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Alexander Tragödie

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Sturm und Sammlung
Büherjungerdeutfher Didhter

Eurt Langenbef + Alerander


Curt Sangenbed

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Tragödie

1934

Albert Zangen /®eorg Müller Münden


Den Bühnen und Vereinen gegenüber Manuffript.
Alle Rechte vorbehalten. Das Recht zur Aufführung jeder Art ift nur zu erwerben durch
den Zheaterverlag Albert Zangen — Georg Müller, Berlin SW 11, Anhalterftraße 9.
Copyright 1934 by Albert Zangen — Georg Müller Verlag G.m.6,9., Münden,
Drud der Mandruf A.“G., München. Printed in Germany,
Alerander
Hephaiftion

Koinos
Nearchos
Eumenes
Das Heer

An Hyyphaſis
Auf einer Inſel im Indiſchen Ozean
In Karmanien, weſtlich der Wüſte Gedroſien
Paſagardei, am Grabmal des Kyros
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Babylon
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I

Im Lager am Hyphaſis, beim Zelt des Königs.


Alerander, Hephaiftion, Koinos, Nearchos.
Die mafedonifche Kerntruppe.

YUlerander All ihr fchlachtvertrauten Männer! Sturmgefährten!


Mas für ungerechte Kümmernis verdunkelt
Euer Auge und bemwirft den Sinn mit Schatten?
Daß ihr mit entzaubert hingemwelfter Seele
Unſres hochgeheiligten Glücks
Feſtlichen Zug zu kränken wagt?
Welcher hinterliſtge Gott hat euch den Mut
Nackenſtürzend unters Joch der Not geſpannt
Und die Freude weggeſenkt in die Verzweiflung?
Findet euch zur ſchönen Mannesart zurück!
Seid euch ſelbſt doch ebenbürtig wieder!
Denn wir müſſen morgen über den Fluß.
Die Makedonen Zürne Du länger nicht,
Furchtbarer Führer!
Kraftentblößt
Harren wir nicht mehr
Unſer Leiden aus:
Gramvoll wächſt
über ing Unbegreifliche
Dein umjagendes Trachten!
Alexander O Zeus, mein Vater, warum zog ich aus mit ihnen!
Weh, meine Männer! meine Helden!
Meine verzagten Herzen!
Der König fteht befeligt vor den Toren Indiens!
Er fchaut im Geift fünf Ströme heiliger Gewäſſer!
Und fpricht entzüct die Wunder diefes Reiches an!
Und will hinüber — und entdecdt fich hier —
Und fteht allein.
(Stille)
Ihr wart doch ehmalg tapfer? Liebtet mich mit Luft,
Mit treuer Inbrunft? So was fürchtet ihr und Elagt?
Nichts graufam Unergreifliches wird euch befallen!
Mas für Gefahr und Schande habt ihr euch verfprochen
Bon den Koloffen, den urmächtgen Elefanten,
Den trampelnden Zerftörern ftrahlender Gefilde —
Und mie fo Teicht, ihr Männer, habt ihr fie befiegt!
Denn ich war bei euch, in euch, vor euch, überall!
Bin ich’8 nicht mehr?
(Stille)
Laßt euch befonnen machen! ſeht mich!
Mer fagt zum Strom, der feine Waffer mühlos wälzt
Von Bergen nieder, weit befruchtend durch die Ebne —
Mer fagt zu ihm: Halt ein! Fein Waffer mehr! fteh ftille!
Denn du erftaunft uns! Alfo follft du dich vernichten, |
Weil wir das Staunenswürdige nicht tragen mögen, {
Nicht ehren, nein! und nimmermehr erdulden!?
DBefcheidet Euch. Sch Eenne meines Neiches Grenzen!
Sch weiß auch, wo die Erde jählings fchaudernd aufhört,
Zern wo fie feierlich am Nichts der Welt fich bändigt.
(Stille)
Mas niemals ganz ergriffen wird mit Macht und Frieden
Aus einer einzig allgewaltigen Umarmung,
Das ruht und bildet nicht, das glückt nicht — nein, das ſtürzt
Und ift fchon beillos im vorausgemwagten Planen!
Die Makedonen Weit weg
Eilend mit fremden Gedanken
Mandert der König
Und verfennt ung!
Alerander Seid ihr verlangend nicht nach neuen Wundern? Indien!
Da lebt’8 verborgen und geheimnisvoll begabt —
Geftillte Pracht, tief ſchattende Verlaffenheit
Mit fremden Blüten, Waffen, Schätzen, zaubermwirfend —
Ihr Fönnt’s nicht denken! geht und fchaut es ftaunend anl
Und lobt die heilge Erde, die Erzeugerin!
Ich bin entfchloffen. Wer noch zaudert, wage es
Zu Sprechen in mein Antlit. Aber feid gewarnt.
Dem rollt fein Kopf zu Füßen, der fein Zaubern nicht
Mit guten ehrenhaften Gründen deutlich macht.
(Stille)
Die Maledonen Weh — Merandrog droht Gemitter.
Unheil drängt feine Mafedonen
Überhängend finftermolfig.
Alerander (ruhig)
Redet nun. Sch bin geneigt zu hören. Trete
Endlich einer vor und fpreche mit Verftand.
Die Mafedonen heftig)
Heimmärts führe ung!
Subel zurüd — Makedonien!
Du — Merandrog, zurüd
In die Umarmung des Vaterlande!
Alerander Schweigt! Mich faßt ein grob Entfegen an!
Einen will ich hören! gleich und auf und fertig!
Bei den Bliten des Vaters, den zadig
Saufenden — Halt! Greift euch ing Herz
Und fteht! ſteht feiter!
Sch kann's nicht mehr anfehn, das Täppifche
Ohrenhängende Weſen — DO! ihr Armen!
Heulen macht es mich in der Tiefe —
Ihr vernichtet euch felbft.
(wendet fich)
Koinos (vortretend)
Hab ich nicht, o König, die Gabe der Rede,
Hab ich ein Herz doch, das Dir treu ift,
Und ein bewährtes Alter nach vieler Mühſal.
Alerander Sprich weiter, Koinos. Rede Feinen Umweg.
a

Koinos Bon Deinen alten Maledonen


Steht nicht mehr viel.
Und wer noch lebt, deg Kraft ift ausgedörrt
Dom Schlachtgewühl der überrannten Sahre,
Bon blutumjagend greller Hite und
Auffreffend weißem Froft im böfen Wechjel.
Ganz überfättigt von Zriumph und Leiden ne
len
u
El
la
nn
Dune
aAaa
annnd

Erſchrecken diefe Ruheloſen jetzt


Und ſtarren hilflos in ſich ſelbſt zurück.
Zerſchartet, abgeſtumpft ſind ihre Waffen,
Verhauen und verbogen Schild und Rüſtung —
Du hörſt nicht.
Alerander Ich höre. Weiter.
Koinos Der König kennt das Elend. Jeder ſieht es.
Nun aber ſchüttet ein erzürnter Gott
Seit dreiundſiebzig Tagen unabwendbar
Ein Heer von Regengüſſen uns herab!
Da trieft von blinder Näſſe alles, Dunſt
Und böſer Rauch entſchleicht der Uberſchwemmung,
Aus Unrat und Geſtank und Dumpfigkeit
Erzeugt ſich menſchenzehrend giftges Fieber,
Das höhlt die Knochen, frißt die Eingeweide,
Und hebt ein zweifelhaftes Todesglänzen
In die betrübten, trüben, wilden Augen,
Die Pferde ſtehn, und zittern, legen ſich
Und ſterben leiſe — Schattenhaft verloren
Durchſchwanken Deine Männer ihre Stunden:
Ungreifbar ausgedehnte Mattigkeit
Erſäuft dag Lager, Herz und Hoffnung marternd —
Sie Fünnen nicht mehr meiter.
Die Maledonen Hilf — Merandros!
Rette uns gnadevoll!
Einziger Herr des Leidens Du!
Alerander Weiter?!
Koinos Jetzt will der König Indien.
Er kann's nicht wollen! darf's nicht wagen! Schaue:
Sie faſſen's nicht, dies Immer-Mehr und Weiter,
10
Dies ungeheure Sieg-auf-Siege-Türmen,
Sie fehn Fein Ende, irren fich im SKreife,
Verlieren allen Anfang aus den Blicken
Und ftehen hilflos, wie vom Gott verlafjen.
(Stille. Alerander regungslos)
Sie haben von der Wüſte reden hören,
Die fich mit ftarrer Tücke ſperrend ausdehnt
Vor den verhüllten Zauberwundern Indiens —:
Sie können Feine Wunder mehr ertragen!
Sie Fünnen Feine Ferne mehr begeiftern!
Sie haben nicht die Kraft zum Troßigfein!
Sie flehn Dich an: fei ihren Leiden hülfreich.
Sei ihrer Sehnfucht gnädig — Führe fie
Zurück!
Die Mafedonen Sieh uns mit qualvollen Tränen flehen,
Schenk uns den einzigen Preis aller Treue,
Laß uns die Frauen, die Kinder umarmen,
Eh wir ſterben!
Wende nicht ab Dein dunkles Antlitz!
Glänze ung an mit dem alten Leuchten!
Sei ung vertraut mit der alten Liebe!
Stürze ung nicht in den Aufruhr des Sammers!
Gib ung die einzige, labende Heimat!
Gib Mafedonien, dag Land unfrer Stärke,
Unfre Leiber erzeugende Erde —
König, das Land unfres Bluts, unfrer Herzen
Gib ung wieder!
Alerander (jäh)
Hephaiftion! Es bringt mich um!
Hephaiftion (bisher wie die andern bildfäulenftill)
Genug! Lieber! Komm fort mit mir!
Morgen ein andreg!
2 Hlerander Schamlofe Kerle! Danklos jammernd!
Koinos Aufrührer Du!
Daß ich nur lache, unmäßig,
Und zu Stücden euch trümmre!
N—

Die Mafedonen MWahnfinn der König!


Aus bricht grimmoolles Unheil!
Fort aus den mördrifchen Blicken ihm!
(Fluchtbewegung)

Koinos Und dennoch reut mich meine Sprache nicht,


Nicht meine Rede.
Komme, was vorbeſtimmt iſt wu
EE
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Ze
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Den Makedonen.
Alerander (kalt, ſogleich Stillſtand und Ruhe ſchaffend)
Wen's an den engen Herd zurückzieht und
An die erboſte Bruſt der lieben Hausfrau,
Der laſſe reichlich ſich von mir beſchenken,
Und gehe.
Laufe eilig keuchend, wer ſich aufgab und
Nicht erkennen mag, wie furchtbar ſich der König
Untertan iſt.
Blickt nach Weſten, wo die Sonne wegſtürzt —
Eure Sonne, längſt entheiligt!
Fort nun übers Gebirg!
Schandvoll den Weg zurück eurer Taten!
Jedem Flüchtling zehn Talente,
Steuerfreiheit und Friede auf Erden!
Füttert mit eurem Ruhm die Schweine,
Bindet den Gott!
Aber weint nicht, wie vor neuen Siegen
Der König oft weinen mußte.
Zeus! Mein Vater! Schlage ſie nicht
Tobend mit umbrüllenden Donnern
Wolkengewaltig ſchallrollend
Unter des ehernen Himmels
Dröhnender Wölbung!
Treffe ſie nicht, Du Ewiger,
Unverſehens! zerknirſchend,
Fahl mit nachtzerreißenden
Augenblitzen des Urzorns!
Schone ſie, aus olympiſcher Höhe
Finſter lächelnd mit Großmut,
12
Daß ſie alle, die Armen,
Ihre verlaſſnen Wege heimwärts
Schleichen mögen, ungeſchädigt!
(heftig ab. Hephaiſtion folgt ihm)
Die Mafedonen (nicht laut)
Lichtlos ſchaudervoll
In der Verſtoßenheit
Ließ der Schreckliche uns!
Geftig)
Raſend blindlings
Zielend überkrümmt
Dieſer König den ächzenden Bogen —
Uns —
Koinos
Stille!
Nearchos
Die Makedonen Alexander hat uns betrogen!
Nearchos Seid ruhig. Treugeſinnt
Iſt Eure Geduld, voll Tapferkeit.
Die Makedonen (ſtark)
Tief herzbeißendes Wehe Dir!
(leiſe)
Alles liegt finſter nun,
Jähzornig hingeſtreckt nun,
Voller Gefahr und trauervoll hier.
(Stille)
Koinos (murrend)
Geht in die Zelte.
II

Lager am Hnphafis. Im Zelt des Königs.


Alerander, in ſchwarz, fißend; Hephaiftion, nicht weit von ihm ftehend; Eumenes,
entfernter ftehend; alle regungslos, eine lange Weile.

Alerander (ohne fich zu bewegen)


Zeus ſchläft; Poſeidon fehläft;
Und alles niedrige Leben wieder
Liegt eingefchläfert.
Mich wundert was. Schlug nicht foeben
Ein Krachen Ereifchend in die Nahe? — —
Der Bliß, der grell vermwegne. Der!
(umfehend)
Was fonft?
Eumenes Nichts Neugewiſſes.
Hephaiſtion Alte taglange Totenſtille im Lager.
Alerander Eumenes! Geh zu den Opferſchauern
Am Fluß. Und forfche, ob das zweite Zeichen
So hoffnungslos fich deutet wie das erfte,
Das ich mit Augen fah.
Geh, geh. Bring Nachricht.
Eumenes (tief ſich beugend)
Ich eile das Gefährliche zu kennen.
Indeſſen — ich bin furchtſam.
Bewahre meiner Treue, Allbeherrſchender,
Deine Gnade.
lexander (verfunfen, hört nicht)
Eumenes (zu Hephaiſtion)
Pſt! Was brütet er?
Alexander (hebt den Kopf; drohend)
Du ſollſt gehn!
Eumenes (ab)
Hephaiſtion Mir macht's ein Wehgefühl von Sorge,
Daß Du mit einem zweiten Opfer
Den Gott verſuchen wirſt.
Ylerander Wie kann's der Vater übel nehmen,
Wenn er von feinem Sohn zweimal befragt wird?
Hepbaiftion Die Himmlifchen gewähren eine Antwort,
Unmiederholbar, eine Hilfe nur,
So einen Spruch.
Und mer fich nicht damit befcheiden mag,
Dem zürnen fie oft
Und verjagen ihn leicht
Aus ihrer empfindlichen Liebe.
Alerander Hephaiftion! Sch muß doch über den Strom!
Weißt Du nicht mehr mich zu erkennen,
Freund meiner feligen Morgentage Du?
Bin ich fo dunkel Dir geworden
Und verborgen wie all den andern?
Hepbaiftion (abgewandt)
Ach wie drüdt Dein Gram, Dein laftender
An die verfchweigende Erde mich nieder.
Stehft Du nicht mit verhülltem Zürnen
Und dem fchattenden Geift der Nacht vergleichbar
Überm bingefunfnen Leben der Männer,
Über dem Lager, den Völkern des Heeres,
Zahlloſen Leibern, — riefenhaft Du?
So nächtelang, fo tagelang — und meiter.
Heut zum vierten Mal ſoll's Abend werden:
Rührt fich nichts, erhebt fich nichts —
Kein Gedanke Löft fich aus der tiefen,
Allumflammernden Erftarrung hoch,
Keine Freudigkeit und Fein Entfchluß
Sprengt dag grabverfteinerte Verzagen auf —
Ach, Alerandros!
Mein übermächtiger
Köftlichkeit jpendender Freund des Kampfs und der Seele —
Dich felbit verheerend,
Dich felbft vernichtend —
Wie mußt Du leiden, mein Langgeliebter!
(fteht regungslos, mit Händen vorm Geficht)
Alerander Umfehr — — ift Untergang?
15
Hephaiftion (heftig)
Mie?! Du drohft — Dir felbft?
Mlerander (lächelnd)
Mit meinen Befeffenheiten, Freund.
Haft begann ich, nach mir felbft zu fragen.
Doch ich Fann’s nicht. Was meiter?
Sch bin. Und alles Übrige
Iſt Glück, Verhängnis, Freudefturm und Abfturz
Sm Einklang.
Hephaiftion Mer fich aus allen Grenzen wagt, verliert fich.
Alerander Das Grenzenlofe, weiß ich,
Iſt meine Grenze, mein Vollbringen.
Sch hab den Blick ing Unfichtbare
Und bin geführt, wo andre ftrauchelnd ftürzen.
Nie im Zurück erwirbt fich die Vollendung.
Drum hier am Hyphafis, dem Strom des Rätſels,
Beftimmt mein Schieffal mich und unfer Wefen.
Hephaiftion (ihn nicht anfehend)
Ertrage, was Dir zufommt.
Und fühl aufs neue Dich geliebt!
Damit die Freude wieder auffchwingt
In Deiner wilden füßen Seele —
Zief her aus ewiger Gefahr.
Alerander Du redeft jchön.
Mich aber faßt ein Schauder,
Ein tiefgefenkter an —
Der fehüttelt mich mit Ängften,
Der toft mit Fieberftürmen
Durch's Innerfte — Ach! Rettung!
Und reißt mir's auf —!!
Da liegt’.
Blutend, preisgegeben,
Allen verfuchten Mächten
Des Schiekfals betaftbar
Dpfergleich.
Es tut zu weh! Hephaiftion!
(wirft ſich an ihn)

16
Hephaiftion O daf ich Dich umarme!
Und feft und feft und fefter umarme
Und mit Dir leide,
Faſſungslos
Mit Schmerzen verſtehe
Und Tränen an Deine Wangen weine!
Unſelig grauſam die ewigen Götter,
Wenn ſie geheiligten Schwunges treffend
In einen der Sterblichen ſich verſenken!
Alerander (bebend)
Du ſagſt es.
Hephaiftion (geſchüttelt)
So — entſchied ſich — alles.
(Eumenes kommt, nicht in gewohnter ſchlauer Ruhe, eher verwirrt und une
ordentlich)

Alexander (mühſam ſich wendend und auf ſich ſelbſt ſich ſtellend ſieht ihn;
zu Hephaiſtion)
Mich friert.
Gib mir den Mantel.
(völlig eingehüllt ſetzt er ſich;
zu Eumenes)
Rede.
Eumenes (unſicher)
Ich fürchte faſt, Dich zu erſchüttern, Herr —
Alexander Du fürchteſt nichts. Wann iſt es meinem klaren
Und vielerfahrnen Kanzler eingefallen,
Mit ſtumpfen Worten mich zu plagen, ſtatt
Von Sachen und Ereigniſſen zu ſprechen?
Eumenes Die Prieſter waren an den Fluß gezogen
Und hatten ſorgſam alles vorbereitet —
Als ſich der Himmel jählings ganz verfärbte:
Ein finſtres Wolkenungetüm ſtieg hoch
Am Horizont und wuchs und ballte ſich
Und hatte giftig fchmwefelgelbe Ränder.
Peithagoras erfchraf und fagte leife:
Zeus zürnt. Doch niemand hörte auf dies Wörtchen,
Drei Stiere ftanden fertig, da gefchah
2 8. M.
Ein urgemwaltges Donnerfchlagen, und.
Mit nicht zu faffender Gefchwindigkeit
Ward aus der fchwarzen Wolkenfeftung drüben
Ein Heer von mächtgen Fetzen aufgerifjen
Und log zu ung gejagt; fo augenblicks 2

Stand alles finfter über Deinen Prieftern.


Alerander Du langmweilft mich. Was bleibt Dir fonft zu fagen?
Eumenes Die Männer mit den Opferfchwertern wollten —
Nicht achtend des verfluchten Himmels — raſch
Den heftgen Stahl in ihrer Tiere Nacken
Mit feftem Stoß verſenken, ſchräg, wie’s Brauch ift —:
Alexander Die Narren.
Eumenes Mie? Da Fnallt ein wüfter Blitz
Eotrecht herab aufs jenfeitige Ufer
Und fchlägt zu Tode fünfzehn wadre Männer;
Die ftanden dort als vorgefchobner Poften.
Nun war Fein Halten mehr. Die Priefter flohn,
Die Stiere fehrieen und befreiten fich,
Allalles ftob gehebt hinweg, von Zittern
Und bleicher Angft des Himmels überfallen.
Verödet lag der Plab und ganz entblößt.
Sn die geweihten Schalen troff der Negen,
Ihr dampfend Blut war ihnen nicht gegönnt.
Alexander Man opfert nicht, folang die Götter grollen
Und ihre Laune auf die Menfchen toben.
Eumenes Du batteft Tag und Stunde ausgewählt.
Nach Deinem Wunfch gefchah dies zweite Opfer.
Alexander Des Königs Wunfch war’s nicht, daß feine Priefter
Ihr Handwerkszeug im Stiche ließen — was?
Koch mehr zu jagen?
Eumenes Nein, o Herr, nichts weiter.
Alexander Mie fandeft Du das Lager?
Eumenes Man beſprach
Mit heimlichen Gebärden die Gefchichte,
Alteingewohnter Menfchenmweife folgfam.
Alexander Nearchos, der Strateg, foll mich befuchen.
Du kennſt fein Zelt. Desgleichen möge ich
18
Der tolle Koinos herbeſcheiden; und
Die übrigen Strategen der Phalangen
Wie alle anderen Führer müſſen ſich
Mir zur Verfügung in der Nähe halten.
Eumenes (ab)

Hlerander Was ſcheint Dir nun?


Hephaiftion Ich ſehe Dich entſchloſſen zuneuer Größe
Und erkenne, daß der Geopferte nur
Recht hat, Herrſcher zu ſein.
Alexander Warſt Du nicht allzeit mir
Ein ſinnreich Orakel
Und voller Freundſchaft?
Aber noch wogen die Fluten des Schmerzes
Und beſtürzen meine Empfindung!
Hephaiſtion Laß uns nicht Vergangnes verſuchen.
Eins iſt die Tat mit dem Gedanken,
Unbefleckt entwirrt ſich die Freude
Aus der Fülle ergriffner Bedrängnis —
Aus bewältigtem Endloſen Dir!
Alexander Und der Augenblick gilt!
Iſt mir Leben, iſt Erlöſung —
Ach Hephaiſtion!
Laß uns ſchnell ſein!
Unbekümmert
Scharfblickend wieder
Und lebensvoll!
So aus Schlaf und dummer Kümmernis
Will ich ſie wecken, ſchmetternd, alle —
Meine hunderttauſend da draußen!
Wo bleibt Nearchos? Er wird alt!
Feuer! — Schläft uns die Zeit noch?
Hephaiſtion Du, Du machſt mich glücklich.
Bald auch lachſt Du uns wieder,
Dir und allem Weſen der Erde!
Alexander Bald — aber — ich fühl's —
Heute noch nicht, mein Freund.
19
Ernſt ging der Tag
Und ſehr ſchwer
Mit wühlendem Schritt.
Das läßt Spuren,
Läßt Verwüſtung —
Das macht einſam,
Auch wenn's unſer armer Sinn
Nicht merken mag, Hephaiſtion,
Und noch nicht glauben.
(Nearchos; Koinos; Eumenes)

Ulerander (nach bedeutender Stille)


Der König überwand ſeinen Willen.
Der König fiel in Demut vor ſich nieder.

Die Rückkehr iſt beſchloſſen.


Koinos Wie??
Nearchos Der König — ſcherzt — nicht?
Alerander (ruhig)
Gib acht, Nearchos.
Du zitterſt ja und taumelſt faſt.
Koinos Ganz wahrhaftig?!
Nearchos — ſcherzt nicht!
Dank den Mächtigen des Olympos!
Dank ſei Dir, dem Gott unter Menſchen!
Du erlöſt mich von grauer Felslaſt!
Stößt fie endlich, die atemklemmende,
Mir von der Bruft weg!
Koinos (bei Alerander)
— und befchloffen!?
Eumenes Hörft Du fchlecht?
Koinos Sp — fo vergibft Du meine Rede mir?
Alexander Rein.
Nearchos Sch bitt für ihn, den Wagemutigen,
Der ins Gebäude Deiner ftrengen Pläne
Befümmert einfiel!
Alexander Sch wüßte nicht, was zu vergeben märe.
20
Macht Feine Worte.
Das Innre ift des Königs. Ihr vollbringt.
Koinos So ſchwer zu faffen feheint mir alles!
Hephaiftion Und wahrlich übermenfchlich ift,
Was heut gefchah und fich enthüllte.
Alexander Das ganze Heer, jobald ich es befehle,
Marfchiert zurück an des Hydaspes Ufer.
Und dort, Nearchog, wirft Du Schiffe bauen
Für dreißigtaufend ausgewählte Männer.
Mit diefer Flotte fahr ich felbit hinab
Zum Indos, dem gemaltgen Fürftenftrom —
Sp weiter auf den breiten Waſſern abwärts
Bis vor des Ozeans erjehnte Brandung.
Dort wird Hephaiftion von mir erwartet;
Er führt den größten Zeil des Heeres, eng
Des ftarfen Fluffes Lauf nach Süden folgend.
Und dann beginnt dag notwendige Wagnis:
Mer übernimmt die teure Flotte und
Mird auf des Ozeans verlaffnen Mogen
Den Windemweg nach Perjien fich erfämpfen?
Nearchos O Alexandros! Du erſchreckſt uns! Was
Für letzte Kühnheit gibſt Du uns zu faſſen!
Alexander Ich ſelbſt indeſſen tu das Schwierigſte
Und greife die entſcheidende Gefahr:
Ich ziehe mit den ausgeſuchten Scharen
Durch die berühmte, ganz erſtarrte Wüſte,
Gedrofien, die Vebenhöhlende
EN
OCT
1 Behaufung unfichtbarer Todgewalten,
Und grabe tiefe Brunnen an der Küfte
Mit weithin fichtbar aufgeſteckten Zeichen,
Daß dort die Flotte landen möge und
Zu neuer Fahrtenfreude fich erquicken.
Nearchos Was ſein muß, wird. Die Zeit erleuchtet viel.
Alexander Das Einzelne bleibt der genauen Einſicht
— Und — mie gewohnt — dem Augenblick bewahrt.
Offnet das Zelt.
Es geſchieht. Draußen ſtehen zahlloſe Männer völlig ſtill. Koinos ſtellt
ſich zu ihnen. Alexander tritt in die Zeltöffnung)
2]
Alerander Ihr Männer! Meine Feloheren, meine Krieger —
Ihr, meine Mafedonen, meine Perſer,
Und Inder und wer fonft mir zugehört:
Vernehmt mein Wort
Und laßt e8 euch in eurer Sprache fagen.
Die Makedonen Lange harrten wir und waren begehrend,
Dich zu hören, o Alerandrog,
Dich zu fehn.
Alerander Drei Tage lang, drei Nächte lang war ich
Mit mir allein und einfam und beriet
Mit meiner Seele mich, mit meinen Ööttern.
Denn eure Ohnmacht war mir fremd und ſchrecklich,
Und euer Sterben Fümmerte mein Herz.
Da mwälzte ich die Mühfal meiner Sorge
Und ftillte meinen Zorn und tauchte endlich
Hinunter in die Fönigliche Nacht,
Wo Sich die Wurzeln des Geſchicks ernähren.
Und blieb lang dort.
Mas ich vernahm und bald erkannte, dag
Verhüllt fich euren Blicken, eurem Fragen.
Zulegt entwand ich mich den dunklen Reichen
Und flieg, mit Wundern überladen, müde
Sn eure ungefähre Welt zurück.
So dient ich eurer Not, fo unfrer Zukunft.
Mas uns fortan gefchieht, wird unbeugfam
Vom erften bis zum letzten Mann ertragen.
Nur wer mich Tiebt, ift ſtark
Und hat jahrhundertfernen Ruhm.
Nur wer mich fehmäht, ftirbt bald
Und gänzlich elend, ganz verhöhnt.
Ihr feid vom bitterfüßen Heimweh frank.
Sch gebe Feiner Krankheit nach,
So eurer auch nicht, euch zu Liebe.
Die Priefter meines allgeliebten Gottes
Sind fortgeftürzt von ihren ernften Pflichten,
Als fich ein Wetter über ihnen fing!
Das nenn ich Flucht.
22
So etwas kennt man nicht in meinen Heeren.
Ich werde ſtrafen müſſen
2
Nach des Geſetzes Ordnung.
Und morgen in der Frühe fangt ihr an,
Wie ich beſchloſſen habe aus mir ſelbſt,
Zwölf ſteinerne Altäre, hoch wie Türme,
Am Ufer dort des dunklen Hyphaſis
Mit allem Fleiße feſtlich zu errichten.
Sie ſollen unerſchüttert ragen und
Gebändigter Erobrung Zeichen ſein.
So danken wir den ſelgen Göttern, die
Bis hierher uns mit Glück geheiligt haben,
Und flehen, daß ſie unſrer Heimkehr günſtig,
Uns wohlgeneigt mit ihrer Liebe ſeien!
Auf zu ruhmreichen Werken!
Jedem das Höchſte verlang ich!
Feiert die ewige Stunde,
Die nach göttlichem Trachten
Freien Sinns
Und glücklichen Geiſtes
Zur fürſtlichen Umkehr
Ich auserkor!
(er tritt mit plötzlicher Wendung ins Zelt, das ſich ſchließt)

Die Makedonen (draußen; Nearchos, im Zelt, leiſe mitſprechend;


Hephaiſtion ſtille; Eumenes zur Seite lächelnd)
Donnert Geſänge des Danks an ſein Herz!
Heil Alexandros!
Alle Leiden liegen vernichtet,
Auf ſteht der Tag, und die hohe Sonne
Glänzt uns voll wieder an nach langen
Nächten des Kummers!
Dank dem König!
Koinos (den Zeltvorhang aufreißend)
Höre ſie danken!
Höre uns danken hier!
Nearchos (leis)
Wie ſehr ſtehſt Du verhüllt,
23
Allen Volke
Göttlicher Geliebter Du!
Eumenes (leife zu Nearchos)
Politik, Nearchos.
Nicht durchfchaut
Dein grader Blick fein Tun.
Koinos Komm! Vernimm die Freudigkeit,
Tränenglänzende, Alexandros —
Die Erlöſung Deiner Männer!
Die Makedonen Sieh uns an!
Schenk uns die feurige
Fülle Deiner ſtrömenden
Augen wieder!
Sei mit ung, und mit ung freudig!
Angebetet fei Du König!
Schen? uns Dein Antliß!
Hephaiftion Cleifer)
Du über allem Schmerze Schöner,
Du feftliher Mann —
Sn Deiner Betrübung
Offne Dich mir!
Laß meine Seele
Dienend mit Deiner
Heldenhaften ziehn!
Die Makedonen Sonne Ulerandros!
Grenze ber Heerfahrt!
Alles zurück!
All-VBaterland!
Alexander (ſtark, obwohl nicht laut)
Zwölf Altärel
DBetet an —
Und zwölf fleinerne Altärel |
Mie Zürmel
— ach,
Hephaiſtion!

24
III

Kleine Inſel ſüdlich derIndusmündung. Höhe des Mittags.


Alexander; Hephaiſtion; Nearchos; Eumenes; — auf leichtem Hügel nah überm
Ufer. Alexander etwas links, den Blick meergewendet, ſeitliche Anſicht der Geſtalt.
In einiger Entfernung, nach rechts alſo, die übrigen.

Alexander Ich ſtaune!


O meine Freunde, laßt mich einſam hier, geweiht
Von den Unendlichen, den reinen Göttern!
Das iſt der Ozean!
Und wie ſein Angeſicht allmächtger Friſche
An meine ſchwereloſe Seele wogt,
Da wachſe ich in urgeeinter Freude
Und kniee faſſungslos vor meiner Wahrheit
In alle Wonne des Vergeſſens nieder.
(er kniet)
Kein Land! Kein Anfang und kein Ende! — Nichts!
Nur du und ich! Ein einig atmend Weſen!
Was denn für Töne ſtröm ich hin zum Dank,
Was für Geſänge bilde ich hinaus,
Den Zügen von Kronions Adlern gleich —
Unſterblich hoch inwachen Kreiſen ruhend?!
O laſſet mich begnadet ſein und ſchwinden,
Ihr Himmliſchen in unbewölkter Güte,
Und raubt mir nicht mein Göttliches: die Jugend!
Die allgefaßte, überwindungsreiche!
Geprieſne Jugend, die ich heute habe
Und bin und ſpreche und beſtürzt erkenne —
Allſeitig aufgeblüht, hin hingegeben —
O Seligkeit und Feuer! Heilig Lieben!
Verlaßt mich nicht! Beſchützt mein heftiges Herz!
Bleibt mir zurückgekehrt und nah und ſchön,
Ihr lichten Geifter, die ich lange mühfem
Empfand und längft im Gram verloren ſah,
Seitdem das Schickſal rückwärts mich befahl!
A5En
Iie
Hepbaiftion Cleife)
Der Mittag geht.
25
Die Sonne läßt den Abend herüber.
Ganz allein an dieſer namenloſen
Inſel ruht das Fönigliche Schiff
Schwankend in unaufbörlicher Brandung.
Landwärts heiße ung rudern, Mlerandrog,
Und den Gefährten dort verkünden,
Mas für ein magemutiger Tag
Ung erhob.
Alerander Auskoften will ich ganz! Dies Wunderbare!
Denn jählings kommt mir eine fremde Ahnung,
Mit Flatterfchatten Eläglich hufchend — Ach!
Die fagt mir — Nein!
Hephaiftion!
Lache mit meiner lachenden Seele!
Endlos Föftlihen Subels wert
Blüht heil unfer Geſchick
Unangreifbar ſchön!
Hepbatftion Und wenn ich auch wie Du nicht ſtrahlen kann,
So glänz ich doch in Deiner weiten Freundfchaft.
Alexander (zeigend)
Draußen mie felig
Trugen die tragenden ung!
Schwellende Wogentiere —
O — des Erſchüttrers Kinder!
Dunkelblaublitzend
An und fort —
Schaum im großen Rauſchen!
Hephaiſtion Da ſtandeſt Du am Schnabel des ſtoßenden Schiffs
Und opferteft dunfel blinfenden Wein
Heilig Tächelnd in die Gemwälfer!
Alexander Und warf die goldne Schale
Sonne und Blut
Meit ing Neich des Pofeidon und fprang —
Glückgetroffenſter der Menfchen, ich,
Freudenfchreie alleinzig atmend —
Selbft hinab in des mächtigen Gotts
Kühlende Umarmung!
26
Hephaiftion Du Dein eignes Opfer —
- Alerander Mühelos!
(Stille)
Sch laſſe heute Feinen Schatten
An meine Seele, Feinen Schatten
An mein Geficht.
(er wendet fi)
Nearchos?
Nearchos Ich höre Deine liebe Stimme,
So fern ſie klang, und jetzt — wie nah.
Was iſt Dein Wille?
Alexander Die erſte Indusmündung, die wir kennen
Und in der Frühe heut bewältigt haben,
Iſt widerſpenſtig, boshaft und gefährlich.
Nearchos Der Strom rennt allzu heftig in die See
Und wütend ſtürzt die ſalzge Flutenmaſſe
Auf den verwegnen Fremdling vom Gebirge,
Der ſeine ſüßen Waſſer endlos andrängt.
Das gibt gewaltgen Kampf und Wirbelbrandung,
Zödlichen Strudel um die zarten Schiffe.
Eumenes Ganz unerflärt ift leider mir des Meeres
Bernunftlos Weſen. Was denn denken wir?
Bald ſchwillt eg an und tobt hochauf die Ufer
Und überfüllt den Strom und wirft die Schiffe
Weit fort ing Land — Dann wieder feheint dort draußen
Im Unfichtbaren fich ein Schlund zu fpalten,
Der faugt und ſchluckt die ausgetriebnen Waſſer
Mit Urgemwalt zurüd ing Bodenlofe,
Und eh man fich noch faßte zur Betrachtung,
Liegt triefend offenbar und bald getrocnet
Das arme Land, wo kurz zuvor die große,
Die aufgeregte Wüfte der Gemäffer
Verichlingend in fich felbit verfchlungen tobte.
Mas foll das? Nein! Der Ozean feheint mir
Barbarifch wild und dem Beftändigen
Feindlich gefinnt.
27
an. ik

Alexander Du Unverftändiger!
Das Meer hat feinen Gott und atmen muß es
Wie Du, wie ich, nach eingeborenem
Geſetz. „Was joll dag?” Diefe Frage Elirrt
Unmürdig eines Menfchen! Frage Du:
„Was ift dag?” Und fo gehe an die Dinge,
Ans Wachjende, Gezeugte, Zeugende,
Damit die Seele Dir zum Glück gelinge.
Beitändig ift, was fich verwandeln kann e
i
12
U
m

Und durch Verwandlung fich erwerben will.


Des Ozeans Gewoge, Eumeneg,
Macht Dir die Speifeluft und den Verftand | |
Verdrießlich! |
|
Eumenes Spottet nur! Sch werde froh fein,
Den Gang durch heiße Wüfte Dir zu folgen.
Alexander Indeſſen fanftre Durchfahrt wollen wir |
Bom Strom ins Meer verfuchen, Freund Nearchos, |
Damit die Flotte ungehindert eile.
Stredt doch der heilge Indus viele Arme |
Voll zögernden Verlangens an die Salzflut. |
Hephaiſtion Mer aber, Alerandrog —
Sch wage die ſchwierige Frage jebt —
Mer führt die Flotte?
(Stille)
Und führt die jugendlich ftrahlende |
Unter zerfegenden Stürmen weg
Überglüdlich ang Ziel?
(Stille) |
Alexander Der langbewährte, vielgeliebte Mann,
Der muß es tun, der wünfcht fich diefe Tat —
(Stille) |
Er hat mit mir beraten und gejucht,
Nächtliche Zauberftunden willig opfernd
Hat unfer Geift die tüchtigften der Freunde
Ins ftille Zelt gefchafft und eifrig finnend
Don Grund aus hergemendet und geprüft —
Nicht einen fand ich, der mir mwohlgefiel
28
t



Zur treulich-feſten Führung meiner Schiffe.
Hephaiſtion iſt der Phalanx vertraut
Und weiß mit Elefanten umzugehn.
Ich brauch ihn meiner Seele in der Nähe.
Peukeſtas hat zuviel Verwegenheit,
Zu wenig Einſicht. Krateros, der Starke,
Verließ mit ſeiner Truppe unſre Straße,
Um nordwärts ordnend einzugreifen und
Mit freien Kräften ſpäter mir zu dienen,
Wenn ich vielleicht, erſchöpften Auges, ſtarr
Zurück ſeh auf die todgemwaltge Wüſte —
Wer ſonſt? Wer hat die unbefleckte Luſt
Zu Wind und Meer und Rudertakt und Segel?
Sch felbft muß mich dem Schwerften anvertraun,
Dem Brand, dem Durft, dem fahlen Ungeftüm
Der großen Wüfte.
(Stille)

Nearchos Nun fommt.


Hephaiſtion Der ift es! Nearchos!
Alexander Der kann's vollbringen!
Meife nach dem Willen der Götter
Unüberwindlich!
Nearchos Ich hab mich lang gefträubt und fortgemunden
Und habe mich vergraben in die Sorge,
Und aufgeitanden bin ich endlich doch —
Auf zum Entfchluß, um diefes Königs Willen!
Gebiete nichts, o Tiebfter Alexandros!
Noch nie Verfuchtes unternehmen mir!
Den Ausgang wahren ung die Himmlifchen!
Gemwißheit Sprechen wäre tauber Frevel.
Alexander Doch der bejeligte Mut
Mirbt bei den Herrfchern der Welt
Ung um ein heilendes Schiekfall
(Stille)
Eumenes zmeifelt.
Pfuil
29
E N ———
er — —
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—8—
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Daß ein Donnerſturm Dir


Ins verkrochene Herz
Heulend niederführe!
Eumeneg Ich ſagte nichts. Du haſt den Plan, den Bub.
Ein wahrer Mut glüht über allem Zmeifeln,
Dem Himmel gleich, der feine Wolfen fchirmt.
Bringt mich ang fefte Land! Die Inſel jelbft,
Die vielbeftürmte hier, fcheint mir zu fchwanfen —
Sch fage und verfchmweige, was Ihr wollt!
Sch bitt Euch! Was auch immer werden mag:
Vergangenheit und Zukunft, Alerandrog,
Sind eingefpannt in Dein erhabnes Weſen —
Dein Name ift das Schiefal! Kommt! Zu Schiffe!
Ans echte, urgemiffe Land bringt mich
Zurüd! Dort werd ich beſſer fein und Plüger!
Alerander Iſt dag nicht fonderbar?
Ach! Seht — Selten entbehrt
Das Geheiligte
Seines Verrufs!
Hephaiftion Aber unberührt
Blüht es im Geiſte und wirft
Ewig berrfchendes Dulden.
Hlerander Laßt ung denn Abfchied nehmen, meine Freunde.
sch grüße meine Jugend, heiter
Mit geheimnisvollen Tränen,
Und feft
Geb ich den Jüngling heimmärts
Ans erzeugende Schiefal —
Seht, den tanzenden SFüngling,
Der noch einmal heut
Süßer Vollendung gemiß
Aus verbergenden Fluten aufftieg.
Gnädig fei und gepriefen
Immer dag allgewährende Xeben.
(heftig)
Sprecht eg mit mir aus,
Und voller Inbrunſt, ihr Männer:
30
Alle Gnädig ſei und geprieſen
Immer allgewährendes Leben.
(kurze Stille)
Nlerander Sobald nun der erwachte Königswind
Von Oſten bläſt und ſeine Richtung dauert,
Beginnen Flottenfahrt und Wüſtenzug.
Im Herzen Perſiens endlich, o Nearchos,
will ich Dich wiederſehn und lang umarmen.
Nearchos Mein Glaube iſt wie Deiner.
Hephaiſtion Es dunkelt faſt —
Alexander Nein, keine Schatten!
Jeder hat
Einmal ſeine Erlöſung ganz.

31
m

In Karmanien.
Alerander vor feinem Zelt. Er ift bleih, abgemagert, faft vernachläffigt in Klei-
dung und Haltung.
Hephaiftion und Eumenes, ebenfo, feitwärts.

Alerander Mas für Dulden und Bluten bier!


Haltet ein, Ihr erbarmungslofen
Heiligen Götter! Sch trag’s nicht mehr!
Diefes verhungerten Jammers büfter
Freſſendes Feuer vernichtet mich!
Sinnlos erhebt fich die Sonne, finnlog
Schwindet fie wieder hinab und gibt
Nächtlihem Wahnfinn verfluchtes Wirken.
Elender Sieg! Voll Gelächter du!
Hohn und Verzweiflung mißhandeln dich!
Alles vergebens! Dort hinten, feht —
Duckt fih die Wüfte, das Ungetüm,
Zahm und bewältigt und Hite flimmernd,
Endlofe Opfer im Sand verdorrend!
Götter, was foll ich Verlafiner bier?
Läg ich doch niedergefchleift vom Durft,
Tückiſch gemordet wie mancher Tapfre,
Der mit verbluteten Augen umfanf!
Freunde, wo feid Ihr? Vertraute Männer,
Helle von eilenden Schiffen grüßend —
Mo ift die Flotte, die vielgeliebte!
Fürſtliches Wagnis! Mit taufend Opfern
Bat ich erfchüttert um dein Gelingen —
Aber jetzt fträubt die Erfüllung fich!
Schattengefangen erlifcht mein Leben.
(Stille)

(heftig)
Wo ift Nearchos?
Gebt Nachricht her!
32
(fanft)
Sch bitte euch von Herzen,
Zuleßt laßt mich Gemwißheit haben.

Hepbhaiftion (leije)
O Du Gepeinigter! Wie foll ich wieder
Deine entlaufne Seele in das dumm
Geflochtne Neb der letzten Hoffnung fangen?
Mit was für Kräften follt ich Deinem Schmerz,
Dem ungehemmten, ftille Maße geben?
Du fchlugft den Mann in Feffeln, der Dir fagte,
Nearchos mit der Flotte ſei gelandet.
Voreilend Fam die Kunde, aber doch —
Du weißt nicht, ob fie wahr gejprochen bat.
Laß uns vertrauen und gefaßt fein, Lieber!
Du bift in wenig Tagen alt geworden,
Und Deine Qual frißt Deine Stärke an!
Das darf nicht fein! Dein Auge brennt und flacert
Mie hinter Schleiern ein gehebter Stern,
Und Deine Stimme Elagt mit böfem Vorwurf.
O laß ung feft fein, Merandros! Mache,
Daß Du uns wieder ganz erkennbar wirft,
Denn noch ift das Verhängnis nicht bezeugt!
Alerander Höre ich, was Du erzählft? Nein! Nein!
Gänzlich verborgen und abgetan
Steht mir die Welt! Denn ich ſehe deutlich
AI meine Schiffe geborften! Tot!
Zeichenverftoßende Trümmer ſeh ich,
Nacktes Gebälke, zerfegte Nuder —
Ode und lautlos, verarmtes Enden
Meiner gefegneten Sehnfucht, treibt eg
Alles daher und dahin, zerftört |
Irrend im megelofen Gewäſſer.
(Stille)

Nennt mir die Götter, die folches dulden!


Mas? Ich vermeigere, fie zu Eennen!
Hephaiſtion So frevle nicht!
3 2, al. 33
— AuraBang

Eumenes Iſt wirklich alles auch


Verloren, wenn die Flotte unterging?
Nlerander Meinft Du, ich ftürze umfonft hinab
Tief in die Schluchten des Leidens hin?!
Morte um Worte, das feid ihr Menfchen!
Toren, Gefchöpfe und Narren — Pfui!
Märe ich Herrfcher in meiner Welt,
Sch, und befäße das Meer doch nicht?
Menfchen? — Sch will den Ozean, den
Mill ich beftimmt, — oder morgen fterben.
(ab ins Selt)

Eumenes Nun weißt Du, was wir find. Gefchöpfe. Narren.


Es wäre faft zu glauben. Sage mir,
Haft Du ihn je fo ganz zerftört geſehn?
Hepbhaiftion Mas foll die Frage? Iſt der König nicht
Unfterblich?
(Stille)
Eumeneg Wär's nach meinem Rat gegangen —
tun ja, ein guter Nat wiegt leicht genug.
Vernunft und Sparfamfeit ftehn tief im Wert.
Man läßt fich feine Schwächen etwas Eoften.
Denn, im Vertrauen möchte ich Dir fagen —
Du hörſt nicht fehr genau!
Hepbaiftion D doch, ich höre.
Eumenes Die Flotte ift ein Lafter. Weiter nichts.
Hephaiftion Hat ſich Dein übriges Befinden jüngft
Gebeffert?
Eumenes Allerdings. Den Emigen
Sei wiederholter Dank gejagt, gejpendet.
Menn ich zurückſeh, ift die Wüfte mir
Mie ein Gefpenft, und unfer Marfch ein langer
Verbifiner Gang von Toten und Verrückten.
Hephaiſtion Der König hat’s vollbracht. Wir waren nur
Fünf Männer noch bei ihm, als er zuletzt
Die Tamarisfe fand und Waffer, Waller!
Nie mordend tft das Sandgemoge, wenn
34
Bio Mo kommſt Du her?
Woher?
Sch weiß nicht. af der König drinnen?
Sa.
Ich hab mich überzeugt: Von allem Vol,
Das wir hinein in diefe Wüſte führten,
Iſt Enapp ein Viertel wieder vorgefrochen.
Der hübfche Neft Liegt heimlich weggefchmort —
Don jeden hundert Mann find an die achtzig
Nicht mehr zu finden. Feine Nechnung das.
Der König kennt die Zahlen.
Zweifellos.
Und vieles mehr.
Natürlich.
Wie?
| Gott weiß.
Sa fol Du warft doch fonft nicht eben boshaft?
Koinos Gott weiß, wie Fümmerlich und angefault
Der hochgelobte Neft des tapfren Heeres
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14°
— —
Heut in den Zelten und Baraden glimmert —
Derdorrt, vom haftgen Trinken krank — fo ftarben
Sehr viele unterwegs — und jebt, die Augen
Entzündet, alle Muskeln todesfchlaff,
Im ganzen Lager nicht ein Hauch von Frifche —
Seh's an, wer will!
Eumenes Die Gegend hier ift nicht
So unfruchtbar. Es wird fich alles heilen.
Koinos Verftärkung fehlt, die neuen Kräfte zaudern,
Und Kraterog vergnügt fich anderswo,
Statt bier zu fein.
35
Hephaiſtion Er iſt bereits gemeldet.
Koinos Und Alexander ſitzt im Zelt. Er wartet.
Er rührt und regt ſich nicht. Er wartet. Fertig.
Was kümmert uns die Flotte?
Hephaiſtion Viel, mein Freund.
Koinos Es iſt zum Lachen. Brunnen haben wir
Gegraben an der Küſte. Ganze Züge
Von Pferden und Kamelen mußten wir
Beladen mit verſiegelten Paketen
Voll reicher Nahrung, ausgeſucht und haltbar,
Und treue Wächter wurden hinbefohlen,
Daß niemand an dem Vorrat ſich vergriffe,
Der unfre Waſſerhelden ftärfen follte —
Und was gefchahb? Die Eöniglichen Siegel
Wurden erbrochen! Ja! Ber Feiner Landung,
Behaupte ich, hat irgend jemand auch
Ein einzig Neisforn nur entdecden können.
Mer hungert, achtet Fein Gefeß, und kann's nicht!
Er beißt fich freundvergeffend durch die beiten
Der Föniglichen Siegel, wenn es was
Zu freffen gibt. — Wir täten recht, ich ſag's,
Nicht länger noch die Flotte zu erhoffen.
Mir felbft find uns Gefahr und Not genug.
Eumenes Mich drückt wie Dich die Feſſel des Geſchicks.
Sie fehindet die Gelenke. Man erftarrt.
Mir müffen drum zufrieden fein und ftille.
Weiß doch der König, was er tut. Er wirft
Den armen Kerl ins Eifen, der zuerft
Die Lüge von Nearchos Landung brachte,
Betrügend ift und blind der Übereifer.
Der König hatte immer fchon fein Opfer.
Hephaiſtion Mas redeft Du wie ein Bedienter, der
Bor feines Herren Gezelt die Sonn begafft
Und zungenglatt den Lauf der Welt bemunfelt?
Eumenes Der böfe Sokrates hat fehon gewußt,
Mie leicht der Philofoph zum Narren wird
Sn unberufner Männer ftumpfer Meinung.
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AUlerander (wild aus dem Belt fahrend)
Da fteht ihr noch?!
Müßiggänger! Marftweiber!
Was denn ift hier noch Föniglich?!
Schieft Boten! Fünfzig, hundert Boten!
Südwärts! Weit! Alle Wege!
Hephaiftion! Hilf!
Sch muß Gemißheit haben! Endlich!
Vor Abend noch!
Hephaiſtion Ich reite ſelbſt.
Alerander Sa! Du ſelbſt!
Hephaiftion Ich bringe Dir Gewißheit.
Alerander Bewahre Du vor dem Wahnfinn mich!
Die wüfte Nacht darf nicht herein,
Ch Du meinen Nearchos mir
Tot fagft oder lebendig!
Koinos Es iſt weit zur Küſte.
Alexander Schweig doch, Alter!
Eile — eile, Du Lieber!
Weinender Freund des Königs —
Der verblutet.

Gegend. Es iſt nicht mehr ganz hell.


Nearchos und Archias kommen.

Nearchos Dies muß der Weg ſein, der aus aller Mühſal
Uns in die Freude führt. O Archias,
Wie unbeſchränkt und warm erſehne ich
Den ſtarken furchtbar ſüßen Augenblick
Des Wiederfindens, Aug in Auge ſinkend!
Ich bitt Dich, geh zurück bis an den Bach
Und hol die Pferde. Sag den andern, daß
Sie folgen mögen, nicht zu eiligl Denn
Ich will allein und nur von Dir begleitet
Vor meines Königs Angeſicht und Frage.
Was meinſt Du, waren nicht die Männer, die
Uns geſtern grüßten, Alexanders Boten,
Und Griechen, die uns nicht erkannten?
Archias Ja,
Es gibt beſtandene Gefahren, die
Den Menſchen ſeinen alten Freunden fremd
Und faſt unkenntlich machen.
Nearchos Eile Dich!
Wir wollen uns erproben wie die Freunde:
Vielleicht ſind Meer und Wüſte ähnlicher
Als wir vermuten!
Archias Ich bin gleich zurück.
(ab)
Nearchos Mir klagt das Herz, geſpannt in Angſten ſeufzend!
Umſchwankend ſteh ich auf der feſten Erde —
Ein alter Mann, der ſich vergeſſen muß!
(er kniet)
O Du geliebtes Land! Wohl habe ich
Geopfert und gedankt und Dich gegrüßt!
Aber ein Fremdling bin ich heut bei Dir,
Vom ungewiſſen Staunen ſchwer betroffen —
Als hätt ich Dich vor hundert Jahren kaum
Geſehn, als wäre ich Dir nie ſo recht
Im Grund bekannt geweſen und vertraut!
Sei mir gegrüßt! Sei mir geliebt! Und trage
In Deiner wärmenden Umarmung mich,
Daß die erſchüttert angegriffne Seele
Sich feſtige anDir und bald in Deinem
Fruchtbaren Schweigen ruhend ruhig werde!
Mein ganzes Daſein lebte eingefangen
In Ozeans gedrängte Wogenmaſſe,
Und Waſſer! Waſſer! Unabſehbar ſchäumend
So fern wie nah beherrſchend und verlockend
Mar mir die Welt ums wagemutige Schiff!
38
E —einKind! — ZuDiefm er Sn, e)
r gefhentl ——
quend bankbaDie
— rer Pa
tion Ber bift Du, fremder Mann?
38 Der wiederkommt.
Und nieder an die Erde beteſt Du?
Wo ſonſt entdeckte ich die ſüße Heimat?
Solch einen ſuch ich.
Wen?
Ganz Deinesgleichen.
Woher kommt Deine Stimme mir?
Aus eines
Verlaſſnen Königs wundgebrannter Seele.

Nearchos Zu wildes Leid beſtürmt den ärmſten Mann?
Hjepbaiftion Er fteht beinah umnachtet im Verhängnis —
9 Und keine Hoffnung blieb?
9dephaiſtion Sein beſtes Glück —
N Mir müffen’s traurig glauben — ſank und ftarb.
E... Laß Dich betrachten.
Hephaiſtion Was für ſchwarzes Zeug
* Klebt Dir im Bart?
Nearchos Wir nennen's Teer da draußen.
Hephaiſtion Gewiß?!
R earchos Den ftreicht man in die Fugen.
Hephaiſtion Ol
R (Stille)
h (deife)
J Nearchos?
Nearchos (eiſe)
— Hephaiſtion?
(ſie ſtehen ſich erſchüttert gegenüber, im Begriff, die Hände auszu—
ſtrecken und ſich zu ergreifen)

39
Vorletzte Szene. Es ift dunfel geworden. Eumenes und Koinos gehen vorüber.

Eumenes Hephaiſtion kam nicht zurück?


Koinos Noch nicht.
Eumenes Er will Gewißheit bringen! Ja! Das kann er
So ſchlecht wie Du, wie ich.
Koinos Man wird ihn heut
Nicht mehr im Lager finden.
Eumenes Mag er ſchlafen,
Wo's ihm und ſeiner Torheit wohl gefällt.
Mir iſt die Nacht zuwider, beſter Koinos.
Koinos Man muß die Götter fürchten.
Eumenes Und was dann?
Ich ſage Dir, ſeit geſtern Abend ſind
An zwanzig Unglücksboten eingeritten:
Nicht eine Satrapie in Perfien ift
Verwaltet worden nach Gefet und Recht —
Das glimmt und brennt und zetert allerorten!
Sehlt nur ein Eleiner Sturm — und alles Fracht
Zufammen in den Flammen der Empörung.
Sch weiß nicht, wie's der König fchaffen will.
Zum erften Male weiß ich es nicht mehr.
Koinos Mir taugen nicht zu wilfen, Eumenes.
Man lebt um feinen Tod zu wagen. Alfo.
Leg Dich aufs Ohr, Vertrauter meines Herrn,
Und laß Dich von Gefpenftern Fißeln, big
Du Dih im Traum für einen Eſel nimmft,
Der eine junge Perferin beläftigt.
Das fommt Dir zu. Gut Nacht, Du Ausgeburt
Der fauren Schläue. Haft Du feinen Vater?
(ab)
Eumenes (ihm nachrufend)
Hol Dich die Here! Altes grobes Stück!
Sch pflanz Dir einen Stammbaum, warte nur —
Der foll unzähligen Gefchlechtern noch
Mit giftgeladnen Früchten niederfommen!
(Stille)
40
—| Zar, ei)
* nicht?
he
— anders? I
Be Scht — das Zelt —
WBevngegt ſich! Was? und ſchwankt? O, Vorſicht, Vorſicht! RI
Was kann nicht alles Täufchung fein und treulog!
(ex fteht einen Augenblid, geht dann leis und fchnell ab)

(Aerander tritt aus dem Zelt. Hinter ihm bleibt eine Helligkeit. Er
Be. fteht eine Weile.)
Alerander So ftill erfehien mir felten ein Weſen
J— Wie dieſe Nacht. Ich möchte von fernher
Bekräftigend und herb einen Wind —
Ach irgend atmend ein löſendes Zeichen!
Denn ſchwer verſchlungen in ſich ſelbſt
Nach Lichtgeſtalten wühlend iſt alles hier.
Ich faßte mich mit meinem Entſetzen,
Arne Sch zwang mich in befremdliche Bande,
= Denn treu’ und treulofe Gegend wird
Vom Strom durchzogen zerftörend belebt.
Mas aber kommt und faßt nun mich?
Ihr Götter, laſſet mir wahren Fortgang,
Und plant mir Kommendes wahr zu tun!
Sch habe mich bewältigt und habe
Die Flotte meiner Hoffnung entrifjen,
Nearchos ift mir fchluchzend vergangen,
Im Hades ſchau ich ihn fchattengeftaltig
Und ruhlos wandeln bei meinen Vätern.
Sch gab ihn Euch! Und reicheres Opfer
Entquoll mir nie mit ftärferen Schmerzen!
Fortan ift mir gegeben zu richten
Und ftrenge zu fein! Denn ohne Ordnung
Liegt vieles einher in Trümmern, mas
Sch feftlich baute und wachen hieß.
Dies aber fchlag ich voraus: die Welt
Soll Dauer haben und alle Gefundheit
4
Und Schönheit endlos
Als mein Reich.
Ihr fernen Götter, nun ſeht und treibt mich!
Ich bin bereit, ein Getriebner zu fein!
Denn Großes bleibt zu tun im Geheimnis.
Hephaiftion kommt nicht wieder?
Ach wüßte er meinen Entfchluß —
Er zögerte nicht.
(heftig)
So fterben machen muß man vieles,
Damit ein Ende retten kann!
Drauf hoc ich finfter gelähmt umher,
mühſam, Eraftfchöpfend, im Dickicht
Schleichender Traurigfeiten verborgen
Und erdulde die Nacht
Emwig tagharrend —
Iſt jemand da?
(Nearchos feitwärt3 Faum fichtbar werdend)

Nearchos Hier!
Alexander Fürft oder Bettler? Hephaiftion?
Nearchos Ich fuch den König.
Alexander Mer Eennt den König nicht?! Komm näher!
Nearchos (geht und ftodt)
Alexander Wie ſchwankſt Du fo! Elender Schatten!
Gehn vielleicht die Toten
Dor meinem Zelt |pazieren?
Nearchos Die müden Beine zittern mir.
Du bift der König!
(er erfcheint bei Alerandros)
Alexander (gefpannt) Mann! (Stille) Mann!! (Stille)
Mas ift Dir?!
er padt ihn und dreht ihn ins Licht,
das aus dem Zelte Eommt)
Nearchos (Teife)
O Merandros!
Alexander Götter! Traum ich?!
42
Wollt Ihr mich peinigen mit
Umdrehenden Wahnſinns
Tieriſchem Feuer?!
(ſtürzt einen Schritt rückwärts)
Geh! Geh! Verdammte Erſcheinung!
Eben frei
War ich von Dir
Und hatt Dich verloren,
Ausgelöſcht!
Zu den Schatten weg!
Mas willft Du wieder?
Und fachft mit taufend
Todwürdigen Qualen
Aug der Aſche
Meiner Hoffnung
Gräßliche Brände an?
Hüte Dich —
(er padt einen Speer, der an der Zeltwand lehnte)
Als wären Dir Knochen
Und Fleifch gemwachjen
au
2De
Dane
mi
Du
il”
En Und drinnen ein Herz
Bruftzerfprengend —
Sp werd ich zielen!
Fort!
Ungefegneter! Hinab!
Urgemeine Hinterlift!
Nearchos O Merandrog!
Willſt Du mich erfennen?
Alexander (Ichaudernd)
Nearchog?
(er fhüttelt den Speer, betrachtet ihn, feßt die
Spite ſchräg unters Kinn und fchlägt fie mehrere
Male an. Stille)
(gleichgültig)
Sch war in Sorge.
Sch hoffe, Du haft Deine Pflicht getan.
Es ift mir lieb, daß Du Dich retten Eonnteft.
Nearchos Aber — aber — die ganze Flotte —
43
Alexander Ich weiß. Ich weiß.
Geh in mein Zelt und ſtärke Dich ein wenig.
Du ſiehſt verwildert aus.
Nearchos (ſtärker)
Du weißt noch nicht! — Die ganze Flotte —
Alexander Nearchos!!
(er umarmt ihn plötzlich mit Heftigkeit)
O ja! Du biſt es!
Ich fühl's, ich preſſe Dich!
Mein Freund! Mein Treuer!
O nun kommt alles beſſer!
Sei ſtill — mach feine Worte —!
Wie entſetzlich ift
Das Entſetzende zu ſagen!
(faſt ſchluchzend in ſeiner Erregung)
Ich bin glücklich!
Sie iſt da: Gewißheit!
O Nearchos!
Leichter trag ich das Verhängnis,
Da der einzig Beſte mir zurück
Ans verlaſſne Herz geſchenkt iſt!
(er läßt ihn los und preßt die Hände vors Geſicht)
Nearchos So hör mich dennoch:
Die Flotte liegt fünf Tagemärſche ſüdwärts
Vor Anker in der Mündung eines Fluſſes,
Mit Namen Anamis. Ich baute und
Befeſtigte dort einen Hafen und
Dann hörten wir, mit göttergleichen Kräften
Seiſt Du dem Wüſtenfeuertod entronnen,
Und eilten Dich zu ſuchen — und da bin ich.
Drei Schiffe, leider, ſind mir weggeſunken.
(Stille)
(Hephaiftion Eommt)

Alexander (gequält)
O! Hılft mir denn niemand?!
(umfahrend)
Mer ift dal Du? Hephaiftion?
44
Hephaiſtion Ich hielt mein Wort! Unendlich ſei
Gedankt den Himmlifchen!
Alerander Bill Du Hephaiſtion?
Hephaiſtion Ich weiß fehon alles —
Alerander Mas weißt Du? —
Hephaiſtion O liebſter Alerandros!
Glücklicher! Die ganze Flotte —
Alexander Still, ſtill — ſchweigen!
(er ſchwankt)
Ich höre was!
(zwiſchen den beiden, geſtützt und umfangend)
Ich ſehe was!
(leiſe)
Die ganze Flotte, Schiff um Schiff,
Liegt an des Anamis geſchweifter Mündung
Ruhig vor Anker. Und drei Schiffe ſind
Verloren. Und dies alles iſt jo wahr
Mie all mein ungeheureg Liebesleiden.
Hier fteh ich, Merander!
Umfangend meinen Nearchos,
Umfangend meinen Hephaiftion!
Sit das Glaubens würdig?!
Mas für Wunder beftürmen
Den Sterblichen!
Nearchos Sch muß Dir berichten —
Alerander Stunde um Stunde —
Zag um Tag —
Alles muß ich hören —
Don jedem Windftog — O Götter!
Die Flotte hat ihren Sieg!
Jetzt bin ich wieder ganz,
Und fühle mich wieder!
Kränze her! Muſik! Licht!
Alerander ift einig
Mit den Elementen!
Sch will den Nearchos befrängen —
Wüſte und Ozean —
Wahrer König heiße ich heute!
(zu Nearchos)
Was ſoll ich Dir ſchenken? Eilig! Rede!
Nearchos Deine Liebe!
Alexander Die haſt Du immer!
Nearchos Und Deine Freude —
Alexander Haſt Du in Dir — ich ſchwöre:
Dieſe Stunde
Iſt mir köſtlicher
Ewiger als
Allaſiens Beſitz!
Hephaiſtion Jetzt ſtehn wir auf,
Und ſtehn wieder ſtark —!
Alexander Und ſchmettern uns nieder
Rächend zwiſchen die Empörer!
(leiſe)
O ihr Geliebten —
Laßt mich weinen —
Mein Leben wird mich töten.
Nearchos Wir wollen opfern.

46
* DEN

Pafagardai. Am Grabmal des Kyros.


Alexander; Hephaiftion; Eumenes; Koinos. Die Somatophnlafes. Die angeflag-
GE
me
2
Te ten Satrapen und Makedonen; fie haben die Hände auf den Rüden gefeffelt und
Gewichte um die Hälfe gehängt.

Alerander Die Greuel enden nicht!


Mohin ich meine Hände ftrede —
Ich greife nur Verbrechen und
Verderblich wildes Giftgewächs!
Noch nie im Leben ftand ich jo
Bejchmiert und angeftunfen da!
Die Gefeffelten Gnade!
Ohne Beſinnung umſchweiften
.
Wir unſer täuſchendes Glück
Furchtbarer Herrſcher! Niemals
Glaubten wir Deine Rückkehr!
Alerander Mir nichts von Gnade hier und heute!
PN
ee
Sec
Zn
u
Unrein und ohne Edelmut
Seid ihr verdammt daher geſtrotzt
Wie fette Tiere! Aufgeſchwemmt
Von Schweinerei und blöder Gier,
Gewiſſenlos und ohne Geiſt —
Ein ekelhaftes Heidgezücht!
Wer hat des großen Kyros Grabmal
Mit Plünderung geſchändet? Welcher
Verrückte hat ſich unterfangen,
u
2
U
Sn
U
mu)
1de
ee)
U
ee Den toten König zu beſpeien,
Der ehmals dieſes Reich beherrſchte,
Und alſo meines Ranges war,
Wenn auch nicht meiner Kraft und ewigen Herkunft?
dr Eumenes O Alexandros — nicht vermochten wir
Den Schuldigen zu finden und zu feſſeln.
| Alexander Was ihr vermögt, iſt eure Sache.
Als wir nach Indien zogen, wurde
Dies Grab geſchmückt nach meinem Willen,
47
— ar Berhaßten Frevels flarrer Anblick J—
Beleidigt mein empörtes Auge!
Die ſtille Mauer ſteht erbrochen,
Die Schätze, heilig funkelnde,
Gefürſtet ehrende Geſchenke,
Sind ſchändlich weggeraubt, geſtohlen!
Und nicht genug! Den Leichnam habt ihr
Wie einen hündiſchen Kadaver
In eine Ecke des Gemäuers
Geworfen! Troſtlos liegt die Bahre,
Vereinſamt! Vorwurfsvoll! Anklagend!
O ihr verfluchten Königsſchänder!
Ihr meintet wohl, der Tote ſei
Ein Perſer, alſo nicht mein Freund?!
Ich will euch weiſen, große Männer
Zu höhnen, wenn ſie tot ſind und
Des Lebens Kraft geopfert haben!
Orxines aus Perſepolis
Iſt hier?
Eumenes Gefeſſelt wie die andern.
Alexander In ſeiner Reſidenz, die wir
In Kürze zu beſuchen haben,
Sind Tempelraub und widerwärtig
Verworfne Peinigung des Volks
Erwieſen und bezeugt?
Eumenes Du ſagſt es.
Alexander Orxines war verantwortlich
Für dieſes Grabmals Wohlbeſtand.
Ich warte keiner weitren Klagen:
Das Tier wird heute ſchon gehenkt.
Die Gefeſſelten Eile zu töten nicht!
Gräßlich kommt uns der Tod!
Wütend aus ſchwellendem Überfluß
48
* 4 F

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h ‚ryY+: * xy

a A Bis
3 er— hat in Demut,

Tu»

Dah er zu dienen vermag,


Büßend nach Deinen Gefeßen!
Ihr kommt zu ſpät mit guter Abjicht.
Verflucht ift lange, wer zu ſpät kommt.
Mir werden heute unfrer Welt
Ein Beifpiel geben, dag fie nicht
Sp leicht vergejfen wird mie eu
Und eure Untat.
Baryaxes,
Der Meder, iſt hier gegenwärtig?
Er wurde mir von Krateros
K2 Heut morgen übergeben.
5). Ä
Alerander Dieſer
Beſeſſene hat es gewagt,
König der Meder ſich und Perſer
Zu nennen, während ich in Indien
Die Pläne meines Gottes kürzen
Und frühe Grenzen richten mußte.
Das Spottgeſchöpf hat ausgeſpielt.
eie Gefeffelten Raſe nicht, Gräßlicher!
rende: Macht kein Geſchrei! Ich bin wie Stein
So unempfindlich gegen Jammer
Und Stöhnen. Iſt Ordanes hier,
Der Perſer?
Koinos Krateros bracht ihn
Aus Arachoſien, in Ketten.
Alerander Wer Zwietracht ſpuckt wie dieſer Schurke,
Hat ausgewirkt, bevor er's weiß.
Nicht Völker trennen, ſondern binden,
Und eins dem anderen verpflichten:
Das iſt es euch, wofür ich lebe.
49
Die mediſchen Satrapen jebt:
Herafon, und Kleandros und
Sitalfes.
Eumenes | Alle gegenwärtig.
Alerander Hephaiftion, was fagteft Du
Dom erften dieſer drei?
Hephaiftion Er hat
| Sich reinigen und retten Fönnen.
Alerander Doch nicht fo leicht! Sch werd ihn bei mir
Sn Ketten führen und betrachten,
Ob feine Schuld zulegt nicht vorkommt
Aus einem Schmußgelump von Lügen.
Die andern beiden, hört mich an,
Sind wiederholten Tempelraubs
Und aller niedrigften Gemeinheit
Eindeutig überführt. Es gibt
Nicht einen Stand, nicht ein Gewerbe,
Das nicht von ihnen vergemaltigt
Und faft zu Tod gefchunden läge!
Sn freier Blüte, fruchtverfprechend
Zu finden meine Länder, Städte }
Und Menfchen war ich froh bejorgt — |
Aber ich ſehe abgerupft, |
Mißhandelt und vertan und elend
Das heilig Angefangne wieder!
Den Fluch der Himmlifchen hol ich
Auf euch herab, ihr Miffetäter! ' |
Das möget ihr fogleich erkennen! |
Kleandros und Sitalfes hatten
Zu ftändigem Gefolge etiwa
Sehshundert Männer. Davon find
Die meiften mafedonifche
Soldaten! Hört ihr? Schande, Schande
Auf diefe Beftien und Narren!
Sie alle miteinander ſind
Des Frevelg fcehuldig, den ich ausſprach.
Die Sefefjelten Endlich Gnade, o Mlerandros!
50
Mipleitet unmiffend — Weh uns! —
Schlenderten wir und lebten
Von Verbrechen fort zu Verbrechen!
Gnade den Ahnungslofen! Gib
Buße uns und Laften zu tragen —
Aber ſchenk uns, Göttlicher, ein Mal
Nur das vielgeängftigte Xeben!
Alerander (finfter)
Hier, Koinos, mein Befehl: Orxynes
Als eriter: wird gehenkt. Ordanes
Und Baryares mie die andern,
Sitalfes und Kleandros und
Ihre jechshundert Männer werden
Hinabgeführt aufs untre Feld.
Dorthin gebieteft Du fofort
Zwölfhundert Mann aus der Phalanı,
Und läßt die fchuldigen Verbrecher —
Sehshundertvier im ganzen, hörft Du?! —
Erbarmungslos zu Tode fchlagen.
(Stille)
Kommt einer heil heraus, dann fällt
Dein Kopf.
(Stille)
Haft Du verftanden?
Koinos Fa.
Alexander Dann geh.
Und eile Dich. Sch habe heut
Nicht gute Laune zur Geduld.
(Stille)
Koinos (auffahrend)
’8 gibt ein Gemeßel, Herr, ein —
Alexander Mie?
Hab ich gefragt, ob's ein Gemetzel
Dder ein Tanzgewimmel gibt?
Dder ein Opfer? Schweige Du.
(Stille)
Die Toten find nur einzufcharren.

5]
Drauf ſoll ein Stein errichtet werden
Und furchtbar künden, was geſchehen iſt,
Als Alexander ſtrafen mußte.
Koinos Nun alſo — (ſchwankt noch) — Alſo gut!
(geht zu den Gefeſſelten)
Die Gefeſſelten (jebt ſehr ſtark)
Gnadeloſer!
Kein Erbarmen iſt
In Dir!?
All vergebens
Heulen unſre
Stimmen an Dein Ohr hin?
Schlechter als
Schlachtreifes Vieh
Sterben wir und kommen um?
Koinos Hinab mit euch aufs untre Feld! Der König
Hat keine Laune zur Geduld. Seid ſtill.
Denn eure Worte ſind ein dummer Wind
In ſeinen Ohren.
Hephaiſtion O Alexander!
Alexander (ſchweigt)
Koinos (geht, bleibt in der Ferne ſtehn, bis die Gefeſſelten nachkommen;
dann, ihnen voraus, mit plötzlicher Wendung ab)
Die Gefeſſelten Aber die ſterbend
Elenden jagen Dir
Ihren Fluch ans Herz!
Menſchen wie Du —
Niedergemacht —
Stürzend, von breiten
Schwertern getroffen —
Fluch an Dein Herz, Alexandros!
Unmenſchlichſter unter
Den Königen allen!
Nah ſteht
Und ſchauderhaft
Aufgereckt
52
Hinter Deinem
Wüten verborgen
Übermächtig
Zodgeballt
Das Gefpenft
Endlich Deines Untergangs!
(Die Gefeffelten ab. Aleranders Gefolge zieht fich zurüd.)

Alexander Kun, Eumenes? — Sch wünsche jet


An die Satrapen, die im Amt
Bisher fich fügen Eonnten und
Bewahren, meine Botfchaft kurz
Gefaßt und eilig abgefertigt:
Eumenes Der Inhalt?
Alexander Alle Söldner, die
Geworben wurden, ohne daß
Der König es befahl durch Briefe,
Sind unverzüglich zu entlaffen.
Du ſchreibſt ausdrücklich, daß ich mir
Jedwede Eigenmächtigkeit
Berbitte. Haft Du mich verftanden?
Eumenes Genau.
Alexander Dann geh und bringe mir
Das Dofument, mit dem ich von
Den wanfelmütigen Athenern
Göttliche Ehren fordern werde.
(Stille)
Die Zeit geht rückſichtslos. Vielleicht —
Bevor ich mich erfenn und greife,
Steh ich verlaffen hinter meinem
Unmeigerlichen Augenblic
Und ftarr ing Leere, töricht Elagend
Ins tiefunzeitige Entſchwinden.
Biſt Du noch da?
Eumenes Ich hatte weitre
Befehle nicht mehr zu erwarten?
Alexander Sei ſchnell zurück!
(Eumenes ab)
53
Alerander Und alfo Untergang. Sch höre
Dies Schwere Wort zum erftien Mal
Und habe Eeinen Sinn. bei ihm.
Hephaiftion?
Hephaiftion Du trauerft um
Die Sterbenden?
Alerander D nein, mein Freund.
Sch ſuche ein Geſchenk für Dich!
Hephaiftion Gerade jeht?
Alerander Hephaiftion!
Es wäre nahe hin zu glauben,
Daß ich mich trennte von mir felbft,
Zum erften Male, hier — nein, nein!
Und mich verließ, verfprah — O Qual
Einbrechend fremder Finfternis —
Sch muß Dir etwas fchenfen, fiehft Du?
Hephaiftion Wer wagt Gefchenfe zu verſtoßen?
Längſt überreich war ich bei Dir!
Alerander Sch denf auch nicht an eine Sache
Bon großem Wert, und Fäuflich — Nein, —
Ein Blick ins Wolkenloſe! — Da!
Nun weiß ich! Kennft Du diefen Ring?
Hephaiftion (ſchweigt)
Alerander Sch habe ihn von meinem liebften Feind,
Dem hoben Elefantenkönig Poros —
(Stille)
un frag doch was!
Hepbhaiftion Sch kann nicht.
AUlerander O Du Kleinmütiger!
Wie befreiend verföhnlich
Sprang ung das fchaffende Leben
Zanzend in längft
Gerwonnenen Schlachten!
Aber der King. Nun höre: Wer ihn trägt,
Sit wohl befchaffen um geliebt zu werden.
Hephaiftion Don wen?
54
;Alexander Ich weiß nicht. Götter oder Menſchen.
Geheimnis ſtellt ſich vor den Sinn der Sprüche.
Ich habe auch den Eumenes befragt
Um ſeine Anſicht von dem Rätſelhaften.
Er ſchwieg nach Philoſophenweiſe und —
Tauſend Talente bot er für das Ding!
Was iſt es, wenn der Geiz verſchwendriſch wird?
Ich lacht ihn aus. Das iſt ſchon lange her.
(Stille)
Der Ring gehört nun Dir.
Da, faß ihn doch!
Hephaiſtion Schen? was Du mwillft! Nur nicht den guten Zauber!
Alexander Sei unbeforgt!
(er tet ihm den Ring an den Finger)
Sch brauche ihn nicht mehr.
Denn, man behorcht das Schickſal, hin und wieder.
Der Züngling Mlerandros — weißt Du noch? —
Der tummelt fich im blauen Windgemäffer
Und fteigt zumeilen ans gemeihte Ufer
Der namenlojen Snfel.
Hephaiſtion Ich kann nicht unbeforgt fein, Du — mein König!
Es ift was Fürchterliches um Dich ber,
Ganz undurchdringbar meinen Angſteblicken —
Alexander Hephaiftion!
Du trägft den Ring, ich trage Dich — Was meiter?
Mir Spielen!
O daß ich niemals Dich entbehren müßte,
Du heller Bruder meiner begierigften Schwünge —!
Umarme mich wie früher oft —
(fie ftehn in der Umarmung)
Du weint?
Hephaiſtion Wohin, wohinaus
Denkſt Du und jagft —
(Eumenes fommt)

Alexander!
Bewahre Dich!
Plötzlich, wer weiß —
Kannſt Du — weg ſein!
55
Alerander Was! Was!
Hat ein liſtiger Gott
Dich in ſeinen Wahnſinn gefangen?
Eumenes Hier iſt das Dokument.
Alexander Zeig mir's nachher.
He, Eumenes, Getreuer,
Du biſt doch kein Verſchwender von Natur?
Eumenes Nicht ſo wie Du. Jedoch es fehlt mir ſtets
Im beſten Augenblick am beſten Gelde.
Alexander Das ſtimmt. Als ich am Hyphaſis von jedem
Der Großen meines Heeres nur dreihundert
Talente forderte zum Bau der Flotte,
Kam Eumenes mit hundert angeſchlichen
Und meinte gar, ich nähme dieſes Opfer
Der hungernden Erſcheinung herzlos ab!
O nein, wir tröſteten den armen Kerl
Und ſchenkten ihm die lieben hundert wieder —
Und dann — wie war's — Hephaiſtion?
Hephaiſtion | Wir haben
Sein Zelt ein bifichen angezündet, um
Den trefflichen Befiter fort zu räuchern
Und nachzufehn, was er für Gold verftecte!
Eumenes Den dummen Schaden hattet ihr davon!:
Das ganze Zelt verbrannte, und mit ihm
Sämtliche Akten, Briefabfchriften, alles,
Mag fchriftlich von des Königs Herrfchaft zeugte! |
Alexander Ach ja. — So prächtig ungewohnte Späße |
Sind neuerdings ich weiß nicht wo verhohlen.
Hephaiſtion sn jedem Fall, wir fanden an zmweitaufend
Zalente wuchernd in der böfen Afche.
Alexander Und davon hat er taufend mir geboten,
Dem König, mir! für einen Ring, nicht wahr?
Bon allen Seltfamfeiten, die ich lernte,
Mar dies die wunderlichite, Eumenes.
Da ift der Ring.
(auf Hephaiftions Hand zeigend)
56
Man ſcherzt mit Inbrunſt heute.
(Koinos kommt)
(Stille)
Koinos Alle fechshundertvier.
(Stille)
Alexander Nach dem Geſetz.
Koinos Sch möchte das nicht gern noch einmal tun!
Alexander Mir hoffen Fünftig herrfchend viele Menfchen
Und wenig Tiere zu gewahren unter
Des Königs Dienern. Freunde wünfche ich,
Borbildend wirkende und feite Männer,
Damit die Menge der Befohlenen
Zum Elaren Leben hingeleitet werde.
Koinos Man wird den Blutgefchmad nicht los. Das hindert.
Alexander Du bift befangen und verdreoffen. Warte,
Das geht vorüber. Allzu eng haft Du
Gefämpft um nacdten Kampfes willen, und
Das füße Trachten, das belebende,
Blieb Deiner eingefleifchten Seele fremd.
Koinos Du Eennft mich alfo.
Eumenes Freilich. Wer durchſchaut ung,
Wenn nicht der König mit dem Feuerblic,
Der alles allentzündet und verfengt,
Was ihm den Weg und das Verlangen Freuzt?
Alexander Du redeft gut, und Fennft doch nicht das Weſen.
Sch warne euch vor überflüffigen
Gedanken. Denn die fpinnen Unheil. Höre,
Freund Eumenes, mir fcheint, Du Täfterft gern
Im Stillen und Geheimen.
Eumenes Glaub dag nicht!
Alexander Ihr follt mit Strenge auf die treue Reinheit
Der eigenen Gefinnung achten. Sonft
Urplöglich feht ihr euch am falfchen Ort,
Wenn zwifchen Mitternacht und Morgen ich
Euch fehütteln werde!
(Stille)
57
Die Zukunft ift erfüllt von großem Wirken,
Umfaffend Tiegen Pläne ausgeftreckt,
Von hoher Kraft und Sicherheit durchdrungen;
Lang dauerhaftes Werk wird ung der Nachwelt
Bezeugen und den Göttern wiedergeben!
Doch dies verlang ich: Ungeteilten Willen
Sn jedem Zun und Denken und Betrachten.
Seid einig mit den zielenden Geboten
Der Seele, die mich fpannt und fortbewegt
Sn die vollfommne Einigung der Welt —
(er bricht ab)
Eumenes Wer von den Sterblichen weiß Dich zu faſſen?
Koinos Der König hat die Macht. Er ſoll's vollbringen.
Alexander Ihr Toren!
Die nackte Macht ift ein verfluchtes Nichts!
Für kindiſche Gemüter dumme Wolluſt!
Ein Fraß, mit dem geringe, eitle Seelen
Sich ſchmatzend überladen, zum Gelächter
Der eingeſchüchterten erſtaunten Mitwelt —
Macht?
Dem wahrhaft Herrſchenden iſt ſie gehorſam,
Ein ſtummes Werkzeug unter tauſend andern
Und nicht der Rede wert! Er muß ſie haben,
Wie Luft zum Atmen, wie ein Schiff zum Wandern
Auf weithin ungehemmter See!
Ihr hört mich —
Ich raube euch, Ihr ſollt euch wiederhaben:
In Suſa plane ich das größte Feſt
Der Zeit zu geben. Griechenland und Aſien
Sollen ein Leib und eine Seele ſein!
Koinos Unmöglich!
Alexander Schweige! Unbeſonnener!
All meine Großen werde ich vermählen
Mit Frauen aus den vornehmſten Geſchlechtern
Der unterworfnen Reiche. Tauſende
Von Makedonen werden gleichen Tags
Mit Aſiatinnen verbunden ſein:
58
Ein umgeſchaffenes Geſchlecht wird aufſtehn
Und ſich des Glücks bemächtgen, das ich bilde!
(Stille)
Sp ferner fage ich: Mir Fam zu Ohren,
Daß zmwanzigtaufend meiner Mafedonen,
Die mir im Heere dienen, finnlos fchweifend
Den reichen Sold, die fette Beute gänzlich
Verfpielt, vergaufelt und verfoffen haben.
Jetzt fchleppen dieſe Leute ſchwere Schulden.
Das ift beinah ein Wunder. Denn ich weiß nicht,
Durch was für Zauberei die fchlauen Helden
Sn Solche Narrheit fich verſtricken Eonnten.
Kun gut: Sch zahle jedem einzelnen,
Gleich welchen Ranges, alles was ihm fehlt,
Aus meiner Kaffe.
Eumenes Voller Großmut endlich
Erjcheinft Du wieder fürftlich fpendend ung.
Alexander Bon der Entlaffung meiner Veteranen,
Bon allem Guten, was ich fonft befchließe
Zur Umgeftaltung des gefamten Heerg,
Zur Heilung läftig eingefreßner Wunden
Und Übel werdet ihr bei anderer
Gelegenheit das Nötige erfahren.
Ich trete jebt hinein zum toten König
Der Perfer, den ich fo mißhandelt fand!
Mit feiner Seele gehe ich zu fprechen,
Verzeihung werd ich niederflehen auf
Die Schändlichen, die ihre Untat büßten
Mit ehrelofem Tod. Indes bemahret
Die fanfte Ruhe, die fich endlich ziemt
An diefer Stätte.
(ab)
Eumenes Ein fetter Hund Fann riechen, daß fich was
Verändert hat.
(Stille)
Wir fchweigen nun, wir drei,
Und denken nichts, folang der König um
59
Erleuchtung ringt und ſeine Andacht pflegt.
(Stille)
Ihr feid doch Helden? Das ift euer Titel.
Kann fein, daß euer Heldentum fich nur
Verkrochen hat. Man fpürt nichts mehr davon.
Koinos Sehr hübich und väterlich gedacht: die Schulden
Der Kinder zu bezahlen. Wißt ihr was?
Die meiften Offiziere und Soldaten,
Die fagen fih: Ho! Vorficht! Alerander —
Eumenes pft!
Koinos (leifer)
— der Gott, der König will doch nur erfahren,
Wer hier die meiften Schulden hat! Und weiter,
Für welche Poſſen, Sünden und Verbrechen
Das gute Geld vergeudet wurde!
Hephaiſtion | Kein.
Du rührſt mit Yächerlihem Mißtraun an
Die unbefleckte Abſicht des Gebieters.
Eumenes Höchſt überflüffige Gedanken! Folgt mir —
Denkt leiſe oder gar nicht, wie befohlen.
Koinos Die Sache hat Fein Maß mehr, Eeinen Glauben,
Und Feine Nichtigkeit. Sch fag es deutlich!
Habt ihr gehört, was er fo nebenbei
Mit feinen Veteranen tun will? Alfo!
Er braucht das fture Volk nicht mehr. Es darf
Tach Haufe trotten und den Neulingen
Die Früchte hochberühmter Zaten laffen!
Hephaiſtion Am Hyphaſis habt ihr gefchrieen nach
Der Heimat! Undankbare Männer feid ihr.
Koinos Die Zeiten rollen um. Was ift denn mir
An irgendeiner Perferin gelegen?
Sch habe jo ein Weibsbild gar nicht nötig!
Man Eennt die Samtgemwächfe zur Genüge,
Die melandyolifch wilden Sammerfagen!
Eumenes Geh nur und häng Dich auf. Du bift veraltet.
Koinos Wir wollen fehn, was der Nearchog tut,
60
Wenn er in Suſa ankommt und bemerkt,
Daß er ſich mit der Zeugung eines neuen
Geſchlechts tatkräftig zu befaſſen hat!
Eumenes Ein Mann in feinem Alter!
Koinos Und ich fage:
Wenn neben ung, den echten Mafedonen,
Die Erummen Perfer gleichberechtigt, gleich
Geachtet ftehen follen in der alten,
Unübermwindlichen Armee, ja, dann —
Dann mac ich Schluß!
Eumenes (zu Hepheiftion)
Er ift verrückt!
Koinos Sei ftill,
Du giftiges Gemwäfch!
(ab)
Hephaiſtion (ihm nachrufend)
O Koinog! Du
Und ich, wir reden heut noch miteinander!
Eumenes Man ift zumeilen mißgeftimmt. Sch habe
Nicht die geringfte Sorge um den König.
Hephaiſtion Das glaub ich.
Eumenes Allerdings, er hat mich heute
Mit unerwartet fcharfem Scherz behandelt.
Hephaiſtion Verdienteft Du, von um fo fehärferem
Verdacht, vielleicht, fortan, geprüft zu werden?
Eumenes Man fpürt des Günftlings einflußreiche Nähe.
Hephaiſtion Du irrſt. Das heißt — Du mißgeftalteft alles.
Eumenes Sch hoffe, daß der Ning Dich glücklich macht.
Du haft ihn wahrlich Dir bei feltfamer
Gelegenheit erworben — denn fo feheint es.
Hephaiſtion Du redeft unverfchämt.
Eumenes Sch rede höflich.
Hephaiſtion Und ganz im rechten Tückeaugenblick
Zeigſt Du mir an, was ich vermag beim König!
Eumenes Soviel wie ich, und weniger, wenn's mir
Gefallen follte. Freundfchaft ift nicht alles.
Hephaiſtion Du haft Dich lang genug verheimlicht und
61
Mit neidiſcher Erbittrung Dich verſteckt.
In Zukunft kann ich Deine Winkelzüge
Nicht überſehn! Das wiſſe Du; und denke,
Wie Du Dich retteſt!
Eumeneg Luſtig! Luftig! Was
Für nedifches Gevögel haftet frech
Durch Deinen Sinn? Sch weiß von mir zu fagen,
Daß ich im Grunde unentbehrlich bin!
(Alerander tritt hervor, unbemerkt)
Hephaiftion Du gehft in Lumpen, bift ein Ungeziefer,
Der blöde Fraß am Unvergänglichen —
Alerander Ihr zankt, indes ich bete?
So haltet ihr die Treue mir?
(Stille)
Mas ift das für Gemeinheit?!
Eumenes Nur eine Wolfe, die vorüberzieht —:
Mir find ung einig.
Hephaiſtion Nein, das ift gelogen.
Alexander Hephaiftion!
Hephaiſtion Sch habe Dich verteidigt!
Ein Übel kommt aus diefer Kreatur,
Ein unterirdifcher Geftanf und Troß —
Sch kann's nicht jagen.
Eumenes König Merandros!
Hephaiftion fand mich von Neid erfüllt,
Da ich den Ring an feinem Finger ſah —
Und allerdings, Du Fennft doch meine Lafter:
Geiz — und Verſeſſenheit auf die Gefchenfe
Des Herrfchers, dem ich diene, den ich Tiebe!
Hephaiſtion Nein! Lüge bift Du, niederträchtige,
Und todeswürdig taufendmal —
Alexander Schmweigt beide!
Du, Eumenes, wirft ein Geſchenk erhalten,
Zaufend Talente wert. Hephaiftion,
Man fchafft für mich mit fehr verfchtednen Kräften,
Seder nach feiner Tüchtigfeit. Und niemand
Lebt wider meinen Willen unerwünfcht
Sn meiner Nähe. Halte drum Dein Urteil
62
Im Zwang der Vorſicht. Gebt euch hier die Hände,
Damit ich ſehe, daß der dumme Zank
Verjagt und lachenswert und ferne iſt!
Eumenes Von Herzen gern!
Hephaiſtion Ich tu's nicht! Nein, ich tu's nicht!
Alexander Hephaiſtion! Biſt Du von Sinnen!
Hephaiſtion Nein!
Ich ſehe nur, was Dir verborgen iſt!
Verlieren kann ich Deine Gnade, aber
Nicht Deine Freundſchaft — O, ich warne Dich!
Es ſchleicht Dir was im Rücken —
Alexander Und ich bin
Allſeitig unangreifbar von Natur.
Hephaiſtion, ich bitte und befehle —
Beim Gott der Freundſchaft und des zarten Liebens:
Reich ihm die Hand, dem armen Eumenes.
Hephaiſtion (zögert)
Alexander (wild, zupackend)
Zeus Donner! Tu's!
Hephaiſtion (gehorcht, flüchtig, und eilt plötzlich fort)
Alexander (ſtampfend)
Ihr Narren!
(ab nach der entgegengeſetzten Seite)

Eumenes Wer wagt ins Kommende hineinzufragen?


Wir wollen nicht mit unbequemen Sprüchen
Die keuſche Zukunft vergewaltigen. —
Was wäre wohl der König ohne ſeinen
Gefeierten, verwöhnten Liebling?
Hätte
Für ſolche Fragen meine Unterwelt
Vielleicht ein ganz beſondres Feingefühl?
(er betrachtet die Rolle, die er noch bei ſich hat)
„Zeig mir's nachher!“
(er lieſt)
Die Vorſehung verlangt, daß ihr wie einen
Der Götter mich betrachtet und verehrt;
Denn längſt iſt dies in Aſien feſte Sitte,
63
Nicht anders in Agypten. Und Athen
Muß fich ins Ganze meiner Herrichaft fügen.
Drum forgt, ihr Bürger, daß mit reinen Opfern
Die Höhe meines freudigen Vollbringeng
Gepriefen werde wie mein Name,
Sendet
Erwählte Männer her nach Babylon,
Damit ich höre und erfahre, ob
Ihr meine Gnade euch verdienen Eonntet
Mit Folgerichtigkeit und guter Ehrfurcht.
Mas die Berbannten übrigens betrifft,
So ift mein Ville und Beichluß ...
(er rollt das Pergament zufammen)
Gott Alerandros! Freilich, freilich.
Väterchen Zeug
Schüßt die Unbefcheidnen gern,
(ftärfer)
Und — und Fluchabwehrer Apollon —
Der — durchfchießt — mein Herz nicht?
(Stille)
Hi, bi, bi ER
„Reich ihm die Hand, dem armen Eumenes!”
„Lüge bift Du,
Und todesmwürdig taufendmal —“
Sch darf mir's merken, dag, vielwerter Freund —
Mathetiſch)
Liebling Hephaiſtion! Und an des Kyros
Verwaiſtem Grabmal —.
Götter, ſagt, iſt das
Nicht groß und furchtbar, des Verweilens wert?
(leiſer)
Was tut man nicht, um ſich in der Gewohnheit
Des Königs zu gefallen?
(wieder ſpottend pathetiſch)
Nun bewahret
Die ſanfte Ruhe, die ſich endlich ziemt
An dieſer Stätte!
(er begibt ſich mit beinah gravitätiſcher Gebärde in das Grabmal)

64
VI

Sufa. Im Zelt des Königs. Neichfter Schmud.


Alerander; Nearchos; Cumenes; alle bekränzt.

Nlerander Das war ein Feft der Welt!


Hinftrömend tagelang
Gewaltges Freuderaufchen!
Sch bin fast glücklich wieder.
Nearchos Sn ungeheuren Zauber eingebannt —
Da taumelt die Befinnung — ad, den Anfang
Verſtehe ich nicht mehr!
Alerander D mein Nearchos! Alles
Erfüllt fih mir im Einen!
Nur jetzt Fein Erummes Zaudern!
Die Schöpfung wächſt! Das Neich
Beginnt mit Luft zu atmen! —
(lächelnd)
Mit unfren Perferinnen
Sind wir bequem und fröhlich —
Zehntaufend Mafedonen
Mie wir, vermählt und dienend
Dem Mlergreifenden —
D Eumenes — mas ift —
Mit Deiner eifrigen Nafe?
Behagt Dir nicht die Schlanke,
Die Artonig, des braunen
Arbazos fchenkelfreudige Tochter!
Eumenes Vielleicht behagt fie mir. Und fünfzehntaufend
Zalente find allein für goldne Kränze
bezahlt.
Alexander Du übertreibft.
Bei der Gelegenheit
Sag ich Dir eine Warnung.
Du hatteft Feine Schulden;
Doch nahmft Du von dem Geld,
Das auf den Tifchen lag —
Haft ziemlich viel genommen.
5 2, a. 65
Ich wünſche Deine Habgier
Gebändigter zu ſehn.
Eumenes Ihr Götter! Warum bleibt dem König nichts
Verborgen? Allzu treffend ſcheint er mir
Beraten, daß nichts Tadelwertes ihm
Entgehe ins Vergangne. —
Einmal noch,
O Alexandros, reiche mir Verzeihung —
Ich weiß nicht zu begütigen, denn was
Ich tat, war böſe, und vom frechen Dämon
Der unbeholfnen Seele eingegeben!
Alexander Mich reizt nur eines heute:
Das Mißtraun meiner Männer!
Sie fürchteten zu zeugen
Von ihren Schulden — Was!
Wie ſoll ich denn bezahlen,
Menn Feiner mir die Summe
Bezeichnet, die er fehuldet?
(Stille)
Sch habe achtzig Tiſche
Ins Lager ftellen müſſen,
Auf jedem hingefchüttet
Keichliche Haufen Goldes!
Und jeder fam, ein jeder
Nahm feine Summe! Niemand
Bekannte Rang und Namen!
Ging jemals eine Großmut
So tief ing Unbedingte!?
Eumenes Sie fürchten fehon die fernfte, Teichtefte Wolke
Des göttlicheföniglichen Zorns — die Armſten.
Alexander Sie können mich wahrhaftig
Für hinterliftig halten !
Das ift verdammte Kränkung!
Eumenes Die Sache Eoftete — nun — zwanzigtaufend
Zalente, rund und fett und fchähungsmeife.
Nearchos Erſchreckt war ihnen allen die Gefinnung —
66
Vergiß die kleine Falſchheit inder Größe
Des einzig meiſterhaften Augenblicks!
Alexander Wahr ſprichſt Du, o Nearchos!
Denn eine helle Fülle
Fruchtbarer Forderungen
Befeſtigt unſer Wirken.
Haſt Du die Pläne durchgeſehn
Zum Bau der Dämme?
Nearchos Gut und tüchtig
Erſcheinen ſie, gemäß dem Bau der Landſchaft.
Alexander Entwäſſerung, und andern Orts
Gedeihlich ſtete Feuchtigkeit —
Das ſoll uns helfen. Ja! Ich habe
Die Säubrung der Kanäle auch
Schon durchgedacht und angeordnet —
Vergiß nicht, Eumenes, daß man
Dem Ariſtoteles achthundert
Talente ſendet. Dieſer Mann,
Der Ungeheure, Gliedernde,
Iſt den Geheimniſſen des Lebens
Erforſchend auf beſtimmter Spur —
Er muß und ſoll in aller Hinſicht
Die ſüße Freiheit der Bewegung haben.
O mein Nearchos, was für ein Genuß
Iſt die Verwirklichung der guten Kraft!
Was meinſt Du, haben wir genügend Straßen
Von Oſt nach Weſten über die Gebirge?
Nearchos Sie dürften gern genügen, wenn ſie nur
Mit Sicherheit bereiſet werden könnten.
Alexander Das eben iſt die Sorge meiner Wünſche!
Ich werde ſtreckenweiſe kleine Burgen
Mit ſtändiger Beſatzung legen, daß
Man Tag für Tag planmäßig reitend dort
Die Straße hart bewache, wo ſie leicht
Bedrohbar liegt, im Tal, bei rohen Völkern,
Die ungezügelt noch im Wilden leben.
5*
67
Nearchos Erobernd biſt Du heilſam und beſchenkend!
Kein Dichter nachgeborenen Geſchlechts
Wird ehrevoll genug Dein Weſen ſingen.
Alexander Ein drittes, freundlicher Nearchos, regt
Mir längſt den Sinn und ſeine Pläne auf:
Der Ozean iſt uns ein Weg geworden
Vom Indus in den Euphrat. Das genügt nicht!
Wir müſſen um das glühende Arabien
Herum die treuen Schiffe führen können
Bis nach Agypten, und womöglich weiter —
(Hephaiftion erſcheint)

Du kommſt?
Laßt mich allein mit ihm.
(Nearchos, Eumenes ab)

Alexander Was ſagen die Arzte?


Hephaiſtion Sie ſchweigen oder lächeln.
Alexander Ungrades Volk! Warum?
Hephaiſtion Sie denken an die Überſchwenglichkeit
Der Feſte und Genüſſe.
Alexander So, das tun ſie.
Du fühlſt Dich beſſer?
Hephaiſtion Ich? Wahrſcheinlich. Weißt Du,
Ich bin ſehr matt.
Alexander Da wird ein Fieber draus!
Das ſchüttelt Dich ein wenig — dann iſt's gut —
Und fröhlicher denn jeumarmſt Du mich!
Hephaiſtion Was ſteht doch für ein Brauſen in der Luft?
Alexander Ich höre nichts —
Hephaiſtion Da — jetzt iſt alles ſtill,
Und alle Töne fern, wie eingeſargt.
Alexander Du follteft ſchlafen, mein Hephaiſtion,
Gedankenlos und kühl im Zelt am Fluß —
Hephaiftion Der Schlaf bringt fchwarze Träume mit und rote,
Da gehen manchmal gelbe Feuer hoch,
68
Und raſend bebt die Erde —
ſchlafen? Nein.
Solang ein Gott Erinnerung uns ſchenkt
Und Licht zum Sehen, ſoll die Seele wachend
Erfüllen, was ihr zukommt. Laß mich nur.
Die Makedonen ſtehen alle draußen,
Und müſſen hören, was Du ſagen mußt.
Sei ihnen gütig.
AUlerander Alles was Du willſt!
Die Welt ſtirbt ab — wenn Du —
Hephaiſtion?
Hepbaiftion Sei ohne Angſt. Was ſich erfüllt, geht fort:
Ich bin noch nicht ſoweit —
(Koinos kommt)
(leiſe)
— Nein, heut noch nicht.

Koinos An fünfundzwanzigtauſend Mann, o König,


Die Makedonen, Kernſchar Deines Heeres,
Sind Dir verſammelt jetzt nach Deinem Wunſch,
Und harren, faſt betroffen, Deiner Botſchaft.
Alexander So laß denn ſehn!

(Die ganze Rückwand des Zeltes öffnet ſich auf des Koinos Betreiben.
Unzählige ſtehen da, bewaffnet)

Alexander (lächelnd)
Hephaiſtion, mein Einziger!
Jetzt hebt der Kampf um die Entſcheidung an.
(er tritt etwa in die Zeltöffnung)
Da bin ich!
(Stille)
Zehn lange, feuervolle Jahre waren
Wir unterwegs, beftändig fteigend, furchtlos.
Ich danke euch.
Mir ftehen heut auf einer fcharfen Höhe.
Der himmelmweite Umblic® ift allein
Dem König, mir, gegeben und vertraut.
69
Zum Zeichen dieſes heilgen Augenblicks
Gab ich ein Feft — fünf Tage durch und Nächte:
Es wird nicht feinesgleichen haben. Niemals!
Fortan find Sieger und Beſiegte Brüder,
Vereinigt wirkend, ftreitend und vergehend.
Ihr habt gehört, daß dreißigtaufend Perfer,
Meder und Baltrier, geübt, bewaffnet
Nach Makedonenweiſe und zerfahrung,
In die Armee hineingeordnet werden,
Sodaß fie ftehn und Fämpfen wie ihr felbit. .
(Stille)
Es ift mein Wille, daß nicht ihr allein
Gefahren bändigt, Schmerzen duldet und
Ehrwürdge Opfer bringt, die weit hinaus
Dem Ganzen dienen, das ich fchuf und fchaffe.
Sn Zufunft ſoll dag Neich des Königs für
Sich felbft um feinetwillen feft und einftehn.
Sch weiß, daß euch die Heimat zauberhaft
Sm Innern wirkt und taufend Wünſche lockt
Zurüd an ihr entbehrtes treues Ufer. —
Die Veteranen (beftimmt gedämpft)
Dunfel geftaltlos —
Ihr Sprecher In der Vergeſſenheit —
Die Veteranen Ruht die vergangene Heimat ung.
Hephaiſtion (leife, dringend)
Da fteht was auf, ich fühl’ 8 — erbittert!
O Merandros! Vorficht! Die Gefahr
Wächſt!
Alexander (hartnäckig)
Ich werde eurem Wunſch zur Wirklichkeit
Verhelfen: Ruhmreich iſt die ſüße Heimkehr
Dem Tapfren, der aus herzenfreſſender Schlacht
Gerettet in des Lebens milderen Abend
Hinüberſchaut —
Die Beteranen (ſtärker)
Aber bei Dir iſt unſre Heimat —
Der Spreder Uns gebührt Dein Anblick!
70
Pe
bi) 9 *—
RM
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Die Meteranen Niemals drängen Fremdlinge


Meg von Deiner Seite ung!
Hepbhaiftion (dringender) |
Du faßt fie heute nicht!
Erlafje Dir das Wagnis! Sei geduldig!
Mache nicht des blutigen Aufruhrs
Gräßliche Flamme fnatternd
Auffpringen — Wehl (er greift fi) ans Herz)
Durchs ganze Lager, zerftörend!
Ylerander (fih kurz umdrehend)
Mas ift denn, daß ich bitten ſoll
Und bange Flüfterftiimmen hören,
Befchwörende? Man lafje mich
Mir ſelbſt!
(wendet fich wieder zu den Truppen)
(mit Heftigfeit)
Und alfo fage ich: Wer feit Beginn
Des großen Feldzugs meine Siege ausfocht
Und lebenmwagend mir gefolgt ift, voll
Gehorfam ftets und guten Willens — der
Soll Frieden haben und ins Land des Vaters,
Gejegnet von Erinnerung, befränzt —
Nach Makedonien follt ihr jet zurück!
Die Veteranen (Schrei)
Nimmermehr!
Der Sprecher Du verſtößt uns!
Alexander Raſendel!
(er zieht jäh ſein kurzes Schwert)
Die Veteranen Wir bleiben!
Alexander (iſt mit einem Sprung unter ſeinen Männern)
Hephaiſtion Weh! Das Feuer!
Koinos (entſetzt)
Der König —
Die Veteranen Wehl! Entſetzen!
Koinos Der König mordet ſeine Männerl!
Er ſoll's nicht!
(ihm nach)
71
Hephaiftion Alexandros! Rettung!
Alerander (xafend zurüd, ohne die Waffe)
Mir aus den Augen alles!
Die Ehrelofen!
(der Seltworhang fällt. Totenſtille. Nearchos kommt in
höchſter Aufregung)

Nearchos Die Götter über uns! —


Was für ein Sturm?!
Koinos (von draußen)
Der König iſt von Sinnen!
Die Veteranen (von draußen)
Tot liegen
Vom König erſchlagen —
Der Sprecher (von draußen)
Drei tapfre Männer
Blutſtrömend noch!
Die Veteranen Weh!
Nearchos Sie ſtürmen das Zelt!
Sie reißen Dich nieder!
Alexander Berl
Zeig mir den Mörder
Der mich ruchlos anfaßt —
Ich kenn ihn nicht!
Der wird niemals da ſein!
Koinos Geht und fordert Recht!
Alexander Geht wohin ihr wollt!
Der Sprecher Ruft ihn hervor!
Alexander Sch gab euch alles!
Euch Ehre, Ruhm und Reichtum, alles!
Sch habe nur mich felbit; ſonſt nichts!
Die Deteranen Alerander!
Der Spreder Du follft uns nicht verftoßen!
Alerander Mer fiel, ftarb fiegreich! Helden
Wurden begraben!
72
Koinos Der König hat genug von euch!
Er will ſeine Brüder nicht mehr!
Die Veteranen Pfui Alexander!
Alerander Verdammte Toren!
Nearchos Rette Dich mit einem Wort!
Der Sprecher Der König iſt kein Makedone mehr!
Die Veteranen Weh uns!
Wehe ihm!
Hephaiſtion O mein Geliebter!
Alexander Mich kennt niemand!
Koinos Der König iſt ein Perſer geworden!
Alexander Statuen ſtehn
Meinen gefallenen
Kriegern in der Heimat!
Die Veteranen Ferne ſind die Toten!
Koinos Vergeſſen hat der König
Seinen Bater!
Der Sprecher Und verflucht!
Mann des Oftens!
Die Veteranen Weh!
Hephaiſtion Laß mich hinaus zu ihnen!
Alexander Bleib!
Ich werde keinen Makedonen mehr
In meiner Nähe haben!
Die Veteranen Nimmerniemals!
Wir ſind Deine Männer!
Alexander Ich habe euch geliebt,
Ich habe euch geſchützt,
Ich tat euch überſtrömend Gutes —
Ihr Selbſtvergeßnen!
Ihr Königsſchänder!
Koinos Er ſoll uns denn der Alte ſein!
Alexander Jetzt aber iſt zerriſſen
Zwiſchen mir und euch
Alles Band und alles Lieben!
73
Die Beteranen Grauen über uns nieder!
Koinog Der König iſt geſchlagen
Mit Wahnſinn von den Göttern!
Alerander Ihr habt's entſchieden!
(Eumenes kommt)
Eumenes Ins Schrankenloſe hetzt ſich der Tumult!
Was tut der König?!
Alexander Du Narr!
Drück Dich an Deine Schreiberei!
Die Veteranen Weh Alexander!
Tod! |
Nearchos Mas für Befeifenheit!
Gnade! Ihr Götter!
Alexander Ihr jelbft habt euch gefchlagen!
Von heute ab
Vertrau ich meinen Perfern mich!
Die Veteranen D Schande!
Koinos Ehrelos
Macht er ung alle!
Die Veteranen Schande
Über den König!
Alexander Und meinen Verferfreunden gebe ich
Fortan das Vorrecht feierlichen Kufjes!
Niemand aber von euch
Wagt fich unter die glühenden Augen mir!
Koinos Ihr habt den Mut nicht, ihn zu flürzen!
Hephaiſtion Laß mich die Tollen fänftigen! De
——
Sene —

Die Veteranen Endlos wehe!


Alexander
Hat uns verlaſſen!
Alexander
Schlägt uns nieder!
Alexander Nieder!!
(kurze Stille jetzt)
Eumenes Wie geht's, Hephaiſtion?
74
Hephaiſtion (lädelnd)
Du Schurke.
Alerander Klagt eure Totenlieder
Menn ihr nicht anders Eönnt!
Alle hinaus!
(Nearchos, Eumenes bereiten fich zu gehen.
Hephaiftion zögert deutlicher)
Der Sprecher Aber den letzten Sturm
Magen und rennen wir noch!
Koinos Schwächlinge ſinnlos!
Männer feid ihr — gemefen!
Die Veteranen Sturm und Wehe!
Verworrnes Geſchick!
Ausblutend
Stehn wir und raſen
Dumpf nächtlichen
Jammers voll!
Hephaiſtion O Alexandros!
Was für ein Tod wird dieſes Unglück enden?
Alexander (ſtill)
Laßt mich allein.

75
VII

Suſa. Das gleiche Zelt, ſchmucklos, ſtreng.


Eumenes.

Eumenes Mit was für Schritten ging der König hier?


Ich darf mir ein gewöhnlich Wort erlauben,
Ihr Wände dieſes göttlichen Gehäuſes?:
Wenn ſich der König bei dem Unternehmen
Gegen die eigenen Soldaten nicht
Den Hals bricht —
nun, wenn nicht, dann eben nicht.
Wahrſcheinlich aber wird er's tun, vielleicht
Nicht allzu gern —
Der Klügſte denkt —
(ſtockt)
Und unſer armer Eumenes wird nicht
Noch ärmer werden bei dem Umſtand, daß
Der König ſich um ſeinen Kopf betrügt!
Was hab ich mit dem Mann? Wer kann das wiſſen?
Er iſt mir eben von Natur zuwider,
Und das genügt vollkommen — Nein, nein, nein,
Sch tu Dir nichts, o teurer Alexkandros —
Sch rühre Dich nicht an! Das wäre fehade!
Man hat folch eigenes Vergnügen in
Der Tieblichen Betrachtung eines Sturzeg,
Den Du Dir felbft gemwiffenhaft bereiteft!
Indeſſen, daß Hephaiftion, der Liebſte,
Don Stund zu Stunde leifer treten wird:
Dies wenige fag ich voraus — ei, ei,
Wie kann doch unfer armer Eumeneg
So Ffürzlich ein Prophet geworden fein?
(er geht mit rudend fpreizenden Schritten edig
und lächelnd auf und nieder)

(Nearchos fommt)
Eumenes Mag Neues?
Nearchos Alles ſchwebt beängftigend!
76
Eumenes Mir kommen die erdrückendſten Bedenken.
Dir auch? — Wenn nur der König durchhält! Weißt Du,
Wenn der verliert, dann ſind auch wir verloren!
Entſetzlich, dran zu denken! O Nearchos,
Was meinſt Du! Rede!
Nearchos Heut entſcheidet ſich's.
Die dreißigtauſend Perſer ſtehen jetzt
Bewaffnet, eingegliedert, zudes Königs
Verfügung. Er hat öffentlich die Truppe
Beſichtigt und geprüft, und ſchien zufrieden.
Im Kreis der alten Makedonen blieb's
Gefährlich regungslos wie ſeit zwei Tagen.
Die Spannung iſt ſo widerlich beklemmend,
Daß jedermann zu wünſchen einfach aufhört
Und nur mit allen Kräften irgendwelche
Luftſchaffende Erlöſung ſich herbeiſehnt!
Eumenes Grauſamſter Zuſtand!
Nearchos O — ſolch einen Zweikampf
Erlebte ich noch nie!
Eumenes Und Alexander?
Er hat nichts weiter unternommen gegen
Die ſtummen Makedonen?
Nearchos Weiter nichts.
Er hat ſie unbeſchreiblich überſehn —
Siehſt Du die Luft? So ſah er ſie: wie Luft.
Ich konnt es kaum ertragen.
Eumenes Aber wenn
Der König nachläßt —?
Nearchos Was?! Du biſt doch töricht!
Es gibt beſtimmt nur zweierlei: Entweder
Die Leute unterwerfen ſich, und zwar
Bedingungslos — oder: ſie ſtehen auf,
Die Schlachtgewohnten, und verſuchen furchtbar
Die ſtolzen Waffen gegen ihren Führer —
(ſtockt)
(auffahrend)
Nur voran, voran! daß etwas geſchieht!
(Alerander Eommt)
77
Alerander Hat uns der Rat von Tyros den Empfang
Des Briefes jetzt beſtätigt, derden Bau
Von fünfzig ſchnellen Schiffen anbefiehlt?
Eumenes Vor übermorgen kann die Antwort kaum
In Deinen Händen ſein.
Alerander Schick einen Boten:
Ich will nicht zwanzig Dreißigruderer,
Wie noch der erſte Brief beſagt, ſondern
Ich will von dieſer Gattung dreißig Schiffe.
Eumenesg Der Bote geht noch heute.
Alerander Selbſtverſtändlich.
Erinnre dran, daß jedes Fahrzeug aus
Dem beſten Holz verfertigt werden muß,
Daß ferner alle Teile ſehr genau
Und vorteilhaft bezeichnet aufden Weg
Nach Babylon zu bringen ſind. Ich will nicht,
Daß die Zuſammenſetzung dieſer Schiffe
Vermeidliche Verzögerung erleidet.
Eumenes Mit Sorgfalt, Herr, bewahre ich Dein Wort.
Alerander Heut abend ſchicke Flötenbläſerinnen —
Jedoch ſie mögen ſich bekleiden, gänzlich.
Hephaiſtion wünſcht nur die holden Töne.
Sein Aug iſt matt.
Nearchos Hat Glaukias, der Arzt,
Das Übel nicht entdeckt?
Alexander Er ſieht nach allem
Kur eine Möglichkeit.
Eumenes (eilig)
Und mwelche?
(Stille)
Alexander Sa.
(Stille)
Wie fraaft Du aufdringlich, mein Eumenes.
Halt Dich zurüd von Sachen, die Dir fremd find.
Eumenes Man forgt fich doch um die Gefährten, die
Verehrend in des Königs Freundfchaft leben.
78
Alerander Vielleicht, Nearchos, hat das Meer im Norden,
Das Kaspiſche, doch einen Ausgang in
Die ſchwarze See? Ich muß das wiſſen. Wähle
Be
Fünf oder ſechs ſcharfſichtge Männer aus,
Die ſollen mir das Ufer unterſuchen,
Ringsum. Ich gebe ihnen an zweitauſend
Bewaffnete. Ich wünſche ohnehin,
Daß aus den unberührten Wäldern dort
Beſtimmtes Holz geſchlagen werde, feſt
Und leicht — gewachſen für den Schiffebauer.
Nearchos Wie weit denkſt Du hinaus, wie ſicher — Ach!
Und ich muß Dir geſtehn, daß all mein Herz
Von bittrer Unruh durchgepeinigt wird —
So tief greift mich die Qual des Augenblicks!
Alexander O mein Nearchos! Alles Schickſal ſteigt
Nach dem Geſetz der Seele die ſich müht,
Und fallen, ſtürzen tut es gleicher Weiſe —
Und bleibt doch ſtill, als hing es unbeweglich
Voll ferner Sternkraft hoch im Göttlichen.
(heftig)
Bin ich denn fatt? — Sch habe nichts zu fürchten.
Nearchos (plöglich vor ihm auf den Knieen)
Sch flehe, fleh Dich an! Sei wieder unfer!
Sei König Deinen Makedonen wieder!
Sch halt’s nicht aus, die rühmlichjte Verpflichtung
Bis zum Zerreißen angefpannt zu fehn!
Alexander Auch Du, Nearchos? O, das könnte weh tun.
Nearchos Mach irgendwie ein Ende, daß die Bruft
Doch wieder atme! Nede einmal noch
Zu Deinen Männern, Söhnen Deines Stamms,
Daß fie den Anhauch Deiner Güte fpüren,
Und nicht mit gräßlichem Gemebel gleich
Empörend ihres Königs Zelt umbluten —
Anbraufend ein befinnungslojfes Heer,
Hartnädig rafend —
ſiehſt Du das Verderben?!
Alexander Mag hier zu tun und was zu laffen ift,
79
Weiß ich genau.
Und der mein Leiden kennt,
Iſt krank. Mein Leben gäbe ich für ihn,
Hephaiſtion!
(ein Bote kommt)

Bote Des Königs Arzt und Pfleger, Glaukias,


Läßt ſagen, daß ſeit einer halben Stunde —
Alexander Nun ſag's doch!
Bote Hephaiſtion ſich wie gerettet fühlt, —
Alexander (zitternd)
Hört ihr?
Bote Er blickt aus klaren Augen wieder hoch,
Und Hoffnung iſt, daß er des Abgrunds tiefſter
Erſchüttrung und Gefahr entrann —
Alerander Ihr Götter —
Ihr Rettenden, ich dank Euch, dank Euch endlos!
Bote Hephaiſtion läßt ſeinen König grüßen:
Er ſei ihm nah mit den gereinigten,
Den Kräften der Erfüllung ſeiner Seele.
Das waren ſeine Worte.
Ulerander Die Botſchaft macht Dich reich! Du Glücklicher!
(Bote ab)

So kommt Erlöſung!
Nearchos Hörſt Du nichts?
Alexander Mag denn?
Nearchos Da, vor dem Zelt!
(Stille)
Ein dumpfiger Zumult —
Und Waffen!
Eumenes D — das fammelt fih! —
Nearchos Es rollt! —
Wo ftehen Deine Berfer?!
Alexander (gefpannt laufchend)
Meine — Perfer? —
Die ſtehen weit. Senfeits des Fluffes.
80
2 Nearchos Wasl!
Jag den Befehl hinüber, daß ſie kommen!
Alexander (immer lauſchend)
Warum?
Neaearchos O gräßlich! Die Verwegenheit!
Du ſollſt Dich ſchützen! Dich verteidigen!
Mach raſch! — Ich wage nicht hinauszuſehn —
Eumenes Sie könnten denken, niemand wäre hier —
Alexander Stille!
(er will ſich begeben, das Zelt zu öffnen, langſam)
Nearchos Geh nicht! es iſt zu ſpät!
Eumenes Schon wieder —
Nearchos Schon wieder Waffen —!
Aleranber! Eilig!
Derfuche dort den Fleinen Ausgang, mo
Leibwächter ftehn — fehnell, fehnell — fie werben ftürmen.
Sch hör's!
Alexander Du hörſt fehr fein. Ste mögen fommen.
Sch warte fehon zu lange!
(Koinos kommt durch den feitlihen Eingang. Er fieht nieder. Er trägt
fein Schwert in der Hand, und legt es jeßt zu Boden vor den König
nieder, nimmt den Helm ab und legt ihn daneben. Er geht zur hinteren
Zeltwand: fie öffnet fih. Man fieht Mafedonen, endlofe Scharen und
Waffen vor ihnen aufgetürmt zu Haufen. Beherrfcht durchdringende Stelle)

Alexander (regungslos)
Was wollt Ihr?
Eumenes (ſtellt ſich ganz zur Seite, daß er kaum noch zu ſehen iſt)
Koinos (ſchwer)
Du ſiehſt es.
(er kniet)
Wir weichen nicht, bis Du verziehen haſt.
Alexander (faſt unter Tränen)
Und ſo im Gnadeſuchen trotzig noch —?
Koinos (freier und heftiger)
Die Perſer küſſen Dich! Nie haſt Du uns
Den Kuß erlaubt!
Wo iſt ein Makedone,
6 Al. 81
Ein alter Krieger, der den König küßte?
(weniger frei)
Wo iſt ein Tapfrer aus der Heimat, den
Der König Bruder nannte?
(Stille)
Mir trugen diefe Qual nicht länger. Niemand
Wagte fich gegen Dich hinauf.
(Stille)
Mir unterwerfen uns.
(Stille)
Alexander (leis)
Mein Koinos, Unverftändiger und Guter,
Rührender Geift — ſteh auf — komm her —
Küſſe mich.
Koinos (tut jo, fait ängftlih; fteht einen Augenblick, läuft dann
in die Seltöffnung und fchreit hinunter, hinaus)
Habt ihr’s gefehn?
Ihr verdammten lieben Kerle?
Sch küßte den König!
Die Veteranen (Iprengend)
Alerandros!
Alexander (bebend)
Ihr ſeht mich angegriffen
Bon eurem Troß und treuen Weſen —
Mein Wille ift Geſetz euch,
Und alfo geb ich Gnade!
Don Stund an heißt ihr meine Brüder!
Die Veteranen Lobt den König!
Gemwaltiger,
Schöner fteht niemand!
Ende fei
Allbefreiend
Des unfeligen Streiteng heute!
Alexander Sch halte meine Tränen nicht mehr,
Ihr böſen Kinder!
Kommt, kommt her, und küßt mich!
(beginnt ein freudiges Stürmen ins Zelt. Viele küſſen den
König, gehen teils wieder. anderen Platz zu machen, teils
halten ſie ihn umringt)
82
Eumenes Erſtaunlich! Alſo wird die ſicherſte
Erwartung doch getäuſcht!
Nearchos Mann! Gehe auf
Die Knie und preife diefen Gott!
(er fchlägt die Hände vors Geficht)
Eumenes Was ſoll's?
Alexander (zu einem der Leute)
Dich kenn ich auch, Du alter Eber — Hört,
Ich gebe jedem ein Talent, der in
Die Heimat wegzieht, jedem ſeinen Sold
Bis auf den Tag, da er im Vaterhaus
Am frommen Herde ſtaunend niederbebt!
Die Veteranen Sieg dem König!
Heilige Tränen
Weinend ſtrahlt er
Seine Brüder an!
Alexander Und wißt ihr was? Da pappeln viele Kinder,
Die ihr von hübſchen Perſerinnen habt —
Den Kleinkram halt ich hier, und zieh ihn groß,
Damit nicht eure lieben Ehefrauen
Zu Blitz und Zank Gelegenheiten finden!
Koinos Der König hat für alles ein Gedächtnis!
Alexander Die Söhne aber der Gefallenen
Sind meine Söhne.
(tief geneigte Stille)
Die Veteranen Dank dem Beherrſchenden!
Er hat uns wieder!
Alexander (ſich aus der Umringung löſend)
Sonnenwolkiges Feſt der Verſöhnung!
Heute beſchreit ich die ſelige Höhe
Göttlich feſt und leicht und feuerwirkend —
O! Jetzt widerſtrebt mir nichts mehr!
(Hephaiſtion wird auf ſeinem Lager ins Zelt getragen. Goleite
vor und hinter ihm)

Begleiter Hephaiſtion, o Herr, hat ſich gewünſcht,


Den König anzuſehn. Und Glaukias,
Dein Arzt, war eben fortgegangen. Da
83
se; V u

- 5

Entſchloſſen wir uns, den Geneſenden


Mit aller Vorſicht hin zu Dir zu tragen.
(Stille)

Alexander (behutfam näher tretend)


Aber, Du Liebfter, doch im Augenblick
Wär ich bei Dir gewefen! Hörft Du?
Eine Seele faßt nicht
Die Welt und alle ſüß
Zeriprengende Schauderfreude!
Nicht wahr?
Hephaiſtion (liegt regungslos)
Alexander (zittert plößlih und ſchwankt, und rennt wie gejagt in die äußerfte
Ede des Raums. Er macht wiederholt die herrfchende Bewegung des
ganzen Arms, die alle hinausbefiehlt. Da fih niemand rührt, mit
gewaltiger Anftrengung, erftidt)
Fort! fort, fort! Alle!
(Wie auseinandergefet ftürzen alle aus dem Zelt, die meiften nach
hinten, wenige feitwärts. In Eurzen Sekunden ift niemand mehr da.
Das Zelt bleibt offen; die haufenmweis gelegten Waffen liegen noch,
fihtbar)
Alexander (fteht Eeuchend, läuft dann plößlih auf Hephaiftion zu, tippt mit
dem Finger auf deſſen Hand)
Hephaiftion?
(Stille, dringender)
Hephaiftion?!
(er bückt fich, richtet fich wieder auf, und fteht ganz ruhig. Ebenfo
Iprechend)
Er schläft. Das ift recht. Er hat wohl manche traumlos gute
Ruhe nötig. |
(Er geht mit finnenden Schritten nun auf und nieder, nicht lange.
Fählings fährt er mit beiden Fäuften fih an den Kopf, zerrt durch
die Haare, und als wäre ihm alles zu eng, reißt fih vom Leib, was
er zu faffen befommt. Dabei, ausftoßend)
Das ift unmöglich! — Die Götter — können — Feine
Schurken fein! Ho! Das brennt! Das mwirbelt! Verdamm—
ter Strudel! — Feuer! Da! Feuer! Das Zelt Flammt!
(er reißt an Wandbehängen, wütet und wüſtet befinnungslos alles
durcheinander)
D! Du ſchmutziger Olympos — Da bin ich! Oben!
(er fteht auf einem Haufen Xeppiche oder mas fonft)
84
Seht kommt! Ihr Befinnungslofen! Die man Götter
nennt! Tiere! Wild brüllende!
(Stille)

Und alles Elend!


Alle Schmach,
Alles Verfluchte
Urgemeine —
Alles ewig
Freſſende kommt
Zügellos ſchmerzend
Ungeheuer über mich nieder!
(er ſtürzt zuſammen, rafft ſich ſogleich wieder auf,
und ſchleppt ſich zur Bahre)
(anft)
Holder Liebling!
Anſehn wollteſt Du mich — Ach!
Sterbend haſt Du gelegen
Ganz allein mit fallenden Worten!
Niemand ſchaute die raubende Wahrheit!
Leiſe gingſt Du dahin, weit fort,
Aushauchend Du den köſtlichen Atem!
Aber wie ſtand ich fern!
Steigend unſelig
Hoch im Donner
Des Triumphs — nein!
Nein! Hephaiſtion!
Höre, höre mich! So
Biſt Du doch nicht tot!
Sinnberaubt
Wühlend in gräßlich
Unfaßbarer Qual
Glüh ich vor Deinem
Schimmernden Antlitz!
Und der raſende
Jammer zerreißt
Rettungslos zu Fetzen mich!
85
Mein Hephaiftion!
Offne einmal noch)
Mir die zaubernden Augen!
Schenk mir, füßer Freund,
Nur ein einzig Lächeln wieder
Don mweisfagenden Lippen —
D Du Befter unter den Menfchen |
Graufam vollendet!
Sieh mich an!
Höre mich flehen bier!
Nimm von meinem Leben
Mas Du willft — Nimm alles!
Eile Dich, Freund!
Allzu bald
Kann es ein flarrer Klumpen fein |
Ausgebrannt in taufend Schmerzen! |
Derfuch’s! Hephaiftion! |
Einen Blick nur! |
(er macht fich zögernd an die Augen des Freundes und ver:
fucht die Lider zu heben. Erſchreckt zuckt er zurüd) |
(kalt)
Das iſt der Tod, |
Unzweifelhaft bejtimmt.
Und fo ift alles gänzlich
Ausgefchüttet leer und öde!
Flackernd hock ich totenklagend
Leichenwachend in der großen
Ausgedörrten Zrauerfremde
Bald verfteinert, allverwüſtet,
Lebenlofes Leben |pottend —
Und endlich verfchwunden!
(heftig)
D! dies Ende!
(mit Efel und finfend)
Sch will mich felbft nicht mehr.
(er fällt über die Leiche zufammen, Stille)
(Eumenes Eommt, hinter ihm Shaldäer aus Babylon. Eumenes fieht
fih vorfihtig um, fehleiht zu Mlerander)
Eumenes (leiſe)
O Herr, vernimmſt Du mich?
(er tippt auf Alexanders Rücken)
He!
(er wendet ſich)
Ihr habt den König aller Könige,
Habt Alexandros vor euch, weiſe in
Vertiefter Andacht. Redet euren Spruch.
Denn ſcharfgeſinnt lauſcht der Großmächtige.
Ein Chaldäer O Herr, wir Prieſter unſres Gottes Bel
Verkünden ſeine Warnung: Gehe nicht
Nach Babylon. Ein unbekanntes Übel
Erwartet Dich in diefer Stadt. Und wenn
Du dennoch Deiner Abficht folgfam bift,
D Fürft der Welt! — des Gottes Spruch verlächelnd:
Dann achte diefes einen immerhin,
Daß nicht gen Weften fchauend Du die Tore
Durchſchreiteſt. Grade gegen Often blickend
Sollft Du die große Mauer zögernd angehn,
Wo fie am meiteften vom Strom entfernt
Die prangenden Paläfte mwuchtig. ſchützt.
Eumenes Er hat's vernommen. Jetzo ftört nicht länger.
Der König hat auf feiner Stirn fehr fchnell
Den göttlichewilden Unmut, wenn zuviel
Don dunkler Warnung fich in feine Pläne
Verftrickt. Der unbefiegbar Starke fällt nicht:
Das ift fein Weſen. Nur zumeilen zwackt
Ein Fleines Kinderleiden feine Seele —
(die Chaldäer hinausgeleitend, Eehrt er fich halb um)
Nicht wahr?
(ab)
Nah einer Weile gänzlicher Stille
langjamer Vorhang.

87
VII
Babylon. — Im Garten des Föniglichen Palaftes.
Alerander auf prunfvoll erhöhtem Thron ruhig fißend. Bei ihm Nearchos, Koinos,
Eumenes, auf Schemeln mit Silberfüßen. Weiter in geordneten Abftänden, ein
großartiges Gefolge, ftehend: Somatophylakfes, Strategen, Satrapen; Gefandte
der verichiedenften Völker; Eunuchen und anderes Gefinde,
u

Ylerander Ich bin zufrieden.


Ihr hattet wenig Zutraun alle —
Doch mein Gedanke fteht bezeugt
Sn ftraffe Wirklichkeit verwandelt:
Die zwanzigtauſend frifchen Perfer,
So zugeordnet ben fechstaufend
Bewährten Mafebonen: Das
Macht einen herzgeſunden Kern
Des unermeßlich meiten Heeres.
Eumenes Unfehlbar trifft und finnvoll Dein Entſchluß.
Alexander Sch ſehe gut.
Und was ich fah, hat mich bewogen,
Die fechzehn Glieder der Phalanx
Nicht mehr aus Schwergemwaffneten
Allein zu bilden — nein!
Vorweg drei Glieder Mafedonen,
Mit Schild und breitem Schwert und Panzer;
Zwölf Reihen leichter Perfer dann;
Und drauf dag letzte Glied voll Wucht
Aus Eifen wieder: Makedonen.
Wo immer diefe Truppe Fämpft —
Sie wird von mir befehligt fein .
Alfo befchließe ich die Heerfchau,
Mit der fich unfre Vorbereitung
Künftiger Siege heut vollendet.
Nearchos Nun aber günne Dir Erguidung endlich!
Haft Du nicht unabläffig prüfend, Tag
Und Nacht gedankenvoll, Dich faft verzehrt?
Alexander 's ift wahr. Der Schatten einer Müdigkeit
Beläftigt mich.
88
Laßt uns denn gehn und heiter
Im hellen Marmorwaſſer die Erfriſchung
Des lange angeſtrengten Weſens finden.
Heut abend, Fürft Nearchog, geb ich Dir
Dein Abfchiedsmahl. Und wahrhaft Föniglich
Soll's hergerichtet fein: Ein Feft der Treue.
(Belebter)
Morgen dann grüß ich Dich
Heilig vom Ufer des Stroms,
Wenn Du mit all meinen Schiffen
Glücklich im Flattertanz
Zahllofer Wimpel
Meermwärts ruderft!
(Stille)
Tags drauf ergreif ich das gefamte Heer
Und führe es gen Welten. Meine Pläne
Sind einzig mir befannt. Doch jeder ſieht,
Daß ung der aufgeweckte Often, meit
Von Troja bis nach Indien, kaum die Hälfte
Des unerläßlich wahren Ganzen ift.
Mit halben Taten aber wollen mir
Uns nicht den Ruhm und die Gefinnung fälfchen,
Indes wir bie Notwendigkeit betrügen.
Mein aufrichtiger Koinos wird fich heut
Und morgen beutlich von der Marfchbereitfchaft
Sämtlicher Truppen überzeugen.
Koinog Herr,
Ich Kenne ben Befehl; und Du vertrauft mir.
Alexander Mein Eumeneg, ich fpreche noch vor Abend
Die legten der Gefandten jener Völker,
Die ihre Zukunft fehn in meiner Stärke.
Eumenes Noch harren, von Stalien fommend, bie
Etrusfer; ziemlich grobe, ernfte Männer.
Zum zweiten Male Dich zu grüßen wünfchen
Die Römer fich. Sie fcheinen unbefriedigt.
Es handelt fih um arme, zähe Leute.
Mit viel Geduld erwarten die Karthager
89
Die hohe Sonne Deines Angefichts —
Höfliche Menfchen, mit Berechnung redend.
Und ferner die — die Kelten, fonderbare,
Halbwilde Kreaturen, die mir kaum
Berftändlich machen konnten, wo fie wohnen.
Sonft niemand von Bedeutung. Alle mit
Geſchenken.
Mlerander Und die Griechen, die Athener?
Eumenes Freilich, die auch. Ich hab ſie überſehn.
Sie kommen, um in Dir den Gott zu ehren.
Alexander Die kommen mir zuletzt, die müden Heuchler!
(er ſteht auf)
Mein Atem
Bläſt durch die Welt! Wer
Ahnt des kommenden Sturms
Ernſte Gewalt, erlöſend?
(Stille)
Mein erſtes Leben endet ſich
Mit ſeelenfreſſendem Schmerz.
Ich hab getan, was zu erfüllen war.
Entzündet hab ich mich und meine Dinge.
Die Flamme wuchs, die jugendreiche, G
ee

Mit gelben Strömen zielend brach ſie


Ins lang geballte Dunkel — jählings
Stampften aus brennendem Schlaf
Die Maſſen auf und tobten
Urmächtig brüllend umeinander —
So alles Schwere — O! Ihr Götter —
Beflügelte mit meinem Zauber ſich
Und ward ein andres!
Jetzt
Aber hebt mein zweites Leben an,
Wie die Sonne glühend aufrollt — Die
Hat ihr Leuchten bei ſich, und
Keine Freiheit!
Morgen iſt der erſte Tag! Ich
Bin die Welt!
Das ſoll ſich erweiſen.
90
(Er legt Purpur und Diadem ab, feitwärts über die
Lehne des Throns, und begibt ſich zu gehn. Plöglich
haltend und den Nearchos faffend:)
Geht voraus und wartet.
(Das gefamte Gefolge ab. Die Eunuchen bleiben wie fie fanden in der
Nähe des Throns. Eumenes und Koinos ftehen jo weit wie möglich ent-
u"
fernt und fprechen leife miteinander.)

Nearchos Ich ſeh Dein Auge voller Dunkelheiten —


Alexander Und ohne Tröſtung liegt mein Innres ſtöhnend:
Nun ich des Freundes Wohlgeſtalt verbrannte,
Verbrannt ich alle Freude mit — Sch weiß,
Daß meine Seele in der Aſche fucht
Und fehreit, mit ungemeßnen Qualen hadernd —
Und dennoch fange ich fie nicht zurück
Ins neue götterlofe Dafein wieder —
O nein, mein alter Freund, ich muß wie tot
Sn die Vollendung meiner Herrfchaft gehn —
Geliebt von Feiner füßen Flaren Seele,
Bon feinem Feind beftritien und bedrängt —
Nearchos! Willft Du mein Gefchic erkennen?
Aufhören mußte ich zu lieben! Sch!
Und fag Dir alfo, was es auf fich hat
Mit diefer Einfamkeit:
(leife)
Sch bin Fein Menfch mehr!
Nearchos (ängſtlich)
Komm! Komm!
Alexander Das ſchweigt nun alles.
(Alexander und Nearchos ab)

Eumenes Die flüftern allerliebft! Haft Du bemerkt,


Wie mitten im Gefpräch der König plößlich
Ein finftres Funfeln ung herüber jagte —
So unter wild gefrümmten Brauen meg,
Mie wir dag Fennen?
Koinos Ich bemerkte nichts.
Eumenes Wir ſollten auf der Hut ſein. Wo iſt noch
Vernunft? Was ſoll das neue Unternehmen?
9]
Koinos
Eumenes Bier | —
Koinos Du Per bieNas im— —
Je weniger Du ſiehſt, ſo beſſer geht's.
Koinos Der Gorgos, unſres Königs Waffenmeiſter,
Schleift beßre Witze als der hochgelobte
Strateg des Königs, namens Koinos. —
Koinos So. —
Eumenes Er weiht dem Alexander, Sohn des Zeus, a
Dreitaufend Münzen echten Goldeg, reizend
Zu einem Kranz geringelt, ferner taufend
NRüftungen, taufend Katapulte und
Soviel Gefchoffe als man träumen kann —
Denn er, der König — Nun, was meinft Du?
Koinos
Eumenes — wenn er Athen belagern will!
Koinos Verrückt.
Der Waffenmeiſter iſt ein reicher Mann,
Und könnte noch verdienen bei dem Handel.
Eumenes Vor zwanzig Jahren hätt ein König ſo
Zu ſprechen nicht gewagt wie dieſer Gorgos.
Mich wundert, daß der Hafen, den man baut,
Nur tauſend Schiffe faſſen ſoll und nicht
Zehntauſend.
Koinos Sag, was willſt Du eigentlich?
Eumenes Haſt Du gehört, was der Peithagoras,
Der Opferſchauer, vorverkündete?
Koinos Den Tod Hephaiſtions. Das weiß doch jeder.
Eumenes Nun alſo. Der iſt tot; und jetzt ein Heros.
Nein, höre mich: Peithagoras hat auch
Um — Alexanders Leben laſtende Sorge!
Koinos Er ſoll doch ſeinen Dreck bei ſich verwahren!
92
Eumenes Dreck oder nicht — die Leber von dem Tier,
Das er beſchaute für den König, die
War ohne Kopf.
Koinos Du lügſt!
Eumenes Bewahre! Nein!
Ich wäre froh, wenn dieſes ſchlimmſte Zeichen
Niemals geſchehen wäre!
Koinos (übertrieben wegwerfend)
Was auch weiter!
Iſt Alexander nicht von den Chaldäern
Beſchworen worden, nur gen Oſten blickend
Sn dieſe Stadt zu ziehn? Sonſt käme Unheil?
Jetzt leben wir ſchon lange gute Tage
In dieſem ſinnverdrehten Babylon:
Gerade gegen Weſten blickend ſind
Wir eingezogen, und kein Unheil kam.
Eumenes Wer weiß. Wir wollen für des Königs Leben
Ein großes Opfer halten. Jedenfalls,
Uns, den Vertrauten des gewaltgen Herrſchers,
Gebührt der Vorblick in die ſchwere Zukunft.
Was ſoll uns werden, wenn — wenn Alexander —
Nun — Du verſtehſt mich.
Koinos Wenn der König ſtirbt,
Dann ſtürzt der Himmel ein! Du dürrer Narr!
Ich habe Alexanders Jahre doppelt
Und bin geſund!
Eumenes Du biſt gedankenlos.
Die Frage iſt: was tun wir, wenn der König —
(er macht ein Zeichen, indem er ſich die Augen zudrückt.
Stille)
Kein Erbe, und kein letzter Wille — Nichts.
Ein Weltreich nur — und dort ein tapfrer Mann —
(auf Koinos zeigend)
Und hier ein kluger Mann —
(auf ſich zeigend)
Zwei Männer alſo.
Koinos (auffahrend)
Bevor ich Dir von Alexanders Reichen
93
Nur einen Fetzen laſſe —! Sieh Dich vor!
Sch fchlag Dich eher tot!
Eumenes Set kenn ich Dich!
Koinos Und wenn es einen gibt, der hohen Lohn
Derdient — dann wäre dieſer Semand: Sch!
Eumeneg (meichend) |
Du plumper Knochenhaufen, nichts verdienft Du!
Koinos (ziehend)
Ich will Dich lehren, wie ein frecher Schreiber
Mit mir zu reden hat!
(verfolgt ihn)
Eumenes Ich ſchrei um Hilfe!
(ſie laufen, haſten um den Thron herum)

(Plötzlich erſcheint ein zerlumpter, mit zerriſſenen Ketten noch behangener


Menſch, ungehindert durchgeht er die Reihen der Eunuchen, die nach per—
ſiſcher Sitte ſich nicht rühren dürfen, ſetzt ſich auf den Thron des Königs,
legt Diadem und Purpur an, und ſtarrt vor ſich hin. Koinos und Eumenes
ſprachlos. Entjeßen der Eunuchen.) 4

i
Koinos (plötzlich ſchreiend) N
x
Verbrechen!!
(will an ihn)
Eumenes (flüſternd) %
A
Siehſt Du nicht, daß dieſer von
Den Göttern kommt? Rühr ihn nicht an! Gefahr!
Fühlſt Du das Schiekfal nicht?!

-

Koinos Entſetzlich! Rede!


Du Ungeheuer!
(während der letzten Worte Alexander, Nearchos, Gefolge)

Alexander (gedankenvoll, geſenkten Hauptes näher kommend)


Es wollt nicht helfen — Nein — ich ſchwamm ſehr ſchlecht —
(er ſieht auf, erſchrickt, verhüllt ſich, heftig:)
Was hockt da oben?
(ſich zeigend)
Was für ein grauenhafter Frevel!
(Stille)
Befragt den Sinnberaubten!
94
Koinos Sterben muß er!
Nearchos Mie heißt Du? —
— (Stille)
Woher kommſt Du?
(Stille)
Dort, was willft Du?
(Stille)
Der Menſch (ftierend)
Dionyjog heiß ich,
In Mefjene gebar mich die Alte,
Angeklagt durchftöhnt ich die Schiffe,
Brüllend, unten ang Ruder gefejjelt —
Da erlöft mich der Gott, Serapis!
Frei in Ketten komm ich vom Strand ber,
Folgend des Gotts erlauchtem Befehl
Seßt ich mich hin und nahm den Purpur,
Nahm das aufbligende Diadem —
Harren muß ich allhier, ſitzend,
Heilig, Dionyſos, hier —
Bis an die fchlingenden
Tore des finftren
Blutuntergangs.
Alexander (kalt)
Nun — macht ihn auf die Folter. Wenn ſein Wahnſinn
Sich ausweiſt, laßt ihn laufen.
(der Hockende wird gepackt und abgeſchleift)

Alexander Eumenes —
Stehſt Du nicht wie ein Bettler da und lauerſt?
Als mein Hephaiſtion noch liebte, hab
Ich nie geſehn, wie häßlich Du doch biſt.
Eumenes (wild flüſternd, zu Koinos)
So bald kommt meine Stunde!
(ab)

Alexander (auf und nieder gehend. Alle ſtehen weit, gleichſam


in die Ecken geflüchtet, von ihm weg.
Er hält inne. Herriſch!)
Was fürchtet ihr?
25
Auf die Kiniee, alle!
(fie tun’s)
Morgen geht die Flotte,
Übermorgen gebe ich.
(Stille)
(finfter)
Sp glücklich eingefügt in gute Ordnung,
So leicht gefchehend durch Beſonnenheit
Mar unfer Eönigliches Tun — noch nie.
(er geht mit ftarfen Schritten ab)

96
Babylon. Im Palaft. Gegen Abend. |
Das Gemach des Königs wird duch einen Vorhang dem Blick verborgen. Den
Wänden entlang leifes Gedränge von Makedonen und Perfern. Nearchos kommt
mit haftiger Eile, geht hinein; der Vorhang fällt hinter ihm zu. Stille.
Nach Eurzer Zeit erfcheint— abermals fällt der Vorhang hinter ihm zufammen —
der Admiral mit dem Ausdrud höchſten Schmerzes.

Nearhos Er Spricht ung nicht mehr anl


Er liegt verftummt! In fiebermwilder Hitze
Leis ftöhnend — Ach! Fein Wort, kein Sinn erlöft fich
Don biefen ausgebörrten Lippen mehr!
Endgültig ift die Abfahrt feiner Flotte
Verfchoben! Alles wartet, alles bangt
In gräßlich aufgefchwollner Angft und betet!
Die Stadt ift voll verzagten Sturms und fchaubert,
Sn blutgen Schatten furchtbar fchwanfend — Götter!
Erlöfung! Haltet ihn im füßen Leben!
Zitanen bäumen fich zum Zodverderben —
Es wird ung alle fehlingen und zerfnirfchen!
(zu den Mafedonen)
Mas wollt Ihr?
Die Mafedonen _ (leife)
Laß ung den König fehn,
Ung treuevoll grüßen, ihn —
Alerandrog!
Nearchos Habt Hoffnung —
(Koinos kommt, den Eumenes führend unter der Bewachung einiger Makedonen)
Nearchos Seid ihr von Sinnen?!
Koinos Nein, durchaus nicht.
Nearchos Mann!
Koinos Ich hab geſehn, wie dieſer Heuchler anfing,
Die wichtigſten Papiere zuverbrennen —
Near ch os Halt Dich zurück von ihm!
Koinos Er bleibt Gefangner!
7 2. Al. 97

u”.
LET
Nearchos Der König ftirbtl! Und ihr, ein Dred, ein Ekel —
Ihr zankt und hadert!
Koinos Alerander lebt!
Und: diefer Schuft wird fterben!
Nearchos Eumenes —|
Was fällt Dir ein! Mit blödem Feuer an
Die fchriftlichen Erlafje Deines Königs?!
Eumenes (unmerklich vortretend)
Davon verftehft Du nichts, o mein Nearchos.
Nearchos Mach Eeine Sprüche!
Eumenes Nein, das tu ich nicht mehr!
Ich habe das Vergangne, alles, jedes!
Dom erften Tag big auf die heutge Stunbel
sch hab eg fchriftlich! fauberft eingeordnet —
Das ungeheuer Unergreiflihe —!
Nearchos Wir kennen Dein Berdienft. Du ftehft gerühmt
Bor allen andern!
Eumenes Mein Verdienft, das Eennt ihr!
Don meinem rauen aber ahnt ihr nichts!
Sch hab's vermwidelt, eingehüllt, verfchlichen,
Daß fein erlauchter Dummfopf eg bemerfte —
Sch hab's mit mir herumgetragen, leiſe
Durch all die überfüllten Jahre vorwärts —
Ich trag's nicht länger!
Nearchos Eumenes, Du redeft
Unfinnig unverftändlich! Und wahrhaftig,
Der Augenblick ift nicht gemacht, um Dich
Und Deine Eleinen Nöte zu gewahren!
Eumenes Sch hab gefchmwiegen — O Nearchos! Keiner
Verſchwieg jo vieles und fo tief! Jet aber —
Sebt aber muß ich einmal reden! Einmal muß
Die Qual des Eumenes ausbrechen und
Die nadte Welt erproben —
Mas? Ihr Zölpel!
Bon euch weiß niemand, was gejchehn ift! Niemand!
Ich aber weiß es furchtbar und genau!
Sm Zwang des größten Toren, der da drinnen
98
Y
TIER
>

Zu ſterben endlich ſich entſchließen muß,


Hab ich gelebt, entſetzlich wehrlos! ich!
Und habe Wort um Wort ſein blindes Planen
In ſinnlos klare Herrſchaft umverwandelt!
Erkennend die Verrücktheit dieſes Tuns
War ich in eben dieſem Tun gefangen
Und diente wider Willen willenlos —
Und alles wuchs und trieb und türmte ſich —
Nearchos Schweig endlich! Gottverlaſſenſter der Menſchen!
Eumenes Ich war ein ſehr gelaßner Menſch, und treu —
Trotz meiner Klugheit! Aber jetzt — Ihr Götter!
Jetzt haſſe ich und ſchreie was ich kann,
Daß dieſes Ungetüm da drinnen ſtirbt!
Der Menſchenfreſſer! Löwenjäger — Ah!
Ich hab den Wahnſinn ſchriftlich! Und ich ſag's,
Ich ſpeie, hetze Feuer über ihn,
Daß nichts von dieſer Herrſchaft übrig bleibt,
Indes der König — heimkehrt zu den Vätern!
Nearchos Mas ſoll das alles! O! Die Welt verkrümmt ſich!
Vielleicht in einer Stunde ſchon liegt alles
In wüſte Schwärze weggetaucht — und wir?
Mir ſtammeln unfren Unfinn rettungslos!
Koinos Sei ftille. Denn ich fage Dir: Der König
Sit halb fo alt wie ich, und wenn er will,
Dann fteht er auf, und fehüttelt fich, und jagt
Das Fieber fort bis an den Kaufafus!
Die Makedonen Zeigt ung den König!
Seinem Blick iſt Wahrheit
Gefchenft, und wir
Darben in gräßlichen Fragen!
Nearchos Heut morgen hat er fich zum erftien Mal
Nicht mehr ang Opfer tragen laſſen, hat
Nicht mehr gebadet — hat nicht mehr gefprochen:
Sch ſehe, daß er fterben muß! Sch fehe,
Daß ihm fein Erbe aufgewachlen ift,
Und daß mit feinem Wort enträtjelt wurde,
Mer herrfchen Soll — Wenn — wenn — ihr Götter!
7e
>
n Si na n
mi
b tY e Ki ,—— i UL
— wi
Eumenes So öffneft Du, Nearchog, m die, Augen -—
Zu ſpät.
Was war denn dieſer Mann fürWut und gene? A
Sch hab den Augenbli des Tods rei
Gefehnt mit allen peinlich böfeften Kräften, —*
Und meine Rache dachte ich zu üben,
Weil dieſes Alexkanders Brand und Größe
Mißhandlung warl! |
(er ftodt) '
Nun ift es denn fo weit —
Doch unfer armer Eumenes — verbrennt
Bon allen Löniglichen Worten Feins mehr —
(ruhig)
Im Zwang des Toten wie Lebendigen
Ermartet er fein eignes Ende und
Entfchließt fich, bodenlos, den Wahnfinn eines
Erftaunt verlofehnen Herrfcherg, nach ber Sitte,
Gelaffen zu vertei —
dal dal eg kommt! “
(der Arzt winkt durch den Vorhang und redet ein Wörtchen mit —

Nearchos Geht leiſe, einer nach dem andern.


(der Vorhang bleibt zur Seite gerafft. Alexander, liegend, wird Höre

Alexander (hebt ſich plötzlich)


O Zeus! Zeus Ammon! Vater!
Mie verleugneft Du
Deinen Sohn!
(er fällt zurüd)
(Die Makedonen, im Begriff fhon, hinein zu gehn, ftoden jetzt)
100
Alerander (kaum hörbar)
Kommt.
(ſie gehen hinein, unbeholfen auf Zehenſpitzen, einer nach dem
andern, und küſſen ſeine Hand)
Koinos (erſtaunt)
Nearchos, Du? Man muß ihm helfen, glaub ich.
Nearchos (zitternd)
Haft Du gehört? Er hat die Stimme mieder!
Sein Auge ift voll ungeweinter Tränen
Und grüßt — und — grüßt —
(er verhüllt fih und lehnt fich ſchluchzend andie Wand)
Koinos (plöglih auf den Knieen)
Nicht fterben! Alerander! eingelegt
Die Speerel Wehre Diehl Wir fchlagen ihn,
Den frechen Tod!
(Stille)
Alexander (jählingd aufgerichtet)
Noch ein — Mall — Sprache!
Nearchos (umfahrend, bei ihm)
Sag Deinen letzten Willen! Sag ihn mir!
Die Flotte — Indien —
Alexander (leife) Jetzt — (laut) die Phalanr — muß —
(ſchreit) DI
(liebend) Meine Welt!
(er finkt zurück)

(alle verharren in gänzlicher Erftarrung)

(3mei Chöre, ganz in grau, mit flürmifchen aber gefammeltem


Schritt von rechts mie von links. In der Mitte zufammentreffend,
den Leichnam der Anficht entziehend, fondern fie die drei Männer:
Nearchos, Koinos, Eumenes, gleihfam vom Lager des Königs ab,
und halten fie innerhalb ihres Kreifes, wo jeder von ihnen für fi
gefenkten Hauptes regungslos fteht, ohne in die nun anhebende Klage
einzuftimmen)

Alle Tod!
Erſter Chor Mehl
Zweiter Chor (ſchnell)
Weh uns!
101
Alle Weh ung allen hier!
(Stille)
Fraßftürzer Tod! Gräßlich
Schlundgähnend Elafft, lautlos
Brüllend von unten auf, Gift:
Schatten ausfpeiend, böfe
Dein umfchleichender Rachen,
geindlich, nach mweithin
Unfindbarer Notwendigkeit,
Aller Vernunft!

Erfter Chor D! Ihr! Dunkel Unfterbliche ung,


gern im hellen Geleucht
Erhabneren Lichte
Wolfen bewandernd, heilig!
Schenft ung Worte, einbrechend
Maß ing grimmoolle Wirrfal!

Zweiter Chor Macht ung reden, auffchreien


Zränentriefende Klagen,
Heilfam, Götter! Denn im ralenden
Brockengewälze des Schmerzes
Stöhnend zerreißt der Sammer uns!

Erfter Chor Köftlich ſtrömte — Felsjchaum


Bon Urväter Gebirgs
Lichtmutflirrender Höh —
AM durch die hügelnde Ebne
Tränkend der feftliche Strom
Seine Waffer!
Alerandrog!
Still fteht er nun!
Überquellen
Heimatlofe
Sluten, gierigen Sprungs
Glückwühlend, alles
Schlammgemwaltig ing Unheil
Wüſten fie fort, nadt
Beben die fterbenden Wurzeln.
102
3mweiter Chor Angftvoll ftarren die Völker
Meg ins antrampelnde Wüten
Taufendhufig hölliſch
Aufgeblähter Gewalten! Weh!
Trotz und blindmwilder Tumult
Mord und Hohn und Gebet
Kennen ftraßauf, ftraßab
In den Städten des Königs!
Schredensboten, im Fluge
Hangend auf fchmweißfliehenden Pferden
Keuchen die herafchlagende Kunde
All in die Lande des Königs, troftlog!

Alle Und die zeugende Sonne — D Grauen!


Sie verfinftert fich
Über den Leichen!
Rettung ung! Götter!
Euch, den Emigen, gleichend,
Kam blühenden Zorns
Morgenfelig der Heißgerühmte!

Erfter Chor Kräftig wie Feiner, in ftürmifcher


Schönheit unbefiegbar!

Zweiter Chor Herr des würgenden


Schwertgetümmels,

Erſter Chor Meifter der Zucht


Medenden Stachels
Bändigungsreicher Gejege!

Zmeiter Chor Fürſt und Führer


Aller aufglühenden Völker —

Alle Mehl

(der Halbkreis teilt Sich fo, daß der Leichnam fichtbar wird)
103
Jählings geftört
Ung entriffen
Liegt der Geraubte
Regungslos
Hingeſtreckt und ſtarr!

Alle Wolken
Und Wutgewitter
Weltfinſtrer Trauer
Schlagen Wahnſinn —
Brauſend auf uns nieder,
Näher ſchon unheimlich
Flackern uns die rauchenden
Fackeln des Verderbens an!

Haltet, ihr Unbegreiflichen,


Herrſcher des erznen Himmels —
Haltet uns in der Hoffnung!

Denn der Große


Urgewollte
Ließ uns alle
Sinnberaubt

Allein in ſeiner unvollbrachten Welt.


——er

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