Der Heimweg
Der Heimweg
Der Heimweg
Psychothriller
Über dieses Buch
Es ist Samstag, kurz nach 22.00 Uhr. Jules Tannberg sitzt am Begleittelefon.
Ein ehrenamtlicher Telefonservice für Frauen, die zu später Stunde auf ihrem
Heimweg Angst bekommen und sich einen telefonischen Begleiter wünschen,
dessen beruhigende Stimme sie sicher durch die Nacht nach Hause führt -
oder im Notfall Hilfe ruft.
Noch nie gab es eine wirklich lebensgefährliche Situation. Bis heute, als
Jules mit Klara spricht.
Die junge Frau hat entsetzliche Angst. Sie glaubt, von einem Mann verfolgt zu
werden, der sie schon einmal überfallen hat und der mit Blut ein Datum auf
ihre Schlafzimmerwand malte: Klaras Todestag! Und dieser Tag bricht in
nicht einmal zwei Stunden an ...
Inhaltsübersicht
Motto
Motto
Anmerkung des Autors
Widmung
Prolog
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
22. Kapitel
23. Kapitel
24. Kapitel
25. Kapitel
26. Kapitel
27. Kapitel
28. Kapitel
29. Kapitel
30. Kapitel
31. Kapitel
32. Kapitel
33. Kapitel
34. Kapitel
35. Kapitel
36. Kapitel
37. Kapitel
38. Kapitel
39. Kapitel
40. Kapitel
41. Kapitel
42. Kapitel
43. Kapitel
44. Kapitel
45. Kapitel
46. Kapitel
47. Kapitel
48. Kapitel
49. Kapitel
50. Kapitel
51. Kapitel
52. Kapitel
53. Kapitel
54. Kapitel
55. Kapitel
56. Kapitel
57. Kapitel
58. Kapitel
59. Kapitel
60. Kapitel
61. Kapitel
62. Kapitel
63. Kapitel
64. Kapitel
65. Kapitel
66. Kapitel
67. Kapitel
68. Kapitel
69. Kapitel
Zu meinem Roman
Danksagung
Jede vierte Frau hat mindestens einmal in ihrem Leben körperliche oder
sexuelle Partnerschaftsgewalt erlebt.
Betroffen sind Frauen aller sozialen Schichten.
Astrid-Maria Bock,
BILD-Zeitung vom 27.06.2017
Seht ihr den Mond dort stehen?
Er ist nur halb zu sehen,
Und ist doch rund und schön.
So sind wohl manche Sachen,
Die wir getrost belachen,
Weil unsre Augen sie nicht sehn.
Der Sex war der Wahnsinn, dachte sie im Halbdunkel auf dem Bett
liegend, aus dem der Mann, in den sie sich unsterblich verliebt hatte, bereits
aufgestanden war, um ins Bad zu gehen.
Nicht, dass sie viele Vergleichsmöglichkeiten gehabt hätte. Sie hatte vor
ihrem Ehemann nur zwei Liebhaber, doch das schien unendlich lange her. Die
negativen Erfahrungen der Gegenwart hatten die positiven der Vergangenheit
längst verdrängt.
Seit Jahren war alles, was sich im Schlafzimmer abspielte, für sie nur mit
Schmerzen und Demütigung verbunden gewesen.
Und jetzt liege ich hier. Atme und rieche den Duft eines neuen Mannes
in meinem Leben und wünsche mir, die Liebesnacht würde wieder von
vorne beginnen.
Sie war über sich selbst erstaunt, wie schnell sie sich ihm anvertraut und
ihm von der Gewalt erzählt hatte, unter der sie in ihrer Ehe litt. Doch sie
hatte sich vom ersten Moment an zu ihm hingezogen gefühlt, als sie seine
tiefe Stimme gehört und ihm in warme, dunkle Augen gesehen hatte, die sie
anblickten, wie ihr Ehemann sie noch nie betrachtet hatte. Offen, ehrlich,
liebevoll.
Beinahe hätte sie ihm sogar von dem Video erzählt. Von dem Abend, zu
dem ihr Ehemann sie gezwungen hatte.
Mit den Männern.
Vielen Männern, die sie misshandelt und gedemütigt hatten.
Kaum zu glauben, dass ich mich noch einmal in meinem Leben
freiwillig einem Vertreter des »starken« Geschlechts hingegeben habe,
dachte sie und lauschte auf das Rauschen der Dusche, in die ihr Traummann
verschwunden war.
Normalerweise war sie es, die nach ihrer »Benutzung« durch ihren
»Gatten« stundenlang versuchte, sich den Ekel vom Leib zu schrubben, doch
jetzt genoss sie den herben Geruch einer Affäre auf der Haut und wollte ihn
am liebsten für immer konservieren.
Das Wasserrauschen stoppte.
»Magst du noch etwas unternehmen?«, hörte sie ihn gut gelaunt aus dem
Bad rufen, nachdem er wohl aus der Dusche getreten war.
»Furchtbar gerne«, antwortete sie, obwohl sie keine Ahnung hatte, wie sie
ihrem Mann erklären sollte, dass sie noch länger ausblieb.
Immerhin war es …
Sie sah auf ihre Armbanduhr, doch es war zu schummrig, um das
Ziffernblatt zu erkennen. Abgesehen von dem Strahl, der durch den kleinen
Spalt der angelehnten Badezimmertür ins Schlafzimmer fiel, spendete nur ein
sanft illuminiertes Kunstwerk etwas Licht. Ein leicht gebogener
Samuraidolch mit grünlich schimmerndem Perlmuttgriff hing an der
Schlafzimmerwand, von zwei gedimmten LED -Strahlern angeleuchtet, die
allerdings auch nur für eine nachtlichtgleiche Atmosphäre sorgten.
Sie griff nach ihrem Handy, dabei fiel ihr Blick auf eine Leiste mit
Lichtschaltern, die direkt in den Nachttisch eingelassen waren.
»Einen Cocktail trinken vielleicht?«
Sie drückte den äußersten Knopf der Leiste und musste kichern, denn
offensichtlich war seine Funktion eine andere. Da das Laken verrutscht war,
konnte sie direkt auf die Matratze sehen, die nun in einem halogenblauen
Farbton leuchtete, was die Illusion erzeugte, als liege sie auf einer
Luftmatratze in einem Swimmingpool.
Sie setzte sich im Schneidersitz auf die Matratze, deren Wasserfüllung so
hell und leuchtend strahlte wie die fluoreszierende Füllung eines Knicklichts.
Zudem wechselte sie die Farben. Von Azurblau zu einem Phosphorgelb zu
einem blendenden Weiß zu einem …
»Was ist das?«, fragte sie.
Leise. Mehr zu sich selbst, denn im ersten Moment war sie ehrlich
erstaunt. Sie beugte sich nach vorne, um nun durch die Raute zu blicken, die
sich zwischen Schenkeln und Schritt bildete.
Oh, Herr im Himmel …
Entsetzt schlug sie sich die Hand vor den Mund und starrte auf die
Matratze, auf der sie vor wenigen Minuten noch einen Mann geliebt hatte.
Ich halluziniere. Ich sehe nicht wirklich, wie …
»Du hast es also entdeckt«, sagte eine fremde Stimme links von ihr. Und als
hielte der Unbekannte, der nun in der Badezimmertür auftauchte, eine
Fernbedienung, mit der er das Grauen steuern konnte, leuchtete das Bett unter
ihr blutrot auf. Der Anblick, der sich ihr daraufhin bot, war so entsetzlich,
dass sie sich am liebsten die Augen ausgerissen hätte.
Ja, sie hatte es entdeckt, wobei es keinen Sinn ergab. Ihr Verstand wollte
das Grauen nicht akzeptieren, einfach weil das, was sich ihr zeigte, jegliche
menschliche Vorstellungskraft sprengte.
»Wo ist er? Was hast du mit ihm gemacht?«, schrie sie den Fremden an,
lauter als je zuvor, während das Monster in Menschengestalt mit einer
Spritze an das Bett trat und süffisant grinsend sagte: »Vergiss jetzt mal bitte
deinen Liebhaber. Ich finde, es ist an der Zeit, dass du mich kennenlernst.«
1
Jules Tannberg
J ules saß am Schreibtisch und dachte darüber nach, dass das Rauschen in
seinem Ohr perfekt mit dem Blut an der Wand harmonierte.
Auch wenn er auf Nachfrage nicht hätte erklären können, woher diese
morbide Assoziation kam. Vielleicht, weil das Geräusch, das er über
Kopfhörer hörte, an eine Flüssigkeit erinnerte, die sich durch eine Verengung
kämpfte.
Wie Blut, das einem sterbenden Menschen aus den Adern strömt.
Blut, mit dem man Schlafzimmerwände beschmieren konnte, um der Welt
eine Nachricht zu hinterlassen.
Jules wandte den Blick vom Fernseher, der in Großaufnahme die rot
verschmierten, grotesk großen Ziffern über dem Bett auf der
Schlafzimmerwand des Mordopfers zeigte. Die Handschrift des Kalender-
Killers. Ein »Ich war hier, und du kannst froh sein, dass wir uns nicht
begegnet sind«-Gruß.
Denn sonst würdest auch du auf diesem Bett liegen. Mit einem
überraschten Gesichtsausdruck und aufgeschnittenem Hals.
Er drehte sich auf dem Bürostuhl am Schreibtisch um etwa neunzig Grad,
und der Fernseher verschwand aus seinem Sichtfeld, was ihm half, sich auf
das Telefonat zu konzentrieren.
»Hallo, ist da jemand?«, fragte er nun schon zum dritten Mal, doch wer
immer da am anderen Ende in der rauschenden Leitung hing, sagte nach wie
vor kein Wort.
Stattdessen hörte Jules in seinem Rücken die Stimme eines Mannes, der
ihm vertraut schien, obwohl er ihm noch nie in seinem Leben begegnet war.
»Drei Frauen wurden bislang in ihren Wohnungen ermordet
aufgefunden«, sagte der gesichtsbekannte Fremde, der sich in verlässlichen
Abständen darum kümmerte, die Menschen in ihren eigenen vier Wänden mit
den schrecklichsten Verbrechen Deutschlands zu versorgen.
Aktenzeichen XY … ungelöst. Die älteste True-Crime-Show der Nation.
Jules ärgerte sich, dass er die Fernbedienung nicht fand, um den Fernseher
abzustellen, in dem womöglich noch immer der letzte Tatort des Kalender-
Killers zu sehen war.
Sie zeigten gerade eine Wiederholung der 20.15-Uhr-Sendung, ergänzt
durch die neuesten Hinweise aus der Bevölkerung seit der Primetime-
Ausstrahlung.
Das Arbeitszimmer des Charlottenburger Altbaus war ein
Durchgangsraum zwischen Wohn- und Essbereich und wie der Rest der
Wohnung mit beeindruckend hohen Wänden und stuckverzierten Decken
ausgestattet, von denen die ersten Bewohner vor hundert Jahren bestimmt
schwere Lüster hatten baumeln lassen. Jules hingegen bevorzugte indirektes
Licht, ihm war bereits der Schein des TV -Geräts zu grell.
Das kabellose Headset mit den kleinen, über ein Drahtgestell im Nacken
verbundenen Kopfhörern und der Mikrofonspange vor dem Mund
ermöglichte es ihm, auf dem mit Zeitschriften und Dokumenten übersäten
Schreibtisch nach der Fernbedienung zu suchen.
Er erinnerte sich, sie kürzlich noch in der Hand gehalten zu haben, nun
musste sie irgendwo unter den Unterlagen vergraben sein.
»Und an jedem Tatort das gleiche grauenhafte Bild. Das Datum des
Todestages an der Wand, geschrieben mit dem Blut der Opfer.«
30.11.
08.03.
01.07.
»Der Modus Operandi, dem der Kalender-Killer seinen Namen verdankt.«
Die erste Tat, die sich in nur wenigen Stunden jährte, hatte schon letztes
Jahr im November sämtliche Medien beherrscht.
Jules unterbrach seine Suche nach der Fernbedienung und sah kurz aus
dem großen, leicht gewölbten Sprossenfenster, das einer heftigen
Schneeverwehung trotzen musste, zur Straße. Wieder einmal wunderte er sich
über sein fehlendes Wettergedächtnis. Er konnte sich die merkwürdigsten
Dinge merken, die er nur ein Mal gehört hatte, wie die Legende, dass
Hitchcock keinen Bauchnabel hatte oder Ketchup in den 1830er-Jahren als
Medizin verkauft wurde. Aber er konnte sich nicht an den letzten Winter
erinnern.
Hatte es am ersten Adventswochenende des Vorjahrs auch schon
geschneit, so wie jetzt in weiten Teilen Deutschlands? Der Rekordsommer
mit tropischen Temperaturen von fast vierzig Grad war gefühlt übergangslos
von einer Schmuddelwetterperiode abgelöst worden. Es war zwar nicht sehr
kalt, zumindest im Vergleich zu Grönland oder Moskau, aber der Wechsel
von Schnee und Regen, aufgewirbelt von einem strengen Ostwind, trieb die
Menschen nach Feierabend auf kürzestem Wege in ihre Wohnungen. Oder in
die Hals-Nasen-Ohren-Praxen. Wobei der Blick nach draußen geradezu
etwas Beruhigendes hatte, und das nicht nur im Kontrast zu den
Wandmalereien des Kalender-Killers.
Hinter den hohen Fenstern sah es aus, als hätte eine Filmcrew eine
Konfetti-Kanone vor die Charlottenburger Straßenlaternen geräumt, um den
Bewohnern der begehrten Gründerzeitwohnungen rund um den Lietzensee ein
vorgezogenes Weihnachtsschauspiel zu bieten. Unzählige Flocken tanzten wie
ein Schwarm Glühwürmchen in dem warmen Lichtkegel und wurden von dort
aus über die vereiste Oberfläche des Sees Richtung Funkturm getrieben.
»Hindert Sie jemand daran, mit mir zu sprechen?«, fragte Jules den
vermuteten Teilnehmer am Telefon. »Wenn ja, dann husten Sie bitte einmal.«
Jules war sich nicht sicher, aber er meinte, ein leises Keuchen gehört zu
haben, ähnlich dem eines Läufers, der sich an seinem eigenen Atem
verschluckt hat.
War das ein Husten?
Er drehte am Laptop, über dessen Software das Gespräch gestreamt
wurde, die Lautstärke hoch. Der XY -Moderator drang dennoch zu ihm
durch. Wenn Jules die TV -Fernbedienung nicht fand, würde ihm nichts
anderes übrig bleiben, als den Stecker des Fernsehers zu ziehen.
»Wir haben lange mit uns gerungen, ob wir Ihnen die Original-
Tatortbilder noch einmal in dieser Deutlichkeit zeigen sollen. Aber diese
Aufnahmen sind bislang die einzige Spur der Ermittler zum sogenannten
Kalender-Killer.
Wie Sie sehen …«
Aus den Augenwinkeln heraus bemerkte Jules, wie sich die
Kameraperspektive änderte und an die blutige Schrift auf der Wand gezoomt
wurde. So dicht heran, dass der grobkörnige Putz wie eine Mondlandschaft
wirkte, die ein Serienkiller als Leinwand missbraucht hatte.
»… ist die Ziffer 1 am oberen Ende verschnörkelt, wodurch die Zahl,
die der Täter bei seinem ersten Mord an die Wand geschrieben hatte, mit
etwas Fantasie wie ein Seepferdchen aussieht. Unsere Frage daher an Sie:
Erkennen Sie die Handschrift? Ist sie Ihnen schon einmal in irgendeinem
Zusammenhang begegnet? Für sachdienliche Hinweise …«
Jules zuckte zusammen. Jetzt war es deutlich. Er hatte etwas in der
Leitung gehört.
Ein Räuspern. Atmen. Plötzlich riss das Rauschen ab.
Die von den Kopfhörern übertragene Atmosphäre hatte sich verändert, so
als sei der Teilnehmer aus einem Windkanal heraus in einen geschützten
Bereich getreten.
»Ich habe Sie nicht verstanden, weshalb ich jetzt einfach mal davon
ausgehe, dass Sie bedroht werden«, sagte Jules, und in diesem Moment
entdeckte er auf dem Schreibtisch die Fernbedienung unter einem Prospekt
für eine Rehaklinik.
Berger Hof – Gesund im Einklang mit der Natur.
»Was auch immer passiert, Sie müssen unbedingt in der Leitung bleiben.
Legen Sie nicht auf. Unter gar keinen Umständen!«
Er schaltete den Fernseher aus und sah sich selbst in dem plötzlichen
Schwarz des Flachbildschirms, der zu einem düsteren Spiegel geworden
war. Jules schüttelte den Kopf, unzufrieden mit seinem Ebenbild, auch wenn
er sich eingestehen musste, dass er sehr viel besser aussah, als er sich fühlte.
Eher wie fünfundzwanzig als fünfunddreißig. Eher gesund als krank.
Wobei das schon immer sein Fluch gewesen war. Selbst mit einer Magen-
Darm-Grippe und Liebeskummer wirkte Jules auf sein Umfeld wie das
blühende Leben. Einzig Dajana hatte gelernt, ihn im Laufe ihrer Beziehung zu
»lesen«. Sie war lange Zeit freie Journalistin gewesen, und dank ihres
ausgeprägten Einfühlungsvermögens hatte sie schon so manchem
Interviewpartner ein zuvor gut gehütetes Geheimnis entlocken können. Was
ihr bei Fremden gelang, gelang ihr natürlich erst recht bei ihrem engsten
Vertrauten.
Sie erkannte bei Jules die Anzeichen eines drohenden
Erschöpfungskollapses, wenn nach einer Doppelschicht in der Notrufzentrale
seine braunen Augen eine Nuance dunkler schimmerten oder wenn die
markanten Lippen einen Hauch trockener waren als sonst, weil er es nicht
geschafft hatte, eine Mutter am Telefon erfolgreich anzuleiten, ihr Kind zu
reanimieren. Dann hatte Dajana ihn wortlos in die Arme genommen und ihm
die verspannte Schulter massiert. Sie hatte die Magenschmerzen, die
Übermüdung und seine oftmals tiefe Melancholie an ihm regelrecht riechen
können, wenn sie auf dem Sofa lagen und sie das Gesicht in seinen dichten,
ungezähmten Haaren vergrub. Vielleicht hatte sie ihn auch im Schlaf studiert,
seine nervösen Zuckungen, sein Gemurmel, und ihn womöglich mit einem
sanften Griff nach dem Oberarm beruhigt, wenn er geschrien hatte.
Womöglich. Er hatte versäumt, sie danach zu fragen, und nun würde er nie
wieder die Gelegenheit dazu haben.
Da!
Diesmal war er sich ganz sicher. Der Anrufer hatte aufgestöhnt. Ob Mann
oder Frau, war noch nicht zu erkennen, nur dass die Person offenbar unter
Schmerzen litt, die sie zu unterdrücken versuchte.
»Wer … wer ist da?«
Endlich. Der erste vollständige Satz. Und er klang nicht so, als würde der
Anruferin eine Waffe an den Kopf gehalten, aber man konnte nie wissen.
»Mein Name ist Jules Tannberg«, antwortete er, konzentrierte sich und
begann kurz darauf die intensivste und folgenschwerste Unterhaltung seines
Lebens mit den Worten: »Sie sind mit dem Begleittelefon verbunden. Wie
kann ich Ihnen helfen?«
Die Antwort zerriss ihm beinahe das Trommelfell.
Sie bestand aus einem einzigen, entsetzlich verzweifelten Schrei.
2
H allo? Wer ist da? Sagen Sie mir bitte, wie ich Ihnen helfen kann!«
Der Schrei erstarb.
Unbewusst griff Jules zu einem Kugelschreiber und einem Papierblock,
um sich die Uhrzeit des Anrufs zu notieren.
22 . 09 Uhr.
»Sind Sie noch dran?«
»Was, wie …, äähh, nein, ich …«
Schwere Atemgeräusche, gehetzt. Verzweifelt.
»Es tut mir so leid, ich …«
Eindeutig die Stimme einer Frau.
Männliche Gesprächsteilnehmer waren die Ausnahme. Das Begleittelefon
war ein Service, der meist von Frauen genutzt wurde, die nachts auf ihrem
Heimweg durch Parkhäuser, menschenleere Straßen oder gar durch den Wald
gehen mussten. Sei es, weil sie noch spät gearbeitet hatten, von einem
ätzenden Date irgendwo geflüchtet waren oder einfach nur keine Lust mehr
auf die Party hatten, auf der ihre Freundinnen noch geblieben waren.
Plötzlich auf sich allein gestellt, zu einer Uhrzeit, um die man ungern seine
Verwandtschaft aus dem Bett klingelte, bekamen sie zuweilen in der
Dunkelheit große Angst: beim Überqueren leerer Parkplätze, in schlecht
ausgeleuchteten Unterführungen oder auf unbedacht gewählten Abkürzungen
durch einsame Gegenden. Dann wünschten sie sich einen Weggefährten, der
sie sicher durch die Nacht führte. Eine Begleitung, die im Falle des Falles
ihre exakte Aufenthaltsposition kannte und rasch Hilfe anfordern konnte, was
allerdings in der Geschichte des Begleittelefons nur selten vorgekommen
war.
»Ich muss … auflegen …«, sagte sie, und Jules hatte die Befürchtung,
dass sie bereits von seiner tiefen Stimme eingeschüchtert war, weswegen er
schnell handeln musste, wollte er sie nicht verlieren.
»Würden Sie gerne mit einer weiblichen Begleiterin verbunden
werden?«, fragte er, wohl wissend, dass weiblich und Begleiterin eine
sinnlose Doppelung war, doch er ahnte, dass die Anruferin (er notierte sich:
ca. Anfang 30 ) große Konzentrationsschwierigkeiten hatte, und daher
bemühte er sich, so einfach und eindeutig wie möglich zu formulieren.
»Ich kann verstehen, wenn es Ihnen in Ihrer Situation unangenehm ist, mit
einem Mann zu sprechen.«
Die Furcht der Hilfesuchenden beim Begleittelefon war, wie die meisten
Ängste es in der Regel eben sind, oft unbegründet. Aber sie bezog sich, ob
einem nachvollziehbaren Anlass geschuldet (wie der dummen Anmache eines
Betrunkenen auf dem U-Bahnsteig) oder aus purer Einbildung heraus
entstanden, meist auf einen Mann. Und daher war es für Jules völlig
einleuchtend, wenn eine Frau nicht ausgerechnet mit einem Vertreter jenes
Geschlechts sprechen wollte, das ihre Angst im Grunde erst ausgelöst hatte,
so irrational sie womöglich auch war.
»Soll ich Sie verbinden?«, fragte er noch einmal, und endlich bekam er
eine Antwort, wenn auch eine, die verwirrend war.
»Nein, nein, das ist es nicht. Ich … ich hab es nur gar nicht bemerkt.«
Sie klang ängstlich, aber nicht panisch. Eher wie eine Frau, die schon sehr
viel stärkere Furcht empfunden hatte.
»Was haben Sie nicht bemerkt?«
»Dass ich Sie angerufen habe. Es muss beim Klettern passiert sein.«
Klettern?
Das Rauschen in der Leitung, das eindeutig vom Wind herrührte, war
wieder aufgefrischt, zum Glück aber nicht so intensiv wie zu Beginn. Die
Anruferin war definitiv im Freien.
Jules’ Block füllte sich mit Fragen: Welche verängstigte Frau klettert
nachts? Im Schneetreiben?
»Wie heißen Sie?«, wollte er wissen.
»Klara«, antwortete sie.
Sie klang über sich selbst erschrocken, als wäre ihr der Name ungewollt
herausgerutscht.
»Okay, Klara. Wollten Sie mir gerade erklären, dass Sie uns aus Versehen
angerufen haben?«
Er sagte uns, weil die Vorstellung von einem Team im Hintergrund bei
den Anrufenden Vertrauen schuf, und tatsächlich arbeiteten mehrere
Freiwillige für das Begleittelefon. Allein heute, an einem Samstag in der
Hotline-Hochzeit, saßen in Berlin vier Ehrenamtliche in der Nähe ihrer
Laptops und warteten zwischen zweiundzwanzig und vier Uhr morgens auf
eingehende Anrufe über die bundesweite Rufnummer. Allerdings waren sie
nicht in einem Großraumbüro wie bei der Notrufzentrale der Feuerwehr,
Jules’ ehemaligem Arbeitsplatz.
Dank der Begleittelefon-Software, die jeden einkommenden Anrufer zu
einem freien Helfer routete, konnten sie die ängstlichen, einsamen und zum
Teil auch verwirrten Anruferinnen bequem von zu Hause aus betreuen.
Seitdem sich die Information über dieses neuartige, spendenfinanzierte
Hilfsangebot wie ein Virus in den sozialen Netzwerken verbreitet hatte, stieg
das Anrufaufkommen stetig; aber es war nicht so, dass das Begleittelefon
unentwegt klingelte.
Die Freiwilligen konnten zwischendurch gut anderen, privaten Dingen
nachgehen, wie Netflix-Schauen, Musikhören oder Lesen. Und dank
kabellosem Headset konnte man sich im Falle eines Anrufs bequem zu Hause
bewegen. Viele lagen im Bett, manche sogar in der Badewanne, vermutlich
saßen die wenigsten wie Jules am Schreibtisch, aber das war eine
Angewohnheit, die er noch aus seinem alten Beruf mitbrachte. Auch wenn er
bei Telefongesprächen am liebsten umherlief, brauchte er zu Beginn der
Kontaktaufnahme eine Struktur.
Am liebsten hätte er alle Informationen, die ihm die Anruferin gab, in eine
Computermaske getippt, aber das ergab wenig Sinn. Anders als früher bei
der 112 musste er keinen Einsatzwagen mit der für den Notfall benötigten
Ausrüstung bestücken. Und er sah auch nicht auf einem digitalen Stadtplan
den ungefähren Aufenthaltsort des Hilfebedürftigen auf dem Monitor.
Dennoch fühlte Jules sich hinter einem Arbeitstisch besser organisiert. Er
gab ihm Halt, wenn er mit den Anruferinnen sprach.
»Ja. Ich muss versehentlich die Tastensperre deaktiviert haben«, sagte
Klara. »Mein Handy hat sich selbstständig gemacht. Verzeihen Sie die
Störung, ich wollte Sie gar nicht anrufen.«
Nummernspeicher, notierte sich Jules. Es war nicht das erste Mal, dass
Klara Angst hatte. Auch nicht das zweite oder dritte Mal. Sie musste sich
schon so oft gefürchtet haben, dass sie das Begleittelefon sogar unter ihren
Favoriten abgelegt hatte.
»Entschuldigen Sie bitte vielmals, ich hab mich verwählt, ich werde jetzt
…«
Klara wollte das Gespräch offenbar beenden. Und das durfte Jules nicht
zulassen.
Er stand vom Schreibtisch auf. Das alte Parkett, gegerbt von zahlreichen
Schuhen, herumgerückten Möbeln und heruntergefallenen Gegenständen,
knarzte müde unter seinen Sneakern.
»Nehmen Sie es mir nicht übel, aber Sie hören sich so an, als ob Sie Hilfe
bräuchten.«
»Nein«, antwortete Klara einen Hauch zu schnell. »Dafür ist es zu spät.«
»Wie meinen Sie das?«
Er hörte ein Wimmern, das so klar durch die Leitung drang, dass er für
einen Moment dachte, es käme bei ihm vom Flur her.
»Wofür ist es zu spät?«
»Ich habe schon einen Begleiter. Ich brauche keinen zweiten.«
»Sie sind nicht alleine unterwegs?«
Der Wind am anderen Ende war wieder etwas aufgefrischt, aber Klaras
Stimme kam gegen ihn an.
»Ich war in den letzten Wochen keine Sekunde alleine.«
»Wer war bei Ihnen?«
Klara atmete schwer, dann sagte sie: »Sie kennen ihn nicht. Höchstens das
Gefühl, das er auslöst.« Ihre Stimme brach. »Todesangst.«
Weint sie?
»Oh Gott, es tut mir so leid«, sagte sie, um Fassung ringend, und ergänzte
rasch, bevor Jules nachfragen konnte, was sie damit meinte: »Wir müssen
auflegen. Er wird nicht glauben, dass es nur ein Versehen ist. Dass ich mich
verwählt habe. Verdammt, wenn er herausfindet, dass ich Sie angerufen habe,
wird er auch zu Ihnen kommen.«
»Um was zu tun?«
»Um Sie ebenfalls zu töten«, sagte Klara und löste mit dieser morbiden
Prophezeiung ein Déjà-vu bei Jules aus.
3
Vier Stunden zuvor
E s hieß, man brauche nur eine Stunde an diesem Ort zu verbringen, und man
könne nie wieder unbefangen durch die Straßen Berlins fahren. Das Gesicht
der Stadt habe sich dann für immer verändert, wahlweise zu einer kranken,
hässlichen oder einer mitleiderregenden Fratze. Dabei sah es im Zentrum des
Geschehens eher beruhigend aus: ein lagerhallengroßer Raum, der an das
Kontrollzentrum einer Raketenabschussbasis erinnerte, bestückt mit zwei
Dutzend Computertischen, dahinter uniformierte Feuerwehrbeamte, die so
wie Jules in der Regel auf den Monitor mit dem Berliner Stadtplan starrten,
während sie parallel den Fragebogen abarbeiteten, der zu der jeweiligen
Notlage passte.
Jules allerdings hatte aktuell keine Zeit, mit dem panischen Anrufer
irgendeine Checkliste durchzugehen. Er arbeitete instinktiv alle Punkte ab,
die er in der Ausbildung für diese Situation gelernt hatte.
Eine der grauenhaftesten, mit der man während einer Schicht in der
Leitstelle überhaupt konfrontiert werden konnte.
Klara
Heute
H atten Sie schon einmal solche Angst, dass jede Zelle Ihres Körpers mit
Schmerz gefüllt war?«
»Sie meinen, ob ich schon einmal solche Angst hatte, dass ich mir die
Haut vom Leib reißen wollte, weil ich befürchtete, innerlich zu
verbrennen?«
»Ja.«
Nach diesem Dialog hatte ihr telefonischer Begleiter eine beunruhigend
lange Zeit geschwiegen, und Klara war sich einen Moment lang nicht sicher,
ob Jules aufgelegt hatte.
Doch dann sagte er: »Entschuldigen Sie bitte, ich habe mich gerade an
etwas sehr Traumatisches in meinem Leben erinnert. Es liegt noch gar nicht
so lange zurück.«
Klara hielt im Gehen inne und bückte sich, eine Hand in die linke Seite
gestemmt, um das Stechen in der Milzgegend zu mindern, dabei war sie gar
nicht schnell gelaufen.
Auch wenn sie ein paar Kilos zu viel auf den Hüften hatte, was Martin
nicht müde wurde zu betonen (»Wenigstens sind deine Rehaugen nicht fett
geworden, das Einzige, was an dir noch hübsch ist«), war es nicht die
körperliche Anstrengung, die ihr so zusetzte, sondern ihre Nahtoderfahrung,
kurz bevor sich das Telefon in ihrer Hosentasche selbstständig gemacht und
die Nummer des Begleittelefons gewählt hatte. Das Gespräch mit dem
einfühlsamen, wohltemperiert klingenden Unbekannten kostete sie die wenige
ihr verbliebene Kraft, die sie eigentlich für sehr viel Wichtigeres brauchte.
Sie wusste selbst nicht, weshalb sie überhaupt noch mit ihm sprach.
»Ich kenne den Zustand, den Sie beschreiben, sehr gut«, sagte Jules nach
einer weiteren Pause, in der sie fast körperlich gespürt hatte, dass ihm etwas
auf der Seele lag. Etwas, was ihn so sehr beschwerte, dass er das Gewicht in
seinem Leben niemals wieder würde abstreifen können. Jules’ Worte
brachten eine Saite in ihrem seelischen Resonanzkörper zum Schwingen, von
der sie gedacht hatte, sie wäre für immer verstummt, möglicherweise sogar
gerissen.
Jules, wenn das sein richtiger Name war (er sprach ihn ›Dschuhls‹ aus),
klang so aufrichtig. Sie fand kein besseres Wort dafür, war sich aber auch
nicht sicher, ob ihre Sinne ihr hier draußen in der Dunkelheit einen Streich
spielten. Vielleicht war er nur ein Schauspieler, der seine beruhigende
Stimme wie eine Maske trug und sie so einsetzte, dass man ihr alles glauben
wollte, wie unwahrscheinlich das auch war.
»Niemand kann mich verstehen.« Klara richtete sich wieder auf und
lockerte das Haargummi, mit dem sie ihre dichten braunen Locken zu einem
Pferdeschwanz zusammengebunden hatte, wohl wissend, dass der Druck in
ihrem Kopf nicht von einem zu streng gebundenen Zopf rührte.
Klara sog die frische, feuchte Waldluft ein. Das Geäst dicht stehender
Kiefern formte einen natürlichen Schneeschutz-Baldachin. Dank der
kurzfristigen Windstille war es gefühlt etwas wärmer geworden, dennoch
konnte sie nicht aufhören zu zittern. Ihre vor dem Aufbruch hastig über den
Norwegerpulli geworfene Wetterjacke und die mittlerweile durchgefeuchtete
und aufgerissene Jeans konnten der Kälte nicht viel entgegensetzen. Selbst für
einen Herbstspaziergang hätte sie eine ungeeignete Bekleidung gewählt.
Spaziergänge, dachte sie mit einem Anflug von Melancholie, für den sie
sich selbst nicht leiden konnte. Hab ich in den vierunddreißig Jahren
meines Lebens viel zu selten gemacht. Ich dachte, es wäre
Zeitverschwendung, einfach loszulaufen, ohne eine konkrete
Notwendigkeit, ohne ein Ziel, an dem es etwas zu erledigen galt. Und nun
stehe ich hier, blutend und mit weniger Hoffnung als ein zum Tode
Verurteilter im Moment des Festschnallens auf den elektrischen Stuhl, und
vermisse all die Waldspaziergänge, die ich niemals machen wollte.
»Meine Angst fällt in keine Kategorie. Also beleidigen Sie bitte nicht
meine Intelligenz, indem Sie mir erklären wollen, Sie würden mich
verstehen, obwohl wir uns nicht einmal im Ansatz kennen.«
Sie tastete nach ihrer Stirn, zufrieden, dass das Blut getrocknet war, doch
ihr Schädel dröhnte wie eine Kirchenglocke, gegen die von außen ein
Hammer geschlagen wurde. Die Strafe dafür, wenn man mitten in der Nacht
auf einen Felsen kletterte, von dem die wenigsten Berliner wussten, dass es
ihn überhaupt gab. Ein Geheimtipp ohne Adresse, acht, neun und zehn Meter
hohe künstliche Türme aus Spritzbeton, an deren Kanten, Vorsprüngen und
Vertiefungen sich eigentlich nur die Mitglieder des Deutschen Alpenvereins
zum Gipfelkreuz ziehen durften.
Aber wer kontrolliert nachts im Schneesturm schon einen DAV -
Ausweis?
»Ich weiß nicht, wie Sie sich fühlen, aber ich weiß, wie Sie sich
benehmen, und das ist eher wie ein trotziges Kind als wie eine erwachsene
Frau.« Jules gab schon wieder die richtige Antwort. Verdammt. Hatte sie
zufällig den besttrainierten Mitarbeiter beim Begleittelefon erwischt, oder
waren in letzter Zeit alle geschult worden? Bei ihrem letzten Anruf hatte sie
ein nettes, aber viel zu junges Mädchen am Apparat gehabt, das ihre Sätze
ständig mit der Floskel »Wie schon gesagt …« einleitete, obwohl sie davor
noch gar nichts gesagt hatte.
Bestimmt mussten sich mittlerweile alle Begleiter regelmäßig Kursen
unterziehen und Fortbildungsseminare besuchen, mit kreativen Titeln wie
»Krisenintervention – Sie sind allein, du bringst sie heim«, bei denen sie
dann Mitschnitte von Telefonaten wie diesem hier analysierten.
Klara verließ den Wind- und Schneeschutz unter den Kiefern und stapfte
weiter den schmalen Pfad hinunter, der sich durch den Wald vom Teufelsberg
zur Teufelsseechaussee schraubte. Die Lichtverschmutzung der Großstadt, an
deren Rändern sie sich befand, reichte aus, um für so etwas wie Dämmerlicht
zwischen den umherwirbelnden Schneekonfetti-Wolken zu sorgen.
Sie zog das Bein nach, hoffentlich war der Knöchel nicht sogar
angebrochen, aber das war jetzt eigentlich auch egal. Im Grunde tat der
Schmerz gut. So heftig, dass ihr die Tränen in die Augen schossen, und das
hielt sie wach auf den letzten Metern.
»Was hat Sie vom Weg abgebracht?«, fragte Jules.
Klara schloss kurz die Augen. Die Dunkelheit, die sie dadurch umgab,
passte zu der weltallgleichen Kälte hier draußen.
Verdammt, wieso lege ich nicht einfach auf?
Hätte er schlicht gefragt »Was ist passiert?« oder »Erzählen Sie es mir!«
gefordert, dann hätte sie ihn weggedrückt. Doch seine Frage zeugte davon,
dass er sie richtig einschätzte. Dass sie einst eine Frau mit einem Ziel
gewesen war. Auf einer langen Reise, die sie mit der Hoffnung auf
Zufriedenheit und womöglich sogar auf Liebe angetreten hatte und deren
Pfade, wie sie lernen musste, mit Landminen gepflastert waren, denen man
nur mit sehr viel Glück ausweichen konnte. Und Glück, nun ja, das war der
erste Freund, der sich von ihr verabschiedet und sein Mitfahrticket zerrissen
hatte – und das schon vor verdammt langer Zeit.
»Kennen Sie das Le Zen am Tauentzien?«, fragte sie ihn.
»Das Luxushotel?«
»Genau.«
»Selbst der Kaffee dort liegt außerhalb meiner Gehaltsstufe, aber ja, ich
hab davon gehört.«
»Auch von dem Speakeasy-Fahrstuhl?«
»Speak was?«
»Also nein.«
Klara schob einen Zweig beiseite, der sie am Weitergehen hinderte. »Von
der Lobby aus hat man eine gute Sicht auf die Aufzüge. Am besten sitzt man
auf dem schmalen Futon-Sofa, direkt neben den Vasen mit den violetten
Orchideen. Wenn man nur flüchtig hinschaut, erkennt man drei verchromte
Lifttüren, schön verziert mit asiatischen Schriftzeichen, so wie ja alles in
dem Schuppen auf Nippon und Co. getrimmt ist.«
»Aber?«
»Aber wenn man exakt um dreiundzwanzig Uhr dreiundzwanzig am letzten
Samstagabend des Monats auf jenem Futon-Sofa sitzt und durch die
Orchideen hindurch eine schmale Tür im Auge behält, direkt neben der
Aufzugsgruppe, stellt man fest, dass diese mit Seidenpapier bezogene Tür
kein Ein- oder Ausgang zu einem Wirtschaftsraum oder Ähnlichem ist.«
»Sondern ebenfalls ein Aufzug.«
Sie hätte beinahe gelächelt. Unter normalen Umständen hätte sie sich mit
Jules gerne über Alltägliches unterhalten. Über Politik, Kunst, Reisen oder
die Ansichten zu Erziehungsmethoden, wenn er denn Kinder hatte. Er klang
wie ein Vater, der es schaffte, gleichzeitig liebevoll, aber auch bestimmt zu
sein. Wie oft traf man auf Männer, die mitdachten und sogar die Sätze korrekt
vollendeten, weil sie die richtigen Schlüsse aus dem Gesagten zogen?
»Ganz genau. Es ist ein vierter Lift.«
»Wieso Speakeasy?«, fragte er.
»In den Zeiten der Prohibition gab es Alkohol in Bars nur in den
Hinterzimmern der Kneipen. Und die versteckten Geheimtüren zu diesen
Räumen öffneten sich, wenn man dem Barkeeper leise ein Codewort
zuraunte, daher speak easy, für flüstern.«
»Welches Codewort öffnet den Fahrstuhl?«
Gut. Er zögerte die eigentliche Frage hinaus: Und wohin fährt der Lift?
Er wusste, sie würde sich verschließen, wenn er zu schnell zum Kern der
Sache kam. Dass sie sich dann billig und benutzt fühlte, wie ein Mädchen,
das ihrem Date zu schnell erlaubte, die Hände beim Küssen auf Wanderschaft
gehen zu lassen.
»Mittlerweile hat sich in der Szene Speakeasy als Begriff für jedes
geheime Etablissement eingebürgert.«
»Von welcher Szene reden wir?«
Sie hörte ein Rascheln neben sich, vielleicht ein Fuchs oder ein
Wildschwein, das im Schnee nach Nahrung suchte.
»Von einer, in der Schmerzen verehrt werden.«
»Sind Sie in diesen Fahrstuhl eingestiegen?«
Jules tastete sich mit seinen Fragen weiter voran, während Klara mit
stechenden Schmerzen in der Milz und im Knöchel den Weg weiter nach
unten stakste, nur noch wenige Meter von der Teufelsseechaussee entfernt,
auf der zum Glück kein einziges Auto fuhr. Nur ein komplett asoziales
Arschloch hätte bei diesem Wetter und ihrem Anblick nicht angehalten, und
was hätte sie sagen sollen? »Alles in Ordnung, mir geht’s gut. Ich geh gerne
blutend mit angeknackstem Knöchel im Schneesturm spazieren.«
»Ja. Bin ich«, beantwortete sie Jules’ letzte Frage.
Ich bin eingestiegen.
»Um dreiundzwanzig Uhr dreiundzwanzig, so wie Martin es mir gesagt
hatte, öffnete sich die Tür. Lautlos.«
»Wer ist Martin?«
»Warten Sie ab. Sie werden ihn gleich kennenlernen«, sagte Klara und
begann Jules jene Geschichte zu erzählen, mit der nicht alles anfing. Die
vielleicht noch nicht einmal den Anfang von ihrem Ende eingeläutet hatte.
Die aber mit Sicherheit einen Wendepunkt markierte, von dem aus es kein
Zurück mehr gab. Damals, als sie die Schwelle des Bösen überschritt und
den dunklen Fahrstuhl betrat, der sie in eine Welt katapultierte, die noch
schlimmer war, als sie es sich in ihren schlimmsten Albträumen ausgemalt
hatte.
7
Klara
Einige Monate zuvor
Z ieh dir etwas Geschäftsmäßiges an«, hatte Martin zu Klara gesagt. »Dein
dunkelblaues Business-Kostüm mit dem Bleistiftrock und der weißen Bluse
unter dem Blazer. Die Prada-Pumps, keine Peeptoes, keine High Heels. Es
muss aussehen, als kämst du gerade aus einem Kanzleimeeting.«
Sie wusste, es war ihm peinlich, dass seine Frau »nur« eine medizinisch-
technische Assistentin in einer psychiatrischen Praxis war und keine
Unternehmensberaterin oder Anwältin.
»Also dezenter Schmuck, die Chopard-Uhr, die ich dir in Istanbul gekauft
habe, eine Perlenkette, dazu die passenden Ohrstecker.«
Sie hatte Martin gehorcht, wie immer. In den sieben Jahren ihrer
Beziehung, von denen immerhin drei mit Trauschein legitimiert waren, hatte
sie gelernt, nicht zu viele Fragen zu stellen. Und sich »geschäftsmäßig«
anzuziehen war im Vergleich zu vielen seiner sonstigen Wünsche harmlos; im
Grunde sogar angenehm. Das letzte Mal hatte sie Overknees und einen
Latexrock tragen müssen, um ihn in einem Pornokino am Adenauerplatz zu
treffen. Verglichen damit war ein Luxushotel wie das Le Zen das Paradies
auf Erden.
Dachte Klara. Wohl wissend, dass das Tor zur Hölle auch von einem
livrierten Pagen mit charmantem Lächeln aufgehalten werden konnte, der
einem den Weg über den mit chinesischem Marmor ausgelegten Boden durch
die Lobby zu den Fahrstühlen wies. Wo sie eine der Aufzugskabinen betrat.
Den vierten, offenbar geheimen Speakeasy-Lift, dessen Beleuchtung so
gedämpft war, dass man einige Zeit brauchte, um sich an das Schummerlicht
zu gewöhnen.
Alt , dachte Klara, als die Konturen ihres Gesichts im Fahrstuhlspiegel
schärfer wurden.
Faltig und unförmig.
Martin sagte es ihr täglich. Seit Amelies Geburt wurde er nicht müde, sie
auf die Auswirkungen der Schwangerschaft hinzuweisen und ihre
Charakterschwäche zu verdammen, weil sie diese nicht behob.
Die Tür zum 19. Stockwerk öffnete sich.
Mit wackeligen Knien trat Klara in den nach Patschuli-Raumspray
duftenden Hotelflur, der überhaupt nicht wie ein Hotelflur wirkte. Eher hatte
sie den Eindruck, mit dem Fahrstuhl direkt in das Treppenhaus eines
mehrstöckigen Luxuspenthouse gefahren zu sein. Eine halb geschwungene,
absurd breite Edelholztreppe wand sich vor dem überlebensgroßen
Ölgemälde eines weißhaarigen, zahnlosen Chinesen zu einer Galerie hinauf.
Rechts und links des ersten Absatzes wurde die Treppe von mannshohen,
zylinderförmigen Blumenvasen flankiert, in denen die größten Sonnenblumen
standen, die Klara je gesehen hatte.
Dazwischen, als hätte sie gerade die Stufen einer Showtreppe genommen,
stand eine lächelnde Fee, zumindest wirkte die schmerzhaft idealgewichtige,
ganz in Schwarz gekleidete Erscheinung auf Klara wie eine solche.
»Hallo und herzlich willkommen bei V.P., mein Name ist Lousanne.« Sie
lachte.
Sie sprach die Buchstaben englisch aus, es klang entfernt wie V.I.P.
»Wie schön, dass Sie gekommen sind. Waren Sie schon einmal bei uns?«
Klara schüttelte den Kopf, eingeschüchtert von der Schönheit der
Empfangsdame. Blutjung, mit großen, dunklen Disneyaugen, die bei jedem
Mann einen Beschützerinstinkt auslösten und jeder Frau zu verstehen gaben,
dass sie machtlos war, wenn Lousanne es darauf anlegte, ihren Ehemann zu
verführen.
Klara fühlte einen Stich, weil sie sich an ihr eigenes Leben erinnert
fühlte; damals, als sie während ihrer Ausbildung nachmittags nach der
Berufsschule als Aushilfe am Empfang der Anwaltssozietät am Ku’damm
gesessen hatte. Als sie jedem Klienten mit einem ähnlichen Lächeln
entgegengetreten war, einen Kaffee angeboten und ihn gebeten hatte, im
Wartezimmer Platz zu nehmen, solange der Anwalt oder Notar noch in einem
Gespräch war. Auf diese Art hatte sie Martin kennengelernt. Damals hatte sie
sich noch so selbstbewusst und frei gefühlt wie Lousanne, deren
Körperhaltung Stolz, aber auch Understatement ausstrahlte, mit dem sie
jedem Gast zu verstehen gab, dass ihre Tage am Empfang nur ein
Zwischenschritt waren und sie eigentlich zu Höherem berufen war.
Aus großer Höhe kann man tief fallen, dachte Klara und wunderte sich
im nächsten Moment über Lousannes Bitte: »Wenn Sie uns zum ersten Mal
mit Ihrer Anwesenheit beehren, würde ich Sie bitten, unseren
Mitgliederfragebogen auszufüllen.«
Lousanne drehte sich um, und Klara staunte über den tiefen
Rückenausschnitt ihres Kleides. »Wenn Sie mir bitte folgen wollen.«
Sie führte Klara zu einer brusthohen, marmornen Säule neben einer der
Sonnenblumenvasen. Darauf lag ein Lederetui, das sie schwungvoll öffnete.
Lousanne entnahm ihm einen wattierten Umschlag und reichte ihn Klara
zusammen mit einem weißen Montblanc-Füllfederhalter aus Porzellan.
»Haben Sie sich denn bereits für ein Level entschieden?«
Level?
Sie zuckte mit den Achseln.
»Keine Sorge, Sie können die Farbe jederzeit ändern.«
Farbe?
Klara zitterte bei dem Versuch, den Umschlag aufzureißen, als er ihr aus
der Hand gerissen wurde.
»Nicht nötig, Schatz. Ich hab die Formalitäten bereits für dich erledigt.«
Erschrocken fuhr sie herum. Martin war wie aus einer Geheimtür in den
Raum gesprungen und stand plötzlich neben ihr. Der Umschlag (mit einem
Mitgliederantrag? Wofür? War das ein Club?) lag nun in seiner Hand, und
er lächelte spitzbübisch. Frisch rasiert, frisch geduscht, die grauen, lockigen
Haare mit Wachs gebändigt, roch er so gut wie bei ihrem ersten zufälligen
Zusammentreffen in der Anwaltskanzlei.
»Darf ich dich kurz sprechen?«, fragte Klara mit dem Versuch eines
Lächelns, was kläglich scheiterte, und deutete auf die Tür, aus der Martin
vermutlich gerade gekommen war. Direkt neben dem Fahrstuhl schien es zu
den Toiletten zu gehen, im Gang zu den Waschräumen waren sie vielleicht
ungestört.
Martin schüttelte den Kopf. »Reden können wir hinterher, dann haben wir
auch mehr Gesprächsstoff.« Er griff nach ihrer Hand. Mit etwas mehr Druck
als notwendig.
Er nickte Lousanne zu und führte Klara nach oben.
»Was geschieht hier?«, flüsterte Klara gepresst.
Martin nickte, als hätte sie eine kluge Frage gestellt, ließ sie jedoch
unbeantwortet, während er ihr eine Hand gegen das Schulterblatt presste und
sie sanft drängend nach oben leitete.
»Ich meine es ernst, Martin. Was hast du wieder vor?«
»Sei doch keine Spielverderberin«, hörte sie ihn lächelnd sagen, einen
Schritt hinter ihr.
Am oberen Ende der Treppe mündete die Galerie in einen mit grauem
Teppich ausgelegten Flur, der an seinem hinteren Ende auf eine große,
schwarze Flügeltür zulief. Darauf war ein rotes Pi gemalt.
Martin öffnete die Tür mit einer elektronischen Keycard.
»Bitte …«, setzte Klara an und musste an ihre sechsjährige Tochter
Amelie denken, die hoffentlich friedlich und ahnungslos, vom Babysitter
behütet, in ihrem Bettchen schlief. Sie folgte Martin in das Hotelzimmer,
obwohl alle ihre Sinne sie davor warnten.
Mit gesenktem Blick, weil sie sich vor dem fürchtete, was sie erwartete.
»Ich muss auf die Toilette«, krächzte sie.
»Das kann warten«, bestimmte Martin, und dann bewegte sich etwas in
dem Raum, und Klara konnte nicht länger wegsehen.
Sie hatte mit einer Suite gerechnet, einem Bett und vielleicht einer
Sitzecke vor einer Fensterfront mit Aussicht auf die Gedächtniskirche und
den Zoo-Palast, und all das war auch vorhanden. Nur dass das Bett kreisrund
war und in der Mitte des Zimmers stand, das bestimmt dreimal so groß war
wie ihre Bude im Prenzlauer Berg, in der sie gewohnt hatte, bis sie zu Martin
gezogen war.
»Was geht hier vor?«, sagte sie, etwas schwer verständlich, da sie sich
unbewusst die Hand vor den Mund geschlagen hatte.
Sie starrte in ein halbes Dutzend identischer Gesichter. Alle Männer
trugen die gleiche Maske. Ein Tränen lachendes Emoji.
Ihr selbst war zum Heulen zumute.
»Was macht ihr mit ihr?«, fragte sie mit kraftloser Stimme. Das Entsetzen
lähmte sie. Klara wünschte, auch das junge Mädchen auf dem Bett, um das
sich die gesichtslosen Smokingträger herum aufgestellt hatten, wäre nur das
Werk einer Maskenbildnerin.
Aber das Blut, das ihr aus dem Mund über die nackten Brüste tropfte, war
echt.
8
D ie Gequälte kauerte wie ein Hund auf allen vieren auf der Matratze. Nur
auf einer Hand abgestützt, der linke Arm hing wie ein gebrochener Flügel an
ihrem dürren Körper herab.
»Bitte«, flehte sie stumm, als Klaras und ihr Blick sich trafen. Ihr fehlten
mindestens zwei Frontzähne.
»Sag ›Hallo‹ zu Shaniqua.« Martin lachte. »Natürlich nur ihr
Künstlername, aber sieht sie nicht aus wie eine indianische Schönheit?«
Eher wie eine Sterbende am Marterpfahl, dachte Klara. Das
dunkelhaarige und -häutige Mädchen – sie konnte nicht älter als achtzehn sein
– hatte eine zierliche Figur. Bei jedem ihrer stoßweise gehenden Atemzüge
bohrten sich die Rippen wie Fingerknochen eines alten Mannes durch die
Haut über ihrem Brustkorb, der von Blutergüssen und offenen Wunden
gezeichnet war.
Sie bekam kaum Luft, so eng war das Hundehalsband gezogen, dessen
Leine ein kräftiger Kerl mit zerknitterter Abendgarderobe hielt. In der
anderen Hand hatte er einen Lötkolben, mit der ihr offenbar bereits
Verletzungen auf dem Rücken und dem Hintern beigebracht worden waren.
Ich bin in der Hölle.
Klara wollte dem Mädchen zu Hilfe eilen, aber Martin hielt sie von hinten
fest, zog sie zu sich heran und umarmte sie, als wären sie ein verliebtes Paar,
das auf dem Balkon stehend eine wunderschöne Aussicht genoss.
»V.P. ist nur ein Spiel, Schatz«, flüsterte ihr Martin ins Ohr.
Auch er trug jetzt eine Smiley-Maske, die Klara an der Wange kratzte. Ihr
wurde übel, als er ihr die Abkürzung übersetzte: »Violence Play«. Zwei
englische Wörter, die so entsetzlich gegensätzlich waren, dass sie in keiner
Welt unter keinen Umständen in Zusammenhang gebracht werden dürften.
Gewalt? Spiel?
Großer Gott.
Klara hatte gehofft, es würde besser werden mit Martins »Ideen« und
»Rollenspielen«, sobald er erst einmal Vater war. Das Gegenteil war der
Fall gewesen, denn mit dem Kind hatte er ein Druckmittel in der Hand.
»Wenn du nicht mitspielst, werden alle erfahren, was Mama alles so
getan hat. Dann werden sie die Fotos und Videos davon im Internet sehen
und anhören müssen, wie kaputt diese liebe Mutti ist, denn genau darüber
wird auf dem Schulhof und beim Elternabend getuschelt werden. Und dann
nehme ich dir das Kind weg, und ohne Amelie bleibt dir nichts außer einem
Ausblick auf einen Marzahner Hinterhof, den du von deinem Fensterplatz
im Plattenbau begutachten kannst.«
»Ihr Schweine, lasst sie sofort gehen!«, forderte Klara und nutzte die
Gelegenheit, dass Martin sie losließ. Sie trat einen Schritt auf das Mädchen
zu, das schreckhaft zurückzuckte. Es verlor das Gleichgewicht, stützte sich
auf dem gebrochenen Arm ab und schrie vor Schmerz.
»Halt’s Maul!«, bellte der Mann mit der Hundeleine und riss an ihr. Mit
zwei Schritten war Klara bei ihm und schrie ihn an: »Du lässt sie sofort in
Ruhe, du perverses Schwein!«
Sie sah sich nach einem Telefon in der Suite um, mit dem sie Hilfe holen
konnte. Ihr Handy hatte sie auf Anweisung von Martin im Auto gelassen.
»Ihr habt sie gehört«, sagte ihr Mann derweil in die Runde. »Meine Frau
trägt keine Maske und kein Armband. Das bedeutet, sie ist heute die
Königin.«
Alle Anwesenden nickten. Klara hatte das Gefühl, Zeugin der
Abstimmung einer geheimen Loge geworden zu sein, deren Gesetze sie nicht
verstand.
»Königin?«
»Ja, mein Schatz«, sagte Martin. »Du hast heute das Recht der finalen
Maßnahme.«
Der Mann mit der Hundeleine hob die Hand mit dem Lötkolben. Das
Kabel steckte in einer Verlängerung, und das Gerät glühte.
»Was für eine finale Maßnahme?«, fragte Klara, dabei wollte sie die
Antwort gar nicht wissen. Alles, was sie wollte, war weglaufen. Fort von
hier. Aus dem Zimmer. Aus dem Hotel. Aus ihrem Leben.
»Wir haben unser Spielgerät (Martin sagte tatsächlich Spielgerät!) von
ihrem Besitzer zur freien Verfügung gekauft. Das bedeutet, wir können alles
mit ihr machen.«
Klara war sich sicher, dass er unter seiner Maske diabolisch grinste.
»Und mit ›alles‹ meine ich ›alles‹.« Er rieb sich die Hände. »Heute
wollen wir sie noch blenden oder striegeln.«
»Ihr macht gar nichts mehr mit ihr, ihr kranken Mistker…«
»Ganz genau«, unterbrach Martin sie. »Wir nicht. Sondern du. Du hast die
Wahl. Willst du mit dem Lötkolben ihre Augen oder ihre Vulva veredeln?«
Allein die Worte waren wie ein Schlag in den Unterleib. Klara hatte das
Gefühl, sich vor Schmerzen krümmen zu müssen. Sie hatte geahnt, dass es
Frauen gab, die noch Schlimmeres als sie zu erdulden hatten.
Zwangsversklavte Prostituierte aus verarmten Ländern, von ihrer Familie als
junge Mädchen an Zuhälter verkauft, die sie im Ausland psychotisch
sadistischen Kunden zur »freien Verfügung« anboten. Sie hatte gehofft,
niemals in der Realität dem Entsetzen zu begegnen, vor dem selbst sie, als
Opfer häuslicher Gewalt, verdrängend die Augen verschloss.
»Ich bin die Königin?«, fragte sie Martin, während sich eine Idee in ihr
formte.
»Das bist du!«
»Ich darf entscheiden?«
»Ganz genau.«
Sie holte tief Luft. »Gut. Dann entscheide ich hiermit, dass ihr alle sie
sofort gehen lasst.«
Klara hielt in Erwartung einer Ohrfeige die Luft an.
»Okay.«
Zu ihrer Verblüffung erhob ihr Mann keinen Einspruch, sondern klatschte
dreimal in die Hände. Eine mit Seidenpapier bezogene Schiebetür öffnete
sich.
»Herr Doktor, wenn Sie so gut wären. Die Königin hat entschieden, dass
für unser Gerät die V.P.-Runde vorbei ist.«
Ein ebenfalls maskierter Mann, der tatsächlich einen Arztkittel trug, schob
wortlos eine Krankenliege aus dem Nebenzimmer.
Zwei Smokingträger zogen die halb bewusstlose Shaniqua – oder wie
immer die Schwerverletzte hieß – wie einen Sack Kartoffeln von der
Matratze und trugen sie zu dem angeblichen Doktor.
Klara wollte ihnen folgen, doch Martin hielt sie am Arm fest.
»Wo willst du hin, Liebes?« Er zog sie zu sich heran wie ein Tänzer seine
Tanzpartnerin bei der Pirouette.
»Ich rufe die Polizei.«
Martin schüttelte heftig den maskenbewehrten Kopf. »Oh, das hätte ich dir
erklären sollen, Schatz. Unsere V.P.-Session ist natürlich längst nicht
vorbei.«
Ihr Mann sah dem Arzt und dem Mädchen auf ihrem Weg durch die
Ausgangstür der Suite hinterher, ohne den Griff um Klaras Handgelenk zu
lockern.
»Lass mich los!«
»Das darf ich leider nicht. Unsere Regeln besagen: Wenn die Königin ein
Spielgerät freilässt, wird sie selbst zum Spielgerät. Und da du kein farbiges
Armband trägst …«
Die Tür fiel hinter dem »Doktor« und dem Mädchen ins Schloss.
Martin packte Klara an den Haaren und riss ihren Kopf so stark zu sich
heran, dass ihr die Tränen in die Augen schossen.
»… heißt das, wir können alles mit dir machen. Du kennst keine Tabus.«
Er gab dem Mann, der eben noch die Hundeleine gehalten hatte, ein
Zeichen, worauf dieser einen Schritt auf Klara zutrat und ihr zum ersten von
vielen weiteren Malen in dieser Nacht mit der Faust in den Magen schlug.
9
Jules
Heute
S ie durften alles mit mir machen. Zigaretten auf mir ausdrücken, auf mir
urinieren, mich treten, beißen, schlagen. Haareausreißen war das
Harmloseste. Ein Milzriss nicht das Schlimmste.«
»Herr im Himmel. Und haben sie Sie …«
»Geblendet oder gestriegelt? Nein, das ließ mein Mann dann doch nicht
zu, dass sie mir ein Auge ausstachen oder mich mit einem glühenden
Lötkolben vergewaltigten.«
»Und haben sie Sie anders …?«
»… vergewaltigt?« Wieder vervollständigte Klara seinen Satz. »Dem
Wortsinn nach wohl eindeutig. Im sexuellen Sinne? Nein. Darum geht es in
dem Sadisten-Club nicht.«
Jules brauchte eine Weile, um Klaras Schilderungen zu verdauen. Dann
eine weitere, um die richtigen Worte zu finden. Schließlich sagte er: »Die
meisten Frauen, die mich anrufen, haben Angst, auf ihrem Heimweg allein zu
sein. Kann es sein, dass es bei Ihnen umgekehrt ist, Klara? Dass Sie Angst
haben, nach Hause zu gehen, und deswegen durch die Dunkelheit irren?«
»Ja.«
»Sie haben Angst vor Ihrem Mann?«
»Nein.«
Jules kniff verwundert die Augenbrauen zusammen und kratzte sich den
Nacken dort, wo der Bügel des Headsets unangenehm zwischen den Haaren
scheuerte. Er hatte einen etwas kleineren Kopf als Caesar, die Kopfhörer
waren auch dem Umfang nach nicht für ihn bestimmt.
»Haben Sie mir nicht gerade einen entsetzlichen Fall ehelicher Gewalt
geschildert?«
»Ja. Aber damit allein hätte ich wohl noch eine Weile weiterleben
können«, sagte Klara. »Auch wenn ich nie damit gerechnet hätte, das einmal
sagen zu können. Schon gar nicht nach dem Abend im Le Zen, von dem es
übrigens ein Video gibt. Martin hat es in Internetforen zum Garnieren
hochgeladen.«
»Garnieren?«, fragte Jules.
»So nennen das die Perversen, die sich auf solchen Tauschbörsen
herumtreiben. Sie sehen sich an, wie andere Frauen gequält werden. Von
einigen Szenen machen sie einen Screenshot und drucken ihn aus. Meistens
Bilder, auf denen den Frauen der Mund und die Augen angst- und leidverzerrt
offen stehen. Dann onanieren sie auf das Foto und laden es wieder in der
Tauschbörse hoch. Martin hat sich über die Kommentare gefreut: ›Schau
mal, wie ich deine blau geprügelte Ehehure garniert habe. Geile Bitch‹
oder so.«
Klaras Stimme klang nun klarer, was nicht allein an dem Fehlen der
Umgebungsgeräusche lag. Augenscheinlich war sie nicht mehr im Freien.
Jules hatte gehört, wie etwas metallisch auf einem Stein geschabt hatte, eine
Tür, die klemmte. Ein Tor zu einem Mietshaus? Dann hatte sich die
Atmosphäre in der Leitung verändert, aber auch Klaras Stimmlage. Ihre
Stimme klang jetzt fest und zuversichtlich, was aber nicht zu ihren nun
folgenden Worten passte, die Jules das unwirkliche Gefühl gaben, auf einem
schwankenden Untergrund zu sitzen, der jede Sekunde unter ihm nachgeben
würde. »Womit ich nicht länger leben will, ist das, was nach meinem
Klinikaufenthalt im Berger Hof geschehen ist.«
Jules schluckte, doch der in seinem Hals gewachsene Knoten wollte nicht
weichen.
Berger. Hof.
Diese Worte lösten größeres Entsetzen in ihm aus als die Schilderung von
Klaras Martyrium.
Er schloss die Augen, und die Bilder des Krankenhauskatalogs, den er
eben noch während der Suche nach der Fernbedienung in die Hand
genommen hatte, liefen wie eine PowerPoint-Präsentation über die Leinwand
seines Bewusstseins.
Jules brauchte eine Weile, bis er sich so weit beruhigt hatte, dass er seine
nächste Frage stellen konnte. »Was hat Sie dorthin verschlagen?«
Der Kloß im Hals wuchs sich von Golf- zu Tennisballgröße aus. Jules
konnte nicht anders, als an Dajana zu denken. Diesen wundervollen
Menschen, den er immer als »meine Frau« vorgestellt hatte, obwohl sie
einander nie offiziell das Jawort gegeben hatten. Und auch sie hatte bei
Formularen »verheiratet« angekreuzt, wie etwa in dem Aufnahmebogen der
Privatklinik Berger Hof im Schwarzwald, in der Nähe Baden-Badens.
»Waren Sie dort in psychiatrischer Behandlung?«, wollte Jules mit
klammer Stimme wissen.
Wie Dajana …?
»Nein, ich war beruflich dort«, antwortete Klara und gähnte zu Jules’
Überraschung.
Auf halber Strecke im Flur hörte er das charakteristische Signal einer
eingehenden SMS . Da während eines Anrufs über die Begleittelefon-
Software derartige Textnachrichten keine Geräusche erzeugten und sein
eigenes Handy keine Meldung anzeigte, musste Klara eine Mitteilung erhalten
haben.
»Dann sind Sie Therapeutin? Psychologin?«
»Wieso flüstern Sie?«, erkundigte sich Klara, und erst da fiel Jules auf,
dass er seine Stimme gedämpft hatte.
»Ich bin MTA in einer psychiatrischen Praxis. Ich habe im Berger Hof an
einem Forschungsprojekt teilgenommen.«
»Und dort ist etwas passiert?«, fragte Jules, wieder etwas lauter. Die
darin mitschwingende Frage ließ er unausgesprochen: »Was hat das Grauen,
das Sie mit Ihrem Mann erleben mussten, noch übertrumpft?«
Klara hauchte etwas, das wie eine gemurmelte Ablehnung klang: »Nein,
nicht.«
»Entschuldigung, ich habe Sie nicht verstanden.«
»Yannick«, wiederholte sie.
Jules betrat wieder das Arbeitszimmer. »Wer ist das?«
Sie seufzte schwer und antwortete mit einer scheinbar aus dem
Zusammenhang gerissenen Gegenfrage: »Haben Sie schon einmal
Desomorphin genommen?«
»Sie meinen die Droge Krokodil?« Er verneinte. Die tödlichste
Billigdroge der Welt hatte ihn während seiner Notrufzeit immer wieder
beschäftigt, wenn Junkies sich eine Überdosis des ätzenden Gemischs
gespritzt hatten, das aus Codein, Iod und rotem Phosphor hergestellt wurde.
Danach wurden sie von den Rettungssanitätern meist zombiegleich mit
grünlichen, krokodilähnlichen Hautveränderungen an der Einstichstelle auf
einer Bahnhofstoilette gefunden. Nicht selten wollten sie sich im Wahn selbst
aufessen.
»Man muss sich die Droge nur ein einziges Mal spritzen«, erklärte ihm
Klara unnötigerweise. »Nur ein verdammtes, einziges Mal, und sie zerstört
die Fähigkeit des Körpers, Endorphine zu produzieren. Sie wissen, was das
heißt?«
»Der Mensch kann nie wieder glücklich werden.«
»Ganz genau. So ging es mir mit Yannick. Ein einziger Kontakt, und er hat
meine Glückshormonproduktion auf Dauer und unwiderruflich ausgelöscht.
Egal, was passiert, ich werde nie wieder lachen, lieben, nie wieder leben
können.«
Jules hörte, wie eine Autotür mit einem satten Ploppen ins Schloss fiel,
und damit erschloss sich ihm das schabende Geräusch zuvor.
»Sie sind in einer Garage«, stellte er fest, auch weil er nicht wusste, was
er sonst sagen konnte, nachdem sie mit der Enthüllung über Yannick ein
Thema angeschnitten hatte, das ihm extremes Einfühlungsvermögen
abverlangte. Jede falsche Frage, jede unbedachte Bemerkung, das spürte
Jules, konnte den sofortigen Abbruch des Gesprächs zur Folge haben.
Statt einer Antwort startete sie wie zur Bestätigung den Motor, der vom
Geräusch her zu einem Kleinwagen passte.
»Ich danke Ihnen noch einmal sehr«, sagte sie. »Ohne Sie hätte ich das
nicht geschafft.«
Jules stand zwischen Schreibtisch und Fernseher, der noch immer stumm
vor sich hin flimmerte. Die Sondersendung von Aktenzeichen XY war vorbei,
und nun stritten Talkshow-Gäste – die üblichen Verdächtigen – über die
Frage, ob Kurzstreckenflüge und SUV verboten werden müssten.
»Wofür bedanken Sie sich? Dass ich Sie mit meiner Stimme nach Hause
begleitet habe?«
»Das ist eine dumme Frage, und das wissen Sie, Jules. Wir haben doch
bereits geklärt, dass ›nach Hause‹ zu kommen so ziemlich das Letzte ist, was
ich mir auf dieser Welt wünsche.«
»Weil Yannick dort auf Sie wartet?«
»Der wartet überall auf mich.«
»Um was zu tun?«
»Das habe ich Ihnen doch schon gesagt. Er wird mich umbringen. Und ich
kann mir nicht vorstellen, dass er Sie in Ruhe lässt, wenn er herausfindet,
dass Sie mir helfen wollten.«
Jules schüttelte den Kopf angesichts der kompletten Verdrehung der
Rollenverteilung. Noch nie während seiner Zeit beim Notruf hatte ihn ein
Anrufer vor einer Gefahr für sein eigenes Leben gewarnt.
»Weshalb will er Sie ermorden?« Und mich …? »Wer ist dieser Yannick,
erzählen Sie mir von ihm.«
»Dafür ist jetzt keine Zeit mehr«, sagte Klara, und Jules spürte, dass er
sie zu verlieren drohte.
Erneut bedankte sie sich bei ihm, und erneut verstand er nicht, wofür.
»Wobei habe ich Ihnen geholfen?«
»Wissen Sie es wirklich nicht?«
»Nein. Sagen Sie es mir. Bitte.«
Sie machte eine kurze Pause. »Was hören Sie gerade?«, fragte sie dann
leise, als wäre sie im Kino oder im Theater und wollte die Mitanwesenden
nicht stören.
»Eine Stimme, die selbstbewusst, aber müde ist. Und den laufenden
Motor Ihres Autos.«
»Und was hören Sie nicht?«
»Ich …«
Er dachte nach. Außer dem monotonen Motorbrummen gab es da nichts.
Kein Reifenquietschen, kein Hupen, kein Autoradio, keinen Fahrtwind, kein
…
Jules blieb mitten im Wohnzimmer stehen, als wäre er vor eine
unsichtbare Wand gelaufen. »Sie stehen. Sie fahren nicht.«
Klara lachte traurig. »Ganz genau.«
Aber der Motor läuft. In der Garage. Metall auf Beton. Eine
geschlossene Tür.
Jules wusste, die Mathematik des Schreckens stellte den menschlichen
Geist oftmals vor ganz simple Rechenaufgaben, nur das Gehirn weigerte sich
manchmal, das ebenso eindeutige wie schockierende Ergebnis zu
akzeptieren. Oft suchte der Verstand nach komplizierteren Lösungswegen, um
die Gleichung des Grauens weniger traumatisch aufzulösen. Aber in diesem
Fall konnte Jules aus eins und eins nicht drei machen. Ein stehendes Auto mit
laufendem Motor, nachts, in einer Garage. Darin eine Frau, die von ihrer
Angst getrieben die Nummer des Begleittelefons in ihrem Handy
abgespeichert hatte – das konnte nur eines bedeuten.
»Sie wollen sich heute Nacht umbringen, Klara!«
Um Yannick zuvorzukommen!
Mit Abgasen, die vermutlich mit einem Schlauch vom Auspuff durch einen
Spalt des geöffneten Seitenfensters ins Wageninnere geleitet wurden.
Habe ich ihr dabei geholfen? Ist das ihr »Heimweg«, auf dem ich sie
begleitet habe?
»Ganz genau«, bestätigte Klara Jules’ schrecklichste Vermutung. »Ich
würde mir jetzt gerne das Leben nehmen. Ich hoffe, Sie sind nicht böse, aber
das gelingt mir besser, wenn ich auflege.«
10
Klara
D as Cockpit ihres Mini Cooper hatte Klara schon immer das Gefühl
gegeben, in einem Flugzeug zu sitzen. Auch jetzt leuchteten die
unterschiedlichen kreisrunden Aluminiumarmaturen in der Dunkelheit der
Garage in einem matten Orange. Durchaus passend für ihren letzten »Abflug«
ins Ungewisse.
Klara schluckte, doch das Kratzen wurde nicht besser. Sie griff sich an
den Hals und ertastete unter dem Norwegerpulli die Kette mit dem kleinen,
silbernen Kreuz, das sie seit ihrer Erstkommunion trug.
Drehzahl- und Geschwindigkeitsmesser verschwammen vor ihren
tränenden Augen. Sie musste husten, und ihre Nase lief, der Reiz an den
Schleimhäuten kam schneller, als sie erwartet hatte, allerdings war es ja auch
ein winziger Wagen, den sie für ihre letzte Reise präpariert hatte. Die Luft
schmeckte bereits nach Kohlenstaub, vielleicht auch nur in ihrer Einbildung,
und Klara kam der überflüssige Gedanke, ob Martin den Mini jemals wieder
würde verkaufen können, wenn sie sich im Todeskampf aufs Polster
entleerte. Vielleicht sickerten sogar Fäulnisflüssigkeiten aus ihrem Körper, je
nachdem, wie spät man ihre Überreste entdeckte. Dann würde es noch
schlimmer stinken als in Papas Omega, den er jedes Wochenende liebevoll
gepflegt hatte, bis Mama eines Abends in den Fußraum gekotzt hatte.
Das war auf dem Rückweg von einem Lehrertreffen im Loretta am
Wannsee geschehen, wo sich das Kollegium des Döblin-Gymnasiums
regelmäßig zu Besäufnisrunden einfand, zu denen einmal im Monat auch die
Ehepartner mitgebracht werden durften. Klaras Mutter vertrug nicht viel,
dennoch zwang ihr Mann sie, »nicht die Spielverderberin zu sein« und ihn
»wie einen Trottel dastehen zu lassen, mit einer verklemmten Tusse, die
keinen Spaß versteht«.
Nun, ihr Versuch, sich an das »spaßige« Trinkverhalten der versoffenen
Lehrerrunde anzupassen, endete nach einem einzigen Campari O. mit der
Entleerung der magensäuregetränkten Reste des Gurkensalats auf der
Fußmatte. Klara konnte sich noch gut daran erinnern, wie sie in jener Nacht
aufgewacht war, als sie um kurz nach elf die Eingangstür ins Schloss fallen
hörte. Sie sprang aus dem Bett, öffnete ihre Kinderzimmertür im
Dachgeschoss und achtete auf die Schritte. Denn die waren ihr Indikator. Ihr
seismografisches Frühwarnsystem, das sie seit frühester Kindheit trainiert
hatte und das jetzt, im Alter von vierzehn Jahren, nahezu perfekt funktionierte.
Besonders das Stampfen ihres Vaters, wenn er ihrer Mutter folgte,
nachdem diese bereits nach oben gehuscht war, war ein verlässlicher
Gradmesser seiner Wut. Bei Papa war das Knarzen der dritten Stufe
entlarvend, die nur schwerfällig reagierte. Ihr Vater musste also ordentlich
auftreten, sein ganzes Gewicht darauf verlagern, damit sie ein Geräusch von
sich gab. Eindeutiges Indiz aber war die Geschwindigkeit. Wenn er voller
ungezähmter Wut war, schritt Papa eher bedächtig nach oben zum ehelichen
Schlafzimmer. Langsam, wie das Grollen eines aufziehenden Gewitters, dem
man nichts entgegensetzen kann, um das Unvermeidliche zu verhindern. Wenn
Klara diesen stampfend behäbigen Gang ihres Vaters hörte, wusste sie: Es
war zu spät! Dann brauchte sie auch nicht mehr nach unten in die elterliche
Etage zu gehen und vor der verschlossenen Schlafzimmertür darauf zu
warten, dass ihre Mutter stöhnte. Röchelte. Sich würgend übergab. Es gab
nichts mehr, was Klara tun konnte, um es zu verhindern. Und dennoch hatte
sie es an jenem Abend nach dem Loretta-Besäufnis versucht. War barfuß
hinuntergetapst, an der verhassten Rembrandt-Kopie des Soldaten mit
Goldhelm vorbei, dessen strenger Blick sie an ihren Vater erinnerte.
Im ersten Stock roch es grundsätzlich nach Staub, selbst wenn frisch
gewischt war, das alte Haus schien ihn unentwegt neu zu produzieren, als
würde es sich pausenlos häuten. Er fand sich auf dem Treppengeländer, im
Teppich, selbst an den Wänden, ganz besonders auf dem Bild, das an der
Wand zwischen Badezimmer- und Schlafzimmertür hing.
Eine Schwarz-Weiß-Fotografie hinter Glas. Papa selbst hatte das Bild
aufgenommen. Die Binzer Seebrücke im Winter. Menschenleer, die Wellen,
die sich am Pier brachen, wirkten wie auf ihrem Höhepunkt zu Eis gefroren.
Betrachter lobten oft das gute Auge ihres Vaters, ohne zu wissen, dass seine
besondere Gabe sich nicht darin erschöpfte, schöne Momente der Rügener
Natur einzufangen. Sein Haupttalent war sein seelischer Röntgenblick. In
Sekundenschnelle konnte er die emotionalen Schwachstellen eines Menschen
erkennen. Die aber fotografierte er nicht. Er nutzte sie, indem er sie
entblößte, bis sie wie eine offene Wunde vor ihm lagen, in die er genüsslich
Salz, Säure oder Schlimmeres kippte.
»Jeder Mensch hat eine Achillesferse«, hatte er Klara einmal auf dem
Spielplatz erklärt und sie in den Arm genommen. Sie hatte vor Freude fast
geweint, so selten kam es vor, dass er ihr diese Nähe gewährte. »Deine
Schwachstelle ist dein Einfühlungsvermögen, Klara. Du nimmst dir die
Dinge viel zu sehr zu Herzen. Du musst härter werden, sonst tritt dir
irgendwann das Leben mit Anlauf in den Arsch.«
Dabei hatte er ihr ein Zweieurostück gegeben, das für jeden Fluch in der
Familie fällig war, und sie hatte gelacht. Später hatte Klara sich gefragt, ob
er Mama auch etwas zusteckte, wenn er eine verbotene Grenze überschritt.
Fünfzig Euro für ein blaues Auge? Hundert für einen ausgeschlagenen Zahn?
Als sie an jenem Abend vor der verschlossenen Schlafzimmertür stand
und das verzweifelte Lachen ihrer Mutter hörte, diese paradoxe
Übersprungshandlung, bevor er sie vergewaltigte, wurde Klara zum ersten
Mal der wunde Punkt ihres Vaters bewusst. Sie hatte die Hand schon an der
Türklinke gehabt, ohne genau zu wissen, weshalb, ohne einen Plan zu haben.
Da begriff sie, was sie tun musste.
Klara trat an die Fotografie heran, packte das Bild, auf das ihr Vater so
stolz war, mit beiden Händen an den Kanten des Glasrahmens – und riss die
Wellenlandschaft von der Wand, um sie zu Boden zu schmeißen.
Danach hatte sie die Schlafzimmertür nicht mehr selbst öffnen müssen.
Aufgeschreckt von dem ohrenbetäubenden Krach des zersplitternden Glases,
riss ihr Vater die Tür auf. Mit nacktem Oberkörper, nur noch mit der
Anzughose bekleidet, die ihm Mama am Morgen für die Schule rausgelegt
hatte, den Gürtel wie eine Hundeleine in der Hand.
»Was zum Teufel …?« Seine Augen weiteten sich, als er sah, was Klara
angerichtet hatte.
»Es tut mir leid, ich …«
Sie hatte sich keine Erklärung zurechtgelegt. Es war unmöglich, dass
dieser Akt scheinbar sinnloser Zerstörung aus Versehen passiert sein konnte.
Doch ihr Vater verlangte nach keinem plausiblen Grund. Er schlug zu. Nicht
zum ersten Mal in Klaras Leben, wohl aber zum ersten Mal mit einem Gürtel,
zum ersten Mal ins Gesicht und zum ersten Mal mit der Wirkung, die sie sich
erhofft hatte: Er nutzte sie als Blitzableiter. Das Gewitter, das sich mit dem
Knarzen der Treppenstufe angekündigt hatte, entlud sich. Jedoch auf ihr und
nicht im Körper ihrer Mutter.
Als Klara am nächsten Tag zur Schule ging und ihrer besten Freundin
davon erzählte, wie sie vom Fahrrad gestürzt sei und sich dabei das halbe
Gesicht aufgeschlagen hätte, freute sie sich, sodass ihr beim einfachen
Lächeln vor Schmerz die Tränen in die Augen schossen. Endlich, dachte sie
und lächelte noch breiter. Endlich habe ich einen Weg gefunden, Mama zu
schützen und mich …
Der Signalton einer eingehenden SMS riss sie aus ihrem vermutlich
letzten Erinnerungstraum in die abgasgeschwängerte Realität der Garage
zurück.
WO BIST DU????
Martin. Natürlich. Immer vorwurfsvoll, immer mit vier Fragezeichen.
Verlässlich bis in den Tod hinein.
Jules
Dreieinhalb Monate zuvor V on Spandau nach
Wilmersdorf benötigt man im Feierabendverkehr im
Regelfall eine halbe Stunde. Jules brauchte wegen
eines Unfalls auf der Stadtautobahn fünfundsechzig
Minuten.
Eine quälende, überlange Stunde, die sich wie eine Ewigkeit anfühlte, in
der er sich das Headset vom Kopf riss und die Treppe nach unten jagte, an
dem alten Feuermelder vorbei, der im Eingang der Einsatzzentrale zur
Dekoration stand, bis zu seinem Wagen, den er mit durchgedrücktem
Gaspedal Richtung Stadtautobahn trieb, von der Auffahrt Spandauer Damm
das kurze Stück zum Halensee und die Westfälische runter, bis er vor dem
Mietshaus stand, in dem all seine Lebensträume zerbrechen sollten.
Im Hausflur der Prinzregentenstraße 24 roch es grundsätzlich nach Essen.
Der rote Sisalteppich, der unter Jules’ Schuhen verrutschte, während er die
Treppe hinaufrannte (der enge, nachträglich eingebaute Zwei-Personen-
Fahrstuhl war schon unter normalen Umständen eine Geduldsprobe), schien
sich mit dem Duft von Bratensoße, Frittierfett, Bärlauch und Grillfleisch über
die Jahre regelrecht vollgesogen zu haben. Heute lag noch eine zusätzliche
Geruchskomponente in der Luft, und die wurde mit jedem Stockwerk, das
Jules seiner Wohnung näher kam, intensiver: Rauch. Erstickender Qualm.
»Halt, Moment …!«
»Was zum Teufel …?«
»Sie können hier nicht …!«
Jules rannte an seinen Kollegen vorbei, die ihn mit energischen
Halbsätzen im verrußten Wohnungseingang empfingen. Einen der beiden
Einsatzkräfte musste er aus dem Weg drücken, einem uniformierten Polizisten
wich er im Flur aus, der halb unter Löschwasser stand. Der Paketbote, der
das Feuer entdeckt hatte, war ebenso wie die Frauenleiche im Flur längst
nicht mehr vor Ort.
»Bitte, das ist ein Tatort …«, rief der Polizist, was Jules kurzfristig an
seinem Verstand zweifeln ließ.
Ein Tatort? Wie kann meine Wohnung ein Tatort sein?
Doch als er sich einer Hand entzog, die ihn von hinten packte, während es
ihn nach vorne trieb, in die Richtung, in der der Brandgeruch immer stärker
wurde, machte er den Fehler, einen Blick durch die offen stehende
Badezimmertür zu werfen.
Er sah auf die Wanne, die Dajana und er hässlich fanden, weil die Emaille
an vielen Stellen abgeplatzt und der Bereich rund um den Ausfluss fleckig
war.
Das Wasser darin erinnerte ihn an den Sonnenuntergang am
Scharmützelsee. An einen seiner letzten glücklichen Tage mit Dajana, als die
Sonne mit einer blutroten Färbung hinter den Baumwipfeln von Wendisch
Rietz verschwand und mit einem letzten Gruß die Oberfläche des Sees
kupferfarben schimmern ließ.
Eine Bewegung hinter ihm trieb ihn weiter. Bevor die Beamten ihn
überwältigen konnten, musste er zum hintersten Zimmer im Flur.
Die Tür hing nur noch in der oberen Angel, und ihr billiges Holz war in
Kopfhöhe von einer Axt zerfetzt worden. Sie stand offen, mit der Innenseite
zu Jules gewandt, weswegen er im unteren Drittel etwas sehen konnte, das
für ihn zum grauenhaftesten Anblick seines Lebens werden sollte, den er nie,
nie, nie wieder vergaß.
Kratzer.
Tiefe, fingernägelzerstörende, blutige Kratzer. Der Körper, der sie
produziert hatte, war offenbar längst abtransportiert.
Jules musste husten. Tränen schossen ihm in die Augen. Wegen des
Gestanks von verkokeltem Holz, Plastik, Stofftieren …
»Valentin hat mit einer Kerze gespielt«, hörte er jemanden hinter sich
sagen. Ein Mann, der genauso weinte wie er.
»Die muss er aus der Kita stibitzt haben«, soll Jules geantwortet haben,
woran er sich heute nicht mehr erinnerte. Und dass die Kinder dort gerade
den Umgang mit Feuer lernten.
Später sollte er erfahren, dass er mit dem Einsatzleiter gesprochen hatte.
Selbst Vater eines fünfjährigen Jungen. Der, der mit der Axt die Tür zerstört
hatte, um ins Kinderzimmer zu kommen. Aber in diesem Moment sah Jules
nur die Kratzer in der Tür. Furchen wie von einem weidwunden Tier, das aus
der Falle ausbrechen will.
»… ein Tatort?«, fragte Klara in der Gegenwart, und ihre Stimme ließ Jules
für einen Moment keinen Raum mehr für Erinnerungen. Plötzlich stand er
nicht mehr vor dem ausgebrannten Kinderzimmer, sondern befand sich in der
Wohnung am Schreibtisch. Wieder das kratzende Headset am Kopf. Den
Blick unbewusst auf den Prospekt des Berger Hofs gerichtet.
»Meine Frau hatte die Tür abgeschlossen«, gestand er ihr.
»Weshalb hat Ihre Frau das getan?«
Jules schluckte. »Dajana wollte nicht gestört werden. Einer Kinderseele
nicht den Anblick ihrer Leiche zumuten.«
Es war kein »erweiterter Suizid«, wie es in der Randbemerkung einer
Pressemeldung gelautet hatte. Dajana hatte nur sich allein töten wollen. Das
war Jules so klar, wie er wusste, dass er Dajana auch dann nicht verzeihen
würde, sollte es ein Leben nach dem Tod geben, in dem sie wieder
aufeinanderträfen.
So wenig, wie ich es mir selbst verzeihe …
»Die Feuerwehr glaubt, dass Dajana wegen des Rauchs wieder aus dem
Wasser gestiegen ist, nachdem sie sich mit den Rasierklingen die Pulsadern
aufgeschnitten hatte. Deshalb sah es in unserer Wohnung aus wie auf einem
Schlachtfeld, als man sie fand. Die Blutspur zog sich vom Bad durch die
Diele bis kurz vor das Kinderzimmer.«
»Sie klingen so, als ob Sie das anzweifeln.«
»Ich vermute eher, sie hat es sich in letzter Sekunde anders überlegt. Sie
war verzweifelt, aber ihr Todeswunsch war am Ende doch nicht so stark wie
ihre Mutterliebe. Das mit dem Feuer kam unglücklicherweise noch hinzu.«
»Sie konnte die Tür nicht öffnen?«
»Wahrscheinlich hat sie den Schlüssel nicht gefunden und wollte Hilfe
holen, aber sie brach zusammen, kaum dass sie die Haustür geöffnet hatte,
wo der Paketbote sie dann fand.«
Jules wischte sich mit dem Armrücken über die trockenen Augen. Eine
Angewohnheit, die er während seiner Trauerphase, in der er noch geweint
hatte, so oft wiederholt hatte, dass sie in Fleisch und Blut übergegangen war,
selbst als die Tränen nicht mehr flossen. Seine wenigen Freunde dachten, es
wäre ein gutes Zeichen, dass er sich in der Öffentlichkeit im Griff hatte und
nicht mehr bei dem kleinsten Gedanken an seine Familie zu schluchzen
begann. Tatsächlich war es jedoch schlimmer geworden, denn seine
tränenlose Trauer war nach innen gewandert, wo sie ihn zerfraß.
»Hat sie einen Abschiedsbrief hinterlassen?«, wollte Klara wissen.
Jules stand auf, er spürte ein quälendes Kratzen in der Kehle. Er tastete
nach dem gefalteten Papier, das er immer noch bei sich trug. Um es wieder
und wieder zu lesen, wenn ihn die Trauer übermannte, was mehrmals am Tag
geschah.
Heute steckte es in der Brusttasche seines Hemdes, unter dem
Rollkragenpulli, direkt über dem Herzen.
Mein liebster Jules …
»Ja.« Er räusperte sich. »Auf dem Küchentisch.«
Das Kratzen ließ sich auch durch Räuspern und Schlucken nicht
beseitigen, also machte er sich auf den Weg in die Küche, um etwas zu
trinken.
»Darf ich fragen, was darin stand?«
Die Wut der Verzweiflung loderte erneut in Jules auf. Er ballte die Fäuste.
»Wann waren Sie dort?«, fragte er Klara.
»Ende Juli.«
Zur selben Zeit?
»Wie meine Frau.«
Eigentlich hatte die gesetzliche Krankenkasse die Kosten für diese
Luxusklinik nicht übernehmen wollen. Aber Dajana hatte ein
schmeichelhaftes Porträt über den Vorstandsvorsitzenden ihrer Kasse
geschrieben, und der revanchierte sich, indem er höchstpersönlich die
Kostenübernahme für die Burn-out-Behandlung absegnete.
»Ihr Beruf und die Familie hatten sie an den Rand der Belastungsfähigkeit
gebracht. Sie brauchte eine Auszeit mit professioneller Unterstützung. Kurz
nach der Behandlung tötete Dajana sich selbst und unseren Sohn Valentin. Er
war erst fünf.«
Und dennoch hatten sich seine Finger mit der Verzweiflung eines
Erwachsenen in das Holz der Kinderzimmertür gegraben.
Hat er dabei geschrien, geweint? Oder nur röchelnd gehustet? An wen
hat er während seines letzten, rußgequälten Atemzugs gedacht?
Jules stand mittlerweile in der Küche, die geradezu absurd groß war, was
aber zu dem Rest der geräumigen Wohnung passte. Obwohl ein gewaltiger
Küchenblock mit Barhockern in der Mitte des Raums stand, gab es zusätzlich
einen Esstisch mit sechs Sitzplätzen, und noch immer hätte ein Sofa
gegenüber der Einbauzeile Platz gefunden.
Jules öffnete den chromfarbenen Flügeltürkühlschrank und nahm eine
Flasche Orangensaft aus dem Getränkefach.
»Sind Sie noch dran, Klara?«
Er hörte ein dumpfes Klopfen in der Leitung, war sich aber nicht sicher.
Klara sagte nichts. Er wusste nicht, ob sie nachdachte, ihn ignorierte oder
vielleicht schon das Bewusstsein verloren hatte.
Dennoch, in der Hoffnung, dass die Verbindung zu ihr noch bestand, stellte
er die Saftflasche auf die Arbeitsfläche des Küchenblocks, zog sich einen
Barhocker heran und legte sein Privathandy daneben.
Es dauerte einen Moment, bis er das Smartphone mit der
Gesichtserkennung entsperrt hatte, dann tippte er eine kurze WhatsApp:
Rufe dich gleich an. Nimm ab. Aber sag kein Wort!
Dann sagte er zu Klara: »Ich bitte Sie. Nein, ich flehe Sie an: Schalten Sie
den Motor aus! Reden Sie mit mir! Und verraten Sie mir: Was zum Teufel
haben Sie im Berger Hof gemacht? Was ist Ihnen an jenem Ort widerfahren,
der bereits meine Familie zerstört hat?«
Jules öffnete die nur noch zu einem Drittel gefüllte Saftflasche, ohne einen
Schluck daraus zu trinken.
»Meine Frau hat sich das Leben genommen, Klara. Und Sie wollen nun
das Gleiche tun. Ebenfalls nach einem Aufenthalt in dieser Klinik. Das kann
doch kein Zufall sein!«
Mit dieser beunruhigenden Feststellung schickte er die Textnachricht an
die Nummer seines Vaters ab.
Dann rief er ihn an und stellte das Telefon auf laut, damit er mithören
konnte.
13
Klara
K lara fühlte sich, als wütete ein stumpfer Handbohrer direkt zwischen
ihren Augen im Inneren ihres Schädels. Sie war ohnehin lärmempfindlich,
allein das garagenverstärkte Röhren des Motors hätte unter normalen
Umständen ausgereicht, um Kopfschmerzen bei ihr auszulösen. Da bedurfte
es keiner Kohlenmonoxid-Anreicherung ihrer Atemluft. Und jetzt verpestete
noch dieser hartnäckige Jules den Äther mit seinen ungeheuerlichen, geradezu
absurden Behauptungen.
»Das haben Sie sich doch ausgedacht!«, sagte sie. »Sie kennen diese
Klinik nicht, geschweige denn war Ihre Frau dort vor Ort, falls es die
überhaupt gibt. Sie wollen mich nur hinhalten.« Klara schluckte trocken.
»Leiten Sie den Anruf gerade um zur Polizei? Sind die schon auf dem Weg?«
»Nein. Ich kann Sie mit meinen Mitteln von zu Hause aus nicht orten.
Außerdem wäre es das Letzte, was ich tun würde.«
»Weshalb?«
»Weil die Polizei Ihnen nicht helfen kann, Klara. Ich kenne Opfer
häuslicher Gewalt. Ich hatte sie häufig auf der 112 und habe sie oft genug am
Begleittelefon. Sie brauchen keinen Arzt, keinen Beamten oder gar jemanden
von der Fürsorge.«
»Stimmt genau. Aber jemanden, der mich nicht kennt und meint, er könne
mich am Telefon aus dem Auto quatschen, brauche ich erst recht nicht.«
Jules schien wütend. »Ich quatsche Sie nicht voll! Sie sind es, die nur
labert und nicht handelt. Mein Gott, wie viele von Ihrer Sorte hatte ich am
Notruftelefon? Wöchentlich musste ich Einsatzkräfte zu Frauen schicken, die
von ihren Männern krankenhausreif geprügelt worden waren, doch kaum
waren unsere Leute vor Ort, war alles doch nicht so schlimm, und ihr habt
heulend gefleht und gebettelt, dass wir den Schläger bloß nicht mitnehmen.«
Jules stöhnte auf. »Alles nur halbherzig. Der Hilferuf, der Wunsch zu
entkommen, auch Ihr Suizidversuch, Klara, einfach nur lächerlich.«
»Lächerlich?« Klara hustete. Ihr war klar, dass er sie provozieren wollte,
um die emotionale Bindung zwischen ihnen zu verstärken. Um es ihr
schwerer zu machen, an ihrem Entschluss festzuhalten.
»Ja. Nahezu kindisch. Von mir aus können Sie in Ihrer Karre so lange
hocken, wie Sie wollen. Sie haben ohnehin keinen ausgeprägten
Todeswunsch.«
Klara war versucht, sich an den dröhnenden Kopf zu fassen. »Nicht
ausgeprägt? Ich leite mir gerade über einen Schlauch Autoabgase ein!«
»Und Ihr Wagen ist mit Sicherheit nicht vor 1999 gebaut und hat daher
einen Katalysator, weswegen er kaum noch Kohlenmonoxid abgibt«, schoss
Jules zurück. »Ich war bei der Feuerwehr, Klara. Ich ziehe mein Wissen nicht
aus dem Tatort am Sonntag. Es ist fast unmöglich, sich heute noch mit
Autoabgasen umzubringen. Schön, Ihr Wagen ist kalt, da funktioniert der Kat
gerade im Winter erst mit Verzögerung, weswegen ich anfangs etwas nervös
war. Aber mittlerweile unterhalten wir uns viel zu lange. Zudem kann ich
hören, das Sie die Fenster geschlossen halten. Ein weit verbreiteter Irrtum.
Sie hätten die ganze Garage mit Abgasen fluten müssen. Und all das wüssten
Sie, wenn es Ihnen wirklich ernst wäre, heute Ihr Leben zu beenden. Dann
hätten Sie das nämlich recherchiert. Himmel, Sie haben ein Kind, Klara! Ich
weiß, Sie sind verzweifelt. Ich weiß, Sie haben die dunkelsten Gedanken und
sehen keinen Ausweg. Aber im Grunde Ihres Herzens wollen Sie Ihre
Tochter niemals mit Ihrem Mann alleine lassen!«
Du verdammtes Arschloch, dachte Klara. Sie starrte das Armaturenbrett
an, in dessen Plexiglasverkleidung sich ihr Gesicht fratzengleich spiegelte.
Mit einem Mal fiel es ihr schwer, die Widerrede zu führen.
»Vielen Dank, Sie haben mir gerade einen weiteren Grund geliefert,
dieses Gespräch zu beenden«, flüsterte sie, nun zutiefst erschöpft. Die
Möglichkeit, dass Jules recht hatte, lähmte sie regelrecht. Dennoch sagte sie:
»Wenn das stimmt, was Sie sagen, muss ich die wenige Zeit nutzen, die mir
bleibt, um etwas anderes auszuprobieren.«
»Okay, dann lassen Sie uns einen Deal machen«, schlug Jules vor, er
klang besänftigend.
»Wie soll der aussehen?«
»Sie sagen mir, was im Berger Hof passiert ist. Und ich verrate Ihnen eine
schmerzfreie, schnelle Suizidmethode, wenn Sie danach immer noch aus dem
Leben scheiden wollen.«
Sie schlug wütend auf das Lenkrad und wurde laut. »Das Wollen ist hier
nicht die Frage. Ich werde sterben. So oder so.«
Ihre Stimme zitterte, auch weil Jules sie verunsichert hatte. Dennoch sagte
sie beinahe trotzig: »Ich sehe keinen anderen Weg. Mein Leben ist ohnehin
verkorkst, das meiner Tochter muss ich nicht auch noch ruinieren. Nur, wenn
ich schon aus dem Leben scheide, dann hatte ich wenigstens die Hoffnung, es
etwas humaner zu gestalten.«
»Sie wollen also Suizid begehen, weil Ihre Angst vor einem
schrecklichen Tod durch Yannick so groß ist. Stimmt das?«
Selbstmord aus Angst vor dem Tod.
Klara schloss die Augen, wodurch das Dröhnen im Wageninneren ihr noch
lauter erschien. »Sie haben nicht die geringste Ahnung, worauf Sie sich mit
diesem Gespräch einlassen«, warnte sie ihn nun schon zum wiederholten
Male, doch Jules ließ nicht locker.
»Egal, was Ihnen dieser Yannick androht. Es kann nicht schlimmer sein
als das, was ich bereits erlebt habe.«
Klara nickte. »Das stimmt. Es gibt vermutlich nichts Schlimmeres, als
wenn das eigene Kind vor den Eltern stirbt.«
Scheiß drauf, die Abgase scheinen tatsächlich nichts zu bringen. Außer
Migräne und Übelkeit.
Klara schaltete den Motor aus und öffnete mit eingeschlafenen Fingern die
Fahrertür.
Die kalte Garagenluft traf sie wie ein Schwall Eiswasser. Gierig saugte
sie den Sauerstoff ein, so schnell, dass sie husten musste.
Jules erkundigte sich, ob alles okay sei, was Klara bejahte, obwohl es
natürlich kaum einen Moment in ihrem Leben gegeben hatte, der weniger
okay war. Abgesehen vielleicht von dem Dammriss nach der Vergewaltigung
im Ehebett, den sie nicht hatte nähen lassen können, weil in der Notaufnahme
zu viele Fragen gestellt worden wären. Noch heute tat es ihr manchmal beim
Wasserlassen weh. Vom Sex ganz zu schweigen.
»Sie irren sich«, hörte sie Jules sagen.
»Womit?« Ihr Schädel dröhnte. Das Einzige, was sie geschafft hatte, war,
ihr Kurzzeitgedächtnis umzubringen. Sie konnte sich jetzt schon nicht mehr an
das erinnern, was sie vor zehn Sekunden gesagt hatte.
»Dass es nichts Schlimmeres gibt als ein Kind, das vor den Eltern stirbt.«
»Nicht?«
»Noch schlimmer ist es, seinem Kind beim Sterben zuzusehen und nichts
dagegen tun zu können.«
Klara stieg aus dem Wagen. Ihre Knie drohten nachzugeben, sodass sie
sich am Autodach festhalten musste. »Das mag sein, aber ich verstehe nicht
…«
»… weshalb ich das gerade jetzt erwähne?«
»Richtig.«
Sie löste sich vom Fahrzeug und machte sich auf den Weg. Die Tür, die
die Garage mit dem Bungalow verband, befand sich direkt vor ihr, nur fünf
Schritte entfernt. Wobei »Bungalow« eine etwas hochtrabende Bezeichnung
für das Wochenendhäuschen in der Kleingartenkolonie der
Heerstraßensiedlung war. Martin war es peinlich gewesen, von einer Laube
oder Datsche zu sprechen, und hatte nie Freunde hierher eingeladen, obwohl
das Gebäude das schönste und größte der ganzen Siedlung war, ausgebaut zu
einer Ganzjahresunterkunft mit Garage, auch wenn das nicht offiziell
genehmigt war.
»Ich habe beides erlebt«, sagte Jules.
»Beides?« Klara fragte sich, woher sie die Kraft nahm, sich aus der
Garage in den Übergang zum Bungalow zu schleppen. Auf jeden Fall
verhinderte der Schmerz in ihrem Bein, dessen Knöchel zum Glück wohl nur
angeknackst war, dass sie das Bewusstsein verlor.
»Ich weiß nicht, worauf Sie hinauswollen.«
Klara schloss die Verbindungstür und fragte sich, ob sie das Licht
einschalten sollte. Die hochmodern renovierte Anderthalbzimmer-Laube mit
Parkettboden, Fußbodenheizung, Klimaanlage und italienischen
Designermöbeln roch noch immer nach Malerarbeiten und Umzug, so selten
waren sie hier draußen gewesen. Und wenn, dann ohne Amelie, die im Falle
des Falles beim Babysitter abgegeben werden musste, da ihr Papa nicht
wollte, dass sie mit Fettfingern und Sabbermund das helle Futon-Sofa
beschmutzte. Klaras Blut auf dem Polster hingegen hatte ihn da weniger
gestört.
Sie humpelte zu dem maßgefertigten Küchentisch, der die winzige offene
Küche von Wohn- und Esszimmer trennte, setzte sich auf einen Holzstuhl und
entschied sich für die Dunkelheit. Auch wenn die Gefahr gering war, dass
einer ihrer Nachbarn um diese Jahreszeit anwesend und um diese Uhrzeit
noch wach war und sich wunderte, weshalb im Bungalow der Vernets nach
wochenlangem Leerstand so spät auf einmal Licht brannte.
»Valentin war kein Einzelkind«, sagte Jules, und während sie die
Tragweite dieser Information begriff, vibrierte ihr Handy in ihrer Hand wie
ein elektrischer Rasierapparat. Sie sah auf das Display und las eine weitere
Nachricht von Martin.
WO BIST DU????
Klara löschte die Nachricht und fragte Jules: »Sie hatten ein zweites Kind?«
»Fabienne, Valentins Schwester.«
»Und war sie …?«
»Ja. Sie war auch in dem Zimmer. Sie hatte sich im Schrank versteckt,
während Valentin versuchte, die Tür aufzumachen. Sie lebte noch, als wir sie
fanden.«
»Gott, wie schrecklich«, hörte sie sich ihren Gedanken aussprechen.
»Sind Sie sich sicher, dass Dajana das nicht …«
»… absichtlich getan hat?«, fragte Jules scharf.
Klara biss sich auf die Zunge. »Vergessen Sie es. Ich wollte Ihnen nicht zu
nahe treten.«
Er sog hörbar die Luft ein. »Ehrlich gesagt, ich habe mich das natürlich
auch gefragt. Denn es gab starke Spannungen zwischen ihr und den Kindern.
Fabienne war schon immer eine Papa-Tochter gewesen. Und als Dajana den
Burn-out bekam, wurde auch das Verhältnis zu Valentin immer schwieriger.
Nur war das völlig im Bereich des Normalen. Bei allen Differenzen, nie und
nimmer hätte Dajana ihren Kindern etwas angetan.«
Danach herrschte betretenes Schweigen, bis Jules sie fragte: »Und? Steht
unser Deal?«
»Meine Geschichte gegen eine schmerzfreie Suizidmethode?« Klara
nickte. »Ja, er steht noch.«
Sie begann in dem kühlen, unbeheizten Bungalow zu schwitzen.
Gleichzeitig spürte sie, wie ihr Herz ihren Brustkorb als Paukenkessel
missbrauchte.
»Gut.« Jules sprach so neutral und nüchtern, als würde er ihr anbieten,
den Müll runterzubringen, wenn sie den Abwasch übernähme: »Dann
erweitere ich meinen Teil der Abmachung und verrate Ihnen, was mit
Fabienne passiert ist. Aber nur, wenn Sie mir sofort sagen, wer dieser
Yannick ist und was er gegen Sie in der Hand hat.«
Klara hustete den letzten Rest der Abgase aus ihrer Lunge, dann begann
sie: »Yannick hat mir bis Mitternacht Zeit gegeben. Wenn ich bis dahin die
Ehe mit meinem Mann nicht beendet habe, wird er mich qualvoll ermorden.«
Sie zog die Nase hoch und blinzelte Tränen weg, von denen sie nicht
wusste, woher sie überhaupt noch kamen.
»Und wenn er herausfindet, dass ich Ihnen alles erzählt habe … falsch,
wenn er auch nur den leisesten Eindruck gewinnt, ich könnte mich Ihnen
anvertraut haben, erleiden Sie dasselbe schmerzhafte Schicksal wie ich,
Jules. Ist Ihnen das die Wahrheit wert?«
»Ja.« Seine Antwort kam wie aus der Pistole geschossen.
»Die Wahrheit einer Unbekannten, die sich lediglich verwählt hat?«
»Das Risiko gehe ich ein.«
»Sie ahnungsloser Trottel.« Sie lachte, vermutlich das letzte Lachen ihres
Lebens. »Mein Telefon ist verwanzt, er hat eine Spyware draufgespielt.
Vermutlich weiß Yannick jetzt schon, dass wir miteinander reden.«
»Sie klingen paranoid.«
»Und Sie wie ein Idiot. Aber egal. Wir sprechen eh schon zu lange. Wenn
er nach meinem Tod die Handydaten auswertet, wird er nicht ruhen, bis er
herausfindet, mit wem ich gesprochen habe. Und dann wird er wissen, dass
wir uns ausgetauscht haben.«
»Und was dann? Sagen Sie es mir.«
»Okay, dann hören Sie gut zu. Aber tun Sie mir einen Gefallen. Verfluchen
Sie nicht meinen Namen, wenn Sie in wenigen Stunden wünschten, Ihre
Qualen würden aufhören und Yannick würde auch Sie endlich erlösen.«
14
Klara
Klinik Berger Hof
Vier Monate zuvor
Jules
Heute
K lara beendete ihren Monolog abrupt. Zugleich besorgt und irritiert fragte
sie Jules: »Was um Himmels willen ist da gerade los bei Ihnen?«
»Tut mir leid, mir ist etwas heruntergefallen.«
Jules hatte sich in der Küche ein Glas nehmen wollen, um sich Saft
einzuschenken, doch es war ihm entglitten.
Das Glas war mit dem Geräusch eines umstürzenden Baumes zersplittert.
Die Stille in der Altbauwohnung einerseits und seine Konzentration auf die
ebenso schreckliche wie bizarre Geschichte Klaras andererseits hatten den
Lärmeindruck verstärkt. Wäre ihm das Glas am helllichten Tag vom
Oberschrank in die Spüle gefallen, hätte man es zwischen den
Alltagsgeräuschen kaum wahrgenommen. So aber hatte es die angehende
Nacht wie eine Alarmanlage zerrissen und seinen Puls hochschnellen lassen.
»Tut mir leid«, wiederholte er und versuchte, zurück zum Thema zu
finden. »Alle in diesem Haus sind dem Tod geweiht?«
»Das waren so ziemlich seine letzten Worte!«
»Wissen Sie, weshalb Kernik das getan hat?«, knüpfte er an ihre
Schilderung von dem Selbstmord des Arztes an. Diese melodramatische
Inszenierung entsprach so gar keinem bekannten Suizid-Muster. Jules wusste,
wovon er sprach. In seiner Arbeit war er mit nahezu allen Methoden
konfrontiert worden. Wobei natürlich auch Klaras Selbstmordverhalten nicht
der Norm entsprach, wenn er es recht bedachte. Für den Moment jedenfalls
war er erleichtert, sie von ihrem Vorhaben abgebracht zu haben, auch wenn
er wusste, dass er hier mit dem gesamten Telefonat nur auf Zeit spielte.
»Corzon behauptete, es wäre ein Unfall gewesen. Kernik sei häufiger aufs
Klinikdach gegangen, um das Rauchverbot auf dem Gelände zu umgehen.«
»Wie haben Sie auf die Lüge reagiert?«
»Mein erster Impuls war Flucht«, sagte Klara.
»Sie wollten Kerniks Ratschlag folgen?«
»Ganz genau. So schnell wie möglich fort von der Klinik.«
»Aber?«
»Aber dann dachte ich über die Alternative nach. Und die wäre gewesen,
zurück zu meinem Mann zu fahren. Auf einmal schien mir Kerniks Handeln
erstrebenswert. Immerhin hatte er seinem Leben selbst ein Ende gesetzt und
es nicht in die Hände eines anderen gegeben.«
Jules nahm eine große, gebogene Scherbe aus dem Waschbecken und
öffnete den Mülleimerauszug unter der Spüle.
»Aber wieso hat er das getan? Hatte es mit dem Experiment zu tun?«
»Ja.«
»Sie haben es doch sicher abgebrochen?«
»Nein.«
»Nein?«, fragte Jules ungläubig nach.
»Noch mal: Was hätte ich denn sonst tun sollen? Zu Martin zurückfahren
und mir schon am ersten Abend anhören, was für eine Versagerin ich bin?
›Zu feige, um einmal etwas Bedeutendes für die Wissenschaft zu tun, nur
weil so ein verweichlichter Schwuli sich aus dem Fenster stürzt.‹ «
Jules dachte nach. Von ihrer Persönlichkeitsstruktur her war Klara eine
merkwürdige, fast schizophrene Mischung. Einerseits selbstbewusst, was
vermutlich Klaras beruflich zielstrebige Seite war. Privat hingegen ergab sie
sich schnell in ihr Schicksal.
»Wie ist das Experiment verlaufen?«, fragte Jules und zuckte zusammen.
Eine der kleineren Scherben, die er in den Müll hatte werfen wollen, hatte
sich in seinen kleinen Finger gebohrt.
»Ich erinnere mich daran, dass ich die Brille aufgesetzt bekam. Sie war
klobig wie ein großes Fernglas und umfasste nahezu den gesamten Kopf.
Außerdem musste ich Kopfhörer tragen. Im Nachhinein kann ich mich an
kaum eine Einzelheit mehr erinnern. Nur dass ich mich anfangs wie in einer
MRT -Röhre fühlte. Mit einem technoartigen Dröhnen und Wummern, das
von hohen Frequenzen abgelöst wurde, während vor meinen Augen ein
Stroboskop-Gewitter auf mich einprasselte. Auf jeden Fall weiß ich jetzt,
wie sich jemand fühlt, der, durch extreme Lichtreize getriggert, vor dem
Fernseher einen epileptischen Anfall bekommt. Ich wurde schon nach
wenigen Minuten ohnmächtig.«
»Und dann?« Jules steckte sich den kleinen Finger in den Mund und
stoppte mit der Zunge den Blutfluss. Gleichzeitig sah er auf sein Handy, über
das er vorhin seinen Vater angerufen hatte. Es lag unmittelbar neben dem
Laptop, den er aus dem Arbeitszimmer in die Küche getragen hatte. Sein
Headset hatte er abgelegt, das Gespräch lief jetzt über die Freisprechanlage
des Computers, damit sein Vater mithören konnte.
»Nichts ›und dann‹. Professor Corzon sagte mir, ich wäre eine zu sensible
Testperson und käme daher für den Versuch nicht infrage. Die
Nebenwirkungen wären zu stark und ethisch nicht vertretbar.«
»Also fuhren Sie doch früher nach Hause?« Jules umwickelte den Finger
mit etwas Küchenpapier, das er von einer bereitstehenden Rolle abgerissen
hatte.
»Nein, denn ich musste mich erst einmal von den Nebenwirkungen
erholen. Es dauerte lange, bis ich sie vollends überwunden hatte. Leider.«
»Wieso leider?«
»Im Nachhinein wünschte ich mir, ich wäre sofort abgereist. Martin hin,
Martin her.«
»Weshalb?«
»Weil ich dann Dr. Kiefer nie begegnet wäre.«
»Wer ist denn jetzt schon wieder Dr. Kiefer?«
Ich dachte, wir reden über Yannick, überlegte Jules, behielt diesen
Gedanken aber für sich, um Klara nicht aus dem Konzept zu bringen. Je
länger sie redete, umso unwahrscheinlicher war es, dass sie spontan einen
anderen Weg wählte, ihr Leben zu beenden.
»Jo. Ein Assistenzarzt. Eigentlich Johannes, aber alle nannten ihn wohl
Jo.«
»Sie auch?«, fragte Jules, und die Tatsache, dass sie es mit einem
traurigen Seufzen bestätigte, sagte alles darüber aus, wie sich die Beziehung
zwischen den beiden entwickelt haben musste. Intensiv und tragisch.
»Und wo genau haben Sie Dr. Johannes Kiefer getroffen?«
»Im Klinikpark. Ich saß auf der Bank am Fuß der Cafeteria-Terrasse, von
dort aus hatte man einen herrlichen Blick ins Tal. Auf einmal stand er neben
mir, ich hatte ihn nicht kommen hören, obwohl der Kies laut unter den
Schuhsohlen knirschte.«
In diesem Moment machte es Pling, und Jules verfluchte sich, dass er auf
seinem Handy eingehende Nachrichten nicht lautlos gestellt hatte. Sein Vater
hatte ihm eine WhatsApp geschickt. Bevor Klara nachfragen konnte, was das
für ein Geräusch gewesen war, fragte er sie: »Was hatte dieser Dr. Kiefer mit
Ihrem Experiment zu tun?«
»Unmittelbar nichts. Er sagte, er sei Pathologe und würde hinter den
Kulissen arbeiten, wo er zum Beispiel auch mein Blutbild untersucht hatte.«
Jules betätigte den Kippschalter an der Seite und stellte sein Smartphone
auf stumm. Dabei verschmierte er mit dem blutigen Finger das Display.
»Ich fand ihn unglaublich nett und sympathisch. Ich schätzte ihn auf Mitte
vierzig, was vor allem an seinem jugendlichen Auftreten lag, mit Jeans,
Sneakern und Kapuzenpulli. Wie er mir später gestand, hatte er die fünfzig
schon überschritten, was nahezu unglaublich war. Ich meine, wie viele in
diesem Alter kennen Sie mit babyglatter, faltenloser Haut und ungefärbten
und dennoch pechschwarzen Haaren?«
»Keinen Einzigen«, sagte Jules und versuchte, die WhatsApp seines
Vaters zu öffnen.
»Als er sich neben mich setzte, war meine erste Frage, ob er in der Klinik
auch den Job des Fitnesstrainers innehabe.«
Die Klangfarbe ihrer Stimme wechselte von Moll zu Dur. Offenbar sprach
sie von einer angenehmen Erinnerung.
»Am meisten hat mich sein selbstironisches, jungenhaftes Lächeln
beeindruckt. Ich denke, das war der Lockstoff. So wie manche Fische in der
Nacht vom Licht angezogen werden, hat mich dieses Lächeln verzaubert, das
von den Mundwinkeln bis zu den tiefseedunklen Augen funkelte.«
»Was wollte er von Ihnen?«
»Anfangs rückte er nicht so recht mit der Sprache heraus. Anders als
Kernik fiel er nicht mit der Tür ins Haus.«
Jules schwieg in der Gewissheit, dass Klara ihm auch ohne weitere
Nachfrage gleich berichten würde, was das Zusammentreffen mit diesem Dr.
Kiefer so außergewöhnlich gemacht hatte. So dass sie selbst unmittelbar nach
einem fehlgeschlagenen Suizidversuch ausführlich darüber reden wollte.
»Nachdem wir uns eine Weile über Belangloses unterhalten hatten, kamen
wir auf Kernik zu sprechen, und ich weiß noch, wie Jos Blick in die Ferne
wanderte. Hatte er mich bis zu diesem Zeitpunkt beim Sprechen immer
angesehen, so schien ihm das bei diesem Thema schwerzufallen. Ich fragte
ihn, was er denke, was wirklich passiert sei, und er druckste herum, dass er
über meinen Fall gar nicht mit mir reden dürfe.«
»Ihr Fall? «
»Das dachte ich auch. ›Was meinen Sie mit meinem Fall?‹, fragte ich ihn,
und Jo nickte so, wie ein Mensch nickt, der eine unglaublich schwere
Entscheidung für sich getroffen hat. Dann sagte er … Ich erinnere mich an
seine Worte und das Zittern in der Stimme noch ganz genau.«
»Und die wären?«, fragte Jules, während er die WhatsApp-Nachricht
seines Vaters las: WAS ZUM HENKER IST LOS BEI DIR?
Zeitgleich zitierte Klara wörtlich Dr. Kiefers Sätze, mit denen er ihr den
Boden unter den Füßen weggerissen haben musste und die Jules jetzt am
gesamten Körper frösteln ließen: »Corzon hat Ihnen nach dem Abbruch des
Experiments am nächsten Tag nicht die Wahrheit gesagt, als er Sie am
Krankenbett besuchte. Sie waren nicht fünf Minuten ohnmächtig, Frau
Vernet. Sie waren fünf Minuten tot .«
17
Klara
S ie sprach jetzt sehr leise, wie so oft, wenn sie längere Zeit in gewohnter
Umgebung war. Das hatte sie sich als überängstliche Mutter angeeignet.
Sobald Amelie im Bett war, ging sie nur noch auf Zehenspitzen durch die
Wohnung, stellte den Fernseher auf Flüsterlautstärke und verzichtete nach
dem Toilettengang sogar auf die Spülung, sofern sie nur hatte pinkeln müssen.
Dabei hatte ihre Tochter einen gesunden, festen Schlaf, wenn sie erst einmal
ins Drachen- und Einhornland entglitten war. Allein der Gedanke jedoch, sie
könnte aufgeschreckt werden und zu ihrem Vater tapsen, war ihr immer
unerträglich gewesen. An Amelie hätte er die Wut über die Störung nie
ausgelassen, wohl aber an ihr.
Offiziell gab Martin vor, sich mit Patientenabrechnungen zu beschäftigen,
aber Klara wusste, dass er damit eine Agentur beauftragt hatte. Sie hatte es
nie gewagt, ihn am Schreibtisch auch nur anzusprechen. Wenn, dann hätte sie
es mit einer langen Leidensnacht bezahlen müssen, mindestens. Und das galt
zweifellos auch für Störungen durch seine Tochter, also hatte Klara sich
angewöhnt zu flüstern und nahezu geräuschlos auf dicken Socken über die
knarzenden Parkettbohlen zu gleiten. Irgendwann musste ihr dieses Verhalten
so in Fleisch und Blut übergegangen sein, dass sie in den eigenen vier
Wänden flüsterte, so wie jetzt in der Laube, obwohl ihr Mann nicht einmal in
ihrer Nähe war.
Und es hoffentlich nie wieder sein würde.
»Ich war klinisch tot«, wiederholte sie die schockierende Enthüllung, als
könne sie es noch immer nicht glauben.
»Glauben Sie, Dr. Kiefer hat Ihnen die Wahrheit gesagt?«
»Wieso hätte ich daran zweifeln sollen?«
Sie war sich sicher, Jules entging nicht, dass sie ihm mit dieser Antwort
auswich.
Und wieder einmal war ihr ungewollter Begleiter so einfühlsam, nicht
weiter nachzubohren. »Hat er verraten, was Ihren Herzstillstand ausgelöst
hat?«, wollte Jules wissen. Er schien in einem großen Raum zu stehen mit
hohen Wänden.
»Er sagte, es wäre eine Art anaphylaktischer Schock gewesen, eine
heftige Reaktion auf das Triggermittel.«
»Sie waren fünf Minuten ohne Vitalzeichen? Haben Sie bleibende
Schäden davongetragen?«
»Bleibende Schäden?«, wiederholte Klara und musste beinahe lachen.
»Fragen Sie das ernsthaft eine Frau, die gerade versucht hat, sich mit
Autoabgasen das Leben zu nehmen?«
Paradoxerweise sehnte Klara sich zum ersten Mal seit Jahren nach einer
Zigarette. Vor der Schwangerschaft war sie eine Gelegenheitsraucherin
gewesen. Sie hatte nie eigene Zigaretten gehabt, sondern sich bei Freunden,
Kollegen und auf Partys durchgeschnorrt. Martin war das stets ein Dorn im
Auge gewesen. Er hatte sie für ihr »Aschenbecher-Gebiss« kritisiert, obwohl
Klaras Zähne nicht weniger weiß waren als die ihres Zahnarztgatten.
Manchmal dachte Klara, Martin habe sie nur deshalb geschwängert, damit
sie mit dem Rauchen aufhörte. Denn er wusste, wie verantwortungsbewusst
sie war und dass sie keinem schutzlosen Lebewesen einen Nikotinentzug
unmittelbar nach der Geburt zumuten würde.
»Aber ja, ich fühlte mich unmittelbar nach dem ersten Erwachen wie von
einer Abrissbirne geküsst«, beantwortete sie Jules’ Frage, ob sie die Folgen
der Wiederbelebung gespürt habe. »Die Nächte nach meinem Beinahetod litt
ich unter heftigem Nachtschweiß. Ich hätte mit meinem Nachthemd einmal
das KaDeWe feucht durchwedeln können, kein Scherz. Corzon hatte mir
erklärt, das sei eine typische Nebenwirkung des Triggermittels. Jo erst klärte
mich darüber auf, dass es eher ein Zeichen dafür war, dass mein Herz massiv
aus dem Rhythmus gekommen war.«
»Hm.«
Jules schien das Gesagte erst einmal verdauen zu müssen. Oder ist er
abgelenkt?
Wieder meldete sich in Klara der Argwohn, ihr Begleiter könnte ein
doppeltes Spiel spielen. Dass er versuchte, sie vom Suizid abzuhalten, war
klar. Doch wie weit würde Jules dafür gehen? Und welche Möglichkeiten
hatte er, ihren Aufenthaltsort vielleicht doch ausfindig zu machen?
»Warum hat Corzon Ihnen verschwiegen, dass Sie klinisch tot waren?«,
fragte Jules. »Hatte man Angst, Sie würden die Klinik verklagen?«
»Ich vermute es. Wäre das ruchbar geworden, hätte der Berger Hof so
schnell wohl niemanden mehr als Probanden für die Tests gefunden.«
Hinter ihrem Rücken krachte es, und Klara erschrak so, dass sie sich um
die eigene Achse drehte und aufsprang, dem imaginären Einbrecher das
Handy wie ein Messer entgegenstreckend. Doch da war niemand. Nur der
Flügeltürkühlschrank in der Nische neben der Vorratskammer, dessen
Eiswürfelproduktion gerade wieder eingesetzt hatte.
Himmel, bist du ein Weichei. Schreckhaft bis in den Tod.
Klara nahm den Hörer wieder ans Ohr und verstand nur noch den letzten
Fetzen einer offenbar längeren Frage von Jules.
»… welcher Verbindung stehen nun die Erlebnisse mit Dr. Kiefer zu
Yannick?«
Yannick.
Klaras Magen zog sich zusammen. »Das werden Sie gleich begreifen«,
flüsterte sie und wartete einen weiteren Schwall Eiswürfel ab, die sich im
Inneren des Kühlschranks in das Vorratsgefäß entluden. Sie schloss die
Augen. Mit großer Anstrengung gelang es ihr, sich das Gesicht des
Oberarztes in Erinnerung zu rufen. Die Klug- und Klarheit in den großen,
lachfaltenumrandeten Augen. Und wie sie hatte zusehen müssen, wie von
einem Moment auf den anderen diese warmherzigen Augen nicht mehr
existierten.
Klara schüttelte sich vor Ekel. »Bevor ich Ihnen die grausamen Details
verrate, will ich Ihnen kurz von dem Wunderschönen berichten, was mir
unmittelbar davor widerfahren ist.«
»Mit Dr. Kiefer?«
»Ganz genau. Ich weiß, noch verstehen Sie die Zusammenhänge nicht.
Aber wenn Sie mir fünf Minuten geben, werden Sie begreifen, weshalb
Yannick diese Todesmacht über mich hat. Und weshalb Sie keine andere
Wahl haben, als Ihren Deal einzuhalten.«
»Ihnen zu helfen, diese Welt zu verlassen«, sagte Jules, und tatsächlich
freute es Klara, dass er das offen aussprach und sich offenbar daran halten
wollte.
»Aber keine Sorge«, beschwichtigte sie ihn. »Die Erinnerungen, in denen
ich schwelge und die ich gleich mit Ihnen teile, hören sich nur anfangs an wie
eine romantische Lovestory zwischen mir und Dr. Kiefer. Tatsächlich hab ich
die kurze Zeit mit ihm sehr genossen.«
Trotz unserer Gesprächsthemen.
Zunächst hatte sie noch versucht, Kiefer zu täuschen, so wie all die
anderen, die sie nach den blauen Flecken auf den Armen, am Hals oder
anderen Verletzungen gefragt hatten. Doch Jo hatte sich nicht mit ihrer
Standardausrede zufriedengegeben, sie neige eben generell zu Hämatomen.
Schließlich war es weniger seine Hartnäckigkeit als ein einziger Satz, mit
dem er die Dämme bei ihr einriss. Noch im Park der Klinik sagte er zu ihr:
»Ich kann Sie nicht wieder unvergewaltigen, das geht nicht, Klara.«
Danach hätte er gar nicht mehr weiterreden müssen, doch er ergänzte noch:
»Aber ich kann Ihnen zuhören, und ich bin an das Arztgeheimnis
gebunden.«
Damit hatte Jo ihr ein Geschenk gemacht. Er hatte sie nicht mit falschen
Hoffnungen abgespeist, er könne an ihrer Situation etwas ändern. Hatte sich
nicht als weißer Ritter in edler Gestalt geriert. Aber er hatte in ihr das
Gefühl geweckt, sie nicht für das zu verurteilen, was sie mit sich hatte
machen lassen. Im Hotel Le Zen etwa. Dass Klara ihm bereits bei ihrem
zweiten Zusammentreffen im Klinikpark von der als »Spiel« getarnten
Gruppenmisshandlung erzählt hatte, machte ihn zum einzigen Menschen in
ihrem Leben, der über die bislang dunkelste Stunde ihres Daseins Bescheid
wusste.
Von dem Mann mit der Maske.
Den Kabelbindern.
Der Maulsperre in ihrem Mund.
Und von den Männern. Vielen Männern.
»Sie haben sich in Dr. Kiefer verliebt?«, hörte sie Jules vermuten.
»Mit Haut und Haaren.«
»Und dann trat Yannick in Ihr Leben?«
Klara öffnete die Augen, und um sie herum blieb alles von einer dichten,
durchdringenden Schwärze, wie sie sie sich damals gewünscht hätte, als
Yannick plötzlich vor ihr stand. Groß. Nackt. Und psychotisch.
»Ganz genau«, antwortete sie Jules und wiederholte seine Worte: »Bis
Yannick in mein Leben trat und den Wunsch in mir auslöste, mich von dieser
Welt zu verabschieden, in der so etwas Schreckliches geschehen kann wie
das, was ich mit ihm erleiden musste.«
18
Klara
Einige Wochen zuvor
K eine Worte, kein Gemurmel, kein Husten. Jules hatte sich wieder das
Headset aufgesetzt und die Schuhe ausgezogen und war während des
Gesprächs auf Socken ins Bad geschlichen. Dort hatte er sich ein kleines
Pflaster aus dem Spiegelschrank geholt, mit dem er die Schnittverletzung an
seinem Finger versorgte.
Dann war er zurück in die Küche gegangen und hatte sich auf einen
Hocker an den Küchenblock gesetzt, stets bemüht, beim Zuhören alle
ablenkenden Nebengeräusche zu unterdrücken. Nur hin und wieder hatte er
Klara durch einen tiefen Atemzug oder ein leises Räuspern zu verstehen
gegeben, dass er noch in der Leitung war und sie nicht ins Leere sprach.
Allerdings war er sich ziemlich sicher, dass Klara bei der Schilderung ihrer
grauenhaften Erlebnisse wie unter Hypnose an den Schauplatz des
Verbrechens zurückversetzt gewesen war und ihn am anderen Ende der
Leitung nicht mehr wahrgenommen hatte.
»Sie waren doch hoffentlich bei der Polizei?«, fragte er in eine erste
längere Pause hinein, den Blick auf den Abrisskalender mit Sinnsprüchen
neben dem Kühlschrank gerichtet. Er zeigte den sechsundzwanzigsten
November an. Die Weisheit des Tages lautete: Das Abenteuer einer engen
Beziehung ist die Suche nach dem richtigen Abstand.
Der Kalender war drei Tage nicht mehr abgerissen worden. Heute war der
Neunundzwanzigste. Das Ultimatum, das der Killer Klara gestellt hatte, lief
in wenigen Minuten ab.
»Sie haben den Mann angezeigt?«
»Natürlich.«
»Und?«
»Yannick läuft noch frei herum. Meine Zeugenaussage hat offensichtlich
nicht sehr viel bewirkt.«
»Wie ist das möglich?«
Immerhin hatte sie eine Beschreibung, nachvollziehbare Verletzungen am
Körper und kannte den Wohnsitz des Täters. Damit hätte sie mindestens eine
Hausdurchsuchung erwirken können.
»Yannick war sehr geschickt. Wir hatten verabredet, dass er mich am
Potsdamer Platz abholt und wir dann nach Mitte zum Essen fahren. Zu diesem
Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass er in einem Dunkelrestaurant reserviert
hatte, wo wir in kompletter Finsternis von Blinden bedient wurden. Wir
gingen erst ein wenig spazieren, dann fragte er mich auf dem Weg zur
Tiefgarage, wo sein Auto stand, ob er mich überraschen dürfe. Er wolle mich
entführen, und ich dürfe die Überraschung keinesfalls vorher sehen. Zunächst
war mir das unheimlich, und ich wollte das Date an dieser Stelle abbrechen.
Aber er war so einfühlsam, und ich dachte mir, ich könne nichts Schlimmeres
erleben als das, was ich ohnehin schon durchgemacht hatte, sodass die
Hoffnung auf einen außergewöhnlich aufregenden Abend am Ende siegte.«
Sie lachte so, wie jemand über seine eigene Dummheit lacht.
»Gespannt willigte ich also ein, mir die Augen mit einem Seidenschal
verbinden zu lassen. Er führte mich dann in das Restaurant, in dem er für uns
reserviert hatte, und als wir saßen, bat er mich, die Augenbinde
abzunehmen.«
»Und als Sie die Augen öffneten, sahen Sie noch immer nichts.«
»Ja, und so schwer es mir fällt, es zuzugeben, das war wirklich eine tolle
sinnliche Erfahrung. Ohne Augen waren meine Sinne geschärft. Das Essen
explodierte förmlich im Mund, jede Berührung von ihm war wie ein
Energiestoß, der mich positiv auflud und erregte. Als wir gegessen hatten,
sagte Yannick, er habe noch eine zweite Überraschung bei sich zu Hause
vorbereitet. Zu diesem Moment war ich ihm schon verfallen und fühlte mich
in seiner Gegenwart unendlich sicher.«
»Lassen Sie mich raten: Er hat Ihnen auch auf dem Weg zu seiner Wohnung
die Augen verbunden?«
Sie seufzte zustimmend. »Weswegen ich nicht weiß, wohin er mich
gebracht hat, um mich zu quälen, ganz genau.«
Klara machte eine kurze Pause und ergänzte dann: »Nachdem Yannick mir
das Ultimatum verkündet hatte, bekam ich noch eine Spritze und fand mich
vor meinem Wohnhaus wieder, wo Nachbarn mich entdeckten. Was mein
Glück war, denn nur diese Zeugen hielten Martin davon ab, mich gleich im
Vorgarten zu verprügeln. Ich log ihn an, ich wäre überfallen worden, was
hätte ich denn sagen sollen? Das führte zu meiner ersten Opferaussage, die
ich einen Tag später widerrufen wollte. Heimlich, ohne dass Martin es
mitbekam natürlich.«
Jules nickte. Langsam wurde ihm das Vertrackte an Klaras Lage immer
deutlicher.
Er griff nach der Orangensaftflasche und stutzte. Sie war nach wie vor fast
zu einem Drittel gefüllt. Er meinte, in der Zwischenzeit mehrere große
Schlucke getrunken zu haben, war sich dessen aber nicht mehr sicher. Das
Gespräch mit Klara hatte seine gesamte Aufmerksamkeit in Anspruch
genommen. Außerdem war das Kratzen in seinem Hals wieder da, allzu viel
konnte es also nicht gewesen sein.
»Das Einzige, was ich sicher hätte sagen können, ist, dass es ein Altbau
war, wie man ihn in Charlottenburg, Steglitz, Schöneberg, Prenzlauer Berg,
Kreuzberg, Wedding, Friedrichshain und fast in jedem anderen Berliner
Bezirk findet.«
Er nahm einen tiefen Schluck und setzte die Plastikflasche wieder ab.
»Keine hilfreiche Eingrenzung.«
»Nein. Aber hätte ich wenigstens einen Namen gehabt, wäre meine
Aussage vielleicht etwas ernster genommen worden. Doch als die Beamten
erfuhren, wo ich diesen Dr. Johannes Kiefer kennengelernt haben wollte, der
sich später als Yannick, der Kalender-Killer, entpuppte, waren sie sich
augenscheinlich sicher, mit mir eine aufmerksamkeitssüchtige Verrückte am
Wickel zu haben. Müßig zu erwähnen, dass weder ein Yannick noch ein Dr.
Kiefer im Berger Hof bekannt sind.«
»Verstehe.« Klara war so ziemlich das Musterbeispiel dessen, was man
sich unter einer unzuverlässigen Zeugin vorstellte. Eine ehemalige Patientin
einer psychiatrischen Klinik, die an einem Experiment teilgenommen hatte,
bei dem künstlich Wahnvorstellungen hervorgerufen wurden, will eine erste
Falschaussage dahingehend korrigieren, dass sie in Wahrheit mit dem
Kalender-Killer Kontakt hatte. Ausgerechnet in einer Wohnung, die sie mit
verbundenen Augen betrat.
»Ich musste sie förmlich zwingen, ein Phantombild zu erstellen, aber
bislang wurde es noch nicht einmal veröffentlicht. Ein Ermittler gestand mir
ganz offen, dass sie mit vergleichbaren Aussagen und möglichen Todesdaten,
die angeblich an Wände geschmiert wurden, beinahe täglich konfrontiert
sind. Und da war noch etwas.«
»Was?«
»Etwas, was mich an mir selbst zweifeln ließ.«
Jules ließ ihr etwas Raum, sich zu sammeln, ohne sie mit einer weiteren
Frage zu drängen, bis sie weitersprach: »Sie haben mich detailliert nach
einem Merkmal seiner Handschrift gefragt, das ich ihnen aber nicht nennen
konnte.«
Jules dachte zurück an den Aktenzeichen XY -Bericht, den er zu Beginn
ihres Telefonats gesehen hatte.
»… ist die Ziffer 1 am oberen Ende verschnörkelt, wodurch die Zahl,
die der Täter bereits bei seinem zweiten Mord an die Wand geschrieben
hatte, mit etwas Fantasie wie ein Seepferdchen aussieht.«
»Und Sie wussten es nicht?«
»Nein. Ich war so aufgeregt und angsterfüllt, wie hätte ich da auf
Feinheiten in der Handschrift des Kalender-Killers achten können?«
Jules nickte und bekam plötzlich Hunger. Ihm fiel ein, dass er seit Stunden
nichts mehr gegessen hatte.
Beim Sprechen fokussierte er den Messerblock neben dem Herd, direkt
bei der Kaffeemaschine. Vier Messer mit braunen Holzgriffen steckten mit
der Klinge im Holz, eines davon, das längste, war von einer anderen
Kollektion und passte nicht dazu. Seine geriffelte Klinge ragte etwas aus dem
Holz hervor. Wie gerne hätte er sich damit eine dicke Scheibe Krustenbrot
abgeschnitten und eine Butterstulle gemacht.
»Nach meiner Aussage war ich völlig verunsichert und wusste nicht, ob
…«
Jules zog die Augenbrauen hoch, als Klara abrupt aufhörte zu sprechen.
»Alles okay?«, fragte er in die plötzlich stille Leitung. »Sind Sie noch
dran?«
Plötzlich veränderte sich auch auf seiner Seite der Leitung die
Geräuschkulisse.
Was zum Teufel …?
Er hörte ein Kratzen.
Nur einige Meter von ihm entfernt, den Flur hinunter.
Wie von einem krallenbewehrten Tier. Oder einem anderen Lebewesen,
das ein spitzes Werkzeug auf Metall schleifen ließ.
21
B leiben Sie dran, was immer auch geschieht, legen Sie nicht auf«, flüsterte
Jules und schaltete über einen Regler an seinem linken Kopfhörer das
Gespräch stumm.
Ob sie sich daran hielt?
Oder hatte er ohnehin schon die Verbindung zu ihr verloren? Und wenn,
dann für immer?
Jules klopfte das Herz bis zum Hals, doch er hatte keine Wahl.
Klaras Worte vom Anfang ihres Telefonats kamen ihm in den Sinn. »Er
wird nicht glauben, dass es nur ein Versehen ist. Dass ich mich verwählt
habe. Verdammt, wenn er herausfindet, dass ich Sie angerufen habe, wird
er auch zu Ihnen kommen.«
Das Kratzen war in ein Klimpern übergegangen, wie Wechselgeld in einer
Keramikschüssel. Kurz war es lauter geworden, Jules meinte sogar, im Flur
jemanden husten gehört zu haben. Doch jetzt herrschte wieder Stille in der
Altbauwohnung.
Er griff auf dem Küchenblock nach dem Handy, mit dem er seinen Vater
angerufen hatte, damit der mithören konnte.
»Bist du noch dran?«, fragte er ihn leise und verließ die Küche.
»Nein, ich hab aufgelegt.«
Im Flur warf das Nachtlicht seinen Schatten an die Wand; Jules wirkte
wie ein übergroßer Stelzenläufer.
»Lass die Witze. Bist du nüchtern?«
»Jetzt bist du es, der witzig ist.«
»Touché.«
Es war lange nach achtzehn Uhr, sein Vater hatte seinen Pegel längst
erreicht, was im Grunde gut war. Der alte Säufer funktionierte besser, wenn
er auf hochprozentigen Umdrehungen lief.
»Hast du alles verstanden?«
Das Parkett ächzte unter seinen Schritten, obwohl sie von einem dicken
Läufer gedämpft wurden. Die Geräusche, von wem auch immer sie stammten,
waren nicht zurückgekommen.
»Nein, was um Himmels willen war das? Wobei zur Hölle hast du mich
da mithören lassen?«
»Die Frau wird vom Kalender-Killer bedroht.«
»Okay, Junge. Du weißt, du kannst immer auf mich zählen, aber …«
»Erspar mir das«, unterbrach Jules seinen Vater. »Noch mal: Nur weil ich
dich hin und wieder anrufe, heißt das nicht, dass ich dir verzeihe.«
»Wohl aber, dass du meine Hilfe brauchst.«
Für einen wimpernschlagkurzen Moment horchte Jules in sich hinein, ob
er ein schlechtes Gewissen haben musste. Wann immer sie telefonierten, und
das war seit Dajanas Suizid bestimmt ein Dutzend Mal gewesen, hatte er nie
mit seinem biologischen Erzeuger sprechen wollen, sondern immer nur mit
Hans-Christian Tannberg, dem erfolgreichsten Versicherungsdetektiv seiner
Zunft. H. C., wie er von seinen Kollegen genannt wurde, arbeitete
freiberuflich für die größten Konzerne wie Axa, Allianz oder HUK . In den
letzten zehn Jahren war niemand einer größeren Zahl Versicherungsbetrüger
auf die Schliche gekommen als Hans-Christian Tannberg.
»Wieso flüsterst du die ganze Zeit? Und was genau willst du von mir?«,
fragte er.
»Dass du deinen Arsch nicht vom Fleck wegbewegst, die Finger von der
Hausbar lässt und die Leitung freihältst. Ich ruf in zehn Minuten wieder
durch.«
Ohne Abschiedsfloskel drückte er seinen Vater weg und war sich
plötzlich sicher zu wissen, was er gerade gehört hatte. Denn jetzt stand er
direkt vor der Quelle des Geräusches.
Das Klimpern stammte von einem Schlüsselbund, das am
Haustürschlüssel herab an der Wohnungstür hing. Die einzelnen Schlüssel
des Bundes, das noch immer hin- und herschwang, hatten
gegeneinandergeschlagen, wofür er sich nur eine Erklärung denken konnte:
Jemand versuchte, sich von außen Zutritt zu verschaffen.
22
D ie wenigsten Menschen steigen in eine Achterbahn mit der Hoffnung,
während der Fahrt aus dem Waggon geschleudert zu werden. Die meisten
stellen sich diesem Höllenritt in der Absicht, am Ende der überlebten
Nahtoderfahrung in einem Endorphinrausch der Erleichterung zu baden.
Auch Jules zog eine kontrollierte Angstexposition der direkten, realen
Konfrontation mit dem Tod vor. Doch jetzt hatte er keine Wahl. Er musste
sich dem stellen, was auch immer vor der Tür stand. Hitzköpfig, wie er war,
wenn die Vernunft in einem Adrenalinstrom ertränkt wurde, hätte er am
liebsten sofort die Tür aufgerissen. Immerhin spähte er zuvor erst einmal
durch den Spion und sah etwas, das noch sehr viel beunruhigender war als
ein bewaffneter Mann im Hausflur. Und das war: nichts!
Dunkelheit, alles umfassende Schwärze. Nicht einmal ein Schatten, und
damit kam das Klimpern des Schlüsselbunds einer übernatürlichen Erfahrung
gleich. Wer hatte es bewegt? Welches körperlose Wesen war in der Lage
gewesen, durch das Treppenhaus zu gehen und einen Schlüssel (wo immer es
den auch herhatte), einen Dietrich oder ein anderes Werkzeug von außen ins
Schloss zu stecken, ohne dabei den Bewegungsmelder im Flur auszulösen?
Er schloss die Augen, den Kopf ans Türblatt gepresst.
In einem irrationalen, fast übersinnlichen Moment hatte Jules die
Befürchtung, ganz alleine auf der Welt zu sein und ebenjene Dunkelheit selbst
dann um sich herum zu sehen, wenn er die Augen wieder öffnete. Und so war
es zum Teil auch die Sorge, sein wirrer Gedankengang könnte der Wahrheit
entsprechen, die ihn das Gespräch mit Klara wieder aktiv schalten ließ. Er
betätigte den Regler am Headset und fragte: »Sind Sie noch dran?«
Ein Knistern. Dann eine atmosphärische Störung. Schließlich: »Ja, bin
ich. Aber fragen Sie mich nicht, weshalb.«
Gott sei Dank.
Jules blinzelte, dann riss er das rechte Augenlid wieder weit auf. Hinter
dem Spion erstreckte sich noch immer der finstere Hausflur, doch das Licht
in der Küche brannte und beleuchtete den Flur, in dem er stand und der so
real war wie die Kommode, das Bild mit der gezeichneten Kreidefelsenküste
über der Kommode und dem Schlüsselbund an der Tür, das sich jedoch nicht
mehr bewegte.
Habe ich mir das am Ende alles nur eingebildet?
23
Klara
J ules war zurück ins Wohnzimmer gegangen, verzweifelt bemüht, aus dem
Rascheln und Rauschen in der Leitung einen sinnvollen Schluss zu ziehen, als
ihm Klaras Worte wieder in den Sinn kamen.
»Es tut mir leid, dass ich das gesagt habe, aber es ist die Wahrheit.
Sobald er herausfindet, dass wir Kontakt hatten, etwa weil er Ihre Nummer
in meinem Handy findet, wird er Sie suchen und ebenfalls eliminieren
wollen.«
Und auf einmal ließ ihm das Schlüsselbund keine Ruhe mehr. Jetzt wirst
du auch noch paranoid.
Kopfschüttelnd ging Jules zurück zur Haustür und zog es ab.
Vorsorglich.
Für den im Grunde unvorstellbaren Fall, dass es tatsächlich jemand
geschafft hatte, zu ihm in die Wohnung einzudringen, wollte er der Person
nicht die Möglichkeit geben, sie hier zusammen einzuschließen. Schwer und
kalt lag das Bund in seiner Hand, mit viel zu vielen Schlüsseln für eine
einfache Wohnung. Eine schmerzhafte Erinnerung überkam ihn. Dajana hatte
sich immer über ihn lustig gemacht, dass er wie ein Hausmeister herumlaufen
würde. Er legte es auf die Anrichte neben der Tür und ging zum Schreibtisch.
»Hallo?«
Keine Antwort. Er meinte, Klara aufstöhnen gehört zu haben, dann schien
sie sich zu bewegen. Aber das Knarren und Klappern konnte alles Mögliche
bedeuten, zumal der Empfang anscheinend minütlich schlechter wurde.
Er ließ sich auf den Schreibtischsessel fallen und zog die Schublade auf,
in der sich Kabel für Kleinstelektrogeräte befanden. Vergeblich suchte er
nach einem Aufladekabel, das er mit einer Steckdose und seinem
Mobiltelefon verbinden konnte, dessen Akku sich bald dem roten Bereich
nähern würde. Er schaltete sein Mikrofon auf stumm, löste den linken
Kopfhörer des Headsets vom Ohr und rief über Handy seinen Vater an. Der
nahm das Gespräch schon an, bevor Jules es hatte läuten hören.
»Erklärst du mir jetzt endlich mal, was Phase ist?«
Jules rollte mit den Augen. Hans-Christian Tannberg merkte nicht, wie
lächerlich er sich machte, wenn er Wörter für cool hielt, die in Wahrheit
schon seit Jahren nicht mehr aktuell waren. Und die schon damals, als sie
noch zum Jugendslang zählten, aus seinem Munde komplett albern geklungen
hätten.
»Du musst etwas für mich herausfinden.«
»Hm, eigentlich wollte ich ja Nein sagen, aber wo du mich so lieb darum
bittest.«
»Lass das Gequatsche, wir haben keine Zeit zu verlieren. Du hast ja
mitbekommen, worum es geht.«
»Anscheinend um Leben und Tod.«
»Ganz genau. Die Frau, mit der ich gerade rede …«
»Was ich schon mal nicht verstehe«, fiel sein Vater ihm ins Wort,
ungeachtet dessen, dass Jules sich genau das gerade erst verbeten hatte, »du
arbeitest doch gar nicht mehr bei der 112?«
Jules musste sich beherrschen, den Briefbeschwerer nicht in den
Fernseher zu werfen. Sein Vater hatte die Gabe, ihn in weniger als zehn
Sekunden zur Weißglut zu treiben.
»Ich hab für Caesar die Schicht am Begleittelefon übernommen«, zischte
er.
»Was ist ein Begleittelefon?«
Jules erklärte es ihm so knapp wie möglich.
»Hab ich begriffen. Aber wer in drei Teufels Namen ist Caesar?«
»Mein alter Schulfreund, wohnte damals direkt im Haus nebenan. Bevor
wir in die Stadt gezogen sind. Du solltest ihn noch kennen. Er hat dich oft
brüllen hören, wenn du nach Hause gekommen bist.«
»Ich erinnere mich gut an die Kaisers. Komplette Arschlochfamilie,
ständig neue Autos und Malediven-Urlaube auf Pump. Und dieser lange,
picklige Magnus war der Nervigste von allen. Der mit dem dämlichen
Paragrafen-Tattoo auf dem Stinkefinger, richtig? Ich verstehe bis heute nicht,
weshalb du dir solche Loser-Freunde angeln musstest, ich …«
»Schluss jetzt, hör mir zu: Die Frau, die mich angerufen hat, behauptet,
Kontakt zum Kalender-Killer zu haben, sie befürchtet, sein nächstes Opfer zu
sein. Bring alles über sie in Erfahrung, was du aus dem Personal beim
Berger Hof rausfinden kannst. Ihr Name ist Klara.«
»Und weiter?«
»Will sie nicht sagen.«
»Na prima.«
»Aber ich hab andere Namen für dich: Daniel Kernik, Johannes Kiefer,
Ivan Corzon. Angeblich Ärzte und Klinikleiter im Berger Hof.«
Jules zog einen karierten Schreibblock zu sich heran, riss das oberste,
benutzte Blatt ab und testete die schwarze Mine eines Kugelschreibers.
Während er seinem Vater kurz erklärte, dass Klara an einem psychiatrischen
Experiment teilgenommen hatte, bei dem es um die künstliche Herbeiführung
von Wahnvorstellungen ging, hielt er einzelne Begriffe für sich selbst auf dem
Papierblock fest: Klara, Nichtmedizinerin, vermutlich medizinisch-
technische Assistentin, Paranoia???
»Corzon kenne ich«, stellte sein Vater fest. »Ich hab ihn schon nach
Dajanas Tod durchleuchtet. Er ist unauffällig.«
Jules nickte. Der Name war auch ihm bekannt vorgekommen. Unmittelbar
nach Dajanas Selbstmord hatte sein Vater aus eigenem Antrieb heraus
recherchiert und im Berger Hof jeden Stein umgedreht für den Fall, dass die
Klinik etwas mit der Tragödie zu tun hatte. Aber H. C. Tannberg hatte nach
eigenen Aussagen nichts finden können. Keine Unregelmäßigkeit, kein
Fehlverhalten der Ärzte und Pfleger, und das, obwohl er seine besten Leute
im Team auf den Berger Hof angesetzt hatte.
»Kiefer und Kernik sagen mir nichts, aber ich häng mich morgen an den
Apparillo.«
»Bist du taub oder blöd? Wie kommst du auf die Idee, das hätte Zeit bis
morgen?«
»Wie kommst du auf die Idee, so mit mir sprechen zu dürfen?«
Jules lachte bitter auf. »Vielleicht, weil ich ein Video habe, das zeigt, wie
du Mama die Scheiße aus dem Leib prügelst?«
Was gelogen war. Der einzige Film, der bewies, wie gewalttätig Hans-
Christian Tannberg seiner Frau gegenüber gewesen war, war der, der in
Jules’ Albträumen in Endlosschleife lief. Immer und immer wieder, seit er
denken konnte.
»Wieso kannst du mir nicht so verzeihen wie deine Schwester?«
»Becci hat dir nicht verziehen. Sie ist nur höflicher als ich.«
Rebecca, Jules’ jüngere Schwester, war an der Gewalt zu Hause fast
zerbrochen. Es hatte ein Schlüsselereignis gegeben. Da war ihr Vater bereits
am helllichten Tag völlig betrunken vom Tennisclub nach Hause gekommen.
Er hatte ein frühmorgendliches Match gegen einen wesentlich schlechteren
Spieler verloren und war im Clubcasino gehänselt worden. Als geeignete
Maßnahme, um sein Selbstwertgefühl wieder aufzubauen, kam ihm in den
Sinn, seinen Lieben zu Hause mittags eine ganz besondere »Eintopf-
Kreation« zu servieren.
Sonntag war der einzige Tag in der Woche, an dem gemeinsam gegessen
wurde. Gerade als Rebecca und Jules den ersten Löffel zum Mund geführt
und sich über den salzigen Geschmack gewundert hatten, fing ihr Vater wie
ein Wahnsinniger an zu lachen: »Seht euch eure Mutter an, dieses Wrack. Sie
ist so schwach und so feige.«
Tatsächlich sah Jules’ Mutter noch blasser aus als sonst, ihre tief in den
Höhlen liegenden Augen waren fahrig. Sie selbst hatte sich noch nichts
aufgetan, was nicht ungewöhnlich war; sie hatte ohnehin nur selten Appetit
und bekam oftmals tagelang keinen Bissen herunter.
»SEHT SIE EUCH AN !«, schrie Hans-Christian Tannberg und deutete
mit einer Gabel auf die jämmerliche Gestalt, die auf dem Hochzeitsfoto auf
dem Kaminsims noch zwanzig Kilo mehr gewogen hatte.
»Sie vergiftet lieber ihre Kinder, als einmal den Arsch in der Hose zu
haben.«
Und dann gestand er, was er getan hatte. Kaum dass er nach Hause
gekommen war, hatte er sich den Topf vom Herd gegriffen, hineingepinkelt
und seine Frau gezwungen, das »Essen« zu servieren.
Es war drei Tage vor Rebeccas zwölftem Geburtstag. Der Tag, als sie
wieder mit dem Bettnässen anfing. Es hörte erst auf, als ihre Mutter eines
Nachts verschwunden war und Hans-Christian Tannberg sein Opfer verloren
hatte, das er drangsalieren konnte.
»Kannst du mir wirklich nicht vergeben?«, fragte er seinen Sohn heute,
Jahrzehnte später.
»Ich überleg’s mir, sobald du ein besserer Mensch geworden bist.«
Ohne Wochenendbesäufnisse. Ohne ständig wechselnde Bettgeschichten.
Wenn Jules darüber nachdachte, war er sich fast sicher, dass es nicht allein
die Schläge gewesen waren, die Mama hatten frühzeitig altern lassen. Hinzu
kam die Demütigung, regelmäßig von ihrem Mann betrogen zu werden,
dessen gutes Aussehen vom vielen Alkohol in seinem Blut geradezu
konserviert wurde. Von Jahr zu Jahr hatte H. C. mehr getrunken und sich
durch mehr fremde Betten gevögelt, und von Jahr zu Jahr alterte er nicht
einen Tag, während Mama immer mehr in sich zerfiel.
»Und dennoch war sie zäh genug, uns einfach zu verlassen. Weiß der
Geier, wo sie verreckt ist«, hatte sein Vater ihm einmal als
»Gutenachtgeschichte« mit in den Schlaf gegeben. Da war Mutter seit einem
halben Jahr fort. Anders als Becci hatte Jules nicht um sie geweint. Natürlich
hatte die ganze Sache auch ihm das Herz zerrissen, aber im Unterschied zu
seiner jüngeren Schwester begriff er, dass es die einzige Möglichkeit
gewesen war, um der Spirale der Gewalt zu entkommen. Zudem war er heute
davon überzeugt, dass aus Becci niemals eine selbstbewusste,
lebensbejahende Frau geworden wäre. Kinder versuchen, ihre Eltern
nachzuahmen, gerade in den Prägejahren. Bis zu dem Tag des Verschwindens
hatte Becci in ihrer Mutter kein Vorbild, sondern nur eine schwache,
willenlose Frau gesehen. Als sie jedoch nicht mehr wiederkam, erfuhr
Rebecca, dass es kein Gesetz des Schicksals gibt, dem man sich fügen muss,
sondern dass eine Frau sich auch lösen und ihren eigenen Weg gehen kann.
Einen Weg, der Rebecca bis nach Málaga führte, wo sie heute glücklich
verheiratet mit zwei Kindern am Meer lebte und eine atemberaubende
Karriere als Immobilienrechtsanwältin hinlegte.
»Melde dich, sobald du etwas herausgefunden hast«, sagte Jules zu
seinem Vater. »Ich muss wissen, wo diese Klara wohnt. Sie hat ein Kind,
etwa sieben Jahre alt, die Tochter heißt Amelie. Ihr Mann ist vermögend,
viel mehr hab ich nicht.«
Jules war beim Sprechen aufgestanden, erst unbewusst, dann trieb ihn der
Gedanke nach etwas Essbarem in die Küche. Mittlerweile schaffte es nicht
einmal mehr die durch Klaras Telefonat ausgelöste Anspannung, ihn von dem
Knurren seines Magens abzulenken. Mit dem Handy am linken und dem
Headset am rechten Ohr, als wäre er die Karikatur eines durchgeknallten
Managers, ging Jules durch den Flur zur Küche zurück. Auf Klaras Leitung
hörte er weiterhin nur kaltes Rauschen, und auch sein Vater sagte keinen Ton
mehr. Vermutlich war er damit beschäftigt, sich Jules’ Anweisungen zu
notieren.
»Hast du das alles?«
»Ich denke ja. Viel ist es ja nicht.«
»Bitte tu dein Bestes.«
»Oh, du hast bitte gesagt«, stellte Hans-Christian fest. Diesmal legte er
auf, bevor sein Sohn ihm zuvorkommen konnte.
Die plötzliche Stille im Ohr war unangenehm. Die Erinnerungen, die
jedes Gespräch mit seinem Vater hervorrief, hinterließen einen dumpfen
Schmerz.
Jules fühlte sich beim Betreten der Küche wie verprügelt, was zu den
Geräuschen passte, die in Klaras Leitung einsetzten.
26
Klara
D u musst dir darüber im Klaren sein, dass die Kälte der Normalzustand
und Wärme die absolute Ausnahme im Universum ist.«
An dem Tag, an dem ihr Vater diesen Satz zu ihr sprach, hatte Klara
geglaubt, niemals im Leben noch heftiger frieren zu können.
Sie war acht Jahre alt und auf dem Rückweg von einem gemeinsamen
Rodelausflug auf dem Teufelsberg. Klara hatte sich in einem Trotzanfall kurz
vor dem Aufbruch geweigert, die Fäustlinge anzuziehen, und auf ihre dünnen
Fingerhandschuhe aus Strick bestanden. Eine ähnliche Fehlentscheidung hatte
sie bei der Wahl ihrer Hose getroffen. Kein Skianzug, wie es Mama gewollt
hatte, sondern eine schlichte Jeans. Getreu dem Motto: Wer nicht hören will,
muss fühlen, hatte Papa den Ausflug gnadenlos durchgezogen und war mit ihr
immer und immer wieder den Nordhügel zu einer erneuten Abfahrt
hochgestiefelt, obwohl Klara schon nach einer Stunde zitternd darum gebeten
hatte, nach Hause gehen zu dürfen.
»Jedes Feuer erlischt, alles warme Leben sickert ins Grab, und unsere
Sonne wird irgendwann verglühen. Nur die sich daran anschließende Kälte
wird die Ewigkeit überdauern.«
Klara hatte nie verstanden, welche Lektion ihr Vater ihr an diesem Tag
hatte erteilen wollen. Auf die Qualen, die sie gerade erlitt, hatte er sie damit
jedenfalls nicht vorbereiten können.
Der Frost reißt mir die Haut vom Körper, dachte sie, während sie kaum
noch imstande war, die Finger zu biegen, damit sie mit bloßen Händen die
Zweige abhalten konnte, die ihr bei dem Gewaltmarsch durch den Wald ins
Gesicht schlugen. Als wären sie schadenfrohe Gegner, die sie für ihren
sinnlosen Fluchtversuch bestrafen wollten.
Auch der Wind schien ihr in die brennenden Ohren eine Art Abgesang auf
ihr bemitleidenswertes Leben zu flüstern: »Du hast es nicht besser verdient.
Wolltest dich umbringen und hast versagt, nun sorgen wir hier draußen für
deinen Tod.«
Klara stolperte mit dem gesunden Fuß über eine armdicke Wurzel, die sie
ebenso wenig sehen konnte wie andere Hindernisse. Normalerweise
schwappte der Berliner Innenstadtlichtkegel auch über die Ränder der
Großstadt bis in den Grunewald hinein, doch heute filterte der Schneesturm
jeden Strahl heraus und hatte eine undurchdringliche Glocke über den Wald
gelegt.
Klara hörte ihren eigenen Atem, kehlig und rau wie der einer alten Frau.
Immerhin weinte sie nicht wie sonst, wenn sie das Gefühl einer tiefen,
unumkehrbaren Ausweglosigkeit in einen Abgrund zu reißen drohte. Aber
vielleicht waren nach all den Ehejahren auch einfach nur ihre Tränen
versiegt. Vielleicht spürte sie auf der kältetauben Haut auch schlicht nichts
mehr.
Ein weiterer heftiger Schmerz, der ihr vom Knöchel bis unter die
Kniescheibe schoss, zwang sie zum Innehalten. Sie hatte keine Ahnung, wie
viel Abstand sie zwischen sich und die Hütte gebracht hatte, aber sie musste
sich ausruhen, allein schon wegen des Seitenstechens, das sie nicht mehr
länger ignorieren konnte.
Ob mein Begleiter noch bei mir ist?
Sie war sich sicher, die Verbindung zu Jules verloren zu haben, aber wenn
das Mobiltelefon noch Akkuleistung hatte, konnte es wenigstens als
Taschenlampe fungieren. Doch um das herauszufinden, müsste es ihr erst
einmal gelingen, das Handy aus der Hose zu ziehen, das wie festgefroren in
der vorderen Tasche klemmte.
Scheiße.
Klara lehnte sich an einen dicken Baumstamm und widerstand der
Versuchung, an ihm hinabzurutschen, um sich ins Unterholz zu setzen. Ihre
Augen gewöhnten sich langsam an die Dunkelheit, aus Schatten wurden
Konturen. Und mit den Konturen formten sich dreidimensionale Gebilde.
Wenn sie sich nicht täuschte, stand sie am Rand eines Pfades, der
vermutlich nicht offiziell angelegt war, dafür war er zu schmal. Sie erinnerte
sich daran, dass sie als Kind Spaß daran gehabt hatte, mit ihren Freundinnen
Geheimwege in den Wald zu schlagen, wobei »schlagen« ein viel zu
martialischer Begriff für eine Zehnjährige war. Sie hatten das Gestrüpp
niedergedrückt und mit Papas Gartenschere kleinere Äste gekappt, und das
auch nur für wenige Meter, bis ein Baum ihnen den Weg endgültig versperrte.
Hier hatten sie dann ihr »Geheimlager« aufgeschlagen und mit Stöcken, Ästen
und Laub ein indianerähnliches Zelt errichtet.
In der Gewissheit, auf ein nutzloses Kinderkonstrukt zu stoßen, lief Klara
dennoch nach rechts, den Pfad entlang, einfach weil sie keine andere Wahl
hatte.
Auch dieser Weg würde zum Seeufer führen, wo Yannick sie erwartete.
Wenn sie sich nicht verlaufen und jämmerlich erfrieren würde, wonach es im
Moment ganz stark aussah.
»Es ist kein Wunder, dass Menschen in ihrem Todeskampf oft davon
berichten, wie kalt ihnen wird. Weil sie eins werden mit der einzigen
Konstante des Universums.«
Ihr Vater, der selbst schon lange in der Kälte des Erdreichs verweste,
nachdem er eines Nachts friedlich eingeschlafen und nie wieder aufgewacht
war, lebte ausgerechnet in ihren letzten Stunden als Geisterstimme in Klaras
Kopf fort. Sie hätte sich etwas Angenehmeres gewünscht, jetzt, da sie auf das
letzte Licht am Ende des Lebenstunnels zulief.
Wobei es Klara irritierte, dass der schmale Pfad vor ihren Augen
tatsächlich heller zu werden schien. Und breiter.
Verdammt, bin ich etwa schon am See?
Sie glaubte, die Wasseraufbereitungsanlage des Öko-Werks rauschen zu
hören, was um diese Jahreszeit natürlich vollkommener Blödsinn war. Doch
ihr Gehirn wollte es nicht wahrhaben, dass Yannick es schon so schnell
geschafft haben sollte, sie hier aufzutreiben.
Woher wusste er, dass ich genau aus diesem schmalen Pfad auf den Weg
zum See trete?
Sie schleppte sich aus dem Wald und sah plötzlich rechts zwei Lichter vor
sich hüpfen, wie übergroße Taschenlampen in den Händen eines außer
Kontrolle geratenen Riesen.
Und noch während sie ihren Fehler erkannte und zurückweichen wollte,
traf sie ein gewaltiger Schlag wie ein Vorschlaghammer. Sie flog durch die
Luft, drehte sich einmal um die eigene Achse und versuchte sich mit beiden
Händen abzuschirmen.
Vergeblich. Die Dunkelheit empfing sie mit knochenbrecherischer Gewalt.
27
Jules
I n der Küche signalisierte die Rippenheizung unter dem Fenster durch ein
stetiges Rauschen, dass sie lange nicht mehr entlüftet worden war. Jules
drehte das Thermostat herunter, und von da an rauschte es nur noch in dem
Ohr, an das er sich das iPhone hielt.
Jetzt, da sein Vater nicht mehr dran war, konnte er das Mikrofon des
Headsets wieder aktivieren.
»Klara, hören Sie mich?«
Auch jetzt keine Reaktion. Wenn er sich nicht irrte, befand sie sich den
Umgebungsgeräuschen nach noch immer außerhalb eines geschützten Raums.
Jules öffnete den Kühlschrank und griff nach Aufschnitt und Butter, beides
legte er auf ein Holzbrettchen neben der Brotbox, in der ein Graubrot lag.
Auf der Suche nach einem Messer blieb der Blick an dem Holzblock
neben der Spüle hängen, und es dauerte einen Moment, bis ihm klar wurde,
was ihn irritierte.
Das Messer!
Das, welches nicht in den Block passte. Dessen geriffelte Klinge aus dem
Küchenblock geragt hatte.
Es ist verschwunden!
Jules tastete nach dem Schlüsselbund in seiner Hosentasche, das war noch
da. Das Messer hingegen …
Jules bestaunte den Holzblock wie Gläubige eine blutende Marienfigur.
Sein Hunger war vergessen, er würde keinen Bissen mehr
herunterbekommen. Nicht nur, weil er begriff, dass er nicht länger alleine
war.
Sondern weil zudem noch ein qualvoller Schrei durch den Flur gellte.
Er kam aus dem Kinderzimmer.
28
Klara
E s war die Nässe, die sie weckte. Der Schneeregen im Gesicht. Blut, hatte
sie zunächst gedacht, weil diese Körperflüssigkeit so gut zu ihren Schmerzen
passte, die sich jetzt nicht mehr nur auf den Knöchel und das Bein
beschränkten, sondern auf die gesamte linke Seite ihres Körpers ausdehnten.
Der gefrorene Sandweg, auf dem sie rücklings lag, stand bestimmt in
keinem öffentlichen Straßenverzeichnis, dafür war er viel zu schmal, und
dennoch war es unter Garantie kein Forstfahrzeug, das sie hier auf dieser
unbefestigten Buckelpiste frontal überrollt hatte. Eher ein Kleinstwagen,
vermutlich ein Smart oder Mini, der wie eine Nussschale auf dem Meer auf
sie zugehüpft gekommen war, so sehr hatten die gefrorenen Bodenwellen den
Pkw zum Schaukeln gebracht.
Allerdings war ihr die Automarke herzlich egal. Entscheidend über Leben
und Tod war die Frage, was für ein Ungetüm sich da gerade aus dem
Wageninneren schälte.
Yannick?
Sie hatte ihn kleiner und schlanker in Erinnerung, doch vielleicht war der
gewaltige Schatten auch nur eine optische Täuschung.
Vielleicht ist das alles hier eine Täuschung?
Klara dachte darüber nach, ob sie ihre Schmerzen so weit aushalten
könnte, um sich aufzurichten und zurück in den Wald zu rennen, doch diese
Überlegung raubte ihr die Zeit zum Reagieren. Der Schatten über ihr wuchs.
Schritte kamen näher.
Zwar schaffte sie es noch, sich zur Seite zu rollen und sich aufzurichten,
konnte sogar die Hand, die sie am Oberarm festhielt, abschütteln. Doch dann
stolperte sie über einen Erdhügel oder einen Ast oder über die eigenen Füße,
das konnte sie nicht mehr spüren. Ihr Körper fühlte sich auf einmal seltsam
taub an, auch ihre Zunge ging schwerfällig, als sie – wieder auf dem Rücken
liegend – schrie: »Lass mich in Ruhe, Yannick! Hau ab! Du mieses
Schwein.«
Doch der Killer tat ihr nicht den Gefallen. Wich keinen Zentimeter zurück.
Stattdessen beugte er sich zu ihr herunter und schien sie im Licht der
Scheinwerfer zu beobachten. Geblendet kniff sie die Lider zusammen.
»Dann lass es wenigstens schnell gehen«, bat Klara und öffnete die Augen
wieder, so weit es ihr möglich war.
Das, was sie über ihrem Kopf schweben sah, ließ sie endgültig an ihrem
Verstand zweifeln.
29
K lara kannte die Theorie von Ockhams Rasiermesser. Sie wusste, dass die
einfachste Erklärung oft die richtige war.
Getreu dem Motto: Wenn etwas wiehernd vor der Haustür
vorbeigaloppiert, ist es vermutlich ein Pferd und kein Zebra. Doch die auf
den englischen Philosophen Wilhelm von Ockham zurückgehende Lehre
brachte Klara, die gerade herauszufinden versuchte, was sich da für eine
Gestalt über sie beugte, keinerlei Erkenntnisgewinn.
Knollennasiges Gesicht, weißer Rauschebart, ein roter Umhang …?
Auch die einfachste aller Erklärungen ergab keinen Sinn.
Aber wenn sie sich auf die wahrscheinlichste Theorie konzentrierte, hing
über ihr ein gutmütig dreinblickender, pausbäckiger Weihnachtsmann.
Ich halluziniere, dachte sie und schloss die Augen. Die Nachwehen des
fehlgeschlagenen Experiments im Berger Hof.
Mit der Dunkelheit wuchs wieder die Überzeugung, Yannick ausgeliefert
zu sein, der sich einen makabren Scherz mit ihr erlaubt hatte.
»Nun mach schon!«, forderte sie den falschen Weihnachtsmann auf. Die
Kälte des Waldbodens, auf dem sie lag, kroch weiter in ihr hoch. Sie
verkrampfte wie auf einem Zahnarztstuhl, kurz bevor der Bohrer auf den
Nerv traf. Klara wusste, die Schmerzen würden kommen, und sie wusste, sie
würden unerträglich sein, aber noch unerträglicher waren die Sekunden
unmittelbar davor, in denen ihr Endgegner ein perverses Katz-und-Maus-
Spiel zu beginnen schien.
»Geht es dir gut? Verdammte Scheiße. Wat machst du denn hier draußen,
Mädel?«, hörte sie den Kostümierten sagen. Seine Worte rochen nach
Alkohol und Tabakrauch, und allein das Sprechen schien dem beleibten
Mann einiges abzuverlangen, denn er keuchte wie ein Paketbote nach einer
Lieferung in den fünften Stock.
Klara öffnete wieder die Augen. »Du bist nicht Yannick«, stellte sie fest.
»Wer bin ick nich?«
Und auch nicht Martin. Ihr snobistischer Mann hasste Dialekte und
würde sich eher die Zunge herausreißen, als »mit dem unverkennbaren
Akzent der Unterschicht« zu sprechen, wie er das Berlinerische bezeichnete.
Wobei der Kerl sich unverkennbar bemühte, hochdeutsch zu reden, und nur
bei einzelnen Wörtern in den Dialekt verfiel.
»Mann, Mann, Mann, ick glaub, dich hat’s mächtig umgezwirbelt. Is wat
gebrochen?«
Klara schaffte es, den Kopf zu heben. Ihre Gedanken tanzten wie das
Schneeflockenkonfetti im Scheinwerferlicht des Wagens, aus dem der Mann
gerade gestiegen war. Sie schätzte ihn auf Mitte fünfzig.
»Nee, beweg dich nich. Ick hab jehört, wenn wat mit der Wirbelsäule is,
könnte es ungemütlich werden.«
Klara hätte am liebsten losgelacht. »Ungemütlich« passte auf ihre
Gesamtsituation – und das wahrlich nicht erst seit heute Nacht. Was hingegen
ganz und gar nicht passte, war der Santa Claus, der gerade sein Handy ans
Ohr nahm.
»Halt!«, herrschte sie ihn an, kraftvoller, als sie sich zugetraut hätte.
»Schätzchen, wir müssen einen Krankenwagen holen, auch wenn ick
keene Ahnung hab, wie der hier rinkommen soll. Verdammt, wat haste dir
dabei gedacht, mir einfach so wie Bambi ausm Wald vor die Karre zu
hüpfen?«
»Kein Problem, mir geht’s gut«, log Klara. »Nichts gebrochen«, sagte sie
und hoffte, dass wenigstens das der Wahrheit entsprach. Sie biss die Zähne
zusammen und schob sich in eine sitzende Position.
»Ernsthaft? Das war ein gewaltiger Rums.«
»Ja, ernsthaft. Wer sind Sie?«, fragte sie den Mann, dessen Gesicht nur
aus Haaren und Bart zu bestehen schien, und hätte am liebsten nachgesetzt:
Sind Sie real? Oder eine Nachwehe meines psychotischen Experiments?
In ihren eigenen Ohren hörte sie sich völlig unverständlich und
vernuschelt an, doch sie bekam eine Antwort: »Ick bin Hendrik, von Jimmy-
Hendrik-Entertainment. Normalerweise steck ich neuen Bekanntschaften
immer meine Karte zu. Aber ohne unhöflich sein zu wollen, du siehst nicht so
aus, als ob du mich in nächster Zeit mal buchen willst.«
Klara lachte ungläubig auf und versuchte sich weiter aufzurichten. »Sie
tun nur so?«
»Nee, ick bin wirklich Santa Claus.« Der Mann wandte sich
kopfschüttelnd ab und murmelte zu sich selbst: »Alter, die ist schon vor dem
Unfall offenbar einmal zu oft gegen ’ne Tanne gelatscht.«
Er sah zu seinem Wagen und kratzte sich am Hinterkopf. »Mann, Mann,
Mann. Ick dachte schon, die verrückten Weiber im Forsthaus kann niemand
toppen, aber das hier ist ja noch ein Stück heftiger. Obwohl, Moment mal.«
Offenbar besann er sich darauf, dass er nicht alleine war, und drehte sich
wieder zu Klara zurück. »Gehörst du zu den Waldarbeitern?«
»Zu wem?«
»Die haben das Forsthaus in Beschlag genommen und ziehen da eine Feier
ab, dagegen ist Lollapalooza ein Kindergeburtstag, ick schwör’s dir. Eine
von den Ollen hat mich ernsthaft gefragt, ob sie ihren Glühwein aus meinem
Stiefel saufen darf. Und du wirkst mir so, als hättest du es ihr vorgemacht, um
dich danach vor meine Karre zu schmeißen.«
Klara griff nach seiner ausgestreckten Hand und zog sich an ihr hoch. »Ich
bin nicht betrunken«, lallte sie und schaffte es nicht, einen spitzen Schrei zu
unterdrücken, als sie das Bein belastete.
»Klar, und ick bin mit meinen Rentieren unterwegs, hey, Moment mal.«
Schritt für Schritt stakste Klara dem Scheinwerferlicht des Kleinwagens
entgegen, der sich dem Logo nach als irgendein Japaner oder Koreaner
entpuppte, so gut kannte Klara sich da nicht aus.
»Wo willst du hin?«
Klara gab ihm keine Antwort, denn tatsächlich hatte sie keine Ahnung.
Ihre vereiste Hose scheuerte im Schritt, ihr Körper zitterte gleichermaßen
vor Erschöpfung und Kälte. Nur an die Schmerzen durch den Aufprall war
sie gewöhnt. Sie fühlte sich wie verprügelt. Alles, was sie noch über die
Lippen bekam, war ein »Mir ist kalt«. Dann riss sie die Wagentür auf und
ließ sich auf den Beifahrersitz fallen.
»Allet klar, logisch. Kein Problem. Fühl dich ganz wie zu Hause, jetzt,
wo wir uns so gut kennen«, hörte sie Hendrik hinter sich rufen. »Alter,
Sachen jibt’s. Dit gloobt mir keener.«
Er kam ihr hinterher, öffnete die Fahrertür und drehte sich wie eine
Schraube neben ihr in den Wagen. »Also, ick bring dich jetzt in eine
Notaufnahme.«
Ein Wunder, dass er bei seinem Volumen überhaupt auf den Fahrersitz
passte.
»Nein, könnten Sie mich bitte …« Klara hörte mitten im Satz auf zu reden,
weil sie keine Ahnung hatte, wohin der kostümierte Unbekannte sie
stattdessen fahren könnte. Allerdings machte der keine Anstalten, den Motor
anzulassen.
»Ick fahr hier keinen Millimeter, bevor du mir nicht sagst, wat Sache ist.
Wer biste? Und wat machste um diese Uhrzeit mitten im Nirgendwo?«
»Das ist eine lange Geschichte«, murmelte sie.
»Ich hab Zeit.«
Klara musste trotz ihres erbärmlichen Zustands lächeln. Als sie darüber
nachdachte, wie sich wohl die Wahrheit für ihren kostümierten Retter
anhören würde, musste sie aufpassen, nicht wie irre loszulachen.
»Ich werde erpresst, entweder meinen Mann oder mich selbst zu töten.
Da ich eine schwache Frau bin, wie mir jüngst am Begleittelefon bestätigt
wurde, entschied ich mich für den Selbstmord, war aber zu blöd, am
Teufelsberg vom Kletterfelsen zu springen, und auch das mit den
Autoabgasen hab ich nicht hingekriegt. Weswegen ich jetzt auf der Flucht
aus meiner Gartenlaube vor dem Kalender-Killer dem Weihnachtsmann
vor seine Mini-Karre gelaufen bin.«
Da sie ihre Gedanken für sich behielt, übernahm Santa-Hendrik das
Sprechen für sie: »Weißt du überhaupt, was du für eine Suppe hast? Ich hab
hier ne Ausnahmegenehmigung von den Flitzpiepen bekommen. Hier darf
normalerweise niemand langfahren, den Weg kennt sonst auch keiner, der
nicht in den Wäldern arbeitet.«
Ihr Handy meldete sich mit einem Akkustandssignalton und erinnerte sie,
dass sie maximal noch zwanzig Prozent Ladeleistung hatte.
Klara zog es aus der Hosentasche hervor und stellte erstaunt fest, dass die
Verbindung mit Jules noch stand.
»Hallo? Hören Sie mich?«
Die Antwort kam beinahe umgehend, allerdings sehr leise. »Ja, ich bin
noch dran. Alles gut bei Ihnen?«
»Hm, wie man’s nimmt.«
Sie sah zu Hendrik, der ihr einen skeptischen Blick zuwarf und sich
vermutlich fragte, weshalb die Gestörte es vorzog, halb erfroren durch den
Wald zu irren, als mit ihrem Handy Hilfe zu holen.
»Ich bin schwach, und mir ist kalt. Ich weiß nicht, wo ich hinsoll.«
Hendrik schüttelte konsterniert den Kopf, als könne er mit jeder Sekunde
weniger fassen, in welche Situation er da hineingeschlittert war, aber
immerhin startete er den Motor und damit die Heizung.
Jules sprach derweil noch leiser, beinahe flüsternd: »Sagen Sie mir, wo
Sie sind. Ich hole Sie ab, Klara.«
»Ich weiß nicht, wo ich bin, ich sitze in einem Auto.«
»Ihr Auto?«
»Nein, ich wurde mitgenommen.«
»Von wem?«
»Vom Weihnachtsmann.« Sie lachte hysterisch auf. Oh Gott, auch Jules
musste sie für besoffen halten. »Kein Witz, neben mir sitzt Santa in voller
Montur. Mit Stiefeln, Mantel, Perücke und Vollbart.«
Eigentümlicherweise war es gerade die Absurdität dieser Kostümierung,
die dafür sorgte, dass sie weniger Angst vor diesem Unbekannten hatte, als
es angebracht gewesen wäre. Immerhin war sie schon mehrfach im Leben auf
das sympathische Äußere eines Mannes hereingefallen.
»Geben Sie mir den Kerl«, forderte Jules sie auf.
Erst wollte sie protestieren, aber zu welchem Zweck? Sie hatte doch
ohnehin keinen Plan mehr, den ihr Begleiter durchkreuzen könnte.
»Moment.«
Klara wollte Hendrik gerade den Hörer reichen, als sie ein extrem
verstörendes Geräusch hörte.
»Was war das?«
Sie führte das Telefon zurück ans Ohr in der Hoffnung, sich getäuscht zu
haben. Aber es wiederholte sich.
Abgehackt, verzerrt und dennoch unverkennbar.
Klara fragte sich, ob das wirklich sein konnte. Jules hatte doch gerade
behauptet, seine Kinder wären bei dem Wohnungsbrand gestorben.
Valentin sofort. Fabienne hatte er angeblich beim Sterben zugesehen.
Und doch war es ganz sicher ein kleines Mädchen gewesen, das gerade
eben auf Jules’ Seite der Leitung jämmerlich um Hilfe geschrien hatte.
30
Jules
Jules überlegte, was ein normaler Mensch in dieser Situation tun würde, und
entschied sich für das Nächstliegende. Bevor er Dritte um Hilfe bat, musste
er sich selbst vergewissern und die Wohnung komplett und gründlich
durchsuchen. Abgesehen davon, dass kein Polizist zu ihm kommen würde,
einzig und allein wegen des Hinweises: »Kommen Sie schnell, meine
Tochter und ich sind in Gefahr. Ich habe ein klimperndes Schlüsselbund
gehört, und mir fehlt ein Küchenmesser.«
An einem Wochenende wie diesem, bei dem allein das Wetter die Stadt in
den Ausnahmezustand versetzte, gab es für den Bezirk vielleicht drei
Streifen, und die hatten gravierenderen Hinweisen nachzugehen.
Jules überlegte gerade, mit welchem Zimmer er die Durchsuchung
beginnen sollte, als sein Handy vibrierte.
Keine Begrüßung, keine einleitenden Worte. Sein Vater kam gleich zur
Sache: »So, ich hab mal ein paar Drähte glühen lassen, was um diese Uhrzeit
nicht so easy ist, wie du dir vorstellen kannst, Junge. Aber ich hab da einen
Premiumkontakt zu einer Eins-a-Krankenschwester.«
Aha. Premiumkontakt.
So bezeichnete er heute also seine sexuellen Eskapaden. Jules,
mittlerweile in der Küche angekommen, wunderte sich, dass es immer noch
genügend junge und meist sogar gut aussehende Frauen gab, die auf die
Privatdetektiv-Masche dieses in die Jahre gekommenen Playboys
hereinfielen. Vielleicht wurden sie von seiner dunklen Ader angezogen, die
bisweilen durchschimmerte wie Falten unter brüchigem Make-up. Sein Vater
hatte ihm bei einer Weihnachtsaussprache einmal unter Tränen versichert,
wie sehr er sein damaliges gewalttätiges Verhalten bereue. Auch dass er
seine Wut über sein verkorkstes Leben an seinem Sohn ausgelassen habe,
nachdem er Mama aus dem gemeinsamen Leben geprügelt hatte. Doch Jules
hatte ihm seine Reue nie geglaubt. Für ihn hatte es sich wie die Beteuerungen
eines Alkoholikers angefühlt, der allen erzählt, dass er jetzt ein für alle Mal
trocken bleiben will, während er sich schon eine Entzugsklinik in der Nähe
seiner Stammkneipe ausgesucht hat.
»Was hast du für mich?«, fragte Jules und fuhr herum. Im matten Spiegel
des verchromten Kühlschranks meinte er einen Schatten hinter sich gesehen
zu haben, doch die Küche war leer.
»Zwei Worte: Vergiss es!«
»Gar nichts?«
»Ich meine: Du sollst die Tante vergessen. Die ist nicht ganz koscher. Ja,
sie war im Berger Hof in Behandlung, aber nicht als Teilnehmerin eines
Experiments, sondern weil sie wirklich unter einer dissoziativen Störung
leidet – oder wie man das nennt, wenn man Wahn und Wirklichkeit nicht
mehr unterscheiden kann.«
»Und?«
»Und? Was brauchst du denn noch, um zu kapieren, dass du dich verrannt
hast? Schalt mal dein Helfersyndrom in den Pause-Modus. Wenn du schon
die Welt retten willst, konzentrier dich auf reale Menschen. Auch von diesem
Johannes Kiefer hat nie jemand etwas gehört. Es gab und gibt dort keinen
Arzt mit diesem Namen.«
Jules zog sich einen Barhocker heran und setzte sich an den Arbeitsblock
der Kücheninsel. Von hier aus hatte er einen guten Blick durch die offen
stehende Küchentür den Flur hinunter. Sollte sich jemand dem Kinderzimmer
nähern, würde er es sehen und hören.
»Check noch mal unter dem Namen Yannick. Und was ist mit Kernik?«
»Ach ja, richtig, das ist der Oberhammer. Ihn hatte ich persönlich am
Apparat.«
»Er lebt?«
»Putz und munter. Was wohl bedeutet, dass der Assistenzarzt nie aus dem
Fenster gesprungen ist, wie deine Märchentante dir weismachen will.«
»Merkwürdig.«
Jules öffnete die oberste Schublade der Kücheninsel. Aus den sich darin
befindlichen Backutensilien (Förmchen, Rundholz, Backpapier) konnte er
sich keine brauchbare Bewaffnung bauen, gegen welchen Eindringling auch
immer, sollte es denn überhaupt einen geben.
»Nicht merkwürdig. Sondern wahnsinnig. Leg einfach auf und vergiss sie.
Ich geh wieder ins Bett.«
»Nein, das tust du nicht.«
Jules musste sich eingestehen, dass die Schlussfolgerung seines Vaters
naheliegend war: Er hatte sich verrannt. Aber schon aus Prinzip wollte er ihn
nicht so einfach von der Leine lassen. »Hast du Klaras Nachnamen in
Erfahrung gebracht?«
»Nein. Und auch keine Adresse.«
Wie bitte?
»Woher wusste dann die Krankenschwester, von wem die Rede ist?«
»Weil sich noch alle gut an das verrückte Huhn erinnern können, das
schreiend durch die Klinik lief und behauptete, ein Arzt hätte sich das Leben
genommen. Kommt auch dort nicht so oft vor.«
Jules schüttelte den Kopf. Die Geschichte konnte so nicht stimmen. Sein
Vater war müde und hatte einfach keine Lust auf eine korrekte Recherche.
»Lass mich raten: Deine Quelle hat mitten in der Nacht keinen Zugriff auf die
Datenbank mit den Patientendaten?«
»Bingo.«
»Nun gut, dann bleib dran. Ich will wissen, mit wem ich da spreche. Ach,
und du musst für mich ins Le Zen .«
»Das Hotel?«
»Ganz genau.«
»Was soll ich da?«
Jules kniff die Augen zu, was etwas unsinnig war, war es doch kein
visueller Reiz, der ihn gerade alarmiert hatte, sondern ein Knacken. Wobei
das von den alten Fenstern rühren konnte. Draußen fiel noch immer
Schneeregen, und der Wind rüttelte in böigen Abständen an allem, was sich
ihm in den Weg stellte. Kein Wunder, dass es im Inneren der Wohnung hin
und wieder im Gebälk und Gemäuer ächzte und krachte.
»Ich sag’s dir, wenn du in dreißig Minuten in der Lobby stehst«, sagte er
zu seinem Vater, der postwendend protestierte: »Hast du mal einen Blick auf
die Uhr und durchs Fenster geworfen? Ich hab keinen Bock, bei dem Wetter
meine warme Hütte zu verlassen.«
»Und doch wirst du es tun.«
»Und wenn nicht?«
»Werde ich nie wieder in diesem Leben ein Wort mit dir wechseln.«
Die finale Drohung. Jules wusste, auch wenn er ihn ständig beschimpfte,
so war er doch für seinen Vater im Grunde der einzig wirklich relevante
Kontakt. Auf den ersten Blick wirkte H. C. Tannberg wie der Stamm einer
mächtigen Eiche. Was dem Blick Außenstehender verborgen blieb, war, dass
dieser Baum nur noch von wenigen im Erdreich verborgenen Wurzeln
gehalten wurde. Die stärkste hatte er mit seiner Frau verloren, Freunde gab
es nur wenige. Sollte er jetzt auch noch die Verbindung zu seinem Sohn
kappen, würde er beim nächsten Sturm ins Wanken kommen und umstürzen.
»Okay, okay. Ich mache es«, kam es auch prompt. »Aber wenn du mich
fragst, solltest du dir über etwas ganz anderes Gedanken machen.«
Jules musste blinzeln. »Und das wäre?«
»Nun, du sprichst mit dieser Tante Klara übers Notebook, richtig?«
»Korrekt.«
»Und das hast du heute von diesem Caesar bekommen?«
»Ja.« Worauf wollte sein Vater hinaus?
»Und der erste Anruf, kurz nachdem du dessen Schicht übernommen hast,
kommt ausgerechnet von einer Selbstmordkandidatin, die wie Dajana im
Berger Hof in Behandlung war?« Sein Vater schnalzte mit der Zunge. »Also
wenn das nicht ein unglaublicher Zufall ist, dann weiß ich auch nicht.«
Du hast recht. Das alles hier kann kein Zufall sein, dachte Jules und
legte erneut den Kopf schief. Wieder schloss er die Augen, was im Grunde
unsinnig war, denn dadurch wurden seine Sinne auch nicht schärfer. Im
Gegenteil. Sie spielten ihm vermutlich sogar einen Streich.
Unschlüssig, ob er nur ein Opfer seiner Vorstellungskraft war, drückte
Jules seinen Vater weg, nahm das stumme Handy zur Hand, mit dem er hoffte,
noch immer die Verbindung zu Klara zu halten, und folgte dem Geräusch
eines tropfenden Wasserhahns.
Von wo immer es auf einmal auch herkam.
32
Klara
S elbst-mord
Fol-ter
Schmer-zen
D ie Fahrt von den S-Bahn-Bogen dauerte nicht einmal fünf Minuten. Länger
brauchte es nicht vom Fegefeuer bis zur Hölle hinter dem Breitscheidplatz.
»Kopf runter!«, befahl Martin. Er ließ ihr nicht die Zeit, seinem Befehl
Folge zu leisten, sondern drückte ihren Kopf nach vorne, sodass sie mit der
Stirn unsanft auf der Plastikverkleidung aufschlug. Die Handschelle, von der
Martin sie anscheinend heute Nacht nicht mehr befreien wollte, grub sich
wieder schmerzhaft ins Handgelenk.
Das gibt eine weitere Schürfwunde, dachte sie, den Kopf auf dem
Armaturenbrett. Hättest du den Mut gehabt und wärst vom Kletterfelsen
gesprungen, wären dir diese und all die Verletzungen, die heute noch
folgen werden, erspart geblieben.
Ob er sie auch zwingen würde, sich einen Zahn herauszubrechen?
Klara spürte, wie die Fliehkräfte an ihr zerrten, als Martin mit
halsbrecherischer Geschwindigkeit eine Art Serpentinenstrecke hochschoss.
Der Motor des Kleinwagens schrie wie der einer billigen Nähmaschine.
Klara wurde übel, als Martin abrupt auf die Bremse stieg.
Es knackte in ihren Ohren, so hart zog er sie an den Haaren wieder nach
oben. Mit tränengetrübtem Blick versuchte sie sich ein Bild von ihrer neuen
Lage zu machen.
»Wo sind wir hier?«
»Wonach sieht es denn aus?«
Nach einem Klischee.
Nach exakt dem Ort, an dem Frauen sich fürchteten, vergewaltigt zu
werden. Und genau deshalb hatte Martin ihn ausgesucht.
Ihr Wagen stand schräg auf der verwaisten Ebene eines oberirdisch
gelegenen Parkhauses, eingeklemmt zwischen zwei Betonpfeilern, die sich
gegen die niedrigen Decken stemmten.
Bis auf einen verstaubten, felgenlosen VW -Käfer fünf Haltebuchten
neben ihnen stand kein weiteres Auto auf einer Fläche von bestimmt vier
Tennisplätzen. Die meisten Parkmarkierungen waren vor Schmutz und
Taubendreck kaum noch erkennbar. Die grauen Betonwände waren
graffitibeschmiert, die Deckenbeleuchtung funktionierte nicht, vermutlich war
der Hauptstrom längst abgestellt. Dass man überhaupt etwas erkennen konnte,
war zwei Baustellenscheinwerfern zu verdanken. Einer stand rechts von ihr
in der Nähe der Notausgangstür, der andere zu ihrer Linken vor einer
gewaltigen graugrünen Planenwand, mit der Klara die Sicht zur Straße
genommen wurde. Passanten, die von unten hochsahen, mussten denken, dass
nächtliche Arbeiten am Werk waren. Nichts ahnend von dem wahren Grauen,
das sich hier abspielte.
»Die eigentliche Party steigt auf Deck sieben«, erklärte ihr Martin und
schnallte sich ab. »Aber wir haben einen eigenen Stall für uns.«
»Stall?«
»Was glaubst du, wohin läufige Stuten zur Disziplinierung gebracht
werden?«
In ein Abrissparkhaus?
»Normalerweise dürfen dich bis zu acht Männer gleichzeitig zähmen«,
erklärte er ihr sachlich, als erläutere er ihr die Regeln eines
Gesellschaftsspiels. »Und es ist auch ratsam, mit einem SUV oder Kombi zu
kommen, damit die Hengste eine größere Ladefläche zur Verfügung haben.
Aber wenn man improvisiert, darf man nicht wählerisch sein.« Martin
tätschelte das Lenkrad.
»Bitte«, versuchte Klara das Unmögliche und erniedrigte sich, indem sie
ihren Mann anflehte: »Lass mich gehen. Du darfst Amelie behalten, ich weiß,
du bist gut zu ihr. Ich mach dir doch nur Ärger. Ich verspreche dir, wenn du
mich jetzt gehen lässt, wirst du mich nie wieder in deinem Leben zu Gesicht
bekommen.«
»Du verstehst es nicht. Du hast mich nie verstanden.«
Er sah sie traurig an und schien den Irrsinn, den er von sich gab, wirklich
zu glauben. »Ich liebe dich. Selbst wenn du Fehler machst. Selbst wenn du
mir Roggentoast ans Bett bringst, obwohl du doch weißt, dass ich nur den mit
Weizen mag. Selbst wenn du das Besteck mit den Griffen nach oben in die
Spülmaschine einsortierst, obwohl ich dir bestimmt hundertmal erklärt habe,
dass es dann nicht so sauber wird. Selbst nachdem ich dich dafür bestraft
habe und mich selbst hasse, weil du mich mal wieder dazu getrieben hast.
Selbst dann liebe ich dich.«
»Kein Mann, der seine Frau liebt, tut ihr das hier an.«
»Falsch. Nur schwache Männer lassen es zu, dass ihre Frauen
verwahrlosen. Es ist wie mit Kindern. Sie brauchen Regeln. Es ist kein
Zeichen von Liebe, wenn man ihnen alles durchgehen lässt, ganz im
Gegenteil. Es ist Faulheit und Schwäche, wenn Eltern nicht auf Manieren
achten. Es ist im Grunde sogar ein Verbrechen, denn die Kinder solch
antiautoritärer Eltern werden später nicht lebensfähig sein und selbst zu
schlechten Eltern werden, die wiederum faule, lebensunfähige Kinder
produzieren.«
»Du bist nicht mein Vater.«
»Und doch bügele ich dessen Erziehungsfehler wieder aus.«
»Nein, Martin. Du bist krank. Ein von Minderwertigkeitskomplexen
zerfressenes, schwanzloses Arschloch, das anderen Männern erlaubt, die
eigene Frau zu schlagen. Du lässt sie demütigen, um ihre Flügel zu brechen.
Weil du es nicht ertragen könntest, wenn dir deine schöne, kluge und
selbstbewusste Frau davonfliegt. Du denkst, du hättest mich auf diese Weise
unter Kontrolle. Aber das ist nichts anderes als Selbstmord aus Angst vor
dem Tod.«
Paradoxerweise musste Klara grinsen, während sie ihrem Mann zum
ersten Mal in ihrer toxischen Ehe die ungeschminkte Wahrheit sagte.
Unbewusst zitierte sie dabei Worte, die sie gerade erst von Jules am
Begleittelefon gehört hatte.
»Danke«, sagte Martin und tätschelte ihr die Hand. »Danke, dass du es
mir jetzt noch leichter gemacht hast. Denn glaube mir, auch für mich ist das,
was jetzt kommt, kein Spaß. Ich werde auch nicht zusehen. Es würde mir das
Herz brechen. Doch wer weiß, vielleicht werten wir später einmal
gemeinsam die Videodokumentation aus.«
Klara sah sich um, konnte aber keine Kamera entdecken.
»Die kommt erst noch«, sagte Martin, der ihre Gedanken erahnte. »Die
Regeln im Stall sind ganz einfach. Der, der am meisten zahlt, hat die meisten
Rechte. Er bekommt eine GoPro, wenn er sich später noch einmal im
Nachgang alles ansehen will.«
»Acht Männer?«
»Auf Deck sieben. Ich hab bei Lousanne den Wildfang-Stall gebucht. Er
ist für die widerspenstigsten Stuten. Die, die mehr als nur eine Züchtigung
brauchen. Von einem einzigen Mann, der mit äußerster Härte vorgehen darf.«
Martin brauchte nicht weiterzureden. Klara konnte in seinen wütenden
Augen lesen, was er unausgesprochen ließ: »Hier werden die Frauen nicht
nur gebrochen. Hier werden sie zerstört.«
»Du bekommst Besuch vom Meistbietenden«, erklärte er ihr und schien
sich an der Angst in ihren Augen zu weiden.
Er versteigert mich. Dieses gestörte, geisteskranke Schwein hat mich
zur Auktion freigegeben.
Mit der Mitgliedschaft in Lousannes »Herrenclub« bekam man einen
Account bei einem ausländischen Geldtransfer-Service, mit dem man in
Echtzeit die »Clubbeiträge« überweisen konnte, so hatte Martin es ihr auf
dem Heimweg nach jener Nacht im Le Zen erklärt, als wäre das in ihrem
geschändeten Zustand eine für sie relevante Information gewesen. Das war
typisch für ihn. Sobald ihr Mann nicht mehr sexuell erregt war, fing er an,
seine Exzesse zu bereuen, und das machte ihn redeselig. Fast so, als würde
er denken, ein Missbrauch wäre weniger abscheulich, wenn in der
Gegenwart des Opfers ganz offen über alle Einzelheiten der Ausführung und
Umsetzung gesprochen wurde.
»Ich hoffe, die Sonderbehandlung wird dir eine Lehre sein«, sagte Martin
und stieg aus. Sichtlich erregt, wie Klara hören und sehen konnte.
»Du Dreckschwein«, brüllte sie ihm nach, ohne Furcht, es damit noch
schlimmer zu machen, denn sie wusste, schlimmer als das, was sie erwartete,
konnte es nicht mehr werden. Es stand ihr nun genau das bevor, weswegen
sie den Freitod geplant hatte.
»Du perverse, geisteskranke Sau!«, schrie sie noch lauter, aber Martin
war schon so weit weg, dass er sie nicht mehr hören konnte.
Sie schrie, strampelte, weinte, riss sich die Haut am Handgelenk weiter
auf, kugelte sich beinahe die Schulter aus, weil sie sich mit dem gesamten
Gewicht an den Haltegriff hängte, und änderte dennoch nichts an ihrer
ausweglosen Lage. Erschöpft und außer Atem von den nutzlosen
Anstrengungen ließ sie den Kopf hängen. Dachte an die unerreichbaren
Handschellenschlüssel neben ihrem Sitz, überlegte, ob es ihr gelingen
könnte, sie zu greifen, wenn sie sich die Schulter auskugelte, schüttelte den
Kopf, weil sie diese Schmerzen niemals aushalten würde. Und beim
Kopfschütteln, in dem Moment, in dem sie eine schwere Tür rechts von sich
ins Schloss fallen hörte, fiel ihr etwas auf.
Sie sah nach links. Zur Fahrerseite.
War das möglich?
Schritte näherten sich. Halb so schnell wie ihr Herzschlag, der immer
heftiger wurde.
Das gibt es doch nicht, … oder doch?
Klara biss sich auf die Unterlippe, um vor Aufregung nicht loszuschreien.
Wenn sie sich nicht irrte, hatte Martin eben einen entscheidenden Fehler
gemacht.
41
Jules
J ules krachte in dem Moment gegen die Wand, in dem sein Vater zu rennen
begann.
Er hatte so heftig an der Tür zur Abstellkammer gezerrt, dass sich die
Klinke gelöst hatte und er mitsamt herausgerissenem Türgriff zurücktaumelte.
Dabei stauchte er sich die Schulter, sodass ihm vor Schmerz das
Schlüsselbund entglitt, das er zum Schlagring in seiner Faust umfunktioniert
hatte. Das Handy hatte er nicht fallen lassen, dennoch stand die Verbindung
mit seinem Vater kurz vor dem Abriss. Rascheln, Knistern, Schaben.
Klatschende Schritte auf hartem Untergrund.
Aus den Geräuschen in der Leitung schloss er, dass Hans-Christian
Tannberg sich das Telefon in die Hosentasche gesteckt hatte und im
Treppenhaus des Parkhauses einen Spurt hinlegte.
»Vater?«
Er hörte nur »Scheiße«, gefolgt von anderen Flüchen, alle gedämpft und
von den Nebengeräuschen überlagert, die die am Körper reibenden Textilien
im Laufen erzeugten.
So schwer er zu verstehen war, so klar war Jules, dass sein Vater in
ernsthaften Schwierigkeiten steckte. Vermutlich hatte er einmal zu oft durch
den Türspalt zum Parkdeck gelugt. Irgendjemand war hinter ihm her,
verfolgte ihn wahrscheinlich, um den ungebetenen Zeugen der »Party« zu
stellen.
»Was ist los?«
»Bin … im … Treppenhaus …«, keuchte sein Vater. Dann: »Oh nein …
abgeschlossen …«
Und als Jules meinte, ein metallisches Klappern gehört zu haben, wie bei
einem Maschendrahtzaun, an dem jemand rüttelte, riss die Verbindung ab.
»Hallo?«
Jules rieb sich die schmerzende Schulter und kontrollierte sein
Handydisplay.
ANRUF FEHLGESCHLAGEN stand dort, als hätte er nie mit seinem
Vater gesprochen, und das Gespräch wäre gar nicht erst zustande gekommen.
Jules wunderte sich nicht zum ersten Mal über diese im Grunde fehlerhafte
Anzeige, wenn ein Telefonat durch ein Funkloch beendet wurde.
Er drückte auf Wahlwiederholung und ließ es läuten. Einmal, zehnmal.
Zwanzigmal. Sein Vater hatte keine Mailbox, nach dem dreißigsten Klingeln
schaltete der Netzbetreiber automatisch auf besetzt, und Jules musste es noch
einmal versuchen.
Dabei öffnete er bestimmt zum fünften Mal in dieser Nacht die Tür zum
Kinderzimmer, hier war weiterhin alles ruhig und friedlich.
Kein Eindringling, kein leeres Bett, keine Veränderung.
»Meine Kleine«, flüsterte Jules und setzte sich ans Kinderbett. Ihr Atem
ging schwer, aber gleichmäßig. Die Albträume von vorhin schienen zu
pausieren. Er zog die Decke etwas höher, dabei beschlich Jules ein Gedanke,
der ihn frösteln ließ.
Was, wenn du nicht nur eine harmlose Erkältung hast?
Er tastete nach ihrer nebelfeuchten Stirn und musste an die Tabletten im
Orangensaft denken.
Jules griff nach der Trinkflasche mit dem Hello-Kitty-Motiv neben dem
Bett und trug sie aus dem Zimmer, um sie im hellen Licht der Küche nach
Rückständen zu untersuchen, auch wenn das im Grunde albern war. Er hatte
niemanden in der Wohnung gesehen, keine Schritte gehört, und die Tür zum
Kinderzimmer hatte sich keinen Zentimeter bewegt.
Und dennoch war Jules sich sicher, dass er etwas übersehen hatte.
Nur was?
Kaum war er im Flur, kündigte der Vibrationsalarm seines Handys wieder
einen Anruf an, wie das Rasseln einer Klapperschlange eine Gefahr.
»Vater?«
»Wie er leibt und lebt. Himmel, war das knapp.«
»Wo bist du?«
»Wieder im Taxi. Ich will nur noch hier weg. Fast hätten die mich am
Rolltor gehabt, aber das war so klapprig, dass ich es zur Seite drücken und
mich rausschieben konnte.«
Sein Vater lachte euphorisch, offenbar aufgepeitscht von dem Gefühl,
einer Gefahr in letzter Sekunde entkommen zu sein.
»Die wollten mich vermöbeln, so viel war klar.«
»Wer die? «
Jules entfernte sich von dem Kinderzimmer, dessen Tür er am liebsten
verschlossen hätte. In der gesamten Wohnung gab es, abgesehen von der
Haus- und Badezimmertür, keine Schlüssel. Was den Umstand, dass Jules die
Abstellkammer nicht öffnen konnte, umso merkwürdiger machte.
»Na, die Perversen von der Parkhausparty. Keine Ahnung, wer das war.
Drei Typen. Sie trugen alle Sturmhauben.«
»Irgendwelche besonderen Merkmale?«
»Ja. Einen kann ich dir genau beschreiben. Aber das wird dir nicht
gefallen.«
Jules hätte um ein Haar vor lauter Nervosität einen Schluck aus der
Hello-Kitty-Flasche genommen.
»Wie meinst du das?«
Er hörte, wie sein Vater sich über die Route beschwerte, die der
Taxifahrer nahm (»Ist mir egal, ob die Stadtautobahn schneller ist, sie ist
teurer, du Halunke«), dann sagte er: »Er hatte helle, blonde, halblange
Haare. Wie ein Hippie. Sie lugten unter der Maske hervor. Schlanke,
sportliche Statur, etwa in deinem Alter. Klingelt da was?«
»Nein.«
»Er hielt einen Tonfa in der rechten Hand.«
»Und?« Jules war genervt in der Küche angekommen und stellte die
Flasche neben die Spüle.
Einen Schlagstock, wie ihn auch die Polizei benutzte, konnte sich jeder
Irre im Internet bestellen. Jules ging es zunehmend auf den Geist, dass sich
sein Vater jede Information aus der Nase ziehen ließ.
»Ich verstehe nicht, was du mir sagen willst.« Er hielt die durchsichtige
Trinkflasche ins Licht der Deckenlampe und konnte nichts erkennen. Keine
Verunreinigung, keine Flocken und erst recht keine Tabletten. Als sein Vater
aber weitersprach, fühlte er sich, als wäre sie mit Gift gefüllt und er hätte
gerade einen großen Schluck daraus getrunken, denn Hans-Christian
Tannberg sagte: »Weißt du, von wem ich rede, wenn ich dir verrate, dass der
Typ ein Paragrafenzeichen als Tattoo auf dem Mittelfinger trägt?«
42
J ules, der gerade die Flasche neben der Spüle hatte abstellen wollen,
erstarrte in der Bewegung, wie früher Fabienne und Valentin auf
Kindergeburtstagen, wenn sie Stopp-Tanz gespielt hatten und die Musik
aufhörte.
»Das ist unmöglich.«
»Wieso?«
»Weil Caesar im Rollstuhl sitzt.«
»Seit wann, Junge? Warst du dabei, als die Ärzte ihn nach dem Unfall
entlassen haben? Hast du seine Krankenakte gelesen?«
»Nein, aber …«
Jules’ Tinnitus, sein summender Stressbegleiter, meldete sich zurück.
»Nein, hast du nicht«, unterbrach ihn sein Vater. »Er wäre nicht der Erste,
der vortäuscht, auf einen Rollstuhl angewiesen zu sein. Du weißt gar nicht,
wie viele Versicherungsbetrüger mit dieser Masche ich schon überführt
habe.«
»Caesar ist bei einem Date. Er hat mir davon erzählt. Seine Flamme sitzt
ebenfalls im Rollstuhl.«
»Behauptet er.« Sein alter Herr seufzte. »Wenn du mir nicht glaubst,
Junge, dann ruf ihn doch an.«
»Was soll das beweisen?« Jules tigerte beim Sprechen um den
Küchenblock herum. »Wenn er nicht rangeht, ist er mit Ksenia beschäftigt.«
»Du hast Angst vor der Wahrheit«, sagte sein Vater in dem eigentümlichen
Singsang, mit dem er ihn schon als Kind kirre gemacht hatte. Selbstverliebt
grinsend, als hätte er die Weisheit der Welt gepachtet.
»Bleib dran!«, bellte Jules seinen Vater an, legte ihn in die Warteschleife
und wählte aus dem Favoriten-Speicher die Nummer seines besten Freundes.
Es dauerte eine Weile, bis sich die Verbindung aufbaute. Zuvor rauschte es
kurz, wie bei einem altmodischen Ferngespräch.
So ein Schwachsinn …
Natürlich wusste Jules, dass sein Vater sich geirrt haben musste. Caesar
war niemals in diesem Parkhaus. Und schon gar nicht ohne seinen Rollstuhl.
Dann jedoch, als es endlich klingelte, hatte Jules eine beinahe
außerkörperliche Erfahrung. Denn es läutete nicht allein in dem Handy an
seinem Ohr. Sondern zeitgleich mit dem ersten Klingeln setzte wieder die
Musik ein, die ihn nur wenige Minuten zuvor schon einmal erschreckt hatte.
Klassische Musik.
Traurige, melancholische Molltöne.
Chopin?
Jules fühlte sich schlagartig zurückversetzt in jenen Augenblick des
Schreckens, als er an dem Tag der Tragödie in der Prinzregentenstraße an
den Beamten vorbei in seine eigene Wohnung hatte rennen wollen.
Angetrieben von der Gewissheit, gleich eine grauenhafte Entdeckung zu
machen. So ähnlich fühlte es sich an, als Jules merkte, dass sich die
Klangquelle der Klaviermelodie nur wenige Meter von ihm entfernt befand.
Jules blinzelte, rieb sich die Augen und hätte sie am liebsten für eine ganz
lange Zeit geschlossen. Nun erinnerte er sich auch an den Titel des Stückes:
Prélude Nr. 4.
Das Stück, das Caesar so sehr liebte, dass er es seit Ewigkeiten als
Klingelton abgespeichert hatte.
43
J ules sah auf sein Display, kontrollierte noch einmal, ob er die richtige
Nummer gewählt hatte, doch da stand tatsächlich CAESAR (Magnus Kaiser)
auf dem Touchscreen. Und diesmal konnte es keinen Zweifel geben, woher
der Klingelton kam.
Den Flur wieder runter, wenige Schritte Richtung Kinderzimmer. Er ging
langsam, jeden Fuß mit Bedacht setzend, als würde er auf einer
Glatteisfläche versuchen, nicht auszurutschen.
Das ist unmöglich. Das kann nicht sein.
Die Melodie wurde umso lauter, je näher Jules der Haustür kam. Bei ihr
angekommen, hielt er einen Moment inne, dann steckte er den Schlüssel ins
Schloss und öffnete die Eingangstür. Allein diese Bewegung aktivierte
normalerweise die Sensoren im Treppenhaus, doch selbst als Jules über die
Schwelle trat, blieb die bauchige Deckenlampe dunkel, die ansonsten den
Hausflur in ein schwefelgelbes Licht tauchte.
Die Dunkelheit verstärkte die Furcht einflößende Wirkung, die der
Anblick des Display-Fotos auf Jules hatte.
Es war vor zwei Jahren aufgenommen worden, im Olympiastadion beim
Spiel Hertha gegen RB Leipzig. Jules trug provokativ einen Union-Schal,
und genauso wie Caesar schrie er mit einem Bier in der Hand der
Mannschaft oder dem Schiedsrichter etwas zu. Jetzt, als Jules sich erinnerte,
dass dieses Bild damals von Dajana aufgenommen worden war, zerriss es
ihm das Herz zu erfahren, dass Caesar es als Hintergrundbild für die
eingehenden Anrufe seines besten Freundes ausgewählt hatte.
Aber sind wir das wirklich? Beste Freunde?
Jules brach den Anrufversuch ab, und sofort hörte das Handy auf der
Fußmatte vor der Eingangstür auf zu klingeln. Chopin erstarb, das Display
wurde dunkel, und das Bild der beiden Freunde beim Fußball verschwand.
Gemeinsam mit der Hoffnung, für das alles hier könnte es eine harmlose
Erklärung geben, die Jules sich nur bemühen musste zu finden.
»Caesar?«, rief er ins Treppenhaus. Fast noch mehr als über das Handy
wunderte er sich darüber, dass er den alten Fahrstuhl nicht gehört hatte,
dessen messingbeschlagene Schiebetür wie eine Peitsche durchs Haus
knallte, wenn jemand sie öffnete.
»Er wäre nicht der Erste, der vortäuscht, auf einen Rollstuhl
angewiesen zu sein. Du weißt gar nicht, wie viele Versicherungsbetrüger
mit dieser Masche ich schon überführt habe.«
Der Gedanke an die ungeheuerliche Behauptung seines Vaters erinnerte
ihn daran, dass er ihn in der Warteschleife geparkt hatte.
»Bist du noch dran?«, fragte er, als er wieder zu ihm wechselte, während
er mit Caesars Telefon in der anderen Hand zurück in die Wohnung ging. Er
versuchte, es zu entsperren, um zu sehen, wann es das letzte Mal benutzt
worden war, doch es war mit Gesichtserkennung gesichert.
»Lass mich raten, er ist nicht rangegangen«, sagte sein Vater.
»Schlimmer«, antwortete Jules.
Und damit meinte er nicht die Tatsache, dass er das Handy seines besten
Freundes vor der Wohnungstür gefunden hatte. Auch nicht die Frage, wie und
vor allem warum Caesar es dort geräuschlos deponierte. Seine Antwort
bezog sich auf die Tür zur Abstellkammer, deren Klinke er vorhin abgerissen
hatte, weil sie verklemmt gewesen war.
Oder abgeschlossen?
Jetzt stand die Tür offen.
44
Klara
I n den ersten Wochen nach Dajanas Selbstmord wachte Jules regelmäßig auf
und hatte das Gefühl, vor Kummer an einem Herzinfarkt zu sterben. Diese
meist mitternächtlich auftretenden Symptome hatten in letzter Zeit
nachgelassen, aber auf einmal spürte er wieder die todbringenden Anzeichen,
als er in der Kammer das Licht anschaltete: den Ring aus Eisen, der sich um
den Brustkorb legte und zuzog. Den Schweißausbruch, der zunächst noch die
Stirn zum Glühen brachte, bald aber erkalten und Schüttelfrost erzeugen
würde.
Und natürlich das Herz, das sich viel zu groß anfühlte, als hätte es sich am
eigenen Blut verschluckt und schaffte es nicht mehr, den Kammerinhalt
zurück in die Blutgefäße zu pumpen.
Jules griff sich an die Brust, unfähig, den Blick von der Abstellkammer zu
wenden, die er vorhin vergeblich zu öffnen versucht hatte und die jetzt weit
offen stand.
»Bist du am Apparat?«, wollte sein Vater wissen, den er noch immer am
Ohr hatte.
»Ja.«
Er spürte einen weiteren Stich in der Herzgegend, so stark, dass er die
Luft anhalten musste. Es beruhigte ihn, Dajanas Abschiedsbrief in der
Brusttasche zu ertasten. Auch wenn der Inhalt so schrecklich war wie nichts,
was er je zuvor gelesen hatte, so verlieh es ihm Sicherheit, ein Teil von dem
Menschen bei sich zu tragen, dem er im Leben am vertrautesten gewesen war.
Außerdem waren unter Dajanas letzten Zeilen auch Absätze, in denen sie ihre
Liebe formuliert hatte. Sätze wie: Erinnerst Du Dich an unseren ersten Kuss
in der Schule? Die vielen schönen Jahre, die darauf folgten.
Was habe ich Deine Briefe geliebt, die mich immer wieder überraschten.
Unter dem Kopfkissen, im Kühlschrank, zwischen meinen Sportsachen.
Im Handschuhfach (…) Im Grunde wollte ich wohl glauben, wir hätten
damals wirklich einen Pakt geschlossen, auch wenn wir nie geheiratet
haben …
Wie sehr verfluchte er sich, dass er diesen Schritt nie gegangen war. Ihr nie
einen Antrag gemacht und das Aufgebot bestellt hatte. Nun gab es nicht
einmal gemeinsame Fotos von einem Jawort am Altar, kein Video vom
Eröffnungstanz, für den sie sich »Somebody« von Depeche Mode ausgesucht
hätten, was vom Text her so gut zu ihnen passte und sich wie ein Walzer
tanzen ließ, obwohl es eigentlich ein Viervierteltakt war.
Überhaupt gab es kaum mediale Beweise für ihre außergewöhnliche
Verbindung. Nicht einmal ein Fotoalbum, denn Dajana war der Meinung
gewesen, die wichtigen Bilder speicherte man im Gehirn und nicht auf dem
Handy. Und so war ihre Schatztruhe konkreter, greifbarer Erinnerungen so
dünn bestückt wie das hölzerne Regal der Abstellkammer, in dem sich nur
wenige Putzmittel, eine Schachtel mit Wäscheklammern,
Staubsaugerersatzteile und ein Karton mit Glühlampen befand. Auch im
Bereich zwischen den Regalen gab es noch genügend freien Stauraum.
Ausreichend Platz für einen Menschen, um sich zu verstecken.
»Ich muss noch einmal die Wohnung durchkämmen«, eröffnete er seinem
Vater.
Jules griff sich die Pappschachtel mit den Glühlampen.
»Was? Wieso? Und weshalb noch mal? «
»Ich weiß nicht, was hier vor sich geht.« Jules schlüpfte in ein Paar
Crocs, die neben der Wohnungstür standen. »Ich habe das Gefühl, hier
versteckt sich jemand.«
»In deiner Wohnung?«
»Ja.« Er erzählte ihm von der verschlossenen Abstellkammer, die jetzt auf
wundersame Weise sperrangelweit offen stand.
»Und als ich eben Caesar anrief, klingelte sein Handy auf der Fußmatte
vor meiner Haustür.«
»Meinst du etwa, er war in der Kammer?«
Jules griff sich zwei Glühlampen aus dem Sechserpack sowie einen
Stapel ausrangierter Geschirrhandtücher und schloss die Tür wieder von
außen. »Quatsch, wieso soll sein Handy dann vor der Tür gelegen haben?
Außerdem braucht er einen Rolli.«
»Was, wie gesagt, Tarnung sein könnte.«
»Das ist doch Irrsinn. Wieso sollte er das tun?«
Allein um eine solche Behinderung vorzutäuschen, und das über Monate
hinweg, brauchte es eine übermächtige, nahezu fanatische Motivation. Nur
um sich dann heimlich in fremde Wohnungen zu schleichen.
Und meinen Saft mit Tabletten zu versetzen ….
»Hast du mir nicht mal gesagt, dass Caesar in jungen Jahren ebenfalls in
Dajana verliebt gewesen ist?«
»Das war in der elften Klasse.« Jules breitete das Geschirrhandtuch auf
dem Boden aus und legte eine Glühlampe darauf.
»Verschmähte Liebe hinterlässt tiefe psychische Narben. Vielleicht hat er
es nie überwunden, dass sie dir den Vorzug gab. Vielleicht macht er dich für
ihren Tod verantwortlich, weil du ihren Suizid nicht verhindert hast.«
»Und will sich rächen?«
»Möglich wär es doch. Und diese Klara könnte ihm dabei helfen. Es ist
doch ganz klar, es scheint zwischen ihm und ihr eine Verbindung zu geben,
sonst wäre er nicht in diesem Parkhaus gewesen. Vielleicht wollen die
beiden auf dich Psychoterror ausüben.«
Jules tippte sich an die Stirn. »Womit du selbst deine eigene Theorie
zerstört hast. Wenn du Caesar eben im Parkhaus gesehen haben willst, kann
er wohl kaum hier bei mir sein.«
Sachte verlagerte Jules mit dem Fuß sein Gewicht auf die Glühlampe, die
er im Geschirrhandtuch auf dem Boden eingewickelt hatte. Sie zerplatzte wie
erhofft mit leisem Splittern. Selbst sein Vater schien nichts gehört zu haben,
zumindest fragte er nicht nach.
»Okay, Punkt für dich. Caesar kann nicht an zwei Orten gleichzeitig sein.
Apropos, ich bin zu Hause angekommen.«
Jules hörte, wie sein Vater den Taxifahrer einen Halsabschneider nannte
und nach einer Quittung verlangte, mit Sicherheit, um sie ihm gleich morgen
früh zum Ausgleich vorzulegen.
Jules nutzte die Gelegenheit und verstreute die Glühlampensplitter
mithilfe des Handtuchs vor dem Eingang des Kinderzimmers. Dann zertrat er
ein zweites Leuchtmittel, dessen Scherben er vor dem Hauseingang und der
Abstellkammer verteilte.
Wenn jemand durch diese Türen wollte, würde er es hören. Hoffentlich.
Nun, da die Aus- und Eingänge jener Bereiche gesichert waren, in denen
er niemanden entdeckt hatte, begann er mit der gründlichen Durchsuchung der
restlichen Räume. Als Erstes öffnete er das Gästezimmer.
»Ich hab mir noch was überlegt«, meldete sich sein Vater wieder zu Wort.
Etwas aus der Puste, vermutlich hatte er statt des Fahrstuhls in seinem
Wohnhaus mehrere Stufen auf einmal genommen.
Jules legte den Lichtschalter um, aber die Glühlampe über dem
Doppelbett, das für einen Gästeschlafplatz recht großzügige Maße hatte,
blieb dunkel.
Dajana hat Gäste geliebt, schoss es Jules durch den Kopf, wohl wissend,
dass er nie wieder Freunde zum Übernachten einladen würde.
»Könnte es sein, dass es noch einen Dritten im Bunde gibt?«
»Glaube ich nicht«, antwortete Jules, obwohl er in diesem Augenblick
einen guten Grund gehabt hätte, seinem Vater zuzustimmen.
Immerhin sah er die Reflexion, kaum dass er sich niedergekniet hatte, um
mit Caesars Handy unter das Bett zu leuchten, wo es kaum genug Platz für
einen ausgewachsenen Menschen gab. Und dennoch war dort etwas Weißes.
Blutunterlaufenes.
Ein Auge?
In diesem Moment klingelte Caesars Mobiltelefon.
48
Klara
N ein. Unter dem Gästebett war kein Auge, das im Licht von Caesars Handy
so gespenstisch aufgeblitzt hatte.
Es waren zwei!
Und sie starrten ihn an. Anklagend. Weit aufgerissen und schreiend; wie
tot, doch sie bewegten sich. Blinzelten.
In dem Moment, in dem sich der Geist? (Jules konnte gerade nicht
rational denken) unter dem Bett bewegte, ließ er vor Schreck beide Telefone
fallen, sowohl sein eigenes als auch das von Caesar, das plötzlich zu läuten
begonnen hatte und nun wieder stumm war.
Er muss nackt sein, überlegte Jules, und ein ekelerregendes Bild seiner
Fantasie verstärkte das reale Grauen. Er stellte sich einen drahtigen,
muskulösen Triebtäter vor, den Körper mit Butter eingefettet, ansonsten
würde er sich doch hier unten nicht verkriechen können? In der hintersten
dunklen Ecke unter dem Doppelbett.
»Rauskommen!«, rief Jules und wunderte sich, wie gefasst und ruhig er
klang, während er am liebsten weggerannt wäre. Einen Herzschlag später
konnte er diesen Reflex nicht länger unterdrücken.
Die schmale Hand des Unbekannten schoss unter dem Bett hervor und
griff sich eines der Telefone vom Eichenholzparkett. Wie eine Spinne ihre
Beute zog der Fremde es zu sich heran in die Dunkelheit unter dem Bett.
Rasch stellte Jules sicher, dass er nicht auch noch sein eigenes Telefon an
den Einbrecher verlor, hob es auf und wägte dann seine Optionen ab,
während er zur Zimmertür zurückwich. Die blaugraue Bettwäsche war
zerwühlt, ein Kissen lag auf dem Boden, als hätte der Eindringling es sich
darin gemütlich gemacht und vielleicht sogar geschlafen.
»Wer bist du?«, rief Jules. »Und was willst du?«
Natürlich hätte er die Matratze hochreißen können, um den Fremden zu
enttarnen, aber auch wenn er ihm körperlich mehrfach gewachsen schien, so
hatte er momentan nur ein Handtuch mit zerschlagenen Glühlampen als Waffe
griffbereit, während der Unbekannte vielleicht ein Messer an sich gebracht
hatte.
Nein, nicht vielleicht. Sondern ganz sicher!
Also blieb Jules vernünftig, verließ das Zimmer, schloss die Tür und
wollte gerade die Polizei anrufen, als er merkte, dass das Display seines
Handys schwarz war. Der Akku war endgültig verbraucht.
50
J ules stürmte durch das Wohn- ins Arbeitszimmer, dort öffnete er seinen
Rucksack, den er unter dem Schreibtisch abgestellt hatte. Darin musste
irgendwo eine aufgeladene Powerbank sein, die er zunächst nicht finden
konnte, dann wickelte sich zum Glück das daranhängende Kabel beim
Wühlen um seine Finger.
Sofort verkoppelte er den Ersatzakku mit dem Mobiltelefon. Gleichzeitig
hörte er es krachen. Ein Geräusch, als würde jemand Möbel rücken, bahnte
sich vom Flur her den Weg durch den Altbau.
Jules achtete nicht darauf, wohin er trat, und stolperte mit den Crocs auf
seinem Rückweg über einen umgeschlagenen Läufer. Wieder glitt ihm das
Telefon aus der Hand, wobei die Powerbank zwar mit dem Handy verbunden
blieb, doch diesmal knallte das Telefon mit der Kante auf den Boden, und
das Display splitterte wie eine Panzerglasscheibe, auf die man geschossen
hatte.
Bitte nicht, nein.
Das Symbol einer sich aufladenden Batterie war noch da, aber das hieß ja
nicht, dass er mit dem zerbrochenen Touchscreen eine Verbindung würde
herstellen können.
Jules zog sich am Esstisch hoch und rannte weiter, jetzt ohne die
Gummischuhe, zurück zum Kinderzimmer; der Raum mit dem wichtigsten
Lebewesen, das es in dieser Wohnung zu beschützen galt.
In diesem Moment hätte er den rechten Arm für ein Festnetztelefon
gegeben, doch er hatte nur das Handy zur Verfügung, das jetzt durch seine
Dummheit vielleicht nicht mehr funktionierte.
Im Flur trat er in die Scherben, die sich durch seine Socken bohrten. Er
spürte keinen Schmerz, so elektrisiert war er durch die Erscheinung des
»Geistes«, der natürlich kein übernatürliches Wesen war, sondern ein
Mensch aus Fleisch und Blut.
Bewaffnet.
Und womöglich nicht länger unter dem Gästebett kauernd, sondern
vielleicht schon im Kinderzimmer …
Dessen Tür noch immer verschlossen war, aber das hatte nichts zu
bedeuten. Vielleicht hat er sie von innen zugezogen? Hält sie wieder zu wie
die Tür zur Abstellkammer.
Der Geist musste ein Meister der Täuschung sein. Hatte sich durch die
Wohnung geschlichen, ohne dass er von Jules aufgespürt worden war.
Obwohl er nach ihm gesucht hatte, wenn auch nur flüchtig. Weil er sich kein
Motiv hatte vorstellen können, das den unsichtbaren Einbrecher antrieb. Es
sei denn, er war einfach nur wahnsinnig und wollte Blut sehen.
Kinderblut!
Jules riss die Tür auf, viel zu laut und unvorsichtig.
»Papa?«
»Sorry«, hauchte er beruhigend. »Es tut mir leid, Kleines, geht es dir
gut?«
»Ja«, antwortete dieses wundervolle, unschuldige Wesen mit der
schlaftrunkenen, abwesenden Stimme, wie sie nur Kleinkinder haben, wenn
sie so müde sind, dass sie trotz heftigster Störung sofort wieder einschlafen
können.
Oder Kranke …
»Schlaf weiter, Schatz«, rief Jules ihr zu und verließ ihr Zimmer, nicht
ohne noch mal unter ihr Bett gesehen zu haben. Doch da war niemand.
Keine Augen. Keine Hände. Nur Staub und ein Tuschkasten und … Holz?
Kein Zweifel, Jules hatte es klappern hören. Das Geräusch kam aus dem
Nebenzimmer, wie ihm klar wurde, als er wieder im Flur war.
Holz auf Holz. Das typische Geräusch eines auf und zu schlagenden, vom
Wind bewegten Fensters.
Er machte einen großen Schritt über die Glühlampensplitter und musste
doch die Zähne zusammenbeißen, als er auf eine weitere Scherbe traf.
Wieder trat er ins Gästezimmer, und wieder stand er im Dunkeln, weil das
Deckenlicht selbstverständlich noch immer nicht funktionierte, doch diesmal
konnte er noch nicht einmal mit der Handytaschenlampe leuchten, denn sein
Telefon war noch nicht so weit aufgeladen, dass es hochfuhr.
Allerdings ergab es ohnehin keinen Sinn, unter das Bett zu sehen, denn das
war umgestürzt. Der Geist (Jules nannte ihn immer noch so) musste sich unter
dem Lattenrost aufgebäumt und es mitsamt der Matratze von sich geschoben
haben.
Und war dann zum Fenster gegangen …?
Es stand offen!
Die rechte Scheibe im zweiteiligen Rahmen bewegte sich im Luftzug, vor
und zurück, als wollte sie Jules zu sich winken.
Doch er blieb stehen, vergewisserte sich, dass hinter der nun hochkant
stehenden Matratze niemand kauerte. Und dass auch der Bauernschrank, den
er langsam öffnete, keine Überraschung barg, die ihn hinterrücks anspringen
konnte.
Zum hundertsten Mal warf er einen Blick auf sein Handy, und endlich
zeigte sich das Logo, und er hörte die erlösende Gitarrenmelodie, mit der das
Telefon einen ausreichend aufgeladenen Akkustand signalisierte, um wieder
das Betriebssystem laden zu können. Drei Sekunden später stellte er
erleichtert fest, dass sein Handy noch funktionierte. Die ersten Nachrichten
klimperten ein. Zwei SMS , eine WhatsApp. Und ein Anruf!
»Ich kann jetzt nicht«, bellte Jules in den Hörer und wollte ihn
wegdrücken.
»Halt, warte!«, schrie sein Vater. »Du bist in Gefahr. Ich hab etwas über
Klara rausgefunden!«
»Nicht jetzt.«
»Doch, Junge, es ist lebenswichtig. Weißt du, wo sie steckt?«
»Nein. Aber sollte sie sich noch einmal bei mir melden, versuche ich, sie
zu mir nach Hause zu lotsen.«
»Großer Gott, nein. Komm ihr bloß nicht zu nahe. Was immer du tust,
warte, bis ich bei dir bin!«, war das Letzte, was er von seinem Vater hörte,
bevor er einen zweiten Anruf entgegennahm, der die ganze Zeit schon
angeklopft hatte. Ein heftiger Windstoß stieß das Fenster komplett auf und
ließ die Scheibe im Rahmen klirren. So laut, dass Jules im ersten Moment
nicht verstand, wer in der Leitung war.
Nur, dass die Person weinte.
Und ihn um Hilfe anflehte.
51
Klara
K laras Anspannung erreichte eine neue Dimension. Obwohl sie seit Tagen
nichts Richtiges mehr gegessen hatte, rumorte es in ihrem Magen wie nach
einem Festmahl. »Er arbeitet auch am Begleittelefon. Ich hab seine Schicht
übernommen.«
Mit dieser Information schien Jules ihr ein Puzzlesteinchen ausgehändigt
zu haben, das ein schreckliches Bild vervollständigte: »Dann hätte ich heute
eigentlich mit diesem Caesar telefonieren sollen statt mit Ihnen?«
»Oder mit einem anderen Begleiter. Die Auswahl erfolgt zufällig.«
»Nichts heute Abend ist zufällig«, sprach Klara ihren Gedanken laut aus.
Dann, als Erdjan gerade die Fahrertür öffnete, traf sie eine Entscheidung.
»Wo wohnt Caesar?«
»Wozu wollen Sie das wissen?«
»Haben Sie nicht gesagt, man müsse sich der Gefahr stellen?«
»Sie klingen nicht danach, als wären Sie heute Nacht in der Lage dazu.«
»Mir bleibt nur noch heute Nacht.«
Laut dem Ultimatum, das der Kalender-Killer ihr gestellt hatte, lebte sie
im Grunde schon auf geborgter Zeit.
»Hast du es bis zum dreißigsten November nicht geschafft, die Ehe mit
deinem Mann zu beenden, werde ich dich töten, sobald der Tag anbricht.«
Erdjan war wieder eingestiegen, mit ihm eine Dunstwolke aus Bratfett
und Ketchupgeruch. Klara bekam Hunger, neben ihrem plötzlichen
Tatendrang auch ein ungewohntes Gefühl.
»Wissen Sie, Jules, bei allem Wahn, dem Yannick verfallen sein muss, hat
er in einem Punkt vollkommen recht«, flüsterte sie, obwohl Erdjan sie kaum
hören konnte. Der Taxifahrer hatte das Radio angeschaltet und einen
Elektropop-Song lauter gestellt, in dem jemand, der sich wie Dave Gahan
anhörte, von Schmerzen sang, an die er sich gewöhnt habe. Ausgerechnet!
Erdjan summte mit. Offenbar gefiel ihm die merkwürdige Tour, kein
Wunder, die Uhr stand bereits auf über dreiunddreißig Euro, und noch immer
war kein Ziel in Sicht.
»Ich muss aufhören, mich in die Opferrolle zu fügen.«
»Meine Worte«, stimmte Jules ihr zu.
Klara nickte, euphorisiert von dem Gedanken, dass all das, was heute
Abend passiert war, einen Wendepunkt markierte. Sie war noch immer
schwach. Noch immer kraftlos. Und sie hatte bestimmt mehr Angst als je
zuvor. Aber sie war bereit gewesen zu sterben. Sie hatte sich auf schlimmste
Schmerzen bis hin zum Tod eingestellt; erst auf dem Kletterfelsen, dann in
der Garage, später im Parkhaus. Und jedes Mal war sie dem Tod entkommen.
»Bis heute Abend dachte ich, mir bleibt ein Fünkchen Selbstbestimmung,
wenn ich meinem Leben selbst ein Ende setze. Aber im Grunde hatte ich nur
Angst vor weiteren Schmerzen.« Doch die schreckten sie jetzt nicht mehr.
Vielleicht weil ihr die Tatsache, noch immer am Leben zu sein, nach all dem,
was ihr heute zugestoßen war, wie ein Zeichen erschien. Vielleicht war auch
einfach nur das Maß an Grausamkeiten, das eine Frau ertragen konnte, erfüllt.
So mussten sich Kriegsberichterstatter fühlen, die so oft im Kugelhagel
gestanden hatten, dass sie sich keine Sorgen mehr um die eigene Sterblichkeit
machten, wenn sie zum nächsten Einsatz zogen. Nicht, weil sie den Tod nicht
fürchteten, sondern weil sie ihn als eine Notwendigkeit akzeptierten.
»Ich habe Menschen gekannt, die aus weit weniger nachvollziehbaren
Gründen Suizid begangen haben«, sagte Jules mit seiner beruhigenden,
angenehmen Stimme, und zum ersten Mal überlegte sie, wie ihr Begleiter
wohl aussehen mochte.
Der Song (es war tatsächlich »A pain that I’m used to«) ging zu Ende, und
Klara hörte ein knarzendes Geräusch in der Leitung, als ob Jules ein altes
Holzfenster öffnete, was zu den darauf einsetzenden Windgeräuschen passte.
Dann stieß er perplex ein »Ach du Scheiße …« aus.
»Was ist los?«, fragte Klara aufgeregt.
»Pestalozzistraße 44, dritter Stock«, hörte sie Jules noch sagen. »Caesars
Adresse. Aber rufen Sie die Polizei an, wenn Sie da wirklich hinwollen. Ich
fürchte, ich kann Ihnen jetzt nicht mehr helfen.«
»Wieso, was ist passiert?«, fragte Klara, während sie Erdjan ein Zeichen
gab, dass sie gleich weiterfahren könnten.
Immerhin hatte sie jetzt eine Adresse.
Von der Höhle des Löwen?
»Jules, reden Sie mit mir!«
»Keine Zeit mehr«, keuchte ihr Begleiter. Er klang wie jemand, der hohe
Treppenstufen steigt. »Ich fürchte, ich muss jetzt erst mal jemand anderem
das Leben retten.«
53
Jules
D er »Geist« ist vielleicht ein Zauberer, dachte Jules, als er das Telefon
auf dem Fenstersims liegen sah.
Ein Meister der Sinnestäuschung. Wie ein Illusionist, der mit den Mitteln
der Ablenkung arbeitete, wenn er einen starken Druck am rechten
Handgelenk ausübte, um dem ahnungslosen Publikumsgast am linken die
Armbanduhr zu entwenden.
Weil der menschliche Verstand sich nicht auf mehrere intensive
Empfindungen gleichzeitig konzentrieren kann!
So gesehen konnte das Handy auf dem Fenstersims auch nur eine
Ablenkung von der wahren Gefahr sein, denn natürlich war es das Erste, was
Jules ins Auge gesprungen war, kaum dass er das Fenster geöffnet hatte.
Der Schneeregen hatte nachgelassen, es nieselte nur noch, weswegen er
einen guten Überblick über den Fenstervorsprung hatte, der sich im dritten
Stock über die ganze Häuserfront zog, hin und wieder von einem Adlerkopf
unterbrochen, der alle fünf Meter zur Zierde in den Stein gehauen war. Der
Absatz bot einem Menschen genügend Platz, um auf ihm zu stehen, vielleicht
sogar, um sich auf ihm langsam fortzubewegen, wenn auch nicht im Winter,
wo das Wetter ihn in eine nasse Rutschbahn verwandelt hatte.
Dennoch musste der »Geist« erstaunlich schnell über diesen Weg die
Flucht ergriffen und sich an der verbogenen Regenrinne herabgelassen haben,
denn sosehr Jules sich auch bemüht hatte, er hatte ihn nirgendwo entdeckt.
Nicht im Vorgarten, nicht auf dem Bürgersteig, nicht auf dem Weg zum
Seeufer.
Nur das Handy auf dem Sims.
Als Jules es in die Hand nahm, erkannte er, dass es Caesar gehörte. Durch
die Bewegung aktivierte sich der Startbildschirm, und Jules konnte im
Vorschaubild die erste Zeile einer Textnachricht lesen: Geh ran. Ich weiß, du
hast das Telefon gefun…
Mit der kieksenden Stimme von Klara im Ohr, beugte sich Jules über den
Sims.
Ach du Scheiße, entfuhr es ihm, dann blieb ihm nur noch die Zeit, Klara
die Adresse zu nennen, während er die Hand nach den Fingern ausstreckte.
Doch er hatte keinen guten Griff, berührte nur die obersten zwei Glieder,
die sich um den kalten Stein des Mauervorsprungs gelegt hatten. Er musste
wohl oder übel auch nach draußen steigen.
»Wieso, was ist denn passiert? Jules, reden Sie mit mir!«, hörte er Klara
fragen.
»Keine Zeit. Ich fürchte, ich muss jetzt erst mal jemand anderem das
Leben retten«, stöhnte Jules und schmiss sein Telefon zurück ins
Gästezimmer.
Er stieg über das Fensterbrett auf den Sims, kniete sich gegen den Sturm
und sah in die Tiefe, während er sich mit einer Hand am Fensterrahmen
festhielt, um nicht abzustürzen. Und um einen Anker zu haben, wenn er den
Arm desjenigen packte, der verzweifelt an dem Mauervorsprung baumelte.
Eine Hand auf der Steinkante, die andere an einem Stromkabel, das der
kleine Mann aus dem Putz gerissen hatte.
Herr im Himmel …
Der Einbrecher sah verzweifelt zu ihm hoch, sagte aber nichts, vermutlich
schwanden ihm die Kräfte.
Die Augen waren nicht länger blutunterlaufen, sondern ein einziges
Feuermeer, so viele Adern waren ihm wegen der Anstrengung schon geplatzt.
Jules griff nach der Hand des Fremden am Stromkabel.
Das Kabel hatte sich als Schlaufe um sein Handgelenk gewickelt, zum
Glück, ohne diesen zusätzlichen Halt wäre der Kerl längst auf dem Vordach
des Eingangs gelandet. Und es machte es einfacher, ihn nach oben zu ziehen.
Gemeinsam mit dem Umstand, dass der Kerl ein Fliegengewicht war.
»Hör auf zu strampeln«, schrie er ihn an. Die Lebensgeister des
Unbekannten mussten geweckt worden sein und wollten offenbar Salsa
tanzen.
Jules fürchtete, bei dem Knacken, den der Rahmen von sich gab, würde er
jeden Moment aus der Halterung reißen und mit ihm und dem Einbrecher
knapp zwanzig Meter nach unten segeln, doch er hielt der Belastung stand.
Dem Zug am Arm, dem Hinüberhieven auf den eisigen Stein.
»Verdammt, wer bist du?«, fragte Jules, der mit dem Unbekannten um die
Wette keuchte. Er ließ ihn erst wieder los, nachdem er ihn übers Fensterbrett
ins Zimmer gezogen hatte. Das Stromkabel noch immer am blutgestauten
Arm. Der Junge, anders konnte Jules ihn nicht beschreiben, sah aus, als wäre
er für einen Science-Fiction-Film als Außerirdischer geschminkt worden, so
intensiv war die Blaufärbung seines im Winterwind ausgekühlten Gesichts.
Das Nächste, was Jules auffiel, war die Narbe auf der linken Wange.
Dann begriff er, dass es keine Narbe war, sondern eine Schlaffalte, so als
habe der Einbrecher bis vor Kurzem noch auf einem Kissen gelegen.
Schließlich wunderte sich Jules über sein Alter.
So jung?
»Was zum Teufel willst du von uns?«
Der noch immer stumme Fremde konnte nicht älter als achtzehn sein. Eher
jünger, wenn man die Pickel unter dem Oberlippen-Bartflaum als Indiz
heranzog.
»Was hast du hier zu suchen?«
Die Antwort, die er bekam, roch nach Salz. Etwas rostig und zähflüssig.
Jules hatte sie nicht kommen sehen. Die Klinge des Brotmessers, die von
der Jeans verborgen in den Sneakern des Eindringlings platziert gewesen
war und nun unter seinem Rippenbogen steckte.
Jules sackte nach vorne, brachte die Kniescheiben fast zum Zerbersten,
als er sich auf sie fallen ließ. Sah das Blut, das auf den Boden tropfte und
sich zu einem Rinnsal auf dem Parkett sammelte.
Er wollte dem Geist, der nie ein Geist gewesen war, sondern immer nur
eine tödliche Gefahr, noch etwas zurufen, aber ihm fiel schon nicht mehr ein,
was und mit welchem Nutzen.
Der Killer mit dem jungenhaften Gesicht löste das Kabel von seinen
Händen.
Jules’ letzter Gedanke, bevor er zur Seite kippte, war noch: Ich habe
meinem Mörder das Leben gerettet, dann hörte er, wie der viel zu junge
Täter aus dem Raum ging. Die Nachbartür zum Kinderzimmer öffnete. Hörte,
wie sie sich schloss und Möbelstücke verschoben wurden, wohl weil die
Tür blockiert werden sollte.
Fabienne, brüllte er noch den Namen seiner Tochter, aber nur in
Gedanken. Ihn quälte die Erkenntnis, schon wieder versagt zu haben. Dann
verlor Jules das Bewusstsein.
54
Klara
D a hätten Sie auch laufen können«, maulte Erdjan, enttäuscht darüber, dass
die lukrative Tour nun doch ein jähes Ende fand. Vom Ku’damm bis zur
Pestalozzistraße war es nicht einmal ein Verdauungsspaziergang.
Klara bezahlte die vierzig Euro mit ihrem Handy und hätte viel dafür
gegeben, wenn der Taxifahrer ihr den Ausstieg aus seinem Wagen verboten
hätte.
Wenn er darauf bestanden hätte, sie doch in ein Krankenhaus zu fahren und
nicht vor diesem warm illuminierten Mietshaus aus der Gründerzeit
auszusetzen.
Die Mieten in diesem Prachtbau mussten aufs Jahr gerechnet dem
Gegenwert eines Mittelklassewagens entsprechen. Falls es sich um
Eigentumswohnungen handelte, hatten die, die hier wohnten, es geschafft
oder setzten mit einem Millionenkredit alles auf eine Karte.
Klara stieg aus und sah sich um. Versuchte, im cremefarbenen Putz und an
den ionischen Säulen einen Anhaltspunkt zu finden, hier schon einmal
gewesen zu sein. Fragte sich, ob ihr der Bioladen gegenüber oder das vegane
Café bekannt vorkam. Oder das russische Schild im Schaufenster des antiken
Lampenladens.
Aber auch die in Messing gefassten Namen auf dem Türschild sagten ihr
nichts. Sie konnte allerdings auch keinen Magnus Kaiser entdecken, dafür ein
leeres Schild im dritten Stock.
War das das Haus, in dem Johannes zu Yannick mutierte?
In der ich zugleich die schönste und schrecklichste Stunde dieses Jahres
erlebte?
Damals war die Eingangstür unten nicht abgeschlossen gewesen, das
wusste Klara noch. Sie hatte auf nicht viel geachtet, allerdings hatte sie es
merkwürdig gefunden, dass sich in einer so feinen Gegend offenbar niemand
Sorgen vor einem unberechtigten Zutritt machte. Die Wohnungstüren waren
bestimmt mehrfach gesichert, aber allein die Vorstellung, dass Obdachlose
sich hier bei der Kälte im marmornen Treppenhaus niederlassen könnten, ließ
Nachbarn in dieser Gegend normalerweise paranoid werden.
Klara musste an den »Professor« vom Savignyplatz denken, der nur einen
Steinwurf entfernt bestimmt mit großen Schmerzen im Mund auf den Anbruch
des nächsten Tages wartete, und sie wurde traurig.
Ihr Atem ging schwer, als sie die geschwungene Klinke der
schmiedeeisernen Tür herunterdrückte, und sie hechelte regelrecht, als sie
feststellte, dass auch dieses Haus unverschlossen war.
Mit bis zum Hals klopfendem Herzen trat sie in einen gewölbten
Durchgang und ging an verchromten Designer-Briefkästen vorbei zur Treppe.
Damals hatte er ihr die Augenbinde erst in der Wohnung abgenommen,
weswegen der rote Teppich auf den hölzernen Stufen keine Erinnerungen
hervorrufen konnte.
War es der dritte Stock?
Sie nahm ihr Telefon in die Hand und wählte die 110, ließ den Zeigefinger
über dem Anruf-Button schweben.
Jules hatte gesagt, sie sollte die Polizei verständigen.
Aber hat er mir nicht auch gesagt, dass die Polizei bei häuslicher
Gewalt keine Hilfe ist?
Nun, vielleicht galt das nicht im Fall eines Killers, der einen mit der
Androhung entsetzlicher und zum Tode führender Qualen dazu bringen
wollte, seine Ehe zu beenden. Aber was, wenn sie sich irrte? Was, wenn
dieser Caesar, der hier wohnte, gar nichts mit ihrem Martyrium zu tun hatte?
Sie war schon einmal mit einer unglaubwürdigen Aussage aufgefallen;
wenn sie jetzt die Beamten zu einem an den Haaren herbeigezogenen Einsatz
zitierte, hätte sie für die Zukunft jegliche Glaubwürdigkeit verspielt.
Wenn ich denn noch eine Zukunft habe.
Im dritten Stock vor der schweren, weiß gebeizten Eichenholztür
angekommen, musste Klara beinahe über ihre Naivität lachen. Sie war völlig
unvorbereitet.
Was willst du denn jetzt machen, du blöde Kuh?
Etwa klingeln?
Oder unter der Fußmatte nach einem Zweitschlüssel suchen?
Wie im Hollywoodfilm im Kopf Zahlenkombinationen durchgehen, um die
Alarmanlage, die es hier gewiss gab, mit einem Zufallstreffer in letzter
Sekunde auszuschalten?
So ein Quatsch. Vielleicht sollte ich auch einfach nur die Tür …
Klara sog die Luft ein, als wollte sie für eine Weile unter Wasser tauchen.
Mit der Atmung setzte für eine Sekunde auch ihr Denkvermögen aus. Wie sie
es drehte und wendete – was sie hier gerade erlebte, konnte kein Zufall sein.
Nichts in dieser Nacht geschieht zufällig!
Denn die unwahrscheinlichste aller Varianten war tatsächlich eingetreten.
Die Tür der Wohnung im dritten Stock der Pestalozzistraße 44 war
unverschlossen und ließ sich mit sanftem Druck nach innen öffnen.
55
Jules
D ie Ohnmacht hatte zwei Tage gedauert. Vielleicht waren es auch nur zwei
Sekunden, Jules hatte keinerlei Zeitempfinden mehr. Es war ihm mit dem Blut
verloren gegangen, das eine Pfütze unter seinem Körper im Gästezimmer
gebildet hatte. Als er wieder zu sich kam, mit einem noch nie da gewesenen
Kältegefühl überall, hatte er zunächst wichtige Sekunden damit verplempert,
dem Rinnsal seines Blutes auf dem Eichenholzparkett hinterherzustarren. Es
dauerte eine Weile, bis ihm klar wurde, dass sein Blut exakt auf das Handy
zulief, das er vor seiner Rettungsaktion ins Zimmer zurückgeworfen hatte.
Weshalb hat der junge Messerstecher es nicht an sich genommen?
Vielleicht weil er gedacht hatte, dass ihm nicht mehr zu helfen wäre.
Jules begriff selbst nicht, wie er mit einer solchen Stichwunde in der
Seite überhaupt noch atmen konnte, aber offensichtlich waren keine
wichtigen Organe getroffen.
Er griff sich ein kleines Kissen, das von der umgestürzten Matratze
gefallen war, riss den Bezug ab und presste ihn auf die Wunde. Dann stand er
auf.
Schwankend tastete er sich am Schrank bis zur Tür, wankte über den Flur
zum Ausgang. Mit fiebrig zitternden Fingern rutschte er mehrfach ab bei dem
Versuch, den Schlüssel ins Schloss zu stecken, bis es ihm endlich gelang, die
Wohnungstür aufzuschließen.
Wenn sie flüchten mussten oder wenn es ihm gelang, den Messerstecher in
die Flucht zu schlagen, sollte die Tür bereits offen stehen.
Er wählte die 110, hörte aber wieder nur die frustrierende Ansage von
vorhin:
»Bitte warten! Polizeinotruf Berlin. Zurzeit sind alle Notrufleitungen
belegt. Bitte, legen Sie nicht auf. Please hold the line. Police Emergency
Call Department. At the moment …«
Ungeduldig legte er wieder auf und drückte die Türklinke des
Kinderzimmers.
Vom Schüttelfrost erfasst, begann er zu halluzinieren.
Sah Valentin auf dem Obduktionstisch. Und Fabienne direkt daneben.
Gestorben durch die Hand eines Irren, der ihr mit einem Messer die Kehle
durchschnitt.
»Fabienne!«, brüllte er durch die Tür, die wie erwartet blockiert war.
Unter normalen Umständen hätte er sich so lange dagegengeworfen, bis er
den Schrank, das Bett oder die anderen Möbel zur Seite gedrückt hatte, und
wenn es ihn eine ausgekugelte Schulter gekostet hätte. Aber mit der
Stichwunde war das nicht möglich.
Er rief: »Kleines, hab keine Angst«, obwohl er selbst panisch war. Er
dachte daran, wie er Fabienne zum ersten Mal alleine zur Schule hatte gehen
lassen. Wie er sie den ganzen Weg verfolgt hatte, ohne dass sie ihn hatte
sehen können. Wie er sich geschworen hatte, sie vor aller Unbill dieser Welt
zu beschützen.
Und wie er versagte.
»Wenn du ihr nur ein Haar krümmst, bring ich dich um!«, schrie er durch
die Tür.
»Sag mir, was du willst, und du bekommst es. Aber lass das Mädchen in
Ruhe!«
Der Kissenbezug war bereits vollgesogen, frisches Blut tropfte zu Boden,
bildete einen weiteren roten Flusslauf auf dem Holz, lief den Flur zurück.
Jules sah auf seine Socken und nickte.
Das Rinnsal wies ihm den Weg.
Er traf eine Entscheidung und hastete zurück zum Gästezimmer. Zog sich
die Socken aus, die ebenfalls blutig waren, denn Splitter der Glühlampe
steckten ihm noch im Ballen und in der Hacke.
Es war ein Glück, dass er diesen Schmerz nicht spürte, sonst wäre er
abgerutscht. Wahrscheinlich betäubte die eisige Kälte der gefrorenen Steine
des Mauervorsprungs jede Wunde.
Jules hatte sich ein zweites Mal über das Fensterbrett geschwungen, hielt
ein zweites Mal das Elektrokabel, das ihn auf seinem Weg an der
Häuserwand entlang mehr behinderte als absicherte.
Sein Handy, das er sich unter dem Pulli in die Hemdtasche gesteckt hatte,
klingelte, aber das war jetzt nebensächlich. Erst einmal musste er versuchen,
bei dem Schritt über den steinernen Adler nicht zu sterben.
Er stand mit dem Rücken zur Straße, auch wenn er es in Filmen anders
gesehen hatte, aber er wollte lieber den gemaserten Putz als einen Abgrund
vor der Nase haben.
Seine Hände lagen flach auf dem Gemäuer, die Füße schob er
zentimeterweise zur Seite.
Wie ein Walzer auf Glatteis.
Jemand, der ihn von unten beobachtete, musste ihn entweder für einen
Einbrecher oder einen Selbstmörder halten. Der Wind riss an seiner
Kleidung, aber er kam voran.
Endlich auf Höhe des Kinderzimmers angelangt, stellte Jules fest, dass
das Risiko abzurutschen nicht das größte Problem war.
Denn was sollte er jetzt tun?
Das Fenster war natürlich verschlossen. Und Jules konnte keinen Anlauf
nehmen, um von außen ins Zimmer zu springen.
Er presste beide Hände an die Scheibe und sah hindurch.
Eine kleine Kommode war schräg unter der Türklinke verkeilt und
verhinderte den Zugang.
Da tauchte das Gesicht des Jungen vor Jules am Fenster auf, und das hätte
ihn beinahe das Gleichgewicht gekostet.
Großer Gott …
Jules schlug mit der Faust gegen die Scheibe, die, wenn auch nur einfach
verglast, zu dick war, um sie ohne einen spitzen Gegenstand zu zerstören.
»Lass sie in Ruhe!«, brüllte er und schlug erneut zu. Wieder ohne Erfolg.
Jules meinte in den Augen zu lesen, wie der viel zu junge Killer abwägte. Ob
er das Fenster öffnen und ihn hinunterstoßen sollte. Oder ob das Risiko zu
groß war, ihm so Einlass zu verschaffen.
Der Fremde wandte sich ab, und Jules beobachtete eine beunruhigende
Bewegung. Er sah, wie der Kerl sich mit dem Messer in der Hand zum Bett
beugte. Der Regen setzte wieder ein. Heftiger denn je.
Vor Jules’ Auge verwischten die Bilder. Er sah nur noch einen großen
Körper, der einen kleinen, reglosen Körper aus dem Bett zu heben schien.
»Fabienne!«, schrie er, schon wieder klingelte sein Handy, und das
lieferte ihm die Lösung.
Hastig griff sich Jules unter den Pulli und fingerte es aus der Brusttasche.
Er geriet ins Wanken, weil er beinahe Dajanas Abschiedsbrief mit
hinausgezogen hätte, was er selbst in dieser Extremsituation nicht zulassen
wollte. Es kostete ihn ein, zwei wertvolle Sekunden, und mit dem
Bewusstsein, dadurch vielleicht ein weiteres Leben zerstört zu haben, schlug
er mit der Kante des Telefons gegen das Fenster. Einmal, zweimal, mehrfach,
bis er dem dicken Glas einen Bruch zugefügt hatte, der ausreichte, dass er
sich mit der Schulter dagegenwarf. Mit dem gesamten Gewicht krachte er
durch die Verglasung ins Kinderzimmer hinein.
56
D er Kampf dauerte keine zehn Sekunden.
Jules hatte den Eindringling mit seinem Körpergewicht beim Fenstersturz
begraben. Sie wälzten sich auf einem Meer aus Splitterkonfetti, was es Jules
unmöglich machte herauszufinden, ob der Messerstecher ihn ein weiteres
Mal erwischt hatte oder ob er sich an den Scherben auf dem Boden verletzte.
»Fabienne!«, brüllte er, aber nur in Gedanken, außer sich, als er sah, wie
der Verrückte mit dem Messer in der Hand zum Kinderbett wollte.
»Lass sie in Ruhe!«, schrie dieser jetzt mit einer für seinen kleinen
Körper erstaunlich tiefen Stimme. »Tu ihr nichts!«
Im Halbdunkel, das nur vom Licht der Straßenlaternen durchbrochen
wurde, konnte Jules nicht sehen, ob sie verletzt war. Doch im Zweifel galt ihr
der Vorrang.
Ich muss sie beschützen. Mit meinem Leben. Ich muss sie beschützen,
ich …
Jules warf sich aufs Bett in der Gewissheit, gleich ein weiteres Mal von
dem Küchenmesser aufgeschlitzt zu werden, diesmal mit endgültig tödlichen
Folgen, doch alles, was er spürte, war ein Luftzug. Der Wind tobte wie ein
Orkan durchs Kinderzimmer, was daran lag, dass er vom Fenster kommend
auf keinen Widerstand mehr traf. Der Killer hatte die Kommode wieder
umgekippt und war aus dem Zimmer gerannt.
Um neue Waffen zu holen?
Oder Verstärkung?
Oder um, Jules wagte es kaum zu denken, weil solches Wunschdenken
niemals in Erfüllung ging, oder um abzuhauen?
Die schweren Schritte im Treppenhaus legten es nahe. Auch das Tor, das
unten krachend ins Schloss fiel, war ein Indiz.
Oder ein Täuschungsmanöver.
»Papa?«
Jules hob den Kopf. »Schhh, meine Süße, Schhh. Alles ist gut, alles gut.«
Er tätschelte ihr den Kopf und hoffte, er machte keine falschen
Versprechungen, die mit ihrem Tod enden würden.
Wenn der Kerl zurückkommt.
Falls er zurückkam.
»Hast du ihn nach Hause geschickt, Papa?«, fragte das wundervollste
Wesen der Welt, das sein Gesicht unter der Bettdecke versteckt hielt.
Weinend, schluchzend.
»Ja, meine Süße«, hauchte er, aus Furcht, eine laute Stimme könnte den
Killer wieder anlocken. Aber auch, weil es ihm schwerfiel, laut zu sprechen.
Jules versuchte, seine Gedanken zu sortieren, die wie das Blut aus der
Stichwunde aus seinem Kopf zu sickern schienen.
Großer Gott, wer war das nur? Und was wollte er?
Sein Telefon meldete sich erneut, und diesmal nahm er das Gespräch
entgegen.
»Na endlich, Junge. Ich bin auf dem Weg zu dir«, sagte sein Vater. »Was
ist denn los?«
Es gab tausend Antworten auf diese Frage, zu keiner fühlte Jules sich
gerade imstande, daher stöhnte er nur knapp: »Ich erkläre es dir, wenn du bei
mir bist.«
»Okay, mach mir auf.«
Jules zog vor dem zerstörten Fenster die Vorhänge zu, um der kalten Luft
wenigstens einen kleinen Widerstand entgegenzusetzen. Dann drehte er das
Thermostat auf volle Stufe und sank zu Boden.
Mit dem Rücken an den Heizkörper gelehnt, sah er zum Flur, fühlte, wie
ihm die Kräfte schwanden, aber noch blieb er bei Bewusstsein. So lange
noch, bis er sich sicher sein konnte, heute nicht versagt zu haben.
Dieses eine Mal nicht.
» Die Tür steht offen«, sagte er und hörte schon Schritte unten im
Hauseingang. In der Hoffnung, dass es nicht die des Killers waren, bat er
seinen Vater, noch etwas in der Leitung zu bleiben.
57
Klara
T ief ins Dunkel späht’ ich lange«, flüsterte Klara, während sie sich
umdrehte. »Zweifelnd, wieder seltsam bange. Träume träumend, wie kein
sterblich Hirn sie träumte, je vorher.«
Das Gedicht von Edgar Allan Poe beruhigte sie.
Es vertrieb Yannicks Stimme aus ihrem Kopf. Und jene Situation, die in
dieser Strophe beschrieben wurde – ein alter Mann öffnet um Mitternacht
seine Haustür und blickt ins Leere, obwohl es doch gerade noch geklopft hat
–, hätte sie in diesem Moment auch sich selbst gewünscht.
Dunkel dort – nichts weiter mehr.
Auch sie hätte gerne ins Leere geblickt. Niemanden in der Tür zum
Schlafzimmer stehen sehen. Keinen Yannick. Keinen Martin, keinen Mann,
der ihr etwas antun wollte. Obwohl sie doch die schweren Schritte hatte
kommen hören.
Weswegen er natürlich anwesend war. Selbstsicher lächelnd, wenn auch
eine Spur überrascht, als wäre er verwundert, noch so spät hier auf sie zu
treffen.
»Yannick«, entfuhr es ihr bei seinem vertraut verhassten Anblick.
»Na sieh mal einer an«, sagte er und lachte.
Wie in Trance drückte Klara auf das Telefonsymbol ihres Smartphones
und wählte die 110. Dann überlegte sie, ob sie es schaffen würde, den Dolch
von der Wand zu reißen, bevor Yannick ihr zuvorkam, und entschied sich
dafür, das Risiko nicht einzugehen. Sie rannte ins angrenzende Bad, am
Wasserbett vorbei, in dem sie in der transparenten, nunmehr grünlich
illuminierten Matratze einen Hüftknochen schwimmen sah. Sie wollte sich
übergeben. Aber sie riss sich zusammen, schlug die Tür zum Bad zu und hatte
Glück. Keine Warteschleife, sie hatte sofort einen Beamten am Apparat.
»Kommen Sie schnell, Pestalozzistraße 44, dritter Stock.«
Sie versuchte, den Riegel umzulegen, aber Yannick war schneller und trat
die Tür auf.
»Er will mich töten.«
Sie wich auf den Fliesen zurück.
Yannick blieb im Türrahmen stehen, wie damals, als er aus dem
Badezimmer gekommen war, nur dass er jetzt in das Badezimmer
hineinblickte, während sie in der Dusche kauerte. Der Dolch lag wie
erwartet in seiner Hand, er hatte ihn bereits vom Schaft befreit.
Diesmal wird er es nicht dabei belassen, mir die Nasenflügel
aufzuschlitzen.
Yannick blickte von oben auf sie herab. Beobachtete sie wie ein
Zuschauer im Kino, der zwar interessiert ist, wie die Geschichte weitergeht,
für den der Ausgang des Films aber keinerlei Bedeutung hat.
»Was ist der Grund Ihres Anrufs?«, wollte der Polizist wissen.
»Ich werde bedroht«, sagte sie, das Handy fest ans Ohr gepresst, und
Yannick runzelte amüsiert die Stirn.
»Von wem denn, Schätzchen?«, fragte er flüsternd. So leise, dass seine
Stimme garantiert nicht von den Aufnahmegeräten der Polizei mitgeschnitten
wurde. Deswegen hielt er Abstand.
Noch.
»Ich tu dir nichts«, log er. »Das ist nicht mal meine Wohnung. Ich bin weg,
bevor die Bullen auch nur losgefahren sind.«
»Der Kerl hat eine Waffe«, redete Klara weiter in ihr Handy. »Er will
mich töten.«
Yannick, der still in der Tür stand, grinste noch breiter. »Du hast echt
nichts begriffen, du dumme Schlampe. Ich war niemals die wahre Bedrohung
für dich. Für mich warst du nur ein netter Zeitvertreib. Ich hätte dich niemals
getötet, aber jetzt bleibt mir keine andere Wahl!«
»Können Sie sich in Sicherheit bringen?«, fragte der Mann am Notruf eine
Spur zu unprofessionell. Er klang nervös.
»Nein, vielleicht. Ich weiß nicht«, stotterte Klara, jederzeit damit
rechnend, dass Yannick – oder Caesar oder Jo, wie auch immer der
Psychopath wirklich hieß – ihr das Telefon aus der Hand riss.
Doch noch bewahrte er Ruhe. Weswegen Klara weiter ihre einzige
Chance nutzte und aufschrie, obwohl es dafür eigentlich keinen Grund gab,
denn ihr mörderischer Erpresser hatte sich noch immer nicht bewegt.
Trotzdem rief sie weiter: »Oh mein Gott, er kommt. Er hat mich gefunden,
er …«
Dabei griff sie nach hinten zu ihrem Gürtel, zog Hendriks Waffe, die sie
im Parkhaus an sich genommen und zwischen Hosensaum und Rücken
geklemmt hatte, und richtete sie aus.
Und feuerte Yannick dreimal in die Brust.
61
S ind Sie noch dran, hallo, geht es Ihnen gut?« Der Polizist am Notruf klang
verständlicherweise noch aufgeregter als zuvor, jetzt, da er die Schüsse
gehört hatte.
Klara versuchte, ihm eine Antwort zu geben. Öffnete den Mund, bewegte
die Zunge, hörte sich selbst wie unter einer Glocke sprechen.
»Ja, ja, ich bin noch da. Aber nichts ist gut, oh Gott, es wird nie wieder
gut.«
Sie trat einen Schritt vor, stand direkt vor Yannick, der sie erstaunt
anblickte. Er war zu Boden gesackt, lehnte an der Handtuchheizung des Bads.
Sein rechter Arm zitterte. Ein Handy hatte sich aus seiner Hand gelöst und
lag umgedreht auf den Fliesen, die sich bald rot einfärben würden.
Klara schnappte panisch nach Luft. Einmal, zweimal, immer schneller.
Sobald sie die Lungen füllte, pausierte das sinusartige Fiepen in ihrem Ohr,
das die Explosionen der Handfeuerwaffe ausgelöst hatten.
»Hallo? Bleiben Sie ruhig. Wir sind auf dem Weg zu Ihnen.«
»Danke!«, sagte sie und begann hemmungslos zu weinen.
»Es war Notwehr«, sagte sie und glaubte selbst an diese Lüge, die keine
Lüge war, denn hätte sie es nicht getan, würde sie jetzt hier an Yannicks
Stelle liegen. »Ich hatte keine andere Wahl.«
Sie brach zusammen. Es war keine Scharade, kein Schauspiel. All ihre
jahrelang angestauten negativen Emotionen entluden sich. Sie musste an
Martin denken, an das Video im Le Zen, an die vielen gebrochenen Knochen,
die Blutergüsse, die Demütigungen; daran, dass er sie heute »versteigert«
hatte. Die Last der Vergangenheit lag wie Blei auf ihren viel zu kleinen
Schultern. Sie schaffte es kaum, über den sterbenden Mann zu ihren Füßen zu
steigen, der mit ihr geschlafen hatte, um danach ihr Todesdatum mit ihrem
Blut an die Wand zu malen. Als sie zurück im Schlafzimmer war und die
sterblichen Überreste der Opfer des Kalender-Killers in dem Wasserbett
schwimmen sah, brachen alle Dämme.
Klara stotterte, stammelte, schrie und weinte, fauchte wie eine wilde
Katze und gurgelte wie eine Ertrinkende. Nichts von dem, was sie sagte,
ergab irgendeinen Sinn.
»Wir sind gleich bei Ihnen«, versuchte der Polizist an der 110 sie in einer
Atempause zu beruhigen, doch es war nicht seine Stimme, die sie innehalten
ließ.
Sondern das Anklopfgeräusch in ihrem Handy, das sie zunächst mit ihrem
eigenen, rasenden Herzschlag verwechselt hatte.
Klara wischte sich die Tränen mit dem Unterarm beiseite und sah aufs
Display.
Ein Eimer Eiswasser hätte keine ernüchterndere Wirkung haben können.
Sie wusste: Wenn von dieser Nummer um diese Uhrzeit ein Anruf einging,
so lange nach Mitternacht, musste etwas noch Furchtbareres passiert sein als
das, was sie gerade durchlebt hatte.
62
H allo, Frau Vernet?«
»Ja.«
Klara rannte bereits. Aus der Wohnung, zurück ins Treppenhaus. Sie hörte
keine Sirenen, also hatte sie vielleicht noch eine Chance zu fliehen.
Von einem Tatort zum nächsten.
»Was ist passiert?«
Klara eilte die Treppenstufen hinunter. An einer Frau im Nachthemd
vorbei, die von den Schüssen geweckt worden sein musste und nun
kreidebleich in ihre Wohnung zurückwich, als Klara an ihr vorbeigerannt
kam.
»Elisabeth Hartmuth, ich bin Vigos Mutter«, sagte die Frau
unnötigerweise. Klara hatte ihren Kontakt unter »BABYSITTER «
abgespeichert. Vigo lebte mit seiner Mutter im Hinterhaus.
»Was ist mit Amelie?«, drängte Klara. Frau Hartmuth war eine sehr
gutmütige, aber entsetzlich träge Frau. Alles, was sie tat, geschah mit einer
fast unerträglichen Behäbigkeit. Sie sprach langsam, ging langsam, und
Martin hatte oft gelästert, sie werde auch beim Denken von Vigo überholt.
»Nun ja, das ist unter anderem der Grund meines Anrufs. Ich bin mir nicht
sicher, ich glaube, ich muss die Polizei rufen.«
»Wieso? Was ist passiert?«
Klara stand wieder auf der Pestalozzistraße. Noch immer keine Sirenen.
Kein Blaulicht. Nur ein leichter Nieselregen, der auf dem Pflaster gefror und
jede Bewegung in eine Schlitterpartie verwandelte.
»Vigo ist völlig außer sich. Er kam barfuß runter, überall Blut an den
Händen und auf den Kleidern. Vigo, was … nein, lass das bitte …«
Offensichtlich hatte der Sechzehnjährige nicht auf seine Mutter gehört, und
das Telefon lag nun in seiner Hand. Er informierte Klara sehr viel schneller
und klarer als seine Mutter: »Sie müssen sofort nach Hause kommen, Frau
Vernet.«
Klara rannte um die Straßenecke. Rutschte auf dem ungestreuten Gehweg
aus, stand wieder auf, lief weiter. Ein lachendes Pärchen hielt sich kichernd
aneinander fest, versuchte bei dem Blitzeis nicht umzufallen, und beide
verstummten, als sie Klara sahen. Weinend, humpelnd, noch immer mit der
Waffe in der Hand, wie ihr erst jetzt auffiel, als sie ihr Spiegelbild in einer
Werbevitrine auf dem Gehweg sah.
Klara musste sich zwingen, nicht in ihr Telefon zu brüllen. »Was ist mit
Amelie?«, stellte sie die einzige Frage, die noch für sie zählte.
Und bekam von Vigo eine der entsetzlichsten Antworten, die eine Mutter
bekommen kann: »Ich weiß es nicht.«
Klara blieb stehen. Starrte in das hell erleuchtete Schaufenster einer
Kaschmir-Boutique, in der es keinen Mantel gab, der sie je wieder würde
wärmen können, wenn sich ihre entsetzlichsten Befürchtungen bestätigten.
»Sie war schon gegen acht im Bett«, sagte Vigo. »Ich habe mich hingelegt,
im Gästezimmer, es war bestimmt nach zehn, da bin ich von einem Knall
aufgeschreckt worden. Erst hab ich gedacht, Amelie wär ein Glas
runtergefallen. Also bin ich aufgestanden und wollte in die Küche, doch da
stand ein Fremder und hat telefoniert.«
»Wer?«
»Das weiß ich nicht. Ein Einbrecher, glaube ich. Erst hab ich gedacht, es
wär Ihr Mann oder ein Freund, doch dann hat er gesagt: ›Alle in diesem Haus
sind dem Tod geweiht.‹ Zum Glück hat er mich da noch nicht bemerkt.«
Klara wollte schreien, doch eine Urangst, wie sie wohl nur eine Mutter
fühlen kann, die kurz davor ist, das Teuerste in ihrem Leben zu verlieren,
schnitt ihr die Kehle zu.
»Ich hab ja kein Handy und Sie kein Festnetz, Frau Vernet.«
Ausgerechnet Martin hatte es immer wieder problematisiert, dass der
Junge kein Mobiltelefon hatte, aber sie hatte sich damit beruhigt, dass er nur
durch den Hof zu seiner Mutter gehen musste, wenn irgendetwas mit Amelie
war.
»Also wollte ich zu meiner Mutter, Hilfe holen.« Die Stimme des
Babysitters überschlug sich. »Aber der Typ hat gehört, wie der Schlüssel in
der Tür geklappert hat. Also hab ich mich vor ihm versteckt, bin von Zimmer
zu Zimmer, immer dort, wo er nicht war. Hab mir aus dem Bad
Schlaftabletten besorgt, um sie ihm in den Saft zu rühren. Hab mich sogar mit
einem Messer bewaffnet, doch dann fing Amelie an zu schreien, und der Typ
ist mit einer Waffe in ihr Zimmer. Oh Himmel, ich wünschte, ich hätte Amelie
beschützen können.«
Klara schloss die Augen. Hörte einen Lieferwagen vorbeifahren, spürte
neben dem Niesel in ihrem Gesicht dicke Wassertropfen im Nacken, die von
irgendeinem Baldachin über ihrem Kopf tropften, und war wie gelähmt.
Unfähig, auch nur einen Schritt zu tun.
»Sie müssen mir glauben, ich wollte Amelie nicht alleine lassen. Gerade
heute, ich glaube, es ging ihr nicht so gut. Doch es ging nicht anders, er
wollte mich töten, um Himmels willen, ich hab mich unter dem Bett
versteckt, doch er hat mich gefunden. Da hab ich versucht, über das Fenster
nach unten zu kommen. Es tut mir so leid, Sie müssen wirklich sofort nach
Hause!«
Er sagte es zum zweiten Mal, und mehr musste sie nicht hören. Das war
ihr Stichwort.
Nach Hause.
Klara legte auf, schlitterte weiter Richtung Kantstraße. Auf der Herfahrt
waren sie doch an einem Taxistand vorbeigekommen, oder nicht?
Zur Sicherheit öffnete sie im Telefon ihr Anrufregister. Scrollte zu den
ausgegangenen Anrufen, denn erst gestern hatte sie ein Taxi zu sich nach
Hause an den Lietzensee bestellt. Sie musste also nur auf Wahlwiederholung
drücken, was schneller ging, als die Nummer zu googeln.
Okay, da ist sie ja schon!
Wieder kam sie ins Schlittern, doch diesmal hielt sie ihr Gleichgewicht.
Taxiruf Berlin. Gleich die zweite ausgehende Nummer. Nach etwa
zwanzig Versuchen, die sie vorhin verbraucht hatte, um Jules’ Handy zu
erreichen.
Ach Jules …
Das Bewusstsein, schon wieder vor einer Aufgabe zu stehen, die sie
alleine nicht bewältigen würde, versetzte ihr einen tiefen Stich.
Sie schluchzte. Dachte an ihren Begleiter, den sie jetzt dringender
brauchte denn je.
Auf meinem Heimweg.
Dem gefährlichsten Weg der Welt, wenn man eine Frau war.
Klara hatte die Kantstraße erreicht, sah sich nach Taxen um, entdeckte den
Stand, an dem zwei Fahrzeuge warteten.
Sie musste nur über die Ampel, noch wenige Meter, und doch hielt sie
inne. Erstarrte wie eine dieser Touristenattraktionen, die sich so lange nicht
bewegten, bis man Geld in ihren Hut warf.
Die Anrufliste, dachte sie.
Etwas an ihr war falsch.
Wie kann der Taxiruf von gestern bereits die zweite Nummer sein, die
ich wählte?
Klara stand auf dem Mitteldamm der Kreuzung. Hielt sich noch einmal
das Display vor die Augen. Rieb den Schneeregen weg, der auf dem
Bildschirm zerplatzte.
Und fand ihn nicht.
Den Anruf beim Begleittelefon!!!
Mit dieser Erkenntnis fühlte Klara etwas in sich zersplittern.
»Kein Zufall«, krächzte sie, während das erste Taxi am Stand losfuhr,
ohne dass sie die Kraft gefunden hatte, auch nur den Arm zu heben.
Nichts von dem, was in den letzten Stunden passiert war, war zufällig
geschehen.
Nicht der Einbruch in Martins Auto, der dazu gedient hatte, an die
Haustürschlüssel ihrer Wohnung am Lietzensee zu kommen. Und ganz sicher
nicht, dass es ausgerechnet Jules gewesen war, mit dem sie heute am
Begleittelefon gesprochen hatte.
Klara drückte auf Wahlwiederholung und fühlte sich wie in einem Traum,
aus dem es nie wieder ein Erwachen geben würde.
Das ist mein Fegefeuer.
Bis zur Unendlichkeit in einem Gespräch mit einem Begleiter gefangen,
der ihr immer und immer wieder die schreckliche Wahrheit erklärte, die zu
begreifen sich ihr Verstand bis in alle Ewigkeit weigern würde.
Egal, wie gut Jules ihr den Albtraum gleich beschreiben würde.
63
Jules
I hr Vater?«
Hatte Jules das eben wirklich gesagt?
»Yannick ist …?«
Klara stand noch immer auf der Mittelinsel der Kantstraße, nur wenige
Schritte von dem nunmehr einzigen Taxi entfernt.
Das sie nie besteigen würde, das wusste sie, als sie den Streifenwagen
kommen sah. Ohne Blaulicht, ohne Sirenen, aber mit klarem Ziel.
»Mein Vater, ganz genau. Ein widerlich krankes Schwein. Er hat meine
Frau auf dem Gewissen.«
»Ich verstehe das alles nicht.«
Der Streifenwagen hielt in zweiter Reihe vor einer Apotheke. Zwei
Polizisten stiegen aus. Die Waffen im Anschlag. Brüllten irgendetwas zu ihr
herüber.
»Das können Sie auch nicht verstehen, Klara. Aber das werden Sie.
Schon sehr bald.«
»Sie wollten, dass ich auf ihn treffe?«
Und ihn ermorde …?
»Waffe fallen lassen, sofort die Waffe fallen lassen«, schrien die
Polizisten. Jetzt hörte sie auch Sirenen. Noch waren sie weiter weg, aber
bald würde die Verstärkung eintreffen. Hatte das kichernde Pärchen sie
gerufen? Oder die Frau im Nachthemd aus dem Treppenhaus eine
Beschreibung abgegeben?
Egal.
»Dann haben Sie das alles heute Nacht von Anfang an geplant?«
Nichts geschieht zufällig.
Jules lachte erstickt auf. »Nein, ich habe nur das Spielfeld geschaffen. Es
ist so, wie mir mal ein Wedding-Planer erklärte, den ich für meine Hochzeit
mit Dajana buchen wollte, zu der es leider nie kam: ›Sie können nur die
Rahmenbedingungen stellen, die Party machen immer die Gäste.‹ «
»DIE WAFFE RUNTER !«
Die Polizisten waren nur noch wenige Meter entfernt. Sie konnte schon
die Nervosität in ihren Augen sehen. Den Ehering am Finger des näher
stehenden Beamten, der seine Dienstpistole auf sie richtete.
Klara drehte sich von ihm weg.
»Lebt Amelie noch?«
»Ja, natürlich. Es geht ihr gut.«
Großer Gott. Sie legte schluchzend den Kopf in den Nacken.
»Bitte tun Sie meinem Mädchen nichts«, sagte sie und ließ die Waffe
fallen.
»Das hätte ich niemals getan«, war das Letzte, was sie von Jules hörte.
Dann wurde sie von den Beamten zu Boden gerissen.
65
Jules
Klara
Drei Wochen später
N ah am Wasser.
Es gab wohl kein Café mit einem passenderen Namen als dieses in der
Knesebeckstraße.
Klara beobachtete, wie Amelie in einer Spielecke, die die Wirtin heute
extra für die Kleine eingerichtet hatte, mit einem Zeichenblock beschäftigt
war, und hätte schon wieder losheulen können.
Vor Liebe.
Und vor Erleichterung, sie nicht verloren zu haben, obwohl es doch so
viele Gründe gegeben hatte, dass sie ihre Tochter niemals wiedergesehen
hätte. Allen voran ihre eigenen Pläne. Um ein Haar hätte sie ihrem Leben ein
Ende gesetzt, bevor Martin oder Yannick es geschafft hätten.
»Hören Sie mir noch zu?«
»Was?«
Sie sah von ihrer Tochter wieder zu dem Mann, der ihr am Tisch
gegenübersaß.
Er saß im Rollstuhl und sah tatsächlich älter aus mit seinem Bart, aber
Magnus Kaiser hatte keinerlei Ähnlichkeit mit Yannick. Nicht einmal entfernt.
Caesar war bestimmt zwanzig Jahre jünger, hatte längere, viel hellere
Haare und wirkte trotz seiner körperlichen Behinderung agiler. Vor seinem
Unfall musste er ein wahrer Sportfanatiker gewesen sein.
»Ja, entschuldigen Sie bitte. Meine Tochter war bis vor ein paar Tagen in
einer sehr schlimmen Phase. Seit dem Tod ihres Vaters hat sie kaum
gegessen, nur wenig getrunken und ständig Albträume gehabt. Für mich ist es
wie ein Wunder, dass es ihr gerade so gut geht.«
»Das verstehe ich.« Caesar rührte in seinem Milchkaffee herum.
Irgendetwas lag ihm auf dem Herzen, sonst hätte er sie nicht so hartnäckig
um ein Treffen gebeten. Aber in den letzten Tagen hatte Klara so viel mit
Anwälten und Aussagen und ihrem Umzug zu tun gehabt, dass sie nicht dazu
gekommen war, sich mit ihm zu verabreden. Jetzt, wo klar war, dass sie bis
zum Prozessbeginn nicht ins Gefängnis musste (und es laut Auskunft ihres
Strafverteidigers Robert Stern auch ziemlich unwahrscheinlich war, dass sie
es jemals müsste, wenn sie bei ihrer Notwehrdarstellung blieb), hatte sie
endlich die innere Ruhe gefunden, sich mit den Hintergründen von Jules’ Tat
zu beschäftigen. Und einem Treffen zugestimmt.
»Wo waren wir stehen geblieben?«, fragte sie Caesar.
»Ich hatte Ihnen von meinem Verdacht erzählt. Wie ich schon sagte, ich
war mit Dajana befreundet. Es gab eine Zeit, in der wir beinahe
zusammengekommen wären, aber sie hat sich für Jules entschieden, was kein
echtes Problem war. Jedenfalls nicht, nachdem etwas Zeit verstrichen war.
Wir blieben gute Kumpel.«
»Okay?«
»Sehr gute Kumpel, was die Vertrauensbasis betrifft. Wir haben über
alles geredet. Auch über ihre Probleme mit Jules.«
»Was für Probleme?«
»Sie hat mir von ihrem Verdacht erzählt. Sie befürchtete, dass Jules in
etwas Illegales verwickelt wäre.« Er fuhr sich nervös mit dem Zeigefinger
über eine eingerissene Stelle der Nagelhaut seines Daumens.
»Was konkret?«
Caesar runzelte die Stirn. »Damit wollte sie nicht rausrücken. Und gerade
das hat mich misstrauisch gemacht. Normalerweise erzählten wir uns alles.
Doch hier druckste sie rum. Es habe mit seinem Vater zu tun. Und mit anderen
Frauen.«
Das Fummeln am Daumen hatte aufgehört, dafür hatten seine Hände eine
Serviette auf dem Tisch entdeckt, die sie zusammenknüllen konnten.
»Ich konnte mir keinen Reim darauf machen. Doch Dajana traf bei mir
einen Nerv. Jules hatte sich verändert. Er war schon immer anders als andere
gewesen. Still, sehr melancholisch. Die Arbeit beim Notruf setzte ihm zu. Er
konnte seine Fälle nie ruhen lassen, nahm Arbeit mit nach Hause. Einmal
musste ich ihn zu einer Adresse fahren, zu einer Frau, die von ihrem Mann
grün und blau geprügelt worden war. Er wollte nach ihr sehen, ob es ihr gut
ging. Ob sie sich von ihm getrennt hatte.«
»Hatte sie?«
»Nein. Er ist völlig ausgeflippt. Wir haben die beiden nur durchs
Küchenfenster gesehen, Mann und Frau. Jules wollte am liebsten klingeln und
den Kerl vermöbeln, ich konnte ihn gerade noch so davon abhalten.« Er
lächelte traurig. »Damals saß ich noch nicht in diesem Ding hier.«
Klara trank einen zu großen Schluck ihres noch sehr heißen Chai Latte.
»Ich will nicht unhöflich sein, aber wieso erzählen Sie mir das alles? Das
meiste habe ich der Presse schon entnommen. Sie haben ja eine Aussage bei
der Polizei gemacht.«
Er nickte und sah betreten auf die Tischplatte, als stünde auf dem
Kuchenteller, den er nicht angerührt hatte, die Antwort.
»Ich bin hier, um mich zu entschuldigen«, sagte er leise.
»Wofür?«
»Ich glaube, alles wäre nicht so weit gekommen, wenn ich früher etwas
gesagt hätte.« Er hob wieder den Kopf.
Weint er?
»Ich wünschte, ich hätte Sie gewarnt, Frau Vernet.«
Klara legte den Kopf schräg, schob sich eine Strähne von der Stirn und
hakte nach: »Sie hätten mich warnen können?«
»Das ist eine lange Geschichte.«
Caesar rang sichtlich um Worte, schließlich gestand er: »Nach Dajanas
Selbstmord habe ich Nachforschungen angestellt. Wie gesagt, wir hatten ein
Vertrauensverhältnis. Ich kannte ihr Computerpasswort und konnte so von
meinem Notebook aus ihre Online-Mailbox öffnen. Dajana hatte ihren
Abschiedsbrief, den sie später per Hand abschrieb, als Entwurf
gespeichert.«
»Und?«
»Und darin steht Ihr Name.«
Mein Name?
Das Gespräch war so ungewöhnlich und so aufmerksamkeitsfordernd,
dass sie glatt vergessen hatte, jede Minute nach Amelie zu sehen, was Klara
jetzt nachholte.
Die Kleine sah genau in diesem Moment zu ihr rüber und schenkte ihr ein
Zahnlückenlächeln.
»Bitte verachten Sie mich nicht für das, was ich getan habe«, hörte sie
Caesar sagen und wandte sich wieder zu ihm.
»Jules ist … er war mein bester Freund. Auch wenn er sich über die
Jahre veränderte und immer verbitterter wurde. Er hat selbst Schlimmes in
seiner Kindheit erfahren. Er musste erleben, wie sein Vater seine Mutter
schlug und quälte, bis sie ihn und seine Schwester alleine mit dem Irren
zurückließ.«
Caesar griff zum ersten Mal nach der Kuchengabel, stach sie sogar in den
Bienenstich, machte aber keine Anstalten, ihn zu essen.
»Damit hat er mir mal seinen Helferkomplex erklärt und weshalb er bei
der 112 arbeitete. Aber daher rührte wohl auch sein Hass auf Frauen, die das
widerstandslos über sich ergehen ließen.«
»Die er ermordete!«, flüsterte Klara mit einem Blick zu Amelie, die von
ihrer Unterhaltung glücklicherweise nichts mitbekam.
Und zwar am 8.3., 1.7. und 30.11. Alles wichtige Tage für Feministen,
wie die Medien in der Aufarbeitung der Tat im Nachgang recherchiert hatten:
der Weltfrauentag am achten März, die Änderung des Strafgesetzbuchs am
ersten Juli 1997 (erst seitdem war Vergewaltigung in der Ehe in Deutschland
strafbar) und die Einführung des Frauenwahlrechts am 30. November 1918.
»Was steht in dem Brief?«, fragte sie Caesar.
»Versprechen Sie mir, dass Sie mich nicht hassen werden?«
»Welchen Grund könnten Sie mir dazu liefern?«
Caesar seufzte. »Ich hätte zur Polizei gehen müssen. Aber ich dachte,
vielleicht sind das alles nur Hirngespinste einer verwirrten Frau. Immerhin
war Dajana kurz vor ihrem Tod wegen Paranoia in der Psychiatrie gewesen.
Wie ernst durfte ich das nehmen?«
Ohne dass er es wissen konnte, hatte Caesar damit eine Erinnerung bei
Klara heraufbeschworen.
Sie selbst hatte einen ähnlichen Wortlaut benutzt, als sie ihren Verteidiger
fragte, ob sie denn wirklich vor Gericht aussagen müsse.
»Wie ernst wird man denn meine Aussage nehmen? Es ist doch bekannt,
dass ich in einer psychiatrischen Klinik an einem Experiment
teilgenommen habe.«
Caesar stocherte weiter in dem Kuchen herum und setzte seine Beichte
fort: »Ich habe versucht herauszufinden, ob da wirklich etwas dran ist. Hab
Jules gefragt, ob er meine Schicht am Begleittelefon übernehmen kann.«
»Woher wussten Sie, dass er mich anrufen wird?«
»Das wusste ich nicht. Aber ich hab ihm gezeigt, wo man die Nummern
von den Teilnehmerinnen findet, die schon mehrfach angerufen haben. Und
wo die Datei ist, in der Hinweise auf Sorgen, Ängste und andere
Hintergrundinfos stehen, die es einem Begleiter einfacher machen, das
Gespräch zu führen.«
»Sie haben gehofft , er ruft mich an?«
Ich war Caesars Lockvogel?
»Ich habe gehofft, dass er es nicht tut. Aber gegen zweiundzwanzig Uhr
habe ich meinen Laptop geortet, ich hab da eine Software drauf für den Fall,
dass er geklaut wird. Und bingo, Jules war nicht zu Hause. Ich ließ mich von
einem Behindertentaxi zum Lietzensee fahren, dort, wo das GPS -Signal
ausschlug. Als ich Ihren Nachnamen am Klingelschild sah, Vernet, war ich
wie betäubt. Ich wusste jetzt sicher, dass da etwas nicht stimmen kann.«
Pause.
Klara traute sich nicht, sich zu bewegen, aus der irrationalen Angst, sie
könnte irgendetwas tun, was den hochnervösen Mann vor ihr so
verunsicherte, dass er aufhören würde zu reden.
»Also fuhr ich mit dem Fahrstuhl nach oben. Wollte ihn zur Rede stellen,
was er da in der fremden Wohnung macht.«
»Doch Sie bekamen es mit der Angst?«
»Ja.« Er schämte sich sichtlich. »Es klingt vielleicht kindisch, aber das
Licht im Treppenhaus funktionierte nicht. Ich fühlte mich auf einmal so
hilflos.«
»Und so sind Sie wieder umgedreht?«
»Ja. Mein Taxi hatte gewartet. Zu Hause angekommen, merkte ich, dass
ich mein Handy verloren haben musste. War mir aber nicht sicher, ob vor der
Haustür bei Ihnen oder anderswo. Ich rief mich hin und wieder selbst vom
Festnetz an, zwischenzeitlich hoffte ich, dass es mir geklaut worden wäre und
Jules es nicht in die Finger bekam. Ich schickte mir sogar mit meinem
Zweithandy eine SMS an den Dieb mit der Forderung, es mir
zurückzugeben.«
»Aber Sie haben nicht die Polizei gerufen?«
»Nein. Und das verzeihe ich mir bis heute nicht.« Er räusperte sich
verlegen. »Das war feige, ich weiß. Ich verhielt mich wie ein Kind, das
hofft, dass das Böse allein durchs Wegsehen verschwindet.«
»Sie wollten nicht wahrhaben, dass Ihr Freund zu den Morden in der Lage
ist.«
Er nickte. »Es ist zu monströs. Einfach nicht fassbar. Vielleicht verstehen
Sie mich, wenn Sie es selbst gelesen haben.«
Caesar rückte vom Tisch ab und griff nach seinem Portemonnaie. Klara
wollte schon protestieren, dass sie die Rechnung übernähme, da merkte sie,
dass er einen Umschlag neben die Tasse legte.
»Bitte, hassen Sie mich nicht«, sagte er noch einmal.
Er drehte auf der Stelle und rollte zum Ausgang.
Klara sah ihm nach. Beobachtete, wie er darauf wartete, dass ihm ein
Gast die Tür aufhielt, und kurz darauf mit seinem Rollstuhl auf der
Knesebeckstraße aus ihrem Sichtfeld verschwand.
Sie vergewisserte sich, dass Amelie noch mit ihren Zeichnungen
beschäftigt war. Mit Herzrasen und schweißnassen Fingern ertastete sie die
Blätter im Kuvert.
Als Nächstes nahm sie einen letzten Schluck aus ihrem Wasserglas, das
sie sich zu ihrem Chai Latte bestellt hatte.
Schließlich öffnete sie den Umschlag und las Dajanas Abschiedsbrief.
67
»Blumen?«
Klara zuckte so heftig zusammen, dass ihre Knie gegen die Unterseite des
Cafétisches knallten.
»Was?«, blaffte sie den Straßenverkäufer an, der sich keinen
unpassenderen Moment hätte aussuchen können, um ihr einen Strauß Rosen
vor die Nase zu halten.
»Nein!« Klara schaffte es nicht, höflich zu sein. Sonst hatte sie Mitleid
mit den armen Schluckern, die ihren mageren Lohn irgendeinem mafiösen
Familienoberhaupt abliefern mussten. Sie vergewisserte sich, dass der nach
Tabak stinkende Hoodie-Träger Amelie in Ruhe ließ, wartete, bis er mit
seinen schnürsenkellosen Sneakern erfolglos nach draußen geschlurft war,
und setzte noch einmal bei dem letzten Absatz der albtraumartigen
Enthüllungen an, die Dajana in den letzten, verzweifelten Stunden ihres
Lebens verfasst hatte.
Selbstzufrieden zeigte Dein Vater mir eine junge Frau, ebenfalls eine
Patientin, die gedankenverloren im Park saß. Ihr Name sei Klara
Vernet, und er habe sie als nächstes Opfer ausgesucht. Ihr Mann Martin
würde sie sexuell und psychisch quälen, und dennoch würde sie ihn
nicht verlassen. Obwohl sie, Ironie des Schicksals, schon seit Jahren
solche Angst habe, dass die Nummer des Begleittelefons in ihrem Handy
abgespeichert sei. Für sie hättet ihr den Todestag auf den 30.11.
festgelegt. Wie schon für euer erstes gemeinsames Opfer.
Seitdem ich aus der Klinik zurück bin, stehe ich völlig neben mir, doch
Du hast das gar nicht bemerkt. Dein Kopf ist nie mehr bei mir, denn Du
kämpfst mit Deinen Dämonen. Für Valentin und Fabienne bist Du noch
immer der fürsorgliche Vater, aber für mich nur noch eine seelenlose
Hülle, wobei wir auch das wieder gemein haben.
Dein Vater und Du habt für Klara Vernet ein Datum ausgewählt, und
auch ich habe einen Tag für mich festgelegt. Und der ist heute.
Ich weiß, Du hättest mir nie etwas getan. Das und das Wissen, dass ich
Dich trotz allem immer noch liebe, macht das Weiterleben für mich
unerträglich. Vielleicht hätte ich es mit Dir alleine sogar geschafft.
Hätte Deine dunklen Dämonen zähmen können, wer weiß. Aber mit
Deinem Vater als Mentor des Bösen an Deiner Seite? Keine Chance.
Das übersteigt meine Kräfte, mein Vorstellungsvermögen und meinen
Lebenswillen.
Leb wohl, mein liebster Jules. Ich werde jetzt, kurz nach meiner
Unterschrift, mit den Pulsadern beginnen. Vielleicht schaffe ich es noch,
Dich ein letztes Mal auf der 112 anzurufen, bevor meine Kräfte
schwinden. Ein letztes Mal Deine Stimme zu hören, die mir früher Halt,
Zuversicht und Hoffnung gegeben hat. Vielleicht, wenn ich Dich auf der
Arbeit erreichen sollte, kann ich mich an ihr festhalten, und Du
begleitest mich auf meinem letzten Weg.
Vermutlich wird niemand außer Dir diesen Brief jemals lesen. Doch
wenn, dann denkt die- oder derjenige bestimmt: »Wie kann eine Mutter
ihre Kinder bei einem Mörder zurücklassen?«
Ich bin mir sicher, selbst Du würdest so argumentieren, hätte ich Dir
von meinen Absichten erzählt. Und vielleicht würde ich beim Blick in
Deine Augen schwach werden und die Kraft verlieren, meinen
Entschluss zu verwirklichen.
Doch ich weiß, ich muss es tun. Die Kinder waren Dir immer näher als
mir. Und sie haben sich noch mehr von mir gelöst, seitdem ich ein
emotionales Wrack bin. Ich bin unendlich erschöpft, aber zugleich so
wütend auf Dich. Mein Tod, das weiß ich, wird Dich bestrafen. Ich weiß,
wie sehr Du mich liebst. Und wie sehr Du unter meinem Selbstmord
leiden wirst. Vielleicht, das ist meine Hoffnung, bringt diese
Erschütterung Dich auf den richtigen Weg zurück, der mir in diesem
Leben für immer verbaut ist. Und dann, das weiß ich, wirst Du den
Kindern ein guter Vater sein, so wie Du mir immer ein guter Mann
gewesen bist.
Ich liebe Dich so sehr, trotz allem,
Dajana
68
S ie hatte schon eine Zeit lang über die oberste Seite des Briefes hinweg ins
Leere gestarrt, als der Löffel auf der Untertasse zu klirren begann. Klara,
geistig noch ganz in der morbiden Welt gefangen, die Dajanas Worte für sie
gezeichnet hatten, brauchte eine Weile, um zu verstehen, dass es ihr Handy
war, das die Vibrationen auf dem Tisch auslöste.
»Hallo?«
»Wie geht es Ihnen, Klara?«
Mit den ersten Worten des Anrufers sank die Temperatur im Café auf das
Niveau, das draußen auf der Straße herrschte. Intuitiv griff Klara nach ihrem
Schal, den sie neben sich auf den Stuhl gelegt hatte. Gleichzeitig
vergewisserte sie sich, dass ihre Tochter in Sicherheit war.
»Jules?« Der Name, den sie einst so schön gefunden hatte, dass sie ihn
sich für ein weiteres Kind hätte vorstellen können, war ihr mittlerweile so
verhasst, dass ihr übel wurde, wenn sie ihn nur aussprach.
»Ich störe Sie nicht lange, keine Sorge. Ich werde Sie auch nie wieder
anrufen. Das wird definitiv unser letztes Gespräch sein.«
Klara nahm sich zu dem Schal auch ihre Daunenjacke und trat vor die Tür
des Cafés, ohne Amelie durch die bodentiefe Fensterscheibe aus den Augen
zu verlieren.
»Ich rufe die Polizei.« Kondensnebel umhüllte ihre Worte wie der Dampf
einer E-Zigarette. Es war knapp unter null, aber die seelische Kälte, die sie
spürte, war sehr viel stärker.
»Die kommt nicht immer so schnell, wie man sie braucht.«
»Ach ja, ich vergaß. Sie sind ja der Notruf-Killer.«
Nachdem die Presse herausgefunden hatte, wer für die Morde
verantwortlich war, hatten sie Jules umgetauft.
»Ich spreche aus Erfahrung, weil ich in jener Nacht selbst versucht habe,
Hilfe zu holen. Ich dachte, Ihre Tochter wird bedroht. Eher wollte ich mich
selbst stellen, als ein Kind in Gefahr zu bringen.«
Klara winkte durch die frisch geputzte, schaufensterartige Glasscheibe
Amelie zu, die kurz nach ihr gesucht hatte, jetzt aber beruhigt war, dass Mami
vor dem Café telefonierte.
»Oh, wie ehrenvoll. Aber Sie waren die einzige Gefahr für Amelie. Sie
haben mit dem Babysitter gekämpft!«
»Ich lese die Zeitung, Klara. Ich weiß Bescheid. Und das mit Vigo tut mir
wirklich leid. Ich hatte den Schlüssel aus dem Handschuhfach Ihres Mannes,
von dem ich wusste, dass er am letzten Samstag im Monat immer sehr spät
nach Hause kommt.«
Nach seinen Feiern im Le Zen. Oder im »Stall« , dachte Klara und fragte
sich, wie viele Therapiesitzungen notwendig wären, bis sie zum ersten Mal
offen mit einem Dritten darüber würde sprechen können.
»Ich wusste nichts von einem Babysitter. Als ich kam, muss er schon im
Gästezimmer geschlafen haben.«
Klara schnaubte verächtlich. »Sie dachten, ich lasse mein Kind
unbeaufsichtigt?«
»Schon vergessen? Sie wollten es für immer alleine lassen«, parierte
Jules. Die Erinnerung an ihre fehlgeschlagenen Suizidversuche hatte eine
ernüchternde Wirkung auf Klara.
Wobei Jules mit seiner Vermutung während ihres Telefonats in jener
Nacht vollkommen recht gehabt hatte. Im Grunde waren alle ihre
Suizidversuche halbherzige Hilferufe gewesen. Von dem abgebrochenen
Sprung vom Kletterfelsen bis zu dem untauglichen Versuch, sich mit
Autoabgasen zu vergiften.
Eine schwangere Frau schob einen Kinderwagen über die Straße und hielt
vor einem Laden mit Umstandsmode.
Statistisch gesehen erfährt jede vierte Frau häusliche Gewalt. Meist
wird es in der Schwangerschaft schlimmer, weil der Mann sich noch
wertloser fühlt, schoss es Klara bei ihrem Anblick durch den Kopf.
Ob auch sie Angst hat, nach Hause zu gehen?
Sie blickte wieder zu Amelie, die auf einem angewinkelten Bein saß und
deren einziges Problem gerade war, mit welcher Farbe sie den Baumstamm
der Inselpalme ausmalen sollte.
»Was wollen Sie?«, fragte sie Jules.
»Etwas richtigstellen.«
»Das brauchen Sie nicht mehr. Ich habe Dajanas Abschiedsbrief gelesen.«
»Dann hat Caesar Ihnen eine Kopie gegeben. Das habe ich befürchtet.«
Klara schüttelte den Kopf und senkte ihre Stimme, obwohl gerade eine
Gruppe Jugendlicher, die vom S-Bahnhof kamen, lautstark zu johlen begann.
»Sie sind noch kränker, als ich dachte.« Angewidert presste Klara ihre
weiteren Worte hervor: »Mord im Team? Gemeinsam mit dem leiblichen
Vater?«
»Eben nicht. Ich habe mit meinem Erzeuger kaum etwas gemein. Er liebte
es, Menschen zu quälen, ich nicht. Er wollte Frauen Angst machen, ich wollte
ihnen helfen.«
»Indem Sie sie töten?«
Die Jugendlichen hatten für ihre Fußballgesänge als Probenort den
Spielplatz direkt neben dem Café entdeckt. Eigentlich war er nur für Kinder
bis zehn Jahre vorgesehen, aber das war den Halbstarken gut hörbar
gleichgültig.
»Indem ich ihnen aufzeige, dass man handeln muss. Ich zeige den Opfern,
dass es einen Weg aus der Falle gibt. Ja, dazu muss man Druck aufbauen.
Deshalb setze ich ein Ultimatum. Ich bin froh, dass meine Motive jetzt in der
Öffentlichkeit bekannt sind. Sonst versteht ihr Frauen es nicht.«
»Was gibt es daran zu verstehen, dass man keine Menschen töten darf?«
»Aber genau das tun Frauen wie Sie, Klara. Was glauben Sie denn, was
aus Ihrer Tochter geworden wäre, wenn Sie sich nicht befreit hätten? Sie
hätte ein Muster gelernt. Dass es völlig normal ist, wenn Papa die Mama
schlägt, foltert, demütigt. Dass der einzige Weg der Selbstmord ist. Damit
hätten Sie aus Amelie das nächste Opfer gemacht.«
Klara hielt inne, wütend über den Fakt, dass Jules in der Darstellung
seines verdrehten Weltbilds den Fokus auf eine traurige Wahrheit gelenkt
hatte. Auch sie hatte von ihren Eltern die Opferrolle gelernt. Was wäre wohl
aus ihr geworden, wenn ihre Mutter die Kraft gehabt hätte, sich gegen ihren
Mann zu wehren?
»Sie haben sicher von meiner Schwester Rebecca gehört.«
»Sie gibt keine Interviews«, antwortete Klara.
»Wenn sie welche geben würde, müsste sie den Reportern sagen, wie
sehr sie unter der Schwäche meiner Mutter gelitten hat. Meine Mama hat nie
etwas gegen meinen Vater unternommen. Hat sich alles von ihm bieten lassen.
Becci lernte dadurch, bewusst oder unbewusst, dass das die naturgegebene
Rolle einer Frau ist: die Dominanz des Mannes still und unterwürfig zu
ertragen. Wäre meine Mutter damals nicht fortgegangen, wäre meine
Schwester heute ebenso ein Opfer, wie Sie es sind, Klara.« Jules korrigierte
sich sofort: »Wie Sie es waren! Sie wissen gar nicht, was für eine großartige
Leistung Sie vollbracht haben, indem Sie Yannick aus dem Weg räumten.«
»Ihren Vater!«, zischte Klara, nickte Amelie liebevoll zu und war
beruhigt, als diese sich wieder über ihr Kunstwerk beugte. »Ihr
Todesgehilfe!«
»Falsch, mein Vater war nur ein Trittbrettfahrer.«
Klara stockte. »Moment. Er hat nie getötet?«
Sie hörte, wie Jules abfällig mit der Zunge schnalzte. »Dazu war er doch
viel zu feige.«
»Aber ich verstehe das nicht! Wie hat er denn herausgefunden, dass Sie
der Kalender-Killer sind, wenn Sie es ihm nicht gesagt haben?«
Sie hörte Jules tief ausatmen, bevor er sagte: »Eines Tages gab es einen
Wasserschaden in der Wohnung unter mir. Ich war auf Arbeit und nicht zu
erreichen. Der Nachbar dachte, es sei mein Bett, und rief panisch den
Verwalter an. Der wusste, dass mein Vater dort einmal gewohnt hatte und
noch immer als Miteigentümer im Grundbuch eingetragen ist. Also rief er ihn
an, und mein neugieriger alter Herr organisierte einen Schlüsseldienst und
nutzte die Situation, um sich mal umzusehen, wie ich wohne.«
»Und so hat er das Wasserbett entdeckt?«
Und seinen entsetzlichen Inhalt.
»Er hat kein Wort darüber verloren, tat so, als wäre alles normal, aber ich
bin mir sicher, er ist bei dieser Gelegenheit durch meine gesamte Wohnung
und hat auch den Ordner mit den Dokumentationen unter dem Bett gefunden.«
»Sie haben Ihre Opfer fotografiert?« Klara wollte sich am liebsten
übergeben.
»Nur das Datum an der Wand.«
»Nur!« Sie stöhnte.
»Eigentlich müssten Sie mich doch verstehen können, Klara. Ich habe
Fälle wie Ihren zu Hunderten erlebt. Immer und immer wieder riefen Frauen
mich um Hilfe, doch wenn ich sie ihnen schickte, blieben sie bei ihren
Männern. Ließen sich schlagen, quälen, vergewaltigen, töten. Ich wollte ein
Zeichen setzen, die Betroffenen läutern, sie aus der Opferrolle holen. Und bei
Ihnen scheint mir das ja sogar gelungen zu sein.«
»Sie sind wahrhaft geistesgestört.«
»Tja, vermutlich haben Sie recht, und dennoch bin ich mir sicher, sehr
viel gesünder zu sein, als mein Vater es je gewesen war. Sein ganzes Leben
lang zog er sein Vergnügen daraus, Frauen zu quälen. Er liebte es, meine
Mutter physisch wie psychisch zu zerstören. Ihre Angst war wie eine Droge
für ihn, und nach der war er auch nach ihrem Tod süchtig. Ihm ging einer ab,
wenn er sah, wie das Glück in den Augen einer Frau erstarb. Wenn er merkte,
dass seine Worte und Taten jegliche Lebensfreude in ihr zerstörten.«
So wie bei mir, dachte Klara. Als er zuerst mit mir schlief, um mir dann
aufzuzeigen, dass ich mit einem Monster ins Bett gestiegen war.
»Er hat Sie angelogen, um Ihre Seele zu vergiften, Klara. So wie er
Dajana anlog und sie damit in den Tod trieb.«
Klara lachte spöttisch auf. »Ach, Sie meinen, Ihre Freundin hätte es
besser verkraftet, wenn sie die Wahrheit gekannt hätte: dass Sie für die
Kalendermorde ganz alleine verantwortlich sind?«
»Ja. Das hat Dajana doch ausdrücklich in ihrem Abschiedsbrief so
geschrieben. Wenn Sie ihn genau gelesen haben, muss Ihnen doch aufgefallen
sein, dass sie tief in ihrem Innersten niemals vorgehabt hatte, sich das Leben
zu nehmen. So wie Sie, Klara.«
»Woher wissen Sie das?«
»Sie wollte mich vorher noch einmal anrufen! Weil sie wusste, dass
meine Stimme sie davon abhalten würde.«
Klara nickte unbewusst. Wie hatte Jules es schon einmal formuliert? »Sie
war verzweifelt, aber ihr Todeswunsch war am Ende doch nicht so stark
wie ihre Mutterliebe.«
Damals war es ihr nicht klar gewesen, aber diese Worte hatten in jener
Nacht auch für sie gegolten.
» Hilferuf hin, Hilferuf her. Selbst wenn ich mich in diesem Punkt irrte,
wäre Dajana noch am Leben«, fuhr Jules fort. »Meinen Vater trifft die
alleinige Schuld. Hätte er Dajana nicht diese Lügen aufgetischt, wäre es
niemals so weit gekommen. Meine Frau hätte sich nicht die Pulsadern
aufgeschnitten. Meine Kinder wären nicht gestorben.«
»Aber Sie wären noch immer ein Mörder.«
Jules atmete wieder schwer, stimmte ihr aber zu. »Das ist richtig, ich bin
ein Mörder. Doch in dieser Nacht habe ich Sie gerettet, Klara.«
»Indem Sie mich auf Ihren Vater treffen ließen?«
Jules hatte sie wie eine Marionette an unsichtbaren Fäden tanzen lassen.
Sie glauben gemacht, sie würde zu Caesar fahren, dabei hatte er sie in seine
eigene Wohnung gelockt.
Verdammt, er hat sogar die Türen für mich offen stehen lassen.
»Ich habe Sie davon abgehalten, sich das Leben zu nehmen, Klara.«
»Damit es stattdessen Ihr geistesgestörter Vater versuchen durfte?« Sie
presste die Zähne aufeinander und zischte: »Der Dreckskerl wollte mich
abstechen.«
»Ich bin mir nicht sicher, ob er dazu wirklich fähig gewesen wäre. Noch
mal: Mein Vater hat keine dieser Frauen ermordet. Allerdings, das gebe ich
zu, habe ich ihn in jener Nacht komplett aus der Reserve gelockt. Spielte den
Ahnungslosen. Tat so, als wüsste ich nicht, dass er mein Trittbrettfahrer ist
und sich Ihnen gegenüber als Yannick ausgegeben hat. Indem ich ihn zum Le
Zen lotste, ließ ich meinen Vater quasi Nachforschungen über sich selbst
anstellen.«
»Um ihn zu quälen?«
Er stimmte ihr zu und ergänzte: »Und um ihn dazu zu bringen, einen Fehler
zu machen.«
»Sie haben ihn auf mich gehetzt!«
»Ja, aber ich hab Sie ihm nicht völlig schutzlos ausgeliefert.«
Klara nickte. »Sie haben gehofft, ich benutze den Dolch an der Wand!«
»Und wachsen ein Mal im Leben über sich hinaus, genau.«
Das Wasserbett. Der japanische Dolch. Tannbergs Trenchcoat, der von
Kugeln zerfetzt wurde. Sein Körper, der erst einknickte und dann wie ein
gesprengter Schornstein in sich zusammensackte.
Die Erinnerungen an ihre letzten Minuten in Jules’ Wohnung blitzten vor
ihrem geistigen Auge auf wie Fotos, die von einem Diaprojektor an die Wand
geworfen wurden. Und wie damals schnellte ihr Puls in die Höhe, und die
Angst legte sich ihr mit bleischwerem Druck auf die Brust. »Aber was, wenn
ich ihn nicht getötet hätte? Wenn ich einfach nach Hause gekommen wäre, um
mich noch einmal von Amelie zu verabschieden …«, flüsterte Klara, und
Jules führte den Gedanken fort: »Dann hätte ich Sie ermordet.«
Sie stöhnte auf. Damit bestätigte Jules die albtraumhaften Vermutungen,
die sie jede Nacht bis in den Schlaf verfolgten. Er hatte ihr in ihrer eigenen
Wohnung aufgelauert!
»Ich hätte es nicht gerne getan. Aber nur so wäre die Linie durchbrochen
worden. Ich konnte nicht zulassen, dass aus Amelie auch ein Opfer wird.«
Klara sah erneut ins Café, und in dieser Sekunde winkte Amelie ihr zu, sie
solle zurückkommen und das halb fertige Bild begutachten, also ging Klara
wieder hinein.
»Irgendwann wird Ihre Tochter alt genug sein und erfahren, dass ihre
Mutter eine Heldin ist, die sich von Männern nicht herumschubsen lässt,
sondern das Heft selbst in die Hand nimmt. Auch wenn ich mir natürlich
gewünscht hätte, Sie hätten sich Ihres Ehemanns gleich mit entledigt. Aber
das habe ich ja dann für Sie übernommen.«
Klara zog Schal und Jacke wieder aus, ihr Gesicht brannte durch den
plötzlichen Temperaturwechsel wie Feuer. Die Kellnerin sah sie fragend an,
aber Klara machte ihr lächelnd ein Zeichen, dass sie nichts weiter brauchte
für den Moment. Außer vielleicht einer Fangschaltung zu dem Mann, den man
Kalender-Killer genannt hatte.
»Betrachten Sie es als mein Geschenk«, sagte Jules. »Sie wissen, Martin
hat den Tod verdient.«
»Niemand hat das«, widersprach Klara halbherzig. »Sie werden dafür zur
Rechenschaft gezogen werden.«
»Das wurde ich schon. Mit Dajana habe ich den Sinn meines Lebens
verloren.«
Klara presste wütend ihre Worte durch die zusammengebissenen Zähne:
»Sie sind geisteskrank, und das wissen Sie, oder? Sie wollen mir Ihre
perversen Taten als Hilfestellung verkaufen, dabei haben Sie mich als
Werkzeug benutzt.«
»Falsch. Ich habe Sie nur zu einer Tür begleitet. Sie selbst haben sich
entschieden hindurchzugehen.«
»Sie sind ein Monster.«
»Ich bitte Sie.« Jules kicherte tatsächlich. »Von allen Männern in Ihrem
Leben war ich in letzter Zeit wohl der harmloseste.«
Klara lachte hysterisch auf, was ihr einen nervösen Blick von zwei
Frauen am Nachbartisch einbrachte, die sich in ihrer Unterhaltung gestört
fühlten.
»Harmlos?«, sagte sie und wäre am liebsten wieder aus dem Café
gerannt, wo sie wenigstens hätte brüllen können. »In Ihrem Bett schwammen
Leichenteile, die Sie gesammelt haben!«
»Nicht als Trophäe, sondern als Mahnung. Meine Mutter sollte mich
immer an meine Bestimmung erinnern.«
»Ihre Mutter?« Klara schloss die Augen, und wieder schwammen
Gebeine in der mit blutigem Wasser gefüllten Erinnerungskammer ihres
Bewusstseins. Wieder lag sie auf dem Wasserbett, wieder wurde ihr allein
bei dem Gedanken, was sie auf ihm mit Yannick getan hatte, speiübel, doch
zum ersten Mal begriff sie, wessen Knochen das unter ihr gewesen waren.
»Ich dachte, Ihre Mutter …«
Nein, korrigierte sie sich selbst in Gedanken. Natürlich war sie damals
nicht einfach abgehauen. Sie war Jules’ erstes Opfer. Weil sich seine Mutter
nicht gegen seinen Vater zur Wehr gesetzt hatte.
»Jahrelang hatte ich ihre Überreste bei uns im Garten vergraben, erst
später suchte ich für sie einen besseren Platz«, sagte Jules. »Verstehen Sie
jetzt, was für ein Schwein mein Vater ist?«
»Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.«
»Falsch«, widersprach ihr Jules energisch. »Ich bin kein Lügner, so wie
er es gewesen ist. Sein ganzes Leben lang hangelte er sich von Lüge zu Lüge.
Bis in seinen Tod hinein. Er hatte Angst, Sie könnten mir am Telefon etwas
erzählen, das mich ihm auf die Schliche bringt. Es war schon fast komisch,
wie er panisch immer wieder versucht hat, mich dazu zu bewegen, das
Gespräch mit Ihnen abzubrechen. Unablässig hat er mich aufgefordert
aufzulegen. Hat Sie als Lügnerin dargestellt, als Wahnsinnige, der man nichts
glauben dürfe.«
Klara nickte stumm. Das konnte Hans-Christian Tannberg nicht
schwergefallen sein. Immerhin war sie zuvor in einer psychiatrischen Klinik
gewesen.
»Am Ende fiel ihm nichts Besseres ein, als mir Caesar als Verdächtigen
anzubieten.«
»Um von sich abzulenken«, stellte sie fest.
»Ja, lächerlich. Ich habe keine Ahnung, wie er damit den Kopf aus der
Schlinge ziehen wollte, vielleicht wusste er es selbst nicht so genau. Er
improvisierte, doch irgendwann war er mit seinem Latein am Ende, und ihm
blieb nur noch eine Möglichkeit.«
»Er musste mich abfangen«, kombinierte Klara.
»Ganz genau«, stimmte Jules ihr zu. »Deshalb fuhr er sofort zu mir, als ich
ihm sagte, Sie würden zu mir nach Hause kommen.«
Klara schüttelte den Kopf. Eins musste sie Jules lassen. Er hatte das Katz-
und-Maus-Spiel geschickt eingefädelt, und das mit zwei Teilnehmern, die zu
keinem Zeitpunkt gewusst hatten, wer von ihnen die Katze und wer die Maus
war. Widerwillig musste sie die perverse Genialität hinter diesem Plan
anerkennen. Jules hatte sie in eine Lage gebracht, aus der nur einer als
Gewinner hervorgehen konnte: Jules selbst. Hätte sie sich gegen Hans-
Christian Tannberg nicht zur Wehr setzen können und wäre von ihm ermordet
worden, hätte Jules dafür gesorgt, dass sein Vater auch für die anderen
Morde in den Bau ging. Klara war sich sicher, dass Jules in jener Nacht die
Polizei nicht zu ihrer Rettung in die Pestalozzistraße bestellen wollte,
sondern damit Hans-Christian in flagranti als Kalender-Killer erwischt
wurde.
»Jetzt kennen Sie die ganze Wahrheit, Klara.«
Als wäre das ein Stichwort gewesen, öffnete sie wieder die Augen.
Nichts in ihrer Umgebung hatte sich verändert. Die Bedienung stand noch
hinter der Theke, die Frauen unterhielten sich, ihre Tochter malte.
»Leben Sie wohl«, verabschiedete sich Jules mit einer altmodischen
Floskel.
Etwas in Klara schrie danach, sofort aufzulegen und das durch das
Gespräch besudelte Handy in den Mülleimer zu werfen. Eine andere, innere
Stimme zwang sie, Jules offen zu drohen: »Sie wissen, dass ich alles
daransetzen werde, dass man Sie findet und bestraft.«
»Natürlich weiß ich das. Wenn Sie aus dieser Nacht etwas gelernt haben,
dann, dass man sich gegen Männer zur Wehr setzt.« Er lachte und klang
seltsam stolz dabei.
»Werden Sie weiter morden?«, fragte Klara.
»Schmeckt Ihnen der Chai Latte noch, oder ist er mittlerweile kalt?«
Klara wurde bleich. Sie starrte auf das Glas, in dem der Schaum schon
eingesunken war, so lange hatte sie nicht mehr daraus getrunken.
»Wo sind Sie?«, fragte sie und sah sich um.
Außer Amelie und den beiden Frauen waren nur noch zwei weitere Gäste
im Café, die etwas entfernt von ihr in der Nähe der Toiletten saßen. Ein
einziger Mann, klein, mit einer sehr hohen Stimme. Er unterhielt sich gerade
mit seiner Begleitung, während Jules ihr riet: »Schauen Sie mal neben sich
auf den freien Stuhl.«
Klara blickte nach rechts. Ihr Herz setzte für einen Schlag aus, als sie dort
eine Rose fand.
»Das ist mein Abschiedsgeschenk. Ab sofort bleibe ich Ihr unsichtbarer
Begleiter.«
In diesem Moment ging die Glocke der Kaffeehaustür, und ein
hochgewachsener, breitschultriger Mann trat ein.
»So, und nun Schluss für heute«, verabschiedete sich Jules, bevor er
auflegte. »Ihr Freund ist da.«
69
D u siehst ja aus wie der Tod uffm E-Roller«, lachte der Mann und gab
Klara einen Schmatzer auf die Stirn. Er bemühte sich, in ihrer Gegenwart
weniger zu berlinern, aber nicht immer gelang es ihm.
»Hendrik«, rief Amelie erfreut und sprang von ihrer Malecke auf, um an
dem Berg von Mann hochzuspringen, als wäre er eine Hüpfburg.
Auf Hendriks Armen, vor seiner voluminösen Brust, sah die
Siebenjährige aus wie eine zerbrechliche Porzellanpuppe, was sie im
Grunde ja auch ist, dachte Klara und zwang sich zu lächeln, während sie die
Rose unter den Tisch fallen ließ.
Klara ermahnte ihre kichernde Tochter, nicht so stürmisch zu sein, doch
Hendrik tat mal wieder so, als wäre sein glatter Durchschuss schon
Jahrzehnte und nicht erst wenige Wochen her und als hätte es nie eine
Notoperation gegeben. Sein Genesungsprozess war unglaublich schnell
vorangeschritten, dennoch wusste Klara, dass er noch täglich
Schmerztabletten nahm.
»Hast du mir was mitgebracht?«, wollte Amelie wissen, und er zog, wie
immer, wenn er sie besuchte, ein Mitbringsel aus der Tasche. Heute war es
eine Tüte Brausepulver, die sehr bald quer über Amelies Kleidchen und dem
Fußboden des Cafés verstreut sein würde. Strahlend eilte das Mädchen zur
Theke, um sich mit einem Glas Wasser zurück an ihren Maltisch zu setzen.
»Sie ist dir so ähnlich, Klara.« Hendrik lächelte, während er Amelie
hinterhersah. Klara fühlte einen leisen Stich, wie immer, wenn er sie beim
Vornamen nannte. In jener Schicksalsnacht ihrer ersten Begegnung hatte sie
sich noch im Parkhaus gewundert, woher er ihn kannte. Er hatte ihn natürlich
von Martin erfahren. Das Schwein hatte sie unter ihrem echten Vornamen
»versteigert«.
»Wer war dit eben am Telefon?«, wollte Hendrik wissen und ließ sich
krachend auf einen Stuhl fallen.
»Sei nicht immer so neugierig.«
Klara fühlte sich wohl in der Gegenwart dieses ungewöhnlichen Mannes,
der seinen Lebensunterhalt tatsächlich damit verdiente, dass er sich vor
fremden Frauen auszog.
»Aber nur bis zum Schlüppi«, wie er betonte.
»Das war mein Anwalt«, log Klara. Sie würde Hendrik später von ihrem
Gespräch mit Jules erzählen, wenn das Kind schlief und sie selbst mal
wieder kein Auge zubekam. Es gab kein besseres Aufputschmittel als eine
albtraumhafte Vergangenheit.
»So, dann erzähl doch mal, was machen wir drei Hübschen mit dem
angebrochenen Tag?«, fragte Hendrik, der Gesprächspausen und
Schweigeminuten für überflüssig hielt, wie Klara in den letzten Wochen hatte
lernen müssen. Allerdings, das musste sie ihm zugutehalten, hätte sie sich
auch niemals auf ein Date mit ihm eingelassen, wenn er sie nicht so intensiv
bequatscht hätte.
Schon bei ihrem ersten Besuch an seinem Krankenbett fing es an. Klara
hatte sich für ihre Tat entschuldigen wollen, und er war putzmunter und
quatschte wie ein Wasserfall. Noch immer kam es ihr wie ein böser
Albtraum vor, dass sich der Schuss aus der Pistole in ihrer Hand gelöst und
ihn getroffen hatte.
»Warum war die Waffe geladen?«, hatte sie ihn bei ihrem Wiedersehen
gefragt, und er hatte mit einem fast schon bemitleidenswerten, niedlichen
Schalkgesicht geantwortet: »Eifersüchtige Männer. Du weißt doch, ick bin
Stripper. Ick bin schon so oft von Kerlen überfallen worden, die wissen
wollten, ob ihre Frauen beim Junggesellinnen-Abschied zu weit gegangen
sind. Also hab ick mir zur Beruhigung ne Knarre geholt.«
Zu seiner »Sicherheit« habe er auch immer sein Kostüm nach der
Vorstellung anbehalten, »bis ick zu Hause bin . Damit niemand mein Gesicht
sieht und mir uffm Parkplatz auflauert.«
Er wusste selbst, dass hier mehr als nur ein bisschen Paranoia im Spiel
war und er maßlos übertrieb. Hendrik war im Grunde ein eher schüchterner
Zeitgenosse, der seine Unsicherheit mit Krafttraining, erotischen Posen und
einer scharfen Waffe kompensierte, die er selbst niemals hätte abfeuern
wollen. Wegen seiner Vorstrafe (er hatte drei Jahre lang »vergessen«, die
Umsatzsteuer aufzuführen) war ihm die Waffenbesitzkarte entzogen worden.
Dafür und für die unsachgemäße Verwahrung der Pistole würde er sich
erneut vor Gericht verantworten müssen. All das hatte er Klara beim
»Versöhnungskäffchen« in der Krankenhauscafeteria gestanden.
»Ja, ick hab gelogen. Die Knarre war echt. Aber ich hielt dich für eine
Wahnsinnige, die nachts durch den Wald jockelt und mein Auto klauen will.
Du solltest erst gar nicht uff den Gedanken kommen, damit rumzufuchteln,
also hab ick gesagt, sie ist zu nüscht nütze.«
Klara beugte sich nach vorne, tätschelte seine prankenartige Hand, die sie
noch nie intim berührt hatte, einfach weil es dafür noch viel zu früh war,
wenn es überhaupt jemals geschehen würde, und fragte ihn: »Hast du es
gefunden?«
Hendrik nickte und zog das Kuvert hervor. Der zweite Mann, der ihr in
diesem Café einen Umschlag auf den Tisch legte, nur dass der von Hendrik
sehr viel dicker war.
»Wie viel ist das?«, wollte er wissen.
»Viel.«
Sie hatte ihn gebeten, das Geld aus dem Tresor im Haus am Lietzensee zu
holen. Aus der Wohnung, die sie nie wieder in ihrem Leben betreten würde.
»Ich denke, so etwa um die zehntausend Euro.«
Das war das »Spielgeld« gewesen, das Martin zu Hause aufbewahrt hatte.
Hendrik pfiff anerkennend durch die Zähne. »Wow, und wofür brauchste
den Batzen heute so dringend?«
Klara sah aus dem Fenster zu den S-Bahn-Bogen am Savignyplatz, die
man in einiger Entfernung gerade noch so erkennen konnte.
»Bin gleich wieder da«, murmelte Klara und stand auf.
Sie bat den verdatterten Hendrik, kurz auf Amelie aufzupassen, und ging
zum Ausgang.
»Wo gehst du hin?«, rief er ihr nach, und sie lächelte ihn an, während sie
sich umdrehte.
»Ich versuche das Unmögliche.«
Es wiedergutzumachen.
»Vielleicht gelingt es mir.«
Klara trat nach draußen in die kalte Januarluft und musste darüber
nachdenken, dass »vielleicht« auf Erden das womöglich grausamste und
hoffnungsvollste Wort zugleich war.
Vorsichtig näherte sie sich dem Nachtlager des Obdachlosen auf seiner
durchweichten Matratze, der unter einer Plastikplane mit furchtsamem Blick
zu ihr herauslugte. Ein Blick, der ihr klarmachte, dass Angst und Schmerzen
nie wieder zurückgenommen werden konnten, wenn man sie einem anderen
einmal zugefügt hatte.
Aber manchmal gelingt es, die Erinnerung daran etwas erträglicher zu
gestalten.
Vielleicht, dachte Klara und griff nach dem Kuvert, um es dem Professor
zu geben, in dessen traurigen Augen so etwas Ähnliches wie Hoffnung zu
sehen war.
Wenn sie sich nicht täuschte.
Vielleicht.
Zu meinem Roman Berlin, 1. April
2020
L eider ist das hier kein Aprilscherz: Ich schreibe diese Zeilen zu einem
Zeitpunkt, zu dem ich mich gemeinsam mit Millionen anderer Menschen in
einem realen Thriller befinde, der den Namen »Corona« trägt.
Mein Kopf platzt angesichts der Informationsflut, mit der ich ihn seit
Wochen vollpumpe. Vorgestern meldete mir mein Handy, dass meine
durchschnittliche Bildschirmzeit in der letzten Woche acht Stunden und
zwanzig Minuten am Tag betrug! (Also satte drei Minuten länger als sonst!)
In dieser Sekunde läuft über den Liveticker, dass Italien die Ausreiseverbote
bis zum dreizehnten April verlängert, Lufthansa 87000 Mitarbeiter in
Kurzarbeit schickt, in Panama Männer und Frauen nur noch getrennt auf die
Straße dürfen und die Zahl der am Covid-19-Virus verstorbenen Menschen in
den USA auf 4000 gestiegen ist. In Deutschland sind 69346 Infizierte
gemeldet, und wir haben 774 Tote zu beklagen. Es ist der erste April. Und
niemand weiß aktuell, wo das endet.
Aber es gibt Hoffnung. Und wenn Sie diese Zeilen jetzt lesen, dann hat
sich meine Hoffnung realisiert. Denn im Moment, um 10.37 Uhr Berliner
Zeit, habe ich keine Ahnung, ob »Der Heimweg« pünktlich im Herbst
erscheint. Selbstverständlich gibt es derzeit sehr viel drängendere Probleme
als den Veröffentlichungstermin eines Psychothrillers. Wenn Sie ihn aber jetzt
in gebundener Form in Händen halten, bedeutet es, dass die Druckereien
noch arbeiten. Dass die Lieferketten nicht völlig zusammengebrochen sind.
Und dass es den Buchhandel zumindest in irgendeiner Form noch gibt. (Wenn
Sie ihn als E-Book lesen, funktioniert wenigstens noch das Internet, auch
schon mal was.) Gerade eben durfte ich ein dpa-Interview führen, in dem ich
gefragt wurde, ob das Szenario, in dem wir alle stecken, nicht die Vorlage für
einen Thriller sei. Ich gab eine eindeutige Antwort: »Nein!«
Oft wurde ich in der Vergangenheit kritisiert, weil die Geschehnisse in
meinen Büchern ja gar nicht real seien. Weil bestimmte Verbrechen
unrealistisch wären und nur meiner Fantasie entsprängen. Heute sage ich:
»Zum Glück!«
Ich schreibe zum Zwecke der Unterhaltung. Dafür will ich gar nicht das
real existierende Leid in der Welt detailgetreu ausschlachten. Ich habe nie
verstanden, weshalb es in den Augen sogenannter Kritiker erstrebenswert
sein soll, dass sich etwa der hinterbliebene Ehemann beim Lesen denkt: »Gut
recherchiert, Herr Fitzek. Genauso grausam wurde meine Frau von dem
Serienkiller hingerichtet!«
Wieso lesen wir dann aber überhaupt gruselige Geschichten, wurde ich
als Nächstes gefragt. Wäre es angesichts der gegenwärtigen Katastrophe
nicht besser, sich mit etwas »Seichtem« zu beschäftigen? (Was auch immer
damit gemeint sein mag.) Auch hier verneinte ich und konnte die Gelegenheit
nutzen, mit einem großen Irrtum aufzuräumen. Menschen, die
Spannungsliteratur nicht mögen, äußern nämlich häufig völliges
Unverständnis, wie man Vergnügen daran haben könne, sich mit dem Tod zu
beschäftigen. Der Fehler bei dieser Betrachtung: Gute Spannungsliteratur ist
in erster Linie immer eine Auseinandersetzung mit dem Leben!
Auch schon vor Corona haben viele, die meine Bücher lesen, schlimme
Schicksalsschläge erleiden müssen. Das weiß ich aus zahlreichen
Zuschriften, die mich unter [email protected] erreichen. (Sorry, falls
ich nicht immer alle beantworten kann.) Wenn ein Autounfall, den man nur
knapp übersteht, eine schwere Krankheit, die man zum Glück überwunden
hat, oder der viel zu frühe Tod eines nahen Angehörigen überhaupt einen
Lichtblick zulässt, dann die Erkenntnis, dass jeder Schicksalsschlag uns dazu
bringt, über den kostbaren Wert des Lebens nachzudenken.
Was habe ich vor Corona alles für selbstverständlich gehalten: den
Besuch im Kino, Shopping mit Freunden, das Essen beim Italiener, den
Sommerurlaub in Griechenland, den Gang zum Tennisplatz …
Die Katastrophe – und das ist die einzig gute Nachricht – ordnet meine
Prioritäten neu. Zeigt mir etwa, wie toll eine Online-Gemeinschaft sein kann,
aber wie weitaus wichtiger der reale Kontakt zu meinen Mitmenschen ist.
Ein guter Thriller konfrontiert uns mit einer erfundenen Gefahr und schult
dadurch unsere Empathie. Er lässt uns am Ende auch über uns selbst
nachdenken. Wie würden wir uns in einer Extremsituation verhalten?
Gewalt, so meine These, die in diesem Thriller eine große Rolle spielt,
zerrt uns die Maske vom Kopf. Und glauben Sie mir, jeder von uns trägt eine.
Allein unsere Kleidung und die Frisur maskieren uns. (Ich etwa kaschiere
mein Hüftgold mit weiten Hemden und habe einen Haarschnitt, der meine
Geheimratsecken nicht wie Flugzeuglandebahnen aussehen lässt. Zumindest
hoffe ich das, bitte zerstören Sie mir nicht die Illusion.) Im Angesicht einer
Katastrophe sind wir jedoch »nackt«. Wir haben keine Zeit mehr für große
Reden und langfristige Pläne. Wir müssen handeln – und zwar sofort.
Deshalb heißt es, dass die Krise immer das Beste und das Schlechteste im
Menschen hervorbringt. Ich konkretisiere: Die Krise entlarvt den Menschen.
Sie zeigt uns sein wahres Ich. Aus diesem Grund schmeiße ich meine
Protagonisten immer so gerne ins kalte Wasser und habe ein diabolisches
Vergnügen, ihnen beim Strampeln zuzuschauen. Dieses Vergnügen jedoch
vergeht mir, wenn das Wasser aus der Fiktion in die Realität schwappt. Dann
taugt es meiner Meinung nach nicht mehr als Nährboden für Unterhaltung.
Wie so oft hat sich auch mit Corona leider wieder eine alte Schriftsteller-
Weisheit bewahrheitet: Die Realität ist skurriler, grausamer und
unvorstellbarer als die Fiktion. Oftmals müssen wir Autoren die reale
Wahrheit abändern, damit uns die fiktive Lüge geglaubt wird.
Apropos Wahrheit: Das Heimwegtelefon gibt es wirklich! Surfen Sie mal
bei Gelegenheit auf www.heimwegtelefon.net vorbei. Die Geschehnisse und
Abläufe rund um das in diesem Thriller auftauchende »Begleittelefon«
entspringen indes allein meiner Fantasie (wie oben schon ausgeführt). Auch
habe ich mir beim Begleittelefon einige künstlerische Freiheiten
herausgenommen, was die Arbeitsabläufe und die Technik anbelangt. So ist
das echte Heimwegtelefon ein Service für alle Menschen, während »mein«
Begleittelefon sich auf Anrufe von Frauen spezialisiert hat.
Danksagung D amit meine Fantasie
nicht zwischen meinem Laptop und
dem Nirwana versandet, haben mich
auch bei diesem Buch sehr viele
Hilfeleistende unterstützen müssen,
bei denen ich mich allesamt
bedanken will. (Und muss! Sie
glauben gar nicht, wie eingeschnappt
manche sind, nur weil ich vergesse,
sie hier namentlich zu erwähnen.
2007 ist mir das mit einem guten
Freund passiert, und der tut sich
noch heute schwer, zur Begrüßung
vor mir auf die Knie zu fallen!) Mir
ist bewusst: Dafür, dass ich
Danksagungen in anderen Büchern
nicht leiden kann, fallen meine
verdammt lang aus. Das hat den
Grund, dass ich es blöd finde, am
Ende Namen um die Ohren
geschlagen zu bekommen, die mir als
Leser nichts sagen. Um Ihnen aber
zu verdeutlichen, wie viele an der
Entstehung eines Buches beteiligt
sind, und Sie trotzdem nicht mit
fremden Namen zu torpedieren, gehe
ich wieder einen (etwas längeren)
Mittelweg. Diesmal stelle ich die
handelnden Personen kurz vor, damit
Sie wissen, wer sich dahinter
verbirgt.
Und damit danke ich von ganzem Herzen folgenden Menschen: Carolin
Graehl und Regine Weisbrod Fotografen haben ja einen Standardsatz beim
Fotoshooting: »Super, ganz toll. Genau richtig … Die Aufnahme machen wir
gleich noch mal.« So ähnlich klingen die Kommentare meiner beiden
Superlektorinnen Carolin und Regine zum ersten Manuskriptentwurf auch,
wenn sie mir schreiben: »Wahnsinnig spannende erste Fassung. Wir haben
nur zweihundertfünfzig Fragen.« Und wieder hat jede einzelne davon das
Buch zu einem sehr viel besseren Werk werden lassen.
Doris Janhsen Meine Verlegerin ärgert sich still und heimlich immer, dass
sie dann noch monatelang darauf warten muss, bis sie etwas zu lesen
bekommt, weil ich ja erst die zweihundertfünfzig Fragen abarbeite. Sagt
Doris zumindest. Vielleicht ist sie auch ganz froh über die Schonfrist, die
es ihr ermöglicht, den Droemer-Knaur-Laden so in Schwung zu halten,
dass es für einen Autor wie mich keine bessere Verlagsheimat geben
könnte.
Josef Röckl Wer glaubt, dass Finanzmenschen immer trocken und nüchtern
sein müssen, der irrt bei Josef. Und hat zugleich recht. Auf den offiziellen
Pressefotos verkörpert er die Seriosität, die ich von einem kaufmännischen
Geschäftsführer erwarte, der Bilanzen verschlingt, wie andere Binge-
Watching betreiben. Aber wenn er nach getaner Arbeit beim lockeren
Verlagsessen das Sakko auszieht, ist seine Lebensfreude so ansteckend wie
… (ähm, Ansteckungsvergleiche lasse ich in der aktuellen Situation besser,
Sie wissen schon, was ich meine!).
Sibylle Dietzel, Ellen Heidenreich & Daniela Meyer Sie müssten eigentlich
schon Muskelkater vom Hände-überm-Kopf-Zusammenschlagen haben,
denn wann immer ich dem Verlag schreibe: »Ich hätte vielleicht eine Idee,
wie das Buch aussehen könnte«, bedeutet das für die arme
Herstellungsabteilung extreme Mehrarbeit. Ich erinnere nur an Pupsi &
Stinki, wo ich mir ein Pupskissen in jedem Kinderbuch gewünscht hatte,
was dazu führte, dass am Ende der gesamte Verlag Dutzende Furzkissen
auf »Qualität« testen musste (kein einziges hat bestanden). Ob
Rückwärtsnummerierungen, Klebezettel zwischen den Seiten oder Paket-
Umverpackungen – sie machen es möglich!
Bettina Halstrick Sie hat sich mit dem »Giraffenladen«, ihrer Marketing-
Agentur für Bücher und Autoren, selbstständig gemacht und ist mich
dennoch nicht losgeworden. Tja, da hat ihr ihre hervorragende Arbeit glatt
einen Strich durch die Rechnung gemacht.
Monika Neudeck Sie erkennen sie auf der Buchmesse daran, dass sie mir
den Weg durch die Menge zum nächsten Termin bahnt – mit der Wucht
eines Berghain-Türstehers, und das bei einer so sportlichen Statur, dass
mich ihr Anblick an meine unbenutzte Zehnerkarte fürs Fitnesscenter
gemahnt. Auch sie ist wie Katharina immer gut gelaunt, egal, wie hektisch
der Öffentlichkeitstrubel ist, den die beiden absichtlich auslösen.
Antje Buhl Noch so eine Dynamit-Kandidatin im Verlag, wobei ihre
Sprengkraft eher angereichertem Uran ähnelt. (Ich merke, dass es schwer
wird, bei dieser Assoziation noch eine positive Kurve zu bekommen.) Was
ich eigentlich sagen will: unglaublich, welche vertrieblichen
Höchstleistungen sie Jahr für Jahr aufs Neue stemmt. Um es mit einem
Chuck-Norris-Witz zu sagen: Wenn sie hustet, haut Corona lieber ab.
Barbara Herrmann & Achim Behrendt Ich liebe ja den Humor unserer
Behörden, insbesondere den des Finanzamts, das der Firma, die mich
managt (Raschke Entertainment), mitten im absoluten Corona-Wahnsinn
eine Lohnsteuerprüfung ankündigte. (Also exakt zu dem Zeitpunkt, als
niemand mehr unnötigerweise zur Arbeit gehen sollte und die Firmen in
höchsten Existenzängsten schwebten; insbesondere Firmen, die große
Veranstaltungen auf die Beine stellen.) Hätte ich nicht mit Engelszungen
auf Barbara eingeredet, sie hätte ihre Quarantäne aufgegeben und
gemeinsam mit Achim tatsächlich nach den erforderlichen Unterlagen
gesucht, so pflichtbewusst, wie sie ist.
Micha & Ela Jahn Ich vermute, die beiden hassen den Weihnachtsmann so
wie eine befreundete Mutter, die mir sagte, sie wäre so unendlich wütend
über diesen – Zitat – »Heuchler!«. Begründung: Während sie sich die
Hacken krummliefe, um ihren Kindern die tollsten Geschenke zu besorgen,
»heimst er die fremden Lorbeeren ein, ohne wirklich was dafür zu tun«.
Und genauso fürchte ich, die wenigsten, die unter fitzek-shop.de ein
Geschenk bestellen, wissen, dass das Paket von Micha und Ela persönlich
gepackt und zur Post geschleppt wurde.
Sabrina Rabow Sie leistet so hervorragende PR -Arbeit, wie ihr Hund Ole
süß ist. Und wenn Sie jetzt ein Bild von Ole sehen würden, dann wüssten
Sie, dass es kein größeres Lob gibt. Ich kann ihre perfekte, kluge, sensible
und strategische Beratungsarbeit nur jedem empfehlen. (Es sei denn, Sie
sind Psychothrillerautor und wollen bekannt werden. Finger weg, so weit
kommt’s noch …) Manuela Raschke Beste Freundin, Sparringspartnerin
(nicht im Sport, das ist ihr Ehemann Karl-Heinz, wobei der mich eher als
»Sparrings-Opfer« bezeichnen würde), Managerin … es gibt viele
Bezeichnungen für sie. Für mich ist das Allerwichtigste, dass ich ihr immer
und in jeder Lebenslage vertrauen kann. In diesem Zusammenhang: Manu,
da ich dich telefonisch nicht mehr erreiche: Weshalb sind meine Konten
gesperrt und laufen auf deinen Namen? Und wieso ist deine Adresse jetzt
auf den Cayman-Islands?
Sally Raschke und Jörn Stollmann Wenn Sie irgendwo einen Social-Media-
Post von mir lesen, dann lief er zuvor über Sallys Schreibtisch. Keine
Sorge, ich schreibe alle meine Texte selbst, aber ich stelle mich technisch
in etwa so hochbegabt an wie ein Fisch beim Holzhacken. Wobei ich
Instagram mittlerweile dank all der Live-Videos während der Quarantäne
immer besser verstehe. Aber eben lange nicht so gut wie Sally, die meine
Online-Aktivitäten gemeinsam mit Stolli in Form, Fassung und Bild bringt.
Neben der Website-Pflege und vielen anderen Tätigkeiten ist das natürlich
nicht ihre einzige Aufgabe, so wie Stolli nicht nur lustige Bildchen unter
meine Facebook-Texte klemmt, sondern auch noch überlebenswichtige
andere Pflichten hat – wie das tägliche Blumengießen, Müllrausbringen,
Bücherabstauben. Manchmal, wenn es sein völlig verrückter Terminkalender
erlaubt, entwickelt er Coverideen, Spiele und Kinderbücher.
Franz Xaver Riebel Er ist der typische Berliner. Mit anderen Worten: Er
lebt im Prenzlauer Berg und ist hier nicht geboren. Sondern in Bayern.
Dennoch hat er sich Deutsch als Fremdsprache aneignen können, und das
befähigt ihn dazu, meine Texte noch einmal mit Argusaugen
durchzustanzen.
Angie Schmidt Keine Veranstaltung ohne Angie. Damit ist nicht gemeint,
dass Sie sie auf jeder Party in Berlin treffen können, wobei ich das nicht
ausschließen will. (Da ich ein Schreibtischhocker bin, der eher selten die
Wochenenden mit nacktem Oberkörper in Techno-Schuppen durchtanzt,
kann ich das Feier-Verhalten anderer Hauptstädter nicht beurteilen.) Die
Rede hier ist von meinen Lesungen!
Christian Meyer Was für Präsidenten der Secret Service, ist für mich
Christian Meyer. Nicht, dass Autoren Bodyguards bräuchten. Wir sind ja
keine Influencer, die Tausende von Teenagern zur Autogrammstunde im
Supermarkt anlocken. (Bei dieser Gelegenheit: Mein Trockenshampoo
»Writers’ Delight« gibt es jetzt mit Rabattcode »Fitzi« 20% billiger!) Aber
ich genieße es, von ihm nun schon seit Jahrzehnten begleitet zu werden.
Ohne ihn würde ich die langen Strecken zwischen den Lesungen niemals
durchhalten!
Roman Hocke Ein Musiker verriet mir letztens, dass in seinen Verträgen
mit Plattenlabels nicht nur die Deutschland- und Weltrechte für seine
Songs verhandelt werden, sondern auch die Rechte für das Universum!
Kein Witz. Für den Fall vielleicht, dass irgendjemand mal einen
Radiosender auf dem Mars aufmacht. Bei solchen Informationen bekommt
der beste Literaturagent der Welt (was sage ich, des Universums) feuchte
Augen und denkt daran, die Verträge all seiner Autoren noch einmal neu zu
verhandeln. (Aber bitte, Roman, vergiss nicht, den Extraplaneten »51
Pegasi b« bei mir rauszunehmen. Da will ich irgendwann mal hin, sobald
ich fünfzig Lichtjahre Urlaub bekomme.) Pegasi wäre vielleicht auch eine
Idee für einen Betriebsausflug mit deinem wundervollen Team, dank dem
die Literaturagentur AVA International systemrelevant ist: Claudia von
Hornstein, Susanne Wahl, Markus Michalek und Cornelia Petersen-Laux.
Sabine & Clemens Fitzek »Fitzek, Fitzek … der Name sagt mir doch
was?«, murmelte die Schwester, die mir im Januar eine Vitamin-D-
Depotspritze geben sollte. (Mein Arzt meinte, mein Vitaminmangel sei
vergleichbar mit dem von Entführungsopfern, die drei Jahre in einem
Kohleschacht gefangen gehalten wurden; merkwürdig, was der für
Patienten hat.) Auf einer Peinlichkeitsskala von eins bis zehn sah ich mich
selbst bei zweihundert, da ich an diesem Tag meine hässlichste Unterhose
angezogen hatte. Noch nie hatte ich bei der Routinebesprechung meiner
Schilddrüsenwerte die Jeans runterlassen müssen. Und nun ausgerechnet
vor einer Leserin?
Doch noch während ich versuchte, die Schwester davon zu überzeugen,
dass die Namensähnlichkeit nur ein Zufall war, fragte sie mich: »Sind Sie
verwandt mit Sabine Fitzek, der berühmten Neurologin?«
Meine erleichterte Antwort: »Ja. Ich bin ihr Mann, der Neuroradiologe.
Ich helfe meinem Bruder gemeinsam mit meiner Frau immer bei der
Recherche für seine Bücher.« (Sorry, Clemens, die Schwester denkt jetzt, du
bist der Typ mit der zerlöcherten Uraltunterwäsche in unserer Familie.)
Linda Christmann Apropos Familie. Zu beschreiben, wie sie es geschafft hat,
in so kurzer Zeit mein Leben so unendlich zu bereichern, würde selbst den
Rahmen einer Jojo-Moyes-Trilogie sprengen. Bewundernswert ist allein
schon, dass sie sich nicht an meinem grimmigen Blick stört, wenn sie mich
mit klugen Fragen zum ersten Entwurf löchert, auf die ich nicht sofort eine
Antwort habe, wie etwa: »Gibt es spezielle Ursachen in der Kindheit,
weswegen erwachsene Menschen häusliche Gewalt ausüben?« Oder: »Gibt
es Kurse, in denen man lernt, wie man sich als Weihnachtsmann auf
Veranstaltungen zu verhalten hat?« Oder: »Schatz, wieso kommst du immer
mit blutigen Händen aus unserem Keller …?«
Regina Ziegler Geht nicht, gibt’s nicht. Wenn jemand nach diesem Motto
lebt, dann Deutschlands erste und erfolgreichste Filmproduzentin, der ich
so viel mehr als nur die Verfilmung von »Abgeschnitten« und »Passagier
23« zu verdanken habe. Zum Beispiel die weltbesten Königsberger Klopse,
die es hoffentlich auch das nächste Mal gibt, wenn du mir deine klugen
Erstleser-Hinweise zum Rohmanuskript gibst.
So, die Herstellung rief gerade an und sagte, ich solle nicht wieder so viel
Papier verschwenden und die, die mir nicht so wichtig sind, nur noch kurz
namentlich abhandeln: Marcus Meier und Thomas Zorbach von vm-people,
fühlt euch bitte nicht angesprochen.
Zu den Aufgaben dieser Personen, die unter anderem für das Fitzek-
Marketing mitverantwortlich sind, zählt es auch, mitten in der Nacht auf
einem verlassenen Gelände der Deutschen Bahn zwischen Industrie- und
Baumüll hinter einer mobilen Toiletteneinheit zu kauern, die per
Gabelstapler in die gruseligste Einöde transportiert wurde, damit die Kulisse
für den Fitzek-Psycho-Buchtrailer perfekt ist. (Ich muss wirklich zum Schluss
kommen. Je länger ich an dieser Danksagung schreibe, desto mehr wundere
ich mich, dass die alle überhaupt noch mit mir arbeiten.) Wie immer danke
ich zuletzt all den wundervollen Menschen im Buchhandel, in den
Bibliotheken und in der Festival- und Veranstaltungsorganisation. In dieser
Minute stehen fast alle eure Räder still, und das, obwohl ihr in meinen Augen
so systemrelevant seid wie kaum eine andere Branche auf der Welt. Statt
Klopapier und Nudeln sollten die Menschen lieber Kultur hamstern. Ich hoffe
sehr, dass unsere Supermärkte für geistige Nahrung bald wieder öffnen!
Bitte bleiben Sie gesund!
Auf Wiederlesen Ihr Sebastian Fitzek Berlin, 7.4.2020, 13.44 Uhr (Ja, ich
habe tatsächlich sechs Tage an dieser Danksagung geschrieben. Da sehen Sie
mal, wie viel Arbeit das ist. Ich habe nicht mal alle Game-of-Thrones-
Staffeln zwischendurch geschafft …)
Über Sebastian Fitzek
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