Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werthers
Am 10. Mai
Eine wunderbare Heiterkeit hat meine ganze Seele eingenommen, gleich den süßen
Frühlingsmorgen, die ich mit ganzem Herzen genieße. Ich bin allein und freue mich meines
Lebens in dieser Gegend, die für solche Seelen geschaffen ist wie die meine. Ich bin so
glücklich, mein Bester, so ganz in dem Gefühle von ruhigem Dasein versunken, daß meine
Kunst darunter leidet. Ich könnte jetzt nicht zeichnen, nicht einen Strich, und bin nie ein
größerer Maler gewesen als in diesen Augenblicken. Wenn das liebe Tal um mich dampft,
und die hohe Sonne an der Oberfläche der undurchdringlichen Finsternis meines Waldes ruht,
und nur einzelne Strahlen sich in das innere Heiligtum stehlen, ich dann im hohen Grase am
fallenden Bache liege, und näher an der Erde tausend mannigfaltige Gräschen mir
merkwürdig werden; wenn ich das Wimmeln der kleinen Welt zwischen Halmen, die
unzähligen, unergründlichen Gestalten der Würmchen, der Mückchen näher an meinem
Herzen fühle, und fühle die Gegenwart des Allmächtigen, der uns nach seinem Bilde schuf,
das Wehen des Alliebenden, der uns in ewiger Wonne schwebend trägt und erhält; mein
Freund! Wenn's dann um meine Augen dämmert, und die Welt um mich her und der Himmel
ganz in meiner Seele ruhn wie die Gestalt einer Geliebten – dann sehne ich mich oft und
denke : ach könntest du das wieder ausdrücken, könntest du dem Papiere das einhauchen, was
so voll, so warm in dir lebt, daß es würde der Spiegel deiner Seele, wie deine Seele ist der
Spiegel des unendlichen Gottes! – mein Freund – aber ich gehe darüber zugrunde, ich erliege
unter der Gewalt der Herrlichkeit dieser Erscheinungen.
Ich weiß nicht, ob täuschende Geister um diese Gegend schweben, oder ob die warme,
himmlische Phantasie in meinem Herzen ist, die mir alles rings umher so paradisisch macht.
Das ist gleich vor dem Orte ein Brunnen, ein Brunnen, an den ich gebannt bin wie Melusine
mit ihren Schwestern. – Du gehst einen kleinen Hügel hinunter und findest dich vor einem
Gewölbe, da wohl zwanzig Stufen hinabgehen, wo unten das klarste Wasser aus
Marmorfelsen quillt. Die kleine Mauer, die oben umher die Einfassung macht, die hohen
Bäume, die den Platz rings umher bedecken, die Kühle des Orts; das hat alles so was
Anzügliches, was Schauerliches. Es vergeht kein Tag, daß ich nicht eine Stunde da sitze. Da
kommen die Mädchen aus der Stadt und holen Wasser, das harmloseste Geschäft und das
nötigste, das ehemals die Töchter der Könige selbst verrichteten. Wenn ich da sitze, so lebt
die patriarchalische Idee so lebhaft um mich, wie sie, alle die Altväter, am Brunnen
Bekanntschaft machen und freien, und wie um die Brunnen und Quellen wohltätige Geister
schweben. O der muß nie nach einer schweren Sommertagswanderung sich an des Brunnens
Kühle gelabt haben, der das nicht mitempfinden kann.
Am 22. Mai
Daß das Leben des Menschen nur ein Traum sei, ist manchem schon so vorgekommen, und
auch mit mir zieht dieses Gefühl immer herum. Wenn ich die Einschränkung ansehe, in
welcher die tätigen und forschenden Kräfte des Menschen eingesperrt sind; wenn ich sehe,
wie alle Wirksamkeit dahinaus läuft, sich die Befriedigung von Bedürfnissen zu verschaffen,
die wieder keinen Zweck haben, als unsere arme Existenz zu verlängern, und dann, daß alle
Beruhigung über gewisse Punkte des Nachforschens nur eine träumende Regignation ist, da
man sich die Wände, zwischen denen man gefangen sitzt, mit bunten Gestalten und lichten
Aussichten bemalt – das alles, Wilhelm, macht mich stumm. Ich kehre in mich selbst zurück,
und finde eine Welt! Wieder mehr in Ahnung und dunkler Begier als in Darstellung und
lebendiger Kraft. Und da schwimmt alles vor meinen Sinnen, und ich lächle dann so träumend
weiter in die Welt.
Daß die Kinder nicht wissen, warum sie wollen, darin sind alle hochgelahrten Schul- und
Hofmeister einig; daß aber auch Erwachsene gleich Kindern auf diesem Erdboden
herumtaumeln und wie jene nicht wissen, woher sie kommen und wohin sie gehen,
ebensowenig nach wahren Zwecken handeln, ebenso durch Biskuit und Kuchen und
Birkenreiser regiert werden: das will niemand gern glauben, und mich dünkt, man kann es mit
Händen greifen.
Ich gestehe dir gern, denn ich weiß, was du mir hierauf sagen möchtest, daß diejenigen die
Glücklichsten sind, die gleich den Kindern in den Tag hinein leben, ihre Puppen
herumschleppen, aus- und anziehen und mit großem Respekt um die Schublade
umherschleichen, wo Mama das Zuckerbrot hineingeschlossen hat, und, wenn sie das
gewünschte endlich erhaschen, es mit vollen Backen verzehren und rufen: »mehr!« – das sind
glückliche Geschöpfe. Auch denen ist's wohl, die ihren Lumpenbeschäftigungen oder wohl
gar ihren Leidenschaften prächtige Titel geben und sie dem Menschengeschlechte als
Riesenoperationen zu dessen Heil und Wohlfahrt anschreiben. – Wohl dem, der so sein kann!
Wer aber in seiner Demut erkennt, wo das alles hinausläuft, wer da sieht, wie artig jeder
Bürger, dem es wohl ist, sein Gärtchen zum Paradiese zuzustutzen weiß, und wie
unverdrossen auch der Unglückliche unter der Bürde seinen Weg fortkeucht, und alle gleich
interessiert sind, das Licht dieser Sonne noch eine Minute länger zu sehn – ja, der ist still und
bildet auch seine Welt aus sich selbst und ist auch glücklich, weil er ein Mensch ist. Und
dann, so eingeschränkt er ist, hält er doch immer im Herzen das süße Gefühl der Freiheit, und
daß er diesen Kerker verlassen kann, wann er will.
Am 12. Dezember
»Lieber Wilhelm, ich bin in einem Zustande, in dem jene Unglücklichen gewesen sein
müssen, von denen man glaubte, sie würden von einem bösen Geiste umhergetrieben.
Manchmal ergreift mich's; es ist nicht Angst, nicht Begier – es ist ein inneres, unbekanntes
Toben, das meine Brust zu zerreißen droht, das mir die Gurgel zupreßt! Wehe! Wehe! Und
dann schweife ich umher in den furchtbaren nächtlichen Szenen dieser menschenfeindlichen
Jahrszeit.
Gestern abend mußte ich hinaus. Es war plötzlich Tauwetter eingefallen, ich hatte gehört, der
Fluß sei übergetreten, alle Bäche geschwollen und von Wahlheim herunter mein liebes Tal
überschwemmt! Nachts nach eilfe rannte ich hinaus. Ein fürchterliches Schauspiel, vom Fels
herunter die wühlenden Fluten in dem Mondlichte wirbeln zu sehen, über Äcker und Wiesen
und Hecken und alles, und das weite Tal hinauf und hinab eine stürmende See im Sausen des
Windes! Und wenn dann der Mond wieder hervortrat und über der schwarzen Wolke ruhte,
und vor mir hinaus die Flut in fürchterlich herrlichem Widerschein rollte und klang: da
überfiel mich ein Schauer, und wieder ein Sehnen! Ach, mit offenen Armen stand ich gegen
den Abgrund und atmete hinab! Hinab! Und verlor mich in der Wonne, meine Qualen, meine
Leiden da hinabzustürmen! Dahinzubrausen wie die Wellen! O! – Und den Fuß vom Boden
zu heben vermochtest du nicht, und alle Qualen zu enden! – Meine Uhr ist noch nicht
ausgelaufen, ich fühle es! O Wilhelm! Wie gern hätte ich mein Menschsein drum gegeben,
mit jenem Sturmwinde sie Wolken zu zerreißen, die Fluten zu fassen! Ha! Und wird nicht
vielleicht dem Eingekerkerten einmal diese Wonne zuteil?
– Und wie ich wehmütig hinabsah auf ein Plätzchen, wo ich mit Lotten unter einer Weide
geruht, auf einem heißen Spaziergange, – das war auch überschwemmt, und kaum daß ich die
Weide erkannte! Wilhelm! Und ihre Wiesen, dachte ich, die Gegend um ihr Jagdhaus! Wie
verstört jetzt vom reißenden Strome unsere Laube! Dacht' ich. Und der Vergangenheit
Sonnenstrahl blickte herein, wie einem Gefangenen ein Traum von Herden, Wiesen und
Ehrenämtern. Ich stand! – ich schelte mich nicht, denn ich habe Mut zu sterben. – ich hätte –
nun sitze ich hier wie ein altes Weib, das ihr Holz von Zäunen stoppelt und ihr Brot an den
Türen, um ihr hinsterbendes, freudeloses Dasein noch einen Augenblick zu verlängern und zu
erleichtern«.
Ein Nachbar sah den Blick vom Pulver und hörte den Schuß fallen; da aber alles stille blieb,
achtete er nicht weiter drauf.
Morgens um sechse tritt der Bediente herein mit dem Lichte. Er findet seinen Herrn an der
Erde, die Pistole und Blut. Er ruft, er faßt ihn an; keine Antwort, er röchelt nur noch. Er läuft
nach den Ärzten, nach Alberten. Lotte hört die Schelle ziehen, ein Zittern ergreift alle ihre
Glieder. Sie weckt ihren Mann, sie stehen auf, der Bediente bringt heulend und stotternd die
Nachricht, Lotte sinkt ohnmöchtig vor Alberten nieder.
Als der Medikus zu dem Unglücklichen kam, fand er ihn an der Erde ohne Rettung, der Puls
schlug, die Glieder waren alle gelähmt. Über dem rechten Auge hatte er sich durch den Kopf
geschossen, das Gehirn war herausgetrieben. Man ließ ihm zum Überfluß eine Ader am
Arme, das Blut lief, er holte noch immer Atem.
Aus dem Blut auf der Lehne des Sessels konnte man schließen, er habe sitzend vor dem
Schreibtische die Tat vollbracht, dann ist er heruntergesunken, hat sich konvulsivisch um den
Stuhl herumgewälzt. Er lag gegen das Fenster entkräftet auf dem Rücken, war in völliger
Kleidung, gestiefelt, im blauen Frack mit gelber Weste.
Das Haus, die Nachbarschaft, die Stadt kam in Aufruhr. Albert trat herein. Werthern hatte
man auf das Bett gelegt, die Stirn verbunden, sein Gesicht schon wie eines Toten, er rührte
kein Glied. Die Lunge röchelte noch fürchterlich, bald schwach, bald stärker; man erwartete
sein Ende.
Von dem Weine hatte er nur ein Glas getrunken.«Emilia Galotti« lag auf dem Pulte
aufgeschlagen.
Von Alberts Bestürzung, von Lottens Jammer laßt mich nichts sagen.
Der alte Amtmann kam auf die Nachricht hereingesprengt, er küßte den Sterbenden unter den
heißesten Tränen. Seine ältesten Söhne kamen bald nach ihm zu Fuße, sie fielen neben dem
Bette nieder im Ausdrucke des unbändigsten Schmerzens, küßten ihm die Hände und den
Mund, und der älteste, den er immer am meisten geliebt, hing an seinen Lippen, bis er
verschieden war und man den Knaben mit Gewalt wegriß. Um zwölfe mittags starb er. Die
Gegenwart des Amtmannes und seine Anstalten tuschten einen Auflauf. Nachts gegen eilfe
ließ er ihn an die Stätte begraben, die er sich erwählt hatte. Der Alte folgte der Leiche und die
Söhne, Albert vermocht's nicht. Man fürchtete für Lottens Leben. Handwerker trugen ihn.
Kein Geistlicher hat ihn begleitet.