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Der Heimweg

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Sebastian Fitzek

Der Heimweg
Psychothriller
Über dieses Buch

Es ist Samstag, kurz nach 22.00 Uhr. Jules Tannberg sitzt am Begleittelefon.
Ein ehrenamtlicher Telefonservice für Frauen, die zu später Stunde auf ihrem
Heimweg Angst bekommen und sich einen telefonischen Begleiter wünschen,
dessen beruhigende Stimme sie sicher durch die Nacht nach Hause führt -
oder im Notfall Hilfe ruft.

Noch nie gab es eine wirklich lebensgefährliche Situation. Bis heute, als
Jules mit Klara spricht.

Die junge Frau hat entsetzliche Angst. Sie glaubt, von einem Mann verfolgt zu
werden, der sie schon einmal überfallen hat und der mit Blut ein Datum auf
ihre Schlafzimmerwand malte: Klaras Todestag! Und dieser Tag bricht in
nicht einmal zwei Stunden an ...
Inhaltsübersicht

Motto
Motto
Anmerkung des Autors
Widmung
Prolog
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
22. Kapitel
23. Kapitel
24. Kapitel
25. Kapitel
26. Kapitel
27. Kapitel
28. Kapitel
29. Kapitel
30. Kapitel
31. Kapitel
32. Kapitel
33. Kapitel
34. Kapitel
35. Kapitel
36. Kapitel
37. Kapitel
38. Kapitel
39. Kapitel
40. Kapitel
41. Kapitel
42. Kapitel
43. Kapitel
44. Kapitel
45. Kapitel
46. Kapitel
47. Kapitel
48. Kapitel
49. Kapitel
50. Kapitel
51. Kapitel
52. Kapitel
53. Kapitel
54. Kapitel
55. Kapitel
56. Kapitel
57. Kapitel
58. Kapitel
59. Kapitel
60. Kapitel
61. Kapitel
62. Kapitel
63. Kapitel
64. Kapitel
65. Kapitel
66. Kapitel
67. Kapitel
68. Kapitel
69. Kapitel
Zu meinem Roman
Danksagung
Jede vierte Frau hat mindestens einmal in ihrem Leben körperliche oder
sexuelle Partnerschaftsgewalt erlebt.
Betroffen sind Frauen aller sozialen Schichten.

Hintergrundmeldung des Bundesministeriums für Familie, Senioren,


Frauen und Jugend am 02.02.2020

Eine Studie des Bundesfamilienministeriums hat ergeben, dass insbesondere


Frauen,
die in ihrer Kindheit häusliche Gewalt bei ihren Eltern erlebt haben,
mehr als doppelt so häufig selbst Opfer von häuslicher Gewalt werden.
Frauen, die sogar selbst Opfer von Gewalt durch ihre Eltern waren,
wurden als Erwachsene sogar dreimal so häufig Opfer von Gewalt durch den
Partner.

Astrid-Maria Bock,
BILD-Zeitung vom 27.06.2017
Seht ihr den Mond dort stehen?
Er ist nur halb zu sehen,
Und ist doch rund und schön.
So sind wohl manche Sachen,
Die wir getrost belachen,
Weil unsre Augen sie nicht sehn.

Matthias Claudius( 1740 – 1815 )


Anmerkung des Autors

Sämtliche Ereignisse in diesem Thriller entspringen selbstverständlich (und


glücklicherweise) nur meiner Fantasie. Den telefonischen Begleitservice für
Menschen, die sich nachts auf ihrem Heimweg unwohl fühlen, gibt es aber
tatsächlich. Die Idee stammt ursprünglich aus Stockholm, dort ist der Service
direkt bei der Polizei angesiedelt, während in Deutschland dafür anscheinend
kein Geld vorhanden ist und die Aufgabe von Ehrenamtlichen übernommen
werden muss. Auch deswegen hat diese wichtige Einrichtung leider häufig
um ihr Überleben zu kämpfen. Mehr Informationen finden Sie unter:
www.heimwegtelefon.net
All denen gewidmet,
denen Angst ein ständiger Begleiter ist
Prolog N ach all den Verletzungen,
die ihr an den empfindlichsten
Stellen ihres mit Blutergüssen
übersäten Körpers schon beigebracht
wurden; nach den Schlägen ins
Gesicht, auf den Rücken, in Nieren
und Unterleib, worauf ihr Urin für
Tage die Farbe Roter Bete annahm;
nach all den Schmerzen, die er ihr
mit Gartenschlauch und Bügeleisen
zugefügt hatte, hätte sie niemals
gedacht, so etwas jemals wieder
empfinden zu können.

Der Sex war der Wahnsinn, dachte sie im Halbdunkel auf dem Bett
liegend, aus dem der Mann, in den sie sich unsterblich verliebt hatte, bereits
aufgestanden war, um ins Bad zu gehen.
Nicht, dass sie viele Vergleichsmöglichkeiten gehabt hätte. Sie hatte vor
ihrem Ehemann nur zwei Liebhaber, doch das schien unendlich lange her. Die
negativen Erfahrungen der Gegenwart hatten die positiven der Vergangenheit
längst verdrängt.
Seit Jahren war alles, was sich im Schlafzimmer abspielte, für sie nur mit
Schmerzen und Demütigung verbunden gewesen.
Und jetzt liege ich hier. Atme und rieche den Duft eines neuen Mannes
in meinem Leben und wünsche mir, die Liebesnacht würde wieder von
vorne beginnen.
Sie war über sich selbst erstaunt, wie schnell sie sich ihm anvertraut und
ihm von der Gewalt erzählt hatte, unter der sie in ihrer Ehe litt. Doch sie
hatte sich vom ersten Moment an zu ihm hingezogen gefühlt, als sie seine
tiefe Stimme gehört und ihm in warme, dunkle Augen gesehen hatte, die sie
anblickten, wie ihr Ehemann sie noch nie betrachtet hatte. Offen, ehrlich,
liebevoll.
Beinahe hätte sie ihm sogar von dem Video erzählt. Von dem Abend, zu
dem ihr Ehemann sie gezwungen hatte.
Mit den Männern.
Vielen Männern, die sie misshandelt und gedemütigt hatten.
Kaum zu glauben, dass ich mich noch einmal in meinem Leben
freiwillig einem Vertreter des »starken« Geschlechts hingegeben habe,
dachte sie und lauschte auf das Rauschen der Dusche, in die ihr Traummann
verschwunden war.
Normalerweise war sie es, die nach ihrer »Benutzung« durch ihren
»Gatten« stundenlang versuchte, sich den Ekel vom Leib zu schrubben, doch
jetzt genoss sie den herben Geruch einer Affäre auf der Haut und wollte ihn
am liebsten für immer konservieren.
Das Wasserrauschen stoppte.
»Magst du noch etwas unternehmen?«, hörte sie ihn gut gelaunt aus dem
Bad rufen, nachdem er wohl aus der Dusche getreten war.
»Furchtbar gerne«, antwortete sie, obwohl sie keine Ahnung hatte, wie sie
ihrem Mann erklären sollte, dass sie noch länger ausblieb.
Immerhin war es …
Sie sah auf ihre Armbanduhr, doch es war zu schummrig, um das
Ziffernblatt zu erkennen. Abgesehen von dem Strahl, der durch den kleinen
Spalt der angelehnten Badezimmertür ins Schlafzimmer fiel, spendete nur ein
sanft illuminiertes Kunstwerk etwas Licht. Ein leicht gebogener
Samuraidolch mit grünlich schimmerndem Perlmuttgriff hing an der
Schlafzimmerwand, von zwei gedimmten LED -Strahlern angeleuchtet, die
allerdings auch nur für eine nachtlichtgleiche Atmosphäre sorgten.
Sie griff nach ihrem Handy, dabei fiel ihr Blick auf eine Leiste mit
Lichtschaltern, die direkt in den Nachttisch eingelassen waren.
»Einen Cocktail trinken vielleicht?«
Sie drückte den äußersten Knopf der Leiste und musste kichern, denn
offensichtlich war seine Funktion eine andere. Da das Laken verrutscht war,
konnte sie direkt auf die Matratze sehen, die nun in einem halogenblauen
Farbton leuchtete, was die Illusion erzeugte, als liege sie auf einer
Luftmatratze in einem Swimmingpool.
Sie setzte sich im Schneidersitz auf die Matratze, deren Wasserfüllung so
hell und leuchtend strahlte wie die fluoreszierende Füllung eines Knicklichts.
Zudem wechselte sie die Farben. Von Azurblau zu einem Phosphorgelb zu
einem blendenden Weiß zu einem …
»Was ist das?«, fragte sie.
Leise. Mehr zu sich selbst, denn im ersten Moment war sie ehrlich
erstaunt. Sie beugte sich nach vorne, um nun durch die Raute zu blicken, die
sich zwischen Schenkeln und Schritt bildete.
Oh, Herr im Himmel …
Entsetzt schlug sie sich die Hand vor den Mund und starrte auf die
Matratze, auf der sie vor wenigen Minuten noch einen Mann geliebt hatte.
Ich halluziniere. Ich sehe nicht wirklich, wie …

»Du hast es also entdeckt«, sagte eine fremde Stimme links von ihr. Und als
hielte der Unbekannte, der nun in der Badezimmertür auftauchte, eine
Fernbedienung, mit der er das Grauen steuern konnte, leuchtete das Bett unter
ihr blutrot auf. Der Anblick, der sich ihr daraufhin bot, war so entsetzlich,
dass sie sich am liebsten die Augen ausgerissen hätte.
Ja, sie hatte es entdeckt, wobei es keinen Sinn ergab. Ihr Verstand wollte
das Grauen nicht akzeptieren, einfach weil das, was sich ihr zeigte, jegliche
menschliche Vorstellungskraft sprengte.
»Wo ist er? Was hast du mit ihm gemacht?«, schrie sie den Fremden an,
lauter als je zuvor, während das Monster in Menschengestalt mit einer
Spritze an das Bett trat und süffisant grinsend sagte: »Vergiss jetzt mal bitte
deinen Liebhaber. Ich finde, es ist an der Zeit, dass du mich kennenlernst.«
1
Jules Tannberg

J ules saß am Schreibtisch und dachte darüber nach, dass das Rauschen in
seinem Ohr perfekt mit dem Blut an der Wand harmonierte.
Auch wenn er auf Nachfrage nicht hätte erklären können, woher diese
morbide Assoziation kam. Vielleicht, weil das Geräusch, das er über
Kopfhörer hörte, an eine Flüssigkeit erinnerte, die sich durch eine Verengung
kämpfte.
Wie Blut, das einem sterbenden Menschen aus den Adern strömt.
Blut, mit dem man Schlafzimmerwände beschmieren konnte, um der Welt
eine Nachricht zu hinterlassen.
Jules wandte den Blick vom Fernseher, der in Großaufnahme die rot
verschmierten, grotesk großen Ziffern über dem Bett auf der
Schlafzimmerwand des Mordopfers zeigte. Die Handschrift des Kalender-
Killers. Ein »Ich war hier, und du kannst froh sein, dass wir uns nicht
begegnet sind«-Gruß.
Denn sonst würdest auch du auf diesem Bett liegen. Mit einem
überraschten Gesichtsausdruck und aufgeschnittenem Hals.
Er drehte sich auf dem Bürostuhl am Schreibtisch um etwa neunzig Grad,
und der Fernseher verschwand aus seinem Sichtfeld, was ihm half, sich auf
das Telefonat zu konzentrieren.
»Hallo, ist da jemand?«, fragte er nun schon zum dritten Mal, doch wer
immer da am anderen Ende in der rauschenden Leitung hing, sagte nach wie
vor kein Wort.
Stattdessen hörte Jules in seinem Rücken die Stimme eines Mannes, der
ihm vertraut schien, obwohl er ihm noch nie in seinem Leben begegnet war.
»Drei Frauen wurden bislang in ihren Wohnungen ermordet
aufgefunden«, sagte der gesichtsbekannte Fremde, der sich in verlässlichen
Abständen darum kümmerte, die Menschen in ihren eigenen vier Wänden mit
den schrecklichsten Verbrechen Deutschlands zu versorgen.
Aktenzeichen XY … ungelöst. Die älteste True-Crime-Show der Nation.
Jules ärgerte sich, dass er die Fernbedienung nicht fand, um den Fernseher
abzustellen, in dem womöglich noch immer der letzte Tatort des Kalender-
Killers zu sehen war.
Sie zeigten gerade eine Wiederholung der 20.15-Uhr-Sendung, ergänzt
durch die neuesten Hinweise aus der Bevölkerung seit der Primetime-
Ausstrahlung.
Das Arbeitszimmer des Charlottenburger Altbaus war ein
Durchgangsraum zwischen Wohn- und Essbereich und wie der Rest der
Wohnung mit beeindruckend hohen Wänden und stuckverzierten Decken
ausgestattet, von denen die ersten Bewohner vor hundert Jahren bestimmt
schwere Lüster hatten baumeln lassen. Jules hingegen bevorzugte indirektes
Licht, ihm war bereits der Schein des TV -Geräts zu grell.
Das kabellose Headset mit den kleinen, über ein Drahtgestell im Nacken
verbundenen Kopfhörern und der Mikrofonspange vor dem Mund
ermöglichte es ihm, auf dem mit Zeitschriften und Dokumenten übersäten
Schreibtisch nach der Fernbedienung zu suchen.
Er erinnerte sich, sie kürzlich noch in der Hand gehalten zu haben, nun
musste sie irgendwo unter den Unterlagen vergraben sein.
»Und an jedem Tatort das gleiche grauenhafte Bild. Das Datum des
Todestages an der Wand, geschrieben mit dem Blut der Opfer.«

30.11.
08.03.
01.07.
»Der Modus Operandi, dem der Kalender-Killer seinen Namen verdankt.«
Die erste Tat, die sich in nur wenigen Stunden jährte, hatte schon letztes
Jahr im November sämtliche Medien beherrscht.
Jules unterbrach seine Suche nach der Fernbedienung und sah kurz aus
dem großen, leicht gewölbten Sprossenfenster, das einer heftigen
Schneeverwehung trotzen musste, zur Straße. Wieder einmal wunderte er sich
über sein fehlendes Wettergedächtnis. Er konnte sich die merkwürdigsten
Dinge merken, die er nur ein Mal gehört hatte, wie die Legende, dass
Hitchcock keinen Bauchnabel hatte oder Ketchup in den 1830er-Jahren als
Medizin verkauft wurde. Aber er konnte sich nicht an den letzten Winter
erinnern.
Hatte es am ersten Adventswochenende des Vorjahrs auch schon
geschneit, so wie jetzt in weiten Teilen Deutschlands? Der Rekordsommer
mit tropischen Temperaturen von fast vierzig Grad war gefühlt übergangslos
von einer Schmuddelwetterperiode abgelöst worden. Es war zwar nicht sehr
kalt, zumindest im Vergleich zu Grönland oder Moskau, aber der Wechsel
von Schnee und Regen, aufgewirbelt von einem strengen Ostwind, trieb die
Menschen nach Feierabend auf kürzestem Wege in ihre Wohnungen. Oder in
die Hals-Nasen-Ohren-Praxen. Wobei der Blick nach draußen geradezu
etwas Beruhigendes hatte, und das nicht nur im Kontrast zu den
Wandmalereien des Kalender-Killers.
Hinter den hohen Fenstern sah es aus, als hätte eine Filmcrew eine
Konfetti-Kanone vor die Charlottenburger Straßenlaternen geräumt, um den
Bewohnern der begehrten Gründerzeitwohnungen rund um den Lietzensee ein
vorgezogenes Weihnachtsschauspiel zu bieten. Unzählige Flocken tanzten wie
ein Schwarm Glühwürmchen in dem warmen Lichtkegel und wurden von dort
aus über die vereiste Oberfläche des Sees Richtung Funkturm getrieben.
»Hindert Sie jemand daran, mit mir zu sprechen?«, fragte Jules den
vermuteten Teilnehmer am Telefon. »Wenn ja, dann husten Sie bitte einmal.«
Jules war sich nicht sicher, aber er meinte, ein leises Keuchen gehört zu
haben, ähnlich dem eines Läufers, der sich an seinem eigenen Atem
verschluckt hat.
War das ein Husten?
Er drehte am Laptop, über dessen Software das Gespräch gestreamt
wurde, die Lautstärke hoch. Der XY -Moderator drang dennoch zu ihm
durch. Wenn Jules die TV -Fernbedienung nicht fand, würde ihm nichts
anderes übrig bleiben, als den Stecker des Fernsehers zu ziehen.
»Wir haben lange mit uns gerungen, ob wir Ihnen die Original-
Tatortbilder noch einmal in dieser Deutlichkeit zeigen sollen. Aber diese
Aufnahmen sind bislang die einzige Spur der Ermittler zum sogenannten
Kalender-Killer.
Wie Sie sehen …«
Aus den Augenwinkeln heraus bemerkte Jules, wie sich die
Kameraperspektive änderte und an die blutige Schrift auf der Wand gezoomt
wurde. So dicht heran, dass der grobkörnige Putz wie eine Mondlandschaft
wirkte, die ein Serienkiller als Leinwand missbraucht hatte.
»… ist die Ziffer 1 am oberen Ende verschnörkelt, wodurch die Zahl,
die der Täter bei seinem ersten Mord an die Wand geschrieben hatte, mit
etwas Fantasie wie ein Seepferdchen aussieht. Unsere Frage daher an Sie:
Erkennen Sie die Handschrift? Ist sie Ihnen schon einmal in irgendeinem
Zusammenhang begegnet? Für sachdienliche Hinweise …«
Jules zuckte zusammen. Jetzt war es deutlich. Er hatte etwas in der
Leitung gehört.
Ein Räuspern. Atmen. Plötzlich riss das Rauschen ab.
Die von den Kopfhörern übertragene Atmosphäre hatte sich verändert, so
als sei der Teilnehmer aus einem Windkanal heraus in einen geschützten
Bereich getreten.
»Ich habe Sie nicht verstanden, weshalb ich jetzt einfach mal davon
ausgehe, dass Sie bedroht werden«, sagte Jules, und in diesem Moment
entdeckte er auf dem Schreibtisch die Fernbedienung unter einem Prospekt
für eine Rehaklinik.
Berger Hof – Gesund im Einklang mit der Natur.
»Was auch immer passiert, Sie müssen unbedingt in der Leitung bleiben.
Legen Sie nicht auf. Unter gar keinen Umständen!«
Er schaltete den Fernseher aus und sah sich selbst in dem plötzlichen
Schwarz des Flachbildschirms, der zu einem düsteren Spiegel geworden
war. Jules schüttelte den Kopf, unzufrieden mit seinem Ebenbild, auch wenn
er sich eingestehen musste, dass er sehr viel besser aussah, als er sich fühlte.
Eher wie fünfundzwanzig als fünfunddreißig. Eher gesund als krank.
Wobei das schon immer sein Fluch gewesen war. Selbst mit einer Magen-
Darm-Grippe und Liebeskummer wirkte Jules auf sein Umfeld wie das
blühende Leben. Einzig Dajana hatte gelernt, ihn im Laufe ihrer Beziehung zu
»lesen«. Sie war lange Zeit freie Journalistin gewesen, und dank ihres
ausgeprägten Einfühlungsvermögens hatte sie schon so manchem
Interviewpartner ein zuvor gut gehütetes Geheimnis entlocken können. Was
ihr bei Fremden gelang, gelang ihr natürlich erst recht bei ihrem engsten
Vertrauten.
Sie erkannte bei Jules die Anzeichen eines drohenden
Erschöpfungskollapses, wenn nach einer Doppelschicht in der Notrufzentrale
seine braunen Augen eine Nuance dunkler schimmerten oder wenn die
markanten Lippen einen Hauch trockener waren als sonst, weil er es nicht
geschafft hatte, eine Mutter am Telefon erfolgreich anzuleiten, ihr Kind zu
reanimieren. Dann hatte Dajana ihn wortlos in die Arme genommen und ihm
die verspannte Schulter massiert. Sie hatte die Magenschmerzen, die
Übermüdung und seine oftmals tiefe Melancholie an ihm regelrecht riechen
können, wenn sie auf dem Sofa lagen und sie das Gesicht in seinen dichten,
ungezähmten Haaren vergrub. Vielleicht hatte sie ihn auch im Schlaf studiert,
seine nervösen Zuckungen, sein Gemurmel, und ihn womöglich mit einem
sanften Griff nach dem Oberarm beruhigt, wenn er geschrien hatte.
Womöglich. Er hatte versäumt, sie danach zu fragen, und nun würde er nie
wieder die Gelegenheit dazu haben.
Da!
Diesmal war er sich ganz sicher. Der Anrufer hatte aufgestöhnt. Ob Mann
oder Frau, war noch nicht zu erkennen, nur dass die Person offenbar unter
Schmerzen litt, die sie zu unterdrücken versuchte.
»Wer … wer ist da?«
Endlich. Der erste vollständige Satz. Und er klang nicht so, als würde der
Anruferin eine Waffe an den Kopf gehalten, aber man konnte nie wissen.
»Mein Name ist Jules Tannberg«, antwortete er, konzentrierte sich und
begann kurz darauf die intensivste und folgenschwerste Unterhaltung seines
Lebens mit den Worten: »Sie sind mit dem Begleittelefon verbunden. Wie
kann ich Ihnen helfen?«
Die Antwort zerriss ihm beinahe das Trommelfell.
Sie bestand aus einem einzigen, entsetzlich verzweifelten Schrei.
2
H allo? Wer ist da? Sagen Sie mir bitte, wie ich Ihnen helfen kann!«
Der Schrei erstarb.
Unbewusst griff Jules zu einem Kugelschreiber und einem Papierblock,
um sich die Uhrzeit des Anrufs zu notieren.
22 . 09 Uhr.
»Sind Sie noch dran?«
»Was, wie …, äähh, nein, ich …«
Schwere Atemgeräusche, gehetzt. Verzweifelt.
»Es tut mir so leid, ich …«
Eindeutig die Stimme einer Frau.
Männliche Gesprächsteilnehmer waren die Ausnahme. Das Begleittelefon
war ein Service, der meist von Frauen genutzt wurde, die nachts auf ihrem
Heimweg durch Parkhäuser, menschenleere Straßen oder gar durch den Wald
gehen mussten. Sei es, weil sie noch spät gearbeitet hatten, von einem
ätzenden Date irgendwo geflüchtet waren oder einfach nur keine Lust mehr
auf die Party hatten, auf der ihre Freundinnen noch geblieben waren.
Plötzlich auf sich allein gestellt, zu einer Uhrzeit, um die man ungern seine
Verwandtschaft aus dem Bett klingelte, bekamen sie zuweilen in der
Dunkelheit große Angst: beim Überqueren leerer Parkplätze, in schlecht
ausgeleuchteten Unterführungen oder auf unbedacht gewählten Abkürzungen
durch einsame Gegenden. Dann wünschten sie sich einen Weggefährten, der
sie sicher durch die Nacht führte. Eine Begleitung, die im Falle des Falles
ihre exakte Aufenthaltsposition kannte und rasch Hilfe anfordern konnte, was
allerdings in der Geschichte des Begleittelefons nur selten vorgekommen
war.
»Ich muss … auflegen …«, sagte sie, und Jules hatte die Befürchtung,
dass sie bereits von seiner tiefen Stimme eingeschüchtert war, weswegen er
schnell handeln musste, wollte er sie nicht verlieren.
»Würden Sie gerne mit einer weiblichen Begleiterin verbunden
werden?«, fragte er, wohl wissend, dass weiblich und Begleiterin eine
sinnlose Doppelung war, doch er ahnte, dass die Anruferin (er notierte sich:
ca. Anfang 30 ) große Konzentrationsschwierigkeiten hatte, und daher
bemühte er sich, so einfach und eindeutig wie möglich zu formulieren.
»Ich kann verstehen, wenn es Ihnen in Ihrer Situation unangenehm ist, mit
einem Mann zu sprechen.«
Die Furcht der Hilfesuchenden beim Begleittelefon war, wie die meisten
Ängste es in der Regel eben sind, oft unbegründet. Aber sie bezog sich, ob
einem nachvollziehbaren Anlass geschuldet (wie der dummen Anmache eines
Betrunkenen auf dem U-Bahnsteig) oder aus purer Einbildung heraus
entstanden, meist auf einen Mann. Und daher war es für Jules völlig
einleuchtend, wenn eine Frau nicht ausgerechnet mit einem Vertreter jenes
Geschlechts sprechen wollte, das ihre Angst im Grunde erst ausgelöst hatte,
so irrational sie womöglich auch war.
»Soll ich Sie verbinden?«, fragte er noch einmal, und endlich bekam er
eine Antwort, wenn auch eine, die verwirrend war.
»Nein, nein, das ist es nicht. Ich … ich hab es nur gar nicht bemerkt.«
Sie klang ängstlich, aber nicht panisch. Eher wie eine Frau, die schon sehr
viel stärkere Furcht empfunden hatte.
»Was haben Sie nicht bemerkt?«
»Dass ich Sie angerufen habe. Es muss beim Klettern passiert sein.«
Klettern?
Das Rauschen in der Leitung, das eindeutig vom Wind herrührte, war
wieder aufgefrischt, zum Glück aber nicht so intensiv wie zu Beginn. Die
Anruferin war definitiv im Freien.
Jules’ Block füllte sich mit Fragen: Welche verängstigte Frau klettert
nachts? Im Schneetreiben?
»Wie heißen Sie?«, wollte er wissen.
»Klara«, antwortete sie.
Sie klang über sich selbst erschrocken, als wäre ihr der Name ungewollt
herausgerutscht.
»Okay, Klara. Wollten Sie mir gerade erklären, dass Sie uns aus Versehen
angerufen haben?«
Er sagte uns, weil die Vorstellung von einem Team im Hintergrund bei
den Anrufenden Vertrauen schuf, und tatsächlich arbeiteten mehrere
Freiwillige für das Begleittelefon. Allein heute, an einem Samstag in der
Hotline-Hochzeit, saßen in Berlin vier Ehrenamtliche in der Nähe ihrer
Laptops und warteten zwischen zweiundzwanzig und vier Uhr morgens auf
eingehende Anrufe über die bundesweite Rufnummer. Allerdings waren sie
nicht in einem Großraumbüro wie bei der Notrufzentrale der Feuerwehr,
Jules’ ehemaligem Arbeitsplatz.
Dank der Begleittelefon-Software, die jeden einkommenden Anrufer zu
einem freien Helfer routete, konnten sie die ängstlichen, einsamen und zum
Teil auch verwirrten Anruferinnen bequem von zu Hause aus betreuen.
Seitdem sich die Information über dieses neuartige, spendenfinanzierte
Hilfsangebot wie ein Virus in den sozialen Netzwerken verbreitet hatte, stieg
das Anrufaufkommen stetig; aber es war nicht so, dass das Begleittelefon
unentwegt klingelte.
Die Freiwilligen konnten zwischendurch gut anderen, privaten Dingen
nachgehen, wie Netflix-Schauen, Musikhören oder Lesen. Und dank
kabellosem Headset konnte man sich im Falle eines Anrufs bequem zu Hause
bewegen. Viele lagen im Bett, manche sogar in der Badewanne, vermutlich
saßen die wenigsten wie Jules am Schreibtisch, aber das war eine
Angewohnheit, die er noch aus seinem alten Beruf mitbrachte. Auch wenn er
bei Telefongesprächen am liebsten umherlief, brauchte er zu Beginn der
Kontaktaufnahme eine Struktur.
Am liebsten hätte er alle Informationen, die ihm die Anruferin gab, in eine
Computermaske getippt, aber das ergab wenig Sinn. Anders als früher bei
der 112 musste er keinen Einsatzwagen mit der für den Notfall benötigten
Ausrüstung bestücken. Und er sah auch nicht auf einem digitalen Stadtplan
den ungefähren Aufenthaltsort des Hilfebedürftigen auf dem Monitor.
Dennoch fühlte Jules sich hinter einem Arbeitstisch besser organisiert. Er
gab ihm Halt, wenn er mit den Anruferinnen sprach.
»Ja. Ich muss versehentlich die Tastensperre deaktiviert haben«, sagte
Klara. »Mein Handy hat sich selbstständig gemacht. Verzeihen Sie die
Störung, ich wollte Sie gar nicht anrufen.«
Nummernspeicher, notierte sich Jules. Es war nicht das erste Mal, dass
Klara Angst hatte. Auch nicht das zweite oder dritte Mal. Sie musste sich
schon so oft gefürchtet haben, dass sie das Begleittelefon sogar unter ihren
Favoriten abgelegt hatte.
»Entschuldigen Sie bitte vielmals, ich hab mich verwählt, ich werde jetzt
…«
Klara wollte das Gespräch offenbar beenden. Und das durfte Jules nicht
zulassen.
Er stand vom Schreibtisch auf. Das alte Parkett, gegerbt von zahlreichen
Schuhen, herumgerückten Möbeln und heruntergefallenen Gegenständen,
knarzte müde unter seinen Sneakern.
»Nehmen Sie es mir nicht übel, aber Sie hören sich so an, als ob Sie Hilfe
bräuchten.«
»Nein«, antwortete Klara einen Hauch zu schnell. »Dafür ist es zu spät.«
»Wie meinen Sie das?«
Er hörte ein Wimmern, das so klar durch die Leitung drang, dass er für
einen Moment dachte, es käme bei ihm vom Flur her.
»Wofür ist es zu spät?«
»Ich habe schon einen Begleiter. Ich brauche keinen zweiten.«
»Sie sind nicht alleine unterwegs?«
Der Wind am anderen Ende war wieder etwas aufgefrischt, aber Klaras
Stimme kam gegen ihn an.
»Ich war in den letzten Wochen keine Sekunde alleine.«
»Wer war bei Ihnen?«
Klara atmete schwer, dann sagte sie: »Sie kennen ihn nicht. Höchstens das
Gefühl, das er auslöst.« Ihre Stimme brach. »Todesangst.«
Weint sie?
»Oh Gott, es tut mir so leid«, sagte sie, um Fassung ringend, und ergänzte
rasch, bevor Jules nachfragen konnte, was sie damit meinte: »Wir müssen
auflegen. Er wird nicht glauben, dass es nur ein Versehen ist. Dass ich mich
verwählt habe. Verdammt, wenn er herausfindet, dass ich Sie angerufen habe,
wird er auch zu Ihnen kommen.«
»Um was zu tun?«
»Um Sie ebenfalls zu töten«, sagte Klara und löste mit dieser morbiden
Prophezeiung ein Déjà-vu bei Jules aus.
3
Vier Stunden zuvor

W enn du es verkackst, bist du tot«, scherzte Caesar. Sein Kichern erstarb,


als er an Jules’ betretener Miene merkte, dass er mit seiner flapsigen
Bemerkung zu weit gegangen war.
»Tut mir leid, sorry, das war geschmacklos.«
Magnus Kaiser, von seinen Freunden liebevoll Caesar genannt, blickte
schuldbewusst zu seinem langjährigen besten Freund auf. Jules, der neben
ihm an seinem Schreibtisch stand, schüttelte den Kopf und machte eine
wegwischende Handbewegung.
»Wie oft hab ich dir gesagt, du sollst mich nicht wie ein rohes Ei
behandeln? Mir geht’s nicht dadurch besser, dass du jedes Wort auf die
Goldwaage legst.«
»Trotzdem sollte ich in deiner Gegenwart Wörter wie Tod, Sterben und
Mord vielleicht nicht ganz so lapidar in den Mund nehmen.« Caesar seufzte
und zeigte auf den Laptop mit der Begleittelefon-Software, den er Jules
mitgebracht hatte. »Hör mal, vielleicht ist das hier doch eine beschissene
Idee. Du solltest dir das Wochenende besser nicht mit psychisch labilen
Menschen um die Ohren schlagen.«
»Du hast ja nur ein schlechtes Gewissen, weil du das mit niemandem
abgesprochen hast. Aber keine Sorge, das kriegt keiner raus. Ich rock das
Begleittelefon für dich, mach dir mal keinen Kopf.«
Caesar wirkte nicht überzeugt. Tatsächlich war es etwas heikel, dass
Jules einfach so für ihn einsprang, denn der Laptop mit der Begleittelefon-
Software war Eigentum des Vereins und durfte nur an einen festgelegten
Personenkreis ausgegeben werden. Wenn Caesar ohne Absprache einen
Freund einspannte, war das nicht ganz koscher.
»Ich finde eine andere Lösung, wer meine Schicht übernimmt …«, setzte
er an, aber Jules erstickte seinen Protest im Keim, indem er seinem Freund
durch die langen blonden Haare wuschelte, die er noch immer im Surfer-
Style trug. Dabei war es eine Ewigkeit her, dass Caesar das Meer gesehen
hatte. Und auf seinen geliebten Brettern würde er in diesem Leben nicht mehr
durch die Wellen reiten.
»Wie oft wollen wir das noch durchgehen? Du hast heute Abend dein
wievieltes Date seit Monaten?«
Caesar zeigte ihm den Mittelfinger, auf den er sich im ersten Jura-
Semester ein Paragrafenzeichen hatte tätowieren lassen. Heute bereute er es,
weil ihn deshalb die großen Kanzleien als Anwalt abgelehnt hatten und er in
einer Feld-Wald-und-Wiesen-Klitsche auf Laufkundschaft angewiesen war.
»Genau, dein erstes Date«, stellte Jules klar. »Und auf einer Skala von
eins bis zehn, wie heiß ist diese Xanthippe?«
»Sie heißt Ksenia. Und sie ist definitiv eine Zwölf. Ich bin nicht der
Einzige in unserer Selbsthilfegruppe, der scharf auf sie ist.«
Caesar blickte nervös auf seine Armbanduhr, eine Rolex Submariner, mit
der er noch niemals tauchen gewesen war und es vermutlich auch nie tun
würde. Die Zeiten, in denen Caesar seinem Spitznamen gerecht geworden
war und in jeder Sportart als Kämpfer hervorstach, waren seit einem guten
Jahr endgültig vorbei. Heute schien sogar seine Rasur ihn vor eine
Herausforderung zu stellen. Caesars Bart hatte seit bestimmt einer Woche
keine Klingen mehr gesehen und ließ ihn deutlich älter als sechsunddreißig
wirken.
»Also, worauf wartest du dann noch?«, forderte Jules ihn auf. »Schieb
dich aus meiner Wohnung und mach deine Traumfrau klar!«
Jules stand auf und zog an den Haltegriffen von Caesars Rollstuhl, doch
der betätigte die Speichenbremse und verhinderte damit, dass sein Freund ihn
einfach vom Schreibtisch wegschieben konnte.
»Ich hab echt ein ungutes Gefühl«, sagte er leise und hob den Kopf. Dabei
blickte er mit seinen blauen Augen durch Jules hindurch, so als wäre dieser
gar nicht im Raum. Dieser Tagtraum-Blick wirkte auf Menschen, die Caesar
nicht kannten, etwas verstörend, setzte er ihn doch mehrmals am Tag und oft
scheinbar ohne Anlass auf. Er wirkte zwar komplett abwesend, aber Jules
wusste, dass sein Freund in solchen Sekunden die lichtesten Momente
überhaupt hatte. Dann war Caesar nämlich wieder schlagartig klar geworden,
dass er nie mehr würde laufen können, weil sich der Alkoholiker, der ihn auf
dem McDonald’s-Parkplatz vor dem Drive-in erwischt hatte, nicht in eine
Zeitmaschine setzen und seine Trunkenheitsfahrt wieder rückgängig machen
würde.
»Ganz ruhig, Kumpel. Ich hab jahrelang bei der 112 die abartigsten
Anrufe gehandelt, da werde ich ja wohl ein paar Angsthasen beruhigen
können.«
»Das meine ich nicht.«
»Sondern?«
»Ausgerechnet du, Jules. Nach allem, was dir passiert ist. Gerade du
solltest dich von Menschen in Ausnahmesituationen fernhalten.«
»Du meinst von Menschen wie dir?« Jules ging vor dem Rollstuhl in die
Knie, um seinem besten Freund direkt in die Augen zu sehen.
»Wie meinst du das?«
»Hast du wirklich ein Date?«
Überrumpelt von der Wendung des Gesprächs schossen Caesar Tränen in
die Augen. »Bist du mein bester Freund?«, fragte er Jules und griff nach
seiner Hand.
»Seit der Grundschule.«
Es hatte nur eine Phase gegeben, in der sie sich aus dem Weg gegangen
waren, und das war in der elften Klasse, als sie sich beide in dasselbe
Mädchen verliebt hatten. Und selbst diese Krise hatten sie überwunden. Es
war am Ende sogar zu einer innigen Freundschaft zwischen Caesar und
Dajana gekommen, obwohl die Schulschönheit Jules den Vorzug gegeben
hatte.
»Wär ich schwul, würde ich dich heiraten«, scherzte Jules.
»Dann frag mich bitte nicht weiter aus, okay?«
Jules stand auf und hob die Hände, als wollte er signalisieren, dass er
unbewaffnet war. »Du machst doch keine Dummheiten?«, fragte er Caesar,
der seinen Rolli eindrehte und Richtung Flur rollte.
»Irgendwann wird er es nicht mehr aushalten«, hatte Dajana Jules
prophezeit. »Caesar hatte nicht mal die Willensstärke, um als
Basketballspieler mit dem Rauchen aufzuhören, wie soll er erst seine
Querschnittslähmung verkraften?«
»Sagst du mir, was du heute Abend wirklich vorhast?«, rief er Caesar
hinterher.
Als Antwort gab sein bester Freund ihm das aus Top Gun entlehnte Tom-
Cruise-Zitat, das sie sich schon seit ihrer Schulzeit witzelnd um die Ohren
hauten: »Ich könnte es dir verraten, Jules. Aber dann müsste ich dich leider
anschließend töten.«
4
M ich töten?, dachte Jules nun vier Stunden später und wiederholte in
Gedanken Klaras letzte Sätze am Begleittelefon: »Wir müssen auflegen. Er
wird nicht glauben, dass es nur ein Versehen ist. Dass ich mich verwählt
habe. Verdammt, wenn er herausfindet, dass ich Sie angerufen habe, wird
er auch zu Ihnen kommen.«
Um mich zu töten?
Auch wenn er nicht ernsthaft glaubte, in Gefahr zu sein, verspürte Jules
eine unangenehme, bedrohliche Nervosität. Ein bisschen so wie in seinem
Prüfungs-Albtraum, in dem er wieder und wieder vor einer
Examenskommission stand und eine mündliche Prüfung ablegen sollte, auf
die er sich nicht vorbereitet hatte.
»Wie meinen Sie das?«, fragte er Klara und rückte das Headset gerade.
»Wieso sollte jemand zu mir kommen und mich umbringen wollen?«
Und von wem sprechen wir hier?
»Es tut mir leid, dass ich das gesagt habe, aber es ist die Wahrheit.
Sobald er herausfindet, dass wir Kontakt hatten, wird er Sie suchen und
ebenfalls eliminieren wollen.«
Er?
Jules musste sich bewegen. Er wanderte durch Arbeits- und Wohnzimmer
Richtung Flur, ohne dass es ihm bewusst wurde.
»Sie haben genau das Richtige getan, indem Sie beim Begleittelefon
angerufen haben«, lobte er sie, um Vertrauen aufzubauen und sie zu
beruhigen. Wie für Gründerzeitwohnungen am Lietzensee üblich, verband der
Flur als schmaler Schlauch die Küche an einem Ende mit dem Wohnzimmer
am anderen. Für die Strecke dazwischen, die an den Türen von Kinder-,
Eltern- und Gästeschlafzimmer sowie der Speise- und
Hauswirtschaftskammer vorbeiführte, wünschte man sich ein Fahrrad oder
wenigstens ein Skateboard, so lang gezogen war der schmale Gang.
Jules wusste, er sollte jetzt seine Worte abwägen und jeden negativen
Ausdruck vermeiden, wenn er die Verbindung zu der Unbekannten
aufrechterhalten wollte. Auf der anderen Seite war er sich nicht mehr sicher,
ob das eine so kluge Strategie war. Immerhin hatte Klara ihm gerade eröffnet,
dass er selbst in Lebensgefahr schwebte. Was natürlich absurd klang, wenn
auch – und das machte ihm Sorgen – nicht vollkommen verrückt.
Weniger erfahrene Helfer würden vermutlich denken, Klara wäre nicht
ganz dicht; eine Patientin, die an Wahnvorstellungen litt und der es
womöglich gelungen war, vom Telefon einer geschlossenen Einrichtung aus
anzurufen, was nicht gerade selten vorkam.
Doch ihre Stimme zeigte keinerlei Anzeichen von medikamentöser
Beeinträchtigung, und ihre Formulierungen und auch die Satzmelodie wirkten
nicht so, als wären sie durch Dutzende von Therapiesitzungen geformt.
Jules spürte, dass Klaras Furcht ein rationales Fundament hatte. Und
dieses wollte er ergründen.
»Wo sind Sie im Augenblick?«, fragte er nach kurzer Überlegung.
Die wichtigste aller Fragen, die er den Tausenden von Anrufern immer als
Erstes gestellt hatte, früher, als er noch im Spandauer War-Room der
Berliner Feuerwehr gearbeitet hatte. Vierundzwanzig Arbeitsplätze, jeweils
mit fünf Monitoren ausgerüstet, viertausend Anrufe am Tag, von denen die
Hälfte einen Einsatz auslöste. Ein Großfeuer in Marzahn, ein Schlaganfall in
Mitte, vorzeitige Wehen in Lichtenrade. Niemandem konnte geholfen werden,
wenn er nicht verriet, wohin der Einsatzwagen kommen sollte. Bei einem
Anruf vom Handy aus gelang es zwar, das Gebiet im Umkreis des
nächstgelegenen Sendemasts abzustecken, aber das konnte in den
Randbezirken mehrere Kilometer umfassen.
»Wieso wollen Sie wissen, wo ich bin?«
»Um Ihnen zu helfen.«
»Haben Sie mir nicht zugehört? Ich bin verloren. Legen Sie auf, um
wenigstens sich selbst zu retten.«
Er kniff die Augen zusammen, eine unbewusste Angewohnheit, wenn er
sich konzentrierte. »Sie werden also bedroht. Ein Mann, nehme ich an. Ist er
gerade in Ihrer Nähe?«
Klara lachte traurig auf. »Er ist immer bei mir. Selbst wenn ich ihn nicht
sehen kann.«
Bei Jules in der Wohnung herrschte Stille. Das einzige Geräusch war das
Summen des alten Kühlschranks, das aber auf seinem weiten Weg den Flur
hinab stark an Intensität verloren hatte, weswegen Jules sich ein klares
akustisches Bild von Klaras Umgebung machen konnte. Ihre Schuhe
knirschten auf einem Kiesweg, er hörte Blätter rauschen, also war der Pfad
bewaldet. Ein einzelnes Auto beschleunigte im Hintergrund. Die Gegend war
einsam, aber nicht verlassen.
»Ich muss Schluss machen.«
»Bitte. Sagen Sie mir, wie ich Ihnen helfen kann.«
»Sie haben mir nicht zugehört. Mir ist nicht mehr zu helfen. Sie müssen
jetzt an sich selbst denken.«
Klara sprach mittlerweile etwas energischer, fast schon belehrend.
»Ist das ein Scherz?«, fragte Jules. »Wollen Sie mir Angst machen?«
»Um Gottes willen, nein. Nichts liegt mir ferner.«
»Dann sagen Sie mir, was los ist.«
Stille.
So intensiv, dass Jules den leichten Tinnitus im rechten Ohr hören konnte.
Ein Summen, das ihn ständig begleitete und das er manchmal über Wochen
vergaß, bis ihn etwas in Auf- oder Erregung versetzte. Es schien, als ob das
glockenhelle, mückenähnliche Fiepen durch negative Emotionen getriggert
wurde und an Intensität gewann.
»Hatten Sie schon einmal solche Angst, dass jede Zelle Ihres Körpers mit
Schmerz gefüllt war?«, fragte sie ihn.
Das Mückenfiepen in seinem Gehörgang rückte wieder in den
Hintergrund, während Jules versuchte, eine Antwort auf die Frage zu finden.
Er schloss die Augen, sperrte nun auch das schwache Licht der
Nachtlampe im Flur aus, doch die vollständige Dunkelheit unter den Lidern
wich beinahe augenblicklich einem viel zu fröhlichen, farbenfrohen
Erinnerungsbild.
Es war wieder Sommer, und es herrschten zweiunddreißig Grad. Der
Geruch des nahenden Großstadtgewitters lag in der Luft. Jules schluckte,
wollte nicht schon wieder daran denken, aber es war ja bereits über eine
Stunde her, als er es zum letzten Mal getan hatte, was ungewöhnlich für ihn
war. Im Schnitt dachte er in jeder freien Minute an den Moment zurück, in
dem er alles verlor.
»Sie meinen, ob ich schon einmal solche Angst hatte, dass ich mir die
Haut vom Leib reißen wollte, weil ich befürchtete, innerlich zu verbrennen?«
»Ja«, sagte Klara.
Und da wusste Jules, dass sie nicht auflegen würde. Nicht, solange er ihr
von seiner schrecklichsten Erfahrung erzählte. Von der einen, die ihn noch
heute wünschen ließ, er wäre nicht mehr am Leben.
5
Dreieinhalb Monate zuvor

E s hieß, man brauche nur eine Stunde an diesem Ort zu verbringen, und man
könne nie wieder unbefangen durch die Straßen Berlins fahren. Das Gesicht
der Stadt habe sich dann für immer verändert, wahlweise zu einer kranken,
hässlichen oder einer mitleiderregenden Fratze. Dabei sah es im Zentrum des
Geschehens eher beruhigend aus: ein lagerhallengroßer Raum, der an das
Kontrollzentrum einer Raketenabschussbasis erinnerte, bestückt mit zwei
Dutzend Computertischen, dahinter uniformierte Feuerwehrbeamte, die so
wie Jules in der Regel auf den Monitor mit dem Berliner Stadtplan starrten,
während sie parallel den Fragebogen abarbeiteten, der zu der jeweiligen
Notlage passte.
Jules allerdings hatte aktuell keine Zeit, mit dem panischen Anrufer
irgendeine Checkliste durchzugehen. Er arbeitete instinktiv alle Punkte ab,
die er in der Ausbildung für diese Situation gelernt hatte.
Eine der grauenhaftesten, mit der man während einer Schicht in der
Leitstelle überhaupt konfrontiert werden konnte.

Patient: männlich Alter: 4 bis 7


Zustand: kritisch »Haben Sie noch Sprechkontakt zu dem
Jungen?«
»Nein, er sagt keinen Mucks mehr. Wie lange dauert es noch?« Der
Anrufer, der sich als Michael Damelow identifiziert hatte, klang, als würde
er gerade eine steile Treppe hinaufrennen. Dabei stand er seiner
Beschreibung nach im Flur einer Neubauwohnung in der Brandenburgischen
Straße und starrte auf eine verschlossene Zimmertür.
»Nummer 17 , viertes OG , links. Hier brennt es. Ihr müsst euch
beeilen!«
»Die Rettungskräfte sind unterwegs«, informierte Jules den zu Tode
verängstigten Mann.
Sein Blick wanderte zu der großen Monitorfläche, die fast das gesamte
Kopfende der Halle einnahm. Auf der digitalen Landkarte waren die
aktuellen Brennpunkte Berlins verzeichnet. Im Moment gab es bis auf den
üblichen Rushhour-Wahnsinn eines Freitagnachmittags keine besonderen
Vorkommnisse.
Abgesehen von einem Unfall auf dem Stadtring.
Jules sah kurz auf den linken Monitor. Laut GPS -Signal konnte es noch
über drei Minuten dauern, bis die Feuerwehr vor Ort war.
»Okay, ich hau hier ab.«
»Nein, warten Sie«, forderte Jules den Postboten auf. Der arme Kerl hatte
eigentlich nur ein Paket abliefern wollen (Familie Haubach,
Brandenburgische Straße 17 , 4 . OG ) und sich zunächst über den Gestank
nach Rauch gewundert. Dann über den nackten Frauenfuß, den er gesehen
hatte, als er durch die seltsamerweise offen stehende Haustür in den Flur
spähte. Und zuletzt über das Blut.
»Alter, ich hab Angst, hier explodiert gleich alles.«
»Dringt immer noch Qualm unter der Tür hervor?«
»Ja doch.«
Jules trommelte mit den Fingern auf die Kante seiner Tastatur. Laut
Lehrbuch hätte er Damelow zustimmen und ihm sogar befehlen müssen, den
Einsatzort zu verlassen. Kein Unbeteiligter sollte die Tür eines brennenden
Kinderzimmers öffnen und sich dadurch selbst in Gefahr bringen.
Aber Jules konnte auch nicht den eingesperrten Jungen ignorieren.
»Himmel, er kratzt an der Tür!«, stöhnte der Paketbote. Er klang nasal und
dumpf, weil er sich einen nassen Waschlappen vor Mund und Nase hielt. Den
hatte er sich aus dem Badezimmer geholt, wie Jules ihm geraten hatte. Es war
ein Fehler gewesen, ihn dort hinzulotsen. Offenbar hatten die Bodenfliesen
ausgesehen, als wäre ein abgestochenes Tier aus einer mit Blut gefüllten
Badewanne gestiegen. Aller Wahrscheinlichkeit nach hatte die Frau versucht,
sich das Leben zu nehmen, und sich mit aufgeschnittenen Pulsadern noch in
den Flur geschleppt.
»Was haben Sie gerade gesagt?«, hakte Jules nach.
»Der Junge kratzt. Von innen. An der Tür.«
Jules schloss die Augen und sah einen sterbenden Jungen, der in dem
sinnlosen Versuch, sich zu befreien, die Fingernägel in das Holz der
verschlossenen Tür grub.
»Sind Sie sicher, dass sie sich nicht öffnen lässt?«
»Nee, klar, ich bin ja leicht bekloppt.« Damelows Stimme kippte.
»Vielleicht ist die Tür ja sperrangelweit offen. Vielleicht ist die Tote, über
die ich hier im Flur gestiegen bin, auch keine Leiche, sondern nur ’ne Puppe.
Und vielleicht …«
»Ist gut. Beruhigen Sie sich!«
Der Paketbote hustete und schrie gleichzeitig: »Sie haben gut reden! Sie
müssen hier auch nicht in einer Blutlache vor einem qualmenden
Kinderzimmer stehen.«
»Schauen Sie an den anderen Türen. Stecken da Schlüssel?«
»Wie, was?«
»Türschlüssel. Oft passen die universal in einer Wohnung für alle
Zimmertüren.«
»Moment. Nein, hier ist … doch.«
Jules hörte Schritte. Quietschende Schuhe auf Linoleum oder Laminat.
»Was doch?«
»Ich hab einen.«
»Versuchen Sie’s.«
»Okay, Moment.«
Weiteres, stärkeres Husten.
Wenn der Postbote schon im Flur solche Atemprobleme hatte, musste es
sich im Inneren des Kinderzimmers wie in einem Schornstein anfühlen.
»Das Kratzen hat aufgehört«, sagte Damelow.
»Egal, passt der Schlüssel?«
»Wie? Ja. Aber ich trau mich nicht. Kriegt das Feuer nicht Sauerstoff,
wenn ich jetzt öffne?«
»Nein«, log Jules.
»Ich, ich weiß nicht. Ich traue mich nicht. Ich gehe lieber …«
Jules’ Blick wanderte nach links, zurück zu dem Monitor, der ihm den
Standort des bestellten Einsatzwagens verriet.
»Bleiben Sie dran«, befahl er dem Postboten und rief den Leiter des
Rettungsteams an.
Der nahm sofort ab. »Hallo?«
»Wo bleibt ihr denn?«
»Wir sind da«, sagte der Einsatzleiter genervt. »Aber hier ist nichts.«
Die Mücke in Jules’ tinnitusgeplagtem Ohr meldete sich mit voller
Lautstärke. »Wie, da ist nichts?«
»Jedenfalls kein Notfall. Familie Haubach geht es gut, abgesehen von dem
Schrecken, den wir ihnen eingejagt haben.«
Aus den Augenwinkeln sah er, dass sich sein Teamleiter unter der
Monitorwand mit dem Stellvertreter besprach. Unter Garantie hatten sie sich
längst in das Gespräch eingeschaltet und hörten mit.
»Du hast mit der Familie gesprochen?«, fragte Jules den Einsatzleiter vor
Ort.
»Vater, Mutter, Tochter. Alle wohlauf.«
Tochter?
»Moment …«
Hat der Dreckskerl mich veralbert?
Ärgerlich schaltete Jules sich wieder in das Gespräch zu dem angeblichen
Postboten. Es hätte ihn nicht gewundert, wenn der mittlerweile aufgelegt
hätte, aber Michael Damelow war noch dran.
»Wo sind Sie?«, fragte Jules.
»Sagte ich doch. In der Brandenburgischen.«
»Nein, sind Sie nicht.« Jules klärte ihn darüber auf, was sein Kollege ihm
gerade berichtet hatte.
»Das kann nicht …, ach Gott … tut mir leid.« Damelow begann zu
stammeln.
»Was?«
»In der Aufregung, also, ich hab …«
»Ganz ruhig. Atmen Sie tief durch. Was ist da los bei Ihnen?«
Jules verdrehte die Augen.
Eine tote Frau. Ein brennendes Zimmer. Ein um Hilfe rufendes,
kratzendes Kind. Und jetzt auch noch ein panischer Zeuge …
»… ich hab Ihnen die vorherige gesagt.«
»Die Adresse Ihrer vorherigen Lieferung?«
»Genau. Ich bin ja schon weiter.«
»Wo. Genau. Sind. Sie?«
Es kostete Jules große Selbstbeherrschung, nicht zu brüllen. Der Mann
brauchte eine Weile, um ihm endlich die korrekte Antwort zu geben.
»Prinzregentenstraße 24. Dritter Stock, 10715 Berlin.«
Jules ließ sich die Adresse dreimal wiederholen.
Beim ersten Mal hatte seine Atmung, beim zweiten Mal sein Herz
ausgesetzt. Beim dritten Mal war er tot.
Innerlich abgestorben, ein Zombie, der sich noch bewegte, redete und von
seinem Platz aufsprang, sich das Headset vom Kopf riss und wie irre in die
Gesichter seiner ihn anstarrenden Kollegen glotzte.
Aber er lebte nicht mehr.
Nicht mehr so wie die Menschen um ihn herum.
»Jules«, hörte er den Teamleiter rufen, während er auf ihn zueilte, doch er
war nicht mehr zu halten. Er schüttelte seine Kollegen ab, drückte seinen
Vorgesetzten zur Seite, rannte hinaus, die Treppe nach unten. Blind vor Panik,
taub vor Furcht, sprang er in seinen Wagen auf dem Parkplatz vor der
Einsatzzentrale und raste los.
In die Prinzregentenstraße 24.
Dritter Stock.
10715 Berlin.
Zu sich nach Hause.
6

Klara
Heute

H atten Sie schon einmal solche Angst, dass jede Zelle Ihres Körpers mit
Schmerz gefüllt war?«
»Sie meinen, ob ich schon einmal solche Angst hatte, dass ich mir die
Haut vom Leib reißen wollte, weil ich befürchtete, innerlich zu
verbrennen?«
»Ja.«
Nach diesem Dialog hatte ihr telefonischer Begleiter eine beunruhigend
lange Zeit geschwiegen, und Klara war sich einen Moment lang nicht sicher,
ob Jules aufgelegt hatte.
Doch dann sagte er: »Entschuldigen Sie bitte, ich habe mich gerade an
etwas sehr Traumatisches in meinem Leben erinnert. Es liegt noch gar nicht
so lange zurück.«
Klara hielt im Gehen inne und bückte sich, eine Hand in die linke Seite
gestemmt, um das Stechen in der Milzgegend zu mindern, dabei war sie gar
nicht schnell gelaufen.
Auch wenn sie ein paar Kilos zu viel auf den Hüften hatte, was Martin
nicht müde wurde zu betonen (»Wenigstens sind deine Rehaugen nicht fett
geworden, das Einzige, was an dir noch hübsch ist«), war es nicht die
körperliche Anstrengung, die ihr so zusetzte, sondern ihre Nahtoderfahrung,
kurz bevor sich das Telefon in ihrer Hosentasche selbstständig gemacht und
die Nummer des Begleittelefons gewählt hatte. Das Gespräch mit dem
einfühlsamen, wohltemperiert klingenden Unbekannten kostete sie die wenige
ihr verbliebene Kraft, die sie eigentlich für sehr viel Wichtigeres brauchte.
Sie wusste selbst nicht, weshalb sie überhaupt noch mit ihm sprach.
»Ich kenne den Zustand, den Sie beschreiben, sehr gut«, sagte Jules nach
einer weiteren Pause, in der sie fast körperlich gespürt hatte, dass ihm etwas
auf der Seele lag. Etwas, was ihn so sehr beschwerte, dass er das Gewicht in
seinem Leben niemals wieder würde abstreifen können. Jules’ Worte
brachten eine Saite in ihrem seelischen Resonanzkörper zum Schwingen, von
der sie gedacht hatte, sie wäre für immer verstummt, möglicherweise sogar
gerissen.
Jules, wenn das sein richtiger Name war (er sprach ihn ›Dschuhls‹ aus),
klang so aufrichtig. Sie fand kein besseres Wort dafür, war sich aber auch
nicht sicher, ob ihre Sinne ihr hier draußen in der Dunkelheit einen Streich
spielten. Vielleicht war er nur ein Schauspieler, der seine beruhigende
Stimme wie eine Maske trug und sie so einsetzte, dass man ihr alles glauben
wollte, wie unwahrscheinlich das auch war.
»Niemand kann mich verstehen.« Klara richtete sich wieder auf und
lockerte das Haargummi, mit dem sie ihre dichten braunen Locken zu einem
Pferdeschwanz zusammengebunden hatte, wohl wissend, dass der Druck in
ihrem Kopf nicht von einem zu streng gebundenen Zopf rührte.
Klara sog die frische, feuchte Waldluft ein. Das Geäst dicht stehender
Kiefern formte einen natürlichen Schneeschutz-Baldachin. Dank der
kurzfristigen Windstille war es gefühlt etwas wärmer geworden, dennoch
konnte sie nicht aufhören zu zittern. Ihre vor dem Aufbruch hastig über den
Norwegerpulli geworfene Wetterjacke und die mittlerweile durchgefeuchtete
und aufgerissene Jeans konnten der Kälte nicht viel entgegensetzen. Selbst für
einen Herbstspaziergang hätte sie eine ungeeignete Bekleidung gewählt.
Spaziergänge, dachte sie mit einem Anflug von Melancholie, für den sie
sich selbst nicht leiden konnte. Hab ich in den vierunddreißig Jahren
meines Lebens viel zu selten gemacht. Ich dachte, es wäre
Zeitverschwendung, einfach loszulaufen, ohne eine konkrete
Notwendigkeit, ohne ein Ziel, an dem es etwas zu erledigen galt. Und nun
stehe ich hier, blutend und mit weniger Hoffnung als ein zum Tode
Verurteilter im Moment des Festschnallens auf den elektrischen Stuhl, und
vermisse all die Waldspaziergänge, die ich niemals machen wollte.
»Meine Angst fällt in keine Kategorie. Also beleidigen Sie bitte nicht
meine Intelligenz, indem Sie mir erklären wollen, Sie würden mich
verstehen, obwohl wir uns nicht einmal im Ansatz kennen.«
Sie tastete nach ihrer Stirn, zufrieden, dass das Blut getrocknet war, doch
ihr Schädel dröhnte wie eine Kirchenglocke, gegen die von außen ein
Hammer geschlagen wurde. Die Strafe dafür, wenn man mitten in der Nacht
auf einen Felsen kletterte, von dem die wenigsten Berliner wussten, dass es
ihn überhaupt gab. Ein Geheimtipp ohne Adresse, acht, neun und zehn Meter
hohe künstliche Türme aus Spritzbeton, an deren Kanten, Vorsprüngen und
Vertiefungen sich eigentlich nur die Mitglieder des Deutschen Alpenvereins
zum Gipfelkreuz ziehen durften.
Aber wer kontrolliert nachts im Schneesturm schon einen DAV -
Ausweis?
»Ich weiß nicht, wie Sie sich fühlen, aber ich weiß, wie Sie sich
benehmen, und das ist eher wie ein trotziges Kind als wie eine erwachsene
Frau.« Jules gab schon wieder die richtige Antwort. Verdammt. Hatte sie
zufällig den besttrainierten Mitarbeiter beim Begleittelefon erwischt, oder
waren in letzter Zeit alle geschult worden? Bei ihrem letzten Anruf hatte sie
ein nettes, aber viel zu junges Mädchen am Apparat gehabt, das ihre Sätze
ständig mit der Floskel »Wie schon gesagt …« einleitete, obwohl sie davor
noch gar nichts gesagt hatte.
Bestimmt mussten sich mittlerweile alle Begleiter regelmäßig Kursen
unterziehen und Fortbildungsseminare besuchen, mit kreativen Titeln wie
»Krisenintervention – Sie sind allein, du bringst sie heim«, bei denen sie
dann Mitschnitte von Telefonaten wie diesem hier analysierten.
Klara verließ den Wind- und Schneeschutz unter den Kiefern und stapfte
weiter den schmalen Pfad hinunter, der sich durch den Wald vom Teufelsberg
zur Teufelsseechaussee schraubte. Die Lichtverschmutzung der Großstadt, an
deren Rändern sie sich befand, reichte aus, um für so etwas wie Dämmerlicht
zwischen den umherwirbelnden Schneekonfetti-Wolken zu sorgen.
Sie zog das Bein nach, hoffentlich war der Knöchel nicht sogar
angebrochen, aber das war jetzt eigentlich auch egal. Im Grunde tat der
Schmerz gut. So heftig, dass ihr die Tränen in die Augen schossen, und das
hielt sie wach auf den letzten Metern.
»Was hat Sie vom Weg abgebracht?«, fragte Jules.
Klara schloss kurz die Augen. Die Dunkelheit, die sie dadurch umgab,
passte zu der weltallgleichen Kälte hier draußen.
Verdammt, wieso lege ich nicht einfach auf?
Hätte er schlicht gefragt »Was ist passiert?« oder »Erzählen Sie es mir!«
gefordert, dann hätte sie ihn weggedrückt. Doch seine Frage zeugte davon,
dass er sie richtig einschätzte. Dass sie einst eine Frau mit einem Ziel
gewesen war. Auf einer langen Reise, die sie mit der Hoffnung auf
Zufriedenheit und womöglich sogar auf Liebe angetreten hatte und deren
Pfade, wie sie lernen musste, mit Landminen gepflastert waren, denen man
nur mit sehr viel Glück ausweichen konnte. Und Glück, nun ja, das war der
erste Freund, der sich von ihr verabschiedet und sein Mitfahrticket zerrissen
hatte – und das schon vor verdammt langer Zeit.
»Kennen Sie das Le Zen am Tauentzien?«, fragte sie ihn.
»Das Luxushotel?«
»Genau.«
»Selbst der Kaffee dort liegt außerhalb meiner Gehaltsstufe, aber ja, ich
hab davon gehört.«
»Auch von dem Speakeasy-Fahrstuhl?«
»Speak was?«
»Also nein.«
Klara schob einen Zweig beiseite, der sie am Weitergehen hinderte. »Von
der Lobby aus hat man eine gute Sicht auf die Aufzüge. Am besten sitzt man
auf dem schmalen Futon-Sofa, direkt neben den Vasen mit den violetten
Orchideen. Wenn man nur flüchtig hinschaut, erkennt man drei verchromte
Lifttüren, schön verziert mit asiatischen Schriftzeichen, so wie ja alles in
dem Schuppen auf Nippon und Co. getrimmt ist.«
»Aber?«
»Aber wenn man exakt um dreiundzwanzig Uhr dreiundzwanzig am letzten
Samstagabend des Monats auf jenem Futon-Sofa sitzt und durch die
Orchideen hindurch eine schmale Tür im Auge behält, direkt neben der
Aufzugsgruppe, stellt man fest, dass diese mit Seidenpapier bezogene Tür
kein Ein- oder Ausgang zu einem Wirtschaftsraum oder Ähnlichem ist.«
»Sondern ebenfalls ein Aufzug.«
Sie hätte beinahe gelächelt. Unter normalen Umständen hätte sie sich mit
Jules gerne über Alltägliches unterhalten. Über Politik, Kunst, Reisen oder
die Ansichten zu Erziehungsmethoden, wenn er denn Kinder hatte. Er klang
wie ein Vater, der es schaffte, gleichzeitig liebevoll, aber auch bestimmt zu
sein. Wie oft traf man auf Männer, die mitdachten und sogar die Sätze korrekt
vollendeten, weil sie die richtigen Schlüsse aus dem Gesagten zogen?
»Ganz genau. Es ist ein vierter Lift.«
»Wieso Speakeasy?«, fragte er.
»In den Zeiten der Prohibition gab es Alkohol in Bars nur in den
Hinterzimmern der Kneipen. Und die versteckten Geheimtüren zu diesen
Räumen öffneten sich, wenn man dem Barkeeper leise ein Codewort
zuraunte, daher speak easy, für flüstern.«
»Welches Codewort öffnet den Fahrstuhl?«
Gut. Er zögerte die eigentliche Frage hinaus: Und wohin fährt der Lift?
Er wusste, sie würde sich verschließen, wenn er zu schnell zum Kern der
Sache kam. Dass sie sich dann billig und benutzt fühlte, wie ein Mädchen,
das ihrem Date zu schnell erlaubte, die Hände beim Küssen auf Wanderschaft
gehen zu lassen.
»Mittlerweile hat sich in der Szene Speakeasy als Begriff für jedes
geheime Etablissement eingebürgert.«
»Von welcher Szene reden wir?«
Sie hörte ein Rascheln neben sich, vielleicht ein Fuchs oder ein
Wildschwein, das im Schnee nach Nahrung suchte.
»Von einer, in der Schmerzen verehrt werden.«
»Sind Sie in diesen Fahrstuhl eingestiegen?«
Jules tastete sich mit seinen Fragen weiter voran, während Klara mit
stechenden Schmerzen in der Milz und im Knöchel den Weg weiter nach
unten stakste, nur noch wenige Meter von der Teufelsseechaussee entfernt,
auf der zum Glück kein einziges Auto fuhr. Nur ein komplett asoziales
Arschloch hätte bei diesem Wetter und ihrem Anblick nicht angehalten, und
was hätte sie sagen sollen? »Alles in Ordnung, mir geht’s gut. Ich geh gerne
blutend mit angeknackstem Knöchel im Schneesturm spazieren.«
»Ja. Bin ich«, beantwortete sie Jules’ letzte Frage.
Ich bin eingestiegen.
»Um dreiundzwanzig Uhr dreiundzwanzig, so wie Martin es mir gesagt
hatte, öffnete sich die Tür. Lautlos.«
»Wer ist Martin?«
»Warten Sie ab. Sie werden ihn gleich kennenlernen«, sagte Klara und
begann Jules jene Geschichte zu erzählen, mit der nicht alles anfing. Die
vielleicht noch nicht einmal den Anfang von ihrem Ende eingeläutet hatte.
Die aber mit Sicherheit einen Wendepunkt markierte, von dem aus es kein
Zurück mehr gab. Damals, als sie die Schwelle des Bösen überschritt und
den dunklen Fahrstuhl betrat, der sie in eine Welt katapultierte, die noch
schlimmer war, als sie es sich in ihren schlimmsten Albträumen ausgemalt
hatte.
7

Klara
Einige Monate zuvor

Z ieh dir etwas Geschäftsmäßiges an«, hatte Martin zu Klara gesagt. »Dein
dunkelblaues Business-Kostüm mit dem Bleistiftrock und der weißen Bluse
unter dem Blazer. Die Prada-Pumps, keine Peeptoes, keine High Heels. Es
muss aussehen, als kämst du gerade aus einem Kanzleimeeting.«
Sie wusste, es war ihm peinlich, dass seine Frau »nur« eine medizinisch-
technische Assistentin in einer psychiatrischen Praxis war und keine
Unternehmensberaterin oder Anwältin.
»Also dezenter Schmuck, die Chopard-Uhr, die ich dir in Istanbul gekauft
habe, eine Perlenkette, dazu die passenden Ohrstecker.«
Sie hatte Martin gehorcht, wie immer. In den sieben Jahren ihrer
Beziehung, von denen immerhin drei mit Trauschein legitimiert waren, hatte
sie gelernt, nicht zu viele Fragen zu stellen. Und sich »geschäftsmäßig«
anzuziehen war im Vergleich zu vielen seiner sonstigen Wünsche harmlos; im
Grunde sogar angenehm. Das letzte Mal hatte sie Overknees und einen
Latexrock tragen müssen, um ihn in einem Pornokino am Adenauerplatz zu
treffen. Verglichen damit war ein Luxushotel wie das Le Zen das Paradies
auf Erden.
Dachte Klara. Wohl wissend, dass das Tor zur Hölle auch von einem
livrierten Pagen mit charmantem Lächeln aufgehalten werden konnte, der
einem den Weg über den mit chinesischem Marmor ausgelegten Boden durch
die Lobby zu den Fahrstühlen wies. Wo sie eine der Aufzugskabinen betrat.
Den vierten, offenbar geheimen Speakeasy-Lift, dessen Beleuchtung so
gedämpft war, dass man einige Zeit brauchte, um sich an das Schummerlicht
zu gewöhnen.
Alt , dachte Klara, als die Konturen ihres Gesichts im Fahrstuhlspiegel
schärfer wurden.
Faltig und unförmig.
Martin sagte es ihr täglich. Seit Amelies Geburt wurde er nicht müde, sie
auf die Auswirkungen der Schwangerschaft hinzuweisen und ihre
Charakterschwäche zu verdammen, weil sie diese nicht behob.
Die Tür zum 19. Stockwerk öffnete sich.
Mit wackeligen Knien trat Klara in den nach Patschuli-Raumspray
duftenden Hotelflur, der überhaupt nicht wie ein Hotelflur wirkte. Eher hatte
sie den Eindruck, mit dem Fahrstuhl direkt in das Treppenhaus eines
mehrstöckigen Luxuspenthouse gefahren zu sein. Eine halb geschwungene,
absurd breite Edelholztreppe wand sich vor dem überlebensgroßen
Ölgemälde eines weißhaarigen, zahnlosen Chinesen zu einer Galerie hinauf.
Rechts und links des ersten Absatzes wurde die Treppe von mannshohen,
zylinderförmigen Blumenvasen flankiert, in denen die größten Sonnenblumen
standen, die Klara je gesehen hatte.
Dazwischen, als hätte sie gerade die Stufen einer Showtreppe genommen,
stand eine lächelnde Fee, zumindest wirkte die schmerzhaft idealgewichtige,
ganz in Schwarz gekleidete Erscheinung auf Klara wie eine solche.
»Hallo und herzlich willkommen bei V.P., mein Name ist Lousanne.« Sie
lachte.
Sie sprach die Buchstaben englisch aus, es klang entfernt wie V.I.P.
»Wie schön, dass Sie gekommen sind. Waren Sie schon einmal bei uns?«
Klara schüttelte den Kopf, eingeschüchtert von der Schönheit der
Empfangsdame. Blutjung, mit großen, dunklen Disneyaugen, die bei jedem
Mann einen Beschützerinstinkt auslösten und jeder Frau zu verstehen gaben,
dass sie machtlos war, wenn Lousanne es darauf anlegte, ihren Ehemann zu
verführen.
Klara fühlte einen Stich, weil sie sich an ihr eigenes Leben erinnert
fühlte; damals, als sie während ihrer Ausbildung nachmittags nach der
Berufsschule als Aushilfe am Empfang der Anwaltssozietät am Ku’damm
gesessen hatte. Als sie jedem Klienten mit einem ähnlichen Lächeln
entgegengetreten war, einen Kaffee angeboten und ihn gebeten hatte, im
Wartezimmer Platz zu nehmen, solange der Anwalt oder Notar noch in einem
Gespräch war. Auf diese Art hatte sie Martin kennengelernt. Damals hatte sie
sich noch so selbstbewusst und frei gefühlt wie Lousanne, deren
Körperhaltung Stolz, aber auch Understatement ausstrahlte, mit dem sie
jedem Gast zu verstehen gab, dass ihre Tage am Empfang nur ein
Zwischenschritt waren und sie eigentlich zu Höherem berufen war.
Aus großer Höhe kann man tief fallen, dachte Klara und wunderte sich
im nächsten Moment über Lousannes Bitte: »Wenn Sie uns zum ersten Mal
mit Ihrer Anwesenheit beehren, würde ich Sie bitten, unseren
Mitgliederfragebogen auszufüllen.«
Lousanne drehte sich um, und Klara staunte über den tiefen
Rückenausschnitt ihres Kleides. »Wenn Sie mir bitte folgen wollen.«
Sie führte Klara zu einer brusthohen, marmornen Säule neben einer der
Sonnenblumenvasen. Darauf lag ein Lederetui, das sie schwungvoll öffnete.
Lousanne entnahm ihm einen wattierten Umschlag und reichte ihn Klara
zusammen mit einem weißen Montblanc-Füllfederhalter aus Porzellan.
»Haben Sie sich denn bereits für ein Level entschieden?«
Level?
Sie zuckte mit den Achseln.
»Keine Sorge, Sie können die Farbe jederzeit ändern.«
Farbe?
Klara zitterte bei dem Versuch, den Umschlag aufzureißen, als er ihr aus
der Hand gerissen wurde.
»Nicht nötig, Schatz. Ich hab die Formalitäten bereits für dich erledigt.«
Erschrocken fuhr sie herum. Martin war wie aus einer Geheimtür in den
Raum gesprungen und stand plötzlich neben ihr. Der Umschlag (mit einem
Mitgliederantrag? Wofür? War das ein Club?) lag nun in seiner Hand, und
er lächelte spitzbübisch. Frisch rasiert, frisch geduscht, die grauen, lockigen
Haare mit Wachs gebändigt, roch er so gut wie bei ihrem ersten zufälligen
Zusammentreffen in der Anwaltskanzlei.
»Darf ich dich kurz sprechen?«, fragte Klara mit dem Versuch eines
Lächelns, was kläglich scheiterte, und deutete auf die Tür, aus der Martin
vermutlich gerade gekommen war. Direkt neben dem Fahrstuhl schien es zu
den Toiletten zu gehen, im Gang zu den Waschräumen waren sie vielleicht
ungestört.
Martin schüttelte den Kopf. »Reden können wir hinterher, dann haben wir
auch mehr Gesprächsstoff.« Er griff nach ihrer Hand. Mit etwas mehr Druck
als notwendig.
Er nickte Lousanne zu und führte Klara nach oben.
»Was geschieht hier?«, flüsterte Klara gepresst.
Martin nickte, als hätte sie eine kluge Frage gestellt, ließ sie jedoch
unbeantwortet, während er ihr eine Hand gegen das Schulterblatt presste und
sie sanft drängend nach oben leitete.
»Ich meine es ernst, Martin. Was hast du wieder vor?«
»Sei doch keine Spielverderberin«, hörte sie ihn lächelnd sagen, einen
Schritt hinter ihr.
Am oberen Ende der Treppe mündete die Galerie in einen mit grauem
Teppich ausgelegten Flur, der an seinem hinteren Ende auf eine große,
schwarze Flügeltür zulief. Darauf war ein rotes Pi gemalt.
Martin öffnete die Tür mit einer elektronischen Keycard.
»Bitte …«, setzte Klara an und musste an ihre sechsjährige Tochter
Amelie denken, die hoffentlich friedlich und ahnungslos, vom Babysitter
behütet, in ihrem Bettchen schlief. Sie folgte Martin in das Hotelzimmer,
obwohl alle ihre Sinne sie davor warnten.
Mit gesenktem Blick, weil sie sich vor dem fürchtete, was sie erwartete.
»Ich muss auf die Toilette«, krächzte sie.
»Das kann warten«, bestimmte Martin, und dann bewegte sich etwas in
dem Raum, und Klara konnte nicht länger wegsehen.
Sie hatte mit einer Suite gerechnet, einem Bett und vielleicht einer
Sitzecke vor einer Fensterfront mit Aussicht auf die Gedächtniskirche und
den Zoo-Palast, und all das war auch vorhanden. Nur dass das Bett kreisrund
war und in der Mitte des Zimmers stand, das bestimmt dreimal so groß war
wie ihre Bude im Prenzlauer Berg, in der sie gewohnt hatte, bis sie zu Martin
gezogen war.
»Was geht hier vor?«, sagte sie, etwas schwer verständlich, da sie sich
unbewusst die Hand vor den Mund geschlagen hatte.
Sie starrte in ein halbes Dutzend identischer Gesichter. Alle Männer
trugen die gleiche Maske. Ein Tränen lachendes Emoji.
Ihr selbst war zum Heulen zumute.
»Was macht ihr mit ihr?«, fragte sie mit kraftloser Stimme. Das Entsetzen
lähmte sie. Klara wünschte, auch das junge Mädchen auf dem Bett, um das
sich die gesichtslosen Smokingträger herum aufgestellt hatten, wäre nur das
Werk einer Maskenbildnerin.
Aber das Blut, das ihr aus dem Mund über die nackten Brüste tropfte, war
echt.
8
D ie Gequälte kauerte wie ein Hund auf allen vieren auf der Matratze. Nur
auf einer Hand abgestützt, der linke Arm hing wie ein gebrochener Flügel an
ihrem dürren Körper herab.
»Bitte«, flehte sie stumm, als Klaras und ihr Blick sich trafen. Ihr fehlten
mindestens zwei Frontzähne.
»Sag ›Hallo‹ zu Shaniqua.« Martin lachte. »Natürlich nur ihr
Künstlername, aber sieht sie nicht aus wie eine indianische Schönheit?«
Eher wie eine Sterbende am Marterpfahl, dachte Klara. Das
dunkelhaarige und -häutige Mädchen – sie konnte nicht älter als achtzehn sein
– hatte eine zierliche Figur. Bei jedem ihrer stoßweise gehenden Atemzüge
bohrten sich die Rippen wie Fingerknochen eines alten Mannes durch die
Haut über ihrem Brustkorb, der von Blutergüssen und offenen Wunden
gezeichnet war.
Sie bekam kaum Luft, so eng war das Hundehalsband gezogen, dessen
Leine ein kräftiger Kerl mit zerknitterter Abendgarderobe hielt. In der
anderen Hand hatte er einen Lötkolben, mit der ihr offenbar bereits
Verletzungen auf dem Rücken und dem Hintern beigebracht worden waren.
Ich bin in der Hölle.
Klara wollte dem Mädchen zu Hilfe eilen, aber Martin hielt sie von hinten
fest, zog sie zu sich heran und umarmte sie, als wären sie ein verliebtes Paar,
das auf dem Balkon stehend eine wunderschöne Aussicht genoss.
»V.P. ist nur ein Spiel, Schatz«, flüsterte ihr Martin ins Ohr.
Auch er trug jetzt eine Smiley-Maske, die Klara an der Wange kratzte. Ihr
wurde übel, als er ihr die Abkürzung übersetzte: »Violence Play«. Zwei
englische Wörter, die so entsetzlich gegensätzlich waren, dass sie in keiner
Welt unter keinen Umständen in Zusammenhang gebracht werden dürften.
Gewalt? Spiel?
Großer Gott.
Klara hatte gehofft, es würde besser werden mit Martins »Ideen« und
»Rollenspielen«, sobald er erst einmal Vater war. Das Gegenteil war der
Fall gewesen, denn mit dem Kind hatte er ein Druckmittel in der Hand.
»Wenn du nicht mitspielst, werden alle erfahren, was Mama alles so
getan hat. Dann werden sie die Fotos und Videos davon im Internet sehen
und anhören müssen, wie kaputt diese liebe Mutti ist, denn genau darüber
wird auf dem Schulhof und beim Elternabend getuschelt werden. Und dann
nehme ich dir das Kind weg, und ohne Amelie bleibt dir nichts außer einem
Ausblick auf einen Marzahner Hinterhof, den du von deinem Fensterplatz
im Plattenbau begutachten kannst.«
»Ihr Schweine, lasst sie sofort gehen!«, forderte Klara und nutzte die
Gelegenheit, dass Martin sie losließ. Sie trat einen Schritt auf das Mädchen
zu, das schreckhaft zurückzuckte. Es verlor das Gleichgewicht, stützte sich
auf dem gebrochenen Arm ab und schrie vor Schmerz.
»Halt’s Maul!«, bellte der Mann mit der Hundeleine und riss an ihr. Mit
zwei Schritten war Klara bei ihm und schrie ihn an: »Du lässt sie sofort in
Ruhe, du perverses Schwein!«
Sie sah sich nach einem Telefon in der Suite um, mit dem sie Hilfe holen
konnte. Ihr Handy hatte sie auf Anweisung von Martin im Auto gelassen.
»Ihr habt sie gehört«, sagte ihr Mann derweil in die Runde. »Meine Frau
trägt keine Maske und kein Armband. Das bedeutet, sie ist heute die
Königin.«
Alle Anwesenden nickten. Klara hatte das Gefühl, Zeugin der
Abstimmung einer geheimen Loge geworden zu sein, deren Gesetze sie nicht
verstand.
»Königin?«
»Ja, mein Schatz«, sagte Martin. »Du hast heute das Recht der finalen
Maßnahme.«
Der Mann mit der Hundeleine hob die Hand mit dem Lötkolben. Das
Kabel steckte in einer Verlängerung, und das Gerät glühte.
»Was für eine finale Maßnahme?«, fragte Klara, dabei wollte sie die
Antwort gar nicht wissen. Alles, was sie wollte, war weglaufen. Fort von
hier. Aus dem Zimmer. Aus dem Hotel. Aus ihrem Leben.
»Wir haben unser Spielgerät (Martin sagte tatsächlich Spielgerät!) von
ihrem Besitzer zur freien Verfügung gekauft. Das bedeutet, wir können alles
mit ihr machen.«
Klara war sich sicher, dass er unter seiner Maske diabolisch grinste.
»Und mit ›alles‹ meine ich ›alles‹.« Er rieb sich die Hände. »Heute
wollen wir sie noch blenden oder striegeln.«
»Ihr macht gar nichts mehr mit ihr, ihr kranken Mistker…«
»Ganz genau«, unterbrach Martin sie. »Wir nicht. Sondern du. Du hast die
Wahl. Willst du mit dem Lötkolben ihre Augen oder ihre Vulva veredeln?«
Allein die Worte waren wie ein Schlag in den Unterleib. Klara hatte das
Gefühl, sich vor Schmerzen krümmen zu müssen. Sie hatte geahnt, dass es
Frauen gab, die noch Schlimmeres als sie zu erdulden hatten.
Zwangsversklavte Prostituierte aus verarmten Ländern, von ihrer Familie als
junge Mädchen an Zuhälter verkauft, die sie im Ausland psychotisch
sadistischen Kunden zur »freien Verfügung« anboten. Sie hatte gehofft,
niemals in der Realität dem Entsetzen zu begegnen, vor dem selbst sie, als
Opfer häuslicher Gewalt, verdrängend die Augen verschloss.
»Ich bin die Königin?«, fragte sie Martin, während sich eine Idee in ihr
formte.
»Das bist du!«
»Ich darf entscheiden?«
»Ganz genau.«
Sie holte tief Luft. »Gut. Dann entscheide ich hiermit, dass ihr alle sie
sofort gehen lasst.«
Klara hielt in Erwartung einer Ohrfeige die Luft an.
»Okay.«
Zu ihrer Verblüffung erhob ihr Mann keinen Einspruch, sondern klatschte
dreimal in die Hände. Eine mit Seidenpapier bezogene Schiebetür öffnete
sich.
»Herr Doktor, wenn Sie so gut wären. Die Königin hat entschieden, dass
für unser Gerät die V.P.-Runde vorbei ist.«
Ein ebenfalls maskierter Mann, der tatsächlich einen Arztkittel trug, schob
wortlos eine Krankenliege aus dem Nebenzimmer.
Zwei Smokingträger zogen die halb bewusstlose Shaniqua – oder wie
immer die Schwerverletzte hieß – wie einen Sack Kartoffeln von der
Matratze und trugen sie zu dem angeblichen Doktor.
Klara wollte ihnen folgen, doch Martin hielt sie am Arm fest.
»Wo willst du hin, Liebes?« Er zog sie zu sich heran wie ein Tänzer seine
Tanzpartnerin bei der Pirouette.
»Ich rufe die Polizei.«
Martin schüttelte heftig den maskenbewehrten Kopf. »Oh, das hätte ich dir
erklären sollen, Schatz. Unsere V.P.-Session ist natürlich längst nicht
vorbei.«
Ihr Mann sah dem Arzt und dem Mädchen auf ihrem Weg durch die
Ausgangstür der Suite hinterher, ohne den Griff um Klaras Handgelenk zu
lockern.
»Lass mich los!«
»Das darf ich leider nicht. Unsere Regeln besagen: Wenn die Königin ein
Spielgerät freilässt, wird sie selbst zum Spielgerät. Und da du kein farbiges
Armband trägst …«
Die Tür fiel hinter dem »Doktor« und dem Mädchen ins Schloss.
Martin packte Klara an den Haaren und riss ihren Kopf so stark zu sich
heran, dass ihr die Tränen in die Augen schossen.
»… heißt das, wir können alles mit dir machen. Du kennst keine Tabus.«
Er gab dem Mann, der eben noch die Hundeleine gehalten hatte, ein
Zeichen, worauf dieser einen Schritt auf Klara zutrat und ihr zum ersten von
vielen weiteren Malen in dieser Nacht mit der Faust in den Magen schlug.
9

Jules
Heute

S ie durften alles mit mir machen. Zigaretten auf mir ausdrücken, auf mir
urinieren, mich treten, beißen, schlagen. Haareausreißen war das
Harmloseste. Ein Milzriss nicht das Schlimmste.«
»Herr im Himmel. Und haben sie Sie …«
»Geblendet oder gestriegelt? Nein, das ließ mein Mann dann doch nicht
zu, dass sie mir ein Auge ausstachen oder mich mit einem glühenden
Lötkolben vergewaltigten.«
»Und haben sie Sie anders …?«
»… vergewaltigt?« Wieder vervollständigte Klara seinen Satz. »Dem
Wortsinn nach wohl eindeutig. Im sexuellen Sinne? Nein. Darum geht es in
dem Sadisten-Club nicht.«
Jules brauchte eine Weile, um Klaras Schilderungen zu verdauen. Dann
eine weitere, um die richtigen Worte zu finden. Schließlich sagte er: »Die
meisten Frauen, die mich anrufen, haben Angst, auf ihrem Heimweg allein zu
sein. Kann es sein, dass es bei Ihnen umgekehrt ist, Klara? Dass Sie Angst
haben, nach Hause zu gehen, und deswegen durch die Dunkelheit irren?«
»Ja.«
»Sie haben Angst vor Ihrem Mann?«
»Nein.«
Jules kniff verwundert die Augenbrauen zusammen und kratzte sich den
Nacken dort, wo der Bügel des Headsets unangenehm zwischen den Haaren
scheuerte. Er hatte einen etwas kleineren Kopf als Caesar, die Kopfhörer
waren auch dem Umfang nach nicht für ihn bestimmt.
»Haben Sie mir nicht gerade einen entsetzlichen Fall ehelicher Gewalt
geschildert?«
»Ja. Aber damit allein hätte ich wohl noch eine Weile weiterleben
können«, sagte Klara. »Auch wenn ich nie damit gerechnet hätte, das einmal
sagen zu können. Schon gar nicht nach dem Abend im Le Zen, von dem es
übrigens ein Video gibt. Martin hat es in Internetforen zum Garnieren
hochgeladen.«
»Garnieren?«, fragte Jules.
»So nennen das die Perversen, die sich auf solchen Tauschbörsen
herumtreiben. Sie sehen sich an, wie andere Frauen gequält werden. Von
einigen Szenen machen sie einen Screenshot und drucken ihn aus. Meistens
Bilder, auf denen den Frauen der Mund und die Augen angst- und leidverzerrt
offen stehen. Dann onanieren sie auf das Foto und laden es wieder in der
Tauschbörse hoch. Martin hat sich über die Kommentare gefreut: ›Schau
mal, wie ich deine blau geprügelte Ehehure garniert habe. Geile Bitch‹
oder so.«
Klaras Stimme klang nun klarer, was nicht allein an dem Fehlen der
Umgebungsgeräusche lag. Augenscheinlich war sie nicht mehr im Freien.
Jules hatte gehört, wie etwas metallisch auf einem Stein geschabt hatte, eine
Tür, die klemmte. Ein Tor zu einem Mietshaus? Dann hatte sich die
Atmosphäre in der Leitung verändert, aber auch Klaras Stimmlage. Ihre
Stimme klang jetzt fest und zuversichtlich, was aber nicht zu ihren nun
folgenden Worten passte, die Jules das unwirkliche Gefühl gaben, auf einem
schwankenden Untergrund zu sitzen, der jede Sekunde unter ihm nachgeben
würde. »Womit ich nicht länger leben will, ist das, was nach meinem
Klinikaufenthalt im Berger Hof geschehen ist.«
Jules schluckte, doch der in seinem Hals gewachsene Knoten wollte nicht
weichen.
Berger. Hof.
Diese Worte lösten größeres Entsetzen in ihm aus als die Schilderung von
Klaras Martyrium.
Er schloss die Augen, und die Bilder des Krankenhauskatalogs, den er
eben noch während der Suche nach der Fernbedienung in die Hand
genommen hatte, liefen wie eine PowerPoint-Präsentation über die Leinwand
seines Bewusstseins.
Jules brauchte eine Weile, bis er sich so weit beruhigt hatte, dass er seine
nächste Frage stellen konnte. »Was hat Sie dorthin verschlagen?«
Der Kloß im Hals wuchs sich von Golf- zu Tennisballgröße aus. Jules
konnte nicht anders, als an Dajana zu denken. Diesen wundervollen
Menschen, den er immer als »meine Frau« vorgestellt hatte, obwohl sie
einander nie offiziell das Jawort gegeben hatten. Und auch sie hatte bei
Formularen »verheiratet« angekreuzt, wie etwa in dem Aufnahmebogen der
Privatklinik Berger Hof im Schwarzwald, in der Nähe Baden-Badens.
»Waren Sie dort in psychiatrischer Behandlung?«, wollte Jules mit
klammer Stimme wissen.
Wie Dajana …?
»Nein, ich war beruflich dort«, antwortete Klara und gähnte zu Jules’
Überraschung.
Auf halber Strecke im Flur hörte er das charakteristische Signal einer
eingehenden SMS . Da während eines Anrufs über die Begleittelefon-
Software derartige Textnachrichten keine Geräusche erzeugten und sein
eigenes Handy keine Meldung anzeigte, musste Klara eine Mitteilung erhalten
haben.
»Dann sind Sie Therapeutin? Psychologin?«
»Wieso flüstern Sie?«, erkundigte sich Klara, und erst da fiel Jules auf,
dass er seine Stimme gedämpft hatte.
»Ich bin MTA in einer psychiatrischen Praxis. Ich habe im Berger Hof an
einem Forschungsprojekt teilgenommen.«
»Und dort ist etwas passiert?«, fragte Jules, wieder etwas lauter. Die
darin mitschwingende Frage ließ er unausgesprochen: »Was hat das Grauen,
das Sie mit Ihrem Mann erleben mussten, noch übertrumpft?«
Klara hauchte etwas, das wie eine gemurmelte Ablehnung klang: »Nein,
nicht.«
»Entschuldigung, ich habe Sie nicht verstanden.«
»Yannick«, wiederholte sie.
Jules betrat wieder das Arbeitszimmer. »Wer ist das?«
Sie seufzte schwer und antwortete mit einer scheinbar aus dem
Zusammenhang gerissenen Gegenfrage: »Haben Sie schon einmal
Desomorphin genommen?«
»Sie meinen die Droge Krokodil?« Er verneinte. Die tödlichste
Billigdroge der Welt hatte ihn während seiner Notrufzeit immer wieder
beschäftigt, wenn Junkies sich eine Überdosis des ätzenden Gemischs
gespritzt hatten, das aus Codein, Iod und rotem Phosphor hergestellt wurde.
Danach wurden sie von den Rettungssanitätern meist zombiegleich mit
grünlichen, krokodilähnlichen Hautveränderungen an der Einstichstelle auf
einer Bahnhofstoilette gefunden. Nicht selten wollten sie sich im Wahn selbst
aufessen.
»Man muss sich die Droge nur ein einziges Mal spritzen«, erklärte ihm
Klara unnötigerweise. »Nur ein verdammtes, einziges Mal, und sie zerstört
die Fähigkeit des Körpers, Endorphine zu produzieren. Sie wissen, was das
heißt?«
»Der Mensch kann nie wieder glücklich werden.«
»Ganz genau. So ging es mir mit Yannick. Ein einziger Kontakt, und er hat
meine Glückshormonproduktion auf Dauer und unwiderruflich ausgelöscht.
Egal, was passiert, ich werde nie wieder lachen, lieben, nie wieder leben
können.«
Jules hörte, wie eine Autotür mit einem satten Ploppen ins Schloss fiel,
und damit erschloss sich ihm das schabende Geräusch zuvor.
»Sie sind in einer Garage«, stellte er fest, auch weil er nicht wusste, was
er sonst sagen konnte, nachdem sie mit der Enthüllung über Yannick ein
Thema angeschnitten hatte, das ihm extremes Einfühlungsvermögen
abverlangte. Jede falsche Frage, jede unbedachte Bemerkung, das spürte
Jules, konnte den sofortigen Abbruch des Gesprächs zur Folge haben.
Statt einer Antwort startete sie wie zur Bestätigung den Motor, der vom
Geräusch her zu einem Kleinwagen passte.
»Ich danke Ihnen noch einmal sehr«, sagte sie. »Ohne Sie hätte ich das
nicht geschafft.«
Jules stand zwischen Schreibtisch und Fernseher, der noch immer stumm
vor sich hin flimmerte. Die Sondersendung von Aktenzeichen XY war vorbei,
und nun stritten Talkshow-Gäste – die üblichen Verdächtigen – über die
Frage, ob Kurzstreckenflüge und SUV verboten werden müssten.
»Wofür bedanken Sie sich? Dass ich Sie mit meiner Stimme nach Hause
begleitet habe?«
»Das ist eine dumme Frage, und das wissen Sie, Jules. Wir haben doch
bereits geklärt, dass ›nach Hause‹ zu kommen so ziemlich das Letzte ist, was
ich mir auf dieser Welt wünsche.«
»Weil Yannick dort auf Sie wartet?«
»Der wartet überall auf mich.«
»Um was zu tun?«
»Das habe ich Ihnen doch schon gesagt. Er wird mich umbringen. Und ich
kann mir nicht vorstellen, dass er Sie in Ruhe lässt, wenn er herausfindet,
dass Sie mir helfen wollten.«
Jules schüttelte den Kopf angesichts der kompletten Verdrehung der
Rollenverteilung. Noch nie während seiner Zeit beim Notruf hatte ihn ein
Anrufer vor einer Gefahr für sein eigenes Leben gewarnt.
»Weshalb will er Sie ermorden?« Und mich …? »Wer ist dieser Yannick,
erzählen Sie mir von ihm.«
»Dafür ist jetzt keine Zeit mehr«, sagte Klara, und Jules spürte, dass er
sie zu verlieren drohte.
Erneut bedankte sie sich bei ihm, und erneut verstand er nicht, wofür.
»Wobei habe ich Ihnen geholfen?«
»Wissen Sie es wirklich nicht?«
»Nein. Sagen Sie es mir. Bitte.«
Sie machte eine kurze Pause. »Was hören Sie gerade?«, fragte sie dann
leise, als wäre sie im Kino oder im Theater und wollte die Mitanwesenden
nicht stören.
»Eine Stimme, die selbstbewusst, aber müde ist. Und den laufenden
Motor Ihres Autos.«
»Und was hören Sie nicht?«
»Ich …«
Er dachte nach. Außer dem monotonen Motorbrummen gab es da nichts.
Kein Reifenquietschen, kein Hupen, kein Autoradio, keinen Fahrtwind, kein

Jules blieb mitten im Wohnzimmer stehen, als wäre er vor eine
unsichtbare Wand gelaufen. »Sie stehen. Sie fahren nicht.«
Klara lachte traurig. »Ganz genau.«
Aber der Motor läuft. In der Garage. Metall auf Beton. Eine
geschlossene Tür.
Jules wusste, die Mathematik des Schreckens stellte den menschlichen
Geist oftmals vor ganz simple Rechenaufgaben, nur das Gehirn weigerte sich
manchmal, das ebenso eindeutige wie schockierende Ergebnis zu
akzeptieren. Oft suchte der Verstand nach komplizierteren Lösungswegen, um
die Gleichung des Grauens weniger traumatisch aufzulösen. Aber in diesem
Fall konnte Jules aus eins und eins nicht drei machen. Ein stehendes Auto mit
laufendem Motor, nachts, in einer Garage. Darin eine Frau, die von ihrer
Angst getrieben die Nummer des Begleittelefons in ihrem Handy
abgespeichert hatte – das konnte nur eines bedeuten.
»Sie wollen sich heute Nacht umbringen, Klara!«
Um Yannick zuvorzukommen!
Mit Abgasen, die vermutlich mit einem Schlauch vom Auspuff durch einen
Spalt des geöffneten Seitenfensters ins Wageninnere geleitet wurden.
Habe ich ihr dabei geholfen? Ist das ihr »Heimweg«, auf dem ich sie
begleitet habe?
»Ganz genau«, bestätigte Klara Jules’ schrecklichste Vermutung. »Ich
würde mir jetzt gerne das Leben nehmen. Ich hoffe, Sie sind nicht böse, aber
das gelingt mir besser, wenn ich auflege.«
10
Klara

D as Cockpit ihres Mini Cooper hatte Klara schon immer das Gefühl
gegeben, in einem Flugzeug zu sitzen. Auch jetzt leuchteten die
unterschiedlichen kreisrunden Aluminiumarmaturen in der Dunkelheit der
Garage in einem matten Orange. Durchaus passend für ihren letzten »Abflug«
ins Ungewisse.
Klara schluckte, doch das Kratzen wurde nicht besser. Sie griff sich an
den Hals und ertastete unter dem Norwegerpulli die Kette mit dem kleinen,
silbernen Kreuz, das sie seit ihrer Erstkommunion trug.
Drehzahl- und Geschwindigkeitsmesser verschwammen vor ihren
tränenden Augen. Sie musste husten, und ihre Nase lief, der Reiz an den
Schleimhäuten kam schneller, als sie erwartet hatte, allerdings war es ja auch
ein winziger Wagen, den sie für ihre letzte Reise präpariert hatte. Die Luft
schmeckte bereits nach Kohlenstaub, vielleicht auch nur in ihrer Einbildung,
und Klara kam der überflüssige Gedanke, ob Martin den Mini jemals wieder
würde verkaufen können, wenn sie sich im Todeskampf aufs Polster
entleerte. Vielleicht sickerten sogar Fäulnisflüssigkeiten aus ihrem Körper, je
nachdem, wie spät man ihre Überreste entdeckte. Dann würde es noch
schlimmer stinken als in Papas Omega, den er jedes Wochenende liebevoll
gepflegt hatte, bis Mama eines Abends in den Fußraum gekotzt hatte.
Das war auf dem Rückweg von einem Lehrertreffen im Loretta am
Wannsee geschehen, wo sich das Kollegium des Döblin-Gymnasiums
regelmäßig zu Besäufnisrunden einfand, zu denen einmal im Monat auch die
Ehepartner mitgebracht werden durften. Klaras Mutter vertrug nicht viel,
dennoch zwang ihr Mann sie, »nicht die Spielverderberin zu sein« und ihn
»wie einen Trottel dastehen zu lassen, mit einer verklemmten Tusse, die
keinen Spaß versteht«.
Nun, ihr Versuch, sich an das »spaßige« Trinkverhalten der versoffenen
Lehrerrunde anzupassen, endete nach einem einzigen Campari O. mit der
Entleerung der magensäuregetränkten Reste des Gurkensalats auf der
Fußmatte. Klara konnte sich noch gut daran erinnern, wie sie in jener Nacht
aufgewacht war, als sie um kurz nach elf die Eingangstür ins Schloss fallen
hörte. Sie sprang aus dem Bett, öffnete ihre Kinderzimmertür im
Dachgeschoss und achtete auf die Schritte. Denn die waren ihr Indikator. Ihr
seismografisches Frühwarnsystem, das sie seit frühester Kindheit trainiert
hatte und das jetzt, im Alter von vierzehn Jahren, nahezu perfekt funktionierte.
Besonders das Stampfen ihres Vaters, wenn er ihrer Mutter folgte,
nachdem diese bereits nach oben gehuscht war, war ein verlässlicher
Gradmesser seiner Wut. Bei Papa war das Knarzen der dritten Stufe
entlarvend, die nur schwerfällig reagierte. Ihr Vater musste also ordentlich
auftreten, sein ganzes Gewicht darauf verlagern, damit sie ein Geräusch von
sich gab. Eindeutiges Indiz aber war die Geschwindigkeit. Wenn er voller
ungezähmter Wut war, schritt Papa eher bedächtig nach oben zum ehelichen
Schlafzimmer. Langsam, wie das Grollen eines aufziehenden Gewitters, dem
man nichts entgegensetzen kann, um das Unvermeidliche zu verhindern. Wenn
Klara diesen stampfend behäbigen Gang ihres Vaters hörte, wusste sie: Es
war zu spät! Dann brauchte sie auch nicht mehr nach unten in die elterliche
Etage zu gehen und vor der verschlossenen Schlafzimmertür darauf zu
warten, dass ihre Mutter stöhnte. Röchelte. Sich würgend übergab. Es gab
nichts mehr, was Klara tun konnte, um es zu verhindern. Und dennoch hatte
sie es an jenem Abend nach dem Loretta-Besäufnis versucht. War barfuß
hinuntergetapst, an der verhassten Rembrandt-Kopie des Soldaten mit
Goldhelm vorbei, dessen strenger Blick sie an ihren Vater erinnerte.
Im ersten Stock roch es grundsätzlich nach Staub, selbst wenn frisch
gewischt war, das alte Haus schien ihn unentwegt neu zu produzieren, als
würde es sich pausenlos häuten. Er fand sich auf dem Treppengeländer, im
Teppich, selbst an den Wänden, ganz besonders auf dem Bild, das an der
Wand zwischen Badezimmer- und Schlafzimmertür hing.
Eine Schwarz-Weiß-Fotografie hinter Glas. Papa selbst hatte das Bild
aufgenommen. Die Binzer Seebrücke im Winter. Menschenleer, die Wellen,
die sich am Pier brachen, wirkten wie auf ihrem Höhepunkt zu Eis gefroren.
Betrachter lobten oft das gute Auge ihres Vaters, ohne zu wissen, dass seine
besondere Gabe sich nicht darin erschöpfte, schöne Momente der Rügener
Natur einzufangen. Sein Haupttalent war sein seelischer Röntgenblick. In
Sekundenschnelle konnte er die emotionalen Schwachstellen eines Menschen
erkennen. Die aber fotografierte er nicht. Er nutzte sie, indem er sie
entblößte, bis sie wie eine offene Wunde vor ihm lagen, in die er genüsslich
Salz, Säure oder Schlimmeres kippte.
»Jeder Mensch hat eine Achillesferse«, hatte er Klara einmal auf dem
Spielplatz erklärt und sie in den Arm genommen. Sie hatte vor Freude fast
geweint, so selten kam es vor, dass er ihr diese Nähe gewährte. »Deine
Schwachstelle ist dein Einfühlungsvermögen, Klara. Du nimmst dir die
Dinge viel zu sehr zu Herzen. Du musst härter werden, sonst tritt dir
irgendwann das Leben mit Anlauf in den Arsch.«
Dabei hatte er ihr ein Zweieurostück gegeben, das für jeden Fluch in der
Familie fällig war, und sie hatte gelacht. Später hatte Klara sich gefragt, ob
er Mama auch etwas zusteckte, wenn er eine verbotene Grenze überschritt.
Fünfzig Euro für ein blaues Auge? Hundert für einen ausgeschlagenen Zahn?
Als sie an jenem Abend vor der verschlossenen Schlafzimmertür stand
und das verzweifelte Lachen ihrer Mutter hörte, diese paradoxe
Übersprungshandlung, bevor er sie vergewaltigte, wurde Klara zum ersten
Mal der wunde Punkt ihres Vaters bewusst. Sie hatte die Hand schon an der
Türklinke gehabt, ohne genau zu wissen, weshalb, ohne einen Plan zu haben.
Da begriff sie, was sie tun musste.
Klara trat an die Fotografie heran, packte das Bild, auf das ihr Vater so
stolz war, mit beiden Händen an den Kanten des Glasrahmens – und riss die
Wellenlandschaft von der Wand, um sie zu Boden zu schmeißen.
Danach hatte sie die Schlafzimmertür nicht mehr selbst öffnen müssen.
Aufgeschreckt von dem ohrenbetäubenden Krach des zersplitternden Glases,
riss ihr Vater die Tür auf. Mit nacktem Oberkörper, nur noch mit der
Anzughose bekleidet, die ihm Mama am Morgen für die Schule rausgelegt
hatte, den Gürtel wie eine Hundeleine in der Hand.
»Was zum Teufel …?« Seine Augen weiteten sich, als er sah, was Klara
angerichtet hatte.
»Es tut mir leid, ich …«
Sie hatte sich keine Erklärung zurechtgelegt. Es war unmöglich, dass
dieser Akt scheinbar sinnloser Zerstörung aus Versehen passiert sein konnte.
Doch ihr Vater verlangte nach keinem plausiblen Grund. Er schlug zu. Nicht
zum ersten Mal in Klaras Leben, wohl aber zum ersten Mal mit einem Gürtel,
zum ersten Mal ins Gesicht und zum ersten Mal mit der Wirkung, die sie sich
erhofft hatte: Er nutzte sie als Blitzableiter. Das Gewitter, das sich mit dem
Knarzen der Treppenstufe angekündigt hatte, entlud sich. Jedoch auf ihr und
nicht im Körper ihrer Mutter.
Als Klara am nächsten Tag zur Schule ging und ihrer besten Freundin
davon erzählte, wie sie vom Fahrrad gestürzt sei und sich dabei das halbe
Gesicht aufgeschlagen hätte, freute sie sich, sodass ihr beim einfachen
Lächeln vor Schmerz die Tränen in die Augen schossen. Endlich, dachte sie
und lächelte noch breiter. Endlich habe ich einen Weg gefunden, Mama zu
schützen und mich …
Der Signalton einer eingehenden SMS riss sie aus ihrem vermutlich
letzten Erinnerungstraum in die abgasgeschwängerte Realität der Garage
zurück.

WO BIST DU????
Martin. Natürlich. Immer vorwurfsvoll, immer mit vier Fragezeichen.
Verlässlich bis in den Tod hinein.

ICH HAB VERSUCHT, DICH ZU ERREICHEN. DU GEHST NICHT


RAN.
Sie wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel und las den Rest der
Nachricht.

ODER BIST DU NICHT ZU HAUSE?


HAST DU AMELIE ETWA ALLEINE GELASSEN????
Klara wurde übel. Martin hatte das gleiche Talent wie ihr Vater. Den
gleichen psychologischen Röntgenblick.
Mit unfehlbarer Sicherheit konnte er den Finger in ihre Wunden legen,
wobei es natürlich kein großes Kunststück war, in dem leiblichen Kind die
seelische Achillesferse einer Mutter zu sehen.
»Nein, du Arschloch«, flüsterte sie. »Ich habe Amelie NICHT alleine
gelassen. Vigo ist bei ihr. Der Babysitter, den du so hasst, weil er schwul ist.
Weil er Klimaaktivist ist, weil er Handys und Autos ablehnt, einfach weil er
ein guter Junge ist und damit das komplette Gegenteil von dir selbst.«
»Machen Sie sich keine Gedanken, Frau Vernet«, hatte der
Sechzehnjährige ihr beim Abschied an der Wohnungstür gesagt. »Amelie ist
so pflegeleicht, im Grunde müsste ich Ihnen Geld dafür zahlen, dass ich
bei Ihnen meine Bücher lesen darf. Sollte etwas sein, gehe ich nach unten
und melde mich von dort.«
Praktischerweise lebte er im Hinterhaus, nur einmal über den Hof, bei
seiner alleinerziehenden Mutter.
Und dann hatte Vigo noch ergänzt, sie könne sich ruhig Zeit lassen, es
wäre ja Wochenende, er habe sonntags nichts vor. Später würde er sich ins
Gästezimmer legen, direkt neben dem Kinderzimmer. »Ich warte so lange,
bis Sie zurückkommen.«
Also für immer.
Klara schluchzte und hatte plötzlich wieder das ekelerregende,
jähzornverzerrte Gesicht ihres Mannes vor Augen, den sie in Gedanken
anschrie: »Weißt du, weshalb ich nicht wiederkomme? Weshalb ich meine
Tochter alleine zurücklasse? Um sie zu schützen!
Damit sie nicht eines Tages auf die gleiche Idee kommt wie ich selbst.
Damit sie sich nicht als Ventil hergibt und versucht, deinen Zorn zu
erregen, damit du deine Wut an ihr und nicht an mir auslässt.«
Denn dessen war sie sich sicher: dass Martin der beschissenste Ehemann
der Welt war, aber dennoch ein guter Vater. Er würde seiner Tochter niemals
etwas antun, es sei denn, er würde eines Tages von ihr herausgefordert, weil
sie sich ihm als Blitzableiter andiente, so wie Klara es über all die Jahre
ihrer verlorenen Kindheit bei ihrem Vater getan hatte.
Mit Erfolg. Seit dem »Tag des zerstörten Bildes« (wie sie ihn in
Gedanken nannte) hatte ihr Vater nie mehr Hand an die Mutter gelegt. Hatte
sie nie mehr geschlagen, geprügelt oder vergewaltigt, wie ihre Mutter ihr
Jahre später, als sie schon lange nicht mehr zu Hause wohnte, bestätigt hatte.
Wieso auch? Er hatte ja ein neues Opfer gefunden. Seine Tochter.
Dazu darf es in unserer Familie niemals kommen, dachte Klara.
Ich schütze mein Kind vor Martin, indem ich es mit ihm alleine lasse.
Sie schloss die Augen in dem Bewusstsein, dass dieser zweifelsfrei
paradoxe Gedankengang nur die halbe Wahrheit war, mit der sie, die
ehemalige Schülerin einer katholischen Mädchenschule, versuchte, ihre
»Todsünde« zu rechtfertigen. Denn Martin war nicht das Hauptproblem.
Sondern Yannick.
Ihn fürchtete sie mehr als das Fegefeuer, das ihr Pfarrer ihr in den
Kommunionsstunden in gleißenden Farben ausgemalt hatte.
Dennoch.
Jetzt, nachdem sie den Point of no Return überschritten hatte, kamen ihr
natürlich Zweifel. Nicht an ihrem Willen zu sterben, der stand felsenfest.
Wohl aber, ob sie richtig in der Annahme ging, ihre Tochter würde ohne sie
gefahrloser aufwachsen können.
Ohne mich. Und ohne Yannick.
Klara dröhnte der Schädel, was sie auf die Abgase zurückführte, die eine
immer größere Giftkonzentration im Wageninneren erzeugen mussten. Sie
hatte davon gehört, dass es kurz vor dem Verlust des Bewusstseins zu
Halluzinationen kommen könne, und tatsächlich erlebte sie gerade eine
akustische Täuschung. Ihr Mann begann zu sprechen. Sagte ihren Namen. Erst
leise, dann immer lauter, bis sie ihn deutlich verstehen konnte, obwohl sie
das Telefon gar nicht am Ohr hatte.
»Klara?«, rief ihr Mann, der gar nicht ihr Mann war und sich auch nicht
im Entferntesten wie Martin anhörte, und dennoch war ihr die Stimme
seltsam vertraut.
Jules?
Das Handy in ihrem Schoß wog auf einmal mehrere Kilo.
Verdammt. Sie hatte gedacht, sie hätte ihn weggedrückt, aber offenbar
hing der Typ vom Begleittelefon noch immer in der Leitung.
Sie wischte fahrig auf dem Touchscreen des Handys herum, doch anstatt
das Telefon auszuschalten, aktivierte sie die Freisprechfunktion.
»… schon erklärt habe«, hörte sie ihn sagen. »Tun Sie mir das nicht an.
Ich ertrage es nicht noch einmal. Nicht schon wieder!«
Wieder?
Sie seufzte. Verdammt, wieso nur? Weshalb nur hatte Jules ausgerechnet
wieder gesagt und damit erneut den richtigen Ton getroffen. Sein Flehen hatte
etwas in ihr geweckt, was ihr weder Martin noch Yannick im Leben hatten
nehmen können, so viel sie auch in ihr zerstört hatten: ihre Neugier.
Gott, war ich früher neugierig. Auf das Leben, auf die Reisen, die es für
mich bereithält. Darauf, mein Kind groß werden zu sehen.
»Was meinen Sie mit schon wieder? «, fragte sie mit einer Stimme, die in
ihren Ohren schon völlig belegt und damit fremd klang.
Sie sah auf die Uhr im Armaturenbrett, aber die Anzeige verschwamm vor
ihren Augen. Sie konnte sie nicht mehr entziffern, 22.59 oder 23.09 Uhr. Sie
wusste nur, bald brach ein Tag an, den sie nicht mehr erleben wollte. Nicht
mehr erleben durfte, denn dann war das Ultimatum abgelaufen.
»Ich erzähle es, wenn Sie den Motor abschalten«, bat Jules.
Sie schüttelte energisch den Kopf. »Ich habe einen besseren Vorschlag.«
Klara hustete trocken, dann sagte sie: »Ich lasse die Abgase weiter einlaufen.
Und Sie beeilen sich mit dem Sprechen, Jules. Vielleicht schaffen Sie es ja
und haben mir Ihre Geschichte erzählt, bevor ich vollends das Bewusstsein
verliere.«
Sie keuchte asthmatisch, so laut, dass sie kaum die ersten Worte verstand,
mit denen Jules ihr den schrecklichsten Tag seines Lebens schilderte.
11

Jules
Dreieinhalb Monate zuvor V on Spandau nach
Wilmersdorf benötigt man im Feierabendverkehr im
Regelfall eine halbe Stunde. Jules brauchte wegen
eines Unfalls auf der Stadtautobahn fünfundsechzig
Minuten.

Eine quälende, überlange Stunde, die sich wie eine Ewigkeit anfühlte, in
der er sich das Headset vom Kopf riss und die Treppe nach unten jagte, an
dem alten Feuermelder vorbei, der im Eingang der Einsatzzentrale zur
Dekoration stand, bis zu seinem Wagen, den er mit durchgedrücktem
Gaspedal Richtung Stadtautobahn trieb, von der Auffahrt Spandauer Damm
das kurze Stück zum Halensee und die Westfälische runter, bis er vor dem
Mietshaus stand, in dem all seine Lebensträume zerbrechen sollten.
Im Hausflur der Prinzregentenstraße 24 roch es grundsätzlich nach Essen.
Der rote Sisalteppich, der unter Jules’ Schuhen verrutschte, während er die
Treppe hinaufrannte (der enge, nachträglich eingebaute Zwei-Personen-
Fahrstuhl war schon unter normalen Umständen eine Geduldsprobe), schien
sich mit dem Duft von Bratensoße, Frittierfett, Bärlauch und Grillfleisch über
die Jahre regelrecht vollgesogen zu haben. Heute lag noch eine zusätzliche
Geruchskomponente in der Luft, und die wurde mit jedem Stockwerk, das
Jules seiner Wohnung näher kam, intensiver: Rauch. Erstickender Qualm.
»Halt, Moment …!«
»Was zum Teufel …?«
»Sie können hier nicht …!«
Jules rannte an seinen Kollegen vorbei, die ihn mit energischen
Halbsätzen im verrußten Wohnungseingang empfingen. Einen der beiden
Einsatzkräfte musste er aus dem Weg drücken, einem uniformierten Polizisten
wich er im Flur aus, der halb unter Löschwasser stand. Der Paketbote, der
das Feuer entdeckt hatte, war ebenso wie die Frauenleiche im Flur längst
nicht mehr vor Ort.
»Bitte, das ist ein Tatort …«, rief der Polizist, was Jules kurzfristig an
seinem Verstand zweifeln ließ.
Ein Tatort? Wie kann meine Wohnung ein Tatort sein?
Doch als er sich einer Hand entzog, die ihn von hinten packte, während es
ihn nach vorne trieb, in die Richtung, in der der Brandgeruch immer stärker
wurde, machte er den Fehler, einen Blick durch die offen stehende
Badezimmertür zu werfen.
Er sah auf die Wanne, die Dajana und er hässlich fanden, weil die Emaille
an vielen Stellen abgeplatzt und der Bereich rund um den Ausfluss fleckig
war.
Das Wasser darin erinnerte ihn an den Sonnenuntergang am
Scharmützelsee. An einen seiner letzten glücklichen Tage mit Dajana, als die
Sonne mit einer blutroten Färbung hinter den Baumwipfeln von Wendisch
Rietz verschwand und mit einem letzten Gruß die Oberfläche des Sees
kupferfarben schimmern ließ.
Eine Bewegung hinter ihm trieb ihn weiter. Bevor die Beamten ihn
überwältigen konnten, musste er zum hintersten Zimmer im Flur.
Die Tür hing nur noch in der oberen Angel, und ihr billiges Holz war in
Kopfhöhe von einer Axt zerfetzt worden. Sie stand offen, mit der Innenseite
zu Jules gewandt, weswegen er im unteren Drittel etwas sehen konnte, das
für ihn zum grauenhaftesten Anblick seines Lebens werden sollte, den er nie,
nie, nie wieder vergaß.
Kratzer.
Tiefe, fingernägelzerstörende, blutige Kratzer. Der Körper, der sie
produziert hatte, war offenbar längst abtransportiert.
Jules musste husten. Tränen schossen ihm in die Augen. Wegen des
Gestanks von verkokeltem Holz, Plastik, Stofftieren …
»Valentin hat mit einer Kerze gespielt«, hörte er jemanden hinter sich
sagen. Ein Mann, der genauso weinte wie er.
»Die muss er aus der Kita stibitzt haben«, soll Jules geantwortet haben,
woran er sich heute nicht mehr erinnerte. Und dass die Kinder dort gerade
den Umgang mit Feuer lernten.
Später sollte er erfahren, dass er mit dem Einsatzleiter gesprochen hatte.
Selbst Vater eines fünfjährigen Jungen. Der, der mit der Axt die Tür zerstört
hatte, um ins Kinderzimmer zu kommen. Aber in diesem Moment sah Jules
nur die Kratzer in der Tür. Furchen wie von einem weidwunden Tier, das aus
der Falle ausbrechen will.

»… ein Tatort?«, fragte Klara in der Gegenwart, und ihre Stimme ließ Jules
für einen Moment keinen Raum mehr für Erinnerungen. Plötzlich stand er
nicht mehr vor dem ausgebrannten Kinderzimmer, sondern befand sich in der
Wohnung am Schreibtisch. Wieder das kratzende Headset am Kopf. Den
Blick unbewusst auf den Prospekt des Berger Hofs gerichtet.
»Meine Frau hatte die Tür abgeschlossen«, gestand er ihr.
»Weshalb hat Ihre Frau das getan?«
Jules schluckte. »Dajana wollte nicht gestört werden. Einer Kinderseele
nicht den Anblick ihrer Leiche zumuten.«
Es war kein »erweiterter Suizid«, wie es in der Randbemerkung einer
Pressemeldung gelautet hatte. Dajana hatte nur sich allein töten wollen. Das
war Jules so klar, wie er wusste, dass er Dajana auch dann nicht verzeihen
würde, sollte es ein Leben nach dem Tod geben, in dem sie wieder
aufeinanderträfen.
So wenig, wie ich es mir selbst verzeihe …
»Die Feuerwehr glaubt, dass Dajana wegen des Rauchs wieder aus dem
Wasser gestiegen ist, nachdem sie sich mit den Rasierklingen die Pulsadern
aufgeschnitten hatte. Deshalb sah es in unserer Wohnung aus wie auf einem
Schlachtfeld, als man sie fand. Die Blutspur zog sich vom Bad durch die
Diele bis kurz vor das Kinderzimmer.«
»Sie klingen so, als ob Sie das anzweifeln.«
»Ich vermute eher, sie hat es sich in letzter Sekunde anders überlegt. Sie
war verzweifelt, aber ihr Todeswunsch war am Ende doch nicht so stark wie
ihre Mutterliebe. Das mit dem Feuer kam unglücklicherweise noch hinzu.«
»Sie konnte die Tür nicht öffnen?«
»Wahrscheinlich hat sie den Schlüssel nicht gefunden und wollte Hilfe
holen, aber sie brach zusammen, kaum dass sie die Haustür geöffnet hatte,
wo der Paketbote sie dann fand.«
Jules wischte sich mit dem Armrücken über die trockenen Augen. Eine
Angewohnheit, die er während seiner Trauerphase, in der er noch geweint
hatte, so oft wiederholt hatte, dass sie in Fleisch und Blut übergegangen war,
selbst als die Tränen nicht mehr flossen. Seine wenigen Freunde dachten, es
wäre ein gutes Zeichen, dass er sich in der Öffentlichkeit im Griff hatte und
nicht mehr bei dem kleinsten Gedanken an seine Familie zu schluchzen
begann. Tatsächlich war es jedoch schlimmer geworden, denn seine
tränenlose Trauer war nach innen gewandert, wo sie ihn zerfraß.
»Hat sie einen Abschiedsbrief hinterlassen?«, wollte Klara wissen.
Jules stand auf, er spürte ein quälendes Kratzen in der Kehle. Er tastete
nach dem gefalteten Papier, das er immer noch bei sich trug. Um es wieder
und wieder zu lesen, wenn ihn die Trauer übermannte, was mehrmals am Tag
geschah.
Heute steckte es in der Brusttasche seines Hemdes, unter dem
Rollkragenpulli, direkt über dem Herzen.
Mein liebster Jules …
»Ja.« Er räusperte sich. »Auf dem Küchentisch.«
Das Kratzen ließ sich auch durch Räuspern und Schlucken nicht
beseitigen, also machte er sich auf den Weg in die Küche, um etwas zu
trinken.
»Darf ich fragen, was darin stand?«

Ich wünschte, ich hätte die Kraft, weiterzumachen …


Jules schüttelte den Kopf. »Ich schätze, der Inhalt ist für Sie nicht so
interessant wie seine Form, Klara.«
»Für mich? «
Klara klang müde und etwas nuschelig, aber sie schien noch hellwach zu
sein.
»Ja, für Sie. Das für Sie wirklich Bemerkenswerte hat meine Frau nicht
selbst verfasst. Es war der Name, der auf dem Briefpapier stand, das sie für
ihren Abschiedsbrief genutzt hatte.«
»Welcher Name war das?«
»Berger Hof.«
12
W ie bitte?«
Sie zog beide Wörter ungläubig in die Länge. Fehlte nur noch, dass sie
ironisch auflachte, aber dazu hatte sie vermutlich keine Kraft mehr.
Jules vibrierte vor Anspannung. Auf dem Weg zur Küche hatte er das
drängende Gefühl, sich beeilen zu müssen. Er durfte keine Zeit mehr
verlieren und musste Klara unter emotionalen Druck setzen. Daher spielte er
seinen Joker aus in der Hoffnung, ihre Neugier so weit anzustacheln, dass sie
ihren Lebenswillen zurückgewann. Zumindest kurzfristig. Und so sagte er:
»Meine Lebensgefährtin Dajana hatte große psychische Probleme, deren
Ursache ich bis heute nicht kenne. Deswegen war sie in der Klinik Berger
Hof. In derselben psychiatrischen Einrichtung, in der auch Sie waren,
Klara.«
Er tastete wieder nach dem Brief, dessen Wortlaut ihn bis in seine Träume
verfolgte.
Leb wohl, mein liebster Jules. Ich werde mir jetzt die Pulsadern
aufschneiden. Vielleicht schaffe ich es noch, Dich ein letztes Mal auf
der 112 anzurufen, bevor meine Kräfte schwinden. Ein letztes Mal Deine
Stimme zu hören, die mir früher Halt, Zuversicht und Hoffnung gegeben
hat. Vielleicht kann ich mich an ihr festhalten, und Du begleitest mich
auf meinem letzten Weg.

Die Wut der Verzweiflung loderte erneut in Jules auf. Er ballte die Fäuste.
»Wann waren Sie dort?«, fragte er Klara.
»Ende Juli.«
Zur selben Zeit?
»Wie meine Frau.«
Eigentlich hatte die gesetzliche Krankenkasse die Kosten für diese
Luxusklinik nicht übernehmen wollen. Aber Dajana hatte ein
schmeichelhaftes Porträt über den Vorstandsvorsitzenden ihrer Kasse
geschrieben, und der revanchierte sich, indem er höchstpersönlich die
Kostenübernahme für die Burn-out-Behandlung absegnete.
»Ihr Beruf und die Familie hatten sie an den Rand der Belastungsfähigkeit
gebracht. Sie brauchte eine Auszeit mit professioneller Unterstützung. Kurz
nach der Behandlung tötete Dajana sich selbst und unseren Sohn Valentin. Er
war erst fünf.«
Und dennoch hatten sich seine Finger mit der Verzweiflung eines
Erwachsenen in das Holz der Kinderzimmertür gegraben.
Hat er dabei geschrien, geweint? Oder nur röchelnd gehustet? An wen
hat er während seines letzten, rußgequälten Atemzugs gedacht?
Jules stand mittlerweile in der Küche, die geradezu absurd groß war, was
aber zu dem Rest der geräumigen Wohnung passte. Obwohl ein gewaltiger
Küchenblock mit Barhockern in der Mitte des Raums stand, gab es zusätzlich
einen Esstisch mit sechs Sitzplätzen, und noch immer hätte ein Sofa
gegenüber der Einbauzeile Platz gefunden.
Jules öffnete den chromfarbenen Flügeltürkühlschrank und nahm eine
Flasche Orangensaft aus dem Getränkefach.
»Sind Sie noch dran, Klara?«
Er hörte ein dumpfes Klopfen in der Leitung, war sich aber nicht sicher.
Klara sagte nichts. Er wusste nicht, ob sie nachdachte, ihn ignorierte oder
vielleicht schon das Bewusstsein verloren hatte.
Dennoch, in der Hoffnung, dass die Verbindung zu ihr noch bestand, stellte
er die Saftflasche auf die Arbeitsfläche des Küchenblocks, zog sich einen
Barhocker heran und legte sein Privathandy daneben.
Es dauerte einen Moment, bis er das Smartphone mit der
Gesichtserkennung entsperrt hatte, dann tippte er eine kurze WhatsApp:

Rufe dich gleich an. Nimm ab. Aber sag kein Wort!
Dann sagte er zu Klara: »Ich bitte Sie. Nein, ich flehe Sie an: Schalten Sie
den Motor aus! Reden Sie mit mir! Und verraten Sie mir: Was zum Teufel
haben Sie im Berger Hof gemacht? Was ist Ihnen an jenem Ort widerfahren,
der bereits meine Familie zerstört hat?«
Jules öffnete die nur noch zu einem Drittel gefüllte Saftflasche, ohne einen
Schluck daraus zu trinken.
»Meine Frau hat sich das Leben genommen, Klara. Und Sie wollen nun
das Gleiche tun. Ebenfalls nach einem Aufenthalt in dieser Klinik. Das kann
doch kein Zufall sein!«
Mit dieser beunruhigenden Feststellung schickte er die Textnachricht an
die Nummer seines Vaters ab.
Dann rief er ihn an und stellte das Telefon auf laut, damit er mithören
konnte.
13
Klara

K lara fühlte sich, als wütete ein stumpfer Handbohrer direkt zwischen
ihren Augen im Inneren ihres Schädels. Sie war ohnehin lärmempfindlich,
allein das garagenverstärkte Röhren des Motors hätte unter normalen
Umständen ausgereicht, um Kopfschmerzen bei ihr auszulösen. Da bedurfte
es keiner Kohlenmonoxid-Anreicherung ihrer Atemluft. Und jetzt verpestete
noch dieser hartnäckige Jules den Äther mit seinen ungeheuerlichen, geradezu
absurden Behauptungen.
»Das haben Sie sich doch ausgedacht!«, sagte sie. »Sie kennen diese
Klinik nicht, geschweige denn war Ihre Frau dort vor Ort, falls es die
überhaupt gibt. Sie wollen mich nur hinhalten.« Klara schluckte trocken.
»Leiten Sie den Anruf gerade um zur Polizei? Sind die schon auf dem Weg?«
»Nein. Ich kann Sie mit meinen Mitteln von zu Hause aus nicht orten.
Außerdem wäre es das Letzte, was ich tun würde.«
»Weshalb?«
»Weil die Polizei Ihnen nicht helfen kann, Klara. Ich kenne Opfer
häuslicher Gewalt. Ich hatte sie häufig auf der 112 und habe sie oft genug am
Begleittelefon. Sie brauchen keinen Arzt, keinen Beamten oder gar jemanden
von der Fürsorge.«
»Stimmt genau. Aber jemanden, der mich nicht kennt und meint, er könne
mich am Telefon aus dem Auto quatschen, brauche ich erst recht nicht.«
Jules schien wütend. »Ich quatsche Sie nicht voll! Sie sind es, die nur
labert und nicht handelt. Mein Gott, wie viele von Ihrer Sorte hatte ich am
Notruftelefon? Wöchentlich musste ich Einsatzkräfte zu Frauen schicken, die
von ihren Männern krankenhausreif geprügelt worden waren, doch kaum
waren unsere Leute vor Ort, war alles doch nicht so schlimm, und ihr habt
heulend gefleht und gebettelt, dass wir den Schläger bloß nicht mitnehmen.«
Jules stöhnte auf. »Alles nur halbherzig. Der Hilferuf, der Wunsch zu
entkommen, auch Ihr Suizidversuch, Klara, einfach nur lächerlich.«
»Lächerlich?« Klara hustete. Ihr war klar, dass er sie provozieren wollte,
um die emotionale Bindung zwischen ihnen zu verstärken. Um es ihr
schwerer zu machen, an ihrem Entschluss festzuhalten.
»Ja. Nahezu kindisch. Von mir aus können Sie in Ihrer Karre so lange
hocken, wie Sie wollen. Sie haben ohnehin keinen ausgeprägten
Todeswunsch.«
Klara war versucht, sich an den dröhnenden Kopf zu fassen. »Nicht
ausgeprägt? Ich leite mir gerade über einen Schlauch Autoabgase ein!«
»Und Ihr Wagen ist mit Sicherheit nicht vor 1999 gebaut und hat daher
einen Katalysator, weswegen er kaum noch Kohlenmonoxid abgibt«, schoss
Jules zurück. »Ich war bei der Feuerwehr, Klara. Ich ziehe mein Wissen nicht
aus dem Tatort am Sonntag. Es ist fast unmöglich, sich heute noch mit
Autoabgasen umzubringen. Schön, Ihr Wagen ist kalt, da funktioniert der Kat
gerade im Winter erst mit Verzögerung, weswegen ich anfangs etwas nervös
war. Aber mittlerweile unterhalten wir uns viel zu lange. Zudem kann ich
hören, das Sie die Fenster geschlossen halten. Ein weit verbreiteter Irrtum.
Sie hätten die ganze Garage mit Abgasen fluten müssen. Und all das wüssten
Sie, wenn es Ihnen wirklich ernst wäre, heute Ihr Leben zu beenden. Dann
hätten Sie das nämlich recherchiert. Himmel, Sie haben ein Kind, Klara! Ich
weiß, Sie sind verzweifelt. Ich weiß, Sie haben die dunkelsten Gedanken und
sehen keinen Ausweg. Aber im Grunde Ihres Herzens wollen Sie Ihre
Tochter niemals mit Ihrem Mann alleine lassen!«
Du verdammtes Arschloch, dachte Klara. Sie starrte das Armaturenbrett
an, in dessen Plexiglasverkleidung sich ihr Gesicht fratzengleich spiegelte.
Mit einem Mal fiel es ihr schwer, die Widerrede zu führen.
»Vielen Dank, Sie haben mir gerade einen weiteren Grund geliefert,
dieses Gespräch zu beenden«, flüsterte sie, nun zutiefst erschöpft. Die
Möglichkeit, dass Jules recht hatte, lähmte sie regelrecht. Dennoch sagte sie:
»Wenn das stimmt, was Sie sagen, muss ich die wenige Zeit nutzen, die mir
bleibt, um etwas anderes auszuprobieren.«
»Okay, dann lassen Sie uns einen Deal machen«, schlug Jules vor, er
klang besänftigend.
»Wie soll der aussehen?«
»Sie sagen mir, was im Berger Hof passiert ist. Und ich verrate Ihnen eine
schmerzfreie, schnelle Suizidmethode, wenn Sie danach immer noch aus dem
Leben scheiden wollen.«
Sie schlug wütend auf das Lenkrad und wurde laut. »Das Wollen ist hier
nicht die Frage. Ich werde sterben. So oder so.«
Ihre Stimme zitterte, auch weil Jules sie verunsichert hatte. Dennoch sagte
sie beinahe trotzig: »Ich sehe keinen anderen Weg. Mein Leben ist ohnehin
verkorkst, das meiner Tochter muss ich nicht auch noch ruinieren. Nur, wenn
ich schon aus dem Leben scheide, dann hatte ich wenigstens die Hoffnung, es
etwas humaner zu gestalten.«
»Sie wollen also Suizid begehen, weil Ihre Angst vor einem
schrecklichen Tod durch Yannick so groß ist. Stimmt das?«
Selbstmord aus Angst vor dem Tod.
Klara schloss die Augen, wodurch das Dröhnen im Wageninneren ihr noch
lauter erschien. »Sie haben nicht die geringste Ahnung, worauf Sie sich mit
diesem Gespräch einlassen«, warnte sie ihn nun schon zum wiederholten
Male, doch Jules ließ nicht locker.
»Egal, was Ihnen dieser Yannick androht. Es kann nicht schlimmer sein
als das, was ich bereits erlebt habe.«
Klara nickte. »Das stimmt. Es gibt vermutlich nichts Schlimmeres, als
wenn das eigene Kind vor den Eltern stirbt.«
Scheiß drauf, die Abgase scheinen tatsächlich nichts zu bringen. Außer
Migräne und Übelkeit.
Klara schaltete den Motor aus und öffnete mit eingeschlafenen Fingern die
Fahrertür.
Die kalte Garagenluft traf sie wie ein Schwall Eiswasser. Gierig saugte
sie den Sauerstoff ein, so schnell, dass sie husten musste.
Jules erkundigte sich, ob alles okay sei, was Klara bejahte, obwohl es
natürlich kaum einen Moment in ihrem Leben gegeben hatte, der weniger
okay war. Abgesehen vielleicht von dem Dammriss nach der Vergewaltigung
im Ehebett, den sie nicht hatte nähen lassen können, weil in der Notaufnahme
zu viele Fragen gestellt worden wären. Noch heute tat es ihr manchmal beim
Wasserlassen weh. Vom Sex ganz zu schweigen.
»Sie irren sich«, hörte sie Jules sagen.
»Womit?« Ihr Schädel dröhnte. Das Einzige, was sie geschafft hatte, war,
ihr Kurzzeitgedächtnis umzubringen. Sie konnte sich jetzt schon nicht mehr an
das erinnern, was sie vor zehn Sekunden gesagt hatte.
»Dass es nichts Schlimmeres gibt als ein Kind, das vor den Eltern stirbt.«
»Nicht?«
»Noch schlimmer ist es, seinem Kind beim Sterben zuzusehen und nichts
dagegen tun zu können.«
Klara stieg aus dem Wagen. Ihre Knie drohten nachzugeben, sodass sie
sich am Autodach festhalten musste. »Das mag sein, aber ich verstehe nicht
…«
»… weshalb ich das gerade jetzt erwähne?«
»Richtig.«
Sie löste sich vom Fahrzeug und machte sich auf den Weg. Die Tür, die
die Garage mit dem Bungalow verband, befand sich direkt vor ihr, nur fünf
Schritte entfernt. Wobei »Bungalow« eine etwas hochtrabende Bezeichnung
für das Wochenendhäuschen in der Kleingartenkolonie der
Heerstraßensiedlung war. Martin war es peinlich gewesen, von einer Laube
oder Datsche zu sprechen, und hatte nie Freunde hierher eingeladen, obwohl
das Gebäude das schönste und größte der ganzen Siedlung war, ausgebaut zu
einer Ganzjahresunterkunft mit Garage, auch wenn das nicht offiziell
genehmigt war.
»Ich habe beides erlebt«, sagte Jules.
»Beides?« Klara fragte sich, woher sie die Kraft nahm, sich aus der
Garage in den Übergang zum Bungalow zu schleppen. Auf jeden Fall
verhinderte der Schmerz in ihrem Bein, dessen Knöchel zum Glück wohl nur
angeknackst war, dass sie das Bewusstsein verlor.
»Ich weiß nicht, worauf Sie hinauswollen.«
Klara schloss die Verbindungstür und fragte sich, ob sie das Licht
einschalten sollte. Die hochmodern renovierte Anderthalbzimmer-Laube mit
Parkettboden, Fußbodenheizung, Klimaanlage und italienischen
Designermöbeln roch noch immer nach Malerarbeiten und Umzug, so selten
waren sie hier draußen gewesen. Und wenn, dann ohne Amelie, die im Falle
des Falles beim Babysitter abgegeben werden musste, da ihr Papa nicht
wollte, dass sie mit Fettfingern und Sabbermund das helle Futon-Sofa
beschmutzte. Klaras Blut auf dem Polster hingegen hatte ihn da weniger
gestört.
Sie humpelte zu dem maßgefertigten Küchentisch, der die winzige offene
Küche von Wohn- und Esszimmer trennte, setzte sich auf einen Holzstuhl und
entschied sich für die Dunkelheit. Auch wenn die Gefahr gering war, dass
einer ihrer Nachbarn um diese Jahreszeit anwesend und um diese Uhrzeit
noch wach war und sich wunderte, weshalb im Bungalow der Vernets nach
wochenlangem Leerstand so spät auf einmal Licht brannte.
»Valentin war kein Einzelkind«, sagte Jules, und während sie die
Tragweite dieser Information begriff, vibrierte ihr Handy in ihrer Hand wie
ein elektrischer Rasierapparat. Sie sah auf das Display und las eine weitere
Nachricht von Martin.

WO BIST DU????
Klara löschte die Nachricht und fragte Jules: »Sie hatten ein zweites Kind?«
»Fabienne, Valentins Schwester.«
»Und war sie …?«
»Ja. Sie war auch in dem Zimmer. Sie hatte sich im Schrank versteckt,
während Valentin versuchte, die Tür aufzumachen. Sie lebte noch, als wir sie
fanden.«
»Gott, wie schrecklich«, hörte sie sich ihren Gedanken aussprechen.
»Sind Sie sich sicher, dass Dajana das nicht …«
»… absichtlich getan hat?«, fragte Jules scharf.
Klara biss sich auf die Zunge. »Vergessen Sie es. Ich wollte Ihnen nicht zu
nahe treten.«
Er sog hörbar die Luft ein. »Ehrlich gesagt, ich habe mich das natürlich
auch gefragt. Denn es gab starke Spannungen zwischen ihr und den Kindern.
Fabienne war schon immer eine Papa-Tochter gewesen. Und als Dajana den
Burn-out bekam, wurde auch das Verhältnis zu Valentin immer schwieriger.
Nur war das völlig im Bereich des Normalen. Bei allen Differenzen, nie und
nimmer hätte Dajana ihren Kindern etwas angetan.«
Danach herrschte betretenes Schweigen, bis Jules sie fragte: »Und? Steht
unser Deal?«
»Meine Geschichte gegen eine schmerzfreie Suizidmethode?« Klara
nickte. »Ja, er steht noch.«
Sie begann in dem kühlen, unbeheizten Bungalow zu schwitzen.
Gleichzeitig spürte sie, wie ihr Herz ihren Brustkorb als Paukenkessel
missbrauchte.
»Gut.« Jules sprach so neutral und nüchtern, als würde er ihr anbieten,
den Müll runterzubringen, wenn sie den Abwasch übernähme: »Dann
erweitere ich meinen Teil der Abmachung und verrate Ihnen, was mit
Fabienne passiert ist. Aber nur, wenn Sie mir sofort sagen, wer dieser
Yannick ist und was er gegen Sie in der Hand hat.«
Klara hustete den letzten Rest der Abgase aus ihrer Lunge, dann begann
sie: »Yannick hat mir bis Mitternacht Zeit gegeben. Wenn ich bis dahin die
Ehe mit meinem Mann nicht beendet habe, wird er mich qualvoll ermorden.«
Sie zog die Nase hoch und blinzelte Tränen weg, von denen sie nicht
wusste, woher sie überhaupt noch kamen.
»Und wenn er herausfindet, dass ich Ihnen alles erzählt habe … falsch,
wenn er auch nur den leisesten Eindruck gewinnt, ich könnte mich Ihnen
anvertraut haben, erleiden Sie dasselbe schmerzhafte Schicksal wie ich,
Jules. Ist Ihnen das die Wahrheit wert?«
»Ja.« Seine Antwort kam wie aus der Pistole geschossen.
»Die Wahrheit einer Unbekannten, die sich lediglich verwählt hat?«
»Das Risiko gehe ich ein.«
»Sie ahnungsloser Trottel.« Sie lachte, vermutlich das letzte Lachen ihres
Lebens. »Mein Telefon ist verwanzt, er hat eine Spyware draufgespielt.
Vermutlich weiß Yannick jetzt schon, dass wir miteinander reden.«
»Sie klingen paranoid.«
»Und Sie wie ein Idiot. Aber egal. Wir sprechen eh schon zu lange. Wenn
er nach meinem Tod die Handydaten auswertet, wird er nicht ruhen, bis er
herausfindet, mit wem ich gesprochen habe. Und dann wird er wissen, dass
wir uns ausgetauscht haben.«
»Und was dann? Sagen Sie es mir.«
»Okay, dann hören Sie gut zu. Aber tun Sie mir einen Gefallen. Verfluchen
Sie nicht meinen Namen, wenn Sie in wenigen Stunden wünschten, Ihre
Qualen würden aufhören und Yannick würde auch Sie endlich erlösen.«
14

Klara
Klinik Berger Hof
Vier Monate zuvor

D ie Nadel fand keinen Zugang, weswegen Daniel Kernik noch einmal


ansetzen musste, was nicht ungewöhnlich war bei Klara. Sie hatte dünne
Adern, auch erfahrene Krankenschwestern waren an ihren Armen gescheitert.
»Tut mir leid«, entschuldigte sich der Assistenzarzt und setzte noch einmal
an, diesmal mit Erfolg. Klara biss die Lippen zusammen und konzentrierte
sich auf den Kunstdruck an der Wand des ebenso modern wie teuer
eingerichteten Behandlungszimmers. Die Fotografie eines Leuchtturms, an
dessen umtostem Fuß sich die Wellen des Pazifiks brachen.
Klara spürte den zweiten Einstich, sah aber nicht hin. Sie hatte Angst vor
Spritzen, was in ihrem Beruf nicht von Vorteil war.
»Normalerweise ist das nicht meine Aufgabe. Kurz draufpressen.« Kernik
reichte ihr einen Tupfer für den Einstich in ihrer Armbeuge, dann zog er sich
einen Rollhocker heran. Klara saß auf der Kante der Behandlungsliege direkt
unter dem Fenster zum Klinikpark.
»Und was verschafft mir dann die Ehre, Dr. Kernik?«, fragte sie ihn.
Hier in der luxuriösen Umgebung hätte sie sich im Grunde nicht einmal
gewundert, wenn ihr der Chefarzt persönlich die Spritze gesetzt hätte. Die
Patienten, die im Berger Hof für eine zweiwöchige »Kur« den Gegenwert
eines voll ausgestatteten Kleinwagens hinblätterten, erwarteten, dass sie in
dieser Klinik nichts an ein herkömmliches Krankenhaus erinnerte. Das zeigte
sich auch in der Lage und der Architektur, die so manchem Fünf-Sterne-
Hotelier vor Neid die Tränen in die Augen trieb.
Eine halbe Autostunde von Baden-Baden entfernt thronte die Anlage wie
ein Adlernest auf einer Anhöhe im Schwarzwald. Die Patienten, die hier
meist wegen Ehekrisen, Burn-outs und psychosomatischen Störungen in
Behandlung waren, genossen zwischen ihren Gruppen- und
Einzeltherapiesitzungen eine Postkartenaussicht von der Café-Terrasse direkt
in das bewaldete Tal, Menüs vom Sternekoch und Thalasso-Anwendungen
im Spa.
Die Krankenzimmer waren ausschließlich Einzelsuiten mit Klimaanlage,
Kamin, Jacuzzi und Internetfernsehen. Trotz all des Schickimicki-Gedönses
genoss die Klinik in Fachkreisen einen hervorragenden Ruf, was
hauptsächlich an Prof. Dr. Ivan Corzon, ihrem Leiter, lag.
Der in Barcelona geborene Psychiater war der Herausgeber des
renommiertesten Lehrbuchs über klinische Psychiatrie und gefragter Gast auf
Expertenkongressen in der ganzen Welt. Dass Kernik hier unter ihm als
Assistenzarzt arbeiten durfte, machte sich in seinem Lebenslauf etwa so wie
für einen Software-Entwickler eine persönliche Empfehlung von Bill Gates.
»Ich wollte alleine mit Ihnen sein, Frau Vernet«, sagte der Assistenzarzt
mit einem seltsamen Lächeln im Gesicht.
Klara legte den Kopf schräg und spielte unbewusst mit ihrem Ehering.
Wollte der Kerl etwa mit ihr flirten? Kernik hatte schöne braune Augen und
ein entwaffnendes Lächeln, war aber alles andere als ihr Typ. Mit seinem
solariumgebräunten Gesicht, dem La-Martina-Hemd und seinen Troddel-
Segelschuhen entsprach er dem Klischee eines Golf spielenden
Porschefahrers.
»Und weshalb wollten Sie mit mir alleine sein, Dr. Kernik?«
»Sie sind keine Ärztin, Frau Vernet. Sie können das hier nicht abschätzen.
Ich fürchte, Sie brauchen meinen Rat.«
Klara erhob sich von der Liege und suchte nach einem Mülleimer für den
Tupfer. Es hatte aufgehört zu bluten. Sie würde kein Pflaster benötigen.
Kernik stand ebenfalls auf und hob entschuldigend die Hand. »Bitte
verstehen Sie mich nicht falsch, nichts liegt mir ferner, als Ihre Stellung als
medizinisch-technische Assistentin herabzuwürdigen. Ich weiß, Sie leisten
Ihrer Berliner Praxis große Dienste. Ihr Chef sieht Sie zu Höherem berufen
und will Ihre Ambitionen, Psychologie zu studieren, sogar fördern. Aber das
wissen Sie ja sicher selbst. Wenn Sie nicht so talentiert und klug wären, hätte
Ihr Boss Ihrem Antrag auf Teilnahme hier sicher nicht zugestimmt.«
Wenn er flirtet, dann auf eine sehr merkwürdige Tour, dachte Klara und
wunderte sich über Kerniks besorgten Blick. Für einen Moment empfand sie
Wut, denn im Grunde hatte sie sich auf den Besuch der Privatklinik
eingelassen, um wenigstens für ein paar Tage weg von ihrem Mann zu sein.
Fort von all den Sorgen und Ängsten. Und nun gab es schon wieder einen
Kerl, der sie verunsicherte.
»Sie müssen gehen.« Kernik senkte seine Stimme zu einem eindringlichen
Raunen.
»Gehen? Ich dachte, das Vorgespräch mit Professor Corzon findet hier
statt.«
Klara deutete auf eine mit grauem Kunstveloursleder überzogene
Sitzecke. Corzon war Veganer und lehnte jedes tierische Produkt ab, auch bei
Sofas und Sesseln.
»Sie verstehen nicht. Sie müssen so schnell wie möglich fort von hier und
…«
In diesem Moment öffnete sich die Tür. Klara spürte den Luftzug als
kalten Hauch im Nacken und bekam eine Gänsehaut. Oder lag das an Kerniks
Worten?
… so schnell wie möglich fort von hier …
Wie ein ertapptes Kind schnellte der Arzt zu dem Mann herum, der gerade
in das Behandlungs- und Besprechungszimmer getreten war.
»Hola, qué tal?«
Der Spanier hätte den schneeweißen Kittel nicht gebraucht, um seine
Autorität zu demonstrieren. Corzon war kleiner, als man es aus dem
Webauftritt und den Hochglanzbroschüren der Privatklinik erahnen konnte.
Etwas untersetzt mit einem üppigen Bauch, und sein dem Kopfhaar
entsprechender, leicht rötlich schimmernder Bart hätte für die Konturen
schon vor Tagen einen Trimmer benötigt. Neben ihm sah Kernik aus wie aus
dem Ei gepellt, und dennoch verfügte der Professor über eine weitaus
stärkere Ausstrahlung.
»Soy Ivan«, stellte er sich mit einem breiten Lächeln und nur mit dem
Vornamen vor, was Klara guttat. Nach den verunsichernden Worten Kerniks
sehnte sie sich nach Kompetenz, Zuspruch und Vertrauen.
»Muchas gracias por participar en este importante experimento. Con su
colaboración está haciendo un servicio extraordinario a la ciencia.«
Klara nickte lächelnd. Das Experiment, zu dem sie sich bereit erklärt
hatte, war wirklich außergewöhnlich. Sie hatte neben ihrer Ausbildung drei
Jahre lang Spanisch gelernt und verstand im Großen und Ganzen, was der
Mediziner ihr sagen wollte. Dennoch war sie froh, als Corzon ihr mit den
Worten »Mi colega actuará de intérprete« einen Dolmetscher ankündigte. Die
Freude wich der Ernüchterung, als ihr klar wurde, dass Kernik diese Rolle
ausfüllen sollte.
»Er wünscht, dass wir beide auf der Couch Platz nehmen«, übersetzte der
Assistenzarzt die Worte seines Chefs, der keinen Zweifel darüber aufkommen
ließ, dass das keine Bitte, sondern ein Befehl war. Auf dem Couchtisch
zwischen Sessel und Sofa lag eine Plastikschatulle, die Corzon öffnete. Er
entnahm ihr einen Gegenstand, der wie eine Virtual-Reality-Brille für ein
Computerspiel aussah.
»Para inducir los delirios, hay que ponerse estas gafas con auriculares, lo
que provoca una sobreestimulación por medio de varias señales ópticas y
acústicas. Un agente intravenoso adicional refuerza los delirios que causan.«
»Um die Wahnvorstellungen hervorzurufen, benutzen wir diese Brille
hier«, übersetzte Kernik. »Sie wird Sie mit optischen und akustischen Reizen
überfluten. Eben gerade haben Sie einen von uns entwickelten Wirkstoff
intravenös gespritzt bekommen, der die durch die Brille ausgelösten
Halluzinationen verstärken wird.«
Klara nickte. So hatte es in den Formularen gestanden, die sie beim
Einchecken in der Klinik an der Rezeption ausgehändigt bekommen hatte.
Und natürlich hatte sie dem Krankenhaus eine Haftungsfreistellung erteilt für
den Fall, dass sie während ihres Aufenthalts psychotisch wurde. Das war ja
der Sinn des Experiments.
»No se preocupe, todo se dosifica de tal manera que las halucinaciones
persistirán sólamente durante unos minutos después de que las gafas se hayan
apagado. Luego seguiremos ampliando el intervalo lentamente cada día.«
»Dieses Experiment ist extrem gefährlich und kann für Sie tödliche
Konsequenzen haben«, hörte sie Kernik völlig falsch übersetzen. Tatsächlich
hatte Corzon in etwa gesagt, dass sie keine Sorge haben müsse, die
Wahnvorstellungen wären nur wenige Minuten nach dem Absetzen der Brille
wieder abgeklungen.
»Nicht die Stirn krausziehen. Corzon geht gerade die Nebenwirkungen mit
Ihnen durch, die er herunterspielt«, sagte Kernik und steigerte damit Klaras
Verwirrung noch weiter.
»Ich weiß, ich bringe Sie hier in eine heikle Lage«, fuhr Kernik mit seiner
Scheinübersetzung fort. Dabei betonte er seine Sätze so sachlich wie nur
irgend möglich. »Aber Sie dürfen die Brille nicht aufsetzen. Niemals. Unter
gar keinen Umständen.«
Er wartete drei weitere Sätze Corzons ab, dann sagte er: »Schauen Sie
bitte nicht so erschrocken, wenn ich rede. Sonst merkt der Professor, dass ich
Sie warnen will. Und jetzt nicken Sie. Corzon hat Ihnen nämlich die Frage
gestellt, ob Sie sich hier wohlfühlen.«
Klara tat, wie ihr geheißen.
»Noch mal: Ich weiß, ich bringe Sie in eine unmögliche Situation. Und
das tut mir leid. Aber Sie haben ein kleines Kind, so wie ich.« Mittlerweile
schaffte es Klara nicht mehr, sich auf die freundliche Stimme des
Klinikleiters zu konzentrieren. Ihre gesamte Aufmerksamkeit galt nun Kernik,
der als Nächstes sagte: »Ich flehe Sie an, setzen Sie die Brille nicht auf.
Sonst geschieht etwas Schreckliches. Es kann passieren, dass Sie die Klinik
nie wieder verlassen.«
Nie wieder?
Klara schüttelte unbewusst den Kopf, was ihr ein missfälliges
Augenrollen von Kernik einbrachte in der Sekunde, in der Corzon erneut die
Brille in die Hand nahm.
Paradoxerweise lösten die letzten Worte des Assistenzarztes einen
zaghaften Glücksmoment in ihr aus.
Für immer im Berger Hof? Nie wieder zurück zu Martin?
Selbst die Tatsache, dass sie dann von ihrem Kind getrennt wäre, wog
nicht so schwer, wofür sie sich im nächsten Atemzug schämte. Aber sie war
sich im Grunde sicher, Martin würde sich liebevoll um Amelie kümmern.
Oder machte sie sich hier etwas vor?
Nein.
Seine Fehler lagen ganz sicher nicht im Umgang mit seinem Kind.
Niemals würde er die Hand gegen sein kleines Mädchen erheben.
»Ich werde jetzt so tun, als würde ich auf meiner Station gebraucht«, sagte
Kernik. »Kommen Sie fünf Minuten später nach.«
»Aber …«, setzte Klara an, doch Kerniks eindringlicher Blick brachte sie
zum Schweigen.
Corzon ging zu seinem Schreibtisch und schien etwas in der obersten
Schublade zu suchen.
»Sie tun jetzt Folgendes, Klara!«, flüsterte Kernik. »Sie sagen, dass Sie
vor Beginn der ersten Versuchsreihe noch einmal auf die Toilette müssen.
Wir treffen uns am Ende des Flurs im Treppenhaus.«
Unmittelbar danach klingelte sein Handy, und Kernik setzte seinen Teil
des Plans in die Tat um. Nach einer kurzen Verabschiedung von Corzon, der
von seinem Schreibtisch aus verständnisvoll nickte, war Klara mit dem
Klinikleiter allein.
»Comencemos con la primera etapa del experimento«, sagte er und
deutete auf eine Tür, die sein Behandlungszimmer mit einem Nebenraum
verband, in den er sie jetzt bitten wollte. Anders konnte Klara seine Worte
nicht verstehen: »Lassen Sie uns mit der ersten Stufe des Experiments
beginnen.«
15
K lara war nicht im Geringsten davon überrascht, dass sie dem Befehl
Kerniks gefolgt war. Früher hatte es eine Zeit gegeben, in der sie sich für
selbstbewusst, emanzipiert und eigenständig gehalten hatte. Doch dieses
»Früher« war lange her und spätestens mit dem Jawort verschwunden, das
sie in eine Ehe geführt hatte, in der sie mit den Jahren darauf konditioniert
worden war, Männern zu gehorchen.
Bedingungslos.
Nachdem sie Corzon in gebrochenem Spanisch erklärt hatte, sich noch
einmal frisch machen zu wollen, bevor sie die Brille anlegte, ging Klara nun
den Flur entlang Richtung Toiletten und fühlte sich dabei wie von einer
unsichtbaren Hundeleine gezogen. Es war ihr mittlerweile so in Fleisch und
Blut übergegangen, einem dominanten Mann zu folgen, dass sie kaum noch
über die Absurdität der Situation nachdachte, in die Kernik sie gebracht
hatte. Da war sie in den Berger Hof gereist, um unter der Leitung eines
weltweit angesehenen Experten an einem wissenschaftlichen Experiment
teilzunehmen, und ließ sich schon am zweiten Tag von einem Assistenzarzt
gängeln.
Wieso nur?, fragte sie sich, während sie vor den Toiletten abbog und die
Tür zum Treppenhaus öffnete. Und damit stellte sie sich die zentrale Frage,
die ihr gesamtes, erbärmliches Dasein bestimmte. Wieso?
In den Augen ihrer Freundinnen und Kollegen war sie schon rein
äußerlich eine starke Frau: ein etwas kräftigerer Körperbau mit vorteilhaften
Rundungen an den entsprechenden Stellen. Auch ihre Haltung, das
ausdrucksstarke Kinn, die funkelnden Augen und vielleicht auch ihr etwas
dunkler Teint, den sie ihren italienischen Vorfahren mütterlicherseits
verdankte, trugen dazu bei, dass die meisten sie für durchsetzungs- und
charakterstark hielten. Keine Frau, die man einfach so herumschubste. Und
tatsächlich wurde sie schon lange nicht mehr geschubst. Martin schlug am
liebsten gleich zu. Auf die Leber, so stark und so oft, dass sie wie unter
einem Fieberschub auf der Bettkante zitterte, unfähig, sich zu bewegen.
Die Tür zum Treppenhaus fiel hinter ihr mit einem lauten Rums ins
Schloss, was Klara zusammenzucken ließ, als wäre sie gerade wieder
geschlagen worden.
Schläge.
Klara hatte viel über misshandelte Frauen gelesen. Hatte sogar eine
Beratungsstelle aufgesucht (»Ich frage für eine Freundin«) und gelernt, dass
häusliche Gewalt keineswegs ein Milieuproblem war, sondern alle
Gesellschaftsschichten verseuchte. Und dass sie schleichend auftrat. Fast
unbemerkt vergiftete sie das, was einst als große, blind machende Liebe
begonnen hatte. Erst mit radioaktiven Komplimenten (»Du bist so schön, ich
lass dich nie wieder aus meinem Leben«), dann mit kontrollzwanghaften
Liebesbeweisforderungen (»Lass uns ein gemeinsames Passwort für all
unsere E-Mail-Accounts und Handys auswählen«) und mit geheucheltem
Selbstmitleid (»Du weißt doch, wie sehr mich meine Ex verletzt hat«), bis
die verbalen Tiefschläge von körperlichen abgelöst wurden. Und während
die Außenwelt einen weiterhin mit Komplimenten überschüttete – »Was habt
ihr doch für ein Glück, euch gefunden zu haben, ihr passt so gut
zusammen. Dein Mann ist wirklich ein Goldstück« –, hoffte man darauf,
dass alles wieder so wurde wie vor dem ersten zugeschwollenen Auge.
Doch während man wartete, wuchs die Scham zum Selbsthass und machte es
einem unmöglich, sich anderen anzuvertrauen. Wobei Klara es sogar versucht
und mit ihrer Mutter telefoniert hatte, als sie dachte, es nicht mehr aushalten
zu können.
Sie war sich anfangs nicht sicher gewesen, ob ihre Mama etwas
verstanden hatte, so sehr hatte Klara am Apparat geheult. Ihre Stimme hatte
vor lauter Angst gezittert, Martin könnte früher vom Tennis nach Hause
kommen und würde sie so aufgelöst am Telefon sitzen sehen. Irgendetwas
von dem tränenerstickten Redeschwall aber musste bei ihrer Mutter
angekommen sein, denn die einzigen Sätze, die sie zu ihrer Tochter gesagt
hatte und die Klara mit offenem, qualvoll verzerrtem Mund mit dem Hörer in
der Hand zurückgelassen hatten, lauteten: »Männer darf man eben nicht
verärgern, Kleines. Gib dir etwas mehr Mühe. Martin muss doch so hart für
euch arbeiten.«
Dann hatte sie das Thema gewechselt und ihr von einem frechen
Angestellten im Gartencenter erzählt, der doch tatsächlich einen verlausten
Orchideentopf nicht hatte zurücknehmen wollen.
Und nun?
Klara war allein im Treppenhaus, das frisch gewischt schien, es roch
nach Desinfektionsmittel und Fliesenreiniger.
»Hallo?«, rief sie sinnloserweise, da mischte sich das Klingeln ihres
Handys in den Hall ihrer Stimme, den das Treppenhaus erzeugte.
»Was denken Sie, woran Sie hier teilnehmen, Klara?«
Kernik.
Sie hatte gedacht, ihn persönlich zu treffen, stattdessen rief er sie an. Er
kam gleich zur Sache, ohne sein merkwürdiges Verhalten zu erklären. Kurz
fragte sie sich, wieso er ihre Telefonnummer kannte, aber als Arzt hatte er
natürlich Zugang zu den Daten, die sie bei der Anmeldung hinterlegt hatte.
»Ich werde keine Ihrer Fragen beantworten, bevor Sie mir nicht sagen
…«
»Halten Sie den Mund. Die Zeit läuft uns davon, und bald werde ich Sie
nicht mehr retten können.«
Retten? Wovor?
Klara wollte Kernik klarmachen, dass er so nicht mit ihr sprechen dürfe,
aber natürlich hatte er exakt den Ton getroffen, der sie gehorchen ließ.
Daher antwortete sie ihm: »Gemeinsam mit anderen Probanden werde ich
am eigenen Leib erfahren, was es heißt, psychisch krank zu sein. Ich finde
das einen völlig logischen und notwendigen Ansatz.«
Laut Corzon gab es ein grundlegendes Problem bei der Behandlung
psychotischer Erkrankungen, die sich von der Behandlung körperlicher
Beschwerden wesentlich unterschied: Nahezu jeder Psychiater hatte schon
einmal unter körperlichen Beschwerden gelitten. Doch nur wenige von ihnen
unter auch nur annähernd vergleichbaren Symptomen, wie sie ein seelisch
erkrankter Patient beschrieb oder die man an ihm beobachtete. Selbst
jemand, der »nur« an Zahnschmerzen litt, konnte sich die Wirkung eines
Tumor-Schmerzmittels vorstellen. Ein Arzt hingegen, der noch nie
Sinnestäuschungen erlegen war, hatte keine auf eigenen Erfahrungen
basierende Vorstellung davon, was die von ihm verschriebenen
Psychopharmaka bei einem Schizophrenen bewirkten.
Das war die problematische Ausgangslage. Und deswegen war Klara
hier. Damit bei ihr unter kontrollierten Studienbedingungen künstlich und
temporär psychotische Symptome ausgelöst werden konnten, die dann im
Selbstversuch mit Psychopharmaka unterdrückt wurden.
»Wo sind Sie?«, fragte sie Kernik.
Und was zum Teufel wollen Sie von mir?
Der Assistenzarzt ging nicht darauf ein: »Was für ein Krankheitsbild soll
bei Ihnen verursacht werden, Klara?«
»Paranoia. Verfolgungswahn.«
Sie ging eine halbe Treppe nach unten zu einem breiten, doppelflügeligen
Fenster. Aus ihm konnte man den Klinikparkplatz sehen, auf dem kein Auto
stand, das in der Grundausstattung weniger als achtzigtausend Euro gekostet
hatte. Porsche, AMG , 9er BMW , Touareg, sogar ein metallicblauer Ferrari
parkte neben dem Cabrio einer Luxusmarke, die Klara nicht kannte.
Der einzige Schönheitsfehler war der Lieferwagen eines Klempners, ein
weißes Kastenfahrzeug, das in der Einfahrt stand, zwei Stockwerke tiefer
direkt unter dem Fenster.
»Und sobald die Wahnvorstellungen ausgelöst wurden, bekommen Sie ein
Gegenmittel?«
Klara seufzte. »Es sei denn, ich bin in der Placebo-Kontrollgruppe. Was
soll das hier? Wenn Sie ethische Bedenken haben, melden Sie Ihren Chef den
zuständigen Kontrollbehörden. Ich hab mich im Vorfeld ausreichend damit
auseinandergesetzt.«
Was gelogen war. Sie hatte vor Wochen in der Arbeit das Faltblatt aus
dem Praxis-Papierkorb gefischt, das ihr Chef mit anderen Werbebriefen dort
entsorgt hatte. Danach hatte sie zwei Telefonate geführt und bestätigt
bekommen, dass an dem Experiment auch Nichtexaminierte teilnehmen
durften. Und als sie dann noch erfuhr, dass sie fast eine ganze Woche dafür
investieren sollte, war es um sie geschehen.
Sie wusste, Martin würde sie niemals mit Freundinnen übers Wochenende
wegfahren lassen. Beruflich aber legte er ihr seltsamerweise nie Steine in
den Weg. Er kümmerte sich sogar um Amelie, wenn er sie auf einer
»Fortbildung« wusste. Für ein paar Tage ohne ihn nahm Klara alles in Kauf.
Selbst künstlich herbeigeführte Wahnvorstellungen.
»Frau Vernet, bitte glauben Sie nicht, was man Ihnen erzählt hat. Der
Berger Hof ist keine normale Klinik. Die Risiken …«
»… füllen zwei Seiten im Anmeldeformular, ich weiß.«
»Ach was, vergessen Sie das, was in den Unterlagen steht. Die
eigentlichen Risiken sind dort gar nicht aufgelistet.«
»Und die wären?«
Sie hörte ein Flattern, als flöge eine Taube mit wilden Flügelschlägen
durch die Leitung.
»Ich kann es Ihnen nicht sagen«, antwortete Kernik, »aber zeigen. Bitte
treten Sie an ein Fenster.«
»Da stehe ich schon.«
»Gut. Haben Sie schon etwas gegessen?«
Sein Ernst?
»Sie wollen mit mir essen gehen?«, fragte Klara perplex.
Kernik lachte freudlos. »Nein. Ich wollte nur wissen, ob Sie nüchtern
sind.«
»Wieso das?«
Für einen Moment war es in der Leitung still. Dann fragte Kernik:
»Schauen Sie nach draußen?«
»Ja.«
»Auf den weißen Lieferwagen?«
»Ganz genau.«
Klara fragte sich, ob gleich dessen seitliche Schiebetüren aufgehen und
ein furchtbares Geheimnis preisgeben würden.
»Okay. Tun Sie mir einen Gefallen. Alle in diesem Haus sind dem Tod
geweiht. Versprechen Sie mir, dass Sie sofort die Klinik verlassen, wenn Sie
gesehen haben, was gleich passiert.«
»Wenn was passiert?«
»Das hier«, sagte Kernik.
Dann sah sie einen Schatten. Direkt vor dem Fenster. Nur für den
Bruchteil einer Sekunde, auch wenn es ihr hinterher in ihren Albträumen
wieder und wieder wie eine endlose Zeitspanne vorkam.
Ein endloser Moment, in dem sie sich beide Hände vor den Mund presste
und zu weinen und zu schreien begann, exakt in dem Augenblick, in dem sich
der Schatten in ein dumpfes, metallisch-splitterndes Geräusch verwandelte.
Und mit einem gewaltigen Knall der gesamte Lieferwagen erzitterte, dessen
Dach plötzlich so aussah, als hätte die Faust eines Riesen hineingeschlagen.
Dabei war es keine Faust, sondern ein menschlicher Körper gewesen, dessen
Aufprall nach seinem Flug vom obersten Stock des Klinikneubaus diese
Wucht der Zerstörung bewirkte.
Klara schrie und musste sich dann tatsächlich übergeben – als sie sah,
wer dort vom Dach in den Tod gesprungen war.
Sie hatte ihn an dem La-Martina-Shirt erkannt, das sich blutrot verfärbte.
Und an den Troddel-Segelschuhen, von denen sich einer gelöst hatte und
neben dem Lieferwagen im Kies lag.
Und daran, dass die Leitung in ihrem Handy ebenso tot war wie Daniel
Kernik auf dem Dach des weißen Lieferfahrzeugs.
16

Jules
Heute

K lara beendete ihren Monolog abrupt. Zugleich besorgt und irritiert fragte
sie Jules: »Was um Himmels willen ist da gerade los bei Ihnen?«
»Tut mir leid, mir ist etwas heruntergefallen.«
Jules hatte sich in der Küche ein Glas nehmen wollen, um sich Saft
einzuschenken, doch es war ihm entglitten.
Das Glas war mit dem Geräusch eines umstürzenden Baumes zersplittert.
Die Stille in der Altbauwohnung einerseits und seine Konzentration auf die
ebenso schreckliche wie bizarre Geschichte Klaras andererseits hatten den
Lärmeindruck verstärkt. Wäre ihm das Glas am helllichten Tag vom
Oberschrank in die Spüle gefallen, hätte man es zwischen den
Alltagsgeräuschen kaum wahrgenommen. So aber hatte es die angehende
Nacht wie eine Alarmanlage zerrissen und seinen Puls hochschnellen lassen.
»Tut mir leid«, wiederholte er und versuchte, zurück zum Thema zu
finden. »Alle in diesem Haus sind dem Tod geweiht?«
»Das waren so ziemlich seine letzten Worte!«
»Wissen Sie, weshalb Kernik das getan hat?«, knüpfte er an ihre
Schilderung von dem Selbstmord des Arztes an. Diese melodramatische
Inszenierung entsprach so gar keinem bekannten Suizid-Muster. Jules wusste,
wovon er sprach. In seiner Arbeit war er mit nahezu allen Methoden
konfrontiert worden. Wobei natürlich auch Klaras Selbstmordverhalten nicht
der Norm entsprach, wenn er es recht bedachte. Für den Moment jedenfalls
war er erleichtert, sie von ihrem Vorhaben abgebracht zu haben, auch wenn
er wusste, dass er hier mit dem gesamten Telefonat nur auf Zeit spielte.
»Corzon behauptete, es wäre ein Unfall gewesen. Kernik sei häufiger aufs
Klinikdach gegangen, um das Rauchverbot auf dem Gelände zu umgehen.«
»Wie haben Sie auf die Lüge reagiert?«
»Mein erster Impuls war Flucht«, sagte Klara.
»Sie wollten Kerniks Ratschlag folgen?«
»Ganz genau. So schnell wie möglich fort von der Klinik.«
»Aber?«
»Aber dann dachte ich über die Alternative nach. Und die wäre gewesen,
zurück zu meinem Mann zu fahren. Auf einmal schien mir Kerniks Handeln
erstrebenswert. Immerhin hatte er seinem Leben selbst ein Ende gesetzt und
es nicht in die Hände eines anderen gegeben.«
Jules nahm eine große, gebogene Scherbe aus dem Waschbecken und
öffnete den Mülleimerauszug unter der Spüle.
»Aber wieso hat er das getan? Hatte es mit dem Experiment zu tun?«
»Ja.«
»Sie haben es doch sicher abgebrochen?«
»Nein.«
»Nein?«, fragte Jules ungläubig nach.
»Noch mal: Was hätte ich denn sonst tun sollen? Zu Martin zurückfahren
und mir schon am ersten Abend anhören, was für eine Versagerin ich bin?
›Zu feige, um einmal etwas Bedeutendes für die Wissenschaft zu tun, nur
weil so ein verweichlichter Schwuli sich aus dem Fenster stürzt.‹ «
Jules dachte nach. Von ihrer Persönlichkeitsstruktur her war Klara eine
merkwürdige, fast schizophrene Mischung. Einerseits selbstbewusst, was
vermutlich Klaras beruflich zielstrebige Seite war. Privat hingegen ergab sie
sich schnell in ihr Schicksal.
»Wie ist das Experiment verlaufen?«, fragte Jules und zuckte zusammen.
Eine der kleineren Scherben, die er in den Müll hatte werfen wollen, hatte
sich in seinen kleinen Finger gebohrt.
»Ich erinnere mich daran, dass ich die Brille aufgesetzt bekam. Sie war
klobig wie ein großes Fernglas und umfasste nahezu den gesamten Kopf.
Außerdem musste ich Kopfhörer tragen. Im Nachhinein kann ich mich an
kaum eine Einzelheit mehr erinnern. Nur dass ich mich anfangs wie in einer
MRT -Röhre fühlte. Mit einem technoartigen Dröhnen und Wummern, das
von hohen Frequenzen abgelöst wurde, während vor meinen Augen ein
Stroboskop-Gewitter auf mich einprasselte. Auf jeden Fall weiß ich jetzt,
wie sich jemand fühlt, der, durch extreme Lichtreize getriggert, vor dem
Fernseher einen epileptischen Anfall bekommt. Ich wurde schon nach
wenigen Minuten ohnmächtig.«
»Und dann?« Jules steckte sich den kleinen Finger in den Mund und
stoppte mit der Zunge den Blutfluss. Gleichzeitig sah er auf sein Handy, über
das er vorhin seinen Vater angerufen hatte. Es lag unmittelbar neben dem
Laptop, den er aus dem Arbeitszimmer in die Küche getragen hatte. Sein
Headset hatte er abgelegt, das Gespräch lief jetzt über die Freisprechanlage
des Computers, damit sein Vater mithören konnte.
»Nichts ›und dann‹. Professor Corzon sagte mir, ich wäre eine zu sensible
Testperson und käme daher für den Versuch nicht infrage. Die
Nebenwirkungen wären zu stark und ethisch nicht vertretbar.«
»Also fuhren Sie doch früher nach Hause?« Jules umwickelte den Finger
mit etwas Küchenpapier, das er von einer bereitstehenden Rolle abgerissen
hatte.
»Nein, denn ich musste mich erst einmal von den Nebenwirkungen
erholen. Es dauerte lange, bis ich sie vollends überwunden hatte. Leider.«
»Wieso leider?«
»Im Nachhinein wünschte ich mir, ich wäre sofort abgereist. Martin hin,
Martin her.«
»Weshalb?«
»Weil ich dann Dr. Kiefer nie begegnet wäre.«
»Wer ist denn jetzt schon wieder Dr. Kiefer?«
Ich dachte, wir reden über Yannick, überlegte Jules, behielt diesen
Gedanken aber für sich, um Klara nicht aus dem Konzept zu bringen. Je
länger sie redete, umso unwahrscheinlicher war es, dass sie spontan einen
anderen Weg wählte, ihr Leben zu beenden.
»Jo. Ein Assistenzarzt. Eigentlich Johannes, aber alle nannten ihn wohl
Jo.«
»Sie auch?«, fragte Jules, und die Tatsache, dass sie es mit einem
traurigen Seufzen bestätigte, sagte alles darüber aus, wie sich die Beziehung
zwischen den beiden entwickelt haben musste. Intensiv und tragisch.
»Und wo genau haben Sie Dr. Johannes Kiefer getroffen?«
»Im Klinikpark. Ich saß auf der Bank am Fuß der Cafeteria-Terrasse, von
dort aus hatte man einen herrlichen Blick ins Tal. Auf einmal stand er neben
mir, ich hatte ihn nicht kommen hören, obwohl der Kies laut unter den
Schuhsohlen knirschte.«
In diesem Moment machte es Pling, und Jules verfluchte sich, dass er auf
seinem Handy eingehende Nachrichten nicht lautlos gestellt hatte. Sein Vater
hatte ihm eine WhatsApp geschickt. Bevor Klara nachfragen konnte, was das
für ein Geräusch gewesen war, fragte er sie: »Was hatte dieser Dr. Kiefer mit
Ihrem Experiment zu tun?«
»Unmittelbar nichts. Er sagte, er sei Pathologe und würde hinter den
Kulissen arbeiten, wo er zum Beispiel auch mein Blutbild untersucht hatte.«
Jules betätigte den Kippschalter an der Seite und stellte sein Smartphone
auf stumm. Dabei verschmierte er mit dem blutigen Finger das Display.
»Ich fand ihn unglaublich nett und sympathisch. Ich schätzte ihn auf Mitte
vierzig, was vor allem an seinem jugendlichen Auftreten lag, mit Jeans,
Sneakern und Kapuzenpulli. Wie er mir später gestand, hatte er die fünfzig
schon überschritten, was nahezu unglaublich war. Ich meine, wie viele in
diesem Alter kennen Sie mit babyglatter, faltenloser Haut und ungefärbten
und dennoch pechschwarzen Haaren?«
»Keinen Einzigen«, sagte Jules und versuchte, die WhatsApp seines
Vaters zu öffnen.
»Als er sich neben mich setzte, war meine erste Frage, ob er in der Klinik
auch den Job des Fitnesstrainers innehabe.«
Die Klangfarbe ihrer Stimme wechselte von Moll zu Dur. Offenbar sprach
sie von einer angenehmen Erinnerung.
»Am meisten hat mich sein selbstironisches, jungenhaftes Lächeln
beeindruckt. Ich denke, das war der Lockstoff. So wie manche Fische in der
Nacht vom Licht angezogen werden, hat mich dieses Lächeln verzaubert, das
von den Mundwinkeln bis zu den tiefseedunklen Augen funkelte.«
»Was wollte er von Ihnen?«
»Anfangs rückte er nicht so recht mit der Sprache heraus. Anders als
Kernik fiel er nicht mit der Tür ins Haus.«
Jules schwieg in der Gewissheit, dass Klara ihm auch ohne weitere
Nachfrage gleich berichten würde, was das Zusammentreffen mit diesem Dr.
Kiefer so außergewöhnlich gemacht hatte. So dass sie selbst unmittelbar nach
einem fehlgeschlagenen Suizidversuch ausführlich darüber reden wollte.
»Nachdem wir uns eine Weile über Belangloses unterhalten hatten, kamen
wir auf Kernik zu sprechen, und ich weiß noch, wie Jos Blick in die Ferne
wanderte. Hatte er mich bis zu diesem Zeitpunkt beim Sprechen immer
angesehen, so schien ihm das bei diesem Thema schwerzufallen. Ich fragte
ihn, was er denke, was wirklich passiert sei, und er druckste herum, dass er
über meinen Fall gar nicht mit mir reden dürfe.«
»Ihr Fall? «
»Das dachte ich auch. ›Was meinen Sie mit meinem Fall?‹, fragte ich ihn,
und Jo nickte so, wie ein Mensch nickt, der eine unglaublich schwere
Entscheidung für sich getroffen hat. Dann sagte er … Ich erinnere mich an
seine Worte und das Zittern in der Stimme noch ganz genau.«
»Und die wären?«, fragte Jules, während er die WhatsApp-Nachricht
seines Vaters las: WAS ZUM HENKER IST LOS BEI DIR?
Zeitgleich zitierte Klara wörtlich Dr. Kiefers Sätze, mit denen er ihr den
Boden unter den Füßen weggerissen haben musste und die Jules jetzt am
gesamten Körper frösteln ließen: »Corzon hat Ihnen nach dem Abbruch des
Experiments am nächsten Tag nicht die Wahrheit gesagt, als er Sie am
Krankenbett besuchte. Sie waren nicht fünf Minuten ohnmächtig, Frau
Vernet. Sie waren fünf Minuten tot .«
17
Klara

S ie sprach jetzt sehr leise, wie so oft, wenn sie längere Zeit in gewohnter
Umgebung war. Das hatte sie sich als überängstliche Mutter angeeignet.
Sobald Amelie im Bett war, ging sie nur noch auf Zehenspitzen durch die
Wohnung, stellte den Fernseher auf Flüsterlautstärke und verzichtete nach
dem Toilettengang sogar auf die Spülung, sofern sie nur hatte pinkeln müssen.
Dabei hatte ihre Tochter einen gesunden, festen Schlaf, wenn sie erst einmal
ins Drachen- und Einhornland entglitten war. Allein der Gedanke jedoch, sie
könnte aufgeschreckt werden und zu ihrem Vater tapsen, war ihr immer
unerträglich gewesen. An Amelie hätte er die Wut über die Störung nie
ausgelassen, wohl aber an ihr.
Offiziell gab Martin vor, sich mit Patientenabrechnungen zu beschäftigen,
aber Klara wusste, dass er damit eine Agentur beauftragt hatte. Sie hatte es
nie gewagt, ihn am Schreibtisch auch nur anzusprechen. Wenn, dann hätte sie
es mit einer langen Leidensnacht bezahlen müssen, mindestens. Und das galt
zweifellos auch für Störungen durch seine Tochter, also hatte Klara sich
angewöhnt zu flüstern und nahezu geräuschlos auf dicken Socken über die
knarzenden Parkettbohlen zu gleiten. Irgendwann musste ihr dieses Verhalten
so in Fleisch und Blut übergegangen sein, dass sie in den eigenen vier
Wänden flüsterte, so wie jetzt in der Laube, obwohl ihr Mann nicht einmal in
ihrer Nähe war.
Und es hoffentlich nie wieder sein würde.
»Ich war klinisch tot«, wiederholte sie die schockierende Enthüllung, als
könne sie es noch immer nicht glauben.
»Glauben Sie, Dr. Kiefer hat Ihnen die Wahrheit gesagt?«
»Wieso hätte ich daran zweifeln sollen?«
Sie war sich sicher, Jules entging nicht, dass sie ihm mit dieser Antwort
auswich.
Und wieder einmal war ihr ungewollter Begleiter so einfühlsam, nicht
weiter nachzubohren. »Hat er verraten, was Ihren Herzstillstand ausgelöst
hat?«, wollte Jules wissen. Er schien in einem großen Raum zu stehen mit
hohen Wänden.
»Er sagte, es wäre eine Art anaphylaktischer Schock gewesen, eine
heftige Reaktion auf das Triggermittel.«
»Sie waren fünf Minuten ohne Vitalzeichen? Haben Sie bleibende
Schäden davongetragen?«
»Bleibende Schäden?«, wiederholte Klara und musste beinahe lachen.
»Fragen Sie das ernsthaft eine Frau, die gerade versucht hat, sich mit
Autoabgasen das Leben zu nehmen?«
Paradoxerweise sehnte Klara sich zum ersten Mal seit Jahren nach einer
Zigarette. Vor der Schwangerschaft war sie eine Gelegenheitsraucherin
gewesen. Sie hatte nie eigene Zigaretten gehabt, sondern sich bei Freunden,
Kollegen und auf Partys durchgeschnorrt. Martin war das stets ein Dorn im
Auge gewesen. Er hatte sie für ihr »Aschenbecher-Gebiss« kritisiert, obwohl
Klaras Zähne nicht weniger weiß waren als die ihres Zahnarztgatten.
Manchmal dachte Klara, Martin habe sie nur deshalb geschwängert, damit
sie mit dem Rauchen aufhörte. Denn er wusste, wie verantwortungsbewusst
sie war und dass sie keinem schutzlosen Lebewesen einen Nikotinentzug
unmittelbar nach der Geburt zumuten würde.
»Aber ja, ich fühlte mich unmittelbar nach dem ersten Erwachen wie von
einer Abrissbirne geküsst«, beantwortete sie Jules’ Frage, ob sie die Folgen
der Wiederbelebung gespürt habe. »Die Nächte nach meinem Beinahetod litt
ich unter heftigem Nachtschweiß. Ich hätte mit meinem Nachthemd einmal
das KaDeWe feucht durchwedeln können, kein Scherz. Corzon hatte mir
erklärt, das sei eine typische Nebenwirkung des Triggermittels. Jo erst klärte
mich darüber auf, dass es eher ein Zeichen dafür war, dass mein Herz massiv
aus dem Rhythmus gekommen war.«
»Hm.«
Jules schien das Gesagte erst einmal verdauen zu müssen. Oder ist er
abgelenkt?
Wieder meldete sich in Klara der Argwohn, ihr Begleiter könnte ein
doppeltes Spiel spielen. Dass er versuchte, sie vom Suizid abzuhalten, war
klar. Doch wie weit würde Jules dafür gehen? Und welche Möglichkeiten
hatte er, ihren Aufenthaltsort vielleicht doch ausfindig zu machen?
»Warum hat Corzon Ihnen verschwiegen, dass Sie klinisch tot waren?«,
fragte Jules. »Hatte man Angst, Sie würden die Klinik verklagen?«
»Ich vermute es. Wäre das ruchbar geworden, hätte der Berger Hof so
schnell wohl niemanden mehr als Probanden für die Tests gefunden.«
Hinter ihrem Rücken krachte es, und Klara erschrak so, dass sie sich um
die eigene Achse drehte und aufsprang, dem imaginären Einbrecher das
Handy wie ein Messer entgegenstreckend. Doch da war niemand. Nur der
Flügeltürkühlschrank in der Nische neben der Vorratskammer, dessen
Eiswürfelproduktion gerade wieder eingesetzt hatte.
Himmel, bist du ein Weichei. Schreckhaft bis in den Tod.
Klara nahm den Hörer wieder ans Ohr und verstand nur noch den letzten
Fetzen einer offenbar längeren Frage von Jules.
»… welcher Verbindung stehen nun die Erlebnisse mit Dr. Kiefer zu
Yannick?«
Yannick.
Klaras Magen zog sich zusammen. »Das werden Sie gleich begreifen«,
flüsterte sie und wartete einen weiteren Schwall Eiswürfel ab, die sich im
Inneren des Kühlschranks in das Vorratsgefäß entluden. Sie schloss die
Augen. Mit großer Anstrengung gelang es ihr, sich das Gesicht des
Oberarztes in Erinnerung zu rufen. Die Klug- und Klarheit in den großen,
lachfaltenumrandeten Augen. Und wie sie hatte zusehen müssen, wie von
einem Moment auf den anderen diese warmherzigen Augen nicht mehr
existierten.
Klara schüttelte sich vor Ekel. »Bevor ich Ihnen die grausamen Details
verrate, will ich Ihnen kurz von dem Wunderschönen berichten, was mir
unmittelbar davor widerfahren ist.«
»Mit Dr. Kiefer?«
»Ganz genau. Ich weiß, noch verstehen Sie die Zusammenhänge nicht.
Aber wenn Sie mir fünf Minuten geben, werden Sie begreifen, weshalb
Yannick diese Todesmacht über mich hat. Und weshalb Sie keine andere
Wahl haben, als Ihren Deal einzuhalten.«
»Ihnen zu helfen, diese Welt zu verlassen«, sagte Jules, und tatsächlich
freute es Klara, dass er das offen aussprach und sich offenbar daran halten
wollte.
»Aber keine Sorge«, beschwichtigte sie ihn. »Die Erinnerungen, in denen
ich schwelge und die ich gleich mit Ihnen teile, hören sich nur anfangs an wie
eine romantische Lovestory zwischen mir und Dr. Kiefer. Tatsächlich hab ich
die kurze Zeit mit ihm sehr genossen.«
Trotz unserer Gesprächsthemen.
Zunächst hatte sie noch versucht, Kiefer zu täuschen, so wie all die
anderen, die sie nach den blauen Flecken auf den Armen, am Hals oder
anderen Verletzungen gefragt hatten. Doch Jo hatte sich nicht mit ihrer
Standardausrede zufriedengegeben, sie neige eben generell zu Hämatomen.
Schließlich war es weniger seine Hartnäckigkeit als ein einziger Satz, mit
dem er die Dämme bei ihr einriss. Noch im Park der Klinik sagte er zu ihr:
»Ich kann Sie nicht wieder unvergewaltigen, das geht nicht, Klara.«
Danach hätte er gar nicht mehr weiterreden müssen, doch er ergänzte noch:
»Aber ich kann Ihnen zuhören, und ich bin an das Arztgeheimnis
gebunden.«
Damit hatte Jo ihr ein Geschenk gemacht. Er hatte sie nicht mit falschen
Hoffnungen abgespeist, er könne an ihrer Situation etwas ändern. Hatte sich
nicht als weißer Ritter in edler Gestalt geriert. Aber er hatte in ihr das
Gefühl geweckt, sie nicht für das zu verurteilen, was sie mit sich hatte
machen lassen. Im Hotel Le Zen etwa. Dass Klara ihm bereits bei ihrem
zweiten Zusammentreffen im Klinikpark von der als »Spiel« getarnten
Gruppenmisshandlung erzählt hatte, machte ihn zum einzigen Menschen in
ihrem Leben, der über die bislang dunkelste Stunde ihres Daseins Bescheid
wusste.
Von dem Mann mit der Maske.
Den Kabelbindern.
Der Maulsperre in ihrem Mund.
Und von den Männern. Vielen Männern.
»Sie haben sich in Dr. Kiefer verliebt?«, hörte sie Jules vermuten.
»Mit Haut und Haaren.«
»Und dann trat Yannick in Ihr Leben?«
Klara öffnete die Augen, und um sie herum blieb alles von einer dichten,
durchdringenden Schwärze, wie sie sie sich damals gewünscht hätte, als
Yannick plötzlich vor ihr stand. Groß. Nackt. Und psychotisch.
»Ganz genau«, antwortete sie Jules und wiederholte seine Worte: »Bis
Yannick in mein Leben trat und den Wunsch in mir auslöste, mich von dieser
Welt zu verabschieden, in der so etwas Schreckliches geschehen kann wie
das, was ich mit ihm erleiden musste.«
18

Klara
Einige Wochen zuvor

N ur wenige Sekunden bevor Yannick auf der Bildfläche ihres Lebens


erschien und es endgültig zerstörte, fühlte Klara sich so glücklich wie seit
Jahrzehnten nicht mehr.
Der Sex war der Wahnsinn, dachte sie im Halbdunkel auf dem Bett
liegend, aus dem Jo Kiefer bereits aufgestanden war, um ins Bad zu gehen.
Nicht dass sie viele Vergleichsmöglichkeiten gehabt hätte. Sie hatte vor
Martin nur zwei Liebhaber gehabt, doch das schien unendlich lange her. Die
negativen Erfahrungen der Gegenwart hatten die positiven der Vergangenheit
längst verdrängt. Seit Jahren war alles, was sich im Schlafzimmer abspielte,
für Klara nur mit Schmerzen und Demütigung verbunden gewesen.
Und jetzt liege ich hier. Atme und rieche den Duft eines neuen Mannes
in meinem Leben und wünsche mir, die Liebesnacht würde wieder von
vorne beginnen.
Sie drehte sich auf dem Wasserbett und kicherte über das angenehme
Gluckern, das die Bewegung ihres nackten Körpers auslöste. Das Bett war
für ihren Geschmack einen Tick zu modern für die Wohnung, die sonst eher
mit schweren Holz- und Ledermöbeln eingerichtet war.
Jo hatte eine Dozentur für psychiatrische Pathologie an der FU inne,
weswegen er sich vor einem Jahr einen Zweitwohnsitz angemietet hatte, um
nicht immer ins Hotel zu müssen, wenn er für seine Seminare und
Vorlesungen aus dem Berger Hof anreiste. So wie heute.
Bin in Berlin. 15.00 Uhr. Nachbesprechung?, hatte Jo ihr heute früh
gesimst. Klara hatte keine Sekunde gezögert und Martin angelogen, dass sie
in der Staatsbibliothek für eine Fortbildung recherchieren und Vigo Amelie
nach der Kita betreuen würde. Dann hatte sie die Einladung des Oberarztes
angenommen.
»Ich hätte es Ihnen nicht sagen dürfen«, hatte sie das »Date« mit einer
Entschuldigung begonnen und damit auf ihr Geständnis angespielt, das sie Jo
gegenüber noch in der Klinik abgelegt hatte. »Ich weiß auch nicht, was an
diesem Tag über mich gekommen ist.«
Klara war über sich selbst erstaunt, wie schnell sie sich ihm anvertraut
und ihm von der Gewalt erzählt hatte, unter der sie in ihrer Ehe litt. Doch sie
hatte sich vom ersten Moment an zu ihm hingezogen gefühlt, als sie seine
tiefe Stimme gehört und ihm in warme, dunkle Augen gesehen hatte, die sie
anblickten, wie ihr Ehemann sie noch nie betrachtet hatte. Offen, ehrlich,
liebevoll.
Beinahe hätte sie ihm sogar von dem Le Zen -Video erzählt, das Martin
von dem Abend ins Netz gestellt hatte.
Mit ihr und den Männern.
Vielen Männern, die sie misshandelt und gedemütigt hatten.
Kaum zu glauben, dass ich mich noch einmal in meinem Leben
freiwillig einem Vertreter des »starken« Geschlechts hingegeben habe,
dachte Klara und lauschte auf das Rauschen der Dusche, in die Jo
verschwunden war.
Normalerweise war sie es, die nach ihrer »Benutzung« durch Martin
stundenlang versuchte, sich den Ekel vom Leib zu schrubben, doch jetzt
genoss sie Jos herben Geruch auf der Haut und wollte ihn am liebsten für
immer konservieren, um sich auf ewig daran erinnern zu können, wie sie sich
vor zwei Stunden in dem Dunkelrestaurant im Prenzlauer Berg von ihm
»verabschiedet« hatte. Es war seine einfühlsame Idee gewesen, für die
Verabredung einen Ort zu suchen, in dem sie in völliger Dunkelheit, von
blinden Kellnern bedient, keinerlei Ablenkung hatten und geradezu
gezwungen waren, sich ausschließlich auf sich zu konzentrieren. Und zu
reden.
»Danke, dass Sie mir zugehört haben«, hatte sie ihm noch im Dunkeln
gesagt und schüchtern nach seiner Hand getastet.
»Ich bin es, der sich bedanken muss«, hatte Jo ihr widersprochen.
»Wofür?«
»Erstens: Danke, dass Sie meiner Einladung gefolgt sind, mich so spontan
zu treffen.« Er begann ihre Hand zu streicheln.
»Zweitens: Danke, dass Sie so offen sind und mir von Ihren privaten
Problemen erzählt haben. Und drittens: Danke, dass ich Sie küssen darf.«
Küssen?, dachte sie noch, doch bevor sie es aussprechen konnte, hatte sie
schon seine Lippen auf ihren gespürt. Allein dieses Gefühl war unglaublich
gewesen. Ganz zu schweigen von all dem, was später noch in diesem
Schlafzimmer hier geschehen war.
Unglaublich.
Klara hatte keinen Höhepunkt gehabt, das nicht, aber sie hatte so kurz
davorgestanden wie seit einer halben Ewigkeit nicht mehr. Im Grunde konnte
sie es kaum fassen, wie aufgeschlossen, ja geradezu frivol sie sich vor
wenigen Minuten noch verhalten hatte. Noch gestern wäre die Vorstellung,
sie würde unter der Berührung eines Mannes nicht zurückzucken, undenkbar,
ja geradezu lächerlich für sie gewesen. Ganz zu schweigen von dem
Gedanken, sich einem Mann freiwillig zu öffnen.
Und doch genau das habe ich getan. Sie tastete erneut nach dem Laken
neben ihr, das von ihrer ungeahnten Leidenschaft halb vom Bett gelöst und
mit ihren Körperflüssigkeiten befleckt war. Blut schoss ihr in die Wangen,
und Klara spürte, wie ihr Gesicht glühte. Leider wurde das positive Gefühl
der Erregung plötzlich von einer entsetzlichen Scham abgelöst, weil sie an
das letzte Laken denken musste, das von ihrem eigenen Blut so besudelt
gewesen war, dass sie es hatte wegschmeißen müssen, nachdem Martin sie
da unten …
Verdammt! Martin …
Das Laken unter ihrem Körper verrutschte noch weiter, als sie sich zum
Nachttisch drehte und nach dem Handy griff.
Gott sei Dank!
Wie durch ein Wunder hatte ihr Mann keine Nachrichten geschickt und
auch keine Kontrollanrufe versucht.
Die Erleichterung breitete sich in ihrem Körper aus wie die Wärme nach
einem Schluck hochprozentigen Alkohols. Gleichzeitig stoppte das Rauschen
der Dusche. Schlagartig wurde es still in der Wohnung.
»Magst du noch etwas unternehmen?«, hörte sie Jo wenig später aus dem
Bad rufen. Die Tür war nur angelehnt, eine Vertrautheit, die sich mit Martin
erst nach Monaten eingestellt hatte.
»Furchtbar gerne«, antwortete sie, obwohl sie keine Ahnung hatte, wie sie
es Martin erklären sollte, wenn sie noch länger wegblieb. Immerhin war es

Sie sah auf ihre Armbanduhr, doch es war zu schummrig, um das
Ziffernblatt zu erkennen. Abgesehen von dem Strahl, der durch den kleinen
Spalt der angelehnten Badezimmertür ins Schlafzimmer fiel, spendete nur ein
sanft illuminiertes Kunstwerk etwas Licht. Ein leicht gebogener
Samuraidolch mit grünlich schimmerndem Perlmuttgriff hing an der
Schlafzimmerwand, von zwei gedimmten LED -Strahlern angeleuchtet, die
für eine nachtlichtgleiche Atmosphäre sorgten. Ihr Blick fiel auf eine Leiste
mit Lichtschaltern, die in den Nachttisch eingelassen waren.
»Einen Cocktail trinken vielleicht?«
Sie drückte den äußersten Knopf der Leiste und musste kichern, denn
offensichtlich war seine Funktion eine andere. Das Laken unter ihr
schimmerte in einem halogenblauen Farbton, was die Illusion erzeugte, als
liege sie auf einer Luftmatratze in einem Swimmingpool.
»Dein Wasserbett hat ja sogar eine Innenbeleuchtung«, rief Klara staunend
und schlug das Laken noch weiter zurück. »Ich habe gar nicht gewusst, dass
es durchsichtige Matratzen gibt.«
»Eine Spezialanfertigung«, verriet ihr Jo. Sie hörte ihn lächeln, ohne sein
Gesicht zu sehen. Klara setzte sich im Schneidersitz auf die Matratze, deren
Wasserfüllung so hell und leuchtend strahlte wie die fluoreszierende Füllung
eines Knicklichts. Zudem wechselte sie die Farben. Von Azurblau zu einem
Phosphorgelb zu einem blendenden Weiß, zu einem …
»Was ist das?«, fragte Klara. Leise. Mehr zu sich selbst, denn im ersten
Moment war sie ehrlich erstaunt. Sie beugte sich nach vorne, um nun durch
die Raute zu blicken, die sich zwischen Schenkeln und Schritt bildete, ins
Innere der Matratze. Dabei war sie sich kurz sicher, dass es eine Spiegelung
sein musste.
Aber so sehe ich doch nicht aus?
Mein Auge steckt doch noch in seiner Höhle?
Absurderweise fasste Klara sich sogar an die entsprechende Stelle, doch
natürlich war mit ihr alles in Ordnung. Über den Wangenknochen spannte
sich noch die Haut, und ihre Lippen waren auch nicht so grotesk aufgebläht
wie die des Schädels, der plötzlich zwischen ihren Beinen aufgetaucht war.
Unter ihr.
Im illuminierten Wasser des Bettes, auf dem sie lag.
Auf dem sie vor wenigen Minuten noch einen Mann geliebt hatte, den sie
nie mehr wiedersehen sollte, nachdem er im Bad verschwunden war.
»Du hast es also entdeckt«, sagte eine Stimme links von ihr, die der von
Jo nicht unähnlich war, der aber sämtliche Wärme fehlte.
Und als hielte der Fremde, der plötzlich in der Badezimmertür stand, eine
Fernbedienung, mit der er das Grauen steuern konnte, schwammen plötzlich
ein Torso und ein abgetrenntes Bein im nun blutrot leuchtenden Wasser der
Matratze unter Klara vorbei. Sie schrie lauter als jemals zuvor und war
dennoch nicht in der Lage, ihren Blick von dem zerstückelten Menschen unter
ihr abzuwenden.
»Ich schätze, es ist das erste Mal, dass du auf einer Leiche gefickt hast,
oder?«
Klara spürte den Drang, sich zu übergeben, gleichzeitig wollte sie sich
die Augen ausreißen, um nicht noch einmal auf die Matratze sehen zu müssen.
»Wo ist Jo? Was hast du mit ihm gemacht?«, schrie sie den Fremden an,
was, wie sie selbst in diesem Moment wusste, hart an der Grenze zum
Wahnsinn war. Denn der Mann vor ihr sah noch immer so aus wie Johannes
Kiefer, nur war all das, was ihn ausmachte, nicht mehr vorhanden, all die
liebenswerten Eigenschaften seines sensiblen Wesens waren verschwunden.
Vor ihr stand nur noch sein Körper, von dem eine bösartige Macht Besitz
ergriffen zu haben schien.
Folgerichtig sagte das Monster: »Vergiss jetzt mal bitte deinen Liebhaber,
Klara. Ich finde, es ist an der Zeit, dass du mich kennenlernst.«
Süffisant grinsend kam er näher. »Ich heiße nicht Johannes Kiefer. Und ich
bin auch kein Arzt. Die Medien nennen mich den Kalender-Killer. Aber du
darfst Yannick zu mir sagen. Ich bin gekommen, um dir dein Datum zu
nennen.«
Gleichzeitig wurde Klara von einer Biene in den Hals gestochen, zum
zweiten Mal in ihrem Leben. Das erste Mal – auf der Hochzeit ihres Onkels
– war es noch schmerzhafter gewesen und ihre Luftröhre sofort
zugeschwollen, kaum dass sie den Teller am Kuchenbuffet hatte fallen lassen.
Heute war das Puckern unter der Haut schwächer, dafür wurde ihr schwarz
vor Augen … was vermutlich daran liegt, dass mich diesmal keine Biene,
sondern eine Nadel gestochen hat.
Und mit dem Bild des lächelnden Yannick, der sie mit nacktem
Oberkörper und einer Spritze in der Hand zurück auf das leichengefüllte
Wasserbett drückte, verlor Klara das Bewusstsein.
19
G anzkörperkrampf.
So hatte ihre beste Freundin Anne ihr einmal den Zustand während der
Hochphase einer akuten Lebensmittelvergiftung nach dem Verzehr von
schlechtem Sushi beschrieben. Klara meinte zu verstehen, wie Anne sich
gefühlt haben musste, als die Keime, die in ihren Organismus gelangt waren,
ihrem Körper befahlen, sein Innerstes nach außen zu stülpen.
(Großer Gott, Anne, ich wünschte, wir hätten uns nicht aus den Augen
verloren, seitdem du mit deiner großen Liebe nach Saarlouis gezogen bist.)
Das Wort »Ganzkörperkrampf« passte hervorragend auch auf ihre
Verfassung, nur dass es viel zu harmlos war. Der Ekel, den sie jetzt, nach
dem Aufwachen, empfand, war größer und intensiver als jedes andere
negative Gefühl, das sie bislang in ihrem Leben hatte empfinden müssen.
Was einerseits an den Nachwehen des Betäubungsmittels lag, aber vor
allen Dingen an der Erkenntnis, vom Fegefeuer direkt in die Hölle
gesprungen zu sein.
Bei dem Versuch, ihrem Ehemartyrium wenigstens für einige Stunden zu
entfliehen, war Klara in die Fänge eines Sadisten geraten, der ihrem Mann im
Fach »Perversion und Gewalt« noch Unterricht hätte geben können. Und
seine erste Schulstunde würde vermutlich mit der Vorführung jenes Videos
beginnen, das sie nun gezwungen war, sich anzuschauen.
»Sieh genau hin«, hörte sie den Mann hinter sich sagen, der eine
umgekehrte Metamorphose hinter sich hatte. Vom liebenswerten
Schmetterling zur hässlichen Raupe.
Von Kiefer zu Yannick.
Er stand neben ihr. Den japanischen Dolch von der Schlafzimmerwand in
der Hand.
Sie saß auf einem Küchenstuhl, die Hände in den hölzernen Armlehnen
verkrallt, um nicht vornüberzukippen in Richtung Fernseher, wo sie gerade
von drei Männern mit Masken zusammengeschlagen wurde.
Das Le Zen -Video. Ein weiterer Grund, weshalb sie sich wünschte,
erneut das Bewusstsein zu verlieren.
Immerhin würde sie weich fallen, ein dicker Teppich mit silbrigen Fasern
lag ihr zu Füßen auf dem Parkett. Klara fröstelte, als ihr bewusst wurde, dass
sie nackt war und Yannick sie vom Bett ins Wohnzimmer getragen haben
musste.
Das Bett!
Ruckartig, viel zu schnell, drehte sie sich zum Schlafzimmer zurück,
obwohl sie das illuminierte Wasserbett und das, was darin schwamm, auf
keinen Fall noch einmal sehen wollte. Es war eher der Wunsch, sich die
Leichenteile unter der durchsichtigen Matratze nur eingebildet zu haben,
weshalb sie den Kopf verdrehte. Bis Yannick ihr eine Ohrfeige versetzte, die
ihr Kinn wieder in die entgegengesetzte Richtung schnellen ließ. Zurück zu
dem Fernseher, der im Grunde ihr Spiegelbild zeigte, denn so wie in dem
Video war sie auch jetzt wieder nackt und gequält und wollte nicht mehr
leben.
»Warum?«, fragte sie die alles zusammenfassende Frage.
Warum tust du mir das an?
Warum hast du mich über deine Identität getäuscht?
Warum muss ich mir das Video der Schande noch einmal ansehen?
Warum hast du mich in deiner Gewalt?
»Wie du dir vorstellen kannst, ist das alles hier kein Zufall, Klara. Ich
habe in deinem Fall lange recherchiert. Dein Mann Martin, und damit sage
ich dir nichts Neues, ist ein Schwein.«
Klara wagte es nicht, zu nicken. Weder wusste sie, ob ihr eine Reaktion
gestattet war. Noch, ob eine weitere Kopfbewegung eine noch stärkere Welle
der Übelkeit in ihr auslösen würde, deretwegen sie sich übergeben müsste.
Und sich diese zusätzliche Blöße zu geben, nicht nur nackt, sondern auch
noch vollgekotzt vor diesem Wahnsinnigen zu sitzen, wäre unerträglich.
»Er vertreibt dieses Video von dir im Netz, auf einschlägigen Portalen.
Leicht zu finden für jemanden, der weiß, wonach er sucht.«
Ohne den Kopf zu bewegen, verdrehte Klara die Augen so weit, dass sie
Teile von Yannicks Gesicht im Blick hatte. Er sah noch genauso attraktiv aus
wie der Mann, der sie im Klinikpark angesprochen hatte. Und ganz bestimmt
roch er auch noch so gut wie der Liebhaber, der vor Kurzem auf ihr gelegen
und in sie eingedrungen war. Doch er hatte seine warme, weiche Stimme
gegen die eines Teufels getauscht.
»Und obwohl er dir das antut, Klara. Obwohl Martin dich missbraucht
und seine Verbrechen dann auch noch mit der Welt teilt, um dich immer und
immer wieder zu demütigen, verlässt du ihn nicht. Im Gegenteil: Du kommst,
von heute mal abgesehen, pünktlich nach Hause. Kochst ihm sein Leibgericht,
wäschst seine Socken, bügelst seine Hemden, befriedigst seine Gelüste.«
Yannick hielt inne und stellte ihr die Frage, die sie selbst gerade gestellt
hatte.
»Warum?«
Er stellte sich direkt vor ihren Stuhl, sodass sie den Fernseher nicht mehr
sehen konnte (eine Erleichterung), und ging vor ihr auf die Knie. Zeigte ihr
die Klinge des Samuraidolchs, in der sich ihr Blick brach. »Egal, wie hart er
schlägt, egal, wie oft er dich vergewaltigt. Du gehst immer und immer wieder
zu ihm zurück. Wieso?«
Nun nickte Klara doch, sie konnte nicht anders.
»Dunedin«, sagte sie mit trockener Stimme. Sie sehnte sich nach einem
Schluck Wasser, fast so sehr, wie sie sich danach sehnte, aus diesem
Albtraum zu erwachen.
»Wie war das?«
»Ich hab es mal ausgerechnet. Dunedin ist die zweitgrößte Stadt der
Südinsel Neuseelands. Und der am weitesten von Berlin entfernte Ort. Über
achtzehntausendzweihundert Kilometer.« Eine größere Distanz könnte sie auf
Erden nicht zwischen sich und Martin bringen. »Dahin wäre ich gerne
geflohen.«
»Und wieso hast du es nicht getan?«
Klara schüttelte den Kopf. Yannick wusste die Antwort, so dumm war er
nicht, dass er nicht darauf kam. Aber sie tat ihm den Gefallen und
beantwortete seine rhetorische Frage.
»Amelie«, flüsterte sie. Ihr Ein und Alles. Der einzige Grund, weshalb sie
nicht schon längst einen Ausgang aus ihrem Elend gesucht hatte.
»Ausrede!«, bellte Yannick. »Und eine ganz billige noch dazu.«
»Du …« Klara stockte.
Es widerstrebte ihr auf einmal, diesen Mann zu duzen, der entweder ein
begnadeter Schauspieler oder tatsächlich eine multiple Persönlichkeit war.
Kiefer, der einfühlsame, liebenswerte und duzwürdige Mann, war
verschwunden. Vor ihr stand ein Ungeheuer, ein Neutrum.
»Mein Mann ist stark. Er hat Geld und Macht und Freunde. Man kann ihn
nicht so einfach verlassen.«
»Doch, das kann man. Du kannst das. Du musst endlich aufhören, dich in
die Opferrolle zu fügen. Oder gefällt sie dir?«
Klara schüttelte den Kopf.
»Und wieso übernimmst du sie dann ohne Widerspruch? Himmel, diese
Opferrolle, die ihr Frauen euch immer wieder selbst gebt, ist die Quelle
allen Übels.«
Yannick stand auf, atmete so schwer, als würde er sich darauf
vorbereiten, ohne Hilfsmittel längere Zeit unter Wasser zu tauchen. »Die
meisten Kinder werden von Frauen erzogen. Emanzipation hin oder her, von
der Mutter über die Erzieherin bis zur Grundschullehrerin, fast immer treffen
Kinder in ihren wichtigsten Prägejahren auf Frauen. Weißt du, wie viele
Kindergärtner es gibt?«
Er lachte unfroh auf. »Drei Prozent. Was für ein Witz. Lachhaft wenige
Männer gehen in Elternzeit, die Kinder sind noch immer Müttersache. Ihr
also habt es in der Hand, doch ihr lasst eure Mädchen verweichlichen und
beschwert euch später über die Unterdrückung durch die Männer. Dabei seid
ihr es doch. Ihr Frauen kauft den Mädchen rosa Klamotten und lila Puppen.
Ihr seid es, die sie beim Ballett und nicht beim Kampfsport anmelden. Damit
lehrt ihr sie, wenn auch vielleicht nicht bewusst, dann aber unterschwellig,
sich zu fügen und alles zu ertragen. Weil Jungs nun mal Jungs sind, richtig?«
Klara schüttelte den Kopf, wollte widersprechen, aber selbst wenn sie in
der Lage gewesen wäre, die richtigen Worte zu finden, hätte Yannick ihr
keine Lücke gelassen.
»Ihr vergiftet das Selbstbewusstsein über viele Jahre hinweg, bis eure
Mädchen ihre Rolle als schwaches Geschlecht komplett verinnerlicht haben.
So sehr, dass sie keinen Mut und keine Willensstärke mehr aufbringen, um
dem eigenen Kopf zu folgen. Am Ende suchen sie sich die widerlichsten
Arschlöcher als Ehemann aus und kehren immer und immer wieder zu ihnen
zurück, so wie du.«
»Bitte, ich verstehe nicht.« Klara verschränkte fröstelnd die Arme vor der
Brust. Ihr Schamgefühl war zurückgekehrt, jetzt versuchte sie sich, so gut es
ging, zu bedecken. »Was wollen Sie von mir?«
Die Antwort gab Yannick ihr mit dem Dolch, dessen Spitze blitzschnell in
ihrem linken Nasenloch verschwand.
Und es zerfetzte.
»Lass deine Hände unten«, brüllte Yannick gegen Klaras
Schmerzensschreie an. Reflexartig hatte sie beide Hände vors Gesicht
gerissen in dem untauglichen Versuch, die Blutung zu stoppen.
»Ich schwöre, ich schneide dir deine Titten ab, wenn du nicht ruhig sitzen
bleibst.«
Er streckte ihr den Zeigefinger entgegen wie ein Schulmeister einem
ungezogenen Kind.
Klara flehte: »Bitte, bitte, töten Sie mich nicht.«
»Das habe ich nicht vor. Noch nicht.« Er trat näher. »Im Moment brauche
ich nur eine winzige Menge von deinem Blut. Deshalb habe ich dir eine
unbedeutende, harmlose Verletzung beigebracht, um dir etwas zu
verdeutlichen.«
Klara schauderte, als Yannick sie fast behutsam berührte und die Finger
unter ihrem aufgeschlitzten Nasenloch in den Blutstrom hielt, der ihr über das
Kinn, den Hals und die Brüste hinab über den Bauch bis zur Scham tropfte.
Einen nach dem anderen – erst den Daumen, dann Zeigefinger bis Ringfinger
und den kleinen Finger – besudelte er auf diese Art.
Als Nächstes trat er an die Wand und nutzte die Finger als Blutpinsel. Mit
raschen Bewegungen schrieb er in roten, an den Enden ausdünnenden Ziffern
vier Zahlen auf den weißen Putz direkt neben dem TV -Gerät.
30.11.
Dann wandte er sich wieder zu Klara, reichte ihr ein Stofftaschentuch, das
sie sich sofort auf die brennende Nase presste, und fragte sie: »Verstehst du,
worauf ich hinauswill?«
Sie schloss die Augen und schüttelte zum wiederholten Mal den Kopf.
Der Schock, die Kälte und womöglich der Blutverlust ließen sie am ganzen
Körper zittern.
»Das ist ein Datum. Präg es dir ein. Hast du es bis zum dreißigsten
November nicht geschafft, die Ehe mit deinem Mann zu beenden, werde ich
dich töten, sobald der Tag anbricht. Und zwar qualvoller, als du es dir
vorstellen kannst.«
Klara lachte. Ihren Schmerzen und aller Ohnmacht zum Trotz. Ein Lachen
der Verzweiflung und Hilflosigkeit, in dem der Zorn deutlich zu hören war,
den die unmögliche Forderung des Wahnsinnigen in ihr ausgelöst hatte.
»Man kann eine Ehe mit Martin Vernet nicht einfach so beenden. Das
Frauenhaus, in dem ich vor ihm sicher bin, wurde noch nicht gebaut. Und das
Land, in dem ich mich vor ihm und einer Armada von hochbezahlten
Privatdetektiven verstecken könnte, hat noch keine Flagge. Dafür hat Martin
viel zu viel Geld, Macht und Energie. Wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt
hat, zieht er es durch. Und er lässt sich niemals etwas wegnehmen, das er als
sein Eigentum betrachtet. Schon gar nicht seine Frau.«
»Du hast mir nicht zugehört. Ich habe nicht von einer Trennung, Scheidung
oder Flucht gesprochen.«
»Sondern?«
»Vom Ende. Beende das mit deinem Mann. Und zwar auf die einzige Art,
die in solchen Fällen möglich ist. Mit der einzigen Sprache, die feige
Arschlöcher, die ihre Frauen quälen, verstehen.«
»Und die wäre?«
»Mord.«
Klara verschluckte sich an ihrem eigenen Atem und musste husten. »Sie
meinen …?«
»Ganz genau. Töte deinen Mann. Du hast dafür noch einige Wochen Zeit.
Schaffst du es nicht bis zum 30.11., weißt du, was passiert.«
»Sie töten mich.«
»Ganz genau. Und komm nicht auf die Idee, dich an die Polizei zu wenden
oder dir sonst Hilfe zu holen. Wenn du mit jemandem über diesen Abend
sprichst, verhängst du über ihn ein Todesurteil. Hast du das verstanden?«
Klara nickte.
»Du hast es in der Hand. Tu das Richtige! Sonst endest du wie all die
anderen Frauen, die dafür zu schwach waren.«
Yannick machte eine Handbewegung in Richtung Schlafzimmer.
»Teile von ihnen hast du in meinem Bett gesehen.«
20
Jules

K eine Worte, kein Gemurmel, kein Husten. Jules hatte sich wieder das
Headset aufgesetzt und die Schuhe ausgezogen und war während des
Gesprächs auf Socken ins Bad geschlichen. Dort hatte er sich ein kleines
Pflaster aus dem Spiegelschrank geholt, mit dem er die Schnittverletzung an
seinem Finger versorgte.
Dann war er zurück in die Küche gegangen und hatte sich auf einen
Hocker an den Küchenblock gesetzt, stets bemüht, beim Zuhören alle
ablenkenden Nebengeräusche zu unterdrücken. Nur hin und wieder hatte er
Klara durch einen tiefen Atemzug oder ein leises Räuspern zu verstehen
gegeben, dass er noch in der Leitung war und sie nicht ins Leere sprach.
Allerdings war er sich ziemlich sicher, dass Klara bei der Schilderung ihrer
grauenhaften Erlebnisse wie unter Hypnose an den Schauplatz des
Verbrechens zurückversetzt gewesen war und ihn am anderen Ende der
Leitung nicht mehr wahrgenommen hatte.
»Sie waren doch hoffentlich bei der Polizei?«, fragte er in eine erste
längere Pause hinein, den Blick auf den Abrisskalender mit Sinnsprüchen
neben dem Kühlschrank gerichtet. Er zeigte den sechsundzwanzigsten
November an. Die Weisheit des Tages lautete: Das Abenteuer einer engen
Beziehung ist die Suche nach dem richtigen Abstand.
Der Kalender war drei Tage nicht mehr abgerissen worden. Heute war der
Neunundzwanzigste. Das Ultimatum, das der Killer Klara gestellt hatte, lief
in wenigen Minuten ab.
»Sie haben den Mann angezeigt?«
»Natürlich.«
»Und?«
»Yannick läuft noch frei herum. Meine Zeugenaussage hat offensichtlich
nicht sehr viel bewirkt.«
»Wie ist das möglich?«
Immerhin hatte sie eine Beschreibung, nachvollziehbare Verletzungen am
Körper und kannte den Wohnsitz des Täters. Damit hätte sie mindestens eine
Hausdurchsuchung erwirken können.
»Yannick war sehr geschickt. Wir hatten verabredet, dass er mich am
Potsdamer Platz abholt und wir dann nach Mitte zum Essen fahren. Zu diesem
Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass er in einem Dunkelrestaurant reserviert
hatte, wo wir in kompletter Finsternis von Blinden bedient wurden. Wir
gingen erst ein wenig spazieren, dann fragte er mich auf dem Weg zur
Tiefgarage, wo sein Auto stand, ob er mich überraschen dürfe. Er wolle mich
entführen, und ich dürfe die Überraschung keinesfalls vorher sehen. Zunächst
war mir das unheimlich, und ich wollte das Date an dieser Stelle abbrechen.
Aber er war so einfühlsam, und ich dachte mir, ich könne nichts Schlimmeres
erleben als das, was ich ohnehin schon durchgemacht hatte, sodass die
Hoffnung auf einen außergewöhnlich aufregenden Abend am Ende siegte.«
Sie lachte so, wie jemand über seine eigene Dummheit lacht.
»Gespannt willigte ich also ein, mir die Augen mit einem Seidenschal
verbinden zu lassen. Er führte mich dann in das Restaurant, in dem er für uns
reserviert hatte, und als wir saßen, bat er mich, die Augenbinde
abzunehmen.«
»Und als Sie die Augen öffneten, sahen Sie noch immer nichts.«
»Ja, und so schwer es mir fällt, es zuzugeben, das war wirklich eine tolle
sinnliche Erfahrung. Ohne Augen waren meine Sinne geschärft. Das Essen
explodierte förmlich im Mund, jede Berührung von ihm war wie ein
Energiestoß, der mich positiv auflud und erregte. Als wir gegessen hatten,
sagte Yannick, er habe noch eine zweite Überraschung bei sich zu Hause
vorbereitet. Zu diesem Moment war ich ihm schon verfallen und fühlte mich
in seiner Gegenwart unendlich sicher.«
»Lassen Sie mich raten: Er hat Ihnen auch auf dem Weg zu seiner Wohnung
die Augen verbunden?«
Sie seufzte zustimmend. »Weswegen ich nicht weiß, wohin er mich
gebracht hat, um mich zu quälen, ganz genau.«
Klara machte eine kurze Pause und ergänzte dann: »Nachdem Yannick mir
das Ultimatum verkündet hatte, bekam ich noch eine Spritze und fand mich
vor meinem Wohnhaus wieder, wo Nachbarn mich entdeckten. Was mein
Glück war, denn nur diese Zeugen hielten Martin davon ab, mich gleich im
Vorgarten zu verprügeln. Ich log ihn an, ich wäre überfallen worden, was
hätte ich denn sagen sollen? Das führte zu meiner ersten Opferaussage, die
ich einen Tag später widerrufen wollte. Heimlich, ohne dass Martin es
mitbekam natürlich.«
Jules nickte. Langsam wurde ihm das Vertrackte an Klaras Lage immer
deutlicher.
Er griff nach der Orangensaftflasche und stutzte. Sie war nach wie vor fast
zu einem Drittel gefüllt. Er meinte, in der Zwischenzeit mehrere große
Schlucke getrunken zu haben, war sich dessen aber nicht mehr sicher. Das
Gespräch mit Klara hatte seine gesamte Aufmerksamkeit in Anspruch
genommen. Außerdem war das Kratzen in seinem Hals wieder da, allzu viel
konnte es also nicht gewesen sein.
»Das Einzige, was ich sicher hätte sagen können, ist, dass es ein Altbau
war, wie man ihn in Charlottenburg, Steglitz, Schöneberg, Prenzlauer Berg,
Kreuzberg, Wedding, Friedrichshain und fast in jedem anderen Berliner
Bezirk findet.«
Er nahm einen tiefen Schluck und setzte die Plastikflasche wieder ab.
»Keine hilfreiche Eingrenzung.«
»Nein. Aber hätte ich wenigstens einen Namen gehabt, wäre meine
Aussage vielleicht etwas ernster genommen worden. Doch als die Beamten
erfuhren, wo ich diesen Dr. Johannes Kiefer kennengelernt haben wollte, der
sich später als Yannick, der Kalender-Killer, entpuppte, waren sie sich
augenscheinlich sicher, mit mir eine aufmerksamkeitssüchtige Verrückte am
Wickel zu haben. Müßig zu erwähnen, dass weder ein Yannick noch ein Dr.
Kiefer im Berger Hof bekannt sind.«
»Verstehe.« Klara war so ziemlich das Musterbeispiel dessen, was man
sich unter einer unzuverlässigen Zeugin vorstellte. Eine ehemalige Patientin
einer psychiatrischen Klinik, die an einem Experiment teilgenommen hatte,
bei dem künstlich Wahnvorstellungen hervorgerufen wurden, will eine erste
Falschaussage dahingehend korrigieren, dass sie in Wahrheit mit dem
Kalender-Killer Kontakt hatte. Ausgerechnet in einer Wohnung, die sie mit
verbundenen Augen betrat.
»Ich musste sie förmlich zwingen, ein Phantombild zu erstellen, aber
bislang wurde es noch nicht einmal veröffentlicht. Ein Ermittler gestand mir
ganz offen, dass sie mit vergleichbaren Aussagen und möglichen Todesdaten,
die angeblich an Wände geschmiert wurden, beinahe täglich konfrontiert
sind. Und da war noch etwas.«
»Was?«
»Etwas, was mich an mir selbst zweifeln ließ.«
Jules ließ ihr etwas Raum, sich zu sammeln, ohne sie mit einer weiteren
Frage zu drängen, bis sie weitersprach: »Sie haben mich detailliert nach
einem Merkmal seiner Handschrift gefragt, das ich ihnen aber nicht nennen
konnte.«
Jules dachte zurück an den Aktenzeichen XY -Bericht, den er zu Beginn
ihres Telefonats gesehen hatte.
»… ist die Ziffer 1 am oberen Ende verschnörkelt, wodurch die Zahl,
die der Täter bereits bei seinem zweiten Mord an die Wand geschrieben
hatte, mit etwas Fantasie wie ein Seepferdchen aussieht.«
»Und Sie wussten es nicht?«
»Nein. Ich war so aufgeregt und angsterfüllt, wie hätte ich da auf
Feinheiten in der Handschrift des Kalender-Killers achten können?«
Jules nickte und bekam plötzlich Hunger. Ihm fiel ein, dass er seit Stunden
nichts mehr gegessen hatte.
Beim Sprechen fokussierte er den Messerblock neben dem Herd, direkt
bei der Kaffeemaschine. Vier Messer mit braunen Holzgriffen steckten mit
der Klinge im Holz, eines davon, das längste, war von einer anderen
Kollektion und passte nicht dazu. Seine geriffelte Klinge ragte etwas aus dem
Holz hervor. Wie gerne hätte er sich damit eine dicke Scheibe Krustenbrot
abgeschnitten und eine Butterstulle gemacht.
»Nach meiner Aussage war ich völlig verunsichert und wusste nicht, ob
…«
Jules zog die Augenbrauen hoch, als Klara abrupt aufhörte zu sprechen.
»Alles okay?«, fragte er in die plötzlich stille Leitung. »Sind Sie noch
dran?«
Plötzlich veränderte sich auch auf seiner Seite der Leitung die
Geräuschkulisse.
Was zum Teufel …?
Er hörte ein Kratzen.
Nur einige Meter von ihm entfernt, den Flur hinunter.
Wie von einem krallenbewehrten Tier. Oder einem anderen Lebewesen,
das ein spitzes Werkzeug auf Metall schleifen ließ.
21
B leiben Sie dran, was immer auch geschieht, legen Sie nicht auf«, flüsterte
Jules und schaltete über einen Regler an seinem linken Kopfhörer das
Gespräch stumm.
Ob sie sich daran hielt?
Oder hatte er ohnehin schon die Verbindung zu ihr verloren? Und wenn,
dann für immer?
Jules klopfte das Herz bis zum Hals, doch er hatte keine Wahl.
Klaras Worte vom Anfang ihres Telefonats kamen ihm in den Sinn. »Er
wird nicht glauben, dass es nur ein Versehen ist. Dass ich mich verwählt
habe. Verdammt, wenn er herausfindet, dass ich Sie angerufen habe, wird
er auch zu Ihnen kommen.«
Das Kratzen war in ein Klimpern übergegangen, wie Wechselgeld in einer
Keramikschüssel. Kurz war es lauter geworden, Jules meinte sogar, im Flur
jemanden husten gehört zu haben. Doch jetzt herrschte wieder Stille in der
Altbauwohnung.
Er griff auf dem Küchenblock nach dem Handy, mit dem er seinen Vater
angerufen hatte, damit der mithören konnte.
»Bist du noch dran?«, fragte er ihn leise und verließ die Küche.
»Nein, ich hab aufgelegt.«
Im Flur warf das Nachtlicht seinen Schatten an die Wand; Jules wirkte
wie ein übergroßer Stelzenläufer.
»Lass die Witze. Bist du nüchtern?«
»Jetzt bist du es, der witzig ist.«
»Touché.«
Es war lange nach achtzehn Uhr, sein Vater hatte seinen Pegel längst
erreicht, was im Grunde gut war. Der alte Säufer funktionierte besser, wenn
er auf hochprozentigen Umdrehungen lief.
»Hast du alles verstanden?«
Das Parkett ächzte unter seinen Schritten, obwohl sie von einem dicken
Läufer gedämpft wurden. Die Geräusche, von wem auch immer sie stammten,
waren nicht zurückgekommen.
»Nein, was um Himmels willen war das? Wobei zur Hölle hast du mich
da mithören lassen?«
»Die Frau wird vom Kalender-Killer bedroht.«
»Okay, Junge. Du weißt, du kannst immer auf mich zählen, aber …«
»Erspar mir das«, unterbrach Jules seinen Vater. »Noch mal: Nur weil ich
dich hin und wieder anrufe, heißt das nicht, dass ich dir verzeihe.«
»Wohl aber, dass du meine Hilfe brauchst.«
Für einen wimpernschlagkurzen Moment horchte Jules in sich hinein, ob
er ein schlechtes Gewissen haben musste. Wann immer sie telefonierten, und
das war seit Dajanas Suizid bestimmt ein Dutzend Mal gewesen, hatte er nie
mit seinem biologischen Erzeuger sprechen wollen, sondern immer nur mit
Hans-Christian Tannberg, dem erfolgreichsten Versicherungsdetektiv seiner
Zunft. H. C., wie er von seinen Kollegen genannt wurde, arbeitete
freiberuflich für die größten Konzerne wie Axa, Allianz oder HUK . In den
letzten zehn Jahren war niemand einer größeren Zahl Versicherungsbetrüger
auf die Schliche gekommen als Hans-Christian Tannberg.
»Wieso flüsterst du die ganze Zeit? Und was genau willst du von mir?«,
fragte er.
»Dass du deinen Arsch nicht vom Fleck wegbewegst, die Finger von der
Hausbar lässt und die Leitung freihältst. Ich ruf in zehn Minuten wieder
durch.«
Ohne Abschiedsfloskel drückte er seinen Vater weg und war sich
plötzlich sicher zu wissen, was er gerade gehört hatte. Denn jetzt stand er
direkt vor der Quelle des Geräusches.
Das Klimpern stammte von einem Schlüsselbund, das am
Haustürschlüssel herab an der Wohnungstür hing. Die einzelnen Schlüssel
des Bundes, das noch immer hin- und herschwang, hatten
gegeneinandergeschlagen, wofür er sich nur eine Erklärung denken konnte:
Jemand versuchte, sich von außen Zutritt zu verschaffen.
22
D ie wenigsten Menschen steigen in eine Achterbahn mit der Hoffnung,
während der Fahrt aus dem Waggon geschleudert zu werden. Die meisten
stellen sich diesem Höllenritt in der Absicht, am Ende der überlebten
Nahtoderfahrung in einem Endorphinrausch der Erleichterung zu baden.
Auch Jules zog eine kontrollierte Angstexposition der direkten, realen
Konfrontation mit dem Tod vor. Doch jetzt hatte er keine Wahl. Er musste
sich dem stellen, was auch immer vor der Tür stand. Hitzköpfig, wie er war,
wenn die Vernunft in einem Adrenalinstrom ertränkt wurde, hätte er am
liebsten sofort die Tür aufgerissen. Immerhin spähte er zuvor erst einmal
durch den Spion und sah etwas, das noch sehr viel beunruhigender war als
ein bewaffneter Mann im Hausflur. Und das war: nichts!
Dunkelheit, alles umfassende Schwärze. Nicht einmal ein Schatten, und
damit kam das Klimpern des Schlüsselbunds einer übernatürlichen Erfahrung
gleich. Wer hatte es bewegt? Welches körperlose Wesen war in der Lage
gewesen, durch das Treppenhaus zu gehen und einen Schlüssel (wo immer es
den auch herhatte), einen Dietrich oder ein anderes Werkzeug von außen ins
Schloss zu stecken, ohne dabei den Bewegungsmelder im Flur auszulösen?
Er schloss die Augen, den Kopf ans Türblatt gepresst.
In einem irrationalen, fast übersinnlichen Moment hatte Jules die
Befürchtung, ganz alleine auf der Welt zu sein und ebenjene Dunkelheit selbst
dann um sich herum zu sehen, wenn er die Augen wieder öffnete. Und so war
es zum Teil auch die Sorge, sein wirrer Gedankengang könnte der Wahrheit
entsprechen, die ihn das Gespräch mit Klara wieder aktiv schalten ließ. Er
betätigte den Regler am Headset und fragte: »Sind Sie noch dran?«
Ein Knistern. Dann eine atmosphärische Störung. Schließlich: »Ja, bin
ich. Aber fragen Sie mich nicht, weshalb.«
Gott sei Dank.
Jules blinzelte, dann riss er das rechte Augenlid wieder weit auf. Hinter
dem Spion erstreckte sich noch immer der finstere Hausflur, doch das Licht
in der Küche brannte und beleuchtete den Flur, in dem er stand und der so
real war wie die Kommode, das Bild mit der gezeichneten Kreidefelsenküste
über der Kommode und dem Schlüsselbund an der Tür, das sich jedoch nicht
mehr bewegte.
Habe ich mir das am Ende alles nur eingebildet?
23
Klara

Z ittrige Hände, Herzrasen, Schweißausbruch. Hätte Klara ihre Symptome


gegoogelt, wäre sie wohl zu dem Ergebnis gekommen, dass sie sich die
Mühe eines Suizids nicht mehr machen müsse, da sie kurz vor einem
tödlichen Herzinfarkt stand. Aber sie kannte ihren Körper und wusste, dass
sie einfach unterzuckert war und dringend etwas essen musste, am besten
etwas Süßes.
Zum Glück gab es im Küchenschrank noch einige unverwüstliche
Müsliriegel, die zwar trocken schmeckten, jedoch den Blutzuckerspiegel fürs
Erste wieder ins Lot brachten.
»Ich bin nur am Apparat geblieben, weil Sie mir Ihren Teil der
Abmachung noch schuldig sind.«
»Die gewaltfreie Suizidmethode?«, fragte Jules.
Klara räusperte sich. Ihre Kehle schmerzte noch immer. »Ja.«
»Wenn ich es Ihnen jetzt sage, könnten Sie damit sowieso nichts
anfangen.«
»Weil Sie mich für zu schwach halten?«
»Weil die Baumärkte geschlossen haben. Das, was Sie für Ihren Suizid
brauchen, kostet nur wenige Euro, aber Sie kriegen es nicht mitten in der
Nacht.«
»Sie sind ein Arschloch.«
»Und Sie sind das, was der Kalender-Killer Ihnen auf den Kopf zugesagt
hat.«
»Und das wäre?«
»Schwach. Sie sind ein schwacher Mensch, Klara. Das meine ich nicht
als Vorwurf. Ich bin es auch. Meine Schwäche hat mich das Wichtigste in
meinem Leben gekostet.«
Ihre Familie, dachte Klara, ohne es auszusprechen, wobei sie es besser
hätte tun sollen, denn dann würde ihr Begleiter sie vielleicht mit seinen
Vorträgen verschonen.
»Viele neigen dazu, sich selbst zu verleugnen und es allen recht machen zu
wollen. Meine Mutter zum Beispiel hat jahrelang die Eskapaden meines
Vaters ertragen. Wenn er besoffen von der Arbeit kam, hat sie ihm lächelnd
das Essen hingestellt. Wenn er sich beschwerte, dass es aufgewärmt war, hat
sie kein Wort darüber verloren, dass er drei Stunden zu spät kam, weil er
noch in der Kneipe abhängen musste. Und wenn er sie schlug, erklärte sie uns
Kindern, es wäre ihre Schuld; sie hätte wissen müssen, dass er nach so
einem anstrengenden Tag ihr Parfum nicht ertrug, das sie extra für ihn
aufgelegt hatte. Viele Menschen sind so wie meine Mutter. Sie verbiegen sich
so sehr, dass sie am Ende eher den eigenen Tod in Kauf nehmen, als aktiv zu
handeln.«
Klara seufzte ärgerlich. »Noch mal: Mein Mann hat Geld, Macht,
Einfluss. Sein bester Freund ist die rechte Hand des Polizeipräsidenten. Mit
dem Bürgermeister spielt er einmal die Woche Squash. Und er ist so beliebt
und charmant in der Öffentlichkeit – nicht einmal meine Freundinnen glauben
mir, dass er eine dunkle Seite hat. Und die kommt ja auch nicht immer zum
Vorschein. Nach seinen Exzessen ist er manchmal wochenlang der
einfühlsamste, sensibelste Ehemann auf Erden. So liebevoll, dass ich selbst
fast vergessen könnte, wie er wirklich ist.«
»Die Honeymoon-Phase«, bestätigte Jules. Auf die Schläge folgten
standardmäßig Entschuldigungen und Geschenke.
»Ganz genau. Und in solch einer Honeymoon-Phase ist er charismatischer
als George Clooney. Wenn Martin meinen gesamten Freundeskreis täuschen
kann, wie soll ich dann eine fremde Familienrichterin überzeugen?«
»Aber denken Sie gar nicht daran, welche Wirkung das auf Ihr Kind hat?
Gerade in jungen Jahren bekommt sie viel mehr mit, als Sie denken. Das
wird, wie heißt sie noch mal …?«
»Amelie.«
»… das wird Amelie fürs Leben prägen. Wollen Sie sie wirklich mit
diesem Monster alleine lassen?«
»Ich hab doch keine Wahl! Ich kann Martin nicht verlassen und Amelie
mitnehmen. Egal, auf welche Art ich fortgehe, Amelie wird bei Martin
bleiben. Sie wird das selbst wollen, wenn ein Richter sie fragt, denn zu ihr
war er nie ein Monster.«
»Das können Sie nicht wissen.«
»Doch, das zwischen Martin und mir ist eine ganz besondere
Machtsituation. Zu Beginn unserer Beziehung war ich ihm zu stark und zu
selbstbewusst. Es bringt ihm nichts, ein kleines Kind zu dominieren. Martin
bekommt den Kick davon, eine erwachsene, starke Frau zu brechen.«
»Was er ja wohl geschafft hat«, sagte Jules.
Unschwer zu erkennen, dachte Klara resigniert. Wieder kämpfte sie mit
den Tränen. »Ich hab nur noch eine Sache selbst in der Hand, und das ist
mein Tod. Schauen Sie, mein Leben ist doch ohnehin schon die Hölle.
Selbstmord ist da das kleinere Übel mit derselben Folge, dass ich mein Kind
verliere. Nur eben ohne die ununterbrochen andauernden Seelenqualen, die
ich am eigenen Leib erfahre, wenn er mir Amelie wegnimmt und mich ein
Leben lang leiden lässt, weil ich es gewagt habe, gegen ihn aufzubegehren.«
»Das ist Quatsch, und das wissen Sie. Alles Ausreden einer schwachen
Frau. Sie haben doch nicht nur die Alternative zwischen Selbstmord und
Frauenhaus.«
»Was bleibt mir denn sonst?«, blaffte sie zurück.
»Ich rate Ihnen, an Ihre Wut zu denken. Sie zerfrisst Sie, richtig?«
»Ja.«
»Dann machen Sie es wie beim Tennis. Spielen Sie volley. Nutzen Sie die
Kraft des Gegners, weichen Sie nicht zurück, sondern halten Sie den
Schläger hin und richten Sie seine Kraft ungefiltert gegen ihn selbst, um ihn
zu vernichten.«
Klaras Stimme klang fassungslos, regelrecht entrückt, als sie zu Jules
sagte: »Allen Ernstes? Das ist Ihr Rat? Sie meinen also auch wie Yannick,
ich soll Martin töten?«
Sie hörte am Rascheln in der Leitung, wie der Begleiter am anderen Ende
den Kopf schüttelte. »Ihr Mann ist im Moment nicht Ihr größter Gegner. Er
will Sie quälen. Töten hingegen will Sie jemand anderes.«
Yannick …
»Hören Sie auf, so passiv zu sein, Klara. Was haben Sie denn zu
verlieren? Ihren Tod haben Sie doch schon einkalkuliert. Holen Sie sich Ihr
Leben zurück. Ein Leben mit Ihrer Tochter. Ohne Angst. Doch das schaffen
Sie nur, wenn Sie Prioritäten setzen und sich zunächst um die größere
Lebensgefahr kümmern.«
Klara schüttelte den Kopf. Wie oft hatte sie diesen Gedankengang schon
durchgespielt und war immer wieder zu dem Ergebnis gekommen, dass ihr
Leben längst vorbei war und nicht »zurückgeholt« werden konnte.
»Was genau schlagen Sie vor, soll ich tun?«, fragte sie, ohne wirklich auf
eine Antwort zu hoffen.
»Zunächst mal müssen Sie Yannick zuvorkommen. Sie dürfen nicht wie
das Kaninchen im Bau auf das Raubtier warten. Sie müssen seine Identität
aufklären.«
»Noch mal: Ich weiß nicht, wo er sich aufhält!«
»Aber er weiß anscheinend, wo Sie sich versteckt halten, wenn das alles
stimmt, was Sie mir erzählt haben. Sagen Sie mir, wo Sie sind. Ich versuche,
Sie zu beschützen, sobald er bei Ihnen auftaucht.«
»So ein Schwachsinn. Wie wollen Sie das anstellen? Meinen Sie etwa,
Sie sind einem Menschen gewachsen, der zerstückelte Leichen in seinem
Wasserbett aufbewahrt?«
»Ich nicht, aber die Polizei.«
»Die erst tätig wird, wenn ich Beweise habe.«
Klaras ohnehin trockener Hals fühlte sich vom vielen Reden ganz wund
an. Sie ging zum Kühlschrank, um sich ein Mineralwasser zu nehmen.
»Wenn Yannick oder wie auch immer der Kerl heißt, auf frischer Tat
ertappt wird, gibt es Beweise genug«, stellte Jules fest.
»Was, wenn er mich einfach erschießt? Wer sagt Ihnen, dass Ihnen
genügend Zeit bleibt, mir zu helfen, sobald er auf der Bildfläche erscheint?«
Sie öffnete die Kühlschranktür und schloss, vom Innenraumlicht
geblendet, die Augen, doch das half nicht, die Bilder zu verdrängen, die ihr
als Antwort auf die eigene Frage in den Sinn gekommen waren. Wenn
Yannick wirklich der Kalender-Killer war, woran sie keinen Zweifel hatte,
würde er sie abstechen und mit ihrem Blut das Datum ihres Todes an die
Wand malen.
»Die Polizei wird rechtzeitig eingreifen, wenn sie weiß, wohin sie
kommen muss.«
»Und wenn nicht? Wenn sie zu früh einschreitet? Dann haben sie nichts
gegen ihn in der Hand. Ich hab das alles Tausende Male durchgespielt. Es ist
sinnlos.«
»Sie irren sich …«, setzte Jules an, doch sie nahm das Telefon vom Ohr,
als sie die Geräusche vor der Laube hörte.
Das Knirschen und Brummen.
Sofort schloss Klara den Kühlschrank wieder, vermutlich zu spät. Von
draußen in der Dunkelheit war das Licht bestimmt wie das Leuchtsignal eines
Schiffes in Seenot zu sehen gewesen.
Sie senkte automatisch die Stimme und zog die Schultern zusammen, als
müsste sie sich schon jetzt vor der Gefahr ducken, die sich der Hütte näherte.
»Wir verschwenden unsere Zeit. Es gibt nichts mehr zu diskutieren«,
flüsterte sie.
»Klara, bitte hören Sie mir zu.«
»Nein. Sie hören mir zu. Es ist zu spät. Ich bekomme Besuch.«
Klara richtete ihr Handy auf das Fenster, das, von einem Lichtkegel
gestreift, matt silbern aufblitzte. Wenige Sekunden später hielt der Wagen an.
»Von wem?«, hörte sie Jules unnötigerweise fragen.
»Es ist kurz nach Mitternacht.«
30 . 11 .
»Das Ultimatum ist abgelaufen. Wir beide wissen also, von wem«,
flüsterte Klara. »Und was er mit mir vorhat. Und danach mit Ihnen, wenn er
mit mir fertig ist.«
24
K lara wollte auflegen, doch dann zögerte sie. Sie hatte das Gefühl, sie
kappe ihre einzige Rettungsleine, wenn sie das Telefonat beendete. Wobei sie
sich in dem Moment, als sie draußen eine schwere Autotür zuschlagen hörte,
fragte, für welches Leben sie auf einmal gerettet werden wollte. Immerhin
hatte sie es ja selbst gerade erst beenden wollen.
Und allein deshalb, weil dir Jules ins Gewissen geredet hat, soll sich
alles verändern? Blödsinn, Klara!
Statt erhobenen Hauptes zur Tür zu gehen, um sich ihrem Schicksal zu
stellen, wich sie zurück und belastete dabei ihren geschwollenen Fuß so
ungünstig, dass sie am liebsten aufgeschrien hätte. Ihr Knöchel fühlte sich an,
als wäre er auf Kürbisgröße angeschwollen.
»Wieso humpelst du nicht einfach deinem Ende entgegen? Du willst
doch gar nicht mehr!«, fragte die dunkle innere Stimme, die ihr in den
letzten Tagen zugesetzt und sie in ihrem Selbstmordplan bestärkt hatte.
»Weil es nicht mehr selbstbestimmt ist«, gab die hellere Stimme in ihrem
Kopf dem dunklen Teufel die erklärende Antwort: Es war eine Sache, selbst
den letzten Schritt zu gehen. Eine völlig andere, sich einem anderen
auszuliefern. Noch dazu einem Mann, der Spaß daran hatte, Frauen zu quälen,
und der ihr keinen schmerzlosen Tod bereiten würde.
Wie hat er mich nur so schnell gefunden?
Sie hatte ihr Telefon in einem Kreuzberger Handyshop auf Spyware
überprüfen lassen, und der fetthaarige Student hatte ihr versichert, dass es
sauber wäre. Doch sie glaubte ihm nicht. Ihre Angst war stärker als ihr
Vertrauen in die Technikkenntnisse eines ungepflegten Handy-Nerds.
Oder hat dieser Jules mich etwa doch geortet?
Draußen brachten schwere Schritte die Dielen vor dem Eingang zum
Knarzen. Zielstrebig näherten sie sich der Tür des Wochenenddomizils; eine
einfache Baumarkttür, etwas robuster als die Spanholztüren der anderen
Lauben, aber kein unüberwindbares Hindernis für einen gewaltsamen
Eindringling.
»Hallo?«
Die Männerstimme klang dumpf – trug er eine Maske? –, doch das war
nicht so bedrohlich wie die Richtung, aus der sie kam. Der Killer stand nicht
etwa draußen vor der Tür, sondern direkt neben ihr.
Klara fuhr herum und biss sich in der Dunkelheit der Hütte auf die Lippe,
um vor Schreck nicht laut aufzuschreien. Sie blutete schon, als sie begriff,
dass die Anspannung ihr einen Streich gespielt hatte.
Nicht der Eindringling hatte es auf wundersame Weise geschafft, durch
die verschlossene Tür zu ihr in die Hütte zu kommen. Es war Jules, dessen
Stimme sie hörte, denn ihr Handy war noch im Freisprechmodus.
»Klara, reden Sie mit mir!«
Zum Glück lag das Telefon nicht mehr auf dem Tisch, sondern steckte in
ihrer Hosentasche, deren Futter Jules’ Stimme dämpfte. Wobei Klara
befürchtete, der Killer könnte sie trotzdem gehört haben.
Sie erwartete jeden Moment, dass stahlkappenbewehrte Stiefel die Tür
aus den Angeln treten würden, doch zu ihrem ungläubigen Staunen öffnete sie
sich ohne hör- oder sichtbaren Krafteinsatz. Wie von Zauberhand bewegt,
schwang die Eingangstür nach innen auf, und mit dem Licht des vor der Hütte
parkenden Fahrzeugs drang ein kalter, schneedurchsetzter Wind herein.
Der Killer stand in der Tür wie ein Schauspieler beim großen
Bühnenauftritt. Das Gesicht lag vollständig im Verborgenen, die Statur wirkte
überlebensgroß durch den Schatten, den sie auf die Holzdielen warf. Er sagte
kein Wort, auch nicht, als Klara aus ihrer Starre erwachte und den gellenden
Schmerzen in ihrem Bein zum Trotz nach hinten rannte.
Zum Gartenausgang hinter der Speisekammer.
Sogleich begriff sie, dass sie einen Fehler gemacht hatte. Vielleicht hätte
sie eine Chance gehabt, wenn sie nach vorne gespurtet und zurück zur
Garagenverbindung gerannt wäre, bevor Yannick sie zu fassen bekam.
Stattdessen stand sie vor dem verschlossenen Hinterausgang, hinter dem kein
Fluchtfahrzeug auf sie wartete, sollte sie es überhaupt schaffen, die Tür mit
dem in ihr eingelassenen Glasfenster zu öffnen.
Nein, nein, nein ...
Ihre schweißnasse Hand rutschte an dem runden Drehknauf ab, der sich
keinen Millimeter weit bewegen ließ. Als sie sich erinnerte, dass sie in
seinem Zentrum einen winzigen Druckknopf lösen musste, um die
Verriegelung zu entsperren, war es zu spät.
Die Kälte wurde schneidend, Angstschweiß schien ihre Kleidung zu
durchdringen, sie fühlte eine knochige, eisige Hand im Nacken, die sie mit
aller Gewalt zurückriss. Roch den fauligen Atem des Todes …
Zum Glück nur in ihren Gedanken.
Vorerst.
Klara hörte ein Keuchen, und das war, anders als ihre Todesvision,
überaus real und extrem nah. Sie hörte die Schritte des weiterhin stummen
Eindringlings, dem es sicher Spaß machte, sein Opfer so in Bedrängnis zu
sehen. Der sich womöglich darüber amüsierte, dass es ihr zwar gelungen
war, die Hintertür endlich zu öffnen, dass sie dann aber auf der Holztreppe
dahinter strauchelte und die Stufen hinab in die Schneeverwehung fiel.
Blitze stoben wie Funken beim Schweißen vor Klaras Augen.
»Ahhhh …«
Sie biss sich in die Hand, um ihren Schmerz nicht in die Dunkelheit zu
schreien. Für einen Moment hockte sie in vollständiger Finsternis. Bis in den
Gemüsegarten der Laube reichte das Licht des vorne noch mit laufendem
Motor parkenden Wagens nicht.
Trotzdem meinte sie den Schatten über sich zu spüren, während sie
versuchte, sich aus dem Vierfüßlerstand wieder aufzurichten.
Als sie es geschafft hatte und den Kopf zurück zur Laube wandte, konnte
sie kaum etwas sehen, so dicht war das Schneetreiben.
Dichte, feuchte Flocken, die in ihrem Gesicht zu Eiskristallen zu
explodieren schienen. Angeleuchtet von einer Taschenlampe, mit der der
Killer die Umgebung absuchte. Sie spürte den Lichtstrahl wie eine
Pistolenkugel. Von ihm getroffen, ließ sie sich fallen, auch wenn das eher
lächerlich und komplett sinnlos war.
Wie ein Kind, das denkt, es würde nicht gesehen, wenn es sich die Augen
zuhält.
Zu allem Übel hatte sie sich auf eine Pfütze geworfen, die nur von einer
dünnen Eisschicht bedeckt war. Ihre Kleidung sog die Feuchtigkeit auf wie
ein Schwamm. Die Kälte stach mit tausend Nadeln. Dann, als sie den Kopf
hob und zurück zu dem Strahl der Taschenlampe sah, geschah das
Unglaubliche.
Der Schatten des Killers schien ihr zuzunicken, ganz sicher war sie sich
nicht. Doch dann kam er nicht etwa heraus, er richtete auch keine
Schusswaffe auf sie. Tatsächlich schloss er die Tür.
Von innen!
Im nächsten Moment erlosch seine Taschenlampe, und damit verschwand
auch die Silhouette hinter der Glasscheibe in der Tür.
Und mit der Dunkelheit schob sich die Kälte vollends in Klaras
Bewusstsein, dieses Mal mit einer unbarmherzigen Wucht. Sie merkte, dass
sie am ganzen Körper zitterte, und das nicht allein vor Angst.
Großer Gott, bitte nicht …
Sie hatte etwas Entscheidendes vergessen.
Meine Jacke!
Sie hing noch über dem Stuhl in der Küche. Samt Portemonnaie und
Schlüsseln.
Gottverdammt!
Kein Wunder, dass der Killer sich entspannt zurücklehnen konnte. Sie war
verletzt, panisch und schon jetzt unterkühlt.
Und sie hatte nur zwei Optionen: zurück ins Haus, in die Höhle des
Frauen mordenden Raubtiers. Oder spärlich bekleidet, mit einem
angeknacksten Knöchel im Schneetreiben durch den Wald, der an ihre Laube
grenzte. Sollte sie es überhaupt schaffen, ihn zu durchqueren, würde sie am
Teufelssee landen, den Klara niemals würde überwinden können. Im Wasser
wäre sie nach vier Minuten tot, und der Uferweg war viel zu weit.
Hinzu kam: Sobald der Killer merkte, dass sie sich für die Flucht durch
den Wald entschieden hatte, konnte er dort einfach auf sie warten und sie
einsammeln – zu Tode erschöpft, wie sie jetzt schon war.
Ich sitze in der Falle, dachte Klara.
Und machte sich auf den Weg noch tiefer in sie hinein.
25
Jules

J ules war zurück ins Wohnzimmer gegangen, verzweifelt bemüht, aus dem
Rascheln und Rauschen in der Leitung einen sinnvollen Schluss zu ziehen, als
ihm Klaras Worte wieder in den Sinn kamen.
»Es tut mir leid, dass ich das gesagt habe, aber es ist die Wahrheit.
Sobald er herausfindet, dass wir Kontakt hatten, etwa weil er Ihre Nummer
in meinem Handy findet, wird er Sie suchen und ebenfalls eliminieren
wollen.«
Und auf einmal ließ ihm das Schlüsselbund keine Ruhe mehr. Jetzt wirst
du auch noch paranoid.
Kopfschüttelnd ging Jules zurück zur Haustür und zog es ab.
Vorsorglich.
Für den im Grunde unvorstellbaren Fall, dass es tatsächlich jemand
geschafft hatte, zu ihm in die Wohnung einzudringen, wollte er der Person
nicht die Möglichkeit geben, sie hier zusammen einzuschließen. Schwer und
kalt lag das Bund in seiner Hand, mit viel zu vielen Schlüsseln für eine
einfache Wohnung. Eine schmerzhafte Erinnerung überkam ihn. Dajana hatte
sich immer über ihn lustig gemacht, dass er wie ein Hausmeister herumlaufen
würde. Er legte es auf die Anrichte neben der Tür und ging zum Schreibtisch.
»Hallo?«
Keine Antwort. Er meinte, Klara aufstöhnen gehört zu haben, dann schien
sie sich zu bewegen. Aber das Knarren und Klappern konnte alles Mögliche
bedeuten, zumal der Empfang anscheinend minütlich schlechter wurde.
Er ließ sich auf den Schreibtischsessel fallen und zog die Schublade auf,
in der sich Kabel für Kleinstelektrogeräte befanden. Vergeblich suchte er
nach einem Aufladekabel, das er mit einer Steckdose und seinem
Mobiltelefon verbinden konnte, dessen Akku sich bald dem roten Bereich
nähern würde. Er schaltete sein Mikrofon auf stumm, löste den linken
Kopfhörer des Headsets vom Ohr und rief über Handy seinen Vater an. Der
nahm das Gespräch schon an, bevor Jules es hatte läuten hören.
»Erklärst du mir jetzt endlich mal, was Phase ist?«
Jules rollte mit den Augen. Hans-Christian Tannberg merkte nicht, wie
lächerlich er sich machte, wenn er Wörter für cool hielt, die in Wahrheit
schon seit Jahren nicht mehr aktuell waren. Und die schon damals, als sie
noch zum Jugendslang zählten, aus seinem Munde komplett albern geklungen
hätten.
»Du musst etwas für mich herausfinden.«
»Hm, eigentlich wollte ich ja Nein sagen, aber wo du mich so lieb darum
bittest.«
»Lass das Gequatsche, wir haben keine Zeit zu verlieren. Du hast ja
mitbekommen, worum es geht.«
»Anscheinend um Leben und Tod.«
»Ganz genau. Die Frau, mit der ich gerade rede …«
»Was ich schon mal nicht verstehe«, fiel sein Vater ihm ins Wort,
ungeachtet dessen, dass Jules sich genau das gerade erst verbeten hatte, »du
arbeitest doch gar nicht mehr bei der 112?«
Jules musste sich beherrschen, den Briefbeschwerer nicht in den
Fernseher zu werfen. Sein Vater hatte die Gabe, ihn in weniger als zehn
Sekunden zur Weißglut zu treiben.
»Ich hab für Caesar die Schicht am Begleittelefon übernommen«, zischte
er.
»Was ist ein Begleittelefon?«
Jules erklärte es ihm so knapp wie möglich.
»Hab ich begriffen. Aber wer in drei Teufels Namen ist Caesar?«
»Mein alter Schulfreund, wohnte damals direkt im Haus nebenan. Bevor
wir in die Stadt gezogen sind. Du solltest ihn noch kennen. Er hat dich oft
brüllen hören, wenn du nach Hause gekommen bist.«
»Ich erinnere mich gut an die Kaisers. Komplette Arschlochfamilie,
ständig neue Autos und Malediven-Urlaube auf Pump. Und dieser lange,
picklige Magnus war der Nervigste von allen. Der mit dem dämlichen
Paragrafen-Tattoo auf dem Stinkefinger, richtig? Ich verstehe bis heute nicht,
weshalb du dir solche Loser-Freunde angeln musstest, ich …«
»Schluss jetzt, hör mir zu: Die Frau, die mich angerufen hat, behauptet,
Kontakt zum Kalender-Killer zu haben, sie befürchtet, sein nächstes Opfer zu
sein. Bring alles über sie in Erfahrung, was du aus dem Personal beim
Berger Hof rausfinden kannst. Ihr Name ist Klara.«
»Und weiter?«
»Will sie nicht sagen.«
»Na prima.«
»Aber ich hab andere Namen für dich: Daniel Kernik, Johannes Kiefer,
Ivan Corzon. Angeblich Ärzte und Klinikleiter im Berger Hof.«
Jules zog einen karierten Schreibblock zu sich heran, riss das oberste,
benutzte Blatt ab und testete die schwarze Mine eines Kugelschreibers.
Während er seinem Vater kurz erklärte, dass Klara an einem psychiatrischen
Experiment teilgenommen hatte, bei dem es um die künstliche Herbeiführung
von Wahnvorstellungen ging, hielt er einzelne Begriffe für sich selbst auf dem
Papierblock fest: Klara, Nichtmedizinerin, vermutlich medizinisch-
technische Assistentin, Paranoia???
»Corzon kenne ich«, stellte sein Vater fest. »Ich hab ihn schon nach
Dajanas Tod durchleuchtet. Er ist unauffällig.«
Jules nickte. Der Name war auch ihm bekannt vorgekommen. Unmittelbar
nach Dajanas Selbstmord hatte sein Vater aus eigenem Antrieb heraus
recherchiert und im Berger Hof jeden Stein umgedreht für den Fall, dass die
Klinik etwas mit der Tragödie zu tun hatte. Aber H. C. Tannberg hatte nach
eigenen Aussagen nichts finden können. Keine Unregelmäßigkeit, kein
Fehlverhalten der Ärzte und Pfleger, und das, obwohl er seine besten Leute
im Team auf den Berger Hof angesetzt hatte.
»Kiefer und Kernik sagen mir nichts, aber ich häng mich morgen an den
Apparillo.«
»Bist du taub oder blöd? Wie kommst du auf die Idee, das hätte Zeit bis
morgen?«
»Wie kommst du auf die Idee, so mit mir sprechen zu dürfen?«
Jules lachte bitter auf. »Vielleicht, weil ich ein Video habe, das zeigt, wie
du Mama die Scheiße aus dem Leib prügelst?«
Was gelogen war. Der einzige Film, der bewies, wie gewalttätig Hans-
Christian Tannberg seiner Frau gegenüber gewesen war, war der, der in
Jules’ Albträumen in Endlosschleife lief. Immer und immer wieder, seit er
denken konnte.
»Wieso kannst du mir nicht so verzeihen wie deine Schwester?«
»Becci hat dir nicht verziehen. Sie ist nur höflicher als ich.«
Rebecca, Jules’ jüngere Schwester, war an der Gewalt zu Hause fast
zerbrochen. Es hatte ein Schlüsselereignis gegeben. Da war ihr Vater bereits
am helllichten Tag völlig betrunken vom Tennisclub nach Hause gekommen.
Er hatte ein frühmorgendliches Match gegen einen wesentlich schlechteren
Spieler verloren und war im Clubcasino gehänselt worden. Als geeignete
Maßnahme, um sein Selbstwertgefühl wieder aufzubauen, kam ihm in den
Sinn, seinen Lieben zu Hause mittags eine ganz besondere »Eintopf-
Kreation« zu servieren.
Sonntag war der einzige Tag in der Woche, an dem gemeinsam gegessen
wurde. Gerade als Rebecca und Jules den ersten Löffel zum Mund geführt
und sich über den salzigen Geschmack gewundert hatten, fing ihr Vater wie
ein Wahnsinniger an zu lachen: »Seht euch eure Mutter an, dieses Wrack. Sie
ist so schwach und so feige.«
Tatsächlich sah Jules’ Mutter noch blasser aus als sonst, ihre tief in den
Höhlen liegenden Augen waren fahrig. Sie selbst hatte sich noch nichts
aufgetan, was nicht ungewöhnlich war; sie hatte ohnehin nur selten Appetit
und bekam oftmals tagelang keinen Bissen herunter.
»SEHT SIE EUCH AN !«, schrie Hans-Christian Tannberg und deutete
mit einer Gabel auf die jämmerliche Gestalt, die auf dem Hochzeitsfoto auf
dem Kaminsims noch zwanzig Kilo mehr gewogen hatte.
»Sie vergiftet lieber ihre Kinder, als einmal den Arsch in der Hose zu
haben.«
Und dann gestand er, was er getan hatte. Kaum dass er nach Hause
gekommen war, hatte er sich den Topf vom Herd gegriffen, hineingepinkelt
und seine Frau gezwungen, das »Essen« zu servieren.
Es war drei Tage vor Rebeccas zwölftem Geburtstag. Der Tag, als sie
wieder mit dem Bettnässen anfing. Es hörte erst auf, als ihre Mutter eines
Nachts verschwunden war und Hans-Christian Tannberg sein Opfer verloren
hatte, das er drangsalieren konnte.
»Kannst du mir wirklich nicht vergeben?«, fragte er seinen Sohn heute,
Jahrzehnte später.
»Ich überleg’s mir, sobald du ein besserer Mensch geworden bist.«
Ohne Wochenendbesäufnisse. Ohne ständig wechselnde Bettgeschichten.
Wenn Jules darüber nachdachte, war er sich fast sicher, dass es nicht allein
die Schläge gewesen waren, die Mama hatten frühzeitig altern lassen. Hinzu
kam die Demütigung, regelmäßig von ihrem Mann betrogen zu werden,
dessen gutes Aussehen vom vielen Alkohol in seinem Blut geradezu
konserviert wurde. Von Jahr zu Jahr hatte H. C. mehr getrunken und sich
durch mehr fremde Betten gevögelt, und von Jahr zu Jahr alterte er nicht
einen Tag, während Mama immer mehr in sich zerfiel.
»Und dennoch war sie zäh genug, uns einfach zu verlassen. Weiß der
Geier, wo sie verreckt ist«, hatte sein Vater ihm einmal als
»Gutenachtgeschichte« mit in den Schlaf gegeben. Da war Mutter seit einem
halben Jahr fort. Anders als Becci hatte Jules nicht um sie geweint. Natürlich
hatte die ganze Sache auch ihm das Herz zerrissen, aber im Unterschied zu
seiner jüngeren Schwester begriff er, dass es die einzige Möglichkeit
gewesen war, um der Spirale der Gewalt zu entkommen. Zudem war er heute
davon überzeugt, dass aus Becci niemals eine selbstbewusste,
lebensbejahende Frau geworden wäre. Kinder versuchen, ihre Eltern
nachzuahmen, gerade in den Prägejahren. Bis zu dem Tag des Verschwindens
hatte Becci in ihrer Mutter kein Vorbild, sondern nur eine schwache,
willenlose Frau gesehen. Als sie jedoch nicht mehr wiederkam, erfuhr
Rebecca, dass es kein Gesetz des Schicksals gibt, dem man sich fügen muss,
sondern dass eine Frau sich auch lösen und ihren eigenen Weg gehen kann.
Einen Weg, der Rebecca bis nach Málaga führte, wo sie heute glücklich
verheiratet mit zwei Kindern am Meer lebte und eine atemberaubende
Karriere als Immobilienrechtsanwältin hinlegte.
»Melde dich, sobald du etwas herausgefunden hast«, sagte Jules zu
seinem Vater. »Ich muss wissen, wo diese Klara wohnt. Sie hat ein Kind,
etwa sieben Jahre alt, die Tochter heißt Amelie. Ihr Mann ist vermögend,
viel mehr hab ich nicht.«
Jules war beim Sprechen aufgestanden, erst unbewusst, dann trieb ihn der
Gedanke nach etwas Essbarem in die Küche. Mittlerweile schaffte es nicht
einmal mehr die durch Klaras Telefonat ausgelöste Anspannung, ihn von dem
Knurren seines Magens abzulenken. Mit dem Handy am linken und dem
Headset am rechten Ohr, als wäre er die Karikatur eines durchgeknallten
Managers, ging Jules durch den Flur zur Küche zurück. Auf Klaras Leitung
hörte er weiterhin nur kaltes Rauschen, und auch sein Vater sagte keinen Ton
mehr. Vermutlich war er damit beschäftigt, sich Jules’ Anweisungen zu
notieren.
»Hast du das alles?«
»Ich denke ja. Viel ist es ja nicht.«
»Bitte tu dein Bestes.«
»Oh, du hast bitte gesagt«, stellte Hans-Christian fest. Diesmal legte er
auf, bevor sein Sohn ihm zuvorkommen konnte.
Die plötzliche Stille im Ohr war unangenehm. Die Erinnerungen, die
jedes Gespräch mit seinem Vater hervorrief, hinterließen einen dumpfen
Schmerz.
Jules fühlte sich beim Betreten der Küche wie verprügelt, was zu den
Geräuschen passte, die in Klaras Leitung einsetzten.
26
Klara

D u musst dir darüber im Klaren sein, dass die Kälte der Normalzustand
und Wärme die absolute Ausnahme im Universum ist.«
An dem Tag, an dem ihr Vater diesen Satz zu ihr sprach, hatte Klara
geglaubt, niemals im Leben noch heftiger frieren zu können.
Sie war acht Jahre alt und auf dem Rückweg von einem gemeinsamen
Rodelausflug auf dem Teufelsberg. Klara hatte sich in einem Trotzanfall kurz
vor dem Aufbruch geweigert, die Fäustlinge anzuziehen, und auf ihre dünnen
Fingerhandschuhe aus Strick bestanden. Eine ähnliche Fehlentscheidung hatte
sie bei der Wahl ihrer Hose getroffen. Kein Skianzug, wie es Mama gewollt
hatte, sondern eine schlichte Jeans. Getreu dem Motto: Wer nicht hören will,
muss fühlen, hatte Papa den Ausflug gnadenlos durchgezogen und war mit ihr
immer und immer wieder den Nordhügel zu einer erneuten Abfahrt
hochgestiefelt, obwohl Klara schon nach einer Stunde zitternd darum gebeten
hatte, nach Hause gehen zu dürfen.
»Jedes Feuer erlischt, alles warme Leben sickert ins Grab, und unsere
Sonne wird irgendwann verglühen. Nur die sich daran anschließende Kälte
wird die Ewigkeit überdauern.«
Klara hatte nie verstanden, welche Lektion ihr Vater ihr an diesem Tag
hatte erteilen wollen. Auf die Qualen, die sie gerade erlitt, hatte er sie damit
jedenfalls nicht vorbereiten können.
Der Frost reißt mir die Haut vom Körper, dachte sie, während sie kaum
noch imstande war, die Finger zu biegen, damit sie mit bloßen Händen die
Zweige abhalten konnte, die ihr bei dem Gewaltmarsch durch den Wald ins
Gesicht schlugen. Als wären sie schadenfrohe Gegner, die sie für ihren
sinnlosen Fluchtversuch bestrafen wollten.
Auch der Wind schien ihr in die brennenden Ohren eine Art Abgesang auf
ihr bemitleidenswertes Leben zu flüstern: »Du hast es nicht besser verdient.
Wolltest dich umbringen und hast versagt, nun sorgen wir hier draußen für
deinen Tod.«
Klara stolperte mit dem gesunden Fuß über eine armdicke Wurzel, die sie
ebenso wenig sehen konnte wie andere Hindernisse. Normalerweise
schwappte der Berliner Innenstadtlichtkegel auch über die Ränder der
Großstadt bis in den Grunewald hinein, doch heute filterte der Schneesturm
jeden Strahl heraus und hatte eine undurchdringliche Glocke über den Wald
gelegt.
Klara hörte ihren eigenen Atem, kehlig und rau wie der einer alten Frau.
Immerhin weinte sie nicht wie sonst, wenn sie das Gefühl einer tiefen,
unumkehrbaren Ausweglosigkeit in einen Abgrund zu reißen drohte. Aber
vielleicht waren nach all den Ehejahren auch einfach nur ihre Tränen
versiegt. Vielleicht spürte sie auf der kältetauben Haut auch schlicht nichts
mehr.
Ein weiterer heftiger Schmerz, der ihr vom Knöchel bis unter die
Kniescheibe schoss, zwang sie zum Innehalten. Sie hatte keine Ahnung, wie
viel Abstand sie zwischen sich und die Hütte gebracht hatte, aber sie musste
sich ausruhen, allein schon wegen des Seitenstechens, das sie nicht mehr
länger ignorieren konnte.
Ob mein Begleiter noch bei mir ist?
Sie war sich sicher, die Verbindung zu Jules verloren zu haben, aber wenn
das Mobiltelefon noch Akkuleistung hatte, konnte es wenigstens als
Taschenlampe fungieren. Doch um das herauszufinden, müsste es ihr erst
einmal gelingen, das Handy aus der Hose zu ziehen, das wie festgefroren in
der vorderen Tasche klemmte.
Scheiße.
Klara lehnte sich an einen dicken Baumstamm und widerstand der
Versuchung, an ihm hinabzurutschen, um sich ins Unterholz zu setzen. Ihre
Augen gewöhnten sich langsam an die Dunkelheit, aus Schatten wurden
Konturen. Und mit den Konturen formten sich dreidimensionale Gebilde.
Wenn sie sich nicht täuschte, stand sie am Rand eines Pfades, der
vermutlich nicht offiziell angelegt war, dafür war er zu schmal. Sie erinnerte
sich daran, dass sie als Kind Spaß daran gehabt hatte, mit ihren Freundinnen
Geheimwege in den Wald zu schlagen, wobei »schlagen« ein viel zu
martialischer Begriff für eine Zehnjährige war. Sie hatten das Gestrüpp
niedergedrückt und mit Papas Gartenschere kleinere Äste gekappt, und das
auch nur für wenige Meter, bis ein Baum ihnen den Weg endgültig versperrte.
Hier hatten sie dann ihr »Geheimlager« aufgeschlagen und mit Stöcken, Ästen
und Laub ein indianerähnliches Zelt errichtet.
In der Gewissheit, auf ein nutzloses Kinderkonstrukt zu stoßen, lief Klara
dennoch nach rechts, den Pfad entlang, einfach weil sie keine andere Wahl
hatte.
Auch dieser Weg würde zum Seeufer führen, wo Yannick sie erwartete.
Wenn sie sich nicht verlaufen und jämmerlich erfrieren würde, wonach es im
Moment ganz stark aussah.
»Es ist kein Wunder, dass Menschen in ihrem Todeskampf oft davon
berichten, wie kalt ihnen wird. Weil sie eins werden mit der einzigen
Konstante des Universums.«
Ihr Vater, der selbst schon lange in der Kälte des Erdreichs verweste,
nachdem er eines Nachts friedlich eingeschlafen und nie wieder aufgewacht
war, lebte ausgerechnet in ihren letzten Stunden als Geisterstimme in Klaras
Kopf fort. Sie hätte sich etwas Angenehmeres gewünscht, jetzt, da sie auf das
letzte Licht am Ende des Lebenstunnels zulief.
Wobei es Klara irritierte, dass der schmale Pfad vor ihren Augen
tatsächlich heller zu werden schien. Und breiter.
Verdammt, bin ich etwa schon am See?
Sie glaubte, die Wasseraufbereitungsanlage des Öko-Werks rauschen zu
hören, was um diese Jahreszeit natürlich vollkommener Blödsinn war. Doch
ihr Gehirn wollte es nicht wahrhaben, dass Yannick es schon so schnell
geschafft haben sollte, sie hier aufzutreiben.
Woher wusste er, dass ich genau aus diesem schmalen Pfad auf den Weg
zum See trete?
Sie schleppte sich aus dem Wald und sah plötzlich rechts zwei Lichter vor
sich hüpfen, wie übergroße Taschenlampen in den Händen eines außer
Kontrolle geratenen Riesen.
Und noch während sie ihren Fehler erkannte und zurückweichen wollte,
traf sie ein gewaltiger Schlag wie ein Vorschlaghammer. Sie flog durch die
Luft, drehte sich einmal um die eigene Achse und versuchte sich mit beiden
Händen abzuschirmen.
Vergeblich. Die Dunkelheit empfing sie mit knochenbrecherischer Gewalt.
27
Jules

I n der Küche signalisierte die Rippenheizung unter dem Fenster durch ein
stetiges Rauschen, dass sie lange nicht mehr entlüftet worden war. Jules
drehte das Thermostat herunter, und von da an rauschte es nur noch in dem
Ohr, an das er sich das iPhone hielt.
Jetzt, da sein Vater nicht mehr dran war, konnte er das Mikrofon des
Headsets wieder aktivieren.
»Klara, hören Sie mich?«
Auch jetzt keine Reaktion. Wenn er sich nicht irrte, befand sie sich den
Umgebungsgeräuschen nach noch immer außerhalb eines geschützten Raums.
Jules öffnete den Kühlschrank und griff nach Aufschnitt und Butter, beides
legte er auf ein Holzbrettchen neben der Brotbox, in der ein Graubrot lag.
Auf der Suche nach einem Messer blieb der Blick an dem Holzblock
neben der Spüle hängen, und es dauerte einen Moment, bis ihm klar wurde,
was ihn irritierte.
Das Messer!
Das, welches nicht in den Block passte. Dessen geriffelte Klinge aus dem
Küchenblock geragt hatte.
Es ist verschwunden!
Jules tastete nach dem Schlüsselbund in seiner Hosentasche, das war noch
da. Das Messer hingegen …
Jules bestaunte den Holzblock wie Gläubige eine blutende Marienfigur.
Sein Hunger war vergessen, er würde keinen Bissen mehr
herunterbekommen. Nicht nur, weil er begriff, dass er nicht länger alleine
war.
Sondern weil zudem noch ein qualvoller Schrei durch den Flur gellte.
Er kam aus dem Kinderzimmer.
28
Klara

E s war die Nässe, die sie weckte. Der Schneeregen im Gesicht. Blut, hatte
sie zunächst gedacht, weil diese Körperflüssigkeit so gut zu ihren Schmerzen
passte, die sich jetzt nicht mehr nur auf den Knöchel und das Bein
beschränkten, sondern auf die gesamte linke Seite ihres Körpers ausdehnten.
Der gefrorene Sandweg, auf dem sie rücklings lag, stand bestimmt in
keinem öffentlichen Straßenverzeichnis, dafür war er viel zu schmal, und
dennoch war es unter Garantie kein Forstfahrzeug, das sie hier auf dieser
unbefestigten Buckelpiste frontal überrollt hatte. Eher ein Kleinstwagen,
vermutlich ein Smart oder Mini, der wie eine Nussschale auf dem Meer auf
sie zugehüpft gekommen war, so sehr hatten die gefrorenen Bodenwellen den
Pkw zum Schaukeln gebracht.
Allerdings war ihr die Automarke herzlich egal. Entscheidend über Leben
und Tod war die Frage, was für ein Ungetüm sich da gerade aus dem
Wageninneren schälte.
Yannick?
Sie hatte ihn kleiner und schlanker in Erinnerung, doch vielleicht war der
gewaltige Schatten auch nur eine optische Täuschung.
Vielleicht ist das alles hier eine Täuschung?
Klara dachte darüber nach, ob sie ihre Schmerzen so weit aushalten
könnte, um sich aufzurichten und zurück in den Wald zu rennen, doch diese
Überlegung raubte ihr die Zeit zum Reagieren. Der Schatten über ihr wuchs.
Schritte kamen näher.
Zwar schaffte sie es noch, sich zur Seite zu rollen und sich aufzurichten,
konnte sogar die Hand, die sie am Oberarm festhielt, abschütteln. Doch dann
stolperte sie über einen Erdhügel oder einen Ast oder über die eigenen Füße,
das konnte sie nicht mehr spüren. Ihr Körper fühlte sich auf einmal seltsam
taub an, auch ihre Zunge ging schwerfällig, als sie – wieder auf dem Rücken
liegend – schrie: »Lass mich in Ruhe, Yannick! Hau ab! Du mieses
Schwein.«
Doch der Killer tat ihr nicht den Gefallen. Wich keinen Zentimeter zurück.
Stattdessen beugte er sich zu ihr herunter und schien sie im Licht der
Scheinwerfer zu beobachten. Geblendet kniff sie die Lider zusammen.
»Dann lass es wenigstens schnell gehen«, bat Klara und öffnete die Augen
wieder, so weit es ihr möglich war.
Das, was sie über ihrem Kopf schweben sah, ließ sie endgültig an ihrem
Verstand zweifeln.
29
K lara kannte die Theorie von Ockhams Rasiermesser. Sie wusste, dass die
einfachste Erklärung oft die richtige war.
Getreu dem Motto: Wenn etwas wiehernd vor der Haustür
vorbeigaloppiert, ist es vermutlich ein Pferd und kein Zebra. Doch die auf
den englischen Philosophen Wilhelm von Ockham zurückgehende Lehre
brachte Klara, die gerade herauszufinden versuchte, was sich da für eine
Gestalt über sie beugte, keinerlei Erkenntnisgewinn.
Knollennasiges Gesicht, weißer Rauschebart, ein roter Umhang …?
Auch die einfachste aller Erklärungen ergab keinen Sinn.
Aber wenn sie sich auf die wahrscheinlichste Theorie konzentrierte, hing
über ihr ein gutmütig dreinblickender, pausbäckiger Weihnachtsmann.
Ich halluziniere, dachte sie und schloss die Augen. Die Nachwehen des
fehlgeschlagenen Experiments im Berger Hof.
Mit der Dunkelheit wuchs wieder die Überzeugung, Yannick ausgeliefert
zu sein, der sich einen makabren Scherz mit ihr erlaubt hatte.
»Nun mach schon!«, forderte sie den falschen Weihnachtsmann auf. Die
Kälte des Waldbodens, auf dem sie lag, kroch weiter in ihr hoch. Sie
verkrampfte wie auf einem Zahnarztstuhl, kurz bevor der Bohrer auf den
Nerv traf. Klara wusste, die Schmerzen würden kommen, und sie wusste, sie
würden unerträglich sein, aber noch unerträglicher waren die Sekunden
unmittelbar davor, in denen ihr Endgegner ein perverses Katz-und-Maus-
Spiel zu beginnen schien.
»Geht es dir gut? Verdammte Scheiße. Wat machst du denn hier draußen,
Mädel?«, hörte sie den Kostümierten sagen. Seine Worte rochen nach
Alkohol und Tabakrauch, und allein das Sprechen schien dem beleibten
Mann einiges abzuverlangen, denn er keuchte wie ein Paketbote nach einer
Lieferung in den fünften Stock.
Klara öffnete wieder die Augen. »Du bist nicht Yannick«, stellte sie fest.
»Wer bin ick nich?«
Und auch nicht Martin. Ihr snobistischer Mann hasste Dialekte und
würde sich eher die Zunge herausreißen, als »mit dem unverkennbaren
Akzent der Unterschicht« zu sprechen, wie er das Berlinerische bezeichnete.
Wobei der Kerl sich unverkennbar bemühte, hochdeutsch zu reden, und nur
bei einzelnen Wörtern in den Dialekt verfiel.
»Mann, Mann, Mann, ick glaub, dich hat’s mächtig umgezwirbelt. Is wat
gebrochen?«
Klara schaffte es, den Kopf zu heben. Ihre Gedanken tanzten wie das
Schneeflockenkonfetti im Scheinwerferlicht des Wagens, aus dem der Mann
gerade gestiegen war. Sie schätzte ihn auf Mitte fünfzig.
»Nee, beweg dich nich. Ick hab jehört, wenn wat mit der Wirbelsäule is,
könnte es ungemütlich werden.«
Klara hätte am liebsten losgelacht. »Ungemütlich« passte auf ihre
Gesamtsituation – und das wahrlich nicht erst seit heute Nacht. Was hingegen
ganz und gar nicht passte, war der Santa Claus, der gerade sein Handy ans
Ohr nahm.
»Halt!«, herrschte sie ihn an, kraftvoller, als sie sich zugetraut hätte.
»Schätzchen, wir müssen einen Krankenwagen holen, auch wenn ick
keene Ahnung hab, wie der hier rinkommen soll. Verdammt, wat haste dir
dabei gedacht, mir einfach so wie Bambi ausm Wald vor die Karre zu
hüpfen?«
»Kein Problem, mir geht’s gut«, log Klara. »Nichts gebrochen«, sagte sie
und hoffte, dass wenigstens das der Wahrheit entsprach. Sie biss die Zähne
zusammen und schob sich in eine sitzende Position.
»Ernsthaft? Das war ein gewaltiger Rums.«
»Ja, ernsthaft. Wer sind Sie?«, fragte sie den Mann, dessen Gesicht nur
aus Haaren und Bart zu bestehen schien, und hätte am liebsten nachgesetzt:
Sind Sie real? Oder eine Nachwehe meines psychotischen Experiments?
In ihren eigenen Ohren hörte sie sich völlig unverständlich und
vernuschelt an, doch sie bekam eine Antwort: »Ick bin Hendrik, von Jimmy-
Hendrik-Entertainment. Normalerweise steck ich neuen Bekanntschaften
immer meine Karte zu. Aber ohne unhöflich sein zu wollen, du siehst nicht so
aus, als ob du mich in nächster Zeit mal buchen willst.«
Klara lachte ungläubig auf und versuchte sich weiter aufzurichten. »Sie
tun nur so?«
»Nee, ick bin wirklich Santa Claus.« Der Mann wandte sich
kopfschüttelnd ab und murmelte zu sich selbst: »Alter, die ist schon vor dem
Unfall offenbar einmal zu oft gegen ’ne Tanne gelatscht.«
Er sah zu seinem Wagen und kratzte sich am Hinterkopf. »Mann, Mann,
Mann. Ick dachte schon, die verrückten Weiber im Forsthaus kann niemand
toppen, aber das hier ist ja noch ein Stück heftiger. Obwohl, Moment mal.«
Offenbar besann er sich darauf, dass er nicht alleine war, und drehte sich
wieder zu Klara zurück. »Gehörst du zu den Waldarbeitern?«
»Zu wem?«
»Die haben das Forsthaus in Beschlag genommen und ziehen da eine Feier
ab, dagegen ist Lollapalooza ein Kindergeburtstag, ick schwör’s dir. Eine
von den Ollen hat mich ernsthaft gefragt, ob sie ihren Glühwein aus meinem
Stiefel saufen darf. Und du wirkst mir so, als hättest du es ihr vorgemacht, um
dich danach vor meine Karre zu schmeißen.«
Klara griff nach seiner ausgestreckten Hand und zog sich an ihr hoch. »Ich
bin nicht betrunken«, lallte sie und schaffte es nicht, einen spitzen Schrei zu
unterdrücken, als sie das Bein belastete.
»Klar, und ick bin mit meinen Rentieren unterwegs, hey, Moment mal.«
Schritt für Schritt stakste Klara dem Scheinwerferlicht des Kleinwagens
entgegen, der sich dem Logo nach als irgendein Japaner oder Koreaner
entpuppte, so gut kannte Klara sich da nicht aus.
»Wo willst du hin?«
Klara gab ihm keine Antwort, denn tatsächlich hatte sie keine Ahnung.
Ihre vereiste Hose scheuerte im Schritt, ihr Körper zitterte gleichermaßen
vor Erschöpfung und Kälte. Nur an die Schmerzen durch den Aufprall war
sie gewöhnt. Sie fühlte sich wie verprügelt. Alles, was sie noch über die
Lippen bekam, war ein »Mir ist kalt«. Dann riss sie die Wagentür auf und
ließ sich auf den Beifahrersitz fallen.
»Allet klar, logisch. Kein Problem. Fühl dich ganz wie zu Hause, jetzt,
wo wir uns so gut kennen«, hörte sie Hendrik hinter sich rufen. »Alter,
Sachen jibt’s. Dit gloobt mir keener.«
Er kam ihr hinterher, öffnete die Fahrertür und drehte sich wie eine
Schraube neben ihr in den Wagen. »Also, ick bring dich jetzt in eine
Notaufnahme.«
Ein Wunder, dass er bei seinem Volumen überhaupt auf den Fahrersitz
passte.
»Nein, könnten Sie mich bitte …« Klara hörte mitten im Satz auf zu reden,
weil sie keine Ahnung hatte, wohin der kostümierte Unbekannte sie
stattdessen fahren könnte. Allerdings machte der keine Anstalten, den Motor
anzulassen.
»Ick fahr hier keinen Millimeter, bevor du mir nicht sagst, wat Sache ist.
Wer biste? Und wat machste um diese Uhrzeit mitten im Nirgendwo?«
»Das ist eine lange Geschichte«, murmelte sie.
»Ich hab Zeit.«
Klara musste trotz ihres erbärmlichen Zustands lächeln. Als sie darüber
nachdachte, wie sich wohl die Wahrheit für ihren kostümierten Retter
anhören würde, musste sie aufpassen, nicht wie irre loszulachen.
»Ich werde erpresst, entweder meinen Mann oder mich selbst zu töten.
Da ich eine schwache Frau bin, wie mir jüngst am Begleittelefon bestätigt
wurde, entschied ich mich für den Selbstmord, war aber zu blöd, am
Teufelsberg vom Kletterfelsen zu springen, und auch das mit den
Autoabgasen hab ich nicht hingekriegt. Weswegen ich jetzt auf der Flucht
aus meiner Gartenlaube vor dem Kalender-Killer dem Weihnachtsmann
vor seine Mini-Karre gelaufen bin.«
Da sie ihre Gedanken für sich behielt, übernahm Santa-Hendrik das
Sprechen für sie: »Weißt du überhaupt, was du für eine Suppe hast? Ich hab
hier ne Ausnahmegenehmigung von den Flitzpiepen bekommen. Hier darf
normalerweise niemand langfahren, den Weg kennt sonst auch keiner, der
nicht in den Wäldern arbeitet.«
Ihr Handy meldete sich mit einem Akkustandssignalton und erinnerte sie,
dass sie maximal noch zwanzig Prozent Ladeleistung hatte.
Klara zog es aus der Hosentasche hervor und stellte erstaunt fest, dass die
Verbindung mit Jules noch stand.
»Hallo? Hören Sie mich?«
Die Antwort kam beinahe umgehend, allerdings sehr leise. »Ja, ich bin
noch dran. Alles gut bei Ihnen?«
»Hm, wie man’s nimmt.«
Sie sah zu Hendrik, der ihr einen skeptischen Blick zuwarf und sich
vermutlich fragte, weshalb die Gestörte es vorzog, halb erfroren durch den
Wald zu irren, als mit ihrem Handy Hilfe zu holen.
»Ich bin schwach, und mir ist kalt. Ich weiß nicht, wo ich hinsoll.«
Hendrik schüttelte konsterniert den Kopf, als könne er mit jeder Sekunde
weniger fassen, in welche Situation er da hineingeschlittert war, aber
immerhin startete er den Motor und damit die Heizung.
Jules sprach derweil noch leiser, beinahe flüsternd: »Sagen Sie mir, wo
Sie sind. Ich hole Sie ab, Klara.«
»Ich weiß nicht, wo ich bin, ich sitze in einem Auto.«
»Ihr Auto?«
»Nein, ich wurde mitgenommen.«
»Von wem?«
»Vom Weihnachtsmann.« Sie lachte hysterisch auf. Oh Gott, auch Jules
musste sie für besoffen halten. »Kein Witz, neben mir sitzt Santa in voller
Montur. Mit Stiefeln, Mantel, Perücke und Vollbart.«
Eigentümlicherweise war es gerade die Absurdität dieser Kostümierung,
die dafür sorgte, dass sie weniger Angst vor diesem Unbekannten hatte, als
es angebracht gewesen wäre. Immerhin war sie schon mehrfach im Leben auf
das sympathische Äußere eines Mannes hereingefallen.
»Geben Sie mir den Kerl«, forderte Jules sie auf.
Erst wollte sie protestieren, aber zu welchem Zweck? Sie hatte doch
ohnehin keinen Plan mehr, den ihr Begleiter durchkreuzen könnte.
»Moment.«
Klara wollte Hendrik gerade den Hörer reichen, als sie ein extrem
verstörendes Geräusch hörte.
»Was war das?«
Sie führte das Telefon zurück ans Ohr in der Hoffnung, sich getäuscht zu
haben. Aber es wiederholte sich.
Abgehackt, verzerrt und dennoch unverkennbar.
Klara fragte sich, ob das wirklich sein konnte. Jules hatte doch gerade
behauptet, seine Kinder wären bei dem Wohnungsbrand gestorben.
Valentin sofort. Fabienne hatte er angeblich beim Sterben zugesehen.
Und doch war es ganz sicher ein kleines Mädchen gewesen, das gerade
eben auf Jules’ Seite der Leitung jämmerlich um Hilfe geschrien hatte.
30
Jules

H ilf mir, Hilfe!«


Der Schrei eben gerade war sehr viel leiser gewesen als der erste, der
durch den Flur bis zu ihm in die Küche vorgedrungen war. Aber immerhin so
laut, dass Klara ihn durchs Telefon gehört hatte.
»Was war das?«, fragte sie noch einmal.
Ihre Stimme klang genauso verängstigt, wie Jules sich fühlte, dabei hatte
er eine Waffe in der Hand. Eine 9mm CZ , mit der er früher einmal im Monat
auf dem Schießstand geübt hatte. Sie war nicht geladen, er wollte unter
keinen Umständen privat Zugriff zu einer funktionsfähigen Waffe haben, dafür
hatte er zu viele Einsatzwagen zu Schussopfern befehligen müssen. Doch ihr
Gewicht in der Hand beruhigte ihn. Deshalb hatte er sie geholt, bevor er ins
Kinderzimmer gegangen war, auch wenn er sich nicht vorstellen konnte,
welchen potenziellen Gegner er darin vorfinden sollte.
»Wer hat da geschrien?«
Jules überlegte, ob er Klara anlügen sollte; überlegte, was er ihr sagen
durfte.
»Nur Small Talk, nichts Privates am Begleittelefon«, hatte Caesar ihn
ermahnt. »Es laufen genug Stalker da draußen rum. Du weißt nicht, was die
mit Informationen über dich anfangen, wenn sie erst einmal glauben, eine
persönliche Verbindung zu dir aufgebaut zu haben. Glaub mir. Am besten,
du sagst ihnen nicht mal deinen richtigen Namen.«
Kluge Gedanken. Aber wie sollte man eine Verbindung halten, ohne etwas
von sich preiszugeben?
»Meine Tochter hat Albträume«, sagte er schließlich.
Als er eben das Zimmer am Ende des Gangs betreten hatte, hatte er für
einen Moment tatsächlich damit gerechnet, die Siebenjährige wäre
verschwunden. Sein Blick würde auf ein ungemachtes Bett fallen, und das
zerknitterte Laken, das eingedrückte Kopfkissen und die halb volle
Trinkwasserflasche auf dem Nachttisch wären nur noch Andenken, die sie für
ihn zurückgelassen hatte.
Erinnerungsrelikte einer Gegenwart, die für immer vorbei war.
Mit dem glasklaren Bild, noch einmal Zeuge zu werden, wie Fabienne aus
irgendeinem Grund zum wiederholten Mal mit dem Tod kämpfte, hatte er die
Tür zum Kinderzimmer geöffnet. Doch als das Flurlicht in das pastellfarbene
Mädchenreich fiel, hatte Jules erleichtert festgestellt, dass sie noch da war.
Gott sei Dank.
Und atmete.
Noch.
Jules’ Puls beruhigte sich, auch wenn der Anblick der Kleinen alles
andere als beruhigend war: weit aufgerissene Augen, deren Lider nicht
blinzelten und deren Pupillen die Dunkelheit im Zimmer aufzuspießen
schienen. Die Lippen bewegten sich wie die eines Karpfens, ihrer
blassblauen Gesichtsfarbe nach taten sie das schon eine Weile.
Dajana, flehte er in Gedanken. Hilf mir!
Seine Frau hätte gewusst, was bei einem solchen Anfall zu tun war. Als
Fabienne einmal hohes Fieber gehabt hatte, waren sie mit ihr in die
Notaufnahme gefahren. Dort hatte eine dauerbewellte Assistentin bei der
Aufnahme genervt mit den Augen gerollt und etwas von Eltern gemurmelt, die
keine Lust hätten, ihre Kinder tagsüber zu einem Kinderarzt zu schleppen,
und stattdessen nach Feierabend die Notaufnahme mit Alltagswehwehchen
belästigten.
In dieser Sekunde hörte Fabienne auf zu atmen. Sie lief noch in Dajanas
Armen blau an, die nicht etwa panisch wurde oder schreiend umherlief,
sondern nur einmal laut einem vorbeieilenden Pfleger zurief: »Wir brauchen
sofort eine Beatmung«, während sie schnurstracks in das nächstgelegene
Behandlungszimmer ging, Fabienne auf eine Trage legte und bis zum
Eintreffen eines kompetenten Mediziners schon mal selbst mit der
Herzdruckmassage begann.
Wenn es um andere ging, war Dajana immer die Ruhe selbst gewesen und
hatte Probleme mit kühlem Kopf gelöst.
Nur ihre eigenen Dämonen hatte sie nicht zähmen können.
»Ihre Tochter?«, fragte Klara misstrauisch. »Sagten Sie nicht, sie wäre
gestorben?«
Jules hörte etwas, was sich nach der quietschenden Federung eines
Fahrzeugs anhörte. Offenbar war sie wieder in Bewegung.
»Nein, das haben Sie falsch verstanden. Ich sagte, dass ich ihr beim
Sterben zusehen muss. Fabienne hat im Schrank überlebt, aber seitdem ihre
Mama und ihr Bruder fort sind, stirbt auch sie jeden Tag ein bisschen mehr.
Sie ist erst sieben, doch die Trauer zerfrisst sie. Und ich kann nichts daran
ändern.«
Jules legte die Pistole auf den Boden, setzte sich an die Bettkante und
strich der Kleinen eine Strähne aus der Stirn. Sie kräuselte wütend die
Lippen und zischte etwas Unverständliches. Aber immerhin schloss sie die
Augen wieder.
»Es tut mir leid, Klara. Ich muss mich jetzt um sie kümmern.«
»Was hat sie denn?«
Jules legte die Hand auf ihre Stirn und Augen und spürte, wie sie unter
den geschlossenen Lidern wild umherrollten wie winzige Räder in einem
Kugellager. Sie hatte plötzlich Fieber bekommen, nicht ungewöhnlich in dem
Alter. Als er vorhin nach ihr gesehen hatte, war ihr Kopf noch ganz kalt
gewesen, nun glühte er.
»Sie isst kaum etwas, schläft nur, mag nicht mehr in die Schule gehen. Die
Kinderpsychologin sagt, das wäre eine typische posttraumatische
Belastungsstörung.«
Jules trug die Waffe zurück ins Arbeitszimmer und deponierte sie im
untersten Schreibtischfach.
»Sie muss verkraften, dass ihr Bruder gestorben ist und sie wie durch ein
Wunder im Schrank überlebt hat«, erklärte er Klara weiter. »Wenn auch mit
einer starken Rauchvergiftung, die nach Aussage der Ärzte möglicherweise
zu Folgeschäden in der Zukunft führen kann.«
Er ging ins Bad und musste drei Schubladen aufziehen, bis er sich
erinnerte, wo er das Nurofen vor einer Stunde erst gesehen hatte. Im
Spiegelschrank über dem Waschbecken.
Er zog eine Spritze mit zehn Millilitern auf und ging zurück.
Klara hatte ihn etwas gefragt, was er wegen einer Empfangsstörung nicht
verstand.
»Moment, ich muss Fabienne etwas geben.« Er drückte dem schläfrigen
Mädchen den Fiebersaft sanft zwischen die Lippen. Sie öffnete beim
Schlucken nur einmal kurz zittrig die Augen, um sie sofort wieder zu
schließen.
»Was wollten Sie gerade von mir wissen?«
»Haben Sie deshalb Ihren Job aufgegeben, um für sie da zu sein?«
»Auch, ja. Aber auch, weil ich zu involviert war. Als Feuerwehrmann
brauchen Sie Abstand zu Ihren Fällen. Sie können nicht nach Dienstschluss
durch die Straßen Berlins fahren und bei fremden Menschen an der Haustür
klingeln, nur um zu erfahren, ob die Reanimation glücklich ausgegangen ist
oder die Frühgeburt überlebte.«
»Und Sie haben das getan?« Es war weniger eine Frage als eine
Feststellung.
Und tatsächlich. Jules gestand ihr: »Mich haben meine Fälle schon vor
Dajanas Suizid fertiggemacht. Danach wurde es schlimmer. Ich konnte keinen
Notruf mehr annehmen und ließ mich freistellen. Es ging nicht anders. Ich
fühlte mich wie ein Hochstapler. Wie soll ich anderen helfen, wenn ich noch
nicht einmal meine eigene Familie retten konnte?«
»Und doch reden Sie mit mir.«
»Normalerweise gibt es solche Notfälle wie Sie nicht am Begleittelefon.
Haben mir jedenfalls alle zuvor versichert.«
»Dann haben Sie heute Pech gehabt.«
»Oder Sie. Eigentlich bin ich nicht der Richtige für Sie. Sie hätten mit
einem Psychologen reden sollen.«
»Eigentlich wollte ich mit überhaupt niemandem …«
Ein gequälter, fiebertraumartiger Aufschrei unterbrach die Unterhaltung.
»War das wieder Ihre Tochter?«
»Es tut mir leid«, flüsterte Jules derweil, nicht zu Klara, sondern zu der
Siebenjährigen, die er unter gar keinen Umständen verlieren durfte. Nicht
nach all dem, was er bereits hatte opfern müssen.
»Ist sie jetzt wach?«, fragte Klara.
»Eher im Halbschlaf. Ich hab ihr gerade etwas Nurofensaft gegeben.«
Das Mädchen hielt die Lider wieder nur halb geschlossen, die Augen
wanderten noch wilder umher als zuvor.
»Aber es wirkt noch nicht.«
»Das kenne ich. Amelie kriegt auch rasch einen Infekt. Wenn die Tage
stressig waren. Wie so oft in letzter Zeit.«
Vermutlich, weil sie etwas spürt. Kinder sind wie seismografische
Frühwarnsysteme. Sie haben die feinsten Antennen.
Jules hörte, wie Klara etwas sagte. Es klang so, als würde sie das
Mikrofon ihres Telefons mit der Hand abschirmen, offenbar sprach sie mit
dem Fahrer. Dann raschelte es, und ihre Stimme war wieder klar.
»Sie kennen doch sicher ein Schlaflied?«
»So was wie: ›Der Mond ist aufgegangen‹?«
»Singen Sie es. Das mache ich bei Amelie immer. Es beruhigt sie.«
»Ich kann nicht singen«, gestand Jules.
Ich kann nur telefonieren. Mich in Menschen hineinversetzen. Ihre
Schmerzen, Sorgen und Ängste spüren. Aber das Wichtigste, sie ihnen zu
nehmen, dabei habe ich wieder und wieder versagt.
Und selbst wenn, hätte er jetzt keinen Nerv dazu gehabt. Seine Sorge galt
neben der Kleinen auch dem möglichen Eindringling und der damit
verbundenen Gefahr für sie beide.
»Dann stellen Sie mich auf laut«, forderte Klara.
Allen Ernstes?, dachte Jules und zuckte mit den Achseln. Im Grunde
widerstrebte es ihm, aber vielleicht half Klaras Stimme tatsächlich
wenigstens gegen die Fieberträume. »Moment.«
Er holte den Laptop aus der Küche, zog das Headset raus und aktivierte
die Freisprecheinrichtung. Den Computer hielt er nahe ans Bett.
»Bitte sehr«, gab er Klara die Audio-Bühne frei, die sie umgehend nutzte.
Glockenhell, wenn auch ungeschult, dafür aber mit einem sehr warmen
Timbre klang ihr Gesang selbst für Jules beruhigend.
Der Mond ist aufgegangen, Die goldnen Sternlein prangen Am Himmel
hell und klar.
Der Wald steht schwarz und schweiget, Und aus den Wiesen steiget Der
weiße Nebel wunderbar.
Schon nach der ersten, tief melancholischen Strophe geschah das Wunder,
das nur Musik zu erzeugen vermag. Chemiker und Neurowissenschaftler
mochten vielleicht eine naturwissenschaftliche Erklärung für die
Gefühlsexplosionen haben, die eine Aneinanderreihung von Tönen und
Takten im menschlichen Gehirn auslösen kann. Für Jules grenzte es immer
wieder an ein Wunder, die Wirkung von Musik zu spüren.
»Ist Fabienne ruhiger geworden?«, fragte Klara nach dem zweiten
Refrain.
»Ja, das ist sie«, sagte er, fast bedauernd. Am liebsten hätte er sich neben
sie gelegt und Klara stundenlang weiter zugehört. »Sie hatten recht. Es
wirkt.«
Ihre Augen rollten nicht mehr unter seiner Hand. Der Atem ging
gleichmäßig. Nur ihr Nacken war feucht vom Schweiß der nächtlichen
Albtraumanstrengungen.
Jules wartete noch eine Weile, dann, als er sich sicher war, dass sie das
Gröbste überstanden hatte, schlich er auf leisen Sohlen aus dem
Kinderzimmer und schloss die Tür so sanft wie möglich. »Ich danke Ihnen.«
»Gerne.«
Jetzt, da er nicht mehr flüstern musste, kamen ihm auch Klaras
Umgebungsgeräusche auf einmal sehr viel lauter vor.
Auf jeden Fall saß sie immer noch in einem Wagen, der gerade anfuhr und
dabei deutlich beschleunigte.
»Wohin fahren Sie?«, wollte Jules wissen.
»Nach Hause. Das Lied hat auch bei mir etwas ausgelöst.«
»Verstehe. Sie wollen Ihre Tochter sehen.«
»Ganz genau.«
»Ich finde, das ist die richtige Entscheidung«, sagte Jules und überlegte
sich seine nächsten Worte sehr genau. Wenn er jetzt einen Fehler machte,
würde er Klara so sehr verängstigen, dass er sie endgültig verlor.
Er tastete nach dem Schlüsselbund in seiner Hose, dachte an das fehlende
Messer im Küchenblock und fragte: »Haben Sie etwas zu schreiben?«
»Natürlich nicht. Aber Moment, hier neben der Kupplung liegt ein
Edding.«
»Bitte, bedien dich«, hörte er den Fahrer neben ihr halb amüsiert, halb
genervt ausrufen.
»Okay, Sie machen es jetzt wie ein Schulkind, Klara. Notieren Sie sich
bitte meine Handynummer in die Handfläche.«
»Wozu der Blödsinn? Wir telefonieren doch schon.«
»Über das Begleittelefon. Wenn die Verbindung abreißt und Sie es noch
einmal versuchen, landen Sie unter Umständen bei einem anderen Helfer. Ich
gebe Ihnen meine Privatnummer.«
»Ihnen ist schon klar, dass ich seit Stunden versuche aufzulegen und Sie
ganz bestimmt nicht auch noch privat anrufen werde.«
Mit jeder Minute gewann Klara hörbar an Energie. Es war an der Zeit,
diese Energie endlich in die richtigen Bahnen zu lenken. Manchmal, dachte
Jules, ist dafür der Aufbau einer Drohkulisse nützlich.
»Ihnen ist schon klar, dass sich Ihre Lage dramatisch verschlechtert hat.«
»Inwiefern?«
»Klara, werden Sie jetzt bitte nicht panisch, aber Sie haben mir vorhin
den Fahrer beschrieben, zu dem Sie ins Auto gestiegen sind.«
»Und?«
»Erklären Sie mir eins …«
Er setzte eine wirkungsvolle Pause.
»… wenn der Santa da neben Ihnen von einer Feier kommt und um diese
Uhrzeit also gewiss Feierabend hat, wieso trägt er noch immer seinen
Weihnachtsmannbart?«
31
N ichts. Nicht einmal mehr Rauschen.
Klaras Antwort, wenn sie denn eine gegeben hatte, war irgendwo im
Äther gestrandet.
Funkloch?
Der fortlaufenden Anzeige seines Displays nach stand die Verbindung zu
Klara noch, obwohl sie seit seiner letzten Frage kein Wort mehr gesagt hatte.
Die Uhr, die die Gesprächsdauer maß, grub sich sekündlich nach vorne in
eine ungewisse, bedrohliche Zukunft; nicht nur für Klara, die sich während
ihres nächtlichen Irrlaufs nach Martin und Yannick mit dem Fahrer an ihrer
Seite womöglich einer weiteren männlichen Gefahrenquelle gegenübersah.
Auch Jules fühlte sich von einer unsichtbaren Macht bedroht. Einer Person,
die es geschafft hatte, unbemerkt zu ihm in die Wohnung einzudringen. Die,
wenn er an den Holzblock neben der Spüle dachte, womöglich bewaffnet
war.
Und die er mit sich gemeinsam hier eingesperrt hatte.
Das Schlüsselbund in seiner Hosentasche fühlte sich an, als hätte es auf
einer Grillflamme gelegen. Auf seinem Weg in die Küche meinte Jules zu
spüren, wie es sich durch den Stoff seiner Hose fraß, einem glühenden
Schmiedeeisen gleich.

Zurück ins Kinderzimmer gehen?


Alle Türen verriegeln?
Die Polizei anrufen?

Jules überlegte, was ein normaler Mensch in dieser Situation tun würde, und
entschied sich für das Nächstliegende. Bevor er Dritte um Hilfe bat, musste
er sich selbst vergewissern und die Wohnung komplett und gründlich
durchsuchen. Abgesehen davon, dass kein Polizist zu ihm kommen würde,
einzig und allein wegen des Hinweises: »Kommen Sie schnell, meine
Tochter und ich sind in Gefahr. Ich habe ein klimperndes Schlüsselbund
gehört, und mir fehlt ein Küchenmesser.«
An einem Wochenende wie diesem, bei dem allein das Wetter die Stadt in
den Ausnahmezustand versetzte, gab es für den Bezirk vielleicht drei
Streifen, und die hatten gravierenderen Hinweisen nachzugehen.
Jules überlegte gerade, mit welchem Zimmer er die Durchsuchung
beginnen sollte, als sein Handy vibrierte.
Keine Begrüßung, keine einleitenden Worte. Sein Vater kam gleich zur
Sache: »So, ich hab mal ein paar Drähte glühen lassen, was um diese Uhrzeit
nicht so easy ist, wie du dir vorstellen kannst, Junge. Aber ich hab da einen
Premiumkontakt zu einer Eins-a-Krankenschwester.«
Aha. Premiumkontakt.
So bezeichnete er heute also seine sexuellen Eskapaden. Jules,
mittlerweile in der Küche angekommen, wunderte sich, dass es immer noch
genügend junge und meist sogar gut aussehende Frauen gab, die auf die
Privatdetektiv-Masche dieses in die Jahre gekommenen Playboys
hereinfielen. Vielleicht wurden sie von seiner dunklen Ader angezogen, die
bisweilen durchschimmerte wie Falten unter brüchigem Make-up. Sein Vater
hatte ihm bei einer Weihnachtsaussprache einmal unter Tränen versichert,
wie sehr er sein damaliges gewalttätiges Verhalten bereue. Auch dass er
seine Wut über sein verkorkstes Leben an seinem Sohn ausgelassen habe,
nachdem er Mama aus dem gemeinsamen Leben geprügelt hatte. Doch Jules
hatte ihm seine Reue nie geglaubt. Für ihn hatte es sich wie die Beteuerungen
eines Alkoholikers angefühlt, der allen erzählt, dass er jetzt ein für alle Mal
trocken bleiben will, während er sich schon eine Entzugsklinik in der Nähe
seiner Stammkneipe ausgesucht hat.
»Was hast du für mich?«, fragte Jules und fuhr herum. Im matten Spiegel
des verchromten Kühlschranks meinte er einen Schatten hinter sich gesehen
zu haben, doch die Küche war leer.
»Zwei Worte: Vergiss es!«
»Gar nichts?«
»Ich meine: Du sollst die Tante vergessen. Die ist nicht ganz koscher. Ja,
sie war im Berger Hof in Behandlung, aber nicht als Teilnehmerin eines
Experiments, sondern weil sie wirklich unter einer dissoziativen Störung
leidet – oder wie man das nennt, wenn man Wahn und Wirklichkeit nicht
mehr unterscheiden kann.«
»Und?«
»Und? Was brauchst du denn noch, um zu kapieren, dass du dich verrannt
hast? Schalt mal dein Helfersyndrom in den Pause-Modus. Wenn du schon
die Welt retten willst, konzentrier dich auf reale Menschen. Auch von diesem
Johannes Kiefer hat nie jemand etwas gehört. Es gab und gibt dort keinen
Arzt mit diesem Namen.«
Jules zog sich einen Barhocker heran und setzte sich an den Arbeitsblock
der Kücheninsel. Von hier aus hatte er einen guten Blick durch die offen
stehende Küchentür den Flur hinunter. Sollte sich jemand dem Kinderzimmer
nähern, würde er es sehen und hören.
»Check noch mal unter dem Namen Yannick. Und was ist mit Kernik?«
»Ach ja, richtig, das ist der Oberhammer. Ihn hatte ich persönlich am
Apparat.«
»Er lebt?«
»Putz und munter. Was wohl bedeutet, dass der Assistenzarzt nie aus dem
Fenster gesprungen ist, wie deine Märchentante dir weismachen will.«
»Merkwürdig.«
Jules öffnete die oberste Schublade der Kücheninsel. Aus den sich darin
befindlichen Backutensilien (Förmchen, Rundholz, Backpapier) konnte er
sich keine brauchbare Bewaffnung bauen, gegen welchen Eindringling auch
immer, sollte es denn überhaupt einen geben.
»Nicht merkwürdig. Sondern wahnsinnig. Leg einfach auf und vergiss sie.
Ich geh wieder ins Bett.«
»Nein, das tust du nicht.«
Jules musste sich eingestehen, dass die Schlussfolgerung seines Vaters
naheliegend war: Er hatte sich verrannt. Aber schon aus Prinzip wollte er ihn
nicht so einfach von der Leine lassen. »Hast du Klaras Nachnamen in
Erfahrung gebracht?«
»Nein. Und auch keine Adresse.«
Wie bitte?
»Woher wusste dann die Krankenschwester, von wem die Rede ist?«
»Weil sich noch alle gut an das verrückte Huhn erinnern können, das
schreiend durch die Klinik lief und behauptete, ein Arzt hätte sich das Leben
genommen. Kommt auch dort nicht so oft vor.«
Jules schüttelte den Kopf. Die Geschichte konnte so nicht stimmen. Sein
Vater war müde und hatte einfach keine Lust auf eine korrekte Recherche.
»Lass mich raten: Deine Quelle hat mitten in der Nacht keinen Zugriff auf die
Datenbank mit den Patientendaten?«
»Bingo.«
»Nun gut, dann bleib dran. Ich will wissen, mit wem ich da spreche. Ach,
und du musst für mich ins Le Zen .«
»Das Hotel?«
»Ganz genau.«
»Was soll ich da?«
Jules kniff die Augen zu, was etwas unsinnig war, war es doch kein
visueller Reiz, der ihn gerade alarmiert hatte, sondern ein Knacken. Wobei
das von den alten Fenstern rühren konnte. Draußen fiel noch immer
Schneeregen, und der Wind rüttelte in böigen Abständen an allem, was sich
ihm in den Weg stellte. Kein Wunder, dass es im Inneren der Wohnung hin
und wieder im Gebälk und Gemäuer ächzte und krachte.
»Ich sag’s dir, wenn du in dreißig Minuten in der Lobby stehst«, sagte er
zu seinem Vater, der postwendend protestierte: »Hast du mal einen Blick auf
die Uhr und durchs Fenster geworfen? Ich hab keinen Bock, bei dem Wetter
meine warme Hütte zu verlassen.«
»Und doch wirst du es tun.«
»Und wenn nicht?«
»Werde ich nie wieder in diesem Leben ein Wort mit dir wechseln.«
Die finale Drohung. Jules wusste, auch wenn er ihn ständig beschimpfte,
so war er doch für seinen Vater im Grunde der einzig wirklich relevante
Kontakt. Auf den ersten Blick wirkte H. C. Tannberg wie der Stamm einer
mächtigen Eiche. Was dem Blick Außenstehender verborgen blieb, war, dass
dieser Baum nur noch von wenigen im Erdreich verborgenen Wurzeln
gehalten wurde. Die stärkste hatte er mit seiner Frau verloren, Freunde gab
es nur wenige. Sollte er jetzt auch noch die Verbindung zu seinem Sohn
kappen, würde er beim nächsten Sturm ins Wanken kommen und umstürzen.
»Okay, okay. Ich mache es«, kam es auch prompt. »Aber wenn du mich
fragst, solltest du dir über etwas ganz anderes Gedanken machen.«
Jules musste blinzeln. »Und das wäre?«
»Nun, du sprichst mit dieser Tante Klara übers Notebook, richtig?«
»Korrekt.«
»Und das hast du heute von diesem Caesar bekommen?«
»Ja.« Worauf wollte sein Vater hinaus?
»Und der erste Anruf, kurz nachdem du dessen Schicht übernommen hast,
kommt ausgerechnet von einer Selbstmordkandidatin, die wie Dajana im
Berger Hof in Behandlung war?« Sein Vater schnalzte mit der Zunge. »Also
wenn das nicht ein unglaublicher Zufall ist, dann weiß ich auch nicht.«
Du hast recht. Das alles hier kann kein Zufall sein, dachte Jules und
legte erneut den Kopf schief. Wieder schloss er die Augen, was im Grunde
unsinnig war, denn dadurch wurden seine Sinne auch nicht schärfer. Im
Gegenteil. Sie spielten ihm vermutlich sogar einen Streich.
Unschlüssig, ob er nur ein Opfer seiner Vorstellungskraft war, drückte
Jules seinen Vater weg, nahm das stumme Handy zur Hand, mit dem er hoffte,
noch immer die Verbindung zu Klara zu halten, und folgte dem Geräusch
eines tropfenden Wasserhahns.
Von wo immer es auf einmal auch herkam.
32
Klara

D reißig Monster, die meisten von ihnen schliefen.


Um ihre Tochter bei längeren Autofahrten bei Laune zu halten, hatte Klara
ihr erzählt, dass das Navigationssystem ein Monster-Navi wäre. Sobald es
dunkel werde, zeige es die Anzahl und die Aktivität von Geistern auf ihrer
Route an. Dunkelgrüne Flächen auf der Landkarte signalisierten schlafende
Monster, hellere Farben auf dem Monitor diejenigen, die gerade auf
Wanderschaft waren. Die Geschwindigkeitsanzeige stehe für die Gesamtzahl,
aber Amelie müsse keine Angst haben, die Ummantelung des Wagens sei
undurchdringlich für böse Gestalten; im Inneren eines Autos seien sie immer
sicher.
Alles gelogen, dachte Klara, während der Wagen die holprige Waldpiste
verließ und auf die Teufelsseechaussee einbog. Ihr Handy steckte zwischen
ihren Schenkeln, die langsam wieder auftauten, so wie der Rest ihres
Körpers.
»Wieso trägt er noch immer seinen Weihnachtsmannbart?«
Seitdem Jules ihr diese Frage gestellt hatte, wünschte Klara, das Märchen
vom Monster-Navi, das sie Amelie aufgetischt hatte, würde wenigstens in
einem Punkt der Wahrheit entsprechen, doch natürlich gab es im wahren
Leben keine für Bestien undurchdringlichen Barrieren. Und sehr
wahrscheinlich saß sie im Auto neben einer.
Tatsächlich war Hendrik (wenn er überhaupt so hieß) noch immer in
voller Weihnachtsmann-Montur, und er hatte den Bart auch jetzt noch nicht
abgenommen.
In der Aufregung hatte sie nicht darüber nachgedacht, wie unsinnig das
war. Allein die auf Hochtouren arbeitende Heizung hätte sie dazu gebracht,
sich den weißen Filz aus dem Gesicht zu reißen (immerhin war Hendrik nicht
wie sie durch die Kälte geirrt), doch er trug sogar die Handschuhe, die
angeblich Pflicht für das perfekte Santa-Outfit waren (das hatte sie einmal in
einer Frauenzeitschrift gelesen), da man mit Handschuhen am besten das
wahre Alter des Weihnachtsmann-Darstellers verbergen konnte.
Kein Schmuck, keine Uhren, keine weißen Socken, keine billigen Jeans –
nichts, was die Illusion bei den Kindern zerstören konnte, die von Natur aus
misstrauisch waren.
»Ick glaube, am nächsten ist das Paulinenkrankenhaus an der Heerstraße,
weiß aber nicht, ob die eine Notaufnahme haben.«
Hendrik brachte die Schaltung zum Knirschen, indem er einen Gang höher
schaltete. Der Wind wütete hier draußen so stark, dass der Kleinwagen
manchmal regelrecht ausgebremst wurde, so als würde sich ein unsichtbarer
Riese hin und wieder aufs Dach setzen.
Die Anzeige des Monster-Navis hatte von dreißig auf fünfzig gewechselt.
Auch die Furcht wuchs in Klara.
Allein die Tatsache, dass Hendrik um diese Uhrzeit noch unterwegs war,
war Anzeichen genug, dass sie es mit einem Lügner zu tun hatte, der im
harmlosesten Fall einfach nur exzentrisch, sehr wahrscheinlich aber
gefährlich war. Weihnachtsmänner und Nikoläuse wurden zur Feier am
Nachmittag ins Wohnzimmer bestellt, nicht zur Geisterstunde in den
Grunewald.
»Willste mir bis dahin nicht erzählen, was dit alles soll? Ick meine, mir
erst vor die Karre hopsen, um dann während der Fahrt in die Klinik
Schlaflieder zu trällern, ick will ja nüscht sagen, aber meine ersten Dates
laufen jeringfügig anders ab.«
Ach ja? Eher mit K.-o.-Tropfen, Kabelbinder und Paketklebeband?
Klara überlegte, ob sie das Nächstliegende tun und ihn einfach wegen
seines Outfits befragen sollte, aber was für eine Antwort würde da schon
kommen? »Ja, ich bin ein perverses Schwein, das sich gerne kostümiert,
bevor es Frauen verschleppt und vergewaltigt. Es tut mir leid, ich hätte es
Ihnen gleich sagen sollen.«
Nein, jetzt, da sie den Wald verlassen und etwas Strecke zwischen sich
und die Laube gebracht hatten, musste sie nur so schnell wie möglich aus
dem Auto kommen. Im Grunde war es ihr egal, ob Hendrik ein Psychopath
oder ein harmloser Spinner war. So oder so würde sie ihm nicht ihre
Privatadresse verraten, und doch wollte und musste sie so schnell wie
möglich dorthin. Zu Amelie. Diese Sehnsucht hatte Jules in ihr geweckt.
Klara wollte wenigstens ein letztes Mal das Gesicht ihrer Tochter sehen, ihre
Hand halten, sie küssen, bevor Yannick oder Martin die Sache zu Ende
bringen würden. So oder so, jeder auf seine Weise.
»Ich habe es mir anders überlegt«, sagte Klara. Sie passierten gerade das
Kirchengebäude der Friedensgemeinde zu ihrer Linken. »Lassen Sie mich
vorne am S-Bahnhof Heerstraße bitte aussteigen.«
Hendriks Antwort kam wie erwartet: »Auf gar keinen Fall.«
Er schaltete das Heizungsgebläse eine Stufe runter und den
Scheibenwischer eine Stufe rauf, machte aber keine Anstalten, sich die
Bartattrappe vom Gesicht zu reißen.
»Ein Kumpel von mir, Jürgen, wurde mal von einem Typen gerammt.
Harmloser Zusammenstoß auf ner Kreuzung. Hatte zwar Nackenschmerzen
und wollte sich erst nicht röntgen lassen. Zum Glück hat seine Olle ihn
überredet. Und das Ende vom Lied: zwei Halswirbel jebrochen.«
»Bitte, ich will aussteigen.«
»Und ick will keinen Staatsanwalt, der mich fragt, wie ich es wagen
konnte, eine Schwerverletzte mitten in der Nacht einfach wieder
auszusetzen.«
»Ich bin nicht schwer verletzt.«
»Dachte Jürgen ooch und … hey, wat wird dit?«
Einer Eingebung folgend hatte Klara das Handschuhfach geöffnet. Und mit
dem Inhalt, der aus der übervollen Ablage quoll, die Antwort auf die Frage
gefunden, ob Hendrik ein harmloser Spinner oder ein gefährlicher Psycho
war. Denn zwischen den Kondomen, Handschellen und Latexhandschuhen
blitzten sowohl ein langes, gezacktes Messer als auch der Lauf einer Neun-
Millimeter-Handfeuerwaffe hervor.
33
H alt an!« Klara schrie, die Waffe auf Hendriks Brust gerichtet. Sie hatte
noch nie eine Pistole abgefeuert, aber auf zwanzig Zentimeter Entfernung
würde sie wohl kaum das voluminöse Ziel hinter dem Lenkrad verfehlen.
»Bist du besoffen?«
»Ich sagte …«
»Ja, ja. Ick bin nich taub.«
Hendrik stieg auf die Bremse, was den Wagen auf der frisch verschneiten
Straße ins Schlingern brachte.
»Halt an!«
»Können vor Lachen.«
Endlich kam das Fahrzeug zum Stehen, leicht schräg, die Front rechts zu
einem Fahrradweg verdreht, an den sich der Wald anschloss, den sie gerade
erst hinter sich gebracht hatte.
Vom Regen in die Traufe.
»Ganz ruhig, okay?« Obwohl Klara ihn mit einer tödlichen Waffe
bedrohte, schien Hendrik nicht die Ruhe zu verlieren. Es kam ihr im
Gegenteil so vor, als amüsiere er sich. Unter seinem Bart schien er sogar zu
grinsen.
Sie wollte ihn auffordern, den Bart zu entfernen und sein wahres Gesicht
zu zeigen, aber im Grunde war es ihr gleichgültig. Klara würde ihn nie im
Leben wiedersehen. Wenn es ihr nur gelang, lebend aus diesem Auto
herauszukommen.
Oder, noch besser …
»Steig aus!«
»Wat?«
»Raus hier.«
»Du willst meinen Hyundai klauen?«
»Borgen. Ich stell ihn am S-Bahnhof Heerstraße wieder ab. Das sind nur
zehn Minuten zu Fuß von hier.«
»Hör mal, ick weiß nich, was du jeraucht hast, aber ick hab keinen Bock,
nur weil du durchdrehst, da draußen durch die Kühlsuppe zu latschen!«
»Raus!«
Sie setzte ihm die Pistole buchstäblich auf die Brust. Was ein Fehler war.
Mit einer Geschwindigkeit, die sie dem wuchtigen Mann nicht zugetraut
hätte, riss er den Unterarm hoch, sodass Klara sich die Pistole selbst gegen
die Nase drosch. Sofort setzte der Blutfluss ein, als wäre dadurch eine Art
Hahn geöffnet. Blind vor Schmerz ließ sie sich die Pistole aus der Hand
winden, bevor sie überhaupt daran gedacht hatte, den Finger zu krümmen,
was in Anbetracht der Tatsache, dass der Lauf kurzfristig auf ihr eigenes
Kinn gezeigt hatte, vermutlich Glück im Unglück war.
Klara fühlte mit Zeitverzögerung, wie ein kleiner Sprengsatz hinter ihren
Augen explodierte, und mit der Druckwelle bahnte sich der Schmerz seinen
Weg von innen nach außen. Verwandelte sich von einem gleißend hellen
Brennen im Kopf zu einem gellenden Schrei, der ihrem Mund entwich,
während sie fühlte, wie sich ihr Arm bewegte. Wie von Geisterhand gepackt,
hob sich ihre rechte Hand, mit der sie den Blutfluss hatte stoppen wollen,
indem sie sie vor die Nase hielt. Dann hörte sie es klicken, und Hendrik hatte
sie endgültig außer Gefecht gesetzt, indem er ihr rechtes Handgelenk mit
einer Handschelle am Haltegriff über der Beifahrertür fixierte.
»So eine Scheiße«, brüllte er sie an, während sie vor Schmerzen die
Augen nicht öffnen konnte und nichts als Blut schmeckte.
»Wieso musstest du dit machen? Wieso konntest du nicht einfach still
sitzen bleiben?«
Seine Stimme hatte sich verändert. Mit zunehmender Lautstärke und Wut
war sie höher und jünger geworden, klang jetzt fast wie die eines jungen
Erwachsenen.
»Ick wollte das nich, verstehste? Ick wollte nur nach Hause. Nich schon
wieder Ärger. Und jetzt dit. Kacke!«
Klara hörte seine wachsende Verzweiflung. Hörte die Scheibenwischer
wie im Leerlauf auf der Windschutzscheibe kratzen, hörte ihre innere
Stimme, die ihr sagte, dass sie es nun doch geschafft hatte, einen Weg zu
finden, aus dem Leben zu scheiden, ohne dass sie selbst Hand anlegen
musste, weil der Wahnsinnige mit dem Santa-Kostüm das für sie erledigen
würde. Dennoch flehte sie: »Bitte, lass mich gehen.«
»Kacke, dit hättest du dir früher überlegen sollen. Dit kann ick jetze nich
mehr.«
»Wieso, ich sage keinem was von dir.«
Ich weiß ja noch nicht einmal, wie du aussiehst.
»Dit soll ick glauben? Verdammt, ick hab Bewährung. Du rennst zu den
Bullen, und ick wander ein. Nee, nee, nee …«
Klara, die sich den linken Unterarm unter die blutende Nase gepresst
hatte, als wollte sie in ihn hineinniesen, schüttelte so vorsichtig wie möglich
den Kopf. »Ich weiß ja noch nicht einmal, wie du aussiehst. Bitte, mach mich
los und lass mich gehen. Ich wollte doch nur aussteigen.«
»Fuck!«
Mit einem verzweifelten Schrei riss er die Wagentür auf, und das
Innenraumlicht sprang an. An dieser Stelle der Straße lag die
Teufelsseechaussee komplett im Dunkeln, es gab weder Wohnhäuser noch
Laternen, und natürlich kam ihnen auch niemand entgegen oder überholte sie.
Die breite Straße führte zu Badeseen, Rodelstrecken und Aussichtspunkten
und wurde im Winter von Ausflüglern, wenn überhaupt, nur tagsüber
frequentiert.
Außer vielleicht, man will sich in der Nacht vom Kletterfelsen stürzen,
aber selbst dann nimmt man die S-Bahn und läuft den letzten Weg zu Fuß.
Klara zitterte. Ohne laufenden Motor fraß sich die Kälte wie ein
hungriges Tier ins Wageninnere, dabei hatte Hendrik seine Tür sofort wieder
geschlossen.
Bewährung?
Auch wenn seine Kostümierung, seine Waffen und die Handschellen
Indizien genug gewesen wären, hatte sie es nun sogar aus seinem Mund
gehört. Sie saß im Auto eines Verbrechers. Gefesselt und verletzt.
Wann immer sie in den letzten Tagen die Stunden kurz vor ihrem Tod
visualisiert hatte, war es dieser Zustand gewesen, in dem sie sich befunden
hatte: ausgeliefert, ohnmächtig, blutend. Und genau diese Hilflosigkeit hatte
sie vermeiden wollen.
Vor einigen Jahren hatte sie einen Podcast gehört, der sich mit skurrilen
Wahrheiten über den Tod beschäftigte. Das Moderatorenduo hatte sich
darüber lustig gemacht, dass in Großbritannien noch bis in die Fünfzigerjahre
des letzten Jahrhunderts ein fehlgeschlagener Selbstmordversuch mit dem
Tod bestraft worden war. »Da hat die arme Sau am Ende doch genau das
bekommen, was sie wollte!«, war der Kommentar des einen Sprechers
gewesen, und Klara hatte schon damals gewusst, dass er sich irrte. Denn
natürlich war es etwas vollkommen anderes, ob man selbstbestimmt oder
durch einen Henker aus dem Leben schied. Doch für selbstkontrolliertes
Handeln war es jetzt zu spät. Auf ihrer Flucht vor zwei tödlichen Gefahren
war sie einer dritten in die Fänge gerannt.
In einem lächerlichen Versuch, sich zu befreien, rüttelte sie an der
Handschelle, die genauso fest saß wie der Griff über dem Beifahrerfenster.
Wie schnell er es geschafft hatte, sie zu fesseln! Ohne Zweifel, er hatte
Übung.
Erfahrung im Töten …
Sie schrak zusammen, als sich die Beifahrertür öffnete und Hendrik
plötzlich neben ihr stand. Er hielt sich am Wagendach fest und beugte sich zu
ihr hinunter.
Wie eine Prostituierte auf der Kurfürstenstraße, die einen Freier am
Straßenstrich bezirzt, dachte Klara.
»Dit hat man nun davon, wenn man nett ist«, schimpfte er.
Dabei blitzte die Waffe, die er ihr entwendet hatte, in seinen Händen auf,
ihr Lauf reflektierte das Innenraumlicht, während er ihr damit vor der Nase
rumfuchtelte.
»Mist, ick wollte das hier nicht.«
»Dann lass mich gehen!«, flehte sie erneut. »Bitte.«
Hendrik machte eine Handbewegung, als wollte er ihr eine Ohrfeige
versetzen. Sie drehte sich weg, und dabei fiel ihr Blick auf das
Armaturenbrett, das in einem Punkt dem ihres Minis glich.
Kein Schlüssel.
So wie bei ihrem Auto brauchte auch Hendrik keinen Zündschlüssel in ein
Schloss zu stecken und umzudrehen. Man musste nur den START -Button
neben der Gangschaltung drücken, und der Motor sprang an, vorausgesetzt,
der elektronische Smart-Key befand sich im Inneren des Fahrzeugs.
Oder am Körper des Fahrers, während dieser den Wagen berührt!
Ohne auch nur eine Sekunde ihren verzweifelten Gedanken zu
hinterfragen, zog Klara das linke Bein an und schob es in den Fußraum des
Fahrerbereichs. Zum Glück war der Wagen so winzig, dass sie mit dem Fuß
die Bremse berühren konnte. Das war notwendig, um die Zündung per
Knopfdruck zu aktivieren. Und noch bevor Hendrik reagieren und das
Wagendach loslassen konnte, war der Kontakt zwischen der Bordelektronik
und dem Funksender an seinem Körper hergestellt und der Motor tatsächlich
angesprungen.
Eine Welle der Euphorie, ausgelöst von diesem winzigen Erfolgserlebnis,
setzte neue Kräfte bei Klara frei, die jetzt, mit der rechten Hand am
Haltegriff fixiert und einem Bein im Fahrerraum steckend, von der Bremse
zum Gaspedal wechselte. Das Auto machte einen Satz nach vorne und riss
Hendrik ein Stück mit sich. Es ruckelte, als würde es über Kopfsteinpflaster
fahren, doch Hendriks Schmerzensschreie signalisierten ihr, dass sie seine
Füße überrollt hatte.
Im Heulen des durchdrehenden Motors hörte sie, wie etwas von innen
gegen die Windschutzscheibe flog und über das Armaturenbrett in den
Fußraum fiel. Fast gleichzeitig schlug die von Hendrik aufgerissene
Beifahrertür vom Fahrtwind wieder zurück, allerdings nicht so stark, dass
sie im Schloss blieb.
Egal.
Sie musste nur genügend Strecke zwischen sich und den Verrückten
bringen.
Mit durchdrehenden Hinterrädern, die Linke am Lenkrad, jagte sie das
jaulende Auto durch den Schneesturm nach vorne. Fünfzig, einhundert,
zweihundert Meter, bis …
Oh mein Gott! Nein!
Der Motor erstarb, und hätte es einen Knall gegeben, hätte Klara gedacht,
er wäre vor Überlastung explodiert. So aber wusste sie, dass sie sich einfach
nur geirrt und ihre letzte Chance verspielt hatte.
Hektisch drückte sie erneut auf den Start-Button. Immer und immer
wieder. Vergeblich.
Der Motor war aus und ließ sich nicht wieder aktivieren. Nur noch die
Scheinwerfer und das Armaturenbrett leuchteten.
Das war’s jetzt ...
Sie hatte gehofft, dass ein einmal gestartetes Fahrzeug nicht wieder stehen
blieb. Aber das System hatte anscheinend erkannt, dass der Schlüssel nicht
länger bei ihr im Auto war.
Oder Hendrik hatte, was wahrscheinlicher war, seinen Funkschlüssel als
Fernbedienung nutzen und eine Diebstahlsicherung aktivieren können.
Wie auch immer, sie saß noch immer in der Falle. Unfähig, diese auch nur
noch einen Meter zu bewegen.
Klara sah in den Rückspiegel, dann drehte sie sich nach hinten, um nach
Hendrik zu sehen.
Langsam näherte er sich, und Klara hätte am liebsten geschrien, so bizarr
und verstörend war der Anblick, der sich ihr in dem blutroten Schein der
Rücklichter bot: ein humpelnder Weihnachtsmann, der sich über eine vereiste
Fahrbahn durch den Schneeregen mit einer Waffe in der Hand näherte. Flüche
und Beschimpfungen brüllend, die in dem Rauschen komplett untergingen,
das der Sturm von außen und die Angst in ihrem Innersten erzeugte.
Verzweifelt suchte Klara mit ihren Augen den Innenraum des Hyundais ab.
Dabei entdeckte sie den Gegenstand, der vorhin gegen die
Windschutzscheibe geflogen war und der nun nur wenige Zentimeter von ihr
entfernt lag. Er musste ihm aus der Hand gefallen sein – und das garantiert
gegen seinen Willen, denn bei dem metallischen Objekt handelte es sich um
ein Bund mit zwei winzigen Schlüsseln, die, wenn sie sich in ihrer
wahrnehmungsverzerrenden Panik nicht komplett täuschte, zu ihren
Handschellen passen könnten.
Allerdings lag das Bund zwischen dem Polster und einer
Hartschalenverkleidung auf der Schiene, auf der sich der Sitz verstellen ließ.
Klara konnte es berühren, ebenso wie die alte Pommes und das Cent-Stück,
die ebenfalls irgendwann dorthin gerutscht sein mussten. Aber sie brauchte
einen Draht, einen kleinen Stock oder, verdammt noch mal, beide Hände, um
die Handschellenschlüssel irgendwie in die Finger zu bekommen. Außerdem
war Hendrik schon viel zu nahe. Gleich würde er die Fahrertür öffnen, sich
wieder neben sie hinter das Steuer setzen und sie grün und blau schlagen.
Oder ihr noch Schlimmeres antun, jetzt, da sie ihn verletzt und einen
Fluchtversuch unternommen hatte.
Trotzdem versuchte sie das Unmögliche. Steckte die Hand, so tief es ging,
zwischen das Polster und …
Großer Gott, bitte hilf mir …
Ihre Fingerspitzen berührten die Schlüssel, schoben sie nach vorne in den
Fußraum, wenige Zentimeter immerhin. Sie roch ihre eigene Angst, den
Schweiß, der ihre Kleidung durchtränkte, riss den Kopf wieder hoch und sah
nach hinten. Sah Hendrik, maximal zehn Meter noch. Viel zu wenig Zeit, um
die Schlüssel zu greifen, sie mit links in ihre Schlösser zu stecken,
umzudrehen, sich zu befreien, auszusteigen und wegzurennen.
Doch weil ihr keine Wahl blieb, versuchte sie es noch einmal. Beugte sich
nach vorne, riss mit aller Gewalt an ihrem Handgelenk, hängte ihr gesamtes
Körpergewicht daran, fühlte, wie die Haut unter der Handschelle aufriss, an
der empfindlichsten Stelle der Pulsadern, die sie sich niemals getraut hätte
aufzuschneiden (schon weil sie dem Finder ihrer Leiche den Anblick und das
ganze Blut ersparen wollte), und schaffte es endlich, einen Schlüsselbart
zwischen kleinen Finger und Ringfinger zu klemmen. Erneut blickte sie nach
hinten, überzeugt, Hendrik nur noch wenige Meter von der Heckscheibe
entfernt zu sehen. Doch sie hatte sich geirrt. Zu ihrem großen Erstaunen
schaute sie auf eine dunkle Straße.
Hendrik, oder wie immer der verurteilte Verbrecher in Wahrheit hieß, der
sie in seinem Wagen angekettet hatte, war verschwunden.
Klara schaute nach rechts in der grauenhaften Erwartung, ihn schon neben
der Beifahrertür stehen zu sehen, doch auch hier blickte sie ins Leere. Nichts.
Abgesehen von den Tannen am Waldrand mit ihren froststarren Zweigen, die
in dem starken Wind den Schnee nicht länger im Geäst halten konnten.
Da machte sie hinter sich eine Bewegung aus. War der Kerl gestolpert?
Was zum Teufel …?
Klara vergaß, den Mund zum Schreien zu öffnen, denn ihr Gehirn war zu
sehr mit der Frage beschäftigt, wie es sein konnte, dass Hendriks Schatten
auf einmal so viel länger und dünner war und weshalb er die Mütze
abgenommen hatte, um ihr damit zuzuwinken. Und sie konnte auch nicht
schreien, als sie die Antwort auf all diese Fragen bekam. Denn der Mann,
der wie aus dem Nichts aufgetaucht neben dem Wagen stand und mit einem
teuflischen Grinsen die Santa-Mütze in der Hand wie eine Trophäe
schwenkte, war nicht Hendrik.
»Hab ich dich gefunden, du beschissene Schlampe!«, begrüßte er sie.
Klara erschrak. Sie wollte nach ihrem Handy zwischen den Schenkeln
greifen, doch das war ihr bei dem Herumgerutsche in den Fußraum gefallen.
Entsetzt stellte sie fest, dass das Telefon dunkel, die Verbindung zu Jules
offenbar abgerissen war. Sie hatte den Kontakt zu ihm verloren; sehr
wahrscheinlich würde sie in ihrem Leben nie wieder Kontakt zu ihm haben,
so wenig wie zu Hendrik, der verschwunden war.
Der einzige Mann, der sie in ihren letzten Stunden begleiten würde, war
das Monster, das ihr die Waffe, die es offenbar Hendrik abgenommen hatte,
durch das Seitenfenster an den Kopf drückte: Martin.
Dabei brüllte ihr Ehemann ihr eine speichelnasse Drohung ins Gesicht,
deren vollständige, grauenhafte Bedeutung sie in diesem Moment noch gar
nicht begreifen konnte: »Das hast du nun davon, Klara. Dich Miststück bring
ich in den Stall!«
34
Jules

H ab ich dich gefunden, du beschissene Schlampe …


Hatte er diesen Satz gerade einen Mann ins Telefon brüllen hören?
Jules schaltete sein Headset am Kopfhörerregler lauter, doch die Leitung
war tot.
Verdammt!
Er hatte sie verloren.
Die emotional wie akustisch brüchige Verbindung zu Klara stand nicht
mehr, und es war höchst unwahrscheinlich, dass sie ihn wieder anrufen
würde, auch wenn er ihr vorhin seine Privatnummer diktiert hatte.
Schlampe …?
Er ahnte, dass Klara in größerer Gefahr war als je zuvor an diesem
Abend, ausgerechnet jetzt, da er ihr noch nicht einmal eine digitale
Rettungsleine zuwerfen konnte. Jules fühlte sich wie ein Versager, als er sein
Headset auf dem Waschbeckenrand ablegte.
Der tropfende Wasserhahn, der ihn ins Badezimmer gelockt hatte, war von
Zahnpastaresten verschmiert, typisch für einen Haushalt mit kleinen Kindern.
Vor dem Brand in der Prinzregentenstraße, als Valentin und Fabienne noch
gemeinsam durch die für die vierköpfige Familie viel zu kleine Wohnung
getobt waren, hatte sich der Schaum (Erdbeer- oder Himbeergeschmack), der
nach dem Putzen im Waschbecken hätte landen sollen, auf den unmöglichsten
Flächen und in den unmöglichsten Winkeln wiedergefunden. Verteilt von den
kleinen, schlecht oder gar nicht gewaschenen Händen, die nicht müde
wurden, eine Welt zu erkunden, die voller Geheimnisse, Verstecke und
Abenteuer steckte.
Und tödlicher Gefahren.
Selbst in der eigenen Wohnung.
Nach dem Umzug gab es in Jules’ aktueller Wohnung sehr viel mehr Platz,
aber kein Rumtoben mehr, nachdem Dajana an jenem verhängnisvollen,
todbringenden Tag ihre Kinder eingeschlossen hatte, um das Licht, das in ihr
brannte, für immer auszulöschen; ein Licht, das er für stark genug gehalten
hatte, anderen den Weg zu weisen, und sogar für hell genug, dass andere sich
an ihm wärmen konnten.
Wie konnte ich mich so irren?
Jules mied den Blick in den Spiegel über dem Waschbecken, weil er
wusste, wie übermüdet und ungepflegt er aussah mit seinen dunklen
Augenrändern und der trockenen Haut rund um die T-Zone zwischen Stirn,
Nase und Mund. Er fragte sich, wie oft er sich allein in den letzten Stunden
schon wieder geirrt hatte.
War Klara wirklich in Gefahr? Litt sie unter häuslicher Gewalt? Oder
existierte ein Großteil von dem, was sie ihm erzählt hatte, nur in ihrer
Fantasie, so wie sein Vater es behauptete?
»Du sollst die Tante vergessen. Die ist nicht ganz koscher. Ja, sie war
im Berger Hof in Behandlung, aber nicht als Teilnehmerin eines
Experiments, sondern weil sie wirklich an einer dissoziativen Störung
leidet – oder wie man das nennt, wenn man Wahn und Wirklichkeit nicht
mehr unterscheiden kann.«
Hatte sie heute Abend wirklich in ihrem Auto gesessen und versucht, sich
das Leben zu nehmen? Fuhr sie in diesem Moment neben einem als
Weihnachtsmann kostümierten Fremden durch die Nacht?
Und hat dieser Wasserhahn hier die ganze Zeit schon getropft?
Jules hatte ein gutes Gehör. Wenn er einschlafen wollte, musste es in der
gesamten Wohnung ruhig sein. Dajana hatte sich über sein Fledermaus-
Ultraschall-Gehör gerne lustig gemacht, wenn er das Schlafzimmer nach dem
elektronischen Fiepen eines Geräts im Stand-by-Modus absuchte oder die
Heizung zum x-ten Mal entlüftete, weil ihn das Gluckern in den Wahnsinn
trieb. Es war für ihn kaum vorstellbar, dass er das Ploppen aus dem
Badezimmer überhört haben sollte. Zudem befand sich Spritzwasser im
Emaillewaschbecken, ein Zeichen dafür, dass der Hahn erst kürzlich benutzt
und dann nicht wieder fest zugedreht worden war.
Oder etwa nicht?
Jules fühlte den eigenen Herzschlag, der schneller ging als üblich,
während er nach dem Ventil griff, um es abzudrehen. Dabei dachte er an das
Schlüsselbund in seiner Hosentasche, an das fehlende Messer im Block und
an die Sätze seines Ausbilders bei der Feuerwehr: »Achtet immer auf eure
Intuition, Jungs. Helme, Arbeitskleidung, sämtliche Ausrüstung der Welt
kann euch nicht so gut schützen wie eure innere, von Lebenserfahrung
geschulte Stimme. Und wenn die euch sagt: ›Hier stimmt was nicht‹, dann
stimmt meistens etwas nicht.«
Jules nickte unwillkürlich. Hier stimmte etwas nicht. Seine innere Stimme
sagte es ihm nicht, sie schrie es ihm geradezu ins ausgezehrte Gesicht: »DU
BIST NICHT ALLEIN !«
Und da half es auch nichts, dass er sich beide Hände an die Schläfen
presste, er konnte sie nicht zum Schweigen bringen, ganz im Gegenteil schien
sie durch den Druck gegen die Schädeldecke sogar noch lauter zu werden:
»IHR SEID BEIDE NICHT ALLEIN. DU UND DAS
WUNDERVOLLE SCHLAFENDE WESEN, DAS DU EIGENTLICH
VOR ALBTRÄUMEN BEWAHREN WOLLTEST UND NUN IN
GEFAHR GEBRACHT HAST !«
Weil er nicht auf Klara gehört hatte. Weil er nicht auflegte, als sie ihn
darum bat.
»Er wird nicht glauben, dass es nur ein Versehen ist. Dass ich mich
verwählt habe. Verdammt, wenn er herausfindet, dass ich Sie angerufen
habe, wird er auch zu Ihnen kommen.«
»SCHLUSS JETZT !«, schrie Jules und hämmerte mit der Faust gegen
den Spiegel, der in seinem hölzernen Rahmen trocken knackte. Dieses
unangenehme Geräusch einer irreparablen Zerstörung schaffte es, Jules’
Gedankenkarussell zu stoppen und die innere Stimme zum Verstummen zu
bringen.
»So ein Blödsinn!«
Es gab keine Dämonen, die erst Klara nach dem Leben trachteten und sich
nach ihrer erfolgreichen Mission erneut auf den Weg machten, um ihn
heimzusuchen.
Jules schüttelte den Kopf und lachte über seine eigene Unvernunft, über
die irrationalen Sorgen, getriggert durch das Klimpern von Schlüsseln, das
durch einen Luftzug oder schwere Schritte in der Nachbarwohnung ausgelöst
worden sein konnte. Seine Gedanken waren bei Licht betrachtet so absurd
wie die Angst vor dem eigenen Spiegelbild, dem er sich jetzt stellte. Der
Riss auf der Oberfläche teilte seinen Kopf in zwei unsymmetrische Hälften,
aber natürlich war da kein Schatten, der hinter seinem Rücken verschwand,
kein Gesicht, das zu einer Fratze verzerrt plötzlich auftauchte, und er spürte
auch keinen kalten Hauch im Nacken.
Stattdessen hatte der Wasserhahn wieder zu tropfen begonnen. Er war
anscheinend einfach nur kaputt, und wie fest man ihn auch zudrehte, er blieb
undicht. Jules versuchte erneut, das Ventil zu schließen, doch es war sinnlos.
Auch die Leitung bedurfte anscheinend der Reparatur. Das Wasser hatte auf
einmal eine merkwürdige schmutzige Färbung.
Und während Jules sich noch wunderte, wieso er auf einmal so kraftlos
war, tropfte noch mehr von der nach Eisen riechenden, zähen Flüssigkeit ins
Waschbecken, die, wie er jetzt bemerkte, gar nicht aus dem Hahn kam.
Sie perlte ihm in dicken, rostroten Tropfen direkt aus der Nase.
35
Klara

S elbst-mord
Fol-ter
Schmer-zen

Im Leben von Klara hatten viele zweisilbige Wörter eine grausame


Bedeutung. Doch keines eine so grauenerregende wie: Mar-tin. Keines war
ihr verhasster. Keines hatte sie im Laufe der Zeit so sehr fürchten gelernt.
Keines hatte sich mit den Jahren so sehr gewandelt. Von Liebhaber zu Sa-
dist. Von Zärtlichkeit zu Qua-len.
… von denen ich heute Nacht noch einige zu ertragen haben werde,
dachte Klara und wandte das Gesicht von Martin ab. Er hatte sich ans Steuer
gesetzt, natürlich ohne sie von dem Haltegriff zu befreien, an den sie noch
immer mit Hendriks Handschellen gekettet war. Ihr Handy hatte Martin
bereits aus dem Fußraum geangelt und in der Innentasche seines Jacketts
verschwinden lassen. Die Waffe, die er Hendrik zusammen mit dessen Mütze
abgenommen hatte, lag außerhalb Klaras Reichweite im Seitenfach der
Fahrertür.
Ohne hinzusehen, spürte sie Martins sadistisches Lächeln.
Bis auf die Beschimpfung zur Begrüßung hatte er kein Wort gesagt. Weder,
als er den Motor startete, noch, als er mit schlitternden Reifen anfuhr.
Anscheinend hatte er Hendrik auch den Autoschlüssel und damit nun auch
den Wagen geklaut, mit dem er sie gerade entführte.
Wohin auch immer.
Alles, was sie über ihr Fahrziel wusste, war sein kryptischer Ausruf:
»Dich Miststück bring ich in den Stall!«
Wohin fahren wir? Und was hast du mit Hendrik gemacht?, hätte Klara
ihn am liebsten gefragt, doch sie wusste, sie würde nur eine Ohrfeige oder
Schlimmeres als Antwort bekommen. Trotz ihrer Angst war sie noch in der
Lage, logisch zu kombinieren. Sie war an der Laube nicht vor Yannick
davongelaufen, sondern vor ihrem Mann.
Martin ist mir gefolgt. Während ich durch den Wald irrte, hat er längst
in seinem Wagen an der Teufelsseechaussee auf mich gewartet; der einzige
Weg, der aus dem Forst zurück in die Zivilisation führt. Er ist im sicheren
Abstand dem einzigen Fahrzeug hinterhergefahren, das auf einem
Schleichpfad aus dem Wald gekommen ist, mit mir auf dem Beifahrersitz.
Hat beobachtet, wie ich mich mit dem merkwürdig kostümierten Fahrer
gestritten habe und zu fliehen versuchte. Und er hat die Gunst der Stunde
genutzt, um Hendrik auf offener Straße niederzuschlagen.
Nur so konnte Klara sich erklären, wieso Hendrik wie vom Erdboden
verschwunden war, als sie gerade verzweifelt versucht hatte, sich von der
Fessel zu befreien.
Wahrscheinlich lag er reglos auf der vereisten Fahrbahn und wurde von
zwei Gefahren gleichzeitig bedroht: entweder bewusstlos zu erfrieren oder
von einem anderen Wagen in der Dunkelheit überfahren zu werden. Wieder
einmal hatte Klara das Gefühl, in ihrem Leben in einer Endlosschleife
gefangen zu sein, in der sie von einem Unglück in die nächste Katastrophe
glitt, die das zuvor Erlittene in einem milderen Licht erscheinen ließ.
Wenn sie sich jetzt hätte entscheiden können, wäre sie lieber weiter in der
Gewalt des Unbekannten gewesen als der Brutalität ihres Ehemanns
ausgesetzt, der trotz der blanken Wut in seinen Augen so unverschämt
attraktiv aussah wie an jenem ersten Tag, an dem sie auf ihn hereingefallen
war. Martins Dreitagebart war akkurat gestutzt, die dichten Haare dank des
zweiwöchentlichen Hundert-Euro-Haarschnitts perfekt frisiert, die
Fingernägel der wohlgeformten Hände frisch manikürt. Selbst der
Schneeregen hatte seinem Styling nichts anhaben können. Mit seinem eng an
dem muskulösen Körper anliegenden Maßanzug und dem weißen
Manschettenhemd unter dem dunklen Jackett mit roséfarbenem Einstecktuch
sah er aus wie ein Fotomodell auf dem Weg zum Shooting einer
Werbekampagne für Luxusgüter reifer Männer: Armbanduhren, Sportwagen,
Jachten. Seine Stimme jedoch klang wie die eines Auftragskillers: »Wer war
das?«, fragte er Klara. Kalt. Hart. Und unerbittlich.
Er beschleunigte und feuerte eine zweite Frage ab: »In wessen Auto sitzen
wir hier?«
»Ich weiß es nicht.«
Der Schlag kam hart, aber nicht unerwartet, gefolgt von dem allzu
vertrauten Geschmack von Blut, das aus einer aufgeplatzten Lippe tropft.
»Was für ein beschissener Scheißtag, echt. Erst musste ich feststellen,
dass mein Auto aufgebrochen wurde. Aber meine Ehefrau interessiert das
nicht, ist nicht für mich zu sprechen, geht nicht mal ans Telefon. Wie auch
…« Jetzt brüllte er wieder: »Denn sie fickt mit einem Fremden!«
Speichelfäden flogen ihr ins Gesicht.
»Nein, ich …«
»Treibst es mit ihm in unserer Laube?«
»Das hab ich nicht, ich …«
»Na klar, es ist nicht so, wie es aussieht«, höhnte Martin und schlug erneut
zu, diesmal mit der Handkante in die Magengrube. Klara wollte sich
krümmen, schaffte es aber kaum wegen der Handfessel. Sie wurde nach links
geschleudert, als Martin die Spur wechselte.
»Kostüme und Handschellen?« Er warf ihr einen verächtlichen Blick zu.
»Ich dachte, du stehst nicht auf Rollenspiele.«
Klara röchelte, zum Antworten fehlte ihr die Luft. Außerdem benötigte sie
alle Konzentration dazu, ihre Blase nicht auf den Sitz zu entleeren. Der
Schmerz nach dem Schlag hatte sich wie eine Spitzhacke in ihren Unterleib
gegraben und tobte sich dort mit kaum verminderter Kraft an ihren
Eingeweiden aus.
Martin beschleunigte, um eine gelbe Ampel auf der Heerstraße noch zu
erwischen; vermutlich wollte er nicht riskieren, neben einem Auto zu halten,
dessen Fahrer neugierige Blicke zu ihr auf den Beifahrersitz warf, wobei
dieser hinter der beschlagenen Scheibe wohl nur eine ängstliche Frau erkannt
hätte, die sich am Haltegriff festklammerte.
»Ich habe über uns nachgedacht.« Unvermittelt wechselte Martin sowohl
die Stimmung als auch das Thema. Das war seine Gabe oder seine Krankheit,
je nachdem, wie man es betrachten wollte. Klara hasste seine Fähigkeit, von
einer Sekunde auf die andere von aggressiv auf altväterlich umzuschalten.
»Besser gesagt, ich habe über das nachgedacht, was du mich gefragt
hast.«
Er bog in den Kreisverkehr am Theodor-Heuss-Platz, und Klara presste
die Stirn gegen die Scheibe.
Welche meiner Fragen meinst du? Weshalb du mir an Heiligabend den
Christbaumständer auf den Fuß geschmissen und den großen Zeh
gebrochen hast? Weshalb du meinen Körper mit brennend heißem Wasser
abgeduscht hast, sodass ich eine Woche nicht zur Arbeit gehen konnte und
danach einen »Solariumunfall« simulieren musste?
All diese Fragen stellte sie natürlich nicht.
Sie hatte gelernt, still zu sein. Selbst lange Gesprächspausen nicht mit
Nachfragen zu füllen. Denn wie sehr sie sich auch bemühte, interessiert zu
klingen, es bestand immer die Gefahr, dass sie einen von Martins
Gedankengängen durchbrach und ihr das einen weiteren Bluterguss auf dem
Rücken einbrachte.
»Weißt du noch, letztes Jahr, als ich dich nach Potsdam in die
Notaufnahme gefahren habe?«
Sie nickte. Weil wir in Berlin schon in allen gewesen waren und du
befürchtet hast, jemandem könnte auffallen, dass deine Frau, »der
Tollpatsch«, ein bisschen oft die »Treppe hinuntergestürzt« war.
An jenem Tag war er durch ihr Handy gegangen (eine PIN hatte er ihr
schon seit Jahren verboten) und hatte den Chat mit Toni gefunden: Morgen
Mittagessen, Süße?
Diese drei Wörter und Martins Weigerung, ihren Beteuerungen zu glauben,
Toni stünde nicht für einen Männernamen, sondern sei die Kurzform von
Antonia (ihrer Arbeitskollegin), hatten Klara einen Halswirbelriss beschert,
so heftig hatte er ihren Kopf gegen die Wand geschlagen.
»Als wir wieder zurück waren und ich für dich dein Leibgericht kochte,
hast du mich bestimmt zum tausendsten Mal gefragt, warum ich nicht in
Therapie gehe, wenn es mir nach unseren Auseinandersetzungen hinterher
immer so leidtut.« Er räusperte sich und fuhr schon wieder über eine
dunkelgelbe Ampel.
»Weißt du, die Wahrheit ist: Ich war in Therapie. Ich war bei einem
Seelenklempner, der war auch gar nicht so schlecht. Sein Name ist
Haberland. Er ist alt, praktiziert kaum noch. Und wenn, dann nimmt er nur
sehr spezielle, aufregende Fälle. Mich hat er abgelehnt.«
Sie wagte es, ihm einen Blick zuzuwerfen.
»Weil ich zu gewöhnlich wäre. Sozusagen der Standardtäter, wenn es um
Gewalt in der Ehe geht.« Martin lachte. »Siehst du, ich hab kein Problem
damit, es auszusprechen. Gäbe es eine Selbsthilfegruppe, in der man sich wie
bei den Anonymen Alkoholikern erst einmal der Runde vorstellen muss,
würde ich es tun. Ich würde aufstehen und sagen: ›Hallo, mein Name ist
Martin Vernet. Ich bin achtundvierzig Jahre alt, Zahnarzt, und ich schlage
meine Frau.‹«
Sie sah ihn an.
Falsch, Martin. Du schlägst sie nicht. Du tötest sie. Vielleicht nicht im
strafrechtlichen Sinn. Aber die Schläge zerbrechen die Seele deiner Frau,
und ohne Seele ist sie nur noch eine leblose Hülle.
»Ich hatte nur eine Sitzung mit Haberland, dann hat er mich an einen
anderen Quacksalber verwiesen. Doch der hat mir auch nur das erzählt, was
ich längst wusste: dass häusliche Gewalt nichts anderes ist als ein
mangelndes Selbstbewusstsein. Und dass das gerade bei Männern wie mir
fast als notwendige Folge auftritt.«
»Männern wie dir?«, rutschte es ihr heraus.
Bemerkenswerterweise bestrafte er sie nicht für ihren Zwischenruf,
sondern ging sogar darauf ein.
»Ich hab dir doch erzählt, wie verletzt mein Vater war, als meine Mutter
ihn verließ.«
Klara nickte. Zu Beginn ihrer Beziehung hatte sie es als Vertrauensbeweis
empfunden, dass Martin dieses Geheimnis mit ihr teilte. Hatte ihn
bemitleidet, als sie erfuhr, wie sehr er damals unter der Trennung gelitten
hatte.
Welche Mutter ließ denn ihr einziges Kind zurück?
Damals hatte sie keine Antwort finden können. Heute wusste sie es
besser, auch wenn ihre Lage nicht mit der von Martins Mutter vergleichbar
war. Während sie sich grundsätzlich kein Leben mehr vorstellen konnte, das
nur noch von Sorgen, Angst und Schmerzen geprägt war, war es Martins
Mutter schlicht zu eng in dem selbst gewählten Käfig der Ehe geworden.
Nicht sie, sondern Martins Vater hatte sich ein Kind gewünscht. Und leider
hatte sie dem Druck nachgegeben, kurz vor der Aufnahme als Tänzerin im
Friedrichstadtpalast.
Mit der Folge, dass sie vom ersten Tag an mit ihrem Dasein als Hausfrau
und Mutter überfordert gewesen war und fortan ihrem Leben als Künstlerin
auf der Bühne nachtrauerte.
Rückblickend war es ein Wunder, dass sie es immerhin zehn Jahre
durchgehalten hatte, bis sie einen viel besser zu ihr passenden Mann
kennenlernte; einen unkonventionellen, kreativen Regisseur, mit dem sie ein
neues Leben begann. Mittellos und ohne festes Einkommen hatte sie ihren
damals zehnjährigen Jungen bei seinem Vater gelassen, der mit seinem Gehalt
als Prokurist eines Getränkegroßhandels immerhin gut genug verdiente, um
seinem Sohn einen vernünftigen Lebensstandard zu gewährleisten, jedoch
nicht über das verfügte, was er damals am meisten gebraucht hätte:
Herzenswärme. Von Selbstmitleid zerfressen, suchte Martins Vater die
Schuld für die Trennung nicht bei sich, seinem Jähzorn und dem
Ehegefängnis, in das er seine willensstarke Frau zu stecken versucht hatte,
etwa indem er ihr die Auftritte mit ihrer Jazzband verbot und ihr
Haushaltsgeld so kürzte, dass sie sich keine Klavierstunden mehr leisten
konnte. Ursächlich für das Scheitern der Ehe war für ihn vielmehr die »viel
zu lange Leine«, an der er sie gehalten hatte und die am Ende angeblich dafür
sorgte, dass die »dem weiblichen Geschlecht naturgemäß innewohnende
Bösartigkeit« sich frei entfalten konnte.
»Frauen sind wie Flammen«, hatte Martins Vater in der Gegenwart
seines Sohnes philosophiert, und Martin hatte seine Worte so oft wiederholt,
dass Klara sie heute auswendig konnte. »So wunderschön anzusehen und
voller Wärme, herrlich verlockend. Doch wehe, du lässt dich auf sie ein
und kommst ihnen zu nahe. Dann verbrennen sie dich. Frauen nutzen die
Körper der Männer und ihre Seelen als Nahrung. Und wenn sie einen
verzehrt haben und du als Mann restlos ausgebrannt bist, breiten sie sich
solchermaßen gestärkt noch weiter aus. Heller und größer und wärmer als
zuvor locken sie neue Opfer an.«
Klara schloss die Augen, doch die Worte, mit denen Martin von seinem
Vater als Kind vergiftet worden war, wollten nicht leiser werden in ihrem
Kopf: »Das Einzige, was du tun kannst, um dich vor den Frauen zu schützen:
Halte ihr Feuer klein. Gib ihnen nicht zu viel Raum. Nicht zu viel Sauerstoff.
Habe immer etwas bereit, mit dem du die Flamme klein schlagen oder zur
Not auch ersticken kannst, wenn du verstehst, was ich meine.«
Ihr Körper wurde in einer Kurve nach rechts gedrückt, sie öffnete die
Augen und hatte komplett die Orientierung verloren. Die Straße war sehr viel
kleiner und bürgerlicher als die Hauptstraßen zuvor. Sie befanden sich in
einem Wohngebiet mit Cafés, Boutiquen und Bioläden im Erdgeschoss alter
Mietshäuser.
»Damals habe ich immer nur genickt, ohne die volle Bedeutung dessen,
was er mir sagte, zu begreifen«, sagte Martin. »Erst heute ist seine Lektion
vollständig bei mir angekommen: Frauen müssen klein gehalten werden. Zur
Not muss ich ihr Selbstbewusstsein brechen, um nicht von ihnen gebrochen
zu werden. Ich bin von klein auf so konditioniert.«
Klara schloss die Augen, damit Martin nicht sah, wie sie sie verdrehte.
Wenn du mir jetzt auch noch erzählen willst, dass du dich als Mann in
einer sich wandelnden Gesellschaft nicht mehr zurechtfindest, dann kotze
ich.
Nun lachte Martin auf, schon wieder hatte sich seine Stimmung verändert.
Er sprach etwas gepresster, mit mehr Zischlauten, die seinen Worten einen
aggressiven Unterton verliehen.
»Aber weißt du was? Mein alter Herr hatte recht. Ich habe mich in den
letzten Wochen zurückgenommen. Habe dir erlaubt, an einem Experiment
teilzunehmen. Die Stadt zu verlassen. Ich habe, ohne zu murren, die
Doppelbelastung Arbeit und Amelie gemeistert. Als du wieder da warst,
durftest du länger in der Bibliothek bleiben. Und dann dachte ich mir
irgendwann: Hmm. Ob sie deine Gutmütigkeit wohl ausnützt?«
Er sah sie an. »Nein, dachte ich mir. Nicht meine Klara. Nicht meine
Frau, die ich so gut erzogen habe. Ich habe der Versuchung widerstanden,
dein Handy unter die Lupe zu nehmen, obwohl ich spürte, dass du dich
verändert hast. Etwa, dass du dein Telefon auf einmal mit dem Display nach
unten auf den Tisch legst. Hattest du Angst vor dem Anruf dieses
Weihnachtsclowns?«
Sie schüttelte den Kopf.
Nein, auch wenn du es mir nicht glaubst, aber den kenne ich nicht.
»Selbst nachdem du mir dein Lügenmärchen von diesem Überfall
auftischen wolltest, als ich dich zu unserer Schande völlig verwahrlost im
Vorgarten finden musste, hab ich mich zurückgehalten und dich nur leicht mit
dem Gürtel bestraft. Aber ich habe natürlich Vorsorge getroffen, getreu dem
Motto meines alten Herrn: ›Kontrolliere jeden Schritt deiner Frau, sonst
verlierst du die Kontrolle über deine eigenen Schritte.‹ «
Sie hielten unter einer S-Bahn-Brücke, und jetzt erkannte Klara die
Umgebung. Amelie liebte den Spielplatz am Savignyplatz. Um diese Uhrzeit
jedoch, lange nach Mitternacht, würde sie sich niemals mit ihrem Kind in
dessen Nähe begeben. Der breite Bürgersteig unter dem Brückengewölbe
war von verdreckten und nässedurchweichten Matratzen gesäumt, auf denen
zahlreiche Obdachlose ihr Nachtlager aufgeschlagen hatten.
Wieso halten wir hier?, fragte sie sich bang, wagte es aber nicht, die
Frage laut zu äußern, auch, weil sie Angst vor der Antwort hatte. Sie
versuchte, Martin abzulenken und am Reden zu halten.
»Du hast mein Handy verwanzt?« Sie überlegte, ob das tatsächlich
möglich war, dass Yannick und ihr eigener Mann unabhängig voneinander
zwei verschiedene Überwachungssoftware-Programme auf ihr Telefon
gespielt haben konnten, die dem Technik-Nerd im Handyshop nicht
aufgefallen waren.
Martin schüttelte den Kopf. »Das war mir zu kompliziert. Du hast einen
GPS -Sender an deinem Wagen. Den gibt’s für nen Appel und ein Ei online
und haftet per Magnet perfekt am Unterboden.«
Während er das sagte, glitt an Klaras Seite das Beifahrerfenster hinunter.
Eisige Luft füllte schlagartig den Kleinstwagen. Klaras Herz hämmerte gegen
ihren Brustkorb. Martin steckte sich zwei Finger in den Mund und pfiff
einmal laut. »Hey, Professor!«
Zu Klaras Entsetzen bewegte sich eine Gestalt auf einer der Matratzen.
Ein Mann schob eine Plastikplane von seinem Körper und mühte sich von
seinem Bettlager.
»Nun mach schon, Professor. Ich hab nicht ewig Zeit.«
Schlurfend kam der Obdachlose näher. Er lief gebückt, aber nicht wegen
des Schneeregens, der ihm ins Gesicht klatschte. Alles an ihm deutete darauf
hin, dass das Leben auf der Straße ihn gebrochen hatte.
»Wer ist das?«, flüsterte Klara. Auch auf diese Frage wollte sie im
Grunde keine Antwort.
Je näher der Alte kam, desto mitleiderregender wurde seine Gestalt.
Alles, was man aus der Ferne im Halbdunkel des Straßenlaternenlichts nur
schemenhaft hatte erkennen können, wirkte von Nahem so, dass Klara es nur
mit einem einzigen Wort ausdrücken konnte: krank.
Die stumpfgrauen Haare sahen aus wie bei einem Strahlenpatienten, sie
wirkten lose, als könnten sie alleine dadurch ausfallen, dass der Mann den
Kopf schüttelte. Seine Haut hatte die grüngräuliche Färbung einer
Wasserleiche und passte farblich zu dem Parka, den er wie einen
Regenponcho trug, die Arme nicht durch die lose herabhängenden Ärmel
gesteckt.
»Dr. Vernet?«, fragte der Mann höflich, als er nur noch zwei Schritte von
Klaras Beifahrerfenster entfernt war. Der Geruch, der seine Worte begleitete,
passte zu dem fauligen Gelb seiner Zähne, von denen nur noch im Oberkiefer
ein Großteil erhalten war. Im Unterkiefer blitzte ein verwaister Schneidezahn
auf.
»Hast du Lust, dir ein paar Euro zu verdienen?«, fragte Martin den
Obdachlosen, der so heftig nickte, als wäre er gefragt worden, ob er sein
restliches Leben in der Suite eines Luxushotels verbringen wollte.
Klara spürte wieder die Spitzhacke in ihren Eingeweiden, denn sie ahnte,
was kam, und tatsächlich sagte Martin zu dem nach Kot, Urin und Verwesung
stinkenden Mann: »Dann steig ein und setz dir das hier auf.«
Er warf die Santa-Claus-Mütze, die er Hendrik geklaut hatte, auf die
Rückbank.
»Meine Frau hat heute Nacht Lust auf perverse Rollenspiele.«
36
Jules

A uf keinen Fall den Kopf in den Nacken.


Das machten die meisten Menschen falsch, die wenig Erfahrung mit
starkem Nasenbluten hatten. Jules hatte in den letzten Monaten so oft unter
den Attacken gelitten, dass er das laut Dr. Google korrekte Verhalten längst
verinnerlicht hatte: aufrecht sitzen, den Kopf nach Möglichkeit sogar nach
vorne hängen lassen, wenn man nicht wollte, dass einem übel wurde oder
das Blut die Atemwege verstopfte.
»Wo bist du?«, fragte er, ein Bündel nasses Küchenkrepp im Nacken.
»Na dort, wo du mich hingescheucht hast«, sagte sein Vater, der ihn
angerufen hatte, kaum dass Jules zurück in der Küche war.
»In der Lobby von diesem Le Zen . Ziemlich schnieker Laden. Etwas zu
steril für meinen Geschmack, aber die Toiletten sind der Hammer. Ich musste
dringend kacken, das kann man ja nirgendwo besser als in einem
Fünfsternehotel. Versteh die Leute nicht, die sich bei McDonald’s auf die
Brille hocken, wenn nebenan …«
»Lass den Quatsch«, unterbrach Jules seinen Vater rüde. »Hör mir gut zu.
Du musst bei der Empfangsdame, vorausgesetzt, es gibt da eine, deinen
ganzen Charme spielen lassen und etwas für mich recherchieren.«
»Jules?«
Verwundert darüber, dass sein Vater ihn auf einmal mit dem Vornamen
ansprach und dann auch noch so zögerlich, nahm Jules sein Handy vom Ohr
und überprüfte die Signalstärke seiner Verbindung. Vier Balken, nahezu
perfekter Empfang.
»Kannst du mich hören?«
»Sehr gut sogar, genau das bereitet mir ja Kopfzerbrechen.«
Jules kniff die Augen zusammen. »Weshalb?«
Sein Vater klang nun aufrichtig besorgt. »Was ist da los bei dir, Junge?«
»Was soll schon los sein?« Jules sah durch die geöffnete Küchentür den
Flur hinunter. Er hatte die Tür zum Kinderzimmer angelehnt, damit er im
Falle des Falles hörte, wenn sich jemand anschlich.
»Bei mir ist alles okay«, sagte Jules und erntete ein ärgerliches
Zungenschnalzen seines Vaters.
»Du lügst noch immer so schlecht wie früher, Junge. Vor einer halben
Stunde warst du das blühende Leben. Jetzt klingst du wie Kermit mit
Schnupfen. Hast du wieder Nasenbluten?«
Wieder?
Jules war versucht, die Decke der Küche nach versteckten Kameras
abzusuchen. Woher konnte sein Vater davon wissen?
Er hatte ihn monatelang nicht getroffen, ohnehin sprach er nie mit ihm über
Persönliches.
»Ich bin nicht blöd«, erklärte sein Vater. »Erinnerst du dich? Als ich
damals den Schlüsseldienst für dich kommen lassen musste, weil der
Nachbar unter dir dachte, du hättest einen Rohrbruch.«
Jules nickte. Nur die Angst, den gerade eben erst versiegten Blutfluss
wieder in Gang zu bringen, hielt ihn davon ab, seinen Vater anzuschnauzen.
Jules hatte geahnt, dass sein alter Herr den falschen Alarm dazu genutzt
hatte, sich einmal intensiv in seiner Wohnung umzuschauen, jetzt, wo er schon
mal drin war. Immerhin war diese vor langer Zeit der Sitz der Familie
Tannberg gewesen, und auf dem Papier gehörte ihm noch immer ein Teil
davon.
Sein Vater erklärte freimütig: »Ich geb es zu, ich war neugierig. Wollte
wissen, wie du dich eingerichtet hast. Lädst mich ja nie ein. Einmal
Schnüffler, immer Schnüffler.«
»Du hast meine Sachen durchwühlt?«
Nach einer kleinen Pause, in der sich eine japanisch klingende
Entspannungsmusik ihren Weg durch die Leitung bahnte, die nur aus der
Lobby des Le Zen stammen konnte, gestand sein Vater: »Erst als ich die
blutigen Taschentücher im Müll sah, ja. Diese Medikamente im Badezimmer
…«
»Das geht dich nichts an …«
»Wie lange nimmst du das Zeug schon?«
Der Tränensack unter Jules’ linkem Auge begann zu zittern wie das Fell
einer Trommel, auf das in unregelmäßigen Abständen eingeschlagen wird.
»Welches Zeug?«
Hatte er die Hausapotheke durchgegoogelt?
»Komm schon. Deine Antidepressiva. Ich hab mich erkundigt. Diese
Serotonin-Aufnahmehemmer können heftige Blutungen hervorrufen. Das
musst du den Ärzten sagen, solltest du mal operiert werden müssen.«
Citalopram. 10 mg. Die Pillen waren kleiner als Stecknadelköpfe. Jules
hatte nicht glauben können, dass solch ein winziges Staubkorn irgendetwas
im Organismus bewirken konnte. Leider waren bei ihm die Nebenwirkungen
außergewöhnlich heftig und stärker als die beabsichtigten, positiven Effekte.
»Nimmst du diesen Psychomist seit Dajanas Tod?«
»Was an Das geht dich nichts an ist nicht zu verstehen?«
»Ich meine ja nur, vielleicht sind Depressionen nicht dein einziges
Problem.«
»Worauf willst du hinaus?«
»Na ja, du schickst mich mitten in der Nacht in ein Luxushotel, faselst
etwas von einer Klara, die vom Kalender-Killer bedroht wird, baust dabei
hörbar körperlich ab …«
Jules unterbrach ihn harsch: »Was heißt hier faseln? Du hast mein
Gespräch mit ihr doch mitgehört.«
»Hab ich nicht.«
»Wie bitte?«
Er kniff sinnloserweise die Augen zusammen, als könnte das helfen,
seinem Vater besser zu folgen.
»Du hast mich vorhin gefragt, ob ich etwas verstanden habe, und ich hab
›Nein‹ gesagt. Da war nur minutenlanges Rauschen und Knistern in der
Leitung, hin und wieder Gemurmel, aber das Einzige, was ich gehört habe,
warst du, Junge. Und das hat mir gar nicht gefallen.«
»Du redest Blödsinn!«
Was wollte ihm sein Vater gerade weismachen? Etwa, dass er sich die
Unterhaltung mit Klara nur einbildete?
»Moment, Moment.« Jules fiel etwas ein. »Du hast mir doch selbst gesagt,
man würde sich an Klara in der Klinik erinnern?«
»An eine Tante, die dort durchgedreht ist, ja.« Sein Vater hustete verlegen.
Leise, als wäre es ihm selbst peinlich, seinem Sohn eine psychische
Wahrnehmungsstörung zu unterstellen, sagte er: »Aber das kann Dajana dir
damals erzählt haben, sollte sie mit dieser Person zur selben Zeit im Berger
Hof gewesen sein. Außerdem konnte man mir ihren Namen in der Klinik
nicht bestätigen.«
»Das ist doch absurd …«
»Junge, absurd finde ich eigentlich nur unsere Unterhaltung. Nichts von
dem, was ich für dich überprüfen sollte, konnte ich bestätigen. Bitte, wir
können offen reden. Seitdem du diese Psychopharmaka nimmst, leidest du da
noch an anderen Symptomen außer Nasenbluten?«
»Nein.«
»Wie ist es mit verstörenden Sinneswahrnehmungen?«
Du meinst so etwas wie Angst vor einem klimpernden Schlüsselbund?
Fehlende Messer in der Küche und tropfende Wasserhähne?
»Ich hab keine Halluzinationen«, fauchte Jules, dabei fiel sein Blick auf
die Plastikflasche auf dem Küchenblock. Er fuhr sich mit der Hand an die
Kehle, die sich anfühlte, als würde sich eine unsichtbare Drahtschlinge um
sie zuziehen.
Was zum Teufel …?
Er hob die Flasche an, in der sich nur noch wenige Schlucke befanden,
und hielt sie schräg ins Licht.
Waren das etwa …?
Er kippte die Flasche behutsam, sodass die gelbe Flüssigkeit des
Orangensafts langsam nach oben in den Flaschenhals zurücklief. Hatte er bis
eben noch nach einer harmlosen Erklärung gesucht, so gab es jetzt keinen
Zweifel mehr.
Das, was er im Saft hatte schwimmen sehen, waren keine
Fruchtfleischklumpen. Sondern Tabletten!
Weiße, flache Pillen, an der Oberfläche schon aufgelöst, aber unschwer
als Medikamente zu erkennen.
Wie kommen die da rein?
»… dieser Klara sprechen«, sagte sein Vater. Jules war so abgelenkt
gewesen, dass er ihn bitten musste, den Anfang des Satzes noch einmal zu
wiederholen.
»Ich sagte: Dann lass mich selbst mit Klara sprechen. Ich will mir
persönlich ein Bild machen. Schalte mich zu eurem Gespräch dazu.«
Jules schluckte schwer, den Blick auf das Headset auf dem
Waschbeckenrand gerichtet.
»Das kann ich nicht«, gestand er seinem Vater.
»Dann schalt wenigstens noch mal auf laut.«
Jules hielt die Augen für einen zweisekündigen Wimpernschlag
geschlossen. Er wusste, wie es sich für seinen Vater anhörte, wenn er ihm
sagte: »Ich hab sie verloren. Sie hat aufgelegt.«
»Hm.« Hans-Christian klang, als hätte er sämtlichen Argwohn mit dieser
einzigen Silbe verbraucht.
Jules merkte, wie er an sich selbst zu zweifeln begann. Wie der Boden
unter seinen Füßen, das Fundament, auf dem er all seine Gewissheiten baute,
zu bröckeln anfing. Und während die Angst vor dem freien Fall in eine
grauenhafte Selbsterkenntnis immer größer wurde, formte sich in ihm ein
Gedanke, an dem er sich in letzter Sekunde festhielt: »Der Fahrstuhl!«
»Was ist mit ihm?«
»Dort, wo du bist, im Le Zen . Siehst du dort einen vierten Aufzug? Etwas
versteckt neben den anderen dreien in der Lobby. Er wirkt auf den ersten
Blick wie eine mit Seidenpapier bespannte Tür zu einer Kammer.«
Sein Vater verneinte erst, schien dann einige Schritte durch die Lobby zu
gehen, bis er auf einmal aufgeregt sagte: »Tatsache, Junge. Ja, da ist noch ein
Lift.«
Also war nicht alles Einbildung!
Gott sei Dank!
Jules atmete erleichtert aus. »Benutz ihn. Fahr in den zwanzigsten Stock.«
37
Klara

I n seinem Weltbestseller »Das Café am Rande der Welt« stellt John


Strelecky die alles entscheidende Frage, die vor ihm schon Milliarden
philosophisch interessierten Menschen den Schlaf raubte: »Wieso bist du
hier?«
Eingepfercht auf kleinstem Raum in einem gestohlenen Hyundai, entführt
von ihrem sadistischen Ehemann, begleitet von einem dem Geruch nach
bereits sterbenden Obdachlosen auf dem Rücksitz, wollte Klara hier auf dem
Parkplatz unter den S-Bahn-Bogen am Savignyplatz keine Antwort mehr auf
die Frage nach dem Grund ihrer Existenz einfallen.
Wenn Gott kein Psychopath war, der sich eine bizarre Gewaltorgie
namens Universum als Realityshow geschaffen hatte, um sie zur Entspannung
und zu seinem perversen Vergnügen von der Ferne aus zu beobachten, hatte er
sie alle hier schon lange aufgegeben, dessen war sie sich sicher.
Höchstwahrscheinlich gab es Gott gar nicht. Kein gütiges, allmächtiges
Wesen konnte es billigen, dass Martin sich zu dem Penner auf der Rückbank
drehte und ihm eine silberne Kneifzange reichte, die er aus welchem Grund
auch immer in der Innentasche seines Jacketts bei sich führte.
»Was soll ich damit?«, fragte der Obdachlose. Er klang verschämt, nicht
nur, weil Martin ihn gezwungen hatte, sich Hendriks lächerliche
Weihnachtsmann-Mütze aufzusetzen. Die ganze Situation war ihm peinlich,
wie Klara an den unsicheren Blicken sehen konnte, die er ihr aus traurigen
Augen von seinem Platz in der Mitte der Rückbank aus zuwarf. Die arme
Seele traute sich nicht, sie länger anzusehen, und vermied es auch, ihren
fixierten Arm anzustarren. Vermutlich wäre er am liebsten wieder
ausgestiegen, um dieser unangenehmen Situation zu entkommen, aber die
Wärme des Wagens und die Aussicht auf Bargeld waren einfach zu
verlockend.
»Ich möchte etwas von dir kaufen, Professor.« Martin wandte sich zu
Klara. »Er hat Informatik an der TU unterrichtet, ich hab ihm vor Jahren
seine Füllungen gebohrt. Das war natürlich, bevor seine Frau ihn verließ, mit
der Scheidung Haus und Hof an sich riss und ihm genug Zeit ließ, sich mit
Lidl-Wein um Job und Verstand zu saufen.«
Er wandte sich wieder an den Obdachlosen: »Ich gebe dir zweihundert
Euro.«
»Aber wofür? Ich hab doch nichts zu verkaufen.«
Martin nickte wissend. »Streng genommen hast du recht. Eigentlich will
ich nur etwas zurück, was ich dir vor langer Zeit gegeben habe.«
Der Professor wischte sich mit einer fahrigen Bewegung des Unterarms
etwas Regenwasser von den buschigen Augenbrauen. »Sie haben mir etwas
gegeben?«
»Ich will den Eins Vier von dir.«
»Wie bitte?«
Er fragte nicht »Hä?« oder »Was?« – trotz des Lebens auf der Straße, das
aus ihm einen lebenden Toten geformt hatte, blieb der Obdachlose noch
immer höflich, selbst jetzt, als Martins Aggression so spürbar war wie das
Rumoren eines Vulkans kurz vor dem Ausbruch.
»Na, den Eins Vier, du Trottel.«
»Entschuldigen Sie vielmals. Ich verstehe Sie leider nicht.«
Martin stöhnte auf und deutete auf den Mund des Mannes, der von einem
Bart umrandet war, vermutlich das Habitat verschiedenster
Kleinstlebewesen.
»Muss zehn Jahre her sein, ich hab dir eine Keramikfüllung im ersten
Backenzahn verpasst. Rechter Oberkiefer.«
Entsetzt starrte Klara auf die Kneifzange, die in den schmutzverkrusteten
Händen des Obdachlosen zu zittern begann.
»Bitte, ich …«
»Quatsch mich nicht voll. Mit jedem Wort verpestest du die Luft hier im
Wagen, also beeil dich.«
Nun sah der Professor doch zu Klara. Sein flehender Blick ließ ihr vor
Wut auf Martin die Tränen in die Augen schießen.
»Lass ihn in Ruhe, du Scheißkerl«, fauchte sie ihren Mann an. Einen
Moment später knallte ihr Kopf gegen die Fensterscheibe. Diesmal hatte sie
Martins schnelle Faust nicht einmal kommen sehen. Frisches Blut lief ihr
über die Lippen, dennoch sagte sie zu dem Alten: »Sie müssen das nicht tun.
Steigen Sie aus.«
Martin lachte. »Nein, von ›müssen‹ ist hier nicht die Rede. Wohl aber von
zweihundert Euro!«
Ihr Mann musste etwas zur Seite rutschen, um an die Geldklammer in
seiner Hosentasche zu kommen. Genüsslich zählte Martin vier
Fünfzigeuroscheine ab und hielt sie dem Obdachlosen vor die Nase.
»Das hier für deinen Backenzahn. Was ist? Haben wir einen Deal?«
Nun war es Klara, die den Obdachlosen mit flehendem Blick ansah, als er
tatsächlich die Zange in Richtung Mund führte.
»Nein, tun Sie das nicht. Bitte.«
»Zweihundert Euro halten mich mehrere Wochen am Leben«, sagte der
Professor, der anders als Klara offenbar noch einen Sinn in seinem
kläglichen Dasein sah.
»Ganz genau. Das ist ein guter Deal. Du hast ohnehin nur noch wenige
Zähne in deinem versifften Kiefer. Die stören eigentlich nur beim Saufen,
oder?«
»Martin, bitte. Lass es an mir aus. Er hat dir nichts getan …«
Ihr Mann biss die Zähne zusammen und zischte: »Oh, sind wir jetzt
wieder im ›Klara rettet die Welt‹-Modus? Du verstehst es nicht. Der Penner
hier muss mir dankbar sein. Niemand sonst macht ihm so ein gutes Angebot.
Ich meine, in seinen verfaulten Zähnen steckt ja nicht einmal eine
Goldfüllung.«
Entsetzt vergaß Klara, sich abzuwenden.
»Du musst drehen, nicht ziehen«, sagte Martin hörbar erregt, als er sah,
wie der Professor seinem sadistischen Befehl Folge leistete und die Zange
ansetzte.
Kaum etwas geilte ihn mehr auf, als Macht über andere zu haben.
Klara schloss die Augen und glaubte zu hören, wie es knackte und
knirschte, so laut wie damals, als sie mit sechzehn beim Zahnarzt gewesen
war und ihr Weisheitszahn beim Ziehen in zwei Teile brach. Doch alles, was
außerhalb ihrer Einbildung in Echtzeit an ihr Ohr drang, war das
schmerzerfüllte Wimmern des Obdachlosen, gefolgt von einem spitzen
Schrei, der von Martins Applaus abgelöst wurde.
»Na bitte, war doch gar nicht so schwer.«
Klara öffnete die Augen und sah, wie Martin dem Mann die Zange aus der
Hand nahm und den blutigen Backenzahn im Licht des aufgeklappten
Schminkspiegels betrachtete.
»Es tut weh«, murmelte der Professor, dem milchig braunes Blut in den
Bart suppte.
Martin, der das Interesse an dem Extrakt schon verloren hatte, schmiss es
mitsamt der Zange in das Seitenfach der Fahrertür.
»Ich würde dann gerne gehen«, sagte der Professor.
Klara konnte und wollte nicht zu dem Häufchen Elend sehen, das nun wie
mit einer heißen Kartoffel im Mund sprach. Ekel stieg in ihr auf. Nicht vor
dem gedemütigten und gequälten Mann, sondern vor Martin. Sie hätte nicht
für möglich gehalten, dass ihre negativen Empfindungen ihm gegenüber noch
steigerbar waren, aber sie sollte schnell eines Besseren belehrt werden, als
ihr Mann die zweihundert Euro vor der Hand des Obdachlosen zurückzog
und mit den Scheinen Richtung Klara wedelte.
»Erst musst du sie küssen.«
Du elender Dreckskerl!
»Das war nicht abgemacht«, murmelte der Professor niedergeschlagen,
während Klara außer sich vor Wut erneut an ihrer Handfessel zerrte.
»Aber natürlich war es das«, widersprach Martin. »Als du eingestiegen
bist, hab ich gesagt: ›Meine Frau steht heute auf perverse Rollenspiele‹,
das hab ich doch, oder?«
Er sah abwechselnd zu Klara und dem Professor.
»Bitte, ich kann das nicht, ich …«
»Du wirst es doch wohl hinbekommen, deine Zunge in das
Schlampenmaul meiner Ehehure zu stecken. Das ist sie nämlich. Eine Hure,
schau sie dir an. Vor einer halben Stunde habe ich sie dabei erwischt, wie sie
sich zu abgedrehten Sexspielchen mit ihrem Lover im Auto festbinden ließ,
kannst du das glauben?«
»So war es nicht, du abartiger Idiot!«, schrie Klara. Dennoch drehte sie
sich auf ihrem Sitz zur Rückbank. Der Obdachlose verdiente in ihren Augen
sehr viel mehr Respekt und Achtung als ihr Ehemann. Sie packte den
Professor am Kragen seines verfilzten Mantels und zog das Fliegengewicht
näher zu sich.
»Bitte, Sie müssen das nicht.«
Die Rollen waren nun vertauscht. Jetzt war es der Professor, der sie
davon abzuhalten versuchte, etwas gegen ihren Willen zu tun.
Klara sah in sein tieftrauriges Gesicht, das vor langer Zeit einmal
vermutlich nicht schön, aber dank der großen, dunklen Augen sicher
intelligent und gütig gewesen war.
»Er wird Ihnen sonst das Geld nicht geben.« Sie deutete mit der freien
Hand auf seinen blutenden Mund. »Und dann war alles umsonst.«
»Ganz genau. Meine Frau ist zwar eine Schlampe, aber eine kluge
Schlampe. Kein Kuss, kein Geld.«
Der Atem des Obdachlosen ging schwer und roch nach Schimmel. Klara
öffnete den Mund.
Sie dachte an die Männer, die sie im Le Zen gequält hatten, an das Video,
das Martin davon ins Netz gestellt hatte. An alles andere, was er mit ihr
»ausprobiert« hatte, an »Spielzeug«, das selbst in Baumärkten schwer zu
bekommen war; und der Gedanke daran, dass sie schon sehr viel
ekelerregenderen Menschen ausgesetzt gewesen war als einem psychisch und
körperlich gebrochenen Akademiker, half ihr dabei, es zu tun.
Half ihr, die Augen zu schließen und den Mund zu öffnen. Half ihr, den
Brechreiz zu unterdrücken, das aufsteigende Mittagessen wieder
herunterzuschlucken und die Lippen gegen etwas zu pressen, das nach Eiter,
Blut und Alkohol stank und sich wie ein schimmliger Putzlappen anfühlte.
Half ihr, das Gefühl, das der verfilzte, schimmlige Bart in ihr auslöste, zu
ignorieren, ebenso wie die Vorstellung von Maden, die sich im Zahnfleisch
des zahnlosen Unterkiefers kringelten, während sie die Zunge des Professors
mit der eigenen berührte.
Der Schmerz, den sie kurz darauf spürte, war für sie wie eine Erlösung.
»Du bist so eine widerliche Drecksau!«, brüllte Martin lachend, der sie
an den Haaren von dem Obdachlosen zurückgerissen hatte. »Du fickst echt
alles, was einen Schwanz hat, oder?«
Er spuckte ihr ins Gesicht.
»So, und nun hau ab!«, herrschte Martin den Obdachlosen an.
»Ja, aber mein Geld …« Der Professor streckte bettelnd die Hand vor.
Martin spuckte auch auf die.
»Verpiss dich, hab ich gesagt!«
»Bitte, ich hab alles getan, was Sie wollten, Dr. Vernet.«
»Dann setz das mal fort und schwing dich aus dem Wagen.«
»Bitte, ich …«
Klara schossen die Tränen in die Augen. Tropften ihr über die Wange und
vermischten sich mit der Spucke an ihrem Kinn. Sie hätte es wissen müssen.
Martin hatte seine Befriedigung nicht darin gefunden, einen am Leben
Verzweifelten dazu zu bringen, sich selbst einen Zahn aus dem Kiefer zu
brechen. Ihm ging auch keiner ab, weil er sie zum Kuss mit einem nach Pisse
und Fäulnis riechenden Penner gezwungen hatte. Sein wahres Vergnügen
bestand darin, nach der Demütigung auch noch das letzte Fünkchen Hoffnung
in den von ihm gequälten Individuen abzutöten.
»Hau ab, sonst ruf ich die Polizei und sag, du wolltest mich beklauen.«
Er beugte sich nach hinten und drückte die Seitentür auf.
»HAU AB !«, schrie er dem Professor direkt ins Ohr, der sich resigniert
in sein Schicksal fügte.
Das Geschrei trieb die arme Seele zurück zu den anderen Gestrandeten.
Raus in die Kälte zu seinem feuchten Matratzenlager. Klara sah ihm nach,
wie er trotz seiner Schmach sogar noch die Wagentür schloss. Wie er auf
dem Bürgersteig nach der Plane griff, um sich mit ihr als Decke wieder für
die Nacht zu betten, in der ihm nicht nur ein Zahn, sondern vielleicht der
letzte Rest an menschlicher Würde genommen worden war.
»Du bist der Teufel«, sagte sie zu Martin, der den Motor des Wagens
startete und ihn unter den S-Bahn-Brücken wendete.
Yannick hatte recht. Ich hätte nicht mein Leben, sondern deines beenden
sollen.
»Och, hast du etwa Mitleid? Spar dir das. Dir wird auch keiner helfen.«
Er setzte den Blinker, um hinter der Ampel auf die Kantstraße Richtung
Zoo zu fahren.
»Wohin willst du mit mir?«, fragte sie.
»Hört mir denn heute gar keiner zu? Auch das hab ich dir längst gesagt:
Ich bring dich in den Stall.«
38
Jules

B itte warten! Polizeinotruf Berlin. Zurzeit sind alle Notrufleitungen


belegt. Bitte, legen Sie nicht auf. Please hold the line. Police Emergency
Call Department. At the moment …«
Jules trommelte gereizt mit den Fingern auf die Arbeitsplatte der
Kücheninsel und überlegte, ob er auflegen sollte. Um diese Zeit konnte es
lange dauern, bis er jemanden auf der 110 in der Leitung hatte.
In der Nacht auf Sonntag herrschte Hochbetrieb, wenn die Gemüter der
Hauptstadt vom Wochenendbesäufnis aufgepeitscht waren, Vandalen im
Schutz der Dunkelheit durch die Straßen zogen und Übergriffe aller Art
während der chronisch unterbesetzten Schichten zur Anzeige gebracht
wurden. Heute kamen wetterbedingt gewiss noch zahlreiche Autounfälle zu
den Touri-Exzessen hinzu. Allein für die Vorkommnisse rund um den
Alexanderplatz und der Warschauer Brücke hätte man vermutlich eine eigene
Rufnummer schalten können. Jules war daher schon glücklich, dass er
überhaupt durchgekommen war, denn wenn mehr als vierunddreißig Anrufer
gleichzeitig die 110 wählten, ging das System in die Knie.
Ziel der Polizei war es, alle Anrufer in weniger als zwölf Sekunden zu
bedienen. Im letzten Jahr hatte das nur zu fünfundsiebzig Prozent geklappt,
und auch jetzt dauerte es dreißig Sekunden länger, bis die männliche
Bandansage von der Stimme einer kindlich klingenden Beamtin unterbrochen
wurde. »Der Notruf der Berliner Polizei, guten Morgen!«
Jules drückte den Rücken durch und setzte sich aufrechter, um etwas
Körperspannung zu bekommen, womit er hoffte, seiner müden Stimme mehr
Nachdruck zu verleihen.
»Jules Tannberg am Apparat aus 14057 Charlottenburg. Es geht um einen
Einbrecher am Lietzenseeufer 9A, drittes OG .«
Er hörte Tastaturklackern, untermalt von dem Stimmengemurmel der
Beamten an den Nachbarplätzen. Der typische Soundtrack einer
Einsatzzentrale.
»Befindet sich der Täter noch in der Wohnung?«
Jules wusste aus Erfahrung, dass er es jetzt in der Hand hatte. Je nachdem,
wie er den Notfall beschrieb, würde die junge Frau den Einsatz priorisieren.
Würde er zum Beispiel das Wort »Schusswaffe« fallen lassen, käme sofort
ein Einsatzkommando ins Haus. Wenn er bei der Wahrheit blieb, müsste er
sich auf eine Wartezeit von mehreren Stunden einrichten, bis eine Streife
vorbeisah. Dennoch entschied er sich dazu, den Sachverhalt fürs Erste so
ehrlich wie möglich zu schildern: »Ich habe das ungute Gefühl, dass sich bei
uns in der Wohnung ein Fremder aufhält. Gesehen habe ich ihn noch nicht,
aber die Anzeichen, dass meine Tochter und ich in Gefahr sind, mehren
sich.«
»Was für Anzeichen?«
Die Eiswürfelmaschine des Kühlschranks knackte, was zu dem
unvermindert anhaltenden Schneetreiben vor den Küchenfenstern passte.
Jules versuchte, einzelne Flocken zu fixieren, bevor sie, angeleuchtet vom
Licht der Straßenlaterne vor dem Haus, auf dem Glas zerplatzten und die
Scheibe in einen Zerrspiegel verwandelten.
»Ich habe den Eindruck, dass sich jemand an der Tür zu schaffen gemacht
hat. Außerdem fehlen Gegenstände in der Küche. Ich glaube, jemand hat das
Waschbecken im Bad benutzt und …« Jules sprach den Satz nicht zu Ende, da
er befürchtete, sonst von der Beamtin in die »Mein Nachbar leitet Giftgas
ein«-Spinner-Kategorie abgelegt zu werden. Eigentlich hatte er sagen
wollen: »… und in meinem Orangensaft schwimmen auf einmal
irgendwelche Pillen. Vielleicht sind die der Grund für mein Nasenbluten?«
»Sie wohnen mit Ihrer Tochter am Lietzenseeufer 9A?«, wiederholte die
Beamtin.
»Ja.«
»Wie alt ist sie?«
»Sieben.«
»Könnte Ihre Tochter der Grund für die fehlenden Gegenstände sein?«,
fragte die Polizistin.
Weil sie eine Schlafwandlerin mit einem Faible für Küchenmesser ist?
Jules wandte sich von den Fenstern ab und sah durch die geöffnete
Küchentür den Gang hinunter, so, wie er es alle drei Minuten machte. Von
seinem Platz am Küchenblock aus hatte er die perfekte Sicht. Wenn es eine
Gefahr geben sollte, die sich in der Wohnung versteckt hielt, würde sie sich
nicht unbemerkt ins Kinderzimmer schleichen können. Die angelehnte Tür
hatte sich keinen Millimeter weit bewegt.
»Nein, sie schläft tief und fest.«
Sie hat leider etwas Fieber, sie bekommt heute ohnehin nur wenig mit.
Die Polizistin hörte kurz auf zu tippen. »Aber ich verstehe Sie richtig: Sie
haben den potenziellen Eindringling weder gesehen noch gehört?«
Bis auf das Klimpern des Schlüsselbunds …
Unbewusst tastete Jules in seiner Hosentasche danach und sagte: »Hören
Sie, ich weiß, dass Ihnen das jetzt nicht wie ein Notfall erscheint. Ich war
lange Zeit auf der anderen Seite der Leitung und hab die 112 in Spandau
bedient.«
»Ach ja?« Die Beamtin klang skeptisch.
»Ja. Und deshalb ist mir klar, dass Sie jetzt nicht meinetwegen sofort eine
Einheit von einem akuten Einsatz abziehen werden, nur wäre es mir ganz
lieb, dass Sie mich schon mal auf T7 anlegen.«
»Verstehe«, sagte sie und klang nun fast überzeugt.
Tatsächlich hatte er ihr mit Nennung der Abkürzung zu verstehen gegeben,
dass er a) wirklich einmal ein Kollege gewesen war, der sich auskannte, und
b) als »Fall« im System angelegt werden wollte, damit er, sollte sich die
Lage hier dramatisch zuspitzen, bei einem zweiten Anruf dem Sachbearbeiter
nicht noch einmal den gesamten Sachverhalt und die Adresse diktieren
musste.
»Wird gemacht, Herr Tannberg. Noch eine Frage: Wie groß ist Ihre
Wohnung?«
In dieser Sekunde spürte er einen kalten Windhauch an den Wangen, und
die Kinderzimmertür schlug zu.
Oh mein Gott ...
Hätte er in diesem Moment wieder ein Glas in der Hand gehabt, er hätte
es erneut fallen lassen, diesmal vor Schreck.
Irgendwo musste sich ein Fenster oder eine Tür geöffnet haben, was den
Durchzug verursachte.
»Knapp hundertvierzig Quadratmeter Altbau«, antwortete Jules und stand
von seinem Hocker auf. »Sechs Zimmer.«
»Und die haben Sie schon alle abgesucht?«
»Ja«, gab er ihr als Halbwahrheit zur Antwort.
Unmittelbar vor dem Telefonat hatte er jede einzelne Tür geöffnet, aber er
hatte nicht in jeden Schrank und hinter jedes Sofa geschaut. Etwas, was er
jetzt wohl tun musste. Sobald er herausgefunden hatte, weshalb die Tür zum
Kinderzimmer zugeschlagen war.
Noch immer auf Socken lief er mit dem Handy in der Hand den Flur
hinunter.
»Was wurde denn entwendet?«
»Ein Küchenmesser.«
»Hat es einen besonderen Wert?«
»Es ist von Ikea.«
»Verstehe«, sagte die Polizistin erneut und strapazierte diese Floskel
damit ein wenig. »Gibt es denn eine akute Bedrohungslage?«, wollte sie jetzt
wieder tastenklackernd wissen. »Ich meine, haben Sie Streit oder Ärger oder
sonst einen begründeten Verdacht, weshalb sich jemand unbefugterweise in
Ihrer Wohnung aufhalten könnte?«
Jules stand vor dem Kinderzimmer und drückte sanft die Klinke. Dabei
überlegte er, wie die Beamtin wohl reagieren würde, wenn er ihr Folgendes
sagte: »Nun, wie soll ich es am besten formulieren? Eine Frau, die sich
gerade umbringen will, bevor der Kalender-Killer es tut, hat mir prophezeit,
Deutschlands meistgesuchter Mörder würde auch bei mir vorbeischauen, um
mich zu töten.«
Wenn es einen Satz gab, der seinen Einsatz ans Ende der Warteliste
katapultierte, dann war es wohl dieser, also antwortete Jules: »Nein, ich
werde nicht bedroht, und ich wüsste auch nicht, wer mir einen Streich
spielen könnte.«
Er öffnete die Tür und rechnete damit, dass er den Verstand verlieren
würde, wenn er gleich das geöffnete Fenster sah. Und den Stuhl davor. Und
den Vorhang, der ihm im schneedurchsetzten, jaulenden Wind entgegenwehte,
als rufe er ihm winkend zu: »Komm näher. Sieh dir an, wie Fabienne
gesprungen ist.«
Aber als er in das Kinderzimmer trat, lag das Mädchen so da wie zuvor.
Tief atmend und noch tiefer schlafend. Der Türknall hatte sie nicht geweckt,
das Fenster war verschlossen.
Was hatte dann den Luftzug hervorgerufen?
»Sie haben also keine Feinde?«
»Das macht es ja so unheimlich«, antwortete Jules flüsternd, während er
das Fenster im Kinderzimmer kontrollierte. »Glauben Sie mir,
normalerweise bin ich nicht so der ängstliche Typ.«
Wie, um sich selbst Lügen zu strafen, zuckte er zusammen, als er
unvermittelt die Melodie hörte.
Hinter sich. Melancholische, tieftraurige Mollakkorde. So schnell, wie
sie erklungen waren, so rasch waren sie auch schon wieder verstummt.
Was zum …?
»Dann gibt es leider kaum etwas, was ich unternehmen kann, außer Ihre
Daten zu speichern«, sagte die Beamtin, doch er hörte sie nur noch wie aus
weiter Entfernung, weil er sich mit all seinen Sinnen darauf konzentrierte, ob
das wirklich Chopin war, was er gerade gehört hatte.
»Rufen Sie bitte an, wenn Sie noch mehr Grund zur Beunruhigung haben.«
»Hm.«
Jules war überfordert. Der Höflichkeit wäre es geschuldet gewesen, sich
wenigstens zu bedanken, bevor er auflegte, doch zum einen war er damit
beschäftigt, sich zu fragen, ob die klassische Klaviermusik tatsächlich aus
dem Flur gekommen war. Zum anderen klopfte sein Vater gerade in der
Leitung an.
Ohne sich zu verabschieden, drückte er den Notruf weg, zog die
Kinderzimmertür hinter sich zu und nahm im Flur den eingehenden Anruf
seines Vaters an.
»Was hast du herausgefunden?«
»Ruf mich nie wieder an, Junge.«
Jules fröstelte, aber nicht wegen des Luftzugs, der war ebenso
verschwunden wie die Musik. Sein Vater klang so wie früher, kurz bevor zu
Hause die Gewalt ausbrach: hasserfüllt und aggressiv. Und das, obwohl er
flüsterte. Jules verstand ihn kaum. Dass bei ihm im Hintergrund ein Hund
jaulte, machte die Unterhaltung noch bizarrer.
»Was ist los?«, wollte Jules wissen. »Hast du sie noch alle?«
Sein Vater hustete und flüsterte nun noch druckvoller: »Ich lösch deine
Nummer. Mit dir will ich nie wieder etwas zu tun haben.«
39
D er Tinnitus in Jules’ Ohr wurde von dem Zischen und Rauschen
überlagert, das die Leitung flutete, wann immer sein Vater eine Pause machte.
Das Hundejaulen hatte ausgesetzt, kurz nachdem Jules eine schwere Tür mit
einem dumpfen Nachhall hatte ins Schloss fallen hören.
»Hast du wieder getrunken?«
»Nein, aber es ist das Erste, was ich mache, wenn ich zu Hause bin.« Er
sprach jetzt lauter, wenn auch noch mit unterdrückter Stimme.
»Sag mir, was los ist. Warst du im zwanzigsten Stock?«
»Ich war noch nicht einmal im Fahrstuhl.«
»Sondern?«
»Der ist nur für Mitglieder, hat mir Cindy gesagt.«
»Cindy?«
»Die Tante am Empfang, ist doch jetzt scheißegal. Sie hatte gerade
Schichtende, und ich hab sie beim Rausgehen im Le Zen abgefangen, als sie
zur U-Bahn wollte.«
Jules hörte die Ledersohlen seines Vaters knirschen. Dem Hall nach
bewegte er sich in einem sehr hohen Raum mit harten Bodenfliesen.
»Cindy sagte, im Zwanzigsten wär eine Art Club, und ich bräuchte eine
Einladung von irgendeiner Lousanne, oder so.«
»Richtig«, sagte Jules. »Von ihr hat Klara mir auch erzählt.«
»Ach ja? Hat sie auch erwähnt, was da oben so abgeht?«
Wieder hörte Jules ein Knirschen, doch diesmal rührte es nicht von
Schuhsohlen. Es klang eher wie eine auf einem Betonboden schabende
Türkante. Dann hörte er erneut den Hund jaulen.
Oder waren es mehrere?
»Allerdings weiß ich, was da abgeht! «, antwortete er seinem Vater.
»Sadisten-Partys. Jeden letzten Samstag im Monat. Klara wurde dort
schwerst misshandelt. Deshalb will sie ja vor ihrem Mann fliehen.«
In den Tod!
»Schwachsinn«, fauchte sein Vater und sprach wieder leiser. Jules wusste
genau, wie er jetzt aussah. Den Unterkiefer trotzig vorgeschoben, mit einer
Hand fahrig herumfuchtelnd, während eine Wutader an seiner Stirn pochte.
»Sie tischt dir nichts als Lügen auf.«
»Le Zen , Fahrstuhl, zwanzigster Stock, Lousanne, Violence Play«,
wiederholte Jules die Fakten, die er aus Klaras Schilderungen kannte.
»Okay, in diesen Punkten spricht sie vielleicht die Wahrheit.«
»Und in welchen nicht?«
»Tu nicht so.«
Jules blieb am Kopfende des Flurs vor einer kleinen Kommode stehen,
über der ein Spiegel mit goldenem Sonnenstrahlrahmen hing.
»Ich schwöre dir, ich habe keine Ahnung, wovon du redest. Verdammt, ich
weiß noch nicht einmal, wo du bist!«
»Im Treppenhaus vom Parkhaus des Grauens.«
»Du bist mit dem Auto unterwegs?«
Im Dämmerschein des schwachen Nachtlichts konnte Jules im Spiegel
erkennen, dass seine Nase noch immer blutverkrustet war. Doch bevor er
sich im Bad säuberte, wollte er der Reihe nach alle Zimmer des Altbaus
absuchen. Auch wenn er nicht wusste, wie und weshalb sich hier jemand
hereingeschlichen haben sollte, begann er mit dem Raum in der Wohnung, den
er vorhin ausgelassen hatte: einer winzigen Abstellkammer zu seiner
Rechten.
»Nein, ich bin mit dem Taxi hier rausgefahren. Aber Junge, du schuldest
mir weitaus mehr als die fünfundzwanzig Euro dafür. Dank dir und deiner
Psychofreundin muss ich nun selbst zum Gehirnklempner. Ich krieg diese
Bilder nie wieder von meiner Festplatte. Ich fürchte, die haben sich schon
auf meiner Netzhaut eingebrannt.«
Während Jules die Türklinke der Kammer herunterdrückte, schabte bei
seinem Vater erneut eine Türkante über den Boden. Und wieder hörte Jules
kurz darauf das Jaulen in der Leitung, nur noch gequälter. Dazu meinte er
erstmals menschliche Stimmen zu vernehmen. Gemurmel, Gelächter.
Und Gestöhne?
Vor seinem geistigen Auge sah er, wie sein Vater im Treppenhaus die
schwere Brandschutztür zu den Parkdecks aufzog und einer Gruppe von
Menschen dabei zusah, wie sie einen Hund quälten. Und zu Jules’ Entsetzen
klang das Jaulen auf einmal anders. So, wie kein tierisches Jaulen sich je
angehört hatte. Es klang menschlich.
»Was ist da los bei dir?«
Die Tür zur Abstellkammer klemmte.
»Cindy sagte, es gäbe ein Gerücht, dass das Samstagabend-Event im Le
Zen nur ein Kindergeburtstag wäre, verglichen mit der Aftershow-Party, die
einen Block weiter in einem stillgelegten Parkhaus abgehen soll. Junge, du
wusstest, was sie mit den Frauen hier machen, und hast mich trotzdem
hierhergeschickt!«
Du scheinheiliger Mistkerl, hätte Jules ihn am liebsten angeschrien,
Mamas Schreie haben dich damals auch aufgegeilt, und jetzt spielst du den
Sittenwächter, aber dann hätte sein Vater aufgelegt und seinen Kontakt im
Handy blockiert; wenn auch nur für ein, zwei Tage, aber heute Abend wäre
er ihm keine Hilfe mehr gewesen. Sosehr Jules ihn für das, was er getan
hatte, verachtete, so sehr brauchte er ihn heute Nacht.
»Wo zum Geier bist du?«
Er rüttelte heftiger an der Kammertür, aber es schien, als wäre sie
abgeschlossen.
Oder als würde sie jemand von innen zuhalten …?
Jules fiel auf, dass er im Falle des Falles nichts bei sich trug, was er zu
seiner Verteidigung hätte einsetzen können. In einer hilflosen Geste griff er
nach dem Schlüsselbund in seiner Hose, um es im Notfall als Schlagring zu
benutzen.
»Ich hab mich hinter einem Fahrzeug reingeschlichen, bevor das Rollgitter
wieder runterging. Das Parkhaus ist ein Abrissteil hinter dem Europa-Center,
ein Steinwurf vom Eingang des Aquariums entfernt. Laut Beschilderung soll
die Birne das Ding in zwei Monaten wegkloppen. Bis dahin ist nur noch das
siebente Deck in Betrieb.«
»Was geht da vor sich?«
»Tu nicht so scheinheilig.«
Jules ließ das unkommentiert, um den wieder sprudelnden Redefluss
seines Vaters nicht in eine andere Richtung zu lenken. Dabei hätte er ihm am
liebsten »Komm endlich zur Sache!« zugeschrien. Gleichzeitig überlegte er,
ob er es wagen konnte, die Tür mit Gewalt aufzureißen. Sie war aus Holz,
nicht sehr widerstandsfähig, aber das Krachen und Splittern, wenn er sie aus
den Angeln trat, würde das ganze Haus aufwecken.
»Hier stehen bestimmt sechs Autos, mit jeweils einer Frau darin. Oder,
besser gesagt, auf der Ladefläche des geöffneten Kofferraums. Und
mindestens ein halbes Dutzend Männer pro Auto, die drum herum stehen.«
Jules hielt inne und dachte nach. Ein Schwarm unterschiedlichster
Empfindungen und Gedanken wirbelte in seinem Kopf umher, so
unkontrolliert wie der Schnee da draußen vor den Fenstern.
»Okay, die Stadt ist voll von Perversen«, murmelte er.
»Das mag für dich nichts Neues sein«, zischte sein Vater. »Aber vielleicht
hab ich ja doch noch etwas von Cindy erfahren, was dich überrascht.«
»Was?«
»Lousannes bürgerlichen Namen. Den, der im Mietvertrag für den
zwanzigsten Stock steht.«
»Wie lautet der?«
»Dreimal darfst du raten.«
Jules schloss die Augen, die Finger noch immer um die Klinke
geschlossen, die heißer und heißer zu werden schien wie ein Brandeisen, das
sich in seine Hand gravieren wollte.
»Welcher Name?«
Er wollte die Antwort nicht hören, aber natürlich ersparte sein Vater sie
ihm nicht: »Klara Lousanne Vernet.«
40
Klara

D ie Fahrt von den S-Bahn-Bogen dauerte nicht einmal fünf Minuten. Länger
brauchte es nicht vom Fegefeuer bis zur Hölle hinter dem Breitscheidplatz.
»Kopf runter!«, befahl Martin. Er ließ ihr nicht die Zeit, seinem Befehl
Folge zu leisten, sondern drückte ihren Kopf nach vorne, sodass sie mit der
Stirn unsanft auf der Plastikverkleidung aufschlug. Die Handschelle, von der
Martin sie anscheinend heute Nacht nicht mehr befreien wollte, grub sich
wieder schmerzhaft ins Handgelenk.
Das gibt eine weitere Schürfwunde, dachte sie, den Kopf auf dem
Armaturenbrett. Hättest du den Mut gehabt und wärst vom Kletterfelsen
gesprungen, wären dir diese und all die Verletzungen, die heute noch
folgen werden, erspart geblieben.
Ob er sie auch zwingen würde, sich einen Zahn herauszubrechen?
Klara spürte, wie die Fliehkräfte an ihr zerrten, als Martin mit
halsbrecherischer Geschwindigkeit eine Art Serpentinenstrecke hochschoss.
Der Motor des Kleinwagens schrie wie der einer billigen Nähmaschine.
Klara wurde übel, als Martin abrupt auf die Bremse stieg.
Es knackte in ihren Ohren, so hart zog er sie an den Haaren wieder nach
oben. Mit tränengetrübtem Blick versuchte sie sich ein Bild von ihrer neuen
Lage zu machen.
»Wo sind wir hier?«
»Wonach sieht es denn aus?«
Nach einem Klischee.
Nach exakt dem Ort, an dem Frauen sich fürchteten, vergewaltigt zu
werden. Und genau deshalb hatte Martin ihn ausgesucht.
Ihr Wagen stand schräg auf der verwaisten Ebene eines oberirdisch
gelegenen Parkhauses, eingeklemmt zwischen zwei Betonpfeilern, die sich
gegen die niedrigen Decken stemmten.
Bis auf einen verstaubten, felgenlosen VW -Käfer fünf Haltebuchten
neben ihnen stand kein weiteres Auto auf einer Fläche von bestimmt vier
Tennisplätzen. Die meisten Parkmarkierungen waren vor Schmutz und
Taubendreck kaum noch erkennbar. Die grauen Betonwände waren
graffitibeschmiert, die Deckenbeleuchtung funktionierte nicht, vermutlich war
der Hauptstrom längst abgestellt. Dass man überhaupt etwas erkennen konnte,
war zwei Baustellenscheinwerfern zu verdanken. Einer stand rechts von ihr
in der Nähe der Notausgangstür, der andere zu ihrer Linken vor einer
gewaltigen graugrünen Planenwand, mit der Klara die Sicht zur Straße
genommen wurde. Passanten, die von unten hochsahen, mussten denken, dass
nächtliche Arbeiten am Werk waren. Nichts ahnend von dem wahren Grauen,
das sich hier abspielte.
»Die eigentliche Party steigt auf Deck sieben«, erklärte ihr Martin und
schnallte sich ab. »Aber wir haben einen eigenen Stall für uns.«
»Stall?«
»Was glaubst du, wohin läufige Stuten zur Disziplinierung gebracht
werden?«
In ein Abrissparkhaus?
»Normalerweise dürfen dich bis zu acht Männer gleichzeitig zähmen«,
erklärte er ihr sachlich, als erläutere er ihr die Regeln eines
Gesellschaftsspiels. »Und es ist auch ratsam, mit einem SUV oder Kombi zu
kommen, damit die Hengste eine größere Ladefläche zur Verfügung haben.
Aber wenn man improvisiert, darf man nicht wählerisch sein.« Martin
tätschelte das Lenkrad.
»Bitte«, versuchte Klara das Unmögliche und erniedrigte sich, indem sie
ihren Mann anflehte: »Lass mich gehen. Du darfst Amelie behalten, ich weiß,
du bist gut zu ihr. Ich mach dir doch nur Ärger. Ich verspreche dir, wenn du
mich jetzt gehen lässt, wirst du mich nie wieder in deinem Leben zu Gesicht
bekommen.«
»Du verstehst es nicht. Du hast mich nie verstanden.«
Er sah sie traurig an und schien den Irrsinn, den er von sich gab, wirklich
zu glauben. »Ich liebe dich. Selbst wenn du Fehler machst. Selbst wenn du
mir Roggentoast ans Bett bringst, obwohl du doch weißt, dass ich nur den mit
Weizen mag. Selbst wenn du das Besteck mit den Griffen nach oben in die
Spülmaschine einsortierst, obwohl ich dir bestimmt hundertmal erklärt habe,
dass es dann nicht so sauber wird. Selbst nachdem ich dich dafür bestraft
habe und mich selbst hasse, weil du mich mal wieder dazu getrieben hast.
Selbst dann liebe ich dich.«
»Kein Mann, der seine Frau liebt, tut ihr das hier an.«
»Falsch. Nur schwache Männer lassen es zu, dass ihre Frauen
verwahrlosen. Es ist wie mit Kindern. Sie brauchen Regeln. Es ist kein
Zeichen von Liebe, wenn man ihnen alles durchgehen lässt, ganz im
Gegenteil. Es ist Faulheit und Schwäche, wenn Eltern nicht auf Manieren
achten. Es ist im Grunde sogar ein Verbrechen, denn die Kinder solch
antiautoritärer Eltern werden später nicht lebensfähig sein und selbst zu
schlechten Eltern werden, die wiederum faule, lebensunfähige Kinder
produzieren.«
»Du bist nicht mein Vater.«
»Und doch bügele ich dessen Erziehungsfehler wieder aus.«
»Nein, Martin. Du bist krank. Ein von Minderwertigkeitskomplexen
zerfressenes, schwanzloses Arschloch, das anderen Männern erlaubt, die
eigene Frau zu schlagen. Du lässt sie demütigen, um ihre Flügel zu brechen.
Weil du es nicht ertragen könntest, wenn dir deine schöne, kluge und
selbstbewusste Frau davonfliegt. Du denkst, du hättest mich auf diese Weise
unter Kontrolle. Aber das ist nichts anderes als Selbstmord aus Angst vor
dem Tod.«
Paradoxerweise musste Klara grinsen, während sie ihrem Mann zum
ersten Mal in ihrer toxischen Ehe die ungeschminkte Wahrheit sagte.
Unbewusst zitierte sie dabei Worte, die sie gerade erst von Jules am
Begleittelefon gehört hatte.
»Danke«, sagte Martin und tätschelte ihr die Hand. »Danke, dass du es
mir jetzt noch leichter gemacht hast. Denn glaube mir, auch für mich ist das,
was jetzt kommt, kein Spaß. Ich werde auch nicht zusehen. Es würde mir das
Herz brechen. Doch wer weiß, vielleicht werten wir später einmal
gemeinsam die Videodokumentation aus.«
Klara sah sich um, konnte aber keine Kamera entdecken.
»Die kommt erst noch«, sagte Martin, der ihre Gedanken erahnte. »Die
Regeln im Stall sind ganz einfach. Der, der am meisten zahlt, hat die meisten
Rechte. Er bekommt eine GoPro, wenn er sich später noch einmal im
Nachgang alles ansehen will.«
»Acht Männer?«
»Auf Deck sieben. Ich hab bei Lousanne den Wildfang-Stall gebucht. Er
ist für die widerspenstigsten Stuten. Die, die mehr als nur eine Züchtigung
brauchen. Von einem einzigen Mann, der mit äußerster Härte vorgehen darf.«
Martin brauchte nicht weiterzureden. Klara konnte in seinen wütenden
Augen lesen, was er unausgesprochen ließ: »Hier werden die Frauen nicht
nur gebrochen. Hier werden sie zerstört.«
»Du bekommst Besuch vom Meistbietenden«, erklärte er ihr und schien
sich an der Angst in ihren Augen zu weiden.
Er versteigert mich. Dieses gestörte, geisteskranke Schwein hat mich
zur Auktion freigegeben.
Mit der Mitgliedschaft in Lousannes »Herrenclub« bekam man einen
Account bei einem ausländischen Geldtransfer-Service, mit dem man in
Echtzeit die »Clubbeiträge« überweisen konnte, so hatte Martin es ihr auf
dem Heimweg nach jener Nacht im Le Zen erklärt, als wäre das in ihrem
geschändeten Zustand eine für sie relevante Information gewesen. Das war
typisch für ihn. Sobald ihr Mann nicht mehr sexuell erregt war, fing er an,
seine Exzesse zu bereuen, und das machte ihn redeselig. Fast so, als würde
er denken, ein Missbrauch wäre weniger abscheulich, wenn in der
Gegenwart des Opfers ganz offen über alle Einzelheiten der Ausführung und
Umsetzung gesprochen wurde.
»Ich hoffe, die Sonderbehandlung wird dir eine Lehre sein«, sagte Martin
und stieg aus. Sichtlich erregt, wie Klara hören und sehen konnte.
»Du Dreckschwein«, brüllte sie ihm nach, ohne Furcht, es damit noch
schlimmer zu machen, denn sie wusste, schlimmer als das, was sie erwartete,
konnte es nicht mehr werden. Es stand ihr nun genau das bevor, weswegen
sie den Freitod geplant hatte.
»Du perverse, geisteskranke Sau!«, schrie sie noch lauter, aber Martin
war schon so weit weg, dass er sie nicht mehr hören konnte.
Sie schrie, strampelte, weinte, riss sich die Haut am Handgelenk weiter
auf, kugelte sich beinahe die Schulter aus, weil sie sich mit dem gesamten
Gewicht an den Haltegriff hängte, und änderte dennoch nichts an ihrer
ausweglosen Lage. Erschöpft und außer Atem von den nutzlosen
Anstrengungen ließ sie den Kopf hängen. Dachte an die unerreichbaren
Handschellenschlüssel neben ihrem Sitz, überlegte, ob es ihr gelingen
könnte, sie zu greifen, wenn sie sich die Schulter auskugelte, schüttelte den
Kopf, weil sie diese Schmerzen niemals aushalten würde. Und beim
Kopfschütteln, in dem Moment, in dem sie eine schwere Tür rechts von sich
ins Schloss fallen hörte, fiel ihr etwas auf.
Sie sah nach links. Zur Fahrerseite.
War das möglich?
Schritte näherten sich. Halb so schnell wie ihr Herzschlag, der immer
heftiger wurde.
Das gibt es doch nicht, … oder doch?
Klara biss sich auf die Unterlippe, um vor Aufregung nicht loszuschreien.
Wenn sie sich nicht irrte, hatte Martin eben einen entscheidenden Fehler
gemacht.
41
Jules

J ules krachte in dem Moment gegen die Wand, in dem sein Vater zu rennen
begann.
Er hatte so heftig an der Tür zur Abstellkammer gezerrt, dass sich die
Klinke gelöst hatte und er mitsamt herausgerissenem Türgriff zurücktaumelte.
Dabei stauchte er sich die Schulter, sodass ihm vor Schmerz das
Schlüsselbund entglitt, das er zum Schlagring in seiner Faust umfunktioniert
hatte. Das Handy hatte er nicht fallen lassen, dennoch stand die Verbindung
mit seinem Vater kurz vor dem Abriss. Rascheln, Knistern, Schaben.
Klatschende Schritte auf hartem Untergrund.
Aus den Geräuschen in der Leitung schloss er, dass Hans-Christian
Tannberg sich das Telefon in die Hosentasche gesteckt hatte und im
Treppenhaus des Parkhauses einen Spurt hinlegte.
»Vater?«
Er hörte nur »Scheiße«, gefolgt von anderen Flüchen, alle gedämpft und
von den Nebengeräuschen überlagert, die die am Körper reibenden Textilien
im Laufen erzeugten.
So schwer er zu verstehen war, so klar war Jules, dass sein Vater in
ernsthaften Schwierigkeiten steckte. Vermutlich hatte er einmal zu oft durch
den Türspalt zum Parkdeck gelugt. Irgendjemand war hinter ihm her,
verfolgte ihn wahrscheinlich, um den ungebetenen Zeugen der »Party« zu
stellen.
»Was ist los?«
»Bin … im … Treppenhaus …«, keuchte sein Vater. Dann: »Oh nein …
abgeschlossen …«
Und als Jules meinte, ein metallisches Klappern gehört zu haben, wie bei
einem Maschendrahtzaun, an dem jemand rüttelte, riss die Verbindung ab.
»Hallo?«
Jules rieb sich die schmerzende Schulter und kontrollierte sein
Handydisplay.
ANRUF FEHLGESCHLAGEN stand dort, als hätte er nie mit seinem
Vater gesprochen, und das Gespräch wäre gar nicht erst zustande gekommen.
Jules wunderte sich nicht zum ersten Mal über diese im Grunde fehlerhafte
Anzeige, wenn ein Telefonat durch ein Funkloch beendet wurde.
Er drückte auf Wahlwiederholung und ließ es läuten. Einmal, zehnmal.
Zwanzigmal. Sein Vater hatte keine Mailbox, nach dem dreißigsten Klingeln
schaltete der Netzbetreiber automatisch auf besetzt, und Jules musste es noch
einmal versuchen.
Dabei öffnete er bestimmt zum fünften Mal in dieser Nacht die Tür zum
Kinderzimmer, hier war weiterhin alles ruhig und friedlich.
Kein Eindringling, kein leeres Bett, keine Veränderung.
»Meine Kleine«, flüsterte Jules und setzte sich ans Kinderbett. Ihr Atem
ging schwer, aber gleichmäßig. Die Albträume von vorhin schienen zu
pausieren. Er zog die Decke etwas höher, dabei beschlich Jules ein Gedanke,
der ihn frösteln ließ.
Was, wenn du nicht nur eine harmlose Erkältung hast?
Er tastete nach ihrer nebelfeuchten Stirn und musste an die Tabletten im
Orangensaft denken.
Jules griff nach der Trinkflasche mit dem Hello-Kitty-Motiv neben dem
Bett und trug sie aus dem Zimmer, um sie im hellen Licht der Küche nach
Rückständen zu untersuchen, auch wenn das im Grunde albern war. Er hatte
niemanden in der Wohnung gesehen, keine Schritte gehört, und die Tür zum
Kinderzimmer hatte sich keinen Zentimeter bewegt.
Und dennoch war Jules sich sicher, dass er etwas übersehen hatte.
Nur was?
Kaum war er im Flur, kündigte der Vibrationsalarm seines Handys wieder
einen Anruf an, wie das Rasseln einer Klapperschlange eine Gefahr.
»Vater?«
»Wie er leibt und lebt. Himmel, war das knapp.«
»Wo bist du?«
»Wieder im Taxi. Ich will nur noch hier weg. Fast hätten die mich am
Rolltor gehabt, aber das war so klapprig, dass ich es zur Seite drücken und
mich rausschieben konnte.«
Sein Vater lachte euphorisch, offenbar aufgepeitscht von dem Gefühl,
einer Gefahr in letzter Sekunde entkommen zu sein.
»Die wollten mich vermöbeln, so viel war klar.«
»Wer die? «
Jules entfernte sich von dem Kinderzimmer, dessen Tür er am liebsten
verschlossen hätte. In der gesamten Wohnung gab es, abgesehen von der
Haus- und Badezimmertür, keine Schlüssel. Was den Umstand, dass Jules die
Abstellkammer nicht öffnen konnte, umso merkwürdiger machte.
»Na, die Perversen von der Parkhausparty. Keine Ahnung, wer das war.
Drei Typen. Sie trugen alle Sturmhauben.«
»Irgendwelche besonderen Merkmale?«
»Ja. Einen kann ich dir genau beschreiben. Aber das wird dir nicht
gefallen.«
Jules hätte um ein Haar vor lauter Nervosität einen Schluck aus der
Hello-Kitty-Flasche genommen.
»Wie meinst du das?«
Er hörte, wie sein Vater sich über die Route beschwerte, die der
Taxifahrer nahm (»Ist mir egal, ob die Stadtautobahn schneller ist, sie ist
teurer, du Halunke«), dann sagte er: »Er hatte helle, blonde, halblange
Haare. Wie ein Hippie. Sie lugten unter der Maske hervor. Schlanke,
sportliche Statur, etwa in deinem Alter. Klingelt da was?«
»Nein.«
»Er hielt einen Tonfa in der rechten Hand.«
»Und?« Jules war genervt in der Küche angekommen und stellte die
Flasche neben die Spüle.
Einen Schlagstock, wie ihn auch die Polizei benutzte, konnte sich jeder
Irre im Internet bestellen. Jules ging es zunehmend auf den Geist, dass sich
sein Vater jede Information aus der Nase ziehen ließ.
»Ich verstehe nicht, was du mir sagen willst.« Er hielt die durchsichtige
Trinkflasche ins Licht der Deckenlampe und konnte nichts erkennen. Keine
Verunreinigung, keine Flocken und erst recht keine Tabletten. Als sein Vater
aber weitersprach, fühlte er sich, als wäre sie mit Gift gefüllt und er hätte
gerade einen großen Schluck daraus getrunken, denn Hans-Christian
Tannberg sagte: »Weißt du, von wem ich rede, wenn ich dir verrate, dass der
Typ ein Paragrafenzeichen als Tattoo auf dem Mittelfinger trägt?«
42
J ules, der gerade die Flasche neben der Spüle hatte abstellen wollen,
erstarrte in der Bewegung, wie früher Fabienne und Valentin auf
Kindergeburtstagen, wenn sie Stopp-Tanz gespielt hatten und die Musik
aufhörte.
»Das ist unmöglich.«
»Wieso?«
»Weil Caesar im Rollstuhl sitzt.«
»Seit wann, Junge? Warst du dabei, als die Ärzte ihn nach dem Unfall
entlassen haben? Hast du seine Krankenakte gelesen?«
»Nein, aber …«
Jules’ Tinnitus, sein summender Stressbegleiter, meldete sich zurück.
»Nein, hast du nicht«, unterbrach ihn sein Vater. »Er wäre nicht der Erste,
der vortäuscht, auf einen Rollstuhl angewiesen zu sein. Du weißt gar nicht,
wie viele Versicherungsbetrüger mit dieser Masche ich schon überführt
habe.«
»Caesar ist bei einem Date. Er hat mir davon erzählt. Seine Flamme sitzt
ebenfalls im Rollstuhl.«
»Behauptet er.« Sein alter Herr seufzte. »Wenn du mir nicht glaubst,
Junge, dann ruf ihn doch an.«
»Was soll das beweisen?« Jules tigerte beim Sprechen um den
Küchenblock herum. »Wenn er nicht rangeht, ist er mit Ksenia beschäftigt.«
»Du hast Angst vor der Wahrheit«, sagte sein Vater in dem eigentümlichen
Singsang, mit dem er ihn schon als Kind kirre gemacht hatte. Selbstverliebt
grinsend, als hätte er die Weisheit der Welt gepachtet.
»Bleib dran!«, bellte Jules seinen Vater an, legte ihn in die Warteschleife
und wählte aus dem Favoriten-Speicher die Nummer seines besten Freundes.
Es dauerte eine Weile, bis sich die Verbindung aufbaute. Zuvor rauschte es
kurz, wie bei einem altmodischen Ferngespräch.
So ein Schwachsinn …
Natürlich wusste Jules, dass sein Vater sich geirrt haben musste. Caesar
war niemals in diesem Parkhaus. Und schon gar nicht ohne seinen Rollstuhl.
Dann jedoch, als es endlich klingelte, hatte Jules eine beinahe
außerkörperliche Erfahrung. Denn es läutete nicht allein in dem Handy an
seinem Ohr. Sondern zeitgleich mit dem ersten Klingeln setzte wieder die
Musik ein, die ihn nur wenige Minuten zuvor schon einmal erschreckt hatte.
Klassische Musik.
Traurige, melancholische Molltöne.
Chopin?
Jules fühlte sich schlagartig zurückversetzt in jenen Augenblick des
Schreckens, als er an dem Tag der Tragödie in der Prinzregentenstraße an
den Beamten vorbei in seine eigene Wohnung hatte rennen wollen.
Angetrieben von der Gewissheit, gleich eine grauenhafte Entdeckung zu
machen. So ähnlich fühlte es sich an, als Jules merkte, dass sich die
Klangquelle der Klaviermelodie nur wenige Meter von ihm entfernt befand.
Jules blinzelte, rieb sich die Augen und hätte sie am liebsten für eine ganz
lange Zeit geschlossen. Nun erinnerte er sich auch an den Titel des Stückes:
Prélude Nr. 4.
Das Stück, das Caesar so sehr liebte, dass er es seit Ewigkeiten als
Klingelton abgespeichert hatte.
43
J ules sah auf sein Display, kontrollierte noch einmal, ob er die richtige
Nummer gewählt hatte, doch da stand tatsächlich CAESAR (Magnus Kaiser)
auf dem Touchscreen. Und diesmal konnte es keinen Zweifel geben, woher
der Klingelton kam.
Den Flur wieder runter, wenige Schritte Richtung Kinderzimmer. Er ging
langsam, jeden Fuß mit Bedacht setzend, als würde er auf einer
Glatteisfläche versuchen, nicht auszurutschen.
Das ist unmöglich. Das kann nicht sein.
Die Melodie wurde umso lauter, je näher Jules der Haustür kam. Bei ihr
angekommen, hielt er einen Moment inne, dann steckte er den Schlüssel ins
Schloss und öffnete die Eingangstür. Allein diese Bewegung aktivierte
normalerweise die Sensoren im Treppenhaus, doch selbst als Jules über die
Schwelle trat, blieb die bauchige Deckenlampe dunkel, die ansonsten den
Hausflur in ein schwefelgelbes Licht tauchte.
Die Dunkelheit verstärkte die Furcht einflößende Wirkung, die der
Anblick des Display-Fotos auf Jules hatte.
Es war vor zwei Jahren aufgenommen worden, im Olympiastadion beim
Spiel Hertha gegen RB Leipzig. Jules trug provokativ einen Union-Schal,
und genauso wie Caesar schrie er mit einem Bier in der Hand der
Mannschaft oder dem Schiedsrichter etwas zu. Jetzt, als Jules sich erinnerte,
dass dieses Bild damals von Dajana aufgenommen worden war, zerriss es
ihm das Herz zu erfahren, dass Caesar es als Hintergrundbild für die
eingehenden Anrufe seines besten Freundes ausgewählt hatte.
Aber sind wir das wirklich? Beste Freunde?
Jules brach den Anrufversuch ab, und sofort hörte das Handy auf der
Fußmatte vor der Eingangstür auf zu klingeln. Chopin erstarb, das Display
wurde dunkel, und das Bild der beiden Freunde beim Fußball verschwand.
Gemeinsam mit der Hoffnung, für das alles hier könnte es eine harmlose
Erklärung geben, die Jules sich nur bemühen musste zu finden.
»Caesar?«, rief er ins Treppenhaus. Fast noch mehr als über das Handy
wunderte er sich darüber, dass er den alten Fahrstuhl nicht gehört hatte,
dessen messingbeschlagene Schiebetür wie eine Peitsche durchs Haus
knallte, wenn jemand sie öffnete.
»Er wäre nicht der Erste, der vortäuscht, auf einen Rollstuhl
angewiesen zu sein. Du weißt gar nicht, wie viele Versicherungsbetrüger
mit dieser Masche ich schon überführt habe.«
Der Gedanke an die ungeheuerliche Behauptung seines Vaters erinnerte
ihn daran, dass er ihn in der Warteschleife geparkt hatte.
»Bist du noch dran?«, fragte er, als er wieder zu ihm wechselte, während
er mit Caesars Telefon in der anderen Hand zurück in die Wohnung ging. Er
versuchte, es zu entsperren, um zu sehen, wann es das letzte Mal benutzt
worden war, doch es war mit Gesichtserkennung gesichert.
»Lass mich raten, er ist nicht rangegangen«, sagte sein Vater.
»Schlimmer«, antwortete Jules.
Und damit meinte er nicht die Tatsache, dass er das Handy seines besten
Freundes vor der Wohnungstür gefunden hatte. Auch nicht die Frage, wie und
vor allem warum Caesar es dort geräuschlos deponierte. Seine Antwort
bezog sich auf die Tür zur Abstellkammer, deren Klinke er vorhin abgerissen
hatte, weil sie verklemmt gewesen war.
Oder abgeschlossen?
Jetzt stand die Tür offen.
44
Klara

N ein heißt Ja.«


Der wohl perfideste Kommentar von Männern, wenn sie gefragt wurden,
wieso sie weitergemacht hätten, obwohl ihre Partnerin sie doch gebeten hatte
aufzuhören.
»Bitte, du tust mir weh.«
»Hör auf.«
»Ich will das nicht!«
Klara wusste, diese Sätze würden in wenigen Sekunden, sobald der
»Meistbietende« bei ihr war, keinerlei Bedeutung mehr haben. Martins
Sklavenauktion hatte gefühlt weniger als zehn Minuten gedauert, und nun
näherte sich ein groß gewachsener Mann mit langsamen Schritten von der
Notausgangstür ihrem Wagen. Noch wenige Sekunden, dann würde der
breitschultrige Kerl mit dem Gang eines leicht betrunkenen Seemanns sie
»benutzen« und dabei nur das hören, was er hören wollte: Ja.
Mach weiter!
Härter!
Einmal hatte sich eine ihrer Arbeitskolleginnen in der Mittagspause über
die »geldgeilen Hühner« lustig gemacht, die Jahre warteten, bis sie eine
Vergewaltigung zur Anzeige brachten, meistens dann, wenn Geld im Raum
stehe, weil der »angebliche Unhold« zu Ruhm und Ehre gelangt war. Klara
war so übel geworden, dass sie ihr mitgebrachtes Sandwich auf der
Praxistoilette auskotzen musste. Sie war nicht in der Lage gewesen, dieser
Kollegin aus eigener Erfahrung zu schildern, dass man sich wie Abfall fühlte,
wenn das Sperma noch aus der aufgerissenen Vagina in den blutigen Slip lief.
Dass man sich am liebsten ein Jahr bei hundert Grad unter der Dusche die
Haut vom Körper kochen würde, anstatt unmittelbar nach der Tat die
Vergewaltigung von einem Unbekannten dokumentiert zu wissen; dass es
meistens Männer waren, die den Tathergang aufnahmen, aber man auch keine
Frauenhände an seinem geschändeten Körper zur Beweissicherung ertrug.
Für einen Prozess, in dem Aussage gegen Aussage stehen würde; in dem die
Gegenseite versuchen würde, einen als Schlampe darzustellen (es gibt ja
sogar Videos davon, wie sie sich von anderen Kerlen auspeitschen lässt),
und der Mann am Ende, wenn es richtig, richtig gut lief, mit einer
Bewährungsstrafe das Gericht verließ, während man selbst eine lebenslange
Scham in sich trug.
Klara schüttelte den Kopf und weinte.
Nein, sie würde auch heute nichts sagen. Selbst wenn der Kerl, der trotz
der Kälte der Nacht nur ein langärmeliges weißes T-Shirt und schwarze
Jeans trug, ihr sämtliche Knochen im Leib brach.
Klara drückte zum wiederholten Mal den Knopf für die
Innenverriegelung, obwohl sie wusste, dass es sinnlos war, denn Martin hatte
in abgründiger Voraussicht hinten den Kofferraumdeckel etwas geöffnet, um
dem Meistbietenden problemlosen Einstieg in das Fahrzeug zu garantieren.
Der »Spieler« (so nannten sich die Teilnehmer dieser perversen Abende)
hatte seinen Teil der Abmachung eingehalten. Das Geld musste bereits online
von seinem Account avisiert sein, so waren die Regeln. Er hatte Martin den
Sklavenlohn überwiesen, und das bedeutete, er durfte alles mit ihr machen,
sie würde alles ertragen müssen. Sehr wahrscheinlich dachte dieser
Abschaum von Mann genauso wie Martin. Dass Frauen es ohnehin wollten.
Und es sein Recht war, denn er hatte ja schließlich bezahlt.
Nein heißt Ja.
Erst recht, wenn es um eine verheiratete Frau ging, die ihrem Mann zu
gehorchen habe. Wie hatte ein ranghoher Politiker einmal im Bundestag
argumentiert, warum die Vergewaltigung in der Ehe straflos bleiben müsse:
»Zum ehelichen Leben gehört auch, die Unlust des Partners zu überwinden.
Der Ehemann ist nicht darauf aus, ein Verbrechen zu begehen – manche
Männer sind einfach rabiater.«
Oh ja, das sind sie.
Martin hat mir bestimmt ein ganz besonders »rabiates« Exemplar
ausgesucht, dachte Klara und hielt unbewusst die Luft an, als der Mann etwa
fünf Meter von ihr entfernt vor dem Wagen stehen blieb und sie wie ein
Raubtier ansah, das seine Beute taxierte. Sie stand kurz davor zu schreien.
Allein der Gedanke daran, was ihr gleich angetan würde, während sie hilflos
an den Haltegriff gekettet war, erzeugte bei ihr körperliche Schmerzen.
Ich hab noch eine Chance , dachte sie. Eine allerletzte Chance.
Klara beugte sich zur Seite, streckte den fixierten Arm, so weit es ging,
aus und versuchte, mit der Linken die Fahrertür zu erreichen, genauer gesagt
das Innenfach, in das Martin vorhin Hendriks Pistole gelegt – und
vergessen!!! hatte.
»Du dummer Idiot«, sprach sie laut aus und schöpfte mit jedem Fluch, bei
dem sie ihren Mann vor Augen hatte, neue Kraft. War die blöde Sau
tatsächlich ausgestiegen, ohne die Waffe mitzunehmen!
Verglichen mit den Handschellenschlüsseln war die Pistole wesentlich
größer und nicht eingeklemmt, weshalb sie für Klara leichter zu greifen war.
Ihr Herz schlug wie der Huf eines zornigen Pferdes gegen den Brustkorb. Sie
spürte den Schmerz im Handgelenk nicht mehr, so groß war die euphorisierte
Aufregung darüber, dass sie den Lauf in den Händen hielt.
Beinahe.
Geschafft, dachte Klara schon, doch in dem Moment entglitt ihr die Waffe
wieder. Nicht, weil sie ihr aus den angstfeuchten Fingern rutschte, sondern
weil sich der Abstand zwischen ihrer Hand und dem Innenfach auf einmal
wieder vergrößerte. Der »Spieler« war ihr zuvorgekommen und hatte die
Fahrertür geöffnet.
Mit dem aufflammenden Innenraumlicht erlosch der letzte
Widerstandswille in Klara. Mit dem, was jetzt beginnen würde, war ihr Ende
eingeläutet. Nur dass es nicht länger selbstbestimmt sein würde. Sondern
begleitet von Schmerzen, die ihr ein Fremder zufügte.
Der massige Kerl, der viel zu groß für den Kleinwagen war (und viel zu
groß für einen zierlichen Frauenkörper), ließ sich auf den Sitz fallen und
brachte allein dadurch das Fahrzeug zum Schaukeln.
»Hallo, Lady«, sagte der Mann und schloss die Tür. Dann wandte er das
Gesicht zu Klara. »So sieht man sich wieder, was?«
45
W ie bitte?«
In einer instinktiven Abwehrgeste legte sich Klara den linken, freien Arm
vor die Brust.
Sie hatte das Gesicht des Mannes noch nie zuvor gesehen, und dennoch
kam er ihr seltsam bekannt vor. Alles an ihm wirkte kräftig, aber nicht grob.
Der kantige, zum Rest des muskulösen Körpers passende Kopf, der wegen
der abstehenden dunklen Locken noch voluminöser wirkte. Die großen,
aderüberzogenen Hände, mit denen er das Lenkrad wie andere einen
Zahnstocher umfasste. Die Brustmuskeln, die die Knöpfe vom Hemd zu
sprengen drohten. Alles fremd – und dennoch vertraut.
Womöglich, der Gedanke ließ sie schaudern, hatte Martin sie ihm schon
einmal »vorgeführt«; vielleicht war er sogar der maskierte Mann mit der
Hundeleine bei dem Sadisten-Abend im Le Zen gewesen?
Der »Spieler« legte die GoPro-Kamera auf das Armaturenbrett, jedoch so
ausgerichtet, dass die Linse zur Seite zeigte und nichts vom Innenraum
einfangen konnte. Vermutlich war er zu aufgeregt. Vielleicht war es sein
erstes Mal im »Stall«.
»Los, Beeilung«, flüsterte er, und Klara war sich nicht sicher, was er
wollte.
Sollte sie sich ausziehen?
Damit beginnen, ihn zu entkleiden? Ihm die Hose aufmachen?
Der Kerl kramte im Seitenfach, nahm die Waffe heraus, schien an ihr aber
völlig desinteressiert und suchte weiter, auch in der Ablage hinter der
Schaltung und in dem Getränkefach davor.
»Wo ist der Schlüssel?«, fragte er, ohne sie anzusehen.
»Neben meinem Sitz auf dem Boden«, erklärte Klara. Was hätte es für
einen Sinn gehabt, das Unvermeidliche hinauszuzögern? Er würde sie
irgendwann losbinden wollen, wenn sie zum Widerstand ohnehin nicht mehr
in der Lage war.
»Nicht der«, stellte der Kerl mit Blick neben das Sitzpolster fest.
Seltsam.
Auch seine Stimme meinte sie schon einmal gehört zu haben.
»Wo ist mein Autoschlüssel?«
Mein?
Klara schnappte nach Luft.
Wie war das möglich?
»Hendrik?«
»Nein, ick bin der Weihnachtsmann«, scherzte er und öffnete das
Handschuhfach. »Hast du ihn noch?«
»Was?« Sie war so perplex, dass sie schon wieder vergessen hatte,
wonach der Mann sie gefragt hatte, der ganz offensichtlich Hendrik ohne
Santa-Kostümierung war.
»Meinen Autoschlüssel!« Er drückte auf den Start-Knopf, aber der Motor
sprang nicht an. »Ich hatte gehofft, er hat ihn drinjelassen. Weißt du, wo er
ist?«
Sie schüttelte den Kopf. Einerseits als Antwort, hauptsächlich aber, weil
sie sich auf die neue Situation keinen Reim machen konnte.
»Was machst du hier?«, krächzte sie. Mit der Frage kam die Angst zurück,
und mit der Angst setzten die Huftritte unter ihrer Brust wieder ein.
War das ein abgekartetes, obszönes Spiel? War Hendrik etwa von
Anfang an von Martin ferngesteuert?
»Ick versuche, mein Auto wiederzubekommen. Und, wie es scheint, dich
aus der Scheiße zu holen.«
Es war nicht zu überhören, wie aufgeregt er war. Aber, und das ließ Klara
zum ersten Mal ein Fünkchen Hoffnung schöpfen, nicht im sexuellen Sinn. Ihr
schien, als wollte auch er lieber an jedem anderen Ort der Welt sein, nur
nicht hier.
»Wir müssen uns beeilen. Der Typ, der dich ein Deck tiefer versteigert
hat, hat gesagt, er kommt in fünf Minuten mal kontrollieren. Vermutlich
früher, wenn er merkt, dass die GoPro nicht funzt.«
Klara konnte nicht aufhören, den Kopf zu schütteln.
»Aber, ich … verstehe nicht … Wie hast du mich gefunden?«
»Du hast mich doch im Santa-Kostüm gesehen, was denkst du denn, wie
ich mein Geld verdiene?«
»Auf Weihnachtsfeiern?«
Er lachte. »Mitten in der Nacht? Baby, ick bin Stripper. Ich mach mich
nackig auf Junggesellinnen-Abschieden oder anderen Weiberbesäufnissen. So
wie im Forst.«
Trotz ihrer erbärmlichen Lage musste Klara leise lächeln. »Das erklärt
dann wohl die Handschellen und die Pistole.«
»Attrappen.«
Er zog die Pistole aus dem Seitenfach und deutete mit dem Lauf auf die
Fessel an Klaras rechtem Handgelenk. »Keine Kugel drin. Fake, wie das
Kinderspielzeug an deinem Arm. Wobei die Schelle ganz gut hält, hätt ick
nich gedacht.«
Er griff zwischen die Kante des Polsters und der Hartschalenverkleidung
neben dem Sitz und schaffte es mit seinen dicken Fingern in beeindruckender
Geschwindigkeit, die Handschellenschlüssel hervorzuklauben.
Er beugte sich zu ihr herüber, vermutlich um sie von der Fessel zu
befreien, doch Klara wich instinktiv zurück. »Nein, lass mich!«
»Nein?«
»Das ist eine Falle, ich lass mich hier nicht verarschen.«
Er tippte sich an den Kopf. »Bist du malle? Ick bin jekommen, um dich zu
befreien. Hab mein Kostüm in den Müll geschmissen, damit mich überhaupt
ein Taxifahrer mitnimmt. Musste mir in Jeans- und T-Shirt deinetwegen den
Arsch abfrieren, weil du mir mein Auto klauen wolltest. Ick schwöre, sobald
wir hier raus sind, bist du an der Reihe, ’n paar Antworten rauszurücken.«
»Nicht, bevor du mir nicht plausibel erklärst, wie du mich gefunden hast.«
Hendrik rollte mit den Augen. »Und du glaubst, dafür ist jetzt Zeit?«
»Wenn deine Erklärung länger als zehn Sekunden dauert, ist sie eine Lüge,
und ich bin eh geliefert.«
»Okay.« Er seufzte. »Der Dreckskerl, der dich mit meinem Auto hierher
entführt hat, brüllte, er würde dich in den Stall bringen.«
Klara lief ein kalter Schauer den Rücken hinunter, nicht allein weil der
Innenraum des Fahrzeugs in dem Parkhaus immer mehr auskühlte, je länger
sie hier standen.
»Ach. Und du wusstest natürlich sofort, was damit gemeint ist?«
»Noch mal: Ick bin Stripper. Ick kenn alle perversen Sexevents in der
Stadt, selbst die illegalen.«
»Das ist Bullshit. Nur Mitglieder wissen, wann und wo das hier
stattfindet.«
Hendrik murmelte, dass ihm das jetzt zu blöd wäre. Ohne eine weitere
Frage oder Widerrede abzuwarten, beugte er sich über ihren Sitz, griff nach
ihrem Arm und löste sie in Windeseile von der Handschelle.
Offenbar hat er darin Übung.
»So, und jetzt nichts wie weg hier!«, presste er hervor. »Der Kerl, der
dich entführt hat, wird bald merken, dass sein Konto heute Abend leer
bleibt.«
»Du hast das Geld nicht überwiesen?«
»Natürlich nicht, Baby. Ick sach doch, ick bin hier nicht Mitglied. Ick hab
mit meinem Handy so getan, als würde ich irgendetwas anweisen. Hab
gesagt, der Transfer könnte zehn Minuten dauern, da gerade ordentlich Traffic
auf dem Account sei, aber ich würde schon mal anfangen, er weiß ja, wo er
mich findet.«
Klara nickte. Das ergab Sinn. Da diese Party im Grunde nur Mitgliedern
bekannt war, gingen alle Anwesenden automatisch davon aus, dass sie einen
Geldtransferaccount hatten. Allein die Anwesenheit war Sicherheit genug.
Was wiederum die Frage aufwarf, wie Hendrik hier hereingekommen war.
»Das ist eine Falle!«, schrie das vernunftgesteuerte Teufelchen in Klaras
linker Hirnhälfte.
»Na und? Du wolltest heute doch ohnehin alles wegwerfen«, hielt die
resigniert erschöpfte Stimme ihres Herzens dagegen.
Hendrik sah sie mit stahlblauen Augen an, die trotz ihrer intensiven
Färbung erstaunlich melancholisch dreinblickten, und griff nach ihrer Hand:
»Los jetzt. Es kann sich nur noch um Minuten handeln, bis der Perverso
zurückkommt, weil ihm klar wurde, dass mein Geld niemals bei ihm
ankommen wird.«
»Eher Sekunden«, flüsterte Klara und drehte den Kopf zur Seite, die
Augen wieder zur Notausgangstür gerichtet, durch die ihr Ehemann gerade
zurück aufs Parkdeck stürmte. Mit zwei Männern im Schlepptau, die Waffen
in den Händen zu halten schienen.
46
S ie waren zu dritt. Und es waren tatsächlich Waffen in ihren Händen. Die
schlimmsten, die man bei einem Kampf bei sich führen konnte, wenn der
Gegner, wie im Fall von Klara, schwächer oder, wie im Fall von Hendrik,
nur mit einer Pistolenattrappe ausgerüstet war. Martin und seine zwei mit
Sturmhauben maskierten Begleiter hielten jeweils ein langes Messer in der
Rechten. Bereit zum Schlitzen, Stechen und Zerfetzen.
»Wer bist du?«, schrie Martin schon von Weitem.
Klara zuckte zusammen, obwohl sein Gebrüll durch die
Windschutzscheibe stark gedämpft bei ihr ankam. Sie hatte ihren Mann schon
unzählige Male wütend erlebt, oft bis an die Grenze zur Weißglut. Aber so
intensiv hatte sie die Mordlust noch nie in seinen Augen aufblitzen sehen.
»Das geht dich einen Scheiß an, Wichser!«, brüllte Hendrik zurück.
Martin, mittlerweile nur noch einen Meter entfernt, drohte ihm mit dem
Messer. »Steig aus, Riesenbaby, und ich bring dich um.«
Hendrik lachte abfällig. »Schwachkopp. Du bist nur stark, wenn dein
Gegner ebenso schwanzlos ist wie du.«
Zornig wandte sich Martin an seine Kumpane, die ihn flankierten: »Ich
hätte es wissen müssen. Hab seine Drecksvisage noch nie gesehen. Und
niemand hat je so viel für meine Ehehure geboten.«
Die Begleiter nickten stumm.
»Niemand hat dir je zuvor den Arsch aufgerissen, so wie ich, wenn ich
mit dir fertig bin«, sagte Hendrik.
»Dann steig endlich aus!«, bellte Martin. Klaras Blick wanderte zwischen
Hendrik und ihrem Mann hin und her, während diese sich gegenseitig wie bei
einem »Wer blinzelt, verliert«-Wettbewerb fixierten.
»Wenn er nah genug kommt, könnte der Trick, den du versucht hast,
funktionieren«, hörte sie Hendrik murmeln, der wie ein Bauchredner kaum
die Lippen bewegte.
Obwohl Martin noch eine Armlänge zu weit entfernt stand, drückte
Hendrik den Motorstart-Knopf des Hyundai, natürlich vergeblich.
Wenn Martin doch nur näher käme ...
In Klara hatte sich nun genug Wut angestaut, um es mit einem
aussichtslosen Plan zu versuchen.
»Komm doch und hol uns!«, brüllte sie ihren Mann durch die Scheibe an.
Sie zeigte ihm den Mittelfinger. »Du dummes Arschloch. Willst du wissen,
wer das hier neben mir ist?«
Sie schenkte Martin ein vor Abscheu triefendes Lächeln. »Das ist
Hendrik. Meine Affäre. Du denkst, du konntest mich kontrollieren? Einen
Scheiß konntest du. Ich ficke ihn schon seit Monaten.«
Sie drehte sich zu Hendrik, zog dessen Gesicht zu sich heran, sah ihm in
die stahlblauen Augen, presste ihre Lippen auf seinen vollen Mund und gab
ihm einen Zungenkuss.
Wie erwartet ließ Martins jähzornige Reaktion nicht auf sich warten. Ihr
Mann stürmte nach vorne und schlug mit der Faust auf die Motorhaube. In
dieser Sekunde drückte Hendrik auf den Startknopf, und der Motor startete.
Nicht.
Martin lachte und fuchtelte mit dem Messer in ihre Richtung.
»So, wer von uns ist jetzt der Idiot?«, fragte er. »Hast du gedacht, ich trag
den Schlüssel bei mir? Du Schwachkopf.«
Er schob einen kleinen, unförmig übergewichtigen Kerl zu seiner Rechten,
der ebenfalls einen Anzug zu seinem Messer trug, rüde beiseite und trat an
die Beifahrertür.
»Öffnen!«, befahl er, und der Typ rechts von ihm zog den Funkschlüssel
hervor und entsicherte die Zentralverriegelung mit der Fernbedienung.
Martin steckte sich das Messer zwischen die Zähne, um sein Jackett
auszuziehen, das er vor sich zu Boden warf wie ein Adliger den
Fehdehandschuh. Dann stürmte er dem Auto entgegen.
Einer der Hauptvorwürfe, den Martin Klara im Laufe der Ehe wieder und
wieder an den Kopf geworfen hatte, war: »Du denkst einfach nicht nach!«
Ein Mantra, das beinahe jeder Ohrfeige vorausgegangen war. Sehr oft lag er
damit falsch. Meistens hatte Klara sich zu viele Gedanken gemacht, hatte zu
vieles gleichzeitig bedenken wollen (einerseits mag er es, wenn beim
Bundesligaanpfiff Bier auf dem Couchtisch bereitsteht, andererseits muss
es kalt sein, wann ist also der richtige Zeitpunkt, es aus dem Kühlschrank
zu holen, ohne dass er das Gefühl hat, mich daran erinnern zu müssen?)
und war an sich selbst gescheitert. Doch dieses Mal hätte Martin recht
gehabt.
Klara dachte nicht nach, überlegte sich nicht, welche Konsequenzen es
haben würde, wenn sie sich über Hendriks Sitz und damit über seinen
Oberkörper beugte, um die Spielzeugpistole aus der Fahrertür zu nehmen,
kurz nachdem Martin die Beifahrertür aufgerissen hatte. Kurz bevor er sie an
den Haaren packte und ihr der Schmerz bis in die Stirnhöhle schoss, als er
sie an einem Strähnenbündel aus dem Auto heraus auf den Betonboden zerrte.
»Lass sie los!«, hörte sie Hendrik schreien, der den Geräuschen nach
ebenfalls aus dem Auto sprang. Im Moment hatte Klara so viele Tränen in
den Augen, dass sie auf dem dreckigen Parkhausboden, auf allen vieren
kniend, nichts sah. Sie fühlte nur den bekannten Gefühlsakkord aus Schmerz,
Angst und Verzweiflung, angefüttert von einer gehörigen Portion Wut, die es
ihr ermöglichte, sich im wahrsten Sinne des Wortes gegenüber Martin
aufzubäumen.
Mit einem geburtswehenähnlichen Schrei opferte sie ein Büschel ihrer
Haare und riss den Kopf zur Seite, in dessen Schopf sich Martin noch immer
verkrallt hatte. Sie drehte sich auf den Knien um etwa neunzig Grad und stand
auf, richtete die Waffe auf Martin und schrie etwas völlig Unverständliches.
Eine Mischung aus: »Jetzt bist du geliefert«, »Fühlst du dich immer noch so
stark?« und »Ich steck dir den Lauf in den Arsch und hoffe, die Kugel kommt
durch dein Maul wieder raus.«
All das wollte sie gleichzeitig brüllen, aber sie war viel zu aufgeregt und
viel zu angsterfüllt, um sich vernünftig zu artikulieren, denn sie wusste ja,
dass sie mit der Pistole nur bluffte. Aber das tat sie immerhin so gut, dass die
Begleiter von Martin die Hände hochstreckten und der Dicke sogar sein
Messer fallen ließ.
»Ganz ruhig, Klara«, hörte sie Hendrik rufen, der von hinten um das Auto
zu ihr gelaufen kam.
Und das irritierte sie.
Angst, das hatte Klara gelernt, hatte oft positive Nebenwirkungen. Wenn
man sie nur oft genug erlebt hatte, wie Soldaten im Einsatz etwa, schärfte sie
die Sinne. Man achtete auf Nuancen und Feinheiten, die einem im Alltag
verborgen blieben. Etwa die Tatsache, dass ein Mann einen beim Vornamen
nennt, ohne dass man sich ihm vorgestellt hat.
Woher weiß Hendrik, wie ich heiße?
Einen Atemzug lang von dem Gedanken abgelenkt, ließ sie die Waffe nur
einen Zentimeter sinken. Martin musste den winzigen Moment der
Unaufmerksamkeit bemerkt haben und nutzte ihn. Hart und effektiv, indem er
ihr zwischen die Beine trat, so wie er es früher auch gerne gemacht hatte,
wenn sie sich bei der Arbeit verspätet und ihn zu lange mit Amelie allein
gelassen hatte.
Das Blatt wendete sich. Von »aussichtslos« zu »vollendeter Katastrophe«.
Martin packte Klaras Arm, die sich krümmte, schlug ihr die eigene Waffe
vors Gesicht, was ein Fehler war. Denn das Blut, das Klara wie eine Fontäne
aus der Nase schoss, besprenkelte auch die Hand, mit der sie sich an die
Spielzeugpistole klammerte. Sie drohte ihr zu entgleiten, und da Martins
Finger ebenfalls besudelt wurden, bekam er die Waffe nicht zu fassen. Im
selben Moment sprang Hendrik von hinten heran, jedoch zu spät.
Klara drückte ab.
In dem verzweifelten Versuch, den Bluff nicht aus der Hand zu geben,
hatte sie sich so sehr in den Griff gekrallt, dass sie den Abzug betätigte.
Aus Versehen, dachte sie noch, als sie sah, wie Martin zurückwich, hinter
Hendrik, der sich in dem Handgemenge neben sie geschoben haben musste.
Klara ließ die Pistole fallen, aber sie hörte nicht, wie sie auf dem Boden
aufschlug. Ihre Ohren waren noch immer von dem trommelfellzerfetzenden
Knall betäubt, dessen Echo in ihr tobte.
»Was ist?«, fragte sie, und auch das hörte sie nicht. Es war, als hätte ihr
jemand Watte in die Ohren gesteckt »Klara …«, formte Hendrik mit den
Lippen.
Wieder nannte er sie beim Namen, dabei sah er sie allerdings so an, als
wäre er sich nicht mehr sicher, ob sie wirklich vor ihm stand. Erstaunt,
hilflos. Verletzt.
So muss ein Ehemann aussehen, der seine Frau über alles liebt und
Zeuge davon wird, wie sie ihn betrügt, dachte Klara, verblüfft davon, dass
Martin die Gunst der Lage nicht genutzt und sie überwältigt hatte. Tatsächlich
war er zurückgewichen. Hatte das Messer fallen gelassen und es seinen
maskierten Helfern gleichgetan, indem er sich umdrehte und von Schritt zu
Schritt schneller laufend zurück zum Treppenhaus des Parkhauses eilte.
Noch komplett unter Schock, hätte Klara ihm beinahe die Frage
hinterhergerufen, weshalb er das tat, dabei war es im Grunde genau das, was
sie gewollt hatte: dass Martin sie alleine ließ. Am besten für immer.
Wo willst du hin?
Wieso lässt du von mir ab?
Was ist passiert?
Sie drehte sich zu Hendrik, und da fand sie die Antworten auf die Fragen,
die in ihrem Kopf umherwirbelten, denn sie sah den Fleck.
Erst erinnerte er an einen Schmetterling, dann an die Landkarte einer
Insel, die sich auf Hendriks weißem T-Shirt vom Brustbogen aus zu den
Nieren ausbreitete.
»Was …?«, fragte sie ihn, noch immer taub und noch immer unfähig, einen
vollständigen Satz zu formulieren.
Ihr Atem dampfte, wie der Pistolenlauf es getan hatte, nachdem die Kugel
den Lauf verlassen hatte.
Mit einem Knall.
Das ist unmöglich. Er hat mir doch gesagt …
Hendrik wankte. Klara trat einen Schritt nach vorne, wollte ihn am Arm
anfassen, aber sie war nicht schnell genug. Hendrik presste sich die Hand auf
die Schusswunde und sackte nach vorne. Erst auf die Knie, dann fiel er zur
Seite und blieb auf dem kalten, grauen Betonboden in Embryonalhaltung
liegen, direkt neben der Pistole, die ganz offensichtlich doch keine
Spielzeugwaffe gewesen war.
»Ich dachte, es wäre eine Attrappe!«, stöhnte Klara auf. »Du hast mir
gesagt, sie funktioniert nicht.«
Auch sie ging auf die Knie, streckte die zitternde Hand aus, wagte es aber
nicht, ihn zu berühren. Ihr Blick fiel auf das Jackett, das sich Martin
ausgezogen hatte. Sie griff danach, um es Hendrik über den Körper zu legen.
Auf dem Erste-Hilfe-Plakat an der Wand ihrer Praxis stand, dass man
Verletzte warm halten sollte. Galt das auch bei Schussverletzungen?
Großer Gott, du hast einen Menschen erschossen!
Das Jackett wog schwer, an dem Bund mit dem Autoschlüssel konnte es
nicht liegen, denn das hatte ja der Schwabbel mitgenommen. Klara tastete
nach der Innentasche und stieß auf ein Handy.
Mein Handy!
Noch heftiger zitternd, schaffte sie es vor Nervosität und wegen ihrer
klammen, blutverschmierten Finger nicht, den Bildschirm zu entsperren und
Hilfe zu holen.
Hendrik bewegte derweil die Lippen. Sie konnte langsam wieder etwas
hören, von der Straße vor dem Parkhaus drang Verkehrslärm zu ihnen hoch.
Doch Hendriks Flüstern war so kraftlos, dass sie nicht verstehen konnte, was
er von ihr wollte. Ein Auto beschleunigte acht Stockwerke unter ihnen mit
dem Aufheulen eines Rennwagens.
Klaras Verstand hingegen arbeitete eher mit der Geschwindigkeit einer
Raupe.
Hilfe holen.
Ich. Muss. Hilfe. Holen.
Sie erinnerte sich daran, dass man den Home-Button des Telefons einfach
gedrückt halten musste, um direkt mit der Feuerwehr verbunden zu werden.
»Hilfe, Sie müssen in ein Parkhaus kommen«, würde sie sagen, ohne zu
wissen, wo es sich befand. Aber sie würden das Handy sicher orten können.
»Hier liegt ein Mann mit einer Schusswunde«, würde sie dem Beamten
verraten.
Von dem ich nicht weiß, wer er ist.
Und woher er meinen Namen kennt.
Sie sah, wie Hendrik sich bewegte. Sah die Waffe, die neben ihm lag.
Und wieso er mich angelogen hat.
Gerade noch rechtzeitig, bevor er nach ihr greifen konnte, trat sie mit dem
Fuß gegen die Pistole und kickte sie bis vor den stillgelegten VW -Käfer.
Dann machte sie sich in dieselbe Richtung auf den Weg. So schnell es ihr
schmerzender Knöchel zuließ, das Telefon am Ohr, das die Verbindung zur
Feuerwehr aufbaute, lief sie los.
Zum Ausgang.
Auch wenn sie sich dafür verachtete, aber sie musste zuerst an sich
denken. Sie musste Hendrik alleine lassen.
Bevor sie noch einmal auf eine seiner Lügen hereinfiel, was sie entweder
den Verstand oder das Leben kosten würde.
Im Zweifel beides.
47
Jules

I n den ersten Wochen nach Dajanas Selbstmord wachte Jules regelmäßig auf
und hatte das Gefühl, vor Kummer an einem Herzinfarkt zu sterben. Diese
meist mitternächtlich auftretenden Symptome hatten in letzter Zeit
nachgelassen, aber auf einmal spürte er wieder die todbringenden Anzeichen,
als er in der Kammer das Licht anschaltete: den Ring aus Eisen, der sich um
den Brustkorb legte und zuzog. Den Schweißausbruch, der zunächst noch die
Stirn zum Glühen brachte, bald aber erkalten und Schüttelfrost erzeugen
würde.
Und natürlich das Herz, das sich viel zu groß anfühlte, als hätte es sich am
eigenen Blut verschluckt und schaffte es nicht mehr, den Kammerinhalt
zurück in die Blutgefäße zu pumpen.
Jules griff sich an die Brust, unfähig, den Blick von der Abstellkammer zu
wenden, die er vorhin vergeblich zu öffnen versucht hatte und die jetzt weit
offen stand.
»Bist du am Apparat?«, wollte sein Vater wissen, den er noch immer am
Ohr hatte.
»Ja.«
Er spürte einen weiteren Stich in der Herzgegend, so stark, dass er die
Luft anhalten musste. Es beruhigte ihn, Dajanas Abschiedsbrief in der
Brusttasche zu ertasten. Auch wenn der Inhalt so schrecklich war wie nichts,
was er je zuvor gelesen hatte, so verlieh es ihm Sicherheit, ein Teil von dem
Menschen bei sich zu tragen, dem er im Leben am vertrautesten gewesen war.
Außerdem waren unter Dajanas letzten Zeilen auch Absätze, in denen sie ihre
Liebe formuliert hatte. Sätze wie: Erinnerst Du Dich an unseren ersten Kuss
in der Schule? Die vielen schönen Jahre, die darauf folgten.
Was habe ich Deine Briefe geliebt, die mich immer wieder überraschten.
Unter dem Kopfkissen, im Kühlschrank, zwischen meinen Sportsachen.
Im Handschuhfach (…) Im Grunde wollte ich wohl glauben, wir hätten
damals wirklich einen Pakt geschlossen, auch wenn wir nie geheiratet
haben …

Wie sehr verfluchte er sich, dass er diesen Schritt nie gegangen war. Ihr nie
einen Antrag gemacht und das Aufgebot bestellt hatte. Nun gab es nicht
einmal gemeinsame Fotos von einem Jawort am Altar, kein Video vom
Eröffnungstanz, für den sie sich »Somebody« von Depeche Mode ausgesucht
hätten, was vom Text her so gut zu ihnen passte und sich wie ein Walzer
tanzen ließ, obwohl es eigentlich ein Viervierteltakt war.
Überhaupt gab es kaum mediale Beweise für ihre außergewöhnliche
Verbindung. Nicht einmal ein Fotoalbum, denn Dajana war der Meinung
gewesen, die wichtigen Bilder speicherte man im Gehirn und nicht auf dem
Handy. Und so war ihre Schatztruhe konkreter, greifbarer Erinnerungen so
dünn bestückt wie das hölzerne Regal der Abstellkammer, in dem sich nur
wenige Putzmittel, eine Schachtel mit Wäscheklammern,
Staubsaugerersatzteile und ein Karton mit Glühlampen befand. Auch im
Bereich zwischen den Regalen gab es noch genügend freien Stauraum.
Ausreichend Platz für einen Menschen, um sich zu verstecken.
»Ich muss noch einmal die Wohnung durchkämmen«, eröffnete er seinem
Vater.
Jules griff sich die Pappschachtel mit den Glühlampen.
»Was? Wieso? Und weshalb noch mal? «
»Ich weiß nicht, was hier vor sich geht.« Jules schlüpfte in ein Paar
Crocs, die neben der Wohnungstür standen. »Ich habe das Gefühl, hier
versteckt sich jemand.«
»In deiner Wohnung?«
»Ja.« Er erzählte ihm von der verschlossenen Abstellkammer, die jetzt auf
wundersame Weise sperrangelweit offen stand.
»Und als ich eben Caesar anrief, klingelte sein Handy auf der Fußmatte
vor meiner Haustür.«
»Meinst du etwa, er war in der Kammer?«
Jules griff sich zwei Glühlampen aus dem Sechserpack sowie einen
Stapel ausrangierter Geschirrhandtücher und schloss die Tür wieder von
außen. »Quatsch, wieso soll sein Handy dann vor der Tür gelegen haben?
Außerdem braucht er einen Rolli.«
»Was, wie gesagt, Tarnung sein könnte.«
»Das ist doch Irrsinn. Wieso sollte er das tun?«
Allein um eine solche Behinderung vorzutäuschen, und das über Monate
hinweg, brauchte es eine übermächtige, nahezu fanatische Motivation. Nur
um sich dann heimlich in fremde Wohnungen zu schleichen.
Und meinen Saft mit Tabletten zu versetzen ….
»Hast du mir nicht mal gesagt, dass Caesar in jungen Jahren ebenfalls in
Dajana verliebt gewesen ist?«
»Das war in der elften Klasse.« Jules breitete das Geschirrhandtuch auf
dem Boden aus und legte eine Glühlampe darauf.
»Verschmähte Liebe hinterlässt tiefe psychische Narben. Vielleicht hat er
es nie überwunden, dass sie dir den Vorzug gab. Vielleicht macht er dich für
ihren Tod verantwortlich, weil du ihren Suizid nicht verhindert hast.«
»Und will sich rächen?«
»Möglich wär es doch. Und diese Klara könnte ihm dabei helfen. Es ist
doch ganz klar, es scheint zwischen ihm und ihr eine Verbindung zu geben,
sonst wäre er nicht in diesem Parkhaus gewesen. Vielleicht wollen die
beiden auf dich Psychoterror ausüben.«
Jules tippte sich an die Stirn. »Womit du selbst deine eigene Theorie
zerstört hast. Wenn du Caesar eben im Parkhaus gesehen haben willst, kann
er wohl kaum hier bei mir sein.«
Sachte verlagerte Jules mit dem Fuß sein Gewicht auf die Glühlampe, die
er im Geschirrhandtuch auf dem Boden eingewickelt hatte. Sie zerplatzte wie
erhofft mit leisem Splittern. Selbst sein Vater schien nichts gehört zu haben,
zumindest fragte er nicht nach.
»Okay, Punkt für dich. Caesar kann nicht an zwei Orten gleichzeitig sein.
Apropos, ich bin zu Hause angekommen.«
Jules hörte, wie sein Vater den Taxifahrer einen Halsabschneider nannte
und nach einer Quittung verlangte, mit Sicherheit, um sie ihm gleich morgen
früh zum Ausgleich vorzulegen.
Jules nutzte die Gelegenheit und verstreute die Glühlampensplitter
mithilfe des Handtuchs vor dem Eingang des Kinderzimmers. Dann zertrat er
ein zweites Leuchtmittel, dessen Scherben er vor dem Hauseingang und der
Abstellkammer verteilte.
Wenn jemand durch diese Türen wollte, würde er es hören. Hoffentlich.
Nun, da die Aus- und Eingänge jener Bereiche gesichert waren, in denen
er niemanden entdeckt hatte, begann er mit der gründlichen Durchsuchung der
restlichen Räume. Als Erstes öffnete er das Gästezimmer.
»Ich hab mir noch was überlegt«, meldete sich sein Vater wieder zu Wort.
Etwas aus der Puste, vermutlich hatte er statt des Fahrstuhls in seinem
Wohnhaus mehrere Stufen auf einmal genommen.
Jules legte den Lichtschalter um, aber die Glühlampe über dem
Doppelbett, das für einen Gästeschlafplatz recht großzügige Maße hatte,
blieb dunkel.
Dajana hat Gäste geliebt, schoss es Jules durch den Kopf, wohl wissend,
dass er nie wieder Freunde zum Übernachten einladen würde.
»Könnte es sein, dass es noch einen Dritten im Bunde gibt?«
»Glaube ich nicht«, antwortete Jules, obwohl er in diesem Augenblick
einen guten Grund gehabt hätte, seinem Vater zuzustimmen.
Immerhin sah er die Reflexion, kaum dass er sich niedergekniet hatte, um
mit Caesars Handy unter das Bett zu leuchten, wo es kaum genug Platz für
einen ausgewachsenen Menschen gab. Und dennoch war dort etwas Weißes.
Blutunterlaufenes.
Ein Auge?
In diesem Moment klingelte Caesars Mobiltelefon.
48
Klara

B itte! Geh! Ran!


Klara stampfte nervös mit dem Fuß auf dem Boden des Taxis auf, in das
sie direkt vor dem Palace Hotel gestiegen war. Der Fahrer war auf ihre
Anweisung hin erst einmal Richtung Wilmersdorf gefahren, obwohl sie dort
gar nicht hinwollte.
Aber irgendein Ziel musste ich dem Fahrer ja nennen.
Oder der Fahrerin?
Klara war so außer sich, dass sie nicht darauf geachtet hatte, wer hinter
dem Steuer saß. Doch egal ob Mann oder Frau, am besten wäre es, er oder
sie würde sie ins nächstbeste Krankenhaus bringen.
Oder gleich auf den Friedhof.
Sie fühlte sich, als stünde ihr Körper kurz davor, sich zu häuten. Alles an
ihr war wie fremd, begonnen mit dem Kopf, von dem sie den Eindruck hatte,
er wäre durch Martins Schlag auf das Doppelte angeschwollen. Der Schmerz
unter der Schädeldecke pulsierte vor allen Dingen hinter den Augen, die mit
einem Mal zu klein für ihre Höhlen schienen. Ihre Nase war vielleicht
gebrochen; sie hatte Rotz und Wasser geheult auf ihrem Irrweg durchs
Parkhaus, aus dem auf einmal zahlreiche Autos fuhren, ohne von ihr Notiz zu
nehmen, als wäre der Schuss aus Hendriks Waffe ein Startsignal für ein
irrsinniges Wettrennen gewesen. Immerhin hatte dadurch die Hauptzufahrt
offen gestanden, durch die sie ins Freie flüchtete.
Nicht jedoch in die Freiheit.
So sehr, wie der Schmerz in ihrem Kopf wütete, so sicher wusste sie,
dass es nicht vorbei war. Nicht einmal für diese Nacht.
Im Moment rollten sie den Tauentzien Richtung Gedächtniskirche hoch.
Der Fahrer (ein Mann!, wie sie im Rückspiegel sah, mit weißem Haar
und dunkel gefärbtem Schnäuzer) reichte ihr mit ausdrucksloser Miene eine
Packung Feuchttücher nach hinten.
»Fürs Gesicht«, bestimmte er.
Klara nickte dankbar und säuberte sich die Nase. Sie musste schrecklich
aussehen, anscheinend aber nicht so schrecklich, dass es Erdjan Y. (so stand
es auf dem Messingschild am Lüftungsschlitz) abgeschreckt hätte, sie
mitzunehmen.
Klara ahnte, dass er schon ganz anders zugerichtete Frauen aus Hotels
hatte kommen sehen. Offenbar hielt er sie für eine misshandelte Prostituierte,
und im Grunde fühlte sie sich auch so. Benutzt und leer, auch wenn es zu
keiner sexuellen Handlung gekommen war.
»Ihr Freund okay?«, wollte Erdjan wissen.
»Wie?« Klara brauchte einen Moment, dann fiel ihr ein, dass er beim
Einsteigen gehört haben musste, wie sie noch mit dem Notruf gesprochen und
Hendriks Standort durchgegeben hatte.
»Ja, ja, ich hoffe.«
Sie hatte keine Erfahrung mit Schusswunden und überlegte, ob es
vielleicht sogar günstig war, dass er auf Deck acht auf einem kalten
Betonboden lag, weil so eventuell der Blutfluss vermindert wurde.
»Aber er geht nicht ran?«
Erdjan nickte ihr über den Rückspiegel zu und machte mit Daumen und
Zeigefinger das Zeichen eines imaginären Telefons, das er sich ans Ohr hielt.
»Nein«, sagte sie, wobei sie ihm eigentlich hätte erklären müssen, dass
sie gar nicht versucht hatte, Hendrik zu erreichen. Aber »Nein« passte auch
zu ihrem tatsächlichen Anrufversuch. Nachdem sie es bestimmt zwanzigmal
hatte läuten lassen, hatte sie aufgelegt.
Verdammt.
Wo bist du, wenn man dich braucht?
Das Taxi hielt an einer Ampel neben dem Europa-Center mit Blick auf die
Gedächtniskirche. Früher hatten um diese Uhrzeit hier Zeitungshändler den
Menschen die neuesten Schlagzeilen vors Gesicht gehalten. Heute, im
Internetzeitalter, wo jede gedruckte Nachricht quasi von gestern war,
rechnete sich das nicht mehr. Schon gar nicht bei diesem Mistwetter.
Kein vernünftiger Mensch hielt sich aktuell freiwillig da draußen auf,
wenn er nicht gerade vom Schichtwechsel kam oder zu einer schlecht
bezahlten Hilfsarbeit musste. Das jugendliche Feiervolk, das sich auch von
Matsch und Eis nicht aufhalten ließ, zog durch die angesagten Ostbezirke,
weswegen man hier auf dem Bürgersteig nicht einmal alle Finger einer Hand
brauchte, um die Passanten einzeln abzuzählen. Umso erstaunlicher war es,
dass Klara beim Anfahren des Taxis meinte, einen Mann unter ihnen
wiedererkannt zu haben.
»Oh nein«, schrie sie auf, und Erdjan fragte, ob sie noch mehr Tücher
brauche, aber das Grauen, das sie im Hauseingang gesehen hatte, ließ sich
nicht kosmetisch entfernen.
Der Mann stand bestimmt fünfzig Meter entfernt im gedämpften Licht
eines großen Glastors, das Klara eigentümlich bekannt erschien, auf das sie
sich jetzt aber nicht konzentrieren wollte und konnte. Sie brauchte ihr letztes
bisschen an Konzentration, um herauszufinden, ob sie zum Opfer ihrer
eigenen Vorstellungskraft geworden war.
»Was ist los mit Ihnen?«, fragte Erdjan, der sich zu ihr gedreht hatte.
»Nichts«, brüllte sie, obwohl das Nichts sich so anfühlte, als würde sie
den Verstand verlieren.
Und überall Gespenster sehen.
Aber dieses eine Gespenst ist real!
Es musste irgendwann auftauchen.
Ich habe es nur vergessen.
Wenn auch nur für wenige Stunden.
Nie hätte sie das für möglich gehalten, aber ausgerechnet heute war es ihr
passiert. An jenem Tag, den er für sie ausgesucht hatte, hatte sie ihn
verdrängt.
Groß gewachsen, den sportlichen Körper in einen langen, dunklen Mantel
mit aufgestelltem Kragen gehüllt, der seinen schlanken Hals betonte.
War er es wirklich? Oder halluzinierte sie?
So wie sie in den blutigen Feuchttüchern in ihren Händen auf einmal
Organe sah, die aus ihrem Körper quollen, und in Erdjans Schnäuzer den
buschigen Schwanz einer Ratte, die sich ihm um den Hals gelegt hatte und ihr
jeden Moment ins Gesicht springen würde.
Klara sah auf ihr Handy.
Natürlich ist er es. Er weiß ja, wo ich bin. Trackt mein Telefon.
Und das Ultimatum ist abgelaufen.
Das Taxi fuhr an, und sofort zweifelte sie wieder an sich selbst. Hatte sie
ihn wirklich gesehen? War ihr Handy tatsächlich verwanzt?
Oder bin ich endgültig verrückt geworden?
Wenn sie sich jetzt umdrehte, befürchtete sie, Yannick zu erblicken, wie er
ihr hinterherwinkte. Wie er das gleiche Zeichen machte wie eben noch
Erdjan und mit Daumen und Zeigefinger einen Telefonhörer imitierte.
Es kostete sie fast übermenschliche Kräfte, nicht zurückzuschauen.
Stattdessen drückte sie verzweifelt auf ihrem Handy auf Wahlwiederholung.
49
Jules

N ein. Unter dem Gästebett war kein Auge, das im Licht von Caesars Handy
so gespenstisch aufgeblitzt hatte.
Es waren zwei!
Und sie starrten ihn an. Anklagend. Weit aufgerissen und schreiend; wie
tot, doch sie bewegten sich. Blinzelten.
In dem Moment, in dem sich der Geist? (Jules konnte gerade nicht
rational denken) unter dem Bett bewegte, ließ er vor Schreck beide Telefone
fallen, sowohl sein eigenes als auch das von Caesar, das plötzlich zu läuten
begonnen hatte und nun wieder stumm war.
Er muss nackt sein, überlegte Jules, und ein ekelerregendes Bild seiner
Fantasie verstärkte das reale Grauen. Er stellte sich einen drahtigen,
muskulösen Triebtäter vor, den Körper mit Butter eingefettet, ansonsten
würde er sich doch hier unten nicht verkriechen können? In der hintersten
dunklen Ecke unter dem Doppelbett.
»Rauskommen!«, rief Jules und wunderte sich, wie gefasst und ruhig er
klang, während er am liebsten weggerannt wäre. Einen Herzschlag später
konnte er diesen Reflex nicht länger unterdrücken.
Die schmale Hand des Unbekannten schoss unter dem Bett hervor und
griff sich eines der Telefone vom Eichenholzparkett. Wie eine Spinne ihre
Beute zog der Fremde es zu sich heran in die Dunkelheit unter dem Bett.
Rasch stellte Jules sicher, dass er nicht auch noch sein eigenes Telefon an
den Einbrecher verlor, hob es auf und wägte dann seine Optionen ab,
während er zur Zimmertür zurückwich. Die blaugraue Bettwäsche war
zerwühlt, ein Kissen lag auf dem Boden, als hätte der Eindringling es sich
darin gemütlich gemacht und vielleicht sogar geschlafen.
»Wer bist du?«, rief Jules. »Und was willst du?«
Natürlich hätte er die Matratze hochreißen können, um den Fremden zu
enttarnen, aber auch wenn er ihm körperlich mehrfach gewachsen schien, so
hatte er momentan nur ein Handtuch mit zerschlagenen Glühlampen als Waffe
griffbereit, während der Unbekannte vielleicht ein Messer an sich gebracht
hatte.
Nein, nicht vielleicht. Sondern ganz sicher!
Also blieb Jules vernünftig, verließ das Zimmer, schloss die Tür und
wollte gerade die Polizei anrufen, als er merkte, dass das Display seines
Handys schwarz war. Der Akku war endgültig verbraucht.
50
J ules stürmte durch das Wohn- ins Arbeitszimmer, dort öffnete er seinen
Rucksack, den er unter dem Schreibtisch abgestellt hatte. Darin musste
irgendwo eine aufgeladene Powerbank sein, die er zunächst nicht finden
konnte, dann wickelte sich zum Glück das daranhängende Kabel beim
Wühlen um seine Finger.
Sofort verkoppelte er den Ersatzakku mit dem Mobiltelefon. Gleichzeitig
hörte er es krachen. Ein Geräusch, als würde jemand Möbel rücken, bahnte
sich vom Flur her den Weg durch den Altbau.
Jules achtete nicht darauf, wohin er trat, und stolperte mit den Crocs auf
seinem Rückweg über einen umgeschlagenen Läufer. Wieder glitt ihm das
Telefon aus der Hand, wobei die Powerbank zwar mit dem Handy verbunden
blieb, doch diesmal knallte das Telefon mit der Kante auf den Boden, und
das Display splitterte wie eine Panzerglasscheibe, auf die man geschossen
hatte.
Bitte nicht, nein.
Das Symbol einer sich aufladenden Batterie war noch da, aber das hieß ja
nicht, dass er mit dem zerbrochenen Touchscreen eine Verbindung würde
herstellen können.
Jules zog sich am Esstisch hoch und rannte weiter, jetzt ohne die
Gummischuhe, zurück zum Kinderzimmer; der Raum mit dem wichtigsten
Lebewesen, das es in dieser Wohnung zu beschützen galt.
In diesem Moment hätte er den rechten Arm für ein Festnetztelefon
gegeben, doch er hatte nur das Handy zur Verfügung, das jetzt durch seine
Dummheit vielleicht nicht mehr funktionierte.
Im Flur trat er in die Scherben, die sich durch seine Socken bohrten. Er
spürte keinen Schmerz, so elektrisiert war er durch die Erscheinung des
»Geistes«, der natürlich kein übernatürliches Wesen war, sondern ein
Mensch aus Fleisch und Blut.
Bewaffnet.
Und womöglich nicht länger unter dem Gästebett kauernd, sondern
vielleicht schon im Kinderzimmer …
Dessen Tür noch immer verschlossen war, aber das hatte nichts zu
bedeuten. Vielleicht hat er sie von innen zugezogen? Hält sie wieder zu wie
die Tür zur Abstellkammer.
Der Geist musste ein Meister der Täuschung sein. Hatte sich durch die
Wohnung geschlichen, ohne dass er von Jules aufgespürt worden war.
Obwohl er nach ihm gesucht hatte, wenn auch nur flüchtig. Weil er sich kein
Motiv hatte vorstellen können, das den unsichtbaren Einbrecher antrieb. Es
sei denn, er war einfach nur wahnsinnig und wollte Blut sehen.
Kinderblut!
Jules riss die Tür auf, viel zu laut und unvorsichtig.
»Papa?«
»Sorry«, hauchte er beruhigend. »Es tut mir leid, Kleines, geht es dir
gut?«
»Ja«, antwortete dieses wundervolle, unschuldige Wesen mit der
schlaftrunkenen, abwesenden Stimme, wie sie nur Kleinkinder haben, wenn
sie so müde sind, dass sie trotz heftigster Störung sofort wieder einschlafen
können.
Oder Kranke …
»Schlaf weiter, Schatz«, rief Jules ihr zu und verließ ihr Zimmer, nicht
ohne noch mal unter ihr Bett gesehen zu haben. Doch da war niemand.
Keine Augen. Keine Hände. Nur Staub und ein Tuschkasten und … Holz?
Kein Zweifel, Jules hatte es klappern hören. Das Geräusch kam aus dem
Nebenzimmer, wie ihm klar wurde, als er wieder im Flur war.
Holz auf Holz. Das typische Geräusch eines auf und zu schlagenden, vom
Wind bewegten Fensters.
Er machte einen großen Schritt über die Glühlampensplitter und musste
doch die Zähne zusammenbeißen, als er auf eine weitere Scherbe traf.
Wieder trat er ins Gästezimmer, und wieder stand er im Dunkeln, weil das
Deckenlicht selbstverständlich noch immer nicht funktionierte, doch diesmal
konnte er noch nicht einmal mit der Handytaschenlampe leuchten, denn sein
Telefon war noch nicht so weit aufgeladen, dass es hochfuhr.
Allerdings ergab es ohnehin keinen Sinn, unter das Bett zu sehen, denn das
war umgestürzt. Der Geist (Jules nannte ihn immer noch so) musste sich unter
dem Lattenrost aufgebäumt und es mitsamt der Matratze von sich geschoben
haben.
Und war dann zum Fenster gegangen …?
Es stand offen!
Die rechte Scheibe im zweiteiligen Rahmen bewegte sich im Luftzug, vor
und zurück, als wollte sie Jules zu sich winken.
Doch er blieb stehen, vergewisserte sich, dass hinter der nun hochkant
stehenden Matratze niemand kauerte. Und dass auch der Bauernschrank, den
er langsam öffnete, keine Überraschung barg, die ihn hinterrücks anspringen
konnte.
Zum hundertsten Mal warf er einen Blick auf sein Handy, und endlich
zeigte sich das Logo, und er hörte die erlösende Gitarrenmelodie, mit der das
Telefon einen ausreichend aufgeladenen Akkustand signalisierte, um wieder
das Betriebssystem laden zu können. Drei Sekunden später stellte er
erleichtert fest, dass sein Handy noch funktionierte. Die ersten Nachrichten
klimperten ein. Zwei SMS , eine WhatsApp. Und ein Anruf!
»Ich kann jetzt nicht«, bellte Jules in den Hörer und wollte ihn
wegdrücken.
»Halt, warte!«, schrie sein Vater. »Du bist in Gefahr. Ich hab etwas über
Klara rausgefunden!«
»Nicht jetzt.«
»Doch, Junge, es ist lebenswichtig. Weißt du, wo sie steckt?«
»Nein. Aber sollte sie sich noch einmal bei mir melden, versuche ich, sie
zu mir nach Hause zu lotsen.«
»Großer Gott, nein. Komm ihr bloß nicht zu nahe. Was immer du tust,
warte, bis ich bei dir bin!«, war das Letzte, was er von seinem Vater hörte,
bevor er einen zweiten Anruf entgegennahm, der die ganze Zeit schon
angeklopft hatte. Ein heftiger Windstoß stieß das Fenster komplett auf und
ließ die Scheibe im Rahmen klirren. So laut, dass Jules im ersten Moment
nicht verstand, wer in der Leitung war.
Nur, dass die Person weinte.
Und ihn um Hilfe anflehte.
51
Klara

I ch verliere meinen verdammten Verstand.«


»Klara?«
Sie sah auf ihren Unterarm. Ihre Tränen hatten die Nummer bereits
verwischt, die sie sich mit Hendriks Edding darauf notiert hatte.
»Dachte schon, Sie haben mir eine falsche Nummer gegeben. Wieso sind
Sie nicht rangegangen? Ich hab es wieder und wieder versucht.«
Erdjan Y. hatte sogar einen Zwischenstopp einlegen müssen. Klara hatte
ihn gebeten, den nächsten freien Parkplatz anzupeilen, bis sie wüsste, wohin
sie fliehen könnte.
»Ärger zu Hause«, hatte ihr Fahrer lakonisch festgestellt und war dann an
zehn Parkbuchten vorbeigefahren, bis er vor dem Ku’damm 195 hielt, um
hier seine Zwangspause mit einer Currywurst zu verbinden.
Ja, nennen wir es »Ärger zu Hause«, dachte Klara mit Blick zu dem
Schnellimbiss, der dafür bekannt war, vierundzwanzig Stunden am Tag
geöffnet zu sein und die Speisen nur auf Porzellan auszugeben. Passend zu
den Luxusboutiquen und Starfriseuren, die die zurückgesetzte Bude
flankierten.
Was soll ich nur tun? Wohin soll ich jetzt fahren?
Es zog sie zu ihrer Tochter, doch daheim wartete bestimmt Martin schon
auf sie.
Klara hatte sich so sehr nach Jules’ Rat gesehnt, dass sie ihn bestimmt
zwanzigmal angeklingelt hatte, aber bis eben war er nicht rangegangen.
»Sie haben Ihr Handy ausgeschaltet!«, warf sie ihm vor.
»Mein Akku war leer.« Jules klang ähnlich wie sie. Nicht so weinerlich,
aber ängstlich. Zudem flüsterte er.
»Wirklich?«
»Misstrauen Sie mir?«
Ihre Augen füllten sich mit Tränen. »Ich misstraue mir selbst. Dieses
beschissene Experiment. Es hat alles durcheinandergebracht in meinem Kopf.
Erinnern Sie sich daran, was Sie mich vorhin gefragt haben?« Sie plapperte.
Es ging nicht anders. Wenn sie aufhörte zu reden, fürchtete sie, würde sie ein
Heulkrampf überwältigen.
»Als ich Ihnen beschrieben habe, wie der angebliche Dr. Kiefer mir im
Klinikpark eröffnete, ich sei während des Versuchs klinisch tot gewesen?«
»Es tut mir leid, ich habe hier gerade ein Problem …«
»Sie wollten wissen, ob er die Wahrheit gesagt hat. Ja, das hat er. Ich war
wirklich dem Tode nahe, und das, unmittelbar nachdem mir der Assistenzarzt
das Mittel spritzte, das die Halluzinationen erzeugte. Aber alles, was danach
kam, war nicht mehr real.«
»Sie meinen das Gespräch mit dem spanischen Chefarzt, die merkwürdige
Übersetzung …?«
Jules klang noch immer gehetzt, nun aber so, als hätte sich gerade für ihn
ein wichtiges Rätsel gelöst.
»… bis hin zu Kerniks Sprung in den Tod. All das hat nie stattgefunden.«
»Was sagen Sie da?«
»Die künstlich hervorgerufenen Halluzinationen waren bei mir viel
stärker als bei den anderen Probanden. Ich musste drei Wochen länger im
Berger Hof bleiben, bis ich wieder halbwegs zwischen Wahn und
Wirklichkeit unterscheiden konnte.«
»Und jetzt sind Sie sich nicht sicher, ob die Nebenwirkungen des
Experiments noch andauern?«
Klara stöhnte zustimmend. »Himmel, ich bin mir noch nicht einmal sicher,
ob Sie überhaupt real sind, Jules. Vielleicht ist das alles hier, mein gesamtes
Leben, nur noch Einbildung und das Resultat dieser Gehirnwäsche. Ich …«
Klara wechselte abrupt das Thema in der vergeblichen Hoffnung, dadurch
aus ihrem düsteren Gedankenkarussell gerissen zu werden. »Was haben Sie
damit gemeint, Sie haben ein Problem?««
»Ich bin nicht länger alleine. Bei uns ist jemand eingedrungen.«
Diese unerwartete Information alarmierte Klara so sehr, dass sie das
Gefühl hatte, ihre Nase hätte wieder angefangen zu bluten, doch als sie es mit
dem Zeigefinger prüfte, ertastete sie nur verkrusteten Schorf unter den
Nasenlöchern.
»Ein Einbrecher?«, fragte sie mit einem Kloß im Hals.
»Ja.«
»Yannick!«, entfuhr es ihr, doch sie korrigierte sich gleich. Nein. Der
konnte es nicht sein. Den hatte sie gerade in der Nähe des Breitscheidplatzes
auf der Straße stehen sehen.
Falls er es war.
Denn wenn sie ihrer Fantasie freien Lauf ließ, erkannte sie selbst in
Erdjan an der Würstchenbude von Weitem Ähnlichkeiten mit ihrem Peiniger.
Ich dreh langsam durch.
»Sorry, ich sehe ihn überall«, sagte sie und warf mit dieser Behauptung
vermutlich mehr Fragen bei Jules auf, als dass sie irgendetwas erklärte.
Erstaunlicherweise murmelte der auch völlig kryptisch: »Wie ein Geist.«
»Ein Geist?«
»Beschreiben Sie mir noch mal, wie Yannick aussieht«, bat er.
»Mitte fünfzig, Bart, blaue Augen, längere schwarze Haare,
Waschbrettbauch …«
»Hm. Das passt nicht auf den Typ unter dem Bett …«
Unter dem Bett?
»Eher das Gegenteil, aber …«
»Was aber?«
Das Gefühl von Nasenbluten wurde wieder stärker, doch diesmal griff
Klara sich nicht ins Gesicht. Sie sah, wie Erdjan mit einer Colaflasche
zurückkam, sein Gesicht eine einzige Atemwolke. Die Wurst samt Pommes
hatte er wohl noch im Imbiss verdrückt, bis auf einen letzten Rest, an dem er
genüsslich kaute.
»Es gibt jemanden in meinem Umfeld, auf den Ihre Beschreibung
halbwegs passen könnte«, stellte Jules fest. »Bis aufs Alter. Aber alle sagen,
der Bart mache ihn älter.«
»Wie heißt er?«
»Magnus Kaiser. Genannt Caesar.«
52
Klara

K laras Anspannung erreichte eine neue Dimension. Obwohl sie seit Tagen
nichts Richtiges mehr gegessen hatte, rumorte es in ihrem Magen wie nach
einem Festmahl. »Er arbeitet auch am Begleittelefon. Ich hab seine Schicht
übernommen.«
Mit dieser Information schien Jules ihr ein Puzzlesteinchen ausgehändigt
zu haben, das ein schreckliches Bild vervollständigte: »Dann hätte ich heute
eigentlich mit diesem Caesar telefonieren sollen statt mit Ihnen?«
»Oder mit einem anderen Begleiter. Die Auswahl erfolgt zufällig.«
»Nichts heute Abend ist zufällig«, sprach Klara ihren Gedanken laut aus.
Dann, als Erdjan gerade die Fahrertür öffnete, traf sie eine Entscheidung.
»Wo wohnt Caesar?«
»Wozu wollen Sie das wissen?«
»Haben Sie nicht gesagt, man müsse sich der Gefahr stellen?«
»Sie klingen nicht danach, als wären Sie heute Nacht in der Lage dazu.«
»Mir bleibt nur noch heute Nacht.«
Laut dem Ultimatum, das der Kalender-Killer ihr gestellt hatte, lebte sie
im Grunde schon auf geborgter Zeit.
»Hast du es bis zum dreißigsten November nicht geschafft, die Ehe mit
deinem Mann zu beenden, werde ich dich töten, sobald der Tag anbricht.«
Erdjan war wieder eingestiegen, mit ihm eine Dunstwolke aus Bratfett
und Ketchupgeruch. Klara bekam Hunger, neben ihrem plötzlichen
Tatendrang auch ein ungewohntes Gefühl.
»Wissen Sie, Jules, bei allem Wahn, dem Yannick verfallen sein muss, hat
er in einem Punkt vollkommen recht«, flüsterte sie, obwohl Erdjan sie kaum
hören konnte. Der Taxifahrer hatte das Radio angeschaltet und einen
Elektropop-Song lauter gestellt, in dem jemand, der sich wie Dave Gahan
anhörte, von Schmerzen sang, an die er sich gewöhnt habe. Ausgerechnet!
Erdjan summte mit. Offenbar gefiel ihm die merkwürdige Tour, kein
Wunder, die Uhr stand bereits auf über dreiunddreißig Euro, und noch immer
war kein Ziel in Sicht.
»Ich muss aufhören, mich in die Opferrolle zu fügen.«
»Meine Worte«, stimmte Jules ihr zu.
Klara nickte, euphorisiert von dem Gedanken, dass all das, was heute
Abend passiert war, einen Wendepunkt markierte. Sie war noch immer
schwach. Noch immer kraftlos. Und sie hatte bestimmt mehr Angst als je
zuvor. Aber sie war bereit gewesen zu sterben. Sie hatte sich auf schlimmste
Schmerzen bis hin zum Tod eingestellt; erst auf dem Kletterfelsen, dann in
der Garage, später im Parkhaus. Und jedes Mal war sie dem Tod entkommen.
»Bis heute Abend dachte ich, mir bleibt ein Fünkchen Selbstbestimmung,
wenn ich meinem Leben selbst ein Ende setze. Aber im Grunde hatte ich nur
Angst vor weiteren Schmerzen.« Doch die schreckten sie jetzt nicht mehr.
Vielleicht weil ihr die Tatsache, noch immer am Leben zu sein, nach all dem,
was ihr heute zugestoßen war, wie ein Zeichen erschien. Vielleicht war auch
einfach nur das Maß an Grausamkeiten, das eine Frau ertragen konnte, erfüllt.
So mussten sich Kriegsberichterstatter fühlen, die so oft im Kugelhagel
gestanden hatten, dass sie sich keine Sorgen mehr um die eigene Sterblichkeit
machten, wenn sie zum nächsten Einsatz zogen. Nicht, weil sie den Tod nicht
fürchteten, sondern weil sie ihn als eine Notwendigkeit akzeptierten.
»Ich habe Menschen gekannt, die aus weit weniger nachvollziehbaren
Gründen Suizid begangen haben«, sagte Jules mit seiner beruhigenden,
angenehmen Stimme, und zum ersten Mal überlegte sie, wie ihr Begleiter
wohl aussehen mochte.
Der Song (es war tatsächlich »A pain that I’m used to«) ging zu Ende, und
Klara hörte ein knarzendes Geräusch in der Leitung, als ob Jules ein altes
Holzfenster öffnete, was zu den darauf einsetzenden Windgeräuschen passte.
Dann stieß er perplex ein »Ach du Scheiße …« aus.
»Was ist los?«, fragte Klara aufgeregt.
»Pestalozzistraße 44, dritter Stock«, hörte sie Jules noch sagen. »Caesars
Adresse. Aber rufen Sie die Polizei an, wenn Sie da wirklich hinwollen. Ich
fürchte, ich kann Ihnen jetzt nicht mehr helfen.«
»Wieso, was ist passiert?«, fragte Klara, während sie Erdjan ein Zeichen
gab, dass sie gleich weiterfahren könnten.
Immerhin hatte sie jetzt eine Adresse.
Von der Höhle des Löwen?
»Jules, reden Sie mit mir!«
»Keine Zeit mehr«, keuchte ihr Begleiter. Er klang wie jemand, der hohe
Treppenstufen steigt. »Ich fürchte, ich muss jetzt erst mal jemand anderem
das Leben retten.«
53
Jules

D er »Geist« ist vielleicht ein Zauberer, dachte Jules, als er das Telefon
auf dem Fenstersims liegen sah.
Ein Meister der Sinnestäuschung. Wie ein Illusionist, der mit den Mitteln
der Ablenkung arbeitete, wenn er einen starken Druck am rechten
Handgelenk ausübte, um dem ahnungslosen Publikumsgast am linken die
Armbanduhr zu entwenden.
Weil der menschliche Verstand sich nicht auf mehrere intensive
Empfindungen gleichzeitig konzentrieren kann!
So gesehen konnte das Handy auf dem Fenstersims auch nur eine
Ablenkung von der wahren Gefahr sein, denn natürlich war es das Erste, was
Jules ins Auge gesprungen war, kaum dass er das Fenster geöffnet hatte.
Der Schneeregen hatte nachgelassen, es nieselte nur noch, weswegen er
einen guten Überblick über den Fenstervorsprung hatte, der sich im dritten
Stock über die ganze Häuserfront zog, hin und wieder von einem Adlerkopf
unterbrochen, der alle fünf Meter zur Zierde in den Stein gehauen war. Der
Absatz bot einem Menschen genügend Platz, um auf ihm zu stehen, vielleicht
sogar, um sich auf ihm langsam fortzubewegen, wenn auch nicht im Winter,
wo das Wetter ihn in eine nasse Rutschbahn verwandelt hatte.
Dennoch musste der »Geist« erstaunlich schnell über diesen Weg die
Flucht ergriffen und sich an der verbogenen Regenrinne herabgelassen haben,
denn sosehr Jules sich auch bemüht hatte, er hatte ihn nirgendwo entdeckt.
Nicht im Vorgarten, nicht auf dem Bürgersteig, nicht auf dem Weg zum
Seeufer.
Nur das Handy auf dem Sims.
Als Jules es in die Hand nahm, erkannte er, dass es Caesar gehörte. Durch
die Bewegung aktivierte sich der Startbildschirm, und Jules konnte im
Vorschaubild die erste Zeile einer Textnachricht lesen: Geh ran. Ich weiß, du
hast das Telefon gefun…
Mit der kieksenden Stimme von Klara im Ohr, beugte sich Jules über den
Sims.
Ach du Scheiße, entfuhr es ihm, dann blieb ihm nur noch die Zeit, Klara
die Adresse zu nennen, während er die Hand nach den Fingern ausstreckte.
Doch er hatte keinen guten Griff, berührte nur die obersten zwei Glieder,
die sich um den kalten Stein des Mauervorsprungs gelegt hatten. Er musste
wohl oder übel auch nach draußen steigen.
»Wieso, was ist denn passiert? Jules, reden Sie mit mir!«, hörte er Klara
fragen.
»Keine Zeit. Ich fürchte, ich muss jetzt erst mal jemand anderem das
Leben retten«, stöhnte Jules und schmiss sein Telefon zurück ins
Gästezimmer.
Er stieg über das Fensterbrett auf den Sims, kniete sich gegen den Sturm
und sah in die Tiefe, während er sich mit einer Hand am Fensterrahmen
festhielt, um nicht abzustürzen. Und um einen Anker zu haben, wenn er den
Arm desjenigen packte, der verzweifelt an dem Mauervorsprung baumelte.
Eine Hand auf der Steinkante, die andere an einem Stromkabel, das der
kleine Mann aus dem Putz gerissen hatte.
Herr im Himmel …
Der Einbrecher sah verzweifelt zu ihm hoch, sagte aber nichts, vermutlich
schwanden ihm die Kräfte.
Die Augen waren nicht länger blutunterlaufen, sondern ein einziges
Feuermeer, so viele Adern waren ihm wegen der Anstrengung schon geplatzt.
Jules griff nach der Hand des Fremden am Stromkabel.
Das Kabel hatte sich als Schlaufe um sein Handgelenk gewickelt, zum
Glück, ohne diesen zusätzlichen Halt wäre der Kerl längst auf dem Vordach
des Eingangs gelandet. Und es machte es einfacher, ihn nach oben zu ziehen.
Gemeinsam mit dem Umstand, dass der Kerl ein Fliegengewicht war.
»Hör auf zu strampeln«, schrie er ihn an. Die Lebensgeister des
Unbekannten mussten geweckt worden sein und wollten offenbar Salsa
tanzen.
Jules fürchtete, bei dem Knacken, den der Rahmen von sich gab, würde er
jeden Moment aus der Halterung reißen und mit ihm und dem Einbrecher
knapp zwanzig Meter nach unten segeln, doch er hielt der Belastung stand.
Dem Zug am Arm, dem Hinüberhieven auf den eisigen Stein.
»Verdammt, wer bist du?«, fragte Jules, der mit dem Unbekannten um die
Wette keuchte. Er ließ ihn erst wieder los, nachdem er ihn übers Fensterbrett
ins Zimmer gezogen hatte. Das Stromkabel noch immer am blutgestauten
Arm. Der Junge, anders konnte Jules ihn nicht beschreiben, sah aus, als wäre
er für einen Science-Fiction-Film als Außerirdischer geschminkt worden, so
intensiv war die Blaufärbung seines im Winterwind ausgekühlten Gesichts.
Das Nächste, was Jules auffiel, war die Narbe auf der linken Wange.
Dann begriff er, dass es keine Narbe war, sondern eine Schlaffalte, so als
habe der Einbrecher bis vor Kurzem noch auf einem Kissen gelegen.
Schließlich wunderte sich Jules über sein Alter.
So jung?
»Was zum Teufel willst du von uns?«
Der noch immer stumme Fremde konnte nicht älter als achtzehn sein. Eher
jünger, wenn man die Pickel unter dem Oberlippen-Bartflaum als Indiz
heranzog.
»Was hast du hier zu suchen?«
Die Antwort, die er bekam, roch nach Salz. Etwas rostig und zähflüssig.
Jules hatte sie nicht kommen sehen. Die Klinge des Brotmessers, die von
der Jeans verborgen in den Sneakern des Eindringlings platziert gewesen
war und nun unter seinem Rippenbogen steckte.
Jules sackte nach vorne, brachte die Kniescheiben fast zum Zerbersten,
als er sich auf sie fallen ließ. Sah das Blut, das auf den Boden tropfte und
sich zu einem Rinnsal auf dem Parkett sammelte.
Er wollte dem Geist, der nie ein Geist gewesen war, sondern immer nur
eine tödliche Gefahr, noch etwas zurufen, aber ihm fiel schon nicht mehr ein,
was und mit welchem Nutzen.
Der Killer mit dem jungenhaften Gesicht löste das Kabel von seinen
Händen.
Jules’ letzter Gedanke, bevor er zur Seite kippte, war noch: Ich habe
meinem Mörder das Leben gerettet, dann hörte er, wie der viel zu junge
Täter aus dem Raum ging. Die Nachbartür zum Kinderzimmer öffnete. Hörte,
wie sie sich schloss und Möbelstücke verschoben wurden, wohl weil die
Tür blockiert werden sollte.
Fabienne, brüllte er noch den Namen seiner Tochter, aber nur in
Gedanken. Ihn quälte die Erkenntnis, schon wieder versagt zu haben. Dann
verlor Jules das Bewusstsein.
54
Klara

D a hätten Sie auch laufen können«, maulte Erdjan, enttäuscht darüber, dass
die lukrative Tour nun doch ein jähes Ende fand. Vom Ku’damm bis zur
Pestalozzistraße war es nicht einmal ein Verdauungsspaziergang.
Klara bezahlte die vierzig Euro mit ihrem Handy und hätte viel dafür
gegeben, wenn der Taxifahrer ihr den Ausstieg aus seinem Wagen verboten
hätte.
Wenn er darauf bestanden hätte, sie doch in ein Krankenhaus zu fahren und
nicht vor diesem warm illuminierten Mietshaus aus der Gründerzeit
auszusetzen.
Die Mieten in diesem Prachtbau mussten aufs Jahr gerechnet dem
Gegenwert eines Mittelklassewagens entsprechen. Falls es sich um
Eigentumswohnungen handelte, hatten die, die hier wohnten, es geschafft
oder setzten mit einem Millionenkredit alles auf eine Karte.
Klara stieg aus und sah sich um. Versuchte, im cremefarbenen Putz und an
den ionischen Säulen einen Anhaltspunkt zu finden, hier schon einmal
gewesen zu sein. Fragte sich, ob ihr der Bioladen gegenüber oder das vegane
Café bekannt vorkam. Oder das russische Schild im Schaufenster des antiken
Lampenladens.
Aber auch die in Messing gefassten Namen auf dem Türschild sagten ihr
nichts. Sie konnte allerdings auch keinen Magnus Kaiser entdecken, dafür ein
leeres Schild im dritten Stock.
War das das Haus, in dem Johannes zu Yannick mutierte?
In der ich zugleich die schönste und schrecklichste Stunde dieses Jahres
erlebte?
Damals war die Eingangstür unten nicht abgeschlossen gewesen, das
wusste Klara noch. Sie hatte auf nicht viel geachtet, allerdings hatte sie es
merkwürdig gefunden, dass sich in einer so feinen Gegend offenbar niemand
Sorgen vor einem unberechtigten Zutritt machte. Die Wohnungstüren waren
bestimmt mehrfach gesichert, aber allein die Vorstellung, dass Obdachlose
sich hier bei der Kälte im marmornen Treppenhaus niederlassen könnten, ließ
Nachbarn in dieser Gegend normalerweise paranoid werden.
Klara musste an den »Professor« vom Savignyplatz denken, der nur einen
Steinwurf entfernt bestimmt mit großen Schmerzen im Mund auf den Anbruch
des nächsten Tages wartete, und sie wurde traurig.
Ihr Atem ging schwer, als sie die geschwungene Klinke der
schmiedeeisernen Tür herunterdrückte, und sie hechelte regelrecht, als sie
feststellte, dass auch dieses Haus unverschlossen war.
Mit bis zum Hals klopfendem Herzen trat sie in einen gewölbten
Durchgang und ging an verchromten Designer-Briefkästen vorbei zur Treppe.
Damals hatte er ihr die Augenbinde erst in der Wohnung abgenommen,
weswegen der rote Teppich auf den hölzernen Stufen keine Erinnerungen
hervorrufen konnte.
War es der dritte Stock?
Sie nahm ihr Telefon in die Hand und wählte die 110, ließ den Zeigefinger
über dem Anruf-Button schweben.
Jules hatte gesagt, sie sollte die Polizei verständigen.
Aber hat er mir nicht auch gesagt, dass die Polizei bei häuslicher
Gewalt keine Hilfe ist?
Nun, vielleicht galt das nicht im Fall eines Killers, der einen mit der
Androhung entsetzlicher und zum Tode führender Qualen dazu bringen
wollte, seine Ehe zu beenden. Aber was, wenn sie sich irrte? Was, wenn
dieser Caesar, der hier wohnte, gar nichts mit ihrem Martyrium zu tun hatte?
Sie war schon einmal mit einer unglaubwürdigen Aussage aufgefallen;
wenn sie jetzt die Beamten zu einem an den Haaren herbeigezogenen Einsatz
zitierte, hätte sie für die Zukunft jegliche Glaubwürdigkeit verspielt.
Wenn ich denn noch eine Zukunft habe.
Im dritten Stock vor der schweren, weiß gebeizten Eichenholztür
angekommen, musste Klara beinahe über ihre Naivität lachen. Sie war völlig
unvorbereitet.
Was willst du denn jetzt machen, du blöde Kuh?
Etwa klingeln?
Oder unter der Fußmatte nach einem Zweitschlüssel suchen?
Wie im Hollywoodfilm im Kopf Zahlenkombinationen durchgehen, um die
Alarmanlage, die es hier gewiss gab, mit einem Zufallstreffer in letzter
Sekunde auszuschalten?
So ein Quatsch. Vielleicht sollte ich auch einfach nur die Tür …
Klara sog die Luft ein, als wollte sie für eine Weile unter Wasser tauchen.
Mit der Atmung setzte für eine Sekunde auch ihr Denkvermögen aus. Wie sie
es drehte und wendete – was sie hier gerade erlebte, konnte kein Zufall sein.
Nichts in dieser Nacht geschieht zufällig!
Denn die unwahrscheinlichste aller Varianten war tatsächlich eingetreten.
Die Tür der Wohnung im dritten Stock der Pestalozzistraße 44 war
unverschlossen und ließ sich mit sanftem Druck nach innen öffnen.
55
Jules

D ie Ohnmacht hatte zwei Tage gedauert. Vielleicht waren es auch nur zwei
Sekunden, Jules hatte keinerlei Zeitempfinden mehr. Es war ihm mit dem Blut
verloren gegangen, das eine Pfütze unter seinem Körper im Gästezimmer
gebildet hatte. Als er wieder zu sich kam, mit einem noch nie da gewesenen
Kältegefühl überall, hatte er zunächst wichtige Sekunden damit verplempert,
dem Rinnsal seines Blutes auf dem Eichenholzparkett hinterherzustarren. Es
dauerte eine Weile, bis ihm klar wurde, dass sein Blut exakt auf das Handy
zulief, das er vor seiner Rettungsaktion ins Zimmer zurückgeworfen hatte.
Weshalb hat der junge Messerstecher es nicht an sich genommen?
Vielleicht weil er gedacht hatte, dass ihm nicht mehr zu helfen wäre.
Jules begriff selbst nicht, wie er mit einer solchen Stichwunde in der
Seite überhaupt noch atmen konnte, aber offensichtlich waren keine
wichtigen Organe getroffen.
Er griff sich ein kleines Kissen, das von der umgestürzten Matratze
gefallen war, riss den Bezug ab und presste ihn auf die Wunde. Dann stand er
auf.
Schwankend tastete er sich am Schrank bis zur Tür, wankte über den Flur
zum Ausgang. Mit fiebrig zitternden Fingern rutschte er mehrfach ab bei dem
Versuch, den Schlüssel ins Schloss zu stecken, bis es ihm endlich gelang, die
Wohnungstür aufzuschließen.
Wenn sie flüchten mussten oder wenn es ihm gelang, den Messerstecher in
die Flucht zu schlagen, sollte die Tür bereits offen stehen.
Er wählte die 110, hörte aber wieder nur die frustrierende Ansage von
vorhin:
»Bitte warten! Polizeinotruf Berlin. Zurzeit sind alle Notrufleitungen
belegt. Bitte, legen Sie nicht auf. Please hold the line. Police Emergency
Call Department. At the moment …«
Ungeduldig legte er wieder auf und drückte die Türklinke des
Kinderzimmers.
Vom Schüttelfrost erfasst, begann er zu halluzinieren.
Sah Valentin auf dem Obduktionstisch. Und Fabienne direkt daneben.
Gestorben durch die Hand eines Irren, der ihr mit einem Messer die Kehle
durchschnitt.
»Fabienne!«, brüllte er durch die Tür, die wie erwartet blockiert war.
Unter normalen Umständen hätte er sich so lange dagegengeworfen, bis er
den Schrank, das Bett oder die anderen Möbel zur Seite gedrückt hatte, und
wenn es ihn eine ausgekugelte Schulter gekostet hätte. Aber mit der
Stichwunde war das nicht möglich.
Er rief: »Kleines, hab keine Angst«, obwohl er selbst panisch war. Er
dachte daran, wie er Fabienne zum ersten Mal alleine zur Schule hatte gehen
lassen. Wie er sie den ganzen Weg verfolgt hatte, ohne dass sie ihn hatte
sehen können. Wie er sich geschworen hatte, sie vor aller Unbill dieser Welt
zu beschützen.
Und wie er versagte.
»Wenn du ihr nur ein Haar krümmst, bring ich dich um!«, schrie er durch
die Tür.
»Sag mir, was du willst, und du bekommst es. Aber lass das Mädchen in
Ruhe!«
Der Kissenbezug war bereits vollgesogen, frisches Blut tropfte zu Boden,
bildete einen weiteren roten Flusslauf auf dem Holz, lief den Flur zurück.
Jules sah auf seine Socken und nickte.
Das Rinnsal wies ihm den Weg.
Er traf eine Entscheidung und hastete zurück zum Gästezimmer. Zog sich
die Socken aus, die ebenfalls blutig waren, denn Splitter der Glühlampe
steckten ihm noch im Ballen und in der Hacke.
Es war ein Glück, dass er diesen Schmerz nicht spürte, sonst wäre er
abgerutscht. Wahrscheinlich betäubte die eisige Kälte der gefrorenen Steine
des Mauervorsprungs jede Wunde.
Jules hatte sich ein zweites Mal über das Fensterbrett geschwungen, hielt
ein zweites Mal das Elektrokabel, das ihn auf seinem Weg an der
Häuserwand entlang mehr behinderte als absicherte.
Sein Handy, das er sich unter dem Pulli in die Hemdtasche gesteckt hatte,
klingelte, aber das war jetzt nebensächlich. Erst einmal musste er versuchen,
bei dem Schritt über den steinernen Adler nicht zu sterben.
Er stand mit dem Rücken zur Straße, auch wenn er es in Filmen anders
gesehen hatte, aber er wollte lieber den gemaserten Putz als einen Abgrund
vor der Nase haben.
Seine Hände lagen flach auf dem Gemäuer, die Füße schob er
zentimeterweise zur Seite.
Wie ein Walzer auf Glatteis.
Jemand, der ihn von unten beobachtete, musste ihn entweder für einen
Einbrecher oder einen Selbstmörder halten. Der Wind riss an seiner
Kleidung, aber er kam voran.
Endlich auf Höhe des Kinderzimmers angelangt, stellte Jules fest, dass
das Risiko abzurutschen nicht das größte Problem war.
Denn was sollte er jetzt tun?
Das Fenster war natürlich verschlossen. Und Jules konnte keinen Anlauf
nehmen, um von außen ins Zimmer zu springen.
Er presste beide Hände an die Scheibe und sah hindurch.
Eine kleine Kommode war schräg unter der Türklinke verkeilt und
verhinderte den Zugang.
Da tauchte das Gesicht des Jungen vor Jules am Fenster auf, und das hätte
ihn beinahe das Gleichgewicht gekostet.
Großer Gott …
Jules schlug mit der Faust gegen die Scheibe, die, wenn auch nur einfach
verglast, zu dick war, um sie ohne einen spitzen Gegenstand zu zerstören.
»Lass sie in Ruhe!«, brüllte er und schlug erneut zu. Wieder ohne Erfolg.
Jules meinte in den Augen zu lesen, wie der viel zu junge Killer abwägte. Ob
er das Fenster öffnen und ihn hinunterstoßen sollte. Oder ob das Risiko zu
groß war, ihm so Einlass zu verschaffen.
Der Fremde wandte sich ab, und Jules beobachtete eine beunruhigende
Bewegung. Er sah, wie der Kerl sich mit dem Messer in der Hand zum Bett
beugte. Der Regen setzte wieder ein. Heftiger denn je.
Vor Jules’ Auge verwischten die Bilder. Er sah nur noch einen großen
Körper, der einen kleinen, reglosen Körper aus dem Bett zu heben schien.
»Fabienne!«, schrie er, schon wieder klingelte sein Handy, und das
lieferte ihm die Lösung.
Hastig griff sich Jules unter den Pulli und fingerte es aus der Brusttasche.
Er geriet ins Wanken, weil er beinahe Dajanas Abschiedsbrief mit
hinausgezogen hätte, was er selbst in dieser Extremsituation nicht zulassen
wollte. Es kostete ihn ein, zwei wertvolle Sekunden, und mit dem
Bewusstsein, dadurch vielleicht ein weiteres Leben zerstört zu haben, schlug
er mit der Kante des Telefons gegen das Fenster. Einmal, zweimal, mehrfach,
bis er dem dicken Glas einen Bruch zugefügt hatte, der ausreichte, dass er
sich mit der Schulter dagegenwarf. Mit dem gesamten Gewicht krachte er
durch die Verglasung ins Kinderzimmer hinein.
56
D er Kampf dauerte keine zehn Sekunden.
Jules hatte den Eindringling mit seinem Körpergewicht beim Fenstersturz
begraben. Sie wälzten sich auf einem Meer aus Splitterkonfetti, was es Jules
unmöglich machte herauszufinden, ob der Messerstecher ihn ein weiteres
Mal erwischt hatte oder ob er sich an den Scherben auf dem Boden verletzte.
»Fabienne!«, brüllte er, aber nur in Gedanken, außer sich, als er sah, wie
der Verrückte mit dem Messer in der Hand zum Kinderbett wollte.
»Lass sie in Ruhe!«, schrie dieser jetzt mit einer für seinen kleinen
Körper erstaunlich tiefen Stimme. »Tu ihr nichts!«
Im Halbdunkel, das nur vom Licht der Straßenlaternen durchbrochen
wurde, konnte Jules nicht sehen, ob sie verletzt war. Doch im Zweifel galt ihr
der Vorrang.
Ich muss sie beschützen. Mit meinem Leben. Ich muss sie beschützen,
ich …
Jules warf sich aufs Bett in der Gewissheit, gleich ein weiteres Mal von
dem Küchenmesser aufgeschlitzt zu werden, diesmal mit endgültig tödlichen
Folgen, doch alles, was er spürte, war ein Luftzug. Der Wind tobte wie ein
Orkan durchs Kinderzimmer, was daran lag, dass er vom Fenster kommend
auf keinen Widerstand mehr traf. Der Killer hatte die Kommode wieder
umgekippt und war aus dem Zimmer gerannt.
Um neue Waffen zu holen?
Oder Verstärkung?
Oder um, Jules wagte es kaum zu denken, weil solches Wunschdenken
niemals in Erfüllung ging, oder um abzuhauen?
Die schweren Schritte im Treppenhaus legten es nahe. Auch das Tor, das
unten krachend ins Schloss fiel, war ein Indiz.
Oder ein Täuschungsmanöver.
»Papa?«
Jules hob den Kopf. »Schhh, meine Süße, Schhh. Alles ist gut, alles gut.«
Er tätschelte ihr den Kopf und hoffte, er machte keine falschen
Versprechungen, die mit ihrem Tod enden würden.
Wenn der Kerl zurückkommt.
Falls er zurückkam.
»Hast du ihn nach Hause geschickt, Papa?«, fragte das wundervollste
Wesen der Welt, das sein Gesicht unter der Bettdecke versteckt hielt.
Weinend, schluchzend.
»Ja, meine Süße«, hauchte er, aus Furcht, eine laute Stimme könnte den
Killer wieder anlocken. Aber auch, weil es ihm schwerfiel, laut zu sprechen.
Jules versuchte, seine Gedanken zu sortieren, die wie das Blut aus der
Stichwunde aus seinem Kopf zu sickern schienen.
Großer Gott, wer war das nur? Und was wollte er?
Sein Telefon meldete sich erneut, und diesmal nahm er das Gespräch
entgegen.
»Na endlich, Junge. Ich bin auf dem Weg zu dir«, sagte sein Vater. »Was
ist denn los?«
Es gab tausend Antworten auf diese Frage, zu keiner fühlte Jules sich
gerade imstande, daher stöhnte er nur knapp: »Ich erkläre es dir, wenn du bei
mir bist.«
»Okay, mach mir auf.«
Jules zog vor dem zerstörten Fenster die Vorhänge zu, um der kalten Luft
wenigstens einen kleinen Widerstand entgegenzusetzen. Dann drehte er das
Thermostat auf volle Stufe und sank zu Boden.
Mit dem Rücken an den Heizkörper gelehnt, sah er zum Flur, fühlte, wie
ihm die Kräfte schwanden, aber noch blieb er bei Bewusstsein. So lange
noch, bis er sich sicher sein konnte, heute nicht versagt zu haben.
Dieses eine Mal nicht.
» Die Tür steht offen«, sagte er und hörte schon Schritte unten im
Hauseingang. In der Hoffnung, dass es nicht die des Killers waren, bat er
seinen Vater, noch etwas in der Leitung zu bleiben.
57
Klara

N icht im Wein, sondern in der Gewalt liegt die Wahrheit.«


Klara erinnerte sich an diesen Satz, als hätte ihr Vater ihn erst gestern und
nicht vor Jahrzehnten anstatt einer Gutenachtgeschichte gesagt.
Sie roch noch sein hölzernes Aftershave, spürte das Kribbeln an ihrer
Wange, als er sie küsste, und hörte seine vom Alkohol leicht verwaschene
Stimme, die nach Tabak und Wein roch, ein Duftgemenge, bei dem ihr noch
heute übel wurde.
»Stell dir vor, deine beste Freundin wird in der U-Bahn von zwei Jungs
angegriffen. Sie schlagen ihr die Nase blutig, was machst du?«
»Ich gehe dazwischen«, hatte sie damals ihrem Vater mit voller
Überzeugung geantwortet, und er strafte sie mit tadelndem Blick.
»Das sagst du so leicht daher. Jeder Idiot kann große Reden schwingen
und etwas von Zivilcourage faseln.« Ein Wort, das ihr damals noch nichts
sagte. Es erschloss sich ihr erst Jahre später, so wie die gesamte Bedeutung
dessen, was er ihr hatte vermitteln wollen. »Aber erst wenn du wirklich der
Gewalt ausgesetzt wirst, zeigt sich dein wahres Ich. Gewalt«, er hatte den
Zeigefinger erhoben, »Gewalt reißt dir die Maske vom Kopf. Zwingt dich
zum Handeln. Bäm!« Er hatte in die Hände geklatscht, und sie war im Bett
zusammengezuckt. »Siehst du, wenn du so erschrickst, kannst du nicht
nachdenken oder deine Optionen abwägen. Jetzt entscheidet es sich in
Sekundenbruchteilen: Hilfst du deiner Freundin? Oder rennst du weg?«
»Gewalt«, hallte die Stimme aus der Vergangenheit heute, Jahrzehnte
später, wieder in Klaras Ohr. »Was tust du, wenn du sie erlebst?«
Heute hätte sie ihrem Vater eine eindeutige Antwort geben können: Sie
rannte nicht weg. Sie blieb stehen. Sie stellte sich der Gefahr, vielleicht zum
ersten Mal in ihrem Leben, aber auf jeden Fall zu einem Zeitpunkt, da sie
dem Tod näher war als je zuvor. Hier im dritten Stock, in dieser
hochherrschaftlichen Altbauwohnung mit ihren bestimmt sieben Zimmern, die
bei ihr ein übelkeitserregendes Déjà-vu auslösten.
Es war, als sprächen die Möbel zu ihr auf ihrem Weg durch die Diele zur
Wohnküche. Die Bilder an den Wänden flüsterten; austauschbare Schwarz-
Weiß-Fotografien, wie man sie in Baumärkten kaufen konnte, viel zu billig
für den luxusrenovierten Altbau. Der graue Läufer zu ihren Füßen sprach in
Zimmerlautstärke, wohingegen der Esstisch in der Küche sie beinahe
anschrie: »Willkommen zurück!«
»Ich war hier noch nie«, protestierte sie, als hätten die
Einrichtungsgegenstände dieser Wohnung tatsächlich eine Seele, vor der sie
sich rechtfertigen müsste.
Tatsächlich gab es nichts, was ihr ins Auge sprang.
Und das hätten der alte Coca-Cola-Kühlschrank oder das graue Sofa doch
getan. Himmel, wer hatte ein Sofa in der Küche?
Klara ging durch eine Schiebetür in ein Esszimmer, in dem ein Tisch
stand, der aus einer Nussbaumholzplatte gefertigt war. Sie ließ die Hand
über die Furchen an der Tischkante gleiten, spürte der polierten Oberfläche
nach, doch auch hier gab es nichts, was sie eindeutig an jene Nacht erinnerte,
seit der ihr Selbstmord beschlossene Sache war.
In einer offenen Vitrine stand ein Fotorahmen, in dem ein junger, bärtiger
Mann im Rollstuhl abgebildet war. Hinter ihm ein schlanker Kerl mit
traurigen Augen, vielleicht sein Pfleger.
Beide hatten nicht die entfernteste Ähnlichkeit mit Yannick.
Und doch schrie das Bücherregal mit der alphabetisch nach
Autorennamen sortierten Krimiauswahl: »Du wirst schon sehen, Klara. Du
wirst es schon sehen.«
Und das tat sie.
Nicht im Wohnzimmer, nicht in der kleinen Kammer, in der nur ein
Computer und ein vor sich hin sterbender Gummibaum standen. Und auch
nicht im Bad. Sondern eine Tür weiter.
Sie erkannte es an dem Kunstwerk an der Wand.
Dem Samuraidolch!
Ihr Blick wanderte zum Nachttisch. Genauer gesagt zu den Schaltern, die
in einer Leiste eingelassen waren und von denen einer bereits umgelegt war.
Weswegen das Wasser in dem Bett rötlich schimmerte.
»Ich schätze, es ist das erste Mal, dass du auf einer Leiche gefickt hast,
oder?«
Im selben Moment, in dem die Möbel aufhörten, ihr »Herzlich
willkommen« zu schreien, als sich die Erkenntnis in ihr festsetzte wie eine
Zecke auf der Haut ihres Opfers, fing Yannick wieder an mit ihr zu sprechen.
Sie hörte seine Stimme, seinen Atem, spürte seine Gegenwart. Langsam,
in dem Bewusstsein, einen fatalen Fehler gemacht zu haben, als sie in das
Schlafzimmer gegangen war, drehte sie sich zur Tür.
58
Jules

S o, dein Kackfahrstuhl ist mal wieder kaputt, ich brauch ne Herz-Lungen-


Maschine, wenn ich oben bin«, schimpfte sein Vater, der seiner Bitte gefolgt
und am Handy geblieben war.
Jules hörte die schweren Schritte im Treppenhaus und beendete das
Telefonat. Wenig später knarzten die Dielen vor der Wohnungstür.
»Hallo?«, schallte es vom Eingang her. In der Altbauwohnung wurde der
Schall von Zimmer zu Zimmer weitergereicht und schien lauter statt leiser zu
werden, aber jetzt spielte das keine Rolle mehr, da die Kleine ohnehin wach
war.
»Ich bin im Kinderzimmer«, rief Jules. »Bei Fabienne.« Er streichelte ihr
liebevoll den Rücken, während sie den Kopf noch immer unter der Bettdecke
vergraben hielt.
»Bei Fabienne? Was zum Geier …?«
Hans-Christian Tannberg trug meistens Sportschuhe. Jetzt zertraten
Ledersohlen die Glassplitter der Glühlampe auf dem Fußboden.
»Was ist hier los?«, wollte die Stimme wissen, die auf einmal ein Gesicht
bekommen hatte, und das war nicht das Gesicht von Jules’ Vater.
»Papa?«, rief das Mädchen erstaunt.
»Keine Angst«, sagte Jules und wollte sie daran hindern, die Bettdecke
wegzuziehen, damit sie den Mann nicht sah, der auf einmal im Türrahmen
stand.
»Wer sind Sie?«, fragte der hochgewachsene, vom Regen durchnässte
Anzugträger mit den im Grunde sympathischen Gesichtszügen.
Ein Mann, auf den viele Frauen hereinfallen würden, dachte Jules.
»Papa!«, rief das Mädchen. Sie hatte es geschafft, den Kopf von der
Decke zu befreien.
Aber sie sah dabei nicht zu Jules, was ihm einen Stich versetzte. Auch
wenn er ihr Verhalten natürlich verstand und es objektiv keinen Grund für ihn
gab, eifersüchtig zu sein. Nicht nach so kurzer Zeit. Sie hatte die ganze Zeit
geschlafen, war in ihren Fieberträumen gefangen gewesen.
Wir haben noch keine Bindung. Sie weiß gar nicht, was ich heute Nacht
alles für sie getan habe.
»Papa!«, rief sie erneut und versuchte sich von Jules loszureißen, um zu
dem Mann in der Tür zu kommen.
Ihrem leiblichen Vater.
59
D ie Kleine war natürlich nicht Fabienne. Sie sah ihr nicht einmal ähnlich,
das war Jules bewusst. Aber bei dem Versuch heute Nacht, ihr Leben notfalls
mit dem eigenen zu verteidigen, hatte es ihm geholfen, sich vorzustellen, es
wäre seine eigene Tochter, die er beschützte. Und in der Aufregung war sie
ihm tatsächlich hin und wieder als Vision erschienen.
Mein kleines Mädchen.
Die Siebenjährige versuchte sich aufzurichten. Die Fiebermüdigkeit, die
sie die letzten Stunden wie in Trance gehalten hatte, war einer schrecklichen
Erkenntnis gewichen, die Jules ihr von den angsterfüllten Augen ablesen
konnte: Der Mann, der in den letzten Stunden immer wieder an ihrem Bett
gestanden, sie gestreichelt, gepflegt und sogar mit Medikamenten versorgt
hatte, war ein völlig fremder.
»Wer sind Sie?«, fragte der Mann in der Tür, ebenfalls schreckensbleich
und mit zitternder Unterlippe. »Was wollen Sie von uns?«
»Du bleibst liegen«, befahl Jules dem Mädchen, während er schon längst
das Messer hielt, das der viel zu junge Killer bei seiner Flucht aus dem
Kinderzimmer verloren hatte.
»Aber ich will zu meinem Papa!«
»Nein, Kleines.« Jules zeigte ihr die Klinge. »Das willst du nicht.«
Ihre Augen weiteten sich noch mehr. Bald würden mit etwas
Zeitverzögerung die Tränen laufen.
»Hab keine Angst, Amelie, hab keine Angst …«, rief der Mann von der
Tür aus, war aber zu feige, einen Schritt ins Zimmer zu machen.
Jules schüttelte den Kopf und lächelte traurig. »Solche Worte einem
weiblichen Wesen gegenüber aus Ihrem Mund. Wer hätte das gedacht.«
Er bedeutete ihm mit dem Messer, einen Schritt zurückzutreten.
»Kommen Sie, Martin, wir beide gehen ins Badezimmer.«
Der einzige abschließbare Raum, wenn er sich nicht irrte.
Schließlich war er heute Nacht zum ersten Mal hier und kannte sich noch
nicht so gut in Klaras Wohnung aus.
60
Klara

T ief ins Dunkel späht’ ich lange«, flüsterte Klara, während sie sich
umdrehte. »Zweifelnd, wieder seltsam bange. Träume träumend, wie kein
sterblich Hirn sie träumte, je vorher.«
Das Gedicht von Edgar Allan Poe beruhigte sie.
Es vertrieb Yannicks Stimme aus ihrem Kopf. Und jene Situation, die in
dieser Strophe beschrieben wurde – ein alter Mann öffnet um Mitternacht
seine Haustür und blickt ins Leere, obwohl es doch gerade noch geklopft hat
–, hätte sie in diesem Moment auch sich selbst gewünscht.
Dunkel dort – nichts weiter mehr.
Auch sie hätte gerne ins Leere geblickt. Niemanden in der Tür zum
Schlafzimmer stehen sehen. Keinen Yannick. Keinen Martin, keinen Mann,
der ihr etwas antun wollte. Obwohl sie doch die schweren Schritte hatte
kommen hören.
Weswegen er natürlich anwesend war. Selbstsicher lächelnd, wenn auch
eine Spur überrascht, als wäre er verwundert, noch so spät hier auf sie zu
treffen.
»Yannick«, entfuhr es ihr bei seinem vertraut verhassten Anblick.
»Na sieh mal einer an«, sagte er und lachte.
Wie in Trance drückte Klara auf das Telefonsymbol ihres Smartphones
und wählte die 110. Dann überlegte sie, ob sie es schaffen würde, den Dolch
von der Wand zu reißen, bevor Yannick ihr zuvorkam, und entschied sich
dafür, das Risiko nicht einzugehen. Sie rannte ins angrenzende Bad, am
Wasserbett vorbei, in dem sie in der transparenten, nunmehr grünlich
illuminierten Matratze einen Hüftknochen schwimmen sah. Sie wollte sich
übergeben. Aber sie riss sich zusammen, schlug die Tür zum Bad zu und hatte
Glück. Keine Warteschleife, sie hatte sofort einen Beamten am Apparat.
»Kommen Sie schnell, Pestalozzistraße 44, dritter Stock.«
Sie versuchte, den Riegel umzulegen, aber Yannick war schneller und trat
die Tür auf.
»Er will mich töten.«
Sie wich auf den Fliesen zurück.
Yannick blieb im Türrahmen stehen, wie damals, als er aus dem
Badezimmer gekommen war, nur dass er jetzt in das Badezimmer
hineinblickte, während sie in der Dusche kauerte. Der Dolch lag wie
erwartet in seiner Hand, er hatte ihn bereits vom Schaft befreit.
Diesmal wird er es nicht dabei belassen, mir die Nasenflügel
aufzuschlitzen.
Yannick blickte von oben auf sie herab. Beobachtete sie wie ein
Zuschauer im Kino, der zwar interessiert ist, wie die Geschichte weitergeht,
für den der Ausgang des Films aber keinerlei Bedeutung hat.
»Was ist der Grund Ihres Anrufs?«, wollte der Polizist wissen.
»Ich werde bedroht«, sagte sie, das Handy fest ans Ohr gepresst, und
Yannick runzelte amüsiert die Stirn.
»Von wem denn, Schätzchen?«, fragte er flüsternd. So leise, dass seine
Stimme garantiert nicht von den Aufnahmegeräten der Polizei mitgeschnitten
wurde. Deswegen hielt er Abstand.
Noch.
»Ich tu dir nichts«, log er. »Das ist nicht mal meine Wohnung. Ich bin weg,
bevor die Bullen auch nur losgefahren sind.«
»Der Kerl hat eine Waffe«, redete Klara weiter in ihr Handy. »Er will
mich töten.«
Yannick, der still in der Tür stand, grinste noch breiter. »Du hast echt
nichts begriffen, du dumme Schlampe. Ich war niemals die wahre Bedrohung
für dich. Für mich warst du nur ein netter Zeitvertreib. Ich hätte dich niemals
getötet, aber jetzt bleibt mir keine andere Wahl!«
»Können Sie sich in Sicherheit bringen?«, fragte der Mann am Notruf eine
Spur zu unprofessionell. Er klang nervös.
»Nein, vielleicht. Ich weiß nicht«, stotterte Klara, jederzeit damit
rechnend, dass Yannick – oder Caesar oder Jo, wie auch immer der
Psychopath wirklich hieß – ihr das Telefon aus der Hand riss.
Doch noch bewahrte er Ruhe. Weswegen Klara weiter ihre einzige
Chance nutzte und aufschrie, obwohl es dafür eigentlich keinen Grund gab,
denn ihr mörderischer Erpresser hatte sich noch immer nicht bewegt.
Trotzdem rief sie weiter: »Oh mein Gott, er kommt. Er hat mich gefunden,
er …«
Dabei griff sie nach hinten zu ihrem Gürtel, zog Hendriks Waffe, die sie
im Parkhaus an sich genommen und zwischen Hosensaum und Rücken
geklemmt hatte, und richtete sie aus.
Und feuerte Yannick dreimal in die Brust.
61
S ind Sie noch dran, hallo, geht es Ihnen gut?« Der Polizist am Notruf klang
verständlicherweise noch aufgeregter als zuvor, jetzt, da er die Schüsse
gehört hatte.
Klara versuchte, ihm eine Antwort zu geben. Öffnete den Mund, bewegte
die Zunge, hörte sich selbst wie unter einer Glocke sprechen.
»Ja, ja, ich bin noch da. Aber nichts ist gut, oh Gott, es wird nie wieder
gut.«
Sie trat einen Schritt vor, stand direkt vor Yannick, der sie erstaunt
anblickte. Er war zu Boden gesackt, lehnte an der Handtuchheizung des Bads.
Sein rechter Arm zitterte. Ein Handy hatte sich aus seiner Hand gelöst und
lag umgedreht auf den Fliesen, die sich bald rot einfärben würden.
Klara schnappte panisch nach Luft. Einmal, zweimal, immer schneller.
Sobald sie die Lungen füllte, pausierte das sinusartige Fiepen in ihrem Ohr,
das die Explosionen der Handfeuerwaffe ausgelöst hatten.
»Hallo? Bleiben Sie ruhig. Wir sind auf dem Weg zu Ihnen.«
»Danke!«, sagte sie und begann hemmungslos zu weinen.
»Es war Notwehr«, sagte sie und glaubte selbst an diese Lüge, die keine
Lüge war, denn hätte sie es nicht getan, würde sie jetzt hier an Yannicks
Stelle liegen. »Ich hatte keine andere Wahl.«
Sie brach zusammen. Es war keine Scharade, kein Schauspiel. All ihre
jahrelang angestauten negativen Emotionen entluden sich. Sie musste an
Martin denken, an das Video im Le Zen, an die vielen gebrochenen Knochen,
die Blutergüsse, die Demütigungen; daran, dass er sie heute »versteigert«
hatte. Die Last der Vergangenheit lag wie Blei auf ihren viel zu kleinen
Schultern. Sie schaffte es kaum, über den sterbenden Mann zu ihren Füßen zu
steigen, der mit ihr geschlafen hatte, um danach ihr Todesdatum mit ihrem
Blut an die Wand zu malen. Als sie zurück im Schlafzimmer war und die
sterblichen Überreste der Opfer des Kalender-Killers in dem Wasserbett
schwimmen sah, brachen alle Dämme.
Klara stotterte, stammelte, schrie und weinte, fauchte wie eine wilde
Katze und gurgelte wie eine Ertrinkende. Nichts von dem, was sie sagte,
ergab irgendeinen Sinn.
»Wir sind gleich bei Ihnen«, versuchte der Polizist an der 110 sie in einer
Atempause zu beruhigen, doch es war nicht seine Stimme, die sie innehalten
ließ.
Sondern das Anklopfgeräusch in ihrem Handy, das sie zunächst mit ihrem
eigenen, rasenden Herzschlag verwechselt hatte.
Klara wischte sich die Tränen mit dem Unterarm beiseite und sah aufs
Display.
Ein Eimer Eiswasser hätte keine ernüchterndere Wirkung haben können.
Sie wusste: Wenn von dieser Nummer um diese Uhrzeit ein Anruf einging,
so lange nach Mitternacht, musste etwas noch Furchtbareres passiert sein als
das, was sie gerade durchlebt hatte.
62
H allo, Frau Vernet?«
»Ja.«
Klara rannte bereits. Aus der Wohnung, zurück ins Treppenhaus. Sie hörte
keine Sirenen, also hatte sie vielleicht noch eine Chance zu fliehen.
Von einem Tatort zum nächsten.
»Was ist passiert?«
Klara eilte die Treppenstufen hinunter. An einer Frau im Nachthemd
vorbei, die von den Schüssen geweckt worden sein musste und nun
kreidebleich in ihre Wohnung zurückwich, als Klara an ihr vorbeigerannt
kam.
»Elisabeth Hartmuth, ich bin Vigos Mutter«, sagte die Frau
unnötigerweise. Klara hatte ihren Kontakt unter »BABYSITTER «
abgespeichert. Vigo lebte mit seiner Mutter im Hinterhaus.
»Was ist mit Amelie?«, drängte Klara. Frau Hartmuth war eine sehr
gutmütige, aber entsetzlich träge Frau. Alles, was sie tat, geschah mit einer
fast unerträglichen Behäbigkeit. Sie sprach langsam, ging langsam, und
Martin hatte oft gelästert, sie werde auch beim Denken von Vigo überholt.
»Nun ja, das ist unter anderem der Grund meines Anrufs. Ich bin mir nicht
sicher, ich glaube, ich muss die Polizei rufen.«
»Wieso? Was ist passiert?«
Klara stand wieder auf der Pestalozzistraße. Noch immer keine Sirenen.
Kein Blaulicht. Nur ein leichter Nieselregen, der auf dem Pflaster gefror und
jede Bewegung in eine Schlitterpartie verwandelte.
»Vigo ist völlig außer sich. Er kam barfuß runter, überall Blut an den
Händen und auf den Kleidern. Vigo, was … nein, lass das bitte …«
Offensichtlich hatte der Sechzehnjährige nicht auf seine Mutter gehört, und
das Telefon lag nun in seiner Hand. Er informierte Klara sehr viel schneller
und klarer als seine Mutter: »Sie müssen sofort nach Hause kommen, Frau
Vernet.«
Klara rannte um die Straßenecke. Rutschte auf dem ungestreuten Gehweg
aus, stand wieder auf, lief weiter. Ein lachendes Pärchen hielt sich kichernd
aneinander fest, versuchte bei dem Blitzeis nicht umzufallen, und beide
verstummten, als sie Klara sahen. Weinend, humpelnd, noch immer mit der
Waffe in der Hand, wie ihr erst jetzt auffiel, als sie ihr Spiegelbild in einer
Werbevitrine auf dem Gehweg sah.
Klara musste sich zwingen, nicht in ihr Telefon zu brüllen. »Was ist mit
Amelie?«, stellte sie die einzige Frage, die noch für sie zählte.
Und bekam von Vigo eine der entsetzlichsten Antworten, die eine Mutter
bekommen kann: »Ich weiß es nicht.«
Klara blieb stehen. Starrte in das hell erleuchtete Schaufenster einer
Kaschmir-Boutique, in der es keinen Mantel gab, der sie je wieder würde
wärmen können, wenn sich ihre entsetzlichsten Befürchtungen bestätigten.
»Sie war schon gegen acht im Bett«, sagte Vigo. »Ich habe mich hingelegt,
im Gästezimmer, es war bestimmt nach zehn, da bin ich von einem Knall
aufgeschreckt worden. Erst hab ich gedacht, Amelie wär ein Glas
runtergefallen. Also bin ich aufgestanden und wollte in die Küche, doch da
stand ein Fremder und hat telefoniert.«
»Wer?«
»Das weiß ich nicht. Ein Einbrecher, glaube ich. Erst hab ich gedacht, es
wär Ihr Mann oder ein Freund, doch dann hat er gesagt: ›Alle in diesem Haus
sind dem Tod geweiht.‹ Zum Glück hat er mich da noch nicht bemerkt.«
Klara wollte schreien, doch eine Urangst, wie sie wohl nur eine Mutter
fühlen kann, die kurz davor ist, das Teuerste in ihrem Leben zu verlieren,
schnitt ihr die Kehle zu.
»Ich hab ja kein Handy und Sie kein Festnetz, Frau Vernet.«
Ausgerechnet Martin hatte es immer wieder problematisiert, dass der
Junge kein Mobiltelefon hatte, aber sie hatte sich damit beruhigt, dass er nur
durch den Hof zu seiner Mutter gehen musste, wenn irgendetwas mit Amelie
war.
»Also wollte ich zu meiner Mutter, Hilfe holen.« Die Stimme des
Babysitters überschlug sich. »Aber der Typ hat gehört, wie der Schlüssel in
der Tür geklappert hat. Also hab ich mich vor ihm versteckt, bin von Zimmer
zu Zimmer, immer dort, wo er nicht war. Hab mir aus dem Bad
Schlaftabletten besorgt, um sie ihm in den Saft zu rühren. Hab mich sogar mit
einem Messer bewaffnet, doch dann fing Amelie an zu schreien, und der Typ
ist mit einer Waffe in ihr Zimmer. Oh Himmel, ich wünschte, ich hätte Amelie
beschützen können.«
Klara schloss die Augen. Hörte einen Lieferwagen vorbeifahren, spürte
neben dem Niesel in ihrem Gesicht dicke Wassertropfen im Nacken, die von
irgendeinem Baldachin über ihrem Kopf tropften, und war wie gelähmt.
Unfähig, auch nur einen Schritt zu tun.
»Sie müssen mir glauben, ich wollte Amelie nicht alleine lassen. Gerade
heute, ich glaube, es ging ihr nicht so gut. Doch es ging nicht anders, er
wollte mich töten, um Himmels willen, ich hab mich unter dem Bett
versteckt, doch er hat mich gefunden. Da hab ich versucht, über das Fenster
nach unten zu kommen. Es tut mir so leid, Sie müssen wirklich sofort nach
Hause!«
Er sagte es zum zweiten Mal, und mehr musste sie nicht hören. Das war
ihr Stichwort.
Nach Hause.
Klara legte auf, schlitterte weiter Richtung Kantstraße. Auf der Herfahrt
waren sie doch an einem Taxistand vorbeigekommen, oder nicht?
Zur Sicherheit öffnete sie im Telefon ihr Anrufregister. Scrollte zu den
ausgegangenen Anrufen, denn erst gestern hatte sie ein Taxi zu sich nach
Hause an den Lietzensee bestellt. Sie musste also nur auf Wahlwiederholung
drücken, was schneller ging, als die Nummer zu googeln.
Okay, da ist sie ja schon!
Wieder kam sie ins Schlittern, doch diesmal hielt sie ihr Gleichgewicht.
Taxiruf Berlin. Gleich die zweite ausgehende Nummer. Nach etwa
zwanzig Versuchen, die sie vorhin verbraucht hatte, um Jules’ Handy zu
erreichen.
Ach Jules …
Das Bewusstsein, schon wieder vor einer Aufgabe zu stehen, die sie
alleine nicht bewältigen würde, versetzte ihr einen tiefen Stich.
Sie schluchzte. Dachte an ihren Begleiter, den sie jetzt dringender
brauchte denn je.
Auf meinem Heimweg.
Dem gefährlichsten Weg der Welt, wenn man eine Frau war.
Klara hatte die Kantstraße erreicht, sah sich nach Taxen um, entdeckte den
Stand, an dem zwei Fahrzeuge warteten.
Sie musste nur über die Ampel, noch wenige Meter, und doch hielt sie
inne. Erstarrte wie eine dieser Touristenattraktionen, die sich so lange nicht
bewegten, bis man Geld in ihren Hut warf.
Die Anrufliste, dachte sie.
Etwas an ihr war falsch.
Wie kann der Taxiruf von gestern bereits die zweite Nummer sein, die
ich wählte?
Klara stand auf dem Mitteldamm der Kreuzung. Hielt sich noch einmal
das Display vor die Augen. Rieb den Schneeregen weg, der auf dem
Bildschirm zerplatzte.
Und fand ihn nicht.
Den Anruf beim Begleittelefon!!!
Mit dieser Erkenntnis fühlte Klara etwas in sich zersplittern.
»Kein Zufall«, krächzte sie, während das erste Taxi am Stand losfuhr,
ohne dass sie die Kraft gefunden hatte, auch nur den Arm zu heben.
Nichts von dem, was in den letzten Stunden passiert war, war zufällig
geschehen.
Nicht der Einbruch in Martins Auto, der dazu gedient hatte, an die
Haustürschlüssel ihrer Wohnung am Lietzensee zu kommen. Und ganz sicher
nicht, dass es ausgerechnet Jules gewesen war, mit dem sie heute am
Begleittelefon gesprochen hatte.
Klara drückte auf Wahlwiederholung und fühlte sich wie in einem Traum,
aus dem es nie wieder ein Erwachen geben würde.
Das ist mein Fegefeuer.
Bis zur Unendlichkeit in einem Gespräch mit einem Begleiter gefangen,
der ihr immer und immer wieder die schreckliche Wahrheit erklärte, die zu
begreifen sich ihr Verstand bis in alle Ewigkeit weigern würde.
Egal, wie gut Jules ihr den Albtraum gleich beschreiben würde.
63
Jules

E r saß im Dunkeln auf dem Küchenfußboden. Sämtliche Lichter in Klaras


und Martins Wohnung waren gelöscht, die Vorhänge zugezogen. So konnte er
sich besser konzentrieren. Besser gegen den Schmerz atmen, den der Junge
ihm mit dem Messer zugefügt hatte.
Viel Zeit blieb ihm nicht mehr, das wusste er, nachdem er sich nun schon
den dritten Waschlappen auf die Stichwunde gepresst hatte und der Blutfluss
nicht weniger wurde.
Da kam es ihm ganz recht, dass jetzt alles sein Ende fand. Und Klara ihn
so schnell zu erreichen versuchte.
»Was ist mit Amelie?«, stellte sie logischerweise die einzige Frage, die
eine Mutter in ihrer Lage interessieren durfte, kaum dass er den Anruf
entgegengenommen hatte.
Als ehemaliger Vater widerstrebte es Jules, sie auf die Folter zu spannen,
aber es würde vielleicht keine weitere Gelegenheit mehr geben, miteinander
zu sprechen, und er musste es einfach wissen: »Wie haben Sie es
herausgefunden?«
»Ich will wissen, was …?«
»Ich sage es Ihnen gleich. Sie bekommen alle Antworten, Klara. Ich
schwöre. Aber erst, wenn Sie mir sagen, woher Sie es wissen.«
Sie stand im Freien. Autos rauschten im Hintergrund an ihr vorbei. Mit
Menschen hinter dem Steuer, die sich nach der heulenden Frau am
Straßenrand sicher nicht einmal umdrehen würden.
Was für eine Schande.
Wenn New York die Stadt war, die niemals schlief, dann war Berlin der
Ort, an dem Jules nie wieder aufwachen wollte.
»Mein Anruf war kein Versehen«, sagte Klara endlich.
»Nicht?«
»Nein. Mein Telefon hat sich nicht bei meiner Kletterpartie in der
Hosentasche entsperrt. Ich habe nicht zufällig beim Begleittelefon
angerufen.«
»Sondern?«
»Sie waren das. Sie haben mich angerufen, Sie Scheißkerl. Und jetzt will
ich wissen, warum. Was ist mit Amelie?«
Jules nickte anerkennend. »Bravo. Ich habe allerdings gedacht, Sie
kommen früher drauf.«
»WAS IST MIT MEINER TOCHTER ?«
Klara brüllte jetzt, und Jules bestrafte sie mit dem Schlimmsten, was er
ihr antun konnte.
Er legte auf.
Drei Sekunden später vibrierte es schon wieder in seiner Hand.
»Können wir jetzt in Ruhe sprechen?«
»Nein, ja, ich bin nicht …«
»Sie sind aufgeregt, ich verstehe das.«
Ich selbst bin vielleicht auch nur so ruhig, weil ich schon einen Liter
Blut verloren habe.
»Hören Sie mir gut zu, denn das ist jetzt sehr wichtig. Sie haben recht, Sie
haben mich nicht angerufen. Ich habe Ihre Nummer gewählt.«
»Warum?«
»Weil ich Sie sprechen wollte. Hätten Sie es mir nicht so einfach gemacht
und gedacht, es wäre ein Versehen gewesen, hätte ich behauptet, dass wir
vom Begleittelefon bei besonders labilen Menschen manchmal einen Rückruf
starten, wenn wir die Nummer kennen.«
»Sie widerliches Schwein, was spielen Sie für ein krankes Spiel? Was
soll das?«
Jules öffnete den Mund, musste aber mit seiner Antwort kurz pausieren,
weil ihm der stechende Schmerz in der Seite kurz den Atem raubte.
»Das ist kein Spiel«, sagte er schließlich. »Es ist bitterer Ernst. Haben
Sie Yannick getroffen?«
Die Frage brachte sie hörbar aus dem ohnehin schon labilen
Gleichgewicht.
»Yannick, wie … ich …«
»Ehrliche Antwort. Stammeln Sie nicht so rum, sondern reißen Sie sich
zusammen. Haben Sie ihn getroffen.«
»Ja.«
»Und kam es zu einem Kampf?«
»So ähnlich.«
»Lebt er noch?«
Sie stotterte. »Ich habe, also … Nein, ich …«
Jules grinste zufrieden. Die erste gute Nachricht seit langer, langer Zeit.
»Herzlichen Glückwunsch. Sie haben es geschafft.«
Klara brüllte wieder: »Das ist kein Grund zur Freude, das ist das
Schlimmste, was ich je in meinem Leben tun musste!«
»Nein, es ist das Beste«, widersprach ihr Jules. »Glauben Sie mir, Klara.
Mein Vater hat den Tod verdient.«
64
Klara

I hr Vater?«
Hatte Jules das eben wirklich gesagt?
»Yannick ist …?«
Klara stand noch immer auf der Mittelinsel der Kantstraße, nur wenige
Schritte von dem nunmehr einzigen Taxi entfernt.
Das sie nie besteigen würde, das wusste sie, als sie den Streifenwagen
kommen sah. Ohne Blaulicht, ohne Sirenen, aber mit klarem Ziel.
»Mein Vater, ganz genau. Ein widerlich krankes Schwein. Er hat meine
Frau auf dem Gewissen.«
»Ich verstehe das alles nicht.«
Der Streifenwagen hielt in zweiter Reihe vor einer Apotheke. Zwei
Polizisten stiegen aus. Die Waffen im Anschlag. Brüllten irgendetwas zu ihr
herüber.
»Das können Sie auch nicht verstehen, Klara. Aber das werden Sie.
Schon sehr bald.«
»Sie wollten, dass ich auf ihn treffe?«
Und ihn ermorde …?
»Waffe fallen lassen, sofort die Waffe fallen lassen«, schrien die
Polizisten. Jetzt hörte sie auch Sirenen. Noch waren sie weiter weg, aber
bald würde die Verstärkung eintreffen. Hatte das kichernde Pärchen sie
gerufen? Oder die Frau im Nachthemd aus dem Treppenhaus eine
Beschreibung abgegeben?
Egal.
»Dann haben Sie das alles heute Nacht von Anfang an geplant?«
Nichts geschieht zufällig.
Jules lachte erstickt auf. »Nein, ich habe nur das Spielfeld geschaffen. Es
ist so, wie mir mal ein Wedding-Planer erklärte, den ich für meine Hochzeit
mit Dajana buchen wollte, zu der es leider nie kam: ›Sie können nur die
Rahmenbedingungen stellen, die Party machen immer die Gäste.‹ «
»DIE WAFFE RUNTER !«
Die Polizisten waren nur noch wenige Meter entfernt. Sie konnte schon
die Nervosität in ihren Augen sehen. Den Ehering am Finger des näher
stehenden Beamten, der seine Dienstpistole auf sie richtete.
Klara drehte sich von ihm weg.
»Lebt Amelie noch?«
»Ja, natürlich. Es geht ihr gut.«
Großer Gott. Sie legte schluchzend den Kopf in den Nacken.
»Bitte tun Sie meinem Mädchen nichts«, sagte sie und ließ die Waffe
fallen.
»Das hätte ich niemals getan«, war das Letzte, was sie von Jules hörte.
Dann wurde sie von den Beamten zu Boden gerissen.
65
Jules

Z ehn Minuten. Eine Viertelstunde vielleicht, wenn er Glück hatte. Auch


wenn es sich so angehört hatte, als wäre sie gerade von der Polizei
festgenommen worden. Klara würde Himmel und Hölle in Bewegung setzen,
um nach Hause zu kommen. Notfalls mit dem Streifenwagen, der sie aufs
Revier bringen wollte. Es gab keine größere Urgewalt als Eltern, deren Kind
in Gefahr war.
Jules wusste also, ihm blieb nicht mehr viel Zeit, außerdem war es
besser, in Bewegung zu bleiben, wenn er nicht gleich hier sterben wollte.
Auf dem Küchenfußboden.
Er stützte sich auf die Knie, dann zog er sich an der Kücheninsel hoch, bis
er aufrecht stand. Schwankend tastete er sich zurück zum Kinderzimmer.
Öffnete die Tür.
Sah seinen eigenen Atem.
Die Vorhänge, die er vor der zerstörten Scheibe zugezogen hatte, blähten
sich im Wind. Das Zimmer kühlte mit der gleichen Geschwindigkeit aus wie
sein Körper.
»Sorry, meine Kleine. Das ist heute Nacht ein bisschen aus dem Ruder
gelaufen, schätze ich.«
Er schaltete ihre Nachttischlampe an, eine pinkfarbene Elsa-Figur mit
warmem Licht. Amelie kroch noch weiter an die Wand zurück und versteckte
den Kopf wieder unter der Bettdecke.
Sie fror. Aber sie wollte ihn natürlich auch nicht länger ansehen. Kein
Wunder, er konnte es ihr nicht verdenken.
Jules trat an ihr Bett, und sie zog sich noch weiter zurück. Er versuchte,
wenigstens mit Worten zu ihr durchzudringen.
»Ich hatte einen schlimmen Vater, so wie du, Amelie. Und meine Mutter
war schwach. So wie deine. Aber heute hat sie Mut und Stärke bewiesen.«
Er streichelte ihr durch die Decke den Kopf, spürte, wie sie verkrampfte.
»Tut mir leid.«
Er löste sich von dem Bett und schwankte zur Tür. Erschöpft von der
Nacht. Von dem Kampf mit dem Unbekannten. Und vom Leben.
Gleichzeitig spürte er etwas völlig Ungewohntes. Das zufriedenstellende
Gefühl eines lang ersehnten Erfolgs, der sich endlich eingestellt hat.
Im Flur hielt er noch einmal inne, ging einen Schritt zurück und sah
Amelie zum ersten Mal direkt in die Augen. Sie hatte die Bettdecke vom
Kopf rutschen lassen. Hatte ihm nachgeschaut, wahrscheinlich um sicher zu
sein, dass er wirklich weg war.
Ihre Augen waren so groß und unschuldig und von einer tiefen Traurigkeit,
die sie von nun an nie wieder vollständig verlieren würde.
»Es tut mir wirklich leid«, sagte er noch einmal zu ihr. »Ich weiß, heute
verstehst du das alles noch nicht. Und ich kann auch nicht mit Bestimmtheit
versprechen, dass du mir eines Tages danken wirst, denn du wirst nicht
wissen, vor welcher Hölle ich dich bewahrt habe. Außer deine Mutter
erklärt es dir einmal.«
Er hielt kurz inne, dann verabschiedete er sich mit der vielleicht
wichtigsten Warnung, die er ihr noch mit auf den Weg geben konnte: »Was
immer geschieht, Amelie. Bitte geh nicht ins Badezimmer.«
Mit diesen Worten machte er sich selbst auf den Weg dorthin.
Dort angekommen, öffnete er die Tür, prüfte noch einmal den Puls von
Martin, und als er sicher war, dass er nicht länger am Leben war, tauchte er
die eigene Hand in die Blutlache auf den Bodenfliesen. Er hatte zweimal mit
dem Brotmesser zugestochen, deutlich tiefer als der jugendliche Einbrecher,
dessen Anwesenheit und Absichten er sich vielleicht nie würde erklären
können.
Jules sah auf die Uhr.
Es war 2 Uhr 34. Der dreißigste November.
Und dieses Datum schrieb er mit Martins Blut an seinen Händen an die
Badezimmerwand. Mit der ihm eigenen, unverkennbaren Handschrift. Die
Ziffer 1 am oberen Ende verschnörkelt, wodurch die Zahl, die er bereits bei
seinem ersten Mord an die Wand geschrieben hatte, mit etwas Fantasie wie
ein Seepferdchen aussah.
66

Klara
Drei Wochen später

N ah am Wasser.
Es gab wohl kein Café mit einem passenderen Namen als dieses in der
Knesebeckstraße.
Klara beobachtete, wie Amelie in einer Spielecke, die die Wirtin heute
extra für die Kleine eingerichtet hatte, mit einem Zeichenblock beschäftigt
war, und hätte schon wieder losheulen können.
Vor Liebe.
Und vor Erleichterung, sie nicht verloren zu haben, obwohl es doch so
viele Gründe gegeben hatte, dass sie ihre Tochter niemals wiedergesehen
hätte. Allen voran ihre eigenen Pläne. Um ein Haar hätte sie ihrem Leben ein
Ende gesetzt, bevor Martin oder Yannick es geschafft hätten.
»Hören Sie mir noch zu?«
»Was?«
Sie sah von ihrer Tochter wieder zu dem Mann, der ihr am Tisch
gegenübersaß.
Er saß im Rollstuhl und sah tatsächlich älter aus mit seinem Bart, aber
Magnus Kaiser hatte keinerlei Ähnlichkeit mit Yannick. Nicht einmal entfernt.
Caesar war bestimmt zwanzig Jahre jünger, hatte längere, viel hellere
Haare und wirkte trotz seiner körperlichen Behinderung agiler. Vor seinem
Unfall musste er ein wahrer Sportfanatiker gewesen sein.
»Ja, entschuldigen Sie bitte. Meine Tochter war bis vor ein paar Tagen in
einer sehr schlimmen Phase. Seit dem Tod ihres Vaters hat sie kaum
gegessen, nur wenig getrunken und ständig Albträume gehabt. Für mich ist es
wie ein Wunder, dass es ihr gerade so gut geht.«
»Das verstehe ich.« Caesar rührte in seinem Milchkaffee herum.
Irgendetwas lag ihm auf dem Herzen, sonst hätte er sie nicht so hartnäckig
um ein Treffen gebeten. Aber in den letzten Tagen hatte Klara so viel mit
Anwälten und Aussagen und ihrem Umzug zu tun gehabt, dass sie nicht dazu
gekommen war, sich mit ihm zu verabreden. Jetzt, wo klar war, dass sie bis
zum Prozessbeginn nicht ins Gefängnis musste (und es laut Auskunft ihres
Strafverteidigers Robert Stern auch ziemlich unwahrscheinlich war, dass sie
es jemals müsste, wenn sie bei ihrer Notwehrdarstellung blieb), hatte sie
endlich die innere Ruhe gefunden, sich mit den Hintergründen von Jules’ Tat
zu beschäftigen. Und einem Treffen zugestimmt.
»Wo waren wir stehen geblieben?«, fragte sie Caesar.
»Ich hatte Ihnen von meinem Verdacht erzählt. Wie ich schon sagte, ich
war mit Dajana befreundet. Es gab eine Zeit, in der wir beinahe
zusammengekommen wären, aber sie hat sich für Jules entschieden, was kein
echtes Problem war. Jedenfalls nicht, nachdem etwas Zeit verstrichen war.
Wir blieben gute Kumpel.«
»Okay?«
»Sehr gute Kumpel, was die Vertrauensbasis betrifft. Wir haben über
alles geredet. Auch über ihre Probleme mit Jules.«
»Was für Probleme?«
»Sie hat mir von ihrem Verdacht erzählt. Sie befürchtete, dass Jules in
etwas Illegales verwickelt wäre.« Er fuhr sich nervös mit dem Zeigefinger
über eine eingerissene Stelle der Nagelhaut seines Daumens.
»Was konkret?«
Caesar runzelte die Stirn. »Damit wollte sie nicht rausrücken. Und gerade
das hat mich misstrauisch gemacht. Normalerweise erzählten wir uns alles.
Doch hier druckste sie rum. Es habe mit seinem Vater zu tun. Und mit anderen
Frauen.«
Das Fummeln am Daumen hatte aufgehört, dafür hatten seine Hände eine
Serviette auf dem Tisch entdeckt, die sie zusammenknüllen konnten.
»Ich konnte mir keinen Reim darauf machen. Doch Dajana traf bei mir
einen Nerv. Jules hatte sich verändert. Er war schon immer anders als andere
gewesen. Still, sehr melancholisch. Die Arbeit beim Notruf setzte ihm zu. Er
konnte seine Fälle nie ruhen lassen, nahm Arbeit mit nach Hause. Einmal
musste ich ihn zu einer Adresse fahren, zu einer Frau, die von ihrem Mann
grün und blau geprügelt worden war. Er wollte nach ihr sehen, ob es ihr gut
ging. Ob sie sich von ihm getrennt hatte.«
»Hatte sie?«
»Nein. Er ist völlig ausgeflippt. Wir haben die beiden nur durchs
Küchenfenster gesehen, Mann und Frau. Jules wollte am liebsten klingeln und
den Kerl vermöbeln, ich konnte ihn gerade noch so davon abhalten.« Er
lächelte traurig. »Damals saß ich noch nicht in diesem Ding hier.«
Klara trank einen zu großen Schluck ihres noch sehr heißen Chai Latte.
»Ich will nicht unhöflich sein, aber wieso erzählen Sie mir das alles? Das
meiste habe ich der Presse schon entnommen. Sie haben ja eine Aussage bei
der Polizei gemacht.«
Er nickte und sah betreten auf die Tischplatte, als stünde auf dem
Kuchenteller, den er nicht angerührt hatte, die Antwort.
»Ich bin hier, um mich zu entschuldigen«, sagte er leise.
»Wofür?«
»Ich glaube, alles wäre nicht so weit gekommen, wenn ich früher etwas
gesagt hätte.« Er hob wieder den Kopf.
Weint er?
»Ich wünschte, ich hätte Sie gewarnt, Frau Vernet.«
Klara legte den Kopf schräg, schob sich eine Strähne von der Stirn und
hakte nach: »Sie hätten mich warnen können?«
»Das ist eine lange Geschichte.«
Caesar rang sichtlich um Worte, schließlich gestand er: »Nach Dajanas
Selbstmord habe ich Nachforschungen angestellt. Wie gesagt, wir hatten ein
Vertrauensverhältnis. Ich kannte ihr Computerpasswort und konnte so von
meinem Notebook aus ihre Online-Mailbox öffnen. Dajana hatte ihren
Abschiedsbrief, den sie später per Hand abschrieb, als Entwurf
gespeichert.«
»Und?«
»Und darin steht Ihr Name.«
Mein Name?
Das Gespräch war so ungewöhnlich und so aufmerksamkeitsfordernd,
dass sie glatt vergessen hatte, jede Minute nach Amelie zu sehen, was Klara
jetzt nachholte.
Die Kleine sah genau in diesem Moment zu ihr rüber und schenkte ihr ein
Zahnlückenlächeln.
»Bitte verachten Sie mich nicht für das, was ich getan habe«, hörte sie
Caesar sagen und wandte sich wieder zu ihm.
»Jules ist … er war mein bester Freund. Auch wenn er sich über die
Jahre veränderte und immer verbitterter wurde. Er hat selbst Schlimmes in
seiner Kindheit erfahren. Er musste erleben, wie sein Vater seine Mutter
schlug und quälte, bis sie ihn und seine Schwester alleine mit dem Irren
zurückließ.«
Caesar griff zum ersten Mal nach der Kuchengabel, stach sie sogar in den
Bienenstich, machte aber keine Anstalten, ihn zu essen.
»Damit hat er mir mal seinen Helferkomplex erklärt und weshalb er bei
der 112 arbeitete. Aber daher rührte wohl auch sein Hass auf Frauen, die das
widerstandslos über sich ergehen ließen.«
»Die er ermordete!«, flüsterte Klara mit einem Blick zu Amelie, die von
ihrer Unterhaltung glücklicherweise nichts mitbekam.
Und zwar am 8.3., 1.7. und 30.11. Alles wichtige Tage für Feministen,
wie die Medien in der Aufarbeitung der Tat im Nachgang recherchiert hatten:
der Weltfrauentag am achten März, die Änderung des Strafgesetzbuchs am
ersten Juli 1997 (erst seitdem war Vergewaltigung in der Ehe in Deutschland
strafbar) und die Einführung des Frauenwahlrechts am 30. November 1918.
»Was steht in dem Brief?«, fragte sie Caesar.
»Versprechen Sie mir, dass Sie mich nicht hassen werden?«
»Welchen Grund könnten Sie mir dazu liefern?«
Caesar seufzte. »Ich hätte zur Polizei gehen müssen. Aber ich dachte,
vielleicht sind das alles nur Hirngespinste einer verwirrten Frau. Immerhin
war Dajana kurz vor ihrem Tod wegen Paranoia in der Psychiatrie gewesen.
Wie ernst durfte ich das nehmen?«
Ohne dass er es wissen konnte, hatte Caesar damit eine Erinnerung bei
Klara heraufbeschworen.
Sie selbst hatte einen ähnlichen Wortlaut benutzt, als sie ihren Verteidiger
fragte, ob sie denn wirklich vor Gericht aussagen müsse.
»Wie ernst wird man denn meine Aussage nehmen? Es ist doch bekannt,
dass ich in einer psychiatrischen Klinik an einem Experiment
teilgenommen habe.«
Caesar stocherte weiter in dem Kuchen herum und setzte seine Beichte
fort: »Ich habe versucht herauszufinden, ob da wirklich etwas dran ist. Hab
Jules gefragt, ob er meine Schicht am Begleittelefon übernehmen kann.«
»Woher wussten Sie, dass er mich anrufen wird?«
»Das wusste ich nicht. Aber ich hab ihm gezeigt, wo man die Nummern
von den Teilnehmerinnen findet, die schon mehrfach angerufen haben. Und
wo die Datei ist, in der Hinweise auf Sorgen, Ängste und andere
Hintergrundinfos stehen, die es einem Begleiter einfacher machen, das
Gespräch zu führen.«
»Sie haben gehofft , er ruft mich an?«
Ich war Caesars Lockvogel?
»Ich habe gehofft, dass er es nicht tut. Aber gegen zweiundzwanzig Uhr
habe ich meinen Laptop geortet, ich hab da eine Software drauf für den Fall,
dass er geklaut wird. Und bingo, Jules war nicht zu Hause. Ich ließ mich von
einem Behindertentaxi zum Lietzensee fahren, dort, wo das GPS -Signal
ausschlug. Als ich Ihren Nachnamen am Klingelschild sah, Vernet, war ich
wie betäubt. Ich wusste jetzt sicher, dass da etwas nicht stimmen kann.«
Pause.
Klara traute sich nicht, sich zu bewegen, aus der irrationalen Angst, sie
könnte irgendetwas tun, was den hochnervösen Mann vor ihr so
verunsicherte, dass er aufhören würde zu reden.
»Also fuhr ich mit dem Fahrstuhl nach oben. Wollte ihn zur Rede stellen,
was er da in der fremden Wohnung macht.«
»Doch Sie bekamen es mit der Angst?«
»Ja.« Er schämte sich sichtlich. »Es klingt vielleicht kindisch, aber das
Licht im Treppenhaus funktionierte nicht. Ich fühlte mich auf einmal so
hilflos.«
»Und so sind Sie wieder umgedreht?«
»Ja. Mein Taxi hatte gewartet. Zu Hause angekommen, merkte ich, dass
ich mein Handy verloren haben musste. War mir aber nicht sicher, ob vor der
Haustür bei Ihnen oder anderswo. Ich rief mich hin und wieder selbst vom
Festnetz an, zwischenzeitlich hoffte ich, dass es mir geklaut worden wäre und
Jules es nicht in die Finger bekam. Ich schickte mir sogar mit meinem
Zweithandy eine SMS an den Dieb mit der Forderung, es mir
zurückzugeben.«
»Aber Sie haben nicht die Polizei gerufen?«
»Nein. Und das verzeihe ich mir bis heute nicht.« Er räusperte sich
verlegen. »Das war feige, ich weiß. Ich verhielt mich wie ein Kind, das
hofft, dass das Böse allein durchs Wegsehen verschwindet.«
»Sie wollten nicht wahrhaben, dass Ihr Freund zu den Morden in der Lage
ist.«
Er nickte. »Es ist zu monströs. Einfach nicht fassbar. Vielleicht verstehen
Sie mich, wenn Sie es selbst gelesen haben.«
Caesar rückte vom Tisch ab und griff nach seinem Portemonnaie. Klara
wollte schon protestieren, dass sie die Rechnung übernähme, da merkte sie,
dass er einen Umschlag neben die Tasse legte.
»Bitte, hassen Sie mich nicht«, sagte er noch einmal.
Er drehte auf der Stelle und rollte zum Ausgang.
Klara sah ihm nach. Beobachtete, wie er darauf wartete, dass ihm ein
Gast die Tür aufhielt, und kurz darauf mit seinem Rollstuhl auf der
Knesebeckstraße aus ihrem Sichtfeld verschwand.
Sie vergewisserte sich, dass Amelie noch mit ihren Zeichnungen
beschäftigt war. Mit Herzrasen und schweißnassen Fingern ertastete sie die
Blätter im Kuvert.
Als Nächstes nahm sie einen letzten Schluck aus ihrem Wasserglas, das
sie sich zu ihrem Chai Latte bestellt hatte.
Schließlich öffnete sie den Umschlag und las Dajanas Abschiedsbrief.
67

Mein liebster Jules,

ich wünschte, alles wäre anders gekommen.


Ich wünschte, ich hätte es nie erfahren. Wünschte, mein Verdacht hätte
sich nie bestätigt. Aber ich habe Deine Handschrift erkannt, den
neckischen Schlenker, mit dem Du die 2 abrundest. Der Kringel der 1,
wie bei einem Seepferdchen. Du bist der Kalender-Killer. Du hinterlässt
das Datum an den Wänden Deiner Mordopfer.

Erinnerst Du Dich an unseren ersten Kuss? Die vielen schönen Jahre,


die darauf folgten.
Was habe ich Deine Briefe geliebt, die mich immer wieder überraschten.
Unter dem Kopfkissen, im Kühlschrank, zwischen meinen Sportsachen.
Im Handschuhfach.
Ich habe mich immer darüber amüsiert, dass Du sie mit Datum
unterzeichnest, wie einen Vertrag. Und im Grunde wollte ich wohl
glauben, wir hätten wirklich einen Pakt geschlossen, auch wenn wir nie
geheiratet haben. Auch wenn Du nie die Wohnung aufgegeben hast, in
der Du aufgewachsen bist. Du sagtest zwar, wegen der schlechten
Erinnerungen an Deine Kindheit könntest Du dort nicht länger wohnen,
aber ich wusste, dass Du Dir dort hin und wieder eine Auszeit
genommen hast und sie nicht hast leer stehen lassen. All die Jahre, die
Du bei mir wohntest. Weil Du Deine Freiheit brauchtest. Nun weiß ich,
wofür Du sie genutzt hast, und mein Verstand ist zu klein, um es zu
fassen.
Anfangs schwelte in mir die Angst, Du würdest Dich in der
Pestalozzistraße mit anderen Frauen treffen. Ich wusste ja um deine
hilfsbereite, gutmütige Art. Dass Dich die Notrufe, gerade von Frauen,
nicht losließen, die bei Dir eingingen. Du selbst hast mir erzählt, dass
Du Dich manchmal nach der Schicht ins Auto setzt und zu den
Anruferinnen fährst, um zu erfahren, ob alles gut gegangen ist. Weil Du
die Leere nach dem Notruf und die Ungewissheit, wie der Einsatz
ausgegangen ist, nicht ertragen konntest.
Ach, hättest Du mich doch nur betrogen. Um wie viel leichter hätte ich
die Eifersucht ertragen als das, was mir Dein Vater bestätigte. Trotz der
Ungeheuerlichkeit, trotz allem zweifele ich noch immer an mir und frage
mich, ob ich nicht auch schuld daran bin. Immerhin hat mich meine
Eifersucht Dir nachstellen lassen. Und so habe ich sie gefunden, die
blutige Kleidung, die Du dachtest heimlich in der Waschküche säubern
zu können. Die winzigen roten Tropfen auf der Emaille, die von Deiner
Hand den Weg ins Waschbecken fanden, das Du nicht gründlich genug
gereinigt hast, bevor Du Dich nach Deiner »Nachtschicht« zu mir ins
Bett legtest.
Und dann sah ich das Foto in der Zeitung, das Blut an den Wänden, das
Todesdatum, das der Kalender-Killer seinen Opfern hinterließ, und ich
erkannte Deine Handschrift. Doch, ich gebe es zu, fast wäre es mir
gelungen, durch die Therapie im Berger Hof meine Augen vor der
Wahrheit zu verschließen. Du hast meine Wesensveränderung bemerkt,
mir die Lüge geglaubt, ich hätte einen Burn-out wegen der Kinder und
dem Stress, den Dein Beruf auch für mich mit sich bringt. Wie einfach
konnte ich Dich überzeugen, eine psychiatrische Kur machen zu müssen.
Brauchtest Du die Zeit für Deine Untaten? Ich sagte den Therapeuten
im Berger Hof, ich litte unter Paranoia. Denn es ist leichter, an eine
Lüge zu glauben, als mit der Gewissheit zu leben, einen Mörder zu
lieben.
Allerdings hat Dein Vater meinem Selbsttäuschungsprozess ein jähes
Ende gesetzt, als er mich in der Klinik besuchen kam. Ich hatte gehofft,
er würde mir Beweise für Deine Unschuld bringen, denn ja, ich bekenne
mich schuldig, ich habe ihn auf Dich angesetzt, Jules. Dass er gar nicht
zu recherchieren brauchte, konnte ich nicht wissen. Ich dachte, die
Fotos von Deinem Bett, die er mir mitbrachte, hätten auch ihn
schockiert. Weit gefehlt. Habt ihr eigentlich über meine Naivität
gelacht? Oder handelte er ohne Absprache mit Dir, als er mir die ganze
Wahrheit erzählte? Ich hoffe Letzteres, denn ich kriege das perfide
Lächeln nicht mehr aus dem Kopf, das ihm ins Gesicht gemeißelt war,
als er mir sagte, ich müsse jetzt ganz tapfer sein. Ihr wäret ein Team und
würdet gemeinsam töten.
Ich weiß, er genoss meinen Schmerz und meine Ohnmacht. Ich spüre
noch heute, wie ich vollkommen betäubt war, als er meine Hand nahm
und mich in der Klinik ans Fenster führte, wohl wissend, dass mir, der
psychisch labilen Patientin, niemand diese Geschichte glauben würde.
Vielleicht glaubte er aber auch wirklich, ich würde euch verstehen. Dass
ihr einen guten Grund hättet, wenn ihr die Frauen dafür bestraft, dass
sie freiwillig zu ihren Peinigern zurückkehren.
Selbstzufrieden zeigte Dein Vater mir eine junge Frau, ebenfalls eine
Patientin, die gedankenverloren im Park saß. Ihr Name sei Klara Vernet

»Blumen?«
Klara zuckte so heftig zusammen, dass ihre Knie gegen die Unterseite des
Cafétisches knallten.
»Was?«, blaffte sie den Straßenverkäufer an, der sich keinen
unpassenderen Moment hätte aussuchen können, um ihr einen Strauß Rosen
vor die Nase zu halten.
»Nein!« Klara schaffte es nicht, höflich zu sein. Sonst hatte sie Mitleid
mit den armen Schluckern, die ihren mageren Lohn irgendeinem mafiösen
Familienoberhaupt abliefern mussten. Sie vergewisserte sich, dass der nach
Tabak stinkende Hoodie-Träger Amelie in Ruhe ließ, wartete, bis er mit
seinen schnürsenkellosen Sneakern erfolglos nach draußen geschlurft war,
und setzte noch einmal bei dem letzten Absatz der albtraumartigen
Enthüllungen an, die Dajana in den letzten, verzweifelten Stunden ihres
Lebens verfasst hatte.
Selbstzufrieden zeigte Dein Vater mir eine junge Frau, ebenfalls eine
Patientin, die gedankenverloren im Park saß. Ihr Name sei Klara
Vernet, und er habe sie als nächstes Opfer ausgesucht. Ihr Mann Martin
würde sie sexuell und psychisch quälen, und dennoch würde sie ihn
nicht verlassen. Obwohl sie, Ironie des Schicksals, schon seit Jahren
solche Angst habe, dass die Nummer des Begleittelefons in ihrem Handy
abgespeichert sei. Für sie hättet ihr den Todestag auf den 30.11.
festgelegt. Wie schon für euer erstes gemeinsames Opfer.
Seitdem ich aus der Klinik zurück bin, stehe ich völlig neben mir, doch
Du hast das gar nicht bemerkt. Dein Kopf ist nie mehr bei mir, denn Du
kämpfst mit Deinen Dämonen. Für Valentin und Fabienne bist Du noch
immer der fürsorgliche Vater, aber für mich nur noch eine seelenlose
Hülle, wobei wir auch das wieder gemein haben.
Dein Vater und Du habt für Klara Vernet ein Datum ausgewählt, und
auch ich habe einen Tag für mich festgelegt. Und der ist heute.
Ich weiß, Du hättest mir nie etwas getan. Das und das Wissen, dass ich
Dich trotz allem immer noch liebe, macht das Weiterleben für mich
unerträglich. Vielleicht hätte ich es mit Dir alleine sogar geschafft.
Hätte Deine dunklen Dämonen zähmen können, wer weiß. Aber mit
Deinem Vater als Mentor des Bösen an Deiner Seite? Keine Chance.
Das übersteigt meine Kräfte, mein Vorstellungsvermögen und meinen
Lebenswillen.
Leb wohl, mein liebster Jules. Ich werde jetzt, kurz nach meiner
Unterschrift, mit den Pulsadern beginnen. Vielleicht schaffe ich es noch,
Dich ein letztes Mal auf der 112 anzurufen, bevor meine Kräfte
schwinden. Ein letztes Mal Deine Stimme zu hören, die mir früher Halt,
Zuversicht und Hoffnung gegeben hat. Vielleicht, wenn ich Dich auf der
Arbeit erreichen sollte, kann ich mich an ihr festhalten, und Du
begleitest mich auf meinem letzten Weg.
Vermutlich wird niemand außer Dir diesen Brief jemals lesen. Doch
wenn, dann denkt die- oder derjenige bestimmt: »Wie kann eine Mutter
ihre Kinder bei einem Mörder zurücklassen?«
Ich bin mir sicher, selbst Du würdest so argumentieren, hätte ich Dir
von meinen Absichten erzählt. Und vielleicht würde ich beim Blick in
Deine Augen schwach werden und die Kraft verlieren, meinen
Entschluss zu verwirklichen.
Doch ich weiß, ich muss es tun. Die Kinder waren Dir immer näher als
mir. Und sie haben sich noch mehr von mir gelöst, seitdem ich ein
emotionales Wrack bin. Ich bin unendlich erschöpft, aber zugleich so
wütend auf Dich. Mein Tod, das weiß ich, wird Dich bestrafen. Ich weiß,
wie sehr Du mich liebst. Und wie sehr Du unter meinem Selbstmord
leiden wirst. Vielleicht, das ist meine Hoffnung, bringt diese
Erschütterung Dich auf den richtigen Weg zurück, der mir in diesem
Leben für immer verbaut ist. Und dann, das weiß ich, wirst Du den
Kindern ein guter Vater sein, so wie Du mir immer ein guter Mann
gewesen bist.
Ich liebe Dich so sehr, trotz allem,

Dajana
68
S ie hatte schon eine Zeit lang über die oberste Seite des Briefes hinweg ins
Leere gestarrt, als der Löffel auf der Untertasse zu klirren begann. Klara,
geistig noch ganz in der morbiden Welt gefangen, die Dajanas Worte für sie
gezeichnet hatten, brauchte eine Weile, um zu verstehen, dass es ihr Handy
war, das die Vibrationen auf dem Tisch auslöste.
»Hallo?«
»Wie geht es Ihnen, Klara?«
Mit den ersten Worten des Anrufers sank die Temperatur im Café auf das
Niveau, das draußen auf der Straße herrschte. Intuitiv griff Klara nach ihrem
Schal, den sie neben sich auf den Stuhl gelegt hatte. Gleichzeitig
vergewisserte sie sich, dass ihre Tochter in Sicherheit war.
»Jules?« Der Name, den sie einst so schön gefunden hatte, dass sie ihn
sich für ein weiteres Kind hätte vorstellen können, war ihr mittlerweile so
verhasst, dass ihr übel wurde, wenn sie ihn nur aussprach.
»Ich störe Sie nicht lange, keine Sorge. Ich werde Sie auch nie wieder
anrufen. Das wird definitiv unser letztes Gespräch sein.«
Klara nahm sich zu dem Schal auch ihre Daunenjacke und trat vor die Tür
des Cafés, ohne Amelie durch die bodentiefe Fensterscheibe aus den Augen
zu verlieren.
»Ich rufe die Polizei.« Kondensnebel umhüllte ihre Worte wie der Dampf
einer E-Zigarette. Es war knapp unter null, aber die seelische Kälte, die sie
spürte, war sehr viel stärker.
»Die kommt nicht immer so schnell, wie man sie braucht.«
»Ach ja, ich vergaß. Sie sind ja der Notruf-Killer.«
Nachdem die Presse herausgefunden hatte, wer für die Morde
verantwortlich war, hatten sie Jules umgetauft.
»Ich spreche aus Erfahrung, weil ich in jener Nacht selbst versucht habe,
Hilfe zu holen. Ich dachte, Ihre Tochter wird bedroht. Eher wollte ich mich
selbst stellen, als ein Kind in Gefahr zu bringen.«
Klara winkte durch die frisch geputzte, schaufensterartige Glasscheibe
Amelie zu, die kurz nach ihr gesucht hatte, jetzt aber beruhigt war, dass Mami
vor dem Café telefonierte.
»Oh, wie ehrenvoll. Aber Sie waren die einzige Gefahr für Amelie. Sie
haben mit dem Babysitter gekämpft!«
»Ich lese die Zeitung, Klara. Ich weiß Bescheid. Und das mit Vigo tut mir
wirklich leid. Ich hatte den Schlüssel aus dem Handschuhfach Ihres Mannes,
von dem ich wusste, dass er am letzten Samstag im Monat immer sehr spät
nach Hause kommt.«
Nach seinen Feiern im Le Zen. Oder im »Stall« , dachte Klara und fragte
sich, wie viele Therapiesitzungen notwendig wären, bis sie zum ersten Mal
offen mit einem Dritten darüber würde sprechen können.
»Ich wusste nichts von einem Babysitter. Als ich kam, muss er schon im
Gästezimmer geschlafen haben.«
Klara schnaubte verächtlich. »Sie dachten, ich lasse mein Kind
unbeaufsichtigt?«
»Schon vergessen? Sie wollten es für immer alleine lassen«, parierte
Jules. Die Erinnerung an ihre fehlgeschlagenen Suizidversuche hatte eine
ernüchternde Wirkung auf Klara.
Wobei Jules mit seiner Vermutung während ihres Telefonats in jener
Nacht vollkommen recht gehabt hatte. Im Grunde waren alle ihre
Suizidversuche halbherzige Hilferufe gewesen. Von dem abgebrochenen
Sprung vom Kletterfelsen bis zu dem untauglichen Versuch, sich mit
Autoabgasen zu vergiften.
Eine schwangere Frau schob einen Kinderwagen über die Straße und hielt
vor einem Laden mit Umstandsmode.
Statistisch gesehen erfährt jede vierte Frau häusliche Gewalt. Meist
wird es in der Schwangerschaft schlimmer, weil der Mann sich noch
wertloser fühlt, schoss es Klara bei ihrem Anblick durch den Kopf.
Ob auch sie Angst hat, nach Hause zu gehen?
Sie blickte wieder zu Amelie, die auf einem angewinkelten Bein saß und
deren einziges Problem gerade war, mit welcher Farbe sie den Baumstamm
der Inselpalme ausmalen sollte.
»Was wollen Sie?«, fragte sie Jules.
»Etwas richtigstellen.«
»Das brauchen Sie nicht mehr. Ich habe Dajanas Abschiedsbrief gelesen.«
»Dann hat Caesar Ihnen eine Kopie gegeben. Das habe ich befürchtet.«
Klara schüttelte den Kopf und senkte ihre Stimme, obwohl gerade eine
Gruppe Jugendlicher, die vom S-Bahnhof kamen, lautstark zu johlen begann.
»Sie sind noch kränker, als ich dachte.« Angewidert presste Klara ihre
weiteren Worte hervor: »Mord im Team? Gemeinsam mit dem leiblichen
Vater?«
»Eben nicht. Ich habe mit meinem Erzeuger kaum etwas gemein. Er liebte
es, Menschen zu quälen, ich nicht. Er wollte Frauen Angst machen, ich wollte
ihnen helfen.«
»Indem Sie sie töten?«
Die Jugendlichen hatten für ihre Fußballgesänge als Probenort den
Spielplatz direkt neben dem Café entdeckt. Eigentlich war er nur für Kinder
bis zehn Jahre vorgesehen, aber das war den Halbstarken gut hörbar
gleichgültig.
»Indem ich ihnen aufzeige, dass man handeln muss. Ich zeige den Opfern,
dass es einen Weg aus der Falle gibt. Ja, dazu muss man Druck aufbauen.
Deshalb setze ich ein Ultimatum. Ich bin froh, dass meine Motive jetzt in der
Öffentlichkeit bekannt sind. Sonst versteht ihr Frauen es nicht.«
»Was gibt es daran zu verstehen, dass man keine Menschen töten darf?«
»Aber genau das tun Frauen wie Sie, Klara. Was glauben Sie denn, was
aus Ihrer Tochter geworden wäre, wenn Sie sich nicht befreit hätten? Sie
hätte ein Muster gelernt. Dass es völlig normal ist, wenn Papa die Mama
schlägt, foltert, demütigt. Dass der einzige Weg der Selbstmord ist. Damit
hätten Sie aus Amelie das nächste Opfer gemacht.«
Klara hielt inne, wütend über den Fakt, dass Jules in der Darstellung
seines verdrehten Weltbilds den Fokus auf eine traurige Wahrheit gelenkt
hatte. Auch sie hatte von ihren Eltern die Opferrolle gelernt. Was wäre wohl
aus ihr geworden, wenn ihre Mutter die Kraft gehabt hätte, sich gegen ihren
Mann zu wehren?
»Sie haben sicher von meiner Schwester Rebecca gehört.«
»Sie gibt keine Interviews«, antwortete Klara.
»Wenn sie welche geben würde, müsste sie den Reportern sagen, wie
sehr sie unter der Schwäche meiner Mutter gelitten hat. Meine Mama hat nie
etwas gegen meinen Vater unternommen. Hat sich alles von ihm bieten lassen.
Becci lernte dadurch, bewusst oder unbewusst, dass das die naturgegebene
Rolle einer Frau ist: die Dominanz des Mannes still und unterwürfig zu
ertragen. Wäre meine Mutter damals nicht fortgegangen, wäre meine
Schwester heute ebenso ein Opfer, wie Sie es sind, Klara.« Jules korrigierte
sich sofort: »Wie Sie es waren! Sie wissen gar nicht, was für eine großartige
Leistung Sie vollbracht haben, indem Sie Yannick aus dem Weg räumten.«
»Ihren Vater!«, zischte Klara, nickte Amelie liebevoll zu und war
beruhigt, als diese sich wieder über ihr Kunstwerk beugte. »Ihr
Todesgehilfe!«
»Falsch, mein Vater war nur ein Trittbrettfahrer.«
Klara stockte. »Moment. Er hat nie getötet?«
Sie hörte, wie Jules abfällig mit der Zunge schnalzte. »Dazu war er doch
viel zu feige.«
»Aber ich verstehe das nicht! Wie hat er denn herausgefunden, dass Sie
der Kalender-Killer sind, wenn Sie es ihm nicht gesagt haben?«
Sie hörte Jules tief ausatmen, bevor er sagte: »Eines Tages gab es einen
Wasserschaden in der Wohnung unter mir. Ich war auf Arbeit und nicht zu
erreichen. Der Nachbar dachte, es sei mein Bett, und rief panisch den
Verwalter an. Der wusste, dass mein Vater dort einmal gewohnt hatte und
noch immer als Miteigentümer im Grundbuch eingetragen ist. Also rief er ihn
an, und mein neugieriger alter Herr organisierte einen Schlüsseldienst und
nutzte die Situation, um sich mal umzusehen, wie ich wohne.«
»Und so hat er das Wasserbett entdeckt?«
Und seinen entsetzlichen Inhalt.
»Er hat kein Wort darüber verloren, tat so, als wäre alles normal, aber ich
bin mir sicher, er ist bei dieser Gelegenheit durch meine gesamte Wohnung
und hat auch den Ordner mit den Dokumentationen unter dem Bett gefunden.«
»Sie haben Ihre Opfer fotografiert?« Klara wollte sich am liebsten
übergeben.
»Nur das Datum an der Wand.«
»Nur!« Sie stöhnte.
»Eigentlich müssten Sie mich doch verstehen können, Klara. Ich habe
Fälle wie Ihren zu Hunderten erlebt. Immer und immer wieder riefen Frauen
mich um Hilfe, doch wenn ich sie ihnen schickte, blieben sie bei ihren
Männern. Ließen sich schlagen, quälen, vergewaltigen, töten. Ich wollte ein
Zeichen setzen, die Betroffenen läutern, sie aus der Opferrolle holen. Und bei
Ihnen scheint mir das ja sogar gelungen zu sein.«
»Sie sind wahrhaft geistesgestört.«
»Tja, vermutlich haben Sie recht, und dennoch bin ich mir sicher, sehr
viel gesünder zu sein, als mein Vater es je gewesen war. Sein ganzes Leben
lang zog er sein Vergnügen daraus, Frauen zu quälen. Er liebte es, meine
Mutter physisch wie psychisch zu zerstören. Ihre Angst war wie eine Droge
für ihn, und nach der war er auch nach ihrem Tod süchtig. Ihm ging einer ab,
wenn er sah, wie das Glück in den Augen einer Frau erstarb. Wenn er merkte,
dass seine Worte und Taten jegliche Lebensfreude in ihr zerstörten.«
So wie bei mir, dachte Klara. Als er zuerst mit mir schlief, um mir dann
aufzuzeigen, dass ich mit einem Monster ins Bett gestiegen war.
»Er hat Sie angelogen, um Ihre Seele zu vergiften, Klara. So wie er
Dajana anlog und sie damit in den Tod trieb.«
Klara lachte spöttisch auf. »Ach, Sie meinen, Ihre Freundin hätte es
besser verkraftet, wenn sie die Wahrheit gekannt hätte: dass Sie für die
Kalendermorde ganz alleine verantwortlich sind?«
»Ja. Das hat Dajana doch ausdrücklich in ihrem Abschiedsbrief so
geschrieben. Wenn Sie ihn genau gelesen haben, muss Ihnen doch aufgefallen
sein, dass sie tief in ihrem Innersten niemals vorgehabt hatte, sich das Leben
zu nehmen. So wie Sie, Klara.«
»Woher wissen Sie das?«
»Sie wollte mich vorher noch einmal anrufen! Weil sie wusste, dass
meine Stimme sie davon abhalten würde.«
Klara nickte unbewusst. Wie hatte Jules es schon einmal formuliert? »Sie
war verzweifelt, aber ihr Todeswunsch war am Ende doch nicht so stark
wie ihre Mutterliebe.«
Damals war es ihr nicht klar gewesen, aber diese Worte hatten in jener
Nacht auch für sie gegolten.
» Hilferuf hin, Hilferuf her. Selbst wenn ich mich in diesem Punkt irrte,
wäre Dajana noch am Leben«, fuhr Jules fort. »Meinen Vater trifft die
alleinige Schuld. Hätte er Dajana nicht diese Lügen aufgetischt, wäre es
niemals so weit gekommen. Meine Frau hätte sich nicht die Pulsadern
aufgeschnitten. Meine Kinder wären nicht gestorben.«
»Aber Sie wären noch immer ein Mörder.«
Jules atmete wieder schwer, stimmte ihr aber zu. »Das ist richtig, ich bin
ein Mörder. Doch in dieser Nacht habe ich Sie gerettet, Klara.«
»Indem Sie mich auf Ihren Vater treffen ließen?«
Jules hatte sie wie eine Marionette an unsichtbaren Fäden tanzen lassen.
Sie glauben gemacht, sie würde zu Caesar fahren, dabei hatte er sie in seine
eigene Wohnung gelockt.
Verdammt, er hat sogar die Türen für mich offen stehen lassen.
»Ich habe Sie davon abgehalten, sich das Leben zu nehmen, Klara.«
»Damit es stattdessen Ihr geistesgestörter Vater versuchen durfte?« Sie
presste die Zähne aufeinander und zischte: »Der Dreckskerl wollte mich
abstechen.«
»Ich bin mir nicht sicher, ob er dazu wirklich fähig gewesen wäre. Noch
mal: Mein Vater hat keine dieser Frauen ermordet. Allerdings, das gebe ich
zu, habe ich ihn in jener Nacht komplett aus der Reserve gelockt. Spielte den
Ahnungslosen. Tat so, als wüsste ich nicht, dass er mein Trittbrettfahrer ist
und sich Ihnen gegenüber als Yannick ausgegeben hat. Indem ich ihn zum Le
Zen lotste, ließ ich meinen Vater quasi Nachforschungen über sich selbst
anstellen.«
»Um ihn zu quälen?«
Er stimmte ihr zu und ergänzte: »Und um ihn dazu zu bringen, einen Fehler
zu machen.«
»Sie haben ihn auf mich gehetzt!«
»Ja, aber ich hab Sie ihm nicht völlig schutzlos ausgeliefert.«
Klara nickte. »Sie haben gehofft, ich benutze den Dolch an der Wand!«
»Und wachsen ein Mal im Leben über sich hinaus, genau.«
Das Wasserbett. Der japanische Dolch. Tannbergs Trenchcoat, der von
Kugeln zerfetzt wurde. Sein Körper, der erst einknickte und dann wie ein
gesprengter Schornstein in sich zusammensackte.
Die Erinnerungen an ihre letzten Minuten in Jules’ Wohnung blitzten vor
ihrem geistigen Auge auf wie Fotos, die von einem Diaprojektor an die Wand
geworfen wurden. Und wie damals schnellte ihr Puls in die Höhe, und die
Angst legte sich ihr mit bleischwerem Druck auf die Brust. »Aber was, wenn
ich ihn nicht getötet hätte? Wenn ich einfach nach Hause gekommen wäre, um
mich noch einmal von Amelie zu verabschieden …«, flüsterte Klara, und
Jules führte den Gedanken fort: »Dann hätte ich Sie ermordet.«
Sie stöhnte auf. Damit bestätigte Jules die albtraumhaften Vermutungen,
die sie jede Nacht bis in den Schlaf verfolgten. Er hatte ihr in ihrer eigenen
Wohnung aufgelauert!
»Ich hätte es nicht gerne getan. Aber nur so wäre die Linie durchbrochen
worden. Ich konnte nicht zulassen, dass aus Amelie auch ein Opfer wird.«
Klara sah erneut ins Café, und in dieser Sekunde winkte Amelie ihr zu, sie
solle zurückkommen und das halb fertige Bild begutachten, also ging Klara
wieder hinein.
»Irgendwann wird Ihre Tochter alt genug sein und erfahren, dass ihre
Mutter eine Heldin ist, die sich von Männern nicht herumschubsen lässt,
sondern das Heft selbst in die Hand nimmt. Auch wenn ich mir natürlich
gewünscht hätte, Sie hätten sich Ihres Ehemanns gleich mit entledigt. Aber
das habe ich ja dann für Sie übernommen.«
Klara zog Schal und Jacke wieder aus, ihr Gesicht brannte durch den
plötzlichen Temperaturwechsel wie Feuer. Die Kellnerin sah sie fragend an,
aber Klara machte ihr lächelnd ein Zeichen, dass sie nichts weiter brauchte
für den Moment. Außer vielleicht einer Fangschaltung zu dem Mann, den man
Kalender-Killer genannt hatte.
»Betrachten Sie es als mein Geschenk«, sagte Jules. »Sie wissen, Martin
hat den Tod verdient.«
»Niemand hat das«, widersprach Klara halbherzig. »Sie werden dafür zur
Rechenschaft gezogen werden.«
»Das wurde ich schon. Mit Dajana habe ich den Sinn meines Lebens
verloren.«
Klara presste wütend ihre Worte durch die zusammengebissenen Zähne:
»Sie sind geisteskrank, und das wissen Sie, oder? Sie wollen mir Ihre
perversen Taten als Hilfestellung verkaufen, dabei haben Sie mich als
Werkzeug benutzt.«
»Falsch. Ich habe Sie nur zu einer Tür begleitet. Sie selbst haben sich
entschieden hindurchzugehen.«
»Sie sind ein Monster.«
»Ich bitte Sie.« Jules kicherte tatsächlich. »Von allen Männern in Ihrem
Leben war ich in letzter Zeit wohl der harmloseste.«
Klara lachte hysterisch auf, was ihr einen nervösen Blick von zwei
Frauen am Nachbartisch einbrachte, die sich in ihrer Unterhaltung gestört
fühlten.
»Harmlos?«, sagte sie und wäre am liebsten wieder aus dem Café
gerannt, wo sie wenigstens hätte brüllen können. »In Ihrem Bett schwammen
Leichenteile, die Sie gesammelt haben!«
»Nicht als Trophäe, sondern als Mahnung. Meine Mutter sollte mich
immer an meine Bestimmung erinnern.«
»Ihre Mutter?« Klara schloss die Augen, und wieder schwammen
Gebeine in der mit blutigem Wasser gefüllten Erinnerungskammer ihres
Bewusstseins. Wieder lag sie auf dem Wasserbett, wieder wurde ihr allein
bei dem Gedanken, was sie auf ihm mit Yannick getan hatte, speiübel, doch
zum ersten Mal begriff sie, wessen Knochen das unter ihr gewesen waren.
»Ich dachte, Ihre Mutter …«
Nein, korrigierte sie sich selbst in Gedanken. Natürlich war sie damals
nicht einfach abgehauen. Sie war Jules’ erstes Opfer. Weil sich seine Mutter
nicht gegen seinen Vater zur Wehr gesetzt hatte.
»Jahrelang hatte ich ihre Überreste bei uns im Garten vergraben, erst
später suchte ich für sie einen besseren Platz«, sagte Jules. »Verstehen Sie
jetzt, was für ein Schwein mein Vater ist?«
»Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.«
»Falsch«, widersprach ihr Jules energisch. »Ich bin kein Lügner, so wie
er es gewesen ist. Sein ganzes Leben lang hangelte er sich von Lüge zu Lüge.
Bis in seinen Tod hinein. Er hatte Angst, Sie könnten mir am Telefon etwas
erzählen, das mich ihm auf die Schliche bringt. Es war schon fast komisch,
wie er panisch immer wieder versucht hat, mich dazu zu bewegen, das
Gespräch mit Ihnen abzubrechen. Unablässig hat er mich aufgefordert
aufzulegen. Hat Sie als Lügnerin dargestellt, als Wahnsinnige, der man nichts
glauben dürfe.«
Klara nickte stumm. Das konnte Hans-Christian Tannberg nicht
schwergefallen sein. Immerhin war sie zuvor in einer psychiatrischen Klinik
gewesen.
»Am Ende fiel ihm nichts Besseres ein, als mir Caesar als Verdächtigen
anzubieten.«
»Um von sich abzulenken«, stellte sie fest.
»Ja, lächerlich. Ich habe keine Ahnung, wie er damit den Kopf aus der
Schlinge ziehen wollte, vielleicht wusste er es selbst nicht so genau. Er
improvisierte, doch irgendwann war er mit seinem Latein am Ende, und ihm
blieb nur noch eine Möglichkeit.«
»Er musste mich abfangen«, kombinierte Klara.
»Ganz genau«, stimmte Jules ihr zu. »Deshalb fuhr er sofort zu mir, als ich
ihm sagte, Sie würden zu mir nach Hause kommen.«
Klara schüttelte den Kopf. Eins musste sie Jules lassen. Er hatte das Katz-
und-Maus-Spiel geschickt eingefädelt, und das mit zwei Teilnehmern, die zu
keinem Zeitpunkt gewusst hatten, wer von ihnen die Katze und wer die Maus
war. Widerwillig musste sie die perverse Genialität hinter diesem Plan
anerkennen. Jules hatte sie in eine Lage gebracht, aus der nur einer als
Gewinner hervorgehen konnte: Jules selbst. Hätte sie sich gegen Hans-
Christian Tannberg nicht zur Wehr setzen können und wäre von ihm ermordet
worden, hätte Jules dafür gesorgt, dass sein Vater auch für die anderen
Morde in den Bau ging. Klara war sich sicher, dass Jules in jener Nacht die
Polizei nicht zu ihrer Rettung in die Pestalozzistraße bestellen wollte,
sondern damit Hans-Christian in flagranti als Kalender-Killer erwischt
wurde.
»Jetzt kennen Sie die ganze Wahrheit, Klara.«
Als wäre das ein Stichwort gewesen, öffnete sie wieder die Augen.
Nichts in ihrer Umgebung hatte sich verändert. Die Bedienung stand noch
hinter der Theke, die Frauen unterhielten sich, ihre Tochter malte.
»Leben Sie wohl«, verabschiedete sich Jules mit einer altmodischen
Floskel.
Etwas in Klara schrie danach, sofort aufzulegen und das durch das
Gespräch besudelte Handy in den Mülleimer zu werfen. Eine andere, innere
Stimme zwang sie, Jules offen zu drohen: »Sie wissen, dass ich alles
daransetzen werde, dass man Sie findet und bestraft.«
»Natürlich weiß ich das. Wenn Sie aus dieser Nacht etwas gelernt haben,
dann, dass man sich gegen Männer zur Wehr setzt.« Er lachte und klang
seltsam stolz dabei.
»Werden Sie weiter morden?«, fragte Klara.
»Schmeckt Ihnen der Chai Latte noch, oder ist er mittlerweile kalt?«
Klara wurde bleich. Sie starrte auf das Glas, in dem der Schaum schon
eingesunken war, so lange hatte sie nicht mehr daraus getrunken.
»Wo sind Sie?«, fragte sie und sah sich um.
Außer Amelie und den beiden Frauen waren nur noch zwei weitere Gäste
im Café, die etwas entfernt von ihr in der Nähe der Toiletten saßen. Ein
einziger Mann, klein, mit einer sehr hohen Stimme. Er unterhielt sich gerade
mit seiner Begleitung, während Jules ihr riet: »Schauen Sie mal neben sich
auf den freien Stuhl.«
Klara blickte nach rechts. Ihr Herz setzte für einen Schlag aus, als sie dort
eine Rose fand.
»Das ist mein Abschiedsgeschenk. Ab sofort bleibe ich Ihr unsichtbarer
Begleiter.«
In diesem Moment ging die Glocke der Kaffeehaustür, und ein
hochgewachsener, breitschultriger Mann trat ein.
»So, und nun Schluss für heute«, verabschiedete sich Jules, bevor er
auflegte. »Ihr Freund ist da.«
69
D u siehst ja aus wie der Tod uffm E-Roller«, lachte der Mann und gab
Klara einen Schmatzer auf die Stirn. Er bemühte sich, in ihrer Gegenwart
weniger zu berlinern, aber nicht immer gelang es ihm.
»Hendrik«, rief Amelie erfreut und sprang von ihrer Malecke auf, um an
dem Berg von Mann hochzuspringen, als wäre er eine Hüpfburg.
Auf Hendriks Armen, vor seiner voluminösen Brust, sah die
Siebenjährige aus wie eine zerbrechliche Porzellanpuppe, was sie im
Grunde ja auch ist, dachte Klara und zwang sich zu lächeln, während sie die
Rose unter den Tisch fallen ließ.
Klara ermahnte ihre kichernde Tochter, nicht so stürmisch zu sein, doch
Hendrik tat mal wieder so, als wäre sein glatter Durchschuss schon
Jahrzehnte und nicht erst wenige Wochen her und als hätte es nie eine
Notoperation gegeben. Sein Genesungsprozess war unglaublich schnell
vorangeschritten, dennoch wusste Klara, dass er noch täglich
Schmerztabletten nahm.
»Hast du mir was mitgebracht?«, wollte Amelie wissen, und er zog, wie
immer, wenn er sie besuchte, ein Mitbringsel aus der Tasche. Heute war es
eine Tüte Brausepulver, die sehr bald quer über Amelies Kleidchen und dem
Fußboden des Cafés verstreut sein würde. Strahlend eilte das Mädchen zur
Theke, um sich mit einem Glas Wasser zurück an ihren Maltisch zu setzen.
»Sie ist dir so ähnlich, Klara.« Hendrik lächelte, während er Amelie
hinterhersah. Klara fühlte einen leisen Stich, wie immer, wenn er sie beim
Vornamen nannte. In jener Schicksalsnacht ihrer ersten Begegnung hatte sie
sich noch im Parkhaus gewundert, woher er ihn kannte. Er hatte ihn natürlich
von Martin erfahren. Das Schwein hatte sie unter ihrem echten Vornamen
»versteigert«.
»Wer war dit eben am Telefon?«, wollte Hendrik wissen und ließ sich
krachend auf einen Stuhl fallen.
»Sei nicht immer so neugierig.«
Klara fühlte sich wohl in der Gegenwart dieses ungewöhnlichen Mannes,
der seinen Lebensunterhalt tatsächlich damit verdiente, dass er sich vor
fremden Frauen auszog.
»Aber nur bis zum Schlüppi«, wie er betonte.
»Das war mein Anwalt«, log Klara. Sie würde Hendrik später von ihrem
Gespräch mit Jules erzählen, wenn das Kind schlief und sie selbst mal
wieder kein Auge zubekam. Es gab kein besseres Aufputschmittel als eine
albtraumhafte Vergangenheit.
»So, dann erzähl doch mal, was machen wir drei Hübschen mit dem
angebrochenen Tag?«, fragte Hendrik, der Gesprächspausen und
Schweigeminuten für überflüssig hielt, wie Klara in den letzten Wochen hatte
lernen müssen. Allerdings, das musste sie ihm zugutehalten, hätte sie sich
auch niemals auf ein Date mit ihm eingelassen, wenn er sie nicht so intensiv
bequatscht hätte.
Schon bei ihrem ersten Besuch an seinem Krankenbett fing es an. Klara
hatte sich für ihre Tat entschuldigen wollen, und er war putzmunter und
quatschte wie ein Wasserfall. Noch immer kam es ihr wie ein böser
Albtraum vor, dass sich der Schuss aus der Pistole in ihrer Hand gelöst und
ihn getroffen hatte.
»Warum war die Waffe geladen?«, hatte sie ihn bei ihrem Wiedersehen
gefragt, und er hatte mit einem fast schon bemitleidenswerten, niedlichen
Schalkgesicht geantwortet: »Eifersüchtige Männer. Du weißt doch, ick bin
Stripper. Ick bin schon so oft von Kerlen überfallen worden, die wissen
wollten, ob ihre Frauen beim Junggesellinnen-Abschied zu weit gegangen
sind. Also hab ick mir zur Beruhigung ne Knarre geholt.«
Zu seiner »Sicherheit« habe er auch immer sein Kostüm nach der
Vorstellung anbehalten, »bis ick zu Hause bin . Damit niemand mein Gesicht
sieht und mir uffm Parkplatz auflauert.«
Er wusste selbst, dass hier mehr als nur ein bisschen Paranoia im Spiel
war und er maßlos übertrieb. Hendrik war im Grunde ein eher schüchterner
Zeitgenosse, der seine Unsicherheit mit Krafttraining, erotischen Posen und
einer scharfen Waffe kompensierte, die er selbst niemals hätte abfeuern
wollen. Wegen seiner Vorstrafe (er hatte drei Jahre lang »vergessen«, die
Umsatzsteuer aufzuführen) war ihm die Waffenbesitzkarte entzogen worden.
Dafür und für die unsachgemäße Verwahrung der Pistole würde er sich
erneut vor Gericht verantworten müssen. All das hatte er Klara beim
»Versöhnungskäffchen« in der Krankenhauscafeteria gestanden.
»Ja, ick hab gelogen. Die Knarre war echt. Aber ich hielt dich für eine
Wahnsinnige, die nachts durch den Wald jockelt und mein Auto klauen will.
Du solltest erst gar nicht uff den Gedanken kommen, damit rumzufuchteln,
also hab ick gesagt, sie ist zu nüscht nütze.«
Klara beugte sich nach vorne, tätschelte seine prankenartige Hand, die sie
noch nie intim berührt hatte, einfach weil es dafür noch viel zu früh war,
wenn es überhaupt jemals geschehen würde, und fragte ihn: »Hast du es
gefunden?«
Hendrik nickte und zog das Kuvert hervor. Der zweite Mann, der ihr in
diesem Café einen Umschlag auf den Tisch legte, nur dass der von Hendrik
sehr viel dicker war.
»Wie viel ist das?«, wollte er wissen.
»Viel.«
Sie hatte ihn gebeten, das Geld aus dem Tresor im Haus am Lietzensee zu
holen. Aus der Wohnung, die sie nie wieder in ihrem Leben betreten würde.
»Ich denke, so etwa um die zehntausend Euro.«
Das war das »Spielgeld« gewesen, das Martin zu Hause aufbewahrt hatte.
Hendrik pfiff anerkennend durch die Zähne. »Wow, und wofür brauchste
den Batzen heute so dringend?«
Klara sah aus dem Fenster zu den S-Bahn-Bogen am Savignyplatz, die
man in einiger Entfernung gerade noch so erkennen konnte.
»Bin gleich wieder da«, murmelte Klara und stand auf.
Sie bat den verdatterten Hendrik, kurz auf Amelie aufzupassen, und ging
zum Ausgang.
»Wo gehst du hin?«, rief er ihr nach, und sie lächelte ihn an, während sie
sich umdrehte.
»Ich versuche das Unmögliche.«
Es wiedergutzumachen.
»Vielleicht gelingt es mir.«
Klara trat nach draußen in die kalte Januarluft und musste darüber
nachdenken, dass »vielleicht« auf Erden das womöglich grausamste und
hoffnungsvollste Wort zugleich war.
Vorsichtig näherte sie sich dem Nachtlager des Obdachlosen auf seiner
durchweichten Matratze, der unter einer Plastikplane mit furchtsamem Blick
zu ihr herauslugte. Ein Blick, der ihr klarmachte, dass Angst und Schmerzen
nie wieder zurückgenommen werden konnten, wenn man sie einem anderen
einmal zugefügt hatte.
Aber manchmal gelingt es, die Erinnerung daran etwas erträglicher zu
gestalten.
Vielleicht, dachte Klara und griff nach dem Kuvert, um es dem Professor
zu geben, in dessen traurigen Augen so etwas Ähnliches wie Hoffnung zu
sehen war.
Wenn sie sich nicht täuschte.
Vielleicht.
Zu meinem Roman Berlin, 1. April
2020

L eider ist das hier kein Aprilscherz: Ich schreibe diese Zeilen zu einem
Zeitpunkt, zu dem ich mich gemeinsam mit Millionen anderer Menschen in
einem realen Thriller befinde, der den Namen »Corona« trägt.
Mein Kopf platzt angesichts der Informationsflut, mit der ich ihn seit
Wochen vollpumpe. Vorgestern meldete mir mein Handy, dass meine
durchschnittliche Bildschirmzeit in der letzten Woche acht Stunden und
zwanzig Minuten am Tag betrug! (Also satte drei Minuten länger als sonst!)
In dieser Sekunde läuft über den Liveticker, dass Italien die Ausreiseverbote
bis zum dreizehnten April verlängert, Lufthansa 87000 Mitarbeiter in
Kurzarbeit schickt, in Panama Männer und Frauen nur noch getrennt auf die
Straße dürfen und die Zahl der am Covid-19-Virus verstorbenen Menschen in
den USA auf 4000 gestiegen ist. In Deutschland sind 69346 Infizierte
gemeldet, und wir haben 774 Tote zu beklagen. Es ist der erste April. Und
niemand weiß aktuell, wo das endet.
Aber es gibt Hoffnung. Und wenn Sie diese Zeilen jetzt lesen, dann hat
sich meine Hoffnung realisiert. Denn im Moment, um 10.37 Uhr Berliner
Zeit, habe ich keine Ahnung, ob »Der Heimweg« pünktlich im Herbst
erscheint. Selbstverständlich gibt es derzeit sehr viel drängendere Probleme
als den Veröffentlichungstermin eines Psychothrillers. Wenn Sie ihn aber jetzt
in gebundener Form in Händen halten, bedeutet es, dass die Druckereien
noch arbeiten. Dass die Lieferketten nicht völlig zusammengebrochen sind.
Und dass es den Buchhandel zumindest in irgendeiner Form noch gibt. (Wenn
Sie ihn als E-Book lesen, funktioniert wenigstens noch das Internet, auch
schon mal was.) Gerade eben durfte ich ein dpa-Interview führen, in dem ich
gefragt wurde, ob das Szenario, in dem wir alle stecken, nicht die Vorlage für
einen Thriller sei. Ich gab eine eindeutige Antwort: »Nein!«
Oft wurde ich in der Vergangenheit kritisiert, weil die Geschehnisse in
meinen Büchern ja gar nicht real seien. Weil bestimmte Verbrechen
unrealistisch wären und nur meiner Fantasie entsprängen. Heute sage ich:
»Zum Glück!«
Ich schreibe zum Zwecke der Unterhaltung. Dafür will ich gar nicht das
real existierende Leid in der Welt detailgetreu ausschlachten. Ich habe nie
verstanden, weshalb es in den Augen sogenannter Kritiker erstrebenswert
sein soll, dass sich etwa der hinterbliebene Ehemann beim Lesen denkt: »Gut
recherchiert, Herr Fitzek. Genauso grausam wurde meine Frau von dem
Serienkiller hingerichtet!«
Wieso lesen wir dann aber überhaupt gruselige Geschichten, wurde ich
als Nächstes gefragt. Wäre es angesichts der gegenwärtigen Katastrophe
nicht besser, sich mit etwas »Seichtem« zu beschäftigen? (Was auch immer
damit gemeint sein mag.) Auch hier verneinte ich und konnte die Gelegenheit
nutzen, mit einem großen Irrtum aufzuräumen. Menschen, die
Spannungsliteratur nicht mögen, äußern nämlich häufig völliges
Unverständnis, wie man Vergnügen daran haben könne, sich mit dem Tod zu
beschäftigen. Der Fehler bei dieser Betrachtung: Gute Spannungsliteratur ist
in erster Linie immer eine Auseinandersetzung mit dem Leben!
Auch schon vor Corona haben viele, die meine Bücher lesen, schlimme
Schicksalsschläge erleiden müssen. Das weiß ich aus zahlreichen
Zuschriften, die mich unter [email protected] erreichen. (Sorry, falls
ich nicht immer alle beantworten kann.) Wenn ein Autounfall, den man nur
knapp übersteht, eine schwere Krankheit, die man zum Glück überwunden
hat, oder der viel zu frühe Tod eines nahen Angehörigen überhaupt einen
Lichtblick zulässt, dann die Erkenntnis, dass jeder Schicksalsschlag uns dazu
bringt, über den kostbaren Wert des Lebens nachzudenken.
Was habe ich vor Corona alles für selbstverständlich gehalten: den
Besuch im Kino, Shopping mit Freunden, das Essen beim Italiener, den
Sommerurlaub in Griechenland, den Gang zum Tennisplatz …
Die Katastrophe – und das ist die einzig gute Nachricht – ordnet meine
Prioritäten neu. Zeigt mir etwa, wie toll eine Online-Gemeinschaft sein kann,
aber wie weitaus wichtiger der reale Kontakt zu meinen Mitmenschen ist.
Ein guter Thriller konfrontiert uns mit einer erfundenen Gefahr und schult
dadurch unsere Empathie. Er lässt uns am Ende auch über uns selbst
nachdenken. Wie würden wir uns in einer Extremsituation verhalten?
Gewalt, so meine These, die in diesem Thriller eine große Rolle spielt,
zerrt uns die Maske vom Kopf. Und glauben Sie mir, jeder von uns trägt eine.
Allein unsere Kleidung und die Frisur maskieren uns. (Ich etwa kaschiere
mein Hüftgold mit weiten Hemden und habe einen Haarschnitt, der meine
Geheimratsecken nicht wie Flugzeuglandebahnen aussehen lässt. Zumindest
hoffe ich das, bitte zerstören Sie mir nicht die Illusion.) Im Angesicht einer
Katastrophe sind wir jedoch »nackt«. Wir haben keine Zeit mehr für große
Reden und langfristige Pläne. Wir müssen handeln – und zwar sofort.
Deshalb heißt es, dass die Krise immer das Beste und das Schlechteste im
Menschen hervorbringt. Ich konkretisiere: Die Krise entlarvt den Menschen.
Sie zeigt uns sein wahres Ich. Aus diesem Grund schmeiße ich meine
Protagonisten immer so gerne ins kalte Wasser und habe ein diabolisches
Vergnügen, ihnen beim Strampeln zuzuschauen. Dieses Vergnügen jedoch
vergeht mir, wenn das Wasser aus der Fiktion in die Realität schwappt. Dann
taugt es meiner Meinung nach nicht mehr als Nährboden für Unterhaltung.
Wie so oft hat sich auch mit Corona leider wieder eine alte Schriftsteller-
Weisheit bewahrheitet: Die Realität ist skurriler, grausamer und
unvorstellbarer als die Fiktion. Oftmals müssen wir Autoren die reale
Wahrheit abändern, damit uns die fiktive Lüge geglaubt wird.
Apropos Wahrheit: Das Heimwegtelefon gibt es wirklich! Surfen Sie mal
bei Gelegenheit auf www.heimwegtelefon.net vorbei. Die Geschehnisse und
Abläufe rund um das in diesem Thriller auftauchende »Begleittelefon«
entspringen indes allein meiner Fantasie (wie oben schon ausgeführt). Auch
habe ich mir beim Begleittelefon einige künstlerische Freiheiten
herausgenommen, was die Arbeitsabläufe und die Technik anbelangt. So ist
das echte Heimwegtelefon ein Service für alle Menschen, während »mein«
Begleittelefon sich auf Anrufe von Frauen spezialisiert hat.
Danksagung D amit meine Fantasie
nicht zwischen meinem Laptop und
dem Nirwana versandet, haben mich
auch bei diesem Buch sehr viele
Hilfeleistende unterstützen müssen,
bei denen ich mich allesamt
bedanken will. (Und muss! Sie
glauben gar nicht, wie eingeschnappt
manche sind, nur weil ich vergesse,
sie hier namentlich zu erwähnen.
2007 ist mir das mit einem guten
Freund passiert, und der tut sich
noch heute schwer, zur Begrüßung
vor mir auf die Knie zu fallen!) Mir
ist bewusst: Dafür, dass ich
Danksagungen in anderen Büchern
nicht leiden kann, fallen meine
verdammt lang aus. Das hat den
Grund, dass ich es blöd finde, am
Ende Namen um die Ohren
geschlagen zu bekommen, die mir als
Leser nichts sagen. Um Ihnen aber
zu verdeutlichen, wie viele an der
Entstehung eines Buches beteiligt
sind, und Sie trotzdem nicht mit
fremden Namen zu torpedieren, gehe
ich wieder einen (etwas längeren)
Mittelweg. Diesmal stelle ich die
handelnden Personen kurz vor, damit
Sie wissen, wer sich dahinter
verbirgt.

Und damit danke ich von ganzem Herzen folgenden Menschen: Carolin
Graehl und Regine Weisbrod Fotografen haben ja einen Standardsatz beim
Fotoshooting: »Super, ganz toll. Genau richtig … Die Aufnahme machen wir
gleich noch mal.« So ähnlich klingen die Kommentare meiner beiden
Superlektorinnen Carolin und Regine zum ersten Manuskriptentwurf auch,
wenn sie mir schreiben: »Wahnsinnig spannende erste Fassung. Wir haben
nur zweihundertfünfzig Fragen.« Und wieder hat jede einzelne davon das
Buch zu einem sehr viel besseren Werk werden lassen.

Doris Janhsen Meine Verlegerin ärgert sich still und heimlich immer, dass
sie dann noch monatelang darauf warten muss, bis sie etwas zu lesen
bekommt, weil ich ja erst die zweihundertfünfzig Fragen abarbeite. Sagt
Doris zumindest. Vielleicht ist sie auch ganz froh über die Schonfrist, die
es ihr ermöglicht, den Droemer-Knaur-Laden so in Schwung zu halten,
dass es für einen Autor wie mich keine bessere Verlagsheimat geben
könnte.

Josef Röckl Wer glaubt, dass Finanzmenschen immer trocken und nüchtern
sein müssen, der irrt bei Josef. Und hat zugleich recht. Auf den offiziellen
Pressefotos verkörpert er die Seriosität, die ich von einem kaufmännischen
Geschäftsführer erwarte, der Bilanzen verschlingt, wie andere Binge-
Watching betreiben. Aber wenn er nach getaner Arbeit beim lockeren
Verlagsessen das Sakko auszieht, ist seine Lebensfreude so ansteckend wie
… (ähm, Ansteckungsvergleiche lasse ich in der aktuellen Situation besser,
Sie wissen schon, was ich meine!).

Sibylle Dietzel, Ellen Heidenreich & Daniela Meyer Sie müssten eigentlich
schon Muskelkater vom Hände-überm-Kopf-Zusammenschlagen haben,
denn wann immer ich dem Verlag schreibe: »Ich hätte vielleicht eine Idee,
wie das Buch aussehen könnte«, bedeutet das für die arme
Herstellungsabteilung extreme Mehrarbeit. Ich erinnere nur an Pupsi &
Stinki, wo ich mir ein Pupskissen in jedem Kinderbuch gewünscht hatte,
was dazu führte, dass am Ende der gesamte Verlag Dutzende Furzkissen
auf »Qualität« testen musste (kein einziges hat bestanden). Ob
Rückwärtsnummerierungen, Klebezettel zwischen den Seiten oder Paket-
Umverpackungen – sie machen es möglich!

Bettina Halstrick Sie hat sich mit dem »Giraffenladen«, ihrer Marketing-
Agentur für Bücher und Autoren, selbstständig gemacht und ist mich
dennoch nicht losgeworden. Tja, da hat ihr ihre hervorragende Arbeit glatt
einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Hanna Pfaffenwimmer Wenn es nach ihr ginge, würde ich in jeder


Buchhandlung Deutschlands, Österreichs und der Schweiz lesen. Und
wenn das Jahr fünftausendfünfhundert Tage bereithielte, würde die
Droemer-Teamleiterin für Veranstaltungen das nur zu gerne alles für mich
organisieren. Aber ich schreibe leider ja auch noch Bücher … (Sorry,
Hanna, lästige Angewohnheit, keine Ahnung, wann ich mir die zugelegt
habe.) Steffen Haselbach Auf seiner Visitenkarte steht Verlagsleiter
Belletristik. In meinem Handy ist er unter »Mr Magic« abgespeichert,
denn er schafft es immer wieder, auf die genialsten Buchtitel zu kommen.
So ging »Der Insasse« schon auf sein Konto, und nun »Der Heimweg«.
Und alle, die denken: »Na soo schwer kann das ja nicht sein, und sooo
ausgefallen sind die Titel ja nun auch nicht«, haben sich noch nie
stundenlang das Hirn über die Frage zermartert, welcher Buchtitel nicht
zu abgegriffen, aber auch nicht zu skurril und vor allem nicht schon
vergeben ist. (Eltern, die nach Babynamen suchen, wissen, wovon ich
rede.) Helmut Henkensiefken Seine Agentur heißt ZERO , aber sein Team
und er sind genau das Gegenteil von Nullen. Sie entwickeln Deutschlands
beste Buchcover, nicht nur für meine Werke. Für mich aber ist Helmut ein
Held, seitdem er es als Erstes geschafft hat, ein Foto von mir zu schießen,
mit dem sogar ich zufrieden war. (Ich halte mich ungefähr für so fotogen
wie ein Tiefseemonster.) Katharina Ilgen Ich habe noch nie gesehen, dass
die Gesamtleiterin Marketing & Kommunikation nicht lacht. (Vielleicht
sollte ich aufhören, bei Meetings mein Sakko in die Hose zu stopfen.) Es ist
mehr als ein Vergnügen, von ihr gleichzeitig so professionell und
sympathisch betreut zu werden.

Monika Neudeck Sie erkennen sie auf der Buchmesse daran, dass sie mir
den Weg durch die Menge zum nächsten Termin bahnt – mit der Wucht
eines Berghain-Türstehers, und das bei einer so sportlichen Statur, dass
mich ihr Anblick an meine unbenutzte Zehnerkarte fürs Fitnesscenter
gemahnt. Auch sie ist wie Katharina immer gut gelaunt, egal, wie hektisch
der Öffentlichkeitstrubel ist, den die beiden absichtlich auslösen.
Antje Buhl Noch so eine Dynamit-Kandidatin im Verlag, wobei ihre
Sprengkraft eher angereichertem Uran ähnelt. (Ich merke, dass es schwer
wird, bei dieser Assoziation noch eine positive Kurve zu bekommen.) Was
ich eigentlich sagen will: unglaublich, welche vertrieblichen
Höchstleistungen sie Jahr für Jahr aufs Neue stemmt. Um es mit einem
Chuck-Norris-Witz zu sagen: Wenn sie hustet, haut Corona lieber ab.

Barbara Herrmann & Achim Behrendt Ich liebe ja den Humor unserer
Behörden, insbesondere den des Finanzamts, das der Firma, die mich
managt (Raschke Entertainment), mitten im absoluten Corona-Wahnsinn
eine Lohnsteuerprüfung ankündigte. (Also exakt zu dem Zeitpunkt, als
niemand mehr unnötigerweise zur Arbeit gehen sollte und die Firmen in
höchsten Existenzängsten schwebten; insbesondere Firmen, die große
Veranstaltungen auf die Beine stellen.) Hätte ich nicht mit Engelszungen
auf Barbara eingeredet, sie hätte ihre Quarantäne aufgegeben und
gemeinsam mit Achim tatsächlich nach den erforderlichen Unterlagen
gesucht, so pflichtbewusst, wie sie ist.

Micha & Ela Jahn Ich vermute, die beiden hassen den Weihnachtsmann so
wie eine befreundete Mutter, die mir sagte, sie wäre so unendlich wütend
über diesen – Zitat – »Heuchler!«. Begründung: Während sie sich die
Hacken krummliefe, um ihren Kindern die tollsten Geschenke zu besorgen,
»heimst er die fremden Lorbeeren ein, ohne wirklich was dafür zu tun«.
Und genauso fürchte ich, die wenigsten, die unter fitzek-shop.de ein
Geschenk bestellen, wissen, dass das Paket von Micha und Ela persönlich
gepackt und zur Post geschleppt wurde.

Sabrina Rabow Sie leistet so hervorragende PR -Arbeit, wie ihr Hund Ole
süß ist. Und wenn Sie jetzt ein Bild von Ole sehen würden, dann wüssten
Sie, dass es kein größeres Lob gibt. Ich kann ihre perfekte, kluge, sensible
und strategische Beratungsarbeit nur jedem empfehlen. (Es sei denn, Sie
sind Psychothrillerautor und wollen bekannt werden. Finger weg, so weit
kommt’s noch …) Manuela Raschke Beste Freundin, Sparringspartnerin
(nicht im Sport, das ist ihr Ehemann Karl-Heinz, wobei der mich eher als
»Sparrings-Opfer« bezeichnen würde), Managerin … es gibt viele
Bezeichnungen für sie. Für mich ist das Allerwichtigste, dass ich ihr immer
und in jeder Lebenslage vertrauen kann. In diesem Zusammenhang: Manu,
da ich dich telefonisch nicht mehr erreiche: Weshalb sind meine Konten
gesperrt und laufen auf deinen Namen? Und wieso ist deine Adresse jetzt
auf den Cayman-Islands?

Sally Raschke und Jörn Stollmann Wenn Sie irgendwo einen Social-Media-
Post von mir lesen, dann lief er zuvor über Sallys Schreibtisch. Keine
Sorge, ich schreibe alle meine Texte selbst, aber ich stelle mich technisch
in etwa so hochbegabt an wie ein Fisch beim Holzhacken. Wobei ich
Instagram mittlerweile dank all der Live-Videos während der Quarantäne
immer besser verstehe. Aber eben lange nicht so gut wie Sally, die meine
Online-Aktivitäten gemeinsam mit Stolli in Form, Fassung und Bild bringt.
Neben der Website-Pflege und vielen anderen Tätigkeiten ist das natürlich
nicht ihre einzige Aufgabe, so wie Stolli nicht nur lustige Bildchen unter
meine Facebook-Texte klemmt, sondern auch noch überlebenswichtige
andere Pflichten hat – wie das tägliche Blumengießen, Müllrausbringen,
Bücherabstauben. Manchmal, wenn es sein völlig verrückter Terminkalender
erlaubt, entwickelt er Coverideen, Spiele und Kinderbücher.

Franz Xaver Riebel Er ist der typische Berliner. Mit anderen Worten: Er
lebt im Prenzlauer Berg und ist hier nicht geboren. Sondern in Bayern.
Dennoch hat er sich Deutsch als Fremdsprache aneignen können, und das
befähigt ihn dazu, meine Texte noch einmal mit Argusaugen
durchzustanzen.

Angie Schmidt Keine Veranstaltung ohne Angie. Damit ist nicht gemeint,
dass Sie sie auf jeder Party in Berlin treffen können, wobei ich das nicht
ausschließen will. (Da ich ein Schreibtischhocker bin, der eher selten die
Wochenenden mit nacktem Oberkörper in Techno-Schuppen durchtanzt,
kann ich das Feier-Verhalten anderer Hauptstädter nicht beurteilen.) Die
Rede hier ist von meinen Lesungen!

Christian Meyer Was für Präsidenten der Secret Service, ist für mich
Christian Meyer. Nicht, dass Autoren Bodyguards bräuchten. Wir sind ja
keine Influencer, die Tausende von Teenagern zur Autogrammstunde im
Supermarkt anlocken. (Bei dieser Gelegenheit: Mein Trockenshampoo
»Writers’ Delight« gibt es jetzt mit Rabattcode »Fitzi« 20% billiger!) Aber
ich genieße es, von ihm nun schon seit Jahrzehnten begleitet zu werden.
Ohne ihn würde ich die langen Strecken zwischen den Lesungen niemals
durchhalten!

Roman Hocke Ein Musiker verriet mir letztens, dass in seinen Verträgen
mit Plattenlabels nicht nur die Deutschland- und Weltrechte für seine
Songs verhandelt werden, sondern auch die Rechte für das Universum!
Kein Witz. Für den Fall vielleicht, dass irgendjemand mal einen
Radiosender auf dem Mars aufmacht. Bei solchen Informationen bekommt
der beste Literaturagent der Welt (was sage ich, des Universums) feuchte
Augen und denkt daran, die Verträge all seiner Autoren noch einmal neu zu
verhandeln. (Aber bitte, Roman, vergiss nicht, den Extraplaneten »51
Pegasi b« bei mir rauszunehmen. Da will ich irgendwann mal hin, sobald
ich fünfzig Lichtjahre Urlaub bekomme.) Pegasi wäre vielleicht auch eine
Idee für einen Betriebsausflug mit deinem wundervollen Team, dank dem
die Literaturagentur AVA International systemrelevant ist: Claudia von
Hornstein, Susanne Wahl, Markus Michalek und Cornelia Petersen-Laux.

Sabine & Clemens Fitzek »Fitzek, Fitzek … der Name sagt mir doch
was?«, murmelte die Schwester, die mir im Januar eine Vitamin-D-
Depotspritze geben sollte. (Mein Arzt meinte, mein Vitaminmangel sei
vergleichbar mit dem von Entführungsopfern, die drei Jahre in einem
Kohleschacht gefangen gehalten wurden; merkwürdig, was der für
Patienten hat.) Auf einer Peinlichkeitsskala von eins bis zehn sah ich mich
selbst bei zweihundert, da ich an diesem Tag meine hässlichste Unterhose
angezogen hatte. Noch nie hatte ich bei der Routinebesprechung meiner
Schilddrüsenwerte die Jeans runterlassen müssen. Und nun ausgerechnet
vor einer Leserin?
Doch noch während ich versuchte, die Schwester davon zu überzeugen,
dass die Namensähnlichkeit nur ein Zufall war, fragte sie mich: »Sind Sie
verwandt mit Sabine Fitzek, der berühmten Neurologin?«
Meine erleichterte Antwort: »Ja. Ich bin ihr Mann, der Neuroradiologe.
Ich helfe meinem Bruder gemeinsam mit meiner Frau immer bei der
Recherche für seine Bücher.« (Sorry, Clemens, die Schwester denkt jetzt, du
bist der Typ mit der zerlöcherten Uraltunterwäsche in unserer Familie.)
Linda Christmann Apropos Familie. Zu beschreiben, wie sie es geschafft hat,
in so kurzer Zeit mein Leben so unendlich zu bereichern, würde selbst den
Rahmen einer Jojo-Moyes-Trilogie sprengen. Bewundernswert ist allein
schon, dass sie sich nicht an meinem grimmigen Blick stört, wenn sie mich
mit klugen Fragen zum ersten Entwurf löchert, auf die ich nicht sofort eine
Antwort habe, wie etwa: »Gibt es spezielle Ursachen in der Kindheit,
weswegen erwachsene Menschen häusliche Gewalt ausüben?« Oder: »Gibt
es Kurse, in denen man lernt, wie man sich als Weihnachtsmann auf
Veranstaltungen zu verhalten hat?« Oder: »Schatz, wieso kommst du immer
mit blutigen Händen aus unserem Keller …?«

Regina Ziegler Geht nicht, gibt’s nicht. Wenn jemand nach diesem Motto
lebt, dann Deutschlands erste und erfolgreichste Filmproduzentin, der ich
so viel mehr als nur die Verfilmung von »Abgeschnitten« und »Passagier
23« zu verdanken habe. Zum Beispiel die weltbesten Königsberger Klopse,
die es hoffentlich auch das nächste Mal gibt, wenn du mir deine klugen
Erstleser-Hinweise zum Rohmanuskript gibst.

So, die Herstellung rief gerade an und sagte, ich solle nicht wieder so viel
Papier verschwenden und die, die mir nicht so wichtig sind, nur noch kurz
namentlich abhandeln: Marcus Meier und Thomas Zorbach von vm-people,
fühlt euch bitte nicht angesprochen.
Zu den Aufgaben dieser Personen, die unter anderem für das Fitzek-
Marketing mitverantwortlich sind, zählt es auch, mitten in der Nacht auf
einem verlassenen Gelände der Deutschen Bahn zwischen Industrie- und
Baumüll hinter einer mobilen Toiletteneinheit zu kauern, die per
Gabelstapler in die gruseligste Einöde transportiert wurde, damit die Kulisse
für den Fitzek-Psycho-Buchtrailer perfekt ist. (Ich muss wirklich zum Schluss
kommen. Je länger ich an dieser Danksagung schreibe, desto mehr wundere
ich mich, dass die alle überhaupt noch mit mir arbeiten.) Wie immer danke
ich zuletzt all den wundervollen Menschen im Buchhandel, in den
Bibliotheken und in der Festival- und Veranstaltungsorganisation. In dieser
Minute stehen fast alle eure Räder still, und das, obwohl ihr in meinen Augen
so systemrelevant seid wie kaum eine andere Branche auf der Welt. Statt
Klopapier und Nudeln sollten die Menschen lieber Kultur hamstern. Ich hoffe
sehr, dass unsere Supermärkte für geistige Nahrung bald wieder öffnen!
Bitte bleiben Sie gesund!
Auf Wiederlesen Ihr Sebastian Fitzek Berlin, 7.4.2020, 13.44 Uhr (Ja, ich
habe tatsächlich sechs Tage an dieser Danksagung geschrieben. Da sehen Sie
mal, wie viel Arbeit das ist. Ich habe nicht mal alle Game-of-Thrones-
Staffeln zwischendurch geschafft …)
Über Sebastian Fitzek

Sebastian Fitzek, geboren 1971, ist Deutschlands erfolgreichster Autor von


Psychothrillern. Seit seinem Debüt »Die Therapie«(2006) ist er mit allen
Romanen ganz oben auf den Bestsellerlisten zu finden. Mittlerweile werden
seine Bücher in vierundzwanzig Sprachen übersetzt und sind Vorlage für
internationale Kinoverfilmungen und Theateradaptionen. Als erster deutscher
Autor wurde Sebastian Fitzek mit dem Europäischen Preis für
Kriminalliteratur ausgezeichnet und 2018 mit der 11. Poetik-Dozentur der
Universität Koblenz-Landau geehrt.

Er lebt in Berlin.

Sie erreichen den Autor auf www.facebook.de/sebastianfitzek.de ,


www.sebastianfitzek.de oder per E-Mail unter [email protected].
Impressum

© 2020 Droemer eBook


Ein Imprint der Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG, München
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit
Genehmigung des Verlags wiedergegeben werden.
Ein Projekt der AVA International GmbH Autoren- und Verlagsagentur
www.ava-international.de
Redaktion: Regine Weisbrod
Covergestaltung: ZERO Werbeagentur und Bettina Halstrick (Artdirector)
Coverabbildung: Pixxwerk unter Verwendung von Motiven von Pixxwerk,
Shutterstock und Arcangel
ISBN 978-3-426-43983-8
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