzerthron,
Er glitzert und er blinkt und geht davon.
DIE SIRENEN
O Feuerwunder, die das Meer verklären!
Nun einer auf dem andern funkelnd ruht!
Es blinkt und flackert und es hellt sich auf,
Nachts glänzen uns die Körperspuren an
Und alles, was mit Flammen nah umgeben.
So preisen wir des großen Eros Regel,
Der große Eros hat das Spiel begonnen!
Den Ozeanen Heil und Heil der Flut!
Die eingekreist jetzt von des Himmels Feuer!
Heil Wasser! Feuer Heil! Und Heil der Luft!
ALLE IM CHOR
Heil sei dem sanften Fluss des Kinderspiels!
Gegrüßt seist du, verborgne Meeresgrotte!
Vier Elemente und die Quintessenz
Von Ewigkeit zu Ewigkeit gefeiert!
DRITTER AKT
(Helene tritt mit dem Chor der gefangenen trojanischen Frauen auf. Panthalis ist Führerin des
Chores.)
HELENE
Ich bin Helene, viel geschmäht und viel bewundert,
Ich komme von der Küste, wo wir landeten,
Benetzt noch von der Macht des Schaukelns dieser Wellen,
Von Phrygiens Höhe auf dem hochgewölbten Rücken,
Von Posidaons Gnade und des Ostwinds Macht,
Die uns hierher getragen an der Heimat Küste.
Dort, unter uns, bei seinen tapfersten Soldaten
Der König Menelaos feiert seine Rückkehr.
Du aber heiße mich willkommen, hohes Haus,
Das Vater Tyndareus baute, als er heim kam,
Kam von den Steigungen des Hügels der Athene:
Hier, wo mit Klytämnestra, meiner Schwester, ich
Und aufgewachsen mit den Zwillingen und spielte,
Sie mehr als edel sind geschmückt, die Häuser Spartas.
Sei mir gegrüßt, du vielgeehrte Doppeltür!
Einst Menelaos kam zu mir, der Bräutigam,
Er kam zu mir durchs freundlich ladende Portal,
Zu mir, die ward herausgegriffen unter vielen.
So tu dich wieder auf, dass ich vielleicht erfülle
Des Herrn Befehl. Ich sollte das als eine Frau.
So lass mich ein! Und alles sei zurück gelassen,
Das um mich wütet jetzt so voll von Untergang.
Denn da im Licht des Herzens ich verließ den Ort,
Ich suchte auf der Venus Tempel, meine Pflicht,
Stattdessen dort entführte mich ein Räuber Troas'.
Geschehn sind viele Dinge, Männer, weit und breit,
Die gerne man erzählt, wills keiner auch vernehmen,
Wie die Geschichte wuchs, der Mythos ward gesponnen.
CHOR
O wundervolle Dame, nicht verachte
Das Erbe du der Häuser alten Adels!
Das Schicksal hat es dir allein gewährt,
Den Ruhm der Schönheit, über allen thronend.
Des Helden Name klingt ihm laut voraus,
Er schreitet stolz auf seiner Heldenbahn,
Doch beugt er sich, der stolzeste der Männer,
Vor deiner Herrlichkeit in Geist und Form!
HELENE
Genug davon! Ich ward zu meinem Mann gebracht,
Ich bin zu ihm gesendet, jetzt, in seine Stadt:
Was aber ist der Sinn? Ich kann es kaum erraten.
Komm ich als seine Frau? Komm ich als Königin?
Bin ich ein Opfer, für des Fürsten bittre Schmerzen,
Der er der Griechen Unglück lange ausgehalten?
Erobert ich, bin ich Gefangene? Ich weiß nicht.
Es stimmt, die Himmlischen ernennen Ruhm und Schicksal,
Zweideutige und zweifelhafte Wegbegleiter
Der Schönheit, hier zu stehn mit mir an dieser Schwelle,
Bedrohlich-düstere Präsenz an meiner Seite.
Auch in dem hohen Schiff mein Mann nur blickte selten
Mich an und sprach ein Wort, ermutigend die Frau.
Er saß vor mir, als ob er wär voll bösen Denkens,
Kaum hatte er vom Schiffsbug schon begrüßt das Land
In dieser Bucht, die machte des Eurotas Mündung,
Als er zu mir gesprochen, wie die Götter drängten:
„Hier die Soldaten steigen aus in Reihen-Ordnung,
Ich werde führen sie entlang des Meeresufers,
Du aber, du wirst gehen an dem Ufersaum
Des heiligen Eurotas, hell von Apfelgärten,
Die Pferde führe, die im Glanz des Wassers weiden,
Bis deiner schönen Reise wird ein frommes Ende,
Wo Lakedämon, einst ein reiches Erntefeld
Durch strenge Berge, von den Göttern ward erschaffen.
Spaziere durch das hohe Turmhaus dann des Fürsten,
Beschwöre dann die alte Magd in ihrer Lage
Mit ihren Mägden, die ich hab zurückgelassen,
Und lass sie zeigen dir den reichen Schatz des Hauses,
Das, was verlassen hat dein Vater und was ich
Hinzugefügt und angehäuft in Krieg und Frieden.
Du wirst es alles in vollkommner Ordnung finden,
Es ist ein Privileg, dass es ein Fürst soll finden,
Nach seiner Rückkehr in sein Haus Loyalität,
Was er zurück ließ, noch an seinem Platz zu finden,
Kein Sklave hat die Macht, Verändrung zu bewirken.“
CHOR
Lass diesen Schatz, so fest zusammgezogen,
Begeistrung bringen jetzt der Brust, den Augen!
Halsketten hell und Kronen ganz aus Gold,
Die ruhten dunkel dort in stolzer Ruhe.
Jetzt aber geh, behaupte du sie alle,
Sie alle werden reagieren schnell.
Ich lieb, zu sehn die Schönheit konkurrieren
Mit Gold und Perlen und mit Edelsteinen.
HELENE
So wieder kam die strenge Rede meines Herrn:
„Wenn man das in der Reihenfolge untersucht,
Nimm so viel Gaben, wie du denkst, dass du sie brauchst,
Wie viele Schiffe sind erforderlich zum Opfer,
Um zu erfüllen die gewohnten frommen Riten.
Nimm Kessel du und Becken und die runden Schalen,
Das reinste Wasser aus der Heiligkeit der Quelle
In tiefen Urnen, achte, dass du trocknes Holz hast,
Das eilig Feuer fängt, und alles halt bereit,
Nicht zu vergessen auch ein gut geschliffnes Messer,
Das andre alles überlass ich deiner Wahl.“
So sprach er in der gleichen Zeit und drängte mich,
Doch nichts Lebendiges bezeichnend er befahl,
Dass es getötet werde, Götter anzubeten.
Ich aber denke nicht mehr länger drüber nach
Und lasse alles in der Götter guten Händen.
Denn sie erfüllen, was in ihrem Geist zu tun ist,
Ob wir es gut nun oder böse finden mögen,
In jedem Fall die Menschen müssen es ertragen.
Die schwere Axt des Priesters wurde aufgehoben
Oft über den gebeugten Hals des Opfertieres,
Doch konnte er nicht schlachten, denn er ward behindert
Durch Feinde in der Nähe oder Götter-Einspruch.
CHOR
Was könnte dir geschehen? Denk nicht dran!
O Königin, voran, und geh nach innen,
Sei guten Mutes! Gut und Böse sind
Unangekündigt oft den Menschenkindern,
Verkündigt wird es, doch wir glauben nicht,
So Troja ward verbrannt, noch sahn wir nicht
Die Schmach des Tods in unsern Angesichtern.
Sind wir nicht hier, die Freundinnen, die dienen?
Schau auf zur blendend-hellen Himmelssonne,
Schau an die schönsten Blumen auf der Erde,
Wir sind von gleicher Art, die Freudenreichen!
HELENE
Lasst sein es, wie es will. Was immer mich erwartet,
Ich muss doch gehen schnell in dieses Königshaus,
Das lang verlassen, oft ersehnt und fast verloren,
Hier sieht mein Auge es noch mal, ich weiß nicht wie?
Die Füße tragen mich nicht weiter tapfer jetzt,
Bis Stufen übersprungen, die das Kind betrat.
CHOR
O ihr schmerzhaften Gefangen,
Werft nun, o ihr lieben Schwestern,
Eure Schmerzen in die Winde,
Teilt die Freuden eurer Herrin,
Teilt die Freude mit Helene,
Die zurückkehrt, spät am Abend,
In das Heim, zum Herd des Vaters,
Tut mit allem eure Schritte,
Nähert euch als die Entzückten!
PANTHALIS
O Dame, offenbare deinen Mägden hier,
Die dir zu helfen willig sind: Was ist geschehen?
HELENE
Du wirst es sehen, was ich selbst gesehen habe,
Wenn nicht die alte Nacht es wieder gleich verschluckt,
Die Form von ihr zurück zog in des Herzens Tiefen.
Ich will es zeigen dir in Worten, dass du weißt:
Mit meinen letzten Fragen in dem Kopfe trat ich
Erst in den innern Raum des königlichen Schlosses,
Beeindruckt von der Stille düstrer Korridore,
Kein Ton der Arbeits-Unrast grüßte meine Ohren,
Kein Ton von aufgewandter Mühe, die mein Blick sah,
Und keine Schaffnerin erschien und keine Mägde,
Kein Gruß der Höflichkeit, wie man den Fremden grü0t.
Als ich der Feuerstelle mich aus Stein genähert
Und ihrer Asche, die noch glühte, schaute ich
Ein Weib verschleiert, großer Form, am Boden hockend,
Nicht so wie eine Schlafende, doch in Gedanken.
Ich rief ihr zu, sie solle schaffen, ich befahl es,
Mir schien, sie sei die Schaffnerin, die mein Gemahl
Vielleicht einst angestellt, mit Weitblick, als er ging.
Sie saß noch immer da, geduckt und unbeweglich,
Durch meine Drohung dann gerührt, hob sie den Arm,
Als ob sie mich weg winkte so von Herd und Halle.
Da stellte ich mich neben sie, war wütend, zornig,
Und schritt dahin, wo schön der Thalamos geschmückt
Dicht neben ihr und hoch des Schatzes Kammer.
Die Form sprang auf vom Boden, seltsame Gestalt,
Sie stellte sich mir in den Weg und schaute herrisch,
So groß und hohl und hager, blutig rot der Blick.
Die Form so hässlich, dass geängstigt ward mein Auge,
Doch red ich in den Wind, die Worte selbst ermüden
Bei dem Versuch, die Form zu zaubern, ganz vergeblich.
Du überzeug dich selbst! Sie traut sich an das Licht!
Hier ich bin Herrin, bis der König kommen wird!
O Phöbus, Freund der Schönheit, treib die Ausgeburt
Der Nacht zurück in unterirdische Kavernen!
CHOR
Viel habe ich gelernt, auch wenn die Strähnchen
Sind jugendlich noch über meinen Schläfen.
Viel Schreckensdinge, die ich hab gesehen,
Soldaten-Elend, Trojas Brand und Fall.
HELENE
Wer schändet hier die Dienerinnen ihrer Herrin,
Vermessen reißend an dem wahren Recht der Frau?
Nur ihr ist es gegeben, was auch je das Lob
Macht lobenswert, und zu bestrafen, was da Schuld ist.
Ich bin zufrieden wohl mit allen Leistungen,
Die sie geleistet, als das große Troja stand,
Als Troja fiel in Schutt und Asche. Und desgleichen,
Als wir das Elend unsrer Wanderschaft ertragen
Der Reise, wo oft einer denkt nur an sich selbst,
Hier habe ich erwartet eine frohe Mannschaft.
Der Herr fragt, wie der Sklave dient, nicht, was er ist.
So schweige du, und länger nicht verhöhne sie!
Wenn du das Königshaus bewacht hast auch bis jetzt
Anstatt der Herrin, wie es deine Pflicht gewesen,
Jetzt, da sie selber kommt, da ziehe dich zurück,
Damit nicht Strafe du gerechten Lohnes findest.
PHORKYAS
Disziplinierung ihres Dieners ist das Vorrecht
Der edlen Frau des Königs, die geliebt von Göttern,
Sie hat zurecht verdient vom klugen Maß der Jahre.
Sie räumte auf, sie nahm den Ort von einstmals ein,
Nun wieder hier als Königin, des Hauses Herrin,
Sie lockerte die Zügel, und nun herrscht sie wieder,
So halt den Schatz in deiner Hand und uns mit ihm!
Zunächst verteidige, die ich die Ältere,
Du mich vor diesem Publikum, die sind doch nur
Vor deiner Schwanenschönheit schnatternd fette Gänse!
VIERTER AKT
(Szene: Landschaft, umgeben von reich verzierten Gebäuden aus dem Mittelalter.)
CHORFÜHRERIN
Geschwätzigkeit und Dummheit, typisch für die Frauen!
Sie hängen am Moment, ein Spielball jeder Brise,
Von jedem Augenblick und jedem Leid, nie wissend,
Wie still man leiden muss! Doch eins ist immer sicher,
Zu andern heftig, wenn die andern widersprechen,
Sie lachen, weinen gleichermaßen, freudig, leidend.
Nun still! Und hört, was unsre hochgesinnte Herrin
Hier wird entscheiden für sich selber und für uns.
HELENE
O Pythia, wo bist du? Doch du bist berufen,
Komm aus den Bögen dieser dunklen Burg heraus.
Wenn du von wundersamen Herrn und Helden kommst,
Gib alles mir bekannt, den Sitz zur Rezeption,
Nimm meinen Dank entgegen und so führ mich schnell,
Ich wünsche endlich meine Wanderschaft beendet.
CHORFÜHRERIN
O Königin, vergeblich, schau in jede Richtung,
Die hässliche Gestalt ist fort, sie blieb vielleicht
Dort in dem Rauch, aus dessen Tiefe wir gekommen,
Ich kann nicht sagen wie, so schnell und ohne Trittschall.
Vielleicht ging sie im großen Labyrinth verloren
Von diesen vielen Burgen, wunderbar vereint.
Ich schaue auf und seh den Fürstengruß des Herrn.
Schau, eine Menge, sich bewegend in Bereitschaft.
Daneben Galerien sind und Tür und Fenster
Und Dienerscharen kommen, huschend hin und her,
Sie künden herzlichen Empfang für ihren Gast.
CHOR
Erleichtert ist mein Herz. O siehe dort,
Wie eine Schar von Jugendlichen kommt
Mit festen Schritten würdevoller Ordnung,
(Was der Chor beschrieben hat, findet statt. Nachdem die Jünglinge und Knaben in langen
Prozession hinab gestiegen, erscheint Faust oben an der Spitze der Treppe, in der Tracht der Ritter
des Mittelalters, und dann steigt er langsam und mit Würde herab.)
HELENE
Solch großes Werk, wie du erwählt, mir zu verleihen,
Als Richterin, als Herrin auch – doch ich vermute,
Du willst es nur als eine Art von Prüfung, dennoch
Ich übe aus die Pflichten einer Richterin,
Ich will den Angeklagten hören. Sprich, mein Sohn!
HELENE
Ich kann bestrafen nicht das Übel, das ich brachte.
Ah wehe mir! Was für ein hartes Schicksal ist es,
Das mich verfolgt, dass überall, wo ich besitze
Die Männerherzen, sie nicht selbst sich geben hin.
Sie stehlen, kämpfen und verführen, immer hetzend,
Halbgötter und Dämonen, Himmlische und Helden,
Sie führten mich auf allen meinen Wanderungen.
Allein hab ich die Welt verwirrt, verwirrt sie doppelt,
Jetzt bring ich dreifach, vierfach nichts als Leid auf Leid.
Nimm diesen Makellosen weg und lass ihn gehen,
Nicht Schande ist es, wenn die Götter einen täuschten.
FAUST
O Herrin, staunend seh ich euch zusammen,
Den Bogenschützen, das geweihte Opfer,
Ich seh den Bogen, ausgeschickte Pfeile,
Ich seh, die ihn verwundeten, die Pfeile,
Jetzt fällt es auch mir auf. Ich hör das Surren
Der Pfeile überquerend jeden Hof.
Wer bin ich? Meine Mauern machst du schwach
Und meine Knechte machst du zu Rebellen.
Schon fürchte ich, dass die Armee gehorcht
De Siegerin, der unbesiegten Herrin.
Was bleibt zu tun? Ich füg mich selbst hinzu!
Ist alles, was ich träume, denn vergeblich?
Nun lieg ich frei und treu zu deinen Füßen,
So lass mich dich als Herrin anerkennen!
Dein Dasein bringt dir Thron und Eigentum.
LYNKEUS
O Herrin, wieder schaue ich voraus,
Der Reiche bittet dich um einen Blick.
Es sieht der Reiche dich, auf einen Blick
Ist er ein Bettler und ein Bettlerkönig.
FAUST
Entferrn die Haufen, die der Mut gewonnen,
Nimm keine Schuld auf dich und such kein Lob.
Das alles ist schon ihres, was die Burg
In ihrem Schoß versteckt, die Dinge schenkst du
Vergeblich. Geh und staple Schatz auf Schatz
In rechter Reihenfolge. Präsentiere
Die feinste Auswahl unsichtbarer Pracht!
Lass die Gewölbehallen himmlisch glänzen!
Lass deine Toten Paradiese schaffen!
Lass Blumenteppich schnell auf Blumenteppich
Ihr rollen unterm Fuß, so wird sie schreiten
Auf weicher Erde, lass den edlen Blick
Wie Götter blendend fallen auf die Pracht!
LYNKEUS
Ich tu es, wie der Herr befiehlt,
Für Diener ist es nur ein Spielzeug,
Die Regeln der erhabnen Schönheit,
Sie gelten auch in Blut und Geld.
Das ganze Heer ist jetzt gezähmt,
Die Schwerter sind nun wieder stumpf
Nah dieser Form von reinem Gold,
Die Sonne selbst ist blass und kalt
Nah dieses Angesichtes Reichtum,
Sonst alles ist nur leerer Raum.
FAUST
Empfange meine Ganzhingabe bitte,
Ich kniee, edle Dame, lass mich küssen
Die Hand, die mich an deine Seite hebt.
Sag, ich sei Mitregent von einem Reich
Von unbekannten Grenzen. Du gewinnst
Dir einen Sklaven, einen Wächter und
Verehrer deiner Huld in Einem Mann.
HELENE
So viele Wunder kann ich sehn und hören,
Ja, mich ergreift ein staunendes Entzücken,
Und da ist viel, das möcht ich gerne wissen.
Und lehre mich wie eure Dichter sprechen,
Mit neuer Rede, so vertraut, doch seltsam.
Ein Ton macht frei den Weg dem nächsten Ton,
Und wenn ein Wort den Ohren Freude gab,
Ein andres kommt, dem ersten gleich zu streicheln.
FAUST
Wenn meiner Dichter Sprache dir gefällt,
Du wirst begeistert sein von ihren Liedern,
Die Herz und Geist vollkommen schön erfüllen.
Doch willst du sicher werden, üben wir,
Die Wechselrede lockt und ruft uns weiter.
HELENE
Wie spricht man so mit dieser schönen Kunst?
FAUST
Es kommt alleine aus der Liebe Brunst!
Man schaut sich um, wer noch voll Liebesglut?
HELENE
Wem noch das Herz brennt voll von heißem Blut?
FAUST
In Gegenwart schaut nur die Geistessonne -
HELENE
Der Augenblick ist Ewigkeit der Wonne!
FAUST
Die Liebe ist uns Schatz und Gold und Land -
HELENE
Die Liebe gibt dem Liebsten ihre Hand.
CHOR
Wer beleidigt die Prinzessin,
Die gewährt dem Burgen-Meister
Eine Show von Freundlichkeiten?
Lasset uns gestehen, wir sind
Im Gefängnis, wie bis heute,
Wie der Fall in großer Schande
Ilions, der bange, stattfand,
Traurig, und die irren Fahrten.
FÜNFTER AKT
(Helene, Faust, und ihr Kind Euphorion, im griechischen Kostüm.)
EUPHORION
So hör gesungen nun das Lied der Kindheit,
Denn ihre Freude, sie gehört euch allen,
So seht mich überspringen jetzt die Zeit,
Ich springe in die Herzen meiner Eltern.
HELENE
Erforderlich zwei reine Herzen sind,
Aus Liebe zu der Menschlichkeit zu segnen,
Ein einig Ding zusammen soll es sein,
Sie sollen sein die Heiligkeit der Drei.
FAUST
Was wir gesucht, wird alles nun entdeckt,
So ich bin dein, mein Schatz, und du bist mein,
Wir zwei gebunden aneinander sind,
Das nenne ich das allerschönste Schicksal.
CHOR
Sie sind seit vielen Jahren schon begeistert
An dieses Kindes feuervollem Toben,
Ah, diese Partnerschaft von den Genossen,
Wie solche Schönheit mich so sehr bewegt!
EUPHORION
Lasset mich springen,
Lasset mich Lenz sein!
Hoch in die Lüfte,
Kreisend die Dinge,
Ist mein Verlangen,
Sind meine Triebe.
FAUST
Stürze in Vorsicht!
Stürz in Gefahr nicht,
Solcherlei Stürzen
Harrt auf den Wilden,
Gründe dich sicher,
Lieblicher Knabe!
EUPHORION
Ich kann nicht kleben
Fest an der Erde,
Lasst meine Hände,
Lasst meine Haare,
Lasst meine Kleider,
Alles ist meines.
HELENE
Denke, o denke,
Wem du gehörst doch.
Uns wär es traurig,
Würdest zerstört du,
All deine Arbeit,
Dein, sein und meine.
CHOR
Ach diese Einheit
Wird sich zerstreuen.
EUPHORION
HJ, wenn es das ist, was ihr möchtet, ja,
Ich höre auf, ich halte mich zurück.
(Er windet sich, tanzend, durch den Chor und zieht sie fort mit sich.)
HELENE
Ja, das ist ordentlich getan.
Die Schönen führe du herauf.
FAUST
Ach wäre es nur erst vorbei!
Denn solche Unterhaltung kann
Mir nicht begeistern die Vernunft.
(Pause)
EUPHORION
Du bist wie viele
Hüpfende Kitze,
Neuere Spiele,
Wiedergeboren,
Ich bin der Jäger,
Du bist die Beute.
CHOR
Willst du uns fangen?
Ach wir sind eifrig,
Dich zu erhaschen,
Wir sind gespannt schon,
Wann es vorbei ist,
Sich an die Formen
Liebend zu klammern,
Du bist so niedlich!
EUPHORION
Jetzt durch die Täler,
Über die Felsen,
Was ich gewinne,
Sieht aus wie Mühe,
Nur mit Gewalt will
Stark ich gewinnen,
Das ist mir Freude.
EUPHORION
Höher und höher
Will ich nun klettern,
Weiter und weiter
Will ich nun sehen,
Hier auf der Insel,
Landschaft des Pelops,
Erde wird Meerflut.
CHOR
Warum nicht hier in Frieden leben
Auf Hügeln und in grünen Wäldchen?
Weinberge werden wir dir suchen
Und Reben schön in ihren Reihen.
EUPHORION
Könnt ihr denn stille Tage träumen?
Träumt, was der Träumer träumen kann!
Der Krieg ist aber meine Losung,
Der Sieg! So klingt das Echo schön.
CHOR
Er, der in stiller Zeit des Friedens
Den wilden Krieg sich wünscht herbei,
Bald wird sein Zeuge Bruder Tod,
Und Hoffnung sind und Glück dahin.
EUPHORION
Die dieses Land hat,
Ists auch gefährlich,
Frei sind und mutig,
Schütten ihr Blut aus,
Bringen Bedeutung
Heiligem Opfer,
Keiner erobert
Uns, die wir kämpfen!
CHOR
Schaut oben, wie so hoch er klettert!
Doch scheint er kleiner nicht zu werden,
In seiner Rüstung triumphierend
Er glänzt in Edelstahl und Silber.
EUPHORION
Der, der sich selber nicht bewusst ist
Der hohen Mauer und der Ruhe,
Dem deine dauerhafte Festung
Ist des Soldaten Eisen-Brust.
CHOR
Heilige Dichtkunst
Klettert gen Himmel!
Schimmernde Sterne
Weit in der Ferne!
Hier ists erreicht schon,
Immer wir hören,
Wo wir gewärtig,
Freude und Wonne!
EUPHORION
Nein, nicht als Knabe ich erscheine,
Die Jugend kommt bewaffnet, siehe,
Im Geiste ist er schon ein Fürst,
Ist einer von den starken, kühnen.
Jetzt gehe ich! Jetzt, siehe da,
Der Weg zum Ruhm strahlt auf für mich.
EUPHORION
Seht ihr denn nicht den Wellendonner?
Durchs Tal die Nymphe Echo ruft,
Die Heere stehn in Sand und Schaum,
So Schar auf Schar in banger Ernte,
Verstehen das Kommando sie,
Es ist der Tod für alle jetzt.
EUPHORION
Soll ich es sagen aus der Ferne?
Ich werde eure Sorgen teilen.
EUPHORION
Ich bin beflügelt,
Werde nicht warten,
Denn ich muss vorwärts,
Lasset mich fliegen!
(Er stürzt sich in die Luft: seine Kleider tragen ihn einen Augenblick, sein Kopf ist erleuchtet und
ein Lichtstreifen folgt ihm.)
CHOR
O Ikarus, o Ikarus!
Er ist nicht mehr! Wir seufzen wehe.
(Ein schöner Jugendlicher fällt zu den Füßen der Eltern. Wir sehen eine bekannte Form in der
Leiche, aber der physische Teil verschwindet auf einmal, während eine Aureole wie ein Komet in
den Himmel steigt. Das Kleid, der Mantel und die Lyra bleiben auf dem Boden.)
(Pause)
CHOR
O lass ihn nicht allein! Gleich, wo du bist,
Wir glauben über dich das Folgende:
Obwohl der Tag uns scheidet nun von dir,
Wird dennoch keine Seele dich vergessen.
Wir wünschen nicht den Bleibenden die Trauer,
Wir singen voller Neid des Toten Schicksal.
Dir gab das allerhellste Licht des Himmels
Die wahren Lieder und den großen Mut.
Geboren wurdest du fürs Erdenschicksal,
Von edlem Stammbaum und von guter Macht,
Als Jugendlicher gingst du in die Irre,
Du wurdest früh schon von uns fortgenommen.
Die Seele sah die Welt in klarer Schau,
Des Herzens Sehnsucht hatte sie verstanden,
Die Glut der Leidenschaft für eine Frau,
So sang die Seele mit der schönsten Kunst.
Unwiderstehlich lief er doch vergebens
Im Netze ohne Disziplin. Er ist
Geschieden von der Welt mit Heftigkeit,
Nach der Gewohnheit und der festen Regel,
Bis endlich, durch das Denken tief geworden,
Du Mut gefunden hast und mehr Gewicht,
Du wolltest Glanz und Gloria gewinnen,
Doch das war nicht dein vorbestimmtes Schicksal.
Ja, wessen Schicksal denn? Die düstre Frage
Lässt, ach, das Schicksal selber ohne Antwort,
Dieweil in Freudentagen unglückselig
Das stumme Blut gerinnt des ganzen Volkes.
Auch neue Lieder wird er wieder singen,
Nicht mehr sich beugen auf die schwarze Erde,
Die Erde wird ihn einmal noch erkennen,
Wie wir, die Weisen, ihn bereits erkannt.
(Sie umarmt Faust: ihr Körper verschwindet, nur ihr Kleid und Schleier bleiben in seinen Händen.)
DRITTER TEIL
ASMODÄUS
Ich hab gehört der Dissonanzen Klingeln
Von droben diesen Tag, von all den Schlingeln.
Die kindisch-mädchenhafte Stümperei,
Ganz im Geschmack bigotter Frömmelei!
Sie sehn voll Abscheu stets der Menge Masse
Und sehen als Ruine nur die Rasse.
Das dümmste Kompliment im ganzen Lande
Ist ein Gebet wie eine böse Schande!
Die Dandys kommen, will sie Heuchler heißen,
Die ganze Haufen Seelen uns entreißen
Mit unsern eignen Waffen, niemand schonen
Die Teufel, die verkleideten Dämonen.
An sie verlieren wir die Seelen nackt -
Auf, Faust, erneure deinen Teufelspakt!
ASMODÄUS
Verfluchte Schande, nun die Schuppen fallen!
Selbst Satan scheint hier auf den Kopf gefallen!
Die kreiseln hier, in Kurven, voller Schnelle,
Die stürzen ärschlings abwärts in die Hölle!
Ins heiße Bad im Inneren der Erde!
Ich aber fest hier weiter stehen werde.
ASMODÄUS
Mein Kopf und Herz verbrannt, die Leber brennt,
Das Feuer ist des Teufels Element!
Noch schärfer als die Glut der Höllennacht,
Das ist es, was euch Menschen weinen macht,
Der Liebe Pech! Verschmähte und Betrübte,
Die Augen wendet, schaut die Vielgeliebte!
Ich auch! Ich winde mich wie Liebestoren!
Ihr Engel, sind wir nicht dem Krieg verschworen?
Ich bin euch spinnefeind und eurem Wort,
Doch nun hat fremde Macht mein Herz durchbohrt!
Ich möchte gern die lieben Knaben suchen,
Doch was hält mich zurück, euch zu verfluchen?
Und wenn ich mich betören lass von vielen,
Wer wird den Clown dann in der Zukunft spielen?
Die Luftikusse, Schüler, die ich hasse,
Wie gern ich jedes Kindchen nun umfasse!
Ihr süßen Knaben, sagt mir, seid gerecht,
Seid ihr nicht Teil von Luzifers Geschlecht?
Ihr seid so schön! Ich möcht euch küssen! Schnelle!
Es fühlt sich an, das ist die beste Stelle!
Ja, habewn wir uns tausendmal getroffen,
Wie Kater lüstern, was bleibt da zu hoffen?
Die Huld mit jedem Blick erquickt mein Ich,
Kommt näher! Einen Blick nur noch auf mich!
DIE ENGEL
Wir sind ja da, was bangst du in dem Leibe?
Und kannst du uns ertragen, nun, so bleibe!
(Sie erheben sich und reißen den unsterblichen Teil des Faust hinan.)
PATER SERAPHICUS
Geboren, Knaben, in der Mitternacht,
Geist-Seele halb enthüllt in ihrer Pracht,
Für ihre Eltern, ach, verlorne Gabe,
Doch für die Engel ganz gewisse Habe.
Sie wissen, wer Gefühle liebt, die Frommen,
Ist ihnen nahe, wenn sie zu mir kommen:
Doch von dem Erdenweg und dem Bewegen
Ist nichts an ihnen mehr, ist nur noch Segen!
So kommt in meine Augen, Licht zu spenden,
Ich seh mit euren Augen Seher-Träume,
Will euren Blick als meinen nun verwenden,
Um anzustaunen all die schönen Räume!
PATER SERAPHICUS
Steiget nach oben zur höchsten der Sphären,
Ewig zu wachsen und ewig zu lehren,
Während in reiner und ewiger Weise
Macht euch die göttliche Gegenwart weise.
Geistiges Trankopfer ist es voll Duft,
Ist dort gemischt mit der Freiheit der Luft,
Apokalypse der Liebe, gestaltet,
Seligkeit ist dort in Freuden entfaltet.
DIE ENGEL (fliegend in der höchsten Atmosphäre, mit sich führend die Entelechie des Faust.)
Er entkam, das edle Glied
Aus der Geistwelt, dieses Lied
Gottes konnten wir erlösen
Aus dem Todesnetz des Bösen.
Den, der glaubt in seiner Not,
Retten wir vorm zweiten Tod.
Wer in schöner Liebe lebt,
Die von oben zu ihm schwebt,
Trifft das Gottesvolk der Frommen
Voll von Liebe und Willkommen.
DIE KNABEN
Freudig empfangen wir ihn als Puppe,
Segensreich wie des Sternes Schnuppe,
Dass wir erreichen, von oben befreit,
Das Unterpfand unsrer Glückseligkeit.
Lasst alle Fäden verloren gehen,
Die ihn wie Spinnennetze umwehen.
Er ist bereits vom Himmel gesegnet:
Er ist der Schönen Liebe begegnet!
MARIA MAGDALENA
Ich beschwör dich bei der süßen
Liebe zu den Füßen, Gott,
Tränen lass wie Balsam fließen
Trotz des Pharisäers Spott,
Ich beschwör dich bei dem Öle,
Welches duftete so süße,
Bei den Locken meiner Seele,
Die getrocknet deine Füße.
MARIA ÄGYPTIACA
Bei Jerusalem, dem Orte,
Wo der Corpus Christi lag,
Bei der Warnung jenen Tag,
Die mich fortstieß von der Pforte,
Ich beschwör dich bei der Buße,
Die ich tat im Wüstenland,
Und beim Wort zu meinem Fuße,
Das ich malte in den Sand.
ALLE DREI
Die du gönnst dein hohes Minnen
Allen schönen Sünderinnen,
Deren Lobpreis ihrer Buße
Legt sich hin vor deinem Fuße,
Steigt gen Himmel aus der Fehle,
Gönne der verlornen Seele,
Die gesündigt, die nicht rein,
Welche härter war als Stein,
Unermessliches Verzeihn!
UNA
O neige, du Gnadenreiche,
Du Reine, du Ohnegleiche,
Du strahlendes Himmelslicht,
Dein heiliges Angesicht,
Voll Barmherzigkeit, ach,
Mit meiner elenden Schmach!
Möge mein ewig Geliebter,
Der nun nicht mehr zu Tode Betrübter,
Dass er singe dir heilige Lieder,
Kommen zu seiner Geliebten wieder!
UNA
Er ist noch sich kaum bewusst
Himmlischer Geister himmlischer Lust,
Kennt kaum das Leben immerdar,
Nähert sich schon der Jungfrauen Schar.
Siehe, wie selig er in der Fülle
Nackt ist ohne irdische Hülle,
Findet wieder die Jugendlichkeit
In dem transparenten Kleid.
Ich will ihm weisen der Weisheit Gesicht,
Dass er sie schaue im ewigen Licht!
FRAGMENT
ERSTER GESANG
Wahrlich, ich sah den Markt und die Straße nie so verlassen!
Wie wenn alles gefegt wär, sieht mein Oldenburg aus nun,
Oder alle sind umgekommen! Nicht mehr fünfzig nun gibt es
Von den Bewohnern der Stadt! Was wird die Neugier nicht sehen!
Hier rennt jeder in Eile, um die traurigen Ströme
Syrischer Flüchtlinge anzuschauen, die elenden Leute.
Ja, sie kommen am Damm des Heiligen Geistes vorüber.
Alle eilen herzu in der sengenden Hitze des Mittags.
Ich, gut gläubig, wollt mich nicht von der Stelle bewegen,
Um die Sorgen zu bezeugen von flüchtenden Menschen,
Die mit wenig geretteter Habe sind hier her vertrieben,
Kommen von jenseits des Mittelmeeres, der syrischen Heimat,
Ihrem schönen Land, das im Bürgerkriege befindlich,
Kommen zu uns, und durch das grüne Ammerland schweifen
Sie und kommen hierher, gelegen an Hunte und Haaren.
Du hast Gutes getan, du meine treuherzige Doris,
Unser Sohn, der Thorsten, ist so freundlich gewesen,
Etwas zu bringen von Essen und Trinken und etliche Kleidung,
Dieses unter dem syrischen Volke lieb zu verteilen,
Denn, wie Jesus sagt, das Geben ist frommer als Nehmen.
Wie die Jugend den Wagen fährt und ist sicher am Steuer,
Welche Krontrolle hat er über die Stärke der Pferde,
Ist nicht unser Mercedes eine schöne Erscheinung?
Mit Bequemlichkeit sitzen vier im Innern des Wagens,
Und im Kofferraume ist Platz für Kisten und Kästen.
Diesmal ist er allein gefahren mit unserem Wagen.
O wie leicht ist um die Ecke gerollt der Mercedes. -
So, als er saß auf der Bank vor seinem eigenen Hause,
Sprach der fromme Johann zu seiner treuherzigen Doris,
Er, der war der Wirt des sauberen Goldenen Löwen.
Drauf gab Antwort und sagte der treue und freundliche Johann:
Möchte doch unser Thorsten sie treffen und ihnen bescheren
Schwarzen Kaffee zu Stärkung und vom fettigen Braten,
Jeans und T-Shirts den Männern und lange Kleider den Frauen,
Und ein gutes Wort von der göttlichen Liebe zur Tröstung.
Aber was soll ich tun, was kann ich tun bei dem Elend?
Dieses Starren auf solche Leiden schmerzt meine Seele.
Mich betrüben die Nachrichten über so grausames Schicksal,
Schreibt die Nordwestzeitung täglich doch von dem Elend des Weltkriegs.
Wenig können wir geben nur und nur falten die Hände.
Lasst uns erneuern nun nicht mehr diese traurigen Bilder,
Weiß ich doch, wie gerne die Angst das Herz sticht des Menschen,
Ja, die Angst ist oft schlimmer als das eigentlich Böse.
Kommt nun, Ariadne und Gudrun, freundliche Damen,
Kommt mit Doris und mir in unsre dämmrige Stube,
Wo die sengende Sonne nicht sticht, die Schwüle nicht plagt uns,
Da die festen Mauern uns frische Kühle bescheren.
Dort wird Doris uns eine Flasche französischen Weines
Öffnen, roten Bordeaux, der wird den Kummer uns brechen.
Hier vor der Tür ist es gut nicht zu trinken in sengender Hitze,
Wespen summen und Fliegen hier um die Gläser voll Rotwein. -
So verlegte man die Beratung ins kühlere Zimmer.
ZWEITER GESANG
Ruhig und ernst gab Antwort der Sohn von Johann und Doris:
Wenn ich gehandelt, wie du es loben magst, heilige Gudrun,
Weiß ich es nicht, ich folgte dem, was mein Herz mir geboten,
Wie ich genau berichten werde. Liebliche Mama,
Lange hast du gewühlt in deinen älteren Sachen,
Sammelnd und wählend, dass nicht zu spät ein Bündel entstanden,
Auch für Wein hast du gesorgt und für knusprige Brote.
Als ich dann aus der Haustür trat und kam zu der Straße,
Strömte eine Schar von syrischen Flüchtlingen, Männern,
Frauen und Kindern, dahin und ich sah der Flüchtlinge Elend.
Schnell ging ich weiter und fuhr mit Schnelligkeit mit dem Motorrad
In das Heerlager, wo, wie ich hörte, sie ausruhen sollten,
Wo sie geduldig warten auf einen besseren Morgen.
Dahin die Alexanderstraße hinab ich mich stürzte,
Und da sah ich einen Karren mit manchem Gerümpel,
Neben dem Karren ging mit raschen Schritten ein Mädchen,
Und mit Wanderstöcken bei ihr gebrechliche Alte.
Vorwärts drängen sie jetzt, und jetzt mit langsamen Schritten
Bleiben sie zurück, geschickt lässt der Karren sich lenken.
Als das Mädchen mich wahrnahm, nahte sie still dem Motorrad,
Und sie wandte sich an mich mit den folgenden Worten:
Nicht so beklagenswert ist unser Zustand wie heute
Hier auf dieser Wanderung. Das ist nicht meine Gewohnheit,
Um Geschenke bei Fremden zu betteln, denn selten gibt gerne
Ein Germane, um loszuwerden den lästigen Bettler.
Aber die Not treibt mich zu sprechen. Hier ist eine Mutter,
Welche schwanger mit einer gesegneten Frucht ihres Leibes,
Die mit Ächzen und Stöhnen wanderte, kurz vor den Wehen,
In das Lager der Flüchtlinge, wo wir ausruhen wollen,
Wenn wir ankommen, sie ist vielleicht schon nieder gekommen.
Solltest du Wäsche jeglicher Art haben, gib sie der Mutter,
Wenn du voll bist von Nächstenliebe zum Herzen der Armen.
Darauf gab Antwort die Mutter und sagte: Du sollst nicht, mein Thorsten
Nachtragend sein und dich ärgern über die kindischen Mädchen,
Ja, die Menschen sind Kinder, und du liebst doch die Kinder.
Julie, mein ich, die Schöne, ist doch heimlich geschmeichelt.
Lass deine Auserwählte sein die entzückende Julie!
Nachdenklich sagte der Sohn: Ich weiß nicht, sind sie nur kindisch
Oder böse? Diese Kränkung sitzt tief mir im Herzen.
Nein, ich kann nicht mehr ertragen ihr Violoncello
Und ihre heuchlerischen Halleluja-Gesänge!
DRITTER GESANG
Als sie fort war, sprach also der milde lächelnde Vater:
Was für ein Volk sind die Frauen! Genau wie die lieblichen Kinder,
Kinder und Frauen wollen leben nach eignem Gefallen,
Während wir Männer nichts tun, als zu loben, zu schmeicheln.
Immer gilt doch das vertrauenswürdige Sprichwort der Alten:
Wer nicht voran schreitet, der geht zurück im geistigen Leben.
VIERTER GESANG
Da gab der arme Junge sich ganz seinem Kummer hin, weinend
Lag er am tröstenden Busen seiner heiligen Mutter,
Und er gab Antwort gebrochen: Wahrlich, die Worte des Vaters
Haben mich verletzt, die Worte, die ich nicht verdient hab,
Heute nicht, noch zu irgend einem anderen Zeitpunkt,
Denn es war früh meine heilige Pflicht, die Eltern zu ehren.
Keiner wusste mehr vom Leben, so dachte ich immer,
Keiner war reicher an Altersweisheit, so dachte ich immer,
Als die Eltern, die mich gezeugt und hatten mit Strenge
Mich erzogen die Zeit meiner Kindheit, die seligen Tage.
Vieles von meinen Spielkameraden ertrug ich in Wahrheit,
Doch ward mein Wohlwollen, das ich ihnen bereitwillig schenkte,
Oft mit Bosheit erwidert. Oft hab ich Schläge erduldet,
Um nicht verspottet zu werden als ein frömmelnder Feigling.
Aber wenn sie es wagten, meinem Vater zu spotten,
Wenn er sonntags spazieren ging mit der Frau in den Armen,
Würdiger Haltung, wenn sie seine Mütze verhöhnten
Oder die maritime Anstecknadel der Mütze,
Die er so stolz getragen wie einen Orden des Kaiserrs,
Drohend erhob ich die Faust und war bereit, mich zu prügeln.
Kam es zum Kampf, so schlug ich ihnen blutig die Nase.
Als ich älter geworden, da hatte ich viel zu ertragen
Von der Strenge des Vaters, gewaltsamen Worten, gerichtet
Eher an mich als an die andern, die schuldiger waren.
So der Parteivorstand der Sozialdemokraten geärgert
Hatte meinen Vater, ich musste den Ärger ertragen.
Hast du nicht Mitleid gehabt mit mir, dem gezüchtigten Sohne?
Vieles hab ich gelitten. Doch denk ich immer noch herzlich
Und mit Respekt an die Großmut der Eltern, der Fürsorge Mühe,
Gaben und Güter mir zu bescheren und reinliches Hochdeutsch
Und die Ehrfurcht vor Gott, der Großmutter lag sie am Herzen,
Und der Vater verstand die Klugheit, Vermögen zu sparen
Für den Sohn. Doch leider! Zu sparen, um später zu ernten
In der ungewissen Zukunft, das macht nicht glücklich,
Haufen auf Haufen und Haus auf Haus, das macht uns nicht selig,
Wen es auch schön ist, wenn man nicht leiden muss Elend und Hunger.
Auch der Vater wird alt und älter wird auch der Sprössling,
Soll ich die Sorgen von morgen tragen, mit Sorgen mich plagen,
Und die Freude des Tages verlieren, die seltenen Freuden?
Schau den Obstgarten an, das Maisfeld, des Weinkellers denke,
Fruchtbar ist die Mutter Natur und Gott ist uns gnädig!
Aber seh ich das Fenster meines Zimmers im Hause,
Ach, wie oft hab ich nachts da gelegen, den Mond angeschmachtet,
Oder die Sonne ersehnt, den einzigen Engel der Erde!
Wenige Stunden Schlaf nur gönnte der Mohn mir des Traumgotts,
Alles erschien mir einsam, Haus und Garten und Wäldchen,
Wie eine Wüste, die schmachtet nach der Liebe der Frauen!
FÜNFTER GESANG
Gib sie mir, Papa, sagte der Sohn zum heiligen Vater,
Sicher gewählt hat mein Herz, sie ist die Beste der Töchter!
Aber der Vater war stumm. Da hob sich die heilige Hirtin
Gudrun, ergriff das Wort und sagte: Der Augenblick ist es,
Der entscheidet. Fixiert ist doch das Leben der Menschen
Und es setzt sich durch mit Macht sein künftiges Schicksal.
Lange wird beraten, aber des Augenblicks Arbeit
Muss die Entscheidung sein. Der Weise allein kennt den Kairos.
Immer ist es gefährlich, sich mit andern vergleichen,
Wenn wir treffen die Wahl, wir so nur die Gefühle verwirren.
Thorsten ist rein. Von Kindheit an hab ich gekannt den Getauften,
Niemals als Knabe wollte er dieses und jenes erhaschen,
Was er wünschte, war auch für ihn das Gute und Beste,
Und er hielt daran fest. So musst du dich nicht verwundern,
Was du dir lange gewünscht hast, eine Braut deinem Sohne.
Es ist wahr, dass die gegenwärtige Frauen-Erscheinung
Nicht die Form deiner Wünsche trägt, wie du dirs gedacht hast,
Unsere Wünsche verbergen oft vor uns selbst die Objekte,
Die wir wünschen. Geschenke kommen von oben in Formen,
Wie sie der Himmel bestimmt. So missversteh nicht die Jungfrau,
Die jetzt von deinem guten und klugen Sohne geliebt wird!
Glücklich der Mensch ist, dem die Erste Liebe die Hand gibt
Und in dessen Herz nicht schmachten vergebens die Wünsche.
Seine ganze Haltung versichert mir, dass jetzt sein Schicksal
Ist entschieden. Wahre Liebe reift im Momente
Und der Jugendliche reift heran zu der Männlichkeit Stärke.
Er ist nicht leicht zu bewegen. Ich fürchte, wird sie ihm verweigert,
Wird seine Jugend ihm traurig vergehen, die sollte doch schön sein.
TORSTEN SCHWANKE
TRAGÖDIE
PERSONEN.
AKT I
SZENE I.
(Der Schlosspark, geschmückt mit den Symbolen deutscher Dichter. Auf der Vorderseite der Bühne
rechts Goethe, links Schiller. Evi und Anna.)
EVI.
Du siehst mich lächelnd an, Anna, und du siehst dich selbst an und lächelst wieder. Was hast du?
Lehre es mich, Freundin! Du scheinst nachdenklich und doch zufrieden zu sein.
ANNA.
Ja, Evi, ich sehe uns beide gerne hier in diesen ländlichen Kleidchen. Wir scheinen gesegnete
Hirtinnen zu sein, und wir sind genauso beschäftigt wie diese glücklichen jungen Mädchen: Wir
weben Kränze. Dieser mit Emaille-Blumen gezierte schwillt immer mehr in meiner Hand an; aber
du, mit einem Gefühl, höher, und mit einem größeren Herz, hast den eleganten und flexiblen
Lorbeer gewählt.
EVI.
Diese Zweige, die ich beim Träumen miteinander verflochten habe, fanden zuerst einen würdigen
Kopf: Ich lege sie mit Dankbarkeit auf den von Goethe.
(Evi krönt die Büste von Goethe.)
ANNA.
Und ich pflege mit meiner reichen und lachenden Krone die weite Stirn von Meister Schiller.
Er, dessen Hoheit niemals verdorren wird, empfing zuerst seinen Anteil am neuen Frühling.
EVI.
Mein Bruder ist charmant, uns jetzt hierher gebracht zu haben. Wir können alleine sein und
stundenlang im goldenen Zeitalter träumen. Ich liebe diesen Schlosspark, wo ich glücklich mehr als
einen Tag meiner Jugend verbracht habe; und dieses neue Grün und diese Sonne geben mir die
Eindrücke einer Zeit zurück, die es nicht mehr gibt.
ANNA.
Ja, eine neue Welt umgibt uns. Der Schatten dieser immergrünen Bäume wird schon angenehm; das
Murmeln dieser Brunnen stellt sich für uns bereits wieder her; die jungen Zweige schwanken, vom
Morgenwind geschaukelt; die Blumen in den Beeten lächeln uns mit ihren kindlichen Augen an; der
Gärtner öffnet souverän das Winterhaus aus Zitronen- und Orangenbäumen; der blaue Himmel ist
ruhig über unseren Köpfen.
EVI.
Ich würde mit großer Freude die Ankunft des Frühlings sehen, wenn er meine Freundin nicht von
mir wegnehmen würde.
ANNA.
Erinnere mich in diesen schönen Stunden nicht daran, oh Evi, dass es so nahe ist, dass ich dich
verlassen muss.
EVI.
Was du übrig hast, findest du zweimal in dieser großartigen Stadt.
ANNA.
Die Pflicht ruft mich, die Liebe ruft mich zum Bräutigam, der mir so lange geraubt war. Ich bringe
ihm seinen Sohn, den dieses Jahr schnell wachsen und sich formen gesehen hat, und ich werde seine
väterliche Freude teilen. Berlin ist groß und wunderschön, aber der Preis all seiner angehäuften
Schätze entspricht nicht den Juwelen von Oldenburg. Es sind die Menschen, die Berlin zu einer
berühmten Stadt gemacht haben: Oldenburg ist durch seine Herzöge großartig geworden.
EVI.
Noch mehr durch die hervorragenden Männer, die sich hier zufällig trafen und glücklich
wiedervereinigten.
ANNA.
Der Zufall verteilt leicht, was er sammelt. Ein edler Geist zieht edle Geister an und weiß, wie man
sie wieder herstellt, wie du es tust. Um deinen Bruder und dich sind Herzen versammelt, die deiner
würdig sind, und du bist deinen berühmten Ahnen gleichgestellt. Glücklicherweise wurde hier das
schöne Licht der Wissenschaft und des freien Denkens beleuchtet, als die Barbarei die Welt noch in
ihren schweren Schatten hüllte. Oldenburg wurde mit Rom und mit Berlin von meinem Vater sehr
gelobt. Ich wollte es oft sehen und bin jetzt hier. Hier wurde Tischbein begrüßt, von Fürsorge
umgeben, und Nietzsches Jugendfreund fand hier seine Vorbilder. Deutschland zitiert keinen großen
Namen, den dieses Haus nicht als Gast empfangen hat; und es ist vorteilhaft, Genie in seinem Haus
willkommen zu heißen; für das Geschenk der Gastfreundschaft, das wir ihm anbieten, hinterlässt er
uns ein schöneres. Der Aufenthalt, den ein großer Mann besuchte, ist geweiht.
EVI.
Die Ahnen!... Wenn sie stark nach dir riechen! Sehr oft beneide ich dich um dieses Glück...
ANNA.
Was du wie wenige Menschen ohne Lärm und ohne Mischung genießt. Wenn mein Herz, das
überläuft, mich dazu drängt, plötzlich auszudrücken, was ich scharf fühle, fühlst du es besser, fühlst
es tief und lautlos! Der Glanz des Augenblicks blendet dich nicht; Projektionen verführen dich
nicht; vergebens gleitet Schmeichelei geschickt in Richtung deines Ohrs. Dein Gefühl behält seine
Festigkeit und dein Geschmack seine Richtigkeit, dein Urteil seine Rechtschaffenheit; immer ist
dein Mitgefühl groß für das, was großartig ist, wo du dich befindest.
EVI.
Du solltest dieser extremen Schmeichelei nicht den Schleier intimer Freundschaft verleihen.
ANNA.
Freundschaft ist gerecht; sie allein kann das volle Ausmaß deiner Verdienste schätzen. Und bitte,
dass ich auch den Umständen, dem Vermögen, einen Teil deiner Kultur zuschreibe, wie auch immer
du es hast; nun, das ist es, was du bist. Und die Welt ehrt dich vor allen als die berühmteste Frau
deiner Zeit.
EVI.
Es kann mich kaum berühren, Anna, wenn ich darüber nachdenke, wie klein man ist; und was wir
sind, verdanken wir anderen. Die Kenntnis der alten Sprachen und der schönsten Werke, die uns die
Antike hinterlassen hat, verdanke ich meiner Mutter; dennoch war ihr keine ihrer Töchter in der
Wissenschaft und im Urteil jemals gleichgestellt; und wenn auch nur eine von uns mit ihr
verglichen werden soll, ist es sicherlich Claudia, die das Recht dazu hat. Ich kann dir also
versichern, dass ich nie als Titel oder Eigentum angesehen habe, was die Natur, was das Vermögen
mir gegeben hat. Ich gratuliere mir, wenn weise Männer sprechen, dass ich ihre Meinungen
verstehen kann. Es sei ein Urteil über einen Mann der Antike und über das Verdienst seiner
Handlungen; dass wir über eine Wissenschaft sprechen, die, durch Gebrauch entwickelt, für Männer
nützlich ist, indem man sie erhöht... Welche Richtung auch immer das Gespräch dieser edlen
Geister einschlagen mag, ich bin bereitwillig, weil es mir leicht fällt, ihnen zu folgen. Ich nehme
mit Vergnügen an den Debatten der Weisen teil, wenn die Stimme des Sprechers angenehm mit den
Kräften spielt, die so süß und so schrecklich sind und das Herz des Menschen erschüttern, wenn die
Leidenschaft der Grafen für Ruhm und Eroberungen zur Sache des Denkers wird und wenn uns eine
feine Politik, die von einem geschickten Mann genial entwickelt wurde, anstatt uns zu täuschen, uns
unterweist.
ANNA.
Und dann, nach diesen ernsthaften Gesprächen, ruhen unsere Ohren und unser Herz sanft auf den
Liedern des Dichters, der mit seinem süßen Akzent vermittelt die intimsten Seelen und die
liebenswürdigsten Gefühle. Dein erhabener Geist umfasst einen weiten Bereich: Ich liebe mehr die
Insel der Poesie unter den Lorbeerhainen.
EVI.
In diesem schönen Land (das wollten sie mir versichern) blühen Rosen mehr als andere Pflanzen
gern. Und obwohl die Musen zahlreich sind, versuchen wir selten, zwischen ihnen einen Freund,
einen Gefährten zu wählen, als den Dichter zu treffen, der uns zu meiden und sogar zu fliehen
scheint; er scheint nach etwas zu suchen, das wir nicht kennen, und das er am Ende vielleicht selbst
nicht kennt. Es wäre also sehr charmant, wenn er uns zur richtigen Zeit treffen würde, wenn er in
uns plötzlich entzückt den Schatz erkennte, den er lange Zeit vergeblich im riesigen Universum
gesucht hatte!
ANNA.
Ich muss mich dem Witz hingeben; die Linie hat zwar getragen, aber der Angriff ist nicht tief. Ich
ehre in jedem Mann die, die es verdient, und ich bin nur gerecht zu Torsten. Sein Auge bleibt kaum
auf dieser Erde stehen; sein Ohr erfasst die Harmonie der Natur; was die Geschichte bietet, was das
Leben darstellt, empfängt sein Herz sofort mit Eifer; sein Genie sammelt, was weit weg verstreut
ist, und sein Gefühl belebt leblose Dinge. Oft veredelt er, was uns vulgär erschien, und was wir
schätzen, wird von ihm vernichtet. Dieser erstaunliche Mann geht in diesem magischen Kreis, der
sein eigener ist, und lädt uns ein, mit ihm zu gehen, mit ihm zu fühlen: Er scheint sich uns zu
nähern, und er bleibt weit von uns entfernt; er scheint uns anzusehen, und vielleicht erscheinen ihm
an unserer Stelle wunderbare Engel.
EVI.
Du hast ein schönes und zartes Gemälde des Dichters gezeichnet, der in den Regionen
liebenswürdiger Träume schwebt. Aber die Realität scheint mir ihn auch anzuziehen und ihn
gleichzeitig kraftvoll zurückzuhalten. Die schönen Blätter, die wir manchmal an unseren Bäumen
finden und die uns wie goldene Äpfel mit ihren Düften einen neuen Garten der Hesperiden
darstellen: Erkennst du sie nicht alle als die anmutigen Früchte einer wahren Liebe?
ANNA.
Ich freue mich auch über diese schönen Gedichte. Mit einem abwechslungsreichen Geist feiert er in
all seinen Liedern ein einziges Objekt. Manchmal hebt er es in einem strahlenden Heiligenschein
bis zum Sternenhimmel und beugt sich wie die Engel mit Respekt vor diesem Bild; manchmal tritt
er in seinen Fußstapfen durch die friedliche Landschaft und flicht ausgerechnet eine Krone. Das
verehrte Bild geht zurück, er weiht den Weg, den seine hübschen Füße mit einem leichten
Spaziergang genommen haben. Versteckt im Busch, wie eine Nachtigall, sein Herz krank vor Liebe,
lässt er die Luft und den Hain mit seinen melodiösen Klagen widerhallen. Ihr bezaubernder
Schmerz, ihre köstliche Melancholie fesseln alle Ohren, und alle Herzen werden angezogen.
EVI.
Und wenn er das Objekt seiner Flamme nennt, gibt er ihm den Namen Maria.
ANNA.
Ich wäre schockiert, wenn er einen anderen feiern würde. Ich bin entzückt, dass er unter dieser
Zweideutigkeit seine Gefühle für dich verbergen kann. Ich möchte, dass er sich bei dem süßen
Klang dieses Namens auch an mich erinnert. Es ist hier nicht eine Liebe, die ihren Gegenstand
ergreifen, ihn ausschließlich besitzen, mit Eifersucht den Anblick einem anderen verbieten will;
wenn er in einer hinreißenden Betrachtung mit deinem Verdienst beschäftigt ist, kann er mir auch,
einer leichten Kreatur, gefallen. Es sind nicht wir, die er liebt, vergib mir, dass ich es gesagt habe!
Von allen Sphären überträgt er das, was er mag, auf einen Namen, und er lässt uns fühlen, was er
fühlt: Wir scheinen den Menschen zu lieben, und mit ihm lieben wir nur das Objekt. Das
Erhabenste, das wir lieben können.
EVI.
Du hast diese Wissenschaft gründlich studiert, Anna; du sagst mir Dinge, die mein Ohr kaum
berühren und die kaum in meine Seele eindringen.
ANNA.
Du, Schülerin von Platon, verstehst nicht, was ein Neuling vor dir zu stammeln wagt? Wenn es
stimmt, dass ich mich zu sehr getäuscht habe, aber ich habe mich nicht völlig geirrt, ich kenne ihn
gut. Amor zeigt sich in dieser edlen Schule nicht wie anderswo als verwöhntes Kind; es ist der
Jugendliche, der der Ehemann der Psyche war, der Sitz und Stimme im Rat der Götter hat. Hier und
da trägt er seine schuldige Raserei nicht von einem Herzen zum anderen; er wird nicht plötzlich mit
einem sanften Fehler an Schönheit und Gesicht gebunden und verfällt nicht durch Ekel und
Langeweile einer schnellen Vergiftung.
EVI.
Da ist mein Bruder. Lassen wir ihn nicht den Kurs erraten, den das Gespräch dieses Mal wieder
genommen hat; wir würden uns mit seinen Witzen abfinden müssen, bis unsere Kleidung seine
spöttischen Reden auslöscht.
SZENE II
EVI.
Ich habe ihn gestern und heute nicht gesehen.
ANNA.
Oh Graf, wenn ich mich nicht irre, wirst du die Schuld bald in fröhliches Lob verwandeln. Ich habe
ihn heute von weitem gesehen; er hielt ein Buch und einen Notizblock; er schrieb, er ging, er
schrieb. Ein Wort, das er mir gestern im Vorbeigehen sagte, schien das Ende seiner Arbeit
anzukündigen. Er denkt nur daran, ein paar kleine Details zu polieren, um endlich eine würdige
Hommage deiner Gnade zu erweisen, für die er so viele Töne hat.
EVI.
Ich bin mit der Reserviertheit einverstanden, der Vorsichtsmaßnahme, mit der er Schritt für Schritt
auf das Ziel zugeht. Durch die alleinige Gunst der Musen können so viele Worte zu einem Ganzen
verbunden werden. Und seine Seele nährt kein anderes Verlangen; sein Roman muss zu einem
regelmäßigen Ganzen abrundet werden; er will keine Geschichten nach Geschichten aufhäufen, die
sich über ihre Freuden amüsieren, und sich schließlich wie leere Worte in der Luft verlieren und uns
nur täuschen. Lass es, mein Bruder, denn Zeit ist nicht das Maß für ein gutes Werk, und damit die
Nachwelt es wiederum genießen kann, müssen die Zeitgenossen des Künstlers vergessen werden.
ANNA.
Also, Herr, wirst du von nun an alles für ihn tun, da du bis jetzt schon viel getan hast. Ein Talent
entsteht in der Stille, ein Charakter im Strom der Welt. Oh! Möge er seinen Charakter wie seine
Kunst in deinem Unterricht formen, Menschen länger meiden, und möge sein Misstrauen sich am
Ende nicht in Angst und Abneigung verwandeln!
EVI.
Vergessen wir nicht, mein lieber Bruder, dass der Mensch sich nicht von sich selbst trennen kann.
Wenn ein Freund, der mit uns gehen sollte, seinen Fuß verletzt, ziehen wir es vor, unseren Schritt zu
verlangsamen und ihm bereitwillig zu helfen.
EVI.
Erlaubst du uns, dich zu begleiten?
GRAF ANTON GÜNTHER.
Bleibt in Oldenburg und fahrt gemeinsam an die Nordsee, genießt die sonnigen Tage wie ihr wollt.
EVI.
Kannst du nicht bei uns bleiben? Kannst du nicht hier und in Berlin Geschäfte abwickeln?
ANNA.
Du nimmst Marco zuerst von uns weg, der sollte uns so viel über Venedig erzählen?
ANNA.
Als Freundinnen werden wir wissen, wie wir unsere Augen schließen können.
EVI.
(drehte sich zum hinteren Teil der Bühne um.)
Ich habe Torsten schon lange näher kommen sehen. Er geht langsam; manchmal hört er plötzlich
auf, als ob er unschlüssig wäre, dann kommt er schneller zu uns und hört wieder auf.
ANNA.
Nein, er hat uns gesehen, er kommt hierher.
SZENE III
TORSTEN
(Er hält ein gebundenes Buch in der Hand.)
Ich komme langsam, um dir eine Arbeit zu bringen, die ich dir immer gerne anbiete. Ich weiß zu
gut, dass sie immer noch unvollkommen ist, auch wenn sie fertig zu sein scheint; aber wenn ich
Angst hatte, sie dir unvollendet anzubieten, tut mir heute eine neue Angst weh: Ich möchte nicht zu
besorgt erscheinen, ich möchte nicht undankbar erscheinen; und, genau wie ein Mann, um seine
Freunde zu befriedigen und ihre Nachsicht zu verdienen, kann er ihnen nur sagen: Hier bin ich! Ich
kann nur sagen: Akzeptiere meine Arbeit.
TORSTEN.
Wenn du glücklich bist, ist das Buch perfekt; weil es dir in jeder Hinsicht gehört. Als ich über die
Arbeit nachdachte, kostete es mich Kraft; als ich die Linien meines Stiftes beobachtete, konnte ich
sagen: Dies ist meine Arbeit. Aber wenn ich genauer beobachte, was diesem Roman seinen eigenen
Wert und seine Würde verleiht, erkenne ich, dass ich es allein von dir habe. Wenn mich die
wohlwollende Natur mit einer großzügigen Laune befreit hat, bin ich ein glückliches Geschenk der
Poesie, bizarres Vermögen hatte mich mit barbarischer Gewalt davon vertrieben, und wenn das
schöne Universum mit all seinem Reichtum und seiner Pracht die Augen des Kindes anzog, war
sein junges Herz bald traurig über die unverdiente Not geliebter Eltern. Meine Lippen öffneten sich
zum Singen, ihnen entkam eine schmerzhafte Melodie, und ich begleitete mit schwachen Akzenten
die Schmerzen meines Vaters und die Qualen meiner Mutter. Du allein hast mich von diesem engen
Leben zu einer schönen Freiheit erhoben; du verbannst alle Sorgen aus meinem Gedanken; du hast
mir Unabhängigkeit gegeben, damit sich meine Seele öffnen und heldenhafte Akzente setzen kann;
und jetzt, wer auch immer mein Werk lobt, ich bin dir zu Dank verpflichtet, denn es gehört dir.
TORSTEN.
Oh! Wenn ich nur sagen könnte, wie sehr ich das Gefühl habe, von dir allein zu haben, was ich dir
präsentiere! Hat der obskure junge Mann Worte aus sich gezogen? Hat er sich das geschickte
Verhalten des Lebens Mariens vorgestellt? Die Wissenschaft des Glaubens, die jeder Heilige am
festgesetzten Tag mit Energie einsetzt, die Weisheit des Herrn, der Mut der Märtyrer, der Kampf der
Klugheit und Wachsamkeit, bist du es nicht, o weiser und tapferer Graf, der hat mich inspiriert wie
ein Genie, das es genießen würde, durch die Stimme eines Sterblichen seine erhabene und
unzugängliche Natur zu enthüllen?
EVI.
Nun genieße die Arbeit, die uns glücklich macht.
ANNA.
Sei glücklich mit deinem universellen Ruhm.
TORSTEN.
Dieser Moment ist genug für mich. Ich habe nur an dich gedacht, meditiert und geschrieben; dir zu
gefallen war mein höchster Wunsch; dich neu zu erschaffen war mein letztes Ziel. Wer die Welt in
seinen Freunden nicht sieht, verdient es nicht, dass die Welt sich um ihn kümmert. Hier ist meine
Heimat, hier der Kreis, in dem meine Seele gerne stehen bleibt. Hier höre ich, hier respektiere ich
das geringste Zeichen; hier spricht Erfahrung, Wissen, Geschmack: Ja, ich habe die gegenwärtige
Welt und die kommende Welt vor Augen. Die Menge führt den Künstler in die Irre und schüchtert
ihn ein: derjenige, der dir ähnelt, derjenige, der verstehen und fühlen kann, dieser allein muss
urteilen und belohnen.
GRAF ANTON GÜNTHER.
Und wenn wir die gegenwärtige Welt und die kommende Welt repräsentieren, sollten wir dein
Angebot nicht kalt annehmen. Das herrliche Abzeichen, das den Dichter ehrt, das die Helden selbst,
die ihn immer brauchen, sehen, ohne Neid um seinen Kopf zu gürten, treffe ich hier auf der Stirn
deines Vorgängers.
War es Zufall, war es ein Genie, das diese Krone geflochten und gebracht hat? Es ist nicht umsonst,
dass es sich uns hier anbietet. Ich höre Goethe zu mir sagen: „Warum ehrst du die Toten? Sie hatten,
als sie lebten, ihren Lohn und ihre Freude. Und wenn du uns bewunderst, wenn du uns ehrst, gib
auch den Lebenden ihren Anteil. Mein Marmor ist bereits gekrönt: Der grüne Ast gehört dem
Lebenden.“
(GRAF ANTON GÜNTHER nickt seiner Schwester zu; sie nimmt die Krone von Goethes Büste
und nähert sich Torsten Schwanke, der einen Schritt zurück tritt.)
ANNA.
Du verweigerst sie? Siehe, welche Hand dir die schöne, unvergängliche Krone präsentiert!
TORSTEN.
Ah! lass mich zögern! Weil ich nicht sehe, wie ich nach so einer Stunde leben kann.
EVI
(hebt die Krone)
O Torsten, beneide mich nicht um das seltene Vergnügen, dir ohne Worte zu sagen, was ich denke.
TORSTEN.
Ich empfange auf meinen Knien von deinen lieben Händen diese edle Last auf meinem schwachen
Kopf.
ANNA
(applaudiert)
Es lebe der, den wir gerade zum ersten Mal gekrönt haben! Möge die Krone für den bescheidenen
Mann gut geeignet sein!
EVI.
Dort wirst du mit brillanten Stimmen begrüßt; hier belohnt dich die Freundschaft mit wenig Lärm.
TORSTEN.
Oh! nimm es zurück von meiner Stirn, nimm es zurück! Sie verbrennt mir die Haare, und wie ein zu
feuriger Sonnenstrahl, der meinen Kopf treffen würde, verbraucht er die Kraft des Denkens in
meinem Gehirn. Eine fieberhafte Begeisterung rührt mein Blut. Vielen Dank! Das ist zu viel!
ANNA.
Im Gegensatz dazu schützt dieser Zweig den Kopf des Mannes, der in den sengenden Regionen der
Herrlichkeit wandeln muss, und erfrischt die Stirn.
TORSTEN.
Ich bin es nicht wert, die Erfrischung zu spüren, die mit ihrem Atem nur die Stirn der Helden
nachbilden sollte. O Göttin, nimm diese Krone ab und verändere sie inmitten der Wolken. dass sie
zu unermesslichen, unzugänglichen Höhen aufsteigt; dass mein Leben nach einem kontinuierlichen
Marsch in Richtung dieses Ziels dürstet.
TORSTEN.
Und wer Waffen ergreifen will, muss in seinem Herzen eine Kraft spüren, die er niemals versagt.
Ah! Ich vermisse sie jetzt. Sie lässt mich glücklich die einheimische Kraft, die mich lehrte, ständig
mit dem Unglück zu kämpfen, stolz mit der Ungerechtigkeit. Hat die Freude, die Bewegung dieses
Augenblicks das Mark meiner Knochen verzehrt? Meine Knie beugen sich. Oh Evi, du siehst mich
immer noch mich vor dir niederwerfen. Höre mein Gebet; nimm mir diese Krone weg. Wie aus
einem schönen Traum erwacht, wie fühle ich ein gestärktes Leben, ein neues Leben!
EVI.
Wenn du weißt, wie du das Talent, das die Göttin gibt, mit ruhiger Bescheidenheit tragen kannst,
lerne auch, diese Zweige zu tragen, das schönste Geschenk, das wir dir geben können. Derjenige,
den sie einst mit Würde gekrönt haben, wird sie immer um seine Stirn schwingen sehen.
TORSTEN.
Jetzt, dass ich in meiner Verwirrung von hier wegkomme. Auf, dass ich mein Glück in diesem
dichten Hain verstecke, wie ich dort meine Schmerzen versteckte. Dort möchte ich alleine wandern;
dort wird mich kein Blick an mein unverdientes Glück erinnern. Und wenn mir zufällig ein klarer
Brunnen in seinem klaren Spiegel einen Mann zeigt, der wunderbar gekrönt träumerisch im Spiegel
des Himmels, mitten in den Bäumen, mitten in den Felsen liegt: es wird mir scheinen, dass ich das
Elysium in diesem magischen Spiegel dargestellt sehe; ich werde mich schweigend beraten und
mich fragen, wer dieser Schatten sein kann, dieser junge Mann vergangener Jahrhunderte, der so
gnädig gekrönt ist. Wer wird mir seinen Namen, seine Verdienste sagen? Ich werde lange warten
und mir sagen: Oh! wenn da noch einer und noch einer käme, um mit ihm ein angenehmes
Gespräch zu führen! Oh! Wenn ich die Helden, die Dichter der Antike sehen würde, die sich um
diesen Brunnen versammelt haben! Wenn ich sie hier noch unzertrennlich sähe, wie eng sie zu
Lebzeiten verbunden waren! Da der Magnet durch seine Kraft Eisen mit Eisen verbindet, vereint
dieselbe Tendenz Helden und Dichter. Homer vergaß sich selbst; sein ganzes Leben war der
Betrachtung zweier Krieger gewidmet; und Alexander im Elysium beeilte sich, Achilles und Homer
zu suchen. Oh! wäre ich in ihrer Nähe, um diese großen Seelen jetzt wieder vereint zu sehen!
ANNA.
Aufwachen! aufwachen! Lass uns nicht das Gefühl haben, dass du die Gegenwart völlig ignorierst.
TORSTEN.
Es ist die Gegenwart, die meine Gedanken erhebt. Ich scheine abwesend zu sein: Ich freue mich!
EVI.
Ich mag es, zu sehen, dass du im Umgang mit deinen Genies eine menschliche Sprache sprichst,
und ich habe Freude daran, sie zu hören.
(Ein Knabe nähert sich dem Grafen und spricht mit leiser Stimme zu ihm.)
FRAGMENT
ERSTER TEIL
Was ich von der Geschichte des jungen W. sagen konnte, das habe ich hier nun alles aufgeschrieben,
ich lege es dem deutschen Volk vor und hoffe zu Gott, dass eines Tages das deutsche Volk – wenn
es sich bekehrt hat – mir noch danken werde. Mann kann den Leiden des jungen W. sein Mitgefühl
und Mitleid nicht entziehen, wenn man nicht gerade ein Herz wie ein Roboter hat. Und du, liebe
Seele in kommenden Zeiten, die du meine Muse liebst und mich gerne zum Freund hättest, wähle
diese kleine Schrift zu deiner Freundin in einsamen nächtlichen Stunden. Wer sich der Ewigen
Weisheit weiht, der verliert der Reihe nach alle Freunde, und wer verlangt nach der union mystique
à Marie, der muss bereit sein zur totalen Menscheneinsamkeit. Dem möge meine Muse Freundin,
Schwester und Trösterin sein.
AN BELLARMIN
5. Mai 1998
Ich bin nun endlich weg aus dem saudummen Ostfriesland, lieber Bruder, wo nicht nur die Zunge,
sondern auch der Geist platt ist! Ich bin nun angekommen im klassischen Oldenburg, dem Athen
Norddeutschlands. Pallas Athene und Amor schauen von allen Giebeln. Lieber, ein wenig hängt mir
noch nach die Geschichte mit der kleinen Marion aus der Herrlichkeit Dornum, die ich, denn ich bin
namensabergläubisch, mit der Jungfrau Maria verwechselt hatte. O die Ärzte hatten recht, ich habe
zu viel Phantasie! Und die Träume haben mir manchen Streich gespielt, ich hielt meine Träume für
Orakel der Himmlischen, und während ich die arme Kunigunde im Arm liegen hatte, träumte ich
von Madonna Marion-Maria, und mein Gewissen war gespalten, zwei Seelen wohnten ach in
meiner Brust, die eine wollte die irdischen Liebe mit Kunigunde genießen und die andere die
himmlische Liebe der Madonna Marion zu Füßen legen. Aber das liegt nun hinter mir, und ich
wünschte, ich könnte das alte platte Leben von mir abstreifen wie ein altes Kleid und neugeboren
ein ein neues, klassisches Kleid schlüpfen. Ja, mir scheint, ich habe sieben Leben. Ich war nicht nur
chinesischer Dichter in der Tang-Dynastie, ich war auch griechischer Odendichter auf Lesbos zur
Zeit von Sappho und Alkäus. Nun, ich kanns nicht lassen, zu schwärmen, zu träumen. Freund und
Bruderherz, nur wie von Metempsychose zu Metempsychose der unsterbliche Gottesfunken in der
Seele erhalten bleibt, so nehm ich deine Freundschaft und herzliche Bruderliebe mit in mein neues
Leben. Ecce homo!
Lieber Bruder, der du mir näher stehst als ein leiblicher Bruder, sei so gut, meiner treuen Mutter zu
sagen, sie solle sich keine Sorgen um mein finanzielles Fortkommen machen. Ich vertraue mich der
siebenfach verschleierten Gottheit namens Vorsehung an. Was meine liebe Tante Petheda betrifft, so
sag meiner Mutter, ich fand ihre Schwester nicht so unlieb, wie sie mir geschildert worden. Sie ist
eine Tochter Hiobs, am ganzen Leibe leidend und die Seele voll von Witwen-Einsamkeit, dazu hat
sich ihr einziger Sohn Joachim, ein Kommunist, von seiner Mutter losgesagt. Nun sitzt die einsame
alte Witwe in ihrer Gebrechlichkeit und Krankheit, nahezu erblindet, in ihrer Einsamkeit mit
gebrochenem Herzen da und wartet nur noch auf den Moment, der sie mit ihrem geliebten und
vergötterten Ehemann Arno im Jenseits wieder vereinigt wird. Und sie bat mich, dafür zu sorgen,
dass auf ihrem Grabe stehe der Spruch: Ich hab so wunderliche Schmerzen in meinem Herzen. Und
dass auf ihrer Beerdigung gesungen werde: Ich bete an die Macht der Liebe!… Gott sei ihrer armen
Seele gnädig! Was aber die Erbschaftsstreitigkeiten unter den Schwestern über das Erbe meiner
vergötterten Großmutter betrifft, so wird sich meine Großmutter im Grabe umdrehen, wenn sie
sieht, dass ihre Töchter das selige Angedenken ihrer all-liebenden Mutter entweihen durch den
Zungenzank um den schnöden Mammon. Du Narr, sagt der Menschensohn, wer hat mich unter euch
zum Erbschaftsverwalter eingesetzt? Niemand lebt davon, dass er viel besitzt. Du dachtest: Ich hab
mir mit Fleiß und Sparsamkeit bis zum Geiz und glücklichen Spekulationen ein kleines Vermögen
angehäuft, nun will ich die Rente genießen und Andalusien und Marokko und Kalifornien und Kuba
und Lesbos besuchen und immer gut und lecker essen, so denkst du, gottloser Narr, aber heute
Nacht wird der HERR deine Seele von dir fordern, und dann wehe dir, wenn du arm bist vor Gott!
Übrigens geht es mir gut in Oldenburg. Hier im Schlosspark oder in der Haaren-Niederung im
Schutz der Universität oder im botanischen Garten spazieren zu gehen, wenn die Sonne einen
liebevoll anlacht, ist ein offener Himmel auf Erden. So viele Gnaden strömen von der Frau in der
Sonne zu mir herab, und jede Gnade ist ein junges wunderschönes Mädchen! Ob blond, ob schwarz,
ob rot, ob braun, ich liebe alle schönen Fraun! Wenn ich dann sehe die Kohlweißlinge wie weiße
Seidenschmetterlinge um die Krokuskelche gaukeln oder im lichtblauen Äther (Vater Äther!
Heiter!) ihre Hochzeitstänze tanzen, dann denk ich, das auf griechisch Psyche sowohl Seele als auch
Schmetterling heißt, und dass sterbende Kinder kein Kreuz malen, sondern Schmetterlinge, und
dass wir alle Raupen sind, die eines Tages zu Schmetterlingen werden, doch ach, die Menschen um
mich sind nur dumme Raupen, die an nichts als ihren Kohl denken und lachen über den Träumer,
der sich für einen tanzenden Schmetterling hält! Ja, was Schmetterling, meine Seele, das wird nicht
gebraucht, das ist nicht nützlich, und die lieben Weiber wollen lieber, dass du ein belastbarer Esel
bist!
Die City ist mir unangenehm, zu viel Konsum und Materialismus. Aber die Natur! Da ist der schöne
Schlosspark, den einst Graf Anton Günther, der Friedefürst von Oldenburg, für seine Braut Sophia
angelegt hat. Hier liege ich unter der Blutbuche und die Venen meines Leibes fühlen sich
blutsverwandt mit den Venen der Blutbuche. Meine Schwester, das Leben! Und überall in der Natur
fühl ich quellen die heilige Grünkraft, wie sie aus Gott strömt, und in aller Grünkraft der heiligen
Mutter Natur empfinde ich einen immanenten göttlichen Eros, der mich berauscht und nüchtern
trunken macht! Und dann denk ich an den Friedefürsten, den Grafen von Oldenburg, und seine
göttliche Sophia, und ich besuche ihr Grab in der Lambertikirche und danke dem Grafen, dass er
Oldenburg weise vor dem dreißigjährigen Krieg bewahrt hat, dieser Erfindung des Teufels, um die
Christenheit in Deutschland zu spalten und zu schwächen, und ich verfluche jeden Krieg, und
gelobe der göttlichen Sophia meine treue Verehrung.
AN BELLARMIN
10 Mai 1998
Mein Freund, ich bin so ganz selig in diesem Wonnemond, dem Minnemond, dem Marienmond!
Die Sonne scheint, die Sonne heilt, die Sonne ist der einzige gute Engel der Erde. Der Frühling ist
Gottes Melodie, den Zebaoth auf seiner Harfe spielt, der Frühling ist der Glaube Gottes, der jedes
Jahr wieder zur Welt kommt, die heiligen Juden sagen, Gott hat die Welt im Frühling geschaffen, im
Frühling, da die Mutter Natur in ihrer heiligen Liturgie das Hohelied Salomos singt! Wenn ich so
die goldene Sonne sehe schimmern durch das transparente grüne Chlorophyll der Blätter der
Bäume, dann scheint mir die Luft eine geistige Person zu sein, dann scheint mir in den Blüten der
Bäume die Königin der Feen zu leben, dann sehe, dann schaue ich die weibliche Weltseele! Ich
liege dann auf der Wiese und beobachte die Hirschhornkäfer, die Maikäfer, die kleinen Marienkäfer.
Weißt du, warum die Marienkäfer nach Unserer Lieben Frau benannt sind? Sie vertilgen die
schädlichen Blattläuse wie die Madonna die Dämonen vertilgt. Und sie krabbeln über die
Grashalme, ich reiche ihnen meinen Finger, sie spazieren über meine Hand, als ob ich ein Grashalm
wäre. Leaves of grass! Gräslein, in Gottes Namen! Eine Novizin fragte mich, welche Blume ich
gerne wäre, und sie sagte, sie wäre am liebsten ein demütiger Grashalm. Und wenn dann die
Mücken im Sonnenuntergang tanzen, so tanzen sterbende Völker auf ihrem Vulkan – ach, vielleicht
ist das deutsche Volk auch schon ein sterbendes Volk! Und wenn ich durch mein Wäldchen
spaziere, und der goldene Strahl der Herrlichkeit der Sonne fällt durch das blaue Fenster des
Himmels in diesen grünen Dom der Natur, da hör ich alle vegetativen und animalischen Seelen in
ihrer göttlichen Liturgie anbeten den Schöpfer, und die Amseln und Tauben singen in ihren Chören
die himmlischen Hymnen zum Lobe des Schöpfers, und der Mensch neigt demütig und barhäuptig
sein Haupt vor der Herrlichkeit des Herrn! Da ist mein Herz so voll, so voll, so übervoll von
himmlischer Glückseligkeit und göttlicher Liebe, dass meine Kunst versagt, die wahren Wonnen
des Paradieses lassen sich doch in irdischen Worten nicht sagen, da verschwebt meine Seele im
schweigender Anbetung! O das ist fast zu groß für unsere unsterbliche Seele im sterblichen Körper,
und nur zu Zeiten erträgt der sterbliche Mensch die Fülle der himmlischen Wonnen!
Und dann weiß ich auch die Innenstadt zu schätzen. Nichts mehr sehe ich von Konsumtempeln,
nein, plötzlich spaziere ich durchs himmlische Jerusalem! Die Straßen sind aus goldenem Glas, die
Tore der Stadt aus Perlen, die Mauern aus weißem Jaspis! Und über die goldenen Gassen der
himmlischen Stadt spazieren lauter Gnaden – oder soll ich Grazien sagen – nicht Thalia und Aglaja
und Euphrosyne, wie die Mythendichter erfanden, sondern die heilige Ursula und ihre elftausend
Jungfrauen! Plötzlich duftet auch Arabien auf vom Kiosk, und die Huris und Peris umschweben
mich und laden mich ein zum Glase Wein, der keinen Kopfschmerz bereitet, und zum
Hähnchenbraten. Das ist die von der göttlichen Architektin Sophia erfundene Gartenstadt! Und
nicht Sonne und Mond erleuchten sie, sondern die weibliche Herrlichkeit des Herrn, die in der
goldenen Wolke vor mir einherzieht! Da fühl ich mich wie Moses, der die Feuersäule und die
Wolkensäule der Herrlichkeit sah. Da fühl ich mich wie Jakob, der die Himmelstreppe schaute und
schöne Engel hinauf und hinab in langen weißen Seidenkleidern wallen, da werde ich zum alten
Patriarchen der Genesis, um mich wimmeln Kinder und Kindeskinder, und Gott gibt seinen Segen!
AN BELLARMIN
Mein Lieber, du fragst, ob du mir Bücher schicken sollst? Ich bitte dich, lass das sein! Ich habe
tausende Bücher gelesen, um am Ende alle zu vergessen und nur eine kleine Handvoll bei mir
aufzubewahren, Propheten der Muse. Und wenn du mich fragst, es sind die Griechen! So bin ich
ganz in den wandernden Odysseus versunken. Ich habe mich aus den Armen der sinnlichen Kalypso
losgerissen, bin vom Meer verschlagen an eine der Inseln der Seligen und warte, ob mir Pallas
Athene ein göttliches Mädchen sendet. Überhaupt brauch ich keine Poeten, um mein Herz zur
Poesie zu treiben. Mein eigenes Herz ist beredsam geworden durch all die göttliche Liebe, die mich
inspiriert! Du weißt, mein Geist ist himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt! Wie oft hast du mich
ertragen müssen, wenn der dämonische Geist der Schwere mich niedergedrückt! Und der wahre
Gram geht nicht über in ein Lied. Und manchen Gesang, den ich dem Ewigen zu singen gesonnen
war, den hat mir die Schwermut weggezehrt. Krankhafte Melancholie ist der Fluch, der mich durchs
Leben treibt, und die ich wie eine geliebte Feindin zu lieben beginne. Aber dann kommt nach der
Niederfahrt zur Hölle auch die Himmelfahrt! Und wer dies nicht hat, dies stirb und werde, ist nur
ein armer Gast auf der trüben Erde. Ja, wem Gott die höchsten Wonnen der Glückseligkeit schenken
will, dass er tanzt mit dem Heiligen Geist, den muss er immer wieder führen durch die dunkle
Nacht der Seele. Aber heute bin ich wie ein kleiner kranker Knabe, und die allerzärtlichste Mutter
gewährt mir alle Wünsche. Sag das nicht den Christen, sie möchten es mir übel nehmen und mich
zu Askese und Demut ermahnen.
AN BELLARMIN
Das Volk von Oldenburg schließt mir sein Herz auf. Wenn ich in der Innenstadt einen Bettler sehe,
gehe ich zu ihm, gebe ihm die Hand, gebe ihm eine Mark, schaue ihm in die Augen und sage ein
freundliches Wort zu ihm. Und der Bettler gibt mir seinen Segen. So mancher Bettler ist wohl die
heimliche Inkarnation Jesu, der mir seinen Segen gibt. Und wie bin ich verliebt in all die jungen
blonden Verkäuferinnen in den Supermärkten, ich schaue ihnen in die Augen, lobe ihre schön
geflochtenen Zöpfe oder ihr Perlenarmband und bin ihr heimlicher Minnesänger, Hofpoet und
Ritter, und sie schenken mir dafür ihr huldvollstes Lächeln. Und wenn ich die Arbeiter sehe in
ihrem blauen Kittel, ergreift mich eine fast kommunistische Ehrfurcht vor diesen Helden des
Alltags, und ich komme mir recht demütig als ein Taugenichts und Grillenfänger vor. Aber vor
allem die Kinder der Armen sehen in mir ich weiß nicht was, den Rattenfänger von Hameln oder
Don Quichote auf der Wallfahrt ins Morgenland, sie jubeln über mich, und besonders die Knaben,
die leiden unter einem Tunichtgut von Erzeuger, wählen mich zum Vater, und so trag ich, wie eine
Große Mutter ihre neunzehn Brüste, eine Schar von jauchzenden Knaben vor mich her. Wie ist mir
dann zuwider der Intellektuellenhochmut, der die Armen verachtet, und selbst wenn er als Marxist
die Proletarier beschwört, so bleibt er doch in seinem Kastenstolz, der Lehrer, der Advokat, diese
Leute wollen den Arbeitern den Klassenhass beibringen, von oben herab, als Avantgarde, aber der
Arbeiter will gar nichts wissen vom Klassenhass.
Neulich fand ich einen Knaben am Wegrand, der vom Fahrrad gefallen war, die Kette vom Rad war
ab, der Knabe hatte sich am Bordstein das Knie wundgescheuert, er saß am Straßenrand und weinte.
Ich beugte mich zu ihm und tröstete ihn, als wenn ich seine Großmutter wäre, reparierte sein
Fahrrad, als wenn ich sein Vater wäre, gab ihm einen Segen, als wenn ich sein Pate wäre, und
schickte ihn heim zu seiner Mutter, als wenn ich Jesus wäre, der den Knaben von Nain vom Tode
auferweckte und ihn seiner Mutter wiedergab. Und all diese Kinder sind meine Kinder, und ich
habe mehr Söhne und Töchter als die Eheleute, die in ihrem Egoismus-zu-zweit sich nur um die
Früchte ihrer Lenden sorgen und um sonst niemand.
AN BELLARMIN
Ich habe Bekannte gefunden. Keine Freunde, nein! Nur so Leute, die einem durch Zufall über den
Weg laufen, und denen man sich aus Einsamkeit und Langeweile eine Zeit anschließt. Die
Menschen kommen und gehen, das Leben bleibt bestehen. Wie finden mich doch die Menschen so
sonderbar, so merkwürdig, halb scheine ich ihnen ein Weiser, und halb ein unbegreiflicher Narr! Ich
weiß nicht, warum die Menschen mich so meiden? Besonders die Frauen scheinen hellsichtig zu
sein und an meiner Stirn ein Zeichen zu lesen, dass ich nicht einer Frau allein je gehören darf, weil
ich verliebt bin – ich weiß nicht in wen! Ich liebe wohl die Weltseele oder die göttliche Liebe
selbst! Was sich aber so Mensch nennt, mit dem stolzen Namen homo sapiens, der wissende
Mensch, ist doch nur der homo faber, der arbeitende Mensch. Sie rennen jeden Tag auf ihre
Arbeitsstelle, um ja nicht zur Besinnung zu kommen und halten im übrigen die Arbeitssucht für die
beste Medizin gegen den Kummer der unerwiderten Liebe. Und wenn sie dann den Mammon
erworben haben, tun sie alles, um die freie Zeit totzuschlagen, mit Kartenspiel oder dem Götzenbild
des Antichristen auf dem Hausaltar, ich meine die Television, das Propagandainstrument des
Atheismus und der Kulturbarbarei. Und wenn einer einmal ein sinnvolles Gespräch beginnen will
über Philosophie oder Kunst, dann gähnen sie und holen das Kartenspiel hervor.
Aber manchmal findet man bei diesen kindischen Menschen doch noch eine gütige Hausfrau. Und
dann mag ich mich ab und an an ihren Tisch setzen und die Künste der kochenden Hausfrau
bewundern, wohl eine Seezunge mit Spargel und Kartoffeln essen, auch einen Spaziergang machen
mit Mann und Frau und mit der Frau über die Zukunft der Töchter reden. Nur darf ich dann nicht
daran denken, dass viele Geheimnisse der Nacht auf mich warten und viele Visionen und
Offenbarungen, für die den Weltkindern der sechste Sinn mangelt, denn dann sehne ich mich zurück
in meine innere Einsiedlerzelle, um zu reden mit Heiligen und Engeln und Toten. Ich hatte in
meiner Jugend einmal ein leeres Buch, in das ich meine ersten Liebesgedichte schrieb, das trug den
Titel: Notizen eines verkannten Genies. Ja, nun denn, das ist wohl mein Schicksal zu Lebzeiten, das
war providentiell.
Ach dass ich die erste Liebe meiner Jugend verloren habe! Ach, dass ich sie nie kennen gelernt
hätte! Sie schien mir der Sinn meines Lebens, und als sie mich verlassen, hatte mein Leben seinen
Sinn verloren!… Andere kennen die Madonna nur den Texten und Bildern nach, aber ich hab sie
gesehen, sie stand leibhaftig vor mir auf >Erden und legte ihre Hände segnend auf mein Haupt und
erzählte mir von ihren Visionen! Wie waren wir weise, wenn wir die Dummheit von Karl Marx
auslachten! Wie waren wir eins, wenn wir Lao Tse verstanden! Wie vertraut war mir mit ihr der
Sternenhimmel, wie verstand ich die Sprache der Pferde, konnte ich deuten den Flug der Schwalben
und die Schrift der Wolken! Sie war wohl die inkarnierte Weltseele? Aber als sie mich verließ,
begann in meiner Jugend schon der Winter meines Lebens, der klang wie ein Klagelied von Franz
Schubert! Sie aber ging nach Italien, nein, wie sie bezeugte, nicht nach Italien, sondern – ins
Paradies!
Ich lernte eine Studentin namens Regina kenen, sie studierte Altphilologie, las Homer und Platon im
Original, las Vergil und Augustinus auf Latein, bezeugte aber von sich selbst, dass sie verblendet sei
von Ate… Dazu war sie hässlich wie eine thessalische Hexe. Aber sie erzählte mir von Phidias und
Praxiteles, von der Venus von Milo und der knidischen Aphrodite, von Tizians Venus von Urbino,
von Botticellis Geburt der Venus, von Raffaels Galathea und den drei Grazien Aglaja, Euphrosyne
und Thalia. Das bildete mein Schönheitsideal. Die Närrin ließ ich aber gehen in ihre Veganer-
Religion.
Noch einen Gentleman lernte ich kennen, einen Computer-Fachmann, a very sophisticated
gentleman. Man muss ihn sehen, wenn er mit seiner Frau und seinen Töchtern spielt. Besonders von
seiner jüngsten Tochter ward viel gerühmt, sie habe ein Antlitz von makelloser Schönheit und
erinnere an Jeanne d‘Arc und die sechzehnjährige Amazonenkönigin Penthesilea! Er wohnte im
Herzogtum Rastede nahe am Schloss, wo ich ihn manchmal besuchte und für seine schöne
dreizehnjährige Tochter schwärmte.
Sonst sind mir nur noch unerträgliche Fratzen der Torheit begegnet, fromme Narren, die ein
unglaubliches Geschrei von der Torheit ihrer Sekten machten. Unerträgliche Fanatiker und
Barbaren, an denen alles unausstehlich war, besonders ihre Freundschaftsbezeigungen. Solche
Narren, die den Weisen für einen Narren halten, sind widerliche Feinde im Schafspelz eines
Freundes und Bruders.
Adieu, mein Bellarmin! Mein Brief wird dir lieb sein, er ist ganz historische Wahrheit.
AN BELLARMIN
Am 22. Mai
Die Welt ein Traum! Das sagten schon Calderon und Schopenhauer. Wenn Tschuang Tse träumt, er
sei ein Schmetterling, ist er dann Tschuang Tse, der träumt, er sei ein Schmetterling, oder ist er ein
Schmetterling, der träumt, er sei Tschuang Tse? Frag das einmal Knaben, mit denen lässt sich noch
herrlich philosophieren! Aber was sagen die praktischen, nützlichen Weltmenschen? Seht, da
kommt der Träumer! Das sind so rechte Brüder Josefs und Freunde Hiobs! Sie jagen den ganzen
Tag den Geschäften nach und machen sich viel Sorgen um ein gutes Essen, ihr Sonntagsgottesdienst
ist das Tortenessen, sie verwöhnen ihren lüsternen Leib und halten die Gesundheit für das Höchste
Gut. Sie sparen und geizen, um in der Rente das Leben in vollen Zügen genießen zu können und
ahnen nicht, dass Gott zu ihnen sagt: Du Narr! Heute Nacht wird dein Leben von dir gefordert! Und
dann siehst du, reicher Mann, wenn du im Feuer brennst, den armen Lazarus schweben in Mariens
Schoß, und das brennt dich, das vergeblich zu betrachten! Wie scheint mir das Welttreiben so
sinnlos! Da möchte man am liebsten schweigen und sich in eine Waldeinsiedelei zurückziehen, um
Psalmen zu singen und Rosenkränze zu meditieren, wo einem Raben des morgens und abends
Fleisch bringen und die Engel gebackenes Brot und kalte Milch! Da lebe ich dann in meinen
Träumen, und meine Träume scheinen mir mehr Substanz zu haben als das Irrenhaus des
Welttheaters! Da scheinen mir die sogenannten Lebenden wie Zombies oder programmierte
Roboter, aber die sogenannten Toten wahrhaft lebendig, ganz Herz und Seele und Liebe und Geist!
Die Erwachsenen meinen, die Kinder seien dumm. O glaube ihnen nicht. Was haben denn die
Erwachsenen den Kindern voraus als eine lange Anhäufung von Schuld? Schau in eines kleinen
Kindes Augen, und du siehst den Himmel! Schau in eines erwachsenen Mannes Augen, und du
siehst Neid und Eifersucht und Groll und Bitterkeit und Feindschaft und Hass und Begierde, die
Früchte des Teufels! Und sind die Erwachsenen denn vernünftiger? Sie wissen nicht, woher sie
kommen und wohin sie gehen und scheren sich einen Dreck um den Sinn des Lebens, sondern wie
die Knaben lassen sie sich regieren von Süßigkeiten und Näschereien, die Frauen von Schokolade
und die Männer von Frauenleibern. Den lieben Gott lassen sie alle einen guten Mann sein. Dagegen
lobe ich mir die große Gottesliebe der Kinder! Nein, die Kinder sind weiser als die großen Narren!
ii
iii
iv
huri:
heute stehe ich auf der wache
vor dem paradies-tor
ich weis nicht genau wie man das macht
du siehst so misstrauisch aus
dichter:
nicht so viel federlesen
lass mich immer rein
denn ich war ein mann
und das bedeutet ein kämpfer zu sein
huri:
draußen im freien
wo ich zum ersten mal mit dir sprach
ich wache oft am tor
nach den geboten
dort höre ich ein seltsames flüstern
eine welle aus tönen und silben
das ist es was hereinkam
aber niemand ließ sich sehen
dann verblasste es etwas zu klein
aber es klang fast wie deine lieder
ich erinnere mich daran
dichter:
ewig geliebte wie zärtlich
erinnerst du dich an unsere hochzeit?
was auch immer in irdischer luft und kunst
für töne kommen lese sie bitte
sie gehen alle nach oben
viele verblassen da unten
andere schweben mit geisterflug
wie das geflügelte pferd des propheten
steh auf und blase die flöte
draußen am tor
kommt dir so etwas in den sinn mit deinem spiel?
lass es freundlich bemerken
verstärke das echo süß
dass es wieder nachhallen könnte
und sei vorsichtig
dass jedenfalls
wenn er kommt seine geschenke
nutzen allen
dies wird beiden welten dienen
mögen sie ihn freundlich belohnen
auf eine liebevoll gefügige art und weise
sie ließen ihn bei sich wohnen
alle guten sind genügsam
aber du gehörst mir
ich werde dich nicht aus dem ewigen frieden entlassen
du sollst nicht zur wache gehen
schicke eine alleinstehende schwester dorthin
vi
dichter:
deine liebe dein kuss erfreut mich
ich mag es nicht geheimnisse zu erfragen
aber sag mir ob an irdischen tagen
warst du schon mal darin?
es ist mir oft so passiert
ich wollte es beschwören ich wollte es beweisen
du wurdest mal sulamith genannt
huri:
wir sind aus den elementen gemacht
aus wasser feuer erde luft und äther
und irdischer duft
er ist nicht wie unserer
wir werden nie zu euch hinabsteigen
aber wenn du bei uns zur ruhe kommst
wir haben viel zu tun
denn siehe wie die gläubigen kamen
so gut empfohlen vom propheten
aus dem paradies
da waren wir wie er befohlen hat
so freundlich so charmant
dass die engel selbst uns nicht erkannten
nur der erste zweite dritte
sie hatten schon mal eine favoritin
es waren böse dinger gegen uns
aber sie dachten wir wären weniger
wir waren schön spirituell lebendig
die muslime wollten wieder heruntergehen
jetzt uns himmlisch hochgeborenen
ein solches verhalten war sehr abstoßend
wir haben uns verschwörerisch aufgeregt
wir haben von zeit zu zeit darüber nachgedacht
als der prophet durch den ganzen himmel ging
wir passten seiner spur auf
als er zurückkam verpasste er uns nicht
das geflügelte pferd musste stehen
da hatten wir ihn in der mitte
freundlich ernsthaft nach dem brauch des propheten
wurden wir kürzlich von ihm kontaktiert
aber wir waren sehr unzufrieden
um seine ziele zu erreichen
wir sollten einfach alles dulden
so wie du gedacht hast sollten wir denken
wir sollten wie deine geliebte sein
unsere selbstliebe war verloren
die mädchen kraulten hinter ihren ohren
aber wir dachten im ewigen leben
du musst dich allem hingeben
jetzt sieht jeder was er gesehen hat
und was ihm dort passiert ist passiert ihm hier
wir sind die blonden wir sind die brünetten
wir haben launen und stimmungen
ja nun ich schätze manchmal ist es etwas schlaff
jeder denkt dass er zu hause ist
und wir sind frisch und glücklich darüber
dass sie denken dass sie es sind
aber du hast einen freien sinn für humor
ich komme dir wie ein paradies vor
du ehrst den blick den kuss
und wenn ich auch nicht sulamith wäre
aber weil sie allzu reizend war
sah sie aus wie ein haar auf meinem kopf
dichter:
du blendetest mich mit himmlischer klarheit
es ist jetzt täuschung oder wahrheit
genug ich bewundere dich vor allen anderen
um ihre pflicht nicht zu verpassen
um einem deutschen zu gefallen
spricht einen huri in freien versen
huri:
ja selbst du lalle nur unverschämt
wie es aus deiner seele kommt
wir paradiesischen genossinnen
sind worten und taten der reinen bedeutung geneigt
die tiere weißt du sind nicht ausgeschlossen
wer gehorsam ist wer treu ist
ein freches wort kann deine huri nicht ärgern
wir spüren was vom herzen spricht
und was aus neuen quellen kommt
ihm ist es erlaubt im paradies zu fließen
vii
huri:
du willst wieder meine hand halten
weißt du denn wie viele Äonen das sind
die wir leben bereits im vertrauen zusammen?
dichter:
nein ich will es auch nicht wissen
abwechslungsreicher frischer genuss
ewiger keuscher brautkuss
wenn jeder moment durch mich hindurch strahlt
was soll ich fragen wie lange wird es dauern?
huri:
du bist ab und zu abwesend
ich kann es ohne takt und zahl sehen
du hast nicht verzweifelt im universum
bis in die tiefen GOTTES hast du dich gewagt
sei jetzt auch für deine geliebte da
hast du das lied noch nicht beendet?
wie klang es draußen am tor?
wie klingt das? ich will nicht stärker in dich dringen
sing mir die lieder an sulamith vor
denn weiter kommst du nicht im paradies
viii
ix
GOETHES SUSANNE
Da es heute nicht mehr möglich war, Frau Susanne rechtzeitig zu erreichen, frühstückte die ganze
Familie in Eile, bedankte sich mit versteckten Glückwünschen und ließ die zurückgelassene
Geschirrschublade mit den für die Jungfrauen bestimmten Geschenken etwas üppiger und
bräutlicher als am Vortag zurück, worüber sich der gute Mann sehr freute.
Diesmal ging die Reise früh los; nach einigen Stunden sahen wir in einem ruhigen, nicht zu breiten,
flachen Tal, dessen eine felsige Seite, leicht umspült von den Wellen des klarsten Sees, gut
reflektierte und anständig gebaute Häuser, um die herum ein besserer, sorgfältig gepflegter Boden,
in sonniger Lage, etwas Gartenarbeit begünstigte. Vom Garnboten in das Haupthaus eingeführt und
Frau Susanne vorgestellt, fühlte ich etwas ganz Eigenartiges, als sie uns freundlich ansprach und
uns versicherte: Es wäre für sie sehr angenehm, dass wir freitags, als ruhigstem Tag der Woche,
kamen, da donnerstags abends die fertigen Waren zum See und in die Stadt gebracht wurden. Auf
den eintreffenden Boten des Garnes, der sagte: „Daniel wird sie jederzeit herunterbringen“,
antwortete sie: „Sicherlich wird er die Geschäfte so lobenswert und treu erledigen, als wären es
seine eigenen.“ Er übernahm einige Aufträge von der freundlichen Wirtin und beeilte sich, seine
Geschäfte in den Seitentälern zu erledigen, wobei er versprach, in ein paar Tagen zurückzukommen
und mich abzuholen.
Ich fühlte mich jedoch recht seltsam; sobald ich das Haus betrat, hatte ich eine Vorahnung, dass sie
diejenige war, nach der ich mich gesehnt hatte; als ich sie längere Zeit ansah, war sie es nicht,
konnte es nicht sein, und doch, wenn ich wegsah oder sie sich umdrehte, war sie es wieder, so wie
in einem Traum Erinnerung und Phantasie ihr Wesen gegeneinander treiben.
Einige der Spinnerinnen, die mit ihrer wöchentlichen Arbeit gezögert hatten, brachten sie mit; die
Herrin, mit der freundlichsten Ermahnung zum Fleiß, marktete mit ihnen, überließ aber das
Geschäft zwei Mädchen, die sie Gretchen und Elise nannte, und die ich umso aufmerksamer ansah,
als ich herausfinden wollte, wie sie mit der Beschreibung übereinstimmten. Diese beiden Figuren
machten mich völlig verrückt und zerstörten jede Ähnlichkeit zwischen der Frau, die ich suchte,
und der Hausfrau.
Aber ich beobachtete sie umso genauer, und sie schien mir das würdigste, liebenswerteste Wesen
von allem, was ich auf meiner Bergreise sah. Ich war bereits hinreichend über das Gewerbe
informiert, um mit ihr mit Kenntnissen über das Geschäft sprechen zu können, das sie gut verstand;
sie war sehr erfreut über meine verständnisvolle Teilnahme, und als ich sie fragte, woher sie ihre
Baumwolle bezog, deren großen Transport über die Berge ich vor einigen Tagen sah, antwortete sie,
dass ihr gerade dieser Transport einen beträchtlichen Vorrat brachte. Die Lage ihres Hauses war
auch deshalb so günstig, weil die Hauptstraße, die zum See hinunterführt, nur etwa eine
Viertelstunde talabwärts führt, wo sie die Baumwollballen, die aus Triest bestimmt und an sie
adressiert werden, entweder persönlich oder durch einen Händler erhält, wie vorgestern geschehen.
Sie ließ den neuen Freund nun in einen großen, luftigen Keller schauen, in dem der Vorrat
aufbewahrt wird, damit die Baumwolle nicht zu sehr austrocknet, ihr Gewicht verliert und weniger
geschmeidig wird. Dann fand ich auch das, was ich schon im Detail wusste, meist hier gesammelt;
sie wies nach und nach auf dies und jenes hin, und ich interessierte mich sachkundig. Inzwischen
wurde sie ruhiger, ich konnte aus ihren Fragen schließen, dass sie vermutete, dass ich ein
Handwerker sei. Denn sie sagte, da die Baumwolle gerade erst angekommen sei, erwarte sie bald
einen Kommissar oder Teilnehmer an der Aktion in Triest, der in bescheidener Ansicht über ihren
Zustand das von ihr geschuldete Geld abholen würde; es stünde für jeden bereit, der sich
legitimieren könne.
Es war mir etwas peinlich und ich sah ihr nach, als sie mit einigen Befehlen durch den Raum ging;
sie kam mir vor wie Penelope unter den Dienstmädchen.
Sie kehrt zurück, und ich glaube, dass etwas Eigenes in ihr vorging. „Sie gehören nicht zur Klasse
des Kaufmanns“, sagte sie, „ich weiß nicht, woher ich mein Vertrauen nehme und wie ich mich
verpflichten kann, das Ihre zu fordern; ich möchte nicht in dieses Vertrauen eindringen, sondern es
mir gewähren, so wie es Ihr Herz gibt.“ Und ein fremdes Gesicht sah mich mit so vertrauten,
erkennenden Augen an, dass ich mich völlig durchdrungen fühlte und mich selbst kaum fassen
konnte. Meine Knie, mein Verstand, waren im Begriff, mich im Stich zu lassen, als sie
glücklicherweise in großer Eile abgerufen wurde. Ich konnte mich erholen und meinen Entschluss
stärken, so lange wie möglich an mir festzuhalten, denn ich hatte das Gefühl, dass mir eine andere
unglückliche Beziehung drohte.
Gretchen, ein gütiges, ruhiges Kind, führte mich, mir die künstlichen Gewebe zu zeigen; sie tat es
weise und ruhig, und ich schrieb, um ihre Aufmerksamkeit zu beweisen, das, was sie mir erzählte,
auf meine Tafel, wo es immer noch steht, als Zeugnis eines rein mechanischen Vorgangs, denn ich
hatte ganz andere Absichten; es lautet wie folgt:
„Der Eintrag sowohl des getretenen als auch des gezogenen Webens erfolgt, wie es das Muster
erfordert, mit weißem, locker gezwirntem, sogenanntem Muggengarn, manchmal auch mit türkisrot
gefärbtem, und ebenso mit blauen Garnen, die auch für Streifen und Blumen verwendet werden.“
„Beim Scheren wird der Stoff auf Rollen gewickelt, die einen tischähnlichen Rahmen bilden, um
den mehrere Personen sitzen.“
Elise, die unter der Schere saß, steht auf, gesellt sich zu uns, ist damit beschäftigt, sich
hineinzureden, und zwar so, dass sie nur durch Widersprüche in die Irre geführt wird; und als ich
Gretchen trotzdem mehr Aufmerksamkeit zeigte, ging Elise herum, um etwas zu holen, zu bringen,
und dabei, ohne durch die Enge des Raumes gezwungen zu sein, streichelte sie meinen Arm mit
ihrem zarten Ellbogen zweimal merklich bedeutsam, was mir nicht besonders gefallen wollte.
Die Gute-Schöne (sie verdient es, so genannt zu werden, besonders wenn man sie mit den anderen
vergleicht) holte mich im Garten ab, wo wir die Abendsonne genießen sollten, bevor sie sich hinter
den hohen Bergen versteckte. Ein Lächeln schwebte um ihre Lippen, wie es ist, wenn man zögert,
etwas Angenehmes zu sagen; auch ich fühlte mich in dieser Verlegenheit ganz reizend. Wir gingen
nebeneinander her, ich wagte es nicht, ihr die Hand zu geben, so gerne ich es getan hätte; wir
schienen beide Angst vor Worten und Zeichen zu haben, die der Öffentlichkeit die glückliche
Entdeckung nur allzu bald offenbaren konnten. Sie zeigte mir einige Blumentöpfe, in denen ich
gesprossene Baumwollpflanzen erkannte. „So nähren und pflegen wir die Samen, die für unser
Geschäft nutzlos, ja sogar ekelhaft sind und die mit der Baumwolle einen so langen Weg zu uns
zurücklegen. Es geschieht aus Dankbarkeit, und es ist unsere eigene Freude, den lebendig zu sehen,
dessen tote Überreste unsere Existenz beleben. Sie sehen hier den Anfang, die Mitte ist Ihnen
vertraut, und heute Abend, wenn das Glück mitspielt, einen angenehmen Abschluss.“
„Wir, als Hersteller selbst, oder ein Händler, bringen unsere eingehenden Waren am
Donnerstagabend in das Marktschiff und kommen so, in Gesellschaft anderer, die das gleiche
Geschäft betreiben, am Freitagmorgen in der Stadt an. Hier trägt jeder seine Ware zu den Händlern,
die in großem Umfang Handel treiben, und versucht, sie so gut wie möglich zu verkaufen,
akzeptiert aber nur die Nachfrage nach Rohbaumwolle an Zahlung statt.“
„Aber es ist nicht nur der Bedarf an Rohstoffen für die Produktion und die Bareinnahmen, den sich
die Marktleute in der Stadt holen, sondern sie versorgen sich auch mit allen möglichen anderen
Dingen für ihre Bedürfnisse und ihr Vergnügen. Wann immer ein Familienmitglied auf einen Markt
in der Stadt geht, werden Erwartungen, Hoffnungen und Wünsche, ja sogar Angst und Bangen
geweckt. Es gibt Stürme und Gewitter, und man hat Angst, dass das Schiff beschädigt wird! Die
Gewinnsüchtigen warten darauf, zu erfahren, wie die Waren verkauft werden, und berechnen im
Voraus den Betrag des reinen Einkaufs; die Neugierigen warten auf Nachrichten aus der Stadt, die
sich gerne schön schmücken warten auf die Kleidung oder Modeartikel, die der Reisende
mitbringen soll; schließlich warten die Leckermäulchen und vor allem die Kinder auf das Essen,
auch wenn es nur Brötchen sind.“
„Die Abfahrt aus der Stadt dauert gewöhnlich bis zum Abend, wenn der See allmählich zum Leben
erwacht und die Schiffe über seine Oberfläche gleiten, entweder segelnd oder von der Kraft der
Ruder getrieben; jeder versucht, dem anderen zu erscheinen; und diejenigen, denen dies gelingt,
verspotten diejenigen, die gezwungen sind, zurückzubleiben.“
Es ist ein angenehmes, schönes Schauspiel über die Reise auf dem See, wenn der Spiegel des Sees
mit den angrenzenden Bergen warm beleuchtet wird und durch den Sonnenuntergang allmählich
immer tiefer schattet, die Sterne sichtbar werden, die Abendglocken zu hören sind, in den Dörfern
am Ufer Lichter angezündet werden, die im Wasser leuchten, dann geht der Mond auf und streut
seinen Schimmer über die kaum bewegte Oberfläche. Das reiche Land flieht vorbei, Dorf um Dorf,
Gehöft um Gehöft bleibt zurück, nähert sich schließlich der Heimat, wird von einem Horn
getroffen, und sofort sieht man Lichter hier und da im Berg auftauchen, die zum Ufer
hinunterziehen, jedes Haus, das einen Verwandten im Schiff hat, schickt jemanden, der beim Tragen
des Gepäcks hilft.“
„Wir sind höher oben, aber jeder von uns ist oft genug auf dieser Reise gewesen, und was das
Geschäft betrifft, so sind wir alle gleich interessiert.“
Ich hatte ihr mit Erstaunen zugehört, wie gut und schön sie all dies sprach, und ich konnte nicht
umhin, offen zu fragen: Wie konnte sie eine solche Ausbildung in dieser rauen Umgebung, in einem
so mechanischen Geschäft, erreichen? Sie bewegte sich und schaute mit einem sehr lieben, fast
schelmischen Lächeln vor sich hin: „Ich wurde in einer schönen und freundlichen Region geboren,
in der ausgezeichnete Menschen herrschen und leben, und obwohl ich als Kind wild und
hemmungslos war, war der Einfluss der geistreichen Besitzer auf ihre Umgebung unverkennbar.
Aber die größte Wirkung auf ein junges Wesen hatte eine fromme Erziehung, die in mir ein
gewisses Gefühl des Rechtlichen und Anständigen entwickelte, getragen von der Allgegenwart der
göttlichen Liebe. Wir emigrierten“, fuhr sie fort - das feine Lächeln verließ ihren Mund, eine
unterdrückte Träne füllte ihr Auge -, „wir wanderten weit, weit, von einer Region zur anderen,
geleitet von frommen Fingerzeigen und Empfehlungen; endlich kamen wir hier an, in dieser
aktivsten Region; das Haus, in dem Sie mich finden, wurde von Gleichgesinnten bewohnt, wir
wurden treu aufgenommen, mein Vater sprach dieselbe Sprache, im selben Sinne schienen wir bald
zur Familie zu gehören.“
„In allen Haus- und Handwerksberufen habe ich effizient eingegriffen, und alles, was Sie jetzt unter
meinem Kommando sehen, habe ich Schritt für Schritt gelernt, geübt und erreicht. Der Sohn des
Hauses, ein paar Jahre älter als ich, gut gebaut und schön im Aussehen, gewann mich lieb und
machte mich zu seiner Vertrauten. Er war von tüchtiger und zugleich feiner Natur; die Frömmigkeit,
wie sie im Haus geübt wurde, fand bei ihm keinen Eingang, es genügte ihm nicht, er las heimlich
Bücher, die er in der Stadt zu beschaffen wusste, von der Art, die dem Geist eine allgemeinere,
freiere Richtung geben, und da er denselben Instinkt, dasselbe Temperament in mir bemerkte,
bemühte er sich, mir allmählich das mitzuteilen, was ihn so innig beschäftigte. Endlich, als ich mich
auf alles einließ, zögerte er nicht mehr, mir sein ganzes Geheimnis zu offenbaren, und wir waren
wirklich ein sehr seltsames Paar, das auf einsamen Spaziergängen nur über jene Prinzipien sprach,
die den Menschen unabhängig machen, und dessen wahre Neigung nur darin zu bestehen schien,
sich in solchen Haltungen gegenseitig zu stärken, wodurch die Menschen sonst völlig voneinander
entfernt werden.“
Obwohl ich sie nicht scharf ansah, sondern nur ab und zu wie zufällig zu ihr aufschaute, bemerkte
ich mit Erstaunen und Interesse, dass ihre Gesichtszüge gleichzeitig den Sinn ihrer Worte zum
Ausdruck brachten. Nach einer Schweigeminute heiterte ihr Gesicht auf: „Ich muss“, sagte sie, „ein
Geständnis zu Ihrer Hauptfrage ablegen, damit Sie mein Wohlwollen, das manchmal nicht ganz
natürlich erscheint, besser erklären können.“
„Leider mussten wir beide so tun, als wären wir anders als die anderen, und auch wenn wir sehr
darauf bedacht waren, nicht zu lügen und im weitesten Sinne falsch zu liegen, so waren wir doch
zerbrechlicher Art, indem wir nicht an den viel besuchten Treffen der Brüder und Schwestern
teilnahmen, nie konnten wir Ausreden finden. Aber weil wir uns viele Dinge gegen unsere
Überzeugungen anhören mussten, machte er mir bald klar und machte mir deutlich, dass nicht alles
aus freiem Herzen kam, sondern dass viele Worte, Bilder, Gleichnisse, konventionelle Sprüche und
sich wiederholende Verse sich immer um eine gemeinsame Achse drehten. Ich merkte es nun besser
und machte mir die Sprache so zu eigen, dass ich bestenfalls eine Rede so gut hätte halten wollen
wie jeder Schulleiter. Zuerst hatte der gute Mann Freude daran; endlich, als er müde war, wurde er
ungeduldig, dass ich, um ihn zu besänftigen, den umgekehrten Weg einschlug, ihm aber umso
aufmerksamer zuhörte, und acht Tage später konnte ich seine herzliche und getreue Rede
wiederholen, zumindest mit einem Grad an Freiheit und einem spirituellen Charakter, der nicht ganz
unähnlich war.“
„Auf diese Weise wuchs unsere Beziehung zur innigsten Verbundenheit, und die Leidenschaft für
eine wahre, gute Sache und für die mögliche Ausübung dieser Sache war es eigentlich, was uns
verband.“
„Wenn man nun bedenkt, was Sie zu einer solchen Erzählung veranlasst haben mag, so war es
meine lebhafte Beschreibung des glücklich verlaufenen Markttages. Seien Sie nicht überrascht,
denn es war eine freudige, von Herzen kommende Betrachtung sanfter und erhabener Naturszenen,
die mich und meinen Bräutigam in ruhigen und geschäftsfreien Stunden am besten unterhielt.
Ausgezeichnete patriotische Dichter hatten das Gefühl in uns geweckt und genährt, Hallers Alpen,
Geßners Idyllen, Kleists Frühling wurden von uns oft wiederholt, und wir betrachteten die herrliche
Welt um uns herum, manchmal von ihrer anmutigen, manchmal von ihrer erhabenen Seite.“
„Ich erinnere mich noch gut daran, wie wir beide, scharf und weitsichtig, oft in Eile versuchten, die
Aufmerksamkeit auf die wichtigen Phänomene von Erde und Himmel zu lenken, und wie wir beide
versuchten, einander voraus zu sein und uns gegenseitig zu übertreffen. Das war die schönste
Erholung, nicht nur vom Tagesgeschäft, sondern auch von jenen ernsten Gesprächen, die uns oft nur
zu tief in unser eigenes Inneres stürzten und uns dort zu beunruhigen drohten.“
„In diesen Tagen kam ein Reisender zu uns, wahrscheinlich unter einem geliehenen Namen; wir
dringen nicht weiter in ihn ein, denn er erweckt durch sein Wesen sofort Vertrauen in uns, da er sich
hochmoralisch verhält und bei unseren Begegnungen anständig aufmerksam ist. Geführt von
meinem Freund in den Bergen, ist er ernst, verständnisvoll und kenntnisreich. Auch ich schließe
mich ihren moralischen Gesprächen an, in denen nach und nach alles angesprochen wird, was für
den Menschen in seinem Inneren wichtig werden kann, und er bemerkt bald etwas Schwankendes in
unserer Denkweise in Bezug auf die göttlichen Dinge. Die religiösen Äußerungen waren für uns
trivial geworden, der Kern, den sie enthalten sollten, war uns verloren gegangen. Dann ließ er uns
die Gefahr unseres Zustandes erkennen, wie prekär die Distanz zum Traditionellen, an der von
Jugend an so viel festgehalten worden war, sein musste; sie war höchst gefährlich in der
Unvollständigkeit vor allem des eigenen Inneren. Zwar wäre eine tägliche und stündliche Andacht
letztlich nur ein Zeitvertreib und hätte die Wirkung einer Art Polizei auf den äußeren Anstand, aber
nicht mehr auf den tiefsten Sinn; das einzige Mittel dagegen wäre, aus der eigenen Brust moralisch
gleich gültige, gleich wirksame, gleich beruhigende Haltungen zu evozieren.“
„Die Eltern hatten sich schweigend unserer Vereinigung angenommen, und ich weiß nicht, wie es
dazu kam; die Anwesenheit des neuen Freundes beschleunigte die Verlobung; es schien, dass es sein
Wunsch war, diese Bestätigung unseres Glücks im stillen Kreis zu feiern, da er hören musste, wie
der Obere die Gelegenheit nutzte, um uns an den Bischof von Laodizea und an die große Gefahr der
Lauheit zu erinnern, die wir zur Kenntnis nehmen sollten. Wir besprachen diese Fragen noch einige
Male, und er hinterließ uns ein Blatt Papier zu diesem Thema, dessen Vernunft ich oft wieder fand,
wenn ich es mir noch einmal ansah.“
„Er verabschiedete sich nun, und es war, als ob alle guten Geister mit ihm fortgegangen wären. Es
ist keine neue Beobachtung, wie das Erscheinen eines exquisiten Mannes in irgendeinem Kreis
Epoche macht, und wenn er geht, entsteht eine Lücke, in die oft ein zufälliges Unglück eindringt.
Und nun lassen Sie mich einen Schleier über das werfen, was folgt; durch Zufall wurde das
kostbare Leben meines Verlobten, seine ruhmreiche Gestalt, plötzlich zerstört; er setzte seine letzten
Stunden unerschütterlich dazu ein, sich mit mir endgültig verbunden zu sehen und mir die Rechte
an seinem Erbe zu sichern. Doch was diesen Fall für die Eltern umso schmerzlicher machte, war,
dass sie kurz zuvor eine Tochter verloren hatten und sich nun im wahrsten Sinne des Wortes
verwaist sahen und ihr zartes Gemüt so angegriffen wurde, dass sie nicht lange mehr lebten. Bald
folgten sie ihren Lieben, und eine weitere Katastrophe ereilte mich, dass mein Vater, gerührt von
dem Schlag, zwar noch sinnliches Wissen über die Welt besaß, aber keine geistige oder körperliche
Aktivität gegen sie behielt. Und so gebrauchte ich in größter Not und Isolation jene
Unabhängigkeit, in der ich schon früh selbst praktiziert hatte, in der Hoffnung auf eine glückliche
Vereinigung und ein glückliches Zusammenleben, und die ich vor kurzem tatsächlich durch die rein
belebenden Worte des geheimnisvollen Reisenden gestärkt hatte.“
„Aber ich darf nicht undankbar sein, denn in diesem Zustand bleibt mir noch ein tüchtiger Helfer
übrig, der als Händler von allem das leistet, was in solchen Betrieben die Pflicht der männlichen
Tätigkeit zu sein scheint. Wenn er heute Abend aus der Stadt zurückkehrt und Sie ihn getroffen
haben, werden Sie meine wunderbare Beziehung zu ihm kennen.“
Ich hatte viele Dinge eingeworfen und durch meine Zustimmung zu einem vertraulichen Teil
versucht, ihr Herz mehr und mehr zu öffnen und ihre Rede im Fluss zu halten. Ich vermied es nicht,
das, was noch nicht vollständig zum Ausdruck gebracht worden war, sehr nahe zu berühren; auch
sie kam immer näher, und wir waren so weit, dass bei der geringsten Provokation das gelüftete
Geheimnis ins Wort gekommen wäre.
Sie stand auf und sagte: „Lassen Sie uns zum Vater gehen!“ Sie eilte voraus, und ich folgte ihr
langsam; ich schüttelte den Kopf über die wundersame Situation, in der ich mich befand. Sie zwang
mich, hinten in einen sehr sauberen Raum zu treten, wo der gute alte Mann regungslos in seinem
Sessel saß. Er hatte sich kaum verändert. Ich ging auf ihn zu, er sah mich an, zuerst starrte er mich
an, dann mit lebhafteren Augen; seine Gesichtszüge jubelten, er versuchte, seine Lippen zu
bewegen, und als ich die Hand ausstreckte, um seine ruhende Hand zu ergreifen, ergriff er von sich
aus die meine, drückte sie und sprang auf, wobei er seine Arme gegen mich ausstreckte. „O Gott!“
rief er, „der Knappe Leon! Er ist es, er ist es!“ Ich konnte nicht umhin, ihn an mein Herz zu
drücken; er sank zurück in den Stuhl, die Tochter eilte ihm zu Hilfe, auch sie rief: „Er ist es, er ist
es! Du bist es, Leon!“
Die jüngere Nichte war herübergekommen, sie führten den Vater, der plötzlich wieder laufen
konnte, zurück in die Kammer und wandten sich gegen mich, er sprach sehr deutlich:
Ich stand da, schaute vor mich hin und dachte, dass Marie zurückgekommen war und mir ein Blatt
Papier reichte, auf dem stand, dass es dasselbe war, von dem ich gesprochen hatte. Sofort erkannte
ich Wolfgangs Handschrift, so wie seine Person aus der Beschreibung gerade zu mir gekommen
war; so manches fremde Gesicht wimmelte um mich herum, es war eine eigene Bewegung im Haus.
Und dann ist es ein ekelhaftes Gefühl, aus der Begeisterung des reinen Wiedererkennens, aus der
Überzeugung des dankbaren Erinnerns, des Erkennens eines wunderbaren Lebensablaufs und was
auch immer für warme und schöne Dinge sich in uns entwickeln mögen, plötzlich in die harte
Realität eines zerstreuten Alltags zurückgeführt zu werden.
Diesmal war der Freitagabend keineswegs so fröhlich und lustig, wie er sonst hätte sein können; der
Händler war nicht mit dem Marktschiff aus der Stadt zurückgekehrt, er berichtete nur in einem
Brief, dass die Geschäfte ihn erst morgen oder übermorgen wieder zurückgehen lassen würden; er
würde bei anderer Gelegenheit kommen und alles mitbringen, was bestellt und versprochen worden
war. Die Nachbarn, jung und alt, die sich wie immer in Erwartung versammelt hatten, machten
mürrische Gesichter; besonders Elise, die ihm entgegengekommen war, schien sehr schlecht gelaunt
zu sein.
Ich hatte mich in mein Zimmer geflüchtet und das Blatt in der Hand gehalten, ohne
hineinzuschauen, denn es hatte mich schon insgeheim verärgert, aus dieser Geschichte zu hören,
Wolfgang habe die Verbindung beschleunigt. „Alle Freunde sind so, alle sind Diplomaten; anstatt
unser Vertrauen ehrlich zu erwidern, folgen sie ihren Ansichten, durchkreuzen unsere Wünsche und
führen unser Schicksal in die Irre“, rief ich aus, doch schon bald kehrte ich von meiner
Ungerechtigkeit zurück, indem ich meinem Freund zustimmte, insbesondere in Anbetracht seiner
gegenwärtigen Position, und verzichtete nicht darauf, das Folgende zu lesen.
„Jeder Mensch findet sich von den frühesten Augenblicken seines Lebens an, zuerst unbewusst,
dann halbbewusst, dann schließlich völlig bewusst, immer konditioniert, in seiner Position
eingeschränkt, weil niemand den Zweck und das Ziel seiner Existenz kennt, sondern das Geheimnis
seiner Existenz von des Höchsten Hand verborgen wird, er tastet nur, streckt die Hand aus, lässt los,
steht still, bewegt sich, zögert und eilt, und in vielerlei Hinsicht entstehen all die Fehler, die uns
verwirren.“
„Selbst der besonnenste Mensch im täglichen Leben der Welt ist gezwungen, nur für den
Augenblick weise zu sein, und erreicht deshalb in der Regel keine Klarheit. Selten weiß er mit
Sicherheit, wohin er sich wenden und was er tatsächlich tun sollte.“
„Glücklicherweise sind all diese und hundert andere wunderbare Fragen durch Ihren
unaufhaltsamen Lebensweg beantwortet worden. Fahren Sie in direkter Befolgung der Pflicht des
Tages fort und prüfen Sie die Reinheit Ihres Herzens und die Sicherheit Ihres Geistes. Wenn Sie
dann erleichtert aufatmen und Raum finden, um sich zu erheben, werden Sie sicherlich eine
korrekte Position gegenüber dem Erhabenen einnehmen, dem wir uns in jeder Hinsicht in Ehrfurcht
widmen, um jedes Ereignis mit Ehrfurcht zu betrachten und darin eine höhere Führung zu
erkennen.“
Tief in Gedanken versunken, auf deren skurrile Verirrungen mich eine fühlende Seele gerne
begleiten wird, ging ich in der Morgendämmerung am See auf und ab; die Hausfrau - ich war sehr
erfreut, sie nicht als Witwe zu betrachten - zeigte sich begehrenswert, zuerst am Fenster, dann an
der Tür; sie sagte mir, dass der Vater gut geschlafen habe, fröhlich aufgewacht sei und mit klaren
Worten eröffnete, dass er im Bett bleiben wolle, mich heute nicht sehen wolle, sondern erst morgen
nach dem Gottesdienst, wo er sich sicherlich recht gestärkt fühlen würde. Sie sagte mir, dass sie
mich heute viel allein lassen würde; es war ein sehr arbeitsreicher Tag für sie, also kam sie herunter
und berichtete mir davon.
Ich hörte ihr zu, nur um sie zu hören, in der Überzeugung, dass sie von der Sache durchdrungen
war, von ihr als konventionelle Pflicht angezogen und mit dem besten Willen beschäftigt. Sie fuhr
fort: „Es ist üblich und vereinbart, dass das Tuch bis zum Ende der Woche fertig ist und am
Samstagnachmittag zum Vertreiber getragen wird, der es durchsieht, misst und wiegt, um zu prüfen,
ob das Werk sauber und einwandfrei ist und ob ihm das Gewicht und die Maße des Materials
geliefert wurden, und wenn sich alles als richtig herausstellt, dann den vereinbarten Weberlohn zu
zahlen. Er seinerseits bemüht sich nun, das gewebte Stück von allen eventuell angebrachten Fäden
und Knoten zu reinigen, es auf feinste Weise zu vertreiben, die schönste, fehlerfreie Seite oben vor
das Auge zu bringen und so die Arbeit höchst akzeptabel zu machen.“
In der Zwischenzeit kamen viele Weberinnen und Weber aus den Bergen und brachten ihre Waren
ins Haus, und ich sah diejenige, die unseren Harnischmacher beschäftigte. Sie dankte mir sehr
freundlich für das Geschenk, das ich ihr hinterlassen hatte, und erzählte mir mit Anmut: Herr
Geschirrhersteller war bei ihnen und arbeitete heute an ihrem leeren Webstuhl und hatte ihr beim
Abschied versichert: Was er darauf machte, sollte Frau Susanne sofort sehen. Sie ging dann wie die
anderen ins Haus, und ich konnte nicht umhin, die liebe Wirtin zu fragen: „Um Himmels willen,
wie sind Sie denn auf diesen seltsamen Namen gekommen?“ - „Es ist“, antwortete sie, „der dritte,
der mir auferlegt wird; ich habe ihn gerne erlaubt, weil meine Schwiegereltern es wünschten, weil
es der Name ihrer verstorbenen Tochter war, an deren Stelle sie mich eintreten ließen, und doch
bleibt der Name immer der schönste, lebendigste Vertreter der Person.“ - „Ich habe damit gerechnet:
Ein Vierter ist schon gefunden, ich würde Sie Gute-Schöne nennen, soweit es von mir abhing.“ Sie
machte eine süße, bescheidene Verbeugung und verstand es, ihre Freude über die Genesung des
Vaters mit der Freude, mich wiederzusehen, so zu verbinden und zu verstärken, dass ich dachte, ich
hätte in meinem Leben nichts Schmeichelhafteres oder Angenehmeres gehört oder gefühlt.
Die Schöne-Gute, die zweimal und dreimal zum Haus zurückgerufen wurde, übergab mich einem
weisen, unterwiesenen Mann, der mir die Kuriositäten der Berge zeigen sollte. Wir wanderten
gemeinsam, bei schönstem Wetter, durch abwechslungsreiche Gegenden. Aber man kann sicher
sein, dass weder Felsen, noch Wald, noch Wasserfall, noch Mühlen, noch Schmieden, noch
Familien, die künstlich in Holz arbeiten, irgendwelche Aufmerksamkeit in mir erregen konnten.
Inzwischen war die Wanderung für den ganzen Tag geplant, der Bote trug ein feines Frühstück im
Rucksack, und mittags fanden wir eine gute Mahlzeit im Zechenhaus eines Bergwerks, wo sich
niemand so recht einen Reim auf mich machen konnte, da es für fähige Menschen nichts
ermüdenderes gibt als eine leere, partizipatorische Pseudo-Beteiligung.
Aber der Bote, auf den mich der Garnträger eigentlich hingewiesen hatte, verstand mich am
wenigsten, war dennoch voll großem Lob für meine schönen technischen Kenntnisse und das
besondere Interesse an solchen Dingen. Der gute Mann hatte auch von meinen vielen Notizen und
Bemerkungen gehört, und auch der Bergkamerad hatte sich darauf vorbereitet. Lange wartete mein
Begleiter etwas ungeduldig darauf, dass ich meine Schreibtafel, um die er schließlich bat,
herausbrachte.
Der Mittag kam fast, bevor ich meine Freundin wiedersehen konnte. In der Zwischenzeit war die
Hausandacht, bei der sie mich nicht dabei haben wollte, abgehalten worden; der Vater war
anwesend gewesen und hatte, indem er die erbaulichsten Worte klar und deutlich hörbar sprach, alle
Anwesenden und sich selbst zu den innigsten Tränen gerührt. „Es waren“, sagte sie, „vertraute
Sprüche, Reime, Ausdrücke und Wendungen, die ich schon hundertmal gehört hatte und die mich
geärgert hatten, wie wenn ich hohle Töne hörte; aber diesmal flossen sie so innig zusammen, ruhig
glühend, rein von Schlacke, wie wir sehen, wie das aufgeweichte Metall den Rinnstein
hinunterfließt. Ich hatte Angst und Sorge, dass er sich in diesen Ergüssen verzehren könnte, aber er
ließ sich fröhlich zu Bette führen; er wollte, so sagte er, sich sammeln und den Gast rufen lassen,
sobald er sich stark genug fühlte.“
Nach Tisch wurde unser Gespräch lebhafter und vertraulicher, aber ebenso spürte ich mehr und
bemerkte, dass sie etwas zurückhielt, dass sie mit beunruhigenden Gedanken kämpfte, genauso wie
sie nicht ganz in der Lage war, ihr Gesicht aufzumuntern. Nachdem ich versucht hatte, sie zu
erheben, gestand ich ehrlich, dass ich eine gewisse Melancholie zu sehen glaubte, einen Ausdruck
der Besorgnis, sei sie häuslich oder geschäftlich, dass sie sich mir gegenüber öffnen sollte; ich wäre
reich genug, um eine alte Schuld ihr gegenüber auf jede erdenkliche Weise zu begleichen.
Mit einem Lächeln bestritt sie, dass dies der Fall war. „Ich habe“, fuhr sie fort, „als Sie das erste
Mal hereinkamen, gedacht, ich sehe einen dieser Herren, die mir in Triest Kredit geben, und war
zufrieden mit mir, als ich wusste, dass mein Geld vorrätig war, sie könnten es ganz oder teilweise
verlangen. Aber was mich bedrückt, ist ein kommerzielles Anliegen, leider nicht für den
Augenblick, nein, für die ganze Zukunft. Die wuchernde Maschinerie quält und erschreckt mich, sie
rollt sich wie ein Gewitter zusammen, langsam; aber sie hat ihre Richtung genommen, sie wird
kommen und zuschlagen. Mein Mann war bereits von diesem traurigen Gefühl durchdrungen. Man
denkt darüber nach, man spricht darüber, und weder Denken noch Reden können helfen. Und wer
will sich solche Schrecken vorstellen! Denken Sie daran, dass sich viele Täler durch die Berge
schlängeln, wie das, durch das Sie heruntergekommen sind; stellen Sie sich auch das schöne,
freudige Leben vor, das Sie dort in diesen Tagen gesehen haben, von dem Ihnen die gereinigte
Menge von allen Seiten gestern das freudigste Zeugnis gegeben hat; denken Sie daran, wie die
Berge allmählich versinken, die von Jahrhunderten belebte und bevölkerte Trostlosigkeit in ihre alte
Einsamkeit zurückfallen wird.“
„Hier bleibt nur ein doppelter Weg, einer so traurig wie der andere: entweder das Neue für sich zu
ergreifen und seinen Untergang zu beschleunigen, oder sich auf den Weg zu machen, die Besten und
Würdigsten mitzunehmen und ein günstigeres Schicksal jenseits der Meere zu suchen. Einer wie der
andere hat seine Zweifel, aber wer hilft uns, die Gründe abzuwägen, die uns bestimmen sollten? Ich
weiß ganz genau, dass die Idee, Maschinen zu bauen und die Nahrung der Massen zu
beschlagnahmen, in der Nähe erwogen wird. Ich kann niemandem vorwerfen, dass er sich für
seinen eigenen Nächsten hält, aber ich würde mich verächtlich fühlen, wenn ich diese guten
Menschen ausgeplündert sähe, und am Ende sähe, wie sie arm und hilflos umherirren; und sie
müssen früh oder spät umherirren. Sie ahnen es, sie wissen es, sie sagen es, und niemand
entscheidet sich, irgendeinen heilsamen Schritt zu tun. Und doch, woher soll die Entscheidung
kommen? Wird sie nicht allen so schwer gemacht werden wie mir?“
„Mein Bräutigam war entschlossen, mit mir auszuwandern; er diskutierte oft über Mittel und Wege,
von hier zu fliehen. Er schaute sich nach den Besseren um, um sie um ihn zu versammeln, mit
denen er gemeinsame Dinge tun, die er anziehen, mit denen er weggehen wollte; wir sehnten uns,
vielleicht mit zu viel jugendlicher Hoffnung, nach solchen Orten, wo das, was hier ein Verbrechen
wäre, für Pflicht und Recht gelten könnte. Jetzt bin ich in der umgekehrten Situation: die ehrliche
Hilfe, die mir nach dem Tod meines Mannes geblieben ist, in jeder Hinsicht ausgezeichnet, mir in
Freundschaft liebevoll ergeben, ist er der gegenteiligen Meinung.“
„Ich muss Ihnen von ihm erzählen, bevor Sie ihn gesehen haben; am liebsten hätte ich es hinterher
getan, denn die persönliche Anwesenheit eröffnet so manches Geheimnis. Als mein Mann etwa
dreiundvierzig Jahre alt war, schloss er sich als kleiner, armer Junge der wohlhabenden,
wohlwollenden Verspieltheit, der Familie, dem Haus, dem Geschäft an; sie wuchsen zusammen auf
und hielten zusammen, und doch waren sie zwei ganz verschiedene Naturen; der eine war frei und
kommunikativ, der andere gedrückt, verschlossen, hielt sich am geringsten Besitz fest, den er
ergriff, so fromm er auch sein mochte, aber er dachte mehr an sich selbst als an andere.“
„Ich weiß sehr gut, dass er mich vom ersten Mal an im Auge behielt, das durfte er auch, denn ich
war ärmer als er, aber er hielt sich zurück, sobald er die Zuneigung seines Freundes zu mir
bemerkte. Durch ununterbrochenen Fleiß, Aktivität und Loyalität machte er sich bald zu einem
Kameraden in der Branche. Mein Mann hatte insgeheim die Idee, dass er, wenn wir auswanderten,
diesen nutzen und ihm das, was er hinterlassen hatte, anvertrauen würde. Bald nach dem Tod des
ausgezeichneten Mannes kam er auf mich zu, und vor einiger Zeit hat er sich nicht versagt, um
meine Hand zu bitten. Nun aber ergibt sich der doppelt seltsame Umstand, dass er sich immer gegen
die Emigration ausgesprochen hat und uns unbedingt dazu bringen will, Maschinen zu bauen. Seine
Gründe sind natürlich dringend, denn in unseren Bergen gibt es einen Mann, der uns zerstören
könnte, wenn er unsere einfacheren Werkzeuge vernachlässigen und versuchen würde, sich selbst
aufzubauen, indem er sie zusammenbaut. Dieser Mann, der sehr geschickt in seinem Handwerk ist -
wir nennen ihn den Tellerwäscher -, widmet sich einer wohlhabenden Familie in der Nachbarschaft,
und man darf wohl glauben, dass er vorhat, diese zunehmenden Erfindungen für sich und seine
Nutznießer nützlich zu verwenden. Gegen die Gründe, warum ich ihm helfe, ist nichts
einzuwenden, denn es ist sozusagen schon zu viel Zeit versäumt worden, und wenn diesen Gründen
Vorrang eingeräumt wird, müssen wir das auch tun, und zwar ungestraft. Das ist es, was mich
erschreckt und quält, das ist es, was Sie, mein Liebster, mir als Schutzengel erscheinen lässt.“
Ich hatte wenig Trost als Antwort darauf zu sagen, ich musste den Fall so kompliziert finden, dass
ich bat, mich darüber nachdenken zu lassen. Aber sie fuhr fort: „Ich muss noch viele Dinge
eröffnen, damit Ihnen meine Situation noch wundersamer erscheint. Der junge Mann, dem ich
persönlich nicht abgeneigt bin, der aber auf keinen Fall meinen Mann ersetzen und sich meine
wirkliche Neigung nicht aneignen würde“, seufzte sie, als sie sprach, „ist seit einiger Zeit
entschieden dringlicher geworden, seine Vorträge sind ebenso liebevoll wie intelligent. Die
Notwendigkeit, ihm die Hand zu reichen, die Unvorsichtigkeit, an Auswanderung zu denken und
damit das einzig wahre Mittel zur Selbsterhaltung zu verpassen, lässt sich nicht widerlegen, und es
scheint ihm, dass mein Widerstreben, meine Laune der Auswanderung, so wenig mit meinem
übrigen Haushaltssinn übereinstimmt, dass ich in einem letzten, etwas heftigen Gespräch spüren
konnte, dass meine Neigung irgendwo anders angebunden werden muss.“ Sie brachte das letzte nur
mit wenig Zögern heraus und schaute vor sich hin.
Was mir durch den Kopf ging, als ich diese Worte hörte, denken sich alle, und doch muss ich mit
blitzschnellem Denken das Gefühl haben, dass jedes Wort die Verwirrung nur noch verstärken
würde. Aber gleichzeitig war mir, als ich vor ihr stand, klar bewusst, dass ich sie im höchsten Maße
lieb gewonnen hatte und dass ich nun alles, was an vernünftiger, verständlicher Kraft noch in mir
war, aufwenden musste, um ihr nicht sofort meine Hand zu reichen. Ich dachte, sie würde am
liebsten alles hinter sich lassen, wenn sie mir folgen würde! Aber die Leiden der vergangenen Jahre
hielten mich zurück. Sollten Sie eine neue falsche Hoffnung haben, um sie ein Leben lang zu
bezahlen?
Wir hatten beide eine Zeit lang geschwiegen, als Elise, die ich nicht hatte kommen sehen,
unerwartet vor uns erschien und um Erlaubnis bat, den Abend im nächsten Hammerwerk verbringen
zu dürfen. Dies wurde ohne Zögern erlaubt. Inzwischen hatte ich mich zusammengerissen und
begann allgemein zu erzählen, wie ich all dies auf meinen Reisen längst herannahen sah, wie der
Drang und die Notwendigkeit zur Auswanderung von Tag zu Tag zunahm; aber ein solches
Abenteuer blieb immer das gefährlichste. Unvorbereitetes Wegstürmen bringt eine unglückliche
Rückkehr; kein anderes Unternehmen erfordert so viel Vorsicht und Führung wie dieses. Diese
Überlegung war ihr nicht fremd, sie hatte viel über alle Umstände nachgedacht, aber am Ende
sprach sie mit einem tiefen Seufzer: „Ich habe immer gehofft, in diesen Tagen Ihrer Anwesenheit
hier Trost durch vertrauliche Erzählungen zu finden, aber ich fühle mich schlechter vorbereitet als
zuvor, ich fühle ganz tief, wie unglücklich ich bin.“ Sie hob ihre Augen zu mir, aber um die Tränen
zu verbergen, die aus ihren schönen, guten Augen sprudelten, drehte sie sich um und ging ein paar
Schritte weg.
Ich möchte mich nicht entschuldigen, aber der Wunsch, diese wunderbare Seele zu zerstreuen, wenn
nicht, um sie zu trösten, so doch zu zerstreuen, brachte mich auf die Idee, ihr von der wunderbaren
Vereinigung mehrerer Wanderer und abreisender Menschen zu erzählen, in die ich seit einiger Zeit
eingetreten war. Plötzlich hatte ich mich so weit herausgelassen, dass ich mich kaum hätte
zurückhalten können, als mir klar wurde, wie leichtsinnig mein Vertrauen gewesen sein könnte. Sie
beruhigte sich, war erstaunt, erheitert, entfaltete ihr ganzes Wesen und fragte mit solcher Neigung
und Weisheit, dass ich ihr nicht mehr ausweichen konnte, dass ich ihr alles beichten musste.
Gretchen trat vor uns hin und sagte: Wir sollen zum Vater kommen! Das Mädchen wirkte sehr
nachdenklich und verdrießlich. Als sie ging, sagte das gutaussehende Mädchen: „Wir wollen zum
Vater kommen. Elise hat für heute Abend Ferien, du kümmerst dich um die Geschäfte.“ - „Du
hättest ihr nicht Ferien geben sollen“, sagte Gretchen, „sie gibt zu viel Geld aus; du kümmerst dich
mehr um die Schelmin als billig ist, vertraust ihr mehr, als es richtig ist. Jetzt höre ich, dass sie ihm
gestern einen Brief geschrieben hat. Sie hat Ihr Gespräch mitgehört, jetzt wird sie ihn treffen.“
In der Zwischenzeit bat mich ein Kind, das bei ihrem Vater geblieben war, mich zu beeilen. Der
gute Mann war unruhig. Wir traten ein; er saß aufrecht im Bett, fröhlich, sogar verklärt. „Kinder“,
sagte er, „ich habe diese Stunden in ständigem Gebet verbracht, nichts von Davids Danksagung und
Lobpreis ist von mir unberührt geblieben, und ich füge mit gestärktem Glauben von mir aus hinzu:
Warum hofft der Mensch nur in der Nähe? Er muss handeln und sich selbst helfen, er muss in die
Ferne hoffen und Gott vertrauen.“ Er nahm Leons Hand, und damit die Hand seiner Tochter, und
indem er sie ineinander verschränkte, sagte er: „Dies soll kein irdisches Band sein, sondern ein
himmlisches Band; so wie Bruder und Schwester einander lieben, vertrauen, nutzen und helfen, so
uneigennützig und rein, wie Gott euch hilft!“ Als er dies sagte, sank er mit einem himmlischen
Lächeln zurück und ging heim. Die Tochter fiel vor dem Bett hin, Leon neben ihr, ihre Wangen
berührten sich, ihre Tränen vereinten sich auf seiner Hand.
Der Helfer rannte in diesem Moment herein, wie erstarrt über der Szene. Mit wildem Blick, seine
schwarzen Locken schüttelnd, schreit der wohlgeformte junge Mann auf: „Er ist tot; in dem
Augenblick, in dem ich mich dringend auf seine wiederhergestellte Sprache, mein Schicksal,
berufen wollte, um über das Schicksal seiner Tochter zu entscheiden, des Wesens, das ich nach Gott
am meisten liebe, dem ich ein gesundes Herz wünschte, ein Herz, das den Wert meiner Neigung
spüren konnte! Für mich ist sie verloren, sie kniet neben einem anderen! Hat er Sie gesegnet?
Beichte es!“
Das glorreiche Geschöpf war aufgestanden, Leon war aufgestanden und hatte sich erholt, da sagte
sie: „Ich erkenne dich nicht mehr, den sanften, frommen, plötzlich so wilden Mann; du weißt, wie
sehr ich dir danke, wie sehr ich an dich denke.“
„Es ist hier nicht die Rede von Dank oder Gedanken“, sagte er, „hier geht es um das Glück oder
Unglück meines Lebens. Dieser seltsame Mann beunruhigt mich; ich traue mich nicht, ihn
abzuwägen, wenn ich ihn ansehe; ich kann frühere Rechte nicht unterdrücken oder frühere
Bindungen brechen.“
„Sobald Sie in sich selbst zurücktreten können“, sagte die gute Frau, schöner denn je, „wenn man
mit Ihnen wie gewohnt und wie immer sprechen kann, werde ich Ihnen bei den irdischen Resten
meines verklärten Vaters sagen, dass ich von diesem Herrn und Freund nichts anderes erkenne als
das, was Sie kennen, gutheißen und teilen und woran Sie sich erfreuen müssen.“
Leon schauderte tief in seiner Seele, alle drei standen still, stumm und nachdenklich für eine Weile;
der junge Mann ergriff als erster das Wort und sagte: „Der Moment ist zu wichtig, um nicht
entscheidend zu sein. Es ist nicht leichtfertig, was ich sage, ich hatte Zeit zum Nachdenken, das
heißt, zum Hören: Der Grund, warum Sie mir Ihre Hand verweigerten, war meine Weigerung, Ihnen
zu folgen, wenn Sie aus der Not oder aus Laune heraus gehen würden. Hier erkläre ich also vor
diesem gültigen Zeugen feierlich, dass ich Ihrer Auswanderung kein Hindernis in den Weg legen,
sondern sie fördern und Ihnen überall hin folgen will. Gegen diese Erklärung, zu der ich nicht
gezwungen wurde, die aber durch die seltsamsten Umstände beschleunigt wurde, fordere ich Ihre
Hand zur Heirat.“ Er streckte sie aus, stand fest und sicher da, die beiden anderen zogen sich
überraschend und unfreiwillig zurück.
„Es ist ausgesprochen“, sagte der junge Mann ruhig und mit einer gewissen frommen Majestät,
„dies soll geschehen, es ist zum Besten von uns allen, Gott hat es gewollt; aber damit Sie nicht
denken, es sei Eile und Laune, wissen Sie nur, dass ich um Ihretwillen auf Berge und Felsen
verzichtet und gerade jetzt alles in der Stadt in die Wege geleitet habe, um nach Ihrem Willen zu
leben. Aber jetzt gehe ich allein, Sie werden mir die Mittel dazu nicht verweigern, Sie haben immer
noch genug übrig, um es hier zu verlieren, wie Sie befürchten und zu Recht fürchten. Denn ich habe
mich endlich überzeugt: Der künstliche, arbeitende Schlingel ist ins obere Tal geflüchtet, dort stellt
er Maschinen auf, Sie werden sehen, wie er alle Lebensmittel mitnimmt, vielleicht rufen Sie, und
nur zu bald, einen treuen Freund zurück, den Sie vertreiben wollten.“
Noch peinlicher ist, dass sich drei Menschen nicht so leicht gegenüberstehen konnten, alle
zusammen in der Angst, einander zu verlieren, und im Moment nicht wissen, wie sie sich
gegenseitig erhalten können.
Leidenschaftlich entschlossen eilte der junge Mann zur Tür hinaus. Auf die kalte Brust ihres Vaters
hatte die Schönheitsgöttin ihre Hand gelegt: „Man sollte nicht auf etwas in der Nähe hoffen“, rief
sie aus, „aber in die Ferne, das war das sein letzter Segen. Wenn wir Gott vertrauen, jeder auf sich
selbst und auf den anderen, wird alles gut werden.“
Gudrun zu Oldenburg-Dietrichsfeld
an die neue Pastorin Anja zu Oldenburg-Bürgerfelde
Da die Veränderung in meiner Nachbarschaft vorging, dass der alte Pastor starb, an dessen Stelle du
kommst, freute ich mich von ganzem Herzen. Denn ob ich gleich keine unwillige Frau bin und
meinen Nächsten nichts mehr gönne als ihr bisschen Leben, das bei manchen, wie bei den Tieren,
das einzige ist, was sie haben; so muss ich doch aufrichtig gestehen, dass deines Vorgängers
Totengeläut mir ebenso eine freudige Bewegung ins Blut brachte als das Glockenläuten sonntags
früh, wenn es mich zur Kirche ruft, da mein Herz vor Liebe und Sympathie gegen meine
Zuhörerinnen überfließt. Er konnte niemanden leiden, dein Vorgänger, und Gott möge mir vergeben,
dass ich ihn auch nicht leiden konnte; ich hoffe, du sollst mir soviel Freude machen, als er mir
schlechte Laune gemacht hat; denn ich höre soviel Gutes von dir, wie man von einer Geistlichen
sagen kann, das heißt: Du treibst dein Amt still und mit nicht mehr Eifer, als nötig ist, und bist eine
Feindin von Streitgesprächen. Ich weiß nicht, ob es deinem Denken oder deinem Herzen mehr Ehre
macht, dass du so jung und friedfertig bist, ohne deswegen schwach zu sein; denn freilich ist es
auch kein Vorteil für die Herde, wenn die Schäferin ein Schaf ist.
Du glaubst nicht, liebe Schwester, was mir dein Vorgänger für Not gemacht hat. Unsere
Gemeindebezirke liegen so nah beisammen, und da steckten seine Leute meine Leute an, dass die
zuletzt haben wollten, ich solle mehr Menschen verdammen; es wäre keine Freude, meinten sie, ein
Christ zu sein, wenn nicht alle Heiden ewig gebraten würden. Ich versichere dir, liebe Schwester,
ich wurde manchmal ziemlich mutlos, denn es gibt gewisse Dinge, von denen anzufangen zu reden
ich so entfernt bin, dass ich vielmehr jedes Mal am Ende der Woche Gott von ganzem Herzen
danke, wenn mich niemand danach gefragt hat, und, wenn es geschehen ist, ich Gott bitte, dass er es
künftig abwenden möge; und so wird es mit jeder frommen Geistlichen sein, die denkende
Menschen nicht mit leeren Worten befriedigen will und doch weiß, wie gefährlich es ist, sie
unbefriedigt wegzuschicken oder gar abzuweisen. Ich muss dir gestehen, dass die Lehre von der
Verdammnis der Heiden eine von denen ist, über die ich wie über glühendes Eisen hinweg eile. Ich
bin nicht mehr so jung wie du und habe die Wege Gottes betrachtet, soviele eine sterbliche Frau es
in Stille vermag; wenn du ebenso alt sein wirst wie ich, sollst du auch bekennen, dass Gott und
Liebe das Gleiche ist, wenigstens wünsche ich es dir. Zwar musst du nicht denken, dass meine
Toleranz mich indifferent gemacht habe. Das ist bei allen Eiferern für ihre Sekten ein mächtiges
Zeichen der Redekunst, dass sie mit Worten um sich werfen, die sie nicht verstehen. Sowenig die
ewige, einzige Quelle der Weisheit indifferent sein kann, so tolerant sie auch ist, sowenig kann eine
Seele, die sich ihrer Seligkeit gewiss werden will, die Gleichgültigkeit zu seinem Charakterzug
machen. Wer möchte zeitlebens auf dem Meer von Stürmen getrieben werden? Unsere Seele ist
einfach und zur Ruhe geboren; solang sie zwischen verschiedenen Gegenständen geteilt ist, fühlt sie
etwas, das jeder am besten kennt, der zweifelt.
Also, liebe Schwester, danke ich Gott für nichts mehr als die Gewissheit meines Glaubens; denn im
Glauben sterbe ich, dass ich kein Glück habe und keine Seligkeit zu hoffen habe, als die mir von der
Schönen Liebe Gottes mitgeteilt wird, die sich in das Elend der Welt einmischte und auch elend
wurde, damit das Elend der Welt durch sie selig gemacht werde. Und so liebe ich Jesus Christus,
und so glaub ich an ihn und danke Gott, dass ich an ihn glaube, denn wahrlich, es ist nicht mein
Verdienst, dass ich glaube. Es war eine Zeit, da ich Saula war, Gott sei Dank, dass ich Paula
geworden bin. Man fühlt Gott in Einem Augenblick, und der Augenblick ist entscheidend für das
ganze Leben, und der Geist Gottes hat sich vorbehalten, den Moment zu bestimmen. So wenig bin
ich indifferent, aber darf ich deswegen nicht tolerant sein? Um wie viel Millionen Kilometer
verrechnet sich der Astronom? Wer der Liebe Gottes Grenzen bestimmen wollte, würde sich noch
mehr verrechnen! Weiß ich, wie viele Wege zu Gott es gibt? So viel weiß ich, dass ich auf meinem
Weg gewiss in den Himmel komme, und ich hoffe, dass er andern auch auf ihrem Weg hineinhelfen
wird. Unsre Kirche behauptet, dass der Glaube allein und nicht Werke selig machen, und Christus
und seine Apostel lehren das so ungefähr auch. Das zeigt nun die große Liebe Gottes, denn für die
Erbsünde können wir nichts und für die wirklichen Sünden auch nichts, das ist so natürlich, wie
dass einer geht, der Füße hat; und darum verlangt Gott zur Seligkeit keine Taten, keine Tugenden,
sondern den kindlichsten Glauben, und durch den Glauben allein wird uns das Verdienst Christi
mitgeteilt, so dass wir die Herrschaft der Sünde einigermaßen loswerden hier im Leben, und nach
unserm Tod, Gott weiß wie, auch das angeborene Verderben im Grabe bleibt. Wenn nun der Glaube
das einzige ist, wodurch wir Christi Verdienst uns zueignen, so sage mir, wie ist es denn mit den
Kindern? Die spricht man selig! Nicht wahr? Warum denn? Weil sie nicht gesündigt haben! Das ist
ein schöner Satz, man wird ja nicht verdammt, weil man sündigt. Und das angeborene Verderben
haben sie ja doch an sich und werden also nicht aus Verdienst selig; so sage mir die Art, wie die
Gerechtigkeit der Mensch-gewordenen Liebe sich den Kindern mitteilt. Siehe, ich finde in dem
Beispiel einen Beweis, dass wir nicht wissen, was Gott tut, und dass wir keinen Grund haben, an
der Seligkeit von irgendeiner Person zu verzweifeln. Du weißt, liebe Schwester, dass viele Leute,
die so barmherzig sind wie ich, auf die Allversöhnung gekommen sind, und ich versichere dir, es ist
die Lehre,mit der ich mich heimlich tröste; aber das weiß ich wohl, es ist keine Sache, darüber zu
predigen. Über das Grab hinaus geht unser Amt nicht, und wenn ich einmal sagen muss, dass es
eine Hölle gibt, so rede ich davon, wie die Schrift davon redet, und sage, sie ist ewig. Wenn man
von Dingen spricht, die niemand begreift, so ist es gleich, was für Worte man gebraucht. Übrigens
hab ich gefunden, dass eine fromme Geistliche in dieser Zeit so viel zu tun hat, dass sie es gern Gott
überlässt, was in der Ewigkeit zu tun ist.
So, meine liebe Mit-Schwester, sind meine Gedanken über diesen Punkt: Ich halte den Glauben an
die göttliche Liebe, die vor zweitausend Jahren, unter dem Namen Jesus Christus, auf einem kleinen
Stückchen Erde, eine kleine Zeit lang als Mensch herumzog, für den einzigen Grund meiner
Seligkeit, und das sage ich meiner Gemeinde, sooft die Gelegenheit dazu ist; ich verflüchtige die
Materie nicht; denn da Gott Mensch geworden ist, damit wir armen sinnliche Kreaturen ihn fassen
und begreifen können, so muss man sich vor nichts mehr hüten, als ihn wieder zum bloßen Geist zu
machen.
Du hast in deiner vorigen Pfarrei, wie ich höre, viel von jenen Leuten um dich gehabt, die sich
Philosophen nennen und eine sehr lächerliche Rolle in der Welt spielen. Es ist nichts trauriger, als
Männer unaufhörlich von Vernunft reden zu hören, da sie doch allein nach ihrer Einbildung
handeln. Es liegt ihnen nichts so sehr am Herzen als die Toleranz, und ihr Spott über alles, was nicht
ihrer Meinung ist, beweist, wie wenig Friede man von ihnen zu hoffen hat. Ich war recht erfreut,
liebe Schwester, zu hören, dass du dich niemals mit ihnen gestritten hast noch dir die Mühe
gemacht hast, sie eines Bessern zu belehren. Man hält einen Aal am Schwanz eher fest als einen
Spötter mit Vernunftgründen.
„Bleibe denn Philosoph, weil du es nun einmal bist, und Gott habe Mitleid mit dir!“ So pflege ich
zu sagen, wenn ich mit so einem zu tun habe.
Ich weiß nicht, ob man die Heiligkeit der Bibel einem Menschen beweisen kann, der das nicht fühlt,
wenigstens halte ich es für unnötig. Denn wenn du fertig bist, und es antwortet dir einer: „Es ist
nicht meine Schuld, dass ich keine Gnade im Herzen fühle“, so bist du geschlagen und kannst nichts
antworten, wenn du dich nicht in das Problem des freien Willens und der Gnadenwahl einlassen
willst, wovon wir Theologinnen, alle zusammengenommen, zu wenig wissen, um darüber
diskutieren zu können.
Wer die Süßigkeit des Evangeliums schmecken kann, der mag so was Schönes keinem aufdrängen.
Und gibt uns Jesus nicht das beste Beispiel selbst? Ging er nicht gleich von Gergesa fort, ohne böse
zu werden, als man ihn darum bat? Und vielleicht war es ihm selbst um die Leute nicht zu tun, die
ihre Schweine nicht darum geben wollten, um den Teufel loszuwerden. Denn man mag ihnen sagen,
was man will, so bleiben sie immer in ihrem Starrsinn. Was wir tun können, ist die Suchenden zu
führen, und den anderen lässt man, weil sie es nicht besser haben wollen, ihre Teufel und ihre
Schweine.
Da hast du also den Grund, warum und wie tolerant ich bin; ich überlasse, wie du siehst, alle
Ungläubigen der ewigen Liebe und habe das Vertrauen zu ihr, dass sie am besten wissen wird, den
unsterblichen und makellosen Gottes-Funken, unsre Seele, aus dem Leib des Todes hinauszuführen
und mit einem neuen und unsterblich reinen Geistleib zu umgeben. Und diese Seligkeit meiner
friedfertigen Empfindung vertauschte ich nicht mit dem höchsten Ansehen der Unfehlbarkeit.
Welche Wonne ist es zu denken, dass der Moslem, der mich für einen ungläubigen Hund, und der
Jude, der mich für ein unreines Schwein hält, sich einst freuen werden, meine Brüder zu sein.
Soweit davon, meine liebe Schwester, und nur wie im Vorbeigehen; denn das Hauptelend der
Intoleranz offenbart sich doch am meisten in dem Zank in der Christlichen Kirche selbst, und das ist
etwas wirklich sehr Trauriges. Nicht, dass ich meine, man sollte die Vereinigung mit Rom suchen.
Wir sind alle Christen und Christinnen, und Augsburg und Genf machen sowenig einen
wesentlichen Unterschied der Religion als Frankreich und Deutschland in dem Wesen der
Menschheit. Eine Französin ist von Kopf bis auf die Füße eben ein Menschenkind wie eine
Deutsche, das andre sind politische Zankäpfel.
Wer die Geschichte des Wortes Gottes unter den Menschen mit liebevollem Herzen betrachtet, der
wird die Wege der Ewigen Weisheit anbeten. Aber wahrlich, weder Kardinal Bellarmin noch
Zinzendorf wird dir eine reine Geschichte erzählen. Warum sollte ich leugnen, dass der Anfang der
Reformation ein Zank von besoffenen Mönchen war und dass es Luthers Absicht am Anfang gar
nicht war, das zu tun, was er dann tat. Was sollte mich antreiben, die Augsburgische Konfession für
was anders als eine Formel auszugeben, die mich nur äußerlich bindet und mir übrigens meine
Bibel lässt. Kommt aber ein Credo dem Wort Gottes näher als das andre, so sind dessen Bekenner
besser dran, aber das kümmert niemanden.
Luther arbeitete, uns von der Knechtschaft zu befreien; möchten doch alle seine Jünger so viel
Abscheu vor den Pfaffen haben, wie er empfand.
Er arbeitete sich durch alte Vorurteile hindurch und trennte das Göttliche vom Menschlichen, soviel
wie ein Mensch es scheiden kann, und was noch mehr war, er gab dem Herzen seine Freiheit des
Gewissens wieder und machte es der Liebe fähiger; aber man lasse sich nicht verblenden, als hätte
er das Reich Gottes errichtet, daraus er andere hinauswarf, man bilde sich nicht ein, die Alte Kirche
sei deswegen ein Gegenstand des Abscheus und der Verachtung! Sie hat doch nur wenige Gesetze,
die nicht auf die göttliche Wahrheit gegründet sind. Warum lästert ihr die katholische Messe?
Verflucht sei der, der einen Gottesdienst Abgötterei nennt, dessen Gegenstand Christus ist. Liebe
Schwester, es wird täglich heller in der römisch-katholischen Kirche, und ob es Gottes Werk ist,
wird die Zeit zeigen. Vielleicht protestiert sie bald mehr, als gut ist... Luther hatte die Schwärmerei
zur Empfindung gemacht, Calvin machte die Empfindung zum Verstand. Ich bin fern, eine
Vereinigung der Kirchen zu wünschen, dass ich sie vielmehr für äußerst gefährlich halte, jede
Teilkirche, die sich ein Haar ausreißen ließe, hätte unrecht. Man würde vielleicht den Gewissen ihre
Freiheit rauben. Ob ein Sakrament nun nur ein Zeichen oder eine Realpräsenz ist - wie könnte ich
böse sein, dass ein andrer nicht empfinden kann wie ich. Ich kenne die Seligkeit zu gut, es für mehr
zu halten als nur ein Zeichen, und doch habe ich unter meiner Gemeinde eine große Anzahl
Menschen, die die Gnade nicht haben, es auch zu fühlen; es sind Männer, wo der Kopf das Herz
überwiegt, mit diesen lebe ich in so zärtlicher Eintracht und bitte Gott, dass er jedem Freude und
Seligkeit gebe nach seinem Maß; denn der Geist Gottes weiß am besten, was einer fassen kann.
Eben so ist es mit der Gnadenwahl, davon verstehen wir ja alle nichts, und so ist es mit tausend
Dingen. Denn wenn man es im Licht betrachtet, so hat jeder seine eigene Religion, und Gott muss
wohl mit unserm armseligen Dienst zufrieden sein, aus übergroßer Barmherzigkeit, aber das müsste
mir ein heiliger Mensch sein, der Gott dient, wie sich gebührt.
Ach, keiner kann dem widersprechen, liebe Schwester, dass keine Lehre uns von Vorurteilen
reinigen kann, als nur die, die vorher unseren Stolz zu demütigen weiß; und welche Lehre ist es, die
auf Demut aufbaut, als die aus der Höhe? Wenn wir das immer bedenken und im Herzen fühlen
würden, was das ist: Religion, und jeden auch fühlen ließen, wie er kann, und dann mit
geschwisterlicher Liebe unter alle Sekten und Kirchen träten, wie würde es uns freuen, den
göttlichen Samen des Wortes auf vielfältige Weise Frucht bringen zu sehen. Dann würden wir
ausrufen: Halleluja, dass das Reich Gottes auch da zu finden ist, wo ich es nicht vermutet.
Unser lieber Jesus wollte nicht, dass es das Leben kosten sollte, dieses Reich auszubreiten, er
wusste, dass das Reich Gottes nicht ausgerichtet wäre mit Gewalt, er wollte anklopfen an die Tür
und sie nicht eintreten. Wenn wir das nur bedenken und Gott danken würden, dass wir in diesen
bösen Zeiten noch ungestört predigen dürfen! Und ein für allemal, Herrschaft ist ganz und gar
gegen den Begriff der wahren Kirche. Denn, meine liebe Schwester, betrachte nur selbst die Zeiten
der Apostel gleich nach Christi Tod, und du wirst bekennen, es war keine sichtbare Kirche auf
Erden. Es sind seltsame Leute, die Theologen; da behaupten sie, was nicht möglich ist. Die
christliche Religion in ein Credo zu zwingen, o ihr guten Männer! Petrus sagte schon, in Paulus‘
Briefen ist vieles schwer zu verstehen, und Petrus war doch ein anderer Mann als unsere Bischöfe;
aber er hatte recht, Paulus hat Dinge geschrieben, die die ganze christliche Kirche bis auf den
heutigen Tag nicht versteht. Da sieht es denn schon merkwürdig um die Lehre aus, wenn wir alles,
was in der Bibel steht, in ein System zwängen wollen, und so lässt sich wenig Gewisses bestimmen.
Petrus tat schon Sachen, die Paulus nicht gefielen, und ich möchte wissen, mit was für Titeln der
große Apostel unsere Bischöfe beehren würde, die noch weit größere Heuchelei mit ihrer Sekte
treiben als Petrus mit den Juden.
Dass bei der Einsetzung des Abendmahls die Jünger das Brot und den Wein genossen wie die
evangelische Kirche, das glaube ich, denn ihr Meister, den sie kannten, der saß bei ihnen, sie
versprachen es zu seinem Gedächtnis zu wiederholen, weil sie ihn liebten, und mehr wollte er auch
nicht. Wahrlich, Johannes, der an seinem Herzen lag, brauchte nicht erst das Brot, um sich von der
Existenz seines Herrn lebendig zu überzeugen, es mag den Jüngern dabei der Kopf schwindlig
geworden sein, wie an jenem Abend, denn sie verstanden nicht eine Silbe von dem, was Jesus sagte!
Kaum war Jesus von der Erde gen Himmel gefahren, als zärtliche, liebende Menschen sich nach
einer innigen Vereinigung mit ihm sehnten, und weil wir immer nur halb befriedigt sind, wenn
unsere Seele genossen hat, so verlangten sie auch was für den Körper und hatten nicht unrecht, denn
der Körper bleibt immer ein wesentlicher Teil des Menschen, und dazu gaben ihnen die Sakramente
die erwünschte Gelegenheit. Durch die sinnliche Handlung der Taufe oder der Handauflegung
gerührt, gab ihr Körper der Seele eben den Ton, der nötig ist, um mit dem Wehen des Heiligen
Geistes zusammen zu stimmen, das uns unaufhörlich umgibt. Eben das fühlten sie beim Abendmahl
und glaubten, durch die Worte Christi geleitet, es für das halten zu dürfen, was sie so sehr
wünschten. Besonders da die Sünden ihres Körpers sich durch diese Heiligung am besten heilen
ließen, so blieb ihnen kein Zweifel übrig, dass ihr verewigter Bruder ihnen von dem Wesen seiner
göttlichen Menschheit durch diese sinnliche Zeichen mitteilt. Das waren unaussprechliche
Empfindungen, die sie im Anfang zur gemeinschaftlichen Erbauung einander kommunizierten, die
aber leider nachher zum Gesetz gemacht wurden. Und da konnte es nicht ausbleiben, dass die, deren
Herz keiner solchen Empfindung fähig war und die mit einer bedächtigen Andacht sich begnügten,
dass die sich trennten und zu behaupten wagten, eine Empfindung, die nicht allgemein sei, könne
kein allgemein verbindliches Gesetz sein.
Ich denke, dassß das der ehrlichste Zustand der ist, den man erwarten kann, und wenn man wohltun
will, so verfährt man mit seiner Gemeinde so duldsam wie möglich. Einem Meinungen
aufzuzwingen, ist schon grausam, aber von einem verlangen, er müsse empfinden, was er nicht
empfinden kann, das ist Unsinn.
Noch was, liebe Schwester, unsere lutherische Kirche hat sich nicht nur mit der reformierten Kirche
gezankt, weil die zu wenig empfindet, sondern auch mit andern ehrlichen Menschen, weil sie
vielleicht zu viel empfanden. Die Schwärmer und Charismatiker haben sich oft unglücklicherweise
viel auf ihre Erleuchtung eingebildet, man hat ihnen ihre phantastischen Privat-Offenbarungen
vorgeworfen; aber wehe uns, dass unsere Pastoren nichts mehr von einer unmittelbaren Eingebung
wissen! Und wehe dem Christen, der bloß aus Kommentaren die Heilige Schrift verstehen lernen
will! Wollt ihr die Wirkungen des Heiligen Geistes beschränken? Nennt mir die Zeit, da er
aufgehört hat, den Herzen zu predigen und euren leeren Diskussionen das Amt überlassen hat, das
Reich Gottes zu bezeugen. Was sah der Apostel Paulus im Dritten Himmel? Nicht wahr,
unaussprechliche Dinge? Und was waren denn das für Leute, die in der Gemeinde in Zungen
redeten, die einer Auslegung bedurften? O meine Herren Theologen, eure Dogmatik hat noch viele
Lücken! Liebe Schwester, der Heilige Geist gibt allen Weisheit, die ihn darum bitten! Und ich habe
Schuster gekannt, die Karl Barth Rätsel aufgegeben hätten...
Genug, die Weisheit sei uns lieb, wo wir sie finden! Lass uns unser Gewissen nicht beflecken, daß
wir am Jüngsten Tag rein sein mögen, wenn an das Licht kommen wird, dass die wahre Lehre von
Christus nirgends gedruckter war als in der heiligen Kirche. Und wem darum zu tun ist, die
Wahrheit dieses Satzes noch in seinem Leben zu erfahren, der wage es, ein Jünger Christi öffentlich
zu sein, der wage es, sich es merken zu lassen, dass ihm um seine Seligkeit wichtig ist! Er wird
einen Spott am Hals haben, eh er es denkt, und eine christliche Gemeinde macht ein Kreuz vor
ihm...
Lass uns also arbeiten, liebe Schwester, dass nicht unsere Meinung, sondern dass Christi Wahrheit
rein gepredigt werde. Lass uns unbekümmert um andere Reiche sein, nur lass uns für unser Reich
sorgen, und besonders hüte dich vor den falschen Propheten! Diese Heuchler nennen sich Christen,
und unter ihrem Schafspelz sind sie reißende Wölfe! Sie predigen eine glänzende Weisheit und eine
besonders eifrige Frömmigkeit und beleiden doch Christi Kirche, wo sie nur können! Wahrhaftig,
alle Spötter in der Welt sind doch wenigstens ehrliche Leute, die über das lachen, was sie nicht
verstehen, und einen öffentlichen Feind hat man wenig zu fürchten; aber diese heimlichen
Wühlmäuse versuche aus deiner Gemeinde auszuscheiden.
Der liebe Evangelist Johannes lehrt uns ganz kurz alle Unterscheidung in seinen Briefen; das sei die
einzige, die wir kennen. Ich habe in meinem Amt Jesus so rein gepredigt, dass die Antichristen sich
von mir geschieden haben, und weiter braucht es keine Scheidung. Wer Jesus seinen Herrn nennt,
der sei uns willkommen, mögen die anderen auf eigene Faust leben und sterben, wohl bekomms
ihnen. Wenn die Pastorin eine Frau ist, die nicht vom Wesentlichen abweicht, so wird unter der
Gemeinde auch kein Zwiespalt entstehen, hier hast du mein und meiner ganzen Gemeinde
Glaubensbekenntnis.
Wir sind elend! Wie wir es sind und warum wir es sind, das ist schwer zu sagen, wir sehnen uns nur
nach einem Weg, auf dem uns geholfen werden kann. Wir glauben, dass die Ewige Liebe darum
Mensch geworden ist, um uns das zu geben, wonach wir uns sehnen, und alles, was uns dient, uns
mit ihr zu vereinigen, ist uns liebenswürdig, und das, was zu diesem Ziel nicht führt, ist uns
gleichgültig, und das, was uns von der Liebe entfernt, das ist uns verhasst. Du kannst dir denken,
Frau Mit-Schwester, in was für einem Ansehen der Streit bei uns steht.
Lass uns den Frieden bewahren, liebe Frau Amts-Schwester, ich weiß nicht, wie eine Pastorin es
wagen sollte, mit Hass im Herzen auf eine Kanzel zu treten, von wo nur Liebe ertönen soll, und um
keinem Zwiespalt Gelegenheit zu geben, lass uns alle Kleinigkeiten fliehen, wo man Phantasie für
Wahrheit und Spekulation für Dogmen verkauft. Es ist immer lächerlich, wenn ein Pastor seine
Gemeinde belehrt, dass die Erde nicht um die Sonne kreist, und doch kommt so etwas vor...
Noch eins, Frau Schwester, las deine Gemeinde ja die Bibel lesen, soviel sie können, wenn sie sie
auch nicht verstehen, das tut nichts zur Sache; es kommt doch immer viel Gutes dabei heraus; und
wenn deine Leute Respekt vor der Bibel haben, so hast du viel gewonnen. Doch bitte ich dich,
nichts zu lehren, was du nicht jedem in seinem Herzen begründen kannst, und wenn es hundertmal
geschrieben stünde. Ich habe mich sonst auch gesorgt, die Leute möchten Anstoß an Dingen
nehmen, die hier und da in der Bibel vorkommen, aber ich habe gefunden, dass der Heilige Geist sie
gerade über die Stellen hinweg führt, die ihnen nichts nützen.
Überhaupt ist es eine eigene Sache mit der Erbauung. Es ist oft nicht das Wort an sich, das einen
erbaut, sondern die Situation des Herzens, worin es uns überrascht, das ist das, was einer
Kleinigkeit den Wert gibt.
Darum kann ich die modernen Lieder nicht leiden, die mögen für Leute sein, die dem Verstand viel
und dem Herzen wenig geben; was ist daran gelegen, was man singt, wenn sich nur meine Seele
erhebt und in den Flug kommt, in dem der Geist des Dichters war! Aber wahrlich, das wird einem
bei jenen modernen Liedern sehr gleichgültig bleiben, die mit aller Kälte auf dem Schreibtisch
poliert worden sind.
Adieu, liebe Schwester! Gott gebe deinem Amt Segen. Predige die Liebe, so wirst du geliebt! Segne
alles, was Christi Sache ist, und sei übrigens in Gottes Namen geduldig, wenn man dich verlästert.
Sooft ich an eurem Glockenläuten höre, dass du auf die Kanzel steigst, sooft will ich für dich beten.
Und wenn deine Predigt gut formuliert ist und du die Seelen, die sich dich besonders anvertrauen,
gut belehrst, so dass du sie alle auf den Mittelpunkt unsres Glaubens, die Ewige Liebe, hinweist;
und wenn du dem Starken im Glauben genug und dem Schwachen so viel gibst, wie er braucht,
wenn du die Skrupel verminderst und allen die Süßigkeit der Liebe begehrenswert machst, so wirst
du einst mit der Überzeugung, dein Amt gut geführt zu haben, vor den Richterstuhl Christi treten
können, der über Hirten und Schafe als oberster Hirte allein zu richten das Recht hat. Ich bin mit
aller Zärtlichkeit
Ich habe sorgfältig alles gesammelt, was ich über die Geschichte des armen Schwanke erfahren
konnte, und präsentiere es dir hier in dem Wissen, dass du mir dafür danken wirst. Seinem Geist
und Charakter kannst du deine Bewunderung und Liebe nicht verweigern. Seinem Schicksal wirst
du deine Tränen nicht verweigern.
Und du, gute Seele, die die gleiche Not erleidet, die er einmal ertragen hat, tröste dich mit seinem
Kummer; und lass dieses kleine Buch deinen Freund sein, wenn du aufgrund des Unglücks oder
durch deine eigene Schuld keinen lieben Begleiter finden kannst.
ERSTES BUCH
4. MAI 1998
Wie glücklich ich bin, dass ich weg bin! Mein lieber Freund, was für ein Ding ist das Herz des
Menschen! Dich zu verlassen, von dem ich unzertrennlich gewesen bin, den ich so sehr liebe, und
mich dennoch glücklich zu fühlen! Ich weiß, dass du mir vergeben wirst. Wurden nicht andere
Eigensinnige vom Schicksal speziell berufen, um einen Kopf wie meinen zu quälen? Arme Marion!
und doch war ich nicht schuld. War es meine Schuld, dass, während der eigentümliche Charme ihrer
Schwester mir eine angenehme Unterhaltung bot, eine Leidenschaft für mich in ihrem schwachen
Herzen erzeugt wurde? Und doch, bin ich völlig tadellos? Habe ich ihre Gefühle nicht gefördert?
Fühlte ich mich nicht entzückt von diesen wirklich echten Ausdrucksformen der Natur, die uns,
obwohl in Wirklichkeit nur wenig fröhlich, so oft amüsierten? Habe ich nicht - aber ah! Was ist der
Mensch? dass er es so wagt, sich selbst zu beschuldigen? Mein lieber Freund, ich verspreche dir,
dass ich mich verbessern werde. Ich werde nicht länger, wie es meine Gewohnheit war, weiter über
jeden kleinen Ärger nachdenken, den Fortuna auslösen kann. Ich werde die Gegenwart genießen,
und die Vergangenheit wird für mich Vergangenheit sein. Zweifellos habt ihr Recht, meine besten
Freunde, es würde unter der Menschheit weit weniger Leiden geben, wenn die Menschen - und Gott
weiß, warum sie so sind - ihre Phantasie nicht so eifrig einsetzen würden, um sich in der Erinnerung
an vergangene Trauer zu erinnern, statt zu ertragen ihr jetziges Los mit Gleichmut. Seiso freundlich,
meine Mutter darüber zu informieren, dass ich mich nach besten Kräften um ihre Geschäfte
kümmere und ihr die frühesten Informationen darüber geben werde. Ich habe meine Tante gesehen,
und finde, dass sie weit davon entfernt ist, die unangenehme Person zu sein, die unsere Freunde ihr
vorwerfen zu sein. Sie ist eine lebhafte, fröhliche Frau mit dem besten Herzen. Ich erklärte ihr das
Unrecht meiner Mutter in Bezug auf den Teil ihres Erbteils, der ihr vorenthalten wurde. Sie erzählte
mir die Motive und Gründe ihres eigenen Verhaltens und die Bedingungen, zu denen sie bereit ist,
das Ganze aufzugeben und mehr zu tun, als wir verlangt haben. Kurz gesagt, ich kann derzeit nicht
weiter auf dieses Thema eingehen. Versichere meiner Mutter nur, dass alles gut gehen wird. Und ich
habe wieder beobachtet, mein lieber Freund, in dieser unbedeutenden Angelegenheit, dass
Missverständnisse und Vernachlässigung mehr Unheil in der Welt verursachen als sogar Bosheit
und Gemeinheit. Die beiden letzteren treten jedenfalls seltener auf.
Ansonsten geht es mir hier sehr gut. Die Einsamkeit in diesem irdischen Paradies ist für mich ein
genialer Balsam, und der junge Frühling jubelt mit seinen großzügigen Versprechungen meinem
oftmals bedenklichen Herzen zu. Jeder Baum, jeder Busch ist voller Blumen; und man könnte sich
wünschen, sich in einen Schmetterling verwandelt zu haben, in diesem Ozean des Parfüms zu
schweben und seine ganze Existenz darin zu finden.
Die Stadt selbst ist unangenehm; Aber überall findest du eine unbeschreibliche Schönheit der Natur.
Dies veranlasste den verstorbenen Grafen, einen Garten auf einem der abfallenden Hügel
anzulegen, die sich hier mit der reizvollsten Vielfalt kreuzen und die schönsten Täler bilden. Der
Garten ist einfach; und es ist schon beim ersten Eintritt leicht zu erkennen, dass der Plan nicht von
einem wissenschaftlichen Gärtner entworfen wurde, sondern von einem Mann, der sich hier dem
Genuss seines eigenen sensiblen Herzens hingeben wollte. Manche Tränen habe ich bereits in einem
Sommerhaus, das jetzt in Trümmer gelegt ist, aber der sein Lieblingsort war und jetzt mir gehört, in
Erinnerung an seinen verstorbenen Meister vergossen. Ich werde bald Herr des Ortes sein. Der
Gärtner hat sich in den letzten Tagen an mich gebunden.
Eine wunderbare Gelassenheit hat meine ganze Seele in Besitz genommen, wie diese süßen
Frühlingsmorgen, die ich von ganzem Herzen genieße. Ich bin allein und spüre den Reiz der
Existenz an diesem Ort, der für die Glückseligkeit von Seelen wie meiner geschaffen wurde. Ich bin
so glücklich, mein lieber Freund, so versunken in das exquisite Gefühl einer bloßen ruhigen
Existenz, dass ich meine Talente vernachlässige. Ich könnte im Moment nicht in der Lage sein,
einen einzigen Strich zu zeichnen, und doch habe ich das Gefühl, nie ein größerer Künstler gewesen
zu sein als jetzt. Wenn das schöne Tal von Dampf um mich herum wimmelt und die Meridiansonne
auf die Oberseite des undurchdringlichen Laubes meiner Bäume trifft und nur ein paar streunende
Schimmer in das innere Heiligtum eindringen, werfe ich mich zwischen das hohe Gras des
rieselnden Stroms; und, wenn ich nahe an der Erde liege, fallen mir tausend unbekannte Pflanzen
auf: Wenn ich das Summen der kleinen Welt zwischen den Stielen höre und mich mit den
unzähligen unbeschreiblichen Formen der Insekten und Fliegen vertraut mache, spüre ich die
Gegenwart des Allmächtigen, der uns nach seinem eigenen Bild geformt hat, und der Atem dieser
Universellen Liebe, die uns trägt und erhält, wie sie in einer Ewigkeit der Glückseligkeit um uns
herum schwebt; und dann, mein Freund, wenn Dunkelheit meine Augen überspannt und Himmel
und Erde in meiner Seele zu wohnen scheinen und ihre Kraft absorbieren, wie die Form einer
Geliebten, dann denke ich oft mit Sehnsucht: Oh, würde ich diese Vorstellungen beschreiben,
könnte ich auf dem Papier alles ausdrücken, was in mir so voll und warm lebt, dass es der Spiegel
meiner Seele sein könnte, wie meine Seele der Spiegel der unendlichen Gottheit ist! O mein Freund
- aber es ist zu viel für meine Kraft - ich versinke unter dem Gewicht der Pracht dieser Visionen!
Ich weiß nicht, ob einige betrügerische Geister diesen Ort heimsuchen oder ob es die warme,
himmlische Phantasie in meinem eigenen Herzen ist, die alles um mich herum wie ein Paradies
erscheinen lässt. Vor dem Haus befindet sich ein Brunnen - ein Brunnen, an den ich durch einen
Zauber wie Melusine und ihre Schwestern gebunden bin. Wenn du einen sanften Hang
hinuntersteigst, kommst du zu einem Bogen, in dem etwa zwanzig Stufen tiefer Wasser aus dem
klarsten Kristall aus dem Marmorfelsen sprudelt. Die schmale Wand, die es oben umgibt, die hohen
Bäume, die den Ort umgeben, und die Kühle des Ortes selbst - alles vermittelt einen angenehmen,
aber erhabenen Eindruck. Es vergeht kein Tag, an dem ich dort keine Stunde verbringe. Die jungen
Mädchen kommen aus der Stadt, um Wasser zu holen - unschuldige und notwendige Beschäftigung,
und früher das Amt der Töchter der Könige. Während ich mich dort ausruhe, wird die Idee des alten
patriarchalischen Lebens um mich herum geweckt. Ich sehe sie, unsere alten Vorfahren, wie sie ihre
Freundschaften geschlossen und Bündnisse am Brunnen geschlossen haben; und ich fühle, wie
Brunnen und Bäche von wohltätigen Geistern bewacht wurden. Wer diesen Empfindungen fremd
ist, hat nach der Müdigkeit eines müden Sommertages nie wirklich kühle Ruhe an der Seite eines
Brunnens genossen.
Die einfachen Leute des Ortes kennen mich bereits und lieben mich, besonders die Kinder. Als ich
mich zuerst mit ihnen verband und mich in einem freundlichen Ton nach ihren verschiedenen
Kleinigkeiten erkundigte, stellten sich einige vor, ich wolle sie lächerlich machen, und wandten sich
mit überaus schlechtem Humor von mir ab. Ich ließ mich von diesem Umstand nicht betrüben: Ich
fühlte nur am schärfsten, was ich zuvor oft beobachtet hatte. Personen, die einen bestimmten Rang
beanspruchen können, halten sich kalt von den einfachen Leuten fern, als würden sie befürchten,
durch den Kontakt ihre Bedeutung zu verlieren; während mutwillige Müßiggänger, die zu
schlechten Scherzen neigen, dazu neigen, auf ihr Niveau herabzusteigen, nur um die armen
Menschen ihre Unverschämtheit umso schärfer fühlen zu lassen.
Ich weiß sehr gut, dass wir nicht alle gleich sind und es auch nicht sein können; aber ich bin der
Meinung, dass derjenige, der das gemeine Volk meidet, um seinen Respekt zu bewahren, genauso
schuldig ist wie ein Feigling, der sich vor seinem Feind versteckt, weil er eine Niederlage fürchtet.
Neulich ging ich zum Brunnen und fand ein junges Mädchen, das ihren Krug auf die unterste Stufe
gestellt hatte und sah sich um, ob sich einer ihrer Gefährten näherte, um ihn auf ihren Kopf zu
setzen. Ich rannte runter und sah sie an. „Soll ich dir helfen, hübsches Mädchen?“ sagte ich. Sie
errötete tief. „Oh, Herr!“ rief sie aus. „Keine Zeremonie!“ antwortete ich. Sie stellte ihren Krug hin
und ich half ihr. Sie dankte mir und stieg die Stufen hinauf.
Ich habe alle möglichen Bekanntschaften gemacht, aber noch keine Gesellschaft gefunden. Ich weiß
nicht, welche Anziehungskraft ich für die Menschen habe, so viele von ihnen mögen mich und
binden sich an mich; und dann tut es mir leid, wenn die Straße, die wir gemeinsam verfolgen, nur
eine kurze Strecke führt. Wenn du dich erkundigst, wie die Leute hier sind, muss ich antworten:
„Wie überall.“ Die Menschheit ist nur eine eintönige Angelegenheit. Die meisten von ihnen arbeiten
den größten Teil ihrer Zeit für den Lebensunterhalt; und der spärliche Teil der Freizeit, der ihnen
bleibt, beunruhigt sie so sehr, dass sie jede Anstrengung nutzen, um sie loszuwerden. Oh, das
Schicksal des Menschen!
Aber sie sind eine richtig gute Art von Menschen. Wenn ich mich gelegentlich vergesse und an den
unschuldigen Freuden teilnehme, die der Bauernschaft noch nicht verboten sind, und mich zum
Beispiel mit echter Freiheit und Aufrichtigkeit amüsiere, an einem gut gedeckten Tisch sitze oder
einen Ausflug oder Tanz passend arrangiere und so weiter, all dies wirkt sich gut auf mein Befinden
aus; nur muss ich vergessen, dass in mir so viele andere Eigenschaften schlummern, die sich nutzlos
verformen und die ich sorgfältig verbergen muss. Ah! Dieser Gedanke wirkt sich ängstlich auf
meinen Geist aus. Und doch, missverstanden zu werden, ist das Schicksal von uns.
Ach, dass die Freundin meiner Jugend weg ist! Ach, dass ich sie jemals gekannt habe! Ich könnte
mir sagen: „Du bist ein Träumer, der sucht, was hier auf Erden nicht zu finden ist.“ Aber sie war
mein. Ich habe dieses Herz besessen, diese edle Seele, in deren Gegenwart ich mehr zu sein schien
als ich wirklich war, weil ich alles war, was ich sein konnte. Du lieber Himmel! Ist denn eine
einzige Kraft meiner Seele nicht ausgeübt worden? Konnte ich in ihrer Gegenwart dieses
mysteriöse Gefühl, mit dem mein Herz die Natur umarmt, nicht in vollem Umfang zeigen? War
unser Verkehr nicht ein fortwährendes Netz feinster Gefühle, schärfsten Witzes, dessen Arten selbst
in ihrer Exzentrizität den Stempel des Genies trugen? Ach! Die wenigen Jahre, in denen sie meine
Freundin war, brachten sie vor mir ins Grab...
Vor ein paar Tagen traf ich eine gewisse junge Regine - eine offene Kameradin mit einem sehr
angenehmen Gesicht. Sie hat gerade die Universität verlassen, hält sich nicht für übertrieben klug,
glaubt aber, mehr zu wissen als andere Menschen. Sie hat hart gearbeitet, wie ich aus vielen
Umständen ersehen kann, und verfügt, kurz gesagt, über einen großen Informationsbestand. Als sie
hörte, dass ich viel zeichne und Griechisch kann (zwei wunderbare Dinge in diesem Teil des
Landes), besuchte sie mich und zeigte seinen gesamten Vorrat an Gelehrsamkeit: Sie versicherte
mir, sie habe Winckelmann durchgelesen und besitze auch ein Manuskript über das Studium der
Antike. Ich habe alles passieren lassen.
Ich habe auch eine sehr würdige Person kennengelernt, den Bezirksrichter, einen offenen und
aufgeschlossenen Mann. Mir wurde gesagt, es sei sehr erfreulich, ihn inmitten seiner Kinder zu
sehen, von denen er neun hat. Besonders von seiner ältesten Tochter wird viel gesprochen. Er hat
mich eingeladen, ihn zu besuchen, und ich habe vor, dies bei der ersten Gelegenheit zu tun. Er lebt
in einer der Jagdhütten, die von hier aus in anderthalb Stunden zu Fuß erreichbar sind und die er
nach dem Verlust seiner Frau bewohnen durfte, da es für ihn so schmerzhaft ist, zu wohnen in der
Stadt und am Hof.
Es sind mir auch einige andere Originale fragwürdiger Art in den Weg gekommen, die in jeder
Hinsicht unerwünscht und in ihrer Demonstration der Freundschaft am unerträglichsten sind. Auf
Wiedersehen! Dieser Brief wird dir gefallen: Er ist ziemlich historisch.
Dass das Leben des Menschen nur ein Traum ist, haben viele Menschen bisher vermutet; und auch
ich werde überall von diesem Gefühl verfolgt. Wenn ich die engen Grenzen betrachte, innerhalb
derer unsere aktiven und forschenden Fähigkeiten begrenzt sind; wenn ich sehe, wie all unsere
Energien verschwendet werden, um für bloße Notwendigkeiten zu sorgen, die wiederum kein
anderes Ende haben, als eine elende Existenz zu verlängern; und dann, dass all unsere Befriedigung
über bestimmte Untersuchungsthemen in nichts Besserem als einem passiven Rücktritt endet,
während wir uns amüsieren, unsere Gefängnismauern mit hellen Figuren und brillanten
Landschaften zu streichen - wenn ich das alles betrachte, Mark, schweige ich. Ich untersuche mein
eigenes Wesen und finde dort eine Welt, aber eine Welt, die eher von Vorstellungskraft und
schwachen Wünschen als von Unterscheidbarkeit und lebendiger Kraft geprägt ist.
Alle gelehrten Professoren und Doktoren sind sich einig, dass Kinder die Ursache ihrer Wünsche
nicht verstehen; aber dass Erwachsene wie Kinder über diese Erde wandern sollten, ohne zu wissen,
woher sie kommen oder wohin sie gehen, so wenig beeinflusst von festen Motiven, aber wie sie von
Keksen, Zuckerpflaumen und Schokolade geführt - das ist es, was niemand anzuerkennen bereit ist;
und doch denke ich, dass es greifbar ist.
Ich weiß, was du als Antwort sagen wirst, denn ich bin bereit zuzugeben, dass die am glücklichsten
sind, die sich wie Kinder mit ihren Spielsachen amüsieren, ihre Puppen an- und ausziehen und
aufmerksam den Schrank beobachten, in dem Mama ihre Süßigkeiten eingesperrt hat, und wenn sie
es endlich bekommen ein köstliches Stückchen, essen sie es gierig und rufen aus: „Mehr!“ Dies sind
sicherlich glückliche Wesen; aber andere sind auch Objekte des Neides, die ihre dürftigen
Beschäftigungen und manchmal sogar ihre Leidenschaften mit pompösen Titeln würdigen und sie
der Menschheit als gigantische Errungenschaften darstellen, die für ihr Wohlergehen und ihren
Ruhm erbracht werden. Aber der Mann, der demütig die Eitelkeit all dessen anerkennt, der
beobachtet, mit welcher Freude der blühende Bürger seinen kleinen Garten in ein Paradies
verwandelt, und wie geduldig auch der arme Mann seinen müden Weg unter seiner Last verfolgt
und wie alle gleichermaßen das Licht der Sonne ein wenig länger sehen wollen - ja, ein solcher
Mann ist in Frieden und erschafft seine eigene Welt in sich selbst; und er ist auch glücklich, weil er
ein Mensch ist. Und dann, so begrenzt seine Sphäre auch sein mag, bewahrt er immer noch das süße
Gefühl der Freiheit in seinem Herzen und weiß, dass er sein Gefängnis verlassen kann, wann immer
er will...
Du kennst meine alten Möglichkeiten, sich irgendwo niederzulassen, ein kleines Häuschen an
einem gemütlichen Ort auszuwählen und es mit allen Unannehmlichkeiten in Kauf zu nehmen.
Auch hier habe ich einen so gemütlichen Ort entdeckt, der für mich einen besonderen Reiz besitzt.
Etwa ein Kilometer von der Stadt entfernt liegt ein Ort namens Oldenburg. Er liegt herrlich auf der
Seite eines Hügels; und wenn du auf einem der Fußwege gehst, die aus dem Dorf herausführen,
kannst du einen Blick auf das ganze Tal haben. Dort lebt eine gute alte Frau, die ein kleines
Gasthaus unterhält. Sie verkauft Wein, Bier und Kaffee und ist trotz ihres Alters fröhlich und
angenehm. Der Hauptcharme dieses Ortes besteht in zwei Kastanienbäumen, die ihre riesigen Äste
über das kleine Grün vor der Kirche verteilen, die vollständig von Bauernhäusern, Scheunen und
Gehöften umgeben ist. Ich habe selten einen Ort gesehen, der so zurückgezogen und friedlich ist.
Und dort werden oft mein Tisch und mein Stuhl aus dem kleinen Gasthaus herausgebracht und dort
mein Kaffee getrunken und mein Homer gelesen. Der Zufall brachte mich eines schönen
Nachmittags an den Ort, und ich fand ihn vollkommen verlassen. Alle waren auf den Feldern, bis
auf einen kleinen Knaben von ungefähr vier Jahren, der auf dem Boden saß und ein etwa sechs
Monate altes Kind zwischen den Knien hielt. Er drückte es mit beiden Armen an seine Brust, was
eine Art Sessel bildete; und trotz der Lebendigkeit, die in seinen blauen Augen funkelte, blieb es
vollkommen still. Der Anblick bezauberte mich. Ich setzte mich auf einen Pflug gegenüber und
skizzierte mit großer Freude dieses kleine Bild brüderlicher Zärtlichkeit. Ich fügte die benachbarte
Hecke, das Scheunentor und einige kaputte Wagenräder hinzu, gerade wie sie zufällig da lagen; und
ich fand in ungefähr einer Stunde heraus, dass ich eine sehr korrekte und interessante Zeichnung
gemacht hatte, ohne das geringste von mir selbst einzubringen. Dies bestätigte mich in meinem
Entschluss, für die Zukunft ganz an der Natur festzuhalten. Sie allein ist unerschöpflich und in der
Lage, die größten Meister zu bilden. Es kann viel für Regeln behauptet werden, ebenso viel für die
Gesetze der Gesellschaft: Ein von ihnen gebildeter Künstler wird niemals etwas absolut Schlechtes
oder Ekelhaftes hervorbringen; als ein Mann, der die Gesetze beachtet und dem Anstand gehorcht,
kann er niemals ein absolut unerträglicher Nachbar oder ein entschiedener Bösewicht sein. Aber du
sage, was du willst, von den Regeln, sie zerstören das echte Gefühl der Natur sowie ihren wahren
Ausdruck. Sag mir nicht „dass das zu schwer ist, dass sie nur überflüssige Zweige zurückhalten und
beschneiden“. Meine guter Freund, ich werde dies durch eine Analogie veranschaulichen. Diese
Dinge ähneln der Liebe. Ein warmherziger Jugendlicher wird stark an ein Mädchen gebunden: Er
verbringt jede Stunde des Tages in ihrer Gesellschaft. Zermürbt seine Gesundheit und verschwendet
sein Vermögen, um fortwährend zu beweisen, dass er sich ganz ihr widmet. Dann kommt ein Mann
von Welt, ein Mann von Amt und Ansehen, und spricht ihn so an: „Mein guter junger Freund, Liebe
ist natürlich; aber du musst in Grenzen lieben. Teile deine Zeit auf: widme einen Teil dem Beruf und
gib deiner Geliebten die Stunden der Erholung. Berechne dein Vermögen; und aus dem Überfluss
heraus kannst du ihr ein Geschenk machen, nur nicht zu oft - an ihrem Geburtstag und zu solchen
Gelegenheiten.“ Wenn er diesen Rat befolgt, kann er ein nützliches Mitglied der Gesellschaft
werden, und ich sollte jedem Herren raten, ihm ein Amt zu geben. Aber es tötet seine Liebe und sein
Genie, wenn er Künstler ist. O mein Freund! Warum bricht der Strom des Genies so selten hervor,
rollt so selten im vollen Strom und überwältigt deine verblüffte Seele? Denn zu beiden Seiten dieses
Baches haben kalte und angesehene Personen ihren Wohnsitz bezogen, und außerdem würden ihre
Sommerhäuser und Tulpenbeete unter dem Strom leiden; deshalb graben sie Gräben und heben
Böschungen zwischenzeitlich an, um die drohende Gefahr abzuwenden.
Ich finde, ich bin in Verzückung, Deklamation und Gleichnisse gefallen und habe infolgedessen
vergessen, dir zu erzählen, was aus den Kindern geworden ist. In meine künstlerischen
Überlegungen vertieft, die ich in meinem gestrigen Brief kurz beschrieben habe, saß ich zwei
Stunden lang auf dem Pflug. Gegen Abend kam eine junge Frau mit einem Korb auf dem Arm auf
die Kinder zugerannt, die sich die ganze Zeit nicht bewegt hatten. Sie rief aus der Ferne aus: „Du
bist ein guter Junge, Juri!“ Sie begrüßte mich: Ich gab es zurück, stand auf und näherte mich ihr. Ich
fragte, ob sie die Mutter dieser hübschen Kinder sei. „Ja“, sagte sie; und als sie dem Ältesten ein
Stück Brot gab, nahm sie den Kleinen in die Arme und küsste es mit der Zärtlichkeit einer Mutter.
„Ich habe mein Kind in Juris Obhut gelassen“, und dass ihr Mann für etwas Geld, das ihm ein
Verwandter hinterlassen hatte, auf eine Reise in die Schweiz gegangen war. „Sie wollten ihn
betrügen“, sagte sie, „und wollten seine Briefe nicht beantworten; also ist er selbst dorthin
gegangen. Ich hoffe, er hat keinen Unfall gehabt, da ich seit seiner Abreise nichts von ihm gehört
habe.“ Mit Bedauern verließ ich die Frau und gab jedem der Kinder ein Geldstück, einen
zusätzlichen für den Jüngsten, um etwas weißes Brot für ihn zu kaufen, wenn sie das nächste Mal in
die Stadt ging. Und so trennten wir uns. Ich versichere dir, mein lieber Freund, wenn meine
Gedanken alle in Aufruhr sind, beruhigt der Anblick eines solchen Geschöpfs meinen verstörten
Geist. Sie bewegt sich in einer glücklichen Gedankenlosigkeit innerhalb des engen Kreises ihrer
Existenz; sie besorgt ihre Bedürfnisse von Tag zu Tag; und wenn sie die Blätter fallen sieht, denkt
sie nicht mehr darüber nach, als dass der Winter näher rückt. Seitdem bin ich oft dort
hinausgegangen. Die Kinder sind mit mir ziemlich vertraut geworden; und jedes bekommt eine
Zuckerware, wenn ich meinen Kaffee trinke, und sie teilen abends meine Kakao, mein Brot und
meinen Käse. Sie erhalten ihr Geldstück immer sonntags, denn die gute Frau hat den Befehl, ihn
ihnen zu geben, wenn ich nach der Abendmesse nicht dorthin gehe. Sie sind ganz zu Hause bei mir,
erzählen mir alles; und ich bin besonders amüsiert darüber, ihre Gemüter und die Einfachheit ihres
Verhaltens zu beobachten, wenn einige der anderen Dorfkinder mit ihnen versammelt sind.
Es hat mir viel Mühe gemacht, die Angst der Mutter zu befriedigen, dass (wie sie sagt) „sie dem
guten Mann keine Unannehmlichkeiten bereiten“.
Was ich kürzlich über Malerei gesagt habe, gilt auch für die Poesie. Wir müssen nur wissen, was
wirklich hervorragend ist, und es wagen, es zum Ausdruck zu bringen. und das sagt viel in wenigen
Worten. Heute hatte ich eine Szene, die, wenn sie buchstäblich benutzt wäre, die schönste Idylle der
Welt wäre. Aber warum sollte ich von Gedichten, Szenen und Idyllen sprechen? Können wir
niemals Freude an der Natur haben, ohne auf Kunst zurückzugreifen?
Wenn du von dieser Einführung etwas Großartiges oder Großartiges erwartest, wirst du dich leider
irren. Es handelt sich lediglich um einen Bauernjungen, der das wärmste Interesse in mir geweckt
hat. Wie immer werde ich meine Geschichte schlecht erzählen; und du wirst mich wie immer für
extravagant halten. Es ist wieder Oldenburg - immer Oldenburg -, das diese wunderbaren
Phänomene hervorbringt.
Vor dem Haus hatte sich unter den Kastanienbäumen eine Gruppe versammelt, um Kaffee zu
trinken. Die Firma hat mir nicht gerade gefallen; und unter dem einen oder anderen Vorwand blieb
ich zurück.
Ein Bauer kam aus einem angrenzenden Haus und machte sich an die Arbeit, um einen Teil
desselben Pfluges zu arrangieren, den ich kürzlich skizziert hatte. Sein Aussehen gefiel mir; und ich
sprach mit ihm, erkundigte mich nach seinen Umständen, machte seine Bekanntschaft und wurde,
wie ich es bei Personen dieser Klasse gewohnt bin, bald in sein Vertrauen aufgenommen. Er sagte,
er stehe im Dienst einer jungen Witwe, die großen Wert auf ihn legte. Er sprach so viel von seiner
Geliebten und lobte sie so extravagant, dass ich bald sehen konnte, dass er verzweifelt in sie verliebt
war. „Sie ist nicht mehr jung“, sagte er, „und sie wurde von ihrem ehemaligen Ehemann so schlecht
behandelt, dass sie nicht vorhat, wieder zu heiraten.“ Aus seinem Bericht ging hervor, welche
unvergleichlichen Reize sie für ihn besaß und wie leidenschaftlich er wünschte, sie würde ihn
erwählen, die Erinnerung an das Fehlverhalten ihres ersten Mannes auszulöschen, dass ich seine
eigenen Worte wiederholen müsste, um die Tiefe der Anhänglichkeit, Wahrheit und Hingabe des
armen Mannes zu beschreiben. Es würde in der Tat die Gaben eines großen Dichters erfordern, um
den Ausdruck seiner Züge, die Harmonie seiner Stimme und das himmlische Feuer seiner Augen zu
vermitteln. Keine Worte können die Zärtlichkeit jeder seiner Bewegungen und Merkmale darstellen:
Keine meiner Bemühungen könnte der Szene gerecht werden. Seine Aufregung, dass ich seine
Position in Bezug auf seine Geliebte falsch einschätzen oder die Angemessenheit ihres Verhaltens in
Frage stellen könnte, berührte mich besonders. Die charmante Art und Weise, mit der er ihre Form
und Person beschrieb, die, ohne die Grazien der Jugend zu besitzen, ihn gewann und ihn an sie
band, ist unaussprechlich und muss der Phantasie überlassen werden. Ich habe noch nie in meinem
Leben die Möglichkeit einer so intensiven Hingabe, solch leidenschaftlicher Zuneigung, verbunden
mit so viel Reinheit, gesehen oder mir vorgestellt oder gedacht. Beschuldige mich nicht, wenn ich
sage, dass die Erinnerung an diese Unschuld und Wahrheit meine Seele tief beeindruckt; dass dieses
Bild von Treue und Zärtlichkeit mich überall verfolgt; und dass mein eigenes Herz, als ob es von
der Flamme entzündet wird, in mir leuchtet und brennt.
Ich will jetzt versuchen, sie zu sehen, sobald ich kann: oder vielleicht, nach meinem zweiten
Gedanken, sollte ich es besser nicht tun; es ist besser, ich könnte sie mit den Augen ihres Geliebten
sehen. Für mich würde sie vielleicht nicht so erscheinen, wie sie jetzt im Geiste vor mir steht; und
warum sollte ich ein so süßes Bild zerstören?
Warum schreibe ich dir nicht? Du erhebst Anspruch auf Gelehrsamkeit und stellst eine solche Frage.
Du hättest erraten sollen, dass es mir gut geht - das heißt - mit einem Wort, ich habe eine
Bekanntschaft gemacht, die mein Herz gewonnen hat: Ich habe - ich weiß nicht.
Es wäre eine schwierige Aufgabe, dir regelmäßig zu berichten, wie ich die liebenswürdigste der
Frauen kennengelernt habe. Ich bin ein glücklicher und zufriedener Sterblicher, aber ein armer
Historiker.
Ein Engel! Unsinn! Jeder beschreibt so seine Geliebte; und doch finde ich es unmöglich, dir zu
sagen, wie perfekt sie ist oder warum sie so perfekt ist: es reicht zu sagen, dass sie alle meine Sinne
gefesselt hat.
So viel Einfalt mit so viel Verständnis - so mild und doch so entschlossen - ein so ruhiger Geist und
ein so aktives Leben.
Aber das alles ist hässlicher Quatsch, der weder ein einzelnes Zeichen noch ein Merkmal ausdrückt.
Ein anderes Mal - aber nein, nicht ein anderes Mal, jetzt, in diesem Augenblick, werde ich dir alles
darüber erzählen. Jetzt oder nie. Nun, seit ich meinen Brief angefangen habe, war ich dreimal im
Begriff, meinen Stift niederzuwerfen, meinen Wagen zu bestellen und hinauszufahren. Und doch
habe ich heute Morgen geschworen, heute nicht zu fahren, und doch eile ich jeden Moment zum
Fenster, um zu sehen, wie hoch die Sonne steht.
Ich konnte mich nicht zurückhalten - ich muss zu ihr gehen. Ich bin gerade zurückgekehrt, Mark;
und während ich zu Abend esse, werde ich dir schreiben. Was für eine Freude war es für meine
Seele, sie inmitten ihrer lieben, schönen Knaben zu sehen - fünf Brüder!
Aber wenn ich so vorgehe, wirst du am Ende meines Briefes nicht klüger sein als am Anfang.
Nimm also teil, und ich werde mich zwingen, dir die Details zu geben.
Ich erwähnte dir neulich, dass ich den Bezirksrichter kennengelernt hatte und dass er mich
eingeladen hatte, ihn in seinem Ruhestand oder vielmehr in seinem kleinen Herzogtum zu
besuchen. Aber ich habe es versäumt, hinzugehen, und hätte vielleicht nie gehen sollen, wenn mir
der Zufall nicht den Schatz entdeckt hätte, der an diesem Ort in Ruhe verborgen lag. Einige unserer
jungen Leute hatten vorgeschlagen, auf dem Land, zu dem ich zugestimmt hatte, anwesend zu sein,
eine Feier zu geben. Ich bot meine Hand für den Abend einem hübschen und angenehmen, aber eher
alltäglichen Mädchen aus der unmittelbaren Nachbarschaft an; und es wurde vereinbart, dass ich
einen Wagen mieten und Evi mit meinem Partner und ihrer Tante anbieten sollte, sie zum Fest zu
befördern. Meine Begleiterin informierte mich, als wir durch den Park zum Schloss fuhren, dass ich
eine sehr charmante junge Frau kennenlernen sollte. „Pass auf dich auf“, fügte die Tante hinzu,
„dass du nicht dein Herz verlierst.“ - „Warum?“ fragte ich. „Weil sie bereits mit einem Mann
verlobt ist“, antwortete sie, „der nach dem Tod seines Vaters seine Angelegenheiten regeln wird und
ein sehr beträchtliches Erbe erhalten wird.“ Diese Informationen hatten für mich kein Interesse. Als
wir am Tor ankamen, ging die Sonne hinter den Gipfeln der Bäume unter. Die Atmosphäre war
schwer; und die Frauen drückten ihre Angst vor einem herannahenden Sturm aus, als sich am
Horizont Massen von niedrigen schwarzen Wolken sammelten. Ich linderte ihre Ängste, indem ich
vorgab, wetterkundig zu sein.
Ich stieg aus; und ein Knabe kam zur Tür und bat uns, einen Moment auf seine Liebste zu warten.
Ich ging über den Hof zu einem gut gebauten Haus, stieg die Treppe hinauf, öffnete die Tür und sah
vor mir das bezauberndste Schauspiel, das ich je gesehen hatte. Fünf Knaben im Alter von sechs bis
fünfzehn Jahren rannten durch die Halle und umringten eine mittelgroße Frau mit einer hübschen
Gestalt, gekleidet in ein leichtes weißes Gewand, das mit rosa Blumen bestickt war. Sie hielt ein
Dinkelbrot in der Hand und schnitt den Knaben ringsum Scheiben, je nach Alter und Appetit. Sie
erfüllte ihre Aufgabe auf anmutige und liebevolle Weise; jeder Antragsteller wartet mit
ausgestreckten Händen darauf, an die Reihe zu kommen, und ruft lautstark seinen Dank. Einige von
ihnen rannten sofort weg, um ihr Abendessen zu genießen; während andere, die sanfter eingestellt
waren, sich in den Hof zurückzogen, um die Fremden zu sehen und den Wagen zu betrachten, in
dem ihre Evi wegfahren sollte. „Bitte, verzeihe mir, dass ich dir die Mühe gemacht habe, für mich
zu kommen, und dass ich die Frauen warten ließ. Aber das Anziehen und die Organisation einiger
Haushaltsaufgaben, bevor ich gehe, hatte mich das Abendessen meiner Kinder vergessen lassen;
und sie nehmen es nicht gern von jemandem außer mir.“ Ich machte ein gleichgültiges Kompliment:
aber meine ganze Seele war von ihrer Aura, ihrer Stimme, ihrer Art absorbiert; und ich hatte mich
kaum erholt, als sie in ihr Zimmer lief, um ihre Handschuhe und ihren Fächer zu holen. Die Knaben
warfen mir aus der Ferne fragende Blicke zu; während ich mich dem jüngsten näherte, einem sehr
leckeren kleinen Geschöpf. Er zog sich zurück; und Evi, die gerade eintrat, sagte: „Tom, gib deinem
Onkel die Hand.“ Der kleine Kerl gehorchte bereitwillig; und ich konnte nicht widerstehen, ihm
einen herzlichen Kuss zu geben, trotz seines ziemlich schmutzigen Gesichts. „Onkel“, sagte ich zu
Evi, als ich sie weiterführte, „glaubst du, ich verdiene das Glück, mit dir verwandt zu sein?“ Sie
antwortete mit einem bereiten Lächeln: „Oh! Es gibt viele Onkel, dass es mir leid tun würde, wenn
du der letzte von ihnen wärst.“ Als sie sich verabschiedete, bat sie ihre nächste Schwester, Christine,
ein Mädchen von ungefähr elf Jahren, sich sehr um die Kinder zu kümmern und sich von Papa an
ihrer Stelle zu verabschieden, wenn er von seiner Fahrt nach Hause käme. Sie forderte die Kknaben
auf, ihrer Schwester Christine wie ihr selbst zu gehorchen, worauf einige versprachen, dass sie es
tun würden; aber ein kleiner blonder Knabe, ungefähr sechs Jahre alt, sah unzufrieden aus und
sagte: „Aber Christine, das bist nicht du, Evi; und wir mögen dich am liebsten.“ Die beiden ältesten
Jungen waren auf den Wagen geklettert; und auf meine Bitte hin erlaubte sie ihnen, uns ein Stück
durch den Wald zu begleiten, nachdem sie versprochen hatten, sehr still zu sitzen und sich
festzuhalten.
Wir saßen kaum, und die Frauen hatten kaum Komplimente ausgetauscht und die üblichen
Bemerkungen über das Kleid der anderen und über die Gesellschaft gemacht, die sie erwarteten, als
Evi den Wagen anhielt und ihre Knaben aussteigen ließ. Sie bestanden darauf, ihr die Hand noch
einmal zu küssen; was der Älteste mit der Zärtlichkeit eines fünfzehnjährigen Jugendlichen tat, der
andere jedoch leichter und nachlässiger. Sie wollte, dass sie den Knaben ihre Liebe weitergäben,
und wir fuhren los.
Die Tante fragte Evi, ob sie das Buch zuende gelesen habe, das sie ihr zuletzt geschickt hatte.
„Nein“, sagte Evi; „es hat mir nicht gefallen: du kannst es wieder haben. Und das vorherige war
nicht viel besser.“ Ich war überrascht, als ich nach dem Autor fragte, dass es Brecht war.
Ich fand Durchdringung und Charakter in allem, was sie sagte: Jeder Ausdruck schien ihre
Gesichtszüge mit neuen Reizen aufzuhellen - mit neuen Strahlen des Genies -, die sich allmählich
entfalteten, wenn sie sich verstanden fühlte.
„Als ich jünger war“, bemerkte sie, „liebte ich nichts so sehr wie die Romantik. Nichts konnte
meiner Freude entsprechen, wenn ich mich in einem Urlaub ruhig in einer Ecke niederlassen und
mit ganzem Herzen und ganzer Seele in die Freuden oder Leiden einer fiktiven Diotima eintreten
konnte. Ich leugne nicht, dass sie noch einige Reize für mich besitzt. Aber ich lese so selten, dass
ich Bücher bevorzuge, die genau meinem Geschmack entsprechen. Und ich mag die Autoren am
liebsten, deren Szenen meine eigene Situation beschreiben: Das Leben - und die Freunde, die um
mich sind, deren Geschichten mich interessieren, weil sie meiner eigenen Existenz ähneln -, die,
ohne absolut paradiesisch zu sein, im Großen und Ganzen eine Quelle unbeschreiblichen Glücks
sind.“
Ich bemühte mich, die Emotionen zu verbergen, die diese Worte hervorriefen, aber es war von
geringem Nutzen; denn als sie so wahrhaftig ihre Meinung über „den Eremiten in Griechenland“
und andere Werke geäußert hatte, deren Namen ich weglasse, konnte ich mich nicht länger
zurückhalten, sondern äußerte mich voll und ganz zu dem, was ich darüber dachte: und erst als Evi
sich an die beiden anderen Frauen gewandt hatte, erinnerte ich mich an ihre Anwesenheit und
beobachtete sie stumm vor Erstaunen. Die Tante sah mich mehrmals mit einem Hauch von Scherz
an, was mir jedoch überhaupt nichts ausmachte.
Wir sprachen über die Freuden des Tanzens. „Wenn es ein Fehler ist, den Tanz zu lieben“, sagte Evi,
„bin ich bereit zu gestehen, dass ich ihn über alle anderen Vergnügungen schätze. Wenn mich etwas
stört, gehe ich zum Klavier, spiele eine Melodie, zu der ich getanzt habe, und alles geht direkt
wieder richtig.“
Du, der mich kennt, kannst dir vorstellen, wie standhaft ich während dieser Bemerkungen auf ihre
blauen Augen blickte, wie meine Seele sich über ihre warmen Lippen und frischen, leuchtenden
Wangen freute, wie ich mich in der entzückenden Bedeutung ihrer Worte ziemlich verlor, so sehr,
dass ich die tatsächlichen Ausdrücke kaum hörte. Kurz gesagt, ich stieg wie eine Person in einem
Traum aus dem Wagen und war so verloren für die trübe Welt um mich herum, dass ich kaum die
Musik hörte, die aus dem beleuchteten Festsaal hallte.
Die beiden Herren (ich kann mich nicht mit den Namen herumschlagen), die die Partner von Tante
und Evi waren, empfingen uns an der Wagentür und nahmen ihre Frauen in Empfang, während ich
mit meinem Mädchen folgte.
Wir begannen zu tanzen. Ich tanzte mit einer Frau nach der andere, und genau diejenigen, die am
unangenehmsten waren, konnten sich nicht dazu bringen, aufzuhören. Evi und ihr Partner begannen
einen amerikanischen Tanz, und du musst dir meine Freude vorstellen, als sie an der Reihe war, mit
mir zu tanzen. Du solltest Evi tanzen sehen. Sie tanzt mit ganzem Herzen und ganzer Seele: Ihre
Figur ist ganz Harmonie, Eleganz und Anmut, als ob sie sich nichts anderes bewusst wäre und
keinen anderen Gedanken oder ein anderes Gefühl hätte; und zweifellos ist für den Moment jede
andere Empfindung ausgestorben.
Sie war für den zweiten Tanz verabredet, versprach mir aber den dritten und versicherte mir mit der
angenehmsten Freiheit, dass sie sehr gerne tanzt. „Es ist hier Brauch“, sagte sie, „dass die
vorherigen Partner zusammen tanzen; aber mein Partner ist ein gleichgültiger Tänzer und wird sich
freuen, wenn ich ihm die Mühe erspare. Deine Partnerin kann nicht tanzen, und zwar ist sie eben
unfähig: aber ich habe während des Tanzes beobachtet, dass du gut tanzt; wenn du also mit mir
tanzen willst, bitte ich dich, es meinem Partner vorzuschlagen, und ich werde es deiner
vorschlagen.“ Wir waren uns einig, und es wurde vereinbart, dass sich unsere Partner gegenseitig
unterhalten sollten...
Wir machten uns auf den Weg und freuten uns zunächst über die üblichen anmutigen Bewegungen
der Arme. Mit welcher Anmut, mit welcher Leichtigkeit bewegte sie sich! Als der Tanz begann und
die Tänzer im schwindelerregenden Labyrinth umeinander wirbelten, gab es einige Verwirrung, da
einige der Tänzer nicht in der Lage waren. Wir blieben vernünftigerweise still und erlaubten den
anderen, sich selbst zu ermüden; und als sich die ungeschickten Tänzer zurückgezogen hatten,
machten wir mit und machten es zusammen mit einem anderen Paar. Nie habe ich leichter getanzt.
Ich fühlte mich mehr als sterblich, hielt diese schönste Kreatur in meinen Armen und flog mit ihr so
schnell wie der Wind, bis ich jedes andere Objekt aus den Augen verlor. Und, o Mark, ich schwor in
diesem Moment, dass sie die Jungfrau war, die ich liebte...
Wir drehten uns ein paar Mal im Raum um, um wieder zu Atem zu kommen. Evi setzte sich und
fühlte sich erfrischt, als sie einige Orangen aß, die ich mir gesichert hatte - die einzigen, die noch
übrig waren; aber bei jedem Stück, das sie aus Höflichkeit ihren Nachbarn anbot, fühlte ich mich,
als würde ein Dolch durch mein Herz gehen.
Wir waren das zweite Paar im dritten Tanz. Als wir hinuntergingen (und der Himmel weiß, mit
welcher Ekstase ich auf ihre Arme und Augen blickte und mit dem süßesten Gefühl reinen und
echten Genusses strahlte), kamen wir an einer Frau vorbei, die ich für ihren charmanten
Gesichtsausdruck bewunderte, obwohl sie nicht mehr jung war. Sie sah Evi mit einem Lächeln an,
dann hielt sie ihren Finger in einer bedrohlichen Haltung hoch und wiederholte zweimal in einem
sehr bedeutungsvollen Ton den Namen „Jörg“.
„Wer ist Jörg?“ fragte ich Evi, „wenn es nicht unverschämt ist zu fragen.“ Sie wollte gerade
antworten, als wir uns trennen mussten, um eine Figur im Tanz auszuführen; und als wir uns wieder
trafen, bemerkte ich, dass sie etwas nachdenklich aussah. „Warum soll ich es vor dir verbergen?“
sagte sie, als sie mir ihre Hand für den Spaziergang gab. „Jörg ist der Mann, mit dem ich verlobt
bin.“ Nun, das war nichts Neues für mich (denn die Mädchen hatten mir unterwegs davon erzählt);
aber es war so neu, dass ich im Zusammenhang mit ihr, von der ich in so kurzer Zeit gelernt hatte,
sie so hoch zu schätzen, nicht daran gedacht hatte. Genug, ich wurde verwirrt, stieg aus dem Tanz
aus und verursachte allgemeine Verwirrung; so dass Evi alle Kraft benötigte, die Ordnung wieder
herzustellen.
Der Tanz war noch nicht beendet, als der Blitz, der seit einiger Zeit am Horizont zu sehen war und
von dem ich behauptet hatte, er gehe ganz aus der Hitze hervor, heftiger wurde; und der Donner war
über der Musik zu hören. Wenn uns eine Not oder ein Schrecken inmitten unserer Vergnügungen
überrascht, macht sie natürlich einen tieferen Eindruck als zu anderen Zeiten, entweder weil der
Kontrast uns anfälliger macht oder weil unsere Sinne dann offener für Eindrücke sind, und der
Schock ist folglich stärker. Diesem Grund muss ich den Schreck und die Rufe der Frauen
zuschreiben. Eine setzte sich scharfsinnig mit dem Rücken zum Fenster in eine Ecke und hielt die
Finger an die Ohren; eine zweite kniete vor ihr nieder und versteckte ihr Gesicht in ihrem Schoß;
eine dritte warf sich zwischen sie, und umarmte ihre Schwestern mit tausend Tränen; einige
bestanden darauf, nach Hause zu gehen; andere, die sich ihrer Handlungen nicht bewusst waren,
hatten eine ausreichende Geistesgegenwart, um die Zumutung ihrer jungen Partner zu unterdrücken,
die versuchten, die Seufzer, die die Lippen unserer aufgeregten Schönheiten für den Himmel hatten,
auf sich zu lenken. Einige der Männer waren die Treppe hinuntergegangen, um eine Zigarette zu
rauchen, und der Rest der Gesellschaft nahm gerne einen glücklichen Vorschlag der Gastgeberin an,
sich in einen anderen Raum zurückzuziehen, der mit Fensterläden und Vorhängen versehen war. Wir
waren kaum dort angekommen, als Evi die Stühle in einen Kreis stellte; und als sich der Verein in
Übereinstimmung mit ihrer Bitte hingesetzt hatte, schlug sie sofort ein Spiel vor.
Ich bemerkte, dass einige der Leute ihren Mund vorbereiteten und sich in der Aussicht auf einen
angenehmen Verlust aufstellten. „Lasst uns beim Zählen spielen“, sagte Evi. „Jetzt passt auf: Ich
werde den Kreis von rechts nach links umrunden; und jeder Mensch soll nacheinander die Zahl
zählen, die zu ihm kommt, und muss schnell zählen; wer aufhört oder Fehler macht, soll eine
Ohrfeige bekommen, und so weiter, bis wir tausend gezählt haben.“ Es war herrlich, den Spaß zu
sehen. Sie ging mit erhobenem Arm um den Kreis. „Eins“, sagte der erste; „zwei“ der zweite; „drei“
der dritte, und so weiter, bis Evi immer schneller wurde. Man machte einen Fehler, sofort gab es
eine Ohrfeige; und inmitten des Lachens, das folgte, kam eine andere Ohrfeige; und so weiter,
schneller und schneller. Ich selbst bekam zwei. Ich stellte mir vor, sie wären härter als die anderen
und fühlte mich ziemlich erfreut. Ein allgemeines Lachen und Verwirrung beendeten das Spiel,
lange bevor wir bis tausend gezählt hatten. Die Party löste sich in kleine getrennte Knäuel auf: Der
Sturm hatte aufgehört, und ich folgte Evi in den Tanzsaal. Unterwegs sagte sie: „Das Spiel hat ihre
Angst vor dem Gewitter verbannt.“ Ich konnte keine Antwort geben. „Ich selbst“, fuhr sie fort, „war
genauso verängstigt wie jeder von ihnen; aber indem ich den Mut beeinflusste, die Stimmung der
anderen aufrechtzuerhalten, vergaß ich meine Befürchtungen.“ Wir gingen zum Fenster. In einiger
Entfernung donnerte es immer noch: Ein sanfter Regen strömte über das Land und erfüllte die Luft
um uns herum mit köstlichen Gerüchen. Evi beugte sich auf ihrem Arm vor; ihre Augen wanderten
über die Szene; sie hob sie zum Himmel und wandte sie dann auf mich; sie waren mit Tränen
angefeuchtet; sie legte ihre Hand auf meine und sagte: „Goethe...“ Sofort erinnerte ich mich an die
großartige Szene, die in ihren Gedanken war: Ich fühlte mich vom Gewicht meiner Empfindungen
unterdrückt und sank unter. Es war mehr als ich ertragen konnte. Ich beugte mich über ihre Hand,
küsste sie in einem Strom köstlicher Tränen und sah wieder zu ihren Augen auf. Göttlicher Goethe!
Warum hast du deine Apotheose nicht in diesen Augen gesehen? Und dein Name wurde so oft
entweiht, dass ich ihn nie so schön wiederholt hörte!
19. JUNI 1998
Ich erinnere mich nicht mehr, wo ich in meiner Erzählung aufgehört habe: Ich weiß nur, dass es
zwei Uhr morgens war, als ich ins Bett ging; und wenn du bei mir gewesen wärst, damit ich hätte
reden können, anstatt dir zu schreiben, hätte ich dich höchstwahrscheinlich bis zum Tagesanbruch
wach halten können.
Ich glaube, ich habe noch nicht erzählt, was passiert ist, als wir vom Fest nach Hause gefahren sind,
und ich habe auch keine Zeit, es dir jetzt zu sagen. Es war ein großartiger Sonnenaufgang: Das
ganze Land war erfrischt, und der Regen fiel Tropfen für Tropfen von den Bäumen im Wald. Unsere
Gefährten schliefen. Evi fragte mich, ob ich nicht auch schlafen wolle, und bat mich, für sie keine
Zeremonie abzuhalten. Ich sah sie standhaft an und antwortete: „Solange ich diese deine Augen
offen sehe, gibt es keine Sorge dass ich einschlafe.“ Wir waren beide wach, bis wir ihre Tür
erreichten. Das Mädchen öffnete es leise und versicherte ihr als Antwort auf ihre Anfragen, dass es
ihrem Vater und den Kindern gut gehe und sie immer noch schlafen. Ich verließ sie und bat um
Erlaubnis, sie im Laufe des Tages besuchen zu dürfen. Sie stimmte zu, und ich ging. Und seit dieser
Zeit können Sonne, Mond und Sterne ihren Kurs verfolgen: Ich weiß nicht, ob es Tag oder Nacht
ist; die ganze Welt ist nichts für mich.
Meine Tage sind so glücklich wie die, die Gott seinen Auserwählten vorbehalten hat. Und was auch
immer mein Schicksal danach sein mag, ich kann niemals sagen, dass ich keine Freude geschmeckt
habe - die reinste Lebensfreude. Du kennst Oldenburg. Ich bin jetzt vollständig dort angesiedelt. An
dieser Stelle bin ich nur einen Kilometer von Evi entfernt; und dort amüsiere ich mich und
schmecke all die Lust, das dem Los des Menschen zufallen kann.
Als ich Oldenburg für meine Ausflüge auswählte, konnte ich mir kaum vorstellen, dass der ganze
Himmel so nahe daran lag. Wie oft habe ich auf meinen Spazierfahrten vom Hang oder von den
Wiesen über den Fluss dieses Schloss gesehen, das jetzt die ganze Freude meines Herzens in sich
trägt!
Ich habe oft, mein lieber Mark, über den Eifer nachgedacht, den Männer verspüren, umherzureisen
und neue Entdeckungen zu machen, und über diesen geheimen Impuls, der sie danach dazu
veranlasst, in ihren engen Kreis zurückzukehren, sich an die Gesetze der Moral zu halten und sich
nicht mehr in Verlegenheit zu bringen mit dem, was um sie herum vorgeht.
Es ist so seltsam, wie ich mich, als ich zuerst hierher kam und vom Hang aus auf dieses schöne Tal
blickte, von der gesamten Szene, die mich umgab, entzückt fühlte. Das kleine Gehölz gegenüber -
wie herrlich, im Schatten zu sitzen! Wie schön die Aussicht von diesem Hügel! Dann diese
herrlichen Hügel und die exquisiten Täler zu ihren Füßen! Könnte ich nur wandern und mich in
ihnen verlieren! Ich ging und kehrte zurück, ohne zu finden, was ich wollte. Entfernung, mein
Freund, ist wie Zukunft. Eine trübe Weite breitet sich vor unseren Seelen aus: Die Wahrnehmungen
unseres Geistes sind so dunkel wie die unserer Visionen; und wir möchten ernsthaft unser ganzes
Wesen aufgeben, damit es mit der vollständigen und vollkommenen Glückseligkeit einer herrlichen
Emotion erfüllt wird. Aber leider! wenn wir unser Ziel erreicht haben, ist es enttäuschend...
So keucht der unruhige Reisende nach seiner Heimat und findet in seiner eigenen Hütte, in den
Armen seiner Ehefrau, in den Zuneigungen seiner Kinder und in der Arbeit, die für ihre
Unterstützung notwendig ist, das Glück, das er vergeblich gesucht hatte in der weiten Welt.
Wenn ich morgens bei Sonnenaufgang nach Oldenburg gehe und mit meinen eigenen Händen im
Garten die Erbsen sammle, die für mein Abendessen dienen sollen, wenn ich mich hinsetze, um sie
zu schälen, und in den Pausen meinen Homer lese, und dann wähle ich einen Topf aus der Küche
aus, hole meine eigene Butter, lege mein Holz ins Feuer, decke es zu und setze mich, um die Suppe
nach Bedarf umzurühren. Ich stelle mir die berühmten Freier von Penelope vor, die töten, sich
anziehen und ihre eigenen Ochsen und Schweine vorbereiten. Nichts erfüllt mich mit einem
reineren und aufrichtigeren Gefühl des Glücks als jene Merkmale des patriarchalischen Lebens, die
Gott sei Dank ich ohne Beeinträchtigung nachahmen kann. Glücklich ist es in der Tat.
Vorgestern kam die Ärztin aus der Stadt, um dem Richter einen Besuch abzustatten. Sie fand mich
auf dem Boden, ich spielte mit Evis Kindern. Einige von ihnen krabbelten über mich, andere tobten
mit mir; und als ich sie fing und kitzelte, machten sie ein großes Geschrei. Die Ärztin ist eine
formelle Art von Persönlichkeit: Sie passt ihre Zöpfe ihren Rüschen an und fasst ihre Rüschen
kontinuierlich an, während sie mit dir spricht. Und sie dachte, mein Verhalten sei unter der Würde
eines vernünftigen Mannes. Ich konnte das an ihrem Gesicht erkennen. Aber ich habe mich nicht
stören lassen. Ich erlaubte ihr, ihr weises Gespräch fortzusetzen, während ich die Kartenhäuser der
Kinder für sie so schnell wieder aufbaute, wie sie sie niederwarfen. Danach ging sie durch die Stadt
und beschwerte sich beim Richter.
Ja, mein lieber Mark, nichts auf dieser Erde beeinflusst mein Herz so sehr wie Kinder... Wenn ich
auf ihre Taten schaue; wenn ich in den kleinen Kreaturen die Samen all jener Tugenden und
Eigenschaften bemerke, die sie eines Tages so unverzichtbar finden werden; wenn ich hartnäckig
die ganze zukünftige Festigkeit und Beständigkeit eines edlen Charakters sehe; in der launischen
Art, dieser Leichtfertigkeit und Fröhlichkeit des Temperaments, die sie leicht über die Gefahren und
Schwierigkeiten des Lebens tragen wird, ihre ganze Natur einfach und unbefleckt - dann erinnere
ich mich an die goldenen Worte des Königs der Menschheit, Jesus: „Es sei denn, ihr werdet wie die
Kinder, sonst könnt ihr nicht in das Himmelreich kommen!“ Und jetzt, mein Freund, diese Kinder,
die uns gleichgestellt sind und die wir als unsere Vorbilder betrachten sollten, da behandeln wir sie
so, als wären sie unsere Untertanen. Sie dürfen keinen eigenen Willen haben. Und haben wir denn
selbst keinen? Woher kommt unser exklusives Recht? Liegt es daran, dass wir älter und erfahrener
sind? Großer Gott! Von der Höhe deines Himmels siehst du große und kleine Kinder und keine
anderen. Und dein Sohn Jesus hat längst erklärt, was dir das größte Vergnügen bereitet. Aber sie
glauben an ihn und hören ihn doch nicht - auch das ist eine alte Geschichte; und sie bilden ihre
Kinder nach ihrem eigenen Bild aus.
Adieu, Mark! Ich werde mich von diesem Thema nicht weiter verwirren lassen.
1. JULI 1998
Der Trost, den Evi meinem eigenen Herzen bringt, bringt sie einem Invaliden, der mehr unter ihrer
Abwesenheit leidet als so manche arme Kreatur, die auf einem Krankenbett verweilt. Sie ist weg,
um ein paar Tage in der Stadt mit einer sehr würdigen Frau zu verbringen, die von den Ärzten
aufgegeben wird und Evi in ihren letzten Augenblicken in ihrer Nähe haben möchte. Ich begleitete
sie letzte Woche zu einem Besuch beim Pastor von Rastede, einem kleinen Dorf, ungefähr fünf
Kilometer entfernt. Wir kamen gegen vier Uhr an: Evi hatte ihre kleine Schwester mitgenommen.
Als wir den Pfarrhof betraten, fanden wir den alten Pastoren auf einer Bank vor der Tür im Schatten
zweier großer Walnussbäume. Beim Anblick von Evi schien er neues Leben zu gewinnen, stand auf,
vergaß seinen Stock und wagte es, auf sie zuzugehen. Sie rannte zu ihm und ließ ihn sich wieder
setzen; dann stellte sie sich an seine Seite, gab ihm eine Reihe von Nachrichten von ihrem Vater und
holte dann sein jüngstes Kind, ein schmutziges, kleines Ding, die Freude seines Alters, und küsste
es. Ich wünschte, du hättest ihre Aufmerksamkeit für diesen alten Mann miterleben können - wie sie
ihre Stimme wegen seiner Taubheit erhob; wie sie ihm von gesunden jungen Menschen erzählte, die
zu Grabe getragen worden waren, als es am wenigsten erwartet wurde; lobte die Heilkräfte von Bad
Pyrmont und lobte seine Entschlossenheit, den folgenden Sommer dort zu verbringen; und
versicherte ihm, dass er besser und stärker aussähe als damals, als sie ihn zuletzt sah. In der
Zwischenzeit habe ich auf seine gute Frau Pastor geachtet. Der alte Mann schien ziemlich in guter
Stimmung zu sein; und da ich nicht anders konnte, als die Schönheit der Walnussbäume zu
bewundern, die bildeten einen so angenehmen Schatten über unseren Köpfen, begann er, wenn auch
mit ein wenig Schwierigkeiten, uns ihre Geschichte zu erzählen. „Was den ältesten Baum betrifft“,
sagte er, „wissen wir nicht, wer ihn gepflanzt hat - manche sagen, ein Geistlicher: aber der jüngere,
der hinter uns steht, ist genau das Alter meiner Frau, die nächstes Jahr fünfzig Jahre alt ist, im
November, ihr Vater hat ihn am Morgen gepflanzt, und am Abend ist sie auf die Welt gekommen.
Der Vater meiner Frau war mein Vorgänger hier, und ich kann euch nicht sagen, wie sehr er diesen
Baum liebte, und er ist mir genauso lieb. Im Schatten dieses Baumes saß meine Frau auf einem
Holzklotz und strickte, als ich, ein armer Student, vor siebenundzwanzig Jahren zum ersten Mal in
diesen Pfarrhof kam.“ Evi erkundigte sich nach seiner Tochter. Er sagte, sie sei mit einem Jüngling
auf die Wiesen gegangen und beim Heumachen. Der alte Mann nahm dann seine Geschichte wieder
auf und erzählte uns, wie sein Vorgänger sich für ihn interessiert hatte, ebenso wie seine Tochter;
und wie er zuerst sein Diakon und später sein Nachfolger als Pastor geworden war. Er hatte seine
Geschichte kaum beendet, als seine Tochter in Begleitung des oben genannten Jünglings durch den
Garten zurückkehrte. Sie begrüßte Evi liebevoll, und ich gestehe, dass ich von ihrem Aussehen sehr
angetan war. Sie war eine lebhaft aussehende, gut gelaunte Blondine, die ziemlich kompetent war,
einen für kurze Zeit auf dem Land zu unterhalten. Ihr Liebhaber (was der Jüngling offenbar zu sein
schien) war eine höfliche, zurückhaltende Persönlichkeit und wollte sich trotz allem nicht an
unserem Gespräch beteiligen. Evi bemühte sich, ihn herauszulocken. Ich war sehr verärgert darüber,
dass sein Schweigen nicht aus Mangel an Talent entstand, sondern aus übler Laune und Unmut.
Dies wurde später sehr deutlich, als wir uns auf den Weg machten und Valea sich Evi anschloss, mit
der ich sprach. Das Gesicht des Jünglings, das natürlich ziemlich düster war, wurde so dunkel und
wütend, dass Evi gezwungen war, meinen Arm zu berühren und mich daran zu erinnern, dass ich zu
viel mit Valea geflirtet habe. Nichts beunruhigt mich mehr, als zu sehen, wie Männer sich
gegenseitig quälen; besonders wenn sie in der Blüte ihres Alters, in der Zeit des Vergnügens, ihre
wenigen kurzen Sonnentage in Streitereien verschwenden und ihren Fehler nur dann wahrnehmen,
wenn es zu spät ist, ihn zu reparieren. Dieser Gedanke beschäftigte mich; und am Abend, als wir
zum Pastoren zurückkehrten und mit unserer Buttermilch um den Tisch saßen, drehte sich das
Gespräch um die Freuden und Sorgen der Welt, ich konnte der Versuchung nicht widerstehen, bitter
gegen die schlechte Laune zu schimpfen. „Wir sind geneigt“, sagte ich, „uns zu beschweren, aber
mit sehr geringem Grund, dass unsere glücklichen Tage wenige und unsere bösen Tage viele sind.
Wenn unsere Herzen immer bereit wären, die Vorteile zu empfangen, die der Himmel uns schickt,
sollten wir erwerben die Kraft, das Gute zu unterstützen, wenn es darum geht.“ - „Aber“, bemerkte
die Frau Pastor, „wir können unsere Gemüter nicht immer beherrschen, so viel hängt von der
Konstitution ab: Wenn der Körper leidet, fühlt sich der Geist unwohl.“ - „Ich erkenne das an“, fuhr
ich fort. „Ich würde mich freuen, etwas mehr darüber zu hören“, sagte Evi, „zumindest denke ich,
dass sehr viel von uns selbst abhängt; ich weiß, dass es bei mir so ist. Wenn mich etwas nervt und
mein Temperament stört, eile ich in den Garten, summe ein paar Lieder, und bei mir ist alles in
Ordnung.“ - „Das habe ich gemeint“, antwortete ich, „schlechte Laune ähnelt der Trägheit: Es ist für
uns selbstverständlich; aber wenn wir einmal den Mut haben, uns anzustrengen, geht uns die Arbeit
frisch von den Händen und wir erleben in der Aktivität, wie wir vorher einen echten Genuss
verloren haben.“ Valea hörte sehr aufmerksam zu, und der junge Mann beanstandete, dass wir keine
Meister unserer selbst und noch weniger unserer Gefühle seien. „Die Frage handelt von einem
unangenehmen Gefühl“, fügte ich hinzu, „dem jeder bereitwillig entkommen könnte, aber keiner
kennt seine eigene Macht ohne Prüfung. Invaliden sind froh, Ärzte zu konsultieren und sich dem
gewissenhaftesten Regime, den übelsten Medikamenten zu unterwerfen, um ihre Gesundheit
wiederherzustellen.“ Ich bemerkte, dass der gute alte Pastor seinen Kopf neigte und sich bemühte,
unseren Diskurs zu hören; also erhob ich mich meine Stimme und richtete mich direkt an ihn. „Wir
predigen gegen sehr viele Verbrechen“, bemerkte ich, „aber ich erinnere mich nie an eine Predigt
gegen die schlechte Laune.“ - „Das kann sehr gut für eure Stadtkleriker sein“, sagte er, „Landleute
sind niemals schlecht gelaunt; obwohl es in der Tat gelegentlich nützlich sein könnte, zum Beispiel
für meine Frau und den Richter.“ Wir alle lachten, ebenso wie er, ebenfalls sehr herzlich, bis er in
einen Hustenanfall geriet, der unser Gespräch eine Zeitlang unterbrach. Der Jüngling nahm das
Thema wieder auf. „Du nennst die schlechte Laune ein Verbrechen“, bemerkte er, „aber ich denke,
du verwendest da einen zu starken Begriff.“ - „Überhaupt nicht“, antwortete ich, „wenn das den
Namen verdient, der für uns und unsere Nachbarn so schädlich ist. Ist es nicht genug, dass wir die
Kraft wollen, einander glücklich zu machen, müssen wir uns gegenseitig das Vergnügen rauben, das
wir haben? Können alle für sich selbst sorgen? Zeige mir den Mann, der die Selbstberrschung hat,
seine schlechte Laune zu verbergen, der die ganze Last selbst trägt, ohne den Frieden der Menschen
um ihn herum zu stören. Nein: schlechte Laune entsteht aus einem eigenen inneren Bewusstsein
vom Mangel an Verdienst, von einer Unzufriedenheit, die immer diesen Neid begleitet, den die
dumme Eitelkeit erzeugt. Wir sehen Menschen glücklich, die wir nicht glücklich gemacht haben,
und den Anblick können wir nicht ertragen.“ Evi sah mich mit einem Lächeln an; sie beobachtete
die Emotion, mit der ich sprach: und eine Träne in den Augen von Valea regte mich an,
fortzufahren. „Wehe denen“, sagte ich, „die ihre Macht über ein menschliches Herz einsetzen, um
die einfachsten Freuden zu zerstören, die es natürlich genießen würde! Alle Gefälligkeiten, alle
Aufmerksamkeiten in der Welt können den Verlust dieses Glücks, das eine grausame Tyrannei
zerstört hat, nicht kompensieren.“ Mein Herz war voll, als ich sprach. Eine Erinnerung an viele
Dinge, die geschehen waren, drückte auf meinen Geist und erfüllte meine Augen mit Tränen. „Wir
sollten uns täglich wiederholen“, rief ich aus, „dass wir unsere Freunde nicht stören sollten, sondern
sie im Besitz ihrer eigenen Freuden lassen und ihr Glück steigern, indem wir es mit ihnen teilen!
Aber wenn ihre Seelen von einer gewalttätigen Leidenschaft gequält werden oder ihre Herzen vor
Kummer zerrissen werden, liegt es in deiner Macht, ihnen den geringsten Trost zu gewähren? Und
wenn die letzte tödliche Krankheit das Wesen erfasst, dessen vorzeitiges Grab du vorbereitet hast,
wenn es träge und erschöpft vor dir liegt, die trüben Augen zum Himmel erhoben und die
Feuchtigkeit des Todes auf der blassen Stirn, dann stehe du an dem Sterbebett aals ein verurteilter
Verbrecher mit dem bitteren Gefühl, dass dein ganzes Vermögen den Sterbenden nicht retten
könnte; und der qualvolle Gedanke ringt mit dir, dass alle deine Bemühungen machtlos sind, der
abreisenden Seele auch nur einen Moment Kraft zu verleihen oder sie mit einem vorübergehenden
Trost zu beleben...“
Bei diesen Worten fiel die Erinnerung an eine ähnliche Szene, bei der ich einmal anwesend gewesen
war, mit voller Kraft auf mein Herz. Ich vergrub mein Gesicht in meinem Taschentuch und eilte aus
dem Raum. Nur Evis Stimme erinnerte mich daran, dass es Zeit war, nach Hause zurückzukehren.
Mit welcher Zärtlichkeit schalt sie mich auf dem Weg für das zu eifrige Interesse, das ich an allem
hatte! Sie erklärte, es würde mich verletzen und ich sollte mich schonen. Ja, mein Engel! Ich werde
es für dich tun.
6. JULI 1998
Sie ist immer noch bei ihrer sterbenden Freundin und immer noch dieselbe helle, schöne Kreatur,
deren Anwesenheit den Schmerz lindert und das Glück ergießt, egal in welche Richtung sie sich
wendet. Sie ging gestern mit ihrer kleinen Schwester Christine und dem Knaben Milanaus: Ich
wusste es und ging ihnen entgegen; und wir gingen zusammen. In ungefähr anderthalb Stunden
kehrten wir in die Stadt zurück. Wir hielten an dem Brunnen an, den ich so gern habe und der mir
jetzt tausendmal teurer ist als je zuvor. Evi setzte sich auf die niedrige Mauer, und wir
versammelten uns um sie. Ich sah mich um und erinnerte mich an die Zeit, als mein Herz unbesetzt
und frei war. „Lieber Brunnen!“ sagte ich, „seit dieser Zeit bin ich nicht mehr gekommen, um kühle
Ruhe durch deinen frischen Strom zu genießen. Ich bin mit sorglosen Schritten an dir
vorbeigekommen und habe dir kaum einen Blick geschenkt.“ Ich sah nach unten und beobachtete
Evis kleine Schwester Christine, die mit einem Glas Wasser die Stufen hinaufkam. Ich drehte mich
zu Evi um und fühlte ihren Einfluss auf mich. Christine näherte sich im Moment mit dem Glas. Der
Knabe Milan wollte es ihr wegnehmen. „Nein!“ rief das Mädchen mit dem süßesten
Gesichtsausdruck, „Evi muss zuerst trinken.“
Die Zuneigung und Einfachheit, mit der dies ausgesprochen wurde, bezauberte mich so sehr, dass
ich versuchte, meine Gefühle auszudrücken, indem ich das Mädchen einholte und es herzlich
küsste. Sie hatte Angst und fing an zu weinen. „Das solltest du nicht tun“, sagte Evi. Ich fühlte mich
ratlos. „Komm, Christine“, fuhr sie fort, nahm ihre Hand und führte sie wieder die Stufen hinunter,
„es ist egal: wasche dich schnell im frischen Wasser.“ Ich stand auf und beobachtete sie; und als ich
sah, wie die kleine Liebliche ihre Wangen mit ihren nassen Händen rieb, in voller Überzeugung,
dass alle Unreinheiten, die sich von meinem hässlichen Bart zusammenzogen, durch das
wundersame Wasser abgewaschen würden, und wie Evi, obwohl sie es sagte, immer noch fortfuhr
mit aller Kraft waschen, als ob sie dächte, zu viel sei besser als zu wenig, versichere ich dir, Mark,
ich habe nie mit größerer Ehrfurcht an einer Taufe teilgenommen; und als Evi aus dem Brunnen
kam, hätte ich mich wie vor einem Propheten der jüdischen Nation niederwerfen können.
Am Abend konnte ich nicht widerstehen, die Geschichte einer Person zu erzählen, die, wie ich
dachte, ein natürliches Gefühl besaß, weil sie ein Mann des Verstehens war. Aber was für einen
Fehler habe ich gemacht. Er behauptete, es sei sehr falsch von Evi, dass wir Kinder nicht täuschen
sollten, dass solche Dinge unzählige Fehler und Aberglauben verursachten, vor denen wir die
jungen Leute schützen mussten. Mir fiel damals ein, dass genau dieser Mann erst eine Woche zuvor
von den Wiedertäufern getauft worden war; also sagte ich nichts weiter, sondern behielt die
Gerechtigkeit meiner eigenen Überzeugungen bei. Wir sollten mit Kindern umgehen, wie Gott mit
uns umgeht. Wir sind am glücklichsten unter dem Einfluss unschuldiger Wahnvorstellungen.
8. JULI 1998
Was für ein Kind ist ein Mann, dass er bei einem Blick so besorgt sein sollte! Was für ein Kind ist
ein Mann! Wir waren in Oldenburg gewesen: Die Frauen fuhren in einem Wagen; aber während
unseres Spaziergangs dachte ich, ich hätte in Evis blaue Augen gesehen - ich bin ein Dummkopf -,
aber vergib mir! Du solltest sie sehen - diese Augen. Um jedoch kurz zu sein (denn meine eigenen
Augen sind vom Schlaf beschwert), musst du wissen, dass die jungen Männer und ich es waren, als
die Frauen wieder in ihren Wagen stiegen, um die Tür zu stehen. Sie sind eine fröhliche Gruppe von
Leuten, und sie haben alle zusammen gelacht und gescherzt. Ich beobachtete Evis Augen. Sie
wanderten von einem zum anderen; aber sie beleuchteten mich nicht, mich, der regungslos da stand
und nichts als sie sah! Mein Herz hat sie tausendmal gesegnet, aber sie hat mich nicht bemerkt. Der
Wagen fuhr los; und meine Augen füllten sich mit Tränen. Ich sah ihr nach: Plötzlich sah ich Evis
Haare aus dem Fenster wehen, und sie drehte sich um, um zurückzuschauen, war es nach mir? Mein
lieber Freund, ich weiß es nicht; und in dieser Unsicherheit finde ich Trost. Vielleicht drehte sie sich
zu mir um. Vielleicht! Gute Nacht - was für ein Kind ich bin!
Du solltest sehen, wie dumm ich in Gesellschaft aussehe, wenn ihr Name erwähnt wird, besonders
wenn ich deutlich gefragt werde, ob ich sie mag. Ob ich sie mag! Ich verabscheue den Satz. Was für
eine Kreatur muss er sein, der Evi nur mag, deren ganzes Herz und Sinne nicht vollständig von ihr
absorbiert wurden. Wie ich sie mag! Jemand hat mich in letzter Zeit gefragt, ob ich Ossian mag.
Ich sprach mit Evi über die unvorstellbare Art und Weise, wie Männer sich blenden lassen; wie man
es vermeiden konnte, eine Täuschung zu vermuten, wenn nur siebzig Mark doppelt so hohe Kosten
tragen konnten. Aber ich habe selbst Leute gekannt, die ohne sichtbares Erstaunen glaubten, dass
ihr Haus den nie versagenden Ölkrug des Propheten Elias besäße.
Nein, ich werde nicht getäuscht. In ihren blauen Augen las ich ein echtes Interesse an mir und
meinem Wesen. Ja, ich fühle es; und ich kann meinem eigenen Herzen glauben, das mir sagt - darf
ich es sagen? - darf ich die seligen Worte aussprechen? - dass sie mich liebt!
Dass sie mich liebt! Wie erhöht mich die Idee in meinen eigenen Augen! Und wie du meine Gefühle
verstehen kannst, kann ich dir sagen, wie ich mich selbst ehre, seit sie mich liebt!
Ist das eine bloße Vermutung oder ist es ein Bewusstsein der Wahrheit? Ich kenne keinen Mann, der
mich im Herzen von Evi ersetzen kann; und doch, wenn sie mit so viel Wärme und Zuneigung von
ihrem Verlobten spricht, fühle ich mich wie der Soldat, der seiner Ehre und seines Titels beraubt
und seiner Waffe beraubt wurde.
Wie mein Herz schlägt, wenn ich versehentlich ihren Finger berühre oder meine Füße ihre Füße
unter dem Tisch treffen! Ich ziehe mich zurück wie von einem Ofen; aber eine geheime Kraft treibt
mich wieder vorwärts, und meine Sinne werden verstört. Ihr unschuldiges, unbewusstes Herz weiß
nie, welche Qual diese kleinen Vertrautheiten mir zufügen. Manchmal, wenn wir reden, legt sie ihre
Hand auf meine Hand, und im Eifer der Unterhaltung kommt sie mir näher, und ihr süßer Atem
erreicht meine Lippen - wenn ich das Gefühl habe, als hätte mich ein Blitz getroffen und ich könnte
in die Erde sinken. Und doch, Mark, mit all dieser himmlischen Zuversicht - wenn ich mich selbst
kenne und es jemals wagen sollte - verstehst du mich? Nein, nein! Mein Herz ist nicht so korrupt, es
ist schwach, schwach genug, aber ist das nicht ein gewisses Maß an Korruption?
Sie ist für mich ein heiliges Wesen! Alle Leidenschaft ist immer in ihrer Gegenwart da: Ich kann
meine Empfindungen nicht ausdrücken, wenn ich in ihrer Nähe bin. Ich habe das Gefühl, als würde
meine Seele in jedem Nerv meines Körpers schlagen. Es gibt eine Melodie, die sie mit engelhafter
Geschicklichkeit auf dem Klavier spielt - so einfach und doch so spirituell! Es ist ihre
Lieblingsmelodie; und wenn sie die erste Note spielt, verschwinden mir alle Schmerzen, Sorgen
und Kummer in Einem Moment.
Ich glaube an jedes Wort, das von der Magie der alten Musik gesprochen wird. Wie ihr einfaches
Lied mich verzaubert! Manchmal, wenn ich bereit bin, Selbstmord zu begehen, singt sie diese
Melodie; und sofort zerstreuen sich die Finsternis und der Wahnsinn, die über mir hingen, und ich
atme wieder frei.
Mark, was ist die Welt für unsere Herzen ohne die Liebe? Was ist die Tele-Vision ohne Licht? Du
musst nur die Flamme in dir entzünden, und die hellsten Figuren leuchten auf dem gläsernen
Schirm; und wenn die Liebe uns nur flüchtige Schatten zeigt, sind wir doch glücklich, wenn wir sie
wie Kinder sehen und von den herrlichen Phantomen bewegt werden. Ich konnte Evi heute nicht
sehen. Ich wurde von einer Gesellschaft gehindert, von der ich mich nicht lösen konnte. Was war zu
tun? Ich schickte meine Magd zu ihrem Haus, damit ich heute wenigstens jemanden sehen könnte,
die in ihrer Nähe gewesen war. Oh, die Ungeduld, mit der ich auf ihre Rückkehr gewartet habe! die
Freude, mit der ich sie begrüßte! Ich hätte sie auf jeden Fall in meinen Armen fangen und küssen
wollen, wenn ich mich nicht geschämt hätte.
Es wird gesagt, dass der Karfunkel, wenn er in die Sonne gelegt wird, die Strahlen anzieht und eine
Zeit lang im Dunkeln leuchtend erscheint. So war es auch mit mir und dieser Magd. Die
Vorstellung, dass Evis Augen auf ihrem Gesicht, ihren Wangen und ihrem Kleid geblieben waren,
machte sie für mich unschätzbar beliebt, so dass ich mich im Moment nicht für tausend Mark von
ihr getrennt hätte. Ihre Anwesenheit hat mich so glücklich gemacht! Hüte dich vor mir, Mark. Kann
das eine Täuschung sein, die uns glücklich macht?
„Ich werde sie heute sehen!“ rufe ich mit Freude, wenn ich morgens aufstehe, und schaue mit
Herzensfreude auf die helle, schöne Sonne. „Ich werde sie heute sehen!“ Und dann habe ich keinen
weiteren Wunsch: Alles, alles ist in diesem Einen Gedanken enthalten.
Ich kann deinem Vorschlag nicht zustimmen, den Botschafter zu begleiten. Ich liebe Unterordnung
nicht; und wir alle wissen, dass er eine raue, unangenehme Person ist, mit der man in Verbindung
gebracht werden kann. Du sagst meine Mutter möchte, dass ich irgendwo angestellt werde. Ich
muss darüber lachen! Bin ich nicht ausreichend beschäftigt? Und ist es in Wirklichkeit nicht
dasselbe, ob ich Erbsen schäle oder Linsen zähle? Die Welt läuft von einer Torheit zur nächsten;
und der Mann, der allein aus der Sicht anderer und ohne eigenen Wunsch oder Notwendigkeit für
Geld, Ruhm oder einem anderen leeren Phantom arbeitet, ist nicht besser als ein Narr!
Du bestehst so sehr darauf, dass ich meine Zeichnung nicht vernachlässige, dass es für mich auch
gut wäre, nichts zu sagen, als zu gestehen, wie wenig ich in letzter Zeit geschaffen habe.
Ich habe mich nie glücklicher gefühlt, ich habe die Natur nie besser verstanden, bis auf den
wahrsten Blumenstiel oder den kleinsten Grashalm; und doch kann ich mich nicht ausdrücken:
meine Einbildungskraft ist so schwach, dass alles vor mir zu schwimmen und zu schweben scheint,
so dass ich keinen klaren, deutlichen Umriss machen kann. Aber ich denke, ich sollte es besser
schaffen, wenn ich etwas Ton oder Wachs zum Modellieren hätte. Ich werde versuchen, wenn dieser
Geisteszustand viel länger anhält, und mich dem Modellieren widmen, und wenn ich nur
Kuchenteig knete.
Ich habe dreimal mit Evis Porträt begonnen und mich ebenso oft blamiert. Dies ist umso ärgerlicher,
als ich früher sehr glücklich war, Ähnlichkeiten zu gestalten. Ich habe seitdem ihr Profil skizziert
und muss mich damit zufrieden geben.
Ja, liebe Evi! Ich werde alles bestellen und arrangieren. Gib mir nur mehr Provisionen, je mehr
desto besser. Eines muss ich jedoch verlangen: Verwende keinen Schreibsand mehr für die lieben
Notizen, die du mir sendest. Heute habe ich deinen Brief hastig an meine Lippen gehoben, und er
hat meine Zähne zum Knirschen gebracht.
Ich habe oft beschlossen, sie nicht so oft zu sehen. Aber wer könnte eine solche Lösung einhalten?
Jeden Tag bin ich der Versuchung ausgesetzt und verspreche treu, dass ich morgen wirklich
fernbleibe. Aber wenn der Morgen kommt, finde ich einen unwiderstehlichen Grund, sie zu sehen,
und bevor ich es erklären kann, bin ich wieder bei ihr. Entweder hat sie am Abend zuvor gesagt:
„Du wirst sicher morgen anrufen“ - und wer könnte dann wegbleiben? - oder sie gibt mir einen
Auftrag, und ich finde es wichtig, ihr die Antwort persönlich zu überbringen; oder der Tag ist schön,
und ich gehe nach Oldenburg; und wenn ich dort bin, ist es nur einen halben Kilometer weiter von
ihr entfernt. Ich bin in der bezauberten Atmosphäre und finde mich bald an ihrer Seite. Meine
Großmutter erzählte mir die Geschichte eines Berges aus Magnetstein...
Jörg ist angekommen, und ich muss abreisen. Wäre er der beste und klügste Mann und ich in jeder
Hinsicht sein Unterlegener, könnte ich es dennoch nicht ertragen, ihn in den Armen eines solch
perfekten Wesens zu sehen. In ihren Armen! - Genug, Mark: Ihr Verlobter ist da - ein Kerl, den man
ertragen muss. Zum Glück war ich bei ihrem Treffen nicht anwesend. Es hätte mein Herz
gebrochen! Und er ist so rücksichtsvoll: Er hat Evi in meiner Gegenwart keinen Kuss gegeben. Der
Himmel belohne ihn dafür! Ich muss ihn für die Gleichgültigkeit verachten, mit der er sie
behandelt. Er zeigt Rücksicht auf mich, aber ich vermute, dass ich Evi dafür mehr verpflichtet bin
als seiner eigenen Phantasie. Frauen haben in solchen Angelegenheiten ein feines Gespür, und das
soll auch so sein. Es kann ihnen nicht immer gelingen, zwei Rivalen miteinander in Einklang zu
bringen...
Ich kann nicht anders, als Jörg zu verachten. Die Kälte seines Temperaments steht in starkem
Kontrast zu meinem Ungestüm, das ich nicht verbergen kann. Er hat kein Gefühl und ist sich des
Schatzes, den er in Evi besitzt, nicht bewusst. Er ist stets geplagt von schlechter Laune, von der du
weißt, dass ich sie am meisten verabscheue.
Er betrachtet mich als einen Mann mit Geist; und meine Verbundenheit mit Evi und das Interesse,
das ich an allem habe, was sie betrifft, verstärken seinen Triumph. Ich werde nicht fragen, ob er sie
nicht manchmal mit ein wenig Eifersucht ärgert; wie ich weiß, würde ich, wenn ich an seiner Stelle
wäre, nicht frei von solchen Empfindungen sein.
Aber wie auch immer, meine Wollust mit Evi ist vorbei. Nennen wir es Torheit oder Verliebtheit,
was bedeutet ein Wort? Das Ding spricht für sich. Bevor Jörg kam, wusste ich alles, was ich jetzt
weiß. Ich wusste, dass ich keinen Anspruch auf sie erheben konnte, und ich erhob auch keinen, das
heißt, soweit es möglich war, bei so viel Lieblichkeit nicht nach ihrer Wollust zu keuchen! Und jetzt
sieh mich an wie einen dummen Kerl, der erstaunt starrt, wenn ein anderer hereinkommt und mich
meiner Liebste beraubt!
Ich beiße mir auf die Lippen und fühle unendliche Verachtung für diejenigen, die mir sagen, ich
solle zurücktreten, weil es keine Lösung für dies Problem gibt. Lass mich dem Joch solcher
albernen Pseudo-Weisheit entkommen! Ich streife durch den Wald; und wenn ich zu Evi
zurückkehre und Jörg im Sommerhaus im Garten an ihrer Seite sitzt, kann ich es nicht ertragen,
benehme mich wie ein Narr und begebe tausend Extravaganzen. „Um aller Engel willen“, sagte Evi
heute, „lass uns keine Szenen mehr wie die der letzten Nacht haben! Du erschreckst mich, wenn du
so stürmisch bist.“ Ich bin jetzt immer weg, wenn er kommt: und ich freue mich, wenn ich sie
alleine finde.
8. AUGUST 1998
Glaube mir, lieber Mark, ich habe nicht auf dich angespielt, als ich so streng von denen sprach, die
dem unvermeidlichen Schicksal den Rücktritt raten. Ich hielt es nicht für möglich, dass du dich
einem solchen Gefühl hingeben könntest. Aber tatsächlich hast du recht. Ich schlage nur einen
Einwand vor. In dieser Welt wird man selten bestimmt, um zwischen nur zwei Alternativen zu
wählen. Es gibt so viele Arten von Verhalten und Meinungen, wie es zwischen einer Adlernase und
einer Stupsnase Abstufungen gibt.
Du wirst mir darum erlauben, deine gesamten Argumente zuzugeben und dennoch Mittel zu suchen,
um dem Dilemma zu entkommen.
Deine Position ist diese, ich höre dich sagen: „Entweder hast du Hoffnungen, Evi zu bekommen,
oder du hast keine. Nun, im ersten Fall verfolge deinen Kurs und dränge auf die Erfüllung deiner
Begierden. Im zweiten Fall sei ein Mann und schüttle eine elende Leidenschaft ab, die dich nerven
und zerstören wird.“ Mein lieber Freund, das ist gut und leicht zu sagen.
Aber würdest du ein elendes Wesen wollen, dessen Leben unter einer andauernden Krankheit
langsam sich verzehrt, um sich sofort durch einen Messerstich wegzumachen? Entzieht ihm nicht
gerade das Chaos, das seine Kraft verbraucht, den Mut, seine Befreiung zu bewirken?
Du kannst mir mit einer ähnlichen Analogie antworten: „Wer würde die Amputation eines Armes
nicht der Lebensgefahr durch Zweifel und Aufschub vorziehen?“ Aber ich weiß nicht, ob du Recht
hast, lassen wir die Gleichnisse.
Genug! Es gibt Momente, Mark, in denen ich mich erheben und alles abschütteln könnte und wenn
ich nur wüsste, wohin ich gehen würde, von diesem Ort der Erde weg fliegen könnte!
Mein Tagebuch, das ich seit einiger Zeit vernachlässigt habe, ist heute vor mich gekommen; und ich
bin erstaunt zu sehen, wie bewusst ich mich Schritt für Schritt verwickelt habe. Meine Position so
klar gesehen zu haben und sich dennoch so wie ein Kind verhalten zu haben! Trotzdem sehe ich das
Ergebnis deutlich und habe dennoch keinen Gedanken daran, mit größerer Vorsicht zu handeln.
Wenn ich kein Dummkopf wäre, könnte ich hier das glücklichste und entzückendste Leben
verbringen. So viele angenehme Umstände, die das Glück eines klugen Mannes gewährleisten, sind
selten vereint. Ach! Ich sehe es ganz vernünftig - das Herz allein macht unser Glück! In diese
charmante Familie aufgenommen zu werden, vom Vater als Sohn, von den Kindern als Vater und
von Evi geliebt zu werden! Dann Jörg, der mein Glück oft durch einen Anschein von Unmut stört,
mich wortkarg empfängt und mich neben Evi besser verachtet wie die ganze Welt! Mark, du
würdest dich freuen, uns in unseren Streifzügen und Gesprächen zu hören. Nichts auf der Welt kann
absurder sein als unsere Verbindung, und doch bewegt mich der Gedanke daran oft zu Tränen.
Ich höre manchmal von ihrer ausgezeichneten Mutter; wie sie auf ihrem Sterbebett ihr Haus und
ihre Kinder Evi übergeben und Evi selbst die Verantwortung übertragen hatte; wie seit dieser Zeit
ein neuer Geist sie in Besitz genommen hatte; wie sie in Sorge und Kummer um ihr Wohlergehen
eine echte Mutter für sie wurde; wie jeder Moment ihrer Zeit einer Liebesarbeit für sie gewidmet
war - und doch hatte ihre Heiterkeit und Fröhlichkeit sie nie verlassen. Ich gehe umher, pflücke
Blumen, arrangiere sie sorgfältig zu einem Blumenstrauß, schleudere sie dann in den ersten Strom,
an dem ich vorbeigehe, und beobachte, wie sie sanft davon schweben. Ich vergesse, ob ich dir
gesagt habe, dass Jörg hier bleiben soll. Er hat eine Büroarbeit mit einem sehr guten Gehalt
erhalten; und ich verstehe, dass er im Büro nützlich ist. Ich habe nur wenige Menschen getroffen,
die so pünktlich und methodisch im Geschäft sind.
Mit Sicherheit ist Jörg der dümmste Kerl der Welt. Ich hatte gestern eine seltsame Szene mit ihm.
Ich ging, um mich von ihm zu verabschieden; denn ich nahm es mir in den Kopf, ein paar Tage in
diesen Gegenden zu verbringen, von wo aus ich dir jetzt schreibe. Als ich in seinem Zimmer auf
und ab ging, fiel mein Blick auf seine Messersammlung. „Leih mir diese Messer“, sagte ich, „für
meine Reise.“ - „Auf jeden Fall“, antwortete er, „wenn du dir die Mühe machst, sie zu schleifen;
denn sie hängen nur zur Zierde dort.“ Ich nahm eins von ihnen herunter; und er fuhr fort: „Seit ich
trotz meiner äußersten Vorsicht beinahe gelitten habe, will ich nichts mit solchen Dingen zu tun
haben.“ Ich war neugierig, die Geschichte zu hören. „Ich war vor drei Monaten bei einem Freund
auf dem Land“, sagte er. „Ich hatte eine Reihe von Messern dabei; und ich schlief ohne Angst. An
einem regnerischen Nachmittag saß ich alleine und tat nichts. Als mir einfiel, ich wüsste nicht,
wenn das Haus angegriffen werden würde, wie wir die Messer benötigen könnten, kurz gesagt, du
weißt, wie wir uns alles Mögliche vorstellen. wenn wir nichts besseres zu tun haben. Ich gab dem
Freund die Messer. Er spielte mit seinem Mädchen und versuchte sie zu erschrecken, als sie in eins
der Messer griff - Gott weiß wie! - das Messer war scharf; und es ging direkt durch ihre rechte
Hand und zerschnitt den Daumen. Ich musste die ganze Klage ertragen und die Rechnung des
Chirurgen bezahlen; Seit dieser Zeit habe ich alle meine Messer nicht mehr von der Wand
genommen. Aber, Schwanke, was nützt schon die Klugheit? Ja, aber wir können niemals genug auf
der Hut sein vor allen möglichen Gefahren.“ Jetzt musst du wissen, dass ich alle Menschen
tolerieren kann, bis sie zu einem „ja aber“ kommen; denn es ist selbstverständlich, dass jede
universelle Regel ihre Ausnahmen haben muss. Aber er ist so außerordentlich pedantisch, dass,
wenn er nur ein Wort sagt, das zu präzise oder zu allgemein oder nur zur Hälfte wahr ist, er nie
aufhört, es zu qualifizieren, zu modifizieren und abzuschwächen, bis er schließlich überhaupt nichts
gesagt hat. Bei dieser Gelegenheit war Jörg tief eingetaucht in sein Thema. Ich hörte auf, ihm
zuzuhören, und verlor mich in Träumereien. Mit einer plötzlichen Bewegung richtete ich die Spitze
eines Messers auf mein Herz. „Was denkst du?“ rief Jörg und drehte sich um. „Es ist nicht
sonderlich spitz,“ sagte ich. „Und selbst wenn,“ antwortete er mit Ungeduld, „was soll das? Ich
kann nicht verstehen, wie ein Mann so wahnsinnig sein kann, sich selbst zu ermorden,und die bloße
Vorstellung davon schockiert mich.“
„Warum sollte jemand“, sagte ich, „wenn er von einer Handlung spricht, es wagen, sie für verrückt
oder weise oder gut oder schlecht auszusprechen? Was bedeutet das alles? Hast du die geheimen
Motive unserer Handlungen sorgfältig studiert? Verstehst du - kannst du die Ursachen erklären, die
sie verursachen, und sie unvermeidlich machen? Wenn du das kannst, wirst du mit deiner
Entscheidung weniger voreilig sein.“
„Aber du wirst zugestehen“, sagte Jörg, „dass einige Handlungen kriminell sind, mögen sie aus
beliebigen Motiven entspringen.“ Ich gab es zu und zuckte gleichgültig mit den Schultern.
„Aber dennoch, Jörg“, fuhr ich fort, „gibt es auch hier einige Ausnahmen. Diebstahl ist ein
Verbrechen; aber der Mann, der ihn aus extremer Armut begeht und keine andere Absicht hat, als
seine Familie vor dem Untergang zu retten, ist er ein Objekt des Mitleids oder der Bestrafung? Wer
will den ersten Stein auf einen Ehemann werfen, der in der Hitze des gerechten Grolls seine treulose
Frau und ihren perfiden Verführer totsticht? Oder auf die Jungfrau, die in einer schwachen Stunde
der Entrückung sich vergisst in den ungestümen Freuden der Liebe? Sogar unsere Gesetze, kalt und
grausam wie sie sind, geben in solchen Fällen nach und halten ihre Bestrafung zurück.“
„Das ist eine ganz andere Sache“, sagte Jörg, „weil ein Mann unter dem Einfluss gewalttätiger
Leidenschaft jede Reflexionskraft verliert und als betrunken oder verrückt angesehen wird.“
„Oh ihr Leute mit kaltem Verstand!“ antwortete ich, „ihr seid immer bereit: Extravaganz, Wahnsinn
und Rausch zu rufen! Ihr nüchternen Männer seid so ruhig und so gedämpft! Ihr verabscheut den
Betrunkenen und verabscheut den Extravaganten. Ihr geht vorbei wie der Levit und der Priester am
Mann, der unter die Räuber gefallen war, und dankt Gott wie der Pharisäer, dass ihr nicht wie einer
von ihnen sind. Ich war mehr als einmal berauscht, es grenzten meine Leidenschaften immer an
Extravaganz: Ich schäme mich nicht, es zu bekennen, denn ich habe aus eigener Erfahrung erfahren,
dass alle außergewöhnlichen Männer, die große und erstaunliche Taten vollbracht haben, immer von
der Welt verurteilt wurden als betrunken oder verrückt. Und auch im Privatleben ist es nicht
erträglich, dass niemand die Ausführung einer edlen oder großzügigen Tat unternehmen kann, ohne
den Ausruf hervorzurufen, dass der Handelnde betrunken oder verrückt ist! Schande über euch, ihr
Verstandesmenschen!“
„Dies ist ein weiterer deiner extravaganten Zustände“, sagte Jörg, „du übertreibst immer einen Fall,
und in dieser Angelegenheit liegst du zweifellos falsch; denn wir sprachen vom Selbstmord, den du
mit großen Handlungen vergleichst, wenn es doch unmöglich ist, ihn als solche zu betrachten. Es ist
viel einfacher zu sterben, als ein Leben in Elend mit Standhaftigkeit zu führen.“
Ich war kurz davor, das Gespräch abzubrechen, denn nichts bringt mich so völlig aus der Geduld
heraus wie die Äußerung eines dummen Alltäglichen, wenn ich aus tiefstem Herzen spreche. Ich
beruhigte mich jedoch, denn ich hatte oft dieselbe Beobachtung mit ausreichendem Ärger gehört;
und ich antwortete ihm deshalb mit wenig Wärme: „Du nennst dies eine Schwäche – hüte dich
davor, von den Erscheinungen in die Irre geführt zu werden. Wenn eine Nation, die lange unter dem
unerträglichen Joch eines Tyrannen gestöhnt hat, sich endlich erhebt und ihre Ketten abwirft, nennst
du das Schwäche? Der Mann, der, um sein Haus vor den Flammen zu retten, seine körperliche
Stärke verdoppelt findet, so dass er mit Leichtigkeit Lasten aufhebt, die er ohne Aufregung kaum
bewegen könnte; unter der Wut einer Beleidigung, greift er an und jagt eine große Zahl seiner
Feinde in die Flucht. Sind solche Personen als schwach zu bezeichnen? Nein, wenn Widerstand
Stärke ist, wie kann der höchste Grad an Widerstand eine Schwäche sein?“
Jörg sah mich hart an und sagte: „Nein, ich sehe nicht, dass die Beispiele, die du angeführt hast, in
irgendeiner Beziehung zur Frage stehen.“ - „Wahrscheinlich“, antwortete ich, „denn mir wurde oft
gesagt, dass mein Illustrationsstil ein wenig an das Absurde grenze. Aber lass uns sehen, ob wir die
Sache nicht in einen anderen Blickwinkel stellen können, indem wir nachfragen, was der
Geisteszustand eines Mannes sein kann, der sich entschließt, sich zu befreien von der Last des
Lebens - einer Last, die oft so angenehm zu tragen ist - weil wir sonst nicht gerecht über das Thema
nachdenken können.“
„Die menschliche Natur“, fuhr ich fort, „hat ihre Grenzen. Sie kann ein gewisses Maß an Freude,
Trauer und Schmerz ertragen, wird jedoch vernichtet, sobald dieses Maß überschritten wird. Die
Frage ist daher nicht, ob ein Mensch stark oder schwach ist, sondern ob er in der Lage ist, das Maß
seiner Leiden zu ertragen. Das Leiden kann psychisch oder körperlich sein, und meiner Meinung
nach ist es genauso absurd, einen Mann einen Feigling zu nennen, der sich selbst zerstört, wie einen
Mann ein Feigling ist, der an bösartigem Krebs stirbt.“
„Paradox!“ rief Jörg aus. „Nicht so paradox, wie du dir vorstellst“, antwortete ich, „du erlaubst, dass
wir eine Krankheit als tödlich bezeichnen, wenn die Natur so schwer angegriffen wird und ihre
Stärke so weit erschöpft ist, dass sie ihren früheren Zustand unter keinen Umständen wieder
herstellen kann.“
„Nun, Jörg, wende dies auf die Seele an; beobachte einen Mann in seinem natürlichen, isolierten
Zustand; überlege, wie Ideen funktionieren und wie Eindrücke auf ihn wirken, bis ihn schließlich
eine heftige Leidenschaft erfasst und alle seine Kräfte der Ruhe des Nachdenkens zerstört und ihn
völlig ruinieren!“
„Es ist vergebens, dass ein Mann mit gesundem Verstand und kaltem Temperament den Zustand
eines solch elenden Wesens versteht, vergebens berät er ihn! Er kann ihm seine eigene Klugheit
nicht mehr mitteilen, als ein gesunder Mann dem Invaliden seine Kraft einflößen kann, an dessen
Bett er sitzt.“
Jörg fand das zu allgemein. Ich erinnerte ihn an ein Mädchen, das sich kurz zuvor ertränkt hatte,
und erzählte ihre Geschichte.
„Sie war eine gute Kreatur, die in der engen Sphäre der Haushaltsindustrie aufgewachsen war und
wöchentlich Arbeitskräfte ernannte. Eine, die kein Vergnügen kannte, außer sonntags einen
Spaziergang zu machen, in ihrer besten Kleidung, begleitet von ihren Freundinnen, oder vielleicht
ab und zu auf einem Festival am Tanz teilzunehmen und ihre freien Stunden mit einem Nachbarn zu
plaudern und über den neusten Skandal zu diskutieren oder die Streitereien des Dorfes,
Kleinigkeiten, die ausreichten, um ihr Herz zu beschäftigen. Endlich wird die Wärme ihrer Natur
von bestimmten neuen und unbekannten Wünschen beeinflusst. Von den Schmeicheleien der
Männer entzündet, werden ihre früheren Freuden allmählich fade, bis sie schließlich einen
Jugendlichen trifft, zu dem sie von einem unbeschreiblichen Gefühl angezogen wird; auf ihm ruhen
jetzt alle ihre Hoffnungen; sie vergisst die Welt um sich herum; sie sieht, sie hört, sie wünscht nichts
als ihn und nur ihn. Er allein beschäftigt alle ihre Gedanken. Unverfälscht von der müßigen
Nachsicht einer enervierenden Eitelkeit, deren Zuneigung sich stetig ihrem Objekt nähert, hofft sie,
die Seine zu werden und in einer ewigen Vereinigung mit ihm all das Glück zu verwirklichen, das
sie suchte, all diese Glückseligkeit, nach der sie sich sehnte. Seine wiederholten Versprechungen
bestätigten ihre Hoffnungen: Umarmungen und Zärtlichkeiten, die die Begeisterung ihrer Wünsche
steigern, beherrschen ihre Seele. Sie schwebt in einer trüben, trügerischen Erwartung ihres Glücks;
und ihre Gefühle werden zur äußersten Spannung erregt. Sie streckt endlich ihre Arme aus, um das
Objekt all ihrer Wünsche zu umarmen - und ihr Geliebter verlässt sie. Betäubt und verwirrt steht sie
an einem Abgrund. Alles ist Dunkelheit um sie herum. Keine Aussicht, keine Hoffnung, kein Trost,
verlassen von dem, in dem ihre Existenz zentriert war! Sie sieht nichts von der weiten Welt vor sich,
denkt nichts von den vielen Individuen, die die Leere in ihrem Herzen versorgen könnten; sie fühlt
sich verlassen, verlassen von Gott und der Welt; und, geblendet und angetrieben von der Qual, die
in ihrer Seele ringt, taucht sie in die Tiefe des Meeres, um ihre Leiden in der weiten Umarmung des
Todes zu beenden. Siehe hier, Jörg, die Geschichte von Tausenden; und sag mir, ist das ein Fall von
körperlicher Gebrechlichkeit? Die Natur hat keine Möglichkeit, dem Labyrinth zu entkommen: Ihre
Kräfte sind erschöpft: Sie kann nicht länger kämpfen, und die arme Seele muss sterben.“
„Schande über den, der ruhig zuschauen und ausrufen kann: Das dumme Mädchen! Sie hätte warten
sollen; sie hätte sich Zeit lassen sollen, um den Eindruck abzubauen; ihre Verzweiflung wäre
gemildert worden, und sie hätte einen anderen Liebhaber gefunden, der sie trösten könnte. - Man
könnte genauso gut sagen: Der Dummkopf, an Krebs zu sterben! Warum hat er nicht gewartet, bis
seine Kraft wiederhergestellt war, bis sein Blut wieder rein wurde? Dann wäre alles gut gegangen,
und er wäre jetzt am Leben.“
Jörg, der die Gerechtigkeit des Vergleichs nicht erkennen konnte, legte einige weitere Einwände vor
und drängte unter anderem darauf, dass ich den Fall eines unwissenden Mädchens angenommen
habe. Aber wie ein vernünftiger Mann mit erweiterten Ansichten und Erfahrungen entschuldigt
werden könne, das könne er nicht verstehen. Ich rief aus: „Der Mensch ist nur der Mensch; und was
auch immer das Ausmaß seiner Denkkraft sein mag, sie nütztn wenig, wenn die Leidenschaft in ihm
wütet, und er fühlt sich an die engen Grenzen der Natur gebunden. Es wäre also besser - aber ich
werde ein anderes Mal darüber sprechen“, sagte ich und setzte meinen Hut auf. Ach! mein Herz war
voll; und wir trennten uns ohne Überzeugung auf beiden Seiten. Wie selten auf dieser Welt
verstehen sich Männer!
Es kann keinen Zweifel geben, dass auf dieser Welt nichts so unverzichtbar ist wie die Liebe. Ich
beobachte, dass Evi mich nicht ohne Schmerzen verlieren könnte und die Kinder nur einen Wunsch
haben, das heißt, ich solle sie morgen wieder besuchen. Ich bin heute Nachmittag hingegangen, um
Evis Klavier zu stimmen. Aber ich konnte es nicht tun, denn die Kleinen bestanden darauf, dass ich
ihnen eine Geschichte erzähle; und Evi selbst drängte mich, sie zu befriedigen. Ich habe beim Tee
auf sie gewartet, und sie sind jetzt mit mir genauso zufrieden wie Evi; und ich erzählte ihnen meine
allerbeste Geschichte von Reinecke Fuchs. Ich verbessere mich durch diese Übung und bin ziemlich
überrascht über den Eindruck, den meine Geschichten erzeugen. Wenn ich manchmal einen Vorfall
erfinde, den ich bei der nächsten Erzählung vergesse, sie erinnern einen direkt daran, dass die
Geschichte vorher anders war; so dass ich mich jetzt bemühe, dieselbe Anekdote in demselben
monotonen Ton genau zu erzählen, der sich nie ändert. Ich finde dadurch, wie sehr ein Autor seine
Werke verletzt, indem er sie verändert, obwohl sie in poetischer Hinsicht verbessert werden. Der
erste Eindruck ist nicht leicht wieder zu bekommen. Wir sind so konstituiert, dass wir die
unglaublichsten Dinge glauben; und, sobald sie in die Erinnerung eingraviert sind, wehe dem, der
sich bemühen würde, sie auszulöschen.
Muss es immer so sein, dass die Quelle unseres Glücks auch die Quelle unseres Elends ist? Das
volle und leidenschaftliche Gefühl, das mein Herz mit der Liebe zur Natur belebte, mich mit einem
Strom der Freude überwältigte und das das ganze Paradies vor mich brachte, ist jetzt zu einer
unerträglichen Qual geworden, zu einem Dämon, der mich ständig verfolgt und belästigt. Als ich in
vergangenen Tagen von diesen Dünen jenseits des Flusses und auf die grüne, blumige Gegend vor
mir blickte und sah, wie die ganze Natur auf und ab ging; die Hügel, die mit hohen, dichten
Waldbäumen bekleidet waren; die Ebenen in all ihren abwechslungsreichen Windungen, beschattet
von den schönsten Wäldern; und der weiche Fluss gleitet zwischen den lispelnden Schilfen entlang,
ich spiegelte die schönen Wolken wider, die die sanfte Abendbrise über den Himmel wehte, als ich
die Haine um mich herum mit der Musik von Vögeln melodiös hörte und die Millionen
Insektenschwärme in den letzten goldenen Strahlen der Sonne tanzen sah, deren untergehende
Strahlen erwachten, die summenden Käfer aus ihren Grasbeeten, während der gedämpfte Tumult
meine Aufmerksamkeit auf den Boden richtete, und ich beobachtete dort den trockenen Stein, der
gezwungen war, das trockene Moos mit Nährstoffen zu versorgen, während die Heide auf dem
kargen Sand unter mir blühte voll innerer Wärme, die die ganze Natur belebt und in meinem Herzen
glüht. Ich fühlte mich durch diese überfließende Fülle der Wahrnehmung Gottes erhöht und die
herrlichen Formen eines unendlichen Universums wurden für meine Seele sichtbar! Herrliche
Höhen umgaben mich, Abgründe gähnten zu meinen Füßen, und Wasser rauschten kopfüber vor mir
herab; ungestüme Flüsse rollten durch die Ebene, und von weitem hallten die Mauern. In den Tiefen
der Erde sah ich unzählige Kräfte in Bewegung, die sich bis ins Unendliche vermehrten. Auf seiner
Oberfläche und unter dem Himmel wimmelte es von zehntausend verschiedenen Lebewesen. Alles
um uns herum lebt mit einer unendlichen Anzahl von Formen; während die Menschheit aus
Sicherheitsgründen zu ihren kleinen Häusern flieht, von deren Schutz aus sie in ihren Vorstellungen
über das weit ausgedehnte Universum herrschen. Arme Narren! nach deren kleinlicher
Einschätzung sind alle Dinge klein. Von den unzugänglichen Bergen über die Wüste, die kein
sterblicher Fuß betreten hat, bis zu den Grenzen des Ozeans atmet alles den Geist des ewigen
Schöpfers; und jedes Atom, dem er Existenz gegeben hat, findet Gunst in seinen Augen. Ah, wie oft
hat mich damals der Flug eines Vogels, der über meinem Kopf schwebte, mit dem Wunsch
inspiriert, an die Ufer des unermesslichen Ozeans transportiert zu werden, um dort die Freuden des
Lebens aus dem schäumenden Kelch des Unendlichen zu schlürfen und, wenn auch nur für einen
Moment, mit den begrenzten Kräften meiner Seele an der Seligkeit des Schöpfers teilzunehmen, der
alle Dinge in sich selbst und durch sich selbst vollbringt!
Mein lieber Freund, die bloße Erinnerung an diese Stunden tröstet mich immer noch. Selbst diese
Anstrengung, diese unbeschreiblichen Empfindungen in Erinnerung zu rufen und ihnen Ausdruck
zu verleihen, erhöht meine Seele über sich selbst und lässt mich die Intensität meiner gegenwärtigen
Qual doppelt spüren.
Es ist, als wäre ein Vorhang vor meinen Augen aufgezogen worden, und statt der Aussicht auf
ewiges Leben gähnte der Abgrund eines immer offenen Grabes vor mir. Können wir von
irgendetwas sagen, dass es existiert, wenn alles vergeht, wenn die Zeit mit der Geschwindigkeit
eines Sturms alle Dinge vorwärts trägt und unsere vergängliche Existenz, die vom Strom
mitgenommen wird, entweder von den Wellen verschluckt oder gegen die Steine geschleudert wird?
Es gibt keinen Moment, sondern nur Beute für dich, und für alles um dich herum, keinen Moment,
in dem du selbst nicht zum Zerstörer wirst. Der unschuldigste Weg beraubt Tausende armer
Insekten des Lebens. Ein Schritt zerstört das Gewebe der fleißigen Ameise und verwandelt eine
kleine Welt in Chaos. Nein, es sind nicht die großen und seltenen Katastrophen der Welt, die
Überschwemmungen, die ganze Dörfer hinwegfegen. die Erdbeben, die unsere Städte verschlucken,
die mich betroffen machen. Mein Herz ist verzehrt von dem Gedanken an diese zerstörerische
Kraft, die in jedem Teil der universellen Natur verborgen liegt. Die Natur hat nichts geformt, was
sich selbst und jedes Objekt in ihrer Nähe nicht verzehrt. So wandere ich, umgeben von Erde und
Luft und allen aktiven Kräften, mit schmerzendem Herzen auf meinem Weg; und das Universum ist
für mich ein furchtbares Monster, das immer seine eigenen Kinder verschlingt.
Vergebens strecke ich meine Arme nach ihr aus, wenn ich morgens aus meinem müden Schlummer
erwache. Vergebens suche ich sie nachts in meinem Bett, wenn mich ein unschuldiger Traum
glücklich getäuscht hat, und lege sie neben mich auf die Felder, wenn ich ihre Hand ergriffen und
sie mit unzähligen Küssen bedeckt habe. Und wenn ich in der halben Verwirrung des Schlafes sie
fühle, mit dem glücklichen Gefühl, dass sie nahe ist, fließen Tränen aus meinem unterdrückten
Herzen; und ohne jeglichen Trost weine ich über meine zukünftigen Leiden.
Was für ein Unglück, Mark! Meine aktiven Geister sind zu zufriedener Trägheit verkommen. Ich
kann nicht untätig sein und kann mich trotzdem nicht an die Arbeit machen. Ich kann nicht denken:
Ich habe kein Gefühl mehr für die Schönheiten der Natur, und Bücher sind für mich langweilig.
Sobald wir uns aufgeben, sind wir total verloren. Manchmal und oft wünschte ich, ich wäre ein
gewöhnlicher Arbeiter; wenn ich am Morgen erwache, habe ich vielleicht nur eine Aussicht, einen
Dienst, eine Hoffnung für den Tag, der angebrochen ist. Ich beneide Jörg fast, wenn ich ihn in
einem Haufen Papiere und Akten begraben sehe, und ich glaube, ich sollte glücklich sein, wenn ich
an seiner Stelle wäre. Oft beeindruckt von diesem Gefühl, war ich im Begriff, dir und dem Minister
einen Termin für die Ernennung in der Botschaft zu schreiben, von der du glaubst, dass ich sie
erhalten könnte. Ich glaube, ich könnte es schaffen. Der Minister hat mir seit langem Respekt
entgegengebracht und mich häufig aufgefordert, eine Anstellung zu suchen. Es ist nur das Geschäft
einer Stunde. Hin und wieder kommt die Fabel des Pferdes mir wieder in den Sinn. Er war der
Freiheit überdrüssig, ließ sich satteln und zügeln und wurde wegen seiner Schmerzen zu Tode
geritten. Ich weiß nicht, worauf ich mich festlegen soll. Denn ist diese Angst vor Veränderung nicht
die Folge dieses unruhigen Geistes, der mich in jeder Lebenssituation gleichermaßen verfolgen
würde?
Wenn meine Krankheit eine Heilung zugeben würde, würde sie hier sicherlich geheilt werden. Dies
ist mein Namenstag und am frühen Morgen erhielt ich ein Paket. Als ich es öffnete, fand ich einen
rosa Slip, den Evi unter ihrem Kleid trug, als ich sie das erste Mal sah, und den ich sie mehrmals
gebeten hatte, mir zu geben. Dabei waren zwei Bände von Schröders Homer, ein Buch, das ich mir
oft gewünscht hatte, um mir die Unannehmlichkeit zu ersparen, die alte Voss-Ausgabe auf meinen
Spaziergängen mitzunehmen. Du siehst, wie sie meine Wünsche antizipiert, wie gut sie all diese
kleinen Aufmerksamkeiten der Freundschaft versteht, die den kostspieligen Geschenken der
Großen, die demütigend sind, so überlegen sind. Ich habe den Slip tausendmal geküsst, und in
jedem Atemzug atmete die Erinnerung an jene glücklichen und unwiderruflichen Tage ein, die mich
mit der größten Freude erfüllten. So, Mark, ist unser Schicksal. Ich murre nicht darüber: Die
Blumen des Lebens sind nur visionär. Wie viele vergehen und hinterlassen keine Spuren - wie
wenige bringen Früchte hervor - und die Früchte selbst, wie selten reifen sie! Und doch gibt es
genug Blumen! und ist es nicht seltsam, mein Freund, dass wir das Wenige, das wirklich reift,
verrotten, verfallen und unglücklich umkommenlassen? Adieu! Dies ist ein herrlicher Sommer. Ich
klettere oft in die Bäume in Evis Obstgarten und schüttle die Birnen ab, die an den höchsten Ästen
hängen. Sie steht unten und fängt sie auf, wenn sie fallen.
Unglücklich zu sein, wie ich es bin! Warum täusche ich mich so? Was soll aus all dieser wilden,
ziellosen, endlosen Leidenschaft werden? Ich kann nur zu ihr beten. Meine Vorstellungskraft sieht
nichts als sie: Alle umgebenden Objekte spielen keine Rolle, außer wenn sie sich auf sie beziehen.
In diesem verträumten Zustand genieße ich viele glückliche Stunden, bis ich mich endlich
gezwungen fühle, mich von ihr loszureißen. Ah, Mark, zu was mich mein Herz nicht oft zwingt!
Wenn ich mehrere Stunden in ihrer Gesellschaft verbracht habe, bis ich mich vollständig von ihrer
Figur, ihrer Anmut, dem englischen Ausdruck ihrer Gedanken absorbiert fühle, wird mein Geist
allmählich zum höchsten Übermaß erregt, mein Sehvermögen wird schwächer, mein Gehör
verwirrt, mein Atem unterdrückt wie von der Hand eines Mörders, und mein schlagendes Herz
versucht, Erleichterung für meine schmerzenden Sinne zu erlangen. Ich bin manchmal bewusstlos,
ob ich wirklich existiere? Wenn ich in solchen Momenten kein Mitgefühl finde und Evi mir nicht
erlaubt, den melancholischen Trost zu genießen, ihre Hand mit meinen Tränen zu baden, fühle ich
mich gezwungen, mich von ihr zu reißen, wenn ich entweder durch das Land wandere, eine steile
Mauer erklimme, oder einen Weg durch das spurlose Dickicht erzwinge, wo ich von Dornen und
Sträuchern verletzt und zerrissen werde; und dort finde ich Erleichterung. Manchmal liege ich
ausgestreckt auf dem Boden, von Müdigkeit überwältigt und vor Durst gestorben; manchmal, spät
in der Nacht, wenn der Mond über mir scheint, lehne ich mich gegen einen alten Baum in einem
abgeschotteten Wald, um meine müden Glieder auszuruhen, wenn ich erschöpft und abgenutzt bis
zum Morgengrauen schlafe. O Mark! die Zelle des Einsiedlers, sein Sackleinen und Dornengürtel
wäre Luxus und Nachsicht im Vergleich zu dem, was ich leide. Adieu! Ich sehe kein Ende dieses
Elends außer im Grab.
3. SEPTEMBER 1998
Ich muss weg! Danke, Mark, dass du meinen schwankenden Zweck bestimmt hast. Seit vierzehn
Tagen habe ich daran gedacht, sie zu verlassen. Ich muss weg. Sie ist in die Stadt zurückgekehrt und
im Haus eines Freundes. Und dann, Jörg - ja, ich muss gehen.
Ah, was für eine Nacht, Mark! Ich kann fortan alles ertragen! Ich werde sie nie wieder sehen. Oh,
warum kann ich nicht um deinen Hals fallen und mit Fluten von Tränen und Verzückungen all den
Leidenschaften Ausdruck verleihen, die mein Herz regieren! Hier sitze ich und schnappe nach Luft
und kämpfe darum, mich zu beruhigen. Ich warte auf den Tag und bei Sonnenaufgang soll der
Wagen vor der Tür stehen.
Und sie schläft ruhig und ahnt kaum, dass sie mich zum letzten Mal gesehen hat. Ich bin frei. Ich
hatte den Mut, in einem zweistündigen Interview meine Absicht nicht zu verraten. Und oh Mark,
was für ein Gespräch war das!
Jörg hatte versprochen, sofort nach dem Abendessen zu Evi in den Garten zu kommen. Ich war auf
der Terrasse unter den hohen Kastanienbäumen und beobachtete die untergehende Sonne. Ich sah
sie zum letzten Mal unter diesem herrlichen Garten und stillen Fluss sinken. Ich hatte oft mit Evi
denselben Ort besucht und diesen herrlichen Anblick gesehen; und jetzt - ich ging genau die Allee
auf und ab, die mir so lieb war. Ein geheimes Gefühl hatte mich häufig dorthin gezogen, bevor ich
Evi kannte; und wir waren begeistert, als wir in unserer frühen Bekanntschaft entdeckten, dass wir
beide denselben Ort liebten, der in der Tat so romantisch ist wie jeder andere, der jemals die
Phantasie eines Künstlers faszinierte.
Unter den Kastanienbäumen gibt es einen weiten Blick. Aber ich erinnere mich, dass ich all dies in
einem früheren Brief erwähnt und die hohe Masse der Buchen am Ende beschrieben habe und wie
die Allee dunkler und dunkler wird, wenn sie sich zwischen ihnen schlängelt, bis sie in einer
düsteren Nische endet, die den Charme einer mysteriösen Einsamkeit hat. Ich erinnere mich noch an
das seltsame Gefühl der Melancholie, das mich beim ersten Betreten dieses dunklen Rückzugsortes
am hellen Mittag überkam. Ich fühlte eine geheime Vorahnung, dass es eines Tages für mich der
Schauplatz eines Glücks oder Elends sein würde.
Ich hatte eine halbe Stunde damit verbracht, zwischen den konkurrierenden Gedanken des
Fortgehens und der Rückkehr zu kämpfen, als ich hörte, wie sie die Terrasse heraufkamen. Ich ging
ihnen entgegen. Ich zitterte, als ich ihre Hand nahm und sie küsste. Als wir die Spitze der Terrasse
erreichten, stieg der Mond hinter dem bewaldeten Hügel auf. Wir unterhielten uns über viele
Themen und näherten uns, ohne es zu bemerken, des düsteren Ruheortes. Evi trat ein und setzte
sich. Jörg setzte sich neben sie. Ich tat das Gleiche, aber meine Erregung ließ mich nicht lange
sitzen. Ich stand auf und stellte mich vor sie, ging dann hin und her und setzte mich wieder. Ich war
unruhig und elend. Evi machte uns auf die schöne Wirkung des Mondlichts aufmerksam, das einen
silbernen Farbton über die Terrasse vor uns hinter den Buchen warf. Es war ein herrlicher Anblick
und wurde durch die Dunkelheit, die die Stelle umgab, an der wir uns befanden, noch auffälliger.
Wir schwiegen einige Zeit, als Evi bemerkte: „Wann immer ich im Mondlicht gehe, erinnert es
mich an alle meine geliebten und verstorbenen Freundinnen, und ich bin erfüllt von Gedanken an
Tod und Zukunft. Wir werden wieder leben, Schwanke!“ fuhr sie mit einer fühlenden Stimme fort,
„aber werden wir uns wieder erkennen, was denkst du? was sagst du?“
„Evi“, sagte ich, als ich ihre Hand in meine nahm und meine Augen voller Tränen waren, „wir
werden uns wiedersehen - hier und im Himmel werden wir uns wiedersehen.“ Mehr konnte ich
nicht sagen. Warum, Mark, musste sie mir diese Frage gerade in dem Moment stellen, in dem die
Angst vor unserer grausamen Trennung mein Herz erfüllte?
„In dem Frieden und der Harmonie, die unter uns wohnen, würdest du Gott mit den wärmsten
Gefühlen der Dankbarkeit verherrlichen, an den du in deiner letzten Stunde so inbrünstige Gebete
für unser Glück gerichtet hast.“ So hat sie sich ausgedrückt, aber oh Mark! kann ich ihrer Sprache
gerecht werden? Wie können kalte und leidenschaftslose Worte den himmlischen Ausdruck der
Seele vermitteln? Jörg unterbrach sie roh. „Das betrifft dich zu tief, Evi. Ich weiß, dass deine Seele
mit intensiver Freude in solchen Erinnerungen schwelgt, aber ich bitte...“ - „Jörg!“ fuhr sie fort,
„ich bin sicher, du vergisst nicht die Abende, an denen wir drei am kleinen runden Tisch saßen, als
Papa abwesend war und die Kleinen sich zurückgezogen hatten. Du hattest manchmal ein Buch
dabei, last aber nie; die Unterhaltung dieses edlen Wesens war allem vorzuziehen - dieser schönen,
hellen, sanften und doch immer mühsamen Frau. Gott allein weiß, wie ich auf meinem nächtlichen
Bett mit Tränen gebetet habe, dass ich wie sie sein könnte.“
Ich warf mich zu ihren Füßen und ergriff ihre Hand und betäubte sie mit tausend Tränen. „Evi!“ rief
ich aus, „Gottes Segen und der Geist deiner Mutter sind über dir.“ - „Oh! Dass du sie gekannt hast“,
sagte sie mit einem warmen Druck der Hand, „sie war es wert, dir bekannt zu sein.“ Ich dachte, ich
hätte in Ohnmacht fallen können: Ich hatte noch nie ein so schmeichelhaftes Lob erhalten. Sie fuhr
fort: „Und doch war sie dazu verurteilt, in der Blüte ihrer Jugend zu sterben, als ihr jüngstes Kind
kaum sechs Jahre alt war. Ihre Krankheit war nur kurz, aber sie war ruhig und resigniert; und es war
nur für ihre Kinder, besonders den jüngsten, dass sie sich unglücklich fühlte. Als ihr Ende nahte, bat
sie mich, sie zu ihr zu bringen. Ich gehorchte. Die Jüngeren wussten nichts von ihrem
bevorstehenden Verlust, während die Älteren von Trauer überwältigt waren. Sie standen um das
Bett herum; und sie hob ihre schwachen Hände zum Himmel und betete über sie; dann küsste sie sie
der Reihe nach, entließ sie und sagte zu mir: Sei für sie eine Mutter. Ich gab ihr meine Hand. Du
versprichst viel, mein Kind, sagte sie, die Vorliebe einer Mutter und die Fürsorge einer Mutter! Ich
habe oft durch deine Tränen der Dankbarkeit gesehen, dass du weißt, was die Zärtlichkeit einer
Mutter ist: Zeige es deinen kleinen Brüdern und Schwestern und sei deinem Vater wie eine Ehefrau
pflichtbewusst und treu; du wirst sein Trost sein. Sie erkundigte sich nach ihm. Er hatte sich
zurückgezogen, um seine unerträgliche Qual zu verbergen - er lag mit gebrochenem Herzen. Jörg,
du warst im Raum. Sie hörte jemanden sich bewegen: Sie fragte, wer es sei und bat dich, dich zu
nähern. Sie musterte uns beide mit einem Ausdruck der Gelassenheit und Befriedigung, der ihre
Überzeugung zum Ausdruck brachte, dass wir glücklich sein sollten, glücklich miteinander. Jörg
fiel um ihren Hals und küsste sie und rief: Wir sind es und wir werden es sein! Sogar Jörg, im
Allgemeinen so kalt, hatte seine Fassung verloren; und ich war unaussprechlich aufgeregt.“
„Und solch ein Wesen“, fuhr sie fort, „sollte uns verlassen, Schwanke? Großer Gott, müssen wir uns
so von allem trennen, was uns auf dieser Welt am Herzen liegt? Niemand fühlte dies akuter als die
Kinder: Sie weinten und klagten, lange Zeit später beschwerten sie sich, dass Männer ihre liebe
Mutter weggetragen hatten.“
Evi stand auf. Es hat mich erregt; aber ich setzte mich wieder und hielt ihre Hand. „Lass uns
gehen“, sagte sie, „es wird spät.“ Sie versuchte, ihre Hand zurückzuziehen: Ich hielt sie still. „Wir
werden uns wiedersehen“, rief ich, „wir werden uns in jeder möglichen Verwandlung erkennen! Ich
werde“, fuhr ich fort, „bereitwillig gehen; aber sollte ich sagen: für immer, kann ich vielleicht mein
Wort nicht halten. Adieu, Evi. Wir werden uns wiedersehen.“ - „Ja, morgen, denke ich“, antwortete
sie mit einem Lächeln. Morgen! wie ich das Wort fühlte! Ah! sie dachte wenig nach, als sie ihre
Hand von meiner wegzog. Sie gingen die Allee entlang. Ich stand da und sah ihnen im Mondlicht
nach. Ich warf mich auf den Boden und weinte: Ich sprang dann auf, und rannte auf die Terrasse
hinaus und sah im Schatten der Kastanienbäume ihr weißes Kleid in der Nähe des Gartentors
verschwinden. Ich streckte meine Arme aus und sie verschwand.
ZWEITES BUCH
Wir sind gestern hier angekommen. Der Botschafter ist unbehaglich und wird einige Tage nicht
ausgehen. Wenn er weniger verärgert und mürrisch wäre, wäre alles in Ordnung. Ich sehe aber zu
deutlich, dass der Himmel mich zu schweren Prüfungen bestimmt hat; aber Mut! Ein leichtes Herz
kann alles tragen. Ein leichtes Herz! Ich lächle und finde ein solches Wort aus meiner Feder absurd.
Ein bisschen mehr Unbeschwertheit würde mich zum glücklichsten Wesen unter der Sonne machen.
Aber muss ich an meinen Talenten und Fähigkeiten verzweifeln, während andere mit weit
minderwertigen Fähigkeiten mit äußerster Selbstzufriedenheit vor mir einherziehen? Gnädige
Vorsehung, der ich alle meine Kräfte verdanke, warum hast du nicht einige meiner Segnungen
zurückgehalten und an ihre Stelle ein Gefühl des Selbstvertrauens und der Zufriedenheit gesetzt?
Aber Geduld! alles wird noch gut sein; denn ich versichere dir, mein lieber Freund, du hattest
Recht: Da ich gezwungen war, mich ständig mit anderen Menschen zu verbinden und zu
beobachten, was sie tun und wie sie sich beschäftigen, bin ich mit mir selbst weitaus zufriedener
geworden. Denn wir sind von Natur aus so konst